Friedrich Schlegel
Lucinde
Prolog
Mit lächelnder Rührung überschaut und eröffnet Petrarca die Sammlung seiner
ewigen Romanzen Höflich und schmeichelnd redet der kluge Boccaz am Eingang und
am Schluss seines reichen Buchs zu allen Damen Und selbst der hohe Cervantes
auch als Greis und in der Agonie noch freundlich und voll von zartem Witz
bekleidet das bunte Schauspiel der lebensvollen Werke mit dem kostbaren Teppich
einer Vorrede die selbst schon ein schönes romantisches Gemälde ist
Hebt eine herrliche Pflanze aus dem fruchtbaren mütterlichen Boden und es wird
sich manches liebevoll daran hängen was nur einem Kargen überflüssig scheinen
kann
Aber was soll mein Geist seinem Sohne geben der gleich ihm so arm an Poesie ist
als reich an Liebe
Nur ein Wort ein Bild zum Abschiede Nicht der königliche Adler allein darf das
Gekrächz der Raben verachten auch der Schwan ist stolz und nimmt es nicht
wahr Ihn kümmert nichts als dass der Glanz seiner weißen Fittiche rein bleibe
Er sinnt nur darauf sich an den Schoss der Leda zu schmiegen ohne ihn zu
verletzen und alles was sterblich ist an ihm in Gesänge auszuhauchen
Bekenntnisse eines Ungeschickten
Julius an Lucinde
Die Menschen und was sie wollen und tun erschienen mir wenn ich mich daran
erinnerte wie aschgraue Figuren ohne Bewegung aber in der heiligen Einsamkeit
um mich her war alles Licht und Farbe und ein frischer warmer Hauch von Leben
und Liebe wehte mich an und rauschte und regte sich in allen Zweigen des üppigen
Hains Ich schaute und ich genoss alles zugleich das kräftige Grün die weiße
Blüte und die goldne Frucht Und so sah ich auch mit dem Auge meines Geistes die
Eine ewig und einzig Geliebte in vielen Gestalten bald als kindliches Mädchen
bald als Frau in der vollen Blüte und Energie der Liebe und der Weiblichkeit
und dann als würdige Mutter mit dem ernsten Knaben im Arm Ich atmete Frühling
klar sah ich die ewige Jugend um mich und lächelnd sagte ich Wenn die Welt auch
eben nicht die beste oder die nützlichste sein mag so weiß ich doch sie ist
die schönste In diesem Gefühle oder Gedanken hätte mich auch nichts stören
können weder allgemeine Zweifel noch eigne Furcht Denn ich glaubte einen
tiefen Blick in das Verborgne der Natur zu tun ich fühlte dass alles ewig lebe
und dass der Tod auch freundlich sei und nur eine Täuschung Doch dachte ich
daran eigentlich nicht sehr wenigstens zum Gliedern und Zergliedern der
Begriffe war ich nicht sonderlich gestimmt Aber gern und tief verlor ich mich
in alle die Vermischungen und Verschlingungen von Freude und Schmerz aus denen
die Würze des Lebens und die Blüte der Empfindung hervorgeht die geistige
Wollust wie die sinnliche Seligkeit Ein feines Feuer strömte durch meine Adern
was ich träumte war nicht etwa bloß ein Kuss die Umschliessung deiner Arme es
war nicht bloß der Wunsch den quälenden Stachel der Sehnsucht zu brechen und
die süße Glut in Hingebung zu kühlen nicht nach deinen Lippen allein sehnte ich
mich oder nach deinen Augen oder nach deinem Leibe sondern es war eine
romantische Verwirrung von allen diesen Dingen ein wundersames Gemisch von den
verschiedensten Erinnerungen und Sehnsuchten Alle Mysterien des weiblichen und
des männlichen Mutwillens schienen mich zu umschweben als mich Einsamen
plötzlich deine wahre Gegenwart und der Schimmer der blühenden Freude auf deinem
Gesichte vollends entzündete Witz und Entzücken begonnen nun ihren Wechsel und
waren der gemeinsame Puls unsers vereinten Lebens wir umarmten uns mit eben so
viel Ausgelassenheit als Religion Ich bat sehr du möchtest dich doch einmal
der Wut ganz hingeben und ich flehte dich an du möchtest unersättlich sein
Dennoch lauschte ich mit kühler Besonnenheit auf jeden leisen Zug der Freude
damit mir auch nicht einer entschlüpfe und eine Lücke in der Harmonie bleibe
Ich genoss nicht bloß sondern ich fühlte und genoss auch den Genuss
Du bist so außerordentlich klug liebste Lucinde dass du wahrscheinlich
schon längst auf die Vermutung geraten bist dies alles sei nur ein schöner
Traum So ist es leider auch und ich würde untröstlich darüber sein wenn ich
nicht hoffen dürfte dass wir wenigstens einen Teil davon nächstens realisieren
könnten Das Wahre an der Sache ist dass ich vorhin am Fenster stand wie lange
das weiß ich nicht recht denn mit den andern Regeln der Vernunft und der
Sittlichkeit ist auch die Zeitrechnung dabei ganz von mir vergessen worden Also
ich stand am Fenster und sah ins Freie der Morgen verdient allerdings schön
genannt zu werden die Luft ist still und warm genug auch ist das Grün hier vor
mir ganz frisch und wie sich die weite Ebne bald hebt bald senket so windet
sich der ruhige breite silberhelle Strom in großen Schwüngen und Bogen bis er
und die Fantasie des Liebenden die sich gleich dem Schwane auf ihm wiegte in
die Ferne hinziehen und sich in das Unermessliche langsam verlieren Den Hain und
sein südliches Kolorit verdankt meine Vision wahrscheinlich dem großen
Blumenhaufen hier neben mir unter denen sich eine beträchtliche Anzahl von
Orangen befindet Alles übrige lässt sich leicht aus der Psychologie erklären Es
war Illusion liebe Freundin alles Illusion außer dass ich vorhin am Fenster
stand und nichts tat und dass ich jetzt hier sitze und etwas tue was auch nur
wenig mehr oder wohl gar noch etwas weniger als nichts tun ist
So weit war an dich geschrieben was ich mit mir gesprochen hatte als mich
mitten in meinen zarten Gedanken und sinnreichen Gefühlen über den eben so
wunderbaren als verwickelten dramatischen Zusammenhang unsrer Umarmungen ein
ungebildeter und ungefälliger Zufall unterbrach da ich eben im Begriff war die
genaue und gediegne Historie unsers Leichtsinns und meiner Schwerfälligkeit in
klaren und wahren Perioden vor dir aufzurollen die von Stufe zu Stufe allmählig
nach natürlichen Gesetzen fortschreitende Aufklärung unsrer den verborgenen
Mittelpunkt des feinsten Daseins angreifenden Missverständnisse zu entwickeln
und die mannichfachen Produkte meiner Ungeschicklichkeit darzustellen nebst den
Lehrjahren meiner Männlichkeit welche ich im Ganzen und in ihren Teilen nie
überschauen kann ohne vieles Lächeln einige Wehmut und hinlängliche
Selbstzufriedenheit Doch will ich als ein gebildeter Liebhaber und
Schriftsteller versuchen den rohen Zufall zu bilden und ihn zum Zwecke
gestalten Für mich und für diese Schrift für meine Liebe zu ihr und für ihre
Bildung in sich, ist aber kein Zweck zweckmässiger als der dass ich gleich
anfangs das was wir Ordnung nennen vernichte weit von ihr entferne und mir das
Recht einer reizenden Verwirrung deutlich zueigne und durch die Tat behaupte
Dies ist um so nötiger da der Stoff den unser Leben und Lieben meinem Geiste
und meiner Feder gibt so unaufhaltsam progressiv und so unbiegsam systematisch
ist Wäre es nun auch die Form, so würde dieser in seiner Art einzige Brief
dadurch eine unerträgliche Einheit und Einerleiheit erhalten und nicht mehr
können was er doch will und soll das schönste Chaos von erhabenen Harmonien und
interessanten Genüssen nachbilden und ergänzen Ich gebrauche also mein
unbezweifeltes Verwirrungsrecht und setze oder stelle hier ganz an die unrechte
Stelle eines von den vielen zerstreuten Blättern die ich aus Sehnsucht und
Ungeduld wenn ich dich nicht fand wo ich dich am gewissesten zu finden hoffte
in deinem Zimmer auf unserm Sofa mit der zuletzt von dir gebrauchten Feder
mit den ersten den besten Worten so jene mir eingegeben anfüllte oder verdarb
und die du Gute ohne dass ich es wusste sorgsam bewahrtest
Die Auswahl wird mir nicht schwer Denn da unter den Träumereien die hier
schon den ewigen Lettern und dir anvertraut sind die Erinnerung an die
schönste Welt noch das gehaltvollste ist und noch am ersten eine gewisse Art
von Ähnlichkeit mit den sogenannten Gedanken hat so nehme ich vor allen andern
die dityrambische Fantasie über die schönste Situation Denn wissen wir erst
sicher dass wir in der schönsten Welt leben so ist es unstreitig das nächste
Bedürfnis uns über die schönste Situation in dieser schönsten Welt durch andre
oder durch uns selbst gründlich zu belehren
Dityrambische Fantasie
über die schönste Situation
Eine große Träne fällt auf das heilige Blatt welches ich hier statt deiner
fand Wie treu und wie einfach hast du ihn aufgezeichnet den kühnen alten
Gedanken zu meinem liebsten und geheimsten Vorhaben In dir ist er groß geworden
und in diesem Spiegel scheue ich mich nicht mich selbst zu bewundern und zu
lieben Nur hier sehe ich mich ganz und harmonisch oder vielmehr die volle
ganze Menschheit in mir und in dir Denn auch dein Geist steht bestimmt und
vollendet vor mir es sind nicht mehr Züge die erscheinen und zerfließen
sondern wie eine von den Gestalten die ewig dauern blickt er mich aus hohen
Augen freudig an und öffnet die Arme den meinigen zu umschließen Die
flüchtigsten und heiligsten von jenen zarten Zügen und Äußerungen der Seele die
dem welcher das Höchste nicht kennt allein schon Seligkeit scheinen sind nur
die gemeinschaftliche Atmosphäre unsers geistigen Atmens und Lebens
Die Worte sind matt und trübe auch würde ich in diesem Gedränge von
Erscheinungen nur immer das eine unerschöpfliche Gefühl unsrer ursprünglichen
Harmonie von neuem wiederholen müssen Eine große Zukunft winkt mich eilends
weiter ins Unermessliche hinaus jede Idee öffnet ihren Schoss und entfaltet sich
in unzählige neue Geburten Die äußersten Enden der zügellosen Lust und der
stillen Ahndung leben zugleich in mir Ich erinnere mich an alles auch an die
Schmerzen und alle meine ehemaligen und künftigen Gedanken regen sich und
stehen wider mich auf In den geschwollnen Adern tobt das wilde Blut der Mund
durstet nach Vereinigung und unter den vielen Gestalten der Freude wählt und
wechselt die Fantasie und findet keine in der die Begierde sich endlich
erfüllen und endlich Ruhe finden könnte Und dann gedenke ich wieder plötzlich
und rührend der dunkeln Zeit da ich immer wartete ohne zu hoffen und heftig
liebte ohne dass ich es wusste da mein innerstes Wesen sich ganz in unbestimmte
Sehnsucht ergoss und sie nur selten in halb unterdrückten Seufzern aushauchte
Ja ich würde es für ein Märchen gehalten haben dass es solche Freude gebe
und solche Liebe wie ich nun fühle und eine solche Frau die mir zugleich die
zärtlichste Geliebte und die beste Gesellschaft wäre und auch eine vollkommene
Freundin Denn in der Freundschaft besonders suchte ich alles was ich entbehrte
und was ich in keinem weiblichen Wesen zu finden hoffte In dir habe ich es
alles gefunden und mehr als ich zu wünschen vermochte aber du bist auch nicht
wie die andern Was Gewohnheit oder Eigensinn weiblich nennen davon weißt du
nichts Außer den kleinen Eigenheiten besteht die Weiblichkeit deiner Seele bloß
darin dass Leben und Lieben für sie gleich viel bedeutet du fühlst alles ganz
und unendlich du weißt von keinen Absonderungen dein Wesen ist Eins und
unteilbar Darum bist du so ernst und so freudig darum nimmst du alles so groß
und so nachlässig und darum liebst du mich auch ganz und überlässt keinen Teil
von mir etwa dem Staate der Nachwelt oder den männlichen Freunden Es gehört
dir alles und wir sind uns überall die nächsten und verstehen uns am besten
Durch alle Stufen der Menschheit gehst du mit mir von der ausgelassensten
Sinnlichkeit bis zur geistigsten Geistigkeit und nur in dir sah ich wahren Stolz
und wahre weibliche Demut
Das äußerste Leiden wenn es uns nur umgäbe ohne uns zu trennen würde mir
nichts scheinen als ein reizender Gegensatz für den hohen Leichtsinn unsrer Ehe
Warum sollten wir nicht die herbeste Laune des Zufalls für schönen Witz und
ausgelassene Willkür nehmen da wir unsterblich sind wie die Liebe Ich kann
nicht mehr sagen meine Liebe oder deine Liebe beide sind sich gleich und
vollkommen Eins so viel Liebe als Gegenliebe Es ist Ehe ewige Einheit und
Verbindung unsrer Geister nicht bloß für das was wir diese oder jene Welt
nennen sondern für die eine wahre unteilbare namenlose unendliche Welt für
unser ganzes ewiges Sein und Leben Darum würde ich auch wenn es mir Zeit
schiene eben so froh und eben so leicht eine Tasse Kirschlorbeerwasser mit dir
ausleeren wie das letzte Glas Champagner was wir zusammen tranken mit den
Worten von mir »So lass uns den Rest unsers Lebens austrinken« So sprach und
trank ich eilig ehe der edelste Geist des Weins verschäumte und so das sage
ich noch einmal so lass uns leben und lieben Ich weiß auch du würdest mich
nicht überleben wollen du würdest dem voreiligen Gemahle auch im Sarge folgen
und aus Lust und Liebe in den flammenden Abgrund steigen in den ein rasendes
Gesetz die indischen Frauen zwingt und die zartesten Heiligtümer der Willkür
durch grobe Absicht und Befehl entweiht und zerstört
Dort wird dann vielleicht die Sehnsucht voller befriedigt Ich bin oft
darüber erstaunt jeder Gedanke und was sonst gebildet in uns ist scheint in
sich selbst vollendet einzeln und unteilbar wie eine Person eines verdrängt
das andre und was eben ganz nah und gegenwärtig war sinkt bald in Dunkel
zurück Und dann gibt es doch wieder Augenblicke plötzlicher allgemeiner
Klarheit wo mehrere solche Geister der innern Welt durch wunderbare Vermählung
völlig in Eins verschmelzen und manches schon vergessene Stück unsers Ich in
neuem Lichte strahlt und auch die Nacht der Zukunft mit seinem hellen Scheine
öffnet Wie im Kleinen so glaube ich ist es auch im Großen Was wir ein Leben
nennen ist für den ganzen ewigen innern Menschen nur ein einziger Gedanke ein
unteilbares Gefühl Auch für ihn gibts solche Augenblicke des tiefsten und
vollsten Bewusstseins wo ihm alle die Leben einfallen sich anders mischen und
trennen Wir beide werden noch einst in Einem Geiste anschauen dass wir Blüten
Einer Pflanze oder Blätter Einer Blume sind und mit Lächeln werden wir dann
wissen dass was wir jetzt nur Hoffnung nennen eigentlich Erinnerung war
Weißt du noch wie der erste Keim dieses Gedankens vor dir in meiner Seele
aufsprosste und auch gleich in der deinigen Wurzel fasste So schlingt die
Religion der Liebe unsre Liebe immer inniger und stärker zusammen wie das Kind
die Lust der zärtlichen Eltern dem Echo gleich verdoppelt
Nichts kann uns trennen und gewiss würde jede Entfernung mich nur gewaltsamer
an dich reißen Ich denke mir wie ich bei der letzten Umarmung im Gedränge der
heftigen Widersprüche zugleich in Tränen und in Lachen ausbreche Dann würde ich
still werden und in einer Art von Betäubung durchaus nicht glauben dass ich von
dir entfernt sei bis die neuen Gegenstände um mich her mich wider Willen
überzeugten Aber dann würde auch meine Sehnsucht unaufhaltsam wachsen bis ich
auf ihren Flügeln in deine Arme sänke Lass auch die Worte oder die Menschen ein
Missverständnis zwischen uns erregen Der tiefe Schmerz würde flüchtig sein und
sich bald in vollkommenere Harmonie auflösen Ich würde ihn so wenig achten wie
die liebende Geliebte im Enthusiasmus der Wollust die kleine Verletzung achtet
Wie könnte uns die Entfernung entfernen da uns die Gegenwart selbst
gleichsam zu gegenwärtig ist Wir müssen ihre verzehrende Glut in Scherzen
lindern und kühlen und so ist uns die witzigste unter den Gestalten und
Situationen der Freude auch die schönste Eine unter allen ist die witzigste und
die schönste wenn wir die Rollen vertauschen und mit kindischer Lust
wetteifern wer den andern täuschender nachäffen kann ob dir die schonende
Heftigkeit des Mannes besser gelingt oder mir die anziehende Hingebung des
Weibes Aber weißt du wohl dass dieses süße Spiel für mich noch ganz andre Reize
hat als seine eignen Es ist auch nicht bloß die Wollust der Ermattung oder das
Vorgefühl der Rache Ich sehe hier eine wunderbare sinnreich bedeutende
Allegorie auf die Vollendung des Männlichen und Weiblichen zur vollen ganzen
Menschheit Es liegt viel darin und was darin liegt steht gewiss nicht so
schnell auf wie ich wenn ich dir unterliege
Das war die dityrambische Fantasie über die schönste Situation in der schönsten
Welt Ich weiß noch recht gut wie du sie damals gefunden und genommen hast
Aber ich glaube auch eben so gut zu wissen wie du sie hier finden und nehmen
wirst hier in diesem Büchelchen von dem du mehr treue Geschichte schlichte
Wahrheit und ruhigen Verstand ja sogar Moral die liebenswürdige Moral der
Liebe erwartest »Wie kann man schreiben wollen was kaum zu sagen erlaubt ist
was man nur fühlen sollte« Ich antworte Fühlt man es so muss man es sagen
wollen und was man sagen will darf man auch schreiben können
Ich wollte dir erst beweisen und begründen es liege ursprünglich und
wesentlich in der Natur des Mannes ein gewisser tölpelhafter Enthusiasmus der
gern mit allem Zarten und Heiligen herausplatzt nicht selten über seinen eignen
treuherzigen Eifer ungeschickterweise hinstürzt und mit einem Worte leicht bis
zur Grobheit göttlich ist
Durch diese Apologie wäre ich zwar gerettet aber vielleicht nur auf
Unkosten der Männlichkeit selbst denn so viel ihr auch im einzelnen von dieser
haltet so habt ihr doch immer viel und vieles wider das Ganze der Gattung Ich
will indessen auf keinen Fall gemeine Sache mit einer solchen Race haben und
verteidige oder entschuldige daher meine Freiheit und Frechheit lieber bloß mit
dem Beispiele der unschuldigen kleinen Wilhelmine da sie doch auch eine Dame
ist die ich überdem auf das zärtlichste liebe Darum will ich sie auch gleich
ein wenig charakterisieren
Charakteristik der kleinen Wilhelmine
Betrachtet man das sonderbare Kind nicht mit Rücksicht auf eine einseitige
Theorie sondern wie es sich ziemt im Großen und Ganzen so darf man kühnlich
von ihr sagen und es ist vielleicht das beste was man überhaupt von ihr sagen
kann Sie ist die geistreichste Person ihrer Zeit oder ihres Alters Und das ist
nicht wenig gesagt denn wie selten ist harmonische Ausbildung unter
zweijährigen Menschen Der stärkste unter vielen starken Beweisen für ihre
innere Vollendung ist ihre heitere Selbstzufriedenheit Wenn sie gegessen hat
pflegt sie beide Ärmchen auf den Tisch ausgebreitet ihren kleinen Kopf mit
närrischem Ernst darauf zu stützen macht die Augen groß und wirft schlaue
Blicke im Kreise der ganzen Familie umher Dann richtet sie sich auf mit dem
lebhaftesten Ausdrucke von Ironie und lächelt über ihre eigne Schlauheit und
unsre Inferiorität Überhaupt hat sie viel Bouffonerie und viel Sinn für
Bouffonerie Mache ich ihre Gebärden nach so macht sie mir gleich wieder mein
Nachmachen nach und so haben wir uns eine mimische Sprache gebildet und
verständigen uns in den Hieroglyphen der darstellenden Kunst Zur Poesie glaube
ich hat sie weit mehr Neigung als zur Philosophie so lässt sie sich auch lieber
fahren und reist nur im Notfall zu Fuß Die harten Übelklänge unsrer nordischen
Muttersprache verschmelzen auf ihrer Zunge in den weichen und süßen Wohllaut der
italienischen und indischen Mundart Reime liebt sie besonders wie alles
Schöne sie kann oft gar nicht müde werden alle ihre Lieblingsbilder gleichsam
eine klassische Auswahl ihrer kleinen Genüsse sich selbst unaufhörlich
nacheinander zu sagen und zu singen Die Blüten aller Dinge jeglicher Art flicht
Poesie in einen leichten Kranz und so nennt und reimt auch Wilhelmine Gegenden
Zeiten Begebenheiten Personen Spielwerke und Speisen alles durcheinander in
romantischer Verwirrung so viel Worte so viel Bilder und das ohne alle
Nebenbestimmungen und künstlichen Übergänge die am Ende doch nur dem Verstande
frommen und jeden kühneren Schwung der Fantasie hemmen Für die ihrige ist alles
in der Natur belebt und beseelt und ich erinnere mich noch oft mit Vergnügen
daran wie sie in einem Alter von nicht viel mehr als einem Jahre zum erstenmal
eine Puppe sah und fühlte Ein himmlisches Lächeln blühte auf ihrem kleinen
Gesichte und sie drückte gleich einen herzlichen Kuss auf die gefärbten Lippen
von Holz Gewiss es liegt tief in der Natur des Menschen dass er alles essen
will was er liebt und jede neue Erscheinung unmittelbar zum Munde führt um
sie da wo möglich in ihre ersten Bestandteile zu zergliedern Die gesunde
Wissbegierde wünscht ihren Gegenstand ganz zu fassen bis in sein Innerstes zu
durchdringen und zu zerbeissen Das Betasten dagegen bleibt bei der äußerlichen
Oberfläche allein stehen und alles Begreifen gewährt eine unvollkommene nur
mittelbare Erkenntnis Indessen ist es doch schon ein interessantes Schauspiel
wenn ein geistreiches Kind ein Ebenbild von sich erblickt es mit den Händen zu
begreifen und sich durch diese ersten und letzten Fühlhörner der Vernunft zu
orientieren strebt schüchtern verkriecht und versteckt sich der Fremdling und
emsig ist die kleine Philosophin hinterdrein den Gegenstand ihrer angefangenen
Untersuchung zu verfolgen
Aber freilich ist Geist Witz und Originalität bei Kindern gerade so selten
wie bei Erwachsenen Doch alles dies und so vieles andre gehört nicht hieher und
würde mich über die Grenzen meines Zweckes führen Denn diese Charakteristik
soll ja nichts darstellen als ein Ideal welches ich mir stets vor Augen halten
will um in diesem kleinen Kunstwerke schöner und zierlicher Lebensweisheit nie
von der zarten Linie des Schicklichen zu verirren und dir damit du alle die
Freiheiten und Frechheiten die ich mir noch zu nehmen denke im voraus
verzeihst oder doch von einem höheren Standpunkte beurteilen und würdigen
kannst
Habe ich etwa unrecht wenn ich die Sittlichkeit bei Kindern Zartheit und
Zierlichkeit in Gedanken und Worten vornehmlich beim weiblichen Geschlecht
suche
Und nun sieh diese liebenswürdige Wilhelmine findet nicht selten ein
unaussprechliches Vergnügen darin auf dem Rücken liegend mit den Beinchen in
die Höhe zu gestikulieren unbekümmert um ihren Rock und um das Urteil der Welt
Wenn das Wilhelmine tut was darf ich nicht tun da ich doch bei Gott ein Mann
bin und nicht zarter zu sein brauche wie das zarteste weibliche Wesen
O beneidenswürdige Freiheit von Vorurteilen Wirf auch du sie von dir liebe
Freundin alle die Reste von falscher Scham wie ich oft die fatalen Kleider von
dir riss und in schöner Anarchie umherstreute Und sollte dir ja dieser kleine
Roman meines Lebens zu wild scheinen so denke dir dass er ein Kind sei und
ertrage seinen unschuldigen Mutwillen mit mütterlicher Langmut und lass dich von
ihm liebkosen
Wenn du es mit der Wahrscheinlichkeit und durchgängigen Bedeutsamkeit einer
Allegorie nicht so gar strenge nehmen und dabei so viel Ungeschicklichkeit im
Erzählen erwarten wolltest als man von den Bekenntnissen eines Ungeschickten
fodern muss wenn das Kostum nicht verletzt werden soll so möchte ich dir hier
einen der letzten meiner wachenden Träume erzählen da er ein ähnliches Resultat
gibt wie die Charakteristik der kleinen Wilhelmine
Allegorie von der Frechheit
Sorglos stand ich in einem kunstreichen Garten an einem runden Beet welches mit
