1799_Ahlefeld_MarieMueller.html




        
                             Charlotte von Ahlefeld
                                  Marie Müller
                                  Erstes Kapitel
Marie Müller war die einzige Tochter eines wohlhabenden Bürgers in L  sein
Stolz und die Freude seines Alters Ihre Schönheit zeichnete sie früh vor allen
Mädchen ihres Standes aus und ihr Vater sparte nichts seinen Liebling auch
durch eine sorgfältige Erziehung über sie zu erheben Marie hatte Talente und
liebte ein häusliches Leben In ihrer Eingezogenheit bildete sich ihr Verstand
durch Lesen nützlicher Bücher und ihre Gefühle wurden durch Nachdenken und
Natur verfeinert und veredelt Sie lernte Klavier und begleitete ihr Spiel mit
einer sanften melodischen Stimme jedoch nur im Geheim um nicht verspottet zu
werden da sie wohl wusste dass Vorurteile den unteren Ständen jedes Streben
nach höherer Ausbildung untersagen Fast in allen weiblichen Arbeiten war sie
Meisterin und eine liebenswürdige Bescheidenheit erhöhte den Wert ihrer
Talente Sie übte sie nur um ihrem Vater Freude zu machen und ihre einsamen
Stunden nützlich und angenehm zu beschäftigen In einer glücklichen
Verborgenheit gingen ihre Tage vorüber  unbekannt mit der Welt und ihren
verführerischen Freuden hatte sich Marie freilich jenen feinen Ton höherer
Stände nicht erworben der den Geist fesselt aber in ihrem ganzen Wesen
herrschte mit zauberischer Allmacht jene reine Innigkeit der unverdorbenen und
doch gebildeten Natur die unwiderstehlich zum Herzen dringt
    Als sie achtzehn Jahr alt war sagte der Vater Marie es ist Zeit dass ich
an Deine Versorgung denke Ich bin alt und schwach und würde mit schwerem
Herzen sterben wenn ich Dich so allein zurücklassen müsste Sage mir hast Du
noch auf keinen Mann gesehen mit dem Du glücklich sein könntest Ich will Dich
nicht zwingen nicht einmal überreden aber wenn Du Den gefunden hast den Du
Deiner Liebe wert hältst so entdecke Dich mir und mache meine alten Tage froh
durch Dein Zutrauen und die Freude Dich nach Deinem Herzen versorgt zu wissen
    Marie schlang ihre Arme um den redlichen Greis und antwortete mit einer
Träne und einem holden Erröten Guter Vater red Er nicht so ernstaft von
den Zeiten wo ich Ihn verlieren werde Er tut mir zu weh damit Nicht um nach
Seinem Tode den der Himmel noch lange entfernen möge einen Schutz zu haben
nein um Seinem Willen zu gehorchen will ich Ihm recht aufrichtig sagen was
ich denke Mein Vetter Ludwig ist brav und scheint mir gut zu sein Ich fühle
eine recht herzliche Freundschaft für ihn und glaube ich würde ihm einst gern
meine Hand geben wenn ich denn doch einmal heiraten muss
    O Marie rief der glückliche Alte Du hast meinen größten Wunsch erfüllt
ohne es zu wissen Längst wollt ich Dir ihn vorschlagen und jetzt kommst Du
mir so freundlich zuvor Er umarmte seine Tochter mit der ganzen Lebhaftigkeit
seiner Freude
    Ludwig war der Sohn seines verstorbenen Bruders ein offener redlicher
Jüngling seit seinen Kinderjahren mit Marien erzogen Die Unbefangenheit jenes
fröhlichen Alters knüpfte schon früh das Band der festesten Freundschaft unter
ihnen Er hatte sich den Forstwissenschaften gewidmet Unverdorben wie die
schöne Natur in der er immer lebte war sein Sinn und innig seine Liebe zu
Marien Sie hatte schon in den Tagen der Kindheit sein junges Herz erfüllt und
war fester und ernster in späteren Jahren geworden Wenn den wilden brausenden
Knaben nichts zu bändigen vermochte so gelang es Marien mit ihrer milden
liebkosenden Stimme die sich sanft und beruhigend in die Tiefen seiner Seele
stahl Ein freundlicher Blick ein Wort von ihr ging ihm über alles und lenkte
alle seine Handlungen und Wünsche Auch Marie empfand ein herzliches Wohlwollen
für ihn Leidenschaft war es nicht die sie zu ihm hinzog es war Kenntnis
seines Innern Achtung für seinen edelen Charakter lang gewohnte Vertraulichkeit
und die Unwissenheit ihres unbefangenen Herzens das die Liebe noch nicht
kannte
    Nach ihrer Erklärung säumte Müller nicht lange den Jüngling von seinem
Glück zu unterrichten Ludwig eilte herbei und empfing Mariens Geständnis mit
Entzücken O Marie rief der Freudetrunkne aus wie reich macht mich Deine
Liebe Wann wann willst Du mein sein 
    Sobald noch nicht versetzte Marie Du musst Dich erst noch mehr in der Welt
umsehn damit Dir dann ein ruhiges Leben desto besser behagt O ich weiß wohl
wie Dirs zu Mut war wenn wir so Sonntags hinaus an den Fluss gingen und die
Gegend breitete sich weit und fruchtbar vor uns aus  wie Du dann hinstarrtest
mit unbeweglichen Augen und mich oft fragtest schon als wir noch Kinder waren
ob ich mich nicht auch hinüber sehnte über die blauen Berge wie Du Oder wenn
wir in der Ferne ein Postorn blasen hörten wie Dich das ergriff  Oder wenn
ein leichter Reisewagen an uns vorüber rollte  da ward Dirs so eng um die
Brust und Tränen standen Dir oft in den Augen dass mirs nur selten gelang
mit aller meiner Liebe Deinen finsteren Unmut zu zerstreuen Geh sieh Dich noch
ein paar Jahre um und dann   Ihre Worte verloren sich in einen leisen
Seufzer und eine leichte Röte flog über ihr Gesicht
    Es ward beschlossen dass Ludwig einen Prinzen der ihm vorzüglich wohl
wollte als Jäger noch ein oder zwei Jahr auf seinen Reisen begleiten sollte
Alsdann sollte er mit einem ihm angemessenen Dienst der ihm versprochen war
die Hand seiner schönen Braut empfangen eine Aussicht die das Paradies vor ihm
öffnete
    O ihr seligen Träume und Hoffnungen der Liebe warum erfüllt euch die
Wirklichkeit so selten  Die Zeit der Abreise nahte heran  Ludwig machte
Anstalten seinem neuen Berufe zu folgen Lebe wohl mein Freund sagte Marie zu
ihm in der Stunde des Abschieds Gedenke meiner in der Entfernung und kehre gut
und brav wieder wie Du von mir gehst
    Lebe wohl Marie antwortete Ludwig mit bebender Stimme indem er ihr einen
Ring von seinen Haaren gab und große Tränen traten in sein redliches Auge
Darf ich Dir schreiben  Schreib meinem Vater Ludwig versetzte Marie und
neigte sich in seine Umarmung 
    Ewig ewig bin ich Dein rief Ludwig schloss sie fester an sein Herz und
eilte wohin ihn sein Schicksal rief
    Ernstaft stand Marie am Fenster und sah ihm nach Ihr ganzes Wesen bewegte
sich mit Wärme für ihn Er war so gut er war so herzlichnie fühlte sie das
inniger als jetzt Sie sah ihn noch wie er vor ihr stand im Schmerz der
Trennung verloren die hellen Tränen die über die braune Wange flossen den
schüchternen Blick der auf ihr ruhte mit stillen Bitten um ihre Treue Ja ich
werde glücklich mit ihm sein rief sie und ihr Auge hing noch immer an der
Stelle wo er verschwand Sie setzte sich ans Fenster nieder und versank in
ernste Träumereien
    Zwar oft in ihren einsamen Stunden hatte sich ihre Einbildungskraft ein
Ideal entworfen und diesem glich Ludwig nicht Mit jeder männlichen
Vollkommenheit geschmückt stand ein Bild vor ihrer Seele dem sie huldigte in
stiller Liebe  aber ach wo sollte sie den finden dem es ähnlich war O wie
würde ich ihn lieben seufzte sie oft wenn ich ihm begegnete ihm der meinem
Bilde gleicht Aber ihre Sehnsucht war umsonst Er ist nicht auf dieser Erde
sagte sie traurig und suchte ihr Ideal zu vergessen Als sich Ludwig mit allem
Feuer seiner Leidenschaft um sie bewarb stellte sie es tiefer in den
Hintergrund ihrer Seele weil sie überzeugt war es nie zu finden Seine Güte
so anspruchlos und wahr sein fester männlicher Sinn seine innige Liebe zu
ihr erwarb ihm ihre Dankbarkeit und Freundschaft Sie duldete seine
Zärtlichkeit wenn sie sie auch noch nicht erwiderte und sah mit Hoffnung und
Ruhe in die Zukunft die sie verbinden sollte
    Der Vater unterbrach ihre Gedanken die sich mit fernen Tagen beschäftigten
 es war ein Geräusch auf der Straße entstanden  sie hatte es nicht bemerkt
Sieh doch Marie sagte er zu ihr wer mag wohl der Herr sein der da an unserm
Hause vorüber reitet Marie öffnete das Fenster und erblickte einen jungen
schönen Mann der in einem einfachen Jagdkleide umgeben von einigen Dienern in
reicher Livree auf einem mutigen Falben vorüber ritt Eine englische Dogge
begleitete ihn mit frohem Gebell Marie sah gedankenvoll hinab  ein Armer bat
um eine Gabe Der Unbekannte hielt und mit einer Leutseligkeit im Ton und
Blick die sein Geschenk noch übertraf warf er mit freundlichen Worten ihm ein
Goldstück zu und sprengte rasch von dannen
    Er schien ungefähr sechs oder sieben und zwanzig Jahr alt zu sein hatte
eine schöne Gestalt voll Anstand und Würde Augen in denen eine sanfte
Schwärmerei mit jugendlichem Feuer sich stritt Lippen auf denen der mildeste
Ernst mit dem frohen Lächeln der Jugend sich paarte eine Stirn stolz und
leicht empört und regelmäßige Züge durch eine sanfte Melancholie verschönert
Mit wilder Anmut flogen die seidenen Locken um ihn her und kühn und
gebieterisch wölbten sich die dunkeln Augenbraunen über den ernstaft lächelnden
Blick  
    Marie ging hinab in den Garten Sie bewohnten ein schönes Haus in der
Vorstadt dessen Garten eine freie Aussicht auf die lachende Landschaft hatte
die L umgab Sonst saß sie gern allein in dem grünen Dunkel ihrer Lauben aber
heute war es ihr zum ersten Mal zu einsam Eine ahnende Wehmut bemeisterte sich
ihrer sie wusste sich ihr Gefühl nicht zu erklären so sehr sie ihm auch
nachhing und buntverworrene Bilder umgaukelten sie
    Der Anblick des schönen Fremden hatte die Spuren von Ludwigs Abschied halb
verlöscht Wer er wohl sein mag fragte sie sich selbst Doch was kann mir daran
liegen antwortete sie schnell und setzte sich nieder zu ihrer Arbeit
    Aber es wollte ihr heute nichts gelingen Mit Unwillen bemerkte sie es Sie
fühlte sich so beklommen alles schien ihr so öde dass sie rasch aufsprang und
die Tür öffnete die auf die Straße ging um eine ihrer Nachbarinnen um ihre
Gesellschaft zu bitten Aengstlich sprang ihr als sie heraustrat die englische
Dogge entgegen die vor kurzem den Unbekannten begleitet hatte Sie schien sich
verlaufen zu haben und eilte freundlich zu Marien als wäre sie längst mit ihr
bekannt Marie deren weiches Herz von einem reichen Wohlwollen für Menschen und
Tiere erfüllt war nahm den Flüchtling gütig auf und dachte nicht mehr an die
Nachbarin Der Hund trug ein Halsband von blauem Samt mit einem goldenen
Schloss dem die Buchstaben C v W zierlich eingegraben waren
    Seh Er Vater rief Marie da er ihr entgegen kam seh Er den Hund des
Herrn der vorhin vorbei ritt Er muss seine Spur verloren haben Wir wollen ihn
behalten bis uns die Zeitungen melden wem er gehört damit wir ihn dann
zurückgeben können
    Der Alte war es zufrieden und Marie übernahm die Pflege des schönen Tiers
das sehr bald ihre Zuneigung gewahr wurde und sie erwiderte
 
                                Zweites Kapitel
Es vergingen einige Tage Marie dachte oft an Ludwig doch öfter an den Fremden
dessen Bild sich ihrem Herzen tief eingeprägt hatte Immer erblickte sie ihn vor
sich den Glanz der schönen Augen vom milden Schimmer der Wohltätigkeit
überflossen und ihre Fantasie malte die schönsten Züge die sie jemals sah
aus und grub sie tief in ihre Seele Endlich trat der Vater mit einem
Zeitungsblatt zu ihr Lies sagte er man fordert Deinen Hausgenossen zurück 
Marie ergriff das Blatt ihr Blick durchlief es flüchtig bis sie den Namen
fand den sie suchte  mit einem tiefen Erröten las sie Karl Graf von Wodmar
Wehmütig betrachtete sie den Hund der ihr so lieb geworden war und der ruhig
zu ihren Füßen schlummerte Wir sollen uns trennen sagte sie zu ihm und neigte
sich ihn streichelnd zu ihm herab und ich hätte Dich so gern immer bei mir
behalten  Was wolltest Du wohl mit dem großen Tiere machen versetzte der
Alte Nein wir wollen ihn zurückgeben und ich kaufe Dir lieber einmal ein
Bologneserhündchen oder ein kleines Windspiel wie es sich eher für ein Mädchen
schickt
    Also ein Graf sprach Marie zu sich selbst als sie allein war und ein
tiefer Seufzer schwellte unwillkürlich ihren Busen  Wie schön ist er nicht
Mich dünkt ich sah nie einen schöneren Mann Selbst Ludwig der doch auch
wohlgebildet ist würde mir neben ihm so gemein so alltäglich vorkommen  Und
wie gut muss er nicht sein fuhr sie mit gerührter Stimme fort denn er war so
freundlich und schien so gern zu geben als der Arme um ein Almosen bat Aber
was geht es mir an  Sie wurde unwillig über ihr Selbstgespräch brach es
schnell ab und lief ohne zu wissen warum geschwind zu dem Vater um ihn zu
bitten dass er doch gleich möchte im ZeitungsKomtoir bekannt machen wo der
Hund abzuholen sei Es geschah und in wenig Stunden darauf klopfte jemand an
die Tür  Marie rief herein es war der Kammerdiener des Grafen
    Mein Herr dankt Ihnen sehr hub er an und wandte sich zum alten Müller der
seine Pfeife Tabak in Ruhe rauchte dass Sie Sich so gütig seines verirrten
Hundes angenommen haben den er wie seine beiden Augen liebt Er bittet Sie
möchten diese Kleinigkeit hier wollte er dem Alten sechs Louisdor in die Hand
drücken als ein Zeichen seiner Erkenntlichkeit annehmen
    Sie sind Ihren Dank eigentlich meiner Tochter schuldig antwortete Müller
Ich habe wenig Verdienste um das Tier denn Marie hat sichs nicht nehmen
lassen dafür zu sorgen Der Kammerdiener machte eine Verbeugung an Marien und
wollte ihr das Gold überreichen Ihr holdes Gesicht glühte  sie fühlte sich in
diesem Augenblick beleidigt und von einer sonderbaren Beschämung durchbebt
    Sagen Sie Ihrem Herrn sprach sie dass ich ohne mich belohnen zu lassen
meine Schuldigkeit tue Der Hund ist sein und ich gebe ihn unentgeldlich
zurück Ihr Herr fuhr sie zögernd fort scheint von seinem Gelde den besten
Gebrauch zu machen indem er gütig seinen Überfluss unter die Armen verteilt 
bitten Sie ihn die mir zugedachte Belohnung eben so anzuwenden Sie liebkosete
Pallas so hieß der Hund zum Abschied entfernte sich dann begleitet von den
verwunderungsvollen Blicken des Kammerdieners der niemals so viel Schönheit und
Anmut beisammen gesehen hatte
    Georg dies war sein Name kehrte zum Grafen zurück und nachdem er
ausführliche Rechenschaft von seinem Auftrage abgelegt hatte ergoss er sich in
eine Menge Lobsprüche über Mariens Reize Der Graf ein junger Libertin wurde
neugierig eine Bekanntschaft zu machen von der Georg ganz begeistert war Sie
hat mein Geld verschmäht sagte er zu ihm  meinen Dank wird sie doch annehmen
Morgen will ich einen Augenblick hingehn und sehen ob dein Lob nicht
übertrieben ist
    Mariens Gemüt das durch des Grafen Anblick bewegt worden war fing gerade
an diesem Tage an wieder ruhig zu werden Sie dachte ernstaft an Ludwig und an
die Zukunft und eine sanfte Schwermut bemächtigte sich ihrer und füllte ihr
Auge mit Tränen Neben den schönen Grafen stellte sie im Geist ihren Ludwig mit
seiner treuen Liebe und so glaubte sie würde ihr es leicht werden den Mann
zu vergessen den sie gleichsam nur im Vorüberfliegen gesehen hatte und der wie
ein Zauberbild aus einer schönen Ideenwelt vor ihrer Seele schwebte Da hörte
sie einen leisen Gang vor ihrer Tür endlich Pallas wohlbekanntes Bellen
unentschlossen stand sie noch da als es klopfte  sie öffnete und der Graf
mit seiner Dogge stand vor ihr Pallas lief auf sie zu und bezeugte ihr seine
Freude sie wieder zu sehen sie neigte sich lächelnd zu ihm und Wodmar dessen
Erwartung weit übertroffen war redete sie an Verzeihen Sie liebenswürdiges
Mädchen sagte er dass ich selbst komme Ihnen den Dank zu überbringen den ich
Ihnen schuldig bin Er schwieg aber sein Auge sprach fort Marie schlug
errötend die ihrigen nieder eine süße Unruh bewegte ihr Inneres  O gnädiger
Herr stammelte sie leise und schwieg dann verlegen Gerade zur rechten Zeit
kam der alte Müller der beim Anblick seines vornehmen Gastes in ein angenehmes
Erstaunen geriet Der Graf wurde zum Sitzen genötigt und Marie erlangte ihr
unbefangnes Wesen wieder als ihr der Vater den Auftrag gab eine Flasche alten
Rheinwein aus dem Keller zu holen mit welcher er ihn bewirten wollte Wodmar
folgte ihr mit seinen Blicken  Marie war schön wie ein Engel Ihre einfache
aber saubre bürgerliche Kleidung lieh ihren Reizen nichts ohne sie
allzuneidisch zu verhüllen Sie war liebenswürdig durch sich selbst und
brauchte keiner fremden Hilfe um zu gefallen Die holde Sittsamkeit auf ihrer
leicht errötenden Wange und die kunstlose Anmut die ihre Bewegungen
schmückte alles dies gab ihrer Schönheit in seinen Augen doppelten Reiz
    Der Wein öffnet die Herzen besonders hatte er auf Müllern der ihn selten
zu trinken pflegte für den Grafen den wohltätigsten Einfluss Er wurde lustig
und vertraulich Wodmar besaß die Gabe sich mit einer Geschmeidigkeit die man
nur in der großen Welt erlernt in jede Lage zu fügen und so verschlossen auch
Müller gegen jede neue Bekanntschaft war so offen wurde er bald gegen ihn
Diese abgeglättete Feinheit die den Mann von Ton karakterisirt diese Politur
die sich nur im Glanz der Höfe und eines rauschenden Lebens erwerben lässt und
ach unter welcher oft die schönste Würde des Menschen die edle Einfalt und
Unschuld des Herzens verloren geht wie gefährlich ist sie nicht dem stillen
Biedersinn des redlichen Bürgers der keine Tiefe ahnt wo er eine klare
ruhige Fläche sieht
    Marie saß bescheiden in einiger Entfernung den beiden Trinkenden gegenüber
Ihr ganzes Gesicht wurde Glut als der Vater in seiner gutmütigen
Geschwätzigkeit dem Grafen ihr Verhältnis zu Ludwig entdeckte unterm Spiegel
ihm seinen Schattenriss zeigte und das Glas mit den Worten Er soll leben hoch
empor hob und dann leerte Das soll er versetzte der Graf indem er langsam
trank und einen ernsten forschenden Blick auf Marien heftete der dies
Gespräch immer peinlicher wurde Dann stand er auf ging hin zu dem Schattenriss
und sah ihn an Marie die ihn in den letzten Tagen vernachlässigt hatte putzte
den Staub herunter und mit einer stillen Melancholie in seinen Zügen
betrachtete er den glücklichen Bräutigam
    Lieben Sie Ludwig fragte er leise Marien auf deren Gesicht er einen
verschwiegenen Kummer wahrzunehmen glaubte
    Ich schätze ihn hoch war ihre Antwort
    Sie schätzen ihn aber Sie lieben ihn nicht fuhr er dringender fort  Ich
bin ihm gut versetzte das errötende Mädchen  Reden Sie bestimmt ich
beschwöre Sie bei dem Glück meines Lebens Lieben Sie Ihren Bräutigam  
Mariens Auge sank zu Boden  sie schwieg
    Des Grafen Blicke wurden inniger eine brennende Röte flammte auf seinen
Wangen er drückte ihre Hand und setzte sich wieder zum Alten
    Marien wurde es zu eng im Zimmer Sie eilte hinaus und machte sich Vorwürfe
über ihr Betragen Wie töricht habe ich mich aufgeführt rief sie aus Muss
nicht der Graf denken dass mir Ludwig so gleichgültig ist wie ein Fremder
Warum sagt ich denn nicht dass ich ihn liebe  und liebe ich ihn etwa nicht
fuhr sie nach einer Pause fort  hat ihm nicht seine Gefälligkeit seine Treue
seine Liebe für mich die meinige erworben  Sie dachte nach über ihre Gefühle
und sie wurden ihr klarer Mit tiefem edlem Unwillen über sich selbst erblickte
sie Ludwigs Bild in ihrem Herzen von des Grafen Liebenswürdigkeit ganz in
Schatten gestellt Sie wurde bestürzt über Empfindungen die sie für Sünde
hielt Ich war auf dem Wege mich zu verirren sagte sie und holte aus ihrem
Schmuckkästchen Ludwigs Ring den sie an ihren Finger steckte und zärtlich
betrachtete Vergieb mir Ludwig Dieser Ring das Andenken Deiner Liebe soll
mich erinnern was ich Dir schuldig bin und mir selbst wenn eine unselige
Schwäche es mir vergessen lassen sollte Bei diesen Worten trocknete sie ihr
Auge das eine unwillkührliche Träne benetzte und ging wieder zu ihrem Vater
welcher allein war Der Graf hatte so viel Vergnügen an seinem Umgange gefunden
dass er mit dem Versprechen gegangen war öfter wieder zu kommen
    Es macht uns nicht immer glücklich wenn es uns klar ist was wir fühlen
Mariens Nachdenken über sich selbst führte die erste dunkle Stunde ihres Lebens
herbei Ihre Lage erschien ihr jetzt in einem ganz andern Lichte wie ehemals
Wo sie zu lieben glaubte fand sie nur Freundschaft und ihr Wohlgefallen an dem
Grafen führte sie zu aufkeimender Liebe Noch immer erblickte sie ihn neben
sich als er Ludwigs Schattenriss in der Hand mit einem festen ausdrucksvollen
Blick sie ansah als wollte er in ihrem Herzen lesen Immer kehrte die süße
Beklemmung wieder die bei seinem Händedruck ihr Wesen mit einem wonnevollen
Schauder durchdrang Immer rief sie sich die Melodie seiner Stimme die
Zauberkraft seines Anblicks die rührende Schwermut zurück die seine Züge
bewölkte und suchte dann das Bild wieder zu verlöschen mit dem sie sich so
gern beschäftigte Die reichen Fräulein sind doch glücklich dachte sie oft
wenn sie allein war und Er ihre Gedanken belebte Sie dürfen ihn anhören wenn
er von Liebe spricht sie dürfen hoffen Aber ich    ich murre nicht über
meinen niederen Stand  ich murre nicht über mein Schicksal ich bin ja Ludwigs
Verlobte Er wird mich glücklich machen meine Wünsche sind Träume  ich will
sie vergessen Sie bemühte sich es zu tun es kostete ihr Seufzer und oft
auch heimliche Tränen und Wodmars Bild grub sich dennoch mit unauslöschbaren
Zügen in ihr Herz
    Drei Tage waren vergangen seit seinem Besuche Er wird nicht wiederkommen
sagte sie traurig zu ihrem Vater Wer mein Kind antwortete Müller Sie
schwieg lächelte schmerzlich und setzte sich zum Klavier um durch Musik die
dumpfe Traurigkeit die ihre Seele umlagerte in milde Wehmut aufzulösen Der
Vater ging seinen Geschäften nach und ließ sie allein mit ihrer Schwermut die
er Ludwigs Abwesenheit zuschrieb Da flog die Tür auf sie sah sich um und
Todtenblässe wechselte schnell in ihrem Gesicht mit dem hohen Rot der Freude
die ihren schönen Augen doppelten Glanz gab als sie den Grafen mit einem
schmeichelhaften Erstaunen sie am Klavier zu finden vor sich stehen und ihre
Hände mit Innigkeit fassen sah
 
                                Drittes Kapitel
Sie scheinen verwundert mich wieder zu sehen sagte er mit einem unaussprechlich
süßen Ton der tief in ihr Herz drang darf ich hoffen Ihnen willkommen zu
sein  Willkommen sind Sie wohl überall versetzte Marie und sah verlegen zur
Erde Als sie zu viel gesagt zu haben fühlte fuhr sie fort Darf ich fragen
was uns die Ehre Ihres Besuchs verschafft
    Der Wunsch näher mit Ihnen bekannt zu sein holde Marie antwortete der
Graf und sah ihr bittend ins Auge Sehr neu ist unsre Bekanntschaft aber warm
und innig der Anteil den ich an Ihnen nehme Sie sind liebeswürdig Marie das
fühl ich und ich sage immer was ich fühle  nehmen Sie mein Geständnis mit
Güte auf  Die himmlische Einfalt die Reinheit die Weiblichkeit Ihres Wesens
hat mich bezaubert und mir eine Achtung für Sie eingeflößt die ich noch für
sehr wenig Mädchen empfunden habe Mein Schicksal bestimmt mich im Geräusch der
großen Welt zu leben aber ich habe in ihrem Getümmel nicht den Sinn für höhere
obwohl stillere Freuden verloren die allein beglücken Darf ich Ansprüche auf
Ihre Freundschaft machen Marie Sie schmücken den Stand zu dem Sie gehören
und über den ich sonst gleichgültig hinweg sah Sie machen mir ihn wert  Darf
ich ermüdet vom seelenlosen Einerlei des Hofes und meines geräuschvollen
Lebens zuweilen eine Stunde der Erholung an Ihrer Seite damit zubringen dass
ich Sie bewundre und die Verhältnisse beklage die mich von Ihnen trennen
    Marie fühlte sich von seiner Rede heftig ergriffen O Herr Graf sagte sie
und zog leise ihre Hand aus der seinigen was kann Ihnen an der Freundschaft
eines armen unbedeutenden Mädchens liegen 
    Viel alles versetzte Wodmar mit Feuer Unbeschreiblich ist der Eindruck
den Sie auf mich gemacht haben ewig wird seine Dauer sein Lassen Sie uns
aufrichtig mit einander reden Marie und beantworten Sie mutig meine Frage
sind die Bande die Sie an Ludwig knüpfen unauflöslich  Marie schwieg und
weinte Ist es keine Möglichkeit fuhr er fort eine Verbindung wieder zu
zerreißen die wie ich an Ihren Tränen sehe Sie nicht glücklich machen würde
    Marie ermannte sich Gnädiger Herr nahm sie das Wort ich bin Ludwigs
Braut Freiwillig hab ich ihn gewählt und er verdient das Zutrauen mit dem
ich von ihm das Glück meines Lebens erwartete Diese Tränen  o Herr Graf
verkennen Sie mich nicht wenn ich gestehe was ich vielleicht ewig verschweigen
sollte  diese Tränen fließen nicht aus Reue weil ich Ludwig meine Hand
versprach  sie fließen weil ich fühle dass ich ihn glücklicher gemacht haben
würde wenn ich Sie nie gesehen hätte
    Wodmar umschlang sie mit Entzücken Ist es möglich rief er indem er sie
fest an seine Brust drückte ist es möglich was ich kaum zu hoffen ahnte dass
ich meiner Marie nicht gleichgültig bin  Marie mit fortgerissen durch den
Sturm seiner Leidenschaft barg ihr Gesicht an seinen Busen und antwortete nur
durch Tränen  So hab ich denn endlich gefunden was Jahrelang meine heiße
Sehnsucht vergebens sucht Liebe in einem reinen unverwahrloseten Herzen Sein
dankender Blick hob sich zum Himmel und Marie entwand sich seinen Armen um
aufs neue in sie zurück zu kehren
    Ja rief sie endlich und ihre Wangen glühten höher vom Morgenrot der
Liebe ja ich liebe Sie aber ich will meine Neigung beherrschen denn sie ist
ein Verbrechen
    Wie schwach ist ein Herz zum ersten Mal von der heiligen Flamme der Liebe
durchlodert wie schwach ist es sie zu löschen Mariens Vorsatz war ernst aber
die Umarmungen des Geliebten erstickten ihn und sie überließ sich einem nie
gefühlten Entzücken Eine neue Welt lag vor ihr geschmückt mit allen Farben des
Lichts und breitete eine rosenfarbne lächelnde Zukunft vor ihr aus Ihr war
als fühlte sie jetzt erst den ganzen Wert ihres unbemerkten Lebens jetzt da
die Liebe sie in den schönen Schatten ihrer Myrten nahm
    Eine selige Stunde war vorüber  die Liebenden mussten sich trennen Lebe
wohl Geliebter hieß es beim Abschied lebe wohl Marie antwortete der Graf
und tausend Küsse besiegelten den Bund ihrer Liebe Endlich riss er sich aus den
liebkosenden Armen getröstet und beruhigt durch das Versprechen das er mit
zärtlicher Gewalt ihr abgedrungen hatte den andern Abend mit Aufgang des Mondes
sie allein in ihrem Garten zu sehen
    Als er fort war als sie ihn nicht mehr vor sich sah  als nach und nach
die Stimme der Vernunft den Sirenengesang der Leidenschaft übertäubte  da sank
der Schleier von dem Abgrund zum dem die Liebe sie hingeführt hatte
    Ach ich bin verloren rief sie aus  der goldne Frieden meines Gemüts
alle Freuden meines Lebens sind hin denn nie wird er mein sein Sein Stand
sein Reichtum trennen ihn von mir auf ewig
    Der größte Teil der Nacht ging schlaflos an ihr vorüber Endlich wiegten
sie süße Bilder der Liebe in Vergessenheit ihres Kummers und in Träume aus
denen sie fröhlich erwachte Der erste Morgenstrahl fand ihr Auge schon offen
Sie ging in den Garten an dessen Ende ein kleines Gartenhaus hinab auf den Fluss
und die fruchtbare Gegend blickte Sie stieg hinauf   mild und erfrischend
wehte sie die Morgenluft an und mischte sich mit ihren Seufzern Er ist Dein
schien ihr jetzt die ganze Natur in ihrem jugendlichen Schmucke zururufen er
ist Dein las sie im Blau des unbewölkten Himmels er ist Dein sangen ihr die
Vögel in ihrem Morgengesang Da fiel ihr fröhlicher Blick auf den Ring an ihrem
Finger und eine Träne stieg in das heitre Auge das jetzt nur Paradiese um
sich her sah Sie nahm ihn herunter  vergib mir Ludwig sagte sie und
breitete ihre Arme nach der Ferne aus vergib dass ich Dich täuschte Ich
kannte die Liebe noch nicht als ich mich Dir verlobte Kannst Du zürnen wenn
ich der süßen Stimme folge die mich von Deinem Herzen hinweg ruft O Karl
setzte sie hinzu mit der hohen Schwärmerei der ersten Liebe in der Seele wo Du
wohnst ist kein Raum für einen andern  Sie sprachs und warf den Ring in den
Fluss der in stolzen Wogen zu ihren Füßen dahin wallte
    Als die Sonne höher herauf kam ward es ihr enger um die Brust Karls Bild
schwebte unablässig vor ihren Augen aber Wehmut und Ahnungen beklemmten ihr
Herz Die Einsamkeit die sie umgab begünstigte ihr schwermütiges Nachdenken
über Empfindungen die ihr wohl und wehe taten Bald hing sie mit stillem
Trauern bald mit allem Feuer der Hoffnung an dem Andenken des Einzigen und mit
jedem Augenblick der ihr die Stunde des Wiedersehns näher brachte wechselte
Schmerz und Freude in ihrer Seele
    Auch dem Grafen war es sonderbar zu Mut Mariens Schönheit ihr offenes
unverstelltes Gemüt von der heftigsten Leidenschaft bewegt ihre gutmütige
kunstlose Einfalt alles dies hatte einen um so tieferen Eindruck auf sein Herz
gemacht je seltener er diesen liebenswürdigen Eigenschaften noch begegnet war
Er besaß ein lebhaftes Gefühl Ein Himmel voll Fröhlichkeit stritt sich in ihm
mit dem unaufhörlichen Toben unbefriedigter Wünsche und gab seiner Bildung
jenes innig zusammen geschmolzene Gemisch von Wehmut und Freude das schöne
Menschen doppelt verschönert Mitten in dem Glanz seiner Ansprüche mitten in
dem lauten rauschenden Leben in das er verflochten war hob oft eine Sehnsucht
seine Brust die nichts zu stillen vermochte Natur Schönheit und Liebe war das
Ideal seiner Träume aber noch nirgends hatte er es realisirt gefunden als
jetzt durch Marien die die Bilder seiner kühnsten Hoffnung erfüllte
    Er war aus einer großen Familie und einst der Erbe eines unermesslichen
Vermögens Die Erwartungen zu denen er sich berechtigt sah gaben ihm einen
Stolz der sich mehr auf die äußern Zufälle des Glücks als auf innern Wert
gründete Seine Leidenschaften waren heftig und noch in ihrem ersten Brausen um
sie zu befriedigen opferte er ihnen alles auf Wenn sie schwiegen war sein
Herz weich und edel und nicht selten voll Reue über vergangene Ausschweifungen
Leider wurden aber immer schnell alle seine guten Vorsätze durch neue
Vergehungen vergessen denen er sich hingab Sein Vater der den Glanz seines
Hauses liebte hatte ihn mit Josephinen Gräfin von der Ecke verlobt welche
Ansprüche auf eine solche Verbindung machen konnte Josephine gehörte ebenfalls
einem der ersten Häuser an eine halbe Million war ihre Mitgift und ihr Geist
und ihre Schönheit hob sie über alle jungen Damen von Stande Wodmar kannte sie
nicht aber er hing fest an dem Grundsatz dass nur Rang und Vermögen die Ehen
schließen müsse und nicht die Liebe die er sich unmöglich mit Fesseln denken
konnte Eine Verbindung mit Josephinen schmeichelte seinem Ehrgeiz und schien
ihm sein Verhältnis zu Marien nicht zu stören Josephine bekam seine Hand Marie
hatte sein Herz  Josephine führte seinen Namen  Marien beglückte seine
Liebe Oeffentlich wollte er der Gemahl der einen und in der Stille gesichert
durch die süßeste Verborgenheit der Geliebte der andern sein  ein Plan dem
nichts im Wege stand als Mariens Tugend
 
