Dorotea Schlegel
Florentin
Vom Herausgeber
Gern flieht der Geist vom kleinlichen Gewühle
Der Welt wo Albernheiten ernstaft tronen
Auf zu des Scherzes heitern Regionen
Verhüllt in sich die heiligsten Gefühle
Umweht ihn einmal Äther leicht und kühle
So kann er nimmer wieder unten wohnen
Und schnell wird jenen Scherz der Ernst belohnen
Dass er sich neu im eignen Bilde fühle
Die Wünsche die dich hin zur Dichtung ziehen
Der frohe Ernst in den du da versankest
Das sei dein eigen still verborgnes Leben
Was du gedichtet um ihr zu entfliehen
Das musst du weil du ihr allein es dankest
Der Welt zum Scheine scherzend wiedergeben
Lass edlen Mut den weißen Altar gründen
Hoch Phantasie in Purpurflammen wehen
Und Liebe wirst du bald im Zentrum sehen
Wo grün die Feuersäulen sich entzünden
Durch braune Locken wird sich Myrte winden
Der Freund mit goldnen Früchten vor dir stehen
Die Kinder dann in Blumen zu dir gehen
Mit Ros und Lorbeer dich die Schwester binden
Es war der alten Maler gute Sitte
Des Bildes Sinn mit einem Strich zu sagen
Der den Akkord der Farben drunter schriebe
So mag auch dieses Bild es kühnlich wagen
Zu deuten auf der Dichtung innere Mitte
In Farben spielend um die süße Liebe
Erstes Kapitel
Es war an einem der ersten schönen Frühlingsmorgen Allentalben auf Feldern
auf Wiesen und im Wald waren noch Spuren des vergangenen Winters sichtbar und
der Härte womit er lange gewütet noch einmal hatte er mächtig im Sturm seine
Schwingen geschüttelt aber es war zum letztenmal Die Wolken waren vertrieben
vom Sturm die Sonne durchgebrochen und eine laue milde Wärme durchströmte die
Luft Junge Grasspitzen drängten sich hervor Veilchen und süße Schlüsselblumen
erhoben furchtsam ihre Köpfchen die Erde war der Fesseln entledigt und feierte
ihren Vermählungstag
Mutig trabte ein Reisender den Hügel herauf Vertieft im Genuss der ihn
umgebenden Herrlichkeit und in Phantasien die ihn bald vorbald rückwärts
rissen hatte er den rechten Weg verfehlt und nun sah er sich auf einmal vor
einem Walde den er durchreiten musste wenn er nicht gerade wieder umkehren und
zurückreiten wollte ein andrer Weg war nicht zu finden Er war lange
zweifelhaft
»Jetzt wieder umkehren wäre ein unnützes Stück Arbeit Wäre ich etwa umsonst
hierher geraten In diesen Wald kam ich ungefähr auf eben die Weise wie ins
Leben wahrscheinlich habe ich im ganzen auch des Weges verfehlt Und wie
wenn mir auch hier wie dort die Rückkehr unmöglich wäre Sei meine Reise wie
mein Leben und wie die ganze Natur unaufhaltsam vorwärts Was mir nur
begegnen wird auf dieser Lebensreise oder diesem Reiseleben Ich rühme mich
ein freier Mensch zu sein und dieser Sonnenschein dieses laue Umfangen die
jungen Knospen das Erwarten der Dinge, die mich umgeben ist schuld dass auch
ich erwarte und was War ich doch mit allem bunten Spielzeug schon längst
Hoffnung und Erwartung entflohen Närrisch genug wäre es wenn mich dieser
Weg auch endlich an den rechten Ort führte wie alles Leben zum unvermeidlichen
Ziel«
Unter diesen Betrachtungen und Spott über sich selbst ritt er rasch
weiter fühlte aber endlich sein Pferd ermüden auch war er selbst durchnässt vom
nächtlichen Regen Er wünschte jetzt bald irgendein Obdach zu finden um einige
Zeit ausruhen zu können »Hab guten Mut Schimmel wir müssen beide weiter
billig ist es aber dass du es jetzt nicht schlimmer habest als ich« Hiermit
sprang er ab machte Riemen und Schnallen am Sattelzeuge weiter und führte das
Pferd hinter sich am Zaum Der Schimmel wieherte und stampfte als wollte er
Zeichen seiner Zufriedenheit geben Sein Führer drehte sich zu ihm herum stand
still legte seine beiden Hände an den Kopf des Pferdes und blickte es ernstaft
an »Lass dich umarmen Schimmel« sagte er »du bist ein königliches Tier ein
Tier für Könige Was fehlt uns beiden um in der Geschichte verewigt zu werden
du als ein Muster der Treue und Unterwürfigkeit ich als ein Beispiel von
menschenfreundlicher Herablassung als dass ich einen Thron besäße und du wärest
mein Untertan Gewiss bist du ganz verwundert und froh und ohne Zweifel fühlst
du dich überaus glücklich gerade von mir und von niemand anders bis ans Ende
deines treuen Lebens geritten zu werden Ahndest du etwa dass ich deine Last
bloß deswegen etwas leichter machte damit du mir nicht völlig unterlägst und
darüber zugrunde gingest ehe ich dich missen kann Ich weiß es freilich aber
du sollst es nie erfahren denn du sollst glücklich sein du sollst verlass dich
auf meine Wachsamkeit gewiss nie in dem klugen Glauben gestört werden dass du in
deiner Unvernunft und demütigen Genügsamkeit ein glückliches Tier bist«
Er ließ den Kopf des Schimmels und stand gedankenvoll eine Weile an ihn
gelehnt Sein Auge schweifte umher bald beschaute es die ihn noch umgebenden
Gegenstände mit dem innigsten Vergnügen bald drang es mit Sehnsucht in die
Ferne Es gab für ihn Momente wo er sich keines drückenden und keines
vergangenen Verhältnisses bewusst war Ihm war besonders in der Einsamkeit und im
Freien als hätte er alles was ihm jemals weh getan zurückgelassen und ginge
nun einer heitern Aussicht entgegen Er konnte sich einbilden vor einem
Augenblicke gestorben und mit dieser bessern Empfindung in ein schöneres Dasein
übergegangen zu sein
»Welche sehnende ahndende Hoffnung treibt mich wieder zu euch Menschen
Warum ergebe ich mich denn aufs neue euren unsinnigen Anstalten Ist es mir denn
nicht bekannt dass ich dessen was ich bei euch suche schon längst überdrüssig
bin Schön ists hier im Wald hier möchte ich bleiben O hier hier
sollte ich bleiben allein ach nicht allein mit ihr noch hat
mein Auge sie nicht gesehen aber ich kenne sie o sie wird alles verlassen
was sie halten will und hat sie mich gefunden mir hierher folgen und hier mit
mir der Liebe leben Lass dich in meine Arme fassen komm ruhe hier aus an
diesem Herzen das harte Schläge des Schicksals erlitten hat wie deines lass
mich deine Tränen trocknen blick um dich Was du verliessest war nicht die
Welt Fesseln enge Mauern nanntest du das die freie schöne Welt Schwer
hast du geträumt o erwache erkenne hier was du suchtest«
Nicht weit von ihm fiel ein Schuss und bald darauf hörte man ein Rufen nach
Hilfe Im Augenblicke hatte er Sattel und Bügel wieder in Ordnung gebracht
seine Träume des Schimmels Müdigkeit so wie seine eigne vergessen sich aufs
Pferd geschwungen und nach der Gegend hingespornt von wo er die Stimme vernahm
er kam auf einen kleinen runden dicht umschlossnen Platz im dicksten Teil des
Waldes hier sprengte ihm hastig ein reichgekleideter Jockei entgegen der ein
gesatteltes Handpferd führte »Retten Sie meinen gnädigen Herrn« rief der
Knabe Unser Reisender sah nach der Gegend hin wo der Knabe mit ängstlicher
Gebärde hinzeigte und erblickte einen ältlichen Mann der eben im Begriff war
ein wildes Schwein abzufangen er sah eben wie der Mann noch einen Schritt
zurücktrat um sich mit dem Rücken an einen Baum lehnen zu können sah ihn an
eine Baumwurzel stoßen rücklings niederfallen und in der größten Gefahr von
der gereizten Sau zerfleischt zu werden Im Moment sprang er vom Pferde und
feuerte sein Pistol auf das Tier wodurch er ohne es zu treffen seine ganze
Wut auf sich zog das war seine Absicht Das erboste Tier kehrte um und rannte
auf ihn los er zog sein Jagdmesser und fing es mit Besonnenheit und
Geistesgegenwart auf Währenddessen war der alte Herr aufgestanden näherte sich
dem Reisenden und ergoss sich in Danksagungen und Lob wegen seines Mutes und
seiner Geschicklichkeit Dieser lehnte mit Anstand beides von sich ab
erkundigte sich freundlich ob der Gefallne keinen Schaden genommen und da
dieser mit Nein antwortete wandte er sich nach seinem Schimmel der noch ruhig
da stand wo er ihn gelassen Der Mann wunderte sich über die Demut eines sonst
so mutig aussehenden Pferdes »So eifersüchtig ich sonst auch bin nichts von
meinem Gefährten sagen zu lassen als was zu seinem Lobe gereicht« erwiderte
der Reisende »so muss ich dennoch gestehen dass er dieses Mal gezwungen ist
tugendhaft zu sein das gute Tier ist erschöpft von Müdigkeit Führt der Weg
auf dem ich hier vorbeikam ganz durch den Wald und wo führt er hin« Er
hatte sich währenddem wieder aufgesetzt begrüßte den alten Herrn und wollte
zurückreiten
»Ich hoffte Sie würden mich nicht so schnell wieder verlassen« sagte der
alte Herr »Sie haben sich das größte Recht auf meine Dankbarkeit erworben es
würde mich schmerzen wenn Sie mir alle Gelegenheit rauben wollten sie Ihnen zu
bezeigen Fügen Sie zu dem großen Dienst den Sie mir leisteten auch noch den
hinzu sich meiner Familie vorstellen zu lassen Meine Gemahlin meine Kinder
würden untröstlich sein dem Retter meines Lebens nicht ihre Freude bezeigen zu
können Komm mein Sohn« rief er einem jungen Manne zu der auf einem
Seitenwege zu ihnen heransprengte vom Pferde sprang und mit besorglicher Freude
auf ihn zueilte »hilf mir diesen Herrn erbitten dass er sich nicht in so großer
Eile von uns trennt du verdankst ihm nichts weniger als das Leben deines
Vaters« »O mein Vater« rief der junge Mann »dass ich mich gerade in diesem
Moment entfernen musste mein Gott Sie waren so nahe mein Herr« indem er
sich zu dem Reisenden wandte »Sie haben ein kostbares Leben gerettet
verschmähen Sie nicht den Dank einer liebenden Familie anzunehmen die durch
Ihre Hilfe einem schrecklichen Unfall entging« »Es würde unbescheiden von mir
sein« antwortete er »wenn ich mich länger widersetzte« Der alte Herr
bezeigte seine Freude über diesen Entschluss in vielen höflichen und
verbindlichen Worten der junge Mann reichte ihm die Hand herüber und sprach
einiges das den Ausdruck der höchsten Empfindung bezeichnete Der Reisende
brachte vollends alles an seinem Zeuge in Ordnung
Jetzt eilten alle auf demselben Wege fort auf dem er zuerst gekommen war
»Aber wie ging es eigentlich zu« fragte der junge Mann »wie kommen Sie zu dem
gefährlichen Abenteuer mein Vater« »Ganz zufällig« antwortete dieser »Du
weißt dass der Jäger schon seit einigen Tagen angewiesen war das Lager
aufzusuchen weil die Klagen über Verwüstungen sich täglich mehren es war aber
bis jetzt noch immer nicht geschehen Zufällig entdeckte ich es da ich eben
einen Vogel aufnehmen wollte den ich heruntergeschossen Ich bezeichnete den
Ort um ihn dem Jäger anzuzeigen und ging etwas näher hin zum Lager weil die
Alte nicht dabei war in dem Augenblick kam sie aber aus dem Dickicht wo der
Schuss sie aufgeschreckt hatte und gerade auf mich los« Und nun erzählte er
ferner in prächtigen Ausdrücken den ganzen Hergang und was der Fremde so
glücklich ausgeführt hatte Der junge Mann suchte sich zu entschuldigen dass er
sich so weit von ihm entfernt und nun erzählte auch der Jockei seinen
Schrecken als er Ihre Gnaden hätte fehlschiessen sehen wie er gleich nach Hilfe
gerufen habe und dem fremden Herrn begegnet sei und wie auch dieser
fehlgeschossen wie er dann in großer Angst umhergeritten um den jungen
gnädigen Herrn zu suchen den er endlich auf dem Berge am Ende des Waldes
gefunden wo die Aussicht nach dem Schlossgarten frei sei
Während dieser weitläufigen Erzählungen die alle nacheinander gehört
wurden die niemanden etwas Neues lehrten und wovon doch keiner ein Wort
verlieren wollte und die alle mit den größten Lobeserhebungen für den Fremden
anfingen und endigten war dieser still und nahm auf keine Weise Anteil daran
Man kann doch dachte er in der Welt nicht einmal mehr zu seiner Lust oder
weil es einem gerade in den Weg kommt ein Tier erlegen oder man muss dann viel
Langeweile dafür erleben Zu seinem Glücke ist der gute Mann gerettet worden:
ist es meine Schuld dass sein Leben an meinem Spiele hing Den weitläufigen Dank
könnten sie einem größeren Verdienst aufsparen Ich hätte die größte Lust von
der Welt ihnen das mit eben dem Patos vorzutragen wie sie einander die
wundervolle Begebenheit Bei Gott mich machen diese Leute sehr ungeduldig Der
feierliche umständliche höfliche Alte der empfindsame exaltierte Knabe
Repräsentanten ihrer Zeit und ihres Standes wenn ich ihre Porträte zu einer
Ahnengallerie zu machen hätte so malte ich den ersten wie er mit großer
Devotion ein von Pfeilen durchbohrtes Herz darbringt und den andern in
erhabenen und rührenden Betrachtungen vertieft über ein Büschel Vergissmeinnicht
Es ist das Lächerrlichste von der Welt außer ich selbst der ich mich verleiten
lasse ihnen zu folgen und mich in Prozession aufzuführen Was will ich dort
Was ich nun schon hier bis zum Überdruss anhören musste etwa mir von der ganzen
Familie wiederholen lassen Oder bilde ich mir nicht schon wieder ein ein
geheimer Zug im Innern meines Herzens ziehe mich hin Ich war mein eigener
Narr von jeher
Der alte Herr unterbrach sein Selbstgespräch »Der Name eines Mannes« fing
er an »kann uns zwar wenig mehr lehren als wovon uns der erste Anblick und
sein ganzes Benehmen unterrichtet indessen haben Sie keine Gründe den Ihrigen
verschwiegen zu halten so möchte ich Sie ersuchen uns damit bekannt zu machen
Mir sind die besten Familien unsers Landes auf eine oder die andre Weise
bekannt so wie ich selbst den meisten nicht unbekannt sein werde« setzte er
mit einer Art von Selbstbewusstsein hinzu »Mein Name ist Graf Schwarzenberg ich
bin General in Diensten des Kaisers Dieser junge Mann Eduard von Usingen ein
Sohn meines verstorbenen Freundes und bald mein geliebter Sohn Gemahl meiner
Tochter« »Ich heiße Florentin« »Der Name war mir bis jetzt nicht bekannt«
»Ich bin ein Fremder« »Ihre Bekanntschaft ist mir überaus wert ich darf
voraussetzen dass Sie mein Haus als das Ihrige ansehen werden als Ausländer
dürften Sie einmal sich in dem Fall befinden Gebrauch davon zu machen« »Ihr
Anerbieten« erwiderte Florentin verbindlich »fordert meine ganze Dankbarkeit
ich wünschte nur dieses Mal schon Gebrauch davon machen zu können« »Wieso«
»Ich will meine Reise durch Deutschland abkürzen und auf dem kürzesten Wege zum
nächsten Hafen wo ich mich nach Amerika einschiffen will um den englischen
Kolonien dort meine Dienste anzubieten« »Nach Amerika« rief Eduard »Ihr
Vaterland hält Sie nicht« fragte der Graf »Wo ist mein Vaterland« rief
jener in wehmütig bitterem Ton gleich darauf halb scherzhaft »So weit mich mein
Gedächtnis zurückträgt war ich eine Waise und ein Fremdling auf Erden und so
denke ich das Land mein Vaterland zu benennen wo ich zuerst mich werde Vater
nennen hören« Er schwieg und sein Blick senkte sich trübe und ernst
Bescheiden drang der andre nicht weiter in ihn und unter Gesprächen
verschiedenen Inhalts die bedeutend genug waren gegenseitig ihre Begierde zu
näherer Bekanntschaft zu reizen langten sie im Park an der durch eine bloße
Weissdornhecke vom Walde getrennt war sie überließen hier ihre Pferde dem
Knaben »Meine Gemahlin« sagte der Graf »hat durch diese Hecke einen Teil des
Waldes als Park erklärt oder zur Freistatt für die Hirsche und Rehe die vom
Jäger verfolgt sich hierher retten denn hier darf weder der Huf eines Pferdes
noch das Anschlagen der Hunde oder ein Schuss gehört werden Allenfalls lässt sie
sich ein fröhliches Jägerstückchen gefallen damit sie mich bei meiner
Zurückkunft von fern höre«
Sie gingen den Weg gerade durch den Park auf das große hohe Schloss zu das
in den Zeiten der alten Ritter erbaut zu sein schien über eine Zugbrücke durch
einen großen Vorhof wo ihnen am Gitter zwei Frauen entgegen kamen ein Mädchen
von außerordentlicher Schönheit zwischen fünfzehn und sechzehn Jahren und die
andre eine ebenfalls sehr schöne Frau die ihre Mutter zu sein schien Florentin
gewann Fröhlichkeit und Zutrauen beim Anblick der beiden Schönheiten die ihm
der Graf als seine Gemahlin und seine älteste Tochter vorstellte
»Du lässest uns lange warten heute« rief die Gräfin ihnen entgegen
»Dafür meine Liebe wird dir ein werter Gast zugeführt Heisse Herrn Florentin
bei dir willkommen Und unsre Kleinen sie werden ja wohl nicht weit sein«
»Sie erwarten noch immer im Garten des Vaters Ankunft Terese war mit einer
langen Kette von Blumenstengeln beschäftigt mit der sie dich festmachen will
damit du nicht immer von ihr gehest« »Du siehst mich nun wieder meine Liebe
unverletzt und am Leben es hätte leicht anders sein können und du ahndest
nicht wem du es verdankest« »Nächst der Güte Gottes meinem Gebete und
deiner Tapferkeit wüsste ich nicht« »Verdankst du es dem jungen Helden hier
komm ich erzähle dir hernach alles umständlich« »Sein Sie mir noch einmal
und herzlich willkommen« sagte die Gräfin und reichte dem Fremden freudig die
Hand die er küsste Währenddem war auch Juliane wieder näher gekommen die sich
nach der ersten Begrüßung einige Schritte mit Eduard entfernt hatte der ihr
lebhaft etwas erzählte und dem sie soviel Florentin wahrnehmen konnte mit
Teilnahme zuhörte Jetzt ging sie auf ihn zu »Unser guter Engel führte Sie auf
diesen Weg« flüsterte sie leise und schüchtern errötend
Eben kamen die Kinder aus dem Garten herzugesprungen zwei Knaben und ein
Mädchen der Lärm das Getümmel und Schäkern ward allgemein Die Kleinen
umwanden den Vater mit ihren Ketten und zogen ihn mit ihren Händchen zur Treppe
Der Alte gab sich dem Mutwillen der Kinder ganz hin und die andern folgten Es
kamen noch einige Hausgenossen hinzu und man ging zur Tafel
Florentin fühlte sich leicht und wohl bei der allgemeinen Heiterkeit und der
gutmütigen Laune die durch nichts unterbrochen ward Man begegnete ihm wie
einem längst Bekannten wie einem Hausgenossen Die Unbefangenheit der Frauen
bei seinem Empfang die wenigen bedeutenden Worte der herzliche Ton der Blick
von dem sie begleitet waren hatten ihn leichter zu bleiben bewogen als die
dankbaren Einladungen der Männer Auch musste das offene zutrauliche arglose
Benehmen der Eltern Kinder Geschwister Hausgenossen Domestiken gegeneinander
wohl jeden Zwang und jedes Misstrauen verscheuchen Nicht leicht konnte man eine
Familie finden in der so wie in dieser jedes Verhältnis zugleich so rein und so
gebildet sich erhielt die ganz durch einen gemeinschaftlichen Geist belebt zu
sein schien indem jeder einzelne zugleich seinem eignen Werte treu blieb Hier
zum erstenmal bemerkte Florentin die wahre innige Liebe der Kinder zu den
Eltern und die Achtung der Eltern für die Rechte ihrer Kinder Keiner
verleugnete sich selbst um dem andern zu gefallen es bestand alles vollkommen
gut nebeneinander Ebenso stimmte alles Äußere zusammen Allentalben blickte
durch die glänzende etwas antike Pracht die Bequemlichkeit und Eleganz anmutig
durch gleichsam der ernste Wille des Herrn durch die gefälligere Neigung der
Hausfrau gemildert Ein allgemeines Wohlsein war ringsum verbreitet eine
gewisse Reichlichkeit und unbesorgte Ordnung Nichts von dem Spärlichen neben
der sinnlosen Verschwendung was man so oft wahrnimmt wo einseitiges Bestreben
nach einem erzwungenen Glanze das übrige armselig erscheinen macht
Jetzt betrachtete Florentin auch die Schönheit der beiden Frauen mit großer
Bewunderung Julianens Gesicht gehörte nicht zu den regelmäßigen Schönheiten
die man anstaunt aber deren Mangel an Lebhaftigkeit kalt lässt das feine Spiel
der sprechenden Züge die so sichtbar alles abspiegelten was in ihrer Seele
vorging war unwiderstehlich anziehend und liebenswürdig Sie war im
vollkommensten Ebenmass gebaut obgleich nicht sehr groß ein wahrer Reichtum an
lichtbraunen Haaren umfloss in vielen Locken und Flechten das schöngeformte
Köpfchen und den weißen Nacken an den aufblühenden Busen schloss sich in weichen
Umrissen der schlanke Hals der oft mit anmutiger Schalkhaftigkeit sich
seitwärts neigte und dann sich wieder frei und stolz erhob Eine blühende
Farbe ein schöngeformter Arm eine länglichte Hand durch deren Weiße die Adern
bläulich hindurch spielten zarte Finger die sich in ein fein getuschtes Rot
endigten der helle und doch biegsame Ton ihrer Stimme der kleine Eigensinn in
den nah zusammenstehenden Augenbrauen und in dem etwas aufgeworfnen Munde die
Anmut im Spiel der leicht entstehenden und verschwindenden Grübchen in Wange und
Kinn große dunkelblaue Augen die bald voll Seele und frohem Leben blitzten
bald tränenschwer wie taubenetzte Veilchen sich unter die langen seidenen
Wimpern senkten bald mit kindlicher Unbefangenheit vertrauend in ein andres
Auge schauten bald mit großer beinah zurückschreckender Hoheit um sich her
schauen konnten besonders das Feine Zarte und doch Entschiedne und Mutwillige
gleichsam Durchsichtige woraus ihr ganzes Wesen geformt zu sein schien alles
das waren ebenso viele Bezauberungen von deren vereinigter Macht Florentin
nicht ungerührt bleiben konnte Auffallend war es ihm wie ihr Bau und ihre
Reize bei der beinah noch kindlichen Jugend doch schon so vollkommen aufgeblüht
prangten dieses Wunder glich einem Werk der Liebe an deren Hauch sich diese
junge Knospe eben zu entfalten schien
Auch Eleonore war eine sehr schöne Frau Ihn dünkte wie er ihre hohe etwas
reichliche Gestalt erblickte über die der Ausdruck der Milde der innern
fröhlichen Ruhe der mütterlichen Liebe und des Segens verbreitet war als sähe
er ein Bild der wohltätigen Ceres alles an ihr sogar die runden Hände trugen
das Gepräge dieses Charakters In ihre schönen blauen Augen sah man wie in einen
wolkenlosen Himmel die blendend weiße Stirn umgaben freundlich blonde Haare in
kleinen Ringeln man konnte sie nicht ansehen ohne vergnügt zu werden und
jedes Leiden lächelte sie tröstend aus der Menschen Brust
Wer sich nach dieser vielleicht etwas zu ausführlichen Beschreibung ein
deutliches Bild der beiden schönen Frauen machen kann wird es nicht unnatürlich
von Florentin finden dass er seine Reise und seinen Plan etwas weiter
hinausschob und recht gern die Einladung des Grafen annahm noch einige Zeit
bis nach dem Hochzeitfeste bei ihnen zu verweilen Es war ihm jetzt
schauderhaft an seine Einsamkeit zu denken die ihm vor wenig Stunden noch so
lieb war Hätte er auch seinem ersten Vorsatz treubleiben wollen der Einladung
der wohlwollenden Eleonore und dem schmeichelnden Blick Julianens war nicht zu
widerstehen und so versprach er zu bleiben
Nach der Tafel wurden einige schöne Pferde vorgeritten Florentin lobte sie
und der Graf freute sich einen Kenner in ihm zu finden Die Gräfin führte sie
nun nach dem Park wo sie ihnen einige neue Anlagen zeigte die unter ihrer
Aufsicht gemacht wurden Man ging auf dem Rückwege durch das große schöne Dorf
am Fuße des Hügels worauf das Schloss lag Auch hier verbreitete Wohlhabenheit
und Reichtum sich wie Segen vom Himmel herab Voll Ehrerbietung ohne Furcht und
ohne knechtische Erniedrigung wurden sie von den Landleuten die ihnen
begegneten begrüßt Gesundheit und Vergnüglichkeit leuchtete auf jedem Gesicht
Ordnung und Reinlichkeit glänzte ihnen aus jedem Hause entgegen Schöne
fröhliche Kinder tanzten auf dem Rasenplatze im Schein der untergehenden Sonne
dem Fremdlinge ward das Herz groß ihm war als fände er hier die goldne Zeit
die er auf ewig entflohen geglaubt
Man kam aufs Schloss zurück nachdem sie im Vorbeigehen die schönen
weitläuftigen Wirtschaftsgebäude und einige innere Einrichtungen besehen hatten
Florentin freute sich kindisch an allem was er sah und besonders an der
freundlichen und leichten Ordnung mit der alles geleitet wurde Er hatte was
dahin gehört immer in so trauriger und widerwärtiger Gestalt gesehen dass er es
für erdrückend und Geist ertötend halten musste aber wie ganz anders fand er es
hier Jetzt erkundigte er sich mit Teilnahme beim Grafen nach mancherlei was
ihm fremd war »Wollen Sie sich nicht gleich« sagte dieser »an den großen
Meister selbst wenden dessen Schüler auch ich bin Alles was Sie gesehen haben
was Sie hier freut ist das Werk meiner Eleonore mich hat sie erst zu dem
Geschäft einigermaßen gebildet Eigentlich leben wir wie unsre deutschen Väter
den Mann beschäftigt der Krieg und in Friedenszeiten die Jagd der Frau gehört
das Haus und die innere Ökonomie« »Glauben Sie nur« sagte Eleonore »der
Mann der jetzt eben so kriegerisch und wild spricht muss manche häusliche Sorge
übernehmen« »Es geziemt dem Manne allerdings« erwiderte der Graf »der
Gehülfe einer Frau zu sein die im Felde die Gefährtin ihres Mannes zu sein
wagt« »Wie das darf ich erfahren« fragte Florentin »Nichts nichts«
rief die Gräfin »hören Sie nicht auf ihn Er wird Ihnen bald eine prächtige
Beschreibung meiner Taten und Werke zu machen wissen die darauf hinaus laufen
dass ich ihn zu sehr liebte um mich von ihm zu trennen Wollen Sie mein Schüler
in der Ökonomie werden Florentin dann setze ich mich zur Ruhe und übergebe
Ihnen das Hauswesen« »Es soll ja den Frauen angehören« »Nun gut so wählen
Sie unter den Töchtern des Landes und leben hier in Frieden« »Das Recht zu
beidem werde ich erst mühevoll erringen müssen Gräfin Eleonore jetzt suche ich
die Ferne und den Krieg« »Bravo« rief der Graf »auch bekommt die Ruhe nicht
eher bis man ihrer bedarf« Eduard schien hier in einiger Verlegenheit
Juliane blickte liebevoll zu ihm hin Das Gespräch nahm eine andere Wendung und
man ging in einen Gartensaal wo sich bald alles wieder versammelte was sich
von der Gesellschaft nach der Tafel zerstreut hatte
Juliane setzte sich zum Fortepiano Eduard und einige andre griffen nach
andern Instrumenten ein recht gut besetztes Konzert war bald zustande gebracht
Juliane spielte vortrefflich und Eduard war Meister auf dem Violoncell
Eleonore fragte Florentin ob er nicht musikalisch sei »Ich liebe die Musik
als die größte Wohltäterin meines Lebens« erwiderte er »wie oft hat die
Himmlische die bösen Geister zur Ruhe gesungen die mich drohend umgaben Und so
bin ich wenn Sie es so nennen wollen musikalisch soviel die Natur mich
lehrte bis zur Kunst habe ich es noch nicht gebracht«
Mit diesen Worten nahm er eine Gitarre stimmte sie machte einige Gänge
und sang Verse die er aus dem Stegereif dazu erfand Er besang den Strom der
dicht unter den Fenstern des Gartensaals vorbeifloss das Tal den Wald das
hohe entfernte Gebirge von dem die Gipfel noch von den Strahlen der
untergehenden Sonne beleuchtet waren da sie selbst schon lange aufgehört hatte
sichtbar zu sein Dann sang er von seiner Sehnsucht die ihn in die Ferne zog
von dem Unmut der ihn rastlos umhertrieb und endigte sein Lied mit dem Lobe
der Schönheit unter deren Schutz ihm die Morgenröte des Glücks schimmere und
bei deren Anblick jedes Leiden in seiner Brust in die Nacht der Vergessenheit
zurücksinke
Hier hörte er auf und legte die Gitarre nieder Seine Worte die frei und
ungebunden und doch sinnvoll und auserwählt bald groß und ruhig wie der Strom
den sie besangen dahin flossen bald kühn mit dem Gebirge sich über die Wolken
erhoben bald wie Abendschein lieblich flimmerten dann die Schmerzen und
Freuden seiner Seele so wundersüss darstellten seine schöne reine akzentvolle
Tenorstimme deren Töne bald von ihm gelenkt zu werden bald ihn zu übermeistern
schienen die ganz kunstlose Begleitung die immer mit seinen Worten genau
übereinstimmte und seine tiefsten Gefühle das was keine Worte auszusprechen
vermögen in die Brust der Zuhörer hinüberströmte mit seinem kühnen halb
nachlässigen Anstande mit der Begeisterung auf dem edlen Gesicht es war so
wunderbar und ergriff die Zuhörer so seltsam dass sie ganz hingerissen von der
Erscheinung, noch immer in Staunen und Horchen verloren waren wie er schon eine
Weile die Gitarre niedergelegt hatte
Juliane unterbrach die augenblickliche Stille »Jetzt ist es an uns
Eduard« rief sie »Sie haben es vortrefflich gemacht Florentin aber nun
sollen Sie auch uns loben müssen« Sie suchte unter den Musikalien die Gräfin
setzte sich zum Fortepiano und begleitete Julianen und Eduard Sie sangen ein
komisches Duett mit vieler Laune und in echt italienischer Manier Julianens
Stimme war überaus süß und schmeichelnd und sie wusste sie wie eine geübte
Künstlerin zu gebrauchen auch Eduard hatte eine schöne sonore Bassstimme und
sang sehr angenehm Bei der Wiederholung des Duetts begleitete Florentin den
Gesang abwechselnd bald wie eine Flöte bald wie ein Waldhorn singend es gefiel
allen und die Fröhlichkeit und das Lachen nahm kein Ende Es wurden nun
Erfrischungen gereicht man scherzte und vergnügte sich bis tief in die Nacht
»Gute Nacht« sagte die Gräfin »ich hoffe Ihr Entschluss einige Zeit bei
uns zu verweilen wird Sie nicht gereuen wenn Sie erfahren dass Sie es alle
Tage ungefähr wie heute bei uns finden Lassen Sie sich Ihr Schlafzimmer
anweisen und sein Sie morgen früh nicht der Späteste«
Zweites Kapitel
Florentin war allein er lehnte sich in ein Fenster seines Schlafzimmers aus
dem er die Aussicht über das Dorf nach dem weit sich hindehnenden fruchtbaren
Tale hatte wodurch der Strom sich majestätisch und ruhig in großen Schwingungen
hinwand In grauer Ferne beschloss das hohe Gebirge den Horizont das Tal war vom
Monde hell erleuchtet Er sah nach den Schatten die das Mondlicht bildete und
die in wunderlichen Gestalten bald hervortraten dann verschwanden
So stand er lange wie gedankenvoll und dachte doch nichts Er hatte an
diesem Tage so viel neue Eindrücke empfangen dass er wie berauscht sich selbst
aus den Augen verloren hatte Allmählich verhallte es in seiner Seele wie Töne
in den Wellen der Luft immer in weiteren Kreisen verklingen bis die Bebungen
schwächer werden und endlich alles ruhig ist So ward es auch still in ihm und
das bekannte Bild seiner selbst trat wieder deutlich vor ihn Doch konnte er
lange keinen fröhlichen Gedanken fassen Er war schwermütig es war ihm traurig
dass er allein hier ein Fremdling sei wo es ein Gesetz schien einander
anzugehören dass er allein stehe dass in der weiten Welt kein Wesen mit ihm
verwandt keines Menschen Existenz an die seinige geknüpft sei Seine
Traurigkeit führte ihn auf jede unangenehme Situation seines Lebens zurück der
Gesang einer Nachtigall der aus der Ferne zu ihm herüberklang löste vollends
seine Seele in Wehmut auf er gab sich ihr hin und bald fühlte er seine Tränen
fließen
»Es ist sonderbar höchst sonderbar« sagte er als er ruhiger ward »wie
ich noch die Gesellschaft suchte lernte ich sie verachten und nun ich sie
floh nun ich sie hasste nun muss sie mir wieder liebenswürdig erscheinen Und
hier in einem vornehmen Hause wo ich sonst immer den Mittelpunkt aller
Albernheit der menschlichen Einrichtungen sah gerade hier muss ich mich wieder
mit der Gesellschaft aussöhnen Es ist doch gut dass mir noch diese schöne
Erinnerung ward auf meine lange Wallfahrt So liegt doch die Zukunft nicht mehr
so bodenlos vor mir so zeigt sich mir doch in weiter Entfernung ein Punkt an
dem die Hoffnung sich erhält Und damit sei zufrieden Florentin Suche nicht
festzuhalten was bestimmt ist dir vorüberzugehen In der Entfernung als
Hintergrund als endliches Ziel alles menschlichen Sehnens und Strebens lächelt
mir die Ruhe süß entgegen so will ich dich fest im Auge behalten wenn der
Strudel des Lebens mich wild ergreift und ich in Not zu versinken drohe Recht
guter Alter jetzt würde sie mir schlecht bekommen sie ist das Goldne Vliess
das mit Gefahren erkämpft werden muss«
Er dachte nun an alle insbesondre die er an dem Tage so zufällig gefunden
und suchte ins klare zu kommen welchen Eindruck sie auf ihn gemacht hätten
Eduard war ihm in den wenigen Worten die er ihn hatte sprechen hören doch
lieber geworden das erkannte er besonders daran weil er nicht mit dem
Leichtsinn an Julianen denken konnte der ihm sonst beim Anblick einer Schönen
gewöhnlich war Die Verhältnisse in denen eine Frau stand hielten ihn sonst
nicht leicht von Entwürfen ab wenn er nicht einen Freund dabei zu schonen
hatte »Wie ein Frühlingsmorgen erschienst du mir reizendes Geschöpf und
dein Anblick erfüllte meine Brust mit Ahndung und Freude Nur Barbaren können
gefühllos bleiben bei solcher Schönheit Eure Verabredungen sollten mich nicht
hindern auch nicht der unschuldige Bräutigam und am Ende Betrüge
dich nicht Florentin«
Wünsche und Erinnerungen an den schönen Leichtsinn von ehemals erwachten ihn
ihm und dann erschien ihm wieder die Geliebte seines künftigen Freundes und
alle ihre Verhältnisse in einer Würde die ihn zurückschreckte Er hatte die
Gitarre mit auf sein Zimmer genommen und während seiner Betrachtungen und
kleinen Monologen einige Griffe darauf getan jetzt sang er folgende Worte dazu
»Unter Myrtenzweigen
Beim Rieseln der Quelle
Und der Nachtigall Lied
Auf sanftem Rasen
Durchwirkt mit Blumen
Im duftenden Hain
Gebogen die Äste
Von goldener Frucht
Und silberner Blüte
Wo ewig blau der Himmel
Ewig lau die Lüfte
Dich umwehen
Das Mädchen im leichten Gewand
Tanzet den bunten Reihen
Bricht die labende Frucht
Schöpfet vom Quell
Am Felsen ein Hüttchen
Mit weniger Habe
Dort ruht es die Glieder
Auf reinlichem Lager
Du blickst dein Verlangen
Ihr tief in das Herz
Sie hat dich verstanden
Und teilt die Glut
Nichts wehrt dir die Küsse
Auf Lippen und Wangen
Lilien und Rosen
Blüten und Knospen
Alles ist dein
Leicht wie der Westwind
Scherzend wie er
Berührst du die Blumen
Und fliehest vorüber
Schonend der zarten
Wer fürchtet da Neid
Wen lockt der Ruhm
Zürnet die Mutter
Das Lächeln kann sie
Doch nicht verbergen
Denn eigne süße Schuld
Ruft die Tochter
Zurück ihr ins Herz
Sei still mein Sinn ein andres Land empfängt dich
Es hebt sich das Gebirge zwischen dir
Und jenen Spielen
Ernst umgeben diese Mauern dich
Gesetze ernst und ernste Sitten
Gelübde Priester Zeugen
Verein der Wappen
Zahllose Dinge
Auf ewig fremd dem Scherz
Fremd auf ewig dir
Gehen der Liebe voran
Legen die Freie
In ernste Bande
So gefesselt geht sie dir vorüber
Tröstend reicht sie dir die Hand
Blickt mit Sehnsucht in die Ferne
Hier kann ich niemals dein Gefährte sein
Ruft sie dir zu
Unter jenen Blumen
Hast du gespielt mit mir
Auf und ab
Wandert ich im Scherz mit dir
Du sollst auch ernst
Mich wieder finden
Ernst und treu
Und wieder mein sein
Nur lass mich frei«
Drittes Kapitel
Die Sonne schien hell und warm herein als Florentin erwachte Er schickte sich
sogleich an zur Gesellschaft zu gehen die er im Garten vermutete Vorher ging
er durch einige Prachtzimmer des alten Schlosses das ihn mit seinen Türmen
Gängen und hohen gewölbten Sälen lebhaft in die Zeiten des Rittertums versetzte
von denen er schon als Kind am liebsten erzählen hörte und die noch jetzt seine
Phantasie hinreißen konnten Hier in diesen Sälen malte er sich nun die
mannigfachen Szenen aus die darin gespielt wurden wie sich alle die
Mitspielenden für ihre Rolle interessierten als sollte sie niemals endigen
»Und nun« sagte er »wo sind sie hin Hier beweinte vielleicht eine Schöne
ihren Geliebten oder seine Untreue oder ein hartes Schicksal das sich ihrem
Glück entgegenstellte tränenvoll schlug sie das fromme Auge aufwärts und die
Engelchen die Heiligen die so künstlich in der Stukkatur an der Decke geformt
sind waren Zeugen ihrer Leiden Hier an dieses hohe Fenster gelehnt drückte
der Jüngling zärtlich und schüchtern die errötende Jungfrau an sein Herz und
vernahm mit Entzücken das Geständnis ihrer Gegenliebe Um diesen geräumigen
Lehnstuhl hingen Kinder und Enkel und horchten auf die schauerlichen
Gespenstergeschichten die der Großvater erzählte und auf die weise Lehre Mit
dem begünstigten Jagdhund an dem Boden wurde dann die Belohnung für ihre
Aufmerksamkeit friedfertig geteilt An diesem künstlich verzierten Tisch saßen
Eltern gedachten mit freudiger Rührung der ersten Tage ihrer Liebe und der nie
verletzten Treue hatten auch wohl manchen Kummer manche sorgenvolle Stunden um
den entfernten Sohn der ausgezogen war voll Kraft und mutiger Ehrbegierde sich
zu versuchen und die Fehde für seinen Vater zu fechten Ob er sich gut halten
wird ob die Knechte wacker sind ob kein feindliches Geschoss ihn getroffen Er
wählte sich das größte Schwert war es seinem Arm nur nicht zu schwer Zwar ist
er stark und rüstig und Gott wird den Edlen schützen Und eh sie es ausdenken
öffnet sich jene Tür der Jüngling tritt ein Er war allein vorangeeilt um den
Eltern diese Überraschung zu bereiten segnend empfangen sie ihn er hat
gesiegt vertilgt ist der Feind und neuer Ruhm und Glanz kommt von ihm über das
Haus Sonne Sterne Luft und Erde alles was sie umgab schien ihnen mit
ihrem Leben so innig verwebt aber Sonne und Sterne gehen auf gehen unter die
Jahreszeiten wechseln doch ihr Glück und ihre Leiden Schmerz und Fröhlichkeit
sind vorbeigezogen wie Schatten der Wolken die vor der Sonne vorüberfliehen
keine Spur mehr auf der Erde davon Was ihnen im Leben heilig war hat mit dem
Leben geendet der Ehre allein unter allem dieser allein verdanken die Helden
das Andenken ihrer Nachkommen sie leben in den künftigen Zeitaltern fort da
Millionen neben ihnen untergehen Nun so ist es auch billig dass sie dem
selbstgeschaffenen Götzen vor allen Göttern Opfer bringen dieser macht sie
unsterblich da alles was die Natur in ihre Brust gepflanzt mit ihnen
untergeht«
Eduard trat zu ihm »Sie sind schon auf Florentin ich wollte Sie eben
abholen die andern sind wahrscheinlich schon im Gartensaal« »Ich habe mich
etwas zu lange in den Zimmern und Gängen verweilt um sie zu betrachten Dieses
Schloss ist ein vortreffliches Monument seines Jahrhunderts mich freut es dass
es so wohl erhalten ist und so ganz ohne modernen Zusatz Es wundert mich um so
mehr da die übrige Einrichtung im ganzen nach dem jetzigen Geschmack mehr
elegant und zierlich als nach jenem reich und kostbar ist« »Weil diese mehr
der Gräfin überlassen bleibt und da sie die Eigenheit des Grafen schont der
gerne was das Altertum seiner Familie bezeugt in der ursprünglichen Gestalt zu
erhalten wünscht auch nichts von der Stelle gerückt und keiner Sache eine
andere Gestalt gibt die noch als Überrest der alten Zeit sich erhalten hat so
lässt sich der Graf mit eben der Gefälligkeit ihre übrigen Einrichtungen
gefallen Sie sehen selbst wie klug und gewandt sie beides zu vereinigen weiß
Sie erhält das Alte mit Achtung und fügt hinzu was die neueren Erfindungen
Angenehmes verschaffen
Die das Innere hier nicht zu kennen Gelegenheit haben finden es sonderbar
und erlauben sich manchen Spott über das Gemisch von veraltetem und modernem
Geschmack Auch sieht es befremdend genug aus wenn an den alten gewirkten
Tapeten eine neue FlötenUhr große Spiegel mit schweren künstlichen
Verzierungen und neue kristallne Kronleuchter schwerfällige Sessel und
einladende Sofas friedlich nebeneinander bestehen ebenso werden Sie es im
Garten im Park kurz überall finden Wer aber die Menschen kennt die hier
wohnen der wird bald das Übereinstimmende in diesen anscheinenden
Ungleichheiten finden Die Gräfin ist eine vortreffliche Frau mit wahrer
Religiosität ehrt sie das Gemüt ihres Gemahls und alles was ihm heilig ist
Darf man ihr wohl keinen Sinn für das Schöne zutrauen weil sie nicht wie die
Kinder alles gewohnte Spielzeug zerstört immer nach Neuem greift und das
letzte jedesmal für das Schönste hält« »Was ich sie über Werke der Kunst habe
sprechen hören verriet gewiss keinen gemeinen Sinn« sagte Florentin »Sie hat
große Reisen gemacht und viele der vorzüglichsten Kunstwerke selbst zu sehen
Gelegenheit gehabt Doch kommen Sie jetzt man wird uns erwarten ich will
vorher zusehen ob der Graf nicht in seiner Bibliothek ist ich habe ihn heute
noch nicht gesehen vielleicht geht er dann mit uns hinunter« »Ich begleite
Sie«
Sie traten in das Kabinett des Grafen er war nicht mehr darin Ein großes
Gemälde zog Florentins Aufmerksamkeit auf sich »Einen Augenblick noch
Eduard Die heilige Anna die das Kind Maria unterrichtet« »Wie finden Sie
das Gemälde« »Es scheinen Porträte zu sein in dem Kinde erkenne ich Julianen
wieder« »Sie ist es auch in der Tat« »Es ist nicht übel gemalt ganz
vorzüglich ist aber das Charakteristische in den Köpfen sowohl wie in der
ganzen Anordnung des Gemäldes Die horchende Aufmerksamkeit die Begierde nach
dem Unterricht und der Glaube in dem Kinde wie der Hals der Kopf mit dem
Blick zugleich sich vorwärts und in die Höhe richtet der halbgeöffnete Mund
als fürchtete sie etwas zu verhören und als wollte sie die Lehren durch alle
Sinne in sich auffassen dabei die Hingebung das Vergessen ihrer selbst in der
kleinen Figur die halb liegend sich dem Schoss der Anna anschmiegt es ist
schön und zart gefühlt Und diese Anna gewiss eine Heilige Diese Hoheit
dieser milde Ernst in den verklärten Augen mit welcher Liebe sich ihr Haupt zu
dem Liebling hinneigt sich ihre Tugend lehrenden Lippen öffnen Ruhe und Würde
in der ganzen Gestalt und wie erhaben diese Hand die gegen den Himmel zeigt
Ist auch diese Anna ein Porträt« »Es ist eine Schwester des Grafen die er
vorzüglich liebt Gräfin Klementina Sie haben uns schon von ihr sprechen hören
sie wird von uns gewöhnlich die Tante genannt Juliane hat ihre erste Erziehung
bei dieser Tante erhalten die Mutter hatte sie ihr da sie ihre Jugendfreundin
ist und ihres ganzen Zutrauens genießt bald nach ihrer Geburt überlassen weil
sie damals ihrem Gemahl nachreisen musste der gefährlich verwundet war und den
sie keiner fremden Pflege überlassen wollte Sie verließ ihn nun nicht wieder
begleitete ihn sowohl auf seinen Feldzügen als auf seinen Reisen da er an
verschiedenen Höfen als Gesandter stand Unterdessen erreichte Juliane beinahe
ihr vierzehntes Jahr bei der Tante und verehrt sie als Mutter« »Doch muss die
Gräfin Klementina dem Bilde nach noch sehr jung sein obgleich der Idee und dem
Kostüm zufolge sie älter sein müsste« »Sie haben recht doch ist sie in der
Tat nicht mehr jung sie ist älter als die Gräfin Eleonora dieses Bild aber ist
eigentlich die Kopie eines Gemäldes das in ihrer Jugend ist gemacht worden Sie
ward damals als heilige Cäcilia gemalt sowohl dieses Bild das sie dem Grafen
auf sein Bitten malen zu lassen erlaubte um ein Denkmal der Zeit zu stiften in
der sie Julianens Lehrerin war als das welches unter den andern
Familiengemälden in der Galerie hängt und auch das Miniaturbild das Juliane an
ihrer Brust trägt sind Kopien nach dieser Cäcilia welche von einem schon
verstorbenen fremden Künstler gemalt ward seinen Namen weiß ich nicht Die
Tante war nie dazu zu bewegen noch einmal einem Maler zu sitzen Merkwürdig ist
es wie diese Bilder alle noch der Gräfin Klementina ähnlich sind obgleich es
schon vielleicht dreißig Jahre her sein mag dass sie gemalt ward und ein tiefer
Gram in ihren Gesichtszügen gewütet hat« »Gut dass mich Ihre gütige
Ausführlichkeit warnte« rief Florentin lachend »war ich doch in Gefahr mich in
diese heilige Anna und das in meinem Leben zum ersten Male ernstlich zu
verlieben Bald wäre ich ausgezogen nach echter Rittersitte das Original zu
meinem Gemälde zu finden und hätte es dann auch wirklich gefunden in einer
ehrwürdigen Matrone« »Haben Sie wirklich noch nie ernstlich geliebt so
verdienen Sie ein solches Schicksal Ich werde Sie bei den Frauen für diesen
Frevel hart anklagen« »Wagen Sie es nicht Sie könnten sich selbst eine
Strafe für Ihre Verräterei zuziehen« »Ich wage nichts man wird es Ihnen nie
verzeihen sich von einem Gemälde haben hinreißen zu lassen da Sie die
Gegenwart der schönen Frauen selbst so ruhig lässt« »Nun auch dafür müssen Sie
nicht gut sagen doch im Ernst das Gemälde hat mich bewegt und ich stehe mit
wahrer Andacht davor Guter Eduard ich hoffe Sie fühlen es wie glücklich Sie
sind und wie wenigen es vergönnt wird eine solche Jugend zu haben« Eduard
schien bewegt und sie gingen beide schweigend hinunter zur Gesellschaft
Viertes Kapitel
So verstrich ein Tag nach dem andern Man kann sich keine angenehmere
Lebensweise denken als die auf dem Schloss geführt ward Ein Vergnügen reihte
sich an das andere Tanz Musik Jagd und Spiel wechselte lustig ab und in der
Einsamkeit suchte jeder nur die Ruhe um sich zu neuen Ergötzlichkeiten zu
bereiten
Die Liebenden erwarteten beide den Tag ihrer Vermählung sorglos und
fröhlich es stellte sich ja nichts ihren Wünschen entgegen doch mit ganz
verschiedenen Empfindungen Eduard hatte eine peinigende Ungeduld Julianen ganz
die Seinige zu nennen er liebte sie mit der ungestümen Heftigkeit des
Jünglings er dachte er träumte nichts als den Augenblick sich im ungeteilten
ungestörten Besitz der schönen Geliebten zu sehen seine Phantasie lebte nur in
jenem so heiß ersehnten Moment alles Leben bis dahin würdigte er nur als
Annäherung zu jener Zeit wie der Gefangne der der bestimmten Befreiung
entgegensieht Von dieser Ungeduld begriff Juliane nichts Mit aller Innigkeit
ihres reinen Herzens liebte sie ihn niemand war ihr jemals liebenswürdiger
erschienen sie gab sich ihm gern sie war von jeher schon mit der Idee
vertraut und hatte es als ihr Schicksal ansehen gelernt ihm anzugehören Aber
den Tag erwartete sie mit großer Ruhe klopfte auch ihr Herz stärker bei dem
