Jean Paul
Titan
Erster Band
Den vier schönen und edelen
SCHWESTERN auf dem Thron
Der Traum der Wahrheit
»Aphrodite Aglaja Euphrosyne und Talia sahen einst in das irdische Helldunkel
hernieder und müde des ewig heitern aber kalten Olympos sehnten sie sich
herein unter die Wolken unserer Erde wo die Seele mehr liebt weil sie mehr
leidet und wo sie trüber aber wärmer ist Sie hörten die heiligen Töne
heraufsteigen mit welchen Polyhymnia unsichtbar die tiefe bange Erde
durchwandelt um uns zu erquicken und zu erheben und sie trauerten dass ihr
Thron so weit abstehe von den Seufzern der Hülflosen
Da beschlossen sie den Erdenschleier zu nehmen und sich einzukleiden in
unsere Gestalt Sie gingen von dem Olympos herab Amor und Amorinen und kleine
Genien flogen ihnen spielend nach und unsere Nachtigallen flatterten ihnen aus
dem Mai entgegen
Aber als sie die ersten Blumen der Erde berührten und nur Strahlen und
keine Schatten warfen so hob die ernste Königin der Götter und Menschen das
Schicksal den ewigen Zepter auf und sagte der Unsterbliche wird sterblich auf
der Erde und jeder Geist wird ein Mensch
Da wurden sie Menschen und Schwestern und nannten sich Luise Charlotte
Terese Friederike die Genien und Amorinen verwandelten sich in ihre Kinder
und flogen ihnen in die Mutterarme und die mütterlichen und schwesterlichen
Herzen schlugen voll neuer Liebe in einer großen Umarmung Und als die weiße
Fahne des blühenden Frühlings flatterte und menschlichere Tronen vor ihnen
standen und als sie von der Liebe der Harmonika des Lebens seligerweicht
sich und die glücklichen Kinder anblickten und verstummten vor Lieb und
Seligkeit so schwebte unsichtbar Polyhymnia vorüber und erkannte sie und gab
ihnen Töne womit das Herz Lieb und Freude sagt und gibt«
Und der Traum war geendigt und erfüllt er hatte wie immer nach der
Wirklichkeit und dem Wachen sich gebildet Darum sei er den vier schönen und
edlen Schwestern geweiht und alles was ihm im Titan ähnlich ist sei es auch
Jean Paul Fr Richter
Erste Jobelperiode
Fahrt nach Isola bella der erste Freudentag im Titan der Pasquinos
Götzendiener Lob der Reichsintegrität das Moussieren der Jugend süßes
Blutvergießen die Erkennung eines Vaters groteskes Testament deutsche
Vorliebe für Gedichte und Künste der Vater des Todes GeisterAkt der
blutige Traum die Schaukel der Phantasie
1 Zykel
An einem schönen Frühlingsabend kam der junge spanische Graf von Cäsara mit
seinen Begleitern Schoppe und Dian nach Sesto um den andern Morgen nach der
borromäischen Insel Isola bella im Lago maggiore überzufahren Der
stolzaufblühende Jüngling glühte von der Reise und von dem Gedanken an den
künftigen Morgen wo er die Insel diesen geschmückten Thron des Frühlings und
auf ihr einen Menschen sehen sollte der ihm zwanzig Jahre lang versprochen
worden Diese zweifache Glut hob den malerischen Heros zur Gestalt eines
zürnenden Musengottes empor In die welschen Augen zog seine Schönheit mit einem
größeren Triumphe ein als in die engen nördlichen wovon er herkam in Mailand
hatten viele gewünscht er wäre von Marmor und stände mit älteren versteinerten
Göttern entweder im farnesischen Palast oder im klementinischen Museum oder in
der Villa Albani ja hatte nicht der Bischof von Novara mit seinem Degen an der
Seite vor wenigen Stunden bei Schoppen der zuletzt ritt nachgefragt wer es
sei Und hatte nicht dieser mit einer närrischen Quadratur seines
RunzelnZirkels um die Lippen weitläufig versetzt um dem geistlichen Herrn
Licht zu geben »Mein Telemach ists und ich mache den Mentor dabei ich bin
die Rändelmaschine und der Prägstock der ihn münzt der Glättzahn und die
Plattmühle die ihn bohnt der Mann der ihn regelt«
Die jugendlich warme Gestalt Cesaras wurde durch den Ernst eines nur in die
Zukunft vertieften Auges und eines männlichfestgeschlossenen Mundes und durch
die trotzige Entschlossenheit junger frischer Kräfte noch mehr veredelt er
schien noch ein Brennspiegel im Mondlicht oder ein dunkler Edelstein von zu
vieler Farbe zu sein den die Welt wie andere Juwelen erst durch Hohlschleifen
lichtet und bessert
In dieser Nähe zog ihn die Insel wie eine Welt die andere immer heftiger
an Seine innere Unruhe stieg durch die äußere Ruhe Noch dazu stellte Dian ein
Grieche von Geburt und ein Künstler welcher Isola bella und Isola madre öfters
umschifft und nachgezeichnet hatte ihm diese Prachtkegel der Natur in feurigen
Gemälden näher vor die Seele und Schoppe gedachte des wichtigen Menschen
öfters den der Jüngling morgen zum ersten Male sehen sollte Als man unten auf
der Gasse einen festschlafenden Greis vorübertrug dem die untergehende Sonne
Feuer und Leben in das markige starkgegliederte Angesicht warf und der eine nach
italienischer Sitte aufgedeckt getragne Leiche war so fragt er erschrocken
und schnell die Freunde »Sieht mein Vater so aus«
Was ihn nämlich mit so heftigen Bewegungen der Insel zutreibt ist
folgendes Auf Isola bella hatt er die drei ersten irdischen Jahre mit seiner
Schwester die nach Spanien und neben seiner Mutter die unter die Erde ging
mitten in den hohen Blumen der Natur liegend süß vertändelt und verträumt die
Insel war für den Morgenschlummer des Lebens für seine Kindheit Raffaels
übermaltes Schlafgemach gewesen Aber er hatte nichts davon im Kopfe und Herzen
behalten als in diesem ein schmerzlich süßes tiefes Aufwallen bei dem Namen und
in jenem das Einhorn das als Familienwappen der Borromäer auf der obersten
Terrasse der Insel steht
Nach dem Tode der Mutter versetzte ihn sein Vater aus der welschen
Blumenerde einige blieb an den Pfahlwurzeln hängen in den deutschen
Reichsforst nämlich nach Blumenbühl im Fürstentum Hohenfliess das den
Deutschen so gut wie unbekannt ist hier ließ er ihn im Hause eines biederen
Edelmannes so lange erziehen oder deutlicher und allegorischer er ließ hier
die pädagogischen Kunstgärtner so lange mit Giesskannen Inokuliermessern und
Gartenscheren um ihn laufen bis sie an den hohen schlanken Palmbaum voll
Sagomark und Schirmstacheln mit ihren Kannen und Scheren nicht mehr langen
konnten
Jetzt soll er nach der Rückreise von der Insel aus dem Feldbeete des Landes
in den Loh und Treibkübel der Stadt und auf das Gestelle des Hofgartens kommen
mit einem Worte nach Pestitz der Universität und Residenzstadt von Hohenfliess
deren Anblick sogar bisher sein Vater ihm hart verboten hatte
Und morgen sieht er diesen Vater zum erstenmal Er musste brennen vor
Verlangen da sein ganzes Leben eine Anstalt zu dieser gemeinschaftlichen
Landung war und seine Pflegeeltern und Lehrer eine chalkographische
Gesellschaft waren die den Autor seines Lebensbuches so herrlich vor das
Titelblatt in Kupfer stach Sein Vater Gaspard de Cesara Ritter des goldnen
Vlieses ob spanischer oder österreichischer wünscht ich selber genauer zu
wissen ein vom Schicksal dreischneidig und glänzend geschliffner Geist hatte
in der Jugend wilde Kräfte zu deren Spiel nur ein Schlachtfeld oder Königreich
geräumig gewesen wäre und die sich im vornehmen Leben so wenig bewegen konnten
als ein Seekraken im Hafen er stillte sie durch Gastrollen in allen Ständen
und Lust und Trauerspielen durch das Treiben aller Wissenschaften und durch
eine ewige Reise er wurde mit großen und kleinen Menschen und Höfen vertraut
und oft verflochten zog aber immer als ein Strom mit eignen Wellen durchs
Weltmeer Und jetzt nachdem er die Land und Seereise um das Leben um dessen
Freuden und Kräfte und Systeme gemacht fährt er besonders da ihm der Affe der
Vergangenheit die Gegenwart immer nachläuft in seinem Studieren und im
geographischen Reisen fort aber stets für wissenschaftliche Zwecke wie er denn
eben die europäischen Schlachtfelder bereiset Übrigens ist er gar nicht
betrübt noch weniger froh sondern gesetzt auch hasset und liebt oder tadelt
und lobt er die Menschen so wenig wie sich sondern schätzet jeden in seiner
Art die Taube in ihrer und den Tiger in seiner Was oft Rache scheint ist bloß
das harte kriegerische Durchschreiten womit ein Mann Lercheneier und Ähren
ertritt der nie fliehen und fürchten kann sondern nur anrücken und stehen
Ich denke die Ecke ist breit genug die ich hier aus der Whistonschen
Kometenkarte von diesem Schwanzsterne für die Menschen abgeschnitten
Ausbedingen will ich eh ich weiterrede mir dieses dass ich Don Gaspard auch
zuweilen den Ritter heißen dürfe ohne das goldne Vlies anzuhängen und dass
ich zweitens nicht von meiner Höflichkeit gegen die kurze LeserMemorie
genötigt werde seinem Sohne Cesara unter diesem Namen soll der Alte nie
auftreten den Taufnamen abzuzwicken der doch Albano heißt
Da jetzt Don Gaspard aus Italien nach Spanien ging so hatt er durch
Schoppe unsern Albano oder Cesara aus Blumenbühl hierher führen lassen ohne dass
man weiß warum so spät Wollt er in den vollen Frühling der jungen Zweige
schauen Wollt er dem Jüngling einige Bauernregel im hundertjährigen Kalender
des Hoflebens aufschlagen Wollt ers den alten Galliern oder den jetzigen
Kapbewohnern nachmachen die ihre Söhne nur waffenfähig und erwachsen vor sich
ließ Wollt er nichts weniger als das Nur so viel begreif ich dass ich
ein gut williger Narr wäre wenn ich mir im Vorhofe des Werks die Last aufbürden
ließe von einem so sonderbaren Manne mit einer um so viele Grade deklinierenden
Magnetnadel schon aus so wenigen Datis eine Wilkesche magnetische Neigungskarte
zu zeichnen und zu stechen er aber nicht ich bin ja der Vater seines Sohns
und er soll wissen warum er ihn erst bärtig vorbeschieden
Als es 23 Uhr die Stunde vor Sonnenuntergang schlug und Albano die
langweiligen Schläge addieren wollte war er so aufgeregt dass er nicht imstande
war die lange Tonleiter zu ersteigen er musste hinaus ans Ufer des Lago in
welchem die aufgetürmten Inseln wie Meergötter aufstehen und herrschen Hier
stand der edle Jüngling das beseelte Angesicht voll Abendrot mit edelen
Bewegungen des Herzens und seufzte nach dem verhüllten Vater der ihm bisher mit
Sonnenkraft wie hinter einer Nebelbank den Tag des Lebens warm und licht
gemacht Dieses Sehnen war nicht kindliche Liebe diese gehörte seinen
Pflegeeltern an weil kindliche nur gegen ein Herz entsteht woran wir lange
lagen und das uns gleichsam mit den ersten Herzblättern gegen kalte Nächte und
heiße Tage beschirmte seine Liebe war höher oder seltener Über seine Seele
war der Riesenschatten des väterlichen Bildes geworfen der durch Gaspards Kälte
nichts verlor Dian verglich sie mit der Ruhe auf dem erhabenen Angesichte der
Juno Ludovici und der warme Sohn verglich sie mit einer andern schnellen Kälte
die im Herzen oft neben zu großer fremder Wärme einfällt wie Brennspiegel
gerade in den heissern Tagen matter brennen Ja er hoffte sogar er vermöge
vielleicht dieses so quälend ans Eisfeld des Lebens angefrorne Vaterherz durch
seine Liebe abzulösen der Jüngling begriff nicht wie einem treuen warmen
Herzen zu widerstehen sei wenigstens seinem
Dieser Heros in der ländlichen Kartause und mehr unter der Vorwelt als
Mitwelt aufgewachsen legte an alles antediluvianische Riesenellen die
Unsichtbarkeit des Ritters machte einen Teil von dessen Größe aus und die
Mosisdecke verdoppelte den Glanz indem sie ihn verhing Überhaupt zog unsern
Jüngling ein sonderbarer Hang zu übermäßigen Menschen hin wovor sich andere
entsetzen Er las die Lobreden auf jeden großen Menschen mit Wollust als wären
sie auf ihn und wenn das Volk ungewöhnliche Geister eben darum für schlimme
hält wie es alle seltene Petrefakta für Teufelsglieder nimmt so wohnte
umgekehrt in ihm immer neben der Bewunderung die Liebe an und seine Brust wurde
immer zugleich weit und warm Freilich hält jeder Jüngling und jeder große
Mensch der einen andern für groß ansieht ihn eben darum für zu groß Aber in
jedem edelen so Herzen brennt ein ewiger Durst nach einem edleren im schönen nach
einem schöneren es will sein Ideal außer sich in körperlicher Gegenwart mit
verklärtem oder angenommenem Leibe erblicken um es leichter zu erstreben weil
der hohe Mensch nur an einem hohen reift wie man Diamanten nur an Diamanten
glänzend macht Will hingegen ein Literator ein Kleinstädter ein
Zeitungsträger oder Zeitungsschreiber einen großen Kopf zu Gesicht bekommen und
ist er auf einen großen Kopf ebenso ersessen wie auf eine Missgeburt mit drei
Köpfen oder auf einen Papst mit ebensoviel Mützen oder auf einen
ausgestopften Haifisch oder auf eine Sprach und Buttermaschine so tut ers
nicht weil ein warmes seinen innern Menschen beseelendes Ideal von einem
großen Manne Papste Haifische Dreikopfe und Buttermodelle ihn drängt und
treibt sondern weil er frühmorgens denkt »Es soll mich doch wundern wie der
Kauz aussieht« und weil ers abends bei einem Glase Bier berichten will
Albano blickte am Ufer mit steigender Unruhe über das glänzende Wasser nach
dem heiligen Wohnplatze der vergangenen Kindheit der vergangenen Mutter der
weggezognen Schwester hin die Freudenlieder schwammen auf den fernen Barken
her und berauschten ihn jede laufende Welle die schäumende Brandung trieb
eine höhere in seinem Busen auf die Riesenstatue des heiligen Borromäus1 die
über die Städte wegsah verkörperte den Erhabnen seinen Vater der sich in
seinem Herzen aufrichtete und die blühende Pyramide die Insel wurde der
väterliche Thron die funkelnde Berg und Gletscherkette wand sich fest um
seinen Geist und zog ihn empor zu hohen Wesen und hohen Gedanken
Die erste Reise zumal wenn die Natur nichts als weißen Glanz und
Orangeblüten und Kastanienschatten auf die lange Straße wirft beschert dem
Jüngling das was oft die letzte dem Mann entführt ein träumendes Herz Flügel
über die Eisspalten des Lebens und weit offene Arme für jede Menschenbrust
Er ging zurück und bat seine Freunde mit seinem siegenden Auge noch diesen
Abend abzuschiffen wiewohl Don Gaspard erst morgen auf die Insel kam Was er
oft nach einer Woche tun wollte nahm er sich auf den nächsten Tag vor und
endlich tat ers sogleich Dian klopfte dem eiligen Boreas voll Liebe auf den
Kopf und sagte »Ungeduldiges Wesen Du hast hier die Flügel vom Götterboten
und da unten auch« auf die Füße zeigend »Aber glühe dich nur ab In der
schönen Nachmitternacht steigen wir ein und wenn die Morgenröte am Himmel
leuchtet landen wir an« Dian hatte nicht bloß eine artistische
Aufmerksamkeit für den wohlgestalteten Liebling sondern auch eine zärtliche
weil er in Blumenbühl wo er als Landbaumeister zu tun hatte oft sein bildender
Kinder und Jugendfreund gewesen war und weil er jetzt auf der Insel für einige
Zeit aus seinen Armen nach Rom entwich Da der Landbaumeister dasselbe
Überströmen im Jüngling für keines hielt das er im Greise schalt eine
Überschwemmung für keine in Ägypten obwohl für eine in Holland und da er für
jedes Individuum Alter und Volk eine andere gleichschwebende Temperatur annahm
und in der heiligen Menschennatur keine Saite zu zerschneiden sondern nur zu
stimmen fand so musste wohl Cesara am heitern duldenden Lehrer auf dessen
beiden Gesetztafeln nur stand Freude und Maß recht innig hängen noch inniger
als an den Tafeln selber
Die Bilder der Gegenwart und der nahen Zukunft und des Vaters hatten die
Brust des Grafen so sehr mit Größe und Unsterblichkeit gefüllt dass er gar nicht
begriff wie jemand sich könne begraben lassen ohne beide errungen zu haben
und dass er den Wirt sooft er etwas brachte zumal da er immer sang und wie
Neapolitaner und Russen in Molltönen bedauerte weil der Mann nie etwas wurde
geschweige unsterblich Das letztere ist Irrtum denn hier bekommt er seine
Fortdauer und ich nenne und belebe gern seinen Namen Pippo der abbrevierte
Filippo Als sie endlich gingen und bezahlten und Pippo einen Kremnitzer
Dukaten küsste mit den Worten »Gelobt sei die heilige Jungfrau mit dem Kinde auf
dem rechten Arm« so erfreuete sich Albano dass der Vater dem frommen
Töchterlein nachschlage das den ganzen Abend ein Jesuskind wiegte und fütterte
Freilich merkte Schoppe an auf dem linken Arme trage sie das Kindlein leichter2
aber der Irrtum des guten Jünglings ist ein Verdienst wie die Wahrheit
Unter dem Glanze des Vollmondes bestiegen sie die Barke und glitten über die
leuchtenden Wellen dahin Schoppe schiffte einige Weine mit ein »weniger«
sagt er »weil auf der Insel nichts zu haben sei als weil er wenn das
Fahrzeug leck würde dann nichts auszupumpen brauchte als die Flaschen3 dann
höb es sich wieder«
Cesara sank schweigend immer tiefer in die dämmernden Schönheiten des Ufers
und der Nacht Die Nachtigallen schlugen begeistert auf dem Triumphtore des
Frühlings Sein Herz wuchs in der Brust wie eine Melone unter der Glocke und er
hob sie immer höher über der schwellenden Frucht Auf einmal bedacht er dass er
so den Tulpenbaum des prangenden Morgens und die Kränze der Insel nur wie eine
italienische Seidenblume Staubfaden für Staubfaden Blatt für Blatt
zusammenlegen sehe da befiel ihn sein alter Durst nach einem einzigen
erschütternden Guss aus dem Füllhorn der Natur; er verschloss die Augen um sie
nicht eher zu öffnen als oben auf der höchsten Terrasse der Insel vor der
Morgensonne Schoppe dachte er schlafe aber der Grieche erriet lächelnd die
Schwelgerei dieser künstlichen Blindheit und band selber vor die großen
unersättlichen Augen das breite schwarze Taftband das als eine weibliche Binde
und Spitzenmaske sonderbar und lieblich gegen das blühende aber männliche
Gesicht abstach
Nun neckten ihn beide freundlich mit mündlichen Nachtstücken von den
herrlichen UferOrnamenten zwischen denen sie zogen »Wie stolz« sagte Dian zu
Schoppen »richtet sich dort das Schloss Lizanza und sein Berg gleich einem
Herkules mit zwölffachen Gürteln aus Weinlaub in die Höhe« »Den Grafen«
sagte Schoppe leiser zu Dian »bringt der AugenSchmachtriemen um viel Seht
Ihr nicht Baumeister poetisch zu reden den Glimmer von Aronens Stadt Wie
schön legt sie Lunens blanc dEspagne auf und scheint sich im umgeworfnen
Pudermantel des Mondscheins für morgen aufzusetzen und zu putzen Doch ist das
wenig sieht man dort den heiligen Borromäus der den Mond als eine
frischgewaschene Nachtmütze aufhat besser an steht der Gigant nicht wie der
Mikromegas des deutschen Staatskörpers dort ebenso hoch ebenso starr und so
steif«
Der Glückliche schwieg und gab statt der Antwort einen Handdruck der Liebe
er träumte nur die Gegenwart und zeigte er könne warten und entbehren Wie ein
Kinderherz dem die Vorhänge und die Nachmitternacht das nahe Weihnachtsgeschenk
verdecken zog er auf dem Lustschiffe mit fester Binde dem nahen Himmelreiche
entgegen Dian trug soweit es das Doppellicht des Mondscheins und der
nachhelfenden Aurora zuließ eine Zeichnung von dem verhüllten Träumer in sein
Studienbuch Ich wollt ich hätte sie da und säh es wie mein Liebling mit
dem unterbundenen Sehnerven auf ihr zugleich das gegen die innere Welt
gerichtete Auge des Traumes und das gegen die äußere Welt gespjetzte Ohr der
Aufmerksamkeit anstrengt Wie schön ist so etwas gemalt wieviel schöner
erlebt
Der Mantel der Nacht wurde dünner und kühler die Morgenluft wehte lebendig
an die Brust die Lerchen mengten sich unter die Nachtigallen und unter die
singenden Ruderleute und er hörte hinter seiner lichtern Binde die frühen
Entdeckungen der Freunde die in den offenen Städten der Ufer das Menschengewühl
aufleben und an den Wasserfällen der Berge bald Himmelsrot bald Nebel wechseln
sahen Endlich hing die zerlegte Morgenröte als eine Fruchtschnur von
Hesperidenäpfeln um die fernen Kastaniengipfel und jetzt stiegen sie auf Isola
bella aus
Der verhangne Träumer hörte als sie mit ihm die zehen Terrassen des Gartens
hinaufgingen neben sich den einatmenden Seufzer des Freudenschauders und alle
schnelle Gebete des Staunens aber er behielt standhaft die Binde und stieg
blind von Terrasse zu Terrasse von Orangendüften durchzogen von höheren freiern
Winden erfrischt von Lorbeerzweigen umflattert und als sie endlich die
höchste Terrasse erstiegen hatten unter der der See 60 Ellen tief seine grünen
Wellen schlägt so sagte Schoppe »Jetzt jetzt« Aber Cesara sagte »Nein
Erst die Sonne« Und der Morgenwind warf die Sonne leuchtend durchs dunkle
Gezweig empor und sie flammte frei auf den Gipfeln und Dian zerriss kräftig
die Binde und sagte »Schau umher« »O Gott« rief er selig erschrocken als
alle Türen des neuen Himmels aufsprangen und der Olymp der Natur mit seinen
tausend ruhenden Göttern um ihn stand Welch eine Welt Die Alpen standen wie
verbrüderte Riesen der Vorwelt fern in der Vergangenheit verbunden beisammen und
hielten hoch der Sonne die glänzenden Schilde der Eisberge entgegen die Riesen
trugen blaue Gürtel aus Wäldern und zu ihren Füßen lagen Hügel und Weinberge
und zwischen den Gewölben aus Reben spielten die Morgenwinde mit Kaskaden wie
mit wassertaftnen Bändern und an den Bändern hing der überfüllte Wasserspiegel
des Sees von den Bergen nieder und sie flatterten in den Spiegel und ein
Laubwerk aus Kastanienwäldern fasste ihn ein Albano drehte sich langsam im Kreise
um und blickte in die Höhe in die Tiefe in die Sonne in die Blüten und auf
allen Höhen brannten Lärmfeuer der gewaltigen Natur und in allen Tiefen ihr
Widerschein ein schöpferisches Erdbeben schlug wie ein Herz unter der Erde und
trieb Gebirge und Meere hervor O als er dann neben der unendlichen Mutter
die kleinen wimmelnden Kinder sah die unter der Welle und unter der Wolke
flogen und als der Morgenwind ferne Schiffe zwischen die Alpen hineinjagte
und als Isola madre gegenüber sieben Gärten auftürmte und ihn von seinem Gipfel
zu ihrem im waagrechten wiegenden Fluge hinüberlockte und als sich Fasanen von
der MadreInsel in die Wellen warfen so stand er wie ein Sturmvogel mit
aufgeblättertem Gefieder auf dem blühenden Horst seine Arme hob der Morgenwind
wie Flügel auf und er sehnte sich über die Terrasse sich den Fasanen
nachzustürzen und im Strome der Natur das Herz zu kühlen
Er nahm ohne sich umzusehen verschämt die Hände der Freunde und drückte
sie ihnen damit er nicht sprechen müsse Das stolze Weltall hatte seine große
Brust schmerzlich ausgedehnt und dann selig überfüllt und da er jetzt die Augen
wie ein Adler weit und fest in die Sonne öffnete und da die Erblindung und der
Glanz die Erde verdeckte und er einsam wurde und die Erde zum Rauch und die
Sonne zu einer weißen sanften Welt die nur am Rande blitzte so tat sich sein
ganzer voller Geist wie eine Gewitterwolke auseinander und brannte und weinte
und aus der reinen blassen Sonne sah ihn seine Mutter an und im Feuer und Rauch
der Erde stand sein Vater und sein Leben eingehüllt
Still ging er die Terrassen herunter und fuhr oft über die nassen Augen um
den feurigen Schatten wegzuwischen der auf alle Gipfel und alle Stufen hüpfte
Hohe Natur wenn wir dich sehen und lieben so lieben wir unsere Menschen
wärmer und wenn wir sie betrauern oder vergessen müssen so bleibst du bei uns
und ruhest vor dem nassen Auge wie ein grünendes abendrotes Gebirge Ach vor der
Seele vor welcher der Morgentau der Ideale sich zum grauen kalten Landregen
entfärbet hat und vor dem Herzen dem auf den unterirdischen Gängen dieses
Lebens die Menschen nur noch wie dürre gekrümmte Mumien auf Stäben in Katakomben
begegnen und vor dem Auge das verarmt und verlassen ist und das kein Mensch
mehr erfreuen will und vor dem stolzen Göttersohne den sein Unglaube und
seine einsame menschenleere Brust an einen ewigen unverrückten Schmerz
anschmieden vor allen diesen bleibst du erquickende Natur mit deinen
Blumen und Gebirgen und Katarakten treu und tröstend stehen und der blutende
Göttersohn wirft stumm und kalt den Tropfen der Pein aus den Augen damit sie
hell und weit auf deinen Vulkanen und auf deinen Frühlingen und auf deinen
Sonnen liegen
2 Zykel
Ich wüsste einem Menschen den ich lieb habe nichts Schöneres zu wünschen als
eine Mutter eine Schwester drei Jahre Beisammenleben auf Isola bella und
dann im zwanzigsten eine Morgenstunde wo er auf dem EdenEiland aussteigt und
alles dieses mit dem Auge und der Erinnerung auf einmal geniessend umfängt und in
die offene Seele drückt O du allzuglücklicher Albano auf dem Rosenparterre
der Kindheit unter Italiens tiefblauem Himmel in den schwelgerischen
Zitronenlauben voll Blüten auf dem Schoße der schönen Natur die dich wie eine
Mutter liebkoset und hält und vor dem Angesichte der erhabenen die wie ein
Vater in der Ferne steht und mit einem Herzen das heute den seinigen
erwartet
Die drei Menschen durchirrten jetzt langsam und wankend das schwimmende
Paradies Obgleich die beiden andern es öfters betreten hatten so wurde doch
aus ihrem silbernen Zeitalter durch die Sympatie mit Albanos Taumel wieder ein
goldenes der Anblick einer fremden Entzückung weckt den alten Eindruck der
unsrigen auf Wie Leute die an Brandungen und Wasserfällen wohnen lauter
sprechen so gab das herrliche Brausen des aufgeregten LebensMeeres ihnen
allen sogar Schoppen eine stärkere Sprache nur konnte dieser nie so
feierliche Worte wenigstens Gebärden treffen wie ein anderer Mensch
Schoppe der dem guten Italien den Abschiedskuss zuwerfen musste wollte gern
noch die letzten nur zerstreuet um den Freudenbecher hängenden Tropfen
konservieren die so süß wie italienische Weine waren voll deutschem Feuerstoff
ohne deutschen Sauerstoff Unter Sauerstoff meint er Abschiednehmen und
Rührung »Tut das Schicksal« sagt er »irgendeinen Retraiteschuss beim Himmel
so wend ich gelassen den Gaul um und reite pfeifend zurück Der Henker müsste
darin oder darauf sitzen wenn ein geschickter Bereiter nicht sein Trauerross
so zureiten wollte dass es sich recht gut zu einem Handgaul des Freudenpferdes
anstellte ich schule sowohl mein Sonnenross als mein Bagageross viel anders«
Vor allen Dingen nahmen sie jetzt die OtaheitiInsel durch Märsche ein und
jede Provinz derselben musste ihnen wie eine persische dem Kaiser ein anderes
Vergnügen entrichten »Die unteren Terrassen« sagte Schoppe»müssen uns
Majoratsherren den Obst und Sackzehent in Zitronen und Orangendüften abliefern
die oberste trägt die Reichssteuer in Aussichten ab die Grotte drunten
zahlet hoff ich Judenschutz in WellenGemurmel und der Zypressenwald drüben
seine Prinzessinsteuer in Kühle die Schiffe werden ihren Rhein und Neckarzoll
nicht defraudieren sondern ihn dadurch erlegen dass sie sich von weitem
zeigen«
Es wird mir nicht schwer zu merken dass Schoppe durch diese scherzhaften
Vexierzüge die heftigen Bewegungen in Cesarens Kopf und Herzen brechen wollte
denn noch immer ging der Glanz der Morgenentzückung wiewohl der Jüngling über
kleinere Dinge unbefangen sprach nicht von dessen Gesicht In ihm zitterte jede
Erschütterung lange und eine am Morgen den ganzen Tag und zwar darum nach
weswegen eine Sturmglocke länger nachsummt als eine Schafglocke gleichwohl
konnte ein solcher Nachklang weder seine Aufmerksamkeit noch seine Werke und
Gespräche stören
Mittags wollte der Ritter kommen Bis dahin schwärmten und sumseten sie
stillergeniessend mit Bienenflügeln und Bienenrüsseln durch die honigreiche
Flora der Insel und sie hatten jene heitere Unbefangenheit der Kinder der
Künstler und der südlichen Völker die nur den Honigbehälter der Minute
ausnascht und daher fanden sie an jeder anfallenden Welle an jedem
Zitronenspalier an jeder Statue unter Blüten an jedem rückenden Widerschein
an jedem fliehenden Schilfe mehr als eine Blume die den gefüllten Kelch weiter
unter dem warmen Himmel aufmachte anstatt dass es uns unter unserm kalten wie
den Bienen geht vor denen Maifröste die Blumen verschließen O die Insulaner
tun recht Unser größter und längster Irrtum ist dass wir das Leben dh seinen
Genuss wie die Materialisten das Ich in seiner Zusammensetzung suchen als
könnte das Ganze oder das Verhältnis der Bestandteile uns etwas geben das nicht
jeder einzelne Teil schon hätte Besteht denn der Himmel unsers Daseins wie der
blaue über uns aus öder matter Luft die in der Nähe und im Kleinen nur ein
durchsichtiges Nichts ist und die erst in der Ferne und im Großen blauer Äther
wird Das Jahrhundert wirft den Blumensamen deiner Freude nur aus der porösen
Säemaschine von Minuten oder vielmehr an der seligen Ewigkeit selber ist keine
andere Handhabe als der Augenblick Das Leben besteht nicht aus 70 Jahren
sondern die 70 Jahre bestehen aus einem fortwehenden Leben und man hat allemal
gelebt und genug gelebt man sterbe wenn man will
3 Zykel
Endlich als die drei Frohen sich in die Tafelstube eines Lorbeerwaldes vor ihre
Speis und Trankopfer die Schoppe zu Sesto ins Proviantschiff eingepackt hatte
niedersetzen wollten ging durch die Zweige ein feiner elegant und einfärbig
gekleideter Fremder mit langsamen festen Schritten auf die liegende
Tischgesellschaft zu und wandte sich ohne zu fragen sofort an Cesara mit der
deutschen langsam leise und bestimmt prononcierten Anrede »Ich habe dem Herrn
Grafen Cesara eine Entschuldigung zu bringen« »Von meinem Vater« fragt er
schnell »Um Verzeihung von meinem Prinzen« versetzte der Fremde »er
verhinderte Ihren Herrn Vater der kränklich aufstand in der Morgenkühle zu
reisen aber gegen Abend wird er eintreffen Indes bring ich« setzte er mit
einem wohlwollenden Lächeln und mit einer leichten Verbeugung hinzu »dem Herrn
Ritter ein Opfer dass ich den Anfang des Glücks künftig länger bei Ihnen zu
sein Herr Graf mit einer Nachricht Ihres Verlustes mache« Schoppe der
fein erriet ohne fein zu sprechen fuhr sofort heraus weil er sich von keinem
Menschen imponieren ließ »Sonach sind wir pädagogische Maskopisten und
Unioten Willkommen lieber GrauBündner« »Es freut mich« sagte kalt der
Fremde der grau angezogen war
Aber erraten hatt es Schoppe der Fremde sollte künftig das
Oberhofmeistertum bei Cesara bekleiden und Schoppe war Kollaborator Mir kommt
es vernünftig vor der elektrische funkelnde Schoppe konnte das Katzenfell der
Fuchsschwanz die Glasscheibe sein die unsern aus Leiter und Nichtleiter
gebaueten Jüngling vollud der Oberhofmeister konnte als Leiter der Funkenzieher
sein der ihn mit feinen Franklinschen Spitzen auslud
Der Mann hieß von Augusti war Lektor bei dem Prinzen und hatte viel in der
großen Welt gelebt er schien wie dieser ganze HofSchlag zehen Jahre älter zu
sein denn er war wirklich erst 37 Jahre
Man hätt es auszubaden unter dem umgekehrten Dintentopf rezensierender
Xantippen wenn man die Rezensenten oder Xantippen in der Unwissenheit ließe
wer der Prinz eigentlich war dessen wir alle oben erwähnten Es war der
Erbprinz von Hohenfliess in dessen Dorfe Blumenbühl der Graf erzogen war und in
dessen Hauptstadt er nun ziehen sollte Der hohenfliessische Infant jagte aus
Italien worin er viele Notmünzen und Territorialmandate nachgelassen hatte
stäubend und keuchend nach Deutschland zurück um da auf sich Huldigungsmünzen
auszuprägen weil sein regierender Vater die Treppe in das Erbbegräbnis
hinabging und nur noch einige Stufen zum Sarge hatte
Unter dem Essen sprach der Lektor Augusti mit wahrem Geschmack über die
liebliche Gegend aber mit wenig Sturm und Drang und zog sie einigen Tempestas4
im borromäischen Palaste bei weitem vor Dann ging er um des Ritters öfter zu
gedenken zu den Personalien des Hofes über und gestand dass der deutsche Herr
Mr de Bouverot in besonderer Gnade stehe denn bei Hofleuten und Heiligen tut
die Gnade alles und dass der Prinz ungemein an Nerven leide usw Die
Hofleute die sonst ihr Ich nach dem fremden zuschneiden fassen doch für einen
der nicht am Hofe lebt ihre ministeriellen Blätter darüber so ausführlich und
ernstaft ab dass ihr Zeitungsleser dabei entweder lacht oder einschläft ein
Hofmann und das Buch »des erreurs et de la verité« nennen den Jesuitergeneral
Gott die Jesuiten Menschen und die Nichtjesuiten Tiere Schoppe horchte mit
einem fatalen Kräusel und Schnörkelwerke auf dem Gesichte zu er hassete Höfe
bitter Der Jüngling Albano dachte nicht viel besser ja da er gern wagte
lieber mit dem Arm des innern Menschen als mit den Fingern desselben arbeitete
und anpackte und vor den Schneepflug und die Egge und Säemaschine des Lebens
gern Streit und Donnerrosse vorspannte anstatt eines Zugs tüchtiger Filial
und Ackerpferde so konnt er Leute die vorsichtig und bedächtig zu Werke
gingen und die lieber lackierte Arbeit und leichte Frauenzimmerarbeit machten
als Herkulesarbeiten nicht sonderlich leiden Gleichwohl musst er für die auf
einer schönen Selbstständigkeit ruhende Bescheidenheit Augustis der kein Wort
von sich selber sprach so wie für seine Reisekenntnisse Achtung tragen
Cesara beiläufig in diesem Zykel will ich ihn noch mit C der spanischen
Ortographie zu Gefallen schreiben aber vom vierten an wird er weil ich in
meiner keines gewohnt bin und mich im langen Buche nicht ewig verschreiben kann
mit einem Z geschrieben Cesara konnte den Lektor nicht genug über seinen Vater
abhören Er erzählte ihm die letzte Handlung des Ritters in Rom aber mit einer
irreligiösen Kälte die im Jüngling eine andere wurde Don Gaspard wettete
nämlich mit einem deutschen Nuntius Gemälde gegen Gemälde dass er einen gewissen
Deutschen Augusti wollt ihn nicht nennen dessen Leben nur ein längerer
moralischer Kotmonat in Epikurs Marstalle war in zwei Tagen ohne ihn zu sehen
auf so lange bekehren wollte als der Nuntius verlangen würde Dieser wettete
ließ aber den Deutschen heimlich umstellen Nach zwei Tagen sperrte sich der
Deutsche ein wurde andächtig bleich still bettlägerig und kam im Handeln
einem wahren Christen nahe Der Nuntius sah dem Übel eine Woche lang zu dann
verlangt er schleunige Verwandlung oder den Circes der die tierische Gestalt
wieder herstellte Der Ritter berührte den Deutschen mit dem Stabe und das
epikureische Schwein stand genesen da Ich weiß nicht was unerklärlicher ist
das Wunderwerk oder die Härte Aber der Lektor konnte nicht sagen mit welchen
Menstruis Gaspard diese schnellen Auflösungen und Wolken und Präzipitationen
erzwang
Nun kam der Lektor den schon lange die Vokation und das Kollaborat des
sonderbaren Schoppe frappiert hatte auf verbindlichen Umwegen endlich auf die
Frage wie ihn der Ritter kennen lernen »Durch den Pasquino« versetzt er
»Er trat eben um die Ecke des Palazzo degli Ursini als er einige Römer und
unsern Erbprinzen um einen Menschen stehen sah der zu den Statuen des Pasquino
und Marforio folgendes Gebet auf den Knien es waren meine tat Lieber Kastor
und Pollux warum säkularisieret ihr euch nicht aus dem Kirchenstaat und
bereiset mein Deutschland als Bischöfe in partibus infidelium oder als zwei
arbeitsame Vikarien Könntet ihr denn nicht als Gesandtschaftsprediger und
Referendarien in den Reichsstädten herumgehen oder euch als Chevaliers
dhonneur und Wappenhalter auf beide Seiten eines Trons postieren Wollte
Gott man könnte wenigstens dich Pasquino als Oberhofprediger und
Konduitenmeister in Hofkapellen vozieren oder doch darein als Taufengel zum
Namengeben an einem Strick herunterlassen Sprecht könnt ihr Zwillinge denn
nicht einmal als Landrequetenmeister in Landtagssälen auftreten und sprechen
oder als magistri sententiarum in Universitätsgebäuden einander unter dem
Promovieren opponieren Pasquino bist du durch keinen Della Porta5 nur so
weit herzustellen dass du bei Kongressen und Verträgen des diplomatischen corps
wenigstens als Ofenaufsatz den Silhouetteur machen könntest sondern taugt ihr
höchstens nur in Universitätsbiblioteken zu Brustbildern kritischer Redakteurs
Ach munteres Paar möchte nur Chigi der da neben mir steht dich
modellieren zu einer tragbaren Taschenausgabe für Damen ich steckte dich bei
und zöge dich erst in Deutschland aus der Tasche Ich kanns aber auch hier
auf der Insel tun« Und hier bracht er das spöttische Kunstwerk heraus denn
der berühmte Architekt und Modellierer Chigi der ihm zuhörte hatt es wirklich
nachgebacken Schoppe erzählte weiter dass Don Gaspard alsdann ernstaft an ihn
trat und ihn spanisch fragte wer er sei »Ich bin« versetzt er auch
spanisch »wirklicher Titularbibliotekar des Grossmeisters zu Malta und ein
Abkömmling des sogenannten grammatikalischen Hundes des gezähnten Humanisten
Scioppius deutsch Schoppe mein Taufname ist Pero Piero Piètro Peter
Aber hier nennen mich viele aus Versehen Sciupio oder Sciopio Vergeudung«
Gaspard hatte ein parteiloses tiefreichendes Auge für jede sogar die
fremdeste Brust und suchte am wenigsten sein Ebenbild Er zog daher den
Bibliotekar in sein Haus Da nun dieser nur vom Porträtmalen zu leben schien
und jetzt ohnehin nach Deutschland zurückwollte so trug er hoffend diesem
reichen vieläugigen strengen Geiste Albanos Gesellschaft an die bloß der
gegenwärtige Mitarbeiter Augusti mit ihm teilen sollte Aber der Bibliotekar
verlangte vorher vier Dinge voraus die Schilderung des Grafen die Silhouette
desselben und als beides gegeben war noch das dritte und vierte so »Soll
ich von den drei Ständen kalandert6 werden und mich glatt und poliert drücken
lassen von Glanzpressen Ich will nicht überallhin in den Himmel und in die
Hölle will ich Ihren Sohn begleiten aber nicht in die Poch Wasch Röst
Schmelz und Treibwerke vornehmer Häuser« Das wurd am leichtesten zugestanden
dazu war ohnehin der zweite Reichsvikarius des väterlichen Oberhaupts Augusti
bestimmt Aber über den vierten Punkt zerfielen sie fast Schoppe der lieber
vogelfrei als nichtfrei oder freigelassen sein wollte und dessen ebenso
reichsunmittelbarer als fruchtbarer Boden keine Zäune litt konnte sich nur zu
zufälligen unbestimmten Diensten bequemen und musste das Fixum eines Lohns
ablehnen »Ich will ihm« sagt er »Kasualpredigten halten aber keine
Wochenpredigten ja es kann sein dass ich oft ein halbes Jahr gar nicht auf die
Kanzel steige« Der Ritter fand es unter sich Verbindlichkeiten schuldig zu
sein und zog zurück bis Schoppe den Diagonalweg ausmittelte er gebe seine
Gesellschaft als don gratuit und erwarte daher auch vom Ritter von Zeit zu Zeit
ein don gratuit von Belang Übrigens war dem Ritter jetzt Schoppe gerade so lieb
wie der erste beste Hoftürke der ihm auf den Wagenfusstritt geholfen seine
Prüfung eines Menschen war eine kalte Totenbeschau und nach dem Prüfen liebt
er nicht stärker und hasst er nicht stärker für ihn waren im Spektakelstück des
polternden Lebens der Regisseur und die ersten und zweiten Liebhaberinnen und
die Lears und Iphigenien und Helden weder Freunde noch die Kasperls und die
Tyrannen und Figuranten Feinde sondern es waren verschiedene Akteurs in
verschiedenen Rollen O Gaspard stehest denn du in der Frontloge und nicht
auch auf dem Theater Und siehst du nicht wie Hamlet im großen Schauspiele
einem kleineren zu Ja setzt nicht jede Bühne am Ende ein doppeltes Leben
voraus ein kopierendes und ein kopiertes
Entweder die wenigen paar Gläser Wein oder auch sein verdrießlicher Abstand
vom zierlichen gehaltenen Lektor setzten Schoppes Fegemühle mit allen Rädern in
Gang so wenig dieser Humor auf der glänzenden Insel eine vorteilhafte Stelle
fand und als Augusti wünschte Schoppe möchte froher als andere Maler nach
Deutschland gehen so zog dieser ein Päckchen vergoldeter Heiligenbilder
deutscher Schutzpatrone heraus und sagte Kartenmischend »Mancher würde hier
ein päpstliches Miserere aufs Pult legen und absingen zumal wenn er mitten im
Frühling das Winterquartier die deutsche Eis und Nebelbank beziehen muss wie
ich und ungern das sag ich frei lass ich den Arlechino und den Pulcinella
und den Scapin und die ganze Komedia dell Arte dahinten Aber die heiligen
Herren die ich hier tailliere haben ihre Patronatsländer aufs Trockne
gebracht und man passiert sie gern Baumeister Ihr lacht aber Ihr wisst im
ganzen zu wenig von dem was diese gemalten himmlischen Schirmvögte für deutsche
Kreise stündlich unternehmen Baumeister sucht mir überhaupt ein Land worin so
viele Prügel Programmen Professoren Allongeperücken gelehrte Anzeigen
Reichsanzeigen Klein und Vorstädter Zeremonien Krönungen und Heidelberger
Fässer aber ohne innewohnende Diogenesse aufzutreiben sind als im gedachten
Oder suchen Sie es mein Herr v Augusti Weiset mir doch nur überhaupt ein
Territorium auf dem ein ebenso langes Parlament nämlich ein längster Reichstag
bescheret ist gleichsam eine außerordentlich heilsame pillula perpetua7 die
der Patient unaufhörlich einnimmt und die ihn unaufhörlich ausreinigt und wem
fällt dabei nicht ebensogut wie mir die capitulatio perpetua und überhaupt das
Reichscorpus als perpetuum immobile aus Gründen ein« Hier trank Schoppe
»dabei ist der Reichskörper wie das erste Prinzip der Moral oder wie
Jungfernerde sehr unauflöslich ja gesetzt einer von uns nähme ein Kurschwert
und schnitte ihn damit wie einen Ohrwurm entzwei so würde sich die gezähnte
Hälfte eben wie der gespaltene Ohrwurm umkehren und den Hinterrest rein
aufspeisen und dann wäre ja der gesamte verknüpfte Ohrwurm wieder da und satt
dazu Es ist keine schädliche Folge dieses festen Reichsnexus dass das corpus
seine eignen Glieder wie der Bachkrebs seinen Magen verzehren und verdauen ohne
wahren Schaden so dass einer das corpus wie einen homerischen Gott nur
verwunden aber nicht ertöten kann reibe sag ich oft diesen
Federbuschpolypenstamm mit Rösel zu Brei stülp ihn um wie einen Handschuh
schneide den Polypen wie Lichtenberg geschickt mit einem Haare entzwei stecke
wie Tremblei mehrere abgeschnittene Glieder ineinander und verleibe wie andere
Naturforscher Reichsstädte Abteien kleine Länder größeren ein oder umgekehrt
und schaue nach einigen Tagen danach wahrhaftig herrlich und ganz und
genesen sitzt dein Polype wieder dort oder ich will nicht Schoppe heißen«
Der Graf hörte ihn schon länger und konnte also leichter und besser lächeln
der Lektor musst es erst lernen da sogar der komische Akteur für seinen neuen
Zuhörer noch keiner ist Aber unter allen diesen Zerstreuungen dauerte in
Albanos Seele ein verwirrter Tumult gleichsam das Rauschen vom Wasserfalle der
kommenden Zeiten fort Er blickte sehnend durch die wankenden Fugen der
Lorbeerzweige nach den glänzenden Hügeln draußen da Dian in seiner Malersprache
sagte »Ist es nicht als wenn alle Götter mit tausend Fruchtörnern auf den
Bergen um den Lago maggiore ständen und Wein und Kaskaden niedergössen damit
nur der See wie ein Freudenpokal üppig überlaufe und herunterschäume« Schoppe
versetzte »Freuden von ausnehmendem Geschmack wie Ananas haben das Schlimme
dass sie wie Ananas das Zahnfleisch bluten machen« »Ich glaube« sagte
Augusti »man muss über die Freuden des Lebens nicht viel reflektieren so wie
über die Schönheiten eines guten Gedichts man genießt beide besser ohne sie
zu zählen oder zu zergliedern« »Und ich« sagte Cesara »würde zählen und
zergliedern schon aus Stolz was herauskäme ertrüg ich und ich würde mich
schämen unglücklich zu sein Ist das Leben wie eine Olive eine bittere Frucht
so greife nur beide scharf mit der Presse an sie liefern das süßeste Öl«
Hier stand er auf um bis abends in der Insel allein zu bleiben er bat um
Nachsicht machte aber keinen Vorwand Seine hohe ehrgeizige Seele war unfähig
sich zur kleinsten Lüge niederzubücken nicht einmal gegen Vieh Er lockte in
Blumenbühl Flugtauben täglich durch Futter näher und seine Pflegeschwester bat
ihn oft eine zu ergreifen aber er sagte immer Nein weil er sogar ein
tierisches Vertrauen nicht belügen wollte
Als sie ihm nachsahen da er langsam mit nachspringenden Schatten und mit
den an ihm herabschlüpfenden Sonnenblitzen durch die Lorbeerbäume ging und wie
in einem Traume die Zweige mit vorausgehaltenen Händen sanft auseinanderbog so
brach Dian aus »Welche JupitersStatue« »Und die Alten« fiel Schoppe ein
»glaubten noch dazu dass jeder Gott in seiner Statue hause« »Eine herrliche
dreifache Breite der Stirn der Nasenwurzel und der Brust« fuhr Dian fort
»Ein Herkules der auf dem Olympus Ölbäume pflanzt« »Es frappierte mich
sehr« sagte der Lektor »dass ich durch langes Anschauen auf seinem Gesichte
lesen konnte was ich wollte und was sich widersprach Kälte Wärme Unschuld
und Sanftmut am leichtesten Trotz und Kraft« Schoppe setzte dazu »Ihm
selber mag es noch schwerer werden einen solchen Kongress kriegführender Mächte
in sich zu einem Friedenskongress zusammenzuzwingen« »Wie schön« sagte der
menschlichfühlende Dian »muss einer so kräftigen Gestalt die Liebe anstehen und
wie erhaben der Zorn« »Das sind zwei malerische Schönheiten« versetzte
Schoppe »woraus sich zwei Pädagogiarchen und Xenophone wie wir wenig bei ihrem
Cyrus machen in ihrer Cyropädie«
4 Zykel
Zesara hatte bloß drei Gläser Wein gekostet aber der Most seines heißen dichten
Blutes gor davon stärker Der Tag erwuchs immer mehr zu einem daphnischen und
delphischen Hain in dessen flüsterndes und dampfendes Dickicht er sich tiefer
verlor die Sonne hing wie eine weiße blitzende Schneekugel im Blau die
Eisberge warfen ihren Silberblick in das Grün herein aus fernen Wolken
donnerte es zuweilen8 als rolle der Frühling in seinem Triumphwagen daher und
weiter zu uns die Lebenswärme des Klimas und der Tagszeit das heilige Feuer
zweier Entzückungen der erinnerten und der gehofften brüteten alle seine
Kräfte an Jetzt ergriff ihn jenes Fieber der jungen Gesundheit worin ihm
allemal war als schlage in jedem Gliede ein besonderes Herz die Lunge und das
Herz von Blute schwer und voll der Atem ist heiß wie ein Harmattanwind und
das Auge trübe in seiner eignen Lohe und die Glieder sind müde vor Kraft In
dieser Überfüllung der elektrischen Wolke hatt er einen besonderen Trieb nach
Zertrümmern Er half sich jünger oft dass er Felsenstücke an den Gipfel wälzte
und niederrollen ließ oder dass er im Galopp so lange lief bis der Atem
länger wurde oder am gewissesten dadurch dass er sich wie er von Kardan gehört
hatte mit einem Federmesser Schmerzen und sogar kleine Verblutungen erregte
Selten gewinnen gewöhnliche und noch seltener ungewöhnliche Menschen die volle
mit allen Zweigen blühende Jugend des Leibes und Geistes aber desto prangender
trägt dann eine Wurzel einen ganzen Blumengarten
Mit diesen Wallungen stand Albano jetzt hinter dem Palast einsam gegen
Süden als ihm ein Spiel seiner Knabenjahre einfiel
Er war nämlich oft im Mai auf einen säulendicken Apfelbaum der ein ganzes
hängendes grünes Kabinett erhob bei heftigem Wind gestiegen und hatte sich in
die Arme seines Gezweigs gelegt Wenn ihn nun so die schwankende Lustecke
zwischen dem Gaukeln der Lilienschmetterlinge und dem Summen der Bienen und
Mücken und dem Nebeln der Blüten schaukelte und wenn ihn der aufgeblähte Wipfel
bald unter fettes Grün versenkte bald vor tiefes Blau und bald vor Sonnenblitze
drehte dann zog seine Phantasie den Baum riesenhaft empor er wuchs allein im
Universum gleichsam als sei er der Baum des unendlichen Lebens seine Wurzeln
stiegen in den Abgrund die weißen und roten Wolken hingen als Blüten in ihm
der Mond als eine Frucht die kleinen Sterne blitzten wie Tau und Albano ruhte
in seinem unendlichen Gipfel und ein Sturm bog den Gipfel aus dem Tag in die
Nacht und aus der Nacht in den Tag
Er sah jetzt zu einer hohen Zypresse empor In Rom war aus dem
MittagsSchlaf ein Südostwehen aufgestanden und hatte sich unterwegs fliegend in
Limoniengipfeln und in tausend Bächen und Schatten gekühlt und lag nun gewiegt
auf Zypressenarmen Da erkletterte er den Baum um sich wenigstens zu ermüden
Aber wie dehnte sich die Welt vor ihm aus mit Bergen mit Inseln und Wäldern da
er das donnernde Gewölke über Roms sieben Hügeln liegen sah gleichsam als rede
aus dem Dunkel noch der alte Geist der in den Hügeln wie in sieben Vesuven
gearbeitet hatte welche vor der Erde so viele Jahrhunderte lang mit feurigen
Säulen mit aufgerichteten Gewittern standen und sie mit glühenden Strömen mit
Aschenwolken und mit Fruchtbarkeit übergossen bis sie sich selber zersprengten
Die Spiegelwand der Gletscher stand wie sein Vater unzerrüttet vor der Wärme des
Himmels und wurde nur glänzend und nicht warm und nicht weich aus dem weiten
See schienen überall die warmen Hügel wie aus ihrem Bade auszusteigen und die
kleinen Schiffe der Menschen schienen in der Ferne strandend zu stocken und im
weiten Wehen um ihn gingen die großen Geister der Vergangenheit vorüber und
unter ihren unsichtbaren Tritten bogen sich nur die Wälder nieder aber die
Blumenbeete wenig Da wurde in Albano die fremde Vergangenheit zur eignen
Zukunft keine Wehmut sondern ein Durst nach allem Großen was den Geist
bewohnt und hebt und ein Schauder vor den schmutzigen Ködern der Zukunft zogen
sein Auge recht schmerzlich zusammen und schwere Tropfen fielen daraus Er
stieg herab weil das innere Schwindeln zuletzt äußeres wurde Die ländliche
Erziehung und Dian welcher den gehaltenen Gang der Natur verehrte hatte den
Knospengarten seiner Kräfte vor frühzeitiger Morgensonne und schnellem
Aufspringen bewahret aber durch die Erwartung des Abends und durch die Reise
wurde der Tag seines Lebens jetzt zu warm und zu treibend
Zufällig und träumend verlor er sich unter Orangeblüten plötzlich war ihm
als mache ein süßes Wühlen im innersten Herzen dieses beklemmend weit und leer
und wieder voll Ach er wusste nicht dass es die Düfte waren die er hier in
seiner Kindheit so oft in die Brust gesogen und welche nun jede Phantasie und
Erinnerung der Vergangenheit dunkel aber gewaltsam zurückriefen eben weil
Düfte ungleich den abgenützten Merkmalen des Auges und des Ohres seltener
kommen und also leichter und heftiger die verblichene Empfindung erneuern Aber
als er in eine Arkade des Palastes welche bunte Steine und Muscheln stickend
färbten geriet und als er die Wogen spielend auf die Schwelle der Grotte
hüpfen sah so deckte sich ihm auf einmal eine bemoosete Vergangenheit auf er
durchsuchte seine Erinnerungen die Farbensteine der Grotte lagen gleichsam
voll Inschriften der vorigen Zeit vor seinem Gedächtnis Ach hier war er ja
tausendmal mit seiner Mutter gewesen sie hatte ihm die Muscheln gezeigt und die
Nähe der Wellen verboten und einmal da die Sonne aufging und da der durchwehte
See und alle Steinchen glänzten war er auf ihrem Schoße mitten unter den
Lichtern aufgewacht
O war denn nun die Stelle nicht geheiligt und auf ihr seine überwältigende
Sehnsucht nicht entschuldigt die er heute so lange gehabt die schöne Armwunde
dem tobenden und quälenden Blute aufzumachen
Er ritzte sich aber zufällig zu tief und mit einem schönen kühlen Heben
seines leichter atmenden Wesens sah er der roten Quelle seines Armes in der
Abendsonne zu und wurde wie nach abgefallnen Bürden leichter nüchtern still
und weich Er dachte an die verschwundne Mutter deren Liebe nun ewig
unvergolten blieb ach er hätte dieses Blut gern für sie vergossen und nun
quoll heißer als je in seiner Brust die Liebe für den kränklichen Vater auf o
komme bald sagte sein Herz ich will dich so unaussprechlich lieben du lieber
Vater
Die Sonne erkaltete an der feuchten Erde nur noch die zackige Mauerkrone
aus den Goldstufen der Gletscherspitzen glühte über ausgelöschten Wolken und
die Zauberlaterne der Natur warf ihre Bilder nur noch gezogner und matter da
ging eine lange Gestalt in einem offenen roten Mantel langsam um die Zedratobäume
auf ihn zu rieb mit der Rechten an der Stelle des Herzens woran kleine Funken
verglommen und zerdrückte mit der halb erhobnen Linken eine Wachslarve zum
Klumpen und blickte in die eigne Brust Plötzlich erstarrete sie an der Wand des
Palastes in versteinerter Stellung Albano drückte die Hand auf die kleine Wunde
und ging nahe zu dem Versteinerten Welche Gestalt Aus einem vertrockneten
hageren Angesicht erhob sich zwischen Augen die halb unter den Augenknochen
fortbrannten eine verachtende Nase mit stolzem Wurf ein Cherub mit dem Keime
des Abfalls ein verschmähender gebietender Geist stand da der nichts lieben
konnte nicht sein eigenes Herz kaum ein höheres einer von jenen
Fürchterlichen die sich über die Menschen über das Unglück über die Erde und
über das Gewissen erheben und denen es gleich gilt welches Menschenblut sie
hingiessen ob fremdes oder ihres
Es war Don Gaspard
Die Funkenwerfende Ordenskette aus Stahl und Edelsteinen verriet ihn Die
Starrsucht seine alte Krankheit hatt ihn ergriffen »O Vater« sagte Albano
erschrocken und umfasste die unbewegliche Gestalt aber er drückte gleichsam den
kalten Tod ans Herz Er schmeckte die Bitterkeit einer Hölle er küsste die
starre Lippe und rief lauter endlich trat er vor ihm mit fallenden Armen
zurück und die aufgedeckte Wunde blutete ungefühlt nieder und er blickte
zähneknirschend vor wilder junger Liebe und vor Schmerz und mit großen
Eistropfen in den Augen den Stummen an und riss ihm die Hand vom Herzen
Hier schlug erwachend Gaspard die Augen auf und sagte »Willkommen mein lieber
Sohn« Da sank ihm mit unüberschwenglicher Seligkeit und Liebe das Kind ans
Vaterherz und weinte und schwieg »Du blutest Albano« sagte Gaspard ihn sanft
zurückstemmend »verbinde dich« »Lass mich bluten ich will mit dir sterben
wenn du stirbst o wie hab ich so lange nach dir geschmachtet mein guter
Vater« sagte Albano noch tiefer erschüttert von dem kranken väterlichen
Herzen das er jetzt an seinem heftiger schlagen fühlte
»Recht gut verbinde dich aber« sagt er und als der Sohn es tat und
während des schnellsten Umwickelns mit unersättlicher Liebe in das väterliche
Auge schaute und als das Auge nur kalte Blitze warf wie sein RingJuwel so
schlug auf den Kastaniengipfeln dem heutigen Throne der Morgensonne der leise
Mond sein frommes Auge stillend auf und dem entflammten Albano war es an diesem
kindlichen und mütterlichen Wohnplatze als schaue der Geist seiner Mutter vom
Himmel und rufe »Ich werde weinen wenn ihr euch nicht liebt« Sein wallendes
Herz zerfloss und er sagte sanft zu dem im Mondlicht bleichern Vater »Liebst du
mich denn nicht« »Lieber Alban« versetzte der Vater »man kann dir nicht
genug antworten du bist recht gut es ist recht gut« Aber mit dem Stolze der
Liebe die sich kühn mit der väterlichen maß ergriff er fest die Hand mit der
Larve und sah den Ritter mit feurigen Tränen an »Mein Sohn« versetzte der
Müde »ich habe dir heute noch viel zu sagen und wenig Zeit weil ich morgen
reise und ich weiß nicht wie lange mein Herzklopfen mich sprechen lässt«
Ach also war das vorige Zeichen einer gerührten Seele nur ein Zeichen eines
nervenkranken Pulses gewesen Du armer Sohn wie musste vor dieser scharfen
Luft dein bewegtes Meer erstarren ach wie an einem eiskalten Metall musste
deine warme Hand ankleben und davon sich wundgeschält abziehen
Aber guter Jüngling Wer von uns könnte dich tadeln dass Wunden dich
gleichsam mit Blut an deinen wahren oder falschen Halbgott binden wiewohl ein
Halbgott sich öfter mit einem Halbtier als mit einem Halbmenschen schliesset
und dass du so schmerzlich liebst Ach welche warme Seele sprach nicht einmal die
Bitte der Liebe vergeblich aus und konnte dann gelähmt vom erkaltenden Gifte
gleich andern Vergifteten die schwere Zunge und das schwere Herz nicht mehr
bewegen Aber liebe fort du warme Seele gleich Frühlingsblumen gleich
Nachtschmetterlingen durchbricht die zarte Liebe zuletzt doch den hartgefrornen
Boden und jedes Herz das nichts anderes verlangt als ein Herz findet endlich
seine Brust
5 Zykel
Der Ritter nahm ihn auf eine über steinerne Säulen geführte Galerie hinauf die
überall Limonienbäume mit Düften und kleinen regen vom Monde silbern
geränderten Schatten vollstreueten Er zog zwei Medaillons aus seiner
Brieftasche das eine bildete ein sonderbarjugendlich aussehendes weibliches
Gesichtchen vor mit der Umschrift »Nous ne nous verrons jamais mon fils«9
»Hier ist deine Mutter« sagte Gaspard und gab es ihm »und hier deine
Schwester« und reichte ihm das zweite dessen Züge zu einer unkenntlichen
veralteten Gestalt einliefen mit der Umschrift »Nous nous verrons un jour mon
frère«10 Er fing nun seine Rede an die er in so vielen zwanglosen Heften das
eine Komma oft am einen Ende der Galerie das andere am andern und so leise und
in einem solchen Wechsel von schnellem und trägem Gehen lieferte dass in das Ohr
eines unter der Galerie mitlaufenden Visitators fremder Gespräche wenn einer
drunten stand nicht drei zusammengehörende Laute tropfen konnten »Deine
Aufmerksamkeit lieber Alban« fuhr er fort »nicht deine Phantasie sollte jetzt
gespannt sein du bist leider heute zu romantisch bei dem Romantischen was du
hören sollst Die Gräfin von Zesara liebte das Feierliche von jeher du wirst es
aus dem Auftrage sehen den sie mir wenige Tage vor ihrem Tode gab und den ich
gerade an diesem Karfreitage auszurichten versprechen musste«
Er sagte noch bevor er anfing dass er da seine Katalepsie und sein
Herzklopfen bedenklich stiegen nach Spanien eilen müsse seine Sachen und noch
mehr die seiner Mündel der Gräfin von Romeiro zu ordnen Alban tat noch eine
Bruderfrage über seine liebe so lang entrückte Schwester der Vater ließ ihn
hoffen dass er sie bald sehen werde da sie mit der Gräfin die Schweiz besuchen
wolle
Da ich nicht absehe was die Menschen davon haben wenn ich die mir
beschwerlichen Gänsefüsse samt dem ewigen »er sagte« hersetze so will ich den
Auftrag in Person erzählen Es werden einmal sagte der Ritter drei
Unbekannte einer am Morgen einer mittags und einer abends zu ihm kommen und
jeder wird ihm ein eingesiegeltes Kartenblatt zustellen worauf bloß der Name
der Stadt und des Hauses steht worin das Bilderkabinett das Albano noch
dieselbe Nacht besuchen muss zu finden ist Im Kabinett soll er alle Nägel der
Bilder durchtasten und drücken bis er auf einen kommt hinter welchem der Druck
eine in die Wand eingebaute Repetieruhr zwölf zu schlagen nötigt Hier findet er
unter dem Bilde eine geheime Tapetentür hinter welcher eine weibliche Gestalt
mit einem offenen Souvenir und mit drei Ringen an der Linken und mit einem Crayon
in der Rechten sitzt Drückt er den Ring des Mittelfingers so richtet sich die
Gestalt unter dem Rollen des innern Getriebes auf tritt in das Zimmer und das
auslaufende Gehwerk stockt mit ihr an einer Wand woran sie mit dem Crayon ein
verstecktes Fach bezeichnet in welchem ein Taschenperspektiv und der wächserne
Abdruck eines Sargschlüssels liegen Das Okularglas des Perspektivs ordnet durch
einoptische Anamorphose den Wirrwarr alternder Linien auf dem heute empfangenen
Medallion der Schwester zu einer holden jungen Gestalt und das Objektivglas
gibt dem unreifen Bilde der Mutter die Merkmale des längeren reifern Lebens
zurück Dann drücket er den Ringfinger und sogleich fängt die stumme kalte
Figur mit dem Crayon in das Souvenir zu schreiben an und bezeichnet ihm mit
einigen Worten den Ort des Sarges von dessen Schlüssel er den wächsernen
Abdruck hat Im Sarge liegt eine schwarze Marmorstufe in Gestalt einer
schwarzen Bibel und wenn er sie zerschlagen hat trifft er einen Kern darin
aus dem der Christbaum seines ganzen Lebens wachsen soll Ist die Stufe nicht
im Sarge so gibt er dem letzten Ringe des Ohrfingers einen Druck was aber
dann dieses hölzerne GuerikesWettermännchen seines Schicksals beginne wusste
der Ritter selber nicht vorauszusagen
Ich bin völlig der Meinung dass man dem bizarren Testamente leicht das
Repetier und das halbe Räderwerk so wie man jetzt in London Uhren bloß aus
zwei Rädern bauet ausbrechen könnte ohne das Vorlege oder Zeigerwerk zu
beschädigen
Auf Alban wirkte das testamentarische Getriebe und Gebläse wider meine
Erwartung fast nichts ausgenommen eine weichere Liebe gegen die gute Mutter
welche so sorgend da sie unten im Strome des Lebens das fliegende Bild vom
niederfallenden Habicht des Todes erblickte nur den Sohn bedachte Seinem Vater
schaute er unter dem Berichte mit zärtlichem Danke für diese Mühe des
Gedächtnisses und der Erzählung fast auf Kosten seiner Aufmerksamkeit in das
befestigte eiserne Angesicht und im Mondschein und vor seiner Phantasie wuchs
der Ritter zu einem rhodischen die halbe Gegenwart verdeckenden Kolossus auf
für welchen ihm dieses testamentarische Memorienwerk fast zu kleinlich schien
Bisher hatte Don Gaspard bloß als echter Weltmann gesprochen der von seinem
Gespräche ohne besondere nähere Verhältnisse stets jede Erwähnung oder
Schmeichelei eines Ichs des fremden so gut wie des eignen ausschliesset und
sogar historischer Personen nur als Bedingungen von Sachen gedenkt so dass zwei
solche NichtIchs mit ihrer grimmigen Kälte nur zwei sprechende Logiken oder
Wissenschaften zu sein scheinen aber keine Wesen mit schlagenden Herzen o wie
sanft floss es wie eine weiche Tonart in Albanos liebewundes Herz das der
hellere und lauere Mond und der insularische dämmernde Kindergarten seiner
ersten Vorzeit und die in seiner Seele laut fort und nachklingende Stimme
seiner Mutter gewaltsam auflöseten als nun der Vater sagte »Das hab ich von
der Gräfin zu sagen Von mir hab ich dir nichts zu sagen als meine bisherige
Zufriedenheit mit deinem bisherigen Leben« »O geben Sie teuerster Vater
meinem künftigen Gebote Lehre und Rat« sagte der begeisterte Mensch und
Gaspards rechter Hand die nach dem schnellern Herzen zuckte folgt er mit
seiner Linken an die sieche Stelle und drückte heftig das hysterische Herz als
könn er diesem bergab umkreisenden Lebensrade in die Speiche greifen Der
Ritter versetzte »Ich habe dir weiter nichts zu sagen Die Lindenstadt
Pestitz ist dir nun geöffnet deine Mutter hatte sie dir verschlossen Der
Erbprinz der bald Fürst sein wird und der Minister von Froulay der mein
Freund ist werden die deinigen sein ich glaub es wird dir nützen ihre
Bekanntschaft zu kultivieren«
Der scharfblickende Gaspard sah hier plötzlich über des Jünglings reine
offene Gestalt wunderbare Bewegungen und heiße Rosen fliegen die aus der
Gegenwart mit nichts zu erklären waren und die sogleich wie getötet vergingen
als er so fortfuhr »Für einen Mann von Stande sind gelehrte und schöne
Wissenschaften die für andre Endzweck sind nur Mittel und Erholung und so
groß deine Neigung dafür sein mag so wirst du doch am Ende Handlungen den
Vorzug vor Genüssen geben du wirst dich nicht geboren fühlen die Menschen bloß
zu belehren oder zu belustigen sondern zu behandeln und zu beherrschen
Es wäre gut wenn du den Minister gewännest und dadurch die Kenntnisse des
Regierungs und Kammerwesens die er dir geben kann denn in dem Abrisse eines
Landes so wie eines Hofes besitzest du die Grundzüge eines jeden größeren wozu
du auch gelangen und dich bilden sollst Es ist mein Wunsch dass du sogar dem
Fürsten und dem Hofe lieb wirst weniger weil du Konnexionen als weil du
Erfahrungen brauchst Nur durch Menschen besiegt und übersteigt man Menschen
nicht durch Bücher und Vorzüge Man muss nicht seinen Wert auslegen um die
Menschen zu gewinnen sondern man muss sie gewinnen und dann erst jenen zeigen
Unglück ist nichts wie Unverstand und nicht sowohl durch Tugend als durch
Verstand wird man furchtbar und glücklich Du hast höchstens die Menschen zu
fliehen die dir zu ähnlich sind besonders die ädeln« Das ätzende Sublimat
seines Spottes bestand hier nicht darin dass er »ädel« mit einem akzentuierten
ironischen Tone sagte sondern dass ers wider Erwarten kalt ohne einen sagte
Albanos Hand war in seiner schon längst vom Herzen an der stählernen eckigen
Ordenskette herabgeglitten auf das goldene metallischkalte Lamm daran Der
Jüngling hatte wie alle Jünglinge und Einsiedler zu harte Begriffe von Hof
und Weltleuten er hielt sie für ausgemachte Basilisken und Drachen wiewohl
ich das noch entschuldigen will wenn er nur mit den Naturforschern unter den
Basilisken nichts versteht als ungeflügelte Eidechsen und unter den Drachen
nichts als geflügelte so dass er sie für nichts als für kalte fast so fatale
Amphibien wie Linné solche definiert ansieht ferner hegt er so leicht
wird Plutarch der Verführer von Jünglingen deren Biograph er hätte sein können
wie ich mehr Grimm als Achtung gegen die Artolatrie den Brotdienst unsers
Zeitalters das aber umgekehrt immer den Gott ins Brot verwandeln will gegen
die besten Brotstudien oder Brotwagen gegen das Machen einer Karrière gegen
jeden der kein Waghals war und der statt der Sturmbalken und Kriegsmaschinen
etwa unsichtbare Magnetstäbe Saugwerke und Schröpfköpfe ansetzte und damit
etwas zog Jeder Jüngling hat ein schönes Zeitalter wo er kein Amt und jede
Jungfrau eines wo sie keinen Mann annehmen will dann ändern sich beide und
nehmen oft sich einander noch dazu
Als der Ritter die obigen gewiss keinem Weltmanne anstössigen Sätze
vorbrachte so stieg in seinem Sohne ein heiliger menschenfreundlicher Stolz
empor es war diesem als werde von einem steigenden Genius sein Herz und sogar
sein Körper wie der eines betenden Heiligen gehoben über die Laufbahnen einer
gierigen kriechenden Zeit die großen Menschen einer größeren traten unter ihre
Triumphbogen und winkten ihm näher zu ihnen zu kommen in Osten lag Rom und
der Mond und vor ihm der AlpenZirkus eine große Vergangenheit neben einer
großen Gegenwart er ergriff mit dem liebendstolzen Gefühl dass es noch etwas
Göttlicheres in uns gebe als Klugheit und Verstand den Vater und sagte »Der
ganze heutige Tag lieber Vater war eine zunehmende Erschütterung meines
Herzens kann vor Bewegung nicht sprechen und nichts recht bedenken Vater
ich besuche alle ich werde mich über die Menschen hinausreissen aber ich
verschmähe den schmutzigen Weg des Ziels ich will im Weltmeer wie ein
Lebendiger durch Schwimmen aufsteigen aber nicht wie ein Ertrunkner durch
Verwesen Ja Vater das Schicksal werfe einen Grabstein auf diese Brust und
zermalme sie wenn sie die Tugend und die Gottheit und ihr Herz verloren hat«
Albano sprach darum so warm weil er einer unaussprechlichen Verehrung für
die kraftvolle Seele des Ritters nicht entsagen konnte er stellte sich immer
die Qualen und das lange Sterben eines so starken Lebens den scharfen Rauch
eines so großen kalt ausgegossenen Feuers vor und schloss aus den Regungen
seiner eignen lebendigen Seele auf die der väterlichen die nach seiner Meinung
nur langsam auf einer breiten Unterlage schwarzer kalter Menschen so zerfallen
war wie man Diamanten nicht anders verflüchtigt als auf einer Unterlage von
ausgebrannten toten Schmiedekohlen
Don Gaspard der die Menschen selten und nur gelinde tadelte nicht aus
Liebe sondern aus Gleichgültigkeit antwortete dem Jüngling geduldig »Deine
Wärme ist zu loben Mit der Zeit wird sich alles geben Jetzt lass uns essen«
6 Zykel
Der Speisesaal unserer Eiländer war im reichen Palaste der abwesenden
borromäischen Familie Man gab der schönen Insel den Parisapfel und
Lorbeerkranz Augusti und Gaspard schrieben ihr das Belobungsschreiben in einem
leichten klaren Stil nur Gaspard mit mehr Antitesen Albanos Brust war mit
einer neuen Welt gefüllt sein Auge mit einem Schimmer seine Wangen mit
freudigem Blut Der Baumeister erhob sowohl den Geschmack als den Kammerbeutel
des Erbprinzen der durch beide zwar nicht artistische Meister aber doch
Meisterstücke in sein Land mitbrachte und auf dessen Veranlassung eben dieser
Dian nach Italien ging um für ihn Abgüsse von den Antiken da zu nehmen Schoppe
versetzte »Ich hoffe der Deutsche ist so gut mit Malerakademien und mit
Malerkoliken versehen als irgendein Volk unsere Ballenbilder unsere
Tesesbilder in Augsburg unsere Leisten über Zeitungsblättern und unsere
Buchdruckerstöcke in jedem dramatischen Werke durch die wir eine frühere
ShakespeareGallery besaßen als London unsere EffigieGehangnen am Galgen sind
jedem bekannt und zeigen am ersten wie weit wirs treiben Aber ich will auch
zulassen dass Griechen und Welsche so malen wie wir so ragen wir doch dadurch
über sie hinweg dass wir gleich der Natur und den adeligen Sponsierern nie die
Schönheit isoliert ohne angebognen Vorteil suchen Eine Schönheit die wir nicht
nebenher braten verauktionieren anziehen oder heiraten können gilt bei uns
nur das was sie wert ist Schönheit ist bei uns hoff ich nie etwas anders
als Anschrot und Beiwerk des Vorteils so wie auch auf dem Reichstage nicht die
angestossenen Konfekttischchen sondern die Sessionstafeln die eigentlichen
Arbeitstische des Reichscorpus sind Echte Schönheit und Kunst wird daher bei
uns nur auf Sachen gesetzt gemalt geprägt welche dabei nützen und abwerfen
zB gute Madonnen nur ins Modejournal radierte Blätter nur auf Briefe voll
Tabaksblätter Kameen auf Tabaksköpfe Gemmen auf Petschafte und Holzschnitte
auf Kerbhölzer Blumenstücke werden gesucht aber auf Schachteln treue
Wouwermanne aber zwischen Pferdeständen neben Beschälern11 erhobenes Bildwerk
von Prinzenköpfen entweder auf Talern oder auf baierschen BierkrugDeckeln
beide nicht ohne reines Zinn Rosenund Lilienstücke aber an tätowierten
Weibern Auf ähnliche Weise war in Basedows Erziehungsanstalt stets das schöne
Gemälde und das lateinische Vokabulum verknüpft weil das Philantropin dieses
leichter unter jenem behielt So malte Van der Kabel nie einen Hasen auf
Bestellung ohne ein frisch geschossenes Modell nach dem andern sich zum Essen
und Kopieren auszubitten So malte der Maler Kalkar schöne Strümpfe aber
unmittelbar an seine eignen Beine«
Der Ritter hörte so etwas mit Vergnügen an ob ers gleich weder belächelte
noch nachahmte ihm waren alle Farben im genialischen Prisma erfreulich Nur für
den Baumeister wars nicht genug im griechischen Geschmack und für den Lektor
nicht genug im höflichen Letzterer kehrte sich während Schoppe neuen Atem zu
unserer Verkleinerung holte wie schmeichelnd zum abreisenden Dian und sagte
»Früher nahm Rom andern Ländern nur die Kunstwerke hinweg aber jetzt die
Künstler« Schoppe verfolgte »Ebenso sind unsere Statuen keine müßigen
Staatsbürger auf der Bärenhaut sondern sie treiben alle ein Handwerk was
Karyatiden sind tragen Häuser was Engel sind halten Taufschüsseln und
heidnische Wassergötter arbeiten in Springbrunnen und gießen den Mägden das
Wasser in die Scheffel zu«
Der Graf sprach warm für uns der Lektor hell der Ritter bemerkte dass der
deutsche Geschmack und das deutsche Talent für dichterische Schönheiten den
Mangel an beiden für andere Schönheiten vergüte und erkläre aus Klima
Regierungsform Armut etc Der Ritter glich den Himmelssehröhren hinter denen
die Erden größer erscheinen und die Sonnen kleiner er nahm wie jene den Sonnen
den geborgten Schimmer ab ohne ihnen den wahren größeren zurückzugeben er
schnitt zwar einem Judas den Strick entzwei aber einem Christuskopfe goss er den
Heiligenschein aus und suchte überhaupt eine Parität und Gleichheit der Schwärze
und des Lichts zu erkünsteln
Schoppe verstummte nie ich sorge in seinem Toleranzmandat für Europa waren
die deutschen Kreise ausgelassen er hob wieder an »Das wenige was ich eben
zum Lobe der nützenden Deutschen vorbrachte hat mir wie es scheint
Widerspruch zugezogen Aber die kleine Lorbeerkrone die ich dem heiligen
Reichskörper aufsetze soll mich nie abhalten die Stellen gewahr zu werden wo
er kahl ist Ich lobt es oft an Sokrates und Christus dass sie nicht in
Hamburg in Wien oder gar in einer brandenburgischen Stadt dozierten und mit
ihren Philantropisten gassatim gingen von Magistrats wegen würde man sie haben
befragen lassen ob sie nicht arbeiten könnten und wären beide mit Familie in
Wetzlar gewesen so hätte man dieser die Neglektengelder12 abgezogen
Anlangend die Dichtkunst Herr Ritter so kannt ich manchen Reichsbürger der
aus einem Karmen wenn es nicht auf ihn selber war wenig machte er glaubte
die Eingriffe der poetischen Freiheit in die Reichsfreiheit zu kennen ihn der
gewiss überall ordentlich gesetzt bedächtig in sächsischen Fristen zu Werke
schritt quälten und störten poetische Schwingen sehr Und ists denn so
unerklärlich und so schlimm der gute Reichsstädter bindet eine Serviette vor
wenn er weinen will damit er die Atlasweste nicht betropft und die Tränen die
ihm aufs Kondolenzschreiben entfallen stippte er wie jede dunklere
Interpunktion was Wunder wenn er gleich dem Wildmeister keine schönere Blume
kennt als die hinten am Hirsche und wenn ihn die poetischen Veilchen gleich den
botanischen13 mit gelinden Brechkräften angreifen Das wäre meines Bedünkens
wenigstens eine Art den Tadel abzulehnen womit man uns Deutsche anschmjetzt«
7 Zykel
Welche sonderbare Nacht folgte auf diesen sonderbaren Tag Alle gingen vom
Reisen schläfrig der Ruhe zu bloß Albano in welchem der heiße volle Tag
nachbrannte sagte dem Ritter dass er heute mit seiner Brust voll Feuer nirgends
Kühlung und Ruhe finde als unter den kalten Sternen und unter den Blüten des
welschen Frühlings Er lehnte sich auf der obersten Terrasse an eine Statue
neben einem blühenden Dockengeländer aus Zitronen an um die Augen unter dem
Sternenhimmel schön zu schließen und noch schöner zu öffnen Schon in seiner
frühern Jugend hatt er sich so gut wie ich auf die welschen Dächer warmer
Länder gewünscht nicht um als Nachtwandler sondern um als ein Schläfer darauf
zu erwachen
Wie herrlich fällt das aufgehende Auge in den erleuchteten hängenden Garten
voll ewiger Blüten über dir anstatt dass du in deinem deutschen schwülen
Federpfuhl nichts vor dir hast wenn du aufblickst als den Bettzopf
Als Zesara so Wellen und Berge und Sterne mit stillerer Seele durchkreuzte
und als Garten und Himmel und See endlich zu einem dunkeln Kolosse
zusammenschwammen und er wehmütig an seine bleiche Mutter und an seine
Schwester und an die verkündigten Wunder seiner Zukunft dachte so stieg hinter
ihm eine ganz schwarz gekleidete Gestalt mit abgebildetem Totenkopfe auf der
Brust mühsam und mit zitterndem Atem die Terrassen hinauf »Gedenke des Todes«
sagte sie »Du bist Albano de Zesara« »Ja« sagte Zesara »wer bist du«
»Ich bin« sagte sie »ein Vater des Todes14 Ich zittere nicht aus Furcht
sondern aus Gewohnheit so«
Die Glieder des Mannes blieben auf eine grausende Art in einem allgemeinen
Erbeben das man zu hören glaubte Zesara hatte oft seiner müßigen Kühnheit ein
Abenteuer gewünscht jetzt hatt ers vor sich indes wachte er doch behutsam mit
dem Auge und da der Mönch sagte »Schaue zum Abendstern hinauf und sage mir
wenn er untergeht denn mein Gesicht ist schwach« so warf er nur einen eilenden
Blick dahin »Noch drei Sterne« sagt er »sind zwischen ihm und der Alpe«
»Wenn er untergeht« fuhr der Vater fort »so gibt deine Schwester in Spanien
den Geist auf und darauf redet sie dich hier aus dem Himmel an« Zesara wurde
kaum von einem Finger der kalten Hand des Schauders berührt bloß weil er in
keinem Zimmer war sondern in der jungen Natur die um den zagenden Geist ihre
Berge und Sterne als Hüter stellt oder auch weil die weite dichte Körperwelt
so nahe vor uns die Geisterwelt verdrängt und verbauet er fragte mit
Entrüstung »Wer bist du was weißt du was willst du« und griff nach den
zusammengefalteten Händen des Mönchs und hielt beide mit einer gefangen »Du
kennst mich nicht mein Sohn« sagte ruhig der Vater des Todes »Ich bin ein
Zahuri15 und komme aus Spanien von deiner Schwester ich sehe die Toten unten in
der Erde und weiß es voraus wenn sie erscheinen und reden Ich aber sehe ihr
Erscheinen über der Erde nicht und hör ihr Reden nicht«
Hier blickte er den Jüngling scharf an dessen Züge plötzlich so starrer und
länger wurden denn eine Stimme wie eine weibliche bekannte fing über seinem
Haupte langsam an »Nimm die Krone nimm die Krone ich helfe dir« Der Mönch
fragte »Ist der Abendstern schon hinunter Spricht es mit dir« Zesara
blickte in die Höhe und konnte nicht antworten die Stimme aus dem Himmel sprach
wieder und dasselbe Der Mönch erriet es und sagte »So hat dein Vater deine
Mutter aus der Höhe gehört als er in Deutschland war aber er ließ mich lange
in Fesseln legen weil er dachte ich täusche ihn« Beim Worte »Vater« dessen
Geisterunglauben Zesara kannte riss er den Mönch an den beiden Händen mit der
festaltenden starken die Terrassen hinunter um zu hören wo jetzt die Stimme
stehe Der Alte lächelte sanft die Stimme sprach wieder über ihm aber so
»Liebe die Schöne liebe die Schöne ich helfe dir« Am Ufer hing ein
Fahrzeug das er am Tage schon gesehen Der Mönch der ihm vermutlich den
Argwohn einer irgendwo verborgenen Stimme nehmen wollte stieg in die Gondel und
winkte ihm nachzufolgen Der Jüngling im Vertrauen auf seine körperliche und
geistige Macht und auf seine Schwimmkunst entfernte sich mit dem Mönche kühn
von der Insel aber wie griff der Schauder in seine innersten Fibern da nicht
nur die Stimme über ihm wieder rief
»Liebe die Schöne die ich dir zeige ich helfe dir« sondern da er auch
gegen die Terrasse hin eine weibliche Gestalt sich bis an das Herz aus den
tiefsten Wellen mit langen kastanienbraunen Haaren und schwarzen Augen und mit
einem glänzenden Schwanenhals und mit der Farbe und Kraft des reichsten Klimas
wie eine höhere Aphrodite heben sah Aber in wenig Sekunden sank die Göttin
wieder in die Wogen zurück und die Geisterstimme lispelte oben fort »Liebe die
Schöne die ich dir zeigte« Der Mönch betete kalt und schweigend unter der
Szene und sah und hörte nichts endlich sagte er »Am künftigen Himmelfahrtstage
in deiner Geburtsstunde wirst du neben einem Herzen stehen das in keiner Brust
ist und deine Schwester wird dir vom Himmel den Namen deiner Braut
verkündigen«
Wenn vor uns flüssigen schwachen Gestalten die gleich Polypen und Blumen
das Licht eines höheren Elementes nur fühlen und suchen aber nicht sehen in der
Totalfinsternis unsers Lebens ein Blitz durch den erdichten Klumpen schlägt der
vor unsere höhere Sonne gehangen ist16 so zerschneidet der Strahl den
Sehnerven der nur Gestatten nicht Licht verträgt kein heißes Erschrecken
beflügelt das Herz und das Blut sondern ein kaltes Erstarren vor unsern
Gedanken und vor einer neuen unfasslichen Welt sperrt den warmen Strom und das
Leben wird Eis
Albano aus dessen voller Phantasie ebenso leicht ein Chaos als ein
Universum sprang wurde bleich aber ihm war als verlier er nicht sowohl den
Mut als den Verstand er ruderte ungestüm beinahe bewusstlos ans Ufer er
konnte dem Vater des Todes nicht ins Gesicht schauen weil seine unbändige
alles auseinanderreissende Phantasie alle Gestalten gleich Wolken zu grässlichen
umwälzte und ausdehnte er hört es kaum als der Mönch zum Abschiede sagte
»Vielleicht komm ich am nächsten Karfreitage wieder« Der Mönch bestieg einen
Kahn der von selber dahinfuhr wahrscheinlich durch ein unter dem Wasser
umtreibendes Rad und verschwand bald hinter oder in der kleinen Fischerinsel
Isola peschiere
Eine Minute lang taumelte Alban und ihm kam es vor als sei der Garten und
der Himmel und alles eine weichende aufgelösete Nebelbank als geb es nichts
als hab er nicht gelebt Diesen arsenikalischen Qualm blies auf einmal von der
erstickenden Brust der Atem des Bibliotekar Schoppe der lustig zum
Schlaffenster herauspfiff jetzt wurde sein Leben wieder warm die Erde kam
zurück und das Dasein war Schoppe der vor Wärme nicht schlafen konnte stieg
herunter um sich auch auf die zehnte Terrasse zu betten Er sah an Zesara ein
heftiges inneres Wogen aber er war schon daran gewöhnt und forschte nicht
8 Zykel
Nicht von Vernünfteleien sondern von Scherzen schmilzt leicht das Eis in
unserem stockenden Räderwerke Nach einer gesprächigen Stunde war dem Jünglinge
nicht viel mehr davon übrig als eine ärgerliche Empfindung und eine frohe jene
darüber dass er den Mönch nicht bei der Kutte genommen und dem Ritter
vorgeführt und die frohe über die hohe weibliche Gestalt und selber über die
Aussicht in ein Leben voll Abenteuer Gleichwohl fuhren wenn er die Augen
schloss Ungeheuer voll Flügel Welten voll Flammen und ein tiefes wogendes Chaos
um seine Seele
Endlich gingen in der Kühle der Nachmitternacht seine müden Sinnen näher
fortgezogen und auseinanderfallend dem Magnetberg des Schlummers zu aber
welcher Traum kam ihm auf diesem stillen Berge nach »Er lag« so träumte ihm
»auf dem Krater des Hekla Eine aufdringende Wassersäule hob ihn mit sich empor
und hielt ihn auf heißen Wellen mitten im Himmel fest Hoch in der Äternacht
über ihm streckte sich ein finsteres Gewitter wie ein langer Drache von
verschlungnen Sternbildern aufgeschwollen aus nahe darunter hing ein helles
Wölkchen vom Gewitter gezogen durch den lichten Nebel des Wölkchens quoll ein
dunkles Rot entweder von zwei Rosenknospen oder von zwei Lippen und ein grüner
Streif von einem Schleier oder von einem Ölzweige und ein Ring von milchblauen
Perlen oder von Vergissmeinnicht endlich zerfloss ein wenig Duft über dem Rot
und bloß ein offenes blaues Auge blickte unendlich mild und flehend auf Albano
nieder und er streckte die Hände aus nach der umwölkten Gestalt aber die
Wassersäule war zu niedrig Da warf das schwarze Gewitter Hagelkörner aber sie
wurden im Fallen Schnee und dann Tautropfen und endlich im Wölkchen silbernes
Licht und der grüne Schleier wallte erleuchtet im Dunst Da rief Albano Ich
will alle meine Tränen vergießen und die Säule aufschwellen damit ich dich
erreiche schönes Auge Und das blaue Auge wurde feucht von Sehnen und sank vors
Liebe zu Die Säule wuchs brausend das Gewitter senkte sich und drückte das
Wölkchen voraus aber er konnt es nicht berühren Da riss er seine Adern auf und
rief Ich habe keine Tränen mehr Geliebte aber all mein Blut will ich für
dich vergießen damit ich dein Herz erreiche Unter dem Bluten drang die Säule
höher und schneller auf der weite blaue Äther wehte und das Gewitter
verstäubte und alle verschlungnen Sterne traten mit lebendigen Blicken heraus
das flatternde freie Wölkchen schwebte blitzend zur Säule nieder das blaue
Auge tat sich in der Nähe langsam auf und schneller zu und hüllte sich tiefer in
sein Licht aber ein leiser Seufzer sagte in der Wolke Zieh mich in dein Herz
O da schlang er die Arme durch die Blitze und schlug den Nebel weg und riss
eine weiße Gestalt wie aus Mondlicht gebildet an die Brust voll Glut Aber
ach der zerrinnende Lichtschnee entwich den heißen Armen die Geliebte verging
und wurde eine Träne und die warme Träne drang durch seine Brust und sank in
sein Herz und brannte darin und es rann auseinander und wollte vergehen« Da
schlug er die Augen auf
Aber welches überirdische Erwachen Das weiße ausgeleerte Wölkchen mit
Gewittertropfen befleckt hing auf ihn hereingebückt noch am Himmel es
war der helle liebendnahe über ihn hereingesunkne Mond Er hatte sich im
Schlafe verblutet weil sich darin die Binde von der Wunde des Armes durch das
heftige Bewegen desselben verschoben hatte Die Entzückungen hatten den
Nachtfrost des Geisterschreckens zerschmolzen In einem verklärenden Ersterben
flatterte aufgebunden sein so festes Dasein umher wie ein beweglicher Traum in
den gestirnten Himmel war er wiegend aufgeschwemmt wie an eine Mutterbrust und
alle Sterne waren in den Mond geflossen und dehnten seinen Schimmer aus sein
Herz in eine warme Träne geworfen ging sanft darin auseinander außer ihm
schattete es nur in ihm strahlte es blendend der Flug der Erde wehte vor der
aufgerichteten Flamme seines Ichs vorbei und bog sie nicht um Ach seine
Psyche glitt mit scharfen ungeregten ungehörten Falkenschwingen entzückt und
still durch das dünne Leben
Ihm kam es vor als sterbe er denn spät war er die steigende Erwärmung des
linken verblutenden Armes innen geworden der ihn ins lange Elysium das aus dem
Traume ins Wachen reichte gehoben hatte Er legte ihm die Binde fester um
Auf einmal hört er unter dem Verbinden ein lauteres Plätschern unter sich
als bloße Wellen machen konnten Er schaute über das Geländer und sah seinen
Vater mit Dian ohne Abschied der für Gaspard nur die giftige Herbstblume in
der Herbstminute einer Abreise war wie ausgefallne Blütenblätter aus der
Blumenkrone seines Lebens über die Wellen fliehen unter dem Schwanenliede der
Nachtigallen Guter Mensch wie oft hat dich diese Nacht betört und
beraubt Er breitete die Arme ihnen nach der Schmerz des Traums fuhr fort
und begeisterte ihn der fliehende Vater schien ihm wieder liebender
schmerzlich rief er hinab »Vater sieh dich um nach mir Ach wie kannst du
mich so stumm verlassen Und du auch Dian O tröstet mich wenn ihr mich
hört« Dian warf ihm Küsse zu und Gaspard legte die Hand auf das sieche Herz
Albano dachte an die Kopistin des Todes an die Starrsucht und hätte gern den
verletzten Arm über die Wellen gehalten und das warme Leben als eine Libation
für den Vater vergossen und rief nach »Lebt wohl lebt wohl« Schmachtend
drückt er die kalten steinernen Glieder einer kolossalischen Statue an seine
brennenden Adern an und Tränen der vergeblichen Sehnsucht überquollen sein
schönes Angesicht während die warmen Töne der welschen Nachtigallen die von
dem Ufer und der Insel gegeneinanderschlugen mit linden Vampyrenzungen das Herz
wundsogen
Ach wenn du einmal geliebt wirst glühender Jüngling wie wirst du lieben
Er weckte im Durste nach einer warmen sprechenden Seele seinen Schoppe auf
und zeigte ihm die Flucht Aber indem dieser irgend etwas Tröstendes sagte
schaute Albano unverwandt dem grauen Punkte des Fahrzeugs nach und hörte
nichts
9 Zykel
Beide blieben auf und erfrischten sich durch die Streiferei in der betaueten
Insel und sie wurden durch den Anblick wie das erhobene Bildwerk des Tages
farbiggleissend aus den erlöschen den Kreidenzeichnungen des Mondlichts
heraustrat lebendig und wach Augusti kam auch und schlug ihnen die
halbstündige Fahrt nach Isola madre vor Albano flehte beide herzlich an allein
hinzufahren ihn aber hier in seinen einsamen Spaziergängen zu lassen Der
Lektor fasste jetzt die Spuren der nächtlichen Angriffe schärfer ins Auge wie
schön hatte der Traum der Mönch die Schlaflosigkeit die Verblutung die
tapfere kecke Gestalt gemildert und jeden Laut erweicht und die Kraft war jetzt
nur ein zauberischer Wasserfall im Mondenlicht Augusti nahm es für Eigensinn
und fuhr allein mit Schoppe aber die wenigsten Menschen begreifen dass man nur
mit den wenigsten Menschen mit keiner VisitenArmee eigentlich nur mit
zweien mit dem innigsten und ähnlichsten Freunde und mit der Geliebten
spazieren gehen könne Wahrlich ich will ebenso gern im Angesichte des Hofes am
Geburtstage der Fürstin zu einer Liebeserklärung öffentlich niederknien als
denn man zeige mir doch den Unterschied zwischen einem langen Vor und
Nachtrabe das trunkne Auge auf dich Natur meine Geliebte heften
Wie glücklich wurde durch die Einsamkeit Albano dessen Herz und Augen voll
Tränen standen die er schamhaft verbarg und die ihn doch vor seinem eignen
Urteile so rechtfertigten und erhoben Er trug sich nämlich mit dem
sonderbaren Irrtume feuriger und starker Jünglinge er habe kein weiches Herz
zu wenig Gefühl und sei schwer zu rühren Aber jetzt gab ihm die Entkräftung
einen dichterischen weichen Vormittag wie er noch keinen gehabt wo er alles
weinend umarmen wollte was er je geliebt seine guten fernen Pflegeeltern in
Blumenbühl seinen kranken Vater ders gerade im Frühling war wo immer der Tod
sein blumiggeschmücktes Opfertor aufbauet und seine in die Vergangenheit
gehüllte Schwester deren Bild er bekommen deren AfterStimme er diese Nacht
gehört und deren letzte Stunde ihm der nächtliche Lügner näher gemalt Sogar
das nächtliche noch in seinem Herzen verschlossene Schattenspiel machte ihn
durch die Unerklärlichkeit da ers keinem bekannten Menschen zuzuschreiben
wusste und durch die Weissagung beklommen dass er an seiner Geburtsstunde und
diese stand so nahe am Himmelfahrtstage den Namen seiner Braut vernehmen
würde Der lachende Tag nahm zwar den Geisterszenen die Totenfarbe gab aber der
Krone und der Wassergöttin frischen Glanz
Er durchschwankte alle heilige Stätten in diesem gelobten Lande Er ging in
die dunkle Arkade wo er die Reliquien seiner Kindheit und seinen Vater gefunden
hatte und nahm mit einem bangen Gefühle die auf den Boden entfallne
zerquetschte Larve zu sich Er bestieg die von Limonien mit Sonnenschein
besprengte Galerie und sah nach den hohen Zypressen und den Kastaniengipfeln im
weiten Blau wo ihm der Mond wie das aufgegangne MutterAuge erschienen war
Er trat nahe vor eine Kaskade hinter dem Lorbeerwalde die sich in 20 Absätze
wie er in 20 Jahre zerteilte und er fühlte auf den heißen Wangen ihren dünnen
Regen nicht
Er stieg nun auf die hohe Terrasse zurück um seinen Freunden
entgegenzusehen Wie gebrochen und magisch stahl sich der Sonnenschein der
äußern Welt in den heiligen dunkeln Irrhain der innern Die Natur die gestern
ein flammender Sonnenball gewesen war heute ein Abendstern voll Dämmerlicht
die Welt und die Zukunft lagen so groß um ihn und doch so nahe und berührend
wie vor dem Regen Eisberge näher scheinen im tieferen Blau er stellte sich auf
das Geländer und hielt sich an die kolossalische Statue und sein Auge schweifte
hinab zu dem See und hinauf zu den Alpen und zu dem Himmel und wieder herab und
unter der freundlichen Luft Hesperiens flatterten leicht bedeckt alle Wellen und
alle Blätter auf weiße Türme blinkten aus dem UferGrün und Glocken und Vögel
klangen im Winde durcheinander Ein schmerzliches Sehnen fasste ihn da er nach
der Bahn seines Vaters sah ach nach dem wärmern Spanien voll schwelgerischer
Frühlinge voll lauer OrangeNächte voll umhergeworfener Glieder zerstückter
Riesengebürge da wäre er gern durch den schönen Himmel hingeflogen Endlich
löste sich das Freuen und das Träumen und das Scheiden in jene unnennbare Wehmut
auf worein das Übermaß der Wonne den Schmerz der Grenzen kleidet weil ja
unsere Brust leichter zu überfüllen als zu füllen ist
Auf einmal wurde Albano gerührt und ergriffen als wenn die Gottheit der
Liebe ein Erdbeben in seinen innern Tempel schickte um ihn für ihre künftige
Erscheinung einzuweihen da er an einem indischen Bäumchen neben sich den Zettel
mit dessen Namen Liane las Er sah es zärtlich an und sagte immer »Liebe
Liane« Er wollte sich einen Zweig abbrechen da er aber daran dachte dass dann
Wasser aus ihm rinne so sagte er »Nein Liane durch mich sollst du nicht
weinen« und unterließ es weil in seiner Erinnerung das Gewächs auf irgendeine
Art mit einem unbekannten teuren Wesen in Verwandtschaft stand Sich
unaussprechlichhinübersehnend blickte er jetzt nach den Tempeltoren
Deutschlands nach den Alpen in einem Frühlingswölkchen schien sich der
schneeweiße Engel seines Traums tief einzuhüllen und nur stumm darin
dahinzuschweben und es war ihm als hör er von fernen Harmonikatöne Er
zog um nur etwas Deutsches zu haben eine Brieftasche heraus worauf seine
Pflegeschwester Rabette die Worte gestickt Gedenke unserer er fühlte sich
allein und war nun erfreut über die Freunde welche heiter von Isola madre
zurückruderten
Ach Albano welch ein Morgen wäre dieser für einen Geist wie deinen zehn
Jahre später gewesen wo sich die feste Knospe der jungen Pracht schon weiter
und weicher und loser auseinander geblättert hätte Vor einer Seele wie deiner
wären dann da die Gegenwart in ihr blass wurde zwei Welten zugleich die zwei
Ringe um den Saturn der Zeit die der Vergangenheit und die der Zukunft
miteinander aufgegangen du hättest nicht bloß über die kurze rückständige
Laufbahn an das helle weiße Ziel geblickt sondern dich umgewandt und die krumme
lange durchlaufene überschauet Du hättest die tausend Fehlgriffe des Willens
die Fehltritte des Geistes zusammengerechnet und die unersetzliche Verschwendung
des Herzens und des Gehirns Würdest du auf den Boden haben sehen können ohne
dich zu fragen Ach haben die 1004 Erschütterungen17 die durch mich wie durch
das Land hinter mir gegangen sind mich ebenso befruchtet wie dieses O da
alle Erfahrungen so teuer sind da sie uns entweder unsere Tage kosten oder
unsere Kräfte oder unsere Irrtümer o warum muss der Mensch an jedem Morgen vor
der Natur, die mit jedem Tautropfen in der Blume wuchert so verarmet über die
tausend vergeblich vertrockneten Tränen erröten die er schon vergossen und
gekostet hat Aus Frühlingen zieht diese Allmächtige Sommer auf aus Wintern
Frühlinge aus Vulkanen Wälder und Berge aus der Hölle einen Himmel aus diesem
einen größeren und wir törichte Kinder wissen uns aus keiner Vergangenheit
eine Zukunft zu bereiten die uns stillt wir hacken wie die Steindohle nach
jedem Glanze und tragen die Glutkohle als Goldstück beiseite und zünden damit
Häuser an ach mehr als eine große schöne Welt geht unter in der Brust und lässt
nichts zurück und gerade der Strom der höheren Menschen verspringt und
befruchtet nichts wie sich hohe Wasserfälle zersplittern und schon weit über
der Erde verflattern
Albano empfing die Freunde mit vergütender Zärtlichkeit aber dem Jünglinge
wurde mit der Zunahme des Tages so öde und bange wie einem der seine Stube im
Gasthofe ausgeleeret der die Rechnung entrichtet und der nur noch einige
Minuten in dem rauen leeren Stoppelfelde auf und abzugehen hat bis die Pferde
kommen Wie fallende Körper bewegten sich in seiner heftigen Seele Entschlüsse
in jeder neuen Sekunde schneller und stärker er bat mit äußerer Milde aber
innerer Heftigkeit seine Freunde noch heute mit ihm abzureisen Und so ging
er nachmittags mit ihnen von der stillen KindheitsInsel ab um durch die
Kastanienalleen Mailands eilig auf die neue Bühne seines Lebens und an die
Falltüre zu kommen die sich in den unterirdischen Gang so vieler Rätsel öffnet
Antrittsprogramm des Titans
Eh ich den Titan dem flachsenfingischen geheimen Legationsrat und Lehnpropst
Herrn von Hafenreffer dedizierte so fragt ich bei ihm erst so um die
Erlaubnis an
»Da Sie weit mehr an dieser Geschichte mitarbeiteten als der russische Hof an
Voltairens Schöpfungsgeschichte des großen Peters so können Sie meinem
dankbegierigen Herzen nichts Schöneres geben als die Erlaubnis Ihnen wie einem
Judengotte das zu opfern und zu dedizieren was Sie geschaffen haben«
Aber er schrieb mir auf der Stelle zurück
»Aus derselben Raison könnten Sie wie es Sonnenfels getan das Werk noch
besser sich selber dedizieren und in einem richtigern Sinne als andere den
Verfasser und Gönner desselben zugleich vereinen Lassen Sie mich auch schon
des Herrn von und der Frau von wegen aus dem Spiele und schränken Sie
sich bloß auf die notwendigsten Notizen ein die Sie dem Publikum von dem sehr
maschinenmässigen Anteil den ich an Ihrem schönen Werke habe etwa gönnen
wollen aber um der Götter willen hic haec hoc hujus huic hunc hanc hoc hoc hac
hoc«
v Hafenreffer
Die römische Zeile ist eine Chiffre und soll dem Publikum dunkel bleiben
Was dasselbe vom Antrittsprogramme zu fordern hat sind vier
Namenerklärungen und eine Sacherklärung
Die erste Namenerklärung welche die Jobelperiode angeht treff ich schon
bei dem Stifter der Periode dem Superintendent Franke an der sie für eine von
ihm erfundne Ära oder Zeitsumme von 152 Zykeln erklärt deren jeder seine guten
49 tropischen Mondsonnenjahre in sich hält Das Wort Jobel setzt der
Superintendent voran weil in jedem siebenten Jahre ein kleines und in jedem
siebenmal 7ten oder 49sten ein großes Jobel Schalt Erlass Sabbatsoder
HallJahr anbrach wo man ohne Schulden ohne Säen und Arbeiten und ohne
Knechtschaft lebte Glücklich genug wend ich wie es scheint diesen Jobelnamen
auf meine historischen Kapitel an welche den Geschäftsmann und die
Geschäftsfrau in einem sanften Zykel voll Frei Sabbats Erlass Hall und
Jobelstunden herumführen worin beide nicht zu säen und zu bezahlen sondern nur
zu ernten und zu ruhen brauchen denn ich bin der einzige der als
krummgeschlossener pflügender Fröner an dem Schreibtische steht und welcher
Säemaschinen und Ehrenschulden und Handschellen vor und an sich sieht Die
siebentausendvierhundertundachtundvierzig tropischen Mondsonnenjahre die eine
Frankesche Jobelperiode enthält sind auch in meiner vorhanden aber nur
dramatisch weil ich dem Leser in jedem Kapitel immer so viel Ideen und diese
sind ja das Längen und Kubikmass der Zeit vortreiben werde bis ihm die kurze
Zeit so lang geworden als das Kapitel verlangte
Ein Zykel welches der Gegenstand meiner zweiten Namenerklärung ist
braucht nun gar keine
Die dritte Nominaldefinition hat die obligaten Blätter zu beschreiben die
ich in zwanglosen Heften in jeder Jobelperiode herausgebe Die obligaten Blätter
nehmen durchaus nur reine gleichzeitige mit meinem Helden weniger
zusammenhängende Fakta von solchen Leuten auf die mit ihm desto mehr
zusammenhängen auch in den obligaten Blättern ist nicht das kleinste nur einer
Brandblase große satirische Extravasat von Ausschweifung ersichtlich sondern
der selige Leser und Lektor wandelt mit den Seinigen frei und aufgeweckt und
gerade durch das weite Hoflager und die Reitbahn und Landschaft eines ganzen
langen Bandes zwischen lauter historischen Figuren auf allen Seiten von
fliegenden Korps von tätigen Knapp und Judenschaften anrückenden
Marschsäulen reitenden Horden und spielenden Teatertruppen umzingelt und er
kann sich gar nicht satt sehen
Ist aber der Tomus aus so fängt das ist die letzte Nominaldefinition
sich ein kleiner an worin ich mache was ich will nur keine Erzählung und
worin ich mit solcher Seligkeit mit meinem langen Bienenstachel auf und
abfliege von einer BlütenNektarie und Honigzelle zur andern dass ich das bloß
zum Privatvorteile meines Ausschweifens gebauete Filialbändchen recht schicklich
meine Honigmonate benenne weil ich darin Honig weniger mache als esse
geschäftig nicht als eintragende Arbeitsbiene sondern als zeidelnder
Bienenvater Bisher hatt ich freilich geglaubt das Durchfahren meiner
satirischen Schwanzkometen würde jeder Leser von dem ungestörten Gange meines
historischen Planetensystems auf der Stelle absondern und ich hatte mich
gefragt »Wird denn in einer Monatsschrift die Einheit einer Geschichte durch
das Abbrechen der letztern und durch die Erbfolge eines andern Aufsatzes
beschädigt und haben sich denn die Leser darüber beschweret wenn zB in den
HorenJahrgängen zuweilen Cellinis Geschichte abgebrochen und ein ganz anderer
Aufsatz eingehoben wurde« Aber was geschah
Wie im Jahre 1795 eine medizinische Gesellschaft in Brüssel den contract
social unter sich machte dass jeder eine Krone Strafgeld erlegen sollte der in
der Session einen andern Laut von sich gäbe als einen medizinischen so ist
bekanntlich ein ähnliches Edikt vom 9ten Juli an alle Biographen erlassen dass
wir stets bei der Sache welches die Historie ist bleiben sollten weil man
sonst mit uns reden würde Der Sinn des Mandats ist der dass, wenn ein Biograph
in allgemeinen Weltistorien von 20 Bänden ja in noch längeren wie zB in
dieser ein oder zweimal denkt oder lacht dh abschweift Inkulpat auf der
kritischen Pillory als sein eigener Pasquino und Marforio ausstehen soll
welches man an mir schon mehr als einmal vollstreckte
Jetzt aber geb ich den Sachen eine andere Gestalt indem ich erstlich
Geschichte und Digression in diesem Werke strenge auseinanderhalte wenig
Dispensationsfälle ausgenommen zweitens indem ich die Freiheiten die ich mir
in meinen vorigen Werken nahm im jetzigen zu einem Rechte zu einer Servitut
verjähre und verstärke der Leser ergibt sich wenn er weiß nach einem Bande
voll Jobelperioden erscheinet durchaus nie etwas anders als einer voll
Honigmonate Ich schäme mich wenn ich mich erinnere wie ich sonst in frühern
Werken mit dem Bettelstabe vor dem Leser stand und um Ausschweifungen bat indes
ich doch wie ich hier tue mir das Anleihen hätte erzwingen können wie man
von Weibern mit Erfolg nicht nur Tribut als Almosen sondern auch das don
gratuit als Quatembersteuer zu begehren hat So macht es nicht bloß der
kultivierte Regent auf dem Landtage sondern schon der rohe Araber der dem
Passagier außer der Barschaft noch einen Schenkungsbrief derselben abnötigt
Ich komme nun auf den geheimen Legationsrat von Hafenreffer welcher der
Gegenstand meiner versprochnen Sacherklärung ist
Aus dem 45sten Hundsposttage sollt es einmal bekannt sein wer
Flachsenfingen beherrscht nämlich mein Herr Vater Im Grunde war meine so
frappante Standeserhöhung mehr ein Schritt als ein Sprung denn ich war vorher
schon Jurist mithin schon die Knospe oder das Blütenkätzchen eines noch
eingewickelten Doktors utriusque und folglich ein Edelmann da im Doktor der
ganze Rogen und Dotter zum Ritter steckt daher er auch so gut wie dieser wenn
gerade etwas vorbeigeht vom Sattel oder Stegreif lebt wiewohl weniger in einem
Raubschlosse als Raubzimmer Ich habe also seit dem Avancement weniger mich
geändert als mein Residenzschloss das väterliche in Flachsenfingen ist
gegenwärtig mein eigenes
Ich mag nun nicht gern am Hofe mein Zuckerbrot mit Sünden essen wiewohl
man gemächlicher Zucker und Himmelsbrot erwirbt als Schiffsbrot sondern ich
stelle um zu wuchern mit meinem Schiffspfunde das ganze flachsenfingische
Departement der auswärtigen Angelegenheiten zu Hause im Schloss vor samt der
erforderlichen Entzifferungskanzlei Das will aber getan sein wir haben einen
Prokurator in Wien zwei Residenten in fünf Reichsstädten einen
Komitialsekretarius in Regensburg unter der Querbank drei KreisKanzlisten und
einen bevollmächtigten Envoyé an einem bekannten ansehnlichen Hofe unweit
Hohenfliess welches eben der obgedachte Herr Lehnpropst von Hafenreffer ist
Letzterem hat sogar mein Herr Vater ein vollständiges Silberservice
vorgestreckt das wir ihm lassen bis er den Rappell erhält weil es unser
eigener Vorteil ist wenn ein flachsenfingischen Botschafter dem
flachsenfingischen Fürstenhute oder Krönlein auswärts durch Aufwand mehr Ehre
macht als gewöhnliche
Auf einem solchen Posten wie meinem steht man nun nicht zum Spasse da die
ganze LegationsSchreibe und Lesegesellschaft kouvertiert und schreibt an mich
die chiffre banal und die chiffre déchiffrant ist in meinen Händen und wie es
scheint versteh ich den Rummel Unsäglich ists was ich erfahre es wäre
nicht zu lesen von Menschen noch zu ziehen von Pferden wollt ich allen den
Seidenwurmsamen von Nouvellen biographisch ausbrüten grossfüttern und abhaspeln
den mir das GesandtenKorpo posttäglich in festen Düten schickt Ja in einer
andern Metapher das biographische Bauholz das meine Flössinspektion für mich
bald in die Elbe bald in die Saale bald in die Donau oben herabwirft steht
schon so hoch vor mir auf dem Zimmerplatze dass ichs nicht verbauen könnte
gesetzt dass ich die ästhetischen Bauten meiner biographischen Narrenschiffe
Redoutensäle und Zauberschlösser forttriebe Tag und Nacht jahraus jahrein und
weder mehr tanzte noch ritte noch spräche noch niesete
Wahrlich wenn ich oft so meinen schriftstellerischen Eierstock gegen manchen
fremden Rogen abwäge so frag ich ordentlich mit einem gewissen Unmut warum
ein Mann einen so großen zu tragen bekommen der ihn aus Mangel an Zeit und
Platz nicht von sich geben kann indes ein andrer kaum ein Windei legt und
herausbringt Wenn ich ein Pikett aus meiner LegationsDivision den
Ritterbüchermachern mit dessen offiziellen Berichten zuschicken könnte würden
sie nicht gern Ruinen gegen Schlösser und unterirdische Klostergänge gegen
Korridore und Geister gegen Körper vertauschen anstatt dass ihnen jetzt aus
Mangel an offiziellen Berichten des Piketts die Dirnen die Weltdamen die Feimer
die Justizminister vertreten müssen so wie die Schalken die Pagen die
Burgpfaffen die Hofprediger und der Raubadel die Pointeurs
Ich kehre zu meinem Gesandten von Hafenreffer zurück Am obgedachten
ansehnlichen Hofe sitzt dieser treffliche Herr und fertigt mir seiner
Nebenarbeiten unbeschadet von Monat zu Monat so viele Personalien von meinem
hohenfliessischen Helden zu als er durch sieben LegationsZeichendeuter oder
Klairvoyants erwischen kann die kleinsten Lappalien sind ihm erheblich genug
für eine Depesche Wahrhaftig eine ganz andre Denkweise als die andrer
Gesandten die nur für Ereignisse die nachher in die Universalhistorie
einrücken Platz in ihren Berichten machen Hafenreffer hat in jeder
Sackgasse Bedientenstube und Mansarde in jedem Schornstein und
Wirtschaftsgebäude seinen Operngucker von Spion der oft um eine Tugend meines
Helden auszumitteln sich zehn Sünden unterziehet Freilich bei solchen Hand
und Spanndiensten des Glücks muss es keinen von uns wundernehmen ich meine
nämlich bei einem solchen Schöpfrade das mir Fortuna selber umdreht bei
solchen Diebsdaumen die man meinem eignen Schreibdaumen anschienet bei
solchen Silhouetteurs eines Helden die alles machen außer der Farbe kurz bei
einer so außerordentlichen Vereinigung von Umständen oder Montgolfieren kann es
freilich nichts als was man erwartet sein wenn der Mann den sie heben
droben auf seiner Berghöhe ein Werk zusammenbringt und nachher herunterschickt
das man denn es verdients nach dem Jüngsten Tage auf der Sonne auf dem Uranus
und Sirius frei übersetzt und auf welches sogar der glückliche Posenschraper
der die Kiele dazu abzog und der Setzer der die Errata druckt sich mehr
einbilden wollen als der Autor selber und in welches weder die schnelle Sense
noch der träge Zehn der Zeit besonders da man dieses Gebiss nach Erfordern mit
der Zahnsäge der kritischen Feile entzweibringen kann einzuschneiden vermögend
sind Fügt der Verfasser solchen Vorzügen noch gar den der Demut bei so ist ihm
niemand weiter zu vergleichen aber leider hält jede Natur sich wie Doktor
Crusius die Welt zwar nicht für die beste aber doch für sehr gut
Der gegenwärtige Titan benutzt noch den andern Vorteil dass ich gerade den
väterlichen Hof bewohne und schmücke und mithin als Zeichner gewisse Sünden
recht glücklicherweise näher und heller vor dem Auge zum Beschauen habe wovon
mir wenigstens der Egoismus die Libertinage und das Müssiggehen gewiss bleiben
und sitzen denn diese Schwämme und Moose säete das Schicksal so weit als es
konnte in die höheren Stände hinauf weil sie in den niederen und breitern zu
sehr ausgegriffen und sie ausgesogen hätten welches das Muster derselben
Vorsicht gewesen Zu sein scheint aus der die Schiffe den Teufelsdreck den sie
aus Persien holen stets oben an den Mastbaum hängen damit sein Gestank nicht
die Fracht des Schiffraums besudle Ferner hab ich hier oben am Hofe jede
neue Mode zur Beobachtung und Verachtung schon um mich eh sie drunten nur
gelästert geschweige gepriesen worden ZB die schöne Pariser Mode dass die
Weiber durch einen kleinen Faltenwurf ihre Waden vorzeigen welches sie in
Paris tun um sehen zu lassen dass sie nicht unter die Herren gehören die
bekanntlich auf Steckenbeinen gehen diese wird denn auf eine einzige Dame
kommt es an morgen oder übermorgen gewisslich eingeführt Doch ahmen die
Flachsenfingerinnen diese Mode aus dem ganz andern Grunde nach denn uns Herren
fehlt nichts weil sie zu beweisen wünschen dass sie Menschen und keine Affen
geschweige weniger sind da nach Kamper und andern nur der Mensch allein Waden
anhat Derselbe Beweis wurde vor einem Jahrzehend nur mit höheren Gründen
geführt Denn da nach Haller sich der Mensch in nichts von einem Affen trennt
als durch den Besitz eines Steisses so suchten damals die weiblichen
Kronbeamten die Putzjungfern an ihren Gebieterinnen diesen
Geschlechtscharakter der sie unterscheidet durch Kunst durch den sogenannten
cul de Paris so sehr als möglich zu vergrößern und bei einer solchen
Penultima der Ultima war es damals schon auf 200 Schritte weit ein Spaß und ein
Spiel eine Weltdame von ihrer Äffin abzutrennen welches jetzt viele die ihren
Buffon auswendig können in keiner größeren Nähe sich getrauen wollen als in
einer zu großen
Ähnliche biographische Denunzianten und Familiaren unterhalt ich in mehreren
deutschen Städten mein Herr Vater bezahlts in den meisten einen aber in
Leipzig zwei in Dresden drei in Berlin sechse in Wien ebensoviel in jedem
Stadtviertel Maschinen solcher Art die den Perspektiven so sehr gleichen
womit man aus seinem Bette alles beschauen kann was unten auf der Gasse
vorfällt machen es freilich einem Autor leicht hinter seinem Dintenfasse in
dunkle verbauete Haushaltungen in einer 20 Meilen entfernten Winkelgasse
geführt hell hinunterzusehen Daher kann mir jede Woche der närrische Fall
begegnen dass ein gesetzter stiller Mann den niemand kennt als sein Barbier und
dessen Lebensweg eine dunkle Sackgasse ist dem aber heimlich einer meiner
Gesandten und Spione mit einem biographischen Hohlspiegel nachgeht welcher des
Mannes Unterkleider und Schritte in meine an dreißig Meilen abliegende
Studierstube hineinspiegelt es kann mir der Fall aufstossen sag ich dass ein
solcher entlegner Mann zufällig vor den Ladentisch des Buchhändlers tritt und in
meinem Werke das rauchend aus dem Backofen dort liegt sich mit seinen Haaren
Knöpfen Schnallen und Warzen so deutlich auf der 371 Seite abgebildet findet
als man auf den Steinen in Frankreich die Abdrücke indischer Pflanzen antrifft
Es tut aber nichts
Leute hingegen die mit mir an einem Orte wohnen welches sonst die Höfer
taten kommen gut davon denn neben mir halt ich keine Gesandten
Aber eben dieser Vorzug dass ich meine Geschichten nicht aus der Luft
greife sondern aus Depeschen nötigt mich mehr Mühe anzuwenden sie zu
verziffern als andere hätten sie aufzuschmücken oder auszusinnen Kein
kleineres Wunder als das welches das Mauersche Geheimnis und die unsichtbare
Kirche und die unsichtbare Loge vergittert und verdeckt schien bisher die
Entdeckung der wahren Namen meiner Historien abzuwenden und zwar mit einem
solchen Glücke dass von allen bisher an die Verlagshandlungen eingeschickten
mit Mutmaßungen gefüllten Brieffelleisen keines Mäuse merkte Und recht zum
Vorteil der Welt denn sobald zB einer die in der besten Verzifferungskanzlei
verzognen Namen der ersten Bände des Titans auseinanderringelt so stoss ich das
Tintenfass um und gebe nichts mehr heraus
Aus den Namen ist bei mir nichts zu schließen weil ich die Paten zu meinen
Helden auf den sonderbarsten Wegen presse Bin ich zB nicht oft abends
während dem Rochieren und Brikolieren der deutschen Heere die ihre Kreuzzüge
nach dem heiligen Grabe der Freiheit taten in den Zeltgassen mit der
Schreibtafel in der Hand auf und abgegangen und habe die Namen der Gemeinen
die vor dem Bettegehen wie Heiligennamen laut angerufen wurden so wie sie
fielen aufgefangen und eingetragen um sie wieder unter meine biographischen
Leute auszuteilen Und avancierte dabei nicht das Verdienst und mancher Gemeine
stieg zum tafel und turnierfähigen Edelmann auf Profosse zu Justizministern
und Rotmäntel zu patribus purpuratis Und krähte je ein Hahn im ganzen Heere
nach diesem herumschleichenden auf zwei Füßen mobil gemachten
Observationskorps
Für Autoren die wahre Geschichten zugleich erzählen und vermummen wollen
bin ich vielleicht im ganzen ein Modell und Flügelmann Ich habe länger als
andre Geschichtsforscher jene kleinen unschuldigen Verrenkungen die eine
Geschichte dem Helden derselben selber unkenntlich machen können studiert und
imitiert und glaube zu wissen wie man gute Regentengeschichten Protokolle von
Majestätsverbrechern Heiligenlegenden und Selbstbiographien machen müsse keine
stärkere Züge entscheiden als die kleinen womit Peter von Kortona oder
Beretino vor dem Herzoge Ferdinand von Toskana ein weinendes Kind in ein
lachendes umzeichnete und dieses in jenes zurück
Voltaire verlangte mehr als einmal wie bei allen Sachen denn er gab der
Menschheit wie einer Armee jeden Befehl des Marsches dreimal und wiederholte
sich und alles unverdrossen dass der Historiker seine Geschichte nach den
Gesetztafeln des Schauspiels stellen solle nach einem dramatischen Fokalpunkt
Es ist aber eine der ersten dramatischen Regeln die uns Lessing Aristoteles
und griechische Muster geben dass der Schauspieldichter jeder historischen
Begebenheit die er behandelt alles leihen müsse was der poetischen Täuschung
zuschlägt so wie das Entgegengesetzte entziehen und dass er Schönheit nie der
Wahrheit opfere sondern umgekehrt Voltaire gab wie bekannt nicht nur die
leichte Regel sondern auch das schwere Muster und dieser große Teaterdichter
des Weltteaters blieb in seinen historischen BenefizSchauspielen von Peter und
Karl nirgends bei der Wahrheit stehen wo er gewiss sein konnte er gelange eher
zur Täuschung Und das ist eigentlich die echte dem historischen Romane
entsprechende romantische Historie Nicht ich sondern andere nämlich der
Lehnpropst und die Legationssekretäre können entscheiden inwiefern ich eine
wahre Geschichte illusorisch behandelt habe Ein Unglück ists dass schwerlich je
die echte Geschichte meines Helden zum Vorscheine kommt sonst dürfte mir
vielleicht die Gerechtigkeit widerfahren dass Kenner meine dichterischen
Abweichungen von der Wahrheit mit der Wahrheit konfrontierten und danach
leichter jedem von uns das Seinige geben sowohl der Wahrheit als mir Allein
auf diesen Lohn tun alle königliche Historiographen skandalöse Chroniker nolens
volens Verzicht weil nie die wahre Historie zugleich mit ihrer erscheint
Aber unter dem Komponieren der Geschichte muss ein Autor auch darauf
auslaufen dass sie nicht nur keine wahre Personen treffe und verrate sondern
auch keine falsche und gar niemand Eh ich zB für einen schlimmen Fürsten
einen Namen wähle seh ich das genealogische Verzeichnis aller regierenden und
regierten Häupter durch um keinen Namen zu brauchen den schon einer führt so
werden in Otaheiti sogar die Wörter die dem Namen des Königs ähnlich klingen
nach seiner Krönung ausgerottet und durch andere vergütet Da ich sonst gar
keine jetzt lebende Höfe kannte so war ich nicht imstande in den Schlacht und
Nachtstücken die ich von den Kabalen dem Egoismus und der Libertinage
biographischer Höfe malte es so zu treffen dass Ähnlichkeiten mit wirklichen
geschickt vermieden wurden ja für einen solchen Idioten wie mich war es sogar
ein schlechter Behelf oft den Machiavell vor sich hinzulegen um mit Zuziehung
der französischen Geschichte durch das Malen nach beiden den Anwendungen
wenigstens auf Länder zu wehren in denen nie ein Franzos oder ein Welscher den
Einfluss gehabt den man sonst beiden auf andere deutsche beimisset so wie
Herder gegen die Naturforscher welche gewisse missgestaltete Völker aus
Paarungen mit Affen ableiten die sehr gute Bemerkung macht dass die meisten
Ähnlichkeiten mit Affen der zurückgehende Schädel der Kalmucken die
abstehenden Ohren der Pevas die schmalen Hände in Karolina gerade in Ländern
erscheinen wo es gar keine Affen gibt Wie gesagt auffallende Unähnlichkeiten
wollten mir nicht gelingen jetzt hingegen ist jeder Hof um welchen meine
LegationsFlottille schifft mir bekannt und also vor Ähnlichkeiten gedeckt
besonders jeder den ich schildere der flachsenfingische der hohenfliessische
etc Die Teatermaske die ich in meinen Werken vorhabe ist nicht die Maske des
griechischen Komödianten die nach dem Gesichte des verspotteten Individuums
gebosselt war18 sondern die Maske des Nero die wenn er eine Göttin auf dem
Theater machte seiner Geliebten ähnlich sah19 oder wenn er einen Gott spielte
ihm selber
Genug Dieses abschweifende Antrittsprogramm war etwas lang aber die
Jobelperiode wars auch je länger der Johannistag eines Landes desto länger
seine Tomasnacht Und nun lasset uns sämtlich ins Buch hineintanzen in
diesen Freiball der Welt ich als Vortänzer voraus und dann die Leser als
Nachhopstänzer so dass wir unter den läutenden Taufund Totenglöckchen am
sinesischen Hause des Weltgebäudes angesungen von der Singschule der Musen
angespielt von der Gitarre des Phöbus oben munter tanzen von Tomus zu Tomus
von Zykel zu Zykel von einer Digression zur andern von einem Gedankenstrich
zum andern bis entweder das Werk ein Ende hat oder der Werkmeister oder jeder
Zweite Jobelperiode
Die beiden biographischen Höfe die Sennenhütte das Fliegen der
HaarVerschleiss die gefährliche Vogelstange das in eine Kutsche gesperrte
Gewitter leise Bergmusik das Kind voll Liebe Herr von Falterle aus Wien
Tortursouper das zersplitterte Herz Werter ohne Bart mit einem Schusse
die Versöhnung
10 Zykel
Mit jugendlichen Kräften und Aussichten flog der Graf zwischen seinen Begleitern
durch das helle volle Mailand zurück wo die Ähre und die Traube und die Olive
oft auf einer Erdscholle zusammen grünen Schon der Name Mailand schloss ihm
einen Frühling auf weil er wie ich an allen MaiWesen an Maiblumen
Maikäfern sogar an der Maibutter in der Kindheit so vielen Zauber fand wie an
der Kindheit selber Dazu kam dass er ritt der Sattel war für ihn ein
Rittersitz der Seligen wie eine Sattelkammer eine Regensburger Grafenbank und
jeder Gaul sein Pegasus Auf der Insel war ihm in jener geistigen und
körperlichen Ermattung worin die Seele sich lieber in helldunkle Schäferwelten
als in heiße staubige Kriegsund Fechtschulen begeben will die Aussicht in die
nahen Rätsel und Kämpfe seines Lebens zuwider gewesen aber jetzt mit dem Herzen
voll Reise und Frühlingsblut streckte er die jungen Arme ebensosehr nach einem
Gegner als nach einer Freundin aus gleichsam nach einem Doppelsiege
Je weiter die Insel zurücktrat desto mehr fiel der Zauberrauch um die
nächtliche Erscheinung zu Boden und hinterließ ihm bloß einen unerklärlichen
Gaukler aufgedeckt Jetzt erst vertrauete er die Spukgeschichte seinen
Gefährten Schoppe und Augusti schüttelten Köpfe voll Gedanken aber jeder über
etwas anders der Bibliotekar suchte eine physikalische Auflösung des
akustischen und optischen Betrugs der Lektor suchte eine politische er konnte
gar nicht fassen was der Schauspieldirektor dieser Totengräberszene eigentlich
mit allem haben wollen
Den einzigen Trost behielt der Bibliotekar dass Alban an seinem Geburtstage
dem Herzen ohne Brust eine Visite abzustatten habe die er nur bleiben lassen
dürfe um aus dem Seher einen Myopen und Lügner zu fertigen »Wollte Gott«
sagt er »mir verkündigte einmal ein Ezechiel dass ich ihn an den Galgen
bringen würde ich tät es um keinen Preis sondern brächte ihn ohne Gnade
statt um den Hals um Kredit und Kopf« Auch seinem ungläubigen Vater schrieb
Albano noch unterwegs mit einigem Erröten die unglaubliche Historie denn er
hatte zu wenig Jahre und zu viel Kraft und Trotz um Zurückhaltung an sich oder
andern zu lieben Nur weiche Blattwickler und IgelSeelen ringeln und krempen
sich vor jedem Finger in sich zusammen unter dem offenen Kopfe hängt gern ein
offenes Herz
Endlich kamen sie da helle Berge und schattige Wälder genug wie durchlebte
Tage und Nächte hinter sie zurückgegangen waren nahe vor das Ziel ihrer mit
Ländern gefüllten Reitbahn und das Fürstentum Hohenfliess lag nur noch ein
Fürstentum weit von ihnen Dieses zweite das ein Tür und Wandnachbar des
ersteren war und mit diesem leicht zu einem Staatsgebäude ausgebrochen werden
konnte hieß wie geographische Leser wissen Haarhaar Der Lektor erzählte dem
Bibliotekar neben den Grenzwappen und Grenzsteinen dass beide Höfe sich fast
als Blutfeinde ansähen nicht sowohl weil sie diplomatische Verwandte wären da
unter Fürsten Vetter Oheim Bruder nicht mehr bedeuten wie bei Postillonen
Schwager und bei alten Brandenburgern Vater oder Mutter als weil sie wirkliche
wären und einander beerbten Es würde mir zu viel Platz wegnehmen wenn ich die
Sippschaftsbäume beider Höfe die ihre Gift und Drachenbäume wurden mit
allen ihren heraldischen Blättern Wasserschösslingen und Flechtmoosen für den
Leser hereinsetzen wollte das Resultat kann ihn beruhigen dass dem
haarhaarschen Fürstentume hohenfliessische Land und Leute zustürben falls der
Erbprinz Luigi der letzte hohlröhrige Schuss und Fechser des Hohenfliesser
Mannsstammes verdorrte Welche Herden von venezianischen Löwenköpfen Haarhaar
ins künftige Erbland treibt die da nichts verschlingen sollen als gelehrte
Anzeigen und Wundzettel und welche Spitzbubenbande von politischen Mechanikern
es da wie in eine BotanyBay aussetzt ist gar nicht zu sagen aus Mangel an
Zeit Doch ist Haarhaar auf der andern Seite wieder so brav dass es nichts so
herzlich wünscht als den höchsten Flor des Hohenfliesser FinanzEtats Handels
Acker und Seidenbaues und Gestütes und dass es im höchsten Grade jede
öffentliche Verschwendung diese Entnervung des großen InterkostalNervens des
Geldes als das stärkste kanonische Impediment aller Bevölkerung hasset und
verflucht »Der Regent« sagt der echt menschenfreundliche Fürst von Haarhaar
»ist der OberHirt nicht der Schächter des Staats sogar die Wollenschere nehm
er nicht so oft als die Hirtenflöte in die Hand nicht über fremde Kräfte und
Ehen ist unser Vetter Luigi Herr sondern über seine diese soll er
ruinieren«
Als sie ins Hohenfliessische einritten hätten sie einen Abstecher nach
Blumenbühl20 das seitwärts von Pestitz liegt gleichsam in die Kinderstube
Albanos Isola bella ist die Wiege machen können wenn dieser nicht
fortgeritten wäre aus Heisshunger nach der Stadt und aus Wasserscheu vor einem
zweiten Abschiede der ohnehin nur den reinen Nachklang des ersten verwirrt Die
Reise die Reden des Vaters die Bilder des Gauklers die Nähe der Akademie
hatten an unserm Vogel Rok die Flügelfedern die in seinem Alter zu lang sind
wie die steuernden Schwanzfedern zu kurz so aufgespreizet dass sie im
enggehäusigen Blumenbühl sich nur verstauchen konnten beim Himmel er wollte ja
etwas werden im Staate oder auf der Erde weil ihn so tödlich jene narkotische
Wüste des vornehmen Lebens anekelte durch dessen Lilienopium der Lust man
schläfrig und betrunken wankt bis man an doppelseitigen Lähmungen umfällt
Man wird es aus der ersten Jobelperiode nicht behalten haben weils in
einer Note stand dass Alban niemals nach Pestitz durfte und zwar aus sehr
guten Gründen die dem Ritter allein bekannt sind aber nicht mir Dieser lange
Torschluss der Stadt schärfte nur seine Sehnsucht danach noch mehr Sie
standen jetzt mit ihren Pferden auf einer weiten Anhöhe wo sie die Pestitzer
Kirchtürme in Westen vor sich sahen und wenn sie sich umkehrten unten den
Blumenbühler Turm in Morgen aus jenen und aus diesem kam zu ihnen ein verwehtes
Mittagsgeläute her Albano hörte seine Zukunft und seine Vergangenheit
zusammentönen Er sah nieder ins Dorf und hinauf an ein nettes rotes Häuschen
auf einem nahen Berge das ihm wie eine hell bemalte Urne längst ausgewischter
Tage nachglänzte er seufzte er blickte über die weite Baustelle seines
künftigen Lebens und sprengte nun mit verhängtem Zügel nach den Lindenstädter
Türmen wie den Palmen seiner Laufbahn zu
Aber das nette Häuschen gaukelte ihm wie ein roter Schatten voraus Ach
hatt er denn nicht in dieser Sennenhütte einmal einen träumenden Tag voll
Zufälle verlebt und noch dazu in jener kindlichen Zeit wo die Seele auf der
Regenbogenbrücke der Phantasie trocknes Fußes über die Lachen und Mauern der
unteren Erde wegschreitet Wir wollen in diesen lieben Tag in dieses kindliche
Vorfest des Lebens jetzt mit ihm zurückgehen und die frühern Stunden kennen
lernen die ihm so schön mit diesem Kuhreigen der Jugend aus der Sennenhütte
nachklingen
11 Zykel
Es war nämlich an einem herrlichen Jakobustage und zugleich am Geburtstage des
Landschaftsdirektors Wehrfritz der aber damals noch keiner war als dieser am
Morgen den Wagen herausschieben ließ um darin nach Pestitz zum Minister zu
fahren und die Dreschmaschine des Staates als Unterhändler der Landschaft
versuchsweise in eine Säemaschine umzustellen Er war ein rüstiger Mann dem ein
Ferientag länger wurde als andern ein Exerzitientag und dem nichts Langweile
machte als Kurzweile »Aber abends« dacht er »mach ich mir einen guten Tag
denn es ist einmal mein Geburtstag« Sein Angebinde sollte darin bestehen dass
er eines machte er wollte nämlich aus Pestitz dem kleinen Albano einen
Österleinschen Flügel aus seinem eignen Beutel so wenig darin war und
obendrein einen Musikmeister auf Don Gaspards Verlangen mitbringen
Aber warum will man das dem Leser nicht vorher auf das deutlichste
auseinandersetzen
Don Gaspard hatte nämlich in der Revision des Erziehungswesens für Albano
gewollt dass auf dessen körperliche Gesundheit mehr als auf die geistige
Superfötation gesehen würde der Erkenntnisbaum sollte mit dem Lebensbaume
ablaktieret werden Ach wer der Weisheit die Gesundheit opfert hat meistens die
Weisheit auch mitgeopfert und nur angeborene nicht erworbne Kränklichkeit ist
Kopf und Herzen dienlich Daher hatte Albano in seinem Bücherriemen nicht die
vielbändige Enzyklopädie aller Wissenschaften gebückt zu schleppen sondern bloß
Sprachlehren Nach den Schulstunden der Dorfjugend suchte nämlich der Rektor des
Orts namens Wehmeier bekannter unter dem Titel Schachtelmagister seine
schönsten Struveschen Nebenstunden seine Otia und Noctes hagianae darin dass er
ihn unterwies und in die von innern Strömen angefasste Mühlwelle des ewig regen
Knaben alphabetische Stifte zu einer Sprachwalze einschlug Freilich aber wollte
Zesara bald etwas Schwerers bewegen als die SprachTastatur so wurde zB die
Sprachwalze im eigentlichen Sinne zur Spielwalze denn stundenlang versucht er
auf der Orgel des Orts ohne sonderliche Kenntnis des Kontrapunkts er kannte
keine Note und Taste und stand unter dem Orgelstücke auf dem fortbrausenden
Pedale fest sich in den entsetzlichsten Misstönen wogegen die Enharmonika aller
Piccinisten verstummen muss senkte sich aber desto länger und tiefer in den
zufälligen Treffer eines Wohllauts ein Ebenso arbeitete sich die saftvolle
Seele gleichsam in Laubknöpfen Holztrieben und Ranken aus und machte Gemälde
Tongebilde Sonnenuhren und Plane aller Art und sogar in den juristischen
Felsen des Pflegevaters zB in Fabris Staatskanzlei trieb sie wie oft
Kräuter in Herbarien ihre durstigen Wurzeln herum und über die dürren Blätter
hinaus O wie schmachtete er so wie in der Kindheit von Oktav zu
QuartBüchern von Quart zu Folio von Folio bis zu einem Buche so groß wie die
Welt welches eben die Welt ist jetzt nach geahneten Lehren und Lehrern
Aber desto bessert Nur der Hunger verdauet nur die Liebe befruchtet nur der
Seufzer der Sehnsucht ist die belebende aura seminalis für das OrpheusEi der
Wissenschaften Das bedenket ihr nicht ihr Fluglehrer die ihr Kindern den
Trank früher gebt als den Durst die ihr wie einige Blumisten in den gespaltenen
Stengel der Blumen fertige Lackfarben und in ihren Kelchfremden Bisam legt
anstatt ihnen bloß Morgensonne und Blumenerde zu geben und die ihr jungen
Seelen keine stille Stunden gönnt sondern um sie unter dem Stäuben ihres
blühenden Weins gegen alle WinzerRegeln mit Behacken Bedüngen Beschneiden
hantiert O könnt ihr ihnen jemals wenn ihr sie vorzeitig und mit unreifen
Organen in das große Reich der Wahrheiten und Schönheiten hineintreibt gerade
so wie wir alle leider mit dunkeln Sinnen in die schöne Natur einkriechen und
uns gegen sie abstumpfen könnt ihr ihnen mit irgend etwas das große Jahr
vergüten das sie erlebet hätten wenn sie ausgewachsen wie der erschaffne
Adam mit durstigen offenen Sinnen in dem herrlichen geistigen Universum sich
hätten umherdrehen können Daher gleichen auch eure Eleven den Fusspfaden so
sehr die im Frühling vor allem grünen später aber sich gelb und eingetreten
durch die blühenden Wiesen ziehen
Wehrfritz erneuerte da er schon auf der Wagentreppe das Gesicht in diesen
kehrte wieder den Befehl der Aufsicht über den jungen Grafen und machte die
Signatur womit Kaufleute kostbare Warenkisten der Post empfehlen recht dick
auf diesem er liebte das feurige Kind wie seines er hatte nur eins aber
keinen Sohn der Ritter hatte Vertrauen auf ihn und um dieses zu
rechtfertigen würd er da der Ehrenpunkt der Schwerpunkt und die Himmelsachse
aller seiner Bewegungen war sich ohne Bedenken wenn der Knabe zB den Hals
gebrochen hätte seinen abgeschnitten haben auch sollte Albano abends vor dem
neuen Lehrer aus der Stadt auffallend gut bestehen
Albine von Wehrfritz die Gemahlin versprach alles hoch und teuer sie
konnte sich den Evangelisten Markus und Johannes gleichsetzen weil ihr heftiger
Mann die GesellschaftsTiere beider die Tierkönige Löwe und Adler öfters
repräsentierte so wie sich manche andere Gattin in Hinsicht ihrer Begleitung
mit dem Lukas vergleichen mag und meine mit dem Mattäus21 Sie hatte ohnehin
auf abends ein kleines Familienfest voll spielender buntgefärbter Ephemeren der
Freude ausgeschrieben und zum größten Glück war schon vor einigen Tagen das
Diplom eingelaufen das unsern Wehrfritz zum Landschaftsdirektor installierte
und das man als ein Patengeschenk des Geburtstages auf heute aufhob
Aber kaum fuhr Wehrfritz hinter dem Schlossgarten so trat Alban mit seinem
Projekte hervor und berichtete er wolle den ganzen Feiertag droben im einsamen
Schiesshäuslein versitzen denn er spielte gern allein und ein elterlicher Gast
war ihm lieber als ein Spielknabe Die Weiber gleichen dem Pater Lodoli der
nach Lambergs Tagebuche nichts so mied als das Wörtchen Ja wenigstens sagen
sie es erst nach dem Nein Die Pflegemutter ich will aber künftig bei ihr und
der Pflegeschwester Rabette das verdrießliche Pflege wegstreichen sagte ohne
Bedenken Nein ob sie gleich wusste dass sie noch keines gegen den Trotzkopf
durchgesetzt Dann entlehnte sie sehr gute Dehortatorien vom Willen des
Landschaftsdirektors und hieß ihn bedenken dann schlug sich die rotbackige
gutmeinende Rabette zum Bruder und bat mit ohne zu wissen warum dann
beteuerte Albine wenigstens das Essen soll er nur nicht auf den Berg
nachgeliefert erwarten dann marschierte er zum Hofe hinaus So stand ich schon
öfters dabei und sah zu wie die weiblichen Ellenbogen und Knochen unter dem
Wegstemmen allmählich vor meinen Augen Knorpel wurden und sich umbogen Nur in
Wehrfritzens Beisein hatte Albine Kraft zum langen Nein
12 Zykel
Unser Held war aus den kindischen Jahren wo Herkules die Schlangen erdrückte
in die gottestischfähigen getreten wo er sie erwärmte unter der Weste um sie
in späteren wieder zu köpfen Jubelnd schlugen draußen sie flogen nebeneinander
sein neuer und sein alter Adam die Flügel auf unter einem blauen Himmel der
gar keinen Ankergrund hatte Was kümmerte ihn die Mahlzeit Alle Kinder tragen
vor und unter einer Abreise keinen Magen unter ihren Flügeln wie auch den
Schmetterlingen jener einschrumpft wenn ihnen diese aufgehen Die oftgedachte
Sennenhütte oder das Schiesshäuslein war nichts Geringers als ein Schiesshaus mit
einer Wachtstube für eine abgedankte Soldatenfrau mit einem Schiessstand im
unteren Stock und mit einem Sommerstübchen im oberen worin der alte Wehrfritz in
jedem Sommer eine Landpartie und ein Vogelschiessen haben wollte es aber nie
hatte weil der arme Mann sich in der Arbeitsstube wie andere im Tafelzimmer
entmastete und abtakelte Denn obgleich der Staat seine Diener wie Hunde zum
zehntenmal wieder herlockt um sie bloß zum eilften wieder abzuprügeln und ob
Wehrfritz gleich an jedem Landtage alle Staatsgeschäfte und Verdienste verschwur
weil ein redlicher Mann wie er am Staatskörper überall so viel wie an denen
antiken Statuen zu ergänzen findet wovon nur noch die steinerne Draperie
geblieben so kannt er doch kein weicheres Faul und Lotterbette zum Ausruhen
als eine noch höhere Ruderbank und er strebte jetzt vor allen Dingen
Landschaftsdirektor zu werden
Die deutschen Höfe werden das Ihrige dabei denken dass ich ihnen die
folgende KnabenIdylle anbiete Mein schwarzäugiger Schäfer lief gegen die
Bergfestung der Senne Sturm und erhielt von der Soldatenfrau die Torschlüssel
zum weissgrünen Sommerkabinett Beim Himmel als alle östliche und westliche
Fensterladen und Fenster aufgestoßen waren und der Wind von Osten blätternd
durch die Akten und kühlend durch den Stuben Schwaden strich und als außen
Himmel und Erde um die Fenster herumstanden und nickend hereinsahn als Albano
unter dem Fenster nach Osten das tiefe breite Tal mit dem steinigen springenden
Bache beschauete auf welchem alle Glimmerscheiben die die Sonne wie Steinchen
schief anwarf auf der Bergseite hinausfuhren als er vor dem westlichen
Fenster hinter Hügeln und Wäldchen den Schwibbogen des Himmels den Berg vor der
Lindenstadt sah der wie ein krummgeworfner Riese auf der Erde schlief als er
sich von einem Fenster zum andern setzte und sagte »Das ist sehr prächtig« so
wurden seine Lustbarkeiten im Stübchen am Ende so glänzend dass er hinausging
um sie draußen noch höher zu treiben
Die Göttin des Friedens schien hier ihre Kirche und ihre Kirchstühle zu
haben Die rüstige Soldatenfrau legte in einem hochstaudigen Gärtlein
Früherbsen und warf zuweilen einen Erdenkloss in den Kirschbaum unter die
geflügelten Obstdiebe und begoss wieder unverdrossen die neue Leinwand und den
verpflanzten Salat und lief doch willig zum kleinen zehnjährigen Mädchen das
von Blattern erblindet auf der Türschwelle strickte und nur bei gefallnen
Maschen sie als Maschinengöttin berief Albano stellte sich an den äußersten
Balkon des sich lieblichaufschliessenden Tals und jeder Windstoß blies in
seinem Herzen die alte kindische Sehnsucht an dass er möchte fliegen können
Ach welche Wonne so sich aufzureissen von dem zurückziehenden Erdenfussblock und
sich frei und getragen in den weiten Äther zu werfen und so im kühlen
durchwehenden Luftbade auf und niederplätschernd mitten am Tage in die
dämmernde Wolke zu fliegen und ungesehen neben der Lerche die unter ihr
schmettert zu schweben oder dem Adler nachzurauschen und im Fliegen Städte
nur wie figurierte Stufensammlungen und lange Ströme nur wie graue zwischen
ein Paar Länder gezogne schlaffe Seile und Wiesen und Hügel nur in kleine
Farbenkörner und gefärbte Schatten eingekrochen zu sehen und endlich auf eine
Turmspitze herabzufallen und sich der brennenden Abendsonne gegenüberzustellen
und dann aufzufliegen wenn sie versunken ist und noch einmal zu ihrem in der
Gruft der Nacht hell und offen fortblickenden Auge niederzuschauen und endlich
wenn sich der Erdball darüberwirft trunken in den Waldbrand aller roten Wolken
hineinzuflattern
Woher kommt es dass diese körperlichen Flügel uns wie geistige heben Woher
hatte unser Albano diese unbezwingliche Sehnsucht nach Höhen nach dem
Weberschiffe des Schieferdeckers nach Bergspitzen nach dem Luftschiffe
gleichsam als wären diese die Bettaufhelfer vom tiefen Erdenlager Ach du lieber
Betrogener Deine noch von der Puppenhaut bedeckte Seele vermengt noch den
Umkreis des Auges mit dem Umkreise des Herzens und die äußere Erhebung mit der
innern und steigt im physischen Himmel dem idealistischen nach Denn dieselbe
Kraft die vor großen Gedanken unser Haupt und unsern Körper erhebt und die
Brustöhle erweitert richtet auch schon mit der dunkeln Sehnsucht nach Größe
den Körper auf und die Puppe schwillt von den Schwingen der Psyche ja an
demselben Bande woran die Seele den Leib aufzieht muss ja auch dieser jene
heben können
Wenigstens flog Albano zu Fuß den Berg hinab um mit dem Bache fortzuwaten
der in die weissgrüne BirkenHolzung sich abzukühlen floss Schon öfters hatt
ihn seine RobinsonadenSucht nach allen Strichen und Blättern der Windrose
fortgeweht und er ging gern mit einer unbekannten Straße ein hübsches Stück
Weg um zu sehen welchen sie selber einschlage Er lief am silbernen
AriadnensFaden des Baches tief ins grüne Labyrinth und wollte durchaus unter
die Hintertüre des langen Dickichts vor eine weite Perspektive gelangen er
gelangte nicht darunter die Birken wurden bald lichter bald düsterer der
Bach breiter die Lerchen schienen draußen in hoher Ferne über ihm zu singen
aber er bestand auf seinem Kopf Die Extreme hatten für ihn von jeher
magnetische Polarität wie die Mitte nur Indifferenzpunkte so war ihm zB
außer dem höchsten Stande des Barometers keiner so lieb als der tiefste und der
kürzeste Tag so willkommen als der längste aber die Tage nach beiden fatal
Endlich nach dem Fortschritte einiger Stunden in Zeit und Raum hört er
hinter den lichtern Birken und hinter einem stärkeren Rauschen als des Baches
seinen Namen von zwei weiblichen Stimmen öfters leise und lobend nennen Jetzt
galoppierte er gleichgültig gegen das Wagen der Lunge und des Lebens keuchend
wieder zurück sein Name wurde lange danach wieder um ihn genannt aber
schreiend seine heimliche Schutzheilige die Kastellanin der Senne tat
seinetwegen diese Notschüsse unten am Berge
Er kam hinauf und die runde Tafel der Erde lag hell und
sonderbarerweichend um sein durstiges Auge Wahrhaftig die weite Ferne samt der
Müdigkeit musste den Zugvogel hinter dem Sanggitter der Brust an seine fernen
Länder und Zeiten erinnern und ihn damit wehmütig machen als so die mit roten
Dächern buntgefleckte Landschaft vor ihm ihre weißen leuchtenden Steine und
Teiche wie LichtMagnete und Sonnensplitter auslegte als der lange graue
Strassendamm nach Lindenstadt deren Prospekte im Sommerstübchen hingen und wovon
zwei Turmspitzen oben aus dem Gebirge keimten vor ihm die fernen Wanderer
hinauftrug in die für ihn geschlossene Stadt und als ja alles nach Westen
flog die vorbeizischenden Tauben die über die Saaten wogten und die
Wolkenschatten die leicht über hohe Gärten wegliefen Ach das jüngste Herz hat
die Wogen des ältesten nur ohne das Senkblei das ihre Tiefe misset Das
gelehrte Deutschland macht sich merk ich seit mehreren Zykeln auf große Fata
und Fatalitäten gefasst die diesem Sennentage meines Helden die nötige Würde
geben ich der sie am ersten wissen müsste weiß gegenwärtig noch von keinen
Aus der Kindheit ach aus jedem Alter bleiben unserm Herzen oft Tage
unvergänglich die jedes andere vergessen hätte so ging dieser nie aus Albanos
seinem Zuweilen wird ein kindlicher Tag auf einmal durch ein helleres
Aufblicken des Bewusstseins verewigt in Kindern zumal solchen wie Zesara ist
dreht sich das geistige Auge weit früher und schärfer nach der Welt innerhalb
der Brust als sie zeigen und wir denken
Jetzt schlugs ein Uhr im Schlossturme Der geliebte nahe Ton der ihn an
seine nahe Pflegemutter und an das versagte Essen erinnerte und der Anblick
der kleinen Blinden die schon ihren Holzzweig vom Brotbaum oder ihr dürres
Renntiermoos in Händen hatte und der Gedanke dass doch heute der Geburtstag
des Pflegevaters sei und die unsägliche Liebe für seine gekränkte Mutter der
er oft plötzlich einsam an den Hals fiel und sein von der Natur betauetes Herz
machten dass er zu weinen anfing Aber der Trotzkopf ging darum nicht nach
Hause nur die Älplerin war ungeheissen fortgelaufen um der suchenden Mutter den
Flüchtling zu verraten
Er wollte in dieser Mittagsstille der kleinen blinden Lea auf deren Gesicht
ein sanftes weiches Zugwerk durch die Punktation der Blattern leserlich
durchlief einige Worte oder doch den langen Stecken womit sie die Tauben von
den Erbsen und die Spatzen von den Kirschen treiben musste mitarbeitend
abgewinnen aber sie drückte schweigend den Arm fest auf die Augen blöde vor
dem vornehmen jungen Herrn Endlich brachte die Frau das Gericht für den
verlorenen Sohn und von Rabetten noch dazu ein Riechfläschchen voll DessertWein
Albine von Wehrfritz gehörte unter die Weiber die ungleich den Staaten
nur ihr Versprechen halten aber keine Drohung die den nürnbergischen
Forstämtern gleichen welche auf den kleinsten Waldfrevel eine Strafe von 100
Fl setzen und in derselben Stunde sie auf 100 Kreuzer moderieren22 die aber
ihre Gesetze wie Solon seine auf 100 Jahre nach Verhältnis ihres kleineren
Staats doch auf 100 Sekunden hinaus geben
13 Zykel
Ich würde mehr aus Albanos Gedächtnismahl machen das er wie ein Erwachsener im
Stübchen tranchieren und mit seiner Hausgenossenschaft teilen und wozu er sich
selber einschenken konnte ging ich nicht wichtigern Begebnissen entgegen die
während dem Zurücktragen des Tafelgeschirres vorfielen Albano ging hinaus
indem das ganze Meer seines Innern vom Wein und vom Vormittage phosphoreszierend
leuchtete und der blaue Himmel flatterte heftiger wehend um ihn er hatte das
Gefühl als sei der Morgen schon seit langem vorüber und er erinnerte sich
desselben mit weicher Regung wie wir uns alle in der Jugend der Kindheit im
Alter der Jugend sogar abends des Morgens und die Bilder der Natur rückten
näher heran und bewegten ihre Augen wie katholische So bringt uns die Gegenwart
nur Bilder zu optischen Anamorphosen und erst unser Geist ist der erhabene
Spiegel der sie in schöne MenschenFormen umstellet Mit welchem süßen
Untertauchen in Träume tat er wenn er dem östlichen Wehen entgegenging die
Augen zu und zog das Getöse der Landschaft das Schreien der Hähne und Vögel und
eine Hirtenflöte gleichsam tiefer in die verschattete Seele hinein Und wenn er
dann am Gestade des Berges die Augen wieder öffnete so lagen friedlich drunten
im Tale die geweideten weißen Lämmer neben dem Flötenisten und oben am Himmel
lagerten sich die glänzenden Lämmerwolken über sie hin
Inzwischen mocht ers einmal versehen und blind zu weit in das Gärtchen
die Blinde sah ohnehin nicht tappen die Arme offen voraushaltend um sich
nichts auszustossen als an seiner Brust eine zweite anlag und er aufsehend
das bebende Mädchen so nahe an sich fand das seitwärts abgebogen stammelte
»Ach nein ach nein« »Ich bins nur« sagte der Unschuldige sie fassend
»ich tue dir ja nichts« Und er hielt sie als sie demütigfurchtsam vertrauete
noch ein wenig fest und schaute auf den gebückten Kopf mit süßer Regung nieder
Herzlich gern hätt er der Erschreckten Schmerzengelder und Benefiziate in
dieser Komödie für die Armen gegeben er hatt aber nichts bei sich bis ihm zum
Glück seine Schwester Rabette von welcher Bandagistin er irrig schloss dass
mehrere Mädchen des Teufels auf Bänder sind und sie wie Taschenspieler
verschlingen aber nicht wiedergeben und sein neues Zopfband einfiel Er
spulte freudig das lange seidene Wickelband von seinem Kopf an ihren Aber die
liebliche Nachbarschaft das Flechtwerk eines feinern innern Bandes und die
Süßigkeit zu geben und das Vivace seines angeborenen Übermasses machten dass er
ihr gern das Dresdner grüne Gewölbe in die Schürze gegossen hätte als ein
Schnurrjude mit seinem kleineren seidenen auf dem Magen und mit einem Sack voll
eingekaufter Haare auf dem Rücken die Pestitzer Straße hinzog Der Jude ließ
sich wohl herrufen aber nichts ableihen trotz allen ausgestellten Wechseln auf
Eltern und Taschengelder Ach ein herrliches rotes Haubenband hätte Leas blinden
Augen so gut wie eine rote Aderlassbinde der Wunde getan Denn eine blinde Frau
putzet sich so gern als eine sehende sie müsste denn eitel sein und mehr sich im
Spiegel gefallen wollen als andern außer demselben Der Handelsmann ließ gern
das Band von ihr befühlen und sagte er handle auf den Dörfern Haare ein und
gestern hätten ihm die Wirtskinder durch einen brennenden Schwamm seinen ganzen
Sack voll Chignons in kurze Wolle verkrümelt und wenn ihm die junge Herrschaft
ihr braunes Haar bis an das Genicke ablassen wolle so solle sie das Band und
einen noch sehr brauchbaren ledernen Zopf aus der würzburgischen Fabrik auf der
Stelle dazu haben Was war zu tun Das Band war sehr rot Lea wars vor
Hoffnungen der Jude sagte er packe ein der Haarzopf lief ohnehin bisher wie
ein zweites Rückgrat über das ganze erste hinab und wurde für Alban durch das
langweilige Einwindeln an jedem Morgen ein Sperrstrick und eine Trense seines
Feuers Kurz der arme Rupfhase trat dem Juden die königlichfränkische
Insignie ab und schnallte die würzburgische Scheide an
Und nun schüttelte er ihre Hand recht derb auf und ab und sagte mit einem
ganzen Paradies voll liebender Freudigkeit auf dem Gesicht »Das Band ist dir
wohl recht lieb du armes blindes Ding« Jetzt bestieg der unaufhörliche Mäzen
gar den Kirschbaum um droben für Lea als ein lebendiger Popanz den Spatzen die
Kirschen zu verleiden und ihr als ein Fruchtgott mehrere Paternoster und
Fruchtschnüre von letztern herunterzuwerfen
Beim Himmel droben unter den Herzkirschen schienen ordentliche
Wolfskirschen auf den Kopf des Knaben zu wirken wie die Erde ihre finsteren
Mittelalter hatte so haben oft Kinder finstere Mitteltage voll lauter
Kapuzinaden und Gickse Auf den hohen Ästen schimmerten ihn die wachsende
Landschaft und die auf die Berge niederfallende Sonne und besonders die
Pestitzer Turmspitzen so himmlisch an dass er sich jetzt nicht Höheres denken
konnte als die Vogelstange neben ihm und keinen glücklichertronenden
KronAdler als einen auf der Stange
Aber nun bitt ich sämtliche Leserinnen entweder in das Schiesshaus
einzutreten oder sich mit der Soldatenfrau daraus die fortläuft und den Frevel
der gnädigen Frau anzeigt mit wegzumachen weil wenige von ihnen es neben mir
aushalten dass unser Held der Stammhalter des Titans von einigen
PachtersKnechten denen noch dazu Albine das RemarschReglement seines
eiligern Kommens mitgegeben auf ein Querholz das unterhalb des Hakens der
Vogelstange eingefuget ist festgesetzet und mit dem Unterleibe an diese
angebunden und so in der Luft waagrecht liegend allmählich durch den weiten
Bogen aufgehoben und mitten im luftigen Himmel aufgestellet wird Es ist arg
aber die Knechte konnten den Bitten seiner mächtigen Augen seinem malerischen
Willen und Mute und den angebotnen Rekompensen und Krönungsmünzen unmöglich
widerstehen und dabei wog er ja nur halb so viel wie der letzte Vogel
Ich bin dir doch gut Kleiner trotz deinem starren zwischen Kopf und Herz
gebauten Wagehals Deine monströsen BarockPerlen von Kräften wird die Zeit wie
im grünen Gewölbe Künstler physische Perlen schon noch zum Bau einer schönen
Figur verbrauchen
Die Reichsgeschichte unsers Reichsadlers auf seinem Stativ die sich
zugleich über die Ereignisse ausbreitet welche auf dem Berge vorfielen als der
Schachtelmagister und der Landschaftsdirektor zufällig zur besetzten Vogelstange
kamen soll ungesäumt gegeben werden, wenn wir den 14ten Zykel haben
14 Zykel
Der Magister Wehmeier der sich von weitem die Gestalt und das Bewegen des
Vogels nicht erklären konnte hatte sich heraufgemacht und sah nun zur
Kreuzeserhöhung des Zöglings hinauf Er stürzte anfangs ins Plongierbad des
EisSchauders über die Kühnheit aber er stieg bald aus ihm heraus unter das
Tropfbad des Angstschweisses den an ihm der Gedanke ansetzte in jeder Minute
falle der Eleve herab und zerschelle in 26 Trümmer wie Osiris oder in 30 wie
die mediceische Venus »Und das jetzt« dacht er hinzu »da ich den jungen
Satan in Sprachen soweit gebracht und einige Ehre an ihm erlebte« Daher filzte
er nur die Hebemaschinisten aber nicht den Hochwächter aus weil zu besorgen
war unter dem Verantworten rutsch er droben aus Den optischen Wagen mit
welchen der Teufel den im Angstkreise befestigten Magister zu überrennen drohte
kam endlich ein wahrer nachgefahren worin der künftige Landschaftsdirektor
saß Ach lieber Gott Der Direktor schöpfte ohnehin allezeit beim Minister die
ganze Gallenblase voll bitterer Extrakte ein bloß weil er dort artigere und
stillere Kinder vorfand ohne doch zu bedenken wie hundert Väter die hier mit
angefahren werden müssen dass Kinder wie ihre Eltern sich Fremden besser
präsentieren als sie sind und dass ihnen überhaupt das Stadtleben statt der
höckerigen dicken Borke des Dorflebens die glatte weiße BirkenFolie überlege
indes sie am Ende wie ihre Eltern und Hofleute nur gleich Kastanien an der
Aussenschale abgeschliffen innen aber verdammt borstig anzufühlen sind So gewiss
werden den feinsten Mann vom Lande immer wenigstens Prinzen und Minister
überlisten die zehn Jahr alt sind gesetzt auch er nehm es leichter mit
ihren Vätern auf
Als Wehrfritz seinen Pflegesohn auf dem Schreckhorne horsten sah und den
Schachtelmagister unten der hinaufschauete so bildete er sich ein der
Instruktor hab es veranstaltet und fing laut an ihm aus dem zugesperrten
Wagen einen kleinen Himmel voll Donnerwetter und Donnerschläge auf den Hals zu
fluchen Der verfolgte Wehmeier fing auf dem Berge auch an laut zum
Schreckhorne hinaufzuzanken um dem Direktor dazutun dass er seines Amtes warte
und mit dem Hammer des Gesetzes als mit einem bildenden Tiefhammer so gut wie
einer am Zögling schmiede Die Soldatenfrau rang die Hände die Knechte
stellten sich zur Kreuzesabnehmung an der arme glühende Kleine zog sein Messer
und rief herab »er schneide sich gleich los und werfe sich hinab sobald einer
jetzt die Stange niederlasse« Er hätt es auch getan und sein Leben und
meinen Titan frühzeitig ausgemacht bloß weil er die Schande der väterlichen
Real und VerbalInjurien vor so vielen Leuten ja im Wagen saß gar ein fremder
Herr ärger noch als Selbstmord und Hölle floh Allein der Direktor selber
voll Tollkühnheit und doch voll Hass derselben am Kinde ließ es darauf ankommen
und rief entsetzlich nach dem Bedienten der den Schlüssel zur Wagentüre hatte
er wollte heraus und hinauf Er war unbeschreiblich erboset erstlich weil er
hinten dem Wagen einen Österleinschen Flügel als Angebinde des heutigen
Freudentages aufgebunden ach Albano warum hören deine Freuden wie die
Schleifer eines Bierfiedlers mit einem Misstone auf und zweitens weil er
drinnen einen Sing Tanz Musikund FechtMeister aus dem polierten glänzenden
MinistersHause für Albano neben sich auf dem Polster als Zuschauer der
Debutrolle sitzen hatte Gottlieb sprang vom Bocke vor die Wagentüre fuhr
fluchend durch alle Taschen der Wagenschlüssel war in keiner Der inkarzerierte
Direktor arbeitete im Tierkasten wie ein wedelnder Leopard und sein Grimm
sprang wie ein Löwe den ein Jäger nach dem andern anschiesset gegen den
dritten an Alban sägte auf allen Fall im Stricke hin und her Der
Schachtelmagister war am besten dran denn er war halbtot und vernahm hinter
seinem in saurem Angstschweisse geronnenen kalten Körper wenig mehr von der
Außenwelt sein Ich war fest und gut wie Schnupftabak in kühles Blei verpackt
Ach mit dem geängstigten Knaben leid ich stärker als säss ich mit auf der
Stange seinem rührendedlen Angesichte mit der feingebogenen Nase wirft die
westliche Aurora und die Scham den Purpur über und die tiefe Sonne hängt sich
küssend an seine Wangen gleichsam an die letzten und höchsten Rosen der dunkeln
Erde und er muss die trotzigblickenden Augen von der geliebten Sonne und von
dem Tage der noch auf ihr wohnt und von den beiden Lindenstädter Turmknöpfen
die zu ihren Seiten glimmen wegziehen und die kräftiggezeichneten und
scharfwinklichten Augenlider welche Dian mit den zu heroischen und
durchgreifenden am ChristusKinde der aufsteigenden Madonna von Raffael
verglich bange auf den schwülen Zank des tiefen Bodens niederschlagen
Gottlieb trieb mit aller Mühe den Wagenschlüssel nicht auf denn er hatt
ihn in der Tasche und in der Hand und wollt ihn aus Schonung für den jungen
Herrn den die ganze Dienerschaft so »fresslieb« hatte wie den Kegelplatz nicht
gern herausgeben Er votierte auf das Herholen des Schlossers aber der Kutscher
überstimmte ihn mit dem Rate lieber gleich vor die Werkstatt hinzufahren und
schnauzte die Pferde an und fuhr den inhaftierten Kontroversprediger in seiner
Kanzel mit dem aufgepackten Österleinschen Flügel im Trabe davon Das wenige
was der Bombardeur unter Gottliebs Aufsitzen noch aus dem Wagen werfen konnte
bestand darin dass er ein Fenster einstiess und aus der SchiessScharte noch
einige der nötigsten nachbrennenden Schüsse zum UnglücksVogel auf der Stange
hinauftat
Jetzt bekam der Magister seinen Mut und Ärger wieder und er gebot kühn das
Herunternehmen des Absaloms Indem das Kind mit der Sitzstange vor ihm
vorübersank legte er die fünf Schneidezähne der Finger wie ein Rostral in die
Kopfhaut und rastrierte damit am Hinterkopfe herab in der Absicht die krumme
Linie des Haars spielend dadurch zu rektifizieren dass ers mit seiner Hand wie
mit dem Frosch eines Fiedelbogens mäßig anzog als er zu seinem Erstarren meinem
Helden den würzburgischen Zopf wie eine Schwanzfeder ausriss
Wehmeier besah staunend die cauda prendensilis den Wickelschwanz und
durch seine auf den kleineren Fehler gelenkte Aufmerksamkeit gewann Albano dabei
soviel wie Alcibiades bei dem abgehackten Schweife seines Robespierre Der
Magister dankte Gott dass er heute nicht mit dem alten Wehrfritz soupieren
durfte und schickte verblüfft ihn mit dem Vexierzopfe nach Haus
15 Zykel
Die gutherzige Albine hatte den ganzen Tag vor dem Ehegemahl allen brennenden
Stoff da die Vitriolnaphta seines Nervengeistes schon von weitem Zornfeuer
fing weggeräumt damit nichts ihre Lustschlösser in Brandstätten der Freude
umkehrte ja als Vorstadt des abendlichen himmlischen Jerusalems hatte Rabette
ein vorbeiziehendes Orchester aus Bergknappen ins Kabinett der Tafelstube
versteckt und für Albano hatte Albine schon eine heraldische Tracht
ausgesonnen worin er ihm die Vokation der Landschaft überreichen sollte ach
was hatte aber die Frau davon als Flammen die der eintretende Wehrfritz
auswarf indes er wie ein Kamel in seinem Magen noch einen kalten langen
Wasserstrahl für das Anspritzen des Magisters aufhob
Albine die wie die meisten Weiber das männliche Steinigen mit
Gallensteinen für die 50 Pfd Passiersteine nahm die einem Passagier auf der
Ehepost frei passieren gab ihm anfangs wie immer heiter recht und verbarg
jede Zähre des Unmuts weil kaltes Besprengen Männer und Salat verhärtet dann
nahm sie das Recht stufenweise zurück macht aber den Tadel erst auf ihrer
Zunge mild wie die Wärterinnen das Waschwasser der Kinder im Munde lau machen
und sagte zuletzt er solle das Kind nur ihr überlassen
Aber so schwillet uns unter der Hand der alte Wehrfritz zu einem
apokalyptischen Drachen zu einem Tiere von Gevaudan und Wütriche auf und er
ist doch nur ein Lamm mit zwei Hörnchen Hatt er nicht an seinem Geburtsfeste
im Karrenjahre seines frönenden Lebens einen Anspruch auf einen erleichterten
Abend wenigstens bei einem Kinde das er stärker liebt als seines und für das
er einen Flügel und Lehrer aufgeladen Und hatt er ihm ob er gleich selber
zuviel wagte und ausdauerte es nicht hundertmal verboten ihm nachzuahmen und
sich auf Pferde oder in Sturmwinde in Platzregen und Schneegestöber zu setzen
Und kam er nicht vom pädagogischen Knutenmeister dem Minister her dessen
Erziehungsanstalt nur eine längere Realterrition und kürzere Verdammnis war Und
macht nicht der Anblick strenger Eltern strenger der Anblick milder hingegen
nicht milder
Albano begegnete zuerst Rabetten mit seiner ledernen Hinterachse in der
Hand auf seinem trotzigen Wege zum Studierzimmer des Vaters und also zur
Regimentsstrafe vom rechten Revolutionstribunale Aber sie fing ihn von hinten
mit dem englischen Gruße »Bist du da Absalom« und setzte ihn gewaltsam nieder
und band ihm nach dem nötigen Erstaunen und Erfragen die HohlAder der Haare
knapp und unsanft an und zeigte ihm den Stosswind des väterlichen Zorns im
furchtbaren Lichte und die Windstille des musikalischen Bergdepartements
wieder im lächerlichen das neben der Tafelstube dieser Renn und Wildbahn des
hin und herlaufenden Direktors pausierend Friedenszeiten abwarte und entließ
ihn mit einem Kusse sagend »Du dauerst mich Schelm«
Er marschierte mit einem Trotze den das spannende Haar verstärkte ins
Tafelzimmer »Aus den Augen« sagte der funkelnde Sturmläufer Alban trat sofort
aus der Türe zurück zornig über den ungerechten Zorn und eben darum weniger
betrübt über den ungesunden da sein Wohltäter heftig an dem für den Geburtstag
gedeckten Tische auf und ablief und nach der alten Unart die fertig gebrannte
Kalkgrube seines Zorns mit Wein ablöschte
Wenige Minuten nach ihm kam auch die musikalische Akademie und Knappschaft
missmutig und in brummende Kontrabassisten verwandelt gegangen Es war ihnen im
trocknen Kabinett die Zeit lang geworden daher hatten der Bassonist und der
Violinist sich durch ein leises Stimmen unterhalten wollen Der Direktor der
nicht begreifen konnte was ihn immer für ein verlornes Getöne umfliege nahms
lange für melodisches Ohrenbrausen als plötzlich der Hammermeister des
Hackbretts seinen musikalischen Fäustel auf die besaitete Tenne fallen ließ
Wehrfritz riss den Augenblick die Türe auf und sah das ganze musikalische Nest
und Komplott bewaffnet vor sich im Zirkel sitzen und aufpassen er fragte sie
hastig »was sie im Kabinett zu suchen hätten« und befahl sogleich nach einer
flüchtigen Gabe der ganzen Besatzung ohne klingendes Spiel mit ihren ledernen
Tändelschürzen und culs de Paris abzuziehen
Albine winkte mit einem sanften Gesicht den geächteten Liebling ins
Nähzimmer wo sie ihn recht gelassen um die Wahrheit befragte weil sie wusste
er lüge nie Nach der Berichtserstattung stellte sie ihm wenig seinen Fehler
wiewohl sie dem gegenwärtigen Kinde ebenso gegen den abwesenden Mann unrecht
gab wie vorhin dem gegenwärtigen Manne gegen das abwesende Kind und mehr die
Folgen vor sie zeigte dabei machte sie ihm das Halstuch auf und um und einige
Westenknöpfe zu wie sich ihr Mann vor dem mitgebrachten zweiten Schulkonsul
mit 24 Faszibus dem Musik und TanzMeister Herrn v Falterle der sich droben
umkleide in Albanos Seele schäme wie der Tanzmeister es wohl gar an Don
Gaspard schreiben werde und wie ihrem guten Manne der ganze süße bemalte
GeleeApfel der heutigen Freude zu Wasser gemacht worden und er sich gerade an
einem solchen feierlichen Tage einsam härme und vielleicht den Tod hole vom
Trunke auf den Zorn Die Weiber stimmen gewöhnlich wie Harfenisten mit
geringen Fusstritten die ganzen Töne der Wahrheit unter dem Spielen zu halben um
Nachdem sie ihm noch die väterlichen Abendgewitter vorgerechnet die er immer
durch sein Reiten und durch seine Robinsonschen Entdeckungsreisen über sich
hergezogen und deren Schläge nur immer den Wetterableiter sie selber
zerschmolzen hätten so setzte sie mit jener rührenden nicht aus der knöchernen
Kehle sondern aus dem wallenden Herzen fließenden Stimme dazu »Ach Alban du
wirst einst an deine Pflegemutter denken aber zu spät« und weinte recht sanft
Bisher waren in ihm die strengflüssigen Schlacken und der geschmolzene Teil
seines Herzens nebeneinander aufgewallet und der warme Guss war höher und heißer
im Busen emporgedrungen nur das Gesicht war kalt und hart geblieben denn
gewisse Menschen haben gerade im Punkte der Zerfliessung den Anschein und die
Anlage der Verhärtung am meisten wie der Schnee kurz vor dem Zerschmelzen
gefriert aber jetzt riss er sich durch das Ziehen am zu dicht angegürteten
Zopfe welches das verlegne Zeichen des nahen Durchbruchs war das würzburgische
Anhängsel im Krampfe der Ergrimmung über sich heraus Eh Albine es sah hatte
sie ihm die DirektoratsBestallung mit den Worten gereicht »Kaum sollt ich
aber brings ihm nur und sage es wäre mein Angebinde und du wolltest künftig
ganz anders sein« Allein da sie seine Hand bewaffnet sah fragte sie
erschrocken mit dem tiefen Nachklange einer verschmerzten Vergangenheit
»Alban« und kehrte sich sofort vom armen Kinde dessen Schmerz sie missverstand
mit zu bitteren Tränen weg und sagte »Was ist denn das wieder O wie quält ihr
heute alle mein Herz Geh fort« »O komm her« rief sie ihm nach »und
erzähl die Umstände« Und als ers unschuldig und wahr getan hatte so konnte
ihre von Tränen überwältigte Stimme nicht mehr tadeln sondern nur milde sagen
»Trage denn das Angebinde hin« Dennoch hatte sie vor beim Manne die
Abbreviatur des Haars für einen Gehorsam gegen ihren Willen und gegen die Mode
der vornehmen Stadtkinder auszugeben
Alban ging aber auf dem harten Wege zersprangen die gefüllten Tränendrüsen
und das angehaltene Herz und er trat mit fortweinenden Augen vor den einsamen
Pflegevater der den müden und sinnenden Kopf aufstützte und reichte ihm weit
voraus das grossgesiegelte Schreiben hin und konnte nur sagen »Das Angebinde«
und weiter nichts und Funken sprangen mit den Gewittertropfen aus den heißen
Augen Lege dich Unschuldiger leise an des Vaters aufgeknöpfte Brust und lasse
dich von seiner Linken indem er den Zauberkelch der Ehre mit der Rechten hält
und sich aus ihm betrinkt durchaus nicht wegstemmen Die abtreibende Hand wird
endlich nur schlaff und ohne Schwere auf deinen nassen Feuerwangen und warmen
Augen voll Busse zu pulsieren kommen dann wird der Alte das Dekret noch
langsamer wieder überlesen fast um den ersten Laut zu verschieben dann wird
er wenn du unbeschreiblichungestüm seine Hand in dein küssendes Angesicht
eindrückest sich stellen als wach er eben auf und wird salpeterkalt sagen
mit Schimmern der Augen »Rufe die Mutter« und dann wird er wenn du dein
glühendes von Liebe zuckendes Gesicht unter den herübergefallnen Haaren gegen
ihn aufhebst und wenn diese sanft von deinen Kirschenwangen zurückschlagen
seinem weglaufenden Lieblinge ziemlich lange nachschauen und aus seinen Augen
etwas wegstreifen damit er die Adresse des Diploms so überlaufen könne wie er
will
Sag Albano hab ich recht geraten
16 Zykel
Jede Ehrensäule erhebt das Herz eines Mannes den man daraufstellt über den
Brodem des Lebens über die Hagelwolken der Drangsale über den Frostnebel der
Verdriesslichkeit und über die brennbare Luft des Zorns Ich will das
Zauberblatt einer günstigen Rezension einem knirschenden Werwolfe vorhalten
sofort steht er als ein leckendes Lamm mit quirlendem Schwänzchen vor mir und
könnte eine Frau ihrem hitzigen Schriftsteller jedesmal ein kritisches
Trompeterstückchen auf Famas Trompete vorblasen er würde einem Engel und sie
jenem Bierfiedler gleich der im Bärenfange den Saul von Petz durch Tanzstücke
besänftigte
Wehrfritz kam als ein neugeborner Seraph Albinen entgegen und erzählte die
Ehre Ja um die Explosionen seines Ätna ihr abzubitten sagte er nicht wie
sonst nolo episcopari er sagte nicht eine unersteigliche Bergkette von
Arbeiten setze sich jetzt um ihn fest sondern statt dieses verlegnen
Zurückziehens der Hand vor dem ausschüttenden Fruchtorne des Glücks statt
dieser jungfräulichen Blödigkeit des Entzückens die Gattinnen gemeiner ist
legt er die Herzhaftigkeit einer Witwe an den Tag und sagte Albinen ihre
Wünsche des heutigen Morgens wären schon zu Gaben geworden und fragte wo denn
der versprochene Abendschmaus und die Leute und der Magister und der
Tanzmeister den jener gar noch nicht gesehen hätte und Rabette und alles
steckte
Aber Albine hatte dem Magister schon längst durch Albano die Einladung und
das Verziehen aller Gewitter und des neuen Kommis Ankunft sagen lassen Wehmeier
aß eigentlich mit dem größten Widerwillen bei einem Edelmanne bloß weil er wie
ein speisender Akteur des Tisches mit Reden savoir vivre Aufpassen Halten
aller Gliedmaßen und Spedieren aller Esswaren so viel zu tun hatte dass er aus
Mangel an Musse kleine Dinge zB Essiggurken Kastanien Krebsschwänze bloß
im ganzen und ohne Geschmack verschluckte so dass er nachher das Hartfutter wie
einen verschlungnen Jonas oft drei Tage in der Weidtasche seines Magens
herumtragen musste Allein diesesmal zog er sich gern zum Essen an weil er auf
seinen pädagogischen Nebenmann neugierig und ungehalten war und das aus Angst
der neue Mitpächter gebe vielleicht die herrliche Wintersaat in Albans besäetem
Lande für seine eigne Sommersaat aus Er schrieb seiner abbrevierten Lehrmetode
alle Wunderkräfte seines Lehrlings dh dem Boden aus Wasser den aromatischen
Geist der Pflanze zu die darin wuchs23
Mit größerer nachsichtiger Liebe kam er den halbierten Liebling eigenhändig
führend vor Rabettens Kabinett in einem saftgrünen Flaus mit dreiblättrigem
Kragen an »Herr von Falterle hier« sagte bei seinem Eintritt Rabette
nicht aus Neckerei sondern aus Unbesonnenheit »meinten vorhin Sie wärens als
der Hund hereinwollte« »Mein Herr« versetzte kalt und ernst der Paradeur
von Falterle neben unserm Ackergaule»der Hund kratzte an der Türe aber sowohl
bei dem Minister als in allen großen Häusern in Paris kratzet jedermann mit dem
Fingernagel wenn er bloß in ein Kabinett und in kein großes Zimmer will«
Welcher herrliche malerische Abstand beider Amtsbrüder Der
Exerzitienmeister mit der bunten Flughaut oder Rückenschürze eines gelben
Sommerkleidchens gleichsam mit den gelben Oberflügeln eines Buttervogels
dessen dunkle Unterflügel das Gilet wenn ers aufknöpft vorstellen Wehmeier
aber im geräumigen saftgrünen Flause hängend den ein Zeltschneider um ihn
gespannt zu haben scheint und mit Unterleib und Schenkeln in der
schwarzsamtnen Halbtrauer der Kandidaten pulsierend die sie anlegen ehe sie
sich zur ganzen verkohlen Falterle hat sein Glatteis von Beinkleidern
plattiert um die Beine gegossen und jede Falte in diesen bricht sich in seinem
Gesichte zu einer als wäre dieses das Unterfutter von jenen indes an den
Schenkeln des Schachtelmagisters die Wendeltreppe seiner Wickel 24 aufläuft
jener in Brautschuhen dieser in Pumpenstiefeln jener schnalzt als eine weiche
schleimige Goldschleie empor mit den Bauchflossfedern des Jabots mit den
Seitenflossfedern der Manschetten und mit den Schwanzflossfedern des an drei
HermelinSchwänzchen hängenden trinomischen Würzelchens oder Zöpfleins der
Magister sieht in seinem grünen Flause bloß wie der grüne Schnäpel Weissfisch
oder die Kalquappe aus herrlicher Abstich wiederhol ich
Der Schnäpel hätte die Schleie gern gefressen als der Goldfisch mit dem
rechten Arme Rabetten und mit dem linken Albano zum Essen vorausführte Aber
jetzt wurd es viel ärger Alban hatte mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit die
Serviette zuerst offen die nun gleichsam das Antrittsprogramm und Dokimastikum
von Falterles Lehrart wurde »posément Monsieur« sagt er zum Novizen »il
est messéant de déplier la serviette avant que les autres ayent déplié les
leurs«25 Nach einigen Minuten gedachte Alban seine Suppe es war eine à la
Britannière mit Locken kalt zu blasen »Il est messéant Monsieur« sagte der
Exerzitienmeister »de souffler sa soupe«26 Der Schachtelmagister der schon
mit dem Gebläse seiner Brust zu einem Zugwinde für einen Löffel voll Locken
angesetzt hatte schnappte erschrocken mit einer Windstille ab Als nachher eine
farschierte Weisskohlbombe wie eine Zentralsonne auf das Tischtuch niederfiel
schlang der Magister den brennenden KalbfleischFarsch kühn hinein wie ein
Taschenspieler oder Vogel Strauss glimmende Kohlen und atmete mehr ein als
auswärts
Nach der Bombe kam ein Hecht au four herein dem bekanntlich der Wegschnitt
des Kopfes und Schwanzes und die Verschlossenheit des Bauchs die Gestalt eines
Rehziemers schenken Als Alban seinen alten Lehrer fragte was es wäre
versetzte solcher »Ein delikater Rehziemer« »Pardonnez Monsieur« sagte der
Gegenzüngler »cest du brochet au four mon cher comte mais il est messéant
de demander le nom de quelque mets quil soit on feint de le savoir«27
Es ist leicht zu zeigen dass dieser Kernschuss aus einer Doppelbüchse dem
Magister durch Mark und Bein durchfuhr die PassionsInstrumente die im
weggeschnittenen Kopfe des Hechts au four wie in einer Gewehrkammer lagen
arbeiteten in seinem weiter Wie die meisten Schullehrer glaubt er so lange die
feinste Lebensart zu haben als er sie dozierte und die gröbste bekriegte
ebensolange schätzt er sie ungemein so wie den Putz wurd er aber in beiden
besiegt so musst er sie von Herzen verachten Es bracht ihn wieder auf die
Beine dass er den Exerzitienmeister im stillen bei sich gegen beide Katos und
die homerischen Heroen hielt die nicht viel besser aßen wie Schweine und dass
er so den Wiener an einen Schandpfahl anband und ihn daran mit der einen Hand
wacker drasch indes er mit der andern über ihm die Schandglocke läutete Ja er
stellte sich um den Amtsbruder klein zu machen auf einen fernen Irrstern und
sah herunter auf die Bombe und auf den Hecht au four und musste droben auf seinem
Planeten sehr herablachen als er den gelbseidnen Ladenhüter der Natur mit dem
Wrack von Gehirn nicht größer befand als einen Kleisteraal Dann dauerte ihn der
verlassne Zögling und er fiel wieder herunter und schwur unterwegs aus ihm
jeden Tag so viel auszujäten als jener einharke
Wir werden es noch bald genug erfahren wie Albans Nerven auf dieser
Drechselbank unter den Schlichtobeln zuckten Den Direktor labte dieses
pädagogische Schneiden und Brillantieren eines so großen Demants
unbeschreiblich wiewohl der Schnitt nach Jefferies allen Demanten die halbe
Schwere nimmt und wiewohl er selber noch die ganze hatte und mehrere Karats als
Facetten Wehrfritz konnte nie eher rein vergeben worauf er jetzt
hinarbeitete weil er dem Kleinen den Österleinschen Flügel mitgebracht als
bis er wenigstens mit einem Worte eine kurze Marter angetan er teilte also
blind gegen Albanos verhülltes blutiges Büssen den Gästen mit wie strenge der
Minister seine Kinder erziehe wie sie zB für unwillkürliches Husten und
Lachen an der Tafel gleich preußischen Kavalleristen welche stürzen oder im
Winde den Hut verlieren Strafen bekommen und wie sie freilich so alt wären wie
Albano aber völlig so gesittet wie Erwachsene Beim Minister hatt er heute
umgekehrt mit den Kenntnissen des Pflegesohns geprunkt aber manche Eltern
erbauen in jedem fremden Zimmer Rauchopferaltäre für dasselbe Kind das sie im
eignen wie Wein und Bienen schwefeln
Der Henker hol es überhaupt dass sie wie Landesväter gerade dann
verdoppelte Forderungen machen wenn die Kinder unmässige befriedigt haben so
dass diese durch opera supererogationis von majorennen Lernstunden die
Spielstunden mehrverwirken als erringen Hält man es nicht großen Philosophen
zB Malebranche und großen Feldherren zB Scipio zugute dass sie nach den
größten Eroberungen die sie im Reiche der Wahrheiten oder in einem
geographischen gemacht sich in die Kinderstube setzten und da wahre Kindereien
trieben um den Bogen womit sie so viele Lügen und Menschen zu Boden gelegt
sanft zurückzuspannen Und warum soll dieses Gleichnis womit der heilige
Johannes sich verteidigte wenn er sich eine Spielstunde mit seinem zahmen
Rebhuhne erlaubte nicht Kinder entschuldigen dass sie auch Kinder werden wenn
sie vorher den noch dünnen Bogen zu krumm angezogen haben
Aber nun weiter Der alte Wehrfritz referierte Rabetten ganz freundlich
»wie er heute die Pupille des Don Zesara die herrliche Gräfin de Romeiro
gesehen wahrhaftig 12 Jahre alt aber von einer Konduite wie nur eine Hofdame
habe und der Herr Ritter erlebe an seiner Mündel mehr Freude als sonst« Diese
harten klirrenden Worte rjetzten wie an einem Wasserscheuen die offenen Nerven
des ehrgeizigen Knaben da für ihn der Ritter bisher das Lebensziel der ewige
Wunsch und der frère terrible war womit man ihn bezwang aber er saß still
ohne Zeichen da und erstickte das schreiende Herz Wehrfritz kannte dieses
stumme Verbeissen gleichwohl handelte er so als hab ihn Albano nicht
verstanden
Nun fing auch der Wiener an in alle Ecken und Nischen des ministerialischen
Vatikans Leuchtkugeln zu werfen bloß um seine Tanz und Musikschüler darin und
sich selber günstig zu beleuchten Kann nicht die Tochter des Ministers kaum
zehn Jahre alt alle neue Sprachen und die Harmonika die Albano noch nicht
einmal gehört und schon vierhändige Sonaten von Kotzeluch und singt wie die
Nachtigall schon in unbelaubten Ästen und zwar Opernauszüge die ihre zarte
Nachtigallenbrust aushöhlen daher er fortgemusst Ja kann der Bruder nicht
noch weit mehr und hat alle Lesebiblioteken ausgelesen besonders die
Teaterstücke die er noch dazu auf Liebhaberbühnen auch spielt Und wird er
nicht gerade in dieser Stunde im heutigen bal masqué seine Sache recht gut
machen wenn er anders da den Gegenstand antrifft der ihn begeistert
Wehmeier tat unrecht dass er unserm Juwelenkolibri Falterle gegenübersass als
eine Ohreule oder Vogelspinne die bereit ist den Kolibri jede Minute zu rupfen
und zu fressen Wahrlich Falterle sagte nichts aus Bosheit er konnte niemand
verachten und hassen weil seine geistigen Augen in seinem aufgeschwollenen Ich
so tief saßen dass er damit gar nicht über das geschwollene Ich herausschauen
konnte er verletzte keine Seele und umflog die Leute nur wie ein stiller
Schmetterling nicht wie eine stechende sumsende Bremse und sog kein Blut
sondern Honig dh ein kleines Lob
»Sollte sich wohl Herr v Falterle« sagte Wehrfritz der alsdann sobald
er nur diesen kalten Wetterstrahl auf Albano heruntergetan hatte diesen nicht
mehr fliehend und kalt anschielen wollte »der junge Minister zuweilen auf eine
Vogelstange setzen wie unser Albano da« Das war zu viel für dich gequältes
Kind »Nein« sagte Albano ehern und mit der Freundlichkeit eines Leichnams
welche Nachsterben bedeutet und verließ mit einer optischen Wolke schweifender
Farben den unter seinen stummen Zuckungen knackenden Sessel und ging langsam mit
eingeklemmten Fingern hinaus
Der arme junge Mensch hatte heute nach der anscheinenden Vergebung seines
adamitischen Falles und nach dem Anblicke des geschmückten neuen Lehrers auf
den er sich schon so lange gefreuet und dessen graviertes glänzendes Gehäuse
gerade auf ein Kind imponierend wirkte die letzte Puppenhaut seines Innern
abgeworfen und sich viel vorgesetzt Irgendeine Hand riss vor einer Stunde seinen
innern Menschen aus der engen schläfrigen Wiege der Kindheit auf er sprang auf
einmal aus dem Wärmkorbe er warf Fallhut und Flügelkleid weit weg er sah die
weite toga virilis dort hängen und fuhr in sie hinein und sagte kann ich denn
nicht auch ein Jüngling sein
Ach du Lieber der Mensch besonders der rosenwangige hält betrogen so
leicht Bereuen für Bessern Entschlüsse für Taten Blüten für Früchte wie am
nackten Zweige des Feigenbaums scheinbare Früchte spriessen die nur die
fleischigen Hüllen der Blüten sind
Und nun indes alle Nerven und Wurzeln seiner Seele nackt an der harten Luft
blosslagen und bei so schönen frischen Trieben wurd er jetzt so oft
beschämend zertreten In seiner Seele glühte die Ehre durch die künftigen
Jahre wollte sie wie durch eine weiße Kolonnade von Ehrensäulen gehen schon
ein bloßer Alumnus aus der Stadt war seiner ruhm und wissensdurstigen Seele
ein klassischer Autor und sollt ers erdulden dass ihn bei dem Ritter der
Direktor verklagte und der Wiener verzeichnete Harte Tränen wurden wie Funken
aus der stolzen verletzten Seele geschlagen und den Kometenkern seiner innern
Welt zertrieb die Glut in einen schwülen Nebel Kurz er beschloss in der Nacht
nach Pestitz zu rennen vor seinen Vater zu stürzen ihm alles zu melden und
dann wieder nach Hause zu gehen ohne ein Wort davon zu sagen Am Ende des Dorfs
fand er einen eiligen Nachtboten den er nach dem Pestitzer Wege befragte und
der sich wunderte über den kleinen Pilger ohne Hut
Man sehe mit mir vorher nach dem Reste der Tischgenossenschaft Eben dieser
Bote überbrachte dem Wiener eine böse Neuigkeit die den so lange gelobten
MinistersSohn betraf der Roquairol hieß
Die obengedachte Pupille des Ritters die kleine Gräfin von Romeiro war
sehr schön Kalte hießen sie einen Engel und Warme eine Göttin Roquairol hatte
keine belgische Venen worin wie im Saturn alle Feuchtigkeiten als feste
gefrorne Körper liegen sondern afrikanische Arterien worin wie im Merkur
geschmolzene Metalle umlaufen Als die Gräfin bei seiner Schwester war
versucht er mit der Keckheit vornehmer Knaben sein mit einem Geäder von
Zündstricken gefülltes Herz als einen guten Brander auf ihres zuzutreiben aber
sie stellte die Schwester als Feuermauer vor sich Zum Unglück ging sie zufällig
als Werters Lotte gekleidet in die heutige Redoute und die Pracht ihrer
despotischen Reize wurde von lauter dunkelglühenden Augen hinter Larven
verschlungen und umbljetzt er nahm seine innere und äußere ab drang an sie und
forderte mit einiger Eile weil sie abzureisen drohte und mit einiger
Zuversicht auf dem Liebhaberteater errungen und mit pantomimischer
Heftigkeit womit er auf diesem immer die schönsten Nachtmusiken der
klatschenden Hände gewonnen nichts vor der Hand als Gegenliebe Werters Lotte
kehrte ihm stolz den prangenden Rücken voll Locken er lief außer sich nach
Hause nahm Werters Anzug und Pistole und kam wieder Dann trat er mit einem
physiognomischen Orkan des Gesichts vor sie hin und sagte das Gewehr
vorzeigend er mache sich hier auf dem Saale tot falls sie ihn verstosse Sie
sah ihn ein wenig zu vornehm an und fragte was er wolle Aber Werter halb
trunken von Lottens Reizen von Werters Leiden und von Punsch drückte nach
dem fünften oder sechsten Nein an öffentliches Agieren schon gewöhnt vor der
ganzen Maskerade das Schiessgewehr auf sich ab lädierte aber glücklicherweise
nur das linke Ohrläppchen so dass nichts mehr hineinzuhängen ist und
streifte den Seitenkopf Sie entfloh plötzlich und reiste sogleich ab und er
fiel blutend darnieder und wurde heimgetragen
Diese Geschichte blies viele Lampen an Falterles Ehrenpforte aus und an
Wehmeiers seiner an aber sie setzte auf einmal Albinen in Angst über den
ebenso wilden Tollkopf Albano Sie fragte nach ihm in der Domestikenstube und
der Bote half ihr auf die Spur durch den Knaben ohne Hut Sie eilte selber in
ihrem gewöhnlichen Übermasse der Angst durch das Dorf hinaus Ein guter Genius
der Hofhund Melak war da der Musculus Antagonista und Schlagbaum des
Flüchtlings geworden Melak wollte nämlich mit und Alban wollte einen dem
Schlosshofe so bedienten und öfter als der Nachtwächter darin abrufenden
Schirmvogt und Küstenbewahrer wieder heim haben Melak war in seinen Sachen
fest er verlangte Gründe nämlich nachgeworfene Prügel und Steine allein der
weinende Knabe dessen glühende Hände die kalte Schnauze des gutwilligen Viehes
erfrischte konnte ihm kein böses Wort geben sondern er drehte bloß den
wedelnden Hund um und sagte leise »Fort« Aber Melaken waren bloß laute
Dekrete etwas er kehrte immer wieder um und in diesen Inversionen während
welchen in Albanos ohnehin immer auf dem Brockengebirge stehenden Geist der im
Nebel Riesenformen ziehend wachsen sah seine Tränen und jedes unverdiente Wort
tiefer einbrannten fand ihn die unschuldige Mutter
»Albano« sagte sie freundlichverstellt »in der kalten Nachtluft bist du«
Von diesem Nachgehen und Anreden der allein beleidigten Seele wurde seine
volle der eine Ergiessung es sei durch Tränen oder Galle nötig war so sehr
ergriffen dass er mit einem gichterischen Reissen des überspannten Herzens an
ihren Hals aufsprang und sich daran aufgelöst und weinend hing Er konnte ihren
Fragen seinen harten Entschluss nicht gestehen sondern drückte sich bloß stärker
an ihr Herz Jetzt kam besorgt auch der bereuende Direktor nach den die
kindliche Stellung umschmolz und sagte »Närrischer Teufel hab ich es denn so
böse gemeint« und nahm zurückführend die kleine Hand Wahrscheinlich war
Albanos Zürnen durch die ergossne Liebe erschöpft und durch den versöhnten
Ehrgeiz befriedigt folgsam und sogar was sonderbar scheint mit größerer
Liebe gegen Wehrfritz als gegen Albine ging er mit ihnen zurück und weinte
unterwegs bloß aus zarter Bewegung
Als er ins Zimmer trat war sein Angesicht wie verklärt obwohl ein wenig
geschwollen die Tränen hatten den Trotz verschwemmt und alle sanfte
Schönheitslinien seines Herzens auf sein Gesicht gezogen wie etwa der Regen die
Himmelsblume die in der Sonne nicht erscheint in durchsichtigen zitternden
Fäden zeigt Er stellte sich aufmerkend an den Vater und behielt den ganzen
Abend dessen Hand und Albine genoss in der doppelten Liebe ein doppeltes Glück
und sogar auf den Gesichtern der Bedienten lagen zerstreute Stücke von dem
dritten Nebenregenbogen des häuslichen Friedens dem Bundeszeichen der
verlaufenen Wassersnot
Wahrlich ich hab oft den Wunsch getan und nachher ein Gemälde daraus
gemacht ich möchte dabeistehen können bei allen Aussöhnungen in der Welt
weil uns keine Liebe so tief bewegt als die wiederkehrende Es müsste
Unsterbliche rühren wenn sie die beladnen vom Schicksal und von der Schuld oft
so weit auseinandergehaltnen Menschen sähen wie sie gleich der Valisnerie28
sich vom sumpfigen Boden abreißen und aufsteigen in ein schöneres Element und
wie sie nun in der freiern Höhe den Zwischenraum ihrer Herzen überwinden und
zusammenkommen Aber es muss auch Unsterbliche schmerzen wenn sie uns unter
dem schweren Gewitter des Lebens gegeneinander auf dem Schlachtfelde der
Feindschaft ausgerückt erblicken unter doppelten Schlägen und so tödlich
getroffen vom fernen Schicksal und von der nahen Hand die uns verbinden sollte
Dritte Jobelperiode
Metoden der beiden Kunstgärtner in ihrer pädagogischen Pelzschule
Schutzschrift für die Eitelkeit Morgenrot der Freundschaft Morgenstern der
Liebe
17 Zykel
Wenn wir beide Schulstuben aufmachen so sehen wir den Schachtelmagister
vormittags über den zweidottrigen Eiern des Eleven sitzen und brüten und den
Exerzitienmeister nachmittags so wie der Tauber das Nest in jener Tagszeit die
Taube in dieser hütet
Wehmeier wollte nun so gut wie sein Nebenrenner sich mit ganz neuen Lehren
des Zöglings bemeistern aber neue für diesen waren neue für ihn selber Wie die
meisten älteren Schullehrer wußt er von der Sternkunde außer dem wenigen was im
Buch Josua stand und von der Naturkunde außer den wenigen Irrtümern die in
seinen eher vergessenen als zerrissenen Heften standen und von der Weltweisheit
außer der Gottschedianischen für die aber ein reiferer Eleve gehörte und von
andern Realien genau gesprochen nichts ausgenommen etwas Historie Kamen ihm
zuweilen in seiner literarischen Sarawüste in welche ihn die quälende
SchulstundenSchraube ohne Ende und die Bettel oder Kröpelfuhre eines mehr
verschlackten als vererzten Lebens ohne Geld verwiesen hatten neue Lehrmetoden
oder neue Entdeckungen zu Ohren zu Augen nie so merkt er den Augenblick dass
es seine eignen wären nur schwach abgeändert und er verhielt niemand das
Plagium Ich bitte aber alle seidene und gepuderte und lockige
PrinzenInstruktoren von Herzen verdenket meinem armen von den schweren dicken
Erdlagen des Schicksals tief überbaueten Wehmeier seine unterirdische Optik und
sein Krummstehen nicht zu sehr sondern zählt seine acht Kinder und seine acht
Schulstunden und seine nahen Funfziger in seiner LebensHöhle von Antiparos und
entscheidet dann ob der Mann damit wieder herauskann ans Licht Aber von der
Historie wußt er wie gesagt doch etwas und diese ergriff er als
pädagogischen Diebsdaumen und FortunatusWünschhut Hatt er nicht schon mit
jener epischen ausmalenden Paraphrase womit er die kleinste
MarktfleckenHistorie so interessant und lügenhaft erzählte denn woher will ein
guter Erzähler die 1000 kleineren aber nötigen Züge nehmen als aus der Luft
seinem Albano Hübners biblische äußerst rührend vorgetragen Und wer weinte
dabei mehr der Lehrer oder der Schüler
Nun hatt er drei historische Wege vor sich offen Er konnte den
geographischen einschlagen der mit der elendesten Geschichte von der Welt
anfängt mit der Landesgeschichte Aber bloß höchstens Briten und Gallier können
die Geschichte wie eine epische und eine Erdbeschreibung von hinten anfangen
hingegen eine haarhaarsche eine baireutische eine Mecklenburger
LandesväterPatristik gibt hohlen Zähnen hohle Nüsse aufzubeissen ohne Kern für
Kopf und Herz Und schwellet man nicht dadurch einen Holzzweig der Historie auf
welchen der Zufall der Geburt den jungen Borkenkäfer abgesetzt
unverhältnismässig zu einem Stammbaume derselben an Und was fragt man zB in
Berlin nach einer Markgrafen oder in Hof nach der hohenzollerischen
Regentenlinie
Die zweite Methode ist die chronologische oder die vornen anspannende diese
hebt vom Geburtstage der Welt an die nach Petav und den Rabbinen den 22sten
Oktober29 vormittags auf die Welt kam schreitet zum 28sten Oktober dem ersten
Flegel und Tölpeltage des jungen Adams dann über den 29sten den ersten Sonn
Buss und Karenztag hinweg und so fort bis zum Karenz und Busstage des neuesten
Adamssöhnchens das eben der Sache zuhorchen muss
Diese Milchstrasse war unserm Magister zu lang zu öde zu fremd Er schiffte
die mittlere Straße zwischen den vorigen die nach den reichen beiden Indien der
Geschichte führt nach Griechenland und Rom Die Alten wirken mehr durch ihre
Taten als durch ihre Schriften auf uns mehr auf das Herz wie auf den Geschmack
ein gefallenes Jahrhundert um das andere empfängt von ihnen die doppelte
Geschichte als die zwei Sakramente und Gnadenmittel der moralischen Stärkung
und ihre Schriften an welche ihre steinernen Kunstwerke jede Nachwelt heften
sind die ewige Bibelanstalt gegen jeden Verfall der Kansteinischen Aber nun
lasset uns an einem schönen Sommermorgen etliche Male vor der Rektoratswohnung
vorbeigehen und es außen mit anhören mit welcher Stimme der Magister drinnen
obwohl in altväterischen Wendungen aus dem Plutarch dem biographischen
Shakespeare der Weltgeschichte nicht die Schattenwelt von Staaten sondern
die darin glänzenden Engel der Gemeine zitiert die heilige Familie großer
Menschen und werfet im Vorbeigehen einen Blick auf das funkelnde Auge womit
der begeisterte Knabe an den moralischen Antiken hängt die der Lehrer wie in
einem Abgusssaale um ihn versammelt O wenn so die großen Wetterwolken der
heroischen Vergangenheit sich an Zesarens Seele wie an ein Gebirge hingen und
daran mit stillem Blitzen und Tropfen niedergingen wurde da nicht das ganze
Gebirge mit himmlischem Feuer geladen und alles was darauf grünte und keimte
befruchtet erquickt und herausgetrieben Und konnt er dann so schön bewölkt
wohl in die tiefe Wirklichkeit schauen Ja blieb es nicht dem Lehrer wie dem
Schüler unter dem Marktgetöse des römischen und des atenischen Forums wo sie
im Gefolge Katos und Sokrates mit herumgingen völlig unbekannt dass die
rüstige Magisterin neben ihnen koche bette keife und scheuere Von den acht
lärmenden Kindern vernahmen sie schon der Menge wegen nichts denn nur eine
sausende Mücke hält man nicht ohne entsetzliche Anstrengung im Zimmer aus
leicht aber einen ganzen Schwarm Ebenso wurde die Schulstube auf deren Boden
nichts fehlte was man in KanarienHeckkasten zum Nestmachen wirft Heu Moos
Rehhaar ausgezauseter Flanell und fingerlanges Garn beiden durch den Fußboden
der alten geographischen und historischen Welt zugedeckt welcher der
römischen Paulskirche ihrem gleich aus Marmortrümmern voll abgebrochener
Inschriften besteht
18 Zykel
Der Leser ist nun auf den Nachmittag wo man den Eleven in die Poliermühle des
Wieners schickt begierig wie er sich da schleifen lasse Es muss ihn noch
begieriger machen wenn ich nachhole dass Wehmeier der wie andere Gelehrte dem
Elefanten an Verstand und Plumpheit glich nichts in der alten Geschichte lieber
fand und also abmalte als einen großen Mann der wenig anhatte wie zB
Diogenes oder der barfuß ging wie Kato oder unbalbiert wie die Philosophen
ja er fiel in die Mittelmark ein und holte sich Friedrichs II Kleider heraus
womit er soviel gewann als Mr Pages in Paris und trug dessen Hemden wie des
edlen Saladins seines und unter einerlei Ausrufungen auf Stangen zur Schau und
entwarf als ein zweiter Scheiner die beste Karte die wir von den Sonnenflecken
des Tabaks auf Friedrich haben Dann nahm er diese nackten rauen Kolossen und
schlichtete sie sämtlich in die eine Waagschale auf und in die andere warf er
getäfelte leichte Figuren wie Falterle und die Nürnberger geleckten
Kindergärtchen von neueren Höfen und ersuchte den Scholaren achtzugeben wohin
das wägende Zünglein schlage
Ich bin hier nicht ganz auf deiner Seite Magister da kraftvolle Jünglinge
ohnehin die Folie des Zeremonialgesetzes zu leicht zerreißen und oft die
Folienschläger die Oberzeremonienmeister dazu für Schwache ist die Methode
gut
Kam nun Albano zum Exerzitienmeister so konnt er vor dem lauten Nachklange
der vorigen Stunde weil Kinder von einer gewissen Tiefe wie Gebäude von
einiger Größe ein Echo geben das nur schwach vernehmen was Falterle befahl
und nur wenn er einige Tage ohne die historische Rührung blieb wurd er für die
kleineren Lehrstunden weiter offen wie vergoldete Sachen erst wenn das Gold
herunter ist sich versilbern lassen Das Unglück war noch dass er seine
Frontänze gerade neben der Schreibstube des Direktors der da in eignen
begriffen war zu machen hatte Es traf sich oft dass Wehrfritz wenn Alban so
zerstreuet wie eine verliebte Moitistin in der Anglaise aufmerkte drinnen unter
dem Diktieren schrie »Ins drei Teufels Namen chassier« Ebenso viele Fälle
würde man aufzählen können wo der Mann wenn der Musikmeister wie ein
Trommelbass mit ewigem Ermahnen zum Piano unter dem Adagio weglief drinnen mit
dem erdenklichsten Fortissimo rufen musste »Pianissimo Satan Pianissimo«
Einige Male musst er von seinen Arbeiten aufstehen wenn in der Fechtstunde
alles Zureden zur Quarte nichts half und die Tür aufmachen und ergrimmt zum
Wiener sagen »Um Gottes Willen Herr sein Sie doch kein Hase und stoßen Sie
ihm derb aufs Leder wenn er nicht aufpasst« worauf der höfliche Fechtmeister
nur leise zu Quartstössen anfrischte
Gleichwohl lernt er viel in so frühen Jahren setzt man sich weder über
den Putz noch über die schönen Künste eines Falterle hinweg der noch dazu mit
dem zauberischen Vorzuge mächtig war in der verbotnen Hauptstadt geglänzt und
gelehrt zu haben Bloß der laute Aufschritt und die Stiefel waren dem Zöglinge
nicht zu nehmen aber die Achseln waren in kurzem waagrecht und der Kopf
steilrecht gedrückt und die oszillierenden Finger samt dem regen Körper mit
einem Stahlschen Augenhalter festgemacht Überhaupt haben Menschen mit einer
liberalen Seele in einem schöngebauten Körper schon ohne Falterles Spalierwand
und Schere einen gefälligen Stand und Wuchs dabei hatte er den niedlichen
freundlichen Falterle mit jener heiligen ersten Menschenliebe womit ein
Kinderherz sich an alle Leute des Hauses und des Dorfes anklammert schon darum
lieb weil den Wiener eine Dame um den Goldfinger ja innen um den Goldring
selber aufwickeln konnte und weil er vom Ritter des goldnen Vlieses wie von
einem Könige sprach und log und weil er die gefälligste Haut war die je über
die Erde lief
Da ich in meinen Biographien Duldung und eine vielseitige Gerechtigkeit
gegen alle Charaktere lehren will so muss ich hier mit meinem Muster der
Toleranz vorangehen indem ich von Falterle bemerke dass seine arme dünne Seele
sich selber nicht unter den steinernen Gesetztafeln der Etikette und unter dem
hölzernen Joche eines imponierenden Standes aufzubringen vermochte Wem tat der
arme Teufel etwas an Nicht einmal Damen für welche er zwar gleich einem
Kupferstecher immer vor dem Spiegel arbeitete an seinem Ich allein nur um mit
diesem Kunstwerke gleich andern Figuristen reine Schönheiten darzustellen
nicht aber solche zu verführen Das Seewasser seines Lebens denn er ist weder
ein Millionär noch eben der größte Gelehrte des Säkuls ob er wohl bei vielen
Bücherverleihern herumgelesen süsset er sich durch das Schönheitswasser ab
worin er sich stündlich badet Er säuft und frisset fast nichts flucht und
schwört er so tut ers in fremden Sprachen wie der Päpstler darin betet und
schmeichelt wenigen außer sich
Der Eitle und noch mehr die Eitle hassen Eitle viel zu stark die doch mehr
am Kopfe als am Willen siechen Ich kann mich hier freudig auf jeden denkenden
Leser berufen ob er sich je wenn er eben ungewöhnlich eitel einhertrat tiefe
Gewissensbisse oder Misstöne im Ich verspürt zu haben entsinnt welche doch
niemals fehlten wenn er sehr log oder zu hart war er nahm vielmehr ein
ungemein liebliches Schaukeln seines innern Menschen in der Paradewiege wahr
Daher wird ein Eitler so schwer wie ein Spieler kuriert Aber auch noch darum
die meisten Sünden sind Kasualpredigten und Gelegenheitsgedichte und müssen
häufig ausgesetzet werden vom 3ten bis loten Gebot inclus Die Ehe den
Sabbat das Wort kann man nicht zu jeder gegebenen Stunde brechen Verleumden
kann einer so wenig als kegeln oder duellieren mit sich selber viele
beträchtliche Laster sind nur an der Ostermesse oder am Neujahrstage oder im
Palais royal oder im Vatikan zu verüben manche königliche markgräfliche
fürstliche im ganzen Leben nur einmal manche gar nicht zB die Sünde gegen
den heiligen Geist Hingegen sich innerlich preisen und bekränzen kann einer
Tag und Nacht Sommer und Winter an jedem Orte auf dem Katheder im Prater im
Generalszelte hinten auf der Schlittenpritsche auf dem Fürstenstuhle in ganz
Deutschland zB in Weimar Wie und diese perennierende Balsamstaude die den
innern Menschen immerwährend anräuchert sollte man sich ausziehen oder
beschneiden lassen
19 Zykel
Alle diese Geschäfte und Dornen waren für Albano recht gute spitze
ErdbebenAbleiter da in seiner Brust schon mehr unterirdische Gewittermaterie
umherzog als zum Zersprengen der dünnen Brustöhle eines Menschen nötig ist
Nun kam er immer tiefer in die wilden Donnermonate des Lebens Die Sehnsucht
Don Zesara zu sehen entflammte sich an der römischen Geschichte mehr welche
Cäsars kolossalisches Bild vor ihm in die Höhe stellte und darunterschrieb
Zesara Die verhüllte Lindenstadt wurde von seiner Phantasie auf sieben Hügeln
getragen und zum Rom erhoben Ein Postorn schallte in sein Innerstes wie ein
Schweizer Kuhreigen der alle Höhen unserer Wünsche in langen Bergketten
glänzend in den Äther hinausbauet und es blies ihm das Zeichen zum Aufbruch
und alle Städte der Erde lagen mit offenen Toren und mit breiten Fuhrstrassen um
ihn herum Und wenn er in jener Zeit an einem kalten hellen Sommermorgen neben
einem nach Pestitz gehenden Regimente so lange metrisch mitzog als die Trommeln
und die Pfeifen lärmten so feierte seine Seele ein Händelsches Alexanderfest
sie hörte die Vergangenheit das Fahren der Triumphwagen das Gehen der
spartischen Heere und ihre Flöten und die helle Trompete der Fama und wie
unter den letzten Posaunen erstand seine Seele unter lauter glänzenden Toten aus
der aufgeriegelten Erde und zog mit ihnen weiter
Wenn die Geschichte einen edlen Jüngling in die Ebene von Maraton und auf
das Kapitolium führt so will er an seiner Seite einen Freund einen
Waffenbruder haben aber auch weiter nichts keine Waffenschwester denn einem
Heros schadet eine Heroine sehr In den starken Jüngling zieht die Freundschaft
eher als die Liebe ein jene erscheint wie die Lerche im Vorfrühlinge des Lebens
und geht erst im späten Herbste fort diese kommt und fliehet wie die Wachtel
mit der warmen Zeit Albano hörte schon diese Lerche unsichtbar in den Lüften
über ihm schmettern er fand einen Freund nicht in Blumenbühl nicht in der
Lindenstadt an keinem Orte sondern in seiner Brust aber diesen hieß er
Roquairol
Die Sache war diese für Leute wie ich ist das Landleben der Honig worin
sie die Pille des Stadtlebens einnehmen Falterle hingegen brachte das bittere
Landleben nicht ohne die Versilberung des Stadtlebens hinunter wöchentlich lief
er dreimal nach Pestitz entweder in die Logen der Liebhaberteater als
Dramaturg oder auf diese selber als Akteur Nun nahm er jedesmal sein
Rollenbüchlein aufs Dorf hinaus und studierte da im Vertrauen auf die
Komödienprobe seine Rolle insularisch ohne die kollegialischen ein so wie
noch jeder Staatsdiener seine ohne einen Blick in die mitspielenden memoriert
daher jeder von uns nur aus einer Seelenkraft besteht und wie in der russischen
Jagdmusik nur einen Ton zu pfeifen weiß und seine Stärke ins Pausieren setzen
muss In diesen von Falterle geliehenen Bruchstücken der Bühne ging nun Albano
mit einem Entzücken herum das jener bald höher zu treiben suchte durch den
Tausch der ganzen dramatischen Weltgloben gegen diese Kugelsektoren
Der Wiener hatt ihm längst den selbstmörderischen Wildfang Roquairol als
ein Genie im Lernen besonders sich als eines im Lehren vorgelobt jetzt
führt er den Beweis aus den großen Rollen die der Wildfang immer gut spiele
Übrigens war es nicht seine Schuld dass er den MinistersSohn nicht ungemein
heruntersetzte dem er nicht nur die theatralischen Siege beneidete sondern
auch die erotischen Denn der phantasiereiche Roquairol hatte mit dem
Selbstschusse des 13ten Jahres das ganze weibliche Geschlecht salutiert und
gewonnen und sich zum Opferpriester aus einem Opfertiere gemacht und zum
Regisseur des ans Liebhaberteater gestossenen Liebhaberinnenteater indes der
scheue blöde Falterle mit seiner totgebornen Phantasie keine Schöne zu einem
andern Schritte brachte als zum Rückpas im Menuett und statt der Setzung seines
Ichs zu nichts als zur Fingersetzung Aber der Eitle kann andern kein Lob
versagen das sein eigenes wird
Wie musste das alles unsern Freund für einen Jüngling gewinnen den er bald
als Karl Moor bald als Hamlet als Klavigo als Egmont durch seine Seele
gehen sah Was den bekannten Redoutenschuss in frühern Jobelperioden anlangt
so musste unser so unerfahrner Herkules den der blanke Dolch des Kato blendete
einem so verwandten Herakliden den Schuss als eine seiner tragischen 12 Arbeiten
anrechnen Der Lehnpropst Hafenreffer erzählt sogar Albano habe einmal mit
dem Wiener der längst aus einem Schullehrer zu einem Schulkameraden herunter
war über die schönsten Todesarten gestritten und sei gegen den sanften
Falterle der sich für den Schlaftrunk erklärte auf Roquairols Seite getreten
sogar mit dem stärkeren Zusatze »am liebsten stieg er auf einen Turm und zöge
den Wetterstrahl auf seinen Kopf« Im letztern zeigt er das hohe Gefühl der
Alten die den Donnertod für keine Verdammnis sondern für eine Vergötterung
hielten sollt aber nicht der Körper etwas dabei tun da seine Ellenbogen und
seine Haare oft im Finsteren elektrisches Feuer aussprühen und sein Kopf in der
Wiege mehrmals einen heiligen Zirkel ausstrahlt Der Lehnpropst ist sehr dafür
Albano konnte sein feuriges Herz am Ende nicht anders kühlen als dass er
Papier nahm und an den Unsichtbaren schrieb und es dem Wiener zu bestellen gab
Falterle der die Gefälligkeit selber war und dabei auch die Unwahrheit selber
nahm trotz seiner Abneigung gegen Roquairol die Briefe herzlich gern mit »ich
bin beim Minister ja wie zu Hause« sagt er bestellte aber da er sowohl im
stolzen Froulayschen Palaste als bei dem Sohne wenig galt keinen einzigen und
brachte bloß jedesmal eine neue gültige Ursache mit warum Roquairol nicht
darauf antworten können er war entweder zu sehr in der Arbeit oder auf dem
Krankenstuhle oder in Gesellschaft jedesmal aber entzückt darüber gewesen
und unser argloser Jüngling glaubte alles fest und schrieb und hoffte fort Vom
Legationsrate wär es brav gewesen wenn er mich falls er anders konnte sich
verbindlich gemacht und mir Albanos PalmBlätter eines liebenden Herzens
eingeliefert hätte nicht für das Archiv dieses Buchs sondern bloß für meine
Manualakten für den Blumenblätterkatalog den ich mir zu eigenem Gebrauche von
Albanos Nelkenflor hefte und leime
20 Zykel
Plötzlich wurde unser Zesara der in die Jahre trat wo der Gesang der Dichter
und der Nachtigallen tiefer in die aufgeweichte Seele quillt ein anderer
Mensch Er wurde stiller und wilder zugleich sanfter und aufbrausender wie er
denn einmal einem unter Prügeln schreienden Hunde im wildesten Harnische zu
Hilfe lief Himmel und Erde die bisher in ihm wie nach dem ägyptischen
Systeme ineinander gelegen nämlich das Ideal und die Wirklichkeit, arbeiteten
sich voneinander los und der Himmel stieg rein und hoch und glänzend zurück
über die innere Welt ging eine Sonne auf und über die äußere ein Mond aber
beide Welten und Halbkugeln zogen sich zu einer ganzen an sein Aufschritt wurde
langsamer sein helles Auge träumerisch seine AtletenGymnastik seltener er
musste jetzt alle Menschen wärmer lieben und sie näher fühlen und er fiel oft
seiner Pflegemutter mit geschlossenen Augen zitternd um den Hals oder nahm
draußen im Freien von dem verreisenden Pflegevater einen einsamern und heissern
Abschied
Und nun wurde vor solchen reinen und scharfen Augen der IsisSchleier der
Natur durchsichtig und eine lebendige Göttin blickte mit seelenvollen Zügen
darunter in sein Herz Ach als wenn er seine Mutter fände so fand er jetzt die
Natur jetzt erst wußt er was der Frühling sei und der Mond und das Morgenrot
und die Sternennacht Ach wir haben es alle einmal gewusst wir wurden alle einmal
von der Morgenröte des Lebens gefärbt
O warum achten wir nicht alle ersten Regungen der menschlichen Natur
für heilig als Erstlinge für den göttlichen Altar
Es gibt ja nichts Reineres und Wärmeres als unsere erste Freundschaft
unsere erste Liebe unser erstes Streben nach Wahrheiten unser erstes Gefühl
für die Natur wie Adam werden wir erst aus Unsterblichen Sterbliche wie
Ägypter werden wir früher von Göttern als Menschen regiert und das Ideal
eilet der Wirklichkeit wie bei einigen Bäumen die weichen Bluten den breiten
rohen Blättern vor damit nicht diese sich vor das Stäuben und Befruchten jener
stellen
Wenn oft Albano von seinen innern und äußern Irrgängen nach Hause kam
zugleich trunken und durstig zugleich mit geschlossenen Sinnen und mit
geschärften träumend aber wie Schläfer die das Auslöschen des Lichts herber
empfinden so braucht es freilich wenige kalte Tropfen von kalten Worten
damit die heiße in Fluss gebrachte Seele von den fremden kalten Körpern in
Zickzack und Klumpen zerschoss indes eine warme Form den Guss zur lieblichsten
Gestalt geründet hätte
Bei so bewandten Umständen wird sich freilich keiner wundern über das was
ich bald berichten werde Der Tanz Musik und FechtMeister der wenig auf
seine Pas Griffe und Stöße grosstat aber desto mehr auf seine Reichstags
Literatur denn die neuen Monatsnamen die Klopstocksche Rechtschreibung und
die lateinischen Lettern in deutschen Briefen hatt er früher in seinen als
einer von uns wollte dem Wehrfritzischen Hause gern zeigen dass er ein wenig
mehr von Literatur verstehe und da wisse wo der Hase liegt als andere Wiener
um so mehr da er gar nichts las nicht einmal politische Zeitungen und Romane
weil ihm lebendige wahre Menschen lieber waren er trat daher nie ins Haus
ohne zwei Taschen voll Romane und Verse für Rabette und Albano Dazu half seine
unendliche Dienstbeflissenheit und sein kollegialisches Wettrennen mit
Wehmeier im Bilden und sein Anteilnehmen am verstummenden Jünglinge dem er aus
den süßen Träumen die der Rubin30 des glänzenden jugendlichen Lebens schenkt
mit den exegetischen Traumbüchern den Dichterwerken helfen wollte Die
Umwälzung des Jünglings der nun ganze romantische EverdingensWiesen abmähete
und ganze poetische HuysumsBlumenrabatten abpflückte auch nur leidlich zu
schildern hab ich jetzt wegen der oben versprochnen Wundersache weder Zeit
noch Lust genug dass Albano so dasitzend der Himmel der Dichtkunst vor ihm
aufgetan das gelobte Land des Romans vor ihm ausgebreitet einem Erdballe
glich an welchen mehrere Schwanzsterne sich brausend anwerfen und der mit ihnen
gemeinschaftlich aufbrennt
Allein wie weiter Der Wiener das muss ich noch vorher sagen war ein eitler
Narr wenigstens in Punkten der Demut zB seiner Zwergfüsse seiner Literatur
seines Glücks bei Weibern und ließ besonders durch vertraute Gemälde von Großen
und Damen gern auf sein Föderativsystem mit den Originalen schließen Der arme
Teufel war freilich arm und glaubte mit mehreren Autoren er und diese hätten
ungleich dem Salomo der Weisheit erbat und Gold erhielt umgekehrt das Unglück
gehabt nur erstere zu empfangen indes sie um letzteres geworben Kurz aus
solchen Gründen wollt er im Vorbeigehen gesagt gern den Glauben im
Wehrfritzischen Hause ausgebreitet wissen dass er sehr gut stehe bei seiner
vorigen Schülerin der MinistersTochter Liane glaub ich wenn ich anders
Hafenreffer Hand richtig lese und dass er sie oft genug sehe und spreche bei
ihrer Mutter Dazu kam noch dass kein wahres Wort daran war durch den Tempel
worin Liane war ging kein Durchgang für ihn Allein um so weniger konnt er den
Direktor vorauslassen der sie öfters sah und zu Hause immer eifriger lobte
bloß um die roh unschuldige von niemand je erzogne Rabette auszuschelten Der
Wiener wollte freilich auch noch den Grafen dem er nur die Küste der
Freundschaftsinsel Roquairols von weitem zeigte aber keine Anfurt zur Landung
durch die Schwester listig von dem Bruder ablenken er war unvermögend ihn
länger zu belügen und hinzuhalten denn warum malt ers ihm so lange aus wie
giftig vor einigen Jahren der Nacht und Todesfrost über den Retraiteschuss des
Bruders den sie zu innig liebe auf diese so zarten weißen Herzblätter gefallen
sei
Öfters hing er unter dem Essen breite von Wehrfritz kontrasignierte
Meritentafeln von Lianens musikalischen und malerischen Fortschritten auf um
scheinbar seinen Klavier und Zeichenschüler zu größeren anzutreiben Denn wär
es nicht scheinbar warum klebt er ebenso lange Altarsblätter von Lianens
Reizen bei Rabetten auf bei dieser Unparteiischen die nur mit Pfarrers
nicht mit MinistersTöchtern wettrennend fast so freudig städtische Schönheiten
wie wir Homerische preisen hörte und vor der nur ein windiger Tropf der sich
vor Weibern aufrecht und im Sattel durch Lobgesänge auf fremde erhalten will
seine auf Lianen anstimmen konnte Wahrlich vor einer so resignierten und
neidlosen Seele als Rabette war zumal da ihre Gesichtshaut und Hände und
Haare nicht am weichsten waren wenigstens härter als die Falterleschen wär
ich um keine Medaille in der Welt imstande gewesen wie ers doch war den
glücklichen Erfolg näher zu kolorieren womit der Minister um Lianens
ungewöhnliche Schönheit der jüngeren Jahre durch Erziehung in die jetzigen
herüberzubringen das Seinige getan durch zarte und fast magere Kost durch
Einschnüren durch Zusperren seines Orangeriehauses dessen Fenster er selten
von dieser Blume eines mildern Klimas abhob noch weniger hätt ich wie er
malen können dass sie dadurch ein zartes nur aus Pastellstaub zusammengelegtes
Gebilde geworden das die Windstösse des Schicksals und die Passatwinde des
Klimas fast zerblasen können und dass sie sich wirklich nur mit Seifenspiritus
waschen könne und nur mit den weichsten Linnen ohne Schmerzen trocknen und nicht
drei Stachelbeeren ohne blutende Finger ab nehmen
Der flache Wiener der vor keinem auf einer Bergkuppe stehenden Manne von
Stande unten im Sumpfe den Hut abziehen konnte ohne leise dabei zu sagen »Ihr
ganz Untertänigster« und der von vornehmen Leuten höchstens nur im vertrauten
oder satirischen Tone seine Konnexion zu zeigen aber nie im
ernstaftkritischen sprach war freilich was doch seine Pflicht war nicht
imstande den alten Froulay einen festen scharfen Leichenstein zu heißen unter
welchem zwei so weiche Blumen wie seine Frau mit dem ihr angeschlungenen Efeu
mit Lianen sich gebogen und gedrückt ans Licht aufwinden Herr v Hafenreffer
macht hier zu seiner Ehre in Betracht dass er ein Legationsrat und Lehnpropst
ist die ganz andere gefühlvollere Bemerkung dass die harten Erdschichten
solcher Verhältnisse wodurch Lianens Lebensquelle dringen und sickern müsse
diese reiner und heller machen so wie alle harte Schichten Filtriersteine des
Wassers sind und alle ihre Reize werden zwar durch ihren Vater Qualen aber
auch alle ihre Qualen durch ihr Dulden Reize Aber guter Zesara wenn du nun
das alles täglich hören musst und wenn der Exerzitienmeister ohnehin nicht zu
schildern vergisset wie sie ihn nie mit einer ungehorsamen Miene oder einer
Zögerung gekränkt wie froh sie ihm die papiernen Stundenmarken und am Ende das
Schulgeld oder eine Einladung gebracht und wie besorgt und mild und höflich
sie gegen ihre Dienerschaft gewesen und wie man hätte denken sollen ihr Herz
könne nicht wärmer werden als schon die Menschenliebe es mache hätte man nicht
ihre noch heissere Tochterliebe gegen die Mutter gesehen guter Zesara sag
ich wenn du das alles neben deinen Romanen vernimmst und noch dazu von der
Schwester deines Roquairols weil jeder wenn es nur halb praktikabel ist sich
gern mit der Schwester seines Freundes einspinnt in eine Chrysalide und noch
überdies von einem Mädchen in der geheiligten Lindenstadt um welche Don
Gaspard wie die alten Preussen31 um ihre GötterHaine noch mystische Vorhänge
herumzieht und was ärger als alles ist gerade nach deinem 16 12 Jahre
Zesara wo schon die Moussons und Frühlingswinde der Leidenschaften über die
Blutwellen fahren Denn früher freilich wars allerdings von dir mitten im
gelehrten Kränzchen von so vielen Linguisten dh von Büchern der Linguisten
von Eklektikern OberRabbinern von 10 Weisen aus Morgen und aus
Griechenland und wegen der ungemein blendenden Epiktetslampen die das
gedachte WeisenDezemvirat am TagsSterne der Weisen angezündet hatte da wars
wenig zu vermuten dass dir Amors Turiner Lichtchen das er noch unaufgebrochen
in der Tasche hatte sehr ins Auge fallen möchte Aber jetzt mein Lieber
jetzt sag ich Wahrlich nirgends war es uns allen weniger übelzunehmen wenn
wir ungemein attent darauf sind was er im 21sten Zykel macht als im
zwanzigsten
Vierte Jobelperiode
Hoher Stil der Liebe der gotaische Taschenkalender Träume auf dem Turme
das Abendmahl und das Donnerwetter die Nachtreise ins Elysium neue Akteurs
und Bühnen und das Ultimatum der Schuljahre
21 Zykel
Wie viele selige Adams von 16 12 Jahren werden gerade jetzt in ihrer Sieste im
Grase des Paradieses liegen und aus Teilen ihres eignen Herzens dessen künftige
Schossjüngerin erschaffen sehen Aber sie suchen sie nicht wie der erste Adam
neben sich auf der Baustelle sondern recht weit vom eignen Lager weil die
Ferne des Raums so glänzend verherrlicht wie die Ferne der Zeit Daher setzt
sich jeder Jüngling mit dem Glauben auf die Post dass in den Städten wohin er
eingeschrieben ist ganz andere und göttlichere Madonnen unter der Haustüre
stehen als in seiner verdammten und die Jünglinge jener Städte sitzen wieder
ihrerseits auf dem ankommenden Postwagen und fahren hoffend in seine hinein
Ach das klingt für alles was ich vorhabe viel zu rau und roh und mir
ist als bring ich dem Leser statt des lebendigen fliegenden Rosendufts nur die
starre schwere dicke Porzellanrose Albano ich will dein stilles dicht
verhangenes Herz aufdecken und aufschließen damit wir alle darin Lianens
Heiligenbild die aufschwebende RaffaelsMarie aber wie Heiligengestalten in
der Leidenswoche hinter dem Schleier hängen sehen den du bebend wegziehest um
es anzubeten wenn du die Andachtsbücher die Romane aufschlägst und wenn du
darin die Gebete antriffst die deiner Heiligen gehören Sogar mir wird es
schwer nicht wie du und die Alten den Namen deiner Schutzgöttin zu
verheimlichen über innere Geistererscheinungen denn äußere sind
Körpererscheinungen schweiget der Seher gern neun Tage lang und bei deinem
blöden Glauben an einen tausendmal höheren Tugendgehalt Lianens als deiner ist
und bei deiner heiligen Ehrliebe die über die fremde wacht ist dirs freilich
ein Rätsel wie andere zB der Wiener oder Wehrfritz ohne das geringste
Erröten so laut und lieb von ihr sprechen konnten da du selber kaum wagst vor
andern viel von ihr zu träumen Wahrlich Albano ist ein guter Mensch
Ferner wie vollends eine solche in gediegnen Äther vererzte lichte Psyche wie
Liane etwa gleich dem auferstandnen Christus Karpfen essen und ausgräten könne
oder mit den langen hölzernen Heugabeln im kleinen den Salatschober im blauen
Napfe umstechen oder in der Sänfte ein halb Pfund mehr wiegen als ein blauer
Schmetterling oder wie sie laut lachen könne das tat sie aber auch nie mein
Freund alles das und überhaupt der ganze kleine Dienst des beleibten
Erdenlebens war dem geflügelten Jünglinge ein Rätsel und eine wahre
Unmöglichkeit oder die Wirklichkeit davon eine Fixsternbedeckung was soll ichs
verhalten dass er über ein Paar in welsche Felsen eingestampfte Fußtritte von
Engeln schwächer erstaunet wäre als über ein Paar von Lianen in der Erde und
dass er für irgendeine irdische Spur und Reliquie von ihr ich nenne nur einen
Zwirnwickler oder eine Tambourblume nichts Geringeres hingegeben hätte als
ganze Klaftern vom heiligen Kreuze samt den Fässern der heiligen Nägel und
mehrere apostolische Kleiderschränke samt den heiligen DoublettenLeibern dazu
So hab ich oft sehnlich gewünscht nur ein Pfund Erde vom Monde oder nur
eine Düte voll Sonnenstäubchen aus der Sonne vor mir auf dem Tische zu haben und
anzugreifen So schweben wir meisten Autoren von Gewicht einem Leser außer
Landes als ähnliche feine äterische Gebilde vor von denen schwer zu fassen
ist wie sie nur einen Schnitt Schinken oder ein Glas Märzbier oder ein Paar
Stiefel gebrauchen können es ist als wenn die Leute zusammenführen wenn sie
etwas lesen oder sehen müssen von Lessings Rasiermesser Shakespeares
englischem Sattel Rousseaus Bärenmütze des Psalmodisten Davids Nabel Homers
Ärmel Gellerts Zopfband Ramlers Schlafmütze und der Glatze unter der
meinigen wiewohl sie wenig mehr bedeutet
Der alte Landesdirektor tat zur Heiligsprechung Lianens da eine Jungfrau
durch nichts so viel bei einem Jünglinge gewinnt als durch Lobreden die ihr
seine Eltern geben dadurch ansehnliche Zuschüsse dass er die ländlich und wie
er selber lachende Rabette häufig mit jener wog und seine nachgiebige Frau
heimlich mit der strengen Ministerin er nahm dann Gelegenheit
auseinanderzusetzen nach welchen strengen Regeln des reinen Satzes diese
Kontrapunktistin die melodischen Töne Lianens harmonisch ordne und wie sie
besonders Roheit und Gelächter ausmerze Die weiblichen Seelen sind Pfauen
deren JuwelenGefieder man in reinen und geweissten Wohnungen unterbringen muss
indes unsere in Entenställen sauber bleiben Albano zeichnete sich Mutter und
Tochter bloß in den doppelten Gestalten vor worin uns Maler die Engel geben
nämlich die verständige strenge Mutter als einen der in einer langen Wolke
steckt nur mit dem Kopfe sichtbar und Liane als ein verklärtes Kind das mit
den zarten Flügeln eine weiße Wolke umflattert
Nur etwas und wärs eine verblichene zerfallne Rose aus Seide wünscht er
sich herzlich aus Pestitz und konnte doch verschämt den Wiener um nichts
ersuchen als ganz zuletzt nach langem Sinnen obwohl verräterischerglühend um
eine StundenMarke »denn er habe noch keine gesehen« sagt er Falterle
hatte noch eine in der Tasche die Zahl 15 Lianens voriges Alter stand darauf
sie konnte die Zahl recht gut geschrieben haben etwas wars immer Ach konnt
er denn den Direktor nicht lieber um Romane aus der Handbibliotek der
Ministerin angehen in welchen die Tochter gewiss gelesen ja sogar einige
Lesezeichen vergessen haben wird Er tats auch aber Wehrfritz verwünschte und