                                Viertes Kapitel
Der Abend dämmerte heran  mit lautem Herzensschlag begrüßte Marie die sinkende
Dunkelheit Bleibe doch noch mein Kind sagte der Vater als sie nach dem
Abendessen ihm gute Nacht wünschte Mir ist nicht wohl und ich bin müde lieber
Vater antwortete sie und wurde rot Es war ihre erste Lüge  die erste Liebe
ist gemeiniglich mit der ersten Lüge verbunden
    Als sie die Treppe zum Garten herab ging zitterte sie in süßer Erwartung
Sie hielt sich an das Geländer das der blühende Jelängerjelieber umduftete und
gab sich wonnevollen Ahnungen hin in die ein leiser Schmerz sich mischte Da
trat die blinkende Scheibe des Mondes hinter den Bergen hervor und erhellte mit
magischem Zauber die dämmernde Gegend O Marie es war nicht allein die Nähe des
Wiedersehns die mit einem ängstlichen Schauer Deine Seele erfüllte als Du
bebend da standst bestrahlt von seinem Golde es war Dein Schutzgeist der dich
warnte Ach an die selige Stunde der Du entgegen sahst knüpfte sich das Glück
Deines einsamen Lebens und floh mit ihr auf leichtem Fittig vorüber Noch wäre
es Zeit gewesen eine Leidenschaft zu ersticken die Dich so unglücklich machte
aber umsonst Der Wurf war gefallen im Buche des Schicksals stand Dein Elend
und eine unwiderstehliche Allmacht riss Dich hin ins Verderben
    Sie schloss die Tür auf und sah die lange einsame Straße hinab Alles war
leer und öde nur in den dunkeln Büschen ihres Gartens klagte eine liebeflötende
Nachtigall endlich schwebte eine weiße Gestalt herauf  er wars er flog in
die Tür warf den Mantel ab und lag in den Armen des harrenden Mädchens die
ihn mit schweigender Inbrunst mit stummen Entzücken empfing
    Ihr Glück und ihre Seligkeit war unbeschreiblich Umschlossen von des
Geliebten Armen alle ihre Sorgen und Schmerzen eingewiegt durch die Schwüre
ewiger Liebe durch die Beteuerungen unwandelbarer Treue sah sie den Himmel
offen den Liebe nur auf Erden gewährt Die Hälfte der Nacht war vorüber Die
feierliche Stille um sie her nur dann und wann von Philomelens zärtlicher Klage
süß unterbrochen Mariens Nähe ihre Schönheit die der Mondschein bis zur
Verklärung erhob ihre glühende Liebe ihre Unschuld  alles dies bestürmte des
Grafen pochendes Herz von wilden Wünschen von brennenden Begierden
durchschauert Er drückte sie heftiger an sich Marie ahnte nichts Sorglos
überließ sie sich seinen Liebkosungen und erwiderte sie mit unbeschreiblicher
Zärtlichkeit Diese Stunde hatte ihr Herz auf ewig an das seine geknüpft
    Marie rief Wodmar mit allem Zauber seiner schmelzenden Stimme liebste
teuerste Marie Du wirst mein und nur der Tod soll mich von Dir trennen
Marie freudig überrascht in ihren Hoffnungen und Wünschen die bis jetzt
schwiegen übertroffen schmiegte sich unter süßen Tränen fester an des
Geliebten stürmende Brust Karl stammelte sie leise im Übermaß der Liebe und
Wonne ich Dein Dein auf ewig und ihre süßen Umarmungen umstrickten ihn enger
    Wodmar kam zu sich und errötete So verdachtlos traut sie Deinem Worte
sagt er zu sich selbst und du wolltest sie betrügen  Ein edler Unwille
flammte in seinen Augen Ein Blick auf Marien rief schnell die unheiligen Bilder
zurück mit denen seine entweihte gereizte Fantasie ihn umgab aber er
erstickte sie indem er reinern Gedanken Raum in seiner Seele gab Nein ich
will ihr Zutrauen nicht missbrauchen war endlich das Resultat seines Kampfes mit
sich selbst ich will nicht das schöne frohe Auge zu bitteren Tränen verdammen
Sie soll mein werden aber freiwillig durch einen Bund den wenn auch kein
Priester seinen Segen darüber sprach dennoch unsre Seelen ehren werden  nicht
jetzt durch die Gewalt die mir ihre unbefangne Unschuld ihr wallendes Gefühl
über sie gibt Lebe wohl Marie rief er indem er aufsprang um seinem
Entschluss treu zu bleiben lebe wohl ich muss fort
    Schon fort seufzte Marie und er unterbrach ihre Klage mit dem süßen
Versprechen ihr morgen zu schreiben Der Gedanke ergriff sie mit Feuer auch in
der Abwesenheit von ihm und durch ihn zu hören Lebe wohl rief sie ihm nach
lebe wohl flüsterte sie noch in die Winde als er schon fort war und eilte auf
ihr Lager um von ihm zu träumen
    Am andern Morgen begrüßte ein Brief von Wodmar sie bei ihrem Erwachen Mit
Entzücken betrachtete Marie die Züge der geliebten Hand mit stillen Seufzern
sein großes gräfliches Wappen Ihr Siegel war ein bescheidner
Vergissmeinnichtkranz mit ihrem Namen das seinige bekrönt und mit allem Prunk
seines Standes geschmückt Es erinnerte sie an den Unterschied zwischen ihnen
den sie so gern vergaß und verminderte die Freude mit der sie es erbrach Aber
als sie ihn gelesen hatte  mit bleichem Erstarren sank sie auf einen Stuhl
das Blatt flog auf die Erde und ihr Blick hob sich mit allem Schmerz
vernichteter Hoffnung zum Himmel Kann wahre Liebe dies wollen rief sie heftig
und verlor sich in die Qualen ihrer betrognen Erwartung
    »Noch fühl ich die Glut Deiner Küsse schrieb er auf meiner brennenden
Wange Noch bin ich berauscht von dem süßen Nektar Deiner holden Umarmungen und
meine Liebe zu Dir ist bis zu der Überzeugung gestiegen dass ich ohne Dich
nicht leben kann Marie holder liebevoller Engel ich muss ich will Dich
besitzen
    »Mein Verhängnis bestimmte mich für Glanz und Geräusch ich muss der
Konvenienz folgen Meinem Herzen aber gnügt nicht der laute Schall betäubender
Freuden nur Deine Liebe und Dein stiller Besitz können es befriedigen Opfre
mir die Vorurteile die man Tugend nennt entschliesse Dich ganz für mich zu
leben so wie auch ich selbst als der Gemahl einer andern nur für Dich und
Dein Glück die ganze Fülle meines Daseins anwenden will Was ist jene Tugend
der wir in scheuer Demut huldigen weil man die Unwissenheit unsrer früheren
Jugend benutzte uns eine unverdiente Ehrfurcht für sie einzuprägen  Wie ein
Gespenst der Mitternacht tritt sie zwischen uns und das winkende Vergnügen und
vergiftet die Schale des seligsten Genusses ehe sie noch die durstende Lippe
berührt Nein die wahre Tugend Marie ist jene Gefälligkeit die Glück und
Freude verbreitet jene Treue jene Liebe die einem Einzigen alles aufopfert
was ihr heilig war jenes Hingeben nicht aus Pflicht sondern aus Zärtlichkeit
Man heiratet wie die konventionellen Verhältnisse von denen man abhängt es
wollen  Stolz und Eigennutz knüpfen das Band der Ehe in der großen Welt Man
liebt um seinem Herzen genug zu tun um im Stillen Ersatz für die
Aufopferungen zu finden die man gezwungen ist dem unumstösslichen Schicksal zu
bringen Die Verborgenheit ist der schöne zauberische Schleier der die Liebe
umweht und verschönert wie das Rosengewölk des Morgens die aufgehende Sonne
Die Freiheit belebt ihre Wangen mit himmlischem Lächeln und setzt ihr den Kranz
auf den Zwang und Pflicht nur mürrisch zerpflücken Ich bete die Liebe an aber
ich hasse die Ehe die ihr Grab ist Nie wird das Weib das einst meinen Namen
führt zu gleicher Zeit mein Herz besitzen Es wird ewig für Dich allein und mit
festerer Treue schlagen als wenn die nichtige Zeremonie vor dem Altar sie Dir
verpflichtete
    »Lass mich aufrichtig mit Dir reden Mädchen meines Herzens Ich kann Dich
nicht heiraten Dein Stand über den Dich zwar Deine Seele aber leider nicht
das Vorurteil erhebt und tausenderlei Rücksichten trennen mich von Dir für die
Welt aber im Stillen will ich Dein sein Entschliesse Dich mir die
Bedenklichkeiten aufzuopfern die Deine schüchterne Unschuld vielleicht meinen
Wünschen entgegenstemmt Einsam liegt in einer ruhigen vom Geräusch
abgesonderten Gegend eins meiner Güter welches Dein sein soll Fern von Neid
und Schmähsucht die unsre Freuden tadeln würden will ich wenn ich mich heraus
stehlen kann aus dem abgeschmackten Lärm meines lästigen Lebens an Deinem Busen
mein Paradies in Deinen Armen meinen Himmel finden und kurze Augenblicke die
mir bei Dir entfliehen werden mich für ganze Monate des Zwangs und der
Langeweile entschädigen
    »Dein Vater kann Dich begleiten oder wenn er nicht einwilligt so bringe
der Liebe auch dies Opfer und fliehe mit mir mit Deinem Karl dem Dein
Vertrauen heilig ist der Dir schwört es mit der treuesten Zärtlichkeit zu
vergelten Rede mit Deinem Vater Marie und verlass Dich auf das feierliche
Versprechen das ich Dir gebe Dich glücklich zu machen so wahr ich Dich liebe
Mit Sehnsucht erwarte ich eine Zeile von Deiner Hand die mein Glück bestätigt«
    Als Marie noch einmal diesen Brief gelesen hatte der ihr Herz und ihren
Stolz zerriss war ihr Entschluss gefasst Sie war der Feder ungewohnt und hatte
deshalb Ludwig ihren Briefwechsel abgeschlagen aber ihr gemisshandeltes Gefühl
half ihr jede Schwierigkeit überwinden und sie antwortete
    »Herr Graf der entehrende Antrag den Sie mir tun heilt mich schnell von
der hohen Meinung die ich von Ihnen hatte Ich habe Sie sehr geliebt und
schäme mich nicht es Ihnen zum letzten Mal zu bekennen Aber die Grundsätze
die mir mein Vater früh einflößte sind stärker als meine Leidenschaft und
werden mir Kraft geben Ihren Verlust zu ertragen Ich hatte als ich Sie kennen
lernte ein leichtes frohes Herz und einen unbefleckten Ruf Wenn auch das
erste dahin ist so will ich mir doch die Reinheit meines Bewusstseins und die
gute Meinung der Welt erhalten gegen die ich nicht gleichgültig bin Wären Sie
ein Mann meines Standes  auf den Knieen hätte ich mir Sie nur Sie vom Himmel
erbeten Aber der Unterschied, den das Glück zwischen uns gemacht hat an den
Sie mich so grausam erinnern erlaubt mir keinen andern Gedanken als den dass
Sie nicht für mich geboren waren Lassen Sie uns einander niemals wieder sehen 
In dem engen Kreis meines häuslichen Lebens eingeschränkt wird es mir zwar
schwer werden Ihr Bild das meine ganze Seele beherrschte zu verbannen aber
mein Selbstgefühl das mich nicht sinken ließ wird mich unterstützen und mir
Mut geben fest in meinem Entschluss zu sein Hoffen Sie nicht ihn jemals
wankend zu machen und leben Sie glücklich ob Sie gleich die Ruhe meines
heitern Gemüts vielleicht auf ewig unterbrachen Ich will für Sie beten dass
Gott Ihre falschen Begriffe von Tugend reinigen und Sie so glücklich machen
möge als man nur sein kann Mich sehen Sie niemals wieder«
 
                                Fünftes Kapitel
Als sie diesen Brief geschrieben hatte trug sie ihn zum Vater gestand ihm
alles weinte an seinem Halse und empfing seine Vergebung und seinen Beifall
Nie liebte wohl ein Vater sein Kind inniger Er glaubte nun sie würde in
Tränen zerfließen aber als die ersten vorüber waren wurde der Schmerz sich
nicht allein in ihren süßesten Hoffnungen sondern auch in dem Charakter des
Geliebten getäuscht zu sehen still und ernst Sie suchte der Melancholie zu
entfliehn aber sie folgte ihr wie ihr Schatten Man sah ihr Auge trocken und
nur wenn sie aus ihrer Kammer kam verriet eine kleine Röte dass es sich in
der Einsamkeit ergossen hatte In ihren sonst so heitern Blicken wohnte jetzt
jene rührende Freundlichkeit die mit Tränen kämpft und das feinere durch
stille Duldung umschleierte Gefühl karakterisirt das schweigend seinen Kummer
trägt und ihn der Welt schonend verbergen möchte
    Um diese Zeit kam Ludwigs erster Brief an den Alten Er atmete
Herzlichkeit Sehnsucht und Liebe Marie las ihn und ihr Gesicht von Schwermut
umwölkt wurde ernster als sie ihn zurückgab Was denkst Du Marie fragte
Müller  Dass ich ihn nicht betrügen will antwortete sie Ludwig verdient ein
freies ganzes Herz ein Herz noch nicht von Gram zerrissen noch nicht von
fremder Liebe erfüllt  Wie meine Tochter Du könntest den Mann noch lieben
der Dich so tief herabwürdigen wollte  Mit Unwillen sogar mit Verachtung
wende ich mich von seinem entehrenden Antrag hinweg versetzte Marie aber ihn
selbst  ach mein Vater ihn liebe ich noch immer mit aller Innigkeit deren ich
fähig bin Die Welt hat seine Sitten verdorben aber es ist nur ein
vorübergehender Taumel ein Schlaf seiner bessern Überzeugung aus dem er gewiss
erwachen wird
    Vielleicht gelingt es einem edlen Mädchen seines Standes ihn den rechten
Weg liebevoll und sanft zu führen von dem er abweichen wollte Wenn er dann
recht glücklich ist fuhr sie fort und senkte ihr tränenschweres Auge zur
Erde o dann will ich ihm gern verzeihen dass er diese tiefe Wunde meinem Herzen
schlug Und Du willst Ludwigs Hoffnungen die auch die meinigen sind durch eine
romanhafte Grille vernichten sagte der Vater
    Ludwig würde mit mir nicht glücklich sein erwiderte Marie O erlaub Er
mir guter Vater einsam mein trübes Leben zu enden Still und eingezogen will
ich meinen Frühling dahin fliehn sehen Sein Alter erheitern und alle die
Pflichten erfüllen die Gott und mein Gewissen mir auflegen Aber heiraten will
ich nie  Brauche ich einst wenn ich so unglücklich sein sollte Ihn zu
verlieren männlichen Rat und männliche Hilfe so wird sie mir Ludwigs
Freundschaft nicht verweigern  Sie umschloss den Vater mit heißen Tränen sie
bat sie flehte so süß um ihre Freiheit dass der gütige Alte ihr das feierliche
Versprechen gab sie niemals zu zwingen
    Wodmar war von Mariens entschlossener Antwort überrascht worden Er hatte
ihrem zartfühlenden Herzen die feinsten Empfindungen für Ehre und Tugend
zugetraut aber bei dieser glühenden Liebe für ihn zweifelte er an ihrer
Beharrlichkeit Ein Blick ein Kuss ein Wort dachte er würde sie überreden
aber er hatte sich betrogen Er kam täglich in ihr Haus aber die alte Magd
hatte den bestimmten Auftrag ihn abzuweisen Er schrieb mit alle der feurigen
Beredsamkeit mit der das Laster seine Wünsche verteidigt  Marie sandte ihm
seine Briefe unerbrochen zurück Er wandte sich an eine ihrer Nachbarinnen und
sparte weder Geld noch Schmeichelei um durch ihre Vermittlung Marien
wenigstens zu sehen und sie mit sich auszusöhnen aber das edle beleidigte
Mädchen vermied jede ihrer Schwachheit gelegte Schlinge und war immer dem Auge
ihres Verführers unsichtbar
    Mit jeder neuen vergeblichen Mühe machte der Unmut sie umsonst angewendet
zu haben des Grafen brennende Begierde nach Mariens Anblick lauer Es ist ein
überspanntes Geschöpf sagte er missvergnügt zu sich selbst das geheiratet
aber nicht geliebt sein wollte eine Tugendheldin wie man sie in Romanen
findet weiter nichts  Aber Mariens Bild mit der ganzen Harmonie ihrer Reize
das ihm die Erinnerung so oft zurück rief stellte sich dann immer seinem
Unwillen gegenüber und besiegte ihn schneller als er wünschte Er fühlte eine
Leere in seiner Brust die ihm jede Freude verbitterte und alle seine ehemalige
gute Laune verdarb Vergebens suchte ihn Georg durch neue Bekanntschaften zu
erheitern  vergebens ihn zu gewaltsamen Mitteln sogar zu einer Entführung zu
bewegen Die Stimme seines Edelmuts unterdrückte die Stimme seiner glühenden
Wünsche und er sagte mit fester Entschlossenheit Nein wenn sie nur in ihrer
eingebildeten Tugend das höchste einzige Glück findet dessen sie fähig ist
warum soll ich es ihr entreißen Wer gibt mir das Recht es zu tun Ach ich
hätte meine Welt in Deiner Liebe gefunden setzte er voll Wehmut mit allem
Schmerz unbefriedigter Liebe hinzu und Du wolltest mir Deine Grillen nicht
opfern Behalte sie denn und sei glücklich ich will Dich vergessen  Er
seufzte und mit jedem neuen Seufzer goss seine immer mehr und mehr besänftigte
Fantasie stillere Ruhe und Ergebung in seine Seele
    »Komm lerne Deine Braut kennen schrieb ihm sein Vater aus der Residenz
sie verlässt in diesen Tagen die Pension in der sie erzogen wurde und ist
bereit Deine Hand anzunehmen Ehe zwei Monat ins Land gehen müsst Ihr verbunden
sein«
    Diese Nachricht ergriff den jungen Grafen mit einem sonderbaren Schrecken
Er war kein Freund des Ehestandes indessen wollte er keinesweges dem Bande
ausweichen das ihn an Josephinen knüpfen sollte ob er gleich überzeugt war
dass es einen Teil der Freuden seiner goldnen Unabhängigkeit stranguliren würde
Eine lange Reihe ihm bisher so fremder Gedanken schloss sich an die Aussicht
seiner nahen Verheiratung Josephine soll schön und geistreich sein dachte er
bei sich selber sie wird mich wenigstens zerstreuen wenn sie mich auch nicht
zu fesseln vermag  Sein Trübsinn floh vor einer Menge Bilder der Zukunft
denen wenigstens die Neuheit Reize lieh Noch einmal versuchte er Marien zu
sprechen aber umsonst ihre Tür blieb ihm verschlossen die Klagen die er in
seine Briefe goss fanden nicht den Weg zu ihrem Herzen
    So reiste er ab mit dem festen Vorsatz ihr Andenken in ewige
Vergessenheit zu begraben Als sein Wagen durch die Vorstadt an ihrem Hause
dahin flog und an der Gartenmauer vorbei über die die dunkeln Linden flüsternd
sich beugten die in jener glücklichen Nacht ihn und seine Marie in ihren
vertraulichen Schatten nahmen da ward ihm das volle Herz so gepresst und noch
einmal empörte sich laut sein Unmut gegen ihre strenge Tugend O rief er
unwillig aus warum habe ich jene Stunden so ungenützt verstreichen lassen die
mir Mariens Liebe auf immer erworben hätten wenn ich nicht zu gewissenhaft
gewesen wäre Jetzt wäre sie mein und meine flammende Zärtlichkeit hätte längst
ihre Zweifel beruhigt und besser als alle die Gründe mit denen ich ihre
Unschuld einzuwiegen gedachte mich dem Ziel meiner Wünsche genähert
    Er gab sich Mühe sie zu vergessen sie zu verachten aber es war nicht
möglich Seine Sehnsucht nach ihr wuchs mit dem Raum der sie trennte Er
erinnerte sich ihrer Liebkosungen so süß und rührend ihrer Reize ihrer
glühenden Liebe mit der holdesten Sittsamkeit verbunden und ein tiefer
Seufzer dass dies alles nicht bestimmt war sein Leben zu verschönern klagte um
die Vergangenheit In seinen Unwillen gegen Marien mischte sich dennoch eine
geheime Achtung für ihre festen Grundsätze Was für eine Tugend muss das nicht
sein sagte er die eine so innige Neigung überwindet Sie muss glücklich machen
weil sie nach dem allgemeinen Wahne der ihr huldigt Ansprüche auf ein besseres
Leben gibt Könnt ich auch mich täuschen und an sie glauben setzte er hinzu
die Hälfte der Freuden die ich durch die Freimütigkeit meiner Denkungsart
genoss gäbe ich gern um diesen frommen Betrug meiner Sinne dahin
    Während Wodmar mit dem Gedanken an Marien beschäftigt seiner Braut
tiefsinnig sich näherte ward er von dieser mit zerrissnem Herzen erwartet
Josephine fest entschlossen dem Manne den man ihr bestimmte ihre Hand zu
geben ob sie ihn gleich nicht kannte und nicht liebte ob sie gleich ohne ihn
gesehen zu haben durch ein andres Bild das in ihrer Seele wohnte schon sogar
wider ihn eingenommen war Josephine die mit heimlichen Tränen sich die
Entsagung ihres Lieblingswunsches errungen hatte musste oft ihren ganzen Stolz
zurückrufen um das Beben zu ersticken das bei der Annäherung seiner Ankunft
sie überfiel
    Ach sie war nicht glücklich so viel sie auch beneidet wurde Unter einer
kalten stolzen Außenseite verbarg sie ein weiches gefühlvolles Herz das mehr
verlangte als Geld und einen gräflichen Bräutigam Ihr Sinn war ernst und
melancholisch tiefe Gefühle lagen in ihrer Brust und wenn auch der Zwang ihres
Standes sie mit einer Hülle von Kälte überzog wie der Schnee die duftenden
Veilchen so lohnte sich doch das Aufsuchen bei diesen wie bei jenen Ihre
Eltern zu unbedeutend um viel von ihnen zu sagen verließen die Residenz als
Josephine vierzehn Jahr alt war weil ihr gutes Vernehmen mit dem Hof durch ihre
allzugrossen Ansprüche auf Auszeichnung gestört worden war Josephine mit der
man sich im Prunk eines glänzenden Lebens wenig beschäftigt hatte ob sie gleich
die einzige Tochter und was der Welt noch mehr galt die einzige Erbin ihrer
Eltern war  Josephine bedurfte noch einer feinern Ausbildung um vollendet zu
sein und da man bei dem finsteren Missmut der die Ihrigen aufs Land begleitete
zweifelte ihr diese selbst geben zu können so ließ man sie in einer
Erziehungsanstalt die vieles Aufsehn machte und die erst vor kurzem durch eine
gewisse Madam Wilmut errichtet worden war
    Madam Wilmut war eine Witwe mit vielen Kenntnissen aber einem geringen
Vermögen Vor ihrer Verheiratung hatte sie sich als Gouvernante in
verschiedenen großen Häusern alle die Fähigkeiten erworben die das eben so
schwere als ehrenvolle Amt einer Erzieherin verlangt Aus einer glücklichen Ehe
war ihr ein einziger Sohn geblieben der durch alle die guten Anlagen die sich
schon frühe in ihm entwickelten den Schmerz über den Verlust ihres geliebten
Mannes milderte und in eine stille Trauer verwandelte die ihr lieber war als
alle Freuden eines Herzens das noch nie gelitten hat und dem der süße Gram
fremd ist mit dem man verhüllte Aussichten vergebliche Hoffnungen verlorne
Freunde betrauert Als sie Witwe ward bot man ihr in den angesehensten Familien
die Erziehung der Töchter an aber eine gewisse Unabhängigkeit war ihr lieb
geworden und sie konnte sich nicht entschließen ihr zu entsagen Sie nahm ihr
kleines Vermögen zusammen um eine Kostschule zu errichten und es gelang ihr
Die Sanftmut ihres Wesens so viel Vertrauen einflössend die Nachsicht mit
welcher sie ihre Zöglinge behandelte vor der so gern jugendliche Herzen sich
öffnen und der gutmeinende Ernst mit dem sie tadelte und strafte erwarb ihr
die Liebe und Achtung der Eltern und Kinder Josephine schloss sich mit Innigkeit
an die ehrwürdige Matrone So warm war man noch nie ihren Empfindungen begegnet
so herzlich hatte man noch nie ihren Gefühlen geantwortet wie jetzt und sie
sah sich zu einem neuen bessern Leben erwacht zu einem Leben welches ihr im
einförmigen Kreise ihrer bisherigen Existenz immer wie ein schönes Ideal
vorgeschwebt war aber ohne die Hoffnung es je realisirt zu sehen
    Madam Wilmuts Methode war sehr einfach die Herzen ihrer Untergebenen mit
dem festen Bande einer zärtlichen Freundschaft an sich zu ziehen Sie bewies
ihnen Vertrauen und nahm dafür im schönen Tausche das ihrige hin Sie tadelte
immer nur den Fehler nicht die Person die ihn hatte und vermied auf alle
Weise die Eigenliebe zu verwunden die wenn sie richtig geleitet wird oft die
edelsten Gemüter bilden hilft Ihr Ton war so mütterlich und schonend dass er
tief in die zarten Seelen eindrang und sie mit kindlicher Liebe erfüllte Seid
wahr und einfach sagte Madam Wilmut ihren Zöglingen oft und sie wurden es
weil ihr Beispiel dasselbe sagte Sie lehrte die jungen Mädchen immer tätig
nie müßig sein weil Fleiß eine der lieblichsten Blumen im Kranz weiblicher
Tugenden ist Sie empfahl ihnen Verschwiegenheit und zeigte ihnen dass durch
den Mangel derselben schon oft der stille Friede einer ganzen Familie
zertrümmert die Eintracht der festesten Freundschaft unterbrochen das Glück
der innigsten Liebe gestört worden sei Tränen zitterten dann in Josephinens
schönem blauem Auge und sie tat sich und Madam Wilmut das feierliche
Gelübde jedes Geheimnis das ihr die Zukunft anvertrauen würde treu in ihrem
Busen wie in einem Grabe zu verwahren Seid streng gegen eure eignen Fehler
aber nachsichtig und duldend gegen die Fehler andrer bat Madam Wilmut aber
Josephine schüttelte dann zweifelnd mit dem Kopf denn ob sie gleich den ersten
Teil dieser Lehre an sich selbst anwandte so konnte sie doch gegen fremde
Fehler kaum die Miene der Toleranz beobachten und kaum fremde Schwächen nur
bemitleiden Sie fühlte ihren innern Wert und die Kraft zum Guten zu sehr in
sich als dass sie nicht von Andern alles das hätte fordern sollen was sie
selbst zu leisten im Stande war Madam Wilmut konnte diesen Stolz der sich auf
die Reinheit ihres Herzens gründete weder missbilligen noch vertilgen Sie
suchte ihn bloß zu mildern und es gelang ihr Dieser Stolz dachte sie bei sich
selbst wenn sie ihn in seiner ganzen Würde erhält wird sie niemals sinken
lassen Sie wird sich fest und rein auf der Spiegelglätte des Hofs erhalten und
die Klippen der großen Welt vermeiden ohne an ihnen gescheitert zu sein
    Josephine war die älteste ihrer Pflegetöchter und da sie von dem
allgemeinen Unterricht der Kleinern ausgeschlossen war so brachte sie den
grossten Teil ihrer zeit in der belehrenden Gesellschaft der Madam Wilmut zu
August Wilmut pflegte auch so oft es sein Dienst erlaubte  er war Offizier
 diese stillen Stunden zu teilen die das sanfte unterrichtende Wesen seiner
Mutter und Josephinens heiterer Geist durch einen freundlichen Ernst gemässigt
zu Stunden des Himmels umschuf
    August war ein liebenswürdiger junger Mann noch in der ersten Blüte der
Jugend Seine Gestalt war angenehm ohne schön zu sein denn sie trug den
Stempel der Güte und des Edelmuts Er verband dieses Gefühl und reine Moralität
mit einem festen Charakter und die Liebe und Verehrung die er für seine Mutter
empfand machte seinen Sinn weich und biegsam und gab ihm eine Sanfteit die
seinen Umgang sehr angenehm machte Er hatte noch nie geliebt  Oft in der
Einsamkeit in der er gewöhnlich lebte gab er süßen Träumereien Raum in seiner
Seele und seine Fantasie webte immer mit leiser Ahndung die Freuden einer
glücklichen Liebe in die Bilder der Zukunft die er sich entwarf Aber noch
hatte er das Wesen nicht gesucht und nicht gefunden das ihm fähig schien die
Leere seiner Seele zu füllen Schöne Gesichter waren ihm wie schöne Blumen ein
lieblicher Anblick aber noch keins hatte seine glückliche Ruhe unterbrochen
    August zeichnete sehr schön Seine Mutter stellte ihn scherzend als
Lehrmeister ihrer Untergebnen an und da man sich von beiden Seiten Mühe gab
und mit einander zufrieden war so ließ sie ihm ein Amt das er so wohl zu
verwalten wusste Josephine hatte viel Geschicklichkeit und fand Geschmack an
der Malerei sie machte sehr bald große Fortschritte und August beschäftigte
sich am liebsten mit ihr weil ihre Leichtigkeit zu lernen seinem Bestreben ihr
nützlich zu sein gefällig zu Hilfe kam
    So mochten ungefähr zwei Jahre vorübergegangen sein Josephine war eins der
schönsten Mädchen geworden aber August der ihre Reize nach und nach sich hatte
entfalten sehen bemerkte es nicht weil er an ihren Anblick gewöhnt war Die
Gelegenheit sich täglich zu sehen und zu sprechen hatte bei Josephinens
liebenswürdigen Eigenschaften ihr seine ganze Zuneigung erworben aber sie war
nicht leidenschaftlich sondern wie die ruhige Liebe des Bruders zu der
Schwester Auch Josephine fühlte ein Wohlwollen für ihren Freund das mit einer
stillen reinen Flamme in ihrem Innersten loderte und ihr Herz mit dem zarten
Vertrauen der heiligsten Freundschaft ihm öffnete Es ward ihr wohl in seiner
Gesellschaft und die Stunde die zum Zeichnen bestimmt war wurde allemal von
ihr mit froher Ungeduld erwartet Das Vergnügen das sie in seinem Umgang fand
leuchtete aus ihren Augen und entging Augusts Blicken nicht der ihr Wohlwollen
zu schätzen wusste und sich immer mehr ihr mit wärmern Gefühlen näherte je mehr
er sah dass Josephine sich mit der ganzen Unschuld ihrer reizenden
Unbefangenheit an ihn anschloss Um diese Zeit wollte August einen Versuch im
Portraitmalen machen Er bat Josephinen um die Erlaubnis sie malen zu dürfen
und sie erlaubte es gern Schnell waren seine Anstalten getroffen und Josephine
saß in einer schönen ungezwungenen Stellung die ihr eigen war ihrem jungen
Maler gegenüber
 
                                Sechstes Kapitel
Es ist gefährlich für ein Paar junge unerfahrene Herzen die noch nicht ihr
Spiel mit den heiligsten Empfindungen des Lebens trieben deren Unschuld bisher
die Stimme der Natur in leise Seufzer erstickte  sich Blick an Blick Auge in
Auge Seele in Seele gegenüber zu sitzen
    Josephine die sonst ganze Stunden mit August allein gewesen war ohne im
mindesten verlegen zu sein ohne eine höhere Röte auf ihren Wangen ohne einen
lautern Herzensschlag in ihrem Busen zu fühlen  Josephine sah sich jetzt kaum
genötigt ihrem Freund unverwandt ins Auge zu schauen als sie eine süße
Beklemmung ergriff die ihrem Gesicht eine noch nie empfundene Glut ihrem Blick
einen sonderbaren Blitz  sogar eine Träne gab So unbeschäftigt hatte sie
noch nie vor ihm gesessen so war er ihr noch niemals vorgekommen Sein Auge
sonst sanft und ruhig schien jetzt von einem Feuer beseelt das bald auch
Josephinens Wesen durchschwärmte und zuletzt war das Resultat ihres
ununterbrochenen Einanderansehns die Bemerkung die jedes zum ersten Mal machte
dass sie außerordentlich liebenswürdig wären
    Josephine stand auf und August gab ihr das Bild hin Es war nur eine
flüchtige Skizze aber mit allem Liebreiz des Originals ausgestattet Josephine
erstaunt über ihre eigne Anmut mit der sie noch so wenig bekannt wer
errötete und sagte indem sie es mit gesenktem Blick betrachtete O Wilmut
Sie haben mir geschmeichelt ich bin nicht so schön
    Ich bin nicht so glücklich gewesen Sie ganz zu treffen versetzte August
aber wie wär es auch möglich dies schöne Auge aus dem der Himmel lacht diese
milde majestätische Stirne diese süßen freundlichen Lippen diese blühenden
Wangen wie vom Morgenrot überzogen getreu zu schildern Kein Pinsel wird je
Ihre Liebenswürdigkeit ganz erreichen und ich habe dies zu sehr gefühlt als
dass ich hätte hoffen dürfen glücklicher zu sein
    Wollen Sie mich stolz machen sagte Josephine oder welches mir
wahrscheinlicher dünkt über mich spotten
    Keines von beiden antwortete Wilmut mit einem tiefen Seufzer ich will
schweigen
    Er entfernte sich mit einer ehrerbietigen Verbeugung und die junge Gräfin
blieb zurück und sah ihm nachdenkend nach Diese einzige Stunde hatte auf
einmal Licht über das Dunkel ihres Herzens verbreitet Das Wohlwollen das sie
für August empfand fühlte sie um vieles erhöht Es war inniger zärtlicher
geworden und galt nicht mehr allein seiner Güte und seinem sanften edlen
Charakter sondern auch seiner Gestalt in der vollen Blüte der Jugend und
Gesundheit Sie rief sich sein Bild zurück  sein großes flammendes Auge aus
dem die erwachende Leidenschaft sprach  seine angenehmen Züge durch die Glut
seiner Empfindungen doppelt seelenvoll und belebt den Adel seiner Figur die
Würde seines Ganges den Ton seiner Stimme Ihr war als nähme eine unsichtbare
Hand auf einmal den Schleier hinweg der sie verhindert hatte seine Anmut eher
zu fühlen und zu sehen Mit einer unbeschreiblichen Sehnsucht breitete sie ihre
Arme aus und rief August August mit bebendem Laut und umsasste die leere
Luft als wär es der geliebte Jüngling Dann ging sie in ihr Zimmer und warf
sich träumend aufs Sopha Ach es gibt eine Schwermut in manchem Zeitpunkt
des Lebens so süß  die unzertrennliche Begleiterin der ersten Liebe
    In den goldnen Flittertagen wo die Kraft zu lieben im Innern der Seele
erwacht wo der Gegenstand schon gefunden ist der uns die Fühlbarkeit unsers
Herzens lehrt da hält der süße Sturm namenloser Gefühle die Ungewissheit der
Gegenliebe an die sich die Hoffnung wie ein strahlender Engel anschliesst immer
eine Träne im Auge bereit die die holde Wehmut hervorbringt welche die
Tochter der Liebe und des Schmerzes ist O man möchte sie nicht vertauschen um
alle Freuden die uns späterhin das Schicksal reicht diese süße frohe
wehmutsvolle Unruh die die Brust beklemmt welche bisher nur die Unschuld
kannte und jetzt mit ihr die Liebe verschwistert fühlt
    Auch August suchte die Einsamkeit die Freundin und Vertraute liebekranker
Herzen mit Josephinens Bilde auf an dem seine Blicke voll schwärmerischer
Innigkeit hingen Ach sie allein vermag diese unendliche Leere zu füllen rief
eine innere Stimme in ihm mit dem zauberischen Tone der Liebe Er drückte das
Bild an sich und benetzte es mit Tränen Ach wenn sie mich wieder liebte 
wie unendlich selig wär ich da Er verfolgte diese Idee mit dem ganzen Feuer
der Leidenschaft und süße trügerische Hoffnungen erwachten in ihm Zwar sah er
die Unmöglichkeit sie jemals zu besitzen aber er setzte die Täuschung fort die
ihm so wohltätig war und seine glühende Fantasie führte ihn in die
Zaubergefilde einer erträum ten Zukunft wo Josephine das Geständnis seiner
Empfindungen mit einem frohen Erröten vernahm und mit dem Bekenntnis ihrer
Gegenliebe belohnte Sie wurde sein und bei dem Gedanken öffnete sich ihm der
Himmel  Armer August
    Als sie am andern Tag sich wieder sahen las Wilmut in dem Antlitz seiner
Josephine eine süße Verwirrung Sie schlug die Augen nieder wenn sie seinen
Blicken begegnete und betrachtete ihn mit stummen Entzücken in das sich einige
Wehmut mischte wenn es unbemerkt geschehen konnte Endlich waren sie allein
Josephine setzte sich zu ihren Zeichnungen nieder ihr Herz pochte laut Sie
wünschte und fürchtete eine Erklärung  Aber Wilmut schwieg 
    Diese Landschaft hub sie endlich mit bebender Stimme an macht mir sehr
viel Freude zu zeichnen Der Hintergrund ist so feierlich  die blauen Berge
die sich in die tiefen einsamen Täler verlieren der Strom der sich tobend
vom Gipfel des Felsen hinabstürzt und schäumend im Tale dahinströmt   und
hier an der Seite die friedliche Hütte mit Epheu bezogen die so ruhig die
sanfte Anhöhe hinunter blickt auf der sie steht es ist ein so lieblicher
Kontrast zwischen den erhabenen Naturschönheiten und der stillen Häuslichkeit in
dieser Landschaft Meinen Sie nicht auch Wilmut 
    O gewiss versetzte August und heftete sein Auge auf das einfache Häuschen
das auf einem waldigen Hügel lag Es blickt sich schön auf das majestätische
Gebirge und auf den tobenden Strom der herab braust Aber schöner fuhr er mit
leiser gerührter Stimme fort schöner muss sichs dort in der isolirten Hütte
wohnen die aus dem Grünen so freundlich heraus sieht Ich kann mich von dem
Gedanken nicht losreißen dass irgend eine unglückliche Liebe die die Welt
verdammte aber die Gott gut hieß in ihr einen Zufluchtsort gegen die Stürme
des Schicksals suchte und fand
    Die die Welt verdammte aber die Gott gut hieß wiederholte Josephine kaum
hörbar
    Ja Fräulein antwortete August der sich in wehmütigen Träumen verlor
Gesetzt dass ein Paar Herzen aufgefordert durch die Natur und ihre
Übereinstimmung in allen Punkten sich zu lieben mit der ganzen Wahrheit jener
heiligen Gefühle an einander hingen und die Konvenienz träte zwischen sie und
die Welt tadelte ihre reine Liebe  o wie beneidenswert wären sie dennoch
wenn sie beide den Mut hätten einander die Verhältnisse zu opfern die sie
trennen wollten Wenn sie einer Welt entsagten die so voll von Vorurteilen
ist und in einer ähnlichen Einsamkeit durch wechselseitige Liebe und Treue
einander Alles wären Glauben Sie nicht dass Gott eine solche Liebe segnen
würde auch wenn sie Menschen verdammten Glauben Sie nicht setzte er lebhafter
hinzu dass eine solche Liebe reichen Lohn für jede Aufopferung in sich selbst
hat  
    Ich weiß es nicht sagte Josephine indes bin ich der Meinung dass eine
solche Liebe so schön sie auch ist doch immer denen nur ein Ideal bleiben muss
die höhere Verbindlichkeiten haben
    Höhere Verbindlichkeiten fragte August verwundert
    Ja erwiderte Josephine Ich fühle dass es oft Pflicht sein kann das
Urteil der Welt zu verlachen wenn es unserm wahren Glück im Wege steht Ich
bin fest überzeugt dass die erste Stimme der wir folgen müssen die Stimme
unsrer Vernunft und unsers Herzens nicht die des Publikums sein muss aber eben
so sehr bin ich auch überzeugt dass man alles Mögliche tun soll eine Liebe zu
ersticken die man überhand nehmen sieht ohne die Hoffnung sie laut und stolz
bekennen zu dürfen Setzen Sie den Fall ich liebte liebte einen Mann unter
meinem Stande der jede liebenswürdige Eigenschaft hätte nur nicht die kleinen
unseligen Vorzüge die Rang und Reichtum geben und die ein volles Herz gewiss
leicht entbehrt setzen Sie den Fall ich liebte ihn mit der innigsten
Leidenschaft ich wäre seiner Gegenliebe gewiss so gewiss ich mit keinem andern
glücklich sein könnte was glauben Sie würde ich tun
    Sie würden ihn glücklich machen und selbst glücklich sein sagte August
heftig bewegt denn ihm war als entscheide sich jetzt das Schicksal seines
ganzen Lebens
    Nein Wilmut antwortete Josephine mit Rührung und einer Träne im Auge So
lange der Segen meiner Eltern den Bund nicht heiligte den mein Herz geschlossen
hätte so lange würde mich selbst die zärtlichste Liebe nicht zurückhalten ihn
wieder zu brechen Die Pflichten eines Kindes gegen seine Eltern sind das
heiligste in der Natur, und wehe dem der sie nicht erfüllt  Nein ich werde
nie ungehorsam sein Schon der Gedanke meine liebsten Wünsche dem kindlichen
Gehorsam aufgeopfert zu haben würde Trost in meinen Kummer mischen und indem
ich um ihrem Willen zu folgen dem meinigen entsagte würde ich Ersatz in der
beruhigenden Überzeugung finden meine Schuldigkeit getan zu haben
    Liebenswürdiges edles Mädchen rief August ich bewundre Sie ob ich Ihnen
gleich nicht nachahmen könnte Den sonst so schönen festen Ton seiner Stimme
hatte die Anspruchslosigkeit auf Glück gebrochen die sein Herz mit Wehmut
füllte Sein Auge in das eine helle Träne trat schien zu sagen O warum so
viel Edelmut und so wenig Liebe
    Josephine hatte ihm wirklich in dem was sie sagte ihre wahrsten Gedanken
enthüllt Sie war jetzt überzeugt dass der warme Anteil den sie an ihm nahm
das Wohlwollen das sie für ihn fühlte und die Achtung die ihr eine lange
Bekanntschaft mit den vielen guten Seiten seines Karakters eingeflößt hatte
durch genaues Nachdenken über alle diese Gefühle zur zärtlichsten Liebe geworden
war Für einige Stunden konnte sie sich mit süßen Hoffnungen täuschen und o wie
selig waren diese Stunden nicht Sie überließ sich mir dem ganzen Ungestüm eines
jungen Herzens in dem alle Empfindungen im Blühen sind der Schwärmerei die
sie dahin riss aber dieser Zustand der Bezauberung dauerte nicht lange und dann
stand mit desto bitterern Farben die wirkliche Welt vor ihr aus der eine
gereizte Fantasie sie entrückt und in eine idealische versetzt hatte
    Ich liebe ihn rief ihr ganzes Wesen aber ich will ihn vergessen weil ich
ihn nie besitzen darf  Ach es war so schwer  Sie sah ihn wieder und sein
Anblick änderte ihren Entschluss Laut sprachen alle ihre Gefühle in ihr Das ist
der einzige Mann mit dem Du glücklich sein kannst und indem sie sich mit
frohem kurzem Vergessen von der Erinnerung ihrer Verhältnisse hinwegwandte
wünschte sie das Geständnis seiner Liebe um es mit allem Feuer der ihrigen
erwidern zu können Als aber August von einer Leidenschaft sprach von Gott
gebilligt aber von der Welt verdammt da trat das Andenken ihres Standes wie
ein Gespenst der Mitternacht zwischen die klopfenden Herzen die sich einander
nähern wollten und sie rief alle Kräfte ihrer Seele zusammen um mit Ruhe und
scheinbarer Gelassenheit ihm jede Hoffnung benehmen zu können die wie sie
wusste vergeblich gewesen wäre
    Josephine stand auf um sich zu entfernen weil sie fühlte dass ein längeres
Bleiben ihrem Vorsatz gefährlich war und dass die angenommene Gleichgültigkeit
mit der sie gesprochen hatte schon wärmeren Empfindungen zu weichen anfing 
August in seinen Schmerz verloren sah sie mit unbeschreiblicher Wehmut an in
ihr schönes ernstes Auge welches lächeln wollte stieg eine glänzende Träne
 sein Schicksal spiegelte sich in ihr Er sank vor ihr nieder  ein Gefühl
ohne Namen beklemmte seine Brust Die Erklärung einer Liebe entfloh seinen
bebenden Lippen und Josephine zu schwach ihr überwallendes Herz zu besiegen
gab ihm in einer langen Umarmung das Bekenntnis der ihrigen hin
    In späten Zeiten noch hing August gern an der Erinnerung dieser Stunde Das
Weh der Hoffnungslosigkeit das sich in den ersten Kuss der Liebe mischte
milderte das Entzücken sich geliebt zu sehen und goss Wehmut in den Jubel der
Freude
    O Wilmut rief Josephine warum haben Sie mich genötigt das Schweigen zu
brechen das ich mir gelobte Ich liebe Sie aber ich muss ich will diese
Neigung bekämpfen und sollte ich unterliegen
    Wie Josephine Ist das Liebe  Ich würde um Ihrentwillen die ganze Welt
aufopfern wenn Sie es wollten und diese heilige Flamme in meiner Brust die
Sie entzündet haben würde mir eine reiche Belohnung meiner Entsagung sein auch
wenn mir nichts bliebe als sie und Sie wollen das ganze Glück meines Lebens
zertrümmern weil mir das Schicksal keine Ahnen gab 
    Ist Ihr Glück nicht auch das meinige versetzte Josephine O August Sie
werden nicht allein unglücklich sein wenn ich Ihnen auf ewig entsagen muss Aber
ich kenne meine Eltern Die leiseste Ahndung unsrer Liebe und ich wäre
verloren Ach Wilmut ein andrer hat schon von ihnen das Versprechen meiner
Hand  ich kann nichts tun als gehorchen und um Sie weinen Sie verbarg ihr
Gesicht in seinen Busen und ließ ihren Tränen freien Lauf
    Sie könnten nichts tun als gehorchen und um mich weinen sagte August O
Josephine Sie können mehr wenn Sie mich lieben Hier er hielt ihr die
Landschaft entgegen und zeigte auf die einsame Hütte  hier ist ein
Zufluchtsort für treue Liebe und mit allem was ich bin und habe will ich
Ihnen die Opfer versüßen die Sie mir bringen
    Haben Sie vergessen antwortete Josephine mit einem schmerzhaften Lächeln
dass ich Pflichten auf mir habe denen meine Leidenschaft weichen muss Dürft ich
meinem Herzen folgen o wie gern entsagt ich allen den Vorteilen die mir das
Glück gab um Ihnen zu beweisen dass ich es nicht in Glanz und Geräusch suche
Aber ich habe keinen eignen Willen Graf Wodmar ist für mich bestimmt Ich kenne
ihn nicht  ich werde ihn niemals lieben  ach ich werde vor Schmerz sterben
wenn ich ihn heiraten muss aber ich werde ihm dennoch meine Hand geben
    O nein Sie werden nicht sterben erwiderte August bitter Sie werden
leben um zu glänzen und um bewundert zu werden und das Herz elend zu sehen
das Sie so unbegränzr liebte wird Ihrer Eitelkeit nur einen Triumphbogen
erbauen ohne ihrem Auge eine Träne zu kosten
    Er ging stolz und beleidigt nach der Türe Josephine breitete ihre Arme
nach ihm aus aber sie war stumm im Übermaß ihres Kummers Hätte er nur einen
Blick zurückgeworfen der Anblick ihres Schmerzes hätte ihn versöhnt aber er
ging und Josephine verbarg ihre Tränen in ihrem Zimmer
 