Gedanken so war es mehr eine bängliche Ahndung die furchtsame Scheu des
sittsamen Mädchens als die Erwartung eines größeren Glücks sie ahndete kein
größeres Glück als dass es immer so bliebe wie es war es fehlte ihr so gar
nichts Sie nahm an allem den gewöhnlichen Anteil hatte die immer gleiche
besonnene Aufmerksamkeit auf die Gesellschaft Eduard mochte zugegen sein oder
nicht
Sie war also nicht so beschäftigt dass sie nicht hätte wahrnehmen sollen
welchen Eindruck ihre Schönheit auf Florentin gemacht hatte Er hatte die
allgemeine Aufmerksamkeit erregt Es schmeichelte der Eitelkeit des Mädchens
die seinige auf sich zu ziehen es interessierte sie kindisch den stolzen Mann
zu beherrschen Ohne es sich bewusst zu sein und sich ganz der fröhlichen
Stimmung hingebend zog sie ihn mit einer feinen ihr natürlichen Koketterie an
Florentin fand sie immer schön reizend liebenswürdig es ergötzte ihn sie
so eifrig bemüht und beschäftigt um ihn zu sehen und die kleinen Schelmereien
des jungen Herzens zu belauschen Dass er aber gleich am ersten Abend so mit sich
zu Rate gegangen war schützte ihn gegen jeden tieferen Eindruck Auch war es ihm
nicht entgangen dass sie willens war ihn zum Spiel ihrer Eitelkeit zu machen
und nichts konnte so seine Phantasie zügeln als wenn er irgendeine Absicht
merkte Er war leicht kindlich vertrauend dann konnte er aber auch bis zur
Ungerechtigkeit argwöhnend sein Doch interessierte ihn Juliane sehr die Tiefe
ihres Gemüts war ihm nicht entgangen trotz der Anlage zur Koketterie und dem
etwas künstlichen Wesen welches ihre Erziehung und ihr Stand ihr gegeben hatte
und das ihn immer etwas entfernte obgleich er es hier in so schöner Gestalt
erblickte Lange konnte er es doch nicht aushalten sie unzufrieden zu sehen so
oft er sie durch ein zu kühnes Wort oder eine Anspielung die ihre Eitelkeit
strafte erzürnt hatte so wusste er sie gleich wieder durch irgendeine
Überraschung oder eine kleine schmeichelhafte Aufmerksamkeit zu versöhnen Er
stimmte nie mit ein wenn sie in Gesellschaft von den um sie her flatternden
Herrn wegen ihres Gesangs oder Tanzes oder ihrer Schönheit erhoben ward
vielmehr suchte er sie dann durch einen kleinen Trotz eine Art von
Vernachlässigung zu demütigen Wenn sie sich aber irgendeiner Regung ihres guten
empfindlichen Herzens überließ oder in ihrer natürlichen Anmut kunstlos ohne
Anmassung und ohne Absicht sich gar nicht bemerkt glaubte dann wusste er ihr
etwas Angenehmes zu sagen oder sie durch einen Blick seiner Teilnahme zu
versichern Dann ließ er sich auch gern ihre kleine Siegermiene gefallen und
ertrug gutmütig ihre mutwilligen Neckereien Nach und nach war die Zufriedenheit
ihres launenhaften Lehrers allein bedeutend für Julianen der laute Beifall der
Menge ward ihr gleichgültiger zuletzt beinah verhasst
Eduard bemerkte mit Freude diese Veränderung Er scherzte eines Tages
darüber dass Florentin mehr Einfluss auf ihre Bildung habe als er »Sie haben
mir es niemals merken lassen« sagte Juliane »dass ich zu eitel sei« »Ich
liebte Sie Juliane so wie Sie sind« »Und jetzt merken Sie erst dass ich
besser sein könnte ich kann mich wenig auf Ihre Erziehungskunst verlassen«
»Die Liebe weiß nur zu lieben wie sollte sie erziehen« »Sie erzieht
freilich« sagte Florentin »aber nicht den andern« »Machen Sie meiner Liebe
einen Vorwurf unartiger Florentin« erwiderte Juliane »Nein vielmehr spreche
ich sie dadurch rein von einem Vorwurf den man ihr allerdings machen könnte«
»Nun« »Nun dass Sie Eduard nicht besser erzogen haben Denn er wird es doch
nicht leugnen dass er die Huldigungen Ihrer Eitelkeit mit noch weit größerer und
sträflicherer Eitelkeit sich hat gefallen lassen Es ist in der Tat eine
schwierige Untersuchung wer von Ihnen beiden mehr Erziehung oder weniger Liebe
hat« »Trauen Sie sich zu uns in beiden zu übertreffen«
»Ich ihr Guten kann weder mein Leben noch meine Liebe mit dem Kunstwerk
der Erziehung vergleichen«
»Man kann nicht anders als sich für ihn interessieren« sagte Juliane »aber
er ist doch zu sehr verschlossen gegen seine Freunde es ist ihm auf keine Weise
beizukommen« »Doch hat vielleicht niemand mehr als er die Fähigkeit Freund
zu sein« sagte Eduard »Wissen wir doch nicht wie oft er schon ist
hintergangen worden reizbar wie er ist muss jede üble Behandlung ihn wohl auf
lange verstimmen«
Florentin vermied anfangs Eduards Annäherung mit eigensinnigem Stolz ob er
ihn gleich im Herzen wohl leiden mochte Eduard ließ sich aber nicht dadurch
abschrecken er gewann immer mehr Anhänglichkeit für ihn näherte sich ihm mit
freundlicher bescheidener Aufmerksamkeit und suchte seinem etwas wilden nach
Freiheit strebenden Sinn mit dem feinen gebildeten Geist der ihm eigen war zu
begegnen es musste ihm gelingen Florentin fühlte endlich dass er am unrechten
Ort misstrauend gewesen war Mit der Überzeugung seines Unrechts erweichte sich
auch sein absichtlich verhärtetes Gemüt gegen Eduard er wurde bald offener und
geselliger gegen ihn Auf einem Morgenspaziergang öffneten sich ihre Seelen
gegeneinander sie nannten sich seitdem Freunde Florentin gewann Eduard so
lieb dass er ohne Wehmut bald nicht daran denken konnte ihn zu verlassen doch
musste und sollte es geschehen
So waren Wochen verflossen mit einer jeden nahm er sichs fest vor in der
nächsten zu reisen immer hielt ihn aber das Bitten seiner neuen Freunde und
seine eigne Neigung fest Zum erstenmal empfand er die Bitterkeit der Trennung
bis dahin hatte er alles was er jemals verließ gleichgültig verlassen
Fünftes Kapitel
Gräfin Klementina hatte eine junge Anverwandte bei sich Diese kam und machte
Julianen einen Besuch indem sie zugleich einen mündlichen Auftrag der Gräfin
Klementina an Julianens Eltern ausrichtete mit der Bitte die Vermählung noch
einige Wochen aufzuschieben weil sie in diesen nächsten Tagen abgehalten würde
zugegen zu sein wie sie es doch sehr wünschte Sollte der Tag aber schon
unwiderruflich festgesetzt sein und es bei der ersten Verabredung bleiben
müssen so wäre sie genötigt diesen Wunsch aufzugeben Doch ersuchte sie ihren
Bruder und Eleonoren wenigstens noch einen Brief von ihr abzuwarten sie hätte
ihnen noch einiges zu sagen wäre aber durchaus in diesem Augenblicke nicht
imstande zu schreiben doch sollte es in den nächsten Tagen geschehen
Eduard war nicht leicht zum Aufschub zu bewegen seine Ungeduld die schöne
Juliane ganz die Seinige zu nennen wuchs mit jedem Tage und seitdem er
Florentin kannte schien sie den höchsten Punkt erreicht zu haben Doch musste er
es sich aus Achtung für die Gräfin Klementina gefallen lassen Betty eilte
zurück sobald sie sich ihres Auftrags entledigt hatte
Ein Brief den Juliane folgenden Tag an ihre Tante schrieb ist ein Beweis
wie interessant Florentin der ganzen Familie schon geworden war
Juliane an Klementina
Jetzt verdient Betty nicht mehr von Ihnen bestraft zu werden wegen ihrer zu
großen Leidenschaft für das Tanzen sie ist vielmehr zu unser aller Verwunderung
bis zum Kaltsinn mäßig darin geworden Alles unsers Bittens und Zuredens
ungeachtet wollte sie durchaus nicht länger bei uns verweilen als sie es Ihnen
zugesagt hatte ob wir gleich noch denselben Abend einen recht brillanten Ball
hatten Der Vater erbot sich Ihnen einen Boten zu Pferde zu schicken um Sie
nicht in Unruhe ihrentwegen zu lassen aber sie war nicht zurückzuhalten Alle
Ihre Aufträge waren ausgerichtet sie sah mit großer Gemütsruhe die glänzende
Gesellschaft sich versammeln ja sie wagte es sogar den Anfang des Balls
abzuwarten und indem sie mit Eduard den Saal einmal auf und nieder walzt winkt
sie uns allen im Vorbeifliegen zu und sofort aus der Tür in den Wagen so
hastig dass Eduard mit noch einigen Herrn ihr kaum folgen konnten Kaum dass wir
ihr noch einen Gruß für die Tante nachriefen
So geht es uns allen teure Klementina wenn wir zu Ihnen sollen was könnte
uns zurückhalten Keiner fühlt das wohl mehr als Ihre Juliane ich habe Betty
mehr beneidet als bewundert Das war nun alles recht hübsch von dem Mädchen
aber die Arge was hat sie Ihnen für loses Zeug erzählt was meinte sie mit
ihren Eroberungen und dem sonderbaren Fremden der den Meister über uns macht
dem wir alle auf eine so lächerliche Weise ergeben sind weil wir uns einbilden
ihm Dankbarkeit schuldig zu sein Und ich die ich diesen Vorwand so gern nehmen
soll um ihm ganz unbefangen mit Auszeichnung begegnen zu dürfen Alles dieses
hat sie Ihnen wirklich erzählt Gut dass Sie ihren boshaften Erzählungen nicht
so unbedingt Glauben beimessen dass Sie sich selbst an Ihr Kind wenden um die
Wahrheit zu erfahren Liebe Tante sehen Sie doch einmal dem bösen
leichtfertigen Mädchen scharf in die Augen wenn sie wieder dergleichen
vorbringt Allerdings sind wir dem Fremden Dank schuldig Ist meine Klementina
nicht auch der Meinung Wenn es ihm selbst wohl geziemt den wichtigen Dienst
den er uns geleistet dem Zufall zuzuschreiben so würde es sich von uns nicht
ziemen es ebenso anzusehen und seinen Mut mit dem er das Leben unsers Vaters
gerettet hat zu vergessen
Und warum gesteht Ihnen denn Betty nicht dass der Fremde sich recht
geschäftig um sie gezeigt und dass sie seine Aufmerksamkeiten recht wohlgefällig
und artig annahm Ich hielt sogar die Festigkeit mit der sie sich losriss und
forteilte für ein Opfer das sie ihrem eifersüchtigen brauseköpfigen Walter
brächte und habe ihr im Herzen deswegen wohlgewollt Belohnt sie so meine
gute Meinung böse Betty Wenn sie Ihnen nicht abbittet liebe Tante und Ihnen
gesteht dass sie ihre Freude daran hat Unfug zu treiben so werde ich sie bei
Herrn von Walter verklagen er traut mir
Von dem Fremden von diesem Florentin sollte ich Ihnen also erzählen Es ist
wahr liebe Tante dass er uns allen wert geworden ist Er macht jetzt das Leben
und die Seele der Gesellschaft aus Mit dem sonderbarsten oft zurückstossenden
Wesen weiß er es doch jedem recht zu machen und zieht jedes Herz an sich ohne
sich viel darum zu bekümmern Es hilft nichts wenn man auch seinen ganzen Stolz
dagegen setzt man wird auf irgendeine Weise doch sein eigen Oft ist es recht
ärgerlich dass man nicht widerstehen kann da er selber nicht festzuhalten ist
Einmal scheint es als verbände er mit den Worten noch einen andern Sinn als
den sie haben sollen ein andermal macht er zu den schmeichelhaftesten Dingen
die ihm gesagt werden ein gleichgültiges Gesicht als müsste es eben nicht
anders sein dann freut ihn ganz wider Vermuten einmal ein absichtsloses Wort
das von ungefähr gesprochen wird da weiß er immer einen ganz eignen Sinn ich
weiß nicht ob hineinzulegen oder herauszubringen Uns ist dieses sonderbare
Spiel sehr erfreulich da wir ihn näher kennen und besser verstehen Sie können
aber denken wie er oft in Gesellschaft Anstoß damit gibt doch versteht er sich
recht gut darauf ein solches Ärgernis nicht zu groß werden zu lassen er macht
bald alles wieder gut Wir begreifen eigentlich nicht wie es ihm möglich ist
diese Fröhlichkeit und gute Laune immer um uns zu erhalten da er selbst doch
nicht froh ist Ich und Eduard wir sind oft allein mit ihm und da haben wir es
deutlich genug merken können dass ihn irgendein Kummer drückt Der Vater machte
ihm neulich den Vorwurf er wäre zu wenig ernst und nähme oft die Dinge zu
scherzhaft Florentin ließ es über sich hingehn Eduard meinte aber und sagte
es mir allein der Ernst in ihm wäre vielmehr zu ernst und zu tief als dass er
ihn in der Gesellschaft anwenden könnte und da er nie sich so gegen den Scherz
versündigte dass er ihn ernstaft nähme so käme es ihm zu auch wohl einmal den
Ernst scherzhaft zu finden Am besten findet sich Eduard in ihn sie sind
Freunde geworden und man sieht jetzt einen nicht ohne den andern So
interessant er auch ist so glauben Sie mir nur liebe Tante Eduard verliert
gar nicht gegen ihn er kommt mir vielmehr neben seinem Freunde noch
liebenswürdiger vor Ich weiß gewiss ich könnte diesen nicht so lieben wie ich
Eduard liebe Er gefällt auch dem Vater sehr wohl der ihn soviel als möglich um
sich zu haben sucht Er mag seine Einfälle und seine seltsamen Wendungen gern
so sehr er auch sonst gegen jedes Auffallende Neue oder Sonderbare spricht An
Florentin liebt er es und verteidigt ihn gegen jede Anklage Sogar das
Geheimnisvolle das über seinem Namen und seiner Herkunft schwebt achtet er zu
unserm Erstaunen Noch heute war die Rede davon ihn einem Manne vorzustellen
den er zu sprechen wünschte »Von Florentin« fragte der Vater Wir erwarteten
alle seine Antwort »Wenn es durchaus mit meinem Namen allein nicht genug ist«
sagte er »so setzen Sie Baron hinzu das bezeichnet wenigstens ursprünglich
was ich zu sein wünschte nämlich ein Mann« Der Vater ließ es sich wirklich so
gefallen
Sogar Tereschen hat er ganz für sich gewonnen Sie weiß nichts Bessers als
sich von Florentin etwas vorsingen zu lassen oder ihn zeichnen zu sehen sie
vergisst Spiel und alles wenn sie nur bei ihm sein darf Sie kennen ihre heftige
Art sich an etwas zu hängen Mit den Knaben reitet er viel und kann sich mit
ihnen balgen und lärmen und Festungen erobern die sie zusammen bauen bis sie
ganz außer sich geraten und er mit ihnen Dem Mütterchen bleibt aber der Kopf
ruhig wenn er uns auch allen verdreht wird nicht ein einziges Mal ist es ihm
doch gelungen sie irrezumachen wiewohl er es oft darauf anlegte sie lächelt
und ist freundlich und liebreich gegen ihn aber Gewalt hat er gar nicht über
sie er fühlt es Mutter ist auch die einzige vor der er gehörigen Respekt hat
Mit uns andern schaltet er nach Belieben wenn ich recht aufgebracht bin und
ihm stolz begegne so ist er imstande gar nicht einmal darauf zu merken
So schön hat ihn Betty gefunden So schön als Eduard ist er auf keinen Fall
das meint auch die Mutter er ist auch nicht so groß und herrlich als Eduard
aber sein Bau ist fein schlank und dennoch kräftig Er hat eine edle
Physiognomie und überhaupt etwas Interessantes sein Anstand ist frei und
kunstlos manchmal sogar trotzig Was ihn auszeichnet ist ein gewisses beinah
verachtendes Lächeln das ihm um den Mund schwebt aber der Mund ist doch
hübsch sowie auch sein Auge das gewöhnlich fast ganz ohne Bedeutung still und
farblos vor sich hinschaut das aber helle Funken sprüht bei einem Gespräch
das ihn interessiert es wird dann sichtbar größer und dunkler Er hat eine
schöne helle Stirn und es kleidet ihn gut wenn er wie er oft tut sich die
dunkelbraunen Locken die tief darüberher fallen mit der Hand zurückstreicht
oder wenn sie vom Wind gehoben werden Die Mutter findet er hätte etwas
Altritterliches besonders wenn er ernstaft aussieht oder unvermutet in ein
Zimmer tritt sie müsste sich ihn immer mit einer blanken Rüstung und einem Helm
denken Terese hat viel mit Auffinden von entfernten Ähnlichkeiten und mit den
alten Bildern zu schaffen und behauptet er sähe dem Gemälde vom Pilgrim
ähnlich das in der Mutter Zimmer hängt Sie ruhte nicht eher bis ich es mir
von ihr zeigen ließ und sie hat wirklich recht es ist eine entfernte
Ähnlichkeit
Ich fürchte Sie werden trotz meiner umständlichen Beschreibung doch kein
richtiges Bild von ihm haben
Sie sehen aber liebe Tante wie gern ich Ihnen alles lieber mit der größten
Umständlichkeit berichte damit Sie nur nicht verleumderischen Nachrichten
Glauben beimessen dürfen und dann mit vorgefassten Meinungen die uns nachteilig
sind herkommen Sie haben noch keinen Tag festgesetzt an dem wir Sie sehen
sollen Mit welcher Ungeduld erwarte ich Sie meine verehrte liebe Freundin
Ich hätte Ihnen gern erzählt welches fröhliche Leben wir leben und welche
Dinge wir unter Florentins Anleitung ausführen Aber heute und in den nächsten
Tagen kann ich nicht daran denken Es wird mir wenig Zeit zum Schreiben
gelassen Kommen Sie bald und nehmen Sie Teil und erhöhen Sie unsre
Fröhlichkeit durch Ihre Gegenwart Ich hoffe heute noch oder doch morgen einen
Brief von meiner gütigen Freundin zu erhalten mit der bestimmten Nachricht
Ihrer Abreise Leben Sie wohl lieben Sie Ihre Juliane
Sechstes Kapitel
Eduard und Florentin hatten einigemal kleine Reisen im Gebirg und in der
umliegenden Gegend gemacht In abwechselnden Verkleidungen hatten sie die
benachbarten Städtchen und Dörfer durchzogen auf Kirmsen Hochzeiten
Jahrmärkten bald als Krämer oder als Spielleute Manches lustige Abenteuer kam
ihnen entgegen sie wiesen keines von sich Wenn sie dann von ihren Wanderungen
zurückkamen hatten sie viel zu erzählen und von den Eroberungen zu sprechen
die sie wollten gemacht haben Juliane bekam den Einfall sie einmal zu
begleiten und das nächste Mal dass sich die beiden jungen Männer wieder zu
einer solchen abenteuerlichen Reise anschickten teilte sie Eduard ihren Wunsch
sie zu begleiten mit Er war voller Freude über diesen Entschluss der ihm die
Hoffnung gab Julianen auf ein paar Stunden der Förmlichkeit zu entziehen die
jetzt bei der vergrösserten Gesellschaft immer mehr überhand nahm und ihrer in
der Einsamkeit froh zu werden auch seinem Freunde war es lieb er hatte einen
solchen Wunsch bei Julianen gar nicht vermutet Der Graf und seine Gemahlin
hatten aber viel dawider und wollten es anfangs unter keiner Bedingung zugeben
Der Wohlstand ward beleidigt Julianens Gesundheit ausgesetzt der übrigen
Gefahren und ihrer eignen Ängstlichkeit nicht zu gedenken Florentin der seinen
Kopf auf diesen Plan gesetzt hatte und Eduard der ein Recht zu haben glaubte
eine solche Erlaubnis zu fordern hörten mit Bitten und Vorstellungen nicht eher
auf bis sie ihnen zugeteilt ward nur unter der Bedingung dass sie nicht zu
Pferde sondern zu Fuß gingen und dass sie nicht die Nacht ausbleiben wollten
Und nun wurden noch so viele Anstalten gemacht so viel Regeln und Warnungen
gegeben dass Juliane ganz ängstlich gemacht sich im Herzen vornahm gewiss
nichts zu übertreten und gewiss zum letztenmal eine solche Erlaubnis zu
begehren Eduard aber ward der ganze Einfall beinah zuwider wegen der großen
Umständlichkeit und er war eben nicht gesonnen sich gar zu streng an die
Vorschriften zu halten
Nachdem sie endlich alles zustande gebracht und Juliane den Abend mit
schwerem Herzen von ihren Eltern Abschied genommen hatte machten sie sich
morgens früh auf den Weg nur von ein paar Jagdhunden begleitet Sie waren alle
drei als Jäger gekleidet Eduard und Florentin trugen Büchsen Juliane hatte nur
ein Jagdmesser und Tasche statt der Büchse trug sie die Gitarre von der sich
Florentin selten trennte Da Juliane gut zu Pferde saß und oft in Männertracht
ausritt so war sie ihrer nicht ungewohnt sie ging so leicht und ungezwungen
daher als hätte sie nie eine andere Kleidung getragen und auch so als Knabe
sah sie wunderschön aus auch die beiden Freunde nahmen sich gut aus als ältere
Brüder des lieblichen Kindes Sie gingen dem Morgen entgegen der in voller
Pracht heraufstieg der Frühling in seiner ganzen Herrlichkeit umfing sie die
Vögel sangen munter Blüten dufteten und die Bäume glänzten im Schein der Sonne
Sie gingen durch den Wald nach dem Gebirge zu fröhlich und unbekümmert wie
die Kinder Sie genossen sich selbst in reiner Unbefangenheit Vergangenheit und
Zukunft war ihren Gedanken fern der Wille des Augenblicks war ihnen Gesetz
»Ach« rief Eduard auf einmal aus »so leben wenn auch nur eine kurze Zeit
und sterben eh wir den Tod zu wünschen haben Schlafen gehen und nicht wieder
aufstehen« »Ihr denkt an den Tod« sagte Florentin »um zu bedenken wie Ihr
so gern nicht an ihn denken wollt« »Torheit« rief Juliane »wer will jetzt
vom Tode sprechen« Florentin nahm ihr die Gitarre ab und spielte einen
raschen Tanz sie drehte sich mit Eduard in schnellen Kreisen Er hatte sich
unter einem Baume niedergesetzt Nachdem sie zu tanzen aufgehört hatten setzten
sich beide neben ihn »Es tanzt sich gut auf dem kurzen Grase« »Besser und
erfreulicher als auf dem getäfelten Fußboden eurer Säle das ist gewiss« »Wenn
man nun hier im Walde an eine Assemblee denkt« »Davon kein Wort Juliane ich
mag ebensowenig von Assembleen hören als Sie vom Tode« Hiemit nahm er die
Gitarre wieder auf und sang
»Sie ist mir fern wie soll ich Freude finden
Ich kann dem Kummer nur mein Leben weihn
Wie um den Baum sich üppig Ranken winden
Die Nahrung raubend seiner Krone dräun
So, fern von dir mich Sorg und Unmut binden
Dass keine Erdenlust mich kann erfreun
Fragt nicht warum mein Sinn so rastlos eilt
Für mich ist nirgends Ruh als wo sie weilt«
Juliane erhitzt vom raschen Tanz lehnte sich an Eduard ein sanfter Wind der
hoch in den Wipfeln der jungen Birken rauschte kühlte ihr das glühende Gesicht
und wehte die Locken zurück die in der Bewegung durch ihre eigne Schwere sich
von der Nadel losgemacht hatten und nun bis tief auf die Hüften herabfielen
Eduard verlor sich ganz im Anschaun ihrer Schönheit und die Töne der Gitarre
die dazu gesungenen Worte drangen in sein Innerstes Er drückte Julianen mit
Heftigkeit an seine Brust die Gegenwart des Freundes vergessend hielt er sich
nicht länger seine Lippen waren fest auf die ihrigen gepresst seine Umarmung
wurde kühner er war außer sich Juliane erschrak wand sich geschickt aus
seinen Armen und stand auf ihm einen zürnenden Blick zuwerfend Eduard war
betroffen sie reichte ihm beruhigend die Hand die er mit Küssen bedeckte
Nunmehr sang Florentin mit raschen Griffen sich begleitend gleichsam als
beruhigendes Echo jener ersten sehnsuchtsvollen Anklänge
»Ich bin dir nah wie soll die Wonn ich fassen
Die mir aus deinen lieben Augen winkt
Als sollt ich nimmermehr dich wieder lassen
Wann voll Verlangen Herz an Herz nun sinkt
So soll mein Arm den holden Leib umfassen
Indes mein Mund der Liebe Tränen trinkt
O Glück der Liebe seliges Entzücken
Geschenk der Götter Menschen zu beglücken«
»Wie schön« rief Juliane als das Lied geendigt war »wie schön weiß er die
Seligkeit und die Schmerzen eines liebenden Herzens auszusprechen Florentin
Sie lieben gewiss Sie lieben Sie sollten uns die Geschichte Ihres Glücks
mitteilen oder wenn Sie nicht glücklich lieben armer Florentin« Sie nahm
seine Hand in ihre beiden Hände Er seufzte und lehnte seine Stirn auf ihre
Hand
»So öffnen Sie uns Ihr Herz« fuhr sie mit bewegter Stimme fort »wir sind
es beide wert« Florentin richtete sich auf »Wie mich eure Teilnahme rührt
ihr Guten Es ist das erste VonHerzenzuHerzenGehende dem ich begegnet bin
Wohl trage ich Liebe in meiner Brust Juliane aber ein Weib dem sie eigen
gehörte die sie mit mir teilte die fand ich noch nie« »O das ist
unglaublich Sie entziehen sich uns« »Nein bei Gott nein«
»Sie werden es weder glückliche noch unglückliche Liebe nennen wollen wenn
Sie hören dass ich von meinem sechzehnten Jahre an der Erziehung der
berühmtesten schönen Frauen in Venedig überlassen war Ich lernte jeden
Sinnenrausch kennen früher als ich das geheime Feuer im innersten meines
Herzens kannte und verstand und keine Verderbnis der verderbtesten Welt hat es
daraus vertilgen können Die Schönheit betete ich an wo sie sich mir darbot
ein glückliches Naturell unterstützte mich kurz ich ward nirgend grausam
behandelt Nachher lebte ich eine Zeitlang von aller schönen feinen Welt
entfernt bei armen Hirten in den Gebirgen dieser schönen Tage werde ich immer
mit Freude gedenken Ich lebte mit lieben holden Kindern zusammen wahren
Kindern der Natur, und der ersten Unschuld bei ihnen heilte meine Phantasie
wenigstens wieder Einen Gegenstand der Liebe aber die bis jetzt mir nur
unbelohnt aber tief im Herzen lebt wo würde ich den wohl finden Er existiert
irgendwo das weiß ich von dieser frohen Ahndung werde ich im Leben
festgehalten aber wo er existiert wo ich ihn finde« »Aber welche
Forderungen werden Sie auch machen« sagte Juliane »Was wird der Herr verlangen
von einer Frau die ihm die rechte sei« »Unwiderstehlich reizend sind Sie
Juliane wenn Sie die kleine Lippe so trotzig aufwerfen und das Näschen
höhnisch rümpfen« »Welche Anmassung« »O keinen Zorn wenn ich meinen Kopf
behalten soll er kleidet Sie viel zu schön Was hilft es denn dass ich in einer
alles vereinigt fand was meine Wünsche fassen Sie ist ja die liebende Braut
des Glücklichen dort« »Sie sind ausgelassen Florentin«
»Nun seht ihr Lieben ich fordre wenig ihr werdet es vielleicht nicht
glauben recht sehr wenig doch scheint es eine große Forderung zu sein denn
ich fand sie nie erfüllt Nichts als ein liebenswürdiges Weib die mich liebt
liebt wie ich sie die an mich glaubt die ohne alle Absicht bloß um der Liebe
willen die meinige sei die meinem Glück und meinen Wünschen kein Vorurteil und
keine böse Gewohnheit entgegensetzt die mich trägt wie ich bin und nicht
erliegt unter der Last die mutig mit mir durch das Leben und wenn es sein
müsste mit mir in den Tod schreiten könnte Sehen Sie Juliane das ist
alles und ich habe es nicht gefunden obgleich schöne Frauen jedes Standes
mir überall und ohne Bedenken die unzweideutigsten Beweise ihrer Liebe wie sie
es nannten gaben« »Mit welchen Frauen haben Sie gelebt Florentin« »In
der besten der feinsten Gesellschaft mitunter sein Sie versichert gute
Juliane« »Sie sollten uns doch bald mit Ihren Schicksalen und Abenteuern
bekannt machen« sagte Eduard »O tun Sie es« sagte Juliane »Ihr Lebenslauf
muss sehr interessant sein« »Interessant« rief er aus »ich bitte euch was
nennt ihr denn interessant Ich weiß wahrhaftig nicht ob er das sein wird Ich
wollte mein Lebenslauf gehörte irgendeinem andern zu vielleicht würde ich ihn
dann auch ergötzlich finden als mein eigener Lebenslauf aber gefällt er mir eben
nicht Euch will ich auch einmal die Lust verschaffen nur jetzt nicht denn
mich dünkt es ist Zeit dass wir uns nach einer Mahlzeit umsehen« »Wenn Sie
es zufrieden sind« sagte Juliane »so gehen wir während die Mittagssonne
brennt nicht von diesem Platz er ist schattig und kühl Geben Sie her was von
kalter Küche da ist unser grünes Lager mag zugleich unsre Tafel sein« »Sehen
Sie auch für ein sauberes Tuch hat man gesorgt um es aufzudecken« »Sogar
Wein findet sich hier« sagte Florentin indem er die Flasche hervorzog
»Stellen Sie ihn dort an den Bach hin damit er abkühle« »So reichlich fanden
wir uns noch nie auf unsern Zügen versorgt« »So hat die Umständlichkeit die
meine Begleitung verursachte doch wieder etwas Angenehmes erzeugt« »Wie oft
musste ich nicht schon die Annehmlichkeiten eines bequemen Lebens entbehren
konnte ich mir aber nur eine größere Unabhängigkeit damit erkaufen so geschah
es mit tausend Freuden« »Doch wohl auch oft dem Liebchen zu gefallen«
sagte Eduard »Auch das genug« sagte Florentin »ich hatte dann auch süßen
Lohn«
Sie lagerten sich um das Tuch und verzehrten ihren Vorrat unter fröhlichen
Scherzen Gesängen und Lachen Florentin pflegte durch den Wein lebhafter und
noch heiterer zu werden als gewöhnlich Eduard aber fühlte seine Lebensgeister
leicht durch ihn erhitzt reizbarer und zugleich schwerer Juliane ward von
ihnen mit Bitten bestürmt diesesmal doch ihren Wein ohne die gewöhnliche
Mischung von Wasser zu trinken sie war aber nicht dazu zu bewegen Die
Ausgelassenheit und der steigende Mutwille der beiden fing an sie zu ängstigen
sie fand jetzt ihr Unternehmen unbesonnen und riesenhaft kühn die beiden Männer
kamen ihr in ihrer Angst ganz fremd vor sie erschrak davor so ganz ihnen
überlassen zu sein sie konnte sich einen Augenblick lang gar nicht des
Verhältnisses erinnern in dem sie mit ihnen stand sie bebte ward blass
Eduard bemerkte ihre Angst »Was fürchtest du holder Engel Du bist bei mir
bist mein« er umarmte sie mit einigem Ungestüm »Lassen Sie mich Eduard«
rief sie sich aus seinen Armen windend »nicht diese Sprache Sprechen Sie
jetzt gar nicht zu mir Ihre Worte vergrößern meine Furcht ich bin so
erschreckt ich weiß nicht warum« Sie verbarg ihr Gesicht in ihre beiden
Hände »Beruhigen Sie sich Juliane« »Stille ich beschwöre Sie nicht ein
Wort weiter wenn Sie mich lieben« Florentin hatte sich als er ihre Unruhe
bemerkte zurückgezogen die Gitarre genommen und allerlei Melodien
phantasiert die beiden Hunde hatten sich zu ihm gelagert und drückten aufwärts
ihre Köpfe an seine Knie Gesammelt fing Juliane endlich an »Die Sonne steht
noch zu hoch wir können in der drückenden Hitze diese Schatten nicht verlassen
Sie Florentin könnten jetzt Ihr Versprechen erfüllen und uns einiges aus
Ihrem Leben erzählen«
Er schwieg ein Weilchen dann sang er folgende Worte
»Draußen so heller Sonnenschein
Alter Mann lass mich hinaus
Ich kann jetzt nicht geduldig sein
Lernen und bleiben zu Haus
Mit lustigem Trompetenklang
Ziehet die Reuterschar dort
Mir ist im Zimmer hier so bang
Alter Mann lass mich doch fort
Er bleibt ungerührt
Er hört mich nicht
Erlaubt wird was dir gebührt
Tust du erst deine Pflicht
Pflicht ist des Alten streng Gebot
Ach armes Kind du kennst sie nicht
Du fühlst nur ungerechte Not
Und Tränen netzen dein Gesicht
Wenn es dann längst vorüber ist
Wonach du trugst Verlangen
Dann gönnt man dir zu spät die Frist
Wenn Klang und Schein vergangen
Was du gewähnt
Wonach dich gesehnt
Das findest du nicht
Doch bleibt betränt
Noch lang dein Gesicht«
»Was soll uns jetzt das Lied Florentin« fiel Juliane ungeduldig ein »ich
dringe auf die Erfüllung Ihres Versprechens« »Sie könnten auch mein Lied als
Einleitung nehmen zu dem was ich Ihnen zu erzählen habe Aus meiner Kindheit
weiß ich mir nichts so bestimmt zu erinnern als den Zwang und das Unrecht das
mir geschehen ist und das ich schon damals sehr klar fühlte Gewiss ist jedem
Kinde so zumute dem man nach einer vorher bestimmten eigenmächtigen Absicht
eine streng eingerichtete Erziehung gibt«
Siebentes Kapitel
Die Gesellschaft lagerte sich bequem und Florentin erzählte
»Wie ein Traum schwebt mir die frühe Erinnerung vor dass ich in meiner
ersten Kindheit in einem einsamen Hause auf einer kleinen Insel lebte In dem
Hause wohnte niemand als eine gute freundliche Frau die Sorge für mich trug
und mich keinen Augenblick verließ und ein etwas ältlicher Mann der die
schweren Haus und Gartenarbeiten verrichtete und jeden Tag mit einer kleinen
Barke fortruderte und die nötigen Vorräte einholte Es befanden sich gewiss noch
mehrere Häuser auf der Insel von diesen erinnere ich mich aber nichts so wenig
als von ihren Bewohnern Ein paarmal kam eine schöne sehr prächtig gekleidete
Dame von zwei Herren begleitet mit der zurückkehrenden Barke Diese Dame
liebkoste mich zärtlich gab mir Spielzeug und Konfekt und ich musste sie Mutter
nennen Einer von den Herren der auch schön und glänzend gekleidet war
bezeigte meiner Mutter viel Aufmerksamkeit und war sehr freundlich gegen sie
so wie sie auch gegen ihn Dem andern Herrn der wie ich nachmals erfahren
habe ein Geistlicher war begegneten beide mit Ehrfurcht Gegen mich waren
beide unfreundlich sie schalten mich wenn ich mich zu nah an meine Mutter
drängte oder nicht von ihrem Schoss fort wollte Sie waren mir beide verhasst
besonders der geistliche Herr dessen Recht mich zu schelten ich immer im Herzen
bezweifelte Der Stolz und die Unfreundlichkeit der beiden Männer hatte einen so
verhassten Eindruck auf mein kindliches Gemüt gemacht dass ich sie fürchtete und
sie niemals begrüßen und anreden mochte so sehr meine Mutter darauf bestand
Empfindlichen Kindern ist Härte und Unfreundlichkeit unerträglicher als jede
Entbehrung die man ihnen mit Güte und Sanftmut auferlegt
Eines Tages kam unser alter Mann mit der Barke zurück Er war ganz bestürzt
und sprach heftig mit der Frau diese weinte küsste mich und stieg mit mir in
die Barke Der Mann fuhr uns an ein fremdes Ufer wo der Anblick der vielen
Menschen und Häuser mich in Erstaunen setzte Ich ward durch viele Straßen in
ein sehr großes Haus geführt dann durch eine Menge Zimmer in denen sich viele
Menschen hinund herdrängten Die meisten waren schwarz und wunderlich
gekleidet und obgleich es so viele waren und alle besorgt und beschäftigt
schienen so ging es doch still und feierlich zu Mein Herz ward kalt bei dem
geistermässigen Anblick den ich mir so gar nicht erklären konnte Endlich
gelangte ich in ein sehr großes Zimmer dessen Wände und Fußboden schwarz
behängt waren kein Tageslicht drang herein ein paar Wachskerzen mit schwarz
umwundenen hohen Leuchtern brannten düster Ganz am entgegensetzten Ende stand
ein schwarzbehangenes Ruhebett auf dem eine gleichfalls ganz schwarz gekleidete
Dame saß die einen langen schwarzen Schleier über das Gesicht hatte
Indem ich hineintrat stand die Dame auf und ich erkannte die Stimme meiner
Mutter der geistliche Herr bat sie ruhig zu sein und ging mir entgegen um
mich zu ihr zu führen ich war vor Angst und Schrecken wie im Fieber und ich
verbarg mich zitternd im Gewand meiner Wärterin Meine Mutter mochte die Ursache
meines Schreckens erraten sie kam auf mich zu und legte ihren Schleier zurück
so dass ich ihr Gesicht erkannte aber ich vermisste schmerzlich den glänzenden
Schmuck den ich sonst mit solchem Ergötzen in ihren Haaren an Hals und Ohren
hatte schimmern sehen Ich blieb lange furchtsam und ängstlich man gab mir
glänzendes Spielzeug ich konnte mich aber nicht beruhigen Endlich ward mir ein
kleines Mädchen zugeführt die mir freundlich zuredete und den Gebrauch des
schönen Spielzeugs kannte man sagte mir sie sei meine Schwester ich spielte
mit ihr und meine Furcht verschwand beinah ganz Dies war das erstemal dass ich
ein anderes Kind sah und meine Freude war sehr groß über diese neue
Bekanntschaft Nun war ich glücklich genug nur konnte ich mich durchaus nicht
an die finsteren Zimmer gewöhnen ich sehnte mich nach der frischen Luft nach
dem Himmel und den Bäumen meine Mutter begegnete mir mit der größten
Zärtlichkeit ich liebte sie aber ich ging doch noch lieber mit meiner Wärterin
ins Freie Meine Mutter blieb immer in diesen mir verhassten Zimmern sie weinte
fast immer wenn ich sie sah und ich hörte sie oft wiederholen mein Vater sei
gestorben aber ich konnte es nicht fassen ich wusste nicht wer mein Vater
gewesen sei ich hatte diese Benennung gar nicht zu brauchen gelernt Meine
Mutter sagte mir mit Tränen der schöne Herr der mich in ihrer Gesellschaft auf
der Insel besucht hätte wäre mein Vater gewesen Ich weinte nun auch und war
nicht wieder zu beruhigen die Wärterin fragte mich warum ich denn so sehr
weinte Ich wollte es nicht sagen man drang in mich O dass der Prior nicht mein
Vater war schrie ich so wäre der tot und der andre Herr lebte noch Ich
erinnere mich jetzt nicht mehr was auf diesen Ausruf erfolgte auch nicht ob
der Prior zugegen war
Von den Hausleuten hörte ich manchmal mit Bedauern sagen es wäre doch sonst
viel anders im Hause gewesen Ich erkundigte mich dann bei ihnen und bei meiner
Schwester wie es eigentlich gewesen wäre Ihre Erzählungen gaben mir ein
wunderliches buntes Bild von den weltlichen Freuden die jetzt ganz aus dem
Hause verbannt und an deren Stelle feierliche Unterredungen und Andachtsübungen
getreten waren Meine Schwester wusste nicht viel zu erzählen außer dass die
Mutter damals sehr reiche glänzende Kleider angehabt hätte
Einigemal hörte ich den Prior meine Mutter erinnern dass es jetzt die
höchste Zeit sei mir die Erziehung meiner künftigen Bestimmung zu geben und
mich in die notwendige Lebensart einzuführen Meine Mutter bat ihn aber ihr die
Gesellschaft der Kinder noch nicht zu nehmen sie würde alles Versäumte wieder
nachholen Ohne dass ich den Sinn dieser Worte verstand ängstigten sie mich mit
trauriger Ahndung die auch sehr bald erfüllt ward Meine Mutter ward immer
ernster und trüber und bald auch strenger gegen uns Anstatt unsrer
gewöhnlichen zierlichen leichten Kleidung gab man uns hässliche Kleider von
grobem Zeuge mit klösterlichem Schnitt und das während derselben Tage da ich
die Freude hatte dass man die schwarzen Vorhänge aus dem Zimmer meiner Mutter
nahm Die hellen Teppiche kamen nun zum Vorschein die prächtig vergoldeten
Zieraten glänzten mir entgegen ich war voller Freude über diese Herrlichkeiten
und nun musste ich diese Kleidung anlegen die mir schon an den Mönchen die ich
gesehen hatte so widerlich war Ich war außer mir ich wollte es durchaus nicht
leiden keine Drohung konnte mich bewegen Endlich zog meine Schwester mit
stillen sanften Tränen an was man von ihr verlangte da ließ ich mirs auch
gefallen Noch mehre Schrecken erwarteten mich an diesem unglücklichen Tage
Wir wurden zur Mutter hereingerufen sie war im Gespräch mit dem Prior und
noch einem Mann in geistlicher Kleidung den ich nicht kannte der mir aber
einen so fatalen Eindruck machte dass ich gewiss den Augenblick wo ich ihn
zuerst gesehen nie vergessen werde Er hatte ein finstres kaltes Gesicht wie
der Prior nur dass dieser ein vollkommen schöner Mann mit feierlichem stolzen
Anstand sich sehr gut zu präsentieren wusste auch über meine Mutter eine
Superiorität hatte die allen Ehrfurcht einflößen musste Der neue Ankömmling war
lang und mager von gelber Gesichtsfarbe und hatte so durchaus etwas
Jämmerliches und Demütiges Er bückte sich bei jedem Wort das meine Mutter mit
einer Protektionsmiene zu ihm sprach so furchtsam und ungeschickt Mir entging
nichts von dem allen meinen Widerwillen wusste ich aber erst später zu erklären
Er ward mir als mein Hofmeister bekannt gemacht und zu gleicher Zeit sagte
meine Mutter zu meiner guten Wärterin sie wäre von nun an die Hofmeisterin
meiner Schwester die unter ihrer unmittelbaren Aufsicht stehen sollte Ich
beneidete meine Schwester ich wäre so gern bei meiner Wärterin geblieben Es
erfolgte jetzt ein förmliches Abschiednehmen meine Mutter küsste mich und
führte mich zum Prior der mir seinen Segen gab meine Schwester ward weinend
von mir getrennt der Hofmeister empfing mich aus den Händen des Priors der ihm
Wachsamkeit und Fleiß empfahl Er führte mich fort ich folgte ihm halb tot vor
Entsetzen und bangem Erwarten Es war der Anfang einer unglücklichen Reihe von
Jahren der ich entgegenging
Er führte mich in das für uns bestimmte Zimmer es war ganz entlegen und
vom geräuschvollen Teile des Hauses entfernt Eine große schwere Türe am Ende
eines finsteren Ganges ward aufgetan Wir traten hinein eine kalte Luft umfing
mich ich schauderte und derselbe Schauder überfiel mich jedesmal wenn ich
hineinkam Das Zimmer war groß und hoch gotisch gewölbt die Fenster ganz oben
und zum Überfluss noch vergittert die nackten grauen Wände nur von finsteren
Heiligenbildern verziert Am einen Ende bedeckte ein großes Kruzifix einen Teil
der Wand drunter ein Tisch worauf eine Decke und zwei große Kerzen sich
befanden gegenüber unsre Betten zwei Tische mit Schreibzubehör ein
Repositorium mit Büchern und einige Stühle das war alles was diese Gruft
enthielt in der ich vier lange bange Jahre mit meinem gespensterhaften
Aufseher unter unaufhörlichem Zwang verleben musste Ich mochte ungefähr zehn
Jahre alt gewesen sein als ich hineingelassen ward Seltne spärliche
Sonnenstrahlen fielen durch die kleinen Gitter und diese vermehrten nur immer
mehr meine Traurigkeit und meine Sehnsucht nach dem freien Himmel wenn sie die
gegenüberstehende Wand erhellten Jeden Morgen beim Erwachen fiel mir das
Kruzifix in die Augen auf das oft ein solcher blasser Strahl schräg hinfiel und
es so schauderhaft erleuchtete dass ich davor zurückbebte Ich habe mich in
diesen ganzen vier Jahren an den Anblick nicht gewöhnen können ich war froh
wenn der Himmel umwölkt war damit ich die Strahlen nicht mehr sähe die sonst
meine größte Freude gemacht hatten Seitdem war ich noch oft sehr unglücklich
ich habe Momente der schrecklichsten Verzweiflung erlebt aber gegen die
Bitterkeit jenes Zustandes in dem ich die lieblichsten Jahre meiner Kindheit
vertrauren musste daran reichte seitdem nichts wieder Wie grenzenlos
unglücklich ein Kind sein kann dem die Hoffnung noch nicht bekannt ist das
nichts hat nichts kennt als den gegenwärtigen Moment an dem es mit allen
Sinnen mit aller Kraft und Begierde seiner empfangenden Seele hängt wenn es
abhängig von fremder Laune fremder Absicht seine frohen Wünsche die
natürlichen Gefährten seines Alters unterdrücken muss so dass selbst diese ihm
fremd werden gewiss hat ein jeder dies irgendeinmal erfahren aber die meisten
vergessen diesen peinvollen Zustand wieder sobald sie darüber hinaus sind Ja
oft rächen sie sich für das ausgestandne Übel wiederum an ihren Kindern so wie
diejenigen gegen ihre Untergebenen am härtesten verfahren die selbst aus dem
Stand der Dienstbarkeit sind Kinder werden von einer Generation auf die andre
als angebornes Eigentum angesehen das man zu seinem eigenen Vorteil oder nach
Laune bearbeitet und benutzt Nun wenn es unabänderlich so bleiben muss so ist
es nur eine Inkonsequenz dass die Eltern nicht auch über Leben und Tod ihrer
Kinder zu richten haben
Es hielt schwer eh ich mich bewegen ließ bei meinem Hofmeister zu bleiben
der im Hause allgemein der Pater genannt ward Ich sträubte mich aus allen
Kräften dagegen Endlich ward mir im Namen meiner Mutter notifiziert dass ich
mich durchaus fügen müsste sonst sollte ich sogleich ins Kloster der
Benediktiner wohin ich durch besondere Vergünstigung des Priors nun erst in
vier Jahren zu gehen brauchte Er hätte aus Gewogenheit für mich und meine
Mutter es erlaubt dass der größte Teil meines strengen Noviziats in ihrem Hause
unter der Aufsicht des Paters vergehen dürfte und für diese Gunst sollte ich
doppelt gehorsam und dankbar sein
Mein Schrecken war übermäßig als ich erfuhr dass ich zu den Benediktinern
sollte Der Prior hatte mich einmal im Kloster herumgeführt mir die Ordnung
Einrichtung und Gesetze erklärt und trotz dem dass er mir alles auf schönste
und unter vielen Schmeicheleien vortrug konnte doch nichts den Abscheu
überwinden den ich mit der größten Heftigkeit gegen Kloster und Mönche fasste
Er war sonderbar dieser Hass denn ich kannte ja die Welt noch nicht und
wusste nichts von ihren Freuden Aber es war mir immer als spräche etwas in
meinem Innern zu mir es gibt noch viel schöne Dinge aber weit von hier Doch
alles was ich einwenden mochte half nichts wollte ich diese vier Jahre noch
im Hause meiner Mutter bleiben dürfen so musste ich mir alles gefallen lassen
und nun war es beschlossen dass sowohl ich als meine Schwester zum Kloster
bestimmt wären und dass wir dieser Absicht gemäß schon jetzt unsre Lebensart
daran gewöhnen sollten
Anfangs wurde ich und meine Schwester täglich zu meiner Mutter geführt nach
und nach wurden aber diese Besuche immer seltener meine Schwester blieb meiner
alten Wärterin ganz überlassen und ich war allein mit dem Pater Nur an seltenen
Festtagen durften wir zur Mutter kommen auch fanden wir immer weniger Trost bei
ihr sie bezeigte uns zwar viel Liebe besonders mir aber sie selbst ward
täglich trüber und den Andachtsübungen immer mehr hingegeben Mein einziger
Trost war meine Schwester die ich aber nie sprechen konnte als im Garten wohin
mich der Pater regelmäßig jeden Abend führte wo sie sich dann auch mit ihrer
Hofmeisterin einfand dies war die einzige frohe Stunde die ich den ganzen Tag
hatte und auch diese war beschränkt denn der Pater verließ mich keinen
Augenblick und gelang es uns auch uns allein zu unterhalten so verging sie
unter gegenseitigen Klagen Das arme kleine Mädchen jammerte besonders sehr über
die hässliche Kleidung die ihr nicht stehen wollte ich tröstete sie oft wenn
ich weniger übelgelaunt war und einigemal versicherte ich ihr sogar als eine
Prophezeiung ich würde es wenn ich erst älter wäre gewiss ändern und ich
wollte sie freimachen sobald ich frei wäre Darauf wusste sie aber niemals etwas
zu sagen sie sah mich mit großen Augen an und es schien als glaubte sie mir
nicht was mich denn nicht wenig verdross
Meine Tage füllten trostlose Studien die alle darauf abzweckten mich zu
meinem künftigen Stande geschickt zu machen das kanonische Recht geistliche
Gebräuche Kirchengeschichte kurz alles was in dieses Fach gehört mein armes
Gedächtnis ward mit diesen toten Dingen bis zur Zerstörung gemartert Das Beste
was ich davontrug war die Kenntnis einiger alten und der deutschen Sprache
der Pater war ein Deutscher von Geburt und liebte seine Sprache Der Prior der
als ein gelehrter Mann bekannt war hatte es über sich genommen meine Studien
zu dirigieren Er kam jede Woche einmal und untersuchte meine Fortschritte es
war daher leicht zu begreifen dass der Pater sein Bestes an mir versuchte Mit
der größten Strenge hielt er mich an mir Sachen einzuprägen die ich Gott sei
Dank in kürzerer Zeit vergaß als ich zu ihrer Erlernung gebraucht hatte zur
Erholung wurde mir verstattet in den Legenden die Geschichte der Heiligen und
Märtyrer zu lesen deren Gemälde an den Wänden hingen Auch versuchte ich es
oft mit der Feder die Umrisse dieser Bilder nachzuahmen welches mir immer gut
gelang mit einiger Anleitung hätte ich vielleicht ein Künstler werden können.