einem Chaos der herrlichsten Blumen ausländischen und inländischen prangte
Ich sog den würzigen Duft ein und ergötzte mich an den bunten Farben aber
plötzlich sprang ein hässliches Untier mitten aus den Blumen hervor Es schien
geschwollen von Gift die durchsichtige Haut spielte in allen Farben und man sah
die Eingeweide sich winden wie Gewürme Es war groß genug um Furcht
einzuflößen dabei öffnete es Krebsscheren nach allen Seiten rund um den ganzen
Leib bald hüpfte es wie ein Frosch dann kroch es wieder mit ekelhafter
Beweglichkeit auf einer unzähligen Menge kleiner Füße Mit Entsetzen wandte ich
mich weg da es mich aber verfolgen wollte fasste ich Mut warf es mit einem
kräftigen Stoß auf den Rücken und sogleich schien es mir nichts als ein
gemeiner Frosch Ich erstaunte nicht wenig und noch mehr da plötzlich jemand
ganz dicht hinter mir sagte »Das ist die öffentliche Meinung und ich bin der
Witz deine falschen Freunde jene Blumen sind schon alle welk« Ich sah mich
um und erblickte eine männliche Gestalt mittlerer Größe die großen Formen des
edlen Gesichts waren so ausgearbeitet und übertrieben wie wir sie oft an
römischen Brustbildern sehen Ein freundliches Feuer strahlte aus den offenen
lichten Augen und zwei große Locken warfen und drängten sich sonderbar auf der
kühnen Stirn »Ich werde ein altes Schauspiel vor dir erneuern« sprach er
»einige Jünglinge am Scheidewege Ich selbst habe es der Mühe wert gehalten sie
in müßigen Stunden mit der göttlichen Fantasie zu erzeugen Es sind die echten
Romane vier an der Zahl und unsterblich wie wir« Ich schaute wohin er
winkte und ein schöner Jüngling flog kaum bekleidet über die grüne Ebne Schon
war er fern und ich sah nur noch eben dass er sich auf ein Ross schwang und davon
eilte als wollte er den lauen Abendwind überflügeln und seiner Langsamkeit
spotten Auf dem Hügel zeigte sich ein Ritter in voller Rüstung groß und hehr
von Gestalt beinah ein Riese aber die genaue Richtigkeit seines Wuchses und
seiner Bildung nebst der treuherzigen Freundlichkeit in seinen bedeutenden
Blicken und umständlichen Gebärden gab ihm dennoch eine gewisse altväterische
Zierlichkeit Er neigte sich gegen die untergehende Sonne ließ sich langsam auf
ein Knie nieder und schien mit großer Inbrunst zu beten die rechte Hand aufs
Herz die linke an der Stirn Der Jüngling der zuvor so schnell war lag nun
ganz ruhig am Abhange und sonnte sich in den letzten Strahlen dann sprang er
auf entkleidete sich stürzte in den Strom und spielte mit den Wellen tauchte
unter kam wieder hervor und warf sich von neuem in die Flut Fernab im Dunkel
des Hains schwebte etwas in griechischem Gewande wie eine Gestalt aber wenn es
eine ist dachte ich so kann sie kaum der Erde angehören so matt waren die
Farben so eingehüllt das Ganze in heiligen Nebel Da ich länger und genauer
hinsah zeigte sichs dass es auch ein Jüngling sei aber von ganz
entgegengesetzter Art Haupt und Arme lehnte die hohe Gestalt an eine Urne
seine ernsten Blicke schienen bald ein verlornes Gut auf dem Boden zu suchen
bald die blassen Sterne die schon zu schimmern begannen etwas zu fragen ein
Seufzer öffnete die Lippen um die ein sanftes Lächeln schwebte
Jener ernste sinnliche Jüngling war unterdessen der einsamen Leibesübungen
überdrüssig geworden und eilte mit leichten Schritten gerade auf uns zu Er war
nun ganz bekleidet fast wie ein Schäfer aber sehr bunt und sonderbar Er hätte
so auf einer Maskerade erscheinen können auch spielten die Finger seiner Linken
mit den Fäden an denen eine Maske hing Man hätte den fantastischen Knaben eben
so gut für ein mutwilliges Mädchen halten mögen das sich aus Laune verkleidet
Bisher ging er in gerader Richtung aber plötzlich wurde er unsicher er ging
erst auf die eine Seite dann eilte er zurück nach der andern und lachte dabei
über sich selbst »Der junge Mensch weiß nicht ob er sich zur Frechheit oder
zur Delikatesse halten soll« sagte mein Begleiter Ich sah zur Linken eine
Gesellschaft schöner Frauen und Mädchen zur Rechten stand eine große allein
und da ich hinsehen wollte nach der gewaltigen Form begegnete ihr Blick dem
meinen so scharf und kühn dass ich die Augen niederschlug Mitten unter den
Damen war ein junger Mann den ich sogleich für einen Bruder der andern Romane
erkannte Einer von denen wie man sie gegenwärtig sieht aber viel gebildeter
seine Gestalt und sein Gesicht war nicht schön aber fein sehr verständig und
äußerst anziehend Man hätte ihn eben so gut für einen Franzosen wie für einen
Deutschen halten können seine Kleidung und seine ganze Art war einfach aber
sorgfältig und völlig modern Er unterhielt die Gesellschaft und schien sich für
alle lebhaft zu interessieren Die Mädchen waren sehr beweglich um die
vornehmste Dame und schwatzten viel unter einander »Ich habe doch noch mehr
Gemüt wie du liebe Sittlichkeit« sagte die eine »aber ich heiße auch Seele
und zwar die schöne« Die Sittlichkeit wurde etwas blass und die Tränen schienen
ihr nahe zu sein »Ich war doch gestern so tugendhaft« sagte sie »und mache
immer größere Fortschritte in der Anstrengung Ich habe genug an meinen eignen
Vorwürfen warum muss ich noch welche von dir hören« Eine andre die
Bescheidenheit war neidisch auf die welche sich die schöne Seele nannte und
sprach »Ich bin böse mit dir du willst mich nur als Mittel brauchen« Die
Dezenz da sie die arme öffentliche Meinung so hilflos auf dem Rücken liegen
sah vergoss drittehalb Tränen und gebärdete sich dann auf eine interessante
Weise das Auge zu trocknen welches aber gar nicht mehr nass war »Wundre dich
nicht über diese Offenheit« sagte der Witz »sie ist weder gewöhnlich noch
willkürlich Die allmächtige Fantasie hat diese wesenlosen Schatten mit ihrem
Zauberstabe berührt damit sie ihr Inneres offenbaren Du wirst gleich noch mehr
hören Aber die Frechheit redet von freien Stücken so«
»Der junge Schwärmer da« sagte die Delikatesse »soll mich recht amüsieren
der wird immer schöne Verse auf mich machen Ich werde ihn in der Ferne halten
wie den Ritter Der Ritter ist freilich schön wenn er nur nicht so ernstaft
und feierlich aussähe Der klügste von allen ist wohl der Elegant der jetzt mit
der Bescheidenheit spricht ich glaube er persifliert sie Wenigstens hat er
über die Sittlichkeit und ihr fades Gesicht viel Hübsches gesagt Er hat doch
mit mir am meisten gesprochen und könnte mich wohl einmal verführen wenn ich
mich nicht anders besinne oder wenn keiner erscheint der noch mehr nach der
Mode ist« Der Ritter hatte sich der Gesellschaft nun auch genähert die linke
Hand stützte sich auf den Griff des großen Schwertes und mit der rechten bot er
den Anwesenden höflichen Gruß »Ihr seid doch alle gewöhnlich und ich habe
Langeweile« sagte der moderne Mann gähnte und ging fort Ich sah nunmehr dass
die Frauen die ich beim ersten Blick für schön gehalten hatte eigentlich nur
blühend und artig übrigens aber unbedeutend waren Sah man genau zu so fanden
sich sogar gemeine Züge und Spuren von Verderbteit Die Frechheit schien mir
nun weniger hart ich konnte sie dreist ansehen und musste es mir mit
Verwunderung gestehen dass ihre Bildung groß und edel sei Sie ging hastig auf
die schöne Seele zu und griff ihr gerade ins Gesicht »Das ist nur eine Maske«
sagte sie »du bist nicht die schöne Seele sondern höchstens die Zierlichkeit
oft auch die Koketterie« Dann wandte sie sich zum Witz mit den Worten »Wenn
du die gemacht hast die man jetzt Romane nennt so hättest du deine Zeit auch
besser anwenden können Kaum hie und da finde ich in den besten etwas von der
leichten Poesie des flüchtigen Lebens aber wohin ist sie entflohen die kühne
Musik des lieberasenden Herzens sie die alles mit sich fortreisst so dass der
Wildeste zärtliche Tränen vergisst und die ewigen Felsen selber tanzen Keiner
ist so albern und keiner so nüchtern der nicht von Liebe schwatzt aber wer sie
noch kennt hat kein Herz und keinen Glauben sie auszusprechen« Der Witz
lachte der himmlische Jüngling winkte Beifall aus der Ferne und sie fuhr fort
»Wenn die welche unvermögend am Geist sind Kinder mit ihm zeugen wollen wenn
die welche es gar nicht verstehen zu leben wagen das ist höchst unanständig
denn es ist höchst unnatürlich und höchst unschicklich Aber dass der Wein
schäumt und der Blitz zündet ist ganz richtig und ganz schicklich« Der
leichtfertige Roman hatte nun gewählt er war bei diesen Worten schon um die
Frechheit und schien ihr ganz ergeben Sie eilte Arm in Arm mit ihm davon und
sagte nur im Vorbeigehn zu dem Ritter »Wir sehen uns wieder« »Das waren nur
äußerliche Erscheinungen« sprach mein Beschützer »und du wirst gleich das
Innere in dir schauen Übrigens bin ich eine wahre Person und der wahre Witz
das schwöre ich dir bei mir selber ohne den Arm in die Unendlichkeit
auszustrecken« Alles verschwand nun und auch der Witz wuchs und dehnte sich
bis er nicht mehr war Nicht mehr vor und außer mir wohl aber in mir glaubte
ich ihn wieder zu finden ein Stück meines Selbst und doch verschieden von mir
in sich lebendig und selbstständig Ein neuer Sinn schien mir aufgetan ich
entdeckte in mir eine reine Masse von mildem Licht Ich kehrte in mich selbst
zurück und in den neuen Sinn dessen Wunder ich schaute Er sah so klar und
bestimmt wie ein geistiges nach Innen gerichtetes Auge dabei waren aber seine
Wahrnehmungen innig und leise wie die des Gehörs und so unmittelbar wie die des
Gefühls Ich erkannte bald die Szene der äußern Welt wieder aber reiner und
verklärt oben den blauen Mantel des Himmels unten den grünen Teppich der
reichen Erde die bald von fröhlichen Gestalten wimmelte Denn was ich nur im
Innersten wünschte lebte und drängte sich gleich hier ehe ich selbst den
Wunsch noch deutlich gedacht hatte Und so sah ich denn bald bekannte und
unbekannte liebe Gestalten in wunderlichen Masken wie ein großes Karneval der
Lust und Liebe Innre Saturnalien an seltsamer Mannichfaltigkeit und
Zügellosigkeit der großen Vorwelt nicht unwürdig Aber nicht lange schwärmte das
geistige Bacchanal durch einander so zerriss diese ganze innere Welt wie durch
einen elektrischen Schlag und ich vernahm ich weiß nicht wie und woher die
geflügelten Worte »Vernichten und Schaffen Eins und Alles und so schwebe der
ewige Geist ewig auf dem ewigen Weltstrome der Zeit und des Lebens und nehme
jede kühnere Welle wahr ehe sie zerfliesst« Furchtbar schön und sehr fremd
tönte diese Stimme der Fantasie aber milder und mehr wie an mich gerichtet die
folgenden Worte »Die Zeit ist da das innere Wesen der Gottheit kann offenbart
und dargestellt werden alle Mysterien dürfen sich enthüllen und die Furcht soll
aufhören Weihe dich selbst ein und verkündige es dass die Natur allein
ehrwürdig und die Gesundheit allein liebenswürdig ist« Bei den
geheimnisvollen Worten die Zeit ist da fiel wie eine Flocke von himmlischem
Feuer in meine Seele Es brannte und zehrte in meinem Mark es drängte und
stürmte sich zu äußern Ich griff nach Waffen um mich in das Kriegsgetümmel der
Leidenschaften die mit Vorurteilen wie mit Waffen wüten zu stürzen und für die
Liebe und die Wahrheit zu kämpfen aber es waren keine Waffen da Ich öffnete
den Mund um sie in Gesang zu verkündigen und ich dachte alle Wesen müssten ihn
vernehmen und die ganze Welt sollte harmonisch wiederklingen aber ich besann
mich dass meine Lippen die Kunst nicht gelernt hätten die Gesänge des Geistes
nachzubilden »Du musst das unsterbliche Feuer nicht rein und roh mitteilen
wollen« sprach die bekannte Stimme meines freundlichen Begleiters »Bilde
erfinde verwandle und erhalte die Welt und ihre ewigen Gestalten im steten
Wechsel neuer Trennungen und Vermählungen Verhülle und binde den Geist im
Buchstaben Der echte Buchstabe ist allmächtig und der eigentliche Zauberstab
Er ist es mit dem die unwiderstehliche Willkür der hohen Zauberin Fantasie das
erhabene Chaos der vollen Natur berührt und das unendliche Wort ans Licht ruft
welches ein Ebenbild und Spiegel des göttlichen Geistes ist und welches die
Sterblichen Universum nennen«
Wie die weibliche Kleidung vor der männlichen so hat auch der weibliche Geist
vor dem männlichen den Vorzug dass man sich da durch eine einzige kühne
Kombination über alle Vorurteile der Kultur und bürgerlichen Konventionen
wegsetzen und mit einemmale mitten im Stande der Unschuld und im Schoss der Natur
befinden kann
An wen sollte also wohl die Rhetorik der Liebe ihre Apologie der Natur und
der Unschuld richten als an alle Frauen in deren zarten Herzen das heilige
Feuer der göttlichen Wollust tief verschlossen ruht und nie ganz verlöschen
kann wenn es auch noch so sehr verwahrlost und verunreinigt wird Nächstdem
freilich auch an die Jünglinge und an die Männer die noch Jünglinge geblieben
sind Bei diesen ist aber schon ein großer Unterschied zu machen Man könnte
alle Jünglinge einteilen in solche die das haben was Diderot die Empfindung
des Fleisches nennt und in solche die es nicht haben Eine seltene Gabe Viele
Maler von Talent und Einsicht streben ihr ganzes Leben umsonst danach und viele
Virtuosen der Männlichkeit vollenden ihre Laufbahn ohne eine Ahndung davon
gehabt zu haben Auf dem gemeinen Wege kommt man nicht dahin Ein Libertin mag
verstehen mit einer Art von Geschmack den Gürtel zu lösen Aber jenen höheren
Kunstsinn der Wollust durch den die männliche Kraft erst zur Schönheit gebildet
wird lehrt nur die Liebe allein den Jüngling Es ist Elektrizität des Gefühls
dabei aber im Innern ein stilles leises Lauschen im Äußeren eine gewisse klare
Durchsichtigkeit wie in den hellen Stellen der Malerei die ein reizbares Auge
so deutlich fühlt Es ist eine wunderbare Mischung und Harmonie aller Sinne so
gibt es auch in der Musik ganz kunstlose reine tiefe Akzente die das Ohr
nicht zu hören sondern wirklich zu trinken scheint wenn das Gemüt nach Liebe
durstet Übrigens aber möchte sich die Empfindung des Fleisches nicht weiter
definieren lassen Das ist auch unnötig Genug sie ist für Jünglinge der erste
Grad der Liebeskunst und eine angeborene Gabe der Frauen durch deren Gunst und
Huld allein sie jenen mitgeteilt und angebildet werden kann. Mit den
Unglücklichen die sie nicht kennen muss man nicht von Liebe reden denn von
Natur ist in dem Manne zwar ein Bedürfnis aber kein Vorgefühl derselben Der
zweite Grad hat schon etwas Mystisches und könnte leicht vernunftwidrig
scheinen wie jedes Ideal Ein Mann der das innere Verlangen seiner Geliebten
nicht ganz füllen und befriedigen kann versteht es gar nicht zu sein was er
doch ist und sein soll Er ist eigentlich unvermögend und kann keine gültige
Ehe schließen Zwar verschwindet auch die höchste endliche Größe vor dem
Unendlichen und durch bloße Kraft lässt sich also das Problem auch bei dem
besten Willen nicht auflösen Aber wer Fantasie hat kann auch Fantasie
mitteilen und wo die ist entbehren die Liebenden gern um zu verschwenden ihr
Weg geht nach Innen ihr Ziel ist intensive Unendlichkeit Unzertrennlichkeit
ohne Zahl und Maß und eigentlich brauchen sie nie zu entbehren weil jener
Zauber alles zu ersetzen vermag Aber still von diesen Geheimnissen Der dritte
und höchste Grad ist das bleibende Gefühl von harmonischer Wärme Welcher
Jüngling das hat der liebt nicht mehr bloß wie ein Mann sondern zugleich auch
wie ein Weib In ihm ist die Menschheit vollendet und er hat den Gipfel des
Lebens erstiegen Denn gewiss ist es dass Männer von Natur bloß heiß oder kalt
sind zur Wärme müssen sie erst gebildet werden. Aber die Frauen sind von Natur
sinnlich und geistig warm und haben Sinn für Wärme jeder Art
Wenn dieses tolle kleine Buch einmal gefunden vielleicht gedruckt und gar
gelesen wird so muss es auf alle glücklichen Jünglinge ungefähr den gleichen
Eindruck machen Nur verschieden nach den verschiedenen Stufen ihrer Ausbildung
Denen vom ersten Grad wird es die Empfindung des Fleisches erregen die vom
zweiten kann es ganz befriedigen und denen vom dritten soll bloß warm dabei
werden
Ganz anders würde es mit den Frauen sein Unter ihnen gibt es keine
Ungeweihten denn jede hat die Liebe schon ganz in sich von deren
unerschöpflichem Wesen wir Jünglinge nur immer ein wenig mehr lernen und
begreifen Schon entfaltet oder noch im Keime das ist gleichviel Auch das
Mädchen weiß in ihrer naiven Unwissenheit doch schon alles noch ehe der Blitz
der Liebe in ihrem zarten Schoss gezündet und die verschlossne Knospe zum vollen
Blumenkelch der Lust entfaltet hat Und wenn eine Knospe Gefühl hätte würde
nicht das Vorgefühl der Blume deutlicher in ihr sein als das Bewusstsein ihrer
selbst
Darum gibt es in der weiblichen Liebe keine Grade und Stufen der Bildung
überhaupt nichts allgemeines sondern so viel Individuen so viel eigentümliche
Arten Kein Linné kann uns alle diese schönen Gewächse und Pflanzen im großen
Garten des Lebens klassifizieren und verderben und nur der eingeweihte Liebling
der Götter versteht ihre wunderbare Botanik die göttliche Kunst ihre
verhüllten Kräfte und Schönheiten zu erraten und zu erkennen wann die Zeit
ihrer Blüte sei und welches Erdreich sie bedürfen Da wo der Anfang der Welt
oder doch der Anfang der Menschen ist da ist auch der eigentliche Mittelpunkt
der Originalität und kein Weiser hat die Weiblichkeit ergründet
Eines zwar scheint die Frauen in zwei große Klassen zu teilen Das nämlich
ob sie die Sinne achten und ehren die Natur sich selbst und die Männlichkeit
oder ob sie diese wahre innere Unschuld verloren haben und jeden Genuss mit Reue
erkaufen bis zur bitteren Gefühllosigkeit gegen innere Missbilligung Das ist ja
die Geschichte so vieler Erst scheuen sie die Männer dann werden sie
Unwürdigen hingegeben welche sie bald hassen oder betrügen bis sie sich selbst
und die weibliche Bestimmung verachten Ihre kleine Erfahrung halten sie für
allgemein und alles andre für lächerlich der enge Kreis von Rohheit und
Gemeinheit in dem sie sich beständig drehen ist für sie die ganze Welt und es
fällt ihnen gar nicht ein dass es auch noch andre Welten geben könne Für diese
sind die Männer nicht Menschen sondern bloß Männer eine eigne Gattung die
fatal aber doch gegen die Langeweile unentbehrlich ist Sie selbst sind denn
auch eine bloße Sorte eine wie die andre ohne Originalität und ohne Liebe
Aber sind sie unheilbar weil sie ungeheilt sind Mir ist es so einleuchtend
und klar dass nichts unnatürlicher für eine Frau sei als Prüderie ein Laster
an das ich nie ohne eine gewisse innerliche Wut denken kann und nichts
beschwerlicher als Unnatürlichkeit dass ich keine Grenze bestimmen und keine
für unheilbar halten möchte Ich glaube ihre Unnatur kann nie zuverlässig
werden wenn sie auch noch so viel Leichtigkeit und Unbefangenheit darin erlangt
haben bis zu einem Schein von Konsequenz und Charakter Es bleibt doch nur
Schein das Feuer der Liebe ist durchaus unverlöschlich und noch unter der
tiefsten Asche glühen Funken
Diese heilige Funken zu wecken von der Asche der Vorurteile zu reinigen
und wo die Flamme schon lauter brennt sie mit bescheidenem Opfer zu nähren das
wäre das höchste Ziel meines männlichen Ehrgeizes Lass michs bekennen ich
liebe nicht dich allein ich liebe die Weiblichkeit selbst Ich liebe sie nicht
bloß ich bete sie an weil ich die Menschheit anbete und weil die Blume der
Gipfel der Pflanze und ihrer natürlichen Schönheit und Bildung ist
Es ist die älteste kindlichste einfachste Religion zu der ich zurückgekehrt
bin Ich verehre als vorzüglichstes Sinnbild der Gottheit das Feuer und wo
gibts ein schöneres als das was die Natur tief in die weiche Brust der Frauen
verschloss Weihe du mich zum Priester nicht um es müßig zu beschauen sondern
um es zu befreien zu wecken und zu reinigen wo es rein ist erhält es sich
selber ohne Wache und ohne Vestalinnen
Ich schreibe und schwärme wie du siehst nicht ohne Salbung aber es
geschieht auch nicht ohne Beruf und zwar göttlichen Beruf Was darf sich der
nicht zutrauen zu dem der Witz selbst durch eine Stimme vom geöffneten Himmel
herab sprach »Du bist mein lieber Sohn an dem ich Wohlgefallen habe« Und
warum soll ich nicht aus eigener Vollmacht und Willkür von mir sagen »Ich bin
des Witzes lieber Sohn« wie mancher Edle der auf Abenteuer durchs Leben
wanderte von sich sagte »Ich bin des Glückes lieber Sohn«
Übrigens wollte ich eigentlich davon reden welchen Eindruck dieser
fantastische Roman auf die Frauen machen würde wenn der Zufall oder die Willkür
ihn fände und öffentlich aufstellte Es wäre auch in der Tat unschicklich wenn
ich dir nicht in aller Kürze mit einigen kleinen Beweisen von Weissagung und
Divination aufwartete um mein Recht auf die Priesterwürde dazutun
Verstehen würden mich alle keine so missverstehen und so missbrauchen wie die
uneingeweihten Jünglinge Viele würden mich besser verstehen als ich selbst
aber nur Eine ganz und die bist du Alle übrigen hoffe ich wechselweise
anzuziehen und abzustossen oft zu verletzen und eben so oft zu versöhnen Bei
jeder gebildeten wird der Eindruck ganz verschieden und ganz eigen sein so
eigen und so verschieden wie ihre eigentümliche Art zu sein und zu lieben
Klementinen wird das Ganze bloß interessieren als eine Sonderbarkeit hinter der
aber doch wohl etwas sein könnte einiges indessen wird sie richtig finden Man
nennt sie hart und heftig und doch glaube ich an ihre Liebenswürdigkeit Ihre
Heftigkeit versöhnt mich mit ihrer Härte obgleich beide sich dem äußern
Anschein nach vermehren Wäre die Härte allein so müsste sie Kälte und Mangel an
Herz scheinen die Heftigkeit zeigt dass heiliges Feuer da ist was durchbrechen
will Du kannst leicht denken wie sie einem mitspielen würde den sie im Ernst
liebte Die weiche und verletzbare Rosamunde wird sich eben so oft anneigen als
wegwenden bis »scheue Zartheit kühner wird und nichts als Unschuld sieht in
innger Liebe Tun« Juliane hat eben so viel Poesie als Liebe eben so viel
Enthusiasmus als Witz aber beides ist zu isoliert in in ihr darum wird sie
bisweilen über das kühne Chaos weiblich erschrecken und dem Ganzen etwas mehr
Poesie und etwas weniger Liebe wünschen
Ich könnte so noch lange fortfahren denn ich strebe aus allen Kräften nach
Menschenkenntnis und ich weiß meine Einsamkeit oft nicht würdiger anzuwenden
als indem ich darüber reflektiere wie diese oder jene interessante Frau in
diesem oder jenem interessanten Verhältnisse wohl sein und sich verhalten
dürfte Doch genug für jetzt sonst möchte es dir zu viel werden und die
Vielseitigkeit deinem Propheten übel geraten
Denke nur nicht so arg von mir und glaube dass ich nicht allein für dich
sondern für die Mitwelt dichte Glaube mir es ist mir bloß um die Objektivität
meiner Liebe zu tun Diese Objektivität und jede Anlage zu ihr bestätigt und
bildet ja eben die Magie der Schrift und weil es mir versagt ist meine Flamme
in Gesänge auszuhauchen muss ich den stillen Zügen das schöne Geheimnis