                               Siebentes Kapitel
Langsam und still ging eine ganze Woche vorüber Wilmut kam nicht zu seiner
Mutter Josephine war melancholisch Madam Wilmut bemerkte es wohl aber sie
glaubte die ihr angekündigte Verbindung mit einem Mann von dem sie nichts
wusste als den Namen wäre Ursach genug zur Schwermut für ein junges Mädchen
Überdies rückte die Stunde der Trennung heran und da Josephine ihrem Herzen
fast unentbehrlich geworden war so tat ihr der Gedanke wohl dass auch diese
ungern von ihr scheide 
    Augusts Wegbleiben begrub sein Bild nicht in Vergessenheit bei Josephinen
Ihr Blick durchlief mit heiliger Erinnerung die ganze Vergangenheit und jede
mit ihm verlebte Stunde trat lächelnd vor das Auge ihrer Seele zurück Seine
Gutmütigkeit sein sanfter Ernst sein bescheidnes Wissen  wie sehr
unterschied es ihn von allen Männern ihrer Bekanntschaft Ach warum bin ich
nicht in der glücklichen Beschränktheit des Mittelstandes geboren seufzte sie
Er wäre dann mein und in stiller Häuslichkeit verlebte ich meine Tage in den
Armen der Liebe Oder warum mussten meine Brüder sterben Ach dass sie noch
lebten  ich wäre dann nicht mehr das einzige Kind die einzige Hoffnung meiner
Eltern und wenn ich sie verliesse um den Eingebungen meines glühenden Herzens
zu folgen so ständen sie nicht allein in der Welt und wohlgeratene Söhne
würden sie über den Verlust einer Tochter trösten die glücklicher in ihrer
Armut wäre als sie es jemals mit allem ihren Reichtum sein kann
    Sie malte sich mit allem Zauber ihrer lebhaften Fantasie eine reizende
Zukunft an Augusts Seite In eine einsame romantische Gegend baute sie im Geist
eine Hütte für sich und ihn mit Epheu bezogen und mit Gärten umringt in denen
ihre einfache Nahrung wuchs  Der heiterste Himmel lachte über diesen
Aufenthalt des Friedens und der Liebe mit ewiger Klarheit herab  die Natur
breitete ihren schönsten Teppich um ihn aus und Glück und stille Zufriedenheit
war das Loos seiner frohen Bewohner O wie ist man glücklich wenn man noch vom
frischen Morgenrot der ersten Jugend umglänzt sich solchen Träumereien
überlässt Denn nur selten ist es in der wirklichen Welt so wie es sein könnte 
keine Rose blüht ohne Dornen kein Abendhauch weht durch die Fluren der sich
nicht mit Seufzern mischte  Es war einmal eine Zeit in der ich glaubte nur
die Erinnerung reiche dem Herzen das die Gegenwart verwundet ihren lindernden
Balsam aber auch diese Überzeugung gehört zu den Irrtümern meiner Jugend
Denn zu den genossenen Freuden die man sich zurückruft gesellt sich das herbe
Andenken an alles was man längst verloren längst betrauert hat Jede vergossne
Träne netzt noch einmal das Auge jeder Seufzer hebt noch einmal die Brust 
Zwar breitet die Erinnerung einen milden Schleier über die Szenen unsers Kummers
und unsrer hingeschwundnen Freuden aber er benimmt nur die erste Schärfe nicht
die langsam verzehrende Bitterkeit die der Gram uns gibt Aber in den frohen
Augenblicken in denen man sich in idealische Welten träumt vergisst man die
Leiden der wirklichen und jeder Wunsch der im Geräusch verstummt wird in der
Stille laut weil die bewegte Seele Kraft fühlt ihn zu erreichen   obgleich
nur im Traum
    Von dem lächelnden Gemälde das Josephinens Einbildungskraft entwarf und zu
dem Liebe und Schwärmerei ihr die Farben reichten wandte sie ihr Auge auf die
ernsten Bilder der Zukunft die ihrer wartete Sie sah sich im Glanz des Hofs
mit ihrem traurigen unerwiederten Herzen  an der Seite eines Mannes dessen
Wahl sie aus Konvenienz war und der sie bei ihrem Rang und Vermögen mit eben so
viel Lastern geheiratet hätte als sie ihm Tugenden zubrachte Sie fühlte einen
heftigen Widerwillen gegen ihn als den Störer ihrer hier so ruhigen Existenz
bei Madam Wilmut Sie nahm sich vor ihm recht verächtlich zu begegnen Aber
dachte sie dann wieder  vielleicht ist er so wenig Herr seines Willens wie
ich Wer weiß ob nicht die Verbindung mit mir Bande zerreißt die sein Herz
knüpfte  ob er nicht eben so ungern wie ich an die Zeit denkt in der er seine
Freiheit und vielleicht eine glückliche Liebe mir opfern muss Ihr Widerwillen
verwandelte sich in Mitleid Nein rief die Stimme ihrer angeborenen Güte in ihr
ich will ihm die Bürde die wir gemeinschaftlich tragen müssen so viel wie
möglich versüßen Ich will es ihm nie fühlen lassen dass ein Andrer meine
Neigung besitzt Ich will wenn er gut ist ihn schätzen wenn er Fehler hat
sie schonen ich will alles tun was ich kann um meine Pflichten zu erfüllen
    Jene heilige Ruhe die jeden guten Vorsatz begleitet und belohnt erfüllte
ihre Seele und ward ihr zur Aufmunterung ihren Entschluss auszuführen  August
beherrschte indes ihre Gedanken noch immer mit der Zärtlichkeit die er ihr
eingeflößt hatte und die er so sehr verdiente Er will mich nicht wieder sehen
sagte sie zu sich selbst als acht Tage vorüber waren und er noch immer nicht
kam  er will das Bild der Unglücklichen durch Entfernung aus seinem Herzen
bannen der Unglücklichen die ihm entsagen muss  Sie fand sich durch sein
Betragen geehrt er wurde ihr noch werter durch die Delikatesse mit der er
ihre Schwäche behandelte Den Unwillen mit dem er von ihr schied hatte sie ihm
längst vergeben  sie glaubte und hatte Recht zu glauben  dass bei einem
unparteiischen Nachdenken über sie selbst die leiseste Spur desselben schon
längst verschwunden sei  Aber Madam Wilmut bemerkte mit Verwunderung dass
sich August gar nicht mehr sehen ließ Seine Wohnung war nicht weit von der
ihrigen  sie beschloss selbst hinzugehen und ihn zu fragen was ihn abhielt
zu ihr zu kommen
    Ein wenig blass aber ruhig fand sie ihn bei seinen Zeichnungen Als er seine
Mutter gewahr wurde stand er auf küsste ihre Hand und bezeugte ihr seine
Freude sie bei sich zu sehen
    Wie mein Sohn sagte Madam Wilmut verwundert weder Krankheit noch
Geschäfte haben Dich abgehalten mich zu besuchen und während ich mich unruhig
nach Dir sehnte sitzest Du ganz phlegmatisch bei Deinen Malereien da Du doch
weißt wie viel Freude es mir macht Dich bei mir zu haben
    Seine Wangen färbten sich mit einem schwachen Rot bei den sanften Vorwürfen
seiner Mutter Sein Auge wurde feucht er sank an die mütterliche Brust und
brach in einen Strom von lang verhaltnen Tränen aus Was ist Dir August rief
Madam Wilmut bestürzt was hast Du für Kummer Rede entdecke Dich mir  so
hab ich Dich noch nie gesehen
    O meine Mutter schluchzte August und drückte sich fester an sie ich bin
sehr unglücklich
    August Du erschreckst mich Was hast Du gemacht  Ach es muss etwas sehr
schlimmes sein da Du es nicht wagtest Dich mir anzuvertrauen und wie konnte
ich so etwas von Dir erwarten
    August gab sich Mühe sich zu sammeln und stillte seine Tränen Nein beste
Mutter sagte er befürchten Sie nichts Ich bin unglücklich aber Ihrer Liebe
nicht unwert Meiner Ruhe hab ich das schmerzhafte Opfer gebracht nicht mehr
zu Ihnen zu kommen wo ich sonst meine glücklichsten Stunden verlebte aber wenn
ich auch schwach bin so verdiene ich doch gewiss Ihr Mitleid Ihren Rat Ihren
Trost 
    Mein Herz war immer Ihren Augen offen aber ach seine wichtigsten
Bewegungen sind Ihnen doch entgangen Ich liebe liebe Josephinen mit einer
Leidenschaft die lange in mir schlummerte da ich sie nur für Achtung hielt
die aber mit aller Heftigkeit meiner lebhaften Gefühle jetzt erwacht ist 
Josephine ist das erste Mädchen das mir gefallen das erste das mein Innerstes
gerührt hat Sie wissen selbst wie liebenswürdig sie ist  ach können Sie
mich tadeln wenn ich den Abgrund fliehe dem ich so nahe bin
    Madam Wilmut stand da in ein bitters Erstaunen verloren Und weiß Josephine
um Deine Liebe rief sie liebt sie Dich wieder 
    Ich konnte ihr nicht verschweigen was ich für sie empfand versetzte
August Die Stimme der Hoffnung die mich zum Geständnis aufrief war
trügerisch aber doch lag sie zu tief in mir als dass ich sie hätte vertilgen
können Josephine liebt mich wieder  aber mehr als mich ihren Stand ihre
Verhältnisse ihre Pflichten Ich will sie nicht wiedersehen Meine verweinten
Augen sollen sie nicht zu meinem Vorteil bestechen Zeit und Entfernung von ihr
werden mich beruhigen und vor allen Dingen dann Ihr tröstender Umgang liebe
Mutter und die Vorstellung, dass Josephine glücklich ist ohne mich Ach ich
hatte ihr freilich die Opfer nicht ersetzen können die sie mir hätte bringen
müssen um mich glücklich zu machen  Ich hätte ihr nichts geben können als
mein Herz voll unbeschreiblicher Liebe und  indem er in ihre Arme fiel und
sie unter neuen Tränen umschloss  eine Mutter die sie doch in jenem Stande
auf den sie stolz ist nicht so gut und edel finden wird wie die die dann die
ihrige geworden wäre
    So unangenehm auch der Madam Wilmut die ganze Sache war die für diese
Liebe traurige Folgen vorher sah da sie den festen stillen rief empfindenden
Charakter ihres Sohns kannte so entschuldigte doch ihr mütterliches Herz Augusts
Unbesonnenheit mit der er sich Josephinen entdeckt hatte und sie beschloss
alles mögliche zu tun um die Flamme zu löschen die so hell noch in ihm
brannte
    August sagte sie zu ihm Du hast nicht die rechten Mittel gewählt
Josephinen zu vergessen Der Weg den Du betreten hast bringt Dich ihr immer
näher statt Dich von ihr zu entfernen Wenn du ihren Anblick noch so sorgfältig
meidest wird sie doch immer vor dem Auge Deiner Fantasie stehen und am Ende
nicht mehr wie ein Mädchen sondern wie ein Ideal und deswegen gefährlicher vor
Deiner Einbildungskraft schweben Nein sieh Josephinen täglich  sage Dir
immer vor wenn Dich ihre Liebenswürdigkeit entzückt dass sie die Braut eines
Andern ist dass Dir die Ehre zum heiligen Gesetz macht zu schweigen Nach und
nach wird Deine Liebe sich in Freundschaft verwandeln und diese verbieten Dir
Josephinens Verhältnisse nicht Josephine selbst wird Dir ihrer Pflichten
eingedenk die Hand zur Rettung aus dem Labyrinth bieten in das Dich die Liebe
führt
    August kämpfte mit sich selber Er wollte sie vermeiden und doch sehnte er
sich nach ihr und wenn er ihr Bild das seine Einsamkeit teilte und schmückte
mit liebevollen Blicken betrachtete wachten alle seine übertäubten Wünsche das
schöne Original selbst zu sehen in seiner Seele auf und es kostete ihm viel
sie zu ersticken Madam Wilmut bestritt seine Zweifel sein Herz war mit im
Spiel er gab nach und versprach ihr den andern Tag zu kommen Ruhiger als
Madam Wilmut wirklich war schied sie von ihm und begab sich nachdenkend nach
Hause
    Was sie erfahren hatte war ihr sehr unangenehm und machte ihr viel Unruh
Sie kannte Josephinens Lage und hatte sie oft im Stillen bemitleidet Da sie
wusste dass ihre Bestimmung einst war die Gattin eines Mannes zu werden den die
Konvenienz ihr erwählte so hatte sie mit der größten Sorgfalt über Josephinens
Herz gewacht um es frei zu erhalten Sie wird weniger unglücklich sein dachte
die gute Frau wenn sie ohne die Liebe zu kennen ihrem künftigen Gemahl ihre
Hand gibt Ein wenig Herzlichkeit von seiner Seite zu der Achtung die sie
gewiss auch dem leichtsinnigsten Libertin einflößt und jene glückliche
Unwissenheit bei ihr zu ihrem angeborenen Wohlwollen wird vielleicht eine Ehe
die nur Stolz und Eigennutz schlossen zu einer glücklichen machen  So dachte
Madam Wilmut und erhielt Josephinen in einer strengen Eingezogenheit Ihr
Umgang mit August war so unbefangen und blieb bis er den unglücklichen Einfall
hatte sie zu malen so ganz in den Gränzen einer ruhigen weit von der Liebe
entfernten Freundschaft dass sie nicht das geringste von der Vertraulichkeit
fürchtete die sie unter beiden herrschen sah Josephinens stille Trauer die
sie der nahen Veränderung ihres Standes und der Trennung zuschrieb die ihnen in
wenig Monaten drohte ihr Hang zur Einsamkeit ihre leidende Gestalt  alles
dies erschien ihr jetzt in einem andern Lichte Sie fühlte sich gekränkt durch
Josephinens Heimlichkeit mit der sie ihr die wahre Ursach ihres Kummers
verborgen hatte und doch lag in ihrem Schweigen wieder etwas Edles das sie
zwang dem Mädchen zu verzeihen und es zu achten das im Stillen litt und
seine Liebe bekämpfte ohne seinen Schmerz auf andre zu verbreiten   denn
musste es der zärtlichen Mutter nicht weh tun ihren Sohn hoffnungslos lieben zu
sehen 
 
                                 Achtes Kapitel
Sie ging zu ihr mit einer niedergeschlagenen Miene August ist sehr krank sagte
sie  Josephine wurde so bleich wie ihr Gewand Krank  wiederholte sie mit
bebenden Lippen  Ja versetzte Madam Wilmut Ein geheimes Leiden der Seele
vielleicht eine unglückliche Liebe sagte der Arzt wird ihn  
    O Himmel schrie Josephine indem sie schnell aufsprang und kraftlos
wieder zurück fiel er stirbt und ich ich bin seine Mörderin
    Madam Wilmut sah sie mit einem befremdeten Blick an Was fällt Ihnen ein
was ist Ihnen Josephine  Ach können Sie mir verzeihen  Nein niemals
niemals werde ich mir selbst vergeben rief die Gräfin August liebte mich er
gestand mirs ich liebte ihn wieder  Aber die Vorurteile die Strenge meiner
Eltern die ich kannte  ach ich benahm ihm jede Hoffnung weil ichs für meine
Pflicht hielt  aber jetzt  ihn zu retten ist auch eine Pflicht und ich muss
ich will sie erfüllen  
    Wie Josephine sagte Madam Wilmut sehr ernstaft so schnell können Sie
Ihre Entschlüsse ändern Einen Vorsatz den Sie Sich selbst den Sie Ihren
Eltern schuldig zu sein glaubten der sich auf eine feste ruhige Überlegung
gründete diesen könnten Sie auf einmal in einem leidenschaftlichen Augenblick
aufgeben um dann lebenslang Ihre Unbesonnenheit zu bereuen  Josephine stand
vor ihr mit gesenktem Auge und tief errötenden Wangen
    Es ist wahr hub sie endlich an ich glaubte es sei meine Pflicht die
Stimme zum Schweigen zu bringen die so laut in meinem Herzen zu Augusts
Vorteil spricht  Meinen Eltern die meine Neigung niemals billigen würden
bin ich das Leben schuldig  Ihnen teure Freundin mehr als dies Sie lehrten
mich gut sein und zeigten mir den Weg des Friedens indem Sie mir gute
Grundsätze einflössten und meinen Begriffen eine richtige Stimmung gaben  
Wenn nun August ohne mich nicht leben kann so wie ich ohne ihn gewiss nie
glücklich bin o wodurch könnte ich Ihnen meinen Dank und meine Zärtlichkeit
stärker beweisen als wenn ich durch die freiwillige Entsagung aller meiner
Ansprüche Ihnen einen Sohn mir einen Mann erhielte den wir beide lieben der
mir alles ersetzen wird was ich ihm opfere  alles  Ihr Auge füllte sich mit
Tränen  Meine Eltern rief sie weinend aus aber mit Fassung setzte sie
hinzu Ja auch meine Eltern Heilig sind die Rechte die Sie meine zweite
Mutter auf mich haben sie geben meiner Liebe die Sanction der Pflicht
    Nein meine Josephine antwortete Madam Wilmut innig gerührt Weder ich
noch August können die Opfer annehmen die Sie uns bringen wollen Ihre Eltern
vertrauten mir in Ihnen ihren größten Reichtum ihre einzige Hoffnung an Ich
habe den fruchtbaren Boden gebaut den ich fand und bin reichlich belohnt für
jede kleine Mühe die mir Ihre Erziehung machte durch die Folgsamkeit mit der
Sie meine Lehren annahmen Wenn ich mir Rechte auf Ihre Dankbarkeit erworben
habe o so bitt ich Sie Josephine bleiben Sie bei Ihrem ersten Vorsatz der
für ihre Ruhe und die meinige am heilsamsten ist  nehmen Sie die Hand des
Gemahls an den Ihnen Ihre Verwandten gewählt haben und bleiben Sie immer die
Freundin meines Sohns Er ist nicht so krank als ich ihn schilderte  musst
ich nicht diesen Kunstgriff brauchen um Sie zur Sprache zu bringen da eine
gegenseitige Erklärung uns so notwendig war  Der Balsam der Freundschaft wird
ihn heilen und die Überzeugung dass Ihr Glück von ihm Entsagung fordert
Glauben Sie mir und wär er auch dem Tode nahe so würd ich ihn doch lieber
sterben als Sie in Ihrer Pflicht wanken sehen Nein meine Liebe vergessen Sie
einen jungen Mann den die Leidenschaft hingerissen hat zu sprechen wo er ewig
hätte schweigen sollen und sehen Sie mit Mut in die Zukunft die auch ohne ihn
Ihren Weg mit Blumen bestreuen wird Dies Erwachen der ersten Gefühle wie oft
betrügt es nicht die jungen unerfahrnen Herzen welche glauben dass von ihm das
ganze Glück des Lebens abhängt und dass es zertrümmert ist wenn Verhältnisse
sich den ersten Wünschen entgegen stellen Ach Josephine die erste Liebe macht
nur selten fast möcht ich sagen nie glücklich denn sie ist nur ein Rausch
der die Sinne fesselt die noch nicht wissen was sie wollen Und wenn er
verfliegt  o was vermag dann die Leere auszufüllen die wir überall empfinden
Mit überspannten Erwartungen erreichen wir das Ziel unsrer Hoffnung wenn es uns
erlaubt ist uns ihm zu nähern und fast immer sehen wir dass die rosenfarbnen
Träume schwinden eben wenn wir glauben dass sie in schönere Wirklichkeit
übergehn sollen
    Ach seufzte Josephine werd ich nicht ewig mein Loos beweinen müssen wenn
August nicht mein wird Wie werd ich einen Andern lieben können wenn Er in
meiner Seele herrscht 
    Achtung und Freundschaft sind Gefühle versetzte Madam Wilmut die die
Liebe ersetzen und überleben Sie werden glücklich sein Josephine wenn Ihr
künftiger Gemahl Ihnen beides einflößt und auch er wird ein besseres Loos
haben als wenn Sie ihn liebten wie Sie vielleicht August lieben
    Wie meinen Sie das fragte Josephine verwundert
    Leidenschaft fuhr Madam Wilmut fort nimmt uns die Gewalt über uns selbst
durch die wir erst Glück und Freude in die geselligen Zirkel verbreiten können
die uns umgeben Sie stumpst den scharfen Blick ab den ein freies Herz in die
Welt wirft und wie können wir ohne diesen Blick sehen was dem Gegenstand wohl
oder wehe tut den wir beglücken wollen  Ach Josephine unsere Bestimmung
ist ja mit Selbstverläugnung die Seufzer der Sehnsucht zu ersticken die unsre
Brust heben und die Rosen die auf unserer Laufbahn blühn zu entblättern um
sie auf die Wege Andrer zu streuen Wollen Sie ihn nicht erfüllen diesen
traurigschönen Beruf der Entsagung  Kann Sie das Bewusstsein nicht trösten
dass Sie die Wünsche Ihrer Eltern auf Kosten der Ihrigen befolgt haben 
    Josephinens Blicke netzten sich mit Tränen Ja rief sie endlich aus Sie
haben Recht meine teure mütterliche Freundin Ich will mich fügen in mein
Schicksal Unterstützen Sie mich wenn ich wanke Ach Madam Wilmut wie
kommts dass ich sonst so streng in meinen Meinungen gegen mich und Andre
jetzt auf einmal so schwach bin Ehmals glaubt ich ein innerliches Gefühl in
mir auf das ich stolz war würde gleichsam mechanisch meine Wahl bestimmen
wenn ich mich für den rechten oder unrechten Weg entscheiden sollte Und jetzt
 der kindliche Gehorsam führt mich auf die Dornenbahn meiner Pflichten aber
meine ganze Neigung widerstrebt
    Madam Wilmut antwortete Das liegt so in uns egoistischen Menschen Unsere
Forderungen gegen Andre sind streng aber uns scheinen sie leicht weil wir uns
einbilden dass wir in ähnlichen Fällen alles leisten könnten was wir fordern
Dieses allzugrosse Selbstvertrauen macht oft dass unsre Vorsätze scheitern und
dass wir dann in unsrer ganzen Schwäche gedemütigt da stehen Wir sehen alsdann
dass es leicht ist zu wissen was gut oder böse ist aber schwerer das Gute
auszuüben als es von Andern zu verlangen Eine solche Bekanntschaft mit unserer
eignen Unvollkommenheit ist nicht unnütz denn sie macht tolerant und langsam
und bescheiden arbeitet man daran stärker fester und besser zu werden
    Josephine war allein und dachte nach über ihre Empfindungen Madam Wilmut
hatte sie nicht überzeugt dass sie glücklicher mit Wodmar durch Achtung und
Freundschaft als mit August durch die innigste Liebe werden würde denn wer
könnte die Leidenschaft überzeugen die mit ihrer ganzen ersten Allmacht sich
in einem siebzehnjährigen Busen regt  aber sie hatte doch eine leise Hoffnung
in ihrem Herzen geweckt dass es möglich sein könnte und die dornenvolle
Zukunft der sie entgegensah mit einigen duftenden Rosen verschönert Sie
überlegte sich alles noch einmal Es dünkte ihr edel und groß dem Manne den
sie liebte aus Gehorsam zu entsagen und voll Duldung und Unterwerfung dem
ernsten Rufe ihres Schicksals zu folgen Selbst die wehmutsvollen Träume in
die ihre unglückliche Liebe sie wiegte waren ihr süß und nährten ihre
Festigkeit Ach dem menschlichen Herzen sind die Freuden weniger notwendig
als der Schmerz  vielleicht weil es früher mit diesem als mit jenen bekannt
wird  August stellte sich vor das Auge ihrer Fantasie mit seinem
tränenvollen gutmütigen Gesicht das der Kummer gebleicht hatte Sie streckte
ihre Arme mit Rührung aus das geliebte Schattenbild zu umfangen das sich ihre
Einbildungskraft mit goldener Täuschung schuf  aber sie zog sie wieder zurück
denn die Konvenienz der sie doch einmal geopfert war stand drohend ihr zur
Seite Diese zärtlichen Empfindungen die sie ihrem unbekannten Bräutigam
opferte erfüllten sie jetzt nach und nach nicht mit Unwillen sondern mit einem
sanften Wohlwollen für ihn das zartfühlende Herzen immer für die Gegenstände
empfinden für die sie viel taten viel verloren viel vergessen mussten
    Es ist wahr dachte sie der Unterschied unsers Standes ist eine Kluft die
mich entweder von August oder von meinen Eltern trennt Und soll ich denen die
mir das Leben gaben nicht die Neigung meines Herzens als ein Zeichen meiner
Dankbarkeit zum Opfer bringen um ihre Wünsche zu erfüllen die mich gern groß
und glücklich sähen  Zwar  kann die Natur es billigen wenn man seinem Glück
entsagt  Können Eltern die entscheidende Stimme verlangen wenn es auf das
Wohl und Wehe ihres einzigen Kindes ankommt und doch doch setzte sie ihr
Selbstgespräch fort und gelobte sich feierlich gehorsam zu sein Der Gedanke
unrecht und undankbar gehandelt zu haben sagte sie zu sich selbst würde
Wermut in den Wonnebecher der Liebe mischen und ein ewignagender Wurm an
meinem Innern sein Aber wenn ich nun allen meinen rosenfarbnen Hoffnungen auf
Lebensglück Lebewohl sage und dem Mann meine Hand gebe dem nie mein gebrochnes
Herz gehören wird o da wird mein Bewusstsein Balsam in die Wunde träufeln die
mir das grausame Verhängnis schlug
    August kam wie er es seiner Mutter versprochen hatte Josephine flog ihm
entgegen Sie reichte ihm die zitternde Hand die er ergriff und an seine
Lippen drückte Madam Wilmut war in ängstlicher Erwartung Zeuge dieses
traurigen Augenblicks Nehmen Sie mit diesem Händedruck sagte Josephine ernst
und wehmutswoll aber ruhig nehmen Sie mit diesem Händedruck die Versicherung
meiner ewigen Freundschaft August ich darf Ihnen nichts als Freundin sein
aber das will ich Ihnen bleiben so lange diese Augen offen stehen und so lange
diese Lippen Ihren Namen stammeln können Ich habe gekämpft mit meinem Herzen
und es ist nun ruhig Sein Sie es auch August  Sollte ein Mann nicht mehr
vermögen als das schwache Mädchen  Sollte ich Ihnen mehr Stärke der Seele
zugetraut haben als Sie wirklich besitzen O nein nein Wilmut ich habe mich
nicht in Ihnen geirrt wenn ich da ich Sie nicht lieben darf von Ihnen
gleichen Mut erwartete ein Schicksal zu tragen das nun einmal unsre
Bestimmung ist Nicht wahr Sie tadeln mich nicht dass ich eine folgsame Tochter
bin obgleich mein Gehorsam mir und Ihnen so viel kostet 
    August verhüllte sein tränendes Auge Es gibt eine Zukunft antwortete er
in der keine Vorurteile mehr herrschen Da werden wir uns wieder finden das
weissagt mir meine Seele Bis dahin ewige ewige Freundschaft
    Madam Wilmut umarmte eins nach dem andern Seid fest meine Kinder sagte
sie und beide versprachen es
    Das alte Verhältnis war nun so ziemlich unter beiden wieder hergestellt bis
auf jene holde Unbefangenheit die ehemals die glückliche Unwissenheit ihrer
Gefühle begleitete und die die schönste Würze ihres Umgangs war August und
Josephine sahen sich täglich und die Flamme ihrer Leidenschaft brannte noch
immer insgeheim fort ob sie gleich öffentlich gedämpft zu sein schien War
Madam Wilmut bei ihnen so wachte jedes über seine Worte und Bewegungen 
waren sie aber allein so entschlüpfte Josephinen ein tiefer lang
zurückgehaltner Seufzer der seinen Wiederhall in Augusts Busen fand Sie sahen
sich dann an und ihre Blicke wurden feucht August berührte mit wonnevollem
Beben ihre blonden seidenen Locken so oft es unbemerkt geschehen konnte und
wenn ihn ihr Gewand bestreifte so durchdrang ein süßer Schauer sein innerstes
Wesen Josephine hing mit trüben Blicken an seiner angenehmen Gestalt wenn er
nicht hinsah  begegnete aber sein Auge dem ihrigen so schlug sie es nieder
und wurde rot und oft schwamm es in einer stillen Träne wenn sie es wieder
erhob Ihre Lieblingsbeschäftigung wurde jetzt das Zeichnen Ihm widmete sie den
größten Teil ihrer Zeit mit der sie sonst karg war Da saß sie und
betrachtete die Gemälde die vor ihr lagen mit flammenden Blicken denn August
hatte sie entworfen und die Liebe beseelte ihren Pinsel Die einsamsten
Gegenden wählte sie sich und sie dünkten ihr paradiesisch zu sein wenn sie im
Geist sie mit August bewohnte Diesen Träumen überließ sie sich so gern sie
machten sie heiter ob sie gleich mit der Unmöglichkeit einer Erfüllung gepaart
waren Ihre glühende Fantasie zauberte den Himmel einer glücklichen Liebe um sie
her von dem sie so weit entfernt war und grub das Bild des Geliebten immer
tiefer in ihre Brust Sie schwiegen beide aber dies Schweigen war gefährlicher
wie der Erguss ihrer gepressten Herzen gewesen wäre denn jede Klage die
verstummen muss jede Träne die nur im Verborgnen fließen darf und jeder
Seufzer der sich verstohlen mit den Lüften mischt ist ein Dolchstich für das
kranke Gemüt denn nur der Schmerz ist zu heilen der sich mitteilen darf
 