Gewiss ist es aber dass Kinder von lebhaftem Geiste gegen die Dinge wozu man
ihnen durch frühe Gewöhnung eine Neigung zu geben sucht grade dadurch einen
Widerwillen bekommen nur auf schwache furchtsame Gemüter vermag die Gewohnheit
etwas Der Abscheu gegen mein Leben und meine Bestimmung nahm mit jedem Tage zu
da alles was mich umgab mich bis zur Ermüdung darauf hinwies Freiwillig und
lebensmüde hätte ich sie vielleicht einst selbst gewählt
Alle erwachsenen Leute erschienen mir nicht allein mürrisch und hart
sondern ganz unverständig und blind ihre Befehle und Verbote sinnlos und
abgeschmackt Darin ward ich besonders durch einen Zufall aus dem ersten Jahre
meines widrigen Lebens bestärkt Ich war nämlich einmal mit meiner Schwester im
Zimmer meiner Mutter sie wollte unsre Fähigkeit im Lesen prüfen Zufällig war
kein andres Buch in der Nähe als ein Gedicht das meine Mutter eben gelesen
hatte Ich las einige Verse in denen das Glück der Kindheit gepriesen ward
meine Mutter war mit der Fertigkeit womit sie gelesen wurden zufrieden und
rühmte indem sie sich zum Pater wandte die Schönheit der Verse und die
rührende Wahrheit des Inhalts der Pater stimmte laut mit ein Schwache
Geschöpfe die in solcher Abhängigkeit leben müssen glücklich zu preisen zu
beneiden das war zu toll Ich ward ganz wütend weinte und war durch nichts zu
bewegen noch weiter zu lesen und musste die Strafe für meinen Eigensinn wie
sie es nannten erleiden deren Ungerechtigkeit mich nur noch mehr empörte und
meine Verachtung gegen die geringe Einsicht meiner Vorgesetzten noch
vergrößerte Wie seufzte ich nach dem Moment mich von den harterzigen
unverständigen Tyrannen loszumachen sie nicht mehr fürchten zu dürfen Ich
suchte in den Augen meiner Schwester eine Übereinstimmung mit diesem Gefühle
ohne sie zu finden das Kind war durch meine erlittne Strafe erschreckt und las
gedankenlos was man ihr aufgab mit allem Eifer bloß um den Beifall der Mutter
zu erhalten ich hatte Mitleid mit ihr aber mein Zutrauen zu dem schwachen
Kinde war verschwunden
Der Eindruck dieser Begebenheit haftete unauslöschlich in meinem Gemüt ich
war seitdem überzeugt mehr Verstand zu haben als die mich beherrschten und
sie betrügen zu dürfen Weil sie stärker waren und ihre Stärke gegen mich
anwandten so glaubte ich meinen Verstand als die einzige Waffe wodurch ich
ihnen überlegen wäre gebrauchen zu müssen Ich suchte auf jede Weise meine
Unabhängigkeit in meinem Innern zu erhalten je mehr ich meine Handlungen und
mein äußeres Leben nach ihrem Willen ordnen musste In jeder Meinung ging ich
geflissentlich von der ihrigen ab es war mir genug dass jene etwas fest
glaubten um starke Zweifel in mir dagegen zu hegen und gerade das
Entgegengesetzte anzunehmen Da ich nun meine Freidenkerei sorgfältig verbergen
musste so hielt ich mich heimlich für den Zwang schadlos jeder Akt von
Unabhängigkeit auch der allerunbedeutendste erfüllte meine Seele mit einem
geheimen Triumph und dass ich nicht gleich auf der Stelle für meine Unwahrheit
von Gott bestraft wurde befestigte mich in meiner Überzeugung So lebte ich in
anscheinendem Frieden innerlich in beständigem Krieg mit meinen Vorgesetzten
dachte auch sie verachteten mich ebenso wie ich sie und suchten mich nur zu
überlisten
Wie ward ich nun überrascht und erschüttert als ich bei einer Krankheit
die ich aus Stolz einige Tage verbarg der ich aber endlich unterliegen musste
die Zärtlichkeit meiner Mutter und die Sorgfalt meines Hofmeisters für meine
Genesung gewahr ward Es waren die Blattern die mit gefährlichen Symptomen
herausbrachen Einige Tage lag ich in heftigem Fieber ohne Bewusstsein in dem
Augenblick als ich endlich zu mir kam und noch ganz entkräftet die Augen
aufschlug war das erste was ich unterscheiden konnte der Anblick meiner
Mutter die auf ihren Knien lag und mit heißen Tränen und geängstigtem Herzen
Gebete für ihr Kind zum Himmel schickte Ich machte eine Bewegung sie kam zu
mir ich sah sie bleich und ihre Kleidung und Haare zerstreut und nicht in der
gewöhnlichen Ordnung ich erkundigte mich nach der Ursache, da hörte ich sie
wäre in den Nächten meiner Lebensgefahr nicht von meinem Bette gewichen und
hätte sich auch am Tage nicht von mir entfernen wollen um gehörig auf ihrem
Bette zu ruhen oder sich umzukleiden Ihre Freude als sie gewahr ward dass ich
meine Besinnung wiedererlangt hätte und sie mich wieder ruhig und
zusammenhängend sprechen hörte auch der Arzt versicherte ich sei jetzt außer
aller Gefahr war unbeschreiblich und bewegte mich tief Mein Zustand schien
mir selbst höchst abschreckend und ekelhaft doch hielt er weder meine Mutter
noch meinen Hofmeister ab mir alle möglichen Dienste selbst zu leisten und
Erleichterungen zu verschaffen Sie verließen mich fast keinen Augenblick
begegneten mir mit nie erfahrner Freundlichkeit und suchten mir sogar durch
kleine Spiele diese Leidenszeit zu verkürzen Trotz meiner körperlichen
Schmerzen war ich zum erstenmal vergnügt mein Herz erweichte sich gegen
diejenigen die ich für meine Feinde gehalten hatte und die mich jetzt so
freundlich und zärtlich behandelten Mein Vergehen sie als Feinde betrogen zu
haben fiel schwer auf mein Gewissen es drängte mich mich ihnen zu entdecken
und sie selbst um die Auflösung meiner Zweifel zu bitten In dieser Aufwallung
von frommer Treuherzigkeit legte ich eine vollständige Beichte in Gegenwart
meiner Mutter und des Paters ab heiße Tränen entfielen meinen Augen bei dem
Bekenntnis meiner Sünden Der Moment war entscheidend denn jetzt hing es von
ihnen ab mich auf immer für sich zu gewinnen Die Idee vom Kloster ausgenommen
war ich zu allem bereit was von mir gefordert würde ja auch zu diesem hätte
ich mich vielleicht verleiten lassen wenn sie mich mit weniger sichtbarer
Absicht behandelt hätten aber sie verstanden mich nicht dies rettete mich
Während meiner Beichte waren beide sehr erschreckt wegen der Tiefe meiner
Ruchlosigkeit wie mein Hofmeister sich ausdrückte meine Mutter aber wegen
meines weltlichen Hanges zur Unabhängigkeit der durch keine geistliche Übung
und Anstrengung zu unterdrücken sei Während meiner Genesung ward ich mit
Schonung behandelt nur musste ich mehr noch als vorher Gebete hersagen und
sonst allerlei von mir verachtete Dinge vornehmen Mit unbeschreiblicher Geduld
verrichtete ich alles bloß aus Gefälligkeit für die Menschen die mich liebten
und die ich beleidigt hatte Dass sie mir mein Unrecht nicht fühlen ließ hatte
ihnen mein ganzes Herz wiedergewonnen
Ihr Betragen veränderte sich aber je mehr ich wieder an Kräften zunahm Mit
der möglichsten Strenge ward ich beobachtet zu unaufhörlichen mir
verabscheuungswürdigen Übungen angetrieben nicht die allergeringste Freiheit
ward mir verstattet im Hause der Mutter musste ich vollkommen so leben als im
Kloster dabei zeigte man mir unaufhörlich das größte Misstrauen Ich fühlte mich
hier so rein war es mir bewusst dass ich durch meine Aufrichtigkeit vielmehr ihr
Zutrauen hätte erwerben sollen ich fand jene so klein so unedel in ihrem
Misstrauen und mich so unwürdig behandelt dass mein Entschluss wieder aufs neue
fest ward mich zu befreien Wie und wann das sah ich unerfahren und kindisch
wie ich war durchaus nicht ein Der Zufall kam mir zu Hilfe
Wir machten unsern gewöhnlichen Spaziergang im Garten der Prior kam dazu
und nahm unsre Aufseher auf die Seite um etwas mit ihnen zu überlegen ich
blieb mit meiner Schwester in einem bedeckten Gang allein Auf einmal hörten wir
auf dem Hof nebenan einige Stimmen und Pferdegetrappel neugierig wie jeder
Eingekerkerte guckten wir durch eine ziemlich große Öffnung der Planke die
unsern Garten von jenem Hofe trennte Ich erblickte einen Jüngling der sich in
muntrer militärischer Tracht eben auf ein schönes Pferd schwang und vom Hofe
herunterritt Er war nicht mehr zu sehen und alles still um uns Ich
betrachtete bald mich bald meine Schwester Das Bild des leichten schlanken
Jünglings wie er sich auf das rasche Pferd schwang einen reichgekleideten
Knaben hinter sich schwebte mir noch immer vor Augen mein Zustand kam mir ganz
unleidlich vor ich weinte heftig ich war außer mir und in einem Zustande von
Verzweiflung Meine arme Schwester versuchte mich zu trösten es gelang ihr aber
nicht eher bis sie mir versprach sie wollte ihr möglichstes tun mich mit dem
Jüngling bekannt zu machen
Wirklich gelang es ihr einige Tage darauf ihn durch die Planke zu sprechen
und ihn zu bitten den andern Tag in derselben Stunde wieder an dem Ort zu sein
zugleich sagte sie ihm von meiner Begierde ihn zu sprechen Sie gewann ihre
Hofmeisterin für mich die mir noch immer sehr gewogen war öffentlich aber
nichts für mich tun konnte
Den andern Tag als wir im Garten waren entfernte sie sich um die bestimmte
Zeit mit dem Pater und meiner Schwester die nur unter der Bedingung nicht dabei
zu sein sie in ein so gewagtes Unternehmen hatte hineinziehen können Ich blieb
allein am bestimmten Ort der Jüngling erschien bald darauf nicht wenig
neugierig auf eine so abenteuerliche Zusammenkunft Mit wenigen Worten und ohne
Zeitverlust sagte ich ihm kurz die Ursache, warum ich seine nähere
Bekanntschaft wünschte bei welcher Gelegenheit ich ihn zuerst gesehen und
welche Hoffnung ich gleich beim ersten Anblick von ihm gefasst habe zugleich
machte ich ihn mit meiner ganzen Lage bekannt Er nahm auf der Stelle den
wärmsten Anteil an meiner Not beklagte mich versprach mir seine Hilfe und
seinen Rat in allem was ich unternehmen wollte und gewann mein ganzes Herz
durch sein edles Wesen Er bestärkte mich in meinem Vorsatz mich mutig zu
widersetzen vorher aber sollte ich zu erlangen suchen dass wir freundschaftlich
zusammen umgehen könnten Wir trennten uns da ich die Stimmen der übrigen
vernahm mit dem gegenseitigen Versprechen uns bald wiederzusehen
Ich hatte neuen Mut durch diese Bekanntschaft gewonnen und die erste
Wirkung war die mich nicht ferner zu verstellen jetzt verachtete ich meine
Unterdrücker mehr als ich sie fürchtete
Den andern Morgen sagte ich dem Pater in einer ordentlichen Anrede Ich
dankte ihm für seine bisherige Bemühung der er aber von nun an überhoben sein
sollte weil es mit meinen Studien vollkommen aus wäre Wollte er mich aber etwa
zum Studieren zwingen so würde ich sogleich zu meiner Mutter gehen und es ihr
selber sagen dass ich unter keiner Bedingung ins Kloster gehen noch auch die
geistlichen Studien weiter fortsetzen wolle ich sei fest entschlossen und ganz
bereit mich jeder Begegnung auszusetzen um mich freizumachen Der Pater war
wie aus den Wolken gefallen als er mich diese Sprache führen hörte und wollte
einiges versuchen mich wieder zum alten Gehorsam zu bringen da er mich aber
unwandelbar entschlossen sah nahm er plötzlich eine ganz andre Miene an Der
arme Teufel mochte wohl fürchten seine gute einträgliche Stelle und die
künftige Versorgung die ihm der Prior zugesagt hatte zu verlieren wenn ich
mich meiner Mutter entdeckte er wusste diese würde den Fall sogleich dem Prior
mitteilen der dann vor allen Dingen einen andern Hofmeister für den
rebellischen Knaben herbeischaffen würde eine Veranstaltung die zuerst den
Pater zu seinem eignen Nachteil hätte betreffen müssen Nach einigem Bedenken
fragte er mich nach meinem Plan sagte viel zu seiner Verteidigung wie ich ihn
verkennte wie er mich im Herzen immer bedauert hätte und mir aufrichtig
zugetan sei da es ihm aber aufgetragen wäre mich so zu behandeln so hätte er
seine Pflicht doch tun müssen Verlassen wollte er mich aber auf keinen Fall
und hier würde Gott es ihm verzeihen wenn er im Zweifel über seine Pflicht
seinem Herzen folgte und was der Worte mehr waren Sobald ich nur merkte dass
es sein Vorteil sei mir nichts in den Weg zu legen hörte ich nicht weiter
darauf Alles was er für mich tun könnte sagte ich ihm wäre mir die Erlaubnis
zu geben dass ich den Sohn unsers Nachbars des Marchese besuchen dürfte mir
auch unverzüglich und insgeheim ein Pferd und eine anständige Kleidung für mich
anzuschaffen dies alles dann dem jungen Manfredi zu überbringen und soviel
möglich mir zum Ausgehen zu verhelfen
Er versprach alles nur sollte ich Sorge tragen dass er mich nicht verlassen
dürfte ich gab ihm mein Wort und von dem Augenblick schwur er mir ganz ergeben
zu sein Ich traute ihm viel zu leicht wahrscheinlich hätte er mich bei der
nächsten Gelegenheit verraten wenn er Zeit dazu gefunden hätte aber es nahm
schneller eine gute Wendung als ich selber hoffen durfte Ich ging sogleich zu
meinem jungen Freunde der Pater begleitete mich damit es im Hause keinen
Verdacht erregte wenn man mich ohne ihn ausgehen sähe Zu meinem Freunde ließ
er mich aber allein nachdem wir einen Ort verabredet hatten wo wir uns
jedesmal wieder antreffen wollten Die Freude die wahrhaft kindische Lust als
ich nun im Zimmer meines lieben Manfredi war und in Freiheit mich mit ihm
unterhalten konnte beschreibe ich euch nicht Ich machte ihm bekannt wie
weit ich in der Insurrektion gekommen wäre und dass er nun das Pferd das mir
der Pater verschaffen würde versorgen und meine Kleider bei sich verbergen
möchte die ich dann immer bei ihm anlegen wollte sooft wir zusammen ausritten
denn dass ich gleich zuerst wollte reiten lernen versteht sich von selbst mein
guter Manfredi wollte mein Meister sein In unsern heißen Köpfen fand dieser
ganze Plan nicht die geringste Schwierigkeit mein Freund versprach mir alles
was ich verlangte was am Ende daraus werden sollte das wollten wir ein
andermal überlegen in diesem Augenblick hatten wir vor aller Herrlichkeit keine
Zeit dazu Ich war bei meines Freundes Fechtübungen zugegen und sogleich ward
beschlossen auch ich sollte heimlich teil daran nehmen Jetzt wusste ich
bestimmt dass ich Soldat werden wollte und Manfredi bestärkte mich in diesem
Vorsatz Ich lief ganz voll von allem was ich gesehen und betäubt von tausend
Empfindungen zu meinem ehrwürdigen Hofmeister den ich antrieb mir das Nötige
herbeizuschaffen
Als ich das nächste Mal zu Manfredi kam fand ich seinen Vater bei ihm und
er stellte mich diesem so vor dass ich merken konnte er hätte ihm von mir etwas
gesagt Ich war ängstlich ich hatte noch immer eine gewisse Furcht vor allen
erwachsenen älteren Leuten als den Feinden der jungen Der Marchese flößte mir
aber bald Zutrauen ein er begegnete mir freundlich und mit Schonung Als ich
einigen Mut gefasst hatte fragte er mich nach den genauern Umständen meiner
Geschichte Manfredi hatte ihm nur das Allgemeine davon mitgeteilt Ich erzählte
nun meine Lebensart klagte über den Zwang zu Studien die mir Langeweile
machten dass ich zum Kloster bestimmt aber entschlossen wäre mich bis in den
Tod zu widersetzen dass an dieser Härte und diesem Zwang niemand schuld wäre
als der mir fatale Prior der Beichtvater meiner Mutter dem sie nicht allein
das Heil ihrer Seele sondern auch die Führung aller weltlichen Dinge anvertraut
hätte Ja rief ich mit dem größten Affekt ich will lieber den Tod als das
Kloster ich will die abscheulichen Mönchskleider nicht länger tragen ich will
nicht aussehen wie diese Mönche und nicht werden wie sie dazu hat man mich
schon seit der zarten Kindheit gewöhnen wollen Ich klagte sogar mit der größten
Bitterkeit dass mir schon angekündigt wäre mir in den nächsten Tagen die Haare
abzuscheren die ich eitler törichter Weise zu sehr liebte Bis jetzt hatte
sie meine Mutter trotz der Vorstellungen des schrecklichen Priors immer noch
erhalten weil sie selbst sie liebte nun sollten sie aber herunter weil sie
befürchtete ihr Herz zu sehr an diesen weltlichen Schmuck zu hängen
Sie lächeln Juliane über die Wärme mit der ich dieser kindischen
Eitelkeit erwähne Sie können aber wohl schwerlich denken wie entsetzlich mir
die Idee war ebenso auszusehen wie die Mönche mit ihren geschornen Köpfen
meine Haare hielt ich noch für das einzige was mich von dieser verhassten Klasse
unterschied das Seil das mich noch in gewissem Sinn an die Welt knüpfte die
ich durchaus nicht verlassen wollte die ich erst wollte kennenlernen diese
Haare sollte ich nun lassen« »Nun lieber Florentin« rief Juliane »halten
Sie sich nicht auf was sagte der Marchese zu Ihrer tragischen Erzählung«
»Dem Marchese schien sie Vergnügen zu machen er lächelte einigemal mit
Bitterkeit als ich vom Einfluss des Priors auf meine Mutter sprach In der Folge
erfuhr ich dass er durch die Einmischung der Geistlichen in
Familienangelegenheiten schon eine schreckliche Zerrüttung bei einem seiner
Freunde erfahren und seitdem allem was zum Mönchstume gehörte den
unversöhnlichsten Hass geschworen habe Er ist sowohl durch seine Herkunft als
durch sein Vermögen von großem Einfluss und gebraucht diesen soviel er vermag
und mit der größten Vorsicht und Klugheit um allen Orden zu schaden wenigstens
ihrem zu großen Einfluss entgegenzuarbeiten
Er fragte mich wozu ich entschlossen wäre und was ich zunächst tun wollte
Ich entdeckte ihm mein Verständnis mit dem Pater und wie ich sobald mich
Manfredi in den notwendigsten Stücken würde unterrichtet haben gesonnen sei
davonzugehen und im Auslande Soldat zu werden Mit dem letzten war der Marchese
zufrieden aber die Heimlichkeit wollte er nicht billigen Er drang darauf mich
meiner Mutter zu entdecken Ich erinnerte ihn wie meine Mutter so ganz von
ihrem Beichtvater abhinge und dass ich von diesem ja auf keine Weise etwas
hoffen dürfte Gegen jeden Mann von Ehre setzte ich keck hinzu und der mit
gleichen Waffen gegen mich ficht werde ich offen und ohne Rückhalt handeln und
sprechen aber gegen diese Menschen halte ich die List für erlaubt sie ist mein
einziger Vorteil gegen sie Den Marchese belustigte wahrscheinlich mein
kindischer Eifer denn er ließ mich eine gute Weile deklamieren Endlich sagte
er Nun gut mein junger Freund beruhigen Sie sich nur Sie haben recht Sie
dürfen sich nicht aussetzen ich werde Ihre Sache führen hoffentlich soll es
mir gelingen Sie freizumachen nur versprechen Sie mir nichts ohne mein
Vorwissen zu unternehmen Ich versprach alles was er wollte in der Freude
einen Beschützer an dem Vater meines Freundes gefunden zu haben Jetzt gedachte
ich auch meiner armen Schwester die wie ich mir einbildete in derselben
angstvollen Lage seufzte Der Marchese erkundigte sich näher nach ihr da nahm
Manfredi das Wort und beschrieb ihre rührende Schönheit ihre Sanftmut und
Geduld mit einiger Wärme Der Marchese hörte ihn ernstaft an und sagte dann
Es tut mir leid für Ihre Schwester kann ich nichts tun Familienverhältnisse
machen es für die Töchter oft zur Notwendigkeit den Schleier zu nehmen und nach
allem was mir Manfredi sagt scheint sie sich recht gut in dieses Schicksal zu
fügen Ich wollte ihn vom Gegenteil überzeugen Nein nein fuhr er fort es
geht nicht an für Ihre Schwester lässt sich nichts tun und es wäre sehr gut
wenn ihr junge Herrn ihr nicht Hoffnung machtet und sie von dem Wege ablenktet
den sie gehen muss Was aber Sie betrifft verhalten Sie sich ganz ruhig Sie
sollen bald frei sein Ein Jüngling sollte niemals zum Kloster bestimmt werden,
solange man noch Köpfe und Arme in der Welt braucht und solange es Armeen gibt
Ich folgte dem Marchese und blieb ruhig auf meinem Zimmer beim Pater
wurden meine Aufträge widerrufen und ihm nur empfohlen ein wachsames Auge auf
das zu haben was bei meiner Mutter vorginge und es mir zu hinterbringen
Einige Tage darauf kam er besorgt zu mir und erzählte er wäre zu meiner Mutter
gerufen worden wo er den Prior gefunden hätte beide hätten mit Heftigkeit
geredet indem er hineingetreten sei und ihn scharf befragt wo ich den
Marchese gesprochen hätte und bei welcher Gelegenheit Er der Pater hatte
sich dann völlig entschuldigt und versichert er wüsste von nichts er wollte
mich aber danach fragen Dies wäre ihm gestattet worden und nun wollte er sich
bei mir erkundigen was er berichten sollte Es ward nun geschwind etwas
ersonnen das ziemlich glaubwürdig klang und wobei der Pater zugleich von jedem
Verdacht freiblieb und alles allein auf mich fiel Er gab mir zugleich
Nachricht von einigen ernstaften Unterredungen die meine Mutter mit dem Prior
gehabt endlich ward ich vorgerufen der ehrwürdige Pater empfahl mir noch
einmal sein Heil und nun trat ich nicht ohne Herzklopfen und bange Erwartung in
meiner Mutter Zimmer
Hier hatte ich einen schweren Auftritt zu überstehen Ich ward genau aber
ohne Strenge vernommen dann wandten sowohl meine Mutter als der Prior jede
Überredung jede Schmeichelei an mich zu bewegen dass ich mich freiwillig zum
Kloster entschließen sollte Meine Mutter weinte bat rief mir jede Erinnerung
ihrer mütterlichen Zärtlichkeit ins Gedächtnis zurück beschwor mich mit
aufgehobenen Händen mit den rührendsten Gebärden ihr alles was sie je für mich
geduldet hätte durch diesen einzigen Entschluss der das ewige Heil meiner Seele
und ihrer eigenen sicherte zu belohnen Ich war wie gepeinigt konnte nicht
sprechen nur durch meine Liebkosungen suchte ich sie zu beruhigen im Schmerz
die Frau die ich ehrte so leiden zu sehen und um meinetwillen aus Sorge für
meine ewige Seligkeit so leiden zu sehen konnte ich durchaus meinen Widerwillen
nicht wiederfinden halb war ich erweicht und wirklich in Gefahr nachzugeben
in dem Augenblick fing aber der Prior an mit seiner fetten Stimme die mir in
den Tod zuwider war mir die großen Vorteile der Abgeschiedenheit von dieser
verderbten zur ewigen Verdammnis lebenden Welt vorzuzählen und mir mit allen
Höllenstrafen für meine Widersetzlichkeit gegen meine Mutter zu drohen Da fiel
mir mein guter Manfredi ein und sein vortrefflicher Vater und dass ich wenn
ich standhaft bliebe ein Pferd haben und Soldat werden sollte dies brachte
mich zu mir selbst und ich war gerettet Dem Prior antwortete ich nicht aber
meiner Mutter mit einer für mein Alter seltenen Entschlossenheit und Festigkeit
Wie es der Marchese angefangen hatte begreife ich noch jetzt nicht denn
ich weiß gewiss er hat mit meiner Mutter selbst nicht einmal gesprochen kurz
ich ward befreit und das Resultat aller Überlegungen und Unterredungen war dass
ich nach einer nicht sehr entfernten großen Stadt in die adelige Militärschule
daselbst geschickt ward um mich dort in den nötigen Übungen geschickt zu
machen eh ich in Dienste treten konnte Mein Hofmeister auf den nicht der
geringste Verdacht fiel bekam die Versorgung nun noch früher als er gehofft
hatte er tröstete sich also für meinen Verlust und mir war es auch nichts
Geringes ihn so auf gute Art loszuwerden Der Abschied ward mir leicht meine
arme Schwester grämte sich aber recht herzlich dass ich mich von ihr trennen
musste Das arme Kind war nun ganz den Menschen überlassen die sich der Schwäche
ihres Charakters bedienten um sie nach ihrer Willkür zu lenken Sie fühlte ihre
Abhängigkeit aber diese drückte sie nicht so wie mich doch ich konnte es mir
gar nicht denken dass sie nicht ebenso unzufrieden sein müsste Beim Abschied
steckte ich ihr einen Zettel zu ich riet ihr darin mir zu schreiben wenn ich
ihr helfen sollte ihre Hofmeisterin würde mir zuliebe gewiss ihre Briefe
bestellen
Jetzt erwartete mich aber noch eine große Freude Manfredi kam und kündigte
mir an dass er mit mir reise Er war zwar älter als ich und hatte seine Übungen
schon vollendet da der Marchese ihn aber so jung nicht zum Regiment schicken
wollte so hatte er in die Bitte des Sohns gewilligt in meiner Gesellschaft
sich noch in manchen Dingen vollkommener zu machen und mich auch da ich so
völlig ohne Welt war und man mich auf eine so unverzeihlich nachlässige Weise
ganz allein reisen ließ dort einzuführen und meine Studien zu dirigieren
Auffallend war es in der Tat wie man mich nach der strengsten Aufsicht
plötzlich mir selbst überließ ohne Führer ohne Ratgeber als ob ich von nun an
für vogelfrei erklärt wäre Man hielt mich von dem Augenblick an wahrscheinlich
für einen Raub des Satans und jede Sorgfalt für ganz unnötig
Der Marchese billigte gleich den Vorsatz seines Sohnes und befestigte ihn
noch darin Meine Erziehung schien ihn zu interessieren In der Folge glaubte
ich zu bemerken dass es ihm auch darum zu tun war Manfredi von meiner Schwester
zu entfernen damals fiel es uns aber beiden gar nicht ein wir freuten uns
herzlich beisammen zu sein und waren dem gütigen Marchese dankbar für seine
Wohltaten Ich war damals etwa vierzehn oder fünfzehn Jahr Manfredi einige
Jahre älter Es war in derselben Jahreszeit in der wir jetzt sind dass ich
zuerst die schöne Welt frei betrat an der Hand meines guten Manfredi« »Ach«
rief Juliane »ich schöpfe endlich freien Odem Ich fand keinen Ausweg für Sie
und ängstete mich gewaltig Sie endlich dennoch unter den Mönchen zu sehen es
wollte mir gar nicht deutlich werden dass Sie nun hier sind und kein Mönch
haben werden müssen« »Florentin« fiel Eduard ein »hat so gut erzählt man
musste es ganz aus den Augen verlieren dass es eigentlich seine Geschichte sei«
»In der Tat« sagte Juliane »ich hätte nie geglaubt dass er so
zusammenhängend und in einem Strome fort reden könnte« »Ich kann nicht
finden dass ich so gut erzählt hätte denn anstatt die einfache Geschichte
geradeweg zu erzählen bin ich in den Konfessionston hineingeraten Es ist die
Erinnerung meiner Kindheit die einzige Epoche meines Lebens die mich
interessiert die mich so schwatzhaft gemacht hat Zum Glück ist es hier nun
aus denn ich bin es selbst müde« »Wie Aus« »Ja aus denn was mir nun
noch zu erzählen bleibt ist des Erzählens kaum wert und lässt sich in ein
Dutzend Worten ungefähr fassen nämlich die eine bis zur Ermüdung wiederholte
Erfahrung dass ich eigens dazu erkoren zu sein scheine mich in jeder
Lächerlichkeit bis über die Ohren zu tauchen immer nur von einem Schaden zum
andern etwas klüger zu werden mich immer weniger in das Leben zu schicken je
länger ich lebe und zuletzt der Narr aller der Menschen zu sein die schlechter
sind als ich« »Nicht so gar bitter lieber Florentin« sagte Eduard
freundlich »vergessen Sie nicht dass dieses mehr oder weniger das Schicksal
aller Jünglinge ist nur wirkt diese Allgemeinheit verschieden auf die
verschiedenen Gemüter« »Jawohl aber eben das ist es« sagte Florentin »dass
es gerade auf mich so und nicht anders wirken musste Ist denn diese
Verschiedenheit nicht eigentlicher das Schicksal zu nennen als die äußern
Begebenheiten« Juliane unterbrach ihn »O lieber Florentin nur einige von
Ihren Erfahrungen wie Sie sie nennen erzählen Sie noch ich bin sehr begierig
zu hören wie man Sie so oft hat zum besten haben können man muss es doch eigen
angefangen haben« »Auf die einfachste Weise von der Welt das sollen Sie
hören
Manfredi und ich waren unzertrennlich während unsers Aufenthalts auf der
Akademie noch liebe ich ihn immer herzlich und ich wünschte wohl wir träfen
noch einmal im Leben zusammen wir waren uns gewiss echte Freunde obgleich wir
dem Äußeren nach eben nicht füreinander passten ich war immer wild ausgelassen
einigermaßen tollkühn und roh er hingegen sanft liebend von schöner Gestalt
und edlem Gesicht feinem Anstand tadellosen wahrhaft altadeligen Sitten
strengen Grundsätzen über die Ehre und doch zog uns diese Verschiedenheit
vielmehr gegenseitig an Er konnte am ersten mich von irgendeiner
Ausgelassenheit zurückführen dagegen konnte ich sicher auf ihn rechnen wenn es
darauf ankam irgend etwas Rechtes auszuführen oder wenn meine Ehre zu retten
war Hatte ich zu irgend etwas mein Wort gegeben so half er es lösen wenn auch
mit Lebensgefahr War es aber vollbracht so musste ich oft die ernstaftesten
Verweise wegen meiner Unbesonnenheit von ihm hören Von niemand hätte ich sie
ertragen als von dem der den Mut und die Liebe hatte alles für mich zu wagen
O du mein guter Genius der du meine Jugend mein schönstes Dasein schütztest
warum haben wir uns trennen müssen Seitdem mein Manfredi wandre ich einsam
und in der Irre« Florentin sagte diese letzten Worte mit einer vor Rührung
erstickten Stimme er hob sein Auge mit Wehmut empor dann schwieg er in
Gedanken verloren Eduard nahm seine Hand Florentin blickte ihn an und sah
Tränen in seinen Augen glänzen er warf sich in seine Arme »Ich verstehe den
Vorwurf dieses Händedrucks mein guter Eduard Nein ich bin jetzt nicht mehr
allein nicht mehr in der Irre ich habe wieder ein Herz gefunden das verdient
neben dem Andenken an meinen Manfredi zu stehen Ich bin dein Eduard auf
immer« »Ewig dein mein Florentin « Sie hielten sich in fester Umarmung
umschlossen »Schliesst mich nicht aus aus eurem Bunde« sagte Juliane »auch
ich bin euer« Eduard umarmte sie zärtlich sie beugte sich gegen Florentin er
berührte freundlich lächelnd ihre Stirn mit seinen Lippen
Achtes Kapitel
Nach einer Pause fing Florentin wieder an
»Wir waren ungefähr zwei Jahre auf der Akademie unsre Übungen waren
vollendet wir sprachen schon von unsrer Rückreise und meinem weitern
Fortkommen als ganz unerwartet ein Brief an mich ankam er war von meiner
Schwester Der Tag ihrer Einkleidung sei bestimmt schrieb sie mir und sehr
nah sie wolle also von mir und meinem Freunde schriftlich Abschied nehmen und
mich meines Versprechens ihr zu helfen entlassen denn sie dürfe jetzt nicht
mehr auf die Ausführung desselben hoffen Sie sei nun entschlossen sich drein
zu ergeben auch hoffe sie es würde ihr gewiss am Ende gut gehen denn seit dem
Jahre dass sie nun im Kloster gelebt habe sie viel Liebe und Freundlichkeit von
den Nonnen erfahren sie habe auch schon einige gute Freundinnen die sie sehr
liebe die sie wieder zärtlich lieben und mit denen sie immer zusammen sei das
sei doch eine Freude die sie bei der Mutter entbehre wo sie ebenso streng
eingezogen leben müsse als im Kloster und dabei ganz allein ohne eine
Gespielin ihres Alters zu haben Sie wünsche sehr von mir und Manfredi mündlich
Abschied zu nehmen wir sollten es doch möglich zu machen suchen
zurückzukommen um bei der feierlichen Einkleidung zugegen zu sein und sie in
ihrem Schmuck zu sehen denn sie würde ganz herrlich geschmückt sein die Mutter
hätte ihr für ihren Gehorsam einen reichen Anzug zur Zeremonie gegeben und so
viel Geld zu guten Werken als sie nur immer verlangte Ihre vorige Hofmeisterin
habe diesen Brief zu bestellen übernommen aus alter Liebe für ihre
Pflegekinder und wolle ihr auch meine Antwort überbringen wenn ich ihr eine
schreiben wollte
Dies war ungefähr der Inhalt ihres Briefes Die Unschuld aber das
Unbewusste Einfältige das aus jedem Wort hervorblickte kann ich nicht
ausdrücken Wir wurden beide auf eine eigne Weise von der Beschränktheit
gerührt und Manfredi erinnerte sich dabei mit vieler Zärtlichkeit der süßen
Gestalt und der frommen kleinen Miene Ich beschloss auf der Stelle sie zu
retten wenn Manfredi mir zur Ausführung helfen wollte Dieser war nicht so bald
zu bewegen aber ich hatte ihm das Geständnis abgedrungen dass ihr rührendes
Bild so wie er es durch die Planke des Gartens erblickt hatte jetzt aufs neue
mit großen Ansprüchen auf seine Hilfe vor ihn träte dass er es eigentlich noch
nie aus seiner Seele verloren habe kurz dass er sie liebe und gewiss glücklich
sein würde wenn er sich mit ihr verbinden dürfte Überdem hatte ich ihr Hilfe
versprochen und sie schien sogar auf ihn gerechnet zu haben er ward endlich
überredet dass unsre Unternehmung gerecht und ehrenvoll sei und versprach mir
seine Hilfe Und nun ward ein allerliebster Plan verabredet der so toll war
dass es uns alle drei wenn er gelungen wäre ins tiefste Elend gezogen hätte
Uns kam aber damals nichts leichter nichts natürlicher vor
Meiner Schwester schrieb ich in wenigen Worten Ich wolle mein Versprechen
mit Manfredis Hilfe erfüllen Sie solle alles tun was man von ihr verlangte
nur Sorge tragen dass sie nicht die erste sei die an dem Tage das Gelübde
ablegte Sie werde mich in dem Augenblick sehen wenn sie zum Altar gehen müsse
dann solle sie sich gefasst halten mir auf meinen Wink zu folgen Mit Manfredi
hatte ich verabredet gleich zurückzureisen ohne es jemand wissen zu lassen
ohne uns zu zeigen und den Tag der Einkleidung in einem entlegenen Hause vor
dem Tor zu erwarten Dann wollte ich ganz eingehüllt ins Kloster gehen und mich
unter das Gedränge mischen wenn dann meine Schwester sich mit der Begleitung
aller Angehörigen durch die Menge drängte um zum Altar zu gelangen und alles
aufmerksam auf die Himmelsbräute wäre die vor ihr eingekleidet würden dann
sollte ich den Moment wahrnehmen sie von den übrigen ab und zur Tür
zurückführen sie dann schnell in einen Mantel verhüllen den ich über meinen
eigenen hängen wollte und mit ihr durch den nächsten Gang in den Garten eilen
Da bei einer öffentlichen Feierlichkeit die Türen offen sind oder doch
nachlässig bewacht werden so war von dieser Seite kein Hindernis zu befürchten
Manfredi musste unterdessen eine Strickleiter an die Mauer befestigt haben und
uns draußen mit einer Chaise und raschen Pferden erwarten auch müsste er eine
Männerkleidung in Bereitschaft halten die meine Schwester sogleich anlegen
könnte wenn wir uns außer der Stadt sähen dann wollten wir ohne zu rasten
nach Venedig reisen dort würden sie sogleich getraut Für die Einwilligung
meiner Schwester war ich Bürge ich war überzeugt sie würde sich in ihrem neuen
Lose besser und glücklicher finden als in dem traurigen wozu sie sich schon so
geduldig gefügt hatte Manfredi bleibt mit ihr in Venedig ich reise zurück
versöhne den Marchese mit ihnen der zu edel ist um sie seinen Zorn lange
empfinden zu lassen besonders da diese Handlung seinen wahren Grundsätzen gar
nicht entgegen sein kann was er uns damals darüber gesagt war gewiss nur um
uns von allen weiteren Plänen abzuhalten sein Ernst konnte es aber nicht sein
Ist nur erst der Marchese versöhnt so muss es ihm leicht werden auch unsre
Mutter zu beruhigen besonders da es doch nun einmal geschehen und nicht zu
ändern sein wird Dann hole ich sie wieder von Venedig ab sie werden beide
glücklich sein und werden mir ihr Glück danken ich habe dann redlich meine
große Schuld gegen Manfredi abgetragen Wir haben unser Leben gewagt für die
gute Sache wir haben den Priestern ein Schlachtopfer aus den Händen gewunden
Das Bewusstsein dieser großen Handlung wird uns auf ewig stärken und erheben und
unser Trost im Tode sein wenn wir dem Versuche unterliegen sollten
Mit diesen hohen Worten die wir wechselsweise einander zuriefen und uns
die Köpfe immer mehr erhitzen eilten wir an die Ausführung des großen Werks
Von den unzähligen Schwierigkeiten fiel uns keine ein Anfangs ging alles dem
Plane gemäß Wir reisten ab kamen an wohnten im strengsten Inkognito vor dem
Tore in einem unbekannten Hause Den Morgen nach unsrer Ankunft erzählte uns
unsre Wirtin es werde heute in dem Nonnenkloster ein großes Fest gefeiert wo
die ganze Stadt gewiss hinströmen würde um es anzusehen sie selbst wolle auch
nicht zurückbleiben sie bat uns daher mit unsrer Abreise zu eilen wenn wir
nicht etwa auch Zuschauer abgeben wollten Es würden drei vornehme Fräulein
heute ihr Gelübde ablegen die alle drei schön und fromm wie die heiligen Engel
wären und es wohl verdienten glückselige Bräute des Himmels zu werden Das
wäre ein sehr schönes und erbauliches Schauspiel auch freute man sich schon
die heiligen Reden des vortrefflichen Priors zu hören und seinen Segen zu
erhalten Sie nannte den wohlbekannten Namen des Priors und mein ganzer Eifer
entbrannte aufs neue Manfredi eilte seine Aufträge zu besorgen ich in die
Kirche des Klosters
Es war noch sehr früh das Volk versammelte sich allmählich mir ward die
Zeit lang Ich ging wieder hinaus um mir den nächsten Gang nach dem Garten und
durch denselben nach der Mauer recht zu merken In der Tür begegnete mir meine
alte Wärterin ich wandte mich von ihr um mich zu verbergen sie hatte mich
aber schon erkannt und guckte mich scharf an Mein Jesus sind Sie wahrhaftig
hier kommen Sie nur gleich mit mir zum Fräulein sie erwartet Sie schon folgen
Sie mir nur Ei ei Sie sind wirklich gekommenIhre Anrede befremdete mich ich
suchte sie so vorsichtig als möglich auszuforschen sie wusste aber nichts
weiter konnte mir auf keine Frage antworten als dass sie mich zu meiner
Schwester führen sollte die mich sprechen müsste ich folgte ihr also Sie
öffnete eine Tür ich trat hinein und sah meine Schwester in prächtigem
Brautschmuck in den Armen meiner Mutter die sie mit Schmeicheleien und Küssen
bedeckte Meine Schwester schrie laut auf als sie mich gewahr ward ihr Gesicht
in beiden Händen bergend dann kam sie auf mich zu
Vergib mir rief sie und fiel mir um den Hals vergib mir Guter und lebe
wohl Sie wollte noch sprechen meine Mutter verhinderte sie aber daran Geh
meine fromme Tochter sagte sie lass mich mit ihm allein Meine Schwester ging
hinaus ich war unbeweglich und stumm vor Erstaunen Meine Mutter fing wieder
an Ich habe nur wenig Zeit Florentin mich mit dir zu unterhalten Dein
entsetzliches gottloses Vorhaben ist entdeckt Sei ewig gepriesen von mir
gebenedeite Jungfrau dass du das Herz meines Kindes gerührt hast eh es
unwiderruflich verloren war In dieser Nacht die das arme Kind in der Angst
ihres Herzens unruhig und schlaflos zubrachte ward es ihr in einer wundervollen
Erscheinung offenbar dass sie auf schlimmem Wege sei und im Begriff ihre Seele
ewiger Verdammnis zu übergeben und mit ihr zwei andre Seelen noch die leider
ach vielleicht nicht mehr zu retten sind Ein Strahl der ewigen Gnade hat das
geliebte Kind des Himmels erleuchtet und sie fest im Entschluss zum Guten
gemacht Diesen Morgen als ich ihr den Brautschmuck anlegen half und mich
ihrer Schönheit im Herzen erfreute hat sie mir euer Vorhaben entdeckt und
deinen Brief gezeigt Florentin ich will jetzt nichts davon erwähnen wie sehr
es mich beugte noch steht es bei dir mich in hoher Himmelsfreude wieder
aufzurichten Auf mein Geheiß hat das fromme Kind gebeichtet und ihre Seele von
aller Angst lösen lassen Der Prior dem sie die Beichte abgelegt weiß nun
alles auch habe ich soeben eine Unterredung mit ihm deinetwegen gehabt Du hast
dich schwer vergangen er kann und darf es nicht verhindern dass du schwer dafür
büssest Ein einziges Mittel gibt es noch dich mit dem Himmel zu versöhnen
Entsage der Welt leb in Ruhe im Schoss der Kirche Nimmer nimmermehr Mutter
rief ich in höchster Bewegung Nein durchaus nicht Nun so fliehe eile von
hier weg es ist das einzige was ich für dich tun kann wenn ich dich aufs
schnellste entfliehen heiße denn hier bist du jetzt keinen Augenblick in
Sicherheit mein Herz blutet für dich glaub mir das Hier nimm diesen Beutel
Was er enthält ist alles was du jemals von mir zu erwarten hast Dein weiteres
Fortkommen bleibt dir selbst überlassen du hast dir ein müh und sorgenvolles
Leben erwählt nun musst du es tragen Du wirst kümmerlich darben müssen in der
Welt in der heiligen Zurückgezogenheit hättest du weltliche Not nie gekannt
Davon nichts mehr Mutter ich will gehen gleich gehen Nur ein Wort noch Ist
es möglich dass Sie selbst meiner schwachen Schwester zureden konnten mich dem
Prior zu verraten Lästerliche Worte nennst du die Beichte Verrat deine
fromme Schwester schwach Es galt ihre Ruhe auf dieser ihre Seligkeit auf jener
Welt Sie ist mein Kind Und ich nicht Mutter bin ich nicht Ihr Sohn
Ich erzähle euch hier so zusammenhängend als möglich was mit der äußersten
Verwirrung gesprochen ward indem eins dem andern immer in die Rede fiel ich
war besonders wegen dieser unerwarteten Wendung in großer Verwirrung Zuletzt
ward ich heftig meine Worte fallen mir jetzt nicht wieder ein aber sie mochten
wohl eben nicht sanft sein ich strömte über von Vorwürfen dass sie ihren Sohn
ihren einzigen Sohn im blinden Aberglauben den Pfaffen aufgeopfert hatte und
schonte sie vielleicht zu wenig Sie ward aufgebracht und rief endlich in großer
Hitze Trotze nicht länger Florentin und höre etwas wozu ich nicht wieder
einen schicklichen Augenblick finden werde denn wir werden uns nie wiedersehen
Ich bin nicht deine Mutter und meine Tochter ist nicht deine Schwester Das
war freilich etwas Neues ich war wie betäubt Wo wer wer denn rief ich
Dazu ist jetzt nicht Zeit auch nützt es dir nicht es zu wissen deine Eltern
leben nicht mehr sie waren mir teuer darum warst auch du es mir Es wird
geläutet ich muss jetzt fort Halte dich nicht länger auf Florentin wenn man
dich hier erblickt so vermag ich dich nicht zu retten Es ist der letzte
Liebesdienst den ich dir erweise lass dich umarmen mein Sohn Ich bin zwar
nicht deine Mutter aber ich habe mütterliche Sorge für dich getragen vergiss es
niemals Lebe wohl Gott segne dich Flieh ich höre Stimmen im Nebenzimmer
Oder kehrst du noch um wirfst du dich reuig in die Arme der heiligen Kirche
Leben Sie wohl rief ich ihr nach als sie mich standhaft verneinen sah und sich
mit einem Ausdruck von Schmerz und Unwillen ins Nebenzimmer wandte Jetzt hörte
ich viele Stimmen unter allen hervor die mir so verhasste Stimme des Priors
Betäubt eilte ich fort im allgemeinen Getümmel kam ich unbemerkt wieder hinaus
Manfredi erwartete mich der Abrede gemäß an der Gartenmauer ich setzte
mich in den Wagen und ohne ihm weiter etwas zu sagen musste er wieder
hinfahren wo wir hergekommen waren
Dies war das tragische Ende unsrer Heldenunternehmung Begreifen Sie jetzt
wohl Juliane wie leicht es ist einen Narren aus mir zu machen Manfredi sah
mich mit großen Augen an und wartete mit Gelassenheit bis der Strom von
Ausrufungen und Schimpfreden der sich reichlich von meinen Lippen ergoss
gemässigter wurde Endlich war ich ruhig genug geworden ihm den Verlauf meiner
Unternehmung zu erzählen Er war nicht wenig erstaunt über die Veränderungen
Erklärungen und Verwicklungen die diese hervorgebracht hatte Die Schwäche
meiner Schwester fiel ihm wenig auf er gestand mir er hätte gleich anfangs
Hindernis von ihrer Seite befürchtet und ihre Einwilligung würde ihn weit mehr
gewundert haben Er war mit mir überzeugt dass sie einst ihr Gelübde bereuen
und dann diesen verlorenen Moment gern mit ihrem Leben zurückrufen würde Mein
guter Manfredi trauerte über ihr Schicksal und suchte sie gegen meine heftige
Anklage in Schutz zu nehmen
Von seiner Liebe zu ihr war nicht wieder die Rede zwischen uns Entweder sie
war in ihm ebenso schnell erloschen als aufgelodert oder er drängte sie
gewaltsam in sein Inneres zurück um den gemeinschaftlichen Angelegenheiten die
uns jetzt so nahe lagen Raum zu lassen Es ward beschlossen dass Manfredi
wieder zurück auf die Akademie gehen müsste von dort sollte er an seinen Vater
schreiben ihm alles entdecken und ihn um Rat fragen ob er es wagen dürfte in
seine Vaterstadt zurückzureisen oder wenn der Anteil den er an meinem
Unternehmen genommen bekannt geworden und es gefährlich für ihn wäre so
sollte er ihn um die Erlaubnis bitten mir folgen zu dürfen ich hatte
beschlossen nach Venedig zu reisen Dürfte er aber zu seinem Vater reisen so
sollte ich in Venedig Nachricht von ihm erwarten er würde alsdann dort alles
anwenden die bösen Folgen unsers Unternehmens zu unterdrücken dann wollten wir
uns auf irgendeine Weise wieder zusammen treffen Manfredi versprach mir auch
vor allen Dingen keine Mühe und keine Nachforschung zu sparen um etwas über
meine Geburt und meine Eltern zu erfahren wir hofften der Marchese selbst
würde sich dafür interessieren und uns eine Aufklärung dieser seltsamen
Begebenheit verschaffen Wie die Kinder beschäftigte uns die Dunkelheit über
mein vergangnes Schicksal mehr als die Sorge für die Zukunft ein sonderbares
Rätsel war es allerdings dass fremde Menschen sich eine solche Gewalt über mich
hatten anmassen wollen und dann mich wieder mit so vieler Sorgfalt behandelt
hatten Die Nacht hindurch reisten wir dann trennten uns unsre verschiedenen
Wege Den Morgen schieden wir unbekümmert und mit der Zuversicht uns bald
wiederzusehen um uns dann gewiss nie wieder zu trennen«
Neuntes Kapitel
»In wenigen Tagen war meine Reise glücklich und ohne Abenteuer zurückgelegt da
