Terese Huber
Luise
Ein Beitrag zur Geschichte der Konvenienz
Vorrede des Herausgebers
Dass Luisens Geschichte wahr bei aller ihrer Alltäglichkeit schrecklich und
traurig wahr ist darf niemanden der sie gelesen haben wird wiederholt oder
beteuert werden Sie wäre ein elender Roman sie ist eine sehr lehrreiche
Geschichte Es kann indessen dem Leser Not tun ehe er weiter geht von zwei
Dingen unterrichtet zu sein warum sie nämlich geschrieben und warum sie
herausgegeben wurde
Die Erzählung ist fast ohne Ausnahme das Werk der Heldinn selbst und
entstand folgendermaßen Ein sehr achtungswürdiger Arzt den sie über den fast
hofnungslosen Zustand ihrer Gesundheit um Rat fragte mochte durch seine lange
Erfahrung belehrt worden sein dass bei gebildeteren empfänglicheren Menschen dem
Körper nicht aufzuhelfen ist wenn der Seele nicht zugleich auch freundlich die
Hand geboten wird und dazu glaubte er das Mittel gefunden zu haben indem er
ihr anriet die Geschichte ihrer Leiden und ihres Unglücks aufzuzeichnen Da es
ihrer Fantasie unmöglich war sich von den schwarzen Bildern ihrer Vergangenheit
zu trennen so glaubte er solche wenigstens in gewisse Schranken bannen zu
können wenn sie mit dem Verstande zugleich angestrengt würde aus ihren
schwankenden Vorstellungen ein wirkliches und zusammenhängendes Ganzes zu
bilden Er glaubte vielleicht dass Luise ihr Schicksal für erträglicher ihre
Wunden für weniger unheilbar ansehen würde wenn sie sich selbst eine
ungeheuchelte Rechenschaft von allem was sie betroffen hätte ablegte Das
Mittel war gut berechnet aber es schlug bei einem hartnäckigen Übel nicht an
und nachdem sie sich mit allen Erinnerungen ihres unglücklichen Lebens so
vorschriftsmässig als es ihrer schon zu tief verwundeten Seele möglich war
beschäftigt hatte verzweifelte sie mehr als jemals diesseits des Grabes noch
Ruhe zu finden Diese Arbeit grub vielmehr den Gedanken und die Erwartung des
Todes tiefer in ihr Herz und es ward endlich ihr einziges Ziel in derselben
ein Denkmal zu errichten das denen von welchen sie sich verlassen glaubt
sagen sollte wie sie litt und warum sie starb das ihren Freunden zurufen
sollte »Hier ruht sie« und Fremden »Lasst die nicht einsam und hilflos
verschmachten die jetzt leiden wie sie einst litt« Über Grabsteinen schwebt
Friede und Verzeihung die Stimme des Todes regt keine Leidenschaft mehr auf
Friede und Verzeihung erwartete also auch Luise die sich für lebendig tot
hielt indem sie diese Blätter in die Hände eines Mannes lieferte den sie nicht
persönlich kannte für welchen sie aber Vertrauen und Achtung genug hatte um
ihn zur Herausgabe derselben aufzufordern
Es schien mir etwas Heiliges zu haben den Wunsch einer so gränzenlos
Unglücklichen nicht unerfüllt zu lassen Ohne indessen von den in dieser
Geschichte auftretenden Personen eine einzige zu kennen ohne also im Stande zu
sein über sie zu urteilen habe ich doch die klare Überzeugung dass man zwar
Luisen alles was ihr Unglück betrifft und beweiset auf ihr Wort glauben über
vieles aber was das ihr getane Unrecht anbelangt sie nicht für die
kompetenteste Richterinn annehmen kann So geschah es nachdem die Arme die
schreckliche Epoche ihrer Verstandesverwirrung überstanden hatte dass man auf
die Meinung hin ihre Vernunft sei nicht wieder hergestellt manches gegen sie
tat das während ihrer schwachen Genesung heftig genug auf sie wirkte um
Entschlüsse in ihr hervorzubringen welche so hell auch ihr eigenes Bewusstsein
dabei war die Personen von denen sie umgeben war wiederum in ihren
Vorurteilen bestärken mussten In diesem und manchem ähnlichen Fall ist es
unläugbar dass sie Unrecht litt aber zweifelhaft ist es ob man ihr Unrecht
tat Und in einem solchen Labirint trieb sie ihr grausames Schicksal mit den
Menschen die sie zunächst angingen unaufhörlich herum Welche Szenen von
Verzweiflung würden zum Beispiel die Geständnisse ihres Gemahls enthüllen
wenn dieser die Gewohnheit gehabt hätte so über sich zu brüten wie seine
unglückliche Frau Sie brütete litt weinte und er war schwerlich glücklicher
indem er nach seiner Art nach der Stimmung seines Karakters fühlte die ihn
antrieb zu toben oder sich auf jede Weise von der Veranlassung seines Unglücks
zu zerstreuen oder gar sich an ihr zu rächen während Luise mit gleichem
wiewohl noch unvermeidlicherem Egoismus fortfuhr nur von ihrem Kummer
auszugehen der doch durch seinen Einfluss auf ihren Charakter die nächste
Ursache des Missverhältnisses war So behandelte und dachte sie die Menschen oft
besser als sie waren so erblickte und fühlte sie die nämlichen Menschen eben so
oft schlimmer als sie waren so gab ihre Güte ihr nie diejenige Kraft welche
andre im Zügel gehalten und sie darüber hinweggesetzt hätte über ihre und
andrer Handlungen und Motive peinlich zu grübeln so stieß schwärmerische
Kleinlichkeit in ihr unaufhörlich gegen gewöhnlich menschliche und
gesellschaftliche Kleinlichkeit in Andern
Die oberflächlichsten psychologischen Kenntnisse sind hinreichend um auf
alle von ihren Helden selbst verfassten Biographien gewisse allgemeine
Vorsichtsregeln anzuwenden und wenn eine Unglückliche mit der Erzählung ihres
Lebens fast nur eine einzige lange Krankheitsgeschichte vorträgt muss man
allerdings noch eine besondere Rücksicht darauf nehmen in wiefern ihre
Vorstellungen, von Menschen und Dingen dem Einfluss ihres individuellen
Zustandes notwendig unterworfen sein mussten Wenn aber ein Arzt der einen
Fieberkranken besucht und ihn mit Heftigkeit versichern hört dass man ein
eisernes Band um seine Schläfe gelegt habe oder ihm boshafter Weise von Zeit zu
Zeit die Kehle zudrücke wenn der erfahrne Art auch diese Aussagen nicht für
Tatsachen annimmt so wird er sich doch eben so wenig auf die verdrießliche
Beteurung der Wärterinn dass dieses alles Fieberwahn sei schlechterdings
verlassen er wird vielmehr untersuchen ob des Kranken Kopfzeug nicht zu fest
um die Schläfe gebunden ist er wird dafür sorgen dass man ihm einige Kissen
unterlege um ihm den peinigenden Zufluss des Blutes nach dem Kopfe zu lindern
Eben so dürfen wir das wunde Gefühl einer Leidenden die uns erzählt was sie
erduldete nicht mit müßiger Weisheit verwerfen indem wir sagen »Bei diesen
traurigen physischen Anlagen nach diesen unglücklichen Zusällen bei diesem
zerrütteten Körper bei diesem angegriffenen Geiste konnte sie von dem was ihr
begegnete nicht urteilen« sondern der Menschenfreund wird die Klagende
verstehen und indem er sie versteht den vielleicht einzig möglichen Trost ihr
gewähren er wird seine Menschenkenntnis durch sie erweitert fühlen hier helfen
so weit er kann denn helfen kann man selbst Kranken die man nicht zu heilen
vermag und Keime ähnlichen Unglücks und ähnlicher Schuld die in so manchem
Menschenzirkel verborgen sein mögen vielleicht noch bei Zeiten auszurotten oder
zu verbessern gelernt haben Luise beklagt sich mit vollem Recht verkannt und
weil sie verkannt wurde misshandelt worden zu sein freilich verkannte auch sie
alles und so erschien für sie keine Rettung aus der Verwirrung ihres
Schicksals Aber die sonst ganz gleich aufgehende Rechnung von Fehlern und
Vorwürfen zwischen ihr und den Menschen mit welchen sie lebte würde deshalb
vor einem höheren Richterstuhl nicht für abgeschlossen gelten weil die Gesunden
der Kranken die Älteren der Jüngern die Vernünftigen der Schwärmerinn die
Starken der Schwachen die Männer dem Weibe mehr schuldig waren als diese
jenen So lange daher der Tod den unglücklichen Gläubiger nicht hinweggenommen
hat so lange sollte und so lange kann an der Schuld abgetragen werden die
trotz aller Umstände welche sie erklären entschuldigen rechtfertigen alsdann
doch vielleicht etwas drückend gefühlt werden möchte
Vielleicht ist es mir mit den bisher gegebnen Winken schon gelungen den
Nutzen vorzubereiten welchen ich durch die Herausgabe von Luisens Geschichte zu
stiften hofte und wünschte Es sei mir indessen erlaubt noch einen sehr
allgemeinen Gesichtspunkt zu berühren aus welchem wie mich dünkt die
folgenden Blätter betrachtet werden können. Dieses ganze traurige bald matte
bald grelle Gemälde ist nur ein einzelnes Blatt aus der unseligen Geschichte
der Konvenienz »Durchbrecht die Schranken der Konvenienz« sagt man »und Ihr
seid unter lauter Räubern und Mördern« Das heißt mit andern Worten »Reisst die
Larve herab mit welcher wir unsre sittliche Herabwürdigung zu bedecken
übereinkamen und ihr werdet uns sehen wie wir sind« Das Elend zu dessen
Vertrauten Luise ihre Leser machen wird rührte nicht von jener großen
Naturnotwendigkeit her aus deren eisernen Banden kein Sterblicher sich oder
seine Brüder zu erlösen vermag die ganze Unvermeidlichkeit desselben lag
lediglich in dem konventionellen Kreise den die gute Gesellschaft um sich
gezogen hat und an dessen Schranken sich Einzelne den Kopf zerstossen mögen als
kämpften sie gegen das Schicksal selbst Wie viele hundert Familien stehen in
ähnlichen Verhältnissen in ähnlichen Verbindungen haben für das gleichgültige
Publikum einen ähnlichen Schein von Wohlstand und feinen Sitten wie Luisens
Haus indessen sie ein ähnliches Gewühl von Schwächen und kämpfenden
Leidenschaften verschließen die so lange sie nur leise unter sich gähren nur
hie und da eine kleine Schlechtigkeit hervorbringen das öffentliche Ansehen
nicht schmälern dessen man unter jenen Bedingungen genießt wenn sie aber
einmal bei lebhafter organisirten oder sittlicheren Menschen sich bis zur
Raserei oder zum Verbrechen entzündet haben einstimmige Proskription auf die
Unglücklichen herabziehen deren Beispiel aus den Gewohnheiten in welchen man
so sanft ruht aufschrecken möchte Denn um zu bessern straft die Konvenienz
nie sie straft unerbittlich schnell und ungehört um die Quellen des Übels
unaufgesucht um das Heiligtum von Verderbnis unangetastet zu erhalten
Wenn sich solche Verhältnisse die man alsdann nicht für traurig nicht für
schrecklich nicht für unsittlich sondern für ärgerlich ansieht in einer
Familie zu offenbaren anfangen so erstaunt man so zischelt man sich solche
unter einander zu und stellt die Sache dem waltenden Schicksal anheim denn
außerdem dass sie ein Gegenstand der Gespräche am Teetisch ist hat sie für
niemanden Interesse Ist es dann endlich durch die diskrete Behandlung unter
das große Publikum gekommen dass Mademoiselle N sterblich in Herrn N N
verliebt ist dass aber ihre Eltern die Neigung missbilligen das es sehr lebhafte
Auftritte gibt dass Mademoiselle heute mit rotgeweinten Augen in diese oder
jene Gesellschaft gekommen ist oder dass sie wirklich den Verstand verloren hat
dass der Mann den sie auf Überredung ihrer Familie genommen sich nicht um sie
bekümmert dass man sie einer Wärterinn überlässt die sie mit Ruten peitscht
verhungern lässt usw so empfindet zwar die Familie Unschuldige wie
Schuldige eine gewisse nachteilige Wirkung dieser Gerüchte in der öffentlichen
Meinung die zu versöhnen sie indessen ein unfehlbares aber einziges Mittel
hat sobald sie das geschehene Übel wieder unter etwas äußeren Anstand zu
vergraben weiß wo es dann rettungslos austoben mag dahingegen jeder mögliche
Schritt es zu verbessern das allgemeine Skandal nur vermehren und auch in der
Tat durch die Konvenienz wesentlich unwirksam gemacht würde Wenn einzelne
feinere Seelen sich entsetzen dass unter solchen Menschen solche Gräuel vorgehn
wenn sie gar dem Schein von Schwärmerei und Bizarrerie von Don Quixottismus
genug trotzen um helfen zu wollen so finden sie doch gar bald dass dieser
Schein nicht umsonst auf ihr Bestreben geworfen ist dass er deswegen da ist
damit es ihnen unmöglich sei in solchen Dingen etwas gut zu machen Und die
kleinere Anzahl von vertrauten Freunden oder Angehörigen des Hauses denen
selbst das Publikum das Recht zugestehen würde sich um die Angelegenheiten
desselben zu bekümmern o wie wenig hätte die Konvenienz ihren Vorteil
verstanden wenn sie nicht auch deren Recht so beschränkt und verklausulirt
hätte dass es ihrer Herrschaft nicht gefährlich würde Schwerlich wird ein
unbefangener Leser der folgenden Geschichte sich entbrechen auszurufen War denn
kein Mensch barmherzig genug um Luisen aus den Händen ihrer Henker zu erlösen
Hätte man der Mutter welche mit alrer Zärtlichkeit für ihre Tochter sie ihrem
Stolze aufgeopfert hatte und von den Ruten fühlloser Mietlinge zerreißen
ließ da ihr Zustand sie der Nachsicht der Pflege die man keinem Säuglinge
versagt bedürftig machte hätte man ihr nicht ihre Pflicht mit strengem Ernst
vorhalten sollen Konnte denn kein einfaches vernünftiges Weib schon vorher zur
rechten Zeit zu Luisen sagen »Junge Frau mit dieser romanhaften Zärtlichkeit
dieser Ebbe und Flut von Gefühlen fesselt man wohl einen jungen unbärtigen
Liebhaber aber sie beglückt keinen Ehemann der nicht von Zeit zu Zeit Sonn
und Festtagskost sondern in seinem Hause täglich seine behagliche physische und
moralische Existenz sucht und fordern darf« Gibt es für diejenigen die den
platonischen Vertrag zwischen Luisen und ihrem Gemahl kannten und ein Recht
hatten drein zu sprechen eine Entschuldigung dass sie ihn jemals zugaben Dass
Blachfeld ihn einging war so natürlich dass er ein fühlloser Wilder gewesen
wäre wenn er es nicht getan hätte aber ein Tor oder etwas selbst nach
platonischen Begriffen die das Verdienst doch wohl in der Überwindung setzen
höchst verdienstloses wäre er gewesen wenn er nicht indem er sein Wort gab
sicher gerechnet hätte dass Natur Liebe und Pflicht ihn vor Ablauf der Frist
davon lossprechen würden War aber die Veranlassung zu diesem Vertrag
unwiderruflich in Luisens Charakter vielleicht gar in ihren physischen Anlagen
gegründet so war die Ehe ihre Bestimmung nicht und man musste sie nicht
verheiraten war sie bloß die Geburt überspannter Gefühle verkehrter Begriffe
von Liebe und Glück oder falscher Besorgnisse wegen ihrer Gesundheit so musste
das unerfahrne Mädchen eines Bessern belehrt werden ehe ihr erlaubt wurde
Pflichten zu übernehmen die für sie um so schwerer und heiliger waren als
weder Neigung noch Vernunft sondern Eitelkeit und Konvenienzen die Heirat
schlossen und also weder Kopf noch Herz sondern der kahle dürre Buchstabe
bürgerlicher Pflicht über das Glück dieser Ehe zu wachen hatte Das Ansehen
welches die gute Luise am meisten ehrte mischte sich gerade hierin nicht die
Stimme der Freundschaft Leidet die Konvenienz denn Freundschaft Unter
Jünglingen trifft man zuweilen noch eine Spur von dem Urbilde der Freundschaft
gegenseitiges Mitteilen und Beistehen mit Geist Herz und Beutel aber das
reifere Alter welches uns immer als das Ziel der Weisheit angerühmt wird und
welches die Konvenienz zum Grabe der schönen Menschlichkeit gemacht hat trennt
dieses Band Ein vernünftiger Mann hat keine Freunde mehr er hat Kollegen er
hat standesmässigen Umgang und wenn die Frau barmherzig ist so darf er wohl gar
Tisch und Trinkgenossen haben aber einen Freund welch ein Romanenbegriff
Wenn man Weib und Kinder hat vergeht einem das schon von selbst
Weiberfreundschaften aber tragen nicht einmal eine Jugendblüte sie sind die
Geburt des elterlichen Drucks der Eitelkeit der Gewohnheit der leeren
Empfindelei öfters der Intriguensucht und je größer der Ort je höher der
Stand je reifer das Alter desto seelen und herzloser werden sie Wie würde
das Tribunal der guten Gesellschaft sich empört haben wenn ein wohlmeinendes
Weib sich Luisens noch vor ihrer Heirat angenommen und zu ihr gesagt hätte
»Prüfen Sie sich und finden Sie sich stark genug um Ihrer Mutter Missfallen zu
ertragen finden Sie dass es bloß Vorurteil und Hochmut ist was sich der Wahl
Ihres Herzens entgegen setzt so bleiben Sie bei dieser beweisen Sie durch das
Glück Ihrer Ehe durch Ihre Verdienste als Weib dass ihre Eltern irrten zwingen
Sie so Ihre gute Mutter sich Ihres Glückes zu erfreuen wo nicht so müssen Sie
doch immer mit Ernst und Kraft jedes Mittel erforschen und anwenden um auch in
diesem Verhältnis nicht unglücklich zu sein so dürfen Sie nicht leiden und
indem Sie sich für Ihre Mutter zu opfern wähnen sie durch Märtirertum für den
Zwang den sie Ihnen antat strafen« Wehe der Kühnen die eine solche
Alternative aufgestellt hätte der Stab ward über sie gebrochen Als nun aber
Luise zu ihrer Heirat beredet war hätte man ihr nicht auch dann noch
richtigere Begriffe von der Autorität ihrer Mutter von dem Einfluss ihrer
übrigen Familie auf ihr eigenes Tun beibringen können Hätte man sie nicht
belehren können dass sie als Gattin und Mutter ihrem Gemahl dem Vater ihrer
Kinder aber in nichts das ihre Ehe beträfe ihrer Familie mehr angehörte
Hätte man ihr nicht den Mut geben können das ehrwürdige Vorurteil ihrer
kindlichen Liebe mit der Fackel wahrer Sittlichkeit zu beleuchten Können Als
ob der Begrif was Freunde tun können nicht schon längst dem verzehrenden
Hauche der Konvenienz hätte unterliegen müssen um auch hier das Wort auf den
Trümmern der Sache herrschen zu lassen
»Aber was wollt Ihr Es bleibt doch beim Alten So lasst auch Ihr es dabei«
Und wie alt ist denn das Alte Nein es war nicht von jeher so und es kann
und wird nicht immer so bleiben Man darf es denen die das Gegenteil
behaupten kühn überlassen es zu beweisen
Zuverlässig gibt es unter den Leiden welche diese Unglückliche betrafen
nicht ein einziges das nicht abgewendet worden wäre wenn der Kreis von
Indolenz von Rücksichten von Furchtsamkeit von allen Verneinungen aller
Tugenden den man unter dem Namen Konvenienz der gesellschaftlichen Menschheit
als oberstes Gesetz aufgedrungen hat sie nicht umschlossen hätte Wenn also Ein
Leser von Luisens Geschichte dadurch veranlasst wird Ein Mittel zu finden um
sich durch die Verschanzungen der Konvenienz durchzustehlen und Eines ihrer
zahllosen Übel zu verhüten so ist die Herausgabe dieser Blätter gut gewesen
Luise war die Tochter eines Mannes welcher in der Residenz des Fürsten von
nicht weit von der Hauptstadt S s eine ansehnliche Stelle bekleidete Ihr
Vater einer von den Menschen welche die Natur nur selten hervorbringt Wenig
Bedürfnissen unterworfen blieb er von Geitz und von Habsucht gleich entfernt
ausschließend mit den abstraktesten Wissenschaften beschäftigt widmete er ihnen
die ganze Zeit die seine Amtspflichten ihm übrig ließ Ohne Enthusiasmus
kalt aus Temperament kannte er weder Eitelkeit noch Ehrgeitz aber eben
deswegen war er auch jedes gespannteren feinen Gefühls unfähig Seine Tochter
glich ihm zu ihrem Unglück nur zu wenig sie betete ihren Vater an ohne es ihm
sagen zu dürfen denn wenig mitteilend wie er war bot er ihr keine Gelegenheit
dazu und ungeachtet seiner tiefen Menschenkenntnis blieb ihm das Herz seiner
Tochter verborgen Er wollte ihr Glück verfehlte aber die Mittel Aus Furcht
vor der Ansteckung des Zeitalters schloss er sie von allem Umgange mit andern
jungen Leuten aus Sein hohes Alter und eine schwache Gesundheit dienten ihm
selbst zum Vorwande keine Besuche anzunehmen und obgleich der Geschmack seiner
Frau in diesem Stücke sehr von dem seinigen abging so war sie doch vernünftig
genug sich darin zu finden und beschäftigte sich einzig und allein mit ihrer
Wirtschaft Auf diese Weise blieb Luisen keine andere Gesellschaft als die
Bücher Sammlung ihres Vaters die sie ohne alle Wahl mit heißem Eifer durchlas
Bei einem von Natur zur Schwermut geneigten Charakter ergriff sie alles was
ihre Melancholie nähren konnte Youngs Nachtgedanken Heloisens Brief an
Abälard Klarisse Setos waren ihre Lieblingsschriften und brachten bald ein
Chaos in ihrem Kopfe hervor aus welchem sich der einzige feste Begriff
entspann dass die Tugend in dieser Welt auf kein Glück zu rechnen habe Ihr
Gefühl führte sie zur Frömmigkeit an allein dieser heilige Trieb welchen der
Schöpfer zum Trost und zur Erleuchtung in des Menschen Herz legte ward ein
Feuer für sie das an ihrer Seele nagte ohne sie zu erhellen Da sie ohne einen
andern Führer als die zarteste Gewissenscheu verschiedene strenge
ReligionsBücher gelesen hatte ward sie von Reue gepeinigt ehe ihre Seele die
Schuld kannte und die Ruhe der Unschuld war bei dem reinsten Herzen fern von
ihr Ihre Mutter welche ihrem Hauswesen aus Geschmack und mit vollkommener
Sachkenntniss vorstand ließ sich von Luisen wenig dabei helfen und der Vater
weit entfernt sie von ihrem Geschmack an den Wissenschaften abzubringen hatte
vielmehr seine Freude daran Luise machte auch wirklich einige Fortschritte die
aber ihrer Gesundheit nachteilig waren und ihren angeborenen Hang zur
Schwermut noch vermehrten Auch glaubt sie dass ein unglücklicher Fall den sie
in der damaligen Zeit tat den Grund zu ihrer nachherigen schrecklichen
Krankheit und zu dem daraus erfolgten Elend ihres Lebens gelegt haben mag Sie
stürzte nämlich in ihrem funfzehnten Jahre rücklings zwei Treppen herunter in
einen Keller mit dem Kopf auf die Steine ihr Vater war sehr um sie besorgt
und obwohl keine sichtbare Beschädigung zurückblieb obwohl jene Krankheit erst
zehn Jahre darauf entstand so empfand sie seitdem doch immer bei jeder
anhaltenden Beschäftigung des Geistes, oder bei äußerlichen Erschütterungen
wie zB vom Fahren Schmerzen die den bei ihrem Falle ausgestandenen ähnlich
waren
Luisens Vater ward bald genötigt seines hohen Alters wegen sein Amt
aufzugeben allein mit dem persönlichen Zutrauen seines gütigen Herrn beehrt
blieb er in dessen Nähe und überließ sich nun einzig seinen
Lieblingswissenschaften Seinen sehr eingeschränkten häuslichen Umgang vermehrte
damals ein Mann der zu einer erledigten geistlichen Stelle berufen worden war
und dessen ganze Familie Luisen sehr interessieren musste Der Mann sowohl als
seine Gattin zeichneten sich durch Geist und Kenntnisse aus und beschäftigten
sich mit der Erziehung von drei Kindern an welchen Luise bald so zärtlich
hing als hätte die Natur sie zu ihrer Mutter gemacht Sich mit ihnen
beschäftigen ihre Spiele teilen sie liebkosen waren die süßesten Freuden
dieser liebenden Seele die endlich ihre rechte Bestimmung entdeckt hatte Wenn
sie sich mit den Kindern gefiel so unterrichtete sie sich bei den Eltern und
versäumte keine Gelegenheit sie zu sehen Ihr junges Herz war geschmeichelt sich
bei Menschen von so viel reiferem Alter von so anerkanntem Verdienste als
Freundin aufgenommen zu sehen Diesem Reize widersteht man in der Jugend nicht
es war für sie die reinste die entzückendste Empfindung die aber nicht lange
ungetrübt blieb Luise sog unter diesem gastfreien Dach ein langsames aber
tödliches Gift ein Das Glück dieser beiden Gatten stellte zum erstenmal und
unter einer mehr rührenden als wahren Gestalt das Bild einer ehelichen
Verbindung vor ihre Augen Nach einer sechsjährigen Ehe war der Mann noch immer
der Liebhaber seiner Frau Da weder Ehrgeiz noch Eigennutz dieses Band geknüpft
hatten so fanden die Ursachen seines Wohlgefallens an ihr immer noch statt und
überdem war er nicht wie die meisten Männer von seiner Gestalt und seinen
Verdiensten so vorzüglich diese auch waren eingenommen sondern gestand es
ein dass ein Mann wie glänzend seine Eigenschaften auch sein möchten einem
Weibe immer Dank schuldig sei die oft mit nicht geringeren Talenten ihr Leben
kleinlichen Beschäftigungen widmet seine Suppe kocht für seine Wäsche seine
Kleidung sorgt und ihm auf Kosten ihrer Gesundheit von Zeit zu Zeit den Genuss
verschafft ein Kind zu liebkosen das er nur in den schönsten Augenblicken
sieht indes die Mutter allein alle Sorgen alle Last alle Gefahren erträgt
die von ihrer Lage unzertrennlich sind Diese Betrachtungen bewogen Luisens
Freund seine Frau mit noch mehr Achtsamkeit und Sorgfalt zu behandeln wie er
als Liebhaber getan hatte denn damals pflegte er zu sagen hatte sie noch
nichts für mich getan und konnte tun und lassen was ihr gefiel ich habe
wirklich zu viel Eigenliebe setzte er lachend hinzu um sie den Verlust dieser
Freiheit bedauern zu lassen Diese Worte machten einen tiefen Eindruck auf
Luisen unwillkürlich wünschte sie ihr Schicksal möchte dem ihrer Freundin
gleichen und die Unmöglichkeit diesen Wunsch erfüllt zu sehen brachte jene
schmachtende Stimmung in ihr hervor welche die Seele durch Untätigkeit
entnervt und indem sie immer nach einem geliebten Hirngespinnst strebt solche
gegen alles wirkliche Gute was sie umgibt mit Widerwillen erfüllt
Luise hatte nun das Alter erreicht wo junge Leute ihrer Religion gewöhnlich
die erste Kommunion empfangen Ihr Freund ward ihr Lehrer und Beichtvater er
hatte eine vorzügliche Gabe zum Unterricht der Jugend Außer der Kunst sich ganz
nach ihrer Fassungskraft zu richten besaß er die glückliche Gabe der
hinreissendsten Überredung Seine Schüler ehrten ihn wie das Ebenbild des
Gottes den er ihnen predigte und liebten ihn wie einen Vater Näher als manche
seiner Amtsgenossen mit den menschlichen Schwächen bekannt bezeugte er ihnen
mehr Teilnehmung Man denke sich die erhabensten Tugenden der Religion von
einem Manne vorgetragen der selbst von ihrem wichtigen Einflusse auf unser
Glück heilig überzeugt war und dessen ganzes Leben diesen Wahrheiten zum Belege
diente man denke sich sage ich die Wirkung welche dieser lebendige Unterricht
auf Luisens Herz haben musste Ihr war kein reines Glück beschieden Indem ihre
Mutter und ihre Brüder sie über den Enthusiasmus mit welchem sie von ihrem
Freunde sprach aufzogen versetzten sie ihrer Ruhe einen tödlichen Streich sie
wurde misstrauisch gegen diese unschuldigste Leidenschaft und der Frieden wich
aus ihrer Secle Ein kleiner Vorfall trug noch mehr dazu bei sie in diesem
unglücklichen Irrtume zu bestärken Luise hatte ihren Freund in Pastell
gemahlt eines Tages zeigte sie dieses Bild einer ihrer Bekannten einer Frau
von vielem Geist und der einzigen mit welcher ihr Vater ihr gestattete
umzugehn Indem jemand aus der Gesellschaft die Bemerkung machte wie Schade es
sei dass diese Art Malerei so schnell verlösche näherte sich Madame E der
sie das Gemälde zuerst gezeigt hatte Luisens Ohr und sagte »Ich weiß nicht
ob die Zeit etwas über dieses Bild vermag wäre ich aber Ihr Liebhaber so würde
ich es kaum hoffen« Luise schlug errötend die Augen nieder dieser Moment ließ
sie einen schrecklichen Blick in ihr Inneres werfen Der Ruf ihres Vaters zog
viele junge Leute in ihr Haus manche von ihnen hatten Luisen mit
schmeichelhafter Auszeichnung behandelt sie war äußerst gleichgültig dagegen
gewesen und hatte sich bis jetzt dessen gerühmt jetzt glaubte sie die Ursache
davon erraten zu haben und schauderte vor Schrecken zurück Die finstersten
Gedanken stürmten auf sie ein sie durfte die Augen nicht mehr zu der Gattin
ihres Lehrers aufschlagen sie durfte seine Kinder nicht mehr liebkosen wie
Kain floh sie die Menschen und hatte keine Ruhe mehr
Dem Anschein nach floss Luisens Leben wie ein Bach zwischen blühenden Ufern
hin aber ihre traurige Stimmung ungerechnet hatte sie auch schon nagenden
Kummer gekannt Ihre Mutter deren herrschender Hang Mitleid und Wohltun war
hatte ein Weib aufgenommen die mit dem falschesten Herzen alle Fehler einer
niedrigen knechtischen Erziehung verband Diese Person hatte sich in das
Vertrauen der Madame N einzuschleichen und sich unentbehrlich zu machen
gewusst indem sie doch ihre Wohltäterin von mehr als einer Seite betrog Luise
hatte das Alter erreicht wo sie ihren Eltern die Augen hätte öffnen können das
Weib fürchtete und hasste sie also in gleichem Grade sie fand es ihrem Interesse
gemäß Luisen das Vertrauen ihrer Mutter das teuerste Gut welches sie besaß
zu entziehen Sie dachte über ihre Handlungen nicht nach und so unermüdet sie
Luisen verfolgte so fehlte es ihr doch an Verstand um zu fühlen wie satanisch
ihr Betragen war Gescheute Leute können manchmal bei dem Bösen das sie tun
inne halten Dummköpfe blicken nie hinter sich um das Übel zu übersehen das
sie veranlassen So böse dieses Weib war so konnte sie doch keinen Armen
Nackten sehen ohne ihm beizustehen oder ihn zu kleiden Wenn sie Luisen in
solchem Zustande gesehen hätte würde sie ihr ihren letzten Rock gegeben haben
aber in einer Lage die ihr weit eher Neid als Mitleid zu verdienen schien
glaubte sie ihr allen Kummer und Verdruss antun zu können Sie hatte sich durch
ihre Talente kleine Kinder zu pflegen und der Wirtschaft vorzustehn nun
fünfzehn Jahre in diesem Hause erhalten und sie konnte Luisen um so mehr Kummer
machen als diese jetzt in das Alter trat wo man zu furchtsam ist sich zu
beklagen und zu wenig Erfahrung hat um zu wissen dass dem Bösen wie dem Guten
ein Ziel gesetzt ist In späteren Jahren hatte Luise die Genugtuung ihre
Mutter durch das eigene Geständnis dieser Frau auf ihrem Todtbette von ihrem
Misstrauen gegen sie zurückkommen zu sehen Die Sterbende klagte sich ihrer Härte
und Verfolgungssucht als des größten Verbrechens ihres Lebens an und Luise
genoss das Vergnügen ihre Mutter zu besänftigen welche im Begriff stand ihr
harte Vorwürfe zu machen Aber was ist Kummer und Verfolgung gegen den nagenden
Zahn des Gewissens Luise nahte sich jetzt dem Augenblicke der sie in den
Schoss der Kirche in die Gemeinschaft der Gläubigen aufnehmen sollte aber sie
durchdrang nicht das Zutrauen eines zärtlich gehorsamen Kindes sondern der
Schrecken des Schuldigen welcher sich der Gnade unwert fühlt die ihm sein
Richter verheisst
Wenige Zeit nach dieser feierlichen Handlung starb einer der vornehmsten
Schullehrer an dem Orte wo Luise lebte Da sich kein tüchtiger Mann zur
Besetzung seiner Stelle in dem Ländchen fand lud der Fürst einen Mann aus zu
sich ein der ihm von vielen sehr achtungswerten Personen empfohlen war Wenig
große Herren haben so vielen Eifer für die Erziehung ihrer Untertanen als der
Fürst von Er fand das gegenwärtige Geschlecht sehr weit zurück und wollte
daher für den Unterricht des nächstfolgenden besonders aber für die Milderung
ihrer Sitten sorgen In einem kleinen Orte erregt alles Aufmerksamkeit Die