                                Neuntes Kapitel
Der Sommer nahte seinem Ende An einem schönen Morgen im Anfang des September
saßen August und Josephine im Garten  Josephine arbeitete still und beide
sahen gedankenvoll vor sich nieder
    Wie doch alles vorübergeht sagte August indem er auf ein Beet verblühter
Blumen wies  vor wenig Tagen noch wars hier so bunt und nun   ach
Josephine wir haben sie nicht gepflückt diese Blumen weil wir ihnen eine
längere Dauer zutrauten und die Natur bestrafte unser Zögern Wann werden wir
lernen den Augenblick benutzen Wenige Wochen vielleicht nur noch und wir sind
auf immer geschieden Wie mancher Tag wie manche Stunde der Vergangenheit ist
vorüber geeilt ohne dass ich Sie gesehen habe und wer weiß wie karg mir die vom
Schicksal zugemessen sind in denen ich Sie noch sehen kann Und doch ist die
Erinnerung an Sie an Ihre Güte an Ihr liebevolles Wesen selbst an diese
unbenutzten Stunden wo ich von Ihnen träumte das einzige was einen Strahl von
schwermütiger Freude in mein künftiges Leben weben wird Wie will ich mir das
Andenken jener unwiederbringlichen Zeiten erneuern in denen das Heiligtum
Ihrer Seele mir offen lag  wie will ich mir alle jene köstlichen Augenblicke
zurückrufen wenn die goldnen Tage des Beisammenseins wie ein schöner Traum
dahin geflohn sind und mir nichts mehr bleibt als ihr Bild und mein Schmerz
    O glauben Sie Wilmut versetzte Josephine mit feuchtem Auge glauben Sie
dass ich weniger als Sie an diese unvergesslichen Jahre zurückdenken werde Aus
dieser Einsamkeit herausgerissen in der mir so wohl war in neuen
Verhältnissen vor denen mir schaudert in die geräuschvollen Freuden der großen
Welt verflochten denen ich ruhig in der Ferne zusah ohne sie mir zu wünschen
 glauben Sie nicht dass ich höchst unglücklich sein und mich immerdar sehnen
werde nach dem entschlüpften Labsal der Ruhe die mir diese Stille gewährte
Ach Wilmut ein Gefühl ohne Namen presst mir die Brust wenn ich in die Zukunft
blicke Hier unter dem schönen blauen Himmel der meinen Kampf sieht geloben
Sie mir ewige Freundschaft Nicht in der kalten alltäglichen Bedeutung in der
man sie gewöhnlich sich verspricht  nein im ganzen heiligen Sinne dieses
Worts für dieses und jenes Leben Vorurteile trennen uns für diese Welt aber
nicht den ewigen Bund unsrer Seelen
    August beugte sich herab auf ihre Hand und eine sanftere schönere
Empfindung als alles vorhergegangene Verlangen seiner Liebe füllte sein Herz
Ja Wilmut fuhr Josephine fort und ihr Auge glänzte heiter als erblickt es
Paradiese ja Sie sollen immer mein erster vertrautester Freund bleiben In
Ihren Busen will ich meinen Kummer ausgiessen  mit Ihnen will ich die Freuden
teilen die ich sparsam auf meiner künftigen Laufbahn finden werde Nehmen Sie
den Namen Bruder von mir an da ich nicht Geliebter sagen darf Als Ihre
Schwester ist es mir erlaubt Ihnen alle die Liebe und Freundschaft zu
versichern die ich für Sie empfunden habe Als Ihre Schwester darf ich Ihnen
schreiben was mich kränkt und freut und wenn ich auch vor jedermann meinen
stillen Gram verhülle so soll doch immer mein teurer Bruder den wahren Zustand
meines Gemüts erfahren und mit mir trauern dass gerade ich ich mit diesem
Herzen voll warmer Liebe ein Opfer der Konvenienz geworden bin 
    Sie sanken an einander in eine lange sprachlose Umarmung August zitterte
an ihrem Busen aber Josephine umfasste ihn mit der ganzen Unschuld und Reinheit
des Verhältnisses das sie sich erfunden hatte ihre Wehmut zu lindern ohne
strafbar zu sein Die Ruhe und Ergebung eines Engels glänzte in dem milden
Blick mit dem sie in Augusts flammende Augen sah
    Madam Wilmut näherte sich ihnen langsam und verlegen Jetzt gilts
Josephine sagte sie jetzt ist die Stunde gekommen die allen Ihren Mut alle
Ihre Standhaftigkeit fordert Ein reitender Bote hat diesen Brief an Sie
gebracht und zugleich  ihre Stimme fing an zu brechen  die Nachricht dass
wir uns trennen müssen Josephine erkannte die Hand ihrer Mutter und ward
bleich  August stand unbeweglich wie ein Marmorbild
    Als die erste Betäubung vorüber war ermannte sich August hob den Brief
auf der Josephinens zitternden Händen entfallen war und sagte mit ruhiger
Fassung Lesen Sie Josephine Kann er etwas schlimmeres enthalten als was wir
schon wissen  Vielleicht und eine kleine Bitterkeit mischte sich
unwillkürlich in seinen Ton  vielleicht den Tag Ihrer Hochzeit   aber uns
kann ja nichts mehr scheiden Nein Josephine die Freundschaft die unsre
Herzen verknüpft ist ewig wie die Zukunft die uns hinter dem Grabe erwartet
    Josephine erbrach mit Beben den furchtbaren Brief Bei jeder Zeile die sie
las nahm der Schmerz zu der ihr Innerstes folterte und als sie geendigt
hatte ward ihr Auge dunkel das Blatt entfiel ihr und August fing sie in einer
tiefen Ohnmacht in seine Arme auf
    »Sobald Du diese Zeilen erhalten hast lautete der mütterliche Brief so
mache Dich zur Abreise fertig Du wirst von den Händen Deiner Eltern den Gemahl
empfangen den wir Dir bestimmt haben Er verdient unsre Wahl Schönheit Geist
Reichtum und hohe Geburt machen ihn zu einer der ersten Partien im Lande Der
zwanzigste Oktober ist zu Deiner Vermählung bestimmt Säume daher keinen
Augenblick mit dem Wagen der Dich abholen wird sogleich die Stadt zu
verlassen«
    
                                                            Gräfin von der Ecke
    Josephine liebes teures Mädchen rief August das schöne Geschöpf an sein
Herz drückend das aus Liebe zu ihm so bleich war  komm wieder zu Dir fasse
Mut beruhige Dich Josephine öffnete das matte Auge und fand sich in den
Armen ihres Geliebten Süss war ihr Erwachen denn alles Vorhergegangne lag wie
ein schwerer Traum hinter ihr  sie lächelte bewusstlos die bittere Erinnerung
an die sie für ein Bild ihrer Fantasie hielt und fühlte sich nur wieder
unglücklich als der grausame Brief ihr bewies dass die Dinge wirklich so waren
Der kalte Schauder der alle ihre Adern bei der Nähe ihrer Verbindung
durchdrang hatte sie erst gelehrt wie sehr sie August liebte Als jener
fürchterliche Zeitraum noch in weiter Entfernung von ihr war glaubte sie sich
stark genug mit festem Sinn den Mann ihrer Liebe dem kindlichen Gehorsam
aufopfern zu können Es schien ihr groß und erhaben die Neigung ihres Herzens
ernstern Pflichten zu unterwerfen und das Gefühl ihres Wertes und ihrer Gewalt
über sich selbst regte sich stolz und schwärmerisch bei dieser großen
Gelegenheit wo es sich zeigen konnte Aber da der Gedanke einer nahen und
wahrscheinlich ewigen Trennung mit aller seiner Bitterkeit vor sie trat 
jetzt da sie mit jedem Tage sich fester an den liebenswürdigen Freund schloss
und es tiefer fühlte wie glücklich sie mit ihm sein könnte  jetzt löschte die
stille Träne der Liebe das Fantom ihres Stolzes aus
    Ist er denn wirklich für mich verloren  sagte sie zu sich selbst als sie
allein war Hab ich denn einen einzigen Versuch gemacht das Glück meines
Lebens zu retten  Ich will es wagen  ich will mich meiner Mutter entdecken
ich will sie in das Herz blicken lassen das nur Augusts Liebe erwidern kann
Welche Mutter könnte gleichgültig bei dem ewigen Wohl und Wehe ihres einzigen
Kindes sein  welche Mutter könnte ihr einziges flehendes Kind den
Vorurteilen opfern vor denen es zurückbebt
    Zwar mischten sich leise bittere Zweifel in ihre aufkeimende Hoffnung aber
sie fasste Mut und entschloss sich fest zu sein Hab ich nicht durch die
schmerzlichste Bemühung zu gehorchen schon meine Pflichten erfüllt fuhr sie in
ihrem Selbstgespräch fort und ist nicht das Streben nach Glück zu natürlich in
der Brust des Menschen als dass es Sünde sein könnte  Die Welt wird freilich
einen Schritt tadeln der nicht in ihre Konventionen passt aber was ist das
Urteil der Welt gegen ein langes trauriges Leben hingeschleudert an einen
Mann den ich nicht kenne der mich nur aus Eigennutz wählt weil mir das
Unglück Vermögen gab  Und muss ich denn mit der Welt leben finde ich nicht
alles was sie mir entziehen kann in dem engen aber schönen Kreise meines
stillen häuslichen Glücks wieder   Ja ich will mich mit frohem Sinn über
ihren Beifall und ihren Tadel erheben und hinwegsetzen Augusts treue Liebe ein
einsames ländliches Leben der Umgang seiner Mutter die Einwilligung meiner
Eltern  Gott es wäre zu viel zu viel der Wonne für ein Herz das schon
anfing das Hoffen zu verlernen
    Josephine sah jetzt gefasster dem Abschied entgegen da sie diese süßen
Bilder einer erträumten Zukunft nährte Sie rief sich das Andenken ihrer Eltern
ins Gedächtnis zurück welches da sie ihr durch die lange Trennung ganz fremd
geworden waren freilich ihre Hoffnungen nicht belebte aber auch nicht
niederschlug Das Wiedersehen nach so manchem fern verlebten Jahre glaubte sie
würde die Eisrinde schmelzen mit der Stolz und höfische Eitelkeit ihre Herzen
überzogen hatte und dieser Glaube war so wohltätig für sie dass sie sich
hinwegwandte von allem was ihn hätte vermindern können
    Nicht so August Ihm war als risse sich mit Josephinen der bessere Teil
seines Ichs von ihm los Als die Stunde des Scheidens schlug breitete sich über
sein ganzes Gesicht eine tödtliche Blässe aus Leise verhallte der Ton aber in
seiner Seele klang er fort wie die Sterbeglocke aller seiner Freuden Josephine
hatte ihm ihren Vorsatz verschwiegen um ihn durch diese große Probe ihrer Liebe
zu überraschen wenn er ihr glückte Ihr Auge hatte keine Träne nur einen
Blick voll Seele der Treue gelobte und um Treue bat Madam Wilmut umarmte sie
weinend  Josephine dankte ihr mit stiller Rührung für alle ihre Liebe und
Güte Wir sehen uns bald wieder flüsterte sie zuversichtlich in den letzten
Abschiedskuss und vielleicht fröhlicher Drauf reichte sie August der
unbeweglich und ganz versunken in seinem Schmerz da stand mit einem süßen
Lächeln die Hand aber bald mischte sich Wehmut in ihre Miene Leben Sie wohl
sagte sie mit leiser Stimme und schnell wurde ihr Blick feucht denn eine trübe
Ahndung durchflog ihr Inneres  leben Sie wohl mein Freund und erhalten Sie
mir ihr Andenken Ich werde Ihnen schreiben ich werde immer an Sie denken ich
werde Sie niemals niemals vergessen Ein paar Tränen rollten ihre Wangen
herab  sie eilte in den Wagen und schnell flog er mit ihr und ihrem Kummer
dahin
    Eine Kammerfrau ihrer Mutter saß neben ihr und betrachtete sie mit
Teilnahme Josephine war nicht aufgelegt zum Reden Sie durchdachte stumm und
in sich gekehrt den Plan den sie sich entworfen hatte und sah ihn
wechselsweise in der Ebbe und Flut ihres Mutes bald gelungen bald vernichtet
    Sie scheinen traurig zu sein gnädige Gräfin nahm das Mädchen endlich das
Wort und ich dächte niemand hätte mehr Ursach zur Freude als Sie O wenn Sie
wüssten wie schön der junge Graf ist wie herrlich das aussieht wenn er in
seinem hohen Whisky mit den sechs munteren Schimmeln daher gefahren kommt Sie
würden gewiss vergnügt sein
    Glückliches Geschöpf seufzte Josephine das mich vielleicht um den lästigen
Glanz beneidet den ich verachte Ach wie gern wollte ich Dir um Deine
unbefangene Lage den schönen Bräutigam mit allem seinem Schimmer überlassen und
in der Mittelmässigkeit die das Loos Deines Standes ist zufrieden sein
Hannchen schüttelte verwundert den Kopf denn sie konnte die Gräfin nicht
begreifen Josephine schwieg auch und wurde immer düsterer je näher sie dem
Ziel ihrer Reise kam Endlich als sie in einem Vorwerk ihres Vaters abstieg um
da nach ihrer Mutter Vorschrift die Nacht zu bleiben hoben sich ihr aus weiter
blauer Ferne die Türme ihres Schlosses von einem waldigten Berggipfel entgegen
und ein paar Tränen stiegen in ihr Auge die der Gedanke erpresst hatte Wie
wird sich Dein Schicksal entscheiden 
 
                                Zehntes Kapitel
Am andern Morgen zögerte Josephine mit ihrer Abreise so lange als möglich
Ungestört konnte sie hier sich ihren Träumen überlassen und sie tat es mit
aller der schmerzlichen Wollust die durch die tiefe Ruhe der Natur, durch ihren
blauen klaren Himmel an dem nicht ein einziges Wölkchen zu sehen ist und durch
die reine kühle vom Sonnenstrahl gemilderte Luft den Anfang des Septembers so
reizend macht  Josephine ging hinaus ins Freie ganz versunken in ihr
Nachdenken die Unruhe der Ungewissheit und die Wehmut ihrer Zweifel Auf
einmal hörte sie hinter sich ein Geräusch wie den Tritt eines Mannes Sie sah
sich um ahndend hob sich ihr Busen eine hohe Röte stieg in ihre Wangen und
mit einer Verwirrung die ihr keine Worte ließ erwiderte sie den Gruß des
Unbekannten der sich ihr mit einem freimütigen Anstand als den Grafen Wodmar
ihren Bräutigam darstellte
    Einige Minuten standen sie sprachlos einander gegenüber Wodmar
beobachtender als Josephine die mit lächelnden Lippen gegen die Trauer ihres
Auges zu streiten suchte um dem Mann der sie mit glühenden Blicken
betrachtete die Träne zu verbergen die es trüben wollte Aber vergebens sie
kam aus einem vollen Herzen das zu wund war um mit Fassung diese Überraschung
zu ertragen und ehe sie es verhindern konnte rollten sie über ihre brennende
Wange Lange sah sie der Graf ernst fest und stumm an endlich ergriff er
bewegt ihre Hand und führte sie an seine Lippen
    Diese schönen Augen sollen nie wieder weinen sagte er wenn es von mir
abhängt jede Ursach des Kummers von Ihnen zu entfernen
    Unsre Familien haben über uns entschieden   versetzte Josephine leise mit
bebendem Ton ohne ihn anzusehen Möchte Ihre Verbindung mit mir keine
glücklichere stören
    Wodmar dachte an Marien und konnte einen Seufzer nicht unterdrücken den
der Rückblick in eine schöne aber kurze Vergangenheit forderte Aber er wusste
seinem innerlichen Schmerze eine heitre Außenseite zu geben und versicherte
Josephinen mit aller Beredsamkeit die er besaß dass der Ruf ihrer
Liebenswürdigkeit und das Ideal ihrer Anmut das er sich geträumt und nun
realisirt gefunden hätte bisher einzig sein Herz beschäftigt hätte Josephine
in deren edlen Seele das Verlangen lag immer mehr zu geben als sie empfing
wurde rot und beschämt als sie fühlte dass sie niemals diese Zärtlichkeit
würde belohnen können die der Graf äußerte Sie fand ihn schöner und
angenehmer als das Bild das ihr ihre Einbildungskraft von ihm entworfen hatte
Der Unmut der gestörten Liebe mit dem sie immer ehmals an ihn dachte und
Augusts ihm gefährliche Nähe hatten ihm in ihrer Fantasie eine finstre
unfreundliche Gestalt gegeben von der sie keine Spur an seinem wirklichen
Selbst fand 
    Aber nichts desto weniger war ihr Vorsatz fest dem Mann dem ohne dass er
diese glänzenden äußern Vorzüge wie Wodmar besaß dennoch alle die heiligen
Gefühle ihrer ersten Liebe gehuldigt hatten treu zu bleiben Sie nahm sich vor
zuerst mit ihrer Mutter von der Lage ihres Herzens und dann mit Wodmar selbst
zu reden Sie traute ihm Edelmut genug zu ihr freiwillig zu entsagen
    Sie reisten ab Er war ihr in dem schönen Whisky entgegen gekommen der auf
Hannchen einen so tiefen Eindruck gemacht hatte und Josephine nahm ohne eine
Weigerung den Platz an seiner Seite ein indes Hannchen ihnen in dem andern
Wagen folgte Welch ein schönes Paar murmelte die Menge die sich versammelt
hatte Braut und Bräutigam zu sehen Beide zeigten in der Art wie sie diesen
unparteiischen Lobspruch aufnahmen die Verschiedenheit ihrer Denkungsart
Josephine zog bescheiden den Schleier über ihr lieblich errötetes Angesicht
nachdem sie freundlich dem Gruß gedankt hatte der von allen Seiten ihr winkte
Sie verbarg sich lieber als dass sie schimmerte Der Graf hingegen ließ stolz
und zufrieden sein triumphirendes Auge umhergehn ergriff selber die Zügel der
Pferde und lenkte sie stehend um durch die ganze Anmut seiner schönen Figur
noch mehr um die Bewunderung zu buhlen die ihm so süß war Endlich als sich
nach und nach die Gaffenden verloren setzte er sich wieder nieder zu seiner
Braut die als sie sich unbemerkt sah den Flor von ihrem Gesicht entfernte
der ihr neidisch den schönen Tag verbarg
    Sie sprachen wenig mit einander, aber sie dachten viel Josephine ging im
Geist in die Rosenauen der vergangenen Zeiten zurück und hing mit stillem Gram
an den Bildern ihrer süßesten Wünsche Wodmar verglich sie mit Marien ohne die
Träumereien zu stören denen sie nachhing Sie waren beide schön Josephine
stolzer Marie rührender in ihrer Bildung Die innige hingebende Zärtlichkeit
die diese Letztere für ihn empfunden hatte malte mit doppelt reizenden Farben
ihr trauriges Bild in seine Seele und die Sehnsucht nach ihrem Wiedersehen und
ihrem Besitz wachte mit aller der Leidenschaft seines Wesens in ihm auf Ein
tiefer Seufzer machte seiner Brust Luft von der süßen Qual seiner Erinnerung
und seiner Wünsche beklemmt  Josephine sah ihn schüchtern an sie hatte nicht
den Mut ihn um dessen Ursach zu fragen noch wenige ahndete sie sie Wodmar
dem es wie einem Mann von Welt nicht an der Gewandtheit fehlte jeden Umstand zu
seinem Vorteil zu nutzen ließ ihr in Anspielungen merken die ihre Feinheit
verstand dass sie selbst der Gegenstand seiner Seufzer sei Die Sonne loderte
eben im Abendrot hinter dem waldigten Gipfel der westlichen Anhöhe als sie
ankamen Noch spiegelte sich die sterbende Glut in den großen Bogenfenstern
die wie brennende Spiegel aussahen und eine sanfte Rührung ergriff Josephinen
beim Anblick der stolzen Gebäude die im milden Abendlicht vor ihr lagen Eine
große Anzahl von Bedienten empfing sie mit einer so schüchternen Ehrfurcht dass
sie daraus sehr leicht auf die Art ihrer Eltern mit ihnen umzugehn schließen
konnte Wodmar leitete ihre wankenden Schritte zu einem Saal wo die ganze
Familie beisammen war
    Josephine erschüttert und zärtlich bewegt durch den Anblick ihrer Eltern
die sie liebte und ehrte denn ihre Grundsätze waren edel und zogen sie mit
einer geheimen unwiderstehlichen Macht zu denen hin die ihr das Leben gaben 
Josephine sank auf ihre Kniee in frommer kindlicher Regung nieder und benetzte
die Hand ihrer Mutter die ihr entgegen kam mit den bittersüssen Tränen des
Wiedersehns
    Die Versammlung war groß und beobachtete ein feierliches Schweigen nicht
gemacht Josephinens schüchterne Schwermut zu zerstreuen Besonders fremd und
traurig waren ihr die finsteren Blicke ihres Vaters mit denen er von Zeit zu
Zeit ihre ganze Gestalt und ihr Benehmen musterte Sie befolgte daher gern
seinen Befehl sich umzukleiden weil ihr der Zwang in dem sie sich befand
peinlich wurde Als sie die Zimmer betrat die sie bewohnen sollte war ihr
erster Gang zu den Fenstern von denen sie eine herrliche Aussicht in die
weiten tiefen Täler hatte die das Felsenschloss umgaben Sie sah mit einer
unbeschreiblichen Empfindung den Weg zurück den sie gekommen war der sich in
der Ferne in einer dunkeln Krümmung verlor Die Tränen waren ihr so nahe die
Brust so beklemmt all ihr Mut mit der Sonne gesunken die ihre letzten
bebenden Strahlen und lange Schatten auf die Fluren warf Auf einmal rauschten
die Flügeltüren auf und  ihre Mutter trat herein
    Verzeih meine Tochter sagte sie dass ich Dich überrasche aber Du wirst
aus meinem Besuch sehen dass ich es gut mit Dir meine Dein Vater ist nicht ganz
zufrieden mit Deiner Art Dich vorzustellen und ich muss selbst gestehen dass
Dein Niederknieen und Deine Tränen etwas sehr Romaneskes hatten Indessen muss
man dies der bürgerlichen Erziehung zurechnen die Du gehabt hast und deren
Rost sich bald in besseren Gesellschaften abreibt Um nun den Eindruck wieder
auszulöschen den dies auf meinen Gemahl zu Deinem Nachteil gemacht hat will
ich Dir Verhaltungsregeln geben wo Du Dich noch nicht zu betragen weißt Fürs
erste kleide Dich so elegant an wie möglich und bediene Dich dieses Schmuckes
den Dir Wodmar bestimmt  Sie reichte ihr ein Kästchen das Josephine
erschrocken auf den Tisch setzte
    Die Gräfin von der Ecke war einnehmend wenn sie wollte Sie hatte mehr
Sanfteit in ihrem Gesicht als in ihrem Herzen mehr Verstand in ihren Augen
als in ihrem Kopf und wusste besser Vertrauen einzuflößen als es zu verdienen
Die mütterliche Güte ihres Tons zog Josephinen zu ihr hin Jetzt dachte sie
ist vielleicht der einzige Moment wo ich wagen darf für das Glück meines
Lebens zu reden Und sie tat es mit klopfendem Herzen
    O meine Mutter sagte sie mit bittender Stimme wenn ich mich anders
benommen habe als ich sollte so verzeihen Sie meiner Unerfahrenheit in den
Sitten und Gebräuchen der großen Welt verzeihen Sie dem Schmerz der mich zu
Boden drückte und der mir die Ruhe meines ganzen Lebens kosten wird wenn Sie
mir gütigste Mutter Ihren Beistand versagen Verwundert sah sie die Gräfin an
Was kannst Du für einen Schmerz haben da alle Umstände sich vereinigen Dich
glücklich zu machen Josephine sank in ihre Umarmung und drückte sich fest an
die Brust von der sie Teilnahme erwartete Ach rief sie aus kann all der
Glanz den Sie mir bereiten aller Überfluss dem ich entgegen sehe mich über
den Kummer einer hoffnungslosen Liebe trösten
    Die Gräfin wand sich aus Josephinens Armen die sie umschlangen trat einen
Schritt zurück und sah sie starr und unbeweglich an Das liebe Mädchen war in
heftiger Wallung  Ja fuhr sie mit dem Feuer der Verzweiflung fort die alles
wagt weil sie nur wagen oder verlieren kann ja ich liebe  liebe einen Mann
dessen Adel der Seele mir das Wörtchen von zehnfach ersetzt das seinem Namen
fehlt Sprachlos fiel die Gräfin in einen Stuhl und Josephine  sagte ihr
alles
    Elende Verworfne  waren die ersten Worte die die alte Gräfin zu stammeln
vermochte und Du hast den Mut den Wunsch einer Mesallianze zu nähren und ihn
sogar  was alle menschliche Vorstellung übertrifft  zu äußern Schande
Deiner Familie die sich so viel von Dir versprach  Sie würde noch ein
Weilchen in diesem Ton fortgefahren haben wenn nicht ein Bedienter den jungen
Grafen gemeldet hätte der in eben diesem Augenblicke herein trat Sogleich
verdrängte eine Meeresstille in ihrem Gesicht alle Spuren des vorigen Sturms 
lächelnd stand sie auf und wandte sich zu Wodmar der mit Blicken voll Sorgfalt
und Liebe an seiner Braut hing die blass und leblos mit weit offenem Auge auf
eine Stelle sah Wir wollen Josephinen jetzt Zeit zu ihrem Anzug lassen lieber
Graf sagte sie Meine Tochter ich habe vergessen Dir zu sagen dass noch heute
Abend Deine Verlobung ist  Josephine ist Ihnen sehr verbunden für die schönen
Juwelen setzte sie hinzu indem sie seinen Arm ergriff und mit ihm das Zimmer
verließ Die arme Josephine  Dahin war ihre letzte einzige Hoffnung dahin
die Träume einer beneidenswerten Zukunft mit denen sie oft ihren Gram zur Ruhe
gewiegt hatte Sie warf sich auf ein Sopha und überließ sich dem Schmerz ihrer
getäuschten Erwartung der milder wurde als er sich in Tränen ergoss
    Hannchen trat herein sie anzukleiden Sie hatte vor Begierde die schönen
Diamanten zu sehen kaum die Zeit erwarten können wenn sich die Gräfin entfernen
würde Mit einem gutmütigen Neid betrachtete sie die blitzenden Steine und ihr
eitler Sinn konnte nicht begreifen wie es möglich war einen solchen Schmuck zu
haben und dabei zu weinen
 
                                Elftes Kapitel
Josephine war für heute unfähig den Befehl ihrer Mutter zu befolgen Zwar zog
sie sich Dank sei Hannchens emsiger Bemühung  aufmerksam genug an zwar band
sie sogar mit zitternden Händen das reichgefasste Bild des Grafen an einer Schnur
von Brillanten um den Hals aber kaum war der bräutliche Anzug vollendet als
sie in eine dumpfe Bewusstlosigkeit versank die sich mit einem Fieber endigte
    Hannchen benachrichtigte die Familie von diesem Unfall der jedermann
überraschte ausgenommen die Gräfin Wodmar in dessen Herzen ihre Anmut wenn
auch nicht Liebe doch einen innigen Anteil entflammt hatte eilte sie zu
sehen Bleich wie eine Lilie lag sie da und aus ihrem geschlossnen Auge drangen
schönere Perlen als er ihr gegeben hatte Die Gräfin befahl sie zu Bette zu
bringen und einen Arzt zu holen und man begab sich wieder weg 
    Einige Tage lag Josephine ohne Besinnung endlich als sie wieder zu sich
selbst kam und als ihre Seele wieder ruhig genug wurde an vergangene Dinge zu
denken reifte ein Entschluss in ihr ihrer würdig  der schöne Entschluss die
rosenfarbnen Bilder ihrer Liebe dem Willen des Schicksals zu opfern Sie fing
langsam an zu genesen  mit stummer Geduld ertrug sie die Vorwürfe ihrer
Mutter und versprach zu gehorchen Sie bemühte sich sogar ihre ehemaligen
Wünsche zu vergessen aber das war unmöglich Wie das immergrünende Epheu sich
um öde Mauern windet so schlangen sich holde Erinnerungen um die versinkenden
Trümmer ihrer Freuden
    Wodmar sah ihren innern Kampf Ihr ganzes Wesen war Huld und Güte und das
Bemühen ihm die ausgezeichnetste Achtung zu bezeigen  aber Liebe war es
nicht wie er sie an Mariens Herzen empfunden hatte so glühend so einzig so
entgegen kommend allen seinen Gefühlen Sein Stolz war beleidigt denn das
pflichtmässige stille Wohlwollen mit dem ihm Josephine begegnete gnügte seiner
Eitelkeit nicht die Liebe verlangte auch wenn er selbst kalt blieb Wie anders
war doch Marie seufzte er oft im Stillen wenn seine unzufriedne Seele die
Sehnsucht geliebt zu werden füllte Alle ihre Reize selbst ihre hartnäckige
Weigerung auf eine unrechtmässige Weise sein zu sein stellten sich seiner
Einbildungskraft wieder dar und erhöhten die Begierde sie zu besitzen Aber
ach nur vergebens Mariens Tugend war unerschütterlich und wenn auch seine
nahe Verbindung mit Josephinen nicht gewesen wäre so vernichtete doch ihre
niedre Herkunft trotz der Allmacht mit der ihn ihre Liebenswürdigkeit anzog
jeden Anspruch auf seine Hand
    Der Zeitpunkt seiner Vermählung rückte immer näher Josephine sah diesem
feierlichen Tag mit einem stummen Gram entgegen den sie nur in der Stille
enthüllte Gegen ihren Bräutigam war sie sanft und duldend  keine Klage
erleichterte ihr Herz und still wie die Ergebung mit verschlossenen Lippen
die sich zu lächeln bemühten trug sie ihren Schmerz und nur ungesehen ließ ihr
volles Auge seine bittere einsame Träne auf den Boden fallen
    Erst wenig Tage vor dem gefürchteten zwanzigsten Oktober hatte sie Kraft
genug ihrem August die Entscheidung ihres Schicksals und ihren gescheiterten
Vorsatz zu schreiben Sie tat es mit zerrissenem Herzen
    »Auch den letzten lichten Strahl von Hoffnung schrieb sie ihm der noch
beim Abschied heimlich die düstere Nacht meines Innern erleuchtete ist nun
verschwunden Ich muss den Mann heiraten den mir meine Eltern bestimmt haben
und ich will suchen ihn glücklich zu machen O Wilmut glauben Sie nicht dass
es mir so leicht wird Ihnen auf ewig zu entsagen aber ich bemühe mich die
Gedanken zu verbannen die wider mein Schicksal murren Die Ansprüche die mir
die Erfüllung meiner Pflichten auf ein besseres Leben gibt wo ich laut
gestehen darf was ich empfand diese sinds allein die mich zu trösten
vermögen über ihren unersetzlichen Verlust
    Leben Sie wohl teurer Freund meiner schönsten glücklichsten Jahre Nehmen
Sie den Dank Ihrer fernen Josephine noch einmal für alle Ihre Liebe und Treue
Ach wenn ich sie Ihnen auch nicht lohnen konnte so hätte sie doch kein Herz
tiefer empfunden als das meinige keines Ihren Wert inniger erkannt Nur nach
Jahren erst schreib ich Ihnen wieder Dann wird vielleicht und Gott erhöre
mein Gebet das darum fleht dann wird vielleicht nicht mehr Leidenschaft meine
Feder führen dann werden die Wünsche die meine Seele nährt sich selbst
aufgezehrt haben da das Schicksal sie niemals stillen wird und meine heiße
Liebe wird geworden sein was sie werden muss innige Freundschaft an der unser
ehemaliges Verhältnis keinen Teil mehr hat Die Zeit wird Ihr Andenken in mir
nicht verlöschen nur mildern und auch in der kältern Sprache der Freundschaft
noch werden sich unsre Seelen verstehen«   
    Endlich erschien der zwanzigste Oktober und mit dem sinkenden Laub sanken
auch die Tränen ihrer Entsagung Wodmar bemerkte den Kummer den sie verhehlen
wollte der aber nur zu deutlich aus ihrem verlöschten Auge und ihrer bleichen
Wange sprach Fehlt Ihnen etwas Josephine frug er mit zürnendem Befremden als
er sie zu der feierlichen Zeremonie abholen wollte die auf sie wartete um ihre
Hände zu vereinigen und er sie blass bebend und in Tränen fand Diese
sonderbare Traurigkeit der Sie Sich überlassen ist zu groß und anhaltend als
dass sie aus den Regungen Ihrer Sittsamkeit entstehen sollte wie mich Ihre
Mutter überreden will Haben Sie vielleicht Vorstellungen vom Ehestande die
Ihnen Schrecken machen so sein Sie ruhig Ich werde alles tun was in meinen
Kräften steht Ihnen ein frohes glückliches Loos zu bereiten Oder fuhr er mit
ernsteren forschendern Blicken fort sollten Sie nur mir gerade mir ungern
diese Hand geben da vielleicht ein Andrer Ihr Herz besitzt Hab ich
vielleicht ohne es zu wissen Hoffnungen vernichtet die einen andern
Gegenstand hatten als mich O Josephine Ihr einsames Grämen ist mir nicht
entgangen ob es Ihnen gleich so schien Reden Sie was ist seine Ursach 
    Josephine warf sich zum erstenmal in ihrem Leben in seine Arme mit einer
Heftigkeit die ihr der aufgeregte Schmerz lieh Wodmar rief sie aus schonen
Sie mit Güte und Nachsicht die Schwächen meines nicht ganz glücklichen Herzens
Ich fühle dass ich Ihnen eigentlich mehr sein sollte als ich bin und es macht
mich traurig dass ich es noch nicht kann Aber haben Sie Geduld mein Freund 
wenn ich auch nicht mit dem Feuer der Leidenschaft das wohl ohnedem bald
verraucht an Ihnen hänge so soll mir doch stets meine Schuldigkeit heilig und
kein Opfer zu teuer sein wenn es Ihr Glück erkauft
    Den Graf befriedigte diese Erklärung nicht im Gegenteil beleidigte sie
seinen Stolz da er in ihr nur das verschleierte Geständnis ihrer Liebe zu einem
Andern sah Aber sie war so schön mitten in ihrem Kummer dass er mit einem
grausamen Vergnügen sie lange betrachtete Er sah an ihr nur die Anmut nicht
die Bitterkeit ihrer Tränen  nicht die Seufzer ihres Schmerzes nur den
schwellenden Busen den sie hoben und so sehr er auch Willens war ihr seine
gereizte Empfindlichkeit unverhüllt zu zeigen so konnte er doch ihrer
Schönheit die ihre Fürsprecherin war nicht widerstehn und eine glühende
Umarmung war seine einzige Antwort
    Ruhiger folgte ihm nun Josephine in den von hundert Kerzen erleuchteten
Hochzeitssaal und in den bebenden Ton mit dem sie das feierliche Ja aussprach
goss sie die ganze Sanftmut ihres Herzens Wir sind nun verbunden Josephine
sagte ihr Gemahl als sie allein waren aber um beide glücklich zu sein wollen
wir die Übereinkunft treffen einander wechselsweise nicht in unsrer Freiheit
zu beschränken Sie sind ganz Meisterin Ihrer Zeit und Ihres Willens und Ihr
feines Gefuhl ist mir Bürge dass Sie auch wenn Sie Sich ganz selbst überlassen
sind nichts trotz Ihrer Jugend unternehmen werden was meiner Liebe und meines
Namens unwert wäre und den zarten Ruf beflecken könnte den Sie zu erhalten
Sich und mir schuldig sind Die große Welt spottet über eine zärtliche Ehe und
ich muss gestehen ich bin zu stolz als dass ich verliebt in meine Frau scheinen
möchte  wenn ich also in Gesellschaften Ihre Liebenswürdigkeit weniger zu
fühlen und diesen schönen Augen die ich zu Hause mit so vielem Vergnügen
aufsuche weniger zu begegnen scheine als ich sollte so geben Sie nicht mir
sondern dem großen Ton in den man einstimmen muss die Schuld dieser scheinbaren
Vernachlässigung und sein Sie versichert dass ich demohngeachtet das Glück
lebhaft empfinde Sie zu besitzen Ich möchte wenn ich wählen sollte der Welt
lieber verächtlich als lächerlich sein und unterwerfe mich deswegen willig
diesem Zwang um dies letztere zu vermeiden  Josephine hörte ihm ernstaft zu
ohne zu antworten Seine Grundsätze empörten ihr Herz und füllten es mit Kälte
für ihn die sich ihrem Benehmen gegen ihn mitteilte Wenig Tage nach ihrer
Verheiratung führte sie der Graf auf seine Güter um sie ihr zu zeigen ehe sie
die Stadt bezögen der seine Brust sehnlich entgegen klopfte weil sie der
Wohnort seiner unvergesslichen Marie war Josephine an ein einsames Leben
gewöhnt und nicht gestimmt Teil an den Freuden der Stadt zu nehmen äußerte
den Wunsch den Winter auf dem Lande zuzubringen und Wodmar willigte gern ein
da die Verschiedenheit ihrer Gesinnungen immer eine Scheidewand zwischen beiden
war die sie nicht zu übersteigen vermochten und da die oft mit etwas Stolz
und Strenge verknüpfte Moralität ihres Wesens ihn eben so sehr von ihr
zurückscheuchte als ihre Schönheit ihn anzog Aber werden Sie nicht Langeweile
haben den ganzen langen Winter hindurch frug er Josephinen  O nein
versetzte diese  denn Beschäftigung wird meine Gesellschaft sein
    Noch einen Monat hielt es der Graf in der ländlichen Abgeschiedenheit aus
die ihm anfing herzlich zur Last zu werden Die Jagd war sein einziges
Vergnügen und er hing ihr mit Leidenschaft nach aber sie konnte doch nicht
ganz die Wünsche seines Herzens stillen die nach süsseren Freuden strebten
Marie war und blieb der Inbegriff seiner schmerzlichsten Sehnsucht Er suchte
alles hervor um die Gedanken zu entfernen die ihn immer auf ihr Andenken
leiteten  er versammelte eine Menge junger Wüstlinge um sich her und bemühte
sich durch die lärmende Fröhlichkeit die unter ihnen herrschte die Seufzer
seiner Liebe zu ersticken aber das Denkmal das verschwundne Freuden
zurücklassen ist nicht zu verlöschen Er suchte es zu verbannen wenn er sich
mit seinen Freunden der zügellosesten Laune überließ und wirklich floh vor
ihrer stürmischen Munterkeit das Bild seines süßen ehemalichen Glücks und
seiner Marie Aber ein Augenblick der Einsamkeit gab seiner Erinnerung ihre
ganze Kraft wieder die die Zerstreuung geschwächt hatte und er fühlte sich
missvergnügter als jemals
    Eine Menge Entwürfe beschäftigten nun seine Seele Überall stand ihm
Mariens Festigkeit im Wege aber er ließ doch den Mut nicht sinken denn er
rechnete auf die Überreste ihrer Liebe und auf  Betrug
 