war ich nun ohne Aufsicht ohne Zweck ohne Plan als den zu leben in meinem
siebzehnten Jahr mit aller meiner eigentümlichen Ausgelassenheit die noch
ausgelassner war seitdem ich niemand angehörte mit einem Vermögen von ungefähr
tausend Dukaten ein unerschöpflicher Reichtum für meine Unbesorglichkeit und
Unerfahrenheit sprudelnd vor Gesundheit und Mutwillen und allen erwachenden
Sinnen in Venedig Erwartet hier von mir ihr lieben Freunde keine
detaillierte Fortsetzung meiner Lebensgeschichte es könnte mich leicht zu weit
führen auch gehören meine tollen Begebenheiten in der majestätischen Republik
diesem Sammelplatz aller Torheiten in ernsthafter zeremoniöser Hülle sowie der
greulichsten Anhäufung aller Grausamkeiten unter die fröhliche Maske gesteckt
sie gehören nicht in den eigentlichen Lauf meines Lebens vielmehr ward dieser
durch jene gehemmt aber sie machen zusammen ein artiges Kapitel in meinen
Konfessionen aus die ich gewiss noch einmal schreiben und Ihnen zueignen werde
Juliane« »Gut ich werde Sie bei Ihrem Wort halten« »Und dieses deswegen
weil sie sich mit einem Bekenntnis endigen sollen das aller Wahrscheinlichkeit
nach das letzte sein wird das ich abzulegen haben werde und das Julianen am
nächsten betrifft« »O jetzt keine von Ihren niedlichen Possen Florentin
Bringen Sie Ihre Geschichte zu Ende ich bin höchst neugierig« »Und ich
höchst ermüdet von den Erinnerungen meiner unnütz vertaumelten Jahre Doch ich
gehorche
In kurzer Zeit war ich nun in Venedig der Polarstern des guten Tons die
Seele aller Intrigen der Freund aller lustigen Köpfe der Anführer aller tollen
Streiche der Tyrann aller zärtlichen und der Ehrgeiz aller koketten Frauen
geworden Es gab kein gutes Haus in das ich nicht freien Zutritt hatte Da ich
mit meinen tausend Dukaten zu leben angefangen als wären es ebenso viele Tonnen
Goldes so nahmen sie ein rasches Ende Die Börsen meiner Anhänger benutzte ich
nicht wiewohl sie mir offen standen weil ich sie nicht brauchte ich war sehr
glücklich im Spiel und spielte viel Einigen kläglichen dummen Teufeln die
weder das Spiel noch sich selbst verstanden denn sie hatten in wahrer blinder
Wut ihr ganzes Vermögen gegen mich gesetzt und verloren deren Frauen ich
kannte und bedauerte hatte ich ihren Verlust zurückgegeben wodurch ich bald in
den Ruf der Großmut geriet
In dieser brillanten Epoche bekam ich einen Brief von Manfredi Sein Vater
war gleich nach Empfang seines Briefes zu ihm auf die Akademie gekommen Durch
unsre Geschichte war der Prior zu sehr in Vorteil gegen den Marchese gesetzt
als dass er ihn nicht hätte zu benutzen suchen sollen Manfredi durfte es so
wenig als ich wagen sich in seiner Vaterstadt sehen zu lassen aber auch nach
Venedig durfte er nicht kommen sondern er musste nach Frankreich zu dem
Regiment worin sein Vater ihm eine Kompanie gekauft hatte Der Marchese war
sehr aufgebracht wegen des unüberlegten Streichs besonders weil er es uns
eigentlich untersagt hatte irgend etwas für Felicita so heißt sie zu
unternehmen Doch ließ er mir durch Manfredi wissen er würde jemand den Auftrag
geben auf mein Betragen in Venedig achtzugeben und weiter Sorge für mein
Fortkommen tragen wenn der Bericht über mich gut ausfiele Noch habe er nichts
Näheres über meine Geburt und meine Eltern erfahren können er würde aber keine
Mühe sparen und mir sobald er etwas Sicheres wisse Nachricht darüber erteilen
Unterdessen sollte ich der würdigsten Eltern mich würdig machen
Ich hatte eine große Freude über den Brief meines Manfredi denn außer
diesen Nachrichten fand ich die schönsten Beweise von der Fortdauer seiner Liebe
und einige freundliche Vorschläge uns wiederzusehen Auch der väterliche Ton
des Marchese freute und beruhigte mich doch war es als ob irgendein Geist mich
abhielt mich wie ich gekonnt hätte ganz seiner Sorge zu überlassen und
seinem gutgemeinten Rat zu folgen Es widerstrebte etwas in mir der
Notwendigkeit einen regelmäßigen Stand und ein Amt zu bekleiden es war mir
nicht bestimmt auch fühlte ich selbst mich nicht dazu gestimmt Zwar nahm ich
mir vor Manfredi aufzusuchen um bei demselben Regimente wobei er stand
womöglich Dienste zu nehmen und ich schrieb es ihm aber die Ausführung dieses
vernünftigen Plans schob ich immer weiter hinaus Bald wollte ich dies nur noch
abwarten bald jenes ausführen kurz es ward nichts daraus
Unter vielen Reisenden und Fremden die ich kennenlernte waren ein paar
Engländer die sich sehr an mich hingen reiche Lords die ihr Geld um sich her
warfen um ihre Langeweile loszuwerden und das was sie für ihr Geld
eintauschten machte ihnen nur noch größere Ihr sonderbares humoristisches
Wesen zog mich an ihre Langeweile machte mir die größte Kurzweile Was ihnen an
mir gefallen haben mochte weiß Gott sie waren beständig bei mir und sagten
oft in ihrer rauen Mundart ich wäre der einzige Italiener der ihnen nicht
unleidlich wäre Das war freilich sehr schmeichelhaft für mich wenn ich nur
nicht Venedig mit seinen Herrlichkeiten und meines Lebens dort herzlich
überdrüssig geworden wäre Ich sehnte mich fort
Ich hatte meine Lords zu allen Kunstwerken die Venedig enthält geführt
hatte viele Städte Italiens wo es etwas Sehenswürdiges gab mit ihnen
durchreist Dies und der Umgang mit einigen jungen deutschen Malern die ich in
der Zeit kennenlernte brachten mich auf den Gedanken die Kunst zu studieren
und dann nach Rom zu gehen um seine Wunder der Kunst zu sehen und zu verstehen
Diesen Gedanken ergriff ich nun aus ganzer Seele und schob das Soldatwerden
weit weit zurück Ich sann und tat und träumte nichts anders als Zeichnen die
Werke des Altertums studieren und mit meinen Malern Kunstgespräche führen Mit
diesen war ich auch entschlossen nach Rom zu reisen und mit ihnen dort zu
leben durch einen sonderbaren Vorfall sah ich mich aber genötigt früher noch
als diese es bewerkstelligen konnten Venedig zu verlassen
In einem großen Hause ward eines Abends während dem Karneval ein Ball
gegeben ich ward von den Engländern beredet mit ihnen hinzugehen Man spielte
der eine von meinen Lords spielte hoch und verlor ansehnlich gegen eine Maske
die durch ihr anhaltendes Glück wohl Verdacht gegen sich erregen mochte Mein
ehrlicher Grossbritannier verstand das Ding unrecht und schimpfte etwas zu laut
und in der gewohnten kräftigen Manier Nach einem kurzen heftigen Wortwechsel
warf der Lord seine Karte der Maske an den Kopf Ich befand mich an einem andern
Ende des Saals in einer Unterhaltung mit ein paar mir unbekannten Masken die
mich neugierig machten weil sie mich zu kennen schienen wenigstens wussten sie
viel von mir plötzlich hörte ich Tumult sah Stilette blinken die Maske sank
nieder in demselben Moment kam der andre Lord hastig auf mich zu nannte höchst
unvorsichtig meinen Namen laut und rief mich seinem Landsmann zu Hilfe Ich
noch unvorsichtiger folgte ihm hin Man hatte dem Niedergesunkenen die Maske
abgenommen man erkannte den Sohn eines Nobile er war tot Der Lärm nahm zu
der Lord hatte ganz den Kopf verloren bewegte sich nicht von der Stelle und
ließ das Gedränge um sich her anwachsen Ich riss ihm das blutige Stilett das
zum Glück noch kein andrer bemerkt hatte aus der schlaffen herunterhängenden
Hand ließ es fallen indem ich mich zu gleicher Zeit danach bückte und es
wieder aufnahm Dem Mörder nach rief ich aus dort nach jener Tür er hat hier
neben mir das noch blutige Stilett fallen lassen soeben drängt er sich dort
hinaus Alles folgte mir nach der Tür die ich bezeichnet hatte Der Lord ward
verlassen Seinem Landsmann gab ich einen Wink und im Vorbeigehen sagte ich
ihm zu mir Alsdann mischte ich mich in den dichten Haufen der nach der Tür
strömte ich trieb und drängte mit der Menge und kam glücklich hinaus Ich
mietete sogleich selbst eine Gondel die ich an einem bestimmten Ort warten
ließ und eilte nach meiner Wohnung wo ich die beiden Lords schon fand Ich
kündigte ihnen an dass sie unverzüglich fort müssten bezeichnete ihnen den Ort
wo sie die Gondel in Bereitschaft finden würden und riet ihnen gleich nach Rom
zu reisen Sie waren wegen Geld in Verlegenheit was sie bei sich gehabt war im
Spiel verloren und nach ihrem Hause durften sie sich nicht wagen weil man dort
gewiss schon auf sie wartete Ich gab ihnen alles was ich an barem Gelde hatte
Sie versprachen mir mein Darlehn gleich wieder auszahlen zu lassen denn auf ihr
zurückgelassnes Vermögen in Venedig war nicht mehr zu rechnen Sie gingen fort
und kamen glücklich nach Rom Ich hatte alles so schnell und vorsichtig
getrieben dass es selbst vor meinem Bedienten ein Geheimnis geblieben war
Ich hatte mir eine Erkältung zugezogen und musste einige Tage zu Hause
bleiben Als ich zum erstenmal den Abend wieder in Gesellschaft ging kam mir
die Dame vom Hause die meine Freundin war entgegen und führte mich sobald
sie unbemerkt war in ein Kabinett Sein Sie auf Ihrer Hut sagte sie es ist
bekannt dass Sie dem Mörder des jungen Nobile durchgeholfen haben und dass er
Ihr Freund ist Sie erinnern sich dass zwei Masken mit Ihnen sprachen als einer
von den Engländern Sie bei Ihrem Namen zu Hilfe rief Der Ermordete ist ein
Anverwandter und Freund der einen von den beiden Masken er erfuhr erst wer der
Ermordete sei nachdem Sie sich schon hinausgedrängt hatten Der Mörder war
gleich nicht zu finden Sie haben ihm fortgeholfen und der Freund des Nobile
hat beschlossen Sie für Ihre unzeitige Hilfe büßen zu lassen Sie sind
angeklagt und man wird einen Verhaftsbefehl auswirken Was diese Maßregel gegen
Sie erleichtert und jeden Verdacht bestärkt ist dass man aus Ihrem Geburtsort
einigen Leuten von Bedeutung aufgetragen hat über Ihre Aufführung genau zu
wachen Einer von denen welchen es aufgetragen worden, ist eben der Ermordete
und dieser hatte es wieder seinem Freunde aufgetragen Ihre Bekanntschaft zu
machen um Sie besser zu beobachten dieser nimmt nun diesen Umstand als einen
Beweis dass Sie Anteil an der Ermordung gehabt um sich von seiner Aufsicht zu
befreien
Ich beklagte mich gegen meine Freundin über diese sinnlose Beschuldigung
Sinnlos oder nicht fiel sie mir ein Sie wissen es ist genug dass man den
leisesten Verdacht erregt um Sie zu verderben Sie haben dem Mörder
fortgeholfen dies ist genug und mehr als genug gegen Sie Ihr Feind hat sich
auf das Zeugnis der andern Maske berufen dass Sie zu Hilfe gerufen worden und
wirklich hingeeilt sind Diese Maske nun ist mein sehr guter Freund der es
weiß dass ich Ihnen gewogen bin er hat mich also kurz vorher ehe Sie kamen
von allem unterrichtet Das Zeugnis abzulegen darf er nun einmal nicht versagen
aber wenigstens sind Sie gewarnt Eilen Sie nach Hause sorgen Sie dass man
keine Papiere bei Ihnen findet
Ich musste sogleich fort auf der Treppe wie ich hinuntergehe kommt der
eine meiner jungen Deutschen atemlos mir entgegen Gottlob dass ich Sie finde
rief er mir zu Sie müssen fort gleich auf der Stelle Ich begleite Sie bis
hinaus und erzähle Ihnen unterwegens Ich war ohne Geld von dem jungen
Künstler war nichts Überflüssiges zu erwarten Er musste einen Augenblick auf
mich warten ich ging wieder zur Gesellschaft zurück meine Freundin mochte mir
meine Bestürzung ansehen sie kam mir entgegen ich vertraute ihr meine
Verlegenheit sie half mir auf der Stelle heraus nach einem kurzen zärtlichen
Abschied verließ ich sie und Venedig
Ich eilte mit meinem deutschen Freunde durch lauter enge Gässchen und wir
kamen glücklich hinaus Er erzählte mir nun dass er und sein Freund mich hätten
in meiner Wohnung besuchen wollen zu ihrem Schrecken hätten sie aber
Gerichtspersonen bei mir gefunden die alles durchsucht und meine Briefe und
Papiere durchgelesen hätten Aus den verwirrten Reden die ihnen entfallen
wären hätten sie ungefähr vernehmen können wessen man mich beschuldigte Sie
wären darauf fortgeeilt mich aufzusuchen und mir zu helfen dass ich fortkäme
Glücklicherweise wäre ihnen nicht weit von meiner Wohnung mein Bedienter
begegnet von diesem hätten sie erfahren wo ich hingegangen sei
Ich musste fort das sah ich ein Meine Papiere waren allein schon
hinreichend mir den Prozess zu machen Außer einigen launenhaften possenmässigen
Sachen die ich zu meiner Lust aufgesetzt in denen ich das würdige Venedig
nicht geschont hatte waren auch einige Briefe und Billetts vorhanden von
Frauen welche die Richter etwas nahe angingen und die ich unvorsichtigerweise
nicht vernichtet hatte Gnade war also nicht zu hoffen Ich machte mich sogleich
auf den Weg und empfahl meinen guten Deutschen mich bald in Rom aufzusuchen
Sie versprachen es mir Der Aufenthalt in Venedig war ihnen durch diese
Begebenheit verleidet auch hatten sie in der Tat viel Anhänglichkeit für
michSie wollten durchaus etwas Deutsches an mir finden ich hätte es ihnen gern
und mit Vergnügen geglaubt hätten die Lords nicht zu gleicher Zeit behauptet
ich habe viel von einem Engländer an mir«
Zehntes Kapitel
»Auf meiner einsamen Reise hatte ich Raum etwas nachzudenken Mir war als hätte
mich ein bezauberter Wirbelwind aus Venedig und allen Verhältnissen gerissen
War es aber das Plötzliche des ganzen Ereignisses oder war es dass mein Leben
in Venedig mich beschäftigt hatte ohne mich zu interessieren kurz mir schwebte
das Ganze wie längst vergangen nur entfernt im Gedächtnis ich konnte meine
Wünsche und meine Gedanken alle vorwärts richten nichts zog mich zurück Dies
machte mich aufmerksam auf mich selbst und auf die Leere meiner geführten
Lebensart
Ich dachte an Manfredi ich wünschte bei ihm zu sein zu gleicher Zeit
fühlte ich eine gewisse Abneigung mich jetzt schon dem Soldatenstand zu
ergeben Das Leben eines Soldaten in Friedenszeit schien mir eine lustige
Sklaverei nicht viel besser als Lakaiendienst und nur durch herrschendes
Vorurteil darüber hinausgesetzt Soldat wollte ich zwar sein dabei blieb es
dies war der Hintergrund meines Lebensplanes aber nicht in einer Garnison
nicht bei einer stehenden Armee Ich wollte nie für den Despotismus nie für
eine unbekannte oder gar nach meinen Begriffen ungerechte Sache fechten Wie
die Helden des Altertums wollte ich nur für die Freiheit streiten und in
erkämpftem Frieden ruhig frei mein eigen sein Bei dem Gedanken an die Helden
des Altertums ward mir zugleich der an mein Vorhaben wieder rege die Kunst der
Alten in Rom zu studieren Jetzt fühlte ich ganz bestimmt den Trieb dazu aufs
neue in mir erwachen und ich beschloss meine ganze Zeit und mein Leben in Rom
dazu anzuwenden Sobald ich dort ankam machte ich auch gleich alle Anstalten
einsam und fleißig meinen Plan auszuführen Er schien mir so gut und so würdig
dass ich davon an Manfredi schrieb und nachdem ich ihm meine letzte Begebenheit
mitgeteilt wendete ich meine ganze Beredsamkeit an ihn zu bewegen dass er
sogleich seine Kompanie in Stich lassen und zu mir nach Rom kommen sollte um
mir nachzuahmen
Ich bekam nach einiger Zeit eine freundschaftliche Antwort von meinem guten
Manfredi Zu mir könnte er aber nicht kommen der Marchese halte es nicht für
ratsam dass er seine Laufbahn unterbreche und habe es ihm untersagt Meine
Katastrophe in Venedig habe er schon durch seinen Vater erfahren der überaus
aufgebracht wegen meiner Unbesonnenheiten gewesen sei Man hatte es ihm nämlich
aus Venedig mit allen möglichen Verkehrteiten und Verfälschungen berichtet Vom
Anteil an der Mordtat sprach er mich übrigens zwar frei aber ich hätte mich
niemals meinte er in solche gefährliche Gesellschaften mischen sollen Da ich
aber doch die Ehre nicht verletzt hätte so habe er noch nicht aufgehört sich
für mich zu interessieren und es sei ihm erfreulich gewesen aus meinem Briefe
an Manfredi zu erfahren dass ich in Rom sei Auch habe er gar nichts dagegen
dass ich mich dort einem ruhigen Leben und den Studien überlasse nur sollte ich
meine Zeit zweckmäßige benutzen Zuletzt kam wieder dasselbe Versprechen er
wolle auch in Rom auf meine Aufführung wachen lassen und nach den Berichten
die darüber einliefen würde er mich behandeln
Ich ärgerte mich entsetzlich über diese Aussicht die so unsichtbar wie die
Allwissenheit über mir schwebte ohne dass sie mit der Allweisheit verbunden
gewesen wäre wie diese denn sie hatte mir in Venedig auf die verkehrteste
Weise von der Welt den größten Schaden zugefügt Ich fand kein Mittel mich von
ihr zu befreien ohne den Marchese zu erzürnen er war mir zu wert niemand als
er hatte noch so viel für mich getan Ich glaubte aber man würde es bald müde
werden mich zu beobachten da ich äußerst eingezogen und bloß mit meiner
Absicht beschäftigt lebte Mit den beiden Lords die ich noch in Rom fand und
die mir sehr lästig wurden musste ich noch viel umherstreifen und ihnen helfen
die Beweise ihres Kunstverstandes zusammentreiben die sie für ihre baren
Guineen einhandelten Sie hatten mir meinen Geldbeutel zurückgegeben ich fand
die geliehene Summe dreifach verdoppelt darin was mir gehörte nahm ich davon
das übrige gab ich ihnen zurück nicht etwa als ob ich es unter meiner Würde
gehalten hätte Geld anzunehmen unter den Umständen in denen ich lebte wäre
dies lächerlich und zwecklos gewesen Mein kleines Vermögen war aufgezehrt dem
Marchese Geld abzufordern dazu hielt ich mich nicht berechtigt ob er es mir
gleich durch Manfredi hatte anbieten lassen mich im Fall der Not an ihn zu
wenden Diese Not schien mir aber noch nicht eingetreten Ich machte den
Cicerone sobald es mir an Geld fehlte und lebte wieder bei meinen Studien
solange es vorhielt Von den Fremden die meiner bedurften nahm ich unbefangen
meinen Lohn an es war kein andres Verhältnis zwischen mir und ihnen als dass
ich ihnen meine Dienste sie mir ihr Geld gaben Mit den Lords stand ich aber
nicht auf demselben Fuß der Dienst den ich ihnen geleistet den konnten sie
mir mit Geld nicht bezahlen Diese Herren aber fühlten meinen Unterschied nicht
sie waren beleidigt und taten aufgebracht dass ich ihre vollwichtige
Dankbarkeit verschmähte ich konnte sie nur mit dem Versprechen beruhigen sie
in England zu besuchen wenn ich einst Italien verlassen möchte und in jeder
Geldverlegenheit von ihrer Freundschaft Gebrauch zu machen Sie reisten endlich
nach England zurück
Unterdessen waren meine guten deutschen Künstler aus Venedig angelangt und
nun hob eine Zeit für mich an die wohl immer zu den glücklichsten Epochen
meines Lebens gehören wird Ich ging mit niemand um als mit Künstlern
besonders mit den ausländischen und unter diesen zeichnete ich besonders wieder
die deutschen aus Unter ihnen fand ich jederzeit den hellsten Sinn das
treulichste Bestreben und am meisten innere Freiheit Mein angestrengtester
Fleiß brachte mich in kurzem so weit dass ich mit meinen Gefährten wetteifern
konnte Sobald meine Gemälde verkäuflich waren legte ich das Gewerbe eines
Cicerone völlig nieder zeichnete und malte ununterbrochen Um den Verkauf
meiner Bilder meistens Landschaften bekümmerte ich mich ebensowenig als um
die Anwendung des gelösten Geldes Das erste besorgten meine Freunde und die
Summen die zu meiner wenig kostbaren Lebensart vollkommen ausreichten
händigten sie meiner Frau ein« »Ihrer Frau« rief Juliane erstaunt »doch
wahrscheinlich bloß Ihrer Haushälterin« »Nein meiner Frau« »Wie Sie sind
verheiratet« »Wirklich getraut« fragte Eduard »Wahrscheinlich traute sie
mir und ich habe ihr nur zuviel getraut Es war ein sehr schönes Mädchen eine
Römerin die uns lange zum Modell gesessen hatte Sie hielt sich klug und
bescheiden so dass sie von uns allen hochgehalten und wegen ihrer großen
Schönheit sehr bewundert ward Einige Tage fanden wir sie niedergeschlagener als
gewöhnlich ich bat sie uns etwas vorzusingen um sich selbst damit zu
erheitern Sie sang uns nun ein Lied dessen Inhalt ungefähr war wenn sie einen
Mann hätte der sie liebte und für sie sorgen wollte so möchte sie einzig für
ihn und seine Wünsche leben das würde dann ihr größtes Glück sein Sie sang das
Lied mit einer solchen süßen Unschuld so schüchterner Innigkeit und sah dabei
so entzückend schön aus dass ich da sie während des Gesanges ihre Blicke am
meisten auf mich geheftet hatte ihren Wunsch erfüllen musste Sie blieb gleich
bei mir Ich hatte meine große Freude an dem Kinde wie gut sie sich nahm und
mit welchem Anstande sie dem Hauswesen vorstehen konnte Ich muss aber gestehen
sie hätte es weit schlechter machen können sie würde mir doch nicht weniger
gefallen haben denn ihr kleidete alles was sie unternahm man kann sich nichts
Reizenderes erdenken als dieses kleine anmutige Wesen Meine größte Lust war
es sie zu schmücken und sie jeden Tag in unsern Zirkel in immer neuem Kostüme
und unerwarteten Abänderungen aufs kostbarste zu kleiden darauf verwandte ich
nicht eben den kleinsten Teil meiner Einkünfte Ich malte sie unter jeder
Gestalt und in allen ersinnlichen Stellungen als Göttin als Heilige als
Priesterin als Nymphe diese Bilder sollen mir sehr gut gelungen sein Wir
führten das einfachste und doch tollste Leben das sich erdenken lässt Ich war
der beste Ehemann von der Welt und ließ mich von ihr beherrschen soviel sie
wusste und vermochte sie lernte es immer besser Je mehr sie ihre Gewalt über
mich kennenlernte desto impertinenter und launenhafter ward sie da es mir aber
damals auch gar nicht daran fehlte und ich wenn es darauf ankam zehnmal
launenhafter und tollköpfiger war als sie so entstand nicht selten ein gar
artiges Gepolter und Lärmen zwischen uns
In unsern gewöhnlichen Abendzusammenkünften die bei mir gehalten wurden
ward entweder über das Werk eines großen Meisters das wir denselben Tag gesehen
hatten gesprochen oder es stellte einer unter uns der eine Arbeit vollendet
hatte sie zur Beurteilung auf oder man las auch wohl einen alten Dichter laut
vor Mitten in den ernstaftesten Beschäftigungen entstand dann nicht selten
zur großen Verwunderung aller Anwesenden ein plötzlicher lauter Lärm und Zank
zwischen mir und meiner Frau wovon niemand den Grund erraten konnte Gewöhnlich
war es aber nichts anders als dass sie mir von den andern unbemerkt ein
Gesicht geschnitten das mir wie sie wohl wusste verhasst an ihr war dies
beantwortete ich ihr dann mit einer impertinenten Gebärde die sie nicht leiden
konnte so ging es eine Zeitlang hin und her ohne dass es die andern bemerkten
bis wir dann laut aufeinander losfuhren Natürlich endigte der Krieg ebenso
lustig als er entstanden war Unsre Haushaltung bestand aber herrlich zur
Erbauung und Belustigung aller Angehörigen
Ich hätte füglich eine lange Reihe Jahre in denselben Beschäftigungen und
denselben Freuden hinbringen können aber eine geheime Unruhe im innersten
Gemüt ein Treiben nach einem unbekannten Gut ließ es mich selten rein genießen
dass es mir doch eigentlich recht wohl ging Ich wünschte mir einen größeren
Wirkungskreis es kam mir oft ganz verkehrt vor dass ich Kraft und Jugend einer
einseitigen Ausbildung hingegeben es dünkte mir lächerlich dass ich soviel
angewendet hätte um mich frei zu machen und nun diese errungne Freiheit doch
nicht in ihrem ganzen Umfang benutzte Mein Bestreben schien mir kindisch und
zwecklos weil ich immer mehr inne ward dass ich eigentlich gar kein Talent zur
Malerei hatte dennoch war es mir wieder gar nicht möglich mich loszumachen so
wenig von meiner Lebensweise als vom Anblick und dem Studium der großen Wunder
der Kunst In manchen Stunden beunruhigte es mich wieder nichts über meine
Geburt und meine Eltern zu erfahren ich musste bei jedem Schritt den ich
unternehmen wollte befürchten dass ich meiner eigentlichen Bestimmung
entgegenarbeite Oft fühlte ich mich zu diesen unruhigen Betrachtungen geführt
doch konnte ich mich nicht lange einer trüben Stimmung überlassen meine Freunde
sowohl als alle meine Übungen führten bald wieder Vergessenheit alles Grams
herbei
Endlich ward mir von meiner Kleinen die nahe Aussicht zur Vaterwürde
verkündet Wie soll ich euch beschreiben wie mir ward bei dieser Nachricht Es
geschah eine plötzliche Revolution in mir Alles was ich bis dahin geglaubt
gedacht gefürchtet gehofft geliebt und gehasst hatte nahm eine andre
gleichsam glänzendere Gestalt in mir an Jetzt wusste ich was ich wollte ich
dachte nicht mehr an ein entferntes Glück ich hatte meine Bestimmung gefunden
Doch mich selbst verlor ich völlig dabei aus den Augen auf das Kind bezog ich
alles ich dachte unaufhörlich an die Art wie ich es erziehen wie ich für sein
Glück sorgen und wie ich in diesem Kinde erst meine Kindheit genießen wollte
die mir selbst so getrübt worden war Was ich von Kenntnissen besaß suchte ich
zu ordnen und festzuhalten um es dann nützen zu können dabei strengte ich mich
mehr als gewöhnlich an immer neue zu sammeln Meine Einkünfte um die ich mich
sonst nie bekümmert hatte berechnete ich jetzt mit großer Genauigkeit jedes
Goldstück das ich beiseitelegen konnte erhielt im voraus seine Bestimmung zum
Besten des Ankömmlings Lange Reden hielt ich an die Mutter als sie mit einigen
Einschränkungen unzufrieden war die ich einführen wollte in denen ich ihr Sinn
für ihre neue große Würde zu geben versuchte Ich merkte es nicht in meinem
Eifer dass sie sie mit großem Leichtsinn aufnahm Einigemal war ich gegen meine
Freunde die sich eines Lächelns und leichten Spottes über meinen gutmütigen
Enthusiasmus nicht enthalten konnten ernstaft aufgebracht sie schwiegen und
sahen mir gelassen zu Kein raues Lüftchen durfte die Mutter anwehen ich
bekümmerte mich um jede Regel der Diät ich dachte nur daran sie in der besten
und ruhigsten Stimmung zu erhalten und vermehrte durch meine Ängstlichkeit ihre
Ungeduld so dass ich unaufhörlich von ihren Launen litt Was habe ich nicht
angewandt sie vom Tanze abzuhalten dem sie mit großer Leidenschaft ergeben
war Geliebt hatte ich sie wohl eigentlich nie aber jetzt fühlte ich wahre
Zärtlichkeit für sie sie war mir heilig Wie weit aber war sie von diesen
Gefühlen entfernt die mich so entzückten
Ich war genötigt eine Reise nach Florenz vorzunehmen um eine angefangne
Arbeit dort zu vollenden Ich arbeitete mit solchem Eifer dass ich in zwei
Monaten vollendete wozu ich sonst noch einmal soviel Zeit gebraucht hätte Ich
erhielt eine ansehnliche Summe und eilte zurück zu meinen Freunden
Ich fand meine Kleine etwas blass bei meiner Zurückkunft ich erkundigte mich
ängstlich nach ihrem Befinden ihre Antwort befriedigte mich nicht indessen
schob ich es in meiner Freude auf ihren Zustand denn sie war übrigens wohl und
fröhlicher mutwilliger als ich sie verlassen hatte Wir saßen bei Tische ich
erzählte fragte überließ mein Herz den schönsten Eindrücken der Freude
Endlich fragte ich sie so schonend als nur möglich wie es zuging dass ihr Wuchs
noch so unverändert wäre ich hätte nicht geglaubt sie noch so schlank zu
finden Meine zärtlichen bescheidenen Fragen wurden mit lautem Gelächter
beantwortet ich ließ nicht ab sie ward übel gelaunt einige heftig ausgestossne
Worte vermehrten meine Besorgnis ich drang in sie endlich sie hatte meine
Abwesenheit benutzt sie hatte sich durch künstliche Mittel von dem Zustande
befreit Die lange Beschwerde die ewige Sorgfalt ward dem leichtsinnigen
Geschöpfe sträflich zur Last sie fürchtete für ihre Schönheit Gott ich
werde noch jetzt ganz verwirrt wenn ich mich daran erinnere Ich verlor alle
Fassung alle Gewalt über mich Atem und Sinne vergingen mir meiner selbst
nicht mehr mächtig warf ich mein Messer das ich in der Hand hatte mit solcher
Gewalt zu ihr hinüber es hätte sie auf der Stelle töten müssen hätte die Wut
mich nicht blind gemacht es blieb über ihrem Kopf tief in der Wand stecken Von
meiner Wildheit erschreckt schrie sie laut auf und verließ eilends das Zimmer
ich war unvermögend ihr zu folgen«
»O Florentin« sagte Juliane »wie fürchterlich erscheinen Sie mir Sie
hätten eine Mordtat begehen können« »Wie war nicht sie eine harterzige
treulose widernatürliche Mörderin Mich mich hatte sie höchst unbarmherzig
gemordet Still nur davon und erlaubt dass ich ende
Die Treulose hatte auf der Stelle das Haus verlassen ich sah sie nicht
wieder Ein gewisser Kardinal hatte sich ihrer angenommen Wie ich nun erfuhr
hatte Se Eminenz die übrigens ein Muster der Frömmigkeit für ganz Rom war ihr
schon längst nachgestellt und wahrscheinlich während meiner Abwesenheit seine
Absicht erreicht Ein heftiger Blutsturz den ich gleich nach jenem Auftritt
bekam drohte meinem Leben Ich war zerstört konnte meine Kraft meine
Fröhlichkeit und meinen Trieb zur Arbeit nicht wiederfinden Die Lust zu reisen
kam mir wieder an ich durfte es aber nicht wagen wegen meiner angegriffenen
Gesundheit Ich musste bei jeder etwas heftigen Bewegung Blut auswerfen An dem
Mädchen rächte ich mich weiter nicht dem Kardinal konnte ich es aber doch nicht
so hingehen lassen ich machte einige Verse in denen ich ihn eben nicht
schonte Es war Witz und Bitterkeit genug darin sie kamen bald in Rom herum
Meine Geschichte war bekanntgeworden man erriet den Dichter und zugleich die
Eminenz Er mochte es wahrscheinlich durch aufmerksame Diener erfahren haben
und für seinen Heiligenschein besorgt geworden sein
Ich suchte nun diese Begebenheit zu vergessen und strengte mich an meine
alte Lebensweise wieder einzuführen als ganz unerwartet ein Billett von meiner
treulosen Schönen an mich kam Aus einem Rest von Anhänglichkeit für mich riet
sie mir so geschwind als möglich Rom zu verlassen Se Eminenz wären äußerst
aufgebracht auf mich und hätten beschlossen mich auf die Galeeren zu schicken
ich wäre also keinen Tag sicher in Rom Se Eminenz hätten ihr versichert ich
hätte diese Strafe verdient nicht allein wegen des boshaften Pasquills wofür
er sich niemals rächen würde das er mir auch schon von Herzen vergeben habe
sondern sowohl wegen der abscheulichen Absicht sie zu ermorden nachdem ich sie
gewaltsam verführt habe als auch wegen meiner Irreligiosität und des gottlosen
Planes eine heidnische Sekte zu stiften zu welchem Ende ich geheime
Zusammenkünfte mit jungen Künstlern gehalten habe wobei wir lästerliche Reden
gegen den katholischen Glauben ausgestoßen und verschiedene heidnische
Gebräuche eingeführt hätten Überdies wäre ich schon längst verdächtig und ein
Gegenstand der Aufmerksamkeit für die Polizei weil von auswärts her von
gewissen Leuten Nachfrage nach meiner Aufführung geschehen sei ich müsste mich
also schon längst verdächtig gemacht haben
Denkt euch denkt euch diesen Abgrund von Absurdität Es lag mir nichts
daran mich zu verteidigen ich hätte es leicht gekonnt Es war mir
gleichgültig wo ich lebte Italien war mir aber verhasst Ich verließ Rom noch
in derselben Stunde Weil ich die Bewegung des Fahrens nicht ertragen konnte
ging ich zu Fuß nach Civita Vecchia einige von meinen guten Gefährten gingen
mit mir bis dahin Hier schiffte ich mich nach Marseille ein Dort war die Luft
und die ruhige Einförmigkeit meines Lebens meiner Gesundheit so zuträglich dass
ich in einigen Monaten wieder völlig hergestellt war Auf wiederholte Briefe an
Manfredi bekam ich keine Antwort In der Folge erfuhr ich dass sein Regiment die
Garnison verändert habe und meine Briefe wahrscheinlich nicht an ihn gelangt
waren Damals glaubte ich aber zu meinem tiefsten Schmerz er habe sich von mir
gewandt Ich schrieb dies dem Marchese zu der wahrscheinlich den Nachrichten
aus Rom zufolge eine schlechte Meinung von mir bekommen und sie seinem Sohn
mitgeteilt hätte An den Marchese selbst schrieb ich also nicht ich glaubte
seine Antwort vorher wissen zu können
Nun durchwanderte ich einsam einen großen Teil von Frankreich die schönen
Träume und Bilder waren von mir gewichen die sonst auf jeder neuen Reise vor
mir herflogen Mein Herz hatte sich verschlossen und so blieb ihm auch alles
verschlossen Ich lebte vom Porträtmalen Hatte ich mir an einem Orte einiges
Geld erworben so reiste ich weiter Manches zog mich an aber nirgends wurde
ich festgehalten Allentalben fand ich dieselben Gewohnheiten dieselben
Torheiten wieder denen ich soeben entgehen wollte Ein Vorurteil hing am
andern und an dieser Kette sah ich die Welt gelenkt und regiert Allentalben
fand ich Sklaven und Tyrannen allenthalben Verstand und Mut unterdrückt und
gefürchtet Dummheit und niedrige Gesinnung beschützt von denjenigen denen sie
wieder als Pfeiler diente
Ich trieb mich in Paris umher es war mir nach und nach ein gar schlechter
Spaß geworden Gesichter aller Art für bare Bezahlung zu konterfeien und für
dieses sündlich erworbene Geld ein leeres törichtes Leben weiter
hinauszuspinnen und die Erfahrung immer zu wiederholen dass ich nirgends
hinpasse
An einem öffentlichen Ort kam ich zufällig in ein Gespräch mit einem
englischen Manufakturisten der auf Frankreich schimpfte und mir die englische
Freiheit rühmte mir fiel das Versprechen ein das ich meinen Lords in Rom
gegeben hatte in wenigen Tagen war ich in London Hier fand ich nur den einen
Lord der andre der den Nobile getötet hatte wohnte auf seinem Landsitz Eine
Zeitlang lebte ich nun mit jenem im Zirkel der Londoner Eleganz Ich fand aber
keine Lust an ihren Routs und Punsch und tollen Wetten worin sie den Ehrgeiz
des guten Tons setzten Die Gesellschaft ihrer Frauen erfreute mich nicht ihre
Fabriken Manufakturen ihr Geld ihr Hochmut ihre Nebel und ihre Steinkohlen
machten mich traurig und schwermütig Und ihre Freiheit die mir so oft
gepriesene Ich war bei einer Debatte im Unterhause zugegen und nun war
ich bestimmt entschlossen und es bleibt unwiderruflich dabei ich gehe zur
republikanischen Armee nach Amerika Es muss jenen Menschen gelingen sich
freizumachen da sie nicht von falschem Schimmer geblendet sind den man ihnen
anstatt des echten Goldes aufdringen will Meine Kraft und meine Tätigkeit sei
ihnen geweiht Bei diesem Gedanken erwachten Mut und Freudigkeit wieder in mir
für die amerikanische Freiheit fechten dünkte mir ein würdiger Endzweck
Ich setzte einen Tag fest an dem ich wieder nach Frankreich wollte Den Tag
vorher hatten meine Londoner Herren ein Pferderennen zu dem sie mich mitzogen
ich folgte mit einigen andern den Rennern mein Pferd stürzte ich ward heftig
heruntergeschleudert ohne es zu achten stieg ich wieder auf fühlte mich aber
nach einer kurzen Anstrengung ihnen zu folgen so angegriffen dass ich mich nach
Hause musste bringen lassen Meine Brust war durch den Fall aufs neue verletzt
worden ich war krank allein und verlassen Mein Geldvorrat war erschöpft was
noch übrig war reichte kaum hin mich wiederherzustellen Um dieses zu
beschleunigen wollte ich einige Zeit auf dem Lande leben die Luft in London
war mir höchst schädlich Sobald ich es nur wagen durfte soweit zu gehen
machte ich mich auf um meinen Lord auf seinem Landhause zu besuchen und mich
bei ihm völlig zu erholen
In seinem mit der gewöhnlichen Pracht der englischen Landpaläste errichteten
Wohnsitz fand ich alles in bunter lauter Freude und Lustbarkeit Der Lord hatte
sich vor wenigen Tagen mit einer reichen Erbin vermählt und man war noch sehr
mit den Festen beschäftigt Ich kam zu Fuß war matt bleich und im Kostüm eines
Fussgängers Ich musste lange stehen eh ich jemanden fand der mich Sr
Herrlichkeit melden wollte Es gab eine Zeit wo ich es nicht so geduldig
abgewartet hätte aber ich war krank und mein Geist gebeugt Des Stehens im
lärmenden Vorsaal endlich müde schickte ich eine Karte mit meinem Namen hinein
und setzte dazu ich wäre im Garten Ich ging wirklich dahin und setzte mich auf
die erste Bank die ich fand Bald darauf kam auch der Lord mit einem wahren
Festtagsgesicht das immer länger ward je näher er mir kam und mein Aussehen
und meinen Aufzug gewahr ward Seine ganze Haltung schwebte zwischen Erstaunen
und Verlegenheit In jeder andern Stimmung hätte mich Se Herrlichkeit sehr
belustigt jetzt war es mir aber ganz gleichgültig es war ein schöner warmer
Herbsttag der Sonnenschein tat mir wohl ich legte mich bequem auf den schönen
Sitz und ließ den Lord sich wundern und nicht begreifen Seine Fragen
beantwortete ich ihm zur höchsten Notdürftigkeit er wusste bald wie es
gegenwärtig mit mir stand und mein Begehren einige Zeit lang bei ihm auf dem
Lande zu wohnen Nach einigem Husten und Räuspern und einem sehr bedeutenden
Spiel mit Uhrkette und Hemdkrause erzählte er mir endlich während seiner
Rückreise nach England sei sein Vater plötzlich gestorben und habe viel
Schulden und die Güter in Unordnung gelassen Auch er habe nach gemachter
Rechnung auf seinen Reisen weit mehr ausgegeben als ihm eigentlich erlaubt
gewesen Schon auf dem Punkt ganz ruiniert zu sein habe er seine gesammelten
Schätze der Kunst und die größten Seltenheiten alle verkaufen müssen was doch
nicht zugereicht habe ihn wieder in Ordnung zu bringen er sei aber jetzt so
glücklich gewesen eine sehr reiche Frau zu finden durch deren Vermögen er sich
wieder in den Stand gesetzt sähe seinen alten Glanz anzunehmen Er finde sich
überaus glücklich nur auf das Glück seinen alten Freunden öffentlich viel zu
sein müsse er Verzicht tun heimlich könne er aber manches für sie tun Seine
Anverwandten und die Familie seiner Gemahlin die jetzt zu seinem Glück alles
getan habe müsse er durchaus hierin schonen und ihnen nicht das Zutrauen
nehmen dass er von seiner Neigung zur Verschwendung geheilt sei wovon sie immer
noch einen Rückfall befürchten Da sie nun seinen Aufenthalt in Italien als den
Hauptgrund seines Verderbens ansähen so sei ihnen alles verdächtig was von
dort herkomme besonders alle Künstler und was damit zusammenhänge Jetzt sei
die ganze Familie noch in seinem Hause zu den Vermählungsfesten versammelt und
er sowohl als ich würden viel von ihrer Übeln Laune und ihrem Verdacht zu leiden
haben wenn er mich als Künstler und Bekanntschaft aus Italien bei ihnen
einführen wollte das was er mir schuldig sei was ich für ihn getan komme in
keinen Betracht bei ihnen da er jene Geschichte mit einigen andern Umständen
erzählt habe und sie nur die Summe berechneten die er an jenem Abend im Spiel
verloren Seine Freundschaft und ewige Dankbarkeit sei noch immer dieselbe für
mich ich sollte nur erst eine andre Toilette machen und in einem Wagen oder zu
Pferde bei ihm ankommen dann wollte er mich unter fremdem Namen als Graf oder
Marquis vorstellen unter diesem Titel könnte ich eine Zeitlang wie zum Besuch
bei ihm bleiben Alsdann wollte er mir eine bequeme Gelegenheit nach Frankreich
zu reisen verschaffen und mir einige sehr gute Empfehlungen dorthin mitgeben
Sollte ich mich aber nicht in diese Maßregeln fügen können so möchte ich
wenigstens nicht die kleinen Beweise seiner Dankbarkeit und Freundschaft
verschmähen und erlauben dass er sich zum Teil der großen Verbindlichkeiten
entledige die er mir habe Wo ich auch wäre sollte ich mich seiner erinnern
und immer auf seine Freundschaft rechnen Währenddessen hatte der großmütige
Lord einen Geldbeutel hervorgezogen und ihn neben mir auf die Bank hingelegt
Als ich merkte dass er nichts mehr zu sagen hatte und irgendeine Antwort
erwartete stand ich auf setzte meinen Hut gelassen auf wandte mich und ging
hinaus ohne ein Wort zu sagen Überdies war auch eben die Sonne untergesunken
Wie lange er mir nachgesehen haben mag weiß ich nicht
Mir war leichter da ich hinausging als da ich hereintrat Der Auftritt
hatte meiner Laune ganz wohl getan mir war so leicht wieder zu Sinn als seit
lange nicht es war mir als hätte ich eine große Rechnung im Leben
abgeschlossen und könnte nun auf neues Konto wieder anfangen
Ich genoss im nahen Gasthofe einiger ruhigen Stunden in denen ich überlegte
was ich nun tun wolle Zur Armee konnte ich noch nicht ich hätte bei meiner
angegriffenen Gesundheit das Soldatenleben nicht ertragen es ging überdies zum
Winter Ich ging zurück nach London verkaufte meine überflüssigen
Habseligkeiten und so mit recht frischem heiterem Sinn der nicht wenig dazu
beitrug dass ich bald wieder Kräfte und Gesundheit erlangte verließ ich England
und schüttelte den Staub von meinen Füßen als ich wieder zu Kalais anlangte
Im südlichen Frankreich hoffte ich zuerst meine Gesundheit wiederzuerlangen
ich beschloss also hinzuwandern und den Winter unter jenem milden Himmel
abzuwarten Den Fussreisen fing ich an vielen Geschmack abzugewinnen es gibt
keine lustigere und abenteuerlichere Art zu reisen wenn es einem eben nicht
darauf ankömmt etwas später an das Ziel seiner Reise zu gelangen oder wenn man
was noch schöner ist seiner Reise kein Ziel zu setzen braucht
Freilich musste ich nun wieder zum Porträtmalen meine Zuflucht nehmen um
durchzukommen Es ward mir aber schwerer und zuletzt ganz unmöglich eine Kunst
die die Göttin das Glück und die Gefährtin meiner schönen und glücklichen Tage
gewesen war im Unglück als Magd zu gebrauchen Ich behalf mich oft lieber
äußerst kümmerlich litt manchen Tag lieber wirklich Not ehe ich mich dazu
entschloss Ich half mir sinnreich genug und auf unzählige Weisen durch eine
der angenehmsten war mir darunter als Spielmann von Dorf zu Dorf versorgt zu
werden
Auf meiner Wandrung machte ich zufällig die Bekanntschaft eines Schweizers
der mit seiner kranken Frau den Winter in Frankreich zubringen wollte um sie
wenigstens so lang als möglich zu erhalten da keine Hoffnung zu ihrer völligen
Wiederherstellung war Sie starb während des Winters und er der über ihren
Verlust sehr trauerte bat mich ihm auf seiner Rückreise nach Basel
Gesellschaft zu leisten Ich nahm es gern an ich hatte die Schweiz noch nicht
gesehen Um sich zu erheitern reiste er nicht geradezu nach Basel wo er
wohnte sondern begleitete mich vorher auf meinen Zügen in den Alpen Ich machte
einige gutgelungene Zeichnungen die er behielt Unter diesen Beschäftigungen
verstrich wieder der Sommer nun ging ich mit ihm nach Basel wo ich durch ihn
in einigen artigen Häusern bekannt ward
Die Härte des Winters hielt mich lang in Basel währenddem gab ich
Unterricht im Zeichnen und Malen Einigen liebenswürdigen Menschen dort habe ich
gar vieles zu verdanken ohne dass sie es vielleicht ahnden Auf ihren Rat und
durch ihr Lob aufmerksam gemacht lernte ich Deutsch und einige eurer guten
Dichter kennen Sie gaben mir glückliche Stunden und rechtfertigten meine
Vorliebe für die Deutschen Ich ward durch sie bewogen noch erst durch
Deutschland zu reisen und mich noch länger den Stürmen eines Ungewissen Lebens
hinzugeben eh ich zu meiner Bestimmung gelange Sobald man nur hoffen durfte
dass die Kälte nicht mehr zurückkehren würde habe ich mich von Basel aufgemacht
ich habe einige schöne Teile von Deutschland durchreist und fühle mich so
gestärkt an Leib und Seele dass ich nun meinen Entschluss gewiss auszuführen
gedenke Mich treibt etwas Unnennbares vorwärts was ich mein Schicksal nennen
muss Es lebt etwas in mir das mir zuruft nicht zu verzagen und nicht bloß zu
leben um zu leben ich muss meinen Endzweck ich muss das Glück das ich ahnde
wirklich finden
Ihr wolltet es so meine guten Freunde da habt ihr also die Erzählung
meiner wichtigsten Begebenheiten Es sind wunderliche Bilder der Vergangenheit
in mir rege geworden bei denen ich mich vielleicht zu lange aufgehalten habe
sie haben sich meiner bemeistert Lasst es geheim zwischen uns bleiben was ich
euch erzählt habe Es gibt Menschen die das was man ihnen sagt selten so
nehmen wie man es sagt und wie man es genommen haben will sondern aus eigener
Bewegung noch ganz etwas anders dahinter suchen und vermuten Der Himmel gebe
dass euch meine Erzählung keine Langeweile gemacht und dass ihr jetzt nicht übler
von mir denkt als vorher«
Beide versicherten ihn ihrer freundschaftlichsten Teilnahme und dass er
ihnen vielmehr jetzt noch werter geworden sei Sie unterhielten sich noch mit
ihm über diese und jene Begebenheit die ihnen aufgefallen war Juliane
erkundigte sich genauer nach den Namen Verhältnissen und den Personen die
darin vorkommen »Fragen Sie mich nicht um dergleichen Zufälligkeiten liebe
Juliane sie gehören nicht auf die entfernteste Weise zu mir und von mir sollte