verurteilte zuerst alle Romane als vergiftete Briefe auch vergaß ers über
fünfmal einige zu fordern und endlich bracht er ihm einen von Madame Genlis
mit samt einem gotaischen Taschenkalender Diese Bücher der Seligen wogegen
meine eignen Werke und die Alexandriner Bibliothek und die blaue nur elende
remittenda sind hatten alle Stempel weiblicher Bücher denn sie trugen alle
Zieraten weiblicher Köpfe nämlich einen Fingerhut voll Puder wie diese seidene
BandEndchen wie diese als Demarkationslinien und Gedenkzettel der Lektüre
und einen Wohlgeruch wie diese den Semler auch an alchymischen rühmt welchen
sie aus den Blüten des Paradieses angezogen zu haben schienen Ach seliger Leser
des schönsten Buchs ich meine den Grafen willst du mehr
Allerdings und er fand auch mehr nämlich hinten im gotaischen
Taschenkalender auf den beiden FinalPergamentblättern die Worte »Armenkonzert
d 21 Februar« und »Schauspiel für die Armen d 1 Nov« Ich habe auf meiner
Jagd nach Mysterien oft auf diesen Blättern die wichtigsten aus dem Busche
geklopft »Das ist ja meiner Schülerin Hand« sagte Falterle »sie versäumt
mit ihrer Mutter so was selten weils der Minister nicht leidet dass sie sonst
den Armen viel geben« Haltet mich hier nicht mit der Schönheit ihrer
Handschrift auf da man ohnehin auf Pergament und Schiefer schöner schreibt als
auf Papier und da gerade eine Gelehrte ungleich den Gelehrten mehr
Kalligraphie hat als Ungelehrte sondern lasset mich zur Wirkung dieser
Inkunabeln Lianens eilen deren SonntagsBuchstaben einen liebenden Menschen mit
lauter innern hellen Sonntagen bedecken und deren Blätter an Heiligkeit den
Briefen gleichen die im Mittelalter vom Himmel auf die Erde fielen Erst jetzt
war ihm als wenn der fliegende Engel dessen Schatten nur vorher über die Erde
weglief die Schwingen falte und auf der Laufbahn des Schattens nicht weit vom
Stande Albanos die Niederfahrt halte Er lernte den gotaischen Taschenkalender
auswendig
Da er glaubte Liane sei viel sanfter und besser als er und da sie ihm wie
der Hesperus vorkam der unter allen Planeten mit der kleinsten Exzentrizität um
die Sonne geht und er sich als der ferne Uranus ders mit der größten tut
und da er nicht ohne schamhafte WangenLohe daran denken konnte einmal vor der
moralischen Politur der Tochter und Mutter mit einer kleineren zurückzustehen so
wurd er auf einmal kein Mensch wusste warum leiser milder williger über
seine Außenseite wachsamer dem Wiener folgsamer denn Liane wars ja auch
gewesen und sein ganzer Vesuv32 wurde vom Schleier einer Heiligen gebändigt
Der Nordamerikaner betet die Gestalt die ihm in dem Traume erscheint als
seinen Schutzgeist an o wird nicht oft ebenso für den Jüngling ein schöner
Traum sein Genius
22 Zykel
Ein Pfingsten wie ichs jetzt beschreiben will Albano trifft man außer in der
Apostelgeschichte wohl in keiner an als in deiner
Er hatte bisher oft Lianens Krankengeschichte mit der Taubheit eines
markigen feuerfesten Jünglings angehört als einmal der Direktor es nach Hause
brachte dass die fromme Ministerin die Tochter am ersten Pfingsttage das
Abendmahl empfangen lasse weil sie besorge der Tod halte solche für eine
Erdbeere die man pflücken müsse ehe sie die Sonne beschienen Ach Albano sah
nun schon den Tod unter dem Suchen mit der steinernen Ferse auf die bleichrote
Beere tappen und sie ertreten Und dann hatte diese Philomele ohne Zunge weil
sie bisher verstummen musste ihm wie einer Progne nur die gemalte Geschichte
ihres schweren Daseins gesandt und nur die Pergamentblätter Alle liebenden
Empfindungen gehen wie Gewächse bei gewitterhafter Luft des Lebens schneller
in die Höhe Albano fühlte zugleich ein weites tiefes Weh und eine quälende
FieberWärme in seinem vom Tode ausgehöhlten Herzen Auf eine sonderbare Art
mengten sich bei seinem musikalischen und poetischen Phantasieren auf dem
Österleinschen Flügel die geträumten Töne von Lianens Stimme und das tönende
Weinen die Harmonika die sie spielen konnte und die er nie gehört gleichsam
als ihr Schwanengesang mit seinen Harmonien zusammen Aber nicht genug er
schrieb sogar heimlich ein Trauerspiel du gute Seele worin er alle seine
zartesten und bittersten Gefühle mit nassen Augen auf fremde Lippen legte aber
sie fürchterlich anfachte indem er sie ausdrückte Jeder kann merken dass er
damit dem Schwätzer und Spione dem Zufalle entgehen wollte aber nicht jeder
merkt etwas ganz Eigenes in fremdem Namen dürf er glaubt er dem tiefen
Schmerze eine heftigere Sprache geben zu welcher er in seinem vor so vielen
stoischen klassischen Helden verschämt den Mut nicht hatte So aber konnten die
Klassiker nichts anfangen
Das stille warme Schwärmen wuchs unter dieser bedeckenden heißen Glasglocke
noch viel größer nämlich dergestalt dass er die Pflegeeltern rührend bat ihn
am ersten Pfingsttage zum heiligen Abendmahle zu lassen Die Baufälligkeit der
Dorfkirche worin man es schwerlich ein Jahr später nehmen konnte musste für ihn
so gut wie die körperliche für Liane sprechen Ewig wird den armen durch
Leiber und Wüsten zerteilten Menschenseelen die Sehnsucht bleiben miteinander
wenigstens zu gleicher Zeit dasselbe zu tun zu einer Stunde Blicke an den Mond
oder Gebete über ihn hinauf wie Addison erzählt und so ist dein Wunsch
Albano ein menschlicher zarter mit deiner unsichtbaren Liane zu einer Stunde
an der Altarstufe zu knien und dann feurig und regierend aufzustehen nach der
Krönung des innern Menschen Er hatte auf dem stillen Lande den Altar der
Religion in seiner Seele hoch und fest gebaut wie alle Menschen von hoher
Phantasie auf Bergen stehen immer Tempel und Kapellen
Aber ich werde ihn nie früher in die Pfingstkirche begleiten als auf den
Kirchturm Gibt es etwas Trunkneres als wenn er damals an schönen Sonntagen
sobald durch den weiten Himmel nichts als die schwere Sonne schwamm zum
Glockenstuhle des Turms aufstieg und überdeckt von den brausenden Wellen des
Geläutes einsam über die tiefe Erde blickte und an die westlichen Grenzhügel
der geliebten Stadt Wenn alsdann der Sturm des Klanges alles ineinander und
zusammenwehte und wenn die Juwelenblitze der Teiche und das blumige Lustlager
des hüpfenden Frühlings und die roten Schlösser an den weißen Straßen und die
langsamen verstreueten Kirchleute zwischen dunkelgrünen Saaten und der um reiche
Auen gegürtete Strom und die blauen Berge diese rauchenden Altäre der
Morgenopfer und der ganze ausgedehnte Glanz der Sichtbarkeit ihn dämmernd
überfüllte und ihm alles wie eine dunkle TraumLandschaft erschien o dann ging
sein inneres Kolosseum voll stiller Götterformen der geistigen Antike auf und
der Fackelschein der Phantasie33 glitt auf ihnen als ein spielendes wandelndes
magisches Leben umher und da sah er unter den Göttern einen Freund und eine
Geliebte ruhen und er glühte und zitterte Dann schwankten die Glocken
bangverstummend aus er trat vom hellen Frühlinge in den dunkeln Turm zurück
er heftete das Auge nur an die leere blaue Nacht vor ihm in welche die ferne
Erde nichts heraufwarf als zuweilen einen verwehten Schmetterling eine
vorbeikreuzende Schwalbe und eine vorüberwogende Taube der blaue Schleier des
Äters34 flatterte tausendfach gefaltet über verhüllten Göttern in der Weite
o dann dann musste das berückte Herz verlassen ausrufen ach wo find ich in den
weiten Räumen in dem kurzen Leben die Seelen die ich ewig liebe und so innig
Ach du Lieber was wird denn schmerzlicher und länger gesucht als ein Herz
Wenn der Mensch vor dem Meere und auf Gebirgen und vor Pyramiden und Ruinen und
vor dem Unglücke steht und sich erhebt so strecket er die Arme nach der großen
Freundschaft aus Und wenn ihn die Tonkunst und der Mond und der Frühling und
die Freudentränen sanft bewegen so zergeht sein Herz und er will die Liebe
Und wer beide nie suchte ist tausendmal ärmer als wer beide verlor
Lasst uns jetzt in die Pfingstkirche treten wo der tiefe Strom seiner
Phantasie zum ersten Male in seinem Leben übertrat und sein Herz weit fortriss
und damit in einem neuen Bette brausete ein physisches Gewitter hatte sich in
diesen Strom ergossen Schon am Morgen stand der schwarze Pulverturm einer
Gewitterwolke stumm neben der heißen Sonne und wurde an ihr glühend und nur
zuweilen entfiel einer fernen fremden Wolke unter dem Gottesdienste ein Schlag
auf die Feuertrommel aber als Albano vor den Altar mit erhobnen verklärten
Gefühlen trat und als er seine Liebe für Liane nur in ein inniges Beten für sie
verkleidete und in ein Gemälde ihrer heutigen Andacht und ihrer blassen Gestalt
im frommen dunkeln BrautPutze und als er sanft fühlte jetzt sei seine
gereinigte geheiligte Seele dieser schönen werter so rückte das Gewitter mit
allen seinen spielenden Kriegsmaschinen und Totenorgeln35 von der Lindenstadt
herüber und trat bewaffnet und heiß über die Kirche Aber Albano im
Bewusstsein einer heiligen Begeisterung erschrak nicht sondern er dachte schon
als er das ferne Rollen der fallenden Lauwine hörte bloß an Lianen und an das
Einschlagen in die Kirche zu Lindenstadt und nun als die Sonne den Pulverturm
der Wetterwolke über ihm mit ihren heißen Blicken entzündete und in tausend
Blitze und Schläge zersprengte dann jagte ihm seine von den Alten genährte
Achtung für den Donnertod die schreckliche Vermutung ins Herz Liane sei ihm nun
gestorben in der Glorie der verklärten Frömmigkeit O dann musst er ja auch
glauben dass ihn jetzt die Schwinge des Blitzes über die Wolken schlage Und als
lange Blitze um die Heiligen und die Engel des Altars loderten und als das
zitternde stärkere Singen und das Wetterläuten der vertrauten Glocken und die
vollströmende Orgel sich mit dem zusammenbrechenden Donner vermischte und er im
betäubenden Getöse einen hohen feinen Orgelton vernahm den er für den
ungehörten der Harmonika hielt da stieg er vergöttert auf dem Triumphund
Donnerwagen neben seiner Liane ein der Teatervorhang des Lebens und die Bühne
brannten unter ihnen ab und sie flogen verbunden und leuchtend in den kühlen
reinen Äther weiter hinauf
Aber die zwölfte Stunde vertrieb diese Geistererscheinungen und das Gewitter
Albano trat heraus in einen blauern kühlern luftigen Himmel und die
glänzende Sonne lachte freundlich die erschrockene Erde an der noch die hellen
Tränen in allen ihren Blumenaugen zitterten Da nun Albano nachmittags noch
den friedlichen Durchzug des Donners durch Lianens Stadt vernahm so wurde durch
den Glauben an ihr neuversichertes Leben und durch das sanfte Mattgold der
ausruhenden Phantasie und durch die heilige Stille der bekehrten Brust und
durch die innigere Liebe aus allen Gegenden seiner Seele ein abendrotes
magisches Arkadien und nie betrat ein Mensch ein holderes
23 Zykel
Es kommt nicht bloß aus meiner Gefälligkeit gegen die LeseNachwelt her mein
lieber Zesara sondern auch aus einer wirklichen gegen dich dass ich alle Akte
in diesem Schäferspiele deines Lebens so treu nachschreibe in deinen alten
Tagen sollen dir diese melodischen labend aus meinem Buche nachklingen und du
sollst abends nach deinen Arbeiten nichts lieber lesen als meine hier
Die folgende Nacht verdient ihren Zykel Bald nach Pfingsten wurd er mit
wöchentlichen medizinischen Bedenken über ein neues Kranksein der armen Liane
gequält das am Abendmahlstage gleich als hätt er recht geahnt begonnen
hatte Er hörte dass sie in Lilar dem Lust und Wohngarten des alten Fürsten
nebst ihrem Bruder lebe oder leide von dessen Schweigen jetzt der Wiener an
1001 Ursachen aufgebracht hatte Um Lilar obwohl nahe an Pestitz hatte sein
Vater keine Sperrketten gezogen Lianens Nachtlicht konnt ihm vielleicht
entgegenschimmern oder gar ihre Harmonika entgegentönen ja ihr Bruder konnte
wohl noch im Garten herumgehen die JuniusNacht war ohnehin hell und herrlich
ach kurz er ging
Es war spät und still weit außer dem schlafenden Dorfe ohne Lichter konnt
er die Flötenstücke der Stubenuhr im Schloss noch auf dem Pestitzer Berge
vernehmen Es erquickte ihn dass sein Weg eine Strecke lang auf der
Lindenstädter Chaussee fortlief Er drückte das Auge an die westlichen Berge
fest wo die Sterne Ihr wie weiße Blüten zuzufallen schienen Oben auf der
weiten Höhe dem HerkulesScheidewege lief der rechte Arm hinunter und wand
sich dem blühenden Lilar durch Haine und Auen zu
Schreite nur freudentrunken voll junger lichter Bilder durch die
italienische Nacht die um dich schimmert und duftet und die wie über Hesperien
nicht weit vom warmen Monde einen vergoldeten Abendstern36 im blauen Westen
aufhängt gleichsam über der Wohnung der geliebten Seele Dir und deinen jungen
Augen werfen die Sterne nur Hoffnungen noch keine Erinnerungen herunter du
hast einen abgebrochenen starren Apfelzweig voll roter Blütenknospen in der
Hand die wie Unglückliche zu blassen werden wenn sie aufblühen aber du machst
noch nicht solche Anwendungen davon wie wir
Jetzt stand er in einer Talrinne vor Lilar glühend und bange das aber ein
sonderbarer runder Wald aus Laubengängen noch versteckte Der Wald wuchs in der
Mitte zu einem blühenden Berge auf den breite Sonnenblumen Fruchtschnüre von
Kirschen und blinkende Silberpappeln und Rosenbäume in so künstlicher
Verschränkung einhüllten und umliefen dass er vor den malerischen Irrlichtern
des Mondes ein einziger ungeheurer Kesselbaum voll Früchte und Blüten zu sein
schien Albano wollte seinen Wipfel besteigen gleichsam die Sternwarte des
unten ausgebreiteten Himmels oder Lilars er fand endlich am Walde einen offenen
Laubengang
Die Lauben drehten ihn in Schraubengängen in eine immer tiefere Nacht
hinein durch welche nicht der Mond sondern nur die stummen Blitze brechen
konnten von denen der warme Himmel ohne Wolken überschwoll Der Berg hob die
Zauberkreise immer kleiner aus den Blättern in die Blüten hinauf zwei nackte
Kinder hatten unter Myrten die Arme liebkosend einander um die zugeneigten Köpfe
gelegt es waren die Statuen von Amor und Psyche Rosennachtfalter leckten mit
kurzen Zungen den Honigtau von den Blättern ab und die Johanniswürmchen
gleichsam abgesprungene Funken der Abendglut wehten wie Goldfaden um die
Rosenbüsche er stieg zwischen Gipfeln und Wurzeln hinter dem aromatischen
Treppengeländer gen Himmel aber die kleine mit ihm herumlaufende Spiralallee
verhing die Sterne mit purpurnen Nachtviolen und die tiefen Gärten mit
Orangegipfeln endlich sprang er von der obersten Sprosse seiner Jakobsleiter
mit allen Sinnen in einen unbedeckten lebendigen Himmel hinaus ein lichter
Berggipfel nur von Blumenkelchen buntgesäumt empfing ihn und wiegte ihn unter
den Sternen und ein weißer Altar leuchtete hell neben ihm im Mondenlichte
Aber schaue hinunter feuriger Mensch mit deinem frischen Herzen voll
Jugend auf das herrliche unermessliche ZauberLilar Eine dämmernde zweite Welt
wie leise Töne sie uns malen ein offener Morgentraum dehnt sich vor dir mit
hohen Triumphtoren mit lispelnden Irrgängen mit glückseligen Inseln aus der
helle Schnee des gesunknen Mondes liegt nur noch auf den Hainen und Triumphbogen
und auf dem Silberstaube der Springwasser und die aus allen Wassern und Tälern
quellende Nacht schwimmt über die elysischen Felder des himmlischen
Schattenreichs in welchem dem irdischen Gedächtnisse die unbekannten Gestalten
wie hiesige OtaheitiUfer Hirtenländer daphnische Haine und Pappelinseln
erscheinen seltsame Lichter schweifen durch das dunkle Laub und alles ist
zauberischverworren was bedeuten jene hohen offenen Tore oder Bogen und die
durchbrochnen Haine und der rötliche Glanz hinter ihnen und ein weißes Kind
unter Orangelilien und Goldblumen schlafend aus deren Kelchen weiche Flammen
perlen37 gleichsam als wären Engel zu nahe über sie hingeflogen die Blitze
erleuchten Schwanen die unter lichttrunkenen Nebeln auf den Wellen schlafen
und ihre Flammen lodern golden nach in den tiefen Bäumen38 wie Goldfische den
brennenden Rücken aus dem Wasser drehen und selber um deine Bergspitze
Albano schauen dich die großen Augen der Sonnenblumen feurig an gleichsam von
den Funken der Johanniswürmchen entzündet
»Und in diesem Reiche des Lichts« dachte zitternd Albano »verbirgt sich
der stille Engel meiner Zukunft und verklärt es wenn er erscheint O wo
wohnest du gute Liane In jenem weißen Tempel Oder in der Laube zwischen den
Rosenfeldern Oder drüben im grünen arkadischen Häuschen« Wenn die Liebe
schon Schmerzen zu Freuden macht und den Schattenkegel der Erde zum Sternenkegel
aufrichtet o wie wird sie erst die Entzückung bezaubern Albano war in diesem
äußern und innern Glanze unvermögend sich Lianen krank zu denken er dachte
sich jetzt bloß die selige Zukunft und kniete sehnsüchtig und umfassend an dem
Altare nieder er blickte nach dem glänzenden Garten und malte es sich wie es
wäre wenn er einmal mit Ihr jede Insel dieses Edens beträte wenn die heilige
Natur seine und Ihre Hände auf diesen Altarstufen ineinanderlegte wenn er Ihr
unterwegs das Hesperien des Lebens das Hirtenland der ersten Liebe zeichnete
und ihr frommes Jauchzen und ihr süßes Weinen und wenn er sich dann nicht
umsehen könnte nach den Augen des weichsten Herzens weil er schon wüsste dass
sie überfliessen vor Seligkeit Jetzt sah er im Mondscheine über die
Triumphbogen zwei beleuchtete Gestalten wie Geister gehen aber seine brennende
Seele fuhr im Malen fort und er dachte es sich wie er vor ihr wenn die
Nachtigallen in diesem Eden schlagen wahnsinnigliebend sagen würde »O Liane
ich trug dich früh in meinem Herzen einstmals droben auf jenem Berge als du
krank warst«
Hier kam er erschrocken zu sich er war ja auf dem Berge aber er hatte die
Krankheit vergessen Nun legt er kniend die Arme um den kalten Stein und
betete für die die er so liebte und die gewiss auch hier gebetet und ihm sank
weinend und verdunkelt das Haupt auf den Altar Er hörte nähere Menschenschritte
unten am Schneckenberge und furchtsamfreudig dachte er daran es könne sein
Vater sein aber er blieb kühn auf den Knien Endlich trat über den Blumenrand
ein großer gebückter Greis herein ähnlich dem edlen Bischofe von Spangenberg
das ruhige Angesicht lächelte voll ewiger Liebe und keine Schmerzen standen
darauf und keine schien es zu fürchten Der Alte drückte dem Jünglinge stumm
und erfreut die Hände zum Fortbeten zusammen kniete neben ihn hin und jene
Entzückung zu welcher öfteres Beten verklärt breitete den Heiligenschein über
die Gestalt voll Jahre Sonderbar war diese Vereinigung und dieses Schweigen
Die nur noch aus der Erde ragende Trümmer des Mondes brannte düsterer endlich
sank sie ein da stand der Alte auf und tat mit der aus Gewohnheit der Andacht
kommenden Leichtigkeit des Übergangs Fragen über Albanos Namen und Ort nach
der Antwort sagt er bloß »Bete unterwegs zu Gott dem Allgütigen lieber Sohn
und gehe schlafen eh das Gewitter kommt«
Nie kann diese Stimme und Gestalt aus Albanos Herzen weggehen die Seele des
alten Mannes ragte wie die Sonne bei der ringförmigen Finsternis über den
dunkeln Körper der sie mit seiner ModerErde überdecken wollte mit dem ganzen
Rande leuchtend hinaus Tief bis an die Nervenanfänge getroffen stand Albano
auf und die breitern Blitze zeigten ihm jetzt drunten neben dem Zaubergarten
einen zweiten düstern verwickelten schrecklichen gleichsam den Tartarus des
Elysiums Er schied mit seltsamen gegeneinandergehenden Gefühlen die Zukunft
und die Menschen darin schienen ihm unterwegs ganz nahe zu stehen und hinter dem
durchsichtigen Vorhange schon als Teaterlichter hin und herzulaufen und er
sehnte sich nach einer schwerern Tat als nach der Erquickung dieses entzündeten
Herzens aber er musste das innere Steppenfeuer auf das Kopfküssen betten und in
sein Einträumen mischte sich der hohe Donner wie ein Gott der Nacht mit den
ersten Schlägen
24 Zykel
Der alte unbekannte Mann blieb viele Tage lang in Albanos Seele o stehen und
wollte nicht weichen Überhaupt war jetzt dem Bette seines Lebens eine Krümmung
nötig die den Zug des Stromes brach Menschen wie ihn kann das Schicksal nur
durch den Wechsel der Lagen bilden so wie Schwache nur durch den Bestand
derselben Denn ging es länger so fort und kam der Kronleuchter in seinem Tempel
durch innere Erdstösse in immer größere Schwankungen so konnt am Ende keine
Kerze mehr darauf fortbrennen Welche ReichstagsBeschwerden führen nicht schon
Wehrfritz und Hafenreffer verbunden darüber dass der Schiffspatron Blanchard in
Blumenbühl mit seinen ärostatischen Seifenblasen aufstieg und dass Zesara beinahe
durch den ganzen Despotismus des Direktors kaum von dem Einschiffen abzuhalten
war Und wie göttlich stellt er sich es nicht vor nicht nur der Erde ihre
Eisenringe und Haftbefehle herunterzuwerfen und über alle ihre Marktaufen und
Grenzbäume und Herkulessäulen steilrecht wegzufliegen und als ein Sternbild um
sie zu ziehen sondern auch über dem magischen Lilar und der plombierten
Lindenstadt mit verschlingenden Augen zu schweben und eine ganze schwere volle
Welt an der Handhabe eines Blicks zum durstigen Herzen zu heben
Aber das Schicksal brach den Fall dieses schnellen Stroms Es wollte nämlich
zum Glück schon lange die Blumenbühler Kirche täglich einfallen und ich
wollte der Pfingstdonner wäre darein gefahren und hätte der Baudirektion Ohren
und Beine gemacht als zu noch größerem Glück der alte Fürst unpass wurde In
der Kirche war nun das Erbbegräbnis des Fürsten das nicht schicklich wieder das
Erbbegräbnis der Kirche werden konnte
Es musste sich treffen dass die alte Fürstin mit dem Minister Froulay durch
das Dorf passierte Beide hatten sich längst zu Reichsvikarien und Geschäfts
und Zepterträgern des Staates bevogtet weil der alte matte Herr gern die Spiele
und die Bürden den Glimmer und das Gewicht der Krone weggegeben und jene beiden
Lehnsvormünder ins Erbamt des Zepters eingelassen hatte
Kurz das Alter der Kirche entschied neben dem Alter des Fürstenpaars die
Baute einer neuen Dachung und Kapsel für die Gruft
Der Landschaftsdirektor besichtigte mit und invitierte die vornehme
Gesellschaft in sein Haus in welcher aus dem Gefolge besonders der
Landbaumeister Dian und der Kunstrat Fraischdörfer als Kunstverständige und die
kleine Prinzessin als Naturverständige auszuheben sind
Der arme Tanzmeister bekam durch ein Sehrohr Wind von dem Zuge als er die
Füße voll Pas eben in ein warmes Fussbad streckte Es wird niemand vergnügen dass
der Wiener das einzige mit dem Magister gemein hatte was der Teufel mit dem
Pferde nämlich den Fuß der seine guten anderthalb Pariser Fuß maß und dass
daher sein doppelter Wurzelast in den engen Treibscherben von Schuhen zu einem
fruchttragenden Knotenstock voll Okulier dh Hühneraugen ausschlug Heute
hätt er diese gordischen Knoten im Fussbade zerschnitten aber so musst er bei
einer solchen Visite wie wohl er sie nie ausgezogen seine engsten
Kinderschuhe anlegen um Effekt zu tun So fangen sich die Menschen oft mit zu
leichten wie die Affen mit zu schweren Schuhen
Albano hingegen stand auf Koturnen Jeder überhaupt der nur aus Pestitz
kam hatte für ihn geweihte heilige Erde an den Sohlen und hier sah er mit der
liebenden Achtung eines Dorfjünglings der bejahrten aber rotwangigen und
hochstämmigen Fürstin auf das von der Zeit aufgebogene Kinn und ins freundliche
Gesicht das sich in ein ganzes tiefes Haubengebüsch vielleicht zur Decke der
vielen Lebenslinien vergrub Sie wiegte diesen Kopf lächelndvergleichend im
Wahne der Verschwisterung zwischen ihm und Rabetten hin und her weil Mütter
immer an Müttern zuerst nach den Kindern sehen Er hätt es noch wissen sollen
dass er eine Freundin Lianens an der kleinen krausköpfigen Prinzessin vor sich
hatte die wiewohl schon in seinem Alter noch mit einer freundlichen
Lebhaftigkeit die nie vom Hofmarschallamte unterschrieben werden kann, an alle
hinansah und sogar Rabetten bei der Hand nahm und ihr ein
unbeschreiblichgutmütiges und steifes Anlachen abzwang Furchtbar kam ihm der
Minister vor ein Mann voll starker Partien an Leib und Seele voll reissender
würgender nur an Blumenketten liegender Leidenschaften und von welchem obwohl
sein hartes Gesicht erst höflich mit freundlichen 12 himmlischen Zeichen von
Liebe überschrieben war doch nicht sonderlich einleuchten wollte wie von der
nervenweichen Liane ein Mann der Vater und Führer sein könne bei welchem die
Eisenteile deren der Mensch mehrere im Blute trägt als irgendein Tier sich
nicht wie bei Götze auf die Hand geworfen hatten sondern auf die Stirn und
das Herz
Ich gehe über das einzige Glied in der Gesellschaft das Albanen
unausstehlich war nur flüchtig weg über den Kunstrat Fraischdörfer der sein
Gesicht wie die Draperie der Alten in einfache edle große Falten geworfen
hatte Vor vielen Jahren wollt er nämlich unsern verschämten kleinen Helden bis
auf die Herzgrube zum Sitzen haben um dessen Gesicht und breite hohe aus der
Hemdkrause glänzende Platosbrust ich weiß nicht ob nachzupinseln oder
nachzubossieren Allein das verschämte Kind schlug mit Händen und Füßen um sich
und es war ihm nichts nachzumünzen als das nackte Gesicht ohne das Postement
den Torax Hingegen vor mir liebe Akademie musst du nun jahrelang wie ein
Stylit auf dem ModellStative aushalten und meiner Reissfeder deinen Kopf und
deine Brust samt ihrem Kubikinhalt blossstellen der Gruppierungen gar nicht zu
gedenken
Seiner edlen Gestalt hatt er es vielleicht zu danken dass der
schöngebildete geradnasige und herrlichschlanke Grieche Dian mit seinem
Rabenhaare und schwarzen Adlerauge der in jeder gelenken Bewegung eine höhere
Freiheit des Anstandes zeigte als in Tanz und KourZimmern gewonnen wird
feurig zu ihm trat und mit wenigen Blicken dem tiefen aber reinen Meere des
Jünglings auf den grünenden Boden und auf die Perlenbänke sah Albano stellte
mit seiner zu lauten heftigen Stimme mit seinen ehrerbietigen aber scharf
aufschlagenden Blicken mit seiner eingewurzelten Stellung eine holde Mischung
von innerer Kultur und Übermacht mit äußerer ländlicher Errötung und Milde dar
gleichsam einen noch zu keinem Tulpenbeete verschnittenen Tulpenbaum eine
ländliche Eremitage und Waldklafter mit goldner Ausmöblierung Er hatte die
Fehler der einsiedlerischen Jugend aber Menschen und Winterrettiche muss man
weit säen damit sie groß werden engstehende Menschen und Bäume haben zwar
einen schlankern Stangenschuss aber keine Wetterfestigkeit keine so reiche
Krone und Ästung wie freistehende Mit der unbefangensten Herzlichkeit entdeckte
der Baumeister dem glühenden Jünglinge »sie würden sich von nun an jede Woche
sehen da er täglich um den Bau der Kirche zu besorgen komme«
Das ganze Wehrfritzische Haus guckt jetzt dem hohen Zuge bis auf das
letzte verschwindende Wagenrad hinterdrein und ist doch begierig über das
nachduftende Lavendelwasser der Freude drei Worte zu sagen das der Zug in alle
Winkel und auf alle Möbeln verspritzet hatte Vom Exerzitienmeister an der mit
den Kompressionsmaschinen an den Füßen bloß bis an die Knorren im Fegefeuer
stand und dann bis an den Wirbel im Himmel weil die gesprächige Prinzessin sich
seiner fünf Positionen sehr gut entsonnen hatte bis zur bescheidenen Rabette
der Lobrednerin ihrer Siegerin und bis zu Albinen der an einer Fürstin die
warme Mutterliebe gegen die Prinzessin wohltat und bis zum Direktor den die
schönbestandne Klingen und Ankerprobe des Pflegesohns und die allgemeine
Redlichkeit dieses bekehrten Weltteils der großen Welt nachfreuete weil der
Mann es nie behielt dass Fürsten und Minister so wie sie in ihrer Garderobe
Berghabite zum Einfahren haben auch Direktoratsanzüge JustizWildschure
KonsistorialSchafspelze und WeiberOpernKleider in der Anziehstube führen
von allen diesen Menschen bis zum Direktor wuchs der frohe Nachklang um in
Zesara mit einer Lärmkanone aufzuhören sein Ehrgeiz trat unter Waffen sein
Freiheitsbaum fuhr in Blüten aus die Standarten seiner JugendWünsche wurden
eingeweiht und flatterten aufgewickelt im Himmel und auf den Myrtenkranz
deckt er einen schweren Helm mit einem glänzenden hochaufwallenden
Federbusche
Der folgende Zykel ist bloß dazu gemacht um anzugeben wie man das zu
nehmen habe
25 Zykel
Auch meine Meinung ists dass das antiphonierende Doppelchor der beiden
ErziehungsKollegien Wehmeier und Falterle unsern Normann bisher so gut erzog
als zwei ähnliche Gymnasiarchen die Gouvernante England und die Hausfranzösin
Frankreich die Kurrentschülerin Deutschland nach den besten Schulbüchern
wirklich erzogen haben so dass wir nun wieder unsers Orts imstande sind
Polacken zu schulen und solche mit dem Schulbakel aus dem Katheder unserer
Fürstenschule herab so viel als nötig zu kantschuen
Aber jetzt war zu viel in Albano aufgewacht Er fühlte überschwellende
Kräfte die keinen Lehrer fanden sein in Italien herumstreifender Vater schien
ihn zu versäumen den Musensitz Pestitz der noch dazu eine Muse mehr hatte
schien er ihm ungerecht zu versperren er wusste oft nicht zu bleiben
Phantasie Herz Blut und Ehrliebe goren In solchem Falle ist wie in jedem
gärenden Fasse nichts gefährlicher als ein leerer Raum es sei an Kenntnis oder
Arbeit
Dian füllte das Fass auf
Er kam in jeder Woche aus der Stadt als hätt er das Einhämmern der Kirche so
gut nach Rissen zu ordnen als ihr Aufmauern Ein Jüngling der den ersten
Griechen sieht kanns anfangs gar nicht recht glauben er hält ihn für
klassischverklärt und für einen gedruckten Bogen aus dem Plutarch Wenn ihm nun
gar das Herz so brennt wie meinem und wenn sein Grieche noch dazu ein
spartischer Nachkömmling ist wie Dian nämlich ein unbesiegter Mainotte der im
klassischen Doppelchore der ästhetischen Singschule in Atiniah Athen und Roma
erzogen worden so ist es natürlich dass der begeisterte Jüngling jeden Tag in
den Staub und ModerWolken des fallenden Kirchengemäuers steht und darauf
wartet ob sein Heerführer hinter der Wolkensäule vortrete
Dian begleitete den Geliebten auf seine Spaziergänge las oft halbe Nächte
mit ihm und nahm ihn auf die architektonischen Landreisen mit die er immer zu
machen hatte Er führte ihn mit begeisterter Ehrfurcht in die heilige Welt des
Homers und des Sophokles ein und ging mit ihm unter die höheren ganz
entwickelten von einseitiger ständischer Kultur noch unverrenkten
schöngegliederten Menschen dieses ZwillingsPrometeus die wie Salomo für alles
Menschliche für Lachen Weinen Essen Fürchten und Hoffen eine Zeit hatten und
die bloß die rohe Grenzenlosigkeit flohen die auf den Altären aller Götter
opferten aber auf dem der Nemesis zuerst Und Dian dessen innerer Mensch ein
ganzer war dem kein Glied ausgerissen ist keines aufgeblasen und alle
grossgewachsen ging selber als ein solcher SophoklesHomerischer Grieche mit
dem Lieblinge um Er machte ihm indes Wehmeier und die Pflegeeltern ihm
überall mit einer Kanzel und einem Kirchenstuhle nachliefen bei jedem heftigen
Unwillen oder Wunsche oder Jubel den er zeigte mit schöner liberaler Freiheit
Raum sich breit und hoch zu entwickeln Er ehrte am Jünglinge das St Elms
oder HelenenFeuer wie am Greise das Eis das Herz kräftiger Menschen glaubt
er müsse wie ein Porzellangefäss anfangs zu groß und zu weit gedrehet sein im
Brennofen der Welt laufen beide schon gehörig ein Ebenso fordr ich von einem
Jünglinge erst Intoleranz dann nach einigen Jahren Toleranz jene als die
steinige saure harte Frucht eines kräftigen jungen Herzens diese als das weiche
LagerObst eines älteren Kopfes
Aber indem der Baumeister mit ihm zeichnete mit ihm Abgüsse der Antiken und
Kunstwerke anschauete so machte er am schönsten vor diesen seine Liebe für das
artistische Zeichen der Waage am Menschen der sein eigenes Kunstwerk sein soll
und seine Abneigung vor jedem Paroxysmus offenbar der die äußere Schönheit in
Falten bricht wie die innere und seinen Wunsch seine Gestalt und sein Herz
nach der hohen Stille auf den Antiken zu ordnen
Der Baumeister bewahrte wie oft der Künstler und öfter der Schweizer
europäische Kultur und ländliche Naivetät und Einfachheit nebeneinander seiner
geliebten Baukunst gleich worin mehr als in den andern Künsten Schönheit und
messende Vernunft zusammengrenzen er ließ daher zuerst Albano in den Hörsaal
der Philosophie, aber im Freien außen am Fenster stehend hineinsehen und
hineinhören Er führte ihn nicht in den Steinbruch vor die Kalkgrube und auf
den Zimmerplatz der Metaphysik sondern sogleich in das damit fertig gemachte
schöne Betaus sonst die natürliche Theologie genannt Er ließ ihn keine
eiserne Schlusskette Ring nach Ring schmieden und löten sondern er zeigte sie
ihm als hinunterreichende Brunnenkette woran die auf dem Boden sitzende
Wahrheit herauf oder als eine vom Himmel hängende Kette woran von den
Untergöttern den Philosophen Jupiter heruntergezogen werden soll Kurz das
Skelett und MuskelnPräparat der Metaphysik versteckt er in den Gottmensch der
Religion Und so soll es anfangs sein aus der Sprache lernt man die
Grammatik leichter als jene aus dieser aus den Kunstwerken leichter die Kritik
aus dem Leibe das Gerippe als umgekehrt wiewohl man es immer umkehrt
Unglücklich sind unsere jetzigen Jünglinge die vom Baume des Erkenntnisses
früher die Tropfen und die Käfer schütteln müssen als die Früchte
Und nun macht er ihm kühn alle Stubentüren der philosophischen Schulen auf
dh alle drei Himmel denn in dieser Jugendzeit hält man noch den Docht jedes
gelehrten Lichtes der Welt für Asbest wie Brahminen sich in Asbest kleiden
und die Eisstücke an den Polen unserer geistigen Welt stellen noch wie die der
hiesigen Städte und Tempel auf himmelblauen Säulen vor
Wenn nun Albano über irgendeine große Idee über die Unsterblichkeit über
die Gottheit sich in Flammen gelesen so musst er darüber schreiben weil der
Baumeister glaubte und ich auch dass in der erziehenden Welt nichts über das
Schreiben gehe nicht einmal Lesen und Sprechen und dass ein Mensch 30 Jahre mit
weniger Ertrag seiner Bildung lese als ein halbes schreibe Dadurch schwingen
eben wir Autoren uns zu solchen Höhen daher werden sogar schlechte wenn sie
aushalten am Ende etwas und schreiben sich von Schilda nach Abdera und von da
nach Grubstreet hinauf
Allein welche glühende Stunde ging dann für unsern Liebling an Was sind
alle sinesische Laternenfeste gegen das hohe Fest wo ein entflammter Jüngling
alle Gehirnkammern erleuchtet und in diesem Glanze seine ersten Aufsätze
hinwirft
Vorn auf der Schwelle des Aufsatzes ging Albano vielleicht noch Schritt für
Schritt und bediente sich bloß des Kopfes aber wenn es weiterkam und das Herz
mit den Flügeln zuckte und er wie ein Komet vor lauter schimmernden Sternbildern
großer Wahrheiten vorüberfahren musste konnt er sich da enthalten dem
rosenroten Flammantvogel nachzuahmen der im Zuge gegen die Sonne sich zu einem
fliegenden Brande anzufärben und sich mit Doppelflammen zu beschwingen scheint
Kam er vollends auf die Nutzanwendung wahrhaftig so war jede wie die andere
in jeder formte und besäete er ein Arkadien voll menschlicher Engel die in
drei Minuten in das so nahe schwimmende Elysium aussteigen konnten auf einem
dazu hineingeworfenen CharonsPonton in jeder Nutzanwendung waren alle
Menschen Heilige alle Heilige Selige alle Morgen Blüten und alle Abende
Früchte Liane gesund und er nicht weit davon ihr Liebhaber alle Völker
stiegen die Mittagshöhe lichter hinan und er auf seiner eignen erblickte wie
Menschen auf Bergen alles Gute näher ach die ganze sumpfige Gegenwart voll
Sturzeln und Egeln hatt er mit einem Fuße seitwärts weggestossen und war nur von
den grünenden Welten voll Auen umflogen die die Sonnenkugel seines Kopfes in
den Äther geworfen hatte
Selige selige Zeit du bist schon lange vorbei O die Jahre worin der
Mensch seine ersten Gedichte und Systeme lieset und macht wo der Geist seine
ersten Welten schafft und segnet und wo er voll frischer Morgengedanken die
ersten Gestirne der Wahrheit kommen sieht tragen einen ewigen Glanz und stehen
ewig vor dem sehnenden Herzen das sie genossen hat und dem die Zeit nachher nur
astronomische Ephemeriden und Refraktionstabellen über die Morgengestirne
reicht nur veraltete Wahrheiten und verjüngte Lügen O damals wurd er von
der Milch der Wahrheit wie ein frisches durstiges Kind getränkt und grossgezogen
später wird er von ihr nur als ein welker skeptischer Hektikus kuriert Aber
du kannst freilich nicht wiederkommen herrliche Zeit der ersten Liebe gegen die
Wahrheit und diese Seufzer sollen mir eben nur deine Erinnerung wärmer geben
und kehrst du wieder so geschieht es gewiss nicht hier im tiefen niedrigen
Grubenbaue des Lebens wo unsere Morgenröte in den Goldflämmlein auf dem
Goldkiese besteht und unsere Sonne im Grubenlicht nein sondern dann kann es
geschehen wenn der Tod uns aufdeckt und den Sargdeckel des Schachtes von den
tiefen blassgelben Arbeitern wegreisset und wir nun wieder wie erste Menschen
in einer neuen vollen Erde stehen und unter einem frischen unermesslichen Himmel
In dieses goldne Zeitalter seines Herzens fiel auch seine Bekanntschaft mit
Rousseau und Shakespeare wovon ihn jener über das Jahrhundert erhob und dieser
über das Leben Ich will es hier nicht sagen wie Shakespeare in seinem Herzen
gebietend regierte nicht durch das Atmen der lebendigen Charaktere sondern
durch die Erhebung aus dem irdischen lauten Reiche ins stumme unendliche Wenn
man nachts den Kopf unter das Wasser taucht so ist eine fürchterliche Stille um
uns her in eine ähnliche überirdische der Unterwelt bringt uns Shakespeare
Was viele Schullehrer an Dian tadeln können ist dass er dem Jünglinge alle
Bücher untereinander gab ohne genaue Ordnung der Lektüre Aber Alban fragte in
späteren Jahren »Ist eine solche Ordnung etwas anders als Narrheit Ist sie
möglich Ordnet denn das Schicksal die Erscheinung der neuen Bücher oder Systeme
oder Lehrer oder die äußern Begebenheiten oder die Gespräche je so
paragraphenmässig dass man weiter nichts brauchte als die Gegenwart
abzuschreiben ins Gedächtnis um die Ordnung obendrein zu haben Braucht und
macht nicht jeder Kopf seine eigne Und kommt es mehr auf die Rangfolge der
Speisen oder auf ihre Verdauung an«
26 Zykel
Während Dian einen schöneren Tempel in die Höhe steigen ließ als den steinichten
im Dorfe verstarb die Fürstin deren castrum doloris dieser werden sollte sie
musste man also vor der Hand in das Absteigequartier einer Pestitzer Kirche
beisetzen Das änderte ein paar tausend Sachen Der Hohenfliesser Kronprinz Luigi
sollte und musste nun aus Welschland zum Fürstenstuhle zurück worauf der alte
von den Jahren zusammengewickelte Fürst winzig und sprachlos mehr lag als saß
wiewohl der hinter der FürstenstuhlLehne stehende Minister dessen Figur und
Stimme munter genug nachspielte Don Gaspard der alle bisherige Briefe
Albanos nicht erhöret hatte fertigte nun diesem die gleich feurigem Weine die
Adern durchbrausende Ordre zu »Auf meinem Rückwege aus Italien sehen wir uns in
deinem Geburtsorte Isola bella Man wird dich abholen« Auch Leser die noch
keine Woche lang Briefe eines GesandtenPersonale zugeschnitten und zugesiegelt
haben merken leicht dass der VliesRitter gedenkt seinen Sohn mit dem jungen
Fürsten und ihre ersten Pestitzer Verhältnisse zu verknüpfen und zu mischen
Ich bitte aber die Welt nun das Paradies eines Menschen auszumessen der
nach so langer Seefahrt endlich die langen Ufer der neuen Welt im Meere
hinliegen sieht War ihm jetzt nicht das Leben an hundert Ecken aufgetan
Lorbeerkränze Efeukränze Blumenkränze Myrtenkränze Ährenkränze alle
diese Girlanden überhingen das Pestitzer Haupttor und seine Haustüre Du Bruder
du Schwester ich meine Roquairol und Liane welcher volle schmachtende Mensch
zog euch entgegen Und welcher träumende und unschuldige Homer und Sophokles
und die alte Geschichte und Dian und Rousseau dieser Magus der Jünglinge und
Shakespeare und die britischen Wochenschriften worin eine höhere humanere
Poesie spricht als in ihren abstrakten Gedichten alle diese hatten im
glücklichen Jünglinge ein ewiges Licht eine Reinheit ohnegleichen Flügel für
jeden TaborsBerg und die schönsten aber schwierigsten Wünsche zurückgelassen
Er glich nicht den bürgerlichen Franzosen die wie Teiche die Farbe des nächsten
Ufers sondern den höheren Menschen die wie Meere die Farbe des unendlichen
Himmels tragen
Überhaupt war jetzt der reifste beste Zeitpunkt für seine Veränderung Durch
Dian und durch dessen Reisen war sogar sein äußerer Mensch schöner entwickelt in
Gastzimmern Die Menschen gehen wie Schiesskugeln weiter wenn sie abgeglättet
sind bei Zesara blieben ohnehin genug DemantSpitzen stehen woran sich das
Mittelgut stösset und sticht und selber ungewöhnlicher Wert ist ungewöhnlicher
Fehler wie hohe Türme eben darum übergebogen scheinen Zesara lernte eben
außerhalb des ländlichen Junkerzirkels eine Behendigkeit der Ideen und Worte
ein die ihm sonst nur im Enthusiasmus zu Gebote stand denn der Witz sonst ein
Feind des letztern war bei ihm bloß ein Diener und Kind davon Er kokettierte
nicht wie witzige Säuglinge mit allen Ideen sondern er wurde von ihnen
entweder angepackt oder gar nicht angestreift daher kam jenes stumme langsame
unscheinbare Reifen seiner Kraft er glich langsamaufsteigenden Gebirgen die
stets mehr Ausbeute abwerfen als schnellaufstehende Bei großen Bäumen ist der
Same kleiner und im Frühlinge die Blüte später als bei dem kleinen Gesträuche
Die Zeit eh Gaspards abholender Bote kam wurde dem aufgehaltenen
Jünglinge eine Ewigkeit und das Dorf ein Kerker es schrumpfte zu den
Wirtschaftsgebäuden eines Klosters ein Der bedeckte aber mit Enkaustik in sein
Gehirn geschriebene Plan des Lebens war wie bei allen solchen Jünglingen der
nichts Größeres zu werden und zu tun als alles nämlich zugleich sich und ein
Land zu beglücken zu verherrlichen zu erleuchten ein Friedrich II auf dem
Throne nämlich eine Gewitterwolke zu sein welche Bannstrahlen für den Sünder
elektrisches Licht für Taube und Blinde und Lahme Güsse für die Insekten und
warme Tropfen für durstige Blumen Hagel für Feinde eine Anziehung für alles
für Blätter und Staub und einen Regenbogen für das Ende hat Da er nun
Friedrich II nicht sukzedieren durfte so wollt er künftig wenigstens Minister
werden zumal da Wehrfritz soviel aus der Länge dieses Nebenzepters des
Ablegers und Schnittlings vom Mutterzepter machte und in den Freistunden
nebenbei ein großer Dichter und Weltweiser
Es soll mir lieb sein Graf wenn du der zweite Friedrich der zweite und
einzige wirst mein Buch hier wird davon profitieren und ich selber poussiere
dadurch mein Glück als ein seltener aus Xenophon Curtius und Voltaire
zusammengewachsener Historiograph
27 Zykel
Zesara wird nie den Frühlingsabend vergessen woran er einen Passagier im
Überrocke ein wenig hinkend und mit brauner ReiseSchminke wogegen die weißen
Augäpfel glänzend abstachen den seichten Bach neben dem hohen Stege durchwaten
sah und wie ferner der Passagier einen Wächterspiess den der zeitige
BettlerPolizeiLeutnant als seinen vikarierenden Mitarbeiter an seine Haustüre
angelehnt mitnahm und solchen unterwegs einem Krüppel mit den Worten reichte
»Alter ich habe nichts Kleineres bei mir als den Spieß Wenn Ihn jemand fragt
so sag Er nur Er wach im Dorfe gegen das verhenkerte Bettelvolk aber Er habe
nicht Augen genug« dabei streckte der Pilger noch sein Schnupftuch einem
RektorsSöhnchen dems nötig war auf drei Minuten vor
Natürlich war es unser alter Titularbibliotekar Schoppe den Don Gaspard
mit der Einladungskarte für Isola bella abgesandt Albanos Entzückung war so
groß dass er erst einige Tage später sich im humoristischen Sonderlinge
jugendlich irrte indes dieser sehr bald den leichten heißen stillen Wildling
richtig auswog Ging es nicht dem alten Landschaftsdirektor noch schlimmer
welcher bloß weil er den deutschen Reichskörper so hoch anschlug als wär er
die darin eingepfarrte Reichsseele über Schoppes Ausfälle gegen die
Konstitution in einen patriotischen Harnisch kam »Herr« sagt er aufgebracht
»wenns auch wo haperte so muss ein redlicher Deutscher still dazu schweigen
wenn er nicht helfen kann zumal in so verfluchten Zeiten«
Das Schönste war dass auf Luigis Begehr zugleich der Baumeister abzureisen
hatte um aus Rom Abgüsse der Antiken zu holen
Und nun zieht fort damit ihr wiederkommt und wir endlich einmal einlaufen
in Pestitz Freilich wirst du gutes Kind Waldbiene sollt ich sagen deinen
Abflug aus dem ländlichen Honigbaume in den städtischen gläsernen Bienenstand
mit tieferen Schmerzen halten als du vorausgesetzt reist nicht sogar der alte
Pflegevater ohne Abschied fort um nur dem deinigen zu entfliehen und deiner
guten Mutter ist als reiße eine zornige Parze ihr einen Sohn von der Brust als
lange sein zartes nur aus der kindlichen Gewohnheit gesponnenes LiebesBand
nicht hinein in die weite Zukunft und deine Schwester sperret sich in die
Mansardenstube ein mit ihrem ländlichen von Feuerfoltern tobenden Herzen und
kann dir nichts sagen und nichts geben als eine von ihr bisher heimlich
gestickte Brieftasche mit der seidenen Umschrift Gedenke unserer und selber
auf deinen lorbeersüchtigen Kopf wird der Triumph oder Regenbogen des
Abschiedes wenn du unter ihm durchschreitest schwere schwere Tropfen werfen
ach an den nachblickenden Augen werden sie länger hängen bleiben dein alter
redlicher Lehrer Wehmeier wird an dir den letzten Strom seiner Worte und Tränen
vergießen und sagen und dein weiches Herz wird nicht lächeln »er sei ein
alter abgeschabter Kerl und habe nun nichts vor sich als das Loch das Grab
du hingegen seist ein frischer blutjunger Mann voll Sprachen und Altertümer
und herrlicher Talente von Gott freilich werd ers nicht erbeben dass aus dir
ein berühmter Mann werde aber seine Kinder wohl und dieser Würmer sollest du
dich einmal annehmen junger Herr«
Du reine Seele an jedem bekannten Hause an jedem teuren Garten und Tale
wird ja der Schmerz sein Einlegemesser schleifen und damit in dein glühendes
zartes Herz leisequellende Wunden ritzen wie sogar von deinen befreundeten
Abend und MorgenHöhen den Sprachgittern deiner heiligsten Hoffnungen und von
Lianen selber wirst du zu entweichen glauben
Aber wirf deine weinenden Augen in das offene blaue Italien und trockne sie
an Frühlingslüften das Leben hebt an die Signale zu den Waffenübungen und
Lusttreffen der rüstigen Jugend werden gegeben und mitten in den olympischen
Kampfspielen wirst du herrlich von nahen Konzert und Tanzsälen umschmettert
Was phantasier ich da her Wie ists nicht uns allen mehr als zu wohl
bekannt dass er längst fort ist schon seit der ersten Jobelperiode ja sogar
wieder retour und er hält schon seit der zweiten jetzt zählen wir die vierte
mit dem Bibliotekar und dem Lektor zu Pferde vor Pestitz und kann nicht
hinein wegen der Torsperre der
Fünften Jobelperiode
Prunkeinzug Doktor Sphex der trommelnde Kadaver Retrogradation des
Sterbetags der Brief des Ritters Julienne der stille Karfreitag des Alters
der gesunde und verschämte Erbprinz Roquairol das Erblinden Sphexens
Liebhaberei für Tränen das fatale Gastgebot das doloroso der Liebe
28 Zykel
Über den Gabelweg dessen rechte Zinke nach Lilar geht spornte Albano sein
Pferd bange hinüber und flog den Berg hinauf bis die helle Stadt wie eine
erleuchtete Peterskuppel lang und breit in der Frühlingsnacht seiner Phantasien
brannte Sie legte wie ein Riese den Oberleib die Bergstadt genannt auf die
Anhöhe und streckte die andre Hälfte die Talstadt in das Tal Es war Mittag
und keine Wolke am Himmel in der Mittagszeit steht eine Stadt mit voller
blanker Scheibe da indes ein Dörfchen erst abends aus dem ersten Viertel ins
Vollicht tritt Sie war gut fortifiziert nicht von Rimpler oder Vauban sondern
von einem wachsenden Pfahlwerke aus Linden Oben leuchtete unserm Alban die
lange Wand der Paläste der Bergstadt entgegen und die Statuen auf ihren
welschen Dächern richteten sich wie Wegweiser und Ausrufer der Freude gegen ihn
über alle Paläste zog sich das eiserne Gebälke der Ableiter als ein
Trongerüst des Donners mit goldenen Zepterspitzen seitwärts hinab lagerte
sich die Talstadt neben den Fluss zwischen Alleenschatten mit den bunten
Fassaden gegen die Gassen und mit dem weißen Rücken gegen die Natur gewandt
die Zimmerleute klopften wie Hammerwerke auf dem Anger unter abgeschälten
Stämmen und die Kinder klatschten mit den Rinden die Tuchmacher spannten
grüne Tücher wie Vogelwände gegen die Sonne aus aus der Ferne zogen
weissbedeckte Fuhrmannswagen die Landstraße daher und an den Seiten des Weges
graseten geschorne Schafe unter dem warmen Schatten der fetten hellen
Lindenknospen und über alle diese Massen schwebte das Mittagsgeläute aus den
lieben vertrauten Türmen diesen Resten und Leuchttürmen aus seiner dunklern
Zeit gleichsam verknüpfend und beseelend und rief die Menschen freundlich
zusammen
Betrachtet das erhitzte Gesicht meines Helden der endlich in die offenen
aus Sonnentempeln gebaueten Gassen einreitet wo ja vor jedem langen Fenster
auf jedem Balkon Liane stehen kann wo sich die lügnerischen oder prophetischen
Rätsel von Isola bella entwickeln müssen wo sich alle Hausgötter und
Hausparzen seiner nächsten Zukunft verstecken wo nun der Montblanc des Hofes
und die Alpen des Parnasses die er beide zu besteigen hat dicht mit ihrem Fuße
an ihm liegen Mich hätt es in etwas beklommen aber im Jünglinge zumal
vor dem Kronleuchter der Sonne loderte ein Leuchtregen nieder O wenn der
Morgenwind der Jugend weht so steht die innere Merkuriussäule hoch gesetzt
auch das äußere Wetter wäre nicht das beste
Wenige von uns werden da sie die Akademie bezogen mit ihren Pferden in ein
so labendes Getümmel geraten sein wie mein Held Schlotfeger sangen oben aus
ihren Kanzeln und schwarzen Höhlen herunter und ein Bauredner auf dem
Satteldache eines neuen Hauses besprach droben sehr die künftige Feuersbrunst
und dämpfte eine eigne und schleuderte den gläsernen Feuereimer weit über das
Gerüste ja sind wir mit ihm auch durch die lachende Kirchengemeinde des
DachSprechers geritten und durch die Armreihen blühender Musensöhne worunter
Alban das feurige Auge nach seinem Roguairol herumdreht so stoßen wir doch vor
seiner künftigen Wohnung auf ein neues Geschrei
Es machts der Landphysikus Sphex sein Mietsherr der ihm den halben Palast
denn der Doktor ist begütert durch Kuren absteht weil das Haus gerade auf der
Bergstadt oder dem Westmünster des Hofes liegt denn in der Talstadt hausen die
Studenten und die city Der kurze untersetzte Doktor Sphex stand als das
Kleeblatt anritt neben einem langen Menschen der auf einer Steinbank saß und
zwei Klöppel über eine Kindertrommel in Bereitschaft hielt Auf ein Zeichen von
Sphex schlug der Lange auf seiner Trommel einen schwachen Wirbel und der Doktor
sagte gelassen zu ihm »Strauchdieb« Ob sich gleich Sphex ein wenig gegen die
lauten Reiter umdrehte so ließ er doch bald im Wirbeln fortfahren und sagte
»Range« musst aber unter dem letzten Schlage nur eilig einschalten »Racker«
Die Reiter saßen ab der Doktor führte sie ohne Zeremonie ins Haus nachdem
er dem Trommler einen Wink mit der Hand gegeben sich nicht zu regen Er machte
ihnen ihre vier oder zwölf Pfähle auf und sagte kalt »Treten Sie in Ihre drei
Kavitäten« Albano zog aus dem warmen Glanze des Tages in den kühlen purpurnen
Erebus seines rotverhangnen Zimmers wie in einen Bildersaal malender Träume ein
gleichsam in die Silberhütte für das dunkle Bergwerk des Lebens Er fand darin
die geöffnete Hand seines reichen Vaters von den Bildern des Fussteppichs an bis
zu den Alabasterstatuen der Wand und im Kabinett traf er unter den Gaben seiner
Pflegeeltern alle seine nachgeschickten dichterischen und philosophischen
Studienbücher holde Reflexe aus der stillen ihm durch die Reise weit
entrückten Jugend an in deren Nelkenscherben nur Konkordien floriert hatten
indes jetzt Feuerfaxe gesäet werden Da warf nicht die Göttin der Nacht den
Mantel sondern die Göttin der Dämmerung den Schleier über sein Auge und ließ im
Helldunkel die Gestalten der Zukunft manche bewaffnet manche bekränzt einen
Trupp aus Parzen und Grazien an seinem Herzen das bisher so ruhig war Hände
und Hebel ansetzen und sein Herz wurde weich und locker auf drei Minuten
wahrhaftig ein Jüngling zumal dieser hat die Seestürme die den Maler die
arbeitenden Vulkane die den Physiker die Kometen die den Astronomen erfreuen
in der physischen Welt ebenso lieb in der moralischen
Albano jetzt von Lianen nur durch Gassen und Tage getrennt fürchtete sich
fast dass seine träumerischen Entzückungen ihr Ziel verrieten »Sind Briefe da«
fragte der Lektor nach seiner für Bürgerliche abbrevierten kecken Manier »Hol
ihn herauf van Swieten« sagte Sphex zu einem Söhnchen das mit zwei andern
Boerhaave und Galenus genannt bisher eine korrespondierende
Entzifferungskanzlei der neuen Mietsleute hinter einem Vorhange gemacht hatte
»Unser alter Herr« setzte Sphex auf einmal dazu als häng es mit dem Briefe
zusammen »hat auch ausgeherret seit fünf Tagen ist er maustot wie ich längst
vorausgesagt« »Der alte Fürst« fragte erstaunt Augusti »Aber warum werd
ich noch nichts von Trauergeläute schwarzangelaufnen Schnallen Tränentöpfen
und Jammer in der Stadt gewahr« fragte Schoppe
Das erklärte der Physikus Er hatte nämlich als Leibarzt die Sterbensterzie
des alten Fürsten kühn genug geweissagt und glücklich getroffen Allein da
gerade einen Tag nach dem Trauerfalle der Erbfolger Luigi in Pestitz einziehen
wollte und da die Publikation des hohen Todes die ganze für den Sohn eingeölte
Illumination ausgegossen hätte mit Tränentöpfen und die geblümten Ehrenpforten
verhangen mit Trauerflor so hatte man bevor der Nachfahrer empfangen war
obwohl zum größten Schaden des prophetischen Sphex die Sache nicht wollen laut
werden lassen so wie jener Grieche bei der Todespost seines Sohnes die Trauer
erst auf die Vollendung seines frohen Opferns verschob Sphex beteuerte schon
vor vielen Jahren hab er dem Höchstseligen aus den weißen Zähnen39 die
Nativität der Schwindsucht gestellt und nie die Todesstunde besser getroffen als
dasmal er lasse aber jeden selber beurteilen ob ein Arzt der seine
Prophezeiung überall kundgegeben viel Seide spinne bei einer solchen
politischen Unterschlagung »Aber« versetzte Schoppe »wenn man verstorbene
Herren gleich ihren toten Soldaten noch als lebendige in der Liste fortführt
so kann man fast nicht anders denn da es bei Großen überhaupt so verdammt
schwer zu erweisen ist dass sie leben so ists auch nicht leicht auszumitteln
wenn sie tot sind Kälte und Unbeweglichkeit und Fäulnis beweisen zu wenig Doch
mag man vielleicht königliche Sterbebetten wie die Perser königliche Gräber
auch darum verstecken um den armen Landeskindern den herben Zwischenraum
zwischen dem Tode und der neuen Huldigung möglichst abzukürzen Ja da nach der
Fiktion ein König gar nicht stirbt so haben wir Gott zu danken dass wirs
überhaupt erfahren und dass es nicht mit dem Tode desselben wie mit dem Tode des
ebenso unsterblichen Voltaire geht den die Pariser Journalisten gar nicht
melden durften«
Van Swieten und Boerhaave und Galenus brachten nach langem Ausbleiben einen
Brief an Albano mit Gaspards Siegel er riss ihn jugendlicharglos auf ohne
einen Blick auf den Umschlag aber der Lektor nahm diesen in die Hand und drehte
ihn wie ein Postsekretär Heraldiker und Siegelbewahrer nach seiner Gewohnheit
zur Visitation sphragistischer Wunden herum und schüttelte über die schlechte
Erneuerung des Briefadels dh des Wappens leise den Kopf »Haben die Jungen
etwas am Siegel verletzt« sagte Sphex »Mein Vater« sagte lesend Albano um
eine bis nach außen reichende Erschütterung zu überdecken worein ein Flug
schwerer Gedanken plötzlich alle seine innern Zweige setzte »weiß den Tod des
Fürsten auch schon« Da schüttelte Augusti noch mehr den Kopf denn da sich
vorhin Sphex vom Briefe auf einmal auf das fürstliche Sterben versprang so
setzte dieser Sprung fast die Lesung des ersteren voraus Der Leser ziehe sich
hiervon die Regel ab dass er über die Entfernung zweier Töne zwischen welchen
die Leute vor ihm hüpfen stutzen und daraus auf den Leitton zwischen beiden
raten müsse den sie verstecken wollen
Für den Grafen war es jetzt recht gut dass der Doktor den Hofmeistern ihre
Zimmer anwies ach seine vom heutigen Tage schon schwankende Seele wurde jetzt
so heftig vom Inhalte des Briefes erschüttert
29 Zykel
Als Sphex dem Bibliotekar die Stube auftat war solche schon besetzt von einer
Kiste auch aus Italien angelangter Vipern von 34 Zentner Flachs einem
bleichen Reifrocke und von drei durchbohrten Seidenschuhen der Doktorin samt
einer Weife und einem Vorrate von Kamillenkraut das medizinische eheliche Paar
hatte gedacht das pädagogische niste beisammen Aber Schoppe versetzte recht
gut und fast mit einiger Ironie gegen den vornehmer traktierten Augusti »Je
kräftiger und geistreicher und größer zwei Menschen sind desto weniger
vertragen sie sich unter einem Deckenstück wie große Insekten die von Früchten
leben ungesellig sind zB in jeder Haselnuss sitzt nur ein Käfer indes die
kleinen die nur von Blättern zehren zB die Blattläuse nesterweise
beisammenkleben« Zesara hätte allerdings an seinem unersättlichen Herzen den
Geliebten den ihm das Geschick darangelegt hätte unaufhörlich in jeder Lage
und Stunde wie einen Waffenbruder behalten wollen aber Schoppe hat recht
Freunde Liebende und Eheleute sollen alles gemein haben nur nicht die Stube
die groben Forderungen und die kleinlichen Zufälle der körperlichen Gegenwart
sammlen sich als Lampenrauch um die reine weiße Flamme der Liebe Wie das Echo
immer vielsilbiger wird je weiter unser Ruf absteht so muss die Seele aus der
wir ein schöneres begehren nicht zu nahe an unsrer sein und daher nimmt mit
der Ferne der Leiber die Nähe der Seelen zu
Der Doktor ließ seine lauten Kinder als einen ausräumenden Strom in die
Augiasstube laufen er aber ging wieder zum Trommler hinunter mit dem es nach
seiner Erzählung diese Bewandtnis hatte Sphex hatte schon vor mehreren Jahren
besondere Vermutungen über die FettAbsonderung und den Durchmesser der
FettZellen in einem Traktate gewagt den er nicht eher herausgeben wollte bis
er die anatomischen Zeichnungen dazu konnte stechen lassen mit denen er auf die
Sektion und Ausspritzung des dasitzenden Trommlers wartete Diesen kranken
einfältigen schlaffen Menschen Ma mit Namen hatt er vor einem Jahre als
sich einige FettAugen auf ihm ansetzten unter der Bedingung in die Kost
genommen dass er sich zerlegen ließe wenn er verstorben wäre Zum Unglück
findet Sphex seit geraumer Zeit dass der Kadaver täglich abfället und eindorret
aus einem Aale zu einer Hornschlange und es ist ihm unmöglich herauszubringen
was es macht da er ihm nichts Aussaugendes zulässet weder Denken noch Motion
noch Passionen Empfindsamkeit Essig noch sonst etwas
Die Trommel muss der Kadaver da er ebenso hartörig als hartsinnig ist und
schon darum keine Vernunft annimmt weil er keine hört immer umgehangen
tragen weil er unter ihrem Rühren besser vernimmt was sein Broterr und
Prosektor an ihm aussetzt40 Der Doktor filzte ihn nun drunten Schoppe hörte
zum Fenster hinab so aus »Ich wollte der Teufel hätte lieber Seinen
verdammten seligen Vater geholet als dass er gestorben wäre Er schießt ja über
Sein Lamentieren ein wie Soldatentuch und weckt ihn doch nicht auf und wenn Er
sich die Nase wegweinte Besser getrommelt Kahlmäuser Weiß Er denn nicht
Schuft dass Er mit einem andern einen Kontrakt gemacht ins Fett zu wachsen so
gut Er kann und dass man den Brotdieb kostbar ernährt bis er brauchbar wird
Andere würden gern fett wenn sies hätten Und Ihr Redet Strick« Malz
ließ die Trommelstöcke unter die Schenkel niederklappen und sagte »Sie haben
recht Seine Not mit mir es ist kein rechter Segen bei unserm Schmalz und
darüber mergelt sich unsereiner im stillen ab Meinen Vater sel schlag ich
mir wahrhaftig aus dem Kopfe er mag mir einfallen wenn er will«
30 Zykel
Der väterliche Brief der Albanos Seele in allen ihren Fugen erschütterte
lautet übersetzt so
»Lieber Albano im Kampanertal erhielt ich leider einen Brief über die immer
heftiger wiederkommenden Asphyxien deiner Schwester er war am Karfreitage
geschrieben und setzte ihren Tod schon als ausgemacht voraus Auch bin ich
darauf gefasst Desto mehr frappierte mich deine Nachricht vom Gaukler der
Insel der den Propheten spielen wollen Eine solche Weissagung setzt
irgendeinen Anteil voraus dem ich in Spanien näher nachspüren muss Ich glaube
den Betrüger schon zu kennen Sei an deinem Geburtstage vorsichtig bewaffnet
kalt und kühn und halte womöglich den Jongleur fest gib dir aber kein ridicule
durch Sprechen darüber Dian ist in Rom und arbeitet recht brav Lege
Hoftrauer für den lieben alten Fürsten an aus Gefälligkeit Addio
G de C«
»Ach teuere Schwester« seufzte er innig und zog ihr Medaillon heraus und sah
weinend die Züge eines ihr versagten Alters an und las weinend die widerlegte
Unterschrift Wir sehen uns wieder Jetzt da sich ihm das Leben lachend und weit
aufschliesset ging es ihm viel näher dass das Schicksal die Schwester so eng
bedeckt ja der harte Gedanke kam dazu ob er nicht Schuld an ihrem Verschwinden
habe da seinetwegen der fürchterliche Zahuri der Insel vielleicht eine opfernde
Gaukelei getrieben sogar der Umstand dass sie seine schwächliche
Zwillingsschwester war wurde ein Schmerz Allein kämpfend standen jetzt die
Gefühle in seinem Geiste wie auf einem Schlachtfelde gegeneinander Welches
Schicksal zieht mir entgegen dacht er »Nimm die Krone« hatte jene Stimme
gesagt »welche« fragte aufstehend sein ruhmdurstiger Geist und untersuchte
kühn ob sie aus Lorbeeren oder Dornen oder Metallen bestehe »Liebe die
Schöne« hatte sie gesagt aber er fragte nicht »welche« nur hatt er
seitdem der Vater des Todes seinen Namen und seine Glaubwürdigkeit fürchterlich
zu bewähren schien die Furcht dass die angekündigte Stimme in der Himmelfahrts
und Geburtsnacht einen andern Namen nenne als den geliebtesten
Abends nachdem die drei Ankömmlinge ihre häuslichen Einrichtungen die aus
dem wellenschlagenden Albano noch immer nicht den vervielfältigten Zauberglanz
der Lindenstadt wegbrachten hinter sich hatten führte der Lektor den Grafen
zum Erbprinzen Luigi Dieser kopierte täglich eine halbe Stunde lang im
Bilderkabinett und beschied beide dahin zum Warten auf ihn Sie gingen hinein
Ein andrer als ich würde hier der Welt einen räsonnierenden Küchenzettel aller
Schaugerichte des Kabinetts zustellen aber ich mag sie nicht einmal mit den 17
Gemälden beschenken über deren Reizen jene seidenen Tändelschürzen oder Schleier
hingen die in Paris eine Dame gern von ihren eignen abheben würde um nur damit
verschämt das Kunstwerk zu bedecken Man kann leicht denken dass unserm Alban im
Bilderkabinett das mütterliche41 einfiel und dass er gern an jedem Nagel gerücket
hätte wäre niemand dagewesen
Aber die Prinzessin Julienne war da die er und wir alle noch recht gut
von Blumenbühl her kannte wie sie ihn Sie war zwar voll junger Reize aber man
fand diese doch nicht eher als bis man ein paar Tage vorher sehr in sie
verliebt gewesen war das machte sie darauf jede Minute hübscher wie denn
überhaupt Amor mehr der Vater als der Sohn der Huldgöttin ist und sein Köcher
das beste Schmuckkästchen und die reichste Toilettenschachtel und seine Binde
das beste mouchoir de Venus und Schminkläppchen das ich kenne
Sie zeichnete gerade den Gipsabguss eines schönen alten Kopfs der dem Grafen
gleichsam aus dem Antikenkabinett seiner Erinnerung geholt zu sein schien und
dem sein wallendes Herz recht liebend entgegenfloss aber er entsann sich des
Urbilds nicht Endlich sagte Julienne die Etikette verschmähend recht gutmütig
und aufblickend »Ach lieber Augusti mein Vater ist verschieden in Lilar« Das
Wort Lilar kolorierte plötzlich in Albano das bleiche Gedächtnisbild völlig
wie diese blasse Büste sah im Mondscheine der alte Mann aus der in jener
dichterischen Sommernacht Zesarens Hände auf dem Berge zum Gebet zusammenlegte
und sagte »Gehe schlafen lieber Sohn eh das Gewitter kommt« Ein andrer
hätte sich nun nach dem Namen der Büste erkundigt und erst dann die nächtliche
Historie entdeckt aber der Graf tat im Feuer bloß das letztere nach einem
kurzen Warten auf das Auslaufen des Gesprächs Augusti wollte ihn als er die
ihm fremde Geschichte der Bekanntschaft mit dem Urbilde anhob sorgend
unterbrechen aber Julienne gab ihm einen Wink ihn zu lassen und der Jüngling
teilte treuherzig der teilnehmenden Seele das schöne Zusammenkommen gerührt und
brennend mit und wurde beides noch mehr als ihre Augen überflossen in ihr
Lächeln »Es war mein Vater das ist sein Abguss« sagte Julienne weinend und
freudig Albano schlug nach seiner Art mit seufzender Brust die Hände vor der
Büste zusammen und sagte »Du edle herzlich geliebte Gestalt« und sein großes
Auge schimmerte von Liebe und Trauer
Die gute weibliche Seele wurde von einer so unhöfischen Teilnahme
fortgerissen und sie überließ sich ganz ihrem angeborenen Feuer Das weibliche
und das höfische Leben ist zwar nur die längere Strafe des Gewehrtragens
Oberhofmeisterinnen sind wie es nach dem Modelle der Jaherren Neinherren gibt
wahre Neinfrauen die siebenfarbige Kokarde der heitern tanzenden Freiheit wird
da abgerissen oder läuft schwarz an von der Hoftrauer jeder weibliche Lustain
ist ein unheiliger Fataleres kenn ich nichts aber die kraushaarige
Julienne brach mir nichts dir nichts durch das ewige Gefängnis bei süßem Brote
und gebranntem Wasser des Tages wohl zwölfmal hinaus und lachte den freien
Himmel an und beleidigte sich und andre nie die Oberhofmeisterin stets
Sie erzählte nun dem Grafen indem sie aus Nervenschwäche und Lebhaftigkeit
immer stärker lächelte und schneller sprach wie ihr lieber schwacher mehr
kindlicher als kindischer Vater dessen alten Lippen und entkräfteten Gedanken
nur noch nachgelallte Gebete möglich waren sich mit einem eisgrauen mystischen
Hofprediger in Lilar ins Betzimmer eingeschlossen ein graues Haupt verbirgt
sich gern eh es verschwindet und sucht wie Vögel einen dunkeln Ort zum
Entschlafen und wie sie und das Fräulein von Froulay Liane dem halbblinden
Manne abwechselnd Gebete vorgelesen und gleichsam die Abendglocke der Andacht
vor dem müden schlaftrunknen Leben angezogen Sie malte wie er in diesem
Vorhofe der Gruft alles Geliebte überlebt oder vergessen habe wie er immer nach
ihrer Mutter gefragt deren Sterben ihm stets von neuem entfallen und wie das
verdunkelte Auge jede Tageszeit für einen Abend und daher jeden Fortgehenden für
einen der schlafen gehen wolle genommen habe
Wir wollen nicht zu lange auf diese späte Zeit des Lebens blicken wo sich
die Menschen wieder als Kinder für die längere Wiege des Grabes verkürzen und
wo sie gleich den abends schlafenden Blumen unkenntlich sind und einander früher
als im Tode gleich werden
Besonders dem Lektor war wie allen Hofleuten schlecht mit diesen Funeralien
gedient auch wollt er gern die Hiobskrankheit ihres Klagens durch Versetzung
heilen und führte sie näher zu Lianen Aber eben indem sie den Anteil und die
Opfer dieser Freundin beschrieb und indem ihr wieder die lange weinende Umarmung
erschien worin Liane sie und den Schmerz gleichsam fest an sich geschlossen
hatte so kehrte jeder dunkle schwere Blutstropfe den die kräftigen Pulsadern
fortgetrieben hatten wieder in das Herz zurück und sie hörte auf zu malen
sowohl diese Geschichte als den Kopf
Die beiden Freundinnen waren keine solche die sich den Kuss durch zwei Flöre
hinauslangen oder die einander abzuherzen wissen ohne die kleinste Quetschwunde
der Frisur oder deren Liebesmahl sich jedes Jahr wie das Abendmahlbrot jedes
Jahrhundert leichter und dünner bricht sondern sie liebten sich innig mit den
Augen mit den Lippen mit dem Herzen wie zwei gute Engel Und wenn vorher die
Freude ihren Erntekranz nahm und ihn für sie zum Trauring der Freundschaft
machte so versuchte jetzt der Gram mit seinem Stachelgürtel dasselbe Ihr
guten Seelen mir ist es ganz leicht denklich wie ein so reiner glänzender
Seelenbund das Herz eures Freundes Albano zugleich peinlich ausdehnt und selig
erhebt wie die ärostatische Kugel zugleich zerstörend schwillt und steigt Für
Lianens Einzug standen ohnehin schon geschmückte Ehrenpforten in seinem Innern
in die Höhe
Inzwischen hätte ein Fremder ohne diese meine Feder oder auch ich ohne den
Lehnpropst Hafenreffer nichts am sprechenden Grafen merken können als ein irres
Glühen im Gesicht und schnelle Worte
31 Zykel
Auf einmal tritt in diese Schilderungen und Genüsse der Tronfolger oder
vielmehr der Nachwinter des kalten Greises ein Luigi Mit einem flachen
Schnitzwerke des schwammigen Gesichts auf dem sich nichts ausdrückte als der
ewige Missmut der LebensVerschwender und mit einigem reifen Grauwerke auf dem
Kopfe als Vorläufer der Weisheitszähne und mit der unfruchtbaren Superfötation
eines voluminösen Unterleibes ging er mit der größten Höflichkeit auf Albano zu
in der ein flacher Frost gegen alle Menschen vorstand Er stäubte sogleich mit
der Kleie von leeren schnellen unähnlichen Fragen um sich und eilte stets denn
er hatte fast noch mehrere Langweile als er machte wie sich überhaupt für
keinen das Leben so widrig verlängert als für den der es verkürzet Luigi war
durch die Erde so schnell wie durch ein Puderstübchen gelaufen und war wie in
diesem gehörig grau geworden die Milchgefässe seines äußern und innern Menschen
hatten sich weil sie Sahneoder Rahmgefässe sein sollten eben deswegen in
Giftgefässe und Leidensbecher verkehrt Sooft ich vor einer gemalten
FürstenSuite in einem Korridor vorbeigehe so verfall ich stets auf mein altes
Projekt und sage ganz überzeugt »Vermöchten wir nur wie die Sparter und alle
ältere Völker es durchzusetzen dass wir einmal einen Regenten gesund auf den
Thron hinaufbrächten so hätten wir einen guten obendrein und alles ginge Aber
ich weiß es sind die Zeiten nicht dazu Sündlicherweise assistieren nur bei der
Tortur nicht bei der Freude Chirurgen und Ärzte die auf den Grad der Freude
wie der Folter und auf die unschädlichen Stellen genau hinweisen«
Albano fremd vor und in dieser Menschenklasse sah anfänglich die Kluft
zwischen sich und Luigi flacher gegraben als sie war bloß unbehaglich und
drückend wurd es ihm wie gewissen Leuten wenn ohne ihr Wissen eine Katze im
Zimmer ist Die fortgehende moralische Entkräftung und Verfeinerung wird alle
unsere Aussenseiten noch so absäubern und ausgleichen und zwar nach demselben
Gesetze wonach physische Schwächung die Hautausschläge zurückjagt und in die
edleren Teile verweiset dass wahrhaftig ein Engel und ein Satan zuletzt in
nichts zu unterscheiden sind als im Herzen Alban brachte schon von Wehrfritz
den er immer die Rechte der Landschaft gegen den Fürsten verfechten hörte
Abneigung gegen den Nachfolger mit desto leichter entbrannte in ihm ein
moralischer Grimm da Luigi sich gegen die Bilder kehrte und die Vorhänge oder
Bergleder von einigen der indezentesten wegzog um ihren artistischen Gehalt
nicht ohne Geschmack und Kenntnis auszuwägen Eine kopierte Venus von Tizian
auf einem weißen Tuche liegend war nur die Vorläuferin Obgleich der
unschuldige Erbprinz die voyage pittoresque durch diese Galerie mit der
artistischen Kälte des Galerieinspektors und Anatomikers machte und mehr seine
Kenntnisse zu zeigen als zu bereichern suchte so nahm doch der unerfahrene
Jüngling alles mit einer tauben und blinden Entrüstung auf die ich mit nichts
nicht einmal mit der Gegenwart der Prinzessin zu verteidigen weiß um so mehr
da erstlich diese ihre Seele nur zwischen der Gipsbüste und deren Kopie
arbeitend teilte und da zweitens in unsern Tagen Damenuhren und Fächer wenn sie
geschmackvoll sind Gemälde tragen gegen die Albano wieder Fächer nehmen würde
Die zwei Flammen des Zorns und der Scham überdeckten sein Angesicht mit einem
glühenden Widerscheine aber sein unbehülflicher Trotz kontrastierte gegen die
Gewandtheit des Lektors der mit seinem kalten ebenso bestimmten als leichten
Tone Selbstständigkeit bewahrte und Reinheit schützte »Sie gefallen mir alle
nicht« sagt er barsch »ich gäbe sie für ein einziges Gewitter von Tempesta
weg« Luigi lächelte über sein schülerhaftes Auge und Gefühl Als sie in das
zweite BilderZimmer traten hörte Albano die Prinzessin fortgehen Da ihm
dieses Gemach mit noch mehreren zerrissenen Vorhängen des Allerunheiligsten
drohte so nahm er seinen Abschied ohne sonderliche Zeremonie und ging ohne den
Lektor zurück der heute vorzulesen hatte
Nie fasste Schoppe seine pulsierende Hand herzlicher an als diesesmal der
Anblick eines verschämten Jünglings ist fast holder seltener zumal als der
einer verschämten Jungfrau jener erscheint weiblichsanfter wie diese
männlichstärker durch das zugemischte Zürnen der Tugend Schoppe der wie Pope
Swift Boileau Heiligkeit des Geschlechts mit Zynismus der Kleidung und Sprache
zusammenzwang leerte die größten Zornschalen über jede Libertinage aus und fiel
als eine satirische Bellona die besten freien Leute an dasmal aber nahm er sie
mehr in Schutz und sagte »Die ganze Gattung liebt fremde Schamröte entschieden
und bekämpfet sie lieber als Schamlosigkeit so wie und aus einerlei Gründen
Blinde die Scharlachfarbe vorziehen Man kann sie den Kröten vergleichen die
den kostbaren Krötenstein ihr Herz auf kein anderes Tuch wie auf ein rotes
setzen«
Der Lektor der bei aller Reinheit und Zucht doch dem Scarron ohne Bedenken
an der Ode auf das Gesäss einer Herzogin hätte schreiben helfen wusste als er
die Flucht des Grafen behandeln wollte gar nicht wie ihm geschah als ihn
dieser mit einigem Rosenessig ansprengte und sagte »Der Vater liegt dem
schlechten Menschen auf dem Brette und ihm liegt eines vor der eisernen Stirn
o der Schlechte« Allerdings hatte die physische und moralische Nähe der zwei
schönen weiblichen Herzen und die Liebe dafür den Grafen am meisten gegen Luigis
artistischen Zynismus empört Der Lektor versetzte bloß »er werde bei dem
Minister und überall dasselbe hören und seine falsche Delikatesse werde sich
schon noch geben« »Die Heiligen« fragte Schoppe »wohnen nur auf nicht in
den Palästen« Froulays seiner trug nämlich auf seiner Platteforme einen ganzen
Kordon von steinernen Aposteln und auf einer Ecke stand eine Marienstatue die
zwischen lauter Dächern aus Sphexens Hause zu sehen war
Junger Zesara wie jagt dir diese marmorne Madonna Blutwellen durchs
Gesicht gleichsam die Schwester deiner schöneren oder die Schutz und
Hausgöttin derselben Aber er beschleunigte den Eintritt in dieses Lararium
seiner Seele die Abgabe des väterlichen Empfehlungsschreibens mit keinem Laute
aus Scheu des Argwohns so viele Fehltritte tut der Gute schon im Heidenvorhofe
der Liebe wie soll er im Weibervorhofe bestehen oder im finsteren
Allerheiligsten fussen
32 Zykel
Der Hof ließ jetzt er konnte vor Schmerz nicht sprechen ausschreiben dass der
tote Nestor mit Tode abgegangen Ich setze hier den Jammer der Stadt samt der
Freude derselben über die neue Perspektive beiseite Der Landphysikus Sphex
musste den Regenten anstatt dass man uns Untertanen gleich Schnepfen und
Grundeln mit dem ganzen Eingeweide und Gescheide auf die Tafel des Gewürms
serviert wie ein großes Tier ausweiden Abends ruhte der Erblasste auf seinem
Paradebette aus der Fürstenhut und der ganze elektrische Apparat des
Trondonners lag ebenso ruhig und kalt neben ihm auf einem Taburett er hatte
die gehörigen Kerzen und Leichenwächter um sich Diese TotenSchweizer der
Klang frappiert mich und ich sehe jetzt die Freiheit auf dem Paradebette der
Alpen liegen und die Schweizer wachen bestehen bekanntlich aus zwei
Regierungsräten zwei Kammerräten und so fort Der eine Kammerrat war der
Hauptmann Roquairol Es kann hier nur einschaltungsweise berührt werden wie
dieser Jüngling der vom Kamerale fast nicht mehr verstand als ein Kammerrat im
hischen doch zu einem Rate in Kriegssachen darin aufstieg nämlich wider
seinen Willen durch den alten Froulay der an sich eben kein sentimentalischer
Herr dem alten Fürsten immer die Jugenderinnerungen auffrischte und auffärbte
weil man in dieser weichen Laune von ihm erbetteln konnte was man wollte Wie
hässlich und niedrig So kann ein armer Fürst kein Lächeln keine Träne kein
freudiges Bild haben woraus nicht irgendein Hofprezist ders sieht einen
Türgriff arbeitet sich etwas zu öffnen oder einen Degengriff zum Verwunden
keinen Laut kann er von sich geben den nicht ein Weidmann und Wildrufdreher zum
Mundstück und Wildruf verbrauche
Julienne besuchte abends um 9 Uhr das einzige Herz das am Hofe wie ihres
und für ihres schlug ihre gute Liane Diese bot gern ihrer anfangenden Migräne
die Stirn und suchte nur fremde Schmerzen zu fühlen und zu stillen Die
Freundinnen die vor fremden Augen nur Scherze und voreinander nur einen weichen
schwärmerischen Ernst entfalteten versanken immer tiefer in diesen vor der
religiösen strengen Ministerin die nie an Juliennen so viel Seele fand als in
dieser sanft nachweinenden Stunde wie Levkojen zu duften anfangen wenn sie
begossen werden Nicht der kämpfende Schmerz sondern der fliehende verschönert
die Gestalt daher verklärt der Tote seine weil die Qualen erkaltet sind Die
Mädchen standen schwärmerisch miteinander am Fenster das zunehmende Mondenlicht
ihrer Phantasie wurde durch das äußere voll sie machten den NonnenPlan auf
lebenslang beisammen zu leben und zusammenzuziehen Es kam ihnen in dieser
stillen Rührung oft mit Erschrecken vor als wehe der klingende Flug
abgeschiedener Seelen vorüber bloß ein paar Fliegen hatten auf der Harfe der
Ministerin mit Füßen und Flügeln die Töne gegriffen und Julienne dachte
recht schmerzlich an ihren toten Vater in Lilar
Endlich bat sie die Seelenschwester mit ihr heute nach Lilar zu fahren und
das letzte und tiefste Weh einer Waise zu teilen und zu mildern Sie tat es
willig aber der Ministerin war das Ja mühsam abzuringen Ich sehe die sanften
Gestalten aus der langen Umarmung im Wagen in das Trauerzimmer in Lilar treten
die kleinere Julienne mit zuckenden Augen und wechselnder Farbe Liane von
Migräne und Trauer blässer und milder und über jene durch ihre schon vom
zwölften Jahre geschenkte Länge42 erhoben
Wie überirdische Wesen strahlten beide die an allen Ecken brennende Seele
Roquairols an Ein einziger Tränentropfe konnte in diesen Kalzinierofen Sieden
und Verwüstung bringen Schon diesen ganzen Abend blickte er den Greis mit
furchtsamen Schaudern über das kindische Ende dieses gewichnen Geistes an der
sonst so feurig gewesen als seiner jetzt und je länger er hinsah desto dickere
Rauchwolken schwammen vom offenen Krater des Grabes in das grünende Leben herein
und er hörte darin donnern und er sah darin eine Eisenfaust dunkel glühen die
nach unserm Herzen greift
Unter diesen grimmigen Träumen die jeden innern Schmutzflecken beleuchteten
und die hart ihm droheten auch an seinem Vulkane werde nichts fruchtbar sein
als einst die Asche traten die traurigen Mädchen herein die unterwegs nur
über die erkaltete Gestalt und jetzt noch heftiger über die verschönerte
weinten denn die Hand des Todes hatt aus ihr das Linienblatt der letzten
Jahre das vortretende Kinn die Feuermäler der Leidenschaften und so viele mit
Runzeln unterstrichene Qualen weggelöscht und gleichsam auf die Hülle den
Widerschein des frischen stillen Morgenlichts gemalt das jetzt den entkleideten
Geist umgab Aber auf Julienne machte ein schwarzes Taftpflaster auf dem
Augenknochen das noch von einem Stosse daraufgeblieben war dieses Zeichen der
Wunden einen heftigern Eindruck als alle Zeichen der Heilung sie bemerkte nur
die Tränen aber nicht die Worte Lianens »O wie ruht er so schön« »Aber
warum ruht er« sagte ihr Bruder mit jener aus dem Innersten murmelnden Stimme
die sie von seiner LiebhaberBühne her kannte und fasste ihre Hand erschüttert
weil er und sie einander innig liebten und seine Lava brach nun durch die dünne
Rinde »darum weil das Herz aus seiner Brust geschnitten ist weil darin das
Feuerrad der Entzückung das Schöpfrad der Tränen nicht mehr geht«
Diese tyrannische Erinnerung an die Leichenöffnung wirkte fürchterlich auf
die kranke Liane und sie musste die Augen von der zugedeckten Brust abwenden
weil der Schmerz mit einem Lungenkrampfe den Atem sperrte und doch fuhr der
wilde andere wie sich verheerende Mensch der vorher neben der steifen
Leichengarde geschwiegen hatte im doppelten Zertrümmern fort »Fühlst du wie
sich dieser Fangeball des Schicksals dieses Ixionsrad der Wünsche so
schmerzlich in uns bewegt nur die Brust ohne Herz wird ruhig«
Auf einmal schaute Liane länger und starrer auf die Leiche eine eiskalte
Schneide wie von der Todessichel drückte sich durch das warme Gehirn die
Trauerkerzen brannten schien es ihr trüber und trüber dann sah sie im Winkel
des Zimmers eine schwarze Wolke spielen und aufwachsen dann fing die Wolke zu
fliegen an und stürzte voll herausquellender Nacht über ihre Augen dann schlug
die dicke Nacht tiefe Wurzeln in den wunden Augen und die erschrockne Seele
konnte nur sagen »Ach Bruder ich bin blind«
Nur der harte Mann aber kein Weib wird es fassen dass in Roguairols
entsetzlichen Schmerz einige ästhetische Freude über das mörderische Trauerspiel
eindrang Julienne schied vom Toten und von dem alten Schmerze und warf sich mit
dem neuen an ihren Hals und klagte »O meine Liane meine Liane siehst du noch
nicht Sieh mich doch an« Der zerrissene und zerreissende Bruder führte die
Schwester der nur einzelne Tropfen als kaltes hartes Wasser auf die blassen
Wangen schlugen mit der scharfen Frage fort »Schwirret kein Würgengel mit
roten Fittichen durch deine Nacht wirft er keine gelbe Nattern auf dein Herz
und keine Schwertfische in deine Nervengewebe damit sie sich darin verstricken
und an den Wunden die Sägezähne wetzen Mir ist wohl in meiner Pein solche
Disteln kratzen uns nach guten Moralisten auf43 und bereiten uns zu Du
jammervolle Blinde was sagst du hab ich dich wieder recht elend gemacht«
»Wahnsinniger« sagte Julienne »lassen Sie nach Sie bringen sie um« »O was
kann er dafür« sagte Liane »die Migräne machte mir es schon vorhin neblicht«
Der Abschied der Freundinnen wurde in mehr als einer Finsternis genommen
und darin will ich ihn mit allen seinen Qualen lassen Dann bat Liane ihr
Mädchen es der Mutter so kurz vor dem Schlafe zu verschweigen da es sich
vielleicht in der Nacht noch gebe Aber umsonst die Ministerin war es gewohnt
ihren Tag an der Brust und der Lippe ihrer Tochter zu schließen Nun trat diese
geleitet herein und suchte das Mutterherz irrig seitwärts und dem sanftern
Weinen konnte sie in dieser geliebten Nähe nicht mehr wehren da wurde ja alles
verraten und alles gestanden Die Mutter ließ erst den Doktor rufen eh sie
mit feuchten Augen und mit leisen Armen an der angedrückten Tochter den Bericht
anhörte Sphex kam prüfte die Augen und den Puls und machte nichts daraus als
ein NervenFalliment
Der Minister der überall im Hause Leitunde mit feinen Ohren hatte kam
unterrichtet herein und machte in Sphexens Beisein außer weiten Schritten
nichts als die kleine Note »Voyez Madame comme votre le Kain joue son rôle à
merveille44«
Sobald Sphex hinaus war ließ Froulay einige Billionenpfünder und Wachteln
dreipfündige Handgranaten auf die Gattin los »Das sind« notierte er »die
Folgen Ihrer visionären Erziehung« freilich schlug seine eigne am Sohne auch
nicht sonderlich an »Warum ließ Sie die kranke Närrin gehen« Er hätt es
selber aus höfischen Rücksichten noch lieber erlaubt aber Männer tadeln gern
die Fehltritte die man ihnen ersparte überhaupt setzen sie wie Köchinnen das
Messer lieber an Hühner mit weißem Gefieder als an die mit dunkelm »Vous
aimez ce me semble à anticiper le sort de cette Rêveuse un peu avant quil
soit decidé du nôtre«45 Ihr Schweigen machte ihn immer bitterer »Oh ce sied
si bien à votre art cosmétique que de rendre aveugle et de lêtre le dieu de
lamour sy prête de modèle46« Von dieser schreienden Härte ergriffen
besonders da bloß der Minister wider die mütterlichen Wünsche eben diese
kosmetische Erziehung Lianens für seine politischen gewählt und befohlen hatte
musste die Mutter das nasse Auge an der Tochter verbergen und trocknen Die
Ehemänner und die neuesten Literatoren halten sich für Feuersteine deren
Lichtgeben man nach ihren scharfen Ecken berechnet Unsere Voreltern schrieben
einem DiamantGehenke das Vermögen Liebe unter Ehegatten anzufachen zu auch
find ich in der Tat noch an Juwelen diese Kraft nur lässt dieser zum Kiesel
gehörige Stein nach den Ehepakten so kalt und hart als er selber ist
Wahrscheinlich war Froulays Eheband ein solches edelsteinernes
Allein die Frau sagte nur »Lieber Minister lassen wir das aber schonen
Sie die Kranke« »Voilà précisement ce qui fût votre afaire47« sagt er
hohnlachend Vergeblich redete Liane ihn rührendirrig von der falschen
Weltgegend an und sprach für ihren Bruder welches ewige zu viel beweisende
Defensorat aller Leute ihr einziger Fehler war vergeblich denn sein
Mitleiden mit einer Gepeinigten bestand in nichts als im Grimme gegen die
Peiniger und seine Liebe gegen Liane zeigte sich nur im Hassen derselben
»Schweig Närrin Aber Monsieur le Kain soll mir nicht ins Haus Madame bis auf
weitre Ordre« Ich sage zum alten EheBramarbas aus Schonung weiter nichts
als Geh zum Teufel wenigstens zu Bett
33 Zykel
Das deutsche Publikum wird sich noch der vom Antrittsprogramm versprochenen
obligaten Blätter erinnern und mich fragen wo sie bleiben Der vorige Zykel war
das erste bestes Publikum aber sieh daraus wie obligate Blätter sind und dass
vielleicht so viel Geschichte darin stecke als in irgendeinem Zykel wie er auch
heiße
Der Graf hatte noch nichts von Lianens Unglück erfahren als er mit den
andern hinunter zum Diner des Doktors ging der heute sehr gastfrei war Sie
fanden ihn im heftigsten Lachen begriffen die Hände in die Seiten gestützt und
die Augen über zwei Salbennäpfchen auf dem Tische gebückt Er stand auf und war
ganz ernstaft In Reils Archiv für die Physiologie hatt er nämlich gefunden
dass nach Fourcroy und Vauquelin die Tränen den Veilsaft grün färben und also
Laugensalz enthalten Um nun den Satz und die Tränen zu prüfen hatt er sich
hingesetzt und ernstaft stark gelacht um zu weinen und einige Tropfen für die
Solwaage des Satzes zu gewinnen er hätte sich gern anders erschüttert durch
Rührung aber er kannte seine Natur und wusste dass nichts dabei herauskäme
nicht ein Tropfe
Er ließ die Gäste ein wenig allein die Frau war auch noch nicht zu sehen
Malz saß in einer Ottomane die Kinder hatten satirische Mienen kurz die
Unverschämtheit wohnte in diesem Hause wie in ihrem Tempel Auf den Alten
wirkte kein Spott und er ordnete nur ab was ihm nicht was andern missfiel
Endlich schwenkte sich als Voressen oder Vorbericht der Suppe die
rosabackige Physikussin in die Stube herein mit 3 oder 4 Esprits oder
Federstutzen mit einer scheckigen HalsSchürze in einem roten Ballkleide
dem die Walzer die Farbe ausgezogen die sie ihr aufgelegt und mit einem
durchbrochnen Putzfächer Wenn ich wollte könnt ich mich ihrer annehmen denn
anlangend die Esprits da oft der Esprit wie bei den Embryonen das Gehirn sich
auf die Gehirnschale heraussetzt und da sonnet so dachte sie Weiber und
Rebhühner würden am besten mit Federn auf dem Kopfe an der Tafel serviert
anlangend den Fächer so gab sie vor sie komme von einem Morgenbesuche wobei
sie recht deutlich voraussetzte dass Damen so wenig ohne Fächerstäbe als
Tischler ohne Maßstab durch die Gasse dürfen anlangend den Rest so wusste
sie der Gast sei ein Graf Sonach scheint es dass sie unter die Honoratiorinnen
gehöre die der größeren Anzahl nach gleich den Klapperschlangen nie besser zu
genießen sind als wenn man vorher ihren Kopf beseitigt aber das haben wir noch
immer Zeit zu glauben wenn wir besser hinter sie kommen
Der schöne Zesara war für sie blind taub stumm geruch geschmack
gefühllos aber manchen Weibern kann man mit der größten Mühe und Langweile kaum
missfallen Schoppe vermocht es leichter Sphex machte sich für seine Person
aus einer FettZelle Malzens mehr als aus dem ganzen Zell und Florgewebe einer
oder seiner Frau gleich allen Geschäftsleuten hielt er die Weiber für wahre
Engel die Gott zum Dienste der Frommen der Geschäftsmänner ausgesandt
Der Zug des Essens hob an Augusti ein feiner Esser freute sich auf viel
und hielt sich nicht nur ans feine Service sondern auch an die zerrissenen
Servietten dergleichen er oft an Höfen auf dem Magen gehabt weil man da in der
Moral und im Weisszeuge Wunden lieber hat als Pflaster Es traten sogar schon
wie gewöhnlich Vorposten und erste Treffen von elenden Speisen auf die
gewöhnlichen Propheten und Vorläufer des besten Kerns wiewohl ich an hundert
Tafeln es verwünschte dass sie nicht wie gute Monatsschriften die besten Stücke
zuerst und die magersten zuletzt geben Der Physikus hatte schon zu den drei
Knaben gesagt »Galenus Boerhaave Van Swieten wie sitzet man artig« und
die drei Ärzte hatten schon drei rechte Hände zwischen die Westenknöpfe und drei
linke in die Westentaschen geschoben und passeten steilrecht als guter
Schabzieger anlangte zum Nachtisch Sphex gab teils Lust zum Käse teils Abscheu
davor wie ers gerade offizinell fand Er merkte auf der einen Seite an wie die
Tischler in ihrem Leimtopfe keinen bessern Leim hätten als was da vor ihnen
stehe er binde ebenso im Menschen doch würd er für seine Person ihn lieber
mit Doktor Junker wie Arsenik äußerlich überschlagen aber er gestand auch auf
der andern Seite dass der Schabzieger für den Lektor Gift sei »Ich wollte mich
dafür verpfänden« sagt er »dass Sie wenn man Sie untersuchen könnte
hektisch wären die langen Finger und der lange Hals sprechen für mich und
besonders sind die weißen schönen Zähne nach Kamper ein böses Zeichen Personen
hingegen die ein Gebiss haben wie meine Frau da dürfen sicher sein«
Augusti lächelte und fragte bloß die Doktorin zu welcher Zeit man am besten
zum Minister komme
Solche vergiftende Reflexionen so wie den MittagsKatzentisch gab er nicht
aus satirischer Bosheit sondern aus bloßer Gleichgültigkeit gegen andre auf
die er gleich einem Rechtschaffnen nie unter seinem Handeln Rücksicht nahm
Mit der Freiheitsmütze des Doktorhuts auf dem Kopfe erhielt er von seiner
medizinischen Unentbehrlichkeit so viele akademische Freiheiten dass er zwischen
seinen vier Pfählen nicht freier aß und agierte als zwischen dem bunten spitzen
Pfahlwerke des Hofes Bracht er da jemals das frag ich einen Tropfen süßen
Wein über die Lippen ohne vorher einen Ephraimiten der selber die
Probationstage nicht überlebte herauszuziehen und ins Glas zu hängen bloß um
vor dem Hofe zu untersuchen ob der Ephraimit darin nicht schwarz werde Und
wenns das Silber tat war da nicht das Überschwefeln des Weins so gut als
demonstriert und hätte der Physikus nicht den Hof die Süßigkeit das
Schwärzen Vergiften und Überschwefeln recht artig applizieren können wenn er
der Mann dazu gewesen wäre
Dem Zufalle dass der Lektor über die Einlasszeit bei dem Minister für heute
nachforschte hatt es Albano zu danken dass er den schmerzlichen Unfall nicht
im Hause des Ministers oder neben der Blinden selber erfuhr »Sie können«
antwortete Sara die Doktorin »auch den Bedienten hinschicken der
unterschreibt sich für Sie alle mich aber dauert niemand wie die Tochter« Nun
brach ein Sturm von Fragen nach dem unbekannten Vorfalle los »Es ist so« fing
der Physikus mürrisch an legte sich aber bald weil er in einigen Augen Wasser
für seine Mühle sah und weil er alle medizinische Schuld von sich auf den
Hauptmann Roquairol zu wälzen suchte so gut er konnte auf patetisches
Detail und log fast sentimental Er schob mit einem unbemerkten Winke der
gerührten Frau einen leeren Teller zu als Lakrymatorium damit nichts umkäme
Aus den verfinsterten Augen des vergeblichkämpfenden Jünglings riss der erste
Lebensschmerz einige große Tropfen »Ist wohl eine Herstellung möglich« fragte
Augusti sehr bekümmert wegen seiner Verbindungen mit der Familie
»Wahrlich ein bloßer Nervenzufall ists« versetzte Schoppe keck »und weiter
nichts Whytt erzählt dass eine Frau die zu viel Säuere im Magen hatte im
Herzen wärs noch ärger alles umnebelt erblickte wie Mädchen vor naher
Migräne« Sphex der nur des Patos und Laugensalzes wegen gelogen hatte und
den es ärgerte dass der Bibliotekar seiner heimlichen Meinung gewesen
antwortete so als hätte dieser gar nicht geredet »Der höchste Grad der
Schwindsucht Herr Lektor schliesset sich oft mit Erblinden und zu beiden wäre
hier wohl Rat Inzwischen kenn ich eine gewisse nervöse periodische Blindheit
ich hatte den Fall an einer Frau48 die ich bloß durch Aderlassen Dampf von
gebrannten Kaffeebohnen und die Abenddünste des Wassers aufbrachte das wird
nun an der Nervenpatientin wieder versucht Ein pflichtmässiger Arzt wird aber
immer wünschen dass der Teufel Mutter und Bruder hole«
Nämlich der Wiederstrich von Lianens Zugkrankheit setzte ihn außer sich
Beleidigungen der Ehre der Liebe des Mitleidens machten den Physikus nie warm
und er behielt seinen Überzug aus Glatteis an aber Störungen seiner Kuren
erhitzen ihn bis zum Zerspringen und so sind wir alle Springgläser die den
Hammer vertragen und nicht eher in tausend Splitter zerfahren als bis man die
kleine Spitze abbricht bei Achilles wars die Ferse bei Sphexen der
ArzneiDoktorRingfinger bei mir der Schreibfinger Der Doktor schüttete nun
sein Herz aus wie einige ihre Gallenblase nennen er schwur bei allen Teufeln
er habe mehr für sie getan als jeder Arzt er hab es aber schon vorausgewusst
dass eine so dumme Erziehung bloß für das Schönaussehen und Beten und Lesen und
Singen eine verdammte Wirtschaft wäre er hätte gern oft die Harmonikaglocken und
Tambournadel49 zerbrochen er habe oft die Mutter ohne Schonen auf Lianens
sogenannte Reize und auf die Empfindsamkeit helle Wangenröte und sammetweiche
Haut aufmerksam genug gemacht hab aber damit fast mehr zu erfreuen als zu
betrüben geschienen was ihn allein belustige sei dass das Mädchen vor einigen
Jahren todkrank geworden vom ersten heiligen Abendmahle wovon er sie abzuhalten
versucht weil er schon an der vierten Patientin die betrübtesten Folgen dieses
heiligen Aktus kennen lernen
Zum allgemeinen Erstaunen schlug sich mein Graf gegen alle auf Roquairols
Partei Ach deine ersten Frühlingsstürme zogen jetzt gefangen in deiner Brust
umher ohne eine freundschaftliche Hand die ihnen einen Ausweg gab und du
wolltest deinen blutigen Gram bedecken Und suchtest du nicht einen Geist voll
Flammen ein Auge voll Flammen für deine und hättest du dich nicht lieber mit
einem donnernden Höllengotte verbrüdert als mit einem pietistischen matten
gleich einer Schabe unterhöhlenden Himmelsbürger Barsch fragt er den Doktor
»Wo haben Sie das Herz des Fürsten« »Ich hab es nicht« sagte Sphex
betroffen »im Tartarus50 liegts wiewohls der Wissenschaft profitabler gewesen
wäre hätte man es unter seine Präparate stellen dürfen groß wars und sehr
singulär« Er dachte daran dass er oft wo er konnte wie ein Augur unter dem
Sezieren ein oder das andre bedeutende Glied als ein Prinzen und JunkernRäuber
à la minuta heimlich beiseite geschafft für sein Studium ein Honig den er
sich gern mit seinem Anatomier und Zeidelmesser ausschnitt
»Hat sonach das Fräulein eine unglückliche Liebschaft oder dergleichen«
fragte Schoppe »Mehr als eine« sagte Sphex »Krüppel Presshafte
Waisenjungen blinde Metusalems alle diese Liebschaften hat sie Späße und
junge Herren sag ich oft zur Alten bekämen ihr gesünder«
Aber darin in der Forderung der Heiterkeit geb ich ihm nach Freude ist
die einzige Universaltinktur die ich präparieren würde sie wirkt und stets
als antispasmoticum als glutinans und adstringens das Freudenöl dient zur
Brand und FrostSalbe zugleich Der Frühling zB. ist eine Frühlingskur eine
Landpartie eine Austernkur eine Brunnenbelustigung eine Maß Bitterwasser ein
Ball eine Motion ein Fasching ein medizinischer Kursus und daher ist der Sitz
der Seligen zugleich der Sitz der Unsterblichen
»Ja er habe« beschloss der Doktor »weils Leute von Stande wären zuletzt
zum Hochmut geraten der alle offizinellen Heilkräfte der Freude zeige sehr
starker wirke völlig wie diese belebe den Puls stähle die Fibern sperre die
Poren auf und jage das Blut durchs lange Aderngewinde51 Seiner schwächlichen
Frau wie man sie da sehe hab er früher durch Kleider und DoktorsRang dieses
Medikament beigebracht und ihr damit auf die Beine geholfen Aber er wolle
lieber 60 gemeine Weiber als eine vornehme kurieren und er bedauere als
Hausarzt bloß seine Rezepte und medizinischen Bedenken falls einmal wie er
gewiss glaube die schöne Liane von hinnen fahre«
Die erste Frage die der nie etwas überhörende Albano auf dem Rückwege vom
Doktor an Augusti tat war was die Doktorin mit dem unterschreibenden Bedienten
haben wollen Er erklärte es Es ist nämlich in Pestitz wie in Leipzig die
Observanz dass, wenn ein Mensch verstirbt oder sonst verunglückt dessen Familie
einen leeren Bogen Papier samt Tinte und Feder in den Vorsaal legt damit
Personen die nähern Anteil nehmen und zeigen einen Lakaien dahin schicken
können der ihren Namen auf den Bogen setzt so gut er weiß dieses
kaufmännische Indossement des nähern Anteils dieses niedersteigende
repräsentative System durch Bediente die überhaupt jetzt die Telegraphen unsers
Herzens sind macht beiden Städten großen Schmerz und Anteil süß und leicht
durch Tinte und Feder
»Ach das Gott« sagte Alban und erzürnte sich ungewöhnlich als dringe
man ihm Bedienten zu Chrysographen und Geschäftsträgern seiner Gefühle auf »o
ihr egoistischen Gaukler durch die Feder schreibender Lakaien giesset ihr euch
aus Lektor dem Satan selber würd ich wärmer kondolieren als so«
Warum ist dieser verhüllte Geist so rege und laut Ach alles hat ihn
bewegt Nicht bloß der Jammer über die von allen nächtlichen Pfeilen des
Verhängnisses verfolgte Liane trat eisern in sein offenes Herz sondern auch das
Erstaunen über das dunkle Einmischen des Schicksals in sein junges Leben
Roquairols wiederkommender Ausdruck »Brust ohne Herz« klang ihm als wenn er ihm
bekannt sein sollte endlich fiel ihm die Umkehrung ein das Wort der
insularischen Sphinx Herz ohne Brust Also sogar dieses Rätsel war gelöst
und der Ort bestimmt wo er wider jede Erwartung die Weissagung der Geliebten
hören sollte aber wie unbegreiflich unbegreiflich
»O Liane heißt sie und kein Gott soll den Namen ändern« sagte seine
innerste Seele Denn in frühern Jahren hat eben der kräftigste Jüngling an
Mädchen reizende Kränklichkeit und weiche Vollgefühle und nasse Augen lieber
so wie man überhaupt in Albanos Jahren die Flut später die Ebbe der Augen zu
hoch anschlägt ob sie gleich oft wie zu reiches Begiessen die Samenkörner der
besten Entschlüsse wegschwemmen indes er später weil er den Ehestand und die
Wirtschaft antreten will sich mehr nach hellen und scharfen Augen als nach
feuchten und mehr nach kaltem und gesundem Blute erkundigt
Da Alban das Feuer seiner innern Wolken meistens an den Ausladeketten der
Klaviersaiten niedergehen ließ seltener in die Hippokrene der Poesie so
macht er aus seinem innern Charivari unbewusst einen Klavierauszug Ich
transponiere seine Fantaisie folgendermaßen in meine Phantasie Auf den
weichsten Molltönen ging die Erblindung mit ihren langen Schmerzen vorüber und
im Sprachgewölbe der Tonkunst hört er alle leisen Seufzer Lianens laut Dann
führten ihn härtere Molltöne in den Tartarus an das Grab und Herz des alten
freundlichen Mannes der mit ihm einmal gebetet hatte und da sank in der
Geisterstunde leise wie ein Tau der Laut vom Himmel Liane Mit einem
Donnerschlage des Entzückens fiel er in den MajoreTon und er fragte sich
»Diese fromme lichte Seele konnte das Schicksal deinem unvollkommnen Herzen
versprechen« Und da er sich antwortete dass sie ihn vielleicht lieben werde
weil sie ihn nicht sehen könne denn die erste Liebe ist nicht eitel und da
er sie von ihrem gigantischen Bruder führen sah und da er an die hohe
Freundschaft dachte die er ihm geben und abverlangen wollte so gingen seine
Finger in einer erhebenden Kriegsmusik über die Tasten und es klangen die
himmlischen Stunden vor ihm die er genießen werde wenn seine zwei ewigen
Träume lebendig aus der Nacht in den Tag herübergingen und wenn ein
verschwistertes Paar seinem so jungen Herzen zugleich den Freund und die
Freundin gäbe Hier verklang leise sein inneres und sein äußeres Stürmen und
die gleichschwebende Temperatur des Instruments wurde die des Spielers
Aber eine Seele wie seine wird leichter vom Schmerze befriedigt als vom
Glücke Als wäre die Wirklichkeit da so drang er weiter unbeschreiblichhold
und überirdisch sah er Lianens Bild in ihrem Leidenskelche zittern denn die
Dornenkrone veredelt leicht zum Christuskopfe und das Blut der unverdienten
Wunde ist Wangenrot am innern Menschen und die Seele die zu viel gelitten
wird leicht zu viel geliebt Die zarte Liane schien ihm schon für die Flora
der zweiten Welt in den Leichenschleier eingesponnen wie die weichen Glieder
der Bienennymphe durchsichtig über der kleinen Brust gefaltet liegen die weiße
Gestalt aus Schnee die einmal in seinem Traume auf seinem Herzen zerronnen war
öffnete das helle Wölkchen wieder und sah blind und weinend auf die Erde und
sagte »Albano ich werde sterben eh ich dich gesehen habe« »Und wenn du
mich auch« sagte das sterbende Herz in seiner Brust »niemals siehst so will
ich dich doch lieben Und wenn du auch bald vergehst Liane so erwähl ich
gern den Schmerz und gehe treu mit dir bis du im Himmel bist« Der Himmel
und die Hölle hatten vor ihm zugleich ihre Vorhänge aufgezogen nur wenige und
dieselben Töne und höchste und unterbrochene konnt er noch leise bestreifen
und endlich sanken die Hände unter und er fing zu weinen an aber ohne zu harte
Schmerzen wie das Gewitter das seine Blitze und Donner aufgelöset hat nur
noch mit einem leisen weiten Regen über der Erde steht
Sechste Jobelperiode
Die zehn Verfolgungen des Lesers Lianens Morgenzimmer Disputation über die
Geduld die malerische Kur
34 Zykel
Heischesätze Apophtegmen Philosopheme Erasmische Adagia Bemerkungen von
Rochefoucauld von La Bruyere von Lavater ersinn ich in einer Woche unzählige
und mehrere als ich in sechs Monaten loszuwerden und als Einschiebeessen in
meinen biographischen petits soupers wegzubringen imstande bin So läuft der
LottoSchlagschatz meiner ungedruckten Manuskripte täglich höher auf je mehr
ich dem Leser Auszüge und Gewinste gedruckter daraus gönne Auf diese Weise
schleich ich aus der Welt und habe nichts darin gesagt Lavater nimmt sich
hierin vernünftiger er lässt das ganze mit Schätzen gefüllte Lottorad unter
dem Titel Manuskripte so wie wir umgekehrt Manuskripte den Verlegern auf der
Post unter dem Titel gedruckter Sachen zufertigen selber unter die Gelehrten
laufen
Aber warum tu ichs nicht und lasse wenigstens eine oder ein paar
Wasseradern meines Wasserschatzes springen und auslaufen Auf zehn
Verfolgungen des Lesers bloß so nenn ich meine zehn Aphorismen weil ich mir
die Leser als Märtyrer ihrer Meinungen und mich als den Regenten denke der sie
mit Gewalt bekehrt schränk ich mich ein Der folgende Aphorismus ist wenn man
den vorhergehenden als die erste Verfolgung anschlägt hoff ich
die zweite
Nichts fegt und siebt unsere Vorzüge und Liebhabereien besser durch als eine
fremde Nachahmung derselben Für ein Genie sind keine schärfere Poliermaschinen
und Schleifscheiben vorhanden als seine Affen Wenn ferner jeder von uns neben
sich noch ein DoppelIch einen vollständigen Archimimus52 und Repetenten im
Komplimentieren Hutabnehmen Tanzen Sprechen Zanken Prahlen etc herlaufen
sähe beim Himmel ein solches genaues Repetierwerk unsrer Misstöne würde ganz
andre Leute aus mir und andern Leuten machen als wir gegenwärtig sind Der
erste und kleinste Schritt den wir zur Besonnenheit und Tugend täten wäre
schon der dass wir unsre körperliche Metodologie zB unsern Gang Anzug
Dialekt unsre Schwüre Mienen Leibgerichte etc nicht besser sondern gerade
so befänden als alle fremde Fürsten haben das Glück dass sich alle Hofleute um
sie zu treuen Supranumerarkopisten und Pfeilerspiegeln ihres Ichs
zusammenstellen und sie durch diese HelotenMimik bessern wollen Aber sie
erreichen selten die gute Absicht weil der Fürst und das wäre von mir und dem
Leser auch zu befürchten wie der Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden an
keine wahre Menächmen glaubt sondern sich einbildet in der Moral wie in der
Katoptrik zeige jeder Spiegel und Nebenregenbogen alles verkehrt
Dritte
Es ist dem Menschen leichter und geläufiger zu schmeicheln als zu loben
Vierte
In den Jahrhunderten vor uns scheint uns die Menschheit heran zuwachsen in
denen nach uns abzuwelken in unserm herrlich blühend aufzuplatzen so scheinen
uns nur die Wolken unsers Scheitelpunktes gerade zu gehen die einen vor uns
steigen vom Horizonte herauf die andern hinter uns ziehen gekrümmt hinab
Fünfte
Das Alter ist nicht trübe weil darin unsre Freuden sondern weil unsre
Hoffnungen aufhören
Sechste
Das Alter der Weiber ist trüber und einsamer als das der Männer darum schont in
jenen die Jahre die Schmerzen und das Geschlecht Überhaupt gleicht das Leben
oft dem FangBaume mit aufwärtsgerichteten Stacheln an welchem der Bär leicht
hinauf zum HonigKöder klettert wovon er aber unter lauter Stichen wieder
zurückrutschet
Siebente
Habt Mitleiden mit der Armut aber noch hundertmal mehr mit der Verarmung Nur
jene nicht diese macht Völker und Individuen besser
Achte
Die Liebe vermindert die weibliche Feinheit und verstärkt die männliche
Neunte
Wenn zwei Menschen im schnellen Umwenden mit den Köpfen zusammenstossen so
entschuldigt sich jeder voll Angst und denkt nur der andre habe den Schmerz und
nur er selber die Schuld Nur ich exkusiere mich ganz unbefangen eben weil ich
aus meinen Verfolgungen weiß wie der andre denkt Wollte Gott wir kehrtens
bei moralischen Stößen nicht um
Letzte Verfolgung des Lesers
Der hintergangene bedeckte und vom Trauerschleier zum Leichenschleier lebende
Mensch glaubt es gebe kein Übel weiter als das was er zu besiegen hat und
vergisset dass nach dem Siege die neue Lage das neue mitbringe Daher geht wie
vor schnellen Schiffen ein Hügel aus Wasser vorschwimmt und eine nachgleitende
Wellengrube hinter ihm zuschlägt immer vor uns her ein Berg den wir zu
übersteigen hoffen und hinter uns nach eine Tiefe aus der wir zu kommen
glauben
So verhofft der Leser jetzt nach überstandnen zehn Verfolgungen in den
historischen Hafen einzufahren und da ein ruhiges Leben zu führen vom unruhigen
meines Personale aber kann ihn der geist- und weltliche Arm denn decken gegen
einzelne Gleichnisse gegen halbseitige Kopfschmerzen Waldraupen
Rezensionen Gardinenpredigten Regenmonate oder gar Honigmonate die nach
dem Ende jedes Bandes einfallen
Nun zur Historie Abends fuhren Albano und Augusti mit dem väterlichen
Kreditbriefe zum Minister Den Frost und Stolz desselben suchte der Lektor
unterwegs durch das Lob seiner Arbeitsamkeit und Einsicht zu überfirnissen Mit
Herzklopfen fasste der Graf den Türklopfer am Himmels oder Höllentore seiner
Zukunft an In der Antichambre diesem höheren Bedientenzimmer und Limbus
infantum et patrum standen noch Leute genug weil Froulay ein Vorzimmer für
eine Bühne hielt die nie leer sein darf und auf der es wie im jüdischen Tempel
nach den Rabbinen denen die knien und beten nie zu enge wird Die Ministerin
war als eine Patientin abwesend bloß weil sie eine hüten wollte Der Minister
war auch nicht da weil er wenig Zeremonien machte und nur ungemein viel
forderte sondern in seinem Arbeitskabinett er hatte bisher den Kopf unter
dem warmen Tronhimmel gehabt und tief in den verbotnen Reichsapfel gebissen
daher opferte er willig auf nicht andern sondern andre und ließ sich als eine
Heiligenstatue mit Votivgliedern behängen ohne seine zu regen und wie der
heilige Franziskus zu Oporto mit Dank und Bittschriften die er niemals
erbricht
Froulay kam und war wie immer außer den Geschäften so höflich wie ein
Perser Denn Augusti war sein Hausfreund dh die Ministerin war dessen
Hausfreundin und Albano war nicht gut vor den Kopf zu stoßen weil man
dessen Pflegevater in LandschaftsVotis brauchte und weil Don Gaspard viel bei
dem Fürsten galt und weil der Jüngling durch einen ihm eignen anständigen Stolz
gebot Es gibt einen gewissen edlen durch welchen mehr als durch
Bescheidenheit Verdienste heller glänzen Froulay hatte für die Zukunft nicht
die bequemste Rolle denn der haarhaarsche Hof war dem VliesRitter so ungewogen
wie dieser jenem53 Haarhaar wurd aber ohne Zweifel allen welschen
chirurgischen Berichten zufolge und in wenig Jahren allen nosologischen gemäß
der Erbe von dessen Erbschaft oder Throne Nun war das Schlimme dabei dass der
Minister der wie ein Christ mehr auf die Zukunft sah sich zwischen dem
deutschen Herrn von Bouverot der eine haarhaarsche Kreatur heimlich war und
zwischen der kurzen Gegenwart zugleich durchzuschleichen hatte
Er nahm sagt ich den Grafen ungemein verbindlich auf so wie den Lektor
und entdeckte beiden er müsse ihnen seine Frau vorstellen die ihre
Bekanntschaft wünsche Er ließ es ihr sagen führte beide aber ohne Erwarten
der Antwort in ihr Zimmer Dem Jünglinge war nun als drehe sich die schwere
Tür eines heiligen stillen Tempels auf Sogar ich bin jetzt während ihres
Ziehens durch die Zimmer mit so närrisch dass ich in eine ebenso große Angst
gerate als ging ich mit hintennach Als wir ins Morgenzimmer welches
Papiertapeten zu einer gegitterten JelängerjelieberLaube ausfärbten eintraten
saß bloß die Ministerin da die uns gefällig aufnahm mit fester und kalter
Haltung in Miene und Ton Ihre strenggeschlossenen und wenig bezeichneten
Lippen taten stumm einen Ernst der die Gabe des frommen Herzens und eine
Stille kund die der Schmuck der Schönheit ist wie manche Flügel nur wenn sie
zugefaltet sind Pfauenspiegel gießen und das Auge glänzte im Wohlwollen der
Vernunft; aber die Augenlider waren von harten Jahren tief und kränklich über
die milden Blicke hereingezogen Ach wie zwischen Neuvermählten oft ein Schwert
trennend lag so schliff Froulay täglich am dreischneidigen das ihn und sie
absonderte Sonderbar stach mit dem hellen Nachsommertage auf ihrem Angesichte
das unreine Gewühl auf seinem ab wiewohl er vor Zeugen wie es schien seiner
Höflichkeit gegen sie die Ironie benahm und den Hass wie andre die Liebe nur
für die Einsamkeit aufhob
Zum Glück verpflanzte sich dieser Nussbaum der einen ungesunden frostigen
Nussbaumschatten auf den ganzen Nelkenflor der Liebe und der Dichtkunst warf
bald unter ähnlichere Gäste zurück Die Ministerin richtete sich nach den ersten
Gaben der Gefälligkeit mehr an den Lektor dessen korrekte bürgerliche Mensur zu
ihrer religiösen ganz stimmte besonders da nur er über Liane fragen und
kondolieren konnte Sie versetzte dieses Zimmer Lianens sei gerade so gelassen
wie es am Abend der Erblindung gewesen damit es wenn sie heile eine schöne
Erinnerung für sie bleibe oder eine traurige für andre wenn sie nicht genese
O bewegter Albano wenn jede Abwesenheit verklärt wie muss es erst eine mit so
vielen Spuren der Gegenwart tun Ich bekenne außer einer Geliebten kenn ich
nichts Schöneres als ihr Wohnzimmer in ihrer Abwesenheit
Auf Lianens Arbeitstische lag ein umrissener Christuskopf neben der
aufgeschlagenen Messiade ein zusammengelegter Spazierflor nebst dem grünen
Spazierfächer mit eingeschriebenen Wünschen von Freundinnen einige
aufgeschnittene Kouverts der Gevatterbrief eines Froulayschen Pachters eine
ganze lackierte Schäferei mit Wagen Stallung und Haus mit deren lilliputischen
Arkadien sie Dians Kinder54 erfreuen wollen ein aus dem verfliegenden
Stammbüchlein einer Freundin ausgerupftes Blatt das sie mit einer getuschten
Blumenrabatte gerändert und dann mit holden Wünschen vollgepflanzet hatte die
das Schicksal aus ihrem eignen Leben weggenommen Ach schönes Herz wie gern
wollt ich über alle kleine Rudera deiner lichten Vorzeit etwas Tabellarisches
entwerfen und verteilen hätte sich der Lehnpropst näher darauf eingelassen
Was aber mich und den Grafen am tiefsten bewegt ist eine aufgespannte
Stickerei auf welche ihre Nadel wie ein Inokuliermesser an jenem düstern Tage
eine Rose mit zwei Knospen geimpfet hatte und woran nichts mehr fehlte als die
Dornen o diese zog an deinen Freudenrosen das Verhängnis nur zu weit hervor
und presste sie dann so tief durch deine Brust bis ans Herz
In keiner Stunde seines Lebens war Albanos Liebe so heiligzart als in
dieser oder sein Mitleiden so innig Zum Glück blickte die Ministerin immer
durch das Fenster in den Garten und nahm seine Rührung nicht wahr Zuletzt
zeigte sie noch auf Lianens dastehende Harmonika nun ward ihm das Herz zu voll
und zu sichtbar er sprang auf mit den hastigen Worten er habe noch keine
gehört und trat davor Ach er wollte etwas berühren worauf so oft ihre Finger
gewesen Er legte die Hand wie an ein Heiligtum an diese Betglocken die so oft
unter der ihrigen für fromme Gedanken gezittert hatten aber sie gaben ihm keine
Antwort bis ihm der Lektor ein Kenner des Abcs wie der Technologie aller
Künste das Nötigste in drei Worten gewiesen Jetzt sog er in die Seele voll
Seufzer und Kriege den ersten Dreiklang ein die ersten Klagesilben dieser
Muttersprache der lechzenden Brust ach dieser Stummenglocken die der innere
Mensch in der Hand schüttelt weil er keine Zunge hat und seine Adern
schlugen wild als Flügel die ihn vom Boden aufwehten und ihn vor eine höhere
Aussicht trugen als die in die letzte Freude oder Marter ist Denn in starken
Menschen werden große Schmerzen und Freuden zu überschauenden Anhöhen des ganzen
Lebensweges
Ich weiß nicht ob viele Leser den Fehler möglich finden werden den er
jetzt wirklich beging Die Ministerin war im Gespräche sehr natürlich durch
Liane und Roquairol auf den Satz geraten dass Kindern keine Schule nötiger sei
als die der Geduld weil entweder der Wille in der Kindheit gebrochen werde oder
im Alter das Herz Ach sie und ihre Tochter knieten ja selber voll Geduld vor
dem beladenden Schicksale oder auch vor dem bewaffneten wiewohl die Mutter mit
einer frommen die mehr an den Himmel als auf die Wunde sah Liane mit einer
liebenden die sich in neue Leiden wie in alte Krankheiten ergibt wie eine
Königin am Krönungstage in die Schmerzen und Friktionen des schweren
Juwelenputzes und wie ein Kind das die Wundenmale süß verschläft und süßer
verträumt Aber Zesara der gleich dem Wolfe schon den Klang einer Kette floh
und gegen jede von den leichten Panster und Ritterketten an bis zu den
schweren Hafenketten die den Jünglingen die Fahrt ins arbeitende Meer
verhängen erbittert ansprengte konnte sich nicht halten zumal mit diesem
Herzen voll Bewegungen in zu großer zu sagen »Der Mensch soll sich wehren
lieber will ich auf dem regen Schlachtfelde freiarbeitend alle Adern ausgiessen
als einen Tropfen daraus über die Folterleiter angebunden« »Die Geduld«
sagte die Ministerin voll davon »streitet und siegt auch aber im Herzen«
»Lieber Graf« sagte Augusti nicht bloß auf die Arria anspielend »die Weiber
müssen noch immer zu den Männern sagen es schmerzet nicht«
Ich hatte nicht eher als jetzt Gelegenheit den Fehler Albans bekannt zu
machen dass er seine Meinung niemals freier und stärker sagte als da wo er mit
ihr gerade einen oder ein paar Himmel seines Lebens zu verspielen fürchten
konnte bei geringerer Gefahr konnt er nachgiebiger sein Ob er also gleich
merkte dass die Ministerin dabei an die muskulöse aber auch hartgreifende Hand
ihres wilden Sohnes mit schmerzlichen Erfahrungen denke oder vielmehr eben
weil ers merkte und weil er für diesen künftigen Freund gern der Waffenschmied
und Waffenträger werden wollte so blieb er dabei warf alles Brechzeug des
jungen männlichen Willens aus den Schulstuben auf die Gasse und sagte in seiner
abstechenden Sprache »Die Goten schickten ihre Knaben lieber in keine Schule
damit sie Löwen blieben Wenn man auch Mädchen einen Tag vor dem Pflanzen in die
bürgerliche Welt in Milch einweichen muss so soll man doch Knaben wie Aprikosen
mit der steinernen Schale in die Erde stecken weil sie den Stein durch ihr
Wurzeln und Wachsen schon abwerfen und verlassen« Der Lektor mit seiner
feinen Offenheit ein kristallenes Gefäß mit goldnem Schnitt bemerkte mit
leiser Rüge von Albans Heftigkeit wenigstens habe selber die Art womit beide
ihre Beweise geführt zu den Beweisen gehört und die Weiber bedürften und
bewiesen mehr Geduld bei Personen und wir mehr bei Sachen
Die Ministerin die mehr ihren Sohn als seinen Freund zu hören glaubte
schwieg und trat näher ans Fenster Unter den Kriegstroublen hatte der Abend
seinen lichtvollen Mond auf die Morgenberge gewälzt und die Güsse seines
Lichts flossen jetzt von allen Seiten herein durch den ganzen vor dem
Morgenzimmer ausgespannten Garten und blieben in seinen breiten Alleen und in
seinen Blumenzirkeln stehen als auf einmal ein rundes Häuschen durch
aufschiessende vom Mondlicht zu Ehrenbogen entzündete Wasserstrahlen bis an sein
welsches umgittertes Dach umlodert wurde Stillgerührt sagte die Ministerin
»Auf jenem Wasserhäuschen steht meine Liane sie gebraucht die Ausdünstung der
Fontänen der Arzt verspricht sich viel davon Und die Vorsicht geb es«
Allein der erschütterte Zesara konnte mit seinen so scharfen Augen doch
mitten im Blendwerke des waagrechten Mondenscheins und hinter dem zitternden
Nonnengitter aus verschränkten Silber oder Wasseradern jetzt nichts aus dem
dämmernden Eden absondern als eine unkenntliche stille weiße Gestalt Aber es
war genug für ein Herz das weint und glüht »Du Engel meiner Jugendträume«
dacht er »wirst du es sein Sei du mir gegrüsset mit tausend Schmerzen und
Freuden Ach können denn Leiden in dir sein du Himmelsseele« Und es
ergriff ihn dass sie mit ihrer gequälten und entzückenden Gestalt wenn sie hier
im Zimmer wäre sein ganzes Wesen zerknirschen würde durch Mitleid und er hätte
jetzt die Umarmung des Bruders verworfen mit dessen Hand das Verhängnis die
sanften Augen zum langen Traume zugedrückt
Die Stickluft des bangsten Mitleids zwang ihn wegzusehen und sich
umzuwenden und in den aufgeschlagenen Messias die Augen zu heften deren Tropfen
er nicht zeigen wollte aber sie wurden durch die Erinnerung dass er ihre letzte
LeseFreude wiederhole nur heißer und dichter Plötzlich richtete etwas
Verfinsterndes das vor dem Fenster wie ein fallender Rabe niederflatterte
seinen Blick wieder auf Lianen über welcher ein vollgestrahltes Wölkchen stand
gleichsam ein aufgezogener oder niederkommender Heiligenschein Unsterbliche
schienen darauf wie auf Ossians Wolken zu wohnen und die Schwester zu erwarten
und da sie endlich sich bewegte und langsam in das Wasserhäuschen untersank
schien es da nicht als gehe ihre Hülle in die Erde und ihr stiller Geist in die
Wolke
Hier gab ihm Augusti da die Mutter der zurückkommenden Kranken ins
Krankenzimmer folgen musste den Wink zum Abschiede den er willig nahm seine
Liebe befriedigte sich jetzt mit Einsamkeit und mit der Hoffnung des
Wiedersehens Junge Liebe und junge Vögel haben anfangs nur Wärme durch Bedecken
nötig erst später Nahrung
Aber ein Paraklet oder Tröster sagte unter dem Weggehen dem Jünglinge leis
ins Herzohr morgen siehst du sie wenige Schritte von dir im Garten Und das
ist recht leicht zu machen er darf nur morgen in der Abenddämmerung wenn die
Abendwandlerin die Augenkur gebraucht sich in die Allee begeben und aus den
Blättern frei hinauf in das zauberische Antlitz schauen und dann die ganze
Glückseligkeitslehre in einem Paragraphen in einem Zuge Atem Momente
verschlingen aber welche Aussicht
Der Graf bat den Lektor nicht lange bei dem beschäftigten Minister zu
sitzen Als sie ihn wiederfanden wußt er hinter einem Aktenstocke kaum nach
einigem vielleicht maskierten Besinnen dass sie dagewesen und bedauert es
innig dass sie fortgingen Ach der Tröster lispelt den ganzen Abend und die
ganze Nacht Morgen Albano
35 Zykel
Da unsern Albano die gaukelnde Nacht von einer Seite und Träumerei auf die andre
warf denn nicht die nahe Vergangenheit sondern die nahe Zukunft mattet uns mit
Probekomödien unsrer wachen Akte mit Träumen ab wie war er am Morgen so
froh dass die schönste Zukunft noch nicht vorüber war Im Menschen hausen oft
zwei sehr eulenspiegelsche Wünsche ich tue oft den von ganzem Herzen dass eine
wahre Freude für mich zB ein Meisterwerk eine Lustfahrt etc doch mög
endlich ein Ende nehmen und zweitens den obigen dass eine und die andre Lust
noch ein wenig aussenbleibe
Der Abend kam mit der größten wo Zesara wie Le Gentil nach Ostindien
nach dem östlichen Park des Ministers abreisete um den Durchgang des Hesperus
und Venussternes aber nur durch den Mond zu observieren Vor den erleuchteten
Palastfenstern hielt er mitten unter den Leuten und sann nach ob es sehr lasse
so in den Garten zu laufen aber wahrhaftig wär er umgekehrt das dürstende
Herz hätte ihn zurück durch einen ganzen davor postierten Klerus und
diplomatischen Kongress hindurch getrieben Kühn schritt er durch den lauten
Palast vor einer angespannten Wagenburg vorbei drehte das eiserne Gattertor auf
und trat hastig in den nächsten Laubengang Hier ging er von einem Fackeltanze
leuchtender Hoffnungen begleitet hin und her aber sein Auge war ein Seh und
sein Ohr ein HörRohr Die LaubenAllee wuchs oben quer über den Garten in eine
andre dem Wasserhäuschen nahe hinein in diese trat er um der Blinden oder
vielmehr ihrer Leiterin nicht zu begegnen
Es kam aber nichts Freilich war er nicht wie der Mond wie doch zu fordern
war um eine halbe Stunde später gekommen sondern gar um eine früher Der
Mond dieser Stern welcher Weise voll Weihrauch zum Anbeten leitet ließ
endlich breite lange Silberblätter als Festtapeten an Lianens Morgenzimmer
niederfallen die Madonna auf dem Palaste war in den Heiligenschein und
Nonnenschleier seiner Strahlen eingekleidet die Ministerin stand schon am
Fenster die Natur spielte das Larghetto eines magischen Abends in immer
tieferen Tönen als Albano weiter nichts vernahm als ein kleineres bloß aus
Klängen gemachtes das aus dem Wasserhäuschen dem Lustsitze aller seiner
Wünsche kam und das sterbend mit dem Frühlingstage vertönen wollte Aber er
konnte nicht erraten wer es spiele man hätt es herausbringen können dass es
Roquairol war bloß weil er nachher wie ich erzählen werde nach der
AprilSitte seines musikalischen Gelichters aus dem Pianissimo in ein zu wildes
Fortissimo hinaufsprang Der vom Vater relegierte Bruder konnte wenigstens im
Wasserhäuschen die teuere Schwester sehen und trösten und ihr seine Liebe und
seine Reue zeigen wiewohl seine stürmische Reue eine zweite nötig macht und am
Ende nur eine frömmere Wiederholung seines Fehlers war
Obgleich die Phantasie Albanos eine Retina des Universums war worauf jede
Welt sich scharf abmalte und sein Herz der Sangboden jeder Sphärenmusik worin
eine umlief so konnten doch weder der Abend noch das Larghetto mit ihren
Strahlen und Klängen durch die hohen Wellen hindurch die in ihm sowohl die
Erwartung als die Sorge beide verdunkeln die Natur und die Kunst aufwarf Das
Ufer der Fontänen umflocht ein grüner Ring von Orangen deren Blüte im
Morgenlande nach der SelamChiffre Hoffnungen ansagt aber wahrhaftig eine nach
der andern wurde flüchtig wenn er an die kalte helle Mutter dachte oder an sein
vielleicht leeres Warten Die Fontänen sprangen noch nicht er rupfte wie ein
Vorherbst immer mehr breite Fächerblätter aus seiner grünenden spanischen Wand
und sah doch durch alle weitere Fenster Lianen nicht über den Kiesweg herkommen
welches schon darum unmöglich war weil sie längst im Wasserhäuschen bei ihrem
Bruder stand und er verzagte an ihrer Erscheinung als dieser plötzlich ins
gedachte Fortissimo stürmte und als alle Fontänen vor dem Monde rauschende
Kränze aus Flittersilber aufwarfen Albano blickte hinaus
Liane stand droben im Mondenschimmer hinter dem flatternden Wasser Welche
Erscheinung Er riss die Laubenzweige an seinem Angesichte auseinander und
schaute unbedeckt und atemlos an die heiligschöne Gestalt Wie griechische
Götter überirdisch vor der Fackel stehen und blicken so glänzte Liane vor dem
Monde von dem umherrinnenden Widerscheine der silbernen Regenbogen beschattet
und der selige Jüngling sah die junge offene stille Marienstirn bestrahlt auf
der noch kein Unmut und keine Spannung eine Welle geworfen und die dünne
zarte kaum gebogene AugenbraunenLinie und das Angesicht gleich einer
vollendeten Perle oval und weiß und die losgeringelte Locke auf den
Maienblümchen an ihrem Herzen liegend und den feinen Grazienwuchs der wie die
weiße Bekleidung die Gestalt zu erhöhen schien und die idealische Stille ihres
Wesens mit der sie statt des Arms nur die Finger auf das Geländer legte
gleichsam als schwebe die Psyche nur über der Lilienglocke des Körpers und
erschüttere und beuge sie nie und die großen blauen Augen die sich indes das
Haupt ein wenig sank unaussprechlichschön aufschlugen und sich in Träume und
in ferne unter Abendröten widerglänzende Ebenen zu verlieren schienen
Du überglücklicher Mensch Dir erscheint die einzige sichtbare Göttin
die Schönheit so plötzlich mit ihrer Allmacht und von allen ihren Himmeln
begleitet und die Göttin gibt dir den Wahnsinn die Gegenwart mit ihren
Gestalten wird dir unbekannt die Vergangenheit vergeht die nahen Töne ziehen
aus tiefer Ferne her die überirdische Erscheinung überfüllt und überwältigt
mit Glanz die sterbliche Brust
Ach warum durfte durch diesen hohen reinen Himmel eine tiefe kalte Wolke
ziehen Ach warum fandest du die Himmlische nicht früher oder später Und
warum musste sie selber dich an ihren Schmerz erinnern
Denn Liane in deren überflortes Auge nur ein starkes Licht durchsickern
konnte suchte den Mond den seine eigne Aurora ein wenig verhing mit dem
wiegenden Kopfe irrend auf weil sie dachte ein Lindengipfel verdecke ihn
und dieses Wanken malte ihm ihr Unglück so plötzlich mit tausend Farben Ein
schneller Schmerz zertrat seine Augen dass Tränen daraus sprützten und Funken
und das Mitleiden schrie in ihm »O du unschuldiges Auge warum wirst du
verhüllt Warum wird dieser dankbaren frommen Seele der Mai genommen und die
ganze Schöpfung Und sie wirft vergeblich den Blick der Liebe auf die Mutter
und auf die Freundin und o Gott sie weiß nicht wo sie stehen«
Aber der Vorhang des Mondes flatterte bald seitwärts und sie lächelte den
Schimmer heiter an wie der blinde Milton in seinem ewigen Gesange die Sonne
oder wie ein Irdischer den ersten Glanz nach dem Leben
Eine Nachtigall die bisher zwischen weiten Blumen einem leuchtenden
Würmchen nachhüpfend den Tönen im Zimmer nur mit einzelnen Wildrufen und
Nachschlägen der Freude geantwortet hatte flog Lianen näher und die geflügelte
Zwergorgel riss auf einmal alle Flötenregister heraus dass Liane im Vergessen
ihrer Blindheit niederblickte und Albano erschrocken zurücktrat als sehe sie
auf ihn Da wurde unter den Tönen des Bruders und der Nachtigall ihr blasses
gleich der weißen Federnelke auf den Wangen leicht gerötetes Angesicht zart vom
matten Blütenrot der Rührung überdeckt die Augenlider zuckten öfter über die
glänzenden Augen hin und endlich wurde der Glanz eine ruhige Träne es war
keine des Schmerzes noch der Freude sondern jene sanfte worein die Sehnsucht
des Herzens überquillt wie im Frühling überfüllte Zweige unverwundet weinen
Im Menschen wohnt ein rauer blinder Zyklope der allemal in unsern
Stürmen zu reden anfängt und uns Zertrümmerung anrät furchtbar regte sich jetzt
in Zesara die ganze aufgewachte Kraft der Brust der wilde Geist der uns auf
Kuntursfittichen vor Abgründe schleppt und der Zyklope rief laut in ihm
»Stürze hinaus knie vor sie sag ihr dein ganzes Herz was ists wenn du
dann auf ewig verloren bist hast du nur einen Laut dieser Seele vernommen und
dann kühle und opfere dich in den kalten Quellen zu ihren Füßen« Wahrlich er
dürstete nach dem frischen Bassin worein die Fontänen zurücksprangen Aber
ach vor dieser Sanften vor dieser Gequälten und Frommen »Nein« sagte der
gute Geist in ihm »verwunde sie nicht wieder wie ihr Bruder o schone
schweige ehre dann liebst du sie«
Hier trat er heraus in die erleuchtete Erde wie in einen Himmelssaal und
nahm den offenen Sonnenweg aber leise vor den Fontänen vorüber Als er vor ihr
vorbeiging brach auf einmal die Arkade aus Tropfen die sie halb vergittert
hatte zusammen und Liane stand wolkenlos wie eine reine Luna ohne NebelHof im
tiefen Himmelsblau eine glänzende Lilie55 aus der zweiten Welt die sich selber
das Zeichen ist dass sie bald in diese fliehe O sein Herz voll Tugend
empfand erschüttert die Nähe der fremden und mit allen Zeichen der tiefsten
Verehrung ging er vor dem ruhigen Wesen vorüber das sie nicht bemerken konnte
Erst als ihm mit jedem Schritte ein Himmel entfallen war und er endlich keinen
mehr hatte als den über sich wurd er ganz sanft und freute sich dass er nicht
kühner gewesen Wie glänzt ihm jetzt die Erde wie nähert sich ihm der
Sonnenhimmel wie liebt sein Herz O noch nach vielen Jahren einst wenn
dieser glühende Rosengarten der Entzückung schon weit hinter deinem Rücken
liegt wie wird er dir wenn du dich umwendest und danach blickst so sanft und
magisch als ein weißes Rosenparterre der Erinnerung nachschimmern
Siebente Jobelperiode
Albanos Eigenheit das Nestelknüpfen der Politik der Herostrat der
Spieltische väterliches mandatum sine clausula gute Gesellschaft Herr von
Bouverot Lianens Gegenwart des Geistes und Körpers
36 Zykel
Wäre der Lehnpropst von Hafenreffer nicht sondern nur meine Phantasie so
würd ich gewiss in meiner Historie fort fahren und der Welt als wahr berichten
und das ganze romantische Schreibgelag ließe sich darauf totschlagen Albano
sei am andern Morgen blind und taub hinter der breit vorgebundenen Binde des
Bandagisten Amor dortgesessen er habe nicht mehr über fünf zählen können
außer abends an der Glocke um nachher das Froulaysche Wasserhäuschen magisch zu
umkreisen wie einer der das Feuer besprechen will das sich ihm nach schlängelt
aus den beiden Blaselöchern womit sentimentale Walfische sich öffentlich
ausweinen in Buchläden hab er beträchtliche Ströme aufgesprjetzt übrigens
hab er kein Buch mehr angesehen ausgenommen einige Bogen im Buche der Natur)
und keinen Menschen mehr einen blinden ausgenommen »und unter diesen
meinen Wundzettel erotischer Wundfieber« würd ich am Schluße meiner Lüge
sagen »setzt wohl offenbar die Natur ihr SekretsInsiegel«
Das tut sie nicht sagt Hafenreffer nichts wie verdammte Lügen sinds die
Sache ist vielmehr so
Zesara schlich kein zweitesmal mehr in Froulays Garten eine stolze
Schamröte überflog ihn schon bei dem Gedanken an die peinliche mit der er das
erstemal einem misstrauischen oder fragenden Auge aufgestoßen wäre
Aber auf diese Weise blieb ihm vor der Heilung die liebe Seele verhüllt wie
ihr der Mai und er quälte sich still mit Berechnungen ihrer Leiden und mit
Zweifeln an ihrer Kur Er schämte sich der Freude während ihrer Trauerzeit und
verbot sich den Genuss des Frühlings und den Besuch von Lilar ach er wusste ja
auch es würde durch den liebenden Frühling und durch das Lilar wo sie so viele
Freuden und die letzte Wunde empfangen sein Herz zu unbändig werden und zu
voll
Sein Durst nach Wissen und Wert sein Stolz der ihm bei dem Vater und
seinen beiden Freunden in einem rühmlichen Lichte zu stehen gebot trieben ihn
in seine Laufbahn hinein Mit allem ihm eignen Feuer warf er sich über die
Jurisprudenz und machte keinen andern Weg mehr als den zwischen dem Hörsaale und
dem Studierzimmer Zu diesem Eifer zwang ihn ein eigentümlicher Trieb nach
Komplettierung alles Unvollendete war ihm beinahe ein physischer Greuel ihn
schmerzten defekte Sammlungen abgebrochene Monatsschriften eingeschlafne
Prozesse Bibliotheken weil er sie nie auslesen konnte Leute die als
Akzessisten starben oder in BauPlanen oder ohne ein abgeründetes Denksystem
oder als Gesellen Tuchknappen und Schuhknechte und sogar Augustis
Flötenblasen ders nur so beiher mittrieb Es war dieselbe Stärke womit er
Psyches Flügelpferde den Zügel straff hielt und womit er ihm das Spornrad
einstiess schon als Kind hatte er diese Stärke an der Zurückhaltung des Atems
oder am peinlichen Pressen einer wunden Stelle versucht und beim Himmel
figürlich tat er ja nun beides wieder In ihm wohnte ein mächtiger Wille der
bloß zur Dienerschaft der Triebe sagte es werde Ein solcher ist nicht der
Stoizismus welcher bloß über innere Missetäter oder Hämlinge oder
Kriegsgefangene oder Kinder gebeut sondern es ist jener genialischenergische
Geist der die gesunden Wilden unsers Busens dingt und bändigt und der
königlicher zu sich als der spanische Regent zu andern sagt Ich der König
Ach freilich wie konnte seine warme Seele anders stand er oft in der
Nachmitternacht am luftigen Fenster und schaute voll Tränen auf die weiße
Madonna des ministerialischen Palastes die der reine Mond versilberte Ja am
Tage zeichnete er oft in sein Souvenir zufällig wars ein Springbrunnen und eine
Gestalt dahinter weiter nichts oder er las im Messias natürlich fuhr er in
dem Gesange fort den er schon bei der Ministerin angefangen oder er belehrte
sich über Nervenkrankheiten war er bei seinem Studieren dagegen gedeckt
oder er ließ das Feuer seiner Finger über die Saiten laufen ja er hätte nichts
als Rosen gepflückt obwohl mit Dornen wäre ihre Blütezeit gewesen
Und diese seufzende schwüle Seele musste sich verschließen O er war schon in
Sorge jede Taste werde eine Schriftpunze das Klavier ein Letternkasten und
alle Handlungen verräterischleserliche Worte Denn er musste schweigen Die
erste junge Liebe hat wie die der Geschäftsleute die kursächsischen
ausgenommen keine Sprachwerkzeuge höchstens eine tragbare Schreibfeder mit
Tinte Nur die Weltleute die ihre Liebeserklärungen ebenso wiederholen wie
Schauspieler sind imstande und aus gleichen Gründen sie ebenso zu
publizieren wie diese Aber in der heiligern Zeit des Lebens wird das Bild der
geliebtesten Seele nicht im Sprach und Vorzimmer sondern im dunkeln stillen
Oratorium aufgehangen nur mit Geliebten spricht man von Geliebten Ach er hörte
über seine Himmelsbürgerin ungern sogar andre reden und er entwich oft mit dem
innern Rauchopferaltar in sich aus dem Zimmer worin man für sie eine
Rauchpfanne mehr voll Kohlendampf als Wohlgeruch herumtrug
37 Zykel
Man erwartete in Pestitz jeden Tag die Zurückkunft des deutschen Herrn Mr de
Bouverot der in Haarhaar an die fest skizzierte Vermählung zwischen Luigi und
einer haarhaarschen Prinzessin Isabella die letzte retuschierende Hand gelegt
Augusti war ihm nicht gut und sagte sogar Bouverot habe keine honnêteté56 und
erzählte folgendes aber mit der weichen Ironie eines Weltmannes
Vor einigen Jahren wurde Bouverot in KapitelStreitigkeiten vom
haarhaarschen Hofe57 nach Rom an den Papst versandt gerade zur Zeit wo auch
Luigi den gewöhnlichen Römerzug der Fürsten tat mit seinen RömerZinszahlen Nun
wollte Haarhaar das eigentlich schon chapeaubas geht mit dem Hohenfliesser
Fürstenhute und das alle mögliche offizinelle Aussicht hat ihn aufzusetzen
eben darum nicht gern den Anschein geben als seh es das Erlöschen des
Hohenfliesser Stammes mit kalten Augen an um so mehr da eben der Stammhalter
Luigi gleich in den ersten Jahren kein Held von nervöser Bedeutung war Ja dem
Haarhaarer Hofe musste daran liegen dass der gute dünne StammHerbstflor
womöglich anders wiederkäme als er ausgezogen war und eben aus solchen Gründen
war von jenem dem DeutschHerrn heimlich aufgetragen dergestalt über alle seine
Freuden und Leiden als maitre de plaisirszumal bei maitresses des plaisirs zu
walten und zu wachen dass man damit zufrieden wäre War inzwischen Abiturient
schon als Fötus eingesessen so wurd er leider gar zum punctum saliens
ausgeschliffen zurückgefahren besonders da er durch mehrere Bocksund andre
Sprünge durch den Reif der Lust verdorben war zu einem Rittersprunge Es kann
möglich sein dass der DeutschHerr der Verjüngung des Fürsten zu sehr
entgegenging ja er kanns der jungmachenden Wunderessenz des Marquis dAymar58
nachgetan haben welche eine alte unschuldige Dame die vom Elixier mehr
versalbte als gegen ihre Jahre nötig war durch das übermäßige Verjüngen zum
kleinen Kinde einzog Kurz durch diesen Kreuzzug hinter dem Kreuzherrn
Bouverot wird einmal wie öfters durch Kreuzzüge der Hohenfliesser
Fürstensessel offen zu rechter Zeit und Haarhaar setzt sich darauf
Ich gestehe ungern dass Albano anfangs weil bei aller seiner Scharfsicht
seine Reinheit ebenso groß war das Faktum nur verworren fasste als ers aber
begriff wars für ihn pharmazeutisches Manna wie für Schoppe israelitisches
»Der Kreuzherr« sagte dieser»trägt sein Kreuz nicht umsonst es tut ihm
ebensoviel Dienst wie den Häusern in Italien ein darangeschmiertes es darf
beide keine Seele anpissen ob mans gleich in Rom vor jedem Vorzimmer mag«
Nicht lange danach gingen unsre drei Freunde in der Stunde wo die Wagen
lärmend zum Tee und Spiele rollen auf der Gasse als man vor ihnen eine Sänfte
mit dem Sitze rückwärts worin gleichwohl jemand saß vorübertrug »Du heiliger
Vater« rief Schoppe »da drinnen sitzt der leibhafte Zefisio aus Rom der mich
irgendeinmal durchprügeln muss« »Leise leise« sagte Augusti »das ist der
deutsche Herr Zefisio ist sein arkadischer Name59« »Nun so freu ich mich
desto mehr dass ich mit der Rotnase einmal herzlich schlecht umsprang« sagt er
und kehrte um und begleitete mit untergesteckten Armen die Sänfte fast zehn
Schritte weit um den Vogel des Bauers besser zu beschauen bis dieser die
Vorhänge vorriss Albano ertappte darin im Vorübereilen nur einen scharfen
gleich einem Dolche gezognen Blick und einen rotglimmenden Nasenknopf
Schoppe kam wieder und erzählte die Händel in Rom Nämlich gegen alle
Todsünder Blutschuldner und Sündenbälge trug er keinen so bitteren Ingrimm als
gegen ProfessionsBankhalter Croupiers und Grecs er sagte hätt er ein
Raupeneisen womit er dieses Gewürm von der Erde wegschaben oder eine
KochenilleMühle worin er es zerknicken könnte er tät es ganz lustig »O
Himmel« rief er dann aus »hielt ich vollends über den ringelnden
verwickelten Wurmstock gerade meinen ausgestreckten Fuß und wäre auch das
Podagra daran freudig stieß ich ihn darein und träte den Bettel aus« Was
er aber konnte tat er Da er sein eigener Reisediener und eine in ganz Europa
hin und herfahrende Lauferspinne war so hatt er recht oft die Freude diese
PharaoBlattwickler und Blattminierer unter die Finger zu bekommen ihr
ScheinGenosse zu werden ihre Kriegslisten einzulernen und dann irgendein
Feuerrad in ihre zischende Schlangenhöhle zu rollen Ich bin nicht näher
unterrichtet ob man es in Leipzig weiß wer der Rädelsführer war der vor
kurzem in der Messe eine VexierPolizei mit ScheinStadtknechten spielte und
eine Bank aufhob wenigstens waren die Bankiers darüber irrig weil sie den
andern Tag der wahren Polizei aufwarteten und um einige Indulgenzen und
UnRechtswohltaten anbettelten aber ich bin hier imstande den Diebsfänger zu
nennen Schoppe wars gewesen Die Beute legt er meistens zu neuen
Fladderminen unter PharaoTischen an
Mit Zefisio hatt ers anders gekartet Er trat vor dessen Bank und sah
einige Minuten zu und belegte endlich ein Blatt mit einem Schildlouisdor Es
gewann und er zeigte hinter der Karte eine lange Rolle von Louis Bouverot
wollte diese Rolle nicht bezahlen »er habe« sagt er »nichts gesehen«
»Wozu sitzt Ihr Croupier denn dort« sagte Schoppe und erklärte sie für
Betrüger wenn sie nicht zahlten Man zahlte ihm um größeren Schaden zu
vermeiden den Gewinst Er nahm ihn kalt und schied mit den Worten an die
Pointeurs »Meine Herren Sie spielen hier doch mit ausgemachten Betrügern aber
bloß weil ich sie kenne haben sie mich bezahlt« Unter dem Steifund Blasswerden
der Interessenten ging er langsam mit seiner breitschultrigen gedrungnen Figur
und mit seinem Knotenprügel unversehrt davon
Augusti wünschte von Herzen der Verfolgung wegen dass Bouverot den
Bibliotekar nicht mehr kenne Zu Hause fanden sie eine Einladung vom Minister
auf Tee und Souper »die arme Tochter« sagte Augusti »Dieses Bouverot wegen
muss die Halbblinde morgen an die Tafel« Indes sieht sie doch unser Jüngling
endlich wieder und nur ein Frühlingstag sondert ihn vom teuersten Wesen ab
Hat Augusti recht so trifft meine Bemerkung hier ein dass ein guter Filou immer
der motivierende Hecht wird der den frommen Karpfensatz der Stillen im Teiche
zum Schwimmen bringt die versteckte Blattermaterie die kalte Kinder auf einmal
lebendig macht
38 Zykel
Lianens Augen heilten aber nur langsam die Natur wollte sie nicht auf einmal
aus ihrem düstern Kerker in die Sonne führen jetzt konnte sie erst wie die
Philosophen mehr Licht als Gestalten erkennen Gleichwohl gab der Minister den
Kabinettsbefehl sie müsse übermorgen die Harmonika spielen bei dem Souper
erscheinen und sogar den Salat machen und dabei ihre Blindheit maskieren Er
befahl zuweilen unmögliche Dinge um so viel Ungehorsam zu finden als sein Zorn
zum Bestrafen brauchte gewisse Leute sind den ganzen Tag schon im voraus voll
Ärger für irgendeine Zukunft gleich dem Urinphosphor der immer unter dem
Mikroskope kocht oder den Eisenhütten worin jeden Tag Feuer auskommt
Die Ministerin sagte dazu ein sanftes festes Nein Über die Harmonika
sagte sie habe sie in seinem Namen den Doktor gefragt der es streng verboten
und das übrige sei eine Unmöglichkeit Hier konnt er schon so gut wurd es
ihm über mehrere Dinge ungehalten werden besonders über das Fragen des
Doktors das aber gar noch nicht geschehen war er wurde toll genug und
schwur er handle nach seinen Prinzipien und frage den Teufel nach fremden
Dieses Prinzip war dasmal der deutsche Herr Die obige Anekdote nämlich
Bouverots Fürsorge für den reisenden Erbprinzen oder die Absicht dabei war an
beiden Höfen assemblee und tafelfähig und nur dem Fürsten Luigi verdeckt denn
an Tronen gibt es fast für niemand Geheimnisse kaum für seine Frau als für
den der darauf sitzt wie in Schallgewölben die Leute in fernen Winkeln alles
laut vernehmen nur der nicht der in der Mitte steht Der deutsche Herr war
also im Hohenfliesser Systeme die wichtige Pfortader und Lungenpulsader womit
auch Froulay sich wässern wollte Dieser musste durchaus der Gegenwart und der
Zukunft oder zweien Herren dienen von denen der Haarhaarer sehr bald seiner
werden konnte
Bouverot war nicht bloß an Froulay den Minister sondern auch den Vater
geknüpft ein Mann wie er der sich aus Italien ein ganzes Kunstkabinett
nachfahren lässt und dessen KunstKenntnisse eben ihn und den Fürsten so lange
verknüpfen musste eine Madonna von solcher Karnation wie Liane und aus der
römischen Schule und die noch dazu von der Leinwand abgelöset sich als eine
volle atmende Rose bewegte ein solcher musste dergleichen zu schätzen wissen
Heiraten konnt er die Rose nicht wollen da er deutscher Herr war
Er hatte sie seit seiner welschen Reise nicht gesehen der Graf auch nicht
beiden wollte sie der Minister zeigen als eine Zahlperle von besonderer Weiße
und Figur Froulay hatte was überhaupt öfter ist als man denkt gleich viel
Eitelkeit und Stolz diesen gegen den Tadel jene für das Lob Aber ich müsste
nun ein Turnierbuch schreiben um sein Toben Rennen Lanzenstossen in einem
Gefechte wo er unter den Fahnen der Feindschaft der Eitelkeit und Habsucht
diente nur zum Teil auf die Nachwelt zu bringen Er war so wenig totzujagen als
ein Wolf Alle Waffen waren ihm gleich und er nahm immer schärfere und
giftigere In den alten gerichtlichen Zweikämpfen zwischen Mann und Frau stand
gewöhnlich der Mann bis an den Magen in einem Loche um seine Stärke zur
weiblichen herabzubringen und sie schlug gegen ihn mit einem in einen Schleier
gewickelten Stein in den ehelichen aber scheint der Mann im Freien zu stehen
und die Frau in der Erde und hat oft nur den Schleier ohne den Stein
In diesem Gefechte stellte sich ein glänzender Friedensengel zwischen
beide und fing die Wunden auf nämlich Liane Die Tochter die eine
schwärmerische Liebe für die Mutter und die weibliche Achtung des stärkeren
Geschlechts für den Vater hatte und die so unendlich unter dem Zwiespalte litt
fiel der Mutter um den Hals und bat sie ihr das zu erlauben was der Vater
fordere sie wolle alles gewiss so machen dass man nichts merke sie wolle sich
recht anstrengen und vorher besonders üben ach er werde sonst ihrem armen
Bruder nur noch ungewogner diese Uneinigkeit bloß ihrentwegen sei ihr so
schmerzlich und vielleicht schädlicher als das HarmonikaSpiel
»Mein Kind du weißt« sagte die Mutter denn jetzt hatte sie gefragt »was
gestern der Arzt gegen die Harmonika gesagt hat das andre kannst du wagen«
Liane küsste sie freudig Man musste sie zum Vater führen damit sie vor ihm die
Freude ihres Gehorsams lautmachte »Ich dank euchs mit dem Henker« sagt er
sanft »es ist eure verfluchte Schuldigkeit« Sie ging mit zerstobener Freude
aber ohne große Schmerzen sie war es schon gewohnt
39 Zykel
Der Lektor bat Albano noch auf dem Wege zum Minister das Feuer seiner
Behauptungen und seiner Pantomime zu mäßigen Er machte ihm vom Hauskriege nur
so viel bekannt als nötig war damit er nicht Lianen durch den Wahn der Heilung
in Verlegenheit setze Als sie ins Spielzimmer traten war schon alles im Feuer
Da ihm jetzt niemand präsentiert wird so muss ich es tun es sind Jünger
wenigsten zwölfte des Ministers
Zuerst stelle ich dir den Herrn Justizpräsidenten von Landrock vor eine
gute Apotekerwaage der Temis die Skrupel auswägt und worin keine falsche
Gewichte liegen aber was ebensoschlimm ist viel Schmutz Reste und Rost Die
am Lhombretisch daneben sind die Herren und Frauen von Vei Flöl und Kob
glatte feine Seelen die wie Mineralien in Kabinetten auf der Schauseite
abpoliert sind nur aber auf der verborgenen Basis noch eckig und kratzend
Geh mit mir an den Eingang des andern Zimmers hier hab ich dir zu
präsentieren den jungen aber fetten Domherrn von Meiler der um seinen innern
Menschen mit einem dicken warmen äußern zu bekleiden und auszuschlagen jährlich
nicht mehr Bauern abzurinden braucht als der Russe Lindenstämme für seine
Bastschuhe abschindet nämlich 150
Das Zimmer worein du siehst präsentier ich dir als ein Fliegenglas voll
Hofbediente die um ins Himmelreich zu kommen nicht bloß Kinder sondern gar
Embryonen von vier Wochen wurden die bekanntlich aussehen wie Fliegen sie
wollen wenn Swift von seinen Bedienten nichts begehrt als das Zumachen der
Türen nichts von ihrem Broterrn als das Offenlassen derselben
Ich habe die Ehre dir dort es ist der der nicht spielt den Herrn
Kirchenrat Schäpe der Oberhofprediger werden will vorzustellen einen weichen
Halunken der die Samenkörner des göttlichen und menschlichen Worts wie
Melonenkerne sie sollen dadurch früher in den Herzen aufgehen so lange in
gezuckertem Weine einweicht bis sie in jenen verfaulen ein geistlicher Herr
der in seinem Leben nie andre Bitten tat als die beiden die er stets abschlägt
die vierte und die fünfte
Aber der Lektor wird dir im Fenster ja alle Herren und Damen kalt leise
und ohne Pantomime nennen Jetzt führt dich der Minister selber einem spielenden
Herrn mit einem Kreuze zu der Wasser mit Salpeter trinkt und immer den dürren
Mund beleckt es ist Bouverot jetzt steht er vor dir auf betrachte das kalte
aber kecke und schneidendgeschliffne Auge dessen Winkel eine offene Blechschere
oder aufgestellte Falle scheinen die rote Nase und den harten lippenlosen
Mund dessen rötliche Krebsschere sich abgewetzt zusammenzwickt das
aufgestülpte Kinn und die ganze stämmige feste Figur Albano überraschet ihn
nicht er hat alle Menschen schon gesehen und er fragt nach keinem
Der Minister erquickte den in sich verworrenen Jüngling mit der Verheißung
bei dem Souper werd er ihm seine Tochter vorstellen Er bot ihm ein Spiel an
aber Alban versetzte mit einem zu jugendlichen Akzent er spiele nie
Er konnte nun die Spieltischgassen durchstreichen und alles besehen was er
wollte In einem solchen Falle postiert man sich wenn man niemand in der
Gesellschaft ausstehen kann gerade vor oder neben das Gesicht das man am
meisten anfeindet um sich über jedes Wort und jeden Zug des Gesichts heimlich
zu erärgern Albano hätte viele Gesichter gehabt die wenigstens in einem
kleinen Grade nicht zu leiden waren und zu denen er sich hätte stellen können
ja es wären keine hinlängliche Gründe anzugeben warum er nicht einen gewissen
ausgespelzten eingetrockneten Kleisteraal einen Schwächling voll Impertinenz in
einem fort angesehen hätte da dieser mit einer Flügelbrille die aufgehenden
Kartengestirne observierte indes Albano die Fühlhörner seiner Sehnerven bis zu
den Kartenfarben des zweiten Zimmers ausstrecken konnte es wären keine Gründe
dagewesen wäre nicht der deutsche Herr dagewesen vor diesen musst er sich
stellen von diesem wußt er das Meiste und Schlimmste dieser stand ja mit
Schoppe in weiter Verbindung sogar mit Lianen Verdammt neben gewissen
Gesichtern krümmen und mausern sich die Seelenschwingen wie neben Adlerkielen
Schwanenund Taubenfedern zerfallen allen schuldlosen Gefühlen in der so
geräumigen Brust Albanos wurd es so unruhig und eng wie einem Taubenfluge in
dessen Schlag man einen Iltisschwanz geworfen
Ich darf es nicht verhehlen er murrte und grollte innerlich über alles was
der Mann tat und hatte dieser mochte nun Finger tragen deren Spitzen
feingeschabet waren für das Pharaospiel und deren Nägel von einem ganz noch
schlimmern Hasardspiele sich etwas abgeblättert hatten oder er mochte zuweilen
durch die Haare der Augenbraunen blicken oder nur einmal eine Mücke durch
ein schnelles Schnappen der Lippen erquetschen wie die Fliegenfalle oder bald
eine deutsche bald eine gallische Zeile sagen was ich doch von guten Zirkeln
erwarte indes nur schlechte kein deutsches Wort vorbringen wenige solche wie
Lansquenet canif Kneif birambrot Bier am Brot ausgenommen genug er
dachte immer an Schoppes schönen Ausspruch »Es gibt Menschen und Zeiten wo
einen rechtschaffenen Mann nichts mehr erquicken könnte als Prügel die er
gäbe« Duellieren ist ebensogut meinte der Graf
Indes muss er hier entschuldigt werden durch eine Autorität Nämlich selber
Schreiber dieses sonst ein so weiches warmes Schwanenfell wurde immer zu
einem völligen Kampfhahne hinter SpielSesseln und spreizte den kratzenden
struppigen Flügel weiter auf je länger er müßig zusah der Grund ist der weil
man überhaupt nur die Menschen immer leidlicher und besser findet mit denen man
einerlei treibt und will
Albano wünschte sich herzlich seinen Waffenbruder Schoppe her er ging zwar
oft zu Augusti sich auszuschütten aber dieser linderte stets ja er schnitt
ihm durch die Verflechtung mit dem Kirchenrate die Gelegenheit ab seine
jugendliche unerfahrne Seele Horchern zu verraten Auch wählte der Lektor
nachher auf eine halbe Stunde was Hausfreunde oft tun in Abwesenheit der
Hausfreundinnen letztere die Abwesenheit
Der Graf stand einige Zeit hinter Bouverots Sessel und sah in einen innen
mit grotesken Bildern lackierten sinesischen Spiegel und veränderte seine
Stellung so lange bis er darin Zefisios Gesicht hart neben einem gemalten
Drachen stehen hatte zur bloßen Vergleichung das alles fiel vor aber mit
immer stärkeren Herzschlägen für Lianen unterbrochen als die Bedienten die
Türen öffneten zu dem Speisesaale und ihm nun das Herz bis zum Schmerzen pochte
und seine ohnehin so jugendlichblühende Gestalt ganz voll Rosen der frohen und
verschämten Röte hing
40 Zykel
Schnellatmend und glühend machte er sich in die bunte WandelReihe mit
irgendeiner alten Dame hinein die ihn eitel missverstand und auf einmal als eine
Armschnalle mit Ressort an seinem Arme hing und die nichts von ihm erhielt als
Antworten Mit durchfliegenden Blicken trat er in den hellen wie aus Licht
kristallisierten Saal voll Köpfe Er antwortete eben als er im Tumulte hinter
sich das leise Wort vernahm »Ich höre ja den Bruder« und sogleich die leisere
Widerlegung »Es ist mein Graf« Er drehte sich um zwischen dem Lektor und
der Mutter stand die liebe Liane der verschämte erschrockne blassrote Engel
im schwarzen Seidenkleide das nur der blinkende Frühlingsreif einer silbernen
Kette überlief und mit einem leichten Band im blonden Haar Die Mutter stellte
sie ihm vor und die zarte Wange blühte röter auf denn sie hatte ja die
gleichen Stimmen des Gastes und des Bruders vermengt und sie schlug die
schönen Augen nieder die nichts sehen konnten Ach Albano wie zittert dein
Herz so sehr da die Vergangenheit zur Gegenwart die Mondnacht zum
Frühlingsmorgen wird und da diese stille Gestalt in der Nähe noch allmächtiger
wirkt als in jedem Traum Sie war ihm zu heilig als dass er vor ihr über die
scheinbare Heilung hätte lügen können er schwieg lieber und so kam der
wärmste Freund ihres Lebens zum ersten Male nur verhüllt und stumm zu ihr
Der Lektor führte sie bald weg an ihren Sitz unter dem zweiten Lüster ihr
gegenüber saß die Mutter wahrscheinlich darum damit die gute unwissende
Tochter die doch nicht immer die Augenlider senken konnte diese freundlich und
mit Anstand gegen ein geliebtes Wesen heben durfte der deutsche Herr als
Bekannter setzte sich ohne weiteres zu ihrer Rechten Augusti zur Linken
Zesara als Graf kam oben weit hinauf neben die höchste Dame
Der Henker hols das ist leider so oft mein eigener Fall Ich behaupte
oben den Ehrenplatz und bemerke unten eine Meile von mir die Tochter aber als
Myop nur halb und kann den ganzen Abend nichts machen Rangiert mich doch
ungescheuet hinunter zu ihr ihr habt mit nichts weniger als einem
aufgeblasenen Manne zu tun warum sollen denn auf der Erde wie im Himmel
gerade die größten Wandelsterne am weitesten von ihrer Sonne absitzen
Ich ziehe jetzt die Leser an des Ministers Tafel nicht um ihnen die
ministerialische auf Habsucht eingeimpfte Pracht oder seinen zwischen das
Parallellineal der Etikette eingesperrten Ehrentanz oder auch dessen
Familienwappen zu zeigen das auf jedem Wärmteller und Salzfass und mit dem Eise
und Senfe herumgegeben wurde uns sei die Allgegenwart des Wappenwerks auf
seinen Blumentöpfen Hemden Bettschirmen HundsKrawatten und Gedanken genug
sondern der Leser soll jetzt nur auf meinen Helden sehen
Sehr sticht er hervor Über einen solchen Ankömmling hat man in einer
Residenzstadt noch früher als er dem Schwager das Trinkgeld gegeben schon
alles mögliche Licht der Natur und der Offenbarung 19 Anwesende waren als seine
moralischen Schrittzähler an ihm festgemacht Die Kühnheit seines Wesens und
sein Rang ersetzten bei ihm die Welt und diese vermisste man nirgends als darin
dass er keinen andern Anteil nahm als den stärksten und dass er sich immer in
allgemeine und weltbürgerliche Betrachtungen verlief Aber seht doch o ich
wollte Liane könnt es sehen wie die Rosenglut und das frische Grün seiner
Gesundheit unter den gelben Maroden des Jahrhunderts glänzt denen wie Schiffen
an der afrikanischen Küste der Jugend alles zusammenhaltende Pech abgeflossen
war und wie ihn das Wangenrot der geistigen Gesundheit ein zartes immer
wiederkommendes Erröten aus Sorge um Lianen schmückt indes mehrere Weltleute
am Tische gleich der Baumwolle alle Farben leichter anzunehmen scheinen als die
rote
Er schaute und horchte wider die Ordnung des VisitenHeils zu sehr Lianen
zu Sie aß unter dem höheren Rote der Furcht fehlzugreifen nur wenig aber
unbefangen der Lektor sperrte ihr mit leichter Hand den kleinsten Irrweg zu
Was ihn wunderte war dass sie ein so empfindliches und so leicht weinendes Herz
mit einer so unbefangnen Heiterkeit des Angesichts und des Gesprächs bedeckte
junger Mann das ist bei den weichsten Mädchen ohne Schmerzen der Liebe kein
Bedecken und Verstellen sondern Genuss des Augenblicks und gewohnte
Gefälligkeit Sie behielt so besonnen die wahrscheinlich vorher gelernte
Rangordnung der bekannten Stimmen dass sie ihre Antwort nie gegen eine falsche
Stelle richtete Sie blickte aber oft zu ihrer Mutter mit vollen Augen auf und
lächelte dann noch heiterer aber nicht um zu täuschen sondern aus rechter
herzlicher Liebe Anlangend ihren Salat so würde die beste und tafelfähigste
Leserin die ihn mischen sehen mehrere Gabeln davon nehmen Ungemein gut ließ
es da sie ernster und röter vor der blauen HimmelsHalbkugel aus Glas die
Handschuhe abzog mit weißen Händen und mit geschmeidigen Armen ohne eine
seidene Falte zwischen dem gläsernen Blau und seidenem Schwarz im Grünen
arbeitete bedächtlich nach dem Essig und Ölgestelle fasste und so viel
zugoss als ihre Übung und der verzifferte Rat des Lektors wenigstens scheint
mirs so gebot Beim Himmel das Machen ist hier der Salat und der eitle
Minister der sich nicht auf Gemälde verstand hatte viel Einsichten in Dingen
die zu Gemälden taugten
Die Mutter schien kaum auf die BlätterMengerei hinzusehen
Dem Grafen schien heute die Ministerin nur Welt und keine fromme Strenge
zu haben aber er kannte noch nicht genug jene hellen Weiber die Feinheit ohne
Witz Empfindung ohne Feuer Klarheit ohne Kälte haben die von den Schnecken
die Fühlhörner die Weichheit die Kälte und den stummen Gang entlehnen und die
mehr Vertrauen verdienen und fordern als erhalten
Nun trat Zefisio als ein Engel unter drei Menschen im feurigen Ofen ein
aber als ein schwarzer Dem Grafen war dessen Nahesitzen und jedes Wort zu ihr
ohnehin eine Kreuzigung nur von ihr zu ihm mit dem Blicke zu gehen war schon
ein Jammer wenig verschieden von dem den ich haben würde wenn ich in Dresden
einen Tag im AntikenOlymp der alten Götter zubrächte und dann bei dem
Herausgehen in ein Refektorium voll geschwollner Mönche oder in ein
Naturalienkabinett voll ausgestopfter MalefikantenBälge und einmarinierter
FötusKanker geriete Indes wurde er doch dadurch beruhigt nach meiner
Meinung nur getäuscht dass der deutsche Herr nicht neben ihr lyrisch loderte
noch im Himmel oder außer sich war sondern bei sich und ganz gesetzt und sehr
artig Auf keine Tauben Graf frage die Landwirte schießen die Habichte
öfter nieder als auf glänzendweiße
Der deutsche Herr brachte jetzt eine Tabatiere hervor mit einem niedlichen
Gemälde von Lilar und fragte Lianen wie es ihr gefalle ihm gefalle daran das
Sentimentalische vorzüglich
Der Lektor erschrak bog sich dem Dosenstücke entgegen und jagte einige
Urteile voraus die die Halbblinde in den ihrigen führen sollten aber nachdem
sie damit ein paarmal schief gegen die Lichter und nahe vor ihren Augen
vorbeigefahren war konnte sie selber das eigne fällen dass das von der
halbuntergesunkenen Sonne angestrahlte Kind das unter dem Triumphbogen eine
Blumenkette in die Höhe zieht nach ihrem Gefühle »so gar lieblich« sei Hier
kam und ich habe denselben Fall an einer halbblinden Frau von mächtiger
Phantasie und offenem Kunstsinne bemerkt die Anstrengung und der Kunstsinn oder
das geistige Auge dem leiblichen auf halbem Wege entgegen Die Dose wurde wie
ihr Tabak weiterpräsentiert und stieg hinab zum Kunstrat Fraischdörfer dem
jetzt die Kunstliebe des neuen Fürsten und die Kunstgelehrsamkeit des Günstlings
neue Kronen aufsetzten er rügte nichts als das Blütenweiss »Der Frühling«
sagt er »ist wegen seines verdrießlichen Weisses ein leeres Monochroma ich
habe Lilar nur im Herbste besucht« »Wir können ja den Nachtigallengesang auch
nicht malen und hören ihn doch« sagte Liane heiter er war ihr Lehrer und
jetzt in der malerischen Technologie sogar ihres Vaters seiner Über allen ihren
Kenntnissen und innern Früchten und Blüten war die Rose des Schweigens gemalt
daran hatte sie der gebieterische Vater überhaupt gewöhnt und vor Männern
besonders in welchen sie immer kopierte Väter furchtsam ehrte
Als die Landschaft zu Albano kam und er jene Frühlingsnacht verkleinert vor
sich hielt wo ihm Lilar und der edle Greis so zaubernd erschienen und da er
berührte was die liebe Seele angerührt und da in der seinigen alle Wohllaute
zitterten so griff wieder der Teufel einen dissonierenden Septimenakkord
»Der Fürst gnädiger Herr« sagte der Minister zum deutschen Herrn »wurde
gestern heimlich beigesetzt schon in acht Tagen haben wir das öffentliche
Begräbnis Wir müssen eilen weil die Suspension der Hoftrauer so lange dauert
bis die Huldigung am Himmelfahrtstage vorüber ist« Ich bin zu feurig mich über
den ewigen Zeremonienmeister Froulay auszulassen der auf der Sonne
Laternensteuer eingetrieben hätte und Brückenzoll vor Parks und Eselsbrücken
aber Albano von so vielen innern Seiten und Streiflichtern geblendet
erinnert an Lianens Trauer über den alten Mann an seinen Geburtstag an das
Herz ohne Brust und an den Wahnsinn der Welt war nicht imstande so sehr er
sich vorgesetzt in Sanftmut und Lammskleidern vor Froulay zu erscheinen
letztere anzubehalten sondern er musste und lauter als er meinte gegen seinen
Gegennachbar den Kirchenrat Schäpe mit zu großer JugendErgrimmung die durch
das nach der Bruderstimme sehnsüchtige Zuhören Lianens nicht kleiner wurde sich
erklären gegen viel gegen das ewige tote Vexierleben der Menschen gegen den
zeremoniellen Hohn einer entseelten Gestalt gegen dieses Darben an Liebe bloß
aus Vorspiegeln derselben ach sein ganzes Herz brannt auf seiner Lippe
Der redliche Schäpe den ich oben einen Halunken genannt trat ihm mit
mehreren Mienen bei Aber ich gar nicht Freund Albano du musst erst noch
lernen dass die Menschen in Rücksicht der Zeremonien Moden und Gesetze gleich
einem Zug Schafe insgesamt wofern man nur den Leitammel über einen Stecken
setzen lassen an der Stelle des Stabes den man nicht mehr hinhält noch aus
Vorsicht aufspringen und die meisten und höchsten Sprünge im Staate tun wir
ohne den Stecken Aber ein Jüngling wäre mittelmäßig der das bürgerliche Leben
sehr zeitig lieb hätte so gewiss auch er und wir alle über die Fehler eines
jeden Amtes zu bitter richten das wir nicht selber bekleiden
Die Gesellschaft hörte schweigend zu und wunderte sich aus Artigkeit nur
innerlich auf Lianens Gestalt trat weicher Ernst
Man stand auf die Enge verschwand sein Eifer auch aber ich weiß nicht
kam es von der Trunkenheit des Sprechens oder des liebenden Anschauens oder von
einem jugendlichen Überspringen der VisitenZäune von Mangel an Lebensart
kams aber nicht her genug das Faktum ist nicht zu leugnen und ich tu auch am
besten es geradezu zu geben dass der Graf die arme alte von ihm hergeführte
Dame Hafenreffer weiß selber nicht wie sie heißt stehen ließ und ich
glaube unbewusst zum Führen Lianen nahm Ach diese Was soll ich sagen von der
magischen Nähe der geträumten Seele vom leichten Aufliegen ihrer Hand das nur
der Arm des innern Menschen nicht des äußern spürte von der Kürze des
Himmelsweges der wenigstens so lang hätte sein sollen als die
FriedrichsStraße Wahrhaftig er selber sagte nichts er dachte bloß ans
abscheuliche InhibitorialZimmer wo ihre Scheidung vorfallen musste er zitterte
unter dem Suchen eines Lauts »Sie haben wohl« sagte Liane leicht und offen
die gern die befreundete Stimme zumal nach der warmen Rede hörte »unser Lilar
schon besucht« »Wahrhaftig nicht aber Sie« sagt er zu verwirrt »Ich und
meine Mutter wohnten gern in jedem Frühlinge da«
Nun waren sie im ScheideZimmer Leider stand er so mit ihr die nichts sah
einige Sekunden fest und sah geradeaus willens etwas zu sagen bis die Mutter
ihn aufweckte die für ihre von dem ganzen Abend so genährte Liebe eifrig eine
abgetrennte Stunde am Tochterherzen suchte Und so war alles vorbei denn
beide schwanden wie Erscheinungen weg
Aber Alban war wie ein Mensch den ein herrlicher Traum verlässet und der
den ganzen Morgen so innigselig ist aber ihn nicht mehr weiß Und wie steht
ihm nicht Lilar offen und sieht ers nicht gewiss sobald nur Liane es auch sehen
kann
Nie war er sanfter Der aufmerksame Lektor legte in dieser warmen
fruchtbaren Säezeit einigen guten Samen ein Er sagte als sie miteinander noch
in die Mondnacht heraussahn Albano habe heute fast bloß stachlichte und
sperrige Wahrheiten vorgebracht die nur erbittern nicht erleuchten Zu einer
andern Zeit hätt ihn der Graf befragt ob ers wie Froulay und Bouverot hätte
machen sollen die einander ganz tolerant Teses und Antiteses vortrugen wie
ein akademischer Respondent und Opponent die vorher bei einander logische
Wunden und Pflaster von gleicher Länge bestellen aber heute war er ihm sehr
gut Augusti hatte so delikat und liebreich für Mutter und Tochter gesorgt er
hatte ohne Schwärzen und Schminken viel Gutes aber nicht hastig gesagt und man
hatte seinem Auseinandersetzen ruhig zugehört er hatte weder geschmeichelt
noch beleidigt Albano versetzte also sanft »Aber erbittern ist doch besser
lieber Augusti als einwiegen Und wem soll ich denn die Wahrheit sagen als
denen die sie nicht haben und nicht glauben Doch nicht den andern« »Man
kann jede sagen« sagt er »aber man kann nicht jede Art und Stimmung womit
man sie sagt zur Wahrheit rechnen«
»Ach« sagte Albano und blickte hinauf unter dem Sternenhimmel stand wie
eine Schutzheilige die MarmorMadonna des Palastes sanft beglänzt und er
dachte an ihre Schwester und an Lilar und an den Frühling und an viele
Träume und dass sein Herz so voll ewiger Liebe sei und dass er doch noch keinen
Freund und keine Freundin habe
Achte Jobelperiode
Le petit lever des Doktor Sphex Steig nach Lilar Waldbrücke der Morgen in
Arkadien Chariton Lianens Brief und Dankpsalm empfindsame Reisen durch
einen Garten das Flötental über die Realität des Ideals
41 Zykel
Ich bin in voriger Nacht bis gegen Morgen aufgesessen denn ich kann keinen
fremden Dechiffreur darüberlassen um die Jobelperiode bis zum letzten Worte
zu entziffern so fest hielt mich ihr Reiz ich hoffe aber da schon das dünne
Blätterskelett aus Hafenreffers Hand so viel tat so soll jetzt das Blatt wenn
ich seine Adern mit Saftfarben und gleissendem Grüne durchziehe vollends Wunder
tun
Mit dem Grafen stand es seit dem letzten Abend betrübt Denn die duldende
bescheidne Gestalt die er gesehen glänzte wie der Vorsatz einer großen Tat
allen Bildern seiner Seele vor und in seinen Träumen und vor dem Einschlafen
ward ihre holde Stimme die Philomele einer Frühlingsnacht dabei hört er noch
immer von ihr sprechen besonders den Physikus der jeden Tag weitere
Fortschritte der Augenkur verkündigte und zuletzt Lianens Abreise nach Lilar
immer näher stellte Von einer Geliebten aber hören ist sei es immer etwas
Gleichgültiges weit mächtiger als an sie denken Er hörte ferner dass ihr
Bruder sich seit der Ermordung ihrer Augen der ganzen Stadt entzogen in welcher
er nicht wieder erscheinen will als auf einem sogenannten Freudenpferde bei der
Fürstenleiche Und um dieses Eden oder vielmehr um die Schöpferin desselben
war eine so hohe Gartenmauer gezogen und er ging um die Mauer und fand kein
Tor
Verhassteres kenn ich nichts als das aber in welcher Residenzstadt ists
anders Schrieb ich jemals einen Roman wozu es keinen Anschein hat das
beteur ich öffentlich vor nichts würd ich mich so hüten als vor einer
Residenzstadt und vor einer stiftsfähigen Heldin darin Denn die Konjunktion der
oberen Planeten trägt sich leichter zu als die hoher Amanten Will Er ein Wort
mit Ihr allein reden am Hofe oder beim Tee oder bei ihrer Familie so steht der
Hof die Teegesellschaft die Familie dabei will Er Ihr im Park aufstossen so
reist Sie wie die sinesischen Kuriere doppelt weil man den Mädchen gern das
Gewissen wie die Natur alle wichtige Glieder doppelt gibt wie gutem Weine
doppelten Boden will Er Ihr zufällig wenigstens auf der Gasse begegnen so
schreitet wenn diese in Dresden liegt ein saurer Bedienter hinterdrein als ihr
Pestessig Seelensorger curator sexus chevalier dhonneur SokratesGenius
Kontradiktor und Pestilenziarius Hingegen auf dem Lande läuft das ist
alles die Pfarrtochter weil der Abend so himmlisch ist um die Pfarrfelder
spazieren und der Kandidat braucht nun weiter nichts zu tun als Stiefel
anzuziehen Wahrlich unter Leuten von Stande scheint der Mantel der
erotischen Liebe anfangs ein Doktor FaustsMantel zu sein der alles zu
überfliegen schwört indes er bloß alles überdeckt allein am Ende steht einem
das Schreckhorn der Pilatusberg und die Jungfrau vor der Nase
Seliger Held Am Freitage kam der Lektor und referierte am Montage werde
der Höchstselige nämlich dessen leere Särge beigesetzt und Roquairol reite
das Freudenpferd und Liane sei fast genesen denn sie gehe mit der Ministerin
morgen nach Lilar höchstvermutlich um einigen trüben mit einem Trauerrande
umfassten Gedenkzetteln und LeichenErinnerungen zu entrinnen und am
Himmelfahrtstage darauf sei Huldigung und Redoute
Seliger Held wiederhol ich Denn bisher was besassest du vom blühenden
TempeTal als die dürre Anhöhe worauf du standest und in den Zauber
hinuntersahst
42 Zykel
Am MaiSonnabend schwand um 7 Uhr jeder Dunst aus dem Himmel und die
hellentweichende Sonne zog einem herrlichen Sonntage entgegen Albano der dann
endlich das ungesehene Lilar besuchen wollte war abends vorher so heiligfroh
als feiere er den Beichtabend vor dem ersten Abendmahle sein Schlaf war ein
stetes Entzücken und Erwachen und in jedem Traume ging ein betörender
Sonntagsmorgen auf und die Zukunft wurde das dunkle Vorspiel der Gegenwart
Sonntags früh wollt er fort als er vor der halben Glastüre des Physikus
vorübermusste »Herr Graf auf einen Augenblick« rief dieser Da er eintrat
sagte der Doktor »Gleich lieber Herr Graf« und fuhr fort Den Zeichnern
die in künftigen Jahrhunderten so aus mir schöpfen wollen wie bisher aus dem
Homer geb ich folgende Gruppe des Doktors als einen Schatz er lag auf der
linken Seite Galenus bügelte mit einer kleinen Kratzbürste den Rücken des
Vaters indes neben ihm Boerhaave mit einem weiten Kamme stand und solchen
unaufhörlich steilrecht nicht schief durch die Haare führte Er sagte stets
er wüsste nichts was ihn so aufheiterte und öffnete als Bürste und Kamm Vor dem
Bette stand van Swieten in einem dicken Pelze den der Züchtling bei warmem
Wetter und schlimmer Aufführung tragen musste um darin sowohl ausgelacht als
halb gekocht zu werden
Zwei Mädchen warteten in voller Sonntagsgala da und gedachten aufs Land zu
einer Pfarrtochter und in die Dorfkirche diese klopfte er erst von Glied zu
Glied mit dem Hammer des Gesetzes ab Er stellte seine Kinder als Gegenfüssler
römischer Beklagter in Lumpen gern in Manschetten und Quasten und galoniert auf
die Pillory besonders vor Fremden Der Graf hatte sich schon längst der roten
Kinder wegen gegen das offene Fenster gekehrt konnte sich aber doch nicht
enthalten lateinisch zu sagen »wär er sein Kind er hätte sich längst
umgebracht er kenne nichts mehr Beschämendes als im Putze gescholten zu
werden« »Desto tiefer« sagte Sphex deutsch »greift es eben ein« und holte
bei den Mädchen nur noch dieses nach »Ihr seid ein Paar Gänse und werdet in der
Kirche nur von eurem Lumpenkrame schnattern warum gebt ihr nicht auf den
Pfarrer acht Er ist ein Esel aber für euch Eselinnen predigt er gut genug
abends sagt ihr mir die Predigt ganz her«
»Hier ist ein Laxiertrank Herr Graf den ich Sie da Sie nach Lilar gehen
der Landbaumeisterin zu geben bitte für ihre kleinen Kröten aber nehmen Sie es
nicht übel« Beim Henker das sagen gerade die Leute am häufigsten die sich
nichts übelnehmen Der Graf der ihm zu andrer Zeit verachtend den Rücken
zugekehrt hätte steckt es errötend und schweigend vor dem Retter seiner Liane
zu sich auch weil es für die Kinder seines geliebten Dians war an dessen
Gattin er Grüße und Nachrichten bringen wollte
43 Zykel
Lilar ist nicht wie so viele Fürstengärten ein herausgerissenes Blatt aus
Hirschfeld ein toter LandschaftsFigurant und Vexier und Miniaturpark ein
schon an jedem Hofe aufgesetztes und abgegriffenes Schaugericht von Ruinen
Wildnissen und Waldhäusern sondern Lilar ist das Naturspiel und bukolische
Gedicht der romantischen und zuweilen gaukelhaften Phantasie des alten Fürsten
Wir kommen bald insgesamt hinter dem Helden hinein aber nur ins Elysium der
Tartarus ist ganz etwas anders und Lilars zweiter Teil Die Absonderung der
Kontraste lob ich noch mehr wie alles ich wollte schon längst in einen bessern
Garten gehen als die gewöhnlichen chamäleontischen sind wo man Sina und
Italien Lust und Gebeinhaus Einsiedelei und Palast Armut und Reichtum wie
in den Städten und Herzen der Inhaber auf einem Teller reicht und wo man den
Tag und die Nacht ohne Aurora ohne Mitteltinte nebeneinander aufstellt Lilar
hingegen wo das Elysium seinen frohen Namen durch verknüpfte Lustlager und
Lustaine rechtfertigt wie der Tartarus seinen düstern durch einsame überhüllte
Schrecken das ist mir recht aus der Brust gehoben
Aber wo geht jetzt unser Jüngling mit seinen Träumen Noch auf der
romantischen einleitenden Straße nach Lilar eigentlich dem ersten Gartenwege
desselben Er wanderte auf einer belaubten Straße die sanft auf Hügel mit
offenen Baumgärten und in gelbblühende Gründe stieg und die wie der Rhein sich
bald durch grünende Felsen voll Efeu drängte bald fliehende lachende Ufer
hinter den Zweigen auftat Jetzt wurden die weißen Bänke unter Jesminstauden und
die weißen Landhäuser vielfältiger er kam näher und die Nachtigallen und
Kanarienvögel60 Lilars streiften schon hieher wie Land ansagende Vögel Der
Morgen wehte frisch durch den Frühling und das zackige Laub hielt noch seine
leichten äterischen Tropfen fest Ein Fuhrmann lag schlafend auf seinem
Leiterwagen den die rechts und links abrupfenden Tiere sicher auf dem glatten
Wege zogen Albano hörte am stillen Sonntage nicht das Feldgeschrei der
drängenden Arbeit sondern die RuheGlocken der Türme im Morgengeläute spricht
die zukünftige wie im Abendgeläute die vergangene Zeit und an diesem goldnen
Alter des Tages stand auch eines in seiner frischen Brust
Jetzt zuckten gabelschwänzige Rauchschwalben mit der Purpurbrust über das
Himmelblau des wilden Gamanders und kündigten mit ihren Wohnungen unsre an als
seine Straße durch ein zerstörtes altes offenes von fetten dicken Blättern wie
Schuppen behangnes Schloss durchwollte an dessen Ein oder Ausgange ein
wegweisender roter Arm sich mit der weißen Aufschrift »Weg aus dem Tartarus ins
Elysium« gegen eine nahe Waldung ausstreckte
Sein Herz fuhr auf bei dieser doppelten Nähe so verschiedener Tage Mit
weiten Schritten drang er gegen den ElysiumsWald den ein breiter Graben
abzuschneiden schien Aber er kam bald aus dem Buschwerke vor eine grüne Brücke
die sich in den Bogen der Riesenschlange über den Graben aber nicht auf die
Erde sondern in die Gipfel schwang Sie trug ihn durch die hereinblühende
Wildnis von Eichen Tannen Silberpappeln Frucht und LindenWipfeln Dann
hob sie ihn hinaus in die freie Gegend und Lilar warf ihm schon von Osten über
die weite spitzige GipfelSaat den Glanz einer hohen Goldkugel entgegen Die
Brücke senkte sich mit ihm wieder ins duftende dämmernde Geniste und unter und
neben ihm riefen und flatterten die Kanarienvögel Singdrosseln Finken und
Nachtigallen und die geätzte Brut schlief gedeckt unter der Brücke Endlich
stieg diese nach einem Bogengange wieder ans Licht er sah schon die grünende
Bergkuppe mit dem weißen Altar woran er in einer jugendlichen Nacht gekniet
hatte und mehr südlich hinter sich die Decke und Scheidewand des Tartarus
einen hochaufgebäumten Wald und wie er weitertrat deckte sich ihm das Elysium
weiter auf eine Gasse kleiner Häuser mit welschen Dächern voll Bäumchen lachte
den Blick freudig und einheimisch aus der grünen Weltkarte von Tiefen Hainen
Bahnen Seen an und in Morgen schlossen fünf Triumphtore dem Auge die Wege in
eine weitausgespannte wie ein grünendes Meer fortwogende Ebene auf und in
Abend standen ihnen fünf andre mit geöffneten Ländern und Bergen entgegen
So wie Albano die langsamniederschwebende Brücke herabging so kamen bald
brennende Springbrunnen bald rote Beete bald neue Gärten im großen entwickelt
hervor und jeder Tritt schuf das Eden um Voll Ehrfurcht trat er wie auf einen
geheiligten Boden heraus auf die geweihte Erde des alten Fürsten und des
frommen Vaters61 und Dians und Lianens sein wilder Gang wurde wie von einem
Erdbeben umwickelnd gehalten das reine Paradies schien bloß für Lianens reine
Seele gemacht und jetzt erst machte ihm die scheue Frage über die
Schicklichkeit seiner hastigen Nachreise und die liebende Furcht zum ersten
Male ihrem genesenen Auge zu begegnen den frohen Busen enge
Aber wie festlich wie lebendig ist alles um ihn her Auf den Wassern die
durch die Haine glänzen ziehen Schwanen in die Büsche schreitet der Fasan
Rehe blicken hinter ihm neugierig aus dem Walde über den er gegangen war und
weiße und schwarze Tauben laufen emsig unter den Toren und an den Abendhügeln
hängen rufende Schafe neben liegenden Lämmern sogar der Turteltaube zittert in
irgendeinem verhüllten Tale die Brust vom Languido der Liebe Er schritt durch
ein langes hochstaudiges Rosenfeld das die Niederlassung und Pflanzstadt von
Grasmücken und Nachtigallen schien die aus den Büschen auf die wachsenden
Grasbänke hüpften und vergeblich ausliefen nach Würmchen und die Lerche zog
oben über diese zweite Welt für die frömmern Tiere und fiel hinter den Toren in
die Saaten nieder
Berausche dich immer guter Jüngling und kette deine Blumen so ineinander
wie der Knabe dem du zueilst Nämlich oben auf dem welschen Dache vor dessen
Brustgeländer Silberpappeln von breiten Rebenblättern umgürtet spielen und das
er in der Frühlingsnacht für eine Laube in Rosen angesehen stand einkerniger
herübergebückter Knabe der eine Dotterblumenkette niederließ und dem zu kurzen
grünen Ankerseile immer neue Ringe einsteckte »Pollux heiß ich« versetzt er
frisch auf Albans sanfte Frage »aber meine Schwester heißt Helena62 aber das
Brüderchen heißt Echion« »Und dein Vater« »Er ist gar nicht da er ist
weit draußen in Rom gehe nur hinein zur Mutter Chariton ich komme gleich«
An welchem schöneren Tage und Orte mit welchem schöneren Herzen konnt er in des
geliebten Dians heilige Familie kommen als an diesem Morgen und mit dieser
Brust
Er ging ins helle lachende Haus das voll Fenster und grüner Jalousieladen
war Als er in die Frühlingsstube eintrat so fand er Chariton ein junges
schmächtiges fast noch jungfräulichaussehendes Weib von 17 Jahren mit dem
kleinen Echion an der säugenden Brust sich wehrend gegen die kränklichlebhafte
Helena die auf einem Stuhle stehend immer aus dem Fenster eine vielblättrige
Rebenschlinge hereinzog und die Hülle um die Augen der Mutter gürten wollte Mit
zauberischer Verwirrung da sie zugleich aufstehen mit der Linken die belaubten
Fessel ohne Zerreissen abnehmen und den Säugling tiefer verhüllen wollte trat
sie dem schönen Jünglinge gebückt entgegen kindlichfreundlich und feurig aber
unendlich schüchtern nicht seiner standesmässigen Kleidung wegen sondern weil
er ein Mann war und so edel aussah sogar ihrem Griechen ähnlich Er sagte ihr
mit einer zauberischen Liebe auf dem kräftigen Angesichte die sie vielleicht
nie so herrlich gesehen seinen Namen und den Dank den sein Herz ihrem Gatten
aufbewahre und Nachrichten und Grüße von diesem Wie loderte an der furchtsamen
Gestalt das unschuldige Feuer aus den schwarzen Augen »War denn mein Herr« so
nannte sie ihren Mann »sehr gesund und froh« Und so fing sie jetzt unbefangen
wie ein Kind ein langes Verhör bloß über ihren Gatten an
Pollux sprang mit seiner langen Kette herein Alban nahm den Trank vom
Doktor scherzend aus der Tasche und sagte »Das sollst du einnehmen« »Soll
ichs gleich aussaufen Mutter« sagte der Heros Hier erkundigte sie sich ebenso
unbefangen nach dem ausführlichen Rezepte des Doktors und so lange bis der
kleine Säugling am Busen rebellierte und sie in ein Nebenzimmer über die Wiege
trieb Sie entschuldigte sich und sagte der Kleine müsse schlafen weil sie mit
Lianen spazieren gehe auf die sie jede Minute aufsehe
Kinder lieben kräftige Gesichter Alban wurde zugleich von Kindern und von
Hunden geschätzt nur konnte er auf dem kindlichen Spielplatze nie mit der
kleinen springenden Truppe agieren wenn erwachsene Logen dabei waren
»Ich kann sehr viel« sagte Pollux »ich kann auch lesen Herr« versetzte
dem Bruder Helena »Aber doch nur deutsch ich aber kann lateinische Briefe
prächtig herlesen du« erwiderte ihr das junge Männlein und lief in der Stube
nach Lektüre und Leseproben umher aber umsonst »Mann warte ein wenig« sagte
er und lief die Treppe hinauf in Lianens Zimmer und holte einen Brief von
Lianen
43 Zykel
Albano wusste nicht dass Liane ordentlich das obere so blühend beschattete
Zimmer für sich innenhabe worin sie häufig zumal wenn die Mutter in der Stadt
zurückblieb zeichnete schrieb und las Die kindliche Chariton vom
Liebestranke der Freundschaft begeistert wusste gar nicht wie sie nur der
schönen liebreichen Freundin ihr Feuer so recht zeigen konnte ach was war ein
Zimmer In dieses immer offene kamen nun die Kinder die Liane zuweilen lesen
ließ und so konnte jetzt Pollux aus dem einsamen den Bogen holen den sie an
diesem Morgen geschrieben
Als Albano während des Holens so allein im Wohnzimmer des fernen
Jugendfreundes neben dessen stiller blasser Tochter saß die bald auf ihn bald
auf eine ihm noch aus Lianens Morgenzimmer bekannte SpielSchäferei hinsah als
das Morgenwehen durchs kühle Fenster das herrliche Getümmel hereintrieb
besonders als im lichten Ausschnitte des Fussbodens die sinesischen Schatten des
Wein und Pappellaubes sich ineinander kräuselten und als endlich Chariton den
Säugling mit einem eiligern lautern Wiegenliede einsang das ihm tönte wie ihr
nachhallender Seufzer nach dem schönen Jugendlande so wurd ihm das volle vom
ganzen Morgen angeregte Herz so wunderbar und besonders durch das wankende
Schattengefecht fast bis zum Weinen bewegt und das Kind blickt ihm immer
bedeutender ins Gesicht
Da kam Pollux mit seinen beiden Quartblättern zurück und setzte sich nun
selber auf seine Leseprobe Schon die erste Seite komponierte zu Albans innern
Liedern die Melodie aber er erriet weder die Verfasserin noch das Datum des
Briefes außer später durch ein hin und herspringendes Lesen Die Blätter
gehörten zu vorigen nicht einmal Streusand bezeugte ihre junge Geburt denn
Liane war zu höflich einen zu brauchen ferner waren alle Namen anders
nämlich Julienne an die sie gerichtet waren hatte leider in dArgensons
bureau décachetage dh am Hofe wohnhaft verzifferte verlangt und sie hieß
mithin Elisa Roquairol Karl und Liane ihre kleine Linda Linda ist bekanntlich
der Taufname der jungen Gräfin von Romeiro mit welcher die Prinzessin am Tage
jener für Roquairol so blutigen Redoute ein ewiges Herzensund
KorrespondenzBündnis aufgerichtet hatte Liane vor deren reinen
dichterischen Augen sich jedes edle weibliche Wesen zur Gebenedeieten und
Heroine der undurchsichtige Edelstein zum durchsichtigen aufhellte und
reinigte liebte die hohe Gräfin gleichsam mit dem Herzen ihres Bruders und
ihrer Freundin zugleich und die sanfte Seele nannte sich ihres Wertes
unbewusst nur die kleine Linda ihrer Elisa
Auch die zarte ausgezogene Handschrift kannte Albano nicht Julienne liebte
die gallische Sprache bis zu den Lettern aber Lianens ihre glichen nicht den
gallischen SudelProtokollen sondern der reinlichen geründeten Handschrift der
Briten
Hier ist endlich ihr Blatt O du holdes Wesen wie lange hab ich nach
den ersten Lauten deiner erquickenden Seele gedürstet
SonntagsMorgen
»Aber heute Elisa bin ich so innigfroh und der Abendnebel liegt als eine
Aurora am Himmel Ich sollte dir wohl das Gestrige gar nicht geben Ich war zu
bekümmert Konnt aber nicht meine liebe Mutter die doch bloß meinetwegen
hierher gegangen war dadurch noch kränker werden so leidlich sie auch eben
deswegen sich gegen mich anstellte Und dann kam ja deine Gestalt Geliebte
und all dein Schmerz und die harte Nachbarschaft63 und unser letzter Abend hier
o alles das zog ja so klagend vor mein banges Herz Sieh als wir vor dem
Hause der lieben Chariton hielten und sie meiner Mutter die Hand mit freudigen
Tränen küsste so war ich so schwach dass ich auch abgewandte vergoss aber andre
und über die Frohlockende selber die ja nicht wissen konnte ob nicht in dieser
Stunde ihr teurer Freund in Rom erkranke oder untergehe
Nun aber ist der dunkelgraue Nebel auf dem Blumengarten deiner kleinen Linda
ganz verweht und alle Blüten des Lebens glänzen in ihren reinen hohen Farben
vor ihr Nach Mitternacht wich die Migräne meiner Mutter fast ganz und sie
schlummerte so süß noch an diesem Morgen O wie war mir da Nach 5 Uhr schon
ging ich in den Garten hinunter und fuhr über den Glanz zusammen der im Taue
und zwischen den Blättern brannte die Sonne sah erst unter den Triumphtoren
herein alle Seen sprühten in einem breiten Feuer ein glänzender Dampf umfloss
wie ein Heiligenschein den Erdenrand den der Himmel berührte und ein hohes
Wehen und Singen strömte durch die Morgenpracht
Und in diese aufgeschlossene Welt kam ich genesen zurück und so froh ich
wollte immer rufen ich habe dich wieder du helle Sonne und euch ihr
lieblichen Blumen und ihr stolzen Berge ihr habt euch nicht verändert und ihr
grünet wieder wie ich ihr duftenden Bäume In einer unendlichen Seligkeit
schwebt ich wie verklärt Elisa schwach aber leicht und frei ich hatte die
drückende Hülle so war es mir unter die Erde gelegt und nur das pochende
Herz behalten und im entzückten Busen flossen warme Tränenquellen gleichsam
über Blumen über und bedeckten sie hell
Ach Gott sagt ich in der großen Freude schreckhaft war es denn ein bloßer
Schlaf das unbewegliche Ruhen der Mutter und ich musste lächle immer eh
ich weiterging wieder zu ihr hinauf Ich schlich atemlos vor das Bette bog
mich horchend über sie und die gute Mutter schloss die immer leise schlummernden
Augen langsam auf sah mich müde aber liebreich an und tat sie ohne sich zu
regen wieder zu und gab mir nur die liebe Hand
Nun durft ich recht selig wieder in meinen Garten gehen ich brachte aber
der immer heitern Chariton den Morgengruß und sagt ihr dass ich auf dem breiten
Wege zum Altare64 bliebe sollt ich etwan gesucht werden Ach Elisa wie war
mir dann Und warum hatt ich dich nicht an meiner Hand und warum sah mein
bekümmerter Karl nicht dass seine Schwester so glücklich war Wie nach einem
warmen Regen das Abendrot und das flüssige Sonnenlicht von allen goldgrünen
Hügeln rinnt so stand ein zitternder Glanz über meinem ganzen Innern und über
meiner Vergangenheit und überall lagen helle Freudenzähren Ein süßes Nagen
nahm mein Herz auseinander wie zum Sterben und alles war mir so nahe und so
lieb Ich hätte der lispelnden Zitterpappel antworten und den Frühlingslüften
danken mögen die so kühlend das heiße Auge umwehten Die Sonne hatte sich
mütterlichwarm auf mein Herz gelegt und pflegte uns alle die kalte Blume den
jungen nackten Vogel den starren Schmetterling und jedes Wesen ach so soll der
Mensch auch sein dacht ich Und ich ging den Sandweg und schonte das Leben des
armen Gräschens und der liebäugelnden Blume die ja hauchen und erwachen wie wir
ich vertrieb die weißen durstigen Schmetterlinge und Tauben nicht die sich
nebeneinander von der nassen Erdscholle zum Tranke bückten o ich hätte die
Wellen streicheln mögen diese Schöpfung ist ja so kostbar und aus Gottes
Hand und das noch so klein gestaltete Herz hat ja doch sein Blut und eine
Sehnsucht und in das AugenPünktchen unter dem Blatte kehrt ja doch die ganze
Sonne und ein kleiner Frühling ein
Ich lehnte mich ein wenig ermattet unter den ersten Triumphbogen eh ich
zum Altare aufstieg und sah hinaus in die glimmende Landschaft voll Dörfer und
Baumgärten und Hügel und der flimmernde Tau und das Läuten der Dörfer und das
Glockenspiel der Herden und das Schweben der Vögel über allem füllte mich mit
Ruh und Licht Ja so ruhig und unbekannt und heiter will ich mein eilendes
Leben führen dacht ich redet mir nicht der Trauermantel zu der vor mir mit
seinen vom Herbste zerrissenen Schwingen doch wieder um seine Blumen flattert
und mahnet mich nicht der Nachtschmetterling ab der erkältet an der harten
Statue klebt und sich nicht zu den Blüten des Tages aufschwingen kann Darum
will ich nie von meiner Mutter weichen bleibe nur die teure Elisa auch so
lange bei uns als ihre kleine Linda lebt und rufe sie ihre hohe Freundin bald
65 damit ich sie sehe und herzlich liebe
Ich stieg den grünschattigen Berg hinan aber mit Mühe die Freude
entkräftet mich so sehr denk an mich Elisa ich werde einmal an einer großen
sterben oder an einem großen allzugrossen Weh Der Schneckenweg zum Altare war
von den Farben des Blütenstaubes gemalt und droben wanden sich nicht gefärbte
feste sondern rege brennende Regenbogen durch die Zweige des Berges Warum
stand ich heute in einem Glanze wie niemals sonst66 Und als die Morgenluft mich
wie ein Flügel anflatterte und hob und als ich mich tiefer in den blauen Himmel
tauchte so sagt ich nun bist du in Elysium Da war mir als sage eine
Stimme das ist das irdische und du bist noch nicht geheiligt für das andre O
feurig fasst ich wieder den Entschluss mich von so manchen Mängeln loszuwickeln
und besonders dem zu schnellen Wahne der Kränkung abzusagen den ich andern zwar
verhehle womit ich sie aber doch verletze Und da betete ich am Altare und
sagte der ewigen Güte Dank und weinte unbewusst vielleicht zu sehr aber doch
ohne Augenschmerzen
Zuletzt schrieb ich das hier beigelegte Dankgedicht das ich in Verse
bringe wenn es der fromme Vater guteisset
Dankgedicht
So schau ich wieder mit seligen Augen in deine blühende Welt du Alliebender
und weine wieder weil ich glücklich bin Warum hab ich denn gezagt Da ich
unter der Erde ging in der Finsternis wie eine Tote und nur von fern die
Geliebten und den Frühling über mir vernahm warum war das schwache Herz in
Furcht es gebe keine Öffnung mehr zum Leben und zum Lichte Denn du warst in
der Finsternis bei mir und führtest mich aus der Gruft in deinen Frühling
herauf und um mich standen deine frohen Kinder und der helle Himmel und alle
meine lächelnden Geliebten O ich will nun fester hoffen brich immer der
siechen Pflanze üppige Blumen ab damit die andern voller reifen Du führest ja
deine Menschen auf einem langen Berge in deinen Himmel und zu dir und sie gehen
durch die Gewitter des Lebens am Berge nur verschattet nicht getroffen
hindurch und nur unser Auge wird nass Aber wenn ich zu dir komme wenn der
Tod wieder seine dunkle Wolke auf mich wirft und mich weg von allen Geliebten in
die tiefere Höhle zieht und du mich Allgütiger noch einmal freimachst und in
deinen Frühling trägst in den noch schöneren als diesen herrlichen wird dann
mein schwaches Herz neben deinem Richterstuhle so freudig schlagen wie heute
und wird die Menschenbrust in deinem äterischen Frühlinge atmen dürfen O mache
mich rein in diesem irdischen und lasse mich hier leben als wenn ich schon in
deinem Himmel ginge «
Wenn schon euch ihr Freunde die duldende reine Gestalt ungesehen lieb und
rührend wird die sich ergeben freuen kann dass doch die Wetterwolke nur
PlatzTropfen und keine check auf sie warf wie musste sie erst das bewegte
Herz ihres Freundes erschüttern Er fühlte eine Heiligung seines ganzen
Wesens gleichsam als komme die Tugend in diese Gestalt verkörpert vom Himmel
nieder um ihn heiligend anzulächeln und fliege dann leuchtend zurück und er
folg ihr begeistert und gehoben nach
Er drang eifrig dem Knaben das Zurücktragen der Blätter ab um ihr und sich
da sie jede Minute erscheinen konnte die peinlichste Überraschung zu ersparen
doch beschloss er fest was es auch koste wahr zu sein und ihr noch heute
sein Lesen zu beichten
Der Kleine lief die Treppe hinauf wieder herab blieb lange vor der Türe
und kam herein mit Lianen an der Hand die weiß gekleidet und schwarz
verschleiert war Sie sah ein wenig betroffen umher als sie mit beiden Händen
den Schleier von ihrem freundlichen Gesichte zurückhob hörte aber Charitons
Wiegenlied Sie kannt ihn nicht bis er sprach und hier errötete ihr ganzes
schönes Wesen wie eine beleuchtete Landschaft nach dem Abendregen sie habe die
Freude sagte sie seinen Vater zu kennen Wahrscheinlich kannte sie den Sohn
durch Juliennens und Augustis Malereien noch besser und von verwandtern Seiten
auch bewegte sich gewiss ihr schwesterliches Herz von seiner Bruderstimme denn
der Reiz und sogar Vorzug der Ähnlichkeit und Kopie ist so groß dass sogar
einer der einem gleichgültigen Wesen ähnlich sieht uns lieber wird wie das
Echo eines leeren Rufs bloß weil hier wie in der nachahmenden Kunst die
Vergangenheit und Abwesenheit eine durch die Phantasie durchscheinende Gegenwart
wird
Das immer leisere Einsingen der Mutter sagte das tiefere Einschlummern des
Säuglings an und endlich verstummte das Diminuendo und Chariton lief mit
blitzenden Augen der Hand Lianens zu Eine heitere offene Freundschaft blühte
zwischen den unschuldigen Herzen und verstrickte sie wie der Wein die nahen
Pappeln Chariton erzählte ihr Albanos Erzählung mit der Voraussetzung der
innigsten Teilnahme Liane hörte gespanntaufmerkend der Freundin zu aber das
war ja so viel als blicke sie die nahe historische Quelle selber an
44 Zykel
Endlich reiste man in den Garten aus Pollux blieb ungern und nur auf Lianens
Verheißung ihm heute wieder ein Pferdstück zu zeichnen als Schutzheiliger der
Wiege zurück Alban sagte zur höchsten Freude der Baumeisterin die nun alles
dem schönen Manne zeigen konnte er habe noch wenig von Lilar gesehen Wie
reizend gingen vor ihm die befreundeten Gestalten nebeneinander Chariton
wiewohl eine Frau doch griechischschlank flatterte als die kleinere Schwester
neben der Lilientaille seiner ein wenig längeren Liane fort jene schien nach
der Einteilung der Landschaftsmaler die Natur in Bewegung zu sein Liane die
Natur in Ruhe Als er wieder neben Liane trat an deren linken Hand Helena lief
zur rechten die Mutter so fand er ihr weichniedergehendes Profil
unbeschreiblichrührend und um den Mund Züge die der Schmerz zeichnet die
Narben wiederkehrender Tage indes das schöne Mädchen in der Sonnenseite des
Vollgesichts wie in ihrem leichten Gespräche eine unbefangene beglückende
Heiterkeit entfaltete die Albano der noch an keiner Schultüre eines weiblichen
Philantropins angeklopft mühsam mit ihrer weinenden Dichtkunst ausglich O
wenn die weibliche Träne leicht flieht so entflattert ja noch leichter das
weibliche Lächeln und dieses ist ja noch öfter als jene nur Schein
Er suchte aus Sehnsucht des durstigen Herzens das Händchen der Kleinen zu
fassen allein sie hing sich mit beiden auf Lianens Linke entlief aber gleich
und holte drei Irisblumen wie sie den Schmetterlingen ähnlich und teilte
der Mutter eine zu und Lianen mit den Worten zwei »Gib dem auch eine« Und
Liane reichte sie ihm freundlichanschauend mit jenem heiligen Mädchenblicke
der hell und aufmerksam aber nicht forschend kindlichteilnehmend ohne Geben
und Fordern ist Gleichwohl senkte sie diese heiligen Augen heute mehrmals
nieder aber das zwang sie dazu auf Zesaras felsigem obwohl von der Liebe
erweichtem Gesichte ruhte ein physiognomisches Recht des Stärkern er schien
eine scheue Seele mit hundert Augen anzusehen und seine beiden wahren loderten
so warm obwohl ebenso rein wie das Sonnenauge im Äther
Die Irisblumen haben das Sonderbare dass der eine sie riecht der andre aber
nicht nur diesen dreieinigen Menschen taten sich die Kelche gleich weit auf
und sie erfreueten sich lange über die Gemeinschaft desselben Genusses Helena
lief voraus und verschwand hinter einem niedrigen Gebüsche sie erwartete auf
einer Kinderbank neben einem Kindertische lächelnd die Erwachsenen Der gute
alte Fürst hatte überall für Kinder niedrige Moosbänke kleine Gartenstühle
Tischchen und ScherbenOrangerien und dergleichen um die Ruheplätze ihrer Eltern
gestellt denn er trug diese erquickenden offenen Blumen der Menschheit so nah
an seinem Herzen »Man wünscht so oft« sagte Liane »in der
patriarchalischen Zeit oder in Arkadien und auf Otaheiti zu leben die Kinder
sind ja glauben Sie es nicht überall dieselben und man hat eben an ihnen
das was die fernste Zeit und die fernste Gegend nur gewähren mag« Er glaubt
es wohl und gern aber er fragte sich immer wie wird aus dem toten Meere des
Hofes eine so unbefleckte Aphrodite geboren wie aus dem salzigen Seewasser
reiner Tau und Regen steigt Unter dem Sprechen zog sie zuweilen ein ungemein
holdes wie soll ichs beziffern »Hm« nach das wiewohl ein
KourDonatschnitzer eine unsägliche Gutmütigkeit verriet ich schreibe es aber
nicht dazu her damit den nächsten Sonntag alle Leserinnen diesen
Interpunktionsreiz hören lassen
»Das nämliche« versetzte Albano aber gutmeinend »gilt von den Tieren der
Schwan dort ist wie der im Paradiese« Sie nahm es ebenso auf wie ers meinte
aber die Ursache war der fromme Vater Spener ihr Lehrer denn auf Albans Frage
über Lilars Fülle an schönen sanften Tieren antwortete sie »Der alte Herr
liebte diese Wesen ordentlich zärtlich und sie konnten ihn oft bis zu Tränen
bringen Der fromme Vater denkt auch so er sagt da sie alles auf Gottes Geheiß
tun durch den Instinkt so sei ihm wenn er die elterliche Sorge für ihre Jungen
sehe so als tue der Allgütige alles selber« Sie stiegen jetzt eine
halbbelaubte Brücke über einen langen von Pappeln umflatterten Wasserspiegel
hinauf worin Lianens Ebenbild nämlich ein Schwan auf den Wasserringen
schlief den gebognen Hals schön auf den Rücken geschlungen den Kopf auf dem
Flügel und leise mehr von den Lüften gedreht als von den Wellen »So ruht die
unschuldige Seele« sagte Albano und dachte wohl an Liane aber ohne Mut zum
Bekenntnis »Und so erwacht sie« setzte bewegt Liane dazu als diese weiße
vergrößerte Taube den Kopf langsam von dem Flügel aufhob denn sie dachte an das
heutige Erwachen ihrer Mutter
Chariton wandte sich wie ganz aus hüpfenden Punkten zusammengesetzt immer
fragend an Liane »Wollen wir dahin Oder dortinein oder hier hinaus Wäre
nur mein Herr da der kennt alles« Sie hätte ihn gern um jede Quelle und
Blume herumgeführt und blickte dem Jünglinge so liebend wie der Freundin ins
Gesicht Liane sagte ihr auf dem Kreuzwege an der Brücke »sie glaube das
Flötental dort mit der leuchtenden Goldkugel sei vielleicht am schönsten
besonders für einen Freund der Musik auch werde man sie da suchen wenn man
ihrer Mutter die Harfe bringe« Sie hatte ihr mit dieser zurückzukommen
versprochen Sie mied alle Steige nach Süden wo der Tartarus hinter seinem
hohen Vorhange drohte
Liane sprach jetzt über den Wettstreit der Malerei und Musik und über
Herders reizenden offiziellen Bericht von diesem Streite sie wiewohl eine
Zeichnerin ergab sich dem weiblichen und lyrischen Herzen gemäß ganz den
Tönen und Albano obwohl ein guter Klavierist mehr den Farben »Diese
herrliche Landschaft« sagte Albano »ist ja ein Gemälde und jede menschliche
schöne Gestalt« »Wär ich blind« sagte Chariton naiv »so säh ich ja meine
schöne Liane nicht« Sie versetzte »Mein Lehrer der Kunstrat Fraischdörfer
setzte auch die Malerei über die Musik hinauf Mir ist aber bei ihr als hört
ich eine laute Vergangenheit oder eine laute Zukunft Die Musik hat etwas
Heiliges sie kann nichts als das Gute67 malen verschieden von andern Künsten«
Wahrlich sie war selber eine moralische Kirchenmusik die Engelstimme in der
Orgel der reine Albano fühlte neben ihr die Notwendigkeit und das Dasein einer
noch zärtern Reinheit und ihm schien als könne ein Mann diese Seele deren
Verstand fast nur ein feineres Fühlen war verletzen ohne es selber zu wissen
wie Fenstergläser von reiner Durchsichtigkeit oft zerstossen werden weil sie
unsichtbar erscheinen Er drehte sich weil er immer um einen Schritt voraus
war mechanisch um und nicht nur das blühende Lilar sondern auch Lianens volle
Gestalt leuchtete ihm auf einmal und neugestaltet in die Seele Nicht sie an
sein Herz zu drücken war jetzt sein Sehnen sondern dieses Wesen das so oft
gelitten aus jeder Flamme zu reißen für sie mit dem Schwerte auf ihren Feind
zu stürzen sie durch die tiefen kalten Höllenflüsse des Lebens mächtig zu
tragen das hätte sein Leben erleuchtet
45 Zykel
Sie sahen schon einige nasse Lichter der hohen oben hereinspringenden Fontänen
des Flötentals hochschweben als Liane wider Charitons Erwartung beide in einen
unwegsamen Eichenhain mitzugehen bat sie sah ihn so vergnügt und offenherzig
dabei an und ohne jenen weiblichen Argwohn missverstanden zu werden Im düstern
Haine stand ein wilder Fels auf mit den Worten »Dem Freunde Zesara« Die
vorige Fürstin hatte diese erinnernde Alpe Albanos Vater setzen lassen
Ergriffen erschüttert mit Schmerzen in den Augen stand der Sohn davor und
lehnte sich daran wie an Gaspards Brust und drückte den Arm an den scharfen
Stein hinauf und rief innigst bewegt »O du guter Vater« Seine ganze Jugend
und Isola bella und die Zukunft überfielen auf einmal das vom ganzen Morgen
bestürmte Herz und es konnte sich der zudringenden Tränen nicht länger
erwehren Chariton wurde ernstaft Liane lächelte weich fort aber wie ein
Engel im Gebet Wie oft ihr schönen Seelen hab ich in diesem Kapitel mein
ergriffenes Herz bezwingen müssen das euch anreden und stören wollte aber ich
will es wieder bezwingen
Sie traten schweigend in den Tag zurück Aber Albanos Wogen fielen nie
schnell sie dehnten sich in weite Ringe aus Sein Auge war noch nicht trocken
als er in das himmlische Tal kam in diesen Ruheplatz der Wünsche wo Träume
frei ohne Schlaf herumgehen konnten Chariton durch den Ernst viel
geschäftiger war nach einer Augenfrage an Liane ob sie es solle nämlich das
Spielenlassen gewisser Maschinen voraus hineingeeilt Sie gingen durch den
weichenden blühenden Schleier und Albano erblickte nun vor sich den
jugendlichen Traum von einem bezauberten mit Düften und Schatten umstrickenden
Zaubertale in Spanien lebendig auf die Erde herausgestellt An den Bergen
blühten Orangengänge den Untersatz in die höhere Terrasse versteckt alles
was große Blüten auf seinen Zweigen trägt von der Linde bis zur Rebe und zum
Apfelbaume sog unten am Bache oder bestieg oder bekränzte die zwei langen
Berge die sich mit ihren Blüten um die Blumen der Tiefe wanden und sich
miteinander bogen um ein unendliches Tal zu versprechen schiefgestellte
Fontänen an den Bergen warfen hintereinander silberne Regenbogen über die Bäume
in den Bach in Osten brannte der Goldglobus neben der Sonne der letzte
Spiegel ihres sterbenden Abendblicks »Habe Dank du edler Greis« wiederholte
Albano immer
Liane ging mit ihm am westlichen Berge bis zu einer überblühten Bank unter
dem herüberflatternden Bogen wo man die erste und zweite Krümmung des Tals und
oben in Norden hohe Fichten und hinter ihnen eine Kirchturmspitze und unten eine
AurikelnWiese überschauen kann indes Chariton auf dem östlichen gegenüber
hinter einer MusenStatue denn die neun Musen glänzten aus dem grünen Tempe
an Gewichten zu winden und auf Springfedern zu drücken schien »Mein Bruder«
brach Liane leise das Schweigen und strickte die Arbeit fort die sie der
Freundin abgenommen »wünscht recht sehr Sie zu sehen« Die nun mit allen
heiligen Kräften aufgewachte Seele Albanos fühlte sich ihr ganz gleich und ohne
Verlegenheit und er sagte »Schon in meiner Kindheit hab ich Ihren Karl wie
einen Bruder geliebt ich habe noch keinen Freund« Die bewegten Seelen merkten
nicht dass der Name Karl aus dem Briefe sei
Auf einmal flogen einzelne Flötentöne oben auf den Bergen und aus den Lauben
auf immer mehrere flogen dazu sie flatterten schönverworren durcheinander
endlich stiegen mächtig auf allen Seiten Flötenchöre wie Engel auf und zogen gen
Himmel sie riefen es aus wie süß der Frühling ist und wie die Freude weint
und wie unser Herz sich sehnt und schwanden oben im blauen Frühlinge und die
Nachtigallen flogen aus den kühlen Blumen auf die hellen Gipfel und schrien
freudig in die Triumphlieder des Maies und das Morgenwehen wiegte die hohen
schimmernden Regenbogen hin und her und warf sie weit in die Blumen hinein
Lianen entsank die Arbeit in den Schoss und sie schlug nach einer ihr eignen
Weise indes sie den Kopf wie eine Muse vorsenkte den Blick empor ihn in eine
träumerische Weite heftend ihr blaues Auge schimmerte wie der blaue wolkenlose
Äther in der lauen Sommernacht blitzend überquillt aber des Jünglings Geist
brannte in der Bewegung auf wie das Meer im Sturme Sie zog den schwarzen
Schleier gewiss nicht allein gegen Sonne und Luft herab und Albano mit
einer innern Welt auf seiner bewegten Gestalt spielte erhaben mit sich selber
kontrastierend an den Löckchen der hergezogenen Helena und sah ihr mit großen
Tränen in das blöde kleine Gesicht das ihn nicht verstand
Jetzt eilte die Mutter ins Schweigen herüber und fragte recht freundlich
wie es ihm gefiele Seine andern Entzückungen löseten sich in ein Lob der Töne
auf und die liebe Griechin erhob das was sie so oft gehört selber immer
stärker als wär es ihr neu und horchte sehr mit zu
Ein Mädchen mit der Harfe blickte durch das Eingangsgesträuch des Tales
herein und Liane sah den Wink und stand auf Indem sie den Schleier heben und
scheiden wollte so fiel dem grossherzigen Jünglinge sein Bekenntnis ein »Ich
habe Ihren heutigen Brief gelesen bei Gott das muss ich jetzo sagen« sagt er
Sie rückte den Schleier nicht höher und sagte mit zitternder Stimme »Sie haben
ihn gewiss nicht gelesen Sie waren wohl nicht in meinem Zimmer« und sah Chariton
an Er versetzte ganz hab er ihn auch nicht aber doch viel und erzählte mit
drei Worten eine mildere Geschichte als Liane ahnen konnte »Der böse Pollux«
sagte immer Chariton »O Gott vergeben Sie mir diese Sünde der Unwissenheit«
sagte Albano sie hob den dunkeln Schleier auf eine Terzie lang zurück und sagte
hochrot mit niedergesenktem Blicke vielleicht durch die Freude über die
Widerlegung der schlimmern Erwartung versöhnt »Er gehörte bloß an eine
Freundin und Sie werden wohl wenn ich Sie bitte nichts wieder lesen« und
unter dem Falle des Schleiers ging das Auge mildernd und vergebend auf und sie
schied langsam mit ihren Geliebten von ihm
O du heilige Seele liebe meinen Jüngling Bist du nicht die erste Liebe
dieses Feuerherzens der Morgenstern in der dämmernden Frühe seines Lebens du
diese Gute Reine und Zarte O die erste Liebe des Menschen die Philomele unter
den Frühlingslauten des Lebens wird ohnehin immer weil wir so irren so hart
vom Schicksale behandelt und immer getötet und begraben aber wenn nun einmal
zwei gute Seelen im blütenweissen LebensMai die süßen Frühlingstränen im Busen
tragend mit den glänzenden Knospen und Hoffnungen einer ganzen Jugend und mit
der ersten unentweihten Sehnsucht und mit dem Erstlinge des Lebens wie des
Jahres mit dem Vergissmeinnicht der Liebe im Herzen wenn solche verwandte
Wesen sich begegnen dürften und sich vertrauen und im Wonnemonat den Bund auf
alle Wintermonate der Erdenzeit beschwören und wenn jedes Herz zum andern sagen
könnte Heil mir dass ich dich fand in der heiligsten Lebenszeit eh ich
geirret hatte und dass ich sterben kann und habe niemand so geliebt als dich
O Liane o Zesara so glücklich müssen eure schönen Seelen werden
Der Jüngling blieb noch einige Minuten in der um ihn fortarbeitenden
Zauberwelt deren Töne und Fontänen wie die Wasser und Maschinen in dem einsamen
Bergwerke rauschten aber am Ende war etwas Gewaltsames im einsamen Forttönen
und Schimmern des Tals worin er so allein zurückgelassen war Hastig schritt er
auf dem nähern Wege und mit Wasseradern beworfen durch den LaubenVorhang und
trat wieder in die freie MorgenErde Lilars hinaus Wie sonderbar wie fern wie
verändert war alles In seine weit offene innere Welt drang die äußere mit vollen
Strömen ein Er selber war verändert er konnte nicht in die Eichennacht an das
felsichte Ebenbild des Vaters treten Als er über die in Zweigen stehende Brücke
war sah er auf dem breiten silberweissen Gartenwege die sanfte Gesellschaft
langsam gehen und er pries Lianen selig die nun an ihr bewegtes Herz das
mütterliche drücken konnte Die Kleine drehte sich oft tanzend um und sah ihn
vielleicht aber niemand wandte sich zurück Durch die nachgetragne Harfe riss
sich der Morgenwind und führte von den erregten Saiten Töne wie von Äolsharfen
mit sich weiter und der Jüngling hörte wehmütig dem zurückklingenden Fliehen
wie von Schwanen zu die über die Länder eilen indes hinter ihm das leere Tal
einsam in den flötenden Hirtenliedern der Liebe fortsprach und ihn wehende
nachziehende Laute matt und dunkel erreichten Aber er ging auf den Berg des
Altars zurück und da er über die helle Gegend schaute und noch die fernen
weißen Gestalten gehen sah ließ er seine ganze schöne Seele weinen Und hier
schließe sich der reichste Tag seines jungen Lebens
Aber ihr guten Menschen die ihr ein Herz tragt und keines findet oder
die ihr die geliebten Wesen nur in und nicht an dem Herzen habt bild ich nicht
alle diese Gemälde der Wonne wie die Griechen gleichsam an den Marmorsärgen
euerer umgelegten schlafenden Vorzeit ab Bin ich nicht der Archimimus der vor
euch die zerfallnen Gestalten nachspielt die eure Seele begrub Und du
jüngerer oder ärmerer Mensch dem die Zeit statt der Vergangenheit erst eine
Zukunft gab wirst du mir nicht einmal sagen ich hätte dir manche selige
Gestalten wie heilige Leiber verbergen sollen aus Furcht du würdest sie
anbeten und wirst du nicht dazusetzen du hättest ohne diese PhönixBildnisse
leichtere Wünsche genährt und manche erreicht Und wie wehe hab ich dann euch
allen getan Aber mir auch denn wie konnt es mir besser ergehen als euch
allen
Euer Schluss wäre demnach dieser Da ihr schöne Tage nie so schön erleben
könnt als sie nachher in der Erinnerung glänzen oder vorher in der Hoffnung so
verlangtet ihr lieber den Tag ohne beide und da man nur an den beiden Polen des
elliptischen Gewölbes der Zeit die leisen Sphärenlaute der Musik vernimmt und
in der Mitte der Gegenwart nichts so wollt ihr lieber in der Mitte verharren
und aufhorchen Vergangenheit und Zukunft aber die beide kein Mensch erleben
kann weil sie nur zwei verschiedene Dichtungsarten unsers Herzens sind eine
Ilias und Odyssee ein verlornes und wiedergefundnes MiltonsParadies wollt
ihr gar nicht anhören und heranlassen um nur taubblind in einer tierischen
Gegenwart zu nisten
Bei Gott Lieber gebt mir das feinste stärkste Gift der Ideale ein damit
ich meinen Augenblick doch nicht verschnarche sondern verträume und dann daran
versterbe Aber eben das Versterben wäre mein Fehler denn wer die poetischen
Träume ins Wachen68 tragen will ist toller als der Nordamerikaner der die
nächtlichen realisiert er will wie eine Kleopatra den Glanz der Tauperlen zum
Labetrunk den Regenbogen der Phantasie zum haltbaren über Regenwasser
geführten Schwibbogen verbrauchen
Ja o Gott du wirst und kannst uns einmal eine Wirklichkeit geben die
unsre hiesigen Ideale verkörpert und verdoppelt und befriedigt wie du es uns
ja schon in der hiesigen Liebe bewiesen hast die uns mit Minuten berauscht wo
das Innere das Äußere wird und das Ideal die Wirklichkeit aber dann nein
über das Dann des Jenseits hat dieses kleine Jetzt keine Stimme aber wenn
hienieden sag ich das Dichten Leben würde und unsre Schäferwelt eine
Schäferei und jeder Traum ein Tag o so würde das unsere Wünsche nur erhöhen
nicht erfüllen die höhere Wirklichkeit würde nur eine höhere Dichtkunst gebären
und höhere Erinnerungen und Hoffnungen in Arkadien würden wir nach Utopien
schmachten und auf jeder Sonne würden wir einen tiefen Sternenhimmel sich
entfernen sehen und wir würden seufzen wie hier
Neunte Jobelperiode
Lust der Hoftrauer das Begräbnis Roquairol Brief an ihn die sieben
letzten Worte im Wasser die Huldigung Redoute Puppenredoute der Kopf in
der Luft der Tartarus die Geisterstimme der Freund die Katakombe und die
vereinigten Menschen
46 Zykel
Die werdende Liebe ist die stillste die schattigen Blumen in diesem Frühlinge
meiden wie die im andern das Sonnenlicht Albano spann sich tief in seine
Sonntagsträume ein und zog so gut er konnte das grüne WohnBlatt der
Wirklichkeit in sein Gespinste nämlich den Montag der ihm bei dem
Paradebegräbnisse des Fürsten den Bruder seiner Freundin zeigen sollte
Dieses Trauerfest wo der dritte aber größte fürstliche Sarg sollte zur
Ruhe bestattet werden brach endlich an und war schon durch das Vorfest wichtig
gemacht wo man die zwei ersten Särge samt dem Greise beigesetzt wie man etwa
Tugenden schon im Anfange eines Jahrhunderts beerdigt und erst am Ende desselben
ihre leeren Namen Gehäuse und Franzbände Am Probe und Vorbildsbegräbnisse des
Höchstseligen war noch dazu der alte fromme Vater Spener sein letzter Freund
mit in die Gruft hinabgegangen um sich das hölzerne und zinnerne Gehäuse des
ausgelaufenen Gehwerks öffnen zu lassen und auf die stille Brust des lieben
Schläfers noch dessen JugendPorträt und sein eigenes mit der umgestürzten
Farbenseite zu decken ohne zu reden und zu weinen und der Hof machte viel aus
dieser Morgen und Abendgabe der Freundschaft
Alles schwillt für die Menschen ungeheuer an wovon sie lange reden müssen
alle Pestitzer Gesellschaften waren Sterbebeitragsgesellschaften und voll
Leichenmarschalle jedes Gerüste der benachbarten Zukunft war ein Trauergerüste
und jedes Wort ein Leichensermon oder eine Grabschrift auf den blassen Mann
Sphex als Leibmedikus freute sich auf seinen Anteil am Leidtragen und Mitziehen