                                Zwölftes Kapitel
Endlich erschien der Augenblick wo er dem Landleben und seiner Frau Lebewohl
sagte er tat es mit heiterem Sinn und auch Josephine sah ihn ohne Kummer
abreisen Seine Gegenwart legte ihrer Schwermut Fesseln an denn sie hielt es
für ihre Pflicht ihm zu verbergen dass ein andres Bild als das seinige mit
Flammenzügen in ihre Seele gegraben war Nie soll er fühlen gelobte sie sich in
der Stunde der Vermählung dass ich einen Andern liebe Alle Folgen dieser
unglücklichen Leidenschaft sollen mich allein treffen und verschwiegen und ohne
Klagen will ich leiden bis mein Herz bricht oder ihn vergisst
    Der Graf kam glücklich in der Stadt an und all sein Blut geriet in
Wallung als sein Wagen an Mariens Hause dahin rollte Vergebens sah er an alle
Fenster  ohne sie zu erblicken fuhr er vorüber Die trauliche Dämmerung
empfing ihn als er in seine Wohnung trat und begünstigte die Erinnerung der
Vergangenheit Er fand Mariens Briefe die er zurückgelassen hatte weil es
einst sein ernstliches Bemühen war sie zu vergessen Wie lebhaft trat nicht
als er sie jetzt wieder las das Andenken jener glühenden Stunden vor seine
feurige Einbildungskraft und mahnte ihn an die unbeschreibliche Seligkeit die
er in ihren Armen genossen Es war ihm unmöglich seinen ersten Versuch sie zu
sehen bis auf den morgenden Tag aufzuschieben Er hüllte sich in einen Mantel
und trat nicht ohne heftige Bewegung den Gang zu ihrem Hause an
    Es war verschlossen er zog die Klingel man öffnete Eine unbekannte Person
kam ihm mit einem Lichte entgegen und frug nach seinem Begehren Er erkundigte
sich nach dem alten Müller Mein Gott wissen Sie denn nicht dass er nun schon
beinah vier Monate tot ist  Wodmar trat erstaunt zurück Und seine Tochter 
Hat dies Haus verkauft und wohnt bei einer Muhme in der andern Vorstadt 
Bestürzt verließ er die geliebte Schwelle und ging zurück
    Am andern Tage fand er ohne Mühe Mariens neue Wohnung Ungestüm pochte sein
Herz als er sich ihr näherte Mariens Muhme war eine Stickerin dies gab ihm
den Mut geradezu zu gehen denn Mariens edles Zürnen versprach ihm fürs erste
nicht den besten Empfang Er fragte nach Frau Köhler und man machte ihm die
Tür eines kleinen aber reinlichen Zimmers auf in welchem Tante und Nichte
arbeiteten Mit einem unbeschreiblichen Aufruhr aller seiner Empfindungen trat
er hinein Die tiefe Trauer nicht allein in Mariens Kleidung sondern auch in
ihrem Wesen lieh ihrer Schönheit einen neuen doppelten Reiz und gab ihr etwas
unendlich Rührendes Den Glanz den ihre schönen Augen durch Tränen verloren
hatten ersetzte eine sanfte Melancholie die ihre ernsten Blicke bewohnte 
Als sie aufsah und ihn erkannte ward sie bleich dann wieder glühend rot und
die Nadel fiel aus ihrer zitternden Hand Wodmar näherte sich schüchtern grüßte
beide mit einem Anstrich von Scham Verwirrung und Reue der ihn wie er wohl
wusste nicht verstellte und bat die Alte ihm die Muster ihrer Stickereien zu
zeigen weil er einige Bestellungen machen wollte Sie ging und Wodmar und Marie
blieben allein
    Sie fühlte tief die Gefahr dieses Augenblicks stand auf und wollte sich
entfernen In ihrer Haltung lag ein Adel eine Würde die den Grafen noch mehr
entflammte dessen Inneres alle Begierden mit dreifacher Macht durchschauerten
die das reizende Mädchen jemals in ihm erweckt hatte Er hielt sie auf Marie
rief er mit einer Stimme deren liebeatmender Ton zart aber innig die
leisetönendsten Saiten ihrer Empfindung berührte Marie willst Du kein Wort zu
meiner Verteidigung hören  kein Wort von Versöhnung  Sie wandte sich weg
und verhüllte ihr weinendes Angesicht  O Marie fuhr er fort indem er vor
ihr niederkniete und sie ungeachtet ihres Widerstrebens umfasste kannst Du dem
Mann verzeihen der Deine engelreine Tugend so bitter beleidigte  Kannst Du
ihm vergeben wenn er reuig zu Dir zurückkehrt und wieder gut machen will was
sein Leichtsinn verdarb  Sieh ich wollte Deinem Bilde entfliehn aber es
folgte mir wie das Andenken Deiner ehemaligen Liebe Umsonst sucht ich Dich zu
vergessen  alle wonnevollen Stunden vorüber geflohner Zeiten alle Freuden
die ich an Deinem Busen genossen alle noch schöneren Träume der Zukunft deren
Erfüllung ich hoffte vereinigten sich mir mein Leben ohne Dich zur Qual zu
machen Und Du solltest mich verstoßen Marie da nur Deine Hand mich wieder auf
die rechte Bahn zu leiten vermag Du solltest Dein Herz das mich ehedem so
zärtlich liebte jetzt auf ewig für mich verschlossen haben jetzt da ich es
erst verdiene 
    Marie richtete sich auf und sah ihm mit einem Blick ins Auge in dem ein
Himmel voll Selbstgefühl lag Warum sagte sie ernst und ruhig warum erinnern
Sie mich an Zeiten deren ich nur noch wie eines Traumes gedenke Warum
unterbrechen Sie durch Ihren Anblick den Frieden meiner Einsamkeit aufs neue 

    Um rief der Graf vor Freude zitternd als er die Milde sah mit der sie zu
ihm sprach um Dir Geliebte meines Herzens die größte Probe von der Wahrheit
meiner Reue und meiner Liebe zu geben indem ich Dich durch eine rechtmäßige
Verbindung zu der meinigen mache Starr blickte Marie in die zärtlichen Augen
des Geliebten  O wenn dies nur eine Betörung meiner Sinne ist seufzte ihr
Herz so möge sie nie der Wirklichkeit weichen Lass mich niemals erwachen
gütiger Gott wenn ich jetzt träume
    Frau Köhler kam jetzt wieder und war äußerst erstaunt den schönen Fremden
vor ihrer Nichte auf den Knieen und diese in Tränen zu finden Es waren die
süßen Tränen der Vergebung in denen sie die letzten Funken ihres Unmuts
erstickte und die die düstern Spuren einer bitteren Vergangenheit in ihrer Seele
verlöschten Wodmar sprang auf gab sich der Alten zu erkennen und entdeckte
ihr den Vorsatz ihre Nichte zu heiraten Er war unwiderstehlich wenn er bat
und war es doppelt wenn er die Befriedigung seiner Leidenschaften hoffte
    Frau Köhler merkte wohl dass sich die Liebenden länger kannten als heute
es wurde ihr nicht schwer zu sehen dass Marie den schönen Grafen liebte  und
wie wär es anders möglich gewesen Ihr sorgenloses Herz ohne allen Argwohn von
dieser glühenden Liebe gefesselt die die erste ihres Lebens war sah in ihm nur
das was er scheinen wollte den Bereuenden Zurückkehrenden der ihr und seiner
Zärtlichkeit alle Vorteile seines Standes zum Opfer bringen und die Tage ihrer
Trauer um ihn ihr nun vergolden wollte Zwar regten sich noch Zweifel in ihr
aber sie betrafen mehr sie selbst als die Redlichkeit des Geliebten Werd ich
Dir auch rief sie zaghaft aus durch alles was ich bin und habe die Opfer
belohnen können die Du mir bringst Ach bedenke wohl was Du tun willst Du
musst dann jeder Verbindung entsagen die Deinem Stand und Deinem Reichtum
angemessner wäre und für ein armes Bürgermädchen leben das nie aus dem engen
Kreise ihrer Häuslichkeit kam und nichts weiß als Dich zu lieben Wird Dirs
dann niemals gereuen wenn Du die vornehmen Fräulein und Gräfinnen siehst die
Deine arme Marie in allem so weit übertreffen dass Du mich gewählt hast zur
Gefährtin Deines glänzenden Lebens O geliebter Karl meine ganze Seele hängt
an Dir aber mit frohem Mut will ich Dir entsagen wenn Du glaubest durch mich
nicht so glücklich zu werden wie ich durch Dich
    Höre mich Marie sprach der Graf Ich liebe Dich mit unendlicher
Leidenschaft und kann nur mit Dir glücklich sein und sonst mit Keiner Gern
sagt ich zu Dir teile den Glanz meiner äußern Lage mit mir aber ich habe
einen sehr ehrgeizigen Vater und kenne ihn zu gut als dass ich mir schmeicheln
könnte er würde jemals in unser Glück willigen Die Vorurteile der Konvenienz
sind ihm heiliger als die Gesetze der Natur, und Fluch und Enterbung würde mein
Loos sein wenn ich es wagen wollte ihm meine Liebe zu Dir zu entdecken Aber
wenn Du in mir nicht den Grafen sondern nur den Menschen nicht den glänzenden
Schimmer sondern nur meine feste Anhänglichkeit liebst wenn Dir mein stiller
Besitz genügt so willige in eine heimliche Heirat bis der Tod meines Vaters
einst die Freiheit in meine Hände gibt laut die schönen Fesseln zu bekennen
und zu zeigen die uns vereinigt haben Ich habe ein einsames abgelegenes Gut
welches Dich und unsre Freuden dem Blick der Welt verbergen kann bis ich unsre
Verbindung gestehen darf Meine Liebe soll Dir die Einsamkeit versüßen meine
Treue mein Dank Dir lohnen für Deine Einwilligung
    Marie errötend halb in Scham halb in Freude verloren schloss ihn in ihre
Arme und sagte mit rührender Zärtlichkeit O Karl wenn ich wirklich hoffen
kann Dich glücklich zu machen so werde auch ich es sein und wäre eine Wüste
mein Aufenthalt Aber  eine Träne trat in ihr glänzendes Auge  wie könnt
ich jemals mich selbst ertragen wenn nur die leiseste Reue über Deine Wahl Dich
anwandelte
    Wie leicht ist ein liebendes Herz überredet Marie glaubte gern und froh den
Schwüren ihres Wodmars und Frau Köhler fand sich zu sehr geschmeichelt von der
vornehmen Verwandtschaft die ihr bevorstand als dass sie hätte an der Wahrheit
seiner Beteuerungen zweifeln können Der Graf bat sie um Verschwiegenheit und
um ihre Begleitung für Marien  So schwer ihr auch das erste vorkam denn sie
hätte gern der ganzen Stadt das Glück ihrer Nichte erzählt so fühlte sie sich
doch durch sein zweites Anerbieten viel zu geehrt als dass sie ihm nicht
unbedingt hätte Gehorsam versprechen sollen Jetzt schied Wodmar und ließ beide
in den süßesten Träumen von Ehre und Liebe zurück  Als er nach Hause kam und
nun ganz allein mit seinen Gedanken war regte sich sein Gewissen mit
schmerzlichen Stichen und der Betrug den er sich erlauben wollte stand mit
seiner ganzen Abscheulichkeit vor seiner Seele Aber er wusste bald seine
Absichten so schwarz sie auch waren zu entschuldigen
    Sind wir nicht am glücklichsten sprach er zu sich selber wenn ein
freundlicher Wahn uns täuscht und eine holde Betörung ein Traum uns gibt
was uns ewig die Wirklichkeit versagt  Es ist wahr ich hintergehe Marien
aber nur um sie glücklich zu machen Dieses zärtliche Herz das mich nie
vergessen konnte ungeachtet ich sie so sehr beleidigt hatte würde im einsamen
Kummer gebrochen und ihre Reize verwelkt sein wenn ich nicht käme sie ins
Leben zurück zu rufen Und kann ich ihr nicht diese Täuschung in der sie die
Erfüllung ihrer Wünsche findet verlängern so lange ich will  Sichere ich ihr
nicht im Fall sie auch den Betrug entdeckt der sie zu der meinigen macht ein
hinlängliches Auskommen für sie und ihre Kinder  Und steht es nicht bei mir
ihr so lange sie lebt meine wahren Verhältnisse zu verbergen Wer wird es
wagen ihr zu entdecken dass ich verheiratet bin wenn ich es verbiete  Nein
fuhr er beruhigt fort sie müsste mir es eigentlich selbst Dank wissen dass ich
mich zur List herabgelassen habe ihre Bedenklichkeiten zu überwinden ohne ihre
Tugend die ihr so heilig ist scheinbar zu verwunden Ich mache mir keine
Vorwürfe mehr Sie wird ihr Glück in dem meinigen finden 
 
                              Dreizehntes Kapitel
Er besuchte nun Marien täglich teils verkleidet teils in der Dämmerung die
ihn den Blicken der Neugierigen verbarg Sie verlangte noch zwei Monate Frist
um mit dem Ende ihrer Trauer den Anfang ihres Glücks zu beginnen und Wodmar
der die Wintervergnügungen leidenschaftlich liebte bestritt ihre billige Bitte
nicht und überließ sich indessen allen den Freuden die sich ihm darboten
schon zufrieden das schöne Ziel ihres Besitzes vor Augen zu haben O wenn mein
Vater noch lebte sagte Marie zuweilen wenn sie süß berauscht von der
wonnevollen Aussicht ihrer künftigen Tage in seinen Armen lag wie würde er sich
freuen seine Tochter der Tugend getreu und glücklich zu sehen Als er starb und
ich vor seinem Bette kniete seinen letzten Segen zu empfangen nahm er mit
seiner kalten Hand die meinige und ermahnte mich nie meine guten Grundsätze zu
vergessen Sei noch so arm und verlassen sagte er so wirst Du dennoch nicht
unglücklich sein wenn Dein Gewissen rein ist und Dein Bewusstsein Dich an keine
Handlung erinnert vor der Du erröten musst Eine gute Aufführung eine edle
Denkungsart belohnt sich von selbst Wenn sie auch oft die Welt vergisst und
übersieht so ist der innere Frieden den sie mitten in Verfolgung und Elend dem
Herzen gewährt reichlicher Ersatz für die Entsagungen die sie fordert Denn
glaube mir es kommt eine Stunde wo uns alles was uns im Leben schön und
glänzend schien schal und unschmackhaft mit verblichenen Farben vorkömmt wo
wir jeden kleinen Fehltritt schmerzlich bereuen jede übereilte Tat ungeschehen
wünschen weil das sterbende Auge wie durch ein Vergrösserungsglas seine
begangnen Fehler sieht und der Glaube an Vergeltung Dornen auf das Krankenlager
streut O wohl mir dass ich meine Schuldigkeit tat so viel mirs möglich war
dass ich mich bemühte gut zu sein und den Keim der Tugend in Dir nicht zu
ersticken sondern zu bilden Ehre mein Andenken indem Du meinen Lehren getreu
bleibst Dein Ohr dem Sirenengesang des Lasters Dein Auge den Lockungen der
Verführung entziehst und nur guten frommen Empfindungen Raum in Deiner Seele
gibst 
    Der gute Vater fuhr Marie mit sanften Tränen fort wie ruhig starb er
nicht als ich ihm alles dies versprach  Und ehe der Tod noch sein Auge
schloss fragte er mich mit brechendem Blick und Ton Was wird aus Ludwig  Ich
konnte nur mit Seufzern und Tränen antworten Er verstand mein Schweigen
drückte mir die Hand und sagte mit einer Güte an die ich nie denken werde ohne
vor dankbarem Schmerz außer mir zu sein Ich will Dich nicht überreden meine
Tochter ich will Dir nicht einmal meine Wünsche sagen aus Furcht Du möchtest
sie als die letzten die ich tue auf Kosten Deiner Neigung erfüllen Aber
prüfe Dich wohl wenn Du einst eine Wahl triffst ob sie auch verdient dass Du
ihr Ludwig opferst  Hier wurde sein Auge immer dunkler und starrer nur dann
und wann flackerte es wild auf und wurde dann wieder ruhig ehe eine ewige
Nacht es bedeckte  Ach da vergingen mir die Sinne, und ich fiel hin auf die
geliebte Leiche und wünschte mich an ihre Stelle 
    Wodmar fühlte sich von dieser einfachen Erzählung heftig ergriffen ein
leiser Schauer durchflog wie Fieberfrost alle seine Glieder aber er versteckte
unter dem Anschein einer Rührung die ihm Marien noch werter machte seine
wahren Empfindungen
    Das war der Tod eines braven Mannes sagte Frau Köhler und war doch nicht
ganz frei von Unruh und Angst  wie muss nicht der Bösewicht sterben dessen
Leben nichts als eine Reihe vorsetzlicher mutwilliger Sünden war Ach in der
Todesstunde schweigt der Lärm der Fröhlichkeit mit dem er sein Gewissen in
gesunden Tagen zu übertauben pflegte und alle seine Laster treten nackt und
schwarz um sein Sterbelager und haben die bunten Farbenkleider von sich
geworfen in denen er ehedem gewohnt war sie zu erblicken Wenn sich nun dem
Gottesläugner dem Betrüger dem Verführer  und oft findet man alles in einer
Person  wenn sich ihm nun die dunkle Aussicht in das Land woher keiner
wiedergekommen ist uns zu sagen wie es dort aussieht mit allen Schrecknissen
des Todes öffnet und der Gedanke an die Vergeltung die uns dort verheißen ist
füllt seine Seele mit Verzweiflung und durchfährt sein Inneres wie tausend
Dolche  o wie gern gäbe er die Wollust ganzer Jahre in der er schwelgte für
einen einzigen Tropfen Linderung den eine gute Handlung seiner namenlosen Angst
böte  Wie wird nicht jeder seiner Seufzer ein Fluch der Vergangenheit jede
Erinnerung ein Anspruch den die Verdammnis auf ihn macht  
    O hören Sie auf rief der Graf indem er bebend von seinem Stuhle sprang
und sich dann in lebhafter Bewegung wieder neben Marien warf und sein Gesicht
in dem Fieberhitze mit Todesblässe wechselte an dem ihrigen verbarg hören Sie
auf mit Ihren schrecklichen Bildern und lassen Sie uns lieber die Armen
schweigend bedauern deren Leben sich so fürchterlich endigt  Marie umschlang
ihn mit einem ernsten Gefühl von Wohl und Wehe Lass uns gut sein mein Karl
sagte sie und dann wird unsre letzte Stunde ruhig wie die vergangenen nur ein
wenig feierlicher vorüberziehn 
    Wodmar hatte kein Bleibens mehr Mit Wermutsbitterkeit war in ihm die
Stimme des Gewissens erwacht die er durch die anmutigen Hoffnungen einer
rosenfarbnen Zukunft in Schlummer gewiegt hatte Er eilte nach Hause Das
Verbrechen das er begehn wollte die einsamen Qualen des Sterbebetts eines
Verführers und die Ahndung einer Strafe nach dem Tode standen mit allen ihren
Schrecken vor seiner feurigen Fantasie und er wollte ihnen ausweichen indem er
Marien entsagte 
    Aber Marien entsagen   Marien die ihm mit jedem Tage reizender schien
die mit der ganzen Wärme der ersten Liebe sich an ihn anschloss  Marien die
sich von ihm die Erfüllung ihrer Träume versprach die ohne ihn unglücklicher
gewesen wäre als es vielleicht selbst nach der Entdeckung seines Betrugs
möglich war   und dies alles in der Blüte seiner Kräfte und Jahre bei
diesem heißen Verlangen sie zu besitzen bloß weil die gereizte Einbildungskraft
einer frömmelnden Matrone ihm eine Hölle vorspiegelte die wenn er sie auch
wirklich glaubte doch noch weit weit von ihm entfernt war  Und konnte er
sich nicht dann noch bekehren wenn ihn die Abnahme seiner Gesundheit und die
Annäherung des Alters erinnern würde dass es Zeit sei   So raisonnirte er
sich selber seine Unruh hinweg und die Zerstreuungen taten das ihrige
    Niemand war glücklicher als Marie ihr jetziges Leben glich einem
ungetrübten Fluss auf den der Himmel sein Bild prägte und der nur Sonnenschein
und Klarheit in seinen Spiegel aufnahm Auf rosenfarbnen Flügeln eilte der
Winter vorüber sie legte die Trauerkleider ab zwar noch mit einer Träne
dankbarer Rückerinnerung an den Verstorbenen die aber der Vorbote von süssern
war Es war gegen Ende des Märzes als der Graf da er sie zum erstenmal wieder
in bunten Farben erblickte sie an ihr Versprechen erinnerte sein zu sein
Marie errötete sanft und Wodmar küsste von ihren Lippen das Geständnis ihrer
Einwilligung
    Man machte Anstalten zur Abreise Marie hatte eine ansehnliche Summe Geld
aus dem Verkauf ihres Hauses und ihrer liegenden Gründe erhalten die sie mit
sich nahm Eine andere legte sie nieder für Ludwig nebst einem Brief in dem
sie ihm ihr künftiges Schicksal trotz dem Verbot des Grafen entdeckte Sie
glaubte ihm sich und selbst der Asche ihres Vaters diese Aufrichtigkeit
schuldig zu sein und kannte Ludwigs sichern Charakter zu gut als dass sie hätte
nachteilige Folgen von ihrem Zutrauen befürchten können
    Ich habe mich selbst betrogen Ludwig schrieb sie ihm nicht ohne Kummer
weil sie voraussah wie sehr ihn dieser Brief betrüben würde Ich glaubte Dich
zu lieben aber es war nur Freundschaft was ich für Dich empfand und sie
gnügte meinem Herzen als es noch unbefangen war und die Liebe noch nicht
kannte Aber jetzt da ich den Mann habe kennen lernen den ich allein mit
Leidenschaft zu lieben vermag unter allen jetzt nimm meinen innigsten Dank für
das Vertrauen mit dem Du von mir das Glück Deines Lebens hofftest und die
Bitte um Verzeihung dass ich es niemals Dir gewähren kann Ein heiliges
unauflösliches Band vereinigt mich in wenig Tagen mit dem Grafen von Wodmar und
es wird meinem künftigen Glück nichts fehlen wenn ich Dich ruhig und zufrieden
weiß  und dies wirst Du gewiss bald sein wenn es Dir auch jetzt weh tut mich
verloren zu haben Denn die liebenswürdigen Eigenschaften Deines Herzens werden
Dir bald eine Freundin erwerben die Dich mehr verdient als Marie die wenn
sie Dir auch Wort gehalten Dir doch nur ein geteiltes Herz hätte geben können
das Deiner unwert gewesen wäre da Du ein ganzes verdienst Nicht der Glanz
der mit dem Stande meines künftigen Mannes verknüpft ist hat mich verblendet
sondern Liebe zu ihm selbst die sich unwiderstehlich meines Wesens bemächtigte
Denn erst nach Jahren wenn die Hindernisse nicht mehr sind die jetzt die
Konvenienz unsrer Verbindung entgegen stellen würde erst dann werd ich
öffentlich diesen Glanz der mir gleichgültig ist mit ihm teilen und laut den
Namen führen der mich bis dahin in der Stille beglückt  Dir mein Freund
teile ich im vollen Vertrauen auf Deinen Edelmut und Deine Verschwiegenheit
dieses mein heiligstes Geheimnis mit um Dir mein schnelles Verschwinden zu
erklären Nimm diese Summe als ein Andenken an mich und meinen gütigen Vater
der sie für uns beide sammelte und wenn wir uns einst nach langer Zeit
wiedersehen so lass mich in Dir den treuen Freund wiederfinden der Du mir warst
so lange ich denken kann
    Als Marie diesen Brief geschlossen hatte dünkte es ihr als hätte sie sich
nun von allem losgerissen was sie bisher noch abhielt ganz ihrem geliebten
Grafen zu leben Noch einmal ging sie auf den Kirchhof um Abschied von dem
Grabe ihres Vaters zu nehmen  Die ersten Veilchen die es gab hatte sie sich
bringen lassen und als ein Todtenopfer auf den braunen Hügel gestreut der die
teuren Überreste verbarg Noch einmal sagte sie in stummen Gebeten für den
Frieden seiner Seele ihm Dank für alle seine väterliche Sorge   es wurde ihr
so wohl und doch so weh dass sie ihren gedrängten Gefühlen keinen Namen geben
konnte Wie eine dunkle Gewitterwolke zog eine bange Ahndung an ihr vorüber
aber der Sonnenstrahl der Liebe leuchtete drein und verminderte ihre Schwermut
 
                              Vierzehntes Kapitel
Sie reisten am andern Morgen ab Marie ohne Betrübnis die Stadt zu verlassen in
der sie geboren und erzogen war denn fern von ihren Mauern warteten süssere
Bande auf sie als sie noch jemals getragen hatte  Schon auf der ersten
Station holte sie der Graf ein und nun setzten sie vereint ihre Reise fort
    Glückliche Tage  auch lange nachher hob noch bei ihrem Andenken ein
stiller Seufzer Mariens Brust und schien sie zurück zu wünschen An der Seite
des Mannes den sie liebte und der nun bald ihr auf ewig angehören sollte die
schönsten Gegenden ihres Vaterlandes gleichsam zu durchfliegen  Freude und
Belehrung in jedem Gegenstand zu finden an dem sie vorübereilten  dazu die
sanfte laue Luft und der ungetrübte Himmel des ersten Frühlings  die Neuheit
die das Vergnügen des Reisens für sie hatte und die schonende Zartheit mit der
der Graf um sein Opfer noch mehr zu täuschen mit ihr umging   endlich die
Hoffnung einer nahen Vereinigung die über alles ihren eignen Zauber goss  war
dies nicht genug um ein schuldloses empfängliches Herz wie das ihrige mit
dem höchsten Grad des Entzückens zu füllen
    Am dritten Tage kamen sie auf ein Landgut an wo man sie schien erwartet zu
haben Wodmar führte seine Marie in das alte prächtige Schloss und gleich nach
ihrer Ankunft verrichtete ein gewissenloser Betrüger den der Graf durch
Bestechungen gewonnen hatte mit allem Schein der Wahrheit die heilige Handlung
der Vermählung
    Sie blieben hier nur wenige Tage denn Wodmar glaubte sich hier nicht
verborgen genug dann verließen sie diesen Marien so teuer gewordnen Ort um
den zu erreichen der ihre künftige Bestimmung war
    Nesselfeld lag nur sechs Meilen davon aber immer einsamer wurde der Weg
der über unfruchtbare Haiden und steinigte Felder dahin führte Endlich als die
öde Gegend immer flacher und flacher wurde sahen sie es schon weit aus der
Ferne liegen denn es war das einzige Haus das das Auge auf der ganzen leeren
mit Getreide sparsam bebauten Ebene erblickte Einige wilde Kastanienbäume
deren Grün noch nicht erwacht war warfen den Schatten ihrer unbekleideten Äste
auf den Hofraum und an der grauen halbbemoosten Steinwand schlängelte sich der
gesellige Epheu empor Sie stiegen ab der Kastellan des Schlosses empfing sie
und öffnete ihnen die Zimmer die für sie bereitet waren Außer ihm und dem
Schlossgesinde gab es meilenweit kein lebendiges Wesen in der Gegend denn
Nesselfeld lag ganz allein ohne ein Dorf das dazu gehörte Ein artig möblirtes
Zimmer mit einem schönen Klavier über welchem das wohlgetroffne Bild des
Grafen in Lebensgröße hing war für Marien bestimmt und hatte eben dieses
Bildes wegen unaussprechlichen Wert für ihr Herz Auch fand sie eine kleine
Bibliothek die ihr Unterhaltung genug in ihren Nebenstunden hoffen ließ
Übrigens hatte das Ganze ein etwas melancholisches Ansehen Trat sie ans
Fenster halb von dem düstern Grün des Epheus verdunkelt so breitete sich die
unermesslich weite Fläche vor ihren Blicken aus die sich in ferne zum Teil von
Waldung geschwärzte Höhen verlor Nirgends eine Spur von Leben und Tätigkeit 
nirgends ein Gegenstand auf dem das Auge mit Teilnahme hätte verweilen können
 Aber Marien dünkte an der Seite ihres Karls die Gegend paradiesisch Sie
fühlte sich so innig vertraut mit jedem Wehen der kosenden Frühlingsluft
empfand so tief und mit so viel Dank das Glück seiner Liebe dass die Schwermut
ihres Aufenthalts keinen Eindruck auf sie machte
    Auch Wodmar lebte die glücklichsten Tage die ihm noch jemals geworden
waren in den Armen dieses reizenden Geschöpfs und in dieser menschenleeren
Einsamkeit Er der immer mehr gesucht als gefunden immer mehr verlangt als
genossen hatte sah durch Mariens Zärtlichkeit die ihm immer neu blieb die
süßen Erwartungen übertroffen die er genährt hatte Bessere Regungen als er
noch jemals gekannt kehrten bei ihrem sanften Umgang in sein Herz zurück und
bittere Empfindungen durchbebten es bei dem Gedanken sie so grausam hintergangen
zu haben Ach er hatte oft die liebevolle Sorgfalt nötig mit der sie seinen
Kummer zu zerstreuen suchte wenn sei Bewusstsein ihm Vorwürfe über den schwarzen
Betrug machte den er sich erlaubt hatte Vielleicht wenn seine Hand noch frei
gewesen wäre hätte er mit ihr ihre gränzenlose Liebe belohnt  vielleicht
wenn er den ganzen Umfang ihrer Güte den ganzen Wert und die ganze Reinheit
ihres Wesens die sich ihm nun enthüllte vorher gekannt hätte hätte er den
schönsten Sieg über sich selbst errungen und nie den goldnen Frieden ihrer
Unbefangenheit gestört Marie wäre dann glücklich mit ihrem Ludwig wenn auch
nicht durch eine leidenschaftliche Liebe doch durch gegenseitige Achtung und
Gleichheit ihrer Verhältnisse geworden und der Staat hätte eine nützliche
bürgerliche Familie mehr gehabt Aber nun  da alles geschehen war was es ihm
unmöglich machte zurück zu gehen da ein feierliches Gelübde ihn an Josephinen
die zärtlichste Neigung ihn an Marien band da entschloss er sich wenigstens ihr
so lang als möglich den durchbohrenden Schmerz der Entdeckung ihrer wahren Lage
zu ersparen und ihr einsames Leben so süß zu machen als in seinen Kräften
stand
    Einige Monate brachte er bei ihr zu ohne sich andre Freuden zu wünschen
als ihm ihr Umgang bot Nie hatte er im Getümmel der großen Welt geglaubt dass
Häuslichkeit so süß sei Marie wusste sie durch eine immer gleiche Heiterkeit
ihres lebhaften Geistes durch ein beständiges freundliches Entgegenkommen
seiner Wünsche und durch die angenehmen Talente zu würzen die sie gesammelt
hatte und zu vermehren suchte Oft gingen sie Hand in Hand durch die sparsam
grünende Wiese über die sich ein schmaler Bach mit Weiden bepflanzt
lieblichflüsternd ergoss und war gleich die Aussicht weit und leer so blickten
sie sich wechselsweise ins Auge und glaubten im Paradiese zu wandeln Oder sie
saßen in der Mittagsstunde unter den Kastanien in ihrem Hofraum in ein süßes
Schweigen versunken  oft angenehmer noch als das traulichste Geschwätz  und
nahmen ihr einfaches Mittagsmahl ein Sanft regte sich der laue Wind in den
breiten schattigten Blättern und manche weiß und rötliche Blüte wehte sein
Hauch herab um damit ihre Tafel zu schmücken Oder sie sahen die Sonne
untergehen wie sie hinter die fernen Anhöhen wie in ein Meer von Purpur sank
und Wodmar hinderte den rosenfarbnen Schimmer ihres Wiederscheins Mariens
Gesicht zu erreichen das die Gesundheit schöner geschmückt hatte als es das
Abendrot vermochte  oder wenn der Abend herandunkelte lockte Marie den
Geliebten durch die silbernen rührenden Töne die sie dem Klaviere abzugewinnen
wusste in ihr stilles friedliches Zimmerchen und begleitete sie wenn er kam
durch ihren kunstlosen aber reizenden Gesang der ohne mit Künsteleien
überladen zu sein unwiderstehlich zum Herzen drang
    War das Wetter trübe und erlaubte ihnen nicht im Freien zu sein so schloss
Marie den Bücherschrank auf und sie lasen sich wechselseitig vor  oder der
Graf unterrichtete sie im Zeichnen worin er viel Geschicklichkeit besaß und
freute sich der Fortschritte die seine holde Schülerin in allem machte was sie
unternahm Bald erfanden sie Desseins zu Stickereien die dann Mariens Nadel auf
seidenen Grund zauberte während Wodmar ihr vorlas  bald gaben sie sich mit
ernstaftern Dingen ab entwarfen Landschaften Monumente oder zeichneten
Kupferstiche nach  oder Wodmar lehrte sie Französisch und Marie begriff um
ihres Lehrmeisters willen alles mit erstaunender Leichtigkeit
    So flohen mit unbeschreiblich süßer Eile die Stunden des Beisammenseins
vorüber und ernst und traurig nahte ihnen die Trennung  Marie weinte die
bittere Träne des Abschieds an seinem Herzen und auch ihn beklemmte das
Lebewohl mit namenloser Wehmut O wie gern hätte er ganze Jahre seines Lebens
dahingegeben um den Vorwürfen zu entfliehen die ihm sein Gewissen mit jeder
neuen Probe lauter machte die ihm Marie von ihrer Liebe gab
    Die Gewohnheit sie täglich zu sehen und die anspruchlose stille Güte
ihres Charakters und ihre ungeheuchelte Frömmigkeit in einer Menge kleiner
Vorfälle zu bemerken  seine jetzige unzerstreute einfache Lebensart seine
Entfernung von den verdorbnen Sitten der großen Welt und der wohltätige
Einfluss der Natur auf sein ganzes Wesen hatten ihn besser und fühlbarer für
Mariens Wert und seinen eignen Unwert gemacht als er es jemals war Tiefe
Schwermut umhüllte seine Stirn und trübte sein Auge  und er empfand die
Wahrheit in ihrem ganzen Umfang dass der Betrogne fast immer glücklicher ist
als der Betrüger
    Endlich schied er Marie sah ihm aus ihrem Fenster nach so weit ihr Auge
reichte  selbst auf der Staubwolke hinter der sein Wagen verschwand
verweilte noch lange ihr Blick und dann verhüllte sie ihn und seine Tränen 
Wie war ihr nicht alles so leer als Er ihr fehlte  Wie vermisste sie ihn nicht
überall wo Er sonst mit ihr gegangen war und wie öde dünkten ihr jetzt ihre
Spaziergänge denen damals nur seine Gesellschaft Anmut und Reize lieh  Zwar
hatte er ihr versprochen oft zu schreiben und auf diese Art sie und sich über
die Schmerzen der Trennung zu täuschen  aber ach ist wohl der tote Buchstabe
des Briefwechsels Ersatz für die Abwesenheit des Geliebten Konnte er sie
entschädigen für das Glück ihn zu sehen ihn zu sprechen ihn zu umarmen 
    Die ersten Tage vergingen ihr in tiefer Traurigkeit Endlich verlor ihr
Schmerz bei ihrer angeborenen Milde etwas von seiner Schärfe und die Hoffnung
des Wiedersehns verwandelte ihn in eine sanfte Melancholie die ihr teuer
wurde Sie ertrug gern die Einsamkeit in die sie die Liebe verbannte und wusste
sie zu verschönern Sie schrieb ihm täglich und ihre Briefe trugen das Gepräge
der Sehnsucht der Zärtlichkeit und des innigsten Vertrauens Sie arbeitete
fleißig denn es war für ihn Sie setzte ihr Zeichnen und ihr Französisch mit
einem unermüdeten Fleiß fort und in den Abendstunden die ihr sonst mit ihm so
fröhlich vergangen waren folgte sie dem stillen Gebot ihrer Gefühle und stimmte
oft das traurige Lied aus Nina an welches ihr Karl einst gelernt hatte und das
jetzt auf ihren Zustand passte
                      Quand le bienaimé reviendra etc 
 