ich Ihnen erzählen Hinz oder Kunz es ist einerlei Wenn es Ihnen so um den
deutlichen Begriff der Persönlichkeit zu tun ist so können Sie sich Personen
nach Ihrer Bekanntschaft dazudenken man findet sehr leicht passende Vorbilder
Und nun bevor wir uns auf den Rückweg machen lassen Sie uns noch erst tiefer
ins Gebirge hineingehen dort von dem Gipfel eines Bergs den ich kenne ist
eine Aussicht die ich eh die Sonne untergeht zeichnen und Ihnen lieben
Freunde als ein Gastgeschenk und ein Andenken dieses Tages zurücklassen will
Die Sonne steht nicht mehr hoch es hat sich ein kleiner Wind erhoben und Sie
können ohne Beschwerde gehen Juliane«
Jene waren es wohl zufrieden man machte sich auf den Weg und im Gehen
sagte Florentin »Jene Aussicht habe ich aus einem ganz besonderen Grund zum
Abzeichnen ersehen Man sieht von dort ein Haus das mich durch seine Bauart und
eine Ähnlichkeit in der Lage an eine lustige Geschichte erinnert die ich euch
noch erzählen will Ihr mögt euch meiner dabei erinnern wenn ich fern bin und
ihr die Zeichnung beschaut in friedlichen Tagen
Als ich in Venedig war ließ ich mich in einer der schönen Nächte mit
einigen Leuten auf dem Golfo herumfahren Wir machten Musik und waren voller
Mutwillen und Lust Einer unter ihnen hatte eine gute Freundin die in einem
Landhause nicht weit vom Ufer wohnte es fiel ihm ein ihr eine Musik unter
ihrem Fenster zu bringen und er bat uns ihn zu begleiten wir willigten ein
und stiegen ans Land Die Musik ward gebracht und so gnädig aufgenommen dass
man uns alle einlud ins Haus zu kommen um Erfrischungen einzunehmen Der gute
Freund ging sogleich hinein wir andern entfernten uns bescheiden nachdem wir
einen Ort bestimmt hatten an dem wir uns wieder zusammenfinden wollten Wir
zerstreuten uns was die andern anfingen weiß ich nicht ich ging am Ufer des
Golfo entlang freute mich über die entzückende Aussicht die in glänzendem
Mondlicht vor mir lag und hörte dem Gesang der Gondoliere zu und der
verschiedenen Musik auf den Gondeln die hin und her schwammen So fortwandelnd
sah ich mich auf einmal vor einem Gitter das ein anmutiges Blumenparterre
umschloss von dem die Gerüche die Luft um mich her durchwürzten Am andern Ende
des Parterrs dem Gitter gegenüber war ein Haus sichtbar mit einem Balkon der
nur wenig von der Erde erhöht war auf demselben standen die Türen offen die
nach einem Zimmer zu führen schienen aus dem ein helles Licht schimmerte und
der Gesang einer weiblichen Stimme von einer Gitarre begleitet erscholl Das
Ganze zog mich hinlänglich an um mich etwas näher umzusehen In einem
Augenblick sprang ich über das Gitter und stand dicht vor dem Balkon wo ich
das ganze Zimmer hinter demselben übersehen konnte
Es war ein niedlich gebauter Salon der so geschmackvoll und zugleich
prächtig dekoriert war als ich es selten gesehen habe Besonders zog meine
Blicke ein schöner Fussteppich an mit grünem Grund auf den zerstreute Rosen
eingewirkt waren der sich gegen die glänzenden mit Gold verzierten Wände sehr
schön ausnahm Das Ganze ward von einem kristallnen Kronleuchter zauberisch
beleuchtet Eine schöne junge Frau im leichtesten zierlichsten Gewande die
schwarzen Haare oben auf dem Kopfe zusammengeknüpft ging singend auf diesem
Teppich mit leichtem Fuß umher in ihrem Arm ruhte die Gitarre die sie mit
vieler Anmut spielte Einige große Spiegel an der gegen mir überstehenden Wand
vervielfachten das Bild der reizenden Gestalt im Vorüberschweben Ich war wie
festgebannt ich konnte mich nicht satt sehen Sie legte die Gitarre hin und
zog eine Schelle ein Lakai in reicher Livree trat herein und brachte
Erfrischungen sie setzte sich nun auf den Sofa dicht am offenen Balkon und
verzehrte einige Orangen die sie erst mit großer Zierlichkeit schälte Die
unbedeutendste Bewegung gefiel mir an ihr Ich musste es wagen sie zu sprechen
das war gewiss Ohne mich lange zu besinnen sang ich halb leise einige Verse auf
dieselbe Melodie die sie soeben gesungen hatte Ich konnte sie genau dabei
beobachten erst war sie erschrocken dann staunte sie zuletzt ward sie
aufmerksam ich hörte auf und seufzte tief Einen Augenblick besann sie sich
dann trat sie auf den Balkon heraus sie sprach einige Worte aus denen ich
merkte dass sie mich für einen andern nehmen musste Ich antwortete so dass sie
nicht sogleich aus dem Irrtum gerissen ward Als ich hoffen durfte dass die
Unterhaltung sie genugsam interessierte gab ich ihr zu verstehen dass ich ihr
unbekannt sei Sie war aufgebracht ging zurück sprach aber doch immer weiter
durch die offen gebliebene Türe es währte nicht gar lange so hatte ich sie
wieder durch Bitten und Schmeicheleien auf den Balkon gezogen Sie wollte meinen
Namen wissen ich sagte ihn ihr sie schien einiges Zutrauen zu gewinnen als sie
ihn hörte Sie hatte schon viel zu meinem Vorteil gehört sagte sie und schon
lange gewünscht mich pesönlich zu kennen Was konnte sie mir Erfreulicheres
sagen Auch war unsre Bekanntschaft mit diesen wenigen Worten so gut als
befestigt Meine Rolle war etwas schwierig ich musste durchaus sie schon
gesehen gekannt geliebt haben sonst wäre mein Eindringen ganz unverzeihlich
gewesen auch sprach sie ganz so als ob mir alle ihre Verhältnisse bekannt sein
müssten da ich doch nicht das mindeste nicht einmal ihren Namen wusste und sie
zum erstenmal sah
Gewandtheit und Dreistigkeit halfen mir glücklich durch Nach einigen
kleinen Debatten erhielt ich Erlaubnis sie den folgenden Abend an demselben Ort
wiederzusehen Ich musste nun zurück ich fand meine Gefährten am bestimmten Ort
wieder und schiffte mich mit ihnen ein Auf meine Erkundigung erfuhr ich von
ihnen wer meine schöne Unbekannte sei Die Nachrichten waren gut und
erfreulich Aus einem großen Hause vom Kloster an einen Mann vermählt der alt
genug war ihr Großvater zu sein sie lebte größtenteils auf dem Lande wo ihr
Gemahl sie dann und wann besuchte Sie liebte ihn nicht war keine Feindin der
munteren Gesellschaft kurz ich fand keine Ursache zu verzweifeln
Die folgende Nacht fand ich mich wieder vor dem allerliebsten Balkon ein
Dasselbe Licht derselbe Glanz Ich stand nicht lange als sie heraustrat sie
sprach freundlich mit mir ich bat um Erlaubnis zu ihr hinaufzukommen sie
verweigerte es nur schwach ich ward dringender sie nachgebender mit einem
Sprung war ich auf dem Balkon zu ihren Füßen Das Geständnis ihrer Liebe
entzückte mich Nun saß ich ihr gegenüber auf demselben Teppich von demselben
Kronleuchter beleuchtet Sie saß wieder auf demselben Sofa schälte Orangen die
sie mit mir teilte ich war wie berauscht meine Sinne waren gefangen Einige
Stunden waren schnell verscherzt nun verlangte sie ich sollte wieder fort
dieser leichte Anstrich von Sprödigkeit mich nicht länger bei sich zu behalten
konnte mir nicht sehr imponieren ich bestand darauf nicht fortzugehen und es
ward mir erlaubt zu bleiben Doch musste ich wieder hinaus auf den Balkon um
dort zu warten bis sie mich wieder rufen würde und ihre Frauen erst
fortzuschicken Die Lichter wurden ausgelöscht ich musste lange draußen stehen
es fing an zu regnen ich ward verdrießlich Langeweile war mir von jeher unter
jeden Umständen unleidlich Endlich kam eine Gestalt die mich bei der Hand
nahm nicht die bekannte es war eine vertraute alte Kammerfrau sie führte mich
durch einige finstre Zimmer jeder Umstand fiel mir unangenehm auf Endlich
öffnete sie eine Tür und ging zurück Die Gebieterin kam mir entgegen sie war
im nachlässigen Nachtgewande sehr schön das Zimmer äußerst prächtig der
Schein einer Lampe erleuchtete es nur dämmernd alles war köstlich
unvergleichlich aber es war nicht jenes Zimmer jene Erleuchtung jene Spiegel
jener schöne Teppich mich umgab nicht der süße Blumenduft es war nicht
dieselbe Grazie die umherschwebte Ich sehnte mich nach dem Schimmer nach der
Luft jenes kleinen Tempels der mich zuerst so freundlich begrüßt und meine
Phantasie gefangengenommen hatte Das ganze reizende Bild war mir entrückt
meine Wünsche mir fremd geworden Ich setzte mich neben die schöne gütige Dame
und sprach einiges mit ihr wahrscheinlich waren es höchst gleichgültige
abgeschmackte Phrasen die die Dame sehr betreten machten und ebenso
gleichgültig beantwortet wurden Es gab einen Augenblick der sonderbarsten
verlegensten Stille ich fühlte das Unschickliche wollte durchaus wieder in
meine vorige Stimmung kommen die Anstrengung gelang mir schlecht ich ward
völlig verdrießlich und schlief endlich ein Als ich erwachte schien der
Tag hell ins Zimmer hinein ich fand mich allein noch auf demselben Sofa es
währte einige Minuten eh ich mich entsinnen konnte wie ich in dieses Zimmer
gekommen und was mit mir vorgegangen war Aber mit welcher Beschämung fiel mir
nun mein ganzes Abenteuer und mein unerklärlich albernes Benehmen ein Die Türen
waren alle offen kein Mensch kam mir in den Weg ich schlich mich unbemerkt aus
dem Hause und eilte aus der Gegend so schnell als möglich Ich war überzeugt
dass meine Geschichte so höchst lächerlich als sie wirklich war und gewiss mit
den unvorteilhaftesten Zusätzen in Venedig herumkommen würde und traute mich
gar nicht mich die erste Zeit wieder dort sehen zu lassen Ich verließ also
Venedig auf einige Monate und zog aufs Land Das war die Zeit von der ich
Ihnen erzählt die ich unter Hirten auf dem Lande gelebt habe«
»Dies ist gegen die Abrede Florentin« sagte Juliane »diese Geschichte
gehörte noch zu Ihren Konfessionen«
Elftes Kapitel
Die Zeichnung war beinahe ganz angelegt als die Sonne sich auf einmal hinter
eine dicke Wolke verbarg die ein plötzlicher Wind von Abend her am Horizont
herauftrieb es donnerte in der Entfernung Unsere Wanderer rafften sich auf um
vor dem nahenden Gewitter noch ein Dorf zu erreichen von dem sie nicht weit
entfernt waren Das Wetter zog sich aber schneller zusammen als sie dahin
gelangen konnten Ein Wirbelwind jagte den Staub wie eine dichte Wolke über
ihnen empor der Donner kam näher die Blitze wurden stärker einzelne große
Regentropfen fielen Juliane ward ängstlich sie lief aus allen Kräften bald
versetzte der Sturm ihr den Atem der Staub verdunkelte und verletzte ihre
Augen Sie fürchtete ebensosehr auf freiem Felde zu bleiben als Schutz unten
einem Baume zu suchen Ihre Füße waren vom Laufen auf den spitzen Steinen wund
geworden und sie stieß allenthalben an
Ein starker Blitz dem der Donner gleich nachfolgte fiel vor ihnen nieder
Julianes Knie wankten sie fiel halb ohnmächtig zu Boden Die beiden Freunde
nahmen sie abwechselnd in ihre Arme und trugen sie fort Das Gewitter war nun
ganz nahe Blitz und Donner wechselten unaufhörlich der Regen strömte in Güssen
herab
In der Verwirrung verfehlten sie den rechten Weg zum Dorfe sie irrten für
Julianes Gesundheit besorgt ängstlich umher endlich erblickten sie indem sie
an einem Bache hinaufgingen am jenseitigen Ufer eine Mühle die einsam im Tale
lag von Bergen umschlossen Eine Brücke ging nicht hinüber sie riefen laut
aber der Sturm und das Rauschen des Bachs war lauter als ihre Stimmen Endlich
gelang es ihnen nach vielem Winken und Rufen bemerkt zu werden einige
Müllerburschen kamen mit einem Kahn zu ihnen herüber nahmen die beiden Freunde
und die von Angst und Müdigkeit halbtote Juliane ein und brachten sie nicht ohne
Mühe über den vom Regen angeschwollenen Bach nach der Mühle
Sie waren vom Müller und von seiner Frau nicht gekannt wurden aber gastfrei
aufgenommen Eduards erste Sorge war trockne Wäsche und Kleider für Julianen zu
verschaffen Eine neue Verlegenheit entstand Sie mussten Julianens Geschlecht
der Müllerin entdecken diese war erstaunt und getraute sich nicht ihnen zu
glauben Nach vielen Bitten und Beteuerungen ließ sie sich endlich bewegen
Wäsche und Kleider für Julianen herzugeben und ihr bei der Umkleidung hilfreich
zu sein denn die Arme war so erschöpft dass sie kaum zu stehen vermochte
Während sie umgekleidet und zu Bette gebracht ward war in der daranstossenden
Stube ein Kaminfeuer gemacht worden Eduard und Florentin waren dabei
beschäftigt ihre Kleider zu trocknen Die Müllerin trat aus der Kammer und
berichtete ihnen die Jungfer wäre eingeschlafen Sie sah die jungen Leute mit
misstrauenden neugierigen Blicken an Sie konnte sich das Verhältnis auf keine
rechtliche Weise erklären in dem diese junge schöne Person von deren
Geschlecht sie nun völlig überzeugt war mit den beiden Männern stehen müsse
Sie hatte allerlei Vermutungen schmiedete sich irgendeinen Zusammenhang den
sie ihnen in nicht gar feinen Wendungen deutlich zu verstehen gab Zuletzt sagte
sie etwas ängstlich sie habe zwar ihre Hilfe nicht versagen dürfen aber weder
sie noch ihr Mann würden gern Leute beherbergen die sich zu verbergen Ursache
hätten und mehr solcher Redensarten die eben keine günstige Meinung von ihren
Gästen verrieten
Die beiden belustigte ihre Besorgnis und sie vermehrten sie mutwillig durch
geheimnisvolle Bitten sie nicht zu verraten Florentin trieb tausend kleine
Possen um sie her und suchte sie durch Schmeicheleien und artigen Scherz
freundlich zu erhalten Sie schien dafür auch gegen ihn besonders gefällig und
Eduard zog sie deshalb auf Bald war sie so dreist gemacht dass sie sich einige
zweideutige Späße über Julianen erlaubte deren Stand sie weit entfernt war zu
ahnden Sie drang immer mehr mit Fragen in sie die aber nicht ernstaft
beantwortet wurden Der Müller war unterdessen seinen Geschäften nachgegangen
und hatte seiner Frau die Sorge für die Wanderer überlassen
Juliane erwachte nach einem kurzen Schlummer und hörte zu ihrer nicht
geringen Beschämung die Zweifel und den Argwohn der Müllerin Sie gab ein
Zeichen dass sie erwacht sei Eduard eilte zu ihr ans Bett um sich nach ihrem
Befinden zu erkundigen sie bat ihn diesen für sie sehr verdrießlichen Auftritt
zu endigen und die Frau über ihren Irrtum ernstaft aufzuklären sie hatte zwar
anfangs gewünscht unbekannt zu bleiben lieber wollte sie aber diesen Vorsatz
aufgeben und ihren Namen entdecken um den Vermutungen und den Zudringlichkeiten
der Frau ein Ende zu machen Eduard ging sogleich wieder hinaus und verkündigte
ihr nun wen sie unter ihrem Dache bewirte Juliane rief sie zu sich und
bestätigte was Eduard gesagt hatte aber die Frau wollte ihnen durchaus nicht
glauben Alles was sie zu ihrer Beglaubigung vorbringen mochten schien eben dem
Argwohn der guten etwas einfältigen Frau nur neue Nahrung zu geben »das machen
Sie mir nicht weis« rief sie »dass meine gnädige Herrschaft zu Fuß ohne
Bedienten und verkleidet ausgehen wird« Florentin lachte ausgelassen über diese
tolle Begebenheit Juliane musste trotz der Verwirrung auch lachen Die Müllerin
lief hinaus und holte ihren Mann Dieser sah kaum Julianen etwas genauer an als
er sie gleich erkannte er hatte sie oft gesehen wenn er in seinen Geschäften
aufs Schloss gekommen war in der Männertracht aber blass und ohnmächtig mit
nassen herunterhängenden Haaren beim Eintritt nicht wiedererkannt er bat sie
sehr wegen des Verdachts seiner Frau um Verzeihung suchte diese so gut als er
vermochte zu entschuldigen und verließ sogleich das Zimmer wieder
Die Müllerin war beschämt und verwirrt sie erbot sich zu allen Diensten mit
der größten Bereitwilligkeit und erkundigte sich nach den Befehlen der jungen
Gräfin Vor allen Dingen bat Juliane ihr einen Boten zu verschaffen den sie
aufs Schloss schicken könnte um ihren Wagen herauszuholen weil sie gleich nach
Hause fahren wolle Die Nacht war aber unterdessen völlig hereingebrochen das
Gewitter hatte zwar aufgehört aber der Sturm war noch stark und der Regen
strömte gewaltig herab dabei konnte man in der Finsternis nicht einen Schritt
vor sich sehen Der Müller entschuldigte sich dass er jetzt niemand über den
Bach könne fahren lassen es wäre beinahe unvermeidliche Lebensgefahr dabei da
er vom Regen sehr angeschwollen sei und der Sturm den Kahn gegen die Pfähle
schleudern möchte Bis zu Tagesanbruch müsste sie also geduldig warten Man
erkundigte sich ob nicht noch ein andrer Weg als der über den Bach nach dem
Schloss führte Es ging allerdings noch einer durch das Gebirge dieser führte
aber so weit herum dass der Bote doch nicht vor dem andern Morgen anlangen
würde
Juliane befand sich in unbeschreiblicher Angst wegen der Angst ihrer
Eltern Sie zitterte und weinte ihre Phantasie füllten die schreckhaftesten
Vorstellungen Eduard war bereit sich selbst über den Bach zu wagen nur um sie
desto eher zu beruhigen hierin willigte sie aber auf keinen Fall ein »Wollen
Sie mich hier allein lassen« rief sie »und sich selbst in Gefahr geben Das
würde ja meine Angst noch vermehren« Sie versprach endlich geduldig den Tag
abzuwarten Nun wollte sie versuchen aufzustehen sie fühlte aber eine solche
Mattigkeit und so große Schmerzen an ihren Füßen dass sie sich entschließen
musste im Bette zu bleiben
Die Müllerin hatte ein Abendessen bereitet Eduard und Florentin setzten
sich vor das Bett auf eine solche Ermüdung fehlte es unsern jungen Wanderern
nicht an Esslust und wären die Speisen auch noch so niedlich und sorgfältig
zubereitet gewesen es würde ihnen dennoch gewiss trefflich geschmeckt haben an
diesen hatte aber die Müllerin wirklich ihre ganze Kunst verschwendet um ihre
Gäste nach Würden zu bewirten die sie anfangs zu ihrer großen Beschämung so
verkannt hatte
Es gelang den beiden Freunden Julianen auf Augenblicke ihre Unruhe
vergessen zu machen und sie etwas zu erheitern Sie fanden aufs neue
Gelegenheit über ihre Schönheit zu erstaunen Die Blässe und die Mattigkeit in
Blick und Stimme verlieh ihr neue Reize und kontrastierte auf eine interessante
Weise mit der Kleidung die die Müllerin ihr geliehen hatte die tüchtig und für
das Bedürfnis gemacht ihren zarten Gliedern nirgend anpassen wollte Florentin
wollte sie durchaus in dieser Umgebung zeichnen damit sie sich künftig in ihrem
höchsten Glanze der Nichtigkeit aller menschlichen Pracht erinnern möge »Denn«
setzte er hinzu »wahrscheinlich wird diese Begebenheit doch die anstrengendste
und abenteuerlichste sein die Sie in Ihrem ganzen künftigen Leben erfahren
werden«
In den Blicken der beiden Liebenden leuchtete die innigste Zärtlichkeit
hervor »Darf er so kühn unser künftiges Leben verspotten« schien Juliane mit
ihrem beseelten Blick zu fragen und in Eduards Augen las sie die Versicherung
der ewigen Liebe des unvergänglichen Glücks Er hatte seinen Arm um sie
geschlungen sie lehnte das holde Gesicht an seine Schultern die Seligkeit der
Liebe hielt ihre Lippen verschlossen sie sprachen nicht und sagten sich doch
alles
Florentin war hinausgegangen und hatte sich an die Haustüre gelehnt Er
hörte auf die Wogen des Bachs der sich reißend fortwälzte und sprudelnd und
schäumend über die Räder der Mühle hinstürzte auf das Brausen des Windes im
Walde und das friedliche Klappern innerhalb der Mühle Es klang ihm wie
vernehmliche Töne Wie ein Wettgesang des tätigen zufriedenen Landmanns und des
mutigen ehrsüchtig drohenden Kriegers tönten Mühle und Waldsturm der Bach
rauschte in immer gleichen Gesängen ununterbrochen dazwischen wie die ewige
Zeit allem Vergänglichen allem Irdischen trotzend und seine Bemühungen
verhöhnend
Er hörte im Wohnzimmer des Müllers laut reden er schlich sich aus einem
Anfall von Neugierde unter das offene Fenster und hörte ein Gespräch zwischen
dem Müller und seiner Frau an das sie über ihre Gäste führten diese
Erscheinung mochte ihnen wunderlich genug vorkommen Der Müller konnte wie es
schien die Sitte nicht billigen die die vornehmen Leute einführen inkognito
zu reisen »Man kennt sie nicht« rief er »am Ende werde ich noch in jedem
wandernden Gesellen einen verkleideten Prinzen oder eine Prinzessin vermuten
müssen und mich in acht nehmen dass ich ihm nicht zu nahe trete« Die
Müllerin war ganz besänftigt und wollte ihn mit dieser Sitte aussöhnen »Sie
hören und sehen doch« sagte sie »wenn sie so reisen manches was sie sonst
nimmermehr erfahren würden und dass die yielen Umstände und Weitläuftigkeiten
wegfallen ist bequemer für sie und auch für unsereinen« »Nun« sagte der
Müller wieder »manches brauchen sie auch nicht zu erfahren und dafür dass wir
keine Umstände mit ihnen machen dürfen machen sie auch wieder mit uns keine«
»Nun Vater du wirst dich noch einmal um den Kopf reden ich dächte doch wir
hätten nicht zu klagen« »Wer spricht davon Ich meinte nur« »Ja dir macht
mans nimmermehr recht Mit deinem hässlichen Misstrauen machst du einen auch mit
so argwöhnisch hätte ich mich nicht beinahe ganz erschrecklich gegen die junge
gnädige Herrschaft vergangen Und wer war schuld als du« »Ich will alles
verantworten was ich spreche aber das können nicht alle und darum müssen sie
sich wohl in acht nehmen« »Ach und es ist doch gewiss eine liebe allerliebste
Herrschaft Ich würde mich in meinem Leben nicht zufrieden geben wenn ich sie
beleidigt hätte« »Beleidigt hast du sie doch aber sie hat es dir wieder
verziehen« »Ja so gütig ist sie und so herablassend wie eine Heilige und
dabei so zart und so schön Vater wenn du das so gesehen hättest wie ein
Wachsbild man kann sie doch gar nicht genug ansehen« »Und die beiden jungen
Herren sind wohl auch so gütig wie die Heiligen Ja ihr Frauen« »Nun was
fällt dir wieder ein Du hast immer ganz besondere Gedanken« »Ja vorzüglich
der eine der ist nun vollends lauter Güte Nicht wahr« »Welchen meinst du
denn Väterchen« »Nun den du weißt wohl du hast ihn mir ja so schlau
gezeichnet« »Ich versteh dich nicht mein Schatz« »Sieh doch nur seine
grüne Jacke an der linke Ärmel ist ja ganz weiß Wo sollte er denn das wohl
herhaben« »Weiß der linke Ärmel Wie soll ichs denn wissen In der Mühle
macht man sich leichthin weiß« »Ja besonders wenn die Müllerin so leicht rot
wird« »Es muss auch alles zusammentreffen um dich argwöhnisch zu machen«
»Behüte lieber Schatz« sagte der Müller laut lachend und küsste sie »ich bin
nicht im geringsten argwöhnisch wenn ich deutlich alles sehe und höre wo man
mich nicht vermutet« »Nun wenn du alles gesehen hast so wirst du auch wohl
gesehen haben « »Dass du dich wacker gesträubt hast als er einen Kuss von dir
verlangte Ja mein Kind siehst du daher ist er weiß am Ärmel«
Florentin gefiel die leichte gutmütige Art womit der Müller über die kleine
Begebenheit scherzte Er selbst war gemeint er hatte sich mit der jungen
artigen Müllerin einige Schäkereien erlaubt um sie bei guter Laune zu erhalten
als ihre Gäste ihr noch unbekannt waren und er ihr mit immer neuen Forderungen
für Julianen viel Mühe machen musste
Er trat vom Fenster zurück und pfiff und rief den beiden Hunden um sich vom
Müller bemerken zu lassen Dieser kam ans Fenster und nötigte ihn noch ein
wenig in die Stube zu kommen Florentin ging hinein und unterhielt sich mit ihm
der heitre grade Sinn des Mannes und sein guter Verstand gefielen ihm immer
besser Florentin nahm während er sprach mit der größten Unbefangenheit die
Bürste vom Nagel die unter dem Spiegel hing und bürstete sich ruhig das Mehl
vom Ärmel die Müllerin lief ganz beschämt aus der Stube aber der Müller
lächelte und ließ sich nicht im geringsten aus der Fassung bringen Er sprach
viel von seinem Stande und seinem Geschäft Seine sparsamen ruhigen Worte und
die Überzeugung der Wichtigkeit mit denen er die Sorgen und Freuden davon
schilderte ohne irgendeinen andern Stand im Leben unnötig und mit affektierter
Verachtung mit dem seinigen zu vergleichen gab ihm eine Würde der Florentin
mit Ehrerbietung begegnen musste Er gedachte dabei mit einem Gefühl von
Beschämung an die Unruhe mit der er selbst sich umtrieb um einen Zweck zu
finden der seinem Leben Wert und Bestimmung gäbe
Der Müller bemerkte endlich es wäre nun wohl Zeit für ihn sich zu Bett zu
legen Florentin bot ihm eine gute Nacht und war im Begriff hinauszugehen als
Eduard hereintrat und in Julianens Namen den Müller und seine Frau ersuchte
die Nacht mit den beiden Herren durchzuwachen sie selbst wollte versuchen zu
schlafen sie wäre aber so ängstlich dass sie gewiss nicht würde schlafen können
wenn nicht alles im Hause wachte Sie ließ die Frau bitten bei ihr im Zimmer zu
bleiben und den Müller ja sobald der Tag anbräche jemand aufs Schloss zu
schicken Die Müllerin ging sogleich zu ihr und der brave Mann war ebenso
willig den Befehlen der jungen Gräfin zu gehorchen
Florentin bemerkte etwas ungewöhnlich Heftiges und Leidenschaftliches an
seinem Freunde Er ließ sich in kein Gespräch mit hineinziehen gab zerstreute
oder gar keine Antwort und ging hastig und mit ungleichen Schritten in der
Stube auf und ab Florentin glaubte sogar in seinen Augen Spuren von vergossnen
Tränen wahrzunehmen Diese Äußerungen waren bei dem sonst sanften stillen Eduard
etwas befremdend doch beunruhigten sie seinen Freund nicht weiter er hielt es
höchstens für Zeichen eines kleinen Zwistes zwischen ihm und Julianen von
denen welche die Liebe ebenso schnell zernichtet als sie sie erzeugte Er
redete ihn an und äußerte fein spottend seine Vermutung Eduard blieb aber ernst
und trübe und bat ihn kurz darauf mit ihm hinaus ins Freie zu gehen Die Nacht
war kalt und stürmisch er bestand aber darauf dennoch hinauszugehen und
Florentin begleitete ihn
Sie saßen schweigend nebeneinander auf der Bank vor dem Hause Florentin
unterbrach die Stille zuerst » Immer höre ich doch wieder diese Töne des
Waldes des Stroms und der Mühle mit derselben angenehmen gleichsam anregenden
Empfindung Beinah möcht ich glauben dass ich eigentlich für das beschränkte
häusliche Leben bestimmt bin weil alles dafür in mir anspricht nur dass ein
feindseliges Geschick wie ein böser Dämon mich immer weit vom Ziele
wegschleudert« »Glaub mir« sagte Eduard »es weiß selten einer was er
soll« »Jawohl« fiel Florentin ein »und es dauert lange bis er weiß was er
will Es ist auch beinahe alles einerlei und alles Tun ist das rechte Nur
dass man etwas tue Jawohl Und darum will ich eilen Ich will fort Vielleicht
habe ich schon zu lange verweilt«
Eduard antwortete nicht Florentin hörte ihn seufzen »Was ist dir Eduard«
fragte er ihn mit herzlicher Liebe »du hast Schmerz warum verhehlst du ihn
mir« »Nein ich will ihn dir nicht verhehlen« rief Eduard aus »Sieh
Florentin Eine Seele wie die deinige einen Freund wie du bist suchte ich
seitdem Freundschaft mir ein Bedürfnis ist und das ist sie seit ich mich
meiner selbst bewusst bin Unverhofft fand ich dich ich vermutete gleich in den
ersten Stunden du seist der den ich suchte und diese Vermutung fand ich in
der Erzählung deiner Schicksale mehr als einmal bestätigt Und nun soll ich
dich kaum gefunden wieder verlieren Halte es nicht eines Mannes unwürdig
wenn ich dir mein Leid darüber gestehe Ich kann dich nicht wieder lassen es
ist mir in manchen Augenblicken ganz unmöglich zu denken dass ich dich wieder
lassen soll Ich bin sehr reich ich weiß es vielleicht ist es Unrecht mehr zu
verlangen als ich besitze aber ich bin in der Freundschaft unersättlich und
an dich fühle ich mich mit unnennbaren Banden geknüpft« »Ich begreife dein
Gefühl mein Freund Dies sei dir Bürge dass ich dessen wert bin du bist mir
teurer als ich es sagen kann Dass du bei allen Gütern die dir nie fehlten
selbst in dem Besitz der Geliebten noch Raum für Freundschaft hast und dir den
Sinn dafür erhieltest macht dich mir verwandt und ewig wert Wie kann dich aber
eine Trennung so wehmütig ergreifen die doch eben durch keine besonders
unglücklichen Umstände bezeichnet ist Wie selten dürfen Freunde ihren Lauf
beieinander beginnen und vollenden Ist das Band das Freunde verknüpft durch
die Trennung gelöst Muss nicht in der Welt zerstreut von ihnen ausgeführt
werden was sie vereint beschlossen O dass ich Armer Einsamer dich
Reichbegleiteten trösten soll Verzeih meinem Zweifel ich kann nicht glauben
dass meine Trennung von dir dieses Mal allein die Ursach deiner Traurigkeit
ist« »Es kann sein aber wie es auch sei Florentin ich mag ich werde dich
nicht lassen Höre ich gehe mit dir ich teile deine Unternehmungen ich will
die Stelle deines Manfredi ersetzen ich verschmähe jedes andre Schicksal als
das deinige Was mir fehlt besitzest du so groß und frei Du wirst auch in mir
manche gute Gabe finden Vereint ungetrennt wollen wir ersinnen und ausführen
fechten leben und sterben sterben für die Freiheit Ich gehe mit dir nach
Amerika« »Wie ist dir Wie ist dir Du schwärmst« »Nein ich lasse dich
nicht wieder ich gehe mit dir« »Was kann ich dir anders zurufen als Juliane
O Eduard mir ist dieser ganze Auftritt wie ein Traum Welches Rätsel Du bist
durch irgendeinen Vorfall aufgebracht ja gereizt bis zum Wahnsinn Mit Fragen
will ich dich nicht quälen Aber ich beschwöre dich sei gefasst sei ruhig und
wenn du es vermagst so entdecke mir was dich so erschüttern konnte Erinnere
dich was du so rasch verlassen willst Mich lass aber ziehen mir ein Glück zu
erringen für das und mit dem du geboren wardst erfreue dich dessen und bleibe
in Frieden« »So bleibe du bei mir Florentin Nur noch ein Jahr bleibe bei
mir dann ziehe ich mit dir wohin du willst« »Ach Eduard Du solltest mich
nicht halten wollen« »Was du nicht sagen kannst« fiel Eduard ein »weiß ich
längst mein Freund Du liebst Julianen ich weiß es aber « »Wer wer darf
das sagen« »Bleib ruhig Florentin es blieb mir nicht unbemerkt« »Du hast
dennoch falsch gesehen Kannst du so dein eigenes Gefühl verleugnen und was
hast du zu fürchten« »Ich fürchte nichts von dir sei überzeugt Ich kenne
dich dir ist die Freundschaft heilig Du wirst dich für den Freund aus aller
Kraft deiner Seele zu bekämpfen wissen Auch wird deine Leidenschaft sich bald
in das reinste Freundschaftsgefühl auflösen Und dann von beiden Freunden
geleitet soll Juliane des schönsten Daseins sich zu erfreuen haben Keine Lücke
bleibe in ihrem Herzen ihre Liebe bedürfende Seele sei ganz glücklich im
Genuss« »Gemach mein guter Eduard gemach So gelassen wolltest du wirklich
dreinsehen wie der Freund seine Tage unter Prüfungen der Selbstüberwindung
hinschleichen ließe sein wärmstes Leben sein lebendigstes Gefühl ertötete und
mit halb verschlossnem misstrauendem Herzen keinen fröhlichen Augenblick verlebte
Ich gestehe dir aufrichtig diese heroische Tugend darf ich nicht zu der
meinigen zählen Wäre der Fall so wie du ihn wähnst so wäre aufs schnellste
entfliehen für mich das ratsamste und das was ich gewiss zuerst tun würde
Aber es ist nichts von dem allen Wahr ist es Julianens Schönheit überraschte
mich sie ist ein anmutiges Wesen mit immer neuen immer lieblichen Bildern
erfüllt ihre holde Gestalt die Phantasie aber « »Ach wenn du ihre Seele
kenntest so weich zugleich so voller Kraft und Liebe ihren Charakter die
herrlichen Anlagen« »Ich verkenne Julianen nicht Wäre sie aber auch für mich
bestimmt ich zweifle dass ich ganz glücklich sein würde« »Freund wer mit
diesem Engel nicht leben könnte der « »Der verdient gar nicht zu leben
willst du sagen Leicht wahr Ich spüre selbst so etwas Indessen versteh
mich mein lieber Freund Gräfin Juliane Erbin eines großen Namens eines
großen Reichtums aus den Händen der höchsten Kultur kommend im Zirkel der
feinen Welt schimmernd der Anbetung von allen die sie umgeben gewohnt und
Florentin der Arme Einsame Ausgestossne das Kind des Zufalls« »Wilder
seltsamer Mensch Warum nennst du dich so und warum dünkst du dich noch immer
allein in unserer Mitte allein« »Habe Geduld mit mir ich darf mich nicht
entwöhnen allein zu sein muss ich nicht fort« »Was treibt dich ich
beschwöre dich Vertraue dich nicht ohne Not dem eigensinnigen Glück bleibe bei
mir« »Ich wills versuchen lieber Freund aber ich stehe nicht dafür ich
muss ich muss doch endlich dahin wo meine Bestimmung mich ruft«
Eduard wollte noch etwas sagen als die Müllerin zu ihnen herauskam Juliane
ließ ihnen sagen sie möchten in ihr Zimmer kommen und ihr Gesellschaft leisten
sie könnte unmöglich schlafen
Alle auch der Müller den sie drum hatte bitten lassen versammelten sich
nun bei ihr sie war vom Bett aufgestanden und saß in einem bequemen Stuhl beim
Kaminfeuer die Kleider der Müllerin hatte sie noch an
In der erhellten Stube sah Florentin nun deutlich die Zerstörung auf Eduards
Gesicht und in seinem Wesen kaum dass diese sich etwas legte da Julianens
zärtlich beredter Blick sich nicht von ihm wandte und ihn um Verzeihung zu
flehen schien Sie rief ihn zu sich und sprach leise und beruhigend mit ihm
Florentin war gewiss dass etwas Ernstaftes zwischen ihnen vorgegangen sein
musste während er sie allein gelassen hatte Es war ihm klar dass es Eifersucht
sei was das schöne reine Verhältnis der Liebenden zerstöre Eine ängstigende
Unruh drückte sein Herz da es ihm einfiel dass er selbst vielleicht
unglücklicheroder unvorsichtigerweise Ursach dazu gegeben habe Er überdachte
noch einmal jedes Wort das ihm Eduard vor der Tür gesagt hatte er musste ihn
bewundern dass er bei einer Leidenschaft die ihm selbst so fürchterlich und so
zerreissend schien mit soviel Feinheit und Aufopferung fühlte und sich äußerte
Sein Glaube an Eduards schöne edle Seele erhielt eine neue Bestätigung die ihn
mehr als jemals anzog auf diese Weise fühlte er sich von widersprechenden
Gefühlen durchstürmt und alles was er in sich beschließen konnte war bald
sehr bald fortzugehen
Während dass er in sich gekehrt und in seine Gedanken verloren dasaß waren
die übrigen in einem allgemeinen Gespräch begriffen Juliane erzählte das
Brausen des Waldes und des Wassers hätten sie entsetzlich zu fürchten gemacht
es wäre ihr nicht möglich gewesen einzuschlafen obgleich sie die Augen fest
verschlossen und sich die Decke über den Kopf gezogen habe um nichts zu hören
»Als spräche des Waldes und des Wassers Geist drohend zu mir herüber« sagte sie
noch schaudernd »so war mir jeden Augenblick fürchtete ich sie würden mir in
sichtbaren Gestalten erscheinen alle alten Romanzen und Balladen die ich
jemals gelesen habe sind mir zu meinem Unglück grausend dabei eingefallen Sie
hätten es nur hören sollen Florentin« »O ich habe auch die Geister zusammen
sprechen hören aber mich nicht vor ihnen gefürchtet mir klang es freundlich
und vertraulich es sind mir freilich keine Balladen und Romanzen dabei
eingefallen« »Wissen Sie uns keine Geistergeschichte zu erzählen« fragte sie
den Müller »in Gesellschaft mag ich sie gar gerne hören der Kreis wird gleich
eng und vertraulich dabei« »O wir wissen genug« sagte die Müllerin da es
der Mann ablehnte zu erzählen »aber sie sind alle gar zu fürchterlich und
erschrecklich so dass ich es nicht wagen möchte sie der gnädigen Gräfin jetzt
zu erzählen« »Ich bin der Meinung unsrer guten Frau Wirtin« fiel Eduard ein
»es möchte Sie zu sehr beunruhigen da Sie ohnedem bewegt und angegriffen sind«
»Gut« sagte Juliane »wenigstens müssen Sie mir aber erlauben Ihnen etwas zu
erzählen es fällt mir eben eine Geistergeschichte wieder ein die weder
schreckhaft noch fürchterlich und doch merkwürdig ist« Sie setzten sich
insgesamt um sie her und versprachen ihr Aufmerksamkeit Sie erzählte nun
folgende Geschichte
Zwölftes Kapitel
»Meine Tante Klementina hatte in ihrer Jugend eine Freundin von der sie sich
oft monatelang nicht trennte Diese Freundin war verheiratet ihren Namen habe
ich nicht erfahren die Tante nannte sie nur immer Marquise Sie lebte glücklich
mit ihrem Gemahl den sie sehr liebte und von dem sie ebenso wieder geliebt
ward Sie waren schon fünf oder sechs Jahre verheiratet ohne Kinder zu bekommen
wie sie beide es sehnlichst wünschten Dem Marquis war es sehr wichtig einen
Erben zu haben weil der Besitz großer Güter an diese Bedingung geknüpft war
Die gute Dame fürchtete für die Liebe ihres Gemahls und sparte weder Gelübde
noch Gebete um sich das ersehnte Glück von allen Heiligen zu erflehen Sie
wallfahrtete nach allen wundertätigen Bildern und nach den gerühmten Bädern
Meine Tante die sie auf vielen dieser Reisen begleitete war Zeuge ihres Grams
der endlich so tief wurzelte dass man und nicht ohne Grund anfing für ihre
Gesundheit besorgt zu werden denn nicht allein dass der Schmerz vergeblicher
Erwartung sie nagte sie ward auch größtenteils dadurch untergraben dass sie
unzählige Gebräuche des Aberglaubens anwandte und von jeder guten Gevatterin
oder jedem gewinnsüchtigen Betrüger sich Verordnungen und Arzneien geben ließ
Die Vorstellungen ihrer Freunde gegen diese Verblendung waren vergeblich Um
diesen endlich zu entgehen brauchte sie meistens die Mittel heimlich oder
unter mancherlei Vorwand Unterdessen versuchten jene alles Ersinnliche um sie
aufzuheitern meine Tante verließ sie in dieser Zeit fast gar nicht
In der Weihnachtsnacht waren die Freundinnen in der Kirche die Marquise
betete länger und eifriger als jemals und konnte sich der häufigen Erinnerungen
und Bitten ihrer Freundin ungeachtet gar nicht losreißen Sie gab vor da diese
sich über den vermehrten Eifer verwunderte sie hätte viele Dankgebete zum
Himmel zu schicken für die glückliche Errettung ihres Gemahls der tags vorher
von einer Reise zurückgekommen auf der er mancherlei Gefahren ausgesetzt
gewesen war
Die Tante wagte es nun nicht mehr sie wieder zu stören da sie sie an den
Stufen des Altars und zu den Füßen eines Wunderbildes tief hinabgebeugt weinen
und laut schluchzen hörte denn sie wusste aus Erfahrung dass sie durch eine
Unterbrechung auf viel Tage unruhig gemacht wurde Sie erwartete also teils mit
Geduld teils mit ihrer eignen Andacht beschäftigt bis die ihrer Freundin
geendigt wäre Da diese ihr doch endlich zu lang dünkte rief sie ihr zu da sie
aber ohne zu antworten und ohne sich zu bewegen liegenblieb so beugte sie sich
zu ihr hinunter hob den Schleier von ihrem Gesicht und fand sie ohne
Bewusstsein kalt und in tiefe Ohnmacht gesunken
Mit Hilfe einiger zunächststehenden Menschen führte meine Tante sie aus der
Kirche und half sie in den Wagen heben der vor der Kirchtür hielt Sie hatten
einen ziemlich großen Weg nach ihrem Hause zu fahren währenddem gelang es ihr
sie durch alle Hilfe die in dem Augenblick möglich war wieder zu sich selbst
zu bringen Als sie wieder sprechen konnte fragte sie die Tante um die Ursache
ihrer sonderbaren Heftigkeit und bat sie so dringend und unter so zärtlichen
Liebkosungen ihr Herz gegen sie zu öffnen dass sie nicht länger widerstehen
konnte Sie vergoss in den Armen ihrer Freundin einen Strom von Tränen und
nachdem diese ihrem Herzen Luft gemacht hatten erzählte sie ihr sie hätte
soeben einen Vorsatz ausgeführt den sie schon seit länger als einem Jahre in
ihrem Herzen gehegt habe zu dessen wirklicher Ausführung sie noch niemals
Kräfte genug in ihrer Seele gefühlt hätte aber heute nacht hätte sie diese in
ihrem heißem Gebete zur Heiligen Jungfrau errungen Sie hätte es glücklich
vollbracht doch sich so angestrengt dass sie gleich darauf ihre Besinnung
verloren habe Dieselbe an deren Altar sie die augenblickliche Kraft wie einen
Strahl vom Himmel in ihrer Seele empfangen möge es ihr vergeben dass gleich
darauf ihren Körper diese Schwäche befallen und dass sie auch jetzt noch sich
der Tränen nicht enthalten könne Meine Tante erwartete mit ungeduldiger
Unruhe das Ende dieser Vorrede und das wohin sie führen sollte Endlich
sammelte sich ihre Freundin und erzählte ihr sie habe das Gelübde abgelegt und
würde es unverbrüchlich halten sich freiwillig von ihrem geliebten Gemahl zu
trennen wenn sie länger als das nächste Jahr ohne Kinder bliebe ihr Gemahl
sollte sich alsdann eine andere Gattin wählen mit der er glücklicher wäre sie
selbst aber wollte ihr Leben unter eifrigen Gebeten für sein Wohl in einem
Kloster beschließen Sie kamen bei diesen Worten vor dem Hause an und wurden
aus dem Wagen gehoben noch ehe meine Tante ein Wort über dieses traurige
Gelübde hatte vorbringen können Der Marquis kam ihnen entgegen voll Besorgnis
wegen ihres ungewöhnlich langen Ausbleibens Die beiden Frauen sprachen kein
Wort er sah sie verwundert an und nahm an der blassen Gesichtsfarbe seiner
Gemahlin und der bekümmerten Miene meiner Tante gleich wahr dass ihnen etwas
Außerordentliches müsse zugestoßen sein Er führte sie ins nächste Zimmer und
ließ nicht eher ab bis er die Ursache ihrer Bestürzung erfahren Sie erlaubte
es endlich meiner Tante dem Marquis ihr Gelübde zu entdecken Dieser suchte
sich ungeachtet seines heftigen Schreckens zu fassen und bat sie sich zu
beruhigen sie ließ aber nicht eher mit Tränen und Bitten nach bis er ihr
versprach sie durch keine Gegenvorstellung und keine heimliche Veranstaltung
an der Ausführung ihres Gelübdes zu verhindern Nun erfolgte eine Szene von
zärtlichen Vorwürfen von Liebe Großmut und Aufopferung die man sich wohl
leicht vorstellen kann
Die Nacht war unterdessen beinahe verstrichen die Marquise fühlte sich sehr
ermüdet und bat meine Tante sie nach ihrem Zimmer zu begleiten weil sie trotz
ihrer Müdigkeit nicht würde schlafen können und sie ihr noch einiges sagen
wollte Ihr Gemahl führte sie die Treppe hinauf ein Gitter verschloss einen
ziemlich langen Gang an dessen Ende das Schlafzimmer der Dame lag Der Marquis
zog an der Klingel die Kammerfrau trat aus dem Zimmer um zu öffnen er wollte
eben wieder die Treppe hinuntergehen als die Marquise ausrief Ach seht seht
hin was kommt da für ein englisch schönes Kind Man sah hin durch das Gitter
wo sie hinzeigte sah aber nichts als die Kammerfrau die mit einem Licht in der
Hand den Gang herunterkam und die Gittertür aufschloss Was hast du da für ein
schönes Kind fragte sie sie hastig Die Kammerfrau sah sie an ohne zu
antworten O seht doch das Engelskind rief die Marquise wieder tat einige
Schritte vorwärts und beugte sich freundlich wie zu einem Kinde herab
Entsetzen und Erstaunen bemeisterte sich der Anwesenden denn sie sahen kein
Kind Die Marquise ging mit offenen Armen noch einige Schritte als wollte sie
etwas umfassen wankte und sank mit einem lauten Schrei nieder
Sie ward zu Bette gebracht Als sie wieder zu sich selbst kam fragte sie
ängstlich die Antwort erwartend ob denn die andern nicht das Kind am Fuße des
Bettes stehen sähen Da man nun an der Stelle die sie bezeichnete nicht das
geringste wahrnahm und sie am Achselzucken und am bedauernden Zureden der
andern merkte dass man sie für krank hielt und als ob ihr nicht geglaubt würde
dass sie wirklich das sähe was sie zu sehen vorgab beschrieb sie mit der
größten Genauigkeit und ganz gelassen die Gestalt des Kindes das sie zu ihren
Füßen an das Bett gelehnt stehen sah Es schien ihr in einem Alter von drei
Jahren trug ein leichtes weißes Gewand Arme und Füße waren nackt um den Leib
hatte es einen blauen Gürtel von hellglänzendem Zeuge dessen Enden hinter ihm
niederflatterten Das Köpfchen sei mit himmlischen blonden Locken wie mit den
zartesten Strahlen umgeben das mit den kindlichen Wangen dem frischen Munde
und den lachenden blauen Augen wie ein wundersüsses Engelsköpfchen aussehe Das
ganze Figürchen umschwebe hinreissende Anmut kurz sie beschrieb es so
umständlich dass man gar nicht mehr zweifeln durfte sie sähe es in der Tat vor
sich da sie es aber anfangs hätte umarmen wollen wäre es zurückgewichen daher
sei ihr Schreck und die Ohnmacht gekommen denn es hätte sie überzeugt dass sie
eine Erscheinung sehe
Ihre Freunde durften keinen Widerspruch wagen aus Besorgnis sie
aufzubringen und man geriet in große Verlegenheit Der Arzt wurde herbeigeholt
er fand sie in heftiger Wallung sonst aber keine Spur von irgendeiner
Krankheit Er verordnete vorzüglich Ruhe Sie wollte versuchen zu schlafen rief
aber in dem Augenblick O seht doch wie es sich freundlich gegen mich neigt
und nun geht es das liebe Gesichtchen immer zu mir gewendet zurück Seht dort
setzt es sich im Winkel nieder es winkt mir mit den Händchen ich solle
schlafen Man bat sie die Augen zu verschließen damit sie Ruhe fände Die
Bettvorhänge wurden niedergelassen und nachdem sie etwas Kühlendes getrunken
hatte schlief sie ein