vertrauen dabei denke ich aber eben so wenig an die ganze Mitwelt als an die
Nachwelt Und muss es ja eine Welt sein an die ich denken soll so sei es am
liebsten die Vorwelt Die Liebe selbst sei ewig neu und ewig jung aber ihre
Sprache sei frei und kühn nach alter klassischer Sitte nicht züchtiger wie die
römische Elegie und die Edelsten der größten Nation und nicht vernünftiger wie
der große Plato und die heilige Sappho
Idylle über den Müßiggang
»Sieh ich lernte von selbst und ein Gott hat mancherlei Weisen mir in die Seele
gepflanzt« So darf ich kühnlich sagen wenn nicht von der fröhlichen
Wissenschaft der Poesie die Rede ist, sondern von der gottähnlichen Kunst der
Faulheit Mit wem sollte ich also lieber über den Müßiggang denken und reden als
mit mir selbst Und so sprach ich denn auch in jener unsterblichen Stunde da
mir der Genius eingab das hohe Evangelium der echten Lust und Liebe zu
verkündigen zu mir selbst »O Müßiggang Müßiggang du bist die Lebensluft der
Unschuld und der Begeisterung dich atmen die Seligen und selig ist wer dich
hat und hegt du heiliges Kleinod einziges Fragment von Gottähnlichkeit das
uns noch aus dem Paradiese blieb« Ich saß da ich so in mir sprach wie ein
nachdenkliches Mädchen in einer gedankenlosen Romanze am Bach sah den
fliehenden Wellen nach Aber die Wellen flohen und flossen so gelassen ruhig
und sentimental als sollte sich ein Narcissus in der klaren Fläche bespiegeln
und sich in schönen Egoismus berauschen Auch mich hätte sie locken können mich
immer tiefer in die innere Perspektive meines Geistes zu verlieren wenn nicht
meine Natur so uneigennützig und so praktisch wäre dass sogar meine Spekulation
unaufhörlich nur um das allgemeine Gute besorgt ist. Daher dachte ich auch
ungeachtet mein Gemüt in seiner Behaglichkeit so matt war wie die von der
gewaltigen Hitze aufgelösten und hingesunknen Glieder ernstlich über die
Möglichkeit einer dauernden Umarmung nach Ich sann auf Mittel das Beisammensein
zu verlängern und künftig lieber alle kindlich rührenden Elegien über
plötzliche Trennung zu verhüten als uns wie bisher an dem Komischen einer
solchen Fügung des Schicksals zu ergötzen weil es nun doch einmal geschehen und
unabänderlich sei
Erst nachdem die Kraft der angespannten Vernunft an der Unerreichbarkeit des
Ideals brach und erschlaffte überließ ich mich dem Strome der Gedanken und
hörte willig alle die bunten Märchen an mit denen Begierde und Einbildung
unwiderstehliche Sirenen in meiner eignen Brust meine Sinne bezauberten Es
fiel mir nicht ein das verführerische Gaukelspiel unedel zu kritisieren
ungeachtet ich wohl wusste dass das meiste nur schöne Lüge sei Die zarte Musik
der Fantasie schien die Lücken der Sehnsucht auszufüllen Dankbar nahm ich das
wahr und beschloss was das hohe Glück mir diesmal gegeben auch künftig durch
eigne Erfindsamkeit für uns beide zu wiederholen und dir dieses Gedicht der
Wahrheit zu beginnen So erzeugte sich der erste Keim zu dem wundersamen Gewächs
von Willkür und Liebe Und frei wie es entsprossen ist dacht ich soll es auch
üppig wachsen und verwildern und nie will ich aus niedriger Ordnungsliebe und
Sparsamkeit die lebendige Fülle von überflüssigen Blättern und Ranken
beschneiden
Gleich einem Weisen des Orients war ich ganz versunken in ein heiliges
Hinbrüten und ruhiges Anschauen der ewigen Substanzen vorzüglich der deinigen
und der meinigen Größe in Ruhe sagen die Meister sei der höchste Gegenstand
der bildenden Kunst und ohne es deutlich zu wollen oder mich unwürdig zu
bemühen bildete und dichtete ich auch unsre ewigen Substanzen in diesem
würdigen Styl Ich erinnerte mich und ich sah uns wie gelinder Schlaf die
Umarmten mitten in der Umarmung umfing Dann und wann öffnete einer die Augen
lächelte über den süßen Schlaf des andern und wurde wach genug um ein
scherzendes Wort eine Liebkosung zu beginnen aber noch ehe der angefangene
Mutwille geendigt war sanken wir beide fest verschlungen in den seligen Schoss
einer halbbesonnenen Selbstvergessenheit zurück
Mit dem äußersten Unwillen dachte ich nun an die schlechten Menschen welche
den Schlaf vom Leben subtrahieren wollen Sie haben wahrscheinlich nie
geschlafen und auch nie gelebt Warum sind denn die Götter Götter als weil sie
mit Bewusstsein und Absicht nichts tun weil sie das verstehen und Meister darin
sind Und wie streben die Dichter die Weisen und die Heiligen auch darin den
Göttern ähnlich zu werden Wie wetteifern sie im Lobe der Einsamkeit der Musse
und einer liberalen Sorglosigkeit und Untätigkeit Und mit großem Recht denn
alles Gute und Schöne ist schon da und erhält sich durch seine eigne Kraft Was
soll also das unbedingte Streben und Fortschreiten ohne Stillstand und
Mittelpunkt Kann dieser Sturm und Drang der unendlichen Pflanze der Menschheit
die im Stillen von selbst wächst und sich bildet nährenden Saft oder schöne
Gestaltung geben Nichts ist es dieses leere unruhige Treiben als eine
nordische Unart und wirkt auch nichts als Langeweile fremde und eigne Und
womit beginnt und endigt es als mit der Antipathie gegen die Welt die jetzt so
gemein ist Der unerfahrne Eigendünkel ahndet gar nicht dass dies nur Mangel an
Sinn und Verstand sei und hält es für hohen Unmut über die allgemeine
Hässlichkeit der Welt und des Lebens von denen er doch noch nicht einmal das
leiseste Vorgefühl hat Er kann es nicht haben denn der Fleiß und der Nutzen
sind die Todesengel mit dem feurigen Schwert welche dem Menschen die Rückkehr
ins Paradies verwehren Nur mit Gelassenheit und Sanftmut in der heiligen
Stille der echten Passivität kann man sich an sein ganzes Ich erinnern und die
Welt und das Leben anschauen Wie geschieht alles Denken und Dichten als dass
man sich der Einwirkung irgend eines Genius ganz überlässt und hingibt Und doch
ist das Sprechen und Bilden nur Nebensache in allen Künsten und Wissenschaften
das Wesentliche ist das Denken und Dichten und das ist nur durch Passivität
möglich Freilich ist es eine absichtliche willkürliche einseitige aber doch
Passivität Je schöner das Klima ist je passiver ist man Nur Italiener wissen
zu gehen und nur die im Orient verstehen zu liegen wo hat sich aber der Geist
zarter und süßer gebildet als in Indien Und unter allen Himmelsstrichen ist es
das Recht des Müssiggangs was Vornehme und Gemeine unterscheidet und das
eigentliche Prinzip des Adels
Endlich wo ist mehr Genuss und mehr Dauer Kraft und Geist des Genusses bei
den Frauen deren Verhältnis wir Passivität nennen oder etwa bei den Männern
bei denen der Übergang von übereilender Wut zur Langeweile schneller ist als
der Übergang vom Guten zum Bösen
In der Tat man sollte das Studium des Müssiggangs nicht so sträflich
vernachlässigen sondern es zur Kunst und Wissenschaft ja zur Religion bilden
Um alles in Eins zu fassen je göttlicher ein Mensch oder ein Werk des Menschen
ist je ähnlicher werden sie der Pflanze diese ist unter allen Formen der Natur
die sittlichste und die schönste Und also wäre ja das höchste vollendetste
Leben nichts als ein reines Vegetieren
Ich nahm mir vor mich zufrieden im Genuss meines Daseins über alle doch
endliche und also verächtliche Zwecke und Vorsätze zu erheben Die Natur selbst
schien mich in diesem Unternehmen zu bestärken und mich gleichsam in
vielstimmigen Chorälen zum ferneren Müßiggang zu ermahnen als sich plötzlich
eine neue Erscheinung offenbarte Ich glaubte unsichtbarerweise in einem Theater
zu sein auf der einen Seite zeigten sich die bekannten Bretter Lampen und
bemalten Pappen auf der andern ein unermessliches Gedränge von Zuschauern ein
wahres Meer von wissbegierigen Köpfen und teilnehmenden Augen An der rechten
Seite des Vorgrundes war statt der Dekoration ein Prometeus abgebildet der
Menschen verfertigte Er war an einer langen Kette gefesselt und arbeitete mit
der größten Hast und Anstrengung auch standen einige ungeheure Gesellen
daneben die ihn unaufhörlich antrieben und geisselten Leim und andre
Materialien waren im Überfluss da das Feuer nahm er aus einer großen
Kohlenpfanne Gegenüber zeigte sich auch als stumme Figur der vergötterte
Herkules wie er abgebildet wird mit der Hebe auf dem Schoss Vorn auf der Bühne
liefen und sprachen eine Menge jugendlicher Gestalten die sehr fröhlich waren
und nicht bloß zum Schein lebten Die jüngsten glichen Amorinen die mehr
erwachsenen den Bildern von Faunen aber jeder hatte seine eigne Manier eine
auffallende Originalität des Gesichts und alle hatten irgend eine Ähnlichkeit
von dem Teufel der christlichen Maler oder Dichter man hätte sie Satanisken
nennen mögen Einer der kleinsten sagte »Wer nicht verachtet der kann auch
nicht achten beides kann man nur unendlich und der gute Ton besteht darin, dass
man mit den Menschen spielt Ist also nicht eine gewisse ästhetische Bosheit ein
wesentliches Stück der harmonischen Ausbildung« »Nichts ist toller« sagte ein
andrer »als wenn die Moralisten euch Vorwürfe über den Egoismus machen Sie
haben vollkommen unrecht denn welcher Gott kann dem Menschen ehrwürdig sein
der nicht sein eigener Gott ist Ihr irrt freilich darin dass ihr ein Ich zu
haben glaubt aber wenn ihr indessen euren Leib und Namen oder eure Sachen dafür
haltet so wird doch wenigstens ein Logis bereitet wenn etwa ja noch ein Ich
kommen sollte« »Und diesen Prometeus könnt ihr nur recht in Ehren halten«
sagte einer der größten »er hat euch alle gemacht und macht immer mehrere
eures gleichen« In der Tat warfen auch die Gesellen jeden neuen Menschen so
wie er fertig war unter die Zuschauer herab wo man ihn sogleich gar nicht mehr
unterscheiden konnte so ähnlich waren sie alle »Er fehlt nur in der Methode!«
fuhr der Satanikus fort »Wie kann man allein Menschen bilden wollen Das sind
gar nicht die rechten Werkzeuge« Und dabei winkte er auf eine rohe Figur vom
Gott der Gärten die ganz im Hintergrunde der Bühne zwischen einem Amor und
einer sehr schönen unbekleideten Venus stand »Darin dachte unser Freund
Herkules richtiger der funfzig Mädchen in einer Nacht für das Heil der
Menschheit beschäftigen konnte und zwar heroische Er hat auch gearbeitet und
viel grimmige Untiere erwürgt aber das Ziel seiner Laufbahn war doch immer ein
edler Müßiggang und darum ist er auch in den Olymp gekommen Nicht so dieser
Prometeus der Erfinder der Erziehung und Aufklärung Von ihm habt ihr es dass
ihr nie ruhig sein könnt und euch immer so treibt daher kommt es dass ihr
wenn ihr sonst gar nichts zu tun habt auf eine alberne Weise sogar nach
Charakter streben müsst oder euch einer den andern beobachten und ergründen
wollt Ein solches Beginnen ist niederträchtig Prometeus aber weil er die
Menschen zur Arbeit verführt hat so muss er nun auch arbeiten er mag wollen
oder nicht Er wird noch Langeweile genug haben und nie von seinen Fesseln frei
werden« Da dies die Zuschauer hörten brachen sie in Tränen aus und sprangen
auf die Bühne um ihren Vater der lebhaftesten Teilnahme zu versichern und so
verschwand die allegorische Komödie
Treue und Scherz
Du bist doch allein Lucinde Ich weiß nicht vielleicht ich glaube
Bitte bitte liebe Lucinde Weißt du wohl wenn die kleine Wilhelmine Bitte
bitte sagt und man tuts nicht gleich so schreit sies immer lauter und
ernsthafter bis ihr Wille geschieht Also das hast du mir sagen wollen darum
stürzest du so außer Atem ins Zimmer und hast mich so erschreckt Sei nicht
böse süßes Weib o lass mich mein Kind du Schöne mach mir keine Vorwürfe
gutes Mädchen Nun wirst du noch nicht bald sagen schliess die Türen zu
So Gleich will ich dir antworten Nur erst einen recht langen Kuss und
wieder einen dann noch einige und viele andre mehr O du musst mich nicht so
küssen wenn ich vernünftig bleiben soll Das macht böse Gedanken Die
verdienst du Kannst du wirklich lachen meine verdrießliche Dame Wer hätte das
denken sollen aber ich weiß wohl du lachst bloß weil du mich auslachen kannst
Aus Lust tust du es nicht Denn wer sah nur eben so ernstaft aus wie ein
römischer Senator Recht entzückend hättest du aussehen können liebes Kind mit
deinen heiligen dunklen Augen mit deinen langen schwarzen Haaren im glänzenden
Widerschein der Abendsonne wenn du nicht da gesessen hättest als sässest du zu
Gericht Bei Gott du hast mich so angeblickt dass ich ordentlich zurückfuhr
Ich hätte bald das Wichtigste vergessen und bin ganz in Konfusion geraten Aber
warum sprichst du denn gar nicht Bin ich dir zuwider Nun das ist komisch du
närrischer Julius wen lässt du zum Reden kommen deine Zärtlichkeit fließt
heute ja wie ein Platzregen Wie dein Gespräch in der Nacht O das Halstuch
lassen Sie nur mein Herr Lassen Nichts weniger als das Was soll so ein
elendes dummes Halstuch Vorurteile Aus der Welt muss es Wenn uns nur nicht
jemand stört Sieht sie nicht schon wieder aus als ob sie weinen wollte Du
bist doch wohl Warum schlägt dein Herz so unruhig Komm lass michs küssen Ja
du sagtest vorhin von Türen zuschliessen Gut aber so nicht nicht hier
Geschwind herunter durch den Garten nach dem Pavillon wo die Blumen stehen
Komm o lass mich nicht so lange warten Wie Sie befehlen mein Herr Ich weiß
nicht du bist heute so sonderbar Wenn du anfängst zu moralisieren lieber
Freund so könnten wir eben so gut wieder zurückgehen Lieber gebe ich dir noch
einen Kuss und laufe voran O fliehen Sie nicht so schnell Lucinde die Moral
wird Sie doch nicht einholen Du wirst fallen Liebe Ich habe dich nicht
länger warten lassen wollen Nun sind wir ja da Und du bist auch eilig Und
du sehr gehorsam Aber jetzt ist nicht Zeit zu streiten Ruhig ruhig
Siehst du hier kannst du weichlich ruhen und wie es recht ist Nun wenn du
diesmal nicht so hast du gar keine Entschuldigung Wirst du nicht
wenigstens erst den Vorhang niederlassen Du hast recht die Beleuchtung wird
so viel reizender Wie schön glänzt diese weiße Hüfte in dem roten Schein
Warum so kalt Lucinde Lieber setze die Hyacinten weiter weg der Geruch
betäubt mich Wie fest und selbstständig wie glatt und fein Das ist
harmonische Ausbildung O nein Julius lass ich bitte dich ich will nicht
Darf ich nicht fühlen ob du glühst wie ich O so lass mich doch die Schläge
deines Herzens lauschen die Lippen in dem Schnee des Busens kühlen Kannst
du mich wegdrücken Ich werde mich rächen Umarme mich fester Kuss gegen Kuss
nein nicht mehre einen ewigen Nimm meine Seele ganz und gib mir deine O
schönes herrliches Zugleich Sind wir nicht Kinder Sprich doch wie konntest du
nur erst so gleichgültig und kalt sein und nachher wie du mich endlich fester
an dich zogst machtest du in demselben Augenblick ein Gesicht als wenn dir
etwas weh täte als ob es dir leid wäre dass du meine Glut erwidertest Was ist
dir du weinst Verbirg nicht dein Gesicht Sieh mich an Geliebte O lass mich
hier an dich liegen ich kann dir nicht in die Augen sehen Es war recht
schlecht von mir Julius Kannst du mir verzeihen du liebenswürdiger Mann
Wirst du mich nicht verlassen kannst du mich noch lieben Komm zu mir mein
süßes Weib hier an meinem Herzen Weißt du noch neulich wie schön es war wie
du in meinen Armen weintest wie leicht dir wurde Aber sprich nun auch was ist
dir Liebe bist du böse auf mich Auf mich bin ich böse Ich könnte mich
schlagen Dir freilich wäre ganz recht geschehen und wenn Sie sich künftig
wieder einmal ehemännlich betragen mein Herr so werde ich schon besser dafür
sorgen dass Sie mich auch wie eine Ehefrau finden sollen Darauf kannst du dich
verlassen Ich muss lachen wie es mich überrascht hat Aber bilden Sie sich nur
nicht ein mein Herr dass du so unmenschlich liebenswürdig bist Diesmal war es
eigener Wille dass ich meinen Vorsatz brach Der erste und der letzte Wille ist
immer der beste Dafür dass die Frauen meistens weniger sagen als sie meinen
tun sie bisweilen mehr als sie wollen Das ist nicht mehr als billig der gute
Wille verführt euch Der gute Wille ist etwas sehr gutes aber das ist schlimm
an ihm dass er immer da ist auch wenn man ihn nicht will Das ist ein schöner
Fehler Aber ihr seid voll von bösem Willen und verstockt euch darin O nein
wenn wir verstockt scheinen so ists bloß weil wir nicht anders können und also
nicht böse Wir können nicht weil wir nicht recht wollen es ist also nicht
böser Wille sondern Mangel an Willen Und an wem liegt da wieder die Schuld als
an euch dass ihr uns nicht mitteilen wollt von eurem Überfluss und den guten
Willen allein behalten wollt Übrigens ists ganz wider Willen gesehen dass ich
hier so in den Willen geraten bin und ich weiß selbst nicht was wir damit
wollen Indessen ists immer besser wenn ich mein Mütchen an einigen Worten
kühle als wenn ich das schöne Porzellan zerschlüge Bei dieser Gelegenheit habe
ich mich doch von meinem ersten Erstaunen über Ihr unerwartetes Patos Ihre
vortreffliche Rede und Ihren rühmlichen Vorsatz etwas erholen können In der Tat
ist dies einer der seltsamsten Streiche von denen die Sie mir die Ehre
verschafft haben kennen zu lernen und so viel ich mich erinnern kann haben Sie
schon seit einigen Wochen bei Tage nicht in so gesetzten und vollen Perioden
geredet wie in Ihrer gegenwärtigen Predigt Ist es Ihnen gefällig Ihre Meinung
in Prosa zu übersetzen Hast du den gestrigen Abend und die interessante
Gesellschaft wirklich schon ganz vergessen Freilich das wusste ich nicht
Also darüber bist du böse weil ich zu viel mit Amalien gesprochen habe
Sprechen Sie doch so viel Sie wollen und mit wem Sie wollen Aber artig sollst
du mir begegnen das will ich haben Du sprachst so sehr laut der Fremde
stand gleich daneben ich war ängstlich und wusste mir nicht anders zu helfen
Als unartig zu sein weil du ungeschickt warst Verzeih mir nur Ich bekenne
mich schuldig du weißt wie verlegen ich mit dir in Gesellschaft bin Es tut mir
leid in Gegenwart der andern mit dir zu sprechen Wie schön weiß er sich
heraus zu reden Lass mir so etwas nie hingehen und sei recht aufmerksam und
strenge Aber sieh was du nun getan hast Ist es nicht Entweihung O nein es
ist nicht möglich es ist mehr als das Gesteh mirs nur es war Eifersucht
Den ganzen Abend hattest du mich unfreundlich vergessen Ich wollte dir heute
früh alles schreiben aber ich habe es wieder zerrissen Und da ich eben kam
Verdross mich deine gewaltige Eil Könntest du mich lieben wenn ich nicht so
brennbar und elektrisch wäre bist du es nicht auch hast du unsre erste
Umarmung vergessen In einem Augenblick ist die Liebe da ganz und ewig oder
gar nicht Alles Göttliche und alles Schöne ist schnell und leicht Oder sammelt
die Freude sich etwa so wie Geld und andere Materien durch ein konsequentes
Betragen Wie eine Musik aus der Luft überrascht uns das hohe Glück erscheint
und verschwindet So bist du mir erschienen du Teurer Aber willst du mir
verschwinden Das sollst du nicht ich sage es dir Ich will nicht Ich will
bei dir bleiben überhaupt und auch jetzt Höre ich habe große Lust einen langen
Diskurs über die Eifersucht mit dir zu halten aber eigentlich sollten wir erst
die beleidigten Götter versöhnen Lieber erst den Diskurs und hernach die
Götter Du hast recht wir sind noch nicht würdig und du fühlst es lange
nach wann du gestört und verstimmt wurdest Wie schön ist es dass du so
empfindlich bist Ich bin nicht empfindlicher wie du nur anders Nun so
sage mir ich bin nicht eifersüchtig wie kommts dass du eifersüchtig bist
Bin ichs denn ohne Ursache Antworten Sie mir Ich weiß ja nicht was du
meinst Nun eifersüchtig bin ich eigentlich nicht aber sage mir was ihr den
ganzen Abend zusammen gesprochen habt Auf Amalien also ist das möglich So
eine Kinderei Von gar nichts habe ich mit ihr gesprochen und darum war es
amüsant Und habe ich nicht eben so lange mit Antonio gesprochen den ich doch
eine Zeit her fast alle Tage sah Ich soll also wohl glauben du sprichst mit
der koketten Amalia wie mit dem stillen ernstaften Antonio Nicht wahr es ist
nichts wie klare reine Freundschaft O nein das sollst du nicht glauben und
musst es auch nicht glauben so ist es gar nicht Wie kannst du mir eine solche
Albernheit zutraun denn etwas recht Albernes ist es wenn so zwei Personen von
verschiedenem Geschlecht sich ein Verhältnis ausbilden und einbilden wie reine
Freundschaft Mit Amalien ist es gar nichts als dass ich sie zum Scherz liebe
Ich möchte sie gar nicht wenn sie nicht ein wenig kokett wäre Gäbe es nur mehr
solche in unserm Zirkel eigentlich muss man alle Frauen im Scherze lieben
Julius ich glaube du wirst ganz närrisch Nun versteh mich wohl nicht
eigentlich alle sondern nur alle die liebenswürdig sind und die einem eben
vorkommen Das ist also weiter nichts als was die Franzosen Galanterie und
Kokett nennen Weiter nichts außer dass ichs mir schön und witzig denke Und
dann müssen die Menschen wissen was sie tun und was sie wollen und das ist
selten der Fall Der feine Scherz verwandelt sich in ihren Händen gleich wieder
in groben Ernst Dieses im Scherz lieben ist nur gar nicht scherzhaft
zuzusehen Daran ist der Scherz unschuldig das ist nichts wie die fatale
Eifersucht Verzeih mir Liebe ich will nicht auffahren aber ich begreife
durchaus nicht wie man eifersüchtig sein kann denn Beleidigungen finden ja
nicht statt unter Liebenden so wenig wie Wohltaten Also muss es Unsicherheit
sein Mangel an Liebe und Untreue gegen sich selbst Für mich ist das Glück
gewiss und die Liebe Eins mit der Treue Freilich wie die Menschen so lieben ist
es etwas anders Da liebt der Mann in der Frau nur die Gattung die Frau im Mann
nur den Grad seiner natürlichen Qualitäten und seiner bürgerlichen Existenz und
beide in den Kindern nur ihr Machwerk und ihr Eigentum Da ist die Treue ein
Verdienst und eine Tugend und da ist auch die Eifersucht an ihrer Stelle Denn
darin fühlen sie ungemein richtig dass sie stillschweigend glauben es gäbe
ihres gleichen viele und einer sei als Mensch ungefähr so viel wert wie der
andre und alle zusammen nicht eben sonderlich viel Du hältst also die
Eifersucht für nichts anders als leere Rohheit und Unbildung Ja oder für
Missbildung und Verkehrtheit was eben so arg oder noch ärger ist Nach jenem
System ist es noch das beste wenn man mit Absicht aus bloßer Gefälligkeit und
Höflichkeit heiratet und gewiss muss es für solche Subjekte eben so bequem als
unterhaltend sein im Verhältnis der Wechselverachtung neben einander weg zu
leben Besonders die Frauen können eine ordentliche Passion für die Ehe
bekommen und wenn eine solche erst Geschmack daran findet so geschieht es
leicht dass sie ein halbes Dutzend nach einander heiratet geistig oder
leiblich wo es denn nie an Gelegenheit gebricht mit Abwechselung delikat zu
sein und viel von der Freundschaft zu reden Du hast schon vorhin so gesprochen
als hieltest du uns zur Freundschaft unfähig Ist das wirklich deine Meinung
Ja aber die Unfähigkeit glaube ich liegt mehr in der Freundschaft als in
euch Ihr liebt alles was ihr liebt ganz wie den Geliebten und das Kind Diesen