                              Funfzehntes Kapitel
In tiefe Betrachtungen verloren setzte der Graf seinen Weg fort und oft wandte
er sein Auge zurück um noch einmal den Ort zu erblicken wo er so unvergesslich
glücklich gewesen war Er fühlte sich sonderbar erschüttert von den Empfindungen
des Abschieds  die Tränen waren ihm so nahe das Herz so weich und so geneigt
zur Wehmut wie noch nie in seinem Leben  O Marie sagte er zu sich selbst
wärst Du wirklich mein durch rechtmäßige Verbindung die ich laut bekennen
dürfte wie Du jetzt im Stillen mein bist durch Dein unverdientes Vertrauen in
meine Redlichkeit  wie gern wollte ich dem eitelen Schimmer entsagen der mir
sonst so wichtig dünkte um ganz für Dich und die häuslichen Freuden zu leben
die Du mich erst kennen lehrtest
    Er kam auf dem Landgut an wo er Josephinen verlassen hatte Sie empfing ihn
freudig und zärtlich Die Schwermut ihrer unglücklichen Liebe hatte sich in der
Einsamkeit selbst aufgezehrt da sie keine Nahrung fand und es war ihr nichts
mehr davon übrig geblieben als ihrem Auge ein freundlichumwölkter Blick und
ihrem Herzen eine Narbe und ein süßes Andenken der Vergangenheit das sie noch
oft beschäftigte ohne ihr mehr weh zu tun Sie war schöner und blühender
geworden als sie Wodmar je gesehen hatte und die nahe Aussicht Mutter zu
werden die sie ihm erst jetzt mit einem süßen Erröten gestand webte um beide
das innige Band einer gegenseitigen Achtung durch Dankbarkeit und Zärtlichkeit
erhöht Wodmar war ernster stiller und einfacher geworden Dies brachte ihn
Josephinen näher die ihn nun wirklich anfing zu lieben und das Bild ihrer
frühern Leidenschaft immer mehr in den Hintergrund ihrer Seele stellte
    Die Erinnerung an Marien riss jedoch eine brennende Wunde in sein Herz Es
war ihm unmöglich Josephinens nur durch eine kleine Zurückhaltung gemässigte
Zärtlichkeit so innig zu erwidern als sie verdiente Der Gedanke nicht allein
Marien betrogen sondern auch gegen das tugendhafteste Weib unedel gehandelt zu
haben trat wie ein böser Dämon immer vor ihn und verbitterte seine Freuden Die
Hoffnung Vater zu werden erfüllte ihn mit Dank und innigem Anteil gegen
Josephinen aber sein Aufenthalt bei ihr war ihm peinlich da er sich von ihr
geliebt sah und sein Herz ihm sagte wie unwert er ihrer Anhänglichkeit sei
und wie unfähig sie durch Gegenliebe zu vergelten
    Er war ganz verändert Den Ausdruck und die Heftigkeit seiner sonst so
stürmischen Gefühle brach jetzt eine stille Sanfteit die unwiderstehlich an
brausenden Menschen ist und ihm in den Augen seiner sanften Gemahlin noch ein
Interesse mehr gab Seine Sehnsucht nach Marien stieg bis zur Schwärmerei Mit
Blicken der Liebe sah er jede Wolke an und dachte vielleicht hat sie über der
Gegend geschwebt wo sie wohnt und um mich trauert und auch in der Ferne tat
ihm die Überzeugung wohl der Gegenstand ihrer Liebe und ihres Verlangens zu
sein
    In dieser Stimmung verlebte er die Sommermonate  Im Anfang Augusts wurde
Josephine von einem Knaben entbunden und mit wehmütiger Freude drückte er den
Sohn ans Herz und dankte der Mutter für das kostbare Geschenk ihrer Liebe Ein
liebliches Rot stieg auf Josephinens vorher blasse Wange Ich schenke Ihnen
mehr als diesen Knaben liebster Wodmar sagte sie mit schwacher und gerührter
Stimme ich schenke Ihnen mein Herz das von nun an ganz und auf ewig das Ihrige
ist Ungern gab ich Ihnen meine Hand und die Grundsätze die Sie im Anfang
unserer Verbindung äußerten stimmten so wenig mit den meinigen überein dass ich
kälter gegen Sie war als ich es vielleicht hätte sein sollen Aber ich fühle
mich jetzt nicht allein durch dieses Kind auf das wir gemeinschaftliche Rechte
haben sondern auch durch eine freiwillige zärtliche Neigung zu Ihnen
hingezogen mit welcher ich mich bemühen will Sie so glücklich zu machen als
ich es durch Sie sein werde Sie scheinen jetzt die Vorzüge eines häuslichen
Lebens vor den Freuden der Stadt einzusehn  lassen Sie uns wenn Ihr Herz
ihnen entsagen kann  einen stillen ländlichen Aufenthalt immer dem Geräusch
der großen Welt vorziehn  oder wenn Ihr muntrer Sinn zuweilen nach
Abwechselung verlangt so genießen Sie allein die Lustbarkeiten die ich nicht
kenne und nicht kennen mag weil sie niemals Reiz für mich haben werden  und
mir erlauben Sie immer so einsam fort zu leben wie ich es jetzt gewohnt bin
Die Erziehung unsers Sohnes wird meinem Herzen und meinem Geist Beschäftigung
geben und mit alle der Liebe und Achtung die ich für Sie empfinde werde ich
Sie empfangen bester Gemahl wenn Sie müde des Herumschwärmens zurückkehren in
meinen Armen auszuruhn
    Mit einem liebevollen Lächeln reichte sie ihm ihre Hand und mit der andern
drückte sie den Säugling fest an ihre mütterliche Brust indem ihr Auge einen
ganzen Strom von Liebe über den schönen Mann ausgoss der an ihrem Bette kniete
und Tränen der Beschämung und der Rührung weinte Ihre ehemalige
Gleichgültigkeit wäre ihm lieber gewesen als diese liebevolle Milde die sein
Inneres verwundete denn sie hätte ihm eher den Schein eines Rechts gegeben
seine leidenschaftliche Anhänglichkeit an Marien zu entschuldigen und
fortzusetzen
    Ja meine Josephine nahm er endlich das Wort die große Welt hat keine
Reize mehr für den der die stillern Freuden der Häuslichkeit in ihrem ganzen
schönen Umfang gekostet hat Ich strebe nicht mehr nach den lächerlichen
Torheiten eines falschen Genusses die mir sonst so süß dünkten Ihrer wert zu
sein sei fortan das Ziel meiner Mühe O wenn ich auch noch nicht ganz diese
Liebe verdiene die Sie mir eben bewiesen haben so dulden ertragen Sie mich
mit Ihrer gewöhnlichen Sanftmut und Nachsicht und sein Sie versichert dass
mein Herz durch seinen eignen Kummer sich für jede Handlung selbst bestraft die
es missbilligen muss
    Er entfernte sich hier schnell das Tuch vor den Augen  Josephine sah ihm
verwundert nach Schon längst hatte sie einen gewissen Trübsinn an ihm bemerkt
der ihr zwar besser gefiel als der gaukelnde eitle Leichtsinn seines
ehemaligen Betragens der sie aber zu gleicher Zeit und nicht mit Unrecht auf
einen heimlichen Gram schließen ließ der an seinem Innern nagte Da er aber
nicht geneigt schien sich zu entdecken so wagte sie nicht um die Ursache
desselben in ihn zu dringen denn der Schmerz der sich selbst aufopfert indem
er sich verbirgt war ihr heilig
    Sie erlangte bald ihre verlorenen Kräfte wieder und die Mutterfreuden die
ihr so neu als entzückend waren beförderten ihre Genesung Jetzt dachte sie mit
einer Empfindung die ihrer Ruhe nicht mehr gefährlich war an August wie man
eines Gespielen aus früher Jugend gedenkt von dem uns das Schicksal trennte
ohne uns mehr von ihm zurück zu lassen als eine wehmutsvolle Erinnerung der
aber Zeit und Vernunft jede Bitterkeit nahm Sie hatte versprochen ihm zu
schreiben so bald sie sich diese Stimmung zugeeignet haben würde und jetzt war
der Zeitpunkt wo sie Wort hielt
    Die Sehnsucht nach Ihnen schrieb sie die mich zum Schreibtisch hinführt
gehört nicht mehr der Liebe an und darum bekenne ich sie Ihnen ohne zu
erröten Ein anderes Gefühl nicht weniger hehr und heilig wie das erste hat
seine Stelle eingenommen und in meinem Herzen trage ich das Bild meines Gemahls
und meines Freundes in seliger Eintracht Sie werden mich keines Wankelmuts
beschuldigen Wilmut wenn ich Ihnen frei bekenne dass dem Manne der den Bund
meiner ersten Liebe störte jetzt meine zweite gehört Er ist der Vater meines
Kindes und die Allmacht dieses Gedankens würde mich schon zu ihm hinziehn auch
wenn er weniger liebenswürdig wäre  Ich trat mit großer Abneigung in den
Ehestand aber eben die geringen Erwartungen meines Glücks machten dass ich nach
und nach den Wert meines Mannes und meiner Lage zu fühlen anfing Ich bemühte
mich jeden Wunsch zu ersticken der wider meine Pflicht war und bald gab mir
eine höhere Macht den Frieden wieder der meiner Seele fehlte Ich bin Mutter 
mit wonnevollen Tränen benetzte ich den Knaben dem ich Ihren Namen gab und
gelobte ihm und seinem Vater Liebe und Sorgfalt für meine ganze Lebenszeit
Nichts stört mehr das Glück meiner Ehe als die Besorgnis noch immer so innig
von Ihnen geliebt zu werden wie sonst Möchten Sie doch nichts mehr für mich
empfinden als jene feste unwandelbare aber ruhige Freundschaft die Sie mir
einst in jener schönen Stunde gelobten Mein Herz hat alle süßen Erinnerungen
der Vergangenheit aufbewahrt aber sie sind mir zum Traume geworden von dem mir
nur ein flüchtiges Schattenbild bleibt das ich mit feuchtem aber heiterem Auge
ansehe  den ich zurück haben möchte und doch ruhig vorüberfliehn sah Sind
Ihre Empfindungen für mich dieselben  haben auch bei Ihnen Zeit und
Abwesenheit und neue Gegenstände Balsam in die Wunde gegossen die Ihnen die
Liebe schlug  bin ich Ihrem Herzen noch wert ohne ihm mehr gefährlich zu
sein  o so reichen Sie mir noch einmal die Hand um den Bund zu erneuern den
wir schlossen und er dauere bis die Morgenröte eines zweiten Lebens tagt und
eine zweite Welt unsre festvereinten Seelen aufnimmt« 
    Wodmar begegnete Josephinen mit dem feinsten Zuvorkommen mit dem leisesten
Erraten aller ihrer Wünsche und da er je mehr sich ihm die Schönheiten ihres
Geistes und ihres Herzens entüllten mit immer tieferer Achtung sich an sie
anschloss glaubte sie sich so herzlich geliebt als er es war Aber ach  Marie
war eine zu gefährliche Nebenbuhlerin und Josephine vermochte nicht mit dem
zärtlichsten Bemühen ihm die Trennung von ihr ganz zu ersetzen Zu tief hatte
sich ihr liebenswürdiges Bild in sein Inneres gegraben und überall wo er
hinsah vermisste er den Zauber den wahre Liebe über alles verbreitet was sie
umgibt
 
                              Siebzehntes Kapitel
Josephine wünschte ihren Gemahl zu begleiten da er Anstalt machte im September
auf seine andern Guter zu gehen und er konnte diese billige Bitte die sie mit
so viel Zärtlichkeit an ihn tat nicht abschlagen wiewohl er diesmal gern
allein gegangen wäre da der Zweck seiner Reise war Marien die so innig darum
bat wieder zu sehen Vier lange Monate waren verflossen seit er sich von ihr
getrennt hatte und laut klopfte sein Herz den Fluren entgegen die sie
bewohnte Er beschloss seine Gemahlin in Wodmarshausen so hieß das Schloss wo
er Marien durch eine Scheinheirat betrogen hatte zu lassen einen Ritt nach
Nesselfeld zu machen sie zu sehen und zu umarmen
    Als sie sich Wodmarshausen näherten war es Abend und der Vollmond streute
sein magisches Silber auf die schlummernden Fluren Eine unendliche Sehnsucht
ergriff den Grafen Er lehnte sein glühendes Gesicht mit Heftigkeit an
Josephinens Wange beteuerte ihr seine Liebe und kleidete seine
zärtlichstürmischen Gefühle die Marien entgegen strebten in Worte die
Josephinen geweiht waren um seinem Herzen Luft zu machen  So fühlen die
Männer oft was sie der einen versichern für eine andre Josephine war entzückt
über die Versicherungen die er ihr gab sie hatte ihn noch nie so gesehen und
erwiderte seine Beteuerungen mit der ganzen Innigkeit ihrer Liebe
    Am andern Tag sagte Wodmar zu Josephinen um sie vorzubereiten  Ich habe
noch ein Gut in dieser Gegend das ich ungeachtet seiner unangenehmen fast
traurigen Lage dennoch liebe und zuweilen besuche Es liegt nur sechs Meilen
von hier in einer flachen öden Gegend und ich zeigte es Ihnen gern wenn seine
Wohnung eingerichtet wäre mehr als eine Person aufzunehmen und wenn ich Ihnen
von einem Aufenthalt dort etwas anders als Unbequemlichkeit versprechen könnte
Indessen will ich doch hinreiten da ich diese nicht achte um den Kastellan
einmal wieder zu sehen der sich immer so herzlich freut wenn ich ihr besuche
    Die Gräfin hatte keinen Argwohn und ließ ihren Gemahl ruhig von sich der
die Reise zur Geliebten wie im Fluge endete
    Er traf Marien am Klavier an aber sie spielte nicht mehr sondern schlug
nur mit der einen Hand zuweilen einen schwermütigen Ton an indes ihr Auge mit
dem reinsten Ausdruck des Verlangens auf dem Bilde ihres Karls verweilte das
ihr gegenüber hing Ein einziges Licht erhellte sparsam das Zimmer  sie hatte
es so gestellt dass nur die Züge ihres Wodmars von seinem matten Schimmer
beschienen wurden und alle übrigen Gegenstände in einer holden Dämmerung
schwammen Leise hatte er die Tür geöffnet leise sich unter dem heftigen
Klopfen seiner Brust ihr nahe geschlichen und nun da er sie so tief mit sich
beschäftigt sah konnte er sich nicht länger halten und schloss sie mit dem
Ausruf Liebste beste Marie fest in seine bebenden Arme
    Marien nahm der Schrecken die Sprache Aber ihr Schrecken war süß wie die
Umarmung in der sie ihn verbarg Karl mein Wodmar stammelte sie an seinem
Halse und die beiden Glücklichen schwiegen im wonnevollen Rausche des
Wiedersehns der ihre Zunge fesselte 
    Zwei glückliche Tage brachten sie mit einander zu Da musste Karl wieder
scheiden Und warum schon jetzt fragte traurig Marie Ich muss war seine
Antwort die ein Seufzer begleitete  mein Vater ist in Wodmarshausen und
würde Verdacht schöpfen wenn ich länger bliebe  Marie glaubte unbedingt
seinen Worten und sie trennten sich mit dem Vorsatz sich bald und länger
wieder zu sehen
    Auf dem ganzen einsamen Rückwege beschäftigte sich der Graf mit dem
Gedanken wie es sich anfangen ließe einige Wochen bei Marien zu sein ohne
Josephinens Argwohn zu erregen und der Genius der Liebe flüsterte ihm einen
Anschlag ins Ohr Als er zurückkam sagte er seiner Gemahlin dass ihn
notwendige Geschäfte in die Stadt riefen Er würde von da über Nesselfeld
reisen und ungefähr den zwanzigsten Oktober wieder in Wodmarshausen sein um
mit ihr den Jahrestag ihrer Verbindung zu feiern  Josephine war ihm schon im
Voraus dankbar für diese Aufmerksamkeit
    Er reiste ab und nahm den Weg nach der Stadt so lange man ihn sehen
konnte Dann wendete er um und seine Rosse flogen mit ihm nach Nesselfeld
Wirklich hatte er einige Geschäfte in der Stadt aber sie erforderten nur wenige
Tage und er beschloss sie erst nach seinem Aufenthalte bei Marien zu besorgen
    Sie empfing mit so viel Liebe als sie ihn entlassen hatte den Mann ihres
Herzens wieder und die Stunden des Beisammenseins flogen auf goldnen Fittigen
wie lächelnde Engel vorüber Der Graf der sonst wie ein Schmetterling
unbeständig geliebt hatte fühlte mit jedem neuen Wiedersehen dass sich Mariens
Fesseln fester und enger um sein Wesen schlangen Immer gebildeter fand er ihren
Geist immer reizender ihre Gestalt immer holdseliger ihr einfaches gefälliges
Betragen Als er sich aufs neue von ihr trennen musste um in die Stadt zu reisen
beklemmte eine sonderbar schmerzliche Ahndung seine Brust beim letzten Lebewohl
Ihm war bei der Umarmung des Abschieds als wurde er gewaltsam von ihr
losgerissen als würde er sie niemals wiedersehen Noch einmal drückte er sie an
sich und eine Träne fiel aus seinem Auge die bitterste seines Lebens  auf
ihr umwölktes Gesicht Ich komme noch zu Dir Marie rief er eh ich nach
Wodmarshausen zurückkehre ich mache gern diesen Umweg um Dich noch einen Tag
zu sehen Erwarte mich den neunzehnten bei Dir  Mariens feuchtes Auge blickte
ihn freudig an als wollt es ihm für die angenehme Verheißung danken und mit
gelindertem Schmerz sah sie ihn abreisen
    Indessen war es Josephinen einsam in dem großen prächtigen Schloss das
sie bewohnte und sie wünschte die Zurückkunft ihres Gemahls Wie weit ist es
nach Nesselfeld  frug sie den Schlossverwalter Nur sechs kleine Meilen war
die Antwort Schade dass die Wohnung so eng ist fuhr die Gräfin fort ich
machte mir sonst das Vergnügen meinen Gemahl dort zu überraschen und ihm bis
dahin entgegen zu kommen  Die Wohnung zu eng Ihr Exzellenz unterbrach sie
das gesprächige Hannchen die diese Reise wünschte weil sie wusste dass sie die
Gräfin mitnehmen würde und weil ihr der Aufenthalt in dem stillen Wodmarshausen
misfiel  wie ich hier gehört habe sind erst vor einigen Jahren ein paar
schöne Zimmer dort zum Bewohnen eingerichtet und mit allen Bequemlichkeiten
die eine hohe Herrschaft braucht versehen wordenIst es nicht so Herr
Schlossverwalter
    Der Schlossverwalter hatte längst gemerkt dass der lange Besuch im Frühjahr
den der Graf dort abgestattet hatte seine geheimen Ursachen haben müsste Da er
seiner Wachsamkeit nicht traute hatte er ihn die wenigen Tage die er mit
Marien in Wodmarshausen zubrachte unter dem Vorwand einiger Geschäfte entfernt
und die wenigen Menschen die um sein Geheimnis wissen mussten durch
Bestechungen in sein Interesse gezogen und ihre Verschwiegenheit erkauft Den
Schlossverwalter dem man doch nicht alles so gewissenhaft verbarg wie man
sollte verdross dieser Mangel an Zutrauen den ihm der alte Graf nie hatte
fühlen lassen und er glaubte nun eine schickliche Gelegenheit gefunden zu
haben seinem jungen Herrn zu zeigen dass es besser gewesen wäre ihn mit um das
Geheimnis wissen zu lassen Da die Verantwortung nicht auf ihn fallen konnte
weil er nicht von des Grafen geheimen Freuden in Nesselfeld unterrichtet war so
nahm er freudig das Wort und versicherte der Gräfin dass alles dort im guten
Stande und fähig sei sie einige Tage recht bequem aufzunehmen Was würde der
Herr Graf für große Augen machen setzte er schelmisch hinzu wenn er Ihr
Exzellenz so unvermutet dort anträfe und sähe dass Ihnen seine Gesellschaft
lieber wäre als alle Pracht und aller Überfluss ohne ihn in Wodmarshausen
    Josephine trug diesen Gedanken mit sich herum und malte im Geiste mit so
lachenden Farben sich das frohe Erstaunen ihres Gemahls sie in Nesselfeld zu
finden dass sie endlich dem Verlangen nicht widerstehn konnte ihn zu
überraschen
    Es wird ihm ein neuer Beweis meiner Liebe sein dachte sie wenn ich ohne
mich durch die Schilderung abschrecken zu lassen die er mir von Nesselfeld
machte in seine Arme eile um ihn einen Tag früher zu sehen Und wenn ich auch
nicht alles in dem Stande finde wie ich es gewohnt bin  wie wenig braucht ein
volles Herz das sich der Gegenliebe des liebenswürdigsten Gemahls erfreut wie
wenig braucht eine Mutter wenn sie den Sohn ihrer Liebe lächeln sieht 
    Der kleine August ganz das Ebenbild seines Vaters der mit jedem Tage
schöner wurde und werter seiner Mutter war nebst seiner Wärterin und Hannchen
die einzige Begleitung der Gräfin als sie am achtzehnten Oktober in aller Frühe
die Reise nach Nesselfeld antrat Als sich die öde Gegend wie eine menschen und
freudenleere Wüste um ihren Weg ausdehnte fühlte sich Josephine schönerer
Gefilde gewohnt unaussprechlich beklommen Immer einsamer wurde es um sie her
je weiter sie kam Kein Baum kein Strauch kein Dorf keine Spur von
Menschenleben so weit sie blickte Nur an der steinigten Landstraße die zwei
Stunden von Nesselfeld durch die unfruchtbaren Felder führte und die zuweilen
ein einzelner Kärner mit seiner Fracht bezog grünte eine traurige Fichte und
Josephine als sie an ihr vorüber fuhr konnte sich nicht enthalten ihr
verlassenes Schicksal zu beseufzen  Arme Unglückliche schenke nicht dem
fühllosen Baume der gesund wiewohl einsam in diesem dürren Boden wurzelte
Deine Seufzer Spare sie für Dein eigenes Schicksal das sich Dir in wenig
Stunden grausam enthüllen wird
 
                              Achtzehntes Kapitel
Es war ein lauer schöner Nachmittag als Josephine vor Nesselfelds einsamen
Gebäude abstieg Marie saß unter den Kastanien in ihrem Hofraum und arbeitete
Als sie das hier so seltene Geräusch eines Wagens hörte sprang sie fröhlich auf
in der Meinung es sei ihr Geliebter und trat heraus auf den Rasenplatz vor
ihrer Tür ihn zu bewillkommen Aber wie groß war ihr Erstaunen als sie eine
junge schöne Frau mit weiblicher Begleitung und einem holden Knaben der in den
Armen seiner Amme schlummerte auf sich zugehen sah Befremdet und bestürzt wich
sie einen Schritt zurück und konnte sich das Rätsel nicht erklären
    Auch Josephine konnte ihre Verwunderung nicht bergen ein Mädchen von so
seltener Schönheit und so sorgfältig gekleidet an diesem abgelegenen Orte zu
finden Marie trug ein einfaches aber seines weißes Kleid dessen reizender
Faltenwurf die ganze Anmut ihrer schönen Gestalt verriet und ihre dunkeln
seidenen Locken leicht und kunstlos wie von den Händen der Grazien geordnet
waren der ganze Schmuck ihres Hauptes An ihrer Brust trug sie eine späte Rose 
vielleicht die einzige die die Kunst in diesen öden Fluren hervorgebracht
hatte und an ihrer Hand den goldnen Ring der Treue der ihr endlich Mut gab
der schönen Unbekannten entgegen zu gehen
    Josephine war sanft und gütig gegen jedermann Aber die öfteren Besuche ihres
Mannes in Nesselfeld die ihr einfielen und die außerordentlich interessante
Bildung Mariens die sie für die Tochter des Kastellans hielt erfüllten sie
plötzlich mit einer geheimen Regung von Eifersucht die der Art mit der sie
Marien entgegen sah mehr Stolz und Kälte gab als ihr gut stand
    Marie näherte sich ihr bescheiden aber doch ohne die Würde zu vergessen
die sie ihrem neuen Stande schuldig zu sein glaubte und frug Josephinen
welcher Zufall sie hierher bringe da man sonst hier gar nicht gewohnt sei
Fremde zu sehen
    Josephine antwortete kurz Ich glaube hier in meinem eignen Hause zu sein
und komme nicht durch einen Zufall sondern in der Absicht hierher meinen
Gemahl zu erwarten  Wollen Sie wohl so gütig sein mein Kind und mir ein
Zimmer anweisen 
    Mariens Wangen fingen an zu glühen In Ihrem eignen Hause sagte sie ein
wenig beleidigt durch den stolzen Ton in dem die Gräfin sprach Mir dünkt
diese Wohnung gehört dem Grafen von Wodmar
    Ganz recht versetzte Josephine und da ich mit diesem verheiratet bin so
habe ich aller Wahrscheinlichkeit nach eben so viel Recht hier zu sein wie Sie
meine Liebe ob Sie gleich andrer Meinung zu sein scheinen Darum bitte ich Sie
noch einmal um ein Zimmer denn ich bin ermüdet 
    Marie hielt Josephinen für eine Verwandtin des Grafen die dieses Märchen
behaupten wollte um sich desto mehr Gewicht zu geben  Mein Zimmer steht zu
Ihren Diensten sagte sie ein wenig unwillig wiewohl ich viel zu gut weiß dass
Sie nicht die Gemahlin des Grafen sind Er wird es nicht wenig schmeichelhaft
finden dass Sie so bestimmt behaupten mit ihm verheiratet zu sein
    Wie ist er schon hier  rief Josephine
    Noch nicht erwiderte Marie aber ich erwarte ihn morgen
    Sie erwarten ihn sagte Josephine empfindlich  Das ist doch sonderbar Wer
sind Sie denn Mamsell dass Sie ein Recht haben ihn zu erwarten Sind Sie die
Tochter des Kastellans oder die Haushälterin  oder stehen Sie in besonderen
Verhältnissen mit dem Grafen  sind vielleicht gar der Magnet der ihn so oft
nach Nesselfeld zieht Beinah sollt ich es aus Ihrem entschiedenen Tone
schließen
    Marien verdross diese Begegnung unbeschreiblich Sie konnte die
Geringschätzung nicht ertragen die ihr die Gräfin bewies 
    Wer ich bin weiß ich recht gut antwortete sie und wenn Wodmar da wäre
dürften Sie sich vielleicht dieses unartige Betragen nicht erlauben Ich habe
nicht nötig über das was ich bin zu erröten aber vielleicht werden Sie es
tun müssen wenn Sie mich einmal näher kennen lernen und einsehn wie wenig
ich verdiente dass Sie mich so behandelten
    Diese Worte die sie mit einem edlen Stolze sprach machten Josephinen
schweigen Nun folgte sie ihr ins Zimmer als ihr aber sogleich das Portrait
ihres Gemahls in die Augen fiel brauseten im Stillen die Wellen der Eifersucht
von neuem Wenn ich Sie anders behandelt habe als Sie verdienen sagte sie
sanfter als vorher zu Marien so vergeben Sie mir Aber Ihr Benehmen gegen mich
war gewiss auch nicht ganz wie es sein sollte Ich hoffte auf die Achtung und
Gefälligkeit aller der Leute die in meinem eignen Hause wohnen Ansprüche
machen zu können  Sie sind mir aber mit einer Dreistigkeit und Zuversicht
begegnet als ob Sie selbst die Besitzerin dieses Landgutes wären Sagen Sie mir
doch wer Sie sind dass wir uns endlich einmal verstehen
    Marie kämpfte mit sich selbst ob sie sich entdecken sollte oder nicht Zwar
hatte ihr Wodmar die strengste Verschwiegenheit befohlen und ihre Vernunft
billigte seine Gründe Aber da sie ganz gewiss glaubte dass er des andern Tages
selbst seinem Gaste ihre Verbindung entdecken würde um sie über ihr stolzes
Betragen zu beschämen so konnte sie sichs nicht versagen die Gräfin rot zu
machen
    Wenn ich Ihnen als die Frau dieses Hauses begegnet bin versetzte sie
Josephinen so habe ich dadurch nicht mehr scheinen wollen als was ich wirklich
bin Eine heimliche Heirat fuhr sie fort indem sie auf das Bild ihres Karls
zeigte hat mich zur rechtmäßigen Frau dieses Mannes gemacht von dem Sie mit so
viel Zuversicht behaupten er sei der Ihrige Meine geringe Herkunft deren ich
mich nicht schäme hält meinen Gemahl ab unsre Verbindung bekannt zu machen so
lange sein stolzer Vater lebt der sie wieder trennen würde aber wenn ich auch
nur im Stillen seinen Namen führe so weiß ich doch was ich ihm schuldig bin
Hören Sie morgen von ihm selbst die Bestätigung meiner Worte und verzeihen Sie
meine Aufführung die sich an Ihrer Haushälterin freilich nicht entschuldigen
ließe
    Immer bleicher wurde Josephine und als Marie schwieg konnte sie sich nicht
mehr aufrecht halten sondern sank bewusstlos in einen Sessel Marie hielt in
ihrer noch glücklichen Unwissenheit dies Erstarten der Fremden für Schaam und
Demütigung und suchte sie mit liebevoller Pflege und Sorgfalt zu ermuntern Es
gelang ihr sie wieder zu sich selbst zu bringen Josephine schlug ihre Augen
auf die in Tränen der Wehmut schwammen Arme Betrogne rief sie und fasste
mitleidig Mariens Hand die sie für wahnsinnig zu halten anfing
    Ich bin nicht betrogen sagte sie so sanft als man die Meinung eines
Kranken zu bestreiten pflegt zu gleicher Zeit zog sie den Trauring von ihrem
Finger und reichte ihn ihr hin Sehen Sie hier selbst das Unterpfand seiner
treuen gesetzmässigen Liebe
    Josephine nahm ihn mit bebender Hand Arme Betrogne rief sie noch einmal in
einem noch schmerzlichern Tone wie vorher und zeigte ihr den ihrigen und das
Bild ihres Gemahls das sie an einer goldnen Kette in ihrem Busen trug Ein
grausamer Betrüger hat Dich mit falschen Hoffnungen getäuscht und Dein Vertrauen
in seine Redlichkeit gemissbraucht um Dich zu verderben Ich ich bin Wodmars
Frau und bin es nicht heimlich sondern im Angesicht seiner Familie und der
meinigen geworden Ihn zu überraschen kam ich hierher und finde Dich und das
Unglück meines Lebens
    Sie verhüllte ihr Gesicht und weinte Marie stand da wie vernichtet  Indem
trat Hannchen herein und trug den kleinen August seiner Mutter entgegen Sieh
hier die Züge des Verräters in diesem unschuldigen Gesicht rief Josephine mit
Heftigkeit indem sie den Kleinen in ihre Arme schloss Jetzt schwankten Mariens
Kniee und sie warf sich blass wie der Tod auf das Sopha
    Frau Köhler kam herein das ganze Haus lief zusammen die Gräfin befand sich
so krank dass man sie zu Bette bringen musste Marie lag nach einer Stunde noch
immer unbeweglich in ihrer vorigen Stellung weit offen und ohne Tränen ihr
starres Auge vor sich hinblickend und unvermögend nur ein Wort zu reden
    Am Bette der Gräfin erfuhr Frau Köhler den ganzen schrecklichen Zusammenhang
des Unglücks ihrer Nichte und nur die Wiederholung der Geschichte der Gräfin
vermochte Marien aus ihrem dumpfen Hinbrüten zu wecken Wild rollte ihr Blick
wie die Verzweiflung und in ihrer Seele wogte ein Meer von tobendem Schmerz 
Die ganze Verräterei des Mannes den sie angebetet hatte war ihr nun klar und
erfüllte sie mit Abscheu und Verachtung Aber mit tausend Dolchen durchfuhren
diese Gefühle ihr Herz in dem sein Name mit unauslöschlicher Schrift von der
Hand der Liebe geschrieben brannte denn nichts zerreißt das Innere mehr als
wenn Verachtung an die Stelle der Zärtlichkeit tritt
    Sie schwankte zu Josephinen diese fühlte durch alles was sie durch Frau
Köhler von Marien erfahren hatte die lebhafteste Achtung für ihre Tugend und
das innigste Mitleid für ihr Unglück Ich bin nicht strafbar sagte sie mit
leiser gebrochner Stimme beurteilen Sie mich nicht so hart wie mein Schicksal
ist Ach die Wahrheit schien auf seinen Lippen zu wohnen und mein Herz voll
Liebe glaubte ihm nur allzuleicht
    Josephine umarmte sie und nun vermischten beide ihre Tränen Es
erleichterte Marien ihren Kummer dass sie endlich weinen konnte Und nun  was
willst Du tun frug Frau Köhler Ihn niemals wieder sehen versetzte Marie fest
und mit Empörung Ich will gehen so weit mich meine Füße tragen  es wird doch
irgend ein Winkel in der Welt sein wo ich mich und meine unverdiente Schande
verbergen kann Vater in der Ewigkeit seufzte sie unter hellen Tränen ich
habe die Lehren nicht leichtsinnig vergessen die du mir auf dem Sterbebette
gabst Tief waren sie in mein Herz geschrieben aber ein Bösewicht gewann meine
Liebe durch Heuchelei und meine Arglosigkeit riss mich ins Verderben Aber ich
habe nicht mit meinem Willen gesündigt und der Ewige wird mir vergeben
    Nein Sie müssen mich nicht verlassen Marie sagte Josephine Bleiben Sie
bei mir als meine Freundin als meine Schwester als die Gefährtin meines
Unglücks und meiner künftigen trüben einsamen Tage
    O gnädige Frau rief Marie ich empfinde tief die Größe Ihrer Seele mit der
Sie mich behandeln Aber kann ich je den Frieden wieder erlangen um den mich
Ihr grausamer Gemahl betrog so ist es nur fern von allem dem möglich was mich
an ihn erinnern könnte Lassen Sie mich diesen Ort fliehn eh noch die Nacht
anbricht denn morgen  ach morgen hieß er mich ihn erwarten und ich kann
seinen Anblick nicht mehr ertragen
 