Bei ihrem Erwachen nachdem sie einige Stunden ruhig geschlafen hatte und es
unterdessen völlig Tag geworden war hoffte man ihre Erscheinung würde
verschwunden sein aber zum Erstaunen blieb diese wie in der Nacht Kaum
erwachte sie so zog sie die Vorhänge zurück und sah auch sogleich das Kind mit
munteren freundlichen Gebärden auf sich zukommen Sie unterhielt sich nun auf die
vertraulichste und liebreichste Weise mit ihm und versicherte es gäbe ihr
durch sehr ausdrucksvolle Mienen verständliche Antwort Sie gebot ihm sich vom
Bett zu entfernen es ging zurück drauf winkte sie ihm wieder und es kam
näher dann gebot sie ihm ihr etwas zu reichen da machte es wie sie
versicherte eine Gebärde mit Kopf und Schultern als wollte es ihr zu verstehen
geben dies sei über seine Macht
Sie stand auf ging im Zimmer herum das Kind lief beständig vor ihr her
immer rückwärts das Gesicht zu ihr gewendet Man war in der schrecklichsten
Besorgnis wegen dieser bleibenden Erscheinung man hielt es für eine völlige
Zerrüttung der Sinne und der Gesundheit und man drang einigemal in sie sich
den Händen eines Arztes zu übergeben Sie war aber nicht zu bewegen Arznei zu
nehmen weil sie sich so wohl fühlte als sie seit lange nicht gewohnt war In
der Tat blühte sie zum Erstaunen aller Bekannten in kurzer Zeit ordentlich neu
auf Sie ward wieder munter sie konnte wieder gehörig Speisen zu sich nehmen
und ruhig schlafen sie nahm wieder an der Gesellschaft frohen Anteil und
schien sogar ihres traurigen Gelübdes nicht mehr zu gedenken Ein paarmal sprach
sie nur mit ihrem Gemahl davon aber mit der größten Geistesruhe sie
versicherte ihn sie verlasse sich völlig auf sein Versprechen ihr in der
Erfüllung nicht entgegen zu sein Die Erscheinung des Kindes verließ sie keinen
Augenblick Es begleitete sie bis an die Gittertüre so oft sie ausging sobald
die Tür zugemacht war sah sie es den Gang wieder zurück nach ihrem Zimmer
schweben wenn sie wiederkam fand sie es ebenso am Gitter ihr entgegenkommen
dabei war es wie sie vorgab immer traurig wenn sie es verließ und vergnügt
wenn sie es wiedersah Bei Nacht trug es eine Kerze in der Hand und am Tage
einen Blumenkranz Außer jenem Bezirk hatte es sie nie verfolgt Man beredete
sie ein anderes Zimmer zu beziehen dazu war sie aber auch nicht zu bewegen Sie
weinte wenn sie nur daran dachte es von sich zu stoßen und der Marquis ließ
es sich endlich gefallen weil er hoffte sie würde doch nun ihrer Vision zu
Gefallen nicht ins Kloster gehen Sie liebte die kleine Gestalt mit wahrer
mütterlicher Leidenschaft sie ward oft in Gesellschaften unruhig und sehnte
sich nach dem Kinde hin wenn sie es einige Stunden verlassen hatte Man hörte
sie in ihrem Zimmer mit ihm sprechen Sie hatte ein kleines Bett dem ihrigen
gegenüber stellen lassen darein legte es sich wenn sie es ihm sagte auch sah
sie es des Nachts wenn sie von ungefähr aufwachte drin liegen aber es
erwachte in demselben Moment mit ihr Ebenso machte sie ihm in einer Ecke des
Zimmers eine Spielanstalt mit einem kleinen Tisch und Stühlchen sie sah es
sich dazu niedersetzen die Spielsachen berührte es aber nicht es spielte nur
mit den Blumen die es in der Hand hielt oder es saß still ihr gegenüber und
lächelte sie mit großen Augen an Nur wenn Sie es fassen wollte dann ward sie
erinnert dass es eine bloße Täuschung sei dann wich das Luftbild von ihren
Händen zurück und ließ sich ebensowenig ergreifen als die farbige Gestalt des
Regenbogens
Nach einiger Zeit ereignete sich etwas welches das Wunderbare dieser
Erscheinung zugleich erklärte und vergrößerte Die Marquise fühlte nämlich
deutliche Zeichen dass sie guter Hoffnung sei Die Freude des Ehepaars war ohne
Grenzen als sie dessen endlich gewiss waren Im Taumel der Freude ihr Gebet
erhört und sich des trostlosen Gelübdes entbunden zu sehen eilte sie nach
demselben Altare vor welchem sie es damals abgelegt hatte und gelobte nun an
der Stelle ihr Kind statt ihrer dem Kloster zu weihen Der Marquis war mit
diesem Gelübde beinahe so unzufrieden als mit dem vorigen doch musste er es
geschehen lassen Einen Knaben hoffte er mit Golde loszukaufen
Neun Monate nach dem Tage der ersten Erscheinung ward sie glücklich von
einer Tochter entbunden Während ihrer Niederkunft sah sie die Erscheinung an
ihrem Lager unbeweglich stehen in dem Augenblick aber dass ihr Kind zur Welt
kam war jene verschwunden und sie hat sie niemals wiedergesehen«
Juliane endigte hier ihre Erzählung und ihre Zuhörer dankten ihr einstimmig
für das Vergnügen das diese ihnen gemacht hatte »Wenn ich mir jemals
wünschen könnte eine Erscheinung zu sehen« sagte der Müller »so wäre es eine
solche« »Behüte mich Gott und alle heiligen Engel vor Geistern« rief seine
Frau indem sie andächtig ein Kreuz machte »sie mögen auch sein oder Gestalt
haben was und wie sie wollen sie bedeuten gar zu selten etwas Gutes« »Eine
sehr niedliche Geschichte« sagte Eduard »besonders gefällt mirs dass sie so
wunderbar und doch so einfach so wahrscheinlich ist man versteht sie
vollkommen ohne durch eine besondere prosaische Auflösung gestört zu werden
wie es sonst bei wirklich erlebten Wundern gewöhnlich der Fall ist.« »Und Sie
sagen gar nichts dazu Florentin« fragte Juliane »Sie sehen so gedankenvoll
aus haben Sie etwa gar nicht zugehört« »Ich habe wohl zuhören müssen« sagte
dieser »die Geschichte zwang mich ordentlich zur Aufmerksamkeit Mir war als
wären mir sowohl die Begebenheiten als die Menschen darin nicht fremd
unwillkürlich schob sich mir bei jedem eine bekannte Person unter so wie man
wenn man ein Schauspiel liest sich die Schauspieler denken muss von denen man
es einst hat spielen sehen Und was ich sonst nicht leicht fühle mich hat ein
leises Grauen dabei überfahren« »Grauen« fragte Juliane »diese Wirkung
hatte sie doch auf mich gar nicht da mich sonst schon bei dem bloßen Gedanken
an eine Geistergeschichte schaudert man sollte es aber schon an Ihnen gewohnt
sein dass die Dinge allezeit auf Sie ganz anders wirken als auf andere ehrliche
Leute Doch sehen Sie der Tag bricht an« fuhr sie fort »nun dächte ich
während unser guter Herr Wirt Anstalten trifft dass der Bote aufs Schloss geht
und die Frau Müllerin uns noch ein Frühstück bereitet so singen Sie etwas
Florentin Ich kann nicht verhehlen ich bin voller Unruhe und Ungeduld Musik
wird am ersten fähig sein diese zu täuschen«
Der Müller und seine Frau gingen hinaus um zu tun was sie verlangt hatte
»Nun fangen Sie an« sagte Juliane »die Gitarre werden Sie nicht brauchen
können sie hat wahrscheinlich sehr von der Nässe gelitten« »Es tut nicht
viel« sagte Florentin »sie wird noch immer gut genug sein Takt und Tonart
ungefähr drauf zu bemerken mehr braucht es nicht Doch was verlangen Sie für
ein Lied« »Singen Sie was Sie wollen nur etwas Neues und Kluges« Nach
einem kurzen Besinnen sang er folgende Strophen
»Mein Lied was kann es Neues euch verkünden
Und welche Weisheit Freunde fordert ihr
Der Hohen meine Jugend zu verbünden
Dies wie ihr wisst gelang noch niemals mir
Noch Neu noch Alt wußt ich je zu ergründen
Das Schicksal gönn im Alter Weisheit mir
Wir irren alle denn wir müssen irren
Gelassen mag die Zeit den Knäul entwirren
Der Waldstrom braust im tiefen Felsengrund
Gar schroffe Klippen führen drüber hin
Die furchtbar hängen überm finsteren Schlund
Wer strauchelt dem ist sichrer Tod Gewinn
Ein Müder wankt an Geist und Gliedern wund
Daher schaut bang hinab kalt graust der Sinn
Am Felsen spielt ein Kind sorglos bemüht
Ein Blümchen pflückend das am Abgrund blühet
Oft mühten sinnreich Dichter sich und Weise
Das Leben mit dem Leben zu vergleichen
Am glücklichsten geschahs im Bild der Reise
Ein Tor eröffnet Armen sich wie Reichen
Früh ausgewandert auf gewohntem Gleise
Sieht er die Dämmrung kaum dem Licht entweichen
So treibt der Wahn ihm dürfs allein gelingen
Rastlos in nie erreichte Fern zu dringen
Es türmen Felsen sich in seinen Wegen
Des Mittags Strahlen glühn auf seinem Haupt
In Wüsten Sands muss sich der Fuß bewegen
Ein Ungewitter naht der Sturmwind schnaubt
Wo kommt ein sichres Dach dem Blick entgegen
Es seufzt nach Ruh wem stolzer Mut geraubt
In später Nacht doch tausendfältger Not
Kömmt er ans Ziel und dieses ist der Tod
Der Jüngling tritt von Ahndung fortgezogen
Zur Schwelle hin die in das Leben führt
An seiner Schulter tönt der goldne Bogen
Der Göttin so die Welt ihm hold verziert
Der Phantasie die ihn auf kühnen Wogen
Sanft fortreisst ihn mit bunten Bildern rührt
Wenn er dann so nach schönen Träumen hascht
Wird unbewusst vom Glück er überrascht
Gebt acht gebt acht Gelegenheit ist flüchtig
Nicht leicht ihr Stirnenhaar im Flug zu fassen
Obgleich zu nützen sie ein jeder tüchtig
Dems klug gelang sie nicht entfliehn zu lassen
So ist dem Würdigen sie nie so wichtig
Dass er von ihr sich mag bestimmen lassen
Doch was hilft Mut was mächtiges Bestreben
Dem Schiff das tollen Stürmen preisgegeben
So mancher hat gefunden was zu suchen
Er gleichwohl nicht verstand was zu gewinnen
Vergebens er und mühvoll wird versuchen
Misslingen droht dem treulichsten Beginnen
Wie viele hört man dann ihr Los verfluchen
Und klagen Glück o musstest du zerrinnen
Was traut ihr müßig auf des Glückes Gunst
Natur sei Vorbild Leben eine Kunst
Wer hebt des Künstlers Mut in Kampf und Leiden
Als ferne Ahndung hoher heilger Liebe
Was lehrt ihn schellenlaute Torheit meiden
Als eigenes Glück der süßen zarten Liebe
Wo ist ein Port für Hohn und böses Neiden
Als in den Armen frommer treuer Liebe
Und wird des Helden Stirn in Myrtenkränzen
Der Nachwelt schöner nicht als Lorbeer glänzen«
Florentin war von seinem eignen Gesange nach und nach so begeistert dass ihm
Reime und Gedanken je mehr je leichter zuflossen und die beiden wären es nicht
müde geworden zuzuhören wenn er auch noch länger fortgesungen hätte Die
Müllerin unterbrach aber seinen Gesang und ihre Aufmerksamkeit indem sie das
Frühstück hereinbrachte Zu gleicher Zeit kam auch der Bote mit der Nachricht
zurück der Wagen und die Bediente der Gräfin würden in weniger als einer Stunde
anlangen Er hatte am jenseitigen Ufer einen Reitknecht vom Schloss zu Pferde
angetroffen der ihn bei seiner Überfahrt erwartete Dieser hatte ihn gefragt
ob er nicht etwa drei Herren in Jagdkleidern gesehen hätte denen zwei Hunde
gehörten die er vor der Tür der Mühle liegen sähe Da er nun gleich gesagt dass
sie alle drei in der Mühle eingekehret seien und dort übernachtet hätten und
dass er eben abgeschickt sei um den Wagen vom Schloss zu holen so habe ihm der
Reitknecht befohlen nur wieder zurückzugehen und der Herrschaft zu sagen dass
er sogleich den Wagen der im Dorfe warte nach der Mühle schicken würde
Juliane hatte wieder ihre Kräfte gesammelt die Nachricht dass sie in kurzer
Zeit abgeholt würde machte sie völlig heiter und gut gelaunt Um Eduards Stirn
schwebte eine Wolke die Julianens ganze Heiterkeit nicht völlig zerstreuen
konnte So oft sie ihre Ungeduld nach Hause zu ihren Eltern zu kommen äußerte
stieg sein Unmut beinah bis zur Bitterkeit »Mein geliebter Freund« sagte
Juliane »es hilft Ihnen zu nichts dass Sie Ihre Vorwürfe nicht aussprechen sie
sind sichtbar auf Ihre Stirn geschrieben aber wie sie auch erscheinen sind sie
sehr ungerecht Sie sollten die angenehmen Stunden nicht mit Missmut endigen«
Das Frühstück war kaum verzehrt als der Wagen mit der Kammerfrau der Gräfin
Eleonore kam die ihr Wäsche und Kleider mitbrachte Juliane erkundigte sich
nach ihren Eltern Sie hatten die Nacht in erschrecklicher Angst zugebracht
erzählte die Kammerfrau der Graf wollte sich trotz dem Ungewitter selbst
aufmachen um sie aufzusuchen durfte aber die Gräfin nicht verlassen die sich
sehr übel befunden und bei jedem starken Blitz ohnmächtig ward Im ganzen
Schloss blieb alles die Nacht über auf und sobald das Gewitter nur etwas
nachgelassen musste die Kammerfrau mit dem Wagen nach dem Dorfe fahren weil sie
vermuteten dass die jungen Leute nach dieser Seite gewandert wären der
Reitknecht musste indessen zu Pferde das Gebirg und die Gegend durchsuchen Er
war auch gleich nachdem er dem Kutscher die Mühle bezeichnet aufs Schloss
zurückgeritten um es zu melden dass sie glücklich gefunden wären
Juliane war gerührt über die Angst die sie ihren Eltern gemacht hatte und
eilte sich umzukleiden um so schnell als möglich wieder zu ihnen zu kommen
Florentin und Eduard beschlossen zu Fuß zurückzugehen sie konnten auf dem weit
nähern Fußweg doch noch früher als der Wagen auf dem Schloss ankommen Sie
nahmen freundlich Abschied von ihren guten Wirten die es als eine Beleidigung
ansahen als man davon sprach ihnen ihre gehabte Mühe und Unkosten zu bezahlen
Juliane zog einen kleinen Ring vom Finger und gab ihn der Müllerin zum Andenken
um ihre Erkenntlichkeit zu bezeigen
Der Graf und Eleonore kamen ihrer Tochter eine große Strecke entgegen die
beiden Freunde ergötzten sich die Freude zu sehen mit der sie empfangen ward
und mit der sie aus dem Wagen in die Arme ihrer Eltern stürzte als ob sie
jahrelang getrennt gewesen wären Juliane wurde mit Fragen bestürmt und musste es
feierlich ihrem Vater versprechen niemals wieder seine Einwilligung zu einer
ähnlichen Unternehmung zu fordern
So endigte die abenteuerliche Wanderung Obgleich ihnen keine andere als
gewöhnliche Begebenheiten zugestoßen waren so war sie ihnen doch wichtig
geworden Sie hatten auf diesem kurzen Wege den sie miteinander gewandert
tiefere Blicke in ihr Inneres zu tun Gelegenheit gefunden als sie in einem
jahrelangen Nebeneinandergehen in der großen Welt vermocht hätten Juliane hatte
die Erfahrung ihrer Abhängigkeit gemacht und musste es sich gestehen dass sie es
nicht so unbedingt wagen dürfe außer ihren Grenzen und ohne ihre Bande und
ihre erkünstelten Bequemlichkeiten fertig zu werden
Dreizehntes Kapitel
Die Zeit des Aufschubs war verstrichen es waren nur noch drei Tage bis zu dem
für die Vermählung festgesetzten und man erwartete jede Stunde die Ankunft der
Gräfin Klementina
Unter verschiedenen Anverwandten und Freunden die sich nun allmählich auf
dem gräflichen Schloss einfanden kam auch einer ihrer Nachbarn auf den sich
schon alle längst gefreut hatten weil er ihnen durch seine Eigenheiten viel zu
lachen gab Er war vormals Oberstwachtmeister hatte aber bei seinem
herannahenden Alter den Abschied genommen und lebte nun auf seinen Gütern wo
er Ökonomie trieb seine Besitztümer verbessern und seine Bauern aufklären
wollte zu dem Ende las er alles was in diesem Fache geschrieben ward und
versuchte alle Menschenfreundlichkeit lehrende Theorien zu realisieren Da er
nun den größten Teil seines Lebens sich mit Ideen ganz anderer Art beschäftigt
hatte so konnte es nicht fehlen dass er alles falsch anfing seine oft gute
Absicht verfehlte und sich nur selten nützlich desto häufiger hingegen
lächerlich machte Da seine Verbesserungen gewöhnlich mehr darauf hinausgingen
ihn zu bereichern als wie er vorgab das Gute wirklich gemeinnützig zu machen
und er bei allen Vorkehrungen die er traf seine Bauern zu bilden sich doch
niemals vorstellte dass sie klug genug wären seine eigentliche Absicht
einzusehen und aus eben dem Grunde nicht allein sie nicht beförderten sondern
ihr auch noch auf alle ersinnliche Weise entgegenarbeiteten so lebte er in
ewigen Verdrießlichkeiten und Zänkereien Übrigens war er was man einen recht
guten tätigen Mann nennt Niemals hat wohl jemand bei so vielem Anspruch auf
Gravität und Würde mehr Anlass zum Lachen und Bedauern gegeben als der gute
Oberstwachtmeister Er brachte bisweilen seine Lächerrlichkeiten mit einer
solchen Naivität vor dass man geneigt war zu glauben er wolle sich selbst
parodieren so geschah es denn oft dass seine Hörer ohne alle kränkende Absicht
laut auflachten wo er eigentlich die ernstafteste Aufmerksamkeit hatte erregen
wollen
Bei seinem jetzigen Besuche brachte er das Gespräch auf die ökonomischen
Einrichtungen des Grafen und konnte seine Verwunderung nicht genug darüber
bezeigen dass diesem alles so wohl so leicht und ohne alle Widerwärtigkeiten
gelinge während er mit aller Arbeit es nur bis zum Streit und zur Verwirrung zu
bringen wisse Er hatte auf seinem Wege nach dem Schloss sich mit einem alten
Landmann aus dem Schwarzenbergischen Dorfe in eine Unterredung eingelassen der
die eingeführten Neuerungen und Verbesserungen seiner Herrschaft nicht genug
loben und segnen konnte Dieses unverdächtige Lob hatte ihn ganz wild gemacht
er polterte und sprudelte nun eine Anrede an den Grafen heraus wo neben recht
kräftigen derben militärischen Ausdrücken die Worte Bildung und Verfeinerung
äußerst drollig hervorstachen und endigte mit dem Anliegen der Graf solle ihm
Unterricht in der neuesten Verbesserungsmetode geben
Um ihn etwas zu besänftigen und ihn von seiner Mutlosigkeit zu heilen
erinnerte ihn der Graf an seine Verschönerungen des Parks des Gartens und des
Wohnhauses
»Ja ja« sagte er mit Selbstzufriedenheit »das ist freilich etwas Es hat
mir doch auch muss ich sagen viel Arbeit und Kopfzerbrechen und viel schweres
Geld gekostet Nun freilich so etwas wie mein Ermenonville meinen
otaheitischen Pavillon meine chinesischen Brücken dergleichen haben Sie noch
nicht ausgeführt das ist wahr Apropos ich muss Ihnen doch erzählen ich habe
von meinem Neffen der vorigen Sommer von seiner Reise um die Welt
zurückgekommen eine ganz vortreffliche und genaue Zeichnung von den ägyptischen
Pyramiden erhalten die ich sobald ich mit meinem Vesuv zustande bin ebenso
nachzuahmen gedenke unter uns ich hoffe es soll gewiss ein Meisterwerk und ein
seltnes Glück werden dabei habe ich den Gedanken in diesen Pyramiden ein
Monument für mein seliges Lottchen zu stiften Ich habe auch schon den Platz mit
Trauerweiden und wilden Rosen bepflanzen lassen und der Neveu will die alten
Inschriften die er mitgebracht hat hinein besorgen Dahin will ich mich dann
in melancholischen Stunden in die Einsamkeit begeben mich meinen Gedanken
überlassen und das Andenken meines lieben seligen Lottchens feiern
Jetzt meinte ich aber nur die Ökonomie Ihre Verbesserung des Ackerbaues
und das ehrbare folgsame Betragen Ihrer Bauern Sehen Sie das wars dahin
bringe ichs mit aller Arbeit nicht Wie ich es mir sauer werden lasse das
werden Sie wohl nicht glauben wie ich mich Tag und Nacht damit beschäftige die
Bestien auszubilden und wie sollt es einen nicht dreifach ärgern wenn man
dahinter kommt dass sie ihrem Wohltäter Gutes mit Bösem vergelten und lügen und
betrügen wo sie nur immer können Blutsauer habe ichs mir werden lassen Ja
sollten Sie sich vorstellen ich bin so weit gegangen als ich neulich etwas von
ihnen verlangte wobei ich wenn es mir gelungen wäre auf ein paar tausend
Tälerchen jährlich mehr hätte rechnen können mussten nicht allein meine Töchter
bei einem Fest das ich veranstaltete mit ihnen tanzen ja ich ging so weit
dass ich sie selbst in ihren eignen Häusern überraschte mich mit ihnen zu Tische
setzte und von ihrer miserablen Gott verzeih mir die Sünde Kocherei aus einer
Schüssel mit ihnen verzehrte Ich tat nicht anders als ob es mir ganz
vortrefflich schmeckte dankte ihnen und unterhielt mich mit ihnen als ob sie
meine Kameraden wären Ich sage das eben nicht darum als ob es so besonders
tugendhaft von mir wäre ich weiß recht wohl dass es gegen die Aufklärung und
gegen die reine Menschlichkeit liefe wenn ich anders handelte aber ich
vermutete die Halunken würden von meiner Herablassung gerührt sein und in
alles einwilligen was ich von ihnen verlangte es wäre denn doch ein Beweis
ihrer verfeinerten Sitten und ihrer edlen Herzen gewesen Aber mir nichts dir
nichts sie blieben bei ihrem starren Eigensinn es fehlte nicht viel so hätten
sie sich gegen mich zusammengerottet bloß aus Egoismus weil mir wie sie
sagten allein der Vorteil zufliesse und sie freilich wohl ein wenig mehr Arbeit
und einen kleinen Zeitverlust dabei gehabt hätten Anfangs wollte ichs nun doch
mit Gewalt durchsetzen aber sie waren so undankbar mir mit einem Prozess zu
drohen Ich ließ es gut sein und war zufrieden aber geärgert hat es mich dass
ich aus der Haut hätte fahren mögen Nun Herr Graf sagen Sie mir nur Sie
richten ja aus was Ihnen beliebt Tun Sie denn noch mehr« »Bei weitem nicht
so viel als Sie Herr Obristwachtmeister« sagte der Graf beruhigend »Aber Sie
haben selbst sehr richtig bemerkt ich bin so glücklich einen Schlag sehr guter
Leute auf meinen Gütern zu besitzen die mir allenthalben kräftig die Hand
bieten Ich suche nur zu verhüten dass sie nicht durch zufälliges Unglück bis zu
dem schauderhaften Elend gebeugt werden wo sie Hilfe in der Niederträchtigkeit
und Vergessenheit ihres Elends in der Völlerei zu suchen haben Sie werden
erfahren haben wie meine Schwester für die Kranken sorgt Auf eine ähnliche
Weise werden sie jedesmal unterstützt wenn es nötig ist Da sie nun für die
ersten Bedürfnisse nicht so hart und unablässig zu sorgen brauchen so kommen
sie von selbst und ganz ohne Zwang darauf ihren Zustand immer mehr und mehr zu
verbessern Sie tun mir also zuviel Ehre an Herr Obristwachtmeister wenn Sie
mir allein alle Verbesserungen und manches ungewöhnlich Gute zuschreiben das
Sie auf meinen Gütern bemerken wollen Sehr viele ja die meisten Ideen dazu
kommen von meinen Landleuten selbst sie kennen den Boden den sie bearbeiten
müssen durch ihre Erfahrung am besten daher sind sie am ersten imstande und
berechtigt sich die vorteilhafteste Behandlungsart zu ersinnen ich reiche
ihnen nur hilfreich die Hand wenn etwa die Ausführung ihre Mittel übersteigt
Der Vorteil des Gelingens gehört ihnen unbezweifelt sowie auch billig der
Schaden des Irrtums oder des Verfehlens der jedoch ihre ganze Bestrafung
ausmacht« »Das Wichtigste« fing Eleonore an »hat mein Gemahl Ihnen noch
nicht erwähnt Herr Obristwachtmeister ich meine den abgeschaften Frondienst
Die Leute haben nun was ihnen so wichtig ist Musse ihre eignen Geschäfte desto
besser zu besorgen« Der Obristwachtmeister hatte während der Graf
gesprochen mit komischer angestrengter Aufmerksamkeit zugehorcht um etwas zu
lernen auch einigemal Beifall genickt indem er die Umstehenden nach der Reihe
anguckte Als aber Eleonore vom Abschaffen des Frondienstes anfing sprang er
ungeduldig auf »Gut dass Sie davon anfangen Frau Gräfin Ich hatte es mir
schon längst vorgenommen Ihnen meine Meinung darüber zu sagen Sie haben Ihren
Bauern den Frondienst erlassen der jedem Gutsbesitzer von Gott und Rechts wegen
zukömmt dadurch haben Sie aber allen Ihren Nachbarn vielen Schaden zugefügt
Herr Graf Es ist nicht ein jeder gesonnen seinen gerechten Vorteil so
mutwillig zu verschleudern und nun wird uns alles erschwert Nein erlauben Sie
mir dass ichs Ihnen sage daran taten sie sehr unrecht Eine alte Gerechtigkeit
muss man nicht aufheben Unsere Vorfahren haben den Frondienst eingerichtet und
das waren auch keine Narren die Nachkommenschaft sollte nur mehr Respekt vor
ihren Einrichtungen haben Einzelne Verbesserungen ja einzelne lasse ich mir
gefallen aber das Ganze darf nicht niedergerissen werden Alle Teufel Bei der
Ordnung muss es bleiben Und nehmen Sie mirs nur nicht übel Herr Graf auf
diese Weise geht es Ihren Bauern freilich herrlich und in Freuden da Sie sich
das Ihrige entziehen Aber damit wäre mir noch gar nicht gedient meine Bauern
sollen sich nicht aus Eigennutz vervollkommnen und meinen Willen ihres eignen
Vorteils wegen vollziehen sondern aus reiner Liebe und Dankbarkeit sollen Sie
mir meinen Willen tun Weltlichen Vorteil sollen sie gar nicht vor Augen haben
sondern Moralität feine Ausbildung des Kopfs und des Herzens Lieben sollen
mich die Halunken« In diesem Ton fuhr der gute Obristwachtmeister noch ein
Weilchen fort zur großen Belustigung der Gesellschaft die über diesen Freund
der Kultur sich nur mit Mühe das laute Lachen enthielt Eleonore musste einigemal
das Gesicht wegwenden der Graf versuchte es ihn zu unterbrechen und ein
anderes Gespräch auf die Bahn zu bringen aber das ging nicht so leicht Er
kramte mit großem Eifer alles durcheinander aus und schwieg nicht eher bis man
zu Tische ging wo er sich dann wieder beruhigte Beim Anblick der
mannigfaltigen Flaschen ward er vollends wieder friedlich und freundlich
gesinnt vergaß Kultur Ökonomie und Moralität ließ es sich trefflich
schmecken und prüfte so lange die einheimischen und fremden Weine
gegeneinander bis man ihn nach einem andern Zimmer führte wo er den Rest des
Tages ruhig verschlief
»Wie gefällt dir die herrliche Karikatur« fragte Eduard »Dieses ist
einer der umfassendsten Geister die es gibt« erwiderte Florentin »er
vereinigt in sich alle die Narrheiten die man sonst in der ganzen Welt
ausgebreitet findet jedes Rätsel das uns in ihr verwirrend und ängstigend
entgegenfährt ist aufs belehrendste in ihm allein aufgelöst« Juliane
bedauerte spottend die armen Fräulein die aus
ökonomischpolitischmenschenfreundlicher Absicht mit den unwilligen
aufgebrachten Bauern tanzen mussten und stellte die Not sich nach ihrer Weise
fügen zu müssen sehr komisch und lebhaft vor Sogar Terese und die Knaben
übten ihren Mutwillen an dem ehrlichen Obristwachtmeister bis der Graf ihnen
endlich Einhalt tat der sich bei diesen Gesprächen erinnert hatte dass seinen
Bauern am Vermählungstage ein Gastmahl auf dem Schloss bereitet werden müsse und
war verwundert noch keine Anstalten dazu machen zu sehen Eleonore gestand
ihm Sie hätte es zwar nicht vergessen könnte sich aber immer nicht
entschließen etwas anzuordnen was noch jedesmal ihr Missfallen erregt so oft
sie dabei gewesen Der Graf erwiderte Es lasse sich schwerlich etwas
Gegründetes gegen eine so ehrwürdige Sitte einwenden die von jeher in seinem
Hause stattgefunden und die er nicht gern ohne Grund abschaffen würde
»Verzeih mir mein Bester« sagte Eleonore »aber ich konnte mir nie weder Gutes
noch Erfreuliches dabei denken wenn ich diese Leute an einer langen Tafel
schnurgerade gereiht sitzen sah Zwang und staunende Langeweile auf allen
Gesichtern die Männer an der einen die Frauen auf der andern Seite zufällig
Feinde sich nah Freunde und Liebende getrennt fremd ängstlich unbehaglich
Von der Dienerschaft wo nicht gar von der herrschaftlichen Familie selbst
bedient fühlen sie sich in nicht geringer Verlegenheit so oft ihnen etwas
gereicht ward und nahmen sich dann natürlich so ungeschickt und link dabei dass
die übermütigen Lakaien sich berechtigt glauben sie hohnlachend zu verspotten
Irgendein Lächeln oder das Ansehen von Superiorität das man doch nicht
unterdrücken kann und das nur auffallender wird je mehr mans unterdrücken
will macht ihnen vollends diesen ostensibeln Akt von Herablassung zur Pein Es
kann nicht fehlen dass das demütigende und zugleich erniedrigende Bewusstsein
sich nicht in ihre Herzen schleiche sie seien unter dem Vorwand eines Gastmahls
bloß zur Dekoration für die Vornehmen bestimmt die sich an einer ländlichen
Szene erlustigen wollten Dürften diese ehrlichen Leute freimütig ihre Meinung
sagen so würden sicherlich die meisten wie Sancho Pansa bei den Ziegenhirten
ihrem Herrn für die unbequeme Ehre danken in seiner Gesellschaft zu speisen
von denen die es nicht ausschlügen hätte ich auch nicht die beste Meinung«
Eleonore wandte ihre ganze Beredsamkeit an den Grafen zu bewegen dass er diesen
alten Gebrauch abstellen und den Bauern auf eine andere Art ein Andenken des
fröhlichen Tages vergönnen möchte aber der Graf wollte nichts davon hören »Es
sind noch Leute darunter« sagte er »die sowohl am Tage unserer Vermählung als
bei Julianens Geburt sind bewirtet worden was würden diese glauben und glauben
machen wenn wir es bei dieser Gelegenheit unterliessen Entweder dass unsere
Freude nicht von Herzen gehe oder dass wir die Gebräuche unserer Vorfahren nicht
mehr ehren Es darf nicht unterbleiben Doch bleibt dir Liebe die ganze
Anordnung unumschränkt überlassen Die Missbräuche die du ganz richtig angemerkt
hast werden sich vielleicht vermeiden lassen«
Das Gespräch ward durch Briefe von der Gräfin Klementina an den Grafen und
an Julianen unterbrochen Beide entfernten sich Eleonore beratschlagte
währenddem mit Eduard und Florentin wegen des Auftrags den ihr der Graf
gegeben Es ward endlich unter ihnen etwas verabredet und Florentin eilte
sogleich die nötigen Anstalten dazu zu treffen die Kinder begleiteten ihn
Der Graf kam zurück und als er Eleonoren mit Eduard allein antraf sagte er
ihnen sie dürften nun nicht mehr auf Klementinens Gegenwart bei der Vermählung
rechnen sie hätte es völlig abgeschrieben Eleonore bat ihn ihr etwas Näheres
aus dem Briefe mitzuteilen weil sie auf des Grafen Gesicht einige Sorge
wahrnahm die sie beunruhigte
»Ich befürchte« sagte er »dass Klementina von einem ernstaftern Grund zu
kommen abgehalten wird als der ist den sie vorschützt Wenn sie nur nicht
wieder krank ist und es uns verbirgt« Eleonore suchte ihn zu beruhigen sie
erinnerte dass ihre fast niemals weichende Kränklichkeit ein ganz ruhiges
Verhalten oft notwendig mache gefährlich schien es doch nicht zu sein da sie
beide Briefe eigenhändig geschrieben hätte Sie schlug dem Grafen einen
verlängerten Aufschub vor er unterbrach sie aber mit einiger Ungeduld » Es
scheint auch Klementinens Wunsch zu sein« sagte er »aber meine Liebe ich
kann weder dir noch jener hierin nachgeben Ich werde es nicht länger
aufschieben ein so heilig gegebenes Versprechen zu erfüllen und ich selbst
sehne mich zu lebhaft dich Eduard als meinen Sohn zu umarmen Es bleibt bei
dem bestimmten Tage gleich nachher wollen wir zusammen Klementinen besuchen
mich verlangt recht danach sie zu sehen« Er ging mit Eleonoren in den
Garten wo er ihr noch einiges aus dem Briefe mitteilen wollte
Juliane war traurig ihre geliebte Tante nun nicht erwarten zu dürfen Sie
überlas ihren Brief immer wieder aufs neue Eduard suchte sie bei sich in ihrem
Zimmer auf und wollte sie durch seine zärtlichen Liebkosungen erheitern Sie
fühlte seine Liebe konnte sich aber dennoch nicht aus ihrer trüben Stimmung
reißen und bat ihn endlich sie allein zu lassen Er ging fort und suchte
Florentin auf er wollte nicht mit seinem Unmut allein sein Juliane schrieb
folgenden Brief an Klementinen
Juliane an Klementina
Ihr letzter Brief hat mich nicht so froh gemacht wie sonst alles was von Ihnen
kommt Sie selbst erwartete ich liebe Tante wie soll ich mir nun an einem
Briefe von derselben Hand genügen lassen die ich selbst so gern mit Küssen
überdeckt hätte auf deren Segen ich hoffte
Ich habe jetzt Sorgen meine Tante Wie soll ich sie aber aussprechen Wenn
ehedem eine kindische Sorge mein Gemüt traf dann wussten Sie es zu erraten ich
war durch Ihre Hilfe davon befreit ehe ich sie zu nennen wusste Aber jetzt wird
es bedeutender ich fürchte mich vor den ernstaften Anstalten Man kommt und
geht Einrichtungen werden gemacht andere zerstört Vater und Mutter haben
lange geheime Unterredungen dann wird oft Eduard dazugerufen O hätte ich es
gedacht dass es soviel Mühe und mir soviel Angst machen würde Und alles ist
weit schlimmer geworden seit Ihren Briefen Tante Nachdem sie gelesen waren
fielen lange Unterredungen vor der Vater war sehr bewegt meine Mutter weinte
Ich saß unbemerkt an meinem Fenster da konnte ich sie sehen sie gingen auf der
Terrasse auf und ab Ich durfte um nichts fragen denn es schien als machten
sie mir absichtlich aus dem Inhalt des Briefs und des Gesprächs ein Geheimnis
aber es beunruhigte mich Was kann vorgehen Ich habe Ihren Brief unzähligemal
durchgelesen um vielleicht in ihm selbst einen Aufschluss zu finden aber
umsonst Meine teure Klementina schreibt von Pflichten die mir nun aufgelegt
werden denen ich vielleicht nicht gewachsen sei Was sind das für Pflichten
Gibt es noch andere als die ich kenne dass ich Eduard einzig und bis in den Tod
lieben soll Und wenn es nur diese sind wie sollten sie mir zu schwer sein
Kann man zu lieben aufhören Gibt es eine andere Glückseligkeit als treu zu
lieben bis in den Tod Einst sagten Sie mir das schönste Glück auf Erden für
eine Frau wäre wenn der Gatte zugleich ihr Freund sei Sie sprachen mir aus der
Seele meine geliebte Klementina und wenn dem so ist so dürfen Sie sich mit
Ihrem Kinde freuen Eduard ist gewiss der Freund seiner Juliane er liebt mich
ja und kann man lieben ohne der Freund der Geliebten zu sein
Aber was ihm nur fehlen mag Er ist nicht allein besorgt und nachdenklich
wie ich es bin er ist traurig voll Missmut bis zur ungerechten Klage ich liebe
ihn nicht so wie er hoffte von mir geliebt zu sein Ich weiß seine Zweifel
nicht zu beruhigen und meine eigne Unruhe wird immer größer Vielleicht
zerstreut sich dieser Nebel um uns wenn wir erst in Ruhe uns selber werden
leben wenn erst der Lärm die Wichtigkeit die Feierlichkeiten vorüber sind
Ich hätte vielleicht größeres Recht zu klagen als Eduard dass ihm nicht so
ganz genügt an seiner Freundin dass er noch eines Freundes zu seinem Glücke
bedarf Jetzt wünschte ich aber selbst so sehr als er dass Florentin bei uns
bleiben möchte In diesen Stunden der Missverständnisse ist er unser guter Engel
die bösen Geister weichen vor seiner Gegenwart Es ist ein ganz herrlicher
Mensch liebe Klementina Eduard hängt mit der brüderlichsten Freundschaft an
ihm und ich liebe ihn wie einen älteren Bruder Ich fühle es wohl was ich ihm
schon jetzt verdanke und was er uns beiden werden könnte Aber alles unser
Bitten vermag nicht ihn zurückzuhalten Eduard hat eine Vermutung die ich
Ihnen einmal mündlich mitteilen werde ich halte sie aber nicht für gegründet
und auf keinen Fall ist es so ernstaft als er glaubt
Diesen Morgen war ich lang allein mit Florentin Wir überraschten uns beide
mit der gegenseitigen Frage »Was fehlt Eduard« Jeder von uns glaubte den
andern im Verständnis Er wusste aber so wenig und ist so unruhig über diese
Erscheinung als ich selbst Zum ersten Male habe ich ihm mit vollem Zutrauen
begegnet ich gestand ihm meine kleine Eifersucht und dass ich für Eduards Liebe
besorgt bin aber er gab mir Unrecht er warnte mich nicht in die gewöhnliche
Schwäche der Frauen zu verfallen und Achtung für die Freundschaft der Männer zu
haben Es waren Ihre Worte Klementina Ich musste voll staunender Achtung vor
ihm stehen denn so tiefe Blicke in mein Inneres hat niemand noch außer Ihnen
getan solche Dinge hat mir noch kein Mensch sonst gesagt Er hat mich aus den
tiefsten Winkeln meines Herzens da wo ich selbst nicht hinzudringen wagte
herausgefunden Es war beinah so hart mein Stolz empörte sich endlich gegen
seine Beschuldigungen »Sie kennen freilich meine Schwächen« sagte ich ihm
»aber Sie wissen doch nicht was ich zu tun imstande bin« »Das glaube ich«
sagte er »wenn Sie das nur in der Tat tun wollten was Sie zu tun imstande
sind wenn Sie nur nicht das was Sie sind verleugnen um wie die andern zu
scheinen« Drauf sprach er noch viel über Eduard und mich so süß tröstete er
mich nun sprach mir so beredt als ob er für sich selbst spräche von Eduards
inniger Liebe wusste mir so fein alle seine Feinheiten herzuzählen Ich konnte
nicht länger sorgen alle meine Bangigkeit war fast verschwunden bei seinem
freundlichen Trost »Nur vergessen Sie nicht« sagte er »was ich Ihnen gesagt
wenn Sie es auch jetzt nicht verstehen einst werden Sie es doch verstehen
lernen« Ich fühlte eine Träne über mein Gesicht rollen als ich ihm die
Versicherung gab seine Worte seine Stimme die wie eine scheidende
Prophezeiung klang hatten mich tief bewegt Er küsste sanft mir die Träne vom
Gesicht ich konnte es nicht wehren er war selbst zu sehr gerührt »Auch ich
werde diesen Augenblick nicht vergessen« sagte er »so sehe ich Sie niemals
wieder« Darauf verließ er mich
Aber Klementina warum sind Sie nicht bei mir Wo soll ich Mut hernehmen die
ernste Stunde zu überstehen Mussten Sie gerade jetzt Ihr Mädchen verlassen
Ich vergesse alles wovon ich Ihnen sonst schreiben könnte Mein Herz ist so
voll von mir selbst voll Muss es wird es nicht bald besser werden Leben Sie
wohl Klementina teure geliebte Freundin Segnen Sie Ihre Juliane
Vierzehntes Kapitel
Es war ein heiterer herrlicher Morgen ein großer von hohen schattigen Bäumen
umgebener Platz im Park den man aus dem Kabinett der Gräfin übersehen konnte
und der von der andern Seite die Aussicht ins freie Feld ließ war zur
festlichen Bewirtung der Landleute eingerichtet Unter den Bäumen rings um den
Platz standen Tische von verschiedener Größe jeder Familie war einer
angewiesen dessen Größe der Anzahl der Personen angemessen war Es durfte
keiner aus Mangel an Raum zurückgelassen werden Jede Hausmutter sah sich im
Kreise der Ihrigen und sorgte nach ihrer gewohnten Weise für ihre
Bequemlichkeit Stühle standen umher geräumige Lehnsessel für die Alten
Glänzend weiße Tücher waren über die Tische gedeckt Frauen und Töchter stellten
geschäftig das nötige Gerät umher kein Lakai keine Livree war zu erblicken
Gelassen sorgte jede für die Ihrigen brachte sorgsam das ererbte lang geehrte
Glas das gewohnte Messer des Hausvaters damit er keine häusliche
Bequemlichkeit vermisse Mit Braten Wein und Kuchen waren die Tische reichlich
besetzt mit Blumen anmutig verziert Die Mitte des Platzes ein frischer
dichter Rasen war zum Tanz für die jungen Leute bestimmt da konnten die Alten
ruhig an ihren Tischen sitzend dem Tanze zusehen
Früh war Eleonore hinausgegangen um selbst noch einmal nachzusehen ob
alles nach ihren Befehlen eingerichtet sei und ob nichts mangle Nach und nach
kamen alle zusammen in festlichem Anzuge Junge Mädchen mit Bändern und Blumen
geschmückt versammelten sich Terese an ihrer Spitze um Julianen einen
blühenden Myrtenkranz zu überreichen Jetzt kamen auch einige Abgeordnete aus
Eduards und des Grafen nah liegenden Gütern Jeder Tisch war für einige Gäste
mitberechnet sie fanden also leicht einen Platz Sie suchten sich sogleich ihre
Verwandte oder Bekannte heraus und wer keine zu finden hatte wurde von allen
eingeladen er wählte selbst seinen Wirt die freundliche Hausfrau das
netteste sittsamste Töchterchen zählten die meisten Gäste und entschieden die
Wahl auf den ersten Blick Der Graf hatte einige Söhne aus dem Dorfe unter
seinem Regimente diesen hatte er heimlich Urlaub gesandt nach ihrer Heimat
zurückzukehren und sich mit ihren Mädchen zu verbinden die schon längst auf
diese Erlaubnis geharrt hatten Jetzt kamen sie munteren Soldaten unvermutet
zwischen den Bäumen hervor und begrüßten die freudig erschreckten Eltern und
die errötenden Bräute die sich unter den versammelten Mädchen befanden und
welche heute ihre Aussteuer von Eleonorens Händen erwarteten Herzlich froher
lauter Willkommen schallte von allen Seiten Umarmungen Glückwünsche und
Händeschütteln gingen im kunstlosen Reihentanz durcheinander bei dem der
freiere militärische Anstand und die hellen Farben der Uniformen lustig
abstachen gegen das einfältige friedliche Betragen der Einwohner
Der Graf und Florentin kamen dazu er bezeigte Eleonoren seine
Zufriedenheit und lächelte vergnügt bei dem schönen Anblick »Sehen Sie
Florentin« sagte Eleonore »wie das alles lacht und lebt« »Mir ist« sagte
Florentin »als sähe ich eine Szene von Teniers lebendig werden Es wäre noch
der Mühe wert zu leben wenn es immer so auf der Welt aussehen könnte«
»Mutter« rief Terese »wo bleibt denn Juliane Ich werde ungeduldig« »Es
ist wahr« sagte Eleonore »sie müsste schon hier sein und wo bleibt Eduard«
»Sie waren schon diesen Morgen mit ihm aus Florentin« sagte der Graf »ich sah
Sie beide zurückkommen was hatten Sie schon so früh vor« »Die Gesellschaft
trennte sich gestern sehr früh wir blieben noch zusammen ein Buch das wir vor
einigen Tagen zu lesen angefangen hatten zog uns so fort dass wir nicht eher
aufhören konnten bis es geendigt war es war nun nicht mehr Zeit sich
niederzulegen wir gingen hinaus und erwarteten den Morgen« »Seit einigen
Tagen« fing der Graf wieder an »habe ich ein nachdenklicheres trüberes Wesen
an Eduard bemerkt als ihm gewöhnlich ist Hat er Ihnen etwa die Ursache
vertraut Florentin Oder haben Sie sonst Gelegenheit gehabt zu bemerken was
ihn drückt Sie müssen uns kein Geheimnis daraus machen es ist vielleicht nicht
unmöglich seinem Verdruss abzuhelfen oder irgendeinen geheimen Wunsch zu
erfüllen Warum verbirgt er sich uns« »Mir ist nichts bekannt Herr Graf als
was Sie selbst bemerkt haben nämlich dass er nicht so heiter als gewöhnlich
ist« »Haben Sie sonst keine Vermutung« »Die steigende Ungeduld vielleicht
die Erwartung« »Unmöglich Sein Glück ist so nah so sicher« »Vielleicht
ist es etwas mir hat er wirklich ich weiß nicht Wenn Sie mir
erlauben so will ich jetzt die Gräfin Juliane aufsuchen« Er ging zurück auf
das Schloss Die Fragen des Grafen hatten ihn verwirrt Entdeckt hatte Eduard
sich ihm nicht aber er war fest überzeugt eine geheime Eifersucht die er
gerne unterdrücken möchte marterte ihn er war bis zur Peinlichkeit reizbar
geworden Juliane heiterte ihn freilich oft wieder auf aber nur auf kurze Zeit
dann war irgendeine Kleinigkeit wieder imstande ihn zu beunruhigen Wie ein
Gespenst trat es Florentin vor die Seele er sei die Ursache dieser Zerstörung
Auch das was in jener Nacht in der Mühle vorgegangen war konnte er sich auf
keine andere Weise sonst erklären
Auf dem Korridor nach Julianens Zimmer sah er eine Tür geöffnet die er bis
jetzt immer verschlossen gefunden hatte er trat hinein es war das neu
eingerichtete Schlafzimmer für Julianen in dem die Kammerfrauen eben noch
einiges ordneten Ein Basrelief mit Figuren in Lebensgröße über dem Kamine zog
sogleich seine Augen auf sich Es war eine Psyche welche die Lampe in der Hand
den schlummernden Gott der Liebe mit staunendem Entzücken beschaute Es war in
edlem Stil gearbeitet und von vollendeter Ausführung Florentin betrachtete es
mit innigem Vergnügen und glaubte die Hand des Meisters darin zu erkennen er
freute sich es so unverhofft erblickt zu haben Das ganze Zimmer war übrigens
mit glänzender Pracht eingerichtet Als er es eben verlassen wollte und noch
einen Blick umher warf fiel ihm das große Prachtbette auf das dem
vortrefflichen Kunstwerk gegenüberstand Am Oberteil des Lagers sowohl als
zwischen den stolzen Federbüschen die auf den reich mit goldnen Quasten
verzierten schweren seidenen Vorhängen prangten breiteten sich mit großer Würde
die Wappen gleichsam der schwebenden beinahe entkörperten Psyche erdrückend
entgegen Wir wagen es nicht zu bestimmen, was dem Florentin für Bemerkungen
eingefallen sein mögen aber er lachte laut auf
Juliane und Eduard begegneten ihm als er zur Türe heraustrat »Ich war im
Begriff Sie beide aufzusuchen Sie werden im Park erwartet« »Von wem Sind
meine Eltern dort« »Sie wünschen im Park zu frühstücken eh die Gesellschaft
zu groß wird auch werden Sie eines erfreulichen Anblicks genießen« Sie
eilten hinunter
Eine jubelnde Symphonie von vielen Instrumenten die zwischen den Bäumen
versteckt waren empfing sie Juliane trug ein weißes Kleid von der feinsten
Gaze das in leichten Falten bis zu den Füßen herabfiel unter der Brust war es
von einer Reihe Smaragden zusammengehalten ihre Haare in eigener Pracht ohne
allen Schmuck aufgesteckt feine goldne Kettchen zierten Hals und Arme auf dem
schönen Busen wiegte sich ein Stein von Diamanten So schwebte sie aus dem
Schatten der Bäume hervor herrlich geschmückt doch leicht und kunstlos Augen
und Herzen flogen ihr entgegen Eine selige Heiterkeit verklärte ihr Gesicht
beim Anblick der frohen Menge Ihre Eltern an der andern Seite des Platzes
erblickend wollte sie sogleich zu ihnen herüberfliegen ihre eiligen Schritte
aber wurden von Kindern gehemmt welche sie mit Blumenketten umgaben und
festielten zugleich näherte sich ihr mit Gesang der Trupp junger Mädchen Sie
hob Teresen zu sich hinauf küsste sie und ließ sich den blühenden Kranz von
ihr auf die Locken drücken Mit nassen Augen lächelte sie beim Gesang der
Mädchen die einen Korb mit den schönsten Blumen zu ihren Füßen niedersetzten