Charakter würde selbst ein schwesterliches Verhältnis bei euch annehmen Darin
hast du recht Die Freundschaft ist für euch zu vielseitig und einseitig Sie
muss ganz geistig sein und durchaus bestimmte Grenzen haben Diese Absonderung
würde euer Wesen nur auf eine feinere Art eben so vollkommen zerstören wie bloße
Sinnlichkeit ohne Liebe Für die Gesellschaft aber ist sie zu ernst zu tief und
zu heilig Können denn Menschen nicht miteinander reden ohne danach zu
fragen ob sie Männer oder Frauen sind Das dürfte sehr enstaft ausfallen
Aufs höchste möchte es einen interessanten Klub geben Du verstehst was ich
meine Es wäre schon viel wenn man da frei und witzig reden dürfte und weder
zu wild noch zu steif wäre Das Feinste und das Beste würde immer fehlen was
überall wo sich ein bisschen gute Gesellschaft zeigt Geist und Seele davon ist
Und das ist der Scherz mit der Liebe und die Liebe zum Scherz der ohne den Sinn
für jenen zum Spaß herabsinkt Aus diesem Grunde nehme ich auch die
Zweideutigkeiten in Schutz Tust du das im Scherz oder zum Spaß Nein nein
ich tue es im vollen Ernst Aber doch nicht so ernstaft und so feierlich wie
Pauline und ihr Liebhaber Gott behüte ich glaube die ließ die Betglocken
anziehen wenn sie sich umarmen falls es nur schicklich wäre O es ist wahr
meine Freundin der Mensch ist von Natur eine ernsthafte Bestie Man muss diesem
schändlichen und leidigen Hange aus allen Kräften und von allen Seiten
entgegenarbeiten Dazu sind die Zweideutigkeiten auch gut nur sind sie so
selten zweideutig und wenn sie es nicht sind und nur einen Sinn zulassen das
ist eben nicht unsittlich aber zudringlich und platt Leichtfertige Gespräche
müssen geistig und zierlich und bescheiden sein so viel als möglich übrigens
aber ruchlos genug Das ist gut aber was sollen sie grade in der
Gesellschaft Sie sollen das Gespräch frisch erhalten wie das Salz an den
Speisen Es fragt sich gar nicht warum man sie sagen soll sondern nur wie man
sie sagen soll Denn lassen kann und darf mans doch nicht Es wäre ja grob mit
einem reizenden Mädchen so zu reden als ob sie ein geschlechtsloses Amphibion
wäre Es ist Pflicht und Schuldigkeit immer auf das anzuspielen was sie ist und
sein wird und so unzart steif und schuldig wie die Gesellschaft einmal
besteht ist es wirklich eine komische Situation ein unschuldiges Mädchen zu
sein Das erinnert mich an den berühmten Buffo der selbst oft sehr traurig
war während er alle zu lachen machte Die Gesellschaft ist ein Chaos das nur
durch Witz zu bilden und in Harmonie zu bringen ist und wenn man nicht scherzt
und tändelt mit den Elementen der Leidenschaft so ballt sie sich in dicke
Massen und verfinstert alles So mögen hier wohl Leidenschaften in der Luft
sein denn es ist beinah finster Gewiss haben Sie Ihre Augen zugeschlossen
Dame meines Herzens Sonst würde eine allgemeine Klarheit unfehlbar das Zimmer
durchstrahlen Wer ist wohl leidenschaftlicher Julius ich oder du Wir
sinds beide genug Ohne das möchte ich nicht leben Und sieh darum könnte ich
mich mit der Eifersucht aussöhnen Es ist alles in der Liebe Freundschaft
schöner Umgang Sinnlichkeit und auch Leidenschaft und es muss alles darin sein
und eins das andre verstärken und lindern beleben und erhöhen Lass dich
umarmen du Treuer Aber nur unter einer Bedingung kann ich dir die Eifersucht
erlauben Ich habe oft gefühlt dass eine kleine Dosis von gebildetem
verfeinertem Zorn einen Mann nicht übel kleidet Vielleicht ists dir so mit der
Eifersucht Getroffen und also brauche ich sie nicht ganz abzuschwören
Wenn sie sich nur immer so schön und so witzig äußerte wie heute bei dir
Findest du das Nun wenn du das nächstemal schön und und witzig auffährst werde
ich dirs auch sagen und dich loben Sind wir nun nicht würdig die
beleidigten Götter zu versöhnen Ja wenn dein Diskurs ganz zu Ende ist sonst
sage noch das übrige
Lehrjahre der Männlichkeit
Pharao zu spielen mit dem Anscheine der heftigsten Leidenschaft und doch
zerstreut und abwesend zu sein in einem Augenblick von Hitze alles zu wagen und
sobald es verloren war sich gleichgültig wegzuwenden das war nur eine von den
schlimmen Gewohnheiten unter denen Julius seine wilde Jugend verstürmte Diese
eine ist genug den Geist eines Lebens zu schildern welches in der Fülle der
empörten Kräfte selbst den unvermeidlichen Keim eines frühen Verderbens
enthielt Eine Liebe ohne Gegenstand brannte in ihm und zerrüttete sein Inneres
Bei dem geringsten Anlass brachen die Flammen der Leidenschaft aus aber bald
schien diese aus Stolz oder aus Eigensinn ihren Gegenstand selbst zu
verschmähen und wandte sich mit verdoppeltem Grimme zurück in sich und auf ihn
um da am Mark des Herzens zu zehren Sein Geist war in einer beständigen Gärung
er erwartete in jedem Augenblick es müsse ihm etwas Außerordentliches begegnen
Nichts würde ihn befremdet haben am wenigsten sein eigener Untergang Ohne
Geschäft und ohne Zweck trieb er sich umher unter den Dingen und unter den
Menschen wie einer der mit Angst etwas sucht woran sein ganzes Glück hängt
Alles konnte ihn reizen nichts mochte ihm genügen Daher kam es dass ihm eine
Ausschweifung nur so lange interessant war bis er sie versucht hatte und näher
kannte Keine Art derselben konnte ihm ausschließend zur Gewohnheit werden denn
er hatte eben so viel Verachtung als Leichtsinn Er konnte mit Besonnenheit
schwelgen und sich in den Genuss gleichsam vertiefen Aber weder hier noch in den
mancherlei Liebhabereien und Studien auf die sich oft sein jugendlicher
Enthusiasmus mit einer gefrässigen Wissbegier warf fand er das hohe Glück das
sein Herz mit Ungestüm foderte Spuren davon zeigten sich überall täuschten und
erbitterten seine Heftigkeit Am meisten Reiz hatte der Umgang aller Art für ihn
und so oft er auch sogar sie überdrüssig ward waren es doch die
gesellschaftlichen Zerstreuungen zu denen er endlich immer wieder zurückkehrte
Die Frauen kannte er eigentlich gar nicht ungeachtet er schon früh gewohnt war
mit ihnen zu sein Sie erschienen ihm wunderbar fremd oft ganz unbegreiflich
und kaum wie Wesen seiner Gattung Junge Männer aber die ihm einigermaßen
glichen umfasste er mit heißer Liebe und mit einer wahren Wut von Freundschaft
Doch war das allein für ihn noch nicht das rechte Es war ihm als wolle er eine
Welt umarmen und könne nichts greifen Und so verwilderte er denn immer mehr und
mehr aus unbefriedigter Sehnsucht ward sinnlich aus Verzweiflung am Geistigen
beging unkluge Handlungen aus Trotz gegen das Schicksal und war wirklich mit
einer Art von Treuherzigkeit unsittlich Er sah wohl den Abgrund vor sich aber
er hielt es nicht der Mühe wert seinen Lauf zu mäßigen Er wollte lieber gleich
einem wilden Jäger den jähen Abhang rasch und mutig durchs Leben
hinunterstürmen als sich mit Vorsicht langsam quälen
Bei diesem Charakter musste er oft in der geselligsten und fröhlichsten
Gesellschaft einsam sein und er fand sich eigentlich am wenigsten allein wenn
niemand bei ihm war Dann berauschte er sich in Bildern der Hoffnung und
Erinnerung und ließ sich absichtlich von seiner eignen Fantasie verführen Jeder
seiner Wünsche stieg mit unermesslicher Schnelligkeit und fast ohne Zwischenraum
von der ersten leisen Regung zur grenzenlosen Leidenschaft Alle seine Gedanken
nahmen sichtbare Gestalt und Bewegung an und wirkten in ihm und wider einander
mit der sinnlichsten Klarheit und Gewalt Sein Geist strebte nicht die Zügel der
Selbsterrschaft fest zu halten sondern warf sie freiwillig weg um sich mit
Lust und mit Übermut in dies Chaos von innerem Leben zu stürzen Er hatte weniges
erlebt und war doch voll Erinnerungen auch aus früher Jugend denn ein
sonderbarer Augenblick von leidenschaftlicher Stimmung ein Gespräch ein
Geschwätz aus der Tiefe des Herzens blieb ihm ewig teuer und deutlich und noch
nach Jahren wusste ers genau als wäre es gegenwärtig Aber alles was er liebte
und mit Liebe dachte war abgerissen und einzeln Sein ganzes Dasein war in
seiner Fantasie eine Masse von Bruchstücken ohne Zusammenhang jedes für sich
Eins und Alles und das andre was in der Wirklichkeit daneben stand und damit
verbunden war für ihn gleichgültig und so gut wie gar nicht vorhanden
Noch war er nicht ganz verdorben als im Schoss der einsamen Wünsche ein
heiliges Bild der Unschuld in seine Seele blitzte Ein Strahl von Verlangen und
Erinnerung traf und entzündete sie und dieser gefährliche Traum war entscheidend
für sein ganzes Leben
Er gedachte an ein edles Mädchen mit dem er in ruhigen glücklichen Zeiten
der frischen Jugend aus reiner kindlicher Zuneigung freundlich und fröhlich
getändelt hatte Da er der erste war welcher sie durch sein Interesse an ihr
reizte so wandte auch das liebliche Kind ihre junge Seele nach ihm hin wie
sich die Blume zum Licht der Sonne neigt Dass sie kaum reif und noch an der
Grenze der Kindheit war reizte sein Verlangen nur um so unwiderstehlicher Sie
zu besitzen schien ihm das höchste Gut er war entschlossen alles zu wagen und
glaubte nicht ohne das leben zu können dabei verabscheute er die entfernteste
Erinnerung an bürgerliche Verhältnisse wie jede Art von Zwang
Er eilte zurück in ihre Nähe und fand sie ausgebildeter aber noch eben so
edel und eigen so sinnig und stolz wie ehedem Was ihn noch mehr reizte als
ihre Liebenswürdigkeit waren die Spuren von tiefem Gefühl Sie schien nur
fröhlich und leichtfertig durchs Leben zu schwärmen wie über eine blumenreiche
Ebne und verriet doch seinem aufmerksamen Auge die entschiedenste Anlage zu
einer grenzenlosen Leidenschaftlichkeit Ihre Neigung ihre Unschuld und ihr
verschwiegenes und verschlossenes Wesen boten ihm leicht Mittel dar sie allein
zu sehen und die Gefahr die damit verbunden war erhöhte den Reiz des
Unternehmens Aber mit Verdruss musste er sichs gestehen dass er seinem Ziele
nicht näher kam und schalt sich zu ungeschickt ein Kind zu verführen Willig
überließ sie sich einigen Liebkosungen und erwiderte sie mit schüchterner
Lüsternheit Sobald er aber diese Grenzen zu überschreiten versuchte
widersetzte sie sich ohne beleidigt zu scheinen mit unerbittlichem Eigensinn
vielleicht mehr aus Glauben an ein fremdes Gebot als aus eigenem Gefühl von dem
was allenfalls erlaubt sei und von dem was durchaus nicht
Indessen wurde er nicht müde zu hoffen und zu beobachten Einst überraschte
er sie als sie es am wenigsten erwartete Sie war schon lange allein gewesen
und mochte sich ihrer Fantasie und einer unbestimmten Sehnsucht mehr als
gewöhnlich überlassen haben Da er dies gewahr ward wollte er den Augenblick
der vielleicht nie wieder käme nicht verscherzen und geriet durch die
plötzliche Hoffnung selbst in einen Taumel von Begeisterung Ein Strom von
Bitten von Schmeicheleien und von Sophismen floss von seinen Lippen Er bedeckte
sie mit Liebkosungen und er geriet außer sich vor Entzücken da das
liebenswürdige Köpfchen endlich an seine Brust sank wie sich die zu volle Blume
an ihrem Stengel senket Ohne Zurückhaltung schmiegte sich die schlanke Gestalt
um ihn die seiednen Locken der goldnen Haare flossen über seine Hand mit
zärtlicher Sehnsucht öffnete sich die Knospe des schönen Mundes und aus den
frommen dunkelblauen Augen strahlte und schmachtete ein ungewohntes Feuer Sie
setzte den kühnsten Liebkosungen nur noch schwachen Widerstand entgegen Bald
hörte auch dieser auf sie ließ plötzlich ihre Arme sinken und alles war ihm
hingegeben der zarte jungfräuliche Leib und die Früchte des jungen Busens Aber
in demselben Augenblick brach ein Strom von Tränen aus ihren Augen und die
bitterste Verzweiflung entstellte ihr Gesicht Julius erschrak heftig nicht
sowohl über die Tränen aber er kam nun mit einem Male zur vollen Besinnung Er
dachte an alles was vorhergegangen war und was nun folgen würde an das Opfer
vor ihm und an das arme Schicksal der Menschen Da überlief ihn ein kalter
Schauder ein leiser Seufzer stahl sich aus tiefer Brust über seine Lippen Er
verschmähte sich selbst von der Höhe seines eignen Gefühls und vergaß die
Gegenwart und seine Absicht in Gedanken von allgemeiner Sympatie
Der Augenblick war versäumt Er suchte nur das gute Kind zu trösten und zu
besänftigen und eilte mit Abscheu von dem Orte hinweg wo er den Blütenkranz
der Unschuld mutwillig hatte zerreißen wollen Er wusste wohl dass mancher seiner
Freunde der noch weniger an weibliche Tugend glaubte wie er sein Benehmen
ungeschickt und lächerlich finden würde Er war beinah selbst dieser Meinung da
er wieder mit Kälte zu überlegen anfing Indessen hielt er seine Dummheit doch
für ausgezeichnet und interessant Er glaubte es sei notwendig dass edle
Naturen in gemeinen Verhältnissen und in den Augen der Menge einfältig oder
rasend erscheinen müssten Da bei dem nächsten Wiedersehen wie er schlau bemerkte
oder sich einbildete das Mädchen eher unzufrieden schien dass es nicht ganz
verführt sei bestätigte er sich in seinem Misstrauen und geriet in eine große
Erbitterung Es wandelte ihn beinah eine Art von Verachtung an zu der er doch
so wenig berechtigt war Er floh zog sich wieder in die alte Einsamkeit zurück
und verzehrte sich in seiner eignen Sehnsucht
So lebte er von neuem eine Zeit auf die alte Weise in einem Wechsel von
Schwermut und Ausgelassenheit Der einzige Freund der Kraft und Ernst genug
hatte ihn trösten und beschäftigen zu können und auf dem Wege zum Verderben
einzuhalten war weit entfernt und seine Sehnsucht also auch von dieser Seite
unbefriedigt Heftig streckte er einst die Arme nach ihm aus als müsse er nun
endlich da sein und trostlos ließ er sie wieder sinken nachdem er lange
vergeblich gewartet Er vergoss keine Träne aber sein Geist fiel in eine Agonie
von hoffnungsloser Wehmut aus der er sich nur zu neuen Torheiten ermannte
Er freute sich laut da er im Glanz der prachtvollen Morgensonne auf die
Stadt zurücksah die er schon als Kind geliebt und wo er nur noch eben so ganz
lebte und die er nun auf immer zu verlassen hoffte Er atmete schon das frische
Leben der neuen Heimat die ihn in der Fremde erwarten sollte und deren Bilder
er schon mit Heftigkeit liebte
Er fand bald einen andern reizenden Wohnort wo ihn zwar nichts fesselte
aber doch vieles anzog Alle seine Kräfte und Neigungen wurden rege durch die
neuen Gegenstände ohne Zweck und Maß in seinem Innern nahm er teil an allem
Äußeren was nur irgend merkwürdig war und ließ sich überall ein
Da er auch in diesem Geräusch bald Leerheit und Überdruss empfand so kehrte
er oft zurück zu seinen einsamen Träumen und wiederholte das alte Gewebe seiner
unbefriedigten Wünsche Eine Träne entfiel ihm über sich selbst da er einst im
Spiegel sah wie trübe und stechend das Feuer der unterdrückten Liebe aus seinem
dunkeln Auge brannte und wie sich unter wilden schwarzen Locke leise Furchen in
die kämpfende Stirn gruben und wie die Wange so bleich war Er seufzte über
seine ungenutzte Jugend sein Geist empörte sich und wählte unter den schönen
Frauen seiner Bekanntschaft die welche am freisten lebte und am meisten in der
guten Gesellschaft glänzte Er nahm sich vor nach ihrer Liebe zu streben und er
erlaubte seinem Herzen sich ganz zu überfüllen mit diesem Gegenstande Was so
wild und willkürlich begonnen wurde konnte nicht gesund endigen und die Dame
welche eben so eitel als schön war musste es sonderbar und mehr als sonderbar
finden wie Julius sie mit der ernstaftesten Aufmerksamkeit förmlich zu umgeben
und zu belagern anfing und dabei bald so dreist und zuversichtlich war wie ein
alter Besitzer bald so schüchtern und fremd wie ein völlig Unbekannter Da er
sich so seltsam zeigte hätte er bei weitem reicher sein müssen als er war um
solche Ansprüche haben zu dürfen Sie hatte ein leichtes munteres Wesen und ihm
schien sie artig zu reden Aber was er an der Geliebten für göttlichen
Leichtsinn nahm war nichts als ein gedankenloses Schwärmen ohne eigentliche
Freude und Fröhlichkeit und auch ohne Geist ausgenommen so viel Verstand und
Schlauigkeit als es braucht um alles absichtlich und zwecklos zu verwirren
die Männer zu locken und zu lenken und sich selbst in Schmeicheleien zu
berauschen Zu seinem Unglücke erhielt er einige Zeichen von Gunst von der Art
welche die Geberin nicht binden weil sie sich nie dazu bekennen darf und welche
den gefangenen Neuling durch den Zauber der Heimlichkeit noch unauflöslicher
fesseln Ihn konnte schon ein verstohlner Blick und Händedruck ganz bezaubern
oder ein Wort was vor allen gesagt in seiner eigentlichen Beziehung und
Anspielung nur ihm verständlich war wenn die einfache und wohlfeile Gabe nur
durch den Schein einer eignen sonderbaren Bedeutsamkeit gewürzt wurde Sie gab
ihm wie er glaubte ein noch deutlicheres Zeichen und es beleidigte ihn tief
dass sie ihn so wenig verstehe dass sie ihm so sehr zuvorkomme Er war nicht
wenig stolz darauf dass ihn das beleidigte und doch reizte es ihn
unwiderstehlich wenn er dachte er dürfe nur schnell sein und die günstige
Gelegenheit ergreifen um ohne Hindernis ans Ziel zu gelangen Er machte sich
schon bittere Vorwürfe über seine Langsamkeit als er plötzlich Verdacht
schöpfte ihr Zuvorkommen sei nur Täuschung sie meine es auch mit ihm nicht
ehrlich und da ein Freund ihn vollends aufklärte konnte ihm kein Zweifel
bleiben Er sah dass man ihn lächerlich finde und musste sich gestehen dass es
ganz in der Ordnung sei Darüber geriet er etwas in Wut und hätte leicht Unheil
begonnen wenn er diese leeren Menschen ihre kleinen Verhältnisse und
Missverständnisse und das ganze Spiel geheimer Absichten und Rücksichten nicht
genau beobachtet und also gründlich verachtet hätte Auch wurde er wieder
ungewiss und da sein Argwohn nun keine Grenzen mehr kannte so war er gegen sein
eigenes Misstrauen misstrauisch Bald sah er den Grund des Übels nur in seinem
Eigensinne und übertriebnem Zartgefühl und fasste dann neue Hoffnung und neues
Zutrauen bald sah er in allem Unglück was ihn in der Tat absichtlich zu
verfolgen schien nur das künstliche Werk ihrer Rache Alles schwankte nur das
ward ihm immer klarer und fester dass vollendete Narrheit und Dummheit im Großen
das eigentliche Vorrecht der Männer sei mutwillige Bosheit hingegen mit naiver
Kälte und lachender Gefühllosigkeit eine angeborene Kunst der Frauen Das war
alles was er lernte durch sein angestrengtes Bestreben nach Menschenkenntnis
Im einzelnen verfehlte er immer auf eine scharfsinnige Art das Rechte weil er
überall künstliche Absichten voraussetzte und tiefen Zusammenhang und gar
keinen Sinn hatte für das Unbedeutende dabei wuchs seine Leidenschaft zum
Spiel dessen zufällige Verwickelungen Sonderbarkeiten und Glücksfälle ihn auf
eben die Art interessierten wie wenn er in höheren Verhältnissen mit seinen
Leidenschaften und ihren Gegenständen aus reiner Willkür ein hohes Spiel wagte
oder zu wagen glaubte
So verwirrte er sich immer tiefer in die Intrigen einer schlechten
Gesellschaft und was ihm noch übrig blieb von Zeit und Kraft in dem Wirbel der
Zerstreuungen wandte er auf ein Mädchen die er so sehr als möglich allein zu
besitzen strebte obgleich er sie unter denen gefunden hatte die beinah
öffentlich sind Was sie ihm so interessant machte war nicht allein das weshalb
sie allgemein gesucht und gleichsam berühmt war ihre seltene Gewandtheit und
unerschöpfliche Mannichfaltigkeit in allen verführerischen Künsten der
Sinnlichkeit. Ihr naiver Witz überraschte ihn mehr und reizte ihn am meisten
wie die hellen Funken von rohem tüchtigem Verstand vorzüglich aber ihre
entschiedne Manier und ihr konsequentes Betragen Mitten im Stande der äußersten
Verderbteit zeigte sie eine Art von Charakter sie war voll von Eigenheiten und
ihr Egoismus nicht im gemeinen Stil Nächst der Unabhängigkeit liebte sie nichts
so unmäßig wie das Geld aber sie wusste es zu brauchen dabei war sie billig
gegen jeden der nicht sehr reich war und selbst gegen die andern treuherzig in
ihrer Habsucht und ohne Ränke Sie schien ganz sorgenlos nur in der Gegenwart zu
leben und war doch immer auf die Zukunft bedacht Sie sparte im Kleinen um nach
ihrer Art im Großen zu verschwenden und im Überflüssigen das Beste zu haben Ihr
Boudoir war einfach und ohne alle gewöhnlichen Meublen nur von allen Seiten
große kostbare Spiegel und wo noch Raum übrig blieb einige gute Kopien von den
wollüstigen Gemälden des Korreggio und Tizian desgleichen einige schöne
Originale von frischen vollen Blumen und Fruchtstücken statt der Lambris die
lebendigsten und fröhlichsten Darstellungen in Basrelief aus Gips nach der
Antike statt der Stühle echte orientalische Teppiche und einige Gruppen aus
Marmor in halber Lebensgröße ein gieriger Faun der eine Nymphe die im Fliehen
schon gefallen ist eben völlig überwinden wird eine Venus die mit
aufgehobenem Gewande lächelnd über den wollüstigen Rücken auf die Hüften schaut
und andre ähnliche Darstellungen Hier saß sie oft auf türkische Sitte Tage lang
allein und die Hände müßig im Schoss denn sie verabscheute alle weiblichen
Arbeiten Sie erfrischte sich nur von Zeit zu Zeit mit Wohlgerüchen und ließ
sich dabei von ihrem Jockei einem bildschönen Knaben den sie sich in seinem
vierzehnten Jahre eigens verführt hatte Geschichten Reisebeschreibungen und
Märchen vorlesen Sie gab wenig darauf acht außer wenn etwas Lächerliches
vorkam oder eine allgemeine Bemerkung die sie auch wahr fand Denn sie achtete
nichts und hatte Sinn für nichts als für Realität und fand alle Poesie
lächerlich Sie war einmal Schauspielerin gewesen aber nur kurze Zeit und sie
machte sich gern lustig über ihr Ungeschick dazu und über die Langeweile die
sie dabei ausgestanden Es war eine von ihren vielen Eigenheiten dass sie bei
solchen Gelegenheiten in der dritten Person von sich sprach Auch wenn sie
erzählte nannte sie sich nur Lisette und sagte oft wenn sie schreiben könnte
wollte sie ihre eigne Geschichte schreiben aber so als ob es ein andrer wäre
Für Musik hatte sie gar kein Gefühl für die bildenden Künste aber so viel dass
Julius oft mit ihr über seine Arbeiten und Ideen sprach und die Skizzen für die
besten hielt die er unter ihren Augen und bei ihrem Gespräch entworfen hatte
Doch schätzte sie an Statuen und an Zeichnungen nur die lebendige Kraft und an
Gemälden nur den Zauber der Farben die Wahrheit des Fleisches und allenfalls
die Täuschung des Lichtes Sprach ihr jemand von Regeln vom Ideal und von der
sogenannten Zeichnung so lachte sie oder hörte nicht zu Selbst etwas zu
versuchen so viele bereitwillige Lehrer sich auch anboten war sie viel zu
träge und verwöhnt und befand sich zu wohl bei ihrer Lebensart Auch traute sie
allen Schmeicheleien nicht und blieb fest überzeugt sie würde es mit aller Not
und Arbeit in der Kunst zu nichts Ordentlichem bringen Lobte man ihren
Geschmack und ihr Zimmer in welches sie nur selten auserwählte Lieblinge
führte so rühmte sie dagegen auf eine komische Weise zuerst das gute alte