der Lektor hatte statt der versetzten Winterkleider die Hoftrauer schon an
und approbiert der Hofmarschall hatte keine Minute Rast und der Jüngste Tag
der die Gräber auf aber nicht zumacht wär ihm heute schief gekommen der
Minister von Froulay den der kalte Luigi willig alles machen ließ war als
Liebhaber alles altfürstlichen Pompes und als Kreisausschreibender Direktor des
gegenwärtigen so gut im Himmel als der Höchstselige die Weiber waren als
Hochselige aus den Betten gestiegen weil für diese fleißigen Gewändermalerinnen
eine lange Wesenkette von Röcken und von deren Trägern wohl so schwer wiegt als
für ihre Männer eine gekuppelte Sippschaft von Pferden
Albano harrte ungeduldig am Fenster auf Lianens Bruder und liebte den
Unsichtbaren immer heißer wie zwei Flügel hoben und regten Freundschaft und
Liebe in ihm einander verbunden auf Die Trauerspule nämlich der leere Sarg
war im Tartarus angelegt und wurde allmählich abgespulet und man konnte das
dunkle Trauerband nun bald bis in die Bergstadt spannen Schon anderthalb
Stunden vor Ankunft des Zuges war der Salpeter der weiblichen Volksmenge an den
Mauern und Fenstern angeschossen Sara die Frau des Doktors kam mit den
Kindern und dem tauben Kadaver in Schoppes Zimmer herauf dessen zweite Türe in
Albanos seines offen stand und sagte liebäugelnd zum Grafen hinein »hier oben
wäre alles besser zu übersehen und Seine Gnaden würden verzeihen« »Bleibt
nur zusammen da und molestiert mir den Herrn Grafen nicht« sagte sie
zurückgewandt zu den Kindern und wollte ins gräfliche Zimmer auf dessen
Schwelle sie der von Albano kommende Schoppe auffing und anhielt
Sara war nämlich eine jener gemeinen Frauen die von ihren Reizen mehr
selber hingerissen werden als damit andre hinreißen sie setzte bloß ihr
Gesicht auf den Sessel und ließ es zünden und sengen und brennen indes sie
ihres Orts im Vertrauen auf ihren faulen Heinz69 des Gesichts ruhig und kalt
andre Dinge machte entweder einfältiges Zeug oder bösen Leumund und dann wenn
sie eine Kleidergeissel der Weiber gewesen war wie Attila eine Göttergeissel der
Völker so schaute sie auf und besah den Feuerschaden ihres Gesichts in den
männlichen Tabaksschwämmen umher Besonders auf den reichen schönen Grafen hatte
sie ein Auge unter der AmorsBinde Ihr Kopf lag voll guter physiognomischer
Fragmente und Lavaters Vorwurf dass die meisten Physiognomisten leider am
ganzen Menschen nichts studierten als das Gesicht konnte ihren reinen
physiognomischen Sinn niemals treffen
Schoppe leicht erratend dass bei der Seelenkäuferin der Gang ein Pressgang
das Weißzeug Jagdzeug der Shawl eine Schlagwand sei und der Hals ein
Schwanenhals für einen nahen Fuchs fasste sie auf der Schwelle beider Stuben an
der Hand und fragte sie »Nehmen Sie auch so viel Anteil an der allgemeinen
Landesfreude und erwünschten Hoftrauer wie ich Ihre Augen lassen dergleichen
lesen Frau Landphysikussin« »Was für einen Anteil« sagte die Physika ganz
dumm gemacht »An der Lust der Hofleute die sich ohnehin wie die Urangutangs
dadurch von den Affen unterscheiden dass sie selten Freudensprünge tun
wenigstens trommeln sie wie junge Klavieristen ihre traurigsten und ihre
lustigsten Stückchen ungerührt hintereinander weg Wenn nur dem Hofstaate nichts
Herbes die Trauer versalzt
Wünschen Sie dass die Lieben die schwarzen Freudenkleider worin sie wie
die Nepoten der in der leuktrischen Schlacht Gebliebnen dem Jubel eines neuen
Fürsten entgegengehen umsonst angezogen haben Wie« Unglücklicherweise
versetzte sie spöttisch »Schwarz ist hierzulande Trauerfarbe Herr Schoppe«
»Schwarz Frau Doktorin« prallt er staunend zurück »Schwarz Schwarz ist
Reisefarbe und Brautfarbe und Galafarbe und in Rom Fürstenkinderfarbe und in
Spanien ists ein Reichsgesetz dass die Hofleute wie in Marokko die Juden70
schwarz erscheinen
Pestalozzi Madame aber Malz versteht Er mich denn« fuhr Schoppe herum
und munterte den Menschen der seine Trommel anhatte und sie heimlich unter dem
Zuge rühren wollte um etwas vom gedämpften Leichentrommeln zu vernehmen zum
Schlegel auf damit er vom Diskurse profitierte »Malz« sagt er lauter
»Pestalozzi bemerkt ganz gut dass die Großen unsrer Zeit sich in Gesicht
Kleidung Stellung Bilderdienst Aberglauben und Liebe zu Scharlatanen den
Asiaten täglich nähern es spricht für Pestalozzi dass sie den Sinesern die
sich für die Freude schwarz und für die Trauer weiß anziehen nicht bloß Tempel
und Gärten und Fratzenbilder sondern auch eben dieses Freudenschwarz abborgen«
Unter den Kindern wovon die unerzognen allein noch nicht ungezogen waren
hoben sich Boerhaave Galenus und van Swieten am meisten durch eingelegte Arbeit
und Handzeichnungen die sie von den Anwesenden mit den Fingern auf ihr
Butterbrot gravierten und Galenus wies seine satirische Projektion von der
Mama sagend »Schaut was Maman für ne lange Nas ansetzt hab«
Der Bibliotekar der etwas Ähnliches drehte hielt sie als sie
hineinwollte indem er versicherte er lasse sie nicht bis sie sich ergebe die
Trauermarschsäule könne kaum einen Acker lang aus dem Tartarus heraus sein und
geb ihm Zeit genug Er fuhr fort
»Echte Trauer hingegen Liebe macht immer wie der Zorn bunt oder wie der
Schrecken weiß zB die Kreaturen eines toten Papstes trauern violett der
französische König auch seine Frau kastanienbraun der venezianische Senat um
den Doge rot Allein Trauer können Sie so gut wie ich keinem Regenten
verstatten dem Hohenpriester und einem Judenkönige71 war sie ganz verboten
warum wollen wir der Dienerschaft mehr verstatten als dem Herrn Und müsste ein
Landesherr Beste der die kostbare Landtrauer zuliesse nicht offenbar die
abgestellte Privattrauer aufwecken Und könnt er indem er durch sein Exilium
wie Cicero durch seines72 20 000 Leute in Trauerhabit steckte es verantworten
dass sein letzter Akt ein droit dAubaine eine Beraubung wäre und dass das
Sterbebette worauf man sonst Bedienten und Armen Kleider vermacht ihnen welche
auszöge Nein Madame das sieht wenigstens Regenten nicht ähnlich die sogar
durch ihr Sterben oft wie Marcion73 von Christi Höllenfahrt behauptete einen
Kain Absalon und mehrere alttestamentliche Verdammte aus der Hölle bringen in
den Himmel der neuen Regierung
Sie ergeben sich noch nicht und der Kadaver sieht mich an wie ein Vieh
aber bedenken Sie das Perücken und Zeugmacher haben häufig gekrönte Häupter
angefleht ihre Produkte zu tragen damit sie abgingen ein Erb und Kronprinz
zieht sich gleich am ersten frohen Huldigungs und Regierungstage wo er den
Vorfahrer absetzt dh begräbt kohlenschwarz an weil die schwarze Wolle wenig
taugt und wenig abgeht und ein solches Exempel beschlägt auf einmal den ganzen
Hofstaat sogar Vieh Pauken Kanzeln schwarz Nur noch ein Wort Liebe
wahrlich es kommt noch nichts als die Chorschülerschaft Eben deswegen wird der
fürstliche Leichnam der leicht die ganze Freude des Leichenbegängnisses stören
könnte vorher beseitigt und nur ein vakanter Kasten mitgeführt damit der Zug
keine andere pensées habe als anglaises74 O Traute das letzte Wort was
sehen Sie denn am Stall und Pagenkorps Meinetwegen auch ich freue mich auf
einmal so viele Menschen und Fürsten mitten unter seinen Kindern so froh zu
sehen«
Aber je länger er die Prozession dieses schlaffe Gauklerseil woran man den
leeren aber figurierten CypselusKasten in die Familiengruft einließ werden
sah desto zorniger wurde sein Spott Er passete die Hypothese jedem beflorten
Gliede der schwarzen Kette an Er lobte es dass man den Bal masqué der neuen
Regierung mit diesen langsamen Menuettpas eröffne und sich auf den Walzer der
Vermählung und den Grossvatertanz der Huldigung anschicke Er sagte da man
sich und Tieren an Freudentagen gern alles leicht mache wie daher die Juden am
Schabbes sich und ihr Vieh nichts nicht einmal die Hühner die angehangnen
Läppchen tragen lassen so seh ers gern dass in den Zeremonienwägen und im
Paradekasten und auf den Klagepferden nichts säße ja dass sogar die Schleppen
der Trauermäntel von Pagen und die vier Leichentuchzipfel von vier handfesten
Herren fortgebracht würden Nur tadelte er es dass die Soldateska in der Lust
das Gewehr verkehrt ergriffen und dass gerade die Personen vom höchsten Range
Luigi Froulay Bouverot da sie vom schnellen Leichentrunke auf einmal ins
Freie kämen sich wankend müssten auf beiden Seiten führen lassen
47 Zykel
In Albano sprach ein andrer Geist als in Schoppe aber beide begegneten sich
bald Dem Grafen machten die Nachtgestalten aus Flor die stillen Trauerfahnen
der Totenmarsch der schleichende Krankengang das Glockengetöse die Totenhäuser
der Erde weit auf zumal da vor seine blühenden Augen zum ersten Male diese
Totenspiele kamen aber lauter als alles rief vor ihm etwas das man kaum
erraten wird die Scheidungen des Lebens aus der vom Leichentuche erstickte
Trommelschlag eine gedämpfte Trommel war ihm ein von allen irdischen Katakomben
gebrochener Widerhall Er hörte die stummen erwürgten Klagen unsrer Herzen er
sah höhere Wesen oben herunterschauen auf das dreistündige weinerliche Lustspiel
unsers Lebens worin das rote Kind des ersten Akts im fünften zum Jubelgreis
ermattet und dann erwachsen und gebückt vor dem herablaufenden Vorhange
verschwindet
Wie wir im Frühlinge mehr an Tod Herbst und Winter denken als im Sommer so
malet sich auch der feurigste kräftigste Jüngling öfter und heller in seiner
Jahreszeit die dunkle entblätterte vor als der Mann in seiner nähern denn in
beiden Frühlingen schlagen sich die Flügel des Ideals weit auf und haben nur in
einer Zukunft Raum Aber vor den Jüngling tritt der Tod in blühender
griechischer Gestalt vor den müden älteren Menschen in gotischer
Mit komischem Humor fing Schoppe gewöhnlich an und endigte mit tragischem
so führte auch jetzt der leere Trauerkasten die Flöre der Pferde die
WappenSchabaracken derselben des Fürsten Verachtung des schwerfälligen
deutschen Zeremoniells und die ganze herzlose Mummerei alles das führte ihn auf
eine Anhöhe wohin ihn immer das Anschauen vieler Menschen auf einmal trieb und
wo er mit einer schwer zu malenden Erhebung Ergrimmung und lachenden Kümmernis
ansah den ewigen zwingenden kleinlichen von Zwecken und Freuden verirrten
betäubten schweren Wahnsinn des Menschengeschlechts und seinen dazu
Plötzlich durchbrach die schwarze Kette ein bunter glänzender Ritter
Roquairol auf dem paradierenden Freudenpferde und erschütterte unsre zwei
Menschen und keinen weiter Ein blasses eingestürztes Angesicht vom langen
innern Feuer verglaset von allen Jugendrosen entblösset aus den Demantgruben
der Augen unter dem schwarzen AugenbraunenÜberhange blitzend ritt in einer
tragischen Lustigkeit daher deren LinienGeäder sich unter den frühen Runzeln
der Leidenschaft verdoppelte Welch ein Mensch voll verlebten Lebens Nur
Hofleute oder sein Vater konnten dieses tragische Frohlocken zu einer
schmeichlerischen Freude über die neue Regierung herabsetzen aber Albano nahm
ihn ganz in sein Herz hinein und wurde bleich vor inniger Bewegung und sagte
»Ja er ists O guter Schoppe er wird gewiss unser Freund dieser zerrissene
Jüngling Wie schmerzlich lacht der Edle über diesen Ernst und über Kronen und
Gräber und alles Ach er starb ja auch einmal« »Daran tut der Reiter recht«
sagte Schoppe mit zuckenden Augen und tippte schnell an Albanos Hand und dann
an seinen eignen Kopf »mir kommt schon der Schädel da als ein enger bonsoir
als ein Lichttöter vor den mir der Tod aufgesetzt wir sind artige mit Silber
überzogne Figuren in einem elektrischen Tanze begriffen und vom Funken
springen wir auf ich bewege mich zum Glücke doch noch und dort schleicht
unser guter Lektor auch daher und zieht seinen langen Flor« wobei freilich
Augustis bürgerlichernste Stimmung sehr gegen die menschlichernste des
Bibliotekars abstach
Auf einmal sagte Schoppe verdrießlich über die Rührung »Welche Maskerade
wegen einer Maske Lumperei wegen Lumpenpapier Werft einen Menschen still in
sein Loch und rufet niemand dazu Ich lobe mir London und Paris wo man keine
Sturmglocken läutet und die Nachbarschaft rege macht wenn der Undertaker einen
Eingeschlafnen zu Bette bringt« »Nein nein« sagte Zesara voll Kraft zum
Schmerz »ich lob es nicht wem die heiligen Toten gleichgültig sind dem
werden es die Lebendigen auch nein ich lasse gern mein Herz in eine Träne
nach der andern zerreißen kann ich nur des lieben Wesens noch gedenken«
O wie traf die Nachbarschaft mit seinem Herzen zusammen In einer Zisterne
wovor der Sarg des Sarges vorüberging stand der abgebildete Greis auf einem
Pferde in Bronze und sah unter sich vorübergehen die abgesattelten Trauerpferde
und das berittne FreudenRoss ein Taubstummer machte mit seiner Glocke an den
Türen ein bettelndes Geläute das er wie der Begrabne nicht vernahm und war
nicht der vergessene Fürst ungesehen und einsamer unter die Erde gelegt als
irgendeiner seiner Untertanen O Zesara dir fiel es aufs Herz wie leicht der
Mensch vergessen wird er liege in der Urne oder in der Pyramide und wie man
unser unsterbliches Ich wie einen Schauspieler für abwesend ansieht sobald es
nur in der Kulisse steht und nicht auf der Bühne unter den Spielern poltert
Aber legte nicht der graue Einsiedler Spener dem tieferen Einsiedler eine
doppelte Jugend auf die gesunkne Brust O zählet nicht in dieser frostigen
Stunde des Gepränges die treue Julienne alle Töne des Leichengeläutes an ihren
Tränen ab diese arme durch Krankheit nur vom Zeremoniell nicht vom Schmerze
befreiete Tochter die nun den vorletzten vielleicht den letzten Verwandten
verloren da ihr Bruder kaum einer ist Und wird Liane in ihrem Elysium nicht
das Nachspiel des Schmerzes erraten das so nahe vor ihr hinter den hohen Bäumen
im Tartarus gegeben wird Und wenn sie etwas vermutet o wie wird sie nicht so
innig trauern
Dieses alles hörte der edle Jüngling in seiner Seele an und er dürstete
heiß nach der Freundschaft des Herzens ihm war als wehe ihre Berg und
Lebensluft aus der Ewigkeit herab und treibe den Totenstaub weg vom Lebenssteige
und er sehe droben den Genius die umgestürzte Fackel auf den kalten Busen
stellen nicht um das unsterbliche Leben auszulöschen sondern um die
unsterbliche Liebe anzuzünden
Er konnte nun nicht anders sondern musste ins Freie gehen und unter dem
fliegenden Getöne des Frühlings und unter dem dumpfzurückmurmelnden
Totenmarsche die folgenden Worte an Lianens Bruder schreiben womit er ihm
jugendlich sagte sei mein Freund
An Karl
»Fremder jetzt in der Stunde wo uns im Totenmeere und in den Tränen die
Siegessäulen und Tronen der Menschen und ihre Brückenpfeiler gebrochen
erscheinen fragt dich frei ein wahres Herz und deines antwort ihm treu und
gern
Wurde dir das längste Gebet des Menschen erhört Fremder und hast du deinen
Freund Wachsen deine Wünsche und Nerven und Tage mit seinen zusammen wie die
vier Zedern auf Libanon die nichts um sich dulden als Adler Hast du zwei
Herzen und vier Arme und lebst du zweimal wie unsterblich in der kämpfenden
Welt Oder stehst du einsam auf einer frostigen verstummten schmalen
Gletscherspitze und hast keinen Menschen dem du die Alpen der Schöpfung zeigen
könntest und der Himmel wölbt sich weit von dir und Klüfte unter dir Wenn dein
Geburtstag kommt hast du kein Wesen das deine Hand schüttelt und dir ins Auge
sieht und sagt wir bleiben noch fester beisammen
Fremder wenn du keinen Freund hättest hast du einen verdient Wenn der
Frühling glühte und alle seine Honigkelche öffnete und seinen reinen Himmel und
alle hundert Tore an seinem Paradiese hast du da schmerzlich aufgeblickt wie
ich und Gott um ein Herz gebeten für deines O wenn abends die Sonne einsank
wie ein Berg und ihre Flammen aus der Erde fuhren und nur noch ihr roter Rauch
hinanzog an den silbernen Sternen sahst du aus der Vorwelt die verbrüderten
Schatten der Freundschaft die auf Schlachtfeldern wie Gestirne eines
Sternbildes miteinander untergingen durch die blutigen Wolken als Riesen
ziehen und dachtest du daran wie sie sich unvergänglich liebten und du warst
allein wie ich Und Einsamer wenn die Nacht wo der Geist des Menschen wie
in heißen Ländern arbeitet und reist ihre kalten Sonnen verkettet und
aufdeckt und wenn doch unter allen weiten Bildern des Äters kein geliebtes
teures ist und die Unermesslichkeit dich schmerzlich aufzieht und du auf dem
kalten Erdboden fühlest dass dein Herz an keine Brust anschlägt als nur an
deine o Geliebter weinest du dann und recht innig
Karl oft zählt ich am Geburtstage die wachsenden Jahre ab die Federn im
breiten Flügel der Zeit und bedachte das Verrauschen der Jugend da streckt
ich weit die Hand nach einem Freunde aus der bei mir im CharonsNachen worin
wir geboren werden stehen bliebe wenn vor mir die Jahreszeiten des Lebens am
Ufer vorüberlaufen mit Blumen und Blättern und Früchten und wenn auf dem langen
Strome das Menschengeschlecht in tausend Wiegen und Särgen hinunterschiesset
Ach nicht das bunte Ufer fliehet vorüber sondern der Mensch und sein Strom
ewig blühen die Jahreszeiten in den Gärten des Gestades hinauf und hinab aber
nur wir rauschen einmal vor den Gärten vorbei und kehren nicht um
Aber der Freund geht mit O wenn du in dieser Stunde der Gaukeleien des
Todes den bleichen Fürsten mit den JugendBildern auf der Brust ansiehst und an
den grauen Freund denkst der ihn verborgen im Tartarus betrauert so wird dein
Herz zerfließen und in sanften warmen Flammen in der Brust umherrinnen und leise
sagen ich will lieben und dann sterben und dann lieben o Allmächtiger zeige
mir die Seele die sich sehnet wie ich
Wenn du das sagst wenn du so bist so komm an mein Herz Fasse meine Hand
und behalte sie bis sie welkt Ich habe heute deine Gestalt gesehen und auf ihr
die Wunden des Lebens tritt an mich ich will neben dir bluten und streiten
Ich habe dich schon früh gesucht und geliebt Wie zwei Ströme wollen wir uns
vereinigen und miteinander wachsen und tragen und eintrocknen Wie Silber im
Schmelzofen rinnen wir mit glühendem Lichte zusammen und alle Schlacken liegen
ausgestoßen um den reinen Schimmer her Lache dann nicht mehr so grimmig dass
die Menschen Irrlichter sind gleich Irrlichtern brennen und fliegen wir fort im
regnenden Sturme der Zeit Und dann wenn die Zeit vorbei ist finden wir uns
wie heute und es ist wieder im Frühlinge
Albano de Cesara«
48 Zykel
Wie herrlich eh dem innern Menschen wie dem äußern im Alter alle Pulsadern
zu Knorpeln erstarren und alle Gefäße unbiegsam und erdig werden und das
moralische Herz wie das andre kaum sechzig Schläge in der Minute tut und eh der
alte scheue Narr sich bei jeder Rührung ein Stück seines Wesens aufhebt das er
kalt und trocken erhält und das aufpassen soll wie benetzte Himbeerblätter
stets auf der rauen Seite trocken bleiben wie herrlich sag ich tritt
dagegen vor dieser SpionenPeriode ein Jüngling zumal ein Albano seine Bahn
daher wie frei keck und froh Und sucht gleich dreist den Freund wie den Feind
und tritt dicht an ihn um zu kämpfen entweder für ihn oder wider ihn
Damit entschuldige man Albanos feurigen Brief Den andern Tag erhielt er von
Roquairol diese Antwort
»Ich bin wie du Am Himmelfahrtsabende will ich dich suchen unter den Larven
Karl«
Dem Grafen stieg die Röte der Kränkung über dieses gesuchte Verschieben der
Bekanntschaft ins Gesicht er wäre fühlt er nach einem solchen Laute des
Herzens ohne ein totes Interim von fünf Tagen und ohne eine Huldigungsredoute
im doppelten Sinne sofort zum Freunde gegangen und seiner geworden Jetzt aber
schwor er ihm nicht weiter entgegenzulaufen sondern ihn nur zu erwarten
Gleichwohl verflatterte bald das gerührte Zürnen und er bewilligte dem ersten
Blättchen des so lange gesuchten Lieblings immer schönere Milderungen Karl
konnte ja zB in dieses huldigende Getöse nicht gern die heilige Zeit des
ersten Erkennens mengen wollen oder die erste selbstmörderische Redoute
machte ihm jede zur begeisternden Ära eines neuen zweiten Lebens oder er wusste
wohl gar um Albanos Geburtstag oder endlich dieser glühende Mensch ging oder
flog seinen eignen Pfad
Indes machte dessen Blatt dass sich der Graf sein eigenes vorrückte als eine
Sünde gegen seinen Schoppe er hielt das Sehnen in der Freundschaft nach der
Freundschaft für Sünde aber du irrest schöne Seele Die Freundschaft hat
Stufen die am Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen bis zum
unendlichen nur die Liebe ist ersättlich und immer dieselbe und wie die
Wahrheit ohne drei Vergleichungsgrade und ein einziges Wesen füllet ihr Herz
Auch hatten sich Albano und Schoppe bei einer so gegenseitigen Seelenwanderung
ihrer Ideen und einer so nahen Verwandtschaft ihres Trotzes und Adels weit
lieber als sie sich zeigten Denn da Schoppe überhaupt nichts zeigte so
konnte man ihn wieder nur mit dem Finger auf der Lippe aber vielleicht desto
stärker lieben Albano war ein heissbrennender Hohlspiegel der seinen Gegenstand
nahe hat und ihn aufgerichtet hinter sich darstellt Schoppe einer der ihn
ferne hat und ihn verkehrt in die Luft wirft
Abends vor seinem Geburts und dem Huldigungstage stand Albano einsam am
Fenster und wog seine Vergangenheit denn ein letzter Tag ist feierlicher als
ein erster am 31sten Dezember überrechn ich 365 Tage und deren Fata am 1sten
Jenner denk ich an nichts weil ja die ganze Zukunft durchsichtig ist oder in
fünf Minuten aus sein kann er maß während über sein zu Ende gehendes
zwanzigstes Jahr die Vesperglocke läutete und die Vesperhora in ihm anging die
Apsidenlinie75 seines moralischen Wesens und sah an den aufgetürmten morgenden
Tag hinauf der vollhing entweder von Frühlingsregen oder von Hagelkörnern Noch
nie hatt er so weich den Kreis geliebter Menschen überschauet oder durch die
offenen Tore der Zukunft geblickt als dasmal
Aber die schöne Stunde störte Malz der mit der Nachricht hereinbrach der
hinkende Herr sei ins Wasser gesprungen Aus dem Dachfenster sah man einen
zurückkehrenden DorfLeichenzug um die Ufer gehäuft wo sich Schoppe
hineingestürzt Mit fürchterlicher Wildheit denn Zorn war in Albano der
Nachbar des Schreckens und Schmerzes riss er den trägen Landphysikus zur Hilfe
mit fort und sogar durch harte drohende Worte denn Sphex wollte auf einen Wagen
passen auch mögliche Fälle von zu späten Rettungsanstalten auseinandersetzen
und hatte überhaupt vielleicht die Hoffnung gern den Bibliotekar auf den
Anatomiertisch als Doktorschmaus der Wissenschaft aufzutragen
Der Jüngling rannte mit ihm hinaus durch Kornfelder unter Tränen unter
Flüchen mit geballter mit ausgespreizter Faust und immer mehr schwindelte
sein Auge und brannte sein Herz je näher sie dem dunkeln Zirkel zuliefen
Endlich konnten sie den Bibliotekar nicht nur sehen sondern auch hören
wohlbehalten drehte er ihnen den kraushaarigen Kopf aus dem Schilfrohre entgegen
und hob zuweilen weil er das Trauerkondukt haranguierte feurig den behaarten
Arm über die Wasserpflanzen
Freilich wars so
Sein Sorites war solang er lebte dieser »er sei keine Steiss sondern
eine Gesichtsgeburt und trage mithin Kopf und Nase hoch und empor76 weil er
müsse nun kenn er keine echtere Freiheit als Gesundheit jede Krankheit
schließe die Seele krumm und die Erde sei bloß darum ein allgemeines Stockhaus
und eine la Salpetrière weil sie ein Quetschhaus77 sei wer eine Austern
Schnecken VipernKur gebrauche sei selber eine schleimige geschlängelte
klebende Viper Auster Schnecke und daher töteten die semperfreien Wilden die
Siechlinge und die kräftigen Sparter gaben keinem Patienten ein Amt geschweige
die Krone besonders sei Stärke vonnöten um in unsern niedrigen Zeiten
qualifizierte Subjekte auszuprügeln weil seines Wissens die Faust mit einigem
Inhalte die beste Injurienklage und actio ex lege diffamari sei die ein Bürger
anstellen könne«
Darum badete er Sommer und Winter eiskalt so wie er eben darum in allem
entaltsam blieb
Nun war er bei dem hässlichen Wonnemonatswetter bloß in seinem grauen
Husarenmantel daheim sein Schlafrock und mit niedergetretenen Schuhen ans
Wasser gegangen zu Hause hatt er sich vorher ordentlich ausgezogen um am
Gestade sogleich fertig zu sein Die Trauerkompagnie die ihn mit seinem
schnellen Schritte am Wasser gehen und endlich alles zurückwerfen und
hineinspringen sah musste glauben der Mensch wolle sich ertränken und rannte
vereinigt seinem Badeorte zu um ihn nicht zu lassen »Ersäuf Er sich nicht«
schrie die TrauerNegerei von weitem Er ließ sie erst heran um mit ihr näher
aus der Sache zu reden »Ich nehme noch Vernunft an ob ich gleich schon im
Wasser stehe aber lasset euch auch bedeuten lieben Kerstene insgemein denn so
hieß man zu Karls Zeiten die Christen Ich bin ein armer Sakramenter und
erinnere mich kaum wovon ich bisher lebte so blutwenig wars Was ich in der
Welt nur anfing dabei war kein Segen sondern Krebsgang hinten und vorn Ich
legte in Wien ein hübsches Magazin von Schnepfendreck an aber ich setzte nichts
ab aus Mangel an Schnepfen Ich griffs am andern Ende an und hausierte in
Karlsbad für große Herren die sonst auf jeden Bettel und Sessel ein Gemälde
setzen mit hübschen Kupferstichen für den Abtritt damit sie da statt des
bloßen gedruckten Papiers etwas Geschmackvolles hätten zum Verbrauche behielt
aber die ganze Suite auf dem Halse weil die Manier zu hart war und nicht
idealisch genug In London macht ich Reden voraus denn ich bin ein
Gelehrter für Menschen die gehangen werden und doch noch etwas sagen wollen
ich trug sie den reichsten Parlamentsrednern und selber Spitzbuben von
Buchhändlern an hätte aber die Reden beinah selber gebraucht Ich hätte mich
gern vom Vomieren genährt78 aber dazu gehört Fond Ich suchte einmal bei
einem gräflichen Regimente als Notenpult unterzukommen weils bei der
Wachtparade dumm aussieht dass jeder einen musikalischen Lappen auf der Schulter
hängen hat den der andre vom Blatte spielt ich wollte für ein weniges alle
Musikalien an mir tragen und mit den Noten vor ihnen stehen aber der
PremierLeutnant er sitzt zugleich in der Regierung und Kammer glaubte die
Pfeifer würden lachen wenn sie bliesen So ging mirs von jeher teuere
Kerstene aber trabt nicht auf meinem teuren Mantel herum Zum Unglück schritt
ich gar in die Ehe mit einer mit eingeschmolzenen Siegeln79 ausgestatteten
Wienerin namens Praenumerantia Elementaria Philantropia80 ihr wisst nicht
was es zu deutsch heißt einem wahren Höllenbesen der mich wie einen
Parforcehirschen hier ins Schilfrohr hereingehetzt Kerstene ich blamiere mich
im Wasser wenn ich mit unserm Wehestande ganz herausgehe kurz meine
Philantropia war vor der Ehe wie die Stacheln eines neugebornen Igels weich
aber in der Ehe als das Laub herunter war sah ich wie auf Bäumen im Winter ein
Rabenund TeufelsNest nach dem andern Sie zog sich stets so lange an bis sie
sich wieder ausziehen musste wenn ein Fehler an mir oder den Kindern gehoben
war zankte sie noch ein wenig fort wie man sich noch fort erbricht wenn das
emeticum und alles schon heraus ist sie gönnte mir wenig und hätt ich ein
Fontanell gehabt sie hätte mir die frische Erbse vorgerückt die ich jeden Tag
hätte hineinlegen müssen kurz wir wollten beide verschieden hinaus der
Rungnagel der Liebe war ausgezogen und ich fuhr mit den Vorderrädern ins Wasser
herein und meine Praenumerantia hält mit den Hinterrädern zu Hause Seht
meine Weiber darum tu ich mir mein Leid an der Atzmann81 hätte mich ohnehin
bei der Kehle gegriffen spiegelt euch aber Denn wenn ein Mann der ein
Gelehrter ist und darum wie ihr von Fichten noch wisst als angestellter
Aufseher Lehrherr und Mentor des Menschengeschlechts herumgeht vor seiner Frau
ins Wasser springt und seine Ephorie und Hofmeisterstelle fahren lässt so
könnt ihr schließen wozu eure Männer die sich mit mir gar nicht messen dürfen
in der Gelehrsamkeit kapabel sind falls ihr solche Pränumerantien
Elementarien und Philantropien seid wie ihr leider das Ansehen habt Aber«
beschloss er plötzlich da er Albano und den Doktor sah »schert euch fort ich
will ersaufen«
»Ach lieber Schoppe« sagte Albano Schoppe errötete über die Lage »Es
will ein Hanswurst sein« sagte das weichende LeichenKondukt »Was ist denn
das für eine Kinderei« fragte Sphex nachzürnend über Albanos vorige Heftigkeit
und über den anatomischen Fehlschuss und nahm sich Genugtuung durch die
Erzählung von dessen Toben Schoppe erkannte wie herzlich ihn der edle Jüngling
liebe und er wollte nichts sagen weil er sich schämte aber er schwur sich
ihn nächstens nach seinem auch im stummen Denken bizarren Ausdrucke in seine
Brustöhle einzulassen und ihm darin ein ganzes wildes Herz voll Liebe hängend
zu weisen
49 Zykel
Der blaue Tag wo eine Himmelfahrt eine Huldigung und ein Geburtstag gefeiert
wurde stand schon über Pestitz nach abgelegter Morgenröte zwei Pferde waren
schon die Vorläufer von vieren der niedrige Kutschbock vom höchsten der
Landadel ging schon unbequemfrisiert in die Wirtsstuben herab und kränkte sich
über das gestohlne schönste Wetter zur BirkhahnFalz und der Stadtadel sprach
noch ungepudert über den Tag aber ohne wahren Ernst der HofMikrometer82 der
Hofmarschall war von allen seinen Furiers umgeben die HofPassageinstrumente
83 die Hofleute hatten statt ihres halben Feiertages wo sie nur nachmittags
fronen einen ganzen Werkeltag und standen schon am Waschtische der
Huldigungsprediger Schäpe glaubte fast alles von seiner Rede weil er sie zu oft
gelesen und die Nähe der Publikation flößte ihm Rührung ein kein Domino für
den Abend war mehr zu haben außer bei den Juden als ein Mann vor der
Haustüre des Doktors abstieg ders unter allen mit der Huldigung am redlichsten
und wärmsten meinte der Direktor Wehrfritz Es war ein Sohn und ein Vater
einander in den Armen ein feuriger Jüngling und ein feuriger Mann Albano
schien ihm nicht mehr der Alte zu sein sondern noch wärmer als sonst Er
brachte von »seinen Weibern« wie er sie nannte glückwünschende Briefe und
Angebinde für den Geburtstag mit er selber machte nicht viel aus dem Tage oder
vergaß ihn und Albano hatt ihn nur nach dem Erwachen ein wenig gefeiert Diese
Feste gehören mehr weiblichen Wesen an die gern mit Zeiten liebend und gebend
tändeln
Der Titularbibliotekar marschierte auf ein Dorf namens Klosterdorf
hinaus wo der Schulz mit seiner Familie nach einer alten Sitte den Fürsten mit
der seinigen nachmachen und so als Kommissionär die Huldigung des benachbarten
Umkreises eintreiben musste diese sagte Schoppe lass er sich noch gefallen
aber die andre wirke zu fatal auf seine Eingeweide Der vom heutigen Tage
geblendete und mit einer Amtsrede vorn an die Ritterschaft postierte Direktor
biss sich mit Schoppe herum »Die Kammer und der Hof« sagt er »sind freilich
von jeher wie sie sind aber die Fürsten lieber Herr sind gut sie werden
selber ausgesogen und dann scheinen sie auszusaugen« »Wie etwan« versetzte
Schoppe »die LeichenVampyren nur Blut von sich geben indes sie es zu nehmen
scheinen aber das bring ich dadurch wieder ein dass ich den Regenten außer den
fremden Sünden auch fremde Verdienste Siege und Opfer ganz beimesse hier sind
sie die Pelikane die ein Blut für ihre Kinder vergießen das wirklich ihr
eigenes zu sein scheint von weitem«
Alle gingen Schoppe aufs Land Wehrfritz in die Kirche mit der Prozession
Albano in eine ZuschauerLoge am Huldigungssaale denn er wollte auf keine Weise
in die Schleppe des Fürsten eingestickt sein nicht einmal als Besatz Das
PrunkGetümmel rauschte bald in den Saal zurück Die Ritterschaft die
Geistlichkeit und die Städte bestiegen die Schwurbühne Im Schlosshofe stand
ein Fuß auf dem andern und eine Nadel konnte zwar zur Erde kommen aber kein
Mensch um sie aufzuheben jeder sah auf den Balkon herauf und fluchte früher
als er schwur Der Fürst blieb auch nicht weg der Thron dieser graduierte und
paraphrasierte Fürstenstuhl stand offen und Fraischdörfer hatt ihn mit
schönen mytologischen und heraldischen Verkröpfungen und Aussenwerken dekoriert
Dem Grafen gegenüber blühten die Hofdamen und darunter eine Rose und eine
Lilie Julienne und Liane Wie man das Auge von der frostigen starren
Wintergegend zum blauen wehenden Himmel aufhebt der unsre Frühlingsabende ansah
und worin die leichten Sommerwolken gingen und der Regenbogen stand so blickte
er über das glänzende Schneelicht des Hofes zur lieblichen Grazie des Lenzes
hin um welche Erinnerungen wie Blumen hingen und die nun so fern stand so
abgetrennt so eingekerkert in den schweren Putz des Hofes Nur durch die nahe
Freundin wurde sie leise mit der grellen Gegenwart verschmolzen und versöhnt
Nun fingen schöne Amtsreden an die längste hielt der alte Minister die
kürzeste Wehrfritz der Fürst ließ an seinem DezemberGesicht ohne aufzutauen
die warmen Lobreden vorüberstreichen eine fehlerhafte Gleichgültigkeit Denn
das Lob vom Minister wie von andern HofBedienten kann ihm noch bei der Nachwelt
helfen da nach Bako keines gültiger ist als das so Bediente geben weil sie ja
den Herrn am besten kennen
Dann las der Obersekretär Heiderscheid Luigis Stammtafel ab und beleuchtete
den hohlen Stammbaum samt seiner Baumtrocknis und dem letzten blassgrünen
Ästchen mit gesunknen Augen hörte Julienne dieses unter dem Vivat des Volks
an und Albano nie von einem Gedanken allein bezwungen sah ihre Augen und
konnte so hart auch der Regent zuhörte sich des Leichengemäldes nicht
erwehren wie einmal dh sehr bald dieser erloschne Mensch den Namen seines
ganzen Stammes in die Gruft nachziehen werde er sah das Wappen verkehrt
einhauen und den Schild verkehrt aufhängen und hörte die Schaufeln die den Helm
zerstiessen und dem Sarge nachwarfen Düstre Idee die weiche Schwester hätte
gewiss geweint wäre sie nur allein gewesen
Zuletzt kam die Reihe auch an die an welche sie nie zuerst kommt ob sie
gleich die einzigen sind die es mit solchen Zeremonien herzlich meinen
Heiderscheid trat auf den Balkon und ließ die wimmelnde laute Menge die
Vorderfinger und den Daum ausstrecken und den Eid nachsagen Diese immer
bezauberte jauchzete Vivat in den geblendeten Augen funkelte die Zuversicht
einer bessern Regierung und die Liebe für einen Ungekannten Der Graf den
ohnehin eine Menge feurig so wie Schoppen trübe machte glühte begeistert von
Bruderliebe und Tatendurst er sah die Fürsten wie Allmächtige auf ihren Höhen
walten und sah die blühenden Landschaften und die heitern Städte eines weise
regierten Landes aufgedeckt er stellte es sich vor wie er wär er ein Fürst
mit dem schlagenden Funken aus der Zepterspitze in Millionen verknüpfter Herzen
auf einmal belebend und erschütternd strahlen könnte indes er jetzt so mühsam
einige nächste entzünde er sah seinen Thron als einen Berg in Morgenlicht der
schiffbare Ströme statt der Lava in die Länder herabgiesset und die Stürme bricht
und um dessen Fuß Ernten und Feste rauschen er dachte sichs wie weit er von
einer so hohen Stelle das Licht umherstreuen könnte gleichsam ein Mond der
nicht die Sonne am Tage verbauet sondern ihr fernes Licht aus seiner Höhe der
Nacht zuwirft und wie er die Freiheit statt sie nur zu verteidigen
erschaffen und erziehen und ein Regent sein wollte um Selbstregenten84 zu
bilden »aber warum bin ich keiner« sagt er traurig
Edler Jüngling geben denn dir deine Rittergüter keine Untertanen Aber
ebenso glaubt der kleinere Fürst ein Herzogtum wollt er ganz anders regieren
und der höhere glaubt es von einem Königreiche und der höchste von der
Universalmonarchie
Indes zogen sich den ganzen sonderbaren unruhigen Tag wilde
JünglingsPerspektiven vor ihm hin und her und die alte Geisterstimme der er
heute entgegenging wiederholte in ihm den dunkeln Zuruf Nimm die Krone
Wehrfritz kam abends mit rotem Gesichte vom feurigen Huldigungsmahle zurück und
Albano nahm von ihm einen bewegten Abschied gleichsam von der Ebbe und
Windstille des Lebens von der kindlichen Jugend denn heute tritt er tiefer in
die Wellen desselben Schoppe kam zurück und wollte ihn vor das Loch seines
Guckkastens haben worin er die VikariatsHuldigung in Klosterdorf in komischen
Bildern vorbeischob aber diese stachen zu hart mit höheren ab und machten wenig
Glück
Nachts legte Albano seine schöne ernste Charaktermaske an die eines
Tempelherrn zu einer komischen war seine Gestalt und fast seine Gesinnung zu
groß die letztere wurde noch feierlicher durch dieses Totenkleid eines ganzen
ermordeten Ritterordens Nachdem er sich noch einmal die schauerlichen Gänge des
Tartarus und die Begräbnisstätte des Fürstenherzens wegen des nächtlichen
Verirrens beschreiben lassen so ging er um 10 Uhr fort mit einer
hochschlagenden Brust welche die Nachtlarven der Phantasie und die Freundschaft
und die Liebe und die ganze Zukunft vereinigt aufregten
50 Zykel
Albano trat zum ersten Male in die verkehrte Marionettenwelt einer Redoute wie
in ein tanzendes Totenreich Die schwarzen Gestalten die aufgeschljetzten
Larven die darhinter wie aus der Nacht blickenden fremden Augen die wie an
jenem zerstäubten Sultan im Sarge allein lebendig blieben die Vermischung und
Nachäffung aller Stände das Fliehen und Ringrennen des klingenden Tanzes und
seine eigne Einsiedelei unter der Larve das versetzte ihn mit seiner
shakespeareschen Stimmung in eine Zauber und GeisterInsel voll Gaukeleien
Schattenbilder und Verwandlung Ach das ist das Blutgerüste dacht er zuerst
wo der Bruder deiner Liane sein junges Leben wie ein Trauergewand zerriss und er
sah bange umher als fürcht er Roquairol versuche wieder den Tod
Unter den Masken fand er keine worunter er ihn vermuten konnte diese
geistlose Vetterschaft von stehenden Rollen die Läufer die Fleischer die
Mohren die Altvordern etc diese konnten keinen Geliebten Albanos verbergen
Einsam und umherblickend schritt er hinter den Reihen der Anglaise auf und ab
und mehr als zehn Augen die gegenüber in der ringförmigen Finsternis der
Spitzenmaske blitzten denn die Weiber lieben aus Offenherzigkeit die Masken
nicht sondern zeigen sich gern folgten der kräftig und geschmeidig gebaueten
Gestalt die mit dem kühnen Helme und Federbusche mit dem bekreuzten weißen
Mantel und dem Panzerglanze auf der Brust einen Ritter aus der heroischen Zeit
zu bringen schien
Endlich ging eine verlarvte Dame die zwischen unverlarvten plauderte mit
großen Schritten und Füßen auf ihn zu und fasste keck wie zum Tanze seine Hand
Er war äußerst verlegen über die Kühnheit der Aufforderung und über die Wahl der
Antwort gerade die Tapferkeit ist gern mit Galanterie vermählt wie die
Damaszener Waffe außer der Härte noch einen ewigen parfümierten Geruch besitzt
aber die Dame schrieb nur die Frage nach seinem Namen v C in die Hand
und nach dem Ja sagte die reizende leise »Kennen Sie mich nicht mehr den
Exerzitienmeister von Falterle« Albano bezeugte ungeachtet seines Widerwillens
gegen die Rolle eine wahre Freude über den Fund eines JugendGenossen Er
fragte welche Maske der Oberst Roquairol sei Falterle versicherte er sei noch
nicht da
Nun gingen da die Läufer die Fleischer Falterle usw nur die
Schneeglöckchen dieses Redoutenfrühlings waren schon bessere Blumen Veilchen
Vergissmeinnicht und Primeln auf oder herein Für ein solches Vergissmeinnicht
seh ich einen hereinkommenden hinten und vornen ausgewachsenen und wie ein
Brennglas konvexen Kerl an der bald das Hintergebäude öffnete und Konfekt aus
dem Buckel ausschüttete und dann das Vordergebäude und Bratwürste gebar
Hafenreffer aber schreibt die Invention sei schon einmal auf einer Wiener
Redoute gewesen Dann kam eine Gesellschaft deutscher Spielkarten die sich
selber mischten und ausspielten und stachen ein schönes Sinnbild des Ateismus
das ihn ganz ohne das Ungereimte darstellt womit man ihn so gern beschmjetzte
Herr von Augusti erschien auch aber im einfachen Kleide und Domino er wurde
dem Grafen unbegreiflich sehr bald der Polarstern der Tänzer und der
regierende kartesianische Wirbel der Tanzschule
Mit welchem elenden schwarzen Kommiss und Bettelbrote von Freude dachte
Albano dem den ganzen Tag seine Träume diese Tauben Jupiters Götterbrot
zutrugen kommen diese Menschen aus Und wie kahl und fahl ist ihr Feuer ihre
Phantasie und Sprache dacht er dazu ein wahres Leben unten in einer finsteren
Gletscherspalte Denn er glaubte jeder müsse so angespannt und glühend sprechen
und fühlen wie er
Jetzt kam ein hinkender Mann mit einem großen Glaskasten auf dem Bauche
freilich war der Bibliotekar leicht zu kennen er hatte entweder weil er zu
spät nach einem Domino schickte oder keinen bezahlen wollte vom
LeichenmäntelVerleiher etwas Schwarzes an und war von der Achsel bis auf das
Schienbein mit greulichen Masken besetzt die er mit vielen Fingerzeigen
meistens den Leuten antrug die hinter entgegengesetzten agierten zB
langnasigen kurznasige Er wartete auf den Anfang einer Hopsanglaise deren
Noten gerade auf der Spielwalze seines Kastens standen dann fing er auch an er
hatte darin eine treffliche von Bestelmaier gehobelte PuppenRedoute und ließ
nun die kleinen Larven hopsen parallel mit den großen Es war ihm um
vergleichende Anatomie beider Maskeraden zu tun und der Parallelismus war
betrübt dabei hatt ers noch mit Beiwerken aufgeputzt kleine Stummen
schwenkten im Kasten ihr Glöcklein ein ziemlich erwachsenes Kind schüttelte
die Wiege eines unbelebten Püppchens womit das Närrchen noch spielte ein
Mechanikus arbeitete an seiner Sprachmaschine durch welche er der Welt zeigen
wollte wie weit bloßer Mechanismus dem Leben der Puppen nachkommen könne eine
lebendige weiße Maus85 sprang an einem Kettchen und hätte viele vom Klub
umgeworfen falls sie es zerrissen hätte ein lebendiger eingesargter Star
eine wahre erste griechische Komödie und Lästerschule im kleinen verübte an der
Tanzgesellschaft den Zungentotschlag ganz frei und distinguierte nicht eine
Spiegelwand ahmte die lebendigen Szenen des Kastens täuschend nach so dass jeder
die Bilder für wahre Puppen nahm
Auf Albano traf die Schneide dieses kosmischtragischen Dolches senkrecht
genug da ihm ohnehin das hüpfende Wachs figurenkabinett der großen Redoute die
Einsamkeit des Menschen zu verdoppeln und zwei Ichs durch vier Gesichter zu
trennen schien aber Schoppe ging weiter
In seinem Glasschranke stand eine Pharaobank und daneben ein Männchen das
den verlarvten Bankier in schwarzes Papier ausschnitt aber dem deutschen Herrn
ähnlich diese Schilderei trug er ins Spielzimmer wo eine bankhaltende Maske
ganz gewiss Zefisio ihn hören und sehen musste Der Bankier sah ihn einigemal
fragend an Dasselbe tat eine ganz schwarz gekleidete Maske mit einer sterbenden
Larve die das hippokratische Gesicht vorstellte86 Albano sah feurig nach ihr
weil ihm vorkam es könne Roquairol sein denn sie hatte dessen Wuchs und
Fackelauge Die bleiche Larve verlor viel und verdoppelte immer den Verlust
dabei trank sie aus einem Federkiele unmäßig ChampagnerWein Der Lektor kam
dazu Schoppe spielte vor den zulaufenden Augen weiter die bleiche Larve sah
unverrückt und strenge den Grafen an Schoppe nahm vor Bouverot seine eigne
herab aber eine UnterziehMaske saß darunter er zog diese aus eine
UnterziehMaske der UnterziehMaske erschien er triebs fort bis zur fünften
Potenz endlich fuhr sein eigenes höckeriges Gesicht hervor aber mit
Goldschlägergold bronziert und sich gegen Bouverot fast fürchterlichgleissend
und lächelnd verziehend
Die bleiche Larve selber schien zu stutzen und eilte mit weiten Schritten
weg in den Tanzsaal sie warf sich wild in den wildesten Tanz Auch das bewährte
Albanos Vermutung so wie ihr großer trotzender Hut der ihm eine Krone schien
weil er an dem männlichen Anzuge nichts höher schätzte als Pelz Mantel und Hut
Immer mehrere Finger zogen die Lettern v C in seine Hand und er nickte
unbekümmert Die Zeit umgab ihn mit vielfachen Dramas und überall stand er
zwischen TheaterVorhängen Als er mit dem unruhigen Kopfe und Herzen ins
Bogenfenster trat um zu sehen ob er bald Mondschein für seinen Nachtgang habe
so sah er über den Markt einen schweren Leichenwagen zwischen Fackeln ziehen
der einen Rittergutsbesitzer seiner Familiengruft zufuhr und der ungestörte
Nachtwächter rief dem schleichenden Toten den Anfang der Geister und einer uns
teuren Geburtsstunde nach Musste nicht sein getroffnes Herz es ihm sagen wie
der harte feste unauflösbare Tod mit seiner Gletscherluft so scharf durch die
warmen Szenen des Lebens rückt und alles worüber er wegweht hinter sich starr
lässt und schneeweiß Musst er nicht an die erkaltete junge Schwester denken
deren Stimme jetzt seiner im Tartarus wartete Und als Schoppe mit seiner
PuppenTravestierung zu ihm kam und er ihm die Gasse zeigte und dieser sagte
»Bon der Freund Hein sitzt auf seinem Pürschwagen und guckt ruhig herauf als
wolle der Freund sagen bon tanzt nur zu ich fahre retour und bring euch auch
an Ort und Stelle« wie musst es ihm so enge werden unter dem schwülen Visier
In dieser Sekunde kam die bleiche Larve mit andern ins Fenster er öffnete
das glühende Gesicht der Kühlung ein schneller Weintrunk und noch mehr seine
Phantasie zeigte ihm die Welt in brennenden Oberflächen die Larve beschauete
ihn nahe mit einer ungewissen dunkeln AugenGlut die er am Ende nicht länger
vertrug weil sie ebensogut vom Hasse als von der Liebe angezündet sein konnte
so wie Sonnenflecken bald Gruben bald Gebürgen ähnlich schienen
Eilf Uhr war vorbei er entwich plötzlich den heißen Blicken und dem
kreischenden Gedränge und begab sich auf den Weg zum Herzen ohne Brust
51 Zykel
Indes er am Tore auf seinen Degen wartete lief eine Gruppe neuer Masken
meistens Repräsentanten der Leblosigkeit zB ein Stiefel ein Perückenstock
usw in die Stadt und sie guckten verwundert den fremden weißen langen
Ritter an Er nahm den Degen mit aber nicht den Bedienten Übrigens ließ ihm
sein Charakter bei aller Gefahr worein der Besuch eines abgelegnen düstern
Katakombenganges und das fremde Vorauswissen dieses Besuches ihn stürzen konnte
doch keine andre Wahl als die getroffne nein er hätte sich lieber morden
lassen als vor seinem Vater geschämt
Wie stieg dein Geist empor gleich einem Blitze der aufwärts gegen den
Himmel hineinschlägt als die große Nacht mit ihrem Heiligenscheine aus Sternen
aufgerichtet vor dir war Unter dem Himmel gibt es keine Angst nur unter der
Erde Breite Schatten legten sich ihm in den Weg nach Elysium den am Sonntage
Tautropfen und Schmetterlinge färbten In der Ferne wuchsen feurige Zacken aus
der Erde und gingen es war der Leichenwagen mit den Fackeln in der tiefen
Straße Als er an den Scheideweg kam der durch die Schlossruinen in den Tartarus
führt sah er sich nach dem Zauberhaine um auf dessen gewundner Brücke ihm
Leben und Freudenlieder begegnet waren alles war stumm darin und nur ein
langer grauer Raubvogel wahrscheinlich ein papierner Drache drehte sich
darüber hin und her
Er kam durch das alte Schloss in einen abgesägten Baumgarten gleichsam ein
Baumkirchhof dann in einen bleichen Wald voll abgeschälter Maienbäume die alle
mit verblühten Bändern und erblassten Fahnen gegen das Elysium sahen ein
verdorrter Lustain so vieler Freudentage Einige Windmühlen griffen mit langen
Schattenarmen dazwischen um immer zu fassen und zu schwinden
Ungestüm lief Albano eine von Überhängen verfinsterte Treppe hinab und kam
auf ein altes Schlachtfeld eine dunkle Wüste mit einer schwarzen Mauer nur
von weißen Gipsköpfen durchbrochen die in der Erde standen als wollten sie
versinken oder auferstehen ein Turm voll blinder Tore und blinder Fenster
stand in der Mitte und die einsame Uhr darin sprach mit sich selber und wollte
mit der hin und hergeführten eisernen Rute die immer wieder zusammenrinnende
Welle der Zeit auseinanderteilen sie schlug drei Viertel auf 12 Uhr und tief
im Walde murmelte der Widerhall wie im Schlafe und sagte noch einmal leise den
entfliegenden Menschen die fliegende Zeit Der Weg umlief im ewigen Kreise ohne
Pforte die Gottesackermauer Alban musste nach der Nachricht eine Stelle an ihr
suchen wo es unter ihm brausete und schwankte
Endlich trat er auf einen mit ihm sinkenden Stein da fiel ein Ausschnitt
der Mauer um und ein verstrickter Wald aus Baumklumpen deren Stämme sich in
Buschwerk einwickelten war vor jeden Strahl des Mondes gewälzt Als er unter
der Pforte sich umsah hing über der schattigen Treppe ein bleicher Kopf gleich
einer Büste des Mordfeldes und ging ohne Körper herab und die verbluteten Toten
schienen aufzuwachen und ihm nachzulaufen der kalte Höllenstein des Schauders
zog sein Herz zusammen er stand der Leichenkopf schwebte unbeweglich über
der letzten Staffel
Auf einmal sog das Herz wieder warmes Blut er wandte sich gegen den
unförmlichen Wald mit gezogenem Degen weil er sein Leben neben dem bewaffneten
Tode vorbeitrug Er folgte in der Finsternis der grünenden Türme dem Getöse des
unterirdischen Flusses und dem Wiegen des Bodens Zum Unglück sah er sich wieder
um und der Leichenkopf stand noch hinter ihm aber hoch in den Lüften auf dem
Rumpfe eines Riesen Der höchste Schauer trieb ihn allzeit mit zugedrückten
Augen auf ein Schreckbild los er rief zweimal durch den hallenden Wald »Wer
ist da« Aber als jetzt auf einmal ein zweiter Kopf neben dem ersten zu stehen
schien so klebte seine Hand an dem eiskalten Schloss der Pforte der Totenwelt
gefroren an und er riss sie blutig ab
Er floh und stürzte durch immer dichtere Zweige endlich hinaus in einen
freien Garten und in den Glanz des Mondes hier ach hier als er den heiligen
unsterblichen Himmel und die reichen Sterne im Norden wieder schimmern sah die
nie auf und untergehen den PolStern und Friedrichs Ehre die Bären und den
Drachen und den Wagen und Kassiopeja die ihn mild wie mit den hellen winkenden
Augen ewiger Geister anblickten da fragte der Geist sich selber »Wer kann mich
ergreifen ich bin ein Geist unter Geistern« und der Mut der Unsterblichkeit
schlug wieder in der warmen Brust
Aber welcher sonderbare Garten Große und kleine blumenlose Beete voll
Rosmarin Raute und Taxus zerstückten ihn ein Kreis von Trauerbirken umgab wie
ein Leichengefolge gesenkt den stummen Platz unter dem Garten murmelte der
begrabne Bach und in der Mitte stand ein weißer Altar neben welchem ein
Mensch lag
Albano wurde gestärkt durch die gemeine Kleidung und durch den
Handwerksbündel worauf der Schläfer ausruhte er trat ganz dicht an ihn und las
die goldne Inschrift des Altars »Nimm mein letztes Opfer Allgütiger« Das
Herz des Fürsten sollte hier zur Asche werden im Altare
Ach nach diesen starren Szenen linderte es seine Seele bis zu Tränen hier
Menschenworte zu finden und einen Menschenschlaf und die Erinnerung an Gott
aber als er gerührt dem Schläfer zusah sagte ihm plötzlich die Schwesterstimme
die er auf Isola bella gehört leise ins Ohr »Linda de Romeiro geb ich dir«
»Ach guter Gott« rief er und fuhr herum und nichts war um ihn und er hielt
sich an die Altarecke »Linda de Romeiro geb ich dir« sagte es wieder
fürchterlich packte ihn der Gedanke der schwebende Leichenkopf rede neben ihm
und er riss am festen Schläfer der nicht erwachte und riss und rief noch
gewaltsamer als die Stimme zum dritten Male sprach
»Wie« sagte der Schlaftrunkene »Gleich Was will Er Sie« und
richtete sich unwillig und gähnend auf aber er fiel bei dem Anblicke des
nackten Degens wieder auf die Knie und sagte »Barmherzigkeit ich will ja alles
hergeben«
»Zesara« rief es im Walde »Zesara wo bist du« und er hörte seine eigne
Stimme aber kühn rief er nun zurück »Am Altare« Eine schwarze Gestalt drang
heraus mit einer weißen Maske in der Hand und stockte im Mondlichte vor der
bewaffneten da erkannte endlich Albano den Bruder Lianens nach dem er so lange
gelechzet er schleuderte den Degen zurück und lief ihm entgegen Roquairol
stand stumm bleich und mit einer erhabenen Ruhe auf dem Gesichte vor ihm
Albano blieb nahe stehen und sagte gerührt »Hast du mich gesucht Karl«
Roquairol nickte stumm und hatte Tränen in den Augen und öffnete die Arme Ach
da konnte der selige Mensch mit allen Flammen und Tränen der Liebe an die
langgeliebte Seele stürzen und er sagte unaufhörlich »Nun haben wir uns nun
haben wir uns« Und immer heftiger umschlang er ihn wie den Pfeiler seiner
Zukunft und strömte in Tränen hin weil ja nun die verschlossene Liebe so langer
Jahre und so viele zugedrückte Quellen des armen Herzens auf einmal fließen
durften Roquairol drückte ihn nur zitternd an sich und leise mit einem Arme
und sagte aber ohne Heftigkeit »Ich bin ein Sterbender und das ist mein
Gesicht« indem er die gelbe Totenmaske emporhielt »aber ich habe meinen
Albano und ich sterbe an ihm«
Sie verstrickten sich wild das Mark des Lebens die Liebe durchdrang sie
schöpferisch der Boden über dem rollenden Erdenflusse wankte heftiger und
der Sternenhimmel zog mit dem weißen Zauberrauche seiner zitternden Sterne um
die magische Glut
Ach ihr Glücklichen
52 Zykel
Einige Menschen werden verbunden geboren ihr erstes Finden ist nur ein zweites
und sie bringen sich dann als zu lange Getrennte nicht nur eine Zukunft zu
sondern auch eine Vergangenheit die letztere forderten einander die
Glücklichen ungeduldig ab Roquairol antwortete auf Albans Frage wie er hieher
komme mit Feuer »er sei ihm diesen ganzen Abend gefolgt er habe ihn am
Fenster unter dem Leichengepränge so peinlichschmachtend angeschauet und beinahe
umarmen müssen er sei schon vorhin dicht an ihm gestanden und habe auf seine
Frage wer da sogleich die Maske abgetan« Jetzt griff wieder Albanos
gefallner Arm straff durch das dünne Schattenspiel der Geisterfurcht da er nun
erfuhr der zweiköpfige Riese sei bloß vom optischvergrössernden Wahne der Ferne
einer so nahen Gestalt erwachsen und der Leichenkopf habe auf der Treppe seinen
Rumpf nur eingebüßt durch die finsteren Überhänge und durch die schwarze
Bekleidung sogar die harte Geisterszene am Altare schien ihm jetzt
bezwinglicher durch den reichen Gewinst der lebendigen Liebe
Roquairol fragte ihn welche Qual oder Freude ihn in der Mitternacht hierher
auf einen herrnhutischen Gottesacker getrieben und wohin er den Menschen mit dem
Degen abgeschickt Albano wars unbekannt dass hier Herrnhuter ruhen und ebenso
hatt er den wahrscheinlich aus Furcht des Gebrauchs verübten Diebstahl des
Degens nicht bemerkt Er antwortete »Meine tote Schwester wollte am Altare mit
mir reden und sie hat geredet« aber er fürchtete sich mehr davon zu sprechen
Da änderte sich plötzlich Roquairols Gesicht er starrte ihn an und forderte
Beteuerung und Erklärung unter dieser schaute er in die Luft als wollt er
aus ihr durch Blicke Gesichter ziehen und sagte indem er doch Albano ansah
eintönig »Tote Tote rede wieder« Aber nur der Totenfluss redete unter ihnen
fort und nichts weiter Aber er warf sich vor dem Altare auf die Knie und sagte
vermessen und doch mit bebenden Lippen »Spring auf Geisterpforte und zeige
deine durchsichtige Welt ich fürcht euch Durchsichtige nicht ich werde einer
von euch wenn ihr erscheint und gehe mit und erscheine auch« »O mein Guter
lasse nach« bat Albano nicht nur aus Gottesfurcht auch aus Liebe denn ein
Zufall ein vorüberschiessender Nachtvogel konnte sie ja durch ein Entsetzen
töten auch stand dieses Entsetzen nicht weit von ihnen denn auf der
erleuchteten Seite der Trauerbirken trat eine majestätische weiße alte Gestalt
heraus Aber da Roquairol durch Wein und Phantasie wahnsinnig die sterbende
Larve in die Lüfte reichte und gegen das Grab des Herzens sagte »Nimm dieses
Gesicht wenn du keines hast alter Mann und blicke mich an hinter ihr« so riss
ihn Albano auf die weiße Gestalt trat mit gebücktem Kopfe und gefalteten Händen
in die Zweige zurück der runde Turm auf dem Schlachtfelde schlug die Stunde
aus und die träumende Gegend schlug sie murmelnd nach
»Komm an mein warmes Herz du heftige Seele o dass ich dich gerade an
meinem Geburtstage in meiner Geburtsstunde erhalten durfte« Dieser Laut
schmolz auf einmal den immer wechselnden Menschen und er hing sich mit nassen
Freudenaugen an ihn und sagte » und bis in unsre Sterbestunden hinein O sieh
mich nicht an du Unveränderlicher weil ich so schwankend und gebrochen
erscheine in den Wogen des Lebens bricht sich und ringelt sich der Mensch wie
der Stab im Wasser flattert aber das Ich steht doch fest wie der Stab Ich
will dir folgen in andre Orte des Tartarus aber erzähle auch die Geschichte«
Diese Geschichte geben hieß ein Allerheiligstes des Innern oder auch einen
Sarg dem Tageslichte öffnen aber glaubt ihr dass Albano sich eine Minute
bedachte Oder ihr selber Wir sind alle bessere offnere wärmere Freunde
als wir wissen und zeigen es begegne euch nur der rechte Geist wie ihn die
dürstende Liebe ewig fordert rein groß hell und zart und warm dann gebt ihr
ihm alles und liebt ihn ohne Maß weil er ohne Fehler ist Albano fand in diesem
Fremdlinge den ersten Menschen der sein ganzes Herz mit gleichen Tönen
erwiderte das erste Auge das seine schüchternen Gefühle nicht flohen eine
Seele vor deren erster Träne aus seinem ganzen künftigen Leben Blumen auffuhren
wie aus den trocknen Wüsten heißer Länder unter der Regenzeit daher gab die
Liebe seinem starken Geiste nur die gleiche weite Bewegung eines Meeres indes
der obwohl Ältere und länger gebildete Freund ein Strom mit Wasserfällen war
Karl führte ihn in die sogenannte Katakombe indes er der Geistergeschichte
von Isola bella zuhörte aber von der vorigen erschöpft mit fallender Furcht
Ein ödes verkohltes Tal voll offener verfallner Schachte sonnte sich grau im
Mondscheine aus dem Walde kroch unter ihren Füßen der Totenfluss hervor und
sprang auf eine steinerne Treppe in die Katakomben hinein beide folgten ihm auf
einer darneben Der Eingang trug als Stirnblatt ein altes Zifferblatt wovon
einmal der Donner gerade die Stunde Eins weggeschlagen »Eins« sagte Alban
»Sonderbar Gerade unsre künftige Stunde«
Wie abenteuerlich zieht sich die Katakombe fort Der lange Totenfluss murmelt
verfinstert tief hinein und blitzt zuweilen unter dem silbernen Dampfe den das
Mondlicht durch die Schachtlöcher hereintreibt feste Tiere Pferde Hunde
Vögel stehen saufend am finsteren Ufer nämlich ihre ausgepolsterten Häute
schmale von der Zeit geschleifte Leichensteine mit wenigen Namen und Gliedern
sind das Pflaster an einer hellern Nische lieset man dass hier eine Nonne
eingemauert gewesen in einer andern steht das vererzte Skelett eines
verschütteten Bergmanns mit vergoldeten Rippen und Schenkeln an zerstreueten
Orten waren schwarze Papierherzen arkebusierter Menschen und Blumensträusser
armer Sünder gesammlet die Rute die einen Begnadigten durch Bestreifen
getötet eine gläserne Büste mit einem Phosphorpunkte im Wasser Westerhemdchen
und andre KinderKleider und Spielwaren und ein Zwergskelett
Als ihm Roquairols erklärende Worte dessen Lebensweg immer in Grüfte hinab
und auf Gräber hinauflief das Leben immer durchsichtiger und flitterhafter
schlugen so fuhr Zesara nach seiner Art auf einmal kopfschüttelnd die Brust
vorhebend in den Sand einstampfend und fluchend was er leicht im Erschrecken
und in großer Rührung tat mit den Worten auf »Beim Teufel Du zerdrückst mir
und dir die Brust Es ist ja nicht so Sind wir nicht beisammen Hab ich nicht
deine warme lebendige Hand Brennt in uns nicht das Feuer der Unsterblichkeit
Ausgebrannte Kohlen sind diese Gebeine und weiter nichts und das himmlische
Feuer das sie zerlegte hat wieder andres Brennholz ergriffen und lodert fort
O« setzt er wie getröstet dazu und trat in den Bach und blickte durch die
SchachtÖffnung zum reichen Monde empor der vom Himmel herunterströmte und
seine großen Augen standen voll Glanz »o es ist ein Himmel und eine
Unsterblichkeit wir bleiben nicht in der dunkeln Höhle des Lebens wir ziehen
auch durch den Äther wie du du glänzende Welt«
»Ach du Herrlicher« sagte Karl dessen Seele aus Seelen bestand »ich will
dich nun auch zu einer frohern Stelle bringen« Sie waren kaum acht Schritte
weg als es sich hinter ihnen verdunkelte und ein oben hereingeworfener Degen
aufrecht mit der Spitze in den Sand der Wellen fuhr »O du höllischer Teufel
droben« rief der ergrimmte Roquairol aber Alban wurde weich über die eiserne
Jungfrau der Sterbensstunde die so nahe an ihm die scharfen Arme
zusammengeschlagen hatte Sie fassten sich wärmer und gingen still und bange
einem leisen Getöne und einem Grabhügel entgegen Sie setzten sich auf ihn
gegenüber einem mit der quälenden Katakombe einen rechten Winkel bildenden Gang
den grünes Moos auslaubte und dessen Länge die zerbröckelten Funken von faulem
Holze bezeichneten Er verlor sich in eine offene Pforte und Aussicht ins
Elysium von welchem nur die weißen Gipfel einiger Silberpappeln zu erkennen
waren und in der Ferne sah man das Frühlingsrot der Mitternacht am Himmel
blühen und zwei Sterne blitzten darüber Doch wurde die Pforte vergittert und
bewacht durch ein Skelett mit einer Äolsharfe in der Hand das auf ihr die
dünnen Molltöne zu greifen schien mit denen jetzt der Zugwind in die Höhle
floss
»Erzähle hier« sagte Karl an der schönen Stelle und neugieriger durch den
Mörderwurf von Albans Degen »das Heutige aus« Albano berichtete ihm redlich
das Wort der Schwesterstimme »Linda de Romeiro geb ich dir« Er dachte im
Geräusche seines Innern nicht an die Anekdote dass ja Karl für eben diese als
Knabe sterben wollen »Die Romeiro« fuhr dieser auf »Sei still O diese
Spielender Scharfrichter du Schicksal Warum sie und heute Ach Albano für
diese ging ich früh dem Tode entgegen« fuhr er weinend fort und sank ihm an
die Brust »und darauf ist mein Herz so schlecht geworden weil ich sie verloren
habe Nimm sie nur hin denn du bist ein reiner Geist die herrliche Gestalt
die dir auf dem Meere erschien so sieht sie aus oder jetzt noch schöner
Ach Albano« Dieser edle Mensch erschrak über die Verwickelung und über das
Schicksal und sagte »Nein nein du lieber Karl du denkst über alles ganz
falsch«
Plötzlich war es als tönten alle Gestirne und ein melodisches Geisterchor
dränge unsichtbar durch die Pforte herein Albano war betroffen »Nichts lass
es« sagte Karl »Es ist das Skelett nicht der fromme Vater geht im Flötentale
und zieht jetzt seine Flöten weil er betet Aber wie sagst du ich dächte
über alles falsch« »Wie« wiederholte Albano und konnte im zauberischen
Kreise dieser Nachklänge die den Sonntagsmorgen allmächtig wiederbrachten
nicht denken und reden Wehten denn nicht die Silberpappeln an den Sternen hin
und her und Rosenwolken lagerten sich um den Himmel und das ganze Elysium zog
offen vorüber mit den Lauten die es durchschwebet mit den Tränen die es
benetzet hatten und mit den Träumen die kein Herz vergisset und mit der
heiligen Gestalt die ewig in seinem bleibt Die Hand ihres Bruders hielt er
jetzt so fest der Liebe und der Freundschaft diesen zwei Brennpunkten in der
Ellipse der Lebensbahn war er so nahe ungestüm umfassete er den Bruder mit
den Worten »Bei Gott sag ich dir die so du genannt geht mich nichts an
und sie wird es nie«
»Aber Albano du kennst sie ja nicht« sagte Karl viel zu hart
fortfragend denn der edle Jüngling neben ihm war zu blöde und zu fest dem
Verwandten der Geliebten einem Fremden viel leichter das Heiligtum seiner
Wünsche aufzuschließen »O martere du mich nicht« antwortete er empfindlich
aber er setzte sanfter hinzu »glaube mir doch das erstemal mein guter
Bruder« Karl gab ebenso selten nach wie er und sagte obwohl den Fragton
verschluckend und recht liebend doch dieses »Bei meiner Seligkeit ich tu es
und mit Freude ein Herz muss herrlichgeliebt und göttlichglücklich sein das
ein solches entbehren kann« Ach weiß denn das Albano Nur schweigend lehnt
er sich mit der Feuerwange voll Rosen an Lianens Bruder verschämt das
Erforschen scheuend bloß als die schwindenden Rufe des Flötentals sich wie
Seufzer in seiner Brust versammelten und ihn zu oft erinnerten wie der
Sonntagsmorgen schloss wie Liane wich und wie er ihr mit nassen dunkeln Blicken
vom Altare nachsah so brach sein Auge obwohl nicht sein Herz und er weinte
heftig aber schweigend an seinem ersten Freunde
Dann kehrten sie mit stummen Seelen nach Hause und schaueten sinnend den
langen schwindenden Wegen der Zukunft nach und als sie schieden fühlten sie
wohl dass sie sich recht von Herzen liebten nämlich recht schmerzlich
Am Morgen darauf lag der fromme Vater an einer Erschütterung darnieder die
mehr selig als traurig war denn er sagte er habe in der Nacht seinen Freund
den verstorbenen Fürsten weissgekleidet im Tartarus gehen sehen
Ende des ersten Bandes
Zweiter Band
Zehnte Jobelperiode
Roquairols advocatus diaboli der Feiertag der Freundschaft
53 Zykel
Nicht nach den Kinderjahren sondern nach der Jünglingszeit würden wir uns am
sehnsüchtigsten umkehren wenn wir aus dieser so unschuldig wie aus jenen
herkämen Sie ist unser Lebensfesttag wo alle Gassen voll Klang und Putz sind
und um alle Häuser goldne Tapeten hängen und wo Dasein Kunst und Tugend uns
noch als sanfte Göttinnen mit Liebkosungen locken die uns im Alter als strenge
Götter mit Geboten rufen Und in dieser Zeit wohnt die Freundschaft noch im
heiter offenen griechischen Tempel nicht wie später in einer engen gotischen
Kapelle
Herrlich und reich schimmerte jetzt um Albano das Leben mit Inseln und
Schiffen bedeckt er hatte die ganze Brust voll Freundschaft und Jugend und
durfte die drängende Kraft der Liebe die auf Isola bella an einer Statue am
Vater zurückprallte nun ungebändigt und fröhlich auf einen Menschen stürmen
lassen der ihm völlig so erschien wie ihn der Jünglingstraum entwirft Er
konnte keinen Tag von Karl lassen er deckte ihm seine Seele auf und sein
ganzes Leben nur Lianens Name stieg tiefer in sein Herz zurück alle
Vorbilder der Freundschaft unter den Alten wollt er nachbilden und erneuern und
alles tun und leiden für seinen Geliebten sein Dasein war jetzt ein
Doppelchor er trank jedes Glück mit zwei Herzen sein Leben schloss ein
doppelter Himmel in lauter Äther ein
Als er am andern Tage die befreundete feste Gestalt antraf die ihm aus dem
nächtlichen Spektakelstück der Geisterwelt übrig geblieben war wie ein blasser
Mond aus den weggelöschten Sternen der Nacht und als er sie so kahlköpfig und
bleich fand wie die feurige ÄtnasRauchsäule am Tage grau aufsteigt so sah
er gleichsam den vorigen Selbstmörder vor sich stehen freier aber desto wärmer
reicht er dem einsamen Wesen das nach dem Sprunge über das Leben nur noch auf
seinem Grabe wie auf einem fernen Eiland wohnte die Hand hinüber Andere ziehen
sie eben darum weg der gestörte Selbstmörder der das schöne feste Leben
durchrissen kehrt aus seiner Todesstunde als ein fremder unheimlicher Geist
zurück dem wir nicht mehr trauen können weil er in seiner Ungebundenheit jede
Minute das wegwerfende Spiel mit der Menschengestalt wieder treiben kann.
Daher sah Albano im chaotischen Leben des Hauptmanns nur die Unordnung eines
Wesens das einpackt und auszieht Als er das erstemal in dessen Sommerstube
trat so hatt er freilich darin eine Bedienten eine teatralische Anziehstube
und ein Offizierszelt auf einmal vor sich Auf der Tafel lagen verworrene
Völkerschaften von Büchern wie auf einem Schlachtfeld und auf Schillers
Tragödien das hippokratische Gesicht von der Redoute und auf dem Hofkalender
eine Pistole das Bücherbrett bewohnte die Degenkuppel neben ihrer Seifenkugel
aus Kreide ein Schokoladequerl ein leerer Leuchter eine Pomadebüchse
Fidibus das nasse Handtuch und die eingetrocknete Mundtasse das Glashaus der
ausgelaufenen Standuhr und der Wasch und der Schreibtisch standen offen auf
welchem letztern ich mit Erstaunen umsonst nach Unterlage und Streusand suche
der Pudermantel lehnte sich in der Ottomane zurück und ein langes Halstuch ritt
auf dem Ofenschirm und das Hirschgeweihe an der Wand hatte zwei Federhüte aufs
rechte und linke Ohr geschoben Briefe und Visitenkarten waren wie
Schmetterlinge an die Fenstervorhänge gespiesset Ich wäre nicht fähig darin ein
Billet zu schreiben geschweige einen Zykel
Gibt es aber nicht ein sonnenhelles freiflatterndes Alter wo man alles
gerne sieht was reisefertige Unruhe Abbrechen der Zelte und Nomadenfreiheit
verkündigt und wo man mit Dank in einem Reisewagen haushielte und darin
schriebe und schliefe Und hält man nicht in diesen Jahren gerade eine solche
Studentenstube für geistiges Studentengut des Genies und jedes Chaos für ein
infusorisches voll Leben Man gönne meinem Helden diese irrende Zeit es hielt
ihn doch etwas Edles in seiner Natur zurück aus einem Lobredner ein Nachahmer
zu werden
Wie nach einem weggeschmolznen Nachwinter auf einmal die grüne Erdendecke in
Blumen und Blüten hoch aufflattert so fuhr in der warmen Luft der Freundschaft
und Phantasie auf einmal Albanos Wesen üppig blühend und grünend aus Karl hatte
und kannte alle Zustände des Herzens er erschuf sie spielend in sich und
andern er war ein zweites Sanenland das alle Klimate von Frankreich bis Nova
Sembla beherbergt und worin eben darum jeder seines findet er war für andere
alles wiewohl für sich nichts Er konnte sich in jeden Charakter werfen
wiewohl ihm eben darum zuweilen einkam bloß den bequemsten durchzusetzen Die
Gurt Brust Schwanzund Sattelriemen des höfischen kleinstädtischen und
bürgerlichen Lebens hatte sein Buzephalus längst abgesprengt und wenn sich der
Graf jeden Tag über den SprachLaufzaum des Lektors ärgerte der alles richtig
sagte Kanaster statt Knaster Juften statt Juchten funfzig statt fufzig und
barbieren welches R ich selber für eine dumme Härte halte so war Roquairol
ein Freidenker bis zum renommistischen Freiredner und sprach nach seinem eignen
Ausdruck der zugleich das Beispiel war »von der Leber und vom Maule weg« Dem
Grafen klebte zu seinem Verdruss eine gewisse epische von Büchern anerzogene
SprachWürde an Sie überdachten und verwünschten oft miteinander das
erbärmliche GlatzenLeben das man hätte wenn man wie der Lektor als ein
wohlgewachsener Staatsbürger von Extraktion dahinlebte Konduite und einen
sauberen Anzug hätte und hübsche nicht unebene Kenntnisse von mehreren Fächern
und zur Erholung seinen Tischwein und Geschmack an trefflichen Maler und andern
Meistern und wenn man zu höheren Posten avancierte bloß um von da aus zu noch
höheren aufzusteigen und man so nach allem diesen sich frisiert und gewaschen in
den Sarg streckte damit doch die gigantische Körperwelt ihren Pestitzer auch
der erhabenen Geisterwelt einhändige Nein sagte Albano lieber wirf eine
schwarze Bergkette von Schmerzen ins platte Leben damit nur eine Aussicht
dasteht und etwas Großes
Aber Roquairol war nicht der der er ihm schien die Freundschaft hat ihre
Täuschungen wie die Liebe und oft wenn er diesen liebestrunknen hochherzigen
Jüngling mit keuschen Mädchenwangen und stolzer Männerstirn der ein solches
Vertrauen auf seine wankende Seele setzte und dessen Herz so weit offen stand
und an dessen Phantasie sogar er die Heiligkeit beneidete lang anblickte so
rührte ihn die Täuschung des Edelen bis zum Schmerz und sein Herz drängte sich
vor und wollte ihm mit Tränen sagen Albano ich bin deiner nicht wert Aber
dann verlier ich ihn setzt er allemal hinzu denn er scheuete die moralische
Ortodoxie und die Entschiedenheit eines Mannes der nicht wie ein Mädchen
spielend zu erzürnen und wieder zu gewinnen war
Und doch kam der wichtige Tag für beide wo ers tat Wie hätt er je der
Phantasie widerstanden da er nur durch Phantasie widerstand Ich tu ihm halb
unrecht hört den bessern Engel der seinen Mund aufschloss
Roquairol ist ein Kind und Opfer des Jahrhunderts Wie die vornehmen
Jünglinge unserer Zeit so früh und so reich mit den Rosen der Freude überlaubt
werden dass sie wie die Gewürzinsulaner den Geruch verlieren und nun die Rosen
zum SybaritenPolster unterbetten Rosensirup trinken und in Rosenöl sich baden
bis ihnen davon nichts zum Reiz mehr dasteht als die Dornen so werden die
meisten und oft dieselben von ihren philantropischen Lehrern anfangs mit
den Früchten der Erkenntnis vollgefüttert dass sie bald nur die honigdicken
Extrakte begehren dann den ApfelWein und Birnmost davon bis sie sich endlich
mit den gebrannten Wassern daraus zersetzen Haben sie noch dazu wie Roquairol
eine Phantasie die ihr Leben zu einem Naphtaboden macht aus welchem jeder
Fußtritt Feuer zieht so wird die Flamme worein die Wissenschaften geworfen
werden und die Verzehrung noch größer Für diese Abgebrannten des Lebens gibt
es dann keine neue Freude und keine neue Wahrheit mehr und sie haben keine alte
ganz und frisch eine vertrocknete Zukunft voll Hochmut Lebensekel Unglauben
und Widerspruch liegt um sie her Nur noch der Flügel der Phantasie zuckt an
ihrer Leiche
Armer Karl Du tatest noch mehr Nicht bloß die Wahrheiten auch die
Empfindungen antizipierte er Alle herrliche Zustände der Menschheit alle
Bewegungen in welche die Liebe und die Freundschaft und die Natur das Herz
erheben alle diese durchging er früher in Gedichten als im Leben früher als
Schauspieler und Teaterdichter denn als Mensch früher in der Sonnenseite der
Phantasie als in der Wetterseite der Wirklichkeit daher als sie endlich
lebendig in seiner Brust erschienen konnt er besonnen sie ergreifen regieren
ertöten und gut ausstopfen für die Eisgrube der künftigen Erinnerung Die
unglückliche Liebe für Linda de Romeiro die ihn später vielleicht gestählet
hätte öffnete so früh alle Adern seines Herzens und badete es warm im eignen
Blute er stürzte sich in gute und böse Zerstreuungen und Liebeshändel und
stellte hinterher alles auf dem Papier und Theater wieder dar was er bereuete
oder segnete und jede Darstellung höhlte ihn tiefer aus wie der Sonne von
ausgeworfenen Welten die Gruben blieben Sein Herz konnte die heiligen
Empfindungen nicht lassen aber sie waren eine neue Schwelgerei höchstens ein
Stärkungsmittel ein tonicum und gerade von ihrer Höhe lief der Weg zu den
Sümpfen der unheiligsten abschüssiger Wie im dramatischen Dichter engelreine
und schmutzige Zustände nebeneinander stehen und folgen so in seinem Leben er
fütterte wie in Surinam die Schweine mit Ananas gleich den älteren Giganten
hatter hebende Flügel und kriechende Schlangenfüsse
Unglücklich ist die weibliche Seele die sich in ein so großes mitten im
Himmel aufgespanntes Gewebe verfliegt und glücklich ist sie wenn sie sich
unvergiftet durchreisset und bloß die Bienenflügel beschmutzt Aber diese
allmächtige Phantasie diese strömende Liebe diese Weichheit und Stärke diese
erobernde Besonnenheit wird jede weibliche Psyche mit Gespinsten überziehen
sobald sie nicht die ersten Fäden wegschlägt Könnt ich euch warnen arme
Mädchen vor solchen Kunturs die mit euch in ihren Krallen auffliegen Der
Himmel unserer Tage hängt voll dieser Adler Sie lieben euch nicht aber sie
glauben es weil sie wie die Seligen in Muhammeds Paradies statt der verlorenen
LiebesArme nur Fittiche der Phantasie haben Sie sind gleich großen Strömen nur
am Ufer warm und in der Mitte kalt
Bald Schwärmer bald Libertin in der Liebe durchlief er den Wechsel
zwischen Äther und Schlamm immer schneller bis er beide vermischte Seine
Blüten stiegen am lackierten Blumenstabe des Ideals hinauf der aber farbenlos
im Boden verfaulte Erschreckt aber glaubt es er stürzte sich zuweilen
absichtlich in die Sünde und Marter hinab um sich drunten durch die Wunden der
Reue und Demut den Schwur der Rückkehr tiefer einzuschneiden wie etwan die
Ärzte Darwin und Sydenham behaupten dass stärkende Mittel China Stahl
Opium kräftiger wirken wenn vorher schwächende Aderlass Brechmittel etc
verschrieben worden
Äußere Verhältnisse hätten ihm vielleicht etwas helfen können und das
Gelübde der Armut hätt ihm die beiden andern erleichtert hätte man ihn als
Neger verkauft sein Geist wäre ein freier Weisser und ein Arbeitshaus ihm ein
Purgatorium geworden Daher gaben die ersten Christen den Besessenen immer
Geschäfte zB Kirchenausfegen87 usw Aber das müßige Offiziersleben
arbeitete ihn bloß noch eitler und kecker aus
So stand es in seiner Brust als er an Albanos seine kam Liebe
schwelgerisch aufjagend aber bloß um mit ihr zu spielen mit einem unwahren
Herzen dessen Gefühl mehr lyrisches Gedicht als wahres dichtes Wesen ist
unfähig wahr ja kaum falsch zu sein weil jede Wahrheit zur poetischen
Darstellung artete und diese wieder zu jener leichter vermögend auf der Bühne
und auf dem tragischen Schreibpult die wahre Sprache der Empfindung zu treffen
als im Leben wie Boileau nur Tänzer nachmachen konnte aber keinen Tanz
gleichgültig verschmähend und keck gegen das ausgeschöpfte stofflose Leben
worin alles Feste und Unentbehrliche Herzen und Freuden und Wahrheiten
zerschmolzen herumschwammen mit ruchloser Kraft vermögend alles zu wagen und
zu opfern was ein Mensch achtet weil er nichts achtete und immer nach seinem
eisernen Schutzheiligen umblickend nach dem Tode an seinen Entschlüssen
verzagend und sogar in seinen Irrtümern schwankend aber doch nur des
Stimmhammers und nicht der Stimmgabel der feinsten Moralität beraubt und mitten
im Brausen der Leidenschaft stehend im hellen Lichte der Besonnenheit wie der
Wasserscheue seinen Wahnsinn kennt und davor warnt
Nur ein guter Engel war nicht mit den andern entflohen die Freundschaft
Zur Liebe konnte sich sein so oft aufgeblähtes und zusammengefallenes Herz
schwer aufheben aber die Freundschaft hatt er noch nicht verschwendet Seine
Schwester hatt er bisher befreundet geliebt so brüderlich so ungehemmt so
wachsend Und jetzt tritt ihm Albano glänzendgewaffnet entgegen
Anfangs spielt er auch mit ihm lügend wie mit sich in der Redoute und im
Tartarus Er merkte bald dass ihn der ländliche Jüngling vor eignen Strahlen
falsch und geblendet sehe aber er wollte lieber den Irrtum wahrmachen als
benehmen Die Menschen und er gleichen der Quelle der Sonne neben dem Tempel
des Jupiter Ammon die am Morgen nur kalt war mittags lau abends warm
mitternachts heiß von den Tageszeiten hing er nun so sehr ab wie der rüstige
gesunde Albano so wenig der sich daher vorstellte ein großer Mann sei den
ganzen Tag vom Aufstehen bis zum Niederlegen groß wie die Heraldiker dem Adler
immer die Schwingen ausspreizen dass er selten am Morgen und meistens abends
zu Albano ging wenn die ganze Girandole seiner Kräfte und Gefühle brannte in
dem Weingeist den er vorher aus Flaschen zugegossen
Aber kennt ihr die Arzenei des Beispiels die Heilkraft der Bewunderung und
der seelenstärkenden Achtung »Es ist schändlich von mir« sagte Roquairol
»ist er nicht so gläubig und offen und bieder Nein die ganze Welt will ich
belügen nur seine Seele nicht « Solche Naturen wollen die Verheerung der
Menschheit durch Treue gegen einen vergüten Die Menschheit ist ein Sternbild
in welchem ein Stern oft die Hälfte des Bildes malet
Von dieser Stunde an stand sein Entschluss der herzlichsten Beichte und Busse
fest und Alban vor welchem das Leben noch nicht in einen Brei der Verwesung
zerlief sondern sich fest und scharf und organisch zergliederte und der nicht
wie Karl klagte dass ihn nichts recht erpacke und alles nur luftig umspüle
dieser sollte dessen kranken Wünschen Jugend wiederbringen und mit dem
unwandelbaren Sinn des reinen Jünglings und mit der Gefahr der Freundschaft
wollte Roquairol sich zwingen diesem das Wort der fruchttragenden Bereuung zu
halten das er sich selber zu oft gebrochen
Lasst uns ihm folgen in den Tag wo er alles sagt
54 Zykel
Einst kam Albano schon vormittags zum Hauptmann wo dieser sonst nach seiner
Sprache noch »ein von gestern herabgebranntes Lichtstümpfchen auf Stacheln« war
aber heute stand er brausendarbeitend wechselnd am Pianoforte und am
Schreibepult und war wie ein verdorrtes Infusionstierchen schon so früh der Rege
und Alte weil Wein genug aufgegossen war nämlich viel Voll Entzückung lief er
dem willkommnen Freunde zu Albano bracht ihm von Falterle die kindischen
Blätter der Liebe denn der Exerzitienmeister hatte nicht den Mut gehabt sie
ins Feuer zu werfen die er aus Blumenbühl an das unbekannte Herz geschrieben
Karl wäre darüber bis zu Tränen gerührt geworden wär ers nicht schon vor der
Ankunft gewesen Der Graf musste dableiben den ganzen Tag und alles versäumen
es war sein erster unordentlicher Tag komisch wars wie sich der sonst so
unbändige aber einer langen Gewohnheit täglicher Anstrengungen dienstbare
Jüngling gegen die kurze Meerstille worin er keine Schiffe trieb wie gegen
eine Sünde sträubte
Indessen wars himmlisch der tiefliegende Kindertag der ihn sonst
beflügelte wenn das Haus voll Gäste war und er wo er nur wollte kam wieder
herauf die Gespräche spielten und beschenkten mit allem was uns hebt und
bereichert alle Kräfte waren ohne Ketten und im trunknen Tanz Genialische
Menschen haben so viele Festtage als andere Werkeltage und daher ertragen jene
so schwer einen Trivial und SchlendriansSchalttag und vollends an solchen
Jünglingstagen Wenn ihm Karl tragische Gewitterwolken aus Shakespeare
Goethe Klinger Schiller vorführte und sich das Leben kolossalisch im
dichterischen Vergrösserungsspiegel beschauete so standen alle schlafenden
Riesen seines Innern auf sein Vater kam und seine Zukunft selber sein Freund
stand neu wie aus jener glänzenden phantastischen Kinderzeit herausgehoben da
wo er sich ihn in diesen Rollen vorgeträumt und in den innern Heldenzug wurde
sogar die Wolke die durch den Himmel schwamm und die über den Markt
wegmarschierende WachTruppe eingeschichtet Zu groß erschien ihm der Freund
weil er wie alle Jünglinge noch von Schauspielern und Dichtern glaubte dass sie
wie die Bergleute immer die Metalle in den Leib bekommen in denen sie arbeiten
Wie oft sagten beide in der JünglingsMetapher »Das Leben ist ein Traum« und
wurden bloß froher und wacher dadurch Der Greis sagt es anders Und die
schwarze Todespforte an welche Karl so gern hinführte wurde vor dem
Jünglingsauge eine Glastür hinter welcher das helle goldne Zeitalter des
verspäteten Herzens in unermesslichen Auen lag
Mädchen bekenn ich da ihre Gespräche zerstückter faktischer und
weniger berauschend sind erstehen statt eines solchen EdenParks einen
hübschen holländischen Garten gut zugeschnitten von Krebs und Damesscheren und
nachmittäglich dargereicht von der schwarzen Stunde die ihnen auf dem
Kaffee oder Teebrette das schmale schwarze Brett einiger übelen Nachreden ein
paar neue dasitzende Shawls einen wohlgewachsenen Menschen der mit einem
Testamente oder Trauschein vorbeigeht und letztlich die Hoffnung des häuslichen
Referats serviert Kommt zu den Jünglingen zurück
Gegen Abend bekam der Hauptmann ein rotes Billet »Es ist ganz gut« sagt
er zur Überbringerin und nickte »Wird nichts daraus Madame« sagt er sich
gegen Albano kehrend »Bruder wahre dich nur gegen Eheweiber Schnappe einmal
zum Spasse nach einem roten Schminkläppchen von ihnen flugs schieben sie dir die
Angelhaken in die Rückenhaut88 Der Haken sieben sind in meiner allein wie du
sie da siehst sesshaft« Das unschuldige Kind Albano Es nahm es für etwas
moralischGroßes die Freundschaft von sieben Eheweibern auf einmal zu
behaupten und wäre froh in Karls Fall gewesen er konnte das Schlimme nicht
finden dass die Freundinnen wie die Römer der Viktoria nämlich uns gern die
Flügel abschneiden damit die Gottheit nicht weiterfliege
An einem schönen Tag ist nichts so schön als sein Sonnenuntergang der Graf
schlug vor ins Abendrot hinauszureiten und auf der Höhe nach der Sonne zu
schauen Sie trabten durch die Straßen Karl zog bald vor einer schönen Nase
bald vor einem großen Augenpaar bald vor durchsichtigen Stirnlocken den großen
schiefsitzenden Hut ab Sie flogen in die Lindenallee die sich mit einer bunten
Lambris von Spaziersitzerinnen festlich putzte Ein großes feurig
durchblickendes Weib schritt im roten Shawl und gelben Kleide durch das
weibliche Blumenbeet hoch wie die Blumengöttin es war die Konzipientin des
roten Blattes sie war aber aufmerksamer auf den schönen Grafen als auf ihren
Freund An allen Wänden und Bäumen blühte das Rosenspalier des Abendrots Sie
brauseten die weiße Straße nach Blumenbühl hinauf an beiden Seiten schlug das
goldgrüne Meer des Frühlings die lebendigen Wellen eine geflügelte Welt
ruderte darin und die Vögel tauchten sich tief in die Blumen unter hinter den
Freunden brannte die Sonne und vor ihnen lag die Blumenbühler Höhe ganz
rosenrot Oben wandten sie die Pferde gegen die Sonne die hinter den Kuppeln
und Rauchsäulen der stolzbrennenden Stadt in fernen hellen Gärten ruhte
Nahegerückt lag die erleuchtete Erde um sie her und Albano konnte die weißen
Statuen auf Lianens Dach lebendig unter dem blühenden Gewölk erröten sehen Er
drängte sein Pferd an das fremde um die Hand auf Karls Achsel zu drücken und
so sahen sie schweigend zu wie die liebevolle Sonne die goldne Wolkenkrone
ablegte und mit dem flatternden Laubgewinde um die heiße Stirn ins Meer
hinunterzog Und als es dämmerte auf der Erde und glühte am Himmel und Albano
sich hinüberneigte und seinen Freund ans brennende Herz herüberzog so stieg das
Abendgeläute in Blumenbühl herauf »Und dort drunten« sagte Karl mit sanfter
Stimme und kehrte sich hin »liegt dein friedlich Blumenbühl wie ein stiller
Kirchhof deiner Kindertage Wie sind die Kinder glücklich Albano ach wie
sind die Kinder glücklich« »Sind wirs nicht« antwortete er mit freudigen
Tränen »Karl wie oft stand ich auf den Höhen an Abenden wie dieser und
streckte inbrünstig meine kindischen Hände aus nach dir und nach der Welt Nun
hab ichs ja alles Wahrlich du hast nicht recht« Aber er am brausenden
Ohrenklingen vergangner weiter Zeiten krank blieb taub gegen das Wort und
sagte»Nur die Wiegenlieder nur die zurücktönenden Wiegenlieder schläfern die
Seele ein wenn sie heiß geweinet hat«
Stiller und langsamer ritten sie zurück Albano trug eine neue Welt der
Liebe und der Wonne in der Brust und der Jüngling noch nicht ein Schuldner
der Vergangenheit sondern ein Gast der Gegenwart sank vom langen Jubel des
Tags süß abgespannt in helldunkle Träume unter gleichsam ein hoher Raubvogel
still auf entzücktoffenen Schwingen hängend
»Wir wollen die ganze Nacht bei Ratto bleiben« sagte Karl in der Stadt
55 Zykel
Sie stiegen in Rattos italienischen Keller hinunter Das Haus kam anfangs nach
dem Anblicke der weiten Natur dem Grafen wie ein Felsenstück darübergewälzt vor
wiewohl ja jedes Stockwerk unter architektonischen Lasten liegt aber das
schwere Gefühl des unterirdischen Zwingers vergaß sich bald und sonderbar klang
in die welsche Grube das hohe Rasseln der Wagen herein Der Hauptmann bestellte
einen Punch royal Wenn er so fortfährt in seiner guten Feuerordnung und
immer ein volles Gefäß im Hause hat als Löschanstalt und die Schlangenspritzen
probiert so kann mein Buch nie der Vorwurf treffen dass man darin wie im
Grandison zuviel Tee konsumiere eher zuviel starkes Getränk geht auf
Schoppe saß im welschen Souterrain Er liebte den Hauptmann nicht weil sein
unversöhnliches Auge an ihm zwei ihm herzlich unleidliche Fehler auswitterte
»das chronische Geschwür der Eitelkeit und ein unheiliges Schlemmen und Prassen
in Gefühlen« Karl gab die Abneigung zurück die heißesten Wellen seines
Enthusiasmus setzten sogleich vor des Titularbibliotekars Gesichte Eisspiesse
an Nur heute nicht Er trank so hinlänglich vom Königspunsch wovon ein paar
Gläser durch alle Köpfe des Briareus oder der lernäischen Schlange durchbrennen
konnten dass er dann alles sagte sogar das Fromme »Bei Gott« sagt er
sich im BetesdaTeich durch Herausschöpfen heilend »da es doch Lumperei mit
dem Besserwerden ist so sollte man sich etwas vor die Stirn drücken damit der
gehetzte Geist nur einmal loskäme von seinen Wunden und Sünden« »Von Sünden«
sagte Schoppe »Läuse und Bandwürmer der bessern Art werden allerdings aus
meinem Gebiet auswandern wenn ich mich kalt mache aber die schlimmen trägt
mein innerer Mensch gewiss mit hinauf Beim Henker wer sagt Euch denn dass dort
der ganze hiesige ArmesündersKirchhof auf einmal als eine unsichtbare Kirche
voll Märtyrer und Sokratesse einziehen werde und jedes Bedlam als eine Loge zum
hohen Licht Ich dachte heute ans andere Leben als ich eine Frau auf dem
Markte mit fünf Schweinchen sah die sie jedes mit einem Strick am Bein vor
sich hertreiben wollte die ihr aber wie elektrische Strahlenbüschel
auseinanderfuhren jetzt schon sagt ich mit unsern wenigen Kräften und
Wünschen die das kultivierende Säkulum im quintuplo stellte geht es uns schon
so erbärmlich wie der Frau mit ihrer Kuppel wenn wir nun vollends zehn und mehr
neue Ferkel da die zweite Welt wie ein Amerika doch neue Objekte und Wünsche
bringen muss an den Strick bekommen wie will da der Ephorus amtieren Auf
größere unbeschreibliche Nöten Lehnsfrevel und Oppositionen mach ich mich da
gefasst« Aber Roquairol war in seiner roten Lohe er setzte sich über Schoppe
und sich hinweg und leugnete die Unsterblichkeit geradezu um Schoppen zu
parodieren »Ein einziger Mensch« sagt er »glaubte seinetwegen allein
schwerlich die Unsterblichkeit aber da er mehrere sieht hat er Mitleiden und
hält es der Mühe wert und glaubt die zweite Welt ist ein Monte testaccio aus
MenschenScherben Der Mensch kann Gott und dem Teufel künftig nicht näher
kommen als ers hier schon tat wie ein Wirtshausschild ist sein Revers so
bemalt wie sein Avers Aber wir brauchen die künstliche Zukunft zur Gegenwart
wenn wir noch so still schweben über unserem Schlamm so zappeln wir noch immer
wie stilliegende Karpfen mit den poetischen Flossen und Flügeln Daher müssen
wir den künftigen Paradiesesgarten so herrlich anlegen dass nur Götter
hineinpassen aber so wie in Fürstengärten keine Hunde Lumperei ists Wir
schneiden uns verklärte Leiber zu die den Soldatenröcken gleichen Taschen und
Knopflöcher fehlen welche Freuden können sie denn fassen « Alban sah ihn
staunend an »Weißt du Albano was ich meine Just das Gegenteil« So leicht
wird der Phantasie alles auch Laune
Jetzt wurd er hinausgerufen Er kam zurück mit einem roten Billet Er warf
die Halsbinde um à la Hamlet war er dagesessen und sagte zu Albano in einer
Stunde flieg er zurück Unter der Schwelle stockt er noch sinnend ob er weg
solle dann lief er rasch die Treppe hinan
In Albano floss der Freudenbecher worein der ganze Tag zugeschüttet hatte
mit dem glänzenden Schaume einer schalkhaften Laune über Beim Himmel Die
Scherzhaftigkeit stand ihm so lieblich wie eine Rührung und er ging oft lange
ohne Sprechen schalkhaftlächelnd umher wie schlummernde Kinder lächeln wenn
wie man sagt mit ihnen Engel spielen
Roquairol kam wieder mit sonderbar empörten Augen er hatte wild in sein
Herz hineingestürmt er war schlecht gewesen um zu verzweifeln und unten auf
dem Abgrund kniend dem Freunde sein Leben zu bekennen Dieser so willkürliche
Mensch lag unwillkürlich auf den WindmühlenFlügel seiner Phantasie geflochten
und wurde bald von der Windstille gefesselt bald vom Sturme umgeschleudert den
er zu durchschneiden glaubte Er wurde nach dem Beispiele der Feuerfresser
jetzt ein Feuersäufer in der unruhigen Erwartung dass Schoppe weiche Dieser
wich endlich trotz Albanos Bitte mit der Antwort »Kaufet die Zeit sagte der
Apostel das heißt aber fristet euer Leben länger das ist die Zeit Dazu
fodern nun die besten Kaufbuden der Zeit die Apoteken dass der Mensch nach dem
Punch royal zu Bette gehe und unmäßig schwitze«
Wie wurd es jetzt anders Da ihm Zesara freudig um den Hals fiel da der
JugendRausch zu Liebesmelodien wurde wie der Regen in der Höhle zu Derbyshire
von ferne zu Harmonien da dem Grafen süß wie man sich schlummernd verblutet
das ganze Innere sein ganzes voriges Leben von der Lippe floss und alle Plane
des künftigen sogar die stolzesten nur der zärteste nicht und da er sich
wie nach der Bourignon Adam im UnschuldsStand so kristallendurchsichtig vor
das befreundete Auge stellte nicht aus Schwäche sondern aus altem Drang und im
Glauben so müsse der Freund sein so traten dem unglücklichen Roquairol helle
Tränen der liebevollsten Bewunderung über die ungeschminkte Reinheit und über
die energische gläubige noch in nichts schwankende Natur und über den fast zum
Lächeln reizenden naiven hohen Ernst des rotwangigen Jünglings in die Augen Er
schluchzete an dieser freudetrunknen Brust und Albano wurde weich weil er
dachte er sei es zu wenig und sein Freund so sehr
»Hinaus hinaus« sagte Karl und das war lange Albanos Wunsch Es schlug
ein Uhr als sie auf der engen Kellertreppe die Sterne des Frühlingshimmels oben
an der Einfahrt des Schachtes blitzen sahen Wie frisch quoll die eingeatmete
Nacht über die heißen Lippen Wie fest bauete sich über die flüchtigen
Zeltgassen der Stadt die WeltRotunda mit ihren festen Sternenreihen dahin Wie
erquickte und erweiterte sich das feurige Auge Albanos an den Riesenmassen des
dämmernden Frühlings an dem unter dem durchsichtigen Mantel der Nacht
schlummernden Tag Zephyre die Schmetterlinge des Tags flatterten schon um
ihre lieben Blumen und sogen aus den Blüten und trugen Weihrauch für den Morgen
ein eine schlaftrunkne Lerche fuhr zuweilen in den stillen Himmel hinauf mit
dem lauten Tage in der Kehle über die dunkeln Auen und Stauden war schon der
Tau gegossen dessen Juwelenmeer vor der Sonne entbrennen sollte und in Norden
wehten die PurpurWimpel der Aurora die gen Morgen schiffte Erhebend fasste
der Gedanke den Jüngling an dass nun dieselbe Minute Millionen kleine und lange
Leben messe und den Gang der Minierraupe und den Flug der Sonne und dass jetzt
dieselbe Zeit durchlebet werde vom Wurm und von Gott von Welten zu Welten
überall »O Gott« rief er»wie herrlich ists dass man ist«
Karl klebte bloß mit dem hängenden schweren Gefieder des Nachtvogels an den
heitern Gestirnen um ihn »Wohl dir« sagt er »dass du so sein kannst und dass
die Sphinx in deiner Brust noch schläft Du weißt nicht was ich will Ich
kannte einen Elenden der sie recht gut schildern konnte In der Brustöhle des
Menschen sagt er liegt das Ungeheuer mit aufgehobenem Madonnengesicht auf
seinen vier Tatzen und lächelt eine Zeitlang umher und der Mensch mit
Plötzlich springt es auf gräbt die Krallen in die Brust zerschlägt sie mit dem
Löwenschweif und den harten Flügeln und wühlt drängt und tobt und überall
rinnt Blut an der zerrjetzten Brustöhle Auf einmal legt es sich blutig wieder
hin und lächelt wieder fort mit dem schönen Madonnenangesicht O er sah ganz
blutlos aus der Elende weil das Tier so von ihm zehrte und durstig an seinem
Herzen leckte«
»Greulich« sagte Albano »und doch versteh ich dich nicht ganz« Der
Mond hob jetzt sich und eine finster an seinen Seiten gelagerte WolkenHerde
empor und zog einen Sturmwind nach der sie unter die Sterne jagte Karl fuhr
wilder fort »Anfangs hatt es der Elende noch gut er hatte noch derbe
Schmerzen und Freuden rechte Sünden und Tugenden aber als das Untier immer
schneller lächelte und zerriss und er immer schneller Lust und Pein Gutes und
Böses wechselte und als Gotteslästerungen und Kotbilder in seine Gebete krochen
und er sich weder bekehren noch verstocken konnte da lag er in öder Verblutung
in der lauen grauen trocknen NebelMasse des Lebens da und starb so durch das
Leben fort
Warum weinest du Kennst du den Elenden« »Nein« sagte Albano mild »Ich
bins« »Du schrecklicher Gott du nicht« »O ich bins und wenn du mich
auch verachtest du wirst was ich Nein mein Unschuldiger ich sag es nicht
Sieh jetzt steht die Sphinx wieder auf O bete mit mir hilf mir dass ich nicht
sündigen muss nur nicht muss Ich muss saufen ich muss verführen ich muss heucheln
ich heuchle jetzt « Zesara sah das starre Auge das bleiche zerrissene
Gesicht und schüttelte liebendentrüstet ihn mit beiden Armen und stammelte
gerührt »Das ist beim Allmächtigen nicht wahr du bist ja so sanft und blass und
unglücklich und unschuldig«
»Rosenangesicht« sagte Karl»ich scheine dir rein und hell wie der dort
droben89 aber er wirft wie ich den langen Schatten gegen den Himmel hinauf«
Zesara ließ ihn los sah lange nach dem erhabenen dunklen wie ein Leichenzug um
das Elysium haltenden Tartarus und drückte bittere Tränen weg die über die
Erinnerung flossen dass er darin seinen ersten Freund gefunden der sich jetzt
neben ihm auflöse Da brach der Nachtwind eine von der Waldraupe getötete Tanne
daraus ab und Albano zeigte stumm auf die Niederbrechende Karl rief
erschrocken»Ja das bin ich« »Ach Karl hab ich dich denn heute verloren«
sagte der schuldlose Freund mit unendlichem Schmerz und die schönen Sterne des
Frühlings fielen wie zischende Funken in seine Wunde
Vor diesem Worte löste sich Karls gespanntes Herz in treue gute Tränen ein
heiliger Geist kam über ihn und gebot ihm die reine Seele nicht zu quälen mit
seiner ihr nicht den Glauben zu nehmen ihr das wilde Ich und jede Eigensucht
stumm zu opfern Sanft legt er sich an des Freundes Herz und mit
zauberischleisen Worten und voll Demut und ohne Feuerbilder sagt er ihm sein
ganzes Herz und dass es nicht böse sei sondern nur unglücklich und schwach
und dass er nur so herzlichaufrichtig gegen ihn der zu gut von ihm denke habe
sein müssen wie gegen Gott und dass er schwöre bei der Stunde des Todes zu
werden wie er ihm ewig alles zu bekennen sich zu heiligen an ihm »Ach ich
wurde nur noch so wenig geliebt« beschloss er Und Albano der liebestrunkne
glühende Mensch der gute Mensch der an sich die heiligen Übertreibungen der
Reue kannte und der diese Bekenntnisse für jene hielt kehrte begeistert in den
alten Bund zurück mit Liebe ohne Maß »Du bist ein warmer Mensch« sagte Karl
»Warum liegen denn die Menschen immer wie die Toten auf dem BernhardusBerg90
einander erfroren an der Brust mit steifem Aug mit starren Armen O warum
kamest du so spät zu mir Ich wäre anders geworden Warum kam jene91 so früh
Dort im Dorfe drunten an der engen niedrigen Kirchtüre da sah ich sie zuerst
durch die mein Leben zur Mumie ward Wahrlich ich spreche jetzt gefasst Man
trug vor mir her als ich heraus spazieren ging einen leichenweißen Jüngling
auf einer Bahre in den Tartarus es war nur eine Statue aber sie war das
Ebenbild meiner Zukunft Ein böser Genius sagte zu mir liebe die Schöne die
ich dir zeige Sie stand an der Kirchtüre von Kirchleuten umzingelt die sich
über die Kühnheit wunderten womit sie mit beiden Händen eine silbergraue
züngelnde Schlange annahm und wog Wie eine kühne Göttin senkte sie die feste
ebene Stirn das schwarze Auge die Rosenblüten ihres Angesichts auf den von der
Natur platt getretnen Otterkopf und spielte damit dicht an ihrem Herzen
Kleopatra sagt ich obwohl ein Knabe Auch sie verstand es schon blickte
ruhig und kalt von der Schlange auf und gab sie zurück und wandte sich um an
meine junge Brust warf sie die erkältende Lebenfressende Viper Aber wahrlich
jetzt ists vorbei und ich spreche ruhig Nur in den Stunden Albano wo mir aus
jener Nacht meine blutigen Kleider die meine gute Schwester aufgehoben zu
Gesichte kommen da leid ich mehr und frage armer gutmeinender Knabe warum
wurdest du denn älter Aber wie gesagt es ist ganz vorbei Zu dir nur zu dir
spreche ein besserer Genius liebe die Schöne die ich dir zeige«
Aber welche Welt von Gedanken flog jetzt auf einmal Albano zu »Er martert
sich« dacht er »mit dem alten Argwohne über Romeiro fort ich will Herz
gegen Herz öffnen und es dem guten Bruder sagen dass ich ja seine Schwester ewig
liebe« Seine Wangen glühten sein Herz flammte er stand priesterlich vor dem
Altare der Freundschaft mit der schönsten Gabe mit der Aufrichtigkeit
»O jetzt Karl« sagt er »wäre sie wohl anders gegen dich mein Vater
reist mit ihr und du wirst sie sehen« Er ging Hand in Hand schneller mit
ihm einer dunklen Baumgruppe zu um im Schatten die zarterrötende Seele zu
öffnen »Nimm mein teuerstes Geheimnis hin« fing er an »aber sprich nicht
davon und nicht mit mir errätst du es nicht mein erster Bruder die Seele
nicht die ich so lange liebte wie dich« Leise leise setzte er dazu »Deine
Schwester« und sank ihm auf den Mund um die ersten Laute wegzuküssen
Aber Karl im Aufruhr des Entzückens und der Liebe wie eine Erde bei dem
Aufgange des Frühlings bändigte sich nicht er presste ihn an sich er ließ ihn
los er umfasste ihn wieder er weinte selig er drückte Albanos Augen zu und
sagte neuverschwistert »Bruder« Vergeblich wollte Albano mit der Hand jede
andere Silbe auf seinen Lippen erdrücken Er fing vor dem betroffenen Jüngling
der unter der einsamen und poetischen Bücherwelt eine höhere Zartheit gewonnen
als die Wirklichkeit des Umgangs lehrt Lianen abzumalen an wie sie dulde und
handle wie sie für ihn sorge und rede und sogar verarme um seine Schulden zu
tilgen wie sie ihn nie hart tadle sondern nur mild bitte und alles das nicht
aus künstlicher Duldung sondern aus heißer echter Liebe und wie doch das noch
kaum das Beiwerk ihres Bildes sei Er war in seiner reinern Begeisterung als
ihm dieser Abend zugelassen darum so selig weil er seine Schwester unter allen
Menschen am meisten und uneigennützigsten und am freiesten von poetischer
Schwelgerei und Willkür lieben konnte ordentlich dadurch gestärkt dass er
einmal aus reiner heiliger Liebe jauchzen dürfe zog er die Hände wieder frei
gemacht heraus die bisher wie Milos seine im Baum des Glücks und Lebens den er
zerreißen wollte eingeklemmt gefangen waren er atmete frische Lebensluft und
Mut und der Plan seiner innern Vollendung war jetzt durch neues Glück und
schönes Bewusstsein hold geründet
Der Mond stand hoch die Wolken waren vertrieben und nie ging der
Morgenstern zwei Menschen heller auf
Elfte Jobelperiode
Stickrahmen Anglaise cereus serpens musikalische Phantasien
56 Zykel
Freudig trug Roquairol am ersten Abende da er seinen Vater verreiset wusste zum
Freunde die Bitte zur Mutter mitzugehen Albano errötete zauberisch über jene
feurige Nacht zum ersten Male die ihm das älteste Geheimnis abgedrungen denn
bisher hatten beide in den gemeinen Stunden des Lebens das Heiligtum nicht
wieder berührt Nur der Hauptmann konnte leicht und gern von Linda so wie von
jedem Verluste sprechen
Liane erblickte ihren Bruder den regierenden Schöpfer ihrer weichsten
Stunden allezeit mit herzlichster Freude ob er gleich meistens etwas haben
wollte wenn er kam vor Freude trug sie ihm das Buch woraus sie der stickenden
Mutter vorgelesen in der Hand entgegen Sie und die Mutter hatten den ganzen
Tag heiter und einsam mit gegenseitigem Ablösen in Sticken und Lesen verlebt
sooft der Minister verreiste waren sie zugleich von Unfriede und
VisitenCharivari frei Wie gerührt erkannte Albano das Morgenzimmer wieder aus
dem er das erstemal das teuere Mädchen nur als Blinde in der Ferne zwischen
Wasserbogen stehen sehen Die gute Liane nahm ihn unbefangener auf als er es
durch Karls Einweihung in seine Wünsche bleiben konnte Welche paradiesische
Mischung von unberechneter Scheu und überfliessender Freundlichkeit Stille und
Feuer von Blödigkeit und Anmut der Bewegung, von scherzender Güte von
schweigendem Wissen Dafür gebührt ihr der herrliche Beiname Virgils die
Jungfräuliche In unsern Tagen der weiblichen Krachmandeln der akademischen
Kraftfrauen der Hopstänze und Doubliermarschschritte im platten Schuh kommt der
virgilianische Titel nicht oft vor Nur zehn Jahre lang vom 14ten an gezählt
kann ich ihn einem Mädchen geben später wird es manirierter Dreizehn und
siebzehn Jahre zugleich ist gewöhnlich ein solches holdes Wesen alt
Warum warst du so reizendunbefangen zarte Liane als weil du wie die
Bourignon nicht einmal wusstest was zu fliehen war und weil deine heilige
Schuldlosigkeit noch das verdächtige Ausspähen der entlegensten Absichten das
an die Erde gebückte Behorchen des kommenden Feindes und alle kokette Manifeste
und Ausrüstungen ausschloss Die Männer waren dir noch gebietende Väter und
Brüder und darum erhobest du zu ihnen noch nicht stolz sondern so freundlich
das treue Augenpaar
Und mit diesem gütigen Blick und mit ihrem Lächeln dessen Fortdauer oft auf
männlichen Gesichtern aber nicht auf jungfräulichen die Titelvignette der
Falschheit ist nahm sie unsern edelen Jüngling an aber ihn nicht allein
Sie setzte sich an den Stickrahmen und die Mutter schiffte den Grafen bald
in das kühle Weltmeer allgemeiner Gespräche ein in das nur zuweilen der Sohn
eine grüne warme Insel herauftrieb Alban sah zu wie Liane ihre musivischen
Blumenstücke wachsen ließ wie die kleine weiße Hand auf dem schwarzen
Atlasgrunde Froulays Torax soll an seinem Geburtstage die Blumen anziehen
lag und wie ihre reine Stirn von gekräuselten Haaren durchsichtig überwebt
sich vorbückte und wie sich ihr Angesicht wenn sie sprach oder wenn sie neue
seidene Farben suchte mit dem höheren Feuer der Arbeit im Auge und auf der Wange
beseelet aufrichtete Karl streckte ihr zuweilen hastig die Hand entgegen Sie
reichte ihre willig hinüber er legte sie zwischen seine beiden und wandte sie
um sah in die inwendige drückte sie mit beiden und die Geschwister lächelten
einander liebreich an Und da lächelte Albano allemal treuherzig aus den
Gesprächen mit der Mutter mit herein Aber armer Held Schon an sich ists
herkulische Arbeit neben einer feinen müßig zu sitzen neben Sticken
Miniaturmalen usw aber vollends mit deinem Geiste der so viele Segel nebst
einem Paar Stürmen hinterdrein hat untätig neben dem Stickrahmen zu ankern und
nicht etwan ein Herkules zu sein das wäre leicht welcher spinnt sondern
einer der nur spinnen sieht und das vor dem großen Frühling und
Sonnenuntergange draußen und noch dazu neben der wortkargen Mutter überhaupt
ists schon neben jeder eine Unmöglichkeit ein erhebliches Gespräch mit der
Tochter einzuleiten das sind schwere Sachen
Er sah scharf gegen die gestickte Flora nieder »Mich schmerzt nichts so
sehr« sagte er weil er überall philosophierte und weil ihn alles Vergebliche
auf der Erde peinlich beklemmte »als dass so viele tausend künstliche Zieraten
auf der Welt umsonst geschaffen werden ohne dass sie je ein Auge trifft und
genießt Mir kann es ordentlich nahe gehen wenn das grüne Blättchen hier nicht
besonders angesehen wird« Mit derselben Trauer über fruchtlose ungenossene
Pflanzungen der Mühe hielt er oft sein Auge nahe an den TapetenBaumschlag an
geblümte Zeuge an architektonische Verzierungen
Liane konnt es für einen malerischen Tadel des überladenen NähGartens
nehmen den sie bloß ihrem Vater zu Liebe so voll säete denn Froulay aus den
Zeiten gebürtig wo man noch mit dem Kleide die Tressen besetzte knöpfte gern
ein kleines Seidenherbarium an den Leib aber sie sagte nichts als lächelnd
das »Nun das Blättchen ist dem bösen Schicksal ja entgangen es ist
angeschaut«
»Was tut Vergehen und Vergeblichkeit« nahm Roquairol voll Gleichgültigkeit
gegen den Lektor der eben hereintrat das Wort und voll Gleichgültigkeit gegen
die Meinung der Mutter der wie dem Vater ihn nur die Bitten der Schwester
zuweilen unterwarfen »Genug wenn etwas ist Über der Wüste singen die Vögel
und ziehen die Sterne und kein Mensch sieht die Pracht Wahrlich überall geht
in und außer dem Menschen mehr ungesehen vorüber als gesehen Die Natur schöpft
aus ewigen Meeren und erschöpft sich nicht wir sind auch eine Natur und sollen
schöpfen und ausgiessen und nicht immer bekümmert dem wässernden Nutzen jedes
Strichregens und Regenbogens nachrechnen Sticke nur fort Schwester«
beschloss er ironisch
»Die Prinzessin kommt heute« sagte der Lektor und entzückt über die
Hoffnung küsste Liane der Mutter die Hand Sie sah oft und vertraulich von der
Stickerei zu dem Hofmann auf der sehr einheimisch zu sein schien aber als ein
feiner Mann ebenso geehrt und ehrend war als steh er zum ersten Male da
Die Anmeldung der Prinzessin setzte den Hauptmann in eine reizende gelenke
Freude eine weibliche Rolle war ihm zur Gesellschaft so nötig wie den Franzosen
zur Oper und eine Frau die da war unterstützte ihn so sehr im Dozieren wie
Kant ein Knopf der fehlte92 Er nahm um seine Schwester von den Blumen
abzuführen einer Statue auf dem Spiegeltische den roten Flor ab und warf ihn
wie ein kleines Morgenrot den Lilien auf dem Gesicht der Stickerin über da
gingen die Türen auf und Julienne herein Liane verwickelte sich in die kleine
Morgenröte unter dem Abheben derselben im Entgegeneilen Albano reichte ihr
mechanisch die Hand zum Empfange des Schleiers und sie gab ihm diesen und
einen weiten lieben Blick dazu o wie glänzte seiner trunken
Julienne brachte ein Gefolge von Scherzen mit Der Hauptmann der wie ein
Feuerwerker seinem Feuer alle Formen und Farben geben konnte verstärkte sie mit
seinen und seine Schwester säete gleichsam die Blumen mit welchen die
Zephyretten der Scherze spielen konnten Julienne sagte fast zum Ja Nein und zum
Nein Ja Nur gegen die Ministerin war sie ernst und nachgiebig ein Zeichen dass
auf ihrer DisputierArena unter den Sandkörnern noch die Goldkörner lagen indes
für Philosophen die Arena der Preis und der Boden ist zugleich das Schlacht
März und elysische Feld Den Grafen fixierte sie leidenschaftlich so kühn als
nur Fürstinnen dürfen und pflegen und als er ihr wieder ins braune Auge
blitzte schlug sie es nicht nieder sondern sie erinnerte ihn an ihren alten
Besuch in Blumenbühl und fragte nach den Seinigen Er machte jetzt gern etwas
das so feurig war wie sein Inneres Lobeserhebungen Es ist gegen den feinsten
Ton Personen Sachen darf man mit Heftigkeit zu loben oder zu tadeln Indem
er mit dankbarer Erinnerung seine Schwester Rabette malte versank Julienne so
ernst und tief in sein Auge dass sie auffuhr und den Lektor nach den Touren der
Anglaise fragte die er in der Redoute vorgetanzt Als er sein Bestes getan im
Nachschildern sagte sie sie habe kein Wort verstanden man muss es lieber
exekutieren
Und hiemit werden plötzlich sämtliche Leserinnen von mir auf einen Hausball
von zwei Paaren geführt Seht die Seelenschwestern nebeneinander wie zwei
Flügel an einer Taube harmonisch auf und niederfliegen Albano hatte erwartet
Julienne werde sich durch feuriges vielgelenkes Geflatter von dem stillen
Schweben ihrer Freundin unterscheiden aber beide walleten gleich Wellen leicht
neben und ineinander und keine Regung war zu viel und keine zu schnell
Daher wünscht ich so oft die Mädchen tanzten völlig und immer wie die
Grazien und die Horen nämlich bloß miteinander nicht mit uns Herren Der
jetzige Bund der weiblichen Wellenlinie mit dem männlichen Schwalbenzickzack
sowohl in der Bekleidung als in der Bewegung verschönert den Tanz nicht
beträchtlich
Liane nahm eine neue äterische Gestalt an wie etwan ein Engel unter dem
Zurückfliegen in den Himmel seine holde irdische weglegt Für die weibliche
Schönheit ist der Tanzbodenwas für unsere das Pferd ist auf beiden entfaltet
sich der gegenseitige Zauber und nur ein Reiter holet eine Tänzerin ein
Glücklicher Albano der du kaum von der dargebotenen Hand Lianens die
Fingerspitzen anzufassen wagst mit deinen du bekommst genug Und siehe nur
dieses freundliche Mädchen an dessen Augen und Lippen die Charis so lachend für
den Tanz erheitert und das doch wieder so rührend erscheinet weil es ein wenig
erblasset Wie verschieden von jenen launischen oder ungelenken Stiefschwestern
die mit dem halben Kato von Utika auf dem faltigen oder gespannten Gesichte
hopsen abfallen und schleifen Julienne flieht freudig hin und her und es ist
schwer zu sagen vor wessen Augen sie am liebsten flattere vor Lianens oder
Albanos
Als es vorbei war wollt es Julienne wieder von vornen anfangen Liane sah
ihre Mutter an und bat sogleich ihre Freundin lieber um Abkühlung Es ist
Vorwand Eine Freundin ist gern einsam mit der Freundin beide hatten sich vor
andern nur mit Herzen unter dem Schleier lieb und trachteten nach der dunklen
Laube wo er fallen durfte Liane hatte ordentlich eine liebende Ungeduld bis
sie mit ihrer Nebenseele ihrem Zwillingsherzen zeugenfreie Minuten im Maiund
Abendgarten hatte pflücken können Sie kamen verändert zurück voll weichen
Ernstes Die schönen Wesen waren sich vielleicht im Innersten und im stillen so
ähnlich wie im Tanze und mehr als es schien
Und so ging vor dem Jüngling ein schöngestirnter Abend vorbei Haltet ihm
aber zugute dass er diesen Blütenstrauss so fest drückte und fasste bis er
einige Stacheln darin herausfühlte Sein Herz dessen Liebe neben dem fremden
schmerzlich wuchs musste dieses ohne ein Zeichen der Antwort zugleich höher
und ferner finden Ihre Liebe war Menschenliebe ihr Lächeln galt jedem guten
Auge sie war so heiter in Lilar kam sie leicht in Rührung und in allgemeine
Betrachtungen hier aber nicht freilich sah sie recht teilnehmend auf den
wildliebenden Bruder hin der seit jener BeichtNacht gleichsam mit
Eichenwurzeln sich um den Liebling strickte aber ihre halbblinde Liebe für den
Bruder konnte ja im Trug des Widerscheins auf dessen Freund nachglänzen Das
alles sagte sich der Bescheidne Aber was er im vollen Masse der Entzückung
genossen hatte war die so steigende helle zarte stete Liebe seines
Seelenbruders
57 Zykel
Über Lianens stille Gesinnung und Zesarens Zukunft werd ich nie Mutmaßungen
anstellen ob ich sie gleich vor ihrem Abdruck wieder wegstreichen könnte Ich
erinnere mich was wir herausbrachten wenn ich und andere auf Hafenreffers
offizielle Berichte über Sachen von Belang vorher die Hände deckten und nun mit
bloßer Phantasie entwickeln wollten wie es möchte gegangen sein es war
nicht brauchbar Und natürlich Schon an und für sich haben die Weiber und
spanischen Häuser viele Türen und wenige Fenster und es ist in ihr Herz
leichter zu kommen als zu schauen Vollends Mädchen Ich meine da die Frauen
sowohl physiognomisch als moralisch bestimmter kecker entwickelt und gezeichnet
sind so will ich lieber zehn Mütter als zwei Töchter erraten und mithin
abkopieren Die körperlichen Porträtmaler klagen ebenso
Wer die Nacht beobachtet findet dass sie die Zweifel und Sorgen die er den
Abend vorher über die Heldin seines Lebens aufgefangen meistens bis gegen den
Morgen hin totgemacht Albano schlug am Frühlingsmorgen die Augen im Leben wie
in einem Siegeswagen auf und die frischen Rosse stampften davor und er durfte
ihnen nur den Zügel lassen
Er stieg mit seinem Freund bei Lianen aus nach wenigen Jahren dh Tagen
der Minister war noch nicht zurück Himmel wie neu und blütenjung war ihre
Gestalt und doch wechsellos ihr Betragen Warum kann ich dacht er nur ihre
Bewegungen nicht alle ihre Züge auswendig warum kann ich dieses Antlitz nicht
bis auf das kleinste Lächeln wie eine heilige Antike rein und tief in mein
Gehirn abdrücken damit sie in ewiger Gegenwart vor mir schwebe Darum
Lieber schöne und junge Gestalten sind eben dem Gedächtnis wie dem Pinsel
schwer und alte schroffe männliche beiden leichter Wieder mit Freuden und
Seufzern füllete er sich durch ihr Schauen und sie wurden größer durch den
nahen Garten worein sich der Junius mit seiner Abendpracht lagerte o wenn ihm
nur eine Minute käme wo seine ganze Seele begeistert reden dürfte Draußen lag
der junge feurige Frühling wie ein Antinous im Garten und sonnete sich und der
Mond stand ungeduldig auf die schöne Juniusnacht schon unter dem Morgentor und
traf noch den lebendigen Tag und die zögernde Sonne an Aber die Mutter
schlug dem fragenden Blicke Lianens den Sonnenuntergang ab »des ungesunden
Serein wegen«93 Albano mit dem Herzen voll Männerblut fand diesen mütterlichen
Verhack um die kindliche Gesundheit sehr klein
Der Torschluss seines heutigen Edens hätte sich nun in der nächsten Minute
eingeläutet wäre der Hauptmann und der cereus serpens nicht gewesen
Jener kam vom welschen Dache herabgelaufen und verkündigte der cereus blühe
diesen Abend um zehn Uhr auf sage der Gärtner und er bleibe da »und du mit«
sagt er zu Albano Alles was nur die doppelten Grenzen der schonenden Zartheit
gegen Schwester und Freund zufliessen setzt er liebend ins Spiel um diesen zu
erfreuen Liane bat ihn selber das Blühen abzuwarten sie war so entzückt über
das nahe Ihre Seele hing wie Bienen und Tau an Blumen Schon ihr Freund
der fromme Spener der ein trunknes Auge auf diese lebendigen Arabesken an
Gottes Throne heftete hatte sie mit diesen stummen immer schlafenden Kindern
des Unendlichen befreundet aber noch mehr ihr jungfräuliches Herz und ihr
leidendes Sind euch nie zarte weibliche Seelen begegnet in deren Blütezeit das
Schicksal kalte Wolken geworfen und die nun gleich Rousseau andere Blumen als
die der Freude suchten und die in Tälern und auf Felsen sich ermüdeten und
bückten um zu sammeln und zu vergessen und von der gestorbnen Pomona zu
flüchten zur jungen Flora Der Generalbass und das Latein womit Hermes Mädchen
zerstreuen will weichen hier der weiten bunten Bilderschrift der Natur, der
reichen Botanik
Eine namenlose Zärtlichkeit für Liane kam in Albanos Seele am kleinen
viersitzigen Esstisch ihm war als sei er ihr jetzt näher und ihr Verwandter
und doch fasste er die Verwandte nicht wenn sie die Mutter aus jedem Ernst
worein diese versank mit Scherzen zurücklockte Draußen riefen die
Nachtigallen die Menschen in die schöne Nacht und keiner schmachtete mehr als
er hinaus
Für Seelenaugen ist das Himmelblau was für körperliche das Erdengrün
nämlich eine innige Stärkung Als Zesara endlich aus den Ketten des Zimmers aus
diesem geistigen Hausarrest los und ledig hinaustrat unter das freie Reich des
Himmels und aller Sterne und auf den magischen StatuenOlymp nach welchem er so
oft sehnsüchtig aufgeblickt so schlug die gewaltsam zusammengezogne Brust
elastisch auseinander wie rückten die Sternbilder des Lebens in hellere Formen
zusammen wie waltete der Frühling und die Nacht
Der alte Gärtner der bloß aus dankbarer Anhänglichkeit ans »seelengute
leutselige Fräulein« mit seltener Mühe dem cereus serpens solche FrühBlüten
abgenötigt hatte stand schon als scheinbarer Beobachter der Blumen in der Tat
aber aufs größte Lob aufsehend mit einem braunen gezackten punktierten und
ernsten Gesichte droben das mit keinem Lächeln zum Lobe ausfoderte
Liane dankte dem Gärtner ehe sie an den Blüten war dann lobte sie diese
und seine Mühe Der alte Mann wartete bloß bis jeder andere von der
Gesellschaft auch erstaunet war darauf ging er schläfrig mit dem festen Glauben
fort zu Bette Liane werd ihn morgen schon so bedenken dass er zufrieden sein
müsse
Der ausländische Nektarduft der in fünf weißen gleichsam mit braunem
Blätterwerk bekränzten Kelchen perlte ergriff die Phantasie Die Wohlgerüche
aus dem Frühling eines heissern Weltteils zogen sie in entlegne Träume hin Liane
strich mit leisem Finger wie man über Augenlider gleitet nur über die kleinen
DuftVasen ohne das volle Gärtchen von zarten Staubfäden das sich im Kelche
drängte raubend anzustreifen »Wie lieblich wie so gar zart« sagte sie
kindlichfroh »Wie fünf kleine Abendsterne Warum kommen sie nur nachts
die lieben scheuen Blumen« Karl schien eine brechen zu wollen »O lass sie
leben« bat sie »morgen sind sie ohnehin tot Karl so welkt so viel«
setzte sie leiser dazu »Alles« sagt er barsch Aber die Mutter hatt es
wider Lianens Willen gehört »Solche SterbeGedanken« sagte sie »lieb ich an
der Jugend nicht sie lähmen ihr die Flügel« »Und dann« versetzte Liane es
mädchenhaftumkehrend »bleibt sie eben wie der Kranich in Kleists Fabel dem
man die Flügel brach damit er nicht fortzog mit den übrigen ins warme Land«
Dieser heitere bunte Schleier des tiefen Ernstes war unserem Freunde nicht
durchsichtig genug Aber später hatte das gute Mädchen Mühe so auszusehen wie
die sorgsame Mutter es wollte Die betäubende Vorstecklilie der Erde der Mond
und das ganze blendende Panteon des Sternenhimmels und die mit NachtLichtern
durchbrochne Stadt und die majestätischen hohen schwarzen Alleen und auf
Fluren und Bächen das milchblasse LunensSilber womit sich die Erde in einen
Abendstern einspann und die Nachtigallen aus fernen Gärten rührte denn das
nicht jedes Herz allmächtig an dass es weinend seine Sehnsucht bekennen wollte
Und das weichste das jetzt unter den Sternen schlug hätte vermocht den
Schleier ganz über sich zu ziehen Beinahe Sie hatt es vor der Mutter
gewohnt die Träne eh sie wuchs sozusagen mit dem Auge abzutrocknen
Sonderbar erschien sie in der nächsten Minute dem Grafen Die Mutter sprach
mit dem Sohn Liane stand fern von jenem mit halbverwandtem vom Monde ein
wenig entfärbtem Gesicht neben einer weißen Statue der heiligen Jungfrau und
blickte in die Nacht Auf einmal schaute und lächelte sie an gleichsam als
erschien ihr ein lebendiges Wesen im ÄtherAbgrund und die Lippe wollte reden
Erhabner und rührender war ihm noch keine Erdengestalt begegnet das Geländer
in das er griff ging hin und her aber er selber regte es und seine ganze
Seele rief heute jetzt lieb ich die Himmlische am höchsten am innigsten So
sagt er neulich auch und so wird er öfter sagen kann der Mensch mit den
unzähligen Wogen der Liebe Höhenmessungen anstellen und auf diejenige zeigen
die am meisten stieg So glaubt der Mensch stets wo er auch stehe in der
Mitte des Himmels zu stehen
Ach in dieser Minute wurd er wieder überrascht aber eben mit einem Ach
Liane ging zur Mutter und als sie an der Hand der Gefälligen ein kleines
Schaudern fühlte drang sie in sie aus der Nachtluft zu gehen und gab nicht
eher nach als bis sie mit ihr die Zauberstätte verließ
Die Freunde blieben zurück Nach Albanos Rechnung wär es freilich nicht zu
viel gewesen hätte man sich in dieser offenherzigen Zeit worin unsere
heiligern vom gemeinen Tage bedeckten Gedanken sich wie Sterne offenbaren bis
gegen Morgen auf dem Dache aufgehalten Beide gingen eine Zeitlang schweigend
auf und ab Endlich hielt sie der Rauchaltar der fünf Blumen fest Albano fasste
zufällig die nahe Statue mit beiden Händen und sagte »An hohen Orten will man
gern etwas hinabstürzen sogar sich oft Und hinein in die Welt in weite
ferne Länder möcht ich mich auch stürzen sooft ich in das Nachtrot dort schaue
und sooft ich unter OrangerieBlüten komme wie unter diese Bruder wie ist
dir Der Himmel und die Erde breiten sich so aus warum soll denn der Geist so
zusammenkriechen « »Mir ist ebenso,« sagt er »und im Kopf hat der Geist
überhaupt mehr Gelass als im Herzen« Aber hier ging er zarterratend auf schönen
Umwegen zur zufälligen Eröffnung über warum seine Schwester so bald
hinuntergeeilet
»Bis zum Eigensinn« sagt er »treibe sie die Aufmerksamkeit für die Mutter
das letztemal merkte sie dass die Mutter das Erblassen unter dem Tanze sehe
sofort hörte sie auf nur ihm zeige sie das ganze Herz und jeden Blutstropfen
und alle unschuldigen Tränen darin besonders glaube sie etwas von der Zukunft
was sie der Mutter sorgsam verdecke« »Sie lächelte vorhin für sich« sagte
Albano und legte auf seine Augen Karls Hand »als sähe sie ein Wesen aus der
SchleierWelt droben« »Hast du das« versetzte Karl »auch gesehen Und dann
regte sie die Lippe O Freund Gott weiß was sie betört aber das ist gewiss
sie glaubt fest sie sterbe künftiges Jahr« Albano ließ ihn nicht
weitersprechen zu heftig aufgeregt drückte er sich an des Freundes Brust sein
Herz schlug wild und er sagte »O Bruder bleibe stets mein Freund«
Sie gingen hinab Im Zimmer das an Lianens ihres stieß fanden sie ihr
Pianoforte offen Wahrlich das wars was dem Grafen fehlte In der Leidenschaft
sogar im bloßen Feuer des Kopfes greift man weniger nach der Feder als nach
der Saite und nur in ihr gelingt das musikalische Phantasieren besser als das
poetische Albano setzte sich indem er der Tonmuse dankte dass es
vierundvierzig Ausweichungen gebe mit dem Vorhaben an die Tasten nun eine
musikalische Feuertrommel zu rühren und wie ein Sturm in die stille Asche zu
brausen und ein helles Funkenheer von Tönen aufzujagen Er tats auch und gut
genug und immer besser aber das Instrument sträubte sich Es war für eine
weibliche Hand gebaut und wollte nur in weiblichen Tönen mit LautenKlagen
reden als eine Freundin mit einer Freundin
Karl hatt ihn nie so spielen gehört und erstaunte über die Fülle Aber die
Ursache war der Lektor war nicht da vor gewissen Menschen und darunter
gehörte dieser gefriert die spielende Hand so dass man nur in einem Paar
Blechhandschuhen hin und herarbeitet und zweitens vor einer Menge spielt
sichs leichter als vor einem weil dieser bestimmt vor der Seele haftet jene
aber zerflossen Und noch dazu beglückter Albano du weißt wer dich hört
Die Morgenluft der Hoffnung umflattert dich in Tönen das wilde Jugendleben
schreitet mit rüstigen Gliedern und lauten Schritten vor dir auf und ab das
Mondlicht von keinem irdischen groben Lichte verunreinigt heiligt das tönende
Zimmer Lianens letzte Gesänge liegen vor dir aufgeschlagen und der
anrückende Mondschein kann dich sie bald lesen lassen und die Nachtigall in
der Mutter nahem Zimmer kämpfet wie von der Tuba ins Feld gerufen mit deinen
Tönen
Liane trat mit ihrer Mutter erst spät herein weil das heftige TonGetümmel
für beide etwas Hartes und Peinigendes hatte
Er konnte beide seitwärts am unteren Fenster sitzen sehen und wie Liane die
Hand der Mutter hielt Karl ging in weiten Schritten nach seiner Sitte auf und
ab und stand zuweilen an ihm still Albano trat in dieser Nähe der stillen Seele
bald aus der harmonischen Wildnis in mondhelle einfache Stellen heraus wo nur
wenige Töne sich wie Grazien und ebenso leicht verbunden hold bewegen Der
künstliche Wirrwarr enharmonischer Irrlichter ist nur der Vorläufer der
melodischen Charitinnen und nur diese allein schmiegen sich an die weicheren
Seelen an Ihm war bis zur Täuschung als sprech er laut mit Lianen und wenn
die Töne immer wie Liebende dasselbe wiederholten vor Innigkeit und Lust meinte
er nicht Lianen und sagte ihr wie lieb ich dich o wie lieb ich dich Fragt
er sie nicht was klagest du was weinest du Und sagt er nicht zu ihr blick
in dies stumme Herz und flieh es nicht o Reine Fromme Meine
Wie errötet der Gute als plötzlich der liebkosende Freund ihm die Hände um
die Augen legte die bisher ungesehen im Dunkel vor Liebe übergeflossen waren
Karl trat heftig zur Schwester und sie nahm selber seine Hand und sagte Worte
der Liebe Dann flüchtete sich Albano in die brausende Wildnis so lange bis die
Augen getrocknet waren für den beleuchteten Abschied langsam ließ er die Wiege
unsers Herzens ausschwanken und schloss so mild und leise und verstummte ein
wenig und stand langsam auf O in dieser jungen stummen Brust lebte alles
womit die herrlichste Liebe segnen kann
Sie schieden ernst Niemand sprach über die Töne Liane schien verklärt
Albano wagt es in dieser Geisterstunde des Herzens nicht mit einem Auge das
sich so kurz vorher gestillet hatte lang auf ihren milden blauen zu ruhen
Ihre gerührte Seele drückte sie wie Mädchen pflegen bloß am Bruder durch eine
heissere Umarmung aus Und dem heiligen Jüngling konnte sie scheidend den Ton
und den Blick nicht verhehlen den er nie vergisset
Er erwachte oft in dieser Nacht und wusste nicht was sein Wesen so selig
wiege ach der Ton war es der durch den Schlummer nachklang und das liebe
Auge das ihn noch in Träumen anblickte
Zwölfte Jobelperiode
Froulays Geburtstag und Projekte Extrablatt Rabette die Harmonika die
Nacht der fromme Vater die Wundertreppe die Erscheinung
58 Zykel
Glücklicher Albano du wärest es nicht geblieben hättest du am Geburtstage des
Ministers das gehört was er da vorbrachte
Schon seit geraumer Zeit war Froulay voll bedenklicher gewitterhafter
Zeichen und jede Minute konnte musste man fürchten der Donnerschlag aus ihm
fahren er war nämlich munter und mild So drohet auch bei phlegmatischen
Kindern große Munterkeit Ausbruch der Pocken Da er Hausvater war und Despot
die Griechen hatten für beides nur das Wort Despot so erwartete man von ihm
als ehelichem Wettermacher94 er werde die gewöhnlichen Stürme und Ungewitter
für die Familie besorgen Eheliche Gewittermaterie zum bloßen Trüben der Ehe
kann nie fehlen wenn man bedenkt wie wenig sogar zum Scheiden derselben
gehört zB bei den Juden bloß dass die Frau zu laut schreie das Essen
anbrenne ihre Schuhe am Platze der männlichen lasse usw Noch dazu war
manches da worüber gut zu donnern war zB Liane an welcher man die Missetat
des Bruders heimsuchen konnte weil dieser hartnäckig wegblieb und um keine
Gnade bat Man ist immer gern auf Frau Tochter und Sohn zugleich ungehalten und
lieber ein Land als Strichregen ein Kind kann leichter eine ganze Familie
versalzen als versüßen
Aber Froulay verblieb der lächelnde Johannes Ja trieb ers nicht die Beweise
hab ich so weit damit dass er da die Tochter der Prinzessin einmal beim
Abschiede um den Hals fiel anstatt ihr mit blitzenden Augen vorzuhalten wie
man Vertraulichkeiten bei Höhern nur annehmen nicht erwidern und sich eben da
nicht vergessen müsse wo sie sich vergessen und anstatt ernst zu fragen ob
sie ihn je in seiner wärmsten Liebe gegen den Fürsten wider die déhors habe
verstoßen sehen dass er sag ich anstatt dieses hagelnd und stürmend zu tun
diesesmal bloß in die schönen Worte ausbrach »Kind du meinst es zu gut mit
deiner vornehmen Freundin frage deine Mutter sie weiß auch was
freundschaftliche liaisons sind«
Bloß Liane obwohl so oft von dieser Meerstille hintergangen war voll
unsäglicher Hoffnung und Freude über den häuslichen Frieden und glaubte Bestand
zumal in der Nähe des väterlichen Geburtstages dieser Olympiade und Normalzeit
wonach das Haus vieles rechnete Das ganze Jahr lauerte der Minister auf diesen
Tag um am Morgen wenn die Wünsche kamen das sichtbare Vergessen desselben
nicht zu vergessen sondern darüber zu erstaunen die Geschäfte machens sagt
er und um abends wenn die Gäste kamen der Geschäfte wegen dinier er nie
sagt er erstaunen zu lassen Er war wechselnd der Anbeter und der
Bilderstürmer der Etikette ihre Ministerial und Oppositionspartei wie es
gerade sein Schimmer gebot
Liane drang so lange in den Bruder bis er den Vater mit etwas zu erfreuen
versprach er machte dazu ein Familienstückchen worein er die ganze
BeichtNacht zwischen sich und Albano einschob nur dass er Albano in eine
Schwester verkehrte Gern lernte Liane noch diese Rolle für den Geburtstag ein
ob sie gleich die blühende Weste lieferte
Der Minister nahm die Weste den Hauptmann und dessen Komödienzettel des
abendlichen Spiels wider Vermuten gütig auf da er sonst wie einige Väter
desto lauter knurrte je öfter ihn die Kinder streichelten Er tanzte wie ein
Polacke95 ganz aufgeräumt mit seiner Familie dahin und versteckte die Peitsche
fest unter den Pelz Es ging ihm jetzt nichts Schlimmers im Kopfe herum als bloß
die Frage wo das Liebhaberteater am besten ob im Salon de lecture oder ob im
Salon der bains domestiques aufzuschlagen denn beide Säle waren ganz von
einander und von andern Zimmern durch die Namen unterschieden
Der Tag kam Albano dessen Einladung Karl ertrotzen müssen weil der
Minister seinen Stolz hassete aus Stolz brachte leider den Ton in seiner Seele
mit den ihm das letztemal Liane nach Hause gegeben Seine Hoffnung hatte bisher
von diesem Tone gelebt O verdenkts ihm nicht Das luftige Nichts eines Seufzers
trägt oft eine Schäferwelt oder einen Orkus auf dem EphemerenFlügel Alles
Wichtige ist wie ein Fels auf einen Punkt zu stellen wo es ein Kinderfinger
drehen kann
Aber der Ton war verklungen Liane wußt es gar nicht anders als dass man
unter der Visitengemeinde deren moralische Pneumatophobie96 sie nicht einmal
ganz kannte vor jede betende Empfindung den Kirchenfächer halten müsse
Logen Parterre und Groschengalerie wurden fast um die gewöhnliche
Schauspielszeit mit stiftsfähigen Gratulanten verziert und ausgefüllt Der
deutsche Herr ragte sehr hervor durch den reichen Trotz seiner Verhältnisse Von
der Visitenkompagniegasse kann im Durchgehen nur angemerkt werden dass in ihr
und im antiphlogistischen System der Sauerstoff die Hauptrolle spielte welchen
aber weniger die Lunge abschied als das Herz
Als der Vorhang auseinanderging und Roquairol jene Nacht der Vergebung und
Entzückung noch feuriger wieder vorbeiführte als sie gewesen war als diese
träumerische Nachäffung erst die rechte Wirklichkeit schien wie glühend und
tief brannt er sich dadurch in seines Freundes Seele ein Guter Albano Diese
Kunst sein eigener révenant sein Vexier und AfterIch zu werden und die
Prachtausgabe des eignen Lebens nachzudrucken hätte dir kleinere Hoffnungen
verstatten sollen Der Graf musste in der ernstaftesten Sozietät die je um
ihn saß ausbrechen in ein unschickliches Weinen Und warum legte Karl Albanos
Worte in jener Nacht der zauberischgerührten Liane in den Mund und machte die
Liebe durch so viele Reize groß bis zum Schmerz
Selber der deutsche Herr gab Lianen diesem weißen Schwan der errötend
durch das Abendrot des Phöbus schwamm mehrere laute und dem Grafen verdrüssliche
Zeichen des Beifalls Der Minister war hauptsächlich froh dass das alles zu
seiner Ehre vor falle und dass die Pointe des letzten Aktes ihm noch einen ganz
besonderen epigrammatischen Lorbeerkranz auf den Scheitel werfen müsse
Er überkam den Kranz Das Kinderpaar wurde von der anwesenden Erlanger
Literaturzeitung und von der Belletrischen sehr günstig rezensiert und mit
Kronen überdeckt mit edlen Märtyrerkronen Der deutsche Herr hatte und
brauchte das laute Recht die Krönung und den Kronwagen anzuführen Niedriger
Mensch warum dürfen deine KäferAugen über die heiligen Rosen welche die
Rührung und die GeschwisterLiebe auf Lianens Wangen pflanzt nagend kriechen
Aber wie noch viel munterer wurde der alte Herr so dass er mit den ältesten
Damen badinierte als er den Ritter sein Interesse an Lianen nicht
phantastisch oder sentimentalisch sondern durch stilles stetes Nähern und
verständige Aufmerksamkeit durch Scherze und Blicke und kluges Anreden und
endlich durch etwas Entscheidendes herrlich an den Tag geben sah Der deutsche
Herr zog nämlich den alten in ein Kabinett hinein und beide kehrten heftigbelebt
daraus zurück
Die einsame ins eigne Herz versenkte Liane flüchtete vom Giftbaum des
Lorbeers weg zur erquickenden Mutter Liane hatte mitten in den stürmischen
Mühlengängen täglicher Assembleen eine leise Stimme und ein zartes Ohr behalten
und der Tumult hatte sie eingezogen und fast scheu gelassen
Die schöne Seele erriet selten etwas eine schöne Seele ausgenommen so
leicht ihr Ebenbild so schwer ihr Gegenbild Bouverots Annäherungen schienen
ihr die gewöhnlichen Vorund Seitenpas der männlichen Höflichkeit und sein
RitterZölibat erlaubte ihr nicht ihn ganz zu verstehen prangen nicht die
Lilien der Unschuld früher als die Rosen der Scham wie die Purpurfarbe anfangs
nur bleich färbt und erst später rot anglüht wenn sie vor der Sonne liegt
Sie hielt sich diesen Abend der Mutter nahe weil sie an ihr einen
ungewöhnlichen Ernst wahrnahm
Als Froulay das GeburtstagsKränzchen worin mehr Stacheln und Stiele als
Blumen steckten oder das Dornenkrönchen von seinem Kopfe heruntergetan hatte
und in der Nachtmütze unter seiner Familie stand macht er sich an das
Geschäft worauf er den ganzen Abend gesonnen hatte »Täubchen« sagt er zur
Tochter und entlehnte einen guten Ausdruck aus der Bastille97 »Täubchen
lasse mich und Guillemette allein« Er entblößte jetzt das OberGebiss durch
ein eigenes Grinsen und sagte er hab ihr wie er hoffe etwas Angenehmes zu
hinterbringen »Sie wissen« fuhr er fort »was ich dem deutschen Herrn
schuldig bin« Er meinte nicht Dank sondern Geld und Rücksicht
Man will es sehr preisen an der Familie der Quintier98 dass sie nie Gold
besessen ich führe ohne tausend andere Familien aufzustellen von denen
dasselbe zu beschwören ist nur die Froulaysche an Gewisse Familien haben wie
Spiessglas durchaus keine chemische Verwandtschaft mit diesem Metall wenn sie
auch wollten wahrlich Froulay wollte er sah sehr auf seinen Vorteil auf
etwas anderes nicht er setzte obwohl nur in Kollisionsfällen gern Gewissen
und Ehre beiseite aber er brachte es zu nichts als zu großen Ausgaben und
großen Projekten bloß weil er das Geld nicht als Endzweck des Geizes sondern
nur als Mittel des Ehrgeizes und der Tätigkeit sucht Sogar für einige Gemälde
die Bouverot für den Fürsten in Italien gekauft war er jenem noch den
Kaufschilling schuldig den er von der Kammer erhoben Durch seine Schuldbriefe
stand er wie durch Zirkelbriefe in ausgebreiteten Verbindungen Er hätte gern
seinen Ehekontrakt in einen Schuldbrief umgeschrieben und mit der Ministerin
wenigstens die innigste Gemeinschaft der Güter gehabt denn unter den
jetzigen Umständen grenzten Scheidung und Konkurs nachbarlich aneinander aber
wie gesagt manche Menschen haben bei den besten Krallen wie der Adler des
römischen Königs99 nichts darin
Er fuhr fort »Jetzt hört diese Gêne vielleicht auf Haben Sie bisher
Beobachtungen über ihn gemacht« Sie schüttelte »Ich« versetzt er »schon
lange und solche die mich wahrhaft soulagierten javois le nez bon quant à
cela er hat reelle Neigung für meine Liane«
Die Ministerin konnte keinen Verfolg erraten und bat ihn mit verdecktem
Erstaunen zur angenehmen Sache zu kommen Komisch rang auf seinem Gesicht der
freundliche Schein mit der Erwartung er werde sich sogleich erbosen müssen er
versetzte »Ist Ihnen das keine Der Ritter meint es ernstaft Er will sich
jetzt mit ihr heimlich verloben nach drei Jahren tritt er aus dem Orden und
ihr Glück ist gemacht Vous êtes je lespêre pour cette fois un peu sur mes
interêts ils sont les vôtres«
Ihr so schnell und tief getroffenes Mutterherz weinte und konnte kaum
verhüllet werden »Herr von Froulay« sagte sie nach einiger Fassung »ich
verberge mein Erstaunen nicht Eine solche Ungleichheit in den Jahren in den
Neigungen in der Religion«100
»Das ist des Ritters Sache nicht unsere« versetzt er erquickt von ihrer
entrüsteten Verwirrung und warf wie das Wetter in seiner Kälte nur feinen
spitzen Schnee keinen Hagel »Was Lianens Herz anlangt dieses bitt ich Sie
eben zu sondieren« »O dieses fromme Herz Sie persiflieren« »Posito
desto lieber wird das fromme Herz sich fügen um das Glück des Vaters zu machen
wenn sie nicht die größte Egoistin ist Ich möchte die gehorsame Tochter nicht
gern zwingen« »Népuisez pas ce chapitre mon coeur est en presse Es wird
ihr das Leben kosten das ohnehin an so schwachen Fäden hängt« Diese
Erwähnung schlug allezeit Zornfeuer aus seinem Kiesel »Tant mieux« sagt er
»so bleibt es bei der Verlobung hätt ich bald gesagt sacre Und wer ist
daran schuld So gehts mir mit dem Hauptmann auch anfangs versprechen meine
Kinder alles dann werden sie nichts Aber Madame« indem er sich schnell
und giftig zusammenfasste und statt seiner Lippen und Zähne bloß die
Gehörwerkzeuge eines schlafenden Schosshundes mäßig drückte »Sie allein wissen
ja alles durch Ihren Einfluss auf Liane zu dressieren und zu redressieren Sie
gehorcht Ihnen vielleicht noch eher als mir Ich werde dann nicht bei dem Ritter
kompromittiert Die Vorteile detaillier ich nicht weiter« Seine Brust wurde
hier schön erwärmt unter dem Geierfell der Entrüstung
Aber die edle Frau stand jetzt unwillig auf und sagte »Herr von Froulay
Bis jetzt sprach ich nicht von mir Nie werd ich es raten oder billigen oder
zulassen ich werde das Gegenteil tun Herr von Bouverot ist meiner Liane
nicht würdig«
Der Minister hatte während der Rede mehrmals mit der Lichtschere ohne Not
über den Wachslichtern zugeschnappt und nur die Flammenspitze geköpft die fixe
Luft des Zorns strich jetzt die Rosen seiner Lippen wie die chemische die
botanischen blau an »Bon« versetzt er »Ich verreise Sie können
darüber reflechieren aber ich gebe mein Ehrenwort dass ich nie in irgendeine
andere Partie konsentiere und wäre sie« wobei er die Frau ironisch ansah
»noch ansehnlicher101 als die eben projektierte entweder das Mädchen gehorcht
oder sie leidet decidez Mais je me fie à lamour que vous portez au pere
et à la fille vous nous rendrez tous assez contents« Und dann zog er fort
nicht als Gewitter sondern als Regenbogen den er aus der achten Farbe allein
verfertigte aus der schwarzen und zwar mit den Augenbraunen
Nach einigen mit der Mutter und Tochter zürnenden Tagen reiste er als
Luigis Geschäftsträger nach Haarhaar zur fürstlichen Braut Die bedrängte Mutter
vertrauete ihrem ältesten und einzigen Freunde dem Lektor das trübe Geheimnis
Beide hatten jetzt ein reines Verhältnis der Freundschaft gegeneinander das in
Frankreich durch die höhere Achtung für die Weiber häufiger ist In den ersten
Jahren der ministerialischen Zwangsehe die nicht mit Morgentau sondern mit
Morgenreif anbrach flatterte vielleicht der Dämmerungsvogel Amor ihnen nach
aber später vertrieben die Kinder diese Sphinx Über die Mutter wird oft die
Gattin verschmerzt Sie nahm daher mit der ihr eignen kalten und klaren Stärke
alles Schwankende in ihrem Verhältnis gegen Augusti auf immer weg und er machte
ihr die Festigkeit durch die seinige leichter weil er bei mehr Ehr als
WeiberLiebe über kein Flechtwerk röter wurde als über das eines Korbes und
irrig glaubte ein Empfänger habe sich so zu schämen wie eine Empfängerin
Der Lektor konnte voraussehen dass sie auch nach ihrer Ehescheidung die
sie nur Lianens wegen verschob schon darum unverbunden bleiben werde um ihrer
Tochter ein Allodialgut Klosterdorf für dessen Vorbehaltung sie nun 21 Jahre
lang den Sturmbalken und Sichelwagen und Doppelhaken des alten Ministers
blossgestanden nicht zu entziehen Ob sie einem so festen und zarten Manne der
in nichts von ihr abwich als in der Weltkälte gegen positive Religion nicht
ihre teuere Liane selber schweigend zudenke ist eine andere und schönere Frage
Eine solche Wechselgabe wäre einer solchen Mutter und Freundin würdig die aus
ihrem Herzen wusste dass Zart und Ehrgefühl zusammen einer geliebten Seele ein
festeres Glück bereiten als die Genieliebe dieser Wechsel von fliegender Hitze
und fliegender Kälte dieses Feuer das wie das elektrische stets zweimal
zertrümmert bei dem Anfliegen und bei dem Abspringen Der Lektor selber warf
jene Frage nicht auf denn er machte nie unsichere kecke Plane und welcher
wär es mehr gewesen als der einer solchen Verbindung bei seiner Armut oder bei
einem solchen Schwiegervater in einem Lande wo wie in Kursachsen ein so
wohltätiges Gesetz für die Eltern sogar eine vieljährige Ehe die kein
elterlicher Konsens geschlossen wieder abbestellen kann
Mit nassen Augen zeigte die Ministerin ihm die neuen Sturmwolken die wieder
über sie und ihre Liane heraufstiegen Sie konnte auf sein feines Auge für die
Welt auf seine stumme Lippe und auf seine gewandte Hand für Geschäfte bauen Er
sagte wie immer das hab er alles vorausgesehen bewies ihr aber dass
Bouverot sein Ritterkreuz schon aus Habsucht nie gegen den Ehering
vertauschen werde welche Absichten er auch auf Lianen nähre Er ließ sie
soweit es die Schonung für ihre wunden Verhältnisse vertrug es erraten bis zu
welchem Grade von Bereitwilligkeit für Bouverots Wünsche gerade Lianens
zerbrechliches Leben den Minister locken könne um es abzuernten bevor es
abblühe Denn Froulay brachte Zumutungen gegen die Ehre behender die Kehle hinab
als Verletzungen seiner Eitelkeit wie der Wasserscheue leichter derbe Brocken
als Flüssiges Doch klang das alles der Ministerin nicht so unmoralischhart
als Leser aus den mittleren Ständen denken möchten ich berufe mich auf die
vernünftigern aus den höheren
Augusti und die Ministerin sahen man müsste in der Abwesenheit des Ministers
doch etwas für Liane tun und beide trafen wunderbar im Projekte zusammen
Liane muss aufs Land in dieser schönen Zeit sie muss ihre Gesundheit rüsten für
die Kriege der Zukunft sie muss den Besuchen des Ritters entzogen sein die nun
der Geburtstag vervielfältigen wird der Minister muss sogar gegen den Ort
nichts einzuwenden haben Und wo kann dieser liegen Bloß unter dem Dache
des Direktors Wehrfritz der den deutschen Herrn nicht ausstehen kann weil er
sein vergiftendes Verhältnis zum Fürsten weiß Aber freilich sind vorher noch
andere Berge zu übersteigen als der nach Blumenbühl
Selber der Leser muss jetzt über einen niedrigen hinüber und der ist ein
kurzes komitragisches Extrablatt
über den grünen Markt mit Töchtern
Folgendes ist gewiss jeder Inhaber einer sehr schönen oder sehr reichen Tochter
verwahrt gleichsam einen Pitt unter dem Dach der ihm selber unbrauchbar ist und
den er erst nach langem Ruhen einem Regenten102 verkaufen muss Genau und
merkantilisch gesprochen sind Töchter eigentlich kein Handelsartikel denn die
elterlichen Grossavanturhändler kann niemand mit jenen Trödlerinnen und Ständel
oder Fratschlerweibern vermengen deren Transitohandel man nicht gern nennt
sondern eine Aktie mit der man in einer Südsee gewinnt oder eine Scholle
womit man das Grundstück symbolisch scotatione übergibt »Je ne vends que mes
paysages et donne les figures par dessus le marché«103 sagte Klaude Lorraine
wie ein Vater und konnt es leicht weil er durch andere die Figuren in seine
Landschaften malen ließ ebenso werden nur die Rittersitze in den Kauf oder
Ehekontrakt gesetzt und die Braut die auf jenen sitzt dareingegeben Ebenso
höher hinauf ist eine Prinzessin bloß ein blühender Zweig den ein fürstlicher
Sponsus nicht der Früchte wegen sondern weil sich ein Bienenschwarm von Land
und Leuten daran angelegt abnimmt und nach Hause trägt
Hat ein Vater wie unser Minister nicht viel so kann er die Kinder wie
die Ägypter die Eltern nämlich die Mumien davon als Schuld und Faustpfänder
oder Reichspfandschaften die man nicht einlöset einsetzen
Jetzt hat sich der Kaufmannsstand der sonst nur fremde Produkte vertrieb
auch dieses Handelszweigs bemächtigt mich dünkt aber er hätte in seinem unteren
Kaufgewölbe Spielraum genug eigennützig und verdammt zu werden ohne die Treppe
hinaufzusteigen zur Tochter In Guinea darf nur der Adel handeln bei uns ist
ihm fast aller Handel außer dem kleinen mit den Töchtern und den übrigen
wenigen Dingen die auf den eignen Gütern wachsen abgeschnitten und verwehrt
daher hält er so fest auf diese Handelsfreiheit und die Noblesse scheint hier
eine für diesen zarten Handelszweig verbundne Hansa zu sein so dass man
gewissermaßen den erhabenen Stand mit dem erhabnern im eigentlichen Sinn
vergleichen mag den in Rom verkäufliche Leute besteigen mussten104 um besehen
zu werden
Es ist eine gemeine Einwendung sogenannter gefühlvoller junger Herzen dass
dergleichen Verhandlungen die Liebe sehr sperren oder gar sprengen indes ihr
wohl nichts so sehr vorarbeitet als eben dies Denn ist nur der Handel
geschlossen und vom Buchhalter dem Pfarrer ins Hauptbuch eingetragen so tritt
ja die Zeit ein wo die Tochter ihr Herz bedenken und versorgen darf nämlich
die schöne Zeit nach der Heirat die allgemein in Frankreich und Italien und
allmählich auch in Deutschland als die schicklichere angenommen wird wo ein
weibliches Herz frei unter der MännerSchar erwählen kann ihr Staat wird dann
wie der venezianische aus einem merkantilischen ein erobernder Auch den Gemahl
selber unterbricht das kurze Handlungsgeschäft so wenig nachals vorher in
seiner Liebe nur tritt jetzt wie in Nürnberg dem Juden eine alte Frau
unserem immer eine junge nach Ja oft fasset der eheliche HandelsMann selber
Neigung für das heimgeführte Subjekt welches ein ungemeines Glück und wie
Moses Mendelssohn mit dem seidenen WarenBündel unter dem Arm seine Briefe über
die Empfindungen aussann so meditieren bessere Männer unter dem Handel
Liebesbriefe an den Handelszweig und handeln mit der Jungfrau wie Kaufleute in
Messina105 mit der heiligen in Kompagnie aber freilich solche profitable
Verbindungen der Liebe mit Geschäften bleiben seltene Vögel und sind wenig zu
prätendieren
Das Vorige schrieb ich für Eltern die gern scherzen mit kindlichem
Glück ich will jetzt aus ihrem und meinem Scherz Ernst machen Ich frage euch
erstlich über euer Recht moralischen freien Wesen die Neigungen oder gar den
Schein derselben vorzuschreiben und durch eine Machtandlung den giftigen
Bleizepter über ein ganzes freies Leben auszustrecken Eure zehn Lehrjahre des
Lebens mehr machen so wenig einen Unterschied in der gegenseitigen Freiheit als
Talent oder sein Mangel Warum befehlt ihr denn Töchtern nicht ebensogut
Freundschaft auf Lebenslang Warum übt ihr bei der zweiten Ehe nicht dasselbe
Recht Aber ihr habt eben keines zu verwerfen ausgenommen in der minorennen
Zeit wo das Kind noch keines hat zu wählen Oder fodert ihr für die Erziehung
zur Freiheit beim Abschiede als Ehrensold das Opfer der Freiheit Ihr tut als
hättet ihr erzogen ohne selber erzogen zu sein indes ihr bloß eine schwere
geerbte Schuld die ihr an eure Eltern nie bezahlen könnt an eure Kinder
abtragt und ich kenne hierin nur einen unbezahlten Gläubiger den ersten
Menschen und nur einen insolventen Schuldner den letzten Oder schützet ihr
euch noch mit dem barbarischen unmoralischen römischen Vorurteil das Kinder als
weiße Neger der Eltern feilbietet weil die frühere erlaubte Gewalt über das
nichtmoralische Wesen sich hinter der Allmählichkeit seiner Entwicklung
unbemerkt als eine über das moralische herüberschleicht
Dürft ihr aus Liebe Kinder zu ihrem Glück so dürfen sie später ebensogut
aus Dankbarkeit euch zu eurem zwingen Aber was ist denn das Glück wofür sie
ihr ganzes Herz mit allen seinen Träumen wegwerfen sollen Meistens eures
eure Beleuchtung und Bereicherung eure Feind und Freundschaften sollen sie mit
dem Opfer des Innersten büßen und kaufen Dürft ihr eure stillen Voraussetzungen
zum Glück einer Zwangsehe laut bekennen zB die Entbehrlichkeit der Liebe in
der Ehe die Hoffnung eines Todesfalles die vielleicht doppelte Untreue sowohl
gegen den ehelichen Käufer als gegen den außerehelichen Geliebten Ihr müsst
Sünderinnen106 voraussetzen um nicht Räuber zu sein
Tut mir nicht dar dass Neigungsehen oft schlecht und Zwangsehen oft gut
genug ausgefallen wie an Herrnhutern Germanen und Orientalern zu ersehen
Nennt mir sonst lieber alle barbarische Völker und Zeiten her worin weil beide
ja nur den Mann nie die Frau berechnen eine glückliche Ehe nichts bedeutet als
einen glücklichen Mann Niemand steht nahe genug dabei die weiblichen Seufzer
zu hören und zu zählen der ungehörte Schmerz wird endlich sprachlos neue
Wunden schwächen das Bluten der ältesten Ferner am Missgeschick der
NeigungsEhen ist eben ihr Verwehren und euer Krieg gegen die Verehlichten
schuld Ferner jede ZwangsEhe ist ja meistens zur Hälfte eine NeigungsEhe
Endlich die besten Ehen sind im mittleren Stand wo mehr die Liebe und die
schlechtesten in den höheren wo die Rücksicht bindet und sooft in diesen ein
Fürst bloß mit seinem Herzen wählte so erhielt er eines und er verlor und
betrog es nie
Welches ist denn nun die Hand in welche ihr so oft die schönste feinste
reichste aber widersträubende presset Gewöhnlich eine schwarze alte welke
gierige Denn veraltete reiche oder steigende Libertins haben zu viel Kenntnis
Sättigung und Freiheit um sich andere Wesen zu stehlen als die herrlichsten
die minder vollkommenen fallen bloß Liebhabern anheim Aber wie niedrig ist ein
Mann der verlassen vom eignen Wert bloß vom fremden Machtgebot beschützt
sein Glück bezahlend mit einem gestohlnen nun die unbeschirmte Seele von einer
geliebten nachweinenden in ein langes kaltes Leben wegschleppen und sie in seine
Arme wie in frostige Schwerter drücken und sie darin so nahe an seinem Auge
blutend erbleichen und zucken sehen kann Der Mann von Ehre gibt schon
errötend aber er nimmt nicht errötend und der bessere Löwe der tierische
schonet das Weib107 aber diese Seeleneinkäufer erpressen vom bezwungnen Wesen
noch zuletzt das Zeugnis der Freiwilligkeit
Mutter des armen Herzens das du durch Unglück beglücken willst höre du
mich Gesetzt deine Tochter härte sich ab gegen das aufgedrungene Elend hast
du ihr nicht den reichen Traum des Lebens zum leeren Schlafe gemacht und ihr
daraus die glückseligen Inseln der Liebe genommen und alles was auf ihnen
blüht die schönen Tage wo man sie betritt und das ewige frohe Umsehen nach
ihnen wenn sie schon tief im Horizonte mit ihren blühenden Gipfeln liegen
Mutter war diese frohe Zeit in deiner Brust so nimm sie der Tochter nicht und
war sie dir grausam entzogen so denk an deinen bittersten Schmerz und erb ihn
nicht fort
Gesetzt ferner sie macht den Entführer ihrer Seele glücklich rechne nun
was sie für den Liebling derselben gewesen wäre und ob sie dann nichts verdiene
als den zu ihr von einer Gefängnistüre auf immer eingeschlossenen Kerkermeister
zu ergötzen Aber so gut ists selten du wirst ein doppeltes Missgeschick auf
deine Seele häufen den langen Schmerz der Tochter das Erkalten des Gatten der
später die Weigerungen fühlt und rügt Du hast die Zeit verschattet wo der
Mensch am ersten Morgensonne braucht die Jugend O macht lieber alle andere
Tageszeiten des Lebens trübe sie sind sich alle ähnlich das dritte und das
vierte und fünfte Jahrzehend nur bei Sonnenaufgang lasset es nicht ins Leben
regnen nur diese einzige nie umkehrende unersetzliche Zeit verfinstert nicht
Aber wie wenn du nicht bloß Freuden Verhältnisse eine glückliche Ehe
Hoffnungen eine ganze Nachkommenschaft für deine Plane und Befehle opfertest
sondern das Wesen selber108 das du zwingst Wer kann dich rechtfertigen oder
deine Tränen trocknen wenn die beste Tochter denn gerade diese wird
gehorchen schweigen und sterben wie den Mönchen von La Trappe ihr Kloster
niederbrennt ohne dass einer das Gelübde des Schweigens bricht109 wenn sie
sag ich wie eine Frucht halb vor der Sonne halb im Schatten nach außen hin
blüht und nach innen kalt erbleicht wenn sie ihrem entseelten Herzen
nachsterbend dir endlich nichts mehr verhehlen kann sondern jahrelang die
Blässe und die Schmerzen des Unterganges mitten im Aufgange des Lebens
herumträgt und wenn du sie nicht trösten darfst weil du sie zerstöret hast
und dein Gewissen den Namen Kindermörderin nicht verschweigt und wenn nun
endlich das ermüdete Opfer vor deinen Tränen daliegt und das ringende Wesen so
bang und früh so matt und doch lebensdurstig vergebend und klagend mit
brechenden und sehnsüchtigen Blicken peinlichverworren und streitend in den
bodenlosen Todesfluss mit den blühenden Gliedern untersinkt o schuldige Mutter
am Ufer die du sie hineingestossen wer will dich trösten Aber eine
schuldlose würde ich rufen und ihr das schwere Sterben zeigen und sie fragen
soll dein Kind auch so untergehen
59 Zykel
Es war ein romantischer Tag für Zesara sogar von außen Sonnenfunken und
Regentropfen spielten blendend durch den Himmel Er hatte einen Brief von seinem
Vater aus Madrid bekommen der auf den gedrohten Tod seiner Schwester endlich
das schwarze Siegel der Gewissheit drückte und worin nichts Angenehmes war als
die Nachricht dass Don Gaspard mit der Gräfin de Romeiro deren Vormundschaft er
nun schließe in dem Herbste dem italienischen Frühling nach Italien gehe
Zwei Töne waren ihm aus der Tonleiter der Liebe gerissen er erfuhr nie wie man
einen Bruder liebe und eine Schwester Das Zusammentreffen ihrer Sterbenacht mit
der TartarusNacht dieses ganze Einkrallen in die heiligen Bilder und Wünsche
seines Herzens empörte seinen Geist und er fühlte zornig wie ohnmächtig eine
ganze antastende Welt Lianens Bild in ihm wegzurücken suche und fühlte wieder
schmerzlich dass eben diese Liane selber an ihr nahes Vergehen glaube
So fand ihn eine unerwartete Einladung von der Ministerin selber
Sonnenfunken und Regentropfen spielten auch in seinem Himmel Er flog im
Vorzimmer stand der Engel der die sechs apokalyptischen Siegel erbrach
Rabette Sie war ihm entgegengelaufen aus Scheu vor der Gesellschaft und hatt
ihn früher umarmt als er sie Wie gern sah er ins bekannte redliche Angesicht
Mit Tränen hört er den Namen Bruder da er heute eine Schwester verloren
Die Ursache ihrer Erscheinung war diese als der Direktor das letztemal bei
der Ministerin war hatte diese mit leichter verdeckter Hand seiner Tochter »zur
Kenntnis des leeren Stadtlebens und zur Veränderung« ihr Haus geöffnet um
künftig an seines für ihre klopfen zu dürfen Er sagte »er spedier ihr den
weiblichen Wildfang mit Freuden« Und da ihm in Blumenbühl Rabette Nein dann
Ja dann Nein dann Ja geantwortet und sie mit der Mutter noch vor Mitternacht
eine ReichskammergerichtsRevision einen MünzprobationsTag über alles gehalten
hatte was ein Mensch vom Land anziehen kann in der Stadt so packte sie dort
auf und hier ab
»Ach ich fürchte mich drinnen« sagte sie zu Albano »sie sind alle zu
gescheut und ich bin nun so dumm« Er fand außer dem Familienkleeblatt noch
die Prinzessin und die kleine Helena aus Lilar dieses schöne Medaillon eines
schönen Tages für sein gerührtes Herz Unbeschreiblich ergriff ihn Lianens
weibliche Annäherung an Rabette gleichsam als teil er sie mit ihr Mit
Leutseligkeit und Zartheit kam die Milde die ohne Falsch und Stolz war der
verlegnen Gespielin zu Hilfe auf deren Gesicht die angeborene lachende und
beredte Natur jetzt sonderbar gegen den künstlichen StummenErnst abstach Karl
war mit seiner gewandten Vertraulichkeit mehr imstand sie zu umstricken als
loszuwickeln bloß Liane gab ihrer Seele und Zunge schon durch den Stickrahmen
freies Feld Rabette schrieb mit der Sticknadel zwar keine Zier und
Anfangsbuchstaben aber doch eine gute Kurrentand
Sie gab das Gesicht gegen das brüderliche gewandt um Mut davon zu holen
von dem gefährlichen Wege und Umwerfen einen deutlichen Bericht und lachte
dabei nach der Sitte des Volks wenn es sein Unglück erzählt Der Bruder war
ihr auf Kosten der Gesellschaft selber die Gesellschaft und die Welt nach ihm
allein strömte ihre Wärme und Rede hin Sie sagte sie könn ihn aus ihrer Stube
»klavieren« sehen Liane führte beide sofort darein Wie reich und erhaben über
Rabettens Ansprüche ans Stadtleben war das jungfräuliche Hospitium ausgestattet
von der Tulpe an keiner blühenden sondern einem Arbeitskörbchen von Liane
wiewohl jede Tulpe eines für den Frühling ist bis zum Klavier von dem sie
gegenwärtig freilich nicht mehr verbrauchen kann als sieben Diskanttasten für
einen halben Walzer Fünf mäßige Kleiderkästen denn damit glaubte sie
auszukommen und der Stadt zu zeigen dass auch das Land sich kleiden könne
stellten ihm in ihren wohlbekannten Blumenstücken und Blechbändern gleichsam die
alten Drucke Inkunabeln der ersten Lebenstage vor und heute erquickte ihn
jede Spur der alten LiebesZeit Sie ließ ihn seine Fenster suchen aus deren
einem der Bibliotekar einen soliden Blick auf einen Gassenstein heftete um ihn
immer zu treffen mit Anspucken
Hier einsam neben dem Bruder sagte Liane der Schwester das Wort der
Freundschaft lauter und versicherte wie sie sie erfreuen wolle und wie gut und
wahr sie es mit ihr meine O seht in die Flamme der reinen religiösen
schwesterlichen Liebe mit keinem gelben Auge des Argwohns Fasset ihr nicht dass
diese schöne Seele eben jetzt ihre reichen Flammen zerteile für alle
Schwesterherzen bis die Liebe sie zusammendrängt in eine Sonne wie nach den
Alten die zerstreueten Blitze der Nacht am Morgen sich zu einer dichten Sonne
sammlen Sie war überall Auge für jedes Herz wie eine Mutter vergaß sie nicht
einmal die Kleine über Große und sie goss keiner streiche mir dieses kleine
Beispiel weg der kleinen Helena die Tasse Kaffee die der Doktor verbot halb
voll Sahne damit er ohne Kraft und Nachteil sei
Die ungeduldige Prinzessin hatte schon zehnmal nach dem Himmel geschauet
durch welchen bald Lichtstrahlen bald Regensäulen flogen bis endlich aus dem
verzehrten Wolkenschnee das Blau in weiten Feldern wuchs und Julienne die
erfreueten jungen Leute in den Garten zum Anstoß der Ministerin entführen
konnte die ungern Lianen dem Serein fünf oder sechs AbendwindStößen und dem
Waten durch das 119 Linie hoch stehende Regenwasser aussetzte Sie selber blieb
zurück Wie war alles drunten so neu geboren widerscheinend und liebkosend Die
Lerchen stiegen aus den fernen Feldern wie Töne auf und schmetterten nahe über
dem Garten in allen Blättern hingen Sterne und die Abendluft warf das nasse
Geschmeide die zitternden Ohrrosen aus den Blüten in die Blumen herab und trieb
süße Düfte den Bienen entgegen Die Idylle des Jahrs der Frühling teilte sein
holdes Schäferland unter die jungen Seelen aus Albano nahm die Hand seiner
Schwester aber er hörte mühsam auf ihre Berichte vom Hause Liane ging mit der
Prinzessin weit voraus und labte sich am offenen Himmel der Vertraulichkeit
Plötzlich stand Julienne mit ihr scherzend still um den Grafen
heranzulassen und zu fragen nach Briefen von Don Gaspard und nach Nachrichten
von der Gräfin Romeiro Er teilte mit erglühendem Gesicht den Inhalt des
heutigen mit In Juliennens Physiognomie lächelte fast Neckerei Auf die
Nachricht von Lindas Reise versetzte sie »Daran erkenn ich sie alles will sie
lernen alles bereisen Ich pariere sie steigt auf den Montblanc und in den
Vesuv Liane und ich nennen sie darum die Titanide« Wie freundlich hörte diese
zu mit den Augen ganz auf der Freundin »Sie kennen sie nicht« fragte sie den
Gepeinigten Er verneinte heftig Roquairol kam nach »Passez Monsieur« sagte
sie Platz machend und ihn fortwinkend Liane blickte sehr ernst nach »La
voici« sagte Julienne indem sie an einem Ringe ihrer kleinen Hand durch einen
Druck die Decke eines Bildnisses aufspringen ließ Guter Jüngling es war
ganz die Gestalt welche in jener Zaubernacht aus dem Lago maggiore aufstieg
dir von den Geistern zugeschickt »Sie ist getroffen« sagte sie zu dem
erschütterten Menschen »Sehr« sagt er verwirrt Sie untersuchte dieses
widersprechende »Sehr« nicht aber Liane sah ihn an »Sehr schön und kühn«
fuhr er fort »aber ich liebe Kühnheit an Weibern nicht« »O das glaubt man
den Männern gern« versetzte Julienne »keine feindliche Macht liebt sie an der
andern«
Sie gingen jetzt in der Kastanienallee vor der heiligen Stätte vorbei wo
Albano die Braut seiner Hoffnungen zum ersten Male hinter den Wasserstrahlen
hatte glänzen und leiden sehen O er hätte hier mit dieser vom
Gegeneinanderarbeiten wunderbarer Verhältnisse bangerhitzen Seele gern vor dem
nahen stillen Engel niederknien mögen Die zarte Julienne merkte sie habe ein
bewegtes Herz zu schonen nach einem ziemlich lauten Schweigen sagte sie in
ernstem Ton »Ein holder Abend Wir wollen aufs Wasserhäuschen Liane wurde da
geheilt Graf Die Fontänen müssen auch springen« » die Fontänen« sagte
Albano und sah unbeschreiblichgerührt Lianen an Sie dachte aber er meine die
im Flötental Helena gebot hinter ihnen zu warten und kam mit zwei Händchen
voll gepflückter tauiger Aurikeln nachgetrippelt und gab sie alle Lianen von
ihr als der Kollatorin der Benefizien die BlumenSpende erwartend »auch die
Kleine denkt noch an den schönen Sonntag in Lilar« sagte Liane Sie gab der
Prinzessin ein paar und Helena nickte und als Liane sie ansah nickte sie
wieder zum Zeichen der Graf soll auch etwas haben »noch mehr« rief sie
als er bekommen und je mehr jene gab desto mehr rief sie »mehr« wie Kinder
in den Hyperbeln ihres Hanges zur Unendlichkeit pflegen
Man ging über eine grüne Brücke und kam in ein niedliches Zimmer Statt des
vorigen Pianofortes stand ein gläsernes Heiligenhaus der Tonmuse da eine
Harmonika Der Hauptmann schraubte innen hinter einem Tapetentürchen und
sogleich fuhren draußen alle festgebundnen Springwasser mit silbernen Flügeln
gen Himmel O wie brannte die beregnete Welt als sie hinaus auf die Höhe
traten
Warum warst du mein Albano gerade in dieser Stunde nicht ganz glücklich
Warum stechen denn durch alle unsre Bündnisse Schmerzen und warum blutet das
Herz wie seine Adern am reichsten wenn es erwärmt wird Über ihnen lag der
stille verwundete Himmel im Verband eines langen weißen Gewölkes die
Abendsonne stand noch hinter dem Palast aber auf beiden Seiten desselben
wallete ihr Purpurmantel aus Wolken in weiten Falten über den Himmel hin und
wenn man sich umkehrte nach Osten zu den Bergen von Blumenbühl so liefen grüne
LebensFlammen hinauf und wie goldne Vögel hüpften die Irrlichter durch die
feuchten Zweige und an die Morgenfenster aber die Fontänen warfen noch ihr
weißes Silber in das Gold
Da schwamm die Sonne mit roter heißer Brust goldne Kreise in den Wolken
ziehend hervor und die gebognen Wasserstrahlen brannten hell Julienne sah
Albano neben welchem sie immer gleichsam gutmachend geblieben herzlich an als
ob es ihr Bruder wäre und Karl sagte zu Liane »Schwester dein Abendlied«
»Von Herzen gern« sagte sie denn sie war recht froh über die Gelegenheit sich
mit dem wehmütigen Ernst ihres Genusses zu entfernen und drunten in der einsamen
Stube auf den Harmonikaglocken alles laut zu sagen was die Entzückung und die
Augen verschweigen
Sie ging hinab das melodische Requiem des Tages stieg herauf der Zephyr
des Klanges die Harmonika flog wehend über die GartenBlüten und die Töne
wiegten sich auf den dünnen Lilien des aufwachsenden Wassers und die
Silberlilien zersprangen oben vor Lust und Sonne in flammige Blüten und drüben
ruhte die Mutter Sonne lächelnd in einer Aue und sah groß und zärtlich ihre
Menschen an Hältst du denn dein Herz Albano dass es mit seinen Freuden und
Leiden verborgen bleibt wenn du die stille Jungfrau im Mondschein der Töne
wandeln hörst O wenn der Ton der im Äther vertropft ihr das frühe Verrinnen
ihres Lebens ansagt und wenn ihr die langen weichen Melodien als das Rosenöl
vieler zerdrückter Tage entfliessen denkst du daran nicht Albano Wie der
Mensch spielet Die kleine Helena wirft mit Aurikeln nach den lodernden
Wasseradern damit sie eine mit aufschleudern und der Jüngling Zesara bückt
sich weit über das Geländer und lässt an der schiefen Hand den Wasserstrahl auf
ein heißes Gesicht und Auge abspringen um sich damit zu kühlen und zu
verhüllen Durch seine Schwester wurde ihm der feurige Schleier geraubt
Rabette gehörte unter die Menschen welche dieses tönende Beben sogar physisch
zernagt so wie wieder den Hauptmann die Harmonika wenig ergriff der immer am
wenigsten gerührt war wenn es andere am meisten waren die Unschuldige war
mit keinen Schmerzen weniger vertraut als mit süßen die bittersüsse Wehmut
worein sie in der müßigen Einsamkeit der Sonntage versank hatten sie und andere
bloß für Verdriesslichkeit gescholten Jetzt fühlte sie auf einmal mit Erröten
ihr rüstiges Herz wie von heißen Strudeln gefasst umgedreht und durchgebrannt
Ohnehin war es heute durch das Wiederfinden des Bruders durch das Verlassen der
Mutter und die verlegne Bangigkeit vor Fremden und selber durch den sonnenroten
Blumenbühler Berg hin und her bewegt Umsonst kämpften die frischen braunen
Augen und die überreife volle Lippe gegen den aufwühlenden Schmerz die heißen
Quellen rissen sich durch und das blühende Angesicht mit dem kräftigen Kinn
stand errötend voll Tränen Schmerzlichverschämt und bange für ein Kind
gehalten zu werden zumal da alle Rührungen der andern unsichtbar geblieben
waren drückte sie das Schnupftuch über das brennende Gesicht und sagte zum
Bruder »Ich muss fort mir ist nicht wohl es will mich ersticken« und lief
hinab zur sanften Liane
Dahin trage nur die scheuen Schmerzen Liane wandte sich und sah sie schnell
und heftig die Augen trocknen Ach ihre waren ja auch voll Da Rabette es sah
sagte sie mutig »Ich kanns ja nicht hören ich muss heulen ich schäme mich
wohl recht« »O du liebes Herz« rief Liane freudig ihr um den Hals fallend
»schäme dich nicht und blick in mein Auge Schwester komme zu mir sooft du
bekümmert bist ich will gern mit deiner Seele weinen und will dein Auge noch
eher abtrocknen als meines« Ein überwältigender Zauber war in diesen
Liebestönen in diesen Liebesblicken weil Liane wähnte sie trauere über
irgendeinen verfinsterten Stern des Lebens Und nie hat die furchtsame
Dankbarkeit ein verehrtes Herz frischer und jugendlicher umarmet als Rabette
Lianen
Da kam Albano Vom Austönen des Wiegenliedes erwachend war er ihr
nachgeeilt ohne alle kalte und andere Tropfen von seinen feurigen Wangen zu
wischen »wie ist dir Schwester« fragt er eilig Liane noch in der Umarmung
und Begeisterung schwebend antwortete schnell »Sie haben eine gute Schwester
ich will sie lieben wie ihr Bruder« Die süßen Worte die so innig gerührten
Seelen der feurige Sturm seines Wesens rissen ihn dahin und er umschloss die
Umarmenden und drückte die verschwisterten Herzen aneinander und küsste die
Schwester als er über Lianens bestürztes Wegbeugen des Kopfes erschrak und
blutrot aufflammte
Er musste entfliehen Mit diesen wilden Erschütterungen konnt er nicht vor
Lianen und vor den kalten Spiegeln der Gesellschaft bleiben Aber die Nacht
sollte so wunderbar werden wie der Tag er eilte mit LebensBlicken die wie
zornige aussahen aus der Stadt zur Titanide zur Natur die uns zugleich
stillet und erhebet Er ging vor aufgedeckten Mühlenrädern vorbei um welche
sich der Strom schäumend wand Die Abendwolken streckten sich wie ausruhende
Riesen aus und sonnten sich im Morgenrot Amerikas und der Sturm fuhr unter
sie und die feurigen Zentimanen standen auf die Nacht bauete den Triumphbogen
der Milchstrasse und die Riesen zogen finster hindurch Und in jedem Elemente
schlug die Natur wie ein Sturmvogel den rauschenden Flügel
Albano lag ohne es kaum zu wissen auf der WaldBrücke Lilars worunter die
Windströme durchrauschten Er glühte gleich den Wolken von seiner Sonne nach
seine innern Flügel waren wie die des Strausses voll Stacheln und verwundeten
ihn im Erheben der romantische Geistertag der Brief des Vaters Lianens
Auge voll Tränen seine Kühnheit und seine Wonne und Reue darüber und jetzt die
erhabene NachtWelt auf allen Seiten um ihn her zogen erschütternd im jungen
Herzen hin und her er berührte mit der FeuerWange die beregneten Gipfel und
kühlte sich nicht und war dem tönenden fliegenden Herzen der Nachtigall nahe
und hörte sie kaum Wie eine Sonne geht das Herz durch die blassen Gedanken
und löschet auf der Bahn ein Sternbild nach dem andern aus Auf der Erde und
an dem Himmel in der Vergangenheit und in der Zukunft stand vor Alban nur eine
Gestalt»Liane« sagte sein Herz »Liane« sagte die ganze Natur
Er ging die Brücke hinab und stieg die westlichen Triumphbogen hinauf das
dämmernde Lilar ruhte vor ihm Siehe da sah er den alten »frommen Vater« auf
dem Geländer des Bogens eingeschlummert Aber wie anders war die verehrte
Gestalt als er sie sich nach der des verstorbnen Fürsten vorgemalt Die unter
dem Quäkerhute reichvorwallenden weißen Locken die weiblich und poetisch runde
Stirn die gebogne Nase und die jugendliche Lippe die noch nicht im späten
Leben einwelkte und das Kindliche des sanften Gesichts verkündigten ein Herz
das in der Dämmerung des Alters ausruht und nach Sternen blickt Wie einsam ist
der heilige Schlaf Der Todesengel hat den Menschen aus der lichten Welt in die
finster überbauete Einsiedelei geführt seine Freunde stehen draußen neben der
Klause drinnen redet der Einsiedler mit sich und sein Dunkel wird immer
heller und Edelsteine und Auen und ganze Frühlingstage entglimmen endlich und
alles ist hell und weit Albano stand vor dem Schlaf mit einer ernsten Seele
die das Leben und seine Rätsel anschauet nicht nur der Ein und Ausgang des
Lebens ist vielfach überschleiert auch die kurze Bahn selber wie um ägyptische
Tempel so liegen Sphinxe um den größten Tempel und anders als bei der Sphinx
löset das Rätsel nur der welcher stirbt
Der alte Mann sprach hinter dem Sprachgitter des Schlafs mit Toten die mit
ihm über die MorgenAuen der Jugend gezogen waren und redete mit schwerer Lippe
den toten Fürsten und seine Gattin an Wie erhaben hing der mit einem langen
Leben übermalte Vorhang des veralteten Angesichts vor der hinter ihm tanzenden
Schäferwelt der Jugend nieder und wie rührend wandelte die graue Gestalt mit
dem jugendlichen Kranz im kalten Abendtau des Lebens umher und hielt ihn für
Morgentau und sah nach Morgen und der Sonne Nur die Locke des Greises rührte
der Jüngling liebendschonend an er wollte ihn um ihn nicht mit einer fremden
Gestalt zu erschrecken verlassen ehe der aufgehende Mond seine Augenlider
weckend berührte Nur wollt er vorher den Lehrer seiner Geliebten mit den
Zweigen eines nahen Lorbeerbäumchens bekränzen Als er davon zurückkam drang
schon der Mond mit seinem Glanze durch die großen Augenlider und der Greis
schlug sie auf vor dem erhabenen Jüngling der mit dem glühenden Rosenmond seines
Angesichts vom Monde verkläret vor ihm wie ein Genius mit dem Kranze stand
»Justus« rief der Alte»bist du es« Er hielt ihn für den alten Fürsten der
eben mit blühenden Wangen und offenen Augen in der Unterwelt des Traums mit ihm
gegangen war
Aber er kam bald aus dem träumerischen Elysium ins botanische zurück und
wusste sogar Albanos Namen Der Graf fasste mit offener Miene seine Hände und sagte
ihm wie lange und innig er ihn achte Spener erwiderte wenig und ruhig wie
Greise tun die alles auf der Erde so oft gesehen Der Glanz des Mondlichts floss
jetzt an der langen Gestalt herab und das ruhigoffene Auge wurde erleuchtet
das nicht sowohl eindringt als alles eindringen lässt Die fast kalte Stille
der Züge der junge Gang der langen Gestalt die ihre Jahre aufrecht trug als
einen Kranz auf dem Haupte nicht als Bürde auf dem Rücken mehr als Blumen denn
als Früchte die sonderbare Mischung von vorigem männlichen Feuereifer und
weiblicher Zartheit alles dieses weckte vor Albano gleichsam einen Propheten
des Morgenlandes auf Dieser breite Strom der durch die Alpen der Jugend
niederbrausete zieht jetzt still und eben durch seine Auen aber werft ihm
Felsen vor so steht er wieder brausend auf
Der Greis sah den jugendlichen Jüngling je öfter je wärmer an in unsern
Tagen ist Jugend an Jünglingen eine körperliche und geistige Schönheit zugleich
Er lud ihn ein ihn in dieser schönen Nacht in sein stilles Häuschen zu
begleiten welches droben neben der Turmspitze steht die oben ins Flötental
hereinschauet Auf den sonderbaren Irrsteigen die sie jetzt wandelten
verwirrte sich Lilar vor Albano zu einer neuen Welt wie nächtliche fliegende
SilberWolken baueten sich die dämmernden Schönheiten in immer andere Reihen
durcheinander und zuweilen drangen beide durch ausländische Gewächse mit
grellfärbigen Blüten und wunderlichen Düften Der fromme Vater fragt ihm
teilnehmend sein voriges und jetziges Leben ab
Sie kamen vor einen dunkeln Gang in der Erde Spener fasste freundlich
Albanos rechte Hand und sagte dieser führe zu seiner Bergwohnung hinauf Aber
bald schien es hinabzugehen Der Strom des Tales die Rosana klang noch herein
aber nur einzelne Tropfen des Mondlichts sickerten durch zerstreuete mit
Zweigen übersponnene Bergöffnungen durch Die Höhlung sank weiter nieder noch
ferner rauschte das Wasser im Tale Und doch sang eine Nachtigall immer nähere
Lieder Albano schwieg gefasst Überall gingen sie vor engen Pforten des
Glanzes vorbei den bloß ein Stern des Himmels hereinzuwerfen schien Sie
stiegen jetzt zu einer fernen erleuchteten Zauberlaube hinab aus hellroten und
giftigen dunkeln Blumen aus kleinen Zackenblättern und großem breiten Laube
zugleich gewölbt und ein verwirrendes weißes Licht halb von hereinschäumenden
Strahlen lebendig versprjetzt und halb aus Lilien nur als weißer Staub
angeflogen zog das Auge in einen trunknen Schwindel Zesara trat geblendet
hinein und indem er rechts nach dem einregnenden Feuer sah fand er Speners
Auge scharf links geheftet er blickte hin und sah im Vorübereilen einen alten
Mann ganz dem verstorbnen Fürsten ähnlich in eine Nebenhöhle schreiten seine
Hand zuckte erschrocken Speners seine auch dieser drang eilig weiter hinab
und endlich glänzte eine blaue gestirnte Öffnung sie traten hinaus
Himmel ein neues Sternengewölbe eine blasse Sonne zieht durch die Sterne
und sie schwimmen ihr spielend nach unten ruht eine entzückte Erde voll
Schimmer und Blumen ihre Berge laufen leuchtend am Himmelsbogen hinauf und
beugen sich herüber nach dem Sirius und durch das unbekannte Land wandeln
Entzückungen wie Träume worüber der Mensch vor Freude weint
»Was ist das Bin ich in oder über der Erde« sagte Albano erstaunt und
flüchtete das irrende Auge auf das Angesicht eines lebendigen Menschen »ich
sah einen Toten« Viel liebreicher als vorher antwortete der Greis »Das ist
Lilar hinter uns ist mein Häuschen« Er erklärte den mechanischen Schein110 des
Hinabsteigens »Hier stand ich nun schon so viel tausendmal und ergötzte mich
herzinniglich an den Werken Gottes Wie sah die Gestalt aus mein Sohn«
»Wie der tote Fürst« sagte Alban Betroffen aber fast gebietend sagte Spener
leise »Schweig wie ich bis zu seiner Zeit er wars nicht dein Heil und
vieler Heil hängen daran gehe heute nicht mehr durch den Gang«
Albano durch den ganzen sonderbaren Tag halb entrüstet sagte »Gut so
geh ich durch den Tartarus zurück Aber was bedeutet das GeisterWesen was
mich überall verfolgt« »Du hast« sagte der Alte ihm liebend und erquickend
auf die Stirn die Finger legend» lauter unsichtbare Freunde um dich und
verlasse dich überall auf Gott Es sagen so viele Christen Gott sei nahe oder
ferne seine Weisheit und seine Güte erscheine ganz absonderlich in einem
Saeculo oder in einem andern das ist ja eitel Trug ist er nicht die
unveränderliche ewige Liebe und er liebt und segnet uns in der einen Stunde
nicht anders als in der andern« Wie wir die Sonnenfinsternis eigentlich eine
Erdfinsternis nennen sollten so wird nur der Mensch verfinstert nie der
Unendliche aber wir gleichen dem Volke das der Verfinsterung der Sonne im
Wasser zusieht und dann wenn dieses zittert ausruft seht wie die liebe Sonne
kämpft
Albano trat in die Einsamkeit der reinlichen geordneten Wohnung des alten
Mannes nur beklommen weil in der heißen Asche seines Vulkans alles üppiger
trieb und grünte Spener zeigte von seinem Bergrücken hinüber auf das sogenannte
»Donnerhäuschen« 111 und riet ihm es diesen Sommer zu bewohnen Albano schied
endlich aber sein bewegtes Herz war ein Meer in welchem die Morgensonne
glühend noch halb steht und in welches sich in Abend ein bleifarbiges Gewitter
taucht und das glänzend schwillt unter dem Sturm Er sah aus der Tiefe nach dem
nachblickenden Greise hinauf aber er hätte sich heut kaum gewundert wenn
dieser versunken oder aufgestiegen wäre In zornigmutigen Entschlüssen für
seine Liebe wonach kalte Hände griffen mit seinem Leben zu bürgen und zu
opfern schritt er durch den vom Vergrösserungsspiegel der Nacht zum schwarzen
RiesenTross aufgezognen Tartarus ohne alle Furcht so ist die Geisterwelt nur
ein Weltteil unserer innern und das Ich fürchtet nur das Ich Da er vor dem
Altare des Herzens in der stummen Nacht wo nichts laut war als der Gedanke
stand so riet ihm der kühne Geist einige Male den alten Toten zu rufen und
laut zu schwören bei seinem Herzen voll Staub aber als er zum schönen Himmel
aufsah wurde sein Herz geheiligt und es betete nur »O guter Gott gib mir
Liane«
Es wurde finster die Wolken die er für glänzende in den Himmel
herübergebogne Gebirge einer neuen Erde genommen hatten den Mond erreicht und
düster überzogen
Dreizehnte Jobelperiode
Roquairols Liebe Philippica gegen die Liebhaber die Gemälde Albano Albani
das harmonische têteàtête die Blumenbühler Reise
60 Zykel
Aus den Tropfen welche die Harmonika aus Rabettens Herzen gezogen hatte
bereitet der alte Zauberer das Schicksal wie andere Zauberer aus Blut
vielleicht finstere Gestalten denn Roquairol hatte es gesehen und sich über das
Gefühl eines Herzens verwundert das bisher mehr Arbeiten als Romane in Bewegung
gesetzt hatten Nun trat er ihr mit Anteil näher Er hatte seit der Nacht des
Schwurs sein Herz aus allen unwürdigen Ketten gezogen In dieser Freiheit des
Sieges ging er stolzer einher und streckte die Arme leichter und sehnsüchtiger
nach edler Liebe aus Er besuchte jetzt seine Schwester unaufhörlich aber er
hielt noch an sich Rabette war ihm nicht schön genug neben der zarten
Schwester eine Bandrose neben einer von van der Ruysch sie sagte selber naiv
sie sehe mit ihrer DorfFarbe im weißen Linon wie brauner Tee in weißen Tassen
aus Aber in ihren gesunden noch nicht von tragischen Tropfen mattgebeizten
Augen und auf den frischen Lippen glühte Leben ihr kräftiges Kinn und ihre
gebogne Nase drohten und versprachen Mut und Kraft und ihr aufrichtiges Herz
ergriff und verstiess entschieden und heftig Er beschloss sie zu prüfen Der
Talmud112 verbietet nach dem Preis einer Sache zu fragen wenn man sie nicht
kaufen will aber die Roquairols feilschen immer und gehen weiter Sie reißen
eine Seele wie Kinder eine Biene entzwei um aus ihr den Honig zu essen den sie
sammlen will Sie haben vom Aale nicht nur die Leichtigkeit zu entschlüpfen
sondern auch die Kraft den Arm zu umschlingen und zu zerbrechen
Er ließ nun vor ihr alle blendenden Kräfte seines vielgestaltigen Wesens
spielen das Gefühl seiner Überlegenheit ließ ihn sich frei und schön bewegen
und das sorglose Herz schien nach allen Seiten offen er kettete den Ernst an
den Scherz die Glut an den Glanz das Größte ans Kleinste so frei und die Kraft
an die Milde Unglückliche nun bist du sein und er trägt dich von deinem
festen Boden mit Raubschwingen in die Lüfte und dann wirft er dich herab Wie
ein Gewächs am Gewitterableiter wirst du deine Kräfte reich an ihm entfalten und
hinaufgrünen aber er wird den Blitz auf sich und deine Blüten ziehen und dich
entblättern und zerschlagen
Rabette hatte einen solchen Menschen nie gedacht geschweige gesehen er
drang gewaltsam in ihr gesundes Herz und eine neue Welt folgte ihm nach Durch
Lianens Liebe gegen den Hauptmann ging ihre noch höher auf und beide konnten
von ihren Brüdern in freundlichem Wechsel sprechen Die gute Liane suchte der
Freundin mancherlei beizubringen was sich schwer festsetzen wollte besonders
die Mythologie welche ihr durch die französische Aussprache der Götter noch
unbrauchbarer wurde Sogar mit Büchern suchte Liane sie zusammenzubringen so
dass Lektüre ihr eine Art von WochenGottesdienst wurde dem sie mit wahrer
Andacht beiwohnte und dessen Ende sie stets ergötzte Durch alle diese
Schöpfräder der Erkenntnis strömte Roquairols Liebe hindurch und half treiben
und schöpfen Wie viele Errötungen flogen jetzt ohne allen Anlass über ihr
ganzes Gesicht Das Lachen womit sie sonst heiter war kam jetzt zu oft und
bedeutete nur ein unbeholfnes Herz das seufzen will
So stand ihr Verhältnis als Karl einst scherzend hinter sie schlich und ihr
die Augen mit einer Hand verdeckte um ihr unter der Maske der brüderlichen
Stimme sanfte schwesterliche Namen zu geben Sie verwechselte die ähnliche
Stimme sie drückte inbrünstig die Hand aber ihr Auge war heiß und nass Da fand
sie den Irrtum und floh mit der bedeckten Abend und Morgenröte ihres Angesichts
aus dem Zimmer Jetzt schaute er Lianen die ihn darüber tadelte näher ins
Auge und auch ihres hatte geweint Sie wollte ihm anfangs den Gegenstand der
verschwisterten Rührung verhehlen aber das fremde Nein war für ihn von jeher
ein Hülfswort ein Rückenwind der ihn in den Hafen brachte Liane wurde immer
bewegter endlich erzählte sie dass Rabettens Berichte von Albanos
Jugendgeschichte ihr die von der seinigen abgefodert und dass sie ihr die
SterbeNacht auf der Redoute gemalt und sogar sein blutiges Kleid gewiesen habe
»Und da weinte sie« sagte Liane »mit mir so herzlich als wenn sie deine
Schwester wäre O es ist ein liebes Herz« Karl sah beide wie zwei Auen
miteinander verbunden nämlich durch den Regenbogen der auf beiden mit Tropfen
aufsteht er zog sie mit dankender Liebe an die Brust »Bist du denn glücklich«
fragte Liane mit einem Ton der etwas Trübes weissagt
Sie musste ihr volles Herz aufschließen und ihm alles sagen staunend hört
er dass ihr die ganze TartarusNacht worin die unbekannte Stimme Linda de
Romeiro seinem Freunde zugesprochen bekannt geworden Durch wen Sie schwieg
unerbittlich er beruhigte sich weil es doch nur Augusti sein konnte der
allein es wusste »Und nun glaubst du du Herz vom Himmel« sagt er »ich und
mein Seelenbruder könnten uns je raubend entzweien O es ist all anders all
anders Er verflucht die Aftergeister und den Zweck der Äfferei o er liebt
mich und mein Herz wird am Tage glücklich sein wo es seines wird« Der
vielfache rührende Sinn dieser letzten Worte löste ihn in eine heilige Wehmut
auf
Aber sie nahm sich mitten in der herzlichsten Ergiessung wie aus Frömmigkeit
der Geister an und sagte »Sprich nicht so von GeisterErscheinungen Sie sind
das weiß ich Nur nicht zu fürchten braucht man sie « Sie hielt aber hier
mit fester Hand den Schleier über ihren Erfahrungen fest auch wußt er längst
dass sie ungeachtet ihres fast zuckendweichen Gefühls das sogar den Anblick
der blauen Adern auf der LilienHand wie eine Wunde scheuete doch vor Toten und
in den Geisterstunden der Phantasie unerwartet beherzt erschien
Hinter den Wellen so verschiedener Art die jetzt sein Herz aufund
abtrieben war Rabette verdunkelt Er brannte nun bloß nach der Stunde wo er
seinem Albano die sonderbare Verräterei des Lektors sagen konnte
61 Zykel
Noch ehe der Hauptmann seinem Freunde Augustis wahrscheinliche Verräterei
entdeckte war Albano fast ganz mit dem Lehrerpaar in Zwist In einem Kreise
voll Jünglingsherzen die für einander schlagen und noch lieber fechten fassen
immer zwei unzerreisslich ineinander und werden eins auf fremde Kosten
Albano schied sich keck von jedem dem Karl missfiel Schoppe wurde ohnehin
von wenigen lange geliebt weil wenige einen ganz freien Menschen erdulden die
Blumenketten halten besser denken sie wenn Galeerenketten durch sie laufen Er
litt es daher nicht, wenn einer »mit zu enger Liebe sich so fest um ihn
klammerte dass er die Arme so wenig freibehielte als trag er sie in Bandagen
von 80 Köpfen« Die sarkastische Lebhaftigkeit seiner Pantomime erkältete durch
den Schein einer strengern Beobachtung den Hauptmann mehr als das gelassene
Gesicht des Lektors der eben darum alles schärfer ins stille Auge fasste
Der gute Schoppe hatte einen Fehler den kein Albano vergibt nämlich seine
Intoleranz gegen die »weiblichen Heiligenbilder von Hausenblase« wie er sagte
gegen die sanften Irrungen des Herzens gegen die heiligen Übertreibungen durch
welche der Mensch ins kurze Leben eine noch kürzere Freude einwebt Einst ging
Karl wie auf einer Bühne mit untergesteckten Armen und niedergesenktem Kopfe auf
und ab und sagte zufällig dass es der TitularBibliotekar vernahm »ich wurde
noch wenig von den Menschen verstanden in meiner Jugend« Weiter sagt er
nichts aber man schütte aus Scherz ein Mandel Hornisse ein Schock Krebse eine
Kanne voll Waldameisen auf einmal über die bibliotekarische Haut und beobachte
flüchtig die Wirkungen des Stechens Kneipens Beissens so kann man sich doch
einigermaßen vorstellen was in ihm zuckte schwoll und auffuhr sobald er die
obige Phrasis vernahm »Herr Hauptmann« fing er tiefeinatmend an »ich halte
viel auf dieser rostigen TölpelErde aus Hungersnot Pestilenz Höfe den
Stein und die Narren von Pol zu Pol aber Ihre Phrasis übersteigt meine
Schultern
O Herr Hauptmann Sie dürfen ganz gewiss die Redensart mit Fug
gebrauchen weil Sie wie Sie sagen nicht verstanden werden Aber o Himmel o
Teufel ich höre ja 30 000 Jünglinge und Mädchen von Leihbibliotek zu
Leihbibliotek alle mit aufgeblähter Brust rings umher sagen und klagen es
fasse sie niemand weder der Großvater noch die Paten noch der Konrektor da
doch das packpapierne AlltagsPack selber nicht fasset Aber der Junge meint
damit bloß ein Mädchen und das Mädchen einen Jungen diese können einander
fassen Aus der Liebe will ich wie aus den Kartoffeln verschiedene Gerichte
zubereiten man scher ihr wie dem Bären in Göttingen das tierische Haar ab
kein Blumenbach kennt sie mehr
Herr v Froulay ich habe diese verdammte Erhebung der Seelen bloß aus
Niedrigkeit wohl öfters mit den englischen Pferdeschwänzen verglichen die auch
immer gen Himmel stehen bloß weil man ihre Sehnen durchschnitten Soll man
nicht toll werden wenn man alle Tage hört und alle Tage lieset wie die
gemeinsten Seelen die Leberreime und Trompeterstückchen der Natur, sich durch
die Liebe über alle Leute erhoben denken wie Katzen die mit angeschnallten
Schweinsblasen fliegen wie sie sich ins Hasenlager und in die Stapelstadt der
Liebe in die andere Welt bestellen wie auf einen Blocksberg und wie sie auf
diesem Finkenherd in dieser theatralischen Anziehstube die dann das Gegenteil
wird ihr Wesen treiben bis sie kopuliert sind Dann ists vorbei Phantasien
und Poesien die ihnen jetzt erst recht dienlich wären sind geholt Sie laufen
von ihnen weg wie Läuse von Toten ob diesen gleich die Haare dazu fortspriessen
Vor der zweiten Welt grauset ihnen und werden sie Witwer und Witwen so machen
sie ihre Liebschaft recht gut ab ohne Schweinsblasen und ohne das Federspiel und
die spanische Wand der zweiten Welt So etwas Herr Hauptmann bringt nun auf
und dann muss in der Hitze der Gerechte mit dem Ungerechten leiden wie Sie
leider hören«
Alban der nie leichtsinnig vergab sonderte sich schweigend von einem
Herzen ab das wie er unrecht sagte die Flammen der Liebe mit satirischer
Galle auslöschte
In der Kette der Freundschaft mit Augusti brach vollends ein Ring nach dem
andern entzwei Der Graf fand im Lektor den Kleinigkeitsgeist der ihm widriger
war als jeder böse die Eleganz des guten Hofmanus sein Anstand selber in
der Einsamkeit seine Neigung die kleinsten Mysterien so gut zu verwahren als
die großen seine Sucht hinter jeder Handlung einen langen Plan aufzutreiben
sein Wahrheitsdurst nach echten historischen Quellen am Hofe und in der Stadt
und seine Kälte gegen die Philosophie trocknete das Bild das sich Albano von
ihm aufgespannt so aus dass es einrunzelte und rissig wurde Solche
Unähnlichkeiten schlagen unter gebildeten Menschen nie zu offenen Fehden aus
aber sie legen heimlich dem innern Menschen ein Waffenstück nach dem andern an
bis er hartgepanzert dasteht und losschlägt
Nun war noch dazu der Lektor dem Hauptmann von Herzen gram weil dieser der
Ministerin viele bange Stunden und Lianen und sogar dem Grafen viel Geld kostete
und weil er ihm den Jüngling zu verdrehen schien Die sonst gerade aufsteigende
Flamme Albanos wurde jetzt durch die Hindernisse der Liebe nach allen Seiten
gebogen und glühte wie Lötfeuer schärfer aber diese Schärfe schrieb Augusti dem
Freunde zu Albano erschien denen die er liebte wärmer denen die er ertrug
kälter als er war und sein Ernst wurde leicht mit Trotz und Stolz vermengt
aber der Lektor glaubte ihm sei dessen Liebe gestohlen von Karl
Er versuchte mit gleichviel Feinheit und Freimütigkeit dem Grafen eine gute
Karte von den Flecken zuzuspielen die im Himmelskörper dieses Jupiter ausgesäet
waren Aber er zerriss jede Karte Karls schmerzliche Bekenntnisse in jener
Nacht löschten alle fremde Nachträge aus und Albanos herrlicher Glaube man
müsse den Freund ganz decken und ihm ganz vertrauen wehrte jeden Einfluss ab O
es ist eine heilige Zeit worin der Mensch für den Altar der Freundschaft und
Liebe noch Opfer und Priester ohne Fehl begehrt und erblickt und es ist eine
zu harte worin die so oft belogne Brust sich an der fremden mitten im
Liebestrunk des Augenblicks die kalte Nachbarschaft der Gebrechen weissagt
Da der Lektor überall sah dass Alban über manche seiner Rügen an Karl zB
dessen Wildheit und Unordnung darum kalt bleibe weil er selber unter fremdem
Tadel gemeinet zu sein glauben konnte wie die Franzosen nach Tickness das Lob
eines Fremden an Einheimische richten so griff er statt der Ähnlichkeit eine
vollendete Unähnlichkeit des Hauptmanns an seinen Leichtsinn gegen das
Geschlecht Aber damit verdarb er noch mehr Denn in der Liebe war ihm Karl
der höhere Feueranbeter und der Lektor nur der den die Kohle dieses Feuers
schwärzt Augusti nährte über die Liebe ziemlich die Grundsätze der großen Welt
die er bloß aus Ehre nie in Taten ausprägte und gab nur den Erdenahen
Wolkenhimmel der Liebe zu der Hauptmann aber sprach von einem dritten oder
Freudenhimmel derselben worin nur Heilige die Seligen sind Augusti sprach nach
der Sitte der großen Welt viel freier als er handelte und zuweilen so offen
als speis er in einem Brunnensaal Karl sprach mädchenhaft Das jungfräuliche
Ohr Albanos das leicht in guten Visitenzimmern abfällt und das in
Studierstuben festsjetzt vereinigt mit seinem Mangel an der Erfahrung, dass sich
eine zynische Zunge oft bei den entaltsamsten Menschen zB bei unsern
possenreissenden Vorfahren und eine aszetische in bescheidenen Libertins aufhalte
beides musste den reinen Menschen in einen doppelten Irrtum verwickeln
So jagte in ihm Augusti immer mehr Sturmvögel auf Beide standen oft nahe an
völliger Trennung und Ausforderung denn der Lektor hatte zu viel Ehre um sich
vor irgend etwas zu fürchten und wagte mit kaltem Blut so viel als andere mit
heißem
Jetzt entdeckte Karl nun vollends seinem Freunde obwohl mit aller Zartheit
der Freundschaft Lianens Bekanntschaft mit jener TartarusNacht Der sonst
verschwiegene Lektor muss nähere Vorteile durch sein Plaudern suchen schloss
Albano und nun sog sich die Kröte der Eifersucht die im lebendigen Baume lebt
und wächst ohne sichtbaren Eingang und Ausgang in seinem warmen Herzen fest
Die unbeantwortete Liebe ist ohnehin die eifersüchtigste Gott weiß ob er nicht
der Maschinendirektor der mit so vielen Rädern ineinander gehenden Geisterszenen
ist Alles das sind Albanos verhüllte Schlüsse offene Anklagen waren seinem
Ehrgefühl versagt Aber sein warmes sich immer aussprechendes Herz forderte
eine wärmere Nachbarschaft und diese fand er wenn er dem frommen Vater folgte
und nach Lilar ins Donnerhäuschen zog mitten unter die Blumen und Gipfel um
näher am Herzen der Natur gelagert schöner zu träumen und zu genesen
Nur eine warme sonnenhelle Stelle war für ihn in Karls historischem
Gemälde es war die Hoffnung nämlich dass vielleicht bloß die Irrtümer über sein
Verhältnis zur Gräfin aus denen der Bruder Lianen geholfen ihr das bisherige
immer gleichkalte Benehmen gegen ihn vorgezeichnet haben Auf diese sonnige
Stelle warf Rabette ein Billet worin sie ihm schrieb sie reise Sonnabends zu
ihren Eltern zurück weil der Minister komme Jene Hoffnung diese Nachricht
die künftig ungünstigern Umgebungen sein Ziehen nach Lilar das alles
entschied in ihm den Vorsatz eine einsame Minute an sich zu reißen und darin
vor Lianen den Schleier von seiner Seele zu werfen und von ihrer
62 Zykel
Sonderbar durchschnitten sich die Zufälle an dem Tage wo Albano ins
ministerialische Haus zum Abschiednehmen von Rabetten und von Lianen sagte in
ihm eine zitternde Stimme kam Rabette winkt ihn aus dem Fenster in ihr
Zimmer Sie hatte die Ikarusflügel ihres Anzugs in die Kästen zusammengelegt
Über ihr Inneres fuhr ein beugender Sturm hin und her Karl hatte das
Gleichgewicht ihres Herzens durch seine Wärme aufgehoben und es durch kein Wort
der Belohnung wieder hergestellt Gleich den Tauben flattert sie um das hohe
Schadenfeuer o möge sie nicht wie jene mit verzehrtem Gefieder entweichen und
wiederkommen und endlich darin zerfallen Sie sagte sie sehne sich zu den
Ihrigen seit sie gestern eine Herde Schafe durch die Stadt treiben sehen Sie
begleiten am Sonnabend Liane und die Mutter um der Einweihung der Kirche und
der Beisetzung des Fürstenpaares beizuwohnen Er bat sie so schnell und hastig
ihm heute im Garten eine einsame Minute mit der Freundin zuzubereiten dass er
ihre schöne Nachricht von Lianens Zurückbleiben und Aufenthalt bei ihr gar nicht
hörte
Leider fand er bei der Ministerin den Vorzeiger herrlicher Gemälde der wie
die Natur nicht nur den Anfang seines Lenzes sondern auch das Ende seines
Herbstes mit Giftblumen113 machte Herrn v Bouverot Dian hatt ihm vier
himmlische Kopien aus Rom gesandt diese schlug er mit trocknem Kunstgaumen auf
Liane empfing den Grafen wieder wie immer War etwan Raffaels Madonna della
Sedia in deren vom Himmel gesunknes Palladium sich ihre zarte Seele eingesenkt
die Siegelbewahrerin ihres heiligsten Geheimnisses Der alles vergessende
Künstlereifer ließ ihr so hold Ihre Sehnerven waren durch ihr langes Malen
gleichsam weiche Fühlfäden geworden die sich eng um schöne Formen schlossen
Gewisse weibliche Bilder wie dieses regten ihre ganze Seele auf Sie hatte
nämlich in der Kindheit sich von den Heldinnen der Romane und überall von
ungesehenen Weibern glänzende Sternbilder in ihren innern Himmel hingezeichnet
große Ideen von ihrem Mute ihrem himmlischen Wandel ihrer Erhabenheit über
alles was sie je gesehen und sie hatte gleichviel Scheu und Sehnsucht
empfunden einer zu begegnen Daher ging sie aus diesem kolossalischen Nymphäum
ihrer Phantasie so leicht geblendet und mit solcher feurigen HerzensAchtung
reinen Freundinnen und der Gräfin Romeiro entgegen Gewisse Gemälde führten nun
diese Altarblätter wie Kopien zurück Die Gute dachte nicht daran aber wohl ihr
Freund dass man dieser liebend niedersehenden Marie die Augen bloß lebendig zu
regen und diese Lippen bloß mit Lauten zu erwärmen brauche dann hatte man
Liane
Der deutsche Herr fuhr fort und legte nun Raffaels Joseph der den Brüdern
einen Traum erzählt und den älteren Joseph der dem König einen erklärt
nebeneinander und fing an die drei Raffaele in Worte zu übersetzen und das mit
so vielem Glück und nicht nur mit so vieler Einsicht ins Mechanische und
Genialische sondern auch mit einer so bestimmten Hervorhebung jedes
menschlichen und moralischen Zugs dass Alban ihn für einen Heuchler hielt und
Liane für einen sehr guten Menschen Sie ergriff jedes Wort mit einem weit
offenen Herzen Als Bouverot den weissagenden Joseph malte zugleich als
kindlich unbefangen still und felsenfest und glühend und drohend so stand das
Urbild an ihrer Seite
Dem deutschen Herrn entfuhr weiter viel Gedachtes über da Vincis
ChristusKnaben im Tempel über die herrlich vollführte Verbrüderung und
Einkindschaft des Knaben und Jünglings in einem Gesicht Liane hatte die
Kopie auch kopiert allein sie und die Mutter verschwiegen es bescheiden
Aber endlich störte Franziskus Albani mit seiner »Ruhe auf der Flucht« die
bisherige Ruhe Indem er den Traumdeuter dieser malerischen Träume machte und
Rabette scharf auf dem mit dem offenen Buche neben Marie sitzenden heiligen
Joseph dieses Bildes haftete sagte Liane unglücklicherweise »Ein schöner
Albani« »Ich dächte nicht« sagte Rabette leise »der Bruder ist viel
schöner als dieser betende Joseph« Sie hatte Albani mit Albano vermengt ihre
ganze Bildergalerie steckte in dem Gesangbuch dessen Lieder sie mit goldnen
roten Heiligen auseinandersperrte Die andern verstanden nichts sie kannten
ihn nur als Grafen von Zesara aber Liane warf auf Rabette süsserrötend einen
zärtlich strafenden Blick und sah mit stummem Erdulden ein anderes Gemälde näher
an Nie hatte in Albano in welchem sich die stärksten und die zärtesten Gefühle
paarten wie das Echo der Donner lauter und die Musik leiser machtdie
bittersüsse Mischung von Liebe und Mitleiden und Schamröte wärmer gearbeitet und
er hätte vor dem Mädchen zugleich knien und doch schweigen mögen
Der deutsche Herr war fertig und sagte zu den Männern mit einer Miene voll
Sieg»er habe doch noch etwas in der Tasche was es mit den Raffaels aufnehme
und er bitte sie ins Nebenzimmer zu folgen« Unterwegs merkt er an wenige
Werke seien mit so herrlicher Freiheit und keckem Mutwillen ausgeführt Im
Zimmer packt er einen erzenen kleinen Satyr aus gegen den sich eine eingeholte
Nymphe wehrt »Göttlich« sagte Bouverot und hielt die Gruppe an einem Faden
um den Rost nicht abzugreifen »göttlich Ich setze den Satyr an den Christus«
Wenige haben vom Erstaunen meines Helden nur einen mäßigen Begriff als dieser
auf einmal den Kritikus Tugend und Laster an einen runden Tisch ohne
Rangstreitigkeiten setzen sah
Mit einem Feuerblick der Verachtung wandt er sich ab und wunderte sich dass
der Lektor blieb Ihm scheint unbekannt zu sein dass die Malerei wie die
Dichtkunst sich nur in ihrer Kindheit auf Götter und Gottesdienst bezogen dass
sie aber später als sie höher heranwuchsen aus diesem engen Kirchhof
herausschreiten mussten wie eine Kapelle ursprünglich eine Kirche mit
Kirchenmusik war bis man beides weg ließ und die reine Musik behielt Bouverot
hatte die Achtung für reine Form in so hohem Grade dass ihm nicht nur der
schmutzigste unsittlichste Stoff sondern sogar auch der frömmste andächtigste
nicht den Genuss verunreinigte gleich dem Schiefer bestand er die beiden Proben
zu glühen und zu gefrieren ohne sich zu ändern
Albano hatte die Mädchen durch das Fenster in der Allee gesehen und eilte
zum Abschiede von der Schwester hinunter und etwas Wichtigerem Er kam mit
vollern Rosen auf den Wangen als um ihn glühten zu einer Grasbank wo Liane
neben der Schwester hinter dem roten Sonnenschirm mit halbgesenkten Augenlidern
und seitwärts geneigtem Haupte ruhte sanft in die Ernte des Abends versunken
sonnenrot übergossen vom Schirme im weißen Kleide mit einem dünnen schwarzen
Kreuzchen auf der zarten Brust und mit einer vollen Rose sie blickte unsern
Geliebten so unbefangen an ihre Stimme war so schwesterlich und alles so reine
sorglose Liebe Sie sagte ihm wie sie sich freue auf seinen JugendOrt und auf
das Landleben und wie Rabette sie überall hinführen werde und besonders auf
die Einweihungsrede die am Sonntage ihr BeichtVater Spener halte Sie sprach
sich ins Feuer durch das Gemälde wie die große Brust des Greises der Klage und
der Siegsgesang über dem Aschengehäuse des fürstlichen Freundes groß bewegen
werde
Rabette hatte nichts im Sinne als die einsame Minute die sie dem Bruder mit
ihr geben wollte Sie bat sie aufgeweckt ihr noch einmal auf der Harmonika
vorzuspielen Albano pflückte sich bei diesem Antrage einen mäßigen Strauss von
Baumlaub Liane sah sie warnend an gleichsam als wolle sie sagen ich verderbe
dir wieder deine Munterkeit Aber sie blieb dabei Albano überflog bei dem
Eintritte ins Wasserhäuschen ein leichtes Erröten über die letzte Vergangenheit
und nächste Zukunft
Liane machte eilig die Harmonika auf aber das Wasser das Kolophonium der
Glocken fehlte Rabette wollte unten ein Glas am Springbrunnen füllen um
beide allein zu lassen aber der Graf kam ihr aus männlicher Unbehülflichkeit
in eine List schnell einzugreifen höflich zuvor und holte es selber Kaum hatte
endlich das liebliche gefällige Wesen seufzend die zarten Hände auf die braunen
Glocken gelegt als Rabette ihr sagte sie wolle in die Allee hinunter um zu
hören wie es sich von weitem anhöre Gleichsam zum schmerzlichen Sonnenstich
einer zu schnellen und großen Lust fuhr sein Herz auf er hörte den Siegeswagen
der Liebe von ferne rollen und er wollte in ihn springen und dahinrauschen ins
Leben Die gläubige Liane hielt das Entfernen für einen Schleier den Rabette
über das in den Tönen süß brechende Auge werfen wolle und zog sogleich die
Hände von den Glocken aber Rabette küsste sie bittend drückte ihr die Hände
selber darauf und lief hinab »Das treue Herz« sagte Liane aber das arglose
helle Vertrauen auf die Freundin rührte ihn und er konnte nicht Ja sagen
Wenn in den Fluren Persiens ein Glücklicher der auf der üppigen Aue tief
unter Nelken und Lilien und Tulpen schlief vor dem ersten Abendrufe der
Nachtigall selig die Augen aufschlägt in die laue stille Welt und in die bunte
Dämmerung durch welche einige Goldfaden der Abendsonne glühend fließen so
gleicht der Selige dem Jüngling Albano im magischen Zimmer die Jalousiefenster
streueten gebrochne Lichter grüne zitternde Schatten aus und es dämmerte
heilig wie in Hainen um Tempel nur tönende Bienchen flogen aus der lauten fernen
Welt durch die schweigende Klause wieder ins Getöse einige scharfe
Sonnenstreife gleichsam Blitze vor Schlafenden wurden romantisch neben der
Rose hin und hergeweht und in dieser träumerischen Grotte mitten im
rauschenden Walde der Welt wurde die Einsamkeit nicht einmal durch das
Schattenwesen eines Spiegels gestört
In diesen Zauber ließ sie die Töne wie Nachtigallen aus ihren Händen fliegen
die Töne wurden Albano wie von einem Sturme bald heller bald matter
zugetrieben er stand vor ihr mit gefalteten Händen wie betend und ruhte mit
tausend Blicken der Liebe auf der niederschauenden Gestalt Einmal hob sie das
heilige Auge von Anteil langsam zu ihm auf aber sie schlug es schnell vor dem
Sonnenblick des seinigen nieder
Nun deckten die großen Augenlider unbeweglich die süßen Blicke zu und gaben
ihr wie ein Schlaf den Schein der Abwesenheit sie schien eine weiße Maiblume
auf winterlichem Boden die das Blütenglöckchen senkt sie war eine sterbende
Heilige in der Andacht der Harmonie die sie mehr hörte als machte nur die
rote Lippe nahm sie als einen feurigen Widerschein des Lebens als eine letzte
Rose mit die den eilenden Engel schmückt o konnter dieses Beten der Tonkunst
stören mit seinem Wort
Mit immer engeren Kreisen fassten ihn die magnetischen Wirbel der Töne und der
Liebe an Und nun da das Ziehen der Harmonika wie das Wasserziehen der
stechenden Sonne sein Herz aufleckte und da die Blitze der Leidenschaft über
sein ganzes Leben fuhren und das Gebirge der Zukunft und die Höhlen der
Vergangenheit beleuchteten und da er sein ganzes Dasein in einen Augenblick
zusammenfasste so sah er einige Tropfen aus Lianens gesenkten Augen quellen und
sie blickte heiter auf um sie fallen zu lassen da riss Albano die Hand aus den
Tönen und rief mit dem herzzerschneidenden Ton seiner Sehnsucht » Gott Liane«
Sie zitterte sie errötete sie sah ihn an und wusste nicht dass sie
fortweinte und ansah und nicht mehr fortspielte »Nein Albano nein« sagte
sie sanft und zog die Hand aus seiner und verhüllte sich erschrak über den
Stillstand der Töne und ermannte sich und ließ sie wieder langsam strömen und
sagte mit zitternder Stimme»Sie sind ein edler Mensch Sie sind wie mein
Karl aber ebenso heftig Nur eine Bitte Ich verlasse die Stadt eine
Zeitlang«
Sein Erschrecken darüber wurde Entzückung als sie den Ort bestimmte sein
Blumenbühl Sie fuhr mühsam fort vor dem Erfreueten ihre Hand lag oft lange
auf der Dissonanz im Vergessen der Auflösung ihre Augen schimmerten
feuchter ob sie gleich nichts weiter sagte als das folgende »Sein Sie meinem
Bruder der Sie unaussprechlich liebt wie noch keinen o sein Sie ihm alles
Meine Mutter erkennt Ihren Einfluss Ziehen Sie ihn ich sag es heraus
besonders vom hohen Spiele ab«
Er konnte kaum das Ja verwirrt beteuern als Rabette mit der fast
unschicklich akzentuierten Botschaft hereilte dass die Mutter komme
Wahrscheinlich hatte diese Rabettens Alleinsein gesehen Albano trennte sich mit
abgebrochnen ReiseWünschen von dem Paare und vergaß im Sturm Rabettens Bitte
um Besuche zu bejahen Die begegnende Mutter schrieb sein Feuer dem brüderlichen
Scheiden zu
Indem er durch die Fülle der JahrsZeit eilte dacht er an die reiche
Zukunft an Lianens Stammeln und Verhüllen brauchen nicht schöne weibliche
Seelen wie jene Engel vor dem Propheten nur zwei Flügel zum Erheben aber vier
zum Verhüllen Das Meer des Lebens ging in hohen Wellen aber überall
leuchtete es auf seiner weiten Fläche und Funken tropften vom Ruder
63 Zykel
Ach am Morgen darauf wurde freilich aus dem Abendrote eines ganzen Himmels ein
trübes Gewölke Denn Liane ging dem Jüngling in so langen dichten Schleiern
dahin Irgendein Geheimnis der Not wirft kalte Klostermauern zwischen nahen
Herzen auf das ist offenbar Bis hieher bogen mancherlei Zufälle einige Blumen
die Liane verhüllend über das Herz gezogen wie die Erdstockwerke in Städten
durch Blumen und Reben das Einsehen in die Fenster abwehren von der dunkelsten
Ecke des Hintergrundes weg in der etwan die Rückseite eines Brustbildes hing
das umgedreht vielleicht dem Grafen glich Aber noch hängt das Bild mit dem
Gesichte gegen die Wand Indes gleicht ein weibliches Herz oft dem Marmor der
geschickte Steinmetz tut tausend Schläge ohne dass der parische Block nur in die
Linie eines Sprunges reiße aber auf einmal bricht er auseinander eben in die
Form, die der geschickte Steinmetz so lange hämmernd verfolgte
Am Sonnabend wo die Ministerin und das FreundinnenPaar nach Blumenbühl
abreisen wollten um das Begraben und Einweihen anzusehen kam der Hauptmann
nicht nur voll Freude denn er hatte gern aus Liebe zu Rabetten für Lianen zwar
nicht die Flügel aber doch die Flügeldecken machen und aus dreifachem
Interesse gegen den Freund am Flugwerk spannen helfen sondern auch voll Angst
zum Grafen Aber ihr Musen warum sind in der poetischen Welt alle die
Begebnisse selten so vielfach motiviert als häufig in der wirklichen
Seine Angst war bloß die dass sein Vater früher anfahre als seine Mutter ab
denn er kannte den Minister Letzterer wollte nach seinen Briefen Montags
Dienstags spätestens am Sonnabend anlangen allein dies konnte da Froulay
gern die Seinigen im breiten Spielraum des Erwartens schwimmen ließ noch
gewisser drohen dass er weil er wie die Basler Uhren immer eine Stunde zu früh
bloß in der Hoffnung ausschlug und kam seine Leute über irgend etwas recht
Hässlichem zu ertappen in jeder Minute zum Hoftore hereinjage Kam er angejagt
an diesem Vormittage oder in der Minute wo der Bediente die Tochter in den
Wagen hob und die Mutter schon darin saß so war so viel durch tausend Schlüsse
aus der Observanz gewiss dass beide wieder hinauf mussten in die Zimmer dass er
alle Kisten und Schachteln wieder abpacken hieß und dass er die
LandschaftsDirektorsTochter nach ihren l0000 Bitten wiewohl ihr schon die
zweite auf der Lippe erfröre freundlich mit ganz spasshafter Gleichmut als
einsame Konklavistin im zugemachten Wagen nach Hause würde ziehen lassen
Gewisse Menschen und er ist ihr Generalissimus wissen sich kein süsseres
Labsal als den Ihrigen die Gartentüre irgendeines Arkadiens wozu sie ihnen
nicht die Reiseroute und die Landkarte aufgesetzt vor der Nase ins Schloss zu
werfen und solche gerichtlich zu versiegeln Kurz vor einer Lustfahrt setzen
ohnehin die meisten Eltern Galle ab konnte Froulay vollends eine verriegeln so
war ihm das so viel als komm er von einer rot und munter nach Hause
Nachmittags um 3 Uhr gingen unsere Freunde unter dem schönsten Himmel
spazieren alles war schon geordnet Karl wollte morgen nachgehen Albano erst
nach der allgemeinen Rückreise am Montag seine zarten Rücksichten und fremde
harte entschieden und es zog durch das ganze gewölbte Blau kein Nebel als
Karls Besorgnis die zweite Lokation der Fürstenleichen ziehe seinen Vater noch
heute her als er plötzlich herausfluchte dort fahr er Er kannt ihn an
dem TigerPostzug und noch mehr an den lang vorgespannten Vorderpferden Eine
FegfeuerLebensMinute Der Wagen fuhr rasch die Straße herab die
Vorderpferde zogen noch länger ganz unförmlich voraus man wunderte sich
endlich wurde die Ziehweite einen Acker lang das schien ganz unmöglich als
Albanos Adlerauge keine lederne Verbindung zwischen dem Postzug und zuletzt gar
entdeckte dass bloß ein fremder Kerl mit zwei Pferden zufällig vor dem Wagen
herreite Und in dieser Minute sahen sie den offenen Triumphwagen mit der
weiblichen Dreieinigkeit langsam die Blumenbühler Höhe hinaufziehen und das
vermengte Tulpenbeet der drei Sonnenschirme schimmerte ihnen lange zurück
Vierzehnte Jobelperiode
Albano und Liane
64 Zykel
In unserer innern Welt fliegen so viele zarte und heilige Empfindungen herum
die wie Engel nie den Leib einer äußern Tat annehmen können so viele reiche
gefüllte Blumen stehen darin die keinen Samen tragen dass es ein Glück ist dass
man die Dichtkunst erfunden die alle jene ungebornen Geister und den Blumenduft
leicht in ihrem limbus aufbewahret Mit dieser fass ich lieber Albano deinen
herrlich verduftenden Sonntag auf und halte den unsichtbaren Weihrauch fest für
die Schneidersche Haut der Welt
Am Sonntage bezog er das Donnerhäuschen in Lilar Der Lektor hielt sich mit
der Hoffnung aufrecht der Graf werde das Blumenparterre des neuen Genusses
schon bald so platt und welk zusammentreten wie einen Kreuzweg Es war ein
schöner Morgen vom Tau ganz beregnet ein frischer Wind wehte von Lilar über
das blühende Korn und die Sonne brannte allein in einem kühlen Himmel Auf der
Blumenbühler Straße zog ein Menschengewimmel hinan und niemand ging lange
allein auf der Morgenhöhe sah er seinen Freund Karl mit dem gebognen
Federbusch der Sonne entgegensprengen
Lilars Lüfte flogen Orangenduftausatmend entgegen und wehten die Asche weg
die auf den glühenden Altarkohlen jenes ersten herrlichen Sonntags stand Er
ging die Brücke hinab und der früh geputzte Pollux trieb ihm einen
aufgeblätterten Trutahn entgegen Eine Soeur servante des alten Speners kochte
schon eine Stunde lang bei der Chariton bloß um ihn vorbeigehen zu sehen Diese
lief festlichgeschmückt aus dem Häuschen das sich heiter mit allen Fenstern
dem ganzen Himmel öffnete ihm entgegen und brach in der Verlegenheit der Freude
mit der Hauptsache zuerst heraus es sei nämlich droben im Häuschen alles schön
parat und ob er das Essen hinaufhaben wollte Sie wollte mitten im Gespräch
Polluxen aus des Grafen Fingern ziehen aber er ließ ihn zum Kusse aufschweben
und erntete damit jedes Herz auch das alte hinter der Küchenflamme
Indem er nach seinem Häuschen durch den westlichen Triumphbogen hinausging
fühlt er unbeschreiblich stark und süß dass die holde Jugendzeit unser Welsch
und Griechenland ist voll Götter Tempel und Lust ach und welches so oft Goten
mit Tatzen durchstreifen und ausleeren
Seine blühende Bahn lief endlich in die Tiefen und Hohentreppe die er mit
Spener bestiegen einzelne TagesStreifen brannten sich dem nassen Boden ein
und färbten zerstreuete Zweige feurig und golden An der mystischen Laube wo
vor ihm der tote Fürst in der Seitenhöhle geschritten war fand er diese nicht
sondern nur eine leere Nische Er trat oben heraus wie aus der Hüfte der Erde
Sein Häuschen lag auf dem herumgebognen Bergrücken Drunten ruhten um ihn die
Elefanten der Erde die Hügel und das sich in Blüten herrlich blähende Lilar
und er schaute aus seinen Fenstern in das Lager der Riesen der Natur.