                              Neunzehntes Kapitel
Aber wo wollen Sie hin fragte Josephine Fremd vielleicht ohne Geld in dieser
leeren Ihnen unbekannten Gegend  Nein Sie müssen bleiben bis ich Ihnen und
Ihrer Verwandtin ein lebenslängliches reichliches Auskommen gesichert habe
    Wie beste Gräfin antwortete Marie ich sollte hier bleiben wo mich alles
an die goldnen Hoffnungen mahnt mit denen ich dieses Haus betrat und mit denen
ich zuversichtlich in die Zukunft blickte Ich sollte den Mann wiedersehen der
mich um die Ruhe um das Glück meines ganzen Lebens betrog  ich sollte
vielleicht von der Hand meinen Unterhalt annehmen die mich ins Verderben stieß
Nein lassen Sie mich fort  ich habe eine ansehnliche Summe die mein eigen
ist Diese und die Arbeit meiner Hände wird mich und meine Tante ernähren und
der Abscheu den ich jetzt für ihn empfinde wird mir Kraft geben die
Beschwerlichkeiten meiner Flucht zu ertragen
    Marie entfernte sich und rief die ganze Stärke ihrer Seele zusammen um
fest und entschlossen zu sein Schon war es Abend geworden und kalt und feucht
wehte die herbstliche Luft Aber wie wenig wirken äußere Gegenstände auf ein
Herz das die Notwendigkeit fühlt sich von dem loszureißen den es liebte um
dem Gebote der Moralität und der Verzweiflung zu folgen Sie öffnete ein
Kästchen das seine Briefe enthielt packte sie zusammen und hinterließ sie
ohne sie wieder anzusehen der Gräfin als die Rechtfertigung ihres ehemaligen
glücklichen Wahns Die Geschenke mit denen sie die Freigebigkeit des Grafen so
reichlich überhäuft hatte legte sie diesen Briefen bei und riss sich mit
blutendem Herzen von allem los was ihr ehemals wert war
    Aber wandte Frau Köhler ein als sie die Anstalten zur Entfernung auf immer
sah ist es denn nicht genug dass Dich der Graf durch eine falsche Heirat
betrogen hat  soll er auch nicht einmal zur Strafe seines Verbrechens die
Sorge für unser anständiges Auskommen haben Sei klug Marie und bleibe da Dass
Du nicht wieder mit ihm lebst billige ich sehr denn es wäre Sünde Aber so
aufs Geratewohl in der Welt herum zu irren ist er nicht wert und ich bin zu
alt und schwächlich um Dir folgen zu können Lass uns hier bleiben und der
Gräfin die Sorge für unsern Unterhalt überlassen
    Frau Köhler war eine gute Frau und so wie Marie gebildeter als ihr Stand
Aber das feine Gefühl ihrer Nichte hatte sie nicht und sie wusste nicht dass
einer zarten Empfindung nichts schrecklicher ist als Wohltaten von einer Hand
die sie verachtet 
    Wohl sagte Marie kalt und bitter so bleiben Sie denn und leben Sie in
Überfluss von dem Gnadengehalt des Verräters Ich will allein fort denn ich
ziehe eine Armut in Ehren dem Reichtum eines Menschen vor den ich
verabscheuen muss  Frau Köhler suchte sie zu beruhigen und Marie schien still
über den Entschluss nachzudenken den sie fassen wollte Aber er war schon fest
 In einem Tuch verwahrte sie einige Wäsche und ihr ererbtes Geld und unbemerkt
und leise schlich sie sich in dunkler Nacht die Treppe hinunter und zum Hause
hinaus
    Noch einmal blickte sie zurück nach den düster erleuchteten Fenstern ihres
lieben unvergesslichen Zimmerchens Ach ein matter Schein stahl sich durch das
dunkle Epheu das es mit treuer Anhänglichkeit umgab und zitterte herab auf den
bereiften herbstlichen Boden  Unwillkührlich musste sie an alle die seligen
Stunden denken die sie innerhalb seiner traulichen Mauern an der Seite ihres
Wodmars verlebt hatte und vor dem Wonnegefühl der Erinnerung verstummten noch
einmal ihre Schmerzen um dann desto heftiger zu toben Ein paar Tränen stiegen
in ihr Auge und rasch wandte sie sich um Fort fort sagte sie zu sich selbst
und die ganze Größe ihres Unglücks überfiel sie jetzt  o dass sich meine
Vernunft mit meinem Glücke verloren hätte 
    Sie ging mutig zu da sie wusste dass weder ein Graben noch ein Fluss das
ewige Einerlei dieser flachen Gegend unterbrach Die Nacht wurde kalt aber
heiter und ihre Dunkelheit erhob das Flimmern der Sterne am weiten Horizont
den sie überschauen konnte Ohne zu wissen wo sie sich befand war sie mehrere
Stunden durch die steinigten Felder gegangen und nach und nach verlor sie
Nesselfelds matt erhellte Fenster aus den Augen Endlich bemerkte sie einen
rauen Weg den sie einschlug weil sie hoffte er werde sie zu Menschen führen
Aber hier verließen sie ihre Kräfte und sie hatte Mühe die einsame Fichte zu
erreichen die ihr der blasse Schimmer der Sterne zeigte Hier warf sie sich
nieder und die Erschöpfung und Mattigkeit die sie fühlte schienen ihr die
Vorboten des Todes zu sein  Wie gern wäre sie gestorben da sie ihre Freuden
überlebt hatte  Ihre Gedanken fingen an sich dunkel in einander zu mischen
und sie glaubte das Ende ihres Lebens herannahen zu sehen Eine unbeschreibliche
Müdigkeit drückte ihr Auge zu und sie fiel  nicht in die Arme des Todes 
sondern eines tiefen fast todtenähnlichen Schlummers
    Er dauerte noch in seiner ganzen ersten Festigkeit als sie ein starkes
unsanftes Schütteln daraus erweckte Langsam schlug sie die trüben Augen auf
und erblickte einen braunen von der Sonne verbrannten gemeinen Mann mit einer
ehrlichen offenen Physiognomie der in der linken Hand eine derbe Peitsche hielt
und mit der rechten bemüht war sie aus dem Schlaf der ihm bedenklich schien
zu ermuntern dabei war es heller Tag und die Sonne schien sanft und wärmend
vom klaren blauen Himmel herab
    Wo bin ich frug Marie mit heiserer Stimme denn der nächtliche Frost hatte
sie erkältet Auf der offenen Landstraße Jungfer erwiderte der Mann mit einer
Miene voll Verwunderung und Teilnahme Wo gedenkt Sie denn hin so allein  
Wo ich hingedenke versetzte Marie und brach in einen Strom von Tränen aus
Ach meine Heimat ist nirgends mehr  Der Mann schüttelte den Kopf Ey Sie muss
doch wohin wissen sagte er gutmütig indem er ihr aufhalf aber Marie fühlte
eine schmerzliche Lähmung in allen ihren Gliedern und sank kraftlos wieder
zurück Sei Sie gutes Muts und hör Sie auf zu weinen Unser Herrgott verlasst
Niemanden der auf ihn baut  warum denn also Sie  Verzage Sie nicht wenn
Sie wirklich keine Heimat hat so kann Sie leicht eine finden Fleiß und
Gottesfurcht lassen nicht zu Schanden werden 
    Der redliche Ton und der biedre Ausdruck in seinem Gesicht der diese
tröstenden Worte begleitete rührten Marien Sie bemerkte hinter sich einen
kleinen Karrn mit weißer Leinwand überbaut und mit einem einzigen Pferde
bespannt welcher ihrem unbekannten Freunde anzugehören schien Guter Mann
sagte sie und bemühte sich ihre strömenden Augen zu trocknen ich bin nicht so
arm dass mich der Mangel so tief betrüben sollte ich habe Geld so viel ich zu
meinem Unterhalt brauche wenn es nur hier ruhiger wär  hierbei wies sie auf
ihr Herz  Ich will nicht nach Ihrem Kummer forschen Jungfer antwortete der
ehrliche Kärner Es weiß ein jeder wo ihn der Schuh drückt Aber ich sollte
meinen ein so junges Blut wie Sie könnte unmöglich schon viel Herzeleid in
der Welt erlebt haben  Hier kann Sie doch mein Seel nicht bleiben es mag
Ihr gegangen sein wie es will Hat Sie Lust so setze Sie sich in meinen Karrn
ich fahre eben ledig nach Hause und will Sie umsonst mitnehmen so lang bis es
Ihr beliebt auszusteigen Da fuhr er fort und holte aus seiner Tasche ein
Stück schwarz Brod und eine kleine Flasche mit Brandtewein welches er ihr
hingab  erquicke Sie Sich mit Speise und Trank und hernach wenn Sie mit
will solls fort gehen
    Dankbar nahm Marie den gutherzigen Vorschlag des Kärners an und stieg mit
seiner Hilfe in das nicht unbequeme Fuhrwerk unter dessen Leinwandshimmel sie
ein weiches Heulager fand Der Fuhrmann schwang seine Peitsche und langsam
rollte der Karrn mit ihr dahin 
    Sie hatte nicht viel Zeit den traurigen Gedanken nachzuhängen die ihr ihr
Schicksal bot Ihr Führer war in einer gesprächigen Laune und suchte sie indem
er nebenher ging bald durch ein Liedchen das er sang oder pfiff bald durch
Erzählungen aus seinem häuslichen Leben zu unterhalten An mir sagte er hat
sich Gottes Segen reichlich bewiesen Ich war vor zehn Jahren ein armer Bursch
und erwarb mir mit Dienen mein sparsames Stückchen Brod Mein Herr hatte ein
großes Freigut und pflegte sein Getraide viele Meilen weit zu verfahren Da er
nun sah dass ich treu war und das liebe Vieh wohl in Acht nahm so übertrug er
mirs und ich musste viele Fuhren tun die mir glückten  Liese die Hausmagd
war eine flinke Dirne und ich wurde bald gewahr dass sie mir allemal ein
freundlicher Gesicht machte wenn ich wieder kam als wenn ich wegfuhr woraus
ich schloss dass sie mir gut war Ich konnte sie ebenfalls leiden denn sie hatte
schwarze Augen und rote Backen und war fix und gewandt aber ich dachte
Konrad geh nicht so geschwind zu Werke  es gehört mehr als das zu einer
guten Frau Ich ließ mir nichts merken dass sie mir wohl gefiel sondern gab
Acht und erkundigte mich unter der Hand wie sie sich aufführte Da sah ich
denn selbst und hörte auch von andern dass sie ein fleissiges ehrbares
vertragliches Mädchen war die jedem das Seine gab und still und ordentlich vor
sich hin lebte Nun erst frug ich Liese willst Du mich haben  Sie wurde rot
bis über die Ohren hielt die Schürze vor die Augen gab mir die Hand und
sagte Ja  Das war nun wohl ganz gut aber wovon leben  Liese hatte nichts
als ein paar flinke Arme und ein ehrlich Gemüte und ich hatte bis jetzt auch
noch nicht dran gedacht etwas von meinem Lohne zurück zu legen denn ob ich
gleich weder ein Spieler noch ein Säufer war so liebt ich doch Sonntags meinen
Tanz und versäumte keinmal mich in der Schenke einzufinden wo ich denn auch
was aufgehn ließ Aber das wurde nun anders Ich kam nicht mehr zum Hause
hinaus und ersparte jeden Groschen zu meiner künftigen Wirtschaft Liese
machte es eben so und nach ein paar Jahren hatten wir schon so viel gesammelt
dass wir uns konnten ein Hüttchen mit einem Garten kaufen welches eben im Dorfe
feil war Weil es baufällig war bekamen wir es um einen geringen Preis und ich
wandte nun alle meine Feierabende an es auszubessern und in guten Stand zu
setzen Endlich nahm ich Liesen und kriegte eine gute fleißige Frau an ihr
Wir tagelöhnerten und Liese spann noch nebenher  so verdienten wir reichlich
was wir brauchten und konnten noch einen Sparpfennig zurücklegen Wie der nun
allmählig heranwuchs schafft ich mir ein Pferd und den Karrn an weil ich mit
dem Geschirr wohl umzugehn wusste und tat für meinen ehemaligen Herrn der mir
immer noch wohlwollte Fuhren fürs Geld Jetzt hab ich doch nun so viel
erübrigt dass der Hafer den der Gaul frisst auf meinem eignen Acker wächst und
dass ich das Getraide selbst kaufen kann was ich verfahre dabei bin ich gesund
und fröhlich Komm ich nach Hause so freut sich mir das Herz im Leibe wenn
ich meine freundliche Frau und die vier gesunden Kinder seh die sie mir
geboren hat Dann ruh ich mich wieder aus besorge das Häusliche mache mir
einen guten Tag und fahre dann wieder in die Welt hinein O Sie glaubt nicht
Jungfer was das für ein frohes Leben ist Alles was ich habe hab ich eigenem
Fleiße und meiner Zuversicht auf Gott zu verdanken der mich niemals verlassen
hat und dies macht gutes Blut und frohe dankbare Herzen
    Marie hörte den biederen Kärner an ohne ihn zu unterbrechen aber ihrem
Herzen so wund und krank gab die Schilderung seines einfachen häuslichen
Glücks schmerzhafte Stiche
    Er blieb bei seinem Stande seufzte sie und strebte nicht nach einem
höheren O warum verleitete mich die Liebe den meinigen zu vergessen  
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Marie machte mit diesem Fuhrwerk einige Tagereisen und es war ihr gleichgültig
in welchen Winkel der Erde es sie führen würde Die ganze Entwickelung ihres
Schicksals dünkte ihr ein fürchterlicher Traum zu sein aber vergeblich sah sie
dem lindernden Augenblick des Erwachens entgegen Abgeschiedenheit von der Welt
und ihren Täuschungen war das einzige was sie noch wünschte und wohl ihr dass
ihre Fantasie ihr ihr Unglück mit ungewissen Farben malte sie oft ganze Stunden
in dem Wahn ließ als habe sie geträumt  sie würde sonst der Schwere desselben
unterlegen sein  So gewöhnte sie sich nach und nach fest ihren Blick auf die
untergesunknen Trümmer ihrer ehemaligen Seligkeit zu heften  sie gewöhnte sich
daran mit einer Ruhe die nur das Bewusstsein der reinsten Unschuld gewährt mit
einer Verachtung die an Größe ihrer vorigen Liebe glich dem fliehenden
Schattenbild ihrer Freuden nachzusehn und an den Unwürdigen zurück zu denken
der ihr ehedem so wert war Nicht als ob es ihr leicht geworden wäre ihn zu
vergessen  o nein wahre Liebe besonders wenn es die erste ist die sich
eines Herzens bemächtigte baut ihrem Abgott in dem Heiligtum seines Innersten
einen Altar den nur mühsam die Hand der Zeit selbst der gegründeten
Verachtung umzustürzen vermag Aber wenn sie das gefährliche Gift der
Liebenden die schwärmerische süße Erinnerung ihres sonstigen Glücks mit vollen
Zügen schlürfen wollte mischte sich ihr gemisshandeltes Gefühl in das Andenken
jener reizenden Vergangenheit und verschwunden war dann die Glorie von
Schönheit und Edelmut mit der ihre Einbildungskraft den Ungetreuen umgab 
Sie lernte ihn verachten und in einer reinen weiblichen Seele ist dies der
erste entscheidendste Schritt zum ewigen Vergessen  Mit der Achtung lösen
sich die zartesten Bande des gegenseitigen Vertrauens auf und die Liebe stirbt
mit ihr dahin
    Am vierten Tage als Konrad ruhig neben dem Karrn herging und eben sein
Morgenlied sang erhob er auf einmal freudig Blick und Hand und rief mit einer
Stimme voll Gefühl und Rührung Dort dort indem er auf eine Kette von blauen
mit Duft umflossenen Gebirgen wies die sich ihnen aus der Ferne entgegen hob
dort setzt er endlich hinzu dort wohnen meine Frau und meine Kinder
    Die nahen Freuden des Wiedersehns machten ihn stumm und Marien ihre Plane
für die Zukunft Sie hatte mit ihrem gutherzigen Freund ausgemacht dass sie
gegen ein billiges Kostgeld welches Liese bestimmen sollte in seiner Hütte
leben und sich ganz nach ihrem eignen Willen beschäftigen wollte  aber die
tiefe Schwermut die ihr ihr Unglück gab bedurfte so sehr eines teilnehmenden
Wesens dem sie ihren Kummer ausschütten konnte um sich seine Bürde zu
erleichtern  sie war so sehr an einen vertraulichen ihr angemessnen Umgang
gewöhnt dass sie zum erstenmal bereute die Bedenklichkeiten ihrer Muhme ihr zu
folgen nicht mehr bestritten zu haben Der Gedanke war ihr unerträglich sie
noch in Nesselfeld und abhängig von den Wohltaten des Grafen zu wissen Oft
dachte sie an ihn zurück mit einer sonderbaren Mischung von halb erstickter
Liebe und Unwillen Sie dachte sich sein Erschrecken wenn er sie nicht wieder
finden würde seine Trauer um ihren Verlust seine Reue über sein Verbrechen O
dann war ihr Herz nur gar zu geschäftig sein Bild mit den vorteilhaftesten
Farben sich zu entwerfen und ihren Zorn zu mildern  Weinend blickte dann ihr
Auge zurück in die festlichen Tage der Vergangenheit und nicht selten
beschlich sie der leise Wunsch der ihr allezeit eine Schamröte kostete dass
sich der Schleier von neuem fest und dicht in einander weben möchte der ihr
ehemals die Tücke seines Herzens verhüllte oder  diesen gestand sie sich schon
selbst mit weniger Beschämung dass er sich entschuldigen könnte um doch
wenigstens ihre Freundschaft zu verdienen Aber alles war umsonst  Zertrümmert
war mit ihrer Hoffnung auch ihre Ruhe und ihr blieb nichts übrig zu ihrem
Trost als das stolze Selbstgefühl sich edel betragen zu haben das so oft der
Betrogne vor dem Betrüger voraus hat
    Josephine war indessen nicht glücklicher Sie hatte alles für ihn getan
was Pflicht und Liebe forderten und durch das Opfer ihrer ersten Neigung das
sie ihm gebracht durch die ganze Hingebung ihres Wesens und durch die
Innigkeit mit der sie an ihm hing glaubte sie die heiligsten Rechte auf seine
Treue erworben zu haben Was hätte wohl tiefer ihr feinfühlendes Herz verwunden
können als die Untreue des Mannes den sie liebte und der durch die
feierlichsten Gelübde der Ihrige war  Das Glück ihrer Ehe schien ihr
unwiederbringlich dahin zu sein 
    Wie oft bereute sie nicht den Einfall ihn zu überraschen Ohne ihn lebte
sie noch glücklich in dem süßen Wahn der ihr den Besitz seiner vollen Liebe und
Treue vorspiegelte  ohne ihn wäre auch Marie noch glücklich für die sie
Mitleid und Achtung empfand Als man sie gegen Morgen vermisste und ungeachtet
alles Suchens nicht fand war sie außer sich Sie fürchtete ohne dass sie wagte
Frau Köhler ihre Sorge zu gestehen dass die Arme Verzweifelnde sich durch eine
rasche Handlung möchte gewaltsam von dem vernichtenden Gefühl ihres Elends
befreit haben und ihre Fantasie die jetzt alles im schwarzen Licht erblickte
malte sich die schrecklichsten Bilder
    Endlich kam der Graf an Schnell und mit unruhig pochendem Herzen sprang er
aus dem Wagen und stürmte die Treppe heran Ihm begegnete Frau Köhler Wo ist
Marie fragte er aber sie wandte sich mit einem Blick der ihren ganzen Abscheu
ausdrückte von ihm weg ohne ihn einer Antwort zu würdigen Er öffnete
verwundert die Tür ihres Zimmers  wie dünkte es ihm so tot und verlassen
Marie rief er wo bist Du  da trat Hannchen aus dem Schlafzimmer und er
erstarrte Wie kommst Du hierher schrie er mit einem fürchterlichen Blick und
sie erzählte ihm mit wenig Worten den ganzen Lauf der Sache
    Bei der Heftigkeit die der Hauptzug seines Karakters war schon vorher
gereizt durch Frau Köhlers rätselhaftes Schweigen stieg sein Zorn jetzt aufs
Äußerste In seinen eignen Augen dünkte er sich in diesem Moment weniger
strafbar als Josephine die er für die neidische Zerstörerin seiner geheimen
Freuden hielt Der Gedanke Marien verloren zu haben ihr jetzt vielleicht eben
so abscheulich als ehedem wert zu sein brachte ihn der Raserei nahe Der
Kastellan das Hausgesinde selbst die treue Pallas die doch seinen Verlust zu
teilen schien musste seinen Zorn fühlen  er sandte alles aus das Mädchen
seines Herzens zu suchen und die Nachricht dass man keine Spur von ihr
entdecken könnte erhöhte seinen Schmerz und die namenlose Verzweiflung die
sich seiner Seele bemächtigt hatte
    Endlich gewann er es über sich vor das Bett seiner Gemahlin zu treten
Madam hub er mit strenger Stimme an ich habe nicht gehandelt wie ich sollte
aber ich kann mich entschuldigen Die glühendste Liebe fesselte mich schon an
Marien eh ich Sie noch kannte und ihre Tugend vernichtete alle die
Hoffnungen mit denen ich nach ihrem Besitz strebte Ich fasste den Entschluss
sie zu vergessen denn ich bebte damals vor dem Gedanken zurück sie zu
betrügen und mit dem Vorsatz Ihnen wenn auch nicht meine Liebe doch meine
Aufmerksamkeit zu weihen kam ich um den Wunsch unserer Familien zu erfüllen
und Ihnen meine Hand zu geben O Josephine  seine Stimme wurde sanfter und
durch Wehmut gebrochen  weniger Stolz und mehr Wärme von Ihrer Seite hätte
mich damals an Sie gefesselt und die Wünsche nach belohnter Liebe deren Ziel
nun Marie lebhafter als jemals wurde in mir erstickt Ihre Nachsicht und Güte
nur mit dem leisesten Schimmer von Zuneigung verbunden hätte meine wilde
Leidenschaft bezwungen meine leichtsinnigen Grundsätze verbessert und mich zum
guten glücklichen Menschen gemacht Aber ich fühlte nur allzu deutlich dass Sie
mit dem größten Kampf dem Befehl Ihrer Eltern folgten und dass Sie mit
blutendem widerstrebendem Herzen mir aus Pflicht verstatteten Sie zu besitzen
Die Kälte die Sie mir wahrnehmen ließ die gleichgültige Verachtung mit der
Sie meine Gesinnungen beantworteten statt mir liebevoll und duldend den bessern
Weg zu zeigen empörte meinen Stolz und befriedigte die Forderungen eines
Herzens nicht das einst von Marien geliebt worden war  Ich musste Sie achten
aber lieben konnte ich Sie nicht In meiner Seele stieg Mariens reizendes Bild
wieder auf und die Sehnsucht nach ihrem Anblick erwachte mit doppeltem Feuer
da der Ihrige nur meine Eigenliebe verwundete und mir die Achtung für mich
selbst raubte
    Diese allein war vorher der Schutzengel der über Mariens Tugend und der
meinigen wachte Ich errötete oft vor mir selbst wenn ich mich beim Nachsinnen
der Möglichkeiten antraf durch die Marie auf eine unrechtmässige Weise mein
werden konnte Ich hielt mich für besser als ich war und dieser Glaube schützte
mich vor dem Sinken Aber nun als er dahin war als Ihr Stolz auf Ihre
unbefleckte Tugend mir so bitter hatte fühlen lassen wie viel mir fehlte Ihnen
gleich zu sein  da wagt ich es Pläne zu entwerfen und Dinge zu denken vor
denen ich sonst mitten in meinen Ausschweifungen zurück geschaudert wäre Ich
sah Marien wieder  ich gewann sie durch das Versprechen einer heimlichen
Heirat  sie wurde vollzogen und ich lernte von diesem guten edlen sanften
Geschöpf in glücklichen Stunden die nur das Bewusstsein meines Betrugs trübte
welche unglaubliche Kraft die moralische Natur des Menschen hat sich unter dem
Beispiel bescheidner schonender Güte wieder empor zu richten und zu veredeln
wenn sie auch noch so tief gesunken ist 
    Ich empfand wieder den Wert meiner Bestimmung fühlte wie ich hätte handeln
sollen und bereute mein Vergehn trotz dem Glück das ich in Mariens Armen
fand Auch dass ich gegen Sie meine Pflichten verletzt und gewissermaßen Ihr
Geringschätzung durch meine Handlung gerechtfertigt hatte vermehrte meinen
Kummer aber ich sah Marien glücklich in ihrem Wahn und gelobte mir ihn zu
verlängern um ihrer Ruhe zu schonen 
    So sah ich Sie wieder und fand Sie verändert Wo ich Fremdheit und
Gleichgültigkeit erwartete kam mir Liebe und Sanftmut entgegen und unsre
gemeinschaftlichen Hoffnungen auf den Knaben den Sie unter Ihrem Herzen trugen
knüpften mich mit den Banden der innigsten Achtung und des wärmsten Anteils an
Ihr Wesen Aber ach es war zu spät den Besitz meiner Liebe zu verlangen Er
gehörte Marien die ihn durch tausend liebenswürdige früher erkannte
Eigenschaften erworben hatte und die auch trotz der Ferne mir nahe blieb und
immer auch durch andre Gegenstände zerstreut meiner Seele gegenwärtig war
    Das Geheimnis meiner Liebe zu Marien ward Ihnen verraten und Sie benutzten
meine Abwesenheit ein Glück zu zerstören das mir die Vorwürfe meines Gewissens
so oft verbitterte Zu gut ist es Ihnen gelungen und Marie ist für mich auf
immer verloren  ist vielleicht ein Raub ihres Schmerzes geworden  Aber
triumphiren Sie nicht Ich bin strafbar und bekenne es frei aber Sie wissen
warum ich es ward und ich finde Entschuldigung genug in meinen Gründen für mein
Betragen gegen Sie und Strafe genug durch die ewig tobende Hölle in meiner
Brust bei der Erinnerung meiner betrognen unvergesslichen Marie Leben Sie
glücklich aber fern von dem Menschen der Ihnen nun nichts mehr sein kann Ich
will mich bemühen mit Ergebung mein grausames Schicksal zu tragen und Marie
soll die Gottheit meiner reuigen Tränen sein Sorgen Sie für meinen Sohn und
bedauern Sie seinen Vater den Ihre unselige Neugierde und Eifersucht
unglücklicher machte als es sein eigenes Herz im Stande war
    Mit diesen Worten entfernte er sich rasch ließ in die väterliche Umarmung
des Kleinen den ihm Hannchen entgegen trug um ihn zu besänftigen eine
glühende Träne fallen und verließ sogleich den Schauplatz seiner ehemaligen
Freuden
 
                          Ein und zwanzigstes Kapitel
Josephine war unvermögend auch nur mit einem einzigen Laut die ernste
vorwurfsvolle Rede ihres Gemahls zu unterbrechen Sie hatte nicht geglaubt dass
ihr erstes Wiedersehen von dieser Art sein würde und dass er sie mit Vorwürfen
überhäufen werde da sie sich allein berechtigt glaubte sie ihm zu machen Ihr
Herz sprach sie frei von seinen Beschuldigungen  sie war sich nur der
zärtlichsten Absicht bei ihrer Reise nach Nesselfeld bewusst und mit tieferm
Schmerz als sie noch vorher empfunden hatte erfüllte sein Verdacht und das
Geständnis dass er sie nie geliebt habe ihr Innerstes Hatte die Entdeckung
seiner Untreue ihre zarten Nerven schon erschüttert um wie viel mehr blutete
nicht die Wunde ihres Herzens bei der rauen unverdienten Art mit der er sie
verließ Sie wurde kränker  man holte einen Arzt er zweifelte an ihrer
Genesung Wodmar ließ nichts von sich hören
    Indessen besiegte doch die Geschicklichkeit des Arztes die Stärke der
Krankheit und Josephine fing langsam an sich zu erholen Die Liebe zu ihrem
Sohne war das einzige was sie noch an die Welt fesselte in der sie schon so
viel gelitten hatte Aber je mehr sie sich nun auf ewig von ihrem Gemahl
geschieden glaubte je fester schloss sie sich mit aller mütterlichen Innigkeit
an den Kleinen an den sie als eine vaterlose Waise betrachtete und in dieser
traurigen Rücksicht doppelt liebte Frau Köhler war immer um sie und oft
unterhielten sie sich von Marien deren Schicksal Josephine noch trauriger fand
als das ihrige Hab ich doch noch meinen August sagte sie zu sich selbst wenn
ihr in stillen Stunden ihre Lage mit den düstersten Farben erschien und die
Gegenwart ihr nichts bot sie über die Vergangenheit zu trösten Hab ich doch
meinen August und durch ihn Beschäftigung und Ersatz für mein Herz Aber Marie
 was hat die das ihr Entschädigung wäre für den verschwundenen Zauber ihrer
Täuschung in der sie so glücklich war Wodmar konnte unmöglich Marien so
dringend aufsuchen lassen als es Josephine tat Jede Eifersucht jeder
Unwille die sie einst für sie empfunden hatte war nunmehr in ihrer edlen Seele
zu dem Verlangen geworden ihr Loos so viel als möglich ihr zu versüßen Aber
alle ihre Nachforschungen waren vergeblich und Frau Köhler beweinte oft die
Ungewissheit über ihren Zustand
    Marie war unterdessen glücklich in dem friedlichen Dorfe angekommen das
Konrad bewohnte Es lag in einer schönen waldigten Gegend in einem Tal von
freundlichen Gebirgen begränzt An einer netten reinlichen Wohnung hielt der
Kärner und bei dem Geräusch des Fahrens stürzte die ganze Familie die eben
beim Mittagbrod saß mit einem lauten Freudengeschrei heraus den Vater zu
bewillkommen Liese heftete einen fragenden aber gutmütigen Blick auf ihren
Gast und Konrad erzählte ihr wo und wie er sie gefunden und dass ihre Absicht
sei künftig unter ihnen zu leben Herzlich gern war ihre Antwort die sie mit
einem biederen Händedruck begleitete und sogleich rückte man der neuen
Hausgenossin einen Stuhl und einen Teller hin und tat als hätte man sich
schon Jahre lang gekannt
    Was Marien vorzüglich an diesen unverdorbenen braven Kindern der Natur
wohlgefiel war ihr einfacher frommer fleißiger Lebenslauf die Gutherzigkeit
mit der sie alles was sie hatten und was ihnen ihr Fleiß erwarb mit ihren
ärmern Nachbaren teilten und gegen sie insbesondere die Achtsamkeit mit der
sie ihren Kummer schonten ohne nach dessen Ursach zu forschen Zwar war Liese
keineswegs von jener Neugierde frei die man Evens Töchtern  und vielleicht
nicht mit Unrecht  Schuld gibt zwar hätte sie gern gewusst warum Marie in
der Blüte der Schönheit und Jugend so traurig war warum sich oft ihre lieben
Augen mit großen Tränen füllten ohne dass sie in den äußern Gegenständen Anlass
dazu fand  wo ihre Heimat wie ihre Geschichte sei  aber sie fürchtete mit
einer Schonung wie man sie in höheren Ständen nur selten für Leidende nährt der
sanften Unglücklichen weh zu tun und wartete mit Verläugnung ihrer Gefühle den
Augenblick ruhig ab wo sie sich ihr von selbst vertrauen würde Dieser erschien
bald da Marie in Liesens Blicken die redlichste Teilnahme an ihrem Schicksal
und den Wunsch es zu wissen las Sie verschwieg ihr nichts und ihre rührende
Erzahlung die den Stempel der Wahrheit trug kostete Liesens Augen den Zoll des
Mitgefühls und der Wehmut Aber sagte sie und nahm sie liebreich bei der Hand
als Marie geendet hatte und beide noch mit ihren Tränen kämpften aber Jungfer
Mariechen ist es der Mann auch wohl wert dass Sie Sich so um ihn grämt und
abhärmt in Ihren besten Jahren  Wer weiß ob er nicht jetzt wo Sie seufzt
und die Hände ringt auf neue List und Bosheit denkt eine andere zu berücken
denn vornehme Herren sollen gar schlimm sein  Tröste Sie Sich mit Ihrem guten
Gewissen das Ihr das Zeugnis gibt nicht wissentlich gefehlt zu haben und
führe Sie ferner einen frommen christlichen Wandel so wird sich Ihr Gemüt
auch nach und nach beruhigen Aber so muss es nicht bleiben Mariechen  Sie
kann und muss noch eine brave Hausfrau werden und ein glückliches Leben führen
Oft ist der Morgen trübe aber am Mittag scheint doch die liebe Sonne und
zerteilt die Regenwolken die sich am Himmel gesammelt hatten und auf einen
stürmischen Tag folgt oft ein helles Abendrot Fasse Sie Mut und vertraue Sie
auf Gott es wird sich gewiss ein rechtschaffner braver Mann finden wenn er
auch kein Graf ist der Ihr Ihr voriges Herzeleid vergessen und Sie zu einer
glücklichen Frau macht
    Ach gute Liese seufzte Marie unter neuen Tränen sein Andenken wird mir
ein ewiges Gegengift wider fein ganzes Geschlecht sein
    Ey nun freilich versetzte Liese ich rede nicht von heute und morgen Aber
es hat alles seine Zeit in der Welt warum denn nicht auch Ihr Kummer Lasse Sie
ihn nur austoben es wird schon wieder still in Ihrem Sinne werden und hernach
denke Sie dran dass Sie nicht bloß deswegen da ist um über vergangenes Unglück
zu klagen sondern auch um sich drüber zu trösten und nicht über den
Kanarienvogel den man einmal auf dem Dache sah den Sperling zu verachten den
man mit der Hand ergreifen kann Ich müsste mich recht irren wenn sich nicht der
Mann den ich für Sie im Kopfe habe recht für Sie schickte Es ist der neue
Förster oben auf dem Waldenberg ein junger stiller ordentlicher Mensch der
sich in der kurzen Zeit da er hier ist schon bei Alt und Jung durch seinen
guten Wandel beliebt gemacht hat Es käme auf eine Bekanntschaft an und dafür
will ich schon sorgen wenn ich glaube dass es die rechte Zeit ist er ist schon
ein paar mal hier eingesprochen denn Konrad hat Fuhren für ihn tun müssen Da
hat er sich mit den Kindern abgegeben als ob sie sein eigen wären besonders
gewann er die kleine Marie lieb und schenkte ihr etliche Silberkreuzer dabei
sah er sie immer an und seufzte dazu als ob er dächte Wer doch auch so muntere
gesunde Kinder hätte 
    In Mariens Herzen fanden die gutgemeinten Absichten der ehrlichen Liese
keinen gefälligen Eingang doch war sie dankbar für die Wärme mit der sie sich
für ihr Schicksal interessierte aber sie dachte keineswegs daran dieses zu
verändern Ihre Liebe zu Wodmar die sich so fest und innig in ihr Wesen verwebt
hatte war ihr zu gewaltsam entrissen und vernichtet worden als dass sie nicht
hätte sollen eine große und sehr traurige Leere in ihrem Innern fühlen  aber
noch hing sie zu schwärmerisch an den Ideen einer einzigen Liebe als dass sie
hätte daran denken können diese Leere durch eine zweite Neigung auszufüllen
 
                          Zwei und zwanzigstes Kapitel
Durch Fleiß und Wohltun suchte sie den Gram zu bannen der an die Stelle ihrer
ehemaligen Munterkeit getreten war und er ging nach und nach in jene stille
Schwermut über die immer die Begleiterin einer unbelohnten Liebe ist  Sie
verhüllte sich gewaltsam die Bilder einer Zeit in der sie von unerschöpflichem
Glück geträumt hatte und kämpfte mit allen Kräften ihrer Seele gegen die
schmerzlichsüßen Erinnerungen die sich ihr aufdrängen wollten
    Der Geist ihres Vaters schien sie unterstüzzend zu umschweben wenn ein
leiser Seufzer bisweilen ihren vorübergegangnen Freuden nachfloh und jedesmal
verwandelte sich bei seinem Andenken die Sehnsucht ihrer halb erstorbnen Liebe
in heißen unversöhnlichen Hass wie ihn Wodmars unedles Betragen gegen sie
verdiente
    Zwar überhob sie die Summe Geld die sie besaß aller Sorgen um ihren
anständigen Unterhalt aber sie war an ein tätiges Leben gewöhnt und wusste dass
immerwährende Beschäftigung ihr die stärksten Waffen in die Hand geben würde
ihren Schmerz zu besiegen Sie brachte also ihre Tage unter unablässiger Arbeit
zu und suchte zu nützen so viel es ihr ihre eingeschränkte Lage erlaubte
Konrad und Liese segneten den Augenblick wo sie in ihr Haus gekommen war denn
sie belehrte und erzog mit der zärtlichsten Sorgfalt ihre Kinder
    Die Mädchen unterrichtete sie in weiblichen Arbeiten die Knaben in Lesen
und Schreiben und dabei suchte sie einfach aber mit dem ganzen Zauber der
Wahrheit der auf ihren Lehren ruhte ihren Verstand und ihre Herzen zu bilden
so viel es ihr Bedürfnis für ihren künftigen Stand schien Dies fesselte die
guten unverdorbenen Kleinen mit dem schönsten Bande das die Menschheit
verknüpfen kann mit dem der Dankbarkeit an sie und gab ihr süße Sorgen und
schwermütige Freuden Der Glaube an eine bessere Zukunft jenseits des Grabes
an die Vergebung ihres unwissentlich begangenen Vergehens schmiegte sich in
tröstender Gestalt an ihren Kummer und erheiterte ihn wie der Sonnenstrahl das
finstre Gewitter aber er erweckte auch ihr Verlangen nach einem zweiten Leben
und die Welt lag vor ihr wie ein Tal vom herbstlichen Nebel verdunkelt Nur auf
die Spuren wo sie einst gewandelt war hatte das Schicksal Rosen gestreut aber
ihr Duft war verflogen und ihre Dornen blieben dem verlassenen Herzen zurück
    Liese hatte mit Konrad den Plan indessen besprochen dem jungen Förster zu
Mariens Bekanntschaft zu verhelfen denn ihre glückliche Ehe machte es ihr nicht
glaubhaft dass ein so isolirtes Leben wie Marie führte auch seine Reize
besonders für die haben könnte die so bitter betrogen worden war Konrad gab
ihr vollkommen Recht aber die Sache war schwerer als sie schien Der Förster
lebte eingezogen und einsam in seiner romantischen Wohnung auf dem Waldenberg
und schien keine Heuratsgedanken zu nähren Auch war die Geselligkeit eben
nicht seine hauptsächlichste Tugend denn er ließ sich nur selten und auch dann
nur ganz von weitem sehen wenn er mit seinem getreuen Hunde und dem Gewehr über
die Schulter die unteren Waldungen durchstrich
    Vergebens hatte ihn Konrad einigemal wenn er ihm begegnet war eingeladen
in seiner engen ländlichen Klause bei ihm einzusprechen  er schützte
Geschäfte vor und schlug es ab Vergebens hatte die kleine Marie noch eingedenk
seiner ehemaligen Liebkosungen nach dem Willen ihrer Mutter als Herbst und
Winter vorüber waren und die schönere Jahreszeit die ersten Erdbeeren reifte
diese in ein Sträuschen gebunden und sie ihm auf seinen einsamen Berg getragen
in der Hoffnung ihr erneuertes Andenken werde ihn zu einem Besuch bewegen  er
drückte die Kleine mit Innigkeit an seine Brust gab ihr Spielwerk und Zucker
und die Erlaubnis so oft zu ihm zu kommen als sie nur selbst wollte Aber
dabei bliebs  und da Marie sich durchaus nicht dazu verstehen wollte seine
Bekanntschaft zu suchen und der Förster eben so wenig Verlangen bezeugte die
ihrige zu machen so glaubten Konrad und Liese am besten zu tun wenn sie diese
Sache wie so manches andre was ihnen einst am Herzen lag dem lieben Gott und
dem Zufall überließen  
    Marie war nicht mehr das schöne blühende Geschöpf das sie in den Tagen
ihres Glücks gewesen war Ihre Wange war zwar noch voll aber der Kummer hatte
sie abgebleicht und dem sonst so frohen heitern Auge seinen Glanz genommen
Auf ihren Lippen tronte nicht mehr jenes süße Lächeln das sonst mit
unwiderstehlicher Anmut zum Herzen drang aber der sanfte resignirte Gram der
in ihren Zügen wohnte störte die Harmonie derselben nicht und gab ihnen ein
rührendes Interesse wenn er auch die frische Blüte der jugendlichen
Fröhlichkeit und der Gesundheit der Seele gebrochen hatte die man sonst in
ihrem Gesichte las
    Ihre Leiden hatten ihr eben so viel gegeben als genommen wenigstens
ersetzte der ruhige Ernst ihres Wesens die Heiterkeit die man an ihr vermisste
und man konnte der edlen Art mit der sie ihren Schmerz trug und überschleierte
weder seine Achtung noch sein innigstes Mitgefühl versagen Sie glich einer
Lilie die im dürren Boden verschmachtet aber noch sterbend ihre süßen Gerüche
verbreitet
    Einst lockte sie ein schöner Sommerabend ins Freie Sie war zu ihrer
bürgerlichen Tracht zurückgekehrt und hatte mit dem Wahn eines höheren Standes
alles abgelegt was er ihr zu erlauben schien Einsam durchwandelte sie die
schönen Fluren ohne sie zu bemerken denn ihre Fantasie versetzte sie in die
Tage ihrer ersten Jugend und rief ihr noch einmal mit süßumdämmerten Farben
den ruhigen einfachen Genuss ihres häuslichen Glücks und der Erfüllung ihrer
kindlichen Pflichten zurück Auch an Ludwig dachte sie in dieser stillen Stunde
und die Vorstellung, ihn vielleicht unglücklich gemacht zu haben mischte
Wermut in ihre lächelnde Erinnerung  So ging sie an dem Gehölze dahin und
jeder Beweis von Güte und Liebe den er ihr sonst gegeben hatte stieß einen
neuen schmerzlichen Dorn in ihre Brust Sie hatte keine Nachricht von ihm und
ach sie wünschte auch keine weil es ihre Leiden noch vermehrt haben würde ihn
um ihrentwillen traurend zu wissen Ach wer weiß sagte sie unter strömenden
Tränen ob er nicht mit Hass und Unwillen an die Unglückliche zurück denkt die
ihn mit falschen Hoffnungen betrog Aber könnt er mir sein Mitleid verweigern
wenn er wüsste wie bitter mich das Schicksal bestraft hat dass ich der Stimme
der Leidenschaft folgte  Könnt er grausam genug sein und mir die ich so
verarmt an jeder Freude bin den Trost seiner Vergebung und seines Bedauerns
versagen  Ach möchte er glücklich sein glücklicher als ich und möchte mein
Bild ihm nur in einer sanften Stunde vorschweben wo sein Herz geneigt wäre mir
den Kummer zu verzeihen den ich ihm machte  Sie warf sich unter eine hohe
majestätische Eiche und versank in ernste wehmutsvolle Träume Auf einmal rief
sie eine sanfte gebrochene Stimme aus einer bessern Welt zurück in der sie
schwärmte Mein Herz ist geneigt Dir zu vergeben Marie sagte die Stimme
bebend und leise wie die Rührung zu sprechen pflegt  ach es vergab Dir schon
längst und alle mein Unwille fiel nicht auf Dich sondern auf Deinen Verführer
    Erschrocken sprang sie auf und trocknete die von Tränen verdunkelten Augen
die sie verhinderten die Gestalt zu sehen die so sanft zu ihr sprach Ach es
war Ludwig  bleich wie sie und abgezehrt vom stillen Schmerze einer
vergeblichen Liebe  Sprachlos und starr stand ihm Marie gegenüber und ihre
Betrübnis war beredter wie ihre Lippe 
    Marie sagte Ludwig erwarte keine Vorwürfe von mir Dein blasses Gesicht
und Dein rotgeweintes erloschnes Auge sagen mir dass Du unglücklich bist und
dieser rührende Anblick würde meinen heftigsten Hass entwaffnen wenn ich den
jemals hätte für Dich fühlen können Kann ich etwas beitragen Dir Deine Lage zu
erleichtern so rechne ganz auf Deinen ersten Dir immer treugebliebnen Freund
und    seine Tränen ließ sich nicht länger zurückhalten er umfing sie in
einer schmerzlichen krampfhaften Umarmung in der sich alle ihre stechenden
Wunden regten und beruhigten durch die Qualen der Erinnerung und den Balsam der
Freundschaft 
    Marie war unvermögend nach diesem Auftritt der ihr Herz zerschnitt zu
reden Sie verlangte nach Hause und Ludwig führte sie durch die schlummernden
Gefilde nach dem Dorfe und ihrer Wohnung zurück Oben von dem Gipfel des
Waldenbergs blickte ein freundliches Ziegeldach von Tannen umgeben herab in
das Tal und auf ihm glänzten noch die letzten Strahlen der schon
untergegangnen Sonne
    Dort wohn ich Marie sagte Ludwig indem er hinauf wies dort hab ich
einsam an Dich gedacht und um Dich getrauert ohne zu wissen dass ich Dir so nahe
war O wie oft hat mich die Ungewissheit Deines Schicksals gequält und doch
hätt ich mich nicht entschließen können Dir den Wahn zu nehmen in dem Du so
glücklich schienst  Marie drückte ihm stumm die Hand mit einem zermalmenden
Gefühle in ihrem Innern
    Und so unerwartet muss ich Dich wieder finden fuhr er fort nachdem ich die
Hoffnung aufgegeben hatte Dich jemals wieder anzutreffen Und so blass so
leidend O Marie Du könntest Dich keiner rührendern Beredsamkeit bedienen als
dieser Spuren eines tiefen Grams die ich in Deinem Gesicht lese Aber verbanne
sie ich bitte Dich darum Dein Herz ist rein Du ließest Dich nicht verführen
nur betrügen und dies muss Dir Beruhigung sein
    Marie konnte nichts antworten Nur dann und wann erwiderte ein leiser Druck
der Hand von einem Seufzer begleitet die Herzlichkeit mit der er sprach
Endlich erreichte sie die friedliche Hütte die sie bewohnte Ach Ludwig sagte
sie beim Abschied Überraschung und innere Vorwürfe haben meine Zunge gelähmt
aber ich fühle Deine Güte   Gerührt und innig drückte er sie noch einmal an
sein ehrliches Herz und sie schieden
 