Schicksal die schlaue Lisette und dann die Engländer und Holländer als die
besten Nationen unter allen die sie kenne weil die volle Kasse einiger
Neulinge von dieser Sorte zuerst einen guten Grund zu ihrer reichlichen
Einrichtung gelegt hatte Überhaupt freute sie sich sehr damit wenn sie
jemanden der dumm war übervorteilt hatte aber sie tat es auf eine drollige
fast kindische Art mit Witz und mehr aus Übermut als aus Rohheit Ihre ganze
Klugheit wandte sie darauf sich der Zudringlichkeit und Unart der Männer zu
erwehren und es gelang ihr so sehr dass die rohen wüsten Menschen mit einer
innigen Achtung von ihr sprachen die dem welcher sie nicht kannte und nur von
ihrem Gewerbe wusste sehr komisch dünkte Das war es auch was den neugierigen
Julius zuerst reizte eine so sonderbare Bekanntschaft zu suchen und er fand
bald noch mehr Ursach zu erstaunen Bei den gewöhnlichen Männern litt und tat
sie was sie schuldig zu sein glaubte genau mit Geschicklichkeit und mit
Kunstsinn aber ganz kalt Gefiel ihr ein Mann führte sie ihn gar in ihr
heiliges Kabinet so schien sie eine ganz neue Person zu werden Sie geriet dann
in eine schöne bacchantische Wut wild ausschweifend und unersättlich vergaß
sie beinah der Kunst und verfiel in eine hinreissende Anbetung der Männlichkeit
Darum liebte sie Julius und auch weil sie ihm so ganz ergeben schien
ungeachtet sie davon nicht viele Worte machte Sie merkte bald ob jemand
Verstand habe und wo sie den zu finden glaubte ward sie offen und herzlich
und ließ sich dann gern von ihrem Freunde erzählen was er von der Welt wusste
Mancher hatte sie belehrt keiner aber hatte ihr innerstes Wesen so verstanden
so fein geschont und ihren eigentlichen Wert so geachtet wie Julius Darum hing
sie auch mehr an ihm als sich sagen lässt Sie erinnerte sich vielleicht zum
erstenmal mit Rührung an ihre erste Jugend und Unschuld und gefiel sich nicht in
der Umgebung mit der sie sonst ganz zufrieden war Julius fühlte das und freute
sich damit aber er konnte nie über die Geringschätzung Herr werden die ihm ihr
Stand und ihr Verderben einflößte und sein unauslöschliches Misstrauen schien
ihm hier gerecht zu sein Wie entrüstet war er daher als sie ihm einst
unerwarteter Weise die Ehre der Vaterschaft ankündigte Und er wusste es doch
dass sie trotz ihres Versprechens noch vor Kurzem Besuche von einem andern
angenommen hatte Das Versprechen konnte sie ihm nicht abschlagen Sie selbst
hätte es wahrscheinlich gern gehalten aber sie brauchte mehr als er geben
konnte sie wusste nur eine Art Geld zu erwerben und aus einer Delikatesse die
sie einzig für ihn hatte nahm sie nur das wenigste von dem was er geben
wollte Alles das bedachte der aufgebrachte Jüngling nicht er hielt sich für
betrogen er sagte es ihr mit harten Worten und verließ sie in dem
leidenschaftlichsten Zustande wie er glaubte auf immer Nicht lange nachher
suchte ihn der Knabe mit Tränen und Klagen und ließ nicht ab bis er mit ihm
ging Er fand sie fast entkleidet in dem schon dunkeln Kabinet er sank in die
geliebten Arme mit denen sie ihn so heftig an sich riss wie sonst aber sie
sanken sogleich an ihm nieder Er hörte einen tiefen stöhnenden Seufzer es war
der letzte und da er sich ansah war er mit Blut bedeckt Voll Entsetzen sprang
er auf und wollte fliehen Er verweilte nur um eine große Locke zu ergreifen
die neben dem gefärbten Messer auf dem Boden lag Sie hatte dieselbe in einem
Anfalle von begeisterter Verzweiflung kurz zuvor ehe sie sich die vielen Wunden
gab von denen die meisten tödlich waren abgeschnitten Wahrscheinlich mit dem
Gedanken sich dadurch dem Tode und dem Verderben als Opfer zu weihen Denn nach
der Aussage des Knaben sprach sie dabei mit lauter Stimme die Worte »Lisette
soll zu Grunde gehen zu Grunde jetzt gleich so will es das Schicksal das
eiserne«
Der Eindruck den diese überraschende Tragödie auf den reizbaren Jüngling
machte war unauslöschlich und brannte durch seine eigne Kraft immer tiefer
Die erste Folge von Lisettens Ruin war dass er ihr Andenken mit schwärmerischer
Achtung vergötterte Er verglich ihre hohe Energie mit den nichtswürdigen
Intrigen der Dame die ihn verstrickt hatte und sein Gefühl musste laut
entscheiden dass jene sittlicher und weiblicher sei denn diese Kokette gab nie
eine kleine oder große Gunst ohne Nebenabsicht und doch ward sie von aller Welt
geachtet und bewundert wie so viele andre die ihr gleichen Darüber
widersetzte sich sein Verstand mit Heftigkeit allen falschen und allen wahren
Meinungen die man über die weibliche Tugend hat Es war Grundsatz bei ihm die
gesellschaftlichen Vorurteile welche er bisher nur vernachlässigte nun
ausdrücklich zu verachten Er gedachte an die zarte Louis die beinah ein Raub
seiner Verführung geworden wäre und er erschrak Denn auch Lisette war von guter
Familie früh gefallen entführt und in der Fremde verlassen zu stolz gewesen
umzukehren und durch die erste Erfahrung so belehrt wie andre nicht durch die
letzte Mit schmerzlichem Vergnügen sammelte er manchen interessanten Zug von
ihrer frühen Jugend Sie war damals mehr schwermütig als leichtsinnig aber in
der Tiefe ganz Flamme und schon als kleines Mädchen traf man sie bei Gemälden
von nackten Gestalten oder bei andern Gelegenheiten in sonderbaren Äußerungen
der heftigsten Sinnlichkeit
Diese Ausnahme von dem was Julius für gewöhnlich hielt beim weiblichen
Geschlecht war zu einzig und die Umgebung in der er sie fand zu unrein als
dass er dadurch zu einer wahren Ansicht hätte gelangen können Vielmehr trieb ihn
sein Gefühl sich fast ganz von den Frauen und von den Gesellschaften wo sie
den Ton angeben zurück zu ziehen Er fürchtete seine Leidenschaftlichkeit und
warf seinen ganzen Sinn auf die Freundschaft mit Jünglingen die wie er der
Begeisterung fähig waren Diesen ergab er sein Herz nur sie waren für ihn
wahrhaft wirklich die übrige Menge gemeiner Schattenwesen freute er sich zu
verachten Mit Leidenschaft und mit Spitzfindigkeit stritt er innerlich und
grübelte über seine Freunde über ihre verschiedenen Vorzüge und Verhältnisse zu
ihm Er erhitzte sich in seinen eigenen Gedanken und Gesprächen und war
berauscht von Stolz und von Männlichkeit Auch glühten sie alle von edler Liebe
unentwickelt schlummerte hier manche große Kraft und sie sagten nicht selten in
rohen aber treffenden Worten erhabene Dinge über die Wunder der Kunst über den
Wert des Lebens und über das Wesen der Tugend und Selbstständigkeit Vorzüglich
aber über die Göttlichkeit der männlichen Freundschaft die Julius zum
eigentlichen Geschäft seines Lebens zu machen gesonnen war Er hatte viele
Verbindungen und war unersättlich immer neue zu knüpfen Jeden Mann der ihm
interessant erschien suchte er und ruhte nicht bis er ihn gewonnen und die
Zurückhaltung des andern durch seine jugendliche Zudringlichkeit und Zuversicht
besiegt hatte Es lässt sich denken dass er der sich eigentlich alles erlaubt
hielt und sich selbst über das Lächerliche wegsetzen konnte eine andre
Schicklichkeit im Sinne und vor Augen hatte als die welche allgemein gilt
In dem Gefühl und Umgang des einen Freundes fand er mehr als weibliche
Schonung und Zartheit bei erhabenem Verstande und fest gebildetem Charakter Ein
zweiter brannte mit ihm in edlem Unwillen über das schlechte Zeitalter und
wollte etwas Großes wirken Der liebenswürdige Geist des dritten war noch ein
Chaos von Andeutungen aber er hatte zarten Sinn für alles und ahndete die Welt
Den einen verehrte er als seinen Meister in der Kunst würdig zu leben Den
andern dachte er als seinen Jünger und wollte sich nur vor der Hand zur
Teilnahme an seinen Ausschweifungen herablassen um ihn ganz zu kennen und zu
gewinnen und dann seine große Anlage zu retten die so nah am Abgrunde wandelte
wie seine eigne
Es waren große Gegenstände nach denen sie mit Ernst strebten Indessen
blieb es bei hohen Worten und vortrefflichen Wünschen Julius kam nicht weiter
und ward nicht klarer er handelte nicht und er bildete nichts Ja er
vernachlässigte seine Kunst fast nie mehr als da er sich und seine Freunde mit
Projekten überströmte von allen Werken die er vollbringen wollte und die ihm
im Augenblick der ersten Begeisterung schon fertig schienen Die wenigen
Anwandlungen von Nüchternheit die ihm noch übrig blieben erstickte er in
Musik die für ihn ein gefährlicher bodenloser Abgrund von Sehnsucht und Wehmut
war in den er sich gern und willig versinken sah
Diese innere Gärung hätte heilsam sein können und aus der Verzweiflung wäre
endlich Ruhe und Festigkeit hervorgegangen und er wäre klar geworden über sich
selbst Aber die Wut der Unbefriedigung zerstückte seine Erinnerung er hatte
nie weniger eine Ansicht vom Ganzen seines Ich Er lebte nur in der Gegenwart
an der er mit durstigen Lippen hing und vertiefte sich ohne Ende in jeden
unendlich kleinen und doch unergründlichen Teil der ungeheuren Zeit als müsse
es nun in diesem endlich zu finden sein was er schon so lange suche Diese Wut
der Unbefriedigung musste ihn bald mit seinen Freunden selbst verstimmen und
entzweien von denen die meisten bei den herrlichsten Anlagen ebenso untätig und
mit sich uneins waren wie er Dieser schien ihn nicht zu verstehen jener
bewunderte nur seinen Geist äußerte aber Misstrauen gegen sein Herz und tat ihm
wirklich unrecht Da hielt er seine innerste Ehre gekränkt und fühlte sich von
geheimem Hass zerrissen Er überließ sich diesem Gefühl ohne Scheu denn er
glaubte nur wen man achten müsse dürfe man hassen und nur Freunde könnten
einer dem andern das zarteste Gefühl so tief verletzen Der eine Jüngling war
durch eigne Schuld zu Grunde gegangen der andre fing gar an selbst gewöhnlich
zu werden Mit einem dritten war sein Verhältnis verstimmt und fast gemein
geworden Es war ganz geistig gewesen und so hätte es auch bleiben sollen Aber
eben weil es so zart war musste mit der feinsten Blüte alles verloren gehen als
die Gelegenheit es gab dass einer dem andern Dienste leistete Da gerieten sie
in Wettstreite von Großmut und Dankbarkeit und fingen endlich an in der
geheimsten Tiefe der Seele irdische Foderungen an sich zu machen und zu
vergleichen
Bald hatte der Zufall ohne Schonung aufgelöst was nur durch Willkür
leidenschaftlich verbunden war Immer mehr und mehr geriet Julius in einen
Zustand der von der Verrückung nur dadurch verschieden war dass es einigermaßen
auf ihn ankam wann und wie weit er sich seiner Gewalt hingeben wollte Auch war
sein äußeres Betragen jeder bürgerlichen und gesellschaftlichen Ordnung gemäß
und grade jetzt fingen die Menschen an ihn vernünftig zu nennen da eine
Verwirrung aller Schmerzen sein Inneres wild zerriss und die Krankheit des
Geistes immer tiefer und geheimer an dem Herzen nagte Es war mehr eine Raserei
des Gefühls als des Verstandes, und das Übel war nur um so gefährlicher weil er
äußerlich froh und lustig schien So war seine gewöhnliche Stimmung und man
fand ihn sogar angenehm Nur wenn er mehr Wein genossen hatte als gewöhnlich
ward er überaus traurig und zu Tränen und Klagen geneigt Aber selbst dann
sprudelte er wenn andre zugegen waren von bitterem Witz und allgemeinem Spott
oder er trieb sein Spiel mit sonderbaren und dummen Menschen deren Umgang er
nun über alles liebte und die er in die beste Laune zu setzen wusste so dass sie
sich von Herzen mitteilten und ganz zeigten wie sie waren Das Gemeine reizte
und unterhielt ihn nicht aus liebenswürdiger Herablassung sondern weil es nach
seiner Ansicht närrisch und toll war
An sich selbst dachte er nicht nur dann und wann überfiel ihn ein klares
Gefühl er werde plötzlich zu Grunde gehen Die Reue unterdrückte er durch Stolz
und die Gedanken und Bilder des Selbstmordes waren ihm schon in seiner frühsten
jugendlichen Schwermut so geläufig gewesen dass sie den Reiz der Neuheit für ihn
verloren hatten Einen solchen Entschluss auszuführen wäre er sehr fähig
gewesen wenn er nur überhaupt zu einem Entschluss hätte kommen können Es schien
ihm kaum der Mühe wert weil er doch nicht hoffen wollte der Langeweile des
Daseins und dem Eckel über das Schicksal auf diesem Wege zu entfliehn Er
verachtete die Welt und alles und war stolz darauf
Auch diese Krankheit wie alle vorigen heilte und vernichtete der erste
Anblick einer Frau die einzig war und die seinen Geist zum erstenmal ganz und
in der Mitte traf Seine bisherigen Leidenschaften spielten nur auf der
Oberfläche oder es waren vorübergehende Zustände ohne Zusammenhang Jetzt
ergriff ihn ein neues unbekanntes Gefühl dass dieser Gegenstand allein der
rechte und dieser Eindruck ewig sei Der erste Blick schon entschied beim
zweiten wusste ers und sagte sichs dass es nun gekommen und wirklich da sei
was er so lange dunkel erwartet hatte Er erstaunte und erschrack denn wie er
dachte dass es sein höchstes Gut sein würde von ihr geliebt zu werden und sie
ewig zu besitzen so fühlte er zugleich dass dieser höchste und einzige Wunsch
ewig unerreichbar sei Sie hatte gewählt und hatte sich gegeben ihr Freund war
auch der seinige und lebte ihrer Liebe würdig Julius war der Vertraute er
wusste daher alles genau was ihn unglücklich machte und urteilte mit Strenge
über seinen eignen Unwert Gegen diesen wandte sich die ganze Kraft seiner
Leidenschaft Er entsagte der Hoffnung und dem Glück aber er beschloss es zu
verdienen und Herr über sich selbst zu werden Nichts verabscheute er so sehr
als den Gedanken das Geringste von dem was ihn erfüllte auch nur durch ein
undeutliches Wort durch einen verstohlnen Seufzer zu verraten Gewiss wäre auch
jede Äußerung widersinnig gewesen und da er so heftig sie so fein und das
Verhältnis so zart war hätte ein einziger Wink von denen die unwillkürlich
scheinen und doch bemerkt sein wollen immer weiter führen und alles verwirren
müssen Darum drängte er alle Liebe in sein Innerstes zurück und ließ da die
Leidenschaft wüten brennen und zehren aber sein Äußeres war durchaus
verwandelt und so gut gelang ihm der Schein der kindlichsten Unbefangenheit und
Unerfahrenheit und einer gewissen brüderlichen Härte die er annahm damit er
nicht aus dem Schmeichelhaften ins Zärtliche fallen möchte dass sie nie den
leisesten Argwohn schöpfte Sie war heiter und leicht in ihrem Glück sie
ahndete nichts scheute also nichts sondern ließ ihrem Witz und ihrer Laune
freies Spiel wenn sie ihn unliebenswürdig fand Überhaupt lag in ihrem Wesen
jede Hoheit und jede Zierlichkeit die der weiblichen Natur eigen sein kann
jede Gottähnlichkeit und jede Unart aber alles war fein gebildet und
weiblich Frei und kräftig entwickelte und äußerte sich jede einzelne Eigenheit
als sei sie nur für sich allein da und dennoch war die reiche kühne Mischung
so ungleicher Dinge im Ganzen nicht verworren denn ein Geist beseelte es ein
lebendiger Hauch von Harmonie und Liebe Sie konnte in derselben Stunde irgend
eine komische Albernheit mit dem Mutwillen und der Feinheit einer gebildeten
Schauspielerin nachahmen und ein erhabenes Gedicht vorlesen mit der
hinreissenden Würde eines kunstlosen Gesanges Bald wollte sie in Gesellschaft
glänzen und tändeln bald war sie ganz Begeisterung und bald half sie mit Rat
und Tat ernst bescheiden und freundlich wie eine zärtliche Mutter Eine
geringe Begebenheit ward durch ihre Art sie zu erzählen so reizen wie ein
schönes Märchen Alles umgab sie mit Gefühl und mit Witz sie hatte Sinn für
alles und alles kam veredelt aus ihrer bildenden Hand und von ihren süß
redenden Lippen Nichts Gutes und Großes war zu heilig oder zu allgemein für
ihre leidenschaftlichste Teilnahme Sie vernahm jede Andeutung und sie
erwiderte auch die Frage welche nicht gesagt war Es war nicht möglich Reden
mit ihr zu halten es wurden von selbst Gespräche und während dem steigenden
Interesse spielte auf ihrem feinen Gesichte eine immer neue Musik von
geistvollen Blicken und lieblichen Mienen Dieselben glaubte man zu sehen wie
sie sich bei dieser oder bei jener Stelle veränderten wenn man ihre Briefe las
so durchsichtig und seelenvoll schrieb sie was sie als Gespräch gedacht hatte
Wer sie nur von dieser Seite kannte hätte denken können sie sei nur
liebenswürdig sie würde als Schauspielerin bezaubern müssen und ihren
geflügelten Worten fehle nur Maß und Reim um zarte Poesie zu werden Und doch
zeigte eben diese Frau bei jeder großen Gelegenheit Mut und Kraft zum Erstaunen
und das war auch der hohe Gesichtspunkt aus dem sie den Wert der Menschen
beurteilte
Diese Größe der Seele war die Seite von der Julius im Anfange seiner
Leidenschaft ihr Wesen am meisten ergriff weil diese zu dem Ernst derselben am
besten stimmte Sein ganzes Wesen war gleichsam von der Oberfläche
zurückgetreten nach dem Innern er versank in eine allgemeine Verschlossenheit
und floh den Umgang der Menschen Rauhe Felsen waren seine liebste Gesellschaft
am Gestade des einsamen Meeres hing er seinen Gedanken nach und ging zu Rate
mit sich selbst und wenn das Sausen des Windes in den hohen Tannen rauschte so
wähnte er die mächtigen Wogen tief unter ihm wollten sich aus Teilnahme und
Mitleiden ihm nähern und schwermütig blickte er den fernen Schiffen nach und
der sinkenden Sonne Dieser Ort war sein Liebling er ward ihm durch die
Erinnerung zu einer heiligen Heimat aller Schmerzen und Entschlüsse
Die Vergötterung seiner erhabenen Freundin wurde für seinen Geist ein fester
Mittelpunkt und Boden einer neuen Welt Hier schwanden alle Zweifel in diesem
wirklichen Gute fühlte er den Wert des Lebens und ahndete die Allmacht des
Willens Er stand in Wahrheit auf frischem Grün einer kräftigen mütterlichen
Erde und ein neuer Himmel wölbte sich unermesslich über ihm im blauen Äther Er
erkannte in sich den hohen Beruf zur göttlichen Kunst er schalt seine Trägheit
dass er noch so weit zurück sei in der Bildung und zu weichlich gewesen war zu
jeder gewaltigen Anstrengung Er ließ sich nicht in müßige Verzweiflung sinken
sondern er folgte der weckenden Stimme jener heiligen Pflicht Alle Mittel die
ihm die Verschwendung noch gelassen hatte spannte er nun an Er zerriss alle
Bande von ehedem und machte sich mit einem Streich ganz unabhängig Seine Kraft
und seine Jugend weihte er der erhabenen künstlerischen Arbeit und Begeisterung
Er vergaß sein Zeitalter und bildete sich nach den Helden der Vorwelt deren
Ruinen er mit Anbetung liebte Auch für ihn selbst gab es keine Gegenwart denn
er lebte nur in der Zukunft und in der Hoffnung dereinst ein ewiges Werk zu
vollenden zum Denkmal seiner Tugend und seiner Würde
So litt und lebte er viele Jahre und wer ihn sah hielt ihn für älter als
er war Was er bildete war groß gedacht und in altem Stil aber der Ernst war
abschreckend die Formen fielen ins Ungeheure das Antike ward ihm zu einer
harten Manier und seine Gemälde blieben bei aller Gründlichkeit und Einsicht
steif und steinern Es war vieles zu loben nur die Anmut fehlte und darin
glich er seinen Werken Sein Charakter war rein gebrannt im Leiden göttlicher
Liebe und glänzte in heller Kraft aber er war spröde und starr wie echter
Stahl Er war aus Kälte ruhig und nur dann geriet er in Aufruhr wenn ihn eine
hohe Wildnis der einsamen Natur mehr als gewöhnlich reizte wenn er seiner
entfernten Freundin treuen Bericht gab von dem Kampf seiner Bildung und dem Ziel
aller Arbeit oder wenn ihn die Begeisterung für die Kunst in Gegenwart andrer
überraschte dass nach langem Schweigen einige geflügelte Worte aus seinem
innersten Gemüt brachen Doch das geschah nur selten denn er nahm so wenig
Anteil an den Menschen als an sich selbst Über ihr Glück und ihr Beginnen
konnte er nur freundlich lächeln und er glaubte es ihnen aufs Wort wenn er
bemerkte wie sie ihn unliebend und unliebenswürdig fanden
Doch schien ihn eine edle Frau etwas zu bemerken und vorzuziehn Ihr feiner
Geist und ihr zartes Gefühl zog ihn lebhaft an da sie noch durch den Reiz einer
liebenswürdigen und dabei sonderbaren Gestalt und durch ein Auge voll stiller
Schwermut erhöht wurden Aber so oft er herzlicher werden wollte ergriff ihn
das alte Misstrauen und die gewohnte Kälte Er sah sie häufig und konnte sich nie
äußern bis auch dieser Strom von Gefühl zurückfloss in das innere Meer
allgemeiner Begeisterung Selbst die Gebieterin des Herzens trat in ein heiliges
Dunkel zurück und würde ihm fern geblieben sein wenn er sie wiedergesehn
hätte
Das einzige was ihn milder und wärmer stimmte war der Umgang mit einer
anderen Frau die er als Schwester ehrte und liebte und die er auch ganz so
betrachtete Er stand schon länger in bürgerlichen Verhältnissen mit ihr sie
war kränklich und etwas älter wie er dabei aber von hellem reifem Verstand von
gradem gesundem Sinn und selbst im Auge der Fremden bis zur Liebenswürdigkeit
rechtlich Alles was sie unternahm atmete den Geist freundlicher Ordnung und
wie von selbst entwickelte sich die gegenwärtige Tätigkeit allmählich aus der
vorigen und bezog sich still auf die künftige In dieser Anschauung begriff es
Julius klar dass es keine andre Tugend gebe als Konsequenz Aber es war nicht
die kalte steife Übereinstimmung berechneter Grundsätze oder Vorurteile sondern
die beharrliche Treue eines mütterlichen Herzens das den Kreis seiner
Wirksamkeit und seiner Liebe mit bescheidner Kraft erweitert und in sich selbst
vollendet und die rohen Dinge der umgebenden Welt zu einem freundlichen
Eigentum und Werkzeug des geselligen Lebens bildet dabei war ihr jede
Beschränktheit häuslicher Frauen fremd und mit tiefer Schonung und gefühlter
Milde sprach sie über die herrschenden Meinungen der Menschen und über die
Ausnahmen und Ausschweifungen derer die gegen den Strom leben denn ihr
Verstand war so unbestechlich als ihr Gefühl rein und unverfälscht Sie sprach
überhaupt gern vorzüglich über sittliche Gegenstände wo sie den Streit oft ins
Allgemeine spielte und auch wohl an Spitzfindigkeiten Gefallen hatte wenn sie
etwas zu enthalten schienen und sinnreich klangen Sie war nicht sparsam mit
Worten und ihr Gespräch ward durch keine ängstliche Ordnung gelenkt Es war eine
reizende Verwirrung von einzelnen Einfällen und allgemeiner Teilnahme von
fortgesetzter Aufmerksamkeit und plötzlicher Zerstreuung
Die Natur belohnte endlich die mütterliche Tugend der vortrefflichen Frau
und es keimte da sie es kaum hoffte ein neues Leben unter ihrem treuen Herzen
Das erfüllte den Jüngling der so sehr an ihr hing und an ihrem häuslichen
Glücke den wärmsten Anteil nahm mit lebhafter Freude aber es regte vieles in
ihm an was lange geschwiegen hatte
Da nun einige seiner künstlerischen Versuche auch in seiner Brust ein neues
Zutrauen weckten und ihn der erste Beifall großer Meister aufmunterte da ihn
die Kunst an neue sehenswürdige Orte und unter fremde fröhliche Menschen führte
so erweichte sich sein Gefühl und floss mächtig wie ein großer Strom wenn das
Eis schmilzt und bricht und die Wogen mit neuer Kraft sich durch die alte Bahn
reißen