Nachricht von der Ankunft eines neuen Schullehrers beschäftigte Jedermann Die
Dame deren ich schon einmal erwähnt habe las Luisen einen Brief dieses
erwarteten Fremden an ihren Mann vor Er war schön geschrieben Luise brachte
den Abend bei ihrem Freunde zu und sprach mit Beifall von diesem Briefe »Meine
Frau und ich sagte dieser haben oft bemerkt dass in unserer Nähe kein Mann zu
finden ist der unsre liebenswürdige Luise verdient Ich schmeichle mir fast
dass dieser Fremde eine Ausnahme machen wird« Luise antwortete nicht aber sie
errötete auch nicht Der Gedanke an einen Gatten zwingt der Unschuld keine
Röte ab
Bei der beständigen Furcht von einer strafbaren Neigung sich bemeistern zu
lassen ergriff Luise eifrig jede Zerstreuung ungeachtet die Denkungsart ihres
Vaters wenig Gelegenheit dazu darbot Die beiden einzigen Häuser welche sie
besuchen durfte waren das der Madame E und die Familie ihres geistlichen
Lehrers Der ersten verdankte sie einen Teil ihrer Erziehung und nach ihrer
Mutter liebte sie niemanden mehr wie sie In gewisser Rücksicht harmonirten ihre
beiden Karaktere sogar besser und Luise warf es sich oft vor die Gesellschaft
einer Fremden ihrer Mutter vorzuziehen Ihr eigenes Haus hatte wenig anziehendes
für sie Ihr Vater der sich ungeachtet seines hohen Alters noch immer mit den
abstraktesten Wissenschaften beschäftigte sprach wenig und hatte nach und nach
der ganzen Familie diese Gewohnheit beigebracht Luisens Brüder waren ihr so
unähnlich dass ihr Hang zur lärmenden Freude eben so die Gränzen überschritt
wie der Schwester Neigung zur Melancholie Sie sah alle Dinge nur von der
traurigen Seite die Brüder fassten nur die lächerlichen auf und statt Luisen
zu schonen machten sie sich ein Fest daraus sie unbarmherzig aufzuziehn Diese
Auftritte endigten auf Luisens Seite mit Tränen und Gewissensvorwürfen denn
sie machte sich deren bei allen Veranlassungen dessen ungeachtet hatte sie die
zärtlichste Liebe für ihre Brüder und ein hartes Wort von ihnen tat ihr weher
als alles was andere ihr sagen konnten Die Brüder liebten sie auch aber
kannten sie nicht und ohne sich die Mühe zu geben einen Charakter zu
erforschen den sie für unerklärlich hielten trieben sie ihren Scherz damit
Sie kannten das Leben nur von seiner lachenden Seite Ihr Vater der sie für die
Welt bestimmte wollte sie frühzeitig zur Unabhängigkeit gewöhnen damit sie
späterhin keinen Misbrauch davon machten Sie liefen den ganzen Tag mit ihren
Freunden umher Ihre Mutter betete sie an und diente ihnen oft bei dem Vater
zum Dollmetscher wenn sie nicht Mut hatten ihre törigten Einfälle selbst
vorzutragen Bei den glücklichsten natürlichen Anlagen machte ihnen das Lernen
wenig Mühe und füllte einen desto kleineren Teil ihrer Zeit Der Rest
derselben ward zu körperlichen Übungen angewandt Es gingen ganze Tage hin wo
sie Luise nur aus ihrem Fenster sah wie sie ihre Pferde sattelten oder
einspannten und von einer unbestimmten Unruhe verzehrt blickte sie dann
sehnsuchtsvoll in die Gegend hin wo sie ihrem Auge entschwanden Es ist nicht
genug dass man die Mädchen in der Einsamkeit erzieht man muss sie auch lehren
Gefallen daran zu finden und zu diesem Endzweck muss man sie ohne Aufhören
beschäftigen durch alle möglichen häuslichen Freuden erheitern und durch die
Wahl und Abwechselung ihrer Beschäftigungen vor Überdruss schützen
Bei so vielen Unannehmlichkeiten in ihrer häuslichen Lage war es sehr
natürlich dass Luise bei ihrer Zurückkunft von ihrem Freunde den Vorteilen
nachdachte welche sie bei einer Verbindung mit dem neuen Schullehrer finden
könnte Von der Zucht einer alten bösslaunigten Magd befreit einem eignen
Hauswesen vorzustehen diese Aussicht musste einem tätigen Geiste schmeicheln
Sie sah sich schon an der Spitze ihrer kleinen Republik Mit einiger
Betriebsamkeit war es leicht ihrem Manne alle Annehmlichkeiten des Lebens zu
verschaffen die Kunst ihm zu gefallen sogar zu verfeinern und dabei noch
Notleidenden zu helfen Glückliche zu machen Welch ein Glück für Luisen Bald
studierte sie mit ihrem Manne bald besuchten sie beide ihre Eltern und die
Frauenwürde hatte Luisen zu dem Range einer Freundin bei ihrem Vater ihrer
Mutter erhoben sie liebkosete sie sie führte ihnen ihre Kinder zu und beide
genossen und teilten ihr Glück
Mehrere Wochen verflossen unter diesen süßen Träumen Eines Abends wie der
Geistliche und seine Frau bei Luisens Eltern speisten meldete man den Besuch
des eben angekommenen Schullehrers er tritt ein Luise steht auf um ihn zu
begrüßen blickt ihn an und ihr Traum verschwindet Sie fand ein kaltes
abgemessnes Wesen unregelmässige Züge kurz nichts was dem Bilde entsprach das
ihrer Fantasie vorgeschwebt hatte Sie setzte sich wieder an ihren Platz und
wie sie ihn kaltblütiger beobachtete fiel ihr Urteil günstiger aus Er hatte
die Art von Welt welche Männer nur durch Reisen erlangen und die bis jetzt
Luisen noch ziemlich unbekannt war eine lehrreiche Unterhaltung die um so
angenehmer wurde wenn er mit Frauenzimmern sprach weil er sie zu unterrichten
wusste ohne sie zu demütigen Der Abend verstrich Luisen wie ein Augenblick
und dieser Mann den sie nur mit dem äußersten Widerwillen geheiratet hätte
schien ihr dennoch sehr liebenswürdig Luise hatte an demselben Tage häuslichen
Verdruss gehabt ihre Augen waren von Weinen geschwollen es war gar nicht zu
verwundern dass sie keinen Eindruck auf Herrn O machte er suchte daher eben so
wenig ihr zu gefallen sein übrigens sehr geistreiches Gesicht belebte sich
nicht Sie sahen sich nachmals wieder sie wollte seine Aufmerksamkeit nicht
anziehen indessen war es in den Gesellschaften wo sie zusammen kamen
natürlich dass ihr mit einiger Auszeichnung begegnet wurde Mehr tat auch Herr
O nicht aber er wusste diesen kleinen Bemühungen eine Wendung zu geben welche
sie, für ein Mädchen von Luisens zartem Gefühl schmeichelhaft machte Man hatte
ihr oft angenehme Dinge gesagt aber nie waren sie so wohl angebracht so
geistreich gewesen Er behandelte sie nicht wie ein hübsches Mädchen sondern
wie ein vernünftiges Wesen dessen Unterhaltung man schätzt ein Unterschied für
welchen Luise ihm wohl Dank wusste Eines Morgens wie sie der Gattin ihres
Freundes einen Besuch abstatten wollte fand sie diese mit ihrer ganzen Familie
und Herrn O im Begriff nach zu einer Madame R zu fahren Man schlug ihr
vor von der Gesellschaft zu sein worauf sie die Notwendigkeit ihrer Eltern
Erlaubnis zu erhalten einwendete Herr O eilte fort und brachte diese
Erlaubnis zurück Solche Dienste sind von großer Wirkung Ein anderer hätte sich
mit der faden Bemerkung begnügt dass ihre Eltern sich freuen würden sie in so
guter Gesellschaft zu wissen dass sie eine so liebenswürdige Tochter zu sehr
schätzten um ihr dieses Vergnügen zu versagen und dergleichen Man fuhr ab
indem Herr O um die Frauenzimmer nicht im Wagen zu belästigen zu Fuß voraus
ging Man langt an geht spazieren und Herr O bietet Luisen den Arm an Das
furchtsame Mädchen schlägt ihn aus Er ist erstaunt beleidigt und gibt ihn
einer andern mit diesen Worten »Ich hoffe dass ich nicht noch eine Weigerung
erfahren werde« So lässt er Luisen zur Strafe ihrer Prüderie allein im Sande
waten Und er tat ihr Unrecht es war nicht Prüderie Sie war die jüngste der
Gesellschaft sie war bescheiden und fürchtete sich in den Augen der übrigen
Frauenzimmer lächerlich zu machen wenn sie Herrn O auf diese Weise in Beschlag
nähme Die Furcht ihn beleidigt zu haben beunruhigte sie indessen Sie fühlte
dass es ihr an Welt fehlte sie ahndete wie kindisch sie in seinen Augen
erscheinen müsste wie sehr er ihr überlegen wäre Als sie ihn vor sich hergehen
sah und den Anstand seiner Gestalt bemerkte konnte sie nicht umhin
schmerzlich darüber nachzudenken Er war wohl gebaut und sehr groß ein
Vorteil der dem Weibe immer den Begriff gibt Schutz und Verteidigung bei so
einem Manne zu finden Herr O war diesen Tag sehr munter er wollte sich
geltend machen und es gelang ihm Nachmittags streifte man wieder umher Luise
nahm seinen Arm an man verirrte sich blieb lange unterwegs Herrn Os
Unterhaltung war unendlich abwechselnd aber immer gleich interessant seine
Sprache war schön seine Stimme wohlklingend und sanft sie fand die schwache
Seite von Luisens Herzen Die Gewissensbisse wegen ihrer Neigung für ihren
Freund verschwanden sie fing an Liebe von Freundschaft zu unterscheiden aber
sie ahndete nicht dass diese neue Erkenntnis ihr die Ruhe des Lebens kosten
würde Ihr kam nun alles darauf an zu wissen ob sie geliebt wäre Es ist nicht
bekannt ob Herr O dieses Nachforschen bemerkte aber gewiss ist es dass er
nicht für gut hielt ihr darüber einen Aufschluss zu geben Luise hatte sich nie
verstellen können ihre Eltern wurden ihre Neigung bald gewahr Sie stand der
Familie nicht an Der Vater setzte sich mit Strenge die Mutter mit Heftigkeit
dagegen die Brüder griffen sie mit dem bittersten Spott an Das väterliche Haus
wurde ihr zur Hölle Ihr furchtsames Gewissen verriet sich jedesmal wenn sie
Herrn O gesehen hatte und es kam endlich so weit dass sie nicht mehr über die
Schwelle gehen durfte
Bei der furchtsamen zärtlichen Liebe welche Luise für ihre Mutter hatte
musste es ihr unendlich weh tun ihre Neigung in einem so hartnäckigen Streit
mit den Wünschen der Madame N zu finden Sie las einmal im Tom Jones und kam
an die Stelle wo Madame Miller zum erstenmal die Freude hat ihre Tochter als
Mistress Nightingale zu begrüßen Fielding schildert die Empfindung dieser
zärtlichen Mutter mit der ihm eignen unnachahmlichen Wahrheit und in Luisen
erwachte dabei die peinliche Erinnerung dass ihre Mutter außer allen ihren
triftigeren Gründen gegen diese Verbindung auch einen entschiednen Abscheu vor
dem Namen des Mannes hatte den Luisens Herz begünstigte Sie stellte sich vor
wie ihrer Mutter die Freude ihr Kind verheiratet zu sehen schon durch diesen
Umstand verbittert werden würde Sie bat Gott kniend und mit Tränen ihr Gemüt
von einem Gegenstande abzulenken der ihrer Mutter unangenehm war sie
verbrannte einen Schattenriss des Mannes den sie ohne sein Wissen besaß und
nahm sich ernstlicher wie jemals vor den Absichten ihrer Eltern zu willfahren
Herr O suchte sie nicht auf sie sah ihn also nicht mehr aber er wich nicht
aus ihrem Gedächtnisse Indessen tat man Luisen Heiratsvorschläge die weit
über ihre Erwartung waren und ihrer Mutter sehr gefielen sie kamen von einem
Manne der Luisen nicht missfallen konnte aber sie liebte Herrn O und würdigte
den Vorschlag keiner Aufmerksamkeit Der Mann bekleidete eine ansehnliche
Stelle deren Aufwand er durch die Gewissheit einer reichen Erbschaft bestreiten
konnte Luisens Mutter verzieh ihr diese Weigerung nie und warf sie ihr hinter
dem Rücken des Vaters oft als einen Beweis ihrer romantischen Neigung für Herrn
O vor Luise bereute sie indessen nicht Bald hernach erhielt Herr O einen
auswärtigen Ruf er reiste ab und Luise hat seinen Verlust empfunden bis der
Tod ihres Vaters durch wirklichen Kummer diesen eingebildeten verlöschte
Luise ward von ihrem Vater zärtlich geliebt keine Heirat schien ihm
vorteilhaft genug und so lange er lebte versagte er sie allen Freiern Die
Mutter dachte anders sie fürchtete so sehr dass Luise wegen dessen was sie
romantische Denkungsart nannte in ihrer Wahl die Konvenienz beleidigen möchte
dass sie herzlich wünschte sich dieser Sorge durch eine schickliche Heirat zu
entledigen Um ihrentwillen begünstigte Luise zuweilen Anträge welche ihres
Vaters Rat und Herrn Os Andenken sie nachmals verwerfen machten Das
väterliche Haus missfiel ihr indessen und ob sie gleich nicht wagte sich es zu
gestehen wünschte sie sich doch aus demselben heraus Die Familie brachte
seitdem der Vater sein Amt abgegeben hatte acht Monate des Jahres in einem
kleinen Dorfe zu dem kein Mann sich näherte außer wenn Freunde von Luisens
Brüdern hinkamen und dann trieben sie unter einander Spiele an denen Luise
nicht teilnehmen konnte oder machten so weite Spatziergänge dass es ihr
unmöglich war ihnen zu folgen Sie sah sie also nur bei Tische wo sie sich
zuweilen mit witzigen Einfällen und kleinen Neckereien belustigten sobald aber
die Unterhaltung lärmend ward pflegte der Vater Stillschweigen zu gebieten So
traurig für Luisen diese Einsamkeit war so schien sie es ihr doch nicht so
sehr als das Schicksal einem Manne den sie nicht schätzte ihre Hand zu
geben Dieser Gedanke quälte sie um so mehr als die Begriffe ihrer Mutter in
diesem Punkte von den ihrigen sehr verschieden waren Eines Tages als diese
traurigen Bilder sie beschäftigten erhielt sie einen Brief von einem Manne für
den sie viel Hochachtung hatte Sie wusste dass ihre Eltern ihn ebenfalls
außerordentlich schätzten dieser Mann bat um ihre Hand Er war nicht jung aber
anstatt darüber zu erschrecken dankte Luise der Vorsehung mit glühendem Eifer
sie so wunderbar von ihrer Furcht erlöst zu haben Triumphirend brachte sie
ihrer Mutter diesen Brief wurde aber sehr in ihrer Erwartung getäuscht als
Madame N ihr ungefähr dieselbe Antwort gab die sie bei Gelegenheit des Herrn
O von ihr gehört hatte »Aber liebe Mutter« rief die erstaunte Luise
»ehemals sagten Sie wenn es dieser wäre den du liebtest so könnte ich es dir
noch verzeihen« »Das kann sein« antwortete Madame N »aber die Umstände
sind verändert du bist jetzt reicher und deine Brüder würden es außerdem
nicht gern sehen« Luise unterwarf sich noch einmal dem Willen ihrer Mutter die
über diese Nachgiebigkeit so gerührt ward dass sie auf den Rat der Ärzte
ihrem Manne den Vorschlag tat Luisen in ein Bad zu schicken um die
Hypochondrie von welcher sie seit Herrn Os Abreise litt zu heilen Luisens
Vater trennte sich ungern von ihr er mochte sie nicht einmal gern einen ganzen
Nachmittag außer dem Hause wissen da aber ihre Mutter das Beispiel eines ihrer
Brüder hatte welcher dem L Bade seine Gesundheit verdankte so foderte sie
für Luisen die Erlaubnis dahin zu reisen Indem sich ihre Eltern bemühten eine
Reisegesellschaft für sie zu finden besuchte sie ein Verwandter ihres Vaters
der in B lebte Er wollte im Frühjahr wieder dahin zurückkehren und tat
einer Dame deren Schwester in diesem Lande verheiratet war den Vorschlag ihn
zu begleiten um ihren Verwandten bei dieser Gelegenheit einen Besuch
abzustatten Man sprach in Gegenwart von Luisens Mutter über diesen Plan und da
der Arzt wenige Tage vorher gegen sie geäußert hatte die Reise würde Luisen
noch mehr Vorteil bringen als der Gebrauch des Bades so überredete man sie
diese Gelegenheit für ihre Tochter zu benutzen Das arme Mädchen hatte es nicht
gewagt daran zu denken sie nahm den Vorschlag mit Entzücken und Dank auf Kaum
war diese Reise beschlossen so zeigte sich ein neuer Freier für Luisen Dieser
hatte die Eigenschaften, welche Luisens Mutter an einem Schwiegersohn wünschte
allein sie konnte doch eine Reise nicht rückgängig machen die auf ihre
Veranlassung unternommen und von den Ärzten als unentbehrlich für Luisens
Wiederherstellung angesehen wurde Luise freute sich ihrer Mutter die
schmeichelhafte Aussicht einer Heirat nach ihren Wünschen zu geben sie
versicherte wenn die Reise sie so weit herstellte dass sie die Frau eines
Mannes wie Blachfeld werden könnte der nicht Vermögen genug hatte um für eine
kranke Frau zu sorgen so wollte sie ernstaft darauf denken Die Mutter
fürchtete immer Luise möchte auf dieser Reise Herrn O sehen und wünschte
herzlich dass sie sich vor ihrer Abreise verloben möchte Das junge Mädchen
hatte eine unüberwindliche Abneigung vor diesem Schritte Sie wollte bei dem
Antritt ihrer Reise ungebunden sein und eine alte Tante bestärkte sie darin
indem sie ihr sagte »Liebes Kind man muss die Welt nicht durchziehen wenn man
nicht frei wie ein Vogel ist« Luisens Mutter hatte neben den edelsten
Eigenschaften neben dem reinsten Herzen der mildtätigsten mitleidigsten
Denkart einen Fehler den man ihrem Geschlechte vorwirft sie drehte sich
beständig auf tausenderlei Weisen immer um denselben Gedanken herum Wenn die
Familie versammelt war erklärte sie feierlich sie habe ihrem Manne
versprochen Luisen nicht zu zwingen und ihre Wahl sei also frei war sie mit
ihrer Tochter allein so wiederholte sie ihr unaufhörlich »Wenn du keinen
Widerwillen gegen ihn hast solltest du ihm doch etwas sagen das ihn wegen
deiner Reise beruhigte das ihn einigermaßen bände damit man dir ihn nicht
abspenstig macht« »Aber desto besser liebe Mutter wenn man ihn abspenstig
machen kann so ist es ja ein Zeichen dass er auch nachher seinen Sinn ändern
könnte ich will frei sein es ist billig dass er es auch bleibe« Darauf
beschuldigte die Mutter sie dass sie noch Herrn O zu begegnen und seine Liebe
zu gewinnen hoffe machte ihr die grausamsten Vorwürfe und sagte sie möchte
ihn nur heiraten aber es würde ihrer Mutter das Leben kosten Zu andern Zeiten
schimpfte sie auf Luisens Freunde und beschuldigte sie an ihren romantischen
Grillen und ihrem Widerwillen gegen Blachfeld Schuld zu sein Luise welche
sich der Unschuld ihrer Freunde bewusst war grämte sich über diesen Verdacht
bestand aber bis zu ihrer Abreise unerschütterlich auf ihren Entschluss Hierauf
schrieb sie ihrer Mutter einen rührenden Brief in welchem sie ihr ganzes Herz
aufschloss und fügte einen abgesonderten Zettel hinzu worin sie Blachfeld ihre
Hand versprach und zugleich erklärte denn das hatte Madame N zu Beruhigung
ihres Gewissens verlangt dass sie nicht dazu gezwungen wäre
Kaum war Luise in B angelangt wo sie die Verwandten ihres Vaters kennen
lernte welcher zu einer ansehnlichen Familie dieses Landes gehörte als ihr
verschiedene vorteilhafte Vorschläge getan wurden Einer darunter war von einem
Manne den ihr Herz auszeichnete Er war einziger Sohn besaß ein artiges
Vermögen eine höchst interessante Gestalt und über alles dieses ein
vortrefliches Herz das durch häusliches Leiden gebildet war Seine Jugend war
so unglücklich wie Luisens frühere Jahre gewesen und Unglück das man durch
eigene Erfahrung kennt flösst immer lebhafteres Mitleid ein Blachfeld hingegen
war seinem väterlichen Hause immer fremd geblieben von der Wiege an sein eigener
Herr ward sein Herz durch das KriegsHandwerk verhärtet er kannte weder das
Leiden einer fühlenden Seele noch die Bande des häuslichen Lebens Ein Freund
machte Luisen darauf aufmerksam und bat sie mit Eifer sich nicht durch einen
misverstandenen Heroismus unglücklich zu machen Er stellte ihr vor dass ein
Mann der wie Blachfeld sich an den Umgang einer Frau gewöhnt hatte die als
Gesellschafterin und Magd mit ihm lebte sich nie würde in die Achtung finden
können die man einem Weibe von Luisens Erziehung schuldig wäre Das Beispiel
des Herrn sagte man ihr wirkt auf die Bedienten er wird Ihnen nie Ehrfurcht
verschaffen er wird Ihnen nie in seinem Hause den Platz anzuweisen wissen der
Ihnen gebührt Es ward Luisen schwer einen Entschluss zu fassen aber war sie
einmal dazu geschritten so konnte sie die Furcht der höchsten Strafe nicht
zurückbringen
Jene Versuchung ihr Wort zurückzunehmen ward indessen während ihres
Aufenthalts in B durch die nahe Gegenwart des liebenswürdigen Mannes oft so
stark dass sie aller ihrer Festigkeit bedurfte um seine Wünsche zurückzuweisen
Auf einem Spatziergange den sie an einem schönen Sommerabende mit Herrn und
einer Freundin machte führte sie ihr Rückweg über einen Dorfkirchhof Die
Stille der Nacht das zauberische Mondlicht das die Schatten der schwarzen
Kreuze längs auf dem grünen Rasen hinmahlte oder auf den weißen Grabsteinen das
zitternde Laub großer Lindenbäume abbildete deren blühende Zweige die Luft mit
dem süßesten Duft erfüllten die Ruhe der Natur mit dem Schweigen des Todes
vereint ergriffen Luisens gefühlvolles Herz Ihre Begleiterin äußerte eine
kindische Furcht vor diesem schauerlichen Aufenthalt und eilte nach Hause zu
kommen der junge Mann ging ihr nach um sie zurückzuführen und dieser
Augenblick von Einsamkeit öffnete plötzlich Luisens Augen über die Gefahren mit
denen dieser Ort und die Schwäche ihres Herzens sie jetzt bedrohten Sie erschrak
über die Unvorsichtigkeit nicht sogleich ihrer Freundin gefolgt zu sein sie
fiel auf ihre Knie und indem sie fest gelobte künftig jede ähnliche Gefahr zu
meiden flehte sie den Himmel um Beistand solche diesmal zu überstehen
Überraschung der Sinne war es nicht was ihr reines Herz fürchtete aber sie
zitterte vor einem Augenblicke wo die Liebenswürdigkeit des Mannes der um sie
warb sie die Heiligkeit ihres Versprechens vergessen lassen möchte Wenigstens
hatte sie Blachfelden zu hoffen erlaubt und das wäre genug gewesen um selbst
in den Armen der Liebe ihr Gewissen auf immer zu vergiften Es war Herrn
nicht gelungen Luisens Freundin zurückzubringen er kam allein wieder und wie
er Luisen in ihrer flehenden Stellung fand kniete er neben ihr nieder Sie
verbarg ihm die Ursache ihrer Bewegung nicht Was würden Sie tun sagte sie mit
Tränen wenn ein Anderer Ihnen das Mädchen entrisse auf welches Sie Ansprüche
hätten oder wenigstens zu haben glaubten »Sie wollen meine Ehre ins Spiel
ziehen antwortete Herr indem er sogleich aufstand und es soll Ihnen
gelingen Möchten Sie nur glücklich sein Aber bei Ihrer Art zu denken und zu
fühlen scheinen Ihnen die Umstände kein Glück zu versprechen« Wohlan
unterbrach ihn Luise lieber will ich unglücklich sein als mein Glück auf
Kosten eines Mannes erkaufen der selbst gesagt hat dass ihm bis jetzt auf der
Welt noch nichts gelungen ist Sie haben Freiheit zu wählen Sie sind jung Sie
können warten wenn es wahr ist was sie oft zu mir sagten wenn ich Talente zur
Erziehung habe so verspreche ich Ihnen meine Tochter »Sie waren das einzige
Weib der ich mein Leben hätte weihen mögen aber ich bin nicht überspannt und
da sich Ihr Gewissen nun einmal Ungeheuer schafft um sie hernach zu bekämpfen so
ziehe ich Ihre Ruhe der Befriedigung meiner Wünsche vor Aber mit Ihrem Trost
verschonen Sie mich setzte er mit stolzem Lächeln hinzu ich wollte Luise N
zur Gattin nicht Blachfelds Tochter«
Sie hatte in B noch mehrere Veranlassungen ihre Standhaftigkeit zu zeigen
Sie liebte das Landleben der Verwandte mit welchem sie reiste führte sie auf
ein sehr schönes Gut dessen Eigentümer er war und versprach es auf sie zu
übertragen wenn sie seine Gattin werden wollte Ich bin nicht jung sagte er
aber ich habe Grundsätze Sie können sich auf die Unwandelbarkeit meiner Neigung
verlassen wenn auch Krankheit Ihre Züge entstellte ja wäre es auch möglich
dass meine Liebe je aufhörte so würde ich es doch immer für meine Pflicht
halten jedem Ihrer Wünsche zuvor zu kommen »Das heißt sagte Luise lachend
Sie wollten mich um Gotteswillen lieben« Dieser Scherz verwundete ein zartes
uneigennütziges Herz und Luise büsste hart dafür denn Blachfeld ließ sie
erfahren wie glücklich sie gewesen wäre wenn er nachdem der Rausch der
Leidenschaft verraucht war sich hätte bewegen lassen sie um Gotteswillen zu
lieben Wir tun aber besser den Faden der Geschichte wieder aufzunehmen und
Luisen auf ihrer Rückkehr nach ihrer Heimat zu folgen
Luise war nicht romanhaft sie konnte sich aufopfern aber über das was ihr
die Aufopferung kostete sich täuschen konnte sie nicht sie errötete auch
nicht über ihren Schmerz allein er führte sie nie so weit eine schöne Handlung
zu zu bereuen Ihr Weg führte sie durch M Blachfelds Garnison Hier soll ich
also wohnen sagte sie seufzend indem sie das redende Bild einer traurigen
Kriegszucht vor sich sah leere Straßen geschmückte Kasernen deren Fenster mit
den elenden Lumpen ihrer Bewohner behangen waren Diese Mauern sollen mich also
auf immer einschliessen in einer dieser menschenleeren Straßen soll ich ein
ungesundes Haus bewohnen ich der es frei stand unter den reizendsten Wohnungen
zu wählen statt der auserlesensten Bibliothek werde ich ein paar Tröster
herumliegen haben und statt des angenehmen Zirkels in dem Hause des Mannes der
mir den Nahmen seiner Schwiegertochter anbot werde ich auf die Gesellschaft
meines Gesindes eingeschränkt kein wichtigeres Geschäft haben als meinem Mann
ein Mittagsessen zu kochen das er vielleicht mit Widerwillen verzehren wird
Unter diesen traurigen Betrachtungen hielt der Wagen vor dem Hause ihrer
Freundin Die Hoffnung dieses Wiedersehens machte sie alles vergessen Blachfeld
reichte ihr beim Aussteigen mit allem Entzücken der Leidenschaft die Hand Sie
blickt auf ihn sein Gesicht flammt Luise schlägt die Augen nieder und
beschuldigt sich der Undankbarkeit Sie wollte wenigstens ihre Schuld durch
keine Heuchelei vermehren sie sagte ihm kein Wort und eilte neben ihm vorbei
in die Arme ihrer Freundin Sie fand sie und eben so ihre Schwester im Begrif
Mutter zu werden Dieser Anblick konnte Luisens Mut nicht vermehren Während
ihres Aufenthalts bemerkte sie wie schwer es einem Weibe in diesem Zustande
wird den wirtschaftlichen Geschäften vorzustehen und der Gemahl ihrer
Freundin war dennoch in Vergleich mit Blachfeld ein reicher Mann Indem sich
Madame E über die Unbequemlichkeiten ihres Zustandes beklagte erwähnte sie
auch der Sorgfalt ihres Mannes seiner beständigen Rücksicht auf ihre
Gesundheit seines Eifers alle Hilfe der Kunst und alle Bequemlichkeiten des
Lebens um sie her zu versammeln sie rühmte wie ihr sein Betragen seit sechs
Jahren ein glückliches Leben verschaffe und ihre Gesundheit erhalte Luise
deren Gesundheit weit reizbarer war als die ihrer Freundin sollte alles
dessen beraubt sein und wie jene ihr versicherte ihres Mannes Liebe würde ihr
alles ersetzen konnte sie sich nicht der Bemerkung enthalten dass man nach
sechs Jahren wohl der Liebe eines Gatten gewiss sein könnte dahingegen sechs
Monate bei weitem nicht hinreichten die Treue eines Liebhabers außer Zweifel
zu setzen »Aber welche ein Liebhaber ein Mann erwiderte die gute Frau der
seit sechs Monaten nur für Sie atmet denkt und lebt denn weder Ihre
Abwesenheit noch die Kälte Ihres gestrigen Empfanges nichts kann ihn
abschrecken er schätzt sich bei der ungewissesten Aussicht glücklich und ist
mit allem was Sie sagen und tun zufrieden« Luise antwortete mit
Kopfschütteln Das alles bürgt mir nicht für die Zukunft Vielleicht wird er
mich einstens meine jetzige Unentschlossenheit selbst indem er sie
rechtfertigt schwer büßen lassen Übrigens bin ich darüber mit Ihnen einig dass
die Gesellschaft dessen den man liebt für die größten Opfer schadlos hält aber
so sehr ich Blachfeld hochschätze so viel Ansprüche er auf meine Dankbarkeit
hat so liebe ich ihn doch nicht »Sie werden ihn einst lieben antwortete
Madame E Haben Sie mir nicht selbst gesagt dass Sie einen Mann den Sie nicht
liebten von dessen Herzen Sie aber gewiss wären einem andern dessen
Leidenschaft Sie erwiederten vorziehen würden und das wie Sie sagten weil
Sie dessen was Dankbarkeit auf Sie würkte sicher wären da Sie hingegen nicht
wüssten was sie über Andere vermögte Blachfeld wird jetzt kommen verkündigen
Sie ihm Ihre Abneigung Ich bin weit entfernt diese Heirat wider Ihren Willen
zu wünschen aber mir wäre es unmöglich selbst den Dolch in eines redlichen
Mannes Brust zu drücken« Luise war dessen eben so wenig fähig Der Mann ihrer
Freundin gab ihr Gelegenheit mit Blachfeld allein zu sprechen Sie erklärte ihm
mit vieler Festigkeit dass sie keine andre Empfindung für ihn hätte als die
Achtung welche sein Ruf verdiente dass ihr Charakter es ihr unmöglich machte
einen Mann feines Standes glücklich zu machen sie wiederholte alles was sie ihm
über ihre Furcht dass ihre Hypochondrie einst in völlige Verstandesverwirrung
ausarten möchte schon geschrieben hatte und bat endlich sehr ernstaft er
möchte seine weitern Bemühungen einstellen Wie erstaunte Luise als sie hörte
dass er schon in D der Hauptstadt wo Luisens Mutter seit dem Tode ihres Mannes
sich aufhielt eine Wohnung gemietet hätte dass die ganze Stadt ihn als Luisens
künftigen Gatten ansähe und dass er von Luisens Mutter und Verwandten als ein
Mitglied der Familie aufgenommen würde Jetzt bereute es es Luise zum zweiten
male vor ihrer Abreise so wenig Festigkeit gezeigt zu haben Es war nicht der
Reichtum des Mannes welcher ihr in B seine Hand anbot was ihr jetzt leid
tat es war das Land was ihr gefiel es war nicht der Mann selbst obschon er
die Stimme einer ganzen Provinz für sich hatte die ihn von seiner Kindheit an
kannte Blachfeld konnte nichts als das Urteil einer Stadt aufweisen die er
erst seit einigen Jahren bewohnte und selbst dieses lautete verschieden Doch
schreckte das Luisen nicht ab Der redlichste Mann kann Feinde haben und
obschon jedermann ihm das Zeugnis sprach dass er launig und jähzornig wäre so
ließ man stets seiner Rechtschaffenheit Gerechtigkeit wiederfahren Diese
Eigenschaft entzückte Luisen und sie blieb taub gegen die Vorstellungen einiger
Freunde welche sie versicherten dass Blachfeld eben so rau als tapfer und der
Schonung unfähig wäre welche eine Frau von Luisens Gemütsart und Erziehung
fordern dürfte Luise die ein für allemal mit Blachfeld ein Ende machen wollte
wiederholte ihm alle diese Beschuldigungen er sagte wenig zu seiner
Verteidigung und dieses ohne alle Übertreibung Diese Mäßigung gefiel dem
jungen Mädchen sie sah ihn blass zitternd kaum fähig seine Tränen zurück zu
halten und doch blieb er männlich das heißt er erbettelte keine günstige
Antwort ob er gleich äußerte wie sehr ihn das Gegenteil betrüben würde er
begnügte sich mit der Bitte Luise möchte sich nicht übereilen ihm alle Hoffnung
zu nehmen Sie ward gerührt und die Unterhaltung endigte hier
Luise wusste dass ihre Mutter keiner Kleidung gewogener war als dem Anzuge
der Bäuerinnen in der Gegend von B aus welcher Luise zurückkam Da sie mit
Freuden alles ergriff was sie in ihrer Mutter Augen liebenswürdig machte so
hatte sie sich eine vollständige Kleidung dieser Art machen lassen um sie darin