                          Drei und zwanzigstes Kapitel
Als sie in ihre Kammer trat warf sie sich mit den Kleidern aufs Bett und ließ
ihre wunden Augen weinen so lange sie wollten Ach diesem guten edlen
Menschen habe ich seine Hoffnungen und seine Freuden genommen rief ihr Inneres
mit allen seinen blutenden Wunden und wie leicht wär es mir gewesen ihn mit
ein wenig Verläugnung meiner selbst froh und glücklich zu machen O hätt ich
meine unbesonnene Liebe überwinden können und ihm die Hand gegeben von der er
sich so vieles Glück versprach  Sein argwohnloses Herz hätte nie geahndet dass
eine heftige Leidenschaft das meine erfüllte und meine ruhige Ergebenheit hätte
ihm genügt Nach und nach wären in einem bürgerlichen häuslichen Leben wie es
sich für mich schickte die bunten strahlenden Farben verblichen mit denen ich
mir Wodmars Liebe mahlte und der Sieg über mich selbst hätte meines Vaters
Sterbestunde erheitert Ach und alles dies hätte mir nichts gekostet als die
Aufopferung einer Liebe die mir nun so grausam mit aller Ruhe und Heiterkeit
aus dem Herzen gerissen wurde dass es an der Leere brechen wird die darin
zurück blieb 
    Der sanfte Mond erhellte nach und nach ihr kleines Gemach aber in ihrer
Seele blieb düstere Nacht und ununterbrochne Schwermut  Und wie fuhr sie fort
mit ungestillten Qualen sich zu denken wie wenn er noch jetzt den Flecken den
die Vergangenheit unverdienter Weise auf meinen guten Namen wirst wieder
auslöschen wollte indem er mir erlaubte den seinen zu führen   Würd ich
könnt ich es annehmen  Könnten auf den Trümmern dessen was ich ehedem war
noch Blumen der Freude für ihn sprossen  Nein nein rief sie dann laut unter
neuen Tränen nein Ludwig Du verdienst mehr als ich Dir sein kann Du
verdienst eine Gattin die Dir frei ins Auge zu sehen vermögend ist ohne dass es
feucht und beschämt zu Boden sinken muss bei der Erinnerung voriger Zeiten
    Schlaflos brachte sie die Nacht unter Schinerzen hin die sie sich selbst
machte und wie mit einem Fieber kämpfend fand sie Liese am andern Morgen mit
erhitzen geschwollenen Augen die die Spuren des Wachens und des Weinens
trugen Marie erklärte ihr alles ihr ehemaliges enges Verhältnis mit ihrem
Vetter Ludwig den sie in dem Förster wieder gefunden hatte ihre Erwartungen
eines erneuerten Antrags und ihren Entschluss ihn auszuschlagen Liese fand
diesen Vorsatz unbillig und unklug Wenn jemand einen Fehler begeht sagte sie
und bereut ihn und möchte ihn gern ungeschehen machen  ists denn da nicht
unsre Schuldigkeit ihm zu vergeben  Und wie viel mehr ist der nicht zu
entschuldigen der ohne zu wollen fehlte und demohngeachtet so herzlich bereut
wie Sie Nein Jungfer Mariechen gebe Sie ihm in Gottesnamen Ihr Jawort wenn
er es verlangt und mache Sie Sich keinen Kummer über das was geschehen ist Und
wenn Sie auch selbst mit Wissen und Willen in Unehren mit dem Grafen gelebt
hätte so müsste man doch wegen Ihres guten frommen Wandels nachher ein Auge
zudrücken und der Mann wäre immer noch glücklich zu schätzen der Sie bekäme
Bedenke Sie auch dass Sie dem Förster für manches Herzeleid Entschädigung
schuldig ist das Sie ihm zugefügt hat und dass es im Alter wohl tut wenn alle
Bekannten um uns her sterben und uns vorangehn einen treuen Freund der bei uns
aushält und liebe Kinder zu haben die uns die Augen zudrücken
    Liese würde ihr noch mehr Gründe vorgelegt haben wenn nicht ein
Morgenbesuch des Försters ihre Rede unterbrochen hätte Sie hielt sich nun für
überflüssig lächelte fromm und bedeutend auf Marien und entfernte sich mit der
Zuversicht dass er mehr auf sie wirken werde als sie Ludwig erschrak als die
erste Röte der Überraschung vorüber war die sein Kommen auf ihre Wangen
trieb über die kranke leidende Gestalt die ihm weniger bleich und zusammen
gebrochen im Rosenlichte des gestrigen Abends vorgekommen war  über das
lebensmüde Auge mit dem sie ihn ansah und über die blassen Lippen mit denen
sie sich bemühte zu lächeln Marie meine geliebte Marie Du bist sehr krank
rief er aus heftig bewegt von ihrem Anblick der ihn einst in der vollen
frischen Blüte der Gesundheit so sehr entzückt hatte 
    Ich bin es Ludwig versetzte Marie sanft aber in meinem Herzen wohnt meine
Krankheit  Wie ein Leichenstein liegt der Kummer auf meiner Brust und seine
Schwere wird sie erdrücken Aber ruhig glücklich wird sie nicht eher sein bis
sie der wirkliche Leichenstein auseinander presst
    Ludwig konnte seine Augen nicht mehr beherrschen O Marie rief er könnte
denn meine innige Liebe den Gram nicht vermindern der Dich darnieder beugt
Könntest Du wirklich dem Manne den Dein guter Vater einst wert hielt Dich zu
besitzen die süße Sorge für Dein Glück verweigern  Ich will ja Deine Liebe
nicht denn ich weiß dass sie noch immer dem Verräter gehört so gern Du Dir
Deine Gefühle auch selbst verbergen möchtest Ich will nur Deine Freundschaft
nur das Recht Dir so viel Freuden zu geben als ich kann
    Marie sank erbleichend fast ohnmächtig in seine Arme Nein Ludwig sagte
sie rasch ich lieb ihn nicht mehr weil ich ihn tief verachte Aber was willst
Du mit mir Du der Du das beste glücklichste Mädchen verdienst  Nein lass
mich einsam weinen weinen dass ich das beglückende Gefühl meiner innern Ruhe
verloren habe und dann sterben
    So stirb an meinem Herzen sagte Ludwig und diese feierliche Minute schloss
den Bund der Freundschaft und der Liebe Marie versprach ihm die Seinige zu
sein
    Als es allmählig ruhiger in ihnen wurde erzählte ihr Ludwig seine
Schicksale seit ihrer Trennung Mit den süßesten Hoffnungen die ihn zu einer
lachenden Zukunft berechtigten war er mit seinem Prinzen ausgereiset aber bald
wiegte die immer zunehmende Entfernung seine Seele in eine düstere Schwermut
die seinem Herrn nicht entging Er gestand ihm seine Liebe seine Sehnsucht nach
der Geliebten und seinen Wunsch sie auf immer zu besitzen Der Prinz hörte ihm
teilnehmend zu sagte aber nichts darauf Ohngefähr zehn Monate nach ihrer
Abreise rief ihn der Prinz zu sich Geh und sei glücklich sprach er mit nassen
Augen indem er ihm seine Bestallung als Forster auf dem Waldenberg gab um die
er sich heimlich für ihn bemüht hatte Und wenn Du recht froh mit Deinem jungen
Weibe lebst so denke auch an mich und bedaure mich den Schicksal und
Konvenienz auf ewig von dem Ziel seiner Wünsche scheiden  Der Prinz liebte ein
Mädchen unter seinem Stande  Sie zu vergessen und ihre gefährliche Nähe zu
fliehen tat er diese Reise Ludwig konnte nie ohne die tiefste Achtung und
Rührung von der Würde sprechen mit der er seine hoffnungslosen Leiden trug 
    Auf den Flügeln der Sehnsucht eilte er nun zurück in der Hoffnung seine
Marie werde in froher Verwunderung sein Glück mit ihm teilen Aber ihr Haus war
leer ihr Vater begraben sie selbst verschwunden  nur an ihrer Stelle fand er
den Brief der ihm fürchterlichen Aufschluss über alles gab was ihm rätselhaft
schien  Er schwieg von dem heftigen Schmerz den er empfand da er sah dass
Marien seine Erzählung peinigte die sie gleichwohl selbst von ihm gefordert
hatte
    Er verließ die Stadt die ihm nun unerträglich war teilte die Summe Geld
die sie ihm beschieden hatte unter ein paar arme Verwandten ans und bezog mit
finsterem menschenfeindlichem Gram seinen Waldenberg Eh er sich noch auf immer
der Einsamkeit überließ die ihn erwartete bemühte er sich um Nachrichten von
dem Grafen von Wodmar Man sagte ihm dass er im vorigen Herbst sich mit einer
jungen schönen und reichen Gräfin vermählt habe die einsam auf dem Lande
lebte da das Geräusch der Welt keinen Reiz für sie habe Da stand ihm das ganze
Bubenstück seines Nebenbuhlers vor den Augen Er kannte Mariens strenge
Grundsätze und ihre feste Tugend Nur durch eine Scheinheurat war es möglich
gewesen zu ihrem Besitz zu gelangen Bald loderte das Feuer seines Zorns zu dem
Vorsatz auf dem Betrüger die Maske zu entreißen  bald aber wenn er ihren
Brief von neuem überlas sagte er zu sich selbst Warum soll ich die goldne
Täuschung vernichten in der sie so selig schwärmt Ach sie würde doch an
meinem Herzen keinen Ersatz finden für den süßen Traum aus dem ich sie weckte
  So zog er sich ganz von der Welt in die Stille seines ländlichen Lebens
zurück und ihr Andenken schwand nie aus seiner Seele die sie immer betrauerte
    Auch Marie teilte ihm nicht ohne innern Kampf ihr voriges Leben mit und
schilderte ihm unparteiisch und treu ihre Bekanntschaft mit Wodmar ihre Liebe
ihre Verbindung und dann die Entdeckung seiner Verräterei Es griff sie an von
Dingen zu sprechen die ihr nur die bittersten Erinnerungen erwecken konnten
Ludwig bemerkte es Erzähle mir nichts mehr meine gute Marie sagte er schonend
und sanft Wende Deinen Blick weg von den trüben vergangenen Tagen und schaue
froh in eine bessere Zukunft Ich weiß ohne Dein quälendes Geständnis dass Deine
reine Seele unfähig war sich zu verirren  Marie weinte seiner Güte Tränen
des Danks und der Rührung 
    Ludwig blieb den ganzen Tag bei ihr und die gutmütige Liese war außer sich
vor Freude über ihren schnell gelungenen Plan Am Abend führte er seine Geliebte
ins Freie und besuchte mit ihr die hohe Eiche unter der er sie wiederfand
Stumm und selig ging er neben ihr her  schweigend und voll sanfter Wehmut
folgte Marie den grünen Spuren des Weges an seinem Arm die sie gestern noch
einsam betrat Das volle glühende Abendrot goss selbst auf die östlichen Wolken
seinen reizenden Purpur aus  die Abendglocke tönte melodisch durch die stille
Luft die sie umgab und schien ihr in dieser rosenfarbenen Minute der Nachhall
ihrer ersten Jugend zu sein in der sie einst mit ähnlichen Aussichten wie
jetzt nur nicht so traurig vor Ludwig stand Aber in ihre süß gerührte Seele
drang die herbe Vorstellung von allem was sie ehemals davon geschieden hatte 
 
                          Vier und zwanzigstes Kapitel
Unter einem immerwährenden Wechsel von Weh und Freude in Mariens Seele gingen
einige Wochen vorüber und Ludwig bestand nun auf die Erfüllung ihres
Versprechens
    Mit schwerem Herzen willigte Marie in eine Verbindung mit ihm auf ewig
Nicht als ob sich der leiseste Zweifel an seinem schonenden vergebenden
Edelmut in ihr geregt hätte  nur zu tief hatte sie so manche Probe seiner
Delikatesse durchdrungen aber in ihrer Seele in der sich alles auf Nebelgrund
mahlte fühlte sie deutlich dass ihr die Vergangenheit ewig eine Wunde bleiben
würde die nur der Tod zu stillen vermöchte Was ihr ehemals im blendenden
Rosenlicht der Liebe verzeihlich dünkte schien ihr jetzt ein Verbrechen zu
sein und dahin gehörte auch ihr wankelmütiges Benehmen gegen Ludwig und die
Übereilung mit der sie im Rausch der Leidenschaft die Belohnung die sie
seiner festen Treue schuldig war ihrem eignen erträumten Glück und der Liebe
eines Mannes opferte der ihrer so unwert war
    Aber Ludwig wollte nicht ohne sie leben und sie ergab sich sanft in seine
Wünsche Ihre Heurat wurde feierlich in der Kirche vor der ganzen versammelten
Gemeinde vollzogen und Konrad und Liese wohnten der Trauung mit einer so
gerührten innigen Freude bei als würde ihre eigne Tochter vor dem Altar zur
unzertrennlichen Gefährtin des glücklichen Försters geweiht
    Marie bezog nun mit ihrem Manne den Waldenberg und ihre kleine aber
angenehme Wohnung war ganz so einsam wie sie es wünschte In nützlichen
Beschäftigungen brachte sie ihre Tage hin und über ihre Gestalt breitete sich
eine holde Ruhe die ihr Wesen beseelte und Ludwig die süßeste Hoffnung gab sie
werde von ihrem Grame genesen Aber er war nur erschöpft nicht gehoben und
führte sie langsam dem offenen Grabe zu Sie empfand immer einen schmerzlichen
Unterschied zwischen ihrem und Ludwigs Innern Je reiner und fleckenloser das
seinige war je vorwurfsvoller dünkte ihr das ihrige und alle seine Liebe kam
ihr nur wie ein mitleidiges Herabneigen zu einer unglücklichen Verirrten vor so
sehr er sich auch Mühe gab ihr zu zeigen dass er sie nicht allein liebte
sondern auch achtete  Ihrem traurenden Herzen tat seine Güte weh und je
weiter er sich von jeder Erinnerung voriger Zeiten entfernte je näher leitete
sie ihr stiller Schmerz zu ihr hin
    Einige Monate war sie seine Frau gewesen da überfiel sie eine
unbeschreibliche Mattigkeit Ludwig pflegte sie mit aller Zärtlichkeit die er
für sie empfand und suchte alles hervor was sie erheitern und stärken konnte
Ich habe einen Wunsch liebster Mann sagte sie zu ihm den ich gern erfüllt
sähe da ich vielleicht bald mein Auge auf ewig schließe  Ludwig konnte das
seinige nicht trocknen und ihr nur durch eine Bewegung mit der Hand zu verstehen
geben dass er ihn gewähren würde
    Meine Muhme Köhler fuhr sie fort lebt wahrscheinlich noch immer in Wodmars
Hause  ich wünschte sie in meinen letzten Stunden um mich zu haben und sie Dir
zu hinterlassen wenn ich sterbe Sie wird Dein Hauswesen gut in Acht nehmen
bis Du zu einer zweiten Wahl schreitest und sollte Deine künftige Frau sie
nicht um sich haben mögen so lass sie zur guten Liese ziehen und gib ihr um
meines Andenkens willen so viel als sie zu ihrem Auskommen braucht  Sie
verließ aus Liebe zu mir ihre ruhige Lage in der Stadt und hoffte Freuden mit
mir zu teilen die man uns vorspiegelte  Ach sie hat nichts mit mir
geteilt als meine einsamen Tage meine Tränen um den geliebten Vater und
mein Erstarren als wir entdeckten dass wir betrogen waren  Willst Du ihr
schreiben dass sie kommen soll  Ludwig tat es mit einem namenlosen Kummer 
    Noch eins sagte sie als er fertig war und zog ihn liebevoll zu sich
nieder In ihren schönen Augen schwamm ein feuchter Schimmer der sich in eine
volle Träne sammelte und ihre eingefallene blassgerötete Wange hinab schlich
 noch eins habe ich auf dem Herzen aber ich tue es nicht ohne Deinen Beifall
Ich fühle dass der Tod mir nicht mehr fern ist und seine Annäherung macht mich
sanfter als ich in den Tagen meiner sinkenden Gesundheit war Vielleicht ist
Wodmar schuld an meinem frühen Sterben  vielleicht auch nicht Aber wäre er es
auch so ist es schön den Abend seines Lebens mit einer edlen Tat zu
bezeichnen und zu enden drum erlaube mir einige Zeilen an ihn in denen ich ihm
sage dass ich ihm vergeben habe und dass ich diese Welt verlasse ohne seinem
Andenken zu fluchen Ach ich hasse ihn nur noch um Deinetwillen  die
Schmerzen die er mir machte hab ich ihm längst verziehen Willst Du mein
Ludwig mir diese letzte Bitte erfüllen so wirst Du meinem Herzen noch neue
Freude geben ehe es bricht  willst Du es anders nun so bring ich Dir ohne
Murren den kurzen Genuss den sie mir gewähren würde zum Opfer
    Kannst Du noch fragen unterbrach sie Ludwig auf ihre Hand gebeugt die er
fest an sein Herz drückte Tu alles geliebte Seele was Dir Freude macht 
O könnt ich für Dich sterben  
    Marie ließ sich also eine Feder bringen und Ludwig irrte im Walde umher den
Schreckensbildern zu entfliehn mit denen ihr herannahendes Ende ihn umgab Es
war still in dem öden Krankenzimmer um sie her wie in ihrer Seele und sie nahm
alle ihre Kräfte zusammen um diese Zeilen zu schreiben
    »Wenn Sie dieses Blatt erhalten werden vielleicht die Hände schon verwesen
die es schrieben und das Herz das Sie geliebt hat schlägt nicht mehr und
schlummert in der Erde Aber ehe es der Todeskampf stumm und kalt macht will es
noch einmal zu dem Ihrigen sprechen und Ihnen vergeben Still und feierlich naht
sich mir die Minute meines Sterbens und ich sehe ihr heiter entgegen denn sie
erscheint mir wie eine geliebte Gestalt im Traum und öffnet mir den Himmel Ich
habe nichts auf dieser Welt gehabt als den kurzen aber süßen Wahn Ihrer Liebe
 den Schmerz betrogen worden zu sein und Tränen Selbst die Zärtlichkeit des
besten edelsten Mannes vermochte mir nichts mehr als doppelte Reue zu geben
dass ich ihn jemals meiner unglücklichen Leidenschaft aufopfern konnte  ich
scheide also gern da meiner traurenden Seele die Erde nur ein Kerker dünkt 
Aber in diesen letzten Stunden meines Lebens wird mein Herz weich und geneigt zu
vergeben Nehmen Sie also mit dem letzten Lebewvhl das ich Ihnen durch die
weite Ferne zurufe die uns trennt die Versicherung hin dass ich versöhnt mit
Ihnen sterbe Ach ich will es Ihnen nicht verbergen dass mein Hass und mein
Abscheu für Sie mit meiner fallenden Gesundheit dahin floh und  meine Lippen
soll auch im Tode keine Lüge beflecken  dass ich Ihr Bild und alle meine
ehemalige Liebe zu Ihnen in meinem brechenden Herzen mit ins Grab nehme Sein
Sie glücklich in den Armen ihrer liebenswürdigen Gemahlin und mein Andenken
störe nie Ihre Heiterkeit sondern nur Ihren Leichtsinn indem es Sie an die
traurigen Folgen erinnert die er hatte Ich verzeihe Ihnen ich würde Ihnen
noch mehr sagen aber der Augenblick ist nun vorüber der mir erlaubte
offenherzig zu sein und alle die übrigen die ihm folgen gehören Ludwig und
meinen Pflichten  Leben Sie ewig ewig wohl Einst wenn Ihr Herz zur Tugend
zurückgekehrt ist und sich müde geschlagen hat im Getümmel der Welt und unter
dem Drucke des Lebens dann Wodmar  o diese Hoffnung ist Deiner Marie süß 
dann sehen wir uns wieder«
    Sie endigte diesen Brief mit vieler Heiterkeit und Ruhe des Geistes,
siegelte ihn selbst und gab ihn Ludwig mit der Bitte ihn nach ihrem Tode zu
besorgen Konrad eilte so schnell als es ihm möglich war Frau Köhler zu holen
und Liese kam nicht von dem Krankenbett ihrer geliebten Freundin und gab durch
die unermüdete Sorgfalt mit der sie sie abwartete und durch die redlichen
Tränen die sie bei ihrer immer zunehmenden Entkräftung vergoss einen rührenden
Beweis wie gut der Mensch sein kann auch ohne Politur die oft am innern
Werte nimmt was sie dem Aeusserlichen an Glanz gibt
    Ludwig dessen treues Herz sich nachdem er sie wiedergefunden fester als
jemals an sie geheftet hatte  Ludwig der jetzt den Moment sich nahen sah in
dem er sie für dieses ganze lange Leben verlieren sollte hatte keinen Trost für
seinen Schmerz als den der allen Unglücklichen bleibt den Trost der
Sterblichkeit
    Er verließ das Zimmer seiner geliebten Gattin keinen Augenblick und
bewachte unter Furcht und Hoffnung die in ihm abwechselten jede ihrer
Bewegungen Einst erwachte sie nach einem sanften Schlummer  ihr Auge blickte
sich hell und selig um und sie reichte in trunkner Freude Ludwig ihre Hände
der an ihrem Bette saß O mein Ludwig sagte sie und die Glorie der Verklärung
schien ihre bleiche Gestalt zu umschweben und lieh ihr ein überirdisches
Lächeln ich habe den ganzen Himmel gesehen und meinen Vater und mich selbst in
dem schönsten aller Träume Ach wie war mir so wohl im Kreise der Seligen
Unsre Erde lag wie eine dunkle Wolke unter mir und ich konnte keine der lieben
Gestalten erkennen die ich zurückgelassen hatte Und doch wurde mein Herz weich
vor Sehnsucht die Seligkeit mit ihnen zu teilen die mein ganzes Wesen
durchströmte Da senkte sich von der zweiten Welt die ich bewohnte eine blaue
Nebelsäule hinab auf die verlassenen dunkeln Gefilde meines ehemaligen
Vaterlandes  und glänzender stieg sie wieder empor   süße Ahndung und
Wehmut schmelzten mein Herz Du tratest aus dem blauen Duft der Dich umgab
und mein Vater segnete unser Wiedersehen Dann führte mir der Engel der
Versöhnung auch Wodmar entgegen und wir umfassten uns alle in stiller Liebe die
niemand störte und niemand tadelte Da verloren wir plötzlich unsre Gestalten 
sie sanken hinab in offene Gräber aber unsre Seelen kannten sich doch und
liebten sich auch ohne die bekannte Hülle  Ihr Auge wurde starrer unter den
freudigen Tränen die es vergoss  ihr Mund bewegte sich noch lächelnd aber
ohne zu sprechen und ohne Krampf und Zuckungen floh in Ludwigs Armen wie der
leise Atem der Frühlingsluft ihr entrinnendes Leben dahin  
 
                          Fünf und zwanzigstes Kapitel
Frau Köhler kam an  um ihre Nichte begraben zu sehen Sie weinte mit Konrad und
Liesen bei der teuren Leiche aber Ludwig konnte seine Tränen nicht mit den
ihrigen vermischen Sein Auge war trocken und starr und so heftig auch der
Schmerz in seinem Innern wütete so las man nichts von ihm auf seinem Gesicht
als die gleichgültige Betäubung die seine erste Stärke mit sich führt Er
wirkte sich die Erlaubnis aus ihre Überreste unter der Eiche begraben zu
dürfen wo er sie zum erstenmal nach langer Trennung wieder gesehen hatte Sie
war schon vorher sein Lieblingsplatz und wurde es nun noch mehr da unter ihrem
Schatten das Liebste was er auf der Erde hatte schlummerte  Er setzte ihr
ein einfaches Grabmal mit dem Tag und Jahr ihrer Geburt und ihres Todes und
der simpeln Inschrift Ihr Tod war schön und sanft wie ihre Seele  Täglich
besuchte er das Heiligtum seines Schmerzes und Konrads Kinder die den
Grabhügel ihrer Freundin oft mit Blumen bestreuten fanden ihn zuweilen ohne
Spuren des Bewusstseins, ganz verloren und versenkt in seine Schwermut oder
auch in milden Tränen die ihm endlich Zeit und Nachdenken gab  Er führte
sein Leben still und traurig fort wie in den Tagen da er Marien betrauerte
als sie sich durch ihre Liebe zu einem Andern von ihm losgerissen hatte aber
seine Empfindung war nicht mehr so herbe wie damals denn Marie war ja als die
Seinige gestorben Er dachte an keine zweite Verbindung und Frau Köhler führte
mit der Sorgfalt einer Hausfrau seine Wirtschaft an Mariens Stelle Jedes
Überbleibsel von ihr war ihm eine heilige Reliquie und in stillen Stunden wo
er sich frei von Zeugen glaubte oder über seinen Kummer der Zeugen vergaß
vertiefte er sich schwermütig in die Größe seines Verlustes Er pflückte jede
Blume aus dem Felde der Vergangenheit um damit den Rautenkranz der Gegenwart zu
schmücken oder um sie in süßer Täuschung auf die verheerten Ruinen seines
Glücks zu streun  In die Rinde der Eiche unter der sie ruhte schnitt er
ihren Namen und nun war der geliebte Baum ihm doppelt wert Hier fand ihn
jeder Abend in Träumereien verloren die ihm entweder die Zukunft jenseit des
Grabes mit Farben der Hoffnung malten oder alle Freuden seiner vergangenen Tage
ihm wieder zurück riefen  Oft glaubte er sich auch von Mariens Geiste
umschwebt und dann verließ er allemal mit erhöhtem Mute zum Leiden das Grab
in dem seine Geliebte und seine Glückseligkeit ruhten Er überlebte sie nur
einige Jahre und Frau Köhler folgte ihm bald nach
    Mariens schriftliches Vermächtnis an den Grafen wurde ihm richtig
überbracht Er hatte da jede Mühe ihren Aufenthalt auszuforschen vergeblich
war in dumpfer Schwermut seine Tage in der Stadt verlebt aber ohne an ihrem
Geräusch und seinen ehemaligen Gesellschaften Teil zu nehmen Alle seine
Heiterkeit war hin  immer erblickte er im Spiegel der Erinnerung Mariens
Vertrauen und ihren gemisshandelten Glauben der ihn an seine innere Entehrung
mahnte  Er hatte seit er so hart von Josephinen gegangen war wohl oft mit
Anteil und Zärtlichkeit an diese arme auch von ihm Betrogne gedacht aber sie
nicht wieder gesehen Jene Vorwürfe die er ihr mit so viel Bitterkeit in einer
Stunde machte wo sie des Balsams für ihr zerrissenes Herz bedurfte kamen nicht
aus seinen Gedanken Aber es liegt leider in den mehresten leichtsinnigen
Menschen der Wunsch und das Verlangen einen begangenen Fehler dadurch zu
beschönigen dass sie die Ursachen, die ihn veranlassten nicht in sich selbst wo
sie wirklich zu Hause sind sondern in dem andern suchen der darunter leidet
    Das Gewissen weicht nie aus der menschlichen Seele so oft es sich auch
einschlummern lässt und wenn auch der Strom der lauten Freuden den Bösewicht in
dumpfer Betäubung mit sich fortreisst so kommt doch endlich eine stille Stunde
der er nicht ausweichen kann die ihm den Spiegel vors Gesicht hält aus dem ihm
zu seinem Schrecken alle seine Vergehungen in ungefärbter Hässlichkeit entgegen
strahlen Dann möcht er gern den innern Stichen entgehn die ihn peinigen und
sucht den kleinsten Flecken in dem Charakter auf den er beleidigte um sein
Verfahren zu rechtfertigen Wodmar hatte zwar anfangs mit einem unangenehmen
Gefühl Josephinens erste Kälte und den Stolz bemerkt mit dem sie ihm begegnet
war  aber da er sie nicht liebte so war ihm nach und nach die Kluft lieb
geworden die die Verschiedenheit ihrer Denkungsart zwischen sie warf da sie
ihm wenigstens in seinen eignen Augen eine wichtige Entschuldigung seines
Verfahrens gegen Marien schien Er schätzte Josephinen wie es ihre reine Tugend
verdiente und er bereute es ihrem weichen Herzen durch seine raue Begegnung
weh getan zu haben  aber er wagte es nicht sie zu sehen und die
Ungewissheit die ihn wegen Mariens Schicksal folterte erlaubte ihm auch bis
jetzt nur als Nebensache den Gedanken an sie
    Als er Mariens Brief erhielt und ihre Hand auf der Aufschrift erkannte
ergriff ihn ein ahndungsvolles Beben Er legte ihn unerbrochen vor sich hin um
einige Minuten sich den süßen Vermutungen und Hoffnungen zu überlassen die ihn
umgaukelten Er glaubte sie versöhnt aber nicht erst an der Pforte der
Ewigkeit sondern noch in diesem unvollkommnen Leben das er ihr so sehr getrübt
hatte Aber als er das Blatt entfaltete dessen wankende Schreibart ihm bewies
dass sie ihm ihre letzten Kräfte geopfert hatte als er es las und in dumpfer
Bestürzung wieder las überfiel ihn die grässliche Verzweiflung Marie tot und
seine Anklägerin vor Gottes Richterstuhl diese Gedanken vermochte er nicht zu
trennen so sehr auch Mariens sanfte Vergebung den letztern widerlegte Sein
Körper wurde so krank wie seine Seele Zwar rettete ihn seine Jugend und die
geschickte Behandlung des Arztes von dem Tode den er wünschte und fürchtete
aber eine schwarze Melancholie blieb immer in seiner Seele zurück und nur als
er umständliche Nachricht von Mariens letzten Stunden und ihrem Ende eingezogen
hatte ging sie in eine weichere Art von Schmerz in die tiefste Wehmut über O
Marie sagte einst sein ganzes Wesen womit kann ich Dir ein schöneres Monument
bauen als durch gute Taten und die Erfüllung meiner Pflichten Womit kann ich
Deinen schlummernden Staub besser ehren als durch das Bestreben Deiner wert
zu sein  Die traurende Josephine trat in diesem Augenblick vor seinen
lebhaften Geist und in ihrem schönen Auge hingen noch die Tränen die er ihrem
Herzen entpresst hatte und sie zu trocknen schien ihm sein schönster Beruf Er
machte Anstalt zur Abreise   Josephine lebte eingezogen und still in
Wodmarshausen und widmete alle ihre Zeit dem geliebten Kinde das die einzige
ihr noch übrig gebliebne Quelle ihrer Freuden war Sein Name und seine Sanftmut
rief den ersten Geliebten und seine sich immer mehr entwickelnden Züge den
zweiten in ihr trauriges Andenken zurück und ließ den Gedanken nie verlöschen
dass sie Beide verloren Ach von dem ersten hatten sie die Vorurteile ihres
Standes geschieden und von dem andern trennte sie auf ewig die Überzeugung
seines Unwerts
    Der Graf kam an Josephine empfing ihn mit ernster Würde Ich habe Sie
beleidigt teure Josephine sagte er aber die unglückliche Ursach die uns
trennte ist nicht mehr Sie starb indem sie mir vergab Wollen Sie dem
Beispiel ihrer Versöhnung folgen   Er reichte ihr hier Mariens Brief und
schwieg  Josephine nahm ihn kalt und gleichgültig aber sein Inhalt machte ihr
Herz weich und sanft wurde ihr stolzes Auge von Tränen überzogen die sie der
Unglücklichen nicht verweigern konnte Rasch wandte sie sich zu ihrem Gemahl
mit festem Entschluss und festem Blicke obgleich einer gerührten Stimme Dieser
Brief sagte sie indem sie ihn zurück gab sei unser Scheidebrief Ich verlange
nichts von Ihnen zur Entschädigung meines Kummers als den Besitz meines Kindes
und die Sorge für seine Erziehung damit sein Herz rein bleibt von der
Falschheit seines Vaters Mit diesen Worten verließ sie ihn ihre Wange von
edlem Unwillen entflammt und nie sah sie ihn wieder Sie erfüllte ihre
Mutterpflichten mit der größten Gewissenhaftigkeit und ihr Sohn lohnte ihre
Mühe durch den liebenswürdigsten Charakter der sich unter ihrem Beispiel
bildete und befestigte In ihm fand sie den Ersatz aller ihrer Leiden  Wodmar
zog sich nach einigen vergeblichen Versuchen sie zu versöhnen nach Nesselfeld
zurück wo er das Andenken seiner Marie beweinte Er suchte sich oft durch
Reisen zu zerstreuen aber die Ruhe die er zuweilen genoss war nur
Fühllosigkeit und wich schnell neuen Qualen die ihm Vergangenheit und Zukunft
gab und verhieß Er suchte durch Wohltätigkeit feinen Gram zu zerstreuen aber
er blieb fest in seiner Seele und wich nur spät dem Tode der alle Wunden heilt
    Und August  hatte seine erste unglückliche Liebe nicht vergessen sondern
sie langsam in eine sanfte aber feste Freundschaft umgestimmt die er ewig für
Josephinen beibehielt Jahre waren nötig die Flamme der Leidenschaft in ihm zu
dampfen aber als es endlich geschehen war loderte eine schönere in ihm auf die
er frei und stolz der ganzen Welt bekennen durfte und ihrer reinen
wohltätigen Wärme freute sich Josephine
    Auch die Liebe behauptete noch ihre Rechte in seinen männlichen Jahren an
ihm und schmückte sie durch ein Mädchen seines Standes das seine Wahl
verdiente Als er verheiratet war sah er erst Josephinen wieder und die
Erinnerung der vorigen Zeiten betrübte sie nicht mehr sondern wurde durch die
angenehme Wehmut die sie in die Freuden des Wiedersehns mischte ein neues
zartes Band der Freundschaft Madam Wilmut und August mit seiner Familie zogen
zu Josephinen aufs Land und bei dem heitern Abendrot das ihnen lachte
vergaßen sie die Stürme des Morgens