Inzwischen konnt er jetzt nicht auf dem Fensterstocke bleiben oder neben
der begeisternden Äolsharfe oder im Augenkerker den Büchern durch Ströme und
Wälder und über Berge zu schweifen verlangte die frische Natur Das tat er
Es gibt zwischen den AlltagsTagen des Lebens wo der Regenbogen der Natur
uns nur zerbrochen und als ein unförmlicher bunter Klumpe am Horizont erscheint
zuweilen einige Schöpfungstage wo sie sich in eine schöne Gestalt ründet und
zusammenzieht ja wo sie lebendig wird und wie eine Seele uns anspricht Heute
hatte Albano diesen Tag zum erstenmal Ach es gehen Jahre dahin und sie bringen
keinen Indem er so auf dem Bergrücken auf beiden Seiten dahinwandelte flutete
der Nordost ihm immer voller entgegen ohne Wind war ihm eine Landschaft eine
steife festgenagelte Wandtapete und wühlte das feste Land zum flüssigen um
Die nahen Bäume schüttelten sich wie Tauben süßschauernd in seinem Bade aber
in der Ferne standen die Wälder wie gerüstete Heere fest und ihre Gipfel wie
Lanzen Majestätisch schwammen durch das Blau die silbernen Inseln die
Wolken und auf der Erde schritten Schatten riesenhaft über Ströme und über
Berge im Tale blitzte die Rosana und rollte in den Eichenhain Er trat ins
warme Tal hinab die Weiden schäumten und ihr Same spielte in seiner
WolkenFlocke eh ihn die Erde befestigte der Schwan dehnte wollüstig den
langen Flügel gepaarte Tauben ätzten sich vor Liebe und überall lagen die
Beete und Zweige voll heißer Mutterbrüste und Eier Wie ein herrlicher blauer
Blumenstrauß schillerte in hohen Gräsern der Hals des ruhenden Pfaues Er trat
unter die Eichen die mit knotigen Armen den Himmel anfassten und mit knotigen
Wurzeln die Erde Die Rosana sprach allein mit dem brausenden Wald und frass
schäumend an Felsenstücken und am morschen Ufer Nacht und Abend und Tag
verfolgten einander im mystischen Hain Er trat in den Fluss und ging mit ihm
hinaus vor eine rege warme Ebene voll Dörfer und aus ihnen klang der Sonntag und
aus den Ährenfeldern fuhren Lerchen und an den Bergen krochen MenschenSteige
hinauf die Bäume regten sich als Lebendige und die fernen Menschen schienen
festzuwurzeln und wurden nur Schösslinge an der tiefen Rinde des ungeheueren
Lebensbaumes
Die Seele des Jünglings wurde in das heilige Feuer geworfen wie
Asbestpapier zog er sie ausgelöscht und unbeschrieben heraus ihm war als wiss
er nichts als sei er ein Gedanke und hier trat ihn auf eine wunderbar neue
Weise das Gefühl an das ist die Welt du bist auf der Welt er war ein Wesen
mit ihr alles war ein Leben Wolken und Menschen und Bäume Er fühlte sich
von unzähligen Polypenarmen ergriffen und zugleich mit ihnen verschlungen und
doch fortrinnend im unendlichen Herz
Trunken kam er vor seine Wohnung von welcher sich ihm der kleine Pollux den
Berg herab entgegenrollte um ihn zum Essen zu rufen Im Häuschen wurde das was
er meinte ausgesprochen von der Äolsharfe am offenen Fenster Indes das Kind mit
den Fäustchen auf dem Klaviere nachdonnerte und die Vögel aus den Bäumen freudig
dareinschrien so fuhr der Weltgeist durch die ÄolsSaiten jauchzend und
seufzend regellos und regelmäßig spielend mit den Stürmen und sie mit ihm und
Albano hörte wie die Ströme des Lebens rauschten zwischen den Ufern der Länder
und durch die Blumen und Eichenadern und durch die Herzen um die Erde
Wolken tragend und den Strom der durch die Ewigkeit donnert goss ein Gott aus
unter dem Schleier
Albano kam mit dem unschuldigen vortanzenden Knaben zur fortlächelnden
Mutter Sogar hier zwischen den vier Wänden zogen ihn noch die Segel fort die
der große Morgen aufgebläht Nichts fiel ihm auf nichts schien ihm gemein
nichts fern die Woge und der Tropfe im unendlichen Meere des Lebens verflossen
unteilbar mit den Strömen und Strudeln welche darin gingen Vor Chariton stand
er wie ein glänzender Gott und sie hätte gern entweder ihn verschleiert oder
sich Nie war die Menschheit in reinere Formen die kein Wulst irgendeines
Geburtslandes verkrüppelte gesondert als in diesem Freudenkreise worin die
Kindheit die Weiblichkeit und die Männlichkeit von Blumen durchwunden sich
begegneten und sanft anfassten
Chariton sprach immer von Liane nicht bloß aus Liebe zur Fernen sondern
auch zum Nahen denn ob sie gleich mit jenen offenen Augen schaute die mehr
still abzuspiegeln als anzublicken mehr einzulassen als einzuziehen scheinen
so war sie doch wie Kinder Jungfrauen Landleute und Wilde zugleich
offenherzigwahr und schlau Sie hatte Albanos Liebe leicht erlauscht weil
überall den Weibern alles leichter zu verdecken ist sogar der Hass als sein
Gegenteil Sie lobte Lianen unendlich besonders die unvergleichliche Güte und
»ihr Herr habe gesagt wenige Männer hätten so viel Herz als sie denn sie sei
oft ohne alle Furcht nachts mit ihr im Tartarus gewesen« Allerdings war das
auch dem Grafen nicht erklärlich Das Wunderbare ist der Heiligenschein eines
geliebten Hauptes eine Sonne zum Menschenantlitz besänftigt ergreift weniger
als ein geliebtes zum Sonnenbild verklärt
Sie immer heißer erfreut durch seine Freude bot ihm an ihn in Lianens
Zimmer zu führen Ein einfaches Zimmerchen vom Weinlaube gründämmernd einige
Bücher von Fenelon und Herderalte Blumen noch in ihren Wassergläsern kleine
sinesische Tassen Juliennens Porträt und ein anderes von einer verstorbenen
Jugendfreundin welche Karoline hieß ein unbeflecktes Schreibzeug mit
englischem gepressten Papier das fand er Die heiligen Frühlingsstunden der
Jungfrau zogen vor ihm wie sonniges Gewölke tauend vorüber
Zufällig berührte er ein Federmesser als ihm Chariton Kiele zum Schneiden
brachte »weil man« sagte sie »so viel Not damit hätte seit ihr Herr weg
sei« Denn eine Frau kann leichter jede Feder führen sogar die epische und
kantische als eine schneiden und hier muss wie in mehr Fällen das stärkere
Geschlecht dem schwachen unter die Arme greifen
Albano wünschte noch das ArbeitsZimmer seines Lehrers zu sehen aber dieses
schlug sie ob sie gleich durch ein stundenlanges Zusammenessen nicht mutiger
geworden doch entschieden ab weil es ihr Herr verboten habe Er bat noch
einmal aber sie lächelte immer schmerzlicher und blieb bei dem freundlichen
Nein
Er verträumte nun den Rausch des Morgens im magischen Garten auf dessen
Wasser und Steige der Mond und Widerschein der Erinnerung spielte Wie treten
aus den 9 Millionen Quadratmeilen der gemeinen Erde doch einige poetische Länder
heraus durch ein poetisches Herz Auf dem Berg mit dem Altare wo er sie unten
einmal verschwinden sehen wehte ihn umflattert vom freiern Äther das
Nachmittagsgeläute von Blumenbühl an und sein Kindheitsleben und die jetzigen
Szenen dort und Liane gaben ihm ein weiches Herz und er überschauete mit
dunklern Augen das verklärte Land
Abends kamen frohe Kirchgänger aus Blumenbühl und priesen das Einweihen und
Beisetzen gewaltig Er sah noch den frommen Vater drüben auf dem Bergrücken
stehen Der Morgen wo er einen ganzen Tag Lianen sehen und ihr vielleicht alles
sagen konnte überzog sein Leben mit einem ihn in prächtigen Regenbogenkreisen
umschimmernden Morgentau Noch im Bette sang er vor Lust das Morgenlied der
Ruderleute auf dem Lago maggiore die Sternbilder über Blumenbühl glänzten in
das offene Fenster seines Alpenhäuschens herüber an das zusinkende Auge Als
ihn der helle Mond und Flötentöne aus dem Tal wieder weckten glühte das stille
Entzücken unter der Asche des Schlafes noch fort und das größere drückte die
Augen wieder zu
65 Zykel
Unter einem frischen Morgenblau ging er voll Hoffnungen heute sein immer in
weiße Nebel hineinlaufendes Leben aufzuhellen jenen alten Weg den er einmal
im 23sten Zykel nachts herwärts gemacht um auf dem Berge Elysium und Liane zu
sehen Der ganze blühende Steig war ihm eine römische Erde woraus er
schönbemalte Vasen der Vergangenheit ausgrub und je näher dem Dorfe desto
breiter wurden die geheiligten Plätze Er wunderte sich dass die Lämmer und
Hirtenknaben nicht wie das Gras länger aufgeschossen während seiner
Entfernung die ihm durch den Wachstum seines Herzens und den bunten Wechsel
seiner Erfahrungen selber verlängert vorkam Wie ein Morgentrunk von hellem
Alpenwasser rann der alte Klang des Hirtenhorns in seine Brust aber die enge
Erlenbahn worin er das Reitpferd des Direktors vor dem Absatteln getummelt und
selber der Schlosshof sogar die vier Wände und das Deckengemälde des häuslichen
Glücks krempten seiner treibenden Seele die in die Erde und in den Himmel
hineinwachsen wollte Wurzel und Gipfel ein er war noch in den Jahren wo man
vom Klavichord des Lebens mit einem Fußtritt den Deckel hochlüftet damit das
harmonische Brausen überall vorwalle
Wie verschwenderisch wurde im Schloss sein Herz mit Herzen bedeckt und die
jüngste Liebe durch alte übertäubt von der leichtweinenden Mutter Albine an bis
zu den händegebenden alten Bedienten die seinetwegen die versteinerten Glieder
behender bewegten Er fand alle seine Lieben Liane ausgenommen in
Wehrfritzens Museum weil dieser »junges Volk« und Diskurse lieb hatte und
allzeit darauf bestand dass man das Frühstück auf seinem Aktentisch aufsetzte
der wie er sagte so gut sei als ein FrühstückTisch mit lackierten Fratzen
die niemand ansehe Albano plagte sich mit der Furcht die Ministerin sei die
Kirchenräuberin einer Göttin selber geworden und habe gestern Liane
zurückgeführt bis der Hauptmann die Unsichtbarkeit eilig erklärte Die gute
Seele hatte gestern die Bewegungen ihres teilnehmenden Herzens mit Migräne büßen
müssen Ihr geliebter Lehrer Spener mit seiner erhabenen SeelenStille die
Augen die nicht mehr über die Erde weinten auf das befreundete Fürstenpaar
gesenkt mit dem Haupte unter dem kalten Polarstern der Ewigkeit stehend das
wie der Pol keine Sterne mehr auf und untergehen sah ruhig und mit
apostolisch ineinander gelegten Händen allmächtig redend über den Schmerz und
das Ziel des bleichen Lebens begeistert die Herzen nahe an die weinende Rührung
drängend und doch sie mit erhabener Besänftigung zurückziehend vom höchsten
Schmerz damit nur das Herz weine ohne das Auge und nun die Einsegnung der
gepaarten Särge und der Kirche o in der weichen Liane mussten diese Rührungen
ja zu Leiden arten und alles was ihr Lehrer verschwieg wurde in ihr
ausgesprochen Noch dazu hatte sie nicht die gewöhnliche Kur sich still zu
halten gebraucht sondern alle Stiche hinter tätige Freude versteckt um der
fortreisenden Mutter keine Schmerzen zu geben obwohl sich viel zu große
In diese Erzählung trat sie selber freundlich herein im weißen Morgenkleid
mit einem Strauss von sinesischen Röschen ein wenig blass und müde
träumerischweich aufblickend die Stimme leiser die Wangenrosen zu Knospen
geschlossen und wie ein Kind jedes Herz anlächelnd du Engel des Himmels
wer darf dich lieben und belohnen Sie erblickte den hohen Jüngling alle
Lilien ihres stillen Angesichts wurden wider ihre Gewohnheit in ein himmlisches
Morgenrot der Freude getaucht und ein zarter Purpur blieb an ihnen
Sie fragte ihn offen warum er gestern nicht zur Festlichkeit gekommen und
entdeckte angelegentlich dass sie alle heute den frommen Vater für welchen ihre
ZwergRosen gebunden waren besuchen würden Er nahm gern die vierte Stimme im
Konzert der Lustfahrt Welcher herrliche hängende Garten mit seinen liebsten
Blumen und Aussichten ist in die Abendstunden hineingebauet Wie viel Glückliche
bedeckt ein einziges Dach
Die redliche Rabette vor stillem Freuen flinker und geschäftiger war
unverdrossen Lianens Kranken und Roquairols LöwenWärterin und die maitresse de
plaisirs welche jeden mütterlichen Grundriss einer Lust noch um die Hälfte
breiter machte und das ganze Wesen war so glücklich Ach ihr armes reines Herz
wurde ja noch von keinem geliebt und darum glüht es mit den frischen Kräften
der ersten Liebe so hell und treu vor einem mächtigen das zu ihm segnend wie
ein liebender Gott niederzukommen scheint und einen ganzen Himmel nachzieht
Roquairol sah wie reizend die arbeitsame Beweglichkeit im Spielraum ihres
Eigentums und ihrer Geschäfte das schwer niederhängende Laub verschiebe das im
Visitenzimmer sich finster über ihren Wert herzog sie wurde sogar schöner durch
das dunklere nette Hauskleid nachdem er durch Predigten jede weiße Draperie
ihrer brünetten Gestalt in den Kleiderschrank zurückgeschickt Sie gehorchte der
Mutter hierin nicht eher als bis er es verlangt hatte Ja er hatte sie gestern
dahingebracht die Uhr womit die stolze Ministerin sie beschenkt wirklich an
sich herumzutragen mit heißem Erröten über den ungewohnten Schmuck Indes
wollter mit ihr gleichsam einen recht geschlängelten Blumenweg zum Altare
seines lauten Jas der Liebe nehmen das stumme sagt er hinlänglich er
wusste sie sitze sogleich ein sobald er mit dem Muschelwagen der Venus
vorfahre wovor er eine Taube und einen Habicht vorgehängt
Wie herrlich flog der Vormittag dahin auf goldnen Flügeldecken und auf
durchsichtigen Flügeln Der geliebte Albano wurde in alle Veränderungen des
Hauses eingeführt die schönste war in seiner Studierstube welche Rabette in
ihre Putz Näh und Studierstube umgekleidet hatte die seit gestern wieder
zum Gast und Lesestübchen Lianens geworden Wie gern trat er ans Fenster nach
Abend wo er so oft im Kristallspiegel seiner Phantasie seinen unsichtbaren
Vater und die Geliebte überirdisch erscheinen lassen In die Scheiben waren von
seiner Knabenhand viele L und R gezogen Liane fragte was die R bedeuteten
»Roquairol« sagte er denn sie fragte nicht nach dem L Unendlich süß floss die
Betrachtung um sein Herz dass doch seine Geliebte in der träumerischen Klause
seines ersten grünen Lebens einige blühende Tage verlebe Liane zeigte ihm mit
kindlicher Freude wie sie alles nämlich das Zimmer redlich mit Rabetten teile
in ihrer Doppelwirtschaft und StubenKameradschaft und wie sie ihre Wirtin
selber zu ihrem Gaste gemacht
Ich habe oft das schöne leichte NomadenLeben der Mädchen in ihren
arkadischen LebensAbschnitten bewundert mit Neid leicht flattern diese
Flugtauben in eine fremde Familie und nähen und lachen und besuchen da mit der
Tochter des Hauses ein oder zwei Monate lang und man hält das Kopulierreis für
einen Familienzweig hingegen wir Stubentauben werden schwer versetzt und
einheimisch und reiten meistens nach einigen Tagen wieder zurück Da wir als
sprödere Materie schwerer mit dem FamilienGuss verschmelzen da wir unsere
Arbeiten nicht so leicht weil uns Wagen voll Arbeitsgeräte nachfahren müssen
wie Mädchen ihre einweben in fremde und da wir viel brauchen und anstiften so
ist daraus unser Laufzettel sehr gut abgeleitet ohne unsern geringsten Nachteil
Nach einer halben Ewigkeit der Ankleidung da in der Nähe der Geliebten
eine Stunde der Abwesenheit länger dauert als ein Monat in ihrer Ferne traten
die reisefertigen Mädchen im schwarzen Schmucke der Bräute herein Wie reizend
stehen Rabetten die Rosen im dunkeln Haar und der dunkle SpitzenSaum auf dem
weißen Hals und die furchtsamen Flammen ihres reinen Auges und die anfliegenden
Errötungen Und Liane ich rede nicht von dieser Heiligen Sogar der gute
alte Direktor musste als ihn das fromme Angesicht unter dem bloß einfach und
nonnenhaft herübergelegten weißen Kopfschleier von indischer mit Goldlahn
besprengter Mousseline kindlich anblickte seinem Wohlgefallen die Worte geben
»Wie eine Nonne wie ein Engel« Sie antwortete »Ich wollte auch einmal eine
werden mit einer Freundin aber nun nehm ich den Schleier später als sie«
setzte sie mit wunderbarem Ton dazu
Sie hing heute mit zärtlicher Schwärmerei an Rabette vielleicht aus siecher
Weichheit vielleicht aus Liebe zu Albano und zu den Eltern und vielleicht weil
Rabette durch die Liebe so gut und schön war und weil sie selber nichts war als
Herz Sie hatte den heiligen Fehler zu schwärmerischer Vorstellungen von ihren
Freundinnen in welchen die edleren Mädchen leicht fallen und womit bloß
Ehefrauen wenig behaftet sind sonst noch höher getrieben so konnte sie zB
ihre Freundin Karoline die ihr wie eine Romanheldin nur im romantischen
Spielraum der Freundschaft und der schönen Natur begegnet war sich anfangs gar
nicht ohne Abbruch des poetischen Heiligenscheins mit Händen denken welche die
Nähnadel und Plätte und anderes Geräte des weiblichen Ackers führten
Wer die zärteste Mitfreude fühlen will der sehe nicht frohe Kinder an
sondern die Eltern die sich über frohe erfreuen Niemals blickte die blau und
rundäugige Albine in deren Gesicht die Zeit manche Lebenstöne dreimal
gestrichen hatte worunter aber kein stief und schwiegermütterlicher Misston
vorkam öfter hin und her und segnender als unter diesen Paaren denn das
wurden sie nach der mütterlichen Sterndeuterei der Aberrationen und
Pertubationen dieser Doppelsterne Der Vater der die »Kopfund Ohrenhängerei
des jetzigen jungen Volks« gegen die Ehrensprünge seiner Kameraden hielt wurde
an den Hauptmann gekettet der sich als Regisseur seines innern Theaters heute
die Rolle eines frohen Jünglings zugeteilt hatte Er gefiel ihm sogar durch die
derben Redeblumen die das verborgne Wehen von ihm losblätterte denn da jedes
Genie sein GrobiansIdiotikon seine Knittelverse haben muss so hatt er
andere haben den Teufel den Henker den genialischen Handwerksgruss »Lump« samt
den Derivativis »Lumperei« usw Aber wie noch hinreissender nahm Albano alle
weibliche Herzen durch die Stille weg womit er wie ein ruhiger Nachsommer seine
Früchte fallen ließ Die Eltern schrieben diese weiche Haltung dem Stadtleben
zu als wäre nicht Karl länger in diese Malerschule gegangen Nein die Liebe
ist die italienische Schule des Mannes und der kräftigere und höhere ist eben
der höheren Zartheit fähig wie auf hohen Bäumen sich das Obst milder und süßer
ründet als auf niedrigen Nicht an unmännlichen Charaktern entzückt die Milde
sondern an männlichen wie nicht an unweiblichen die Kraft sondern an
weiblichen
Der gute Jüngling So unschuldig lodert dir indes Karl es allzeit leider
deutlich wusste wenn sein Blick brannte und blitzte aus den Augen ein
glühendes Herz das es nicht weiß Möge dein Abend das Samenkorn einer
blütenvollen Jugend werden Der Wagen rollet vor dir ungewiss ob er ein Elias
oder PhaetonsWagen wird ob du durch ihn den Himmel erfliegst oder aus ihm
fällst
66 Zykel
Der Wagen flog durchs Dorf mit den vier jungen Menschen wie tut unserm Jüngling
die Weite des Himmels und der Erde wohl Das Portal des Lebens die Jugend war
mit Blumen und Lichtern behangen Sie rollten unten am Berge vor der Vogelstange
vorbei der Zeigerstange eines KnabenArkadiens vor der Wiege wo er
kindlichschlaftrunken nach dem hohen Himmel langte mit dem KnabenArm und
durch das ihm jetzt nur zu Gebüsch gesunkne Birkenwäldchen das er an jenem
goldnen Morgen so breit und lang gefunden und vorbei vor den östlichen offenen
Triumphbogen hinter denen das Meer des vielgestaltigen Lilars seine Reize wogen
ließ und hinter der Bergmauer des Flötentals schickten sie den Wagen zurück
Sie gingen auf einer herrlichen Erde unter einem herrlichen Himmel Rein und
weiß schwamm die Sonne wie ein Schwan durch die blaue Flut Fluren und Dörfer
drängten sich dichter an die fernen niedrigen Gebirge ein sanfter Wind trieb
die grünen ÄhrenWogen auf der Ebene umher an den Hügeln ruhten Schatten unter
den Schwingen weißer Wölkchen fest und hinter den Gipfeln der Anhöhe zogen die
Mastbäume der Rheinschiffe majestätisch weg
Wie Albano so nahe neben der Geliebten ging fiel das unter seinem Eden
brennende Fegfeuer immer tiefer in den Erdkern zurück voll Unruhe und Hoffnung
warf er das feurige Auge bald auf den Sommer bald auf den milden
HesperusStern der so nahe an ihm aus dem Frühlingsäter schimmerte Die Gute
schien heute stiller ernster und unruhiger als sonst Als sie durch ein überall
offenes Laubwäldchen am Hügelrücken der das Flötental umzog hingingen sagte
Liane plötzlich zum Grafen sie höre Flöten Kaum konnt er sagen er höre nur
ferne Turteltauben als sie auf einmal sich wie zu etwas Wunderbarem sammlete
ihr Auge in den Himmel heftete lächelte und plötzlich sich nach Albano umsah
und rot wurde Sie redete ihn an »Ich will aufrichtig sein ich höre jetzt in
mir Musik114 sehen Sie mir heute meine Schwäche und Weichheit nach es kommt
von gestern« »Ich Ihnen« sagt er heftig denn er um welchen in
Krankheiten nur brennende Bilder stürmten wurde zur Verehrung eines Wesens
begeistert zu welchem gleichsam aus einer höheren Welt in seinen Schmerzen wie
goldne Sonnenstrahlen leise Töne reichen die verhüllt durch die raue Tiefe
gehen
Aber Liane wie um sein Feuer abzuwenden kam auf ihre Freundin Karoline und
sagte wie sie ihr an solchen Tagen und zumal auf diesem Spaziergange immer
vorschwebe »Anfangs sucht ich sie auf« sagte Liane »weil sie meiner Linda
glich Sie war meine Lehrerin ob sie gleich nur einige Wochen älter war als
ich Ihr frommer strenger unerschrockner Charakter und ihre Willigkeit sich
freudig und stumm aufzuopfern machte sie sogar wenn ich es so sagen darf in
den Augen ihrer Mutter verehrungswürdig Man sah sie niemals weinen so weich
sie auch war bloß um ihre Mutter immer heiter zu machen Wir wollten
miteinander den Schleier nehmen um beisammen zu bleiben ich würde nicht alt
werden sagte sie und ich müsste mein kurzes Leben froh und ohne Sorgen aber
auch in Zubereitung auf das andere verbringen Ach sie ging selber voran Die
Nachtwachen am Krankenbette ihrer Mutter und der Schmerz über den Tod nahmen sie
dahin Sie empfing das heilige Nachtmahl auf das wir uns miteinander
zubereiteten im Sterben allein Da gab mir der Engel diesen Schleier worin
ich ihr einst folgen soll O gute gute Karoline« Sie weinte unverhohlen
und drückte bewegt Albanos Hand »O ich hätte nicht davon anfangen sollen
Dort kommt schon unser Freund wir wollen recht heiter sein«
Sie waren jetzt durch ein hohes Gebüsche das neckend die umherschweifenden
Landschaften auf und zudeckte nahe an die über das Flötental hereinschauende
Turmspitze gelangt neben welcher eine einsame Kirche und Speners Wohnung lag
und unten in der Ebene das offene Dorf Spener ging seiner Schülerin nach
GreisenSitte um andere unbekümmert entgegen und ein junges Reh lief ihm
nach Eine schöne Stelle Kleine weiße Pfauen freie Turteltauben eine
Bienenstadt mitten in ihrer Bienenflora alles sagte den ruhigen Alten an dem
nun die ehrende Erde dient und der gleichgültig gegen sie nur in Gott lebt Er
kam gegen die Erwartung eines kirchlichen Ernstes mit einem leichten Scherz über
die bunte Reihe an und legte die segnenden Finger auf Lianens Stirn die seine
Enkelin zu sein schien gleichsam eine zweite BaumBlüte im Spätherbst des
Lebens Sie steckte ihm töchterlich den Strauss der ZwergRöschen an die Brust
und gab sehr acht ob es ihn besonders freue Sie lächelte ganz heiter und alle
ihre Tränen schienen verweht aber sie glich dem beregneten Baum unter der
wiederlachenden Sonne die kleinste Erschütterung wirft den alten Regen vom
stillen Laub
Der alte Mann erfreuete sich über die Teilnahme der jungen Leute und blieb
mit ihnen auf der blühenden und lärmenden Anhöhe welche zwischen einer weiten
Landschaft und zwischen den reichbeladen ins Elysium hineinlaufenden Bergrücken
tronte Sie ließ ihn da zu ihm wie zu einem der im Luftschiff aufsteigt
die Töne der Erde nicht so weit nachreichten als die Gestalten mehr reden als
hören wie man Alte schonet
Er sprach bald von dem worin sein Herz atmete und lebte aber in einer
sonderbaren halb theologischen halb französischen Wolffianischen und
poetischen Sprache Man sollte von manches Schwärmers Poesie und Philosophie
statt der VerbalRealübersetzungen geben damit man sähe wie die goldreine
Wahrheit unter allen Hüllen glühe Spener sagt in meiner Übersetzung »er habe
sich sonst eh er das Rechte gefunden in jeder menschlichen Freundschaft und
Liebe gemartert Er habe wenn er inbrünstig geliebt wurde zu sich gesagt dass
er sich selber ja nie so ansehen oder lieben könne und ebenso könne ja das
geliebte Wesen nicht so von sich denken wie das liebende und wär es noch so
vollkommen oder so eigenliebig Sähe jeder den andern an wie er sich so gäb es
keine feurige Liebe Aber jede fordere einen unendlichen Wert und sterbe an
jedem unauflöslichen deutlich erkannten Fehl sie hebe ihren Gegenstand aus
allen heraus und über alle und verlange eine Gegenliebe ohne Grenze ohne allen
Eigennutz ohne Teilung ohne Stillstand ohn Ende Das sei ja das göttliche
Wesen aber nicht der flüchtige sündige wechselnde Mensch Daher müsse sich
das liebekranke Herz in den Geber dieser und jeder Liebe selber in die Fülle
alles Guten und Schönen in die uneigennützige unbegrenzte AllLiebe senken und
darin zergehen und aufleben selig im Wechsel des Zusammenziehens und
Ausdehnens Dann sieht es zurück auf die Welt und findet überall Gott und seinen
Widerschein die Welten sind seine Taten jeder fromme Mensch ist ein Wort
ein Blick des AllLiebenden denn die Liebe zu Gott ist das Göttliche und ihn
meint das Herz in jedem Herz«
»Aber« sagte Albano dessen frisches energisches Leben aller mystischen
Vernichtung widersträubte »wie liebt uns denn Gott« »Wie ein Vater sein
Kind nicht weil es das beste ist, sondern weil es ihn braucht 115« »Und
woher« fragt er weiter »kommt denn das Böse im Menschen und der Schmerz«
»Vom Teufel« sagte der Greis und malte ununterbrochen mit verklärter Freude den
Himmel seines Herzens aus wie es immer umgeben sei vom allgeliebten
AllLiebenden wie es gar kein Glück und keine Gaben von ihm begehre die man
nicht einmal in der irdischen Liebe wünsche sondern nur immer höhere Liebe
gegen ihn selber und wie es indem der Abendnebel des Alters immer dichter um
seine Sinne ziehe sich im LebensDunkel immer fester von den unsichtbaren Armen
umschlungen fühle »Ich bin bald bei Gott« sagt er mit einem Glanze der Liebe
auf dem vom Leben erkälteten und unter den Jahren einbrechenden Gesicht Man
hätt es ausgehalten ihn sterben zu sehen So steht der Montblanc vor dem
aufgehenden Mond die Nacht verhüllt seinen Fuß und seine Brust aber der lichte
Gipfel hängt hoch im dunkeln Himmel als ein Stern unter den Sternen
Liane hatte wie eine Tochter das Auge und die Hand nicht von ihm gelassen
und jeden Laut schmachtend eingezogen ihr Bruder hatt ihn mit mehr Freude als
Alban gehört aber bloß um den mystischen Heros ganz in den mimischen Berg Atos
seiner Nachbildung reiner abzuformen und Rabette hatt ihn wie in einer Kirche
unter gläubigen Nebengedanken angeschauet
Er entfernte sich jetzt ohne Umstände um für seine Tiere zu sorgen die er
wie alles Unwillkürliche zB die Kinder wie aus der ersten Hand Gottes
kommend liebte alles sei göttlich sagt er und nichts irdisch als das
Unmoralische Er konnte keine Bienen schwefeln keine Blumen im ScherbenKäfig
verdursten lassen kein abgetriebnes wundes Pferd ertragen und ging vor einer
Fleischbank nur mit schaudernden Gliedern vorüber
»Wollen wir« sagte der Freund Karl »den herrlichen Abend auf der
prächtigen Bergstrasse einnehmen und dein Donnerhäuschen besehen und jeden
LeidensKelch herunterwerfen in die Täler hinein« Welche magische
Nachbarschaft durchzogen sie nun auf dem gebognen Gebirge zum Donnerhäuschen
Zur Rechten gleichsam den Okzident der Natur, zur Linken ihren Orient vor
ihnen das prangende Lilar in der Abendfeerei der glänzenden Rosana in den
Armen liegend Ährengold hinter Pappelsilber und darüber den Himmel gefüllt
mit lebenstrunknen lärmenden Wesen und der Sonnengott schreitet über seinen
Abend weg und bückt sich ein wenig unter der Mitternacht um in Osten das goldne
Haupt zu erheben Albano ging an Lianens heiliger Hand voraus »O wie ist alles
so schön« sagt er »Wie rauschet die aufgeblätterte Weltkarte mit langen
Flüssen und Wäldern wie sonnen sich die Morgenberge in fester Ruhe wie
steigen die Haine mit glühenden Stämmen die Hügel hinauf man möchte sich in die
rauchenden Täler stürzen und in die kalten glänzenden Wellen ach Liane wie
ist alles so schön« »Und Gott ist auf der Welt« sagte sie »und in dir«
sagte er und dachte an das Wort des Greisen dass die Liebe Gott meine und er im
Herzen wohne das wir ehren
Jetzt rollten ihm schon die großen Wogen entgegen welche die Äolsharfe im
Donnerhäuschen schlug und sein Genius flog vor ihm vorbei mit den Worten sag
ihr darin dein ganzes Herz
Vor der kleinen Hütte der gestrigen Träume ging sein stürmendes Herz
auseinander und die Sonne und die Erde schwankten vor den wilden Tränen Da er
hineintrat mit ihr in den füllenden Rosenglanz der Abendsonne und in das
Geistergetümmel der einsam miteinander redenden Töne so fasste er Lianens Hände
und drückte sie wild an seine Brust und sank vor ihr ohne Laut und geblendet
nieder Flammen und Tränen flogen über Augen und Wangen der Wirbelwind der
Töne wehte in seine lodernde Seele der milde Engel der Unschuld bückte sich
weinend und bebend gegen den brennenden Sonnengott und es schlängelte sich ein
Schmerz wie eine bleiche Schlange durch die Rosen des milden Angesichts und
Albano stammelte »Liane ich liebe dich «
Da kehrte die Schlange um und fasste und bedeckte die süße RosenGestalt »O
guter Mensch du bist unglücklich aber ich bin unschuldig« Sie trat erhaben
zurück und zog schnell den weißen Schleier über ihr Gesicht herab und sagte
außer sich »Liebst du die Toten Das ist mein Leichenschleier im künftigen
Jahre liegt er auf diesem Gesicht« »Das ist nicht wahr« sagte Albano
»Karoline antworte ihm« sagte sie und sah starr in die brennende Sonne wie
nach einer höheren Erscheinung Fürchterliche Minute wie bei dem Erdbeben das
Meer wogt und die Luft fürchterlich still ruht so war seine Lippe neben der
Verschleierten stumm und das ganze Herz ein Sturm auf den Saiten wandelte eine
seufzende Geisterwelt vorüber und der letzte endigte mit einem scharfen Schrei
die Schönheit der Erde verzerrte sich vor ihm und in das Abendgewölk waren
breite Feuerfahnen gepflanzt und das Sonnenauge schloss sich blutend zu
Auf einmal faltete Liane wie betend die Hände und lächelte und errötete da
hob sie den Schleier von den göttlichen Augen und die Verklärte vom
RosenWiderschein angestrahlt sah ihn zärtlich an und schlug das Auge nieder
und hob es wieder auf und senkt es nieder und der Schleier fiel wieder
vor und sie sagte leise »Ich will dich lieben guter Albano wenn ich dich
nicht elend mache« »Ich sterbe mit dir« sagt er »was ists« Und nun
verhülle die heilige Wolke den Sonnengott der flammend durch seine Sterne
zieht
Seine Einsamkeit und Lianens Auflösung so vieler Wunder wurden durch den
Eintritt Rabettens und Karls verschoben welche beide mehr gerührt als beglückt
schienen sie durch die tröstende Nähe des Geliebten er durch die sonderbare
Lage und durch den zwingenden Abend denn gewissen Menschen geht ein Sturm nach
und sie müssen die Schritte die sie tun wider Willen schneller machen
Als Albano wieder mit dem Friedensengel seines Lebens mit der Geliebten
die mitten im Rauschen der Gefühle doch die Stimme ihrer Freundin hörte allein
vorausging auf den Felsendamm zwischen duftenden Tempetälern in der dämmernden
Welt so war ihm als habe sich sein Leben wie ein Adler durch eine Sturmwolke
durchgearbeitet und der schwarze Sturm laufe unter seinen Flügeln weiter und der
ganze Sternenhimmel brenne hell über seinem Haupt Liane jungfräulichedel und
fest gab ihm eh er eine Frage getan die Antwort »Ihnen muss ich nun ein
Geheimnis sagen was ich jedem und sogar meiner Mutter verbarg weil es sie
beunruhigt hätte Ich erzählte vorhin von meiner unvergesslichen Karoline Am
Tage meines Abendmahls das ich mit ihr empfangen wollen ging ich nachts von
meinem Lehrer zur Mutter zurück und zwar durch die sonderbare lange Höhle
worin man niederzusteigen glaubt wenn man aufwärts steigt Mein Mädchen ging
mit der Laterne voraus In der romantischen Laube wo ein Hohlspiegel steht
kehr ich mich gegen den hereinströmenden Vollmond aus Furcht vor dem wilden
Spiegel der den Menschen zu grausam verzieht Plötzlich hör ich ein
himmlisches Konzert wie nachher öfters wieder in Krankheiten ich denke an
meine selige Freundin und schaue voll Sehnsucht in den Mond Da sah ich
sie mir gegenüber mit unzähligen Strahlen in ihren schönen Augen war ein
zärtlicher Blick aber doch etwas Auflösendes der zarte fast allein lebendige
Mund glich einer roten aber durchsichtigen Frucht und alle ihre Farben
schienen nur Licht zu sein Doch nur im blauen Auge und roten Munde schien der
Engel Karolinen ähnlich Ich könnt ihn zeichnen wenn man mit Licht malen
könnte Ich wurde gefährlich krank da erschien sie mir öfter und erquickte mich
mit unsäglichsüßen Lauten es waren keine rechte Worte worauf ich immer in
einen sanften Schlaf wie in einen süßen Tod versank Einmal fragt ich sie
mehr mit innern Worten ob ich denn bald zu ihr ziehe ins Reich des Lichts
Sie antwortete ich stürbe jetzt nicht sondern etwas später und sie nannte
recht deutlich das künftige Jahr und sogar den Tag den ich aber vergessen O
lieber Albano vergeben Sie mir nur einige Worte Ich genas bald und trauerte
über die lange schleppende Zeit«
»Nein« unterbrach Albano sie dessen Gefühle wie Schwerter
gegeneinanderschlugen »ich ehre aber hasse Ihr gefährliches Schreckbild
Phantasie und Krankheit sind die Eltern des luftigen Würgengels der wie ein
taubes Wetterleuchten sengend über alle Blüten der Jugend fliegt«
Sie antwortete gerührt »O du guter frommer Geist du hast mich nie
betrübt du hast mich stets getröstet geleitet froh und fromm gemacht Ein
Schreckbild ist er Albano Eben gegen alle Schreckbilder gegen alle
Geisterfurcht bewahrt er mich weil er immer um mich ist Warum wenn er nur ein
Traumbild ist erscheint er mir nie in meinen Träumen116 Warum kommt er nicht
wenn ich will Sondern bloß in wichtigen Fällen dann frag ich ihn und gehorche
sehr gern Er ist mir heute Albano« setzte sie leiser und blöder hinzu
»schon zweimal erschienen unterwegs als ich die innere Musik hörte und vorhin
im Donnerhäuschen als die Sonne unterging und hat mir liebreich geantwortet«
»Und was sagt er Himmlische« fragte Albano unschuldig »Ich sah ihn
unterwegs nur an und fragte nichts« versetzte die Kindliche errötend und hier
stand auf einmal ihre heilige Seele unwissend ohne Flor vor ihm denn sie hatte
im Donnerhäuschen von der unsichtbaren Karoline das Ja zu ihrer Liebe empfangen
weil jene ihr Geschöpf war und dieses ihre Eingebung Jawohl Himmlische du
stehst vor dem Spiegel mit dem jungfräulichen Schleier über deiner Gestalt und
wenn dein Bild seinen leise hebt glaubst du dich noch verhüllt
Kein Wort spricht Albanos Verehrung eines so geheiligten Herzens aus das
verklärte Wesen so helle träumte dessen goldne Blumen auf dem Gedanken des
Todes wie irdische auf Gottesäckern nur höher wuchsen das zugleich mit ihm
unsichtbare Hände in zwei ähnliche Träume117 gezogen dem man sich schämte
gemeine Wahrheiten zu geben für seine heiligen Irrtümer »Du bist vom
Himmel« sagt er begeistert und seine Freude wurde die im Auge zerschmolzene
Perle die den Durst des Menschenherzens löscht »darum willst du wieder dahin«
»O ich weihe dir mein Freund« sagte sie lächelndweinend und drückte seine
Hand an ihr frommes Herz »das ganze kleine Leben das ich habe jede Stunde bis
zur letzten und vorher will ich dich auf alles zubereiten was Gott schickt«
Eh sie in des frommen Vaters Hütte traten griff Albano nach des Freundes
Hand und die Schwestern vereinigten sich Die Freunde gingen eine Zeitlang
stumm voraus Karl blickte Albano an und fand den Frieden der Seligkeit auf
seinem Angesicht Als dieser sah wie Liane das überfüllte Herz an das
schwesterliche drückte so wurde die Aufrichtigkeit und Freude in ihm zu stark
und er fiel ohn ein Wort dem lieben Bruder der ewigen Braut ans Herz und ließ
ihn stumm alles erraten aus den Tränen der Seligkeit O er hätt es doch erraten
aus dem bräutlichen Blick der Liebe den seine Schwester von seinem Freunde
seltener wegzog und aus der Innigkeit womit sie Rabetten gleichsam als
würden beide bald einander verwandt als würde selber der Bruder bald schöner
sprechen da er sie lange nicht mehr die kleine Linda hieß an ihrem Herzen
einweihte für das brüderliche Bei dem frommen Vater versteckte sich der
entzückte Blick wenig den Albano gleichsam unter dem Tore der Ewigkeit
stehend in die Himmel warf die wie Welten hintereinander schimmerten er war
still sanft und in seinem Herzen wohnten alle Herzen O liebe eines rein und
warm so liebst du alle nach und das Herz in seinem Himmel sieht wie die
wandelnde Sonne vom Tau bis zum Meere nichts als Spiegel die es wärmt und
füllt
Aber in Roquairol fuhr sogleich als er das himmlische Glück so nahe sah
der aufrührerische Geist seiner Vergangenheit und schlug epileptisch die Glieder
des innern Menschen blutig die unsterblichen Seufzer nach dem ewig fliehenden
Frieden quälten ihn wieder seine Fehltritte und Irrtümer und sogar die Stunden
wo er unschuldig litt wurden ihm schmerzlich vorgerechnet und da sprach er und
rührte jedes Herz am meisten aber das der armen Rabette das er sich zu
erwärmen an sich presste wie nach der Sage der Adler die Taube der dann sie
nicht zerreisset da sprach er edel von der Wüstenei des Lebens und vom
Schicksal das den Menschen wie den Vesuv zum Krater ausbrenne und dann wieder
kühle Auen darein säe und ihn wieder mit Feuer fülle und vom einzigen Glück
des hohlen Lebens von der Liebe und von der Verletzung wenn das Geschick mit
seinen Winden eine Blume118 reibend hin und herbewege und dadurch die grüne
Rinde an der Erde durchschneide
Aber indem er so sprach sah er die glühende Rabette an und wollte durch
diese Erwärmungen gleichsam die feste Blumenknospe seiner Liebe gewaltsam
sprengen und die Blätter unter die Sonne breiten o ganz glücklich war doch der
Verworrene und Sehnsüchtige auch heute nicht und er wollte weniger andere
rühren als sich
Wie seligahnend traten sie wieder heraus vor die Sphinx der Nacht welche
lächelnd mit sanften Sternenblicken vor ihnen lag Gingen sie nicht durch eine
stille dämmernde Unterwelt leicht und frei ohne die schwere klebende Erde an
den Füßen und im weiten Elysium flattert nur der warme Äther weil ihn
unsichtbare Psychen mit ihren Flügeln schlagen Und aus dem Flötentale sendet
ihnen der Greis seine Töne als süße Liebespfeile nach damit das schwellende
Herz an ihren Wunden selig blute Albano und Liane kamen vor eine Aussicht wo
die weite Morgenlandschaft mit den Lichtstreifen von blühenden Mohnfeldern und
mit dunkeln Dörfern an die sanften Gebirge hinanstieg wo der Mond aufwachte und
der Glanz seines Gewandes schon wie der eines Geistes durch den Himmel streifte
hier blieben sie auf die Luna wartend stehen Albano hielt ihre Hand Alle
Gebirge seines Lebens standen im glühenden Morgenrot »Liane« sagt er »so
unzählige Frühlinge sind jetzt droben auf den Welten die herunterhängen aber
dieser ist der schönste« »Ach das Leben ist lieblich und heute wird es mir
zu lieb Albano« setzte sie leise dazu und ihr ganzes Angesicht wurde eine
erhabene tränenlose Liebe und die Sterne webten und stickten ihr Brautkleid
»wenn mich Gott fodert so lass er mich dir immer erscheinen wie mir Karoline
o wenn ich dich nur so durch dein ganzes liebes Leben begleiten und trösten und
warnen könnte ich wünschte gern keinen andern Himmel«
Aber als er die Fülle seiner Liebe und den zürnenden Schmerz über den
Todeswahn aussprechen wollte so kam sein wilder Freund der wie ein Vesuv
Lava und Regenströme zugleich über die gläubige Rabette ausgiessend ihr und
sich das Herz nur voller nicht leichter gemacht da sah Karl die verherrlichten
Menschen an und den blauen Horizont wo schon der Mond seinen Schimmer zwischen
den festen Mastspitzen und Gipfeln vorauswarf und blickte wieder in den Glanz
der heiligen Liebe Da konnter sich nicht länger halten sein qualvolles Herz
stieg wie zu Gott auf zu einem ewigen Entschluss und er umfasste Albano und
Rabette und sagte »Geliebter Geliebte behaltet mein unglückliches Herz«
Rabette umklammerte ihn mitleidig wie eine Mutter das Kind und gab ihm
heißweinend ihre ganze Seele hin Albano umschloss staunend den Liebesbund
Liane wurde vom Strudel der Wonne an die geliebten Herzen gezogen Ungehört
riefen die Flöten fort ungesehen wehten die weißen Fahnen der Sterne darüber
Karl sprach wahnsinnige Worte der Liebe und wilde Wünsche des FreudenTodes
Albano berührte bebend Lianens Blumenlippe wie Johannes Christum küsste und die
schwere Milchstrasse bog sich wie eine Wünschelrute hernieder zu seinem goldnen
Glück Liane seufzte »O Mutter wie sind deine Kinder glücklich« Der Mond
war schon wie ein weißer Engel des Friedens in das Blau geflogen und verklärte
die große Umarmung aber die Seligen merkten es nicht Wie ein Wasserfall
überdeckte sie brausend das reiche Leben und sie wussten es nicht dass die
Flöten schwiegen und alle Hügel glänzten
Ende des zweiten Bandes
Dritter Band
Funfzehnte Jobelperiode
Der Mann und das Weib
67 Zykel
Vor der Bühne hab ich die frohe Erfahrung gemacht dass ich an den Schmerzen
die darauf sofort nach dem Aufzuge des Vorhanges erschienen nur geringen
Anteil hingegen an Freuden die sogleich hinter der Musik auftraten mit ihrer
eignen den größten nahm der Mensch will mehr dass die Klage als dass die
Entzückung sich motiviere und entschuldige Ohne Bedenken fang ich daher einen
dritten Band mit Seligkeiten an die ohnehin das vorhergehende Paar überflüssig
vorbereitete
Jetzt in dieser Minute muss unter allen Adamsenkeln welche ein freudiges
Gesicht zum Himmel aufhoben und ihm einen noch schöneren darauf nachspiegelten
irgendeiner gewesen sein der den größten hatte ein Allerseligster Ach
freilich muss auch unter allen tragenden Wesen auf dieser Kugel die unser kurzer
Lauf zur Ebene macht eines das unglücklichste gewesen sein und möge der Arme
schon im Schlafe liegen unter nicht auf seinem steinigen Wege Ob ichs gleich
wünschte dass Albano nicht jener Allerglücklichste gewesen wäre damit es noch
einen höheren Himmel über seinem gäbe so ist doch wahrscheinlich dass er am
Morgen nach der heiligsten Nacht im jetzigen Traume vom reichsten Traume tief
in den dreifachen Blüten der Jugend der Natur und der Zukunft stehend den
weitesten Himmel in sich trug den die enge Menschenbrust umspannen kann
Er sah aus seinem Donnerhäuschen diesem kleinen Tempel an dessen Wänden
noch der Schimmer der Göttin stand die ihm darin sichtbar geworden auf die
neugestalteten Berge und Gärten Lilars hinaus und es war ihm als säh er
hinein in seine weiß und rot blühende mit Berg und Fruchtgipfeln
aufgeschmückte Zukunft ein volles Paradies in die nackte Erde gebaut Er sah
sich in seiner Zukunft nach FreudenRäubern um die seinen Triumphwagen anfallen
könnten er fand sie alle sichtbar zu schwach gegen seine Arme und Waffen Er
stellte Lianens Eltern und seinen eignen Vater und das bisherige in der Luft
arbeitende GeisterHeer mitten auf seinen Weg zur Geliebten hin in seinen
Muskeln glühte überflüssige Kraft sich leicht zu ihr durchzuschlagen und sie in
sein Leben mitzunehmen durch Arbeit und Gewalt »Ja« sagt er »ich bin ganz
glücklich und brauche nichts mehr kein Schicksal nur mein und ihr Herz«
Albano möge dein böser Genius diesen gefährlichen Gedanken nicht gehört haben
damit er ihn nicht zur Nemesis trage O in diesem wildverwachsenen Leben ist
kein Schritt sogar in den blühenden Lustgängen ganz sicher und mitten in der
Fülle dieses Kunstgartens erwartet dich ein fremder finsterer Giftbaum und
hauchet kalte Gifte in das Leben Daher war es sonst besser da die Menschen
noch demütig waren und zu Gott beteten in der großen Entzückung denn neben dem
Unendlichen senkt sich das feurige Auge und weinet aber nur aus Dankbarkeit
Kein kleinliches Kalendermass werde an die schöne Ewigkeit gelegt die er nun
lebte da er die Geliebte jeden Abend jeden Morgen in ihrem Dörfchen sah Als
Abendstern ging sie vor seinen Träumen als Morgenstern vor seinem Tage her Den
Zwischenraum füllten beide mit Briefen aus die sie einander selber brachten
Wenn sie abends schieden nicht weit vom Wiedersehen und dann in Norden unten
am Himmel schon die RosenknospenZweige hinliefen die unter dem Menschenschlafe
schnell nach Osten hinwuchsen um mit tausend aufgeblühten Rosen vom Himmel
herabzuhängen eh die Sonne wiederkam und die Liebe und wenn sein Freund Karl
nachts bei ihm blieb und er nach einer Stunde fragte woher das Licht komme ob
vom Morgen oder vom Mond und wenn er aufbrach da noch Mond und Morgen in den
tauenden Lustwäldern zusammenschienen und wenn ihm der Weg vor einigen Stunden
zurückgelegt ganz neu vorkam und die Abwesenheit zu lange weil Amors Pfeil
halb ein Sekundenzeiger ist der den Monatstag und halb ein Monatszeiger der
die Sekunde weiset und weil in der Nähe der Geliebten die kleinste Abwesenheit
länger dauert als in ihrer Ferne die große und wenn er sie wiederfand so war
die Erde ein Sonnenkörper aus welchem Strahlen fuhren sein Herz stand in
lauter Licht und wie ein Mensch der an einem Frühlingsmorgen von dem
Frühlingsmorgen träumt ihn noch heller um sich findet wenn er erwacht so
schlug er nach dem seligen Jugendtraum von der Geliebten die Augen auf vor ihr
und verlangte den schönsten Traum nicht mehr
Zuweilen sahen sie sich wenn der lange Sommertag zu lang wurde auf
entfernten Bergen wo sie der Abrede gemäß der Ernte zusahn zuweilen kam
Rabette allein nach Lilar zum Bruder damit er einiges von Lianen hörte Wenn
Liane ein Buch gelesen las ers nach oft las ers zuerst und sie zuletzt Was
die schönsten unschuldigsten Seelen einander Göttliches zeigen können wenn sie
sich auftun ein heiliges Herz das noch heiliger ein glühendes das noch
glühender macht das zeigten sie sich Albano wurde gegen alle Wesen mild und
der Glanz einer höheren Schönheit und Jugend füllte sein Angesicht Die schönen
Gebiete der Natur oder seiner Kindheit wurden durch die Liebe geschmückt nicht
diese durch jene er war von dem blassen leisen Mondwagen der Hoffnung auf den
rauschenden glänzenden Sonnenwagen der lebendigen Entzückung gestiegen Sogar
auf den Ruderschiffen hölzerner Wissenschaften schlugen jetzt wie von Bacchus
Wunderhand belebt Maste und Taue zu Weinstöcken und Trauben aus Ging er ins
Froulaysche Haus so kam er weil er voll Toleranz hineinging ohne Kosten
derselben daraus zurück der Minister der mit einem Flore von heitern
blühenden Ideen auf dem Gesichte von Haarhaar zurückgekehrt gab ihm reizende
Aussichten auf den Jubel mit womit Stadt und Land das nahe Vermählungsfest des
Fürsten und den Gewinn der schönsten Braut begehen werde
Und hatt er nicht zu allem noch seinen Freund dazu Wenn man so nahe vor
der Flamme der Freude steht so flieht man zwar Menschen weil sie leicht
zwischen uns und die schöne Wärme treten aber man sucht sie auch ein
herzlicher Freund ist unser Wunsch und Glück welcher den frohen Traum worin
wir schlafen und sprechen leise weiterleitet ohne ihn fortzujagen Karl
spielte sanft in des Freundes Traum er hätt es aber auch schon aus inniger
Liebe gegen die Schwester getan
In der Tat mit so viel Jugend Sommerwetter Unschuld Freiheit schöner
Gegend und hoher Liebe und Freundschaft lässt sich wohl schon unten auf der
Erde etwas dem Ähnliches zusammensetzen was man oben im Himmel einen Himmel
nennt und eine Himmelskarte ein ElysiumsAtlas den man davon mappierte würde
wohl nicht anders aussehen als so vorne ein langes Hirtenland mit zerstreueten
Lustschlössern und Sommerhäusern ein Philantropistenwäldchen in der Mitte
die Taborsberge oben mit Sennen lange Kampanertäler darauf der weite
Archipelagus mit PetersInseln drüben die Ufer eines neuen festen
Hirtenlandes ganz bedeckt mit Daphnischen Hainen und AlkinousGärten dahinter
wieder das weit hineinlaufende Arkadien usw
Alles was nun Albano von Philosophie und Stoizismus in sich hatte denn er
hielt das was ihm der Arm aus den Wolken gab für Ausbeute des eignen wandte
er an um durch sie seiner Entzückung das Maß das sie geben zu nehmen
Mässigen sagt er sei nur für Patienten und Zwerge und alle jene bekümmerten
gleichschwebenden Temperaturisten und Taktmesser hätten es sei in der
Ausbildung einer Freude oder eines Talents mehr sich als der Welt genützt
hingegen ihre Antipoden mehr der Welt als sich119
Er brachte sich sehr gute Grundsätze vor das Auge der Mensch sagt er ist
frei und ohne Grenze nicht in dem was er machen oder genießen sondern in dem
was er entbehren will alles kann er wenn er will entbehren wollen Überhaupt
fuhr er fort hat man bloß die Wahl entweder immer oder nie zu fürchten denn
dein Lebenszelt steht auf einer geladenen Mine und rings umher halten die
Stunden offene Geschosse auf dich Nur das tausendste120 trifft und in jedem
Fall fall ich doch lieber stehend als feig gebückt Allein beschloss er um
sogar sich darüber zu entschuldigen ist denn die Standhaftigkeit zu nichts
Besserm gemacht als zu einer Wundärztin und Magd und nicht vielmehr zu unserer
Muse und Göttin denn sie ist ja nicht ein Gut weil sie ein verlornes entbehren
hilft sondern sie ist selber eines und ein größeres als das ersetzte auch der
Seligste muss sie erwerben sogar ohne Gelegenheit und Gabe von außen ja es ist
desto besser wenn sie früher besessen wird als angewandt
Zum Teil waren diese Täuschungen oder Rechtfertigungen Not und Schutzwehr
gegen den tragischen Roquairol der jede Freude und auch die seines Freundes mit
düstern Kontrasten heben wollte zum Teil muss auf jene ein edler Mann der
bisher sich in den Schmerz warf ohne dessen Tiefe zu messen und der immer
seine Kraft durch das Leben zu schwimmen fühlen wollte notwendig geraten
wenn er innen wird dass sich der Schwerpunkt seiner Seligkeit und seiner Hölle
verrückt und aus seinem Ich in ein fremdes begeben habe »O wenn sie stürbe«
fragt er sich Er hatt es nicht gewohnt vor irgendeinem Tode so zu
erschrecken wie vor diesem Daher fasste er diese Disteln der Phantasie recht
scharf in die Hand um sie zu zerdrücken Am Ende da die reine Landluft der
Liebe und der Schäfertanz in diesem Arkadien immer mehr Rosen auf Lianens Wangen
brachten so hörten seine Disteln zu wachsen auf
Allen übrigen Ottern des Lebens sobald sie nur keinen Durchgang durch
Lianens Herz sich machen konnten war er unzugänglich Um jeden Preis und
sollte er alles verlassen entbehren erzürnen unternehmen wollt er Lianen
erkaufen Die Schreckgespenster die ihm aus zwei Häusern Froulays und Gaspards
drohend entgegenliefen ließ er heran und löste sie auf steht der Feind einmal
da dacht er so bin ich seiner auch
Oft stand er im Tartarus und fand in diesem Stilleben des Todes von erhobner
Arbeit Seelenstille Die Gegenwart nimmt schneller unsern Widerschein als wir
ihren an auch hier gewann er sanfte weite das Leben lichtende Hoffnungen und
süße Tränen die ihm über Lianens SterbeGlauben entflossen nicht weil er die
Wahrscheinlichkeit, sondern weil er die Unwahrscheinlichkeit desselben sich
dachte die durch Liebe und Freude und Genesung täglich größer wurde
Nur ein Unglück gabs für ihn woran jede Waffe zersprang dessen Möglichkeit
er aber für einen sündigen Gedanken hielt dass nämlich er und Liane durch
Schuld Zeit oder Menschen aufhören könnten einander zu lieben hier auf zwei
Herzen vertrauend trotzt er kühn der Zukunft O wer sagte nicht wenn er im
Vertrauen auf eine warme Ewigkeit seine Entzückung ausdrückte die Parze kann
unser Leben zerschneiden aber sie komme und öffne die Schere gegen das Band
unserer Liebe Den Tag darauf stand die Parze vor ihm und drückte die Schere zu
68 Zykel
Einst kam Roquairol ganz spät um Albano mitzunehmen zur »AbendsternPartie« auf
der Sennenhütte die jener mit Rabetten verabredet hatte Der Hauptmann führte
um die warmen Quellen seiner Liebe und Freude gern die Brunnenfassung ganz
auserlesener Tage und Umstände konnt ers machen so erklärte er zB seine
Liebe etwan an einem Geburtstage unter einer totalen Sonnenfinsternis an
einem Schalttag in einem blühenden Treibhaus im Winter hinter dem
Stuhlschlitten auf dem Eise oder in einem Gebeinhaus ebenso zerfiel er mit
andern gern an bedeutenden Orten und Tagen in dem Kirchstuhle in Frühlings
oder Wintersanfang in der Kulisse des Liebhaberteaters auf einer
Brandstätte unweit des Tartarus oder im Flötental
Albano aber war zu jung wie andere zu alt um seine frischen Gefühle
erst mit künstlichen Stunden und Stellen zu würzen er machte lieber durch jene
diese schöner
Mit ungestümer Freude flog Albano auf den ungehofften Weg der Freude Der
gestrige Abend war so reich gewesen die vier Paradiesesflüsse waren in einer
Katarakte vom Himmel in sein Herz gestürzt am heutigen wollt er in die
stäubenden Wirbel desselben springen Schon der Abendhimmel war so schön und
rein und der Hesperus ging mit wachsendem Glanz seine helldämmernde Bahn hinab
Rabette wartete unten am Berge der Sennenhütte des Schiesshäuschens um ihn
unbemerkt an die unvorbereitete Freundin zu führen die im Fenster mit dem
glänzenden Auge am Hesperus sinnend lag und an die vollen glühenden Herbstblumen
dachte welche nun in ihrem Leben so spät und so nahe neben der längsten Nacht
aufgingen Sie war heute über manches trübe Sie hatte überhaupt bisher ihre
Liebe mehr zu verdienen und zu rechtfertigen als zu genießen und zu vergrößern
und mehr mit ihr das fremde Herz als das eigne zu beglücken gesucht Wie sehnte
sie sich unbeschreiblich nach Taten für Ihn nur Opfer waren ihr Taten und
beneidete ordentlich ihre Freundin die für Karl jedesmal doch ein Getränk zu
bereiten hatte Da sie nichts weiter wusste so drückte sie ihren Diensteifer
durch größere töchterliche Liebe und Annäherung gegen Albanos Eltern und
Schwester aus und lernte sogar ein wenig kochen welches ihr andere
MinistersTöchter die nichts machen als Salat und Tee mit Nachsicht und mit
dem Gedanken verzeihen müssen dass sie in Lianens Falle auch nichts anders
machen würden sondern eher ein Gericht mehr Ja sie hielt Rabette für
tugendhafter weil diese mehr in die Breite und Länge tätiger sein konnte
Rabette hielt wieder Lianen für besser weil sie lieber betete den ähnlichen
Irrtum verdoppelten sie über die Brüder Rabetten kam Karl sanfter vor und
Lianen Albano beiden nach Schlüssen aus ihren gegenseitigen Berichten
Solang ein Weib liebt liebt es in einem fort ein Mann hat dazwischen zu
tun Liane verwandelte alles in sein Bild und seinen Rahmen dieser Berg
dieses Stübchen diese für ihn einmal gefährliche Vogelstange wurden die
Pastellstifte zu seinem festen Bilde Sie kam immer darauf zurück dass er etwas
Besseres verdiene als sie denn die Liebe ist Demut der Trauring prangt mit
keinem Juwel Es rührte sie dass ihn ihr früher Tod betrübe Da sah sie noch das
von Blattern erblindete Mädchen das er einmal unwissend sich ans Herz gedrückt
121 und sie fand sich mit dem Witze der Trauer auch darin der Blinden ähnlich
nicht bloß in der gleichen obwohl kürzern Nacht die einmal der Schmerz über
ihre Augen geworfen
So sanft wie ihr Ebenbild der Hesperus sich in den Abendhorizont des
Lebens eintauchend fand sie ihr Geliebter Sie konnte nie sogleich aus ihrem
Herzen heraus in die überraschende Gegenwart ihre Wendungen waren immer wie der
Sonnenblume ihre nur langsam und jede Empfindung lebte lange in ihrer treuen
Brust Selten findet überhaupt der Liebende den Empfang der Liebenden dem
letzten Bilde ähnlich das ihm der Abschied mitgegeben eine weibliche Seele
soll das begehrt der Mann völlig mit den Flügeln Stürmen Himmeln der letzten
Minute wieder in die nächste brausen Aber von jeher empfing Liane ihren Freund
scheu und sanft und anders als sie geschieden war und zuweilen kam dem
Feuergeiste dieses zarte Warten dieses langsame Heben des Augenlids fast wie
ein Umkehren in die alte Kälte vor
Heute ergriff es den wärmern Grafen stärker als sonst Wie ein Paar fremde
Kinder die miteinander bekannt werden sollen und sich anlächeln und anrühren
standen beide freundlich und verlegen nebeneinander Sie erzählte dass sie von
seiner Schwester sich sein Kindeswagstück auf diesem Berge erzählen lassen Eine
Geliebte kennt keine schönere reichhaltigere Geschichte als die ihres Freundes
»O da schon« sagt er bewegt »blickt ich nach deinen Bergen Dein Name ist
wie eine goldne Inschrift an meine ganze Jugend geschrieben Ach Liane hast du
mich wohl geliebt wie ich dich als du mich noch nicht gesehen«
»Gewiss nicht Albano« antwortete sie »viel später« Sie meinte aber ihre
Blindheit und sagte er sei ihr in dieser Augendämmerung an jenem Abend wo er
bei ihrem Vater aß wie ein alter nordischer Königssohn etwan wie Olo122
vorgekommen und sie habe ihn wie ihren Vater und Bruder ehrend gefürchtet Ihre
hohe Achtung für die Männer waren die wenigsten kaum zu erraten wert geschweige
zu veranlassen »Und als du sehen konntest« sagte Albano »Das sagt ich eben«
versetzte sie naiv »Aber da du meinen Bruder so liebtest« fuhr sie fort »und
so gut warst gegen deine Schwester so wurd ich freilich ganz beherzt und bin
und bleibe nun deine zweite Schwester du hast ohnehin eine verloren Albano
glaube mir ich weiß es ich bin gewiss zu wenig zumal für dich aber ich habe
einen Trost«
Verwirrt von dieser Mischung von Heiligkeit und Kälte konnte er sie nur
heftig küssen und musste ohne sie zu widerlegen sogleich fragen »Welchen
Trost« »Dass du einmal ganz glücklich wirst« sagte sie leise »Liane
deutlicher« sagt er Denn er verstand nicht dass sie ihren Tod und Lindas
Verkündigung durch Geister meinte »Ich meine nach einem Jahre« versetzte
sie »nach den Prophezeiungen« Er sah sie stumm wild ratend und bänglich an
Sie fiel ihm weinend ans Herz und löste plötzlich das Gedränge innerer Seufzer
»Bin ich denn dann nicht« sagte sie heftig »gestorben und seh aus der
Seligkeit zu dass du belohnet wirst für deine Liebe gegen Liane Und das gewiss
recht sehr«
Weine zürne leide frohlocke und bewundere immerhin heftiger Jüngling
Aber du fassest diese demütige Seele doch nicht Heilige Demut einzige
Tugend die nicht vom Menschen sondern von Gott geschaffen wird Du bist höher
als alles was du verbirgst oder nicht kennst Du himmlischer Lichtstrahl wie
das irdische Licht123 zeigst du alle fremde Farben und schwebst unsichtbar ohne
eine im Himmel Niemand enteilige deine Unwissenheit durch eine Belehrung Sind
deine kleinen weißen Blüten gefallen so kommen sie nicht wieder und um deine
Früchte deckt dann nur die Bescheidenheit ihr Laub
Schmerzhaft zerteilte sich in Albano das Herz in Widersprüche gleichsam in
seines und in Lianens Herz Sie war nichts als die lautere Liebe und Demut und
ihr Talentenglanz war nur ein fremder Besatz wie Götterbilder von weißem Marmor
den bunten nur als Zierat haben man konnte nichts tun als sie anbeten sogar
auf ihren Irrwegen Auf der andern Seite hatte sie neben weichen beweglichen
Gefühlen so feste Meinungen und Irrtümer seine Bescheidenheit bekriegte so
vergeblich ihre Demut und sein Ansehen ihren Geisterwahn Das feindselige
Gefolge das dieser nachschleppte sah er so deutlich über alle Freuden ihres
Lebens herziehen Sein ihm ewig nachstellender Argwohn dass sie ihn liebe bloß
weil sie nichts hasse und dass sie immer eine Schwester statt einer Liebhaberin
sei drang wieder gewaffnet auf ihn ein So stritt hier alles gegeneinander
Wunsch Pflicht Glück und Ort Beide waren sich neu und unbekannt aus Liebe
aber Liane erriet so wenig als er O wie zwei Menschen ähnliche Wesen einander
fremd und ungleich werden bloß weil eine Gottheit zwischen beiden schwebt und
beide anglänzt
Etwas blieb in ihm unharmonisch und unaufgelöset er fühlt es so sehr da
die Sommernacht für höhere Entzückungen schimmerte als er hatte da der tief
im Äther zitternde Abendstern der Sonne durch die Wolkenrosen nachdrang
worunter sie begraben war da die Ährenfluren dufteten und nicht rauschten und
die zugeschlossenen Auen grünten und nicht glühten und da die Welt und jede
Nachtigall schlief und da das Leben unten ein stiller Klostergarten war und
nur oben die Sternbilder als silberne Äterharfen vor Frühlingswinden ferner
Erden zu zittern und zu tönen schienen
Er musste Liane morgen wiedersehen um sein Herz auszustimmen Rabette kam
unendlich erheitert mit ihrem Freunde vom Berge herauf beide schienen von
Scherzen und Lachen fast ermattet denn Roquairol trieb alles sogar den Scherz
bis zur Pein hinauf Er hatte den Abendstern auf den er heute eingeladen in
ein Treib und Stammhaus lustiger Einfälle und Anspielungen umgebauet Anfangs
wollt er nicht schon morgen mitkommen aber endlich sagt ers zu da Rabette
versicherte »sie errate den feinen Herrn recht gut aber er solle doch sie nur
sorgen lassen«
Als die Morgenröte aufging kam Albano mit ihm wieder aber die Gartentüre
am »Herrschaftsgarten« war schon offen und Liane schon in der Laube Ein
AktenHeft so schien es lag auf ihrem Schoss und ihre gefalteten Hände daneben
sie blickte mehr sinnend geradehin als betend empor doch empfing sie ihren
Albano so mild und fremdlächelnd wie ein Mensch einen ins Gebet
hereintretenden Gast grüßend anlächelt und dann weiterbetet Der Graf hatte sich
bisher immer auf eine Zurückgezogenheit des Empfangs rüsten müssen Ein
Missverstand der schnell wiederkommt wirkt sooft er auch gehoben sei immer
wieder so irrend und neu wie zum ersten Male Er fühlte recht stark dass ihn
etwas Festeres als die erste jungfräuliche Blödigkeit womit ein Mädchen für die
blendende Sonne der Liebe immer außer der Morgenröte noch eine Dämmerung und für
diese wieder eine erfinden will im feurigen Verschmelzen ihrer Seelen störe
Er fragte was sie lese sie stockte bedenkend ein schnell heranfliegender
Gedanke schien ihr Herz zu öffnen sie gab ihm das Buch und sagte es sei ein
französisches Manuskript nämlich geschriebene Gebete von ihrer Mutter vor
mehreren Jahren aufgesetzt welche sie mehr rührten als eigne Gedanken aber
noch immer blickte durch das zartgewebte Gesicht ein Klostergedanke der ihr
Herz zu verlassen suchte Was konnte Albano dieser HerzensPsalmistin
vorwerfen wer kann einer Sängerin Antwort geben Eine Betende steht wie eine
Unglückliche auf einer hohen heiligen Stätte die unsere Arme nicht erreichen
Aber wie schlecht müssen die meisten Gebete sein da sie obwohl früher als
Reize bezaubernd gleich dem Rosenkranz der aus wohlriechenden Hölzern gemacht
wird später im Alter nur als Flecken und der Reliquie oder dem Totenkopf
ähnlich wirken womit eben der Rosenkranz aufhört
Ohne auf seine Frage zu warten sagte sie ihm auf einmal was sie unter
ihrem Gebete gestöret habe nämlich die Stelle in diesem »O mon dieu fais que
je sois toujours vraie et sincère etc« da sie doch ihrer lieben Mutter bisher
ihre Liebe verschwiegen habe Sie setzte dazu sie komme nun bald und dann
werde ihr das verschlossene Herz aufgetan »Nein« sagt er fast zornig »du
darfst nicht dein Geheimnis ist auch meines« Männer verhärtet oft das in der
Prosa was sie in der Poesie erweicht zB weibliche Frömmigkeit und
Offenherzigkeit
Nun hasste niemand mehr als er das Eingreifen der elterlichen Schreib und
Zeige und Ohrfinger in ein Paar verknüpfte Hände nicht dass er etwan vom
Minister Kriege oder Nebenwerber befürchtete er setzte eher offene Arme und
Freudenfeste voraus sondern weil seinem befreieten und befreienden
großmütigen Geiste nichts peinlicher widerstand als die widrige Erwägung was
nun auf dem Altar der Liebe an das heilige Opferfeuer die Eltern für schmutzigen
Torf zur Feuerung nachlegen oder für Töpfe zum Kochen ansetzen könnten wie
leicht dann sogar poetische Eltern sich oft mit den Kindern verwandeln in
prosaische oder juristische der Vater sich ins Regierungs die Mutter ins
Kammerkollegium wie wenigstens dann die Hofluft leibeigen mache so wie nur
der poetische HimmelsÄther frei und welche Perturbationen seinem Hesperus von
dem anziehenden Weltkörper vom alten Minister bevorständen der bei der Liebe
nichts unnützer fand als die Liebe und dem die heiligsten Empfindungen für
Standesehen so brauchbar schienen wie für Predigtämter das Hebräische nämlich
mehr im Examen als im Dienste So schlimm dacht er von seinem Schwiegervater
denn er kannte das Schlimmere nicht
Aber die gute Tochter dachte von ihrer Mutter viel höher als ein Fremder
und ihr Herz widerstrebte schmerzlich dem Schweigen Sie berief sich auf ihren
hereintretenden Bruder Aber dieser war ganz Albanos Meinung »Die Weiber«
setzte er nicht in der besten Laune hinzu »mögen lieber von als in der Liebe
sprechen die Männer umgekehrt « »Nein« sagte Liane entschieden »wenn mich
meine Mutter fragt so kann ich nicht unwahr sein« »Gott« rief Albano
erschrocken aus »wer könnte auch das wünschen« Denn auch ihm war freie
Wahrheit der offene Helm des Seelenadels nur sagte er sie bloß aus
Selbstachtung und Liane sie aus Menschenliebe
Rabette kam mit dem TeeZeug und einer Flasche worin für den Hauptmann
TeeMark und Elementarfeuer oder Nervenäter war Arrak Er ging ungern am
Morgen zu Leuten bei denen er ihn erst am Abend trinken konnte Rabette hatte
gestern diese Unart gemeint und heute befriedigt »Wie kann das freie Ich«
sagte der gesunde Albano oft zu ihm »sich zum Knechte der Sinnen und
Eingeweide machen Sind wir ohnehin nicht enggebunden genug durch die
Körper-Bande und du willst noch Ketten durch die Ketten ziehen« Roquairol
hatte darauf immer dieselbe Antwort »Umgekehrt Durch Körper befreie ich mich
eben von Körpern zB durch Wein von Blut Sobald du aus der Leibeigenschaft
der leiblichen Sinne nie herauskannst und all dein Bewusstsein und dein Denken
nur durch körperliche Dienstbarkeit die auf dem Grundstück der Erde haftet bei
ihrem Adel bleiben so seh ich nicht ab warum du nicht diese Rebellen und
Despoten recht zu deinen Dienern brauchst Warum soll ich den Körper nur schlimm
auf mich wirken lassen und nicht ebensowohl vorteilhaft« Albano blieb dabei
das stille Licht der Gesundheit sei würdiger als die MohnölFlamme eines
OpiumsSklaven und die körperliche Kriegsgefangenschaft die unser Geist mit
der ganzen menschlichen Mannschaft leide sei ehrenvoller als der
persönlichkrummschliessende Arrest
Indes heute konnte nicht einmal das spirituöse geschwefelte Teewasser eine
gewisse Unbehaglichkeit aus Roquairol verwaschen den das Nachtwachen bleicher
wie den Grafen feuriger gefärbt hatte Es wollt ihm nicht recht gefallen dass
der Herrschaftsgarten ganz in den Rahmen eines mannshohen Bretterverschlags
eingezogen war der weniger wie eine Billardsbande den Augapfel nicht hinaus
als wie eine Marktschreierbude nichts hereinlassen sollte und der freilich keine
andere Aussicht gewährte als die eigne Ansicht ebensowenig erhielt der
Lustgarten dadurch seinen Beifall dass die Rasenbänke in der Laube wo sie
saßen noch nicht gemäht waren dass auf allen Beeten nur Einfassungsgewächse
des Kochfleisches wehten dass noch nichts Reifes dahing als ein paar Maulwürfe
in ihren Hängsterbebetten dass an einer Kugelbahn worauf man in ein
klingelndes Mittelloch kegelt die schräge RetourRinne die Kugeln leichter
wieder einwandern ließ als sie über das Ackerland der Bahn wenn man sie nicht
warf wegzubringen waren und dass nirgends Orangerie zu sehen war ausgenommen
einmal da zum Glücke die Gartentüre offen stand als eben auf einem
Schiebekarren ein blühender Orangeriekasten nach Lilar vorüberfuhr
Der Hauptmann brauchte diese Züge bloß satirisch vorzutragen und damit die
äußerlich lachende Rabette innerlich zu verwunden weil keine den Tadel ihrer
körperlichen Absenker verträgt es seien nun Kinder Kleider Kuchen oder Möbeln
124 so konnten sich seine Berghöhen allmählich wieder entwölken und Rabette
konnte noch ungemeiner fröhlich sein
Albano war in dieser Tags gleichsam KindheitsFrühe und in diesem
Paradiesgärtlein seiner Kinderjahre heimlichfroh denn in der ersten Liebe
kommt wie in Shakespeares Stücken nichts auf die bretterne Bühne ihres Spieles
an aber der heutige Nachwinter der gestrigen Erkältung wollte doch nicht
schmelzen Die Morgenbläue wurde mit immer hellern GoldFlocken gefüllt er
machte da der Garten wie kleine Städte nur zwei Tore hatte das obere und
untere wie eine Aurora dieses der Morgensonne auf der Glanz quoll über das
dampfende Grün herein die unten ziehende Rosana fasste Blitze auf und warf sie
herüber Albano schied endlich voll Liebe und Seligkeit
Aber die Liebe war größer als die Seligkeit
69 Zykel
Fliegender Frühling ich meine die Liebe so wie man den Nachsommer einen
fliegenden Sommer nennt du eilest selber über uns pfeilschnell dahin warum
eilen Autoren wieder über dich Du gleichst der deutschen Blütezeit die nie
einen Blütenmond lang ist wir lesen den ganzen Winter in Almanachen und
Gleichnissen viel von ihrer Herrlichkeit und schmachten endlich hängt sie dick
an den schwarzen Ästen sechs Tage lang und noch dazu unter kalten Maigüssen
reißenden Wonnemondsstürmen und unter dem Stummsitzen aller halberfrornen
Nachtigallen und dann wenn man endlich in den Garten hinauskommt ist schon
der Fußsteig blütenweiss und der Baum höchstens voll Grün dann ists vorbei bis
wir wieder im Winter den Anfang eines Märchens herzerhoben hören »Es war eben
in der schönen Blütezeit« Ebenso seh ich wenig Autoren am langen
romantischen Sessions und Schreibetisch rechts und links für das Lesepult
arbeiten welche nach der langen Vorrede zur Liebe nicht diese sobald sie wie
ein Krieg erkläret ist sofort schlössen und wirklich gibts zur Liebe mehr
Stufen als in ihr alles Werden zB der Frühling die Jugend der Morgen das
Lernen geht vielfärbiger und geräumiger auseinander als das feste Sein aber
ist dieses nicht wieder ein Werden nur ein höheres und jenes ein Sein nur ein
schnelleres
Albano wollte die fliegende göttliche Zeit wo das Herz unser Gott ist
schöner lenken sie sollte mehr empor als hinwegfliegen Er zürnte den andern
Tag mit niemand als mit sich Er riss sich durch solche kleine und doch
engumschnürende Schmerzen durch durch einen Zustand wie bei einem Erdbeben wo
ein unsichtbarer Dunst den verstrickten schweren Fuß hält ich will mich lieber
auf Bergen beregnen lassen sagt er als in Tälern Menschen von Phantasie
söhnen sich leichter mit der ab als anwesenden Geliebten aus
Nach einigen Tagen ging er wieder nach Blumenbühl kurz vor Sonnenuntergang
Ein brennendes Rot schnitt durch die Laubnacht Sein finsterer Holzweg wurd ihm
von den dareinhüpfenden Flammen zu einem verzauberten gemacht Er setzte seine
beleuchtete Gegenwart tief in eine künftige schattige Vergangenheit hinein O
nach Jahren dacht er wenn du wiederkommst wenn alles vergangen ist und
verändert die Bäume gewachsen die Menschen entwichen und nur die Berge und
der Bach geblieben da wirst du dich selig preisen dass du einmal in diesen
Gängen so oft zum schönsten Herzen reisen durftest und dass auf beiden Seiten die
klingende und glänzende Natur mit deiner freudigen Seele mitging wie dem Kinde
der Mond durch alle Gassen nachzulaufen scheint Eine ungewöhnliche Entzückung
warf durch sein ganzes Wesen den langen breiten Sonnenstreif die fernsten
Blumen seiner Phantasie taten sich auf alle Töne gingen durch einen hellern
Äther und näher heran Auch die Blumen außer ihm dufteten stärker und der
Glockenschlag tönte näher und beides sagt Ungewitter an
So innigfroh erschien er und zwar ohne Roquairol der überhaupt immer
seltener kam vor der Geliebten oben in seinem Kindheitsmuseum ihrem
Gastzimmer das jetzt der gewöhnliche Spielplatz seiner Besuche war In einem
weißen Kleide mit schwarzem Besatz wie in schöner Halbtrauer saß sie am
Zeichentisch mit schärfern Augen in ein Bild vertieft Sie flog ihm ans Herz
aber um ihn bald wieder vor die Gestalt zu führen an welcher ihres wie in
Mutterarmen hing Sie erzählte heute sei mit der Prinzessin ihre Mutter
dagewesen und diese habe so viele Freude über ihre genesende Farbe gehabt so
unendliche Güte gegen die glückliche Tochter »Sie musste sich« fuhr sie fort
»von mir ein wenig zeichnen lassen damit ich sie nur länger ansehen und etwas
von ihr dabehalten konnte Jetzt zeichn ich das Gesicht weiter aus es ist aber
gar zu schlecht geraten« Sie konnte ihre Phantasie weder vom Bilde noch
weniger vom Urbilde loswickeln Freilich kann auf einem töchterlichen Herzen
oder gar in ihm kein schöneres Medaillon hängen als das mütterliche aber Albano
glaubte doch heute das Gehenke nehme eine zu breite Stelle ein
Sie sprach bloß von ihrer Mutter »Ich sündige gewiss« sagte sie »sie
fragte mich so freundlich ob du oft kämst aber ich sagte nur Ja und weiter
nichts O guter Albano wie gern hätt ich ihr die ganze Seele offen
hingegeben«
Er antwortete die Mutter schiene nicht so offen zu sein sie wüsste
vielleicht schon alles durch den Lektor und den reinen Trank der Liebe würden
nun lauter fremde Körper trüben Gegen Augusti erklärt er sich sehr stark aber
Liane beschützte ihn ebenso stark Durch beides gewann der Falschmünzer der
Wahrheit nämlich der Argwohn der dass sie ihn wohl liebe wie sie alles
liebe da sie an alles Gute gleichsam lebendig anwachse unter Albanos
Empfindungen die noch dazu heute so warm und froh gewesen waren immer mehr
Prägstempel und Umlauf
Sie ahnte nichts sondern sie kam wieder auf ihr Schweigen »Warum tut mirs
aber weh« sagte sie »wenn es recht ist Meine Karoline Geliebter erscheint
mir auch nicht mehr und das ist wahrhaftig nicht gut« Dieses Geisterwesen
zog immer für ihn so schwül und grau herauf wie eben draußen das
Gewittergewölke Seine alte Erbitterung gegen die eignen Neckereien durch
Luftaffen die er nicht packen konnte ging in eine gegen Lianens optischen
Selbstbetrug über Jener von Karolinen geschenkte Schleier womit sie sich
anfangs so erhaben eingekleidet für das Kloster der Gruft dieser Reiseflor für
die zweite Welt war diesem Herkules längst ein brennendes mit Nessus
Giftblute getränktes Gewand geworden daher sie ihn nicht mehr vor ihm tragen
dürfen Der Schluss dass der Wahn des Todes die Wahrheit desselben säe und dass
in der herübergerückten tiefen Wolke ein Zufall den schlagenden Funken des Todes
leicht locke fiel wie eine Trauer in seine Liebesfeste ein So sind alle fremde
Meerwunder der Phantasie wie dieser SterbensWahn nur in der Phantasie im
Roman aber nicht im Leben erwünscht außer einmal auf phantastischen Höhen
aber dann müssen solche Schwanzsterne sich wie andere bald wieder aus unserem
Himmel zurückziehen
Er sprach jetzt sehr ernst von selbstmörderischen Phantasien von
Lebenspflichten von eigensinniger Verblendung gegen die schönsten Zeichen
ihrer Genesung zu denen er das Verschwinden der optischen Karoline so gut
rechnete wie das Blühen ihrer Farbe Sie hörte ihn geduldig an aber durch die
Prinzessin die ihrer Liebe ungeachtet ihm selten erfreuliche Spuren
nachgelassen hatte heute ihre Phantasie einen ganz andern Weg genommen weit
vor ihrem Ich und ihrem Grabe vorbei Sie stand bloß vor Lindas Bild von der
ihr Julienne diesen Nachmittag schärfere Umrisse als sonst Mädchen von Mädchen
geben »es ist ein sehr gutes Mädchen« sagt jedes von jedem anvertraut
hatte Lindas männlicher Mut ihre warme Anhänglichkeit an Gaspard bei ihrer
Verachtung des Männerhaufens ihre Unveränderlichkeit ihr kühnes Fortschreiten
in männlichem Wissen ihre herrlichen oft harten mehr körnigen als blumigen
Briefe und am meisten ihr vielleicht nahes Hieherkommen nahmen ihr zartes Herz
gewaltig ein »Mein Albano muss sie haben« dachte immer dieses uneigennützige
Gemüt und merkte wenn die Prinzessin die Absicht demütigender Vergleichungen
gehabt sie nicht sondern erfüllte sie dabei fand die Gute so viel höhere
Schickung dass zB ihr Bruder nun nicht mehr der Nebenbuhler ihres Geliebten
und seines Freundes sein dass sie selber ihren kräftigen Albano vormalen könne
der stolzen Romeiro und dass ja trotz alles Widerstandes doch alle
GeisterWeissagungen einander eingreifend fassten und hielten Das alles
sagte sie nun weil sie nur ihre Schmerzen nicht ihre Hoffnungen verbarg dem
Grafen gar ins Gesicht
Welchen knirschenden Biss in sein weichstes Leben tat jetzt ein böser Genius
Diese glühende ungeteilte nicht teilende Liebe hatt er nicht sie
glaubt er Er war recht nahe daran sein wie von einem Gewitterschlag auf
einmal in die Höhe brennendes Wesen auch so zu zeigen nur die schuldlose weiße
Stirn mit frohen Rosen in den kleinen Locken der kindlichhelle Aufblick des
reinen, blauen Augenpaars und das weiche Angesicht das schon bei einem
musikalischen Fortissimo und bei jeder Heftigkeit im fremden Bewegen oder Lachen
kränklich durch das klopfende Herz errötet und sein verschämter Hass der
Leichtigkeit mit der ein Mann seine Allmacht und sein Geschlecht zum
Erschrecken des zarteren missbrauchen kann hielten ihn wie Schutzgeister ein
und er sagte bloß in jenem edelen Zorne der wie eine Rührung klang »O Liane du
bist heute hart«
»Und ich bin ja so weich« sagte die Unschuldige Beide waren bisher am
Fenster vor dem aus Lilar herschwellenden finsteren Gewitter gestanden Sie
kehrte sich schnell um denn sie konnte seit ihrer Erblindung wo eine dunkle
Wolke gegen sie zu fliegen geschienen keine mehr lange ansehen und Albanos
hohe Gestalt mit dem ganzen glühendlebendigen Gesicht und mit den SeelenAugen
stand vom Abendlicht erhellet vor ihr Sie legte mit der spielenden Hand die er
frei ließ sein dunkles Haar aus der trotzigen Stirn sanfter an die Seiten
strich die gedrängte Augenbrahme glatter und sagte als sein Blick wie eine
Sonne stach und sein Mund sich ernst schloss »O freudig freudig soll künftig
einmal dies schöne Angesicht lächeln« Er lächelte aber schmerzlich »Und dann
will ich noch seliger sein als heute« sagte sie und erschrak denn ein Blitz
fuhr über sein ernstes Gesicht wie über ein zackiges Gebirge und zeigte es wie
das des Kriegsgottes von Kriegsflammen erleuchtet
Er schied schnell ließ sich nicht halten sprach von Wetterkühlen ging ins
Wetter hinaus und ließ Lianen in der Freude zurück dass sie doch heute recht aus
bloßer reiner Liebe gesprochen habe Aus dem letzten Hause des Dorfs sprang ihm
Rabette entgegen über sein Gesicht fielen die Wetterbäche der verhaltnen Tränen
herab »was fehlt dir was weinst du« rief sie »Du träumest« rief er und
eilte vor allen Dingen ins Ungewitter hinaus das sich plötzlich wie ein
Mantelfisch erstickend über den ganzen Himmel hergeworfen hatte Er suchte sich
unter dem regnenden Blitzen zuerst die besten Beweise zusammen dass Liane
heilige Reize göttlichen Sinn alle Tugenden habe besonders allgemeine
Menschenliebe Mutterliebe Bruderliebe Freundesliebe nur aber nicht die
glühende EinzigenLiebe wenigstens nicht gegen ihn Sie wird nur er schliesset
immer fort von der Gegenwart so gänzlich gefasst und gefüllt von meiner so
gut als von der eines Armbruchs des kleinen Pollux welche ihr Himmel und Erde
verdeckt Darum wird ihr der Untergang des Lebens so leicht wie der eines
Sternchens und alle Scheidungen dabei Darum stand ich so lange mit einer
leidenden Brust voll Liebe neben ihr und sie sah nicht in meine weil sie keine
in der ihrigen fand Und so ists so bitter wenn der Mensch unter den
gemeinen Herzen der Erde verarmend durch das edelste doch nichts wird als zum
letztenmal unglücklich
Der Regen zischte durch die Blätter das Feuer schlug durch den Wald und
der wilde Jäger des Sturms trieb seine unsinnige Jagd Das erfreuete ihn als
eine kühlende Hand woran ein Freund ihn führte Da er nicht durch die Höhle
sondern außen am Bergrücken zu seinem hohen Donnerhäuschen hinaufstieg so sah
er eine dicke graue Regennacht das grüne Lilar belasten und auf dem gebognen
Tartarus ruhte unter dem Blitz der erleuchtete Sturm Er fuhr zusammen bei dem
Eintritt in sein Häuschen vor einem Schrei den seine Äolsharfe unter den
Griffen des Windes tat denn sie hatte einst von der Abendsonne beglänzt seine
junge Liebe äterisch wie Sterne eingekleidet und war ihr mit allen Tönen
nachgefolgt da sie hinausging über das leidende Leben
70 Zykel
Am Morgen darauf waren beide Gewitter aufgelöset in ein stilles Gewölke Und
aus den größeren Schmerzen wurden nur Irrtümer Wir Schwache wenn das Schicksal
uns bei unserer Scheinhinrichtung mit der Rute berührt nicht mit dem Schwerte
so sinken wie ohnmächtig vom Stuhle und fühlen das Sterben noch weit ins Leben
hinein Alle Fieber so auch die geistigen kühlt der neue frische Morgen so
wie sie alle der bange Abend glühend schürt Welcher von uns wickelte sich nicht
an Abenden dieser eigentlichen Geisterstunde der Plage Haus und
Poltergeister in den Faden den er selber spann den er aber für fremdes
Fanggewebe hielt immer enger durch Entfliehen und Wenden ein bis er am Morgen
seinen Schliesser vor sich sah nämlich sich
Albano sah auf dem ganzen gestrigen Kriegsschauplatz nichts mehr stehen als
eine blasse gute Gestalt in Halbtrauer welche nach ihm mit unschuldigen
Mädchenaugen umherblickte und wonach er doch ewig hinübersah wenn sie auch
mehr eine Braut Gottes als die eines Menschen blieb Er fühlte jetzt freilich
mehr wie hoch seine Foderungen an wirkliche Freunde stiegen als sonst wo er
die höchsten an geträumte Wesen die er immer gerade in die jedesmalige Form
seines Herzens goss nach Gefallen steigern konnte und wie in ihm ein niemand
schonender Geist regiere der jedem fremden die Flügel nach seinen eignen
ausdehnen wolle weil er keine Eigenheit dulde außer der kopierten
Er hatte bisher von allen seinen Geliebten zu wenig Widerstand erfahren wie
Liane zu viel beides schadet dem Menschen Der geistige wie der physische wird
ohne Widerstand der äußern Luft von der innern aufgeblasen und zersprengt und
ohne Widerstand der innern von der äußern zusammengequetscht nur das
Gleichgewicht zwischen innerer Wehr und äusserem Druck hält einen schönen
Spielraum für das Leben und sein Bilden frei Männer dulden ohnehin da nur
die besten an den besten Männern feste starke Überzeugung achten diese an
Weibern schwer und wollen letztere nicht bloß zu ihrem Widerschein sondern auch
zu ihrem Nachhall haben Sie wollen mein ich nicht bloß die Miene auch das
Wort bejahend
Albano bestrafte sich mit einigen Tagen freiwilliger Entfernung bis die
unreinen Wolken aus ihm weggezogen wären die den Sonnenzeiger seines Innern
verschattet hatten Bin ich ganz heiter und gut sagt er so geh ich wieder zu
ihr und irre nie mehr Er irret jetzt ist ein fremder unheimlicher Halbton
einmal zwischen alle Harmonien zweier Wesen wiederkehrend durchgedrungen so
schwillt er immer feindlicher an und übertäubt den Grundton und endigt alles
Der Scheideton war hier die Stärke der männlichen Tonart neben der Stärke der
weiblichen Aber die höchste Liebe verwundet sich am leichtesten am kleinsten
Unterschied O dann hilft es wenig wenn der Mensch zu sich sagt ich will mich
ändern Nur im schönsten unverletzten Enthusiasmus setzt er sich es vor aber
eben im verletzten wo er kaum des Vorsatzes fähig wäre soll er sich zur
Erfüllung desselben heben und kann es schwer
Der Graf ging am Morgen wie gewöhnlich in seine Hörsäle und Sprachzimmer der
Stadt In den ersteren war es ihm schwer nach den Sternen der Wissenschaften
seine Instrumente und Augen festzurichten und zu visieren da er auf einem
solchen Meere voll Bewegung ging In den letztern fand er den Lektor kälter als
sonst den Bibliotekar wärmer die Hauswirtsleute aufgeblasener Er ging zu
Roquairol den er heute noch inniger liebte und behandelte um gleichsam der
beleidigten Schwester genugzutun Karl sagte sogleich mit seinem tragischen
schnellen Aufreissen des Vorhangs der Zukunft »es sei alles entdeckt höchst
wahrscheinlich« Sooft Liebende sehen dass die seefahrende Welt ihre
KalypsosInsel die doch frei auf der offenen See daliegt endlich in die Augen
bekommt und die Segel darauf richtet so verwundern sie sich zum Verwundern Hat
denn irgendein Paradies so weite und niedrige Staketen so dass jeder
Vorbeigehende hineinsehen kann als ihres
Schon längst hatten erzählt er die DoktorsKinder immer etwas bei der
Baumeisterin in Lilar zu holen Blumen Arzneigläser usw gewiss als Seh und
Hörröhre Augustis dieser sei wieder der Operngucker seiner Mutter kurz sein
Vater sei wenigstens bei der Griechin gestern gewesen hab aber zum Glück nur
ein leeres Paket125 von Rabette an ihn Karln gefunden das er nach den
Freiheiten der ministerialischen Kirche auf und zugemacht »Warum zum Glück«
sagte Albano »Ich werde meine Liebe vor der Welt rechtfertigen und ehren«
»Ich bezog es auf mich« versetzt er »denn nie war mein Vater freundlicher
gegen mich als seitdem er meine letzten Briefe erbrochen Er ist diesen
Nachmittag in Blumenbühl und wohl mehr meint als der Schwester wegen«
Albano fürchtete nicht dass die Stadt Minengänge unter sein Kindheitsland
hintreiben könne um etwa durch eine Flamme die glückselige Insel zu zersprengen
durft er nicht seinem Wert und Mut und Lianens ihrem trauen aber es
schmerzte ihn jetzt dass er so unnütz der kindlichen Liane die Freude und das
Verdienst einer kindlichen Offenherzigkeit genommen Wie sehnt er sich nun nach
dem abbüssenden und belohnenden Augenblick des ersten Wiedersehns nach dem
nächsten Morgen
Er blieb bei seinem Freund wie bei einem Troste und ging erst zurück als
die Abendröte in den Regenwolken umherfloss Als er kam fand er von Lianen
schon einen Brief von heute
»O guter Albano warum kamst du nicht Wie viel hatt ich dir zu sagen Wie
hab ich Freitags deinetwegen gezittert als die wütende Wolke dich mit ihrem
Donner verfolgte Du hast mich zu sehr vom Schmerz entwöhnt so fremd und schwer
wird er mir nun Ich war den ganzen Abend untröstlich endlich fiel mir nachts
noch dazu ein dass du wie von Ahnungen beklommen gewesen und dass es gern ins
Donnerhäuschen schlage Warum bist du doch da Ich stürzte heraus und kniete
neben meinem Bette und flehte Gott an obgleich das Wetter längst verzogen war
dass er dich möge erhalten haben Lächle über mein spätes Gebet aber ich sagte
zu ihm du wusstest es ja Allgütiger dass ich beten würde Ich wurde auch
getröstet da ich die Sterne ansah und der gebrochene Strahl der Wonne zitterte
in mir
Aber am Morgen machte mich Rabette wieder traurig Sie hat dich auf dem Wege
weinen sehen Tausendmal hab ich untersucht ob ich daran schuld habe Sollt
es daher kommen denn sie sagts dass ich dich mit meinen Sterbegedanken zu
sehr betrübe Nie mehr sollst du sie hören auch der Schleier ist
eingeschlossen aber ich berechnete dich nach meinem Bruder dem wie er selber
sagt das TodesDunkel eine Abenddämmerung ist wo ihm die Gestalten lieblicher
werden Wahrlich ich bin ganz selig denn du sogar bist es und hast doch so
wenig an mir nur eine kleine Blume für dein Herz aber ich habe dich Lasse mir
mein Grab wie von einem Berg kommt bessere fruchtbare Erde davon in mein Tal O
wie liebt man Albano wenn alles neben uns bricht und fällt und verraucht und
wenn doch der Bund und Glanz der Liebe unzerrissen und fest auf dem
wegfliessenden Leben steht wie ich oft bei Wasserfällen mit Rührung auf den
zerspringenden reißenden Fluten einen Regenbogen unverrückt und unverändert
schweben sah O ich wollte die Nachtigallen sängen noch jetzt könnt ich
mit ihnen singen deine Äolsharfe meine Harmonika wünscht ich in meiner Hand
Mein Vater war bei uns und heiterer und freundlicher gegen alle als je Sieh
sogar er ist gut Meine Eltern schicken gewiss kein Gewitter in unser Rosenfest
Ich tat ihm daher leicht den Gefallen vergib es ihm zu versprechen dass ich
keine fremde Besuche in einem fremden Hause weil es unschicklich sei sagt er
annehmen würde Ich muss auf einige Tage nach Hause wegen der fürstlichen
Vermählung aber ich sehe dich bald O vergib Wenn mein Vater sanft spricht so
kann meine Seele unmöglich Nein sagen Lebe wohl mein Herrlicher
L
N S Bald fliegt wieder ein Blättchen auf deinen Berg Sei nur in ewiger
Freude O Gott warum bin ich nicht mächtiger Welche Menschen solltest du dann
an deinem Herzen haben Du Lieber«
Wie beschämt ihn diese vollblühende Liebe die es gar nie recht weiß wenn sie
verkannt wird und die keine andere Schuld voraussetzt als eigne Wie tat ihm
die gebotene Entfernung jetzt nach der freiwilligen weh Er konnte sie nun
lieben als einen wehrenden Engel vor dem Paradiese wie viel mehr als einen
gebenden in ihm Aber schwer ists einem Manne fühlte der Jüngling im
weiblichen Herzen zumal in diesem Absicht von Instinkt Ideen von Gefühlen
rein zu sondern und an diesem dunkeln vollen Himmel alle Sterne zu zählen und
zu reihen Jede Härte jede unscheinbare Knospe ging zuletzt als Blume auf
und ihr Wert breitete sich wie der Frühling stückweise aus indes gewöhnlich von
andern Mädchen ein Reisender der sie besucht sogleich beim ersten Abschiede
abends eine kleine vollständige Blumenlese aller ihrer Reize und Künste
fortnimmt wie ein Brocken im Wirtshause einen niedlichen Strauss überkommt aus
den Moosarten gebunden welche der Berg trägt
Er glaubte sie sei nun bei den Eltern und folgte nicht als zerrender
Knabe sondern als einstimmiger Mann dem Riesen des Schicksals nach Im Garten
herrschte Regenwetter die Aussaat jedes starken Gewitters das immer wie ein
Krieg den Kriegsschauplatz verdirb
Das verheissene Blättchen erschien »Sei nur froh Wir sehen uns sehr sehr
bald und dann recht selig Vergib mir ach ich sehne mich am meisten
L«
Jetzt empfand ers welche Tage es waren die sonst dh bloß vor einigen Tagen
vor ihm wie göttliche Erscheinungen vorübergezogen waren und die nun wieder
heraufsteigen sollten in Osten als wiederkehrende Sterne Warum schneidet sich
erst das verlorne Gut wie ein scharfer Demant so tief ins Herz Warum müssen wir
erst etwas beweinet haben eh wir es heiß bis zum Schmerze lieben
Albano warf Vergangenheit und Zukunft von sich weg um nur ganz rein in der
Gegenwart zu wohnen die ihm von Lianen versprochen worden
71 Zykel
Am SonntagsMorgen als der ganze blaue Himmel offen stand und die Erde festlich
geschmückt mit Perlen und Zweigen klopfte an Albanos Türe ein leiser Finger
der einer weiblichen Hand gehören musste Liane trat so früh schon herein
Rabette und Karl riefen draußen einen lauten Gruß An seiner jauchzenden Brust
lag das schöne vom Gehen blühende Mädchen mit seligen hellen Augen eine
frischbetauete Rosenknospe Es war sein schönster Morgen er fühlte rein dass
Liane liebe Als die Äolsharfe einklang sah sie hin erinnerte sich errötend an
den schönsten BundesAbend und hörte still zu und trocknete das Auge da sie es
wieder auf Albano wandte Aber er konnte in diesen Tempel der Freude nicht
eintreten ohne sich gereinigt und geheiligt zu haben durch Offenheit über seine
neulichen Irrtümer Welcher süße Wettstreit um Bekennen und Vergeben da Liane
liebend erschrak und bekannte dass sie ihn neulich nicht erraten dass nur sie
die Schuldige sei und dass sie jetzt schon besser sprechen wolle Sie konnte sich
über die verdeckten Schmerzen die sie ihrem Freund gemacht gar nicht zufrieden
geben Wie MahagoniGeräte in keiner Temperatur bricht und keine Flecken annimmt
und kein Polieren bedarf so ist dieses Herz fühlte Albano der sich nun
schwur überall auch wo er sie nicht errate zu sich zu sagen sie hat recht
Sie löste ihm das Rätsel ihrer heutigen Erscheinung mit jenen freundlichen
Mienen welche ein guter Mensch verdoppelt wenn er etwas zu versüßen hat »sie
gehe nämlich heute nach Pestitz zurück aber spät erst abends erst um die
Teezeit komme der Wagen und ihnen bleibe ein ganzer Tag und sie hoffe nicht
dass ihr Vater diesen Umweg über Lilar für einen Bruch ihres Versprechens nehmen
werde« Ein liebendes Mädchen wird unbewusst kühner Darauf suchte sie ihn über
die friedlichen Absichten ihres Vaters recht ruhig zu machen und stellte ihm
seine Strenge womit er sich und andere der Konvenienz unterwarf als die
Ursache seiner Verbote so wie ihrer Zurückberufung zum Vermählungsfeste vor
Albano so nahe am letzten Schwure hielt ihn und sagte sie hat recht
Der Hauptmann trat mit der rotwangigen Rabette herein in deren Augen die
Freude blitzte Das kleine Zimmer machte durch Enge und Verwirrung die Lust
nicht kleiner Karl sonst so sehr dem Vesuve ähnlich der in den ersten
Morgenstunden noch beschneiet ist stand schon mit einem warmen Gipfel da er
setzte sich ans Instrument und donnerte mit einem aufgeschlagnen Prestissimo von
Haydn diesem rechten Stundenrufer jauchzender Stunden in die laute Gegenwart
und spielte zur Verwunderung der Weiber das Schwerste so leicht vom Blatte dass
er mehr hinein als herausspielte und vieles zB den Bass immer selber setzte
indes Albano mit fast komischer Treue in der Musik ebensosehr die Wahrheit
wiedergab als in jeder Geschichte die immer in Karls Munde wieder eine erlebte
Der Morgen legte allen Seelen die Flügel an die der Mittag den Menschen immer
bindet daher die Aurora mit geflügelten Rossen fährt und der Tagsgott mit
flügellosen »Aber wie sind nun unsere sieben Freudenstationen zu machen«
fragte Karl »denn der Tag liegt wie ein Gartensaal mit lauter Lustgängen nach
allen Seiten vor uns offen« »Karl ist es denn nicht einerlei wo ein Mensch
liebt« sagte Albano Seliger dessen Herz nichts braucht als noch eines aber
keinen Park dazu keine opera seria keinen Mozart keinen Raffael keine
Mondsfinsternis nicht einmal einen Mondschein und keinen vorgelesenen oder
nachgespielten Roman
»Zuerst muss ich meine Chariton sehen« sagte Liane »Die kann uns ja«
nahm ihr Bruder sogleich auf »unser Essen in den gotischen Tempel nachtragen«
Er wollte an diesem holden Tage im 12ten Jahrhundert essen und bei einem
bänglichen bunten Scheibenlicht und auf eckigem schwerem dickem Gerät und
gleichsam dunkel unter der Erde der oben grünenden Gegenwart mit blühenden
Gesichtern sitzen denn so überlud er die vollsten Genüsse noch mit äußern
Kontrasten und genoss jede frohe Gegenwart am meisten in der nahen Beleuchtung
und Abspieglung der geschliffnen Sichel die sie abmähte126 »Gott bewahre und
behüte Freund« sagte Rabette Auch Albano fand die freundliche Griechin ihre
lachenden Kinder und die nahen Rosenfelder besser dazu und siegte mit Lianen
Vor dem belaubten Häuschen liefen ihnen die Kinder entgegen Helene mit dem
Schürzchen voll aufgelesener Orangenblüten weil ihr das Brechen verboten war
und Pollux im letzten leichten Verbande des gebrochnen Arms dessen Hand jetzt
mit der Rechten am hohlen Zusammenfalten und Platzen der Rosenblätter hatte
arbeiten müssen Beide berichteten ein »die Mutter sei noch nicht fertig und
habe sie zuerst angezogen« Aber schon nett und einfach wie zum
PriesterinTanze um den Altar froher Götter sprang Chariton ihrer Liane entgegen
und passete die schnell angelegten Kleider nur noch durch ein leichtes Rücken
und Zucken gar an »Das ist« sagte Roquairol nachdem er von Rabetten das
nickende Ja sehr leicht dazu erhalten weil sie seine französische Bitte um
dasselbe nicht verstanden »meine Gemahlin seit gestern « und er genoss ohne
Umstände das DuRecht das sie seit dem freundlichen Zuspruche des Ministers mit
jungfräulichen Ahnungen lieber annahm
Da Liane freundlich vier Gäste des Mittags bei Chariton anmeldete so
standen in den schwarzen Augen der Griechin Freudenblitze und das kleine
Gesicht mit italienischen großen Augenbraunenbogen wurde ein feststehendes
Lächeln das nicht Küchenverlegenheit sondern nur zungenlose Freudigkeit war
welche ihren weißen Zahnhalbzirkel noch weiter glänzen ließ da Karl vollends
sagte »Du kannst ihr ja helfen Frau« »Das versteht sich« sagte Rabette
ganz entzückt weil ihr Herz weiter keine andere Lippen hatte als ihre beiden
Hände für welche es so viel war als wenn sie von der geliebten gedrückt
würden wenn sie für sie harte Arbeit angreifen durften Verwünschte sie nicht
so oft ihre unberedte stockende Kehle wenn Roquairol vor ihr seine feurigen
Ströme brausen ließ Jetzt da er wieder die Nähe mit künstlichen
schattierenden Scheidungen ausgeschmückt hatte drang er freilich darauf dass
Chariton die expedierende Sekretärin bliebe und Rabette nur unterzeichnete Auch
Liane wollte aus gleicher Weiblichkeit etwas für ihren Liebling schaffen aber
da sie als ein Mädchen von Stande nichts kochen konnte sondern nur etwas
backen so wurd ihr aber ungern von ihrem Freunde der die süße Gestalt
nirgendswo gern sah als wie andere Schmetterlinge nur unter Blumen bei ihm
zugestanden ganz spät und zehn Minuten lang mit den Augen und in seltenen
Fällen mit den drei Schreibfingern an den Schneebällen mitzuarbeiten welche das
Dessert beschließen sollten
Einen breitern Baldachin oder einen schöner geschnitzten Zepter und Apfel
hatte noch keine KüchenBallkönigin oder gar schönere dames datour als
Chariton und Geschirr und Feuer wurden ganz dadurch verdunkelt
Nun gingen die glücklichen Paare und die Kinder mit hinaus in den
freudigen Tag in den jugendlichen Garten um wie Wandelsterne mit ihren Monden
einander bald nahe bald ferne bald im Gegenschein bald in der Zusammenkunft
zu stehen auf der himmlischen Kreisbahn um dieselbe Sonne »Wir wollen auf
geratewohl« sagte Karl im Hafen »ausschiffen und zusehen ob wir uns nicht
treffen« Albano ging mit Lianen den Kindern nach die schon an den kleinen
Häusern durch die Rosengänge hüpften auf die Brücke über den singenden Wald
Wem das Herz so ruhigselig schlägt der sucht in der unsichtbaren Kirche keine
sichtbare der ganze Tempel der Natur ist der Tempel der Liebe und überall
stehen Altäre und Kanzeln Auf dem glattniedergehenden Lebensstrome steht der
Mensch ohne Ruderselig in seinem Kahn und regiert ihn nicht
Dann lenkten die Kinder eingedenk der mütterlichen Auswanderungsverbote
auf der Brückenhöhe rechts hinüber zu den westlichen Triumphbogen und Helene
lief bloß als ziehende Führerin des Rekonvaleszenten mit seiner Hand recht
unerwartet wild voraus Albano folgte den kleinen Lotsmännchen und Leitündchen
so gern Himmel wenn sie sich so auf der herrlichen Höhe umsahn und in den
reich ausgebreiteten Tag und in ihre Augen darauf wie wölbten sich die Bogen
der Lebensbrücke so frei und weit und die Schiffe flogen mit aufgeblasenen
Segeln und stolzen Masten hindurch Rosenbäume kletterten an den Triumphbogen
herauf die Kinder langten hinaus knickten Rosen von ihrem Gipfel und trabten
den fremden Gehorsam verarbeitend und erprobend über vier Tore hinweg um von
dem fünften in den glatten blanken See darunter zu schauen und in den
»Zauberwald« hinabzusteigen wo die Kunst wie die Kinder spielte
Aus dem Eingange des Waldes traten Karl und Rabette heraus um zu Chariton
über die Bogen zurückzugehen jener zum Flaschenkeller er hatte etwas Leeres
daraus in der Hand diese ein wenig in die Küche Er ging selig wie auf
Flügeln und sagte »Das Leben fährt heute auf dem Wagengestirn im Blauen dahin«
Er kehrte aber um um vor ihnen die Plejaden aufgehen zu lassen nämlich den
sogenannten »verkehrten Regen« der bloß fünf Minuten lang und eigentlich nur
bei Illumination steigt Er führte alle in den Wunderwald durch ein im
Mittagsschlummer liegendes Licht das unter freien Bäumen glühte deren
weitauseinanderstehende Stämme sich nur die langen Zweige boten Auf dem
Brennpunkt der malerischen Bahnen ließ er sie das Spiel des Regens erwarten Die
Kinder sprangen mit ihren Hoffnungen nach und setzten sich vom Mute der
Erwachsenen gedeckt mit diesen auf bezeichnete Götter oder Kindersitze
zwischen zwei kleinen runden Seen
Während Karl schnell im Zickzack der hydraulischen und mechanischen
Maschinerie wegen hin und herlief ungefähr nach den Punkten des Irrgartens
in Versailles so konnten sie den überall aufgehenden Zauberwald durchfliegen
ein allmächtiger Arm der außen vorbeigehenden Rosana griff unter die Blumen
herein und trug eine schwere reiche Welt bald war das Wasser ein fester
Spiegel bald eine gewundne wellenschlagende Ader bald eine Quelle bald ein
Blitz hinter Blumen oder ein schwarzes Auge hinter BlätterSchleiern schmale
Ufer kurze Beete Kindergärten runde Inseln kleine Hügel und Landzünglein
wohnten dazwischen sie hielten ihre bunten blühenden Kinder auf dem Arm und
Schoss und die blauen Augen der Vergissmeinnicht und die vollen Tulpenwangen und
die blasswangigen Lilien spielten wie Geschwister von Fremden geschieden
beisammen aber Rosen liefen durch alle Jetzt hörten die Menschen murmeln und
rauschen die Seen neben ihnen walleten an einem abgerindeten auf eine Insel
eingepfählten Maienbaum fingen oben die gelben Tannennadeln zu tropfen an von
den Hängebirken auf der Landzunge glitt ein innerer Regen nieder aus den
beiden Seen neben ihnen flogen Wasserstrahlen wie fliegende Fische gen Himmel
Jetzt quoll es überall und Reihen von Quellen diesen WasserKindern spielten
mit den Blumenkindern Wie Vögel flatterten Strahlen mit breiten Flügeln aus
den Lorbeerhecken und fielen in die Rosengruppen nieder an einem Hügel voll
Eichen kroch eine Wasserschlange hinauf kriegend schossen aus allen
UferMündungen belagernde Bogen an die Gipfel Plötzlich fanden sich die
überlisteten Zuschauer mit Regenbogen überwölbt denn die Seen warfen ihre
Wasser hoch über sie hinüber dass durch das Tropfengegitter die wankende Sonne
brannte wie durch eine zersplitterte Juwelenwelt Die Kinder schrien
erschrocken Die aufgejagten Vögel kreuzten durch den Regen
Nachtschmetterlinge wurden niedergeworfen die Turteltauben schüttelten sich
an die Erde gedrückt in den Güssen die Ufer und die Beete hielten ihre
blühenden Kleinen dem Himmel unter
Nach fünf Minuten war alles vorbei und nur in allen Blumen und Augen
zitterte der nasse Glanz und auf den Wellen die Sterne fort Die Kinder liefen
dem Wundertäter Karl nach »Vorbei draußen« sagte Albano »aber nicht in uns
Ich bin heute recht stillfroh denn du liebst mich und auch die ganze Welt ist
freundlich Bist du auch glücklich Liane« Sie antwortete »Noch froher
und ich müsste vor Freude weinen wenn ich es sagte« Aber sie weinte schon
»Sieh die Tropfen« sagte sie naiv als er sie anblickte und nahm seine vom
Regenbogen angesprützte sanft von seinen Wangen weg Sein Mund berührte ihr
heiliges zärtliches Auge aber das andere stand offen und ihr Herz und ihre
Liebe blickten ihn daraus an und nie schwebte ihre heilige Seele ihm näher
Nach wenigen Minuten war auch dieser nach dem Himmel gekehrte Regen vorüber
Sie gingen mitten über den freien Garten den MorgenPartien und Toren zu Wie
lagen in der offenen Welt die Küsten der Zukunft so hell vor ihnen mit dickem
hohem Grün und Nachtigallen flogen um die Ufer Die Entzückung macht das
männliche Herz weiblicher die Stimme seiner vollen Brust redete nur leise zu
Lianen auf deren seitwärts und gen Himmel geneigten Angesicht ein stilles
frommes Danken lag sein feuriger Blick regte sich nur langsam und ruhte an der
schönen Welt und er ging ohne hastiges Überschreiten um die kleinste
Landspitze Die junge Nachtigall wetzte den abgefütterten Schnabel am Zweige und
schüttelte sich lustig die alte sang ein kurzes Wiegenlied und hüpfte mit Tönen
nach neuer Kost und überall flogen und schrien die Kinder des Frühlings und ihre
Eltern durcheinander Kleine weiße Pfauen liefen ungeputzt wie kleine Kinder
im Grase Selig floss der Schwan zwischen seinen Wellen mit dem weißen Bogen
über den untergetauchten Augen und selig schwebte die glänzende Tonmücke wie
ein fester Stern unverrückt in den Lüften über einer fernen blumigen Glocke
Die Schmetterlinge fliegende Blumen und die Blumen angekettete
Schmetterlinge suchten und überdeckten einander und legten ihre bunten Flügel
an Flügel Und die Bienen tauschten Blumen nur gegen Blüten und die Rose die
keine Dornen für sie hat nur gegen die Linde »Liane« sagte Alban »wie lieb
ich heute durch dich die ganze Welt ich möchte den Blumen einen Kuss geben und
in die vollen Bäume mich drücken ich könnte nicht dem langen Käfer da unten in
den Weg treten« »Sollte man« versetzte sie »je anders fühlen Wie kann ein
Mensch dacht ich oft der eine Mutter hat und ihre Liebe kennt das Herz einer
Tiermutter so kränken und zerreißen Aber wir vergeben den Tieren sagt Spener
auch nicht einmal ihre Tugenden« »Lass uns zu ihm« sagt er
Sie kamen außerhalb der Morgentore an dem Bergweg hinter dem Flötental oben
an dem mittagshellen Häuschen des alten Speners an aber da sie ihn laut lesen
und beten hörten gingen sie lieber in großer Ferne vorüber um in seinen
heiligen Himmel nicht einmal ihren Schatten zu werfen
Sie schaueten ins schöne stille Flötental und wollten eben hinein endlich
sprach es zu ihnen mit einer Flöte hinauf Ihre Freunde schienen drunten zu
sein Die Flöte klagte lange einsam und verlassen fort keine Schwestern und
keine Fontänen rauschten darein Endlich keuchte neben der Flöte eine scheue
zitternde Singstimme angestrengt daher Es war hinter den langen Gesträuchen
Rabette Sie rührte beide in die tiefste Seele weil die Arme mit dem Arbeiten
ihrer unbehülflichen Stimme dem Geliebten das demütige Opfer des Gehorsams
brachte »O mein Albano« sagte Liane sich entzückt an ihn schlingend
»welche Süßigkeit dass mein Bruder glücklich ist und Seelenfrieden hat und durch
deine Schwester« »Er verdient meinen« sagt er bewegt »aber wir wollen sie
beide nicht stören sondern den alten Weg zurückgehen« Denn Rabettens Töne
wurden oft zerschnitten aber es war ungewiss ob von Furcht oder von Küssen
oder von Rührung
Als sie wieder durchs Morgentor hereintraten kam die Sängerin und Karl
ihnen aus der grünenden Pforte entgegen beide verweint Karl gewaltsam über
lebendige Beete tretend und mit irrenden Augen griff nach beider Hand mit
seinen und sagte »Das ist doch einmal ein Tag auf der Regenwelt der nicht wie
eine Nacht aussieht Bruder aber wenn man so innig selig ist und Sphären
vernimmt so sinds solche Töne wie man einmal zum Zeichen hörte dass vom Markus
Antonius sein Schutzgott Herkules weiche« So werden die Freuden wie andere
Edelsteine mechanische Gifte welche bloß in der Ferne glänzen aber berührt
und verschlungen uns zerschneiden Aber Albano versetzte lächelnd »Da du dich
jetzt fürchtest Lieber so hast du nichts zu fürchten denn du bist nicht rein
glücklich Ich aber fürchte leider nichts« »Bravo« sagte Karl »Nun geht in
eure Küche Mädchen« Er ging in den sogenannten »Tempel des Traums« drang aber
bald in die verbotene Küche nach
Albano besuchte Lianens Frühlingsstübchen Hier malt er sich jenen
GlanzSonntag zurück wo ihn Liane durch Lilar geführet und er ließ die
Vergangenheit in die Gegenwart mildernd schimmern aber diese überstrahlte sie
Draußen im Garten standen und glänzten so schien es ihm die reinen Säulen
seines Himmels die Träger seines Tempels die Bäume und alles was er hier
neben sich sah gehörte wieder zu seinem Glück Lianens Bücher und Bilder und
Blumen und jede kleine Zeichnung von ihrer zarten Hand
Endlich trat die Heilige der Rotunda selber jungfräulich errötend über
diese Nähe und über sein Erröten herein um ihn ins kühle Esszimmer
hinabzuholen Es war klein und dämmernd aber das Herz bedarf zu seinem Himmel
nicht viel Platz und nicht viel Sterne daran wenn nur der der Liebe
aufgegangen Zu den Tischreden wodurch erst ein Essen ein menschliches wird
und zu den Scherzen den feinsten Zwischengerichten dem Streuzucker des
Gesprächs lieferten die Kinder das Ihrige zumal da sie unfähig vom
verbotnen Du zum Sie zu steigen immer DuSie zugleich gebrauchten Die hochrote
Chariton machte Auszüge aus Dians Briefen und aus ihrer Lebensgeschichte und aus
den Wundzetteln von Pollux Armbruch sie suchte die Schneeballen zu schätzen
hörte schalkhaftgläubig auf den Hauptmann hin der das scherzhafte EheDu gegen
Rabette zu fünf Akten verspann und lächelte gern da wo es verlangt wurde Am
meisten lief die Spielwelle aller Seelen Karl fröhlich um dieser Jupiter den
immer die Finsternisse so vieler Trabanten umflogen konnte einen großen
heitern Glanz zeigen wenn er und man wollte Sooft Albano wie vorhin nicht in
sein Trauerspiel ging zog er den Vorhang eines Lustspiels auf Der guten
Rabette war sein Anreden so viel wie sein Anschauen obwohl sie nur das letztere
erwiderte um weder ins Du noch Sie zu fallen Albano mit Ohren und Augen an
eine Seele geknüpft konnte mit den Lippen nicht viel mehr hervorbringen als ein
seliges Lächeln einen Hymnus hätte er leichter gemacht als ein Bonmot ein
Tischgebet leichter als eine Tischrede
Denn seine Liane war heute zu liebreich So vergnügt und ermunternd schaute
das süße Mädchen umher mit so herzlichem Spiel die gesprächige neckende Wirtin
machend dass ein Mann der es sah und an ihren festen Sterbeglauben dachte von
diesem Tanz um das Grab mit Blumen auf dem Haupt nur desto inniger gerühret
wurde wenn er auch merkte oder vielmehr eben darum dass sie hier mit dem
Scherze selber Scherz treibe bloß um nach ihrer neuen moralischen
Trauerordnung ihrem Geliebten jede ScheideStunde zu versüßen sowohl die
nächste als die letzte Aber das war schwer zu merken weil in weiblichen Seelen
jedes Scheinen leicht Wahrheit wird nicht nur das trübe auch das frohe
Wie wurde ihr Freund und jeder gute Mensch so froh weil die Heilige sich
selber selig sprach Und dann wurde wieder sie es mehr So schlägt wie zwischen
zwei Spiegeln der Glanz der Wonne zwischen teilnehmenden Herzen in wachsender
Vervielfältigung hin und her und wird unabsehlich
72 Zykel
Die Stunde der Abfahrt rollte auf schnellern Rädern heran mehrere Sternbilder
der Freude gingen unter als heraufkamen So grünen die blühenden Weingärten des
Lebens immer an einem bergigen Hinauf und Hinab nie in einer ruhigen Ebene Die
zwei Liebenden brauchten jetzt Stille keine Gänge Sie machten den nächsten
den ins Donnerhäuschen Sie traten in die wehende VesperErde wie in ein neues
Land mitten im Tage wird der Mensch aus einem Traum nach dem andern wach und
hat immer vergessen und sieht immer verneuet In Albano stand der goldne
Saitenglanz der Freude noch unter der wegrückenden Sonne er sagte ihr froh wie
oft er sie besuchen würde bei ihren Eltern und wie er diese gewiss befreundet zu
finden hoffte Liane malte alle seine Hoffnungen noch als Tochter und Liebende
mit ihren aus Aber jetzt ließ sie ihr vorhin leichtes Herz das auf den Blumen
des Scherzes sich wiegte auf dem festern Ernst ausruhen
Wenn im Menschen Friede und Fülle ist so will er nichts mehr genießen als
sich jede Bewegung sogar die körperliche verschüttet den vollen Nektarkelch
Sie eilten aus dem lauten regen Garten ins stille dunkle Donnerhäuschen
Aber da sie wie geschieden von der Welt die um die Fenster hellglänzend und
sich entfernend hinauslag in der kleinen Dämmerung einsam nebeneinander standen
und sich ansahen und da Albanos Seele war wie ein sonnentrunkenes Gebirge am
Abend licht warm fest und schön und Lianens Seele wie die aufdringende
Quelle am Gebirge die hellrein und kühl und verborgen dahinrinnt und nur vom
Abendstrahl berührt rosenrot glüht und da diese einzigen Seelen gerade sich
fanden in der weiten uneinigen Erde so durchschauerte sie eine gewaltsame
Freude wie ein Gebet und sie stürzten sich ans Herz und glühten weinend und
schaueten sich groß an in der Umarmung und an der Äolsharfe taten sich
schnell die Flügeltüren eines begeisterten Konzertsaales auf und
herausschlagende Harmonien wehten vorbei und schnell gingen die Pforten wieder
zu
Sie setzten sich ans luftige Morgenfenster vor welchem die Blumenbühler
Berge und Lilars Hügel und Pfade im Sonnenglanze lagen Um sie war der
Abendschatten und alles still und die Äterharfe atmete leise Sie sahen sich
nur an und freueten sich ins Innerste hinein dass sie einander liebten und
bewahrten Wie entronnen blickten sie von dieser Burg beschirmt hinab in die
rauschende bewegliche Welt unten blies der Wind die Mohn und TulpenLohe
breiter und in die schwere gelbe Ernte die Silberpappeln ewigen MaiSchnee
tragend flatterten mit aufgewühltem Glanz ein Taubenflug rauschte eintauchend
ins Blau hinein und drüben standen unter fliegenden Wolken die runden Tempel
Gottes die Berge nebeneinander in Reihen und trugen bald Nächte bald Tage
und der fromme Vater stand allein auf seiner Höhe und reichte seinem Rehe weiche
Äste
»So bleiben wir« sagte Albano und drückte ihre liebe Hand mit seinen beiden
an sein Herz »Hier und dort« sagte sie »Albano wie oft hab ich gewünscht
du wärest zugleich meine Freundin damit ich mit dir von dir reden könnte Wer
weiß es auf der Erde wie ich dich achte als ich allein« »Hier und dort
Liane ich bin glücklicher als du denn ich allein glaube an unser langes Leben
hier« sagte er auf einmal verändert
Welche Ursache es nun sei entweder die dass der Mensch gar nicht gewohnt
ist in einer von aller Zukunft und Vergangenheit abgelöseten reinen Gegenwart
glücklich zu sein weil sein innerer Himmel wie der physische immer gerade und
nahe über ihm finsterblau aussieht und erst um den fernen Horizont herum
glänzend oder dass es ein so zartes überirdisches Glück gibt was wie der
Mondschein von jeder Wolke zu dunkel wird indes rohes wie das Tageslicht die
breiteste verträgt oder dass Albano zu sehr den Männern glich die immer in der
Freude ihre Kräfte so stark fühlen dass sie lieber den Göttertisch umstossen als
ein Gericht und Himmelsbrot weniger darauf sehen wollen lieber ganz unglücklich
sein als nicht ganz glücklich genug er konnte und wollte der Furcht und dem
Verhüllen nichts mehr schuldig sein
Daher als Liane ihn statt zu beantworten nur umarmte und schwieg weil sie
den ganzen Tag ihrem Versprechen treu bleiben wollte die Festtapeten schöner
Tage mit keinem Trauertuche auszuschlagen so sagte er wie von einem fremden
Geiste fortgestossen geradezu »Du beantwortest nichts Nur Freuden nicht
Leiden soll ich teilen Du hast deinen Schleier nicht Mich willst du schonen
wie einen Schwachen Und dich allein drückt dein TodesGlaube fort Liane ich
will auch Schmerzen haben und alle deine sag alles«
»Wahrlich nur mein Versprechen wollt ich halten« sagte sie »und mehr
nicht Aber was soll ich denn zu dir sagen Lieber« »Du stirbst also gewiss
nach einem Jahre glaubst du Abergläubige Himmlische« sagte er
»Wofern es Gottes Wille so ist gewiss« sagte sie »O mein guter Albano
was kann ich denn für meinen Glauben der dich auch so schmerzt« Und hier
konnte sie ihre Tränen nicht mehr hindern und alle Kruzifixe der Erinnerung
regten sich in der schönen Seele lebendig und bluteten heftig
»Gottes Wille« fragt er »Ebensogut könnt er jetzt einen Winter wie
einen Eisberg in diesen frohen Sommer stürzen Gott« wiederholt er sah auf
kniete hin und betete »O du alliebender Gott«
»Und du stirbst mir nicht« kehrt er sich wie zornig gegen sie zum
Weiterbeten unfähig vor dem Geschrei seines Herzens und mit beiden Händen hastig
über sein nasses Gesicht wegstreifend Nun betete er sanfterzitternd fort
»Nein du Alliebender töte nicht dieses schöne junge Leben Lass uns beisammen
lang und fromm«
Sie kniete unwillkürlich neben ihn heute matter von Freuden und
unbekannten innern Siegen sogar vom langen Gehen desto heftiger angefallen
von einer rührenden Wirklichkeit da sie von rührenden Phantasien verwöhnt und
erweicht war und unsäglich leidend bei Albanos Schmerz sie konnte nicht
reden wie unter einer schnell aufgeworfnen Last bückte sich ihr Haupt und Hals
und so blickte sie wie vom ganzen Leben schwer umwölkt auf den Boden hin
der umfangende Todesfluss rauschte mit einem Arm um sie da sah sie ohne
aufzublicken irgendwo ihre Karoline im Brautkleide und mit dem weißen
goldpunktierten Schleier ziehen der sich lang über das Leben wegschleppte und
sie sah es deutlich wie die Gestalt da Albano um ihr Leben bat langsam hin
und herschüttelte
»Hör auf zu betenl« rief sie trostlos »Du harte Erscheinung erhöre aber
mich und mache nur Ihn glücklich« betete sie aber sie sah nichts mehr und sie
verbarg das von Qualen durchzogne Gesicht mit unaussprechlicher Liebe an seiner
Brust
Hier rief ihr Bruder herauf der Wagen sei da Sie warf ein schnelles
dünnes Ja hinab »Trennen wir uns« fragte Albano der Feuerregen der Entzückung
war nun als ein finsterer Aschenregen in seine offene Seele zurückgefallen und
darum fuhr er ohne alle Schranken seines Schmerzes fort »So haben wir uns zum
letztenmal gesehen« und unter dem geschlossenen Augenlide weinte sein gutes
Auge
»Nein bei dem Allgütigen nein« sagte sie und stand auf um zu gehen
»Bleibe« sagt er und sie blieb und umarmte ihn wieder »Aber begleite mich
nicht« bat sie »Nicht« sagt er und hielt die Wegziehende lang an den
Fingerspitzen es schmerzte ihn so sehr da er die auf diese stille Gestalt
getriebnen Leiden ansah dass diese weißen Schwingen der Unschuld sich an seinen
Klippen und Berghörnern voll Blut geschlagen Er zog sie wieder an sich eh er
sie und sein Heil entließ Er sah ihr nach wie sie langsam an dem sonnigen
Berg unter den Zweigen sich trocknend hinunterschlich und gesenkt lauter
heitere blühende Wege des Vormittags ging Er schaute aber nicht nach da ihr
Wagen über den fröhlichen Wald wegrollte er stand am Morgenfenster und sah
seine KindheitsBerge zittern weil er seine Augen zu trocknen vergaß
Sechzehnte Jobelperiode
Die Leiden einer Tochter
73 Zykel
Wolken wie die letzten bestanden für Albano weniger aus niederfallenden Tropfen
als aus niedersinkendem Staub Sein Leben war noch ein Treibhaus und stand daher
nach der Sonnenseite Jeder Tag brachte eine neue Schutzschrift für die ferne
schöne Seele bis sie am Ende gar keine mehr brauchte Aber jedem Tage gab er
auch einen Ablassbrief ihres Schweigens mit später wurden Anstandsbriefe
Moratorien daraus endlich als sie immer gar nichts von sich hören und lesen
ließ so fing er an in den obigen Schutzschriften wieder nachzusehen und
manches darin auszustreichen
Ebensowenig fand er für sich oder für ein Blatt eine Treppe zu ihr Sogar
der Hauptmann war seit einigen Tagen nach Haarhaar verreiset Mit müden Händen
hielt er den schweren ausgetrunknen Freudenbecher der leer am schwersten
wiegt Die wilden Hypotesen welche der Mensch in einem solchen Falle durch
sich traben lässt wie in diesem zB die von Lianens Krankheit Erkältung
Gefängnis Abreise sind in ihrem Wechsel und Werte mit nichts zu vergleichen
als mit der ebenso großen Wildheit und Zahl der Plane die er anwirbt und
abdankt zB den der Entführung des Hasses der Duelle der Verzweiflung
Die harte feststehende Zeit hatte keinen Zeiger auf ihrem Zifferblatte Er
stand seinem Schicksal so nahe wie der Mensch seinen Träumen ohne dass er beider
Gestalt erkennen oder vorbereiten kann Er ging oft in die Stadt deren
sämtliche Gassen durchritten durchlaufen und durchfahren wurden weil man die
Balken zum herrlichsten Trongerüste zusammentragen und nageln wollte auf
welchen sich die fürstliche Braut bei ihrem Eintrittskomplimente im Lande am
weitesten umsehen konnte aber er hörte nichts darin von der seinigen als dass
sie öfters mit dem Minister die Bildergalerie besuche
Dadurch schienen zwei ängstlichen Hypotesen die ihrer Krankheit und ihres
Hauskriegs die Stacheln auszufallen Das Beste obwohl Schwerste war geradezu
den Minister wie den Vesuv zu besuchen um da die schönste Aussicht zu haben Er
besuchte den Vesuvius In der Tat war dieser Vulkan nie stiller und grüner er
fragte nach allem und ließ sich über vieles heraus was das Vermählungsfest
unmittelbar anging auch sucht er seine Hoffnungen und Wünsche nicht zu
verbergen dass der Graf die bewundernswürdige Braut bewillkommen helfen werde
Am Ende musste dieser auch die seinigen über die Weiber zu eröffnen wagen
Der Minister versetzte ungemein heiter dass beide das »brave Fräulein von
Wehrfritz« eben nach Blumenbühl zurückbrächten und ließ sich sofort aufs Lob
dieser »unverdorbnen Natur« ein Albano ging bald aber viel froher Auf seinem
Wege brannten doch einige Gassenlaternen
Aber am Morgen geriet er in ein Winkelgässchen wo keine einzige war nämlich
Rabette das Renntierchen kam nach Lilar gelaufen wie gestern nach Pestitz
denn was ist für ein Landfräulein ein Meilenlauf anders als eine gerade
Allemande und schüttete und schüttelte vor ihm ihr Herz bis auf die Herzohren
aus woraus nichts herausfiel als frohe Bilder einige Himmel ein vollständiger
Hochzeittag ein Paar Schwiegereltern und eine Hauptmännin »Die Ministers waren
gegen mich so höflich gewesen aber nachher noch mehr gegen meine Eltern die
Mutter und sie haben den Hauptmann so sehr genannt und gelobt kurz sie wissen
freilich alles mein herrlicher herzlieber Bruder« sagte sie aber von
Lianen wusste sie dem herrlichen Bruder nichts zu bringen außer ihren
Gesundheitspass ihr freudiges Auge hatte sich nach gar keiner dunkeln Gegend
gewandt »Wir waren keine Minute allein das machts« setzte sie dazu und kam
wieder auf ihren Huptmann den der Minister als Marschkommissarius der
einrückenden Fürstin auf die Haarhaarer Straße versendet habe doch verwies sie
ihn auf die IlluminationsNacht in Lilar wo sie und Liane und beiderseitige
Eltern dabei zu sein ausgemacht hätten Du gutes Geschöpf wer gönnt dir nicht
den blitzenden Ring der Freude den du an deiner braun und hart gesottenen Hand
ansiehst und wer wünschet nicht gern dass seine Steine nie ausfallen
Bald darauf flog dem Verlassenen der Bruder der vergangenen Feste an das
Herz Karl Er wiederholte beinahe Rabettens Aussagen obwohl nicht ihre
Entzückung er sagte aber ohne sonderliche Rührung dass der Vater wirklich
ihm den Bruderkuss mit einer Kusshand durch mehrere Zimmer zuwerfe ihn ganz
besonders aus und anzeichne und zu Geschäften freundlich verbrauche und das
alles bloß seitdem er hinter die Liebe gegen Rabette und das stille Zunicken
der Eltern gekommen sei denn vom Herzen zwar sei bei dem Vater die Rede nicht
aber doch von Rabettens Weiberlehn zumal da man ihm bei der romantischen
Wechselreiterei seines Herzens nicht trauen könne ob er nicht sonst einmal die
Ärmste bringe
Mit einer seufzenden Brust die gern mehr einer erwartenden mitgebracht
hätte erzählte Karl bloß dass er Lianen gesund und still aber keine Minute
allein gefunden Die Zusammenhaltung der fremden Dürftigkeit mit dem eignen
offenen reichen Glück war so glaubte Albano die schöne zarte Ursache warum
Karl mit so flüchtiger kühler Freude über die elterliche Einsegnung seines
Seelenbundes weglief O wie liebt er ihn jetzt Könnt er ihn je mehr lieben
so tät ers wenn Liane gar seinem Glück verloren wäre bloß um sich und ihm zu
zeigen dass die heilige Freundschaft kein drittes Herz begehre um ein zweites
zu lieben
Dieses Gewölke des Schweigens legte sich nun wochenlang und immer finstrer
um seine schönsten Höhen fest und der Schuldlose ging unter dem Dunkel im
Kreise von Widersprüchen umher Wie musste dieser Jüngling sich abarbeiten wenn
er bald dachte dass die Eltern wohl gar eine Verwandtschaft mit ihm ausschlagen
da er doch mehr ihre vergessen als vergelten zu müssen glaubte und dass sie zwei
Herzen der politischen Herzlosigkeit opfern könnten oder wenn er auf die
fromme Liane den Verdacht des Weichens vor elterlichen Angriffen fallen ließ
der noch aus der Vergangenheit Zufuhr durch die Vermutung erhielt dass sie ihn
wohl mehr poetisch und fromm und mehr mit Flügeln umhalset als mit Armen und dass
sie überhaupt an so lange Ergebungen gewöhnt Opfer und Neigungen kaum
absondern und jene für diese halten könne oder wenn er bald und am öftersten
alle diese Waffenspitzen gegen seine eigne Brust kehrte und sich fragte warum
er in der Freundschaft ein so festes Vertrauen habe und in der Liebe ein so
wankendes Dann führte ihn dieser Vorwurf zu einem zweiten über jeden vorigen
den er der guten Seele gemacht bloß um sie nach der Proselytenmacherei und
Reformiersucht welche die Männer mehr an ihren Weibern als Freunden üben für
seine eigne Gussform einzuschmelzen Letzteres konnt er rügen wie Holberg127
bemerkt dass die Männer Landgüter nicht so gut erhalten als die Weiber weil
jene mehr als diese sie reformieren wollen aus demselben Grunde verderben die
Liebhaber auch die Weiber mehr als diese jene
Um nur aus dem langsamen Gerichtshof der Zukunft schneller sein Bluturteil
zu holen oder ein schöneres Blatt ging er wieder ins ministerielle Haus Er
wurde vom Minister wieder lächelnd und von der Mutter ernst empfangen und auf
seine Frage war Liane nicht wohl auf Er legte dem alten sich jetzt wärmer
andrängenden Schoppe der seit einiger Zeit neben dem Skalpell des Doktors
weiter kein Herz studierte als was auszuspritzen und zu präparieren war eine
kurze Frage über des Doktors Besuche beim Minister vor wie erstaunt er da er
vernahm dass niemand weiter aus dem Hause welche in jenem mache da Liane ganz
blühend in alle Zirkel fahre als bloß der Lektor häufigere
Er begriff wohl dass nur die Medusenköpfe der Eltern das weichste Herz gegen
ihn versteinern könnten aber eben das fand er nicht recht er foderte keck dass
er von ihr mehr als die Eltern geliebt werde »nicht aus Egoismus« sagt er zu
sich »nicht meint sondern ihrentwegen« Der Liebende will eine große
unbeschreibliche Liebe von der er sich immer nur als den zufälligen und
unwerten Gegenstand glaubt bloß um selber die höchste zu geben
Sogar der schweigende Lektor der sonst alle neu aufgehende Lichter hinter
Licht und Ofenschirme stellte teilte ungebeten dem Grafen die Neuigkeit zu
Liane werde bei der kommenden Fürstin etwas Gesellschaftsdame Sein alter
eifersüchtiger Argwohn über Augustis Wünsche oder Verhältnisse erlaubte ihm
keine Antwort darauf
Jetzt ermannte sich sein Geist und er schrieb geradezu an die Seele die
ihm gehörte und schickte dem Bruder das Blatt zur Übergabe Dieser kam den
Tag darauf schien ihm aber noch keine Antwort zu haben weil er sie sonst mit
dem ersten Gruß gegeben hätte Karl führte ihn an den Haarhaarer Hof wo er
neulich gewesen sagte jeder Nerve da hätte Steifstiefeln an und jedes Herz
einen Reifrock kam weiter preisend auf die jüngste aber angefeindetste
Prinzessin Idoine erklärte sie besitze nach allen Vorzügen zB der
Heiligkeit der Güte des entschiednen Charakters der sich sogar auf dem Throne
sein eigenes Los und Leben aussucht ferner der Liebenswürdigkeit da sogar die
niemand liebende FürstinBraut an ihrem Herzen hänge noch den Vorzug der
täuschenden Ähnlichkeit mit Lianen
»Hat diese nun mein Blatt« fragte Albano Karl händigt es ihm wieder ein
»Bei Gott« sagt er feurig und doch doppelsinnig »ich konnt es ihr jetzt
nicht beibringen Aber Bruder kannst du nur eine Minute lang glauben sie
bleibe nicht ewig die Deinigste« »Ich glaube gar nichts« sagte Albano
beleidigt und zerriss sein Blatt in Blättchen von der Größe der Buchstaben
darauf »Wollen nur wir« fuhr er mit gerührter Stimme fort »bleiben wir wie
sind fest wie Eisen und biegsam wie Eisen aus Glut« Der gerührte Freund suchte
folgenden Trost hervor »Erwarte doch nur den IlluminationsAbend128 da
spricht sie mit dir sie muss durchaus erscheinen und du sollst dich wundern
in welcher Rolle und für wen« Er nickte stumm er setzte sich ihre Rolle leicht
aus ihrer Ähnlichkeit mit Idoine und aus ihrem angeblichen Hofamte zusammen
aber was half es seinem Glück
Mit der Umkehr seines Blättchens das er wider seinen Ehrgeiz abgeschickt
kam dieser verstärkt zurück Nun war auf Albanos blutende Lippe ein heißes
Siegel gedrückt er hatte nun nichts für und vor sich als die Zeit die jetzt
sein Gift wurde und erst später wie er hoffte seine Arzenei Über sein
aufgerufenes Ehrgefühl wurde überhaupt nichts Herr er konnte hinaufsehen zu
einer Richtstätte auf der Blut aufsprang aber er konnte nicht an einen Pranger
schauen wo unter giftschwerer tötender Pein eigener und fremder Verachtung ein
niederblickendes verworrenes Gesicht auf die sündige Brust hing
Karl näherte sich zuweilen mit einigen Lichtern dem langen nächtlichen
Rätsel aber Albano so sehr er sie wünschte machte ihn irre durch
Entgegentreten und suchte ihn nicht einmal auszuhören geschweige auszufragen
So lag er auf harten jugendlichen stachlichten Rosenknospen die eine einzige
Stunde zu weichen Rosen aufschließen kann Siege geben Siege wie Niederlagen
Niederlagen er fand jetzt gegen die Empfindungen die ihn belagerten wenn
nicht einen Entsatz doch eine auf die Ewigkeit verproviantierte Bergfestung in
einer Sternwarte Mit ganzer festzusammengefasster Seele warf er sich auf die
teoretische Sternkunde um nicht den Tag und auf die tätige um nicht die
Nacht zu sehen Die Sternwarte stand zwar auf einem Zwischenberge zwischen der
Stadt und Blumenbühl und deckte beide auf aber er schickte seine Augen nur auf
Sternbilder nicht auf jene rosenroten Stellen der Erde aus wo sie jetzt aus
den kalten Blumenkelchen nur Wasser statt Honig hätten saugen können So ging er
unter den FestZurüstungen in Lilar dem langsamen Abend wo ihn die Gegenwart
der schönsten Seele entweder segnen oder zerstören sollte bewahrt entgegen
vergeblich von Zeit zu Zeit zum fernen Telegraphen seines Schicksals
aufblickend der sich immer bewegte ungewiss ob friedlich oder kriegerisch
74 Zykel
Die Siegel von den inrotulierten Akten der bisherigen Geschichte zur Einsicht
abnehmen oder die blinden Fenster derselben ab und die wahren aufreißen oder
so viele bedeckte Wege und Wagen aufdecken oder endlich die ganze Sache
das sind lauter Metaphern und die unähnlichsten dazu welche zu nichts
dienen können als die lang erwartete Auflösung welche sie beschreiben wollen
nur noch länger und verdrießlicher aufzuhalten vielmehr glaub ich wird besser
der ganze Kriegs und Friedensetat im ministeriellen Palaste sogleich frei
entblösset wie folgt
Herr von Froulay war wie schon gedacht mit einem bellevue im Gesicht und
mit einem monplaisir im Herzen falls diese Wendungen nicht mehr gesucht als
ausgesucht scheinen von Haarhaar nach Hause gekommen Er sagte seiner Frau
offen was ihn bisher so lange aufgehalten und bezaubert die künftige
Fürstin die für ihn mehr als gewöhnliche Neigung gefasst habe Er warf ein
volles prahlendes Licht auf ihren bereicherten Verstand weiter lobt er an
Frauen nichts129 so wie einen schwachen Streifschatten auf der seinigen
ihren und schätzte sich glücklich mit der Eroberung einer Person deren feine
fortgesetzte Koketterie sagt er er seines Orts als Muster empfehlen könne
und deren Neigung er das verhehl er gar nicht auf halbem Weg erwidere aber
nur auf halbem da der Herzog von Lauzun130 so wahr behaupte um die Liebe von
Prinzessinnen zu behalten so halte man sie nur recht hart und kurz Im alten
Manne schießt sonach wie wir sehen ganz spät nicht ungleich den frischen
Zähnen die oft Greise erst als Neunziger trieben ein Liebhaberherz unter dem
Stern an allein es ist mehr zu wünschen als zu hoffen er werde dabei
sonderlich den Lächerlichen spielen Denn da er die ganze Woche das Steuerruder
des Staats entweder auf der Ruderbank um es zu bewegen oder auf der
Schnitzbank hält um es für den Fürsten fein und leicht zuzuschnitzen so ist er
Sonnabends so müde dass ihn kein Virgil und kein Gewitter bereden könnte und
hätt er nicht mehr Schritte dahin als Virgils Hexameter Füße oder Moses Gebote
eine Dido aus dem Sturm in die nächste Höhle zu begleiten Er tuts nicht
Ebenso frei wie von sinnlicher Liebe bleibt er von sentimentalischer und
weinerlicher zumal da er besorgt dass diese ihn am Ende in jene verflechte
weil sie wie ein Mollton eine ganz andere Tonleiter hat rückwärts als
hinaufwärtssteigend Das Ironische und Stachlige am Mann machte ihm wie andern
Weltleuten jede Vermählung auch die der Seelen am Ende so sauer als den
Igeln die Stacheln die ihrige Er hebt also in Zukunft für die Fürstin nur eine
kalte politische kokette höfliche Liebe auf wie sie wohl selber hat und wie
er braucht um weniger sie als von ihr zu erobern und zuerst den ganzen
Fürsten Ich verspreche mir WeltLeser die hoffentlich keine Beleidigung für
diesen in Froulays Neigung für jene finden denn sobald nur einmal der
Hofprediger die kopulierende Hand auf die Fürstin gelegt so hat dieser
Haushofmeister gleichsam den Schnitt131 in die Pfauhenne getan und sie kann
dann unangerührt abgehoben und an andern Orten verspeiset werden
Ich habe im zweiten Bande schon die Besorgnis der Ministerin mitgeteilt dass
der Minister wenn er in diesem wiederkäme und Liane nicht zu Hause fände
keifen würde aber wider Erwarten genehmigte er ihr Gebrauch des DorfluftBads
schlug recht in seine Absicht ein sie ins Dampfbad der Hofluft zu treiben Er
sagte der Mutter es sei ihm nicht missfällig dass sie sich jetzt gar ausheile
da die neue Fürstin sie zu ihrer Gesellschaftsdame erlesen werde auf sein Wort
Er konnte nicht drei Minuten einen Zepter oder ein Zepterlein neben sich liegen
sehen ohne dessen Polarität für sich zu probieren und damit etwas entweder zu
ziehen oder zu stoßen Wie der berühmte Gottesgelehrte Spener ein Vorfahr des
unsrigen so schön täglich zu Gott dreimal für seine Freunde bat so findet man
mit ähnlicher Freude dass der Hofmann bei seinem Gotte dem Fürsten täglich ein
wenig für seine Freunde bittet und etwas haben will
Die Ministerin gegen seine wechselnden Plane nie im Entwerfen sondern erst
im Ausführen kriegend vertrug sich mit seinem neuesten leicht weil er
wenigstens mit dem alten der Bouverotischen Verlobung eben in keiner helfenden
Gemeinschaft zu stehen schien
Eines Abends landete leider der fatale ängstliche Lektor der das kleinste
Visitenblatt an eine Fuldaische Geschichtskarte anklebte vor ihr mit seinem
Postschiff an und stieg mit den Staats und Reichsanzeigen von ihren beiden
Kindern unter beiden Armen unter jedem hatt er eines ans Land und doch
warum fahr ich über den Mann her Konnte ein Doppelroman zumal im Freien
gespielt verborgner bleiben als sonst ein einfacher
Ihr Erstaunen kann nur mit dem größeren ihres Gemahls verglichen werden der
zufällig im dritten Zimmer sein blechernes Ohr von Schropp aus Magdeburg um
auf die Bedienten zu horchen eingeschraubt hatte und der jetzt manches
vernahm Doch hatte das DoppelOhr von Augustis leisen Hoflippen nur einzelne
lange eigne Namen wie Roquairol und Zesara mit den weiten Maschen seines
Nachtgarns aufgefischt Kaum war der leise Lektor hinaus so trat er mit dem Ohr
in der Hand froh ins Zimmer herein und foderte ihr einen Bericht von den
Berichten ab Er hielt es unter seiner Würde je seinen Argwohn der sich auch
in der freundlichsten und frohesten Laune seine Argusohren und Augen nicht
zumachen ließ oder sein Horchen nur mit einer Silbe oder Schamröte zu
verkleistern oder zu decken die schönen Lilien der ungefärbtesten
Unverschämtheit waren ihm nicht aufgemalt sondern eingebrannt Die Ministerin
ergriff sogleich die weibliche Partei die Wahrheit zu sagen zur Hälfte
nämlich die angenehme von Roquairols gut aufgenommenen Annäherungen zum
Wehrfritzischen Hause dessen Landgut und Landschaftsdirektorat recht anpassend
dem Schwiegervater angegossen waren Indes hatte dieser in der Gattin Antlitz
den Trauerrand um dieses frohe Notifikationsschreiben viel zu klar und breit
gesehen um sich nicht nach dem vortönenden Wort Zesara das sein zartöriger
BlechSucher auch mit aufgefasset obwohl vergeblich zu erkundigen denn die
Mutter hatte ihre fromme Tochter zu lieb um ihr diesen Wolf in ihr Eden
nachzuhetzen sie hoffte sie daraus auf eine sanftere Art durch Gottesstimme und
Engel zu bringen und umging seine Frage
Aber der Wolf rannte nun auf seiner Fährte weiter er bekam Darmgicht so
wurde dem Doktor Sphex gesagt foderte von diesem schnelle Hilfe und auch
einige Nachrichten von seinem Mietsmann dem Grafen Herr und Madame Sphex waren
ohnedies dem aufgeblasenen Jüngling so gram durch ihre ausgeschickten vier
Kinder als enfants perdus in jedem Sinn als vier Gehörknochen jeder
StadtSage war viel von Blumenbühl und Lilar auf Avisjachten heimzubringen
Kurz die Gehörknochen griffen in fremde so gut ein dass Froulay in einigen Tagen
imstande war mit seiner Lilienstirn bei der Griechin nach einem Briefe an
seinen Sohn zu fragen den er mitnehmen wolle
Er fand einen den er recht freudig erbrach ohne doch etwas von Albanos
oder Lianens Hand darin zu finden ausgenommen einige dumme Anspielungen
Rabettens auf jenes Paar welche für den Minister so viel waren als hätt er
mit seinen scharfen MautnersSuchnadeln in Lianens Herz gebohrt und darin auf
das konterbande getroffen Ohne langes knechtisches Kopieren des vorigen Siegels
setzte er das zweite auf den Brief und ging erleuchtet davon
Wir können ihm alle nachfolgen wenn wir uns nur wenige Minuten zu seiner
Rechtfertigung aufgehalten haben bei meinem
Schutz und Stichblatt für das zweite Briefsiegel in Staatssachen
Ob dem alten Froulay das Examinatorium fremder Briefe als Minister oder als
Vater zustehe wiewohl dieser jenen der Landesvater jeden andern Vater und
seinen eignen dazu voraussetzt das will ich nicht entscheiden außer durch
die eben hergesetzte Parentese Der Staat der die Postpferde vor die Briefe
spannt hat scheint es das Recht diesen nicht sowohl blinden als blind
machenden Passagieren genauer unter das geschlossene SiegelVisier zu sehen um
zu wissen ob er nicht seinen Feinden Pferde vorlege Der Staat ein immer
ziehender Lichtmagnet will ja nur Licht in der Sache und besonders Licht über
alles Licht überhaupt er verlangt nur die Wahrheit ganz nackt ohne Kouvert
alles was durch seine Tore reitet und fährt soll nur sei es auch in ein
Kouvert gekleidet den roten Mund aufmachen und sagen was für Name und für
Geschäfte
Da der gemeine Soldat seine Briefe vorher seinem Offizier vorweisen muss
der BastillenGarnisonist seine dem Gouverneur der Mönch seine dem Prior der
amerikanische Kolonist seine dem Holländer132 damit er sie verbrenne wenn sie
über ihn klagen so kann wohl kein Staatsmann er mag nun den Staat für eine
Kaserne oder für eine Engelsburg oder für ein monasterium duplex oder für
eine europäische Besitzung in Europa ansehen ihm das Recht absprechen sich
alle Briefe so offen zu erhalten wie Fracht Adelskauf und Apostelbriefe es
sind Der einzige Fehler ist bloß dass er die Briefe nicht eher vorbekommt als
zugepicht und zugesperrt das ist unmoralisch genug denn es nötigt die
Regierung auf und zuzumachen den Brief aus der Scheide zu ziehen und in sie
zu stecken wie der Koch mühsam die Schnecke aus ihrer Schale drehet und dann
sobald sie vom Feuer weg ist in diese wieder zurückgeschoben aufsetzt
Letzteres ist der Punkt und Hauptwind der uns weiterzuführen hat Denn so
allgemein es auch anerkannt so wie Observanz sei dass die Regierung aus
demselben Grunde woraus sie den letzten Willen öffnet auch jeden vorvorletzten
und endlich den ersten müsse früher entsiegeln können als der Erbe desselben
und dass ein Fürst noch viel leichter DienerBriefe in dieselbe
Entzifferungskanzlei und in ihr Vorzimmer die Entsieglungskammer müsse ziehen
können worin Fürsten und Legatenbriefe aufgehen vor der Springwurzel so ist
doch das Korkziehen der Briefe das Koppelsiegel das Vikariatsiegel das
mühsame Nachmachen des L S oder Loco Sigilli etwas sehr Verdrüssliches und
beinahe Abscheuliches aus dem Unrecht muss daher ein Recht gemacht werden durch
gesetzliche Wiederholung
Etwas davon würde hoff ich sein wenn befohlen würde die Briefe nur auf
Stempelpapier zu schreiben ein dazu eingesetztes Schau und Stempelämtchen läse
dann vorher alles durch
Oder man könnte die Pitschafte als Münzstempel für Privatmünzen nicht mehr
zulassen Es schlüge sich dann eine SiegelKammer mit großen Rechten ins Mittel
und verpetschierte wie jetzt den Nachlass der Verstorbnen alsdann der
Lebendigen ihren
Oder was vielleicht vorzuziehen eine BriefZensur müsste anfangen
Ungedruckte Zeitungen nouvelles à la main nämlich Briefe können weil sie
noch größere Geheimnisse austragen nie eine größere Zensurfreiheit fodern als
gedruckte Zeitungen genießen besonders da jeder Brief jetzt so leicht ein
umherrennender Zirkelbrief wird Ein Katalog verbotener Briefe index
expurgandarum wäre dann für den Korrespondenten immer ein Wort
Oder man vereide die Postmeister dass sie treue Referendarien alles dessen
werden was sie Wichtiges oder Bedenkliches in den Briefen angetroffen die sie
vor deren Abgang auf die geistige Briefwaage gelegt und mit der Hoffnung wieder
zugemacht sie nach dem Leibnizischen Prinzip des nichtzuunterscheidenden
Siegels weiterzuschicken
Findet der Staat alle diese Wege Briefe zu lesen und zu schließen neu und
hart so mag er auf seinem fortfahren sie aufzumachen
Lachend flog Froulay zur Frau und beteuerte ihre Falschheit gegen ihn sei ihm
gar nichts Neues ihren gegenwärtigen Plan bloß um dem Herrnv Bouverot und
ihm entgegenzuarbeiten versteh er ganz wohl daherhabe Rabetteherein die
Tochter hinausgemusst inzwischen woll er der Heuchlerin und Betschwester und
wer es sei zeigen dass sie nicht bloß eine Mutter habe sondern auch einen
Vater »Sie muss sogleich herein je la ferai damer133 mais sans vous et sans
Mr le Komte« beschloss er mit Anspielung auf die Hofdamenstelle
Aber die Ministerin fing gemäß ihrer harten Verachtung gegen seine
Projekte und Kräfte mit jener Kälte die jeden Warmen mehr erbittert hätte als
diesen Kalten an ihm zu sagen dass sie Lianens und des Grafen Liebe noch mehr
missbilligen und bekriegen müsse als er dass sie bloß im zu weit getriebenen und
sonst nie widerlegten Vertrauen auf Lianens offene Seele lieber ihr als sich
geglaubt und sie bei so manchen Zeichen der Neigung Albanos nach Blumenbühl
gelassen dass sie aber ihm ihr Wort hier gebe mit gleichem Feuer gegen den
Grafen zu wirken wie gegen den deutschen Herrn und dass sie so wie sie Lianen
kenne des schönsten leichten Erfolges fast versichert sei
Allerdings war ihm das unerwartet und unglaublich zumal nach dem vorigen
Verschweigen nur die feinste Männerseele sondert in der weiblichen die
zusammenlaufenden Grenzen der Selbsttäuschung und der willkürlichen Täuschung
ab der Schwäche und des Trugs des Zufalls und des Entschlusses die Ministerin
ohnehin gehörte unter die Weiber die man erst lieben muss um sie zu kennen was
sich sonst umkehret Er akzeptierte auf der einen Seite gern das Bekenntnis der
Beistimmung und Mitwirkung bloß um es künftig als Waffe gegen sie zu wenden
konnt aber auf der andern ihr nicht verbergen dass sie also wieder so sprach
er stets nach eigenem Geständnis über ihre Kinder aus Mangel an Argwohn
fehlgesehen habe Er behielt die Gewohnheit bei auf eine offenherzige Seele
die ihm ihre Lücken zeigte durch diese Lücken als hab er sie selber
gebrochen gewaffnet einzudringen Das Beichtkind das vor ihm um Vergebung
kniete drückt er tiefer nieder und zog statt des Löseschlüssels den Hammer des
Gesetzes hervor
Ich bin hier den Spaniern die mich einst aus schlechten Übersetzungen
kennen lernen und der österreichischen goldnen Vliesritterschaft die
vielleicht das Original im Nachdruck lieset es schuldig die Ursachen
anzugeben warum nicht das Froulaysche Haus Freudenfeste statt Hoftrauer
ansagen ließ bei dieser Annäherung ihres Ordenssohnes eines spanischen Großen
der oft einen deutschen Fürstenzepter als Elle an sich legt Denn jeder
Spanier muss sich bisher darüber gewundert haben
Ich antworte jeder Nation Die Froulays hatten gegen die Verbindung erstlich
nichts als die Gewissheit der Trennung da aus demselben Grunde den mir die
Vliesritter und Spanier entgegengesetzt der alte Gaspard de Cesara auf keine
Weise eine Brücke zwischen seinem Gottard und der Jungfrau kann schlagen
lassen Zweitens konnte eben darum der Minister dieser romantischen Liebe eine
viel ältere weisere die er für den deutschen Herrn und dessen Gelder und
Liaisons trug entgegenstellen so wie des Vliesritters alten Groll Drittens
hatte die Ministerin außer denselben Gründen und außer einigen für den Lektor
vielleicht noch einen ganz entscheidenden und der war sie konnte den Grafen
nicht ausstehen nicht bloß allein darum weil sie eine harte Ähnlichkeit
zwischen ihm und ihrem Sohne und sogar Gemahle ausfand im Stolze im Aufbrausen
in genialischer Wildheit gegen arme Eheweiber im Mangel an religiöser Demut und
Gläubigkeit sondern sie konnte ihn vorzüglich deshalb nicht gut ausstehen weil
sie ihn nicht leiden konnte Wie das System der Prädestination einige Menschen
zur Hölle verurteilt sie mögen nachher den Himmel verdienen oder nicht so
nimmt eine Frau den Hass zu welchem sie jemand einmal verdammte nicht wieder
zurück es mögen Land und Stadt Gott die Jahre und der Person Tugenden dagegen
sagen was sie wollen
Im Friedensschlusse des gewöhnlichen Zimmerkriegs wurden zwischen den
Eheleuten diese geheimen Artikel ausgemacht der Graf muss des Vaters und des
Direktors wegen mit höflichster Achtung behandelt und beiseite geschoben werden
und Liane sanft und langsam von Wehrfritzens Hause abgelöset die ganze
Scheidung des Verlöbnisses muss ohne elterliche Einmischung bloß durch die
abspringende Tochter selber zu geschehen scheinen und alles ein Geheimnis
bleiben Froulay hoffte vor Lianens früherem Verlobten dem deutschen Herrn
den ganzen Zwischenakt geheimzuhalten da er zumal jetzt im August mehr an den
Spieltischen der Bäder als zu Hause war
So blieb es und in dieses kalte schauerliche Geklüft zog die freundliche
Liane hinein als sie an jenem lebenswarmen Sonntag das selige offene Lilar
verließ Geläutert und geheiligt von der Freude denn jeder Himmel wurde ihr
ein reinigendes Fegefeuer kam sie edel an die Mutterbrust ohne den fremden
Ernst des Empfangs zu merken vor eigenem Ihr leichtes Geständnis der
Gartengesellschaft öffnete die harte Szene fast in der Kulisse Wenn die
Mutter die anders anfangen wollte musste sogleich auf den Donnerwagen steigen
um gegen das unbegreifliche Vergessen der weiblichen Schicklichkeit zu blitzen
und zu donnern und doch hielt sie die Donnerpferde mitten im Laufe inne um
Lianen sogleich da der Minister jede Minute kommen konnte das Verschweigen der
heutigen Gartengesellschaft aufzulegen Nun warf sie den tiefsten Schlagschatten
auf ihre bisherige stumme Falschheit gegen eine Mutter denn sie verlegte die
Säe und Blütezeit dieser Liebe eigenmächtig schon in die Tage vor der Reise aufs
Land Wie erschrak die warme Seele über die Möglichkeit einer solchen
Lieblosigkeit Sie führte so weit sie nur konnte die Mutter den reinen
lichten Perlenbach ihrer Geschichte und Liebe hinauf und sagte alles was wir
wissen aber ohne sehr zu befriedigen weil sie gerade die Hauptsache ausliess
denn aus Schonung gegen die Mutter musste sie die erscheinende Karoline die
anfangs die Bilderstürmerin ihrer Liebe und dann die begeisternde Muse und
Brautführerin derselben gewesen mit dem Totenschein der Zukunft in der
Erzählung unsichtbar bleiben lassen
Sie hielt mit inbrünstigem Druck die mütterliche Hand unter immer frohern
Versicherungen wie sie ihr hab immer alles sagen wollen sie dachte hoffend
sie brauche nichts zu retten als ihr offenes Herz O du hast mehr zu retten
dein warmes dein ganzes und lebendiges Die Mutter tadelte nun ihr aus alter
Gewohnheit halb glaubend nichts weiter als die ganze Sache ihre
Unschicklichkeit Unmöglichkeit Tollheit »O gute Mutter« sagte Liane bloß
immer sanft unter dem harten Abmalen des künftigen Albano »o so ist er nicht
gewiss nicht« Ebenso sanft sah sie über das mit schwarzen Strichen
vorgezeichnete Nein Don Gaspards weg weil für ihren Glauben die Erde nur ein im
Äther hängender blühender Grabeshügel war »Ach« sagte sie ihre ErdenEile
meinend »unsere Liebe ist so wichtig nicht« Die Mutter nahm dieses Wort und
den ganzen sanften Widerstand für Vorspiele des leichten Siegs
Jetzt ging Albanos Schwiegervater herein mit einer Heerpauke Sturmglocke
Feuertrommel und Klapperschlange im Gürtel um sich damit vernehmlich zu machen
Zuerst fragt er er hatte vergeblich gehorcht ganz erboset die Ministerin
wohin sie sein Ohr versteckt habe es war das blecherne Koppelohr worin sich
wie in einem venezianischen Löwenkopfe alle Geheimnisse und Anklagen der ganzen
Dienerschaft und Familie sammleten jetzt brauch ers ein wenig zumal seit
den neuesten »Avanturen der frommen Tochter da« Die Siamer Ärzte fangen die
Heilung eines Patienten damit an dass sie ihn mit Füßen treten welches sie
Erweichen nennen Auf ähnliche Art erweichte Froulay gern zur moralischen
VorKur und begann daher sich mit den gedachten Sprachmaschinen im Gürtel
deutlich zu erklären über umschlagende Kinder über deren Ränke und Schliche
und über Liebschaften hinter Väterrücken so dass kein Vater einen Band
Liebesgedichte vorn mit der ProsaVorrede begleiten kann versah vieles mit
den stärksten politischen Gründen die sich alle auf ihn selber und seinen
Nutzen bezogen und schloss mit einigen Verfluchen
Liane hörte ihn ruhig und an solche wie am Gleicher täglich wiederkehrende
Gewittergüsse schon gewohnt ohne andere Bewegung an außer dass sie oft das
niedergeschlagne Auge zu ihm bedauernd aufhob aus zärtlichem Mitleiden mit dem
väterlichen Missvergnügen In der Stille wurd er am lautesten »Sie sorgen
dafür Madame« sagt er »dass sie morgen vormittags dem Grafen was sie von
ihm hat samt dem Abschied schickt und ihm ihr neues Amt als eine leichte
Entschuldigung notifiziert du wirst Hofdame bei der regierenden Fürstin ob
du gleich es nicht wert warst dass ich für dich arbeitete«
»Das ist hart« rief Liane mit zerbrechendem Herzen an ihre Mutter fallend
Er glaubte sie meine die Trennung von Albano nicht die von der Mutter und
fragte zornig warum »Vater ich will so gern« sagte sie und wandte nur ihr
Angesicht aus der Umarmung »bei meiner Mutter sterben« Er lachte aber die
Ministerin machte selber den Flammen die er noch wollte herausschlagen lassen
die Höllenpforte zu und versicherte ihn es sei genug Liane werde gewiss ihren
Eltern gehorchen und sie selber wolle dafür Bürge sein Der Gesetzprediger
stieg seine Kanzeltreppe mit einem vernehmlichen Stossgebet um eine bessere
Bürgschaft und unter dem Zurückrufen herab sein Ohr müsse morgen her und soll
ers in allen Schränken selber suchen
Die Mutter schwieg nun und ließ die Tochter sanft an ihrem Halse weinen
beiden war nach dieser SeelenDürre der Trank der Liebe Erfrischung und Arzenei
Sie ließ einander ausgeheitert aus den Armen los aber beide mit ganz irrenden
Hoffnungen
75 Zykel
Ein harter schwarzer Morgen Nur der atmosphärische draußen war dunkelblau
nichts war stürmisch und laut als etwan die Bienenflüge im Lindendickicht der
Himmelsäter schien über die steinernen Gassen hoch wegzuflattern um im hellen
offenen Lilar sich tief in alle Gipfel und Spitzen einzusenken und blau wie
Pfauengefieder aus den Zweigen zu schillern
Liane fand auf ihrem Schreibtisch ein Billet in Grossquart gebrochen worin
der wie ein Herz ewig arbeitende Minister schon am frühen Morgen eh er für die
einzelnen Regierungs und Kammerräte die zur Fruchtbarkeit nötigen
Strichgewitter aus den Akten aufgezogen auf die schauernde Tochter mit einem
kalten Morgenwolkenbruche niederzugehen suchte Im gedachten Dekretalbriefchen
setzt ers auf anderthalb Bogen mehr auseinander was er gestern gemeint
Scheidung auf der Stelle und bog sechs Scheidungsgründe an erstlich sein
verstimmtes Verhältnis mit dem Vliesritter zweitens ihre und des Grafen Jugend
drittens die nahe Hofdamenstelle viertens sei sie seine Tochter und dieses
das erste Opfer auf welches ihr Vater für alle seine bisherigen Anspruch mache
fünftens sehe sie an seinem nachsichtigen Ja zur Liebe ihres Bruders dessen
anscheinende Besserung er ihr zum Vorbilde vorhalte dass er nur für das Glück
seiner Kinder lebe und sorge sechstens send er sie in die Festung zu
seinem Bruder dem Kommendanten falls sie widerspenstig sei um sie zu
entfernen zu bestrafen und zurechte zu bringen und weder Weinen noch
Fussfallen noch Mutter noch Hölle sollen ihn beugen und er schenk ihr drei
Tage Zeit zur Vernunft
Sie gab stumm mit nassen Augen ihrer bisherigen Trösterin das schwere Blatt
Aber aus dieser wurde eine Richterin »Was willst du tun« sagte die Ministerin
»Ich will leiden« sagte Liane »damit Er nicht leide wie könnt ich so sehr
gegen Ihn sündigen« Die Mutter nahm entweder im wirklichen alten Wahne ihrer
leichten Bekehrung oder aus Verstellung jenen Er für den Vater und fragte »Mich
nennst du nicht« Liane errötete über die Vertauschung und sagte »Ach ich
Arme ich will ja nicht glücklich sein nur treu« Wie hatte sie nicht in
dieser Nacht zwischen bangen Kriegen aller ihrer innern Engel betend gelebt und
geweint Eine so schuldlose von der heiligen Freundin im Himmel eingesegnete
Liebe eine vom frühen Tode so sehr abgekürzte Treue ein so fester mit
hohem fruchttragendem Gipfel gen Himmel wachsender Jüngling den nicht einmal
Geisterstimmen aus seiner treuen Kindheitsliebe gegen sie Unbedeutende schrecken
oder locken konnten der ewige Unwille und Gram den er über die erste größte
Lüge gegen sein Herz empfinden würde ihre kurze Durchgangsgerechtigkeit durchs
Leben und die nahe Wegscheide an der sie nicht Steine sondern Blumen auf die
andern Pilger zurückwerfen wollte alle diese Gestalten nahmen sie an der einen
Hand um sie von der Mutter wegzuziehen die ihr mit den Worten nachrief sieh
wie du undankbar von mir gehst und ich habe so lange für dich ertragen und
getan Da zog Liane wieder aus dem warmdunkeln Rosental der Liebe in die
trockne platte Erdfläche eines Lebens zurück worin sich nichts hebt als ihr
letzter Hügel O wie blickte sie bittend zu den Sternen auf ob sie sich nicht
als Augen ihrer Karoline regten und ihr es sagten wie sie sich opfern sollte
ob für den Geliebten oder für die Eltern allein die Sterne standen freundlich
kalt und still am festen Himmel
Aber als die Morgensonne wieder ihr Herz anstrahlte schlug es hoffend und
von neuem gestärkt vom Entschluss für Albano heute recht viele Leiden zu
erdulden ach ja erst die ersten konnte Karoline dachte sie eine Liebe
bejahen der ich untreu sein müsste
Kaum war sie mit dem Morgengruß von den Lippen der Mutter weg so suchte
diese aber ernster als gestern die Wurzeln dieses festen Herzens aus seinem
fremden Boden zu rücken durch den längeren Gebrauch der gestrigen Blumenheber
Sie wurde in der vergleichenden Anatomie zwischen Albano und Roquairol von der
gleichen Stimme an bis zur ähnlichen Taille immer schneidender bis Liane mit
dem Mädchenwitz auf einmal fragte »Aber warum darf denn mein Bruder Rabetten
lieben« »Quelle comparaison« sagte die Mutter »Bist du nichts Bessers als
sie« »Sie tut eigentlich viel mehr als ich« sagte sie ganz aufrichtig
»Strittest du nie mit dem wilden Zesara« fragte die Mutter »Nie außer wenn
ich unrecht hatte« sagte sie unschuldig
Erschrocken nahm die Mutter immer heller wahr dass sie tiefere und stärkere
Wurzeln als leichte Blumen schlagen auszuziehen habe sie sammlete alle ihre
mütterlichen Anziehungskräfte und Hebemaschinen auf einen Punkt zum Sturze der
stillen grünen Myrte sie entdeckte ihr des Ministers schwarzen Verlobungsplan
mit dem deutschen Herrn ihre bisherigen verschwiegenen Kriege und Seufzer
darüber ihren bisher zurückdrängenden Widerstand und die neueste väterliche
Kriegslist sie zur Festungsgefangnen bei seinem Bruder zu machen und dadurch
wahrscheinlich den Herrn von Bouverot zum Festungsbelagerer
Für einige Leser und Relikten aus dem schwerfälligen goldnen Zeitalter der
Moral wird hier die Anmerkung gesetzt und gedruckt dass eine besondere kalte
nichts schonende oft grausame und empörende Offenherzigkeit über die nächsten
Verwandten und über die zartesten Verhältnisse in den höheren Ständen so sehr zu
Hause ist dass auch die schöneren Seelen worunter doch diese Mutter gehört es
gar nicht anders wissen und machen
»O du beste Mutter« rief Liane erschüttert aber nicht vom Gedanken an die
Klapper und den Schlangenatem Bouverots oder an dessen Mordsprung nach ihrem
Herzen sie dachte so kaltblütig an sein Verloben wie jeder Unschuldige an sein
Sterben auf einem Blutgerüste sondern vom Gedanken an das lange Überbauen der
mütterlichen Tränen der mütterlichen Liebesquellen welche bisher nährend tief
unter ihren Blumen geflossen waren sie warf sich dankend zwischen diese
helfenden Arme Sie schlossen sich nicht um sie weil die Ministerin durch keine
Woge und Brandung schneller Aufwallungen weich und locker auszuspülen war
In diese Umfassung griff oder trat der Minister ein »So« sagt er schnell
»Mein Ohr Madame« fuhr er fort »findet sich unter den Domestiken durchaus
nicht wieder vor das hab ich Ihnen zu sagen« Denn er hatte sich heute auf
einen GesetzSinai gestellt und der an dessen Fuß versammelten Dienerschaft in
die Ohren gedonnert um seines zu erfragen »weil ich glauben muss« hatt er
ihr gesagt »dass ihr mirs aus sehr guten Gründen gestohlen habt« Dann war er
als Hagelschauer wie ein Küchendampf bei windigem Wetter durch die einzelnen
Dienerzimmer und Winkel nach dem Ohr gezogen »Und du« sagt er
halbfreundlich zu Liane Sie küsste seine Faust die er wie der Papst den Fuß
allezeit als den Lehn und Lippenträger Agenten und de latereNuntius des
Mundes den Küssen schickte
»Sie bleibt ungehorsam« sagte die strenge Frau »So gleicht sie Ihnen ein
wenig« sagt er weil der Misstrauische die Umarmung für eine Verschwörung gegen
ihn und seinen Bouverot ansah Nun barst sein EisHekla und flammte und floss
bald auf Tochter bald auf Frau erstere sei gar erbärmlich sagt er und nur
der Hauptmann etwas wert den er glücklicherweise allein gebildet er errat
alles hör alles wenn man auch sein Ohrblech verborgen es werde demnach wie
er sehe er zeigte auf seinen entsiegelten Morgenpsalm zwischen beiden
Kollegien kommuniziert aber Gott soll ihn strafen wenn er nicht
»Töchterchen antwort doch endlich« bat er
»Mein Vater« sagte Liane seit der Bouverotischen Verbrüderung und der
Misshandlung der Mutter ihr Herz mehr fühlend das aber nur verachten und nie
hassen konnte »meine Mutter hat mir heute und gestern alles gesagt aber ich
habe doch Pflichten gegen den Grafen« Eine kühnere Lebhaftigkeit als die
Eltern sonst an ihr vermisset und gefunden hatten strahlte unter dem
aufgehobenen Auge »Ach ich will ihm ja nur so lange treu verbleiben als ich
lebe« sagte sie »Cest bien peu« versetzte der Minister über die Keckheit
erstaunend
Liane hörte jetzt erst ihr entflognes Wort nach da ergriff sie um die
Vergangenheit und ihre Mutter zu rechtfertigen den schönen und lächerlichen
Entschluss den alten Herrn zu rühren und zu bekehren durch ihre Geister oder
Traumseherei Sie bat ihn um eine einsame Unterredung und nachher als sie
schwer vergönnet war darin um sein heiliges Versprechen gegen die Mutter zu
schweigen weil sie fürchtete dieser Liebenden die dem Ausschlagen nahe
rasselnden Uhrräder ihrer Sterbeglocke zu zeigen Der alte Herr konnte nur mit
einer komischen Miene wobei er aussah wie einer der in grimmiger Kälte lachen
will hinlängliches Wortalten geloben weil nie so viel er sich entsinnen
konnte das Wort von ihm sondern bloß oft er vom Wort gehalten wurde In
solchen Menschen sind Wort und Tat dem theatralischen Donner und Blitze ähnlich
welche beide sonst im Himmel gleichzeitig verbunden auf der Bühne aus
getrennten Ecken und durch verschiedene Arbeiter hervorbrechen Aber Liane ruhte
nicht eher als bis er ein wortfestes offenes Gesicht ein gemaltes Fenster
aufgetragen Darauf fing sie nach einem Faustkuss ihre Geistergeschichte an
Mit fortgesetztem Ernst fest zusammengehaltenen Muskeln hörte er dem
Unerhörten zu dann nahm er sie ohne ein Wort zu sagen an der Hand und führte
sie vor die Mutter zurück der er sie mit einem langen Lob und Dankpsalm auf
ihre glückliche Töchterschule überreichte »seine Knabenschule mit Karl sei
ihm wenigstens nicht in diesem Grade geglückt« setzt er hinzu Zum Beweise
teilt er ihr offenherzig und alle Schmerzen Lianens kaltblütig verarbeitend
wie der Fassbinder Zypressenzweige zu Tonnenreifen das wenige mit was er zu
verschweigen verheißen weil er immer entweder sich wegwarf oder den andern
meistens beide Liane saß hochrot heisswerdend mit gesenkten Augen da und bat
Gott um Erhaltung ihrer Kindesliebe gegen den Vater
Kein teilnehmendes Auge werde ferner mit dem Eröffnen einer neuen Zeit
gequält wo das Eis seiner Ironie brach und ein wütender Strom wurde in welchen
noch dazu mütterliche Tränen des Zorns flossen über ein teueres Wesen und dessen
verderbliches fieberhaftes Hineinträumen in den letzten Schlaf Das Ziel und
die Gefahr kopulierte fast die Eheleute zum zweitenmal wenn es glatteiset
gehen die Menschen sehr Arm in Arm »Du hast nichts nach Lilar geschickt«
fragte der Vater »Ohne Ihre Erlaubnis würd ichs gewiss nicht tun« sagte sie
meinte aber ihre Briefe nicht Albanos seine Er benutzte den Missverstand und
sagte »Du hast sie ja aber« »Ich will alles gern tun und lassen« sagte
sie »aber nur wenn der Graf einwilligt damit ich ihm nicht unredlich
erscheine er hat mein heiliges Wort auf meine Treue« An diese milde
Festigkeit an diesen mit weichen Blumen überzognen PetriFels stieß sich der
Vater am härtesten Dazu war der Übertritt eines stolzen Liebhabers von eignen
Wünschen zu den feindlichen gesetzt man hätte Lianen die Frage an den Grafen
erlaubt so unmöglich auf der einen Seite und das Gesuch um diese
Veränderlichkeit es mochte bewilligt oder abgeschlagen werden überhaupt so
heruntersetzend auf der andern dass die betroffne Ministerin stolz aufstand
wieder fragte »Ist das dein letztes Wort an uns Liane« und als Liane
weinend antwortete »Ich kann nicht anders Gott sei mir gnädig« sich zornig
wegwandte an den Minister und sagte »Tun Sie nun was Sie für convénable
halten ich bin unschuldig« »Nicht so ganz ma chere aber gut« sagt er
»Du bleibst von morgen an in deinem Zimmer bis du dich korrigierst und unsers
Anblicks würdiger bist« kündigte er hinausgehend Lianen mit zwei auf sie
geworfenen AugenSalven an worin meines Ermessens weit mehr
ReverberierfeuerPlagegeister ätzende fressende Medikamente Gehirn und
Herzensbohrer versprochen wurden als sonst ein Mensch gebend halten oder
empfangend tragen kann
Armes Mädchen dein letzter August ist sehr hart und kein Erntemonatstag
Du siehst in die Zeit hinaus wo dein kleiner Sarg steht an welchem ein
grausamer Engel die schönen um ihn herumlaufenden noch frischen Blumenstücke
der Liebe wegwischt damit er ganz weiß so rosenweiss wie deine Seele oder deine
letzte Gestalt herübergetragen werde
Dieses Vertreiben von der Mutter in die Einöde ihres Klosterzimmers war ihr
ebenso fürchterlich nur nicht fürchterlicher als das Zürnen derselben das sie
heute erst zum drittenmal erlebte obwohl nicht verdiente Es war ihr als wenn
nun nach der warmen Sonne auch noch gar das helle Abendrot unter den Horizont
gesunken wäre und es wurde dunkel und kalt in der Welt Sie blieb diesen ganzen
noch eingeräumten Tag bei der Mutter gab aber nur Antworten blickte freundlich
an tat alles gern und behend und hatte da sie jeden zusammenrinnenden
Tautropfen schnell mit dem Zwergfinger aus den Augenwinkeln schlug als sei es
Staub weil sie dachte nachts kann ich weinen genug sehr trockne Augen und das
alles um der belasteten Mutter nicht zu neuer Last zu sein Aber diese wie
Mütter so leicht verwechselte die scheue liebende Stille mit dem Anbruche der
Verstockung und als Liane in unschuldiger Absicht des Trostes sich Karolinens
Bild aus Lilar wollte bringen lassen galt auch diese Unschuld für Verhärtung
und wurde mit einer elterlichen gestraft und erwidert nämlich mit der
Erlaubnis zu schicken Nur forderte die Ministerin die französischen Gebete von
ihr zurück als sei sie nicht wert diese ihrem jetzigen Herzen unterzulegen
Nie ist der Mensch kleiner als wenn er strafen und plagen will ohne zu wissen
wie
Da jeder der regiert er sitze auf einem Lehr oder Fürstenstuhl oder wie
Eltern auf beiden dem Fussbewohner desselben den vorigen Gehorsam sobald er ihn
einmal aussetzt nicht als Milderung seiner Schuld anschreibt sondern als
Vergrößerung so tat es die Ministerin auch gegen ihr von jeher so folgsames
Kind Sie hasste ihre reine Liebe die wie Äther ohne Asche Rauch und Kohle
brannte um desto mehr und hielt sie für Schadenfeuer oder Feuerschaden
besonders da ihre eigne bisher fast nie mehr als ein vornehmes Kaminstück
gewesen
Liane stieg zuletzt zu schwer zusammengepresset da jenseits der Wandtapete
der heitere Tag der schönste Himmel blühte aufs welsche Dach hinauf Sie sah
wie die Menschen vergnügt von kleinen Lustörtern weil die Erde ein großer war
zurückfuhren und ritten auf Lilars StaudenPfad wandelten die Spaziergänger
seliglangsam heim auf den Gassen wurde laut an den FestGerüsten und
Himmelswagen für die Fürstenbraut gezimmert und die fertigen Räder wurden
prüfend gerollt und überall hörte man die Übungen der jungen Musik die
erwachsen vor sie treten sollte Aber als Liane auf sich blickte und hier ihr
Leben allein im dunkeln Gewande stehen sah drüben das leere Haus des Geliebten
hier das ihrige das auch leer für sie geworden diese Stelle die noch an
eine schönere seltnere Abblüte als des cereus serpens erinnerte und o diese
kalte Einsamkeit da ihr Herz heute zum ersten Male ohne ein Herz lebte denn
ihr Bruder der Chorist ihres kurzen Freudengesanges war verschickt und
Julienne seit einiger Zeit ihr unbegreiflich unsichtbar nein sie konnte die
schöne Sonne die so hell und weiß mit ihrem hohen Abendsterne sich tiefer
wiegte nicht niedergehen sehen oder das frohe Abendchor des langen Tages
anhören sondern verließ die glänzende Höhe O die fremde Freude stirbt im
unbewohnten dunkeln Busen wo sie keine Schwester antrifft und wird zum
Gespenst darin So deutet das schöne Grün diese Frühlingsfarbe sobald es eine
Wolke malt nichts als an lange Nässe
Da sie bald in die Freistatt des Tags das Schlafzimmer trat
wetterleuchtete draußen der Himmel o warum jetzt hartes Geschick Aber
hier vor dem Stilleben der Nacht wenn das Leben von ihrem Flor bezogen
leiser tönt hier dürfen alle ihre Tränen fließen die ein schwerer Tag
gekeltert hat Auf dem Kopfkissen als trüg es den längsten Schlaf ruht
dieses verblutete Haupt sanfter als an der Brust die ihm seine Tränen zankend
nachzählt und es weinet sanft nicht über nur um Geliebte
Wie gewöhnlich wollte sie ihre mütterlichen Gebete aufschlagen als sie
erschrocken daran dachte dass man sie ihr genommen Da blickte sie heissweinend
auf zu Gott und bereitete allein aus dem zerbrochnen Herzen ihm ein Gebet und
nur Engel haben die Worte und die Tränen gezählt
76 Zykel
Der Vater hatte die ZimmerGefangenschaft zum strafenden Merkmal ihres Neins
gemacht Mit hohen Schmerzen sprach sie dieses stumme Nein indem sie freiwillig
im Zimmer blieb und dem Morgenkuss der Mutter entsagte Sie hatte in der Nacht
oft das tote Bild ihrer ratgebenden Karoline flammend angeblickt aber kein
Urbild kein Fieberbild war ihr erschienen kann ich länger zweifeln schloss sie
daraus dass die göttliche Erscheinung die das Ja zu meiner Liebe gesprochen
etwas Höheres als mein Geschöpf gewesen da ich sie sonst ihrem Bilde gegenüber
müsste wieder bilden können
Sie hatte Albanos blühende Briefe in ihrem Pulte und schloss es auf um
hinüberzusehen aus ihrer Insel in das entrückte Morgenland der wärmern Zeit
aber sie schloss es wieder zu sie schämte sich heimlich froh zu sein da ihre
Mutter traurig war die in die trüben Tage nicht einmal wie sie aus schönen kam
Froulay ließ sie nicht lange allein sondern bald rufen aber nicht um sie
zu verhören oder loszusprechen sondern um sie wozu freilich eine ungeschminkte
Stirne und Backe gehörten deren FibernGarn so schwer wie seine mit dem
türkischen Rot der Scham zu färben war zu seiner Malersprachmeisterin zu
vozieren und sie in die fürstliche Galerie mitzunehmen um von ihr die Erklärung
dieser Titelkupfer für ihn in diesem Privatstummeninstitut so gut
nachzulernen dass er imstande wäre sobald die Fürstin sie besieht etwas
Bessers als einen Stummen bei den Schönheiten der Bilder und der
bilderdienerischen Regentin vorzustellen Liane musste ihm jedes gemalte Glied
mit dem dazu gehörigen Lobe oder Tadel in sein ernstes Gehirn nachprägen samt
dem Namen des Meisters Wie erfreut und vollständig gab sie diese Kallipädie
ihrem brummenden Malerkornuten der nicht eine einzige dankbare Miene als
Schulgeld entrichtete
Mittags erst fand die Tochter die ersehnte Mutter unter den Speisebedienten
sehr ernst und traurig sie wagte ihr nicht den Mund nur die Hand zu küssen und
schlug das liebeströmende Auge nur scheu und wenig zu ihr auf Das Diner schien
eine Leichenessen Nur der alte Herr der auf einem Schlachtfeld seine
Hochzeitmenuett getanzt und seinen Geburtstag gefeiert hätte war wohlgemut und
bei Appetit und voll Salz War Hauskampf so speist er gewöhnlich en famille
und holte sich unter beissenden Tischreden wie gemeine Leute im Winter und in
der Teuerung schärfere Esslust Zanken stärkt und befeuert schon an sich wie
Physiker sich bloß dadurch elektrisieren können dass sie etwas peitschen134
Lächerlich und doch schmerzlich war es dass die arme Liane die den ganzen
Tag einen Kerker hüten sollte gerade heute immer daraus gerufen wurde das mal
wieder in den Wagen der das traurige Herz und das lächelnde Gesicht vor lauter
hellen Palästen absetzen sollte Sie musste mit den Eltern zur Prinzessin gehen
und so glücklich aussehen wie die waren die sie auf dem trüben Wege zu
beneiden fanden So blutet das Herz das nicht weit vom Thron geboren worden
immer nur hinter dem Vorhang und lacht bloß wenn er aufgeht so wie eben diese
Vornehmen sonst nur ingeheim hingerichtet wurden Der über seine Vermählung
lächerlichlaute Fürst der von den Spieltischen oder Kaperbrettern
zurückgekehrte Bouverot den jetzt Liane seit den neuesten Nachrichten nur
schaudernd litt und die Prinzessin selber die ihre bisherige Entfernung von
ihr mit den zerstreuenden Zurüstungen zum Feste entschuldigte und die ganz
fremd auf einmal über Liebe und Männer spottete alle diese Menschen und
Zufälle konnten nur einer Liane die so wenig erriet so viel litt und so gern
ertrug nicht die unerträglichsten scheinen
Ach was war unerträglich als die eiserne Unveränderlichkeit dieser
Verhältnisse die Festigkeit eines solchen ewigen Bergschnees Nicht die Größe
sondern die Unbestimmteit des Schmerzes nicht der Minotaurus des Labyrints
der Kellerfrost die Eckfelsen und Gruben desselben ziehen uns darin die Brust
zusammen sondern die lange Nacht und Windung seines Ausgangs Sogar unter den
KörperKrankheiten kommen uns daher ungewohnte neue deren letzter Augenblick
über unsere Weissagung hinausliegt drohender und schwerer vor als
wiederkehrende die als nachbarliche Grenzfeinde uns immer anfallen und in der
Rüstung finden
So stand die stumme Liane im Gewölk als die frohlockende Rabette mit der
Brust voll alter Freuden und neuer Hoffnung ins Haus lief diese Schwester des
heiligen weggerissenen Menschen die Bundesgenossin so glänzender Tage Sie
wurde ehrend aufgenommen und immer von einer Ehrenwache der Ministerin
begleitet weil sie ja eine Gesandtin des Grafen ebensogut sein konnte als eine
Wahlherrin ihres Sohnes Die Listige suchte einige einsame Augenblicke mit
Lianen durch das kühne Betteln um deren Begleitung nach Blumenbühl zu erhaschen
die Begleitung wurde auch zugestanden und sogar der Mutter ihre dazugetan Liane
fuhr den Weg nach Blumenbühl über den noch blühenden Gottesacker eingesenkter
Tage Welcher Tränenstrom arbeitete in ihrer Brust herauf da sie von der noch
glücklichen Rabette schied
Diese hatte unschuldigerweise dem Hause einen der größten Zankäpfel für das
Abendessen dagelassen den je der Minister für die Fruchtschale mit seinem
Apfelpflücker sich geholet hatte daher soupiert er wieder en famille Rabetten
war nämlich ein dummes Wort über das sonntägige Beisammensein in Lilar
entfahren »davon« sagte Froulay ganz freundlich »hast du uns ja kein Wort
merken lassen Tochter« »Der Mutter sogleich« versetzte sie zu schnell »Ich
nähme auch gern Anteil an deinen Lustbarkeiten« sagt er Grimm versparend
Ganz aufgeräumt setzte sich dieser Flössknecht so vieler Tränen und abgehauener
Blütenzweige die er darauf hinabschwimmen ließ an die Abendtafel Nach seinem
Verstärkungsohr fragt er zuerst Bediente und Familie Darauf ging er ins
Französische über wiewohl die Tellerwechsler eine grobe Übersetzung davon für
sich eine versio interlinearis auf seinem Gesichte fanden um zu berichten
der vornehme Graf sei dagewesen und habe nach Mutter und Tochter gefragt »Mit
Recht verlangt er euch beide« fuhr der moralische Glacier fort der gern das
warme Essen kühlte »ihr verschweigt immer wie ich heute wieder hörte
gemeinschaftlich gegen mich aber warum soll ich euch denn noch trauen« Er
hasste jede Lüge von Herzen die er nicht sagte so hielt er sich ernstlich für
moralisch uneigennützig und sanft bloß darum weil er auf das alles bei dem
andern unerbittlich drang Mit den reichlichen Brennesseln der Persiflage auch
botanische kommen in kaltem und steinigem Boden am besten fort überdeckte er
alle seine auf und zugehenden Hummerscheren wie wir Bachkrebse in Nesseln
fassen und nahm zuerst sein weiches Kind zwischen die Scheren Das sanfte
ergebene Lächeln desselben nahm er für Verachtug und Bosheit Wie kommt diese
Sanfte erklärlicherweise zu seinem Vaternamen wenn man nicht die alte Hypothese
annimmt dass Kinder gewöhnlich dem am ähnlichsten werden wonach sich die
schwangere Mutter vergeblich sehnte welches hier ein sanfter Gatte war Dann
griff er aber heftiger die Mutter an um bei seinem Misstrauen sie mit der
Tochter zu entzweien ja um vielleicht diese durch die mütterlichen Leiden zu
kindlichen Opfern und Entschlüssen zu peinigen Ganz frei erklärt er sich
denn der Egoist trifft die meisten Egoisten an wie die Liebe und Liane nur
Liebe und keine Selbstliebe gegen den Egoismus um und neben sich und verbarg
es nicht wie sehr er beide immer Egoistinnen wie die alten Heiden die Christen
Ateisten innerlich schelte
Die Ministerin gewohnt mit dem Minister in keiner Ehe weniger zu leben als
in der der Seelen wie Voltaire die Freundschaft definiert sagte bloß zu
Lianen »Für wen leid ich so« »Ach ich weiß es« antwortete sie demütig Und
so entließ er beide voll tiefster Leiden und dachte nachher an seine Geschäfte
Dieser allseitige Jammer wurde durch etwas größer was ihn hätte kleiner
machen sollen Der Minister ärgerte sich dass er täglich den Geschmack der
Weiber mitten im Zorne zu Rate ziehen musste über sein Äußeres Er wollte am
Vermählungsfeste seiner Geliebten wegen ein wahrer Paradiesvogel ein
Paradeur eine Venus à belles Fesses sein Von jeher macht er gern die
Doppelrolle des Staats und Hofmanns und wollte um Stolz und Eitelkeit zusammen
zu kaufen zu einem DiogenesAristipp verwachsen Aber etwas davon war nicht
Eitelkeit sondern der männliche Plagegeist der Ordnungs und Rechtshaberei
wollte nicht aus ihm fahren Er war imstande die Kleidergeissel womit der
Bediente wenige Stäubchen im Staatsrocke sitzen lassen gegen die Livree selber
in Schwung zu setzen noch gefährlicher wars weil er zwischen zwei Spiegeln
saß dem Friseur und dem großen Spiegel im Ofenschirm auf seine eigne Wolle
den Staub recht aufzutragen und am schwersten wurd er vom Putze seiner Kinder
befriedigt Liane als Zeichnerin musste ihm nun jetzt die rechte Farbe eines
neuen Überbalgs vorschlagen Sachets oder Riechsäcke ließ er füllen und mit
diesen die Schubsäcke und einen MoschuspflanzenTopf in sein Fenster stellen
nicht weil er die Blätter zum Riechen das erwartete er von seinen Fingern
sondern weil er sie zum Einölen für diese durch Reiben brauchen wollte
Patentpomade für Fäuste und englisches gepresstes Zierpapier auch für diese wenn
sie eine BilletdouxFeder ansetzen wollten und andere Nippes erregten weniger
Aufmerksamkeit als der Schnupftabak den er sich anschafte aber nicht für die
Nase sondern für die Lippen um solche rot zu reiben In der Tat vor mancher
lustigen Haut hätt er sich ganz lächerlich gemacht wenn sie ingeheim ihn aus
seinem Souvenir die Haarzange und mit dieser aus seinen Augenbraunen da wo der
Sattel des Lebens wie auf einem Pferde das Haar weiß gedrückt hatte letzteres
hätte ausziehen sehen und nur der Minister selber konnte ernstaft dabei
aussehen wenn er vor dem Spiegel die feinern Weisen zu lächeln durchlächelte
die beste hielt er fest oder wenn er die leichtern Würfe anprobierte womit man
sich aufs Kanapee bringt wie oft musst er sich werfen und wenn er überhaupt
an sich arbeitete
Zum Glück für die Mutter kam der gute Lektor aus der Hand dieses alten
Freundes hatte sie so oft wenn nicht eine Himmelsleiter doch eine
Grubenleiter um darauf aus dem Abgrund zu steigen genommen hoffend brachte
sie jetzt alle ihre Not vor ihn Er versprach einige Hilfe unter der Bedingung
mit Lianen allein auf ihrem Zimmer zu sprechen Er ging zu ihr und erklärte zart
seine Wissenschaft um ihre Lage
Wie errötete das kindliche Mädchen über die scharfen Tagsstrahlen welche
die duftende Nachtviole ihrer Liebe trafen Aber ihr Kindheitsfreund sprach
sanft an dieses geschlagne Herz und von seiner gleichen Liebe gegen sie und
ihren Freund von dem Temperamente des Vaters und von der Notwendigkeit
bedachtsamer Maßregeln und sagte die beste sei es wenn sie ihm heilig
gelobe dem elterlichen Wunsche den Grafen strenge zu meiden nur so lange
nachzugeben bis er von dessen Vater den er als Begleiter des Sohnes längst
über das neue Verhältnis benachrichtigen und fragen müssen das Ja oder Nein
dazu erhalten sei es ein Nein was er aber nicht verbürge so müsse Albano
das Rätsel lösen sei es ein Ja so steh er selber für das zweite ihrer Eltern
zugleich muss er aber auf ihr festestes Schweigen gegen diese über sein
Anfragen wodurch sie sich vielleicht kompromittiert finden könnten Anspruch
machen Damit wurzelte er nur noch tiefer in ihr Vertrauen ein
Sie fragte zitternd wie lange die Antwort verziehe »Sechs acht elf Tage
nach der Vermählung höchstens« sagt er rechnend »Ja guter Augusti Ach
wir leiden ja alle« sagte sie und setzte vertraulich und aus weinender Brust
hinzu »es geht Ihm aber wohl« »Er ist fleißig« versetzt er
So brachte er sie mit zwei Geheimnissen beladen und für jetzt eine
InterimsAbsonderung bejahend zur Mutter zurück aber diese zahlte nur dem
Lektor den Lohn eines freundlichen Blickes aus Er verlangte indes nach seiner
KartäuserManier keinen andern als das gütigste Schweigen gegen den Minister
über seine Einmischung da dieser sein Verdienst dabei etwan für größer halten
könnte als es wäre
Dem Minister wurde die achttägige Besserung und Entaltung angesagt Er
glaubte sich Misstrauen in die Frau vorbehaltend doch weiter in Feindes Land
einzudringen mit seinen Waffen auch ließ er sich die neue Frist und Lianens
Entkerkerung mit darum gefallen um seine Tochter bei dem Vermählungsfest
blühend und gesund als eine glänzende Pfauhenne an seine Geliebte und vor sich
her zu treiben
Roquairol kam jetzt von dieser zurück und strahlte ein paar Wolken im Hause
mit schönem hellem Morgenrote voll Er überbrachte dem Vater Nachrichten und
Grüße von der Fürstin Lianen brachte er das Echo jener geliebten Stimme mit
die einmal zu ihrem Himmel gesagt hatte er werde ach die letzte Melodie
unter den Misstönen der uneinigen Zeit Er erriet leicht denn er erfuhr wenig
von der ihn vernachlässigenden Mutter und nichts von der Tochter wie alles
stehe Als er vollends Albanos Blatt an diese ihr am dämmernden Abend in den
Arbeitsbeutel schieben wollte und sie mit einem Ach der Liebe sagte
»Nein es ist wider mein Wort aber künftig etwan Karl« so sah er »mit
brausendem Ingrimm seine Schwester im offenen CharonsKahn zum Tartarus aller
Leiden schiffen« wie er sagte An den Freund dacht er weniger als an die
Schwester Der freundliche schmeichelnde Minister er schenkte zum Beweis dem
Hauptmann einen Sattel von Wert berichtete ihm den Besuch Rabettens und gab
Winke über Verlobung und dergleichen Karl sagte keck er schiebe all sein Glück
hinaus solange seine liebe Schwester keines voraussehe Um den alten Herrn
wieder mehr für Lianen einzunehmen führt er ihn für das Vermählungsfest auf
eine romantische Invention die Froulay nicht ahnte als er schon ganz dicht an
ihr stand nämlich Idoine die Schwester der Braut war Lianen auffallend
ähnlich Die Fürstin liebte sie unaussprechlich sah sie aber nur selten weil
sie ihres starken einmal zu einer ThronEhe neinsagenden Charakters wegen auf
einem von ihr selber gebaueten und regierten Dorfe wohnte höflich vom Hofe
verbannt Er legte nun dem Vater die poetische Frage vor ob Liane nicht in der
Illuminationsnacht einige Minuten lang im TraumTempel der ganz zu diesem
schönen Truge passe die Fürstin mit dem Widerschein ihrer geliebten Schwester
erfreuen könne
Entweder machte den Minister die Liebe gegen die Fürstin kühner oder der
Wunsch trunkner Liane als Hofdame glänzend einzuführen genug er fand in der
Idee Verstand Wenn etwas für den Separatfrieden den er mit dem Sohne gemacht
den Tabak in die Friedenspfeife hergab so war es dieses Rollenblatt Er eilte
sogleich zum Fürsten und zur Prinzessin mit der Bitte um seine Erlaubnis und um
ihre Teilnahme darauf als er beides hatte zu seinem Orest Bouverot und
sagte »Il mest venu une idée très singulière qui peutêtre lest trop
cependant le prince la approuvée etc« und endlich zu Lianen um doch auch
diese nicht zu vergessen
Der Hauptmann hatte schon früher sie zu bereden gesucht Die Mutter war
gegen diese Nachspielerei aus Selbstbewusstsein und Liane aus Demut eine solche
Repräsentation kam dieser als eine zu große Anmassung vor Aber zuletzt gab sie
nach bloß weil die schwesterliche Liebe der Fürstin ihr so groß und
unerreichbar geschienen gleich als pflegte sie nicht eine ähnliche in ihrem
Herzen so fand sie immer nur das Spiegelbild nie sich schön wie der Astronom
denselben Abend mit seinem roten Glanze und Nachtschatten zauberischer und
erhabener findet wenn er ihn im Monde antrifft als wenn er auf der Erde mitten
darin steht Vielleicht lag noch eine ganz dunkle Süßigkeit nämlich eine
schwiegertöchterliche in Lianens Liebe für die Fürstenbraut weil diese einmal
des Ritter Gaspards seine hatte werden sollen Die Weiber achten Verwandtschaft
mehr als wir daher auch ihr Ahnenstolz immer einige Ahnen älter wird als
unserer
So bereitete sie denn das gepresste Herz zu den leichten Spielen des
glänzenden Festes vor das die künftigen Zykel gleichsam am Neujahrsfest einer
neuen Jobelperiode geben
Siebzehnte Jobelperiode
Fürstliche VermählungsTerrition
Lilars Illumination
77 Zykel
Welche allgemeine Landfreude konnte jetzt von einem Grenzwappen zum andern acht
Tage lang jauchzen Denn so lange war die Landtrauer suspendiert die Glocken
läuteten zu etwas Besserem als zum Grabe es war wieder Musik erlaubt allen
Spieluhren und Spielleuten alle Theater wären geöffnet worden wäre eines
dagewesen oder der Hof verschlossen der beständig spielte und man konnte
höheren Orts acht Tage ohne schwarzen Rand gehen und dekretieren Nachher nach
dem erfrischenden Zwischenakt wo man das Orchester Punsch und Kuchen genoss
sollte wieder aufgeräumter ans Weinen und Trauerspielen gegangen werden
Der Fürst ritt am Morgen der langweiligen EinholungsWagenfahrt über die
Grenze voraus mit Bouverot und Albano alle drei als die einzigen im Lande
unabhängigen bei dem Feste nicht interessierten Leute Der arme Luigi Ich hab
es schon im ersten Band des Titans sehr deutlich gesagt dass der fürstliche
Bräutigam der heute die Decke beschlägt bloß ein LandesVater sein kann
keiner für das Haus unter seinem FürstenHimmel ist wie auf der ersten
SchachfelderGasse alles zu machen und zu regenerieren Offiziere selber die
Schachkönigin aber der Schach nicht Es wäre zu wünschen da der Umstand das
Fest ins Lächerliche schattiert der Bräutigam könnte manchen ihn auslachenden
alten Familien die es so oft selber im heraldischen und medizinischen Sinne
zugleich sind zur Beschämung nur einige Dutzend von den Prinzen um den
Traualtar gestellt zeigen die er in Kalabrien Wallis Asturien in der
Dauphine ganz Europa war ihm eine sitzen lassen kurz in so vielen aktiven
Erbländern dh in den Erbinnen nicht Erbschaften fremder Prinzen könnt er
das so würd er vergnügter in die heutigen Glückwünsche dreinschauen weil
schon einige Dutzende Erfüllungen darneben ständen und zuhorchten Aber wie das
Bette des Marquis von Exeter in London das 3000 Pfund kostet die Marquisin in
einen Thron verwandeln kann so muss das die Fürstin auch tun ohne es wie diese
rückwärts verwandeln zu können
Ich will ihn daher auf dem heutigen Tanzplatz der Freude gar nicht als
Bräutigam sondern immer so wie man Krone sagt ohne gekröntes Haupt bloß als
Bräutigamsrock aufstellen und vorführen um ihn nicht lächerlich zu machen
Albano ritt mit einer Brust voll Zorn Verachtung und Bedauern neben diesem
Opfertiere der schwarzen Staatskunst her und begriff bloß nicht wie Luigi nicht
den deutschen Herrn diese gemietete Axt und diesen Wurzelheber seines
Stammbäumleins mit einem Fersenstosse weit von sich wegschlage Guter Jüngling
ein Fürst macht sich leichter von Menschen los die er liebt als von solchen
die er recht lange hasset denn seine Furcht ist stärker als seine Liebe
Der grossherzige nie eng immer weitbrüstige Jüngling fand heute in seiner
feierlichen schmerzlichen Stimmung alles Tragische Edle und Unendle größer
als es war Er zeigte zwar nur ein feuriges Auge und heiteres Angesicht weil er
zu jung und schamhaft war persönlichen Schmerz prunkend auszulegen aber unter
dem Auge das sich nach der hohen Wetterscheide richtete an der heute sein
dunkles Gewölke auseinandergehen oder zu ihm herunterkommen sollte brannte der
Tropfe Der heutige Abend in den er so oft hineingesehen als in eine Hölle und
ebensooft als in einen Himmel stand jetzt als ein verworrenes Mittelding von
beiden so nahe und doch hart an ihm Ein Gewimmel verwandter Gefühle
begleitete ihn zu der nach seiner Meinung unglücklichen Braut seines Vaters
und dieses Fürsten
Eine ViertelsMeile jenseits Hohenfliess fuhr schon ihr Gibbon voraus
bekannt bei allen Naturforschern nicht bei den Politikern durch die langen
Arme welche bekanntlich dieser MoluckenBesitzer und Affe trägt »Wo ist mein
Gibbon« fragte die Fürstin gewöhnlich gesetzt dass sie auch den englischen
Namensvetter den Geschichtsschreiber mit langen Nägeln und kurzen Sätzen gegen
die Christen in der Hand hatte denn sie verlangte ihren Langarm
Endlich kam sie dahergesprengt im Federbusch im Reitrock auf dem
schönsten Engländer eine große majestätische Gestalt die unbekümmert um ihr
obwohl mit Verwandten befrachtetes KourGefolge lieber der blauen Morgensonne
hinter einem aufsteigenden Pferd und Schwanenhals hatte entgegenschauen wollen
Sie gab dem Bräutigamsrock anständig Gruß und Kuss aber weder gerührt noch
verstellt noch verlegen sondern recht frei und frank und froh zu weit über die
Lächerlichkeit ihres genealogischen Missverhältnisses erhaben ja sogar über
jedes notdürftige oder gebotene In ihrem sonst schön gebauten mehr als schön
gezeichneten Gesichte war bloß ihre Nase es nicht sondern eckig geschnitten
und der regierenden Wochentäglichkeit mehr Knochen als Knorpel entgegensetzend
Bei den Weibern bedeuten ausgezeichnete regellose Nasen zB mit tiefem
WurzelEinschnitt oder mit konkaven oder konvexen Biegungen oder mit Facetten am
Knopfe usw weit mehr für das Talent als bei den Männern und wenige
ausgenommen die ich selber gesehen musste immer die Schönheit etwas dem Genie
aufopfern obwohl nicht so viel als nachher das fremde ihrer wie wir Männer
sämtlich wohl leider getan
Der Graf wurd ihr vom Fürsten vorgestellt aber sie hatt ihn ob sie
gleich von ihm gehört und seinen Vater so lange gesehen hatte nicht gekannt
sondern eher dem Bräutigamsrock ähnlich gefunden Dem Rocke konnte oder sollte
diese blühende Ähnlichkeit nicht anders als schmeicheln Die Ähnlichkeit
erklärt den schönen Anteil ganz den sie jetzt an beiden nehmen musste weil zu
einer Ähnlichkeit immer ein Paar Menschen gehören
Sie sprach mit dem Sohne ohne alle Verlegenheit über den von ihr und ihrem
Hofe mit einem Blumen Korbe beschenkten VliesRitter und rühmte dessen
Kenntnisse der Kunst »Die Kunst« sagte sie »macht am Ende alle Länder gleich
und angenehm Sobald sie nur da ist denkt man an weiter nichts In Dresden in
der innern Galerie glaubt ich recht eigentlich ich wäre im fröhlichen Italien
Ja wenn man dahin käme würde man sogar Italien vergessen über alles was man
da hat« Albano antwortete »Ich weiß ich werde mich auch einmal im Most der
Kunst berauschen und durch sie glühen aber für jetzt ist sie bloß ein schöner
blühender Weinberg für mich dessen Kräfte ich gewiss voraus weiß ohne sie noch
zu fühlen« Die Fürstin gewann so sehr seine Achtung dass er ihr als der
Fürst einige Schritte ferner am Fenster die heranschwellende Flut des Pestitzer
Gefolges besah die Frage tat wie ihrem Kunstsinn bei den deutschen Zeremonien
ihres Standes zumute werde »sagen Sie mir« sagte sie leicht »welcher Stand
unter uns nicht ebenso viele hat und wo nicht überall Priester und Advokaten
mitspielen Sehen Sie einmal die Hochzeiten der Reichsstädter an Die Deutschen
sind hier nicht besser und schlimmer als jede Nation alte und neue wilde und
polierte Denken Sie an Ludwig XIV Der Mensch ist einmal so aber ich acht ihn
freilich nicht darum«
Der Fürst erinnerte nun an die Stunde des Einzugs und die Fürstin rief zu
ihrem Anzuge für den Einzug mehr Putzjungfern und Putzkästchen zusammen als
Albano nach ihren Worten oder wir nach ihren Nasenknorpeln die geistige
Flügelknochen schienen hätten erwarten sollen Ihre eiligen Leute folgten ihr
mit mehr Furchtsamkeit als Verehrung des Standes oder Wertes und einige die
zuweilen aus dem Putzzimmer vorbeiliefen hatten niedergeschlagene Gesichter
Endlich erschien sie wieder aber viel schöner Es muss doch dem männlichsten
Weib mehr reizende Weiblichkeit als wir denken zugehören da dieses durch den
weiblichen Putz gewinnet wodurch der weiblichste Mann nur verlöre »Der Stand«
sagte sie zu Albano eine große Offenherzigkeit in Meinungen zeigend die
leicht mit einer ebenso großen Verschwiegenheit in Empfindungen besteht »drückt
und beschränkt eine große Seele oft weniger als das Geschlecht« Dass sie sich
eine große Seele nannte musste den Grafen frappieren weil er jetzt das erste
Beispiel ein anderer Mann kennt unzählige Beispiele vor sich sah dass
ausgezeichnete Weiber sich geradezu und weit mehr selber loben als
ausgezeichnete Männer
Man brach auf an einer GrenzBrücke zugleich wie der BuchdruckerHyphen
das Trennungs und Verbindungszeichen beider Fürstentümer hielt schon das halbe
Hohenfliess zu Wagen und Pferd weil es nicht weiter herankonnte bevor eine
umgelehnte KröpelFuhre mit DorfKomödianten wieder aufs vierte Rad gehoben war
und der mytologische Hausrat den sie in Händen hatten aufgepackt Als aber
die Fürstin mit Gewalt auf die Brücke fuhr verkehrten sich plötzlich die
Passagiere und Auflader in Musen Musengötter Liebesgötter und einen hübschen
Hymen und setzten im theatralischen Ornat und Apparat die umrungene Braut
unter poetisches Wasser den Krieg der andern Götter gegen den Jungfernräuber
Hymen vortragend Der Musensohn der die Sache versifiziert hatte agierte
selber mit als Musenvater Ich darf sagen dass diese eigne Erfindung des
Ministers recht gut aufgenommen wurde sowohl von Haarhaar als Hohenfliess
Froulay trat geschmückt und gepudert als streckte er sich auf dem
Paradebette zwischen Trauergueridons aus vor sie als Sprecher des Landes hin
das seinen frohen Teil an ihrer Vermählung mit dem Bräutigamsrocke zu bezeugen
wünschte Die Fürstin kürzte und schnitt alles Festlügen mit einer feinen
DamensSchere ab
Froulay hatt unter andern Wagen auch einen mit mehreren überallher
verschriebnen Trompetern und Paukern mitgebracht auf welchem scherzeshalber
Schoppe mit stand der darum nicht oft aus großen Aufzügen der Menschen
wegblieb wie er sagte weil die Menschen nie lächerlicher aussähen als wenn
sie etwas in Massa und Menge täten Um Salz in die Feier zu bringen stellt er
auf seinem Wagen die Hypothese auf das alles tue man bloß um die Braut aus der
besten Meinung wieder dahin zu treiben wo sie hergekommen teils um ihr die
Vexier und Bühnenehe zu ersparen teils um dem Lande den neuen Hofstaat Ihr
Ohr soll nur nahm er an als die auf die umstehenden Hügel aufgefahrnen
Kanonen sich mit seinem trompetenden Donnerwagen vereinigten und drei
Postmeister mit fünfzehn Postillonen dazu und dareinstiessen welche nicht
umsonst mit ihren besten Hörnern und Lungenflügeln aufgesessen waren ihr Ohr
soll sehr gehänselt und sie daran durch einen solchen Willkomm etwan
zurückgezogen werden daher man sogar leere Staatswagen mitschickt zum Rasseln
so wie im Ansbachischen der Landmann die Hirsche bloß durch fürchterliches
Schreien ohne Gewehr und Hund von seiner Saat vertrieb135 Wie Schiffe in
Nebeln durch Laternen und Trommeln so wollen Staaten sich durch Erleuchtung und
Schießen auseinanderhalten
»Sie fährt doch wie ich sehe weiter« sagt er unterwegs wo er zuweilen
selber den Doppellauter der Pauke in die Hände nahm mit Nutzen »und wir müssen
alle sonach nach aber vielleicht ist das Ohr schon tot und ihr ist nur noch am
Auge beizukommen« Sehr erfreueten ihn in dieser Hoffnung die scheckigen
Uniformen sämtlicher Beamten und die Federlappen der Hoflivreen »jetzt kommt
noch« weissagt er freudig »gar der goldflitterne Ehrenbogen mit Vasen und
Pfeifern durch den sie gerade durch muss und scheucht man denn nicht Spatzen
mit Goldblechen und Selzerkrügen aus Kirschenbäumen«
»O« dacht er als sie durch war »wenn jener gotische Wüterich sich
durch den entgegenkommenden Bittzug des Papstes von dem plündernden Einmarsch
ins heilige Rom rückwärts lenken lassen so schlägts gewiss durch dass ihr in der
Vorstadt die Waisenkinder mit ihrem Waisenvater bittend entgegentreten dann
die Schulmeister mit ihren Pagerien dann Gymnasium und Universität was doch
nur erst Gefechte mit Vorposten sind denn das Tor ist mit Infanterie
besetzt der ganze Markt mit der wehrhaften Bürgerschaft die Hauptkirche wird
von der Geistlichkeit das Rataus vom Magistrat bewacht alle bereit wenn sie
nicht umkehrt ihr in gewisser Entfernung als Scharwachen und Observationschöre
nachzuziehen und halten sich nicht am Schlosstore 7 Brautpaare als 7 Bitten und
Busspsalme auf und tragen ihr auf einem Lasterstein von Atlas ein fatales
PereatKarmen136 von mir selber verfasset ein Dekret vom 19 Juni entgegen des
Effekts ganz ungewiss«
»Recht« sagt er als der ganze Zug zu einer leichtern Übersicht für die in
den Schlossfenstern liegende Herrschaft zum zweiten Male den Schlosshof
durchreisete »die verdoppelte Dosis soll durchgreifen« Schoppens Hoffnungen
nahmen am wenigsten ab als gar oben weil Gala war man sich lange verborgen
und verschwiegen hielt und endlich der Fürst als Sieger aber müde von
Hofkavaliers herabgebracht wurde in die Kapelle um öffentlich für den Zurückzug
der feindlichen Macht zu danken ja als bald darauf auch die Braut nachdrang
aber von Kammerherren an den Armen zurückgehalten sogar an der Schleppe von
ihren Hofdamen zurückgezogen so konnte der Bibliotekar leicht ohne Sorgen
bleiben
Albanos bewegte wallende Seele spiegelte die verworrene HofWelt noch
wilder und unförmlicher zurück als sie war Er hörte es wie die fürstlichen
Vettern sogar der künftige Thron und Stuhlfolger dem Vetter Luigi Glück zur
Gesundheit Vermählung und nächsten Zukunft wünschten ob sie gleich durch ihren
Freund Bouverot ein lebendiges Sukzessionspulver ihm von diesen drei Dingen
hatten so viel nehmen lassen dass sie ihm eben ihre kaltblütige Verwandtin als
die Kronwache ihrer nahen Tronfolge zugeben konnten Er hörte dieselben
Hochzeitgesänge von allen HofPestitzern die wie ein Muskel ein besonderes
Bestreben äußerten sich kurz zu machen Er sah wie der Fürst obwohl mit dem
Gefühle bald in seiner Fett oder Wassersucht zu ersaufen alle Lügen leicht
und kalt und schadenfroh dahinnahm O müssen nicht die Fürsten dacht er
selber lügen weil sie ewig belogen selber schmeicheln lernen weil sie immer
geschmeichelt werden Er selber konnte sichs nicht abgewinnen nur den
kleinsten Scherf eines lügenden Glückwunsches in den allgemeinen LügenFiskus zu
werfen
Die Fürstin warf dem Grafen sooft es ging und fast öfter zwei Blicke oder
Worte zu denn dieser Blühende erinnerte unter den ThronKüstenbewohnern von
denen man leichter ein Echo als eine Antwort hört allein an seinen kräftigen
Vater Der Hauptmann brachte einigemal weil er gleich allen Schwärmern wie die
Schaben und Grillen die Wärme liebte und das Licht floh und weil ihn alle
Menschen von bloßem Verstande drückten den Tadel zu Albano dass die Fürstin
ihm mit ihrem kalten witzigen Verstande missfalle aber der Graf konnte aus
Achtung für die väterliche Geliebte und aus Hass gegen ihre Opferpriester und
Schächter ein Wesen nur bedauern das vielleicht jetzt hassen muss weil seine
größte Liebe unterging Wie viele edle Weiber die es sonst für höher hielten zu
bewundern als bewundert zu werden wurden kräftig kenntnisreich beinahe groß
aber unglücklich und kokett und kalt weil sie nur ein Paar Arme fanden aber
kein Herz dazu und weil ihre heiße hingegebne Seele kein Ebenbild antraf womit
eine Frau gerade ein unähnliches meint nämlich ein höheres Bild Der Baum mit
den erfrornen Blüten steht dann im Herbste hoch breit grün und frisch und
dunkel vom Laube da aber mit leeren Zweigen ohne Früchte
Endlich kam man aus den schwülen Speisesälen in den frischen LilarsAbend
ins Freie und zur Freiheit Halb zürnend halb liebestrunken ging Albano einer
verhangnen Stunde entgegen in welcher so manches Rätsel und sein teuerstes sich
lösen sollte Was sieht der Mensch vor sich wenn er endlich mit dem Faden in
der Hand aus der Irrhöhle heraustritt Nichts als die offenen Eingänge in andere
Labyrinthe und bloß die Wahl darunter ist sein Wunsch
78 Zykel
Am schönsten Abende als der Himmel bis auf den Boden aller Sterne durchsichtig
war ließ der Fürst die müde Versammlung nach Lilar fahren um besser mit seinen
beiden Unsichtbarkeiten mit der Illumination und mit Lianens Rolle zu trügen
Wie schlug dem redlichen Albano das weiche Herz banger und sanfter als er unter
dem Herabrollen von der Waldbrücke ins wartende Volksgetümmel sich dachte Sie
ist auch diesen Weg in das Lilar gegangen das ihr sonst so lieb gewesen Sein
ganzes Ideenreich wurde ein Abendregen dessen eine Hälfte vor der Sonn glänzend
zittert und dessen andere grau verschwindet Ach vor Lianen hatt es ohne
Sonnenschein geregnet als sie heute verborgen bloß in den Tempel des Treums
herüberfuhr um nur ein geliebtes Wesen zu spielen aber keines zu sein
Noch brannte keine Lampe Albano blickte in jede grüne Vertiefung nach
seinem Engel des Lichts Sogar der Fürst selber der die plötzliche
PeterskuppelEntzündung noch mit seinen Winken zurückhielt sah dem an Höfen so
seltenen Vergnügen entgegen zweifach zu überraschen Die Fürstin hatte dem
Minister die Verlegenheit der Lüge oder Antwort erspart denn sie hatte gar
nicht nach der künftigen Hofdame Liane gefragt gleich dieser ganzen starken
Weiberklasse gegen ihr Geschlecht gleichgültig aber desto fester an einer
Auserwählten hangend Albano erblickte im treibenden verdunkelten Getümmel
seine Pflegeeltern und Rabette aber in diesem Taumel des Bodens und der Seele
konnt er wie andere seine Augen nur auf den selber verhangnen Vorhang richten
hinter dem er mehr als alle andere zu finden und zu verlieren hatte Doch in
Jugendjahren hängt kein schwarzer nur ein bunter herab und an allen ihren
Schmerzen sind noch Hoffnungen
Das Volk wartete auf den Glanz und auf die Musik Der Fürst führte endlich
seine Braut dem Tempel des Traumes entgegen Karl heute blind gegen nicht für
seine Rabette nahm den brennenden Grafen mit Am äußern Tempel ließ sich nichts
erraten was seinem magischen Namen entsprach bloß die Fenster gingen vom Dache
dieses Pavillons bis auf den Boden nieder und waren statt von Rahmen und
Fenstersteinen in Zweige und Blätter gefasst Aber als die Fürstin durch eine
GlasTüre eingetreten war schien ihr der Pavillon verschwunden man stand
schien es auf einem einsamen von einigen Baumstämmen bewachten freien Platz
welchen alle Perspektiven des Gartens durchkreuzten Wunderbar wie von
spielenden Träumen waren Lilars Gegenden untereinandergeworfen und die
entgegengesetzten zusammengerückt neben dem Berg mit dem Donnerhäuschen stand
der mit dem Altare und hart neben dem Zauberwald bäumte sich der hohe schwarze
Tartarus auf Ferne und Nähe verschlangen sich ineinander ein frischer
Regenbogen von Gartenfarben und ein entfärbter Nebenregenbogen liefen
nebeneinander fort wie im Erwachen der Schatten des Traumbilds noch sichtbar
vor der blitzenden Gegenwart entläuft Indes die Fürstin noch in das
träumerische Blendwerk versank137 so trat wie aus der Luft Liane durch eine
gläserne SeitenTüre in Idoinens Lieblingsanzug im weißen Kleide mit
Silberblumen und in ungeschmücktem Haar mit einem Schleier der nur angesteckt
an der linken Seite lang niederfloss wankend hervor und lispelte als die
Fürstin getäuscht »Idoine« ausrief zitternd und kaum hörbar »Je ne suis quun
songe«138 Sie sollte mehr sagen und eine Blume reichen aber als die bewegte
Fürstin fortrief »Soeur cherie« und sie heftig in die Arme schloss so vergaß
sie alles und weinte nur ihr Herz an einem andern Herzen aus weil ihr das
fremde vergebliche Schmachten nach einer Schwester so rührend war Albano
stand nahe an der erhebenden Szene der Verband von allen Wunden wurd ihm
abgerissen und ihr Blut floss warm aus allen nieder O nie war sie oder
irgendeine Gestalt so äterischschön so himmlischblühend und so demütig
gewesen
Als sie die Augen aus der Umarmung aufhob fielen sie auf Albanos bleiches
Gesicht Es war bleich nicht vor Krankheit sondern vor Bewegung Sie fuhr
zuckend zurück umarmte die Fürstin wieder der bleiche Mensch hatte ihr
bewegtes Herz in eine Träne nach der andern zerrissen aber beide grüßten sich
nicht und so fing ihr Abend an
Während der Täuschung und Umarmung waren auf einen Wink des Fürsten alle
Zweige und Tore des Gartens in einen glänzenden Brand gesteckt alle
Wasserwerke des Zauberwaldes flatterten mit goldnen Flügeln aufgeschreckt hoch
empor im umgekehrten Regen spielte eine weiße grüne goldne und finstere
Welt und die Wasser und die Flammenstrahlen flogen wie Silber und Goldfasanen
mutwillig gegeneinander an Und der Glanz des brennenden Edens umfing den
Tempel des Traums und der Widerschein legte sich in sein inneres grünes
Laubwerk vergoldend
Liane trat an der Hand der ehrenden Fürstin mit niedergeschlagnen
verschämten Augen in die helle rege Sonnenstadt heraus ins Getümmel der Musik
und der frohen Zuschauer Auf Albano schoss die stürmische Gegenwart wie ein
Strom die entgegengesetzten verworrenen Rollen vor entgegengesetzten Menschen
der Freudenglanz des Abends und die nächtliche Verwirrung in seiner Brust
machten seinen festen Gang durch diesen Abend schwer
Die Fürstin zog ihn bald in ihren Wirbeln weiter Lianen ließ sie nicht von
sich Der Minister färbte und steifte mit alten Galanterien den erotischen
Sklaven auf aber jedem schien er da die Fürstin den Kredit nach dem Tode des
Fürsten bestimmt nur die Sitte der Minister nachzumachen deren Geist gern vom
Vater und Dauphin filioque zugleich ausgeht um sich nicht zwischen sondern
auf zwei FürstenStühle zu setzen Sie schien indes seit seiner Maschinerie mit
Lianen ihn stolzer aufzunehmen Hinlänglich beglückte ihn das Glück der Tochter
wie seinen Schwiegersohn Bouverot die Nähe derselben genug und das
SchelmenPaar lag tief und ganz in Blumen weidend Albano erriet weiter nichts
als dass sogar ein kalter Drache ein Seelenurangutang die Reize dieses Engels
dunkel spüre
Die Ministerin und der Lektor teilten sich leicht wechselnd in die Bewachung
Lianens vor jedem Worte Albanos Die Fürstin ließ sich durch die funkelnden
Lustgänge durch den in nassen Blitzen stehenden Zauberwald und zuletzt an das
Donnerhäuschen führen um den brennenden Garten aus allen Punkten in ihr
malerisches Auge zu nehmen Liane und Albano begleiteten sie durch alle Gänge
ihres welken kahlen Arkadiens und hielten ihre zertrümmerten Herzen stumm und
fest zusammen Sie gab treu ihrem Wort gegen die Eltern ihm keinen wärmern
Blick und Anklang wie jedem aber auch keinen kältern denn ihre Seele wollte ja
nicht quälen sondern nur leiden und gehorchen Er machte glaubt er alle
Blicke und Laute sanft auch rächte sich der edle Mensch durch keinen Schein der
Kälte oder gar einer untreuen Befreundung mit der fürstlichen Kron und
Herzenswerberin
Die Fürstin fing an ihm unverständlich zu werden Man kam vom Romantischen
auf Roman dann auf die Frage warum er die Ehe nicht male »weil er« versetzte
sie »ohne den Amor nicht sein kann« »Und die Ehe« fragte unhöflich Albano
»Nicht ohne einen Freund« sagte sie »aber Amor ist ein Gott nec deus
intersit nisi dignus vindice nodus inciderit139 « setzte sie dazu weil sie
Latein der Dichter wegen gelernt hatte