zu überraschen Blachfeld bat um Erlaubnis Zeuge dieser Zusammenkunft zu sein
Da Luisens Brüder welche ihr bis M Blachfelds Garnison und dem Wohnort
ihrer Freundin entgegen gekommen waren diesen Tag bei ihm gespeist hatten
schien ihr eine abschlägige Antwort unanständig sie fuhren also alle zusammen
nach D welches nur wenige Stunden entfernt war Der Beweis von Herzlichkeit
welchen Luise in der Ungeduld ihrer Brüder ihr bis nach M entgegen zu
kommen zu finden glaubte die nahe Aussicht ihre Mutter wieder zu sehen
entzückten sie im höchsten Grade Sie hatte keine lebhaftere Besorgnis als die
nicht geliebt zu sein alles was dieser Furcht zu widersprechen schien gab ihr
die seligste Empfindung Man ließ den Wagen einige Schritte vom Hause halten
damit die Mutter alle Freude der Überraschung genösse sie erkannte Luisen
nicht und schien von ihrer Verkleidung die ihr an ihrer Tochter auffiel auf
eine unangenehme Weise befremdet Luise hatte ihren Anzug und ihre Rolle
vergessen sie stürzte zu ihrer Mutter Füßen und war zu gerührt um ein Wort
hervorzubringen Madame N war sehr erfreut ihre Tochter wieder zu sehen aber
eine so heftige Rührung war ihr völlig unverständlich sie rief unmutig aus
»Immer dieselbe« Blachfeld hob Luisen auf und rief O sie verliert nichts
dabei dass sie immer dieselbe bleibt und wer sie versteht muss sie anbeten
Luisen schmeichelten diese Worte weniger als ihrer Mutter Missfallen ihr weh
tat und sie eilte sich anders anzukleiden Wie sie zurück kam fand sie ihren
ältesten Bruder der ihr nicht hatte entgegen kommen können An seinem Halse
durfte sie das Gefühl das sie fast erstickte auslassen und sie weinte nicht
allein weit entfernt ihre Empfindung zu verspotten drückte er sie schluchzend
an sein Herz Dieser Augenblick ausgewechselten Gefühls war der glücklichste in
Luisens Leben Das Wiedersehen einiger anderer Freunde gab ihr den folgenden Tag
noch ein paar süße Momente und der ganze Tag verfloss auf eine angenehme Art
Aber ihre Verwandten waren versammelt und sie bemerkte sehr bald dass Blachfeld
unter allen diesen Menschen eine demütigende Rolle spielte Ein jeder schien
von seiner Absicht unterrichtet zu sein und sich zu bemühen ihn durch
Achtungsbezeugungen dafür zu trösten dass man so wenig Hoffnung für ihn hegte
Luise sagte sich dass sie ihn nicht hätte sollen nach D kommen lassen wäre sie
wirklich entschlossen gewesen ihm den Abschied zu geben ob sie es gleich nicht
zu verhindern gewusst hatte so war es ihr doch nun auch unmöglich zurück zu
treten und so viel ward ihr wenigstens sehr klar dass es sich für ihren
künftigen Gatten nicht ziemte vor den Augen ihrer ganzen Familie die Rolle des
unglücklichen Liebhabers zu spielen Sie war zu offen um Liebe vorzugeben wo
sie ihren Herzen fremd war indem sie abrr öffentlich erklärte dass sie ihn zu
ihrem Gemahle wählte sagte sie deutlich genug dass sie ihn seinem ganzen
Geschlechte vorzöge und dieses war die einzige Möglichkeit Blachfelden die
Gesellschaft ihrer Familie angenehm zu machen Das sicherste Mittel seine
Achtung und Dankbarkeit selbst alsdann noch zu fesseln wenn seine Liebe
verraucht sein würde schien sie darin zu finden wenn sie seine Resignation
sich Jahre hindurch mit ungewisser Hoffnung zu befriedigen auch keinen Tag lang
missbrauchte Sie erklärte ihm also noch denselben Abend dass sie einen Entschluss
gefasst hätte Anfangs verstand er sie nicht und warf sich zu ihren Füßen um
den Aufschub seines Endurteils zu erbitten Ein anderes Mädchen hätte
vielleicht in der Unruhe ihres Liebhabers einen Genuss gefunden Luise warf es
sich vor sie veranlasst zu haben und eilte sich ihm verständlich zu machen Sie
setzte nur die einzige Bedingung dass er nach dem Ableben seines Vaters seine
Schwestern im Falle sie dann noch ledig wären nicht in sein Haus nehmen
sondern sich begnügen sollte ihnen eine Pension zu geben Luise hatte viele
glückliche Ehen durch die Klatschereien alter Jungfern stören sehen und wenn
ihr Herz sie gleich antrieb ihre Schwägerinnen bei sich aufzunehmen sd verbot
es ihr die Klugheit doch um so viel mehr als die Denkart und Lebensweise dieser
Frauenzimmer ihr gänzlich unbekannt war Blachfeld versprach es unverzüglich
und setzte hinzu dass seine Einwilligung gar kein Verdienst wäre weil er
selbst wenn er sich nicht verheiratet hätte nie Willens gewesen wäre mit
seinen Schwestern zu leben Luise hatte nun einen Glücklichen gemacht sie war
aber weit entfernt es selbst zu sein Einen seligen Augenblick hatte sie indem
sie ihrer Mutter Segen empfing die Freude welche in ihren Augen blitzte war
wohl fähig ihr für alles was sie getan hatte zu lohnen Sie fürchtete
unaufhörlich den redlichen Blachfeld zu betrügen Nie glaubte sie ihm genug von
den Torheiten ihrer Jugend von den Versuchungen erzählt zu haben die sie auf
ihrer Reise bekämpft hätte Ihre Mutter mochte sie noch so sehr warnen bei
ihrem Bräutigam keinen Verdacht zu erregen für welchen sie nach der Hochzeit
hart würde büßen müssen die Furcht vor Unglück schreckte ihr zaghaftes Gewissen
nicht sie zitterte bloß strafbar zu sein Die ganze Nacht verfloss ihr in der
grausamsten Unruhe sie fürchtete nicht im Stande zu sein den Mann welchem
sie ihre Hand versprach zu beglücken es war aber nicht mehr Zeit zurück zu
treten und im Augenblicke wo sie die Feder nahm um ein neues Geständnis ihrer
Irrtümer niederzuschreiben eilte Blachfeld schon wieder zu ihr um ihr aufs
neue für das Glück welches sie ihm gestern verheißen zu danken Er sagte
gerührt dass er der elendeste Mensch sein würde wenn er je ihre Aufrichtigkeit
missbrauchte oder ein Mädchen unglücklich machte das sein ganzes Vertrauen in
ihn setzte »Fürchten Sie nicht setzte er hinzu dass die geheime Schwermut
welche Sie sich vorwerfen mein Glück zerstören werde Ich werde unermüdet
suchen sie zu zerstreuen und gelingt es mir nicht so will ich sie ertragen
denn ob Sie gleich in allen Ihren Briefen gesucht haben mir diese Ihre Stimmung
mit den schwärzesten Farben zu schildern so kann sie mich nie so elend machen
wie ich es ohne Ihren Besitz wäre selbst nicht so elend wie ich es war ehe ich
Sie kannte«
Luise überließ sich dem Glücke ihre Mutter und Brüder mit ihr zufrieden zu
sehen und hofte es lange zu genießen als ihr ihre Mutter mit Tränen im Auge
erklärte wie sie sich genötigt sähe ein Versprechen zurück zu nehmen das sie
Luisen bei ihrer Abreise nach B gegeben hatte Sie gab damals ihr Wort ihren
Schwiegersohn während der Zeit die sein Regiment jährlich in der Hauptstadt
zubrachte in ihr Haus zu nehmen Jetzt sagte sie diese Einrichtung fiele ihren
Söhnen zur Last die da sie mehr in der Welt lebten auch genötigt wären mehr
Gesellschaft in ihrem Hause zu sehen bei ihrem Alter fürchte sie einen Zuwachs
von Last und Sorgen sie würde sich immer herzlich freuen Luisen und ihre
Kinder wenn sie erst Mutter wäre bei sich zu sehen weil das ohne
Unbequemlichkeit geschehen könnte die Anwesenheit eines Mannes aber zöge zu
viel Ungelegenheit nach sich denn er forderte doch immer einen guten Tisch ein
eigenes Besuchzimmer und dergleichen mehr sie bot ihr endlich zwanzig Pistolen
jährlich an um sie für ein Versprechen zu entschädigen das sie gegeben zu
haben so sehr bereuete Wie Luise ihre Mutter weinen sah gab sie ihr dieses
Versprechen sogleich zurück aber ihr Herz war im Innersten verwundet Es gab
für sie keine Entschädigung für eine Aussicht auf welche sie schon die
reizendsten Luftschlösser gebaut hatte und die Hoffnung nicht das ganze Jahr
über in M zu wohnen hatte zu ihrem Entschlusse nicht wenig beigetragen Mit
ihrem Mann in dem Zirkel ihrer Familie zu leben neben den Vorteilen der
Tochter vom Hause alle Vorrechte einer verheirateten Frau zu genießen ihren
Mann in der frohen liebenswürdigen Gesellschaft ihrer Brüder sich ausbilden
diese hingegen seine männlichen Tugenden zum Muster nehmen sehen welch eine
glückliche Zukunft Luise ließ Blachfelds Verdiensten Gerechtigkeit
wiederfahren aber sie betete ihre Brüder an Diese Liebe wurde bald auf eine
arge Probe gestellt Es war die Absicht ihres Vaters gewesen dass man eine
gewisse Summe zu ihrer Ausstattung von seinem Vermögen abziehen sollte Er war
es ihr gewissermaßen schuldig weil er sie oft mit der Versicherung dass sie
nicht dabei zu kurz kommen sollte an einer guten Heirat verhindert hatte und
sein Einkommen war auch wirklich mehr wie hinreichend um die Aussteuer seiner
Tochter zu bestreiten Er hatte sieben Jahre lang damit seine Söhne einen nach
dem andern auf der Universität erhalten und dem ungeachtet sein Kapital in
dieser Zeit vermehrt Auf seinem Todtbette forderte er von seiner Frau und
seinen Söhnen das Versprechen seinen Willen in diesem Punkte nach seinem Tode
zu befolgen sie wären alle fünf seine Kinder und so wäre es billig für das
eine so viel wie für das andere zu tun Luise war damals von dieser Güte so
gerührt wie von der Großmut ihrer Mutter und Brüder welche diese Summe aus
eigenem Antriebe auf tausend Taler bestimmten Die Mutter welche ihre Söhne
zärtlich liebte erzählte diese großmütige Tat allen KondolenzBesuchen und
führte sie gegen ihre Tochter als einen Grund an nie eine Heirat einzugehen
die ihren Brüdern zuwider sein könnte denn sagte sie sie haben immer erklärt
dass sie statt tausend Talern gern doppelt so viel geben möchten wenn sie gewiss
werden könnten dass ihre Schwester sich nicht durch ihre romanhaften Grillen
verführen ließe einen Gatten zu wählen der ihnen Schande machte Luisens Stolz
empörte sich über diese Reden es tat ihr weh dass ihre Mutter ihnen Gehör gab
sie war überzeugt dass die wahre Seelengrösse nicht in geringen Auszeichnungen
besteht die eben so kleinlich wie nichtsbedeutend sind allein die Liebe für
ihre Brüder gewann bald wieder die Oderhand sie bedachte ihre große Jugend sie
überredete sich die Jahre würden ihnen eine vernünftigere billigere Art zu
denken beibringen und ob sie wohl fühlte dass sie dann nicht mehr jung genug
sein würde um dabei zu gewinnen so fühlte sie doch ihre Liebe würde
uneigennützig genug sein um sich auch dann dessen zu freuen Sie war mit der
Summe welche ihr Vater bestimmt hatte vollkommen zufrieden und erkannte daher
ihrer Brüder Großmut so wenig sie deren Bewegungsgrund billigte mit allem
Dank Aus Liebe zu ihrer Mutter beschloss sie sobald sich die Gelegenheit
darböte ihre Brüder durch eine nach deren Meinung glückliche Heirat zu
beruhigen Es hat zu allen Zeiten und an allen Orten müßige Menschen gegeben
die ihr leeres Gehirn von Haus zu Haus schleppen und es mit allen
Armseligkeiten anfüllen die ihnen aufstossen Ein solches Geschöpf machte sich
nach der Erklärung von Luisens Heirat mit Blachselden an ihre Brüder um sie
zu versichern dass die Aussteuer der Töchter von jeher von ihrem Kapital
abgezogen worden wäre dass sie also Unrecht hätten eine Ausnahme zu Gunsten
ihrer Schwester zu machen Diese Erinnerung hätte gleich nach des Vaters Tode
oder so lange Luise ihre Wahl noch nicht bestimmet hatte keinen Eindruck
gemacht die Zeit hat aber einen mächtigen Einfluss Luisens Brüder erinnerten
sich nur sehr verworren an das was ihnen ihr Vater gesagt hatte und wie sehr
sie selbst bemüht gewesen waren ihre Schwester von einer ihnen missfälligen
Heirat abzuhalten ob sie gleich dadurch in den Stand gesetzt worden wäre
ihrer Wohltaten ganz zu entbehren Sie wussten zwar dass ihr erwählter Schwager
arm war sie wussten dass ihre Schwester nichts zuzusetzen hatte aber dieser
Schwager konnte sein Glück machen und sie dachten wenig darauf dass er sobald
er es so weit gebracht hätte seine Gattin vernachlässigen konnte die ihn
ungeachtet seines geringen Vermögens gewählt hatte Sie waren selbst noch ohne
Versorgung sie mussten auf ihren Vorteil denken kurz sie fingen damit an die
Frage kaltblütig zu untersuchen und endigten ungeachtet der Sanftmut mit
welcher ihre Schwester sich auf den letzten Willen ihres Vaters berief mit dem
für Luise zerreissenden Vorwurf dass sie eigennützig handle Luise war so weit
davon entfernt dass sie ihre Mutter beschworen hatte ihr gar keine Aussteuer zu
geben Sie hing wenig an solchen Dingen weil sie ihr zum Glück der Ehe sehr
entbehrlich schienen und sie wusste dass Blachfeld eben so wenig Wert damit
verband sie tat also von Herzen gern darauf Verzicht allein sie glaubte ihre
Pflichten gegen ihren künftigen Gemahl erlaubten ihr nicht ohne sein Vorwissen
eine Schrift zu unterzeichnen in welcher sie eingestand ihrer Familie tausend
Taler schuldig zu sein nachdem sie ihm doch gesagt hatte dass ihre Ausstattung
ein Geschenk ihres verstorbenen Vaters sei Luisens Mutter hingegen welcher die
ganze Sache schon sehr weh tat wünschte wenigstens dass Blachfeld nicht davon
unterrichtet sein möchte Wäsche und Betten sagte sie ihr sind in einer
Wirtschaft unentbehrlich was Hausgerät anbetrift ist das des Mannes Sache
und um ihn in den Stand zu setzen diese Ausgabe zu bestreiten nehme ich ihn
während der sechs Monate bis zu eurer Hochzeit an meinen Tisch damit er sich
aber bei dem Einkaufe dieser Dinge worauf er sich gewiss nicht versteht nicht
betrügen lässt kann er dir nur das Geld dazu geben Hiedurch sah sich Luise in
einer neuen Verlegenheit sie erkannte in dieser Einrichtung die Weisheit und
Güte ihrer Mutter allein aus falscher Scham wagte sie nie darüber mit
Blachfelden zu sprechen und musste nun zu ihrem größten Leidwesen wahrnehmen
dass er anstatt streng zu wirtschaften oft für ein Frühstück oder eine
Kollation im Wirtshause eine halbe Pistole verzehrte da es ihm bei Luisens
Mutter nichts gekostet hätte Sie hatte ihn für sparsam gehalten und in diestr
Hinsicht alle Geschenke die er ihr machen wollte abgelehnt Wie sie von ihrer
Reise zurückkehrte hatte Luise die Gutherzigkeit außer ihrem Anteil an den
Reisekosten auch noch die Hälfte des Anteils einer andern Person zu bezahlen
und da ihr in diesem Augenblicke die Ausgabe um so unerwarteter kam als der
Anschlag schon vorher gemacht worden war und es jener Person frei gestanden
hätte die Reise nicht mitzumachen über deren Kosten sie sich jetzt beklagte
so sah sie sich zum erstenmal in ihrem Leben in der Notwendigkeit Geld
aufzunehmen Der bloße Gedanke Schulden zu haben erschreckte sie und sie
stellte daher eine Anweisung auf die ganze Summe aus die sie von ihrer Murter
zu ihren Ausgaben erhielt so dass sie drei Monate zubrachte ohne einen Groschen
in der Tasche zu haben Sie hatte indessen zu viel seines Gefühl um ihrem
Liebhaber ihre Verlegenheit merken zu lassen bis er ihr einst sagte dass er
vier Pistolen zu einem Sopha erspart hätte sie bat ihn das Geld zu etwas
Notwendigerem aufzuheben weil man genau betrachtet recht gut ohne Sopha
fertig würde aber nicht ohne Stühle Wie sehr erstaunte Luise als ihr
Bräutigam ihr nach sechs Monaten erklärte dass er anstatt zu den vier Pistolen
zuzulegen sie sogar ausgegeben hätte Wie sehr bereute sie es jetzt den Rat
ihrer Mutter nicht befolgt zu haben Diese freute sich schon darauf ihre
einzige Tochter in ihrer neuen Wohnung einzurichten und Luise hatte nicht das
Herz ihr zu sagen dass Blachfeld noch gar nichts dazu angeschafft hätte Die
gegenwärtige Verlegenheit war es nicht allein was Luisen quälte sie konnte
nicht umhin die natürliche Berechnung zu machen dass ein Mann der mit tausend
Talern nicht auskam so lange er Wohnung Bedienung und Tisch bei ihrer Mutter
hatte wenn er von derselben Pension Frau und Kinder ernähren sollte noch
weniger auskommen würde Luise stellte ihm dieses mit vieler Sanfteit vor und
bat um einen Aufschub der Heirat bis zu einer Vermehrung seiner Einnahme
Allein bei der ersten Erwähnung eines Aufschubs ward Blachfeld wütend er stieß
sich mit dem Kopfe gegen die Mauer und warf endlich Blut aus Er war Luisen
nicht mehr ganz gleichgültig und ob sie gleich vorher sah dass sein Mangel an
Ordnung seine üble Wirtschaft seine Unkunde in allen Geschäften sie und ihre
Kinder in die grausamste Verlegenheit setzen dürften ärgerte sie sich doch über
ihre gute Mutter so oft sie die geringste Anmerkung darüber machte Sie
wünschte dass man ihn für vollkommen halten oder wenigstens nicht in ihrer
Gegenwart von den Fehlern eines Mannes reden möchte dem sie Ehrfurcht und
Gehorsam zu versprechen im Begrif stand Sie liebte seine Uneigennützigkeit
sein Nichtachten des Geldes allein sie hätte es gern gesehen dass er dadurch
nicht in den Fall gekommen wäre von weniger uneigennützigen Leuten missbraucht
zu werden Ein Mensch der ohne Vermögen zu besitzen sich wie ein steinreicher
Mann meublirt hatte ward nach einigen Jahren seine Torheit gewahr seine
Meublen die nun aus der Mode gekommen waren versprachen ihm wenig
Entschädigung dafür dass er sein halbes Vermögen hineingesteckt hatte und er
warf seine Augen auf Blachfelden um einigermaßen wieder zu seinem Gelde zu
kommen er lockte ihn in sein Haus und erbot sich ihm aus bloßer Freundschaft
alle seine alten Meublen um den Kaufpreiss zu überlassen Blachfeld der nie das
väterliche Haus bewohnt hatte sondern auf einer Schule erzogen und sodann von
einer Garnison in die andre versetzt kein andres Bett als eine Pritsche und
kein andres Hausgerät kannte als einen hölzernen Tisch und einen Feldstuhl
bemerkte nicht dass man ihm einen Handel vorschlug bei welchem er sein baares
Geld gegen geschmacklose Trödelwaaren austauschte unter denen kein einziges
taugliches und in einer neuen Wirtschaft wirklich notwendiges Stück
befindlich war Dass er Luisen versprochen hatte in allem auf eine edle Einfalt
zu sehen die ihrem Geschmacke so wie ihrer Lage angemessen war ward rein
vergessen und ohne sie zu Rate zu ziehen da er ihr doch tausendmal zugesagt
hatte ihr alle Hauseinrichtungen zu überlassen indem er seine Unfähigkeit in
diesen Geschäften eingestand wurde der Handel zwischen einem Schlaukopf und
einem Menschen der alle altväterische Arglosigkeit von des Landpfarrers von
Wakefield Sohne Moses besaß bei einer Flasche Wein geschlossen Der Verkäufer
sah wohl voraus dass die Braut über diesen verderblichen hässlichen Handel sehr
unzufrieden sein würde und forderte also von Blachfelden sein Offizierswort
das er heilig zu halten den Ruf hatte und Blachfeld gab es ohne daran zu
denken dass er keinen Taler zum Bezahlen hatte Dieser Umstand machte dem
Verkäufer wenig Sorgen er war sicher dass Luise alles bezahlen würde so sehr
es sie auch kränken möchte Luise stellte ihrem Bräutigam vor dass ein
Augenblick wo sie aus Mangel an dem Notdürftigsten sich nicht verheiraten
könnten sehr wenig dazu gemacht wäre um lauter überflüssiger Dinge willen
Schulden zu machen denn unter dem ganzen Ankaufe war kein rechtlicher Stuhl
kein Schrank kein Tisch außer Spiel oder Marmortischen da Luise einen
bequemen Grossvaterstuhl einen großen Teetisch ein Ruhebett für Kranke lieber
wie alles dieses gehabt hätte Alles was zur patriarchalischen Einfalt
zurückführte war ihr Geschmack und diesen hatte sie auch bei ihrem Bräutigam zu
finden gehoft Blachfeld ward wütend warf seinen Hut auf den Boden trat ihn
mit Füßen und beging tausend solche Dinge, welche Luisen überzeugten dass man
ihr in Ansehung seines Ungestüms die Wahrheit gesagt hatte Nun war aber an kein
Zurücktreten mehr zu denken und außerdem war neben allen seinen Fehlern etwas
Großes in seinem Charakter das ihr gefiel Luise versprach auf ihren Namen Geld
zu borgen denn Blachfeld hatte wie alle Menschen ohne Vermögen ungeachtet
seiner allgemein anerkannten Redlichkeit auch keinen Kredit
Der Fürst in dessen Diensten Luisens Vater stand hatte diesem bei seinen
Lebzeiten versprochen für seiner Tochter Mitgift zu sorgen dem zufolge
schickte er ihr tausend Taler denen ein Brief an Blachfeld beigefügt war in
welchem er ihm sagte dass er ohne in die nähere Beschaffenheit seiner Lage
einzugehen diese Summe zu seiner Hochzeitseier bestimmt hätte Blachfeld
verstand die gütige Meinung des Fürsten sehr wohl und zu edel um ein Gut das
ihm nicht beschieden war an sich zu reißen überließ er Luisen diese Summe zu
ihrer Aussteuer und behielt sich nur sechs Pistolen zu einem Kleide vor Luise
war von diesem Betragen so gerührt dass sie die sechs Pistolen von ihrem nach
Abzahlung ihrer Schuld übrig gebliebenen Spargelde nahm indem sie die tausend
Taler in einer öffentlichen Kasse niederlegen wollte um bei vorfallenden
Gelegenheiten einen Notpfennig in Vorrat zu haben Diese Freude sollte ihr
aber nicht werden denn am folgenden Morgen kam Blachfeld und bat sie um die
Hälfte der Summe zur Lösung seines wegen der Meublen gegebenen Ehrenworts und
den Tag darauf forderte er die andre Hälfte zum Ankaufe seines Feldgeräts
indem von Kriegszurüstungen die Rede wäre In so einem Falle sorgt der
Landesherr für das Feldgerät allein es war eine von Blachfelds
Sonderbarkeiten einen Abscheu gegen ausstehende Kapitalien zu haben und indes
sich Luise das Notwendige versagte um das Geschenk ihres edelen Gönners nicht
anzugreifen gab Blachfeld auf allen Seiten aus um es los zu werden Auf diese
Weise sah sich also Luise statt um tausend Taler reicher zu sein um sechs
Pistolen ärmer als sie war und zu ihrer häuslichen Einrichtung blieb nichts
übrig Blachfeld nahm indessen zusehends ab und beteuerte dass er sich das
Leben nehmen würde wenn ihm Luise nicht vor seiner Abreise ihre Hand am Altar
gäbe Er schwor ihr dass er nur diese Zeremonie nur die Sicherheit dass nichts
sie ihm entreißen könnte fordere dass er von keinem seiner Rechte Gebrauch
machen wollte bis sie es ihm zugestände Die Mutter alle Freunde redeten ihr
zu ihrer Unentschlossenheit ein Ende zu machen und Luise bestimmte endlich den
Hochzeittag doch erst nachdem sie von ihrem Bräutigam das feierliche
Versprechen erhalten hatte dass sie ein Jahr lang nur als Freunde zusammen
leben und keinen vertrauteren Umgang haben wollten Luise entdeckte ihrer
Mutter dieses Geheimnis denn als ein solches wollte Blachfeld natürlicher Weise
einen Vertrag angesehen haben der ein ausschliessliches Eigentum der Liebe war
Man beschloss die Hochzeit auf dem Gute der Mutter zu feiern wo das junge
Ehepaar auch bis zu Blachfelds Abreise nach der Armee bleiben sollte Diese
Einrichtung schlug wenigstens der Bräutigam vor um Anstalten auszuweichen
denen sein Beutel gar nicht gewachsen war Den Zustand seiner Finanzen hatte er
aber um so weniger Lust seiner künftigen Schwiegermutter zu entdecken als er
bei Gelegenheit der Schwierigkeiten die sie seiner Bewerbung um ihre Tochter
entgegen setzte versichert hatte er brauche kein Vermögen und sei zu sehr
Mann von Ehre um eine Frau zu nehmen ohne für ihren Unterhalt sorgen zu
können Seitdem er das Geschenk des gütigen Fürsten auf das er Anfangs
freiwillig Verzicht tat in weniger als acht Tagen zu seinem Gebrauch verwandt
hatte fürchtete er sich mit seiner Schwiegermutter allein zu sein und brauchte
Luisen zur Mittelsperson so oft er ein Anliegen bei ihr hatte Dieses Verfahren
zog dem armen Mädchen manchen Verdruss zu Eines Tages kurz vor der anberaumten
Hochzeitsfeier wie sich die Familie allein befand machte die Mutter die
Bemerkung dass es Schade sei die schönen Frühlingstage nicht auf dem Gute
zuzubringen dass sie ihr auch gewiss nicht so ungenützt verfliessen sollten wenn
nicht die Verbindlichkeit Blachfelden in der Kost zu haben im Wege stünde
Luise litt schmerzlich bei diesen Worten und antwortete sie sei bereit ihr
dahin zu folgen da Blachfeld um so weniger etwas dagegen haben könnte als er
nach der Hochzeit selbst dort zu wohnen gedächte Die Mutter erwiderte dies
wäre eben die Ursache, warum sie auf das Vergnügen dort zu leben Verzicht tun
müsste ihr Garten sollte nicht von einem Trupp unnützer Reitknechte verwüstet
werden Blachfelds Abreise zur Armee sei nicht festgesetzt und er könnte ihr
den ganzen Sommer auf dem Halse liegen Luisens Brüder stimmten den Gründen der
Mutter bei und bewiesen dass die Einrichtung des Guts nicht erlaube Fremde zu
beherbergen und dass ein Mann der sich verheiratete sein eigen Haus
einrichten müsse damit seine Schwäger die Freude haben könnten zu sagen Ich
gehe zu meiner Frau Schwester In diesem allen war schon Bitterkeit genug für
Luisen allein die Mutter führte noch in Gegenwart der jungen Leute Blachfelds
schonendes gütiges Versprechen gegen seine hypochondrische irrende Braut als
einen Bewegungsgrund für diese an sich nach der Hochzeit von ihm zu trennen
und ihm nur von Zeit zu Zeit Besuche auf dem Gute zu verstatten Luise fühlte
das Unschickliche dieser Äußerung sie fürchtete Blachfelds unbändige Hitze die
bei der Entdeckung dieses Auftritts notwendig auflodern würde es fiel ihr ein
dass sie die bei der Wahl eines Gemahls sich dem Geschmacke ihrer Familie
unterworfen hatte keine bitterern Sorgen zu gewarten gehabt haben würde wenn
sie der Stimme ihres Herzens Gehör gegeben hätte Die gute Mutter war in einer
übelen Stimmung und häufte alles Unangenehme auf das schwache Mädchen das dem
Unmut endlich unterlag und das Unglück hatte der Mutter auf eine Weise zu
antworten die einem Kinde nie geziemt Dieser traurige Auftritt ward der
Gesundheit Beider nachteilig er durchdrang Luisens Hetz mit einer so nagenden
Reue dass sie Blachfelden in der nächsten Stunde von der Veranlassung des
Streits unterrichtete und erklärte sie habe ihre teure Mutter aus Liebe zu
ihm beleidigt und um sich zu strafen wolle sie sich auf immer von ihm trennen
Blachfeld erblasste wie er sie unerschütterlich sah und beteuerte gegen ihren
ältesten Bruder dass er wenn sie bei diesem Entschluss beharrte den Dienst
verlassen und auf ewig aus seinem Vaterlande scheiden würde Heinrich dieser
älteste Bruder hatte vielen Einfluss auf seine Schwester und gebrauchte ihn
jetzt geschickt genug um nach und nach ihre Gewissensbisse wegen des Fehltritts
gegen ihre Mutter zu besänftigen und Blachfelds Wiederaufnahme zu
bewerkstelligen Blachfeld schloss sie entzückt in seine Arme und indem Tränen
seine männlichen Wangen benetzten rief er »Geliebter Engel was brauchst Du
Geld und Gut Ich will Dich auf meinen Armen über das Wasser und durch das Feuer
tragen meine Hände sollen Dich ernähren ich will im Schweiße meines Angesichts
für Dich arbeiten und werde glücklich sein wenn ich Dich nur mein nenne«
Luise war innigst gerührt denn sie glaubte sich nun geliebt Wie Madame N
diesen Auftritt durch ihren Sohn erfuhr versprach sie ihren Schwiegersohn mit
offenen Armen aufzunehmen Sie hatte wie die meisten betagten Leute die Grille
gebeten sein zu wollen Blachfeld hätte ihr nachgeben sollen sein Stolz hielt
ihn aber davon ab und doch ging dieser nämliche Stolz aus einem sonderbaren
Widerspruche bei ihm nicht so weit dass er sich zu einer weisen
Wirtschaftlichkeit entschlossen hätte die doch allein unabhängig macht Er
betrieb die Hochzeit mit dem größten Eifer und bekümmerte sich dem ungeachtet
um manche Dinge so wenig dass Luise dem Hausgesinde ihrer Mutter den Armen dem
Geistlichen usw in seinem Namen die üblichen Geschenke machen musste kurz
sie erkaufte sich ihren Mann wie eine alte Kokette ihren Liebhaber erkauft
aber sie hielt Blachfelden jedes Preises wert Wer ohne Fehler ist kann keine
hervorstehende Tugenden haben Blachfelds Denkungsart war edel und er hatte
keinen Schatten von Einbildung auf die Vorzüge seiner vornehmen Geburt er war
tapfer ohne Pralerei er vernachlässigte zwar seine Geschäfte zu sehr um
großmütig sein zu können indessen gab er Luisen einen schönen Beweis seiner
uneigennützigen Denkungsart sie gestand ihm nämlich dass sie sich für eine
ziemlich ansehnliche Summe verbürgt hätte um eine Familie aus einer bedrängten
Lage zu reißen und weit entfernt sie zu tadeln bezeugte er ihr seinen
lebhaften Beifall
Blachfeld hatte gehört dass es kein heilsameres Mittel gegen die
Hypochondrie gäbe als das Reisen und schlug daher seiner Frau gleich nach der
Heirat eine Reise in ein Bad von da zu seinem Vater und endlich nach Wien
vor Luise wandte ihm die Kosten eines solchen Unternehmens ein er hatte aber
die Delikatesse vorzuschützen dass seine eigne Gesundheit es erfordere und wie
der Ausbruch des Kriegs diesen Plan vereitelte bat er Luisen kniend in das Bad
zu gehen weil er ohne ihr Vorwissen einen berühmten Arzt zu Rate gezogen habe
der dieses Mittel für Luisen als unentbehrlich ansähe Er legte sogar vierzig
Pistolen in dieser Absicht in die Hände seiner Schwiegermutter nieder Luise gab
sie ihm aber zurück und versicherte lächelnd dass eine Frau die nur um des
Badens willen das Bad besuchte dort wenig mehr als anderwärts ausgäbe Luise
bewies dieses bei ihrer Reise denn sie wandte nur eine kleine Summe darauf die
sie aus ihrem Anteile von dem Verkaufspreise zurückgelassnen Bibliothek ihres
Vaters gelöst hatte
Ein Umstand der sich noch aus ihrer Kindheit herschrieb machte ihr diese
Reise sehr wünschenswert und kann ihr einigermaßen zur Entschuldigung dienen
dass sie damals die Entschlossenheit nicht hatte lieber ihren Mann ins Feld zu
begleiten Zur Entschuldigung denn in ihren Augen rechtfertigt nichts die
Selbstsucht mit welcher sie ihre Gesundheit mehr in Erwägung zog als ihre
Pflichten gegen ihren Mann und sie sieht alles Unglück das daraus entstand
als eine wohlverdiente Strafe dieser Selbstsucht an die sie vorzüglich bewies
als sie Blachfelds nachherige oft wiederholte Bitten zu ihm ins Hauptquartier
zu kommen nicht erfüllte Luisens Mutter hatte mit vielen andern Müttern die
Schwäche gemein dass sie gern andrer junger Mädchen Talente Fleiß Ordnung
Geschmack im Anzuge auf Kosten ihrer Tochter lobte So hatte sie eines Tages
von dem Kopfputze einer Gespielinn so bezaubert geschienen dass sich Luise
vornahm ihrer Mutter zu Gefallen solchen nachzuahmen und den folgenden
Morgen der nämlichen Kindermagd deren böses Gemüt und trauriger Einfluss auf
Madame N zu Anfang dieser Geschichte erwähnt ist anlag ihr dabei zu helfen