Kaum hatte sie sich in den Armen ihrer Eltern von der freudigen Rührung erholt
als die beiden Knaben Julianens Brüder einen kleinen Wagen ganz von Rosen
durchflochten herbeizogen die Kinder zwangen sie scherzend hinauf sie setzte
sich unter eine Art von Rosentron Terese stand ihr auf dem Schoss der
Blumenkorb zu ihren Füßen so ward sie im Triumph und Freudengeschrei
fortgezogen das Ganze sah so reizend und zauberisch aus dass man einen
Feenaufzug zu sehen glaubte
So ging es fort nach einem stillen entfernten Teil des Parks wo das
Frühstück bereitet war Zwischen den Büschen standen blühende Orangenbäume die
einen balsamischen Duft verbreiteten Wo man hinsah erblickte man Julianens und
Eduards Namen aus Blumengehängen Die Bäume waren durch ebensolche Blumengehänge
verbunden und das Ganze bildete einen vollen bedeutenden Blütenkranz Von
verschiedenen Seiten in kleiner Entfernung ließ sich Oboen und Waldhörner bald
wechselnd bald zusammenstimmend hören und wenn sie schwiegen erschallte ganz
von ferne die fröhliche Musik bei den Landleuten herüber Jedes Geräusch war
entfernt alle saßen schweigend und horchend jedes schien beschäftigt die
Freuden mit allen Sinnen in sich aufzunehmen Florentin verglich im stillen den
Eindruck dieses kleinen Tempels mit dem des prangenden Schlafgemachs das er
gesehen und es ist leicht zu erraten welches er sich von beiden am liebsten
zum Allerheiligsten im Heiligtum der Liebe ausersehen hätte
Von tausend süßen Gefühlen durchströmt das Herz pochend von liebevoller
Ahndung lehnte Juliane das glühende Gesicht an den Busen ihrer Mutter Eduards
Lippen ruhten auf ihrer Hand die er mit den seinigen umschlossen hielt
»Meine Juliane mein angebetetes Mädchen« sprach er im Entzücken der Liebe
»werde ich dich jemals so glücklich machen können als du in den Armen der
Mutter bist« »Sie bleibt in den Armen ihrer Mutter« sagte Eleonore sie
sanft an sich drückend »auch wenn sie die Ihrige sein wird Sie rauben sie uns
nicht lieber Eduard« »Mögt Ihr beiden das höchste Glück jedes das seine im
andern finden« sagte der Graf indem er sie umarmte »Ihr seid mein kostbarstes
Kleinod Gott verleihe euch seinen reichsten Segen in dem meinigen« Die Rede
des Grafen schien erst bestimmt zu sein noch mehreres zu enthalten er brach
aber mitten darin ab und sah nach seiner Uhr mit einiger Bedenklichkeit »Ich
hätte sehr gewünscht« fing er wieder an »noch einige Zeit in diesem
vertraulichen Kreise zu verweilen aber ich sehe soeben dass wir keine Zeit mehr
zu versäumen haben Juliane du musst an deine Toilette denken wir müssen uns ja
noch alle umkleiden« »Bleibt die Gräfin Juliane nicht so wie sie da ist«
fragte Florentin »das werden wir bedauern müssen sie ist so schön in diesem
Anzuge dass keine Veränderung vorteilhaft für sie sein kann« »Es ist wahr«
sagte der Graf »aber hier darf nicht die Rede von der Schönheit der Kleidung
sein sondern von der Schicklichkeit In dieser kann sie nicht öffentlich
getraut werden heute müssen wir notwendig in Gala sein Wenn uns nur die
Fremden nicht überraschen wir haben zu lange verweilt« »Nun lasst uns
zurückgehen« sagte Eleonore »wir finden wahrscheinlich schon einige
versammelt Auch unser wunderlicher Obristwachtmeister wird wohl schon
aufgestanden sein es wird mich belustigen zu sehen was er zu unserm Volksfeste
sagen wird ich wette er findet etwas gegen die Humanität darin zu tadeln«
Man trennte sich Jeder ging auf sein eigenes Zimmer Eleonore fand dass sie noch
eine Stunde übrig hatte sie verschloss sich in ihr Kabinett und schrieb
folgenden Brief an Klementinen die in der allgemeinen Freude von allen
schmerzlich vermisst ward
Eleonore an Klementina
Mitten aus dem festlichen Getümmel und in unruhiger Besorgnis jeden Augenblick
abgerufen zu werden schleiche ich mich in meine Kammer um Dir einige Worte
zuzurufen Ich will meinem Herzen diese Freude nicht versagen ich will zu Dir
reden will mir einbilden Du sässest neben mir und ich sähe es dem lieben
Gesicht an wie Dein Herz die Freuden des meinigen teilt
Aber auch schelten muss ich mit Dir Du Unvernünftige Wie Juliane wird zum
Altare geführt und Du bist nicht bei ihr Wie magst Du es nur verantworten Du
weißt wohl wie ich Dein Tun und Deinen Wandel verehre dennoch glaube ich
nicht dass Du die Art und Weise von uns Weltkindern so sichtbar verachten
darfst Es ist wohl ebenso verdienstlich von mir dass ich mich aus dem Getümmel
losreisse um an Dich zu schreiben als dass Du das Haus der Fröhlichkeit nicht
besuchen willst um den armen kleinen Geschöpfen Deiner Pflege unter Deinen
Augen Hilfe und Nahrung reichen zu lassen Denkst du nicht daran wie notwendig
Du auch hier bist Wer unter uns soll wohl Julianen das Beispiel der Sammlung
und Frömmigkeit geben das sie von ihrer Tante erhalten würde Es werden viele
gedankenlos um sie stehen und sie wird umsonst die Augen suchen an deren
frommer Andacht sie sonst gewohnt war die ihrigen zum Himmel zu erheben Wird
nun nicht die wichtigste Angelegenheit ihres Lebens fast leichtsinnig vollendet
werden
Die böse Nachricht dass wir Dich nicht erwarten dürfen betrübte uns alle
und wie sehr Juliane anfangs darüber trauerte kannst Du wohl denken bald wusste
sie sich aber zu beruhigen da wir ihr von Deiner eigentlichen Besorgnis nichts
mitteilten und sie so gewohnt ist alles gut und recht zu finden was von der
Tante kommt Jetzt atmet ihre Brust wieder in ihrer natürlichen leichten
Unbefangenheit Du nennst es gewiss nicht blinde mütterliche Eitelkeit wenn ich
mich im Herzen freue die Holdseligkeit des lieben Mädchens zu sehen diese
stolze zarte Schönheit die aus ihrem Innern strahlend sie umgibt Ja Du Teure
Du würdest wenn Du sie so vor Dir sähest leuchtend und glühend im vollen
Ausdruck ihres Glücks Du würdest nicht länger unzufrieden sein dass ihr Vater
eilt sie mit dem Geliebten zu vereinigen dass sie trotz aller Deiner Gründe so
früh vermählt wird Juliane ist beinah noch ein Kind sagst Du vieles liegt
unentwickelt und tief verborgen in ihr das nicht geahndet wird am wenigsten
von ihr selbst sie fängt kaum an sich selbst zu erkennen sie wird aus einem
Kinde zur Gattin und wird gewiss einst auf die übersprungene Stufe ihres Lebens
mit Wehmut zurücksehen Das ist sehr wahr Liebe nicht weniger aber ist es
wahr dass Juliane vielleicht ihre Bestimmung ganz verfehlen möchte wenn sie den
ersten vernehmlich ausgesprochenen Wunsch ihres Herzens unterdrücken müsste Du
weißt wie sehr Juliane mir in vielen Stücken ähnlich ist da mein Gemüt von
jeher in schwesterlicher Liebe vor Dir aufgeschlossen lag so wie auch das
ihrige von der zartesten Kindheit an Du wirst es nicht vergessen haben dass
auch die Mutter wie jetzt die Tochter sich nur spät und langsam erkannte wie
nur ihre frühe glückliche Bestimmung verhinderte dass nicht das lang verborgne
Feuer heftiger Leidenschaftlichkeit verderblich um sich gegriffen Was anders
bewahrte sie vor jeder Gefahr die ihr aus ihrem Innern drohte als die
Zufriedenheit mit ihrem Lose die sie an den Pforten der Selbsterkenntnis
empfing als die ruhige Liebe in ihrem Herzen als der Gatte die Schwester die
Kinder Ihr kostbaren Reichtümer Meinem Glück verdanke ich meine Tugend
Auch das ist wahr dass Eduard uns von Jugend auf mehr Beweise eines
liebenden Gemüts und der feinen Ausbildung als eines selbständigen Sinns
gegeben aber eben dies sein liebendes Gemüt dächte ich müsste uns Bürge sein
Wie hängt er doch mit inniger Liebe an der Geliebten seiner Jugend Wie ist er
ihr durch alle Wandelbarkeit seines Lebens so wahrhaft treugeblieben Seine
Liebe war gleichsam der dauernde Grund auf welchem die bunten Farben des Lebens
wie lose Fäden hin und her gewebt waren Es fehlt ihm vielleicht nichts weiter
als die bestimmende Vereinigung mit der Geliebten um ihn ganz festzuhalten Ich
habe Sinn für häusliche Freuden an ihm wahrgenommen ich kann an niemand
verzweifeln dem dieser Sinn nicht fehlt Lass uns nur nicht weiter mit unserer
Vorsorge dringen wollen Unsre Hoffnung ist sie dauernd glücklich zu sehen
Doch wer enthüllt uns die Zukunft Dürfen wir uns erlauben Böses zu verüben um
ein künftiges Gut zu sichern Das wäre ja sogar gegen Deinen eignen Grundsatz
Du weißt doch dass Eduard seinen Plan gleich nach der Vermählung mit
Julianen auf Reisen zu gehen aufgegeben hat zu unsrer großen Freude Die
Kleine konnte sich nicht entschließen uns zu verlassen er hat sich auf ihr
unablässiges Bitten entschlossen noch einige Jahre bei uns zu leben eh er
seine weiteren Pläne ausführt Sie bleibt also immer noch in unserer Mitte er
raubt sie unserm Kreise noch nicht er selbst ist ein teures Mitglied desselben
geworden Wir wollen nun alles aufbieten um ihn seinen neuen Entschluss nicht
bereuen zu lassen Fest soll sich an Fest ketten und eine Lust die andere
verdrängen Wärst Du nur hier die bange Sorge würde bald von Dir weichen Dein
Bruder ist in der besten Laune von der Welt
Du weißt wie liebenswürdig er in seiner Heiterkeit sein kann und überhaupt
sind wir so fröhlich und ausgelassen wie die Kinder haben alle Sorgen weit
abgeworfen
Nun ernstlich an meine Toilette Juliane ist sicher schon fertig der Lärm
wird immer lauter ich darf doch nicht zuletzt erscheinen Bald siehst Du uns
bei Dir ich habe Dir viel zu erzählen von den lieblichen Festen die hier
begangen werden vorzüglich von einem hier im Park meinem Fenster gegenüber
Dies wird Dir gefallen es ist ganz in Deinem Sinn das kommt daher weil ich
nichts anordne ohne in meinem Sinn den Deinigen zu Rate zu ziehen
Eleonore
Fünfzehntes Kapitel
Florentin war allein geblieben Er ging auf den Platz im Park er war leer die
Leute waren hinausgegangen auf den Weg zur Kirche dort wollten sie in zwo
Reihen geordnet die herrschaftlichen Wagen durchfahren lassen Er ging
verdrießlich ins Schloss zurück Auf Gängen und Treppen war alles voller Tumult
und Gedränge von wichtig tuenden mit nichts lärmend beschäftigten Menschen
Allentalben begegneten ihm fremde Gesichter Unmutig floh er auf sein Zimmer
Das Gerassel der Wagen zog ihn ans Fenster Eine lange Reihe von vier bis
sechsspännigen Equipagen mit goldbedeckten Lakaien behangen leerte sich eine
nach der andern Unerträgliche Figuren wurden maschinenmässig aus dem glänzenden
Kasten gehoben und ins Schloss gefördert Florentin schauderte bei dem Anblick
Endlich ward er von den prächtigen Kleidungen erinnert dass er sich wohl auch
noch anders anziehen müsse und nun fiel es ihm erst ein dass ihm die
wesentlichen Stücke zum gehörigen Anzug mangelten Halb verlegen halb lustig
war er noch unschlüssig was er zu tun habe als ihn ein Bedienter zu Julianen
rief Er fand sie in ihrem Zimmer völlig angekleidet
»Kommen Sie her Florentin« rief sie ihm entgegen »ich will nicht allein
bleiben Haben Sie die Mutter nicht gesehen Ist Eduard nicht bei Ihnen Es
kommt auch kein Mensch zu mir Aber wie Sie mich anstaunen Nicht wahr es
kleidet mich nicht« Sie war mit fürstlicher Pracht gekleidet Sie blitzte und
funkelte vom köstlichen Geschmeide und reicher Stickerei An der Stelle des
frischen Morgenkranzes war eine kleine Krone von Juwelen gesetzt die Arme und
der freie Hals waren mit den auserlesensten Perlenschnüren geschmückt und
diesen angemessen schimmerte der übrige dazugehörige Schmuck
»Wundert Sie mein Erstaunen« fragte Florentin »Sie sind blendend
Juliane« »Aber ich gefalle Ihnen nicht nicht wahr« »Ich suche vergebens
den leichtfüssigen schalkhaften Knaben im Walde wo ist die gedemütigte
Übermütige hin im geliehenen Wams und kurzen Rock Wo sind die Umrisse der
gewohnten Gestalt vom heutigen schönen Morgen« »Ich glaube es Ihnen gern«
sagte Juliane »Der Himmel behüte mich auch vor einer Existenz wo ich oft so
gekleidet sein müsste ich glaube am Ende könnte man das Lachen dabei
verlernen« »Ja es mag wohl ernstaft machen aber was zwingt Sie dazu«
»Wir haben herzlich gewünscht diesen Tag mit Festen ganz anderer Art zu
begehen aber Sie wissen der Vater lässt nicht leicht eine alte Sitte abändern
um ihm nun seine Freude auf keine Weise zu stören wären nur erst diese Tage
vorüber« »Sie werden durch sie auf alle künftige glücklich« »O über alles
glücklich werde ich sein Ohne diese Hoffnung müsste ich der glänzenden Last
erliegen Es ist schön von Ihnen dass Sie meine augenblickliche schlechte Laune
durch diese Erinnerung verscheuchten Wie man doch oft so undankbar sein kann«
»Üble Laune ist freilich am ersten dazu aufgelegt« »Lieber Florentin Sie
müssen ein Andenken von mir nehmen um sich dieser Stunde und meines Glücks zu
erinnern« Sie suchte einen Augenblick unschlüssig in einigen Schubladen
»Nehmen Sie diese Brieftasche die Stickerei darauf ist von mir dies mag ihr
einigen Wert in Ihren Augen verleihen« Er kniete nieder vor ihr und küsste
ihre Hand » So empfange ich den Dank aus Euren Händen schöne Jungfrau wäre
mir doch der erste Dank bestimmt so dürfte ich ihn von den holden Lippen
einsammeln« Die Tür ward geöffnet Eduard trat herein Florentin stand auf
»Was hast du vor Florentin« »Anbetung mein Freund« »Tolle Possen und
noch nicht anders gekleidet Fort fort es kommt Gesellschaft«
Florentin ging hinaus Auf der Treppe begegnete ihm der Jockei der ihn noch
vom ersten Augenblick an da er ihn im Walde gesehen zugetan war »Sattle mir
gleich den Schimmel mein guter Heinrich« sagte er ihm leise »reite ihn durch
das Hintertor hinaus vor das Dorf und erwarte mich dort dass dich aber niemand
sieht sage es auch niemanden Hörst du« »Verlassen Sie sich auf mich« Er
sprang fort Florentin ging wieder auf sein Zimmer »Du hältst es nicht aus«
rief er unmutig »was soll dir das widersinnige Wesen Immer wieder die alte
Weise wieder einige bessere Menschen die vom Haufen der Gewöhnlichen bestimmt
werden! Halte es nicht aus aber die wenigen Stunden noch es ist kindische
Ungeduld nicht einen Augenblick will ich mir selbst zur Last sein Was
werden sie aber dabei denken Gut gefragt wer steht mir in irgendeinem Falle
für die Gedanken der Menschen Es ist aber ungesittet wenn ich gehe es
ist aber unwürdig wenn ich bleibe Eduard wirst du mich verstehen wirst du
dein schwankendes zweifelndes Gemüt bald beruhigen können Wie hat sich aber
auch die Szene verändert Wie sind die lieblichen Farben der Morgenröte
hingeschwunden und haben dem lärmenden Tage Platz gemacht Wie werden vom
schweren Geschütz der Konventionen deine zarten Freuden zertrümmert göttliche
Liebe Alles ist zerstört Julianens holde Gestalt durch ein Gewicht
angefesselt verzerrt das eigne schöne bewegliche Leben von versteinertem
Kristall umstarrt Eduard was will der blasse Mondschimmer der heimlichen
Kränkung auf deinem Gesicht worauf der Sonnenschein der glücklichen Liebe sonst
glänzte O es ist wahr dass Friede und Freude bald entfliehen wo ich verweile
Fort will ich fort muss ich Alles wird bald gut werden für dich Eduard Nur
der Verbannte wird oft seine Arme umsonst nach einem Freunde ausstrecken und
sie ohne Trost wieder sinken lassen Aber fort fort allein will ich den Fluch
tragen der über mich verhängt ist«
Während diesen bald hastigen bald zögernden Worten war er indem er sich zu
gleicher Zeit zur Reise anschickte im Zimmer unruhig auf und ab gegangen Jetzt
war er ganz reisefertig und stand in der geöffneten Tür den Hut in der Hand er
besann sich es war ihm als müsste er Abschied nehmen Zu Eleonoren will ich
noch einmal gehen dachte er ich finde sie vielleicht noch allein
Eleonore war mit ihrem Putze ganz fertig und siegelte eben den Brief an
Klementinen um ihn noch fortzuschicken »Mich dünkt es ist jemand im kleinen
Korridor« sagte sie zur Kammerfrau »sieh zu« Florentin ward ihr gemeldet
und trat gleich darauf selbst hinein »Was ist das« rief die Gräfin
»Stiefel Sporen Was wollen Sie in diesem Aufzuge« »Geben Sie mir Ihren
Segen teuerste Gräfin ich will fort « »Träumen Sie oder träume ich Ich
verstehe Sie nicht«»Gütige Eleonore fragen Sie nicht Ihre segnende Hand
lassen Sie mich zum Abschied küssen« »Was ist Ihnen um Himmels willen was
ist Ihnen widerfahren Wo wollen Sie hin« Die Kammerfrau kam wieder hinein
»Gnädige Gräfin werden erwartet es ist geschickt worden« »Den Augenblick
Florentin Sie dürfen nicht so rätselhaft sein was wird mein Gemahl sagen«
»Ihnen überlasse ich meine Verteidigung Eleonore und deswegen komme ich
eigentlich zu Ihnen leben Sie wohl ich darf Sie nicht länger aufhalten«
»Aber wo wollen Sie hin Wir sehen Sie doch wieder« »Soll ich einst noch so
glücklich sein Der Ort wohin ich gleich zuerst komme ist Ihnen bekannt«
»Mein Gott freilich Sie reisen zu Klementinen Wollen Sie uns dort erwarten
Sobald es hier wieder ruhig ist werden wir zu ihr reisen« Florentin
verbeugte sich »Geben Sie mir irgendein Zeichen für die Gräfin Klementina mit
das mich ihr empfiehlt« »Hier nehmen Sie diesen Brief ich hätte nicht
gedacht dass er durch Sie würde bestellt werden Ihrer ist nicht darin erwähnt
aber Sie sind ihr sonst schon bekannt Sie dürfen nur Ihren Namen nennen«
»Gnädige Gräfin« rief die Kammerfrau wieder »Leben Sie denn wohl Florentin
auf Wiedersehen« »Leben Sie wohl Eleonore Ihnen trage ich es auf Eduard zu
beruhigen und mein Andenken bei Julianen zu erhalten« »Wie diese wissen
nicht« Florentin war wieder zur kleinen Tür hinaus ohne weiter zu hören
oder zu antworten Die Kammerfrau schloss hinter ihm zu in dem Augenblick führte
von der andern Seite der Graf einige Damen herein
Florentin ging durch den Park wo er hoffen durfte niemandem zu begegnen
und sofort zum Dorfe hin wo er Heinrich mit dem Schimmel ihn erwartend fand
Er nahm Abschied von dem Knaben drückte ihm eine Belohnung für seinen
Diensteifer in die Hand setzte sich auf den getreuen Schimmel und fort
sprengte er im Galopp ohne sich umzusehen Heinrich sah ihm noch nach als er
ihn plötzlich stillhalten und das Pferd herumwenden sah er kam wieder zurück
»Warte noch einen Augenblick« rief er ihm zu Heinrich trat hinzu und hielt das
Pferd Florentin zog seine Schreibtafel heraus und schrieb mit Bleistift auf
ein Blatt »Des Schicksals Schläge stählen und geben Kraft sich aufzurichten
indem sie niederbeugen aber der Menschen kleinliche Missverhältnisse und
Missverständnisse zerstören grausam das Gemüt Ich segne meinen Eintritt in Euren
Kreis aber ich gehe damit ihn niemand verwünsche Lebe wohl Eduard gedenke
meiner Juliane wer Sie sieht wird Sie kennen wer Sie kennt muss Sie
lieben wer Sie liebt kann nie aufhören Bleiben Sie glücklich
Florentin«
»Gib es an Eduard von Usingen guter Heinrich aber gib es ihm allein Und nun
Adieu« Er ritt langsam fort Er hatte beschlossen die Nacht in der bekannten
Mühle zu bleiben und mit Tagesanbruch vollends zur Stadt zu reiten
Sechzehntes Kapitel
Florentin war nach einer verdrießlichen Reise in die Stadt angekommen Nie war er
mehr mit sich selbst uneins gewesen Zwar gefiel ihm die Hast mit der er das
Schloss und alle seine Reizungen sobald es ihm Zeit zu sein gedünkt verlassen
da es ihm nicht unbemerkt geblieben war dass er die Empfindsamkeit des schönen
Mädchens so hoch hätte hinaufspielen können als er nur immer gewollt dennoch
konnte er sich nicht des heimlichen Verdachts gegen sich selbst erwehren der
Mangel an den üblichen Staatskleidungsstücken hätte ihn so plötzlich auf und
davon getrieben Vollends lächerlich erschien es ihm wenn er überlegte dass die
gräfliche Familie vielleicht diesen Grund als ausgemacht und sogar als den
einzig möglichen annehmen würde Er beschloss wenigstens in der Zukunft sich
die beschämende Ungewissheit seiner eigenen Motive zu ersparen Sobald er daher
im Gasthof eingekehrt war trug er sogleich Sorge eine Art von Uniform für sich
zu bestellen die man ihm des andern Tags mit allem Dazugehörigen zu liefern
versprechen musste
Soviel er von der großen Stadt im Hineinreiten gesehen hatte sie wenig
Anziehendes für ihn Roher Lärm nichtstuende Geschäftigkeit prahlsüchtige
Armseligkeit leere unteilnehmende Neugierde auf den geräuschvollen Gassen fiel
ihm dieses Mal mehr als jemals widerlich auf Wahrscheinlich wäre er ohne sich
aufzuhalten gerade zum andern Tor wieder hinausgeritten aber es lag ihm daran
Eleonorens Brief an Klementinen selber zu bestellen
Bald nach seiner Ankunft ging er hin Das Haus war leicht zu finden denn es
ragte durch seine schöne Bauart von allen benachbarten hervor Am Eingang des
Vorhofs lagen auf einer Erhöhung zwei Sphinxe Die Ungeheuer sahen den
Eintretenden so klug und prüfend an als wollten sie seine Absicht erforschen
Florentin überfiel eine Art Grauen als er zwischen ihnen durch über den
stillen Platz nach dem Hauptgebäude schritt
Während er gemeldet ward führte ihn ein Bedienter die breite steinerne
Treppe hinan durch einige Vorzimmer in einen vortrefflich dekorierten Saal wo
er ihn einige Augenblicke zu verweilen ersuchte Florentin betrachtete einige
chinesische Vasen von seltener Größe welche an den Pfeilern zwischen den großen
Flügeltüren sich befanden die statt der Fenster auf einen Altan führten hier
standen Orangen und Zitronenbäume in schön verzierten Gefässen umher deren
süßer Duft sich im Saal verbreitete Florentin trat durch eine der offenen Türen
hinaus und fand sich sehr angenehm überrascht als er in einen weiten
vortrefflichen Garten hinuntersah Dieser grenzte in der Ferne an einen See
dessen lachende Ufer mit weinbepflanzten Hügeln Kornfeldern Gebüschen und
netten einzelnen Häusern umgeben waren Im Garten gingen eine Menge Leute oder
saßen im Schatten der hohen Bäume so dass er ungewiss wurde ob es ein
öffentlicher Garten sei oder ob er zum Hause gehöre
Ein herrlicher Springbrunnen trug seinen hellen Wasserstrahl beinah bis zur
Höhe des Hauses wo er dann in vielfarbigen glänzenden Kristalltropfen wieder
hinunterfiel und sich in ein weites Marmorbecken sammelte Weiden und Akazien
spiegelten mit vermischtem Grün ihr Laub im klaren Wasserspiegel Anmutiger
grünte der Rasen um ihn her und die Luft ward durch sein Spiel erfrischt und
erquickend Florentin dachte an das gräfliche Schloss zurück ein und derselbe
Geist schien dieses sowohl als Klementinens Haus nur in einem verschiedenen
Sinn zu bewohnen So wie dort der alte mit dem modernen Geschmack nebeneinander
bestand so kontrastierte hier der steinerne Ernst des Eingangs mit der
freundlichen Schönheit des Innern Er ahndete Klementinens Geist und ein
Ehrfurchtsschauer durchbebte ihn bei dem Gedanken sie selbst nun bald zu sehen
Indem rauschte ein weiblicher Fußtritt in dem Nebenzimmer Florentin ging
vom Altan zurück Es kann nicht Klementina sein dachte er der Schritt ist zu
rasch Betty war es Er hatte es vergessen dass er diese hier finden müsste
jetzt freute er sich das muntere zierliche Mädchen unverhofft erscheinen zu
sehen Er lief auf sie zu »Nicht so ausgelassen« rief sie mit komischer
Gravität »begrüßen Sie fein ehrerbietig in mir die Gräfin Klementina Ich komme
in ihrer Person als bevollmächtigter Minister und mir haben Sie Ihr Kreditiv
zu überreichen Nun so halten Sie nur Ihre ehrfurchtsvolle Anrede Denn Sie
sehen doch ganz so aus als hätten Sie sich eine ersonnen und wollten sie
soeben wieder hinunterschlucken« »Betty ist ja eben das Redenhalten nicht an
mir gewohnt worden« sagte Florentin »Nein« antwortete sie »Ihre Impromptus
sind mir bekannter aber ebendarum bin ich neugierig auf Ihre Rede Mein Auftrag
ist aber Sie in der Gräfin Klementina Namen hier willkommen zu heißen und Sie
um Nachrichten vom Schloss zu bitten Heute kann die Gräfin Sie nicht sehen sie
erholt sich erst jetzt langsam von einem sehr heftigen Anfall ihrer gewöhnlichen
Krankheit« »So hatte der Graf doch richtig geahndet Die Briefe aber waren
von ihrer Hand« »Sie schrieb sie mit der größten Anstrengung Außerdem will
sie sich heute ruhig verhalten um morgen imstande zu sein eine Musik aufführen
zu hören die sie nie versäumt Sie Florentin werden nun durch mich von ihr
ersucht morgen nach dieser Musik sich bei uns einzufinden« »Ich werde
erscheinen doch wünschte ich auch wohl diese Musik zu hören wo wird sie
aufgeführt« »Gut dass Sie fragen Ich hätte es beinah vergessen die Tante
lässt Ihnen zugleich sagen wenn Sie etwa die Musik zu hören wünschten so soll
Sie jemand zur rechten Zeit abholen und einführen Sie lässt es Ihnen eigentlich
wissen das ist eine Auszeichnung merken Sie sich dies fein Und nun geschwind
was macht man auf dem Schloss« »Gestern als ich fort ritt war man eben
dabei sich den priesterlichen Segen geben zu lassen« »Wie Gestern Und wir
haben keinen Brief Und Sie ritten fort« »Hier ist ein Brief für die Gräfin
Klementina von Eleonoren« »Geben Sie her o geschwind Warum gaben Sie den
nicht gleich zuerst Wie wird die Tante sich freuen Nun so geben Sie doch«
Er zog den Brief hervor wollte ihn aber nicht ohne einen Kuss von Betty
herausgeben Mit einer schalkhaft verdrießlichen Miene als ob sie ihn nur recht
bald loszuwerden wünschte hielt sie ihm die Wange hin In demselben Moment ging
die Tür auf und ein junger Offizier trat herein Betty fuhr zusammen und
veränderte die Farbe Der Offizier begrüßte sie mit einem finsteren Blick und
sah nun stumm und störrisch vor sich hin Halb nur gefasst mit unsichrer Miene
stellte sie beide einander vor den Offizier nannte sie Rittmeister von Walter
Sie gab sich Mühe ein haltbares Gespräch auf die Bahn zu bringen es gelang ihr
aber schlecht »Sie müssen mir erlauben« fing sie endlich an »dass ich der
Tante nicht länger den ersehnten Brief vorentalte auf morgen also Florentin«
»Ich möchte Sie bitten mir einen Augenblick zu schenken« sagte der
Rittmeister mehr fordernd als bittend »Jetzt nicht lieber Walter« sagte
sie so freundlich als möglich »aber darf ich nicht hoffen Sie diesen Abend im
Garten zu sehen« »Gut dann« antwortete er »diesen Abend« Betty verneigte
sich gegen beide und eilte aus dem Saal
Florentin erinnerte sich von Julianen gehört zu haben dass Betty nächstens
die Braut eines gewissen Walters würde Also der Bräutigam dachte er im
Hinuntergehen und wie es scheint wenig geliebt und noch weit weniger
liebenswürdig Arme Kleine Wahrscheinlich wirst du diesen einzigen mutwilligen
Augenblick durch eine Reihe von unangenehmen zu büßen haben Lass sehen
vielleicht gelingt es mir sie dir zu ersparen es gelingt mir vielleicht
diesen Drachen zu zähmen
Er ging denselben Weg mit ihm und redete ihn einigemal freundlich an wurde
aber mit kurzen Worten abgefertigt bis er es wie absichtslos fallen ließ dass
er höchstens noch einen Tag in der Stadt zu bleiben gedächte Sogleich nahm der
Rittmeister mehr Anteil an ihm und erbot sich ihm noch vor dem Mittagessen
einige Merkwürdigkeiten der Stadt zu zeigen unser Florentin nahm es an Diese
Merkwürdigkeiten bestanden nun in allerlei Dingen die was sich der Rittmeister
nicht träumen ließ für Florentin weder merkwürdig noch erfreulich waren
zuletzt wurde dann mit einigen andern jungen Leuten die zu ihnen kamen eine
sogenannte Partie fine zum Abend verabredet und Florentin dazu eingeladen
Dieser dem es beinah leid war sich mit Walter eingelassen zu haben versuchte
es von ihren gemeinschaftlichen Bekannten mit ihm zu sprechen seine rohen
Ansichten traten aber bei dieser Gelegenheit in ein so helles Licht dass er
Florentin je länger je mehr unerträglich ward Er schwieg unmutig still und
war froh als er wieder in seinen Gasthof gelangte wo er den lästigen Begleiter
loszuwerden gedachte zu seinem Verdruss ging dieser aber mit hinein und setzte
sich nebst noch einigen Hinzugekommenen mit zu Tische
Hier führte er sehr laut das Wort Durch einige zweideutige Späße
lächerliches Gesichterschneiden und die Dreistigkeit durch platte Persiflage
andere in beschämende Verlegenheit zu setzen war er bei den bekannten
Tischgenossen in den Ruf eines witzigen Kopfs und eines angenehmen
Gesellschafters geraten Man belachte und beklatschte alles was er vorbrachte
Florentin der Langeweile hatte lachte nicht und gab sich auch die Mühe nicht
aus Gefälligkeit zu lachen Waltern schien diese Gleichgültigkeit gegen sein
anerkanntes Verdienst eine beleidigende Anmassung und um sich zu rächen kehrte
er die Spitze seines Witzes mit nicht zu feinen Anspielungen gegen Florentin
die zur Absicht hatten den Anwesenden einen Wink zu geben er hätte sich diesen
heute ganz eigentlich zur Tischbelustigung ausersehen Der Plan war gut nur
nicht genau genug berechnet Florentin der nicht mehr in der Stimmung war sich
etwas gefallen zu lassen hatte gar bald durch ein paar beissende Antworten das
Lachen auf seiner Seite Dieser Sieg wirkte auf Walters Witz wie ein Platzregen
auf ein Feuerwerk Pikiert darf ein solcher Spassmacher nicht sein oder es ist
um ihn geschehen Von nun an glückte ihm nichts mehr In seiner Angst ward er
ziemlich grob ohne allen Witz
Währenddem hatte ein Mann der nicht weit von Florentin saß diesen mit
Aufmerksamkeit zu beobachten geschienen er ward von den andern Doktor genannt
Zu diesem wandte Florentin sich jetzt um der Unterredung mit Waltern
auszuweichen Das Gespräch kam bald auf die Musik die den andern Tag bei der
Gräfin Klementina aufgeführt werden sollte »Es ist eine geistliche Musik«
fragte Florentin »Ja« antwortete der Doktor »es ist ein Requiem von ihrer
eignen Komposition das jährlich auf den bestimmten Tag aufgeführt wird«
Walter trällerte einen Gassenhauer bei den Worten »geistliche Musik« sagte er
einem neben ihm sitzenden Offizier etwas ins Ohr und beide lachten überlaut
Der Doktor hatte diesen Ausbruch von Lustigkeit mit Gelassenheit abgewartet eh
er weitersprach »Sie werden« fuhr er dann gegen Florentin fort »ein stark
besetztes Chor von meistens vortrefflichen Stimmen hören Es ist eine der
liebsten Beschäftigungen der Gräfin sich dieses Chor auszubilden von dem sie
sich nicht allein ihre eignen Kompositionen vortragen lässt sondern auch die
herrlichsten alten Sachen die man sonst nirgends mehr hört als bei ihr« »Für
die alte Dame« fing der Rittmeister an »ist diese melancholische Musik
erstaunlich passend sonst aber hat sich noch jeder honette Mensch dabei
ennuyiert« Hier mischten sich noch andere ins Gespräch teils für teils
gegen diese Behauptung der Streit ward allgemein währenddem fragte Florentin
zum Doktor »Wenn Sie eben jetzt nichts Besseres zu tun haben so würde ich Sie
bitten einen Spaziergang mit mir zu machen« »Ich war im Begriff dieselbe
Bitte an Sie zu tun« erwiderte jener Es entstand eine kleine Stille als man
die beiden aufstehen sah Im Hinausgehen hörte Florentin ganz deutlich dass
Walter »Glücksritter« sagte
»Ich hatte unrecht« sagte der Doktor als sie draußen waren »in Gegenwart
dieser unmusikalischen Seelen von einer zu sprechen die ganz Musik ist«
Sie gingen in einen der nah gelegenen öffentlichen Gärten außerhalb der
Stadt wo sie sich Erfrischungen geben ließ Florentin konnte sich nicht
enthalten einiges über die schlechte Tischgesellschaft zu äußern Er fragte
seinen Begleiter ob er diesen Walter genauer kenne »Ich kenne ihn« sagte
dieser »Ich habe das Glück zu den Freunden der Gräfin Klementina zu gehören
und fast immer in ihrem Hause zu sein dort sehe ich ihn nur zu oft Gewöhnlich
speise ich nicht an der öffentlichen Wirtstafel darf ich sagen dass ich mich
heute dort einfand bloß um Ihre persönliche Bekanntschaft etwas früher zu
machen Ich bin durch Fräulein Bettys Erzählung zu begierig geworden« »Ich
freue mich Ihrer Bekanntschaft« versetzte Florentin
Nach einigen Fragen und Erläuterungen ihr beiderseitiges Verhältnis mit der
gräflichen Familie betreffend rückte Florentin endlich mit der Frage heraus
wie es komme dass Klementina die ihm als der Schutzgeist der Angehörigen sei
bekannt gemacht worden dass diese die Verbindung zwischen Walter und Betty
wünschen ja nur zugeben könne »Wie Leuchtet es ihr nicht in die Augen« sagte
er »dass Betty mit diesem Menschen höchst unglücklich werden oder ganz zugrunde
gehen muss Wie ist es so schade um diese liebenswürdige Natur« »Ja wohl
schade« rief der andere mit einem halb unterdrückten Seufzer »Ich kenne Betty
seit ihrem zwölften Jahre ich liebe sie seit ich sie kenne« Das sanft
ernsthafte Gesicht des Mannes errötete etwas bei diesen Worten »Betty hat
einen würdigen Freund wie ich sehe« sagte Florentin nach einem kleinen
Schweigen »wie kann es zugehen dass sie einem schrecklichen Schicksal sichtbar
entgegengehen darf« »Bettys unglückliche Neigung« »Wär es möglich Was
kann dieses liebenswürdige Kind im Schoss der Liebe mit aller Sorgfalt
ausgebildet was kann sie bewegen sich diesen rohen Gefährten zu wählen Gehört
sie etwa auch zu jenen Zarten die sich bloß an die äußere Erscheinung der
Energie halten« »Nicht ganz so hart« fiel ihm jener ein »es ist ihm
gelungen sie zu fesseln oder vielmehr sie in einem Moment der Hingebung sich
eigen zu machen Es ist nicht gewiss ob sie ihn noch liebt ja ob sie ihn jemals
liebte Ist es die schöne wachsende Treue eines unverdorbenen weiblichen
Herzens Ist es Reue oder Stolz Genug sie hält sich für unauflöslich gebunden
obgleich die Gräfin der sie sich ohne Rückhalt anvertraute ihre Vermählung
immer weiter hinauszuschieben sucht Walter weiß sehr wohl wie übel er bei der
Gräfin angesehen ist, daher sein Hass gegen diese unvergleichliche Frau Es ist
sehr wahrscheinlich dass alles von ihm aus Liebe zu ihrem ansehnlichen Vermögen
angelegt ward und nur zu wohl ist ihm sein Plan gelungen« »So muss denn die
Arme aus Schwachheit um Schwachheit ewig verloren sein und die Freunde könnten
sie retten und sehen müßig zu wie sie untergeht« »Woher wissen Sie das«
»Warum wendet Klementina nicht hier ihre ganze Autorität an Hier ist es an der
Zeit sich dem Vorurteile mit Macht entgegenzusetzen« »Sie müssten die
Vortreffliche freilich kennenlernen um sie zu verstehen Klementina gehört zu
den seltenen Seelen die wahre Ehrfurcht die zarteste Scheu für die
Sinnesfreiheit andrer Personen hegen Diese in sich und in den sie Umgebenden
nie zu verletzen und auf das höchste auszubilden ist ihr größtes Bestreben Nie
hat sie aber jemand durch Autorität zum Bessern zu zwingen versucht Sie hat
nicht versäumt Betty das Elend vorzustellen dem sie entgegengeht da diese
aber fest ist in ihrem Glauben Walter liebe sie die Liebe würde ihn ausbilden
und einer liebenden geliebten Frau sei alles möglich so erlaubt sie sich weiter
keinen Schritt dagegen zu tun weder offen noch heimlich außer dass sie die
Vermählung noch lange aufgeschoben hat damit Betty Zeit habe ihren Irrtum
gewahr zu werden Auch dann noch wenn sie vielleicht zu spät zurückkommt darf
sie gewiss sein Hilfe und Schutz bei ihr zu finden sobald sie ihn bedarf und
sucht denn nie legt sie dem Irrtum eine härtere Strafe auf als die er selbst
mit sich führt und auch diese bemüht sie sich auf jede Weise zu lindern Sie
hätte es wohl gewünscht mich mit Bettys Hand beglücken zu können da es aber
meiner innigen treuen Liebe nicht gelang so hält sie mit Recht jedes andre
Mittel sie dazu zu bewegen für unerlaubt und unwürdig Sie deren große Seele
jeden Schmerz mit geprüfter Standhaftigkeit trägt vermag nie andern irgendeine
unangenehme Empfindung zu verursachen sie findet es bei ihrer Reizbarkeit immer
noch leichter selbst zu dulden als andre dulden zu sehen auch findet sie in
ihrem Geist und ihrer Religion Kraft und Trost wo andre verzweifeln würden
Doch verzeihen Sie mein Herr ich sage Ihnen mehr als Sie vielleicht zu wissen
verlangen Ich weiß in der Tat nicht schicklich aufzuhören wenn ich von dieser
erhabenen Frau sprechen darf« »Ich bitte Sie fahren Sie fort Zum Teil bin
ich schon vorbereitet Eleonorens Freundin Julianens zweite Mutter kann nicht
anders als ganz vorzüglich sein Ich war allerdings begierig mehr von ihr zu
erfahren und ich wüsste nicht wen ich lieber über sie sprechen hörte als einen
würdigen Vertrauten und Hausgenossen«
Florentin sprach diese Worte mit so sichtbarem Anteil dass der andre
sogleich fortfuhr »Sie ist immerwährend krank bald mehr bald weniger Sie
erhält ihr Leben nur durch die strengste Diät die geringste Abweichung bringt
sie dem Tode nahe so wie sie die Luft zu leben und eine gleichmütige heitre
Laune durch immerwährende Tätigkeit erhält
In ihren schönsten heitersten Stunden beschäftigt sie sich mit Musik und
nicht bloß zum eitlen Zeitvertreib wie die meisten Frauen sondern als ernstes
Studium In ihren Kompositionen atmet die Begeisterung inniger Andacht einer
hohen frommen Seele wer reines Herzens ist wer Sinn für Harmonie hat muss mit
Entzücken von diesen Tönen sich über alles Irdische hinweggehoben fühlen nur
ein fühlloser Barbar nur Walter konnte so sich äußern da von dieser Musik die
Rede war
Viel Zeit und Aufmerksamkeit nimmt ihr der Umgang mit Kindern Sie ist fast
immer von Kindern umgeben mit denen sie sich stundenlang zu beschäftigen weiß
Sie wird von ihnen wie eine Mutter geliebt und sie hat auch die Zärtlichkeit
einer Mutter Oft habe ich Tränen in ihren Augen glänzen sehen wenn ein
Säugling in seiner Hülflosigkeit die kleinen Ärmchen nach ihr ausstreckt oder
auf ihrem Schoss einschläft und im Schlafe lächelt
Klementina ist aber nicht allein die gute Fee aller schönen lieblichen
Kinder sie schenkt den unglücklichen mitleidswürdigen noch eine besondere
tätige Aufmerksamkeit Es war ihr nämlich nicht entgangen dass die geringere
Klasse der Eltern nur wenig Sorgfalt auf ihre kranken Kinder zu wenden vermag
dass aus Mangel an der notwendigen Wartung eine große Menge davon sterben oft
als Krüppel ein höchst elendes Leben fortschleppen müssen den Eltern eine Last
und von diesen dafür verachtet und schlecht behandelt werden Das Elend selbst
muss ihnen ein Nahrungszweig werden indem sie es vorzeigen um das Mitleid
andrer zu erregen und sich selbst immer mehr dagegen abstumpfen Denken Sie
sich wie diese Vorstellungen eine Seele wie die ihrige erschüttern mussten Ich
sah sie in der gewaltsamsten Anstrengung bis es ihr gelang zu helfen soweit
menschliche Hilfe reicht
Den Garten der Gräfin begrenzt ein See« »Ich sah ihn diesen Morgen
Kleine Häuser Felder und Gärten umgeben ihn« »Ganz recht Diese Häuser
diese Gärten Felder und Hügel sind die Zufluchtsörter der armen kleinen Wesen
O mein Herr wenn Sie hier das Tun und die Art zu handeln der Gräfin je
beobachtet hätten wie ich es täglich tun darf Sie würden meinen Enthusiasmus
für diese Frau verstehen Ich darf sie in diesem ehrwürdigen Geschäft als Arzt
unterstützen und fühle mich unendlich geehrt in diesem Auftrag Eins der
kleinen Häuser bewohne ich selber um soviel als möglich gegenwärtig zu sein
Oft haben wir schon die Freude gehabt Kinder gesund und blühend in die
mütterlichen Arme zurückzuführen aus denen sie uns im tiefsten Elende und ohne
Hoffnung des Wiedersehens überliefert waren
Doch eine ausgeführte Beschreibung kann ich Ihnen hier unmöglich geben sie
dürfte nur weitläuftig werden ohne Ihnen weiter etwas zu lehren Der Geist und
die Liebe in Plan und Ausführung lässt sich mit Worten nicht beschreiben diese
können nur durch eigne Anschauung wahrgenommen werden Sind Sie es zufrieden so
führe ich Sie hin« »Ihre Erzählung ist vollkommen befriedigend ich habe
berühmte Anstalten der Art gesehen ich kenne das« »Nein« rief der Arzt
»eine ähnliche haben Sie wahrlich nie gesehen« »Überdies« fuhr Florentin
fort »möchte es der Gräfin nicht angenehm sein mich dort zu sehen da sie
ausdrücklich verlangte heute allein zu sein« »Ich würde Sie nicht hinführen
wenn sie selbst dort wäre bei diesem Geschäft ist sie für niemand sichtbar
denn sie hasst jede Art von Ostentation Auch ist es niemand außer mir erlaubt
Fremde dort hinzuführen weil die Aufmerksamkeit für diese die notwendige
Sorgfalt abzieht und zerstreut Jetzt ist ohnedies die Zeit in der ich dort
sein muss kommen Sie doch nur mit«
Florentin ließ es sich endlich gefallen Der Mann gefiel ihm in seinem
schönen Eifer für das Gute trotz der etwas starken Neigung zur Redseligkeit
Sie ist doch meistens dachte er Zeichen eines offenen absichtslosen Gemüts
wenige Menschen sind mit ihren Worten zum Vorteil andrer so freigebig »In
wenig Tagen« fing der Doktor indem sie gingen wieder an »sehen wir sie
wieder in andrer Sorgfalt beschäftigt Sie werden vielleicht schon von einer
Badeanstalt gehört haben für arme Kranke diese ist ihr Werk und entstand wie
von selbst Es ist wenige Meilen von hier entfernt sie selbst braucht dieses
Bad zu ihrer Erhaltung seit mehreren Jahren Ihrem mitleidenden für jeden
fremden Schmerz empfindlichen Herzen war es eine höchst peinvolle Empfindung
eine Klasse Menschen an allem Mangel leiden zu sehen die wegen wirklicher sehr
harter Gebrechen sich am Bade einfanden unterdessen andre im größten Überfluss
lebten die nur Vergnügungen und Zeitverkürzung dort suchten Auf eigne Kosten
hat sie also jede Bequemlichkeit für die kranken Armen einrichten lassen und
zwar alles so gut so sauber und bequem dass sie für ihre eigne Person sich
derselben jedesmal bedient So dürfen nun die Armen Geplagten nicht mehr den
Abhub der Reichen kümmerlich erbetteln und die Hilfe für ihre Schmerzen nicht
erst dann erwarten wenn jene oft weniger Leidende befriedigt sind Es wird
alles für sie auf das pünktlichste und gefälligste besorgt so dass sie auf jede
Weise gegen den Einfluss des Übermuts geschützt bleiben Zu diesen gehören dann
auch die sonst üblichen Kollekten die oft ganz unzweckmässig verteilt werden
und das Schauspiel der allgemeinen Abfütterungen die auf den Kranken bei ihrer
gewöhnlichen Not und der täglichen schlechten Nahrung von sehr übelen Folgen
sind« »O« rief Florentin »oft war ich Zeuge mit welchem Überdruss mit
welcher Verachtung man seinen Beitrag zollte« »Freilich« antwortete jener
»doch vergesse man nicht dass dergleichen auch für viele die sich nicht
ausschließen dürfen oft ein lästiger Tribut sein kann Freiwillige Beiträge
von einzelnen weiset die Gräfin nie zurück um wie sie sagt den Segen des
Wohltuns niemand zu entziehen Die Gabe wird augenblicklich von der Gräfin
selbst in der Gegenwart des Gebers den Armen zum freien Gebrauch eingehändigt
Bekannt wird aber nichts davon gemacht weder mit noch ohne Namen« »So werden
auch wohl diese milden Beiträge selten genug sein« »Das doch nicht es gibt
viele gute Menschen und zeigt man ihnen den rechten Weg so gehen sie ihn auch
wohl« In welcher Weise dachte Florentin habe denn ich gelebt
Sie waren am Ufer des Sees angelangt und hatten ein Haus ein Zimmer nach
dem andern in der kleinen Kolonie besucht Florentin war dem Arzt gefolgt teils
aus Gefälligkeit teils auch um dem Rittmeister desto sichrer auszuweichen
dessen Gesellschaft er mehr als jedes andre Übel verabscheute Diese Roheit bei
soviel Anmassung die Verachtung der feinen Welt im Besitz aller mit ihr
verknüpften Verkehrteiten sie waren ihm in der Seele zuwider Er war sich
keiner Menschenfurcht bewusst doch überfiel ihn etwas Ähnliches von böser
Vorbedeutung bei diesem Walter Er zog es also vor mit dem guten Doktor die
wohltätigen Anstalten der Gräfin zu besuchen obgleich er denselben unangenehmen
Eindruck befürchtete den er schon oft bei Besuchen der für Elende erbauten
Paläste gefühlt hatte wo es der einzige wirklich ausgeführte Endzweck war den
Namen und Reichtum des Stifters bis an das Ende aller Dinge bekanntzumachen
Freudig ward er aber überrascht beim Anblick dieser Stiftung wo ohne allen
Prunk und irdische Verherrlichung der Geist der Liebe allein still und heilig
wirkte »Hat Klementina nie geliebt« fragte Florentin »Ich weiß nichts
Eigentliches von ihrer Geschichte auch weiß diese wohl niemand als Eleonore
jetzt spricht sie nie darüber
Was könnte es aber anders sein das eine so fromme Seele beugt und erhebt
als Leiden der Liebe So wie es nur durch die Liebe allein möglich ist die
zweckmässigste Wohltätigkeit im schönsten Sinn zu verbreiten« »Nur von
liebenden Frauen« sagte Florentin »müsste alle Wohltätigkeit kommen Die Frauen