Bouverot sagte den Vers gar aus um den Sinn doppelsinnig zu machen
» nec quarta loqui persona laboret«140
Niemand verstand das letztere als der Lektor und die Fürstin
»Warum sind an jenem Hause« fragte sie »keine Lampen wer wohnt da« Sie
meinte Speners Haus Liane beantwortete nur das letztere und schloss das warme
Bild mit den Worten »Er lebt für die Unsterblichkeit« »Was schreibt er«
fragte die missverstehende Fürstin und Liane musste eine christliche Erklärung
geben worüber die Ungläubige lächelte Es erhob sich sogar für und gegen den
ewigen Schlaf ein Streit der nicht viel weniger Zeit wegnahm als sie
brauchten um das Donnerhäuschen zu umkreisen Die Fürstin fing an »Wir würden
gegen unsern täglichen Schlaf ebensoviel wenn er nicht da wäre einzuwenden
wissen wie gegen den ewigen« »Noch mehr aber gegen das Erwachen daraus«
griff Albano ein und kürzte die Religionsunruhen ab
Die Fürstin kam auf den ihr durch die lange Trauer über ihren verstorbnen
Schwiegervater auffallenden Spener wieder nachfragend zurück und Liane des
mütterlichen Beifalls gewiss ergoss sich in einen Strom der Rede und Rührung
ihren Augen war einer verboten der ein erhabenes Bild ihres Lehrers
vorübertrug Wie erschütterte die Erhabenheit dieser so weichen zarten Seele
ihren Freund So richten sich im blassen kleinen Mond und Abendsterne höhere
Gebirge als auf der größeren Erde auf »Sie war auch einmal für dich
begeistert aber nun nicht mehr« sagte Albano zu sich und blieb hinter allen
zurück weil seine Seele schon längst voll Schmerzen war und weil ihm jetzt die
Fürstin zu missfallen anfing
Er stellte sich allein und sah dem rauschenden leuchtenden Waffentanze der
Freude zu Die Kinder liefen beglänzt durch den Lärm und im hellgrünen Laub Die
Töne schwebten zu einem Kranze ineinandergeschlungen hoch in ihrem Äther über
den lauten Menschen fest und sangen ihnen ihre Himmelslieder herab Nur in mir
sagt er sich wälzen die Töne und die Lichter den Schmerz hin und her in
niemand weiter in Ihr gar nicht sie hat für alle das alte erfreuende
Liebesherz mitgebracht für mich nicht sie hat bisher nicht gelitten sie blüht
genesen Er bedachte aber nicht dass ja auch seine Kämpfe keinen Tropfen Wasser
in das dunkle Rot seiner Jugend gegossen in Lianen konnten Wunden aus solchen
Kämpfen nur wie jene der gerjetzten Aphrodite die weißen Rosen zu roten färben
Aber er nahm sich vor ein Mann zu bleiben vor so vielen Augen und die
Entscheidung und Lianens Einsamkeit abzuwarten Er wechselte daher mit seinen
PflegeVerwandten aus Blumenbühl mehrere verständige Worte er sagte zu
Rabetten »Nicht wahr es gefällt dir« er schreckte ohne Willen den um einige
neue Gesichter aus Haarhaar schwebenden Hauptmann mit der nichtsmeinenden Frage
auf »Warum lässest du meine Schwester so allein«
Aber sooft er hinübersah zu Lianen die heute in ihrem langen Schleier als
die einzige ohne schwere dicke GalaHülse gleichsam als eine junge atmende
weiche Gestalt unter steinernen angestrichnen Statuen ging so
verschämtbeschämend wie eine Zitternadel glänzend und bebend so oft wälzten
sich Flammenklumpen in ihm los Die Leidenschaft wirft uns wie die Epilepsie
oft ihre Elenden gerade an gefährliche Stellen des Lebens an Ufer und Klüfte
hin Er lehnte den Kopf an einen Baum ein wenig gebückt da kam Karl aus seinen
FreudenWalzern daher und fragte ihn erschrocken was ihn so erzürne denn das
Niederbücken hatte auf sein straffes markiges Gesicht düstere wilde Schatten
geworfen »nichts« sagt er und das Gesicht leuchtete mild da ers emporhob
Jetzt kam auch die unbedachtsame Rabette und wollte ihn in die Freude ziehen und
sagte »Dir fehlt was« »Du« versetzt er und sah sie sehr zornig an
»Geh in den finsteren Eichenhain an Gaspards Felsen« rief sein Herz »dein
Vater beugte sich nie sei sein Sohn« Er schritt durch die GlanzWelt darauf
hin aber als er innen in der Finsternis mit dem Kopfe am Felsen lehnte und die
Töne neckend hereinspielten und er sich dachte wie er eine so edle Seele
geliebt hätte o wie sehr so war es als sag etwas in ihm »Jetzt hast du
deinen ersten Schmerz auf der Welt«
Wie bei dem Erdbeben Türen springen und Glocken schlagen so riss bei dem
Gedanken »erster Schmerz« seine Seele auseinander und harte Tränen schlugen
nieder Aber er wunderte sich dass er sich weinen hörte und trocknete erzürnt
das Gesicht am kalten Moose ab
Schwächer nicht härter trat er in das zauberische mit glimmenden
Edelsteinen beworfene Land heraus und unter die trunkener entgegenhüpfenden
Töne die die Seele wegreissen und aufheben und auf Höhen stellen wollten damit
sie in weite Frühlinge des Lebens hinunterschauete Hier auf diesem sonst
seligen Boden sah er die zerrissene zertretene Perlenschnur seiner künftigen
Tage liegen »O wie wir an diesem Abende hätten selig sein können« dacht er
und sah ins helle Laubhüttenfest in das vergoldete aber lebendige Laubwerk
in den grünen umherirrenden Widerschein vom Nachtwinde gewiegt und in das
Lauffeuer brennender Gebüsche in den fließenden Wassern auf den bogigen
Triumphtoren standen Lichter wie herabgezogne Himmelswagen und hinter ihm die
schwarze Klostermauer des Tartarus der erhaben in seinen Gipfeln nur einzelne
Lichtchen zeigte und drüben die stillen schlafenden Berge in der Nacht und
hier das laute Leben der Menschen mit den Nachtschmetterlingen um die Lampen
spielend
So erschafft sich in uns das Feuer selber den Sturmwind der es noch höher
jagt Neben ihm liefen die Töne und sagten ihm jeden Gedanken den er töten
wollte Wie der Mensch sich selber sieht so hört er sich selber oft vor dem
Tone
Jetzt ging Liane in einiger Ferne von der Menge mit Augusti »Ich will mit
ihr reden so ists aus« sagt er zu sich Als er neben ihr kämpfend und ringend
ging merkt er wohl dass sie wieder unter fremde Zuhörer zurückwollte »Liane
was hab ich dir denn getan« sagte er mit dem Seelentone eines zärtlichen
Herzens bitter des Lektors Gegenwart und Kräfte verachtend »Verlangen Sie nur
heute keine Antwort lieber Graf« sagte sie zurückkehrend und nahm eilig
Augustis Arm aber er merkte nicht dass sie es tat um nicht zu sinken Hier
warf er auf diesen einen Flammenblick hoffend beleidigt und dann gerächt zu
werden verließ sie hastig und stumm den süßesten LiebesWein hatte ein heißer
Strahl zu Essig geschärft und er verlief sich ohn es zu wissen in den
TraumTempel
Er ging darin auf und ab murmelte »Je ne suis quun songe« wurde aber
bald vom Hasse der mitlaufenden SpiegelIchs hinausgetrieben in den Tartarus und
von dem nachfliegenden ewigen Frühling der Töne der ihm jetzt neben dem
umgeackerten Blumenbeete des Lebens so unerträglich war
Im Tartarus fand er alle Anstalten des Schreckens sehr kleinlich und
lächerlich Da kamen ihm unweit des Katakombenganges Roquairol und Rabette
entgegen Roquairols flammendes Gesicht erlosch und Rabetten ihres kehrte sich
rückwärts da Albano heftig gegen sie hinschritt und durch die Erinnerung
gleichzeitiger Himmel mehr erbittert und durch das Anwehen in seine glühenden
Ruinen aufflammend den Hauptmann anpackte »Bist du ein Freund Bist du kein
Teufel Du hast mich auf diesen Abend verwiesen nie nie red ein Wort mehr
von ihm« Beide zitterten bestürzt und entfärbt Albano schrieb das Erbleichen
und Abwenden ohne weiter nachzudenken ihrem Anteile an seiner Marter zu
Welche verwirrende feindselige Nacht
Er schweifte immer weiter ihn peinigte das nachleckende Freudenfeuer der
Töne unsäglich lügende entgegenflatternde Tropikvögel der schöneren wärmern
Zone waren sie ihm »Ich will ja bloß in mein Bette sobald es nur still wird
drinnen« Er war eine halbe Meile weit als das Lilarsche Tönen ihm noch immer
nachzog er drückte grimmig die Ohren zu aber Lilar spielte darin noch fort
da merkte er dass er nur sich höre Aber immer war ihm als müsste sich das
lustige Geklingle wie im Don Juan auflösen in das Zetergetöne von Geistern
Fürchterlich spitz lief ihm die Allee der künftigen Tage zu da er nun aus
ihnen den Mond seines Himmels der schon über sein kindisches Herz und über die
Blumenbühler Pfade geleuchtet herausriss Der blühende hüpfende Genius seiner
Vergangenheit schlich ungesehen den Freudenkranz bloß in der Hand hinter ihm
weg indes er mit dem vor ihm gehenden schwarzen Engel der Zukunft kämpfte der
ihn nachschleppte durch brausende Waldungen durch schläfrige Dörfer durch
nasse triefende Täler Endlich sah Albano gen Himmel unter die ewigen
unzähligen Sterne zu dem hängenden BlütenGarten Gottes »Ich schäme mich vor
euch nicht« sagt er »weil ich auf dieser Kugel weine und gepresset bin vor
eurer Unermesslichkeit droben steht ihr alle weit auseinander und auf allen
großen Welten hat jeder arme Geist doch nur eine kleine Stelle unter seinen
Füßen wo er glücklich oder elend wird Ist nur diese Nacht vorbei und ich ins
Bette morgen bin ich gewiss ein Mann und fest«
Plötzlich hört er mehrmals einen fast erbitterten Klageschrei Endlich
erblickt er neben einem Fluße ausgestreckte weiße Ärmel oder Arme er ging an
die weibliche Gestalt »Ich bin leider Gottes blind« sagte sie »ich war auch
mit bei der Illumination und bin irre gelaufen ich kenne sonst Weg und Steg
drüben liegt unser Dorf ich höre den Hirtenhund aber ich kann den Steg übers
Wasser nicht finden« Es war die erwachsene Blinde von der Sennenhütte »Gehts
noch lustig da zu« fragt er unter dem Führen »Alles aus« sagte sie Am
Rosanastege ließ sie sich aus Eitelkeit nicht weiter zurechtweisen
Er kehrte durch die schönen schon vom Morgen tauenden Gebüsche auf eine
Höhe vor Lilar alles war still drunten wenige zerstreuete Lampen flackerten
im Flötental und noch am Tartarus das Paar wie TodesTigeraugen er ging in
das leere Land hinunter über das stumme platte Grab hinweg seinen finsteren
sinkendsteigenden Höhlengang hinauf und in sein Bette hinein »Morgen« sagt
er kräftig und meinte seine Standhaftigkeit
Achtzehnte Jobelperiode
Gaspards Brief die Blumenbühler Kirche
die Sonnen und Seelenfinsternis
79 Zykel
Wenn in der vorigen Nacht ein feindseliger fremder Geist die Menschen hinter
Augenbinden hart widereinander und auseinander jagte so wird er am Morgen
darauf wenn er auf einer kalten Wolke sein Schlachtfeld mit funkelnden Augen
überblickte fast gelächelt haben über alle die Freuden und Ernten die rings um
ihn darniederliegen
In Blumenbühl drückt Rabette in einsamen Ecken gewaltsam ihre Hände mit
zitternden Armen ineinander und haucht die Kalkwand an um die TränenRöte
wegzuwaschen Aus Lilar kommt düster Albano blickt die Erde statt der Menschen
an und auf der Sternwarte begierig den Himmel und sucht keinen Freund
Roquairol treibt Pferde und Reiter zusammen und macht sich außer Lands einen
lustigen trunknen Abend Augusti schüttelt den Kopf über Briefe aus Spanien
und sinnt verdrießlich aber tief nach Liane lehnt in einem Schlafsessel
zerknickt mit dem gegen die Schulter fallenden Angesicht worauf nichts
mehrblüht als die Unschuld der Vater schreitet rotbraun auf und ab sie
antwortet nur schwach indem sie die gefalteten Hände von Zeit zu Zeit ein wenig
hebt Vor dem Nachtgeist auf der Wolke geht die MenschenZeit schnell als ein
dahinfliegendes Flügelpaar ohne Schnabel und Schweif der Geist hat die ferne
Woche neben sich wo Albano nachts auf der Sternwarte sieht dass in der
Blumenbühler Kirche ein Altarlicht brennt dass Liane darin mit aufgehobnen
Händen kniet und dass ein alter Mann die seinigen auf ihre heitere glänzende
Stirn auflegt die sich mit tränenlosen Augen gen Himmel richtet
Der Geist sieht tiefer in die Monate hinab vor Lust kreiset er sich um sich
und grinset über alle umliegenden Wohn und Lustörter der Menschen oft lacht er
um alle seine offenen Höllenzähne herum nur zuweilen knirscht er sie bedeckt
unter dem Lippenfleisch
Seht weg denn auch das sieht und will es und tretet herab von dem
winterlichen Gespenst unter die warmen Menschen und auf die feste Wirklichkeit
wo die fliegende Zeit wie die fliegende Erde auf ruhenden Wurzeln zu liegen und
wo nur die Ewigkeit wie die Sonne zu kommen scheint
Albanos Wunde die seinen ganzen innern Menschen durchschnitt könnt ihr am
besten am Verbande messen den er um sie zu bringen suchte Aus dem Troste und
SelbstTruge wird unser Schmerz erraten Am Morgen ließ er die Schmerzen
durcheinanderreden und lag still vor ihrem Leichengeschrei als die Leiche dann
stand er auf und sagte so zu sich »Nur eines von beiden ist möglich entweder
sie ist mir noch getreu und nur die Eltern zwingen sie jetzt dann muss man
diese wieder bezwingen und da ist gar nichts zu jammern oder sie ist mir aus
irgendeiner Schwäche etwan gegen die wütigen und geliebten Eltern nicht mehr
treu oder aus Kälte gegen mich oder aus Religiosität Irrtum und so weiter
dann seh ich« fuhr er fort und suchte die beiden Füße tiefer und fester in den
Boden einzutreten ohne doch einen Widerhalt zu haben »weiter nichts zu tun als
nichts nicht ein plärrender Säugling ein ächzender Siechling sondern ein
eiserner Mann zu sein nicht blutig zu weinen über ein vergangnes Herz über
die tiefe Todesasche auf allen Feldern und Pflanzungen meiner Jugend und über
meinen ungeheueren Schmerz« So betört er sich und hielt das Bedürfnis des
Trostes für die Gegenwart desselben
Jeden Abend besuchte er die Sternwarte außer der Stadt auf der Blumenbühler
Höhe Er fand den alten einsamen mageren ewig rechnenden weib und
kinderlosen Sternwärtel immer freundlich und unbefangen wie ein Kind nichts
fragend nach Kriegszeitungen Modejournalen und Poesien und nirgends für sein
Vergnügen Geld ausgebend außer auf der Post an Bode und Zach Aber funkelnd
blickte das alte Auge unter den sparsamen Augenbraunen in den Himmel und
poetisch erhob sich ihm Herz und Zunge wenn er von der höchsten irdischen
Stelle dem lichten Himmel über der schwarzen tiefen Erde sprach von dem
unübersehlichen WeltMeer ohne Ufer worein der Geist, der vergeblich
überfliegen will ermüdet sinke und dessen Ebbe und Flut nur der Unendliche sehe
unten an seinem Throne und von der Hoffnung auf den Sternenhimmel nach dem
Tode den dann keine Erdscheibe wie jetzt durchschneide sondern der sich um
sich selber ohne Anfang und Ende wölbe
Wenn Sokrates den stolzen Alcibiades durch die Erdkarte verkleinerte so
muss wenn die Himmelskarte diese selber vernichtet unser Stolz und Schmerz auf
ihr noch mehr erröten Albano schämte sich an sich zu denken wenn er aufsah in
die ungeheuere aufsteigende Nacht über ihm worin Tage und Morgenröten stehen
und ziehen Er erhob sich und seinen Lehrer wenn er davon sprach wie jetzt
droben in der Unermesslichkeit Frühlinge und Paradiese junger Welten und
donnernde Sonnen und zusammenbrennende Erden durcheinanderfliegen und wir
stehen hier unten als Taube unter dem erhabenen Orkan und der brausende
Gewitterguss zeigt sich uns in dieser Ferne nur als ein stiller stehender weißer
Regenbogen auf der Nacht
Sooft Albanos großes Auge vom Himmel kam fand es die Erde heller und
leichter Endlich aber kam die Nacht die der feindselige Geist schon so lange
erlebt Es war schon sehr spät und der Himmel ganz heiter die Nebelflecken
drangen sich als höhere Marktflecken näher heran der Himmel schien mehr weiß
als blau Albano dachte an die verborgne Geliebte die neben ihm den Himmel und
ihn noch mehr heiligen würde durch ihr Herz voll unaufhörlicher Gebete als er
plötzlich durch das niedersinkende Sternrohr in der Blumenbühler Kirche Licht
erblickte die Fürstengruft offen Lianen am Altare kniend mit aufgehobnen
Händen und einen alten Mann neben ihr sie gleichsam einsegnend
Fürchterlich standen die Kerzenflammen und Lianens Gesicht und Arme nach der
Tiefe umgestürzt weil das Sternrohr alles umgekehrt erscheinen ließ
Albano bat schaudernd den Astronomen dahin zu schauen Auch dieser sah die
Erscheinungen, ihm aber namenlose »Es sind wohl Leute in der Kirche« sagt er
gleichgültig Aber Albano stürzte hinab kaum konnt ihm der verwunderte
Astronom die Einladung auf die morgendliche totale Sonnenfinsternis nachrufen
und rannte auf Blumenbühl zu Wie sich sein Herz unter dem Rennen und am meisten
in Vertiefungen worin er die erleuchtete Kirche verlor abarbeitete das bleibt
verhüllt weil es sich ihm selber verhüllte unter seinem Sturm Endlich sah er
die weiße Kirche vor sich aber die Kirchenfenster waren ohne alles Licht Er
klopfte hart an die eiserne KirchTüre und rief »Aufgemacht« Er hörte nur den
Nachhall in der leeren Kirche und nichts weiter
So ging er mit der stürmenden Vergangenheit in seiner Brust durch die
schlafende Nacht zurück die Erde war ihm eine Geisterinsel die Geisterinseln
waren ihm Erden sein Wesen seine Stadt Gottes brannte ab fühlt er
Sie lag am Morgen noch in völliger Glut als der Lektor zu ihm kam und ihm
die unbegreifliche Bitte von Lianen brachte dass sie ihn gegen die Mittagszeit
allein in Lilar zu sprechen wünsche Er wurde diesesmal nicht gegen den
verdächtigen Boten erzürnt und sagte voll Verwunderung Ja Mit welchen kühnen
abenteuerlichen Formen steigt unser LebensGewölke den Himmel hinan eh es
verschwindet
80 Zykel
Lasst uns zu Lianen gehen wo die Rätsel wohnen Am Morgen nach der
erleuchteten Nacht fühlte sie erst die grausame Anspannung nach womit sie ihren
Eltern das Versprechen des Schweigens gehalten mit aufgelöseten Kräften sank
sie darnieder aber auch mit feuriger erneueter Treue »Womit« sagte sie sich
immerfort »hatt es denn dieser edle Mensch verdient dass ich ihm seinen ganzen
Abend voll Schmerzen machte Wie oft sah er mich bittend und richtend an O
hätt ich dein schönes Haupt halten dürfen da du es schwer an die raue
FichtenRinde lehntest« Was sie in der schweren Mitternacht am wehmütigsten
gemacht war sein stummes Verschwinden gewesen wie oft hatte sie nach seinem
außen mit Lampen erleuchteten Donnerhäuschen hinaufgesehen wo innen nur
Finsternis am Fenster lag Jetzt fühlte sie wie nah er ihrer Seele wohne und
sie weinte den ganzen Morgen über die Nacht und der Strahl der Liebe stach sie
immer heißer so wie Brennspiegel die Sonne stärker vor uns legen wenn sie
gerade nach Regen niederblickt Die Mutter wurd ihr heute für das opfernde
wortaltende Gestern durch zurückkommende vertrauende Liebe dankbar obwohl
der Vater mit nichts da man bei ihm so wenig wie bei den älteren Luteranern
durch gute Werke selig wurde sondern nur durch den Mangel derselben verdammt
aber eben jetzt wo die Eltern aus der Nacht die neuesten Hoffnungen der
Entsagung geschöpfet hatten konnte die Tochter keiner einzigen schmeicheln
Wie oft dachte sie an Gaspards Brief Ist er ein abgedrückter Pfeil der
mit der Wunde an der GiftSpitze auf dem langsamen Weg von Spanien nach
Deutschland ist oder das freundliche Licht eines nie gesehenen Fixsternes das
erst auf der weiten Bahn zu uns heruntergeht
Augusti hatte aber den Brief schon vor der Illuminationsnacht erhalten
allein nur Ursachen gefunden ihn nicht zu übergeben Hier ist er
»Ich muss Ihre Ängstlichkeit sehr schätzen ohne sie anzunehmen Albanos
Liebe für das F v Fr an dem ich schon sonst sozusagen eine gewisse
Virtuosität in der Tugend recht gern bemerkte stellt uns und ihn gegen den
Einfluss der GeisterMaschinerie und gegen anderweitige Verbindungen sicher die
für seine Studien und sein warmes Blut wohl bedenklicher wären Nur muss man
dergleichen JugendSpiele ihrem eignen Gange überlassen Hält er an ihr zu fest
so mag er zusehen wie sich die Sache entwickelt Warum sollen wir ihm diese
Freude noch verkürzen da Sie mir ohnehin leider die Kränklichkeit des schönen
Wesens klagen Im Späterbste seh ich ihn Seine kräftige brave Natur wird
wohl zu entraten wissen Versichern Sie das Froulaysche Haus meiner besten
Gesinnungen
G d C«
Der Lektor hätte gern dieses Papier in die Papiermühle geworfen da so wenig
daran »ostensible« war Zwar Gaspards mörderisch geschliffne Ironie über Lianens
Kränklichkeit blieb wenn er ihr das Schreiben zeigte für diese arglose
Friedensfürstin in der Scheide auch der Nordwind des Egoismus der das Blatt
durchstrich wurde von der Liebenden da er doch für Albanos frohe Lebensfahrt
ein günstiger Seitenwind war nicht gefühlt oder geachtet aber eben darum
denn sie konnte Gaspards verdecktes Nein für ein Ja ansehen und sich gerade in
das Seil tödlich verwirren woran der Freund sie aus ihrem steilen Abgrund
ziehen wollen
Indes der Brief musste übergeben werden aber er tats mit langen scheuen
Weigerungen die ihr gleichsam den Schleier von dem bedeckten Nein wegziehen
sollten Sie las ihn furchtsam lächelte weinend bei der mörderischen Ironie und
sagte sanft ja wohl Der Lektor hatte schon eine halbe Hoffnung im Auge
»Wenn der Ritter« sagte sie »so denkt darf ichs denn weniger Nein guter
Albano nun bleib ich dir treu Mein Leben ist so kurz darum sei es ihm so
lange erfreulich und gewidmet als ich vermag«
Sie dankte dem Lektor so warm und froh für den Pfeil aus Spanien dass dieser
unfähig war hart genug zu sein um dessen schwarz vergiftetes Ende in das
schöne Herz zu stoßen Sie bat ihn zu seiner Schonung nicht bei ihrer festen
Erklärung gegen ihren Vater zu sein lieber höchstens zu ihrer und der
mütterlichen die ihrige gegen die Mutter zu übernehmen Er willigte bloß in
beides statt in eines
Die sanfte Gestalt trat ruhig vor ihren Vater hin und brachte vor keinem
Blitz und Donner zusammenfahrend ihre Erklärung zu Ende dass sie ihre
gemissbilligte Liebe hart bereue dass sie alle Strafen tragen und alles opfern
alles hier und bei der Fürstin tun und lassen wolle wie »cher père« fodern
würde dass sie aber länger nicht den schuldlosen Grafen v Zesara beleidigen
dürfe durch den Schein des pflichtwidrigsten Abfalls Auf diese Anrede konnte
der Minister der sich durch das bisherige folgsame Entalten sehr von labenden
Erwartungen hatte heben lassen unten auf dem Boden ausgestreckt von seinem
tarpejischen Felsen dahin geworfen keinen weitern Laut von sich geben als
diesen »Imbécile du heiratest den Herrn v Bouverot er malt dich morgen du
sitzest ihm« Er zog sie mit harter Hand und drei entsetzlich langen Schritten
zur Ministerin »Sie bleibt« sagt er »in ihrem Zimmer bewacht niemand darf
zu ihr außer mein Schwiegersohn er will die Imbécile malen en miniature
Geh Imbécile« sagte er außer sich Ihr gänzlicher Mangel an weiblicher
Verschlagenheit hatte wirklich für den Staatsmann eine Decke über ihr tiefes
scharfes Auge gezogen ein gerader Mensch und Verstand gleicht einer geraden
Allee die nur halb so groß erscheint als eine auf krummen Wegen laufende
Der Lektor der nie für einen besonderen Liebhaber ehelicher Lusttreffen
wollte angesehen sein hatte sich schon fortgemacht Der dreissigjährige Krieg
der Gatten nur wenige Jahre fehlten daran gewann Leben und Zufuhr Der alte
Ehemann verbreitete über sein Gesicht jenes zuckende Lächeln das bei einigen
Menschen der Zuckung des Korkholzes ähnlicht welche das Anbeissen des Fisches
ansagt Er fragte ob er nun wohl unrecht gehabt weder der Tochter noch der
Mutter die er beide eines parteigängerischen Einverständnisses gegen ihn
beschuldigte zu trauen und versicherte nun nach solchen Proben wären ihm weder
strengere Maßregeln zu verargen noch ein gerades Losgehen auf sein Ziel und mit
dem Sitzen um das ihn der deutsche Herr schon zweimal gebeten höb er an Die
Ministerin schwieg zu Lianens Strafe über ein so übergrosses Geschenk an
Bouverot wie ein Miniaturbild ist
Die zarte Tochter gedrängt und zerquetscht zwischen steinernen
zuschreitenden Statuen stellte der Mutter vor sie sei unmöglich imstande ein
so langes männliches Anblicken auszuhalten und am wenigsten von Herrn v
Bouverot dessen Blicke oft wie Stiche in ihre Seele führen Hierauf antwortete
und retorquierte in der Mutter Namen der Vater dadurch dass er einen Sessel an
den Sekretär hinzog und auf der Stelle den deutschen Herrn auf morgen einlud zum
Malen Dann wurde Liane mit einem Worte fortgeschickt das sogar aus dieser
weichen Blume den Blitz eines kurzen Hasses zog
Das Reichsfriedensprotokoll lag jetzt vor beiden Gatten aufgeschlagen und
es fehlte bloß an jemand der diktierte als die Ministerin aufstand und sagte
»Sie sollen mich mehr achten lernen«
Sie ließ anspannen und fuhr zum Hofprediger Spener Sie kannte Lianens
Achtung für ihn und seine Allmacht über ihr frommes Gemüt Sogar ihr selber
imponiert er noch Aus jener frühern theologischen Zeit wo noch der
luterische Beichtvater näher an dem katholischen regierte hatt er durch die
Kraft und Großmut seines Charakters einen Hirtenstab der vom Bischofsstabe sich
bloß im bessern Holze unterschied herübergebracht Sie musst ihm Lianens
Verhältnisse zweimal erzählen der feurige erzürnte Greis konnte eine Liebe gar
nicht fassen und glauben die sich sogar vor seinen alten Augen sollte
fortgesponnen haben ohne sein Wissen »Ihr Exzellenz« antwortete er endlich
»haben freilich gefehlet dass Sie mir diese importante Begebenheit erst heute
mitteilen Wie leicht würd ich alles durch Gottes Hilfe zu einem gesegneten
Ausgang geleitet haben Es ist aber nichts verloren Senden Ihr Exzellenz das
Fräulein noch diese Nacht zu mir aber allein ohne Sie das muss geschehen dann
steh ich für das übrige«
Einwendungen und Bedenklichkeiten würden bloß den Ehrgeiz und Zorn des
Greises welche beide unter dem Eis seiner Haare fortarbeiteten entzündet
haben sie sagte ihm also vertrauend alles zu mit jenem Gehorsam den sie auch
auf Lianen vererbet hatte
Recht hoffend nahm Liane den Befehl der Nachtreise zum guten frommen Vater
auf Sie fuhr bloß mit ihrem ergebenen Mädchen ab Mit tiefbewegter Seele
erschien sie vor ihrem Beichtvater Sie eröffnete sich ihm wie einem Gott er
entschied ebenso Welch ein Anblick für ein anderes weniger stolzes Auge als
das Spenersche wäre diese demütige aber gefasste Heilige gewesen deren Herz
immer wie der Sonnenstrahl am schönsten in der Zerspaltung erschien
Aber hier geht die Geschichte in Schleiern Der Greis befahl ihrem Mädchen
zurückzubleiben und nahm sie allein in das stumme Blumenbühl hinüber Er schloss
ihr die Kirche auf zündete noch eine Kerze auf dem Altare an damit das wüste
Dunkel ihrem scheuen Auge nichts vorspiele und vollendete was die Eltern nicht
konnten
Wie er es erzwang dass sie auf ewig ihrem Albano entsagte wird von der
großen Sphinx des Eides den sie ihm schwur bewacht und bedeckt Nur der
ferne Mensch der die schöne Seele verlor hatte auf der Sternwarte von den
Sonnen auf die hellen Kirchenfenster geblickt und hinter ihnen zerrüttende
Erscheinungen gefunden ohne zu wissen dass sie wahr wären und sein Leben
entschieden
Sie ging kalt über die Auen und Berge der alten Tage die geleuchtet hatten
wieder in die Wohnung des Greises zurück der sie mit größerer Ehrerbietung
entließ als er sie aufgenommen Auf dem Nachtweg war sie stumm und in sich
gesenkt gegen ihr Mädchen Die Eltern erwarteten sie noch die Mutter blickte
bang in die Nacht und in die Zukunft Endlich rollte der lebendige Wagen in den
Hof Groß und mächtig wie eine unschuldig Hingerichtete wieder vor dem
Zergliederer auflebt und ihn für den höheren Richter achtend entfesselt und
freudig spricht so trat sie vor die Eltern wie der kalte Marmor einer
Göttergestalt stand sie bleich tränenlos kalt und ruhig da Sie wusste und
wollt es nicht aber sie ging hoch über das Leben sogar über die kindliche
Liebe sie konnte die Mutter nicht so inbrünstig küssen wie sonst sie stellte
sich unerschrocken vor den polternden Vater und sagte dann ohne Träne ohne
Bewegung ohne Röte und mit sanfter Stimme »Ich habe heute vor Gott meiner
Liebe entsagt Der fromme Vater hat mich überzeugt« »Und hatte der Mann
bessere Gründe dazu in petto als ich« sagte Froulay »Ja« sagte sie »aber
ich habe im Tempel geschworen zu schweigen bis alles die Zeit entdeckt Nun
bitt ich Sie nur bei dem Allgerechten mir es zu erlauben dass ich Ihm seine
Briefe persönlich wiedergebe und ihm es sage dass ich aufhöre die Seinige zu
sein aber nicht aus Wankelmut sondern aus Pflicht das bitt ich liebe
Eltern Dann walte Gott weiter und ich werde Ihnen in nichts mehr ungehorsam
sein«
Der elende Vater durch diesen Sieg aufgeblähter wollte ihr noch die letzte
Bitte des sterbenden Herzens sauer machen und ließ sogar Argwohn über die
Absicht der Zusammenkunft blicken aber die Mutter in ihrer schönen Seele von
der schönsten ergriffen trat eitrig und verachtend dazwischen und bejahte es
eigenmächtig Auch schien Liane das VaterNein wenig zu bemerken Als er fort
war riss die Mutter die stille Gestalt seligweinend an sich aber Liane weinte
doch nicht so leicht an ihr wie sonst aus Liebe es sei dass ihr Herz zu erhaben
stand oder dass es ebenso langsam in die alte Lage wiederkam als es aus ihr
wich »Habe Dank Tochter« sagte die Mutter »ich werde dir nun das Leben
froher machen« »Es war froh genug Ich sollte sterben darum musst ich
lieben« sagte sie So ging sie lächelnd in die Arme des Schlafes mit
hartklopfendem Herzen Aber im Traume kam es ihr vor sie sinke ohnmächtig
dahin verliere die Mutter und ringe sich aus dem fliegenden Tode bange wieder
auf und weine dann froh dass sie wieder lebe Darüber erwachte sie und die
frohen durch den Traum sanft abgelöseten Tropfen flossen aus den offenen Augen
fort und erweichten wie Tauwind das starre Leben
Ihr großen oder seligen Geister über uns Wenn der Mensch hier unter den
armen Wolken des Lebens sein Glück wegwirft weil er es kleiner achtet als sein
Herz dann ist er so selig und so groß wie ihr Und wir sind alle einer
heiligern Erde wert weil uns der Anblick des Opfers erhebt und nicht
niederdrückt und weil wir glühende Tränen vergießen nicht aus Mitleiden
sondern aus der innersten heiligsten Liebe und Freude
81 Zykel
Warm und glänzend trat die Sonne die heute wie die Unglückliche verfinstert
werden sollte ihren Morgen an Liane erwachte zum BegräbnisTage ihrer Liebe
nicht mit der gestrigen Stärke sondern weich und matt aber heiterer durch die
Aussicht in die Wiederkehr der friedlichen Zeit Die Mutter obwohl selber
kränklich drückte sie schon frühe an ihr Herz um den Puls des teuersten zu
prüfen Liane blickt ihr liebreich und sehnsüchtig recht lange mit nassem
Auge ins nasse und schwieg »Was willst du« fragte die Mutter »Mutter liebe
mich jetzt mehr da ich allein bin« sagte sie Dann band sie vor der Mutter
alle Briefe Albanos zusammen ohne sie zu lesen den ausgenommen worin er ihren
Bruder um seine Liebe bittet Sie scherzte gegen die Mutter wie das Schicksal
es mit uns wie arme Eltern mit ihren Kindern machte die ihnen anfangs helle
bunte Gewänder angäben weil diese leichter in dunkle umzufärben wären
Die Mutter suchte allmählich ihre Geisterphantasien gleichsam das
TodesMoos das an ihrem jungen grünen Leben sauge von ihr abzunehmen »Du
siehst« sagte sie »wie dein Engel irren kann da er deine Liebe billigte die
du nun missbilligst« Aber sie hatte eine Antwort »Nein der fromme Vater sagte
sie sei recht gewesen bis da er mir das Geheimnis sagte und die Bibel sage
man müsse alles verlassen der Liebe wegen« So steigt denn dieses arme Geschöpf
wie man vom Paradiesvogel sagt so lange im Himmel gerade empor bis es tot
herunterfällt
Sie zeigte der Mutter fast eine fieberhafte Heiterkeit einen Sonnenschein
am letzten Tage des Jahres Sie sagte wie es sie erquicke dass sie nun mit
ihrer lieben Mutter von ihren vorigen schönen Tagen frei reden dürfe sie malte
ihr Albanos glühendes großes Herz und wie er die Opfer verdiene und die
»Perlenstunden« die sie zusammen gelebt »Im Grunde ist« sagte sie heiter
aber so dass dem Zuhörer Tränen ankamen »ja nichts davon vorbei Erinnerungen
dauern länger als Gegenwart wie ich Blüten viele Jahre konservieret habe aber
keine Früchte« Ja es gibt zarte weibliche Seelen die sich nur in den Blüten
des Weingartens der Freude berauschen wie andere erst in den Beeren des
Weinbergs Des Lektors Billet kam an mit der Nachricht dass Albano sie in Lilar
erwarte
Jetzt da die Stunde der Zusammenkunft so dicht anrückte wurd ihr immer
banger »Wenn ich ihn nur überreden kann« sagte sie »dass ich als ein
rechtschaffenes Mädchen gehandelt habe« Ehe sie ihr Morgenzimmer gegen den
Trauerwagen vertauschte legte sie darin alles zum Zeichnen zurecht wenn sie
wiederkäme sie habe sagte sie einen sehr bösen Traum gehabt aber sie hoffe
er treffe nicht ein
Sie stieg mit ihrem Arbeitskörbchen worin die Briefe lagen am Arme in den
Wagen den man aufmachen musste weil seine schwüle Luft sie drückte Aber die
Schwüle atmete ihr Geist und alles Schöne was ihr begegnete wurd ihr heute
zur betäubenden Giftblume Sie fasste und drückte furchtsam immer die Hand der
Mutter weil sie jeder Schrei jede schnell vorüberlaufende Gestalt wie ein
Sturmvogel rauschend überflatterte ein Ausrufer schnitt mit seinem rohen Ton in
ihre Nerven sie bebten nur erst sanfter wieder da ein Geistlicher und sein
Diener mit dem Krankenkelch für den Abendtrank der müden Menschen vorübergingen
O der schöne Weg wurd ihr lang Sie musste das zerfallende Herz das recht fest
und bestimmt mit dem Geliebten reden sollte so lange mit ermattenden Kräften
zusammenhalten
Der Himmel war blau und doch merkten beide es nicht dass es ohne Wolken
anfange dunkel zu werden da der Mond schon mit seiner Nacht an der Sonne stand
Als sie über die Waldbrücke in das lebendige Lilar fuhren wo an allen Zweigen
die alten Brautkleider einer geschmückten Vergangenheit hingen sagte Liane mit
Heftigkeit zur Mutter »Um Gottes Willen nicht ins alte TotenSchloss«141
»Wohin denn aber Er ist dahin bestellt« sagte die Mutter »Überall hin in
den Traumtempel Er sieht uns schon dort geht er auf den Toren« sagte sie
»Gott der Allmächtige sei mit dir und sprich nicht lange« sagte die weinende
Mutter als sie von ihr in den Tempel ging in dessen Spiegeln sie der Trennung
der unschuldigen Menschen zuschauen konnte
Albano kam langsam oben in den Gängen daher er hatte sein Auge von Tränen
rein gemacht und sein Herz von Stürmen O wie hatt er bisher wie ein lang
umhergetriebner Seefahrer in seine dunklen Wolken hineingesehen um zwischen
ihren Nebelspitzen die Bergspitze eines festen grünen Landes auszufinden dass er
heute so viel nämlich alles verlieren sollte so weit waren seine traurigsten
Schlüsse nicht gegangen ja er bewahrte so viel Ruhe dass er oben den kleinen
nachtanzenden Pollux nicht bedrohend sondern beschenkend zurückschafte
Endlich stand er mit zuckenden Lippen vor der geliebten schönen Gestalt die
kindlich bleich zitternd und das Arbeitskörbchen bewachend ihn ein wenig
anblickte und dann mit ihren niederfallenden Augen kämpfte Da schmolz sein
Herz die Flut der alten Liebe rauschte hoch in sein Leben zurück »Liane«
sagt er im sanftesten Ton und seine Augen tropften »bist du noch meine
Liane Ich bin noch wie sonst und du hast dich auch nicht verändert« Aber
sie konnte nicht Nein sagen In die Pulsader ihres Lebens wurde geschnitten und
Tränen sprangen auf statt Blut Seine gute Gestalt seine bekannte BruderStimme
standen wieder so nahe an ihr und seine Hand hielt ihre wieder und doch war
alles vorbei ein heißer Sonnenblick streifte über ihr voriges blumiges
Gartenleben und zeigt es wehmütig erleuchtet aber es lag fern von ihr »Lass
uns« fuhr er fort »jetzt stark sein in diesem sonderbaren Wiedersehen sage
mir recht kurz alles warum du bisher so schwiegest und so tatest ich habe
nichts zu sagen dann sei alles vergessen« Er hatte unbewusst ihre Hand
erhoben aber die Hand drückte sich nieder und zitterte dabei »Zitterst du oder
ich« sagt er »Ich Albano« sagte sie »aber nicht aus Schuld ich bin
treu o Gott ich bin treu bis in den Tod« Er sah sie irrend an »Ihnen
Ihnen bin ichs aber alles ist vorbei« rief sie verwirrt und verwirrend
»Nein« setzte sie gebietend dazu als er zufällig mit ihr aus der Perspektive
des TraumTempels gehen wollte »nein meine Mutter will uns sehen dort aus
dem Traumtempel«
Er wurde rot über die mütterliche Wache sein Auge blitzte in ihres wider
das »Ihnen« und die heißen Blicke wollten aus ihrem bewegten Gesicht das
aufhaltende Rätsel ziehen Die Not gebot Kraft sie fing an
»Hier« stammelte sie und konnte zitternd das Körbchen kaum aufbringen
»Ihre Briefe an mich« Er nahm sie sanft »Ich hab Ihnen entsagt« fuhr sie
fort »meine Eltern sind nicht schuld wenn sie gleich unsere Liebe nicht
wollten ein Geheimnis betrifft bloß Sie und Ihr Glück das hat mich
bezwungen dass ich von Ihnen schied und von jeder Freude« »Ihre Briefe
wollen Sie auch« sagt er »Meine Eltern « sagte sie »Das Geheimnis
über mich« sagt er »Ein Schwur bindet mich« sagte sie »Heute nachts
in der Kirche zu Blumenbühl vor dem Priester« fragt er Sie deckte ihre Hand
auf die Augen und nickte langsam
»O Gott« rief er laut weinend »Das ists mit dem Leben und der Freude
und aller Treue so Wie habt ihr gelogen« er sah seine Briefe an »von
ewiger Treue und Liebe Wen habt ihr denn gemeint ihr höllischen Lügner« Er
warf sie weg Liane wollte sie aufheben er trat stark darauf und sah die
Erschrockene bitter an nun geriet er in Sturm und goss wie ein Schöpfrad
unter dem Giessen schöpfend seine brausende leidende Brust aus und hörte
grausam gar nicht auf mit den Gemälden seiner Liebe ihrer Schwäche ihrer
Kälte seines Schmerzes ihrer vorigen Eide und ihres jetzigen meineidigen über
sein geheimnisvolles Glück das er ja nicht wolle Ihr Schweigen trieb ihn
wilder um Ihr schnelles heftiges Atmen hört er nicht
»Quäle dich nicht Es ist nun alles unmöglich« antwortete sie bittend »O«
sagt er zornig »die Änderung will ich nicht wieder ändern denn der Lektor
und der Pfaffe würden wieder das ändern« Er geriet nun in die männliche
Verstockung und Herzensstarrsucht der Strom der Liebe hing als ein gefrorner
zackiger Wasserfall über den Felsen
»Ich dachte nicht dass du so hart wärest« sagte sie und lächelte fremd
»Noch härter bin ich« sagt er »ich rede wie du handelst« »Hör auf hör
auf Albano es wird mir so finster o zu meiner Mutter will ich gleich«
rief sie plötzlich die zwei alten schwarzen Spinnen vom Schicksal
herabgelassen standen wieder über ihren schönen Augen und überzogen sie
emsigspinnend immer dichter und Über die goldnen Streifen des Lebens wuchs
schon grauer Schimmel her
»Es ist die Sonnenfinsternis« sagt er das Erblinden der matt glänzenden
Sichel des Sonnenviertels zuschreibend Er sah oben im blauen Himmel den
MondKlumpen wie einen Leichenstein in die reine Sonne geworfen nicht einmal
recht schattige sondern entnervte Schatten lebten im ungewissen grauen Lichte
die Vögel flatterten scheu umher kalte Schauder spielten wie Geister der
Mittagsstunde im kleinen matten Scheine der weder Sonnen noch Mondlicht war
Dunkel dunkel lag dem Jüngling das Leben vor im langen schwarzmarmornen
Säulengang der Jahre schritten die Schmerzen als Pantertiere heran und wurden
hell gefleckt unter den weglaufenden Sonnenblicken der Vergangenheit
»Das passet ja recht für heute« fuhr er fort »eine solche schnelle Nacht
ohne Abendröte Lilar muss heute zugedeckt werden blick hinauf zum Mond wie
er sich schwarz über die Sonne gewälzt hat sonst war er auch unser Freund O
mach es noch finsterer ganz Nacht«
»Albano schone ich bin unschuldig und ich bin blind wo ist der Tempel
und die Mutter« rief sie jammernd die Spinnen hatten die nassen Augen voll
Tränen zugewebt
»Bei dem Teufel es ist die Sonnenfinsternis« sagt er und schaute in das
blind herumirrende bange Gesicht und erriet alles aber er konnte nicht weinen
er konnte nicht trösten Der schwarze Tiger des grausamsten Schmerzes hing an
seine Brust geklammert und er trug ihn fort »Nein nein« sagte Liane »ich
bin blind und bin auch unschuldig«
Der frohe beschenkte Pollux hatte einen bettelnden Stummen nachgeführt der
mit der läutenden Stummenglocke folgte »Der stumme Mann kann nur nichts sagen«
sagte Pollux Liane rief »Mutter Mutter Mein Traum kommt das
Totenglöcklein läutet«
Die Ministerin stürzte heraus »Ihre Tochter« sagte Albano »ist wieder
blind und Gott strafe den Vater und die Mutter und wer daran schuld ist am
Elend« »Was gibt es« rief der schnell heraustretende Spener der vorhin das
Zusammenwandeln gesehen und zur Mutter gekommen war »Eine Unglückliche Euer
Werk auch« versetzte Albano
»Lebe wohl unglückliche Liane« sagt er und wollte scheiden stand aber
und nachdem er das gefolterte schöne Gesicht das mit den blinden Augen weinte
starr angeblickt rief er »Entsetzlich« und ging Lange lag er oben im
Donnerhäuschen auf den Armen mit den Augen und als er sich endlich spät ohne
zu wissen wo er sei wie aus einem Traume aufrichtete sah er die ganze
Landschaft von einem heitern Tage beleuchtet die Sonne glänzte unverhüllt und
warm im reinen Blau und der verschlossene Wagen mit der Blinden rollte schnell
über die Brücke des Waldes Da sank Albano wieder auf die Arme darnieder
Neunzehnte Jobelperiode
Schoppes Trostamt Arkadien Bouverots Porträtmalerei
82 Zykel
Da Albano nun ohne Liebe und Hoffnung lebte da er den Angelstern seines Lebens
als eine Sternschnuppe in seine totenstille Wüste hatte fallen sehen da jede
seiner Handlungen jetzt einen Skorpionenstachel ausstreckte und jede Erinnerung
und er Lianens Briefe zurücksandte Lilar verließ das Haus des Doktors den
Lektor Lianens Verwandte und den frommen Vater da er sein allmählich bleich
werdendes Gesicht nur auf Bücher und nach Sternen richtete so mussten Menschen
die keinen höheren Schmerz kennen als den eigennützigen glauben seine Brust
werde von nichts gedrückt als vom Schutte der zertrümmerten Luftschlösser seiner
Hoffnung und Jugendliebe Aber er war edler unglücklich und trostlos er wars
weil er zum erstenmal einen Menschen und den besten elend gemacht seine
Geliebte blind in diese Vertiefung seines Herzens flossen alle benachbarten
Quellen des Leidens zusammen Die kleinsten bunten Scherben seines Glückstopfes
wurden gleichsam von neuem zerschlagen wenn er von Tag zu Tag vernahm dass die
Arme obwohl täglich auf das Wasserhäuschen vor die heilenden Fontänen gestellt
doch immer ohne Lichtschein zurückgebracht werde und dass sie jetzt auf dieser
RaubErde nichts weiter fürchte und bejammere als dass der Tod vielleicht die
Augen schließe ehe sie noch einmal die Mutter angesehen
O die Wunde des Gewissens wird keine Narbe und die Zeit kühlt sie nicht mit
ihrem Flügel sondern hält sie bloß offen mit ihrer Sense Albano rief sich
Lianens bitteres Flehen um Schonung zurück und da tröstete es ihn nicht dass er
unter jener Sonnenfinsternis nicht ihre Augen aufopfern wollen sondern nur ihr
Herz Im Brenn und Vergrösserungsspiegel des Erfolges zeigt uns das Schicksal
das leichte spielende Gewürme unseres Innern als erwachsene und bewaffnete
Erinnyen und Schlangen Wie viele Sünden gehen wie nächtliche Räuber ungesehen
und mit sanften Mienen durch uns weil sie wie ihre Schwestern in Träumen sich
nicht aus dem Kreise der Brust verlaufen und nichts Fremdes anzufallen und zu
würgen bekommen Die schöne Seele entdeckt leicht im Zufall eine Schuld nur
jene harten Himmels und ErdStürmer vor deren Siegeswagen vorher eine
Wagenburg voll Wunden und Leichen auffährt nämlich die Väter des Krieges
welches in der ganzen Geschichte öfter die Minister waren als die Fürsten nur
diese können ruhig alle Vulkane der Erde anzünden und alle ihre Lavaströme
kommen lassen bloß um Aussichten zu haben Sie düngen elysische Felder zum
Schlachtfeld um darin einen Rosenstock für eine Geliebte röter zu ziehen
Das erste was Albano tat als er in des Doktors Hause ankam war dass er
darauszog in die ferne Talstadt hinab um weder den verdächtigen Lektor zu
sehen noch weniger den boshaften Doktor Sphex über das Rezidiv der Blindheit
täglich zu hören Nur der treue Schoppe zog mit zumal da er durch ein
zweckmässiges Betragen sich unter der Sphexischen Familie selber hatte eine
Oppositionspartei zu bilden gewusst die ihn nicht mehr im Hause litt Die
bibliotekarische Wärme hatte mit des Lektors Kälte sehr gegen den Grafen
zugenommen und aus gleichen Gründen das kecke Ausziehen nach Lilar und die
leidenschaftliche Wildheit hatten ihn näher an Albanos Seite geschlossen »Ich
dachte anfangs« sagte Schoppe »der junge Mann lasse sich zu nichts an als zu
einem ältlichen als ich ihn so in die Schule schreiten sah Ich hielt oft den
Mann im Mond wo es bekanntlich aus Mangel an Durst und Dunstkreis nichts
einzuschenken gibt für einen größeren Trinker als ihn Aber endlich greift er
aus Ein Jüngling muss nicht wie der alte Spener alles in der Vogelperspektive
von oben herab darstellen Er muss anfangs wie Inzipienten in Schreib und
Malerstuben alle Züge ein wenig zu groß machen weil sich die kleinen geben Es
gibt Donnerpferde aber keine Donneresel und Donnerschafe wie doch die
Hofmeister und Lektores gern hätten und gern vor sich hertrieben die wie die
BillardMarkörs kein offenes Feuer in der Pfeife leiden sondern nur eines unter
dem Deckel«
Jetzt lebte Albano einsam unter den Büchern Der Bruder Lianens kam selten
und eiskalt zu ihm und schwieg über die Leidende ob er gleich immer um diese
blieb Da er selber das erste Gewebe zu dieser Blindheit einmal gesponnen so
musst er zumal bei seiner ungeschminkten Feuerliebe für seine Schwester den
ordentlich hassen der es wieder über sie hereingezogen glaubte Albano und
ertrug es gern zur Strafe Desto öfter ließ sich der Hauptmann zum deutschen
Herrn hinziehen bei dem er jetzt wider Erwarten gewann Es ist die Frage
nämlich keine ob nicht seine Fähigkeit und Neigung sich mit den
unähnlichsten Menschen zu verflechten bloße Kälte gegen alle Herzen ist die er
alle nur bereiset weil er keines bewohnt
Auch Rabette schrieb dem Grafen mehrere KlageZettel über den weichenden
Hauptmann in einem sagt sie sogar »Könnt ich dich nur sehen um einmal jemand
zu haben der mich weinen ließe denn das Lachen kenn ich schon seit geraumer
Zeit nicht mehr« Der gute Albano zeichnete auch dieses Entweichen in sein
Sündenregister ein gleichsam als Enkel seiner Teufelskinder
Die Fürstin vermocht ihn zuweilen aus der Einsamkeit zu locken wenn sie
ihre leise Lockpfeife an die schönen Lippen legte Sie schien des Vaters wegen
wahren Anteil am trüben Sohn zu nehmen der zwar keine Schmerzen aber auch
keine Freuden zeigte Auch das MannWeib das mehr gehelmte als gehaubte rückt
gern unter das kranke Haupt das Ruhekissen und unter das ohnmächtige als Lehne
den Arm und tröstet gern und zart oft zärter als das zu weibliche Fast
täglich besuchte sie ihre künftige Hofdame und GesichtsSchwester bei dem
Minister und konnte daher dem Geliebten alles sagen Indem sie tat als wisse
sie nichts von Albanos Verhältnissen zur Blinden schon das Verstellen verrät
zarte Schonung gegen zwei Menschen auf einmal sagte Albano so konnte sie ihm
frei alle Krankenzettel der schönen Dulderin geben so wie die Gutachten über
sie überhaupt Nach der Sitte der Kraftweiber ließ sie ihr alle lobende
Gerechtigkeit ohne weibischkleinlichen Abzug angedeihen und wünschte nichts so
sehr als ihre Herstellung und künftige Gegenwart
»Ich bin fähig für ein ungemeines Weib alles zu tun so wie alles gegen ein
gemeines« sagte sie und fragte ihn ob ihm schon sein Vater über ihren Plan mit
Lianen geschrieben Er verneint es und bat sie darum aber sie verwies ihn auf
den väterlichen Brief der bald kommen müsse Sie tadelte bloß Lianens Neigung
immer FantaisieBlumen in ihr Leben zu sticken und nannte sie eine reine
Barockperle
Aber aus allen diesen Unterhaltungen kehrte Albano nur betäubter zu Schoppe
zurück er hörte nur WortTrost und das TodesUrteil dass die geduldige Seele
der er die Schöpfung gestohlen noch immer eingemauert sei in die tiefste Höhle
des Lebens neben welcher bloß die tiefere des Grabes hell und offen liegt
Jedes sanfte lindernde ihm von den Wissenschaften oder Menschen geschenkte
warme Lüftchen ging über jene kalte Höhle und wurde für ihn ein scharfer Nord
O hätt er sie aus seinen sinkenden Armen entlassen müssen unter schöne Tage
in ein langes ewiges Paradies und sie hätte ihn trunken vergessen das hätt
er auch vergessen können aber dass er sie hineingestossen in ein kaltes
Schattenreich und dass sie sich seiner erinnern muss aus Schmerz nur das musst
er sich immer erinnern
Schoppe wusste gegen alle diese Not kein »Pflaster als« nach seinem schönen
Wortspiel »das Steinpflaster« nämlich eine Flugreise Wenigstens schloss er
hören außer Landes die Fragen über das Befinden und die giftigen Sorgen über das
Antworten auf und bei der Retour finde man viel Schmerz erspart oder gar allen
gehoben
Albano gehorchte seinem letzten Freund und sie reisten ins Fürstentum
Haarhaar ab
83 Zykel
Wer denkt dass Schoppe unterwegs für Albano ein fliegendes Feldlazarett des
Trostes ein antispasmoticum eine Struvische Not und Hülfstafel eine
gepülverte Fuchslunge gegen die Hektik des Herzens usw gewesen und dass er auf
jedem Meilenstein eine Trostpredigt gehalten wer das denkt den lacht er aus
»Was tut es denn« sagt er »wenn das Unglück den jungen Menschen derb
durchknetet Das nächste mal wird er den Schmerz der ihn jetzt in der Gewalt
hat in der seinigen haben Wer nichts getragen lernt nichts ertragen« Was das
Weinen anlangt so war er als ein Stoiker wohl am wenigsten davon ein Feind
Epiktet Antonin Kato und mehr solche weniger aus Eis als Eisen gebildete
Männer sagt er so oft hätten sehr gern dem Leibe dergleichen letzte Ölungen
des Schmerzes eingeräumt falls nur der Geist darhinter sich trocken erhalten
hätte Es ist echte Trostlosigkeit sagt er Trost zu wünschen und anzunehmen
warum will man denn nicht einmal den Schmerz rein durchdauern ohne alle Arzenei
Allein seine Ansicht und sein Leben wurde ohne sein Zielen über den Grafen
mächtig den alles Große nur vergrößerte wie es andere verkleinert Schoppe saß
als ein Kato auf Ruinen aber freilich auf den größten wenn der Weise die
Barometerröhre am Äquator sein muss in der selber der Tornado wenig verschiebt
so war er dergleichen Zufällig riss er in einem Wirtshause dem Grafen durch den
Hamburgischen unparteiischen Korrespondenten den er da vorfand die verklebten
Flügel auf Schoppe las zwei weite Schlachten daraus vor worin wie durch einen
Erdfall Länder statt der Häuser versanken und deren Wunden und Tränen nur der
böse Genius der Erde konnte wissen wollen darauf verlas er nach den
Totenmärschen ganzer Generationen und nach den aufgerissenen Kratern der
Menschheit mit fortgesetztem Ernste die IntelligenzAnzeigen wo einer allein
auf ein unbekanntes Gräblein steigt und der Welt die ihm sonst kondoliert
ansagt und beteuert »Fürchterlich war der Schlag der unser Kind von 5 Wochen«
oder »Im bittersten Schmerz den je« oder »Bestürzt über den Verlust
unsers einundachtzigjährigen Vaters etc«
Schoppe sagte das sprech er für recht denn jede Not selber die
allgemeine hause doch nur in einer Brust und läg er selber auf einem roten
Schlachtfelde voll gefällter Garben so würd er sich darunter aufsetzen falls
er könnte und an die Umliegenden eine kurze Trauerrede über seine Schusswunde
halten so habe Galvani bemerkt dass ein Frosch der in elektrischen
Verbindungen stehe so oft zucke als der Donner über der Erde nachrolle
Bei diesem Satze blieb er auch im Freien Er führt es tadelnd an dass
Mattison es als eine reisebeschreibende Notiz annotiere wie man im jetzigen
Avenches in der Schweiz an den Stellen der von den Römern zermalmten
helvetischen Hauptstadt Aventicum in den dünnern Streifen des Grases den Abriss
der Straßen und Mauern finden könne indes ja offenbar dieselben
stereographischen Projektionen der Vergangenheit überall lägen auf jeder Wiese
jeder Berg sei das Ufer einer verschwemmten Vorzeit jede Stelle hienieden sei
ja 6000 Jahre alt und Reliquie alles sei Gottesacker und Ruine auf der Erde
besonders die Erde selber »Himmel« fuhr er fort »was ist überhaupt nicht
schon vergangen Völker Fixsterne weibliche Tugend die besten Paradiese
viele Gerechtsame alle Rezensionen die Ewigkeit a parte ante und jetzt
eben meine schwache Beschreibung davon Wenn nun das Leben ein solches
Nichtigkeitsspiel ist so muss man lieber der Kartenmaler als der Kartenkönig
sein wollen«
Ein kräftiger stolzer Mensch wie Albano wird dann schwerlich mitten
unter dreissigjährigen Kriegen Jüngsten Tagen wandernden Völkern
verstäubenden Sonnen sein Kleid ausziehen und sich oder dem Universum die
zerrissene Ader vorzeigen die auf seiner Brust ausblutet
So stand es als beide abends eine halboffne Waldhöhe erstiegen von der sie
ein wunderbares GlorienLand unter sich sahen so freundlich und ausländisch
als sei es übrig geblieben aus einer Zeit da noch die ganze Erde warm war und
ein immer grünes Morgenland es schien so weit sie vor den Bäumen und vor der
Abendsonne sehen konnten ein aus der zusammentretenden BergEcke unabsehlich
nach Westen auseinanderlaufendes Tal zu sein eine vor der Sonne mit den
breiten Flügeln umschlagende buntgemalte Windmühle verwirrte das Auge das das
Gedränge von AbendLichtern Gärten Schafen und Kindern sondern wollte an
beiden Abhängen hüteten weissgekleidete Kinder mit lang nachflatternden grünen
Hutbändern eine gefleckte Schweizerei ging im Wiesengrün am dunkeln Bach auf
einem hochgewölbten Heuwagen fuhr eine wie zum Hochzeitmahle gekleidete Bäuerin
und nebenher gingen Landleute im Sonntagsputz die Sonne trat hinter eine
SäulenReihe von runden Laubeichen diesen deutschen FreiheitsBäumen und
Tempelpfeilern und sie schwebten verklärt und vergrößert hoch im goldnen Blaue
aufgezogen Jetzt sahen die betroffnen Wanderer das nahe beschattete
holländische Dorf unten wie aus zierlichen bemalten Gartenhäusern
zusammengerückt mit einem Lindenzirkel in der Mitte und einem jungen blühenden
Jäger nicht weit davon oder eine Amazone die mit der einen Hand ihren Hut voll
Zweige abnahm und mit der andern den BalkenArm mit dem Eimer über den Born hoch
aufsteigen ließ
»Mein Freund« fragte Schoppe einen ihnen mit Botenblech und Ranzen
nachkommenden Amtsboten »wie nennt Er das Dorf« »Arkadien« versetzt er
»Aber ohne alles dichterische Weissglühen und Kulminieren gesprochen mein
poetischer Freund wie schreibt sich eigentlich die Ortschaft unten« fragte
Schoppe wieder Verdrüsslich antwortete der Amtsbote »Arkadien sag ich wenn
Ers nicht behalten kann es ist ein altes Kammergut unsere Prinzessin Idone
Idoine hält sich da auf jahraus jahrein für beständig und macht da alles
nach eigenem Pläsier was will man mehr« »Ist Er auch in Arkadien« »Nein
in Saubügel« antwortete der Bote sehr laut schon fünf Schritte weiter vorn
zurück
Der Bibliotekar der seinen Freund bei der Botenrede in großer Bewegung
sah tat ihm freudig die Frage ob sie ein besseres Nachtquartier hätten treffen
können als dieses ausgenommen dieses selber im Maimond Aber wie erstaunt er
vor Albanos Zurücksturz in die Vorhölle die das Gewissen und seine Liebe
anzündeten Idoinens täuschende Ähnlichkeit mit Lianen war plötzlich vor ihn
gezogen »Weißt du« sagt er in der Erschütterung durch den Abendzauber
heftiger fortbebend »worin Idoine Ihr unähnlich ist Sie kann sehen« setzt
er selber dazu »denn sie hat mich noch nicht gesehen O vergib vergib fester
Mann ich bin wahrlich nicht immer so Sie stirbt jetzt oder irgendein Unglück
zieht ihr nahe wie ein Dampf vor der Feuersbrunst steigts düster und in langen
Wolken in meiner Seele auf ich muss durchaus zurück«
»Glauben Sie mir« sagte Schoppe »ich werde Ihnen einmal alles sagen was
ich jetzt denke gegenwärtig aber will ich Sie schonen« Auch das verfing
nichts er kehrte um aber am ganzen andern Reisetag blieb sein Leidenskelch
den Schoppe so glänzend gescheuert hatte nass und schwarz angelaufen Sie
konnten erst abends ankommen da ein Zauberrauch von Zwielicht Mondlicht
Dampf Dunst und Wolkenrot die Stadt fremder machte Albanos Adlerauge teilte
den Rauch entzwei und er entlief Die blinde Liane allein sah er auf dem hohen
welschen Dache gegen die Statuen laufen oder zum Abgrund hin Wild ohn einen
Laut rannt er durch die tieferen Gassen verlor den verbaueten Palast und lief
grimmiger er glaubte er finde sie auf dem Steinpflaster zertrümmert er
sieht die weißen Statuen wieder sie hält eine umschlungen und der alte Gärtner
des cereus serpens steht mit dem Hute auf dem Kopfe vor ihr Als er endlich
ganz unten am Palaste ankam stand oben ein fremdes Mädchen bei ihr und unten
sahen zusammengelaufne Weiber hinauf einander fragend »Gott was gibt es
denn« Liane blickte wie es schien an den Himmel worin nur einige Sterne
brannten und dann lange in den Mond und darauf herunter auf die Menschen aber
sogleich trat sie von den Statuen zurück Der Gärtner kam aus dem Hofe und sagte
vorübergehend seiner fragenden Frau »Sie sieht« »O guter Mann« sagte
Albano »was sagt Er« »Gehen Sie nur hinauf« versetzt er und schritt emsig
weiter Jetzt kam Bouverot zu Fuße Albano trat ihm mit einem kurzen Verbeugen
und Gruße in den Weg Bouverot sah ihn ein wenig an »Ich habe nicht die Ehre
Sie zu kennen« sagt er wild und eilte davon
84 Zykel
Schauet nun die blinde Liane näher an
Von dem Tage an wo sie zerstöret heimgeführet wurde von der Mutter fing
sich unter ihrer Sonnenfinsternis mit Verweilen ein kühleres ruhendes Leben für
sie an Die Erde hatte sich verändert ihre Pflichten gegen diese schienen ihr
abgetan der Silberblick der Jugend wie ein Menschenblick nun erblindet ihre
kurzen Freuden diese kleinen Maienblümchen schon unter dem Morgenstern
abgepflückt ihr erster Geliebter leider wie die Mutter es weissagte nicht so
fromm und zart als sie gedacht sondern sehr männlich rau und wild wie ihr
Vater die Zeit und Zukunft vertilgt und die künftigen Tage daraus für sie nur
eine blind gemalte Jubelpforte die Menschenhände nicht öffnen und durch welche
sie nicht mehr dringen kann außer mit der entbundnen Seele wenn diese den
trägen SchleppMantel des Körpers auf die Erde zurückgeworfen
Ihr Herz klammerte sich jetzt wie Albano dem männlichen noch mehr dem
weiblichen an das zärter und ohne die Fieber der Leidenschaften schlug so wie
die Kompassnadel sich als eine gewundne Lilie zeigt so die Tugend sich ihr als
weibliche Schönheit
Ihre Mutter wich nicht von ihrem BlindenStuhl sie las ihr vor sogar die
französischen Gebete und hielt sie tröstend aufrecht und sie wurde leicht
getröstet denn sie sah nicht das bekümmerte Gesicht der Mutter und hörte nur
die ruhige Stimme Julienne warf seit dem Begräbnis der ersten Liebe eine alte
Kruste ab und ein frisches Feuer für die Freundin ging aus dem Herzen auf »Ich
habe nicht redlich an dir gehandelt« sagte sie einmal da erklärten sie sich
verborgen einander und dann reiheten sich ihre Seelen wie BlumenBlätter zu
einem süßen Kelche zusammen Die Fürstin sprach ernst über Wissenschaften und
gewann sogar die Mutter der sie in männlicher Gesellschaft weniger gefallen
Abends vor dem Einschlafen flog noch wie aus dem Freudenhimmel Karoline in ihr
Schattenreich herab und wuchs täglich an Glanz und Farbe sprach aber nicht
mehr und Liane entschlummerte sanft indem sie einander anblickten
Zuweilen fuhr der Schmerz an sie herüber dass sie vielleicht ihre teuren
Gestalten zumal ihre Mutter nie mehr sehe dann war ihr als sei sie selber
unsichtbar und wandle schon allein im dunkeln tiefen Gange zur zweiten Welt und
höre die Freundinnen an der Pforte weit hinter sich ihr nachrufen Da liebte
sie zärtlich wie aus dem Tode herüber und freute sich auf das große
Wiedersehen Spener besuchte seine Schülerin täglich seine männliche Stimme
voll Stärkung und Trost war in ihrem Dunkel die Abendgebetglocke die den
Wanderer aus der düstern Waldung wieder zu froheren Lichtern führt So wurde ihr
heiliges Herz noch heiliger emporgezogen und die dunkeln Passionsblumen der
Schmerzen schlossen sich in der lauen AugenNacht schlafend zu Wie anders sind
die Leiden des Sünders als die des Frommen Jene sind eine Mondsfinsternis
durch welche die schwarze Nacht noch wilder und schwärzer wird diese sind eine
Sonnenfinsternis die den heißen Tag abkühlt und romantisch beschattet und worin
die Nachtigallen zu schlagen anfangen
Auf diesem Wege bewahrte Liane mitten unter fremden Seufzern um sie und im
Gewitter um sie her eine ruhige genesende Brust so zieht oft das zarte weiße
Gewölke anfangs zerrissen und gejagt aber zuletzt geründet und langsam durch
den Himmel wenn unten der Sturm noch über die Erde schweift und alles bewegt
und zerreisset Aber gute Liane alle 32 Winde sie mögen schöne Tage zu oder
wegwehen halten länger an als die Windstille der Ruhe
85 Zykel
Der Minister hatte als sie aus Lilar mit getöteten Augen heimgekommen in sein
rechtes eine Hölle ins linke ein Fegefeuer gelegt denn so sehr belogen hatt
ihn noch kein Geschick nämlich so sehr gebracht um alle seine Projekte und
Prospekte um das Hofdamenamt der Tochter diesen Vorsteckring am Finger der
Fürstin und endlich um jeden Fang seines doppelt gewebten Gespinstes
Unsäglich wehrte sich der Mann vor dem Löffel worin ihm das Schicksal das
Pulver vorhielt auf welches er die verschluckten Demante seiner Plane sollte
fahren lassen er hielt die stärksten Sermone so hieß er wie Horaz seine
Satiren gegen »seine Weiber« er war ein Kriegsgott ein Höllengott ein Tier
ein Untier ein Satan alles er war imstande jetzt alles zu unternehmen
aber was halfs
Viel als gerade der deutsche Herr ihn in dieser moralischen Stimmung
betraf Solcher trug kein Bedenken das väterliche Versprechen der Tochter für
die MiniaturMalerei wieder aufzufrischen und in Anspruch zu nehmen er war
übrigens allwissend und schien unwissend Für die SitzSzene einer Blinden hatt
er eigne romantische Verwicklungen nach den Notizen zugeschnitten die er aus
dem Hauptmann gelockt Seine KunstLiebe gegen Lianens Gestalt hatte bisher
wenig gelitten und sein langsames An und Umschleichen war seiner VipernKälte
und seiner weltmännischen Kraft gemäß Der alte Vater der im Leben wie in
einem Reichsanzeiger immer einen Kompagnon mit 60 Tausend Taler zu seiner
Handlung suchte bezeugte sich nichts weniger als abgeneigt Diese zwei Falken
auf einer Stange von einem Falkenmeister dem Teufel abgerichtet verstanden
und vertrugen sich gut Der deutsche Herr gab zu erkennen ihr Miniaturbild sei
bei ihrer frappanten Ähnlichkeit mit Idoine die wie sie niemals sitzen wollen
zu manchem Scherze bei der Fürstin behilflich aber noch mehr seiner »Flamme«
für Liane unentbehrlich und jetzt in ihrer Blindheit könne man sie ja zeichnen
ohne ihr Wissen und er werde unter das Bild schreiben la belle aveugle oder
so etwas Der alte Minister goutierte wie gesagt den Gedanken ganz Wie die
welschen Sängerinnen eine sogenannte Mutter statt eines Passes auf ihren Reisen
führen so hielt er sich für einen solchen sogenannten Vater er dachte mit dem
Mädchen wirds ohnehin wenig mehr es liegt als totes Kapital da und verzinset
sich schlecht ich kann den angeöhrten Patenpfennig den der deutsche Herr bei
seinem Gevatterstand mir als dem Vater anbietet wie dem Kinde den Namen in die
Tasche stecken
Das SchelmenDuplikat wurde in seinem Schusse und Fluße bloß durch einen
Flossrechen aufgehalten der ihnen den Raub aus den Hechtzähnen zu ziehen drohte
eine alte keifende aber seelentreue Kammerjungfer aus Nürnberg war der Rechen
diese wäre nicht von Lianen und nicht zum Schweigen zu bringen gewesen Bouverot
freilich ein Robespierre und Würgengel seiner Dienerschaft hätte an Froulays
Stelle die Nürnbergerin ein paar Tage vorher von einem Diener mit einigen
komplizierten Frakturen versehen und dann auf die Gasse werfen lassen aber der
Minister sein Herz war weich konnte das nicht alles was ihm möglich war
das war er berief sie auf sein Zimmer hielt ihr es vor dass sie ihm sein Ohr
aus Magdeburg gestohlen blieb mit dem anwesenden Gehör taub gegen jede
Einwendung aber nicht gegen jede Unhöflichkeit und fand sich endlich gar
genötigt die diebische Grobianin Knall und Fall aus dem Dienst zu jagen Bei
jeder Nachfolgerin hatte als einer neuen Geld Gewicht wußt er
Er wollte darauf die Fürstin um eine Einladung für sich und die Ministerin
zu Tee und Souper bitten den Miniaturmaler bestellen das neue Kammermädchen
belehren und alles recht anlegen
Zwei Tiger höhlten nach der Legende dem Apostel Paulus das Grab so
scharret hier unser Paar an einem für eine Heilige um so mehr da ich sonst
nicht absehe wozu wenn nichts gemacht werden soll als ein Bild so viele
Umstände Aber den Vater könnt ich fast entschuldigen erstlich sagte er
ausdrücklich zum deutschen Herrn die Zofe könne seiner Meinung nach im Zimmer
oder im anstoßenden passen falls etwan die Patientin etwas haben wolle
zweitens hatte der sonst weiche Mann von seinem ministerialischen Verkehr mit
der Justiz einen gewissen Kies angesetzt eine gewisse Grausamkeit angenommen
welche der hinter der Binde und als Areopag ohne den Anblick der Schmerzen
urteilnden Temis um so natürlicher ist da schon Diderot142 behauptet dass
Blinde grausamer wären und drittens war wohl niemand mehr bereit sein Kind
das er wie sonst angeblich Juden und Hexen Christenkinder kreuzigte um wie
jene mit dem Blute etwas zu tun tiefer zu betrauern falls es stürbe als er
da ohnehin die Eltern und überhaupt die Menschen zwar leicht das Unglück derer
die ihnen nahe liegen aber schwer deren Verlust verschmerzen so wie wir bei
dem noch näher liegenden Haar nicht das Brennen und Schneiden aber schmerzlich
das Ausreissen desselben verspüren und viertens hatte Froulay immer das
Unglück dass Gedanken die in seinem Kopfe eine leidliche unschuldige Farbe
hatten gleich dem Hornsilber oder der guten Tinte auf der Stelle schwarz
wurden wenn sie ans Licht traten
Sonst und von diesen Milderungen abgesehen steckt wohl manches in seiner
Handlung was ich nicht verteidige
Der Abend erschien Die Ministerin ging am ehelichen Arme an den Hof Die
neue Kammerjungfer hatte als Brautführerin Bouverots schon vor drei Tagen die
nötigsten Anstalten gemacht oder Spitzbübereien sie hatte ihm Lianens Briefe
an Albano sehr leicht da die Mutter aus Gewohnheit ein gegenwärtiges Auge für
ein sehendes hielt vorleihen und er sich daraus die historischen Züge oder
FarbenTusche abholen können womit er sich bei einer Erkennung auf dem Theater
vor der Blinden den Anstrich ihres Helden nämlich Albanos geben konnte mit
Roquairol hatt er oft genug gespielt um dessen Stimme mithin Albanos seine
in der Gewalt zu haben
Mich dünkt seine Rüsttage vor dem Festabend waren zweckmäßige hingebracht
Er konnte da kleine Residenzen früher Tee trinken schon so früh
erscheinen als ein Miniaturmaler im September durchaus muss Als er die stille
Gestalt im Sorgenstuhl erblickte mit den entfärbten Blumenkelchen der Wangen
aber fester gewurzelt in jedem Entschluss eine kälter gebietende Heilige so
stieg in ihm die aus ihren Briefen zugleich gesogne Erbitterung und Entzündung
miteinander höher nur in solchen Brustöhlen zugleich mit Metall und mit
Darmsaiten mit Härte und Wollust bespannt ist ein solcher Bund von Lust und
Galle denklich Bouverots ganze Vergangenheit und LebensGeschichtbücher müssten
wie die von Herodot den neun Musen so den drei Parzen jeder eines
zugeeignet werden
Er schlich ins Fenster setzte sich und sein FarbenKästchen hin und fing
hastig zu punktieren an Unterdessen ließ sich Liane von ihrem sehr gebildeten
belesenen Kammermädchen aus dem zweiten Bande der Oeuvres spirituelles von
Fenelon vorlesen Zefision rührte der Erzbischof gar nicht was er etwa von
reiner Liebe sur le pur amour de Dieu vernahm setzt er zu unreiner durch
Anwendungen um und ließ sich teuflisch entzünden durch das Göttliche was
übrigens rührend war in Lianens Bezug ließ er an seinen Ort gestellt da er
jetzt zu malen hatte Hässlich leckten seine vielfärbigen PanterAugen gleich
roten scharfen Tigerzungen über das süße weiche Antlitz »Liebe Justa hör
auf das Lesen wird dir sauer du atmest so kurz« sagte sie endlich weil sie
den Porträtmaler atmen hörte Es war für ihn kein Opfer sondern ein VorGenuss
ein süßer Imbiss den Kuss dieser zarten kleinen Hand und Lippe und die ganze
Schaustellung seines brennenden Herzens hinauszusetzen bis er ihren Abriss mit
den GiftTinten auf das weiße Elfenbein durch die schnelle Dupfmaschine seiner
Hand abpunktieret sah
Endlich hatt er sie Bunt auf Weiß »Gut liebe Justa« sagte sie »die
Gebetglocke läutet du kannst nichts mehr sehen Führe mich lieber zum
Instrument« nämlich zur Harmonika Sie tats Bouverot gab Justen einen
ScheideWink sie tats wieder Der gelbe Gartenkanker lief nun auf die zarte
weiße Blume zu Der Kanker hörte ihren AbendChoral nicht ohne Vergnügen und
das betende Aufschlagen ihrer zerstörten Augen schien ihm eine recht malerische
Idee die der true Painter143 dem ElfenbeinStück einzuverleiben beschloss wenns
gehen würde
»Schöne Göttin« rief er plötzlich mit Albanos gestohlner Stimme unter jene
heiligen Töne die einmal Albano in einer frohern Stunde aber edler
unterbrochen hatte Sie horchte erschrocken auf aber ungläubig an ihr Ohr in
dieser Nacht Das Staunen missfiel dem Prospektmaler denn ihr Gesicht war sein
Prospekt ganz und gar nicht »erinnere dich an diese Harmonika im
Donnerhäuschen« Er verwechselte es mit dem Wasserhäuschen »Sie hier Graf
Justa wo bist du« rief sie ängstlich »Justa kommen Sie her« rief er dazu
nach Das Mädchen folgte seiner Stimme und seinem Auge »Gnädiges Fräulein«
fragte sie Aber jetzt hatte Liane nicht den Mut sie um die Pforte und das
Einlassbillet des Grafen zu fragen Mit dem Liebhaber französisch zu sprechen
ging nicht da es die Jungfer verstand daher verbot man auch in Wien in den
Revolutionsjahren einsichtig diese Sprache weil sie so zuverlässig eine gewisse
Gleichheit die Freiheit folgt zwischen dem Adel und der Dienerschaft
pestartig ausbreitet
Boshaft und freudig erinnerte Bouverot dem sie jetzt über den Grafen ein
brauchbares Misstrauen zu verraten schien das seiner Charaktermaske einen
freiern Spielraum anwies die Sinnende an ihre Befehle für Justa sie musste sie
nun Licht holen lassen
»Infidele« fing er darauf an »ich habe alle Hindernisse überwunden um
mich Ihnen zu Füßen zu werfen und Ihre Vergebung zu erflehen Je men flatte à
tort peutêtre mais je lose« fuhr er fort heftiger durch sie gemacht »O
cruelle de grâce pourquoi ces regards ces mouvements Je suis ton Alban et
il taime encore Pense à Blumenbühl ce séjour charmant Ingrate jespérois
de the trouver um peu plus reconnaissante Souvienstoi de ce que tu ma
promis« sagt er um sie auszufragen »quand tu me pressas contre ton sein
divin«
Eine reine Seele spiegelt ohne sich zu beflecken die unreine ab und fühlt
unwissend die quälende Nähe so wie Tauben sagt man sich in reinem Gewässer
baden um darin die Bilder der schwebenden Raubvögel zu sehen Der kurze Atem
der wankende Sprachton jedes Wort und ein unerklärliches Etwas trieben das
schreckliche Gespenst nahe vor ihre Seele den Argwohn es sei Albano nicht Sie
fuhr auf »Wer sind Sie Gott Sie sind der Graf nicht Justa Justa« »Wer
wär es sonst« versetzt er kalt »der sich meinen Namen geben dürfte Oh je
voudrais que je ne le fusse pas Vous mavez écrit que lespérance est la lune
de la vie Ah ma lune sest couchée mais jadore encore le soleil qui
léclaire«
Hier fasste er die Hand dieser verfinsterten mit einem Drachen kämpfenden
Sonne Da entdeckten ihr seine weggenagten Fingernägel und die dürren Finger
und ein vorbeistreifendes Berühren seines Ordenskreuzes den wahren Namen Sie
riss sich schreiend los und lief weg ohne zu sehen wohin und geriet wieder an
seine Hand Er riss ihre heftig an die mageren heißen Lefzen hinauf »Ja ich bin
es« sagt er »und liebe Sie mehr als Ihr Graf mit seiner étourderie«
»Sie sind schlecht und gottlos gegen ein blindes Mädchen was wollen Sie
Justa hilft mir denn niemand Ach du guter Gott gib mir meine Augen« rief
sie fliehend unwissend wohin und eingeholt »Bouverot du böser Geist« rief
sie abwehrend an Orten wo er nicht war Er wie das Schiesspulver kühlend auf
der Zunge und sengend und zerschmetternd wenn ihn die Gier zündete stellte
sich in einiger SchlagWeite von ihr warf ein MalerAuge auf das reizende
Wallen und Beugen ihres aufgestürmten Blumenflors und sagte ruhig mit jener
Milde die der ätzenden und fressenden Milch der Schwämme ähnlich ist »Nur
ruhig Schönste Ich bin es noch und was hälf Ihnen alles Kind«
Taumelnd vom Schlangenhauch der Angst fing die irre Natur zu singen an
aber lauter Anfänge »Freude schöner Götterfunken« »Ich bin ein deutsches
Mädchen« sie lief herum und sang wieder »Kennst du das Land« »Du böser
Geist«
Jetzt bäumte sich die damit geschmeichelte Riesenschlange auf ihren kalten
Ringen mit zückender Zunge in die Höhe um hinzuschiessen und zu umflechten »Mon
coeur« sagte die Schlange die immer in der Leidenschaft französisch sprach
»vole sur cette bouche qui enchante tous les sens« »Mutter« rief sie
»Karoline O Gott lasse mich sehen O Gott meine Augen« Da gab der
Alliebende sie ihr wieder die Qual der Natur, die lauten Anstalten des
Begräbnisses öffneten der Scheinleiche wieder las Auge
Wie behend entflog sie aus der Marterkammer Das getäuschte Raubtier
rechnete auf Blindheit und Verirrung fort Aber da Bouverot sah dass sie leicht
die Treppe zum welschen Dache hinaufstürze so schickte er bloß das
herbeilaufende Mädchen ihr nach damit sie keinen Schaden nehme und hielt jetzt
wieder die bisherige Blindheit für Verstellung Er selber holte aus dem Zimmer
den MiniaturRiss ab und schleppte sich wie ein hungriges verwundetes Ungeheuer
verdrießlich und langsam aus dem Hause hinaus
Zwanzigste Jobelperiode
Gaspards BriefTrennungen
86 Zykel
»Sie sieht wieder« rief Karl im Freudenrausche am Morgen darauf dem Grafen zu
ohne sich um alle kalte Verhältnisse der letzten Zeit zu bekümmern und war ganz
der Alte Seine Feindschaft war hinfälliger als seine Liebe denn jene wohnte
bei ihm auf dem Eise das bald zerfloss diese auf dem Flüssigen worauf er immer
schiffte Errötend fragte Albano wer der Augenarzt gewesen »Gutgemeinter
Schreck« sagt er »der deutsche Herr tat als wollt er sie malen als meine
Eltern auf Verabredung nicht da waren oder malt er sie wirklich ich weiß
jetzt alles nur verwirrt auf einmal hörte sie eine fremde Mannsstimme und
Schreck und Furcht wirkten natürlich wie elektrische Schläge« Obgleich der
Hauptmann alle Stimmen nur verworren unten auf dem Meersboden in sein flutendes
Meer hinunterhörte so hatt er doch diesmal richtig gehört denn Liane hatte
von ihrer Mutter das Zuhüllen der Martergeschichte errungen um ihrem Bruder den
Anlass zu entziehen ihr seine Liebe durch einen Zweikampf mit ihrem Widersacher
zu beweisen
Albano behielt viele Fragen über die dunkle Geschichte in seiner Brust und
brach das Gespräch durch seine Reisebeschreibung ab
Nach einigen Tagen hört er dass Liane mit ihrer Mutter die Stadt verlasse
und ein über Blumenbühl liegendes Bergschloss einer alten einsamen Edelwitwe
beziehe Auf dem reinen Lande sollte wieder Licht in ihr Leben einfallen und
die mütterliche Hand sollte dessen nachdunkelnde Farben neu übermalen Der
Minister der sonst wie alte Menschen und alte Haare schwer zu kräuseln und zu
formen war wurde in der letztern tiefen Fallgrube des Schicksals ganz mutlos
angetroffen so dass er Lianen die auch darin gefangen war nicht auffrass
sondern sie ziehen ließ Die ganze Geschichte wurde vor dem Publikum wie die
Mauer eines Parks sehr verdeckt und umblümt Nur der Lektor wusste sie ganz aber
er konnte schweigen Er foderte im Namen der Mutter vom deutschen Herrn das
Miniaturbild zurück dieser gab an dessen Statt kalte leere Lügen doch konnte
Augusti von Mutter und Tochter gebeten sich beherrschen und die Ausfoderung
womit er für alles Rache nehmen wollte ihnen opfern
Unsern Freund traf jetzt seitdem sein Gewissen über den Zufall des Erfolgs
besänftigt war der Schmerz über seine leere Gegenwart neu und unvermischt die
teuerste Seele ging ihn nichts mehr an seine Stunden wurden nicht mehr
harmonisch vom Glockenspiel der Dichtkunst und Liebe ausgeschlagen sondern
einförmig von der Turmuhr der Alltäglichkeit Daher flüchtete er sich zu Männern
und zur Freundschaft gleichsam unter die neben dem Schuttaufen des Brandes
noch grünenden Bäume Weiber floh er weil sie ihn wie fremde Kinder eine
Mutter die ihres verloren zu schmerzlich erinnerten Wie heiter geht dagegen
ein Simultanliebhaber der nur Allerseelen und Allerheiligenfeste feiert
ordentlich neugeboren umher wenn er sich endlich aus einem fassenden Herzen
glücklich ausgehenkt und er nun alle weibliche Gestalten wieder mit der Ansicht
eingelöster Güter überzählen kann Schon das Gefühl dieser Freiheit kann ihn
ermuntern sich öfter um es wieder zu schmecken einem weiblichen Herzen als
Gafangenen zu überliefern
Albano verlief sich an Roquairols und Schoppens Händen in wilde Männerfeste
die das SphärenEcho der Freude auf der Heerpauke vortragen wollen es waren
nach den Rosenfesten nur die Dornenfeste So gibt es ein Verzweifeln das sich
mit Schwelgen hilft wie zB in der Pest zu Athen oder in der Erwartung des
Jüngsten Tages oder in der Erwartung des Robespierrischen SchlachtMessers
Der Hauptmann ging tiefer in seine alte Verworrenheit und Wildnis zurück und
zog so weit er konnte den unschuldigen Jüngling in seine Volksfeste mit
sogenannten Musensöhnen in seine immerwährende Weinlese und auf seine
FreudenWerbplätze nach gleichsam als hab er seinetwegen nötig den Freund ein
wenig zu sich herabzubringen
Albano bildete sich ein mit diesen Dityramben sei seine weinende Seele
ganz eingesungen und er wiegte sie nur noch ein wenig fort Indes wurden
wiewohl ers nicht eingestehen wollte seine jungen Rosenwangen so bleich wie
eine Stirn und das Gesicht fiel wie eine Taste unter der zersprungnen Saite
ein Es war rührend und hart zugleich wenn er lachend unter seinen Freunden und
deren Freunden saß mit einem entfärbten Gesicht mit höheren schärfern Knochen
der Augen und der Nase mit einem wildern Auge das aus einer dunklern
Knochentiefe loderte Vor Musik zumal Roquairols seiner worin das
leidenschaftliche Wogen und Werfen unsers Schiffs mit dem tonkünstlerischen
abgenützten Wechsel des Dämpfers und Donners zu lebendig arbeitete entfloh sein
Ohr und Herz wie vor einer aufreibenden Sirene Der abgebrochne Lanzensplitter
der Wunde zog in seinem ganzen Wesen nagend herum O wie in den Kinderjahren
wenn ihm die RosenWolke am Himmel gerade auf dem Berge aufzuliegen und so
leicht zu ergreifen schien das herrliche Gewölk weit in den Himmel zurückfuhr
sobald er den Berg erstiegen hatte so stand jetzt die Aurora des Lebens und
Geistes die er nahe fassen wollen so hoch und ferne droben über seiner Hand im
Blau Mühsam erreicht der Mensch die Alpe der idealischen Liebe noch mühsamer
und gefährlicher ist wie von andern Alpen das Herabsteigen von ihr
Eines Tages kam Chariton in die Stadt bloß um ihm endlich einen Brief ihres
Mannes denn Dian machte wie alle Künstler leichter und lieber ein Kunstwerk
als einen Brief zu überbringen worin er sich freute dass er Albano so bald
sehen würde »Er kommt also wieder« fragte der Graf Sie rief betrübt aus »Bei
Leibe Ja das Nach seinem vorigen Schreiben bleibt er noch sein Jahr«
»So versteh ich ihn nicht« sagte Albano
Er wurde an demselben Abend auf herkulanische Bilderbücher die mit
Charitons Brief eine Post genommen hatten von der Fürstin eingeladen Sie trat
ihm mit jener erheiterten Liebesmiene entgegen welche man vor einem aufspannt
der vor uns sogleich wie wir hoffen seinen grenzenlosen Dank aus dem Herzen
ziehen wird Aber er hatte nichts daraus zu ziehen Sie fragte endlich
betroffen ob er heute keine Briefe aus Spanien erhalten Sie vergaß dass die
Post gegen kein Haus höflich und eilig ist als gegen das Fürstenhaus Da aber
sein Brief schon gewiss in seinem Zimmer lag so erlaubte sie sich die Rolle der
Zeit zu nehmen welche alles an den Tag bringt und sagte was im Briefe stehe
»dass sie nämlich im Herbste eine kleine Kunstreise nach Rom unternehme auf der
sie sein Vater begleiten werde und er diesen wenn er wolle das sei das ganze
Geheimnis« Es war das halbe denn sie setzte bald darauf hinzu dass sie der
besten Zeichnerin in der Stadt am liebsten die Freude dieser Reise zuwende
sobald diese nur genese Lianen
Wie plötzlich das ganze Herz freudig erleuchtet wird wenn nach einem langen
finsteren Regentage endlich abends die Sonne sich unter dem schweren Wasser ein
goldnes offenes Abendtor wölbt darin reinglänzend wie in einer Rosenlaube vor
der widerscheinenden Erde steht ihr einen schöneren Tag ansagt und dann mit
warmen Blicken verschwindet aus der offenen Rosenlaube so war es unserem Albano
Der schöne Tag war noch nicht da aber der schöne Abend Er ließ die
herkulanischen Bilder unter ihrem Schutt und eilte so schnell als es die
Dankbarkeit vergönnte zum Blatte des Vaters zurück der so selten eines gab
Es war dieses da
»Liebster Albano Meine Geschäfte und meine Gesundheit sind endlich in
solcher Ordnung dass ich meinen Plan bequem ausführen kann den ich mit der
Fürstin vorhabe eine kleine Kunstreise nach Rom noch im Herbste zu machen zu
der ich dich einlade und im Oktober selber abhole Die übrige Reisegesellschaft
wird dir nicht missfallen da sie aus lauter tüchtigen Kunstkennern besteht
Herrn v Bouverot Herrn Kunstrat Fraischdörfer Herrn Bibliotekar Schoppe
wenn er will Leider muss Herr v Augusti als Lektor zurückbleiben Dein Lehrer
in Rom Dian erwartet dich mit vieler Sehnsucht Man hat mir geschrieben dass
du die neue Hofdame der guten Fürstin Fräulein v Fr deren ich mich als einer
sehr braven Zeichnerin entsinne besonders begünstigest Es wird dich daher
interessieren dass die Fürstin sie auch mitnimmt zumal da ihr wie ich höre
eine Gesundheitsreise so nötig ist wie mir Im Frühling der ohnehin nicht die
schönste Jahreszeit in Italien ist kehrest du wieder zu deinen Studien nach
Deutschland zurück Noch etwas im Vertrauen mein Bester Man hat meiner
Mündel der Gräfin von Romeiro deine GeisterVisionen aus Pestitz unverhohlen
mitgeteilt Da sie nun den Herbst und den Winter während meiner Abwesenheit bei
ihrer Freundin der Prinzessin Julienne zubringt und noch dazu eher ankommt als
ich so lasse dich es nicht frappieren dass sie deiner Bekanntschaft ausweicht
weil sich ihr weiblicher und ihr persönlicher Stolz durch den gauklerischen
Gebrauch ihres Namens gekränkt und gerade zur Widerlegung der Gaukler recht
aufgefodert findet In der Tat konnte man wenn die Spielerei anders einen
ernstaftern Zweck hat wohl kein schlechteres Mittel dazu erwählen Du wirst
tun was die Ehre gebietet und ob sie gleich meine Mündel ist sie nicht
zudringlich aufsuchen Alles bleibt unter uns Addio
G v C«
Diese Aussichten die erhebende neben dem Vater so lange zu sein die
heilende aus dieser tiefen Asche herauszuwaten in ein freieres leichteres Land
die schmeichelnde dass das kranke geplagte Herz im Bergschlosse vielleicht in
Zitronen und Lorbeerwäldern Freude und Genesung wieder finde auch wohl wieder
gebe diese Aussichten waren was die Freuden der Menschen sind sehr schöne
Spaziergänge im Hofe des Gefängnisses
Auf diesem frohen Spaziergange störte ihn bald das Bild der kommenden Linda
aber nicht seinet sondern seiner armen Schwester und seines Freundes wegen
Wie feindselig muss dieses fremde Irrlicht dacht er in den nächtlichen Kampf
aller gegeneinander rennenden Verhältnisse hüpfen Roquairol schien ohnehin die
zu heftig liebende Rabette mit ihren einsamen Wünschen allein zu lassen sie
schickte wöchentlich ihre durch einen Einschluss an Albano sonst wars umgekehrt
briefliche Seufzer und Tränen die er alle kalt einsteckte ohne von ihnen
oder der Verlassenen zu sprechen
Albano im stillen Lianen und Rabetten abwägend beklagte selber das
ungleiche Los seines übereilten Freundes über dessen Sonnenpferde nur eine
Amazone und Titanide aber nicht ein gutes Landmädchen den Zügel werfen konnte
und dessen Psyches und Donnerwagen ihm zu gut schien zu einem bloßen ehelichen
Post oder Kinderwagen Erwürgend wird sich alles durcheinanderschlingen dacht
er wenn er am Traualtar mit Rabetten kniend zufällig aufsieht und unter den
Zuschauerinnen die unvergessliche hohe Braut seiner ganzen Jugend findet und laut
das entsagende Ja ausstammeln muss
Er war daher zweifelhaft ob er ihm den Inhalt des Briefs entdecken dürfe
aber doch nicht lange »soll ich dem Freund« sagt er »verhehlen und
vorgaukeln Darf ich ihn als schwach voraussetzen und die Beschleunigung der
Verhältnisse scheuen die doch mit Ihr kommen«
Sobald Karl zu ihm kam sagt er ihm zuerst die Abreise und sogar die Bitte
um dessen Mitreise bewegt von der ersten Trennung seines Jugendfreundes Der
Hauptmann dessen Herz immer den Sangboden der Phantasie zum Anklang brauchte
war auf der Stelle nicht vermögend beträchtliche Empfindungen über den Abschied
zu haben und zu malen Da gab ihm Albano über die Lippe konnt ers nicht
bringen den ganzen Brief
Unter dem Lesen wurde Roquairols ganzes Gesicht hässlich sogar in des
Freundes Auge Er schleuderte dann ein so flammendes Zornauge gegen Albano
dass dieser es erwiderte unwillkürlich und unwissend »O wahrlich ich versteh
alles« sagte Karl »So musst es sich lösen Warte nur bis morgen« Alle
Muskeln an ihm waren rege alle Züge irre alles bewegt so wie im heftigen
Gewitter kleine Wölkchen umeinander wirbeln Albano wollte ihn fragen und
halten »Morgen morgen« rief er und stürmte davon
87 Zykel
Am Morgen erhielt Albano einen sonderbaren Brief von Roquairol zu dessen
Verständnis einige Nachrichten von seinem Verhältnis mit Rabetten vorausstehen
müssen
Nichts ist schwerer wenn man seinen Freund recht liebt als dessen
Schwester kaum anzusehen Nichts ist leichter nur das Umgekehrte ausgenommen
als nach der Entzauberung durch Stadterzen die Bezauberung durch Landherzen
Nichts ist einem Simultanliebhaber der alle liebt natürlicher als die Liebe
gegen eine darunter Es braucht nicht erwiesen zu werden dass der Hauptmann in
allen drei Fällen auf einmal gewesen da er zum ersten Male zu Rabetten sagte
sie habe sein sogenanntes Herz Sie hätte freilich die Hamadryade in einem
solchen Giftbaum durch dessen Saft so viele AmorsPfeile vergiftet wurden
nicht so nahe anbeten sollen aber sie und ihre meisten Schwestern werden von
den männlichen Vorzügen gegen den männlichen Missbrauch davon verblendet
Anfangs ging manches gut die reine Unschuld seiner Schwester und seines
Freundes warf ein fremdes Zauberlicht auf den widernatürlichen Bund Das
Vorzüglichste war dass er als Konzertmeister seiner Liebe wenig mehr von
Rabetten bedurfte als die Ohren Lieben war bei ihm Sprechen und Handlungen
sah er bloß für die Zeichnung unserer Seele Worte aber für die Farben an Es
gibt eine doppelte Liebe die der Empfindung und die des Gegenstandes. Jene
ist mehr die männliche sie will den Genuss ihres eignen Daseins der fremde
Gegenstand ist ihr nur der mikroskopische Objekt oder vielmehr SubjektTräger
worauf sie ihr Ich vergrößert erblickt sie kann daher leicht die Gegenstände
wechseln lassen wenn nur die Flamme in die sie als Brennstoff geworfen werden
hoch fortlodert und durch Taten die immer lang langweilig und beschwerlich
sind genießt sie sich weniger als durch Worte die sie zugleich malen und
mehren Hingegen die Liebe des Gegenstandes genießt und begehret nichts als das
Glück desselben so ist meistens die weibliche und elterliche und nur
Handlungen und Opfer tun ihr Genüge und wohl sie liebt um zu beglücken wenn
jene nur beglückt um zu lieben
Roquairol hatte sich längst der Liebe der Empfindung gewidmet Daher musst
er so viel Worte machen Überhaupt wurde sein Herz erst durch den Transport über
die Zunge und Lippe recht feurig und trinkbar am Rheinfall wär er nicht von
der besten nämlich gerührtesten Laune gewesen bloß weil er zum Lobe desselben
da der Fluss alles überdonnert nichts hätte vorbringen können vor erhabenem
Lärm
Sein Roman mit Rabetten nach der LiebesErklärung war in verschiedene
Kapitel abgeteilt
Das erste Kapitel bei ihr versüsste er sich dadurch dass sie ihm neu war und
zuhörte und bewundernd gehorchte Er schilderte ihr darin große Stücke von der
schönen Natur ab mischte einige nähere Rührungen dazu und küsste sie darauf so
dass sie seine Lippen wirklich in zwei Gestalten genoss in der redenden und in
der handelnden von ihr wollt er wie gesagt nur ein Paar offene Ohren In
diesem Kapitel nahm er noch einige Möglichkeit ihrer Heirat an die Männer
vermengen so leicht den Reiz einer neuen Liebe mit dem Wert und der Dauer
derselben
Er machte sich an sein zweites Kapitel und schwamm darin selig in den
Tränen aus denen er es zu schreiben suchte In der Tat gewährte ihm diese
Augenlust mehr wahre Freude als fast die besten Kapitel Wenn er so neben ihr
saß und trank denn wie ein totes FürstenHerz begrub er gern sein lebendes in
Kelche und nun anfing zu malen sein Leben besonders seinen Tod und seine
Leiden und Irrtümer vorher und seinen Selbst und Knabenmord auf der Redoute und
seine weggestossene Liebe für Linda wer war da mehr zu Tränen bewegt als er
selber Niemand als Rabette deren Augen durch ihren Vater und Bruder so
wenig mit Männertränen bekannt geworden als mit Elefanten Hirsch und
Krokodilstränen desto reicher in seine Trauer und Liebe aber nicht so süß als
bitter überströmten Das goss wieder neues in seine Flamme und Lampe bis er am
Ende wie jener Schüler des Hexenmeisters von Goethe die Besen welche Wasser
zutrugen nicht mehr regieren konnte Poetische Naturen haben eine mitleidige
gleich der Justiz besolden sie neben der Folterbank einen Wundarzt der die
gebrochnen Glieder sogleich wieder ordnet ja sogar vorher die Stellen der
Quetschungen reguliert
Der Mann sollte nie seinetwegen ausgenommen vor Entzückung weinen Aber
Dichter und alle Leute von vieler Phantasie sind Zauberer welche gerade als
Widerspiele der verbrannten Zauberinnen leichter weinen obwohl mehr vor
Bildern als vor dem rohen wunden Unglück selber um die armen Zauberinnen auf
die schlimmste Wasserprobe zu setzen Trauet nicht Auf dem MachinellenGiftbaum
werden die Regentropfen giftig die von seinen Blättern rollen
Indes muss es nie verschwiegen werden dass der Hauptmann in diesem zweiten
Kapitel seinen Entschluss bestärkte die gute und so weiche Rabette wirklich zu
ehelichen »du weißt« sagt er zu sich »was im ganzen an den Weibern ist ein
paar Mängel auf oder ab tun wenig deine männliche Narrheit sie wie die Zins
und Deputattiere ohne Fehl zu fodern ist doch wohl vorüber Freund«
Jetzt setzt er sich hin um zu seinem dritten Kapitel einzutunken worin er
spasste Seine LippenAllmacht über das zuhorchende Herz erquickt ihn dermaßen
dass er häufige Versuche machte ob sie sich nicht halb tot lachen könnte Weiber
nehmen in der Liebe aus Schwäche und Feuer das Lachkraut am leichtesten sie
halten den komischen Heldendichter noch mehr für ihren Helden und beweisen
damit die Unschuld ihres Auslachens Aber Roquairol liebte die Lachende weniger
In seinem vierten Kapitel oder Sektor oder Hundsposttag oder
Zettelkasten oder wie ich sonst lächerlich genug statt der Zykel abteile in
seiner vierten Jobelperiode sag ich hielt es sozusagen härter mit ihm
Rabette wurd es endlich gewohnt und satt dass er immer abstieg und den zwischen
den Rädern hängenden Teertopf der Tränendrüse aufmachte um den Trauerwagen zu
teeren Tiefes Rühren und Bewegen wurd ihm täglich sauerer gemacht und
vergället er musste immer längere und grellere Trauerspiele geben Da fing er an
zu merken dass die Zunge des Landmädchens nicht eben die größte
Landschaftsmalerin Seelenmalerin und Silhouettrice sei und dass sie zu ihm wenig
mehr zu sagen wisse als du mein Herz Er machte deshalb im vierten Kapitel
seltnere Besuche das half wieder viel aber kurz Glücklicherweise gehörte die
halbe Meile von Pestitz nach Blumenbühl zu Rabettens Schönheitslinien und
Strahlen in der Stadt in einer Straße oder gar unter einem Dache wär er zu
kalt geblieben vor Nähe
Die natürlichste Folge aus einem solchen Kapitel ist das fünfte oder das
Wechselkapitel das einige Flammen noch durch den immer schnellern Wechsel von
Vorwürfen und Versöhnungen aufbläset so dass beide sich wie elektrische Körper
kleine wechselnd anziehen und abstossen Zuweilen trank er nichts und fuhr sie
bloß an zuweilen nahm er sein Glas und sagte zu ihr »Ich bin der Teufel du
der Engel« Den größten Stoß gab seiner Liebe sein Vater durch den Beifall den
er ihr wider Verhoffen schenkte Dem Hauptmann war gänzlich so als begeh er
die Silberhochzeit wenn er einmal die goldne feiere Im Dienste der
Liebesgöttin wird man leichter kahl als grau er war schon gegen die Silberbraut
moralischkahl Zum Glücke trieb er kurz vor dem Flammensonntag in Lilar144 alle
Vernachlässigungen und Sünden so weit dass er am Sonntag imstande war sie zu
verfluchen nur nach Zürnen und Sündigen konnt er leichter lieben und beten
wie der kriechende Springkäfer sich nur aufschnellt auf den Rücken gekehrt Es
ist wohl wenigen Lesern aus jenem Sonntag entfallen wenigstens entgangen dass
Roquairol morgens mit Rabetten im Flötentale gesessen dass Rabette da beklommen
und einsam gesungen und dass er aufgelöset seinem von der Liebe verherrlichten
Freunde aufgestoßen Die TalSache ist natürlich nach so langem Kühlnicht
Kalt Sinn an diesem luftigen freien OtaheitiTage bei so vielem was er
in den Händen hatte eine fremde und eine Flasche neben ihrem Herzen so
warm und doch so ruhig wie die Sonne droben neben der einsamen WaisenFlöte
die er rufen ließ und bei seinem herzlichsten Wunsche von einem solchen Tage
und Himmel etwas zu profitieren da sah er sich ordentlich genötigt wahre
Rührung vorzuholen über seine Vergangenheit sich auszulassen er glich den
alten Sprachen die nach Herder viele Präterita und kein Präsens haben ja
über seinen Tod auch ein Bruchstück der Vergangenheit und dann wie auf einem
Himmelswege weiterzugehen Freilich ging er nicht weit er ließ wieder sein
heil JanuarsBlut flüssig werden nämlich seine Augen und also vorher sein
eigenes und foderte dann der entzückten im schönsten Himmel umhergeschleuderten
Seele nichts Geringeres ab als da sie vor dem zugeworfnen Schnupftuch
verstummte wie der Kanarienvogel unter dem übergeworfnen ein schwaches Singen
Rabette konnte nicht singen sie sagte es sie weigerte sich sie sang endlich
aber sie dachte unter dem leeren Singen an nichts weiter als an ihn und sein
wildes nasses Gesicht
Das schlimmste Kapitel unter allen die er in seinen Roman brachte ist wohl
das sechste das er in der Illuminationsnacht in Lilar niederschrieb Anfangs
hatt er die stumme glanzlose Zuschauerin einsam stehen lassen indem er hinter
dem Venuswagen voll fremder Göttinnen nachlief und aufsprang Allmählich kroch
eine Freude nach der andern herzu und gab ihm den Tarantelbiss dem ein krankes
Toben folgte Da Mäßigkeit eine wahre stärkende Arzenei des Lebens ist so nahm
er zu dieser kräftigen Arzenei um sie nicht in immer stärkeren Dosen brauchen zu
müssen ungemein selten die Zuflucht und gewöhnte sich durchaus nicht an sie
Endlich erschienen an ihm wie am sinesischen Porzellan145 die Gestalten durch
Füllen er trat mitleidend und liebend zu Rabetten und glaubte mit ihr gegen
sie weich oder gut zu sein da ers bloß gegen alle war
Er wollte sie aus dem feindlichen AugenHeer entführen um bei ihr den Kuss
zu suchen dem das Verbot und die Entbehrung wieder den Honig gab aber sie
weigerte sich weil da wo das Auge aufhört der Verdacht anfängt als er zum
Unglück die Blinde aus Blumenbühl ansichtig wurde und zur scheinbaren Wache
Rabettens rufen konnte um diese aus der Versuchung unter Menschen in die
Versuchung in die Wüste zu führen Sie ungestümliebend an sich drückend wie nie
dass die arme diesen Abend so verlassene Seele über die Wiederkehr aller ihrer
Freuden weinte und zu ihr redend wie ein Engel der wie keiner handelt
gelangt er mit ihr im stillen Tartarus wo alles blind und stumm war
unwillkürlich an
Rabette hatte die Blinde nicht entlassen aber als sie in den Katakombengang
eingingen der nur zwei Personen fasset wenn nicht die dritte im Wasser
schleichen will wurde die augenlose Magd an die Pforte gestellt um so mehr da
er sich nicht gern von einer überflüssigen Zuhörerin wollte hemmen lassen Und
was war denn mitten im Guckkasten des Grabes auch zu scheuen
Drinnen sprach er über die überall ausgestreckten Zeigefinger des Todes
»und dass sie hinwiesen das Leben so dumm es auch sei nicht noch dümmer zu
machen sondern lustig« Er setzte sich mit ihr liebkosend wie der Würgengel
unsichtbar neben dem blühenden Kinde sitzt das im alten Gemäuer spielt und dem
er den schwarzen Skorpion in die zarten Händchen drückt es war die Stelle wo
er mit Albano gegenüber dem Gerippe mit der Äolsharfe in der ersten
Bundesnacht gesessen als ihm der Freund die Entsagung Lindas beschwor Seine
Zunge strömte wie sein Auge Er war weich wie nach dem Volksglauben Leichen
weich sind denen Traurende nachsterben Er warf FeuerKränze in Rabettens
Herz aber sie hatte nicht wie er Wortströme zum Löschen sie konnte nur
seufzen nur umarmen und die Männer versündigen sich am leichtesten aus
Langeweile an guten aber langweiligen Herzen Schneller sprangen Lachen und
Weinen Tod und Scherz Liebe und Frechheit ineinander über das moralische Gift
macht die Zunge so leicht als physisches sie schwer Die Arme die
jungfräuliche Seele ist eine reife Rose aus der sobald ein Blatt gezogen ist
leicht alle gepaarte nachfallen seine wilden Küsse brachen die ersten Blätter
aus Dann sanken andere Umsonst wehet der gute Genius fromme Töne aus der
Harfe des Todes und rauschet zürnend im OrkusFluße der Katakombe herauf
Umsonst Der schwärzeste Engel der gern foltert aber lieber Unschuldige als
Schuldige hat schon vom Himmel den Stern der Liebe gerissen um ihn als
Mordbrand in die Höhle zu tragen Der Wehrlosen enges armes LebensGärtchen
worin nur wenig wächst steht auf dem langen Minengang der unter Roquairols
ausgedehnten Lustlagern wegläuft und der schwärzeste Engel hat die MinenLunte
schon angesteckt Feurig frisset der gierige Punkt sich weiter Noch steht ihr
Gärtchen voll Sonnenschein und seine Blumen wiegen sich der Funke nagt ein
wenig am schwarzen Pulver plötzlich reißt er einen ungeheueren FlammenRachen
auf und das grüne Gärtchen taumelt zersprengt zerstäubt in schwarzen Schollen
aus der Luft herab an ganz fernen Stellen Und das Leben der Armen ist Dampf
und Gruft
Aber Roquairols ausgebreiteten weiten und zusammengewurzelten LustParks
widerstanden dem Erdstosse viel kräftiger Beide traten dann betrübt denn dem
Hauptmann war eine kleine Laube aufgeschleudert aus dem Miniergange heraus
trafen aber die Blinde nicht mehr an die suchend sich verlaufen hatte sondern
stießen nur dem umherirrenden Albano auf der sehr trauerte und tobte ob er
gleich diesen Abend nichts verloren hatte als Freuden
Lasst uns die Betrogne und ihre MitMillionen mit einigen Worten vor einen
milden Richter führen Nicht das allein wird dieser Richter wiegen dass sie
vom Blütenstaube eines rauchenden FreudenFrühlings betäubt stummerstickt mit
dem jungfräulichen Schleier erlegen dem Sturm der Phantasie da Weiber um so
leichter vor der fremden und poetischen fallen je seltener ihre eigne weht und
ihnen das Feststehen angewöhnt den Lohn eines ganzen jungfräulichen Lebens
sterben ließ sondern das mildert am stärksten das Urteil, dass sie Liebe im
Herzen trug Warum erkennt es denn das MännerGeschlecht nicht dass die Liebende
in der Stunde der Liebe ja nichts weiter tun will als alles für den Geliebten
dass die Frau für die Liebe alle Kräfte gegen sie so kleine hat und dass sie mit
derselben Seele und in derselben Minute ebensoleicht ihr Leben hingäbe als ihre
Tugend und dass nur der fodernde und nehmende Teil schlecht sei besonnen und
selbstsüchtig
Das letzte oder siebente Kapitel seines Räuberromans ist sehr kurz und
widersprechend Den dritten Tag besucht er sie in ihrem Garten war zärtlich
vernünftig nüchtern zurückhaltend als wär er ein Ehemann Da er sie voll
Kummer fand den sie doch nur halb aussprach so kam er aus Angst für ihre
Gesundheit mehrmals wieder und als diese nicht im geringsten gelitten blieb er
weg Gegen Albano war er während besagter Angst demütig und nach derselben
wie sonst aber nicht lange Denn als seine Schwester die er vielleicht unter
allen Menschen am reinsten liebte durch Albanos Wildheit erblindete warf er
eben wegen der Ähnlichkeit der Schuld auf diesen einen wahren Hass und etwas
Ähnliches auf alle dessen Verwandte Rabette bekam jetzt nichts weiter von ihm
als Briefe und Entschuldigungen kurze Gemälde seiner wilden Natur die freien
SpielRaum haben müsse und die einer fremden angeheftet diese bloß ebensosehr
mit der Kette zerschlagen und drücken müsse als sich selber Alle Einwürfe
Rabettens wußt er so gut zu heben da sie nur in Worten und nicht in Mienen
und Tränen bestanden dass er am Ende selber einsah er habe recht und der von
diesem stürzenden glatten Maienbaum erschlagnen Maiblume blieb fast nichts
übrig als das rechte letzte Wort nämlich die stumme Lippe die es dem Mörder
nicht erst meldet dass er das Herz getroffen und zerstöret habe
88 Zykel
Hier ist Roquairols Brief an Albano
»Einmal muss es geschehen wir müssen uns sehen wie wir sind und dann
hassen wenn es sein muss Ich mache deine Schwester unglücklich du meine und
mich dazu das hebt sich auf gegenseitig Du verzerrest dich aus meinem Engel
immer heftiger zu meinem Würgengel Würge mich denn aber ich packe dich auch
Jetzt sieh mich an ich ziehe meine Maske ab ich habe konvulsivische
Bewegungen auf dem Gesicht wie Leute die genossenen Gift überstanden Ich habe
mich in Gift betrunken ich habe die Giftkugel die Erdkugel verschluckt Frei
heraus Ich jauchze nicht mehr ich glaube nichts mehr ich jammere nicht einmal
recht tapfer Ausgehöhlt verkohlt vom phantastischen Feuer ist mein Baum Wenn
so zuweilen die Eingeweidewürmer des Ichs Erbosung Entzückung Liebe und
dergleichen wieder herumkriechen und nagen und einer den andern frisset so
seh ich vom Ich herunter ihnen zu wie Polypen zerschneide und verkehr ich
sie stecke sie ineinander Dann seh ich wieder dem Zusehen zu und da das ins
Unendliche geht was hat man denn von allem Wenn andere einen
GlaubensIdealismus haben so hab ich einen HerzensIdealismus und jeder der
alle Empfindungen oft auf dem Theater dem Papier und dem Erdboden durchgemacht
ist so Wozu dients Wenn du jetzt stürbest sag ich mir oft so wäre ja
alles da alle Radien des Lebens in den kleinen Punkt eines Augenblicks
zusammenlaufen weggewischt unsichtbar mir ist dann als wär ich nichts
gewesen Oft seh ich die Berge und Flüsse und den Boden um mich an und mir
ist als könnten sie jeden Augenblick auseinanderflattern und verrauchen und ich
mit Das künftige Leben da das anwesende kaum eines ist und alles was
daranhängt gehört unter die Entzückungen denen man zusieht zumal unter einer
in der Liebe
Da du so leicht jede Verschiedenheit von dir für Entkräftung hältst so sag
ich dir gerade heraus steige nur weiter knete dich nur mehr durch hebe nur
den Kopf aus den heißen Wogen der Gefühle höher dann wirst du dich nicht mehr
in sie zerlaufen sondern sie allein verwallen lassen Es gibt einen kalten
kecken Geist im Menschen den nichts etwas angeht nicht einmal die Tugend denn
er wählt sie erst und er ist ihr Schöpfer nicht ihr Geschöpf Ich erlebte
einmal auf dem Meer einen Sturm wo das ganze Wasser sich wütend und zackig und
schäumend aufriß und durcheinanderwarf indes oben die stille Sonne zusah so
werde Das Herz ist der Sturm der Himmel das Ich
Glaubst du dass die Romanen und Tragödienschreiber nämlich die Genies
darunter die alles Gottheit und Menschheit tausendmal durch und nachgeäfft
haben anders sind als ich Was sie und die Weltleute noch reell erhält ist
der Hunger nach Geld und nach Lob dieser fressende Magensaft ist der tierische
Leim der hüpfende Punkt in der weichen FlussWelt und FliessWelt Die Affen
sind Genies unter dem Vieh und die Genies sind nicht bloß vor höheren Wesen
wie Pope von Newton sagt sondern auch hier unten Affen im ästhetischen
Nachmachen in der Herzlosigkeit Bosheit Schadenfreude Wollust und
Lustigkeit
Letztere und vorletztere beding ich mir aus Gegen die Longueurs im
LebensBuche das kein Mensch versteht gibts nichts als einige lustige Stellen
an die ich nicht mehr denke sobald ich sie gelesen Um nur wegzukommen über das
höckerige kalte Leben will ich doch mir lieber Rosenkelche als Dornenreiser
unterstreuen Die Freude ist schon etwas wert weil sie etwas verdrängt eh man
sich mit schwerem Haupte niederlegt ins Nichts
So bin ich so war ich da sah ich dich und wollte dein Du werden aber es
geht nicht denn ich kann nicht zurück aber du vorwärts du wirst mein Ich
einmal und da wollt ich deine Schwester lieben Sie verzeihe es mir Hier
trinke reinen Wein Ich weiß am besten wie weit es mit den Weibern geht wie
ihre Liebe beglückt und beraubt wie jede Liebe sich gleich anderem Feuer an
viel besserem Holze entzündet als ernährt und wie überall der Teufel alles
holt was er bringt
O warum kann denn keine Frau nur soweit und nicht weiter lieben als man
haben will Gar keine Meinetwegen überall wollen schlaffe Prediger uns von
jeder vergänglichen Lust abhalten durch die nachfahrende Unlust Ist denn die
Unlust nicht auch vergänglich Rabette meint es gut mit mir aus demselben
Grunde des Wunsches warum ichs mit ihr und mir so meinte Aber weiß es denn
jemand welche FegefeuerStunden man mit einem fremden Herzen durchwatet das
voll ist ohne zu füllen und dessen Liebe man am Ende hasset vor welchem
aber nicht mit welchem man weint und nie über Gleiches und dem man sich jede
Rührung zu enthüllen scheuet aus Furcht sie in Nahrung der Liebe verwandelt zu
sehen aus dessen Zorn man den größeren Zorn und aus dessen Liebe man den
kleineren saugt Und nun vollends auf immer in diese Peinlichkeit die heitern
Verhältnisse eingeschraubt die uns sonst über die peinlichen emporhalten sollen
auf immer das lang gewünschte GötterGlück des Lebens in einen platten Schein
und Kupferstich verkehrt das Herz in eine Brust und Larve das Mark des Daseins
in spitze Knochen Und doch bei allen Vorwürfen der Kälte nur ans Schweigen
gekettet unschuldig und stumm auf die Folter gebunden und das eben ohne Ende
Nein lieber den Wahnsinn her den man aus dem Tempel der Liebe sowohl wie
der Eumeniden holt Lieber recht unglücklich entbrannt ohne Hoffnung ohne
Laut bis zur Bleichheit und Wut als so geliebt nicht liebend Wer einmal
in dieser Hölle brannte Albano der fährt immerfort in sie das ist das neue
Unglück Verschmerz ich nicht das Leben und den Tod und die Wunden und Stacheln
vorher und bin gewiss nicht schwach Doch bin ich nicht imstande einer
empfindsamen Rede oder Klavierphantasie oder Vorlesung oder Vorsingung
Einhalt zu tun und wenn mir der Schmerz in Person eine von allen Göttern
unterschriebne Drohung vorhielte dass eine Zuhörerin die ich nicht leiden kann
sogleich darauf meine Liebhaberin würde und daraus meine Geliebte und Hölle
Die Griechen gaben dem Amor und dem Tode dieselbe Gestalt Schönheit und
Fackel für mich ists eine Mordfackel aber ich liebe den Tod und darum den
Amor Längst war mir mein Leben eine tragische Muse gern geb ich dem Dolche
einer Muse die Brust eine Wunde ist fast ein halbes Herz
Höre weiter Rabette hat eine schöne Natur und folgt ihr aber meine ist für
sie eine Wolke mit leerer vergänglicher Bildung und Gestalt sie versteht mich
nicht Könnte sie es so vergäbe sie mir am ersten O ich habe sie wohl
misshandelt als wäre ich ein Schicksal und sie ich Zürne aber höre In der
Illuminationsnacht führte ihre Sehnsucht und meine Leerheit im Feuerregen der
Freude uns wärmer aneinander unter den glattgepanzerten und mattgeschliffnen
Hofgesichtern blühte ihr aufrichtiges so schön und so lebendig wie ein frisches
Kind auf der Bühne und am Hofe Wir gerieten in den Tartarus Wir saßen an der
Stelle wo du mir deinen Verzicht auf Linda geschworen In meinen Sinnen glühte
der Wein in ihren das Herz O warum hat sie wenn man spricht und strömt
keine andere Worte als Küsse und macht einen sinnlich aus Langeweile und
zwingt zum Sprechen ihrer Sprache Meine wahnsinnige Kühnheit die mir die
Phantasie und der Rausch einhauchen und die ich kommen sehe und doch erwarte
ergriff mich und trieb mich wie einen Nachtwandler Aber immer ist etwas in
mir Hellblickendes das selber das Zuggarn des Wahnsinns strickt über mich
wirft und mich verhüllt darin führt So sieh mich in jener Nacht mit dem
brennenden Netz um das Haupt der Totenbach murmelt zu mir das Skelett greift
durch die Harfe Aber umschlungen vergittert verdunkelt geblendet vom
FeuerGeflechte der Lust acht ich weder Vernichtung noch Himmel noch dich und
jenen Abend sondern ich schlinge alles durcheinander und ins Geflechte Und so
sank die Unschuld deiner Schwester ins Grab und ich stand aufrecht auf dem
Königssarg und ging mit hinunter
Ich verlor nichts in mir ist keine Unschuld ich gewann nichts ich
hasse die Sinnenlust der schwarze Schatte den einige Reue nennen fuhr breit
hinter den weggelaufenen bunten Lustbildern der Zauberlaterne nach aber ist das
Schwarze weniger optisch als das Bunte
Verdamme deine arme Schwester nicht sie ist jetzt unglücklicher als ich
denn sie war glücklicher aber ihre Seele ist unschuldig geblieben Bewahrt lag
ihre Unschuld in ihrem Herzen wie ein Kern in der steinigen Pfirsichschale der
Kern selber zersprengte in der nährenden warmen Erde seinen Panzer und drängte
sich grünend ans Licht
Ich besuchte sie nachher Alle ihre Seelenschmerzen gingen in mich über zu
allen Taten und Opfern für sie fühlt ich mich leicht aber zu keinen
Empfindungen Macht was ihr wollt du und mein Vater ich werde mich in diesem
dummen Stoppelleben wo man in der Freiheit so wenig erntet nicht vollends in
das enge dreissigjährige Gehege der Ehe bannen Bei Gott für den erbärmlichen
erpressten SinnenRausch hab ich schon bisher und unter ihm mehr ausgestanden
als er wert ist
Nicht das was ich gestern bei dir gelesen gibt mir diesen Entschluss das
frage Rabetten über ihn und meine Freimütigkeit gegen dich ist ein
willkürliches Opfer da die Mysterie unter zweien hätte ohne mich eine bleiben
können sondern ich will nicht von dir verkannt sein gerade von dir der du
bei so wenigen Reflexen deines Innern so leicht nachteilig vergleichst und
nicht merkst dass du meine Schwester in Lilar gerade so nur mit geistigern
Armen opfertest und ihre Augen und Freuden in den Orkus warfst Ich tadle dich
nicht das Schicksal macht den Mann zum UnterSchicksal des Weibes Die
Leidenschaften sind poetische Freiheiten die sich die moralische nimmt Du
hieltest mich doch nicht für zu gut ich bin alles wofür du mich nahmest nur
aber noch mehr dazu und das MehrDazu fehlt dir noch selber
O wie fliegt mein Leben schneller seit ich weiß dass Sie146 kommt Das
Schicksal das so oft Gewicht und Räder spielt und den Perpendikel des Lebens
mit eigener Hand auswirft hebt den meinigen aus und alle Räder rollen der
seligen Stunde unbändig entgegen Sie ist meine erste meine reinste Liebe vor
ihr riss ich alle meine blühenden Jahre aus und warf sie ihr hin auf ihren Weg
als Blumen für Sie opfer ich wag ich tu ich alles wenn Sie kommt O wer
in der leeren Schaum und GaukelLiebe nichts fürchtet was sollte der in der
rechten lebendigen SonnenLiebe scheuen oder weigern Du Engel du Würgengel
du flogst herein in mein kahles ebenes Leben du fliehst und erscheinst bald
hier bald da auf allen meinen Steigen und Auen o verweile nur so lange bis
ich vor deinen Füßen mir mein Grab aufgewühlet habe während du zu mir
heruntersahst
Albano ich schaue die Zukunft und greif ihr vor ich sehe recht deutlich
das lange über den ganzen Strom gespannte Netz das dich fassen schnüren und
würgen soll dein Vater und noch andere ziehen darin euch beide einander zu
Gott weiß warum
Darum kommt Sie jetzt und dein Reisen ist nur Schein Meine arme
Schwester ist bald besiegt nämlich ermordet besonders da man dazu bei ihrem
Geisterglauben keine andere Stimme braucht als jene körperlose die über dem
alten Fürstenherzen dem deinigen die Grenze anwies
Welche Lichter in der Zukunft die zwischen finsteren Verhältnissen und
Gebüschen in MordWinkeln brennen Wie es sei ich trete in die Höhlen
hinein ich danke Gott dass das ohnmächtige kaltschwitzende Leben wieder einen
Herzschlag eine Leidenschaft gewinnt und dann oder jetzt tue gegen mich der
ich sicher und versteckt und unredlich handeln konnte was du magst Schlage
dich heut oder morgen mit mir Es soll mich freuen wenn du mich in den längsten
Schlaf auf den Rücken bringst O das Opium des Lebens macht nur anfangs
lebhaft dann schläfrig o so schläfrig Gern will ich nicht mehr lieben wenn
ich sterben kann Und so ohne ein Wort weiter hasse oder liebe mich leb aber
wohl
Dein Freund
oder dein Feind«
89 Zykel
»Mein Feind« rief Albano Der zweite heiße Schmerz schlug vom Himmel in sein
Leben ein und der Wetterstrahl brannte grimmig wieder hinauf Als ein herzloser
Rumpf der vorigen Freundschaft war ihm Roquairol vor die Füße geworfen und er
fühlte den ersten Hass Diese Giftmischung von sinnlicher und geistiger
Schwelgerei dieser Gärbottich von SinnenHefe und HerzensSchaum dieser
Vertrag von Liebes und Mordlust und gegen dasselbe schuldlose Herz dieser
geistige Selbstmord des Gemüts der nur ein lustiges umherschweifendes sich
wechselnd verkörperndes Gespenst übrig ließ auf das kein Verlass mehr bleibt und
das ein tapferer Mann schon zu hassen anfängt weil er diesen weichen GiftNebel
nicht packen und bekämpfen kann das alles erschien dem Grafen der ohne die
Übergänge und Mitteltinten der Gewohnheit und Phantasie aus dem vorigen Lichte
der Freundschaft in diese Abenddämmerung geführe wurde noch schwärzer als es
war Neben die flache Wunde die sein Familienstolz in der gemisshandelten
Schwester empfing kam die tiefe giftige dass Roquairol ihn mit sich und Lianens
Zerstörung mit Rabettens ihrer verglich »Bösewicht« knirschte er auch die
kleinste Ähnlichkeit schien ihm eine Verleumdung
Allerdings hatte Roquairol an ihm sich verrechnet und seine poetische
SelbstVerdammnis zu sehr auf Rechnung eines poetischen Richterspruchs
aufgesetzt Wie man im Geräusche unwissend lauter spricht so wusste er wenn die
Phantasie mit ihren Katarakten um ihn brauste nicht recht was er rief und wie
stark Da er oft doch weniger Schwärze an sich fand als er schilderte so
setzt er voraus der andere finde dann sogar noch weniger als er selber Auch
hatt er im poetischen und sündigen Taumel sich am Ende das moralische
Zifferblatt selber beweglich gemacht dass es mit dem Zeiger ging in dieser
Verwirrung wurd ihm nicht gezeigt wo Unschuld war
Hätt er vorausgesehen dass seine brieflichen Beichten in feindlichern
Winkeln an und abprallen würden als einstmals seine mündlichen er hätte sie
anders gerichtet
Vor Erschütterung konnte Albano nicht sogleich den kurzen Scheidebrief
keinen Fehdebrief an den Verlornen schreiben sondern zögerte in der
Gewissheit, dass der Hauptmann nicht selber komme als er kam Denn Zögern
vertrug er nicht körperliche und geistige Wunden nahm er als teatralische auf
zu sehr gewohnt Menschen zu gewinnen verwand ers zu leicht Menschen zu
verlieren Eine schreckliche Erscheinung für Albano nur der aufgestellte
lange Sarg des getöteten Lieblings Dass nun über dieses kräftigknochige
Gesicht sonst die Feste ihrer Seelen die Furchen des Unkrauts sich krümmten
dass dieser Mund den die Freundschaft so oft auf seinen gelegt ein Pestkrebs
eine deckende Rose des Zungenskorpions für die trauendannahende gute Rabette
gewesen das zu sehen und zu denken war reiner Schmerz
Kaum hörbar war Gruß und Dank stumm gingen sie auf und ab nicht neben
sondern widereinander Albano suchte seinen Zorn in die Gewalt zu bekommen um
nichts als die Worte zu sagen gehe von mir und lasse mich deiner vergessen Er
wollte Lianen im Bruder schonen der ihn das Opfermesser derselben gescholten
ungerechte Vorwürfe erhalten uns in der nächsten Zukunft besser weil wir sie zu
keinen gerechten wollen werden lassen »Offen bin ich siehst du« fing
Roquairol gemässigt an weil seine Wallungen halb vertropft und verschrieben
waren »sei es auch und antworte dem Brief« »Ich war dein Freund nun nicht
mehr« sagte Albano erstickt » Dir hab ich doch nichts getan« versetzte
jener
»Himmel Lass mich nicht viel reden« sagte Albano »Meine elende Schwester
Meine Unschuld an der Gräfin Kommen Meine elende verworfne Schwester O
Gott empör mich nicht Ich achte dich nicht mehr und da geh«
»So schlage dich« sagte der Hauptmann halb seelen halb weintrunken
»Nein« sagte Albano lauteinatmend wie zum Seufzer des Zorns »dir ist nichts
heilig nicht einmal ein Leben« Dieser Zögling des Todes warf den eignen
Lebenstagen und Freuden und Planen so leicht alle fremde nach in die Gruft das
meinte Albano und dachte nur an die kranke so leicht an fremden Wunden
sterbende Liane die Liebe war statt der Freundschaft wie ein milderndes Weib
vor seine aufgebrachte Seele gegangen aber der Feind verstand ihn falsch
»Du musst« spottete wild der Hauptmann »deines soll mir teuer sein«
»Himmel und Hölle ich meinte ein besseres« sagt er »Verleumder gegen
deine Schwester hab ich nicht so gehandelt wie du gegen meine ich habe sie
nicht elend machen wollen ich bin nicht wie du Und ich schlage mich nicht
ich schone sie nicht dich« Aber der Höllenfluss des Zorns den er durch Liane
in flaches Land hatte leiten und seichter machen wollen schwoll davon wie unter
Zauberhand auf weil Roquairols Lüge ihres Hinopferns dabei so nahe lag
»Du fürchtest dich« sagte der erbitterte Roquairol und nahm doch zwei Degen
von der Wand »Ich achte dich nicht und schlage mich nicht« sagte Albano ihn
und sich mehr reizend da er doch sich bezwingen wollte
Da trat Schoppe herein »er fürchtet sich« wiederholte jener gewaffnet
Albano gab errötend mit drei brennenden Worten die Geschichte »Ein wenig müsst
ihr euch vor mir schlagen« rief der Bibliotekar voll alten Hass gegen
Roquairols poetisches Blendund GaukelHerz Albano lechzend nach kaltem Stahl
griff unwillkürlich danach Der Kampf begann Albano fiel nicht an aber immer
wütender wehrt er sich und wie er so den zornigen Affen des vorigen Freundes
mit dem Dolch in der Hand sah der aus den blühenden Beeten der schönsten Tage
ausgeackert war und in welchen er mit seinen Wunden getreten und wie der
Hauptmann mit wachsendem Sturme auf ihn fruchtlos einbljetzte so sah er auf dem
grimmigen Gesicht den dunkeln Höllenschatten wieder stehen der darauf gestanden
und gespielt als er unter sich die sträubende Rabette erwürgte die
Aufziehbrücke der Gesichter worauf sonst beide Seelen zusammenkamen stand
hoch auseinandergerissen in die Luft Glühender blickte Albano zorntrunkner
griff er den Werwolf der verschlungnen Freundschaft an plötzlich hieb er ihm
wie eine Tatze das Gewehr ab als Schoppe vom ungleichen Schonen und Fechten
entflammt mit Rabettens Namen die Rache rufen wollte und schrie »Die
Schwester Albano«
Aber Albano verstand darunter Karls Schwester und schleuderte das eine
Schwert dem andern nach und Feuertropfen standen in seinem Auge und verzogen
unförmlich das feindliche Gesicht vor ihm »Albano« sagte zornerschöpft
Roquairol auf den weinenden Regenbogen des Friedens bauend »Albano« fragt er
und gab ihm die Hand »Lebe froh aber geh noch bin ich unschuldig geh«
versetzte Albano der hart das Gewitter des ersten Zorns über sich fühlte das
zwischen seine Gebirge eingesenkt fortschlug »Ins Teufels Namen geht Am Ende
werd ich auch angesteckt« fuhr Schoppe dazwischen »In solchem Namen geht man
gern« sagte der Hauptmann dem in Schoppens Gegenwart immer die Zungenmuskeln
erfroren und ging schweigend aber Albano sah ihn längst nicht mehr an weil er
keine fremde Erniedrigung vertrug sondern wie jede starke Seele mit der
gebückten Menschheit zugleich sich selber niedergebogen empfand so wie große
Tronen keine KnechtsAbzeichen in ihrer Nähe dulden147
Schoppe fing nun an ihn an seine frühesten Weissagungen über Roquairol zu
erinnern und sich das große ProphetenQuartett zu nennen dessen unheilbare
Mund und Herzensfäule zu rügen dessen teatralische Festigkeit mit dem
römischen Marmor und Porphyr zu vergleichen der außen eine SteinRinde habe
innen aber nur Holz148 anzumerken dessen innere Besitzung heiße wie die des
deutschen Ordens nur eine Zunge und überhaupt so heftig gegen alle
SelbstZersetzung durch Phantasie gegen alle poetische Weltverachtung sich zu
erklären dass ein anderer als Albano wohl eben den Eifer für einen Schutz gegen
das leise Gefühl einer Ähnlichkeit nehmen konnte
Schoppe hoffte sehr Albano hör ihm glaubend zu und werde zürnen lachen
und antworten aber er wurde ernster und stiller er sah den rechtschaffenen
Bibliotekar an und fiel ihm heftig und stumm an den Hals und trocknete
schnell das schwere Auge O es ist ein finsterer Trauertag der Begräbnistag
der Freundschaft wo das ausgesetzte verwaisete Herz allein heimgeht und es
sieht die Todeseule vom Totenbette derselben schreiend über die ganze Schöpfung
fliegen
Albano hatte anfangs noch heute nach Blumenbühl gehen und seine verlassene
Schwester auf das TrauerGerüste der Wahrheit führen wollen aber jetzt war sein
Herz nicht stark genug dazu seine eignen Worte an die Schwester zu ertragen
oder ihre Tränen ohne Maß und ohne Tröster
Einundzwanzigste Jobelperiode
Die Leseprobe der Liebe Froulays Furcht vor Glück der betrogne Betrüger
Ehre der Sternwarte
90 Zykel
Seit dem vertilgten Bunde und seit Gaspards Briefe war Albanos Auge nach der
schönsten Ruine der Zeitwenn man die Erde selber ausnimmt nach Italien
gerichtet und sein verletzter Blick hielt an diesem neuen Portale seines Lebens
fest das ihn vor das Schönste und Größte was Natur und Menschen schaffen
können führen sollte Wie taten ihm die FeuerBerge und RomasRuinen und ihr
warmer blaugoldner Himmel schon ihren Glanz auf wenn er die leidende Liane vor
sie führte und die frommen Augen erquickt die Höhen maßen Ein Mensch der mit
der Geliebten nach Italien reist hat dadurch eben weil er eines von beiden
entbehren könnte beide verdoppelt Und Albano hoffte diese Seligkeit da alle
Zeugnisse die ihm über Lianens Genesung begegneten diese versprachen Den
Doktor Sphex der einzige der für sie eine Grube öffnete und darin die
Totenglocke goss und jedem schwur mit den Blättern falle sie sah er nicht mehr
Er wollte indes sagt er sich bei der ganzen Mitreise nur ihr Glück gar
nicht ihre Liebe So sah er sich immer in seinem SelbstSpiegel nämlich nur
verschleiert so hielt er sich oft für zu hart wiewohl er es so wenig war so
hielt er sich für den Sieger über sein Herz als sein schönes Angesicht schon
kranke blasse Farben trug
Die Gegenwart stand noch dunkel über ihm aber ihre benachbarten Zeiten die
Zukunft und Vergangenheit lagen voll Licht Welche Reise worauf eine Geliebte
ein Vater ein Freund eine Freundin schon unterwegs die Merkwürdigkeiten sind
zu welchen andere erst ziehen
Die Fürstin war die Freundin Seit Gaspards Briefen an sie und an ihn seit
der Hoffnung einer längeren und nähern Gegenwart überwältigte sie alles Gewölke
um sich her immer glücklicher um den Freund nur aus einem blauen Himmel
anzulachen und anzuleuchten Sie allein am Hofe schien den barschen Jüngling
dessen stolze Offenheit so oft gegen den verdeckten Hofstolz und besonders gegen
den offenen des Fürsten anrennte mild und recht zu nehmen sie allein schien
da nichts seltener in und von Zirkeln erraten wird als schöne Empfindsamkeit
zumal von höfischen zumal die männliche sanft die seinige auszuspähen und
teilend fortzuwärmen Sie allein ehrte ihn mit jener strengen bedeutenden
Achtung die so selten die Menschen geben so wie fassen können weil sie immer
nur Liebe und Leidenschaft nötig haben um recht zu geben unfähig anders als
bei Kometenlicht bei Kriegsflammen und bei Freudenfeuern die beste Hand zu
lesen Alles was er war setzte sie bei ihm bloß voraus seine Vorzüge waren
nur ihre Foderungen und seine Schutzbriefe sie machte seine Individualität
weder zu ihrem Muster noch zu ihrem Widerschein beide waren Maler keine
Gemälde Er hörte zwar oft dass sie männlichstrenge sei zumal als
Befehlshaberin aber doch nicht dass sie weiblichgrausam werde Für das
gewöhnliche HöflingsGewürme das sich auf seinen WurmRingen nur durch Kriechen
Höhen gibt war sie abstoßend und marternd ob sie gleich als NeuGekommene
hätte ein neugebornes Kind sein sollen das den älteren Kindern Rosinen
mitbringt Am Sonntage wo an Höfen wie in Berlin auf der Bühne immer geistige
Volksstücke aufgeführt werden war sie unter den Sonntagskindern die mehr
Geister sehen als haben ein Montagskind das sich einen zu finden wünscht der
sei er immer nicht geadelt doch ein Original von der Kopie zu unterscheiden
weiß sowohl am eigenen Ich als im Bilderkabinett Deswegen dankten viele
Herren und noch mehr Damen Gott wenn sie ihr nichts zu sagen brauchten als
Gott befohlen
Auf diese Weise erschien sie dem Grafen seines Vaters täglich werter Wie in
einen warmen Sonnenschein des Frühlings trat er zum erstenmal in den
schmeichelnden Zauberkreis der weiblichen Freundschaft die auch hier der Liebe
zwei Schwingen goss und formte aus den Wachszellen des genossenen Honigs es war
aber bei ihm die Liebe gegen Liane der die Freundin am leichtesten Flügel nach
Italien geben konnte Er fühlte dass bald eine Stunde der überfliessenden Achtung
schlagen werde wo er ihr den hoch ummauerten Klostergarten seiner vorigen Liebe
vertrauend öffnen könnte Denn sie machte ihm so oft Raum ihr nahe zu sein als
es nur der enge Bezirk eines Trones und die alles verratende hohe Lage
desselben vergönnen wollten Aber etwas störte bewachte bekriegte beide eine
wie es schien nebenbuhlerische Nachbarin Es war die sonderbare Julienne die
immer wenn es anging aus ihrer Loge auf die Bühne der Fürstin trat und das
Spiel verwirrte Häufig kam sie ihm nach einige Male hatt er von ihr
Einladungen bekommen wenn gerade die der Fürstin nachfolgten denen also jene
wie es schien hatten zuvorkommen sollen Was wollte sie Wollte sie von einem
Jüngling den sie so oft durch ihre MännerVerachtung und durch ihr zorniges
blitzschnelles Funkenschlagen aufgebracht etwan Liebe vielleicht bloß weil er
ihr freundliches Anblicken immer so warm erwidert hatte gegen eine so teure
Freundin seiner Geliebten Oder wollte sie von ihm nur Hass gegen die geehrte
Fürstin und zwar aus Neid und gewöhnlicher Weiberähnlichkeit mit dem Elfenbein
dessen weiße Farbe so leicht zur gelben wird und das nur durch das Erwärmen
wieder die schöne bekommt
Diese Fragen wurden mehr wiederholt als beantwortet von einem Abende wo er
und Julienne bei der Fürstin waren Eine gute Vorlesung sollte von Goethes Tasso
die GemäldeAusstellung geben Schöne Kunst und nichts als Kunst war für die
Fürstin die PassauerKunst gegen Hof und LebensWunden und überhaupt war ihr
das Weltgebäude nur ein vollständiges Bilder und Pembrokisches Kabinett und
Antikenkabinett Die Leserollen wurden von der Direktrice der Fürstin so
verteilt dass sie selber die Fürstin bekam Julienne die vertraute Leonore
Albano den Dichter Tasso ein jungwangiger Kammerherr den Herzog und Froulay
Antonio Dieser letztere der Kunststücke Kunstwerken vorzuziehen wusste und die
fürstliche Kammer jeder Kunstkammer stand wider sein Herz zum Einfahren in den
Musenberg fertig da von der Fürstin mit dem Berghabit dazu angetan So täglich
mehr in die poetische Mode eingezwängt sah er freilich aus wie sonst eine
Missgeburt die absichtlich mit angeborenen Pluderhosen Kopfputzen und
dergleichen auf die Welt trat um den modischen Weltlauf so zu verdammen wie ein
kasselscher Gassenkehrer
Albano las mit äußerer und innerer Glut nicht gegen die lesende sondern
gegen die vorgelesene Fürstin aus Angewohnheit seines unter dem Leben
fortglühenden Herzens und die Fürstin las die Rolle ihrer Rolle freilich sehr
gut Ihr artistisches Gefühl sagte ihr es auch ohne Einblasen des zärtlichen
dass in Goethes Tasso der sich meistens zum italienischen Tasso verhält wie
das himmlische Jerusalem zum befreiten die Fürstin fast die der Fürstinnen
ist nie ging der Musen und Sonnengott schöner durch das Sternbild der Jungfrau
als hier Nie wurde die verschleierte Liebe glänzender entschleiert
Der Minister las den auf Tasso und Albano einzankenden KraftProsaiker
Antonio so gut weg wie ein reitender Trompeter die festen Noten auf seinem
Ärmel in der Tat er fand den Mann ganz verständig
Die Prinzessin mochte im allgemeinen poetischen Konzert ungefähr einige
Viertelstunden mit der Ripienstimme mitgesprochen haben als sie plötzlich den
schönen Band von Goethes Werken der dreimal da war lebhaft hinwarf und mit
ihrem Ungestüm sagte »Eine dumme Rolle Ich mag sie nicht« Alle Welt schwieg
die Fürstin sah sie bedeutend an die Prinzessin diese noch bedeutender und ging
hinaus ohne wiederzukommen Eine Hofdame las gelassen fort
Für die meisten Anwesenden war dieses Zwischen eigentlich das
interessanteste und sie dachten ihm unter dem Lesen des letztern gern weiter
nach Die Fürstin welche längst geglaubt jene liebe den Grafen freute sich
über die Unbesonnenheit ihrer Gegnerin Albano ob ihm gleich ihr warmes Auge
von jeher aufgefallen war erklärte sich das Entweichen aus dem Unmut über die
Subordination ihrer LeseRolle und überhaupt aus der Unverträglichkeit beider
Frauen Denn da Julienne auf eigne Kosten die Fürstin vernachlässigte und ihre
Meinung wenig zudeckte so erschien auch die der Fürstin unwillkürlich sobald
eine Person ihren Hass entblösset so kann die zweite schwer den ihren verstecken
vor der dritten
Als Albano nach Hause kam fand er folgendes Blatt auf seinem Tisch
»Die F lockt dich Sie liebt dich Mit èclat sendet sie nächstens den M
zurück um ihrer Tugend Relief zu geben und dir zu imponieren Fliehe sie Ich
liebe dich aber anders und ewig
Nous nous verrons
un jour mon frère«
Wer schriebs Nicht einmal über das EntreeBillet dieses FehdeBillets konnte
der Bediente Rechnung ablegen Wer schriebs Julienne dahin liefen wenigstens
alle Wege des Wahrscheinlichen zusammen nur lagen dann rund um ihn Wunder
Bedeutend war die französische Unterschrift die gerade unter dem Bilde seiner
Schwester das ihm der Vater auf Isola bella149 gegeben ebenfalls stand aber
Zufall war möglich Er untersuchte jetzt diese neue Silberader seines Dianen
und Stammbaums auf dem Probierstein seiner ganzen Geschichte Seine Mutter und
Juliennens ihre waren mit seinem Vater in einem Jahre nach Italien gegangen
beide waren ungewöhnliche Weiber und Freundinnen gewesen und von beiden sein
Vater der Freund Die Möglichkeit eines verhüllten Fehltritts seines Vaters war
da Ebenso leicht konnten Juliennen die Spuren dieses Irrwegs gewiesen sein
Dann würde ferner aus ihrer Schwesterliebe Licht auf ihren ganzen bisherigen
Wendelgang fallen ihr liebender Anteil an Albano ihr warmer Blick ihr
LiebesWettrennen mit der Fürstin ihr Briefwechsel mit seinem Vater ihr
Anwerben des Grafen für die Romeiro das sie ebenso wie es schien erhitzte
gegen die Fürstin als erkältete gegen Lianen am meisten die Sonderbarkeit
ihrer Liebe gegen ihn die sich nie weiter und offener entwickelte alles dieses
gab Anschein dass es nur ein verwandtes Schwesterblut sei was so oft auf ihren
runden Wangen loderte wenn sie ihn zu lange unbewusst angeschauet Er machte
nach diesem Schritt sogleich den Sprung er vermutete nun auch dass sie allein
ihrer Linda zuliebe ihn mit dem Zauberspiegel des GeisterWesens zu blenden
gesucht
Was das Verhältnis der Fürstin gegen den Minister anlangt so war ihm jedes
Wort darüber eine Lüge Er ließ sich ebenso schwer eine gute Meinung von andern
nehmen als eine schlimme Gewöhnliche Menschen geben leicht die gute dahin und
halten die schlimme fest weichere werden leicht versöhnt und schwer entzweiet
Er war beiden ungleich Bisher hatt er sich der Fürstin Freundschaft mit dem
Minister ihre LandesVisitationsreisen mit ihm und dergleichen so leicht aus
ihrer männlichen Klugheit und Vorsicht abgeleitet welche über das künftige
Erbland ihres Bruders zugleich Wache halten und Aufschluss haben wollte und bei
dieser Wahrscheinlichkeit da der Minister sich in die verwandten Rollen eines
Cicerone und Aufsehers gleich sehr schickte beharrte er noch
Die Woche darauf führte eine Begebenheit herbei welche ein größeres Licht
in das dunkle Billet zu werfen schien
91 Zykel
Die versprochene Begebenheit hat wieder in älteren Begebenheiten ihre Wurzel die
sich zwischen der Fürstin und dem Minister zugetragen diese schick ich hier
voraus
Der Minister war sehr bald von seinem Freund Bouverot der mit seiner
klebrigen SpechtsZunge das Gewürm aller Geheimnisse ungesehen aus allen mürben
ThronRitzen leckte mit einem Verzeichnis alles dessen was die Fürstin von
Phönixasche und Schutt in sich verbarg versehen worden er hatte ihn belehrt
dass sie kalt wie ein erhabengeschliffnes Eisstück nie selber sondern nur
andere schmelzen wolle dass sie zu den seltnern Koketten gehöre welche wie die
süßen Weine durch Wärme sauer werden und nur durch Kälte süßer und dass sie
daher eine der schlimmsten Angewohnheiten die jedem die ärgsten Händel mache
an sich habe Es war nämlich folgende sie hatte ein Herz und wollte es nie wie
ein totes Kapital in der Brust leiden sondern es sollte sich verzinsen und
umlaufen Der Liebhaber wurde deshalb anfangs von Tag zu Tag aufgeweckter und
heiterer dann von Stund zu Stund Er wusste alle Holzwege Hohlwege Diebsgänge
und kürzere Fusssteige in diesem Liebesgarten ordentlich auswendig und wollte die
SchäferViertelstunde auf seiner Repetieruhr voraussagen wo er anlangen würde
in der Laube Es war ihm gar nicht unbekannt sondern komisch was es bedeute
dass er bei ihr von Sentenzen zu Blicken von diesen zum Händekuss dann zum
Mundkuss gelangte worauf er sich im Whistonschen Kometenschweif ihres Ellen und
Meilenlangen Haars wie in einer VogelSchneuss wo aber die Schlinge auch die
Beere war dermaßen verstrickte verhaftete und krummschloss dass er wusste
wieviel Uhr es geschlagen hatte auf seiner Repetieruhr Aber dann gerade wenn
alle Wolken vom Himmel gefallen schienen fiel er selber wie aus beiden in einen
Korb von ihr Das war der schlimme Punkt In der Tat deutsche Prinzen aus
den ältesten Häusern die sonst alles versucht hatten sahen sich unmoralisch
ja lächerlich gemacht und wussten gar nicht was sie dabei denken sollten Denn
die Fürstin wunderte sich öffentlich über solche Scheusale gab aller Welt eine
Kopie von ihrem Fehdebrief zeigte aller Welt die Röte und Höhe ihres
TrutennenHalses und ließ einen solchen altfürstlichen Versucher oder wers
war nie mehr vor ihr stolzes Angesicht
Da Prinzen in solchen Fällen wissen was sie wollen so breiteten sie
freilich aus sie wisse nicht was sie wolle und oft erst lange nach einem
ErbPrinz kam der apanagierte Bruder desselben Hofes und später der
legitimierte Gleichwohl blieb dasselbe nämlich sie blieb dem sphärischen
Hohlspiegel gleich der zwar das was nahe an ihm steht groß und aufgerichtet
hinter sich malt es aber sobald es gar in seinen Brennpunkt tritt unsichtbar
macht und dann darüber hinaus ganz verkleinert und umgestürzt in die Lüfte
hängt Ihre Liebe war ein Fieber der Schwäche bei welchem Darwin Weikard und
andere Brownianer durch Reizmittel zB Wein einen langsamern Puls erschaffen
und eben daraus die Kur verheißen Soweit Bouverot an den Minister
Aber dem Minister geschah dadurch ein unsäglicher Gefallen Denn
PrinzenSünden schlugen gar nicht in sein Brotstudium ein Als sie sich daher
für die Nähe seines Verstandes und seiner kräftigen Physiognomie entschieden und
ihn zum Minister ihrer innersten Angelegenheiten in Haarhaar berufen hatte so
wars in ihm feierlich niedergelegt und beschworen niemals sie mochte immer die
Güte selber sein ihr Ehrenräuber zu werden aus ihrem Strohwitwer Anfangs kam
er wie alle Vorgänger leicht mit bloßen reinen Gefühlen und Diskursen davon es
wurde noch nichts von ihm begehrt als dass er zuweilen unversehends einen
geheimen Blick voll liebender Zartheit auf sie hinschiesse auch musst er sich
sehnen Jenen schoss er hin Sehnen trieb er auch auf und so stand er sich für
ein solches LiebesGlück noch glücklich genug
Aber dabei blieb es nicht Kaum war ihr Albano erschienen so wurde der
Stachelgürtel und das Härenhemd des reinen Ministers unverhältnismässig rauer
und stechender gemacht und die stärksten Foderungen nämlich Gaben verdoppelt
damit der arme Joseph schneller ihre Ehre anfiele und dadurch in seinen
Untergang rennte der des Grafen Köder werden sollte Jetzt war er schon so weit
herabgebracht dass er in ihrem Flughaar für ihn giftiges Raupenhaar webte und
knöppelte er musste Seufzerseifenblasen aus seiner Pfeife auftreiben er musste
öfter außer sich sein ja sogar wollt er sich nicht als einen heuchlerischen
Schuft fortgejagt sehen halbsinnlich werden obwohl noch dezent genug
Inzwischen zu einer Versuchung war er vom Teufel selber nicht zu versuchen Wenn
er nur daran dachte grausend dass der kleinste Fehltritt ihn von seinem
MinistersPosten werfen könne so ließ er sich ebensogut pfählen und vierteilen
als bezaubern Für einen Dritten nicht für beide diese litten wärs
vielleicht ein Fest gewesen wahrzunehmen wie sie wenn ich ein zu niedriges
Gleichnis brauchen darf einem Paar übereinandergezogner seidner Strümpfe
glichen welche für und durcheinander wenn man sie ausgezogen150 in gewisser
Ferne hält sich äterisch aufblasen und füllen sogleich aber platt und matt
zusammenfallen wenn sie einander berühren
In die Länge fiels freilich dem alten Staatsmann lästig der tanzenden
Pagerie der Liebesgötter als ihr Oberältester vorzuspringen in Cypripors
Triumphwagen eingespannt einen Blumenkranz auf der Staatsperücke in den
Augen zwei VauklusensQuellen die Brustöhle eine verschüttete DidosHöhle im
Knopfloch den Pfeil im Herzen oder das Herz am Pfeile tragend und auf das
Kapitol fahrend um da nach römischer Sitte nicht sowohl zu opfern als geopfert
zu werden Es fächelte nichts als die BlechKästen die ihm zu Hause die
Regierungs und Kammerboten hinsetzten den schachpatten Mann wieder frisch und
kühl der ein schachmatter werden wollte
Er las mit ihr den Katull sie mit ihm die bessern Gemälde aus des Fürsten
Kabinett es wurde ihm erlaubt sie durch seine Latinität für ihre artistischen
Gaben zu belohnen aber er blieb doch wie er war
Wenn Weiber etwas durchsetzen wollen so werden sie sobald die Hindernisse
immer wiederkehren am Ende blind und wild und wagen alles Die Reise nach
Italien rückte so nahe noch immer wollte der Minister seine Hochachtung für die
Geliebte nicht fahren lassen wiewohl eben aus ihrem eignen Motive der Abreise
mit deren Nähe er sich zur frohen Ertragung eines so kurzen Feuers ermunterte
ihre Heftigkeit für den Grafen nahm durch dessen Ruhe zu weil Kälte starke
Liebe stärkt so wie physische Kälte Starke kräftiger und Schwache kränker
macht Froulay als ein alter Mann war wie es schien fähig ein ganzes
Säkulum lang so auf das Ziel loszuschleichen ohne einen einzigen
unentbehrlichen Sprung zu tun da Alte wie Schiffe immer langsamer gehen je
länger sie gingen und aus einerlei Grund weil beide durch den Ansatz von
Unrat Muscheln und dergleichen schwerfälliger geworden Kurz die Fürstin
fragte am Ende nach nichts sondern es ging so
Der Fürst war verreiset die Fürstin zu Gevatter gebeten aufs Land Der
Schlossvogt auf einem ihrer Landschlösser der schon im Jahre vorher den Minister
gebeten hatte sich nicht entblödet sich an diesem TreppenStrick mit seinem
Deszendenten unter dem Arm noch weiter herauf zu machen und oben auf dem Throne
ihr der Fürstin selber sein Landeskindlein in die Arme zu legen Gern lassen
sich Fürsten herunter an dünnen Raupenfaden wie hinauf sie schätzen das
gute dumme Volk und wollen die armen Kriech und Zwergbohnen denn sie wissen
wohl wie wenig daran ist dadurch etwas heben und sozusagen stängeln und
stiefeln durch das FürstenstuhlBein Der Minister war als sogenannter
»Altgevatter« ohnedies invitiert Der Herbsttag war heller lauterer Frühling
und die Herbstnacht stand unter einem glänzenden Vollmond Höfe wünschen sich so
sehr auf das Land in die Idyllen murmelnder Quellen rauschender Gipfel und
blökender Schweizereien und Pächter hinein Höfe dh Hofleute Hofdamen und
dienende Kammerherrnstäbe und andere sehnen sich so sehr unter Menschen wie
Tiere der DezemberHunger so treibt sie ein edler vom Trongebirge in die
platten Ebenen herab nicht dass sie die Langweile flöhen sondern sie begehren
nur eine andere da ihre Kurzweile eben in der Abkürzung und Abwechslung ihrer
Langweile besteht
Kaum hatte der Hof seine erste Sehnsucht nach dem Volke mit welchem er eine
halbe Viertelstunde auf vertraulichem dialogischem Fuß lebte gestillt so kam
er wieder zu sich selber und zerstreuete sich in den fürstlichen Garten um die
Sehnsucht nach der Natur in nicht kürzerer Zeit zu befriedigen Eine Zeugin der
Taufzeugin versprach an der Fürstin und des Kindes Statt Christentum Diese
selber knüpfte den Minister wie einen Kammerherrn an sich Der Altgevatter sah
in einen verdammt langen Abend hinaus worin er ihre Prozessionsfahne würde
herumtragen müssen Zum Genuss des Abends war Konzert und zum Genuße des
Konzerts Spiel arrangiert und zum Genuße des letztern hatte sich die Fürstin
mit Froulay allein gesetzt um unter dem allgemeinen Spielen der Instrumente und
Karten ungehört mit ihm zu reden Plötzlich wurden die zwei Pfunde die in
seiner Brust aufgehangen waren denn mehr wiegt nach den Anatomen kein Herz
um zwei Zentner schwerer als sie ihn fragte ob er standhaft sei vertrauen und
für sie wagen könne Er schwur schon als Fürstin dürfe sie jede Aufopferung und
Verehrung von seinem Doppeltpfünder erwarten Sie fuhr fort sie hab ihm heute
wichtige Dinge über sich und den Fürsten anzuvertrauen sie wolle wenn die
Foule fort wäre mit ihm allein sprechen er brauche bloß von der Gartenseite
die kleine Treppe herauf an die Tür des Bibliotekzimmers zu gehen diese sei
aufgeschlossen am poetischen Bücherschrank sei links in der Wand eine
Springfeder deren Druck ihm die Tapetentüre des Zimmers öffne wo er sie
erwarten sollte
Sogleich stand sie auf das Ja voraussetzend Wie es jetzt in den beiden
Pfunden seines 64lötigen Herzens herging kann bloß seinen Todfeinden ein
Vergnügen es zu erfahren sein So viel lag mit langen dicken steinernen
Buchstaben wie auf einem Epitaphium geschrieben ihm vor dass nach wenig Stunden
wenn die andern Herren sonst noch größere Sünder als er ruhig in den schönen
den Schlosshof formierenden Dienerhäusern schnarchen dürften dass dann für ihn
schuldlosen Schelm bald die Wolfs nämlich die Schäferstunde schlagen werde wo
er auf der blumigsten Aue unter das SchächterMesser knien müsse Aber er tat
sich zornig dass sein Glaube an weibliche und fürstliche Frechheit wahr rede
stille Schwüre aller Art dass er setze man ihm auch zu wie den größten Heiligen
und Weltweisen doch wirtschaften wolle wie beide zB wie der alte Zeno und
Franz
Die Fürstin suchte ihn den ganzen Abend weniger als sonst Endlich empfahl
er sich mit dem ganzen Hof aber mit der Aussicht nicht wie dieser unter
SeidenMatratzen sondern unter kalte Lauben zu schleichen Er rückte auch
seiner gewiss auf der Treppe an machte das Bibliotekzimmer auf fand die
Springfeder ließ sie springen und trat durch die Tapetentüre in das fürstliche
Schlafgemach »Es ist also gewiss« sagt er und fluchte in seinem Innern
herum wie er wollte unter dem LiebesbriefBeschwerer ganz breit zerdrückt
hinliegend Im Seitenzimmer linker Hand hört er sie schon und eine Kammerfrau
die auskleidete Rechts klaffte die Türe eines zweiten aber erleuchteten
Zimmers Er stand lang im Zweifel sollt er in dasselbe treten oder unter dem
Lichtschirm des dunkeln Ortes verbleiben Endlich griff er zum Schirm der Nacht
Während seines Passens und ihres Häutens hielt er Leseprobe oder
Probekomödie seiner Rolle jetzt kam er mit sich überein im Notfalle und
falls man ihn zu sehr poussierte um so mehr da der Ort mehr gegen sie spräche
als gegen ihn selber indem jeder fragen müsste ob er wohl sonst würde
hergekommen sein in einem solchen Notfalle wo nur die Wahl zwischen Satire und
Satyr bliebe sich auf der Stelle umzusetzen in einen ehrerbietigen Faun
Schnell schritt die Fürstin herein aber gegen das helle Zimmer hin »Ich
brauche dich nicht mehr« rief sie der Kammerfrau zurück »Diable« schrie sie
im Schlafzimmer den langen Minister ersehend »wer steht da Hanne Licht«
»Ciel« fuhr sie ihn erkennend fort aber französisch weil Hanne keines
verstand »Mais Monsieur Me voilà donc compromise Quelle méprise Vous
vous êtes trompé de chambres Pardonnez Monsieur que je sauve les dehors de
mon sexe et de mon rang Komment avezvous pu « Sie sagte alles vielleicht
um die deutsche Zeugin zu blenden mit zornigem Akzente Der Altgevatter der
sich nach allen bisherigen Genüssen so fühlte wie ein Hahn der viele lebendige
Käfer verschluckte und dem sie nun im geängstigten Kropfe Lebensgefahr drohen
schwieg nicht sondern versetzte deutsch indem er die Tapetentüre aufmachte er
habe eben wie sie befohlen die Bücher aus der Bibliothek in das helle Zimmer
gelegt und sei im Herweg begriffen gewesen Er ging sogleich durch die Tapete
hindurch sie aber konnte vor Schrecken schwer sich erhalten ließ am Morgen den
Arzt kommen und schickte ihr Gefolge zurück Froulay so sehr er ihre Romane
den spanischen ähnlich fand worunter nach Fischers Behauptung die besten die
GaunerRomane sind wusste zuletzt selber nicht woran er war
Die Kammerfrau musste mit dem Gelübde des Schweigens Profess tun das sie
hielt so streng sie konnte aber nicht strenger Am Morgen stiegen wenige vor
ihren eignen Haustüren ab die meisten vor fremden um die Neuigkeit
auszuschiffen samt dem Verbote der Fürstin die Sache éclatant zu machen weils
sonst der Fürst erführe
War je das vornehme Pestitz in Massa glücklich so wars an diesem Morgen
Nichts fehlte der allgemeinen Freude als eine Kammerfrau die nur so viel
Französisch verstanden hätte wie ein Jagdhund
92 Zykel
Albano vernahm das Gerücht der Minister war ihm längst als eine kalte
SeelenLeiche verunreinigend erschienen jetzt hasst er ihn noch mehr als
quälenden blutsaugenden Toten Für die Fürstin stand ihm bisher sein Herz Sie
war ihm ein blauer Taghimmel worin andern nur eine heiße Sonne blitzt woran er
aber aus dem Geheimnis der Freundschaft und der Seelentiefe sanfte Sternbilder
gefunden Allein jetzt seit dem Gerüchte das wie die Zauberer neben Moses Russ
in ihren Himmel warf stand sie für ihn unter neuen Lichtern glänzend Der Hass
den er schon von Natur dh aus Stolz gegen jedes Gerücht hatte weil es
beherrscht und nicht zu beherrschen ist wirkte mit frischem Feuer in ihm er
entschloss sich eben weil Liane die Tochter entweder ihres Erbfeindes oder ihres
Liebhabers und weil die Fürstin deren Nebenbuhlerin sein soll auf sein Herz und
das davon erkannte frei zu wagen und gerade jetzt der Fürstin seine Bitte um
Vermittlung für Lianens Mitreise dh für seinen Himmel offen zu vertrauen
Am Morgen darauf kam der Fürst zurück die Prinzessin ließ sogleich
anspannen gegen Abend kam sie mit einem Wagen mehr in die Stadt Das Gerücht
durchlief alle Spieltische die spanische Gräfin Romeiro sei im Schloss
angelangt Gerüchte sind wie Polypen das Verwunden und Zerstören vervielfacht
sie nur das Ineinanderstecken macht einen aus zweien das Gerücht von Lindas
Ankunft schlang das Gerücht von Froulays Ehrenraub in sich
Aber Albano Wie die Entdeckung einer neuen Welt kehrte diese seine alte
um Linda dieser ausländische Tropikvogel flog seinem nahen Vater voraus der
wie ein reiches Land vor ihm aus der Ferne aufstieg Der Boden wo er so viel
Dornen und Blumen gefunden sank bald hinter seinem Rücken mit allen Schätzen
und Tagen ein Nur Liane darf nicht mit verschwinden diese Muse seiner Jugend
muss er mit ins Land der Jugend ziehen Durch diese gewöhnlichen Zauberkünste des
Herzens war von Lindas Nähe eine unüberwindliche Sehnsucht nach Lianen in ihm
wach geworden
Er war nun entschieden die Fürstin an ihr früheres Versprechen den
Lebensbalsam einer südlichen Reise auf Lianens kranke Nerven zu gießen zu
mahnen und durch sie noch früh genug eh die Verwirrung des drängenden
Augenblickes etwas vereitele die Ministerin zu bestimmen und zu gewinnen
welche wie alle Hofmenschen gewiss schwer einem fürstlichen Wunsche und einer
GlücksPerspektive widerstehen werde
Blieb aber Liane zurück aus eigener oder fremder Schuld so war es sein
Vorsatz und Schwur vor keiner Gewalt selber der väterlichen nicht aus dem
Vaterland der ewigen Braut zu weichen sondern einzuwurzeln vor ihrem
KrankenKloster bis sie daraus entweder frei und heiter wieder in das offene
Leben geht oder dunkeleingeschleiert sich ins finstere NonnenChor der Toten
verbirgt O wiederzukommen sie im romantischen Boden der alten Zeit zu suchen
und sie nirgends zu finden als hinter dem SprachGitter der Erbgruft diesen
Gedanken hielt sein Herz nicht aus
Die Fürstin führte ihm selber die Gelegenheit seiner Bitte zu sie schickte
ihm zu einer astronomischen Partie auf der Sternwarte eine Einladung durch ihre
treue Hofdame Haltermann »Ich soll Ihnen bloß folgendes wörtlich schreiben«
schreibt diese »Kommen Sie heute auch aufs Observatorium ich und meine gute
Haltermann gehen dahin« Diese Haltermann ein Fräulein von wenigen Reizen und
Geistesschwungfedern aber vielen Glaubenslehren und frühzeitigen Runzeln hing
der Fürstin schon seit Jahren unauflöslich an alles verschweigend und alle ihre
»Stelldicheine« Rendezvous begünstigend bloß weil sie sagte meine Fürstin
ist rein wie Gold und nur wenige kennen sie wie ich
Günstiger konnte Albanos Wunsche kein Zufall kommen Er stand am frühesten
auf der schönen Sternwarte mitten in der lieblichen Nacht Es war einige Tage
nach dem Vollmond seine glänzende Welt verschloss sich noch hinter die Erde
aber das angelassene Springwasser seiner Strahlen hob sich in Ansätzen herauf
Auf allen Bergspitzen schimmerte schon ein blasses Licht als falle der ferne
Morgen überirdischer Welten auf sie Durch die Täler streckte sich noch das
lichtscheue schwarze Erdentier der Nacht aus und bäumte sich auf gegen die
Berge Das Bergschloss Lianens war unsichtbar und zeigte wie ein WeltStern nur
ein Licht Plötzlich war der Herbstpurpur auf allen Gipfeln um das Schloss vom
Monde silbern betauet und es regnete leuchtend an den weißen Wänden und in die
weißen Gänge des Gartens nieder endlich lag ein fremder blasser Morgen durch
alle Lauben dämmernd im Garten gleichsam das zarte Leuchten eines hohen ganz
reinen Geistes der nur in der heiligen stillen Nacht die tiefe Erde betritt und
da nichts sucht als die reine stille Liane
Als Albano blickte und träumte und sich sehnte kam die Fürstin mit ihrer
Haltermann herauf
Der Professor brach sich vor Verehrung gegen sie fast entzwei und ließ den
FixSonnen keinen astrologischen Einfluss auf sein gerades Stehen zu Albano
und die Fürstin fanden sich mit einem Gewinst gegenseitiger Wärme wieder Aber
die erste Frage der Fürstin war ob er die spanische Gräfin gesehen
Gleichgültig sagt er von der Prinzessin sei er seit ihrer Ankunft eingeladen
worden sei aber nicht gekommen »Ma bellesoeur bewundert sie am meisten«
fuhr die Fürstin fort »aber sie ists ein wenig wert Sie ist majestätisch
gebaut länger als ich und schön zumal ihr Kopf ihr Auge und Haar Doch ist
sie mehr plastisch als malerisch schön eher einer Juno oder Minerva ähnlich als
einer Madonna Aber sie hat Eigenheiten Sie verträgt sich mit keinen Frauen
außer den schlichten und blindguten daher ihre Kammerfrauen für sie leben und
sterben Die Männer hält sie für schlecht und sagt sie würde sich verachten
wenn sie je die Frau oder Sklavin eines Mannes würde aber sie sucht sie der
Kenntnisse wegen Dem Fürsten hat sie ohne Not wenn sie auch recht hatte
Bitterkeiten gesagt Er lacht darüber und sagt sie liebe ohnehin nichts nicht
einmal Kinder und Schosshunde Sie müssen sie sehen Sie lieset viel sie lebt
bloß mit der Prinzessin und scheint es nach ihrem Putze zu schließen
wenigstens an unserem Hofe auf keine Eroberungen anzulegen«
Albano sagte manche dieser Züge wären ja herrlich und brach kurz ab
Während des Gesprächs hatte der Professor fleißig alles recht gestellt und
festgeschraubt und war jetzt des Anfangs gewärtig Er bemerkte die helle
sommerlaue Nacht ging mit einigen Einleitungen in den Mond voraus um die
sechs Augen auf die beträchtlichsten Mondsflecken zu lenken schattete
vorläufig einige Schatten droben ab führte an den Krater Bernoulli »ich
bediene mich Schröterscher Namen« sagt er das höchste Gebirge Dörfel »es
besteht freilich aus drei Höhen« sagt er den Landgrafen von HessenKassel
»den Berg Horeb aber nennt ihn Hevel« sagt er den Montblanc die
Ringgebürge überhaupt und schloss mit der listigen Versicherung es gebreche
freilich der Warte noch sehr an Instrumenten
Die Haltermann sehnte sich unbeschreiblich nach dem Landgrafen von
HessenKassel im Mond und trachtete nach dem Sehrohr »Es ist nur ein Flecken im
Planeten mein Kind« sagte die Fürstin »Und so ists wohl mit dem Montblanc
droben auch nichts« fragte sie getäuscht Die Fürstin nickte und schaute ins
Sternrohr der magische Mond hing als ein Stück TagWelt dicht am Glase »Wie
vergeht sein schönes blasses Licht und seine ganze Magie in der Nähe Als wenn
Zukunft Gegenwart wird« sagte sie zum Erstaunen des Professors der aus dem
Weltkörper gerade erst in der Nähe etwas machte Sie ersucht ihn um den Ring
des Saturns »Es sind eigentlich zwei Ihr Durchlaucht aber der Sternwarte
fehlt zur Zeit noch ein Instrument es zu sehen« sagt er und zielte wieder
nach Vorschuss
Albano sah rund umher seine Lebensgärten glänzen vom warmen Schimmer eines
Nachfrühlings und sein Inneres erbebte süß und schmerzlich Er nahm einen
Kometensucher und flog unter den Gestirnen umher nach Blumenbühl in die Stadt
auf die Berge nur nicht auf das weiße Schloss mit dem erleuchteten Eckzimmer und
dem kleinen Garten das ganze Herz kehrte vor Scham und Liebe um vor der Tür des
Paradieses
Jetzt ging die Haltermann auf einen Wink zum Aufbruch mit dem Sternseher
voraus hinab um der Fürstin einen zeugenlosen freien Augenblick zuzuwenden
Albano stand edel im Mondschimmer vor ihr sein Auge war glänzend seine Züge
gerührt sie fasste seine Hand und sagte »Wir missverstehen einander gewiss nicht
Graf« Er drückte die ihrige und seine Augen quollen voll »Nein Fürstin«
sagt er sanft »Sie geben mir Ihre Freundschaft Ich verdiene sie nicht wenn
ich ihr nicht ganz vertraue Ich geb Ihnen jetzt die Probe meines offenen
Vertrauens Sie kennen vielleicht die Geschichte meines Glücks und meines
Verlusts Sie kennen den Minister« »Leider leider« sagte sie »auch Ihre
harte Geschichte edler Mann wurde mir bekannt«
»Nein« versetzt er heftig »ich war härter als mein Schicksal ich quälte
ein unschuldiges Herz ich machte eine gehorsame Tochter elend krank und blind
Aber ich habe sie verloren« fuhr er mit steigender Rührung fort und kehrte
sich seitwärts um Lianens schimmernde WohnHöhe nicht zu sehen »und ertrag
es wie ich kann aber ohne heimliche Wege zum Wiederbesitz Nur das Opfer darf
dort drüben nicht gar verbluten bei der harten engherzigen Mutter O die
Honigtropfen der Freuden Sie und Italiens Himmel könnten sie wohl heilen Sie
stirbt wenn sie bleibt und ich bleibe um zuzusehen Freundin o wie groß
ist meine Bitte«
»Sie sei Ihnen gern gewährt Übermorgen fahr ich zur Mutter und Tochter und
bestimme diese gewiss für die Reise insofern es von mir abhängt Aber ich tu es
um auch offen zu sein bloß aus echter Freundschaft für Sie denn das
Fräulein gefällt mir nicht ganz mit ihrem Mystizismus und liebt gewiss nicht wie
Sie sie tut alles für die Menschen bloß aus Liebe zu Gott und das lieb ich
nicht«
»Ach so dacht ich sonst auch aber wen soll die Göttliche sonst lieben als
Gott« sagt er in sich und die Nacht versunken und für die Fürstin zu
hyperbolisch sein schimmerndes Auge hing fest am weißen Bergschloss und
Frühlinge wehten vom Monde herab auf dem beglänzten Wege seiner Augen hin und
her und der schöne Jüngling weinte und drückte heftig der Fürstin Hand aber er
wusste beides nicht Sie ehrte sein Herz und stört es nicht
Endlich kamen beide die hohe Treppe herunter wo sie der Astronom freudig
erwartete und beiden gestand wie sehr ihn frei zu reden ihre Anhänglichkeit
und Achtung für die Sternkunde nicht nur erfreue sondern auch ermuntere
»Übermorgen gewiss« mit diesen Worten schied die Fürstin um dem sinnenden
vollen Jüngling Trost und Träume mitzugeben
Zweiundzwanzigste Jobelperiode
Schoppes Herz gefährliche GeisterBekanntschaften
93 Zykel
Jetzt war Albano wieder auf die IxionsRäder der Uhr geflochten Die Fahrt und
Antwort der Fürstin sollte plötzlich Lichter in der dunkeln weiten Höhle
aufstecken in der er so lange gegangen war ohne zu wissen ob sie
fürchterliche Bildungen und giftige Tiere verschliesse oder ob sie mit glänzenden
Bogen und unterirdischen Säulenhallen sich wölbe und fülle Über Lianens Zustand
hatten bisher zwei Hände Augustis und der Ministerin den Schleier
festgehalten beides waren Menschen die ungern auf die Frage antworteten wie
befinden Sie sich Aber auf der Fürstin ließ er nun seine ganze Seele ruhen
seit dem astronomischen Abende von welchem er jetzt kaum begriff wie er da
gegen eine Freundin so viel und mehr von seiner Liebe sprechen können als je
gegen einen Freund Allein ungern spricht der Mann vor einem Manne seine
Empfindung aus und gern vor einem Weibe ein Weib aber am liebsten vor einem
Weibe Indes hielt ihn die Fürstin durch die feinste Schmeichelei die es gibt
durch entschiednes stilles Achten in Banden dem wörtlichen Lobe war er ebenso
gram und gewachsen als dem tätigen gewogen und zinsbar
Bis zur Ankunft der Entscheidung verlief eine verworrene Zeit wie ein
Mensch der in der Nacht reist hört er Stimmen und sah Lichter und ihrer
feindlichen oder freundlichen Bedeutung fehlte ein Morgen Rabette lag krank
und verblutet am matten Herzen denn nicht er hatte aus ihm den blutstillenden
Dolch nämlich Karls Liebe herausgezogen sondern dieser selber war ihm
zuvorgekommen mit bittersüßen Tränen über die bittersten
Letzterer war ihm einmal begegnet mit hereingedrücktem Hut und
grimmigstechendem Blick ohne Gruß Überall hört er dass jener umsonst Lindas
und Juliennens Doppeltor belagere und berenne dieses und Lianens Kranksein
machte den tropischen Wilden gleichsam zum wilderwachsenen Knaben aus einem
Wald Auch in der jetzigen Absonderung auf der Walstatt des Freundes hielt
es Albano für eine Wunde des Menschen dass Karl nicht von ihm voraussetzte
denn diesem Mangel schrieb er den GassenGrimm zu er werde die Gräfin nicht
zu sehen suchen
Sogar im Bibliotekar schien seit einigen Tagen ein Geheimnis zu lauern
dieser aber ging seit es ihm in dessen Tiefen immer lichter geworden und er
hinter dessen komische Larve hineingesehen bis zum redlichen Auge und
liebevollen Mund sein Herz so nahe an zumal nach so vielen Trennungen Denn
auch der Lektor hielt sich nach seiner Gewohnheit um keines Menschen oder gar
abtrünnigen Freundes Liebe zu werben von ihm geschieden was denselben Jüngling
kränkte der es innerlich billigte
Seit einigen Tagen war nämlich Schoppe in eine andre Tonart umgesetzt und
sein eigener Restant und Nachsommer geworden Es fing damit an dass er an einem
elenden Heulied den ganzen halben Tag auf dem Waldhorn verblies den übrigen
halben versang er daran mündlich Statt zu lesen und zu schreiben ging er in
der Stadt und Stube auf und ab Alles was er sonst schnell abmachte Laufen
Verschlingen des Essens Sprechen Rauchen Befehlen Auffahren das ging jetzt
mit Klöppeln zwischen den Füßen und stand fast Sein langsames Auffahren und
sein zarter leiser Schritt konnten Kennern seiner Vorzeit lächerlich vorkommen
Seinen großen herrlichen WolfHund von dem er sich täglich zehnmal mit den
VorderPfoten umhalsen ließ und dessen am Felle aufgezogne Brust er so gern auf
seine drückte wenn er mit ihm ein Langisches und KonsistorialKolloquium hielt
vernachlässigte er in dem Grade dass der Hund attent wurde und nicht wusste was
er denken sollte Wie wenig konnt er sonst das Geschrei eines geprügelten
Hundes ertragen ohne zur Haustüre als Schutzherr hinauszufahren weil er
glaubte man könne wohl Menschen wie Hunde traktieren aber Hunde nicht Jetzt
konnt er das Schreien hören bloß weil er es wie es schien nicht hörte
Wie er sonst oft zu Albano ging um bloß auf und ab und fortzugehen ohne
ein lautes Wort weil er sagte »Daran erkenn ich eben den Freund dass er mich
oder sich nicht unterhalten sondern bloß dasitzen will« so kam er jetzt noch
stummer berührte oft wie ein spielendes Kind zärtlich des lesenden Albanos
Achsel und sagte wenn dieser sich umsah »Nichts« Albano fragte indes der
Veränderung nicht nach denn er wusste er entschleiere sie ihm doch zur rechten
Zeit Ihre Herzen standen wie offene Spiegel gegeneinander
So lag nun der dunkle Wald des Lebens mit durcheinander und tief ins
Dickicht hineinlaufenden Steigen vor Albano als er auf dem Kreuzwege seiner
Zukunft stand und auf den Genius wartete der entweder als ein feindseliger oder
als ein guter ihm Lianens Entscheidung bringen sollte Endlich kam aus dem
finsteren Wald ein Genius aber der dunkle und gab ihm dieses Blatt von der
Fürstin
»Lieber Graf Wahr bin ich immer und schone lieber nicht Das kranke Fräulein v
F ist nicht mehr imstande eine Reise zu machen oder davon zu profitieren Ich
nehme innigen Anteil daran Sogern ich Ihnen heute selber Trost zuzusprechen
wünschte so hoff ich doch nicht nach dieser Nachricht die Gelegenheit dazu zu
haben
Ihre Freundin«
Welcher finstere Wolkenbruch aus dem jugendlichen Morgenrot So war also die
geheime Freude die er bisher nährte der Vorbote des entsetzlichen Schlags
gewesen das sanfte Tönen vor dem Wasserfall151 Dass gerade seine Liebe das
glühende Schwert werden musste das durch Ihr Leben drang o das betrachtete er
immer so das schmerzt ihn so Aber kein Auge wurde nass der Wermut des
Gewissens verbittert sogar den Schmerz
Wenn der Mensch sein eigener Freund nicht mehr ist so geht er zu seinem
Bruder der es noch ist damit ihn dieser sanft anrede und wieder beseele
Albano ging zu seinem Schoppe
Er fand ihn nicht aber etwas anderes Schoppe führte nämlich ein Tagebuch
über »sich und die Welt« worin sein Freund lesen durfte was und wenn er
wollte nur musst ers vergeben wenn er darin da es durchaus so geschrieben
wurde als säh es niemand weiter zornige Fächerschläge und noch dazu mit dem
harten Ende wegtrug »Warum soll ich dich mehr schonen als mich« sagte Schoppe
Zu diesem Du waren sie gekommen ohne sagen zu können wann so sehr sie sonst
mit dieser HerzensKurialie mit diesem heiligsten SeelenDualis gegen andere
geizten »denn ich danke Gott« sagte Schoppe »dass ich in einer Sprache lebe
wo ich zuweilen Sie sagen kann ja sogar wenn die Menschen und Schelme danach
sind zwischen jedem Komma Euer sowohl Wohl als Hoch und SonstGeboren«
Albano fand das Tagebuch aufgeschlagen und las mit Erstaunen dieses
»AmanlusTag Ein dummer und äußerst merkwürdiger Tag für den bekannten
Hesus oder Hanus152 Ich kann mich schwer bereden dass es der arme Donnergott
verdiente hinter der langen Proserpina153 nachzugehen und ihr endlich ins
Gesicht zu gucken auf die Stirn auf den Mund auf den Hals O Gott Wenn ein
solcher Gott nun auf dem Platze geblieben wäre Als Pastor fido stand er zum
Glück wieder auf und ging davon O Höllengöttin Hesi Himmelsstürmerin du hast
dich zu seinem Himmel gemacht kann er dich je lassen
Nachmittags Der Pastor wird sein eigenes Hatzhaus er weiß nicht zu bleiben
er wohnt nun in allen Gassen um seine Jeanne dArcenCiel154 zu erblicken und
leidet genug Aber Hesus sind nicht Leiden die Dornen womit die Schnalle der
Liebe verknüpft Heute ging Freitag155 mit der Fürstin auf die Sternwarte
Der Wind ist Südostost 13 Monatsschriften in 1 Stunde gelesen Spener sieht
das Leben im glänzenden Vergrösserungsspiegel Gott verklärt und poetisch so gut
als einer
Sabinenstag Mit dem Pastor wirds ärger wenn ich recht sehe Er ist auf dem
Wege sich einen BilletdouxBeschwerer anzuschaffen sich nachts im Bette zu
pudern und der Schelm wirft in der Hitze wie Milch die warm steht schon
poetische Sahne auf
Lasse nur der Himmel niemals zu dass er mit seiner Höllengöttin je in einen
vernünftigen Diskurs gerate Gesicht vor Gesicht Atem gegen Atem und die zwei
Seelen untereinander gemengt Wahrlich der Flins156 raffte ihn weg Hesus
verschlänge ein tausendjähriges Reich auf einmal ich sorge er würde vom
Göttertrank zu wild und wäre zu schwer zu bändigen von mir
Abends Ists nicht schon so weit mit dem Pastor dass er sich einen Autor aus
dem WimmerJahrzehnt des Säkuls er schämt sich ihn zu nennen geborgt hat und
sich vom dummen Zeuge rühren lassen will indem er über den Effekt nachsinnt
den der Autor im 14ten Jahre auf ihn gemacht Freilich stösset er ihm im jetzigen
wie ein Nachtwächter am Tage auf aber er ruft sich doch das Rufen zurück und
hat neue Rührung über die alte So lächelt mich die Deklination cornu in der
Grammatik noch bis auf diese Stunde an weil ich mich entsinne wie leicht und
behend ich in den goldnen Kindheitsmonden den ganzen Singularis behielt
Simon Jud Verdammt Ein schönes Gesicht und ein falscher Maxdor machen im
Kurs von einem Jahre ein paar hundert Schelme die sich bloß im Wunsche zu
behalten und wegzuschaffen unterscheiden Hesus feindet und ficht schon
Millionen Nebenbuhler an wie Knopfmacher und Posamentierer oder wie Gelb und
Rotgiesser so lassen so nahe Handwerker einander nicht aufkommen Recht
Höllengöttin dass du alle Männer hassest das ist doch etwas für den Pastor
eine Wundsalbe Scioppius die beiden Scaliger und die kräftigen Schlegel
usw«
Hier kommt das Tagebuch auf andere Dinge Ein altes Porträt zu welchem
Schoppe sich selber gesessen hatt er retouchieret eine Beilage als Inserat
für das Pestitzer Wochenblatt kündigte dessen Bestimmung an
»Endes Unterschriebner ein Porträtmaler aus der niederländischen Schule
macht bekannt wie er sich in Pestitz gesetzt und dass er bereit ist alles von
jedem Stand und Geschlecht zu malen was ihm sitzt Als Probe was er leiste
kann man bei ihm ein Selbstporträt besehen das ihn vorstellt wie er nieset
und es zugleich mit ihm daneben zusammenhalten Ich schneide auch aus
Peter Schoppe
No 1778«
Vermutlich sollte das die Höllengöttin bewegen einmal dem niesenden Maler zu
sitzen Albano musste mitten im tiefen Schmerze erstaunen Anfangs hatt er nach
seiner einfachen Natur geglaubt er selber sei unter dem Hanus verstanden
Jetzt kam Schoppe Sanft sagte Albano zuerst »Ich habe auch dein Tagebuch
gelesen« Der Bibliotekar fuhr mit einem ExklamationsFluche zurück und sah
glühend zum Fenster hinaus »Was ist Schoppe« fragte sein Freund Er drehte
sich um sah ihn starr an und sagte die Gesichtshaut auseinander ringelnd wie
einer der sich die Zähne putzt und die Oberlippe aufziehend wie ein Knabe
der in ein Butterbrot beisset »Ich liebe« und lief im Feuer die Stube auf und
ab klagend dabei dass er noch so etwas an sich erleben müsse in seinen ältesten
Tagen »Lies mein Tagebuch nicht mehr« fuhr er fort »Frage nach keinem
Namen Bruder kein Teufel kein Engel nicht die Höllengöttin darf ihn wissen
Einst vielleicht wenn ich und Sie in Abrahams Schoss sitzen und ich auf ihrem
Du bist so betrübt Bruder«
»Fliege froh in der Sonnenatmosphäre der Liebe« sagte sein Freund in der
Gewissenstrauer die den Menschen einfach still und demütig macht»Ich werde
dich nie fragen oder stören Lies das« Er gab ihm das Blatt der Fürstin und
sagte noch während jener las zu ihm»Verflucht sei jede Freude wo Sie keine
hat Ich bleibe hier bis sie lebt oder nicht« »Auch ich bleibe hier«
versetzte Schoppe unwillkürlichkomisch »Sei ernstaft« sagte Albano »Sonst
konnt ichs« sagte er weinerlich »seit ehegestern nicht mehr«
Albano hieß indes Schoppens Absonderung von der Reisegesellschaft gut beide
erhielten einander auch in der Freundschaft die köstlichste Freiheit Von
HofmeisterBegleitung war bei beiden nicht die Rede Schoppe lachte oft
Hofmeister von vielen Kenntnissen und Lebensarten aus wenn sie annahmen er
erziehe aus oder an Albano etwas »Das Säkulum erzöge« sagt er »nicht ein
Tropf Millionen Menschen nicht einer eigentlich höchstens ein pädagogisches
Siebengestirn leuchte nach nämlich die sieben Alter des Menschen jedes Alter
ins nächste hinein das Individuum gleiche sehr der ganzen Menschheit deren
Revolutionen und Verbesserungen weiter nichts als Umarbeitungen einer
Schikanedrischen Zauberflöte durch einen Vulpius wären indes schwebe doch um
das tolle dissonierende Stück ein Mozartischer Wohllaut worüber man den Vater
und den Sprachmeister verwinde«
»Wozu schleichen und brummen wir Sünder hier herum Lass uns zu Ratto« sagte
Schoppe Äusserst ungern bequemte sich Albano dazu er sagte der Keller habe
etwas Unheimliches für ihn und eine schwüle Ahnung drücke seine Brust Schoppe
erklärte die Ahnung aus dem Druck der Balken seines eingestürzten Lustschlosses
die auf seiner Brust noch lägen und aus der Erinnerung an den jetzt im Abgrund
fliegenden Roquairol der einmal ihm im Keller zugetrunken und nachher ihm in
Lilar gebeichtet habe Albano folgte endlich erinnerte ihn aber an das
Eintreffen einer andern Ahnung die er auf der Höhe vor Arkadien gehabt
»Wir spielen beide nicht die besten verliebten Figuren indes ziehen wir in
den Keller« sagte Schoppe unterwegs und legte seinen Liebling ganz
ungewöhnlichhart auf die Folterleiter seines Spasses sonst als er nicht selber
liebte war er eines zarten schonenden ernsten Schweigens darüber so fähig
jetzt aber nicht mehr
94 Zykel
Im Keller war der alte Ab und Zulauf bekannter und fremder Gesichter Albano
und Schoppe stiegen miteinander auf jene reinen Höhen der Musenberge wo wie auf
physischen der Dunstkreis des Lebens leichter aufliegt und der Äther näher an
die kürzere Luftsäule reicht Auf ihrem Ararat trösten sich die Männer leichter
als die Weiber in ihren Tempetälern Nachdem Schoppe durch die gewitterhafte
Luft von Punsch und Liebe feuriger ziemlich lange den BlitzFunken seines
Humors hatte im Zickzack und verkalkend durch das Weltgebäude schießen lassen
so trat plötzlich ein Unbekannter wie ein Totenkopf gänzlich kahl und sogar
ohne Augenbraunen aber welkund rosenwangig an ihren Tisch und sagte mit
eiserner Miene zu Schoppe »Binnen heute und 15 Monaten seid Ihr wahnsinnig
geworden Spassvogel«
»Oho« fuhr Schoppe äußerlich auf aber innerlich zusammen Albano wurde
blass Jener fasste sich wieder starrete die widerwärtige Gestalt die die welke
aber rosenrote Haut auf scharfen hohen Gesichtsknochen hin und herrollte
scharf und mutig an und sagte »Wenn Ihr mich versteht prophetischer Galgen
und Spassvogel und nicht selber wahnsinnig seid so bin ich imstande dazutun
dass man sich sehr wenig daraus zu machen habe aus der Tollheit« Hierauf bewies
er aber doch abgekühlt abgebrannt und verlassen von seinem BilderHeer
Wahnsinn wie Epilepsie gebe mehr dem Zuschauer als dem Spieler Schmerzen denn er
sei nur ein früherer Tod ein längerer Traum eine Tag statt Nachtwandelung
meistens geb er was das ganze Leben Tugend und Weisheit nicht könne eine
fortdauernde angenehme Idee157 auch wenn er was selten sei in eine peinliche
schmiede so werde diese doch ein Panzer gegen alle körperlichen Leiden des
Menschen er habe daher nie für sich den Wahnsinn gefürchtet so wenig als den
Traum könn aber an andern weder das Reden in beiden noch den Anblick davon
ertragen »Uns schaudert« sagte Albano »ein Mensch der schlafend zu uns
spricht wie zu einem Abwesenden oder der wachend nur allein mit sich redet und
hör ich mich selber allein so ist es dasselbe«
»Ich bin kein Philosoph« sagte gleichgültig der Kahlkopf dessen vollendete
glänzende Kahlheit mehr fürchterlich als hässlich war Schoppe fragte erbittert
»wer er denn sei quis und quid und ubi und quibus auxiliis und cur und quomodo
und quando158« »Quando Nach 15 Monaten komm ich wieder Quis Nichts
Gott braucht mich bloß wenn er jemand unglücklich machen muss« sagte der Kahle
und bat sich ein Glas und die Erlaubnis mitzutrinken aus Albano sagte es gern
erlaubend im Frageton er sei wohl erst angekommen »Eben vom großen Bernhard«
sagte der Kahle aber widriger mit jedem Wort weil sein altes RosenGesicht ein
Zickzack konvulsivischer Verziehungen war so dass immer ein Mensch nach dem
andern dazustehen schien Er ging ein wenig hinaus Schoppe sagte ganz außer
sich »Ich ergrimme immer mehr gegen ihn wie gegen ein greuliches hüpfendes
Fieberbild Um Gottes Willen lass uns fort Es ist mir immer hinter mir als
stoße mich eine böse Faust auf ihn zu damit ich ihn abwürge Auch wird er mir
immer bekannter wie ein vermooseter Todfeind«
Albano versetzte sanft »Sieh meine Ahnung Aber nun ich ihr nicht
gehorcht muss ich auch sehen wo hinaus es geht« Seine mutige Natur seine
romantische Geschichte und Lage ließ ihn nicht wegrücken von einer so
abenteuerlichen Perspektive
»Aber warum« fragte Schoppe den Kahlen da er wiederkam »schneidet Ihr so
viele Gesichter die eben nicht zu Eurem Besten ausfallen« »Sie kommen«
sagt er »von Gift her das man mir vor zehn Jahren gegeben Habt Ihr
gesehen wie aqua toffana in Menge genommen verzieht In Neapel zwang ichs
einem sechzehnjährigen schönen Mädchen hinein das schon einige Jahre damit
gehandelt hatte und ließ es vor mir sterben Es gibt wohl nichts Gottloseres
als Giftmischerei« »Abscheulich« rief Albano ergriffen von einem innersten
Widerwillen gegen den Mann Schoppen hatte der Grimm ordentlich abgespannt
Jetzt trat eine arme magere Tischlersfrau Likör zu holen herein welche
die Augen vor Scham und Schwäche nieder und halb zugezogen trug sie getrauete
sich nicht aufzusehen weil die ganze Stadt wusste dass sie nachts gewaltsam aus
dem Bette in die Gasse getrieben werde um einem Leichenzuge der dann durch
dieselbe nach einigen Tagen wirklich ziehe in seinem Vorspiele und Vorbilde vor
ihr zuzuschauen Kaum hatte sie der Kahle erblickt als er sich das Gesicht
bedeckte »Es ist ein einziger Unschuldiger unter uns« sagt er ganz bleich
und unruhig »der Jüngling hier« indem er auf Albano zeigte Eben donnerte
oben ein Wagen mit sechs Pferden vorüber Schoppe sprang auf fragte zweimal
schnell den sinnenden Albano »Gehst du mit« kehrte sich zornig von dessen
Nein weg trat dicht vor den Kahlen und sagte wütend »Hund« und kehrte sich
um und ging fort Am Kahlen regte sich keine Miene auf der bleichgebliebnen
Haut sondern nur die Hand ein wenig als sei in ihrer Nähe ein Stilett zum
Griff aber er sah ihm mit jenem Blicke nach vor welchem das Mädchen in Neapel
starb
Albano ergrimmte über den Blick und sagte »Mein Herr dieser Mann ist ein
durchaus redlicher treuer kräftiger Mensch aber Sie haben ihn selber gegen
sich erbittert und müssen ihn freisprechen« Mit sanfter schmeichelnder
Stimme versetzte er »Ich kenn ihn nicht erst seit heute und er kennt mich
auch« Albano fragte ob er vorhin mit dem großen Bernhard den Schweizerberg
gemeint »Wohl« versetzt er »Ich reise jährlich hin um eine Nacht mit
meiner Schwester zuzubringen«
»Meines Wissens sind nur Mönche da« sagte Albano »Sie steht unter den
Erfrornen in der Klosterkapelle159« versetzt er »ich bleibe die ganze Nacht
vor ihr und sehe sie an und singe Horen«
Sonderbar fühlte sich Albano während des Zuhörens verändert was er nur dem
Punsch zuschreiben konnte es war weniger Rausch als Glut eine fliegende Lohe
brausete über seine innere Welt und der rote Schein irrte an ihren fernsten
Grenzen umher nun war ihm als steh er ganz mit dem Kahlkopf auf einem Boden
und könne mit diesem bösen Genius ringen »Ich hatt auch eine« sagte Albano
»kann man Tote zitieren« »Nein aber Sterbende« sagte der Kahle »Huh«
sagte Albano bebend »Wen wollt Ihr sehen« fragte der Kahle »Eine lebende
Schwester die ich noch nicht gesehen« sagte glühend Albano »Es kommt« sagte
der Kahle »auf ein wenig Schlaf an und dass Ihr noch wisst wo die Schwester
an ihrem letzten Geburtstag war« Zum Glück war Julienne die er für seine
Schwester nahm an dem ihrigen im Schloss zu Lilar gewesen Er sagt es ihm
»So kommt mit mir« sagte der Kahle
In dieser Minute brachte ihm Schoppens Bedienter einen Stockdegen und
folgendes Blatt
»Bruder Bruder trau ihm nicht Hier hast du eine Waffe denn du bist gar zu
tollkühn Stich ihn gleich durch macht er nur Miene Allerlei unbekannte
Leute haben diesen Abend nach dir und deinem Orte gefragt Mir ist als sei mir
vor der Bestie gar kein Leben gesichert deines Ihres Hüte dich und komme
Schoppe
Erstich ihn aber ich bitte dich«
»Fürchtet Ihr Euch etwa« fragte der Kahle »Das wird sich zeigen« sagte
Albano zornig und nahm den Stockdegen und ging mit ihm Als beide durch das
kleine dunkle Vorzimmer des Kellers gingen sah Albano in einem Spiegel seinen
eignen Kopf in einen FlammenRing gefasst Sie kamen aus der Stadt ins Freie
Der Kahle ging voraus Der Himmel war sternenhell Dem Grafen war als hör er
die unterirdischen Wasser und Feuer der Erdkugel und der Schöpfung brausen Kaum
erkannt er draußen den Weg nach Blumenbühl Plötzlich lief der Kahle links
feldein die magere Tischlerin stand auf der Blumenbühler Straße ganz starr und
sah vertieft eine Leiche ziehen die unsichtbar vorüberging und hörte die ferne
Glocke die der Stumme trägt der Tod So schien es
Da folgte Albano dem Kahlkopf verwegner nach die Geisterfurcht tötet die
Menschenfurcht Beide gingen stumm nebeneinander In der fernen Tiefe schien es
als schwebe ein Mensch ohne zu schreiten und rege zu sein fest und langsam in
den Lüften weiter Am Kahlen zuckte unaufhörlich die weiße Haut und eine
unsichtbare Faust nach der andern zog sich aus dem Ton seines Gesichts und
zeigte den Griff einmal lief auf ihm das Gesicht des Vaters des Todes160
vorüber
Plötzlich hörte Albano um sich das dumpfe Gemurmel und Durcheinandersprechen
eines Gewimmels nichts war um ihn »Hört Ihr nichts« fragte er »Es ist alles
still« sagte der Kahle Aber das Gewimmel murmelte und lispelte begierig und
heiß fort als könne es nicht fertig und einig werden der kühne Jüngling
schauderte die Tore des Schattenreichs standen weit offen in die Erde Träume
und Schatten schwärmten aus und ein und flogen nahe ans helle Leben
Beide traten ans Laubgehölze vor Lilar da half sich ein Knabe mit einem
unförmlichgroßen Kopfe auf zwei Krücken heraus und hatte eine Rose die er dem
Jüngling nickend anbot Albano nahm sie aber der Kleine nickte unaufhörlich
als woll er sagen er möge doch daran riechen Albano tats und plötzlich zog
ihn die Teaterversenkung des Lebens ein bodenloser Schlummer in die dunkle
Tiefe
Als er belastet erwachte war er allein und ohne seine Waffe in einem alten
bestäubten gotischen Zimmer ein mattes Lichtlein streuete nur Schatten umher
er sah durch das Fenster Lilar schien es zu sein aber auf die ganze
Landschaft war Schnee gefallen und der Himmel weiß bewölkt und doch stachen
sonderbar die Sterne durch Was ist das steh ich im Larventanz der Träume
fragt er sich
Da ging eine Tapete auf eine verhangne weibliche Gestalt mit unzähligen
Schleiern auf dem Angesicht trat herein stand ein wenig und flog ihm an sein
Herz »Wer ists« fragte er Sie drückte ihn heftiger an sich und weinte durch
die Schleier hindurch »Kennst du mich« fragt er Sie nickte »Bist du meine
unbekannte Schwester« fragt er Sie nickte und hielt ihn mit festen
Schwesterarmen mit heißen Liebestränen mit ungestümen Küssen an sich fest
»Rede wo lebst du« Sie schüttelte »Bist du gestorben oder ein Traum« Sie
schüttelte »Heissest du Julienne« Sie schüttelte »Gib mir ein Zeichen
deiner Wahrhaftigkeit« Sie zeigte ihm einen halben goldnen Ring auf einem
nahen Tisch »Zeige dein Gesicht damit ich dir glaube« Sie zog ihn vom
Fenster weg »Schwester bei Gott wenn du nicht lügst so hebe die Schleier«
Sie wies mit dem ausgestreckten langen umwickelten Arme nach etwas hinter ihm
Er bat immer fort sie deutete heftig nach einem Orte hin und drückte ihn von
sich endlich folgte er und kehrte sich seitwärts Da sah er in einem Spiegel
wie sie schnell die Schleier aufriß und wie darunter die veraltete Gestalt
erschien deren Bild ihm sein Vater auf Isola bella mit der Unterschrift
gegeben Aber als er sich umkehrte fühlt er auf seinem Gesicht eine warme Hand
und eine kalte Blume und sein Ich zog wieder ein Schlaf hinunter
Als er erwachte war er allein aber mit seiner Waffe und an der Waldstelle
wo er zum ersten Male eingeschlafen war Der Himmel war blau und die lichten
Bilder schimmerten die Erde war grün und der Schnee verwischt den halben
Ring hatt er nicht mehr in der Hand um ihn war kein Laut und kein Mensch War
alles der verwehte Wolkenzug der Träume gewesen das kurze Wirbeln und Bilden in
ihrem Zauberrauch
Aber das Leben die Wahrheit hatte ja so lebendig an seiner Brust gebrannt
und die Schwestertränen lagen noch auf seinem Auge »Oder wären es nur meine
Brudertränen« sagte sein verwirrter Geist als er aufstand und in der hellen
Nacht nach Hause ging Alles war so still als schlafe das Leben noch fort er
hörte sich und fürchtete es zu wecken er schaute seinen gehenden Körper an
ja dacht er dieses dichte um uns gewickelte Bette spielt uns eben die Qualen
und Freuden des Lebens zu So wie wir schlafend unter herüberfallenden Bergen zu
ersticken glauben wenn das Deckbette sich auf unsere Lippen überschlägt oder
über klebendes GlutBlech zu schreiten wenn es mit zu dicken Federn die Füße
drückt oder als nackte Bettler zu frieren wenn es sich kühlend verschiebt so
wirft diese Erde dieser Leib in den siebzigjährigen Schlaf des Unsterblichen
Lichter und Klänge und Kälte und er bildet sich daraus die vergrößerte
Geschichte seiner Leiden und Freuden und wenn er einmal erwacht ist nur wenig
wahr gewesen
»Gott warum kommst du so spät und so blass« fragte Schoppe der in
Albanos Zimmer lang auf ihn gewartet hatte »O frag mich heute nicht« sagte
Albano
Dreiundzwanzigste Jobelperiode
Liane
95 Zykel
Nie fuhr sich Schoppe mit mehr Flüchen an als am Morgen unter Albanos Erzählung
und zwar darüber dass er nicht geblieben war um dem Kahlen dem Schwungrad so
vieler GeisterBewegungen mitten unter dem Drehen in die Speichen zu fahren Er
flehte inständig den Grafen an doch bei der nächsten Erscheinung zumal in
Italien dem Kahlen ohne Schonung die Larve abzureissen und bliebe das Leben
darin hängen Den Jüngling hatte die Nacht zu stark bewegt daher sprach er
ungern und flüchtig davon Da in ihm alle Empfindungen sich ernster und
übermächtiger regten als in Roquairol so hatt er nicht wie dieser Freude an
ihrem Malen sondern Scheu davor Er suchte das kleine alte Schwesterbild auf
das ihm sein Vater auf der Insel gegeben welcher treffende Widerschein des
nächtlichen Spiegelbildes Dieses AlterMoos an einer Schwester musste bloß um
damit ihre Ähnlichkeit zu überdecken durch Kunst gesäet sein Die Vermutung auf
Julienne gab er nach dem Nein der Verschleierten und bei der
Unwahrscheinlichkeit einer solchen Nachtrolle wieder auf und setzte die
HöhenBerechnung aller dieser unbegreiflichen Lufterscheinungen auf die Hilfe
seines so nahen Vaters hinaus
Ach über allen seinen Gedanken zog in GeierKreisen unaufhörlich eine ferne
dunkle Gestalt der Würgengel der auf die hülflose Liane hungrig niederfliegen
wollte Das Starren der LeichenSeherin auf dem Blumenbühler Weg zumal nach
dem trüben Blatte der Fürstin gaukelte jetzt in den dunkeln
durcheinanderkreuzenden Laubgängen worein sein Lebensweg getrieben war als ein
flatterndes Schreckbild fort
Ein neuer einziger Entschluss stand jetzt in seiner Seele wie ein starrer
Arm am Wege fest der immer nach einer Richtung zeigte auf die Blumenbühler
Straße »Du musst zu ihr« sagte der Entschluss »sie darf nicht in dem Wahne
deines Zürnens und deiner alten Härte sterben du musst sie wiedersehen um ihr
abzubitten und dann weinest du bis ihr Grab aufgeht und sie wegnimmt« O
wie werd ich dann sagt er zu sich vor dem Sterbetrone dieses Engels mein
hartes stolzes wildes Herz zerknirschen und alles alles womit ich die sanfte
Seele in Lilar blind und wund gemacht zurücknehmen damit sie nicht zu sehr
verachte die kurzen Tage ihrer Liebe und damit doch ihr Herz verscheide mit
einer kleinen letzten Freude von mir Und das o Gott bescheide uns
Vergeblich trug Schoppe darauf an dass er mit ihm die Expeditionsstube der
NachtWunder die so wahrscheinlich im gotischen Tempel anzutreffen sein musste
suchen sollte noch an diesem Tage wollte er vor die bleiche Geliebte dringen
Auffallend bestand Schoppe auf dem Besuch von Lilar fort und verlangte diesen
zuletzt voreilig befehlend aber jetzt war es verdorben und Albanos Nein
verpanzert »Verflucht wozu lass ich mich denn in diesen Tränentöpfen kochen«
sagte Schoppe und fuhr hinaus
Aber nach kurzer Zeit kam er wieder mit einem Blatte von Gaspard worin
dieser auf heute RelaisPferde von der Post verlangte und mit einem Vorschlag
von sich selber dem Vater entgegenzugehen Wie erfrischend wehte die väterliche
Nähe über Albanos schwüle Wüste Gleichwohl sagte er das zweite Nein das
lange Wollen und Streiten und jede Stunde hüllte ihm Lianen immer finsterer in
ihre Wolke und er dachte bange an seinen Traum über sie auf Isola bella161
und am Ende stutzte er argwöhnisch über das bedenkliche Zurückzerren
Und darin irrt er nicht Schoppe handelte nach ganz andern Begebenheiten
als er noch erfahren hatte Der Lektor nämlich der mit alter kluger Redlichkeit
über den abtrünnigen aber von ihm überall gelobten Jüngling von fernen Wache
hielt durch den stellvertretenden Schoppe hatte diesem den aufgetürmten
bleischweren Wolkenbruch gezeigt der sich nun gesenkt gegen das Haupt des edlen
Jünglings herbewegte nämlich Lianens ganz nahen Tod
Früher war der Streit mit den Eltern gleichsam diese poetische Härte für
Lianens Nerven noch Eisenwein gewesen die nachher im weichen Wasser der
Entsagung Herbstruhe und Andacht schmolzen Es gibt eine warme Windstille
welche Menschen wie Schiffe zerlässet eine Wärme worin das Wachsbild des
Geistes zerrinnt Täglich kam noch dazu der fromme Vater und breitete ihre
Schwingen aus löste sie ab von den ErdenHoffnungen und ErdenBangigkeiten und
führte sie in den Glanz des göttlichen Trones Die schönen Frühlingslüfte
ihrer geendigten Liebe ließ sie wieder wehen aber in höherer Stelle es waren
dünne milde ÄtherZephyre BlumenHauche Sie wusste jetzt zugleich sie
sterbe und liebe Gott Sie stand wie eine Sonne schon ruhig und fern an ihrem
Himmel aber wie eine Sonne schien sie folgsam um den kleinen Tag ihrer Mutter
zu gehen und wärmte sie sanft Ihre Tränen entflossen so süß wie Seufzer wie
Abendtau aus Abendrot Wie man seligwogend sinkt in heitern Träumen so floss
sie mit schwimmendem KörperGewand auf dem Todesflusse lange getragen langsam
angezogen
Nur ein einziger irdischer Widerstand hatte bisher den süßen Fall gebrochen
die heiße Erwartung der kommenden Romeiro dieser ihr so innig befreundeten
Freundin ihrer Freundin Julienne Endlich erschien ihr diese und ergriff ihre
Phantasie zu sehr denn gerade die Flügel der Phantasie waren an diesem sanften
steten Schwane162 zu stark Wie stellte sich die Kranke unter diese glänzende
Göttin herunter Wie fand sie sich unwürdig der vorigen Liebe für Albano So
wenig hatte Spener der nur vor Gott demütig war sie hindern können zwei
Kleinode aus ihrem vorigen Leben in ihr jetziges verklärtes heraufzunehmen die
alte Demut vor Menschen und das alte bekümmerte Sorgen für Geliebte
Julienne mocht ihr noch so oft abgeraten haben sie schlang sich doch an
einem Abende wo sie Albanos Wegziehen nach Italien vernommen um Lindas Herz
und sagte ihr mit gewöhnlicher Überwallung nur Albano verdiene sie Linda
antwortete bewundernd sie fasse eine Liebe nicht die sich selber vernichte in
Ihrem Falle würde sie sterben »Und tu ichs denn nicht« sagte Liane
Julienne bat gleich darauf Lianen die verlegne edle Gräfin darüber zu
schonen Liane schwieg unbeleidigt aber der neue Wunsch ergriff sie nun ihren
verlorenen Albano noch einmal wiederzusehen und ihm ihre vorige Treue und seinen
Irrtum zu beweisen und ihm mit sterbendem Herzen ein neues großes zu vermachen
Sie war sehr offenherzig mit allen letzten Wünschen ihrer heiligen Seele
Solange die Mutter und Augusti konnten hielten sie ihr die Hand damit sie sich
eine so giftige schwarze Blume als die Freude eines solchen Wiedersehens sein
müsste nicht ans kranke Herz steckte Aber sie versicherte ihre Mutter was
könn es ihr in diesem Jahre schaden da sie ja erst im künftigen nach
Karolinens Weissagung von hinnen gehe Indes suchte man ihr das letzte Ziel
immer hinauszurücken in der Hoffnung dass Gaspard den Grafen wegführe und mit
dem Vorsatz nur im Notfalle aller verlorenen Hoffnungen ihr diese tödliche zu
stillen
Da wandte sie sich mit ihrem Wunsche an ihren Bruder aber dieser halb aus
erbitterter Eitelkeit halb aus Liebe gegen die Schwester schilderte Albano von
der kältern Seite sagte er ziehe in ein frohes Land verschmerze sie leicht
usw Wie entrüstete sich beinahe die sanfte Seele weil sie daraus mit
weiblicher Scharfsicht einen nahen Bruch der Liebe gegen Albano und Rabette und
eine Wiederkehr der Neigung für die dableibende Linda entdeckte Sie hatte schon
längst die lange Unsichtbarkeit Rabettens untersucht Denn diese arme Seele war
seit ihrem Falle seit dem Begräbnis ihrer Unschuld durch keine Bitten und
Befehle zu zwingen gewesen vor die Freundin der ewigen Unschuld mit dem
niedergeworfnen SünderAuge zu treten und jetzt war es ihr vollends unmöglich
seit ihr durch Lindas Ankunft und Besuche auch das kleinste schillernde Gewebe
ihres fliegenden Sommers zertreten war und ihr Mund voll Qual dumpf am
hereingezognen Leichenschleier erstickte »Bruder Bruder« sagte Liane
begeistert »bedenke was unsere armen Eltern von uns Kindern haben Ich erfülle
ihnen keine Hoffnung auf dir ruht jede ach wie wird unser Vater zürnen«
setzte sie mit alter Scheu und Liebe dazu Der Bruder hielt es für recht die
Wahrheit über Rabettens Hinab und Wegstossen welche diesesmal die Gestalt
einer bewaffneten Parze haben würde von ihr zu entfernen und setzte an die
Stelle der Wahrheit seine BruderLiebe Daher hatt er bisher die einzige
Gelegenheit mit der Gräfin zu sprechen entbehrt Lianens Krankenstuhl »Du
musst sterben« sagte er einmal im Enthusiasmus zu ihr »es ist gut dass dein
Gewebe so zart ist damit es das Durcheinandergreifen so vieler Tatzen
entzweireisset Was hättest du bis in dein 70 Jahr nicht leiden können unter
Menschen und Männern« Auch er glaubte aus eigener Erfahrung dass es mehr
Weiber als Männerschmerzen gebe so wie es am Himmel mehr Mond als
Sonnenfinsternisse gibt
So stand es bis in die Nacht wo Albano den Kahlkopf die Spiele der
Finsternisse und die verschleierte Schwester sah in dieser sprang eine Saite
nach der andern in Lianens Leben sie wurde schnell verändert und am frühen
Morgen empfing sie schon das Abendmahl aus ihres Speners Hand Der Lektor bekam
diese trübe Nachricht von der Ministerin um 9 Uhr morgens Darum sucht er mit
solchem Eifer durch Schoppe den Jüngling vom Anblick einer verscheidenden Braut
zu verdrängen
Später kam Gaspards Billett welches beide auf den Gedanken brachte ihn zum
Entgegenfahren zu locken und durch eine Nachricht an den Vater diesen zu
bereden wenigstens auf einige Tage mit Albano vor dem nahen Erdfall umzukehren
damit dieser sinke ehe ihn der Sohn betreten
Aber auch das wie schon erzählt worden schlug fehl Albano bekannte
Schoppen geradezu seinen Argwohn irgendeiner unheimlichen Begebenheit Dieser
wollte eben eine Antwort geben als sie ihm ersparet wurde durch einen
keuchenden Boten aus Blumenbühl der an Albano folgendes Blatt von Spener
überbrachte
»PP
Ew Hochgeboren Gnaden soll in aller Eile melden dass das todkranke Fräulein von
Froulay noch heute mit Denenselben zu sprechen sehnlichst verlangt daher Sie um
so mehr zu eilen haben da selbige nach eigener Aussage höchst wahrscheinlich
und um so mehr als Patienten dieses genre immer ihren Tod richtig
vorauszusagen wissen den heutigen Abend schwerlich überleben sondern aus
dieser Leiblichkeit einziehen wird in die ewige Herrlichkeit Ich für meine
Person brauche Ew Gnaden als einen Christen wohl nicht erst zu vermahnen dass
wohl ein sanftes stilles frommes Betragen und Gebet bei dem Sterbebette dieser
herrlichen Braut Christi von deren Tod jeder wünschen wird Herr mein Tod sei
wie dieser Gerechten nicht aber grausame weltliche Trauer sich gebühre und
gezieme der ich mit sonderbarem Respekte verharre
Ew Hochgeboren Gnaden
Untertäniger
Joachim Spener
Hofprediger
PS Kommen Dieselben nicht sogleich mit dem Expressen so bitte sehr um einige
Zeilen Antwort«
Albano sagte kein Wort gab das Blatt seinem Freunde drückte leise dessen Hand
nahm den Hut und ging langsam und mit trocknen Augen auf die Gasse hinaus
auf den Weg nach dem Bergschloss
96 Zykel
Schaudernd lief er draußen um die Stelle vorbei wo in der vorigen Nacht die
LeichenSeherin gestanden hatte um ihre in schwarze Menschen verwandelten
Träume langsam von der Bergstrasse herunterziehen zu sehen Es war ein stiller
warmer blauer NachsommerNachmittag das Abendrot des Jahres das rotglühende
Laub zog von Berg zu Berg auf toten Auen standen die giftigen Zeitlosen
unverletzt beisammen auf den übersponnenen Stoppeln arbeiteten noch Spinnen am
fliegenden Sommer und richteten einige Fäden als die Taue und Segel auf womit
er entfloh der weite Luft und Erdkreis war still der ganze Himmel wolkenlos
und die Seele des Menschen schwer bewölkt
Albanos Herz ruhte auf der Zeit wie ein Kopf auf dem Entauptungsblock
Nichts sah er im weiten Himmelsblau als die darin fliegende Liane nichts
nichts auf der Erde als ihre liegende leere Hülle
Er zuckte da ihm plötzlich auf der Blumenbühler Höhe das weiße Bergschloss
entgegenglänzte Er rannte hinab wild vor dem verhassten entstellten Blumenbühl
vorbei und draußen in den tiefen Hohlweg hinauf der zum Bergschloss führt Da
aber dieser sich in zwei aufsteigende Täler spaltet so verirrte sich der vom
Schmerz verschleierte Mensch in das linke und eilte zwischen dessen Wänden immer
heftiger bis er nach langem Treiben auf die Höhe heraustrat und das schimmernde
Trauerschloss hinter sich erblickte Da war ihm als rühre sich die weite
hinabliegende Landschaft wie ein stürmendes Meer durcheinander mit wogenden
Feldern und schwimmenden Bergen und der Himmel schaute still und hell auf das
Bewegen nieder Nur unten am westlichen Horizonte schlief eine lange dunkle
Wolke
Er stürmte wieder bergab und kam in wenigen Minuten im kleinen Blumengarten
des Trauerhauses an Als er heftig durch ihn schritt sah er oben an den
Schlossfenstern mehrere Menschenrücken wenn sie sich umkehren sagt er so
wird sogleich die Sage umlaufen der Mörder kommt Jetzt trat die Ministerin an
ein Fenster wandte sich aber schnell um da sie ihn erblickte Er stieg schwer
die Treppe hinauf der Lektor kam ihm gerührt entgegen sagte zu ihm »Fassung
für Sie und Schonung für andere Sie haben keinen Zeugen Ihrer Unterredung als
Ihr Gewissen« und machte dem stummen Jüngling das stille Krankenzimmer auf
Vom Schmerz belastet und gebückt trat er leise hinein In einem
Krankenstuhl ruhte eine weissgekleidete Gestalt mit weißen tiefen Wangen und
ineinandergelegten Händen und lehnte den Kopf den ein bunter Grasblumenkranz
umzog an die Seitenlehne Es war seine vorige Liane »Sei mir willkommen
Albano« sagte sie mit schwacher Stimme aber mit dem alten aufgehenden
SonnenLächeln und reicht ihm die mühsam gehobne Hand entgegen das schwere
Haupt konnte sie nicht erheben Er trat hin sank auf die Knie und hielt die
teuere Hand und die Lippe zitterte stumm »Sei mir recht willkommen mein guter
Albano« wiederholte sie noch zärtlicher in der Meinung er hab es das erstemal
wohl nicht gehört und alle Tränen seines Herzens riss die bekannte
wiederkommende Stimme in einem Regen nieder »Auch du Liane« stammelte er noch
leiser Mühsam ließ sie ihr Haupt auf die andere ihm nähere Lehne
herüberfallen da schaueten ihre lebensmüden blauen Augen recht nahe seine
feurigen nassen an wie fanden beide ihr Angesicht von einem langen Schmerz
entfärbt und veredelt Rotwangig und vollblühend und Schmerzen tragend war Liane
in das kalte fremde Totenreich der schweren Prüfung für die höhere Welt
gegangen und ohne Farbe und ohne Schmerzen war sie wiedergekommen und mit
himmlischer Schönheit auf dem irdischverblühten Gesicht Albano stand vor ihr
auch bleich und edel aber er brachte auf dem jungen kranken eingefallnen
Angesicht die Kämpfe und die Schmerzen zurück und im Auge die LebensGlut
»Gott du hast dich verändert Albano« fing sie nach einem langen Blicke
an »Du siehst ganz eingefallen aus Bist du so krank Lieber« fragte sie
mit der alten LiebesBekümmernis die ihr weder der fromme Vater noch der letzte
Genius der den Menschen erkältet gegen das Leben und Lieben eh er es
entrückt aus dem Herzen nehmen konnten »O wollte Gott Nein ich bins
nicht« sagte er und erstickte aus Schonung den innern Sturm denn er hätte so
gern seinen Jammer seine Liebe seinen TodesWunsch ausgerufen vor ihr mit
einem tödlichen Schrei wie eine Nachtigall sich zu Tode schmettert und vom
Zweige stürzt
Ihr erkältetes Auge ruhte sich erwärmend lange auf seinem Angesicht voll
unaussprechlicher Liebe und sie sagte endlich mit schwerem Lächeln »So liebst
du mich also wieder Albano Du hattest dich auch in Lilar ganz geirrt Erst
nach langer Zeit wird mein Albano es erfahren warum ich von ihm gewichen bin
nur zu seinem Wohl Heute heute an meinem Sterbetage sag ich dir dass mein
Herz dir treu geblieben Glaub es mir Mein Herz ist bei Gott meine Worte
sind wahr Sieh darum bat ich dich heute zu mir denn du sollst sanft ohne
Reue ohne Vorwurf auf deine erste Jugendliebe herübersehen in deinem künftigen
langen Leben Heute wirst du nicht böse über die kleine Linda dass sie vom
Sterben spricht Siehst du wohl dass ich damals recht hatte Hole mir das
Blatt dort«
Er gehorchte es war ein mit zitternder Hand gemachter Umriss von ihr der
Lindas edelen Kopf vorstellte Albano sah das Blatt nicht an »Nimm es zu dir«
sagte sie er tat es »Wie bist du so willig und gut« sagte sie »Du verdienst
Sie ich nenne sie dir nicht als den Lohn deiner Treue gegen mich Sie ist
deiner würdiger als ich sie blüht wie du siecht nicht wie ich aber tu ihr nie
unrecht Deine Liebe zu ihr ist mein letzter Wunsch Wirst du mich betrüben
festes Gemüt durch ein heftiges Nein«
»HimmelsSeele« rief er und blickte sie bittend an und brachte ihr das
Totenopfer des erstickten Neins »ich antworte dir nicht Ach vergib vergib
der frühern Zeit« Denn nun sah er erst wie demütig leise und doch innig die
zarte stille Seele ihn geliebt die noch jetzt im zerfallenden Körper ganz wie
an Lilars schönen Tagen sprach und liebte so wie die schmelzende Glocke im
brennenden Turm noch aus den Flammen die Stunden tönt
»So lebe nun wohl Geliebter« sagte sie ruhig und ohne Träne und ihre
matte Hand wollte seine drücken »Reise glücklich in das schöne Land Habe
ewigen Dank für deine Lieb und Treue für die tausend frohen Stunden die ich
dort erst verdienen will163 für Lilars schöne Blumen Die Kinder meiner
Chariton haben sie mir aufgesetzt164 Je ne suis quun songe Was wollt
ich dir sagen Albano Mein Lebewohl Verlasse meinen Bruder nicht O wie du
weinst Ich will noch für dich beten«
Die Sterbenden haben trockne Augen Das Gewitter des Lebens endigt mit
kalter Luft Sie wissen es nicht wie ihre lallende Zunge einschneide in die
weit aufgerissenen Herzen Die sanfteste Seele wußt es nicht wie sie ein
Schwert nach dem andern durch ihren Albano stieß der es nun fühlte dass er der
Heiligen der schon die Frühlingswinde die Frühlingsdüfte des ewigen Ufers
entgegenzogen nichts mehr sein nichts mehr geben konnte nicht einmal die
Demut nehmen
Als sie es gesagt richtete ihr Haupt mit der Blumenkrone sich begeistert
auf sie zog ihre Hand aus seiner und betete laut mit Inbrunst »Erhöre mein
Gebet o Gott und lasse Ihn glücklich sein bis er eingeht in deine
Herrlichkeit Und wenn er irret und wankt so schon ihn o Gott und lasse mich
ihm erscheinen und ihm zureden Dir aber allein du Allgütiger sei Preis und
Dank gesagt für mein frohes stilles Leben auf der Erde du wirst mir nach der
Ruhe droben schenken den schönen Morgen wo ich arbeiten kann Wecke mich
früh aus dem Todesschlafe Wecket mich wecket Mutter das Morgenrot165
liegt schon auf den Bäumen«
Da stürzte die Mutter ins Zimmer mit andern Menschen Der todesschlaftrunkne
Blick und das Irrereden sagten an dass nun der kalte Schlaf mit offenen Augen
komme »Erscheine mir du bist ja bei Gott« rief Albano sinnlos Umsonst wollt
ihn Augusti wegführen ohne Antwort ohne Regung stand er eingewurzelt fest
Liane wurde immer blasser der Tod schmückte sie mit dem weißen Brautkleid des
Himmels an da hörte sein weinendes Auge auf die Qual gefror und das weite
schwere Eis der Pein füllte die Brust
Unverrückt hing Lianens Blick an einer lichten Stelle des sanft bezognen
Abendhimmels wie forschend und erwartend dass der Himmel aufgehe und die Sonne
gebe Gleichgültig gegen alle stürmte ihr Bruder jammernd herein »Geh nicht zu
Gott ich seh dich sonst nie mehr sieh mich an segne heilige mich gib mir
deinen Frieden Schwester« Sie war still in die lichter aufbrechende
Sonnenwolke vertieft »Sie hält dich für mich« sagte Albano zu Karl wegen ihrer
ähnlichen Stimmen »und gibt dir keinen Frieden« »Stiehl meine Stimme nicht«
sagte Karl zornig »O lasset Sie in Ruhe« sagte die Mutter aus deren
gebückten Augen nur kleine sparsame Tränen auf den Kranz der Tochter zitterten
deren mattes nach dem Himmel aufblickendes Haupt sie an sich angelehnt mit
beiden Händen hielt
Auf einmal als die Sonne die Wolken wie Augenlider aufschlug und hell
herunterblickte erschütterte sich die stille Gestalt Sterbende sehen doppelt
sie sah zwei Sonnenkugeln und rief an die Mutter geschmiegt »Ach Mutter wie
groß und feurig sind seine Augen« Sie sah den Tod am Himmel stehen »Bedecket
mich mit dem Leichenschleier« flehte sie ängstlich »meinen Schleier« Ihr
Bruder griff nach ihm und deckte damit die irren Augen und die Blumen und Locken
zu auch die Sonne zog schonend wieder das Gewölke über sich
»Denk an den allmächtigen Gott« rief ihr der fromme Vater zu »Ich denke an
ihn« antwortete leise die Verhüllte Die Aurora der zweiten Welt steht schwarz
vor den Menschen sie bebten alle Albano und Roquairol ergriffen und drückten
einander die Hand dieser aus Hass Albano aus Qual wie man in Metall knirscht
Das Zimmer war voll unähnlicher befeindeter Menschen die der Tod gleich
machte Seitwärts sah Albano eine fremde hereingeschlichene ihm widrige
Gestalt es war sein unkenntlicher Vater dessen große düstere Augen scharf und
hart auf dem Sohne hafteten Aus dem zweiten Zimmer blickten zwei lange
verschleierte weibliche Gestalten auf die dritte und sahen kein Gesicht und
niemand ihres
Liane spielte mit den Fingern am Schleier Der Abend stand im Zimmer und die
Stille zwischen dem Blitze und dem Donnerschlag »Denke an den allmächtigen
Gott« rief Spener Sie antwortete nicht er sprach weiter »An unsere Quelle
und an unser Meer er allein steht dir jetzt im Dunkeln bei wo dir die Erde und
die Menschen aus der Hand entsinken und alle Lichter des Lebens« Plötzlich fing
sie an und sagte ganz freudigleise und schnell hintereinander wie wenn der
Mensch im Schlafe spricht und immer entzückter und schneller »Karoline hier
hier Karoline das ist meine Hand wie bist du so schön« Der unsichtbare
Engel der ihre erste Liebe geheiligt der ihr Leben begleitet hatte schimmerte
wieder wie ein aufgegangener Mond über das ganze dunkle Sterben und der Glanz
verschmolz die kleine Mainacht leise mit dem großen Frühlingsmorgen der andern
Welt
Nun lehnte die verschleierte Nonne des Himmels ganz still an der Mutter Der
Todesengel stand unsichtbar und zornig unter seinen Opfern Mit großen Flügeln
hing die TodesEule der Angst sich über die MenschenAugen und hackte mit
schwarzem Schnabel in die Brust herab und man hörte nichts in der Stille als
die Eule Düster wälzten sich des Ritters melancholische Augen in ihren tiefen
Höhlen zwischen der stillen Braut und dem stillen Sohne hin und her und Gaspard
und der Würgengel schaueten einander finster an
Da klang aus Lianans Harfe ein heller hoher Ton lang in die Stille die
Parze die an ihrem Leben spann kannte das Zeichen hielt innen und stand auf