Sie konnte nicht zurecht kommen und Luise wollte nun allein fertig zu werden
suchen Die Magd fand sich beleidigt dass das junge Mädchen sich für geschickter
hielt als sie und fing einen Streit darüber an den sie nachher der Madame N
so falsch hinterbrachte dass diese Luisen auf das härteste anfuhr Luise
unternahm sich zu rechtfertigen und brachte dadurch ihre Mutter so auf dass sie
mit einem Buche nach ihr warf welches mit seiner ganzen Schwere auf die eine
Seite ihrer Brust fiel und eine Verhärtung zurück ließ die sich niemals wieder
verlor Während der Zeit dass Luise mit Blachfelden verlobt war hatte ein
Frauenzimmer aus ihrer Familie das Unglück einen Krebs an der Brust zu
bekommen und zwar in so einem gefährlichen Grade dass sie sich der grausamsten
Operation unterwerfen musste Ihr Chirurgus sagte bei der Gelegenheit in Luisens
Gegenwart dass wenn diese Dame seinem Rate gefolgt und zu rechter Zeit nach
dem Bade gegangen wäre sie das Unglück vermieden haben würde Diese Worte
vermehrten Luisens Unruhe die sie bis jetzt aus Schonung gegen ihre Mutter
immer unterdrückt hatte so sehr dass sie Blachfelden einen Teil davon
entdeckte und sich fest vornahm auf alle Fälle die erste Gelegenheit zu einer
Reise nach dem Bade zu benutzen Allein diese Reise hatte eine ganz andere
Wirkung als man sich davon versprach zum Teil war ein an sich sehr
geringfügiger Vorfall daran Schuld der sich den Tag vor Luisens Abreise zutrug
zum Teil machte sie aus übertriebener Sparsamkeit den ziemlich langen Weg mit
so großer Eile dass ihre sehr zarte Gesundheit darunter leiden musste An jenem
Tage vor ihrer Abreise war Luise in der Gesellschaft eines der geehrtesten und
bekanntesten deutschrn Gelehrten nach gereist um von einer vertrauten
Freundin Abschied zu nehmen Bei dem Rückwege hatte der Kutscher die
Unvorsichtigkeit über ein gepflügtes Feld zu fahren und ward von den Bauern
angehalten Luisens Begleiter stieg aus um mit den Leuten zu sprechen der
Kutscher welcher eine Menge Menschen um den Wagen versammelt sah und sich vor
den Folgen seiner Unvorsichtigkeit fürchtete nahm diesen Augenblick wahr um
die Pferde anzutreiben und dem gaffenden Haufen aus den Augen zu kommen Luise
fühlte wie beschwerlich es Herrn sein würde zu Fuß in die Stadt zu gehen
sie fühlte das Verdriessliche seiner Lage unter einem Haufen aufgebrachter
Bauern und rief umsonst dem Kutscher zu still zu halten Der Bediente war mit
Herrn zugleich abgestiegen und Luisens Furcht ging so weit dass sie sogar
den Schlag öffnete um aus dem Wagen zu springen allein dadurch gewann sie
nichts als dass einige betrunkene Bursche sich herbei machten um
hineinzusteigen Endlich kamen sie in die Stadt da der Lehnkutscher aber das
Haus ihrer Mutter nicht wusste fuhr er erst durch verschiedene Straßen um und
so langte sie endlich gegen Mitternacht ganz erschöpft an Da ihre Mutter mit
allem Gesinde auf dem Gute war und Luise nur wegen des Besuchs bei ihrer
Freundin in die Stadt gewollt hatte fand sie keinen Menschen im Hanse der
ihre sehr aufgestörte Reizbarkeit besänftigt hätte ein unangenehmer Brief den
sie zufällig am folgenden Morgen erhielt nährte ihren Verdruss bis zu der
Ankunft auf ihrer Mutter Gut wo sie ihre Familie schon von dem gestrigen
Vorgange unterrichtet fand und bittere Vorwürfe erhielt dass sie sich und den
Rang ihres Mannes ihrer Freundin zu Liebe so ausgesetzt hätte Luisens Gemüt
war von der Sache selbst und von ihrer Abreise so gedrückt dass sie sich tief
betrübt auf den Weg machte Die Umstände unter welchen sie im Bade war konnten
ihren Missmut nicht zerstreuen jeden Augenblick sprach man von der Aussicht auf
eine nahe Schlacht und Blachfeld hatte sich auf Luisens Dankbarkeit Ansprüche
erworben die ihn ihrem Herzen sehr teuer machten Gleich nach der Trauung
hatte sie einen Auftritt mit ihm in welchem er mit dem heftigsten Ungestüm
die Rückgabe seines schonenden Versprechens forderte Luise bestand auf dessen
Erfüllung und es gelang ihr über seine zärtliche Ungeduld zu siegen Seitdem
hatte er heilig Wort gehalten und sie rechnete ihm diese Entsagung für eine so
grossr Tugend an dass ihre Einbildungskraft ihn in dem Lichte eines über sein
Geschlecht erhabenen Wesens zu betrachten anfing Sie war stolz darauf seinen
Namen zu tragen und ihre Hypochondrie führte sie bald so weit sich dessen für
unwert zu halten sie schrieb ihm die offenherzigsten Bekenntnisse aller ihrer
Fehler er sprach ihr auf eine zärtliche Weise Mut ein und es gelang ihm was
noch kein Mensch vermocht hatte das scheue Gewissen des armen Weibes zu
beruhigen Sie fühlte was er für sie tat und wenn man sie fragte wie lange
sie verheiratet sei antwortete sie aus Herzensgrund dass es drei Monate wären
die ihr aber wie drei Tage vorkämen weil sie noch nie so glücklich gewesen
wäre als seit dieser Zeit Damals fand sich Luise eines Tages in einer
Tanzgesellschaft wo sie aber an der allgemeinen Belustigung nicht Teil nahm
weil sie sichs zum Verbrechen angerechnet hätte zu tanzen indes das Leben
ihres teuren Blachfelds stündlich in Gefahr schwebte Um den Einladungen zu
entgehen setzte sie sich an den Pharaotisch wo man ihr bald vorschlug eine
Pistole aufs Spiel zu setzen Sie tat es und gewann anfangs durch ihr Glück
ermuntert spielte sie weiter Sie hatte an diesem Tage einen Brief von
Blachfelden bekommen in welchem er in sie drang zu ihm in das Hauptquartier zu
kommen sie brauchte Geld zu dieser Reise und beging die Kleinheit zur
Erreichung ihres Endzwecks das elendeste Mittel zu ergreifen Das Glück wandte
sich und sie verlor Ein Freund ihres Vaters welcher gegenwärtig war erriet
ihre Verlegenheit und bot ihr mit einer Feinheit die nur edelen Selen eigen
ist Geld an indem er sagte »Wir Männer haben zuweilen den Fehler unsre
Weiber in ihren Ausgaben zu kurz zu halten« Luise versicherte errötend dass
sie nichts bedürfte dass ihr Gemahl sie überflüssig versorgte allein sie fühlte
ihre begangne Torheit schmerzlich und um so schmerzlicher weil ein Mann den
sie immer ausgezeichnet geschätzt hatte dem sie aber jetzt aus falscher Scham
ihre unangenehme Lage verschwieg Zeuge davon gewesen war Unter diesen
drückenden Umständen erhielt sie eine Nachricht die sie völlig niederschlug
Ihre Mutter meldete ihr dass der liebste ihrer Brüder gefährlich krank sei Sie
würde davon zu jeder Zeit heftig erschüttert worden sein allein in diesem
Augenblick trafen mehrere Umstände zusammen um sie doppelt niederzuschlagen
Sie hatte vor ihrer Abreise wegen einer häuslichen Angelegenheit einen kleinen
Zwist mit ihm gehabt ihre Trennung war um so kaltsinniger gewesen da die
Mutter Teil an dem Streite genommen hatte und der Gedanke diesen Bruder
unversöhnt sterben zu sehen quälte ihr sich selbst peinigendes Gewissen so
heftig dass sie den folgenden Tag krank ward Sie hatte anfangs ein hitziges
Fieber das bald in eine völlige Verstandesverwirrung überging aus welcher sie
indessen durch die Freude über einen Brief ihres Gemahls auf einige Zeit zurück
kam Er schrieb ihr in einer Sprache mit welcher er sich erst seit kurzem
beschäftigte und seine Frau freute sich über diesen neuen Beweis seiner
Talente Ihre Kammerfrau sah die lebhafte Wirkung dieses Briefes und unter dem
Vorwande dass sie ihr nachteilig werden könnte hatte sie die unselige
Vorsicht ihn Luisen mit Gewalt zu entreißen Die Arme sank sogleich in ihren
vorigen Zustand zurück und so oft sie einen vernünftigen Augenblick hatte
forderte sie die Briefe ihres Mannes benetzte sie mit ihren Tränen und wollte
sich nicht mehr von ihnen trennen Sie machte alle die sie umgaben durch die
Menge von Briefen an Blachfelden die sie ihnen unaufhörlich in die Feder sagte
ungeduldig in andern Augenblicken glaubte sie er sei angekommen und man
verhehle ihr seine Gegenwart Wenn sir dann sah dass ihre Hoffnung vergeblich
gewesen war bildete sie sich ein er wäre tot und man verbärge ihr diese
Nachricht Bald wollte sie zu ihrem Schwiegervater gebracht sein weil ihr
Blachfeld in seinem letzten Briefe gemeldet hätte es wäre Friede und sie
gebeten hätte zu ihm zu kommen um zusammen zu seinem Vater zu reisen Sie
hatte das Glück bei einem sehr mitleidigen und menschlichen Arzte zu wohnen
der die Gefälligkeit hatte in ihre Fantasien einzugehen und bald die Rolle des
Schwiegervaters zu spielen bald einzugestehen dass Blachfeld angekommen wäre
aber so ermüdet dass er ihm anempfohlen hätte sich zur Ruhe zu begeben Er
liebte Luisen wie sein Kind und um ih Ruhe zu verschaffen entfernte er oft
ihre Kammerfrau welche aus Verdruss über eine Krankheit die sie an einem ihr
missfälligen Orte zurückhielt ihrer armen Herrschaft unaufhörlich widersprach
und durch den Sinn fuhr Er wachte bei ihr abwechselnd mit seinen Kindern
welche ihr alle Morgen Früchte und frische Blumen aus einem Garten von ihnen
selbst bearbeitet brachten So heftig Luisens Schmerzen waren so blieb ihr
Gefühl für die Schönheiten der Natur immer gleich lebhaft sie hatte aus einem
ihrer Fenster eine reizende ländliche Aussicht und genoss dieselbe so oft es
ihre Kräfte erlaubten Die Kammerfrau fand ihre Freude daran sie unaufhörlich
von dem Fenster wegzuschaffen und erbitterte dadurch den guten Arzt selbst so
sehr dass er ihr den Namen Xantippe beilegte Der Zufall hatte eine Dame mit
Luisen zugleich an diesen Ort geführt die ohne sie weiter zu kennen ihr die
grossmütigste zärtlichste Teilnahme bezeigte sie las ihr vor tröstete
ermahnte sie Luise sah sich von so gütigen Menschen umgeben dass ihre
zerrüttete Phantsie sie endlich glauben machte sie wäre im Himmel Sie dachte
sich von Engeln umgeben hörte ihre Symphonien sah ihre leichten Tänze und
ihre blendenden Gewänder und dankte Gott sie zu diesem seligen Aufenthalt
geführt zu haben ohne dass sie den Kampf des Todes erst zu überstehen gehabt
hätte sie wünschte nur Blachfelden an diesem reinen Glücke Teil nehmen zu
sehen Ihr kam es vor als führten sie acht geflügelte Rosse zum Himmel sie
durcheilte die brennenden Zonen schon langte sie an den Pforten des Paradieses
an als man von ihr forderte einen Freund zu vergessen den sie auf Erden sehr
geliebt hatte dessen Begriffe über religiöse Gegenstände aber von den ihrigen
abgingen sie sollte seinen Namen in das Feuer werfen sie zauderte gehorchte
aber doch man zwang sie noch verschiedenen andern Personen zu entsogen ihre
Namen waren schon von der Flamme verzehrt als man ihr endlich zumutete auch
ihren Mann zu verleugnen sie verweigerte es mit Entschlossenheit Ihr Vater
drang in sie es zu tun sie verwies ihn auf das Beispiel seiner Schwester die
Blachfelden herzlich gewogen war Ach sagte der Vater wenn du nicht wie du
dir schmeichelst wirklich tot bist so werden sie dich alle Religionen nach
einander annehmen lassen Mag das sein rief die Schwester sie wird mit ihm
wiederkommen oder diese Pforte bleibt ihr auf ewig verschlossen
Blachfeld erhielt endlich Nachricht von der Krankheit seiner Frau und die
Geschenke des alten Beschützers von Luisens Vater des gütigen Fürsten von
setzten ihn in den Stand seiner Frau zu Hilfe zu eilen Er flog zu ihr aber
ach er fand das Weib nicht das er zu finden glaubte Wenn die Hoffnung ihren
Gatten zu empfangen bei ihr wach war kleidete sie sich täglich mit Sorgfalt
wenn sie aber in ihre traurige Sinnlosigkeit verfiel blieb sie der Kammerfrau
überlassen die sie auf das äußerste vernachlässigte In einem dieser unseligen
Augenblicke kam Blachfeld an und fand sie blass mit erloschnen Augen ein
abschreckendes Bild des Blödsinns Er sah sie mit Abscheu an Luise erkannte
ihn keine seiner Empfindungen entging ihr und der Gram versetzte sie in einen
Zustand von Dumpfheit dem nur die Schmerzen des Fahrens unterwegs ein Ende
machten Blachfeld hatte sich bei der Wahl des Reisewagens wenig vorgesehen er
hatte Luisens guten englischen Reisewagen verkauft und eine Art Kariole dagegen
eingehandelt die auf der Achse stand Luise hatte wütende Kopfschmerzen jeder
Stoß des Wagens entriss ihr einen lauten Schrei Die Kammerfrau welche stolz
darauf war im Hintergrunde des Wagens neben ihrem Herrn zu sitzen beredete
ihn sie schrie in ihrer Raserei Das arme Weib welches auf Blachfelds Schoss
saß wusste nicht wo sie ihren Kopf ruhen lassen sollte der kein Küssen hatte
als die Stahlknöpfe von ihres Mannes Rock und der Ausdruck seines Gesichte war
bei jedem Blick den er auf sie warf so abschreckend dass sie anfing sein Herz
für eben so hart zu halten wie das Metall das ihre glühende Stirne verletzte
Schrecken und Angst warfen sie in den Zustand zurück aus welchem sie der
Schmerz kaum herausgerissen hatte Sie ist überzeugt dass sie damals geheilt
worden wäre wenn Blachfeld den Wagen so wie sie flehte einen Augenblick
angehalten und ihr einen Tropfen Milch oder Wasser gegeben hätte Kranke
bedürfen auf Reisen mehr Erquickung wie Gesunde aber leider verließ sich
Blachfeld auf das feile selbstsüchtige Geschöpf das Luisen bedienen sollte
und wenn der Wagen einen Augenblick anhielt und Blachfeld in das Wirtshaus
ging verzehrte sie vor Luisens Augen alle Esswaaren die sich im im Wagen
befanden und schützte eine Verordnung des Arztes vor ihr wegen ihrer Krankheit
weder zu essen noch zu trinken zu geben Luisens Raserei dauerte endlich
ununterbrochen fort sie glaubte zum Rädern verurteilt zu sein jeder Pflug
den sie auf dem Felde erblickte schien ihr ein Werkzeug ihrer Hinrichtung und
sie hielt den Postillion für den Henker Blachfelds unglückliche Härte gegen
ihren unendlichen Jammer kam ihr wie der Ausdruck verschlossner Verzweiflung vor
sie bildete sich ein er sei ihr auf das Rad gefolgt um sie zu retten sie
flehte ihn an den Henker nicht länger aufzuhalten und es nur zuzugeben dass
man sie unter das Rad legte damit sie endlich der unleidlichen Schmerzen los
würde In andern Augenblicken überredete sie die Hitze welche ihr Inneres
verzehrte dass sie verurteilt wäre lebendig gebraten zu werden und dass
Blachfeld sie auf seinem Schoss hielte um die Flamme von ihr abzuhalten denn
ihre Einbil dungskraft schmückte ihn immer mit den schönsten Farben aus und
wenn er ihr mit wütendem Blick sich ruhig zu halten befahl schrieb sie seine
Heftigkeit den Schmerzen zu die er um ihrentwillen litt
Sie langten endlich auf dem Gute ihrer Mutter an Luisens Bewusstsein kehrte
zurück aber ihre Kräfte waren erschöpft und ihr Kopf war geschwächt Sie
freute sich ihre Mutter ihre Brüder zu sehen aber sie begrif weder ihr
unruhiges Wesen noch den Eifer ihr Gläser Messer Tassen und alles was sie
zerbrechen oder womit sie sich Schaden tun könnte aus der Hand zu nehmen
noch mehr erschreckten sie die Zeichen und Winke die man sich unter einander in
ihrer Gegenwart gab Wenn man wüsste wie empfindlich man mit diesem Betragen die
Einbildungskraft eines Kranken verletzt wie man sein armes Gehirn mit der
Bemühung spannt die Bedeutung dieses geheimnisvollen Wesens zu enträtseln so
würde man vorsichtiger sein Die Mutter welche überzeugt war dass Luisens
Krankheit nur die Folge von langwierigem Kummer und einer zu reizbaren
gekränkten Empfindlichkeit wäre sagte ihr unaufhörlich »Nun lass es gut sein
liebes Kind denke nicht mehr an die Vergangenheit« und eben dadurch rief sie
diese Vergangenheit jedesmal in Luisens geschwächtes Gedächtnis zurück und
vereitelte den einzigen Vorteil ihrer Krankheit ältere Vorfälle zu vergessen
Ihr Geist war hell genug um dieses zu fühlen sie benutzte einen Augenblick wo
sie mit ihrem Manne allein war um ihm knieend für alles was er an ihr getan
hatte zu danken ihm ihre innigste Zuneigung zu versichern und sie erbot sich
ihm in die Garnison zu folgen Ach sie hofte diese Herzenserleichterung sollte
sie glücklich machen sie hofte darin den Lohn ihrer Leiden zu finden sie wusste
nicht dass ihre traurige Krankheit die Liebe in seinem Herzen vertilgt hatte
Ihn beschäftigte nichts wie der verfehlte Feldzug in welchem er sich
auszuzeichnen gehoft hatte und der so eben geschlossne Frieden war ihm
schmerzlicher als alles andere Und dieses war der Mann der noch vor einigen
Monaten seinen Kriegsgefährten selbst gestand er nähme die Waffen zum erstenmal
mit Widerwillen zur Hand weil sie ihn von seinem Weibe trennten Luisen war
diese Veränderung neu sie hatte ihr ganzes Zutrauen alle ihre Hoffnung in ihren
Gatten gesetzt sie hatte die Gelegenheit diese Bitte vorzutragen mit
Sehnsucht erwartet Oft war es ihr unbegreiflich vorgekommen warum man sie bei
dem glühenden Fieber welches sie alle Nächte verzehrte der Pflege ihrer
Kammerfrau überliesse die selbst von Müdigkeit und Wachen erschöpft sich durch
harte und üble Laune an ihrer Herrschaft rächte Oft wenn Luise aus Todesangst
das Bette verlassen wollte warf sie dieses Weib mit Gewalt darauf zurück und
verletzte ihren zarten Körper der von Schmerzen so mitgenommen war dass eine
Falte im Bettuch oder Hemde ihn schon verwundete Ohne Rücksicht auf Leiden bei
deren Andenken Luise nach sechs Jahren noch schaudert riss man sie von ihrem
brennend heißen Lager und zwang sie in eine trockne Badwanne zu steigen der
sich sogleich acht Höllengeister näherten die ihr so hoch wie sie die Arme
aufheben konnten das helle Wasser zu Eimern über den Kopf herunter schütteten
Diese Behandlung verursachte der Kranken so rasendes Kopfweh dass sie dadurch
den Verstand dadurch hätte verlieren müssen wenn er nicht ohnehin längst
zerrüttet gewesen wäre Ein berühmter Arzt sollte wie man ihr sagte diese
Kurart angegeben haben aber die barbarische Weise mit welcher man sich dabei
benahm war gewiss nicht in seiner Vorschrift begriffea Wenn Luise in das Zimmer
trat wo man ihre Marter zubereitete und nur um einen Augenblick Aufschub zu
ihrer Erholung bat riss man sie mit eigensinniger Gewalt fort da sie freiwillig
sich gern zu allem bequemt hätte Ihre schon zerrüttete Einbildungskraft zeigte
ihr alle die sie umgaben als so viele Henkersknechte die sie auf die Tortur
strecken wollten Umsonst rief sie Blachfelden zu Hilfe er war anderwärts
beschäftigt Plane zur Einnahme dieser oder jener Festung zu entwerfen und
verweilte mit keinem Gedanken bei den Leiden seiner Gattin Endlich rührten ihn
ihre Tränen und Bitten und er führte sie in seine Garnison Nach solcher Pein
des Körpers und der Seele genoss Luise nun der vollkommensten Ruhe Freilich
gränzte diese Ruhe einigermaßen an Stumpfsinn aber Geduld und Sanfteit hätten
ihr gewiss in kurzer Zeit ihre natürliche Stimmung wieder gegeben ja sie hätten
sie glücklicher gemacht als sie je gewesen war Oft hat sie seitdem gestanden
dass dieses der glücklichste Zeitpunkt ihres Lebens gewesen ist Mit ihrem
Gedächtnis zugleich war ihre Hypochondrie verschwunden der Kreis trauriger
Ideen der ihr Gehirn seit so langer Zeit umschlossen hielt und allen frohen
Bildern den Eingang versagte war zerrissen sie erblickte nur den gegenwärtigen
Augenblick und genoss dessen in vollkommener Ruhe und Heiterkeit Wenn sie mit
Blachfelden in den schönen Gegenden der Garnisonsstadt spazieren ging glaubte
sie sich mit ihrem Gatten in die elysäischen Gefilde versetzt und die
Diskretion der wenigen Bekannten die ihr begegneten und vermieden sie
anzureden bestärkte sie in dieser Träumerei indem Luise solche für die
Schatten ihrer ehmaligen Freunde hielt Zu Hause lasen Luise und Blachfeld die
alte Geschichte und von ihren ehemaligen quälenden Bildern erlöset ergötzte
sich Luise an dieser Beschäftigung Bei der Beschreibung jedes vorzüglichen
Helden deutete sie zärtlich auf Blachfelden der ihr das Urbild alles
Vollkommenen war und er schien diese schmeichelhafte Anwendung zu fühlen und
ein glückliches Vorzeichen von seines Weibes gänzlicher Herstellung darin zu
finden Noch eine kleine Geduld und Luise wäre dem Leben zurückgegeben worden
und hätte ihr ganzes Dasein einem Gatten geweiht dem sie ihre Heilung zu
verdanken gehabt hätte Blachfelds Freunde zerstörten diese süße Aussicht Sie
rieten ihm sich zu zerstreuen sich vom Hause zu entfernen Zerstreuen ach
wovon von der heiligsten Pflicht die ihm sein Schwur sein Weib nie zu
verlassen auferlegte von der neuen Schöpfung die seine Güte in dem zerstörten
Gehirn eines Weibes hervor rief das ihn und nur ihn allein auf Erden zur
Stütze hatte Der Kriegsstand bringt die Unannehmlichkeit mit sich dass wer
sich von zarter Jugend an demselben weiht in Friedenszeiten keine Hilfsmittel
zur Ausfüllung seiner Zeit hat Nicht gewohnt sich in seinem Zimmer zu
beschäftigen wird dem Offizier sein Haus zur Last und jeder Vorwand
umherzuschweifen ist ihm willkommen Blachfeld vergaß Luisens Lage und ihre
Aufopferungen und forderte unter dem Vorwande der außerordentlichen Kosten
die ihm ihre Krankheit verursacht hätte Luisens Mutter Geld ab Dirse glaubte
zwar durch Luisens Aussteuer für alle vorfallenden Bedürfnisse gesorgt zu haben
allein um einen Mann nicht aufzubringen der ihrer Tochter Wohl und Wehe in
Händen hatte nahm sie eines von Luisens kleinen Kapitalien auf bezahlte davon
die Ärzte im Bade und übermachte ihm den Rest Sobald Blachfeld Geld hatte
machte er Vorbereitungen zu einer Reise Luise nahm es wahr und bat ihn in den
rührendsten Ausdrücken sie nicht zu verlassen sie stellte ihm vor dass seine
Gegenwart allein sie vor Misshandlungen schützte Sie war am ganzen Körper
geschwollen Verstopfungen in der Leber durch welche sie die empfindlichsten
Schmerzen litt machten es ihr peinlich irgend etwas fest um den Leib gebunden
zu tragen Ihre Kammerfrau schrieb diese Reizbarkeit ihrer Tollheit zu und
bestand unbarmherzig darauf ihr die Röcke so fest wie in ihren gesunden Tagen
zuzubinden und wenn sich Luise mit Gewalt widersetzte ging sie so weit sie zu
schlagen Wie Luise diese Behandlung ihrem Manne klagte gab das Mädchen vor
dies alles wären Vorspiegelungen ihres verrückten Gehirns Blachfeld war ein
treflicher Soldat aber in allem was das menschliche Herz betraf ein völliger
Fremdling und er ließ sich von diesem Mädchen die sein Vertrauen zu gewinnen
gewusst hatte völlig leiten Seine leichtgläubige Schwäche riss ihn so sehr hin
dass er eines Tages da sich die arme Luise in seine Arme flüchtete sie bei
beiden Händen festhielt und ihr unbarmherzige Backenstreiche gab Kaum hatte er
sich also übereilt als er die Last seines Fehlers fühlte und er gestand gegen
einen seiner Freunde dass diese Handlung ewig seine Seele drücken würde »Ich
habe mich« sagte er »schändlich betragen ich habe alle Gesetze der Ehre und
Menschlichkeit verletzt« Wie leicht wäre es ihm bei diesen Gesinnungen
gewesen seinen Fehler wieder gut zu machen aber statt dessen vergrößerte er
ihn noch er machte sich davon und schickte Luisen zu ihrer Mutter der er
zugleich in einem Briefe bittere Vorwürfe machte welche diese trostlose Mutter
weit mehr gegen ihr unglückliches Kind reizen als sie zur Linderung ihres
Elendes bewegen mussten
Man hatte das Zimmer das Luise in ihres Vaters Hause bewohnt hatte an
Fremde vermietet Luise welche davon nicht unterrichtet war eilte sogleich
bei ihrer Ankunft dahin weil sie sich erinnerte ein Bildnis ihres Vaters dort
gelassen zä haben Bei den Leuten welche Luisens Zimmer bewohnten war an
diesem Tage eine große Gesellschaft versammelt Man stelle sich ein armes
verrücktes schwaches Geschöpf vor das aus seines Mannes Hause verstoßen mit
Gewalt in einen Wagen geschafft von der Reise ermüdet in ein wohlbekanntes
Zimmer zu treten glaubt und sich plötzlich von ein paar Dutzend fremden
Gesichtern umgeben findet Das Bildnis des Vaters war nicht mehr da sie
verlangte es von allen Umstehenden und statt es ihr zu geben oder ihr sanft
die Ursache aller dieser Veränderungen zu erklären riss man sie gewaltsam aus
dem Zimmer Umsonst verlangte sie ihre Mutter zu sehen man sagte ihr dass ihr
diese beföhle zu Bett zu gehen und führte sie in ein kleines Kämmerchen hinter
der Küche wo man sie einschloss und ihr Zeit ließ allein zu toben Luisens
Brüder waren jung sie liebten die Freude es musste sie natürlich befremden dass
ihnen ihr Schwager einen so traurigen Anblick den zu ertragen weit eher seine
Pflicht war als die ihrige vor die Augen stellte Die Mutter verbarg ihnen
also das unglückliche Weib und da sie Luisens Kammerfrau nicht leiden konnte
gab sie ihr gleich anfangs ihren Abschied aber die Kranke ward darum nur
schlechter bedient als jemals Madame N hatte seit Luisens Abwesenheit ihr
Gesinde verändert sie fand sich also von lauter unbekannten Leuten umgeben
auch die Zahl der Mägde war eingeschränkt und da eine jede ihre angewiesene
Arbeit hatte war ihnen der Zuwachs von Mühe durch Luisens Wartung zumal da bei
ihrer Lage nicht viel Lohn dafür zu erwarten stand wenig gelegen Sie
überredeten also die Mutter dass sie von einem Manne bewacht werden müsste Wäre
Luise nicht von Sinnen gewesen so hätte sie jetzt ihren Verstand verlieren
müssen Sie die sich immer vor den Soldaten gescheut hatte sah jetzt einen
großen Unteroffizier die Hetzpeitsche in der Hand unaufhörlich neben ihrem
Bette Der Mensch war nicht böse aber dumm so oft Luise die Hände unter der
Decke hervorzog schlug er auf diese zu bis sie endlich beträchtlich
aufschwollen weil er sich einbildete die Bettwärme wäre zu ihrer Genesung
notwendig Die arme Luise welche die Ursache dieser Behandlung gar nicht
erraten konnte wurde endlich durch den Instinkt gelehrt ihre Hände zu
verstecken In manchen Augenblicken kehrte ihr Bewusstsein völlig zurück und
dann war ihr Zustand wirklich verzweifelt Bei einem leidenden und von jeher an
Bequemlichkeit gewöhnten jetzt der Schonung so bedürfenden Körper bei einem
reizbaren Liebe dürstenden und nur durch Teilnahme und Liebe zu beruhigenden
Herzen sah sie das Kind des Hauses das sich nur einige Schritte von seiner
Mutter entfernt unter Einem Dache mit ihr wusste sich allein von ihr nie
besucht dem Mitleid des Gesindes überlassen in eine elende Kammer eingesperrt
die einer Wachtstube glich Ihrer Mutter Kammerfrau mochte ihr Zimmer gern für
sich allein haben die Köchinn führte also alle Leute die mit ihr zu sprechen
hatten in das Behältnis wo Luise lag Sie wärmte sich da wenn sie vom Markte
kam sie reinigte da das Gemüse und trieb alle Küchengeschäfte in dieser
Kammer Die männlichen Bedienten des Hauses welche ihre Kammern unterm Dache
hatten fanden es sehr unbequem jedesmal so oft die Herrschaft schellte die
Treppen herunter zu steigen und hielten sich daher gewöhnlich in dem nämlichen
Behältnis auf wo sie sich die Zeit mit Tobackrauchen und ZeitungsLesen
vertrieben Dieser letzte Umstand machte Luisen unendlich viel Vergnügen denn
sie hofte immer etwas von ihrem geliebten Blachfeld zu hören weil es ihr gar
nicht in den Sinn kam dass eine andre Ursache als ein Feldzug ihn von ihr
entfernt halten könnte Was Luisen außer der Ungewohnheit Bediente um ihr
Bette Tobackrauchen zu sehen am meisten auffiel war ein Weib das mit der
Pfeife im Munde unter ihnen saß und von ihren gemachten Feldzügen sprach
Dieses Weib war im siebenjährigen Kriege Marketenderin gewesen und behauptete
eine geheime Kurart gegen die Tollheit zu besitzen Madame N hatte die
Schwachheit sich von ihr betören zu lassen sie dankte den Unteroffizier ab
und übergab Luisens Wartung diesem Weibe welches dem Trunke ergeben war und
nur um Brandwein zu kaufen auf Geldverdienst ausging Luise war nun in weit
übleren Händen den Soldaten hatte sie oft durch ihre Tränen entwafnet aber
dieses Weib war unerbittlich So oft Luise sie trinken sah zitterte sie denn
der Trunk machte sie boshaft und sie prügelte dann auf Luisen zu als hätte sie
ein Stück Holz vor sich Oft musste die Unglückliche die dringendsten Bedürfnisse
entbehren nach einem Glase Wasser zur Löschung ihres brennenden Durstes oft
umsonst flehen Einst erbat sie eines von dem Bedienten ihres Bruders er
reichte ihr einen metallenen Becher der so stark war dass sie ihn in diesem
Augenblicke wo ihre Zähne durch einen KinnladenKrampf gesperrt wurden nicht
an den Mund setzen konnte Der Mensch hielt ihr Zaudern für Eigensinn und stieß
das Gefäß so heftig gegen ihre Zähne dass sie anfangs fürchtete er habe sie ihr
zerbrochen Aber die Wärterinn bereitete Luisen weit bitterere Augenblicke Von
Krankheit und Misshandlung ausgemergelt sehnte sich die Kranke seit langer Zeit
nach einem Bissen Fleisch Die Mutter erfuhr es und schickte ihr ein Stück
Braten sie griff gierig danach ward aber in demselben Augenblick von einem so
wütenden Kopfweh befallen dass es ihr unmöglich fiel zu essen und sie den
Bedienten bat den Teller auf den Ofen zu setzen Kaum war er aus der Stube so
machte sich die Wärterin über den Braten verzehrte ihn hohnlachend vor Luisens
Augen und diese musste bis den folgenden Morgen fasten Gegen den Mittag dieses
Tages erhaschte sie endlich einen Augenblick wo sie ohne Aufsicht war und
stahl sich bis zu ihrer Mutter Sie fand solche allein Seit langer Zeit in
einen schmutzigen Winkel gesperrt ward det arme verwirrte Sinn der
Unglücklichen durch den Aufputz des schönen Zimmers verblendet besonders freute
sie sich über den Fussteppich auf welchem sie sehr leise schritt denn die
lauten Tritte der Bedienten in ihrer Kammer verursachten ihr unsägliche Leiden
Sie warf sich ihrer Mutter in die Arme und bat auf die rührendste Art um
Erlaubnis bei ihr zu bleiben und vor den unzähligen Misshandlungen in Ruhe
gelassen zu werden Ihre Blicke wandten sich immer ängstlich nach der Türe aus
Furcht dass ihr Henker sie auffinden möchte Ihre Sprache war schnell und
bänglich wie die Reden eines Menschen der einen kurzen Augenblick zu benutzen
hat Ihre Mutter schien sich vor ihrer Gegenwart zu fürchten Eine Mutter die
sich vor ihrem unglücklichen flehenden Kinde fürchtet In diesem Augenblicke
trat die Wärterinn herein Luise ahndete was jetzt geschehen würde und suchte
ihre Mutter durch Zeichen und bittende Winke vom Sprechen abzuhalten es war