Er war verwundert sich wieder ausgelassen und fröhlich in der Gesellschaft
der Menschen zu fühlen Seine Denkart war männlich und rau aber sein Herz in
der Einsamkeit wieder kindlich und schüchtern geworden Er sehnte sich nach
einer Heimat und dachte an eine schöne Ehe die mit den Foderungen der Kunst
nicht streiten sollte War er dann unter der Blüte junger Mädchen so fand er
leicht eine oder mehrere von ihnen liebenswürdig Heiraten meinte er wolle er
sie gleich wenn er sie schon nicht lieben könne Denn der Begriff und selbst
der Name der Liebe war ihm überheilig und blieb ganz in der Ferne Bei solchen
Gelegenheiten lächelte er dann über die scheinbare Beschränktheit seiner
augenblicklichen Wünsche und fühlte wohl wie unermesslich viel ihm noch fehlen
möchte wenn sie durch einen Zauberschlag sogleich erfüllt würden Ein
anderesmal lachte er lauter über seine alte Heftigkeit nach so langem Entalten
da ihm eine schnelle Gelegenheit einen frischen Genuss anbot und sein Gemüt
durch einen Roman der in wenigen Minuten angefangen vollendet und beschlossen
war wenigstens von einigem Brennstoff befreite und erleichterte
Einem sehr gebildeten Mädchen gefiel er weil er ihr seelenvolles Gespräch
und ihren schönen Geist mit sichtbarer Innigkeit bewunderte und ihr ohne eine
Schmeichelei auszusprechen bloß durch die Art seines Umgangs huldigte so gut
dass sie ihm nach und nach alles erlaubte außer das letzte Und selbst diese
Grenze setzte sie ihm nicht aus Kälte noch aus Vorsicht und Grundsatz denn sie
war reizbar genug sie hatte eine starke Anlage zum Leichtsinn und lebte in den
freisten Verhältnissen Es war weiblicher Stolz und Scheu vor dem was sie für
tierisch und roh hielt So wenig nun ein solches Beginnen ohne Vollendung nach
Julius Sinne war und obgleich er über die kleine Einbildung des Mädchens
lächeln musste wenn er bei diesem verkehrten und verkünstelten Wesen an das
Schaffen und Wirken der allmächtigen Natur an ihre ewigen Gesetze an die
Hoheit und Größe der Mutterwürde und an die Schönheit des Mannes dachte den in
der Fülle der Gesundheit und Liebe die Begeisterung des Lebens ergreift oder
des Weibes das sich ihr hingibt so freute er sich doch bei dieser Gelegenheit
zu sehen dass er den Sinn für zarten und feinen Genuss noch nicht verloren habe
Bald aber vergaß er diese und andre ähnliche Kleinigkeiten da er eine junge
Künstlerin traf welche das Schöne gleich ihm leidenschaftlich verehrte die
Einsamkeit und Natur ebenso zu lieben schien In ihren Landschaften sah und
fühlte man den lebendigen Hauch wahrer Luft es war immer ein ganzer Blick Die
Umrisse waren zu unbestimmt und zwar auf eine solche Weise dass sie den Mangel
einer gründlichen Schule verrieten Aber alle die Massen stimmten zusammen zu
einer Einheit für das Gefühl die so klar und deutlich war als sei es
unmöglich etwas anderes dabei zu fühlen Sie trieb die Malerei nicht wie ein
Gewerbe oder eine Kunst sondern bloß aus Lust und Liebe und warf jede Ansicht
so wie auf ihren Wanderungen ihr eine gefiel oder merkwürdig schien nach Zeit
und Laune mit der Feder oder in Wasserfarben aufs Papier Zum Öl hatte es ihr an
Geduld und an Fleiß gefehlt und selten malte sie ein Portrait nur wann sie ein
Gesicht sehr ausgezeichnet und wert hielt Dann arbeitete sie mit der
gewissenhaftesten Treue und Sorgfalt und wusste die Pastellfarben mit einer
bezaubernden Weichheit zu behandeln So bedingt und gering der Wert dieser
Versuche für die Kunst sein mochte so freute sich Julius doch nicht wenig über
die schöne Wildheit in ihren Landschaften und über den Geist mit dem sie die
unergründliche Mannichfaltigkeit und wunderbare Übereinstimmung der menschlichen
Gesichtszüge auffasste Und so einfach die der Künstlerin selbst waren so waren
sie doch nicht unbedeutend und Julius fand in ihnen einen großen Ausdruck der
ihm immer neu blieb
Lucinde hatte einen entschiednen Hang zum Romantischen er fühlte sich
betroffen über die neue Ähnlichkeit und er entdeckte immer mehrere Auch sie war
von denen die nicht in der gemeinen Welt leben sondern in einer eignen
selbstgedachten und selbstgebildeten Nur was sie von Herzen liebte und ehrte
war in der Tat wirklich für sie alles andre nichts und sie wusste was Wert hat
Auch sie hatte mit kühner Entschlossenheit alle Rücksichten und alle Bande
zerrissen und lebte völlig frei und unabhängig
Die wunderbare Gleichheit zog den Jüngling bald in ihre Nähe er bemerkte
dass auch sie diese Gleichheit fühle und beide nahmen es gewahr dass sie sich
nicht gleichgültig wären Es war noch nicht lange dass sie sich sahen und Julius
wagte nur einzelne abgerissne Worte die bedeutend aber nicht deutlich waren Er
sehnte sich mehr von ihren Schicksalen und ihrem ehemaligen Leben zu wissen
worüber sie gegen andre sehr geheimnisvoll war Ihm gestand sie nicht ohne
gewaltsame Erschütterung sie sei schon Mutter gewesen von einem schönen starken
Knaben den ihr der Tod bald wieder entrissen Auch er erinnerte sich an die
Vergangenheit und sein Leben ward ihm indem er es ihr erzählte zum erstenmal
zu einer gebildeten Geschichte Wie freute sich Julius da er mit ihr über Musik
sprach und seine innersten und eigensten Gedanken über den heiligen Zauber
dieser romantischen Kunst aus ihrem Munde hörte Da er ihren Gesang vernahm der
sich rein und stark gebildet aus tiefer weicher Seele hob da er ihn mit dem
seinigen begleitete und ihre Stimmen bald in Eins flossen bald Fragen und
Antworten der zartesten Empfindung wechselten für die es keine Sprache gibt Er
konnte nicht widerstehn er drückte einen schüchternen Kuss auf die frischen
Lippen und die feurigen Augen Mit ewigem Entzücken fühlte er das göttliche
Haupt der hohen Gestalt auf seine Schulter sinken die schwarzen Locken flossen
über den Schnee des vollen Busens und des schönen Rückens leise sagte er
herrliche Frau als die fatale Gesellschaft unerwartet hereintrat
Nun hatte sie ihm nach seinen Begriffen eigentlich schon alles gewährt es
war ihm nicht möglich zu künsteln an einem Verhältnis das er sich so rein und
groß dachte und doch war ihm jede Zögerung unerträglich Von einer Gottheit
dachte er begehrt man nicht erst das was man nur als Übergang und Mittel
denkt sondern man bekennt sogleich mit Offenheit und Zuversicht das Ziel aller
Wünsche So bat auch er sie mit der unschuldigsten Unbefangenheit um alles was
man eine Geliebte bitten kann und stellte ihr in einem Strome von Beredsamkeit
dar wie seine Leidenschaftlichkeit ihn zerstören würde wenn sie zu weiblich
sein wollte Sie war nicht wenig überrascht aber sie ahndete wohl dass er nach
der Hingebung liebender und treuer sein würde wie vorher Sie konnte keinen
Entschluss fassen und überließ es nur den Umständen die es so fügten wie es
gut war Sie waren nur wenige Tage allein als sie sich ihm auf ewig ergab und
ihm die Tiefe ihrer großen Seele öffnete und alle Kraft Natur und Heiligkeit
die in ihr war Auch sie lebte lange in gewaltsamer Verschlossenheit und nun
brachen zwischen den Umarmungen in Strömen der Rede das zurückgedrängte Zutrauen
und die Mitteilung mit einemmale hervor aus dem innersten Gemüt In einer Nacht
wechselten sie mehr als einmal heftig zu weinen und laut zu lachen Sie waren
ganz hingegeben und eins und doch war jeder ganz er selbst mehr als sie es noch
je gewesen waren und jede Äußerung war voll vom tiefsten Gefühl und eigensten
Wesen Bald ergriff sie eine unendliche Begeisterung bald tändelten und
scherzten sie mutwillig und Amor war hier wirklich was er so selten ist ein
fröhliches Kind
Durch das was seine Freundin ihm offenbart hatte ward es dem Jünglinge
klar dass nur ein Weib recht unglücklich sein kann und recht glücklich und dass
die Frauen allein die mitten im Schoss der menschlichen Gesellschaft
Naturmenschen geblieben sind den kindlichen Sinn haben mit dem man die Gunst
und Gabe der Götter annehmen muss Er lernte das schöne Glück ehren was er
gefunden hatte und wenn er es mit dem hässlichen unechten Glück verglich was er
ehedem vom Eigensinn des Zufalls künstlich erzwingen wollte so erschien es ihm
wie eine natürliche Rose am lebendigen Stamm gegen eine nachgemachte Aber weder
im Taumel der Nächte noch in der Freude der Tage wollte er es Liebe nennen So
sehr hatte er sich beredet dass diese gar nicht für ihn sei und er nicht für
sie Es fand sich leicht ein Unterschied um diese Selbsttäuschung zu
bestätigen Er hege so war sein Urteil eine heftige Leidenschaft für sie und
werde ewig ihr Freund sein Was sie ihm gab und für ihn fühlte nannte er
Zärtlichkeit Erinnerung Hingabe und Hoffnung
Indessen floss die Zeit und die Freude wuchs Julius fand in Lucindens Armen
seine Jugend wieder Die üppige Ausbildung ihres schönen Wuchses war für die Wut
seiner Liebe und seiner Sinne reizender wie der frische Reiz der Brüste und der
Spiegel eines jungfräuliches Leibes Die hinreissende Kraft und Wärme ihrer
Umschliessung war mehr als mädchenhaft sie hatte einen Anhauch von Begeisterung
und Tiefe den nur eine Mutter haben kann Wenn er sie im Zauberschein einer
milden Dämmerung hingegossen sah konnte er nicht aufhören die schwellenden
Umrisse schmeichelnd zu berühren und durch die zarte Hülle der ebnen Haut die
warmen Ströme des feinsten Lebens zu fühlen Sein Auge indessen berauschte sich
an der Farbe die sich durch die Wirkung der Schatten vielfach zu verändern
schien und doch immer eine und dieselbe blieb Eine reine Mischung wo nirgends
Weiß oder Braun oder Rot allein abstach oder sich roh zeigte Das alles war
verschleiert und verschmolzen zu einem einzigen harmonischen Glanz von sanftem
Leben Auch Julius war männlich schön aber die Männlichkeit seiner Gestalt
offenbarte sich nicht in der hervorgedrängten Kraft der Muskeln Vielmehr waren
die Umrisse sanft die Glieder voll und rund doch war nirgends ein Überfluss In
hellem Licht bildete die Oberfläche überall breite Massen und der glatte Körper
schien dicht und fest wie Marmor und in den Kämpfen der Liebe entwickelte sich
mit einemmale der ganze Reichtum seiner kräftigen Bildung
Sie erfreuten sich des jugendlichen Lebens Monate vergingen wie Tage und
mehr als zwei Jahre waren vorüber Nun ward Julius erst allmählich inne wie
groß seine Ungeschicklichkeit sei und sein Mangel an Verstand Er hatte die
Liebe und das Glück überall gesucht wo sie nicht zu finden waren und nun da er
das Höchste besaß hatte er nicht einmal gewusst oder gewagt ihm den rechten
Namen zu geben Er erkannte nun wohl dass die Liebe die für die weibliche Seele
ein unteilbares durchaus einfaches Gefühl ist für den Mann nur ein Wechsel und
eine Mischung von Leidenschaft von Freundschaft und von Sinnlichkeit sein kann
und er sah mit frohem Erstaunen dass er eben so unendlich geliebt werde wie er
liebe
Überhaupt schien es vorherbestimmt dass jede Begebenheit seines Lebens ihn
durch ein sonderbares Ende überraschen solle Nichts zog ihn anfangs so sehr an
und hatte ihn so mächtig getroffen als die Wahrnehmung, dass Lucinde von
ähnlichem ja gleichem Sinn und Geist mit ihm selbst war und nun musste er von
Tage zu Tage neue Verschiedenheiten entdecken Zwar gründeten sich selbst diese
nur auf eine tiefere Gleichheit und je reicher ihr Wesen sich entwickelte je
vielseitiger und inniger ward ihre Verbindung Er hatte es nicht geahndet dass
ihre Originalität so unerschöpflich war wie ihre Liebe Ihr Aussehn sogar schien
jugendlicher und blühender in seiner Gegenwart und so blühte auch ihr Geist
durch die Berührung des seinigen auf und bildete sich in neue Gestalten und in
neue Welten Er glaubte alles in ihr vereinigt zu besitzen was er sonst einzeln
geliebt hatte die schöne Neuheit des Sinnes die hinreissende
Leidenschaftlichkeit die bescheidne Tätigkeit und Bildsamkeit und den großen
Charakter Jedes neue Verhältnis jede neue Ansicht war für sie ein neues Organ
der Mitteilung und Harmonie Wie der Sinn für einander wuchs auch der Glauben
an einander und mit dem Glauben stieg der Mut und die Kraft
Sie teilten ihre Neigung zur Kunst und Julius vollendete einiges Seine
Gemälde belebten sich ein Strom von beseelendem Licht schien sich darüber zu
ergießen und in frischer Farbe blühte das wahre Fleisch Badende Mädchen ein
Jüngling der mit geheimer Lust sein Ebenbild im Wasser anschaut oder eine
holdselig lächelnde Mutter mit dem geliebten Kinde im Arm waren beinah die
höchsten Gegenstände seines Pinsels Die Formen selbst entsprachen vielleicht
nicht immer den angenommenen Gesetzen einer künstlichen Schönheit Was sie dem
Auge empfahl war eine gewisse stille Anmut ein tiefer Ausdruck von ruhigem
heitern Dasein und von Genuss dieses Daseins Es schienen beseelte Pflanzen in
der gottähnlichen Gestalt des Menschen Eben diesen liebenswürdigen Charakter
hatten auch seine Umarmungen in deren Verschiedenheit er unerschöpflich war
Die malte er am liebsten weil der Reiz seines Pinsels sich hier am schönsten
zeigen konnte In ihnen schien wirklich der flüchtige und geheimnisvolle
Augenblick des höchsten Lebens durch einen stillen Zauber überrascht und für die
Ewigkeit angehalten Je entfernter von bacchantischer Wut je bescheidner und
lieblicher die Behandlung war je verführerischer war der Anblick bei dem
Jünglinge und Frauen ein süßes Feuer durchströmte
Wie seine Kunst sich vollendete und ihm von selbst in ihr gelang was er
zuvor durch kein Streben und Arbeiten erringen konnte so ward ihm auch sein
Leben zum Kunstwerk ohne dass er eigentlich wahrnahm wie es geschah Es ward
Licht in seinem Innern er sah und übersah alle Massen seines Lebens und den
Gliederbau des Ganzen klar und richtig weil er in der Mitte stand Er fühlte
dass er diese Einheit nie verlieren könne das Rätsel seines Daseins war gelöst
er hatte das Wort gefunden und alles schien ihm dazu vorherbestimmt und von den
frühsten Zeiten darauf angelegt dass er es in der Liebe finden sollte zu der er
sich aus jugendlichem Unverstand ganz ungeschickt geglaubt hatte
Leicht und melodisch flossen ihnen die Jahre vorüber wie ein schöner
Gesang sie lebten ein gebildetes Leben auch ihre Umgebung ward harmonisch und
ihr einfaches Glück schien mehr ein seltnes Talent als eine sonderbare Gabe des
Zufalls Julius hatte auch sein äußeres Betragen verändert er war geselliger
und obgleich er viele ganz verwarf um sich mit wenigen desto inniger zu
verbinden so unterschied er doch nicht mehr so hart wurde vielseitiger und
lernte das Gewöhnliche veredeln Er zog allmählich manche vorzügliche Menschen
an sich Lucinde verband und erhielt das Ganze und so entstand eine freie
Gesellschaft oder vielmehr eine große Familie die sich durch ihre Bildung
immer neu blieb Auch vorzügliche Ausländer erhielten den Zutritt Julius sprach
seltener mit ihnen aber Lucinde wusste sie gut zu unterhalten und zwar so dass
ihre groteske Allgemeinheit und ausgebildete Gemeinheit zugleich die andern
ergötzte und weder ein Stillstand noch ein Misslaut in der geistigen Musik
erregt ward deren Schönheit eben in der harmonischen Mannichfaltigkeit und
Abwechselung bestand Neben dem großen ernsten Styl in der Kunst der
Geselligkeit sollte auch jede nur reizende Manier und flüchtige Laune ihre
Stelle darin finden
Eine allgemeine Zärtlichkeit schien Julius zu beseelen nicht ein nützendes
oder mitleidendes Wohlwollen an der Menge sondern eine anschauende Freude über
die Schönheit des Menschen der ewig bleibt während die einzelnen schwinden
und ein reger und offener Sinn für das Innerste in sich und in andern Er war
fast immer gleich gestimmt zum kindlichsten Scherz und zum heiligsten Ernst Er
liebte nicht mehr nur die Freundschaft in seinen Freunden sondern sie selbst
Jede schöne Ahndung und Andeutung die in der Seele liegt strebte er im Gespräch
mit ähnlich Gesinnten ans Licht zu bringen und zu entwickeln Da ward sein Geist
in vielfachen Richtungen und Verhältnissen ergänzt und bereichert Aber die
volle Harmonie fand er auch von dieser Seite allein in Lucindens Seele wo die
Keime alles Herrlichen und alles Heiligen nur auf den Strahl seines Geistes
warteten um sich zur schönsten Religion zu entfalten
Ich versetze mich gern in den Frühling unsrer Liebe ich sehe alle die
Veränderungen und Verwandlungen ich lebe sie noch einmal und ich möchte
wenigstens einige von den leisen Umrissen des entfliehenden Lebens ergreifen und
zu einem bleibenden Bilde gestalten jetzt da es noch voller warmer Sommer in
mir ist ehe auch das vorüber und es auch dazu zu spät wird Wir Sterblichen
sind so wie wir hier sind nur die edelsten Gewächse dieser schönen Erde Die
Menschen vergessen das so leicht höchlich missbilligen sie die ewigen Gesetze
der Welt und wollen die geliebte Oberfläche durchaus im Mittelpunkte wieder
finden Nicht also du und ich Wir sind dankbar und zufrieden mit dem was die
Götter wollen und was sie in der heiligen Schrift der schönen Natur so klar
angedeutet haben Das bescheidne Gemüt erkennt es dass es auch seine wie aller
Dinge natürliche Bestimmung sei zu blühen zu reifen und zu welken Aber es
weiß dass eines doch in ihm unvergänglich sei Dieses ist die ewige Sehnsucht
nach der ewigen Jugend die immer da ist und immer entflieht Noch klaget die
zärtliche Venus um den Tod des holden Adonis in jeder schönen Seele Mit süßem
Verlangen erwartet und sucht sie den Jüngling mit zarter Wehmut erinnert sie
sich an die himmlischen Augen des Geliebten an die sanften Züge und an die
kindlichen Gespräche und Scherze und lächelt dann eine Träne hold errötend
auch sich nun unter den Blumen der bunten Erde zu erblicken
Andeuten will ich dir wenigstens in göttlichen Sinnbildern was ich nicht zu
erzählen vermag Denn wie ich auch die Vergangenheit überdenke und in mein Ich
zu dringen strebe um die Erinnerung in klarer Gegenwart anzuschauen und dich
anschauen zu lassen es bleibt immer etwas zurück was sich nicht äußerlich
darstellen lässt weil es ganz innerlich ist Der Geist des Menschen ist sein
eigener Proteus verwandelt sich und will nicht Rede stehen vor sich selbst wenn
er sich greifen möchte In jener tiefsten Mitte des Lebens treibt die schaffende
Willkür ihr Zauberspiel Da sind die Anfänge und Enden wohin alle Fäden im
Gewebe der geistigen Bildung sich verlieren Nur was allmählig fortrückt in der
Zeit und sich ausbreitet im Raume, nur was geschieht ist Gegenstand der
Geschichte Das Geheimnis einer augenblicklichen Entstehung oder Verwandlung
kann man nur erraten und durch Allegorie erraten lassen
Es war nicht ohne Grund dass der fantastische Knabe der mir am meisten
gefiel unter den vier unsterblichen Romanen die ich im Traum sah mit der Maske
spielt Auch in dem was reine Darstellung und Tatsache scheint hat sich
Allegorie eingeschlichen und unter die schöne Wahrheit bedeutende Lügen
gemischt Aber nur als geistiger Hauch schwebt sie beseelend über die ganze
Masse wie der Witz der unsichtbar mit seinem Werke spielt und nur leise
lächelt
Es gibt Dichtungen in der alten Religion die selbst in ihr einzig schön
heilig und zart erscheinen Die Poesie hat sie so fein und reich gebildet und
umgebildet dass ihre schöne Bedeutsamkeit unbestimmt geblieben ist und immer
neue Deutungen und Bildungen erlaubt Unter diesen habe ich um dir einiges von
dem anzudeuten was ich über die Metamorphosen des liebenden Gemüts ahnde die
gewählt von denen ich glaubte der Gott der Harmonie könnte sie nachdem ihn
die Liebe vom Himmel auf die Erde geführt und ihn zum Hirten gemacht den Musen
erzählt oder doch von ihnen angehört haben Damals an den Ufern des Amphrysos
hat er auch wie ich glaube die Idylle und die Elegie ersonnen
Metamorphosen
In süßer Ruhe schlummert der kindliche Geist und der Kuss der liebenden Göttin
erregt ihm nur leichte Träume Die Rose der Scham färbt seine Wange er lächelt
und scheint die Lippen zu öffnen aber er erwacht nicht und er weiß nicht was
in ihm vorgeht Erst nachdem der Reiz des äußern Lebens durch ein innres Echo
vervielfältigt und verstärkt sein ganzes Wesen überall durchdrungen hat
schlägt er das Auge auf frohlockend über die Sonne und erinnert sich jetzt an
die Zauberwelt die er im Schimmer des blassen Mondes sah Die wunderbare Stimme
die ihn weckte ist ihm geblieben aber sie tönt nun statt der Antwort von den
äußern Gegenständen zurück und wenn er dem Geheimnis seines Daseins mit
kindlicher Schüchternheit zu entfliehen strebt das Unbekannte mit schöner
Neugier suchend vernimmt er überall nur den Nachhall seiner eignen Sehnsucht
So schaut das Auge in dem Spiegel des Flusses nur den Widerschein des blauen
Himmels die grünen Ufer die schwankenden Bäume und die eigne Gestalt des in
sich selbst versunkenen Betrachters Wenn ein Gemüt voll unbewusster Liebe da wo
es Gegenliebe hoffte sich selbst findet wird es von Erstaunen getroffen Doch
bald lässt sich der Mensch wieder durch den Zauber der Anschauung locken und
täuschen seinen Schatten zu lieben Dann ist der Augenblick der Anmut gekommen
die Seele bildet ihre Hülle noch einmal und atmet den letzten Hauch der
Vollendung durch die Gestalt Der Geist verliert sich in seiner klaren Tiefe und
findet sich wie Narcissus als Blume wieder
Liebe ist höher als Anmut und wie bald würde die Blüte der Schönheit
fruchtlos welken ohne die ergänzende Bildung der Gegenliebe
Dieser Augenblick der Kuss des Amor und der Psyche ist die Rose des Lebens
Die begeisterte Diotima hat ihrem Sokrates nur die Hälfte der Liebe offenbart
Die Liebe ist nicht bloß das stille Verlangen nach dem Unendlichen sie ist auch
der heilige Genuss einer schönen Gegenwart Sie ist nicht bloß eine Mischung ein
Übergang vom Sterblichen zum Unsterblichen sondern sie ist eine völlige Einheit
beider Es gibt eine reine Liebe ein unteilbares und einfaches Gefühl ohne die
leiseste Störung von unruhigem Streben Jeder gibt dasselbe was er nimmt einer
wie der andre alles ist gleich und ganz und in sich vollendet wie der ewige Kuss
der göttlichen Kinder
Durch die Magie der Freude zerfliesst das große Chaos streitender Gestalten
in ein harmonisches Meer der Vergessenheit Wenn der Strahl des Glücks sich in
der letzten Träne der Sehnsucht bricht schmückt Iris schon die ewige Stirn des
Himmels mit den zarten Farben ihres bunten Bogens Die lieblichen Träume werden
wahr und schön wie Anadyomene heben sich aus den Wogen des Lete die reinen
Massen einer neuen Welt und entfalten ihren Gliederbau in die Stelle der
verschwundnen Finsternis In goldner Jugend und Unschuld wandelt die Zeit und
der Mensch im göttlichen Frieden der Natur, und ewig kehrt Aurora schöner
wieder
Nicht der Hass wie die Weisen sagen sondern die Liebe trennt die Wesen und
bildet die Welt und nur in ihrem Licht kann man diese finden und schauen Nur
in der Antwort seines Du kann jedes Ich seine unendliche Einheit ganz fühlen
Dann will der Verstand den innern Keim der Gottähnlichkeit entfalten strebt
immer näher nach dem Ziele und ist voll Ernst die Seele zu bilden wie ein