und die Schwester mit der Schere kam Lianens Finger hörten auf zu spielen und
unter dem Schleier wurd es still und unbeweglich
»Dein Kopf ist schwer und kalt meine Tochter« sagte die trostlose Mutter
»Reisst den Schleier weg« rief der Bruder und als er ihn herunterzog ruhte
Liane zufrieden und lächelnd darunter aber gestorben die blauen Augen offen
nach dem Himmel der verklärte Mund noch Liebe atmend die jungfräuliche
LilienStirn von der tiefer herabgesunknen Blumenkrone umwunden und bleich und
verklärt vom Mondschein der höheren Welt die fremde Gestalt die groß aus den
kleinen Lebendigen unter ihre hohen Toten trat
Da quoll die goldne Sonne durch die Wolken und durch die Tränen hindurch und
übergoss mit dem blühenden Abendlicht mit dem jugendlichen RosenÖl ihrer
Abendwolken die entfärbte Himmelsschwester und das verklärte Antlitz blühte
wieder jung Am Himmel schlugen alle Wolken berührt von ihren Flügeln als sie
durch sie zog in lange rote Blüten aus und durch den hohen über die Erde
geblähten Nebelflor glühten die tausend Rosen hindurch die gestreuet und
gewachsen waren auf der WolkenBahn worauf die Jungfrau über die Erde zu dem
Ewigen ging
Aber Albano der verlassene Albano stand ohne Tränen und Augen und Worte
unter den gemeinen Klagestimmen des Schmerzes im rosenroten Abendiener des
heiligen Verklärungszimmers unter dem irdischen Getümmel neben der stillen
Gestalt in tiefer Vergangenheit zeigte ihm der Schmerz ein Medusenhaupt und er
sah es noch an als sein Herz schon davon versteinert war und er hörte immer
das finstere Haupt die Worte murmeln »Wie bitter hatte die Tote in Lilar über
den harten Albano geweint« Ihr Bruder sagte auf seiner Folter viele grausame
Worte zu ihm er vernahm sie nicht weil er dem grausamern Gorgonenhaupt
zuhörte
»Sohn« rief Gaspard Cesara ernst »Sohn kennst du mich nicht« Durch das
schwere LeichenHerz blitzt ihm eine Lebensstimme er blickt umher und auf den
Vater ordnet sich erschreckend die Gestalt und stürzt auf seine Brust und ruft
nur »Vater« und immer wieder »Vater« Er rief fort ihn heftig wie ein Feind
umflechtend und sagte »Vater das ist Liane« Noch heftiger wurde die
Umarmung nicht aus Liebe nur aus Qual »Komme zu dir und zu mir lieber
Albano« sagte der Ritter »O ich will es tun Sie ist nun gestorben Vater«
sagt er erstickt und nun zerriss sein Schmerz am Vater wie ein Gewölke am
Gebirge in eine unaufhörliche Träne sie strömte fort als wollte sich die
innerste Seele verbluten aus allen offenen Adern aber das Weinen wühlte nur die
Qualen auf wie ein Wolkenbruch ein Schlachtfeld er wurde trostloser und
ungestümer und wiederholte dumpf das alte Wort
»Albano« sagte Gaspard nach einiger Zeit mit stärkerer Stimme »willst du
mich begleiten« »Gern mein Vater« sagte er und folgte ihm wie der Mutter
ein blutendes Kind mit seiner Wunde »Morgen will ich schon sprechen« sagte
Albano im Wagen und nahm die väterliche Hand Die weit offenen Augen hingen
geschwollen und blind an der warmen Abendsonne fest die schon auf dem Gebirge
ruhte er blieb lächelnd und bleich und in seinem leisen sanften Weinen und
er merkt es nicht dass die Sonne unterging und er in der Stadt ankam
»Morgen mein Vater« sagt er kraftlos und bittend zum Ritter und schloss
sich ein Man hörte nichts mehr von ihm
Vierundzwanzigste Jobelperiode
Das Fieber die Kur
97 Zykel
Lange blieb Albano im Nebenzimmer stumm Der Vater überließ ihn der heilenden
Stille Schoppe wartete auf ihn geduldig um ihn tröstend anzusehen und
anzuhören Endlich hörten sie ihn darin heftig beten »Liane erscheine mir und
gib mir den Frieden« Gleich darauf trat er stark und frei wie ein entketteter
Riese heraus mit allen BlutRosen auf seinem Gesicht mit Blitzen in den Augen
mit hastigem Schritt »Schoppe« sagt er »komm mit auf die Sternwarte es
hängt am Himmel ein heller hoher Stern auf dem wird Sie begraben ich muss das
wissen Schoppe«
Die edle Seele lag in der gewaltigen Hand des Fiebers Er wollte mit ihm
hinaus als er den Ritter erblickte der ihn starr anschaute »Erstarre nur
nicht wieder mein Vater« sagt er umarmte ihn nur leise und vergaß was er
gewollt
Schoppe holte den Doktor Sphex Albano ging wieder in sein Zimmer und
langsam darin mit gesenktem Haupt mit gefalteten Händen auf und ab und redete
sich tröstend zu »Warte doch nur bis es wieder ausschlägt« Sphex kam und
sah und sagte »es sei ein einfaches entzündliches Fieber« Aber keine Gewalt
brachte ihn dahin sich für das Bette oder nur für eine AderWunde zu
entkleiden »Wie« sagt er schamhaft »Sie kann mir ja zu jeder Stunde
erscheinen und den Frieden geben nein nein« Der Arzt verschrieb einen ganzen
kühlenden Schneehimmel um damit diesen Krater vollzuschneien Auch diesen
Kühlungen und FrostZuleitern weigerte der Wilde sich Aber da fuhr ihn der
Ritter mit der ihm eignen donnernden Stimme und mit dem Grimm des Auges an der
das immerwährende aber bedeckte Zornfeuer der stolzen Brust verriet »Albano
nimm« Da besann und fügte sich der Kranke und sagte »O mein Vater ich
liebe dich ja«
Durch die ganze Nacht deren Wächter und Arzt der treue Schoppe blieb
spielte der wahnsinnige Körper seine glühende Rolle fort indem er den Jüngling
auf und abtrieb und bei jedem Ausschlagen der Glocken betend niederzuknien
zwang »Liane erscheine doch und gib mir den Frieden« Wie oft hielt ihn der
sonst Zeichenarme Schoppe mit einer langen Umarmung fest um nur dem
Umhergetriebnen eine kurze Ruhe zuzuspielen Unbegreiflich waren am Morgen dem
Arzte die Kräfte dieser eisernen und weissglühenden Natur die Fieber Pein und
Gehen noch nicht gebogen hatten und auf welcher alle verordnete Eisfelder
trocken verzischten und fürchterlich erschienen ihm die Folgen da Albano
noch immer sein SelbstMordbrenner blieb und bei jedem StundenSchlage auf den
Knien nach der himmlischen Erscheinung lechzete und blickte
Aber sein Vater überließ ihn wie eine Menschheit den eignen Kräften er
sagte er sehe mit Vergnügen eine solche seltene ungeschwächte Jugendkraft und
sei gar nicht in Furcht auch ließ er ungestört alles für die Reise nach Italien
packen Er besuchte den Hof dh alles Wer es wusste was er den Menschen
abzufodern und abzuleugnen pflegte dem gab diese allgemeine Gefälligkeit gegen
alle Welt die Schmerzen eines verwundeten Ehrgefühls wenn ihn Gaspard auch
anredete Er besuchte zuerst den Fürsten welcher an ihm ob ihn gleich der
Ritter in Italien ruhig die vergiftete Hostie der Liebe samt ihrem Giftkelch
hatte empfangen lassen immer mit Angewöhnung hing Der Ritter besichtigte mit
ihm den Zuwachs der neuen Kunstwerke beide glichen scharf und frei ihre Urteile
darüber gegeneinander aus und gaben einander Aufträge für die Abwesenheit
Darauf ging er zur Reisegefährtin zur Fürstin gegen welche zwar sein
aufreibender Stolz nicht ein Blütenstäubchen der vorigen Liebe übrig gelassen
die aber im glatten kalten Spiegel seiner epischen Seele in welchem alle
Figuren sich reinaufgefasset und frei bewegten vermöge ihrer kräftigen
Individualität als eine Hauptfigur den Vordergrund bewohnte Da er Freiheit
Einheit sogar Frechheit des Geistes weit über sieches Frömmeln Nachheucheln
fremder Kräfte und bussfertigen Zwiespalt mit sich selber setzte so war die
Fürstin sogar mit ihrem Zynismus der Zunge ihm »in ihrer Art lieb und wert« Sie
erkundigte sich mit vielem Feuer nach seines Sohnes Zustand und Mitreise er gab
ihr mit seiner alten Ruhe die besten Hoffnungen
Die Prinzessin Julienne war unzugänglich Dass sie es hatte sehen müssen wie
die treue Gespielin ihrer Jugendzeit ein feindlicher rauer Arm vom blumigen
Ufer in den Todesfluss hineingezogen und wie die Arme ermattet
hinuntergeschwommen das warf sie hart darnieder und sie wäre gern dem Opfer
nachgestürzt Sie war gestern nicht imstande mit den zwei Verschleierten
hinzugehen
Jetzt eilte Gaspard zur einen davon zur Gräfin Romeiro wo er auch die
andere fand die Prinzessin Idoine Diese hatte unmöglich so viel von ihrer
Gesichts und SeelenSchwester in allen Briefen lesen können ohne selber aus
ihrem Arkadien zu ihr herzureisen und die schöne Verwandtschaft zu prüfen aber
als sie im Schleier ankam im Schmerzenhause hatte schon ihre Verwandte den
ihrigen über das brechende Auge gezogen und als er aufging sah sie sich selber
verloschen und im tiefen Spiegel der Zeit ihr eigenes SterbeBild Sie schwieg in
sich selber gleichsam wie vor Gott aber ihr Herz ihr ganzes Leben war bewegt
Die Ähnlichkeit war so auffallend dass Julienne sie bat nie der gebeugten
Mutter zu erscheinen Idoine war zwar länger schärfer gezeichnet und weniger
rosenfarb als Liane in ihrer Blütezeit aber die letzte blasse Stunde worin
diese neben ihr erschien machte die bleiche Gestalt länger und das Angesicht
edler und zog die blumige jungfräuliche Verhüllung vom scharfen Umriss weg
Idoine sprach wenig zum Ritter und sah nur zu wie ihre Freundin Linda
ordentlich in kindlicher Liebe überfloss gegen seine fast väterliche Beide
Jungfrauen behandelte er mit einer achtenden warmen und zarten Moralität
welche einem Auge zB dem des Fürsten wunderbar erscheinen musste das oft
Zeuge der ironischen Unbarmherzigkeit gewesen womit er wurmstichige anbrüchige
Herzen halb eingepfarret in Gottes Kirche und halb in des Teufels Kapelle
scheue weiche empfindsame Sünder innerlichbodenlose Phantasten zB
Roquairols gern in einer langsamen Spirale frecher Reden immer tiefer und
froher in den Mittelpunkt der Schlechtigkeit hinabzudrehen pflegte Der Fürst
dachte dann »Er denkt gerade wie ich« aber Gaspard macht es mit ihm ebenso
Auch die wankende blasse Julienne schlich endlich herein um ihn zu sehen
Man umging so weit man konnte ihrentwegen das offene Grab der Freundin aber
sie fragte selber nach dem kranken Geliebten derselben recht angelegentlich Der
Ritter welcher für die meisten wichtigen Antworten sich ein eigenes Phrasesbuch
des Nichts besondere RedeEisblumen angeschafft hatte dergleichen waren »es
geht so gut es kann« oder »man muss es erwarten« oder »es wird sich wohl geben«
bediente sich der letzten Redeblume und versetzte »Es wird sich wohl geben«
Als er nach Hause kam hatte sich nichts gegeben sondern hoch war die Flut
des Übels gestiegen Der Jüngling lag nieder angekleidet auf dem Bette
unvermögend mehr zu gehen brennend irre redend und doch bei jedem
Glockenschlage seine alte Bitte in den hohen versperrten Himmel rufend Bis
hieher hatte sein kräftiges festes Gehirn die Vernunft wenigstens für alles
was Lianen nicht betraf fest zu behalten gewusst aber allmählich ging die ganze
Masse in die Gärung des Fiebers über Vergeblich waffnete sich sein Vater
einmal da er kniete und um die Erscheinung der Toten bat mit dem ganzen Sturm
und Donner seiner Persönlichkeit »gib mir den Frieden« betete Albano sanft
weiter und sah ihm sanft dabei ins Gesicht
Schoppe nahm jetzt mit der Miene eines wichtigen Geheimnisses den Vater
allein und sagte er wisse ein unfehlbares Mittel Gaspard bezeugte seine
Neugierde »Die Prinzessin Idoine« sagt er »muss nach erbärmlichen Kindereien
gar nichts fragen sondern keck wenn es eben schlägt und er kniet ihm als der
selige Geist erscheinen und den fatalen Frieden schließen« Wider alles
Vermuten sagte der Ritter unmutig »Es ist unschicklich« Umsonst sucht ihn der
predigende Schoppe in die Sonnenseite zu rücken bloß in der Winterseite zog er
weiter hinein bei dem Anschein fremder Absicht in eine sanfte Wärme konnt ihn
niemand bringen als nur er sich selber Zuletzt ließ Gaspard nach seiner Sitte
über dem ewigen Grundeis seines Charakters so viel Treibeis obengenannter
Phrasen schwimmen dass Schoppe stolz und zornig schwieg Noch dazu gingen die
Anstalten zur Abreise fort als sei der Vater willens den Sohn brennend aus dem
Fieberbrande zu ziehen und wahnsinnig aus den alten LiebesZirkeln zu reißen
Schoppe machte ihm seinen Vorsatz daheim zu bleiben bekannt er sagte er habe
nichts dagegen
Nun fühlte Schoppe an seinem eignen zerrjetzten Gesicht den schneidenden Nord
dieses von ihm sonst beschützten Charakters »traue keinem langen schlanken
Spanier sagte Kardanus mit Recht«166 sagte er
Albano war krank und daher nicht trostlos Er schöpfte aus der Lete des
Wahnsinns die dunkle Betäubung gegen die Gegenwart nur wenn er kniete
spiegelte sich im Strom seine zerrissene Gestalt und ein wolkiger Himmel Er
hörte nichts davon wie die Dürftigen ihren Namen nannten um dankend um die
ruhende Wohltäterin zu weinen vor deren Klagen jetzt das heilende Saitenspiel
ihrer Mienen taub und stumm lag Er hörte nichts von dem Toben ihres Bruders
noch vom lauten akustischgebaueten Schmerze ihres Vaters oder von der
starren in dumpfe Qual gewickelten Mutter Er wußt es nicht voraus dass die
bleiche Charis in ihrem Krönungszimmer an einem Abende zwischen Lichtern zum
letztenmal der Erde erscheinen werde bekränzt geschmückt und schlummernd Ihm
starb zwar in jeder Stunde eine unendliche Hoffnung aber jede gebar ihm auch
eine neue
»Armer Bruder« sagte Schoppe am andern Tag im edelen Zorn »ich schwöre
dirs du bekommst heute deinen Frieden« Der blasse Kranke sah ihn bittend an
»Bei Gott« schwur Schoppe und weinte beinahe
98 Zykel
Schoppe hatte sich vorgesetzt um den Ritter der den Abend halb an den
Minister und halb an Wehrfritz in Blumenbühl verteilte sich gar nicht zu
bekümmern sondern geradezu vor die Prinzessin Idoine mit der großen Bitte zu
treten Vorher wollt er sich den Lektor dazu holen als Türhüter oder Billeteur
der versperrten Hoftüren und als Bürgen seiner Worte Aber Augusti erschrak
unbeschreiblich er versicherte das geh unmöglich an eine Prinzessin und ein
kranker Jüngling und gar eine ridiküle GeisterRolle usw und der eigne
Vater seh es ja schon ein Schoppe wurde darüber ein aufspringendes Sturmfass
und ließ wenig Flüche und Bilder liegen die er nicht gebrauchte über den
menschenmörderischen Widersinn der Hof und WeiberDezenz sagte diese sei so
schön gebildet und so blutig quälend wie eine griechische Furie sie binde an
Menschen wie Köchinnen an Gänsen die HalsWunde nur nach dem Verbluten zu damit
sich die Federn nicht befleckten und er sei so gut ein Kourtisan schloss er
zweideutig als Augusti und kenne Dezenz »auch der Fürstin die ihn doch so
gern hat darf ichs nicht vortragen« Augusti sagte »Der Fall ist nicht
verschieden« »Juliennen auch nicht« »Auch nicht« sagt er »Auch dem so
satanischen Satan nicht« »Ein guter Engel ist doch dazwischen« versetzte
Augusti »den Sie wenigstens schicklicher als Vorbitter brauchen können weil er
dem Vliesritter von Cesara Verbindlichkeiten schuldig ist die Gräfin von
Romeiro« »O warum nicht gar« sagte Schoppe betroffen
Der Lektor unter die niemals eigenhändigen Menschen gehörig die alles
gern durch die dritte sechste fernste Hand nach einer der Fingersetzung
ähnlichen HändeSetzung tun legte seine Bereitwilligkeit ihn bei Linda
einzuführen und ihr Vermögen in dieser »epinösen Affäre« zu wirken dem
Nachdenker näher vor
Schoppe fuhr ungemein hin und her schüttelte oftmals heftig den Kopf und
stockte doch plötzlich flog und schüttelte noch heftiger sah mit scharfer
Frage den Lektor an endlich stand er fest schlug mit beiden Armen nieder und
sagte »Der Donner und das Wetter hole die Welt Nun gut es sei Ich will vor
sie Himmel warum bin ich denn Ihnen sozusagen so lächerlich jetzt gerade
mein ich« Gleichwohl hatte der höfliche Lektor das Lächeln der Lippen nur in
das Lächeln der Augen versetzt Auf Schoppes Gesicht stand die Wärme und Eile
des SelbstSiegers Wie Menschen zugleich hartörig unter dem gemeinen
LebensGetöse sein können und doch den feinsten musikalischen Lauten offen167
so waren Schoppens innere Ohren verhärtet gegen das VolksGepolter des
allgemeinen Treibens aber durstig zogen sie alle weiche leise Melodien der
heiligern Seelen ein
Der Lektor den Grafen weit herzlicher liebend als dieser ihn nahm
stürmisch den Bibliotekar sogleich mit fort ins Schloss in weil eben jetzt die
rechterlesene HofFerienStunde sei von 4 12 bis 5 12 Schoppe sagte er sei
dabei Im Schloss befahl Augusti einem Diener der ihn verstand Schoppen ins
Spiegelzimmer zu führen Er tats brachte Lichter nach und Schoppe ging langsam
mit seinem verdrießlichen Gefolge stummer flinker SpiegelUrangutangs auf und
nieder seiner Rolle und Zukunft nach rechnend Seltsam fühlt er sich jetzt
betroffen von seinem jungen frischen Gefühl der bisherigen Freiheit die er
eben suspendierte er erkannte sie an hielt sie fest sah sie an sprach ihr
zu gehe nur ein wenig fort rette ihn und dann komme wieder
Seine eigne Vervielfältigung ekelte ihn »Müsset ihr mich stören ihr Ichs«
sagt er und er legte sichs nun vor wie er stehe vor der reichsten hellesten
Minute und feinsten Goldwaage seines Daseins wie ein Grab und ein großes Leben
liege auf dieser Waage und wie sein Ich ihm schwinden müsse wie die
nachgemachten gläsernen Ichs umher Plötzlich flog ihn eine Freude an
nicht über den Wert seines Entschlusses sondern über die Gelegenheit dazu
Endlich gingen nahe Türen auf und dann die nächste Da trat mit noch halb
zurückgewandtem Kopfe eine große Gestalt herein ganz in lange schwarze Seide
eingehüllt Wie ein entzückter Mond auf hohen Laubgipfeln stand auf der seidenen
dunkeln Wolke ein üppigblühender schmuckloser Kopf voll Leben vor ihm mit
schwarzen Augen voll Blitze mit dunkeln Rosen auf dem blendenden Gesicht und
mit einer tronenden SchneeStirn unter dem braunen LockenÜberhang Schoppen
war da sie ihn ansah als liege sein Leben im vollen Sonnenschein und er
fühlte ängstlich dass er sehr nahe an der Königin der Seelen stehe »Herr v
Augusti« fing sie ernst an »hat mir gesagt dass Sie eine Bitte für Ihren
kranken Freund in meine Hände geben wollen Sagen Sie mir solche klar und frei
ich werde Ihnen gern und bestimmt und offen antworten«
Alle RollenErinnerungen waren in ihm zu Boden gesunken und aufgelöst aber
der große Schutzgeist der unsichtbar neben seinem Leben flog stürzte sich mit
feurigen Flügeln in sein Herz und begeistert antwortete er »Auch ich Mein
Albano ist tödlich krank er ist im Fieber seit gestern abends er liebte das
verstorbene Fräulein Liane er ist auf die GreifgeierSchwinge des Fiebers
gebunden und wird hinund hergerissen er stürzt bei jedem GlockenAusklang auf
die Knie und betet dicht an der Glutseite der Phantasie liegend immer heißer
erscheine mir und gib mir Frieden er steht aufrecht und angekleidet auf dem
hohen Scheiterhaufen der phantastischen KreisFlammen und lechzet und brät und
dorret sehr aus und krümmt sich nieder wie ich wohl sehe«
»O finissez donc« sagte die Gräfin welche den VenusKopf schaudernd
zurückgebogen und langsam geschüttelt hatte »Fürchterlich Ihre Bitte«
»Nur die Prinzessin Idoine« sprach er zu sich kommend »kann sie erfüllen
und ihn erretten wenn sie ihm erscheint und ihm Frieden zusagt da sie eine so
nahe Ass Kos168 Kopie und Nebensonne von der Verstorbnen sein soll« »Ist
das Ihre Bitte« sagte die Gräfin »Meine größte« sagte Schoppe »Hat Sie sein
Vater hergeschickt« sagte sie »Nein ich« sagt er »der Vater damit ich
klar und frei und bestimmt sei will es nicht«
»Sind Sie nicht der Maler des niesenden SelbstPorträts« fragte sie Er
verbeugte sich und sagte »Ganz gewiss« Als sie ihm geantwortet in einer Stunde
hör er die Entscheidung machte sie ihm eine kurze achtende Abschiedsverbeugung
und die einfache edle Gestalt verließ ihn mitten in seinem trunknen
Nachschauen und er war unwillig dass die kindischen Spiegel umher der einzigen
Göttin so viele Nachschatten nachzuschicken wagten
Zu Hause fand er zwar den Wahnsinnigen dessen Ohren allein nur in der
Wirklichkeit fortlebten wieder auf den Knien vor dem sechsten Glockenschlage
aber seine Hoffnung blühte jetzt unter einem warmen Himmel Nach einer Stunde
erschien der Lektor und sagte mit bedeutendfroher Miene es gehe recht gut er
hole einen Ausspruch des Arztes über die Krankheit und dann entscheid es sich
danach
Herr v Augusti gab ihm mit hofmännischer Ausführlichkeit den bestimmtern
Bericht die Gräfin flog zur Fürstin deren Achtung für den künftigen
Reisegefährten sie kannte und sagte ihr sie würd es in Idoinens Falle ohne
Bedenken tun Die Fürstin bedachte sich ziemlich und sagte hierüber könne nur
ihre Schwester entscheiden Beide eilten zu ihr malten ihr alles vor und
Idoine fragte erschrocken was sie für ihre Ähnlichkeit und ihre wohlwollende
Reise könne dass man sie so tief in solche phantastische Verwicklungen ziehen
wolle In dieser Sekunde trat Julienne blass herzu und sagte sie habe schon
seit dem Morgen Nachricht davon das Erscheinen sei einer so guten Seele
Pflicht Da antwortete Idoine sich und alles bedenkend und mit Würde es sei
gar nicht das Ungewöhnliche und Unschickliche was sie schrecke sondern das
Unwahre und Unwürdige da sie mit dem heiligen Namen einer abgeschiednen Seele
und mit einer flachen Ähnlichkeit einen Kranken belügen solle Die Gräfin
sagte sie wisse darauf keine Antwort und doch sei ihr Gefühl nicht dagegen
Alle schwiegen verlegen Die gewissenhafte Idoine war im weichsten Herzen
bewegt das unter dem Gewichte einer solchen Entscheidung über ein Leben
zitternd erlag Endlich sagte Linda mit ihrem Scharfsinn »Es wird aber doch
eigentlich kein moralischer Mensch getäuscht sondern ein Schlafender ein
Träumer und Einbildung und Lüge soll ja an ihm nicht bestärkt sondern besiegt
werden« Julienne nahm Idoinen mit sich um ihr den Jüngling den sie so wenig
wie Linda gesehen wahrscheinlich näher zu malen Bald darauf kam Idoine mit
dem Ausspruche zurück
»Wenn der Arzt ein Zeugnis gibt dass ein MenschenLeben daran hänge so muss
ich mein Gefühl besiegen Gott weiß es« setzte sie bewegt dazu »dass ich es
ebenso willig tue als unterlasse wenn ich nur erst weiß was recht ist Es ist
meine erste Unwahrheit«
Der Lektor eilte von Schoppe zum Doktor um von ihm unter vielen Wendungen
gerade das schicklichste Zeugnis mitzunehmen
Schoppe wartete lange und ängstlich nach 7 Uhr kam ein Blatt von Augusti
»Halten Sie sich bereit Punkt 8 Uhr kommt die bewusste Person« Sogleich ließ
er um die Fieberaugen zu schonen im Krankenzimmer statt der Wachslichter die
magische HängeLampe aus Beinglas brennen
Den kranken Jüngling zündete er mit Geschichten von Wiedergekommenen noch
stärker an und riet ihm mit langen Feuergebeten vor der festen Todespforte zu
knien damit Ihr milder barmherziger Geist sie aufreisse und ihn auf der
Schwelle heilend berühre
Kurz vor acht Uhr kamen in Sänften die Fürstin und ihre Schwester Schoppe
wurde selber schaudernd von dieser auferstandnen Liane ergriffen Mit funkelndem
Auge und versperrtem Munde führt er die schönen Schwestern in die Kulisse auf
deren Bühne draußen sie schon den Jüngling beten hörten Aber Idoinens zarte
Glieder zitterten vor der ungeübten Rolle worin ihr wahrhafter Geist sich
verleugnen sollte sie weinte darüber und der fromme schöne Mund war voll
stummer Seufzer oft musste die Schwester sie umarmen um ihr Mut zu machen
Die Glocke schlug fürchterlichheiß flehte der Wahnsinnige drinnen um
Frieden die Zunge der Stunde gebot Idoine schickte einen Blick als Gebet zu
Gott Schoppe öffnete langsam die Türe
Drinnen kniete mit gen Himmel gehobnen Armen und Augen ein schöner in der
magischen Dunkelheit blühender Göttersohn im eisernen Zauberkreise des finsteren
Wahnsinus und rief nur noch »O Frieden Frieden« Da trat die Jungfrau
begeistert wie von Gott gesandt hinein weissgekleidet wie die Verstorbne im
Traumtempel und auf der Bahre mit dem langen Schleier an der Seite aber höher
gestaltet weniger rosenfarb und mit einem schärfern hellern Sternenlicht im
blauen Äther des Auges und ähnlicher der Liane unter den Seligen und erhaben
als komme sie als ein verjüngter Frühling von den Sternen wieder so trat sie
vor ihn sein greifender Flammenblick erschreckte sie leise und wankend
stammelte sie »Albano habe Frieden« »Liane« stöhnte seine ganze Brust und
seine weinenden Augen bedeckte er darniedersinkend »Frieden« rief sie stärker
und mutiger weil sie nicht mehr sein Auge traf und irrte und sie entwich wie
ein überirdischer Geist die Menschen wieder verlässet
Die Schwestern schieden still und voll hoher Erinnerung und Gegenwart
Schoppe fand ihn noch kniend aber entzückt dahinblickend ähnlich einem im
Sturm erkrankten Schiffer auf den tropischen Meeren der nach langem Schlaf an
einem stillen rosenroten Abend die Augen aufschlägt vor dem brennenden Untergang
der Sonne und die schlagende WellenBahn wallet als ein Rosen und Flammenbeet
in die Sonne und das sprühende Gewölk zerspringt in stumme Feuerkugeln und
die fernen Schiffe schweben hoch im Abendrot und schwimmen fern über den Wogen
So war es dem Jüngling
»Ich habe nun meinen Frieden guter Schoppe« sagt er sanft »und nun will
ich in Ruhe schlafen« Verklärt aber blass stand er auf legte sich auf das
Bette und in wenig Minuten sank das matte so lange im heißen FieberSande
watende Gemüt auf die frische grüne Rasenbank des Schlummers nieder
Fünfundzwanzigste Jobelperiode
Der Traum die Reise
99 Zykel
Spät fuhr der VliesRitter an Schoppe zeigte ihm erfreut das schlafende
Gesicht dessen Rosenknospen wie in feuchter warmer Nacht aufzubrechen schienen
Der Ritter zeigte sich sehr erheitert darüber und noch mehr der spät
nachschauende Doktor Sphex Dieser fand den Puls nicht nur voll auch langsam
und auf dem Wege zu noch mehr Ruhe er führte zugleich Chaudeson und mehrere
offizielle Beispiele an dass große GeistesLeiden sich durch das Opium von
innen die Schlafsucht sehr glücklich gehoben hätten
Zuletzt machte Schoppe den Vater mit Idoinens ganzer Kurmetode bekannt
Stolz versetzte Gaspard »Sie wussten aber meine Meinung noch Herr
Bibliotekar« »Gewiss aber auch meine« sagte erbittert der betroffne
Schoppe Der Ritter ließ sich indes in nichts weiter ein ganz nach seiner
Weise über sein Ich könnt es auch noch so viel dabei gewinnen nie nur das
kleinste Licht zu geben sondern erteilte dem Freunde ein sehr kaltes Zeichen
zum Zurückzug
Den Morgen darauf fand Schoppe seinen Geliebten noch in der SeelenWiege des
Schlafes Wie er sprosste und blühte Wie der Atem der entketteten Brust sich
nun gleich einem freien Menschen nur langsam aber stark bewegte Indes hielt
Gaspards gepackter Wagen der den Jüngling nach Italien rollen sollte schon am
Morgen mit schnaubenden scharrenden Pferden vor der Tür und der Ritter
erwartete jede Minute das Aufwachen und Einsitzen
Der Arzt kam auch pries Krisis und Puls fügte bei der Weinsteinrahm
den er mit verschrieben sei der LebensRahm und sagte dem Vater geradezu ins
Gesicht als dieser den Jüngling wecken wollte zur Abfahrt »er habe in seiner
Praxis noch niemand gekannt der so wenig von kritischen Punkten gewusst wie er
jeder Wecker sei hier ein Mörder und er verbiete es recht ausdrücklich als
Arzt«
Von Stunde zu Stunde wurde Schoppe gegen den Vater unwilliger er dankte
wenn er des Ritters abspülendes Ein und Anströmen an dieses fruchttragende
Eiland bedachte jetzt Gott dass Albano nicht nur die Hitze sondern auch die
Härte eines Felsen hatte
Der Ehre und Kunstliebende Sphex bewachte wie eine drohende
ÄskulapsSchlange das Kopfkissen und wurde heiterer Schoppe verblieb da
gefasst gegen jede Härte Der Ritter nahm in des Sohnes Namen von jedem
Abschied und trieb weiche Herzen nach Hause denn die Pflegemutter Albine und
andere durften den Schlafenden nicht einmal sehen weil ihm Tränen ein
verdrießlicher kalter Staubregen waren Die Fürstin und ihr Gefolge fuhr schon
mit den bunten Wimpeln der Hoffnung auf dem Wege nach dem glänzenden Italien
Der Abend wurde nun unwiderruflich zur Abfahrt angesetzt zumal da in der
Nacht die entschlummerte Liane in das Schlafgemach geführet werden sollte das
die Menschen nicht wieder öffnen
Den blühenden Endymion überdeckte schon Lächeln und FreudenGlanz als ein
vorlaufender Morgenstern seines wachen Tags Seine Seele ging lächelnd in der
funkelnden Höhle der unterirdischen Schätze umher die der Geist des Traums
aufsperrt indes das gemeine Auge des Wachens blind vor dem nahen von Schlaf
ummauerten GeisterEldorado stand Endlich öffnete ein unbekanntes WonneÜbermaß
Albanos Auge der Jüngling erstand sogleich mit Kraft warf sich mit der
Entzückung der ersten Erkennung dem Vater an die Brust und schien im ersten
träumerischen Rausche sich des vorbeigezognen Gewitters hinter seinem Rücken
nicht zu erinnern sondern nur des seligen Traums und erzählte trunken diesen
»Ich fuhr in einem weißen Kahn auf einem finsteren Strom der zwischen
glatten hohen Marmorwänden schoss An meine einsame Welle gekettet flog ich
bange im FelsenGewinde in das zuweilen tief ein Donnerkeil einfuhr Plötzlich
drehte sich der Strom immer breiter und wilder um eine Wendeltreppe herum und
hinab Da lag ein weites plattes graues Land um mich das die SonnenSichel
mit einem eklen erdfahlen Licht begoss Weit von mir stand ein untereinander
gekrümmter LeteFluss und kroch um sich selber herum Auf einem
unübersehlichen Stoppelfelde schossen unzählige Walküren169 auf Spinnenfäden
pfeilschnell hin und her und sangen Des Lebens Schlacht die weben wir dann
ließ sie einen fliegenden Sommer nach dem andern unsichtbar gen Himmel wallen
Oben zogen große Weltkugeln auf jeder wohnte ein einziger Mensch er
streckte bittend die Arme nach einem andern aus der auch auf einer stand und
hinüberblickte aber die Kugeln liefen mit den Einsiedlern um die Sonnensichel
und die Gebete waren umsonst Auch ich sehnte mich Unendlich weit vor mir
ruhte ein ausgestrecktes Gebirge dessen ganzer aus den Wolken ragender Rücken
golden und blumig schimmerte Quälend watete der Kahn in der flachen trägen
Wüste des abgeplatteten Stroms Da kam Sandland und der Strom drückte sich
durch eine enge Rinne mit meinem zusammengequetschten Kahne durch Und so neben
mir ackerte ein Pflug etwas Langes aus aber als es aufstieg verdeckt es ein
Bahrtuch und das dunkle Tuch zerfloss wieder in eine schwarze See
Das Gebirge stand viel näher aber länger und höher vor mir und durchschnitt
die hohen Sterne mit seinen Purpurblumen über welche ein grünes Lauffeuer hin
und herflog Die Weltkugeln mit den einzelnen Menschen zogen über das Gebirge
hinüber und kamen nicht wieder und das Herz sehnte sich hinauf und hinüber Ich
muss ich will rief ich rudernd Mir schritt ein zorniger Riese nach der die
Wellen mit einer scharfen Mondsichel abmähte über mir lief ein kleines festes
Gewitter aus der zusammengepressten Dunstkugel der Erde gemacht es hieß die
Giftkugel des Himmels und schmetterte unaufhörlich nieder
Auf dem hohen Gebirge rief eine Blume mich freundlich hinauf das Gebirge
watete der See dämmernd entgegen aber es rührte nun beinahe an die
herüberfliegenden Welten und seine großen Feuerblumen waren nur als rote
Knospen in den tiefen Äther gesäet Das Wasser kochte der Riese und die
Giftkugel wurden grimmiger zwei lange Wolken standen wie aufgezogne
Fallbrücken nieder und auf ihnen rauschte der Regen in Wellensprüngen herab
das Wasser und mein Schiffchen stieg aber nicht genug Es geht hier sagte der
Riese lachend kein Wasserfall herauf
Da dacht ich an meinen Tod und nannte leise einen frommen Namen
Plötzlich schwamm hoch im Himmel eine weiße Welt unter einem Schleier her eine
einzige glänzende Träne sank vom Himmel in das Meer und es brauste hoch auf
alle Wellen flatterten mit Flossfedern meinem Schifflein wuchsen breite Flügel
die weiße Welt ging über mich und der lange Strom riss sich donnernd mit dem
Schiffe auf dem Haupte aus seinem trocknen Bette auf und stand auf der Quelle
und im Himmel und das blumige Gebirge neben ihm und wehend glitt mein
FlügelSchiff durch grünen RosenSchein und durch weiches Tönen eines langen
BlumenDuftes in ein glänzendes unabsehliches Morgenland
Welch ein entzücktes leichtes weites Eden Eine helle freudige
Morgensonne ohne Tränen der Nacht sah von einem Rosenkranz umschwollen mir
entgegen und stieg nicht höher Hinauf und hinab glänzten die Auen hell von
Morgentau Die Freudentränen der Liebe liegen drunten sangen oben die
Einsiedler auf den langsam ziehenden Welten und wir werden sie auch vergießen
Ich flog an das Ufer wo der Honig blühte am andern blühte der Wein und wie
ich ging folgte mir auf den Wellen hüpfend mein geschmücktes Schiffchen mit
breiten als Segel aufgeblähten Blumen nach ich ging in hohe Blütenwälder wo
der Mittag und die Nacht nebeneinander wohnten und in grüne Täler voll
BlumenDämmerungen und auf helle Höhen wo blaue Tage wohnten und flog wieder
herab ins blühende Schiff und es floss tief in WellenBlitzen über Edelsteine
weiter in den Frühling hinein der Rosensonne zu Alles zog nach Osten die
Lüfte und die Wellen und die Schmetterlinge und die Blumen welche Flügel
hatten und die Welten oben und ihre Riesen sangen herab Wir schauen hinunter
wir ziehen hinunter ins Land der Liebe ins goldne Land
Da erblickt ich in den Wellen mein Angesicht und es war ein jungfräuliches
voll hoher Entzückung und Liebe Und der Bach floss mit mir bald durch
WeizenWälder bald durch eine kleine duftige Nacht wodurch man die Sonne
hinter leuchtenden Johanniswürmchen sah bald durch eine Dämmerung worin eine
goldne Nachtigall schlug bald wölbte die Sonne die Freudentränen als
Regenbogen auf und ich schiffte durch und hinter mir legten sie sich wieder
als Tau brennend nieder Ich kam der Sonne näher und sie stand schon im
ÄhrenKranz es ist schon Mittag sangen die Einsiedler über mir
Träge wie Bienen über Honigfluren schwammen im finsteren Blau die Welten
gedrängt über dem göttlichen Lande vom Gebirge bog sich eine Milchstrasse
herüber die sich in die Sonne senkte helle Länder rollten sich auf
Lichtarfen mit Strahlen bezogen klangen im Feuer Ein Dreiklang aus drei
Donnern erschütterte das Land ein klingender Gewitterregen aus Glanz und Tau
füllte dämmernd das weite Eden Er vertropfte wie eine weinende Entzückung
Hirtenlieder flogen durch die reine blaue Luft und noch einige Rosenwölkchen
aus dem Gewitter tanzten nach den Tönen Da blickte weich die nahe Morgensonne
aus einem blassen Lilienkranze und die Einsiedler sangen oben O Seligkeit o
Seligkeit der Abend blüht Es wurde still und dämmernd An der Sonne hielten
die Welten umher still und umrangen sie mit ihren schönen Riesen der
menschlichen Gestalt ähnlich aber höher und heiliger wie auf der Erde die edle
Menschengestalt in der finsteren SpiegelKette der Tiere hinabkriecht so flog
sie droben hinauf an reinen hellen freien Göttern von Gott gesandt Die
Welten berührten die Sonne und zerflossen auf ihr auch die Sonne zerging um
in das Land der Liebe herabzufliessen und wurde ein wehender Glanz Da
streckten die schönen Götter und die schönen Göttinnen gegeneinander die Arme
aus und berührten sich vor Liebe bebend aber wie wogende Saiten vergingen sie
Freudezitternd dem Auge und ihr Dasein wurde nur eine unsichtbare Melodie und
es sangen sich die Töne Ich bin bei dir und bin bei Gott Und andere sangen
Die Sonne war Gott
Da schimmerte das goldne Gefilde von unzähligen Freudentränen die unter der
unsichtbaren Umarmung niedergefallen waren die Ewigkeit wurde still und die
Lüfte ruhten und nur das fortwehende Rosenlicht der aufgelösten Sonne bewegte
sanft die nassen Blumen
Ich war allein blickte umher und das einsame Herz sehnte sich sterbend
nach einem Sterben Da zog an der Milchstrasse die weiße Welt mit dem Schleier
langsam herauf wie ein sanfter Mond schimmerte sie noch ein wenig dann ließ
sie sich vom Himmel nieder auf das heilige Land und zerrann am Boden hin nur
der hohe Schleier blieb Dann zog sich der Schleier in den Äther zurück und
eine erhabene göttliche Jungfrau groß wie die andern Göttinnen stand auf der
Erde und im Himmel aller Rosenglanz der wehenden Sonne sammelte sich an ihr
und sie brannte in Abendrot gekleidet Alle unsichtbaren Stimmen redeten sie an
und fragten Wer ist der Vater der Menschen und ihre Mutter und ihr Bruder und
ihre Schwester und ihr Geliebter und ihre Geliebte und ihr Freund Die Jungfrau
hob fest das blaue Auge auf und sagte Gott ists Und darauf blickte sie mich
aus dem hohen Glanze zärtlich an und sagte Du kennst mich nicht Albano denn
du lebst noch Unbekannte Jungfrau sagt ich ich schaue mit den Schmerzen
einer Liebe ohne Maß in dein erhabenes Angesicht ich habe dich gewiss gekannt
nenne deinen Namen Wenn ich ihn nenne so erwachst du sagte sie Nenn ihn
rief ich Sie antwortete und ich erwachte«
100 Zykel
»Du kannst doch eine Nacht wachen und fahren« mit dieser Frage führte ihn der
Vater eilig an den reisefertigen Wagen um ihn noch mitten im warmen Traume mit
den eingewiegten Erinnerungen zu entführen und um besonders der bleichen Braut
vorzufahren die in dieser Nacht auf demselben Weg in die letzte Erbschaft des
Menschen ziehen sollte »Im Wagen sollst du alles hören« versetzte Gaspard auf
des Sohnes sanfte Frage nach dem Ziel Noch lichttrunken vom glänzenden Lande
der Träume gehorchte Albano willig und blind Er sah noch Lianen in hoher
Göttergestalt auf dem abendroten von Freuden übertaueten Sonnenboden stehen
und sein Auge voll Glanz reichte nicht herunter in den ErdenKeller auf die
abgeworfne enge Puppenhülse der befreieten fliegenden Psyche
Schoppe begleitete ihn an den FackelWagen aber verschwiegen um nicht sein
Herz durch eine Nachricht seines Zieles zu wecken er drückte dem geliebten
schönen Jüngling feurig die wiederdrückende Hand und sagte nichts als »Wir
sehen uns wieder Bruder« Darauf trat er keines abschiednehmenden Blickes vom
herrischen Vater gewürdigt bewegt von seinem warm nachgrüssenden Freunde zurück
und fliegend rollte der Wagen mit zurückwehenden Fackeln in die helle hohe
Sternennacht hinaus
Neu und ernst breitete sich vor dem Genesenen die dämmernde Schöpfung aus
Der Saturn ging eben auf und der Gott der Zeit reihte sich als ein sanfter
blitzender Juwel in den schimmernden Zaubergürtel des Himmels Mit zugebundnen
Augen wurde der unwissende Jüngling von der Senne seiner Jugend herabgeführt und
aus dem Hirtentale seiner ersten Liebe hinweg und den großen ewigen
Sternbildern der Kunst entgegen und in das göttliche Land wo der dunkle Äther
des Himmels golden und die hohen Ruinen der Erde anmutig und die Nächte Tage
sind Kein Auge schaute auf die Blumenbühler Höhe hinüber von der eben jetzt
ein schwarzes Wagengefolge langsam mit aufrechtbrennenden Trauerfackeln wie ein
ziehendes Schattenreich herunterging um das stille gute Herz worin Albano und
Gott gelebt mit seinen toten Wunden an den sanften Ort der Ruhe zu führen
Flammend rollte der FackelWagen die Bergstrasse nach Italien hinan
Tränenlos und weit ruhte Albanos Auge am schimmernden unaufhörlich gehenden
Schöpfrad der Zeit das ewig Sternbilder in Morgen einschöpfte und in Westen
ausgoss und seine kindliche Hand fasste leise die väterliche
Ende des dritten Bandes
Vierter Band
Sechsundzwanzigste Jobelperiode
Die Reise die Quelle Rom das Forum
101 Zykel
Solange die Nacht dauerte schimmerten Albanos Traumbilder mit den Sternbildern
fort und erst vor dem hellen Morgen erloschen sie alle Gaspard sagte ihm
lächelnd er sei auf dem Wege nach Italien Unerwartet gefasst empfing er die
Nachricht seiner Auswanderung er fragte bloß wo sein Schoppe sei Als er
hörte er habe nicht mitgewollt rückte ihm die Lindenstadt plötzlich über die
Berge und Täler nach und sein letzter Freund stand mitten auf dem Markte ganz
allein mit sich selber im Mokierspiele begriffen um ein treues starkes Herz zu
stillen das verschmerzen will und lieben An diesem Freunde den Albano nicht
aus seiner Seele ließ zog er sich wie an einer JupitersKette die ganze Bühne
und Welt seiner Vergangenheit nach und jeder traurige Ort kam dicht an ihn
Ungesehen rollten die Städte die Länder vor ihm vorbei Die Wellen die der
Schmerz um uns auftreibt stehen hoch zwischen uns und der Welt und machen unser
Schiff einsam mitten im Hafen voll Schiffe Schaudernd kehrt er sich von jeder
schönen Jungfrau weg sie erinnerte ihn wie eine Klage an die erblasste ewig
aufgedeckt zog Lianens bleiches Angesicht wie eine Leiche in Italien170 auf
dem unendlichen Weg zum Grabe und nur unkenntliche Gestalten mit Larven gingen
hinter ihr lebendig So ist der Mensch und sein Schmerz zum Widerspiele des
Schiffziehens wo die Lebendigen den Toten mitschleppen nimmt der Tote die
Lebendigen mit und zieht sie weit nach in sein kaltes Reich
Durch die Zeit wurde allmählich sein Schmerz entwickelt nicht entkräftet
Sein Leben war ihm eine Nacht geworden wo der Mond unter der Erde ist und er
glaubte nicht daran dass Luna allmählich mit einem wachsenden LichtBogen
wiederkehre Keine Freuden nur Taten diese entfernten Sterne der Nacht waren
jetzt sein Ziel Er hielt es für unrecht die Tränen die oft mitten im fremden
Gespräche aus ihm drangen darum vor dem Vater zurückzuhalten weil dieser
keinen Teil an ihnen nahm doch zeigt er ihm durch die Kraft seiner Gespräche
und Entschlüsse noch den starken Jüngling Nur der Vorwurf den er sich über
seine Schuld an Lianens Tod gemacht hatte sich in den Frieden aufgelöset den
ihm Idoine gegeben ob er gleich jetzt ihre Erscheinung nur für einen wachen
Fiebertraum von Lianen hielt
Sein Vater schwieg ganz über Idoinens Auftritt so wie über alle unangenehme
Erinnerungen er sprach aber viel von Italien und von dem KunstGewinn den
Albano da erbeuten werde zumal durch die vorausgehende Gesellschaft der
Fürstin des Kunstrates und des deutschen Herrn die man bald einholen könne
Der Sohn wandte sich endlich mit der kühnen Erkundigung an ihn ob er wirklich
noch eine Schwester habe und erzählte die Geschichte mit dem Kahlkopf »Es
könnte wohl sein« sagte Gaspard unangenehm spaßhaft »dass du noch mehr Brüder
und Schwestern hättest als ich wüsste Aber was ich weiß ist dass deine
Zwillingsschwester Severina in diesem Jahre in ihrem Kloster gestorben ist
Wofür hältst denn du die NachtGeschichte« »Beinah für einen Traum«
versetzt er Zufällig kam seine Hand hier in die Tasche und traf zu seinem
Erstaunen auf den halben Ring den die Schwester ihm geschenkt Das Wunderbare
trat dicht unter seine Sinne und jene SchauerNacht ging schnell und kalt durch
seinen Mittag Er und der Vater besahen die Enden des zerschnittenen Rings an
deren jedem ein abgerissener Namenszug aufhörte »Es gibt aber nichts
Wunderbares« sagte der Ritter »Woher wissen wir alsdann dass es etwas
Natürliches gibt« sagte Albano »Das Wunder« versetzte Gaspard »oder die
Geisterwelt wohnt nur im Geiste« »Wir müssen uns« fuhr jener fort »auch bei
den gemeinsten optischen Kunststücken auf etwas anderes als auf die Auflösung
des Trugs der Phantasie in einen Trug der Sinnen freuen weil uns sonst nach der
Auflösung das Zauberwerk mehr gefallen müsste als vorher Das sind die Stellen
und Pole der menschlichen Natur worüber die ewigen Polarwolken hängen Unsere
Landkarten vom Wahrheits und Geisterreiche sind die Landkartensteine welche
Ruinen und Dörfer abbilden diese sind erlogen aber doch ähnlich Der Geist,
ewig unter Körper gebannt will Geister« »Ungefähr so meint ich auch« sagte
Gaspard
Albano drang aber bestimmter auf dessen Urteil über den Kahlkopf und die
Schwester »Von etwas anderem« sagte der Ritter ganz verdrießlich »für mich
ists ein sehr unangenehmes Gespräch Nimm die Welt nach deiner Weise und sei
ruhig« »Lieber Vater« fragte Albano betroffen »klären Sie mich irgend
einmal bestimmt darüber auf« »Sobald ich kann« sagte kurz der Ritter mit so
scharfen und stechenden Blicken auf den Sohn dass dieser ihnen wie Pfeilen
ausweichend den Kopf eilig aus dem Wagen hinausbeugte als er erst merkte dass
ihn der Vater gar nicht meine denn noch blickte er so scharf in der vorigen
Richtung fort als sei er nahe daran in seine alte Erstarrung zu fallen
Gaspards Wort über das Inwohnen der Geisterwelt im Geiste und sein Blick und
der Gedanke an sein Erstarren gaben für Albano der Stunde und der Stille
romantische Schauer Drunten am Ufer des Stroms standen zusammengelaufne
Menschen und einer eilte wie fliehend oder ansagend aus dem Haufen Ein ferner
Knabe warf sich auf einem Hügel nieder und legte das Ohr an die Erdkugel um
ihren rollenden Wagen etwan recht zu hören Im Dorfe wo sie Mittag hielten
läutete es unaufhörlich Ihr Wirt war zugleich ein Müller das Toben der Wellen
und Räder füllte das ganze Haus und Kanarienvögel lärmten noch durch den Lärm
hindurch
Es gibt Augenblicke wo die beiden Welten die irdische und die geistige
nahe aneinander vorüberstreifen und wo Erdentag und Himmelsnacht sich in
Dämmerungen berühren Wie die Schatten der himmlischen Glanzwolken über die
Blüten und Ernten der Erde weglaufen so wirft überall der Himmel auf die
gemeine Fläche der Wirklichkeit seine leichten Schatten und Widerscheine So
fand es jetzt Albano Der Ring und das schwärmerische Wort seines kalten Vaters
hatten ihn wie Blitze geblendet Unten an der Haustüre fand er ein Mädchen das
ein Warenlager von Zitronen vor sich trug Plötzlich und unangenehm brach das
Geläute ab er blickte zum Glockenturm und ein weißer Geier saß auf der Fahne
Bald kam der GlockenZieher selber um etwas zu trinken und fing mit starkem
und doch nicht übel gemeintem Fluchen auf den Kammerherrn an der ihn seit drei
Wochen läuten lasse und dem er bloß wünsche dass solcher wie er selber im
vorigen Jahre nur drei Tage lang ordentlich hinter der seligen Tochter
nachläuten müsste Er ermahnte den Müller »von den Zitronen zu kaufen weils
gute wären saftig von dünner Rinde und er und der Pfarrbube171 kennten sie
von dem Begräbnis des gnädigen Fräuleins her und in 14 Tagen brauch er doch
für die gesamte Geistlichkeit welche als Brautvater« »Wie sind hier die
Sitten« fragte Albano
»Wenn nämlich jemand stirbt« sagte der Küster sehr ehrerbietig und
freundlich »so bekommt der Pfarrer und meine Wenigkeit eine Zitrone und so auch
die Leiche Wird aber jemand getrauet so bekommt die Geistlichkeit und so
auch die Braut dergleichen Das ist aber bei uns so Sitte mein gnädigster
Herr«
Albano ging in den nahen Garten am Haus in welchen die aufgedeckten
Mühlenräder ihre Silberfunken warfen und welcher vom Glanze und Getöse des
offenen Wassers wie verschlungen ward Indem er in die schimmernden fliegenden
Wirbel sah schwebten die Zitronen welche die Leiche sowohl als die Braut
bekommt vor dem bewegten Geist Die Rührung ist voll Gleichnisse Liane sollte
einst dacht er in das Zitronenland und in die niedrigen Wälder wo der Schnee
der Blüten und das Gold der Früchte zwischen Grün und Blau zusammenspielen
ziehen und erquickt genesen nun hält sie die Zitrone in der erkalteten Hand
und sie wurde nicht erquickt
Er blickte umher und glaubte in einer fremden Welt zu stehen im Himmelsblau
rauschte wie ein Geist ein unsichtbarer Sturm ohne Wolken lange HügelReihen
funkelten bewegt mit roten Früchten und roten Blättern aus den bunten Bäumen
wurden glühende Äpfel geworfen und der Sturm flog von Gipfel zu Gipfel und
herunter auf die Erde und rauschte durch den langen aufgewühlten Strom hinab
Wie wenn Geister um die Erde spielten oder auf ihr erscheinen wollten so
seltsam schien die helle Gegend bewegt und beleuchtet Da war Albano unbewusst in
eine dunkle BaumWildnis gekommen darin hüpfte ungesehen ungehört eine reine
lichte Quelle aus der Erde auf die Erde der Sturm draußen war still nur die
Quelle hörte man »Die Heilige ist mir nahe« sagte sein Herz »ist die
Quelle nicht ihr Bild nicht ihrer ewigen Tränen Ebenbild dringt sie nicht aus
der Erde herauf wo sie wohnt« Auf einmal sah er in seiner Hand als hab es
ihm eine fremde dareingelegt die Zeichnung von Lindas Kopf welche Liane mit
sterbenden Händen gemacht und gegeben hatte aber seine Phantasie drückte
gewaltsam dem Bilde die Ähnlichkeit mit der Zeichnerin auf er sah Lianens
sanftes Gesicht so klar auf dem Blatt
Er ging wieder hinaus in die glänzende Welt »Wie arm bin ich« rief er
»Ich sehe Sie auf der goldnen Wolke die von der Abendsonne nach dem Morgen
zieht ich sehe Sie in der kalten Quelle im Tal und auf dem Mond und auf der
Blume ich sehe Sie überall und Sie ruht nur an einem Ort O wie arm« Und
er blickte zum Himmel und eine einzige lange Wolke zog darin eilig weiter
102 Zykel
So flogen die Tage mit ihren Städten und Landschaften vorüber und in Albanos
Leben spiegelte sich wie in einem Gedichte die Welt Eine Kraft nach der andern
die ganze gebeugte Ernte seines Innern stand allmählich wieder auf und grünte
tropfend aber zu gleicher Zeit erstarkte auch der Dorn des Schmerzes Während
sein Auge und Geist sich mit der Welt und jeder Beute der Kenntnis erfüllte so
wohnte das böse Gespenst der Pein in der Ruine und drang hervor wenn das Herz
allein war und ergriff es
Er berührte Wien wo er sich gefallen lassen musste einigen vornehmen
Freunden Gaspards vorgestellt zu werden der ihm erst hier entdeckte dass er
nicht zu den Kavalleros del Tuzone gehöre sondern ein österreichischer
Vliesritter sei »Mir ist es hier« sagte Albano »so sonderbar bekannt woher
kommt das« »Von irgendeiner ähnlichen Stadt« sagte Gaspard »wer viel reist
kommt aus ähnlichen Städten in ähnliche« Täglich wurd ihm der Vater lieber und
verständlicher und doch nicht vertrauter und näher nach einem warmen Tage und
vertrauten Gespräche mit Gaspard stand man in der nächsten Zusammenkunft darauf
wieder im Vorzimmer seiner Bekanntschaft wie bei strengen Mädchen fing nach
jedem Wonnemondstag der geschmolzene Maifrost wieder von neuem einzufallen an
Das Alter achtet die Liebe aber ungleich der Jugend wenig die Zeichen der
Liebe Indes behielt Albano den Stolz dass er sich dem Vater ganz und mit allen
Verschiedenheiten sehen ließ ohne den Sommer vor dem Winter zu verstecken
Von Tag zu Tag fand Gaspard Briefe an sich auf den Posten besonders von
Pestitz wie Albano außen an den PostLettern ersah denn es wurden ihm keine
gegeben Er wünschte immer mehr der Fürstin nachzukommen die nur noch eine
Tagereise vor ihnen voraushatte Sie sahen schon die Riesen des Winters die
Schweizer und Tiroler Alpen im Lager die Göttersöhne standen mit Lauwinen
und Katarakten und Wintern bewaffnet Wache um das göttliche Land wo Götter und
Menschen einander wechselseitig nachahmten Wie oft blickte Albano wenn abends
die Sonne sich glühend mit den beschneieten Alpenhöhen vermischte schmerzlich
ergriffen nach diesen Tronen hin die er einmal ganz anders viel goldner so
hoffend und so glaubend von Isola bella angeschauet Die Höhen deiner
Vergangenheit sagt er sich sind auch weiß und keine Alphörner tönen mehr
droben unter sonnenhellen Tagen und du bist tief im Tal
Sie kamen noch vor dem Volksfeste einer verspäteten Weinlese vorüber Der
Ritter erkundigte sich nach allem mit der Wissbegierde eines Weinhändlers und mit
der Kenntnis eines Winzers So botanisierte er überall auf der Erde nach jedem
Gräschen und Kraut der Erkenntnis. Albano verwunderte sich darüber da er bisher
geglaubt Gaspard suche und lange nach nichts als nach den Paris und
HesperidenÄpfeln der Kunst weil er alle andre Früchte und ihr Fleisch und
ihren Kern in seinem Stande weder zum Genießen noch zum Säen brauchen konnte
Sie versanken in die Tiefen der Tiroler Gebirge Die Höhen standen schon ins
feste weiße Leichentuch des Winters gehüllt und durch die Täler ging nur der
kalte Sturm lebendig hin und her Albanos Sehnen nach dem milden Lande der
Jugend wuchs zwischen den Stürmen und Alpen immer höher und Roms Bild breitete
sich kolossalisch aus je länger es sich ihm näherte Gaspard ließ die Reise auf
Flügeln gehen um den Regenwolken des Herbstes vorzukommen
In einer dunkeln ReiseNacht arbeiteten sie sich gleichsam durch das Gebirge
hindurch gleich ihrem Gefährten dem AdigoStrom der einen RiesenFelsen
aufreisset und in die milde Ebene stürzt und darin sanft weitertaumelt Die Sonne
erschien und Italien
Es hatte geregnet eine laue Luft flatterte von den Zypressenhügeln durch
das Tal und durch die WeinGehenke der Maulbeerbäume her und hatte sich zwischen
Blüten und den Früchten der Pomeranzen durchgedrängt der Adigo schien wie eine
geringelte Riesenschlange auf der vielfarbigen Landschaft an den Landhäusern und
Olivenwäldern zu ruhen und Regenbogen aneinanderzusetzen Das Leben spielte im
Äther nur Sommervögel schweiften in dem leichten Blau nur der Venuswagen der
Freude rollte über die sanften Hügel
Albanos volle Seele ergoss sich gleichsam in das breite Bette das ihn von
der milden Ebene zu der prächtigen Roma führte »Wenn wir rückwärts reisen«
sagte Gaspard »so erinnere dich an deinen Eintritt« Sie hielten in einem
Dorfe mit großen steinernen Häusern Albano sah das warme ausserhäusliche Leben
um sich an den unbedeckten Kopf die nackte Brust und die blitzenden Augen der
Männer das große Schaf mit Seidenwolle das schwarze kleine muntere Schwein
und den schwarzen Trutahn als er plötzlich vom Balkon herab einen deutschen
Gruß und seinen Namen hörte
Es war die Fürstin ihre Wagen standen seitwärts Bouverot und Fraischdörfer
bei ihr Wie dringt es balsamisch durchs Herz im fremden Lande und sei es das
schönste den Bruder die Schwester des rauhern wiederzufinden gleichsam in der
zweiten Welt den verwandten Erdensohn Auch der Adigo der vorher ihn im
wilden Gebirge unter dem Namen Etsch begleitet hatte folgte ihm mit dem
schöneren in die Ebene nach Die Fürstin schien ihm er wusste nicht warum
milder jungfräulicher geworden in Gestalt und Blick und er warf sich seinen
frühern Irrtum vor Aber er beging einen späteren über ihre stark gezeichnete
Physiognomie stiegen hinter Wien die welschen schärfern empor und die
schreienden Farben worein sie sich gern kleidete wurden von den italienischen
überschrien Ein fremder Boden ist ein Redouten und Brunnensaal wo nur
menschliche Verhältnisse und keine politische walten und in der Fremde ist man
sich am wenigsten Fremdling alles berührte sich freundlich wie fremde Hände
sich suchen und fassen unter dem Steigen von Bergen Wie verehrend sah Albano
die Fürstin an Denn er dachte »Sie wollte die Erblasste mitnehmen in das
heilende Eden O die Heilige würde ja an diesem Morgen glücklich sein und
weinen mit dem blauen Auge vor Seligkeit« Dann tat es seines aber nicht vor
Seligkeit und so sind die Feuerwerke des Lebens wie die andern immer an und
auf Wasser gebaut Da wurde in ihm der Schwur feierlich vor dem schönen
Totenhaupte Lianens abgelegt »Ich will der Freund ihrer Freundin recht sein«
Eine neue Rolle des Lebens spielt der Mensch am wärmsten und besten über unsern
Antrittspredigten schwebt der heilige Geist brütend mit Taubenflügeln nur
später liegen die Eier kalt Albano noch in keine Freundschaft eingeweiht als
in die männliche betete die weibliche an wie ein aufsteigendes Gestirn und für
diese fand er wie für die männliche weit mehr OpferKräfte in seiner warmen
Seele aufbewahrt als für die Liebe In der Freundschaft ist der Mann wie in der
Liebe die Frau und umgekehrt nämlich mehr den Gegenstand suchend als die
Empfindung für ihn
Mit neuen vollen Segeln und Wimpeln in geschmückten singenden Schiffen
mit günstigen Seitenwinden flog die muntere Fahrt durch Städte und Auen
Nichts hängt über einen langen ReiseKorso eine schönere Frucht und
Blumenschnur hin für einen Wagen der vorausgeht als ein paar Wagen die
nachkommen Welche Gemeinschaft der Freude und Gefahr im Nachtquartier Welches
Besprechen der Marschroute Welche Freude über die nach und vorfahrenden
Avanturen nämlich über die Berichte davon Und wie liebt einer den andern
Nur gegen Bouverot bewies Albano eine feste Kälte aber der Ritter war
freundlich Albano mehr unter Büchern als unter Menschen aufgewachsen wunderte
sich oft dass ihm in jenen die Verschiedenheit der Meinungen so leicht
vorüberging die ihn unter diesen so scharf anfiel Am Ende fragt ihn einmal
sein Vater »Warum benimmst du dich gegen Herrn v Bouverot so fremd Nichts
erbittert mehr als ein besonnenes stilles Hassen das leidenschaftlichste weit
weniger« »Weil es mein Gesetz ist« antwortete er »die ewige Unwahrheit der
Menschen in ihren Verbindungen zu fliehen und zu hassen Aus bloßer Humanität
sich Ungleichen gleichstellen einem irgendeiner Absicht wegen ein freundliches
Gesicht machen so sein gegen jemand dass man es ihm nicht auf der Stelle
heraussagen darf das ist wohl ganze Knechtschaft und verwirrt den Reinsten«
»Wer nichts lieben will als sein Ebenbild« versetzte Gaspard »hat außer sich
nichts zu lieben Von Bouverot« setzt er lachend hinzu »ist doch ein braver
Wirt und ReiseKompagnon« Albano der sogar Menschen widerstehen konnte die
er verehrte fragte nichts nach seinem Vater sondern fand den deutschen Herrn
nur desto verächtlicher
Dieser ganz zu Hader und Handel geboren hatte sich nämlich tiefe
Fußstapfen im Schnee des Ritters und der Fürstin welche beide wie alle lange
Reisende ungemein geizig waren dadurch gebahnt dass er alle Wirte und Welsche
das Patto berichtigend übersah und überlistete und dass er sogar die Kunst
verstand zur rechten Zeit tiefgrob zu sein indes er vom Wirte sich
umkehrend gegen die Fürstin wieder ein Mann von Welt war wie Fontenelle oder
irgendein Franzose der in solchen Fällen länger rechnet und flucht als zehrt
Der Vliesritter der wie er gestand nie so wohlfeil gereist bedeckte ihn
daher mit dem Lorbeer der hier überall wuchs und sah so heiter aus wie
niemals Nur dem Sohne war der kalte zornige grobe Mensch ein Vulkan der
Schlamm und Wasser auswirft Reitet einem gekrönten Haupte oder einem
klassischen Autor der auch eines ist eine Meile vor und überhaupt Leuten die
Geld haben und nicht schonen und erkargt ihnen nur täglich einige Goldstücke
nie werdet ihr beide Häupter froher oder dankbarer gesehen haben als in diesem
Fall
Überall wollte Albano aussteigen und in große Ruinen und in den Glanz der
entfallnen Kleinodien treten welche den Welteroberern auf dem Wege nach Rom von
den Triumphwagen verloren gegangen Aber der Ritter riet ihm an seine Augen und
Begeisterung zu sparen und aufzuheben für Rom Wie schlug sein Herz als sie
endlich in der wüsten Kampagna die voll LavaWürfe um den Horst der römischen
Adler dieser über die Welt getriebnen Sturmvögel lag auf der Flaminischen
Straße rollten Aber er und Gaspard fühlten sich wunderbar beklommen den
stehenden See einer schwülen Schwefelluft glaubt man zu durchwaten die sein
Vater den Schwefelhütten zu Baccano zuschrieb er lechzete nach dem Schnee auf
den fernen Bergen der Himmel war schwarzblau und still einzelne hohe Wolken
flogen pfeilschnell durch die stille Wüste ein Mann in der Ferne setzte eine
ausgegrabene Urne wieder hin und betete ängstlich gen Himmel blickend seinen
Rosenkranz Albano wandte sich nach den Gebürgen denen die Abendsonne wie
aufgelöset in stechendem Glanz zusank Auf einmal ließ der Ritter den
Postillon halten der heftig die Arme da es unter dem Wagen noch fortrollte
gen Himmel warf und rief »Heilige Mutter Gottes ein Erdbeben« Aber Gaspard
berührte den sonnentrunknen Sohn und sagte zeigend »Ecco Roma« Albano
blickte hin und sah in tiefer Ferne die Kuppel der Peterskirche im Sonnenglanz
Die Sonne ging unter die Erde bebte noch einmal aber in seinem Geiste war
nichts als Rom
103 Zykel
Eine halbe Stunde nach dem Erdstosse wickelte sich der Himmel in Meere ein und
warf sie stück und stromweise herunter Die nackte Kampagna und Heide verdeckte
der Regenmantel Gaspard war still der Himmel schwarz der große Gedanke
stand einsam in Albano dass er dem Blut und Trongerüst der Menschheit dem
Herzen einer erkalteten HeldenWelt der ewigen Roma zueile und als er auf dem
Ponte molle hörte dass er jetzt über die Tiber gehe so war ihm als sei die
Vergangenheit von den Toten auferstanden und er schiffe im zurücklaufenden
Strome der Zeit unter den Strömen des Himmels hört er die alten sieben
Bergströme rauschen die einst von Roms Hügeln kamen und mit sieben Armen die
Welt aus dem Boden aufhoben
Endlich rückte das breitstehende Sternbild der Bergstadt Gottes in Nächte
auseinander Städte mit sparsamen Lichtern lagen hinauf und hinab und die
Glocken für ihn Sturmglocken schlugen vier Uhr172 als der Wagen durch das
Triumphtor der Stadt die Porta del Popolo rollte so riss der Mond seinen
schwarzen Himmel auf und goss aus der WolkenKluft den Glanz eines ganzen Himmels
hernieder da stand der ägyptische Obeliskus des Tors wolkenhoch in der Nacht
und drei Straßen liefen glänzend auseinander So bist du sagte sich Albano als
sie im langen Korso nach der zehnten Region fuhren wirklich im Lager des
Kriegsgottes hier wo er das Heft des ungeheueren Kriegsschwertes fasste und mit
der Spitze die drei Wunden in drei Weltteile machte Guss und Glanz durchflogen
die weiten breiten Straßen zuweilen kam er plötzlich vor Gärten vorbei und in
breite Stadtwüsten und Marktplätze der Vergangenheit Das Rollen der Wagen
unter dem Rauschen des Regens glich dem Donner dessen Tage dieser Heldenstadt
sonst heilig waren gleichsam der donnernde Himmel der donnernden Erde
eingemummte Gestalten mit kleinen Lichtern schlichen durch die finsteren Straßen
oft stand ein langer Palast mit SäulenReihen im Feuer des Mondes oft eine
graue einsame Säule oft eine einzelne hohe Fichte oder eine Statue hinter
Zypressen Einmal da weder Regen noch Mondlicht war ging der Wagen um die Ecke
eines großen Hauses auf dessen Dache eine blühende lange Jungfrau mit einem
aufblickenden Kinde an der Hand eine kleine Handleuchte bald gegen eine weiße
Statue bald gegen das Kind selber richtete und so wechselnd die ganze Gruppe
beleuchtete Mitten in das erhobene Gemüt drang die freundliche Gesellschaft und
brachte ihm manche Erinnerungen mit besonders war ihm ein römisches Kind eine
ganz neue und mächtige Idee
Sie stiegen endlich aus bei dem Fürsten di Lauria Gaspards Schwiegervater
und altem Freund Nah an seinem Palast lag der Kampo vaccino das alte Forum
und auf die breiten Treppen und die drei WunderGebäude des Kapitols schien der
helle Mond in der Ferne stand das Koliseo Zögernd ging Albano in das
erleuchtete Haus wovor der Wagen der Fürstin stand und wandte schwer das Auge
von diesen Höhen der Welt wovon einst ein leichtes Wort wie eine Schneeflocke
lange rollte und ewig wuchs bis es in einem fremden Lande eine Stadt erdrückte
mit der Schlaglauwine
Die Fürstin mit ihrer Gesellschaft sah erfreut die neue kommen Der alte
Fürst Lauria empfing höflich und zurückhaltend seinen Enkel Seine unzähligen
Bedienten redeten fast alle Sprachen Europas durcheinander Albano fragte
sogleich den Ritter nach seinem Lehrer Dian diesem auf den Römer geimpften
Griechen aber gerade an das Menschlichste hatte wie immer die Großen Gaspard
nicht gedacht Man schickte in dessen nahe Wohnung er war nicht zu Hause
Man speisete Der Fürst bewirtete sogleich mit seinem
LieblingsSchaugericht mit dem politischen Weltlauf und gab das Neueste von
der französischen Revolution Zeitungen waren ihm Ewigkeiten Nouvellen Antiken
er hielt alle Blätter Europas und daher zu jedem den deutschen den russischen
den englischen den polnischen Bedienten der es ihm übersetzte Bei seiner
satirischen Kälte gegen alle Menschen und Sachen erschien der politische und
welsche Eifer stärker womit er gegen den Ritter die Franzosen beschirmte der
sie gelassen verachtete und sich nach seiner Weise sogar in schlechten
Wortspielen auslassend den alten Römern das Forum und den neueren das Kampo
vaccino und ebenso den alten Galliern das Marsfeld und den neueren ein Märzfeld
eingab
Albano glaubte so nah am Forum geb es keinen Scherz und jedes Wort müsse
groß sein in dieser Stadt Der kalte Lauria sprach warm für Gallien wie ein
Minister nur Völker nicht Individuen achtend und seine Meinung gefiel dem
Jüngling
Da lenkte die Fürstin den Strom auf Roms hohe Kunst Fraischdörfer zerlegte
den Koloss in Glieder und wog sie auf der engsten Waage Bouverot stach den
Riesen in historisches Kupfer Die Fürstin sprach mit vieler Wärme aber ohne
Bedeutung Gaspard schmolz alle ein gleichsam zu einem korintischen Erz und
umfasste alle ohne gefasst zu werden Auf seiner kalt aber stark aufdringenden
Lebensquelle ließ er die Welt wie eine Kugel spielen und schweben
Albano bewahrte mit allen unzufrieden seine Begeisterung den
unterirdischen Göttern der Vergangenheit um ihn her nach alter Sitte opfernd
nämlich mit Schweigen Wohl hätt er reden wollen und können aber anders in
Oden mit dem ganzen Menschen mit Strömen die aufwärts stiegen und wüchsen
Immer sehnsüchtiger sah er an die Fenster nach dem Mond im reinen Regenblau und
nach einzelnen Säulen des Forums draußen glänzte ihm die größte Welt Endlich
stand er zürnend und schmachtend auf und schlich hinunter in die dämmernde
Herrlichkeit und trat vor das Forum aber die Mondnacht die Dekorationsmalerin
die mit unförmlichen Strichen arbeitet macht ihm fast die Bühne unkenntlich
Welch eine öde weite Ebene hoch von Ruinen Gärten Tempeln umgeben mit
gestürzten SäulenHäuptern und mit aufrechten einsamen Säulen und mit Bäumen und
einer stummen Wüste bedeckt Der aufgewühlte Schutt aus dem ausgegossenen
Aschenkrug der Zeit und die Scherben einer großen Welt umhergeworfen Er ging
vor drei TempelSäulen173 die die Erde bis an die Brust hinuntergezogen hatte
vorbei und durch den breiten TriumphBogen des Septimius Severus hindurch
rechts standen verbundne Säulen ohne ihren Tempel links an einer
ChristenKirche die tief in den Bodensatz der Zeit getauchte Säulenreihe eines
alten Heidentempels am Ende der Siegesbogen des Titus und vor ihm in der öden
waldigen Mitte ein Springwasser in ein Granitbecken sich giessend
Er ging dieser Quelle zu um die Ebene zu überschauen aus welcher sonst die
Donnermonate der Erde aufzogen aber wie über eine ausgebrannte Sonne ging er
darüber welche finstere tote Erden umhängen O der Mensch der MenschTraum
riefs unaufhörlich um ihn Er stand an der Granitschale gegen das Koliseo
gekehrt dessen Gebürgsrücken hoch in Mondlicht stand mit den tiefen Klüften
die ihm die Sense der Zeit eingehauen scharf standen die zerrissenen Bogen von
Neros goldnem Hause wie mörderische Hauer darneben Der palatinische Berg
grünte voll Gärten und auf zerbrochnen TempelDächern nagte der blühende
Totenkranz aus Efeu und noch glühten lebendige Ranunkeln um eingesenkte
Kapitäler Die Quelle murmelte geschwätzig und ewig und die Sterne schaueten
fest herunter mit unvergänglichen Strahlen auf die stille Walstatt worüber der
Winter der Zeit gegangen ohne einen Frühling nachzuführen die feurige Weltseele
war aufgeflogen und der kalte zerstückte Riese lag umher auseinandergerissen
waren die RiesenSpeichen des Schwungrads das einmal der Strom der Zeiten
selber trieb Und noch dazu goss der Mond sein Licht wie ätzendes Silberwasser
auf die nackten Säulen und wollte das Koliseo und die Tempel und alles auflösen
in ihre eignen Schatten
Da streckte Albano die Arme in die Lüfte als könnt er damit umfassen und
zerfließen wie mit Armen eines Stroms und rief aus »O ihr großen Schatten die
ihr einst hier strittet und lebtet ihr blickt herab vom Himmel aber
verachtend nicht trauernd denn euer großes Vaterland ist euch nachgestorben
Ach hätt ich auf der nichtigen Erde voll alter Ewigkeit die ihr groß gemacht
nur eine Tat eurer wert getan Dann wär es mir süß und erlaubt mein Herz zu
öffnen durch eine Wunde und zu vermischen das irdische Blut mit dem geheiligten
Boden und aus der GräberWelt wegzueilen zu euch Ewigen und Unvergänglichen
Aber ich bin es nicht wert«
Hier kam plötzlich auf der via sacra ein langer tief in den Mantel
gewickelter Mann daher an die Fontäne warf ohne umzublicken den Hut hin und
hielt den pechschwarzen lockigen fast steilrechten Hinterkopf unter den
Wasserstrahl Aber kaum erblickte er sich aufwärts kehrend das Profil des in
seine Bilder versunknen Albano so fuhr er tropfend auf starrte den Grafen an
staunte warf die Arme hoch in die Luft sagte »Amico« Albano sah ihn an
Der Fremde sagte »Albano« »Mein Dian« rief Albano sie nahmen sich heftig
und weinten vor Liebe
Dian begriff es gar nicht er sagte italienisch »Ihr seid es aber ja nicht
Ihr seht alt aus« Er glaubte so lange deutsch zu sprechen bis er hörte dass
Albano italienisch antwortete Beide taten und bekamen nur Fragen Albano fand
den Baumeister bloß bräuner aber den Blitz der Augen und jede Kraft im alten
Glanz Mit drei Worten erzählt er ihm die Reise und die Begleitung »Wie
bekommt Euch Rom« fragte Dian heiter »Wie das Leben« versetzte sehr
ernstaft Albano »es macht zu weich und zu hart Ich erkenne hier gar nichts
wieder« fuhr er fort »gehören jene Säulen dem herrlichen Friedenstempel«
»Nein« sagte Dian »dem Konkordientempel von jenem steht dort nichts als das
Gewölbe« »Wo ist Saturnus Tempel« fragte Albano »In der St AdriansKirche
begraben« sagte Dian und setzte eilend hinzu »Nebenan stehen die zehn Säulen
von Antonins Tempel drüben Titus Termen hinter uns der palatinische Berg
und so weiter Nun erzählt mir«
Sie gingen das Forum auf und ab zwischen den Bogen des Titus und Severus
Albano war zumal neben dem Lehrer der ihn in der Kinderzeit so oft hieher
geführt noch voll vom Strome der über die Welt gezogen war und das alles
bedeckende Wasser sank nur langsam Er fuhr fort und sagte »heute als er den
Obeliskus erblickt sei ihm der leise zarte Schein des Mondes ordentlich
unpassend für die Riesenstadt erschienen eine Sonne hätt er lieber auf ihrer
weiten Fahne blitzen sehen aber jetzt sei der Mond die rechte Leichenfackel
neben dem Alexander der zusammenfällt nur angerührt« »Mit dergleichen
Gefühlen kommt der Künstler nicht weit« sagte Dian »auf ewige Schönheiten
schau er rechts und links« »Wo ist« fragte Albano fort »der alte
CurtiusSee die Rednerbühne die pila horatia der Tempel der Vesta der
Venus und aller jener einsamen Säulen« »Und wo ist das marmorne Forum
selber« sagte Dian »Dreißig Spannen tief liegts unter dem Fuß« »Wo ist das
große freie Volk der Senat aus Königen die Stimme der Redner der Zug auf das
Kapitolium Begraben unter den Scherbenberg O Dian wie kann ein Mensch der in
Rom einen Vater eine Geliebte verliert eine einzige Träne vergießen und
bestürzt um sich sehen wenn er hierhertritt vor dieses Schlachtfeld der Zeit
und hineinschauet ins Gebeinhaus der Völker Dian hier wünschte man ein
eisernes Herz denn das Schicksal hat eine eiserne Hand«
Dian der sich nirgends ungerner als auf solchen tragischen gleichsam ins
Meer der Ewigkeit hineinhängenden Klippen aufhielt sprang immer mit einem
Scherze davon wie die Griechen mischte er Tänze ins Trauerspiel »Manches
konserviert sich Freund« sagt er »dort in der AdriansKirche werden Euch
noch von drei Männern die Knochen gewiesen die im Feuer gewesen« »Das ist
eben« versetzte Albano »das fürchterliche Spiel des Schicksals dass es mit den
zu Sklaven geschornen Mönchen die Höhen der alten Großen besetzt«
»Neue Räder treibt der Strom der Zeit« sagte Dian »dort liegt Raffael
zweimal begraben174 Was macht Chariton und die Kinder« »Sie blühen fort«
sagte Albano aber in traurigem Ton »Himmel« rief Dian mit allem
VaterSchrecken »es ist doch so« »Wahrhaftig Dian« sagte Albano sanft
»Kommt noch« sagte Dian »Liane oft zu Chariton Und was macht denn die Holde«
Leise versetzte Albano »Sie ist tot« »Was tot Unmöglich Froulays
Tochter Albano Die GoldRose O sprecht« rief er Albano nickte bejahend
»Nun du gutes Mädchen« klagt er mit Tränen in den schwarzen Augen »so
freundlich so liebreizend so feine Zeichnerin Wie gings aber zu Habt Ihr
denn das holde Kind gar nicht gekannt« »Einen Frühling lang« sagte schnell
Albano »Mein guter Dian ich will jetzt zum Vater zurück und antworte nicht
mehr« »O meinetwegen Ich muss aber mehr erfahren« beschloss Dian Und so
stiegen sie schweigend und eilend über Schutt und Säulentorsos und keiner gab
auf die große Rührung des andern acht
Siebenundzwanzigste Jobelperiode
Peterskirche Rotonda Koliseo Brief an Schoppe der Krieg Gaspard der
Korse Verwicklung mit der Fürstin die Krankheit Gaspards Bruder
Peterskuppel und Abschied
104 Zykel
Rom ist wie die Schöpfung ein ganzes Wunder das sich allmählich in neue Wunder
zergliedert in das Koliseo in das Panteon die Peterskirche in Raffael
usw
Mit dem Durchgang durch die Peterskirche fing der Ritter den schönen Lauf
durch die Unsterblichkeit an Die Fürstin ließ sich von der Kunst mit dem
MännerKreise verbinden Da Albano mehr von Gebäuden als von jedem andern
Kunstwerk ergriffen wurde so sah er mit heiligem Herzen von weiten das lange
KunstGebürg das wieder Hügel trug so trat er vor die Ebene um welche zwei
ungeheuere Kolonnaden wie Korsos laufen ein Volk von Statuen tragend in der
Mitte steigt der Obeliskus und zu seiner Rechten und Linken ein ewiges Wasser
auf und von den hohen Stufen schauet die stolze Kirche der Welt innen mit
Kirchen besetzt auf sich einen Tempel gen Himmel reichend auf die Erde
herunter Aber wie waren in der Nähe ihre Säulen und ihre Felsenwand ungeheuer
aufgestiegen und flohen den Blick
Er trat in die Zauberkirche die der Welt Segen Fluch Könige und Päpste
gab mit dem Bewusstsein dass sie wie das Weltgebäude sich immer mehr erweitere
und entferne je länger man in ihr ist Auf zwei Kinder von weißem Marmor die
eine WeihMuschel von gelbem hielten gingen sie hin die Kinder wuchsen durch
das Nahen bis sie Riesen waren Endlich standen sie am Hauptaltar und dessen
hundert ewigen Lampen welch eine Stelle Über sich das Himmelsgewölbe der
Kuppel auf vier innern Türmen ruhend um sich eine überwölbte Stadt von vier
Straßen worin Kirchen standen Am grössesten wurde der Tempel durch Gehen und
wenn sie um eine Säule traten so lag ein neuer vor ihnen und heilige Riesen
schaueten ernst herab Hier wurde dem Jüngling nach langer Zeit das große Herz
gefüllt »In keiner Kunst« sagt er zu seinem Vater »wird die Seele so
gewaltig vom Erhabnen angefasset als in der Baukunst in jeder andern steht der
Riese in ihr und in den Tiefen der Seele aber hier steht er außer und dicht vor
ihr« Dian dem alle Bilder deutlicher waren als abstrakte Ideen sagte »Er
hat vollkommen recht« Fraischdörfer versetzte »das Erhabene stecke auch hier
nur im Kopfe denn die ganze Kirche stehe doch in etwas Grösserem nämlich in Rom
und unter dem Himmel wobei wir ja nichts empfänden« Auch klagt er »dass dem
Erhabnen der Platz in seinem Kopfe sehr verengt werde durch die unzähligen
Schnörkel und Monumente die der Tempel zugleich mit sich in ihn hineintreibe«
Gaspard sagte alles mit einem großen Sinne nehmend »Steht nur einmal das
Erhabne wirklich da so verschlingt und vertilgt es eben seiner Natur nach alle
kleinen Zierden um sich her« Er führte zum Beweise den Münsterturm und die
Natur selber an die durch ihre Gräser und Dörfer nicht kleiner werde
Die Fürstin genoss unter so vielen Kunstverständigen schweigend
Das Ersteigen der Kuppel riet Gaspard einem regen und wolkenlosen Tage
aufzuheben um die WeltKönigin Roma auf und von dem rechten Throne zu schauen
er schlug dafür sehr eifrig den Besuch des Panteons vor weil er es gern
schnell hinter den Eindrücken der Peterskirche wollte folgen lassen Sie gingen
dahin Wie einfach und groß tut sich die Halle auf Acht gelbe Säulen tragen
ihre Stirn und majestätisch wie das Haupt des Homerischen Jupiters wölbt sich
sein Tempel Es ist die Rotonda oder das Panteon »O der Niedrigen« rief
Albano »die uns neue Tempel geben wollen Hebt die alten aus dem Schutte höher
so habt ihr genug gebaut«175 Sie traten hinein da wölbte sich ein heiliges
einfaches freies Weltgebäude mit seinen hinaufstrebenden Himmelsbogen um sie
ein Odeum der Sphärentöne eine Welt in der Welt Und oben176 leuchtete die
Augenhöhle des Lichts und des Himmels herab und das ferne FlugGewölk schien
die hohe Wölbung zu berühren über die es wegschoss Und um sie her standen
nichts als die TempelTräger die Säulen Der Tempel aller Götter vertrug und
verbarg die kleinlichen Altäre der späteren
Gaspard befragte Albano über sein Gefühl Dieser zog die größere
Peterskirche vor Der Ritter billigte es und sagte »dass überall der Jüngling
gleich den Völkern das Erhabene besser empfinde und leichter finde als das
Schöne und dass der Geist des Jünglings vom Starken zum Schönen reife wie der
Körper desselben vom Schönen zum Starken indes zieh er selber das Panteon
vor« »Wie könnten auch Neuere« sagte der Kunstrat Fraischdörfer »etwas
bauen außer einige Berninische Türmlein« »Dafür« sagte der verletzte
LandBaumeister Dian der den Kunstrat verachtete weil dieser niemals eine gute
Figur machte als in der ästhetischen Richterstube als Richter nie in dem
Ausstellungssaal als Maler »sind wir Neuern ohne Widerrede in der Kritik
stärker wenn wir auch in der Praxis samt und sonders Lumpe sind« Bouverot
merkte an »Die korintischen Säulen könnten höher sein« Der Kunstrat sagte
»er wisse doch nichts dieser schönen Halbkugel Ähnlicheres als eine viel
kleinere die er im Herkulanum in Asche ausgedrückt gefunden vom Busen einer
schönen Flüchtlingin« Der Ritter lachte und Albano trat unwillig zur Fürstin
Sie fragte er um ihre Stimme über beide Tempel »Hier Sophokles dort
Shakespeare aber den Sophokles fass ich leichter« versetzte sie und blickt
ihm mit neuen Augen in das neue Angesicht Denn die überirdische Erleuchtung
durch das Zenit des Himmels nicht durch einen dunstigen Horizont verklärte
ihr das schöne bewegte Gesicht des Jünglings und sie setzte voraus der
Heiligenschein der Kuppel hebe auch ihre Gestalt Da er ihr antwortete »Sehr
gut Aber in Shakespeare steckt auch Sophokles aber in Sophokles nicht
Shakespeare und auf der Peterskirche steht Angelos Rotonda« so ging plötzlich
das hohe Gewölk wie durch den Schlag einer Hand aus dem Äther entzwei und die
entrückte Sonne schaute wie das Auge der durch den alten Himmel ziehenden
Venus die sonst auch hier stand aus hoher Tiefe mild herein da füllte ein
heiliger Glanz den Tempel und brannte auf dem Porphyr des Bodens und Albano sah
betroffen und entzückt umher und sagte mit leiser Stimme »Wie ist jetzt alles
so verklärt an dieser heiligen Stelle Raffaels Geist geht in der Mittagsstunde
aus seinem Grabe und alles was sein Widerschein berührt erglänzt göttlich«
Die Fürstin sah ihn zärtlich an und er legte leicht seine Hand auf ihre und
sagte wie überwältigt »Sophokles«
Am nächsten mondhellen Abende darauf bestellte Gaspard Fackeln damit das
Koliseo mit seinem RiesenKreis zuerst im Feuer vor ihnen stände Dem Ritter
der nur allein mit dem Sohne düster im düstern Werke wie zwei Geister der alten
Zeit umhergehen wollte drang sich noch die Fürstin auf aus zu lebhaftem
Wunsch mit dem edlen Jüngling große Minuten und wohl gar ihr Herz und seines zu
teilen Die Weiber begreifen nicht genug dass die Idee, wenn sie den männlichen
Geist erfüllt und erhebt ihn dann vor der Liebe verschliesse und die Personen
verdränge indes bei Weibern alle Ideen leicht zu Menschen werden
Sie gingen über das Forum auf der via sacra zum Koliseo dessen hohe
zerspaltene Stirn unter dem Mondlicht bleich herniederschauete Sie standen vor
den grauen Felsenwänden die sich auf vier Säulenreihen übereinander
hinaufbaueten und die Flammen schossen hinauf in die Bogen der Arkaden hoch
oben das grüne Gesträuch vergüldend und tief in die Erde hatte sich das schöne
Ungeheuer schon mit seinen Füßen eingegraben Sie traten hinein und stiegen am
Gebirge voll Felsenstücke von einem Sitze der Zuschauer zum andern Gaspard
wagte sich nicht zum sechsten oder höchsten wo sonst die Männer standen aber
Albano und die Fürstin Da schaute dieser über die Klippen auf den runden
grünenden Krater des ausgebrannten Vulkans herunter der einst auf einmal
neuntausend Tiere verschlang und der sich mit Menschenblut löschte der
Flammenschein fuhr in das Geklüft und ins Geniste des Efeus und Lorbeers und
unter die großen Schatten des Mondes die wie Abgeschiedne sich in den Höhlen
aufhielten in Süden wo die Ströme der Jahrhunderte und der Barbaren
hereingedrungen waren standen einzelne Säulen und geschleifte Arkaden Tempel
und drei Paläste hatte der Riese mit seinen Gliedern genährt und gefüttert und
noch schaute er lebendig mit seinen Wunden in die Welt
»Welch ein Volk« sagte Albano »Hier ringelte sich die Riesenschlange
fünfmal um das Christentum Wie ein Hohn liegt drunten das Mondlicht auf der
grünen Arena wo sonst der Kolossus des Sonnengottes stand Der Stern des
Nordens177 schimmert gesenkt durch die Fenster und der Drache und die Bären
bücken sich Welch eine Welt ist vorüber« Die Fürstin antwortete »dass
zwölftausend Gefangne dieses Theater baueten und dass noch weit mehrere darauf
bluteten« »O die BauGafangenen haben wir auch« sagt er »aber für
Festungen und das Blut fliesset auch noch aber mit dem Schweiß Nein wir haben
keine Gegenwart die Vergangenheit muss ohne sie die Zukunft gebären«
Die Fürstin ging weg um einen Lorbeerzweig und blühenden Güldenlack zu
brechen Albano versank ins Sinnen der Herbstwind der Vergangenheit ging über
die Stoppeln auf dieser heiligen Höhe sah er die Sternbilder Roms grüne
Berge die schimmernde Stadt die CestiusPyramide aber alles wurde zur
Vergangenheit und auf den zwölf Hügeln wohnten wie auf Gräbern die alten
hohen Geister und sahen streng in die Zeit als wären sie noch ihre Könige und
Richter
»Zum Andenken der Stelle und der Zeit« sagte die kommende Fürstin ihm den
Lorbeer und die Blumen gebend »Du Gewaltige ein Koliseo ist dein Blumentopf
dir ist ja nichts zu groß und nichts zu klein« sagte er und brachte die Fürstin
in einige Verwirrung bis sie merkte dass er die Natur meine Sein ganzes Wesen
schien neu und schmerzlich bewegt und wie fern entrückt er sah nach dem Vater
hinab und suchte ihn auf er blickte ihn scharf an und drückte heftig seine
Hand und sprach diesen Abend über nichts mehr
105 Zykel
Albano wurde wie eine Welt von Rom wunderbar verändert Nachdem er so mehrere
Wochen zwischen Romas Ruinen und Schöpfungen gelagert war nachdem er aus
Raffaels kristallenem Zauberbecher getrunken dessen erste Züge nur kühlen wenn
die letzten ein welsches Feuer durch alle Adern führen nachdem er den
Bergstrom Michel Angelos bald als Katarakte bald als Äterspiegel gesehen
nachdem er sich vor den letzten größten Nachkommen Griechenlands gebeugt und
geheiligt hatte vor dessen Göttern die mit ruhigem heitern Antlitz in die
unharmonische Welt hereinblicken und vor dem vatikanischen Sonnengott welcher
zürnt über die Prosa der Zeit über diese niedrige Pytonische Schlange die
sich immer wieder verjüngtnachdem er lange so vor dem Vollmond der
Vergangenheit im Glanze gestanden so überzog sich auf einmal seine ganze innere
Welt und wurde ein einziges Gewölk Er suchte Einsamkeit er hörte auf zu
zeichnen und Musik zu treiben er sprach wenig mehr von Roms Herrlichkeit
nachts wo der tägliche Regen aufhörte besucht er allein die großen Trümmer
der Erde das Forum das Koliseo das Kapitolium er wurde heftiger
ungeselliger schärfer ein tief eingesenkter Ernst waltete auf der hohen
Stirn und durch das Auge brannte ein düsterer Geist
Gaspard schickte unbemerkt seinen Blick allen geheimen Entfaltungen des
Jünglings nach Ein bloßer Nachschmerz über Liane schien sein Zustand nicht zu
sein Im nordischen Winter wäre diese Wunde nur zugefroren und nicht zugeheilt
aber hier im Tempel der Welt wo Götter begraben liegen stärkte sich ein edles
Herz und schlug für ältere Gräber Die Fürstin die unter dem Deckmantel des
Vaters dem Sohne nachjagte suchte er weniger als den alten kalten Lauria und
den feurigen Dian
In derselben Zeit sehnt er sich schmerzlich nach seinem Schoppe an dieser
Brust dacht er hätte das Geheimnis der seinigen den rechten Ort und Trost
gefunden Es war ihm als hab er seit dieser Abwesenheit in einem fort mit ihm
zusammengelebt und sich fester verbrüdert So wohnen und schmelzen die Geister
im unsichtbaren Lande zusammen und wenn sich die Leiber im sichtbaren wieder
begegnen finden die Herzen sich bekannter wieder Leider hört er so viel auch
sein Vater Briefe aus Pestitz bekam keinen Laut von dem Freunde über die Berge
herüber den er in den dunkeln Verhältnissen einer wunderbaren verwirrenden
Leidenschaft zurückgelassen Er rechnete Schoppen dessen Hass und Zank gegen
alles Briefschreiben er kannte das Schweigen nicht an aber sein eigenes Herz
konnt es nicht verlängern und er schrieb so an ihn
»Wir wurden schlafend voneinander gerissen Schoppe Jene Zeit hat sich
bedeckt und bleibt es Sehr wach wollen wir uns wieder erblicken Von dir weiß
ich nichts wenn mir Rabette nicht schreibt muss ich die brennende Ungeduld bis
zu unserer Zusammenkunft im Sommer umhertragen und leiden Was ist von mir zu
schreiben Ich bin verändert bis ins Innerste hinab und von einer
hineingreifenden Riesenhand Wenn die Sonne über den Scheitelpunkt der Länder
zieht so hüllen sie sich alle in ein tiefes Gewölk so bin ich jetzt unter der
höchsten Sonne und bin eingehüllt Wie in Rom im wirklichen Rom ein Mensch nur
genießen und vor dem Feuer der Kunst weich zerschmelzen könne anstatt sich
schamrot aufzumachen und nach Kräften und Taten zu ringen das begreif ich
nicht Im gemalten gedichteten Rom darin mag die Musse schwelgen aber im
wahren wo dich die Obelisken das Koliseo das Kapitolium die Triumphbogen
unaufhörlich ansehen und tadeln wo die Geschichte der alten Taten den ganzen
Tag wie ein unsichtbarer Sturmwind durch die Stadt fortrauschet und dich drängt
und hebt o wer kann sich unwürdig und zusehend hinlegen vor die herrliche
Bewegung der Welt Die Geister der Heiligen der Helden der Künstler gehen
dem lebendigen Menschen nach und fragen zornig was bist du Ganz anders gehst
du aus dem Vatikan des Raffaels und über das Kapitolium herunter als du aus
irgendeiner deutschen Bildergalerie und einem Antikenkabinett heraustrittst
Dort siehst du auf allen Hügeln alte ewige Herrlichkeit jede Römerin ist mit
Gestalt und Stolz noch ihrer Stadt verwandt der Transteveriner ist der Sparter
und du findest so wenig einen Römer als einen Juden stumpf indes du in Pestitz
fast unduldsam werden musst schon gegen den Kontrast der bloßen Gestalt Sogar
der ruhige Dian behauptet die hässlichen Masken der Alten sähen wie die
deutschen GassenGesichter und ihre Faunen und andere Tiergötter wie edlere
HofGesichter aus ihre Kopierbilder Alexanders der Philosophen der römischen
Tyrannen wären so scharf und prosaisch sie sich auch von ihren poetischen
Statuen der Götter abschnitten den jetzigen Idealen der Maler gleich
Tut es da genug mit Augen voll Bewunderung und gefalteten Händen um die
Riesen zu schleichen und dann welk und klein zu ihren Füßen zu verschmachten
Freund wie oft pries ich in den Tagen des Unmuts die Künstler und Dichter
glücklich die ihre Sehnsucht doch stillen dürfen durch frohe leichte
Schöpfungen und welche durch schöne Spiele die großen Toten feiern Archimimen
der Heldenzeit Und doch sind diese schwelgerischen Spiele nur das
Glockenspiel am Blitzableiter es gibt etwas Höheres Tun ist Leben darin regt
sich der ganze Mensch und blüht mit allen Zweigen Es ist nicht von den bangen
engen Kleintaten auf der Ruder und auf der Ruhebank der Zeit die Rede Noch
steht an der Krönungsstadt des Geistes ein Tor offen das Opfertor das
Janustor Wo ist denn weiter auf der Erde die Stelle als auf dem Schlachtfeld
wo alle Kräfte alle Opfer und Tugenden eines ganzen Lebens in eine Stunde
gedrängt in göttlicher Freiheit zusammenspielen mit tausend SchwesterKräften
und Opfern Wo sind denn allen Kräften von dem schnellsten Scharfblick an bis
zu allen körperlichen Fertigkeiten und Abhärtungen von der höchsten Großmut und
Ehre an bis auf die weichste Träne herab von jeder Verachtung des Körpers an
bis zur tödlichen Wunde hinauf so alle Schranken aufgetan für einen
wetteifernden Bund Wiewohl eben darum der Spielraum aller Götter auch dem
Larventanz aller Furien freisteht Nimm nur den Krieg höher wo die Geister
ohne Verhältnis des Gewinstes zum Verlust nur aus Kraft der Ehre und des
Zwecks sich dem Schicksal verdingen dass es unter ihren Körpern die Leichen
auslese und das Los des Sieges aus den Gräbern ziehe Zwei Völker gehen auf
die SchlachtEbene die tragische Bühne eines höheren Geistes um ohne
persönlichen Hass die Todesrollen gegeneinander zu spielen still und schwarz
liegt die Gewitterwolke auf dem Schlachtfeld die Völker ziehen hinein in die
Wolke und alle ihre Donner schlagen und düster und allein brennt die
Todesfackel über ihr es wird endlich Licht und zwei Ehrenpforten stehen
aufgebauet die Todespforte und das Siegestor und das Heer hat sich geteilt und
ist durch beide gezogen aber durch beide mit Kränzen Und wenn es vorüber
ist stehen die Toten und die Lebendigen erhaben in der Welt weil sie das Leben
nicht geachtet hatten Wenn aber der große Tag noch größer werden wenn dem
Geiste das Köstlichste kommen soll was das Leben heiligen kann so stellt Gott
einen Epaminondas einen Kato einen Gustav Adolph vor das geheiligte Heer und
die Freiheit ist zugleich die Fahne und die Palme o selig wer dann lebt oder
stirbt für den KriegsGott und für die FriedensGöttin zugleich
Lasse mich das nicht durch Sprechen entweihen Nimm aber hier mein leises
festes Wort und leg es in deine Brust zurück dass ich mir sobald Galliens
wahrscheinlicher Freiheitskrieg anhebt meine Rolle durchaus nehme in ihm für
ihn Abhalten kann mich nichts auch nicht mein Vater Dieser Entschluss gehört
zu meiner Ruhe und Existenz Aus Ehrgeiz ergreif ich ihn nicht obwohl aus
Ehrliebe gegen mich selber Schon in meinen frühern Jahren konnt ich nie das
platte Lob einer ewigen häuslichen Glückseligkeit genießen was gewiss eher
Weibern als Männern geziemt Freilich deine Stärke oder Gemütsweise alles Große
ruhig aufzunehmen und die Welt still in einen innern Traum zu zerschmelzen hat
wohl niemand Du schauest die Abendwolken an und hernach die Milchstrasse und
sagst kalt Gewölk Kommst du aber doch nicht zu tief in dieses Gefühl in diese
kalte Gruft hinunter Zwar will das Gift dieses Gefühls einen überall und gerade
in Rom diesem Kirchhof so ferner Völker so entgegengesetzter Jahrhunderte
süßer als irgendwo verzehren aber wüsstest du vom Vergänglichen ohne den
Nebenstand des Unvergänglichen und wo wohnt der Tod als im Leben Lasse
verstieben und versiegen es gibt doch drei Unsterblichkeiten wiewohl du die
erste die überirdische nicht glaubst die unterirdische denn das All kann
verstäuben aber nicht sein Staub und die ewigwirkende darin die dass jede Tat
viel gewisser eine ewige Mutter wird als eine ewige Tochter ist Und dieser Bund
mit dem Universum und mit der Ewigkeit macht der Ephemere Mut in ihrer
FlugMinute das Blütenstäubchen weiterzutragen und auszusäen das im nächsten
Jahrtausend vielleicht als Palmenwald dasteht
Ob ich mich meinem Vater entdecke ist mir noch zweifelhaft weil ich es
noch darüber bin ob ich seine bisherigen Äußerungen gegen die Neufranken für
scharfen Ernst zu nehmen habe oder nur für die scherzhafte Kälte womit er sonst
gerade seine Gotteiten Homer Raffael Cäsar Shakespeare aus Ekel gegen
den nachsprecherischen Götzendienst den der Pöbel der wahren Hoheit wie der
falschen erweiset im Munde führt Grüße meinen braven mannhaften Wehrfritz
und erinner ihn an unser Bundesfest am Zeitungstage der niedergerissenen
Bastille Lebe wohl und bleibe bei mir
Albano«
An dem Abende dieses Briefes ging er mit seinem Vater in eine Konversazione im
Palazzo Kolonna hier fanden sie die schwarzmarmorne Galerie voll Antiken und
Gemälde aus einem Kunst und Gesellschaftszimmer in einen Fechtboden verkehrt
alle Arme und Zungen der Römer waren in Bewegung und Kampf über die neuesten
Entwicklungen der gallischen Revolution und die meisten für sie Es war damals
wo fast ganz Europa einige Tage lang vergaß was es aus der politischen und
poetischen Geschichte Frankreichs jahrhundertelang gelernt hatte dass dasselbe
leichter eine vergrößerte als eine große Nation werden könnte Der Ritter allein
gab sich lieber den Kunstwerken als dem leeren Gefechte seiner Nachbarschaft
hin endlich aber hört er von weitem wie Albano gleich allen damaligen
Jünglingen der HimmelsKönigin der Freiheit jauchzend nachzog unter den
ewigen Freien und ewigen Sklaven mitgehend nach der damaligen Gleichheit da
trat er näher und merkte nach seiner Weise an »die Revolution sei etwas sehr
Großes er finde indes an großen Werken zB an einem Koliseo Obeliskus an
dem Flor einer Wissenschaft an dem Kriege an der Höhe der Astronomie der
Physik weniger als andere zu bewundern denn bloß die Menge in der Zeit oder im
Raume schaff es eine beträchtliche Vielheit kleiner Kräfte Aber nur große
achte man178 In der Revolution seh er mehr jene als diese Freiheit werde an
einem Tage so wenig gewonnen als verloren wie schwache Individuen im Rausche
gerade ihr Gegenteil wären so geb es auch wohl einen Rausch der Menge durch
die Menge«
Bouverot versetzte darauf »Das ist ganz meine Meinung auch« Albano
antwortete recht sichtbar nur seinem Vater weil er den deutschen Herrn tief
verachtete und ihn ganz unwürdig des Genusses hoher Kunstwerke hielt wofür er
vornehmen Geschmack mitgebracht obwohl keinen Sinn und sagte »Lieber Vater
die 12000 Juden entwarfen nicht das Koliseo das sie baueten aber die Idee war
doch irgendeinmal ganz in einem Menschen im Vespasian und so muss überall den
konzentrischen Richtungen kleiner Kräfte irgendeine große vorstehen und wär es
Gott selber« »Dahin« sagte Gaspard »wo alles Göttliche verlegt wird
magst du es denn auch versetzen« Bouverot lächelte »Der gallische Rausch«
versetzte Albano heftig »ist doch wahrlich kein zufälliger sondern ein
Enthusiasmus in der Menschheit und Zeit zugleich gegründet woher denn sonst
der allgemeine Anteil
Sie können vielleicht sinken aber um höher zu fliegen Durch ein rotes
Meer des Bluts und Kriegs watet die Menschheit dem gelobten Lande entgegen und
ihre Wüste ist lang mit zerschnittenen nur blutigklebenden Händen klimmt sie
wie die Gemsenjäger empor« »Die Gemsenjäger selber« sagte der Ritter »tun
das mehr wenn sie von der Alpe herabwollen indes sind solche Hoffnungen
reizend und wir wollen gern ihre Erfüllung wünschen« »Signor Konte« setzte
Bouverot dazu »nannte sehr gut den Aufstand einen Rausch Man schläft ihn aus
aber am Morgen ist manches zerbrochen und zu bezahlen« »Rausch« sagte Albano
»Welches Beste ist nicht im Enthusiasmus geschehen und welches Schlechteste
nicht in der Kälte Welches Herr von Bouverot Ja es gibt einen grässlichen
grimmigen SeelenFrost so wie einen ähnlichen physischen der wie die größte
Hitze schwarz und blind und wund macht179 so etwas wie die französische
Tragödie kalt und doch grausam«
»Du näherst dich dem Tragischen Sohn« unterbrach ihn Gaspard und schützte
den deutschen Herrn »Wir dürfen von den Franzosen recht viel politische
Sagazität erwarten zumal in der Not das ist ihre Stärke Darin kommen sie den
Weibern bei Auch sind sie wie die Weiber entweder ungemein zart sittlich und
human wenn sie gut sind oder wie diese ebenso grausam und roh wenn sie außer
sich kommen Es lässt sich weissagen dass sie in einem Freiheitskriege wenn
er ausbräche an Tapferkeit es allen Parteien zuvortun werden Das wird sehr
blenden da doch nichts seltener ist als ein feiges Volk Man lernt die
Kriegstapferkeit gemässigt schätzen wenn man sieht dass die römischen Legionen
gerade als sie feil schlecht sklavisch und zur Hälfte Freigelassene waren
nämlich unter dem Triumvirat mutiger stritten als vorher Für den unbedeutenden
Mordbrenner Katilina stritten und starben die Bürger bis auf den letzten Mann
und nur Sklaven wurden gefangen«
Diese Rede drückte ein heißes Siegel auf Albanos Mund es schien ordentlich
als errate ihn der Vater und mache sich die alte Freude wie ein Schicksal einen
Enthusiasmus zu erkälten und Erwartungen Lügen zu strafen sogar trübe Der
beleidigte sich selber ausbrennende Geist blieb nun fest vor Gaspard und
Bouverot zugedeckt
Aber seinem Dian zeigt er alles am Morgen darauf er wusste wie dieser mit
dem Arme eines Künstlers und Jünglings zugleich die Freiheitsfahne trug und
schwang und darum brach er vor ihm das dunkle Siegel seines bisherigen
Trübsinns auf Er gestand dem geliebtesten Lehrer den grossgewachsenen Vorsatz
sobald der unheilige Krieg gegen die gallische Freiheit der jetzt seine
Pechkränze in allen Straßen der Stadt Gottes aushing in Flammen schlage an die
Seite der Freiheit zu treten und früher zu fallen als sie »Wahrlich Ihr seid
ein wackerer Mensch« sagte Dian »Hätte ich mir nicht Kind und Kegel
aufgehalset bei Gott ich zöge selber mit Der Alte wie dergleichen sieht
viel und hört schlecht Wittern soll er nichts und seine Bestie von Barigello
auch nicht« Den Kunstrat Fraischdörfer meint er den er mit KünstlerEigensinn
ewig verabscheuete weil der Kunstrat schlechter malte und besser kritisierte
als er »Dian Euer Wort ist schön gesagt ja wohl macht das Alter physisch und
moralisch weitsichtig für sich und taub gegen den andern« sagte Albano »Hab
ich gut gesprochen Albano Aber wahrlich so ist die Sache« sagt er sehr
erfreut bei seinem Misstrauen in seine Sprache über das Lob ihrer Schönheit
Nach einiger Zeit sagte der Ritter gleich als sehe er durch das Siegel
hindurch einige Worte die den Jüngling auf allen Seiten griffen »Es gibt«
sagt er »einige wackere Naturen die gerade auf der Grenze des Genies und des
Talentes stehen halb zum tätigen halb zum idealischen Streben ausgerüstet
dabei von brennendem Ehrgeize Sie fühlen alles Schöne und Große gewaltig und
wollen es aus sich wieder erschaffen aber es gelingt ihnen nur schwach sie
haben nicht wie das Genie eine Richtung nach dem Schwerpunkt sondern stehen
selber im Schwerpunkte so dass die Richtungen einander aufheben Bald sind sie
Dichter bald Maler bald Musiker am meisten lieben sie in der Jugend
körperliche Tapferkeit weil sich hier die Kraft am kürzesten und leichtesten
durch den Arm ausspricht Daher macht sie früher alles Große was sie sehen
entzückt weil sie es nachzuschaffen denken später aber ganz verdrießlich weil
sie es doch nicht vermögen Sie sollten aber einsehen dass gerade sie wenn sie
ihren Ehrgeiz früh einzulenken wissen das schönste Los vielartiger und
harmonischer Kräfte gezogen sowohl zum Genuße alles Schönen als zur
moralischen Ausbildung und zur Besonnenheit ihres Wesens scheinen sie recht
bestimmt zu sein zu ganzen Menschen wie etwan ein Fürst sein muss weil dieser
für seine allseitige Bestimmung allseitige Richtungen und Kenntnisse haben muss«
Sie standen gerade als er dies sagte auf dem Aventinischen Berge vor sich
die CestiusPyramide dieses Epitaphium des KetzerGottesackers worin so
mancher unausgebildete Künstler und Jüngling schläft und nahe dabei der hohe
ScherbenBerg180 monte testaccio wovor Albano immer mit einem ekeln kahlen
Gefühl schaler Ödheit vorbeiging Der Stoß der väterlichen Ideen gegen seine und
die Verwandtschaft des ScherbenBergs mit dem FremdenKirchhof machten dass
Albano mehr sich als dem Vater antwortete mit einem geschmolzenen EisenTropfen
des Unwillens im Auge »Ein solcher namenloser TöpferBerg ist im ganzen auch
die Geschichte der Völker Aber man möchte sich doch lieber auf der Stelle
töten als erst nach einem langen Leben sich so namen und tatenlos in die Menge
eingraben«
Seit seiner Einigkeit mit sich selber wurd er glücklicher mit Eifer tat er
sich schon jetzt zum Werk seiner Natur gemäß die wie im Samenkorn Stamm und
Wurzel aus einer Samenspitze trieb Gedanken und Taten
Er warf alles andere Treiben weg und studierte alte und neue Kriegskunst
wozu ihm Dian die Bücher und das Museum borgte und lieferte Mit namenloser
Entzückung und Erhebung durchlief er wieder die Sonnenkarten der römischen
Geschichte hier auf dem ausgebrannten Sonnenkörper selber und oft wenn er
ihre Entzündungen gezeichnet las stand er eben in den Kratern wo sie
aufgegangen waren
Dian gab noch dazu seine Kenntnis des kleinen Dienstes und sich gern zu
körperlichen Übungen her wenn er ihn vorher zu dem Gottesdienste unter Raffaels
Kunstimmel hinaufgezogen wo Grazien wie Sternbilder im hohen Äther gehen denn
bei Dian war Leib und Seele ein Guss der weichste Augennerve und härteste
Armmuskel ein Band Zuletzt führt er da ihm ein Wort viel sauerer wurde als
eine Tat und da er lieber den ganzen Leib als die Zunge regte dem Grafen einen
rednerischen KriegsGenossen zu einen korsischen Jüngling lebendig wie aus
lauter Mark des Lebens geformt
Beide Jünglinge liebten und übten sich eine Zeitlang in romantischer
Freiheit ohne einander nur die Namen abzufragen Sie fochten lasen schwammen
Der Korse vergötterte fast Albanos Gestalt Kraft Kopf und Mut und goss sein
ganzes Herz in eines das er nicht ganz fasste wie viele Mädchen nirgends als in
der Liebe so zeigte er nirgends als im Kriegsspiele Seele und Sinn Albanos
helles Gold spiegelte gefällig die fremde Gestalt zurück ohne wie Glas dabei
die eigne zu vernichten
Einst wurde des Korsen Glut eine Flamme die das ganze eigne Leben dem
Freunde beleuchtet zeigte und seinen einzigen Zweck und Durst nämlich den nach
FranzosenBlut »den er« sagt er »im kommenden Kriege zu löschen hoffe« Wär
ihm Albano ähnlich gewesen so hätten sie sich wie kämpfende Hirsche in die
Geweihe tödlich verwickelt denn die störrische unbiegsame Tapferkeit des
Korsen mehr eine sinnliche so wie Albanos seine mehr eine geistige litt
kein Gegenwort Gleich seiner Klasse begehrte er auf seine Rede ein recht
starkes Zuwort von Albano aber dieser sagte »Das ist eben das Große im Kriege
dass man ohne leidenschaftliche Erbitterung ohne persönliche Feindschaft alles
kann und wagt was der Schwächling nur durch sie vermag wahrlich es wäre edler
in der Schlacht einen Geliebten als einen Gehassten zu töten« »Tolle
Chimären« sagte der Korse zornig »wie du willst die Franzosen töten und sie
doch lieben« Albanos Grosssinn warf jede bange Larve ab und sagte »Mit einem
Wort ich streite einst für die Gallier mit« »Du Falscher« sagte der Korse
»Unmöglich Gegen mich« »Nein« versetzte Albano »ich bitte Gott dass wir
uns in jener Stunde nie begegnen« »Und ich will ihn recht anflehen« sagte
der Korse »dass wir uns nicht mehr treffen als einmal mit dem Bajonett Addio«
So schied er entrüstet von ihm und kam nicht wieder
106 Zykel
Unähnlich andern Vätern war Gaspard gegen Albano seit dem ersten Kriege über den
Krieg noch wie sonst ja fast besser mit seiner alten Achtung für jede starke
Individualität nahm er es heiter auf dass so merklich des Jünglings Sonne in die
Zeichen des Sommers trat und über die Erde sowohl höher stieg als wärmer
Er gab ihm den nächsten Beweis dadurch dass er unter den allmählichen
Anstalten zur Rückreise nach Pestitz ihm einen ganz unerwarteten Wunsch der
Trennung bejahte Nämlich Albano der jetzt wie Efeu mit allen Blüten und
Zweigen immer fester um und in alle Denkmäler der heroischen Vergangenheit ging
wollte nicht von Rom scheiden ohne Neapel gesehen zu haben Zu seiner Sehnsucht
kam noch Dians Begeisterung für dies Tochterland seines Vaterlandes für dessen
Glanz des Himmels und der Erde für dessen griechische Trümmer die der
Baumeister den römischen vorzog »In Rom« hatte Dian gesagt »habt Ihr nur
Vergangenheit hingegen in Neapel tapfere Gegenwart ich begleit Euch hin und
her und wir gehen zusammen nach Haus Denn eigentlich versteht Ihr Euch doch
nicht recht auf das Schöne sondern auf die Natur auf das Heroische und den
Effekt Da ist Neapel der Ort« Der Ritter willigte obgleich durch Albanos
Erheiterung der ganze Zweck der Reise schon gewonnen war ohne Zögern in den
Zusatz einer zweiten unter der Bedingung dass er nicht länger als einen Monat
nachbleibe
Aber dieser Zeit wo sich seine innere Welt so harmonisch stimmen durfte
kamen feindliche Misstöne immer näher die er in der Ferne noch für Wohllaut
hielt Aus seinem unbestimmten Verhältnis mit der Fürstin entwickelte sich
langsam der Misslaut weil jedes unbestimmte mit Weibern sich endlich hart
entscheidet seltener zu Liebe als zu Hass
Die Fürstin tat und litt bisher alles um ihm noch früher gefährlich zu
werden als verständlich Sie spielte Lianen so gut sie wusste nach und nahm den
Nonnenschleier einer religiösen Jungfräulichkeit aus ihrer BühnenGarderobe
hervor obgleich genialische Weiber meistens ungläubig sind wie genialische
Männer gläubig Sie machte ihn zum Vertrauten ihrer Vergangenheit und gab die
Geschichte derer die für sie gestorben waren oder doch verschmachtet nach
weiblicher Art mehr froh als reuig nur das Verhältnis mit seinem Vater ließ sie
schonend hinter einem rührenden Leichenschleier auferstehen und ahmte überhaupt
dem Sohne in der Achtung für den Ritter nach den sie innerlich bitter hasste
Wenn Albano stundenlang die Gegenwart vergaß und starr ins Opferfeuer der
Vergangenheit und Kunst blickte und ihr auf den Bergen seiner Welt Flammen
zeigte die nicht auf ihrem Altar brannten so begleitete sie ihn geduldig auf
diesem KunstWege und hielt nur wo sie konnte vor Stellen an wo man einige
Aussicht in die Gegenwart hatte
Er wurde täglich ihr wärmerer Freund ohne sie nur zu erraten Nur ein Mann
keine Frau kann eine fremde Liebe gänzlich übersehen die lang übersehene
wird dann selten oder nie eine erwiderte Albano war zu zart um in der
Geliebten seines Vaters und in der Frau eines andern und in einer Freundin
seiner eignen Geliebten diesen Wunsch einer Unschicklichkeit vorauszusetzen
Auch setzt er auf seinen Wert immer ein ebenso kleines Vertrauen als auf sein
Recht ein großes
Sie zweifelte aber verzweifelte nicht an einer wärmern Gesinnung Ein Weib
hofft so lange als ein zweites nicht mit hofft Albanos nächtliche Besuche des
Kapitols und Koliseos wurden von nachgeschickten Augen immer seines edlen
Charakters würdig befunden Täglich lieber wurd ihr der feste Jüngling durch
sein neues Aufblühen und durch seine männliche Entwickelung Zuweilen hoffte sie
stark von seiner freundschaftlichen Redlichkeit und von jener heroischen
Schwermut bestochen die ihr sonst aus keiner Ferne und Nähe zu erklären war
Dieses ihr ungewohnte Auf und Niedersteigen auf ihren Wellen erschütterte ihre
Gesundheit und ihren Charakter und sie wurde wider Willen der Liane ähnlicher
mit deren Taubengefieder sie sich anfangs nur weiß schmücken wollen der
glänzende Sonnenregenbogen wurde ein Mondregenbogen sie warf mit ihren starken
Kräften die Hälfte ihres vorigen Selbstes weg die Putz Kunst und Gefallsucht
und sie wurde heftig getroffen wenn eine Römerin mit südlicher Lebhaftigkeit
oft hinter dem vorbeigehenden Grafen ausrief »Wie schön er ist« Schwer wurde
sie für ihr früheres mutwilliges Lustspiel mit fremden Herzen und Leiden
gezüchtigt durch das eigne aber in solchen dunkeln Tagen wurzelt eben die Liebe
mehr wie man Bäume am besten an wolkigen impft
Albano merkte ihre Veränderung die reizende Schwermut ihres sonst kräftigen
Gesichts dieser Widerschein ihres stillen Nebels bewegte ihn zur teilnehmenden
Frage über ihr Glück Sie antwortete immer so verworren und verwirrend
zuweilen sogar bei Albanos Scharfsinn mit dem Glauben an dessen Verstellung und
Bosheit dass sie ihn in den sonderbarsten Irrtum führte
Nämlich bei so großer Gewissheit dass ein Erdschatte durch ihr ganzes
jetziges Leben gehe und nicht rücke musst er den Weltkörper dazu suchen
dieser ward ihm Gaspard den sie wie er glaubte noch liebe Er führte diese
Vermutung leicht durch alle ihre frühern Gespräche und Blicke hindurch es war
so natürlich dass die früher durch einen Thron Getrennten sich jetzt im schönen
Lande der freien Verhältnisse wieder zusammensehnten noch dazu hatte der
Ritter nach seiner unerbittlichen Ironie ihren Schein ihn zu suchen auch mit
Schein nämlich mit Ernst aufgenommen und sich daher immer zu ihrem Genuße des
Sohnes als Zukost gesetzt und einen Nachwinter in den Frühling verlegt diesen
doppelten Schein rief Albano zurück als doppelte Wahrheit
Da trat das Schicksal plötzlich unter seine neuen Schlüsse sein Vater
wurde bedenklich krank an einem entnervenden Frühlingsfieber unter dem Scirocco
Wind »Nimm keinen besonderen Teil« sagte Gaspard zu ihm »weder an meinen
Leiden noch Äußerungen ich habe in solchem Zustande eine Erweichung deren ich
mich nachher schäme und doch nicht erwehre« Albano wurde von manchen
unerwarteten HerzensAusbrüchen des kranken Mannes bis zur wärmsten Liebe
bewegt Wenn die Ruinen eines Tempels wehmütig begeistern dacht er warum
sollen es mich nicht noch mehr die Ruinen einer großen Seele Es gibt Menschen
voll kolossalischer Überreste gleich der Erde selber in ihrem tiefen schon
erkalteten Herzen liegen versteinerte Blumenbilder einer schöneren Zeit sie
gleichen nordischen Steinen auf welchen Abdrücke indischer Blumen stehen
Die Krankheit grub unter sich Gaspard blieb ohne Teilnahme an sich selber
nur seine Geschäfte nicht sein Ende bekümmerten ihn Mit seinem Schwiegervater
Lauria hielt er geheime Unterredungen um auf sein Leben das schwarze
Gerichtssiegel schließend zu drücken Ein Eilbote musste fertig stehen um nach
seinem Todesaugenblick mit einem Brief zu Linda zu fliegen sein Sohn sollte
einen selber erbrechen und einen versiegelten an die Fürstin übergeben Sehr
hart und gebietend benahm er sich gegen diesen als er von ihm den Eid begehrte
sogleich nach seinem Tode nach Pestitz abzureisen Denn da Albano der so gern
Neapel sah und dem alle diese den väterlichen Tod voraussetzenden Bedingungen
schwer ankamen zögernd weigerte so sagte Gaspard »das sei so recht menschlich
und üblich fremde Schmerzen ungemein zu beklagen und redlich mitzufühlen sie
aber ohne Anstand zu schärfen sobald das Geringste getan werden solle« Albano
gab das Wort und den Eid und zeigt es ihm nie mehr wenn er weinte aus
Kindesliebe
Unerwartet erschien vor diesem Krankenbette Gaspards nächster und frühester
Anverwandter sein Bruder Albano stand dabei als das seltsame Wesen ankam und
den Todkranken ansprach und zwei starre gläserne Augen als wären sie
eingesetzte weit von dem wegdrehte womit es redete so phantastisch und doch
voll kalter Welt gegen den sterbenden Bruder mit hängender Gesichtshaut auf
bedeutenden Gesichtsknochen ein aufgerichteter falber Werwolf erst aus der
tierischen Haut in die menschliche getrieben gleich dem Würgengel ein
Würgmensch und doch ohne Leidenschaft Es streckte nach Albano die lange Hand
aus aber dieser von etwas Unnennbarem abgestoßen konnte sie nicht anfassen
Dieser Bruder sagte er komme von Pestitz übergab zwei Briefe daraus einen an
Gaspard einen für die Fürstin und fing an einiges über seine Reisen zu
sagen was ungemein scharfsinnig phantastisch gelehrt unglaublich und oft
recht unverständig schien Einmal sagte Albano »Das ist geradezu unmöglich« Er
fing die Erzählung wieder an machte sie noch unglaublicher und beteuerte es
sei so in der Tat Darauf ging er fort wie er sagte nach Griechenland und
nahm vom sterbenden Bruder den kühlsten Abschied
Gaspard sagte jetzt zu Albano »er möge nach seinem Tod diesen Sonderling
wenn er ihm nahe komme recht wägen oder lieber meiden da er nie ein wahres
Wort sage bloß aus reiner Freude an reiner Lüge ohne Eigennutz noch mehr«
fuhr er fort »weiche dem tiefen tödlichen Skorpionstachel Bouverots aus so
wie seinem betrügerischen Spiel« Albano wunderte sich über die Ansicht dieser
Anrede freudig über die moralische Schärfe da er bisher ganz andere
Gesinnungen für Bouverot im Vater anzutreffen geglaubt
Am Tage darauf fand er den Vater schon wieder auf der Treppe aus der Gruft
Der Eilbote wurde abgedankt alle Briefe zurückgefodert der Fürst Lauria
stand heiter da »Bloß eine fremde Krankheit hat meine geheilt« sagte der
Vater Der Brief den ihm der Bruder aus Pestitz gebracht hatte die Nachricht
enthalten dass sein alter Freund der dasige Fürst der letzten Stunde schnell
zueile weil man seine Wassersucht bloß für Embonpoint gehalten und ihn
versäumet habe »Ich hoffe« sagte Gaspard »durch meinen Anteil so heilsam
erschüttert zu sein dass ich noch früh genug die Reise zur letzten Stunde der
Freundschaft zu machen vermag« Er setzte dazu dass dann diese Reise wieder Bahn
zu Albanos seiner nach Neapel mache
Da kam die Fürstin in der Bestürzung über den Brief der ihres Gemahls
Gefahr und ihre Abreise ansagte Gaspard antwortete mit einem verlangenden
Winke zur Einsamkeit den er dem Sohne gab Sie blieben lange allein Endlich
kam die Fürstin verändert wieder und bat ihn fast stotternd heute sie in die
Opera seria zu begleiten Sie war bewegt und verlegen ihre Augen schimmernd
ihre Züge begeistert auch den Vater fand er aufgeregt aber wie gestärkt
Hier schoss ihm ein langer Mittagsstrahl durch den ganzen bisherigen Irrwald
nämlich die bestätigte Vermutung der Liebe seines Vaters die jetzt durch die
annahende Lösung der Ehekette der Fürstin und in der kränklichen Erweichung
stärker ausgebrochen sei daher Gaspards Brief an die Fürstin daher ihr
Beisammenbleiben in Rom und auf dem Wege dahin usw
Nie liebte Albano seinen starken Vater mehr als nach dieser Entdeckung einer
zärtern Gesinnung und gegen die Fürstin wurde nun sein Herz aus einem Freunde
auf einmal ein Sohn Da er ohnehin von den fünf Treffern der menschlichen
ErbLiebe nur einen den Vater keine Mutter keinen Bruder keine Schwester
und kein Kind gewonnen so war er so neu entzückt über den Gewinn einer Mutter
Was die Achtung tun die Wärme sprechen und die Hoffnung verraten durfte das
ließ er zu
Es war eine Nacht wo in Rom schon wieder der Frühling Blumen durch die
Wolken des Winters warf Im Schauspielhause gab man Mozarts Tito Wie nimmt den
Menschen auf fremdem Boden das vaterländische Lied dahin das ihm nachgezogen
Die Lerche die über römischen Ruinen gerade so singt wie über deutschen
Feldern ist die Taube die uns mit ihrem bekannten Gesang den Ölzweig aus dem
Vaterland bringt Bis hieher hatte Albano auf dem Alpenwege über Ruinen das
Auge straff nur durch die künftige KriegsLaufhahn blicken lassen und es selten
gen Himmel gehoben wo die verklärte Liane war und hatte gewaltsam jede Träne
darin zerstäubt Aber jetzt hatte der kranke Vater den Vorhang des
unterirdischen Bettes aufgezogen wo ihre Hülle schlief Nun drang auf einmal
der helle Strom der Töne der durch seine Jugendländer in seinen Paradiesen
gegangen war über die Gebirge herüber und rauschte mit den alten Wellen herab
so nahe an ihm Anfangs wehrte sich sein Geist gegen die alte eingeschlafne
Zeit die im Schlummer sprach aber als endlich die Töne die Liane selber einst
vor ihm gespielt und gesungen hatte über die Bahre der Gebirge herüberkamen
und sich herunterhingen als glänzende Teppiche der goldnen Tage als er daran
dachte welche Stunden er und Liane hier gefunden hätten aber nicht fanden da
lief der schwarze Gram wie ein böser ausplündernder Genius die Tonleiter hinauf
und Albano sah seinen entsetzlichen Verlust hell im Himmel stehen Da kehrt er
das Auge nicht gegen die Fürstin aber in der Weihe der Töne drückt er die
Hand an der einst die Verklärte hatte in diese Gefilde kommen sollen Spät
sagte er »Ich werde mich im reichen Neapel immer sehnen nach meiner einzigen
Freundin und den Glücklichen beneiden der sie begleiten darf« Sie kam in große
Bewegung über diese neue Nachricht von seinem trennenden Abweg und in eine noch
größere über seine leidenschaftliche Veränderung die sie mit der reichsten
Aussteuer für ihre zartesten Hoffnungen aus ihrer Abreise und sogar aus ihres
Gemahls bevorstehender herzuleiten wusste Aber sie verbarg die größere Bewegung
hinter die kleinere Beide schieden mit gegenseitigen Freuden und Irrtümern
auseinander Albano wurde immer seliger durch den genesenden Vater die Fürstin
wurd es durch den wärmern Sohn und ihr Leben stieg aus dem Kriegsschiff in ein
fliegendes Friedensschiff über So kamen beide immer dichter an den Vorhang
dessen Gemälde sie für die Bühne selber hielten um desto mehr zu staunen wenn
er aufging
107 Zykel
Im Ritter war das vertrocknete Bette des Lebens wieder reichlich angequollen
durch die Erschütterungen seines Herzens eben weil er in gesunden Tagen sich
gleich Bergen durch Eis und Moos zusammenhielt so stellte in kranken schien
es eine rechte innere Bewegung leichter die alte Kraft und Ruhe wieder her Er
rüstete sich zum Reisen das am besten seinen eigensinnigen Körper auf und
nachbauete Die Fürstin verschob das ihrige von Tag zu Tag bloß in der festen
feurigen Erwartung Albano werde ihr das schönste Endwort ihres ganzen Lebens
mitgeben auf den Weg In Albano war die Sehnsucht nach Spanien aufgewacht im
blühenden Land und Neapel hofft er werde sie stillen Der Frühling dämmerte
schon in Rom und ging auf in Neapel die Nächte durchsang die Nachtigall und
der Mensch und die Mandelbäume blühten überall Aber es schien als ob die drei
Menschen mit dem Reisen aufeinander warteten Konnte die Fürstin von dem Herzen
eilen auf welchem ihr Dasein blühte und wurzelte gleich einem abgerissenen
Rosmarinzweige dessen Wurzeln zugleich mit denen eines keimenden Weizenkorns
doppelt in die Erde greifen Auch Albano wollte nicht die Stunde
beschleunigen die ihn zugleich von dem Vater und der Freundin in ferne
ErdEcken warf jene in den Nachwinter ihn in den Vor und Nachfrühling
gerade jetzt am wenigsten sein Geist hatte sich durch den Entschluss zum Kriege
befriedigt und versöhnt mit sich sein Portici war glänzend aufgebauet auf dem
verschütteten Herkulanum seiner Vergangenheit
Ein Brief von Pestitz entschied der todkranke Fürst schrieb an die Fürstin
und bat um das Wiedersehen der Brief war ein Feuer das den gemeinschaftlichen
Boden und wer darauf stand auseinandersprengte die drei Verbündeten fassten
den Schluss an einem Tage abzureisen an einem Morgen so dass eine Morgenröte
ihr Gold zugleich in drei Reisewagen würfe
Noch etwas begehrte die Fürstin am Abend vor der Abreise am Morgen Albanos
Begleitung auf die Peterskuppel sie wollte Rom noch einmal in die scheidende
Seele fassen wenn es Morgenrot und Morgenglanz bedeckten Auch Albano wollte
gern den Most einer feurigen Stunde trinken der sich zu einem ewigen Wein für
das ganze Leben aufhellt denn er wusste nicht dass die lebhafte Fürstin noch
lebhafter durch Italien nach langem Harren auf das schönste Wort von ihm
endlich zornig sich in eine Abschiedsstunde wagte in der es ihm entfahren
sollte
Früh vor Sonnenaufgang wo in Rom noch mehrere einschlafen als aufstehen
holte er sie ab nur ihre treue Haltermann begleitete sie Von der durchwachten
Nacht glühte sie noch und schien sehr bewegt Rom schlief noch zuweilen
begegneten ihnen Wagen und Familien die eben ihre Nacht beschließen wollten
Der Himmel stand kühl und blau über dem dämmernden Morgen dem frischen Sohn der
schönen Nacht
Der weite Zirkus vor der Peterskirche war einsam und stumm wie die Heiligen
auf den Säulen die Fontänen sprachen noch ein Sternbild erlosch über dem
Obeliskus Sie gingen die Wendeltreppe von anderthalb hundert Stufen auf das
Dach der Kirche und kamen aus einer Gasse von Häusern Säulen kleinen Kuppeln
und Türmen durch vier Türen in die ungeheuere Kuppel in eine gewölbte Nacht
unten in der Tiefe ruhte der Tempel wie ein weites finsteres einsames Tal mit
Häusern und Bäumen ein heiliger Abgrund und sie gingen nahe vor den
musivischen Riesen den farbigen breiten Wolken am Himmel des Doms vorbei
Während sie in der hohen Wölbung stiegen blinkte immer röter Aurorens
Goldschaum an den Fenstern und Feuer und Nacht schwammen im Gewölb ineinander
Sie eilten höher und blickten hinaus da schon ein einziger Lebensstrahl wie
aus einem Auge hinter dem Gebürg in die Welt zückte um den alten Albaner
rauchten hundert glühende Wolken als gebäre sein kalter Krater wieder einen
Flammentag und die Adler flogen mit goldnen in die Sonne getauchten Flügeln
langsam über die Wolken Plötzlich stand der Sonnengott auf dem schönen
Gebürg er richtete sich auf im Himmel und riss das Netz der Nacht von der
bedeckten Erde weg da brannten die Obelisken und das Koliseum und Rom von Hügel
zu Hügel und auf der einsamen Kampagna funkelte in vielfachen Windungen die
gelbe Riesenschlange der Welt die Tiber alle Wolken zerliefen in die Tiefen
des Himmels und goldnes Licht rann von Tuskulum und von Tivoli und von
Rebenhügeln in die vielfarbige Ebene an die zerstreueten Villen und Hütten in
die Zitronen und Eichenwälder im tiefen Westen wurde wieder das Meer wie am
Abend wenn es der heiße Gott besucht voll Glanz immer von ihm entzündet und
sein ewiger Tau
In der Morgenwelt lag unten das große stille Rom ausgebreitet keine
lebendige Stadt ein einsamer ungeheuerer Zaubergarten der alten verborgenen
Heldengeister auf zwölf Hügel gelegt Der menschenlose Lustgarten der Geister
sagte sich durch die grünen Wiesen und Zypressen zwischen den Palästen an und
durch die breiten offenen Treppen und Säulen und Brücken durch die Ruinen und
hohen Springbrunnen und den Adonisgarten und die grünen Berge und GötterTempel
die breiten Gänge waren ausgestorben die Fenster waren vergittert auf den
Dächern blickten sich die steinernen Toten fest an nur die glänzenden
Springwasser waren rege und eine einzige Nachtigall seufzte als sterbe sie
zuletzt
»Das ist groß« sagte endlich Albano »dass unten alles einsam ist und man
keine Gegenwart sieht Die alten Heldengeister können in der Leere ihr Wesen
treiben und durch ihre alten Bogen und Tempel ziehen und oben an den Säulen mit
dem Efeu spielen«
»Nichts« versetzte die Fürstin »mangelt der Pracht als diese Kuppel die
wir auf dem Kapitolium gar dazu sähen Aber nie werd ich diese Stelle
vergessen«
»Was wär es sonst mit allem« sagt er »Ohnehin gehen die flachen
Gegenden des Lebens ohne Merkmal vorüber aus mancher langen Vergangenheit
schlägt kein Echo zurück weil kein Berg die breite Fläche stört Aber Rom und
diese Stunde neben Ihnen leben ewig in uns«
»Albano« sagte sie »warum muss man sich so spät finden und so früh
trennen Dort geht Ihr Weg neben der Tiber her Gott gebe in kein
verschlingendes Meer«
»Und dort geht Ihrer über die hellen Berge« sagt er Sie nahm seine Hand
denn sein Ton war so bewegt und bewegend Göttlich leuchtete die Welt von den
dunkeln Frühlingsblumen bis zum hellen Kapitol empor und die HorenGlocken
tönten herauf die Freudenfeuer des Tags loderten auf allen Höhen das Leben
wurde weit und hoch wie die Aussicht sein Auge stand unter der Träne aber
keiner trüben sondern unter jener wo es wie das Weltauge unter dem Wasser
sonnig glänzt und höhere Farben hat welche die trockne Welt verzehrt Er
drückte ihre Hand sie seine »Fürstin Freundin« sagt er »wie acht ich
Sie Nach dieser heiligen Stunde trennen wir uns ich möchte ihr ein
unvergängliches Zeichen geben und meinem Vater ein kühnes Wort sagen das mich
und meine Achtung ausspräche und das wohl manche Rätsel löste«
Sie schlug das Auge nieder und sagte bloß »Dürfen Sie wagen« »O
verbieten Sie es nicht« sagte er »So manches Götterglück ging durch eine
zaghafte Stunde verloren Wenn soll denn der Mensch ungewöhnlich handeln als in
ungewöhnlichen Lagen« Sie schwieg den Morgenlaut seiner Liebe erwartend und
beide gingen im fortgesetzten Handdruck von der hohen Stelle herab Albans Wesen
war eine bebende Flamme Die Fürstin begriff nicht warum er noch diesen
Frühlingston verschiebe er erriet sie ebensowenig ungeübt die Weiber und
deren halbe abgeteilte Wörter zu lesen diese Bildergedichte halb Gestalt und
nur halb Wort Gleichsam als wäre ein Adler aus seinem Morgenglanz
herabgeflogen und hätte als ein RaubGenius die Flügel über seine Augen
geschlagen so hatt ihn der leuchtende Morgen so sehr verblendet dass er wagen
wollte jetzt in der Abschiedsstunde zwischen seinem Vater und der Fürstin der
Mittler durch ein Wort zu werden das beiden die Scheidewand zwischen ihrer
Liebe wegzöge Vieles wandt ihm seine Zartheit dagegen ein aber gegenüber
einem wichtigen Ziele verabscheute er nichts so sehr als zagende Vorsicht und
Wagen hielt er für einen Mann so viel wert als Gewinnen
Die Fürstin missverstehend doch nicht misstrauend folgte ihm in des Vaters
Haus mit einer Erwartung kühner als seine er bekenne vielleicht gar dem
Ritter die Liebe gegen sie Sie fanden den Vater allein und sehr ernst Albano
fiel ihm wiewohl er dessen Abneigung gegen körperliche Herzenszeichen kannte
um den Hals mit den halb erstickten Worten des Wunsches »Vater Eine Mutter«
Zu diesem kindlichen Verhältnis hatte sich sein bisheriges gehoben und
gereinigt »Gott Graf« rief die Fürstin über Albano bestürzt und entrüstet
Der zornfunkelnde Ritter ergriff voll Entsetzen eine Pistole sagte
»Unglückliches « aber ehe man nur wusste auf wen von drei Menschen er sie
abdrücken wolle fasste ihn seine Starrsucht und hielt wie eine umwindende
Schlange ihn in der mörderischen Lage gefangen »Graf verstand ich Euch« sagte
die Fürstin wegwerfend gegen ihn gleichgültig gegen den versteinerten Feind
»O Gott« sagte Albano von der väterlichen Gestalt bewegt »ich verstand wohl
niemand« »Das konnte« sagte sie »nur ein Unwürdiger Lebt wohl Mög ich
niemals Euch mehr begegnen« Dann ging sie
Albano blieb unbekümmert ob er nicht selber mit der Pistole gemeint sei
bei dem Kranken der einer vornehmen MännerLeiche gegenüber entgegenstarrte
die man eben zu schminken beschäftigt war Allmählich rang sich das Leben wieder
aus dem Winter auf und der Ritter setzte wie Starrsüchtige müssen die mit dem
Worte »unglückliches« angefangne Anrede so fort »Weib von wem bist du Mutter«
Er kam zu sich und sah wach umher aber schnell rann wieder die Lava des Zorns
durch seinen Schnee »Unglücklicher wovon war die Rede« Albano entdeckte ihm
mit gerader unschuldiger Seele dass er bei dem wahrscheinlichen Tode des Fürsten
auf eine Vereinigung zwischen beiden und auf das Glück eine Mutter zu erhalten
sich die Hoffnung gemacht
»Ihr junges Volk bildet euch immer ein man könne keine echte Liebe haben
ohne sie nach außen zu treiben und auf jemand zu richten« versetzte Gaspard und
fing an hart zu lachen und das »sentimentalische Missverständnis« sehr komisch
zu finden aber Albano fragte ihn nun sehr ernst nach dem Ursprunge des
seinigen Gaspard gab ihm diesen Neulich in seiner Krankheit hatt er bei der
ersten Nachricht von des Fürsten naher Abblüte einen erbitterten Kampf mit der
Fürstin welche in dessen Todesfalle eine Regentschaft oder Vormundschaft
begehrte schon wegen der Möglichkeit eines FürstenhutErben Der Ritter sagt
ihr geradezu diese Möglichkeit sei eine Unmöglichkeit und er werde mit neuen
ihr unbekannten Beweisen sie ohne weiteres angreifen Er gab ihr geradezu zu
verstehen dass er sogar gegen den Fall gerüstet sei wo ein augenscheinlicher
Beweis des Gegenteils ein Erbprinz ihm entgegengestellet würde Die Fürstin
versetzte erbittert sie errate nicht warum er für die haarhaarsche Linie und
Erbfolge sich im geringsten mehr bekümmere und sorge als für die Hohenfliesser
Er brachte sie bis zu Tränen denn er konnte ohne Schonung ihr die grausamsten
Worte wie Widerhaken tief ins Herz werfen er hatte die vollendete
Entschlossenheit eines Staatsmannes der wie ein großer Raubvogel das Opfertier
das er nicht bezwingen oder schleppen kann an einen Abgrund treibt und mit den
Flügeln hinunterschlägt um es drunten besiegt zu finden Ein Leben das so wie
es fortrückt gleich den fortrückenden Gletschern alte Leichen aufdeckt So wie
der Glückliche seine Liebe eines Individuums wärmend über die Menschheit
ausbreitet so hält der Menschenfeind den stechenden Brenn oder Frostpunkt
seiner weiten Kälte gegen die Menschheit auf einen großen Feind allein indes
vorher jede kleinere Beleidigung dem Einzelnen vergeben und nur der gesamten
Menschheit angeschrieben wurde
Das war also jene geheime Unterredung deren Spuren Albano für schönere
Bewegungen genommen hatte als des Hasses »Als du nun« sagte der Ritter jetzt
geradeheraus um mit der schneidenden Frechheit sein Hochgefühl zu strafen »die
kurz und dunkelgefasste Anrede Eine Mutter hieltest musst ich dich für den
Vater nehmen und daraus magst du leicht das übrige erklärn« »Vater« sagt
er »das war schreiend unrecht gegen jeden« und schied mit drei heißen Wunden
vom Dreizack des Schicksals gerissen Beim Abschiede erinnerte ihn Gaspard sein
Wort der monatlichen Zurückkunft zu halten und fügte noch scherzend bei »Der
Alte den man drüben schminke sei ein deutscher Herr womit er ehedem wohl den
Spaß getrieben ihn eilig zu bekehren«181
Noch in dieser Stunde reiste Albano mit seinem Dian aus dem erleuchteten
Rom Auf den Höhen und auf der Peterskuppel wogte herunterschwebend der blaue
Himmel und lange Schatten schliefen noch mit Tauperlen umkränzt auf den
Blumen aber der selige Morgen war weit zurückgeflohen aus dem harten Tage
Beide begegneten vor dem Tore einer KreisMenge die um einen schönen Ermordeten
stand und statt unwillig über den Mörder freudig über die Gestalt wiederholte
»Quanto è bello«182 und Albano dachte daran wie oft man hinter ihm gesagt
»Quanto e bello«
Achtundzwanzigste Jobelperiode
Brief aus Pestitz Mola die Himmelfahrt eines Mönchs Neapel Ischia die
neue Göttergabe
108 Zykel
Ein kleines Licht in unserm Zimmer kann uns gegen das Blenden des ganzen
himmelbreiten Blitzes schirmen so braucht es in uns eine einzige fortleuchtende
Idee und Tendenz damit uns der schnelle Flammenund LichtWechsel von außen
nicht betäube Hätte Albano nicht ein weit zu sehendes Ziel einen Obeliskus in
seiner Lebensbahn vor seinem Auge behalten wie lange würde ihn die letzte Szene
mit ihren durcheinandergreifenden Schmerzen verwirret haben Jetzt glich er
den angezündeten Öl und Lorbeerblättern um ihn deren Flammen so gut grünen wie
sie selber
Dian der fremde Schmerzen wegtrieb weil er leicht beweglich bald aus einem
Zuschauer derselben ein Mitspieler wurde machte Albano und sich durch seine
feurige Teilnahme an jeder schönen Gestalt an jeder Ruine an jeder kleinen
Freude heiter Er hatte die schöne seltene Gabe auf Reisen froh zu sein jede
Blume zu brechen aber keine Distel indes der größere Teil mit der Schlafmütze
unter dem Hute von Station zu Station unter dem Fahren gähnend und im murrenden
Kriege mit jedem Gesichte ganze Paradiese wie Vorhöllen durchziehet
In den leeren pontinischen Sümpfen worin nur Büffel gedeihen und die
Menschen erbleichen suchte Dian alles und auch seine Brieftasche hervor um
über das letzte Fischwasser des Kirchenstaats aus PetrusNachfischern zu kommen
ohne tödlich einzuschlafen Da stieß er mit einem neugriechischen Fluch auf
einen Brief an Albano der in einen von Chariton eingeschlossen gewesen und den
er in Rom in der Eile der Abreise zu geben vergessen aber er lachte bald
darüber und fand es gut dass man in diesem »Teufelstal« etwas gegen den Schlaf
zu lesen habe
Es war folgender von Rabette
»Herzlieber Bruder man möchte wohl wissen ob du noch ein bisschen an deine
Blumenbühler denkst da du in dem prächtigen Italien gewiss ganz in deinem Essee
bist dass du in unser aller Herzen lebst das weißt du längst und du solltest
nur wissen wie lange wir alle bei deinem Abschied um dich geweinet haben
sowohl die Mutter als ich und ein Gewisser183 denkt jetzunder ganz anders von
dir als vordem In diesem Winter fiel viel vor Die Ministerin hat sich von
ihrem Gemahl geschieden und lebt auf ihrem Gute zuweilen in Arkadien bei der
Prinzesse Idoine unser Fürst ist an der Wassersucht gefährlich krank und kann
der Vater ein Stück Arbeit von der Landschaft dabei kriegen wie er sagt Dein
Schoppe ist auf ein paar Monate verreiset mit Zurücklassung eines Briefs an
dich den er dem Vater anvertraut Er hielt sich letztlich bei uns auf in
deiner Stube und besuchte fleißig die Gräfin Romeiro Es ist schade für ihn
denn er meints gut aber der Magister Wehmeier und wir alle im Orte sind
überzeugt dass er in kurzen toll wird und er glaubts auch und sagt er bestelle
deshalb schon sein Haus Was die Gräfin Romeiro anlangt so ist sie mit der
Prinzess184 abgereiset kein Mensch weiß aber wohin man sagt der Fürst hab ihr
zu deutliche attentions bewiesen und sie sei lieber fort nach Spanien Andere
reden von Griechenland aber mich versichert der Gewisse sie sei nach Rom zu
ihrem Vormund das wirst du nun besser wissen als ich Der Gewisse unternahm
alles Menschmögliche sie zu gewinnen teils durch Briefe teils selber
umsonst keinen guten Blick konnt er erlangen sooft er sie auch bei cour
anredete Das alles hab ich wirst du es glauben aus seinem Munde denn er
ist wieder oft bei mir und vertraut mir sein ganzes Herz Meines aber halt ich
fest zusammen dass nur kein Blutströpfchen daraus quillt und Gott allein sieht
wie es darin hergeht und weint Ach Albano ein armes Mädchen das gesund ist
muss viel ausstehen eh es sterben kann Oft kann mein Auge nicht länger trocken
bleiben und ich sage dann sein Reden tu es was doch teils auch wahr ist dir
aber zeig ich das dessous des cartes Nie nimmer kann ich mehr die Seinige
werden denn er hat nicht redlich an mir gehandelt sondern ganz ruchlos und er
weiß es auch Es wird ihm auch kein Kuss gestattet und ich sag ihm er möge das
nur nicht um Gottes Willen für eine kokette Manier halten ihn an mich zu
ziehen Die guten Eltern wissen nicht recht was sie aus unserem Umgang machen
sollen und ich fürchte der Vater bricht los dann hab ich sehr bittere Tage
Aber soll ich das arme kranke blasse Gemüt auch von mir verstoßen soll die
glühende Seele wie Rauch verduftend gen Himmel steigen und sich konsumieren Wem
will nicht das Herz zerspringen wenn er bei einem Festin ist und sie
seinetwegen sogleich beleidigt nach Hause zurückfährt wie neulich geschah und
er mir im vollen Toben sagte Gut gut Linda einmal wird dir doch um mich dein
Auge nass Da weiß ich ja dass er nichts Gutes meint und ich schone ihn aus
Angst davor sollen denn die zwei Geschwister in ihrer Blüte untergehen Er wäre
ihr längst nachgereiset wenn er nicht täglich hoffte sie komme wieder Ach
könnt ich mein liebendes Herz aus meiner Brust ausreißen und in ihre einsetzen
statt des andern damit sie ihn recht liebte mit meiner ganzen Liebe Albano
ich wollt es gerne tun Das Papier geht aber auf dieser Seite zu Ende und die
Mutter will auf die andere einen Gruß schreiben Lebe wohl das wünscht
deine treue Schwester
Rabette
Wie geht es meinem teuersten Sohn Ist er glücklich noch fromm und gesund
Denkt er seiner treuen Pflegeeltern noch Das fragt und wünscht im Namen des
Vaters und in ihrem eignen
seine treue Mutter
Albine v W
PS Auch der alte Lehrer Wehmeier grüsset seinen Liebling in fernen Landen und
wir alle freuen uns auf seine Wiederkehr A
PS Bruder ich muss auch ein PS machen Schoppe hat die Bewusste gemalt
und auch daraus entstanden Szenen Aber ein Mehres mündlich Die Prinzesse
Idoine fuhr diesen Winter oft zu unserer
R«
Da Briefe sich mehr nach dem Orte wo sie geboren als nach dem wo sie
abgegeben werden richten so kommt oft was als Same abging schon keimend und
mit Wurzeln an nach dem langen Wege und umgekehrt Blüten als trockner Same und
jedes Blatt ist eine Doppelgeburt von zwei fernen Zeiten der schreibenden und
der lesenden So wurde jetzt Albano unter diesem hellern Himmel auf diesem
Boden einer größeren Vorzeit und mit dem Geiste voll neuer Triebfedern weniger
von Rabettens Brief durch welchen die nordischen Winternebel zogen erreicht
und verfinstert Die redliche Rabette die linde Albine kamen ihm nur sanft über
die fremden Berge und Lüfte nach und legten an seine heiße Stirn die kühlende
Hand sein alter Schoppe stand in alter Würde vor ihm und Liane schwebte wieder
durch das hohe Blau Gegen den verwitterten Roquairol fühlt er nicht einmal
Mitleid sondern eine harte Geringschätzung und Lindas standhafter Sinn war
recht nach seinem wie der stolze Blick und Gang der Römerinnen Jetzt dacht er
über manches heiterer als sonst und wünschte sogar einmal jener Heroine ins
ZauberGesicht zu schauen
In Fondi fing der neapolitanische Weltgarten an und sie fuhren auf dem Wege
nach Mola in immer dichtere Blüten und Blumen In fliegenden Blättern
vielleicht an seinen Vater noch wahrscheinlicher an seinen Schoppe sprach
sich sein Glück und seine Seele aus sie bewahrten gleichsam einige entfallne
Orangenblüten des schnell durchflognen Edens auf Hier sind sie
»Kurz vor Sonnenuntergang kamen wir am Himmelfahrtstag in Mola an der
eingeborne Dian war ebenso überwunden von der grünenden Herrlichkeit die er
lange nicht gesehen wie ich und ich glaub ihm noch nicht dass es um Neapel
schöner blühe und dufte Ich ging gar nicht in die Stadt denn die Sonne hing
schon gegen das Meer Um mich quillt der Blumenrauch aus Zitronenwäldern und
Jesmin und NarzissenAuen zu meiner Linken wirft der blaue Apennin seine
Quellen von Berg zu Berg und zu meiner Rechten dringt das gewaltige Meer an die
gewaltige Erde an und die Erde streckt den festen Arm aus und hält eine
glänzende Stadt185 mit Gärten behangen weit ins WogenGewimmel hinein und
ins unergründliche Meer sind hohe Inseln als unergründliche Berge186
hineingeworfen tief in Süden und Osten greift ein schimmerndes Nebelland die
Küste von Sorrento wie ein gekrümmter JupitersArm um das Meer und hinter dem
fernen Neapel steht der Vesuvius mit einer Wolke im Himmel unter dem Mond Fall
auf deine Knie Glückseliger sagte Dian vor der kostbaren Weite O Gott
warum nicht ernstlich es tun Wer kann denn im Abendscheine das ungeheuere
WellenReich anschauen wie dort das Regen sich in der Ferne stillt und nur
glänzt und endlich blau und golden mit dem Himmel verschwebt und wie hier die
Erde das weiche schwebende Feuer mit ihren langen Ländern in einen rosigen
festen Erdschatten einschliesset wer kann den Feuerregen des unendlichen Lebens
den webenden Zauberkreis aller Kräfte im Wasser im Himmel auf der Erde
erblicken ohne niederzuknien vor dem unendlichen NaturGeiste und zu sagen wie
bist du mir so nahe Unaussprechlicher O hier ist er in der Nähe und Ferne
die Seligkeit und die Hoffnung schimmert von der NebelKüste her und auch aus
den nahen Quellen die das Gebirge in das Meer heruntergiesset und in der weißen
Blüte über meinem Haupt O rufet denn nicht diese Sonne von brennenden Wellen
umflattert und das Blau droben und drüben und die erglühenden MenschenLänder
die Welten in der Welt rufet nicht diese Ferne das Herz und alle seine stolzen
Wünsche heraus Will es nicht schaffen und in die Ferne greifen und seine
Lebensblüte vom höchsten Gipfel des Himmels reißen Wenn es aber sich umsieht
auf seinen Boden auch da wieder ist der Gürtel der Venus um den blühenden
Umkreis geworfen hell grünt der hohe Myrtenbaum neben seiner kleinen dunkeln
Myrte die Orange schimmert im hohen kalten Grase und oben duftet ihre Blüte
der Weizen weht mit breiten Blättern zwischen dem Mandel und
NarzissenSchmelze und ferne ist die Zypresse und die Palme stolz alles ist
Blume und Frucht Frühling und Herbst Soll ich hin soll ich her das fragt das
Herz in seinem Glück
So ging mir die Sonne unter die Wellen hinab die roten Küsten flohen unter
ihre Nebel die Welt erlosch von Land zu Land von einer Insel zur andern der
letzte Goldstaub auf den Höhen wurde verweht und die Gebetglocken der Klöster
führten das Herz über die Sterne hinauf
O wie war meines so froh und so sehnend zugleich ein Wunsch und ein Feuer
und in meinem Innersten sprach ein Dankgebet fort dafür dass ich war und bin
auf dieser Erde
Nie vergess ich das Wenn wir das Leben wegwerfen als zu klein gegen unsere
Wünsche gehören nicht diese zu jenem und kamen von ihm Wenn die bekränzte Erde
solche BlütenUfer solche SonnenGebirge um uns zieht will sie damit
Unglückliche einschliessen Warum ist unser Herz enger als unser Auge warum
erdrückt uns eine kaum meilenlange Wolke die doch selber unter unermesslichen
Sternen steht Ist nicht jeder Morgen ein Frühlingsanfang und jede Hoffnung Was
sind die dichtesten Lebensschranken anders als ein Rebengeländer zum Reifen der
Weinglut aufgebauet Und da das Leben sich immer in Viertel zerhackt warum
sollen es lauter letzte sein nicht ebensoofterste auf welche ein
vollstrahlender Mond nachfolgt O Gott sagt ich als ich durch die grünende
Welt zurückging die am nächsten Morgen eine glühende wird nie lasse mich deine
Ewigkeit irgendeiner Zeit leihen ausgenommen der seligsten die Freude ist
ewig aber nicht der Schmerz denn du hast ihn nicht geschaffen
Freund sagte Dian unterwegs zu mir da ich ihm meine innigste Bewegung
nicht recht verhüllen konnte wie kann Euch erst sein wenn Ihr nach Neapel
zurückschauet etwan auf der Überfahrt nach Ischia denn man merkts sehr dass
Ihr in Nordland geboren seid Lieber sagt ich jeder wird mit seinem Norden
oder Süden gleich geboren ob in einem äußern dazu das macht wenig«
So weit sein Blatt über Mola Aber eine wunderbare Begebenheit schien ihn über
die letzte Versicherung desselben noch diese Nacht beim Worte zu nehmen Im Hofe
des Gastauses sammelten sich viele Schiffer und andere alle stritten heftig
über eine Meinung und die meisten sagten immer »Es ist doch heute Himmelfahrt
und Wunder hat er auch getan« »Himmelfahrt« dachte Albano und erinnerte sich
seines Geburtstages der an diesem Feste oft fiel Dian kam herauf und erzählte
lachend das Volk drunten erwarte die Himmelfahrt eines Mönchs der sie in
dieser Nacht versprochen und viele glaubten ihm darum weil er schon ein
Wunderwerk getan nämlich einem Toten auf zwei Stunden die Sprache gegeben vor
ganz Mola Beide wurden eins das Werk mit anzusehen Die Menge schwoll an der
versprochene Mensch kam nicht der sie zu dem Orte der Auffahrt leiten sollte
alles wurde zornig mehr als ungläubig endlich spät in der Nacht erschien eine
Maske und gab mit einem Wink der Hand das Zeichen ihr zu folgen Alles strömte
nach auch Albano und sein Freund Der reine Mond schien frisch aus blauen
Lüften der weite Garten der Gegend schlief in seinen Blüten aber alles
duftete die schlummernden und die wachen Blumen
Die Maske führte die Menge an die Ruinen von Ciceros Haus oder Turm und
zeigte aufwärts Oben auf der Mauer stand ein zitternder Mensch Albano fand
sein Gesicht immer bekannter Endlich sprach der Mensch »Ich bin ein Vater des
Todes der Vater des Lebens sei mir gnädig Wie es mit mir geht weiß ich
nicht Unter euch« setzt er auf einmal in fremder nämlich in spanischer
Sprache dazu »steht einer dem ich auf Isola bella am Karfreitage erschien und
den Tod einer Schwester kundtat er reise fort nach Ischia dort trifft er seine
Schwester an«
Ergriffen und ergrimmend musste Albano diese Worte hören die Gestalt des
Vaters des Todes auf jener Insel sah er jetzt recht klar auf der Ruine und
dessen Versprechen ihm an einem Karfreitage zu erscheinen fiel ihm wieder ein
Er suchte sich jetzt an der Ruine hinaufzuarbeiten um den Mönch zu packen Ein
Molaner rief da er die fremde Sprache hörte »Der Mönch spricht mit dem
Teufel« Der Himmelfahrer sagte nichts darwider er zitterte heftiger aber
das Volk suchte den der es gesagt und schrie der mit der Maske sei es denn
der sei nicht mehr zu finden Endlich bat der Mönch bebend sie möchten still
sein wenn er verschwinde und für ihn beten und nie seinen Körper suchen
Albano war ihm jetzt von Dian ungesehen nahe hinter dem Rücken Da kam hoch im
dunkeln Blau ein Zug Wachteln langsam geflogen Der Mönch hob sich schnell und
wankend auf zerstreuete die Vögel rief in dunkler Ferne »Betet« und schwand
in die weiten Lüfte dahin
Das Volk rief und jauchzete und betete zum Teil viele glaubten jetzt der
Teufel sei im Spiel Unter den Zuschauern lag ein Mensch mit dem Gesicht auf der
Erde und rief immer »Gott sei mir gnädig« Aber niemand brachte ihn zu einer
Erklärung Dian heimlich ein wenig übergläubig sagte hier steh ihm der
Verstand still Aber Albano erklärte schon lange zucke und ziehe ein
GeisterKomplott an seinem Lebensvorhang allein irgendeinmal greif er gewiss
glücklich durch den Vorhang durch und er sei fest entschlossen sogleich von
Neapel nach Ischia überzugehen um seine Schwester zu suchen »Wahrlich«
setzt er dazu »in diesem Mutterlande der Wunderphantasie und jeder Größe
glaubt man so leicht schöne gebende Wunder des Schicksals wie in Norden
entsetzliche raubende Wunder der Geister«
Dian war auch für den frühsten Besuch der Insel Ischia »weil sonst«
setzt er dazu »wenn Albano in Neapel seine Briefe übergeben hätte und in die
Ricevimenti hinein oder auf den Posilippo und den Vesuv hinaufgeraten wäre
dann kein Wegkommen sein würde«
Am Tage darauf gingen sie von Mola ab Das schöne Meer deckte sich an
ihrem Wege auf und zu und nur der goldne Himmel verhüllte sich nie Neapels
Freudenbecher berauschte schon von fernen mit seinem Dufte und Geiste Albano
warf trunkne Blicke auf die campania felice auf das Koliseo in Kapua und auf
den weiten Garten voll Gärten und sogar auf die raue appische Straße die ihr
alter Name sanfter machte
Aber er seufzte nach der Insel Ischia diesem Arkadien des Meers und dieser
Wunderstelle wo er eine Schwester finden sollte Sie konnten nicht eher als
Sonnabends in der Vornacht wenn anders Wachen und glänzendes Leben eine ist
besonders eine welsche SonnabendsNacht in Aversa ankommen Albano bestand
darauf in der Nacht fortzureisen nach Neapel Dian wollte noch ungern Zufällig
stand ein schönes etwan vierzehnjähriges Mädchen im Postause sehr betrübt
über die verfehlte Post und entschlossen noch diese Nacht nach Neapel zu gehen
um am heiligen Sonntag noch früh genug nach Ischia zu kommen wo ihre Eltern
waren »Aus Santa Agata« sagte sie »komme sie her heiße aber nur Agata und
nicht Santa« »Wahrscheinlich ihr alter Spaß« sagte Dian war aber nun bei
seinem Umschweben jeder schönen Form selber recht zur Nachtreise aufgelegt
damit man die Schwarzäugige die freudig und hell in fremdes Augenfeuer blickte
fortbringen könnte Sie nahm es lustig an und schwatzte vertraut wie ein
Naturforscher viel vom Epomeo und Vesuv und weissagte ihnen unzählige Freuden
auf der Insel und zeigte überall eine verständige Besonnenheit weit über ihr
Alter Endlich flogen sie alle unter die hellen Sterne in die schöne Nacht
hinaus
109 Zykel
Albano fährt in der Beschreibung seiner Reise so fort
»Eine helle Nacht ohnegleichen Die Sterne allein erhellten schon die Erde und
die Milchstrasse war silbern Eine einzige mit Weinblüten durchflochtene Allee
führte der Prachtstadt zu Überall hörte man Menschen bald nahes Reden bald
fernes Singen Aus schwarzen Kastanienwäldern auf mondhellen Hügeln riefen die
Nachtigallen einander zu Ein armes schlafendes Mädchen das wir mitgenommen
hörte das Tönen bis in den Traum hinab und sang nach und blickte wenn es sich
damit geweckt verwirrt und süsslächelnd umher mit dem ganzen Ton und Traum noch
in der Brust Singend rollte auf einem dünnen leichten Wagen mit zwei Rädern ein
Fuhrmann auf der Deichsel stehend lustig vorüber Weiber trugen in der Kühle
schon große Körbe voll Blumen nach der Stadt in den Fernen neben uns dufteten
ganze Paradiese aus Blumenkelchen und das Herz und die Brust sogen zugleich den
Liebestrank der süßen Luft Der Mond war hell wie eine Sonne an den hohen Himmel
heraufgezogen und der Horizont wurde von Sternen vergoldet und am ganzen
wolkenlosen Himmel stand die düstere Wolkensäule des Vesuvs in Osten allein
Tief in der Nacht nach zwei Uhr rollten wir in und durch die lange
Prachtstadt worin noch der lebendige Tag fortblühte Heitere Menschen füllten
die Straßen die Balkons warfen sich Gesänge zu auf den Dächern blühten
Blumen und Bäume zwischen Lampen und die HorenGlöckchen vermehrten den Tag
und der Mond schien zu wärmen Nur zuweilen schlief ein Mensch zwischen den
Säulengängen gleichsam an seinem Mittagsschlafe Dian aller Verhältnisse
kundig ließ an einem Hause auf der Süd und Meerseite halten und ging tief in
die Stadt um durch alte Bekannte die Abfahrt nach der Insel zu berichtigen
damit man gerade bei Sonnenaufgang aus dem Meere herüber die herrliche Stadt mit
ihrem Golf und ihren langen Küsten am reichsten auffassete Die Ischianerin
wickelte sich in ihren blauen Schleier gegen Mücken und entschlief am
schwarzsandigen Ufer
Ich ging allein auf und ab für mich gabs keine Nacht und kein Haus Das
Meer schlief die Erde schien wach Ich sah in dem eiligen Schimmer der Mond
sank schon dem Posilippo zu an dieser göttlichen Grenzstadt der Wasserwelt an
diesem aufsteigenden Gebürg von Palästen hinauf bis wo das hohe Sant
ElmoSchloss weiß aus dem grünen Strausse blickt Mit zwei Armen umfassete die
Erde das schöne Meer auf ihrem rechten auf dem Posilippo trug sie blühende
Weinberge weit in die Wellen und auf dem linken hielt sie Städte und umspannte
seine Wogen und seine Schiffe und zog sie an ihre Brust heran Wie eine Sphinx
lag dunkel das zackige Kapri am Horizont im Wasser und bewachte die Pforte des
Golfs Hinter der Stadt rauchte im Äther der Vulkan und zuweilen spielten
Funken zwischen den Sternen
Jetzt sank der Mond hinter die Ulmen des Posilipps hinab die Stadt
verfinsterte sich das Getöse der Nacht verklang Fischer stiegen aus löschten
ihre Fackeln und legten sich ans Ufer die Erde schien einzuschlafen aber das
Meer aufzuwachen Ein Wind von der sorrentinischen Küste trieb die stillen
Wellen auf heller schimmerte Sorrentos Sichel vom Monde zurück und vom Morgen
zugleich wie silberne Fluren Vesuvs Rauchsäule wurde abgeweht und vom
Feuerberg zog sich eine lange reine Morgenröte über die Küste hinauf wie über
eine fremde Welt
O es war der dämmernde Morgen voll von jugendlichen Ahnungen Spricht nicht
die Landschaft der Berg die Küste gleich einem Echo desto mehr Silben zur
Seele je ferner sie sind Wie jung fühlt ich die Welt und mich und der ganze
Morgen meines Lebens war in diesen gedrängt
Mein Freund kam alles war berichtigt die Schiffer angekommen Agata
wurde zur Freude geweckt und wir stiegen ein als die Morgenröte die Gebirge
entzündete und aufgebläht von Morgenlüften flog das Schiffchen ins Meer
hinaus
Ehe wir noch um das Vorgebürg des Posilippo herumschifften warf der Krater
des Vesuvs den glühenden Sohn die Sonne langsam in den Himmel und Meer und
Erde entbrannten Neapels halber Erdgürtel mit morgenroten Palästen sein
Marktplatz von flatternden Schiffen das Gewimmel seiner Landhäuser an den
Bergen und am Ufer hinauf und sein grünender Thron von S Elmo standen stolz
zwischen zwei Bergen vor dem Meere
Da wir um den Posilippo kamen stand Ischias Epomeo wie ein Riese des Meers
in der Ferne mit einem Wald umgürtet und mit kahlem weißen Haupt Allmählich
erschienen auf der unermesslichen Ebene die Inseln nacheinander wie zerstreuete
Dörfer und wild drangen und wateten die Vorgebürge in das Meer Jetzt tat sich
gewaltiger und lebendiger als das vertrocknete vereinzelte starre Land das
Wasserreich auf dessen Kräfte alle von den Strömen und Wellen an bis zum
Tropfen zusammengreifen und sich zugleich bewegen Allmächtiges und doch
sanftes Element Grimmig schiessest du auf die Länder und verschlingst sie und
mit deinen aushöhlenden Polypenarmen liegst du an der ganzen Kugel Aber du
bändigst die wilden Ströme und zerschmilzest sie zu Wellen sanft spielest du
mit deinen kleinen Kindern den Inseln und spielest an der Hand die aus der
leichten Gondel hängt und schickst deine kleinen Wellen die vor uns spielen
dann uns tragen und dann hinter uns spielen
Als wir vor dem kleinen Nisita vorbeikamen wo einst Brutus und Kato nach
Cäsars Tod Schutzwehr suchten als wir vor dem zauberischen Baja und dem
Zauberschlosse wo einst drei Römer die Teilung der Welt beschlossen und vor
dem ganzen Vorgebürge vorübergingen wo die Landhäuser der großen Römer standen
und als wir nach dem Berge von Cuma hinabsahn hinter welchem Scipio Afrikanus
in seinem Linternum lebte und starb so ergriff mich das hohe Leben der alten
Großen und ich sagte zu meinem Freunde Welche Menschen waren das Kaum
erfahren wir es gelegentlich im Plinius oder Cicero dass einer von ihnen dort
ein Landhaus hat oder dass es ein schönes Neapel gibt mitten aus dem
Freudenmeer der Natur wachsen und tragen ihre Lorbeern so gut wie aus dem
Eismeere Deutschlands und Englands oder aus Arabiens Sand in Wüsten und in
Paradiesen schlugen ihre starken Herzen gleich fort und für diese Weltseelen
gab es keine Wohnung außer die Welt Nur bei solchen Seelen sind Empfindungen
fast mehr wert als Taten ein Römer konnte hier groß vor Freude weinen Dian
sage was kann der neuere Mensch dafür dass er so spät lebt hinter ihren Ruinen
Jugend und Ruinen einstürzende Vergangenheit und ewige Lebensfülle
bedeckten das misenische Gestade und die ganze unabsehliche Küste an die
zerbrochnen Aschenkrüge toter Götter an die zerstückten Tempel Merkurs Dianens
spielte die fröhliche leichte Welle und die ewige Sonne alte einsame
Brückenpfeiler im Meer einsame Tempelsäulen und Bogen sprachen im üppigen
Lebensglanze das ernste Wort die alten heiligen Namen der elysäischen Felder
des Avernus des toten Meers wohnten noch auf der Küste Felsen und
Tempeltrümmer lagen untereinander auf der bunten Lava alles blühte und lebte
das Mädchen und die Schiffer sangen die Berge und die Inseln standen groß im
jungen feurigen Tage Delphine zogen spielend neben uns singende Lerchen
wirbelten sich im Äther über ihre engen Inseln heraus und aus allen Enden des
Horizonts kamen Schiffe herauf und flogen pfeilschnell dahin Es war die
göttliche Überfülle und Vermischung der Welt vor mir brausende Saiten des
Lebens waren über den Saitensteg des Vesuvs und Posilipps herüber bis an den
Epomeo gespannt
Plötzlich donnerte es einmal durch den blauen Himmel über das Meer her Das
Mädchen fragte mich Warum werdet Ihr bleich es ist nur der Vesuv Da war ein
Gott mir nahe ja Himmel Erde und Meer traten als drei Gotteiten vor mich
von einem göttlichen Morgensturm wurde das Traumbuch des Lebens rauschend
aufgeblättert und überall las ich unsere Träume und ihre Auslegungen
Nach einiger Zeit kamen wir an ein langes den Norden verschlingendes Land
gleichsam der Fuß eines einzigen Berges es war schon das holde Ischia und ich
stieg seligtrunken aus und da erst dacht ich an das Versprechen dass ich da
eine Schwester finden sollte«
110 Zykel
Bewegt gleichsam feierlich betrat Albano das kühle Eiland es war ihm als
wehten ihm die Lüfte immer die Worte zu der Ort der Ruhe Agata bat sie beide
bei ihren Eltern zu wohnen deren Haus am Ufer nicht weit vom Vorstädtchen187
liege Als sie über die Brücke gingen die den grünen mit Häusern umwundenen
Fels mit dem Ufer und dem Städtchen zusammenhängt so zeigte sie freudig im
Osten das einzelne Haus Wie sie so langsam gingen und sich der hohe runde
Felsen und die Häuserreihe im Wasser abspiegelte und wie auf den flachen
Dächern die schönen Weiber welche die FeierLampen für den Abend ordneten
zueinander emsig herübersprachen und wie sie die wiederkommende Agata grüßten
und fragten und wie alle Gesichter so heiter waren alle Gestalten so zierlich
und selber die ärmste in Seide und wie die lebendigen Knaben kleine
Kastaniengipfel niederzogen und wie der alte Vater der Insel der hohe Epomeo
vor ihnen ganz in Weinlaub und Frühlingsblumen gekleidet stand aus deren süßem
Grün nur zerstreuete weiße Lustäuser beglückter Berganwohner schaueten so war
es Albano als sei ihm das lästige Gepäcke des Lebens in die Wellen entfallen
und die aufrechte Brust sauge weit den kühlen von Elysium her wehenden Äther
ein über dem Meere drüben lag die vorige stürmische Welt mit ihren heißen
Küsten
Agata führte beide ins elterliche Haus am östlichen Abhang des Epomeo und
rief sogleich im lauten frohlockenden Empfang ebenso laut »Das sind zwei brave
Herren die ins Haus wollen« Der Vater sagte sofort »Willkommen Exzellenzen
Ihr sollt gern die Zimmer behalten wenn auch nachher viele Badegäste kommen
Ihr findet nirgends besseres Quartier Ich war sonst nur ein Dreher in der
FayenceFabrik aber seit acht Jahren bin ich ein Winzer und kann etwas geben
Wenn war denn irgendein Dezember und März188 besser als diesmal Befehlt
Exzellenzen« Plötzlich weinte Agata die Mutter hatt ihr das Begräbnis der
jüngsten Schwester berichtet zu dessen Feier nach der Sitte der Insel heute
ein FreudenAbend angeordnet war weil man einander zur ewigen seligmachenden
Bestätigung einer KindesUnschuld durch den Tod Glück zu wünschen pflegte Der
Alte wollte erst recht ins Erzählen eingehen als Dian seinen Albano bat nach
so langer Seelen und Körperbewegung schlummern zu gehen bis Sonnenuntergang wo
er ihn wecke Agata wies ihm sein kühles Zimmer an und er ging hinauf
Hier vor dem kühlenden SeeZephyr war das Einschlummern schon der Schlummer
und das nachklingende Träumen schon der Schlaf Sein Traum war ein
unaufhörliches Lied das sich selber sang der Morgen ist eine Rose der Tag
eine Tulpe die Nacht ist eine Lilie und der Abend ist wieder ein Morgen
Er träumte endlich sich in einen langen Schlaf hinab Spät im Dunkeln
schlug er verjüngt wie ein Adam im Paradies das Auge auf aber er wusste nicht
wo er war Er hörte fernes süßes Tönen unbekannte Blütendüfte durchschwammen
die Luft er sah hinaus der dunkle Himmel war mit goldnen Sternen wie mit
feurigen Blüten bestreuet an der Erde auf dem Meere schwebten LichterHeere
und in tiefer Ferne hing eine helle Flamme mitten im Himmel fest Ein
unbekannter Traum verwirrte noch die wirkliche Bühne mit einer verschwundenen
und Albano ging durch das stille menschenleere Haus fortträumend heraus ins
Freie wie in eine Geisterinsel
Hier zogen ihn Nachtigallen zuerst mit Tönen in die Welt herein Er fand den
Namen Ischia wieder und sah nun dass das Schloss auf dem Felsen und die lange
DächerGasse der UferStadt voll brennender Lampen stand Er ging auf die
erleuchtete von Menschen umlagerte Stelle der Töne zu und fand eine ganz in
Freudenfeuern stehende Kapelle Einer Madonna und ihrem Kinde in der Nische
wurde unter dem geschwätzigen Rausche der Freude und Andacht eine Nachtmusik
vorgespielt Hier fand er seine Wirtsleute wieder die ihn alle im Jubel ganz
vergessen hatten und Dian sagte »Ich hätt Euch schon geweckt die Nacht und
die Lust währt noch lange«
»Hört und seht doch dort den göttlichen Vesuvio der das Fest so recht gut
mitfeiert« rief Dian der sich so tief in die Wellen der Freude eintauchte als
irgendein Ischianer Albano sah hinüber nach der hoch im Sternenhimmel webenden
Flamme die wie ein Gott den großen Donner unter sich hatte und die Nacht hatte
das misenische Vorgebürg wie eine Wolke neben dem Vulkan aufgerichtet Neben
ihnen brannten tausend Lampen auf dem königlichen Palaste der nahen Insel
Procita
Indem er über das Meer hinblickte dessen Küsten in die Nacht versunken
waren und das unermesslich und finster als eine zweite Nacht dahinlag so sah er
zuweilen einen zerfliessenden Glanz darüberschweifen der immer breiter und
heller floss Auch zeigte sich eine ferne Fackel in der Luft deren Lodern lange
FeuerFurchen durch die flimmernden Wellen zog Es kam eine Barke näher mit
eingezognem Segel weil der Wind vom Lande ging Weibliche Gestalten erschienen
auf ihr worunter eine nach dem Vesuv gewandte von königlichem Wuchs an deren
rotem Seidenkleide der Fackelschein lang herunterfloss das Auge festhielt Wie
sie näher schifften und das helle Meer unter den schlagenden Rudern auf beiden
Seiten aufbrannte so schien eine Göttin zu kommen um welche das Meer mit
entzückten Flammen schwimmt und die es nicht weiß Alle stiegen in einiger Ferne
ans Land wo bestellte Diener wie es schien dazu gewartet hatten um alles zu
erleichtern Von der langen Gestalt nahm eine kleine mit einer Doppellorgnette
versehene einen kurzen Abschied und ging mit einem ansehnlichen Gefolge fort
Die rotgekleidete zog einen weißen Schleier über das Gesicht und ging von zwei
Jungfrauen begleitet ernst und einer Fürstin ähnlich der Stelle zu wo Albano
und die Töne waren
Albano stand nahe an ihr zwei große schwarze Augen mit Feuer gefüllt und
mit innigem Ernst auf dem Leben ruhend strahlten durch den Schleier der die
stolze gerade Stirn und Nase verriet In der ganzen Erscheinung war für ihn
etwas Bekanntes und doch Großes sie kam ihm als eine Feenkönigin vor die
vorlängst sich mit einem himmlischen Angesicht über seine Wiege lächelnd und
begabend hereingebückt und die nun der Geist mit alter Liebe wiedererkennt Er
dachte wohl an einen Namen den ihm Geister genannt aber diese Gegenwart schien
hier nicht möglich Sie heftete ihr Auge mit Wohlgefallen und Aufmerksamkeit auf
das Spiel zweier Jungfrauen welche niedlich in Seide gekleidet mit
Goldbesetzten seidenen Schürzen zur Tamburine einer dritten anmutig mit
verschämt gesenktem Haupte und gesenkten Augen tanzten die beiden andern von
der Fremden mitgebrachten Jungfrauen und Agata sangen mit italienischer halber
Stimme süß zur holden Lust »Es geschieht alles« sagte ein alter Mann zur
Fremden »in der Tat zur Ehre der heiligen Jungfrau und des heiligen Nikola«
Sie nickte langsam ein ernstes Ja
Da stand plötzlich Luna vom Opferfeuer des Vesuvs umspielet drüben am
Himmel als die stolze Göttin des Sonnengottes nicht bleich sondern feurig
gleichsam eine Donnergöttin über dem Donner des Bergs und Albano rief
unwillkürlich »Gott der große Mond« Schnell hob die Fremde den Schleier
zurück und sah sich bedeutend nach der Stimme wie nach einer bekannten um als
sie den fremden Jüngling lange angeblickt wandte sie sich nach dem Monde über
dem Vesuv
Aber Albano war von einem Gott erschüttert und von einem Wunder geblendet
er sah hier Linda de Romeiro Als sie den Schleier hob strömte Schönheit und
Glanz aus einer aufgehenden Sonne zarte jungfräuliche Farben liebliche Linien
und süße Fülle der Jugend spielten wie ein Blumenkranz um eine Götterstirn mit
weichen Blüten um den heiligen Ernst und mächtigen Willen auf Stirn und Lippe
und um die dunkle Glut des großen Auges Wie hatten die Bilder über sie gelogen
und diesen Geist und dieses Leben so schwach ausgesprochen
Als wollte die Zeit die glänzende Erscheinung würdig umgeben so schön
spielten Himmel und Erde mit allen Strahlen des Lebens ineinander
liebesdurstig flogen Sterne wie Himmelsschmetterlinge ins Meer der Mond war
über die ungestüme Erdflamme des Vesuvs weggezogen und bedeckte mit seinem
zarten Licht die frohe Welt das Meer und die Ufer der Epomeo schwebte mit
seinen versilberten Wäldern und mit der Einsiedelei seines Gipfels hoch im
NachtBlau darneben lebten die singenden tanzenden Menschen mit ihren Gebeten
und ihren FestRaketen die sie in die Höhe warfen Da Linda lange über das
Meer nach dem Vesuv gesehen redete sie den stillen Albano um seinem Ausruf zu
antworten und ihr schnelles anblickendes Umwenden nach ihm gutzumachen selber
an »Ich komme vom Vesuv« sagte sie »aber er ist ebenso erhaben in der Nähe
als in der Ferne was so selten ist« Ganz fremd und geistermässig klang es
ihm dass er diese Stimme wirklich hörte Mit sehr bewegter versetzt er »Aber
in diesem Lande ist ja alles groß sogar das Kleine durch das Große diese
kleine Menschenfreude hier zwischen dem ausgebrannten Vulkan189 und dem
brennenden alles ist eins und darum recht und so göttlich« Zugleich an und
weggezogen ihn nicht kennend obwohl vorhin von seiner StimmenÄhnlichkeit mit
Roquairol getroffen seinen einfachen Worten gern nachdenkend blickte sie
länger als sie merkte das redliche aber trotzige und warme Auge des Jünglings
an antwortete nichts wandte sich langsam ab und sah wieder still den Spielen
zu
Dian der schon lange die schöne Fremde angesehen fand endlich in seinem
Gedächtnis ihren Namen und kam zu ihr mit der halb stolzen halb verlegnen Miene
der Künstler gegen den Stand Sie kannte ihn nicht wieder »Der Grieche Dian«
sagte Albano »edle Gräfin« Verwundert über des Grafen Erkennung sagte sie
zu diesem »Ich kenne Sie nicht« »Meinen Vater kennen Sie« sagte Albano
»den Ritter von Cesara« »O dio« rief die Spanierin erschrocken wurde eine
Lilie eine Rose eine Flamme suchte sich zu fassen und sagte »Wie sonderbar
Eine Freundin von Ihnen die Prinzessin Julienne ist auch hier«
Das Gespräch floss jetzt ebener Sie sprach von seinem Vater und drückte als
Mündel ihre Dankbarkeit aus »Es ist eine mächtige Natur die sich vor allem
Gemeinen bewahrt« sagte sie sogleich gegen die vornehme Sitte schon
teilnehmend von Personen sprechend Den Sohn beglückte das Lob auf einen Vater
er erhöhte es und fragte in froher Erwartung wie sie seine Kälte nehme
»Kälte« sagte sie lebhaft »das Wort hass ich recht wenn einmal ein
seltener Mensch einen ganzen Willen hat und keinen halben und auf seiner Kraft
beruht und nicht wie ein Schaltier sich an jedes andere klebt so heißt er
kalt Ist die Sonne in der Nähe nicht auch kalt« »Der Tod ist kalt« rief
Albano sehr bewegt weil er oft selber mehr Kraft als Liebe zu haben glaubte
»aber eine erhabene Kälte eine erhabene Qual kann es wohl geben die mit
Adlersklaue das Herz in die Höhe entführt aber es zerreisset mitten im Himmel
und vor der Sonne«
Sie sah ihn groß an »Ihr sprecht ja wie ein Weib« sagte sie »das allein
hat ohne die Macht der Liebe nichts zu wollen und zu tun aber es war artig«
Dian zu allgemeinen Betrachtungen verdorben und nur zu individuellen tüchtig
unterbrach sie mit Fragen über einzelne Kunstwerke in Neapel sie teilte sehr
offen ihre eigentümliche Ansicht mit obwohl ziemlich entscheidend Albano dachte
zuerst an seinen zeichnenden Freund Schoppe und fragte nach ihm »bei meiner
Abreise« sagte sie »war er noch in Pestitz ob ich gleich nicht begreife was
ein so ungemeines Wesen da will es ist ein gewaltiger Mensch aber verworren und
nicht klar Er ist sehr Ihr Freund« »Was macht« fragte Dian halb scherzend
»mein alter Gönner der Lektor Augusti« Sie antwortete kurz und fast über
dessen vertrauliches Fragen empfindlich »Es geht ihm gut am Hofe Wenigen
Naturen« wandte sie sich über Augusti fortfahrend an Albano »geschieht so
viel Unrecht des Urteils als solchen einfachen kühlen konsequenten wie der
seinigen« Albano konnte nicht ganz Ja sagen aber er erkannte in ihrer Achtung
für die fremdeste Eigentümlichkeit froh die Schülerin seines Vaters der ein
Gewächs nicht nach der glatten oder rauen Rinde sondern nach der Blüte
schätzte Nie zeichnet der Mensch den eignen Charakter schärfer als in seiner
Manier einen fremden zu zeichnen Aber Lindas hohe Offenherzigkeit dabei die
feingebildeten Weibern so oft abgeht als kräftigen Männern Feinheit und Hülle
ergriff den Jüngling am stärkesten und er glaubte zu sündigen wenn er nicht
seine große natürliche gegen sie verdoppelte
Sie rief ihre Jungfrauen zum Fortgehen Dian ging fort »Diese sind mir
nötiger« sagte sie zu Albano »als sie es scheinen« Sie habe nämlich
erzählte sie etwas von der Augenkrankheit190 vieler Spanierinnen nachts
unendlich kurzsichtig zu sein Er bat sie begleiten zu dürfen und es geschah
er wollte sie führen ihrer Anmerkung wegen sie verbats
Unter dem Gehen stand sie oft still um nach der schönen Flamme des Vesuvs
zu blicken »Er steht« sagte Albano »in diesem Hirtengedicht der Natur als
eine tragische Muse da und hebt alles wie ein Krieg die Zeit« »Glauben Sie
das vom Krieg« sagte sie »Entweder große Menschen« versetzte er »oder
große Zwecke muss ein Mensch vor sich haben sonst vergehen seine Kräfte wie dem
Magnet die seinigen wenn er lange nicht nach den rechten WeltEcken gekehrt
gelegen« »Wie wahr« sagte sie »Was sagen Sie zu einem gallischen Krieg«
Er bekannte seinen Wunsch für dessen Entstehung und die eigne Teilnahme daran
Er konnte sogar auf Kosten seiner Zukunft gegen sie nichts sein als
offenherzig »Selig seid ihr Männer« sagte sie »ihr grabt euch durch den
LebensSchnee durch und trefft endlich die grüne Saat darunter an Das kann
keine Frau Ein Weib ist doch ein dummes Ding der Natur. Ich ehre ein paar
Häupter der Revolution besonders das politische KraftUngeheuer den Mirabeau
ob ich ihn gleich nicht liebhaben kann«
Unter diesen Reden stiegen sie am Epomeo auf Agata begleitete die beiden
Gespielinnen ihrer frühern Zeit mit voller Zunge und hungrigem Ohre für so viele
gegenseitige Neuigkeiten Da er jetzt neben der schönen Jungfrau ging und
zuweilen in das Angesicht blickte das durch die geistige Kraft noch schöner
wurde zugleich Blume Blüte und Frucht statt dass sonst umgekehrt der Kopf
durch das Gesicht gewinnt so richtete er strenge über sein bisheriges Betragen
gegen dieses edle Wesen ob er gleich wie sie aus Zartheit über das bisherige
Gaukelspiel mit ihrem Namen so wie über das Wunder des heutigen Begegnens
schwieg Still gingen sie in der seltenen Nacht und Gegend Auf einmal blieb sie
auf einer Höhe stehen um welche der Brautschatz der Natur nach allen Seiten in
Bergen aufgehäufet war Sie blickten im Glanze umher der Schwan des Himmels
der Mond wogte fern vom Vesuve im hohen Äther die Riesenschlange der Erde
das Meer schlief fest in ihrem von Pol zu Pol reichenden Bette die Küsten und
Vorgebürge dämmerten nur wie Mitternachtsträume Klüfte voll Baumblüten flossen
über von äterischem Tau aus Licht und unten in Tälern standen finstere
Rauchsäulen auf heißen Quellen und verwallten oben in Glanz hoch lagen überall
erleuchtete Kapellen und tief um das Ufer dunkle Städte die Winde standen still
die Rosendüfte und die Myrtendüfte zogen allein weich und lau umfloss die blaue
Nacht die entzückte Erde um den warmen Mond wich der Äther aus und er sank
liebestrunken mitten aus dem Himmel immer größer auf den süßen Erdenfrühling
herein der Vesuv stand jetzt ohne Flamme und ohne Donner weiß von Sand oder
Schnee in Morgen im dunklern Blau waren die Goldkörner der feurigen Sterne
weit auseinandergesäet
Es war die seltene Zeit wo das Leben den Durchgang durch eine überirdische
Sonne hat Albano und Linda begegneten sich mit heiligen Augen und die Blicke
löseten sich wieder sanft auseinander sie schaueten in die Welt und in das Herz
und sprachen nichts aus Linda kehrte sich sanft um und ging still weiter
Da rief auf einmal eines der nachgehenden geschwätzigen Mädchen aus »Es
kommt wahrlich ein Erdbeben ich fühl es recht gute Nacht« Es war Agata
»Gott geb eines« sagte Albano »O warum« sagte Linda eifrig aber leise
»Alles was die unendliche Mutter will und gibt ist mir heute kindlichlieb
sogar der Tod gehören wir nicht mit zu ihrer Unsterblichkeit« sagt er
»Ja das darf in der Freude der Mensch fühlen und glauben nur im Schmerze
sprech er nicht von Unsterblichkeit in solcher Seelenohnmacht ist er ihrer
nicht würdig«
Albanos Geist stand hier von der Fürstenbank auf um die hohe Verwandte zu
grüßen und sagte »Unsterbliche und wär es sonst niemand« Sie lächelte still
und ging fort Sein Herz war ein beschriebenes Asbestblatt ins Feuer geworfen
brennend nicht verbrennend das ganze vorige Leben losch weg das Blatt glänzte
feurig und rein für Lindas Hand
Als sie die letzte Anhöhe erreichten worunter Lindas und Juliennens Wohnung
lag und sie nebeneinander zur Trennung standen da rief plötzlich unten das
Mädchen »Ein Erdbeben« Aus der Hölle heran rollte ein Donnerwagen in den
unterirdischen Wegen ein breiter Blitz schlug die Flügel am reinen Himmel
unter den Sternen auf und zu die Erde und die Sterne zitterten und
aufgeschreckte Adler flogen durch die hohe Nacht Albano hatte die Hände der
wankenden Linda ergriffen Ihr Angesicht war vor dem Monde zu einer blassen
GötterStatue aus Marmor verblüht Es war schon vorbei nur einige Sterne der
Erde schossen noch aus dem festen Himmel ins Meer und wunderbare Wolken zogen
unten ringsherum auf »Bin ich nicht recht furchtsam« sagte sie weich Albano
schaute ihr lebendig und heiter wie ein Sonnengott im Morgenrot ins Angesicht
und drückte ihre Hände Sie wollte sie heftig wegziehen »Gib sie mir ewig«
sagte er heftig »Kühner Mensch« sagte sie verwirrt »wer bist du Kennst
du mich Wenn du bist wie ich so schwöre und sage ob du immer wahr gewesen«
Albano sah gen Himmel sein Leben wurde gewogen Gott war nahe bei ihm er
antwortete sanft und fest »Linda immer« »Ich auch« sagte sie und neigte
schamhaft das schöne Haupt an seine Brust hob es aber sogleich wieder auf mit
den großen feuchten Augen und sagte schnell »Gehen Sie jetzt Früh morgens
kommen Sie Albano Addio addio«
Die Mädchen kamen herauf Albano ging hinab die Brust gefüllt mit
Lebenswärme mit Lebensglanz die Natur wehte mit frischern Düften aus den
Gärtern her das Meer rauschte unten wieder und auf dem Vesuv brannte eine
AmorsFackel ein Freudenfeuer durch den NachtHimmel zogen noch einige
Adler nach dem Mond wie nach einer Sonne und an das HimmelsGewölbe war die
Himmelsleiter aus goldnen Sprossen von Sternen gelehnt
Da Albano so einsam in der Seligkeit ging aufgelöset in die Wonne der
Liebe in den Duft der Täler in den Glanz der Höhen träumend schwebend so
sah er Zugvögel über das Meer gegen den Apennin nach Deutschland fliegen wo
Liane gelebt »Heilige droben« rief sein Herz »du wolltest dies Glück
erscheine und segne es« Unerwartet stand er vor einer KapellenNische worin
die heilige Jungfrau stand Der Mond verklärte die blasse Statue die Jungfrau
belebte sich unter dem Glanze und wurde Lianen ähnlicher er kniete hin und
heiß gab er Gott die Dankgebete und Lianen die Tränen Als er aufstand girrten
in Träumen Turteltauben und schlug eine Nachtigall die heißen Quellen dampften
schimmernd und er hörte das frohe Singen der fernen Menschen herauf
Neunundzwanzigste Jobelperiode
Julienne die Insel Sonnenuntergang Neapel Vesuv Lindas Brief Streit
Abreise
111 Zykel
Nach einer langen Nacht wehte der frische Morgen wo Albano die Schätze des
seligsten Traums die vom Monde geöffneten Blumen des Glücks vor der Sonne
wiederfinden sollte Ihm jauchzete das Leben da er die gestrigen Höhen die vom
Firnis des Lichtes überzogen glänzten wieder bestieg nicht zu einem Rosenfest
sondern zu allen Blumen und Erntefesten auf einmal zu Myrten und
Lilienfesten zu Ährenlesen und Blütenlesen ging die Sonne über den glücklichen
Boden hervor und wie ein Pfau mit seinem schleppenden Regenbogen in einen
Blütenbaum hineinfliegt so hob sich der junge Tag farbenschwer und mit Gärten
beladen und voll Widerscheine auf die blauen Höhen und lachte kindlich in die
Welt Albano sah jetzt von seiner Höhe unten das Zauberschloss worein sich
gestern die mächtige Zauberin verloren
Er kam unten an Ein singendes Mädchen auf dem blumenvollen Dache das auf
ihn gewartet zu haben schien zeigte unter dem Fortsingen sich herüberbeugend
ihm das nahe Zimmer unter ihr in das er gehen sollte Er trat hinein es war
einsam durch die Fenster aus geöltem Papier quoll ein wunderliches Morgenlicht
auf die hölzerne Stubendecke waren Figuren aus dem Herkulanum gemalt in
einer kampanischen Vase standen gelbe Schmetterlingsblumen und Myrtenblüten und
zogen einen süßen Duftkreis um sich her Die sonderbare Umgebung umschloss ihn
immer enger da er gar einige Bilder und Geräte fand die ihm bekannt vorkamen
Endlich erblickte er bestürzt auf dem Tische einen halben Ring Er nahm seinen
halben hervor den er im gotischen Zimmer in jener Geisternacht von der
angeblichen Schwester bekommen und den er für den Zufall der Vergleichung immer
bei sich trug Er drückte die Halbzirkel ineinander plötzlich schlossen sie
einfassend sich zu einem festen Ringe zu Gott dacht er was greift wieder
ins Leben
Da wurde hastig die Tür geöffnet und die Prinzessin Julienne eilte lächelnd
und weinend herein und rief ihm zufliegend »O mein Bruder mein Bruder«
»Julienne« sagt er ernst und innig »bist du endlich meine Schwester
wirklich« »O lange genug ist sie es« versetzte sie und sah ihn zärtlich und
selig an und lächelte ins Weinen Dann umarmte sie ihn wieder und sah ihn wieder
an und sagte »Du schöner AlbanoBruder So lange bin ich wie ein Mond um dich
herumgezogen und musste kälter und weiter bleiben wie er und will ich dich auch
ausnehmend liebhaben so recht zurücklieben und vorwärts dazu«
»Allmächtiger« brach Albano weinend aus da er sich so plötzlich von einem
gebenden Arm aus der Wolke umschlungen fand »das alles gibst du mir auf einmal
jetzt« »Ach« rief Julienne lebhaft »weint ich nur auch vor lauter Freude
Aber ich esse mein bitteres Stück Schmerz mit dazu Lieber Bruder Luigi
schreibt mir gestern aus Pestitz ich sollte zurückeilen sonst erleb er
schwerlich meine Wiederkunft Dacht ich das bei der Abreise So soll ich was
ich mit der einen Hand einnehme mit der andern ausgeben« Albano schwieg dazu
weil er am Fürsten keinen Anteil nehmen konnte Desto mehr erquickt er sich mit
frischer klarer Freude am offenen wehenden Orient der frühesten Lebenstage an
dem Blicke auf diese junge reine Blume die gleichsam in und aus der hellen
frischen Quelle seiner Kindheit wuchs und spielte
»Aber Himmel erkläre mir« fing Albano an »wie alles zuging« »Jetzt
weiß ich hebt das Fragen an« versetzte sie »Die ostensible Hauptsumme
sollst du kurz haben fragst du nach mehr willst du ins Geheimbuch gucken so
schlag ichs zu und sage dir einige Lügen vor Im nächsten Oktober wohl eher
kommt alles ans Licht Zu allererst Meine Mutter war und bleib wahrlich rein
und heilig bei dieser Verwandtschaft bei dem allmächtigen Gott«
»Welch ein Rätsel« sagt er »Bist du die Tochter meines Vaters Ist Luigi
mein Bruder Ist meine tote Schwester Severina deine Schwester« fragt er
Julienne Frage den Oktober
Albano Ach Schwester
Julienne O Bruder Traue der Tochter Melchisedeks Ferner ich war wohl die
erscheinende Schwester die der Mensch mit dem kahlen Kopfe dir in Lilar
zuführte ich konnte nicht ich musste dich haben eh du ins Ausland entflogst
Das Alter das ich damals im Spiegel hatte war wie du siehst nur vom
Kunstspiegel191 gemacht
Albano Wahrlich ich dachte damals an niemand als an dich Nur wie kommt
ein Mensch wie der Kahlkopf und wie der Vater des Todes der mir so
unbegreiflich in Mola vorausgesagt dass ich dich finden würde
Julienne Das ist unmöglich Meinen Namen nannt er
Albano Bloß dieser fehlte Der Pater ist übrigens nach aller
Wahrscheinlichkeit mit dem Kahlkopf ein Mensch Er fuhr dabei gen Himmel
Julienne Da bleib er ja und der andere mit Geht und ficht mich oder dich
dieser dunkle ZauberBund etwas an der in seinen falschen Wundern bisher immer
durch seltsame wahre unterbrochen wurde Ich kam damals in Lilar unschuldig dazu
und verhütete vielleicht etwas Fürchterliches
Albano Bei Gott ich muss fragen Was ist denn sein Zweck wer sein Leiter
sein Oberer
Julienne Vermutlich der Vater der Gräfin denn der lebt noch unbekannt und
ungesehen hör ich obgleich dein Vater Vormund ist Erstaune wenn du zu Hause
bist und lasse die Rätsel die sich ja für uns beide schon so freudig
entwickeln und erwarte die Oktobertage
Albano Aber eins geliebte Schwester versage mir doch nicht ein klares
Wort über mein und dein wunderbares Verhältnis zur edlen Gräfin Nur das
Julienne Hat dirs denn schon mein Herz versagt Die Herrliche Wohl ihr
und mir und dir Dein erstes Wort der Liebe die Götter setzten dies nun so
fest sollte das Merkwort zu dem meinigen an dich werden erst von der
Geliebten durftest du die Schwester empfangen Was Gaukler und Geister dazu und
davon taten das weiß niemand besser als der Oktober was soll ich erst lange
zwischen Lüge und Meineid auslesen Ich tat bloß alles euch beide nur
voreinander hinzustellen das Übrige wußt ich voraus Nichts gelang lauter
erwürgender Wirrwarr alles ging bergan ich sah teuere Menschen192 in einem
unseligen Frühling entsetzliche Schmerzen säen und dabei so voll Hoffnungen
lächeln und konnte ihre unglücklichen Hände nicht halten ich die so gewiss
allen Jammer vorauswusste »O du fromme reine Seele droben« sagte sie auf
einmal mit zitternder Lippe zum Himmel hinauf die Geschwister umfassten sich
sanft und weinten still über das unschuldige Opfer
»Nein« sagte Albano sehr warm »kein Höllenbund konnte uns scheiden wäre
sie nur bei mir geblieben oder doch auf der Erde« »Sieh Albano« sagte
Julienne ihre frohern Lebensgeister wieder zusammenrufend und öffnete alle
dunkele Fenster »wie der MorgenHügel auf und ab prangt und wallet Lasse mich
ausreden Recht zum größten Glück erfuhr ich im Winter dass du nach Neapel
gedächtest Linda war schon einmal dagewesen und ihre Mutter in den hiesigen
Bädern Mir sagt ich zu ihr täten Ischias Bäder so wohl als einer reise
mit den tristen Vormund in Rom wollen wir gar nicht berühren und besuchen Sie
willigte leicht ein Deiner wurde natürlich nicht gedacht vorher aber oft genug
in Briefen und sonst wo ich dich immer unmäßig lobte Und nun nous voici
donc Gestern erhielt ich in Neapel den traurigen Brief meines Bruders Von
deiner Ankunft wußt ich noch nichts Ich ließ die Gräfin allein zu deinem
TonFest gehen und eilte mit dem schweren Herzen heim Da sie freudig kam tat
sie ihres auf und sagte mir alles und dann ich ihr alles Ach gottlob«
setzte sie ihm an den Hals fallend dazu »dass wir nun endlich im Elysium
ausgestiegen sind und dass uns der morsche CharonsKahn nicht hat ersaufen
lassen Aber für ganz Europa auch für deinen Dian bleibt auf unserer
Verwandtschaft das Sekretsinsiegel daran merke« Er musste noch einige Fragen
tun sie antwortete immer aufgeweckt »Der Oktober der Oktober« bis sie auf
einmal wie erwachend ausrief »O wie kann ich das so lustig sagen« aber ohne
sich darüber zu erklären
»Jetzt will ich dich wie ichs bisher machte zur Gräfin bringen aber über
einen kürzern Weg« sagte sie nahm seine Hand führte ihn hinaus öffnete das
Zimmer gegenüber wo Linda wohnte und sagte »Ich stelle dir meinen Bruder
vor« Hoch errötend ging ihnen die edle Gestalt entgegen und umarmte ohne ein
Wort die liebe Freundin Als ihr Auge Albano wiederfand wurde sie so betroffen
dass sie die Hand zurückzuziehen suchte die er küsste denn sie hatte gestern
kaum nur dämmernd sein schönes Auge und seine edle Stirn und den Mund der Liebe
gesehen und dieser blühende Mensch stand von doppelter Rührung beseelt so
hell und still und ernst vor ihr voll edler rechter Liebe Ihr Herz wäre gern
an seines gefallen wenigstens ihre Hand gab sie ihm in seine wieder und
wünschte ihm Glück zu diesem Morgen Die nahe Antwort »Und zum gestrigen Abend«
konnt er nicht über die Lippe bringen aus eigener verschämter Scheu Lob zu
geben wie zu nehmen »Endlich ist der dritte Mann zum ReiseKollegium gefunden«
sagte Julienne »Denn du musst in einigen Tagen gleich fort nach Pestitz musst
du mit Albano« »Ich mit Schwester« sagt er »ich wollte einen Monat
bleiben in einige Tage aber ist der Besuch des Vesuvs Herkulanums und Neapels
zusammengedrängt« Er wunderte sich nachher selber über den süßen Gehorsam
unter die schönen Befehle der Liebe da er sonst zu sagen pflegte »Befiehl mir
zu befehlen so gehorch ich nicht« »Ich begleite meine Freundin« sagte
Linda »so gern ich nach Griechenland gegangen wäre dem ich schon zweimal so
nahe bin«
»Noch in dieser Nacht flieg ich fort« sagt er »ich will nur wachen
sehen leben lieben« Julienne fing schon mit SchwesterSorgen für seine
Gesundheit und seine Zwecke an geteilt zwischen zwei Brüder hätte sie sich
gern wär es nur möglich beiden zugleich geopfert »Ischia hat der gute
Mensch auch noch nicht genossen« sagte sie »das muss er heute haben«
Albano fühlte bei dieser neuen weiblichen Liebe das Weib sei das Herz in
der schönsten Gestalt In ihm klang ein Freudenlied welch ein Tag liegt vor
dir und welche Jahre Vom Überhang der doppelten LiebesBlüten süß
umschlungen und eingesponnen sah er das Leben und die Erde voll Duft und Licht
über den Morgentau der Jugend war nun eine Sonne heraufgeführt und die
dunkeln Tropfen strahlten durch alle Gärten hinauf und hinab
Er warf endlich einen Blick auf den Ort der ihn umgab Niobes Gruppe der
Genius von Turin Amor und Psyche standen abgegossen da aus dem Kabinette eines
Künstlers in Neapel entlehnt die Wände waren mit seltenen Gemälden geschmückt
worunter der niesende Schoppe war Dieser allein drang mit der nordischen
Vergangenheit heftig in sein erweichtes Herz und er sagte der Geliebten sein
Gefühl »Sie ziehen« sagte sie »der Kunst die Freundschaft vor denn das
Porträt ist das Schlechteste in meiner Sammlung aber das Original verdient wohl
alle Achtung«
Sie ging ins Kabinett und holte ein Miniaturbild von sich selber das sie
nach türkischer Sitte darstellt eingeschleiert und nur ein Auge aufgedeckt Wie
neben der SchleierDämmerung das offene SeelenAuge lebendig blickte und traf
Wie die Flamme ihrer Macht die Hülle der Milde durchbrannte Linda nannte den
Meister des herrlichen Bildes eben diesen Schoppe und setzte dazu er habe
gesagt hier müsse der Meister aus Gegengefälligkeit selber ein Werk loben das
ihn so parteiisch und kräftig lobe wie noch kein anderes Werk von ihm Sie
erklärte diese Verschiedenheit seines Pinsels aus einer Ursache, die er ihr
selber fast wörtlich gesagt er habe nämlich in seiner frühesten Jugend ihre
Mutter so lange geliebt als er sie gesehen und hernach niemand weiter und
darum hab er da sie ihr ähnlich sei sie con amore gemalt und wirklich etwas
zu leisten gesucht
»O redlicher alter Mensch« sagte Albano und konnte sich kaum der Tränen aus
Augen die so oft glücklich waren erwehren aber nur aus heiligem
FreundschaftsSchmerz Denn es fuhr nun durch ihn wie ein Wetterstrahl durch
den hellsten Himmel die durch alles durch Schoppens Tagebuch und Lindas Worte
und Rabettens Brief gewisse Vermutung dass Linda die Seele sei die der
sonderbare Mensch verborgen geliebt Ein scharfer Schmerz schnitt eilig aber
tief durch seine Stirn und er überwand sich bloß durch seine jetzige jüngere
Frische des Geistes, durch neu gesammelte Kraft und Gewalt und durch den freien
Gedanken dass ein Freund dem Freunde wohl und leicht die Geliebte aber nicht
die Liebende geben und opfern könne oder dürfe
Julienne sagte »Ein Wunder ists nur dass der Bruder zwischen zwei solchen
Phantasten wie dieser Schoppe und Roquairol nicht selber einer geworden«
Ein flüchtiger Krieg brach aus Linda sagte »Schoppe ist nur eine südliche
Natur im Kampfe mit dem nordischen Klima« »Eigentlich mit dem Leben selber«
sagte Albano Julienne blieb dabei »Ich liebe überall Regel im Leben bei
beiden ist man nie ruhig und a son aise sondern nur a leur aise« Sie fragte
ihn geradezu über Roquairol »Er war einmal mein Freund und ich spreche nicht
mehr von ihm« sagt Albano dem des zernichteten Lieblings folternde Liebe
gegen Linda und selber dessen Verwandtschaft mit Liane die Zunge band Linda
ging mit dem bloßen Urteile eines überspannten Schwächlings leicht und ohne
besonderes Gedenken seiner Liebe gegen sie oder ihres Abscheues vor ihm darüber
hin sie vergaß in der Ferne ebenso kalt jeden der ihrem Innern widrig war als
sie in der Nähe ihn heftig davonstiess
Julienne entfernte sich um die Anstalten zur kleinen Tag und Inselreise zu
treffen Albano schickte ein Blatt an Dian als Marschroute nach Neapel Linda
sagte über Julienne »Ein tief und festgegründetes Gemüt« »Das Stamm und
Zweige nur in lauter kleine duftende Blüten einhüllt« setzt er hinzu »Und
gerade was sie in Büchern und Gesprächen hasset die Poesie die treibt sie
recht in Taten Individualität ist überall zu schonen und zu ehren als Wurzel
jedes Guten Sie sind auch sehr gut« setzte sie mit sanfter Stimme dazu
»Wahrlich jetzt bin ichs« sagt er »denn ich liebe recht und nur ein
vollendetes Wesen kann man recht lieben und ganz uneigennützig«
So muss das Sonnenbild vollendet und rund auffallen um zu brennen »Oder
eines das man dafür hält« sagte sie »Ich bin was ich bin und werde
schwerlich anders Wenn nur der Mensch einmal einen Willen hat der durch das
Leben geht nicht von Minute zu Minute von Mensch zu Menschen wechselt das
ist die Hauptsache« »Linda« rief Albano »ich höre meine Seele es gibt
Wörter welche Taten sind Ihre sinds« Wenn sie so ihre Seele aussprach
verschwand vor seinem bezauberten Geiste die schöne Gestalt wie die goldne
Saite verschwindet wenn sie zu tönen anfängt Von der Vergangenheit verwundet
und bestraft für seine oft harte Kraft hauchte er ob ihn gleich jetzt das
Leben die Welt und selber das Land kühner heller fester und heißer gemacht
die unisonen Äolssaiten dieser vieltönigen Seele nur mit leisem Atem an Aber
wie musste sie ein Mann bezaubern zugleich so mächtig und so zart ein sanftes
Sternbild aus nahen Sonnen ein schöner Kriegsgott mit der Lyra eine
Sturmwolke voll Aurora ein mutiger heißer Jüngling der so redlich dachte
Aber sie sagte es nicht sondern liebte bloß wie er
Er warf einen zufälligen Blick auf ihre kleine TischBibliothek »Lauter
Franzosen« sagte sie er fand den Montaigne das Leben der Guyon den Kontrat
social und zuletzt Madame Stael »Sur linfluence des passions« Er hatte diese
gelesen und sagte wie ihm die Artikel über die Liebe die Parteien und die
Eitelkeit unendlich gefallen und überhaupt ihr deutsches oder spanisches
Feuerherz aber nicht ihre französische kahle Philosophie am wenigsten ihre
unmoralische Selbstmordsucht »Lieber Gott« rief Linda »ist nicht das Leben
selber ein langer Selbstmord Albano alle Männer sind doch irgendwo Pedanten
die guten in der sogenannten Moralität und Sie besonders Kantische Maximen
breite weite Fächer Prinzipien müssen sie alle haben Ihr seid alle geborene
Deutsche recht deutsche Deutsche Sie auch Freund Hab ich recht« setzte sie
sanft dazu als begehre sie ein Ja
»Nein« sagte Albano »Sobald einmal ein Mensch etwas recht ernstlich und
ausschließend treibt und verlangt so heißt er ein Phantast oder Pedant« »O
die ewigen Leser und Leserinnen« rief Julienne hereintretend über sein Buch
in der Hand aus »Nie hat die Prinzessin eine Vorrede und eine Note gelesen«
sagte Linda »wie ich noch keine weggelassen« Weiber die Vorreden und Noten
lesen sind bedeutende bei Männern wäre höchstens das Gegenteil wahr »Wir
können reisen alles ist fertig« sagte Julienne
112 Zykel
Wie wehte draußen als sie in die festliche Welt kamen das kühle Himmelsblau
herab statt der Erdenlüfte Wie glänzte die Welt und der Tag und die Zukunft
Wie schäumte im Lebenskelche der Liebestrank für jeden der drei Menschen aus
zwei berauschenden Mitteln gemacht glänzend über
Sie folgten dem Wege nach dem Gipfel des Epomeo aber in ausweichender
Freiheit und in einem Wechsel der Natur, der nirgends weiter auf der Erde so
ist Sie begegneten Tälern mit Lorbeern und Kirschen mit Rosen und Primeln
zugleich Es kamen kühle Schluchten mit reifen Orangen und Äpfeln ausgefüllt
neben heißen Felsen von Aloe und Granaten und an die Gipfel des Kirsch und
Apfelbaums rührten oben die Wein und Orangenblüten In den blühenden Klüften
schlugen sichere Nachtigallen und aus den Ritzen schossen giftlose
Schlangenköpfe ans Licht Zuweilen kam ein Kloster in einem Zitronenwäldchen
zuweilen ein weißes Haus am Weingarten bald eine kühle Grotte bald ein
Kohlgarten neben rotem Klee bald eine kleine Aue voll weißer Rosenblumen und
Narzissen und überall ein Mensch der singend tanzend und anredend
vorüberging Wechselnd deckten Höhen und Gärten das Land und das Wasser auf
und zu und lange schimmerte oft das weite ferne Meer und seine WolkenKüste wie
ein zweiter Himmel durch die grünen Zweige nach
Sie kamen dem Hause des Einsiedlers auf dem Gipfel immer näher auf bunten
goldnen Schwungfedern des Lebens sich wiegend Sie sagten einander zuweilen ein
freudiges Wort aber nicht um sich mitzuteilen sondern weil das Herz nicht
anders konnte und ein Wort nichts war als ein freudiger Seufzer Sie standen
endlich auf dem ErdenThron und blickten wie von der Sonne herunter Rings um
sie war das Meer gelagert ins Blau des Horizonts verschmolzen von Kapua her
zog in der Tiefe der weiße Apennin um den Vesuv und herüber auf der langen Küste
Sorrentos fort und vom Pausilipp an verfolgten die Länder das Meer bis über
Mola und Terracina auf der geöffneten WeltFläche erschien alles die
Vorgebürge die gelben KraterRänder auf den Küsten und die Inseln rings umher
die der verhüllte fürchterliche Gott unter dem Meere aus seinem Feuerreich an
die Sonne getrieben und das holde Ischia mit seinen kleinen Städten an den
Ufern und mit seinen kleinen Gärten und Kratern stand wie ein grünendes Schiff
im großen Meer und ruhte auf zahllosen Wogen
Da verschwanden drunten die Größen der Erde nur die Erde allein war groß
und die Sonne mit ihrem Himmel wars »O wie sind wir glücklich« sagte Albano
Ja ihr wart glücklich dort wer wird es nach euch sein Sich auf dem Baum
des Lebens wiegend auf welchen schon sein KindesAuge so früh und sehnsüchtig
geblickt sagt er alles was ihn erhob und ergriff »Daran erkenn ich die
Allgewaltige zornig und flammend steigt sie aus dem Meersboden herauf pflanzt
ein brennendes Land und dann teilt sie wieder lächelnd an ihre Kinder Blumen
aus so sei der Mensch Vulkan dann Blume« »Was sind dagegen« sagte
Julienne »alle Winterlustbarkeiten des deutschen Wonnemonds Ist das nicht eine
kleinere Schweiz nur in einem größeren Genfersee« Die Gräfin durch ihr
Spanien einheimischer in solchen Reizen hielt sich meistens still »Der Mensch«
sagte sie »ist die Oreade und Hamadryade oder sonst eine Gottheit und beseelet
Wald und Tal und den Menschen selber beseelet wieder ein Mensch«
Der Einsiedler erschien und sagte ihr heraufgesandtes Mahl sei längst
angekommen er lobte seine Höhe mit »Oft« sagt er und machte Julienne lachen
»raucht mein Berg wie der Vesuv und Badgäste sehen herauf und fürchten etwas
es ist aber weil ich mein Brot hier oben backe« Sie lagerten sich im
schattigen Freien Man musste immer wieder auf die liebliche verkleinerte Insel
hinabsehen die mit ihren in Gärten gesäeten Gärten mit ihren mit Herbsten
durchflochtenen Frühlingen so ganz und nahe lag ein großer Familiengarten wo
die Menschen alle beisammen wohnen weil nicht Länder sich mit Ländern
verwirren und die Bienen und die Lerchen fliegen nicht weit über den Garten des
Meeres hinaus Gleich offenen stillen Blumen waren die drei Seelen nebeneinander
duftend fliegt der Blumenstaub hin und her neue Blumen zu erzeugen Linda
versank ganz in ihr großes tiefes Herz der Liebe ungewohnt wollte sie sie
darin anschauen und genießen indes kein Wort Albanos ihr entfloh denn es
gehörte zur Liebe im Herzen Von Milde übergossen und sinnend war sie da mit
dem großen Auge halb unter dem niedergehenden Augenlid nach ihrer Sitte immer
lange schweigend wie lange sprechend Wie der Diamant ebenso glänzt wie der
Tautropfe nur aber mit fester Kraft und auch ohne Sonne war ihr Herz dem
weichsten in jeder weiblichen Milde und Reine gleich und übertraf es nur an
Stärke Entzückt sah Julienne es an wenn sie etwa nach einem kindlichen
Vergessen Albanos weil ihr RedeStrom sie von einer Welt in die andere gerissen
plötzlich und mit unbefangener Freude mit ihrer feingeformten Hand zu des
Jünglings seiner zurückkehrte dem ihr Händedruck nichts Kleineres war als eine
zärtere Umarmung
Sie nahmen den nähern Rückweg gegen Albanos Wohnung herab die immer in
ihrem RebenGeniste zu ihnen heraufsah Man war noch so kurz beieinander am
Morgen reiste Albano Er sollte von Portici aus schreiben ein Bote den Brief
holen »und er bringt mir auch einen« sagt er »gewiss nicht« sagte Linda
Albano bat »Sie wird sich schon ändern und schreiben« sagte Julienne Sie
verneinte Allmählich liefen Schattenfurchen neben den schwarzen Lavaströmen den
Berg hinab und in den Pappeln fingen Nachtigallen schon ihre melodische
Dämmerung an Sie kamen Albanos Hause nahe Dian lief entzückt der Prinzessin
entgegen Albano bat ihn ohne beide gefragt zu haben eine Barke zu schaffen
damit man den Abend genieße Gerade zu gewaltsamen Anträgen der Freude sagen die
Mädchen am liebsten das Ja Dian war sogleich mit einer zur Hand mit seiner
Freude hing er schnell an jeder fremden
Sie stiegen alle ein und fuhren unter die Sonnenblumen die jeder
Sonnenstrahl auf die WellenBeete immer dichter pflanzte Albano vergaß im
jetzigen Feuer gewohnt an die Sitten des warmen Landes wo der Liebende vor der
Mutter spricht und sie von ihm mit der Tochter wo die Liebe keinen Schleier
trägt nur der Hass und das Gesicht und wo die Myrte in jedem Sinne die
Einfassung der Felder ist sich einen Augenblick vor Dian und nahm Lindas Hand
schnell entriss sie ihm sie der MädchenSitte treu die den Arm verschenkt und
den Finger und Fingerhut verweigert Aber sie sah ihn sanft an wenn sie
abgeschlagen
Sie kamen auf ihrer Fahrt von Osten nach Norden wieder vor dem Felsen mit
den Häusern und vor den Gassen der UferVorstadt vorüber Alles war froh und
freundlich alles sang was nicht schwatzte die Dächer waren mit Webstühlen
seidner Bänder besetzt und die Weberinnen sprachen und sangen zusammen von Dach
zu Dach Julienne konnte kaum das Auge von diesem südlichen Vereine ablassen
Sie zogen weiter ins Meer und die Sonne ging ihm näher zu Die Wellen und die
Lüfte spielten miteinander jene wehend diese wogend Himmel und Meer wurden
zu einem Blau gewölbt und in ihrer Mitte schwebte frei wie ein Geist im All
das leichte Schiff der Liebe Der Umkreis der Welt wurde ein goldner
geschwollner Ährenkranz voll glühender Küsten und Inseln Gondeln flogen
singend ins Weite und hatten schon Fackeln für die Nacht bereit zuweilen zog
hinter ihnen ein fliegender Fisch seinen Bogen in der Luft und Dian sang ihnen
ihre bekannten vorübergleitenden Lieder nach Dort segelten stolz und langsam
große Schiffe her mit rotem und blauem Helmbusch gleich dem Himmel flatternd
und als Sieger dem Hafen zu Überall war LebensMost ausgegossen und arbeitete
brausend So spielte eine göttliche Welt um den Menschen »O hier an dieser
großen Stelle« sagte Albano »wo alles Platz hat die Paradiese und die
schwarzen OrkusUfer aus Lava und das weiche Meer und Vesuvs graues
Gorgonenhaupt und die spielenden Menschen und die Blüten und alles hier
wo man glühen muss wie eine Lava dürfte man da nicht sich gleich der heißen
Lava umher in die Wellen begraben in seiner Glut wenn man wüsste es könne etwas
vergehen von dieser Stunde nur etwas vom Andenken davon oder ein Pulsschlag
für ein Herz Wäre das nicht besser« »Vielleicht« sagte Linda Julienne
wurde durch die weiche Freude vor das ferne Krankenbette ihres Bruders gezogen
und sagte lächelnd »Kann man es nicht wie die schöne Sonne drüben machen und
unter die Wellen gehen und doch wiederkommen Schauet doch ihrem Untergange
recht zu nirgends ist er auf der Erde so«
Die Sonne stand schon zu einem großen Goldschild gewachsen vom Himmel
gehalten über den Ponzischen Inseln und vergoldete das Blau derselben die
weiße Krone aus FelsenStacheln Kapri lag in Glut und von Sorrentos bis
Gaetas Küsten war den WeltMauern dämmerndes Gold angeflogen die Erde rollte
mit ihrer Achse wie mit einer Spielwelle nahe an der Sonne und schlug aus ihr
Strahlen und Töne seitwärts lagerte sich versteckt der RiesenBote der Nacht
auf das Meer der unendliche Schatte des Epomeo
Jetzt berührte die Sonne ihr Meer und ein goldner Blitz zitterte durch den
nassen Äther umher und sie wiegte sich auf tausend feurigen WellenFlügeln
und sie zuckte und hing liebesbrünstig liebeglühend an dem Meere und das Meer
sog brennend alle ihre Glut Da warf es als sie vergehen wollte die Decke
eines unendlichen Glanzes über die erblassende Göttin Dann wurd es still
auf der Welt eine bewegliche Abendröte überfloss mit RosenÖl alle Wogen die
heiligen UntergangsInseln standen verklärt die fernsten Küsten traten heran
und zeigten ihr Rot der Entzückung auf allen Höhen hingen Rosenkränze der
Epomeo glühte bis zum Äther hinauf und auf dem ewigen Wolkenbaum der aus dem
hohlen Vesuv aufwächset verglomm im Gipfel der letzte dünne Glanz
Sprachlos wandten sich die Menschen von dem Westen nach dem Ufer um Die
Schiffer fingen wieder an zu sprechen »Mache« bat Linda ihre Freundin leise
»dass dein Bruder sich immer nach Abend wendet« Sie erfüllte die Bitte ohne
deren Grund sogleich zu erraten Immer sah Linda in sein schön beglänztes
Angesicht »Bitt ihn wieder« sagte sie zum zweitenmal »es dämmert zu sehr
und meine kranken Augen sehen ohne Licht so übel« Es geschah nicht denn sie
stiegen sogleich ans Ufer Die Erde zitterte ihnen da sie sie betraten als ein
Sangboden der seligen Stunde nach Albano war in sprachloser Rührung auf das
geliebte Angesicht geheftet das er bald wieder verlassen sollte »ich schreibe
Ihnen« sagte sie unaufgefodert mit einem so rührenden Widerrufe der vorigen
Drohung dass er sich wär er nicht unter fremden Augen gewesen danktrunken auf
ihre Hand an ihr edles Herz gestürzet hätte Das Scheiden und das Ende eines
harmonischen Tages wurde schwer worin der Ton jeder einzelnen Minute wieder ein
Dreiklang gewesen Jetzt schied Dian schon »Nicht einmal die Rosen des Abends«
sagte Julienne »sind ohne Dornen« »Abgebrochen ist überall das beste wir
wollen nach Hause« sagte Linda Albano bat dass er begleiten dürfe »Wozu«
sagte Linda Leise setzte sie ihrer Augen wegen dabei »Ich kann Euch kaum
mehr sehen indes kommt nur ich höre doch« »Schöne Veränderliche« sagte
Julienne »Ich verändere mich« sagte sie »aber kein anderer nur bis zur
Kapelle Albano Ihr schiffet morgen früh fort« »Nicht einmal heute noch
vielleicht« sagte er
Indem sie nun so langsam und immer langsamer den Berg hinangingen und die
Nachtigallen schlugen und die Myrtenblüten dufteten und die lauen Lüfte
flatterten und oben die ganze zweite Welt wie eine verschleierte Nonne durch die
SilberGitter der Sternbilder heilig schaute so überfloss jedes Herz von treuer
Liebe und der Bruder und die Schwester und die Geliebte nahmen wechselnd
einander die Hand
Auf einmal stand Linda an der Stelle der gestrigen Vereinigung und sagte
»Hier soll er gehen Julienne« und zog schnell ihre Hand aus seiner und
streichelte leicht über seine Locken und seine Wange und dann über sein Auge und
fragte »Wie« in einen Traum verirrt »Gleich« sagte Julienne »aber auf den
italienischen Winter muss man doch um nur heimzukommen gar warten auf den
Mond« Da fiel der Bruder der zarten Schwester welche ihm dadurch die längere
Gegenwart und der Freundin das Wiedersehen durch die stärkere Beleuchtung
zubereiten wollte an das Herz und rief mit Tränen aus »O Schwester wie viel
hast du nicht für mich getan eh ich etwas tun oder dir danken konnte du
reichst mir ja alles jedes Glück die höchste Seligkeit o wie bist du« »Der
Mond ist da« rief sie »nun reise glücklich und scheide«
Wie ein silberner Tag war der Mond auf die Gebirge heraufgetreten und die
verklärte Geliebte sah des Geliebten blühendes Angesicht wieder Er nahm ihre
Hand und sagte »Lebe wohl Linda« sie sahen sich lange an die Augen voll
Seelen und sie wurden sich fremder und höher da drückte er ohne zu wissen
wie die erhabene Jungfrau wie ein seliger Geist eine Frühlingssonne sich an
das Herz und er berührte das Heiligtum ihres Angesichts mit dem seinigen und
wie Morgenröten zweier Welten schmolzen ihre Lippen zusammen Linda schloss die
Augen und küsste zagend und nur ein einziges Leben und Glück rollte und glühte
zwischen zwei Herzen und Lippen Julienne umschlang leise die Umarmung mit ihrer
und begehrte kein anderes Glück Darauf schieden alle ohne wieder zu sprechen
oder sich umzusehen
113 Zykel
Albano flog mit der neuen Hastigkeit die jetzt in seinen Handlungen regierte
schon unter dem kühlen Morgenstern von dem glücklichen Boden davon Er sagte dem
Baumeister Dian sein ganzes Glück weil er wusste wie sehr der Mann noch ein
Jüngling für die Liebe blieb »bravo« antwortete Dian »Wer kann ohne Liebe in
Italien auskommen Unsereiner wenigstens nicht Hoffentlich ist Eure prächtige
Juno gegen Euch nicht so stolz wie gegen andere Leute dann mags wohl ein
Götterleben geben«
In den Morgenlüften von Sonne und Woge angestrahlt schwebt er gleitend
auf dem blauen SpiegelMeer zwischen zwei Himmeln und sein Auge war selig wenn
es nach dem Olymp Epomeo zurücksah und war selig wenn es wieder auf die
hinauf und hinabschimmernden Küsten auf den langen ausgelegten Markt der Erde
blickte
Als sie unter den schwimmenden Palästen den Schiffen vorbei an die
stehenden kamen trafen sie das Volk im Taumel eines HeiligenFestes Er vergrub
gezwungen den blauen Tag und das Meer in Tempeln in Bildersälen in vierten
Stockwerken wo nach der Sitte einige Große wohnten an welche er von seinem
Vater Briefe abgab und schöner in der unterirdischen finsteren Gasse die sich
durch den blühenden Posilippo wölbt
Nur der Aussicht dass er in der ersten nächsten Einsamkeit mit dem
entrückten Herzen reden werde beruhigte seinen immer aus der Gegenwart
fliehenden Geist Abends bestiegen sie die schönste Höhe über Neapel das
Kamaldolenser Kloster wo er unter den Freuden der Aussicht in grauer Ferne
hinter dem Posilippo den hohen Epomeo stehen sah Er hielt sich nicht länger
sondern fing an einer dichter umblühten Stelle die er sich dazu aussuchte
diesen Brief an Linda an
»Endlich edle Seele kann ich zu dir reden und deine Insel wieder schauen
wiewohl nur als eine aufgerichtete sonnenrote Abendwolke am Horizont Linda
Linda o dass ich dich habe und hatte Dauert denn der zweitägige GötterTraum
noch herüber ins kalte Heute Du bist jetzt so fern und stumm und ich höre kein