aber umsonst Die Mutter fragte sogleich »Nicht wahr liebe Frau es ist nicht
gegründet dass Sie Luisen schlägt« Die Arme sah sich nun der Rache dieser Furie
ausgesetzt und in der Hoffnung ihre Brüder teilnehmend zu finden bat sie
inständigst um die Erlaubnis mit der Familie zu Mittage zu essen Die Mutter
sah nicht ein dass ihre Hastigkeit nur aus Furcht entstand Sie reichte ihr eine
Apfelsine mit einer Art wie man ein Kind beschwichtigen würde Einem Geschöpfe
dessen zermarterter Körper fast unterliegt das stehend um das Ende seiner Qual
bittet reicht man eine Apfelsine Die Wärterinn verstand Luisens Absicht
besser und lächelte höhnisch über den Irrtum ihrer Mutter den sie sich wohl
hütete zu berichtigen da ihr das ihre Stelle würde gekostet haben Man deckte
drn Tisch der Bediente brachte das Brod herein Seit langer Zeit hatte Luise
kein weißes Brod gesehen sie fiel gierig darüber her denn sie hatte seit vier
und zwänzig Stunden nichts gegessen Man sah dieses als ein neues Zeichen von
Tollheit an und da ihre Brüder welche jetzt eintraten sich über ihrer
Schwester Anwesenheit im Speisezimmer sehr zu verwundern schienen winkte man
den Bedienten sie fortzuführen Sie faltete ihre bittenden Hände sie warf sich
auf ihre Knie es war alles umsonst sie bewirkte nichts als dass man
gewaltsamer verfuhr und einer der Bedienten sie an der Brust verwundete Der
gute Bursche welcher ihren jüngsten Bruder bediente hatte ihr immer die größte
Menschlichkeit bezeigt Er schien wirklich Empfindungen zu haben die ihn über
seinen Stand erhoben Er bat sie bei dieser Gelegenheit wehmütig um Verzeihung
dass er den Befehl seiner Herrschaft vollziehen müsste
Denselben Tag noch schickte man Luisen auf das Gut Ihre Mutter beredete sie
zur Abreise unter dem Vorwande dass sie auf diese Art von ihrer Wärterinn
befreit sein würde Um diesen Preis wäre Luise nach Siberien gereist Sie hatte
niemals betrogen ihr Zutrauen zu andern war also ungeschwächt und sie setzte
sich arglos zu der Köchin in den Wagen der sie nach dem Gute führte
Zufriedenheit wirkt wohltätig wie alle selten gebrauchten heilsamen Mittel
Kaum war Luise abgereist so fand sich ihr Bewusstsein wieder ein Sie blickte
mit Vergnügen auf die Gegend umher der Weg war derselbe welcher nach M führte
Sie bat die Köchin sie dahin zu bringen denn sie erinnerte sich jetzt dass sie
dort gewohnt hatte und schmeichelte sich ihren Gemahl da zu finden Ihre
Begleiterin spiegelte ihr vor dass er auf dem Gute wäre und sie selbst nach M
führen würde Luisens Ideen waren jetzt ganz hell sie freute sich innigst ihn
wieder zu sehen und hofte ihn so zärtlich wie ehemals zu finden er kommt mir
entgegen sagte sie zu sich selbst er liebt mich also noch Ich habe schon
gesagt dass seit ihrer VerstandesVerwirrung alle ihre hypochondrischen Zufälle
aufgehört hatten Sie fühlte sich glücklich weil sie glaubte nun wären alle
Hindernisse gehoben die sie bis jetzt verhindert hatten die Pflichten ihres
Standes zu erfüllen Sie hatte in ihrer Mutter Hause bemerkt welche Misbräuche
daraus entstehen wenn die Hausfrau durch Krankheit an der eignen Führung der
Wirtschaft verhindert wird Sie hatte tausend Betrügereien tausend unnütze
Ausgaben bemerkt und nahm sich vor wenn es ihre Kräfte erlaubten ihres Mannes
Haushaltung mit so strenger Ordnung zu führen dass sie ihn in den Stand setzen
könnte einen unehelichen Sohn den er vor seiner Heirat gezeugt hatte bei
sich zu erziehen Sie hatte in ihrem Herzen das Gelübde abgelegt diesem Kinde
eine zärtliche sorgsame Mutter zu sein Sie hielt dieses für Pflicht gegen eine
Frau deren Platz sie wie ihr Gewissen ihr oft laut vorwarf sich ungerecht
angemaasst hatte Der bittere Gedanke hatte sie in allen ihren Leiden verfolgt
und diese als eine göttliche Strafe ansehen lassen Sie glaubte strafbar zu
sein indem sie gegen die Mutter dieses Kindes gehandelt hatte wie sie nicht
gewollt hätte dass man gegen sie handelte Selbst in ihren gesunden Tagen hatten
sie Blachfelds Sophismen nie ganz beruhigen können und wie er ihr in den ersten
Zeiten ihrer Verbindung seinen Sohn vorstellte umarmte sie ihn mit Tränen bat
ihn sie Mutter zu nennen und beschwor Blachfelden ihn zu sich zu nehmen
Blachfeld gestand ihr dass sie durch diese Bitte sein Glück krönte allein der
ausbrechende Krieg zerstörte Luisens Glück und ihres Gatten gute Vorsätze
Diese Bilder erneuerten sich jetzt in Luisens Phantasie sie glaubte nun
genug gelitten zu haben um ihre Schuld zu büßen sie beschäftigte sich aufs
neue mit der Aussicht eines Glückes nach dem Wunsch ihres Herzens Sie hofte ein
Kind zu erziehen die Dankbarkeit seiner Mutter die Liebe ihres Gemahls dadurch
zu erwerben Der Wagen kam endlich an und anstatt Blachfelden zu finden ward
sie von der Wärterinn empfangen welche gierig auf ihre Beute eben so schnell
wie der Wagen angelangt war Man sperrte beide zusammen ein und diese Furie
welche die Peitsche nie aus der Hand legte verhinderte Luisen das Zimmer zu
verlassen aus Furcht dass sie sich gegen die Bauern bei denen sie sehr beliebt
war über sie beschweren möchte Mit PeitschenHieben zwang sie Luisen zu Bette
zu gehen wenn sie lieber gewacht hätte aufzustehen wenn sie lieber liegen
geblieben wäre Mit Peitschenhieben nötigte sie diese Furie zu essen wenn sie
keinen Hunger hatte und ohne Durst zu trinken Des Nachts musste sie solche an
ihrer Seite schnarchen hören und zitterte dabei vor dem Anbruch des Tages wo
sie aus einer Brandweinflasche neue Kräfte schöpfte ihre Gefangne zu peinigen
Jeder Schluck den sie tat machte Luisen erstarren denn so lange sie nüchtern
war schlug sie nicht Der Abscheu welchen Luise unverhohlen gegen sie zeigte
denn sie hatte nie heucheln nie sich verstellen gelernt und verachtete jeden
Kunstgriff brachte sie nur noch mehr gegen sie auf
Oft versuchte Luise zu entwischen aber der arme Vogel zerstiess sich nur den
Kopf an den Eisen des Käfigs ohne seine Freiheit zu finden Kaum war sie eine
Viertelstunde gegen M wo sie Blachfeld in Garnison glaubte gegangen als man
sie immer wieder einholte Wie schlug ihr dann das Herz wie verdoppelte sie
ihre Eile Aber die Furcht noch mehr wie die Schwäche lähmte ihre Füße so dass
sie bei jedem Schritte niederfiel Sie konnte sich nie denken dass eine andere
Ursach als Krankheit oder Tod ihren Mann und alle ihre Freunde abhielte sie zu
erlösen Sie betete ganze Nächte lang auf den Knien für ihre Erhaltung und zog
sich durch diese bei ihrer Schwäche höchst peinliche Stellung einen solchen
Geschwulst der Füße zu dass es eines Morgens zweier Menschen bedurfte um sie
aufzuheben Der Gedanke ihren Mann endlich zu erreichen gab ihr immer neuen
Mut zu entfliehen und einmal entwischte sie zu dem Pfarrer des Dorfs Kaum war
sie ins Haus getreten als sie aus Müdigkeit und Mangel an Atem hinsank Man
nahm sie mit Güte auf ließ sie am Ofen sitzen pflegte sie bot ihr warmes Bier
an Der Anblick einer versammelten Familie die friedlich um ihren Ofen her saß
goss Ruhe in Luisens verödeten Geist die Macht einer guten Behandlung war immer
so wirksam in ihr gewesen dass sie zu sich selbst kam Sie bat sich auf diese
einzige Nacht ein Bette aus aber die armen Leute waren zu furchtsam um ihre
Bitte zu gewähren Sie versprachen sie zu Blachfelden in die Garnison zu
bringen und führten sie unter diesem Vorwande auf das Gut zurück Luise musssich
für bezaubert halten da sie trotz alles ihres Bestrebens sich zu entfernen
trotz aller Versprechungen die ihr von allen Seiten gegeben wurden sich immer
wieder in ihr Gefängnis zurückgeführt sah Die Wärterinn deren Bosheit sie zum
Spielwerk diente fragte sie endlich eines Tages ob sie Lust hätte zu ihrer
Mutter zu gehen Luise nahm den Vorschlag freudig an überzeugt dass wenn es ihr
gelänge ihre Mutter nur noch einmal zu sprechen sie gewiss nicht mehr von ihr
verlassen werden würde Wie sie in einen Wald kamen durch welchen ihr Weg sie
führte blieb die Wärterinn stehen und sagte lachend »Nun wäre es Zeit wieder
nach Hause zu gehen« Die Verzweiflung bemächtigte sich des armen Weibes
Entschlossen erklärte sie dass sie eher sterben würde als in ihr Gefängnis
zurückkehren Sie warf ihre Tyranninn zu Boden und hätte sie in diesem
Augenblicke umbringen können wenn nicht der Gedanke an die Reue welche sie
dieser Tat wegen ewig verfolgen würde sie abgehalten hätte Das Weib
überwältigte sie und bald waren die Dornen und Sträuche um sie her von dem
Blute gefärbt das unter ihren Schlägen von Luisens Schultern floss Sie musste
nun den Rückweg antreten auf welchem sie bei jedem Schritte vor Schwäche fast
niedersank als ihnen ein Metzger begegnete der sie im Gehen unterstützte
Luise bot diesem Manne fünfhundert Taler in Golde wenn er sie aus den Händen
der Wärterinn befreien wollte und sie hätte ihr Wort gehalten wäre sie auch
genötigt gewesen ihren Schmuck und ihre Kleider zu verkaufen allein der
Mensch war so einfältig diese Gelegenheit unbenutzt zu lassen und brachte sie
ohne Umstände nach dem Gute zurück
Hier nahm eine neue Qual ihren Anfang Die Wärterinn sagte aus Luise habe
sie umbringen wollen und rief drei andere Weiber zu Hilfe welche sie mit
Stricken banden und nackend auszogen Vor Schrecken verlor Luise den Verstand
von neuem Sie glaubte schwanger zu sein und sagte zu der einen von diesen drei
Weibern die Haushälterin auf dem Gute war »Mein Mann wird euch strafen wenn
ihr auch mein Kind umbringt« Unglücklicher Weise hatte sich dieses Weib in
ihrer Jugend verführen lassen und um ihren guten Ruf zu erhalten hatte sie
ihre Schwangerschaft vorsätzlich hintertrieben sie glaubte jetzt bei dem
Nachdruck welchen Luise auf diese Worte legte dass sie von ihrer Geschichte
unterrichtet wäre und ihr böses Gewissen ließ sie einen Vorwurf darin finden
Nichts bringt schlechte Menschen mehr auf als verdiente Vorwürfe Dieses
Mädchen denn sie war eine alte Jungfer geworden war außerdem im ganzen Dorfe
für einen Teufel an Bosheit bekannt und hatte also von dieser Seite keinen
guten Namen zu verlieren Sie zerriss Luisens nackten Leib mit Rutenstreichen
so dass das Blut von allen Seiten herablief und fuhr so lange mit dieser
fürchterlichen Behandlung fort bis ihr Schlachtopfer sinnlos niedersank Man
hielt sie für tot und brachte sie voll Schrecken zu Bette wo man ihre Wunden
verband deren Narben noch nach achtzehn Monaten sichtbar waren Sechs Wochen
darauf kam ein Freund von Luisens Brüdern auf das Gut und diesem zeigte sie so
weit es die Sittsamkeit erlaubte die Mahle ihrer erlittenen Misshandlungen Er
schauderte und da er Luisen völlig bei Verstande fand unterrichtere er ihre
Mutter davon die vor Freude über diese glückliche Nachricht weinte Sobald
Luise Kraft hatte die Feder zu halten war ihr erstes Geschäft ihr Testament zu
machen in welchem sie diesem Freunde ihrer Brüder der sie von ihren Henkern
befreit hatte fünfzehn hundert Taler als ein geringes Zeichen ihrer innigsten
Dankbarkeit zusicherte Luise hatte sich nie viel aus dem Gelde gemacht wie es
selbst die Wahl ihres Gatten bewies aber in ihrer Krankheit hatte sie den Wert
desselben kennen gelernt Denn wäre sie im Stande gewesen ihre Wärterinn die
ihr oft welches abforderte zu befriedigen so hätte sie sich gewiss manche
ruhige Stunde verschafft allein Blachfeld hatte die Vorsicht gebraucht sich vor
seiner Abreise ihr Geld aushändigen zu lassen und in der ganzen Zeit ihrer
Krankheit das heißt länger als ein Jahr hatte er ihr nie einen Pfennig
geschickt Dieses kam ihr um so befremdlicher vor als sie vor ihrer Abreise
immer Geld in Händen gehabt hatte denn seit ihrer Volljäh rigkeit erhielt sie
jährlich vierzig Pistolen zu ihren willkührlichen Ausgaben und hatte nie einen
übelen Gebrauch davon gemacht
Man benachrichtigte Blachfelden von der Wiederherstellung seiner Frau Er
konnte sich nicht länger weigern mit ihr zu leben aber seine Liebe war
erloschen Luise begab sich also nach M wo ihr Mann gewöhnlich lebte und
erkannte bald in jedem kleinen Zuge die Veränderung seiner Gesinnungen
Blachfelds häusliche Einrichtung war durch die traurigen Umstände seines
ehelichen Lebens in dem letzten Jahre ziemlich wieder in den eingeschränkten
und unbequemen Zustand seiner Junggesellenzeit geraten Er heizte nur ein
Zimmer und erklärte dass er um seiner Frau willen kein zweites heizen würde
Luise stellte ihm mit Sanftmut vor dass sie sich doch nicht in seiner
Gegenwart noch viel weniger vor seinen Bedienten und den vielen Offizieren die
ihn früh Morgens besuchten ankleiden und aufstehen könnte Er stampfte mit dem
Fuße und rief er wäre nicht reich genug um eine doppelte Heizung zu
bestreiten Hätte er sein armes Weib noch geliebt wie ehemals so würde er
gefühlt haben dass es in diesem Falle natürlicher gewesen wäre seine Besuche im
kalten Zimmer anzunehmen und seiner kaum das Krankenlager verlassenden
schwächlichen Frau das geheizte zu überlassen Seit einem Jahre hatte nun Luise
keinen ihrer alten Bekannten gesehen Sie sehnte sich nach ihrer Freundin in
M da es aber regnete bestellte sie einen Mietwagen den Blachfeld zwar
bezahlte ihr aber zürnend vorwarf dass es eine unnütze Ausgabe sei Sie mochte
entbehrlich sein diese Ausgabe war es aber nicht ihr erstes Vergnügen nach
einem Jahre des bittersten Leidens das ein fühlendes denkendes Wesen nur
befallen kann
Luisens Vernunft war geheilt aber ihr Körper noch sehr schwach sie
vermisste ein Arzneimittel welches sie bei ihrer Abreise von dem Gute vergessen
hatte Da sie aber keine Auskunft wusste um es sich zu verschaffen hätte sie es
entbehrt wenn nicht Blachfelds Bedienter voll Mitleid über den hinfälligen
Zustand seiner Herrschaft sich erboten hätte nach dem Gute hinüber zu reiten
um es zu holen Sie nahm dies mit Freuden an und entschuldigte sich bei ihres
Mannes Nachhausekunft seinen Bedienten ohne sein Vorwissen fortgeschickt zu
haben Blachfeld war ungerecht genug ihr harte Vorwürfe darüber zu machen und
setzte hinzu dass er gern Herr in seinem Hause wäre Wirklich er war es so sehr
dass Luise keine Magd hatte und keine mieten durfte da sie ihren Lohn nicht zu
bestreiten wusste Blachfeld hatte nur einen Bedienten der bis zur Ankunft eines
Nähemädchens das ihre Mutter ihr endlich schickte Luisens ganze Aufwartung
war Ihre Freunde hatten gleich Anfangs die Notwendigkeit eingesehen ihr eine
Dienstmagd zu verschaffen aber alle Mädchen die sich Blachfelden vorstellten
schickte er fort unter dem Vorwande dass seine Frau keine Magd gebrauche Luise
hätte sich gern alle Entbehrungen sobald sie ihr Herz nicht angingen gefallen
lassen aber sie war krank und hatte keinen bequemen Stuhl um sich auszuruhen
kein Kanape um zu liegen Blachfelds eigenes Zimmergerät war nur nur zum Luxus
und Glanze keinesweges zur Bequemlichkeit eingerichtet und alles was ihm Luise
als Ausstattung zugebracht hatte war während ihrer Krankheit verkauft worden
Das Essen wurde aus dem Speisehause geholt allein da Luisens Gesundheit noch
sehr hinfällig war befand sie sich bei dieser Lebensart so schlecht dass sie
einst als Blachfeld über die Teure des Speisewirtes klagte ihn bat ihr Geld
zur Führung einer eignen Wirtschaft zu geben Kaum hatte sie ausgeredet so
ließ er einen Wagen kommen und fuhr weg Luisen war dieses Betragen von einem
Manne der so oft seine Ungeschicklichkeit in Haushaltungsgeschäften selbst
eingestanden hatte unbegreiflich er hatte sie ehemals selbst gebeten alle
Ausgaben zu übernehmen und hatte sich nur eine kleine Summe als Taschengeld
vorbehalten Diese Einrichtung war zwar durch die nichtswürdige Klatscherei
einer unvorsichtigen Frau welcher Luisens damaliges Ansehen bei ihrem Gemahl
denn diese Ordnung fand vor ihrer Gemütskrankheit statt wahrscheinlich Neid
eingeflößt hatte bald zerstört worden doch hatte ihr Blachfeld in den Dingen,
die eine Frau besser verstehen muss auch noch seitdem freie Hand gelassen Das
Nachdenken über sein jetziges Betragen hatte so wenig tröstliches für sein Weib
dass sie bald nach ihm auch ausging Die Ungewohnheit der freien Luft zog ihr
aber so grausame Zahnschmerzen zu dass sie zwei Nächte kein Auge schloss
Blachfeld fuhr an demselben Tage in Begleitung seines Bedienten nach D und
ließ sie mit dem Nähemädchen ganz allein Diese die in der Garnison eben so
fremd wie Luise war gab eine schlechte Krankenwärterinn ab so dass es ihr auch
erst nach zwei Tagen glückte Luisen einen Chirurgus zu verschaffen
Nach einigen Tagen kam Blachfeld zurück und ihm nach trat ein Mädchen
geputzt wie eine Operntänzerinn herein die er seiner Frau als Köchinn
vorstellte Luise erkannte sie sogleich wieder denn sie hatte sich ihr vor
ihrer Abreise von ihrer Mutter Gute angeboten aber Luise wollte sie damals
ungeachtet der Vorstellungen ihres Mannes nicht annehmen weil man ihr gesagt
hatte dass das Mädchen in einem schlechten Hause gelebt hätte Blachfelds
Betragen war Luisen nun leider zu deutlich Sie hätte ihm seinen Geschmack an
einem Mädchen das blühend und schön war gern zu gute gehalten da sein armes
Weib ja krank und verkümmert aussah aber er konnte das Mädchen anderswo
unterbringen nichts berechtigte ihn seine Frau zu zwingen dass sie ihre
Nebenbuhlerinn in ihren Dienst nähme Luise machte Gegenvorstellungen statt
einer bündigen Antwort half er sich wie es immer geschieht wenn man eine
schlechte Sache zu verteidigen hat mit falschen Ausflüchten und obgleich er
die Veranlassung zum Streit gegeben hatte klagte er doch über den
Widerspruchsgeist seiner Frau und wünschte sich hundert Meilen weit hinweg
Luisens Gefühl war zu zart um ihres Mannes Wohnung wider seinen Willen zu
teilen sie entschloss sich der Neuangekommenen ihren Platz zu überlassen und
bat Blachfeld sie zu ihrer Mutter zu schicken die sie nun in drei Monaten nichr
gesehen hatte Sie erhielt leicht seine Einwilligung zu ihrer Abreise allein
ihm lag zu viel daran bei Luisens Mutter sowohl als bei ihren Brüdern vor ihrer
Ankunft Gehör zu haben er gab also dem Kutscher heimlich Befehl sie nicht nach
D sondern nach dem Gute zu führen Er selbst aber schrieb an die Familie und
suchte sie auf alle mögliche Weise zu überreden seine Frau sei noch so wenig
bei Sinnen wie vorher und ihr Zustand mache es ihm unmöglich mit ihr zu leben
Er fand nur zu leicht Glauben wie man sogleich sehen wird Luise verließ in
der Überzeugung bald ihre Mutter zu umarmen die Garnison und man kann sich
ihre Verzweiflung vorstellen als der Kutscher auf dem Gute anhielt und ihr
ankündigte dass sie hier zu bleiben hätte Anfangs wollte sie durchaus nicht
aussteigen Der Ort wo sie die grausamsten Misshandlungen erlitten hatte war ihr
zum Abscheu geworden allein man brachte sie mit Gewalt aus dem Wagen und ihre
Familie durch Blachfelds Berichte irre geleitet ließ sie acht Tage in einer
Einsamkeit die um so fürchterlicher war als sie nicht wusste ob man sie nicht
auf ewig dazu verdammt hätte Endlich kam ihr ältester Bruder um sie abzuholen
aber diese Erlösung geschah auf eine Art die sie nur noch schmerzlicher
betrüben musste weil sie aus allen seinen Reden merkte dass man hartnäckig
darauf bestand sie für wahnsinnig zu halten Er sagte ihr die Bauern des Gutes
hätten ihm endlich erlaubt sie fortzuführen aber nur unter der Bedingung dass
man sie bei dem ersten Anzeichen von Tollheit wieder ihrer Obhut übergeben
sollte Von Leiden gedrückt antwortete Luise nichts und begnügte sich mit dem
Glücke aus ihrem Gefängnisse befreit zu werden Den Tag nach ihrer Ankunft in
die Stadt wollte Luise in die Kirche fahren man verweigerte ihr die Pferde
unter dem Vorwande dass sich jedermann über sie erschrecken würde Umsonst
versicherte sie auf dem Gute Besuche gemacht und angenommen zu haben ihres
Mannes Brief hatte zu gut gewirkt als dass man auf sie gehört hätte Sie musste
endlich heimlich entwischen um dem Lenker ihres Schicksals für die ihr
wiedergeschenkten größten Güter des Menschen für Freiheit und Vernunft zu
danken Ihr ältester Bruder hatte sie sonst zärtlich geliebt wie sie so elend
krank vom Bade zurückkehrte hatte er über ihr Leiden geweint ja einmal kam er
sogar mit seiner Violine an ihr Bett um zu versuchen ob vielleicht der Zauber
der Musik ihren verwirrten Geist zurückriefe Guter Mann was hatte jetzt dein
Herz gestählt Konntest du ohne eigne Untersuchung auf den Bericht eines
Menschen hin der seiner Frau in ihrer Krankheit nie so viel Güte als du
bewiesen hatte deine Schwester so lange Zeit mit dem hartnäckigsten Misstrauen
behandeln Wusstest du nicht dass dein kaltes Mitleid weit beleidigender als
tröstend war
Luise war jetzt in einer sehr traurigen Lage Ihr Gemahl sagte sich von ihr
los und sie hatte doch um seinetwillen alle Vorteile verloren die ihr das
väterliche Haus sonst darbot Alle Zimmer bei Madame N waren besetzt allein
lieber als auf das Gut zurückzugehen begnügte sich Luise mit einer kleinen
dunkeln Kammer wo sie aus Mangel an Luft fast erstickte Wie die Jahreszeit
herankam wo ihre Mutter auf das Gut musste um die persönliche Aufsicht über
ihre Arbeiter zu führen hatte Luise zwar mehr Platz aber sie war ohne Magd zur
Aufwartung und um ihre Kränkung zu vollenden traf es sich dass der einzige
Bediente eines ihrer Brüder welcher ihr aus Mitleid das Essen aus der Garküche
holte in den ersten glücklichen Tagen ihrer Ehe bei Blachfelden gedient hatte
welcher ihn oft mit Stockschlägen misshandelte und endlich mit der
Beschuldigung ihn bestohlen zu haben fortjagte Luisens Bruder hatte ihn
seitdem in seine Dienste genommen und nach Art dieser armen Leute deren
Erziehung nicht dazu gemacht ist ihr Gefühl zu berichtigen ließ er sie nun
ihres Mannes Härte entgelten verweigerte ihr oft seine Dienste und sie musste
es selbst mit anhören dass er zu seinen Kameraden sagte »Die Zeit ist vorbei
wo ihr Mann mein Herr war« Mit Geld kann man alle Herzen gewinnen aber dieses
Mittel stand nicht oft in Luisens Gewalt denn sie hatte zur Bestreitung ihres
ganzen Unterhalts nichts als das Taschengeld welches ihr als Mädchen ausgesetzt
worden war und von ihrem Manne mit keinem Pfennige vermehrt wurde Wenn die
Winke die man Luisen damals gab dass er dieselbe Zeit wo sie einsam fast gegen
Mangel kämpfte in Lustbarkeiten und Wohlleben hinbrächte einigen Grund hatten
so musste sein ehemals so edles Gefühl schon sehr ausgeartet sein
Das Betragen von Luisens älterem Bruder kann sehr tadelhaft scheinen allein
es entstand nur aus menschlicher Schwäche Seine fortwährende Furcht vor einem
neuen Anfall von Wahnsinn hielt ihn ab mit seiner Schwester zu speisen und lag
ihm so am Herzen dass er selbst wenn er Damengesellschaft hatte sie nie
einlud Er bewarb sich damals um ein sehr reizendes Frauenzimmer und die
Zerstreuung welche dieser Plan ihm gab trug sehr dazu bei seine Teilnahme an
seiner Schwester zu schwächen Außerdem glaubte er dass eine Vereinigung
zwischen Luisen und ihrem Gatten um seines eigenen Glückes willen notwendig
sei und hoffte durch Kränkungen und Vernachlässigung sie so weit zu bringen dass
sie endlich von selbst danach verlangen sollte Luise wat nicht verzärtelt
wenn sie aber ihren Bruder täglich in einer glänzenden Kutsche von zwei Lakaien
begleitet ausfahren sah indes sie deren arme schwache Beine sie kaum
fortschleppten zu Fuße ausgehen oder bei dem schönsten Wetter eingesperrt
bleiben musste stieg wohl Bitterkeit in ihrem Herzen auf Sie konnte sich dann
nicht enthalten zu denken Würde ich mehr leiden müssen wenn ich mich geweigert
hätte meine Neigung euren Vorurteilen zu opfern Indessen zürnte sie ihrem
Bruder deswegen nicht er hatte ihr ehemals zu viele Beweise seiner
Zärtlichkeit seines unbegränzten Zutrauens gegeben Jetzt war er nur mit seiner
Liebe zu sehr beschäftigt um an sie zu denken Aber Blachfeld für den sie
alles geopfert für den sie Leben und Seligkeit gegeben hätte dieser schrieb
ihr nicht einmal ein Wort Zu ihr kommen konnte er nicht denn der Fürst hatte
ihn mit einem Auftrage verschickt aber zu schreiben hielt ihn nichts ab
Indessen hätten die Grundsätze die er in dieser Zeit über Ehe und Freiheit der
Neigungen äußerte Luisen auf den Schlag der sie bedrohte vorbereiten können
Menschen die ihn damals sich mit seinen Grundsätzen brüsten hörten konnten kaum
glauben dass es derselbe Mann wäre der sich so hartnäckig und mit so zahllosen
Mitteln um die Hand einer Frau bemüht hatte die er jetzt zu verstoßen wünschte
Endlich erhielt sie einen Brief von ihm aber Gott welchen Brief Er
forderte sie zur Scheidung auf und legte einen Zettel an ihre Mutter bei den
aber Luise nicht das Herz hatte abzugeben Sie wusste dass diese wohlmeinende
Frau ihr höchstes Glück in diese Ehe gesetzt hatte sie wusste wie sehr sie
durch den übelen Erfolg ihres Planes litt Es war ihr unmöglich ihr die
Botschaft zu bringen welche die völlige Vernichtung aller ihrer Hoffnungen
enthielt Luise erfuhr jetzt dass ihr Mann in D angekommen war Sie schlich von
Wirtshaus zu Wirtshaus um ihn aufzusuchen Die Hitze erschöpfte sie bis zur
Ohnmacht sie sah sich genötigt einen Mietswagen zu nehmen um ihre
Nachforschungen fortzusetzen und fand endlich den Gasthof wo Blachfeld
abgestiegen war Er war ausgegangen Sie ließ sich auf sein Zimmer führen wo
sie drei fürchterliche Stunden in einer Spannung zubrachte die keine Feder
beschreibt Ihr Zustand wurde ihr endlich so unerträglich dass sie ein Buch
forderte um sich zu zerstreuen man gab ihr eine elende deutsche Übersetzung
der neuen Heloise und sie hatte sie in Händen als Blachfeld hereintrat Seine
erste Bewegung war zu fliehen sie hielt ihn aber zurück und bat um Gehör Das
Buch fiel ihr aus der Hand Blachfeld hob es auf und da er den Titel erblickte
nahm er Gelegenheit ihr Verweise zu geben indem er sagte dieses Buch verdrehe
allen jungen Leuten den Kopf und habe den ihrigen auch verdreht Er hatte
vergessen wie sehr er ihr ehemals anlag dieses Werk mit ihr lesen zu dürfen
Luise hatte es unter ihres Vaters Aufsicht gelesen und neue Liebe für die
Tugend und Abscheu gegen das Laster daraus geschöpft Was Blachfeld jetzt
sagte bewies Luisen nur wie sehr er sich an ihr irrte und es gab ihr zugleich
Hoffnung ihn zurück zu bringen weil alle seine Irtümer aus dieser Quelle
fließen konnten Sie hörte ihm also geduldig und mit Ergebung zu und gab ihm in
allen seinen Vorwürfen Recht Er erlaubte ihr dagegen eine Magd zu mieten und
bat sie zu ihrer Mutter auf das Gut zu gehen von wo er sie selbst nach der
Garnison abholen wollte er dankte ihr sogar den Brief an ihre Mutter
zurückbehalten zu haben Luise eilte seinen Wünschen nachzukommen und ihrer
Mutter die günstige Wendung ihrer Angelegenheiten mitzuteilen
Blachfeld kehrte indes nach M zurück wo er Zeit hatte sein eben gegebenes
Versprechen zu bereuen Er sah dass seine Waffenbrüder unter denen die meisten
brave Hausväter waren sich alle überflüssigen Ausgaben alle unnützen
Lustbarkeiten versagten um für das Beste ihrer Familie zu sorgen Diese
Einschränkung missfiel ihm zumal da er seit den achtzehn Monaten wo ihm der
Unterhalt seiner Frau gar nichts kostete deren entwöhnt war und seit seiner
Reise noch mehr Geschmack an Zerstreuung bekommen hatte Er schrieb dem zu Folge
an seine Schwiegermutter dass Luise seinen ersten Brief an sie aufgehalten dass
er sie seitdem zwar gesprochen hätte aber durch ihre Vorwürfe nur noch mehr
erbittert worden wäre So kam Luise wieder unter die Aufsicht der Madame N die
jetzt durch alle diese Umstände gegen das arme Weib so aufgebracht war dass sie
ihrer Mutter Herz ihre einzige letzte Stütze verlor Umsonst beteuerte Luise
ihre Unschuld man war überzeugt dass sie Blachfelden bei ihrer letzten
Zusammenkunft seine Untreue vorgeworfen hätte welches doch so falsch war dass
sich Blachfeld selbst gegen einen seiner Freunde rühmte er hätte diese stolze
Seele endlich gedemütigt War es nicht genug ein harmloses Geschöpf aus dem
Schoss des Überflusses zu reißen durch tausend schöne Raisonnements tausend
wohl angebrachte Anmerkungen über die Fehler anderer Ehemänner sich endlich das
Zutrauen des truglosen Herzens zu erwerben musste er sie noch nachdem sie
Annehmlichkeit des Lebens Gesundheit Vernunft und Glück geopfert hatte
endlich gar verstoßen sie fühlen lassen dass sie geringer als der letzte Knecht
geachtet würde Denn wenn dieser im Dienst erkrankt wäre so hätte Blachfeld ihn
verpflegt Der Anblick des mütterlichen Kummers zerfleischte Luisens Herz Sie
wagte noch einen Versuch und schrieb an Blachfeld Seine Antwort bewies ihr
wie vergeblich alle Hoffnung war er fuhr fort seiner Schwiegermutter die
bittersten Vorwürfe darüber zu machen dass sie ihm nicht bei Zeiten entdeckt
hätte wie Luise einer Gemütskrankheit ausgesetzt wäre indem dieses Bewusstsein
ihn von aller weitern Bewerbung abgehalten haben würde Und doch hatte ihm Luise
über diesen Gegenstand alles gesagt alles geschrieben was die erfahrensten
Ärzte ihm hätten sagen können Sie hatte ihm die umständlichste Beschreibung
ihrer Schwermut gemacht aber gewöhnt sich von seinen Leidenschaften
beherrschen zu lassen hatte er sie aus einem Anfall von Laune zu seinem Weibe
gemacht und nun machte er sie zu seinem Opfer Endlich langte ein dritter Brief
bei der Mutter an worin Blachfeld fortfuhr ihre Tochter in einem gehässigen
Lichte darzustellen indem er um eine Zusammenkunft bat und es zur Bedingung
machte ein Beweis wie wenig er selbst seiner guten Sache traute dass Luise
nicht gegenwärtig sein sollte Madame N hatte die Schwäche sich dazu zu
verstehen Die Zusammenkunft fand statt und Blachfeld legte die Bedingungen
vor unter welchen er seine Frau wieder aufnehmen wollte Das unglückliche Weib
sollte auf dem nämlichen Fuße in seinem Hause wohnen den sich seine Maitressen
hatten gefallen lassen Wie Luise diesen demütigenden Vorschlag erfuhr stürzte
sie ihrer Mutter zu Füßen und gelobte lieber wie Magd zu dienen als um diesen