verstehen auch am besten die Bedürfnisse einer schwachen Natur; der Mann würde
die Schwachheit lieber vertilgen von der Erde als sie im Leiden unterstützen«
»Ei Sie sagen das einem Arzt« »Jawohl eben darum denke ich können die
Frauen vortreffliche Wärterinnen und Verpflegerinnen weniger aber Arzt sein
Dieser muss auch die härtesten Mittel nicht scheuen um das Übel zu verderben
jene würden aus Mitgefühl des äußern Leidens nichts Entscheidendes tun können«
»Darin liegt etwas Wahres Doch sind fromme Stiftungen von unglücklichen
Männern errichtet worden« »Immer werden diese doch mehr das Gepräge des
wilden herben Schmerzes tragen werden eigentlich mehr für Büssende als für
Leidende taugen Erinnern Sie sich des Mannes der den strengsten aller Orden
gestiftet Auf dem Gipfel der Hoffnung seiner glühenden Liebe von einem
vernichtenden Schlage getroffen indem er die Geliebte tot unter den Händen der
Wundärzte antraf die ihren von einer entsetzlichen Krankheit entstellten Körper
öffneten als er eben von einer Reise zurückkommend sich durch eine geheime Tür
mit Vorsicht und Ungeduld einschlich um sie mit seiner unerwarteten Erscheinung
freudig zu überraschen verbannt er sich auf immer aus der menschlichen
Gesellschaft und bildet eine um sich her wo aus keinem Munde je ein andres
Wort erschallt als die beständige Erinnerung des Todes Eine Frau an seiner
Stelle würde eine milde Stiftung errichtet haben« »Ich habe nicht geglaubt
einen so beredten Kenner der weiblichen Natur in dem Manne zu finden den mir
Betty als einen Verächter der Frauen geschildert hat« »Diese Ironie ist
stark« rief Florentin lachend »Die Frauen haben freilich im Ernst weder Glück
noch Unglück meines Lebens bestimmt Hat Betty mir das abgemerkt so werde ich
auch wohl nicht Gnade gefunden haben vor ihren Augen das ist natürlich Ist es
aber meine Schuld wenn es so ist Wären die Frauen alle wohltätige Engel wie
Eleonore und Klementina sie würden der Menschheit jedes Leiden vergüten das
ihr dummes Vorurteil und selbstsüchtige Eitelkeit zufügen« »Sie verlangen
etwas Unmögliches diese großen Mittel« »Verstehen Sie mich es ist ja nicht
das was geschieht sondern der Sinn in dem es geschieht Die freudige
glückliche Eleonore macht um sich her alles glücklich Sie sammelt die Freuden
des Lebens um sie wieder zu spenden Die erhabene unglückliche Klementina
haucht ihren eignen Schmerz in göttliche Harmonien aus und fühlt die Schmerzen
der andern tiefer um Trost und Hilfe zu verleihen Die Liebe ist es und nichts
als diese die hier tröstet wie sie dort vergnügt Es scheint die Tugend der
weiblichen Langmut immer mit ruhiger Heiterkeit die Folgen des bösen Prinzips
unschädlich zu machen sich ihm vernichtend entgegenzustellen ist mehr die
unsrige Ist unser Bestreben auch größer so ist ihr Gelingen desto sicherer«
Der Doktor hatte Florentin mit großem Vergnügen eigentlich mehr sprechen
sehen als zugehört denn so wenig auffallend Florentin gewöhnlich erschien so
wuchs der Ausdruck seiner Gestalt bis zur Schönheit wenn er im Feuer der Rede
sich selbst und alles um sich her zu vergessen schien »Sie sollten uns nicht
sobald wieder verlassen« sagte er »Sie würden vielleicht in unsrer Mitte eine
Laufbahn finden die Ihnen genügte und Ihrer würdig wäre« »Das doch noch
nicht« antwortete er gelassen »das darf ich noch nicht Zuerst will ich um es
zu dürfen damit beginnen dass ich wirklich trotz jeder Lockung das ausführe
was ich mir vorgenommen und an dessen Ausführung ich schon soviel Zeit gesetzt
Sie soll nicht so ganz nur verschwendet worden sein Sie folgen Ihrem Beruf
unter den Augen der erhabenen Klementina und werden vielleicht doch noch einst
dauerndes Glück und Lohn aus ihren bildenden Händen empfangen Mir aber ist es
notwendig das in großer Masse arbeiten zu sehen was ich seitdem ich denken
kann in mir trage Allentalben wo man sich befindet kann man den Krieg für
die Freiheit unterstützen und verfechten Allentalben steht man auf dem
Schlachtfelde wo Habsucht und Barbarei herrscht und so hinge man freilich
wenn auch unsichtbar mit jener großen Masse zusammen wäre es mir nur nicht so
notwendig andre Menschen einen andern Weltteil zu sehen als den der sich
jetzt der kultivierte nennt Das Schauspiel eines neuen sich selbst schaffenden
Staats ist mir interessant Es häufen sich überdies immer mehr innere und äußere
Gründe warum ich in einer übertäubenden Tätigkeit mich selbst zu vergessen
suchen muss«
Nach diesen Worten ward er wieder still und in sich gekehrt Bald darauf
gingen sie nach dem Haus des Doktors das wohleingerichtet zierlich und bequem
am Ufer des Sees mitten in der Kolonie lag Hier zeigte er ihm seine
vortreffliche Naturaliensammlung seine reiche auserlesene Bibliothek die
zugleich einen Schatz an seltenen Karten und Reisebeschreibungen enthielt
Florentin sprach über diese Dinge mit einer Sachkenntnis worüber der Arzt
erstaunte da er ihm dergleichen nicht zugetraut haben mochte auch nahm er
seitdem sichtbar an Achtung für ihn zu Er selbst erschien hier bei seinen
Heiligtümern im vorteilhaftesten Lichte Florentin hatte niemals weniger den
Mangel an Witz und überraschenden Einfällen in der Unterhaltung vermisst als bei
diesem wahrhaft verdienstvollen Mann Er ward nicht müde ihn reden zu hören
auch sprach er immer besser je mehr er Gelegenheit fand seine tiefe
Gelehrsamkeit und die mannigfaltigen gründlichen Kenntnisse anzuwenden Seine
sonst mehr ruhige Physiognomie ward dann durch Begeisterung erhöht besonders
bei gewissen ihm heiligen Dingen So sprach er das Wort Natur immer mit einer
Art von Ehrfurcht aus so wie man im Tempel sich vor dem Namen des Allerhöchsten
beugt
Eine neue Welt ging vor Florentin auf bei seinem Gespräch Nie hatte er sich
mehr belehrt gefühlt nie hatte er größere Achtung für einen Menschen empfunden
Nur zu schnell verging ihm der Abend es graute ihm als er daran dachte in die
Stadt zu dem lärmenden Gasthof zurückzukehren Es konnte ihm also nichts
Erwünschteres begegnen als da der Doktor ihm anbot dass er die Nacht in seinem
Hause bleiben möchte Er nahm das Anerbieten ebenso freimütig an als jener es
getan
Siebzehntes Kapitel
Sie waren beim Abendbrot im Garten von Julianen und Eduard sprachen sie viel
Florentin verbarg es seinem neuen Freunde nicht wie sehr ihm beide wert waren
Der Doktor gab ihm einige Aufschlüsse über das Rätselhafte in Eduards Charakter
das so tief in ihm lag dass man lange Zeit mit ihm umgehen konnte ohne irgend
etwas anderes zu ahnden als den ausgebildeten Weltmann der das gefühlvollste
Herz mit einem hellen Kopf verbindet »Niemand ahndet in ihm« fuhr er fort
»diesen Abgrund von Unzufriedenheit und gefährlichem Eigensinn seine Bildung
liegt wie ein Firnis über diesen scharfen Ecken die bei weitem noch nicht durch
die Erfahrung verarbeitet und abgerundet sind Auch diese frühe Vermählung lag
nicht in Klementinens Absicht und dass sie dennoch geschieht ist wahrscheinlich
mit ein Grund ihrer letzten verstärkten Krankheit Sichtbar hat aber der Brief
von der Gräfin Eleonore sie beruhigt denn er sagte ihr dass es geschehen sei
niemals bereut oder beklagt sie aber eine Sache die geschehen ist« Er sprach
ferner von Julianen mit großem Anteil »Sie ist Klementinens geliebtester
Liebling doch glaubte sie neulich die kleine Terese würde vielleicht Julianen
einmal übertreffen« »Nicht mit Unrecht« sagte Florentin »sie ist in der Tat
ein seltnes Kind ich habe nie soviel Ernst und Tiefe bei einem Kinde
wahrgenommen als bei diesem Ob sie aber eigentlich so wunderbar liebenswürdig
so wahrhaft bezaubernd wird als Juliane kann man wohl noch nicht bestimmen und
auch in dieser liegt noch so vieles in tiefer Verborgenheit« »Klementina
sagte einmal Juliane müsste durch das Leben zur Liebe gebildet werden; aber
Terese würde erst durch die Liebe zum Leben sich ausbilden«
Hier sahen sie Betty nur von einem Bedienten begleitet über den See auf
einem Kahn zu ihnen kommen Sie brachte dem Arzt die Nachricht dass es mit
Klementinen recht gut ginge sie schliefe ruhig Sie wäre herübergekommen teils
ihm das zu verkünden teils auch da sie gehört Florentin sei bei ihm diesen zu
fragen ob er den Rittmeister nicht irgendwo gesehen hätte »Er hat diesen
Abend im Garten zu sein versprochen« sagte sie »die bestimmte Stunde ist aber
längst vorüber und er ist nicht gekommen« Florentin erinnerte sich dass er
des Versprechens an Betty uneingedenk die Partie fine mit den andern jungen
Leuten verabredet hatte wozu er selbst mit eingeladen war er schwieg aber
davon und erwiderte bloß er hätte ihn nicht weiter als bei Tische gesehen
»Aber Doktor« rief Betty aus »lernen Sie doch von Florentin Fassung zu
behalten wenn man Sie auch stört Sie machen ja ein so bedenkliches Ungewisses
Gesicht als hätte ich Sie eben bei einer Verleumdung von mir selbst überrascht
Gestehen Sie nur Sie haben von mir geschwatzt Doch was liegt daran Florentin
hat doch nicht recht acht darauf gegeben er ist viel zu sehr mit sich selber
beschäftigt« »Halten Sie mich für so selbstsüchtig gute Betty« »Ei es
wäre mir gar nicht angenehm wenn Sie es nicht wären Sie machten dann eine
Ausnahme die Ausnahme müsst ich respektieren das Respektieren macht mir Mühe
und die Mühe Langeweile« »Nun und Klementina« »Stille wer wird einen
solchen Namen unnötigerweise aussprechen Hier setzen Sie sich nieder und
erzählen Sie mir ordentlich und bedächtig wie es am Hochzeittage auf dem
Schloss war War Eduard liebenswürdig Wie sah Juliane aus« Florentin machte
ihr eine drollige Beschreibung von Julianens Putze von dem er natürlich nichts
zu bestimmen wusste als den Effekt worüber Betty sich dann totlachen wollte sie
behauptete ihn durchaus nicht zu verstehen »Nun so will ich zeichnen wenn
ich mich mit Worten nicht verständlich machen kann«
Er zeichnete darauf eine Karikatur hin man lachte und scherzte fröhlich
darüber Betty war noch lustiger als gewöhnlich es schien als wollte sie durch
die gewaltsame Anstrengung eine innere Kränkung betäuben und unterdrücken
Florentin hatte sie nur noch lieber wegen dieser Kraft um so mehr hasste er aber
den Urheber dieser Kränkung
Es ward vorgeschlagen Florentin sollte ihren Schattenriss machen »Das
nicht« sagte er »dies Stumpfnäschen schickt sich schlecht zu einem
Schattenriss aber zeichnen will ich Sie« Sie stellte sich in einer leichten
angenehmen Stellung vor ihn hin Mit wenigen Strichen war das Figürchen
entworfen im schwebenden Tanz mit beiden Händen ein Tamburin in die Höhe
haltend Gesicht und Haltung obgleich nur in flüchtigen Umrissen zum Sprechen
ähnlich Florentin war vergnügt mit dem Entwurf er hatte seiner Hand nicht mehr
diese Sicherheit zugetraut
Er war noch nicht ganz fertig als auf einmal der Rittmeister dazu kam
»Sie haben Gesellschaft Herr Doktor« rief er im Hereintreten »ich begreife
nun warum ich Sie Fräulein vergeblich gesucht und Sie mein Herr vergeblich
erwartet habe doch ich hätte es auch wohl erraten können« »Sie werden mich
entschuldigen« sagte Florentin »ich hielt es nicht für ein gegebnes
Versprechen überdies habe ich den Nachmittag und Abend so angenehm zugebracht«
»O das glaube ich gern« unterbrach ihn Walter »Sie mein Herr Doktor sind
immer die Gefälligkeit selbst« Betty war in der schmerzlichsten Verlegenheit
Florentin und der Doktor waren es ihrentwegen nicht weniger »Lassen Sie doch
sehen« fuhr Walter fort indem er näher zum Tisch trat wo die Zeichnung lag
»Sie haben hier eine Akademie wie ich sehe die Künste werden doch immer mehr
getrieben in der Welt« Florentin kam ihm zuvor als jener das Blatt in die
Hand nehmen wollte Er verdeckte es schnell mit einem andern Blatt
»Entschuldigen Sie« sagte er kurz und trocken »es ist nicht fertig« »Mir
können Sie es immer halb fertig zeigen ich bin gar kein Kenner« »Um desto
weniger Herr Rittmeister« »Es ist Fräulein Betty ihr Porträt das habe ich
gesehen« »Allerdings ist es das« »Nun so muss ich Ihnen dann sagen ich
habe ein Recht dazu es zu fordern« »Das mag sein aber ich habe kein Recht es
Ihnen zu geben es gehört dem Fräulein« »Sie werden also entscheiden
Fräulein« rief er aufgebracht »In der Tat lieber Walter es war ein
Scherz ich bat darum« »Nun so wird man es doch wenigstens erkaufen können
was ist ihr Preis« fragte er seine Börse hervorziehend Florentin antwortete
nicht und legte das Blatt mit Gelassenheit in sein Taschenbuch »Es ist nicht
für Bezahlung gemacht lieber Walter« sagte Betty wieder »Es muss doch auf
irgendeine Weise wieder in Ihre Hände kommen denn weder ich noch Sie selbst
werden zugeben dass Ihr Bild in der Welt mit auf Abenteuer zieht« »Herr
Rittmeister« sagte hier der Doktor mit fester Stimme »Sie scheinen zu
vergessen dass Sie hier in meinem Hause sind« »Ich werde diesem ehrwürdigen
Hause nicht länger beschwerlich fallen« Hohnlachend und aufgedunsen von
wildem Zorn fuhr er zur Tür hinaus »O Ihr wisst nicht was Ihr mir tut« rief
Betty voller Angst und ging ihm nach
»Das ist zuviel« sagte Florentin »Es ist entsetzlich« sagte der Doktor
»So habe ich ihn noch nie gesehen Ich vermute beinah dass er einen Rausch
hatte Offenbar legt er es aber besonders auf Sie an Sie werden also wohltun
ihm auszuweichen« »Ich bin ihm ausgewichen« sagte Florentin »doch wenn er
mich geflissentlich sucht so soll er mich finden Aber wie dauert mich das gute
Kind dass der schönste Moment die Blüte ihres Daseins unter einem solchen
Einfluss verdorren muss Kann man sie nicht losmachen Ist es nicht möglich der
Gräfin Klementina Licht über seine Nichtswürdigkeit zu geben« »Diese ist ja
nichts weniger als im Irrtum über ihn aber ich glaube Ihnen schon gesagt zu
haben wie sie darüber denkt Sie lässt jeden auf seine Gefahr nach seiner
Überzeugung handeln und hält sich durchaus nicht für berechtigt vermittelst
ihrer Autorität andre zu bestimmen, nicht durch Vorstellungen viel weniger
durch irgendein Zwangsmittel Betty ist es bekannt wie die Gräfin über Walter
denkt da sie sich aber gebunden glaubt und in der festen Hoffnung lebt die
Liebe würde ihn erziehen so hält Klementina es für einen Wink der Vorsehung
für ein unabänderliches Verhängnis dem sie sich nur sträflicherweise und
dennoch ohne Nutzen entgegensetzen würde« »Glaubt Klementina nur an eine
göttliche Vorsehung und nicht zugleich auch an die vernichtende Einwirkung des
Teufels so hat sie doch nur eine halbe Religion das sollten Sie ihr einmal
sagen Unbegreiflich bleibt immer die verhasste Schwäche denn lassen Sie es uns
ja nicht Liebe nennen vieler ja sogar ausgezeichneten Frauen für Menschen
die ihnen in jeder Rücksicht untergeordnet sind es ist hier nicht das erstemal
dass ich einen liebenswerten achtungswürdigen Mann gegen einen Wicht habe
zurücksetzen sehen Sollte nicht etwa die Täuschung dabei zum Grunde liegen dass
die Achtung die sie für jenen zu haben sich gezwungen fühlen ihre
Oberherrschaft zweifelhaft macht oder dass sie die Würde der Liebe nicht
verstehen und sich ihrer als einer Schwäche vor dem Manne schämen den sie
einer gleichen Schwäche für unfähig halten« »Nichts davon Keinen andern
Grund kann es in diesem liebereichen unbefangnen Herzen geben als
unbestechliche Treue die der Hingebung folgt Der Verführer verstand es ihre
Sinne gefangenzunehmen sie ahndet nicht die Möglichkeit wie dieses hätte
geschehen können wenn sie ihn nicht liebte Sie ist unschuldig trotz ihrer
Schuld und ihre Treue höchst achtungswert« »Lernt sie aber nicht endlich
diesen Irrtum verachten und erkennt die Liebe tritt an die Stelle der
blühenden Unbefangenheit nicht die Reife der Achtung vor sich selber die eine
liebende Frau nur in der Liebe für einen hochverehrten Mann findet so waren es
dennoch taube Blüten oder ein giftiger Tau hat die edle getötet Und darum ist
es Eure Pflicht sie wenn auch unter tausend Schmerzen vom Verderben
zurückzuführen«
»Und nun sagen Sie mir doch wie kann Klementina nach allem was ich von ihr
gehört habe in der großen Welt leben« »Schon seit mehreren Jahren lebt sie
auch wirklich nicht in der großen Welt Sie geht nie in Gesellschaften schon
ihre fortdauernde Kränklichkeit leiht ihr einen Vorwand sich davon
auszuschliessen doch ist ihr Haus immer der guten Gesellschaft offen auch
Fremde besuchen sie der feine zwanglose Ton der in ihrem Hause herrscht
macht dass es von allen gesucht wird Die Unterhaltung der Gräfin ist leicht
und geistreich durch diese allein ahndet man in der Gesellschaft die Frau von
außerordentlichen Gaben So oft sich Gelegenheit zeigt gibt sie Konzerte und
Bälle wo sich immer eine Menge junger Leute einfinden deren Vergnügen durch
nichts was die ernste Stimmung der Wirtin verraten könnte gestört wird Sie
zieht sich freilich immer sehr bald in ihr einsames Zimmer zurück aber ohne im
geringsten die Lust zu unterbrechen so wie sie niemals irgendeine Art von
Aufsehen ihrentwegen erlaubt« »Ich denke mir wie oft diese Güte mag
gemissbraucht worden sein in der Welt« »Dem ist es auch wohl nur allein
zuzuschreiben dass der Zutritt zu ihr so erschwert worden ist, obgleich sie auf
keine Weise argwöhnender ward durch den wiederholten Betrug Die Not der
Hülfesuchenden wird jederzeit von ihr selbst geprüft Dies Geschäft überträgt
sie niemals irgendeinem andern kann sie nicht selbst prüfen so hilft sie ohne
Untersuchung Übrigens lebt sie immer allein obgleich fast stets von Menschen
umgeben auch wüsste ich nicht dass sie eine Freundin hätte der sie sich
mitteilt außer Eleonoren Da der erste Eindruck gewöhnlich für sie entscheidend
auf das ganze Leben bleibt und sie wohl erfahren haben muss dass kein
Räsonnement und keine Vernunft stark genug ist diesen jemals bei ihr zu
vertilgen so macht sie so selten als möglich neue Bekanntschaften und hütet
sich gleichsam vor jedem neuen Eindruck Sie können es als einen ganz besonderen
Vorzug ansehen dass sie Sie zu sprechen wünscht«
Sie sprachen nun noch manches über Eduard und Juliane sowohl als über Betty
Was Florentin an diesem Tage über den verworrnen Zusammenhang ihres Betragens so
unzusammenhängend gehört und gesehen hatte ging ihm wild durcheinander im Kopfe
herum »Dies sind also« rief er aus »die zarten Verwirrungen der feinen
Verhältnisse und der tugendhaften Missverhältnisse der gebildetsten Welt O alle
ihr Vortrefflichen Auserkornen ihr wisst doch mit euren angestrengtesten
Kräften nichts anders zu tun als die zahllosen Plagen zu erleichtern die ihr
euch selbst einander zufügt Unter meiner plumpen Hand aber zerrisse dies
künstlich gefügte Gebäude dessen Türme sich prahlend in die Wolken heben
während sein Fuß im Treibsande wankt Möchte es mir nur einst gelingen mir eine
niedre feste Hütte zu erbauen die Sturm und Wogen trotzt und auch dem Rütteln
meiner eignen mutwilligen Hand widersteht« »Und wo« fragte der Doktor
lächelnd »suchen Sie Boden zu diesem Wunderhüttchen« »Gewiss nicht hier
nicht von den wurmzernagten Splittern der feinen Welt gedenke ich es mir
zusammenzubetteln« »Ruhig lieber Florentin wer gedenkt sie Ihnen
aufzudringen Die feinere Ausbildung lässt sich mit jenem geheimnisvollen Berg
vergleichen von dem die Dichter unter dem Namen Venusberg viel Wunderbares
erzählen Berauscht von einer süsstönenden Harmonie sagen sie wird man
hineingezogen wer am Eingange stehenbleibt ahndet nichts als Schrecknisse in
der Verworrenheit die sein Blick nicht zu durchdringen vermag wer aber
unerschrocken vordringt der findet ewige Freuden und wer sich voll Ungeduld
wieder hinauszusehnen vermag findet doch sonst nirgend Ruhe und unaufhaltsam
zieht der Zauber ihn wieder zurück« »Nun mir scheint dieser Zauber doch in
nichts zu liegen als im Hochmut sich so gern etwas gar Großes zu dünken Dies
ist der Rausch der ihre Sinne gefangenhält dass sie in die schwindelnde Tiefe
wieder zurück müssen und in der freien Welt sich nicht zu finden wissen wo
jeder gleicher Rechte sich erfreut und niemand sich über den andern erheben
darf« »Nun sehen Sie so ist es doch nur anders maskierter Hochmut der es
Ihnen so verleidet unter den Emporstrebenden zu existieren« »O guter Gott
es mag wohl sein nichts ist ansteckender als das Böse Doch soll es mir wohl
noch gelingen die schlechten Gewohnheiten wieder abzustreifen« »Ich sehe es
ist heute nichts mehr mit Ihnen anzufangen Sie sind bitter« »Das noch nicht
Wo ist der Tor der auf ein sicheres dauerndes Lebensglück rechnet Aber lassen
Sie es mich Ihnen gestehen Bettys Schicksal und das Ihrige das ich so deutlich
vor mir sehe das von Eduard und Juliane was ich nur ahnde es hat mich
verwirrt und betrübt Aus welchen losen Fäden ist der Traum eures Glücks
gesponnen« »Es lebt dafür in unsrer Seele etwas das dem ungebildeten
Menschen fremd uns über jeden Glückswechsel erhebt«
»Nein Siegen oder Untergehen« rief Florentin aus als er allein war Und
doch hatte die freudige Gelassenheit mit der der Doktor die letzten Worte
gesprochen etwas in ihm erregt das ihn nachdenklich machte Am Ende blieb er
aber freilich dennoch überzeugt dass er seinem jetzigen Plane folgen müsse dass
es für ihn keine andre Tätigkeit gebe als in einem neuen Leben das zu
vergessen was ihn im alten gequält hatte Jene Ahndung war auch noch nicht aus
seinem Herzen geflohen er müsse in der Welt einen Aufschluss über seine
Bestimmung und seine Geburt aufsuchen
Den andern Tag während der Doktor seine Geschäfte in der Stadt verrichtete
war Florentin allein zurückgeblieben weil er ohne Not nicht gern dort verweilen
mochte Der Doktor schickte ihm sein Pferd und seine übrigen Sachen aus dem
Gasthof und kam zum Mittagsessen selbst wieder zu ihm hinaus Er erzählte
ihm Walter habe den Morgen schon einigemal im Gasthofe nach ihm fragen
lassen »was wird er wollen« »Vielleicht eine Ausfordrung« sagte
Florentin »Leicht möglich dass er sich von Ihnen beleidigt hält« »Sie
sehen« sagte Florentin indem er auf seinen Degen zeigte »ich habe eine
Vorbedeutung gehabt Die Uniform ist überhaupt gar nicht übel gewisse
Menschen haben Respekt vor einer Uniform weil diese das einzige ist wodurch
sie selbst sich Respekt zu schaffen wissen«
Während sie noch am Tisch saßen kam folgendes Billett
»Florentin wird es nicht vergessen haben dass er zur Musik abgeholt wird
Die Tante freut sich sehr ihn diesen Abend zu sehen Bereiten Sie ihn darauf
vor lieber Freund dass er Waltern hier finden wird und bitten Sie ihn in
meinem Namen des gestrigen fatalen Auftritts nicht weiter zu gedenken Es war
ein Missverständnis Walter hat seinen Irrtum eingesehen und es wird nur auf
Florentin ankommen dass uns der Abend Friede und Freude bringt
Betty«
»Es war also eine Aussöhnung« sagte Florentin »Ich traue dem nicht so ganz«
sagte der Doktor »wegen einer Aussöhnung hätte er sicherlich nicht so oft nach
Ihnen fragen lassen« »Ich wollte nur Betty wäre nicht dabei zu schonen mir
ist er im innersten Herzen fatal« »Lassen wir ihn jetzt Die Gräfin ist
heiter und sehr wohl ich musste ihr viel von Ihnen erzählen sie hörte jedes
Wort mit ganz besonderem Interesse an Es sind auch Briefe vom Schloss diesen
Morgen gekommen Juliane und Eduard befehlen Ihnen ja hierzubleiben bis sie
herkommen« »Wollen sie kommen Wann« »Vielleicht noch heute in den
nächsten Tagen aber gewiss«
Achtzehntes Kapitel
Am Eingange des Hauses ward Florentin nach einem Seitenflügel gewiesen Er trat
in einen hochgewölbten Gang zwischen den Säulen gingen mehrere Personen still
hinauf nach dem Ende des Ganges wo sich eine große Flügeltüre öffnete Es war
alles feierlich ernst die Schritte hallten von dem Boden wider die Idee eines
Wohnhauses war verschwunden es war der Eingang zum Tempel Jetzt öffneten sich
die Flügeltüren für ihn ein hoher Dom umfing ihn Er hörte noch die letzten
Worte der Messe die Versammlung erhob sich von ihren Knien einige einzelne
verweilten noch in tiefer Andacht
Der Orgel gegenüber befand sich ein Monument Florentin ging näher hinzu um
es zu betrachten Auf einem Sarkophag ruhte ein Genius in Gestalt eines Kindes
die Fackel entsank verlöschend seiner Hand es war nicht gewiss ob er tot oder
schlafend abgebildet war Auf den Seiten des Sarkophags zeigten sich in halb
erhobener Arbeit die Horen die traurend mit verhülltem Angesicht eine nach
der andern hinschlichen über dem Monument befand sich das Gemälde der heiligen
Cäcilia der Beschützerin der Tonkunst und Erfinderin der Orgel Florentin
erschrak fast als er seine Augen zu dem Bilde aufhob es war die göttliche
Muse die in lichter freudenreicher Glorie des großen Gedankens über Tod und
Trauer siegend schwebte
Das Gemälde jener heiligen Anna das ihn als er es zuerst gesehen so
ergriffen hatte war nur ein schwacher Abglanz dieser Herrlichkeit Im Anschauen
verloren vergaß er es völlig dass es Klementinens Porträt sei von dem er schon
soviel gehört hatte Nichts was an Menschen und Menschenwerk erinnert war
seiner Seele dabei gegenwärtig nie hatte er die Göttlichkeit der Musik so
verstanden als vor diesem Angesicht
Die Sonne warf im Untersinken noch einen blendenden Strahl durch die hohen
Fenster die weißen Kerzen schimmerten blass hindurch alle Gegenstände
leuchteten auf eine seltsame Weise und bewegten sich wie Geister Der Strahl
fiel gerade auf das Gesicht der heiligen Cäcilia Farben und Züge waren
verschwunden es war nur ein blendender Glanz Florentin hätte in die Knie
sinken mögen vor dieser Herrlichkeit
Die Betenden standen auf zuletzt erhob sich langsam von den Stufen des
Altars die Gräfin Klementina Es war eine edle schlanke Gestalt etwas über die
gewöhnliche Größe Ein schwarzes glänzendes Kleid floss in reichen Falten bis zu
ihren Füßen herab und bedeckte die Arme bis zur weißen feinen Hand Auf der
linken Seite trug sie ein Kreuz von Diamanten ein langer schwarzer Schleier
verhüllte Kopf und Haare so dass man nur die erhabene Haltung wahrnehmen konnte
auch das Gesicht war ganz davon verdeckt in der einen Hand die sich auf Betty
stützte hielt sie ein weißes Tuch die andre trug herabhängend eine Rolle So
wankte sie sichtbar ermattet vor Florentin vorüber ohne ihn wahrzunehmen
ihre Augen blieben fest am Boden geheftet Neben dem Monument war ein halb
vergitterter Sitz dort setzte sie sich Betty und einige junge Mädchen die ihr
gefolgt waren bemühten sich geschäftig um sie her diese entfernten sich und
Klementina blieb allein Sie hatte ihren Schleier aufgeschlagen und sah die
Blätter durch die nun aufgerollt vor ihr lagen Ihr Gesicht zeigte mehr als
Reste ehmaliger erhabener Schönheit die Züge standen im reinsten edelsten
Verhältnis aber eine Marmorblässe bedeckte sie Waren ihre Augen unter den
schöngewölbten Lidern gesenkt so schien sie mit der leuchtenden Stirn den
bleichen mit den Spuren des Grams nur leicht gezeichneten Wangen und den
feinen fest geschlossnen farblosen Lippen nicht mehr dem Leben dieser Erde zu
gehören Aus diesen Zügen schien das Leben entwichen und ganz nach den großen
Augen entflohen zu sein die in ihrem schwarzen nächtlichen Glanze wenn sie sie
langsam erhob wie einsame Sterne durch den umwölkten Himmel funkelten
Florentin konnte die seinigen nicht von ihr abwenden sie bemerkte ihn aber
nicht war auch überhaupt bloß mit den Blättern beschäftigt und sah sich nach
niemand um Indem er sie aber immer schärfer ansah dünkten ihm ihre Züge je
länger je mehr bekannt Die Szenen seiner Kindheit wurden wieder lebendig vor
ihm die Erinnerung an Manfredi drängte sich ihm besonders wieder auf und alle
Begebenheiten jener Zeit
Nach einer kurzen feierlichen Stille erschollen wie vom Himmel nieder die
Stimmen der unsichtbaren Sänger Begleitet von den Tönen der allmächtigen Orgel
schwoll der Gesang des heiligen Chorals in tief ausströmenden Akzenten wälzte
sich an der hohen Kuppel hinauf und zog die Andacht des tiefsten Herzens wie in
einer Weihrauchsäule mit sich zum Himmel auf Wie zum ersten Male hörte
Florentin diese himmlische Musik wieder die er in seiner Jugend so oft gehört
zu haben sich erinnerte Niemals hatte er aber sich so davon durchdrungen
gefühlt als jetzt Er wusste nicht ward sie hier vollkommener noch ausgeführt
oder war sein Gemüt empfänglicher dafür geworden
Der schwebende Nachhall des Chorals erstarb in einen leisen Hauch da
erscholl die Posaune durch Herz und Gebein rufend und nun begannen die Chöre
bald abwechselnd sich einander antwortend bald vereinigt vom Aufruf einer
einzelnen Stimme geweckt zur mächtigen alles mit sich fortreissenden Fuge
anzuwachsen bis Himmel und Erde in den ewigen immer lauter werdenden Wirbel
mit einzustimmen schienen und alles wankte und bebte und zusammenzustürzen
drohte Die Brust des Knaben auf dem Sarkophag schien sich vom gewaltigen
Gesange zu heben staunend erwartete Florentin er würde sich aufrichten und
seine Stimme mit einmischen in die Stimmen der ganzen Welt für die Ruhe der
Seelen und mit der heiligen Cäcilia die ihre Lippen zu öffnen schien beten
für die Erlösung der Büssenden
Klementina war wie in Entzückung gehoben ihre Augen ruhten entweder auf der
Rolle die sie rasch umblätterte oder sie wendete sie glänzend freudig in die
Gegend wo die Stimmen der Sänger herabkamen dann ruhte sie wieder wie verloren
in sich selbst sanfte Tränen gleiteten langsam über das heilige Gesicht herab
die sie weder zu hemmen noch zu verbergen bedacht war
Florentin war aus der Menge ihr gegenüber getreten um sie genau mit der
heiligen Cäcilia vergleichen zu können zu der sie in ihrer Begeisterung ein
wahrhaftes Urbild war Die Musik war beinah zu Ende zu Anfang des herrlichen
sanft aushauchenden Schlusschors kam Betty wieder zu Klementinen die ihr einige
freundliche Worte sagte Betty sah sich hierauf in der Versammlung umher da sie
Florentin erblickte grüßte sie ihn freundlich Klementina schien sie etwas zu
fragen worauf jene eine bezeichnende Bewegung mit der Hand machte gegen
Florentin Klementina stand auf und suchte ihn mit den Augen zufällig wichen
einige vor ihm Stehende zurück so dass er deutlich vor ihr stand Einige
Augenblicke blieb sie weit hervor sich beugend in derselben Stellung ihre
Augen fest mit sichtbarem Erstaunen auf ihn geheftet eine schnelle Röte
überflog den Marmor ihres Gesichts dann erblasste sie wieder ihre Augen
schlossen sich und sie sank ohnmächtig zurück Betty fasste sie in ihre Arme
einige andre eilten ihr zur Hilfe sie wurde hinausgetragen Betty folgte Bald
darauf war auch die Musik geendigt deren Schluss Florentin nicht vernommen
hatte Betäubt eilte er hinaus und in den Garten
Der Abend senkte sich dämmernd nieder Der große Garten war voller Menschen
Fröhliches Lachen und muntere Gespräche ertönten von allen Seiten Auf dem Rasen
tummelten sich liebliche Kinder hier saß eine Gruppe die zu einer Gitarre
sang dort waren andre um eine Flasche Wein versammelt Auf den versteckteren
Plätzen im dichteren Gebüsch wandelten liebende Paare in süßer Vertraulichkeit
der ganze Garten war ein fröhliches liebliches Bild eines kummerfreien
vergnügten Lebens für jedes Alter und jedes Gemüt
In einer andern Stimmung wäre Florentin dieser Anblick höchst erquickend
gewesen jetzt suchte er aber einen einsamen Ort um sich zu sammeln er war
unruhig und zerstreut Warum dachte er warum ist diese Klementina und alles
was sie umgibt grade mir wie eine Erscheinung da sie doch unter den übrigen
Menschen wie eine längst bekannte Mitbürgerin wandelt Warum wird jede ferne
Erinnerung wieder wach in mir Was tut sich die Vergangenheit dies längst
verdeckte Grab gegen mich auf Warum kann ich nicht mit den andern des
gegenwärtigen Augenblicks froh werden Er suchte endlich dem Eindrucke der
Musik die Unruhe zuzuschreiben die immer noch in seiner Seele widerhallte
Aus dem geöffneten Gartensaal kam ihm der Doktor entgegen »Die Gräfin ist
erst jetzt wieder zu sich gekommen« sagte er »und ist noch sehr ermattet Die
Anstrengung war zu groß für sie Da ihr jede Bewegung und auch das Sprechen
untersagt ist so hat sie mir aufgetragen sie bei Ihnen zu entschuldigen dass
sie nicht zur Gesellschaft herunterkömmt sie ist heute nicht imstande Sie zu
sehen sie hofft Sie würden noch einige Tage länger hier verweilen« Hier
kamen Betty der Rittmeister und noch einige andre zu ihnen Der Doktor
entfernte sich die Gräfin hatte ihn zu sprechen verlangt
Dem Rittmeister schien sein Versprechen sich gesitteter gegen Florentin zu
betragen entweder zu reuen oder unmöglich zu halten er war widerwärtiger als
jemals gegen ihn Während Betty zu erwarten schien dass es zwischen ihnen zu
einem Gespräch kommen sollte fing der Rittmeister an in seiner gewöhnlichen
Manier Florentin um seine Uniform zu befragen dieser antwortete kurz ab mit
sichtbarer Verachtung Endlich stand Walter auf und ging mit den andern in eine
Ecke des Saals wo er auf eine beleidigende Weise bald halb laut mit ihnen
flüsterte dann überlaut lachte Die arme Betty war wie auf Kohlen »Ich kenne
Sie heute gar nicht« sagte sie leise zu Florentin »wie zeigen Sie sich so
widerspenstig« »Das nicht« sagte er »aber auf der Folter bin ich dieser
Walter und ich sind notwendig Feinde Auch weiß ich selbst nicht wie ich
verstimmt bin erst die Musik « »Sie scheint Ihnen also keinen angenehmen
Eindruck gemacht zu haben« fragte sie ihn laut unterbrechend »Sie
missverstehen mich Betty« Er suchte die unangenehme drückende Gegenwart der
übrigen zu vergessen und erzählte ihr ganz so wie er es fühlte und als ob er
allein von ihr gehört würde den Eindruck den die erhabene Musik auf ihn gemacht
hatte »Fragen Sie mich um keine einzelne Stelle« fuhr er fort »deren
entsinne ich mich keiner einzigen aber mein Gemüt war gelöst von allem Kummer
dieses Lebens Wie auf Engelschwingen fühlt ich mich durch die allmächtigen
Töne der Erde entnommen und sah eine neue Welt sich vor meinen Augen auftun«
Walter kam hier wieder zu ihnen und störte die Unterredung und Florentins
Begeisterung Man sprach von andern Dingen und zuletzt vom Monument in der
Kapelle Florentin erkundigte sich nach der Veranlassung »Die Tante« sagte
Betty »hat es soviel ich weiß nach ihrer Angabe für sich verfertigen lassen
das ist aber schon sehr lange her vielleicht noch eh ich geboren ward Es ist
ihr heilig eine nähere Veranlassung hat sie aber keinem von uns mitgeteilt«
»Schade nur« rief der Rittmeister »dass die ganze Stadt von dem heiligen
Geheimnis sehr wohl unterrichtet ist« »Ich weiß nicht was Sie damit sagen
wollen« sagte Betty schüchtern »Wie sollten Sie das wissen können Liebe«
erwiderte er »es ist ja auch schon wie Sie selber bemerkten eine sehr alte
Geschichte« Betty schien aufgebracht und verlegen wegen dieser Ausfälle
Sie ist gerettet dachte Florentin wenn sie erst zum deutlichen Gefühl sich
seiner zu schämen zu bringen ist Er fragte nun absichtlich nach manchen
Dingen die sie interessieren mussten und ließ sich geduldig vom Rittmeister
durch boshafte witzig sein sollende Anmerkungen hämische Verdrehungen und
unmässiges Lachen unterbrechen Ihm war es recht je mehr jener sich selbst
herabsetzte Betty sprang endlich ungeduldig auf nahm Florentin am Arm und
lief nach dem Garten hinaus die übrigen folgten Walter mit sichtbarem Grimm
Es war stiller in dem Garten geworden nur einzelne Personen wandelten in
der Entfernung in den hohen Gängen bis auch diese sich allmählich verloren Sie
stiegen eine Terrasse hinauf die mit hohen Bäumen besetzt war und dem Hause
gegenüber den Garten am Ufer des Sees begrenzte In der Mitte der Terrasse stand
ein kleiner runder Tempel auf weißen Marmorsäulen mit Rosen und Jasminbüschen
umgeben Von hier hatte man die freie Aussicht über den jenseits liegenden
bekannten See mit seinem Kranz von wohltätigen Pflanzungen Darüber hinaus ging
der Blick in weite Ferne bis dunkel am Horizont das bläuliche Gebirge ihn
begrenzte Der Mond stieg eben herauf und schien eine hochrote verzehrende
Flamme durch die fernen Dünste bis er sich plötzlich völlig hinaufgeschwungen
hatte und rein und silberhell seine Bahn betrat
Tief im Herzen ward nun Florentin die Gegenwart der rohen Gesellen zuwider
Anfangs war er zwar willens gewesen sich mit ihnen zu belustigen aber er war
es nicht imstande Im Freien in einer schönen Gegend dünkten ihm verhasste
Personen noch verhasster als im Zimmer
Er erkundigte sich bei Betty ob der Garten immer so wie heute für
jedermann frei wäre »Immer« sagte sie »hier ist der beliebteste
besuchteste Spaziergang der Einwohner und der liebe Spielplatz der Kinder Man
kommt und geht wenn man will und jeder genießt der unumschränktesten
Freiheit« Einer von den Begleitern bezeigte seine Verwunderung dass die
Gräfin weder Beschädigung noch Unordnung befürchtete bei dieser allgemeinen
Freiheit »Missbrauch der Freiheit sagt die Tante ist bei weitem nicht so
sehr zu befürchten als Schadloshaltung für den Zwang Sei es nun dies oder die
allgemeine Achtung und Liebe für sie kurz es ist noch niemals etwas
Verdrüssliches vorgefallen soviel ich weiß« »Es kommt darauf an« fuhr Walter
wieder dazwischen »was man so dafür annehmen will oder nicht gegen gewisse
Dinge dieser Art ist man auch ziemlich nachsichtsvoll« »Ist denn« fing
Florentin wieder an »der Gräfin die Menge niemals lästig Sehnt sie sich
niemals nach einer einsamen Stille Im Garten dächte ich müsste man diese gern
suchen« »Nein sie liebt es grade hier viel fröhliche Menschen zu sehen und
zu begegnen Recht einsam sagt sie bin ich doch nur in meinem Zimmer die
Häuser sind ursprünglich erfunden sich von den andern abzusondern Was mich im
Freien umgibt was ich dort sehe und empfinde lässt mich von selbst nicht einsam
sein Der Aufenthalt im Freien sagte sie auch einmal hätte für sie eine
gewisse Zauberkraft die Geliebten stehen ihr hier näher und die Beschwerlichen
entfernter« »Das heißt« unterbrach sie der Rittmeister »die alte Dame
braucht Gesellschaft Sie selber hat weder zu verlieren noch zu fürchten wenn
der Garten von Menschen allerlei Art wimmelt und für die jungen Damen im Gefolg
ist es sehr erwünscht« »O Walter Sie wissen nicht was Sie sprechen« rief
Betty aus »O Betty« rief er sie parodierend »Sie werden nie die Augen
öffnen« Betty verbarg ihre hervorströmenden Tränen in ihrem Tuche und
schluchzte endlich laut da er nicht aufhörte sie zu ärgern Florentin ward
dies zuviel er verwies ihm mit Mäßigung sein Betragen Walter aber der es nur
zu erwarten geschienen dass dieser sich mit einmischen sollte fragte ihn mit
trotzigem Hohn ob die irrende Ritterschaft wieder erstanden sei den
beleidigten Jungfrauen Schutz zu gewähren So kam es zu beleidigenden Reden
und Antworten hin und her denn Florentin hielt sich länger nicht Bis zur Wut
gereizt zog Walter den Degen und rief jenem zu sich zu verteidigen Betty
schrie laut auf vor Entsetzen »Nicht hier Herr Rittmeister« sagte
Florentin »Sie vergessen was Sie diesem Orte schuldig sind Kommen Sie
Fräulein ich führe Sie nach dem Hause Sie Herr Rittmeister erwarten morgen
früh Nachricht von mir« »Nicht hier von der Stelle feiger Schurke« rief der
tolle Walter »nicht von der Stelle Ich lasse hier mein Leben oder « Den
andern die ihn zurückzuhalten suchten befahl er drohend sich ruhig zu
verhalten und so drang er voll Wut auf Florentin ein dieser musste sich zur
Wehr setzen Nach einigen Gängen da Walter trotz seiner überlegenen Stärke im
Nachteil gegen Florentins Gewandtheit kam der sich geschickt und gelassen bloß
verteidigte führte er mit hämischer Wut einen Streich gegen das Gesicht seines
Gegners der wenn er ihm gelungen wäre ihn aufs Leben unglücklich gemacht
hätte »Bube« rief Florentin dem die boshafte Absicht nicht entging und im
Moment hatte er durch eine kühne geschickte Wendung ihm den Degen aus der Hand
gewunden und in Stücken gebrochen zu seinen Füßen geworfen
Betty war sobald der Kampf begann nach dem Hause zurück mehr geflogen als
gelaufen unaufhörlich nach Hilfe rufend Durch den Garten kam sie ohne jemand
zu begegnen die Bedienten die sie unten im Hause fand liefen sogleich ohne
zu wissen was sich zutrüge ihrer Bezeichnung nach in den Garten
Unaufgehalten flog sie die Treppe hinauf und stürzte immer noch nach Hilfe
rufend bleich atemlos mit herunterhängenden Haaren in Klementinens Zimmer
die eben eingeschlummert war Der Doktor saß lesend in einer Ecke des Zimmers
Klementina fuhr erschrocken auf der Doktor eilte herzu Betty sank ohnmächtig
an Klementinens Ruhebett nieder »Im Tempel im Garten « rief sie als
sie wieder zu sich kam mehr brachte man nicht von ihr heraus ihre Sinne waren
wie verwirrt vom Entsetzen »Eilen Sie hin lieber Freund« sagte Klementina
»sehen Sie selbst nach was dem unbesonnenen Kinde widerfahren sein mag«
»Walter Florentin « rief Betty wieder noch außer Atem »Um des
Himmels willen« rief Klementina »eilen Sie eilen Sie«
Man hatte in der Verwirrung nicht darauf geachtet dass ein Wagen rasselnd
vorgefahren und ein blasender Postillion gehört wurde Jetzt öffnete sich die
Türe Juliane und Eduard traten herein »Was ist hier um Gottes willen« rief
Juliane indem sie bei Klementina niederkniete »Warum haben wir niemand im
Hause gefunden« rief Eduard »was geht hier vor welche Verwirrung« Der
Doktor wiederholte ihnen Bettys Ausruf »Walter haben wir hier nicht weit vom
Hause stehen und mit einigen andern heftig sprechen hören ich irre nicht es
war Walter« »So ist er nicht tot« rief Betty »Tot Wie das« »Und
Florentin« fragte Klementina »Ist Florentin noch hier« rief Eduard wieder
»Mein Kind mein gutes Mädchen« sagte Klementina und küsste die sich fest
an sie schmiegende Juliane »Müsst ihr meine Lieben gerade jetzt erscheinen «
»O lieber Doktor« unterbrach Betty sie mit Ungeduld »es kommt noch niemand
zurück wollen Sie nicht in den Garten gehen auf der Terrasse« Er ging die
andern drangen in Betty den Vorfall zu erzählen »Es gab ein Gefecht zwischen
den beiden auf das übrige muss ich mich erst besinnen jetzt weiß ich nichts
gar nichts« Sie kniete neben Juliane vor Klementina nieder und weinte über
ihre dargebotene Hand »Fasse dich nur du heftiges Kind« sagte Klementina
beruhigend »geh jetzt auf dein Zimmer und versuche es etwas ruhiger zu
werden« »O nein Tante schicken Sie mich nicht fort ich kann nicht allein
bleiben ich fürchte mich« Die Bedienten kamen hier zurück die zuerst auf
Bettys ängstliches Hülferufen in den Garten geeilt waren Sie hatten den ganzen
Garten durchsucht und niemand gefunden es war alles ruhig »So können wir es
ja auch wohl sein fürs erste« sagte Klementina »es wird sich alles aufklären
Und nun meine teuren Gäste sagt mir wie kommt ihr so unerwartet und doch so
längst erwartet« »Wir gedachten Sie eigentlich auf eine ganz andre Art zu
überraschen als es uns gelungen ist« sagte Juliane »Wir wollten noch zur
Musik hier sein wollten uns unbemerkt unter die Zuhörer mischen um zu sehen
ob Sie uns herausfinden würden Es zerbrach aber etwas an unserm Wagen wir
mussten uns einige Stunden aufhalten die Freude war verdorben und beim Eintritt
fanden wir uns mehr überrascht als Sie selbst Aber liebe Tante wir kommen
auch eigentlich mit darum um die Eltern und die Kinder zu melden sie werden
gewiss in wenigen Stunden hier sein« »So müsst ihr mich jetzt verlassen ihr
Lieben ich muss nun zu ruhen suchen um auf die Freude des morgenden Tages
gestärkt zu sein« »Erst Ihren Segen Tante eh wir Sie verlassen Segen für
uns« »Gott segne meine lieben Kinder Mögt ihr nie die Leiden der Liebe
erfahren Gott segne euch« Eduard war über ihre Hand gebeugt Juliane hob
ihre Augen zum Himmel um Erfüllung des segnenden Wunsches zu erflehen Betty
weinte ihr Gesicht mit beiden Händen verdeckend
Eduard ging dem Doktor im Garten nach da sie nun daselbst alles still
fanden so gingen sie von der andern Seite der Terrasse am See hinunter und
suchten an dem bestimmten Ort den Kahn der zur Überfahrt immer bereit war da
sie ihn aber nicht fanden vermuteten sie sogleich dass Florentin sich nach dem
Hause des Doktors übergesetzt hätte Sie eilten zurück ließ anspannen und
fuhren hinaus Florentin war nirgends zu finden