Ja Als ich in Rom auf der Peterskuppel in den blauen Morgenhimmel sah und das
Leben um mich brausend schwoll wie die Lüfte mich umwehten so war mir als
müsst ich mich in ein fliegendes Königsschiff werfen und ein Ufer suchen das
unter dem tiefsten Sternbild grünt als müsst ich wie eine Kaskade hinabflattern
durch den Himmel und mich drunten durch das steinige Leben reißen dringend und
zerstörend und tragend Und so ist mir jetzt wieder und noch stärker ich möchte
zu dir hinüberfliegen und sagen du bist mein Ruhm mein Lorbeerkranz meine
Ewigkeit aber ich muss dich verdienen ich kann nichts für dich tun außer für
mich In der alten Zeit waren geliebte Jünglinge groß Taten waren ihre
Grazien und der Panzer ihr Feierkleid Heute als ich auf den Golf von Baja und
auf die Ruinen hinübersah wo die Gärten und Paläste der großen Römer noch mit
Trümmern oder Namen liegen und als ich die alten trotzigen Riesen stehen sah
mitten in Blumen und Orangen und in lauen Duftlüften davon erquickt aber nicht
erweicht mit der Hand den schweren Dreizack hebend der drei Weltteile bewegte
und mit der markigen Brust entgegentretend dem Winter im Norden der Glut in
Afrika und jeder Wunde da fragte mein ganzes Herz bist du so O Linda kann
der Mann anders sein Der Löwe geht über die Erde der Adler geht durch den
Himmel und der König dieser Könige habe seine Bahn auf der Erde und in dem
Himmel zugleich Noch war und tat ich nichts aber wenn noch das Leben ein
leerer Nebel ist kannst du ihn übersteigen oder festgreifen und zerschlagen
Willst du einmal du Uranide einen Mann lieben so tret ich vor keinem zurück
Aber Worte sind an Taten nur Sägespäne von der Herkuleskeule wie Schoppe sagt
Sobald der Krieg und die Freiheit aufeinanderstossen so will ich dich im Sturm
der Zeit verdienen und dir Taten mitbringen und die unsterbliche Liebe
Hier steh ich auf der göttlichen Höhe des Klostergartens und blicke in ein
grünes Himmelreich ohnegleichen hinab Die Sonne ist schon über den Golf hinüber
und wirft ihre Rosenfeuer unter die Schiffe und ein ganzes Ufer voll Paläste
und voll Menschen brennt rot durch die langen aufgebreiteten Straßen unter mir
rollt das Festgetümmel schon herauf und die Dächer sind voll geschmückter
Menschen und voll Musik Balkons und Gondeln erwarten die göttliche Nacht zu den
Gesängen Und hier bin ich allein und bin doch so glücklich und sehne mich ohne
den Schmerz Aber wär ich vor vier Tagen Linda wo ich dich noch nicht kannte
und noch nicht hatte hier gestanden und hätte angesehen diesen Abend das
goldne Meer das heitere Portici das Sonne und Meer mit Flammen anspülen den
herrlichen Vesuv mit goldgrünen Myrten umwunden und mit dem grauen AschenHaupt
voll Sonnenglut und hinter mir die grüne Ebene voll Wolken aus Blütenstaub
die aus Gärten steigen und in Gärten regnen und den ganzen webenden
Zauberkreis freudiger Kräfte diese in Licht und Leben schwimmende Welt dann
Linda hätte ohne dich durch die warme Seligkeit ein kalter Schmerz gezückt und
im goldnen Abendlicht wären Erinnerungen mit TrauerLarven gegangen
O Linda wie hast du meine Welt gereinigt und erweitert und ich bin nun
überall glücklich Du hast den schweren scharfen Pflug des Lebens der mühsam an
der Ernte arbeitet in einen leichten Griffel und Pinsel verwandelt der
umherspielt bis er eine GötterGestalt erschafft Sah ich heute nicht jeden
Tempel und jeden Hügel froher wie von dir vergoldet und jede Schönheit sie
mochte an der Statue auf der Leinwand oder auf der singenden Lippe oder auf den
Gipfeln blühen prangte und duftete üppiger und dann flog ich von der kleinen
Blume auf zur blühenden Linda
Wie herrschet die dunkle Gewalt hinter der Wolke Versiegelte Befehle gibt
sie uns mit damit wir sie auf einer späten fremden Stelle erbrechen Gott erst
auf Ischias Epomeo musst ich meinen öffnen da ging ein Augenblick über das
Leben und gebar die Ewigkeit der Schmetterling brachte die Göttin
Der Abend geht unter und ich muss schweigen Wüsst ich nur wie der deinige
ist Mein Leben besteht jetzt aus zwei Stunden deinen und meinen und ich kann
nicht mehr mit mir allein leben Dieser Tag sei dir doch reich und mild
entwichen und dein Abend wie meiner Die Sonne rötet nur noch den Vesuv die
Inseln verglühen langsam im dunkeln Meer ich schaue nun ohne mit dir zu
sprechen den großen Abend an aber o Gott so anders als in Rom Selig werd
ich mein Auge nur an deine auslöschende Insel im GlanzGetümmel des Abendrots
heften und lange noch hinsehen wenn schon Epomeos Gipfel in der Nacht
verwittert und dann werd ich heiter in das mit Lichtern umstellte Grab der
Farben unter mir schauen frohe Gesänge werden durch die Dämmerung ziehen die
Sterne werden liebreich schimmern und ich werde sagen Ich bin allein und
still aber unaussprechlich selig denn Linda hat mein Herz und ich weine nur
aus Liebe weil ich an ihres denke und trunken werd ich durch den Blütenrauch
des Bergs hinuntergehen«
Er kam langsam nach Neapel zu seinem Freunde Dian zurück alle FestLust die
ihm begegnete das ganze Odeum der Wonne in welchem das klingende Rad der Leier
schwindelnd umrollte schien ihm bloß sein Nachklang zu sein indes sonst erst
den äußern sinnlichen Saiten des Menschen die innern nachklingen Er wollte nur
immer weiter und noch wenn es ginge diese Nacht auf den Weg nach dem Vesuv
für ihn gab es jetzt nur eine Tagszeit Das wärmere Klima samt der Liebe und dem
Mai schienen alle Frühlingswinde seiner Kräfte zu wecken sie wehten ungestüm
ihm selber sogar bewusst nur vor der Geliebten war er noch wund von der
Vergangenheit bloß ein Zephyr der die stäubende Blüte schont
Am andern Tage wollt er nun den Vesuv besteigen und am Morgen darauf seinen
Dian in Portici erwarten wenn er vorher auf dem Vulkan die Sonne hatte aufgehen
sehen
114 Zykel
Seine Reise beschrieb er seiner Geliebten
In der Hütte des Einsiedlers auf dem Vesuv
»Warum liegt nicht der Mensch auf den Knien und betet die Welt an die Berge
das Meer das All Wie erhebt es den Geist dass er ist und dass er die ungeheuere
Welt denkt und sich O Linda ich bin noch voll von dem Morgen auch wohne ich
noch auf der erhabenen Hölle Gestern reiste ich am Morgen mit meinem Bartolomeo
durch den reichen vollen Gartenweg nach dem heitern Portici das sich an den
Riesen anschmiegt wie Katana an den Ätna Immer dieselbe große durch dies
erhabene Land ziehende epische griechische Verschmelzung des Ungeheuern mit dem
Heitern der Natur mit den Menschen der Ewigkeit mit der Minute Landhäuser
und eine lachende Ebene gegenüber der ewigen Todesfackel zwischen alten
heiligen Tempelsäulen geht ein lustiger Tanz der gemeine Mönch und der Fischer
die GlutBlöcke des Bergs türmen sich als Schutzwehr um Weingärten und unter
dem lebendigen Portici wohnt das hohle tote Herkulanum ins Meer sind
Lavaklippen gewachsen und in die Blumen schwarze Sturmbalken geworfen Das
Steigen war anfangs meiner Seele Erquickung der lange Berg wurde der vollen
Wolke ein Ableiter Spät nachts im ewigen Steigen kamen wir ohne Genuss der
Abendsonne durch deren roten Glanz auf der Asche wir schnell waten mussten hier
beim Einsiedler an der Mond war noch nicht herauf deine Insel noch unsichtbar
Oft donnerte es unter dem Fußboden der Stube Da wurd ich auf einmal vom
Einsiedler schön an meinen alten Schoppe erinnert indem er mir erzählte dass
einmal ein hinkender Reisender mit einem Wolfshund hierüber gesagt im Vesuv sei
der Stall der unaufhörlich polternden Donnerpferde Das war nach allem gewiss nur
Schoppe
In der Mitternacht meine Linda als der Mond über den Apennin herüber war
und mit einem entzückten langen Silberblick vom Himmel sah und ich an dich
dachte stand ich auf und ging leise hinaus um wieder zu sehen wo du wohnest
meine Linda Draußen war es überall still ich hörte gleichsam die Erde auf
ihrer Bahn im Himmel donnern die Schatten der Lindenbäume um mich schliefen
fest auf dem grünen Rasen Vesuvs Rauch stieg empor in die reine Luft über
das dampfende Meer hin glänzte wunderlich der Mond und mühsam sucht und fand
ich endlich den einsamen Berg deiner Insel hoch ins Blau gezogen silbern
blühend unter den Sternen um ihn her eine schimmernde Tempelzinne für mein
Herz Dort wohnt und schlummert Sie auf dem Tabor eine Verklärte des
Elysiums sagte ich mir Um mich war Asche der Jahrhunderte Stille des Sargs
und nur zuweilen ein Poltern als werfe man auf jenen den Grabhügel ich war
weder im Land des Todes noch der Unsterblichkeit Die Länder wurden Wolken
Neapel und Portici lagen verdeckt das weite Himmelsblau umfing mich ein hoher
Nachtwind bog die Rauchsäule des Vulkans nieder und führte sie
wechselndbeglänzt in langen Wolken durch den reinen Äther fort Da sah ich
nach Ischia und sah gen Himmel o Linda ich bin aufrichtig hör es dass ich
die fromme Liane die dich so unendlich liebte bat jetzt um dich zu schweben
und dir das Glück zu bereiten das sie dir sonst so gönnte Auf einmal
wurden die Donner des Berges ganz still die Sterne blitzten heller da
schauderte mich die Stille und das Leben und ich ging in die Hütte zurück aber
lange noch weint ich vor Entzückung über den bloßen Gedanken dass du glücklich
würdest
Der Morgen ging auf und mitten in seinem dunkeln Winter traten wir die
Reise nach der FeuerSchlucht und Rauchpforte an Wie in einer abgebrannten
dampfenden Stadt ging ich neben Höhlen um Höhlen neben Bergen um Berge vorbei
und auf dem zitternden Boden einer ewig arbeitenden Pulvermühle dem Pulverturm
zu Endlich fand ich den Schlund dieses Feuerlands ein großes glühendes
DampfTal wieder mit einem Berg eine Landschaft von Kratern eine Werkstätte
des Jüngsten Tags voll zerbrochner WeltStücken gefrorner geborstener
Höllenflüsse ein ungeheuerer Scherbenberg der Zeit aber unerschöpflich
unsterblich wie ein böser Geist und unter dem kalten reinen Himmel sich selber
zwölf Donnermonate gebärend Dunkelröter steigt auf einmal der breite Dampf
wilder gehen die Donner ineinander heißer raucht die schwere HöllenWolke
plötzlich fährt Morgenluft herein und schleppt den flammenden Vorhang den Berg
hinab Da stand die helle gütige Sonne auf dem Apennin und der Somma und
Ottayano und Vesuv blühten im FriedensGlanz und die Welt ging langsam nach der
Sonne auf mit Gebürgen Inseln und Küsten Der Ring der Schöpfung lag auf dem
Meere vergoldet vor mir und wie die Zauberstäbe der Strahlen die Länder
berührten so fuhren sie lebendig empor
Und der alte KönigsBruder des Vesuvs der Ätna saß auf seinem goldnen
Thron und schaute über sein Land und Meer Und wie Schnee rollte von den
Gebürgen der lichte Tag in das Meer herunter in Glanz zerrinnend und floss über
das weite glückliche Kampanien und in dunkle KastanienTäler Und die Erde
wurde unabsehlich und die Sonne zog im weiten StrahlenNetz die süßgefangne
Welt im schönsten Äther weiter
O Linda da prangte deine Insel ausgebreitet stolz gelagert im Meer mit
herunterfliessendem Morgenrote ein hochmastiges Kriegsschiff und ein Adler
der Vogel des Donnergottes flog in die selige Weite als trag er mein Herz in
seiner Brust zu deinem Epomeo hin O ich möchte ihm nach sagte mein Geist
Der heiße Boden tat Donnerschläge und der Rauch umhüllte mich Ich möchte
sterben damit ich dem Adler nachflöge und jetzt in Ischia wäre«
Hier hielt die heftig erregte Seele sich innen Er ging oder glitt den Abhang
nach Portici herab In einem gegenseitig vorher festgesetzten Hause glaubt er
seinen Freund wiederzufinden Aber er fand weder Dian noch den erwarteten Brief
von Linda Entkräftet von Gehen Wachen und Glühen fiel er im kühlen stillen
Zimmer in einen Traumschlaf Da er erwachte stand die Mitternacht des
italienischen Tags um ihn die Siesta alles ruhte unter dem heißen stillen
Lichte im Himmel war keine Lerche die grünen Sonnenschirme neben seinem
Fenster die Fichten standen ungeregt in der Erde und nur die Pappeln wiegten
leise die neugeborne Blüte des Weins die in ihren Armen lag und der Efeu der
von Gipfeln hing schwankte ein wenig Solche Schattenzweige spielten einst in
Lilar in Charitons Zimmer als er Lianen erwartete und damals an Italien dachte
Der große ebene einfache Garten von Portici nach Neapel ein von Wellen
umspültes GartenGewebe von Dörfern Baumwäldchen und Landhäusern führte sein
Auge über Blüten nach seinem Paradies im Meer Diese einsame stille Zeit voll
Sehnsucht erweichte unendlich sein schönes Herz Er endigte so den abgebrochnen
Brief
In Portici
»O meine Linda Ich bin dir wieder näher aber die Ferne zwischen uns wird mir
hier in der Stille so weit O Linda ich liebe dich mit Schmerzen in der Nähe
in der Ferne o mit welchen verlör ich dich erst Warum bin ich denn deiner
Liebe so gewiss Oder so ungewiss Leise spricht dein Herz zu mir Leise Musik und
Liebe ist einer entfernten gleich und die ferne auch wieder der leisen Hat
mich der erhabene Säulenstuhl des Donnergottes neben mir so sehr erschüttert
oder denk ich zu lebhaft an das hohle tote Herkulanum unter mir wo eine Stadt
ein Sarg ist weinend und beklommen seh ich über das Meer an die stille Insel
worauf du wohnst O dass es so lange wird bis wir uns sehen dass du nicht
gleich jeden Gedanken aus meinem Herzen schöpfst und ich aus deinem Warum
stellt mir das Ausbleiben deines Briefs auf einmal größere Schmerzen ach die
größten vor die Seele Warum denk ich die tiefsten Schmerzensstriche auf
unserer Stirn die Runzeln des Lebens sind nur kleine Linien aus dem ungeheueren
Bauriss den der Weltgeist zieht unbekümmert welche Stirnen und Freuden seine
Glückslinie schmerzhaft durchschneide Wenn diese Linie einmal durch unsere
Liebe ginge vergib den voreilenden Schmerz in diesem Leben dem Wechsel
zwischen Strichgewittern und Sonnenblicken ist er wohl erlaubt«
Hier unterbrach ihn die Freude und Dian in Begleitung eines Ischianers der
einen Brief von Linda brachte um seinen mitzunehmen Er las ihn heftig und gab
seinem noch die Worte wie eine Freudenträne mit »Übermorgen komm ich auf die
Insel Was ist die Erde gegen ein Herz Du bist mächtig du hältst mein ganzes
blühendes Dasein empor in den Himmel und es stürzt auf dich wenn es stürzt
Lebe wohl Ich fürchte wahrlich weder das heiße Öl noch die Flamme der Psyche«
Hier ist Lindas Brief
»Wir beide leben sehr still seit der artige Flüchtling auf Bergen und in
Palästen umherschwärmt Wir sprachen fast zu viel von ihm und ließ uns noch
dazu die schwatzende Agata holen um gar von seiner Reise zu erfahren Ihre
Julie ist voll Segen und Hilfe für Linda Noch nie sah ich eine so klare
bestimmte scharf durchblickende und doch kalte Natur die nur gebend liebt
mehr als liebend gibt Sie wird zwar nie die Schmerzen fühlen die Venus Urania
ihren Erwählten schenkt aber sie ist eine geborene Mutter und eine geborene
Schwester und ich frage sie zuweilen warum hast du nicht alle Brüder und alle
Waisen
Seit dem Erdbeben bin ich etwas kränklich Ich habe es vielleicht nicht
gewohnt zu lieben und so zu sterben Ich nehme ein philosophisches Buch denn
Dichter greifen mich jetzt zu heftig an und glaub ihm noch zu folgen wenn
ich schon längst weggeflogen bin über das Meer Ich lese jetzt das Leben der
herrlichen Guyon diese weiß wie man liebt dieser göttliche Affekt gegen das
Göttliche dieses SelbstVerlieren in Gott dieses ewige Leben und Bestehen in
einer großen Idee diese wachsende Heiligung durch die Liebe und die wachsende
Liebe durch die Heiligung Mir entsinkt das Buch ich schließe die Augen ich
träume und weine und liebe dich O Albano komme früher Was willst du jetzt an
Bergen und Ruinen suchen Kommen wir nicht wieder Aber ihr zerstreueten Männer
Nur die Weiber lieben es sei Gott oder euch leider Die Guyon die heilige
Terese die etwas prosaische Bourignon liebten Gott wie kein Mann außer der
heilige Fenelon der Mann geht mit dem höchsten Wesen nicht viel besser als mit
dem schönsten um Albano hast du eine andere Sehnsucht als ich begehrst du
mehr auf der Erde als mich mehr im Paradies als mich so sag es damit ich
aufhöre und sterbe Wahrlich wenn du deine Schwester umarmest so bin ich
eifersüchtig und möchte deine Schwester sein und dein Freund Schoppe und dein
Vater und alles was du liebst und dein Ich wenn du es liebtest und dein
ganzer Himmel und dein ganzes Du im Ich dein Ich im Du
Ich will Euch einiges von meiner Geschichte erzählen Still ging ich lange
über die Erde ich sah die Höfe die Nationen und Länder und fand dass die
meisten Menschen nur Leute sind Was ging es mich an Man sage gar von nichts
das ist bös sondern nur das ist dumm und denke nicht mehr daran Was ich
nicht liebe existiert für mich auch nicht und anstatt lange zu hassen oder zu
verachten hab ichs vergessen Ich wurde für stolz und phantastisch gescholten
und konnt es niemand rechtmachen Aber ich bewahrte und nährte mein Inneres
denn kein Ideal darf aufgegeben werden sonst erlischt das heilige Feuer des
Lebens und Gott stirbt ohne Auferstehung Ich sah die Männer und fand immer
bloß den Unterschied unter ihnen dass die einen fein verständig und zart waren
ohne Enthusiasmus und Gemüt die andern sehr herzlich und entusiastisch mit
bornierter Rohheit alle aber selbstsüchtig wiewohl sie wenn ihr Herz voll und
nicht im Abnehmen ist eben wie der volle Mond die wenigsten Flecken zeigen
Neben den Lehren meiner großen Mutter neben Ihrem großen Vater bestand keiner
Ihren Roquairol konnte man weder lieben noch hassen noch achten noch fürchten
wiewohl sehr nahe an alles dieses zusammen kommen
Es machte viel auch dass ich immer reiste Reisen erhält oft kälter Wenn
ich nach der Küste sehe und denke dass ein großer Römer bald in Baja bald in
Deutschland bald in Gallien bald in Rom war und dass ihm die Erde eine große
Stadt wurde so begreif ich leicht dass ihm die Menschen zu Massen wurden
Reisen ist Beschäftigung was uns Weibern immer fehlt Die Männer haben immer
zu tun und schicken die Seele auswärts die Weiber müssen den ganzen Tag daheim
bei ihrem Herzen bleiben In der Schweiz legt ich mir so wie die Prinzessin
Idoine eine kleine Ökonomie an und ich weiß wie man über kleine Ziele die
man täglich erreicht sich über das hohe tröstet das wie ein GottesThron in
der Höhe liegt
Da kam ich gerade in dieser stillen Woche des Lebens an den Eissee in
Montanvert An pittoresken Bergen Ebenen Klüften hatt ich mich in Spanien
satt gesehen und an Eisbergen in der Schweiz Aber ein Eismeer in dieser Höhe
ein einsames uraltes blaugrünes Meer von roten Felsen umstanden eine breite
Wüste voll reger aufstehender Wellen im Sturm die ein plötzlicher Tod ein
Medusenhaupt so mitten im Leben starr und fest gemacht Es schlug ein Gewitter
mir sonst furchtbar damals mit Flammen den Berg herauf ich merkt es kaum
meine Seele hing sinnend an der Stille eines versteinerten Sturms an der Ruhe
des Eises Ich erschrak weinte ungewöhnlich den Berg herab und in derselben
Woche legt ich das ökonomische Spielwerk beiseite und reiste fort
Ich machte aber keine Wettergebete sondern wohnte drunten ohne Klage in der
Regenschlucht eines dunkeln kalten Daseins Da brachte mich das Schicksal auf
den Epomeo und da wollten die Götter dass es sich änderte
Aber nun muss es so bleiben Wenn ein seltenes Wesen zu einem seltenen Wesen
gesagt hat Du bists so sind sie nur durch und füreinander Die Psyche mit
der Lampe wird es nicht fühlen wenn die Lampe ihre Locken und ihre Hand und
Herz ergreift und verbrennt während sie selig den schlummernden Amor anschauet
aber wenn der entschlüpfende heiße Öltropfe aus der Lampe den Gott berührt und
er aufwacht und ihr zornig entfliegt auf ewig auf ewig Ach du arme Psyche
Was hilft dir der Tod im aufgelösten Eismeer Hat denn noch kein Mann den
Schmerz der verlorenen Liebe empfunden damit er wisse wie noch tausendmal
härter er eine Frau verheere Welcher hat denn Treue die rechte die keine
Tugend und keine Empfindung ist, sondern das Feuer selber das den Kern der
Existenz ewig belebt und erhält
Ich bin krank Albano sonst weiß ich nicht wie ich zu diesen tristen Ideen
komme Ich bin so ruhig im Innersten ich habe nur die Saiten nicht die
Stimmung gezeigt Wir sollen nicht auf die Zukunft wirken und sehen sondern auf
die nächste Gegenwart Erschiene je die Zeit ich habe weder Reue noch Geduld
je die Zeit wo du mich nicht mehr und recht liebtest ach ich würde stiller
stärker kürzer sein als jetzt und was gibt es weiter als entweder für den
Geliebten sterben oder durch ihn
Komme bald Holder Es ist sehr schön um uns es hat geregnet alle Welt
jubiliert und sieht die SonnenTropfen und hat sich einen HimmelsTrank
gesammlet auch ich habe für dich Tassen und Vasen in der Eile hinausgestellt
Komme ich will dir das Ölblatt und den Myrtenzweig bringen und um das Haupt
Rosen und Violen winden Komme ich dachte sonst nicht dass ich so oft nach dem
Posilippo sehen würde
L«
»N S Auch die Nebenbuhlerin sieht nach dem Posilippo und freut sich auf dein
Wiedersehen Doch übereile nichts Addio caro
J«
Albano fand in diesem Charakter eine stille Rechtfertigung und Erfüllung aller
Foderungen die er früher bei Lianens Leben immer an ein geliebtes Wesen machen
musste er nahm aber in der Unschuld seiner Liebe nicht wahr dass gerade diesem
Wesen die in seinem Briefe regierende Sehnsucht nach Krieg und Taten nicht
gefallen könne
Er besuchte nun die unterirdische Stadt in ihrem Gottesacker gleichsam
neben der CestiusPyramide des Vulkans Dian ging mit ihm das Herkulanum als ein
antiquarisches Lexikon durch um ihm die ganze Haushaltung der Alten bis zum
Mahlen hinauf aufzublättern aber Albano war bewegter als sein Freund von dieser
mitten in der Gegenwart wohnenden Vergangenheit von den stillen Häusern und
nächtlichen Gassen und von den häufigen Spuren der fliehenden Verzweiflung
»Wären denn nicht diese Leute alle jetzt doch tot ohne den Vesuv« fragt ihn
Dian heiter im heitern Lande »Ich frag Euch lieber« fuhr er fort»ob ein
Baumeister wenn er aus dieser Kunstkammer oder Kunststadt gekommen in Eurem
Deutschland noch viel Lust haben kann nach der größten Ruine der Erde die
erbärmlichen winzigen für Eure Fürstengärten anzugeben« Sie sahen in einem
dunkeln Vorhaus eben eine irdene Maske an die man in Gräber stellte mit Lampen
wie Augen darhinter Da blickte ihn Albano starr an und sagte »Sind wir nicht
blitzende Larven aus Erde am Grab« »Pfui die hässliche Idee« sagte Dian
Noch lange draußen im lebendigen Sonnenschein gingen ihm dunkle Gedanken
nach neben dem glänzenden Portici stand der Vesuv als Scheiterhaufen und der
Todesengel darauf Er dachte an Hamiltons Weissagung dass das schöne Ischia
einst auf der Mine eines Erdbebens sterbe Selber Lindas Brief betrübte ihn mit
dem bloßen Gemälde ihres möglichen Verlusts
In Neapel besah er noch einige Merkwürdigkeiten dann schifft er sich am
andern Morgen nach dem Eden der Wellen ein
115 Zykel
Und als sie sich wieder sahen und wieder fassten waren sie entzückter und
verbundner als es jedes glückliche Herz vorausgesehen Linda saß still und
sanft sah den schönen Jüngling an und ließ ihn und die Schwester erzählen die
sich oft unterbrach um beide zu küssen Er sprach sehr erfreut über Lindas
Brief Männer machen überall mehr aus dem Geschriebenen als Weiber
Linda sprach gleichgültig »Ach was Ists geschrieben und gelesen so sei es
vergessen In Ihrem ist zuweilen auch ein nordisches Fauxbrillant« »Die
Gräfin« sagte Julienne »lobt niemand ins Gesicht als sich« Linda ertrug mit
eigener Gutmütigkeit den Spott Albano ihr oft gefallend und missfällig wo ers
nicht wusste vergab der Liebe so leicht Der Freundschaft vergibt die beleidigte
Eitelkeit schwerer
»Zwar doch« holte Julienne plötzlich unter dem Schleier der Lustigkeit zu
einer ernsten Rede aus »Dein EmigrierProjekt nach Frankreich ist ein
Fauxbrillant Kannst du denn glauben dass man es dir zulässet dass eine
PrinzessinSchwester von Hohenfliess dem Bruder Pässe zu einem demokratischen
Feldzuge unterschreibt Nimmermehr Und gar kein Mensch der dich liebt« Albano
lächelte wurde aber am Ende ernst Linda war still und senkte das Auge »Zeige
mir« sagte er sanft wie nur mit halbem Ernst und Scherz »auf der Landkarte
eine bessere Laufbahn« »Einen bösern Laufgraben« sagte sie spielend »Wohl
kaum« Nun schattete sie mit aristokratischen weiblichen und fürstlichen Farben
zugleich mit dreifarbigen Farbenerden alle Flammen Rauchwolken und Wellen ab
momit der Monte nuovo der Revolution aus dem Grunde aufgestiegen war Und setzte
dazu »Lieber ein müßiger Graf als das« Er wurde rot Von jeher war ihm das
weibliche Binden der männlichen Kraft das liebende Krummschliessen zu Blumen
herab das ungerechte Umschmieden des LiebesRings zum GaleerenRing so
aufschreckend und verhasset »in einer Welt die nur eine Messwoche und ein
Maskenball ist nicht einmal Mess und Maskenfreiheit zu behalten ist stark«
hatte einmal Schoppe gesagt und er nie vergessen weil es aus seiner Seele in
sie kam »Schwester du bist entweder nicht mein Bruder oder ich deine
Schwester nicht« sagt er »sonst verständen wir uns leichter« Lindas Hand
zuckte in seiner und ihr Auge ging langsam zu ihm auf und schnell nieder
Julienne schien vom Vorwurfe des Geschlechts betroffen zu sein Albano dachte an
die Zeit wo er ein Herz aus Wachs zerdrückte mit einem aus Eisen und sagte
heller und kälter »Julienne ich will gern kein Nein zu dir sagen wenn du es
nur für kein Ja ansiehst« Er könnte fiel ihm ein seinen Widerspruch leicht
hinter die Zukunft verstecken da ja noch kein Krieg in Europa entschieden war
aber er fand das nicht ehrlich und stolz genug »Quäle nicht« sagte Linda zu
ihr »Jawohl« sagte Julienne aufspringend »ich darf ja nur an das und an das
denken was weiß ich« und sah sehr ernstaft aus »Noch zwei Tage« setzte sie
dazu und suchte aus dem Ernst zu kommen »können wir auf der Insel wie Götter
ja wie Göttinnen verleben wiewohl zu einem Gott taug ich allenfalls nur zu
keiner Göttin diese muss länger sein ich bin nur die Folie der Gräfin aus
unendlicher Güte« Denn Juliennens Gestalt verlor durch die Nachbarschaft der
majestätischen Linda
Aber der Krieg der liebenden Menschen hatte sich durch keinen Frieden
geschlossen und blieb daher in seinen Waffen Wie der Vesuv glühende Steine so
wirft der Mensch seine Vorwürfe so lange in sich empor und erhebt und
verschlingt sie wechselnd bis endlich eine glücklichere Richtung sie über den
Rand hinaustreibt
In Albano arbeitete wohl die Frage was Lindas Schweigen zum kleinen Kriege
über und wider den großen bedeute allein er legte sie nicht vor Der
Unabänderlichkeit seines Entschlusses sich bewusst war er milder gegen die
Schwester die er glaubt er doch einmal sehr damit verwunden würde So war er
durch den kalten und warmen Wechsel des Lebens sanft geworden wie ein Edelstein
durch schnelles Erglühen und Abkühlen sich in Arzenei verwandelt
Schnell und schön gingen die letzten Freudentage über die Insel hinüber die
nach dem Regen wie ein deutscher Garten grünte Die weiche kühle Luft die
Myrten und die Orangendüfte einzelne Glanzwolken am warmen Himmel der
Zauberrauch der Küsten die goldne Sonne am Morgen und am Abend und die Liebe
und die Jugend schmückten und krönten die einzige Zeit Hoch brannte auf der
blühenden Erde die Opferflamme der Liebe in den blauen stillen Himmel Wie zwei
Spiegel voreinander stehen und der eine den andern und sich und die Welt abmalt
und der andere alles dies und auch die Gemälde und den Maler so ruhten Albano
und Linda voreinander Seele in Seele ziehend und malend Wie der Montblanc
herrlich sich im stillen Chedersee hinabspiegelt in einen blassern Himmel so
stand Albanos ganzer fester lichter Geist in Lindas ihrem Sie sagte er sei ein
Redlicher und Edler zugleich und habe was so selten sei einen ganzen Willen
nur woll er wie oft die Männer noch mehr lieben als er liebe und daher
merk er seine stille Erbsünde vor Selbstsucht nicht genug Gegen nichts
sträubt er sich zorniger und aufgebrachter als gegen den letztern Tadel und er
vergab ihn niemand als der Gräfin Er widerlegte sie so stark er konnte aber
ihre Meinung wurde durch die beste Vertilgung nur eine Scheinleiche und trat ihm
in der nächsten Stunde wieder lebendig entgegen
Mit sich wurd er durch sie näher bekannt als mit ihr selber Er nannte sie
die Uranide weil sie ihm wie der Himmel zugleich so nahe und so fern erschien
und sie hatte nichts gegen diesen vollen Lorbeerkranz Es gibt eine himmlische
Unergründlichkeit die den Menschen göttlich und die Liebe gegen ihn unendlich
macht so ließ die Alten die Freundschaft die Tochter der Nacht und des Erebus
sein Wenn Albano so über den weiten reichen Geist Lindas hinsah sie zugleich
ihrer Liebe lebend und jede fremde beschirmend und doch gleichsam vom
WissensDurste trunken zugleich ein Kind ein Mann und eine Jungfrau oft
hart und kühn mit der Zunge für und gegen Religion und Weiblichkeit und doch
voll der zärtesten kindlichsten Liebe gegen beide glühend zerschmelzend vor
dem Geliebten und schnell erstarrend bei kaltem Anrühren ohne alle Eitelkeit
weil sie immer vor dem Throne einer göttlichen Idee stand und der Mensch nie
eitel ist vor Gott aber sich alles zutrauend und vor niemand demütig ohne doch
sich oder andere zu vergleichen voll männlicher kecker Aufrichtigkeit und voll
Achtung für Gewandtheit und listigen WeltVerstand so ohne Eigennutz und
kindlich über Frohe froh ohne besondere Sorge und Achtung für Menschen so
unbeständig und unbiegsam jenes in Wünschen dieses im Wollen aber ewig ihr
Auge und Leben gegen die Sonne und den Mond des geistigen Reichs gegen Würde
und Liebe gerichtet gegen das eigne und gegen ein geliebtes Herz wenn Albano
das alles vor sich spielen und weben sah so lebt er gleichsam auf dem
einfachen und doch unabsehlichen dem beweglichen und doch allgewaltigen Meere
dessen Grenze bloß der klare Himmel ist der keine hat
An dem Himmel der drei Liebenden erschien endlich die Morgenröte des
ReiseTages Es wurde von beiden Freundinnen bestimmt dass Albano sie nur bis
Neapel wo ihre Leute ihrer warteten begleiten dann sie in Rom einmal
zufällig dann auf Isola bella zum letzten Male zufällig finden dürfte eine
sehr unfreundliche Unterwürfigkeit unter den WeltSchein auf welche aber Linda
so stark als Julienne drang und zu welcher selber Albano durch seine Geburt
mehr zum StandesZwange abgehärtet als ein bürgerlicher Jüngling von gleicher
Seele leicht das schmerzliche Ja unter dem schweren Schleier aller Verhältnisse
hergab Julienne entschied über alle kleineren Maßregeln sie war auf der ganzen
Reise die Geschäftsträgerin der Gräfin gewesen die wie sie sagte nicht Kopf
genug habe um sich einen Hut darauf zu kaufen so rasch geldvergessen und
träumend sei sie Die Schwester war so munter und ganz hergestellt sagte aber
alle Fünfunddreissig heiße Quellen der Insel hätten nicht halb so viel für ihre
Genesung getan als ebenso viele Freudentränen die sie zum Glück vergossen habe
Sonderbar erschien alles um sie am ReiseMorgen ein helles warmes Gewölk
vertropfte silbern die Sonne schien zwischen zwei Bergen darein die
entzückten Eiländer sangen ein neues Volkslied unter der RegenErnte oder
TropfenLese indes ihre Freunde eilig von den Wellen aus ihrem FreudenKreise
weggezogen wurden Agata stand um sich zu kühlen mit einer Schlange in der
Hand am Ufer und Albano fühlte dabei einen Schmerz den er sich nicht zu
erklären wusste Jetzt warf der Epomeo den WolkenHimmel auseinander und
glänzende WolkenStücke zogen langsam ihnen voraus nach dem Apennin dem Norden
zu dem Wohnhimmel der Nebel und schnell und leicht glitten die Schatten des
Himmels über die wimmelnden Wellenspitzen
»Immer« sagte Albano nach der nach Westen zurückschwimmenden Insel
blickend »bestehe mit deinem Berg nie reiße ein Unglück das schönste Blatt aus
dem Buche der Seligen« »Wie wird es mit uns allen sein« sagte Linda »wenn
wir einmal wiederkommen und den schönen Boden wieder suchen« Da erblickten
sie einen hochgewölbten Regenbogen der halb auf der Insel und halb auf den
Wellen stand die ihn wie einen gewölbten bunten Wasserstrahl auf das Ufer
auszuwerfen schienen »Wir werden« sagte Julienne entzückt »durch den Bogen des
Friedens eingehen« Bei diesem Worte verschwand der Regen und der Farbenkranz
und allein die Sonne glänzte hinter ihnen
Durch den Fackeltanz der Wellen lief die Fahrt Die Fernen glänzten und
dampften herrlich »Warum ergreifen die Fernen so mächtig die Seele obgleich
aus denselben Farben wie die Nähe gemalt« sagte Albano »Das ist eben die
Frage« sagte Dian Gewaltig lag das Meer wie ein Ungeheuer an den Küsten über
ihren ganzen Weg nach Rom hin ausgestreckt und hob die Schuppen von Wellen auf
und nieder Albano sagte »Da ich auf dem Vesuv das Gebürg ansah und das Meer
so dacht ich daran wie klein und falsch teilt der enge Mensch die zwei
Kolossen der Erde in kleine benannte Glieder entzwei und tut als reiche nicht
dasselbe Meer um die ganze Erde«
Seine Freundinnen konnten zu innig und trübe bewegt nichts antworten und
vor den fremden Augen standen ihnen keine Worte kaum Blicke frei Als Albano
wieder das Schlachtfeld der Zeit die RuinenKüste näher sah die den Mann ewig
fassen und heben die alten Tempel und Termen wie alte Schiffe auf dem Lande
sterbend hier einen niedergedrückten Riesentempel dort eine Stadtgasse unten
auf dem Meersboden193 die heiligen Gedächtnissäulen und Leuchttürme voriger
Größe leer und ausgelöscht neben der ewig jungen Schönheit der alten Natur so
vergaß er die Nachbarschaft seiner eignen Vergänglichkeit und sagte zu Linda
deren Auge er dahin gerichtet »Vielleicht errat ich was Sie jetzt denken dass
die Ruinen der zwei größten Zeiten der griechischen und römischen uns nur an
eine fremde Vergangenheit erinnern indes andere Ruinen uns nur gleich der Musik
an die eigne mahnen das dachten Sie vielleicht« »Wir denken hier gar
nichts« sagte Julienne »es ist genug wenn wir weinen dass wir fort müssen«
»Wahrlich die Prinzessin hat recht« sagte Linda und setzte wie unmutig über
Albano und alles dazu »Und was ist das Leben weiter als eine gläserne
Himmelspforte Sie zeigt uns das Schönste und jedes Glück aber sie ist doch
nicht offen«
Durch Zufälle fremder Umgebung waren sie gezwungen sich mit kaltem Scheine
zu verlassen und nach der Gewohnheit des neckenden Schicksals eine große
Vergangenheit mit einer kleinen Gegenwart zu beschließen
Albano reiste so schnell sein Sinn es vermochte über die erhabene Welt um
ihn her Als er in Mola ankam hört er die seltsame Nachricht dass man in Gaeta
eine ganze lederne Kleidung mit einer Maske weit im Meere schwimmend gefunden
die des aufgefahrnen Mönchs seine gewesen sein müsse und bei welcher man nichts
so unbegreiflich gefunden als die Leerheit ohne einen toten Leib In Mola
verduftete endlich die schöne IschiasInsel die hohe Himmelsburg und der
steigende Pol bedeckte unter andern südlichen Sternbildern auch dieses warme
das mit Glückssonnen so lange über ihm geschimmert und der letzte Stern des
kurzen Frühlings ging hinab
Das ist das Leben das ist das Glück Wie der spielende Mond besteht es aus
ersten und letzten Vierteln und langsam nimmt es zu und langsam ab in seiner
Hoffnung in seiner Furcht ein kurzer Blitz ist der Vollmond der innersten
Entzückung eine kurze Unsichtbarkeit der Neumond der innersten Öde und immer
hebt das leichte Spiel wie der Mond seinen Kreis von neuem an
Dreissigste Jobelperiode
Tivoli Streit Isola bella die Kinderstube die Liebe Abreise
116 Zykel
Albano trat wieder bei dem Fürsten Lauria ab der bisher in einem solchen
Zustrom neuer Begebenheiten geschwommen war dass er die Abwesenheit kaum innen
geworden und sich über die Wiederkunft wundern wollte Es war unterdessen der
deutsche Krieg gegen Frankreich festgesetzt worden Diese Botschaft trug er
seinem Enkel voll von der freudigen Erwartung entgegen welche große Szenen ein
solcher Kampf entfalten müsse Auch Albano wurde lange mit ihm von diesem hohen
Strome gezogen eh er daran dachte dass diese Nachricht anders und
niederschlagender auf seine Schwester wirken würde als auf ihn Aber das
heroische Feuer in welches er sich mit dem politischen Lauria hineinsprach
spielte ihm einen leichten Sieg über die schwesterliche Liebe vor
Er wollte den Freundinnen seine Ankunft sagen als er vom Fürsten vernahm
dass beide wie er von der Fürstin Altieri bei der sie wohnten gehört schon
nach Tivoli gegangen Wie glücklich reiste er die freundliche Absicht dieser
Zwischenreise erratend aus dem von Liebe und Frühling strahlenden Rom und sah
ebenso heiter nach der Zukunft wo sein Leben sich blühend auseinanderschlug
als nach Tivoli wo er zwei Herzen an eines zu drücken hoffte
Er fand da er in der Stadt Tivoli ankam die feurigen Mädchen schon
entwichen nach der Kaskade Wie ein Mensch im TempeTal oder vor dem Genfersee
nur im unachtsamen Traum am Ufer vor den Wasserbildern des Himmels und der Erde
vorübergeht weil ihn die blühenden Urbilder rings umher umfangen und entzünden
ebenso glitten die Felsen der bevölkerten Landschaft und der runde VestasTempel
und die ineinanderfliessenden Täler vom römischen Tore an bis zum Tempel diese
glänzenden Reihen glitten nur als Traum und Wasserbilder vor dem Herzen
vorüber worin eine Geliebte lebendig blühte und mit der Fülle einer Welt eine
Welt verdrängte
Er irrte unter dem Gewühle der Aussichten umher ohne die schönste zu
finden als ihn ein kurzer blassgelber reichgekleideter Mensch mit
eingeschrumpftem Gesichte erblickte und mit dem seidenen Arm auf den Weg zur
Kaskade zeigte ungefragt sagend wenn er die Damen suche so seien sie bei der
großen Kaskade
Albano schwieg ging weiter sah zwei und erkannte Linda an ihrer hohen
Gestalt Endlich sahen fanden umfassten sich die drei Menschen und der
herrliche Wassersturm wehte in die Entzückung Linda sagte zärtliche Worte der
Liebe und glaubte stumm zu sein denn das schöne Gewitter aus Strömen zerriss die
zarten Silben wie Schmetterlinge Sie hatten sich nicht gehört und standen
schmachtend nach ihren Lauten umrungen von fünf Donnern mit weinenden Augen
voll Liebe und Freude voreinander Heilige Stelle wo schon so viele tausend
Herzen heilig brannten und selig weinten und sagen mussten das Leben ist groß
Heiter und fest glänzt in der Sonne oben die Stadt über dem WasserKrater dahin
stolz schauet Vestas zerrissener Tempel mit Mandelblüte bekränzt von seinem
Felsen auf die Strudel nieder die an ihm graben und ihm gegenüber spielet der
strudelnde Anio alles auf einmal vor was Himmel und Erde Großes hat den
Regenbogen den ewigen Blitz und den Donner Regen Nebel und Erdbeben
Sie gaben sich Zeichen zu gehen und das stillere Tal zu suchen Wie klangen
ihnen darin die Worte Bruder Schwester Linda wie neue Menschenlaute im
Paradies Hier ehe sie den Hügel voll neuer Wasserstürze Blitze und Farben
bestiegen suchten sie sich ihre Reisen und ihre Nachrichten einander zu
erzählen Julienne berichtete die frohe ihr Bruder der Fürst gebe wieder
Hoffnung der Genesung seitdem er wachend wie er beteuere seinen toten Vater
gesehen der ihm längeres Leben versprochen Die schöne Linda blühte im Paradies
wie eine verhüllte Göttin die ihren Geliebten auf der Erde lange suchte und
endlich gefunden hat Sie nahm oft seine Hand und drückte sie wider ihre Augen
und Lippen und lispelte kaum hörbar wenn er mit ihr oder Juliennen sprach
»Lieber Freundlicher Mensch« Über die Gegend schwieg sie denn über jede
sprach sie erst wenn sie aus ihr gekommen war
Julienne über die brüderliche Genesung so froh fing allerlei Scherze an
sagte dass sie bedauere aus Neapel ihrem Ludwig ein vergebliches Spezifikum
gegen sein Übel gesandt zu haben und fragte endlich Albano »Kennst du nicht
einen Jüngling namens Kardito er will dich kennen« Er sagte Nein erzählte
aber ein kleiner stämmiger Mensch hab ihn hier zu kennen geschienen und zur
Kaskade gewiesen Julienne fuhr auf und sagte es sei entschieden der
haarhaarische Prinz der auf Luigis Tod und Thron so boshaft hoffe er wohne in
Tivoli im Hause des Herzogs von Modena und gehe gewisslich als ihrer aller Spion
umher Um sich selber nach diesem gehassten Misslaut wieder auszustimmen setzte
sie die Frage über Kardito fort und sagte »Es ist ein sehr schöner derber Korse
der Prinz ist ja die lebendige Ungestalt und er kündigt dir ganz ernstaft
den Krieg an«
»Den soll er wahrlich haben« sagte Albano der nun alles begriff und
alles erzählte Kardito war jener Korse mit dem er früher sich über den
gallischen Krieg entzweiet hatte »Bruder das ist noch dein Ernst« sagte
Julienne mit gedehntem Akzent »Jetzt besonders« sagt er entschieden um den
Streit sogleich auszuschliessen Heftig drückte Linda seine Hand in ihre Augen
als wolle sie sie damit bedecken »Nun so verhandle deinen Prozess mit mir so
vernünftig du kannst und lasse deine Rechtsgründe hören aber lass uns erst auf
den Hügel damit man dabei auch etwas sieht« sagte die Schwester
Auf dem Hügel vor dem Grün des blitzenden Tals wo überall der Strom wie
ein verwundeter Adler mit dem Flügel an der Erde schlug vor den auf die Blumen
herunterblitzenden drei Kaskatellen fing Albano bewegt und begeistert an »Ich
habe nur einen Grund liebe Schwester ich bin noch nichts ich bin kein
Dichter kein Künstler kein Philosoph sondern nichts nämlich ein Graf Ich
habe aber Kräfte zu manchem warum soll ichs nicht sagen Wahrlich wenn ein Da
Vinci alles ist oder ein Crichton oder wenn ein Richelieu ob er gleich den
politischen Thron behauptet doch noch den poetischen besteigen will soll ein
anderer mit kleineren Wünschen nicht entschuldigt sein Und bei Gott eigentlich
will ein Mensch doch alles werden denn er kann nicht anders er sehnet und
treibt sich dazu hin und das innige versteckte Herz weint Blutstropfen die
keine Menschenhand abtrocknet nur die hohen Eisenschranken der Notwendigkeit
halten ihn auf Schwester Linda was hab ich denn noch getan auf der Erde«
»Diese Frage und diese ist genug vor Gott« sagte Julienne bewegt von
der wundstolzen Bescheidenheit des Jünglings und von seiner schönen Stimme
welche zornig so klang wie gerührt »Worte was sind Worte« sagt er »O man
schämt sich wohl freilich dass man etwas früher nur denken und sagen muss eh
mans tut obgleich der dürftige Mensch nicht anders kann sondern jede Tat wie
eine Statue vorher im elenden Wachs der Worte modellieren muss Ach Linda
liegen hier nicht überall um uns Taten statt der Worte und Wünsche Hab ich
nicht auch einen Arm ein Herz eine Geliebte und Kräfte wie andere und soll mit
einem morschen mürben spanisch oder deutschen Grafenleben aus der Welt gehen
O meine Linda streite du für mich«
»Ich bin« sagte sie scharf nach der großen Kaskatella blickend die hoch
aus Bäumen herniederstürmte »nicht von vielen oder beredten Worten und verstehe
Sie auch nicht ganz Ich muss mir immer die Worte in Ideen und Wahrheiten
übersetzen und vermag es nicht allzeit Bei Ihren Worten Graf denk ich mir
gar nichts Wem die Liebe nicht allein genügt der ist von ihr nicht erfüllt
worden Freilich so mit dem Herzen alles vergessend wie wir so konzentriert in
eine Idee des Lebens sind die Männer nie Ach und so wenig ist der Mensch dem
Menschen ein MenschenBild ist ihm mehr und jede kleine Zukunft«
»Auch du Brutus« sagte Albano betroffen »Würden Sie« fuhr sich fassend
fort »dem ElysiumsLeben auf Ischia eine Ewigkeit für einen Mann geben Würden
Sie ihn als Jüngling ins Kloer der seligsten Ruhe schicken Gewiss nur als Greis
Jenes hieße den Baum mit dem Gipfel in die finstere Erde pflanzen«
»Das ist wieder der Deutsche« sagte sie »nur immer recht Betriebsamkeit
Die ruhigen Neapolitaner die Völker am Apennin an den Pyrenäen am Ganges in
Otaheiti voll Genuss und Beschauung sind diesem Spanier ein Greuel Ich dächte
wenn ein Mensch nur für sich etwas würde nicht für andere das reichte zu Was
große Taten sind das kenn ich gar nicht ich kenne nur ein großes Leben denn
jenen Ähnliches vermag jeder Sünder«
»Wahrlich das ist wahr« sagt er »es gibt nichts Erbärmlicheres als
einen Menschen der sich durch dies oder das zeigen will was ihm selber groß
selten und ohne Verhältnis zu seinem Wesen vorkommt und ihm daher gar nicht
angehört Jede Natur treibt ihre eigne Frucht und kann es nicht anders aber ihr
Kind kann ihr niemals groß erscheinen sondern immer nur klein oder gerecht
Ists anders so ist ihr eine ganz fremde Frucht an den Zweig gehangen«
»Albano wie wahr Aber Ihr hattet sonst nie einen halben Willen wie
ists« sagte Linda »Jetzt auch nicht« sagt er ohne Härte Man ist am
sanftesten wo man am stärksten ist mit dem Entschluss Er suchte nun seine
eignen Worte das Öl und den Wind für sein Feuer recht zu sparen und zu
meiden um so mehr weil Worte doch gegen nichts helfen sondern vielmehr das
fremde Gefühl anstatt aus nur anblasen dabei wurd er noch der häufigen Fälle
eingedenk wo er Linda mit einem einzigen Worte bei aller Unschuld zur Flamme
aufgetrieben Sie standen und er schaute hin über das göttliche Land als
Linda nach einem stummen Blicken in sein Angesicht ungeachtet ihres
scheinbarruhigen Philosophierens auf einmal heftig seine Hand anfasste und
rief »Nein du darfst nicht bei meiner Seligkeit bei allen Heiligen bei der
heiligen Jungfrau bei dem Allmächtigen du darfst du sollst nicht« Einen
Raub gibt es wogegen ewig der Mann unaufhaltsam entbrannt aufsteht und beging
ihn eine Göttin aus Liebe und böte sie dafür eine Welt von Paradiesen es ist
der Raub seiner Freiheit und freien Entwickelung Ja dass es Liebe ist aber
despotische zugleich Freiheit übende und raubende das erbittert ihn nur noch
mehr und aus dem Nebel des Irrtums wird später das Gewitter der Leidenschaft
Linda wiederholte »Du darfst nicht« Er sah ihr bewegtes glänzendes Antlitz
an dessen südliche Heftigkeit doch mehr einem Enthusiasmus glich als einem
Zorn und sagte fest »O Linda ich werde wohl dürfen und wollen« »Nein ich
sage Nein« rief sie
»Bruder« fing die Schwester an »O Schwester« rief er »sprich sanft ich
bin ein Mann und habe heftige Fehler« Ihn zog der erhabene Krieg des Wassers
mit der Erde und mit Felsen das Durcheinanderstürmen der blitzenden
Regengestirne umher wie an Flügeln in die Wirbel die große Kaskatella warf aus
hohen Bäumen ihren Wolkenbruch heraus und aus dem Himmel ohne Donner stäubte
eine schimmernde Welt und in Osten zeigte sich fern das Meer im dunkeln
Schlaf und die untergehende Sonne drang glänzend in den Glanz herein
»Gewiss werd ich sanft reden« sagte die Prinzessin die viel empfindlicher
und nachklingender als Linda einige Mühe hatte den Sprachton zu ihrem
Versprechen zu stimmen »Es braucht nichts weiter als die Betrachtung dass
unser Streit zu früh ist ich tue bloß die Bitte ihn bis zum Oktober
auszusetzen und das Versprechen dass er dann anders ausgeht« »O es sei«
sagte Albano Linda nickte sanft und langsam und legte wider Erwarten seine Hand
mit beiden an ihr Herz und sah ihn an aus großen Augen weinend denen sonst
Feuer gewöhnlicher war als Wasser Ihn zerschmolz der Anblick dass diese
kräftige Natur nur Heftigkeit ohne Hassen und Zürnen hatte und ihn erfrischte
unendlich sein voriges geheimes Niederschlagen seiner auffahrenden Flammen
Die Schwester wurde durch beide erweicht und eine Minute der zärtesten
Liebe umschlang bald die drei Menschen mit einer Umarmung Die Hyperbeln des
Zorns sind dem Menschen nie so ernst als die der Liebe jene soll nur der andere
glauben diese glaubt er selber alle hatte das Aussprechen ausgeheitert
Wenn sonst eine vergangne kalte Minute den Liebenden wie eine kalte Nacht
den Bienen noch die Blumen zuschliesset woraus sie den Honig nehmen so war
hier nach dem Sturm aus klarer blauer Luft der Himmel reiner und stiller und
die Ruhe wurde Seligkeit wie die Seligkeit Ruhe Durch Albano war obwohl
schnell die Furie der Furcht gegangen die ein umgekehrtes Sternrohr hält und
dadurch den Menschen einen ganz fernen ausgeleerten Himmel ohne Sterne zeigt
aber nicht so durch Linda sie hatte immer in Liebe und Hoffnung fortgesprochen
und für ihr glühendes Herz gab es keine Stellen mit Eis Darum war er jetzt so
selig und so beglückt vom Anschauen der kräftigen Natur Eine hohe lange
TalKette worin Wein und Öl in Blütendüften flossen führte alle dem großen Rom
entgegen Eine Zeitlang durfte sie der Jüngling begleiten endlich musst er zu
einer langen Entfernung Herz und Auge von den Geliebten reißen als über die
grünen Täler her schon die mächtige PetersKuppel herüberglänzte und die
Zypressen stolz nur von Zypressen umgeben das Gold des Abends auf den Zweigen
trugen ohne sie zu regen Alle hatten das Auge am schönen Rom aber ihr Herz
war nur auf Isola bella wo sie einander wiederzufinden versprachen
117 Zykel
Auf dem Wege nach Isola bella dacht er seiner kriegerischen Stunde mit der
heftigen Linda nach und dem Charakter dieser Kriegsgöttin Er erschrak über die
steile Höhe über welche er sich vor wenigen Tagen so weit herübergebückt da
Linda so entschieden ist nichts kennt als Leidenschaft oder Vernichtung Und
doch fand er jetzt in der Abkühlung ihre gebietende Foderung an seine Freiheit
noch härter und sagt es sich stark das Weib dürfe nicht das heilige Gebiet der
männlichen Entfaltung einengen oder beherrschen Von der andern Seite war ja
alles Liebe und deren Übermaß und je länger er reiste und verglich desto
einsamer und dunkler wurd es auf der Stelle seines Lebens auf welche nur sie
die große Flamme warf Sie rückte ihm durch sein stilles Beschauen ihres Geistes
im Geiste viel heller und näher als durch die Gegenwart vorher weil jenes sie
auf einmal in Harmonie diese sie mit den einzelnen Dissonanzen ohne die
Auflösung gab Ihre Kraft der allseitigen Unparteilichkeit für alle Charaktere
war ihm an einem Weibe ebenso selten als groß erschienen zumal da er selber
diese Kraft mehr in der Achtung für sie und in dem freudigen freien Auffassen
großer exzentrischer poetischer Erscheinungen aber nicht aller und der
platten und schlechten wirken ließ
Gleich mächtig und gewachsen standen in ihm nebeneinander Liebe und
Freiheit nur durch einen neuen Entschluss wurden sie verbunden und versöhnt
sanft zu sein nicht bloß stark ihr sein Freiheitsrecht und seine liebende
Seele recht offen hinzulegen und das edle Wesen zu werden das ihr gehört bin
ichs nicht wenn ichs recht will sagt er
In der höchsten Lebensfreude in der Einigkeit mit sich und dem Schicksal
machte er seine Reise nach Isola bella so schnell als hab er da die Geliebte
schon zu finden nicht erst zu erwarten Wie manches stand jetzt kleiner an
seinem Wege an das er das römische Maß und nicht das deutsche legte und wovor
er nun wie ihm sein Vater vorausgesagt flüchtiger vorüberging
Endlich sah er die KunstAlpe von Isola bella in den Wellen stehen und
landete freudig mit seinem Lehrer in dem KindheitsGarten an wo er so viel
erwarten und mit neuen welschen LebensBlüten am Herzen aus dem gelobten Lande
scheiden sollte
Er wartete mehrere lange Tage sich sehnend und bangend nach den
Freundinnen ob ihm gleich der heitere Freund immer die Geschwindigkeit seiner
Reise vorrechnete Sein Entschluss recht sanft zu sein wurde immer unnötiger
und unwillkürlicher Die Insel selber löste schon mit ihren Frühlingen aus
Düften und mit dem fernen Kranz aus Alpen die Seele auf Im vorigen Jahre hatt
er sie mehr in Blättern als in Blüten gesehen Es war ja sein Kindheitsland an
vielen Plätzen an der See schimmerten ihm Sterne aus einer tiefen
nachmitternächtlichen LebensFrühe herauf hier hatt er zuerst seinen Vater
gefunden und zuerst Lindas Gestalt über den Wellen gesehen hier findet und
verliert er sie nach der längsten Trennung wieder für eine noch längere und hier
steht er im Tore zwischen Norden und Süden Das freie duftende Land voll Inseln
die Himmelsleiter des Lebens steigt ihm in den Äther zurück und er geht herab
in ein kaltes voll Zwang und voll Augen seine Liebe wird gerichtet vom Vater
sie wird angefallen vom untergegangenen Freund »Ihr Tage in Ischia« seufzte
er »ihr Stunden auf dem Vesuv und in Tivoli könnt ihr umkehren könnt ihr je
wiederkommen und das unersättliche Herz von neuem überströmen dass es trinken
und sagen kann es ist genug«
Zu seinem Dian sprach er gleichsam um sich und sein grenzenloses Sehnen zu
entschuldigen häufig von Chariton und ihren Kindern und fragt ihn wie es
seinem Herzen dabei gehe »sprecht mir nicht so viel davon« sagt er nach
seiner Weise mehr empfindend als erratend und verratend »wir sind noch so
hässlich weit davon man verdirbt sich die Reise ohne Grund hab ich sie alle
aber nun ei Gott« Dann schwieg er riss sich den Jüngling in die Arme
und küsst ihn nicht
An einem blauen frischen Morgen stand Albano noch eh die Sonne am Himmel
auferstanden war auf der hohen umblühten TerrassenPyramide wo er einmal im
Erwachen den teuren Vater ohne Abschied hatte entfliehen sehen und blickte
bewegt in den leeren weiten See hinab und an die Gipfel der Eisberge umher
welche schon im Widerscheine der hoch herabziehenden Aurora blühten und
niemand war bei ihm als die Vergangenheit Er blickte auf sich und in seine
Brust und dachte welche lange schwere Zeit ist seitdem durch diese Brust
gezogen Eine ganze Welt ist darin zum Traum geworden Und das Herz schlägt noch
frisch und fest darin Auf einmal sah er im lichten MorgenRauche des Sees ein
Fahrzeug rudern Langsam träge watet es denn er sah es aus großer Ferne
Endlich glitt es flog es das Segel blühte auf im Morgenbrande und die grünen
Wellen wurden ein umspielendes Lauffeuer wie damals in Ischia um Lindas Schiff
Linda war es und die Schwester Sie sahen hinauf und grüßten winkend Er
rief in eiliger Wonne »Dian Dian« und lief die vielfachen Treppen hinab ganz
verwundert und entzückt über den ausgebreiteten Glanz weil er unter der frohen
Erscheinung den Aufgang der Sonne nicht gesehen welche vor der Geliebten die
schönen Flammen die Morgenblumen gleichsam in den Weg des Wassers
unterstreuete
»Seid ihrs wieder ihr Göttlichen O sprecht weint vor Freude dass ich
selig werde und euch habe Kommt ihr denn mit alter rechter Liebe wieder« so
sprach er fort in beredter Trunkenheit aus dem langen träumenden Warten
geschöpft Linda sah mit heimlicher EngelsLust mit lieblichem Widerschein in
die hoch spielenden Flammen seiner Liebe und die Schwester genoss in süßer
Regung die schöne Milde auf beider Angesicht welche an der Kraft so bezaubert
wie Mondlicht an einem Gebürg Reisebeschreibungen wurden von beiden Seiten
angefangen aber keine geendigt Tags und InselOrdnungen vorgelegt aber keine
gewählt Julienne hielt ihm sein Wort und ihre Bedingung dass er abends
weiterziehen müsse ans Herz als eine kleine Kühlung gegen das Freudenfeuer
darin traurig sah er zur freundlichen hellen Morgensonne auf als steige sie
nicht höher sondern schon tiefer
Sie gingen nun in schönem Irren durch die Insel überall blühte neben der
Gegenwart eine stille Vergangenheit unter der Rose ein Vergissmeinnicht Hier in
dieser Grotte vor den aufhüpfenden Wellen hatt er einst mit seiner Schwester
Severina gespielt und auf diesem Eiland wurde ihm ihr Tod verkündigt »Aber
Julie du bist meine Severina und mehr« sagt er »ich denke« sagte sie
sanft »ebensoviel« Nicht weit von der Arkade hatt er zum erstenmal in das
Angesicht seines Vaters geschauet »O wenn findest du aber deinen endlich
Sprich darüber gute Linda« sagt er Sie errötete und sagte »Ich werd ihn
finden wenn das Schicksal es zulässet« »Wenn aber ist das« »Ich weiß
nichts« sagte sie zögernd sanft Da rührte ihn Julienne winkend an und sagte in
so vielem französischen Latein als sie zusammentreiben konnte aber in einem
gleichgültigen Ton als spreche sie vor sich selber hin »Non eam interroga
amplius nam pater veniet ut dicitur die nuptiarum194« Er blickte sie
verwundert an sie nickte sehr oft »Julie ist« sagte Linda lächelnd »wie die
Weiber so listig im Handeln als offen im Sprechen Ich hätte mich keinem Bruder
so lange verstecken können« »Dafür« versetzte sie »bekamen die Geschwister
einander gleich ausgewachsen und mit allen Vollkommenheiten und können sich
leicht liebhaben wenn andere Schwestern erst viele Jahre die Fehler des
heranwachsenden Bruders zu verwinden haben«
Jetzt kamen sie auf die Galerie zwischen LimonienBlüten wo Gaspard seinem
Sohne so viele Schleier und Masken um die Zukunft hängend hatte sehen lassen da
sagte Albano mit Unwillen »Hier musst ich mir viele Rätsel ankündigen lassen
und dort« er meinte die Stelle im Meer wo ihm zuerst Lindas Bild auf den
Wellen erschien »wurde sogar diese teuere Gestalt nachgeäfft«
»Mein Gott« sagte Linda heftig »warum es noch gar aussprechen o es war
so schlecht es zu tun« »Eingebüsset aber hat doch niemand viel dabei« sagte
scherzend Julienne »ausgenommen ein Paar die Herzen und ich die Anonymität«
»Könnten wir beide nicht antworten Albano« sagte Linda leise und hob die
Augen auf »Bei Gott« sagte er stark denn ohne jene Vorspiele hätten sie sich
früher gesucht und gefunden
Unter diesen Blicken in eine seltsame mit Zukunft durchwebte Vergangenheit
waren sie in den borromäischen Palast der diesen Tag zum Glück ohne die
Besitzer war getreten weil Albano beide auf Lindas Gesuch in die Zimmer
führen sollte wo er mit Severina erzogen worden Der Schlosswärter wollte sie
glaubend sie suchten nur Aussicht denn die Kindheitszimmer lagen im fünften
Stockwerk auf das Dach hinausbringen er beteuerte es wären staubige
Kinderstuben und seit undenklichen Jahren zugesperrt Mühsam drehte der Mann mit
einem rostigen Schlüssel ein eingerostetes Schloss auf Sie traten ins bestäubte
helldunkle leere hohe Zimmer worin eine leere Wiege ein Blumentopf mit einem
gleich seiner Erde vertrockneten sinesischen Rosenstöckchen eine
KinderZinnUhr eine weibliche SpielKüche mit altmodischem Geschirr eine
gerollte glänzende Klaviersaite ein deutscher Kalender von 1772 viele schwarze
Siegel mit bloßen antiken Köpfen ein ausgetrockneter Lianenzweig und
dergleichen verloren umherlag Der Mensch sieht bewegt in die tiefe Zeit
hinunter wo seine Lebensspindel fast noch nackt ohne Faden umlief denn sein
Anfang grenzt näher als die Mitte an sein Ende und die aus und einschiffende
Küste unsers Lebens hängt ins dunkle Meer Albano wurde wehmütig angeregt von
der Umgebung und von dem Blicke auf das Menschenleben und auf seine eignen
grünen noch winterlichniedrig stehenden Felder hinaus und von der Stätte wo
er mit einer Mutter und Schwester gelebt die aus der Erde ja sogar aus seiner
Phantasie entwichen waren Er nahm die ZinnUhr zu sich und sagte »Gibt es
für das Alter das keine Zeit sondern eine Ewigkeit hat eine bessere Uhr als
die mit dem Zeiger ohne Gehwerk«
Überrascht wurde Linda als sie von einem Glaskästchen einen Vorhang wegzog
und als ein engelschönes Kind von Wachs darin in die hellen Augen Licht bekam
»Es ist die tote Severina« sagte Albano eilig mit dem rauen Beiwort »tot«
was Linda nicht gern litt Immer mehr wurd ihm in der helldunkeln Stube
unheimlich ein Sonnenstreif brannte seltsam durch das hohe Fenster herab
beseelter auferstandner Staub spielte in ihm die Geister der Schwester und
Lianens konnten jede Minute durch das Erdenlicht blitzen und entfernter
standen die Gebirge draußen im Leben Er sah die blühende Linda an da kam sie
ihm auf einmal anders vor fremd überirdisch als erscheine sie unter den
Geistern und gehe wieder von hinnen Sie sah ihn bedeutend an mit den Worten
»Hier ists unheimlich gehen wir« »Weib« sagt er mit starker Stimme auf
deutsch einem innerlichen Schrecken antwortend und fasste ihre Hand »wir
wollen zusammenhalten wie ein lebendiges Herz wenn man es zerreißen will«
Linda versetzte »Ich bleibe nicht länger Julienne« Und man ging
Auf der Schwelle kam es dem Grafen ein in das Nebenzimmer zu schauen er
macht es auf und fuhr zusammen rief aber »Geht nur voraus« und ging hinein
Er hatte nämlich sich im Spiegel zweimal nachgespielt erblickt Drinnen fand er
sich in einer Nische in französischer Uniform stehen in Wachs aber schon als
Jüngling und darneben was die Tür bedeckt hatte seinen Vater auch als
Jüngling altmodisch bekleidet aber schön wie ein griechischer Gott das warme
volle blumige Gesicht war noch nicht im starren Leben überwintert und blühte
noch liebend Er stürzte tief ins Meer der Vergangenheit Die kolossalischen
Statuen draußen und die beglänzten Gebirge hatten sich aus dunkeln Wellen
aufgerichtet und standen in tropfendem Schimmer Man rief draußen Er blickte
wieder in sein Gesicht aber zornig »Wozu zweimal« sagt er und zerquetschte
sein Gesicht aber ihm war es wie Selbstmord und Betasten des Ichs Die
väterliche Gestalt gönnte er noch weniger der fremden unbewachten Stelle aber
sie war ihm zu heilig zur kleinsten Berührung
Er ging zurück und schwieg über die Bilder um nicht an Lindas Phantasie die
großen widerspenstigen Flügel aufzumachen Der grünende blühende glänzende Tag
verschlang bald die kalten Schatten die von Höhen und Gräbern der Vergangenheit
hereingefallen waren »Aber jetzt« sagte Albano zu Linda »da Sie eben aus
meiner Kinderstube gekommen sind führen Sie mich einmal in die Ihrige« »Ich
will dich nur erst bekränzen da wir am rechten Orte sind« sagte sie und brach
und band aus dem Lorbeerwald durch dessen Gewimmel von lichten und dunkeln
Wellen sie jetzt gingen Zweige zum Kranz Körperliche Geschäftigkeit gab dieser
Jungfrau welche leichter Töne und Farben und Ideen verknüpfte ein besonders
rührendes Ansehen von Kindlichkeit und naiver Herablassung Sie flocht die
Krone aber mühsam verwechselte einmal den ähnlichen Erdbeerbaum mit dem
Lorbeerbaum tat noch einen blühenden Myrtenzweig hinein und schmückte damit
sein lockiges Haar aber sehr ernst »Der Kranz geziemt dir die hohen Lorbeern
oben am Gipfel wirst du dir schon einmal selber holen« sagte sie Er glaubte
sie spiele unter dem Ernst allein sie sah den Bekränzten freudig und prüfend an
und lächelnd aber wie eine Mutter und sagte »So ists recht Was willst du
noch Ich bring es Albano ich habe in dieser Stunde eine ganz besondere und
neue Liebe zu dir ich möchte für dich viel tun viel leiden Mein Herz ist
bewegt von überschwenglicher Liebe Küsse mich nicht Ich will dir erzählen«
Die schöne Weiblichkeit die den Geliebten heißer und näher liebt wenn sie zum
ersten Male sein Eigentum seine Kindheitsörter seine Wohnungen betreten
erfüllte unerkannt ihr starkes Herz Er küsste sie nicht er sah sie an und
weinte in LiebesWonne sie neigte sich herüber und sagte aber heiter »Ich
weine sehr schwer Lieber Ich will dir das von meiner Kindheit erzählen was du
verlangtest Von meinen ersten KindheitsPlätzen ist mir wenig geblieben
vielleicht weil wir immer reisten und weil ich auch mehr nach Menschen als nach
Gegenden sehe außer mein längster Aufenthalt in Valencia Vom frühen Reisen
hab ich wohl meine ReiseSucht Am Ende liegt sie doch in mir Aber ihr glaubt
immer wie die Deutschen das zu erlernen was ihr eigentlich ererbt oder
erschafft Von meiner Mutter wurd ich mehr als von jemand gehasset und geliebt
Jetzt bin ich klar über sie Sie war ganz für die Kunst oder für die Künste
geboren ob ich wohl glaube dass sie von den Göttern eigentlich für die Bühne
ausersehen war Sie war alles in dieser Minute nichts in der andern Flüche
und Gebete Glaube und Unglaube Hass und Liebe wechselten ab in dieser epischen
Natur Sie hätte eine Welt verschenken und eine stehlen können Sie drückte
mich einmal an ihr Herz und sagte Wärst du nicht meine Tochter ich würde dich
stehlen oder töten aus bloßer Liebe und das war als ich gesagt hatte Ich
liebe die Medea mehr als Kreusa
Indes war sie zu inkonsequent um ganz geliebt zu werden meinen
unsichtbaren Vater liebt ich weit mehr ich dacht er sei Gott der Vater Ich
bildete mir einmal ein er müsse in Porta Celi195 wohnen stundenlang ging ich
um den Totengarten des Klosters und blickte sehnsüchtig durch die Palmen über
die Rosen der Gräber Ich hing an allem Lebendigen bis zum Schmerz ein
sterbender Kanarienvogel machte mich einmal krank und die Totenmesse glaubt
ich werde für ihn gelesen Auch an Gott und Geistern hing ich trunken Im
Feuer das ich im Dunkeln einmal aus dem Zucker schlug blitzten sie mir
vorüber Ich habe nie gespielt sondern früh gelesen Da ich sehr ernst war und
meine Gestalt sich zeitig entwickelte so wurd ich früh als eine Erwachsene
behandelt und ich begehrt es auch Niemand war mir ernst genug außer der
Vormund der mit heimlicher Hand meine Entwicklung regierte Vor Büchern und im
Reisewagen da verging mein erstes Leben Ich beneidete die Männer um ihr Wissen
und ihre Freiheit aber sie gefielen mir nicht die Weiber noch weniger Ich
galt für stolz und früher war ichs auch und für phantastisch ich nahm es
nicht übel und sagte Ihr habt eure Weise und ich meine« Durch Dian und
Julienne wurde die Erzählung gestört
118 Zykel
Die erste einsame Minute die Albano mit seiner Schwester fand legte er zur
Nachfrage über ihre lateinische Nachricht an dass Lindas Vater gerade an ihrem
Hochzeittage erscheinen würde aber sie verwies ihn auf seinen eignen der ihm
alles über Lindas ihren sagen könne und bat ihn »Linda zu schonen nicht nur
in ihrer Zartheit sondern auch in ihrer eignen EheScheu die sehr weit gehe
Sie konnte nicht einmal eine Freundin an den Traualtar begleiten« setzte
Julienne dazu »sie nannte diesen den Richtplatz der weiblichen Freiheit den
Scheiterhaufen der schönsten freiesten Liebe und sagte das Heldengedicht der
Liebe werde dann höchstens zum Schäfergedicht der Ehe Freilich weiß sie nicht
wohin solche Grundsätze endlich führen« »Ich hoffe auch dass du ihr
vertrauest« sagte Albano sich diese Seltsamkeit anders und höher ableitend als
seine strenge Schwester Sie brach schnell ab um ihm noch den Rat nach Pestitz
mitzugeben die Fürstin zu fliehen die ins Innerste hinein kalt falsch rach
und selbstsüchtig sei »Sie hat etwas und zwar viel mit dir vor und ihr Hass
gegen die Gräfin kommt jetzt dazu Linda fasset sie scharf auf aber doch
lässt sie sich aus Heftigkeit durch alle hinreißen und benutzen die sie
übersieht und voraussieht« Albano blieb bei seinem alten sanftern Urteil über
die Fürstin um so mehr da er Juliennens moralische Härte gegen jede
genialische schon aus ihrem Missurteil über Lianen kannte aber er gab ihr das
leichte Wort sie zu fliehen ohne ihr den Grund nämlich ihre so hart
entzauberte Liebe für ihn zu sagen Für sein Zartgefühl gab es keine größere
Roheit als dieses öffentliche Erbrechen und Vorlesen eines Liebesbriefs als das
männliche Auffangen und Ausrufen eines weiblichen Seufzers der Liebe durch ein
Sprachrohr fürs Volk
Alle kamen wieder zusammen lagerten sich auf eine Stelle die den See und
die Alpen und die BlütenSchatten gab der Tag glühte sich ab und sank von
Schönheit zu Schönheit zum Abend hinunter »Auf dieser feinen Insel« sagte
Dian »fängt sich schon das nordische Wesen an und wir stehen bald zu Hause
unter einem spitzen Dach« »Nun ja« sagte Julienne »aber endlich hat mans
doch auch gern wenn man wieder einen reinlichen Menschen eine Blondine und
einen Schatten sieht und ein paar Vögel hört«196 »An Tivoli und Ischia und
den Posilippo denk ich hier nicht« sagte Albano »ich denke an meine Kindheit
und an die Alpen Drüben am Ufer des Langsees Lago maggiore mögen sich
freilich die beiden InselZuckerhüte nicht zum besten darstellen aber dafür
stellt sich hier auf dem Zuckerhut das Ufer und der See desto besser dar und
für den der auf dieser Seealpe steht ist sie doch gemacht« »Mir ist alles
gleichgültig« sagte Linda »denn ich finde mich hier ganz wohl Das
Rezensieren schöner Gegenden ist auch ein nordisch Wesen weil man sie da nur
aus Büchern kennen kann der Italiener der sie hat genießt sie wie die
Gesundheit und ist sich nur der Entbehrung bewusst deswegen ist er nicht einmal
ein großer Landschaftsmaler«
»Man sollte« sagte Dian »das prächtige Welschland noch auf der Grenze
besingen wenn man von dem Kastellan eine Gitarre bekäme« Er ging und brachte
eine Nun fing er italienisch zu improvisieren an Er sang »In Apollo wurde die
alte Liebe nach dem vorigen Schäferlande auf der Erde und nach der verlorenen
verhüllten Daphne wieder wach er stieg vom Himmel um beide zu finden ihm
hatte Jupiter den Momus mitgegeben der ihm das Hässliche zeigen sollte damit er
zurückfliege als ein schöner lächelnder Jüngling ging er über die Inseln
durch die Ruinen der Tempel durch ewige Blüten vor göttlichen Gemälden einer
unbekannten hehren Jungfrau mit einem Kinde und vor neuen Tönen vorüber und zog
wie über die Zauberkreise einer schöneren neuen Erde Vergeblich zeigte Momus
ihm die Mönche und Seeräuber und seine von der Zeit niedergeworfnen Tempel und
ließ ihn spottend Termensäulen für Tempelsäulen nehmen der Gott sah hinauf
zum hohen kalten Olymp und sah herab auf dies warme Land auf diese große goldne
Sonne diese hellblauen Nächte diese ewigblühenden Düfte diese Zypressen
diese Myrtenund Lorbeerwälder und sagte hier ist Elysium nicht in der
Unterwelt nicht auf dem Olymp da gab ihm Momus einen Lorbeerzweig von Virgils
Grabe197 und sagte das ist deine Daphne Jetzt erzürnte sich seine große
Schwester Diana sie gab Daphnen ihre Gestalt und Kleidung als komme sie aus
den Wäldern der Pyrenäen herüber aber er erkannte die Geliebte und ging mit ihr
in den Olympus zurück« Als Dian das sang und die Lieder mit den Saitentönen
fliegen ließ so standen hoch drüben im Himmel die ewigen GlanzGebirge aus Eis
von den Bergen flatterten Quellen und Schatten in den hellen See und der Abend
bewegte sich entzündet und entzückt Da ergriff der stille Albano die Saiten
senkte das Auge in den Blitz der Gebirge ein und fing errötend an »Verweile o
Sänger bei den hohen Geistern die auf das Schlachtfeld zogen tötend sterbend
und die aufbaueten die ewigen Tempel der Menschheit verweile bei den reinen
Demanten die glänzend und fest unter dem Hammer des Schicksals blieben
verweile bei der alten Zeit bei dem Meere Roms das einen Weltteil trug und die
andern untergrub aber fliehe vor der Zeit die ihren Gipfel in ihren eignen
Krater senkte Verweile Sänger auf der Höhe und schaue in den Garten der
Welt herunter der ein spielendes Menschenleben ist die Ruine wird Fels und
der Fels Ruine auf dem hohen Vorgebürge duftet die Blüte unten liegt das Meer
mit offenem Rachen über die Scylla glänzen schöne Häuser und Gassen zwischen dem
Lager erschrecklicher Felsen Und der Gott fliegt über das Land und sieht das
Kind auf der Tempelsäule am Ufer und die Göttertempel voll Mönche die Sümpfe
voll namenloser Ruinen und die Küste voll Blüten und Grotten und die blühenden
Myrten und Reben und die Feuerberge und die Inseln und Ischia«
Aber ihm entsank die bestürmte Gitarre und die Stimme das Auge ging tief in
den Himmel und in das Leben des Menschen ein und er entfernte sich um das
laute Herz zu stillen In der kühlenden Einsamkeit bemerkte er wie weit schon
die Sonne hinabgeflogen sei wie mit Amorsflügeln durch einen kältern Himmel
er kehrte schnell zurück in der Abendröte schlug seine Scheidestunde aus
Als er wiederkam war Linda allein denn Julienne hatte seinen Dian unter
dem Vorwande das Bilderkabinett zu besehen von den Liebenden weggezogen denen
heute ohnehin nur ein kürzester Tag des Glücks beschieden war und die Geliebte
sah ihn bedeutend an »Dian sang eigentlich besser« sagte sie »und epischer
aber Euer lyrisches Wesen hab ich doch auch sehr lieb« Sie blickte ihn wieder
an dann wieder dann in sein Auge dann umarmte sie ihn schnell und kein Laut
erklärte den plötzlichen Kuss »Wir wollen auf die Terrasse« sagte sie leise
Sie bestiegen die schöne Höhe der zehn Terrassen welche mit Lorbeer und
Zitronenbäumen und mit Pyramiden und kolossalischen Statuen und mit der Aussicht
auf das ferne von Dörfern und Alpen umzogne Ufer das Auge füllt und wo einst
Albano seinen Vater hatt entfliehen sehen »Du gefällst mir immer mehr
Albano« sagte Linda »ich glaube fast du kannst recht lieben erzähle mir
deine erste Liebe ich habe dir auch erzählt« »O Linda« sagt er »wie viel
begehrst du Aber ich bin wahr und sage dir alles du wirst Sie lieben wie Sie
dich liebte Sieh hier dein Bild das Sie sterbend machte und mir gab«
Er reichte ihr die kleine Zeichnung und ihr Auge wurde nass Darauf fing er
leise und feierlich das Gemälde seiner ersten Liebe an wie er Sie so früh noch
ungesehen und in ersten Morgenstrahlen des Lebens verehrt und gesucht und wie
er Sie fand und wie Sie glücklich machte und es nicht wurde wie sanft Sie war
und er so wild und hart wie er seinen eignen Ungestüm des Herzens Ihr zumutete
wie grausam er Ihre Entsagung aufnahm und wie Sie durch ihn unterging Linda
weinte mehr als gewöhnlich »O ich habe hart gehandelt gute Linda« sagt er
»Nein« sagte sie »ich wein über euch beide« »Ich habe große Mängel«
sagt er »Alle vergeb ich dir« sagte sie »wenn du nur lieben kannst aber
das liebliche Wesen hat auch sehr gefehlt und gegen die Liebe« Sie hielt
innen dann fragte sie leise »Albano ist Sie noch in deinem Herzen« »Ja
Linda« sagte er »O du redlicher und treuer Mensch« rief sie begeistert und
legte ihr Haupt an seine Brust und betete »heiliger Gott gib deinen
Unsterblichen alles nur lass mir ewig dieses Menschen Brust damit er recht
geliebt wird recht unaussprechlich und damit ich nicht untergehe Willst du
Lieber« lispelte sie plötzlich und richtete sich auf ihn anblickend mit
unendlicher Liebe und Hingebung »dass ich in Lilar wohne so gebiet es nur«
Dieses weibliche gehorchende Ergeben eines so freien mächtigen Geistes
machte ihn sprachlos wie ein Adler fasste ihn die Liebesflamme und hob ihn
empor er glühte an ihrem blühenden Angesicht und die Brautfackel der
untergehenden Sonne schlug mit großen Flammen zwischen beide herein »Linda«
fing er endlich mit zitternder feierlicher Stimme an »wenn wir es wissen
könnten dass wir uns je verließen oder verlören O Linda« fuhr er mühsam
fort unter seinen Tränen und Küssen »wenn das möglich wäre es sei durch meine
Schuld oder durch das kalte Schicksal wär es dann nicht schöner wenn wir uns
in dieser Minute hinunterstürzten in den See und in unserer Liebe stürben«
Die Sonnenglut brannte wie eine Aurora herein welche Jünglinge und Jungfrauen
zu den Göttern entführt und die LebensDämmerung war zu hellem Morgenrot
entzündet »Wenn du das weißt« sagte Linda »so stirb jetzt mit mir«
Da weckte beide Juliennens ferne Stimme endlich kam sie selber mit Dian
zum Abschied Sie sahen erwachend von der Sonne und Liebe geblendet umher und
alles war verändert die Sonne war versunken der weite See mit NebelSchatten
bezogen und die Welt erkältet nur die hohen Eisberge loderten noch rosenrot ins
Blau wie Gedächtnissäulen der flammenden BundesStunde
Vor Albanos Seele stand noch das menschentrennende Schicksal die kalte
verhüllte FelsenGestalt deren Schleier auch steinern ist und den niemand hebt
Er wollte nun durchreissen und sogleich ohne feiges Zögern in den Winter
hinunter »O bis der Hesperus untergegangen verzieh« lispelte Linda Er blieb
aber beide hatten keine Worte mehr nur die Augen die festgehaltenen Adler die
vorhin den himmlischen Venuswagen durch den Himmel gerissen flatterten daran
wild auf Der Abendstern ging unter der halbe Mond in der Himmelsmitte legte
Strahlen als Zauberstäbe an die Erde an und verwandelte sie in eine heilige
blasse Welt des Herzens »Nur noch den großen Stern lass hinab« sagte sie und
sah ihn sehnsüchtig an Er tats Die Nachtigallen hüpften tönend zwischen den
Silberzweigen nur die Menschen hatten Himmel und Liebe ohne Stimme
»Nur noch ein Sternchen« bat sie er gehorchte schon vom Worte gerührt
aber sie entschied sich selber und sagte »Nein geh« »Wir wollen Dian«
sagt er Dieser ging Liebeschonend die Terrassen voraus hinab Heftig und
lange lagen die beiden Geschwister einander am Herzen und wünschten sich ein
heiteres unbestürmtes Wiederfinden Linda gab ihm nur die Hand und sagte kein
Wort wie der stille Himmel der Nacht seine heiße Sonne bedeckt so war ihr
flammendes Herz verborgen und da er ging schloss sie ohne nachzublicken seine
Schwester an die wallende Brust
Glanz und Nacht und Duft bestreueten die Himmelsleiter der Terrassen die er
herunterging Leise flog sein Schiff durch den Sternen und BlütenSchnee der
auf den Wellen wehte die Nachtigallen der beiden Inseln klangen zusammen die
Schiffer sangen ihnen frohe Lieder zurück die Orangendüfte führte der günstige
Wind dem Schiffchen nach aber Albano hatte Herz und Angesicht weinend nach
der versinkenden Pyramide gewandt Die Schwester hatte allein auf der Höhe
nachgesehen dann war auch diese verschwunden die Nachtigallen riefen noch
leise nach endlich war alles verhüllt Er kehrte sich um nach den
blassschimmernden Eisgebürgen wie nach den Leuchttürmen seiner Fahrt und vom
Himmel dieses Tags war ihm nun nichts geblieben als die leitende Liebe wie der
Schiffer dem Magnete folgt wenn die heiligen Sterne sich verborgen haben und
ihn nicht mehr führen
119 Zykel
Albano und Dian flogen über die deutschen Gefilde freudig so manchem teuren
Herzen entgegen und nichts wurde getäuscht als ihre Furcht vor dem Abstande
ihrer ReiseLänder Statt des schwarzen Lavasandes und des verbrannten Bodens
hinter ihnen deckte jetzt das helle frische Grün die Ebenen und kühlte das
geblendete Auge Die Wellen grüner ÄhrenFluren schlugen sich so lustig als die
Wellen des blaugrünen Meers In dichtern längeren höheren Wäldern wehten neue
Schatten gleichsam schöne kleine Abende die sich vor dem Tag verkrochen Nach
dem schwarzen Grün der welschen Bäume kehrte das helle lachende der deutschen
Gärten zurück und neue VögelChöre wiegten sich in Wolken und in Wäldern und
grüßten das MenschenHerz und schickten ihm ihre leichte schuldlose Freude
herab
Von Frühling zu Frühling zog der glückliche Albano mit seinen Liebesträumen
wie hinter ihm eine südliche Blüte fiel so tat sich vor ihm eine nördliche auf
und sein Reisewagen blieb auf dem bunten Wege und unter den BlütenSchatten
eines langen Gartens
Endlich stand er vor dem Hause wozu ihn der Garten führte vor der
Lindenstadt so stand er auch im vorigen Jahre auf der Höhe vor ihr zum
Wolkenzuge der Zukunft aufsehend ohne zu erraten wozu das Gewölk sich bilde
ob zur Aurora oder zum Abendgewitter Wie viele alte Schmerzen streiften jetzt
gleich Schatten von Wolken über die alte Gegend über die Blumenbühler Höhen und
über die Häuser hinüber als er die bekannten zuweilen mit Tränen bezeichneten
Wege der Vergangenheit überschauete Er ging jetzt das bedacht er seinem
Vater mit der Nachricht seines neuen Glücks entgegen seinem abtrünnigen
Freunde mit der geraubten Geliebten mit alter und neuer Liebe seinem
wiederkehrenden Schoppe dessen Herz und Schicksal ihm jetzt zugleich so dunkel
und so wichtig waren und der sonderbaren Zeit und Stunde wo die
unterirdischen Wasser deren Treiben und Rauschen er bisher so oftmals erfahren
auf einmal aufgedeckt und mit allen Krümmungen und Quellen entblösse vor dem
Tagslicht liegen sollten und der heiligen Stelle wo er die Geliebte die ihm
jetzt auf dem deutschen Wege und in der Nähe der vorigen Schwierigkeiten noch
größer und unerreichbarer erschien als auf dem Epomeo in der Nachbarschaft alles
Erhabnen am Himmel und auf der Erde kühn ans Herz nehmen und schließen durfte
auf ewig ohne wieder zu fragen wirst du mich lieben Da dacht er an ein
Bild zurück das er auf dem Vesuv198 gefunden und sagte zu Dian »Hinter dem
Menschen arbeitet und geht ein langsamer Strom der glühend ihn verzehrt und
zermalmt wenn er ihn ergreift aber der Mensch schreite nur tapfer vorwärts und
schaue oft rückwärts so entkommt er unbeschädigt Mein geliebter Lehrer so
will ichs jetzt in meinen neuen bedenklichen Verhältnissen machen wende du mich
aber nach der Lava um wenn ichs in schönen Gegenden zuweilen vergessen sollte«
»Sprecht bessere günstigere Worte« sagte Dian »Heil uns die Götter sind
schon gewogen Dort kommt Euer Vater den Schlossberg herauf und sieht so lustig
und glücklich aus wie ich ihn nie getroffen«
Einunddreissigste Jobelperiode
Pestitz Schoppe Ehescheu Arkadien Idoine Verwicklung
120 Zykel
Gaspard hatte gegen seinen Sohn die gewöhnliche vornehme Kälte der ersten
Stunde wie Briefe kälter anfangen als endigen Erst als dieser MorgenReif
geschmolzen und es wärmer um ihn geworden entdeckte ihm Albano ohne Furcht und
ohne kleinmütiges Erröten mit gereifter Männlichkeit den Bund den er mit Linda
und mit sich auf ewig geschlossen und bat ihn um das dritte Ja »So hat es
doch« versetzte der Ritter »der alte Zauberer am Ende noch durchgesetzt
freilich unter dem Beistand einer jungen Zauberin Dass ich dich in dem was du
mit ganzer Seele und auf immer ergreifest niemals störe das weißt du noch vom
vorigen Jahre aus einem ähnlichen Fall« Albano wurde über die bittere Erwähnung
seiner ersten Liebe rot hatte aber seit einem halben Jahre die Kraft gewonnen
da männlich zu schweigen wo er sonst jugendlich sprach Gaspard heute froher
und gegen ihn wärmer als sonst fuhr doch als er dessen Empfindlichkeit
bemerkte fort »Ich heiß es gut Wie der Siegelgräber das Wappen anfangs in
Wachs und erst dann in den Edelstein sticht so versucht der Mann das seinige
in mehr als ein Herz zu graben bis er endlich das festeste hält Man muss
bekennen du hast nicht am schlimmsten ausgewählt in meiner Mündel und ich gebe
gern mein Wort dazu«
Albano drückte die Hand die den süßen Knoten der Liebe noch fester zog und
sagte im Rausche des Danks »Auch meine Schwester fand ich die Prinzessin aber
ich tue an Sie keine Frage wie neulich sondern rechne auf die Zeit«
»Spötter« sagte Gaspard und nahm ihn abzukühlen wie es schien den grausamen
Schein an als denk er der reine edle Sohn hab ihm mit der Erwähnung der
Schwester den Spott der vielfachen Liebe zurückgeben wollen »schweige nur über
alles im Innersten wie ich selber bisher und verbirg dein Wissen dem Hofe gib
mir dein Ehrenwort«
Albano sagte auch Juliennen hab ers schon gegeben er wurd aber durch
Gaspards ganzes Betragen auf Schlüsse zurückgetrieben die weder seinem Vater
noch Juliennens Mutter sittliche Kränze aufsetzten
Gaspard setzte noch dazu es sei für einen Mann ein Unglück mit
phantastischen Weibern wie Albano schon seine Mutter kenne und zwar mit
dreien auf einmal verwickelt zu sein und riet ihm seinen Schritt wie bisher
tapfer durch alle Rätsel fort zu tun und sie ihrer eignen Auflösung zu
überlassen darauf legt er ihm als eine Probe der dritten Phantastin die Frage
vor ob er schon wisse dass die Gräfin ungeachtet seiner Vormundschaft ihren
lebendigen Vater noch habe der erst an ihrem Hochzeittage erscheinen wolle Er
bejaht es Gaspard fuhr nun fort schon dieser Grund allein damit Linda ihren
Vater und sie alle endlich die Ruhe der Klarheit fänden bestimme ihn für eine
frühe heimliche Verbindung beider durch den ehrlichen Spener
Albano ordentlich erschreckend vor der schnellen nahen Verwandlung seliger
Stunden in selige Jahre und ebenso unvermögend sich seine Titanide als Gattin
zu denken wie als Kind antwortete bescheiden und mit uneigennütziger Rücksicht
auf Lindas EheScheu über die Zeit seines besiegelten Glücks dürfe und könne
niemand entscheiden als Linda selber
Gaspard war zufrieden »Nur um einen Aufschub halt ich bei euch an« fügt
er noch bei »mein Freund der Fürst ist seinem Ende wieder näher die
wohltätige Wirkung die auf ihn eine GeisterErscheinung gemacht hat allmählich
nachgelassen und er fürchtet täglich die Wiederkunft des Phantoms das ihm die
letzten Stunden vorauszusagen versprochen In solcher Zeit taugt mir euer Fest
nicht Im Vertrauen gesagt der arme Kranke hatte selber ein Auge auf die
schöne Braut Es ist doch billig ihn mit der größten Gewissheit seines
Verlustes zu verschonen Seinetwegen verschieb ich auch meine Abreise«
Wie wenn ein Mensch in das junge Paradies träte und alle Vögel auf einmal
Nachtigallen und Adler und Eulen und Paradiesvögel und Geier und Lerchen
umzögen ihn so verworren fühlte sich Albano durch diese durchkreuzende
Ansichten erregt und er merkte hierin geb es keinen Verlass und Vorhalt als
auf sein eigenes Herz und Linda ihres
Gaspard schien ungeduldig auf das Wiedersehen der Gräfin zu sein die er
seine einzige Freundin nannte »Ich glaubte leider in Rom meinem Bruder nicht«
setzt er dazu »da er beiden Frauen in Neapel wollte begegnet sein Apropos
dieser ist vor einiger Zeit hier durch nach Spanien gegangen in Rom behauptete
er nach Griechenland zu reisen du siehst mit welcher poetischen Lust und
Genialität er das reine Lügen treibt«
Gaspard schied sehr warm von ihm mit den Worten »Albano ich bin mit dir
zufrieden ich wär es unendlich wenn die Reinheit des Jünglings in den Mann
überginge noch hab ichs nie gefunden« Albano wollte gerührt beteuern und
beschwören »Darum« fuhr er mit einer leichten den Eid wegtreibenden
Handbewegung fort »fandest du mich so froh über dein Glück denn die Fürstin
Freund hatte mir deine Liebe schon am Morgen verkündigt Nimm dich in acht vor
ihr denn sie hasset dich ohne Grenzen«
Hart und schauerlich tritt wie ein neues wunderbares Raubtier hinter dem
Gitter zum erstenmal ein rechter wenn auch waffenloser Hass vor ein gutes Herz
Albano begehrte keine Bekräftigung und Erklärung dieser traurigen Nachricht
denn der Fürstin Liebe und Irrtum ihre Bekanntschaft mit seiner vorigen Kälte
gegen Linda ihr stiller Ingrimm gegen diese selber waren ja für sie Flammen
genug um daran den stärksten Gift zu kochen
Er wohnte wieder auf des Vaters Ersuchen bei dem für ihn unbedeutend in der
Tiefe liegenden Doktor Sphex und Gaspard wieder im Schloss nahe am kranken
Freund Der Ritter stellte ihn schnell dem Hofe vor der das ReiseBraun den
schärfern AugenBlitz und die ganze letzte Entwicklung seiner großen Gestalt
schnell bemerkte und bemerken ließ Die Fürstin empfing ihn mit der leichtesten
feinsten Kälte gleichsam einer aqua toffana die nur reines geschmackloses
Wasser scheint Der Fürst saß im Krankenbette aufrecht mit verdrüsslichem Gesicht
vor herkulanischen Zeichnungen und ließ sich darüber von Bouverot belehren Wie
ein Gesicht auf welchem in den späten grauen Jahren des Lebens noch schöne
Freudigkeit sich bilden kann ein schönes Leben und schönes Herz verkündigt so
lächelt der Heilige nie himmlischer als auf dem Krankenbette und der Verlorne
nie härter als eben da Albano wandte sein Auge ab vom siechen verzerrten Bruder
seiner Schwester
Schmachtend sah er nach dem vergangenen Hesperien zurück und auf die
ParadiesesPforte hin die endlich aufgehen und Linda und die Schwester im Eden
zeigen sollte »Es wird dir recht sein« hatte Gaspard gesagt »dass ich es
unter dem Vorwand der Krankheit Luigis gemacht dass beide im alten Schloss zu
Lilar wohnen wo du sie unbemerkter sehen kannst« Er begegnete dem Minister
Froulay und ihm kam entgegen der Lektor mit beiden ging ein dunkles
vielfaches SchattenGefolge von harten alten Erinnerungen mit Noch hatt er den
Hauptmann Roquairol nicht gesehen jetzt für ihn der Abendnebel eines
untergegangnen Frühlingstags
Er trug so schnell er konnte sein stummes Herz das eine Äolsharfe in der
Windstille war nach dem kindlichen Blumenbühl um die elterlichen Menschen zu
begrüßen und die Blätter seines nächsten SeelenNachbars Schoppe zu lesen nach
dessen versprochner Wiederkunft er sich jetzt mehr als jemals sehnte
121 Zykel
Es war ein blauer frischer Sommertag da Albano nach seinem alten Blumenbühl
ging ohne zu wissen dass ers gerade an dem Jakobi oder väterlichen Geburtstag
tue den er einmal in der Kindheit mit so seltsamen Vorspielen seines Lebens
verbracht In den alten Gärten und auf den alten Höhen umher bis nach Lilars
Walde hinüber lag überall noch der junge schimmernde Tau der Kindheit
unvertrocknet von der Sonne Hesperiens auch manche Tränentropfen standen
darunter auf Blumen aber sein frischer genesender Geist wehrte sich jetzt gegen
weiches Verschwimmen in die laue Verflossenheit diese Lete der Gegenwart Im
Dorfe wurd er über ein Pferd das man beschlug betroffen weil ers am Zeuge
und allem als Roquairols Freudenpferd erkannte
Ein Fest trug er in das Fest hinein als er in die laute VatersStube voll
Geburtstagswähler trat blühend entwickelt gerade ein befestigter Mann mit
entschiednem Blick und Zug Rabette schrie auf Roquairol rief »Aha« und der
alte Lehrer Wehmeier »Gott und mein Herr« und seine KindheitsEngel die
Eltern umfassten ihn unverändert und aus Albinens blauen Augen rannen die
hellen Tropfen
Aber verändert stand die fremde Jugend neben seiner Rabettens Angesicht
die vorigen vollen Wangen und blühenden Lippen waren niedergefallen und mit dem
aufliegenden weißen Schleier überlegt und verwachsen und sie hatte zwei graue
Tränen statt der Augen indes lächelte sie sehr Wie sein eigenes Gorgonenhaupt
erschien Roquairols Gesicht blass und hart gleichsam auf seinen Grabstein
gehauen nur schroffe Pfeiler standen in der Flut ohne die leichten Bogen der
schönen Brücke Zu Albanos BlütenStamme sahen Albine und Rabette unverwandt
hinauf er schien ein italienisches Gewächs zu sein ein Neapolitaner im
täglichen Bade des Golfs genervigt Roquairol hatte sogleich seine Rolle in der
Gewalt leichter als Albano seine Wahrheit; er benahm sich gegen den der ihm
den Zauberstab des Lebens entzweigebrochen und als zwei Bettelstäbe hingeworfen
hatte mit der höchsten Höflichkeit küsste ihn auf die Wange hielt in dem
leichtesten oft französischen Sprachton aus zog die nächsten Nachrichten über
Welschland ein und gab wieder die erheblichsten so gut er sie sagt er für
einen Mann mit hesperischem Maßstab auftreibe aus dem Lande zum besten Auch
erzählte er »dass des Ritters Bruder dagewesen ein Mann voll Talente zumal
mimischer Art und von der sonderbarheftigsten Phantasie bei der höchsten Kälte
des Charakters vielleicht aber nicht immer wahr genug« »Bei meinem
Trauerspiel« setzt er dazu »wär er Goldes wert Lieber Bruder sei bei
dieser Gelegenheit auch gleich eingeladen dazu es heißt der Trauerspieler
Ich geb es bald Rabette kennts« Sie nickte Albano schwieg unter seiner
Glut Unter allen Rollen gelang dem Hauptmann die eines Weltmanns am reinsten
auch ist der Schein der Kälte leichter und wahrer als der Schein der Wärme
Albano blieb in einem stolzen Abstande Der gekränkten welken Rabette gegenüber
konnte Roquairol durch nichts gewinnen auch nicht durch die Vorbitte seiner
Gestalt voll zertrümmerten Lebens etwas auf ewig Verworrenes und die
Wachsflügel zu einem Klumpen gequetscht fand Albano und ihm war hier enge wie
einem der von der hellen Welt herab auf einmal in eine niedrige feuchte
Kellerhöhle kriecht
Der Hauptmann stand auf erinnerte noch einmal an seine Bitte für den
»Trauerspieler« und sprengte auf dem Freudenpferde davon
Hinter ihm schwieg jeder von ihm wie verlegen Die Weiber von Albanos
glänzender Gegenwart ein wenig scheu getraueten sich nur schwer mit der alten
einheimischen Vergangenheit hervor indes der Pflegevater Wehrfritz in seinen
Meinungen und Sitten fortgewachsen noch in das alte Geschrei der Kanarienvögel
und Hunde eingefasset gar keine Zeit kannte dem Pflegesohne innigen Dank für
die verbindliche Erinnerung und Wahl seiner Geburtstagsfeier sagte den Albano
notwendig und vergeblich ausschlug im vorigen Du und Vaterwesen fortfuhr sich
über die Franzosen und ihre künftigen Siege entzückte und jetzt dem älteren
Pflegesohne mehr Prämien des Lobes als jemals dem jüngeren bewilligte um ihm
dadurch hofft er ein so großes Vergnügen zu machen wie sonst Der Magister
unterstützte von weitem das Lob ob er gleich nicht unterlassen konnte sofort
als sein Schüler Napel Baja Cuma ausgesprochen hatte eine Gelegenheit zu
ergreifen um Neapel Bajä Cumä auszusprechen Albano war rein wahr
menschlich offen und herzlich gegen alle Eitelkeit war nicht in seinem
selbstvergessenen Stolz
Rabette fand endlich ein Hebezeug den glänzenden und doch trauten Bruder
aus dem Gastzimmer in ihres oder sein voriges aufzuwinden um allein zu sein an
seiner Brust Als sie hineintraten so fing sie sogleich mit den Worten »Kennst
du die Stube noch Albano« unendlich zu weinen an mit den so lange gesammelten
Tränen und Albano zeigt ihr in den seinigen sein langes bisheriges Mitleiden
riss aber dadurch die ganze wundenvolle Vergangenheit auf Sie griff selber zum
Heilmittel zum Erzählen so sehr er auch vorschützte er wisse und errate ja
alles und berichtete die Augen trocknend wie alles stehe und »dass Karl
viel bei seiner Mutter in Arkadien sei dass der Minister noch gegen das einzige
Kind den alten Wütrich mache und ihm nicht einen Heller mehr als sonst
zuschiesse ob er gleich immer große und größere Schulden häufe zumal seitdem
keine Liane sie mehr im stillen tilge dass er überall borge nur aber von ihr
nichts annehme dass er noch immer weiter nichts begehre und kenne als die
Gräfin und dass Gott wisse wohinaus das alles noch wolle« Allem Fragen
zuvorkommend setzte sie dazu »Er weiß schon jetzt alles dein ganzes Leben mit
derselbigen Person er tut dabei still und lustig aber ich kenn ihn genugsam
Ach« seufzte sie in der JammerFülle und setzte sogleich mit derselben Stimme
dazu »Du siehst mich an nicht wahr du findest mich sehr mager gegen sonst«
»Jawohl Arme« sagte er »Ich trank viel Essig seinetwegen weil Karl schlanke
Taillen liebt und der Gram tut auch viel« sagte sie
Albano wollte sie trösten mit der nähern Möglichkeit einer Verbindung Karls
mit ihr seit der entschiednen Unmöglichkeit jeder andern und bot sich ihr gern
zu jedem Vorwort und Zwangsmittel an »er ist vor Gott und uns dein Mann«
sagt er »Das hat er nie« versetzte sie errötend »sein mögen nämlich honett
ich schrieb dir ja dass ich jetzt auch zu stolz bin dazu« Nichts bestach ihn
mehr als sittlicher Stolz »So wirf ihn einmal weg auf immer« sagt er
»Ach« sagte sie bänglich »weiß ich denn dass er kein Leid gegen sich selber
vorhat Dann würf ich mirs ewig vor« Unwillkürlich musste er mit dieser
liebenden heiligen Furcht die Härte der Fürstin vergleichen die es so froh und
stolz erzählen konnte dass manches verliebte Leben das Opfer ihres spröden
Herzens und koketten Gesichts geworden »Was willst du nun tun« fragt er »Ich
weine« sagte sie »ach Alban das ist ja genug dass du mir Gehör und Rat
gegeben ich bin wieder ganz heiter Aber werde wieder sein Freund«
Er schwieg über die weibliche Unart ein wenig erzürnt die unter dem
Vorwand Rat zu suchen nur Gehör verlangt »Was ist das« fragt er ein Blatt
ihr zeigend »das ist völlig meine Hand und ich hab es nie geschrieben« Sie
sah es an und sagte »Karl probiere oft so in den Händen bei ihr« Es wunderte
ihn und er sagte Ȇberall nur Nachspielen und Nachmachen Aber wie kannst du
denken dass ich ihm vergebe« Einige Reisebeschreibungen auf ihrem sonst
bücherarmen Nachttisch fielen ihm auf »ich wollte doch wissen« sagte sie
»wie es dir etwan da und dort mochte ergehen und las deshalb das lange Zeug«
»Du bleibst meine Schwester« sagt er und küsste sie herzlich Sie fragte ihn
noch viel und zudringlich über sein neues Verhältnis aber er eilte wortkarg mit
dem vollen Herzen hinab
Das erste Wort drunten an den Landschaftsdirektor war die Bitte um das
»deponierte Schoppische Schreiben« Wehrfritz brachte den im Eisenkästchen der
Schuldscheine aufbewahrten breiten Brief und lieferte ihn hoffentlich wie er
sagte richtig ab Kaum hielt Albano die Tränen zurück als die krausen aber
werten Spuren der geliebten Hand die gewisslich nie im Leben gewankt oder sich
befleckt in der seinigen hielt Da er nichts erbrach so fingen sie alle
gutmütig an ihm seinen Freund Schoppe nach den Mutmaßungen und Ansichten die
sich der Mensch über jeden höheren Geist so keck und froh erlaubt mit allen
seinen Taten oder Farben vorzuschildern als wären Taten oder Farben Striche und
Umriss Wehrfritz und Wehmeier bedauerten dass er toll würde wenn ers nicht
schon sei Der Magister hielt mit seinem Hauptbeweise zurück bis der
Landschaftsdirektor die kleineren Nebenbeweise beigebracht
Sein Leben unter diesem Schlossdache wurde abund aufgedeckt aber im guten
Er hatte bisher so gingen die Berichte nichts Reelles oder Solides »bezweckt«
Wehrfritz schwur er habe selber zugesehen dass er die Literaturzeitung so
gelesen wie sie ineinander Halbbogenweise steckte und sagte dass ers freilich
weniger der Tollheit als einer GeistesAbwesenheit zuschreibe weil er wisse
mit welcher Lust er immer den Reichsanzeiger den solcher selber für den
Torschlüssel der Reichsstadt Deutschland erkläret in die Hand genommen und
verständig durchgegangen Mitten in der Gesellschaft hab der Bibliotekar seine
Hände angesehen mit den Worten »Da sitzt ein Herr leibhaftig und ich in ihm
wer ist aber solcher« Gearbeitet hab er sehr wenig Bücher von Gewicht wie
Herr Wehmeier wisse selten angesehen leichter die allerschlechtesten von
Bauern zB ganze Traumauslegebücher Sein liebster Umgang sei ihm sein
Wolfshund gewesen mit dem er stundenlang ordentlichen Diskurs geführt und von
dessen Murren er ernstaft behauptet es klinge wie ein sehr ferner Donner
Gern sei er vor dem Spiegel gesessen und habe sich in ein langes Gespräch mit
sich eingelassen zuweilen hab er in die camera obscura gesehen dann schnell
wie der in die Gegend um beide zu vergleichen und habe unoptisch genug
behauptet die laufenden regen Bilder der camera würden von der äußern Welt
vergrößert aber täuschend nachgeäfft »Ein schlauer Vogel« setzte der Direktor
dazu »bliebs bei alledem verschiedene meiner Bekannten auf den benachbarten
Rittersitzen ließ sich von ihm malen weil ers wohlfeil gab er wusste aber
immer etwas ins Gesicht einzuschieben dass einem die Physiognomie ganz
lächerlich oder einfältig vorkam und das hieß er sein Schmeicheln Natürlich
saß ihm in die Länge nichts Honettes mehr«
»Wär es mir verstattet« fing Wehmeier an »so würd ich jetzt dem Herrn
Grafen ein Faktum vom Herrn Bibliotekar mitteilen das vielleicht das ist
wenigstens meine Meinung so frappant ist als manches andere Die Schulwohnung
ist wie Sie gewiss noch wohl wissen dicht an der Kirche« Darauf gab er in
einer langen Erzählung diese Einst sei in der tiefen Mitternacht die Orgel
gegangen Er habe an der Kirchtüre gelauscht und Schoppen deutlich einen kurzen
Vers aus einem Hauptlied singen und orgeln hören Darauf sei dieser laut vom
Chore herab und auf die Kanzel hinaufgestiegen und habe eine Kasualpredigt an
sich selber mit den Worten angefangen »Mein andächtiger Zuhörer und Freund in
Christo« Im Exordium hab er das stille leider so schnell vergangne Glück vor
dem Leben berührt obwohl nicht nach rechter Homiletik da der zweite Teil fast
den Eingang repetieret darauf einen Kanzelvers mit sich gesungen und aus Hiob
Kap 3 wo dieser die Freude des NichtSeins zeigt den 26sten Vers verlesen der
so lautet »War ich nicht glückselig war ich nicht fein stille hatt ich nicht
gute Ruhe Und kommt solche Unruhe« Vorgestellt hab er sich die Leiden und
Freuden eines Christen im ersten Teil die Leiden im zweiten die Freuden
Hierauf hab er aber auf närrische Art und Sprache aber doch auch mit
Bibelsprüchen die Not auf der Welt kurz zusammengedrängt worunter er sehr
unerwartet sonderbare Sachen lange Predigten die beiden Pole hässliche
Gesichter die Komplimente die Spieler und die WeltDummheit gezählt Darauf
sei er zum Trost im zweiten Teile vorgeschritten und habe die künftigen Freuden
eines Christen beschrieben welche wie er lästerlich gesagt in einer
Himmelfahrt ins zukünftige Nichts in dem Tode nach dem Tode beständen in einer
ewigen Befreiung vom Ich Da hab er grausend sei es zu hören gewesen die
benachbarten Toten unten in der Kirche und in der fürstlichen Gruft angeredet
und gefragt ob sie zu klagen hätten »Ersteht« sagt er »setzt euch in die
Stühle und schlagt die Augen auf falls sie nass sind Aber sie sind trockner als
euer Staub O wie liegt die unendliche Vorwelt so still und schön gewickelt in
den eignen Schatten auf das Bette der SelbstAsche weich gelegt und hat nicht
ein TraumGlied mehr in das eine Wunde geht Swift alter Swift der du sonst
so sehr in der letzten Zeit nicht bei Verstande warst und an jedem Geburtstage
das ganze Kapitel durchlasest woraus der heilige Text unserer Erntepredigt
genommen ist Swift wie bist du nun so zufrieden und gänzlich hergestellt der
Hass deiner Brust ausgebrannt die Zahlperle dein Ich in der heißen Träne des
Lebens endlich zerbeizt und zerlassen und diese steht allein hell da Und du
hattest vor dem Küster gepredigt wie ich« Hier habe Schoppe geweint und sich
über die Rührung Gott weiß vor wem entschuldigt Darauf sei er an die
Nutzanwendung gegangen und habe scharf auf Besserung des Zuhörers und Predigers
gedrungen auf lautere redliche Wahrhaftigkeit Freundestreue stolzen Mut
bitteren Hass der Süsslichkeit des Schlangengangs und weicher Unzucht Endlich hab
er mit einer Bitte an Gott dass er ihn sollt er einmal Gesundheit oder den
Verstand oder dergleichen verlieren doch möge sterben lassen wie einen Mann
die Andacht beschlossen und sei auf einmal aus der Kirchentüre herausgefahren
»Er brachte mich« setzte Wehmeier dazu »fast um meinen Verstand durch
Schrecken da er auf einmal zornig mich anfuhr Scheinleiche was schleichst du
ums Grab und ich machte mich entfärbt und hurtig nach Hause ohne ihm das
geringste darauf versetzt zu haben Was sagen aber der Herr Graf«
Albano schüttelte den Kopf mit Heftigkeit ohne ein belehrendes Wort mit
Schmerz und Tränen auf dem Gesicht Er nahm bloß schnell von allen Abschied und
bat sie um Vergebung der Eile und suchte AbendSonne und die Freiheit um des
edlen Menschen Brief und die Absicht seiner Reise zu lesen Er schlug den alten
Weg nach Lilar ein wo er an der frohen südlichen Brust seines frohen Dians
wieder die südliche Heiterkeit und Gewohnheit zu finden hoffte denn sein Herz
war durch ein Erdbeben aufgedrängt und aufgehoben weil ihm in diesem Schoppe
doch manches wilde Zeichen gleichsam ein übermässiges Leuchten und Blitzen
dieses Gestirns einen Untergang und Jüngsten Tag zu melden schien den er zu
seinem höchsten Schmerz dem Aufgehen des neuen Sterns der Liebe der diese Welt
anzündete zuzuschreiben gezwungen war
122 Zykel
Er las folgenden Brief von Schoppe
»Dein Schreiben mein lieber Jüngling kam mir richtig zu Ich preise deine
Tränen und Flammen die einander wechselnd unterhalten und nicht löschen Werde
nur etwas auch viel nur nicht alles damit du es in einer so äußerst leeren
Sache wie das Leben ist ich möchte wissen wers erfunden hat ausdauern
kannst vor Wüstenei Ein Homer ein Alexander die nun die ganze Welt erobert
und unter sich haben müssen sich oft mit den verdrüsslichsten Stunden plagen
weil nun ihr Leben aus einer Braut eine Frau geworden So sehr ich mich dagegen
verpalisadierte und mich festmachte um nicht über jedermann zu steigen und als
das Faktotum der Welt oben zu sitzen so kam ich doch am Ende unvermerkt und
stehend in die Höhe bloß weil unter meinem langen Besehen der ganze Erdkreis
voll Schaumberge und NebelRiesen immer tiefer auftauete und zusammenkroch und
schaue nun allein und trocken von meinem Berghorn herunter ganz besetzt mit
Blutigeln des WeltEkels
Bruder es wird aber in diesem Jahre anders und ich flott Deswegen wird dir
hier im Februar ein langer mir ganz verdrießlicher Brief geschrieben der dir
über meine nahe Einspinnung und Verpuppung sagt wo und wie denn bin ich einmal
eine glänzende Chrysalide so kann ich mich nur schwach mehr regen und zeigen
Ich will mich deutlicher erklären setzen die Deutschen hinzu wenn sie sich
deutlich erklärt haben Es schickt und trifft sich besonders glücklich was ich
schätze wie einer dass gerade Ende des Jahrs Ende meines bisherigen
väterlichen Vermögens ist und folglich wenn Amsterdam aufhört zu zahlen ich
auch falle und nichts mehr in Händen habe als schwache chiromantische
Wahrsagungen und nichts im Leibe habe außer dem Magen Ich wollte ich könnte
noch von meinem Nabel leben wie in meinen frühern Zeiten und mich so weich
betten
Was soll ich dann machen Mich von den Herren Menschen jahraus jahrein
beschenken zu lassen dazu acht ich sie nicht genug und die wenigen die man
etwa bei Gelegenheit achtet sollen wieder mich zu hoch achten es anzubieten
Was ein Floh soll ich sein am dünnsten goldnen Kettlein und ein Herr der mich
darangelegt damit ich ihm springe aber nicht davon zieht mich öfters auf den
Arm und sagt saug nur zu mein Tierchen Teufel Frei will ich bleiben auf
einer so verächtlichen Erde keinen Lohn keinen Befehl in diesem großen
Bedientenzimmer erhaltend kerngesund um kein Mitleiden und keinen Hausarzt zu
erwecken ja wollte man mir das Herz der Gräfin Romeiro unter der Bedingung
zuschlagen es zu erknien so würd ich das Herz zwar annehmen und es küssen
aber gleich darauf aufstehen und davonlaufen entweder in die zweite oder in die
neue Welt ehe sie Zeit hätte sich die Sache zu rekapitulieren und mir
vorzurücken
Werden freilich etwas und dadurch ebensoviel verdienen das könnt ich
schlägt man mir vor doch versuchen ohne sonderliche Einbusse von Freiheit und
Ungleichheit In der Tat seh ich hier aus meinem Zentrum an 360 WegRadien
laufen und weiß kaum zu wählen so dass man lieber das Zentrum zum Umkreis
auszuplätten oder diesen zu jenem einzuziehen versuchen möchte um nur
fortzustehen Dienen wie die Regimentsstäbe sagen wäre freilich das nächste am
Herrschen Du willst selber wie du schreibst ins Feld Deinen Brief hab ich
richtig erhalten und darin deine Scheu und Sucht recht und gut gefunden und dich
ganz Und in Wahrheit, errichtete der Erzengel Michael eine heilige Legion
eine legio fulminatrix von einigen schwachen Septuagintas gegen das gemeine
Wesen der Welt kündigte er den Riesenkrieg dem Pöbelsaufgebote an um vier oder
fünf Weltteile durch ein sechstes Weltteilchen auf einer Insel hätt es vielen
Platz aus der Welt zu treiben oder in die Kerker und um alle geistige Knechte
zu leiblichen zu machen sei versichert in diesem glücklichen Fall stellte ich
mich am ersten hinter die Spitze und führte die Kanonen mit der kurzen
flüchtigen Bemerkung
wie Händel zuerst Kanonen in die Musik so brächte man hier umgewandt zuerst
Musik in die Kanonen Kämen wir nun sämtlich zurück wehte der heilige Landsturm
wieder herwärts so stände Gottes Thron auf der Erde und heilige Männer gingen
mit hohen Feuern in Händen hinauf viel weniger um droben den Weltkörper zu
regieren als dem Weltgeiste zu opfern
Mit der Franzmannschaft demnach stehst du für deine Person wie du
schreibst künftig für einen Mann Freilich fällt mirs schwer sonderlich von 25
Millionen zu denken wovon zwar die Kubikwurzel frei lief und wuchs aber Stamm
und Gezweig doch jahrhundertelang am SklavenGitter trocknete und dorrte Wer
nicht vor der Revolution ein stiller Revolutionär war wie etwan Chamfort mit
dessen feuerfesten Brust ich einmal in Paris an meiner schönes Feuer schlug
oder wie Montesquieu und JJ Rousseau der spreize sich mit seiner
Tropfenhaftigkeit nicht breit unter seine Haustür aus Freiheit wird wie alles
Göttliche nicht gelernt und erworben sondern angeboren Freilich sitzen im
Frank und Deutschreich überall junge Autoren und Musensöhne die sich über
ihren schnellen SelbstGehalt verwundern und erklären nur verflucht erstaunt
dass sie nicht früher ihr Freiheitsgefühl gefühlt weiche Schelme die sich als
ganze blasende Walfische ansehen weil sie einiges Fischbein davon um die Rippen
zu schnüren fanden Immer würd ich in einem Kriege wie ihn die tote Zeit
geben kann glauben zwar gegen Toren zu kämpfen aber auch für Toren
Die jetzigen zynischen naiven freien Naturmenschen Franzen und Deutsche
gleichen fast den nackten Honoratioren die ich in der Pleisse Spree und Saale
sich baden sah sie waren wie gesagt sehr nackt weiß und natürlich und Wilde
aber der schwarze Haarzopf der Kultur lag doch auffallend auf den weißen Rücken
Einige große lange Menschen und Väter der Zeit wie Rousseau Diderot Sidnei
Ferguson Plato haben ihre abgetragnen Hosen abgelegt und diese tragen ihre
Jungen nach und nennen sich weil sie ihnen so weit lang und offen sitzen
deswegen OhneHosen
Zwar statt des Degens könnte ich auch sehr gut das Federmesser ergreifen und
als schreibender Cäsar aufstehen um die Welt zu bessern und ihr und sie zu
nutzen Es wird mir denkwürdig bleiben das Gespräch das ich darüber mit einem
berlinischen allgemeinen deutschen Bibliotekar aushielt als wir still im
Tiergarten auf und abgingen Jeder wuchere doch seinem Vaterland mit seinen
Kenntnissen die sonst vergraben liegen sagte der deutsche Bibliotekar Zu
einem Vaterland gehört zuvörderst einiges Land sagt ich der Malteser
Bibliotekar aber der hier spricht erblickte das Licht der Welt zur See unter
einem pechfinstern Sturm Kenntnisse besitz ich freilich genug und weiß dass
man sie wie ein Glas voll Kuhpocken vernünftig genommen nur dazu hat um sie
einzuimpfen der Schüler seinerseits schlingt sie wieder nur ein um sie von
sich zu geben und so gibt sich das Weitere So fährt das Licht wie im Spiel
stirbt der Fuchs so gilts den Balg der glimmende Span von Hand zu Hand bis
aber doch der Span in einer meiner verlöscht und verbleibt
Launig genug sagte der allgemeine Bibliotekar Mit einer solchen Laune
verbinden Sie nur noch Studium schlechter Menschen und guter Muster so bilden
Sie uns einen zweiten Rabener der die Narren geisselt Herr versetzt ich
ergrimmt ich würde die Weisen vorziehen und Euch den ersten Schlag versetzen
Weise lassen sich berichten und waschen haben überall ihr Einsehen und sind
gute Narren und meine Leute ein Mann wie ein allgemeiner deutscher Kurschmied
der dem Musenpferd an den Puls greift halte mir seinen vor und ich befühl ihn
gern Aber der WeltRest Sir Wer kann das Weltmeer abschäumen wenn er ihm
nicht die Ufer wegbricht Ists nicht ein Jammer und Schade dass alle genialische
Menschen von Plato bis zu Herder laut und gedruckt worden und häufig gelesen
und studiert vom gelehrten Pack und Packhof ohne dass dieser sich im geringsten
ändern können Bibliotekar ruft und pfeift doch alles was in den kritischen
Hundshütten neben jenen Tempeln Wache liegt heraus und fragt sämtliche
Windspiele Doggen und Packer ob in ihren Seelen sich etwas anders bewege als
ein potenzierter Magen statt eines poetischen und heiligen Herzens Im
Bergkessel sehen sie den Wurst und Braukessel im Laub die Schelle der Karte
und der Donner hat für sie als ein größerer elektrischer Funke einen sehr
säuerlichen Geschmack den er nachher dem MärzBiere einflösset
Spielen Sie an fragt er Sicher sagt ich Aber weiter Bibliotekar
gesetzt wir beide wären so glücklich uns auf dem Absatze herumzudrehen und mit
einem Umherhauchen alle Toren wie mit einem Hüttenrauche ganz verpestet
umzuwehen und maustot hinzuwerfen so kann ich doch nicht absehen wo der Segen
herauskommen will weil ich außerdem dass wir noch selber nebeneinander stehen
und auch uns anzuhauchen haben in allen Ecken umher Weiber sitzen sehe welche
die erlegte Welt von neuem hecken
Bester Püsterich199 voll Feuer fuhr ich fort kann aber das sehr zum
satirischen Handwerke rufen und prägen O nein
Echte Laune ist bei mir da vielleicht fremde Tollheit gleichfalls
vielleicht aber ach wird nicht der seltsame Scherzmacher sogar in ihrer
ungemeinen Bibliothek dem Stachelschweinmanne in London dem Sohne gleichen
der bei dem Tierhändler Brook den Dienst hatte den Fremden im wilden Viehstand
und ausländischen Tiergarten herumzuführen und der auf der Schwelle dabei
anfing dass er sich selber zeigte als Mensch betrachtet Bedenken Sie es kalt
und vorher Noch schwing ich meinen SatyrSchweif ungebunden und lustig und
etwan gegen eine gelegentliche Bremse wird mir aber ein Buch darangebunden wie
in Polen an den KuhSchwanz eine Wiege so rüttelt das Tier die Wiege der Leser
und gibt Lust der Schwanz aber wird ein Knecht
Zu solchen Bildern sagte der Bibliotekar wäre allerdings die gebildete
Welt durch keinen Rabener oder Voltaire gewöhnt und ich erkenne nun selber die
Satire nicht für Ihr Fach O so wahr versetzt ich und wir schieden gütlich
Aber ernstaft genommen Bruder was hat nun ein Mensch übrig sowohl an
Aussichten als an Wünschen dem das Säkulum so versalzen ist wie mir und das
Leben durch die Lebendigen den die allgemeine matte Heuchelei und die glänzende
Politur des giftigsten Holzes verdriesset und die entsetzliche Gemeinheit des
deutschen Lebensteaters und die noch größere des deutschen TheaterLebens
und die pontinischen Sümpfe Kotzebuischer ehr und zuchtloser Weichlichkeit die
kein heiliger Vater austrocknen und festmachen kann und der ermordete Stolz
neben der lebendigen Eitelkeit umher so dass ich mich um nur Luft zu schöpfen
stundenlang zu den Spielen der Kinder und des Viehs hinstellen kann weil ich
doch dabei versichert bin dass beide nicht mit mir kokettieren sondern nichts
im Sinne und liebhaben als ihr Werk was hat fragt ich auf der letzten Zeile
des vorigen Blattes einer nun übrig den wie gesagt so vielerlei anstinkt und
vorzüglich noch der Punkt dass Besserung schwer ist aber Verschlimmerung ganz
und gar nicht weil sogar die Besten den Schlimmsten etwas weismachen und
dadurch sich auch und weil sie bei ihrer verborgenen Verwünschung und Sänften
und Achselträgerei der Gegenwart wenigstens um Geld und Ehre tanzen und sich
dafür gern vom festern Pöbel brauchen lassen als Weinfässer zu Fleischfässern
was hat ein Mann sag ich Freund in Zeiten wo man wie jetzt im Druck aus
Schwarz zwar nicht Weiß macht aber doch Grau und wo man wie Katecheten sollen
gerade die Fragen auf Nein und Ja vermeidet noch übrig außer seinem Hasse der
Tyrannen und Sklaven zugleich und außer dem Zorne über die Misshandlung sowohl
als über die Gemisshandelten Und wozu soll sich ein Mann dem der Panzer des
Lebens an solchen Stellen dünn gearbeitet oder dünn gerieben ist ernstaft
entschließen
Ich meines Orts falls von mir die Rede ist entschloss mich im halben
Scherze zu einer dünnen hellen Anfrage für den Reichsanzeiger die du vielleicht
schon in Rom gelesen ohne mich eben zu erraten
Allerhand
Wohl zuverlässig steht gesunder Verstand und Vernunft mens sana in cs unter
den zu würdigenden Gütern des Lebens zunächst nach einem reinen Gewissen obenan
Ein Satz den ich bei den Lesern dieses Blattes vorauszusetzen wage Was sonst
hierüber noch gesagt werden kann sowohl von als gegen Kantner so schreibt
Kampe statt Kantianer viel richtiger gehört gewiss nicht hieher in ein ganz
populäres Volksblatt Unterzeichneter dieses ist nun in dem betrübten Falle dass
er hier genötigt die Ärzte Ausund Deutschlands befragt Mitleiden mit Leiden
gebe schicke die Antworten ein wenn er gerade heraus vor Deutschland
ganz toll werden werde indem der Anfang davon schon einen genommen
Das Wenn aber nicht das Ob liegt edelen Menschenfreunden zu beantworten ob
Hier meine Gründe Deutsche Abgesehen dass mancher schon aus der Anfrage
folgern könnte was doch wenig entscheidet so sind folgende Stücke
bedenklich und gewiss 1 des Verfassers bunter Stil selber der weniger aus
diesem Inserat in den überlegtesten Intervallen gemacht als aus der ähnlichen
Schreibart eines sehr beliebten und geschmacklosen Schriftstellers zu erkennen
ist wie denn ein buntes Übermaß ganz wildfremder Bilder so gut am Kopfe wie
buntes Farbenspiel am Glase nahe Auflösung bedeuten 2 die Weissagung eines
Spitzbuben200 an die er immerfort denkt was schlimme Folgen haben muss 3
seine Liebe und sein Treiben Swifts dessen Tollheit Gelehrten nicht fremd ist
4 seine gänzliche Vergesslichkeit 5 seine häufige schlimme Verwirrung
geträumter Sachen mit erlebten und vice versa 6 sein Unglück dass er nicht
weiß was er schreibt bis ers nachgelesen weil er gegen seinen Zweck bald
etwas auslässet oder bald etwas hinsetzt wie das durchstrichne Manuskript
leider am besten bezeugt 7 sein ganzes bisheriges Leben Denken und Spassen
was hier zu weitläuftig wäre und 8 seine so unvernünftigen Träume Nun ist die
Frage wenn in solchen Verhältnissen schlagen nämlich keine Fieber keine
Liebschaften dazu vollständige Verrückung Idea fixa mania raptus eintritt
Bei Swift fiels sehr spät im Alter wo er ohnehin schon an und für sich halb
närrisch sein mochte und nachher alles nur mehr zeigte Wenn man betrachtet dass
einmal der Professor Büsch ausrechnete dass seine AugenSchwäche sehr gut ohne
seinen Schaden von Jahr zu Jahr wachsen könnte weil die Periode seiner
gänzlichen Erblindung über sein ganzes langes Leben hinausfiele bloß auf sein
Grab so sollt ich annehmen dass meine Schwäche so stufenweise aufschwellen
könnte dass ich keine petites maisons brauchte als den Sarg selber so dass ich
vorher dabei heiraten und amtieren möchte wie jeder andere rechtschaffene Mann
Was ich hiermit bezwecke ist bloß mich hierüber mit irgendeinem
Menschenfreunde er sei aber philosophischer Arzt in Korrespondenz zu setzen
Meine Adresse hat die Expedition des Reichsanzeigers Näher bekannt mach ich
mich vielleicht körperlich und bürgerlich in eben diesem Blatte auf dem Blatte
wo ich eine Gattin suche Pestitz den Februar
Ss Ld Lr Gl Se
Albano du weißt unter welchem Gebüsch mein Ernst liegt Der Reichs und
SchoppensAnzeiger hat acht Gründe für die Sache die nicht nur mein Ernst sind
sondern auch mein Spaß Seit der Kahlkopf mir nach einem Jahre den Aufgang
meines tollen Hundssterns ansagte sah ich immer die Aurora dieses FixGestirns
vor mir und sah mich daran zuletzt blind und feige ich muss es heraussagen O
ich hatte im Januar Bruder acht furchtbare Träume hintereinander nach der
Zahl der Gründe im Anzeiger und selber unter den achten Grund gehörig Träume
worin ein wilder Jäger des Gehirns durch den Geist jagte und ein reissender Strom
voll Welten voll Gesichter und Berge und Hände wallete ich will dich nicht
damit ängstigen Dante und sein Kopf sind Himmel dagegen
Da wurd ich verdrießlich über die Feigheit und sagte zu mir Hast bisher so
lange gelebt und die reichsten Ladungen leicht ins Wasser geworfen sogar diese
und die zweite Welt und dich von allem und von Ruhm und von Büchern und Herzen
so rein entkleidet und hast nichts behalten als dich selber um damit frei und
nackt und kalt auf der Kugel zu stehen vor der Sonne auf einmal krümmst du dich
unversehends vor dem bloßen tollen fixen Gedanken an eine tolle fixe Idee die
dir jeder FieberPulsschlag jeder FaustSchlag jedes Giftkorn in den Kopf
graben kann und verschenkst auf einmal deine alte göttliche Freiheit Schoppe
ich weiß gar nicht was ich von dir halten soll wer irgend etwas noch fürchtet
im Universum und wär es die Hölle der ist noch ein Sklave
Da ermannte sich der Mann und sagte ich will das haben was ich fürchtete
und Schoppe trat näher an den breiten hohen Nebel und siehe es war man hätte
sich gern auf der Stelle hineingebettet nur der längste Traum vor dem längsten
Schlaf mehr nicht was sie Wahnsinn nennen Geht man nun auf einige Zeit zB
in ein Irrhaus zum Scherz so kann man den Traum haben lässt es sich sonst
alles so dazu an wie bei manchem Und dahinein will ich nun allgemach sinken in
den Traum wo an der Zukunft die Dolchspitze abgebrochen ist und an der
Vergangenheit der Rost abgewischt wo der Mensch ohne Störung in dem
Schattenreich und dem BaratariaEiland seiner Ideen das regierende Haus allein
ist und der Johann ohne Land und er wie ein Philosoph alles macht was er denkt
wo er auch seinen Körper aus den Wellen und Brandungen der Außenwelt zieht und
Kälte Hitze Hunger Nervenschwäche und Schwindsucht und Wassersucht und Armut
ihn nicht mehr antasten und den Geist keine Furcht keine Sünde kein Irrtum im
Irrhaus wo die 365 Träume jährlicher Nächte sich in einen einzigen die
flüchtigen Wolken in ein großes GlutAbendrot zusammengewebt
Da sitzt etwas Böses Der Mensch muss imstande sein sich seinen Traum seine
gute fixe Idee denn ein hoher Ameishaufen der grimmigsten und der
liebreizendsten wimmelt vor ihm mit Verstand auszuklauben und zuzueignen
sonst kann er so schlimm fahren als wär er noch bei Verstand Ich muss nun
besonders meine Anstalten treffen dass ich einen liebreichen favorablen FixWahn
finde und anerkenne der gut mit mir umgeht Kann ichs dahin bringen etwan der
erste Mensch zu sein im irrigen Hause oder der zweite Momus oder der dritte
Schlegel oder die vierte Grazie oder der fünfte Kartenkönig oder die
sechste kluge Jungfrau oder die siebente weltliche Kur oder der achte Weise
in Griechenland oder die neunte Seele in der Arche oder die zehnte Muse oder
der 41ste Akademiker oder der 71ste Dolmetscher oder gar das Universum
oder gar der Weltgeist selber so ist allerdings mein Glück gemacht und dem
LebensSkorpion der ganze Stachel weggeschlagen Aber was steht nicht noch für
goldnes edelsteinernes Glück offen Kann ich nicht ein sehr begünstigter
Liebhaber sein der den Sonnenkörper einer Geliebten den ganzen Tag im Himmel
ziehen sieht und hinaufschauet und ruft ich sehe nur dein SonnenAuge aber es
genügt Kann ich nicht ein Verstorbner sein der voll Unglauben an die zweite
Welt in solche gefahren ist und nun da gar nicht weiß wo er hinaus soll vor
Lust O kann ich nicht denn der kürzere Traum und das Alter verkindern ja
schon wieder ein unschuldiges Kind sein das spielt und nichts weiß das die
Menschen für Eltern hält und das nun einen aus der bunten Blase des Lebens
zusammengefallenen Tränentropfen vor sich stehen hat und den Tropfen wieder mit
der Pfeife geschickt zum flimmernden FarbenWeltkügelchen aufbläset Es ist eben
Mitternacht ich muss jetzt in die Kirche gehen meine VesperAndacht zu halten
Drei Wochen später
Nota bene
Gewissermassen war ich seit deiner Reise verdammt unglücklich bis diesen Morgen
gegen 1 Uhr um 2 Uhr fasst ich meinen Entschluss jetzt um 5 die Feder um 6
wenn ich ausgetrunken und ausgeschrieben den Reisestab dessen Stachel nach 2
Monaten in den Pyrenäen steht O Himmel musste etwas Gestacheltes längst neben
mir stehen was ich so lange für einen Herisson nahm indes es die beste
Spielwalze voll Stifte ist aus der ich nichts Geringeres ich drehte sie vor
einigen Stunden haben kann als das beste Flötengedackt unverfälschte Sphären
und Kreismusik zu den Bravourarien der drei Männer im Feuer einen ganzen
lebendigen VaucansonsFlötenspieler von Holz und unerhörte Sachen womit die
Maschine nicht sich einen Bruch bläset sondern einigen Spitzbuben wovon ich
vorzüglich den Kahlkopf nenne
O höre Jüngling Es geht dich an Ich will deinetwegen was die Welt
offenherzig nennt jetzt sein nämlich unverschämt denn wahrlich ich decke
lieber meinen Steiss als mein Herz auf und bin weniger rot
Es gab einmal in alten Zeiten eine junge Zeit eine voll Feuer und Rosen wo
der alte Schoppe seines Orts auch jung genug war wo der alerte anschlägige
Vogel leicht heraushatte wo der Hase liegt und die Häsin wo der Mann sich
noch mit den bekannten vier Weltteilen in Güte setzte oder auch ebenso leicht
wie ein Stier mit dem Horn nach jeder Fliege stieß wo er jetzt ein
Silberfasan kühler Zeit noch als ein warmer Goldfasan im ganzen Welschland auf
und abschritt oder flog und bald auf Buonarottis Moses saß bald auf dem
Koliseo bald auf dem Ätna bald auf der Peterskuppel und vor Lust krähete die
Flügel schlug und gen Himmel stieg
Es war nämlich dieselbe Zeit wo der noch ungerupfte Sturmvogel einmal in
Tivoli sich durch die Wasserfälle hin und herschwang kostbar selig war und da
gelegentlich plötzlich oben in Vestas Tempel zum ersten Male weiter
nichts erblickte als die Prinzessin di Lauria nachher mutmass ich von einem
Vliesritter weggeholt als sein güldnes Vlies Solche sehen sich aus einem
Sturmvogel in einen Tauber an der Venus Wagen verwandeln von Gespann und Zügel
sich abreißen vor jene Göttin fliegen sie in immer engeren Kreisen umziehen
das alles war nicht eins sondern dreierlei Ich musste erst zu einem
Paradiesvogel wachsen und mich färben um in ein Paradies zu fliegen ich musste
nämlich Malerei erlernen um vor Sie zu dürfen
Als ich endlich den PorträtPinsel und die SilhouettenSchere in der Gewalt
hatte und an einem Morgen mit beiden vor der Prinzessin und dem Fürsten
erschien musst ich ihn selber malen und schneiden seine Tochter war schon
vermählet und heimlich abgereiset denn dein Großvater weissagt anstatt wie
andere ihr Treiben voraus seines nur hintennach und öffnet den Mund bloß zum
Hören
Ich schnitt ihn schnell aus den Mann packte ein ging in alle Welt
nach beinah drei Jahren stand ich auf der zehnten Terrasse der Isola bella ganz
unerwartet vor der Gräfin Cesara Himmel und Hölle welch ein Weib war deine
Mutter Sie warf jeden in beide auf einmal ich weiß nicht ob deinen Vater auch
Schreiber dieses stand in seiner letzten ornitologischen Verwandlung vor ihr
als stiller Perlhahn Tränen müssen die Perlen sein und konterfeiete sie ab
nach wenigen Wochen
Sie hatte zwei Kinder dich deiner schon damals geschärften Bildung
entsinn ich mich klar und deine Schwester die sogenannte Severina Dein
Vater war nicht da aber sein Wachsbild wonach ich ihn gleich achtzehn Jahre
später in Rom wieder erkannte Auch deine Schwester war noch wächsern
wiederholt nur du nicht Eine dir von weitem ähnliche Wachsfigur die dich als
einen Mann vorgaukelte stellte der Bruder deines Vaters der mit da war dir
immer als einen Flügelmann deiner Zukunft vor sagte du seist hier im voraus
kubiert und schon ins Große getrieben von der Flasche auf das Fass gefüllt um
dich anzufeuern damit du erwüchsest Man musste dir eine ähnliche Uniform wie
der Wachsmann trug anziehen ich weiß nicht welche Du fordertest dann keck
um deinen eignen Mikromegas schreitend ihn heraus aus der Zukunft in die
Gegenwart Jetzt weißt du was du geworden und magst wohl wieder und mit mehr
Recht so stolz auf den Kleinen herabsehen wie der Kleine sonst zu dem Großen
hinauf Ich wollte nie deinem Oheim diese Maschine der geistigen Streckbarkeit
guteissen dabei hab ich vor allen WachsMarionetten einen so hassenden
Schauder
Mein einziger Zweck auf der schönen Insel war die Abreise von ihr und von
der schönen Insulanerin sobald ich diese abgemalt hätte Dummes Jahrhundert
sagt ich will ich denn mehr von dir Sie saß mir gern wie auf einem Thron
ich riss halb im Gewitter halb im Regenbogen wohnhaft sie ab und musst ihr
natürlich das Bild lassen unkopiert Aber Jüngling einige Buchstaben die
meinen damaligen Namen formierten und die ich aufs Bild an der Stelle des
Herzens unter die WasserFarben schrieb und versteckte können für dich ein
Tetragrammaton elf Sonntagsbuchstaben und Lesemütter matres lectionis deines
Daseins werden falls ich glücklich nach Spanien komme und in Valencia am
Bildnis die Färberei von meinen Buchstaben weg wischen und nun in dessen Herzen
lesen kann Löwenskiold So dänisch hieß ich damals
Dann ist die Gräfin Linda de Romeiro ohne Gnade deine Schwester Severina
Gott schenke nur dass du sie nicht vor diesem Brief etwan gesehen hast und
geheiratet sie soll wie ich gestern hörte nach Italien abgereiset sein
Denn als ich die Gräfin Linda hier zum ersten Male sah war mir auf dem
Pestitzer MarktViereck als ständ ich oben auf der Terrasse der Isola bella
und schaute die Alpen deine Mutter meine Jugend kaum drei Schritte vor mir
Bei Gott wie als wäre aus der tiefen Ferne im Pfeilerspiegel der Zeit auf
einmal das weiße Rosenbild deiner verhüllten Mutter heraufgerissen worden dicht
ans Glas heran und hinge davor nun rotblühend so stand Linda vor mir Denn die
göttliche Ähnlichkeit beider ist so groß Gar kein Arianisches Homoiusion
sondern ein ganzes ortodoxes Homousion ist hier zu glauben würd ich dir gerne
schreiben hättest du sonst die nötige Kirchengeschichte dazu auf dem Lager
Ich malte auch Linda in diesem Winter Was sie mir vom Charakter ihrer
Mutter erzählte war ganz dasselbe was ich ihr hätte vom Charakter der
Prinzessin di Lauria berichten können
Lindas Vater oder Herr von Romeiro wollte nie erscheinen und doch ist er
noch nicht verschwunden wie ich höre
Lindas Mutter hieß sich eine Römerin und eine Verwandte des Fürsten di
Lauria
In Spanien wo ich zweimal war und fragte wollte nirgends der Name einer
Cesara wohnen
Trillionen Spinnenfäden der Wahrscheinlichkeit spinnen sich zum
AriadnensStrick im Labyrinth
Eine neue unbekannte Schwester wird dir im gotischen Hause mit Schleiern und
in Spiegeln vorgeführt
Und zwar wird vom redlichen Kahlkopf dem fast mehr zum Christuskopf fehlt
als die Locken und den ich im Herbste einen Hund geheißen dirs vorgespiegelt
aus wirklichen Spiegeln
Gedachter Anubis oder KahlKopf stand nun der Himmel und der Teufel wissen
am besten warum aber ich glaub es als Vater des Todes auf Isola bella lag
als Handwerkspursch am Fürstengrabe und in jedem Hinterhalt um dir deine
Schwester zur Frau zu geben falls ichs litte aber sobald ich jetzt
zugesiegelt brech ich nach Spanien auf und in Lindas Bilderkabinett ein suche
nach einem gewissen Bilde ihrer Mutter dessen Stelle und Zimmer ich mir
deutlich angeben lassen und ist es das Bild von mir so ist alles richtig und
der Donner kann in alles schlagen
Der Kahlkopf ist schon ein Fünfviertelsbeweis er gehört unter die wenigen
Menschen die schon kaum Spinnendick in ihrer Mutter Leib aus Bosheit pissten
Vielleicht treff ich deinen Oheim der mich hier wie er sagte
wiedererkannte und der wirklich nach Valencia abgereiset ist201
O Himmel wenn mirs gelänge aber warum nicht da meine Zunge von Eisen
bleibt und dieses Blatt in Eisen kommt beim redlichen Wehrfritz dessen Herz
ein alter Deutscher ist und mit Recht stellt in der Jungfer Europa Deutschland
das Herz vor ich schreibe wenn mirs gelänge dass ich anbrennte an einem
verfluchten Geheimnis eine Strohtür risse alles auf ein und weg blinde Tore
und Opfertore und ein starkes Licht fiele herein auf die tapfere Linda und den
tapfern Jüngling anleuchtend den nahen Kahlkopf vielleicht noch jemand der
eben in der Dunkelheit mit zwei langen blanken Okulier und Schlachtmessern in
die Geschwister schief herunterstechen will
Wenn mir das einmal gelänge nämlich im Erntemonat denn da käm ich in
Pestitz wieder an und hätte das Bildnis in der Tasche und ich hätte mich und
zwei Unschuldige tapfer gerächt an Schuldigen dann würd ich mirs für sehr
erlaubt halten an meinen Kopf zu greifen und zu sagen a bas gare Kopf weg
Wozu gewiss da ja von keiner dummen Abtreibung des Leibes durch ein
WerterPulver die Rede ist, sondern nur vom Vorsatze das was Sachverständige
meinen Verstand nennen gelegentlich zu verlieren meine Freunde stimmen
müssten weil sie mich noch hätten der Körper wird dabei anbehalten obwohl als
das Nachtstück eines Menschen weil ich dann einen vernünftigen Diskurs so gut
über alles nur den FixWahn greife keiner an führen wollte als einer und dabei
einen gesitteten guten Spaß wahrlich die wahre Würze einzustreuen gewiss nicht
vergässe und weil der Staat mich Tag und Nacht gerüstet und gesattelt finden
sollte ihm nach dem Beispiele der Berliner Irrhäusler die einmal beim Feuer im
Haus am besten löschten und retteten zu dienen und zu Hilfe und zupasse zu
kommen wenn die dunkeln Intervalle seiner andern Staatsdiener nicht anders
auszufüllen wären als mit unsern hellen
Lebe wohl Ich brech auf Die Welt lacht mich heiter an In Spanien find
ich ein Stück Jugend wieder wie in diesem Schreiben
Schoppe
Apropos Stiess dir der Kahlkopf nirgends auf Ich kann dir nicht sagen wie
ich täglich jetzt arbeite um mir vor dem Wunsche ihn künftig in der Tollheit
niederzustossen wahren Abscheu und Greuel im voraus einzuprägen und eigen zu
machen damit nachher die etwanige Tat mir nicht als eine Spätfrucht des vorigen
vernünftigen moralischen Zustandes könne herüber zugerechnet werden in den
andern
Vernichte diesen Brief«
Als Albano die feurigen Augen von dem Briefe aufhob stand er vor Lilar unter
einem hochgewölbten Triumphbogen und die Sonne ging in Pracht hinter dem
Elysium unter »Kennst du mich nicht« fragte leise neben ihm Linda in
Reisekleidern weinend in heller Liebe und Wonne und Julienne drängte sich
beiden Vorsicht zuwinkend aus dem Eingangsgebüsch des Flötentals hervor und
rief zum listigen Scheine »Linda Linda hörst du denn die Flöten nicht« Und
Albano hatte den schweren Brief vergessen
123 Zykel
Wie ein schnell mit hundert Flügeln aufrauschendes Konzert so schlug die
schnelle Gegenwart alter Liebe und Freude über den verlassenen um den Freund
bekümmerten Jüngling in schönen Fluten zusammen und von der Entzückung
getroffen sah er Linda wieder wie auf Ischia aber diese sah ihn wieder wie in
einem andern Elysium sie war weicher zärter heißer eingedenk seiner
Vergangenheit in diesem Garten Sie wollte gar nichts von ihrer eignen
ReiseGeschichte erzählen oder hören Albano bedeckte sein Geheimnis von Schoppe
mit mächtiger aber zitternder Brust nur seinem Vater brannt er sie aufzutun
Unaufhörlich hielt er sich die Unmöglichkeit einer Verwandtschaft vor und die
Leichtigkeit dass Schoppe die angebliche Schwester mit der wahren mit
Juliennen verwechsle noch diesen Abend wollt er den Vater fragen
Er gab ihr das Ja desselben zu ihrem Bunde mit großer Freude aber nicht mit
der größten weil Schoppes Brief nachtönte Julienne nahm es wahr dass nur eine
Kaskatella statt der Kaskade heute aus ihm komme und sucht ihn lustiglistig
auszuholen indem sie ihn leicht durch das ganze wichtige Personale seiner und
ihrer Bekanntschaft durchantworten ließ Sie hatte einige Neigung am
Teatervorhang zu weben und zu malen oder auch ein Souffleurloch in ihn zu
stechen Sie fing die Fragen von Idoine an welche kurz nach seiner Ankunft
ihren Rückweg aus der Stadt genommen und hörte mit ihnen bei Schoppen auf
nach dessen ReiseZiele sie forschte aber Albano hatte jene nicht gesehen
dieser sagt er hab es ihm allein vertraut Eine schöne unbiegsame
Marmorader der Festigkeit lief durch sein Wesen Lindas schwarzes Auge war ein
offenes treues deutsches und sah ihn nur an um ihn zu lieben
Aus dem Flötental kam der Rest der Gesellschaft der Lektor ua Julienne
nötigte die Liebenden zur Scheidung und sagte »Hier ist kein Ischia ohne mich
könnt ihr euch hier im Schloss gar nicht sehen ich werde dirs durch deinen Vater
allzeit sagen lassen wenn ich da bin«
Als er allein stand in Lilar mit dem schweren Gedanken an Schoppe und
Linda und er die anmutigen Gegenden und Stellen schöner Stunden übersah so kam
ihm auf einmal vor als verziehe sich in der Dämmerung das Elysium wie ein
reizendes Gesicht zu einem Hohn über ihn und über das Leben kleine boshafte
Feen sitzen an den kleinen KinderTischchen als wären sie sanfte Kinder und
sähen sehr gern Menschen und Menschenlust sie fahren auf als wilde Jägerinnen
und rennen durch die Blüten tausend Hände wenden den Garten mit Blütenbäumen
um und richten sein schwarzes finsteres WurzelnDickicht wie Gipfel im Himmel
auf aus den Zweigen blicken Gorgonenhäupter und oben im Donnerhäuschen weint
und lacht es unaufhörlich nichts ist schön und sanft als der tapfere große
Tartarus
Indes ging Albano da es der kürzere Weg zu seinem Vater war hart und
zornig durch den Garten über die Schwanenbrücke vor dem TraumTempel vor
Charitons Häuschen vor den Rosenlauben vorbei und über die WaldBrücke und kam
bald im Fürstenschlosse bei seinem Vater an der eben vom kranken Luigi
zurückgekommen Mit ironischer Miene erzählte ihm dieser wie der Patient von
neuem schwelle bloß weil er fürchte der tote Vater der ihm zum zweitenmal als
Zeichen des Todes zu erscheinen versprochen gebe das Zeichen und hole ihn
darauf Nun erzählte Albano ohne allen Eingang und ohne Erwähnung von Schoppen
und von dessen Verhältnissen die Hypothese der seltsamsten Verwandtschaft ohne
etwa ausforschende lange Fragen oder auch nur die kurze schnelle »Ist Linda
meine Schwester« zu tun aus Achtung für den Vater Dieser hörte ihn ruhig aus
»Jeder Mensch« sagt er erzürnt »hat eine RegenEcke seines Lebens aus des
ihm das schlimme Wetter nachzieht die meinige ist die Geheimnisträgerei Von
wem hast du die neueste« »Darüber muss ich schweigen aus Pflicht« versetzt
er »In diesem Falle« sagte Gaspard »hättest du besser ganz geschwiegen wer
den kleinsten Teil eines Geheimnisses hingibt hat den andern nicht mehr in der
Gewalt Wie viel glaubst du dass ich von der Sache weiß« »Ach was kann ich
glauben« sagte Albano »Dachtest du an meine Erlaubnis deiner Verbindung mit
der Gräfin« sagte zorniger Gaspard »Sollt ich denn schweigen und entwickelte
sich nicht am Ende aus allen Geheimnissen die Schwester Julienne« Hier sah
ihn Gaspard scharf an und fragte »Kannst du auf das ernste Wort eines Mannes
vertrauen ohne zu wanken zu irren wie auch der Schein dagegen rede« »Ich
kanns« sagte Albano »Die Gräfin ist deine Schwester nicht vertraue mir«
sagte Gaspard »Vater ich tu es« sagte Albano ganz freudig »und nun kein
Wort weiter darüber«
Aber der ruhigere Alte fuhr fort und sagte dieser neue Irrtum veranlasse
ihn jetzt ernstlich bei Linda auf ein Ja zur schnellen Verbindung zu dringen
weil der Vater derselben vielleicht der geheime bisherige Wundertäter seine
Erscheinung durchaus an einen Hochzeittag gebunden Noch einmal ließ er den Sohn
seinen Wunsch nach dem Wege merken auf welchem er zu jener Hypothese gekommen
aber umsonst die heilige Freundschaft konnte nicht enteiligt oder verlassen
werden und seine Brust schloss wie der dunkle Fels um den hellen Kristall sich
mächtig um sein offenes Herz
So schied er warm und glücklich vom schweigenden Vater In der harten Stunde
des Briefs hatt er nur eine künstliche Felsenpartie des Lebens überstiegen und
die bunten Gärten lagen wieder da bis an den Horizont doch der vergebliche
mühvolle Irrtum seines Schoppe und dessen von Hassen und Lieben verheerter
Geist der sich sogar im Ton des Briefes niederzubeugen schien und die Zukunft
eines Wahnsinns gingen wie ein fernes Leichengeläute in seiner schönen Gegend
klagend und das glückliche Herz wurde voll und still
124 Zykel
Bald darauf ließ die gütige Schwester Albanos an der Spieluhr seines Glücks
deren Wächterin sie war wieder eine hesperische Stunde schlagen und spielen wo
das ganze Leben hinauf und hinab mittönte und sich aushellte und wo nun wie in
der Schweiz wenn eine Wolke sich öffnet auf einmal Höhen Eisberge Berghörner
aus dem Himmel blicken Er sah seine Linda wieder aber in neuem Licht glühend
aber wie eine Rose vor dem glühenden Abendrot ihr Lieben war ein weiches
stilles Flammen nicht ein Hüpfen irrer stechender Funken Er schloss dass sein
wortfester Vater die Bitte um eine priesterliche Verbindung ihr schon getan und
sogar ihre Bejahung bekommen Julienne sagt ihm sie woll ihn den nächsten
Abend um 6 Uhr auf dem väterlichen Zimmer sprechen das macht ihn noch gewisser
und froher Mit neuen noch zärter anbetenden Gefühlen schied er von Linda die
Göttin war eine Heilige geworden
Als er den andern Tag ins väterliche Zimmer kam fand er niemand darin als
Julienne Sie küsste ihn kurz und kaum um schnell mit ihren Nachrichten fertig
zu werden da ihre Abwesenheit auf so viele Minuten eingeschlossen war als die
Fürstin brauchte um vom Krankenbette des Mannes in das Zimmer der Prinzessin zu
kommen »Sie heiratet dich nicht« fing sie leise an »so sehr und so fein auch
dein Vater ihr bei dem ersten Empfang nach der Reise die Freude über das neue
Glück seines Sohnes ausdrückte für das er nun bloß nichts mehr zu wünschen
brauchte sagt er als das Siegel der Fortdauer Es war noch feiner versilbert
und vergoldet ich weiß es nicht mehr Darauf erwiderte sie in ihrer Sprache
die ich nie behalte ihr und dein Wille wären das rechte Siegel jedes andere
politische drücke Ketten und Sklaven auf dem schönsten Leben aus«
Hart wurd Albano von einer offenen Weigerung verletzt die ihn bisher als
eine stille und als Philosophie auftretende nur wie wesenloser Schatte unberührt
umflossen hatte »Das war nicht recht spät konnte sie sagen aber nicht nie«
sagt er empfindlich »Gemässigt Freund« sagte Julienne »darauf erinnerte
sie dein Vater freundlich an die bedingte Erscheinung des ihrigen indem er
sagte dass er sehr wünschen müsse ihr Glück aus seinen Händen in nähere zu
übergeben Keine künstliche Bedingung darf einen Willen zwingen oder vernichten
sagte sie Dein Vater fuhr ruhig fort und setzte dazu er habe den schönsten
Lebensplan für euch beide in diesem Falle entworfen im andern aber stehe seine
Einwilligung in die Liebe nur so lange offen als sein Hiersein das mit dem Tode
seines Freundes endige Dann ging er gelassen fort wie die Männer pflegen wenn
sie uns recht entrüstet haben«
»Hesperien Hesperien« rief Albano zornig »Linda verdoppelte doch ihr
Nein« »O leider Aber Bruder« fragte staunend Julienne »Lasse mich«
versetzt er »ist es denn nicht ungerecht dieses elterliche Antasten der
schönsten zartesten Saiten deren Klang und Schwung sie auf einmal töten um
einen neuen aus ihnen zu rupfen Ists denn nicht sündlich Göttergeschenke zu
StaatsZöllen und PartieGeldern jawohl PartieGeldern herabzuziehen Gute
Linda nun stehen wir wieder auf dem Boden wo man die Blumen der Liebe zu Heu
anschlägt und wo es im Paradies keine andere Bäume gibt als Grenzbäume
Nein freies Wesen durch mich sollst du nie aufhören es zu sein«
Julienne trat einige Schritte zurück sagte »Ich will dich nur auslachen«
tat es und setzte ernst dazu »Sie also willst du soll dir den Tag anberaumen
wo der alte Vater sichtbar werden soll« »Das folge gar nicht« sagte er Sie
bemerkte ruhig dass immer ein hitziger Mann über die Hitze des andern klage und
dass Albano schon in der Ruhe zu strenge auf fremdes und eigenes Recht dringe dass
solche Leute dann in der Leidenschaft etwas über das Recht hinaus verlangten
wie ein Stift der in der Uhr zu genau passet erwärmt sie durch seine Größe
anhält Jetzt bat sie ihn liebreich das Auseinanderzupfen des »ganzen
Wirrwarrs« bloß ihren Fingern zu überlassen und sanft und still zu bleiben
damit nicht noch mehr Leute etwa gar ihre »bellesoeur« zwischen ihren Bund
sich drängten Albano nahm es freundlich an bat sie aber ernst nur keine Plane
zu machen weil er zu ehrlich dazu gegen Linda sein und ihr sogleich das ganze
Wort der Charade sagen würde
Sie entdeckte ihm sie habe weiter keinen zu etwas gemacht als zu einem
frohen Tag für morgen den nämlich mit Linda die Prinzessin Idoine in Arkadien
zu besuchen der sie außer dem Besuch noch größere Dinge schuldig sei besonders
ihr halbes Herz »Du reitest uns zufällig nach und triffst uns mitten im
Schäferleben an« setzte sie dazu »und überraschest deine Linda« Er sagte
sehr entschieden Nein weil er vor Idoinens Ähnlichkeit mit Lianen ob er
gleich nur wusste dass Liane jene im TraumTempel vorgespielt noch nicht aber
dass Idoine diese vor seinem Krankenbette nachgebildet und vor der Gegenwart
der Ministerin die Flucht aus Scheu sowohl der bitteren Erinnerungen als der
süßen nahm welchen beiden Roquairol in solchem Falle nachgezogen wäre Julienne
wandte boshaft ein »Fürchte nur nichts für die Prinzessin sie musste um vom
verhassten Bräutigam nur loszukommen allen Ihrigen eidlich angeloben nie einen
unter ihrem Stande zu wählen und das hält sie sogar bei dir« Er beantwortete
den Scherz bloß mit der ernsten Wiederholung des Neins Nun so bestehe sie
darauf versetzte sie dass er ihnen beiden wenigstens auf halbem Weg
entgegenkomme und sie im »Prinzengarten« einem von Luigi als Erbprinz
angelegten und auf dem Fürstenstuhle vergessenen Park erwarte Das ergriff er
sehr freudig
Sie fragte scheidend noch scherzhaft »Wer hat dich von neuem mit einer
Schwester beschenkt« Er sagte »Das konnte mein Vater nicht von mir erfahren«
»Bruder« sagte sie sanft »ein Herr wars der Prinzessinnen leicht für
Gräfinnen nimmt und der nächstens noch toller zu werden glaubt als er schon ist
dein Schoppe« und flog davon
125 Zykel
Am Morgen darauf fuhren beide Freundinnen nach Arkadien Julienne obwohl
betrübter durch ihren kränkern Bruder heiterte sich durch das Vertrauen auf
einen Plan auf den sie ungeachtet ihrer Versicherung zum Glücke des gesunden
entworfen um ihn in Arkadien auszuführen Sie verbarg öfters wie andere hinter
den schwarzen Trauerfächern der Trauer und Empfindung so hinter dem heitern
Putzfächer des Lachens der den Zuschauern die bemalte Seite zukehrte ihren
Kopf mit seinen Entwürfen unter Lachen und Weinen ging und dachte sie diesen
nach So hatte sie an Albano die Bitte Idoine mit zu besuchen nur aus Schein
und in der Gewissheit getan dass er sie abschlage oder im Falle er komme dass es
dann Idoine tue denn sie wusste aus Idoinens Besuchen im vorigen Winter dass
diese an den von ihr hergestellten schönen Fieberkranken häufig in Gesprächen
gedacht und dass sie jetzt vor seiner Ankunft geflohen war um nicht über seine
helle liebende Gegenwart die ihr am leichtesten durch die Fürstin bekannt
geworden als ein Gewölke aus der Vergangenheit hereinzuziehen voll trüber
Ähnlichkeiten Julienne hatte sogar erfahren dass die Fürstin sie umsonst länger
halten und aufbewahren wollen um vielleicht den Jüngling durch sie zu erinnern
zu schrecken zu ändern oder zu strafen Juliennens Liebe gegen die Prinzessin
wäre durch jene zarte Flucht vor Albano vielleicht so warm geworden als die
gegen Linda war wenn eben diese Liebe nicht dazwischen gestanden hätte
wenigstens hatt ihr diese schöne Flucht ein ungemessenes Vertrauen was eben
das rechte und einzige ist auf die Prinzessin gegeben
Der Reisetag war ein schöner ErnteMorgen voll bevölkerter Kornfluren voll
Kühle und Tau und Lust Linda freute sich kindlich auf Idoine und sagte die
Gründe in frohem Tone »Zuerst weil sie deinem Bruder das Leben gerettet und
weil sie doch wusste was sie wollte und darauf mutig beharrte und sich nicht
wie andere Prinzessinnen zum Opfer des Trones verhandelte und weil sie die
deutscheste Französin ist die ich kenne außer der Madame Necker Ja mir
gehört sie ordentlich mit aller schönen Jugend unter die alten Frauen und diese
sucht ich von jeher vor denn es ist doch etwas von ihnen zu lernen Dich liebt
sie sehr mich glaub ich weniger einem so reizenden Mittelding von Nonne und
Ehefrau schein ich zu weltlich ob es gleich nicht ist«
Beide kamen im schönen Zauberdorfe als schon die netten Kinder sich zur
Ährenlese verbündeten und die Wagen schon den Sammlern der Garben entgegenfuhren
nachmittags vor dem Mittagsessen an Idoinens Bruder der künftige Erbfürst
von Hohenfliess der Zwerg in Tivoli sah aus dem Fenster und Julienne
bedauerte fast die Reise Idoine flog ihr entgegen und drückte sie herzlich an
die Brust Als Julienne dieses große blaue Auge und jeden verklärten Zug der
Gestalt die einst ihr Bruder so selig und schmerzlich geliebt vor und auf
ihrem Angesicht hatte so glaubte sie jetzt da sie seine Schwester geworden
gleichsam als seine Stellvertreterin die Liebe der Stellvertreterin Lianens zu
empfangen und sie musste wie allzeit seit diesem Tode bei dem ersten Empfange
innig weinen
Linda wurde von der Prinzessin mit einer so tiefen Zärtlichkeit empfangen
dass sich Julienne wunderte da sonst beide in einem Wechsel von Kälte und Liebe
lebten Die Ministerin Froulay stand da von der Trauer so alt kalt still und
höflich so kalt gegen die Zeit und die Menschen ausgenommen das Ebenbild ihrer
Tochter besonders gegen Linda deren kecker entschiedner philosophischer Ton
ihr unweiblich und eine Trommete an zwei FrauenLippen zu sein schien
Der künftige Erbprinz von Hohenfliess entfernte sich zum Glücke bald von
einem so unbequemen Ort wo er auf einem Schiffbruchsbrett statt in einer Gondel
fuhr Nachdem er Julienne mit Anteil um das Befinden ihres Bruders seines
jetzigen Vorfahrers gefragt und sie und Linda an ihre und seine welsche Reise
erinnert hatte so wurd er über Juliennens Kaltsinn und über die moralischen
Gespräche der Weiber und über einen gewissen sittlichen Gewitterdruck den
Lüstlinge bei Weibern empfinden wo alles Rauhe die Selbsucht die Anmassung als
Misston schreiet und über die allgemeine plagende Heuchelei wofür er sogleich
alles nehmen musste so verdrießlich und verstimmt dass er leicht aufbrach und
dieses Schäferleben um den einzigen Wolf verkürzte der darin schlich Lüstlinge
halten es unter vielen edlen Frauen gedrückt von deren vielseitigen scharfen
Beobachtungen nie lange aus obwohl leichter bei einer allein weil sie diese
zu verstricken hoffen Was ihm am wehesten tat war dass er sie alle für
Heuchlerinnen erklären musste Er fand keine gute Weiber weil er keine glaubte
da man sie glauben muss um sie da zu sehen wo sie sind so wie die Tugend üben
um sie zu kennen nicht umgekehrt
Mit ihm schien eine schwarze Wolke aus diesem Eden und Äther wegzuziehen
Die Ministerin erhielt eine Karte von ihrem Sohne Roquairol der eben
angekommen und ging auch zu Juliennens Freude die an ihr ein kleines
Hindernis ihres Bekehrungsplans für Linda fand weil diese die Ministerin für
eine einseitige enge bängliche unnachgiebige Natur ansah Idoine bat die
beiden Jungfrauen ihr kleines Reich mit ihr zu bereisen Sie gingen hinab ins
reine weite Dorf Auf den Treppen begegneten ihnen heitere dienstgefällige
Gesichter Aus den fernen Zimmern des Schlosses hörte man bald Singen bald
Blasen Wie am Vogel sich das glänzende Gefieder schnell und glatt in und
auseinanderschiebt so bewegten um Idoine sich alle Geschäfte ihre ökonomische
Maschine war keine plumpe knarrende Turmuhr sondern eine spielende Bilderuhr
welche hinter Töne die Stunden hinter Bilder die Räder versteckt
In einem Wiesengarten spielten die jüngsten Kinder wild durcheinander
Herrnhutische und holländische Reinlichkeit hatten das Dorf zu einer glatten
hellen Putzbude gewaschen und gemalt Neu und blank hing der Eimer über dem
Brunnen unter der LindenRotunda des Dorfs war die ErdenDiele sauber gekehrt
überall sah man reine ganze schöne Kleider und freudige Augen und Idoine
zeigte unter der fremden Heiterkeit bedeutenden Ernst in den Blicken womit sie
ihr Arkadien Blume nach Blume prüfte
Sie führte ihre Freundinnen über die verschiedenen SonntagsTanzplätze der
verschiedenen Alter vor dem Hause des Amtmanns vorüber worin die Ministerin
wohnte und jetzt zu Juliennens Furcht ihr Sohn war in die helle schmucklose
Kirche Bald kamen ihr der Pfarrer und Amtmann für welche das Vorübergehen ein
Wink gewesen in die Kirche nach und holten von ihr Aufträge beide waren junge
schöne Männer mit offener Stirn und ein wenig Jugendstolz Als man aus der
Kirche war sagte sie durch diese jungen Männer regiere sie über den Ort und
sie selber lenke sie sanft nur junge seien mit Hass und Mut gegen den
Schlendrian und mit Enthusiasmus und Glauben ausgerüstet Sie setzte scherzhaft
dazu nichts beherrsche sie als eine Schule von Mädchen an der ihr mehr gelegen
sei als an der andern weil Erziehung Angewöhnung sei und diese ein Mädchen mehr
als ein Knabe brauche dem die Welt doch keine lasse und sie habe einigen Hang
eine la Bonne zu sein weil sie es schon als Mädchen oft bei ihren Schwestern
habe sein müssen
Sie führte beide darauf in mehrere Häuschen überall fanden sie ausgeweisste
geordnete Zimmer Blumen und Weinreben an Fenstern schöne Weiber und Kinder
und bald eine Flöte bald eine Violine und nirgends ein spinnendes Kind In
allen hatte sie Aufträge zu geben und was bloßer Spaziergang schien war auch
Geschäft Sie zeigte einen scharfen Durchblick durch Menschen und ihr
verwachsenes Treiben und einen Geschäftsverstand der das Allgemeine und
Besondere zugleich besaß und verknüpfte »Ich wünschte freilich auch« sagte
sie »nur Freuden und Spiele um mich aber ohne Arbeit und Ernst verdirbt das
Beste in der Welt nicht einmal ein rechtes Spiel ist möglich ohne rechten
Ernst« Linda lobte sie dass sie alle an Musik gewöhnte diesen rechten
Mondschein in jedem LebensDunkel »ohne Poesie und Kunst« setzte sie dazu
»vermoose und verholze der Geist im irdischen Klima« »O was wäre ohne Töne
der meinige« sagte Idoine feurig
Linda fragte nach dem Bürgerrechte in diesem heitern Staate »Meistens
bekamen es Schweizerfamilien« sagte Idoine »die ich an Ort und Stelle selber
kennen lernte auf meiner Reise Nach den Französinnen stell ich sogleich meine
Schweizer« Julienne versetzte »Sie sagen mir Rätsel vor« Sie löste ihr
sie und Linda die kurz nach ihr in Frankreich gewesen bestätigte es dass da
unter den Weibern von gewissem höheren Ton zu denen kein Crebillon je
hinaufgekommen eine in Deutschland ungewöhnliche Ausbildung der zartesten
Sittlichkeit beinahe Heiligkeit gegolten »Nur« setzte Linda hinzu »hatten
sie in der Sittlichkeit wie in der Kunst Vorurteile des feinen Geschmacks und
mehr Zartheit als Genie«
Sie gingen zum Dorfe hinaus der schönsten Abendsonne entgegen auf den
Bergen antworteten sich Alphörner und im Tale gingen heitere Greise zu leichten
Geschäften Diese grüßte Idoine mit besonderer Liebe weil es sagte sie nichts
Schöneres gebe als Heiterkeit auf einem alten Gesicht und unter Landleuten sei
sie immer das Zeichen eines wohl und fromm geführten Lebens
Linda öffnete ihr Herz der goldnen Gegenwart und sagte »Wie müsste dies
alles in einem Gedicht erfreuen Aber ich weiß nicht was ich dagegen habe dass
es nun so in der wirklichen Wirklichkeit da ist«
»Was hat Ihnen« sagte Idoine scherzend »diese genommen oder getan Ich
liebe sie wo sind Sie für uns denn anders zu finden als in der Wirklichkeit«
»Ich« sagte Julienne »denke an etwas ganz anderes man schämt sich hier dass
man noch so wenig tat bei allem Wollen Vom Wollen zum Tun ists hier doch weit«
fügte sie dazu indem sie den kleinen Finger aufs Herz aufsetzte und die Hand
vergeblich nach dem Kopf ausspannte »Idoine sagen Sie mir wie kann man denn
ans Große und Kleine zugleich denken« »Wenn man ans Größte zuerst denkt«
sagte sie »Wenn man in die Sonne hineinsieht wird der Staub und die Mücke
am sichtbarsten Gott ist ja unser aller Sonne«
Die ErdenSonne stand ihnen jetzt tief auf einer unabsehlichen Ebene unter
milden Rosen des Himmels entgegen eine ferne Windmühle schlug breit durch die
schöne PurpurGlutan den Bergabhängen sangen Kinder neben den geweideten Herden
und ihre kleineren Geschwister spielten bewacht die Abendglocke welche in
Arkadien allzeit unter dem Scheiden der Sonne gezogen wurde wiegte die Sonne
und Erde mit ihren Tönen ein nicht nur jugendlich sogar kindlich lag das
sanfte Dörfchen und seine Welt um sie her kein Sturm dachte man kann
hereingreifen in dies sanfte Land kein Winter im schweren Eispanzer
hereinschreiten hier ziehen nur dachte man Frühlingswinde und Rosenwolken
keine Regen fallen als Frühregen und keine Blätter als der Blüten ihre nur
Staub aus Blumen kann steigen und den Regenbogen halten nur Vergissmeinnicht und
Maiblumen auf ihren blau und weißen Blättchen die Gegend und alles und das
Leben schienen hier nur eine unaufhörliche Morgendämmerung zu sein so frisch
und neu voll Ahnung und Gegenwart ohne Glut und Glanz und mit einigen Sternen
über dem Morgenrot
Kinder mit ÄhrenSträussern in der Hand saßen auf fremden Wagen voll Garben
und fuhren stolz herein
Idoine hing mit inniger Liebe als wär alles neu durch diesen Abend an den
doppelten Gruppen »Nur der Landmann allein ist so glücklich« sagte sie »dass
er in allen arkadischen Verhältnissen seiner Kindheit fortlebt Der Greis sieht
nichts um sich als Gerätschaften und Arbeiten die er auch als Kind gesehen und
getrieben Endlich geht er jenen Garten drüben hinauf und schläft aus« Sie
zeigte auf den Gottesacker am Berge der ein wahrer Garten mit Blumenbeeten und
einer Mauer aus Fruchtbäumen war Julienne blickte erschüttert hin sie sah den
schwarzen Vorhang zittern hinter welchen ihr kranker Bruder bald getrieben
wurde
Mit durchsichtigem AbendGoldstaub war der Garten überweht der laute Tag
war gedämpft und das Leben friedlich Ölzweige und ihre Blüten sanken aus dem
stillen Himmel langsam nieder »Dort ist der einzige Ort« sagte Idoine »wo
der Mensch mit sich und andern einen ewigen Frieden schliesset sagte so schön zu
mir ein französischer Geistlicher« »Solchen christkatolischen
Jammergedanken« versetzte Linda »bin ich so gram wie den Geistlichen selber
Wir können so wenig eine Unsterblichkeit erleben als eine Vernichtung« »Ich
versteh das nicht« sagte Julienne »ach Idoine wenn es nun keine
Unsterblichkeit gäbe was täten Sie« »Jaimerois«202 sagte sie leise zu ihr
Plötzlich wurde vor ihnen wie aus weiter Ferne gesungen »Freut« dann spät
»euch des« endlich »Lebens« »Das ist aus dem Gottesacker das Echo« sagte
Idoine und suchte zur Rückkehr zu bereden »Echo und Mondschein und Gottesacker
zusammen« fuhr sie scherzend fort »sind wohl zu stark für Frauenherzen«
dabei berührte sie ihr Auge mit einem Wink an Julienne gleichsam als tu es ihr
weh dass die Gräfin nur hinter dem Nebel ihrer Augen den schönen Abend von
fernen stehen sehe »Die Singstimme klingt mir so bekannt« sagte Linda
»Roquairol ists nichts weiter wollen wir fort« sagte Julienne aber Linda bat
zu bleiben und Idoine willigte höflich ein
Nun gab das Echo das Mondlicht des Klangs wieder Töne wie Totenlieder
aus dem TotenChor und es war als sängen die vereinigten Schatten sie in ihrer
stillen Woche unter der Erde nach als regte sich der Leichenschleier auf der
weißen Lippe und aus den letzten Höhlen tönte ein hohles Leben wieder Das
Singen hörte auf Alphörner fingen auf den Bergen an Da ging wieder das
Nachspiel des Tonspiels feurig herüber als spielten die Abgeschiednen noch
hinter der Brustwehr des Grabhügels und kleideten sich ein in Nachklänge Alle
Menschen tragen Tote oder Sterbende in der Brust auch die drei Jungfrauen Töne
sind schimmernd zurückflatternde Gewänder der Vergangenheit und erregen damit
das Herz zu sehr
Sie weinten und keine konnte sagen ob trübe oder froh Die bisher so
gemässigte Idoine ergriff Lindas Hand und legte sie sanft an ihr Herz und ließ
sie wieder sinken Sie kehrten schweigend und einig um Idoine behielt Linda an
der Hand Die unterirdischen Wasser der TotenEchos und Alphörner rauschten
ihnen nach obwohl ferner Juliennen entging es nicht wie sehr Idoine ihr
Gesicht bloß um es ihr mit den großen Tropfen in den großen Augen zu entziehen
immer der dicht verschleierten Linda zuwandte und sie schloss daraus dass Idoine
vieles wisse und kenne und die Braut des Jünglings ehre dem sie durch ihre
schöne Ähnlichkeit das frohe Leben zurückgegeben
»Was haben wir nun davon« sagte Idoine spät und nahe am Dorfe »Wir sehens
voraus dass wir zu weich würden und geben uns doch hin Darum nennen uns eben
die Männer schwach Sie bereiten sich auf ihre Zukunft durch lauter Abhärtungen
vor und nur wir uns durch lauter Erweichungen« »Was soll man denn machen«
sagte Julienne »in Flüsse springen auf Berge auf Pferde und so weiter«
»Nein« sagte Idoine »denn ich seh es an meinen Bäuerinnen sie leiden an
Nerven bei aller MuskelArbeit so gut wie andere Mit dem Geiste, glaub ich
müssten wir alle mehr tun und suchen aber wir lassen immer nur die Finger und
Augen sich üben und regen das Herz selber weiß nichts davon und tut dabei was
es will es träumt weint blutet hüpft Ein wenig Philosophieren wär uns
dienlich aber so geben wir uns allen Gefühlen gebunden dahin und wenn wir
denken ists bloß um ihnen noch gar zu helfen«
Sie kamen ins Dorf zurück es war voll geschäftigen Abendlärms Kinder
tanzten Idoinen entgegen von den Höhen klangen Alphörner herein und aus den
Häusern Flöten und Lieder heraus Idoine gab heiter Abendbefehle »Wie doch«
sagte sie »die äußere Ruhe so leicht die innere aufhebt Ein beschäftigtes
Herz ist wie ein umgeschwungenes Gefäß mit Wasser man halt es still so
fliesset es über«
Julienne hatte schon einigemal aber vergeblich nach dem Steuerruder der
Zeit und Rede gehascht um ihren Plan zu vollführen jetzt da sie Lindas
Schweigen Rührung und Träumen bemerkte glaubte sie die lang erwartete
günstige Stunde zu treffen wo einige Worte die Idoine über die Ehe
ausstreuete in Linda einen aufgeweichten Boden für ihre Wurzeln finden würden
Durch die leichte Wendung eines Lobs dass sie Idoinen über ihren mutigen
Widerstand gegen das Schiffziehen in einer verhassten FürstenEhe und über den
Gewinn eines ewigen Jugendlebens gab brachte sie die Gräfin dazu ihren
ketzerischen Hass gegen die Ehe zu offenbaren und zu sagen dass diese die Blume
mit einem scharfen Eisenringe an ihren Stab peinlich gefangen lege dass Liebe
ohne Freiheit und aus Pflicht nichts sei als Heuchelei und Hass und dass das
Handeln nach der sogenannten Moral so viel sei als wenn einer nach der Logik,
die er vor sich hätte denken oder dichten wollte und dass die Energie der
Wille das Herz der Liebe etwas Höheres sei als Moral und Logik
Jetzt kam ein Briefchen von der Ministerin worin sie ihre heutige
Abwesenheit mit dem zu traurigen Abschiede entschuldigte den ihr Sohn diesen
Abend so sonderbar und wie auf immer von ihr genommen So viele stille Gedanken
auch diese Nachricht in Julienne und Linda nachließ Idoine kam durch sie nicht
aus der lebhaften Bewegung worein die vorige Rede sie gesetzt sondern mit
einem edlen Zürnen das aus der schönen Jungfrau einen schönen Jüngling machte
und ihr Minervens Helm aufsetzte erklärte sie der hohen Gegnerin die weniger
durch fremde Heftigkeit als durch fremde Gesinnung aufzureizen war diesen
Krieg gewiss sei nur ihre Abneigung gegen die »Priester« an der zweiten
Abneigung gegen die Ehe schuld sei denn das Eheband etwas anders als ewige
Liebe und halte sich nicht jede rechte für eine ewige eine Liebe die einmal
zu sterben glaube sei schon tot und die ewig zu leben fürchte fürchte umsonst
wenn sogar Freunde am Altare verbunden würden wie irgendwo geschehen soll203
sie würden höchstens sich nur noch heiliger binden und lieben man zähle ebenso
viele wo nicht mehrere unglückliche Liebeshändel als unglückliche Ehen man
könne zwar eine Mutter aber nicht ein Vater sein ohne die Ehe und dieser müsse
jene und sich durch die Sitte ehren »Ich bin eine Deutsche« beschloss sie
»und achte die alten Ritterfrauen meine Ahnen hoch selig ist eine Frau wie
eine Elisabet und ein Mann wie Götz von Berlichingen in ihrer heiligen Ehe«
Auf einmal fand sie sich selber überrascht von ihrem Feuer und ihrem Strome
»Ich bin ja« setzte sie lächelnd hinzu »eine pedantische Predigerswitwe
geworden das macht ich bin die höchste Obrigkeit von dem Dörfchen und lasse
da fast in jeder Hütte eine glückliche Widerlegung der Ehelosigkeit wohnt
ungern andere Meinungen hier aufkommen«
»O Mädchen« sagte Julienne lustig weil sie Linda ernst sah »sprechen
immer mitunter ein wenig von Liebe und Ehe sie ziehen sich gern aus einem
Brautkranz Blumen«
»Daraus wissen Sie könnt ich mir wohl keine nehmen« sagte Idoine auf
das eidliche Versprechen anspielend welches sie ihren über ihre entusiastische
Kühnheit argwöhnischen Eltern geben müssen nie unter ihrem Fürstenstande zu
heiraten was ihr nach ihrer scharfen Gesinnung und Lage so viel hieß als
Ehelosigkeit »Recht hatten Sie indes« verfolgte Julienne und wollte
scherzhaft bleiben »die Liebe ohne Ehe gleicht einem Zugvogel der sich auf
einen Mastbaum setzt der selber zieht ich lobe mir einen hübschen grünen
Wurzelbaum der dableibt und ein Nest annimmt«
Wider ihre Gewohnheit lachte Linda darüber nicht sondern ging allein ohne
ein Wort zu sagen in den Garten und Mondschein hinunter
»Die Gräfin« sagte Idoine zur Freundin bekümmert über die Bedeutung des
stummen Ernstes »hat uns hoff ich nicht missverstanden« »Nein« sagte
Julienne mit freudigen Mienen über den errungnen Eindruck den die Rede auf
Linda gemacht »sie hat die seltenste Gabe zu verstehen und das häufigste
Unglück nicht verstanden zu werden« »Das ist immer beisammen« sagte sie
sann nach sah Juliennen an endlich sagte sie »Ich muss ganz wahr sein ich
wusste der Gräfin Verhältnis durch meine Schwester Freundin ist Er ihrer ganz
wert« Eine Frage deren Quelle die Prinzessin nur in rachsüchtigen Einflössungen
der Fürstin suchen konnte
»Ganz« antwortete sie stark »Ihnen glaub ich gern« versetzte Idoine mit
den Lauten eilend aber mit Blicken ruhend Sie sah die Schwester Albanos immer
länger an die großen blauen Augen schimmerten stärker Minervens Helm war vom
jungfräulichen Haupte abgehoben das sanfte Angesicht erschien lieblich ruhig
klar nicht stärker bewegt als es ein Gebet vor Gott erlaubt und so wenig
begehrend wie eine Verklärte und doch immer himmlischer glänzend Juliennens
schönes Herz stürmte auf sie sah Liane wieder als sei sie vom Himmel gekommen
den geliebten Menschen an einem neuen Herzen einzusegnen sie sagte mit
Tränen »Du du hast Ihm einst den Frieden gegeben« Idoine wurde überrascht
aus ihren hellen Augen drangen zwei Tränen mit Nachdruck antwortete sie »
Gegeben« erschrocken und heftig drückte sie sich an die Freundin sagte »Ich
liebte Sie schon lange« und weiter sprachen sie nichts
Schnell fasste sie sich erinnerte Julienne an Lindas Nachtblindheit und
bat sie geradezu ihr als ihre Freundin nachzugehen ob sie gleich selber gern
ihr dieses Verdienst abstehlen würde wenn sie dürfte Julienne eilte in den
Garten fühlte es aber nach dass Idoine ihr Du nicht erwidert hatte Idoine mied
das weibliche Du ungleich den Orientalerinnen welche vor Verwandten den
Schleier weglassen nahm sie wie ihre Französinnen sogar in die Herzlichkeit
die zarten Gesetze der Politesse herüber
Julienne fand ihre Freundin im Garten in einer dunkeln Laube still mit tief
gesenkten Augen in Träume eingegraben Linda fuhr auf »Sie liebt Ihn« sagte
sie mit Schmerz und Feuer »Hör es Julienne Sie liebt Ihn« Diese konnt ihr
über das Aussprechen einer Wahrheit mit der sie gerade aus Idoinens Armen
gekommen war nichts als ihr Erschrecken zeigen aber Linda nahm es für
Erstaunen und fuhr fort »Bei Gott Mein Blick hat sie aufgehascht O sonst
war sie weit nicht so lebhaft und ernst und rührbar und weich Ihre innerste
Bewegung bei meinem Erblicken und ihr Weinen bei Roquairols Stimme weil sie
seiner gleicht und ihre lange feurige Hochzeitpredigt Und die Seelenblicke
auf mich o hat sie Ihn denn nicht im großen herrlichen Augenblick gesehen da
der Blühende weinend kniete und das göttliche Haupt gen Himmel hob und die
Verklärte und den Frieden herunterrief O dass sie es nur wagte ihm beides
vorzuspielen Und kann sie das vergessen«
Julienne kam endlich zum Worte »So setz es denn ist Idoine aber nicht edel
und fromm« »Ich habe nichts wider sie und nichts für sie« antwortete Linda
»Wenn aber Er sie nun sieht wenn er die Fromme noch einmal der Verstorbnen
ähnlich findet wenn die ganze erste Liebe umkehrt und über die zweite
triumphiert Bei Gott Nein« setzte sie stolz und stark dazu »nein das
duld ich nicht bitten will ich nicht weinen nicht oder resignieren um ihn
aber kämpfen will ich Bin ich nicht auch schön Ich bin schöner und mein
Geist ist kühner geschaffen für seinen Was kann sie geben was ich ihm nicht
dreifach biete Ich wills ihm geben mein Glück mein Dasein auch meine
Freiheit ich kann ihn so gut heiraten wie sie ich wills O sprich
Julienne Aber du bist eine kalte Deutsche und ihr heimlich zugetan aus gleicher
Gottesfurcht O Gott Julienne bin ich denn schön Beteuer es mir doch Bin
ich der Verklärten gar nicht ähnlich Säh ich nur so aus wie er es gerade
wollte Warum war ich nicht seine erste Liebe und seine Liane und wäre auch
gestorben Gute Julienne warum sprichst du nicht« »Lasse mich nur sprechen«
sagte diese wiewohl nicht ganz wahr Sie war ergriffen und gestraft von Lindas
treffender Wahrheit und vom eignen Bewusstsein dass sie einen Plan Lindas
Vorurteile gegen die Ehe aufzulösen angelegt dessen Hilfsmittel ihr von Linda
gerade als Rechtfertigungen der Eifersucht vorgezählt worden und dass sie einen
Felsen auf der Spitze eines Felsen in Bewegung und in den Fall gebracht den sie
nun nicht mehr regieren konnte Auch war sie betäubt ja erzürnt von einem ihr
fremden Ungestüm der Liebe vor welchem sie den verhassten Trost gar nicht
aussprechen durfte dass Albano stets nach der Pflicht der Treue handeln würde
Schön war sie überrascht von der geglückten Bekehrung zum TrauungsJa Mit
einiger Ungewissheit des Erfolgs bei Linda die durch das Mondlicht und die ferne
milde Bergmusik nur stürmischer geworden fuhr sie fort »Ich wollte dich nicht
gern unterbrechen mit dem Lobe deines Entschlusses zur Ehe Unrecht hast du
sonst in allen Stücken Freilich ist Sie jetzt ernster aber sie stand am
Sterbebette ihres Ebenbildes und sah sich in Lianen erbleichen das mässigt
sehr Ihn anlangend so hätt Er dich früher gesehen«
»Sah er nicht früh das Bild auf dem Lago maggiore aber unähnlich wie er
sagt«
»So will ich dirs denn gestehen Wilde« versetzte Julienne »weil man dich
nicht überraschen soll dass ich ihn gestern gebeten mit zur Prinzessin zu
reisen und dass er eben aus Rücksicht und Kälte gegen alle Ähnlichkeiten mir es
derb abgeschlagen aber morgen erwartet er uns im Prinzengarten«
Verändert weich mit verklärten Augen sagte Linda mit gesunkner Stimme
»Mein Freund liebt mich so sehr Ich lieb ihn aber auch sehr den Reinen
Morgen will ich zu ihm sagen nimm meine Freiheit und bleibe ewig bei mir Vom
Altare ziehen wir davon meine Julienne du und er und ich nach Valencia nach
Isola bella oder wohin er will und bleiben beisammen Du guter Mond und Musik
Wie die Töne und die Strahlen so kindlich miteinander spielen Umarme mich
meine Geliebte vergib dass Linda unartig gewesen« Hier war der Sturm des
Herzens in süßes Weinen zergangen So wird in den Ländern unter der
scheitelrechten Sonne täglich der blaue Himmel Donner Sturm und schwarzer
Regen und täglich geht die Sonne wieder blau und golden unter
Julienne versetzte bloß »Schön nun wollen wir hinauf« weniger als sie zu
schnellen Übergängen fähig Als sie oben die stille helle nichts begehrende
Idoine wiedersah die fest und heiter Handelnde klagenlos und hoffnungslos
nur den Ährenkranz der Taten nie den blumigen Brautkranz tragend so viele
weiße Blüten zu ihren Füßen die zu keinem Kranz und Gewinde zusammengehen
ihre helle reine Seele einem hellen reinen Tone gleich der seinen Reiz durch
nasse wolkige Luft ungetrübt und ungebrochen trägt so fühlte sie Idoine sei
ihr schwesterlicher verwandt als Linda jene sei ihr ein Ideal und Sternbild in
ihrem Himmel über ihr diese ein fremdes das fern und unsichtbar in einer
zweiten Halbkugel des Himmels glänzt aber in ihr wirkte die weibliche Kraft
fortzulieben fast bis in den Hass hinein stärker als in irgendeiner Frau und
sie blieb der alten Freundin getreu Idoine gehörte unter die weiblichen Seelen
die dem Monde ähnlich sind blass und matt muss er am prächtigen Abendhimmel den
Glanz und brennende Wolken schmücken stehen und kann auf der Erde keinen
einzigen Schatten verdrängen und steigt mit unsichtbaren Strahlen aber das
fremde Licht verbleicht und seines wächset aus dem Schatten auf bis zuletzt
sein überirdischer Glanz die ErdenNacht umzieht und in eine zweite Welt
umkleidet und alle Herzen lieben ihn weinend und die Nachtigallen singen in
seinen Strahlen
Alles war nun bestimmt und geendigt Linda hielt sich in ihrer Ferne und
bloß aus Gesetz der geselligen Artigkeit das sie niemals übertrat Idoine zog
sich eine Veränderung erratend aus der vorigen Nähe sanft zurück Früh am
dunkeln Morgen schieden sie aber Julienne sagte es ihrer Freundin nicht dass
sie Idoinen als sie voneinander gingen sich mit nassen Augen hatte wenden
sehen
126 Zykel
Albano hatte während Lindas Abwesenheit von Roquairol die Bitte bekommen nur
jetzt nicht lange zu verreisen damit er in einigen Tagen sein Trauerspiel »den
Trauerspieler« noch sehen könne Gaspard den er unwillig über Lindas Ehescheu
antraf gab ihm ein sonderbares Kartenblatt für Linda mit worauf von ihrem
unsichtbaren Vater nichts stand als dies
»Ich genehmige deine Liebe Ich erwarte dass du sie besiegelst damit ich meine
Tochter endlich umarme
Der Zukünftige«
So viele fremde wichtige Wünsche die mit dem seinigen zusammenflossen hielten
nun von seinem zarten Ehrgefühl den Verdacht der Selbstsucht und Zudringlichkeit
ab wenn er sie um das schönste Fest seines Lebens bat Er machte seinen Vater
sehr zufrieden durch diesen Entschluss zu bitten Gaspard teilt ihm geheime
Kriegsnachrichten mit und sagte ihm scherzend nun sei es bald Zeit dass er für
seine Freunde die Neufranken fechten helfe Albano sagte es sei sogar sein
Ernst Das hör er gern von einem Jüngling sagte Gaspard der Krieg bilde für
Geschäfte und das Recht oder Unrecht desselben tue nichts zur Sache und gehe
andere an die ihn erklären
Albano machte seine Reise froh durch Erinnerung noch froher durch Hoffnung
Er hatte jetzt den Mut sich den Tag auszudenken wo Linda eine Königin in die
glänzende Krone ihres Geistes den weichen Brautkranz schmiegt wo diese Sonne
als eine Luna aufgeht wo ein Vater den der seinige liebt das hohe Fest
unterbricht durch ein höchstes und wo einmal zwei Menschen zu sich sagen
dürfen nun lieben wir uns ewig So beglückt und mit einer unendlichen Liebe
und sonnenwarmen Seele kam er im Prinzengarten an
Überall kam er viel zu früh nach seiner leidenschaftlichen Pünktlichkeit
Niemand war noch da als zwei Abreisende Roquairol und die Fürstin Beide sah
man jetzt oft und so öffentlich beisammen dass das Scheinen Absicht schien
Roquairol ging ihm höflich entgegen und erinnerte ihn an das erhaltene Billet
»Das ist der Schauplatz Lieber« sagt er »wo ich nächstens spiele die
meisten Zurüstungen hab ich schon getroffen besonders heute Meine treffliche
Fürstin hat mir diesen Platz vergönnt« »Sie kommen doch auch« sagte diese zu
Albano freundlich »Ich hab es ihm schon versprochen« sagte Albano den mitten
in seinem Frühling zwei Eiskeller anwehten Das Fräulein v Haltermann allein
zeigt ihm großen entschiedenen Zorn »Gehen wir zu meiner Schwester vorher«
fragte Roquairol die Fürstin unter dem Wegführen Albano verstand das nicht Die
Fürstin nickte Sie nahmen von ihm Abschied Fräulein v Haltermann schien ihn
zu vergessen Sie entflogen hielten oben auf einem von der ganzen blühenden
Gegend umrungnen Berge neben einem Blumengärtchen still und rollten dann
hinunter
Der Himmelswagen mit den geliebten Mädchen kam jetzt in den französischen
Prinzengarten herein Feurig drückten sich Albano und Linda einander an die
Herzen die sie sich gleichsam zum zweiten Male füreinander geschaffen und
geschmückt durch das Schicksal mit neuen Hoffnungen und Welten heute noch
einmal tauschend geben wollten Alles war so glänzend um sie her alles neu
selten ruhig die ganze Welt ein Garten voll hoher flatternder Springbrunnen
welche vor der Sonne glanztrunken ihre Bogen durcheinanderwarfen Julienne zog
ihn beiseite um ihm Lindas schönen Entschluss zu sagen aber er kam ihr mit der
Nachricht des seinigen zuvor Sie bestärkte ihn durch die ihrige entzückt über
das seltene Getriebe zusammengreifender Glücksräder
Als Albano wieder bei der Braut war und sie bei ihm fühlten sie eine neue
Wärme des Herzens keine von einer ausbrennenden dumpfen Glutkohle die am Ende
schwarz zerbröckelt sondern die einer höheren Sonne die aus lauten Flammen
stille Strahlen macht und die die Menschen mit einem warmen milden Frühlingstag
umgibt Albano schob nicht auf und leitete nicht ein sondern er gab ihr das
Blatt ihres Vaters hin und sagte unter dem Lesen mit bebender Stimme »Dein
Vater bittet mit mir und für mich« Lindas Tränen stürzten der Jüngling
zitterte Julienne rief »Linda sieh wie er dich liebt« Albano nahm sie an
sein Herz Linda stammelte »So nimm sie denn hin meine liebe Freiheit und
bleibe bei mir« »bis zu meiner letzten Stunde« sagt er »und bis zu meiner
und gehst in keinen Krieg« sagte sie zärtlichleise er drückte sie bestürzt
und stark ans Herz »nicht wahr du versprichst es mein Lieber« wiederholte
sie
»O du Göttliche denke jetzt an etwas Schöneres« sagte er »Nur ja
Albano ja« fuhr sie fort »Alles wird sich durch unsere Liebe lösen« sagt
er »Ja Sage nur Ja« bat sie er schwieg sie erschrak »Ja« sagte sie
stärker »O Linda Linda« stammelte er sie entsanken einander aus den Armen
»ich kann nicht« sagt er »Menschen versteht euch« sagte Julienne
»Albano sprich dein Wort« sagte Linda hart »Ich habe keines« sagt er
Linda erhob sich beleidigt und sagte »Ich bin auch stolz ich fahre jetzt
Julienne« Kein Bitten der Schwester konnte die Staunende oder den Staunenden
schmelzen Der Zorn mit seinem Sprachrohr und Hörrohr sprach und hörte alles
zu stark
Die Gräfin ging fort und befahl anzuspannen »O ihr Leute und du
Hartnäckiger« sagte Julienne »geh ihr doch nach und stille sie« Aber der
empfindlichen Sinnpflanze seiner Ehre waren jetzt Blätter zerquetscht das ihm
neue Auffahren der Schlagregen ihres Zorns hatt ihn erschüttert er fragte
nach nichts »Schau hinauf zu jenem Garten« sagte die Schwester außer sich
»dort liegt deine erste Braut begraben und schone die zweite« Das wirkte
gerade das Gegenteil »Liane« sagt er kalt »wäre nicht so gewesen begleite
nur die Gräfin« »O die Männer« rief sie und ging
Bald darauf sah er beide davonfahren Allmählich zerstob das wilde Heer des
Zorns Aber er hatte fühlt er nicht anders gekonnt Er war ihr sie ihm mit
solcher neuen Zärtlichkeit entgegengereiset keines wusste von der fremden und
der unbegreifliche Kontrast entrüstete darum beide so sehr Er hasste schon an
andern Menschen das Bitten wie viel mehr an sich selber und nie war er
vermögend einen Menschen der ihn verkannte zurechtzuweisen Er sah jetzt um
sich alle prangenden Springbrunnen der Freude waren plötzlich niedergefallen
die Lüfte verödet und das Wasser murmelte in den Tiefen Er ritt hinauf zum
Garten wo Lianens Grab sein sollte Nur Blumenbeete einen Lindenbaum mit einer
Zirkelbank sah er darin aber kein Grab Betäubt und verworren blickt er hinein
und in den glänzenden Gegenden umher Verstockt tränenlos mit einem im
zurückgetriebnen Strom der Liebe erstickenden Herzen hinschauend in die weite
Zukunft die zwischen Bergen in krumme Täler ging und sich versteckte ritt er
düster nach Hause Hier traf er folgendes Blatt von Schoppe an das der
vorauseilende Oheim bei ihm abgegeben
»Es ist richtig Ich fand das bewusste Porträt Ich bring es in der
Jagdtasche mit In wenigen Wochen oder Tagen komm ich Den Kahlkopf hab ich
angetroffen und hinlänglich totgemacht Ich bin sehr bei Sinnen Dein seltsamer
Oheim reiste lange mit mir
S«
Zweiunddreissigste Jobelperiode
Roquairol
127 Zykel
Linda hatte den ganzen Tag darauf in schweigendem Seelenschmerze zugebracht über
den Geliebten der ihr wie einst Liane ihm nicht im ganzen lebendigen Feuer
der Liebe zu leben schien wie sie sie war lange von der Fürstin umlagert und
dann durch sie Juliennens für eine Lustreise beraubt worden die ihr nur die
Nachricht zuwerfen konnte dass Albano diesen Tag auch einen Ausflug gemacht um
Schoppen früher zu umarmen sie war still geblieben nach ihrem Grundsatze dass
der weibliche Stolz hier Schweigen Ruhe und sogar Vergessen gebiete als sie
abends durch das blinde Mädchen aus Blumenbühl das sie in ihre Dienste
genommen folgenden Brief erhielt
»Du Meine Sei es wieder Ich will noch sterben aber für dich nicht für ein
Volk auf dem Schlachtfeld Vergib das Gestern und beglücke das Heute Ich habe
meinen Vorsatz einer Entgegenreise wieder aufgegeben um dir heute noch an das
Herz zu stürzen und deinen Himmel auszuschöpfen und meinen zu füllen Ich kann
nicht warten bis Julienne wiederkommt mein Herz brennt nach dir Morgen muss
ich ohnehin im Prinzengarten sein wo Roquairol einen Trauerspieler endlich
gibt Komme diesen Abend ich flehe dich bei unserer Liebe an um 8 Uhr
entweder wenn es hell ist in die TartarusHöhle deren TotengräberPutz und
OrkusAmeublement dir gewiss nur lächerlich sein wird oder wenn es wolkig ist
in das Ende des Flötentals
Dein blindes Mädchen nimmst du nur mit Du kennst ja das Spionenwesen das
gerade uns umstellt Ich erwarte und begehre keine Antwort von dir sondern
Schlags acht Uhr schleich ich durch das Elysium um zu sehen wo die Göttin
steht der Himmel die Sonne die Seligkeit du
Dein
Albano«
Wie durch einen Wetterstrahl des Himmels war ihr ganzes Wesen geschmolzen zu
weicher seliger Glut denn sie glaubte der Handschrift dass das Blatt von Albano
sei so unerwartet ihr auch an ihm eine so schnelle Umkehrung erschien ob es
gleich von Roquairol geschrieben war Lasst uns zurückgehen bis an die finstere
Quelle des reißenden Höllenflusses der seinen eiskalten Arm nach der Unschuld
und nach dem Himmel ausstreckt
Roquairol war im Winter bei allen Fehlschlagungen seiner unbändigen Wünsche
ziemlich glücklich und gut geblieben der Abendstern der Liebe ob er wohl für
ihn mehr ab und zunahm stand doch noch nicht unter dem Horizont sondern nur
unter Gewölke Aber sobald Linda mit Julienne abgereiset war und zwar wie er
sogleich erriet und früh erfuhr nach Italien so bewegte sich ein neuer Sturm
durch sein Leben der ihm die letzten Blüten abriss und mit dem lange gelegenen
Staub verfinsterte weil er nun wie er Albano selber vorausgesagt das Netz zu
diesem und der Gräfin im Strome heraufkommen sah das beide eng gefangennahm
Das fressende Gift der VielLiebhaberei und Vielgötterei lief wieder heiß in
allen Adern seines Herzens um er machte wilden Aufwand Spiele Schulden so
weit es nur ging setzte Glück und Leben auf die Waage warf seinen eisernen
Körper dem Tode zu der ihn nicht sogleich zerschlagen konnte und berauschte
sich in der WildenTrauer um sein gemordetes Leben und Hoffen im Leichentrunk
der Schwelgerei ein Bund den Wollust und Verzweiflung schon oft auf der Erde
miteinander auf Kriegsschauplätzen und in großen Städten geschlossen haben
Nur etwas hielt den Hauptmann noch aufrecht die Erwartung dass Albano in
seiner Ferne von Linda beharre und die dass diese wiederkomme Jetzt kam die
Fürstin zurück noch mit allem frischen Hasse gegen den kalten Albano für
dessen »dupe« sie sich hielt Roquairol bewog leicht seinen Vater ihn ihr näher
zu bringen da er bei ihr über Albano und alles Nachrichten zu finden hoffte Er
wurd ihr bald durch die ähnliche Stimme und die vorige Freundschaft gegen ihren
Feind bedeutend und noch mehr durch seine seltene Gewandtheit einer Frau immer
das zu sein was sie gerade begehrte
Da sie alle seine frühern Verhältnisse und Wünsche schon längst gekannt so
warf sie sobald ihre Fernschreiber von Albano ihr die Nachricht von seiner
neuen Liebe gegeben ihm leicht die Erwähnung davon hin Trotz der warmen Rolle
die Roquairol gegen sie zu spielen hatte wurd er doch vor ihr wütendblass
atemlos bebend und starrend im Abwechsel »ists so« fragt er leise sie
zeigt ihm einen Brief »Fürstin« sagte er wütend ihre Hand an seine Lippen
fortpressend »du hattest recht vergib mir nun alles«
Wie groß er von Albano gedacht sah er erst jetzt aus seiner Verwunderung
über das Natürlichste von der Welt Nie hasset das Herz bitterer als wenn es
den Gegenstand, den es vorher unter dem Hassen achten musste nun ohne Achten
hassen muss so wie aus demselben Grunde den schlimmen Menschen die Heuchelei des
andern weit tiefer und eigennütziger entrüstet als den frommen Roquairol
glaubte jetzt den stolzen Freund recht anfeinden zu dürfen er wurde aus einer
deutschen Ruine eine welsche voll Skorpionen Die Fürstin wurde das heiße Klima
das die Skorpionen erst recht vergiftet Sie erzählte ihm wie Albano sie so
lange zu gewinnen und auf seine tiefen Minen zu locken gesucht bloß um bei
deren Aufspringen den Genuss der Kälte und des Hohns zu haben und wie er so
gleichgültig vom Hauptmann gesprochen ohne ihn nur des Hasses zu würdigen
Die Fürstin erlaubte dem Hauptmann eine Stufe nach der andern an ihrem
Throne hinaufzugehen bis er keine mehr hatte als ihre eigne Person Sie gab ihm
auch die letzte Stufe unter der Bedingung preis sie zu rächen Er sagte er
räche sie und sich denn Albano habe feierlich in dem Tartarus der Gräfin für
ihn entsagt So schienen beide ihre wahre Liebe unter die Larve der Rache zu
stecken die Fürstin ihre für den Hauptmann er seine für Linda
Sie brachte ihm einen Plan immer dichter vor das Auge den er nicht
erblickte so sehr sie ihn reizte durch die Bemerkung dass Albano ein größerer
WeiberLiebling sei und sein werde als man bisher noch dachte dass sogar ihre
fromme besonnene Schwester Idoine nach ihren stillen Fragen in Briefen und nach
andern Zeichen fast beides durch ihn verloren was sie ihm am Krankenbette
wiedergegeben Gesundheit und Friede und dass er nie hoffen solle die Gräfin je
abtrünnig zu sehen oder auch zu machen
Endlich sagte sie langsam das fürchterliche Wort »Roquairol Sie haben
Seine Stimme und Sie hat abends kein Auge« »Himmel und Hölle« rief er aus
wechselnd rot und blass und zugleich in Himmel und Hölle sehend deren Türen vor
ihm aufsprangen »Va« setzt er schnell dazu ohne die schwarze Tiefe dieses
weissschäumenden Meers noch durchdrungen zu haben Die Fürstin umarmt ihn
feurig er sie noch feuriger »In einer poetischen Dichtung« sagt er »wäre
mir dein Gedanke leicht gekommen aber in der Wirklichkeit hab ich keine List«
»O Schalk« sagte sie So früh und so lang er nur durfte sagte er Du weil
er das Herz kannte besonders das weibliche Bald darauf als sie noch
offenherziger gegeneinander gewesen waren sagte sie »Bleibt Sie unschuldig bei
Ihnen so haben Sie niemand beleidigt und niemand hat verloren bleibt Sie es
nicht so war Sie es entweder nicht oder Sie verdiente die Probe und Strafe
getäuscht zu werden« »Ja das ist göttlich das gehört in den herrlichen
Trauerspieler kurz vor dem Ende« sagt er wollte sich aber nicht darüber
erklären
Jetzt kam Ziel und Mittelpunkt in die wilden Kreise seines Treibens Er
zerlegte kalt Albanos Briefe der Liebe in große und kleine Buchstaben bloß um
sie pünktlich nachzumachen daher fand einmal Albano bei Rabetten seine
Handschrift ohne seine Gedanken Er fragte Rabetten alle kleine Verhältnisse
Albanos ab um seine Rolle bis ins kleinste auszuarbeiten und ebenso las er
alle italienische Reisebeschreibungen um mit Linda über jede schöne Stelle frei
zu sprechen wo er als ScheinAlbano mit ihr das hesperische Leben genossen Es
kitzelte ihn so mit der Flamme in der Brust und mit dem kalten Eislicht im
Kopfe einmal alle theatralischen Zurüstungen und Verwickelungen so wie sonst
für die Bühne jetzt für das Leben anzulegen und besonnen zu regieren
Er sah Albano von der Reise kommen der ihn stolz behandelte er sah die
blühende Göttin in Lilar gehen er hörte durch die Spionen der Fürstin von
ihrer Verbindung hoch ging sein totes Meer in schweren Wellen und suchte die
Opfer aus ihrem Fluge bis vom Himmel herabzuziehen Unmittelbar nach dem
Trauerspiel das er mit Linda zu spielen vorhatte sollte sein eigenes im
Prinzengarten kommen das er von Zeit zu Zeit zu geben versprach und verschob
er musste lange harren und spähen bis eine Zeit erschien in welche so viele
Zähne eines doppelten Maschinenwerks zugleich eingreifen konnten
Endlich erschien die Zeit und er schrieb das oben mitgeteilte Blatt an
Linda Alles war berechnet und abgetan und jede Hilfe des Zufalls in den Plan
gewebt Sein Trauerspiel war von seinen Bekannten längst eingelernt obwohl
niemals einprobiert weil er wie er sagte die Mitspieler selber mit seiner
Rolle mitten im Spiele überraschen wollte Die Freude die er von jeher hatte
Abschied zu nehmen weil ihn hier die Rührung zugleich durch Kürze und Stärke
erquickte macht er sich bei so vielen als ihn liebten Von Rabette schied
er so stürmischweich dass sie erschrocken zu ihm sagte »Karl das bedeutet
doch nichts Böses«
»Jetzt ist alles böse an mir« sagt er
Durch Verwendung der Fürstin waren für sein Trauerspiel auf den nächsten Tag
die bedeutendsten Zuschauer geworben auch Gaspard und Julienne samt dem Hof
Das Geheimnis zog an auch der Fürstin war seine Rolle verdeckt Nur seinen
Vater der dem Hof gern folgen wollte strich er aus der Zahl durch einen großen
Zorn worein er ihn setzte weil er ihn mit keiner andern als dieser Dornhecke
abzuhalten wusste Seine Mutter und Rabette hatt er beschworen bei ihrem Glück
bei seinem Glück keine Zuschauerinnen seines Spiels zu werden
Ein neuer Wind des Zufalls war ihm zum Heben seiner Flugmaschine durch den
seltsamen Bruder des Ritters gekommen der mit solcher Freude von der eisernen
Maske seiner tragischen Maske hörte dass er mit dem Antrag zu ihm kam er wolle
ihm einen neuen wunderbaren Spieler zuführen »Alles ist besetzt« sagte der
Dichter »Man mache ein Chor zwischen den Akten und geb es einem« sagte der
Spanier Roquairol fragte nach dem Namen des Spielers Der Spanier führt ihn in
seinen Gasthof innen im Zimmer rief schon eine tierischdumpfe Stimme »Kommst
du denn schon wieder mein Herr« Sie fanden darin nur eine schwarze Dohle »Man
stelle den Vogel auf das Theater er sei das Chor er sage in halbem Gesang
mezza voce bloß zwei drei Zeilen her die Wirkung wird kommen« sagte der
Spanier Roquairol staunte über die langen Sprüche der Dohle Der Spanier erbat
sich einen längeren von ihm um ihn ihr vor seinen Ohren einzulernen Roquairol
gab ihm den »Im Leben wohnt Täuschung nicht auf der Bühne« Der Spanier sagte
anfangs bloß in Wort zum Nachsprechen vor dann wieder eins wiederholte es
dreimal sagte dann mit den Fingern den Vogel ermunternd
»Allons diablesse« und das Tier stotterte dumpf die ganze Zeile her
Roquairol fand in dieser komischen TierLarve etwas Fürchterliches und nahm den
Vorschlag einige Chorzeilen zu dichten und dem Vogel anzuvertrauen unter einer
eignen Bedingung an dass nämlich der Spanier seinen Neffen Albano den Abend
vor her von Pestitz entferne unter irgendeinem Vorwand und dann mit ihm im
Prinzengarten erscheine Der Spanier sagte »Herr Hauptmann ich brauche keinen
Vorwand ich habe Wahrheit Ich werde mit ihm seinem Freund Schoppe
entgegenreisen er will morgen abends kommen auch dieser wird mit zusehen«
Albano konnte in seiner verworrenen Stimmung gegen Linda und in der
erwartungsvollen gegen Schoppe nichts so leicht annehmen als einen kleinen
Reiseplan um diesen geliebten Schoppe früher an der Brust zu haben Julienne
wurde in Gegenwart des kranken Fürsten von der Fürstin gebeten sie zu Idoine zu
begleiten die ihrer auf halbem Wege in einem Grenzschloss wartete und den
andern Tag in den Prinzengarten zurückzugehen Sie weigerte sich Der kranke
angestiftete Bruder tat die von ihm erbetenen Bitten dazu Die Schwester
erfüllte sie
Nun war alles für den Abend woran Roquairol Linda sehen wollte berichtigt
So glimmen nachts in den Scheuern eines schuldlosen Dörfchens die eingelegten
Brände der Sturmwind brauset um die müden schlafenden Einwohner die Räuber
stehen auf den Bergen im Abendnebel und schauen wartend herab wenn die
Feuerschwerter der Flammen auf allen Seiten durch die Nebel glänzen und mit
ihnen rauben und morden werden um zu ihnen herabzukommen
128 Zykel
Linda las das Blatt unzähligemal weinte vor süßer Liebe und dachte nicht daran
zu vergeben Dieses Wehen der Liebe das alle Blumen beugt und keine pflückt
hatte sie schon so lange gewünscht und jetzt auf einmal nach der nebligen
Windstille des Herzens ging es lebendig und frisch durch den Garten ihres
Lebens Sie konnte schwer acht Uhr erwarten Sie half sich über die Zeit hinweg
durch Wählen des Putzes der zuletzt ganz in dem Schleier Hute Kleide und
allem bestand was sie getragen als sie ihren Geliebten zum erstenmal auf
Ischia gefunden
Sie steckte die Paradieses oder Orangenblüten die Zeiger jener Zeit und
Welt an ihr klopfendes Herz und ging zur bestimmten Stunde mit dem blinden
Mädchen am Arme in den Garten hinunter Sowohl aus Hass gegen den Tartarus als
aus Willigkeit gegen den Brief nahm sie den Weg ins Flötental Die Nacht war
finster für ihr Auge und das blinde Mädchen wurde ihre Führerin
Oben auf dem Lilarsberg mit dem Altare stand wie der böse Geist auf der
Zinne des Paradieses Roquairol und blickte scharf in den Garten herab um Linda
und ihren Weg zu finden Sein Freudenpferd war unten im tiefen Gebüsch an
ausländische Gewächse angebunden Voll Ergrimmung sah er noch Dian und Chariton
mit den Kindern in dem Garten gehen und oben im Donnerhäuschen ein kleines
Licht Er verfluchte jede störende Seele weil er entschlossen war heute im
Notfall jeden Stürmer seines Himmels zu ermorden Endlich sah er Lindas lange
rote Gestalt gegen das Flötental zugehen und das SchwellenGebüsch aufziehen und
darhinter verschwinden
Er eilte den langen Schneckenberg herab warm wie eine vergiftete Leiche
Hinter sich hörte er im langen BuschGewinde jemand nacheilen er entbrannte
und zog seinen Stockdegen den er nebst einem Taschenpistol bei sich hatte
endlich sah er eine hässliche Gestalt einem bösen Geiste ähnlich die ihm
nachrannte sie packte ihn es war der Fürstin langarmiger Affe Er
durchstach ihn auf der Stelle um nicht von ihm verfolgt zu werden
Unten im freien Garten ging er langsam um keinen Verdacht zu wecken Er
schlich leise wie der Tod der auf dem Donnerwagen einer Wolke ungehört durch
Lüfte über den Blütenbaum zieht worunter eine Jungfrau lehnt und versteckte
den mörderischen Wetterstrahl in seine Brust Er öffnete das hohe
PfortenGesträuch des Flötentals alles war darin still und dunkel nur hoch im
Himmel ging ein seltsamer brausender Sturm und jagte die WolkenHerde aber auf
der Erde war es leise und kein Blatt bewegte sich »Ist jemand da« fragte die
blinde Türhüterin »Guten Abend Mädchen« sagte Roquairol um durch seinen
Sprachton für Albano zu gelten
Tief im engeren laubigen Tale sang Linda leise ein altes spanisches Lied aus
ihrer Kinderzeit Endlich wurde sie erblickt die Riesenschlange tat den
giftigen Sprung nach der süßen Gestalt und sie wurde tausendfach umwunden
Er hing an ihr sprachlos atemlos die Wolke seines Lebens brach Tränen
der Glut und Pein und Wonne rannen brennend fort alle Arme worein der Strom
seiner Liebe bisher seicht umhergelaufen war schossen brausend zusammen und
fassten und trugen eine Gestalt »Weine nicht mein guter Mensch wir lieben
uns ja immer wieder« sagte Linda und die zarte schöne Lippe gab ihm den ersten
innigen Kuss Da kreisete das Feuerrad der Entzückung mit ihm reißend um und um
den darauf geflochtenen Kopf wehten die FlammenKreise hoch auf Aus Furcht
erblickt zu werden wenn er erblicke und aus Lust hatt er die Augen
geschlossen jetzt tat er sie auf so nahe an sich und in seinen Armen sah er
nun die hohe Gestalt das stolze blühende Antlitz und die feuchten warmen
LiebesAugen »Du Himmlische« sagt er »töte mich in dieser Stunde damit ich
sterbe im Himmel Wie will ich nachher noch leben Könnt ich meine Seele in
meine Tränen gießen und mein Leben in deines und wäre dann nicht mehr«
»Albano« sagte sie »warum bist du heute so anders so traurig und weich«
»Nenne mich« sagt er »lieber bei deinem Namen wie die Liebenden auf
Otaheiti die Namen tauschen Vielleicht hab ich auch etwas getrunken aber
ich bereue ja das Gestern ich liebe dich ja neu Ach du liebst du denn auch
mein Inneres Linda«
»Süsser Jüngling kann ich es denn jetzt nicht ewig lieben Ich bleibe ja
bei dir und du bei mir«
»Ach du kennst mich nicht Wenn weiß es denn der Mensch dass gerade er
gerade dieses Ich gemeinet und geliebt werde Nur Gestalten werden umfasset
nur Hüllen umarmt wer drückt denn ein Ich ans Ich Gott etwa«
»Und ich dich« sagte Linda
»O Linda liebst du mich fort in meinem Grabe wenn die Spreu des Lebens
verflogen ist liebst du mich fort in meiner Hölle wenn ich dich aus Liebe
gegen dich belogen habe Ist denn Liebe die Entschuldigung der Liebe«
»Ich liebe dich fort wenn du mich liebst Bist du die Giftblume so bin ich
die Biene und sterbe in dem süßen Kelch«
Die Braut sank an seinen Hals Er umklammerte sie heftig und wurde immer
ähnlicher dem Gletscher der durch Wärme weiterrückt und schmelzend verheert Um
ihn zogen die Freuden mit glänzenden mit himmlischen Gesichtern zeigten ihm
aber in den Händen Furienmasken
»Du willst sterben aus Liebe ich bin schon gestorben aus Liebe O du weiß
nicht wie lange ich dich schon liebte« antwortete er
»Glühender« sagte sie »denk an diese Nacht wenn du einst Idoinen
siehst« »So seh ich nur meine aufgestandne Schwester« sagt er aber
sogleich über die entfahrne Wahrheit erschreckend »Man sieht« setzt er eilig
dazu »das auferstandne Herkulanum aber man wohnt im blühenden Portici darüber
ich und du sahen im BajaGolf unter dem Meer die versunknen Bogen und Tore und
wir schifften nach lebendigen Städten weiter Ist mir doch auch Roquairol in
so manchem so ähnlich und liebt dich so sehr und so lange und starb auch einmal
wie Liane«
»Aber diesen hatt ich nie geliebt und nun bin ich deine ewige Braut«
»Der arme Mensch Aber ich tat glaub ich doch nicht recht da ich einst in
der Tartarushöhle dir Ungesehenen im voraus entsagte aus Liebe gegen den
Freund«
»Gewiss nicht aber wie kommen wir beide auf dieses unheimliche Wesen« sagte
sie küssend
»Heimlich möcht ichs eher nennen« versetzt er entbrennend in hassender
Liebe im Zwiespalt der Rache und Lust und entschlossen nun den Leichenschleier
über ihre ganze Zukunft zu weben Er schlug die schwarzen Adlerschwingen um das
Opfer und erstickte und erweckte Küsse er riss die Orangenblüten von ihrer Brust
und warf sie zurück »Liebe ist Leben und Sterben und Himmel und Hölle« sagt
er »Liebe ist Mord und Glut und Tod und Schmerz und Lust Kaligula wollte
seine Cäsonia foltern lassen um nur von ihr zu wissen warum er sie so liebe
ich wäre das auch imstand«
»Göttlicher Albano trinke nicht mehr so du bist zu ungestüm deine
Augenbraunen stürmen sogar mit wie bist du denn«
»Alles auf einmal wie ein Gewitter voll Glut und mein Himmel ist hell
durch den Blitz und ich werfe kalten Hagel und eine Zerstörung nach der
andern und es regnet warm auf die Blumen und Himmel und Erde verknüpft ein
stiller Bogen des Friedens«
Jetzt sah er am Himmel die Sturmwolken wie Sturmvögel zwischen den Sternen
und neben dem zornigen Blutauge des Mars schon heller fliegen der Mond der ihn
verjagte und verriet warf bald das RichterAuge eines Gottes auf ihn Im Hohne
gegen das Schicksal riss er auf für seine küssende Wut den Nonnenschleier und
Heiligenglanz ihrer jungfräulichen Brust Fern stand der Leuchtturm des
Gewissens von dicken Wolken umzogen Linda weinte zitternd und glühend an
seiner Brust »Sei mein guter Genius Albano« sagte sie »Und dein böser
aber nenne mich nur ein einzigesmal Karl« sagt er voll Wut »O heiße denn
Karl aber bleibe mein voriger Albano mein heiliger Albano« sagte sie
Plötzlich fingen im Tal die Flöten an die der fromme Vater zu seinen
Abendgebeten spielen ließ Wie Töne auf dem Schlachtfeld riefen sie den Mord
heran da schmolz Lindas goldner Thron des Glücks und Lebens glühend nieder
und sie sank herab und das weiße Brautkleid ihrer Unschuld wurde zerrissen und
zu Asche
»Nun die Deinige bis in meinen Tod« sagte sie leise mit Tränenströmen »Nur
bis in meinen« sagte er und weinte jetzt weich mit den weinenden Flöten An der
goldnen Kugel auf dem Berge glomm schon der Mond der wie ein bewaffneter Komet
wie ein einäugiger Riese heraufdrang den Sünder aus seinem Eden zu jagen
»Bleibe bis der Mond kommt damit ich in dein Angesicht sehe« bat sie »Nein
du Göttliche mein Freudenpferd wiehert schon die Todesfackel brennt herab in
meine Hand« sagte er tragischleise Der Sturm war vom Himmel auf die Erde
gezogen sie fragte »Der Sturm ist so laut was sagtest du Schöner« Er
küsste wild ihre Lippe und ihren Busen wieder er konnte nicht gehen er konnte
nicht bleiben »Gehe morgen nicht« sagt er »in den Trauerspieler ich flehe
dich das Ende hör ich ist zu erschütternd«
»Ich liebe ohnehin dergleichen nie O bleibe bleibe länger ich seh dich
ja morgen wieder nicht« Er presste sie an sich deckte ihre Augen mit seinem
Angesicht zu das Gorgonenhaupt des Mondes wurde schon in den Morgen
heraufgehoben er ließ das Leben los wenn er sie entließ und doch zehrte
jedes gestammelte Wort der Liebe an der kurzen Zeit Der Sturm arbeitete in den
gerissenen Bäumen und die Flötentöne schlüpften wie Schmetterlinge wie
schuldlose Kinder unter dem großen Flügel weg Roquairol wie betäubt von
solcher Gegenwart war nahe daran zu sagen sieh mich an ich bin Roquairol
aber der Gedanke stellte sich schnell dazwischen »Das verdient sie nicht um
dich nein sie erfahr es erst in der Zeit wo man den Menschen alles vergibt«
Noch einmal heftig hielt er sie an sich gedrückt das Mondlicht fiel schon auf
beide herein er wiederholte tausend Worte der Liebe und Scheidung stieß sie
zurück fuhr schnell um und schritt in Albanos Kleidung durch das Tal hindurch
»Gute Nacht Mädchen« sagt er vorübergehend zur Blinden Linda sang nicht
wieder wie vorhin Die Sterne sahen ihn an die Sturmwinde redeten ihn an die
Freuden gingen neben ihm hatten aber die Furienmasken nun auf den Gesichtern
aus dem Himmel griff ein Arm herab aus der Hölle griff ein Arm herauf und
beide wollten ihn fassen um ihn auseinanderzureissen »Nu nu« sagt er »ich
war wohl glücklich aber ich hätt es noch mehr sein können wär ich Ihr
verdammter Albano gewesen« und schwang sich auf sein Freudenpferd und jagte
noch in der Nacht nach dem Prinzengarten
129 Zykel
Albano und sein Oheim zogen dem angekündigten Schoppe von Dorf zu Dorf weiter
entgegen der Oheim schob die Hoffnung wie einen Horizont immer vor ihnen
voraus einmal abends glaubte der Graf Schoppes Stimme nahe neben sich zu hören
umsonst der geliebte Mensch kam noch nicht an sein Herz und schmachtend sah
Albano die Wolken im Himmel auf dem Weg herziehen den sein Teuerer unter ihnen
auf der Erde nahm Der Oheim erzählte ihm lange von einem geheimen Kummer der
den Bibliotekar oft niederdrücke und von dessen Ansatz zur Tollheit der ihn
auch früher von ihm weggetrieben weil er unter allen Menschen keine so fürchte
als tolle Von Romeiros Porträt schien er nichts zu wissen Albano schwieg
verdrießlich weil der Spanier unter die unleidlichen Menschen gehörte die mit
glattem festen Gesicht und mit zugeschraubter gehelmter Seele den fremden
Widerspruch ohne eignen Widerspruch ohne Echo ohne Spiegel und Änderung um
sich flattern lassen können und für welche die fremde Rede nur ein stiller Tau
ist dessen Fallen keinen Stein aushöhlt Dazu kam Albanos Erbitterung gegen
dessen neue Unwahrhaftigkeit über Schoppens Nähe und gegen sein eigenes
Unvermögen eine Stunde lang alles ungläubig anzuhören was ein Lügner sagt
»Schoppe ist auf mein Wort durch einen andern Weg schon im Prinzengarten«
sagte endlich der Spanier ganz munter und riet umzukehren an im warmen Genuße
seiner frechen kalten Kraft jeden der ihm nicht huldigte zwischen scharfe
langsame Eisfelder zu pressen
Sie kamen vor dem Prinzengarten unter lauter Wagen an aus welchen die
Zuschauer des heutigen Spielfestes ausstiegen Albano fand schon unter jenen
seinen Vater die Fürstin und Julienne und unter den Mitspielern Bouverot
seinen alten Exerzitienmeister Falterle und die gelbgekleidete Kaufmannsfrau in
rotem Schal die einmal weniger in als an Roquairols Herzen gewesen und diesen
selber Der Hauptmann trat vor aller Welt sofort den bekannten Albano an und
sagte mit gesuchter Leichtigkeit das Spiel beginne bald nur Dian mit seiner
Frau werde noch erwartet Dian überall leicht beweglich am meisten durch eine
Bitte konnte einer für die Kunst am wenigsten widerstehen durch ihn wurde bald
auch Chariton für das Spiel gewonnen aber nicht ohne den Umstand dass sie im
Stücke eine Geliebte gegen niemand als ihren Gemahl zu spielen hatte Als
Roquairol mit Albano sprach so wurde seinem Gesicht so wie einem geschwollnen
oder gefrornen das leichte Lächeln schwer und das Aufheben des Augenlids und
innen drückte ein strafender beugender Geist den seinigen vor dem frohen reinen
Freunde zur Erde aus dessen Frühling er die helle Sonne weggerissen und
geworfen und dem er eine ewige Pestwolke über das Leben gehangen
Unter dem Getümmel der Gartenreden und im fruchtlosen Wunsche der Schwester
Julienne drei sanfte Worte für die ihm so lange verdeckte Linda mitzugeben sah
Albano den Wagen der Gräfin auf die Höhe an Lianens Garten rollen da halten und
sie und Dian und Chariton aussteigen
Da kannt er weiter nichts als den Flug zur entbehrten Geliebten der sich
vor den vielen Augen leicht in die Sehnsucht nach Dian einkleidete und jetzt
fragt er im Durst der Liebe nach gar keinem Auge »Ach da bin ich doch« sagte
Linda und ging ihm entgegen mit den weichen Rebenschlingen zarter Blicke sich
in seine verwebend so scheu und so liebevoll und das Abendrot der
Verschämteit zog wie Frühlingsröte in der Nacht um ihren Himmel und der
weiße Mond der Unschuld stand mitten darin Albano zerging vom Tauwind dieser
Verzeihung warf sich seine süße Freude an ihrer Umkehrung als selbstsüchtigen
Stolz über sein Siegen vor und konnte in der schönen Verwirrung des Glücks kaum
das süße Staunen regieren und das aufgelöste Herz das vor ihr zerrinnen wollte
wie ein Gewitter in Abendtau Er legte in sein Auge die Seele und gab sie der