Preis in ihres Mannes Hause zu leben Blachfeld schwor sich für diese Weigerung
zu rächen Ein Abgrund von Abscheulichkeit öffnete sich nun vor Luisen Blachfeld
schleppte sie von Gerichtshof zu Gerichtshof er setzte sie den bittersten
Kränkungen aus Er las öffentlich ihre Briefe vor die sie ihm in der Zeit
geschrieben hatte wo sie auf seine Redlichkeit als auf ihre unerschütterlichste
Stütze vertrauend ihm alle ihre geheimsten Gedanken ja sogar die Träume über
welche sich ihr furchtsames Gewissen Vorwürfe machte mitgeteilt hatte Abscheu
und Mitleid bemächtigten sich selbst der Richter und machten sie zu ihren
Verteidigern Endlich wurden Blachfeld und seine Frau gegen einander verhört
Blachfeld erblickte Luisen und seine Tränen flossen Sie sah seine Rührung
und alles war vergessen Sie warf sich in seine Arme und versprach jeden
Vorschlag einzugehen und Blachfeld war großmütig genug Luisens Bedingungen
jetzt anzunehmen und feierlich zu unterzeichnen Luisens Ruhe wäre vielleicht
in diesem Augenblick auf immer begründet worden wenn die Einmischung eines
dritten ihr nicht neuen Kummer zubereitet hätte Blachfelds Sachwalter war ein
Rabulist den man beschuldigte schon mehr als einen gütlichen Verein zwischen
Eheleuten verhindert zu haben Dieses gelang ihm zwar nicht in Blachfelds Sache
allein er legte Luisen eine Schrift zur Unterzeichnung vor die ganz zu
Blachfelds Vorteil abgefasst war Luise gestand darin ein dass sie ihren Mann
durch unverträgliche Laune zu einer Trennung gezwungen hätte und dass er wenn
die Dinge je wieder auf diesen Punkt kämen von jeder Verbindlichkeit gegen sie
freigesprochen sein sollte Luise fand diese Klausel höchst abgeschmackt Unter
allen Klagen welche ihr Mann gegen sie geführt hatte war Unverträglichkeit und
üble Laune nicht mitbegriffen gewesen und er hatte sogar mehrmals von ihr
gesagt dass sie von Eigensinn und Launen ganz frei wäre Allein was konnte Luise
in diesem Augenblick beschließen Blachfeld hielt sie in seinen Armen und bat
sie zu unterschreiben um diesen Wohnsitz der Chikane so schnell als möglich zu
verlassen Luisens Advokat sagte ihr ins Ohr »Unterzeichnen Sie nur es sind
hier Zeugen genug gegenwärtig welche im Fall der Not beweisen können dass Sie
überredet wurden« Luise unterschrieb endlich ihren Namen und der Friede war
geschlossen Allein wie ängstlich und unsicher war dieser Friede wie abhängig
von den Launen eines Mannes dessen Härte und Wankelmut sie nur zu deutlich
kennen gelernt hatte Ein Mittel wäre noch gewesen ihre Unschuld und ihr Recht
geltend zu machen Es gab in jenen Lande einen Gerichtshof dessen
unbestechliche Unparteilichkeit allen Tribunälen zum Muster dienen sollte an
diesen zu appelliren stand Luisen frei allein ihre Mutter hing zu fest an dem
hergebrachten Vorurteil Sie zitterte den guten Ruf ihrer Tochter durch einen
längeren Rechtsstreit leiden zu sehen und ohne sie zu einer Aussöhnung zu
überreden beschwor sie Luisen sich nicht bei einer höheren Instanz zu melden
Diese Bitten wirkten mächtiger als jeder andre Zwang um ihre Aussöhnung zu
Stande zu bringen und ihre Mutter hatte von neuem Hoffnung dass die Ehe ihrer
Tochter eine glücklichere Wendung nehmen würde
Blachfeld hatte indessen einige Schulden gemacht Um sie mit mehrerer
Leichtigkeit bezahlen zu können verstand sich Madame N dazu ihre Tochter noch
auf sechs Monate zu sich ins Haus zu nehmen und Blachfeld ließ es dabei
bewenden ihr eine Kleinigkeit für Holz und Wohnung zu zahlen Bald aber sah
sich Luise mit einem neuen Rechtshandel bedroht Die Bürgschaft welche sie, wie
schon gemeldet worden ist, vor ihrer Heirat geleistet hatte erforderte jetzt
eine schleunige Zahlung und um ihre Verlegenheit zu vermehren äußerte ihre
Mutter wenn gleich mit vieler Sanftmut dass sie die Blachfelden vorgestreckte
Summe zurück zu haben wünschte Ihr blieb in dieser peinlichen Lage nur ein
Mittel das sie mit Zutrauen ergriff Sie schrieb an den Fürsten in dessen
Diensten ihr Vater gestanden hatte und erinnerte ihn an das Versprechen das er
ihrem Vater gegeben hatte für seine Tochter als das einzige seiner Kinder
deren Talente ihr nicht zum Broderwerb dienen könnten vorzüglich zu sorgen sie
entdeckte ihm ihr jetziges Bedürfnis Der gute Fürst schickte ihr die
erforderliche Summe und außerdem die Anweisung auf eine jährliche Pension von
dreihundert Talern Manches Weib hätte vielleicht diese Gelegenheit eifrig
ergriffen um sich von ihrem Manne unabhängig zu machen aber Luisen war dieser
Wunsch so fremd dass sie unverzüglich eilte Blachfelden zum unumschränkten
Herrn der Pension zu machen und sich nur das kleine Kapital vorbehielt um ihre
und Blachfelds Schulden zu bezahlen Um den Eindruck dieses günstigen Vorfalls
und ihrer Uneigennützigkeit bei Blachfelden auszulöschen musste sich ein
unglückliches Missverständnis in den Weg stellen Luise hatte ihm kurz vorher
einen zärtlichen Brief geschrieben in welchem sie aber die Unvorsichtigkeit
beging ihn auf eine feine Art darüber aufzuziehen dass er wie man ihr
versichert hatte allenthalben behauptete eine Stelle ausgeschlagen zu haben
die niemand den Einfall gehabt hatte ihm anzubieten Dieser Scherz war bei dem
Verhältnisse der beiden Eheleute gewiss so unschicklich als gegen einen Mann
überhaupt übel angebracht allein Blachfelds ungestümer Verdruss strafte Luisen
noch härter als sie es verdient hatte Er schickte ihr die zerrissenen Stücke
ihres Briefes zurück Diese Härte verhinderte Luisen nicht ihm den neuen Beweis
der Gnade ihres Fürsten zum Opfer zu bringen Es lag in ihrem Charakter dann am
sanftesten und nachgebendsten zu sein wenn das Glück ihr lächelte Blachfeld
hatte indes gefühlt dass Luisens übereilter Scherz keine so harte Strafe
verdiente und schrieb ihr einen zweiten Brief in welchem er sie um Verzeihung
bat und ihr meldete er würde selbst nach D kommen um die Aussöhnung zu
versiegeln Durch einen Zufall kam der Brief zu spät in Luisens Hände so dass
sie nicht mehr Zeit hatte vor Blachfelds Abreise darauf zu antworten Blachfeld
hielt also Luisens zweiten Brief in welchem sie ihm das Geschenk des Fürsten
meldete für die Antwort auf sein reuiges Schreiben und fand in ihrer Großmut
nun weiter gar kein Verdienst sondern ward noch obendrein empfindlich dass sie
über seinen bevorstehenden Besuch keine Freude bezeugte Luise erwartete ihn
indessen mit Ungeduld und ging ihm bei seiner Ankunft so eilig entgegen dass
sie strauchelte und einen Fall tat der außer dass er sie schmerzlich
verwundete ihr die gefährlichsten Folgen hätte zuziehen können da sie sich in
dem Anfange einer Schwangerschaft befand Blachfeld zu ungestüm um mit einer
andern Idee als der des ihm vermeintlich getanen Unrechts beschäftigt zu sein
überhäufte sie mit Vorwürfen und es kostete die größte Mühe selbst über die
Umstände durch welche sie ihre Pension erhalten hatte ihn zufrieden zu stellen
Luisens Mutter riet ihr diesen Zeitpunkt zu benutzen um ihren Mann zu
bitten dass er ihr zu ihrer künftigen Wirtschaft eine zweite Magd die ihr
bevorstehendes Wochenbett unentbehrlich machte halten möchte Diese Forderung
brachte Blachfelden von neuem auf er behauptete sie mache es wie alle Weiber
welche ihre Forderungen immer höher spannten je mehr man ihnen zugestände Ihm
schien es dass eine einzige Magd für die Küche und zur Pflege des Kindes völlig
hinreichend wäre und dass Luise übrigens wie andere Weiber für sich und ihren
Mann nähen könnte Und zu eben der Zeit fand derselbe Mensch dass ein Brdienter
nicht mehr zu seiner Aufwartung und Besorgung der Pferde hinreichte Luisen fiel
in diesem Augenblicke ein Schleier von den Augen sie sah wogegen sie sich bis
jetzt verblendet hatte sie sah deutlich dass Blachfeld ein Egoist war Schon
ehemals in den ersten Wochen ihrer Ehe als er noch den Tisch bei seiner
Schwiegermutter hatte machte er es ihr einmal zum Vorwurf dass sie nicht lieber
eine Köchinn statt einer Kammerfrau hielte weil diese sich weigerte früh
morgens um drei Uhr aufzustehen um ihrem Herrn den Kaffe zu machen Blachfeld
hatte damals da er im Begriff stand zu der Armee zu gehen nicht weniger als
fünf Bediente die jenen Dienst eben so gut verrichten konnten Indes warf er
ihr vor dass sie diese Magd besser als alle ihre Bekannten die ihrigen
bezahlte und wollte ihren Gründen dass die ihrige dafür desto mehr arbeitete
und doch nicht für zwei ässe kein Gehör geben Luise fing jetzt an zu fürchten
dass der Geiz dieses alle Lebensfreuden zerstörende und mit dem Alter immer
wachsende Laster einigen Anteil an ihres Mannes Charakter hätte Was kurz
darauf erfolgte bestätigte sie in dieser traurigen Ahndung Der Fürst wurde
durch notwendige außerordentliche Ausgaben genötigt die Auszahlung von
Luisens Pension auf einige Zeit zu suspendiren Ungeachtet des Zustandes in
welchem sich Luise befand hörte Blachfeld plötzlich auf sie zu besuchen und
fing von neuem an seiner Schwiegermutter auf eine Art zu schreiben die sie mit
ihrer Tochter hätte entzweien können wenn sie seine Briefe des Lesens wert
gehalten hätte Sie hätte die Vorsicht aber noch weiter treiben und ihrer
Tochter auch nichts davon sagen sollen allein ihr Verdruss erbitterte sie bei
einer andern Gelegenheit so sehr dass Luisen auch der süße Traum in welchen sie
sich damals wiegte durch diese Entdeckung vergiftet wurde Sie glaubte nämlich
dass Blachfeld bloß darum sie nicht mehr besuchte und alles Verkehr mit ihr
abgebrochen hätte um ihren Entschluss mit ihm zu leben zu beschleunigen Sie
begab sich zu ihm und ward übel empfangen aber ihre Geduld ihr zärtlicher
herzlicher Wunsch ihm zu gefallen gewannen endlich sein Herz und schenkten ihr
den glücklichsten Zeitpunkt ihrer Ehe und ihres ganzen Lebens
Er gestand ihr bei dieser neuen Versöhnung dass ihre romanhafte Forderung
bei der Feier ihrer Hochzeit nur als Freundin und nicht als Gattin mit ihm
zu leben den ersten Keim von Bitterkeit in ihn gelegt hätte der so oft es ihm
fehlgeschlagen sie in ihrem Entschluss wankend zu machen immer mehr gewachsen
wäre Luise fügte sich jetzt in ein Verhältnis das Natur und Gesetze ehrwürdig
machen und ward durch ihres Gatten gänzliche Umschaffung dafür belohnt Sein
Haus ward bald sein beständiger und vorgezogener Aufenthalt er trieb seine
Sorgfalt für sein Weib so weit dass er ihr alle Morgen bei ihrem Anzuge half
Von früh bis Abends las er ihr vor oder beschäftigte sich mit dem
Erziehungsplane für sein künftiges Kind Er gestand damals dass er Luisen
ungeachtet aller ihrer körperlichen Leiden nie übellaunig noch mürrisch gesehen
hätte Sie war ausschließend mit ihrer Pflicht beschäftigt und ein Blick von
Blachfelden der ihr Beifall gab lohnte sie überschwenglich
Der Ausbruch eines Krieges zerstörte Luisens häusliches Glück Blachfeld
verließ sie da sie auf dem Punkt stand Mutter zu werden ohne Hilfsmittel für
die Bedürfnisse ihres Kindbetts sie klagte nicht Ihr Mann setzte ihr einen
jährlichen Gehalt aus auf den nämlichen Fuß wie seine andern verheirateten
Kriegskameraden allein hier kam es auf eine außerordentliche Ausgabe an Luise
dachte darauf ihren Wagen zu verkaufen da sie aber ihr Mann bat ihn zu seiner
Reise gebrauchen zu dürfen fehlte ihr auch diese Auskunft Er nahm endlich mit
viel anscheinender Unruhe über ihren Zustand Abschied und versprach ihre Mutter
zu bitten sie während ihres Kindbettes zu sich zu nehmen Allein seine neue
Laufbahn führte ihn bald auf so viel ehrgeizige Plane dass seine Gefühle als
Gatte und Vater schwiegen und er die Bitte an Madame N vergaß Diese gute Frau
hatte Luisen zu sich auf ihr Gut eingeladen und als ihre Tochter ihr in ihren
Gesprächen ihre Furcht entdeckte in der Garnisonstadt nieder zu kommen wo der
Krieg jetzt alle geschickten Wundärzte abgerufen hatte war sie die erste ihr zu
sagen dass sie schon lange dieselbe Besorgnis gehabt hätte und sehr wünschte
ihr während dieser Zeit Zimmer in ihrer Wohnung in D einzuräumen Allein in
diesem Hause wohnten auch Luisens Brüder und da sie fürchtete dass die
Anwesenheit einer Kranken ihnen bei ihrer Lebensart zur Last fallen möchte
wagte sie es nicht ihnen diesen Vorschlag zu tun Sie gab daher Luisen den
Rat ihnen zu schreiben ihnen ihre Besorgnisse wegen ihres Zustandes zu
entdecken und sie um ihre Fürsprache bei ihrer Mutter wegen einer Gunst zu
bitten welche diese gute Mutter selbst sehnlich zu gewähren wünschte Luise
hatte vor allen versteckten Planen und abgekarteten Anschlägen einen Abscheu
sie hatte außerdem Ursachen sich über diesen Gegenstand nicht weitläuftig gegen
ihre Brüder auszulassen Wie sehr wurde sie betroffen als ihr da es endlich
zur Sprache kam ihre Brüder vorwarfen durch ihre Zudringlichkeit ihrer Mutter
diese Last aufzubürden vor welcher sie sich bei ihrem Alter und ihrer
Kränklichkeit so sehr scheute dass sie ihre Einwilligung nie gegeben hätte wenn
es möglich gewesen wäre ihren Forderungen auf eine andere Weise ein Ende zu
machen Es ward Luisen sehr schwer sich so unverdient der Zudringlichkeit der
Selbstsucht zeihen zu lassen aber um ihre Mutter nicht bloß zu stellen musste
sie es geduldig leiden und schweigen Ihre Brüder rieten ihr an Blachfelden zu
schreiben damit er ihr erlaubte eine Wohnung in der Stadt zu mieten Wenn
ich setzte einer von ihnen hinzu auf dem Punkt stände Vater zu werden würde
ich wenigstens dafür sorgen dass es meiner Frau nicht an der nötigen Hilfe
gebräche Der Rat war gut allein in Rücksicht auf Blachfelden sehr übel
angebracht Luise wusste dass er während ihrer Gemütskrankheit sich geweigert
hatte eine Wohnung zu bezahlen die ihre Mutter in D bei einer sehr
verdienstvollen Frau mieten wollte deren gutes Herz so sehr litt als sie die
unbarmherzige Art erfuhr mit welcher man Luisen auf dem Gute begegnete dass sie
sich äußerte sie gern für das Dritteil des geforderten Preises zu sich
genommen zu haben wenn sie das hätte voraussehen können Nach dieser Erfahrung
wagte es Luise nicht ihrem Manne einen ähnlichen Vorschlag zu tun sondern sie
quälte sich einige Tage mit den ängstlichsten Besorgnissen Ihre Unruhe wirkte
so sichtbar auf sie dass einige Freunde ihre Mutter davon benachrichtigten
welche darauf mit ihren Söhnen sprach und es dahin brachte dass sie Luisen
einstimmig nach D einluden Innigst von der Güte ihrer Mutter und der
Nachgiebigkeit ihrer Brüder gerührt beschloss Luise nun keinen Gebrauch davon zu
machen und das frohe Leben dieser jungen Leute nicht durch ihr Krankenbett zu
stören Sie schob ihre Reise auf verhehlte sogar den Anfang ihrer Schmerzen
und kam auf dem Gute der Mutter mit einer Tochter ins Kindbett Es gehörte ein
an Leiden und Vernachlässigung gewöhntes Geschöpf dazu um alle
Unannehmlichkeiten ih rer Lage zu ertragen Ihr Bett war in D zurecht gemacht
auf dem Gute hatte sie nichts als eine unbequeme Schlafbank die in einem Zimmer
stand welches ihr in jeder Rücksicht verhasst sein musste da sie dort die
qualvolle Epoche ihrer Gemütskrankheit verlebt hatte Dieses Zimmer befand sich
zwischen dem Vorsaal und einer Vorratskammer in welcher alle Bedürfnisse des
Haushalts aufbewahrt wurden so dass es dem Hausgesinde jeden Augenblick zum
Durchgang diente Man trat ohne die geringste Vorsicht auf dass der Fußboden
zitterte man warf die Türen dass Luise erschrocken aus jedem Schlummer
auffuhr Ihre Nerven die von ihrer Krankheit her sehr geschwächt und bei ihrer
Niederkunfe um so mehr angegriffen waren als sie sechs Stunden litt ehe sie
Hilfe begehrte konnten sich unter diesen Umständen nicht erholen Ihre Mutter
die es herzlich gut meinte glaubte dass Luisens Schwäche aus Mangel an Nahrung
entstünde und zwang sie unaufhörlich Speise zu sich zu nehmen allein jedesmal
wenn Luise ihren Eckel überwand und um ihrer Mutter die Vorstellung, als faste
sie aus Eigensinn zu benehmen etwas aß ergriff sie ein so heftiges Erbrechen
dass ihre Kräfte vollends unterlagen
Nie fühlte ein Weib so lebhaft wie Luise das Glück Mutter zu sein ihr
liebenswürdiges Kind schien ihre Liebkosungen schon durch sein süßes Lächeln zu
erwidern Sie drückte es an ihre Brust mit dem brennenden Wunsche es daraus zu
nähren allein ein strenges Verbot ihrer Mutter verhinderte sie daran sie sei
zu schwach hieß es Grausames Vorurteil wo die Natur Kraft zu schaffen hat
fehlt ihr nie die Kraft zu ernähren Luise hatte sich während ihrer ganzen
Schwangerschaft geschont um diese heilige Mutterpflicht zu erfüllen Es war ihr
gelungen einen Überfluss von Milch zu haben sie war rein gesund umsonst man
vertrieb sie mit Gewalt Luise litt unsäglich die Milch trat in das Blut warf
sich auf ihre Nerven und verursachte ihr ein Fieber das ihre Kräfte drei
Monate lang verzehrte Ihre Niederkunft war glücklich gewesen man glaubte also
für nichts weiter sorgen zu dürfen man beobachtete keine Art Schonung gegen
sie Einige Stunden nach ihrer Niederkunft las man ihr einen Brief ihres Bruders
vor Sie glaubt dass er Glückwünsche rutalten wird nein er schreibt dass er
das Fieber hat dass er nach seiner Mutter verlangt er äußert Unzufriedenheit
darüber dass seiner Schwester Wochenbett alles aus seinem gewöhnlichen Gange
bringt Die Mutter weint spricht von dem nahen Tode ihres geliebten Sohnes und
Luise bittet sie eifrig zu ihm zu eilen und ihn mit eignen Händen zu pflegen
Sie reist ab nimmt die Kammerfrau und Köchinn mit und lässt Luisen mit der
Wärterinn welche den Haushalt versehen muss und einer unerfahrnen Amme allein
Dieses verkehrte Geschöpf war über die Untreue ihres Liebhabers der sie
verführt hatte in Verzweiflung sie benetzte ihren Säugling unaufhörlich mit
Tränen Luise zitterte für ihr geliebtes Kind sie beschwor die Amme es in
solchen Augenblicken von Gemütsbewegung nicht an die Brust zu legen Das Weib
bestand eigensinnig darauf und geriet in die heftigste Wut Luisens Angst und
Unruhe stieg so hoch dass sie in Gefahr stand ihren Verstand aufs neue zu
verlieren Sie wusste dass es dem Kinde besser wäre bei Milch und Wasser
aufgezogen zu werden aber aus Furcht vor ihrer guten Mutter deren Vorurteile
über diesen Punkt sie kannte wagte sie diese Veränderung nicht Um ihr Kind zu
retten blieb Luisen kein anderes Mittel als den Launen jenes Drachen
nachzugeben denn sobald die Amme ihrer Gewalt über Luisens furchtsame
Mutterliebe sicher war legte sie ihren Leidenschaften keinen Zügel mehr an Von
der einen Seite machte sie die Ungewohnheit einer müßigen weichlichen Lebensart
übermütig von der andern reizte sie die Misshandlung ihres brutalen Liebhabers
täglich zum Ärger und diese Misshandlung selbst schien sie doch täglich mehr an
ihn zu fesseln Um dieses unleidliche Geschöpf dem Luise doch genötigt war ihr
Kind zu überlassen durch einen ungewöhnlichen Lohn zu einer größeren Sorgfalt
für ihren Säugling zu bewegen schlug man Luisen vor die einzige Magd welche
sie unterhielt ein junges Mädchen das ihr sehr ergeben und von ihr selbst
geliebt war abzuschaffen Es war grausam von ihr zu fordern dass sie das
einzige Geschöpf das ihr nicht fremd war entfernen sollte denn so sehr ihre
Mutter sie liebte konnte sie wegen der Krankheit ihres Sohnes nur wenig bei ihr
sein So oft diese wohlmeinende Frau auch Luisens zu zartes Gefühl verwundete
und ihr besonders jetzt merken ließ dass ihre Krankheit ihr zur Last fiele war
sie doch zu gütig um nicht diesesmal ihrer Tochter Bitten nachzugeben Sie
erlaubte ihr die Magd zu behalten obschon sie ihr persönlich zuwider war wie
denn Luise das Unglück überhaupt hatte dass alle Menschen welche sie liebte
ihrer Mutter missfielen dies ging so weit dass sogar Blachfeld nach dem Maße
wie er in Luisens Herzen Fortschritte machte ihr unangenehm zu werden
angefangen hatte
Luise hätte alles Ungemach ihrer Lage mit Freuden ertragen wenn Blachfeld
ihr die mindeste Teilnahme bezeugt hätte allein Luisens Prophezeihung vor
ihrer Heirat traf nun ein das Geräusch der Waffen übertäubte sein Herz die
Vaterfreude war ihm überdem nicht neu und dieses Gefühl welches oft den
wildesten Sinn bezähmt glitt leicht an dem seinigen vorbei Er schrieb seinem
Weibe nicht einmal um ihr für das Geschenk welches sie ihm mit seinem Kinde
gemacht hatte zu danken Eine kalte Antwort auf den Brief den er bei dieser
Gelegenheit von seiner Schwiegermutter bekam enthielt diese Worte »Ich bitte
Sie meine Frau meiner Liebe zu versichern« Von allem was Blachfeld für Luisen
hätte fühlen können wäre ja Liebe die letzte Empfindung gewesen die sie jetzt
von ihm forderte Teilnahme wünschte sie Hätte er zum Beispiel geschrieben
wie befindet sich Luise hat diese Krisis eine gute Wirkung auf ihre Gesundheit
gehabt gewinnt die Freude Mutter zu sein die Überhand über ihre gewöhnliche
Schwermut Bedenken Sie liebe Mutter wie schädlich ihr jetzt jede
Gemütsbewegung wäre Sie kennen die Reizbarkeit ihrer Nerven ihr gar zu zartes
Gefühl ich beschwöee Sie darauf Nücksicht zu nehmen und meiner ewigen
Dankbarkeit versichert zu sein usw Hätte er nur so geschrieben Luise wäre
zufrieden gewesen Die drohenden Folgen von Luisens Kindbett welche durch
Vertreibung der Milch entstanden hatte ihm Madame N aus Furcht ihn zu
beunruhigen erst nach vorübergegangener Gefahr geschrieben In seiner Antwort
berührte er diesen Umstand mit keiner Silbe aber er kam dafür auf die
Vergangenheit zurück und beklagte sich über die Beschwerlichkeiten die er
vorigen Winter durch die häufigen Reisen zwischen seiner Garnison und D
erlitten hätte Er hatte also völlig vergessen dass die ganze damalige
Einrichtung mit seinem Beifall und zu seinem Besten getroffen worden war Luise
blieb jenen Winter über bei ihrer Mutter um ihn da er den Tisch bei seinem
General hatte und also keiner eignen Wirtschaft bedurfte die Abtragung seiner
Schulden zu erleichtern Wankelmut und Laune schienen aber in seinem Betragen
gegen seine Frau einmal die Oberhand zu haben und alle Bemühungen seinen Unmut
zu entwaffnen blieben vergeblich
Luise war aus Anraten der Ärzte welche eine Ortsveränderung für das
einzige Rettungsmittel bei der ihr nach ihrem Nervenfieber drohenden Auszehrung
hielten in die Stadt gezogen Der Wunsch ihres Mannes häusliche Umstände
endlich durch die strengste Sparsamkeit völlig ins Reine zu bringen vermochte
sie aber sobald ihre Gesundheit hergestellt war der rauen Jahreszeit zum
Trotze denn es war im Anfange des Winters mit ihrem Kinde das Gut ihrer Mutter
zu beziehen Dieses Opfer war um so größer als sie dort ohne allen Umgang war
Die Nachbarschaft bot ihr so wie der Ort selbst keine Gesellschaft dar und
ihre Mutter brachte den ganzen Winter in D zu Ihre Schwäche erlaubte ihr keine
Spaziergänge zu Fuß und Pferde zu mieten ließ die Gränzen nicht zu die sie
ihren Ausgaben vorgeschrieben hatte Sie hatte das Vergnügen ihren Zweck zu
erreichen indem sie eine Summe abzahlte welche Blachfeld aufgenommen hatte um
sie in die Wittwenkasse einzukaufen Diese Schuld schien ihr für einen Ehrenmann
um so drückender als sein Gläubiger die Großmut so weit getrieben hatte keine
Interessen für dieses kleine Kapital nehmen zu wollen Ihre Gesundheit litt
durch ihre Lebensweise die ununterbrochene Einsamkeit stürzte sie in ihre alte
Schwermut zurück Aber sie wäre für alle ihre Mühe belohnt gewesen wenn ihres
Mannes Herz ihren heißen Willen ihm zu nutzen erkannt hätte
Der Chef unter welchem Blachfeld diente hatte die Großmut seinen
Offizieren zu erlauben dass sie ihre Frauen zu sich in die Winterquartiere
kommen ließ Blachfeld war der einzige der diese Erlaubnis nicht benutzte
Luisen wäre diese Zerstreuung doch notwendiger gewesen wie mancher andern In
der Zeit wo sich Blachfeld um ihre Hand bewarb hatte er ihr ein reizendes Bild
von einem solchen Wiedersehen gemacht und späterhin forderte er von ihr dass
sie den Umgang mit einer ihrer Bekanntinnen abbrechen sollte weil diese Frau
über die so weit getriebene Gefälligkeit der Offiziersweiber ihren Männern in
die Winterquartiere zu folgen gespottet hätte Er hatte sich von Luisen bei
seiner Abreise ausdrücklich versprechen lassen ihn in jedem Falle zu besuchen
wenn auch keine andre Frau ihres Standes die Reise machte Jetzt schwieg er von
dieser ehemals so gewünschten Zusammenkunft und Luise hatte wenig Lust ohne
seine Einladung zu ihm zu reisen so sehr ihre Mutter sie dazu ermunterte Diese
bot ihr an ihr Kind bei sich zu behalten allein Luise war eine zu zärtliche
Mutter um es aus ihren Händen zu geben und die ersten Liebkosungen dieses
geliebten Geschöpfes hatten zu viel Reiz für sie um sie mit einem Manne zu
teilen dem Mutter und Kind gleichgültig schienen
Eines Tages an welchem wie gewöhnlich tausend traurige Bilder sie
beschäftigten empfing sie einen Brief von Blachfelden in welchem er von seiner
Sehnsucht nach dem Frieden sprach und wie ihn danach verlange seinem Heerde
wiedergegeben in der Gesellschaft seiner Frau zu leben die Liebkosungen seines
Kindes die Freude wissenschaftlicher Beschäftigungen zu genießen Luisens Herz
richtete sich bei diesen Worten auf wie eine welke Blume ihr Haupt erhebt wenn
der erquickende Tau sie badet Sie gründete schon die lachendsten Hoffnungen auf
diese Gesinnungen als die übelbedachte Dienstfertigkeit eines Freundes sie in
noch bitterern Kummer zurückstiess Er teilte ihr einen an ihn gerichteten Brief
ihres Mannes von demselben Monatstage mit welcher gerade das Widerspiel der
Empfindungen enthielt die er gegen sie äußerte Er sprach mit Enthusiasmus von
seinem blutigen Gewerbe und zog seine ungebundene unstäte Lebensart den
süssesien häuslichen Banden vor Es war Luisens Schicksal ihr Herz gerade dann
von unangenehmen Gefühlen bestürmt zu sehen wenn sie am wenigsten sie zu
bekämpfen fähig war In dem Augenblicke wo sie sich mit der heitersten Aussicht
beschäftigt wo das Bild ihres geliebten Mannes ihre ganze Seele einnimmt
spricht man ihr von einem Briefe den man von ihm erhalten hat Aus Verlangen
zu wissen wie er sich gegen andre ausdrückt aus Verlangen nach der Freude noch
einmal etwas von ihm zu lesen fordert sie dessen Mitteilung und findet darin
das Grab ihres kurzen Glückes Sie tat sich die äußerste Gewalt an um in
Gegenwart eines Zeugen über ihre Gemütsbewegung zu siegen aber der Schmerz
überwältigte sie ein Strom von Tränen erleichterte ihr Herz Viele Tage
brachte sie in den tiefsten Kummer zu bis endlich ein neuer Brief ihres Mannes
ihr neue Hoffnungen einflößte Er schrieb ihr in den zärtlichsten Ausdrücken dass
er nicht mehr ohne sie zu leben vermöchte und drang eifrig in sie beim
Schluße des jetzt wieder angegangenen Feldzugs sogleich zu ihm zu eilen
Luise vergaß alle ihre Leiden sie überließ sich wieder blindlings der
Aussicht einer froheren Zukunft und die ganze Natur lebte vor ihren Blicken
auf Sie glaubte ihres Mannes Herz wieder zu besitzen nun konnte sie wie ein
anderes Geschöpf die Wohltaten Gottes die Freuden der Gesellschaft genießen
Ihre Mutter bei welcher sie seit kurzem wieder in der Stadt wohnte weinte vor
Freuden ihrer Tochter Augen nicht immer von Tränen benetzt oder von Kummer
erloschen zu sehen ihre Brüder wünschten ihr Glück Das ganze Haus teilte die
Zufriedenheit ein Geschöpf froh zu sehen von welchem man wusste wie wenig gute
Stunden es genoss
Blachfeld hatte Gelegenheit sich hervor zu tun Sein Fürst welcher jede
Veranlassung Verdienste zu belohnen mit Eifer ergriff gab ihm einen
vorzüglichen Beweis seines Beifalls Er benachrichtigte seine Frau von seinem
guten Glücke schrieb aber dabei dass dieses Geschenk sogleich für höchst
nötige Ausgaben aufgegangen wäre und der Aufenthalt in den Winterquartieren so
kostbar sein würde dass er sie bäte ihre Wohnung in einer kleinen nur drei
Meilen entfernten Stadt aufzuschlagen Dieser Vorschlag war von Seiten eines
Mannes welcher den schädlichen Einfluss der Einsamkeit auf Luisens Gemüt
kannte nicht sehr zärtlich Er hatte selbst vor ihrer Heirat oft gesagt dass
sie ihn auf allen seinen Reisen begleiten sollte und dass sein ganzes Bestreben
dahin gehen würde ihr nicht Zeit zu ihren schwermütigen Gedanken zu lassen
Luise hatte keinen Verdacht dass Blachfelds neuer Plan eine andere Ursache als
die Lage der Umstände und ökonomische Rücksichten haben könnte Sie antwortete
ihm ganz einfach dass sie sich in der erwähnten Landstadt einrichten würde weil
ihr jeder Ort einerlei wäre sobald er sie ihm nur näher brächte
Dass Luise in ihrem väterlichen Hause nicht mehr so viel galt als bei
Lebzeiten des Herrn N hat schon mehrmals aus dem Laufe ihrer Geschichte
abgenommen werden können. Die alte Bemerkung dass da die Männer herrschen wo
Weiber das Regiment führen und eben so auch umgekehrt lässt sich meistens auf
den kleinen Zirkel einer Familie anwenden So lange der Vater lebt bemüht sich
ein jeder der etwas bei ihm sucht der Tochter zu gefallen bleibt die Frau nach
seinem Tode unverheiratet so schmeichelt man ihren Söhnen die nunmehr die
aufgehende Sonne sind Statt eines Herrn herrschten deren jetzt mehrere in
Luisens väterlichem Hause und obschon sie für Magd und Kind Wohnung brauchte
hatte doch der Bediente eines ihrer Brüder ein ihr gehöriges Zimmer in Besitz
genommen das zweite war von einer Freundin die eben bei Luisen zum Besuch
war bewohnt in dem dritten sehr kleinen musste sie sich mit Magd und Kind
aufhalten Bei der drückenden Hitze und der beständigen Wartung die ihre
Gesundheit erforderte ward ihr diese Einrichtung höchst lästig Luisens Mutter
versprach ihr das Zimmer des Bedienten wieder einräumen zu lassen allein da
sich ihre Söhne widersetzten schlug sie den Weg ein den man gewöhnlich geht
wenn man sein Wort nicht zu halten gedenkt sie erzürnte sich gegen die Person
der sie es gegeben hatte Man ließ Luisen merken dass man nicht so genau auf
alles halten dürfte wenn man nur aus Gefälligkeit in einem Hause aufgenommen
wäre Sie hatte sich mehrmals zu einem Kostgelde erboten da aber ihre Mutter