Künstler das einzig geliebte Werk In den Mysterien der Bildung schaut der Geist
das Spiel und die Gesetze der Willkür und des Lebens Das Werk des Pygmalion
bewegt sich und den überraschten Künstler ergreift ein freudiger Schauer im
Bewusstsein eigener Unsterblichkeit und wie der Adler den Ganymedes reißt ihn die
göttliche Hoffnung mit mächtigem Fittich zum Olymp
Zwei Briefe
I
Ist es denn wahr und wirklich was ich so oft in der Stille wünschte und nicht
zu äußern wagte Ich sehe das Licht einer heiligen Freude auf deinem Antlitz
lächeln und bescheiden gibst du mir die schöne Verheißung
Du wirst Mutter sein
Lebe wohl Sehnsucht und du leise Klage die Welt ist wieder schön jetzt
liebe ich die Erde und die Morgenröte eines neuen Frühlings hebt ihr
rosenstrahlendes Haupt über mein unsterbliches Dasein Wenn ich Lorbeern hätte
würde ich sie um deine Stirn flechten um dich einzuweihen zu neuem Ernst und zu
neuer Tätigkeit denn auch für dich beginnt nun ein anderes Leben Dafür gib du
mir den Myrtenkranz Es steht mir wohl an mich jugendlich zu schmücken mit dem
Sinnbilde der Unschuld da ich im Paradiese der Natur wandle Was vorher war
zwischen uns ist nur Liebe gewesen und Leidenschaft Nun hat uns die Natur
inniger verbunden ganz und unauflöslich Die Natur allein ist die wahre
Priesterin der Freude nur sie versteht es ein hochzeitliches Band zu knüpfen
Nicht durch eitle Worte ohne Segen sondern durch frische Blüten und lebendige
Früchte aus der Fülle ihrer Kraft Im endlosen Wechsel neuer Gestalten flicht
die bildende Zeit den Kranz der Ewigkeit und heilig ist der Mensch den das
Glück berührt dass er Früchte trägt und gesund ist Wir sind nicht etwa taube
Blüten unter den Wesen die Götter wollen uns nicht ausschließen aus der großen
Verkettung aller wirkenden Dinge und geben uns deutliche Zeichen So lass uns
denn unsre Stelle in dieser schönen Welt verdienen lass uns auch die
unsterblichen Früchte tragen die der Geist und die Willkür bildet und lass uns
eintreten in den Reigen der Menschheit Ich will mich anbauen auf der Erde ich
will für die Zukunft und für die Gegenwart säen und ernten ich will alle Kräfte
brauchen so lange es Tag ist und mich dann am Abend in den Armen der Mutter
erquicken die mir ewig Braut sein wird Unser Sohn der kleine ernsthafte
Schalk wird um uns spielen und manchen Mutwillen gegen dich mit mir aussinnen
Du hast recht das kleine Landgut müssen wir durchaus kaufen Es ist gut dass du
gleich die Anstalten getroffen hast ohne auf meine Entscheidung zu warten
Richte alles ein wie es dir gefällt nur nicht gar zu schön wenn ich bitten
darf aber auch nicht zu nützlich und vor allen Dingen nicht zu weitläuftig
Wenn du nur alles ganz nach deinem eignen Sinn machst und dir nichts
einreden lässt von Gewöhnlichem und Schicklichem so wird es schon recht sein
wie es sein muss und wie ichs wünsche und ich werde eine herrliche Freude haben
über das schöne Eigentum Was ich sonst brauchte hatte ich gedankenlos und ohne
Gefühl von Besitz Leichtsinnig lebte ich über die Erde weg und war nicht
einheimisch auf ihr Nun hat das Heiligtum der Ehe mir das Bürgerrecht im Stande
der Natur gegeben Ich schwebe nicht mehr im leeren Raum einer allgemeinen
Begeisterung ich gefalle mir in der freundlichen Beschränkung ich sehe das
Nützliche in einem neuen Lichte und finde alles wahrhaft nützlich was irgend
eine ewige Liebe mit ihrem Gegenstande vermählt kurz alles was zu einer echten
Ehe dient Die äußerlichen Dinge selbst flössen mir Hochachtung ein wenn sie in
ihrer Art tüchtig sind und du wirst am Ende noch frohlockende Lobreden auf den
Wert eines eignen Herdes und über die Würde der Häuslichkeit von mir hören
Ich verstehe jetzt deine Vorliebe fürs Landleben ich liebe sie an dir und
ich fühle wie du Ich mag sie gar nicht mehr sehen diese unbeholfnen Klumpen von
allem was verderbt und krank ist in der Menschheit und wenn ich sie im
allgemeinen denken will erscheinen sie mir wie wilde Tiere an der Kette die
nicht einmal frei wüten können Auf dem Lande können die Menschen doch noch
beisammen sein ohne sich hässlich zu drängen Da könnten wenn alles wäre wie es
sollte schöne Wohnungen und liebliche Hütten wie frische Gewächse und Blumen
den grünen Boden schmücken und einen würdigen Garten der Gottheit bilden
Freilich werden wir auch auf dem Lande die Gemeinheit wieder finden die
noch überall herrscht Es sollte eigentlich nur zwei Stände unter den Menschen
geben den bildenden und den gebildeten den männlichen und den weiblichen und
statt aller künstlichen Gesellschaft eine große Ehe dieser beiden Stände und
allgemeine Brüderschaft aller einzelnen Statt dessen sehen wir nur eine Unzahl
von Rohheit und als unbedeutende Ausnahme einige die durch Missbildung verkehrt
sind Aber in der freien Luft kann doch das einzelne was schön und gut ist
nicht so erdrückt werden durch die schlechte Masse und durch den Schein ihrer
Allmacht
Weißt du welche Zeit unsrer Liebe mir besonders schön glänzt Zwar ist
mir alles schön und rein in der Erinnerung und auch an die ersten Tage denke
ich mit wehmütigem Entzücken Aber das Werteste unter allem Werten sind mir doch
die letzten Tage die wir zusammen auf dem Gute lebten Ein neuer Grund um
wieder auf dem Lande zu wohnen
Noch eins Lass mir die Weinreben nicht zu sehr beschneiden Ich schreibe
dies nur weil du sie gar zu wild und üppig fandest und weil es dir einfallen
möchte das kleine Haus von allen Seiten durchaus sauber vor dir zu sehen Auch
der grüne Rasenplatz muss bleiben wie er ist Darauf soll das Kleine sein Wesen
treiben kriechen spielen und sich wälzen
Nicht wahr der Schmerz den dir mein trauriger Brief erregt hat ist völlig
vergütet Ich kann mich in allen diesen Herrlichkeiten und im Taumel der
Hoffnung nicht länger mit Sorge quälen Mehr Schmerz als ich hast du nicht dabei
empfunden Aber was liegt daran wenn du mich liebst wirklich liebst so recht
im Innersten ohne einen Hinterhalt von Fremdem Welcher Schmerz wäre der Rede
wert wenn wir damit ein tieferes heisseres Bewusstsein unsrer Liebe gewinnen
Auch du bist so gesinnt Alles was ich dir da sage wusstest du lange Überhaupt
ist kein Entzücken und keine Liebe in mir die nicht schon in irgend einer Tiefe
deines Wesens verborgen läge du Unendliche und Glückliche
Missverständnisse sind auch gut damit das Heiligste einmal zur Sprache
kommt Das Fremde was dann und wann zwischen uns zu sein scheint ist nicht in
uns in keinem von uns Es ist nur zwischen uns und auf der Oberfläche und ich
hoffe bei dieser Gelegenheit wirst du es ganz von dir und aus dir wegtreiben
Und woher entstehen solche kleine Abstossungen als aus der gegenseitigen
Unersättlichkeit im Lieben und Geliebtwerden Ohne diese Unersättlichkeit gibts
keine Liebe Wir leben und lieben bis zur Vernichtung Und wenn die Liebe es
ist die uns erst zu wahren vollständigen Menschen macht das Leben des Leben
ist so darf auch sie wohl die Widersprüche nicht scheuen so wenig wie das
Leben und die Menschheit so wird auch ihr Frieden nur auf den Streit der Kräfte
folgen
Ich fühle mich glücklich dass ich eine Frau liebe die so wie du lieben
kann So wie du ist ein größeres Wort als alle Superlative Wie kannst du nur
meine Worte loben da ich ohne es zu wollen welche traf die dich so verletzen
mussten Ich möchte sagen ich schreibe zu gut um dir sagen zu können wie mir
im innersten Gemüt ist Ach Liebe glaube es nur dass keine Frage in dir ohne
Antwort in mir ist Deine Liebe kann nicht ewiger sein als die meinige
Köstlich ist aber deine schöne Eifersucht auf meine Fantasie und ihre
Wutbeschreibungen Das bezeichnet recht die Grenzenlosigkeit deiner Treue lässt
aber doch hoffen dass deine Eifersucht nahe daran sei in ihrem eignen Übermaß
sich selbst zu zernichten
Es bedarf nun dieser Art von Fantasie der geschriebenen nicht mehr Ich
werde bald bei dir sein Ich bin heiliger ruhiger wie sonst Ich kann dich im
Geiste nur anblicken und stets vor dir stehen Du fühlst alles ohne dass ichs
sage und glühst freudig halb den geliebten Mann halb das Kind im Herzen
Weißt du noch wie ich dir schrieb keine Erinnerung könne dich mir entweihen
du seist ewig rein wie die heilige Jungfrau von unbeflecktem Empfängnis und
nichts fehle dir zur Madonna wie das Kind
Nun hast du es nun ist es da und wirklich Bald trage ich ihn auf dem Arm
bald erzähle ich ihm Märchen bald unterrichte ich ihn sehr ernstaft bald gebe
ich ihm gute Lehren wie der junge Mensch sich in der Welt zu betragen hat
Und dann kehrt mein Geist wieder zurück zur Mutter ich gebe dir einen
unendlichen Kuss ich sehe wie sich dein Busen sehnend hebt und fühle wie sichs
unter deinem Herzen geheimnisvoll regt
Wenn wir nur erst wieder beisammen sind wollen wir unsrer Jugend ganz eingedenk
sein und ich will die Gegenwart heilig halten Wohl hast du recht Eine Stunde
später ist unendlich viel später
Es ist hart dass ich eben jetzt nicht bei dir sein kann Ich beginne aus
Ungeduld viel Närrisches Ich streife fast von Morgen bis Abend umher in der
herrlichen Gegend ich eile als ob es wunder wie notwendig wäre und gerate
endlich an einen Ort wohin ich am wenigsten wollte Ich gebärde mich als ob ich
heftige Reden hielte ich glaube allein zu sein und bin plötzlich unter
Menschen und muss dann lächeln wenn ich bemerke wie abwesend ich war Auch
schreiben kann ich nicht lange und will nur bald wieder hinaus den schönen
Abend an den Ufern des ruhigen Stroms zu verträumen
Heute habe ich unter andern auch vergessen dass es Zeit war den Brief
abzusenden Dafür erhälst du nun desto mehr Verwirrung und Freude
Die Menschen sind wirklich sehr gut mit mir Sie verzeihn es mir nicht nur dass
ich so oft keinen Teil nehme und dann mit einemmale ihr Gespräch auf eine
sonderbare Art unterbreche sie scheinen sich sogar in der Stille an meiner
Freude herzlich zu freuen Besonders Juliane Ich sage ihr nur weniges von dir
aber sie hat viel Sinn dafür und errät das übrige Es gibt doch nichts
Liebenswürdigeres als das reine uneigennützige Wohlgefallen an der Liebe
Ich glaube freilich ich würde jetzt meine Freunde hier lieben wenn sie
auch weniger vortreffliche Menschen wären Ich fühle eine große Veränderung in
meinem Wesen eine allgemeine Weichheit und süße Wärme in allen Vermögen der
Seele und des Geistes, wie die schöne Ermattung der Sinne die auf das höchste
Leben folgt
Und doch ists nichts weniger als Weichlichkeit Vielmehr weiß ich dass ich
alles was meines Berufs ist von nun an mit größerer Liebe und frischer Kraft
treiben werde Ich fühlte nie mehr Zuversicht und Mut als Mann unter Männern zu
wirken ein heldenmässiges Leben zu beginnen und auszuführen und mit Freunden
verbrüdert für die Ewigkeit zu handeln
Das ist meine Tugend so ziemt es mir den Göttern ähnlich zu werden Die
deinige ist es gleich der Natur als Priesterin der Freude das Geheimnis der
Liebe leise zu offenbaren und in der Mitte würdiger Söhne und Töchter das schöne
Leben zu einem heiligen Fest zu weihen
Ich mache mir oft Sorge über deine Gesundheit Du kleidest dich gar zu leicht
und liebst die Abendluft Das sind gefährliche Gewohnheiten die du wie manche
andre ablegen musst
Denke dass eine neue Ordnung der Dinge für dich beginnt Bisher hieß ich
deinen Leichtsinn schön weil er an der Zeit war und zum Ganzen stimmte Ich
fand es weiblich wenn du mit dem Glück scherzen und alle Rücksichten zerreißen
und ganze Massen deines Lebens oder deiner Umgebung vernichten konntest
Nun ist aber etwas da worauf du immer Rücksicht nehmen worauf du alles
beziehen wirst Nun musst du dich allmählich zur Ökonomie bilden versteht sich
im allegorischen Sinn
In diesem Brief geht alles recht bunt durcheinander wie im menschlichen Leben
Gebet und Essen Schelmerei und Entzücken Nun gute Nacht Ach warum kann ich
nicht wenigstens im Traume bei dir sein wirklich mit dir und in dir träumen
Denn wenn ich bloß von dir träume ists doch immer nur allein Du willst
wissen warum du nicht von mir träumst da du doch so viel an mich denkst
Liebe schweigst du nicht auch oft lange über mich
Amaliens Brief hat mir große Freude gemacht Freilich seh ich aus dem
schmeichelnden Ton dass sie mich nicht von den Männern ausnimmt die der
Schmeichelei bedürfen Ich verlange das auch gar nicht Es wäre unbillig zu
fordern dass sie meinen Wert auf unsre Weise anerkennen soll Genug dass eine
mich ganz kennt Sie erkennt ihn ja auf ihre Art so schön Sollte sie wohl
wissen was Anbetung ist Ich zweifle daran und bedaure sie wenn sie es nicht
weiß Du nicht auch
Heute fand ich in einem französischen Buche von zwei Liebenden den Ausdruck
»Sie waren einer dem andern das Universum«
Wie fiel mirs auf rührend und zum Lächeln dass was da so gedankenlos
stand bloß als eine Figur der Übertreibung in uns buchstäblich wahr geworden
sei
Eigentlich ists zwar auch für so eine französische Passion buchstäblich
wahr Sie finden das Universum einer in dem andern weil sie den Sinn für alles
andre verlieren
Nicht so wir Alles was wir sonst liebten lieben wir nun noch wärmer Der
Sinn für die Welt ist uns erst recht aufgegangen Du hast durch mich die
Unendlichkeit des menschlichen Geistes kennen gelernt und ich habe durch dich
die Ehe und das Leben begriffen und die Herrlichkeit aller Dinge
Alles ist beseelt für mich spricht zu mir und alles ist heilig Wenn man
sich so liebt wie wir kehrt auch die Natur im Menschen zu ihrer ursprünglichen
Göttlichkeit zurück Die Wollust wird in der einsamen Umarmung der Liebenden
wieder was sie im großen Ganzen ist das heiligste Wunder der Natur; und was
für andre nur etwas ist dessen sie sich mit Recht schämen müssen wird für uns
wieder was es an und für sich ist, das reine Feuer der edelsten Lebenskraft
Drei Dinge wird unser Kind gewiss haben viel Mutwillen ein ernsthaftes Gesicht
und etwas Anlage zur Kunst Alles andre erwarte ich mit stiller Ergebung Sohn
oder Tochter darüber kann ich keinen bestimmten Wunsch haben Aber über die
Erziehung habe ich schon unsäglich viel gedacht nämlich wie wir unser Kind vor
aller Erziehung sorgfältig bewahren wollen vielleicht mehr als drei vernünftige
Väter denken und sorgen um ihre Nachkommenschaft gleich von der Wiege in lauter
Sittlichkeit einzuschnüren
Ich habe einige Entwürfe gemacht die dir gefallen werden Auf dich ist sehr
dabei gerechnet Nur musst du die Kunst nicht vernachlässigen Würdest du für
deine Tochter wenn es eine Tochter wäre lieber das Portrait oder die
Landschaft wählen
Du Törin mit deinen äußerlichen Dingen Du willst wissen was mich umgibt
wo wann und wie ich alles tue lebe und bin Sieh doch um dich auf dem Stuhl
neben dir in deinen Armen an deinem Herzen da lebe und bin ich Trifft dich
nicht der Strahl des Verlangens und schleicht mit süßer Wärme bis an dein Herz
bis an den Mund wo es in Küssen überströmen möchte
Nun rühmst du dich noch gar dass du immer innerlich an mich schriebst und
ich nur oft du Sylbenstecherin Erstlich denke ich immer so an dich wie du es
beschreibst dass ich neben dir gehe dich sehe höre spreche Dann aber auch
noch anders besonders wenn ich des Nachts aufwache
Wie kannst du nur an der Würdigkeit und Göttlichkeit deiner Briefe zweifeln Der
letzte blickt und leuchtet aus hellen Augen es ist nicht Schrift sondern
Gesang
Ich glaube wenn ich noch einige Monate fern von dir wäre würde dein Styl
sich völlig ausbilden Indessen finde ich es doch ratsamer dass wir den Styl und
das Schreiben nun lassen und die schönsten und höchsten Studien nicht länger
aussetzen und ich bin so ziemlich entschlossen in acht Tagen schon zu reisen
Zweiter Brief
Es ist sonderbar dass der Mensch sich nicht vor sich selbst fürchtet Die Kinder
haben recht dass sie so neugierig und doch so bange in die Gesellschaft der
unbekannten Geister hineinblicken Jeder einzelne Atom der ewigen Zeit kann eine
Welt von Freude fassen aber sich auch zu einem unermesslichen Abgrund von Leiden
und Schrecken öffnen Ich begreife nun das alte Märchen von dem Manne welchen
ein Zauberer in wenigen Augenblicken viele Jahre durchleben ließ denn ich habe
die furchtbare Allmacht der Fantasie an mir selbst erfahren
Seit dem letzten Briefe deiner Schwester es sind nun drei Tage habe ich
die Schmerzen eines ganzen Menschenlebens gefühlt von dem Sonnenlicht der
glühenden Jugend bis zum blassen Mondschein des weißen Alters Jeder kleine
Umstand den sie mir von deiner Krankheit schrieb bestätigte mich mit dem was
ich in der vorigen von dem Arzt gehört und selbst beobachtet hatte in dem
Gedanken sie sei weit gefährlicher als ihr wüsstet ja eigentlich nicht mehr
gefährlich sondern entschieden In diesen Gedanken verloren alle Kräfte durch
die Unmöglichkeit aus der weiten Ferne zu dir zu eilen gelähmt war mein
Zustand wirklich sehr trostlos Erst jetzt weiß ichs recht wie er war da ich
durch die fröhliche Botschaft deiner Gesundheit wiedergeboren bin Denn gesund
bist du nun so gut als völlig gesund Das schließe ich aus allen Berichten mit
eben der Zuversicht mit der ich vor wenigen Tagen das Todesurteil über uns
aussprach
Ich dachte es mir gar nicht als noch künftig oder als geschehe es jetzt
Alles war vergangen schon lange warst du im Schoss der kühlen Erde verhüllt
Blumen keimten allmählich auf dem geliebten Grabe und meine Tränen flossen
schon milder Stumm und einsam stand ich und sah nichts als die geliebten Züge
und die süßen Blitze der sprechenden Augen Unbeweglich blieb dieses Bild vor
mir nur trat bisweilen das bleiche Gesicht des letzten Lächelns und des letzten
Schlummers leise an die Stelle oder plötzlich verwirrten sich die verschiedenen
Erinnerungen Mit unglaublicher Schnelle veränderten sich die Umrisse kehrten
zur ersten Gestalt zurück und verwandelten sich von neuem bis der überspannten
Einbildung alles verschwand Nur deine heiligen Augen blieben im leeren Raum und
standen unbeweglich da wie die freundlichen Sterne ewig über unsrer Armut
schimmern Unverrückt schaute ich nach den schwarzen Lichtern die mit bekanntem
Lächeln in die Nacht meiner Trauer winkten Bald brannte ein stechender Schmerz
aus dunkeln Sonnen mit unerträglichem Blenden bald schwebte und floss ein
schöner Glanz als wollte er mich locken Da war es als wehte eine frische
Morgenluft mich an ich warf mein Haupt in die Höhe und es rief laut in mir
»Warum sollst du dich quälen in wenigen Augenblicken kannst du ja bei ihr
sein«
Schon eilte ich dir zu folgen aber plötzlich hielt mich ein neuer Gedanke
an und ich sagte zu meinem Geist »Unwürdiger du kannst nicht einmal die
kleinen Dissonanzen dieses mittelmäßigen Lebens ertragen und du hältst dich
schon für ein höheres reif und würdig Gehe hin zu leiden und zu tun was dein
Beruf ist und melde dich wieder wenn deine Aufträge vollendet sind« Ist es
nicht auch dir auffallend wie alles auf dieser Erde nach der Mitte strebt wie
so ordentlich alles ist wie so unbedeutend und kleinlich So schien es mir
stets daher vermute ich und ich habe dir diese Vermutung wenn ich nicht
irre schon einmal mitgeteilt dass unser nächstes Dasein größer im Guten wie
im Schlechten kräftiger wilder kühner ungeheurer sein wird
Die Pflicht zu leben hatte gesiegt und ich war wieder in dem Gewühl des
Lebens und der Menschen ihrer und meiner ohnmächtigen Handlungen und
fehlervollen Werke Da befiel mich Entsetzen wie wenn ein Sterblicher sich in
der Mitte unabsehlicher Eisgebirge plötzlich allein fände Alles war mir kalt
und fremd und selbst die Träne gefror
Wunderliche Welten erschienen und schwanden mir im ängstlichen Traum Ich
war krank und litt viel aber ich liebte meine Krankheit und hieß selbst den
Schmerz willkommen Ich hasste alles Irdische und freute mich dass es bestraft
und zerrüttet würde ich fühlte mich so allein und so sonderbar und wie ein
zarter Geist oft mitten im Schoss des Glücks über seine eigne Freude wehmütig
wird und uns grade auf dem Gipfel des Daseins das Gefühl seiner Nichtigkeit
überfällt so schaute ich mit geheimer Lust auf meinen Schmerz Er ward mir zum
Sinnbilde des allgemeinen Lebens ich glaubte die ewige Zwietracht zu fühlen und
zu sehen durch die alles wird und existiert und die schönen Gestalten der
ruhigen Bildung schienen mit tot und klein gegen diese ungeheure Welt von
unendlicher Kraft und von unendlichem Kampf und Krieg bis in die verborgensten
Tiefen des Daseins
Durch dieses sonderbare Gefühl ward die Krankheit zu einer eignen Welt in
sich vollendet und gebildet Ich fühlte ihr geheimnisreiches Leben sei voller
und tiefer als die gemeine Gesundheit der eigentlich träumenden Nachtwandler um
mich her Und mit der Kränklichkeit die mir gar nicht unangenehm war blieb mir
auch dieses Gefühl und sonderte mich völlig ab von den Menschen wie mich von
der Erde der Gedanke trennte dein Wesen und meine Liebe sei zu heilig gewesen
um nicht ihr und ihren groben Banden flüchtig zu enteilen Es sei alles gut so
und dein notwendiger Tod nichts als ein sanftes Erwachen nach leisem Schlummer
Auch ich glaubte zu wachen wenn ich dein Bild anschaute das sich immer
mehr zu einer heitern Reinheit und Allgemeinheit verklärte Ernst und doch
liebreizend ganz Du und doch nicht mehr Du die göttliche Gestalt umschienen
von wunderbarem Glanz Bald war es wie der furchtbare Lichtstrahl der sichtbaren
Allmacht und bald ein freundlicher Schimmer goldener Kindheit Mit langen
stillen Zügen sog mein Geist aus der Quelle der kühlen reinen Glut sich
heimlich berauschend und in dieser seligen Trunkenheit fühlte ich eine
geistliche Würde eigener Art weil mir in der Tat jede weltliche Gesinnung ganz
fremde war und mich niemals das Gefühl verließ dass ich dem Tode geweiht sei
Langsam flossen die Jahre und mühevoll trat eine Tat nach der andern ein
Werk und dann wieder eines an sein Ziel das so wenig das meinige war als ich
jene Taten und Werke für das was sie heißen nahm Es waren mir nur heilige
Sinnbilder alles Beziehungen auf die eine Geliebte die die Mittlerin war
zwischen meinem zerstückten Ich und der unteilbaren ewigen Menschheit das ganze
Dasein ein steter Gottesdienst einsamer Liebe
Endlich nahm ich wahr das sei nun das letzte Die Stirn war nicht mehr
glatt und die Locken wurden bleich Meine Laufbahn war geendigt aber nicht
vollendet Die beste Kraft des Lebens war dahin und noch stand die Kunst und die
Tugend ewig unerreichbar vor mir Ich wäre verzweifelt hätte ich nicht beide in
Dir gesehen und vergöttert holdselige Madonna und Dich und Deine milde
Göttlichkeit in mir
Da erschienst Du mir bedeutend und winktest tödlich Schon ergriff mich ein
herzliches Verlangen nach Dir und nach der Freiheit ich sehnte mich nach dem
geliebten alten Vaterlande und wollte eben den Staub der Reise von mir
schütteln als ich wieder ins Leben gerufen ward durch das Verheissen und die
Gewissheit Deiner Genesung
Nun ward ich meines wachen Traumes inne erschrack über alle die bedeutenden