Geliebten Vor Chariton musst er sich verhüllen Zu Dian und Linda sagt er als
sie in die hinuntersteigende Sonne sahen bloß das Wort »Ischia«
»Da liegt nun freilich lieber Anastasius« sagte Chariton zu Dian »meine
gute Fräulein Liane begraben und man weiß nicht eigentlich wo im Garten denn
man sieht ja nichts als Blumen und Blumen sie hats aber so bestellt« »Das
ist sehr betrübt und hübsch« sagte Dian »aber lass es weg bleibt weg
Chariton« und führte sie seitwärts von den Liebenden schonend An Albano der
nichts überhörte und übersah war die Erschütterung davon so sichtbar Auch
Linda nahm sie wahr »Sprich nur aus dein Weh« sagte sie »ich liebe sie ja
auch« »Ich denke an die Lebendigen« sagt er sich zusammenfassend und
blickte scheu nicht auf den Blumengarten sondern auf die sonnentrunkne
Abendgegend »kann man denn genug auf der Erde vergeben und erraten Linda
o wie vergibst du mir heut«
»Freund« sagte sie»wenn Ihr sündigt sollt Ihr Vergebung empfangen aber
bis dahin seid noch still« Er sah sie bedeutend an »Hast du nicht schon
vergeben und ich noch nicht Aber wüsstest du wie ich in diesen Tagen auf dem
Weg zu meinem Schoppe innigst bei dir lebte und die göttliche Vergangenheit in
die Zukunft brachte ach kann ich dir denn alles sagen an diesem Orte« Zum
Glück hörte sie gleich andern Frauen weniger auf Worte als auf Mienen Winke
und Taten merkend mehr mit dem geistigen als leiblichen Ohre und trat nicht in
den so nahe aufgesperrten Abgrund seiner Worte So spielten jetzt beide wie
Kinder neben der kalten mit Donner durchzognen Gewitterstange aus welcher bei
der kleinsten nähern Nähe die blitzende Sense des Todes fährt
Beide gaukelten neben dem Gewitter fort Die Sonne zog neben dem kleinen
Berge und ebenen BlumenGrabe mit ihren Flammen in die fernen Ebenen hinein Aus
dem tiefen Prinzengarten flatterten Töne durch die langen Abendstrahlen herauf
und vergötterten die goldne Gegend Die Töne waren einsame Schwingen die sich
ihr Herz suchten und dann an ihm weiterflogen und die liebenden Herzen wurden
voll Flügel Die Strahlen sanken die Töne stiegen Um Linda und Albano lag ein
goldner Kreis aus Gärten und Bergen und grünen Tiefen und jede Blume schwankte
reich unter dem letzten Gold und wurde die Wiege des Auges die Wiege des
Herzens Die Liebenden blickten sich und die Erde begeistert an die glänzende
Welt erschien ihnen nur im Zauberspiegel ihrer Herzen und beide selber waren
darin leuchtende schwebende Bilder
»Linda ich will sanfter werden« sagt er »bei der Heiligen schwör ichs
in deren Garten wir stehen« »Werd es Lieber in Lilar warst du es eben
nicht« sagte sie Er verstand es von dem Sturme gegen Liane »Verhülle dies
Andenken in deine Liebe« sagt er errötend Sie sah ihn jungfräulich an ihr
Inneres war jungfräulich geblieben und unschuldig wie die Pfirsich sich rot und
glühend der Sonne zukehrt aber in den Blättern das zarte Weiß erhält Ihr Auge
trank aus seinem seines trank aus ihrem der Himmel vermischte sich mit ihrem
Himmel die Purpursonne schimmerte aus dem warmen Liebestau der Liebesaugen
zurück »O dürft ich dich jetzt küssen« sagte Albano »Ach dürftest du es«
sagte Linda »So golden ging einst die Sonne auf dem Meere unter« sagte er
»Und nachher gaben wir uns den ersten Kuss« sagte sie »Wir wollen uns jetzt
viel öfter sehen« sagt er »Jawohl und länger am Tage nachts hab ich Arme
ja kein Auge Nun geht mir dort schon mein Auge unter« sagte sie als die Sonne
versank
Es war ein guter sanfter Geist oder Lianens ihrer jener der den
Menschen nur an der Dämmerung in die Nacht führt der uns mildernde Tränen in
den Jammer und in die Entzückung giesset und der dem Abendstern der Liebe die
kurze Bahn nicht überwölkt dieser Geist war es welcher ihre Zungen und Ohren
vor dem schrecklichen Laute bewahrte der auf einmal den goldnen Abendkreis in
eine ringsumher aufbrennende Hölle aufgerissen hätte
»Wer kommt dort so eilig« sagte Linda »Mein Feind« sagte Albano
Roquairol hatte ihn vermisset und Lindas Ankunft vernommen in der Höllenangst
dass sich an diesem Abende vor ihnen der gestrige aufdecke eilte er unter dem
Vorwande Dian zum Spielen und Albano zum Hören zu holen den Berg heran Wie
ein Zentaur halb Mensch halb Wild trat er mit verworrenem dumpfen Kriege
seines ganzen Wesens unter die melodischen Seelen und Freuden Aber kaum dass er
an ihnen die Weihe der Entzückung wahrnahm und die schwarze Decke noch auf
seinem Morde festliegen sah so richtete sich in ihm der grimmige Geist der
Eifersucht auf »Sie ist nun meine Verlobte« sagt er sich und die
Sonnenfinsternis verworrner Reue wurde vom Gewitter des Unmuts verdeckt Linda
über seine Stimmenähnlichkeit zürnend aus innerem Schauder stand vor ihm wie ein
Diamant hell glänzend hart und schneidend Albano aber sanft im Nachtönen
der Harmonie auf dem Gottesacker der Schwester dieses Bruders und in einiger
Verwirrung In Roquairol schlich wieder der gestrige unreine Argwohn herum dass
vielleicht Albano und Linda nicht mehr unschuldig sein
Zornig bat er heute Linda sein Trauerspiel mit anzusehen »Sie sagten mir«
sagte sie zu Albano »es schließe so tragisch ich bin davon keine Freundin«
»Er kennt es gar nicht« sagte Roquairol »Nein« sagte Albano Wie die
Schlange sah er auf das Paradies der ersten Menschen herab sich froh bewusst
dass er ihnen vom Baume seines Erkenntnisses den Apfel reichen konnte der sie
sogleich daraus verjagte »Zudem« fügte sie dazu »seh ich abends schlecht
oder gar nicht« Roquairol stellte sich fremde dabei scherzte über den Gewinn
den er als erster Liebhaber dabei habe wenn sie ihn nur höre und bat Dian
mitzubitten Nicht angeborene sondern erworbene Kälte ist der höchsten
Falschheit mächtig jene nur der Verstellung diese auch noch der Anstellung
weil sie zugleich alle Wege und Mittel des Feuers kennt und nützt und sich auf
dem Glatteis durch die Asche voriger Glut festmacht Da endlich Albano ihr
selber anriet an der tragischen Freude teilzunehmen und ihren Freunden und
Freundinnen drunten die schöne reine ihrer Gegenwart zu gönnen so willigte sie
ein verwundert über den Widerruf
Sie nahm Chariton in ihren Wagen Die Männer gingen voraus Unterwegs sagte
Roquairol zu Dian der im Stücke Albanos Rolle zu spielen hatte »Sobald ich im
vierten Akte gesagt habe Auch die geistige Liebe geht der sinnlichen entgegen
und kommt wie ein Seefahrer auf dem Wege nach Osten endlich doch in den Ländern
des Untergangs an so fallen Sie ein« Dian lachte und sagte »Ich fall ein
In Italien aber fängt die Fahrt gleich südlicher und westlicher an« Albano
schwieg verdrießlich und bereuete dass er Linda zu diesem ungewissen Feste
bereden helfen Die Fürstin warf einige schnelle Blicke der Verachtung auf die
betrogne Linda und diese antwortete darauf mit gleichen ausgezeichnete Weiber
verraten ihr Geschlecht am meisten im feindlichen Zusammenstossen mit
ausgezeichneten
130 Zykel
Die meisten Zuschauer waren anfangs mehr der Zuschauer und Spieler wegen als des
Spieles halber gekommen aber bald wurden sie vom Geheimnis und der seltsamen
Bühne selber angezogen Die Bühne war auf der sogenannten Schlummerinsel des
Prinzengartens welche mit einer wilden dicken Vermischung von Blumen Gebüschen
und hohen Bäumen zugedeckt war Ihre Morgenseite zeigte einen offenen freien
Vorgrund auf welchem gespielt werden sollte mit einer weißen Sphinx auf einem
leeren Grabmal tiefer im Grün Die Kulissen waren die dunkeln Laubpartien
Parterre und Logen das jenseitige Ufer das von der Insel sich durch einen See
abtrennte der so breit war als ein mässiges Schiff An zwei Bäume der beiden
Ufer gebunden hing in die Mitte des Sees wie eine Laterne der Käfig der Dohle
oder des Chors herab um ihre dumpfe Stimme den Zuschauern zu nähern »Ich bin
in der Tat neugierig« sagte der Ritter zu seinem Sohne »woher er das
Tragische nehmen wird« »Doch« sagte Roquairol der bisher schweigend und
unruhig und auf den Boden schauend auf und abgegangen war »Nur muss ich
allgemein um Vergebung des Aufschubs ersuchen Da ich im fünften Akte den Mond
anrede so kann ich den wahren sehr gut brauchen wenn ich nur gerade so
anfange dass sein Aufgang mit der letzten Szene zusammentrifft«
Endlich stieg er blass werdend in den CharonsNachen wie er sagte und fuhr
allein hinüber Dann schifften die übrigen Spieler nacheinander fort Alle
verloren sich hinter die Bäume Nun hob sich hinten in den zugelaubten
AbendLändern der Insel die ewige Ouvertüre aus Mozarts Don Juan wie ein
unsichtbares Geisterreich langsam und groß in die Lüfte
»Diablesse« rief darauf der Bruder des Ritters zur Dohle und klatschte
dabei zum Zeichen in die Hände
»Macht auf den Sarg« begann dumpf das Tier begleitet von einzelnen
lugubern Tönen des Orchesters »auf dem Gottesacker und zeigt zum letzten Male
die Leichenbrust und Sein trocknes Augenlid und dann drückt ihn zu auf immer«
Jetzt traten Lilia Chariton und Karlos Dian heraus zwei Liebende noch
in der ersten Zeit der ersten Liebe noch kein trüber Tränenregen verschwemmte
den goldnen Morgentau sie sind sich so treu Lilia freut sich mit ihm dass
jetzt ihr Bruder Hiort von seinen Reisen kommt und seinen Jugendfreund Kar los
als ihren ewigen findet »Vielleicht ist er auch recht glücklich« sagte Lilia
»O so gewiss« sagte Karlos »er ist ja sonst alles« Zuweilen schwiegen beide
im frohen Anblicken dann gingen Töne aus dem verhüllten Abend der Insel und
trugen die stumme Wonne in den Äther und zeigten sie ihnen schwebend und
verklärt Unter den Zuschauern breitete sich eine süße Teilnahme an Dians und
Charitons zartem aber mit südlicher Glut verwebtem Nachspielen ihrer schönen
Wirklichkeit aus man hörte und sah die Griechen Auf einmal entfloh Lilia
hinter die BlumenGebüsche denn ihr Feind Salera Karlos Vater kam von
Bouverot gespielt
Salera verkündigte dem Sohne zürnend die Ankunft seiner Braut Atenais
Karlos offenbarte ihm jetzt das Geheimnis seiner frühern Liebe und zeigte sich
gewaffnet gegen eine ganze Zukunft Salera rief erbittert »Wäre Sie doch nicht
schön damit ich dich zwänge und strafte Aber du wirst Sie sehen und mir
gehorchen und ich werde dich doch hassen« Karlos versetzte »Vater ich habe
schon Lilia gesehen« Salera ging mit zornigen Wiederholungen ab und Karlos
wünschte jetzt noch heftiger Hiorts Wiederkehr um mit ihm die Schwester
leichter zu entführen durch dessen Bereden und Begleiten zugleich Hier schloss
sich der erste Akt
Der Bruder des Ritters rief zur Dohle »Diablesse« und scharrte zum Zeichen
mit dem Fuße
»Erscheine blasser Mann« sprach das Tier »die Uhr wiegt die Zeit Mensch
des Jammers lande auf der stillen Insel an«
Hiort trat blass beschminkt hervor mit offener Brust blickte das Grabmal an
und sagte aus innerster Seele »Endlich« Die Musik spielte einen Tanz »Jawohl
Schlummerinsel unser Tag endigt mit Schlaf« setzt er dazu Jetzt kam sein
Karlos »Hiort bist du tot« rief er im Schrecken über die Leiche »Ich bin nur
bleich« sagt er »O wie kommst du so aus der schönen bunten Erde zurück«
sagte Karlos »Ausgeschöpft Karl mit totgebornen Hoffnungen meine Gegenwart
ist von der Vergangenheit enterbt das Sinnenlaub ist gefallen nicht einmal die
schöne Natur mag ich mehr und Wolken wie Gebirge sind mir lieber als wahre
Gebirge ich habe das bittere Unkraut auf dem Leben recht abgeerntet und doch
muss ich in dieser leeren Brust einen Würgengel herumtragen der ewig gräbt und
schreibt und jeder Buchstabe ist eine Wunde Rate nicht Sie nennens das
Gewissen Aber ein wenig Schlaftrunk her auf der Schlafinsel Karl«
Man brachte Wein Er erzählte nun dem Freunde sein Leben seine Fehler
worunter er auch den aufführte den er eben fortsetzte das Trinken seine sich
wiedergebärende Eitelkeit sogar mit ihrem SelbstGeständnis seine
WeiberSiege die ihn zu einem MagnetBerge voll angeflogner Nägel zerfallner
Schiffe machten seinen Hang wie Kardan Freunde zu beleidigen ein eigenes
oder fremdes Glück zu unterbrechen wie schon als Kind den Prediger oder im
schönsten Spiel das Klavier zu zerschlagen und in einem Enthusiasmus das
Frechste zu denken
»Sonst hatt ich doch noch zwei Ichs eines das versprach und log eines
das dem andern glaubte jetzt lügen sie beide einander an und keines glaubt«
Karlos antwortete »Schrecklich Aber deine Trauer ist ja selber Hilfe und
Gabe« »Ach was« versetzt er »Der Mensch verdammt weniger das Schlimme als
die vergangne Lage worin ers beging indes er es in einer frischen wieder neu
und süß findet und fortliebt Was dort kalt liegt das ist mein Bild« indem
er auf die Sphinx zeigte »das bewegt sich lebendig in meiner blutigen Brust
hilf mir ziehe das reissende Untier heraus«
Albano ergrimmte im Innersten über die frevelnde Wiederholung jener
bekennenden zärtlichen Nacht mit ihm204 »Er ist frech genug« sagte leise
Gaspard zu Albano »weil er wie ich höre wirklich sich selber spielen soll
aber da er sich so sieht ist er doch besser als er sich sieht« »O« sagte
Albano »so dacht ich sonst Aber ist denn das Schauen auf den schlechten
Zustand ein guter Ist er nicht desto schlechter dass er dieses Bewusst sein
erträgt und wird desto schwächer dass er einen unheilbaren Krebsschaden an sich
wachsen sieht Das Höchste hat er ohnehin verloren die Unschuld« »Eine
flüchtige WiegenTugend Ein helles keckes Reflektieren hat er doch« sagte
Gaspard »Nur weichliche ehrlose zweideutige vielseitige Mattigkeit des
Herzens hat er spricht von Kraft und kann nicht die dünnste Lust Schlinge
zerreißen« sagte Albano
»Karl« sagte Hiort weich als antwortete er jenen »ja noch eine Hilfe
gibts Wenn am Leben eine frische Farbe nach der andern verschiesset wenn das
Dasein nun nichts wird kein Lust kein TrauerSpiel nur ein fades Schau
Spiel so ist dem Menschen noch ein Himmel offen der ihn aufnimmt die Liebe
Schliesset sich dieser zu so ist er ewig verdammt Karlos mein Karlos ich
könnte noch glücklich werden denn ich habe Atenais gesehen aber ich kann
noch unglücklicher werden denn sie liebt mich nicht In meinem Herzen liegt
dieser prangende aber scharf fortschneidende Demant an dem es blutet sooft es
schlägt« Überall ließ jetzt Roquairol Lindas Bild mitspielen Hier brachte
anfangs Karlos den Freund mit der Nachricht in Aufruhr dass Atenais von seinem
Vater zu seiner Braut erlesen sei und bald komme aber er stillte ihn da seine
Schwester Lilia erschien indem er schnell ihre Hand nahm und sagte »Nur diese
lieb ich« Sie sprachen über die Hindernisse von s des alten Salera den
Karlos ein Eisfeld nannte das unter keiner Sonne trüge und nicht anzubauen
wäre »Stehe mir bei Karl« sagte Hiort »denke was du mir geschrieben wie
zwei Ströme wollen wir uns vereinigen und miteinander wachsen und tragen und ein
trocknen205« So verständigten verketteten und erhoben die drei Menschen sich
einander wechselseitig alle hatten ein Ziel das gemeinschaftliche Glück
Karlos beschwor ewigen Wider stand gegen seinen Vater Hiort den Schutz seiner
Schwester und rief »Endlich giesset das leere Füllhorn der Zeit das bisher
nichts gab als Klänge wieder Blumen aus O die Weiber Wie gemein und
alltäglich sind fast alle Männer Aber fast jede Frau ist neu« Lächelnd sagte
Gaspard »Das Umgekehrte sagen die Weiber von uns und sich« Froh und
friedlich schloss der zweite Akt
»Diablesse« rief der Spanier und streckte seine Rechte hoch in die Luft
»Flüchtig« fing die schwarze Dohle unter Tönen an »ist der Mensch
flüchtiger ist sein Glück aber früher stirbt der Freund mit seinem Wort«
Der dritte Akt drang sofort nach und hob durch die ununterbrochen
Fortsetzung des KunstZaubers welche jedem Schauspiel und jedem gelesenen
Kunstwerk gebührte alles prosaische kalte Erstaunen auf sogar das über das
wunderbare Sprechen der Dohle auf dem See Eine große schöne stolze Frau
erschien Atenais von der Kaufmannsfrau Roquairols Nebengeliebte gespielt
voll Hoffnung auf ihre alte Freundin Lilia die sich »die kleine Atenais«
nannte und süß nachträumend den Traum der vorigen Zeiten Lilia sinkt in ihre
Arme mit doppelten Tränen in ihrer Hand trägt Atenais ja drei Himmel und drei
Höllen »Wie schön kommst du wieder Mein armer Bruder« sagte Lilia leise
»Nenn ihn nicht« sagte sie stolz »er kann für mich sterben aber ich kann
nicht für ihn leben« Hier fliegt Karlos herein zu seiner Lilia erstarrt im
Fluge fasset sich und nähert sich Lilia Diese sagt »Graf Salera Atenais«
er wurde blass diese rot Eine peinliche enge Verwirrung verstrickte sie drei
je der Honigtropfen wurde aus einer Dornhecke geholt Lilia wird schaudernd
immer stärker Atenais plötzlichen Sieg über ihr Glück und Lieben gewahr
Atenais ging ab Beide Liebenden sehen sich lange zitternd an »Hab ich
recht« fragt Lilia »Hab ich schuld« sagt Karlos »Nein« sagt sie »denn du
bist ein Mensch und was noch schlimmer ein Mann« »Was soll ich denn tun«
versetzt Karlos »Du sollst« sagte sie feierlich »nach einem Jahr in einen
Garten auf einer Höhe gehen und dich um sehen und mich suchen im Garten im
Garten unter den Beeten tief unter einem ich weiß nicht wie tief« Sie
eilte wie wahnsinnig davon und sang »Vorüber vorüber das Lieben und Leben«
Karlos stand einige Minuten mit dem wilden Blick am Boden und sagte dumpf
»Du tusts Gott« und ging ab begegnete seinem Freund der ungestüm und froh
ausrief »Sie ist da« eilte aber stolz weiter und rief nur zurück »Jetzt
nicht Hiort« Zu diesem kam weinend Lilia und führte ihn fort »Komm« sagte
sie »sieh das Grabmal nicht an wir sind beide zu unglücklich«
Da trat der alte Salera auf mit Atenais vergriffsich zwischen Eis und
Brand und nahm seine kalte Münze für warme lobte männlich sie und väterlich den
Sohn und sagte wie in einem Schauspiel da kommt er selber »Hier stell ich
dir Sohn« sagt er »dein Glück vor wenn du es verdienen kannst« Karlos
hatte Lilias Herz verloren der Wunsch des Vaters die Macht der Schönheit die
Allmacht der liebenden Schönheit standen vor ihm seine Sehnsucht und der
Gedanke der Grausamkeit gegen diese Göttin und endlich eine Welt in ihm die so
nahe an ihrer Sonne stand siegten über eine doppelte Treue er sank aufs Knie
vor ihr und sagte »Ich bin schuldlos wenn ich glücklich bin« Das Paar geht
auf der einen Seite ab Salera auf der andern und trifft auf Lilia deren Hand
er mit den Worten nimmt »Sie als eine Freundin meines Hauses und Sohnes nehmen
gewiss den innigsten Anteil an dem neuesten Glück desselben durch Atenais« So
schloss sich der dritte Akt der Albano durch ungerechte alles verdrehende
Anspielungen mit dem erbitterten Wunsche des Endes entflammte und füllte bloß
um Roquairol über dieses meuchelmörderische Zücken des tragischen Dolchs zur
Rede zu stellen »Der Patron« sagte lachend Gaspard »glaubt mich auch
hereinzumalen ich wünsche aber dass er derbere Farben nehme«
Ehe der vierte Akt sich anfing hob der Spanier die Linke empor und die
schwarze Dohle sprach sogleich »Die Sünde straft die Sünde und den Feind der
Feind zaumlos ist die Liebe zaumlos auch die Rache Seht nun kommt der
Mensch den sie nicht mehr lieben und bringt seine Wunden mit und seinen Zorn«
Hiort stand da wie vor seinem Grab das seinen Kopf niederzog unendlich
weinend und trinkend sanfte AbendTöne der Musik verschmolzen mit dem
aufgelösten Leben »Ach so ists« rief er aus tiefer schmerzender Brust
»Wirf sie nur endlich weg die zwei letzten Rosen des Lebens206 zu viele
Bienen und Stacheln stecken in ihnen sie ziehen dein Blut und geben dir Gift
O wie ich liebte Allmächtiger droben wie ich liebte Ach nicht dich Und nun
so steh ich leer und arm und kalt nichts nichts ist mir geblieben kein
einziges Herz nicht mein eigenes das ist schon hinunter ins Grab Der Docht
ist aus meinem Leben gezogen und es rinnt dunkel hin O ihr Menschen ihr
dummen Menschen warum glaubt ihr denn dass es noch Liebe gebe hienieden
Schauet mich an ich habe keine Wohl ein luftiges Farbenband der Liebe ein
Regenbogen zieht sich hin und stellt sich fest herüber unter uns wankende
Wolken als binde und trag er sie Spasshaft er ist auch Wolke und lauter Fall
anfangs glänzen bunte Freudentropfen dann schlagen schwarze«
Er schwieg ging langsam auf und ab sah ernst einem Waffen und
Larventanz innerer Gespenster zu stand still die Schatten schwarzer Taten
spielten durcheinander um ihn plötzlich fuhr er auf ein Wetterstrahl eines
Gedankens hatte in sein Herz geschlagen er lief auf und ab schrie »Töne her
grässliche Töne her« und die Hochzeitmusik aus Don Juan die ihn bisher
begleitet hatte erhob das Zetergeschrei des Schreckens »Göttlich« sagte er
und nur einzelne Worte nur Tigerflecken erschienen verschwindend am
vorübergehenden Untier »teuflisch das RosenSein das BlütenSein nun ja
ich wickle mich selber in die Lauwine und rolle hinunter und dann sterb
ich schön auf meiner Schlummerinsel« beschloss er sanft und matt
»O Lilia gewähre mir eine Bitte« rief er der kommenden Schwester entgegen
»Jede die mich nicht am Sterben hindert« sagte sie Er legte ihr die Bitte
vor sie sollte ihre Freundin Atenais in die »Nachtlaube« der Insel jetzt
nachts unter dem Vor wand bereden dass ihr Bräutigam Karlos ihr zwei Geheimnisse
über Lilia noch heute zeigen wolle »Ich habe« setzt er dazu »Karlos
Stimme mit ihr sag ich ihr mein liebendes Herz und dann wenn sie mich liebt
nenn ich mich Hiort« »Ist deine Bitte Wahrheit« fragte die Schwester »So
wahr ich morgen noch leben will« sagt er »So ist sie bald erfüllt denn
Atenais erwartet mich eben in der Nachtlaube komme mir nur nach sieben
Minuten nach« Sie ging er sah ihr nach und sprach mit sich »Eile bestelle
den Himmel Schöne Schlummerinsel zugleich die Schlafstätte für das Brautgemach
und für den ewigen Schlaf O wie wenige Minuten stehen zwischen mir und ihrem
Herzen«
»Du bist doch da« sagt er und sah nach seiner Pistole »Jetzt« rief er
feierlich im Abgehen »ists Zeit zur helldunkeln Tat dann wird das Leichentuch
darübergeworfen« und ging schnell ins Laub hinein
Der Spanier warf einen Zweig ins Wasser und die schwarze Dohle sprach
leise »Still ist das Glück still ist der Tod«
»Der Mensch« sagte Gaspard »hat etwas im ganzen Spiele wie wahren Ernst
ich stehe nicht dafür dass er sich nicht wirklich vor uns allen totschiesset«
»Unmöglich« sagte Albano erschreckend »zu einer solchen Wirklichkeit hat er
keine Kraft« indes vermocht er doch sich selber nicht recht von dieser bangen
Möglichkeit loszubringen
Verstört ungestüm mit losem Haar kam Hiort zurück und sagte leise »Es ist
geschehen Ich war selig niemand wirds nach mir« »Bei der Gelben und
jetzt in der Nacht steh ich für nichts« sagte Gaspard Albano errötete über
die freche Vermutung verschämt und noch mehr über Roquairols Frevel erzürnt im
Spiele die geheiligte Geliebte zu entehren und zu entführen
»Töne her aber weiche gute« rief er und ließ sich vom Zephyr der Harmonie
umwehen und trank unaufhörlich »Leichentrunk« oder Wein beides zum Verdrusse
des Ritters der das Trinken verabscheuete und die Musik vermied weil diese
oder beide weich machten
Er legte sich auf den Rasen und die Pistole neben sich und sagte stammelnd
»So lieg ich denn in der warmen Asche meines aufgebrannten Lebens und meine
kalte kommt dazu« Er legte seine Doppellorgnette an die Augen fest und
blickte funkelnd hinüber zu Linda »Ich habe sie am Herzen gehabt die göttliche
Schönheit meine ewige Liebe meine Tulpe die sich nun am Abend über der Biene
schliesset damit sie im Blumenkelche sterbe auf den Rosen meines Abends ruh ich
und sterb ich Ich schaue die Holde noch selig an Ich kann nicht bereuen
Vergib nur armer Karlos ich streiche die Schuld mit Blut durch aber mit
BussTränen kann ich nicht Sollte sich am Ufer der Ewigkeit das was die Zeit
an diesem Ufer abspült wieder anlegen so hab ichs dort schlimm ich kann mich
dort so wenig ändern als hier«
Jetzt geschah in der Stadt ein Kanonenschuss um einen Deserteur
anzukündigen Er nahm seine Pistole in die Hand »Ja ja ein Schuss bedeutet
einen Flüchtling auch aus der Welt O wenn hebt sich die scharfe Sichel207 am
Morgen und zerschneidet das Leben Ich bin so müde« Er sah nach dem
Morgenhimmel aber ein Gewitter das schon leise donnerte überzog die Pforte
des Monds Er lächelte bitter
»Auch diese kleine letzte Freude missgönnt mir das Geschick
Ich soll den Mond nicht mehr sehen Nun ich werde wohl höher kommen als er
und sein Gewitter Nur werden mir meine lieben Zuschauer und Zuhörer des Todes
durch den Regen vertrieben Ja bist du aus so bin ich aus« Er zeigte auf die
Flasche
»Wilde grässliche Töne aus der Tiefe herauf Mein blutiges Brautkleid her
Es ist Zeit die abgehende Freude wirft einen langen wachsenden Schatten hinter
sich« Albano und Julienne erkannten erstarrend im kleinen Rocke den man ihm
brachte den mit Blut bespritzen den er auf der Redoute getragen wo er als
Knabe sich vor Linda ermorden wollen »Sie sollen es auf meine kalte Brust
legen« sagt er da ers von Falterle empfing Der Donner zog näher die Blitze
wurden glühender und ans Gewitter wuchs eine Wolke nach der andern Er trank
die Gläser schnell
»Schaden kanns mir jetzt nichts« sagte er »auch der Blitz nicht
sonderlich ob ich gleich unter Bäumen liege in dieser Röhre steckt ein Blitz
gegen alle Blitze ein rechter Gewitterableiter«
Das eilende Wetter drängte ihn der Zuschauer wegen zum Ziel und er wurde
zornig empört vom Spotte des Zufalls über seine theatralischen Zurüstungen
»Nichts ist lustiger und passender als dies Gewitter« sagte Gaspard
»indes scheint ihn das Reden und Warten ziemlich zu ergötzen« Die andern
Zuschauer wurden von der Szene gepeinigt und doch riss sich keiner los Den
Mitspielern war befohlen den Schuss als das Merkwort zu nehmen und nicht früher
zu kommen
Er sagte »Die Todesschlange klappert in der Nähe dort auf der Zukunft
schwimmt die Leiche heran« Man hörte dass er durch einander sprach und aus dem
Stegreif vom Gewitter gequält Er sah die Pistole an »Dein Aufblick so ist
der Blick des Lebens getan und wieder unter dem Augenlid Ein Funke ein
einziger Funke so ist der Teatervorhang hinaufgelodert und ich sehe die
Zuschauer stehen die Geister oder auch nichts und den weiten Äther der Welt
füllt die ewige schwere Wolke So steh ich denn am toten Meer der Ewigkeit so
schwarz still weit tief liegts unter mir ein Schritt und ich bin drinnen
und sinke ewig Meinetwegen Ich schwamm ja vor der Geburt auch drinnen
Nu nu« sagt er indem es tröpfelte und er nahm das letzte Glas »der
Regen will den armen Erkaltenden erkälten Spielt jetzt etwas Sanftes Schönes
ihr guten Leute«
Darauf spannte er den Hahn des Gewehrs stand auf sagte weinend »Lebe
wohl schönes und hartes Leben Ihr paar schönen Gestirne die ihr oben noch
niederblickt mög ich euch näher kommen Du heilige Erde du wirst noch oft
beben aber der nicht mehr mit der in dir schläft Und ihr guten fernen
Menschen die ihr mich liebtet und ihr nahen die ich so liebte es geh euch
besser als mir und verdammt mich nicht zu hart ich strafe mich ja selber und
Gott richtet mich sogleich Lebe wohl mein lieber beleidigter aber sehr
harter Albano und du du bis in den Tod heiß geliebte Linda verzeihet mir und
beweinet mich«
»Liane lebst du noch so stehe deinem Bruder in der letzten Stunde bei und
bitte bei Gott für mich« Hier drückte er schnell das Gewehr an der Stirne ab
und stürzte hin einiges Blut floss aus dem zerspalteten Kopfe und er atmete
noch einmal und dann nicht mehr
Bouverot flog nach seiner Rolle heraus und fing sie an »Eben mein lieber
Hiort besinnt sich mein Karlos« aber er fuhr zurück vor der Leiche stammelte
»Mais Mon dieu il sest tué re vera diable il est mort Oh qui me payera«
208 Linda sank ohnmächtig an Juliennens Busen und diese stammelte »O der
Sünder und Selbstmörder« Die Fürstin rief erzürnt »Oh le traitre«
Albano schrie »Ach Karl Karl« und stürzte in den See und schwamm
hinüber warf sich über die zertrümmerte Gestalt und jammerte weinend »O hätt
ich das gewusst Bruder und Schwester tot und ich bin schuld o wäre ich
unglücklich geblieben ach mein Karl Karl vergib ich war nicht dein Feind
wie er jammervoll zerworfen daliegt der große Tempel« »Sei doch ruhiger«
sagte Gaspard der endlich im Kahne herübergekommen war und der mit einer
anatomischen Kälte und Neugier jede Verstümmelung ertrug »er hatte auch
seine Regimentsschulden und fürchtete die Untersuchung bei einer neuen Regierung
Jetzt kann man doch Respekt vor ihm haben er hat seinen Charakter wirklich
durchgeführt«
Albano richtete sich auf und sagte in der Taubheit der Qual »Wer sprach
das Ihr jammervoller Bouverot Ihr kennt nur Schulden« »Monsieur le Komte«
sagte dieser trotzig »Ich sagt es« sagte Gaspard zum Sohn »O mein Dian«
rief Albano und streckte die Hand nach diesem aus der seine weinende Chariton
selber weinend hielt »komme du her lass uns ihn verbinden es kann ja helfen«
Zur bestürzten Fürstin welche an ihrem Ufer blieb trat der Kunstrat
Fraischdörfer mit den Worten die ableiten sollten »Von der bloßen Seite der
Kunst genommen wäre die Frage ob man diese Situation nicht mit Effekt
entlehnte Man müsste wie im genialischen Hamlet ein Schauspiel ins Schauspiel
flechten und in jenem den scheinbaren Tod zum wahren machen freilich wär es
dann nur Schein des Scheins spielende Realität in reellem Spiel und
tausendfacher wunderbarer Reflex Aber wie es jetzt regnet« Der Fürstin
wurde von ihrer Haltermann etwas ins Ohr gesagt sie fuhr auf mit Armen und
Tönen »Oh monstre homicide Mein armer unschuldiger Gibbon Du Untier«
Den AffenMord hatte sie gehört und schied untröstlich
Auf einmal trat ins tiefe Blau der entblößte Mond und jeder merkte ihn
aber das Regnen vorher hatte niemand außer Fraischdörfer wahrgenommen Albano
sah nun die toten Augen und weißen starren Lippen recht deutlich »Nein sie
regen sich nicht« sagt er Da klang es wie aus Roquairols Brust und eisernem
Mund »Seid still ich werde gerichtet« Und sogleich fing die Dohle als
SchlussChor des letzten Aktes an »Der Arme ruht nun fest und ihr könnt ihn
zudecken«
Gaspard sah seinen Bruder sehr ernst an »Bei Gott« erwiderte dieser »so
steht in seinem Stück«
Der ganze Sternenhimmel klärte sich auf Die Gesellschaft fuhr nach Hause
Albano und Dian mit Chariton blieben bei der Leiche
Dreiunddreissigste Jobelperiode
Albano und Linda Schoppe und das Porträt das Wachskabinett das Duell das
Tollhaus Leibgeber
131 Zykel
Albano wollte am Tage darauf sich einkerkern bitter weinen und büßen und sich
nicht erquicken durch den Sonnenschein der Liebe aber er fand abends folgendes
von unbekannter Hand geschriebene Blatt auf seinem Tisch
»Herr Graf Man benachrichtigt Sie hiemit dass Freitags nachts da Sie verreiset
waren der sel Hauptmann R v Froulay Ihre Rolle bei der Gräfin Romeiro durch
alle Akte durch im Flötental gespielt Sie müssen sich der Nebenbuhler wegen
eine andere Stimme und der Gräfin nachts Augen schaffen wiewohl es dieser nicht
so ganz unangenehm sein mag sich auf diese Weise öfters in Ihnen zu täuschen
Leben Sie wohl und künftig ein wenig bescheidener«
Bleich starrte er das Totengerippe an das zwei Riesenhände gewaltsam aus
blühenden jugendlichen Gliedern auf einmal herausgezogen emporhielten Aber das
Feuer der Pein schoss schnell wieder auf und erleuchtete den Jammer rings umher
Mit schmerzlicher Gewalt mit blutigen Armen musste sein Geist den felsenschweren
Gedanken den Leichenstein seines Lebens hin und herwerfen um zu prüfen ob er
sich einfüge in die Totengruft in Roquairols ganzes Spiel und Ende und Leben
griff der Jammergedanke so fassend ein aber wieder nicht in Lindas Charakter
und in den göttlichen Augenblick den er mit ihr in Lianens letztem Garten
zugebracht und doch wieder sehr in ihre schnelle Versöhnung und in einzelne
Worte und gleich wohl war vielleicht dieses vergiftete Blatt nur eine Frucht
der rachsüchtigen Fürstin von deren Zorn über Roquairols eignen und AffenMord
ihm Dian erzählt hatte
So schmerzlich bewegte er sich auf seinen Wunden hin und her und entschloss
sich noch diesen Abend Linda aufzusuchen wo sie auch sei als er von ihr
dieses Briefchen bekam
»Komme doch diesen Abend zu mir ins Elysium er wird gewiss heiter sein Jetzt
lad ich ein wie du neulich Du sollst mich auf die schönen Berge führen und es
soll mir genug sein wenn du nur sehen und genießen kannst Julienne brauchen
wir immer weniger Dein Vater dringt auf unsere Verbindung durch Vorschläge die
du heute hören und wägen sollst Komme unausbleiblich In meinem Herzen
stehen noch so viele scharfe Tränen über das böse Trauerspiel Du musst sie
verwandeln in andere du Geliebter
Die Blinde«
Er lachte über das Verwandeln »in gefrorne eher« sagt er Die heiße Liebe war
ihm ein heftiger Kuss in die Wunde Er ging nach Lilar dumpf hastig tief in
einen roten Mantel gewickelt wie gegen böses Wetter blind und taub gegen sich
und die Welt und wie ein Mensch der stirbt den Augenblick erwartend wo er
entweder vernichtet hinabraucht oder neu belebt in göttliche Welten
hineinfliegt
Als er Lilar betrat verzerrte sich der Garten nicht wie neulich sondern er
verschwand ihm bloß Er ging nahe an einigen vermummten Leuten vorüber die ein
Grab zu machen schienen »Unrecht ists doch« sagte einer davon »er gehört auf
den Anger wie jedes Vieh« Albano blickte hin sah eine bedeckte Leiche glaubte
schaudernd es sei der Selbstmörder bis er den zweiten Gräber sagen hörte »Ein
Affe Peter wenn er vornehm gehalten wird in Kleidern sieht reputierlicher
aus als mancher Mensch und ich glaube er stände auch wieder von Toten auf
wenn man ihn nur ordentlich taufte«
Eben da ihm der Gibbon der Fürstin der hier begraben wurde wieder jenen
gewittervollen Freitag vor die Seele zog erblickte er Linda unweit des
Traumtempels am Arme einer sehenden Kammerfrau Sie grüßte ihn nach ihrer Weise
vor andern nur leicht sagte zur Frau »Justa bleib nur hier im Traumtempel
ich gehe hier auf und ab«
Durch diese Einschränkung auf die Perspektive des Traumtempels schloss sie
jedes schöne sichtbare Zeichen der Liebe aus und Albano kannte an ihr schon
jene stille Zufriedenheit mit der bloßen Gegenwart des Geliebten so wie zuweilen
die Wildheit ihres süßen Mundes Als er sie zitternd berührte und nahe neben
sich wiedersah so überfiel ihn dieses Wesen voll Macht mit der ganzen
göttlichen Vergangenheit Aber er verzögerte nicht die Frage der Hölle »Linda
wer war Freitag abends bei dir« »Niemand Guter wenn« versetzte sie »Im
Flötental« stammelte er »Mein blindes Mädchen« antwortete sie ruhig
»Wer noch« fragte er »Gott dein Ton ängstigt mich« sagte sie »Roquairol
brachte in jener Nacht den Affen um Ist er dir begegnet«
»O schrecklicher Mörder Mir« rief er »Ich war verreiset die ganze
Nacht ich war mit dir in keinem Flötental« »Sprich aus Mensch« rief
Linda ihn an beiden Händen mit Heftigkeit ergreifend »schriebst du mir nicht
die rückgängige Reise und kamst« »Nichts nichts« sagt er »lauter
Höllenlüge Das tote Ungeheuer Roquairol brauchte meine Stimme deine Augen und
so ists sage das übrige« »Jesus Maria« schrie sie von der Schlagflut
getroffen worein die schwarze Wolke zerriss und griff mit beiden Armen durch
die Laubzweige des Laubengangs und presste sie an sich und sagte bittend »Ach
Albano du bist gewiss bei mir gewesen«
»Nein bei dem Allmächtigen nicht Sage das übrige« sagt er »Weiche auf
ewig von mir ich bin seine Witwe« sagte sie feierlich »Das bleibst du« sagt
er hart und rief Justa aus dem Traumtempel
»So lebt er fort dein Schmerz mein Schmerz ich sehe dich nie mehr Ich
will Lebewohl zu dir sagen Sage du keines zu mir« sagt er Sie schwieg und
er ging Justa kam und er hörte sie noch in der Laube beten »Lass o Gott mir
diese Finsternis morgen verschone mit deinem Tageslicht die schwarze Witwe«
Das Mädchen weckte sie auf nahm sie an der Hand und sie freute sich am Arm
derselben ihrer Nachtblindheit
Albano ging in die Nacht Auf einmal stand er wie hinaufgetragen auf einer
jähen Felsenspitze unten schlug ein schäumender Strom Er kehrte sich um und
sagte »Du irrest dich böser Genius micht ekelt des Selbstmords er ist zu
leicht und gehört für AffenMörder aber es gibt etwas Besseres und du sollst
mich begleiten«
Er verirrte sich konnte den Weg zur Stadt nicht finden glaubte wieder in
Lilar zu sein und trieb sich bange umher ohne Ausweg bis er zuletzt ermüdet
niedergezogen in den Arm des Schlummers sank Als er erwachte am Morgen war er
im Prinzengarten und die Schlummerinsel wehte mit ihren Gipfeln vor ihm Eine
jähe Felsenspitze über einem reißenden Strom gab es in der ganzen Landschaft
nicht
Er sah den Himmel an und den Tag und sein Herz »Ja so ist denn das Leben
und die Liebe« sagt er »Ein gutes rechtes Feuerwerk besonders wenn man
eine Linda durch viele Zurüstungen haben soll Lange steht es da mit einem
bunten hohen Schaugerüst voll Statuen mit kleineren Gebäuden Säulen und
wunderlich und verspricht noch mehr als es schon verkleidet und verrät Dann
kommt die Nacht in Ischia ein Funke springt die Formen reißen es schweben
weiße helle Paläste und Pyramiden und eine hängende Sonnenstadt am Himmel in
der Nachtluft entfaltet sich gewaltig eine rege fliegende Welt zwischen den
Sternen und füllt das Auge und das arme Herz und der glückliche Geist selber
ein Feuer zwischen Himmel und Erde schwebt mit einen ganzen Augenblick
lang dann wirds wieder Nacht und Wüste und am Morgen steht das Gerüst da dumm
und schwarz«
132 Zykel
»Krieg« dies Wort allein gab Albano Frieden Wissenschaft und Dichtkunst
steckten ihm ihre Blumen nur in seine tiefen Wunden Er rüstete sich zur Reise
nach Frankreich Nur etwas verschob noch den Aufbruch Schoppens Ausbleiben den
er mit seinen Rätseln erwarten musste und womöglich mit entführen wollte Er
hielt sich den ganzen Tag in Wäldern auf um seinen Vater und Juliennen und
jedem zu entgehen Lindas unglückliche Nacht wurde tief in seine Brust
hinabgesenkt und nur er allein sah hinunter kein Fremder Er wünschte dass sie
selber gegen Julienne schweige weil diese nach ihren frommen weiblichen
Ordensregeln hiegegen keine Nachsicht kannte In seiner Seele hatte jetzt die
erste eifersüchtige Aufbrausung einem schmerzlichen Mitleiden mit der betrognen
Linda deren heiliger Tempel ausgeraubt dastand Platz gemacht Was ihn
unleidlich schmerzte war das Gefühl der Demütigung mit welchem die schöne
Stolze nun wie er glaubte an ihn denken musste und das er bei seiner jetzigen
bitteren Verachtung Roquairols desto stärker annahm »Nie nie wenn sie auch
meine Schwester würde dürfen wir uns mehr erblicken ich kann sie wohl blutend
vor mir sehen aber nicht gebeugt« sagt er sich Zuweilen überfiel ihn ein
kalter Grimm gegen das Verhängnis das immer mit einem schnellen Wirbelwind
zwischen seine Umarmungen fuhr und alles auseinanderdrängte bald ein Zorn gegen
Linda die nicht wie eine Liane gehandelt hatte und die den Irrtum der
Verwechslung durch ihren Grundsatz der Liebe alles zu vergeben selber mit
verschuldete bald inniges Mitleiden da sie ohne alle geistige Ähnlichkeiten
nicht hätte verwechseln können wie ihm das heimliche Gericht des Gewissens
sagte und da sie nun allein dafür büsste dass sie ihm ihm sich opfern wollte
Unaussprechlich hasste er den toten Verführer weil durch seine Tat sein Tod
nur zu einer feigen Flucht geworden war Den armen Deserteur dessen Entwischen
unter dem Trauerspiel laut geworden sah er gefangen vor sich vorüberführen
aber der Hauptmann desselben war auf immer der Rache entronnen Nach einigen
Tagen wurden ihm Papiere von dem Toten zugestellt aber er sah sie voll Abscheu
nicht an Sie enthielten Rechtfertigungen und zugleich NachSünden Roquairol
hatte nach der FreudenNacht den ganzen Morgen im Prinzengarten schreibend
verlebt um die Erinnerung zu kolorieren die allein ihn schrieb er belohnet
und beredet habe dass er nicht schon in der Nacht den fünften LebensAkt
ausgespielt
Der Lektor gab in Albanos Abwesenheit kleine Briefe von Juliennen ab worin
sie ihn um seine Erscheinung bat und ihm Ort und Zeit im Schloss bestimmte wohin
sie aus Lilar gezogen war Er kam nicht Sein Vater schien sich nichts um ihn zu
bekümmern Zuweilen kam ihm vor als wenn ferne SpürMenschen ihn in weiten
Kreisen umschlichen
Einst stand er abends noch unten an einem Waldhügel als er oben einen
herausschreitenden Wolf erblickte der Wolf sah ihn sprang zu ihm herunter und
wurde Schoppes Wolfhund bald trat oben sein Freund selber mit einem alten
Manne aus den Bäumen heraus erblickte ihn gab dem Manne schnell Geld und ging
langsamer zu ihm herunter als er zu ihm hinauf »Ei einen guten Abend Albano«
sagte Schoppe mit der alten Kälte womit er sprach wenn er nicht schrieb und
lächelte dabei aber mit so vielen Linien dass er Albano ganz fremd erschien
Albano presste ihn heftig ans Herz und verwandelte die heißen Worte die jener
nicht liebte in heiße Tränen Es war ein alter Stern aus dem Frühlingsmorgen
wo seine Liane noch lebte und liebte er ging ihm unter an einem Grabe in jener
ReiseNacht jetzt ging er auf und Albano war wieder unglücklich
Schoppe besah mit sichtbarem Wohlbehagen Albanos gereifte Gestalt und zog
gleichsam dessen schimmernde Flügel auseinander »Du hast dich« sagt er
»recht gut gestreckt und angefärbt hast Mai und August auf einem Ast wie ein
Pomeranzenbaum« Albano hatte keine Freude darüber »Erzähle mir nur dein Leben
mein Bruder« sagte er »Ich dächte du erst deines ich bin müde bis zur
Dummheit« sagte Schoppe indem er sich setzte und seine Jagdtasche
aufschnallte »Künftig« versetzte Albano »Was du brauchst will ich dir
sagen ich bekam deine Briefe ich liebte wirklich die Bewusste ein Unglück
trennte uns ich bin unschuldig und sie ist groß o Gott sei heute damit
zufrieden«
Nie konnt er seinen Freunden Schmerzen klagen noch weniger jetzt das
Unglück einer Geliebten entblössen »Noch länger« versetzte Schoppe »nur sage
setzt es neues Elend wenn ich die Beweise für eure Schwester und Bruderschaft
aus Spanien mitbringe und auspacke« »Nein« sagte Albano »ich brauche über
keine Vergangenheit zu erschrecken« »Du gehst noch nach Frankreich« fragte
Schoppe »Morgen wenn du mitgehst« versetzte Albano
»Allerdings als deine Feldpredigerei Nicht aus Mangel an Kunstgeist wie
du aus Rom schreibst sondern aus Überfluss daran gehst du unter die Soldaten
Ich säh es gern wenn du bedächtest dass auch Dante Cäsar Cervantes Horaz
vorher dienten eh sie kostbar schrieben nur Studenten kehrens um und dichten
etwas Kurzes und Gutes und nehmen später Dienste Auf meine Reise zu kommen
so kostets mich schon viel nämlich Zeit wenn ich dir erzähle dass ich deinen
närrischen Oheim mit einem Wagen Gepäck im Neste Ondres anderthalb Posten von
Bayonne ertappte Ich gestand ihm ich ginge nach Valencia um die dasigen
Seidenstrumpfwürkerstühle zu zergliedern meinen Tropfen Eis und eine
Westentasche voll ValenzMandeln da bei zu genießen und die wenigen Professoren
zu besuchen die bessere Kompendien für 3000 Realen geliefert209 Er komme vor
mir gewiss an sagt er Wir bestellten uns in einen Gasthof in Valencia Mir war
an ihm gelegen da er mich am leichtesten einführen konnte in Romeiros Haus
Aber ich passte da 14 Tage um sonst auf ihn Bei dem Haushofmeister fand ich
kein Gehör ob ich ihm gleich seinen dummen Schatten fünfmal mit der Bitte
ausschnitt einem reisenden Maler das Bilderkabinett aufzusperren wo ich das
mütterliche Bild der Gräfin suchte
Jetzt war ich halb und halb entschlossen schwanger zu werden und in diesem
Habit alles für meine Sehnsucht zu fordern was selber der spanische König
keiner Schwangern abschlägt210 In Italien hat man das Kind auf dem Arm um zu
erbitten in Spanien brauchts diese Sichtbarkeit nicht einmal Aber zum Glück
kam der Oheim Die Bilderkabinettstür wurde aufgetan Ich machte mich ans
Kopieren eines dummen Küchenstücks und schaute überall nach meinem
InselPorträt Aber nichts war zu sehen« Hier zog er ein hölzernes Futteral
aus der Jagdtasche und legt es vor sich und fuhr fort »bis ichs sah zuletzt
ein Bild lehnte auf der Diele an der Wand mir die Winter und Hinterseite
zuweisend es war mein PinselKind und seine Zurücksetzung ging mich an
verdrießlich und ruhig steckt ichs bei und schnappte im Küchenstück mitten in
einem halben Iltis ab Sieh das Bildnis an«
Er zog den FutteralDeckel davon ab und Linda strahlte seinen Freund mit
einem Strom von Geist und Reizen an nur in ältere Tracht gehüllt Albano konnte
kaum stammeln vor Bewegung »Das wäre meines Vaters Gemahlin und meine teuere
Mutter Und du weißt gewiss dass dieses hier das Bild ist das du auf Isola bella
von ihr gemacht«
»Eben tu ichs dar« sagte er und scheuerte an einer Rose des Bildes auf
der Stelle des Herzens »Mein damaliger PaphosName Löwenskiold steckt sub rosa
und wird gleich vorkommen Hätt ich ihn schon unterwegs aufgekratzt so hättet
ihr geglaubt ich hätte mich erst unterwegs hineingeschrieben« Wie vor einer
schreibenden Geisterhand schauderte Albano zurück als wirklich ein L und ö
unter der Rose vortraten »Weiter schab ich« sagte Schoppe »nicht vor das
übrige heb ich Ihr auf« Albano goss nun vor seinem biederen Herzenfreund sein
Herz aus ihm durft er sagen und einwenden dass Julienne seine Schwester sei
»wogegen ich gar nichts habe« sagte Schoppe und dass Gaspard eine künftige
Heirat zwischen ihm und Linda genehmigt habe »es ist kein Ausweg« setzt er
dazu »ist sie seine Tochter so bin ich nicht sein Sohn ich kann sein
heiliges Ehrenwort unmöglich zur Lüge machen und Gott in welchen ungeheueren
Lasterpfuhl müsste man dann schauen« »Anlangend das Wort und den Pfuhl«
sagte Schoppe ganz kalt »so lassen sich wie wohl ich überflüssig doch mit
deinem Vater vorher aus der Sache spreche und vorher mit der Gräfin
wahrscheinliche Beweise führen dass der Kahlkopf der wie er mir selber
berichtete deines Vaters Messhelfer Brautund Bärenführer gewesen kein Mann
von den frischesten Sitten war sondern dass er obwohl sonst in viele Sättel
gerecht den moralischen ausgenommen seine Stunden und Jahrhunderte hatte wo
er als ein solcher Hund und Strauchdieb handelte dass mein Hund da ein
Monatsheiliger gegen ihn ist und ein Kirchenvater Ich hätt ihm nur das
Lebenslicht nicht ausblasen sollen das freilich mehr stank als glomm«
Albano konnt ihm seinen Schauder über die Tat nicht verhehlen »Ich kann
nichts bereuen höre« sagte Schoppe und berichtete dieses »Schon in Valencia
erzählte mir dein Oheim dass er in Madrid einen Kerl so und so ganz wie der
Kahlkopf angetroffen der ein Wachsfigurenkabinett von lauter Tollen anführe und
herumzeige oft spreche das ganze Kabinett und er sitze selber mit darin als
Wachs und helfe reden Dein aber gläubiger Oheim warb und lieh ihm Geister dazu
und machte böse und fürchterliche Sachen daraus
Einst in einer Posada hört ich im Schlafzimmer neben dem meinigen allerlei
Stimmen durcheinander murmeln und sagen Schoppe kommt auch zu uns Ich stand
auf das fremde Zimmer war zugeschlossen Ich hör es wieder das teuflische
Schoppe kommt auch herein Meine Stube hatte einen Erker aus dem konnt ich
durch das nahe Fenster in die MurmelStube bei dem Mondlicht sehen In Graus und
kraus saß sämtliches Wachs drinnen und ließ sich hören der wächserne Kahlkopf
mitten darunter ich suchte aber den lebendigen auf Die WachsBestien wechseln
gegeneinander ihre fixen Ideen aus und mich wechseln sie ein Dort guckt unser
Ehrenmitglied herein sagte der WachsKahle Bei Gott ich muss kurz sein mir
brennt das Blut wieder durchs Herz Ich wüte hole Geschoss und ersuche Gott um
ein verträgliches Gemüt das nachgibt Zum Unglück merk ich hinten in einer
mondleeren Ecke neben einem Vater des To des und einer Schwangern von Wachs
einen schwarzen Mantel der sich regt und aus welchem der lebendige Tongeber
der Kahlkopf guckt Schwarzer Bauchsprachmeister rief ich schweige um Gottes
Willen ich seh dich dort hinten und schieße hinein Ich hielts für
Bauchsprache
Jetzt fing erst das Tollhaus recht an ich hörte es lachen mich
hineinrufen und einen Kameraden und Klubisten mich betiteln Präses sagt ich
ich bin bekanntlich ein Mensch und seh dich ganz deutlich Es half nichts der
wächserne Kahlkopf versetzte vielmehr Dort sitzt ja Bruder Schoppe schon und
ich sah wirklich auch mich bossiert und poussiert alldort Hier ist er auch zu
haben rief ich grimmig und schoss auf den Logenmeister hin der blutend
umstürzte
Ich machte mich in dieser Stunde davon Dem Oheim kam ich später in den
Wurf für kurze Zeit er scheuet Tolle und wollte mich aus Furcht ich schlage
selber dahinein nicht lange haben Er befragte mich ob mir der
WachsfigurenDirektor des fahren den Tollhauses aufgestoßen ich konnt ihm nur
wenig anvertrauen behalt es allein« »Du bist ein wilder treuer Mensch«
sagte Albano mit so innigem Wunsch ihn zu umarmen »du tust viel für andere
und bist doch viel für dich Ich kann dich nun nicht mehr lassen Meine vorige
LebensInsel mit allen Blumen steht tief unter Wasser und ich muss mich ins
unendliche Weltmeer werfen gib mir deine Hand und schwimme mit Wir reisen
morgen nach Frankreich«
»Morgen« sagte Schoppe »Jawohl so geh ich heute abends zur Gräfin und
dann zu Don Cesara« »Sag ihr« bat Albano »dass ich sie auch als Bruder
wenn ichs würde nicht besuche nicht aus Kälte sondern weil ich ihr großes
Gemüt verehre sag ihrs und Gott helfe dir« Albano wollte gehen und ihn
allein ins nahe Lilar wandern lassen »Nein begleitet mich mein Herr« sagte
Schoppe ungestüm »ich habe den alten Kerl abgedankt droben im Wald durch
redliche Auszahlung des GeleiteGeldes und wäre jetzt allein visàvis de
moi« »Ich versteh dich nicht«
sagte Albano »wovor scheuest du dich« »Albano« sagte er leise und
wichtig und seine sonst geraden Blicke schlugen scheu seitwärts und seinen
lächelnden Mund umzingelten unzählige große Faltenkreise »der Ich könnte
kommen ja ja«
Verwundert und fragend wer das sei blickte ihm Albano ins Gesicht
»Verflucht« sagte Schoppe »ich errate Euch ganz gut Ihr haltet mich nicht für
achtels so vernünftig als Euch selber sondern für toll Wolf komm herauf Du
Bestie warst häufig auf einsamen Wegen und Stegen mein Schirmvogt und
Teufelsbanner gegen den Ich Herr wer Fichten und seinen Generalvikar und
Gehirndiener Schelling so oft aus Spaß gelesen wie ich der macht endlich Ernst
genug daraus Das Ich setzt Sich und den Ich samt jenem Rest den mehrere die
Welt nennen Wenn Philosophen etwas zB eine Idee oder sich aus sich ableiten
so leiten sie ist sonst was an ihnen das restierende Universum auch so ab sie
sind ganz jener betrunkne Kerl der sein Wasser in einen Springbrunnen
hineinliess und die ganze Nacht davor stehen blieb weil er kein Aufhören hörte
und mithin alles was er fort vernahm auf seine Rechnung schrieb Das Ich
denkt Sich es ist also ObSubjekt und zugleich der Lagerplatz von beiden
Sapperment es gibt ein empirisches und ein reines Ich die letzte Phrasis
die der wahnsinnige Swift nach Sheridan und Oxford kurz vor seinem Tode sagte
hieß ich bin ich Philosophisch genug«
»Und was schließt du Furchtbares aus allem« sagte Albano mit innigster
Trauer »Alles kann ich leiden« sagte Schoppe »nur nicht den Mich den
reinen intellektuellen Mich den Gott der Götter Wie oft hab ich nicht schon
meinen Namen verändert wie mein Namens und TatenVetter Scioppins oder Schoppe
und wurde jährlich ein anderer aber noch setzt mir der reine Ich merkbar nach
Man sieht das am besten auf Reisen wenn man seine Beine anschauet und sie
schreiten sieht und hört und dann fragt wer marschiert doch da unten so mit
Ewig redet er ja mit mir sollt er einmal leibhaftig vor mir auffahren dann
wär ich nicht der letzte der schwach würde und totenblass Freilich braucht
kein Hund Zahnpulver Aber Kinder sollte man schminken es stände und ginge Ich
für meinen Teil beobachte das Zeitalter so so und lächle weil ich nichts sage
man bricht Menschen wie Servietten auf Tellern in schönste vielste Formen zu
Schlafmützen zu Pyramiden zu Kreuzschnäbeln Sapperment Albano zu was denn
nicht Aber die Folge Bruder O Himmel die Folge Ich sage nichts
verflucht ich bin mausstill wie wenige aber Zeiten können kommen wo etwa ein
Herr anmerkt Menschen und Musiknoten Musiknoten und Menschen kurz und gut und
schlecht bald ist bei beiden der Kopf oben bald der Schwanz wenns nämlich
schnell gehen soll Das sind Gleichnisse ich weiß wohl Bester aber die Bäcker
kündigen das weiche Gebäck durch steinernes oder tönernes im Laden an Menschen
indes ihre härtesten Sachen worunter das Herz gehört durch ihre weichsten
wozu Worte gehören«
Stumm auf diese Ströme führte Albano ihn an der Hand nach Lilar vor Lindas
Wohnung Alles war an dieser ohne Licht und schwarz »Sprich droben sanft dein
Wort mein Schoppe und morgen ziehen wir weiter« sagte sehr leise unten Albano
scheidend und ließ ihn ins finstere Trauerschloss allein hinaufgehen »Welch
eine Gegenwart« sagte Albano auf dem Rückweg durch den Garten
133 Zykel
Lange erwartete Albano seinen Freund am andern Tag niemand erschien kein
Mensch wusste von ihm Am zweiten Morgen lief das Gerücht die Gräfin sei in der
Nacht und Gaspard am Morgen abgereiset »Hat Schoppe beide durch Wahrheit
fortgetrieben« fragt er sich verlassen und allein Vergeblich spürte er
Schoppe mehrere Tage nach nicht einmal gesehen war er worden »Auch du lieber
Schoppe« sagt er und schauderte über die Grausamkeit des Schicksals gegen
sich Als er so über sich und die stille dunkle Wüste seines Lebens hinsah so
war ihm auf einmal als würde sein Leben plötzlich erleuchtet und ein
Sonnenblick fiele auf den ganzen Wasserspiegel der verflossenen dunkeln Zeit es
sprach in ihm »Was ist denn da gewesen Menschen Träume blaue Tage
schwarze Nächte ohne mich her geflogen ohne mich fortgeflogen wie fliegender
Sommer den die Menschenhand weder spinnen noch befestigen kann Was ist
dageblieben Ein weites Weh über das ganze Herz aber das Herz auch Es ist
freilich leer aber fest unzerrüttet heiß Die Geliebten sind verloren
nicht die Liebe die Blüten sind her unter nicht die Zweige Ich will ja noch
wünsche noch die Vergangenheit hat mir die Zukunft nicht gestohlen Noch
hab ich die Arme zum Umfassen und die Hand um sie ans Schwert zu legen und
das Auge zum Schauen der Welt Aber was untergegangen ist wird wieder kommen
und wieder fliehen und nur das wird dir treu bleiben was verlassen wird du
allein
Freiheit ist die frohe Ewigkeit Unglück für den Sklaven ist Feuersbrunst im
Kerker Nein ich will sein nicht halben Wie kann der heilige Sturm der
Töne nur ein Stäubchen rücken indes die roh bewegte Luft Aschenberge versetzt
Nur wo gleiche Töne und Saiten und Herzen wohnen da bewegen sie sanft und
ungesehen So klinge nur fort frommes Saitenspiel des Herzens aber wolle
nichts ändern an der rohen schweren Welt die nur den Winden gehört und
gehorcht nicht den Tönen«
Hier fand ihn der Lektor Augusti der mündlich von der Prinzessin Julienne
inständige Bitten brachte mit ihm in Gaspards Zimmer zu gehen wo sie ihm die
wichtigsten Worte über Schoppen zu sagen habe Er ging leicht mit über das
bedeckte Schicksal seines Schoppe erwartete er am ersten bei ihr Aufschluss auch
sah er aus der kühnen Wahl des Boten wie wichtig der armen Schwester seine
Erscheinung sei
In Gaspards Zimmer verließ ihn Augusti schnell um ihn anzukündigen und
allein zu lassen In seinem Leben ging jetzt ein langer Donner kam er vom
Himmel von einem Strome oder nur von einer Mühle das wußt er noch nicht
Julienne stürzte weinend herein konnte nicht sprechen vor heftigem Herzen »Du
gehst fort« fragte sie »Ja« sagt er und bat sie sehr weniger heftig zu
sein denn er wusste wie leicht ihn fremder Ungestüm ansteckte da er ohne Zorn
nicht einmal lange Schach spielen oder fechten konnte Sie flehte ihn noch
heftiger nur zu bleiben bis Gaspard wiederkomme »Kommt er wieder« fragte
Albano »Wie anders Aber die Unwürdige nicht« sagte sie »Julienne«
versetzt er ernst »o sei nicht so hart gegen sie wie das Schicksal und lasse
mich schweigen« »Ich hasse jetzt alle Männer und dich auch« sagte sie »Das
kommt aus poetischen Gemütern heraus O welche rechtschaffene Braut hätte sich
so leicht von einem solchen Selbstmörder verblenden lassen welche Aber ich
sehe du weißt nicht alles« »Dients aber zu was« fragte er
Sie fing verwundert über diese Frage ohne Antwort die Erzählung an
Am Tage wo Albano Schoppen gefunden wollte Julienne ihre Freundin Linda
die sie seit dem Abende des Trauerspiels nicht gesehen wieder besuchen Alle
Zimmer in Lilar waren dicht verhangen gegen den Tag Julienne fand sie in der
Finsternis sitzend mit niedergesenkten halboffnen Augen äußerlich sehr ruhig
Nur in langen Zwischenräumen fiel eine kleine Träne aus den Augen heraus Der
reissende Strom ging hoch über die Räder ihres Lebens und sie standen tief unten
ihm still »Bist du es Julienne« sagte sie sanft »Verzeih die Finsternis
Nacht ist für meine Augen jetzt Grün Es tut mir weh etwas zu sehen« Die
Brautfackel ihres Daseins war ausgelöscht nun wollte sie Nacht zur Nacht
Julienne tat bange Fragen der Verwunderung sie gab keine Antwort darauf
»Ists ein Unglück zwischen dir und meinem Bruder« fragte Julienne in welcher
die Verwandtschaft immer wärmer sorgte als die Freundschaft »Erwarte nur den
Ritter« antwortete sie »ich hab ihn herbitten lassen«
Er trat eben herein Sie bat ihn sich in diese kurze Nacht zu fügen Nach
einigem Schweigen stand sie stolz vom Stuhle auf die schwarzgekleidete lange
Gestalt hob vor dem Ritter den sie nicht sah die großen Augen gen Himmel ihr
stolzes Leben bis jetzt ins Leichentuch gewickelt schlug das Tuch zurück und
stand blühend von Toten auf und sie redete den Ritter an »Verehrter Gaspard
Sie versprachen es mir so wie auch mein Vater dass dieser an meinem
Hochzeitstage mir erscheinen werde Der Tag ist vorbei Ich bin eine Witwe
Nun erschein er mir«
Hier unterbrach sie der Ritter »Vorbei O ganz recht Ist er denn etwas
Gescheuteres und Sittlicheres als ein Mensch« und spottete wider seine Weise
zornigaufglühend weil er glaubte von Albano dem er so lange vertrauet sei
die Rede
»Sie verkennen mich« sagte Linda »ich spreche von einem Verstorbenen«
Vor Julienne fuhr plötzlich Roquairols Schatte ferne Anklänge der Fürstin
hatten ihn eingeläutet »Allmächtiger Gott« schrie sie auf »des verfluchten
Selbstmörders Spiel hat Wahrheit« »Er spielte was geschah« sagte Linda
ruhig »Wir brechen ab Ich reise Ich verlange nichts als meinen Vater«
Hier hielt Gaspard den von Starrsucht versteinerten Arm wie von einem
gezückten Dolch bewaffnet gegen die Gräfin die Finsternis machte die
Erscheinung schwärzer und wilder aber er brach das Eis des Todes wieder mit
kalten Händen entzwei und bewegte sich und antwortete mit gelähmter Zunge
»Teufel und Gott Der Vater ist da Der wird alles so nehmen wie es ist Weiß
Ers« »Wer« fragte Linda »Und was beschloss Er
Himmel Albano nämlich« Gaspard hatte in der Leidenschaft zugleich
Cromwells Blödsinn der Zunge und dessen Schlausinn der Taten und blieb daher
jeder Aufwallung sogar der lieben den so gram und fern wie »der Dummheit die
ihm« wie er sagte »noch viel verhasster sei als das gerade Laster«
»Ich weiß nicht« sagte Linda »Ich gehöre allein dem Toten an der zweimal
für mich gestorben ist Sagt das meinem Vater O ich wär ihm längst
nachgefolgt dem Ungeheuren ins tiefe Reich ich stände nicht hier vor dem
kalten bösen Tadel oder der christlichen Verwunderung da es noch Dolche gegen
das Leben gibt Aber ich bin Mutter und darum leb ich«
»Noch diesen Abend seh ich Sie wieder« sagte Gaspard gefasst und eilte
hinweg »Ich glaube liebe Julienne« sagte Linda »jetzt verstehen wir uns
nicht mehr so recht wenigstens nicht bis zum höchsten Punkte so wie wir früher
über Ihre bellesoeur differierten und Sie an ihr die Koketterie ich aber
gerade die Prüderie groß und unsittlich fand« »Das ist wohl wahr« sagte
Julienne kalt »Sie sind so wahrhaftig poetisch ich bin so prosaisch und
altfromm Ein Ungeheuer darum zu lieben weil es mich so grausam betrügt wie
seine Regimentskasse oder weil es sich genialisch so viele Freiheit lässt als
seinem Regimente oder weil es nach seinem Tode noch Rollen für die übrigen
Schauspieler nachlässet oder Briefe an mich Betrogene« »Tat er das« fragte
Albano »Sie pries es sogar als genialisch an ihm« versetzte Julienne
»Einen solchen zu lieben sagt ich oder solche Leute die ihn lieben dazu
find ich in mir kein Herz Leben Sie denn so wohl als es gehen mag« Linda
antwortete »Ich hasse alle Wünsche« gab ihr die Hand drückte sie nicht
schwieg still und sah in ihre Nacht Sie wusste wenig vom leichten und schlaffen
Abschied der verlorenen Freundin
Noch in derselben Nacht reiste Linda nachdem sie ganz allein lange mit dem
Ritter gesprochen in einem Wagen ohne Fackeln in ihre Schleier gehüllt ganz
einsam ab und niemand wusste ob sie geweinet oder nicht
Als Albano seine Schwester ausgehört hatte sagte er mit sanfter bewegter
Stimme »Schliesse Frieden mit der Vergangenheit sie kann der Mensch nicht
stürmen Der großen Unglücklichen lasse die Nacht in die sie selber
hineingezogen ist Weswegen wolltest du mich aber so eifrig zu dir haben
Besonders weißt du etwas von meinem Schoppe so fleh ich darum« »Ich
antworte dir« sagte sie weinend und verwundert »aber Bruder beteuere dass
deine Stille nicht wieder der Vorhang eines neuen Unglücks ist Ich kenn euch
Männer darin man sollt euch alle hassen und ich tu es auch« »Ich habe
nichts Trübes vor vor Gott bezeug ichs Ihr Weiber die ihr eure Hölle erst
ausgiessen wollt mit Tränen und ausblasen mit Seufzern begreift nicht dass oft
eine einzige Stunde Denken dem Manne einen Stab oder Flügel geben kann der ihn
auf einmal aus der Hölle hebt und dann mag sie fortbrennen« »So zeige mir«
sagte sie weinerlichkomisch »deinen Flügel« »Dass ich« versetzt er
»nicht auf Menschen baue sondern auf den Gott in mir und über mir Der fremde
Efeu geht um uns herum an uns herauf steht als ein zweiter Gipfel neben
unserem und der ist dadurch verdorrt Die Geister sollen nebeneinander nicht
aufeinander wachsen Wir sollten lieben wie Gott als Unvergängliche die
Vergänglichen«
»Recht gut« sagte sie »wenns dir nur Ruhe schafft Was deinen armen
Schoppe betrifft so ist er zur Strafe ins Tollhaus gesteckt aber hör erst
ordentlich Er kramte ein Märchen von einer zweiten Schwester von dir bei deinem
ohnehin durch so vieles gereizten Vater aus Man konnt ihm diese neue
VerstandesVerwirrung hingehen lassen aber dein Oheim wurde gerufen der ihm
ins Gesicht sagte er habe den Kahlkopf ermordet und ihm wurde stolz die Wahl
zwischen Gefängnis und Irrhaus gelassen so begab er sich in dieses Bleibe
bleibe Das Wichtigste kommt
Wie ich auch von ihm denke ich sehe er ist dein redlicher Freund und frei
heraus zu reden sogar Linda legte noch vor der Abreise eine Vorbitte im letzten
Blatte an mich für ihn ein Nicht bloß die närrische Reise nach Spanien macht
er für dich auch deine Kur vielleicht bist du ihm das Leben schuldig Mich
wundert dass ich oder irgend jemand es dir noch nicht gesagt«
Sie fing nun an mit Idoinens mildtätigem festen Charakter mit ihrem
Arkadien und mit dem letzten Tage da sie bei ihr gelebt und ihr in die helle
Seele geblickt Sie kam dann an sein Fieber und Trauerbette neben Lianens Bahre
und auf des alten Schoppe Reden und Laufen und auf seinen schönen Sieg da er
die verklärte Liane endlich in Idoinens Gestalt vor sein Auge gebracht damit
sie das HeilWort sage habe Frieden
Jetzt war er in Sturm und Julienne in Frieden »Darum« fuhr sie fort
»halt ichs für Pflicht mich deines Freundes ein wenig anzunehmen Der arme
Teufel ist unschuldig durch Gewissensbisse und selber durch seinen jetzigen
Ort kann er das was er von Verstand noch hat vollends verlieren ganz
unschuldig sag ich denn dein Oheim den ich längst hasse und der nur erst vor
kurzem aber vergeblich versuchte meinem kranken Bruder geistermässig und
mordmässig zu erscheinen er hätt es auch bei Lianen wohl getan wenn sie es
erlebt hätte dieser Mensch ist warum darf ichs nicht ruchbar machen da
sich alles geändert und umgeworfen eine und eben dieselbe Person mit dem
Kahlkopf und ein Bauchredner Bruder«
Aber Albano war ihr schon entflogen
134 Zykel
Albano wollte seinen Freund früher befreien als rächen daher wollte er erst zu
Schoppe eilen und dann zum Oheim Aber als er an des letztern erleuchteten
Zimmern vorüberging erfasste ihn ein plötzlicher Zorn und er musste hinauf Der
lange hagere Oheim ging dem aufgebrachten Jüngling mit der Dohle auf der Hand
langsam entgegen Albano warf ihm ohne Umstände seine DoppelRolle sein
himmelschreiendes Zerstören Schoppens und die Blendwerke gegen ihn selber mit
Flammenaugen vor und forderte Antwort und Rache »Ja ja« sagte der Spanier
seine Diablesse streichelnd »ich habe die Pistolen ich habe keine Zeit keine
Zeit zum Reden« »Sie müssen sie haben« sagte Albano »Ich habe keine deo
patre et filio et spiritu sancto testibus es ist bald zwischen 11 und 12 und
der Finstere steht hier« »Himmel wozu diese einfältige tragische Szenerie O
Gott ist es denn nicht möglich dass Ihr einmal Mensch seid« sagte Albano mit
Grausen in seine Gesichtshaut blickend die durchaus nicht freudig und nicht
liebend aussehen konnte »dass Ihr erschrecken erröten bereuen Euch erfreuen
könnt Was wussten Sie von meinem Schoppe da Sie sich einst im Keller bei
Ratto als Kahlkopf anstellten als wüssten Sie eine fürchterliche Tat von ihm«
»Niemand braucht etwas zu wissen« versetzt er »man sagt zum Menschen
ich kenne deine verruchte Tat der Mensch denkt zurück er findet so eine«
»Aber was hatt er Ihnen getan« fragte Albano erschüttert Er versetzte
trocken »Er hat zu mir gesagt du Hund Es schlägt 11 Uhr ich sage nichts
mehr als was ich will«
Hier brachte der Spanier zwei Pistolen und einen Sack wies ihm dass sie
nicht geladen wären bat eine zu laden er gab ihm Pulver und Blei aber die
andere nicht »In den Sack jede in den Sack« sagt er »wir losen« Je
kühner je besser dachte Albano Der Spanier rüttelte beide um und ersuchte
Albano mit dem Fuße auf eine zu treten zum Wahlzeichen Es geschah »Wir
schießen zugleich« sagte der Oheim »sobald es die zwei Viertel ausschlägt«
»Nein« sagte Albano »schießt bei dem ersten Schlag ich bei dem zweiten«
»Warum nicht« versetzte jener
Sie stellten sich in den entgegengesetzten ZimmerWinkeln einander gegenüber
mit den Pistolen in den Händen den Schlag halb zwölf Uhr erwartend Der
Spanier machte im stummen Horchen die Augen zu Als Albano in dieses
geschlossene Büsten Gesicht sah kam ihm vor als könne an einem solchen Wesen
gar keine Sünde begangen werden geschweige ein Totschlag Plötzlich murmelten
im leisen Zimmer fünf Stimmen durcheinander als kämen sie von den alten
PhilosophenBüsten an den Wänden der Vater des Todes der Kahlkopf die Dohle
schienen zu reden und eine unbekannte Stimme als sei es der sogenannte
Finstere Sie sagten untereinander »Finsterer nicht wahr ich habe keine
Wahrheit gesagt Ich bringe fünf Tränen aber kalte Ich trage die Räder des
Leichenwagens auf dem Kopf Ich führe das Pantertier am Strick Ich schneid
es los Ich zeige mit dem weißen Finger auf Ihn Ich bringe den Nebel Ich
bringe den kältesten Frost Ich bringe das Schreckliche«
Hier tat es den ersten Glockenschlag und der Spanier schoss ab bei dem
zweiten feuerte Albano beide standen unverwundet da Pulverdampf zog umher
aber eine Zersplitterung erschien nirgends als sei die Kugel nur eine mit
Quecksilber gefüllte gläserne gewesen Mit grimmiger Verachtung sah ihn Albano
wegen der vorigen Stimmen an »ich musste« sagte der Oheim
Plötzlich brach der Lektor atemlos herein den Julienne abgeschickt um
einen wahrscheinlichen Zweikampf zu hindern »Graf« stammelte er »ist etwas
geschehen« »Es muss« versetzte der Oheim »in der Nähe etwas geben der Dampf
zog herein wir wollten uns eben zur guten Nacht umarmen« Er klingelte und
befahl dem Bedienten den Wirt zu befragen wer so spät noch abfeuere Albano
staunte und konnte scheidend nur sagen »Es sei Aber fürchtet den Wahnsinnigen
den ich loskette« »Ach tuts nicht« sagte der Spanier und schien zu fürchten
Augusti begleitete ihn auf die Gasse und ließ ihn nur nach dem Ehrenworte
los nicht wieder hinaufzugehen Albano aber flog noch in der späten Nacht dem
Hause des Jammers und dem gekränkten Herzen zu
135 Zykel
Kaum hatte Albano dem IrrhausInspektor einem jungen glatten roten Männchen
seinen Namen den dieser schon kannte und sein Gesuch um Schoppes Freiheit samt
seiner Bürgschaft für ihn bekannt gemacht so lächelte der Inspektor ungemein
vergnügt ihn an und sagte »Still beobacht ich seit Jahren das ganze Haus die
kleinsten Züge hasch ich für ein künftiges philosophisches Publikum und so
legt ichs sehr ernstaft auch auf Herrn Schoppen an Aber nie mein Herr Graf
nie ertappt ich ihn über einem Zuge der Tollheit versprochen hätte alle meine
englischen und deutschen Werke darüber lieset er vielmehr und bespricht sich mit
mir über die Heilanstalten in Irrenanstalten Ein Fichtianer kann er sein aus
seinem Ich schliess ichs und ein Humorist auch ist nun aber eines von beiden
schon schwer von Verrückung zu trennen wie viel mehr ihre Einigung Mit welcher
Freude über das Zusammentreffen unserer Beobachtungen ich Ihnen hier den
Schlüssel zu seiner Stube gebe das denken Sie sich selber« »Wenn er kein
Narr ist« sagte seine Frau »warum zerschlägt er denn alle Spiegel« »Eben
darum« versetzte der Inspektor »ist er aber einer so ist dein Mann ein noch
größerer«
Keine Tür öffnete Albano je beklommener als die zu Schoppens kleinem
Zimmerchen »Ich hole dich ab mein Bruder« rief er sogleich um sich und ihm
Schamröte zu ersparen aber als er den alten Löwen näher sah fand er ihn in
dieser Fanggrube ganz verwandelt nicht zahm kriechend wedelnd aber
entzweigeschlagen und mit zerbrochnen Tatzen auf die Erde gedrückt die
Anklage des Mords die er rechtschaffen eingeräumt verbunden mit Gaspards
unbarmherziger Verurteilung hatten seine stolze freie Brust mit giftiger Scham
gefüllt und zerfressen »Es geht mir hier wohl nur verspür ich mich unpass«
sagte Schoppe mit glanzlosem Auge und tonloser Stimme Albano konnte die Tränen
nicht verbergen er schlang sich um den Kranken und sagte »Grossmütiger Mensch
du gabst mir einst in meiner Krankheit Genesung und Heil zurück und ich wusste
es nicht und dankte dir nicht gehe mit mir ich muss dich in der deinigen
pflegen dich heilen und trösten wie ich kann dann reisen wir«
»Glaubst du mein Kriton« versetzte er durch den Balsam seines wunden
Stolzes gestärkt »dass ich etwan kein Sokrates bin sondern wirklich herausgehe
aus meinem torre del filosofo Ein Ehrenwort ist eine dicke Kette« »Erzähle
mir alles verschone niemand aber ich sage dir darauf eine Neuigkeit an der
sogleich deine Kette schmilzt« sagte Albano
»Ei Indessen ist der Ort hier seines Orts gut genug wie gesagt ein torre
del filosofo quai de Voltaire und ShakespearesStreet und wie man sonst sagen
mag und soll Auch hör ich immer nachts einen oder den andern Mann neben mir
an sprechen und so fürcht ich gar nicht dass der Ich kommt Ich werfe täglich
fünf Brotkügelchen bilden sie ein Kreuz so bedeutet es denke was du willst
dass ich mir noch nicht erscheine Sie machen aber immer eines Ich bin hier
in diesem Anticyra über so manches Wahnbild so beruhigt worden auch durch jene
Bücher sieh sie an lauter Traktate über den Wahnsinn dass ich wenns auch
meinen Mordian211 ebensowenig ansteckt wie mich gern hier gewesen sein will
Mein Umgang ist freilich nicht ohne Gefahr es ist das InspektoratsEhepaar ein
Reim die beide das hiesige Kerkerfieber tüchtig weghaben Der Mann hat sich
und dadurch der Frau die fixe Idee in den Kopf gesetzt er sei unser zeitiger
Inspektor und habe aufzuhelfen aufzusehen und treffliche Bücher zu lesen die
in sein Amt einschlagen jene Traktate sind vom Narren Vermutlich hat er
draußen in der Stadt seine InspektoratsIdee zu breit vorgucken lassen und das
medizinische Kollegium steckte ihn mit seiner brauchbaren Idee herein weil sie
am Ende doch jeder Inspektor zum Amtieren haben muss er sei toll oder nicht
Unter allen hier im Hause gefallen wir uns beide am meisten Er sondierte mich
zu meinem Vorteil und ich kann ihn sehr brauchen zur Freiheit nur greif ich
seinen faulen fixen Fleck nicht an Bloß einen Abendsegen weil sie kein
Gebetbuch haben improvisier ich oft beiden vor und flechte in den Segen
Winke die kurmässig für das Paar sein könnten wenns wollte So wandeln wir
beide in den Irrgängen dieses Irrgartens vor den Patienten vorbei hinter ihm
dem unheilbaren Hub von allen geh ich ganz tolerant im Kränzchen herrscht
allgemeine Polemik und Skepsis wie in keinem andern Universitätsgebäude Es
ist zum Tollwerden sagt er leise zu mir es ist zum Tollsein sagt man in
diesem Palais dÉgalité versetz ich Ich schneide ihm die Patienten in
Schatten aus für sein Manuskript Wie die Kinder noch etwas haben das ihnen
selber kindisch vorkommt so haben die Tollen etwas das ihnen selber toll
erscheint Deutlicher aber werd ich ihm nie und halte schärfern Spaß an mich
Ach was ist der Mensch zumal ein gescheuter und wie dünn sind seine Stecken
und Stäbe Rührt dich etwas an mir Albano Etwan mein dummes blasses
Gesicht«
Aber Albano konnt es ihm unmöglich gestehen dass dieser umgebrochene edle
Mensch mit seinen Täuschungen und sogar mit seinem Stile dessen Flügel auch
gerädert waren ihm die Tränen in die Augen treibe sondern er sagte bloß »Ach
ich denk an vieles aber erzähle doch endlich Lieber« Schoppe hatt es aber
schon wieder vergessen was er erzählen sollte Albano nannte den Ablauf der
PorträtGeschichte bei der Gräfin und jener fing an
»Die Prinzessin Julienne sprang eben in ihren Wagen als ich das blinde
Mädchen die Treppen hinaufführte um sagen zu lassen Bibliotekar Schoppe sei
aus Spanien da Ich wurde in ein verfinstertes Gemach gelassen worin ich ruhig
auf und abging auf Leute passend bis die Gräfin mich grüßte aus dem Dunkeln
Die Finsternis sagt ich ist mir bei dem Lichte das ich zu geben habe
erwünscht nur möcht ich lieber irisch oder lettisch oder spanisch sprechen
weil ich nicht weiß wer mich behorcht Spanisch sagte sie ernst Ich
erzählte ihr ich hätte deine Mutter gekannt und gemalt und so weiter und meinen
Namen ins Bildnis eingeschwärzt lange darauf neulich im Herbste hätt ich
Sie selber auf hiesigem Marktplatz angetroffen und für das Spiegelbild deiner
Mutter genommen so ähnlich sei sie ihrer eignen Ich weiß nicht fuhr sie hier
mit hitzigem Stolz zwischen meine Narration inwiefern Ihre Geheimnisse zu
meinen werden können Dadurch sagt ich ernst dass Sie mich nach Licht
klingeln lassen denn ich halte das Porträt der Frau von Cesara und von Romeiro
zweier Namen einer Person hier in der Hand Sie fasste nichts fragte nichts
und ich sollte nicht klingeln Ich bekannte ihr dass ich mich genötigt sähe mit
der rhetorischen SchachFigur mich zu decken die man allgemein die Wiederholung
der Erzählung nennte und griff zur Figur Aber sobald ich darin wieder auf
deinen Namen kam sagte sie ich hätte vermutlich ganz aufgehobene Verhältnisse
im Sinne nein sagt ich ein ewiges und hergestelltes hab ich darin auch
seinen Gruß voll innigster Achtung mit Der Gruß schien ihr empfindlich zu
fallen gleichsam als halte man sie einer solchen Versicherung für bedürftig
und sie bat mich dich lieber wegzulassen Himmel er ist Ihr Bruder und hier
hab ich das Porträt Ihrer Mutter aus Valencia gestohlen bei mir und nur kein
Licht
Da wurde Licht gefodert Als die Flamme die lange treffliche Gestalt in Gold
einfasste sagte ich geradezu bei mir selber Sie war es so gut wert als der
Bruder dass man den langen Weg nach beider Stammbaum zog denn sie ist nicht
ohne ihre Annehmlichkeiten Albano wär ich ihr Bruder wie du die Ehre hast
mein Blut müsste wenn sie eine Gondel aber keinen Paradiesesfluss dazu hätte
für sie schiffbar sein ich trüge sie auf den Händen nicht nur sondern wie ein
Äquilibrist auf Nase und Mund die Leidliche Kaum sah sie das Bild so rief
sie Mutter Mutter und fuhr immer über die Augen klagend dass sie jetzt noch
schlechter wären als sonst Ich hob wieder das Schaben an und grub endlich vor
ihren Augen meinen ganzen Namen Löwenskiold aus sogar mit dem Beisatz der mir
entfallen war liebt sehr
Der Maler hieß so fragte sie Sie sinds Sie liebten sie auch
Schönheit ist eine Klippe versetzt ich ernst an der denn ein und der andere
Mann zu scheitern sucht weil sie voll Perlen und Austern sitzt Freundlich bat
sie mich um die deutlichste Wiederholung der Wiederholung sie wolle besser
aufmerken Hören und Denken werd ihr jetzt so schwer als Leben Albano Ihr
hättet mich mit mehr Vorkenntnissen zu ihr abschicken sollen So aber wurd ich
halb verwirrt und neblig und als ihr unter meiner Schilderei der LangseeInsel
etwas Nasses aus den Augen sprang sank ich in den Tropfen hinein und ersoff
beinahe darin und wurd erst spät von mir ins Leben gerieben Endes meiner Rede
stand sie langsam auf faltete die Hände und betete mit Weinen als wenn sie
dankte O Gott o Gott du hast mich geschonet was ich doch nicht ganz
verstehe«
Albano verstands wohl dass sie dem Schicksal für die zufällige Verspätung
Schoppens dankte welche sie mit der kurzen aber furchtbaren Verwandlung
Roquairols in einen Bruder verschonet hatte »Sie brach darauf in zu vielen Dank
gegen den Maler Räuber und Lieferanten des gemalten Geburtsscheins aus Wem das
Herz wie ein Arm eingeschlafen und schwer und fühllos zu bewegen ist dem durch
und überläufts das erwachende Glied sehr närrisch wenn ers regt Weniger sagt
ich konnt ich nicht tun für den Herrn Bruder die Sonnenseite ist dann die
Mondseite
Sie sprang auf deinen Vater über und fragte da er sogleich komme ob sie
oder ob ich ihm diese Rätsel vorlegen sollte Oder lieber beide versetzt ich
kaum da trat er wild ein
Nun ist Gaspard freilich und entschieden dein dir und der Schwester
angeborner Vater und kindliche Liebe gegen ihn ist dir nie zu verdenken
aber wenn ich zu dir sagen wollte er sei kein Bär kein Nashorn kein Wer und
anderer Wolf so tät ichs mehr aus seltener Politesse Er schnaubte mir einen
guten Abend zu ich ihm Viele Menschen gleichen dem Glas glatt und geschliffen
und stumpf so lange als man sie nicht zerbricht dann verflucht schneidend und
jeder Splitter sticht Die Sache wurd ihm vorgehalten und das mitgebrachte
Gesichtsstück Wärst du weitläuftiger mit ihm verwandt so ließ ich mich
heraus Denn sein Gesicht wurde vom Nordschein des Grimms überzogen aus den
Augen flogen mir gelbe Wespen zu gerade Linien fuhren auf seiner Gewitterstirn
wie elektrische Spieße auf besonders zwei steil rechte Unglückslinien Aber wie
gesagt bist du meines Wissens sein Sohn Mein Freund donnert er los mit
welchem Rechte stehlet Ihr denn Gemälde Das sollte mir versetzt ich sanft
schwer anzusagen fallen aber ein Unvermögen hab ich einem ungerechten Truge
zuzuschauen ich fahre drein Gräfin sagt er dampfend in drei Minuten
sollen Sie diesen Herrn genau kennen O nein nein Er brauchte ein anderes Wort
als Herr aber ich greif ihn einmal dafür an die Brust und ständen wir auf den
höchsten Stufen des GottesTrones und rängen im Glanz« »Schoppe« sagte
Albano »Erhitze mich nicht« versetzte Schoppe und fuhr fort
»Er klingelte ein Bedienter flog mit einer Karte wir alle schwiegen
Nachsicht Gräfin sagt er nur auf eine Minute lang Er gab ihr darauf
einige elende HofNovitäten sie aber blickte schweigend zur Erde Da kam dein
langer Oheim nickte 16mal mit dem kleinen Kopf denn das hält er für eine
Verbeugung und trat weit von mir weg Bruder sage bloß was hat dieser Herr
da hinter Valencia getan Umgebracht umgebracht sagt er schnell Unter
welchen Umständen fragte dein Vater Hier fing er an die kleinsten bei meinem
Notschuss auf den Kahlkopf so unbegreiflichscharf vorzulegen dass ich sagte Das
ist wahr und selber fortfuhr und immer fragte Nicht so und er hurtig
nickte bis ich am Ende war dann fragt ich Aber Spaniard sagts bei Gott
woher wisst Ihr es denn Von mir antwortete eine fremde dumpfe Stimme ganz
wie des Kahlkopfs seine
Das Herz wurde mir kalt wie eine Hundsschnauze und die Zunge voll Stein Als
convictus und confessus fing dein Vater an könnt Ihr Euch nun leicht Euer
Schicksal prophezeien
Freilich murmelte der Oheim packte sein Schnupftuch aus und ein fasste
das Gemälde an und legt es weg prophezeien prophezeien Inzwischen fuhr
dein Vater fort bleibt es Euch freigestellt ob Ihr bis zu näherer Untersuchung
statt des Gefängnisses das Euch für den Mord und Diebstahl gehört den
gelindern Ort das Irrhaus das Euch für Eure Reise gebührt erwählen wollt
wählet Ihr nicht so wähl ich Ins Tollhaus ins Tollhaus rief ich wahrer
Geselligkeit wegen auf meine Ehre Aber ich frage nach nichts auf dem
Waschzettel meines Gewissens steht kein Mord Brennt Ihr Euch nur weiß und rein
Euer Sonnen und Ehrenwagen geht bis an den Radnagel in Kot Gräfin lasset
Euch doch alles bestens aufklären und denkt unaufhörlich an mich um einen Vater
zu bekommen freilich dem Landesvater der Studenten gleich der in einem Loch
durch den Hut besteht Tritt weiter weg sagte dein Vater zu deinem Oheim
die Tollheit ist ausgebrochen Da tat der Hase achtzehn Sätze über Schwellen und
Treppen hinüber Ich vollzog mein eigenes Marsch und Sitzreglement Dein Vater
wedelte mir noch mit einem leckenden Flammenblick nach ich lud Gift in mein
Auge und sah ihn unter der Türe davon niederstürzen« Albano fuhr zusammen
fragte nach dem Wie Da schwieg Schoppe sann lange und sagte betrübt »Das hat
mir wohl freilich nur geträumt aber so meng ich jetzt den Traum ins Wahre und
umgekehrt Ich sollte mehr über Schoppe gerührt sein er ist doch ein Greis
und Greise weinen gleich dem Eulenspiegel wenn es bergab geht« »Ich will
dich nun trösten mein Freund«
sagte Albano mit zerrissener Brust »ich will einen Irrtum von deinem
treuen Herzen nehmen und dann gehst du gewiss mit mir dieser Kahlkopf unser
Spötter und Gaukler ist nach dem heiligen Wort meiner Schwester eine und
dieselbe Person mit meinem Oheim und ist ein Bauchredner«
Lange stand Schoppe wie tot als hab er nicht gehört plötzlich stürzte er
mit aufblühendem Gesicht mit funkelnden Augen auf die Knie und stammelte
»Himmel Himmel Verrücke mich Das Weitere tu ich « Hier macht er eine
böse abwürgende Bewegung mit den Händen und sagte erstarkt »Ich kann dir
folgen«
Jetzt konnt er das wirklich vorher aber kaum stehen Und so führte Albano
den unglücklichen gereizten Freund betrübt in seine eigne Wohnung
136 Zykel
Albano wandte nun alles an was Freundschaft im Vermögen hat den edlen Kranken
wieder innerlich und äußerlich aufzurichten und zu verjüngen Besonders suchte
er den Steg worüber alle seine Saiten gezogen waren und den der Ritter und sein
Bruder vor Linda umgerissen hatten wieder aufzustellen nämlich sein stolzes
Bewusstsein das an der grausamen Demütigung so sehr darniederlag Wie nur reine
BruderAchtung und heiliges Anbeten einer göttlichen Reliquie einen wunden Stolz
sanft erwärmen und beleben kann so versucht es der biedere Albano Allein ohne
Genugtuung am Spanier dem Anstifter des Unheils und dem Verführer des Ritters
laufe wie Schoppe selber sagte sein Rückgrat nie wieder steilrecht und sein
Rückenmark bleibe gebogen Nur Albanos Duell mit dem Oheim war frisches Wasser
für ihn es musste ihm mehrmals erzählt werden Sein durstiger Wunsch war so
gesund zu werden als er zum Kriege mit dem Spanier brauchte und dann als ein
Toller ihm die Beichte aller Streiche und Gauklereien auf einem Sterbebette
worauf er ihn zu legen dachte abzupressen »Dann« setzt er jedesmal lächelnd
hinzu »kann es mir wohl egal sein ob die Welt rund wird oder eckig und nach
Frankreich ist mein erster Schritt«
Albano musste dieses griechische Feuer des Zorns das am Ende zur stärkenden
Kur des durch Demütigung erfrornen Körpers wirkte immer tiefer unter sich
brennen lassen da jedes Löschen es nur nährte nur musst er wachen dass er
keine freie einsame Minute bekäme um brennend zu entspringen und den Spanier
aufzusuchen Albano wich Tag und Nacht nicht von seinem KanapeeLager auch aus
andern Gründen Denn war Schoppe einsam und sein Mordian schlief den er niemals
weckte weil der Hund sagt er offenbar träume und da in idealischen Welten
fliege und schnuppere wovon auf den Gassen der wirklichen kaum eine
SchattenSpur zu wittern sei war er also allein mit dem stillen Tier denn
wacht es so hatt er Gesellschaft genug und sein Blick fiel zufällig auf
seine Beine oder Hände so fuhr seine kalte Furcht über ihn her dass er sich
erscheinen und den Ich sehen könne Der Spiegel musste verhangen werden damit er
sich nicht fände
Seine Nächte waren ohne Schlaf aber die Träume gingen nackt und keck um
ihn Albano opferte ihm leicht seine gesunden Nächte konnt aber doch nicht
alle Träume des Freundes diese Gespenster die sonst vor Lebendigen entfliegen
und einsinken von dannen treiben Sie schlichen und blickten in WinkelSchatten
der Stube Einst gegen Mitternacht war Albano hinausgegangen und traf
wiederkommend ihn an wie er eben mit einer Hand die andere fing und sagte »Wen
hab ich da Mensch« »O guter bester Schoppe« rief Albano halbzürnend
»solche grundlose Spiele Ebensogut könnte ein Finger den andern fassen« »Ja
freilich« versetzt er »Aber höre« sagt er leise und kauerte sich bückte
den Kopf und wies mit dem rechten Zeigefinger über die Nase hin in die Höhe »du
nanntest mich Schoppe so heiß ich nicht aber ich darf meinen Namen nicht
aussprechen der Ich der mich so lange sucht hörts und fährt her Ein langer
Leichenstein liegt auf dem Namen Schoppe oder Scioppius konnt ich mich sehr
wohl nennen weil mein vielnamiger Namensvetter und Namensvater im Bayle steht
alles sich selber bald so bald so hieß bald Junipere dAncone bald Denius
Vargas oder Grosippe oder Krigsöder Sotelo bald Hay Dass der Mann noch
wirklicher TitularFürst von Athen und Herzog von Teben war durch ottomanische
Kanzlei und Gnade muss ich ganz zu vergessen scheinen wenn ich
MalteserBibliotekar bleiben will In der Tat trat ich sonst in Gastöfe noch
mit manchem Namen ein der dem nachsetzenden Ich prächtig mitspielte und
vormachte zB Löwenskiold Leibgeber Graul Schoppe ohnehin Mordian den ich
meinem Hund schenkte Sakramentierer und einmal Huleu manche kann ich ganz
vergessen haben Der wahre ist« sagte er scheu lispelnd »ein ss oder Ss212
Gib mir eine dritte Hand her Aus Totenkleidern wird der Name
herausgeschnitten und ich liege darin schon unter dem Grabe Ich bin ich das
waren zwar des alten hübschen Swifts Endworte der sonst wenig sagte in seiner
so langen Tollheit Ich möcht es aber nicht wagen so bei mir zu sein Nu
getrost die unendliche Weisheit hat alles geschaffen auch Tollheit in Menge
Aber Gott gebe nur dass Gott selber niemals zu sich sagt Ich das Universum
zitterte auseinander glaub ich denn Gott findet keine dritte Hand«
Albano schauderte über den Sinn des Unsinns Schoppe schien Eis dann warf
er sich plötzlich an die BruderBrust beide sprachen nichts über die Sache
und Albano fing heitere Schilderungen vom glücklichen Hesperien an
So bracht er pflegend schonend liebkosend geduldig und einsam die Tage
die er gern zu seiner Flucht aus Deutschland verwendet hätte mit dem kranken
Freunde zu und liebte ihn immer heftiger je mehr er für ihn tat und ausstand
Er wollt es durchaus vom Schicksal nicht leiden dass eine solche Welt voll
Ideen ihrem Erdbrand und ein so freies Herz voll Redlichkeit dem letzten Schlage
näherkomme Schoppe hatte in des Jünglings Herzen sogar noch ein größeres Reich
als Dian denn er nahm das Leben freier tiefer größer mutiger und wenn Dians
Lebensgesetz Schönheit war so hieß seines Freiheit und er ging wie unser
Sonnensystem nach dem Gestirne des Herkules zu
Aller Bitten ungeachtet nahm er keine Heilmittel vom Doktor Sphex denn er
habe schon sagt er sich einem alten bekannten Praktiker und Kreisphysikus
anvertraut der Zeit Er verstattete Sphexen gern ein Rezept aufzusetzen es
zu bringen sah es willig durch disputierte über den Inhalt merkte an es sei
leichter ein Gesundheitsrat zu sein als einen Gesundheitsrat zu geben und er
sehe wohl dass er seinen Zustand treffe weil er ihn schwächend behandle was
bei Wahnsinnigen das erste sei aber er setzte dazu er begehre eben keine
Vernunft sondern nur ein Paar tapfere Schenkel zum Gehen und Stehen und ein
Paar gefüllte Arme zum Zuschlagen und übrigens sei er ihm gram weil er Hunde
zerschneide Auch Albano nahm zuletzt an habe Schoppe nur Muskelkräfte zu einer
geselligen Reise mit ihm wiedergewonnen so fliehe der WahnsinnsTraum worein
ihn die ungesellige gewiegt leicht von selber hinweg
Immer fuhr er den Arzt am meisten an Einst sagte dieser »Folgen Sie wenn
nicht mir doch Ihrem zweiten Ich« und zeigte auf Albano »Zum Teufel«
versetzt er »mein zweites Ich das möget ihr selber sein ich scheue mich
genug davor aber der da ist gewiss das verhoff ich kaum mein sechstes
zwanzigstes oder dergleichen Ich«
Indes blieb Sphex bei der Meinung seine stenische Schlaflosigkeit die
wechselnd die Tochter und die Mutter seiner Fieberbilder zumal des Kahlkopfs
sei versperre die Kur und müsse schwächend bezwungen werden Als einstmals
Dian der seinen Freund Albano oft besuchte dies vernahm fragte er warum man
ihn nicht geradezu mit der Nachricht der Spanier sei aus Furcht vor ihm
abgereiset etwan nach Frankreich täuschen und heilen wolle Albano versetzte
»Wahrlich ich wollt es gern sagen aber ich kanns nicht ich könnte ebensogut
Gott oder mir eine Lüge sagen wollen« »Einbildungen« sagte Dian »ich sags
ihm selber« »Wessen ich mir auch gleich vom Spaniard versehen habe«
versetzte Schoppe auf die offizinelle RezeptLüge Als Dian fortgegangen war
fragt er Albano »Sitz ich jetzt nicht viel kühler und eisiger da Und zwar
seit der Kahlkopf in Frankreich ist bin ich fast so ein neuer Mensch Freilich
lüg ich aber Dian log früher«
Endlich entschloss sich der Arzt ihm geradezu einen Schlaftrunk in sein
Getränk zu mischen Albano erlaubt es Schoppe bekam ihn glühte und
phantasierte einige Minuten lang endlich stieg der Nebel des Schlafs und
überdeckte bald den Kranken
Albano besuchte da nach langer Zeit das Grün der Erde und das Blau des
Himmels wieder und seinen Dian in Lilar Wie viel war seitdem verändert
durcheinander übereinander gestürzt Wie viele Blätter waren wieder Knospen
geworden Und mancher Schaum des Lebens der weiß und zart und leicht ihn sonst
erfreut hatte erkältete jetzt als graues schweres Wasser seine Brust und er
hatte außer seinen Lebensmut fast wenig behalten Bei Dian hört er von neuen
Veränderungen von des Fürsten nahem Sterben von Idoinens nahem Kommen zur
Schwester vor der Trauer Wie wunderbarverstört schlug seine Seele aus ihrem
WinterSchlafe in den warmen Sonnenschein den dieses Ebenbild Lianens um sein
Leben legte die Augen auf In mancher stillen Nacht neben Schoppens
GeisterLager war ihm schon seitdem Julienne ihn zum erstenmal die Erscheinung
dieses Friedensengels ohne den Schleier sehen lassen die vorige Zeit und Liebe
wie ein Himmel ferner Sterne wieder aufgegangen und in dem Helldunkel der von
Schlaf entkleideten Träume sah er auf dem Meere der Zeit eine ferne ferne Insel
hinter sich oder vor sich wußt er nicht wo eine weiße abgewandte Gestalt
Lianen gleich oder ähnlich schwebte und als Nachhall sang Jetzt dicht nach dem
Sterbemonat des Bruders folgte der Sterbemonat der Schwester Liane Wär es
möglich dass die Überirdische aus dem stillen Spiegel der zweiten Welt und aus
dessen unabsehlichen Fernen herausträte wieder in den irdischen Luftzug und nach
der Verklärung wieder verkörpert hier ginge
Aber die Freundschaft foderte Raum für ihre Schmerzen und diese
WolkenBilder wurden bald von ihr bedeckt oder umgestürzt Er war nicht
imstande so sehr ers auch wünschte von Schoppe eine Beschreibung jener
HeilungsNacht zu fodern ja nur zu leiden worin Idoine Liane gewesen und doch
war diese Gestalt der einzige lebendigspielende Juwel im Totenring an dem
Skelett der harten Zeit das vor ihm stand Welche Tage Was ihm die Gräber
nicht wegschlangen hatte die Erde dahin genommen und Gaspard sonst sein
hoher Vater auf einem reinen Thron des Himmels war nun seiner Phantasie mit
fürchterlichen HöllenKräften und Waffen nach unten erschienen auf einem Throne
des Abgrunds sitzend
Desto milder umfloss ihn nun als er in Dians Hause war die stillere
Gegenwart der Gedanke des ruhenden Freundes der Anblick des nahen
TraumTempels wo Liane einmal Idoine gewesen und die Verkündigung dass das
Ebenbild der Geliebten nahe Er malte sich den süßen und bitteren Schrecken ihrer
Erscheinung vor ihm denn wie in dem Strome die hinübergebogne Blume nicht nur
ihr Bild auch ihren Schatten entwirft so ist sie Lianens schönes Bild und
Schatten zugleich und in der Lebendigen würde ihm eine Verlorne und eine
Verklärte zugleich erscheinen
Unter diesem träumerischen Helldunkel und Abendrot aus Vergangenheit und
Zukunft zusammengeflossen kam er in sein Haus zurück Ein scharfer Blitzstrahl
schlug weiß über das träumerische Rot sein Schoppe war nach wenigen Minuten des
Zwangschlafs wild aufgefahren und wahnsinnig entsprungen niemand wusste wohin
Der Arzt kam und sagte entscheidend entweder hab er sich ins Wasser gestürzt
oder jeden andern er sei wild dahingerannt und habe noch seinen Stockdegen
mitgenommen
Vierunddreissigste Jobelperiode
Schoppes Entdeckungen Liane die Kreuzkapelle Schoppe und der Ich und der
Oheim
137 Zykel
Da Schoppe seinen großen Degenstock mitgenommen so vermutete Albano dass er als
Würgengel zum Spanier gegangen Er eilte in den Gasthof des Oheims Ein
Bedienter sagte ihm ein Rotmantel mit einem dicken Stocke sei dagewesen und
habe vor den Herrn gewollt aber man habe ihn auf des letztern Befehl ins Schloss
geschickt unterdessen sei der Herr nach dem Prinzengarten abgereiset um dem
starken Bruder entgegenzugehen Albano fragte »Wer ist der starke Bruder«
»Dero Herr Vater« versetzte der Bediente Albano eilte auf das Schloss Hier war
laufende Verwirrung um das Krankenbette des Fürsten der es bald mit dem
Paradebette zu vertauschen drohte Eilige Diener begegneten ihm Einer konnt
ihm sagen er habe einen Rotmantel ins große Spiegelzimmer gehen sehen Albano
trat hinein es war leer aber voll seltsamer Spuren Ein großer Spiegel lag auf
der Erde eine Tapetentür darhinter stand offen ein offenes Souvenir Räder und
weibliche Kleidungsstücke waren um einen wächsernen alten Kopf verstreuet Ihm
war als seh er etwas was er schon gesehen und konnte sichs doch nicht
nennen Plötzlich erblickte er in einem Eckspiegel tief hinter seinem jungen
Gesicht sich noch einmal aber mit Alter bedeckt und dem wächsernen Kopfe
ähnlich Er blickte sich um ein erhobner Spiegel Zylinder schloss ihm gleichsam
die Zeit auf und er sah in ihrer Tiefe sein graues Alter
Schaudernd verließ er das sonderbare Gemach Eine Kammerfrau Juliennens
stieß ihm auf sie konnte ihm sagen dass sie den »SchattenSchneider« im roten
Mantel mit einem Perspektive in der Hand über den Schlosshof habe hinausgehen
sehen Er eilte nach da kam ihm Augusti unter dem Tore entgegen mit der Bitte
des Fürsten ihn noch einmal zu besuchen »jetzt unmöglich ich muss erst den
wahnsinnigen Schoppe wieder haben« versetzt er In seiner Brust lebte nur der
Freund auch nahm er den Fürsten nur für die Maske seiner sprechsüchtigen
Schwester »Ich sah ihn auf dem Wege nach Blumenbühl« sagte der Lektor Er flog
davon Am Tore wurde Augustis Nachricht von der Wache bestätigt
Auf der Blumenbühler Straße begegnete ihm der Wagen des Hofpredigers Spener
der zum Fürsten fuhr Albano fragte nach Schoppe Spener berichtete er habe mit
ihm da er vor einem einzelnen Hause einer kranken alten Beichttochter wegen
eine Stunde lang gehalten viel gesprochen ihn gesund ungemein vernünftig nur
älter und zurückhaltender als gewöhnlich gefunden Auf die Frage nach seinem
Wege versetzte der Hofprediger er sei nach der Stadt Das schien ihm unmöglich
aber Speners Leute bestätigten es vom Grünrock Albano sprach von einem roten
Mantel alle und Spener blieben bei dem grünen Rock
Er kehrte wieder um in sein eigenes Haus wo vielleicht ihn selber dacht
er Schoppe suche und erwarte Der Leibeigne des Doktors der hagere Malz
sprang ihm mit der Nachricht entgegen Herr v Augusti hab ihn eben gesucht
und der kranke Herr sei zum alten Tor hinaus spazieren gegangen in einem neuen
grünen Rock Es war die Straße nach dem Prinzengarten die er nach Albanos
Vermutung gewiss genommen sobald ihm des Spaniers gleiche kund geworden Draußen
wurde sie durch Falterle bestätigt welcher erzählte er habe bei dem Austritt
ihn eingeholt und sogleich befragt »Wohin so eilig Herr Bibliotekar« darauf
sei er still gestanden hab ihn ernstaft angesehen und die Antwort gegeben
»Wer sind Sie Sie irren sich« und sei fortgegangen Albano fragte nach der
Kleidung »in grüner« versetzte Falterle Jetzt war sein Weg entschieden Der
müßige Reiter konnte sogar bekräftigen dass der Oheim früher denselben genommen
Spät abends kam Albano im Prinzengarten an Er sah einige Wagen an dem Hofe
des kleinen Gartenschlosses Endlich begegneten ihm Leute seines Vaters die ihm
sagen konnten Schoppe sei ruhig froh und lange in dem Garten mit einem Herrn
von Hafenreffer aus Haarhaar umhergegangen und mit ihm nach der Stadt gefahren
»An einem Menschen hat er doch wieder einen Schutzgeist und Wärter« dachte
Albano und der kalte Regen der ihn bisher quälte war weggezogen obgleich der
Himmel noch trübe blieb Er wich mit seinem angegriffnen Herzen das in dieser
Landschaft nur von einem dunkeln Horizont umgeben war jeder Gesellschaft und
dem Lustschloss aus Fern vorübergehend wagt er es einen traurigen Blick auf
die Schlummerinsel zu werfen wo Roquairols Grabhügel wie ein ausgebrannter
Vulkan neben der weißen Sphinx zu sehen war »Still liegt endlich das unbändige
Schwungrad um aus dem Strom der Zeit gehoben nur mit dem Grabe schloss sich der
Janustempel deines Lebens zu du gequälter und quälender Geist« dachte Albano
voll Mitleiden denn er hatte den Toten sonst so sehr geliebt Droben auf dem
Gartenberg mit einem Lindenbaum ruhte seine sanfte Schwester der freundliche
liebliche Friedensengel mitten im Kriegsgetümmel des Lebens sie der ewige
Friede wie er der ewige Krieg Er beschloss hinaufzugehen und allein oben bei
der Himmelsbraut zu sein und auf dem den Blumen geweihten Boden das Beet
aufzusuchen unter welchem ihre BlumenAsche sich vor den Stürmen zugedeckt Da
er den Vorsatz nur dachte so drangen Tränenströme wie Schmerzen aus seinen
Augen denn die bisherigen Nachtwachen und Sorgen hatten ihn träumerisch
aufgelöset und so manches Unglück in so kurzer Zeit dazu das ihm das schöne
feste Leben von einem Ende zum andern mit giftigem Stachel und Zahn durchgraben
hatte
Als er in der noch mondlosen aber sternenreichen Dämmerung worin nur der
Abendstern der Mond war gleichsam ein kleinerer Spiegel der Sonne den Hügel
hinaufging sah er aus dem Prinzengarten ein paar graugekleidete Menschen heftig
winken als wollten sie ihm den Gang verbieten Er ging unbekümmert weiter ja
er wusste nicht einmal ob nicht sein vom Wachen glühendes und von LebensStößen
erschüttertes Gehirn ihm diese Gestalten wie aus einem Hohlspiegel vorflattern
lasse
Wie in einen griechischen dachlosen Tempel trat er in den heiligen
KlosterGarten der stillen Nonne worin der Lindenbaum laut sprach und die
stillen Blumen wie Kinder über der Ruhenden spielten und sich neigten und
wiegten Hoch und weit gingen die Sternenbogen wie schimmernde Ehrenbogen über
die kleine Erdenstelle her über den geheiligten Ort wo sich Lianens Hülle das
kleine Licht und Rosenwölkchen niedergesenkt als es den Engel nicht mehr zu
tragen hatte der in den Äther gegangen war und aller Wolken nicht mehr
bedurfte Plötzlich erblickte der schaudernde Albano Lianens weiße Gestalt an
die Linde gelehnt und gegen den Abendstern und die Abendröte gewandt lange
schaute er an der seitwärts gekehrten Gestalt die himmlischherabsteigende
AntlitzLinie an womit Liane so oft als eine Heilige unbewusst neben ihm
gestanden noch glaubt er ein Traum der Proteus der menschlichen
Vergangenheit ziehe das Luftbild aus dem Himmel hernieder und spiel es vor
und er erwartete das Vergehen Es blieb aber ruhig und stumm Hinkniend wie
vor der offenen Pforte des weiten langen Himmels voll Verklärung und Gottheit
und aufgerissen aus den ErdenTälern rief er aus »Erscheinung kommst du von
Gott bist du Liane« und ihm war als sterb er
Schnell blickte die weiße Gestalt sich um und sah den Jüngling sie stand
langsam auf und sagte »Ich heiße Idoine ich bin unschuldig an der harten
Täuschung sehr unglücklicher Jüngling« Da bedeckte er seine Augen aus
schnellem Schmerz über die Wiederkehr der schweren kalten Wirklichkeit Darauf
sah er die schöne Jungfrau wieder an und sein ganzes Wesen zitterte vor ihrer
verklärten Ähnlichkeit mit der Toten so lächelte sonst Lianens zarter Mund im
Lieben und Trauern so öffnete sich ihr mildes Auge so ging ihr feines Haar um
das blendendweiße gefällige Angesicht so war ihr ganzes schönes Gemüt und
Leben aufrichtig in ihr Antlitz gemalt Nur stand Idoine größer da wie eine
Auferstandene stolzer und länger ihre Gestalt blasser ihre Farbe denkender
die jungfräuliche Stirn Sie konnte da er sie so schweigend und vergleichend
anblickte sich der Rührung über den getäuschten Unglücklichen nicht erwehren
und sie weinte und er auch
»Betrüb ich Sie auch« sagte er in höchster Bewegung Mit dem Sprachtone
der Jungfrau die unter den Blumen lag sagte unschuldig Idoine »Ich weine nur
dass ich nicht Liane bin« Schnell setzte sie hinzu »Ach diese Stelle ist so
heilig und doch ists der Mensch nicht genug« Er verstand ihre SelbstRüge
nicht Ehrfurcht und Offenherzigkeit und Begeisterung bemächtigten sich seiner
das Leben stand glänzend aus der engen bangen Wirklichkeit auf wie aus einem
Sarg der Himmel sank näher herzu mit hohen Sternen und beide standen mitten
unter ihnen »Edle Fürstin« sagt er »hier entschuldigen wir uns beide nicht
Die heilige Stelle nimmt wie eine zweite Welt das Fremd sein weg Idoine
ich weiß es dass Sie mir einst den Frieden gegeben und vor der verborgenen Hülle
des Geistes, in dessen Sinne Sie sprachen dank ich Ihnen hier«
Idoine antwortete »Ich tat es ohne Sie zu kennen und darum konnt ich mir
den kurzen Gebrauch oder Missbrauch einer entfliehenden Ähnlichkeit erlauben
Hätt es von mir abgehangen so hätt ich Sie nie mit einer so unbedeutenden
wie eine äußere ist doch so schmerzlich erinnert Aber ihr Herz verdient Ihr An
denken und Ihre Trauer Man schrieb mir Sie wären nicht mehr in Lindenstadt«
Sie suchte jetzt zum Fortgehen zu eilen »In einigen Tagen« antwortete er
»werd ich auch reisen Ich suche Trost im Kriege gegen den Frieden des Grabes
und der Wüste der mein Leben stille macht« »Ernste Tätigkeit glauben Sie
mir söhnet zuletzt immer mit dem Leben aus« sagte Idoine aber die ruhigen
Worte wurden von einer bebenden Stimme getragen denn durch Hilfe ihrer
Schwester hatte sie das ganze graue Regenland seiner Gegenwart vor das Auge
bekommen und ihr Herz war voll tiefen Mitleidens gegen die Menschen
Er sah sie hier scharf an ihre NonnenAugenlider die immer unter dem
Sprechen sich über die ganzen großen Augen nieder senkten machten sie einer
entschlummerten Heiligen so ähnlich er wurde von ihren letzten Worten an ihr
fruchttragendes Leben in Arkadien erinnert wo der bunte Blütenstaub ihrer Ideen
und Träume ungleich dem schweren toten Goldstaub des bloßen Reichtums leicht
im heitern Leben flatternd unbemerkt belebend endlich feste Wälder und Gärten
auf der Erde ausbreitete alles in ihm liebte sie und rief nur sie könnte
deine letzte wie deine erste Liebe sein und sein ganzes Herz durch Wunden
offen war der stillen Seele aufgetan Aber ein ernster harter Geist schloss es
wieder zu »Unglücklicher liebe keine mehr denn ein dunkler Würgengel geht
hinter deiner Liebe mit dem Schwert und welche Rosenlippe du an dich drückst
diese berührt er mit der scharfen Schneide oder mit der Giftspitze und dann
vergeht oder verblutet sie«
Er sah schon den Glanz dieses Schwerts im langen Dunkel ziehen denn Idoine
hatte das Gelübde getan nie unter ihrem Fürstenstande die Hand zum Bunde der
Liebe zu reichen So standen beide geschieden nebeneinander in einem Himmel
eine Sonne und ein Mond durch eine Erde getrennt Sie beschleunigte ihre
Entfernung Albano hielt es nicht für recht sie zu begleiten da er jetzt
erriet dass die graugekleideten Menschen die ihn zurückgewinket ihre Bedienten
gewesen ihr die Einsamkeit zusichern sollen Sie reichte ihm an der Gartentüre
die Hand und sagte »Leben Sie glücklicher lieber Graf einst hoff ich Sie so
glücklich wiederzufinden als Sie sich machen sollen« Die Berührung der Hand
wie einer himmlischen die sich aus den Wolken gibt durchströmte ihn mit einem
verklärten Feuer jener Welt wo Auferstandne leicht und schimmernd schweben und
die hohe Ehrfurcht gebende Gestalt begeisterte sein Herz er konnte nicht
sagen was er in sich besiege und bedecke aber auch kein anderes kaltes
verkleidetes Wort er kniete nieder drückte ihre Hand an die Brust sah
weinend an den Sternenhimmel und sagte bloß »Frieden Allgütiger« Idoine
wandte sich eilig ab und ging nach einigen schnellen Schritten langsam den
kleinen Hügel in den Prinzengarten hinunter
Nach wenigen Minuten sah er die Fackeln ihres Wagens durch die Nacht
fliegen in der sie gern zu reisen wagte Um den Hügel war es dunkel die
Abendröte und der Abendstern waren untergegangen die Erde wurde ein Rauch und
Schutt der Nacht am Horizont bauete ein Trauergerüst von Wolken sich auf Aber
in Albano war etwas unbegreiflich Freudiges ein lichter Punkt in der Finsternis
des Herzens Und als er den LeuchtAtom anschauete breitete er sich aus wurde
ein Glanz eine Welt eine unendliche Sonne Jetzt erkannt er es es war die
rechte unendliche und göttliche Liebe welche schweigen kann und leiden weil
sie nur ein Glück kennt aber nicht das eigne
Er war erfreut über das Überhüllen seiner Brust und über seinen Entschluss
sie nicht wiederzusehen in der Stadt »So still« sagt er halb betend halb
sprechend »will ich sie ewig lieben ihre Ruhe ihr Glück ihr schönes Streben
bleibe mir heilig und ihre Gestalt mir verdeckt und fern wie die ihrer
HimmelsSchwester Aber wenn die Schlacht für das Recht anfängt und die Töne
neben den Fahnen in die Höhe wehen und das Herz eifriger schlägt um stärker zu
bluten dann ziehe dein Bild o Idoine mir im Himmel voran und ich streite für
dich und wenn im Getümmel ein unbekannter Würgengel die giftige Schneide über
die Brust zieht so will ich im ermattenden Herzen dich festhalten bis mir die
Erde vergeht«
Er sah sich nach diesem Gebete heiter um auf dem Gottesacker des
jungfräulichen Herzens er fühlte Liane allein dürf es wissen und sie werd
ihn segnen
138 Zykel
Albano konnte in einer Gegend in welcher die einzelnen Säulen und Bogen des
zerstörten Sonnentempels seiner Jugend umherlagen keine Nacht zubringen
sondern er begab sich traurigträumend auf den Weg zur Stadt Unterwegs fand er
den LandschaftsDirektor Wehrfritz zu Pferd der ihn suchte »Herr Sohn« sagt
er »es sind mir von deinem intimen Freunde Herrn Schoppe die wichtigsten
Sachen zu Händen gestellt worden die ich nur in deine eignen wieder
auszuhändigen habe was ich denn hiemit eilig tue Denn Musse hab ich bei Gott
wenig der Fürst ist diesen Abend mit Tod abgegangen vor Schreck weil jemand
sagte sein alter Vater der ihm zum TodesAnzeichen soll zum zweitenmal zu
erscheinen versprochen haben sei im Spiegelzimmer zu sehen was aber nur hör
ich was von Wachs gewesen Es sind die Sachen die ich auszuliefern habe
erstlich ein Perspektiv womit du deine Mutter und Schwester gemalt sehen wirst
ich bediene mich mit Fleiß Herrn Schoppens eigener Ausdrücke zweitens ein
geschriebenes Paket adressiert an Albano erzogen bei Wehrfritz das noch halb
in einer zerschlagnen schwarzen Marmorstufe steckt und drittens dein Porträt«
Das Porträt stellte Albano im jetzigen Alter dar fand man so viel die Sterne
zu sehen gönnten indes er sich doch nie malen lassen Die schwarze
Marmorstufe und das Perspektiv brachten ihm die Prophezeiung seines Vaters auf
Isola bella213 vor die Seele ihm werde in einem Bilderkabinett eine weibliche
Gestalt aus der Wand entgegentreten und ihm einen Ort aufschreiben wo er die
schwarze Stufe und vorher einen zeigen wo er das Perspektiv zu finden habe
dessen Okularglas ihm aus dem alten Bilde seiner Schwester ein junges
kenntliches und dessen Objektivglas aus dem jungen Bilde seiner Mutter ein altes
kenntliches machen werde
Albano tat ängstliche Fragen nach Schoppe und der Fundgeschichte der
seltsamen Fracht »Mit Herrn Schoppe geht es gut genug« antwortete Wehrfritz
»er muss hier in der Nähe sein mit einem fremden Herrn« Albano fragte nach
seiner Kleidung diese wurde zu seinem Erstaunen wieder aus einer grünen zur
roten Kaum hatte Wehrfritz die wunderbare Geschichte wie Schoppe jene
Wunderdinge überkam zu geben angefangen so unterbrach Albano der daraus die
Auflösung der väterlichen Prophezeiung abnahm vor Erwartung den Bericht mit der
Bitte ihn zu der nahen Kreuzkapelle zu begleiten um welche mehrere Laternen
standen Er hatte beide Medaillons immer bei sich und war jetzt so begierig das
Angesicht seiner Mutter durch das Objektivglas zu sehen so wie das Papier zu
lesen
Bei der äußersten Laterne hielten sie Albano nahm das Medaillon der
veralteten Gestalt hervor worunter stand Nous nous verrons un jour mon frère
er besah es durch das Okularglas siehe das alte Gesicht war das junge seiner
Julienne Vertrauend und ungestüm hielt er das altmachende Glas ans junge Bild
worunter stand Nous ne nous verrons jamais mon fils ein freundliches aus
einem langen Leben herüberlächelndes altes Gesicht erschien dessen erblicktes
Urbild ihm in einer tiefen dunkeln Erinnerung lag aber namenlos von Lindas
Mutter hatt es indes keinen Zug
Auf einmal hört er eine bekannte Stimme »Ecco ecco Mein Neveu mein
Herr« Es war Albanos Oheim der den schwarzgekleideten wehklagenden Schoppe zu
ziehen schien und weinerlich den Neffen anredete »Ach Neveu O ich sage die
Wahrheit nur Wahrheit pour jamais« Er sah lachend aus und glaubte zu weinen
Der Schwarzrock trat näher wurde ein Grünrock und sagte »Herr Graf täuschen
Sie sich keine Minute unsre Bekanntschaft beginnt mit einem gemeinschaftlichen
Verlust« »Mein Schoppe« sagte Albano erschüttert »kennst du mich nicht
mehr« »O wär ich es jetzt Ich heiße Siebenkäs« versetzte der Grünrock und
hob jammernd die Hände in die Höhe »Er liegt aber da in der Kapelle« sagte
der Spanier »ich will alles so wahrhaftig erzählen dass es schön ist Ich
glaube nicht dass der Finstere kommt« Albano warf einen Blick in die Kapelle
und mit einem Schrei des Schmerzens stürzt er darnieder
139 Zykel
Schoppens Geschichte war nach Wehrfritzens und des Oheims Aussagen diese er war
aus dem Notschlummer glühend aufgefahren auf dem schnaubenden Streitross der
Rachsucht gegen den Spanier wurd er fortgerissen Im Gasthofe des letztern wies
ihn der Bediente mit einer Lüge nach dem Schloss Hier gelangt er im
verworrenen Getümmel um den leidenden Fürsten ungefragt ungesehen in das
Spiegelzimmer wo er einmal die Gräfin Linda um Idoinens Friedenswort für den
wahnsinnigen Freund gebeten hatte Als der ZylinderSpiegel der die langen
Jahre des Alters auf das junge Gesicht gräbt und Moos und Schutt der Zeit darauf
schüttet ihm sein Bild vermooset und verraset entgegen warf sagt er »Ho ho
der alte Ich steckt wo in der Nähe« und schaute grimmig umher
Aus den Spiegeln der Spiegel sah er ein IchsVolk blicken Er sprang auf
einen Stuhl um einen langen Spiegel loszumachen Indem er den Nagel desselben
rückte schlug in der Wand eine Uhr zwölfmal Hier fiel ihm die Weissagung
Gaspards ein die sein Freund ihm anvertraut hatte und alle Regeln die diesem
zur Lösung der Rätsel vorgeschrieben waren In der Weissagung war zwar die Rede
von einem Bilderkabinette aber ein Spiegelzimmer ist auch eines nur flüssiger
und tiefer hinter der Wand
Er nahm folgsam den von Gaspard gegebnen Regeln den Spiegel herab fand
und öffnete die Tapetentür in der Größe des Spiegels die hölzerne weibliche
Gestalt mit dem offenen Souvenir in der Linken und dem Crayon in der Rechten saß
darhinter er drückte nach der Vorschrift den Ring am linken Mittelfinger
die Gestalt stand innen rollend auf trat in das Zimmer hinaus hielt an der
entgegengesetzten Wand still zeichnete daran mit dem Crayon in der Hand eine
Linie herab er zog die Wandleiste auf das Perspektiv und der wächserne
Abdruck des Sargschlüssels lagen in einem Fach darhinter Jetzt drückt er den
Ringfinger die Figur setzte den Crayon aufs Souvenir und schrieb »Sohn gehe
in die Fürstengruft in der Blumenbühler Kirche und öffne den Sarg der Fürstin
Eleonore so findest du die schwarze Stufe«
Wenn das geschehen hatte der Ritter zu Albano gesagt und die Marmorstufe
doch nicht im Sarge gefunden sei so soll er den dritten Ring am Ohrfinger
drücken worauf etwas geschehe was er selber nicht vorauswisse Schoppe
versuchte vorher eh er in die Blumenbühler Kirche ging den Druck dieses
Fingers die Figur blieb stehen aber innen fing es zu rollen an die Arme
dehnten sich aus und fielen ab Räder rollten heraus endlich zerlegte sich
die ganze Gestalt durch einen mechanischen Selbstmord und ein alter Kopf von
Wachs erschien
Hier ging Schoppe davon um nach Blumenbühl zu laufen und aus der Gruft die
Leuchte für dieses Nachtstück zu holen Eben waren mittags Kirche und Gruft
vielleicht weil man dem neuen sterbenden HöhlenGast Raum vorbereitete offen
gelassen Ohne erst den wächsernen Schlüssel in einen eisernen zu verwandeln
erbrach er ungestüm mit einem Arbeitseisen den Sarg und holte die Marmorstufe
und Albanos Porträt schnell heraus Er zerschlug jene hinter einem Busch Als er
die Aufschrift las untersucht er nicht weiter er eilte in Albanos Haus um
alles zu übergeben Beide aber suchten sich wechselseitig umsonst Indes traf er
den rechtschaffenen Wehrfritz an durch welchen allein er eine so wichtige Beute
abschicken konnte er selber war jetzt dem Todfeinde dem Spanier auf der Spur
und keine Gewalt konnt ihn aus der zornigen Jagdbahn treiben
Bei Sonnenuntergang erblickte Schoppe den Spanier der aus dem
Prinzengarten dem Ebenbilde Siebenkäs entfliehend ihm in die Hände gelaufen
kam Er erstarrte vor des Wahnsinnigen Anblick rief »Herr und Gott seid Ihr
hinter mir und vor mir seid Ihr rot und grün« und stürzte seitwärts in die
alte Kreuzkapelle hinein um die heilige Jungfrau kniend anzurufen Schoppe
spannte seine Kontursschwingen aus schoss hinzu und schlug sie vor der Kapelle
zusammen »Dreh dich um Spaniard ich fresse dich von vorne« sagte er
»Heilige Mutter Gottes hilf mir guter böser Geist steh mir bei o
Finsterer« betete der Kahlkopf »Rutsche herum Spitzbube ohne weitern
Spaß« sagte Schoppe indem er mit dem gezognen Stockdegen in der Luft von
hinten ein Hufeisen vor dessen Gesicht beschrieb Er drehte sich elend auf den
Knien herum und der Kopf hing schlaff vom Halse herab Schoppe fing an »Nun
hab ich dich Missetäter du betest mich ohne Nutzen auf den Knien an ich
habe das Richtschwert toll bin ich auch in wenigen Minuten wenn wir uns
ausgesprochen haben stech ich gegenwärtigen Stockdegen in dich denn ich bin
ein Toller voll fixer Ideen« »Ach Herr« versetzte der Kahlkopf »Ihr seid
gewiss sehr verständig und bei Verstand und bei sich ich bitte zu leben es ist
so große Todsünde das Totmachen« Schoppe versetzte »Von meinem Verstande
ein andermal In effigie hab ich dich schon erschossen nun will ich die
Todsünde und den Gewissensbiss nicht umsonst herumtragen sondern mich in natura
dazutun du SeelenHenker du HerzTrepan«
»Schoppe Schoppe« rief es jetzt einigemal von fernen mit Albanos Stimme
Er sah sich schnell um nichts war zu sehen »Guter Schoppe« fuhr es fort
»lasse meinen Oheim gehen« Jetzt entbrannte Schoppe und hob den Dolch zum
Stich »Du gar zu versteinerter Bauchredner Sollte man nicht gleich ins Zeug
hineinstechen wie in ein blessiertes Pferd Siehst du denn nicht den höllischen
verdammten Mord und Totschlag vor der Nase deinen Pestwagen schon angespannt
das ausgepolsterte Gerippe des Todes in mein Fleisch gesteckt und jetzt die
Sense heben Beichte Spaniard um Jesus willen beichte Fliege eh ich
spiesse steche Etwas präkavierst du dich doch damit vor den Teufeln in der
Hölle bist sonst drüben ein ganz ruinierter Mann«
»Wo sitzt der Pater Ich beichte ja wohl« sagte der Spanier
»Hier steht dein Galgenpater schau die Schur« sagte Schoppe vom gebückten
tonsurierten Kopf den Hut abschüttelnd
»Hört meine Beichte Aber nachts leidet es der Finstere nicht dass ich die
Wahrheit sage er kommt gewiss er holt mich Vater räuchert mich wässert mich
ein gegen den Teufel«
»StiefBeichtsohn und Dieb bin ich dir nicht Beichtpaters und Beichtvaters
genug der dich schon einwässern wird Sage nur Hund alles ich absolviere
dich und schlage dich dann tot zur Pönitenz Sage an du Krönungsmünze des
Teufels bist du nicht der Kahlkopf und der Vater des Todes und der Mönch
zugleich dessen Figur voll Gas in Mola gen Himmel fuhr und hattest
Bauchrednerei und Wachsbilderei und einige Spitzbüberei bei der Hand«
»Ja Vater Bauchrednerie und Wachsbildnerie und den Spitzbuben Aber der
böse Geist war überall dabei ich sagte oft nichts und es wurde doch gesagt
und die Gestalten liefen«
»Mordian« sagte Schoppe darüber ergrimmt »fass den Hund Noch lügst du
du Kloak ins Paradies gegraben noch ins Ohr der großen Parze hinein du
mimische Mumie dein Totenkopf ohne Lippe und Zunge regt sich noch zur Lüge O
Gott was sind deine Menschen«
»O Pater nicht Lügen Aber der Finstere will sie nachts ich habe einen
Bund mit ihm angestiftet Ich hab ihn heute abends gesehen er sah wie Ihr aus
und grün O Maria o Pater ich habe die Wahrheit gesagt dort kommt er grün o
Pater o Maria und hat Eure Gestalt und ein feuriges Auge in der Hand «
»Niemand hat meine Gestalt« sagte Schoppe erschüttert »als der Ich«
»O umguck Der böse Geist kommt zu mir absolviere stich ich will
wegsterben«
Schoppe schaute sich endlich um Der schreitende Abguss seiner Gestalt
bewegte sich her das Feuerauge in der Hand stieg in das Gesicht die
IchsLarve war grün gekleidet »Böser Geist ich bin doch in der Ohrenbeichte
du kannst nicht her ich bin heilig« rief der Spanier und fasste Schoppen Ihn
fasste der Hund Schoppe starrte die grüne Gestalt an der Degen entfiel ihm
»Mein Schoppe« rief sie »ich suche dich kennst du mich nicht«
»Lange genug Du bist der alte Ich nur her mit deinem Gesicht an meins und
mache das dumme Sein kalt« rief Schoppe mit letzter MannesKraft »Ich bin
Siebenkäs« sagte das Ebenbild zärtlich und trat ganz nahe »Ich auch Ich
gleich Ich« sagt er noch leise aber dann brach der überwältigte Mensch
zusammen und dieser reinigende Sturm wurde ein seufzendes stilles Lüftchen
Mit weiß werdendem Gesicht krampfhaft sich selber die starren Augen zuziehend
stürzte er um die spielenden Finger schienen den Hund noch anzulocken und die
Lippen wollten sich zu einem Spottwort spitzen das sie nicht sagten Sein
Freund Siebenkäs der nichts erraten konnte hob weinend die kalte
festgeschlossene Hand an sein Herz an seinen Mund und rief »Bruder blick auf
dein alter Freund aus Vaduz steht ja neben dir und sieht dich in der Todesnot
er sagt dir tausend Lebewohl Lebewohl«
Das schien durch die dem Leben noch offenen Ohren ins brechende Herz noch
süße Töne der alten lieben Zeit und heitere Träume der ewigen Liebe zu führen
der Mund fing ein kleines Lächeln an von Lust und Tod zugleich gezogen die
breite Brust stieg noch einmal voll auf zu einem frohen Seufzer es war der
letzte des Lebens und lächelnd blieb der Verstorbne auf der Erde zurück
Nun hast du hienieden geendigt strenger fester Geist und in das letzte
AbendGewitter auf deiner Brust quoll noch eine sanfte spielende Sonne und
füllte es mit Rosen und Gold Die Erdkugel und alles Irdische woraus die
flüchtigen Welten sich formen war dir ja viel zu klein und leicht Denn etwas
Höheres als das Leben suchtest du hinter dem Leben nicht dein Ich keinen
Sterblichen nicht einen Unsterblichen sondern den Ewigen den AllErsten den
Gott Das hiesige Scheinen war dir so gleichgültig das böse wie das gute
Nun ruhst du im rechten Sein der Tod hat vom dunkeln Herzen die ganze schwüle
LebensWolke weg gezogen und das ewige Licht steht unbedeckt das du so lange
suchtest und du sein Strahl wohnst wieder im Feuer
Fünfunddreissigste Jobelperiode
Siebenkäs Beichte des Oheims Brief von Albanos Mutter das Kron Rennen
Echo und Schwanengesang der Geschichte
140 Zykel
Lange lag Albano im einsamen finsteren Abgrund bis endlich Licht die Schlucht
und die grüne Höhe erleuchtete von welcher er herunterstürzte Das sonst
lebensfärbige männliche Gesicht des Freundes lag weiß vor ihm der rote Mantel
erhöhte noch den Leichenschnee Der Hund lag mit dem Kopfe auf der Brust als
woll er sie wärmen und schützen Als Albano den nackten Degen sah blickte er
im Kreise umher schauderte vor dem kalten Oheim vor dem lebendigen Bruderbild
des Toten und vor dem ersten Argwohn zwischen fremdem und Selbstmord und fragte
leise »Wie starb er« »Durch mich« sagte Siebenkäs »an unserer
Ähnlichkeit er glaubte sich zu sehen wie dieser Herr hier versichert« Der
Oheim erzählte einige Punkte Albano kehrte Ohr und Auge von ihm ab aber in den
warmen Widerschein der befreundeten Gestalt senkt er den Blick dem das
Tageslicht der Freundschaft untergegangen war Siebenkäs schien sich in einer
seltenen männlichen Haltung zu behaupten Auch Albano der jüngere Freund
verbarg seinen Jammer dass er so viel verloren und dass nun sein WaisenHerz
ausgesetzt sei wie ein hülfloses Kind in die Wüste des Lebens
Wehrfritz fragte ihn ob er ihm ein Pferd zur Reise in die Stadt noch
schicken solle »Mir Ich jemals mehr in die Stadt« fragte Albano »Nein
guter Vater ich und Schoppe gehen heute in den Prinzengarten« Er entsetzte
sich vor der bloßen schwarzen KirchhofsLandschaft der Stadt wo einmal ein
goldner Sonnenschein und Laubengänge und Himmelspforten voll Blumengewinde für
ihn geblühet hatten O der junge Honig der Liebe der alte Wein der
Freundschaft beide waren ja vom Schicksal in Gräber gegossen
Der Tote wurde in das neue Schloss des Prinzengartens gebracht Nur Albano
und Siebenkäs folgten ihm nach Als sie allein waren sah Albano erst dass der
Freund seines Freundes bebe und wanke und dass bis jetzt nur der Geist den Körper
getragen »Nun wir beide« sagte Albano »dürfen voreinander trauern aber nur
Ihnen glaub ich Gott wie war denn sein Ende« Siebenkäs ließ vor ihm die
letzten Mienen und Laute des Armen vorübergehen »O Gott« sagte Albano »er
starb nicht leicht wenn der Wahnsinn der Monate zu einer Minute wurde reißend
musste der Höllenfluss sein der ein so festes Leben weg riss« Siebenkäs nahm
schwer den Glauben an dessen Wahnsinn an weil der Tote so oft in seinen
schönsten Momenten auf ähnliche Weise verkannt worden aber Albano überwand ihn
endlich Er erzählte weiter dass er auf der Heimreise begriffen gewesen als ihn
die wiederholte Verwechslung seiner Person mit dem Toten auf die Vermutung
geleitet hier müsse sein lang entbehrter Leibgeber wandeln wiewohl er vor der
ersten Erscheinung und Vergleichung sich fast fürchten müssen »Denn Herr
Graf« sagt er »Jahre und Geschäfte juristische vollends ach das Leben
selber ziehen den Menschen immer weiter herab anfangs aus dem Äther in die
Luft dann aus der Luft auf die Erde Wird er mich kennen sagt ich Ich bin
ja nicht mehr der ich war und die physiognomische Ähnlichkeit möchte wohl die
einzige und festeste noch geblieben sein Aber auch diese war vergangen der
Selige sieht noch aus wie vor zehn Jahren O nur eine freie Seele wird nicht
alt Herr Graf ich war sonst ein Mann der einen und den andern Spaß mit dem
Leben trieb und mit dem Tode auch und ich konnte ausrufen Himmel wenn die
Hölle aufging und derlei mehr Ach Leibgeber Leibgeber Die Zeit hat
weiche kleine Wellen aber am Ende wird doch der eckigste schärfste Kiesel
darin glatt und stumpf«
»Zählen Sie mir jede Kleinigkeit seiner Vorzeit« bat Albano »jeden
Tautropfen aus seinem Morgenrote zu er war so karg mit seiner dunkeln
Geschichte« »Und das gegen jeden« sagte der Fremde »So viel will ich
Ihnen einmal aus wahren an Ort und Stelle gesammelten Datis beweisen dass er
ein Holländer ist wie Hemsterhuis und eigentlich Kees heißt wie Vaillants Affe
woran er Sieben oder Seven gesetzt denn Siebenkäs ist sein erster Name Aus der
Amsterdamer Bank bezog er seine Intraden An jedem Neujahrsabend verbrannt er
die Papiere des vorigen Jahrs und wie seine Klavis Leibgeberiana bekannt
geworden begreif ich noch nicht« Darauf erzählte er ihren ersten
NamenWechsel wo Schoppe von ihm den Namen Leibgeber annahm dann jede Stunde
und Tat seines treuen Herzens gegen den vorigen ArmenAdvokaten dann ihren
zweiten Namentausch wo Siebenkäs sich namentlich begraben ließ und als
Leibgeber fortfuhr und ihren ewigen Abschied in einem voigtländischen Dorf
Als Siebenkäs hier stand bei der Erzählung fasste er die kalte Hand mit den
Worten »Schoppe ich dachte ich fände dich erst bei Gott« und neigte sich
weinend über den Toten Albano ließ seine Tränen stürzen und nahm die zweite
tote Hand und sagte »Wir fassen treue reine tapfere Hände« »Treue reine
tapfere« wiederholte Siebenkäs und sagte mit einem Schoppischen Lächeln »Sein
Hund sieht zu und bezeugt es einmal« Aber er wurde von der Bewegung blass und
sah jetzt ganz wie der 30 Tote aus Da berührten er und Albano sinkend sich auf
dem kalten Gesicht und Albano sagte »Sei auch mein Freund Lebendiger wir
können uns lieben weil er uns liebte Blasser deine Gestalt sei das Siegel
meiner Liebe gegen deinen alten Freund«
Albano riss jetzt das Fenster auf und zeigte ihm ein Grab in Osten und eines
in Süden neben dem offenen dritten in der Nacht und sagte »So weint ich dreimal
über das Leben« Siebenkäs drückt ihm die Hand und sagte bloß »Die Parzen
und Furien ziehen auch mit verbundnen Händen um das Leben wie die Grazien und
die Sirenen« Er sah den seltenen schönen feurigen Jüngling mit innigster Liebe
an aber Albano der nur wenig geliebt zu sein voraussetzte und den die
Feuerzeichen eines Dians und Roquairols verwöhnt wußt es nicht wie sehr er
das ruhigere Herz gewonnen hatte
141 Zykel
Am Morgen kehrte mehr Sonne und Kraft in Albanos Brust zurück Er musste nun in
der plattgedrückten Ebene seines Lebens sich den Berg selber vorheben Nur
Pestitz wiederzusehen wo alle Turniergenossen seiner glänzenden Tage
verschwunden waren den einzigen Dian ausgenommen verabscheuete er »hat dieser
sein Grab auf der Brust so zieh ich und scheide von niemand« sagte er
Da langte der verhasste Oheim mit den Wagen voll Zauberstäbe an und sagte
weinerlich er geh ins KartäuserKloster büsse für viele Sünden und er wolle
vorher dem Neffen gern alles erklären sowohl mit Worten als mit den Wagen was
er begehre »Ich glaub Euch nichts« sagte Albano »Jetzt darf ich alle
Wahrheit sagen denn der Finstere tut mir nichts ich denke Cousin« versetzte
der Spanier »ist der da« setzt er leise mit einem scheuen Blick auf
Siebenkäs dazu »nicht der Finstere Cousin« Albano wollte nichts wissen und
hören Siebenkäs fragt ihn wer der Finstere sei »Es sei der unendliche Mann«
begann er »sehr schwarz und finster und sei zum erstenmal vor ihn geschritten
über das Meer her als er an der Küste stand vor einem Nebel nachts hab er
ihn oft rufen hören und zuweilen hab er seine Bauchreden wiederholt er sei
ihm sogleich erschienen mit einer Hand voll Drohungen sobald er nach
Sonnenuntergang viele Wahrheiten gesagt daher hab er sich in der Kreuzkapelle
vor dem gegenwärtigen Herrn sehr gefürchtet aber jetzt seitdem er sich ohne
allen Schaden in der Kapelle bekehret habe sag er den ganzen Tag Wahrheiten
und im KartäuserKloster gedenk ers noch mehr«
»In Klöstern wohnen sie sonst eben nicht daher wird glaub ich eben das
Gelübde des Schweigens gefodert das immer der Wahrheit zuträglicher ist als
dessen Bruch« versetzte Siebenkäs »O Ketzer Ketzer« rief der Spanier so
unerwartet zornig dass Albano durch diese Menschlichkeit auf einmal von dessen
jetziger Wahrhaftigkeit Pfänder bekam so wie von dessen engerm GeistesUmfang
Nun erst fragt er ihn über die Erde und den Samen aus die er bisher gebraucht
um seine schnellen Wunderblumen vorzutreiben
Er ließ auf diese Frage einen Kasten herauftragen »Fragt« sagt er »Wie
stieg aus dem Lago maggiore Romeiros Gestalt« sagte Albano Der Oheim schloss
auf zeigte eine Wachsfigur und sagte »Es war nur ihre Mutter« Albano
schauderte vor dieser nahen Nebensonne seiner untergegangnen Sonne und vor der
Vermutung der Verwandtschaft die ihm Schoppe eingeflösset »Bin ich ihr
verwandt« fragt er schnell Der Oheim versetzte bestürzt »Es wird wohl anders
sein« Albano fragte nach dem himmelfahrenden Mönch in Mola »er oben mit Gas
gefüllt ich unten an der Mauer stand« sagte der Oheim Albano wollte nichts
weiter wissen im Kasten waren noch Hör und Sprachröhre eine Gesichtshaut
blaues Glas durch welches die Landschaften beschneiet erscheinen seidene
Blumen mit Pulver von einem endormeur usw Albano wollte nichts mehr sehen
»Böses Wesen wer stiftete dich dazu an« fragte Albano »Der starke
Bruder« sagte der Oheim denn so nannte er den Ritter gewöhnlich »er gab mir
zu leben und er wollte mich totschiessen denn er lacht sehr wenn die Menschen
sehr hübsch betrogen werden« »O keinen Laut darüber« rief Albano peinlich
dem der Zorn gegen den Ritter alle Adern mit TränenFeuer und Gift aussprützte
»Unglücklicher wie wurdest du der« »So Bin ich unglücklich« fragt er
eiskalt Er berichtete aber abgebrochen und verworren welches ihm in jeder
Sprache in seiner eignen Rolle begegnete indes er in fremdem Namen zB des
Kahlkopfs gut und lange sprechen konnte er habe ein schwarzgraues und ein
blaues Auge seit der Mannbarkeit einen verborgenen Kahlkopf und ein besonderes
Gedächtnis und habe daher Schauspieler werden wollen weil er nichts zu tun
gehabt denn er sei nie verliebt gewesen aber solang er nicht improvisiert
sei es nicht gegangen Den Joseph Klark der alle Verwachsene nachmachen
können und den Betrüger Price der in dreifacher Person herumgegangen hab er
immer im Sinne gehabt Da sei ihm der Finstere abends wieder in einem Nebel des
Ufers über dem Wasser entgegengetreten und habe wie aus dem Bauche gemurmelt
»Peppo Peppo214 schluck das wahre Wort zurück ich will das andere schon
aussprechen« Und von dieser Stunde an hab er die Bauchsprache gekonnt Er
habe damit Tote und Stumme und Sprachmaschinen und Papageien und Schlafende und
fremde Leute ins Theater gut reden lassen aber niemand in der Kirche und das
hab ihn wohl ergötzt Ein unaufhörliches Echo hab er oft auf Felsen gegeben
so dass die Menschen gar nicht wussten wenn sie fortgehen sollten Er habe auch
einmal ein ganzes Schlachtfeld voll Toter untereinander reden lassen in allen
Sprachen zum Erstaunen des alten Generals
»Wo war das« fragte Siebenkäs Der Spanier kam zu sich und versetzte
»Ich weiß es nicht ist es denn wahr Omnes homines sunt mendaces sagt die
heilige Schrift« »So wenig wahr« sagte Albano »als Euer finsterer Geist«
»O Maria nein« sagt er entschieden »wenn ich etwas weissagte so macht er
ja dass es doch eintraf dann erschien er mir und sagte siehst du Peppo aber
sage nur keine Wahrheit Und in der Nacht da ich neben Euch nach Lilar
ging ging er unten im Tale als ein Mensch durch die Luft hin« »Das sah ich
auch« sagte Albano »er schwebte weiter ohne sich zu regen« »Das war bloß
einer« sagte Siebenkäs lächelnd »der in einem fortschwimmenden Kahne mit
versteckten Beinen stand und nichts weiter« Da blickte der Spanier dieses
Ebenbild der Leiche mit dem alten Grausen an womit er es bisher heimlich für
den finsteren Geist selber gehalten murmelte Albano ins Ohr »Sieh dieses Wesen
weiß es« und sagte zur Entschuldigung der Wahrheiten »Die Sonne ist noch nicht
untergegangen« und eilte ohne auf MenschenBitten zu hören deren Kraft ihm nie
bekannt geworden ohne Leid und Freud davon um noch vor Sonnenuntergang ins
nahe KartäuserKloster einzutreten Alles TrugGeräte hatt er stehen lassen
»Ein fürchterlicher Mensch« sagte Siebenkäs »Als er vorhin einmal sich
über etwas freuen wollte sah er aus als greif ihm ein Schmerz über das
Gesicht Und dass er so dünn und hager dasteht und seitab blickt und die Silben
verschluckt Ich weiß gewiss er könnte töten ohne die Miene zu ändern nicht
einmal zum Zorn« »O er ist der finstere Geist den er sieht zitieren Sie
ihn nicht« sagte Albano in eine ganz neue Welt wegeilend die jetzt plötzlich
vor seinen Geist gezogen war
142 Zykel
Er dachte nämlich an das bisher vom Nebel des Schmerzens verdeckte Papier das
Schoppe aus der Fürstengruft geholet und an das Mutterbild das er unter dem
Okularglas hatte finden sollen Eh er anfing zu lesen legt er das Bild unter
dem Glase dem Fremden vor ob ers etwa zufällig kenne »Sehr Es ist die
verstorbene Fürstin Eleonore so weit ein Kupferstich vor dem LandesGesangbuch
Ähnlichkeiten vorauszusetzen verstattet denn sie selber sah ich nie«
Bewegt zog Albano das Papier aus der zerbrochnen Marmorkapsel aber er wurd
es noch mehr da er die Unterschrift »Eleonore« und folgendes in französischer
Sprache las
»Mein Sohn
Heute hab ich dich nach langen Zeiten wiedergesehen215 in deinem B
Blumenbühl mein Herz ist voll Freude und Sorge und dein schönes Bild
schwebet vor meinen weinenden Augen Warum darf ich dich nicht um mich haben und
täglich anblicken Wie ich bin gebunden und geängstigt Aber von jeher
schmiedete ich mir Fesseln und erbat andere mich damit zu binden Höre deine
eigne Geschichte aus dem Munde deiner Mutter an sie wird dir aus einem andern
nicht lieber und wahrhafter kommen
Ich und der Fürst lebten lange in einer unfruchtbaren Ehe welche unserem
Vetter in Hh Haarhaar immer lebhafter mit der Hoffnung der Sukzession
schmeichelte Spät vernichtete sie ihnen dein Bruder L Luigi Man konnte uns
das kaum vergeben Der Graf C Cesara bewahrt die Beweise einiger schwarzen
Handlungen de quelques noirceurs die deinen armen ohnehin schwächlichen
Bruder das Leben kosten sollten Dein Vater war eben mit mir in Rom als wir es
erfuhren Man wird doch endlich über uns siegen sagte dein Vater In Rom
lernten wir den Fürsten di Lauria kennen der seine schöne Tochter dem Grafen
Cesara nicht eher geben wollte bis er Ritter des goldnen VliesOrdens
geworden wäre Der Fürst wirkte ihm diesen Orden am kaiserlichen Hofe aus
Dafür glaubte die Cesara mir sehr dankbar sein zu müssen une femme fort
decidée se repliant sur elle même son individualité exagératrice perça à
travers ses vertus et ses vices et son sexe Wir lernten uns lieben Ihr
romantischer Geist teilte sich dem meinigen mit besonders in dem romantischen
Lande Dazu half mit dass ich und sie uns im rechten Zustande der weiblichen
Schwärmerei zugleich befanden nämlich der Hoffnung zu gebären Sie kam nieder
mit einem wunderschönen ihr ganz ähnlichen Mädchen Severina oder wie man sie
nachher nannte Linda Hier machten wir den seltsamen Vertrag dass wir wenn ich
einen Sohn gebäre austauschen wollten ich konnte ohne Gefahr eine Tochter
erziehen und bei ihr konnte mein Sohn ohne diejenige aufwachsen die deinem
Bruder bei mir schon gedrohet hatte Auch sagte sie ich könne besser eine
Tochter sie einen Sohn leiten da sie ihr Geschlecht wenig achte Der Graf war
es gern zufrieden der Hh Hof hatte ihm kurz vorher die älteste Prinzessin um
die er geworben unter dem spöttischen Vorwande ihrer noch kindischen Jugend
abgeschlagen und er aus Rache beleidigter Ehre und verletzter Eitelkeit denn
er war der schönste Mann und aller Siege gewohnt war zu allen Maßregeln und
Kämpfen gegen den stolzen Hof bereit Nur der Fürst billigte es nicht er fand
eine Erziehung außer Landes usw ganz zweideutig und misslich Aber wir Weiber
verwebten uns eben desto tiefer in unsere romantische Idee
Zwei Tage darauf gebar ich dich und Julienne zugleich Auf diesen reichen
Zufall hatte niemand gerechnet Hier warf sich vieles ganz anders und leichter
sogar Ich behalte sagt ich zur Gräfin meine Tochter du behältst die
deinige über Albano so soll er heißen entscheide der Fürst Dein Vater
erlaubt es dass du zwar als Sohn des Grafen aber unter seinen Augen bei dem
rechtschaffenen W Wehrfritz erzogen würdest Indes traf er Vorkehrungen
deren guten Wert ich damals im phantastischen Rausche der Freundschaft nicht
ganz abzuwägen imstande war Jetzt wunder ich mich nur dass ich damals so mutig
war Die Dokumente deiner Abstammung wurden nicht nur dreimal gemacht ich der
Graf und der Hofprediger Spener wurden in deren Besitz gesetzt sondern später
wurdest du auch dem Kaiser Joseph II als unser Fürstensohn präsentiert und
sein gütiges Blatt das ich einst deinen Geschwistern vertraue entscheidet
allein genug
Der Graf nahm jetzt selber am Geheimnis tätigen Teil indem er sei es aus
Liebe für seine Tochter sei es aus dem Wunsche einer geschärften Rache am Hh
Hofe als Lohn des Anteils verlangte dass einst du und Linda ein Paar werden
möchten Hier trat wieder die Gräfin mit ihren Wundern und Phantasien ein Linda
wird mir gewiss ähnlich an Gemüt wie sie jetzt es ist an Gestalt Gewalt bewegt
sie dann nie aber Magie des Herzens der Feenwelt Reiz des Wunders mag sie
ziehen und schmelzen und binden Ich weiß ihre eignen Worte Ein sonderbarer
Zauberplan wurde dann entworfen dessen Grenzen der Graf durch die Abhängigkeit
worin sein tausendkünstlerischer Bruder sich zu allem dingen ließ noch mehr
erweiterte so wie er den Plan dadurch annehmlicher machte Linda wird lange
vorher eh du dies gelesen dir erschienen ihr Name genannt deine Geburt
geheimnisvoll verkündigt sein Möge möge dein Geist sich in alles wohl
finden und möge das schwere Spiel dir Gewinn auf seinen aufgeschlagnen Blättern
reichen Ich bin bange wie soll ich es nicht sein O welche Nachrichten
hab ich nicht eben aus Italien durch den Grafen empfangen vor denen nun alle
meine Hoffnungen auf meinen Ludwig Luigi auf einmal erlöschen Gesiegt hätte
nun Hh Haarhaar durch den bösen B Bouverot wenn du nicht lebtest Und ich
muss so froh sein dass du diesen giftigen Einflüssen entzogen lebst Ja es
scheint als habe der Graf die Zernichtung deines Bruders absichtlich gern
geschehen lassen um desto stärker mit deiner Auferstehung zu schrecken Doch
will ich ihm nicht unrecht tun Aber wem soll eine Mutter am Hofe vertrauen und
misstrauen Und welche Gefahr ist größer
Drei Jahre lang musstest du des Scheines wegen auf Isola bella mit deiner
scheinbaren Zwillingsschwester Severina obwohl unter den Augen des Fürsten
bleiben indes ich mit Juliennen nach Deutschland zurückging Länger aber durft
es nicht dauern so gern es deine Pflegemutter gesehen hätte du wurdest deinem
Vater zu ähnlich Diese Ähnlichkeit kostete mich manche Träne denn darum
durftest du nie aus B nach P Pestitz solange der Fürst noch Jugendzüge trug
sogar die Porträts seiner Jugendgestalt musst ich darum allmählich wegstehlen
und sie dem treuen Spener zu bewahren geben ja dieser gelehrte Mann sagte mir
dass ein erhobner Spiegel der junge Gesichter zu alten formte beiseite zu
bringen sei weil du sogleich als der alte Fürst daständest wenn du
hineinsähest O da mein guter frommer Fürst in seinen matten Tagen allerlei
unbewusst ausplauderte und mich über das sichere Schicksal des wichtigen
Geheimnisses immer sorglicher machte wie erschrak ich als er einstens am
Morgen zum Glück war nur Spener und eine gewisse Tochter des Ministers v Fr
dabei eine sanfte fromme Seele geradezu und freudig sagte Unser lieber Sohn
Eleonore war gestern nachts oben am Altar er wird gewiss ein frommer Mensch er
kniete und betete schön und ich sagt ihm nur denn ich wollte mich nicht
decouvrieren nach Haus nach Haus mein Freund es donnert schon nahe216 Ich
weiß dass verschiedene über einen natürlichen Sohn des Fürsten schon Winke
fallen ließ
Die Gräfin C Cesara ging nun mit S Severina nach V Valencia ab gab
sich aber vorher den Namen R Romeiro und der Tochter den Namen L Linda
Der Prinz di Lauria musste der Erbschaft wegen mit seiner Einwilligung in dieses
Spiel gezogen werden Durch diesen NamenWechsel konnte alles so dicht
zugehüllet werden als es jetzt noch steht Neun Jahre darauf starb die edle R
Romeiro und der Graf hatte unter dem Vorrecht eines Vormunds die Tochter
allein in seinem Schutze und in seiner Vorsorge
Ich sah sie kurz nach dem Tode der Mutter hier217 entfaltet sich die Blume
ganz aus dieser vollen Knospe so gehört sie als die vollste Rose an dein Herz
Möge nur das Geisterspiel das ich der Gräfin zu leichtsinnig zugeschworen ohne
Unglück vorüber ziehen Sollt ich vor dem Fürsten auf das Sterbebette kommen
so muss ich noch deine Schwester und deinen Bruder in das Geheimnis ziehen um
ganz gesichert meine Augen zu schließen Ach ich werd es nicht erleben dass ich
dich öffentlich als meinen Sohn in meine Arme schließen darf Die Ahnungen
meiner Hinfälligkeit kommen immer häufiger Es gehe dir wohl teueres Kind
Werde fromm und redlich wie dein Vater Gott lenke alle unsere schwachen
Hilfsmittel zum besten
Deine
treue Mutter
Eleonore
N S Noch sehr wichtige Geheimnisse kann ich nicht dem Papier vertrauen
sondern sterbend wird sie mein Mund in das Herz deiner Schwester niederlegen
Leb wohl Leb wohl«
143 Zykel
Albano stand lange sprachlos schaute gen Himmel ließ das Blatt fallen und
faltete die Hände und sagte »Du schickst den Frieden ich soll nicht in den
Krieg wohlan ich habe mein Los« Lebenslust neue Kräfte und Plane Freude am
Throne wo nur die geistige Anstrengung gilt wie auf dem Schlachtfelde mehr die
körperliche die Bilder neuer Eltern und Verhältnisse und Unwille gegen die
Vergangenheit stürmten durcheinander in seinem Geist Er riss sich von seinem
ganzen vorigen Leben los die Seile des bisherigen Totengeläutes waren entzwei
er musste um die Eurydice aus dem Orkus zu gewinnen wie Orpheus das
Zurückschauen auf den vergangenen Weg vermeiden Er enthüllte dem neuen Freunde
alles denn er kämpfe sagt er nunmehr öffentlich auf freier offener Bahn um
sein bisher verstecktes Recht und reise sogleich in die Stadt Unter dem Er
zählen erzürnte ihn das lange gewagte Spiel mit seinen heiligsten Verhältnissen
und Rechten noch mehr und das Misstrauen in seine Kräfte und Waffen gegen die
Feinde denen Luigi unterlag und dieser Bruder selber der ihn bisher in einer
so harten unbrüderlichen Maske umarmen konnte »Wie anders war die treue
Schwester« sagt er »Warum« fuhr er fort »ließ man mich so manchem stolzen
harten Geiste so vielen Dank schuldig werden für mein bloßes Geburtsrecht
Warum traute man nicht meinem Schweigen ebensogut O so musst ich die arme
Tote droben218 verkennen weil sie meinem geoffenbarten Stande in jener
feindlichen Nacht am Altare ihr schönes Herz aufopferte So musst ich durch
Vermutungen und Vorsätze so manche rechte Seele verletzen Wie unschuldig könnt
ich sein ohne dies alles« »Beruhigen Sie sich« sagte Siebenkäs mit feiner
Rüge »die Stärke des Feindes wird zu dem Widerstande geschlagen und von der
Niederlage abgezogen und was wäre ein Sieg auf leerem Schlachtfelde gewesen«
Siebenkäs war vor dem glänzenden Stande und vor dem Feuer der
Leidenschaftlichkeit die er nur in gemeiner nicht in edler Erscheinung kannte
um einige Schritte zurückgetreten die Albano nicht bemerkte weil er sie nicht
voraussetzte So gut es ging suchte Siebenkäs indem dessen innerer Mensch
seine im Grabe des Freundes starr gefrornen Glieder allmählich wieder
aufwickelte den sanften Scherz wiederzugewinnen und in diese Blumenketten den
heftigen Jüngling einzuschliessen »Ich freue mich« sagt er »dass ich der
erste bin der zu Ihrem Geburts und Krönungstage Wünsche bringt die aber alle
in den einzigen gehen dass Sie immer Ihren Taufnamen behaupten mögen denn
Alban ist der bekannte Schutzheilige der Landleute Außer dem haarhaarschen
Prinzen den der Ritter recht mit der Devise seines Ordensstifters Philipp
trifft ante ferit quam flamma micet ist wohl niemand dabei zu bedauern als der
Finanzstempelschneider der jetzt nichts Neues zu schneiden erhält da die Linie
weiterregiert« Er setzte noch leicht hinzu weil er den schweren Wälder und
Wolkentragenden Fels Gaspard nie gesehen »Welches sonderbare Namenspiel das
noch wenige Kavalleros del Tuzone gespielt ist es dass er sich gerade le Cesara
nennt da wie Sie wissen die Spanier sich wie die alten Römer oft die Namen
von ihren Taten und Begegnissen zuteilen So ists aus den Pièces interessantes
T I überall bekannt dass zB Orendayn sich den Namen la Pas zuerkannte weil
er 1725 den Frieden zwischen Österreich und Spanien unterschrieben mit einem
dritten Namen Transport Réal tauft er sich ein um es zu behalten und zu
bemerken dass er den Infanten nach Italien abgeführt Cesara ist wohl freilich
mehr Zufall«
Albano wurde durch solche geistige Ähnlichkeiten mit dem freien Schoppe erst
recht seinem Herzen zugezogen Er nahm Abschied von ihm und sagte »Freund
unsers Freundes wollen wir beisammen bleiben« »Wahrlich der Zweifel an der
Entscheidung Ihres Schicksals Prinz« versetzte Siebenkäs »wäre allein dafür
entscheidend wenn nur mein Herz allein entschiede aber « Albano zuckte die
Achseln wie entrüstet schwieg aber »Solange bleib ich indes hier« fuhr
jener sanfter fort »bis der Hügel auf dem Seligen liegt dann steck ich das
hölzerne schwarze Kreuz auf ihn und schreibe alle seine Namen daran« »Wohl
So werd es« sagte Albano »Aber seinen Hund nehm ich weil er mich länger
kennt Ich bin ein junger Mensch noch jung an verlorenen Jahren aber schon sehr
alt an verlorenen Zeiten und verstehe so gut wie mancher den die Zeit bückt
was Menschen Verlieren ist Sonderbar ists dass ich immer auf Gräbern Spiegel
finde worin die Toten wieder lebendig gehen und blicken So fand ich auf
Lianens Grabe ihr lebendiges Bild und Echo meinen alten liegenden Schoppe fand
ich wie Sie wissen auch hinter einem Spiegelglas aufrecht und rege durch das
meine Hand ebensowenig durchkann Ich versichere Sie sogar meine Eltern werden
mir vorgespiegelt meinen Vater kann ich in einem Zylinderspiegel und meine
Mutter durch ein Objektivglas sehen Hier ist nun nichts zu tun wenn man in
einer Nacht steht wo alle Sterne des Lebens hinunterziehen als sehr fest darin
zu stehen Aber zu meinem alten Humoristen muss ich noch Addio sagen«
Er ging ins Leichenzimmer Schweigend folgt ihm Siebenkäs betroffen über
die ungewöhnliche Laune der Schmerzen Mit trocknen Augen zog Albano das weiße
Tuch von dem ernsten Gesicht dessen feste Augenbraunen sich zu keinem Scherze
mehr zogen und das eisern hinschlief ohne Zeit Der Hund schien den kalten
Menschen zu scheuen Albano suchte durch scharfe heftige trockne Blicke das
Totengesicht bis auf jede Falte tief abzudrücken in sein Gehirn wie in Gips
zumal da ihm der lebendigste Abdruck der Freund entging Dann hob er sich die
schwere Hand auf die Stirn die den Fürstenhut tragen sollte gleichsam um sie
damit zu segnen und einzuweihen Endlich bückt er sich auf das Gesicht nieder
und lag lange auf dem kalten und aber als er sich spät aufrichtete weinten
seine Augen und sein ganzes Herz und er reichte dem Zuschauer bebend die Hand
und sagte »Nun so lebe du auch wohl« »Nein« rief Siebenkäs »ich kann das
nicht wenn ich gehe Schoppe ich bleibe bei deinem Albano«
Da kamen Wehrfritz und Augusti und unterbrachen die weinende Feier der
dreifachen Liebe durch heitere Mienen und Worte
144 Zykel
Der alte Pflegevater nannte ihn zwar Prinz und nicht mehr Du aber in
landeskindlicher Entzückung drückte er sich den Pflegling seines Hauses innig
ans Herz Augusti übergab ihm mit ernster Höflichkeit und kurzem Glückwunsch
folgendes Schreiben von Julienne
»Liebster Bruder Nun kann ich dich erst recht Bruder nennen Ich hab in
einem Auge Trauertränen und doch im andern frohe da nun alle Wolken von deiner
Geburt genommen sind und in Haarhaar auch alles ziemlich gut geht Der Lektor
ist abgeschickt dir alles zu erzählen wo hätt ich Zeit Auch von Herrn von
Bouverot soll er dir sagen dessen rote Nase und aufgebognes Kinn und geizige
Grausamkeit gegen seine wenigen Leute und vielen Gläubiger und dessen Grobheit
und Weichlichkeit und trockne Bosheit ich dermaßen hasse Inzwischen wird er
jetzt durch deine Erscheinung so recht bestraft Freilich alles ist wie ich in
Unordnung und Bestürzung Ludwigs Testament wurde diesen Morgen nach seinem
Willen eröffnet und er gab dir dein ganzes Recht Ich will nicht über diesen
Bruder mitten unter dem Weinen zürnen er war eigentlich hart gegen seine zwei
Geschwister gegen mich sehr auch denn er hasste alle Weiber bis zu seiner
Frau die nur etwas taugt wenns ihr gut geht und die Kunstwerke selber
härteten ihn ordentlich ab gegen die Menschen Aber er ruh in seinem Frieden
ach den er wohl wenig gefunden Diesen Abend muss er schon wegen seiner Krankheit
und wegen des langen Wegs nach Blumenbühl voraus beerdigt werden Da bin ich nun
bei deinen Pflegeeltern in der Nähe unserer eingeschlossenen Eltern Deswegen
komm unabänderlich Du bist allein mein Trost in der trüben Nacht ich muss dich
wieder am Herzen halten das sehr an dir klopfen will und weinen und reden wenn
es nur darf Nur komme Nunmehr wird doch Gott da alles im Tanzsaal zu den
Reigen bereit steht keine kalte Gespenster und entsetzliche Larven
hineindringen lassen Ich bete Ach nur deinetwegen bin ich so froh und ich
weine genug
Julie«
Kaum hatte Albano dem Pflegevater das erfreuliche Versprechen diesen Abend in
seinem Hause zu sein gegeben als dieser ohne weiteres davoneilte um die
Seinigen auf die Freude des zwiefachen Besuches vorzubereiten
Der Lektor wurde um seine Nachrichten gebeten mit welchen er bedenklich
über Siebenkäs zu zögern schien bis Albano bat ihm und seinem neuen Freund
frei alles mitzuteilen Seine Erzählung war bis auf einige Einschaltungen die
Albano später zukamen diese
Bouverot bei welchem er auf Fragen des neugierig gemachten Albano anfing
war bisher in verborgner Verbindung mit dem haarhaarschen erbsüchtigen Prinzen
gewesen und hatte in entschiedener Berechnung durch diesen das längste Glück
und sogar eine unerwartete Heirat zu machen auf dessen Wort hin sein mit
Ehelosigkeit und Einkünften zugleich verknüpftes Ordenskreuz eines DeutschHerrn
abgehangen und an die Schwester dieses Prinzen an Idoine durch diesen selber
der ihm für die Aufhebung ihres ähnlichen Gelübdes219 stand ein Miniaturbild
von ihr das er im Fluge gestohlen haben wollte samt einem halben
Bilderkabinett und mit vielen feinen Anspielungen auf seinen WahlNamen Zefisio
als eines römischen Arkadiers und auf den Namen ihres Arkadiens übergehen
lassen »Oh la différence de cet homme au diable comme estelle petite« sagte
ganz ungewöhnlichheftig Augusti Albano musste fragen warum »ein ganz anderes
Bild gab er für der Prinzessin ihres aus« sagte der Lektor Mitin wars Lianens
ihres schloss Albano und hatte leicht durch wenige Fragen jene traurige
Geschichte von der blinden vom Tiger Bouverot gejagten Liane erforscht
»O ich Unglücklicher« rief Albano halb in Grimm und halb in Schmerz Die
Leiden taten ihm weh womit das heilige Herz die kurze reine karge Liebe gegen
ihn bezahlen müssen die zum erstenmal blind wurde weil sie seinen Vater so
liebte220 und zum zweitenmal weil sie der Sohn verkannte und liebte Aber er
bezwang sich und sprach nicht darüber die Vergangenheit war ihm wie Bienen das
Echo schädlich Siebenkäs bezeugte seine Freude über Bouverots Bestrafung durch
das Fehlschlagen aller Plane
Albano hörte dass auch Luigi die ehelichen Absichten Bouverots zu
unterstützen den Schein angenommen bloß um ihn desto höher herabfallen zu
sehen »Mit welch einer bitteren kalten langen Schadenfreude« dachte Albano
»konnte mein Bruder in der Hoffnung auf die Grube die sein Tod dem feindlichen
Hofe und dessen Anhängern graben würde allen ihren Erwartungen zusehen und alle
ihre Maßregeln von der Ehe der Fürstin an bis auf die Glückwünsche dazu
freundlich aufnehmen indes er die Fürstin und alles hasste Und wie konnt er
diese lebenslange schweigende Kälte gegen mich behaupten« Aber Albano
bedachte zwei nahe Ursachen nicht sein eigenes stolzes Benehmen gegen den
Fürsten und den gewöhnlichen Fürstengeiz der sich vor ApanagenGeldern scheue
Gaspards Verhandlungen in Haarhaar welche der Lektor nur mit einigen von
Juliennen anbefohlnen Auslassungen gab waren diese
Mit eigener Lust und Stille sah der Ritter von jeher den Einwirrungen der
menschlichen Verhältnisse zu und gab sie ihrer eignen Auflösung und Zerreissung
hin Hier ließ er alle fremde Träume immer lebendiger und wilder werden bis er
mit einem Griff an die Brust sie alle dem Schläfer wegraffte Der alte Zorn über
die stolze Verweigerung der Fürstenbraut wurde befriedigt da er ihnen unter dem
schimmernden Triumphtore ihrer Wünsche und Arbeiten die Dokumente über Albanos
Geburt von der Hand des alten Fürsten an bis auf die des Bruders Luigi als
ebenso viele bewaffnete Wachen zeigen konnte die sie aus dem Siegestore wieder
rückwärts trieben Man erstaunte mitleidig ging auf nichts ein Albano war
weder dem Lande noch Reiche vorgestellt Gaspard trug sehr ruhig eine frühe
Anerkennung von Joseph II nach Auch dieses wurde außer der Regel und als
ungültig gefunden Darauf gestand er mit dem entschlossenen Zorn mit dessen
Blitzfunken er so oft plötzlich Menschen und Verhältnisse durchbohrte dass er
ohne weiteres das ganze Betragen des Hofs gegen Luigis achtes Jahr und dessen
ReiseJahre allen Höfen entschleiern werde
Hier brach man erschrocken die vormittägigen Unterhandlungen ab um sich zu
neuen nachmittägigen zu rüsten In diesen welche der Lektor Albano zu
verheimlichen beordert war wurde von weitem der Wunsch eines fortdauernden
nähern Bandes zwischen beiden Häusern gezeigt Unter dem Bande wurde Idoine
verstanden deren Ähnlichkeit mit Lianen und dadurch Albanos Liebe gegen
letztere längst als Anekdote bekannt gewesen Aber Gaspards ganzem Entwurfe
seiner vollständigen Genugtuung stand dieser eingemischte schuldlose Engel
entgegen er der mit seinem hohen zackigen Geweih doch leicht durch das
verworrene niedrige Gezweig des Weltlebens flog stieß gegen die Schranke
seiner Vollmacht an sagte geradezu Nein und man brach entrüstet ab mit der
höflichen Erinnerung dass Herr v Hafenreffer als Bevollmächtigter ihn begleiten
und in Pestitz das übrige verhandeln solle
So kamen beide an Hafenreffer ebenso fein und kalt als redlich erforschte
leicht alle Verhältnisse der Wahrheit Gaspard teilte Juliennen noch im Wahne
ihrer alten Liebe gegen seine Tochter Linda den Wunsch des fremden Hofes mit
aber er wurde bestürzt über ihre Eröffnungen welche so sehr für Idoine sprachen
als ihre bisherigen geheimen Einwirkungen auf Albano Dazu entrüstete sie ihn
noch im verworrenen Helldunkel ihres Zustandes durch den gutgemeinten Antrag
ihm seine väterlichen Auslagen für Albano einigermaßen zu erstatten »Der
Spanier lieset keine Haushaltungsrechnungen er bezahlt sie bloß« sagt er und
nahm empfindlich Abschied auf immer um alle Inseln der Erde zu bereisen Albano
wollt er nicht mehr sehen aus Verdruss über den Zufall dass ihm durch Schoppens
Kirchen und Gräberraub das Vergnügen entwendet war Albano durch die
Entdeckung dass er nur Lindas Vater und nicht seiner sei für kühne Zweifel an
seinem Werte zu strafen und zu demütigen Wohin Linda noch in jener Nacht seiner
Entdeckung als Vater gegangen war verbarg er allen kalt
Darauf nahm er auch feierlichen Abschied von seiner vorigen Braut der
fürstlichen Witwe »Er halte es für Pflicht« sagte er ihr »ihr die neueste
Erbfolge zu hinterbringen da er einiger maßen sich selber sehr in den Gang der
Sache habe verflechten lassen« Nie war ihr Blick stolzer und giftiger »Sie
scheinen« sagte sie gefasst »in mehr als einen Irrtum verleitet zu sein Wenn
es Sie so interessiert wie Sie sich denn überhaupt für dieses Land zu
interessieren scheinen so mach ich mir eine Freude daraus Ihnen zu sagen dass
ich das Glück bekannt zu machen nicht mehr anstehen darf dem ich nun gewiss
entgegensehe dem Lande vielleicht durch einen Sohn ihres geliebten verstorbnen
Fürsten jede Veränderung zu ersparen Wenigstens darf man vor der Entscheidung
der Zeit keine fremde Einmischung dulden« Gaspard über das Erwartete erzürnt
versetzte darauf bloß ein unendlichfreches Wort weil er leichter Geschlecht
als Stand zu vergessen und zu verletzen vermochte und nahm darauf von ihr seinen
höflichen Abschied mit der Versicherung dass er gewiss sei die Bestätigung
dieser sonst so angenehmen Nachricht wo er auch sein werde zu erhalten und dass
es ihm dann leid tun gerichtliche Papiere entgegensetzen zu müssen die er
ungern in Umlauf bringe »Sie sind ein wahrer Teufel« sagte die Fürstin außer
sich »Visàvis dun ange Mais pourquoi non« versetzt er und schied mit den
alten Zeremonien
Albano dessen Herz in allen diesen Tiefen und Abgründen die nackten
verletzten Wurzeln und Fibern hatte konnte nichts sagen Aber sein Freund
Siebenkäs äußerte ohne weiteres »dass Gaspard bei jedem Schritte und mit dem
ewigen feinen Wanken und Zögern wie zB über die Heirat seiner Tochter und
sonst nichts dargestellt habe als den lebendigen Spanier wie ihn Gundling im
1 Teil seiner Otia so gut schildere« Augusti verwunderte sich über diese
Offenheit indes erschien sie ihm leidlicher und zierlicher als Schoppens raue
»Was mich am meisten frappieren würde« setzte Siebenkäs dazu der wie es
schien die Weltgeschichte zum Nebenfach genommen »wäre das lange
Verschwiegenbleiben einer so wichtigen Abstammung unter so vielen Teilhabern des
Geheimnisses wenn ich nicht zu wohl aus Hume wüsste dass die PulverVerschwörung
unter Karl I über ganze anderthalb Jahre von mehr als zwanzig Mitwissern wäre
verborgen gehalten worden«
Viel verwundet und durch sich gereinigt ging Albano nach diesen Erzählungen
nachmittags ab ins zwieträchtige Reich aber mit heiterer heiliger Kühnheit Er
war sich höherer Zwecke und Kräfte bewusst als alle harten Seelen ihm streitig
machen wollten aus dem hellen freien Äterkreise des ewigen Guten ließ er sich
nicht herabziehen in die schmutzige Landenge des gemeinen Seins ein höheres
Reich als was ein metallener Zepter regiert eines das der Mensch erst
erschafft um es zu beherrschen tat sich ihm auf im kleinen und in jedem
Ländchen war etwas Großes nicht die Volksmenge sondern das Volksglück
höchste Gerechtigkeit war sein Entschluss und Beförderung alter Feinde besonders
des verständigen Froulay So sprang er nun zuversichtsvoll aus seinem
bisherigen schmalen nur von fremden Händen getriebnen Fahrzeug auf eine freie
Erde hinaus wo er allein ohne fremde Ruder sich bewegen kann und statt des
leeren kahlen WasserWeges ein festes blühendes Land und Ziel antrifft Und
mit diesem Trost schied er von dem toten Schoppe und dem lebendigen Freund
145 Zykel
In der Dämmerung kam er auf dem Berge an wo er die Stadt die der Zirkus und
die Bühne seiner Kräfte werden sollte überschauen konnte aber mit andern Augen
als sonst Er gehört nun einer deutschen Heimat an die Menschen um ihn sind
seine Landesverwandte die ahnenden Ideale die er sich einst bei der Krönung
seines Bruders von den warmen Strahlen entwarf womit ein Fürst als ein Gestirn
Länder beleuchten und befruchten kann waren jetzt in seine Hände zur Erfüllung
gelegt sein frommer von LandesEnkeln noch gesegneter Vater zeigte ihm die
reine Sonnenbahn seiner FürstenPflicht nur Taten geben dem Leben Stärke nur
Maß ihm Reiz Er dachte an die um ihn her in Gräber gelegten eingesunknen
Menschen zwar hart und unfruchtbar wie Felsen aber auch hoch wie Felsen an
die vom Schicksal geopferten Menschen welche die Milchstrasse der Unendlichkeit
und den Regenbogen der Phantasie zum Bogen ihrer Hand gebrauchen wollten ohne
je eine Sehne darüberziehen zu können »Warum ging ich denn nicht auch unter
wie jene die ich achtete Wallete in mir nicht auch jener Schaum des Übermasses
und überzog die Klarheit«
Das Schicksal trieb jetzt wieder Spiele der Wiederholung mit ihm ein
flammender Wagen rollte auf einem seitwärts vom Prinzengarten ablaufenden Wege
davon langsam rückte der Leichenwagen des Bruders mit seinen Totenlichtern den
Blumenbühler Berg hinan »Den langsamen Wagen kenn ich wer ist der schnelle«
fragte Albano den Lektor »Herr von Cesara hat uns verlassen« versetzt er
Albano schwieg aber er empfand den letzten Schmerz den ihm der Ritter geben
wollte Er bat den Lektor sehr ihn allein den Weg nach Blumenbühl gehen zu
lassen weil er lauter Umwege nehme
Er wollte im Tartarus das Grabmal des VaterHerzens ohne Brust besuchen Als
er durch die lärmvolle Vorstadt ging sah ihn ein alter Mann lange starr an
floh plötzlich mit Schrecken davon und rief einer Frau die ihm begegnete zu
»Der Alte geht um« Der Mann war in der Jugend ein Bedienter des alten Fürsten
gewesen war blind und vor kurzem wieder heil geworden darum sah er den
ähnlichen Sohn für den Vater an In der Stadt war die gewöhnliche Volksfreude
über Wechsel laut In einem Hause war ein Kinderball in einem andern eine
Treppe von Sprichwörterspielern indes die Landtrauer jeden Tanzsaal und jede
Bühne verschloss Aus Roquairols Stube sahen fremde lustige Musensöhne heraus Im
Wirtshause des Spaniers hatte ein Knabe die Dohle an einem Faden Einige Leute
hört er im Vorbeigehen sagen »Wer hätte sich das träumen lassen« »Ganz
natürlich« versetzte der andere »ich mauerte damals auch mit an der
fürstlichen Gruft und sah Ihn wie dich« In der Bergstadt waren am TrauerSchloss
alle Fensterreihen hell beleuchtet als geb es ein froheres Fest Im Hause des
Ministers waren alle finster oben unter den Statuen des Dachs schlich ein
einziges Lichtchen umher
»Nein« dachte Albano »ich brauche nicht nachzusinnen warum sank ich
nicht auch mit unter O genug genug fiel von mir in die Gräber Ich muss mich
doch ewig nach allen entflohenen Menschen sehnen wie Taucher schwimmen die
Toten unten mit und halten mein Lebensschiff oder tragen die Anker« Draußen sah
er die alte Leichenseherin auf dem Blumenbühler Wege stehen die ihm einst bei
der Begleitung des Kahlkopfs begegnete sie schaute starr hinauf dem
erleuchteten Leichenwagen nach und glaubte Träume zu denken und die Zukunft
als sie der Wirklichkeit zuschauete Überall lagen in seiner Bahn die zuckenden
Spinnenfüsse welche der erdrückten Tarantel der Vergangenheit ausgerissen waren
Durch einen Flor sah er das Leben liegen wiewohl es kein schwarzer sondern ein
grüner war
Sehnsüchtig kam er im Tartarus aber schaudernd vor ihm weil ihm die
Vergangenheit mit ihren Geistern nachzog auf dem herrnhutischen Gottesacker an
wo in einem Garten ohne Blumen den eingesunkne eingeschlafne Trauerbirken
umstanden der weiße Altar mit dem VaterHerzen und der goldnen Inschrift
schimmerte »Nimm mein letztes Opfer Allgütiger« Vor dem in eine Brust von
Stein geschlossenen Herzen das sich mit nichts regte nicht mit einem
Stäubchen tat er sein kindliches Gebet zu Gott und fühlte dass er seine Eltern
würde geliebt haben und schwur sich ihnen zu gefallen wenn ihre hohen Augen
sich noch in das tiefe Tal des Lebens richten Er drückte den kalten Stein wie
eine Brust an sich und ging mit sanften Schritten weg als ginge der Greis
neben ihm in seiner eignen ihm so ähnlichen Gestalt
Er sah auf von seinem Wege zum Berge wo ihn der Vater abends am Pfingst
und Abendmahlstage gefunden wie zu einem Tabor der Vergangenheit und im Gange
durch das Birkenwäldchen erinnerte er sich noch wohl der Stelle221 wo einst
zwei Stimmen seine Eltern seinen Namen ausgesprochen hatten So von der
heiligen Vergangenheit eingeweiht kam er in seinem KindheitsDörfchen an und
sah die Kirche wie das Wehrfritzische Haus von Lichtern erfüllt obwohl jene zu
traurigem Zweck und dieses zum frohen der Gäste
146 Zykel
Albano fand in der Verklärung worin der Himmel ihm nur der Vergrösserungsspiegel
einer schimmernden Erde war und die Vergangenheit nur das Vaterund Mutterland
heiliger Eltern in diesem Seelenglanz fand er das Erziehungshaus worein er
trat festlich und als einen Tempel und alles Gemeine und Schwere geläutert oder
nur nachgespielt auf einer Bühne Seine Mutter Albine und die Schwester Rabette
kamen mit ihren freudigen Mienen als höhere Menschen an sein bewegtes Herz Sie
wichen eilig zurück Julienne flog die Treppe herab und küsste den Bruder zum
erstenmal öffentlich in einer schweigenden Vermischung von Lust und Weh Als
sie ihn losliess fing aus der Nacht im Kirchturm das Geläute als Zeichen an dass
der tote Bruder in die Kirche einziehe da stürzte sie wieder auf Albano zurück
und weinte unendlich Sie ging mit ihm hinauf ohne zu sagen wen er droben
neben dem Pflegevater finde Eine alte Flötenuhr deren mühsames Spiel von jeher
seltenen Gästen dargeboten wurde quoll ihm als er die Türe öffnete mit den
Nachklängen der Kindertage entgegen
Eine weibliche lange schwarzgekleidete Gestalt mit einem seitwärts
herabgehenden Schleier welche mit seinem Pflegevater sprach wandte sich um
nach ihm da er eintrat Es war Idoine aber der alte Zauberschein fuhr wieder
über seine heute so bewegte Seele als wenn es Liane aus dem Himmel sei mit
Unsterblichkeit gerüstet auf überirdische Kräfte stolzer und kühner nichts von
der vorigen Erde mehr tragend als die Güte und den Reiz Beide fanden sich mit
gegenseitigem Erstaunen hier wieder Julienne sah ihrer kleinen Verhehlungen
und Anstalten sich bewusst ein rotes Wölkchen des Unwillens über Idoinens
mildes Gesicht fliegen es war aber bald unter dem Horizont sobald Idoine es
bemerkte dass die Schwester unter dem Leichengeläute des Bruders die Tränen
nicht bezwingen konnte und sie ging ihr freundlich entgegen ihre Hand
aufsuchend Idoine hatte durch ihre Strenge leicht zum launischen Zürnen
diesem kleinen Kriege des Zorns geneigt sich durch scharfe lange Übung von
diesem feinsten aber stärksten Gift des Seelenglückes freigemacht bis sie
zuletzt an ihrem Himmel stand als ein reiner lichter Mond ohne einen Regen und
Wolkenkreis der Erde
Albano dem die Erde mit Vergangenheit und Toten gefüllt eine Luftkugel
geworden war die in dem Äther ging fühlte sich frei zwischen seinen Sternen
und ohne irdisches Bangen er nahete sich Idoinen obwohl bei dem Bewusstsein
der kämpfenden Verhältnisse ihres und seines Hauses mit heiligem Mute »Ihr
letzter Wunsch im letzten Garten« sagt er »wurde vom Himmel gehört« Mit
jungfräulichentschiednem Sinn ging sie durch die Wildnis worin sie bald
Blumen bald Dornen auseinanderzubeugen hatte um weder verlegen noch verletzt
zu werden sie antwortete ihm »Ich freue mich von Herzen dass Sie Ihre treue
Schwester auf immer gefunden haben« Wehrfritz war über die Freimütigkeit womit
sie die Wahrheit redlich wider alle FamilienVerhältnisse sprach ebenso
erfreut als verwundert »So muss man immer auf der Erde viel verlieren«
erwiderte ihr Albano »um viel zu gewinnen« und wandte sich an seine Schwester
als woll er dadurch diesem Worte einen vieldeutigern Sinn verwehren
Das Totengeläute dauerte fort Die seltsame frohe und trübe Vermischung der
irdischen Schicksale gab allen eine feierliche und freie Stimmung Albine und
Rabette kamen herauf festlichdunkel gekleidet zum Gange in die
Begräbniskirche Julienne teilte sich zwischen zwei Brüder und nie hob sich ihr
Herz romantischer auf das zugleich in Tränen und in Flammen stand Sie er riet
wie über ihren Bruder Albano ihre Freundin Idoine denke an der sie eine festere
Stimme kannte als die heutige war und deren süße Verwirrung ihr am leichtesten
aus dem kurzen Berichte klar wurde den ihr die offene Seele von dem Wiedersehen
Albanos in Lianens Garten gemacht auch das kleine jungfräuliche Zurückzittern
ihres heutigen Stolzes da sie sich hier überall für eine auferstandene Liane
diese Geliebte des Jünglings verlegen musste gehalten finden machte Juliennen
nicht irrer sondern gewisser
»An einem schönen Abend« sagte Albano zu Idoinen »sah ich einst in Ihr
schönes Arkadien herab aber ich war nicht in Arkadien« »Der Name« versetzte
sie und senkte wieder die klaren Augen bezogen zur Erde »ist auch bloß Scherz
eigentlich ists eine Alpe und doch nur mit Sennenhütten in einem Tale« Sie hob
die großen Augen nicht wieder auf als Julienne schweigend ihre Hand nahm und
sie fortzog weil jetzt das Leichengeläute mit traurigen einzelnen Stößen
ausklang als Zeichen dass die Totenfeier angehe deren Teilnahme Julienne ihrem
schwesterlichen Herzen unmöglich abdingen ließ »Wir gehen in die Kirche« sagte
Idoine zur Gesellschaft »Wir wohl alle« versetzte Wehrfritz schnell Als die
beiden Mädchen an Albano vorübergingen bemerkte er zum erstenmal an Idoinen
drei kleine Blatternarben gleichsam als Erden und LebensSpuren die sie zu
einer Sterblichen machten Er blickte der hohen edelen Gestalt mit dem langen
wehenden Schleier nach welche neben seiner Schwester ebenso majestätisch nur
zärter gebaut erschien als Linda und deren heiliger Gang eine Priesterin
verkündigte die in Tempeln vor Göttern zu wandeln gewohnt gewesen
Kaum waren beide verschwunden als die alten Bekannten Albanos zumal die
Weiber denen Juliennens Gegenwart immer Albanos Stammbaum nahe gehalten mit
allen Zeichen der lang zurückgedrängten Herzlichkeit voll Wünsche Freuden und
Tränen auf sein Herz eindrangen »Bleibt meine Eltern« sagte Albano »Bravheit
ist alles auf der Erde« sagte der Direktor »Ich tat das Meinige wie eine
Mutter« sagte Albine»aber wer konnte las wissen« Rabette sagte nichts
ihre Freude und Liebe waren überschwenglich wie ihre Erinnerung »Meine
Schwester Rabette« sagte Albano »hat mir als ich das erstemal nach Italien
ging die Worte auf eine Börse gestickt mitgegeben Gedenke unserer Diese
werd ich euch allen in jedem Schicksal erfüllen« und hier dacht er obwohl
zu verschämtbescheiden um es zu sagen an das was er etwan als Fürst für
seinen Pflegevater tun könnte worunter die Zurückgabe von dessen heimfallenden
MännerLehn zuerst gehörte »So wird uns denn manches zeiterige Herzeleid «
fing Albine an »O was Herze was Leid« sagte Wehrfritz »heute wird alles
richtig und glatt« Aber Rabette verstand die Mutter sehr wohl
Alle begaben sich auf den Weg zum TrauerTempel Sie hörten aus der Kirche
die Musik des Liedes »Wie sie so sanft ruhen« in einiger Ferne versuchten sich
Waldhörner zu frohern Tönen Rabette drückte Albanos Hand und sagte sehr leise
»Es ist gut mit mir geworden weil ich alles erfahren habe« Sie hatte dem
unglücklichen Roquairol seitdem er ein vielfaches Glück und sich selber
ermordet hatte ihre ganze Liebe ins Grab zum Verwesen nachgeworfen ohne eine
Träne dazuzutun Sie sprang auf Idoinens Güte über auf ihre Ähnlichkeit »mit
deren Erwähnung der Vater den Engel heute rot gemacht« und auf ihr schönes
Trösten Juliennens die vor Albanos Ankunft unaufhörlich geweint Albine lobte
mehr Juliennen wegen ihrer GeschwisterLiebe Rabette schwieg über diese beide
waren schwesterliche Nebenbuhlerinnen auch hatte Julienne sie als Schlachtopfer
des von ihr verachteten Roquairols nach ihrem scharfen unerbittlichen System
sehr kalt angesehen indes Idoine welche durch ihre größere Kenntnis der
Menschen Milde gegen die weiblichen Irrtümer des Herzens und Augenblicks mit
Strenge gegen Männer verbinden lernen nur sanft und gerecht gewesen war
Als sie in die Kirche voll Trauerlampen traten schlich sich Albano in eine
unbeleuchtete Ecke weg um nicht zu stören und gestört zu werden Am hellen
Altare stand heiter der ehrwürdige Spener mit dem unbedeckten Haupt voll
Silberlocken der lange Sarg des Bruders stand vor dem Altare zwischen
LichterLinien Am Gewölbe der Kirche hing Nacht und die Gestalten verloren
sich in das Dunkel unten durchkreuzten sich Strahlen und Schlagschatten und
Menschen Albano sah wie eine Todespforte die eiserne Gittertüre des
Erbbegräbnisses aufgetan worein seine frommen Eltern gezogen waren und ihm
war als schreite noch einmal Schoppens brausender Geist hinein um in das
letzte Haus des Menschen einzubrechen Der Bruder rührte ihn nur wenig aber die
Nachbarschaft der stillen Eltern die so lang für ihn ge sorgt und denen er nie
gedankt und die unaufhörlichen Tränen der Schwester die er in der Empor über
der Todespforte sah er griffen heftig sein Herz aus welchem die tiefen ewigen
Trauer töne die Tränen gleichsam das warme Blut der Trauer und Liebe sogen Er
sah Idoine mit ihrer halb roten halb weißen LankasterRose auf der schwarzen
Seide neben der Schwester stehen sich gegen manchen vergleichenden Blick den
Schleier über die Augen ziehend Hier neben solchen Altarlichtern hatte einst
die bedrängte Liane unter dem Abschwören der Liebe gekniet das ganze Sternbild
seiner glänzenden Vergangenheit seiner hohen Menschen war hinunter unter den
Horizont und nur ein heller Stern davon stand noch schimmernd über der Erde
Idoine
Da erblickte den Jüngling sein Freund Dian und eilte herzu Ohne viele
Rücksichten umarmte ihn der Grieche und sagte »Heil Heil der schönen
Veränderung Dort steht meine Chariton auch sie möchte nach ihrer Sprache222
grüßen« Aber Chariton blickte unaufhörlich Idoinen wegen ihrer Ähnlichkeiten
an »Nun mein guter Dian ich habe manches Herz und Glück dafür hin gezahlt
und mich wundert es dass dich mir das Geschick gelassen« sagte Albano Darauf
fragt er ihn als den Baumeister der Kirche nach der Beschaffenheit des
Erbbegräbnisses weil er nachher sich wolle die Asche seiner Eltern aufdecken
lassen um wenigstens stumm und dankend hinzuknien »Davon« sagte Dian
betroffen »weiß ich sehr wenig aber ein grausamer Vorsatz ists und wozu soll
er führen«
Die Musik hörte auf Spener fing leise seine Rede an Er sprach aber nicht
von dem Fürsten zu seinen Füßen auch nicht von seinen Geliebten in der
Erbgruft sondern von dem rechten Leben das keinen Tod kenne und das erst der
Mensch in sich erzeuge Er sagte dass er obwohl ein alter Mann weder zu
sterben noch zu leben wünsche weil man schon hier bei Gott sein könne sobald
man nur Gott in sich habe und dass wir müssten unsere heiligsten Wünsche wie
Sonnenblumen ohne Gram verwelken sehen können weil doch die hohe Sonne
fortstrahle die ewig neue ziehe und pflege und dass ein Mensch sich nicht
sowohl auf die Ewigkeit zubereiten als die Ewigkeit in sich pflanzen müsse
welche still sei rein licht tief und alles
Für manche MenschenBrust in der Kirche wurde durch die Rede der
Vergangenheit die Giftspitze abgebrochen Auf Albanos steigendes Meer hatte sie
glattes Öl gegossen und um sein Leben wurd es eben und glänzend Juliennens
Augen waren trocken und voll heitern Lichtes geworden und Idoinens ihre hatten
sich schimmernd gefüllet weil heute ihr Herz zu oft in Bewegung gekommen war
um nicht in der süßen andächtigen und erhebenden zu weinen Einmal war Albano
da er zu ihr blickte als glänze sie überirdisch und wie auf eine Luna die
Sonne unter der Erde strahle Liane aus der andern Welt auf ihr Angesicht und
schmücke das Ebenbild mit einer Heiligkeit jenseits der Erde
Nach dem Schluße der Rede ging Albano ruhig zu beiden Freundinnen drückte
seiner Schwester die Hand und bat sie nicht das Ende der dunkeln Feier
abzuwarten Sie war getröstet und willig Da sie aus der Kirche traten war ein
wunderbarer heller Mondschein auf der Erde verbreitet wie ein süßes Morgen licht
der höheren Welt Julienne bat sie statt zwischen die Mauern die Kerker der
Augen und Worte und unter das Getümmel hin einzugehen lieber vorher die hellen
stillen Gegenden zu schauen Alle trugen in ihrer Brust die heilige Welt des
heitern Greises in die schöne Nacht hinaus Kein Wölkchen kein Lüftchen regte
sich am weiten Himmel die Sterne regierten allein die Erdenfernen verloren
sich in weiße Schatten und alle Berge standen im silbernen Feuer des Mondes »O
wie lieb ich Ihren heitern heiligen Greis« sagte Idoine zu Albano und hatte
schon oft Juliennens Hand gedrückt »Wie gut ist mir Ach das Leben wird wie
das Meerwasser nicht eher ganz süß als bis es gen Himmel steigt« Plötzlich
kamen zu ihnen ferne Waldhorntöne heraus welche gutmeinende Landleute vor
Albanos Erziehungshause als Grüße brachten »Wie kommts« sagte Julienne »dass
im Freien und nachts auch die unbedeutendste Musik gefällig und rührend wird«
»Vielleicht weil unsere innere heller und reiner dazu mittönt« sagte Idoine
»Und weil vor der Sphärenmusik des Universums menschliche Kunst und menschliche
Ein falt am Ende gleich groß sind« setzte Albano dazu »Das meint ich eben
denn sie ist doch auch nur in uns« sagte Idoine und sah ihm liebreich und offen
in die Augen die vor ihren zusanken wie wenn ihn jetzt der Mond der milde
Nachsommer der Sonne blendend überglänzte
Sie wandte sich seit der Kirchenfeier öfter an ihn ihre süße Stimme war
teilnehmender obwohl zitternder die jungfräuliche Scheu vor Lianens
Ähnlichkeit schien besiegt oder vergessen so wie an jenem Abende im letzten
Garten in ihr hatte sich unter Speners Rede ihr Dasein entschieden und an der
Liebe der Jung frau waren wie an einem Frühling durch einen warmen AbendRegen
alle Knospen blühend aufgebrochen Indem er jetzt dieses klare milde Auge unter
der wolkenlosen reinen Stirn anschauete und den feinen vom unerschöpflichen
Wohlwollen gegen jedes Leben überhauchten Mund so begriff er kaum dass diese
weiche Lilie diesen leichten Duft aus Morgenrot und Morgenblumen aufgestiegen
der feste Geist bewohne der das Leben regieren konnte so wie die zarte Wolke
oder die kleine NachtigallenBrust der schmetternde Schlag
Sie standen jetzt auf dem vom Immergrün der Jugenderinnerung bedeckten
hellen Berge wo Albano sonst in den Träumen der Zukunft geschlummert hatte wie
auf einer lichten hohen Insel mitten im SchattenMeere zweier Täler Die
Lindenstädter Gebirge das ewige Ziel seiner Jugendtage waren vom Mond
beschneiet und die Sternbilder standen blitzend und groß auf ihnen hin Er sah
Idoine nun an wie gehörte diese Seele unter die Sterne »Wenn die Welt rein
ist vom niedrigen Tage wenn der Himmel mit seinen heiligsten fernsten Sonnen
das Erdenland ansieht wenn das Herz und die Nachtigall allein sprechen nur
dann geht ihre heilige Zeit am Himmel an dann wird ihr hoher stiller Geist
gesehen und verstanden und am Tage nur ihr Reiz« dachte Albano
»Wie manchmal mein guter Albano« sagte die Schwester »hast du hier in
deinen verlassenen Jugendjahren zu den Bergen nach den Deinigen gesehen nach
deinen verborgenen Eltern und Geschwistern denn du hattest immer ein gutes
Herz« Hier blickte ihn Idoine unbewusst mit unaussprechlicher Liebe an und sein
Auge ihres »Idoine« sagt er und ihre Seelen schaueten ineinander wie in
schnell aufgehende Himmel und er nahm die Hand der Jungfrau »ich habe noch
dieses Herz es ist unglücklich aber unschuldig« Da verbarg sich Idoine
schnell und heftig an Juliennens Brust und sagte kaum hörbar »Julienne wenn
mich Albano recht kennt so sei meine Schwester«
»Ich kenne dich heiliges Wesen« sagte Albano und drückte Schwester und
Braut an eine Brust Und aus allen weinte nur ein freudetrunknes Herz »O ihr
Eltern« betete die Schwester »o du Gott so segne sie beide und mich damit
es so bleibe« Und da sie gen Himmel sah als die Liebenden im kurzen heiligen
Elysium des ersten Kusses wohnten so blickten unzählige Unsterbliche aus der
blauen tiefen Ewigkeit die fernen Töne und die milden Strahlen verwoben sich
ineinander und das schlummernde Reich des Mondes erklang »schauet auf zum
schönen Himmel« rief die freudentrunkne Schwester den Liebenden zu »der
Regenbogen des ewigen Friedens blüht an ihm und die Gewitter sind vorüber und
die Welt ist so hell und grün wacht auf meine Geschwister«
Ende
Fußnoten
1 Diese 35 Ellen hohe Statue auf einem Gestelle von 25 Ellen in deren Kopfe 12
Menschen Raum antreffen steht bei Arona und hält gerade mit der
gegenüberstehenden Isola bella die mit 10 aufeinander gebaueten Gärten oder
Terrassen aufsteigt einerlei Höhe Keisslers Reisen etc B I
2 Die alten Kremnitzer haben das Christuskind auf dem rechten Arm die neuen und
leichtern auf dem linken
3 Franklin riet das Aufbewahren und Bouchieren ausgetrunkener Gefäße an um das
Schiff dadurch oben zu erhalten
4 Gemälde von Peter Molyn den man wegen seiner guten Gewitter nur Tempesta
nannte
5 Der Pasquino ist bekanntlich verstümmelt Della Porta war ein großer
Ergänzer alter Statuen
6 Dh zwischen zwei hölzernen Walzen und einer metallenen gepresset werden
7 Diese Pille besteht aus Spiessglaskönig und wird ihrer Festigkeit wegen stets
von neuem mit altem Erfolge gebraucht man schüttet bloß vorher einen Aufguss von
Wein darüber
8 Tirare di prima vera nennts das Volk und Peter Schoppe übersetzt es erhaben
genug elektrisches Pistolenzeug des Lenzes
9 Wir sehen uns nie mein Sohn
10 Wir sehen uns einst mein Bruder
11 Ein guter Wouwermann heißt in der Malersprache ein gut gemaltes Pferd
dessen Beschauen auf die Schönheit des künftigen Füllen einfliesset
12 So heißt das Quantum das man den Beisitzern des Kammergerichts wenn sie
nicht genug gearbeitet haben vorentält
13 Die Ipecacuanha gehört zum Veilchengeschlechte
14 Aus dem Orden des heiligen Pauls oder memento mori der in Frankreich im
17ten Jahrhundert erlosch Die obige Anrede ist ihr gewöhnlicher Gruß
15 Den Zahuris in Spanien wird bekanntlich die Kraft zugetrauet Leichname
Metalladern etc in der tiefen Erde zu erblicken
16 Anspielung auf die Erzählung einiger Astronomen dass die verfinsterte Sonne
zuweilen durch eine Öffnung des Mondes geblitzet habe wie es zB Ulloa einmal
gesehen zu haben versichert
17 In Kalabrien waren im Zeiträume von Jahren 1785 tausendundvier
Erschütterungen Münters Reise etc
18 Reflexions critiques sur la Poesie etc de Dubos T I Sect 42
19 Sueton Nero
20 Ich habe schon gesagt dass er da erzogen wurde bei dem Landschaftsdirektor
von Wehrfritz
21 Bekanntlich wird diesem Evangelisten ein Engel beigesellet
22 An einen deutsch Kammerpräsident 1 B Seite 296
23 Denn Boyle fand in seinen Versuchen dass Ranunkeln Münze etc die er im
Wasser grosswachsen lassen die gewöhnlichen aromatischen Kräfte entwickelten
24 Modesten wollen einige statt der Beinkleider hören
25 Gemach es ist unschicklich wenn man seine Serviette früher aufmacht als
andre Leute
26 Es ist unschicklich wenn man auf seine Suppe bläset
27 Um Verzeihung es ist Hecht au four aber es ist unschicklich nach dem Namen
einer Schüssel zu fragen man tut als wisse man ihn schon
28 Die weibliche Valisnerie liegt zusammengerollt unten im Wasser aus welchem
sie mit der Blumenknospe aufsteht um im Freien zu blühen die männliche macht
sich dann vom zu kurzen Stengel los und schwimmt mit ihrem trocknen Blütenstaube
der ersteren zu
29 Die vorhergehenden schönen Oktobertage so wie die Kanikularferien und der
April und kurz der Vorrest des Jahres wurden am gedachten 22sten Oktober und
dieser selber nachgeschaffen So lehn ich leicht die Frage nach der Vorzeit ab
Denn datiert einer die Welt anders zB vom 20sten März wie Lipsius und die
Patres taten so muss er immer zu meinem Nachschaffen des Vorjahrs greifen wenn
ich ihm mit seiner eignen obigen Frage zu Leibe gehe
30 Man glaubte sonst dass ein Rubin angenehme Träume gebe
31 Arnolds Kirchengeschichte von Preußen 1 B
32 In Katana ist der Schleier der heiligen Agata das einzige Gegengift des
Ätna
33 Anspielung auf die Fackeln vor denen man das Kolosseum und die Antiken und
die Gletscher die beides sind magischer glänzen sieht
34 Wie die Himmelskönigin Juno von den Alten immer blau verschleiert wird
Hagedorn über die Malerei
35 Eine alte Maschine die viele Schüsse auf einmal tut
36 In Italien sehen die Sterne nicht silbern sondern golden aus
37 Bei gewitterhafter Luft steigen aus Orangelilien Goldblumen Sonnenblumen
indischen Nelken etc kleine Flammen
38 Wahrscheinlich auf flatternden Goldblechen gegen die Vögel
39 Nach Kamper haben Hektiker sehr weiße und schöne Zähne
40 Derham in seiner PhysikoTheologie 1750 bemerkt dass Taube unter dem Getöse
am besten hören zB ein Hartöriger unter dem Glockengeläute eine taube
Wirtin unter dem Trommeln des Hausknechts Daher wird vor Fürsten und Ministern
die meistens schlecht hören Musik Pauken und KanonenLärm wenn sie
durchpassieren geschlagen damit sie das Volk leichter hören
41 In dessen Wand die Frau mit dem Souvenir ist
42 Diese frühzeitige Vollendung des Wuchses hab ich an mehreren ausgezeichneten
Weibern bemerkt gleich als sollten diese Psychen Schmetterlingen gleichen die
nicht wachsen nach der Entpuppung
43 Mit Disteln wird das Tuch gerauhet dh aufgekratzt um es besser zu
scheren
44 »Sehen Sie wie vortrefflich Ihr Le Kain ein berühmter Schauspieler seine
MordRolle spielt«
45 »Sie wollen wie es scheint das Schicksal dieser Seherin noch eher
entscheiden als das unsrige entschieden ist« Er meint hier die Ehescheidung
die zwischen beiden nur durch den wechselseitigen Wunsch Lianen zu behalten
verschoben wurde
46 »So gehört sichs für Ihre Verschönerungskunst sowohl blind zu machen als zu
sein der Liebesgott ist das Modell dazu«
47 »Das wäre eben vorher Ihre Sache gewesen«
48 Eine nervenschwache ich weiß nicht obs die nämliche ist), welche viel
Religion Phantasie und Leiden hatte wurde wie sie mir erzählt auf dieselbe
Weise blind und auf dieselbe geheilt
49 Das ewige Prickeln der empfindlichern FingerNerven durch Strick Tambour
ua Nadeln macht vielleicht so gut wie das Berühren der Harmonikaglocken durch
Reizen nervenschwach
50 Der Tartarus ist die melancholische Partie in Lilar
51 Den Blutumlauf beschleunigt Hochmut bis zum Wahnsinn Übrigens ist die ganze
Bemerkung von dem pharmazeutischen Werte des Hochmuts aus Tissots »traité sur
les Nerfs« geholt
52 So hieß bei den Römern ein Mann der hinter der Leiche ging und die Gebärden
und das Wesen derselben im Leben nachäffte Pers Sat3
53 Dieser hatte früher dem spanischen Ritter die Prinzessin abgeschlagen es
sind mir aber über diesen wichtigen Artikel hinlängliche Dokumente versprochen
54 Dians Familie wohnt in Lilar
55 Sonst glaubte man dass eine im Chorstuhle liegende Lilie den Tod dessen
bedeute dem er gehörte
56 Honnêteté schliesset in den höheren Ständen Morden deshonnêteté Lügen etc
völlig aus ausgenommen in einem gewissen Grade
57 Dieser Hof ist katholisch aber das Land luterisch und zu dieser letztern
Konfession bekennt sich auch der Hohenfliesser
58 S des Grafen Lamberg Tagebuch eines Weltmannes
59 Wer in die Akademie der Arkadier tritt nimmt einen arkadischen Namen an
60 Sie haben eine ganze Stube zum Winterleben der man im Sommer bloß die
Fenster aushebt
61 So hieß überall der einsiedlerische Emeritus der da wohnende Hofprediger
Spener der mit dem edlen alten frommen Spener nicht nur von väterlicher Seite
verwandt war sondern auch von geistiger
62 Sie hatten als Zwillinge diese Namen
63 Der Tartarus mit dem Vaterherzen Juliennens
64 So heißt jener Berg den Albano in der bekannten Frühlingsnacht gefunden
65 Linda de Romeiro
66 Die Ursache ist weil sie nach der Genesung noch kurzsichtig war und ein
Kurzsichtiger sieht den Tau glänzender
67 Dieser Satz dass die reine Musik ohne Text nichts Unmoralisches darzustellen
vermöge verdient von mir mehr untersucht und ausgeführt zu werden
68 Es kann mir nicht vorgeworfen werden dass ja die Szenen meines Buchs wirklich
erlebte wären und dass man keine bessere zu erleben wünschte denn in der
Darstellung der Phantasie nimmt die Wirklichkeit neue Reize an Reize mit
welchen auch jede andere zurückgewichene Gegenwart magisch die Erinnerung
durchschimmert Ich berufe mich hier auf die Empfindung des Personales selber
das im Titan handelt ob es nicht in meinem Buche wenn es anders darüber gerät
an den abgemalten Szenen die doch seine eignen sind einen höheren Zauber
findet der den wirklichen abging und ders freilich machen könnte aber ganz
mit Unrecht dass das Personale wünscht sein eigenes Leben zu erleben
69 Oder Atanor ein chemischer Ofen der lange Zeit ohne Nachschüren
fortarbeitet
70 Nach Lempriere
71 Sanhedrin c 2 Misch 3
72 Cic ad Quirit post redit c 3
73 Seine Sekte ließ durch Christi Höllenfahrt alle Böse aus der Hölle kommen
Abraham Enoch die Propheten etc aber nicht Tertull adv Marcion
74 So heißen schwarze Farben
75 So heißt die Linie die man von der Sonnennähe zur Sonnenferne zieht
76 Ein mit dem Gesichte zuerst in die Welt tretendes Kind kann später den Kopf
nicht vorwärts beugen Hausmutter V B
77 So heißt das Invalidenhospital in Kopenhagen
78 In Darwins Zoonomie 1 B S529 wird einer angeführt der vor Zuschauern es
machte In Paris tat ein andrer dasselbe durch Luft die er in den Magen
schluckte
79 In Wien machte ein Institut aus altem Lack neuen und steuerte mit dem Ertrage
Arme aus
80 So geschmacklos wollte Basedow eine Tochter zum Andenken des auf
Pränumeration erscheinenden Elementarwerks taufen lassen S Schlichtegrolls
Nekrolog
81 So heißt an einigen Orten die Schwindsucht
82 Ein Mikrometer besteht aus feinen in das Sehrohr eingespannten Fäden die
zum Messen der kleinsten Entfernung dienen
83 Das Passageinstrument oder Kulminatorium beobachtet es wenn ein Stern den
höchsten Stand in seinem Laufe hat
84 Autarchen denn Monarchen oder Einherrscher sind von Selbsterrschern
etymologisch verschieden
85 Spielet er damit auf die fürchterliche weiße Gestalt in meiner Vision von der
Vernichtung an
86 So heißt die Gestalt eines Sterbenden
87 Simons christl Altertümer von Mursinna etc p 143
88 Anspielung auf die Art Frösche mit einem Stückchen roten Tuch zu angeln
89 Der Mond
90 Die unbekannten Erfrornen werden von den Mönchen unbegraben aneinander jeder
an die Brust des andern angelehnt
91 Linda de Romeiro
92 Er soll lehrend immer auf die leere KnopfStätte eines Studenten gesehen
haben und wurde irre als dieser sie besetzt hatte
93 Die Zeit des Sonnenuntergangs welche die südlichen Länder so sehr fliehen
94 Tempestiarii oder Wettermacher hießen im Mittelalter die Hexenmeister welche
Ungewitter erregen konnten Man brauchte in Kirchen Wettergebete gegen sie und
andere Hexenmeister die jenen entgegenarbeiteten
95 Die polnischen Tänzer tragen immer eine Peitsche unter dem Pelze damit die
Tänzerin durch die Schläge entschuldigt ist wenn sie mit ihm fehlt
Oberschles Monatsschrift 1stes St Jul 1788
96 Geistersche
97 So nannten ihre Schliesser die Gafangenen
98 Alexand ab Al V 4
99 Um sich von dem Adler des Kaisers zu unterscheiden der in beiden Fängen
etwas hält
100 Bouverot war katholisch
101 meinte eine mit dem armen Lektor
102 Ich meine nicht wie es etwa aus dem Verkaufen scheint Pitt den Minister
sondern Pitt den Diamanten den der Vater des jetzigen dem Herzog Regenten von
Frankreich verhandelte und für dessen Splitter er noch 12000 Dukaten bekam
103 Ich verkaufe bloß die Landschaften und gebe die Figuren zum Kauf darein
104 Plaut Bach Act 4 Scen 7 17
105 7ter Teil der neuen Sammlung der Reisebeschreibungen
106 Ich spreche mehr von Töchtern weil diese die gewöhnlichsten und größten
Opfer sind die Söhne sind unblutige Messopfer
107 Plin H N VIII 16
108 Und das ist durchaus wahrscheinlich Doktor Eduard Hill berechnete dass in
England jährlich 8 000 an der unglücklichen Liebe am gebrochnen Herzen wie
die Engländerinnen rührend sagen sterben Beddoes erweiset dass die
vegetabilische Kost und diese lieben gerade diese Wesen die Schwindsucht
nähre und dass die weiblichen sich zu dieser neigen Noch dazu fallen die Zeiten
der Sehnsucht die schon ohne Fehlschlagen wie das Heimweh zeigt eine
vergiftendherumziehende Bleikugel ist in die Jugend ein wo der Same der
Brustkrankheiten am leichtesten aufgeht O manche fallen in der Ehe unter
falschen Auslegungen vor dem Todesengel dem sie vor ihr das Schwert geschärft
und gegeben
109 Forsters Ansichten I B
110 Weigel in Jena erfand die Verkehrtbrücke pons heteroclitus eine Treppe
wo der Mensch hinabzugehen glaubt durch Aufsteigen Busch Handbuch der
Erfindungen 7 B
111 Es hatte den Namen von seiner Höhe und von dem öfteren Einschlagen des
Blitzes
112 Basa Mezia c 4 m 10
113 Bekanntlich sind die Frühlingsblumen wegen der Nässe und des Schattens meist
verdächtige wie die Herbstblumen
114 Dieses SelbstErtönen wie die Riesenharfe bei verändertem Wetter unberührt
anklingt ist in Migräne und andern Krankheiten der Schwäche häufig daher im
Sterben zB in Jakob Böhme schlug das Leben wie eine Konzertuhr seine Stunde
von Harmonien umrungen aus
115 Irgendeine uneigennützige Liebe muss ewig gewesen sein Wie es ewige
Wahrheiten gibt so muss es auch eine ewige Liebe geben
116 Darum vielleicht warum der Dichter seine so bestimmt und oft angeschaueten
Geschöpfe nicht in seinen Träumen unter den Bildern des Tages gehen sieht
117 Denn an seinem und ihrem Abendmahlstage hatt er an ihren Tod durch das
Gewitter geglaubt
118 zB die Winterlevkoje
119 Jede partiale Ausbildung wirkt freilich für das Ganze gut aber nur darum
weil dessen entgegengesetzte partiale sie in einer höheren Gleichung und Summe
aufhebt so dass aus allen einzelnen Menschen nur die Glieder eines einzigen
Riesen werden wie der Schwedenborgische ist Aber insofern in dem einen
Individuum ein Mangel entsteht der einem entgegengesetzten in dem andern
abhilft so dass der Weg der Menschheit gleich sehr plagt und stösset durch
Vertiefung und durch Erhöhung so sieht man dass jede einseitige Fülle nur Kur
der Zeit ist nicht Gesundheit derselben und dass das höhere Gesetz zwar
langsamere individuelle aber harmonische Ausbildung bleibt zwar kleinere aber
allseitige und dadurch in der späteren Zeit sogar schnellere Wir vergessen
immer dass wie in der Mechanik sich Kraft und Zeit gegenseitig ergänzen die
Ewigkeit die unendliche Kraft sei
120 Nach dem Ingenieur Borreux trifft wörtlich nur der 1 000te Schuss des kleinen
Gewehrs So ists überall fürchte den Tod so stehen fallende Blumentöpfe der
Fenster Blitze aus blauem Himmel losgehende Windbüchsenschüsse Herzpolypen
wütige Hunde Räuber jede Fingerwunde aqua toffana SchwammLeckerei etc
kurz die ganze Natur diese immer fortgehende zerquetschende Kochenillen
steht mit unzähligen geöffneten Parzenscheren rings um dich und du hast keinen
Trost als dass dem ungeachtet die Leute achtzig Jahre alt werden Fürchte die
Verarmung so fassen dich Feuers Wasser Teurungs und Kriegsnöten eine
DiebsVendee Revolutionen mit gierigen Krallen und Fängen ein und doch du
Reicher Wird der Arme unter denselben Stossvögeln hinkriechend am Ende so
reich wie du Geh also kühn durch die schlummernde Löwenherde rechts und links
liegender Gefahren zum Brunnen hindurch nur wecke sie nicht mutwillig auf
Freilich zieht einzelne ein Höllengott hinab die nichts fürchteten aber auch
einzelne ein oberer Gott hinauf die nichts erwarteten und Furcht und Hoffnung
gehen hier unter in einer gemeinschaftlichen Nacht
121 Titan I B S 80
122 Am Hofe des Königs Olaus bot sich der Königsjüngling Olo als Landmann
gekleidet der Tochter zum Schutze gegen Räuber an Damals galt Feuer der Augen
und Adel der Gestalt als Beweis einer hohen Abkunft so erkannte zB die
Suanhita den König Regner in der Hirtentracht an der Schönheit seines Auges und
Gesichts Die Königstochter blickte prüfend in Olos Flammenauge und kam der
Ohnmacht nahe sie versuchte den zweiten Blick und war ohne Besinnung und bei
dem dritten in Ohnmacht Der göttliche Jüngling schlug daher das Augenlid
nieder enthüllte aber die Stirn und sein goldnes Haar und seinen Stand S der
Deutsche und sein Vaterland von Rosental und Karg I S 166 167
123 Denn was man Licht nennt ist nur stärkeres Weiß Niemand sieht nachts den
Lichtstrom der vor der Erde vorbei von der Sonne auf den Vollmond hinaufstürzt
124 Dieses wärmere zartere furchtsamere immer gelobte mehr in fremder als
eigener Meinung lebende Geschlecht sticht ein Tadel giftig der uns nur blutig
reißt wie verletzende Tiere in warmen Ländern und Monaten vergiften und in
kalten nur verwunden Daher bedenke der Mädchenschulmeister dass eine Dosis
welche Satire auf den Knaben ist der ohnehin der Meinung widerstehen soll
Pasquill wird wenn sie seine Schwester einbekommt
125 Nämlich immer waren Briefe von Lianen an Albano dareingeschlagen Man sehe
hier wieder an zwei Exempeln wie an der LiebesHarmonika ein Bruder als
Tastatur für die Schwester vorstehen müsse die zu den Glocken will Es sollte
daher immer ein Paar Paare geben kreuzweise verschwistert und liebend
126 »Ein solcher Charakter« schreibt Hafenreffer dabei »wäre für
RomanenKotzebues erwünscht weil diese da er seiner Natur nach immer den Wert
der Situation durch den zufälliger Ort derselben schaffen und heben will unter
dem Deckmantel seiner Persönlichkeit ganz der ihrigen frönen und die Schwäche
des Dichters in die Schwäche des Helden verkleiden könnten« Mich dünkt dieses
ist so viel ein Biograph von Romantikern urteilen kann sehr treffend
127 Dessen moralische Abhandlungen II 96
128 Bei der fürstlichen Vermählung
129 Bei den Ägyptern waren die Zauberer nur Gelehrte bei ihm die Gelehrten
Zauberinnen
130 Mémoires secrets sur les règnes de Louis XIV etc par Duclos T I
131 Bekanntlich wird ein Schnitt in einen ganzgebliebenen Vogel etc zum Zeichen
gemacht dass er auf der fürstlichen Tafel gewesen damit er nicht wieder
aufgesetzt werde sondern sonst genossen
132 S Klockenbrings gesammelte Aufsätze
133 Damer oder zur Dame machen musste der König vorher ein unverheiratetes
Mädchen von Stande eh es nach Versailles an den Hof gehen durfte
134 Beseke fand es S über das Elementarfeuer von ihm 1786
135 Fürchterlich schreiet dieses wahre Geschrei der Menschheit im 4 Teil von
Hesss Durchflügen S 156 nach jetzt hat es eine wohltätigere Regierung durch
die Wildsteuer gestillt
136 Für ihn wars innerster Genuss ein solches Hochzeitgedicht ganz mit den
Reimen Flügen und Ausrufungs und Anrufungszeichen des ersten besten
Neujahrsreimers der Welt zu schenken und das Bewusstsein seiner reinen obwohl
satirischen Absicht beruhigte ihn ganz über jeden Tadel einzelner schwülstiger
oder zu sklavischer Wendungen
137 Zwischen zwei Fenstern stand immer ein Pfeilerspiegel und mengte seine
zurückgespiegelte ferne Perspektive unter die der Fenster Jedem Spiegel stand
nur ein Fenster gegenüber den Zwischenraum zwischen beiden verbarg und erfüllte
Laubwerk
138 Ich bin nur ein Traum
139 Es braucht eben keinen Gott wenn nicht ein Knoten daliegt der nicht anders
zu lösen ist
140 Und ein Vierter wenn nämlich die Eheleute und der Freund da sind braucht
nicht mit in die Sache zu reden
141 Wo der Fürst gestorben und sie erblindet war
142 Dessen Lettres sur les Aveugles
143 Die helle Kammer
144 Wo Albano zum letzten Male selig mit Lianen war
145 Die Sineser konnten sonst auf Porzellan Fische und andere Gestalten malen
die nur sichtbar wurden wenn man das Gefäß anfüllte Lettres édifiantes etc
XII recueil
146 Linda
147 zB der deutsche kaiserliche Hof keine BedientenLivreen
148 In Rom scheinen Gebäude aus beiden zu bestehen haben aber nur den Anwurf
davon
149 Titan I S 39
150 Symmer beobachtete folgendes weiße und schwarze Strümpfe bei trocknem
kaltem Wetter übereinander getragen sind wenn man den äußern bei dem unteren
Ende den innern beim oberen auseinanderzieht entgegengesetzt geladen der weiße
positiv der schwarze negativ in der Ferne blasen sie sich gegeneinander auf
und suchen sich einander berührend hängen sie platt und breit darnieder
Fischers physik Wörterbuch L B
151 Auf Wilhelmshöhe geht ein langer musikalischer Ton dem Fallen der Wasser
voraus
152 Beides ist der Name des alten deutschen Donnergottes er meint sich aber
damit selber
153 Die Molosser nannten alle schönen Weiber Proserpinen
154 So sollte man Schillers heilige Jungfrau nennen
155 Sein Albano
156 So nannten die Wenden den Tod
157 Ein Engländer bemerkte dass unter den fixen Ideen des Irrhauses selten die
der Unterwürfigkeit vorkomme meistens bewohnen es Götter Könige Päpste
Gelehrte
158 Wenn
159 Bekanntlich lehnen sie da unverweset aneinander
160 Der ihm auf Isola bella erschienen war
161 Wo sie ihm in der Wolke zerflossen war als er sie umfassen wollte
162 Ein Schwan kann mit dem Flügelschlag einen Arm zerbrechen
163 Sie hielt ihr hiesiges Leben für ein ruhiges Spielund KinderLeben erst
das zweite für das tätige
164 Hier und weiter redet sie zwar irre aber sie weiß es doch dass der
Grasblumenkranz von Charitons Kindern ist
165 Sie sieht das Herbstlaub
166 Die Stelle heißt in Kardan praecept ad filios c 16 so Longobardo
rubro Germano nigro Hetrusco lusco veneto claudo Hispano longo et procero
mulieri barbatae viro crispo Graeco nulli confidere nolite
167 zB der Kapellmeister Naumann
168 Er wollte Assonanz und Kosekante sagen
169 Walküren sind reizende Jungfrauen die vor der Schlacht diese weben und die
Helden bestimmen die fallen müssen
170 Die Leiche geht aufgedeckt zum Begräbnis ihre Begleiter folgen vermummt
171 So heißt zB in Ungarn der Diakonus
172 Zehn Uhr
173 des Jupiter tonans
174 Der Leib im Panteon der Kopf in der heiligen LukaKirche
175 Die PanteonsHalle scheint zu niedrig weil einen Teil ihrer Stufen der
Schutt verbirgt
176 27 Fuß hat die Dachöffnung im Durchmesser
177 Der Polstern steht wie andere nördliche Sternbilder in Süden tiefer
178 Die Summe und das System elektrischer galvanischer chemischer
anatomischer Erfahrungen die Taktik ein corpus juris usw können uns wohl in
Erstaunen setzen aber die Menschheit selber erscheint nicht größer durch
Riesengebäude die von Millionen Elefantenameisen zusammengetragen werden
allein wenn ein Elefant ein Gebäude trägt wenn ein Individuum irgendeine Kraft
in neuen Graden und Verhältnissen zeigt Newton die matematische Anschauung
Raffael die bildende Aristoteles Lessing Fichte den Scharfsinn oder ein
anderes die Güte die Festigkeit den Witz usw dann gewinnt die Menschheit
und ihre Schranken rücken hinaus
179 In Grönland macht die heftige Kälte schwarz und blind
180 Wohin seit Servius Tullius Zeit alle Scherben geworfen werden
181 S Titan 1 S 28
182 Wie schön ist er
183 Roquairol
184 Julienne
185 Gaeta
186 Die Insel Ischia mit dem Berg Epomeo so hoch wie der Vesuv Kapri usw
187 Borgo dIschia
188 Er meint die Traube die dreimal des Jahres da gewonnen wird im Dezember
März und August
189 Die Insel Ischia selber
190 Taggesicht Hemeralopie ist gewöhnlich in heißen Ländern der stärkste Grad
ist nachts sogar gegen Licht blind zu sein und erst am Morgen wieder sehend
191 Es gibt metamorphotische Spiegel die junge Gesichter veraltet darstellen
192 Ihn und Liane
193 Bei Baja
194 Frage sie nicht länger denn ihr Vater soll wie man sagt an ihrem
Hochzeittage kommen
195 Eine sehr schöne Kartause bei Valencia
196 Die Sangvögel sind in Italien selten weil man sie für die Küche auf dem
Markt verkauft
197 Dian liebte den Virgil nicht
198 So schwer und langsam wälzt sich der breite Lavastrom herunter dass ein
Mensch vor diesem glühenden Todesfluss der alles verschlingt erstickt und
zerschmilzt was er berührt vorausgehen und die Zerstörung hinter sich sehen
kann ohne sich in die Gefahr einer eignen zu setzen
199 Oder Püster die bekannte altdeutsche Götzenstatue voll Löcher Flammen und
Wasser
200 Des Kahlkopfs der ihm nach 14 Monaten Wahnsinn prophezeiete
201 Der Oheim hatte wieder gelogen denn er war wie man aus diesem Bande weiß
vorher nach Rom gegangen wo er dem Ritter und der Fürstin die Pestitzer Briefe
übergeben
202 Ich würde lieben
203 Bei den Morlacken S Sitten der Morlacken Aus d Italien 1775
204 Titan II S 273 etc
205 Eine Stelle aus Albanos Brief an Roquairol Titan 1 S 232
206 Liebe und Freundschaft
207 Der Mond
208 Aber Gott er hat sich re vera umgebracht Teufel er ist tot O wer
wird mich bezahlen
209 So viel bekommt jeder Professor PreisGeld für jede bessere Grammatik und
jedes bessere Kompendium so für jede Dissertation 50 Dukaten usw Tychsens
Zusätze zu Bourgoings Reise 2 B
210 Eine verlangte zB den König zu sehen er trat so lange auf den Balkon
heraus bis sie befriedigt war
211 seinen Hund
212 Ss heißt Siebenkäs Aus den Blumen Fruchtund Dornenstücken ist bekannt
dass Schoppe früher Siebenkäs sich genannt dann diesen Namen an seinen ihm bis
zum Gesichte ähnlichen Freund Leibgeber abgegeben von dem er den seinigen
angenommen und dass der Freund sich zum Schein ein Grabmal als Siebenkäs
errichten lassen
213 Titan 1 Band S 40 usw
214 Josephchen
215 S 128 im 1 Band des Titans
216 1 Band des Titans S 126
217 1 Bd S 95
218 Er meint Liane welche Spener durch die feierliche Enthüllung von Albanos
Geburt und Bestimmung einer unter lauter giftigen Blumen aufgewachsenen Liebe zu
entsagen nötigte
219 Nie unter ihrem Stand zu heiraten
220 Liane wurde wie bekannt als ihr Bruder neben dem alten Fürsten auf die
Brust ohne Herz die Rede hielt krank und blind 1 Bd des Titans S 156
221 Titan 1 Bd S 78
222 Nämlich freue dich