wusste dass sie durch die vor kurzem vorgenommene neue Meublirung von Blachfelds
Wohnung in M wieder in Schulden geraten war so wollte sie nichts davon
hören Jetzt wiederholte sie ihren Brüdern ihr Anerbieten sie antworteten ihr
aber dass ihre Mutter fürchtete ihre Forderungen möchten durch diese
Einrichtung noch höher steigen Wie wenig kannte man Luisen Als Kostgängerinn
würde sie sich mit allem begnügt haben als Kind vom Hause tat es ihr wehe so
mancher Demütigung ausgesetzt zu sein Das Hausgesinde kannte ihre
eingeschränkten Umstände und man schien ihr nur aus Mitleid aufzuwarten Bei
Tische wo jeder ihrer Brüder so wie ihre Mutter einen eigenen Bedienten
hatte ward sie oft ganz übergangen weil es ihr allein daran fehlte Ihre
Brüder und Mutter meinten es selbst viel zu herzlich mit ihr um diese
Kränkungen zu bemerken und Luise welche errötete sie darauf hinzuweisen litt
das alles stillschweigend Derjenige von Luisens Brüdern welcher in dieser
Sache den meisten Eifer wider sie bewies ward jedoch von Bewegungsgründen
angeregt die seiner Redlichkeit zum Ruhm gereichten er war seiner Mutter
Geschäftsmann und hätte es seinen persönlichen Vorteil betroffen so wäre er
gewiss weniger nachsichtslos gegen seine Schwester gewesen Er nahm auch in
dieser Zeit Gelegenheit Luisen die Summe vorzuwerfen welche ihr ehemals zur
Entschädigung zugestanden worden war als ihre Mutter Blachfelden an ihren Tisch
zu nehmen abschlug Dieser Vorwurf war äußerst ungerecht die Heirat war der
Wunsch der ganzen Familie gewesen und ohne diesen Zuschuss hätte Blachfelds
damalige Lage sie unmöglich gemacht Ihr ältester Bruder der viel Edelmut im
Charakter hatte nahm sich seiner Schwester eifrig an und sagte dass man
Menschen die man in eine unangenehme Lage versetzt hätte auch wieder
heraushelfen müsste Warum bringen es doch unsere Sitten mit sich dass eine
Tochter durch ihre Verheiratung dem väterlichen Hause ganz entfremdet wird
und alle Vorteile eines Kindes verliert Luisens Brüder waren durch ihre
Talente im Stande ihr Brod zu verdienen und hatten doch Tisch Wohnung
Wäsche Aufwartung bei ihrer Mutter vor wie nach Luise war durch ihre Heirat
in keinem Stücke versorgt und schien doch das Gnadenbrodt bei ihrer Mutter zu
essen Der Vorwurf wegen ihres jährlichen Zuschusses kränkte Luisen zu tief als
dass sie nicht gesucht hätte die Veranlassung dazu zu heben Sie bat Blachfelden
in einem ihrer Briefe um die Erlaubnis auf diese Summe Verzicht tun zu dürfen
und versprach ihm dass ihr Unterhalt ihm deswegen um nichts höher kommen sollte
indem der Aufenthalt in der kleinen Stadt welche er ihr angewiesen hätte
wohlfeil genug sein würde um mit sehr wenigem auszukommen Blachfelds Antwort
war voll Ungestüm und Zorn er befahl ihr durchaus nicht eher abzureisen als
bis sie sich der ganzen Pension versichert hätte da doch nie die Rede davon
gewesen war sie ihr mit Gewalt zu nehmen Er schrieb dass ihm jeder Ort wo sie
lebte gleichgültig wäre dass er ihr keinen vorgeschrieben hätte und ihr nicht
riete ihren Wohnplatz an einem ganz fremden Orte aufzuschlagen Zu eben der
Zeit hatte Luise das Unglück um eine ziemlich ansehnliche Summe bestohlen zu
werden Die wohlmeinende Mutter schrieb darüber an ihren Schwiegersohn aus
Furcht dass er Luisen beschuldigen möchte diesen Verlust durch ihre
Nachlässigkeit verschuldet zu haben Er wütele in seiner Antwort gegen seine
Frau warf ihr vor das letzte Geschenk des Fürsten das er ihr auf ihre Bitte
zur Bezahlung ihrer Bürgleistung gemacht für sich allein behalten zu haben und
erinnerte sich nicht dass er in Gegenwart der ganzen Familie jeden Anteil daran
von sich abgelehnt hatte und was noch mehr war dass Luise es zum Teil zur
Tilgung seiner eignen Schulden angewendet hatte Um die Mutter welche wie die
meisten Mütter unter diesen Umständen ihr Kind sehr ungern abreisen sah völlig
gegen Luisen aufzubringen sprach er von dieser Reise in die Winterquartiere
wie von einem lächerlichen Einfall Luisens dem er sich immer widersetzt hätte
Statt aller Antwort auf diese Beschuldigung holte Luise drei aufeinander
folgende Briefe ihres Mannes in welchen er sie auf das dringendste und
zärtlichste gebeten hatte zu ihm zu kommen Mit tränenden Blicken frug sie ob
man ihr riete länger mit einem Manne zu leben der nicht allein sich des
größten Wankelmutes schuldig machte sondern nachdem er sie zur Teilnehmerinn
seiner bösen Tage gemacht hatte jetzt da das Glück ihm lächelte ihr den
Rücken wendete und sie denen von welchen ihr Schicksal abhing noch verdächtig
zu machen suchte Ihr ältester Bruder ergriff von Mitleid über ihr Unglück
durchdrungen ihre Hände bat sie Mut zu fassen tröstete sie und flößte ihr
Hoffnung ein dass ihre Gegenwart die Wolken in ihres Mannes Gemüt bald
zerstreuen würde und da er sich durch die verschiedenen Data der Briefe
überzeugte dass Blachfelds widersprechende Ansichten von Luisens Reise nur aus
ökonomischen Ursachen entständen schoss er ihr das nötige Reisegeld vor
Kurz darauf traf die Nachricht ein dass Blachfeld nächstens zurück kommen
würde Er schrieb es seiner Frau mit einem solchen Ausdruck von böser Laune und
Stolz dass sie einen Augenblick in Versuchung geriet zu den Verwandten ihres
Vaters nach B zu reisen um einer Zusammenkunft auszuweichen die ihr mit so
vielem Kummer drohte Ihre Mutter selbst hatte in einem Ausbruche von
Empfindlichkeit über Blachfelds Betragen gesagt bei so vielen Ursachen sich zu
grämen müsste Luise durch eine Reise sich zu zerstreuen suchen und ihrem Manne
so weit als immer möglich aus dem Wege gehen Luise bat sie ihr für ihre
künftige Rechtfertigung diese Äußerung schriftlich zu geben Madame N tat es
und gab ihr zwei Zettel davon der erste die Erklärung enthielt dass wenn ihr
Mann ihr je so harte Briefe geschrieben und sie überhaupt mit so wenig Schonung
behandelt hätte wie Blachfeld ihre Tochter behandelte sie lieber wie Magd
gedient als länger mit ihm gelebt haben würde In dem zweiten gab sie ihren
Beifall und ihre Einwilligung zu Luisens Entschluss nach B zu gehen wenn
Blachfeld sein Betragen gegen sie nicht änderte Beide Papiere waren »deine
liebende Mutter« unterzeichnet Die Familie verabredete außerdem dass Luise das
ihr vorgestreckte Reisegeld nicht zurückzahlen sondern einstweilen unterbringen
sollte um es auf den Fall dass sie durch ihres Mannes Aufführung zu einer
Trennung gezwungen würde in Bereitschaft zu haben
Ohngeachtet aller dieser Vorkehrungen unterließ Luise nichts was solche
unnütz machen und ihren Hausfrieden gründen konnte Blachfelds Wirtschaft war
in der besten Ordnung Er hatte seiner Frau seit drei Jahren erlaubt sein
überflüssiges und zweckloses Gerät zu verkaufen uw den notwendigen Hausrat
dafür anzuschaffen Dies war jetzt geschehen und seine Wohnung in der Garnison
völlig eingerichtet Die wegen des Einkaufs in die Wittwenkasse gemachte Schuld
und eine andre von 84 Pistolen für einen Wagen von welcher bei Blachfelds
Abreise nichts bezahlt war waren nun ganz abgetragen Luise mietete eine
artige Wohnung in der angenehmsten Gegend der Stadt nahm eine Köchinn an und
richtete ihre Wirtschaft auf das sorgfältigste ein Blachfeld hatte seiner Frau
geschrieben dass sein Wäschvorrat bei den zwei Feldzügen völlig aufgebraucht
wäre Da er sich mit einiger Bitterkeit über diesen Mangel beklagte glaubte
Luise dass ein ansehnliches Geschenk an Leinenzeug ihm von ihrer Hand
willkommen sein würde Ihr Kredit war durch die zu wiederholtenmalen bezahlten
Schulden ihres Mannes so festgestellt dass die damalige Erschöpfung ihrer Kasse
ihr dabei nicht im Wege stand indem die Kaufleumit Vergnügen ihre Rechnungen
aussenstehen ließ Sie eilte die Leinwand einzukaufen arbeitete halbe Nächte
stand des Morgens um vier Uhr auf und trieb es so weit dass ihre Gesundheit um
so mehr angegriffen wurde als in den wenigen Stunden die sie ihrer Ruhe gönnte
ihr Kind sie durch Weinen am Schlaf verhinderte Mit aller ihrer Anstrengung
konnte sie doch nicht allein fertig werden sondern musste einige Näherinnen zu
Hilfe nehmen Die Freude Blachfelden wieder zu sehen ihm sein Kind
vorzustellen erleichterte ihr jede Last Sie erwartete ihn mit Unruhe aber mit
wieviel Zärtlichkeit war diese Unruhe vermischt Wie der Tag seiner Ankunft
herbeikam ließ sie an allen Stadttoren fragen ob er schon herein wäre Er war
schon längst da aber wenig ungeduldig seine Frau und sein Kind zu sehen war
er in einem Gasthofe abgestiegen hatte sich angekleidet und obgleich Luise
seit drei Tagen eine Kollation bereit hielt war er an einen dritten Ort
gegangen um Tee zu trinken Endlich erschien er bei Luisen Möchte dieser
Auftritt vor ihrem Gedächtnis wie vor dem Blicke des Lesers in tiefe
Vergessenheit gehüllt werden können! Jener Blachfeld dessen Tapferkeit durch
Sittlichkeit erhöht wurde war nicht mehr mit Verachtung stieß er seine Frau
zurück die zärtlich in seine Arme flog Seine Wohnung schien ihm zu ärmlich zu
eng zu klein und Luisen hatte er weiter nichts zu sagen als dass er dem
Fürsten auf vierzehn Tage nach folgen müsste dass er nicht wüsste ob sie ihm
dahin nachkommen könnte und dass seine Geschäfte ihm ohnehin nicht erlaubten um
sie zu sein Wie Nach anderthalb Jahren sollte dieser gütige Fürst fordern
»Ja er fordert und ich gehe« Er verließ sie wirklich ohne weitere
Erklärung so beleidigend so hart so kalt Nach einer so langen Abwesenheit
beim ersten Wiedersehen würdigte er die Mutter seines Kindes nicht einmal ihr
zu sagen warum er sie aus seinem Herzen verstiess Luise konnte diese
Ungewissheit nicht aushalten sie konnte nicht auf die schwankende Äußerung hin
dass er sie abholen lassen würde wenn es seine Geschäfte verstatteten diese
Qual ertragen und beging endlich die Übereilung mitten in der Nacht einen
Wagen zu bestellen um sich nach auf den Weg zu machen Wie sehr wurde ihre
peinliche Lage vermehrt als ihr unterwegs der Kutscher zurief dass ein Hofwagen
mit sechs Pferden ihnen vorzufahren suchte Sie bildete sich sogleich ein dass
es ihr Mann wäre der so spät erst vom Schloss abreiste und bat aus Furcht
von ihm erkannt zu werden den Kutscher auf das dringendste seine Pferde
anzutreiben Der Wagen fuhr indessen doch vor und ihr Herz klopfte von neuem
als sie in demselben die Frau eines andern Mannes in den Diensten des Fürsten
erkannte die ihrem Gemahl nach folgte Sie konnte sich nicht enthalten das
Loos dieser Frau mit dem ihrigen zu vergleichen ihr Mann hatte sich nicht
allein während des ganzen Feldzugs von ihr begleiten lassen sondern kaum war er
jetzt zurückgekehrt und durch seinen Dienst dem Fürsten zu folgen genötigt so
ließ er sie mit allen ihren Kindern nach kommen Unter diesen war ein
bildschöner Knabe bei dessen Anblicke Luisen der Gedanke einkam ob ihr Kind
seinem Vater nicht lieber sein möchte wenn es ein Knabe wäre Zu so vielen
unangenehmen Empfindungen kam noch Reue über den törichten Befehl den sie
ihrem Kutscher gegeben hatte vorzufahren welcher ihr in den Augen jener Frau
das Ansehen geben konnte einen elenden Rangstreit gesucht zu haben Sie kam
endlich in dem ungestümsten Wetter nach schickte in alle Gastöfe um
Nachricht von ihrem Manne zu erhalten und erfuhr dass er erst den folgenden Tag
erwartet würde Nun fürchtete sie er möchte von ihrer törichten Fahrt gehört
haben und wollte um sie zu strafen erst so spät abreisen Sie fing unter einem
Strom von Tränen einen Brief an ihn an und betete zu Gott Blachfeld möchte
sich nicht weigern ihn zu lesen als er selbst zu ihr in das Zimmer trat Sie
dankte der Vorsehung und gelobte nie wieder zu verzweifeln hörte auch die
gerechten Vorwürfe die Blachfeld ihr über ihre Reise machte geduldig an
Nachdem er seinen Unwillen ausgelassen hatte überreichte sie ihm ein kleines
Geschenk das sie ihm bestimmt und Verse die sie in seiner Abwesenheit auf ihn
gemacht hatte Er schien erfreut und überrascht und rief wie unwillkürlich
»Es ist nicht möglich geistvoller zu sein« »Mir ist es nicht gegeben setzte
er schmeichelnd hinzu die Sprache der Götter zu reden ich muss mich begnügen
Ihnen als Sterblicher zu danken« Er umarmte sie zärtlich und erbot sich mit
ihr zu Abend zu speisen Sie wusste dass er im Wirtshause versprochen war und
zufrieden sein Herz wieder gewonnen zu haben wollte sie ihn der Gesellschaft
seiner Freunde nicht berauben Sie blieb mit ihrem Kinde allein genoss der
glücklichen Aussicht die sich zu eröffnen schien und legte sich der Vorsehung
dankend zum Schlummer nieder Aber die selige Täuschung dauerte nicht lange am
andern Morgen erhielt das Gefolge Befehl nach D zurückzukehren und dort
glückte es bösen Geistern die ihr unbekannt blieben das Herz ihres Mannes
wieder von ihr abzuwenden Er blieb noch einige Tage im Gasthofe so sorgfältig
Luise ihm auch seine eigne Wohnung eingerichtet hatte und das Vergnügen ihn zu
sehen erlangte sie nur indem sie so wenig ihre Gesundheit es zuließ alle
Abende die Gesellschaften besuchte in welchen sie ihn versprochen wusste Von da
brachte er sie nach Hause hatte aber nicht einmal so viel Achtsamkeit für sie
bis vor ihre Türe zu fahren sondern ließ den Wagen an der Straßenecke halten
von wo aus sie sein Bedienter weiter brachte Dieser Mensch war in der Stadt
fremd er verfehlte einmal bei schlechtem Wetter den Rinnstock fiel mit ihr
nieder und außerdem dass ihr Anzug den sie um Blachfelds Geschmack zu
schmeicheln ganz weiß gewählt hatte völlig verdorben war bekam ihrem ohnehin
zerrütteten Körper der Schrecken und die Nässe so übel dass sie den folgenden
Tag krank ward Blachfeld erkundigte sich nicht einmal nach ihrer Gesundheit
ungeachtet er diesen Unfall eigentlich veranlasst hatte indem sie wenn er sich
nicht dazu erboten hätte in dem Wagen ihrer Mutter nach Hause gefahren sein
würde
Luisens Geduld und Sanfteit besiegten ihn doch endlich so weit dass er
seine Wohnung bezog Gleich beim Eintritt deutete er Luisen an dass er um vier
Uhr frühstücken wollte Sie stand um diese Zeit auf bereitete Tee und Kaffe
und wie er um fünfe noch nicht erschienen war ließ sie ihn wecken um ihm zu
melden dass das Frühstück bereit wäre Er antwortete dass er noch nicht
frühstücken wollte und schlief bis sieben fort da er denn seiner Frau sagen
ließ das Frühstück auf sein Zimmer zu schicken sie gehorchte und er teilte
sein Frühstück mit seinem Bedienten Luise ließ sich noch einmal Kaffe machen
den sie einsam und traurig verzehrte
Seinen Geschmack im Essen suchte sie umsonst zu erraten er war jetzt eben
so schwer zu befriedigen als er ehedem einfach und genügsam gewesen war Die
Ausgaben in diesem Stück überstiegen bald ihre Mittel und sie entschloss sich
bei ihren Brüdern zu borgen auf die Gefahr hin nach seiner Abreise dann fasten
zu müssen um ihre Schulden zu bezahlen Zum Lohn aller dieser Mühe hörte sie
ihren Mann bei Tische zu seinem Bedienten sagen »Das Essen wäre gut für die
Hunde sollen wir sie nicht einladen« Dieser Bediente trug hauptsächlich dazu
bei ihre Lage kränkend zu machen solche Leute äffen ihren Herren in ihren
Äußerungen gern nach und Blachfelds Unachtsamkeit gegen seine Frau hatte die
Wirkung, dass auch dieser Mensch alle Ehrfurcht gegen sie aus den Augen setzte
Die auffallende Familiarität in welcher Blachfeld mit ihm lebte benahm Luisen
den Mut sich bei ihrem Manne über ihn zu beklagen es kam bald so weit dass er
ihr die gewöhnlichsten Dienste versagte So wollte er eines Morgens da die
Köchinn auf dem Markte war und Blachfeld Tee forderte kein Feuer anmachen
was sich doch kein Kammerdiener zur Schande angerechnet hätte Ein andermal gab
ihm Luise einen Auftrag an eine Bekannte er hatte keine Lust ihn auszurichten
aber er stellte sich als ob er es getan hätte und brachte im Namen von
Luisens Freundin eine höchst beleidigende Antwort zurück Luise kannte sie zu
gut um nicht zu zweifeln sie sprach mit ihr davon und erhielt die feierliche
Versicherung dass der Bediente sich gar nicht in ihrem Hause hätte blicken
lassen Seitdem Blachfeld eine so entschiedne Verachtung gegen die Weiber
äußerte fand es sein Bedienter unter seiner Würde auf den Wagen zu steigen
wenn Luise ausfuhr Sie geriet dadurch in die peinlichsten Verlegenheiten Oft
sah sie sich beim Ausgange aus dem Schauspielhause so verlassen dass sie ganz
fremde Leute um ihre Bedienten oder Wagen ansprechen musste um aus dem Haufen zu
kommen Einen Abend wartete sie lange in der Hoffnung endlich abgeholt zu
werden und schlug verschiednemale die Begleitung eines jungen Mannes aus der
ihre Verlegenheit wahrnahm Wie aber alle Logen leer alle Lichter ausgelöscht
waren musste sie sein Anerbieten annehmen ungeachtet sie ihn weiter nicht
kannte als dass sie seinen Namen und er den ihrigen wusste Aus Bedenklichkeit
wollte sie nicht in seinen Wagen steigen sondern ging ungeachtet es regnete
zu Fuß ihr Begleiter war ein Fremder er verfehlte den Weg ohne dass sie ihn in
ihrer Unruhe zurecht weisen konnte und so irrte sie lange umher Ein andermal
hatten alle Damen schon die Logen verlassen sie wartete noch gegen eine Stunde
die Finsternis zwang sie endlich herauszugehen und wie sie durch den Haufen
allein dringen musste hielt man sie für ein zweideutiges Geschöpf
Glücklicherweise ward sie vom erkannt dieser nannte sie einem andern
Herrn der ihr seinen Bedienten lieh um einen Wagen zu holen Wenn sie dann
von Angst und Kränkung ermattet nach Hause kam durfte sie ihrem Manne nicht
einmal klagen seine Türe war vor ihr verschlossen und fand sich einmal
Gelegenheit der Nachlässigkeit des Bedienten zu erwähnen so lächelte er
darüber und sagte es wäre ein pfiffiger Bursche Nur einmal zwang ihn ein
Zufall sich ihrer in diesem Stücke anzunehmen Ein Kriegsgefährte ihres Mannes
hatte sie einst nach geendigtem Schauspiel in einer ähnlichen Verlegenheit
getroffen und wie sie mitten auf der Treppe nach ihrem Bedienten suchte sagte
er »Bei Gott wenn das meiner Frau geschähe wie wollte ich den Kerl
zurechtweisen Ihr Mann muss sich keinen Respekt zu verschaffen wissen« der
Offizier brachte sie zu Hause und da er ihren Mann über die schlechte
Aufführung seines Bedienten aufzog sah sich Blachfeld ehrenhalber genötigt
diesen mit einer Ohrfeige abzustrafen die er aber noch an demselben Abend mit
einem Geschenke vergütete Der Mensch weigerte sich endlich ganz ihr
aufzuwarten so dass sie ihre Mutter um einen Bedienten bitten musste so oft sie
auszufahren hatte und bei Tische musste sie so viel wie möglich aller Bedienung
entbehren
Es gibt keinen nagendern Kummer als häuslichen da er außer den dabei
zunächst interessirten Personen keine Zeugen hat schließt er allen Trost von
fremdem Mitleid aus und wehe wenn das Misverhältniss so weit gekommen ist dass
sich jenes einmischt die Bitterkeit die daraus entsteht macht jede gründliche
Versöhnung unmöglich Luisens Gesundheit hielt so viel schmerzliche Auftritre
nicht aus An ihrem Namenstage den ihre Mutter durch ein Familienfest feiern
wollte war Luise von dieser gütigen Aufmerksamkeit zwar um so gerührter als
auch ihr Mann die Gefälligkeit hatte vom Hofe wegzubleiben um an dem Feste
teilzunehmen Allein sie fand sich vor dem Abendessen sehr krank sie zwang
sich es zu verbergen um Blachfelden nicht übellaunig zu machen indem sie ihn
genötigt hätte früher aus der Gesellschaft zu gehen oder die Pferde den Weg
zweimal zu machen gehabt hätten Ihr ältester Bruder fühlte indessen ihren Puls
und riet ihr den Arzt kommen zu lassen Es traf gerade die Zeit ein wo man
diesen gewöhnlich bezahlte und ob sie gleich um sich Verdruss zu ersparen
diese Ausgabe übernommen hatte so fehlte ihr doch jetzt an der nötigen Summe
eine Pistole die sie ihren Mann bat ihr vorzuschiessen Aber Blachfeld
behandelte sie sehr hart und schmollte den ganzen folgenden Morgen an welchem
sich Luise die äußerste Gewalt antat um sich bis zu ihrer Mutter zu schleppen
bei der sie zum Mittagsessen eingeladen waren Sie hatte oft und mit dem
innigsten Wunsche es gut zu machen über die Ursachen ihres traurigen
Verhältnisses nachgedacht Eine ihrer würdigsten Verwandtinnen die Schwester
ihres verstorbenen Vaters hatte ihr den Rat gegeben ihren Mann durch
Liebkosungen zu gewinnen und dieses Mittel konnte von einem Weibe das so gern
geliebt hätte mit herzlich gutem Willen befolgt werden Sie hofte an diesem
Tage Blachfelds üble Laune würde vorübergehend sein und indem sie ihm mit
zärtlichem Blick ihre Hand reichte bot sie ihm ihre Wange zum Kusse dar Wie
traurig ward ihre Hoffnung getäuscht da er ihr diesen innigen Ausdruck ihres
Gefühls als Falschheit und Künstelei auslegte Was musste die Arme leiden als
sie die keine größere Glückseligkeit kannte als geliebt zu sein sich so
missverstanden so zurückgestoßen sah Ihr eigenes Gefühl hatte sie freilich bis
jetzt darauf geführt dass Zurückhaltung ihres Mannes Liebe verdoppeln würde und
wie notwendig wäre es ein unerfahrnes reines Mädchenherz über den Punkt zu
belehren wo ihre schwärmerische Delikatesse dem graderen nicht vernünftelnden
sondern einfach begehrenden Gefühl eines Mannes nachgeben muss Jetzt war es zu
spät das häusliche Missverständnis wurde immer unheilbarer und die Banden ihrer
Herzen zerrissen immer unwiederbringlicher
Ein äußerst schmerzlicher Rheumatismus war die Folge dieser Unpässlichkeit
er warf sich auf die Brust und Luise musste ein Blasenpflaster gebrauchen
dessen Wirkung bei der Reizbarkeit ihres Körpers sie unendlich leiden machte
sie bat Blachfelden bei ihr zu bleiben er schützte aber Dienstpflichten vor
Bei seiner Rückkehr erzählte er lachend dass er bei einer artigen Frau Kaffe
getrunken und wie die Teestunde herangekommen wäre zwar fortgewollt aber
sich so gut da befunden hätte dass er bis spät Abends geblieben wäre Luise
hatte einen Jugendfreund gehabt der vorzügliche Talente zum Vorlesen besaß es
war ihrer Mutter und ihr bei ihren Krankheiten oft eine Erleichterung gewesen
ihm zuzuhören Blachfeld las indessen auch gern vor und aus einer sehr
verzeihlichen Schwachheit hatte er gegen Luisen geäußert dass es ihm lieber sein
würde jenen Mann nicht mehr zu sehen sie machte sich eine Freude ihm
nachzugeben und opferte den Umgang mit ihrem alten Bekannten unter irgend
einem Vorwande auf So oft aber Luise ihren Mann seitdem bat ihr vorzulesen
stellte er sich beschäftigt und es kam nie dazu Er stellte sich so denn als
seine Frau einst gegen ihre Mutter ihn bedauerte dass er so viel zu tun hätte
antwortete diese »Immer ist das wenigstens nicht der Fall wenn er dich
verlässt denn gestern zum Beispiel hat er den ganzen Tag bei uns zugebracht
und Abends obgleich unter der beständigen Versicherung dass er sehr beschäftigt
wäre in der Karte gespielt Jetzt da Luise an ihrer Brustkrankheit einsam
darnieder lag hörte sie ihn oft im benachbarten Zimmer laut lesen sie bat ihn
die Tür offen zu lassen damit sie zuhören könnte er schlug es ihr aber mit
einer Härte ab die von jedem Manne gegen jedes Weib vorzüglich aber von einem
Gatten gegen seine kranke Frau unverzeihlich war
Luise ward endlich geneigt seinen Unmut und besonders seine Verweigerung
den Arzt bezahlen zu helfen einer dringenden Geldverlegenheit zuzuschreiben
Aber es ereignete sich bald ein Umstand der ihr diesen Irrtum benahm
Blachfeld kam eines Abends unter noch heftigerem Fluchen wie gewöhnlich von
der Maskerade nach Hause Luise erkundigte sich nach der Veranlassung seines
Verdrusses und hörte dass man ihm sechzig Pistolen aus der Tasche gestohlen
hätte Sie bot ihm ihren Schmuck an um einen Verlust der ihm so nahe zu gehen
schien einigermaßen zu ersetzen er sagte aber lachend »Das wäre das
geringste er hätte über dreimal so viel in seiner Chatulle« Der Widerwille
gegen sein Weib stieg endlich so hoch dass er sein Zimmer ganz vor ihr
verschloss und sie dadurch nötigte in dem Kinderzimmer dem einzigen das ihr
übrig blieb eingeschlossen zu bleiben da zu schlafen zu speisen den ganzen
Tag zuzubringen Das Haus war nun ein Bild der traurigsten Zerrüttung Die
Bedienten welche mit der ungestümsten Härte behandelt wurden wären nie bei
ihrem Herrn geblieben wenn er ihnen nicht dafür die untätigste und
zügelloseste Lebensart verstattet hätte Hauswäsche Leinenzeug Geräte alles
wurde verschleppt gestohlen verdorben und da Luise durch ihren Mann selbst
ihres Ansehens als Hausfrau beraubt war musste sie allen diesen Unfug vor ihren
Augen dulden Sie verlor in sechs Wochen mehr Wäsche als sie durch ein
jahrlanges Bemühen und Arbeiten angeschafft hatte
Je mehr sich Luise mit Sanftmut Ergebung und Geduld bewaffnete je mehr
Kränkungen sie verschluckte je mehr Beleidigungen sie stillschweigend hingehen
ließ je tirannischer wurde Blachfelds Betragen Sie konnte sich noch nicht
überreden dass alle ihre Opfer vergeblich wären Es war Karneval die ganze
Nacht wartete sie durch das Geräusch der Wagen am Schlafe verhindert und bei
einem jeden der vorbeifuhr bildete sie sich ein er brächte ihren Mann zurück
Wie schlug ihr Herz von banger Hoffnung wenn endlich einer vor der Türe hielt
wenn sie den immer noch geliebten Mann zu Hause und in ihrer Nähe wusste Eine
Stunde wohl brachte sie dann in der süßen Erwartung zu wenn er ausgekleidet
wäre wenn er seinen Bedienten fortgeschickt hätte würde er ihr gute Nacht
sagen denn die Sorgfalt welche ihr Kind forderte hatte ihr eine hinreichende
Ursache geschienen abgesondert zu schlafen und sein Verdacht als wäre dieses
nur ein Vorwand war eine der zahllosen Ungerechtigkeiten die sie erlitt Dieser
Gruß dieser Beschluss des Tages war das einzige Glück nach welchem sie sich
sehnte und es ward ihr oft versagt Traurig legte sie sich dann nieder und
hofte dass es den nächsten Tag besser gehen würde Kaum erschien dieser so ging
Blachfeld aus kam nur um sich anzukleiden nach Hause und der Abend brachte die
peinliche Spannung des vorigen Tages zurück Es fehlte noch ein Tropfen in dem
Kelche des Leidens um ihn Luisen unerträglich zu machen und diesen schüttete
eine ihrer Freundinnen vielleicht aus wohlmeinender Teilnahme aber sicherlich
sehr unvorsichtig und rücksichtslos vollends hinein indem sie eines Tages zu
ihr sagte man gäbe Blachfelden Schuld ein Meister in der Verstellung zu sein
und so wäre es ja leicht möglich dass seine heftige Leidenschaft vor ihrer Ehe
bloße Komödie gewesen sei Diese Äußerung zerriss Luisens Herz Also selbst die
Erinnerung vormals geliebt gewesen zu sein war eine Täuschung also war alles
ihr Bemühen vergeblich und Blachfelds Herz war jedes zärtlichen Gefühls
durchaus unfähig Fast verzweifelnd eilte sie diesen neuen Kummer in ihrer
Mutter Busen auszuschütten Die gute Frau hatte bei ihrem Gram über Luisens
unglückliche Ehe nicht Unbefangenheit genug ihr in diesem Augenblick
Beruhigung zu geben Sie antwortete vielmehr von Bitterkeit hingerissen »Gewiss
war seine heftige Leidenschaft nichts als Heuchelei Ich wundre mich dass du es
nicht gewahr wurdest Wie hätte er auch ein immer in Tränen schwimmendes
schwermütiges Geschöpf in diesem Grade lieben können Und doch schien es als
betete er dich selbst um deiner Fehler willen an Ich sah gleich dass er es
nicht aufrichtig meinte« »Sie sahen es Mutter rief Luise außer sich Sie
sahen es und gaben ihm Ihr Kind und entreißen mir jetzt alle Hoffnung« Zum
zweitenmal in ihrem Leben vergaß die Unglückliche was sie ihrer Mutter schuldig
war und überließ sich allem Ungestüm ihres Schmerzes Hätte sie nachdenken
können wäre sie bei einem zu vergifteten Herzen einiger kalten Überlegung fähig
gewesen so hätte sie den Ungrund jener Bemerkung ihrer Freundin selbst
einsehen müssen Blachfelds übrige Fehler schlossen die Falschheit gerade aus
wenigstens jedes zusammenhängende Gewebe von Falschheit Ungestüm launig
wankelmütig wie er war hätte er eine seinem Herzen fremde Rolle wenn auch
allenfalls übernehmen doch sicherlich nie ausspielen können Wahrscheinlich
hatte ihre Freundin geglaubt dass es die Artigkeit mit sich bringe gegen eine
Frau die unglücklich mit ihrem Manne lebte aufs Geratewohl böses von ihm zu
sprechen und sie hatte nicht berechnen können welchen Kummer sie Luisen
bereitete
Jetzt oder niemals war es Zeit ein Haus zu verlassen wo sie weder mit Ehren
noch zum Nutzen ihres verblendeten Gatten lebte wo sie mit Gram und
Demütigungen überhäuft wurde Blachfeld betrachtete es kaum als seine
Schlafstelle Seit einem unbedeutenden Vorfalle bei welchem Luise nur seinen
Willen zu erfüllen geglaubt hatte speiste er im Wirtshause den ganzen übrigen
Tag brachte er auswärts oder in seinem Zimmer eingeschlossen zu und wenn er
in Gesellschaft ging erkundigte er sich erst sorgfältig bei Luisens Magd ob er
auch nicht in Gefahr käme seine Frau zu treffen In dem grausamsten Kampf über
einen Entschluss bei welchem in ihrer doppelten Eigenschaft als Mutter und als
Gattin Natur Sittlichkeit und Religion bald für sie bald für Blachfeld
stritten ging sie einst in die Kirche um Stärkung und Leitung von Gott zu
erflehen Man sang eben ein schönes Lied über das zukünftige Leben Der Sturm
ihrer Seele ward durch die Gedanken die dieses Lied erregte besänftigt ihre
Bitterkeit gegen Blachfeld verschwand und machte einem innigwehmütigen Gefühle
der Nichtigkeit menschlicher Wünsche Hoffnungen und Plane Raum Sie erinnerte
sich wie oft sie auf ihren einsamen Spaziergängen sich nach Blachfelds
Zurückkunft gesehnt hatte wie oft ihr seine freudige Teilnehmung bei den Fort
schritten bei der Entwickelung ihres Kindes gefehlt hatte wie oft sie bei
ihrer Lektüre gedacht hatte möchte doch Blachfeld mit mir lesen Ihre Wünsche
waren erhört worden er war zurückgekehrt aber keine der Freuden die sie sich
versprach hatte ihn begleitet Unmöglich aber konnte sein Herz auf ewig ihr
verschlossen sein vielleicht hatte sie nur den rechten Weg zu diesem Herzen
noch nicht gefunden Sie beschloss noch einen Versuch zu wagen ihm noch
einmal alle ihre Zärtlichkeit entgegen zu tragen Mit diesem Vorsatz eilte sie