Beziehungen und Ähnlichkeiten und stand ängstlich an dem unsichtbaren Abgrund
dieser innern Wahrheit
Weißt Du was mir am meisten klar dadurch geworden ist Zuerst dass ich
Dich vergöttre und dass es gut ist dass ich so tue Wir beide sind eins und nur
dadurch wird der Mensch zu einem und ganz er selbst wenn er sich auch als
Mittelpunkt des Ganzen und Geist der Welt anschaut und dichtet Doch warum
dichtet da wir den Keim zu allem in uns finden und doch ewig nur ein Stück von
uns selbst bleiben
Und dann weiß ichs nun dass der Tod sich auch schön und süß fühlen lässt
Ich begreife wie das freie Gebildete sich in der Blüte aller Kräfte nach seiner
Auflösung und Freiheit mit stiller Liebe sehnen und den Gedanken der Rückkehr
freudig anschauen kann wie eine Morgensonne der Hoffnung
Eine Reflexion
Es ist meinem Gemüt nicht selten sonderbar aufgefallen wie verständige und
würdige Menschen mit nie ermüdender Industrie und mit so großem Ernst das kleine
Spiel in ewigem Kreislauf immer von neuem wiederholen können welches doch
offenbar weder Nutzen bringt noch sich einem Ziele nähert obgleich es das
früheste aller Spiele sein mag
Dann fragte mein Geist was wohl die Natur die überall so viel denkt die
List im Großen treibt und statt witzig zu reden gleich witzig handelt bei
jenen naiven Andeutungen denken mag welche gebildete Redner nur durch ihre
Namenlosigkeit benennen
Und diese Namenlosigkeit selbst ist von zweideutiger Bedeutung Je
verschämter und je moderner man ist je mehr wird es Mode sie aufs Schamlose zu
deuten Für die alten Götter hingegen hat alles Leben eine gewisse klassische
Würde und so auch die unverschämte Heldenkunst lebendig zu machen Die Menge
solcher Werke und die Größe der Erfindungskraft in ihr bestimmt Rang und Adel im
Reiche der Mythologie
Diese Zahl und diese Kraft sind gut aber sie sind nicht das Höchste Wo
schlummert also das ersehnte Ideal verborgen Oder findet das strebende Herz in
der höchsten aller darstellenden Künste ewig nur andre Manieren und nie einen
vollendeten Styl
Das Denken hat die Eigenheit dass es nächst sich selbst am liebsten über das
denkt worüber es ohne Ende denken kann Darum ist das Leben des gebildeten und
sinnigen Menschen ein stetes Bilden und Sinnen über das schöne Rätsel seiner
Bestimmung Er bestimmt sie immer neu denn eben das ist seine ganze Bestimmung
bestimmt zu werden und zu bestimmen. Nur in seinem Suchen selbst findet der
Geist des Menschen das Geheimnis welches er sucht
Was ist denn aber das Bestimmende oder das Bestimmte selbst In der
Männlichkeit ist es das Namenlose Und was ist das Namenlose in der
Weiblichkeit das Unbestimmte
Das Unbestimmte ist geheimnisreicher aber das Bestimmte hat mehr
Zauberkraft Die reizende Verwirrung des Unbestimmten ist romantischer aber die
erhabene Bildung des Bestimmten ist genialischer Die Schönheit des Unbestimmten
ist vergänglich wie das Leben der Blumen und wie die ewige Jugend sterblicher
Gefühle die Energie des Bestimmten ist vorübergehend wie das echte Ungewitter
und die echte Begeisterung
Wer kann messen und wer kann vergleichen was eines wie das andre unendlichen
Wert hat wenn beides verbunden ist in der wirklichen Bestimmung die bestimmt
ist alle Lücken zu ergänzen und Mittlerin zu sein zwischen dem männlichen und
weiblichen Einzelnen und der unendlichen Menschheit
Das Bestimmte und das Unbestimmte und die ganze Fülle ihrer bestimmten und
unbestimmten Beziehungen das ist das Eine und Ganze das ist das Wunderlichste
und doch das Einfachste das Einfachste und doch das Höchste Das Universum
selbst ist nur ein Spielwerk des Bestimmten und des Unbestimmten und das
wirkliche Bestimmen des Bestimmbaren ist eine allegorische Miniatur auf das
Leben und Weben der ewig strömenden Schöpfung
Mit ewig unwandelbarer Symmetrie streben beide auf entgegengesetzten Wegen
sich dem Unendlichen zu nähern und ihm zu entfliehen Mit leisen aber sichern
Fortschritten erweitert das Unbestimmte seinen angeborenen Wunsch aus der schönen
Mitte der Endlichkeit ins Grenzenlose Das vollendete Bestimmte hingegen wirft
sich durch einen kühnen Sprung aus dem seligen Traum des unendlichen Wollens in
die Schranken der endlichen Tat und nimmt sich selbst verfeinernd immer zu an
großmütiger Selbstbeschränkung und schöner Genügsamkeit
Auch in dieser Symmetrie offenbart sich der unglaubliche Humor mit dem die
konsequente Natur ihre allgemeinste und einfachste Antitese durchführt Selbst
in der zierlichsten und künstlichsten Organisation zeigen sich diese komischen
Spitzen des großen Ganzen mit schalkhafter Bedeutsamkeit wie ein verkleinertes
Portrait und geben aller Individualität die allein durch sie und den Ernst
ihrer Spiele entstehet und bestehet die letzte Rundung und Vollendung
Durch diese Individualität und jene Allegorie blüht das bunte Ideal witziger
Sinnlichkeit aus dem Streben nach dem Unbedingten
Nun ist alles klar Daher die Allgegenwart der namenlosen unbekannten
Gottheit Die Natur selbst will den ewigen Kreislauf immer neuer Versuche und
sie will auch dass jeder einzelne in sich vollendet einzig und neu sei ein
treues Abbild der höchsten unteilbaren Individualität
Sich vertiefend in diese Individualität nahm die Reflexion eine so
individuelle Richtung dass sie bald anfing aufzuhören und sich selbst zu
vergessen
»Was sollen mir diese Anspielungen die mit unverständlichem Verstand nicht
an der Grenze sondern bis in die Mitte der Sinnlichkeit nicht spielen sondern
widersinnig streiten«
So wirst Du und würde Juliane zwar nicht sagen aber doch gewiss fragen
Liebe Geliebte darf der volle Blumenstrauß nur sittsame Rosen stille
Vergissmeinnicht und bescheidne Veilchen zeigen und was sonst mädchenhaft und
kindlich blüht oder auch alles andre was in bunter Glorie sonderbar strahlt
Die männliche Ungeschicklichkeit ist ein mannigfaltiges Wesen und reich an
Blüten und Früchten jeder Art Gönne selbst der wunderlichen Pflanze die ich
nicht nennen will ihre Stelle Sie dient wenigstens zur Folie für die
hellbrennende Granate und die lichten Orangen Oder soll es etwa statt dieser
bunten Fülle nur eine vollkommne Blume geben welche alle Schönheiten der
übrigen vereint und ihr Dasein überflüssig macht
Ich entschuldige nicht was ich lieber sogleich noch einmal tun will mit
vollem Zutrauen auf Deinen objektiven Sinn für die Kunstwerke der
Ungeschicklichkeit welche den Stoff zu dem was sie bilden will oft nicht
ungern von der männlichen Begeisterung entlehnt
Es ist ein zärtliches Furioso und ein kluges Adagio der Freundschaft Du
wirst Verschiednes daraus lernen können dass Männer mit ungemeiner Delikatesse
zu hassen verstehen wie ihr zu lieben dass sie dann einen Zank wenn er
vollendet ist in eine Distinktion umbilden und dass Du so viele Anmerkungen
darüber machen darfst als Dir gefällig ist
Julius an Antonio
I
Du hast Dich sehr verändert seit einiger Zeit Sieh Dich vor Freund dass der
Sinn für das Große Dir nicht abhanden kommt ehe Du es gewahr wirst Was soll
das geben Du wirst endlich so viel Zartheit und Feinheit ansetzen dass Herz und
Gefühl drauf geht Wo bleibt da die Männlichkeit und handelnde Kraft Ich
werde noch dahin kommen Dir zu tun wie Du mir tust seit wir nicht mehr mit
einander sondern neben einander leben Ich werde Dir Grenzen setzen müssen und
sagen wenn er auch Sinn für alles hat was sonst schön ist so fehlt ihm doch
der eine für die Freundschaft Doch werde ich den Freund und sein Tun und Lassen
nie moralisch kritisieren wer das kann der verdient nicht das hohe seltene
Glück einen zu haben
Dass Du Dich zuerst an Dir selbst vergreifst macht die Sache nur schlimmer
Sage mir im Ernst suchst Du die Tugend in diesen kühlen Spitzfindigkeiten des
Gefühls in diesen Kunstübungen des Gemüts die den Menschen aushöhlen und am
vollen Mark seines Lebens zehren
Schon lange war ich ergeben und still Ich zweifelte gar nicht dass Du da
Du so vieles weißt auch wohl die Ursachen wissen würdest durch die unsre
Freundschaft untergegangen ist Fast scheint es ich habe mich geirrt da Du so
erstaunen konntest dass ich mich ganz an Eduard anschließen will da Du
gleichsam nicht begreifend zu fragen schienst wodurch Du mich denn beleidigt
hättest Wenn es nur das wäre nur etwas einzelnes dann wär er es den Misslaut
einer solchen Frage nicht wert dann würde sichs von selbst beantworten und
ausgleichen Ist es aber nicht mehr wenn ich bei jeder Veranlassung es immer
wieder als Entweihung fühlen muss dass ich Dir alles von Eduard wie es vorfiel
mitteilte Getan hast Du freilich nichts gegen ihn auch nicht laut gesagt aber
ich weiß und sehe recht gut wie Du denkst Und wenn ich es nicht wüsste und sähe
was wäre denn die unsichtbare Gemeinschaft unsrer Geister und die schöne Magie
dieser Gemeinschaft Es kann Dir gewiss nicht einfallen Dich hier noch länger
zurückziehen und durch bloße Feinheit das Missverständnis in Nichts auflösen zu
wollen denn sonst hätte auch ich wirklich nichts weiter zu sagen
Unstreitig seid ihr durch eine ewige Kluft geschieden Die ruhige klare
Tiefe Deines Wesens und der heiße Kampf seines rastlosen Lebens liegen an den
entgegengesetzten Enden des menschlichen Daseins Er ist ganz Handlung Du bist
eine fühlende und beschauende Natur Darum solltest Du eben Sinn für alles haben
und hast ihn auch wo Du Dich nicht selbst absichtlich verschliessest Und das
verdrüsst mich eigentlich Möchtest Du den Herrlichen lieber hassen als
verkennen Aber wohin soll es führen wenn man sich unnatürlich gewöhnt das
wenige Große und Schöne was noch etwa da ist so gemein zu nehmen als es der
Scharfsinn nur immer nehmen kann ohne die Ansprüche auf den Sinn aufzugeben
Was man überall sehen will muss man endlich selbst werden
Ist das die gerühmte Vielseitigkeit Freilich beobachtest du dabei den
Grundsatz der Gleichheit und einem gehts nicht viel besser wie dem andern nur
dass jeder auf eine eigne Art verkannt wird Hast Du nicht auch mein Gefühl
gezwungen über das was ihm das Heiligste ist ewig zu schweigen gegen Dich wie
gegen jeden andern Und das darum weil Du Dein Urteil nicht schweigen lassen
konntest bis es Zeit war und weil Dein Verstand überall Grenzen erdichtet ehe
er seine eigenen finden kann Du hast mich beinah in den Fall gebracht Dir
auseinandersetzen zu müssen wie groß eigentlich mein Wert sei wie viel
richtiger und sichrer Du gegangen sein würdest wenn Du dann und wann nicht
geurteilt sondern geglaubt wenn Du hie und da in mir ein unbekanntes
Unendliches vorausgesetzt hättest
Freilich ist meine eigne Nachlässigkeit an allem schuld Vielleicht wars
auch Eigensinn dass ich die ganze Gegenwart mit Dir teilen wollte und Dich über
Vergangenheit und Zukunft doch nicht belehrte Ich weiß nicht es widerstand
meinem Gefühl auch hielt ichs für überflüssig denn ich traute Dir in der Tat
unendlich viel Verstand zu
O Antonio wenn ich an ewigen Wahrheiten zweifeln könnte so hättest Du mich
dahin gebracht jene stille schöne Freundschaft die auf der bloßen Harmonie des
Seins und Zusammenseins beruht für etwas Falsches und Verkehrtes zu halten
Ist es nun noch unbegreiflich wenn ich mich ganz auf die andre Seite werfe
Ich entsage dem zarten Genuss und stürze mich in den wilden Kampf des Lebens
Ich eile zu Eduard Alles ist verabredet Wir wollen nicht bloß zusammen leben
sondern im brüderlichen Bunde vereint wirken und handeln Er ist rau und herbe
seine Tugend ist mehr kräftig als empfindsam aber er hat ein männliches großes
Herz und in jedem bessern Zeitalter wäre er das sage ich kühn ein Held
gewesen
II
Es ist wohl schön dass wir endlich einmal wieder miteinander gesprochen haben
ich bin es auch zufrieden dass Du durchaus nicht schreiben wolltest und auf die
armen unschuldigen Buchstaben schiltst weil Du wirklich zum Sprechen mehr Genie
hast Aber ich habe doch noch eins und das andre auf dem Herzen was ich nicht
sagen konnte und was ich versuchen will Dir brieflich anzudeuten
Warum aber auf diesem Wege O mein Freund wenn ich nur noch ein feineres
gebildeteres Element der Mitteilung wüsste um das was ich möchte in zarter
Hülle leise aus der Ferne zu sagen Das Gespräch ist mir zu laut und zu nah und
auch zu einzeln Diese einzelnen Worte geben immer wieder nur eine Seite ein
Stück von dem Zusammenhange von dem Ganzen das ich in seiner vollen Harmonie
andeuten möchte
Und können Männer die zusammen leben wollen zu zart gegen einander in ihrem
Umgange sein Es ist nicht als ob ich befürchtete etwas zu Heftiges zu sagen
und dass ich darum gewisse Personen und gewisse Gegenstände in unserm Gespräch
vermied Darüber denke ich ist ja wohl die Grenzscheidung zwischen uns auf
immer vernichtet
Was ich Dir noch sagen wollte ist etwas ganz Allgemeines und doch wähle
ich lieber diesen Umweg Ich weiß nicht ob es eine falsche oder eine wahre
Delikatesse ist aber es würde mir schwer fallen viel von der Freundschaft mit
Dir zu reden von Angesicht zu Angesicht
Und doch sinds Gedanken über diese die ich Dir sagen muss Die Anwendung
und auf die kommt es am meisten an wirst Du leicht selbst machen können
Für mein Gefühl gibts zwei Arten von Freundschaft
Die erste ist ganz äußerlich Unersättlich eilt sie von Tat zu Tat und nimmt
jeden würdigen Mann auf in den großen Bund vereinter Helden schlingt den alten
Knoten durch jede Tugend fester und trachtet stets neue Brüder zu gewinnen je
mehr sie hat je mehr begehrt sie
Erinnre Dich an die Vorwelt und Du wirst diese Freundschaft die den
redlichen Krieg gegen alles Böse wenn es auch in uns oder im Geliebten wäre
kämpft überall finden wo die edle Kraft in großen Massen wirkt und Welten
bildet oder beherrscht
Jetzt sind andre Zeiten aber das Ideal dieser Freundschaft wird in mir
sein so lange wie ich selbst sein werde
Die andre Freundschaft ist ganz innerlich Eine wunderbare Symmetrie des
Eigentümlichsten als wenn es vorher bestimmt wäre dass man sich überall
ergänzen sollte Alle Gedanken und Gefühle werden gesellig durch die
gegenseitige Anregung und Ausbildung des Heiligsten Und diese reingeistige
Liebe diese schöne Mystik des Umgangs schwebt nicht bloß als fernes Ziel vor
einem vielleicht vergeblichen Streben Nein sie ist nur vollendet zu finden
Auch hat da keine Täuschung statt wie bei jener andern heroischen Ob die
Tugend eines Mannes Stich hält muss die Tat lehren Aber wer selbst in seinem
Innern die Menschheit und die Welt fühlt und sieht der wird nicht leicht
allgemeinen Sinn und allgemeinen Geist da suchen können wo er nicht ist
Zu dieser Freundschaft ist nur fähig wer in sich ganz ruhig wurde und in
Demut die Göttlichkeit des andern zu ehren weiß
Haben die Götter einem Menschen eine solche Freundschaft geschenkt so kann
er weiter nichts als sie mit Sorge vor allem was äußerlich ist bewahren und das
heilige Wesen schonen Denn vergänglich ist die zarte Blüte
Sehnsucht und Ruhe
Leicht bekleidet standen Lucinde und Julius am Fenster im Pavillon erfrischten
sich an der kühlen Morgenluft und waren verloren im Anschaun der aufsteigenden
Sonne die von allen Vögeln mit munterem Gesang begrüßt ward
Julius fragte Lucinde warum fühle ich in so heiterer Ruhe die tiefe
Sehnsucht Nur in der Sehnsucht finden wir die Ruhe antwortete Julius Ja die
Ruhe ist nur das wenn unser Geist durch nichts gestört wird sich zu sehnen und
zu suchen wo er nichts Höheres finden kann als die eigne Sehnsucht
Nur in der Ruhe der Nacht sagte Lucinde glüht und glänzt die Sehnsucht und
die Liebe hell und voll wie diese herrliche Sonne Und am Tage erwiderte
Julius schimmert das Glück der Liebe blass so wie der Mond nur sparsam
leuchtet Oder es erscheint und schwindet plötzlich ins allgemeine Dunkel
fügte Lucinde an wie jene Blitze die uns das Gemach erhellten da der Mond
verhüllt war
Nur in der Nacht singt Klagen sprach Julius die kleine Nachtigall und
tiefe Seufzer Nur in der Nacht eröffnet sich die Blume schüchtern und atmet
frei den schönsten Duft um Geist und Sinne in gleicher Wonne zu berauschen Nur
in der Nacht Lucinde strömet tiefe Liebesglut und kühne Rede göttlich von den
Lippen die im Geräusch der Tage ihr süßes Heiligtum mit zartem Stolz
verschließen
Lucinde
Nicht ich mein Julius bin die die Du so heilig malst obschon ich klagen
möchte wie die Nachtigall und wie ich innig fühle nur der Nacht geweiht bin
Du bists es ist die Wunderblume Deiner Fantasie die Du in mir die ewig Dein
ist dann erblickst wenn das Gewühl verhüllt ist und nichts Gemeines Deinen
hohen Geist zerstreut
Julius
Lass die Bescheidenheit und schmeichle nicht Gedenke Du bist die Priesterin der
Nacht Im Strahl der Sonne selbst verkündigts der dunkle Glanz der vollen
Locken der ernsten Augen lichtes Schwarz der hohe Wuchs die Majestät der
Stirn und aller edlen Glieder
Lucinde
Die Augen sinken indem Du rühmst weil jetzt der laute Morgen blendet und
lustger Vögel buntes Lied die Seele stört und schreckt Sonst möchte wohl das
Ohr in stiller dunkler Abendkühle des süßen Freundes süße Rede gierig trinken
Julius
Es ist nicht eitle Fantasie Unendlich ist nach Dir und ewig unerreicht mein
Sehnen
Lucinde
Seis was es sei Du bist der Punkt in dem mein Wesen Ruhe findet
Julius
Die heilge Ruhe fand ich nur in jenem Sehnen Freundin
Lucinde
Und ich in dieser schönen Ruhe jene heilge Sehnsucht
Julius
Ach dass das harte Licht den Schleier heben darf der diese Flammen so
verhüllte dass der Sinne Scherz die heiße Seele kühlend lindern mochte
Lucinde
So wird einst ewig kalter ernster Tag des Lebens warme Nacht zerreißen wenn
Jugend flieht und wenn ich Dir entsage wie Du der großen Liebe größer einst
entsagtest
Julius
Dass ich doch Dir die unbekannte Freundin zeigen dürfte und ihr das Wunder meines
wunderbaren Glücks
Lucinde
Du liebst sie noch und wirst sie ewig mein auch ewig lieben Das ist das große
Wunder Deines wunderbaren Herzens
Julius
Nicht wunderbarer als das Deine Ich sehe Dich an meine Brust gelehnt mit Deines
Guido Locke spielen uns beide brüderlich vereint die würdge Stirn mit ewgen
Freudekränzen zieren
Lucinde
Lass ruhen in Nacht reiss nicht ans Licht was in des Herzens stiller Tiefe heilig
blüht
Julius
Wo mag des Lebens Woge mit dem Wilden scherzen den zart Gefühl und wildes
Schicksal heftig fortriss in die herbe Welt
Lucinde
Verklärt und einzig glänzt der hohen Unbekannten reines Bild am blauen Himmel
Deiner reinen Seele
Julius
O ewge Sehnsucht Doch endlich wird des Tages fruchtlos Sehnen eitles
Blenden sinken und erlöschen und eine große Liebesnacht sich ewig ruhig fühlen
Lucinde
So fühlt sich wenn ich sein darf wie ich bin das weibliche Gemüt in
liebeswarmer Brust Es sehnt sich nur nach Deinem Sehnen ist ruhig wo Du Ruhe
findest
Tändeleien der Fantasie
Durch die schweren lauten Anstalten zum Leben wird das zarte Götterkind Leben
selbst verdrängt und jämmerlich erstickt in der Umarmung der nach Affenart
liebenden Sorge
Absichten haben nach Absichten handeln und Absichten mit Absichten zu
neuer Absicht künstlich verweben diese Unart ist so tief in die närrische Natur
des gottähnlichen Menschen eingewurzelt dass er sichs nun ordentlich vorsetzen
und zur Absicht machen muss wenn er sich einmal ohne alle Absicht auf dem
innern Strom ewig fliessender Bilder und Gefühle frei bewegen will
Es ist der Gipfel des Verstandes, aus eigener Wahl zu schweigen die Seele
der Fantasie wiederzugeben und die süßen Tändeleien der jungen Mutter mit ihrem
Schosskinde nicht zu stören
Aber so verständig ist der Verstand nach dem goldnen Zeitalter seiner
Unschuld nur sehr selten Er will die Seele allein besitzen auch wenn sie wähnt
allein zu sein mit ihrer angeborenen Liebe lauscht er im Verborgnen und schiebt
an die Stelle der heiligen Kinderspiele nur Erinnerung an ehemalige Zwecke oder
Aussichten auf künftige Ja er weiß den hohlen kalten Täuschungen einen Anstrich
von Farbe und eine flüchtige Hitze zu geben und will durch seine nachahmende
Kunst der arglosen Fantasie ihr eigenstes Wesen rauben
Aber die jugendliche Seele lässt sich durch die Arglist des Altklugen nicht
betören und immer sieht sie den Liebling spielen mit den schönen Bildern der
schönen Welt Willig lässt sie ihre Stirn umflechten von den Kränzen die das
Kind aus den Blüten des Lebens flicht und willig lässt sie sich in wachen
Schlummer sinken Musik der Liebe träumend und geheimnisvoll freundliche
Götterstimmen vernehmend wie die einzelnen Laute einer fernen Romanze
Alte wohlbekannte Gefühle tönen aus der Tiefe der Vergangenheit und Zukunft
Leise nur berühren sie den lauschenden Geist und schnell verlieren sie sich
wieder in den Hintergrund verstummter Musik und dunkler Liebe Alles liebt und
lebt klaget und freut sich in schöner Verwirrung Hier öffnen sich am
rauschenden Fest die Lippen aller Fröhlichen zu allgemeinem Gesange und hier
verstummt das einsame Mädchen vor dem Freunde dem sie sich vertrauen möchte und
versagt den Kuss mit lächelndem Munde Gedankenvoll streue ich Blumen auf das
Grab des zu früh entschlafnen Sohnes die ich bald voll Freude und voll Hoffnung
der Braut des geliebten Bruders darreiche während die hohe Priesterin mir winkt
und mir die Hand reicht zu ernstem Bunde bei dem ewig reinen Feuer ewige
Reinheit und ewige Begeisterung zu geloben Ich enteile dem Altar und der
Priesterin um das Schwert zu ergreifen und mit der Schar der Helden in den Kampf
zu stürzen den ich bald vergesse wo ich in tiefster Einsamkeit nur den Himmel
und mich beschaue
Welche Seele solche Träume schlummert die träumt sie ewig fort auch wenn
sie erwacht ist Sie fühlt sich umschlungen von den Blüten der Liebe sie hütet
sich wohl die losen Kränze zu zerreißen sie gibt sich gern gefangen und weiht
sich selbst der Fantasie und lässt sich gern beherrschen von dem Kinde das alle
Muttersorgen durch seine süßen Tändeleien lohnt
Dann zieht sich ein frischer Hauch von Jugendblüte über das ganze Dasein und
ein Heiligenschein von kindlicher Wonne Der Mann vergöttert die Geliebte die
Mutter das Kind und alle den ewigen Menschen
Nun versteht die Seele die Klage der Nachtigall und das Lächeln des
Neugebornen und was auf Blumen wie an Sternen sich in geheimer Bilderschrift
bedeutsam offenbart versteht sie den heiligen Sinn des Lebens wie die schöne
Sprache der Natur. Alle Dinge reden zu ihr und überall sieht sie den lieblichen
Geist durch die zarte Hülle
Auf diesem festlich geschmückten Boden wandelt sie den leichten Tanz des
Lebens schuldlos und nur besorgt dem Rhythmus der Geselligkeit und Freundschaft
zu folgen und keine Harmonie der Liebe zu stören
Dazwischen ewger Gesang von dem sie nur dann und wann einzelne Worte
vernimmt welche noch höhere Wunder verraten lassen
Immer schöner umgibt sie dieser Zauberkreis Sie kann ihn nie verlassen und
was sie bildet oder spricht lautet wie eine wunderbare Romanze von den schönen
Geheimnissen der kindlichen Götterwelt begleitet von einer bezaubernden Musik
der Gefühle und geschmückt mit den bedeutendsten Blüten des lieblichen Lebens