nach dem Gottesdienst in Blachfelds Zimmer In der Meinung dass es sein
Bedienter wäre verhinderte er sie nicht hereinzukommen Sie ergriff seine Hand
aber unfähig zu sprechen überströmten Tränen ihr Gesicht Blachfeld sah sie
fließen und lächelte Sie bemerkte dieses Lächeln wohl es war nicht jene
freundliche Weisheit die tröstend über menschliche Schwäche lächelt es war der
zurückweisende Ausdruck eines verhärteten Herzens das der Empfindung zu seinem
Glücke nicht mehr bedarf und sich freut sie in andern zu finden die er darum
mit desto besserem Erfolge quälen kann Blachfeld genoss diese grausame Freude
eine Weile lang in vollem Maße dann führte er immer fortlachend Luisen an
die Türe »Was soll aber aus mir werden« rief sie mit erstickter Stimme
»Das ist meine geringste Sorge« »Haben Sie Mitleid mit mir« »Ich habe mir
vorgenommen mit niemanden Mitleid zu haben da niemand es mit mir hat« Luise
begriff jetzt dass er irgend einen verborgenen Verdruss haben müsste und sie fühlte
von neuem wie unzerreissbar die Kette von Schmerz und Fehltritten ist sobald
Eintracht und gutes Vernehmen einmal aus einer Ehe verbannt sind Eine der
traurigsten Folgen ist gewiss der Mangel an Mitteilung beiden Teilen entgeht
der Augenblick wo die Umstände besondere Nachsicht gegen böse Laune oder
Ungerechtigkeit erfordern und dies unwillkührliche Versehen wird von dem
leidenden Teile doch selbst als Ungerechtigkeit empfunden Luise fuhr sanft
fort »Ich hoffe dass die Vorsehung Ihren Sinn ändern wird« Er unterbrach sie
»Ich habe ihrer nicht nötig sie hätte viel zu tun wenn sie sich mir fühlbar
machen sollte In dieser Welt muss man die Menschen benutzen aber sich an keinen
binden Ein andres Mittel glücklich zu sein gibt es nicht« So schloss sich
diese Unterredung auf welche Luise ihre letzte Hoffnung gebaut hatte so gelang
ihre Bemühung ein Herz zu erweichen von dessen Besitz ihre ganze Bestimmung zum
Glück abhing Sie sah nunmehr deutlich dass Blachfeld einer Gattin los zu sein
wünschte deren Leiden selbst ihm zu einem stillschweigenden Vorwurf gereichten
welcher ihm unerträglich zu werden anfing Die Scheidung zu fordern fiel ihm
jetzt indessen nicht ein weil Luisens Mutter in einem Alter war das ihm
versprach sie bald unter vorteilhafteren Bedingungen zu erhalten als in den
gegenwärtigen Umständen Madame N merkte ihm diesen Plan ab und ob sie gleich
äußerlich in gutem Vernehmen mit ihm stand so war sie doch über sein Betragen
gegen ihre Tochter so aufgebracht dass sie diese insgeheim bat darin zu
willigen dass sie ihre Kinder an seiner Stelle zu Erben einsetzte Luise konnte
aber der Hoffnung ihn zu gewinnen noch nicht ganz entsagen und wollte nicht
dass er im wahrscheinlichen Falle ihres früheren Todes auf seine alten Tage von
seinen Kindern abhängen sollte sie hätte freilich bei dieser Einrichtung nichts
verloren da ihr nach den Gesetzen der Niesbrauch des Vermögens zukam
Ein Entschluss musste indessen genommen werden Blachfeld hatte in
Dienstgeschäften eine Reise zu machen die aber von zu kurzer Dauer sein sollte
um Luisen Hoffnung zu geben dass etwa Zeit und Entfernung sein Betragen mildern
möchten Diese Wirkung war nur von dem Alter und der Abkühlung seiner
Leidenschaften zu erwarten Er wird sich zu mir wenden sagte sie zu sich
selbst wenn die Welt ihn verlassen haben wird ich will ihn auf einige Jahre
von meiner Gegenwart befreien Um alles Aufsehen zu vermeiden sah sie kein
besseres Mittel als um die nämliche Zeit wie er abzureisen und nicht erst
seine Zurückkunft abzuwarten Sie sprach mit ihrer Mutter davon und diese gute
Frau zu teilnehmend um ihre Gründe nicht zu fühlen sagte bloß zu ihr »Ich
will mich deiner Abreise nicht widersetzen ich weiß was ich dir auf diesen Fall
schon versprochen habe und weiß auch aus dem Zeugnis deiner beiden
Dienstmägde dass dein Haus dir eine Hölle sein muss sie begreifen nicht wie du
so lange ausgedauert hast Ich will dich also nicht zurückhalten aber bedenke
dass ich während deiner Abwesenheit sterben könnte Ich kenne dich genug um zu
wissen dass du trostlos sein würdest« Mit dieser Vorstellung hatte sie Luisen
schon öfters von ihrem Vorhaben abgebracht und auch jetzt wäre es ihr gelungen
wenn Blachfeld nicht selbst geschienen hätte die Ausführung desselben zu
wünschen Dies wusste sie von dem Kindermädchen welches Mittel gefunden hatte
sein Vertrauen zu gewinnen Er brachte in den Stunden wo Luise bei ihrer Mutter
war manchen müßigen Augenblick in ihrem Zimmer zu und vertrieb sich die Zeit
damit das Mädchen über ihre Herrschaft auszufragen Sie mochte also wirklich
besser als Luise wissen wie Blachfeld über diesen Punkt dachte außerdem hatte
sie aber selbst einen Grund Luisens Abreise zu wünschen bei welcher sie einen
unmittelbaren Vorteil zu finden hofte Sie war sehr geschickt und verdiente
vieles Geld zu ihrem ohnehin ansehnlichen Lohne indem sie mit Luisens
Erlaubnis für Leute außer dem Hause arbeitete Sie berechnete sehr richtig dass
ihre Herrschaft während Blachfelds Abwesenheit auf das Land gehen würde wo
ihr außerordentlicher Erwerb dann wegfallen müsste wenn Luise hingegen verreiste
und sie im Hause ließ konnte sie mehr als jemals verdienen Sie versicherte
Luisen dass sie ihren Mann durch einen längeren Aufschub ihres Vorsatzes immer
mehr erbittern würde und hinterbrachte ihr mehrere seiner Reden die das Herz
der unglücklichen Frau nur zu tief verwundeten ungeachtet sie gegen das
Mädchen sich stellte als ob sie nicht daran glaubte
Die Reise erforderte einen Vorschuss den Luise jetzt nicht in Händen hatte
Blachfeld hatte ihr zwar vierzig Pistolen zu diesem Behufe versprochen aber der
Diebstahl den er neulich erlitten hatte diente ihm zum Vorwande sein Wort
zurückzunehmen Um indessen der Ausführung des Plans nicht im Wege zu sein
bequemte er sich eine Schrift zu unterzeichnen in welcher er sich dazu bekannte
die Trennung gefordert zu haben und um das Publikum davon zu überzeugen sich
verpflichtete seiner Frau eine gewisse Summe zu ihrem standesmässigen
Unterhalte und eine andre zur Ernährung ihres Kindes auszusetzen Luise
überließ es ihm diese Summen so niedrig zu bestimmen als er wollte sie würde
ihre Einrichtung danach machen Er betrug sich aber in diesem Punkte so
anständig dass Luise deren Herz bei dem geringsten Anschein von Delikatesse
und Güte sich mit neuen Hoffnungen schmeichelte ihm nochmals anbot zu bleiben
Allein seine Antwort verwundete sie wieder aufs Äußerste er sagte ihr in
Gegenwart seines Bedienten dass ihre Anwesenheit ihm unerträglich wäre war aber
doch schonend genug um sich einer fremden Sprache zu bedienen indem er
hinzusetzte »ich bin auf glühenden Kohlen so lange Sie hier sind«
Mit der Ruhe die ein gutes Gewissen gibt bereitete sich also Luise zur
Abreise Vielleicht beleidigte diese Ruhe seine Eigenliebe vielleicht ging sein
Hass gegen sie so weit dass er sie nicht allein unglücklich sondern auch
verzweifelnd sehen wollte Er ergriff wenigstens das beste Mittel um diesen
Zweck zu erreichen er suchte sie mit ihrer Mutter zu entzweien Gelang ihm
dieses so war ihre letzte Stütze dahin so hatte sie ihren einzigen Trost mit
dem Segen ihrer Mutter abzureisen verloren Er wusste dass Madame N Luisens
Kind mit aller Zärtlichkeit einer Großmutter liebte und sich mit dem größten
Schmerz von demselben losriss Er bot ihr an es zurück zu behalten und um
Luisens Brüder zu gewinnen und zu überreden dass in der Schrift die er Luisen
gegeben von dem Kinde die Rede nicht sei wollte er ihnen die Erziehung
desselben anvertrauen Als Hauptursache dieser Grausamkeit schützte er eine
Besorgnis vor dass Luisens Schwermut auf das Kind Einfluss haben könnte Er
bevollmächtigte seine Schwäger im Fall dass Luise sich widersetzen möchte ihr
das Kind sogar mit Gewalt zu entreißen Gewalt gegen eine Mutter die noch
schwach war von ihren Leiden bei der Entbindung von eben diesem Kinde Gewalt
um Bande zu zerreißen an denen die Natur so lange so unbegreiflich arbeitet
Man sollte ein schwaches Weib misshandeln weil sie keine unnatürliche Mutter
sein wollte man sollte sie für ihre Zärtlichkeit strafen Blachfeld schrieb
seiner Frau ein Billet das ihr seinen Willen in Absicht auf das Kind bekannt
machte und verließ das Haus ehe es ihr übergeben wurde er hatte den Mut
nicht Zeuge von der Wirkung seiner Grausamkeit zu sein Luise ward bei
Eröffnung des Zettels von konvulsivischen Bewegungen ergriffen Die Magd die
ihr die abscheuliche Botschaft überbrachte sah sie an Gesicht und Händen blau
werden ja ihre Zunge wandelte sich in dieselbe Farbe und konnte nur gebrochen
die Worte stammeln »Mein Kind ach mein Kind« Es war in diesem Augenblicke
schon in den Händen seiner Räuber Luisens Mutter hatte es an dem nämlichen
Morgen abholen lassen Gewöhnlich vertraute es Luise außer dem Hause nie einer
fremden Aufsicht aber heute war sie mit dem Einpacken beschäftigt gewesen und
hatte es ihrer Mutter geschickt der sie zugleich sagen ließ dass sie den Mittag
bei ihr speisen würde Es regnete stark Blachfelds Pferde durfte sie nicht zu
brauchen wagen und ihre ängstliche Ungeduld erlaubte ihr nicht die Ankunft der
zur Mittagsstunde bestellten Sänfte abzuwarten Sie eilte also trotz des
stürmischen Wetters zu Fuß durch die Straßen stürzte in das Zimmer ihrer
Mutter zu ihren Füßen bat flehte sagte alles was ihr Zärtlichkeit und Angst
eingaben um sie zu rühren um ihr Kind wieder zu bekommen Umsonst Madame N
hörte nur die Stimme des Vorurteils und ihrer eignen Wünsche sie war taub
gegen das Flehen ihrer Tochter Endlich ließ sich Luise von der Verzweiflung
hinreißen »Um Ihnen zu gefallen rief sie habe ich mein Glück alle meine
liebsten Neigungen geopfert Mein Kind soll kein neues Opfer werden« Man
fing an auf sie zu hören sie bot jedes Unterpfand an dass sie ihre Abreise in
diesem Augenblick aufschieben würde und eilte mit ihrem schwer erkämpften
Schatze mit ihrem Kinde im Arm nach ihrer Wohnung zurück Hier erwartete sie
Blachfelds Zurückkunft in einem Zustande der nicht beschrieben werden kann.
Welche Gedanken zerrissen ihr Gemüt Von der einen Seite empfand sie die
grimmigste Erbitterung sich ein Geschöpf das nie auf eines Menschen Schaden
gesonnen hatte auf allen Schritten ihres Lebens in allen ihren Gefühlen mit
dem eifrigsten Hass verfolgt zu finden von der andern zerfleischte Reue ihr
Herz dass sie sich abermals gegen ihre gute wohlmeinende Mutter vergangen und
am Tage vor einer Reise die sie vielleicht auf ewig von ihr trennte ihren Zorn
auf sich geladen hatte »Ewige Vorsicht rief sie in der Angst ihres Herzens du
kanntest die Reinheit meiner Absicht wie konntest du mich durch die Umstände
zum Verbrechen hinreißen lassen« Einige Augenblicke darauf schien es ihr als
hätte Gott diese quälende Reue sie erfahren lassen um ihr eine größere zu
ersparen die sie sich durch ihre Abreise vorbereitet hätte Sie wollte nun ihre
Mutter nicht verlassen sie wollte bleiben um wieder gut zu machen was sie
heute begangen hatte Mit dieser Idee war sie beschäftigt als Blachfeld ihr
durch die Magd sagen ließ dass sie das Kind auf ihrer Reise mitnehmen sollte
Luise glaubte nun sich in ihrer Auslegung des göttlichen Willens geirrt zu
haben und hielt diese neue Willensänderung ihres Gemahls für einen Wink der
Vorsehung bei ihrem ersten Vorsatz zu bleiben Aber Blachfelds Betragen fühlte
sie so tief dass sie sich nicht enthalten konnte nachher zu ihm zu sagen »Sie
haben die Ruhe meines Lebens unwiederbringlich zerstört indem Sie mich in einen
Zustand stürzten wo die Verzweiflung mich gegen meine Mutter Worte ausstoßen
machte die ich mir nie verzeihen werde« Blass und mit zerstreutem Haar musste
sie das Bild des bedauernswürdigsten Kummers sein und wäre in Blachfelds Herzen
noch menschliches Gefühl gegen sie gewesen so hätte er einsehen müssen wie
sehr ein einziges tröstendes Wort ihr notgetan hätte Statt dessen vergiftete
er ihren Schmerz vollends durch die kaltblütige Bemerkung dass dieses ja nicht
der erste Auftritt der Art wäre den sie mit ihrer Mutter hätte So sehr hatte
die Zeit den Gesichtspunkt aus welchem er Luisen betrachtete verändert Jetzt
machte er ihr den Vorwurf dass sie ihre Mutter schon eher beleidigt hätte und
ehemals als er sechs Monate mitten unter ihrer Familie lebte hatte er nicht
nur gegen Luisen denn das hätte Liebhabersprache sein können sondern gegen
mehrere seiner Freunde geäußert dass er Luisens Geduld im Ertragen des
unaufhörlichsten und dadurch unerträglichsten Widerspruchs von Seiten ihrer
Mutter bewunderte dass er bei aller Festigkeit deren er sich rühmen dürfte
nicht fähig sein würde es ihr gleich zu tun Er war noch weiter gegangen er
war auf Luisens unermüdete Achtsamkeit gegen ihre Brüder eifersüchtig gewesen
»Sie würden von mir nicht so viel dulden sagte er als Sie sich von Ihren
Brüdern gefallen lassen« und wie Luise ihm antwortete Sie weinen jetzt mit
mir und werden mir vielleicht einst meinen jetzigen Kummer vorwerfen
erwiderte er »Nein ich werde nie so niedrig und schändlich sein Sie können
gegen mich fehlen aber ich kann nie Ihr Betragen gegen Ihre Familie vergessen
und dass Ihnen nie eine Klage über sie entfuhr Ihre Mutter handelt nicht so ob
sie gleich weiß dass ihrer Tochter Schicksal in meinen Händen beruht und ihre
Reden Einfluss darauf haben könnten« Damals erschien ihm Luise als das Ziel
seiner eigensinnigen Wünsche und jede Erfüllung ihrer Pflicht zierte sie wie
ein Verdienst jetzt aber verblüht durch Leiden und Krankheit als Weib als
Mutter für ihn nichts als eine lästige Fessel gab ihm ihr Unglück selbst Stoff
zum Vorwurf
Doch es ist Zeit zu der letzten Epoche dieser traurigen Geschichte zu eilen
Als Madame N erfuhr dass Blachfeld Luisen sein Kind lassen wollte versicherte
sie ihrer Tochter dass sie ihre Übereilung von ganzem Herzem vergäbe und sie
nur angelegentlich bäte sich das Leben nicht durch unnütze Selbstanklagen zu
verbittern Luise brachte den Abend zu den Füßen ihrer Mutter zu bald bat sie
um ihre Verzeihung bald dankte sie für ihre Güte und erhielt von neuem ihre
Einwilligung und ihren Segen zur Reise Sie war von diesem Abend so gerührt dass
sie auf dem Heimweg und bei ihrer Rückkunft ernstlich darauf dachte die
Verzeihung ihrer Mutter völlig zu verdienen indem sie ihren Reiseplan ein für
allemal aufgäbe Sie befahl daher die Pferde welche für den nächsten Morgen
bestellt waren wieder abzubestellen Jenes Mädchen das erwähntermassen bei
Luisens Abreise seinen Vorteil fand wiederholte ihr nunmehr alle Gründe die
sie bestimmen sollten ihrem ersten Entschluss getreu zu bleiben Luise hörte sie
schweigend an und schickte sie alsdann fort in der Absicht bei Blachfelden
einen neuen Versuch zu wagen der sie über ihr Tun oder Lassen beruhigte Sie
klopfte an sein Zimmer und bat um die Erlaubnis mit ihm zu sprechen Seine
freundliche Antwort flößte ihr Hoffnung ein dass die Vorsehung ihr bei ihrem
Vorhaben das auf den tugendhaftesten Bewegungsgründen beruhte behilflich sein
wollte Überzeugt dass Blachfeld nur durch die unbedingteste Unterwerfung zu
gewinnen war nahm sie alles auf sich bat um seine Verzeihung und fragte ihn
was sie hoffen dürfte wenn alles Vergangne vergessen würde und sie ihrer Reise
entsagte ob er ihr dann auch seinerseits erlaubte ohne die Dazwischenkunft
einer Dritten deren Treue ihr verdächtig wäre mit ihm zu sprechen Blachfeld
suchte sie von dem Ungrund ihres Verdachtes auf das Mädchen zu überzeugen und
bat sie nicht zu glauben dass er ihre Abreise wünschte um mit diesem Mädchen
allein zu bleiben »Sie würde nicht bleiben wollen sagte Luise sie ist ein
rechtliches Mädchen« Blachfeld fuhr fort in dem artigsten Tone mit seiner Frau
zu sprechen und Luise legte sich hierauf mit dem Bewusstsein nieder den besten
Weg eingeschlagen zu haben Am folgenden Morgen wollte sie aus Delikatesse
damit er nicht glauben möchte dass sie sich auf die Rechte welche die gestrige
Versöhnung ihr gab zu viel zu gute täte nicht sogleich in sein Zimmer gehen
aber diese Bedenklichkeit kam ihr teuer zu stehen Blachfeld sprach mit dem
Mädchen und sei es aus Neugierde um ihre Tugend zu prüfen oder aus einem noch
weniger edelen Bewegungsgrund er sagte ihr von der Eifersucht ihrer Herrschaft
und dass ihr Ruf darunter leiden würde wenn seine Frau von ihrer Reise abstände
indem diese allenthalben sagen würde sie hätte sich nicht getrauen dürfen ihr
Mädchen mit ihrem Manne allein zu lassen Das Mädchen eilte weinend zu Luisen
beschuldigte sie dass sie ihren guten Namen zu Grunde richtete stellte ihr vor
dass sie außer diesem kein Gut kein Mittel zu ihrem Fortkommen hätte »Und
mein Mann fragte Luise mit zitternder Stimme mein Mann hat ihr gesagt dass ich
sie in Verdacht habe« Das Mädchen bejahte es und setzte noch so viele heftige
aufbringende Dinge hinzu dass Luise völlig außer Fassung und in ihre ganze
vorige Erbitterung zurückgeworfen von neuem abzureisen beschloss Sie wollte
aber durchaus ihren Mann noch einmal sehen Sie schleppte sich erschöpft in sein
Zimmer und flehte um was dass er sie betrügen möchte Er schlug ein lautes
Gelächter auf »Glauben Sie denn Madame dass ich mir ein Gewissen daraus machen
würde sobald das Mädchen es zufrieden wäre« »Ach Blachfeld antwortete
Luise möchte sie doch Ihre Maitresse sein wenn ich mir nur noch schmeicheln
könnte Ihre Achtung zu besitzen Nein das ist es nicht aber dass Sie die
Schwäche Ihrer Gattin verrieten und an wen an ihre Magd verrieten dass Sie
dieses Mädchen zum offenen Streit mit dem Weibe das Ihren Namen trägt mit der
Mutter Ihres Kindes berechtigten das ist zu viel meine Abreise ist
beschlossen«
Als Madame N diesen Vorgang erfuhr munterte sie selbst ihre Tochter auf
einen Ort zu verlassen wo jeder Gegenstand ihren Kummer erneute Sie umarmte
Luisen die sich nicht von ihr losreißen konnte und immer wieder in ihre Arme
zurückkehren wollte sie drückte ihre Enkelin an ihr Herz Das Kind sah erstaunt
dem rührenden Auftritte zu »Warum blickt mich das Kind so an« fragte Madame
N betroffen »Weil es Sie weinen sieht Mutter« antwortete Luise schnell um
einer traurigen Ahndung auszuweichen der sie mehr Gehör hätte geben sollen
Endlich verließ sie das Haus die Stadt wo ihr Jugendglück verblüht und ihr
Dasein vernichtet worden war und trat zum zweitenmal den Weg nach ihres Vaters
Geburtslande an
Ihre Reise verschafte ihr das Vergnügen Blachfelds Vater kennen zu lernen
Sie ward mit Güte und Achtung in seinem Hause empfangen und fand an ihm einen
liebenswürdigen Greis dem ein langer Umgang mit der großen Welt den feinen
ehrerbietigen Ton gegen das weibliche Geschlecht gegeben hatte durch welchen
man dessen Beifall nie verfehlt Luise hatte sich von ihrem Vater her gewöhnt
die Männer überhaupt zu ehren die Achtung die Aufmerksamkeit die sie dem
alten Blachfeld erwies floss also aus ihrem Herzen und ihre Liebkosungen hatten
keinen eigennützigen Grund denn sie hofte nichts von seinem Einfluss auf seinen
Sohn Durch die liebenswürdige Enkelin die sie ihm zuführte gewann sie
vollends sein Herz Im ersten Augenblick war die Zusammenkunft zwar etwas kalt
allein Luise erschien nicht als Verbrecherin sie hatte nichts getan das sie
des Namens seiner Tochter unwürdig machte und der alte Mann gab ihr bald mit
voller Freude diesen Namen Am folgenden Morgen sagte er ihr sehr verbindlich
dass er sich nicht entschließen könnte von ihr zu scheiden und er schlug ihr
vor die Sinnesänderung ihres Mannes bei ihm abzuwarten »Ich bin gewiss sagte
er dass meine Tochter in diesen Wunsch mit einstimmt« Allerdings stotterte
Blachfelds Schwester ward rot und umarmte Luisen Allein dieser war auf den
ersten Blick der Grund dieses Errötens nicht entgangen sie war eifersüchtig
auf des guten Greises Zuneigung und Wunsch seine Schwiegertochter bei sich zu
behalten Als er ferner darauf bestand verschafte sie ihr sogar Gelegenheit
heimlich fortzureisen Ohne diese Stimmung ihrer Schwägerin welche bei Mädchen
sehr natürlich ist die über die Jugendjahre hinaus jüngere Weiber preisen
höeen würde Luise des alten Blachfelds gütigen Vorschlag mit Freuden angenommen
haben Seine stille ruhige Lebensart harmonirte mit ihrer gegenwärtigen
Gemütslage und sie hätte Mittel gefunden ihre Schwägerin für die etwanigen
Kosten ihres Aufenthalts zu entschädigen Sie beschäftigte sich einen Augenblick
mit dem Projekt in der Stadt wo ihr Schwiegervater lebte eine Wohnung zu
mieten und ihre eigne Wirtschaft zu führen wie sie aber ihre Schwägerin
darüber zu Rate zog schlug ihr diese eine benachbarte Stadt vor um das
Projekt auszuführen Luise lächelte über diese ungeschickte Verschlagenheit und
antwortete höflich ehe sie sich in einer ganz fremden Stadt niederliesse wollte
sie lieber nach B gehen wo sie sich schmeicheln könnte von Verwandten und
Freunden aufgenommen zu werden Man hätte denken sollen dass es Luisen nur
darauf ankäme eine Stadt zu finden da es ihr doch bloß um eine
freundschaftliche Seele zu tun war Ihr Schwiegervater hatte eine solche und
mancher kleine Zug machte ihn Luisen sehr teuer Da sie gewahr wurde dass er im
Grunde die zärtlichste Liebe für seinen Sohn hatte packte sie ihr Reisepult
aus um ihm Blachfelds Brustbild zu zeigen das sie bei sich hatte Er dankte
ihr und bat um die Erlaubnis es küssen zu dürfen Luise fühlte die ganze
Feinheit dieses Betragens »Ich will mehr tun antwortete sie ich will Ihnen
darin zuvorkommen« Sie reichte ihm alsdann das Bild und rief indem sie sich
in seine Arme warf »Lieben Sie ihn er verdient es durch den Ruf seiner
Tapferkeit und mehr noch durch seine Zärtlichkeit für Sie« Er würde es nicht
mehr verdienen wenn er Ihnen sein Herz nicht wieder zuwendete sagte der Alte
gerührt »Nein das kann nie mehr geschehen Damit er Mitleid für mich
empfände müsste er wissen was ich fünf Jahre hindurch um seinetwillen litt und
ihm das zu sagen ist keines Menschen Vorteil noch Absicht Ihr eigenes Zeugnis
würde unvollständig sein denn Sie kennen mich nicht«
Blachfelds Schwester schüttete noch Öl ins Feuer indem sie Luisen
versicherte dass ihres Bruders Gemütsart nie dazu getaugt hätte das Glück
einer Frau zu machen man würde daher auch lieber gesehen haben wenn sich sein
jüngerer Bruder statt seiner verheiratet hätte und von ihm hätte man zu sagen
gepflegt er träte in die Fusstapfen seines Vaters der zwei Weiber sehr
unglücklich gemacht und sich dessen in Gegenwart seiner Söhne öfters gerühmt
hätte worauf der ältere immer mit Freuden zu hören geschienen Nach ihrem
Tode beweint zu werden war endlich aller Trost den sich Luise versprechen
konnte denn sie erfuhr von einem Mitgliede der Familie dass Blachfelds Mutter
ein Engel an Duldung und Güte gewesen war und dass ihr Tod den alten Blachfeld
heftig genug angegriffen hatte um ihn selbst lange auf das Krankenlager
hinzustrecken
Ehe Luise das Ziel erreichte das sie fürs erste ihrer Reise gesteckt hatte
empfing sie die wohltätigste Beruhigung durch einen sehr zärtlichen Brief ihrer
Mutter Das Schicksal schien ihr nunmehr überhaupt nach so langen Leiden einen
Augenblick Frieden zu gönnen Sie hatte alle Orte in B vermieden wo Menschen
lebten die sie vor ihrer Heirat gekannt hatte um ihrem Manne nicht zu
missfallen indem sie den Umgang mit ihnen erneuerte Sie mietete sich in ein
kleines Dorf ein dessen stille heitre Lage ihrer Stimmung sehr zu Hilfe kam
Unter den vortrefflichen Menschen die ihr hier den Zutritt in ihrem Zirkel
verstatteten hob sich ihr Geist nach und nach aus dem trüben Nebel empor in
dem er versenkt gewesen war heitre Bilder der Zukunft schwebten ihr vor ihre
Mutter war die Gottheit der sie ihr Leben weihte Unaufhörlich beschäftigte sie
ihr Bild bald dachte sie sich ihre Rückkehr zu ihr wie sie zu ihren Füßen
stürzen ihr Kind in ihre Arme führen wie diese geliebte Mutter sich über die
Fortschritte ihrer Enkelinn freuen würde Dann schwärmte sie wie sie von
Blachfeld ganz getrennt mit ihrer Mutter auf dem Lande leben die Abendstunden
an ihrer Seite zubringen würde nachdem sie sich den Tag über mit der Erziehung
ihrer Tochter beschäftigt hätte Bald stahl sich wieder Liebe und Zärtlichkeit
gegen Blachfeld in ihre Brust sie stellte sich vor wie sie mit ihm versöhnt in
M leben würde wie sie gemeinschaftlich über das Wohl ihres Kindes wachen sich
gegenseitig bemühen wollten alle finsteren Weissagungen ihres Schicksals zu
Schanden zu machen wie ihre Mutter sie dort besuchen und sich ihres häuslichen
Friedens erfreuen und ihren Segen zwischen Kindern und Enkeln teilen würde In
ihrer kindischen Phantasie rief sie sich die Gerichte zurück von denen ihre
Mutter am liebsten aß und dachte darauf sie ihr eines nach dem andern
zuzubereiten oder sie sann auf die Personen die sie einladen wollte um ihrer
Mutter Gesellschaft zu leisten
Ein zufälliger Umstand hatte sie in dem Gefühl dass sie jedes Opfers und
jedes erlittne Unrecht zu vergessen fähig sein würde um ein solches Glück zu
erreichen vorzüglich bestärkt Bei ihrer Ankunft in B ehe sie noch den Ort
ihres Aufenthalts bestimmt hatte erhielt sie den Besuch eines Mannes der
ehemals in dem nämlichen Dienste wie Blachfeld gestanden hatte und jetzt sein
väterliches Erbteil anbaute Er erzählte ihr wie glücklich er mit seiner Frau
und seiner Mutter auf seinem Gute lebte und lud sie ein ihn dort zu besuchen
und wenn es ihr in seiner Familie gefiele in Kost bei ihm zu treten Ein
stiller einsamer ländlicher Aufenthalt war gerade das Ziel von Luisens
Wünschen sie eilte also diesen Ort zu sehen und fand ihn ganz nach ihrem
Geschmack Was sie aber am meisten dabei rührte war das Bild das ihr die gute
alte Mutter von dem häuslichen Glück der beiden Eheleute seit des Mannes
Abschied aus den Kriegsdiensten entwarf Von der ganzen Welt vergessen und der
ganzen Welt nicht bedürfend schränkten sich ihre Freuden auf sich selbst und
ihr zweijähriges Kind ein um dessen Liebkosungen sie sich stritten Die
Darstellung dieses allein wünschenswerten und für sie auf ewig verlorenen
Genusses erfüllte Luisens Herz mit Trauer Sie erinnerte sich dass ihr
Blachfeld vor ihrer Heirat angeboten hatte den Dienst zu verlassen und mit
ihr auf dem Lande zu leben Sie hielt ihn damals für zu jung um diesen
Entschluss ohne Reue zu befolgen sie setzte aus Klugheit dessen Ausführung auf
einen späteren Zeitpunkt hinaus und verscherzte ein so kostbares Glück dadurch
auf immer Der Besitzer dieses Gutes war auch jung stark in der Blüte seiner
Gesundheit aber statt das geringste Missfallen an seiner Lebensart zu äußern
unterhielt er Luisen von nichts als dem Reiz den die beständige Gesellschaft
seiner Frau für ihn hätte und von der Annehmlichkeit der ländlichen Arbeiten
Seine Frau war auf einige Tage zu ihren Eltern zum Besuch gegangen und er
wollte ihr den folgenden Tag entgegenreiten um sie heimzuholen Die alte Mutter
sagte freundlich zu Luisen »Wie sehr wünschte ich dass Ihnen der Frieden bald
ein Glück wiedergäbe dessen Wert Sie so lebhaft fühlen« Im nämlichen
Augenblick da Luise von ihrem gütigen Wirte Abschied nahm empfing er einen
Brief von seiner Frau sie sah ihn vor Freude zittern Der Anblick so vieler
Zärtlichkeit führte sie auf allzutraurige Vergleichungen sie eilte zu ihrem
Wagen und sagte dem jungen Manne dass sie wiederkommen würde um mit seiner
Frau weitere Abrede zu nehmen Am andern Tage erfuhr sie dass dieser Brief der
mit so vieler Freude empfangen zu werden schien ein Scheidungsbrief gewesen
war Die Frau hatte darin erklärt dass sie sich mit ihrem Kinde bei ihren Eltern
aufhalten würde und dass man sich umsonst bemühen würde ihren Entschluss zu
verändern Jemand der sehr gut unterrichtet zu sein versicherte schilderte
ihren Gemahl zwar als einen rechtschaffnen wohlmeinenden Mann aber wurde
hinzugesetzt der Kriegsdienst hat ihn verdorben die tätigen Misshandlungen
mit welchen man da Untergebne züchtigen muss geben eine nie abzuschleifende
Rauhheit der Sitten Unglücklicherweise vergaß er sich gegen seine Frau in
einem Augenblick von Zorn bis zu einem ähnlichen Betragen sobald der Zorn
verraucht war fiel er zu ihren Füßen und tat alles um seine Übereilung wieder
gut zu machen Sie die einen festen Sinn hatte stellte sich anfangs versöhnt
aber nach einigen Tagen verließ sie ihn unter dem Vorwande eines Besuchs bei
ihren Eltern entschlossen ein Haus nicht wieder zu betreten wo sie einerlei
Behandlung mit den Jagdhunden zu befürchten hatte
Die ganze Gesellschaft in welcher dies erzählt wurde lobte die kluge
Standhaftigkeit der Frau Vor zehn Jahren hätte Luise eben so gehandelt sie
dachte damals dass keine Pflicht es einer Frau geböte sich mehr als einmal von
ihrem Manne schlagen zu lassen Erfahrung und Unglück hatten sie demütiger
nachsichtiger gemacht sie fand den Entschluss der jungen Frau hart und fühlte
dass sie hätte verzeihen können Diese kleine Begebenheit bestärkte sie in ihrem
Wunsche häuslichen Frieden um jeden Preis zu erkaufen Zu spät Er war fortan
um keinen Preis zu erkaufen Ein schreckliches Erwachen aus allen diesen
wohltätigen Träumen stand ihr bevor sie erhielt die Nachricht von dem Tode
ihrer angebeteten Mutter Es war also der Ratschluss des Ewigen dass Ruhe und
Freude ihre Seele auf immer fliehen sollten Mühselige Sehnsucht nach Glück
sollte den Frühling ihres Lebens und Reue ohne einen Stral von Trost und
Hoffnung dessen Überrest aufzehren Jetzt fühlte sie dass sie eigentlich nie ein
menschliches Geschöpf geliebt hatte außer ihrer Mutter Alles was sie je für
andre empfunden hatte verschwand vor ihrem Gedächtnis alles Unrecht das sie
jemals gegen diese Mutter gehabt hatte trat mit grellen Farben daraus hervor
und verfolgte sie mit unablässigen Vorwürfen Sie erinnerte sich unzähliger
Auftritte bei denen sie sich eingebildet hatte eine Märtirerin an Geduld gegen
die Laune oder den Widerspruch ihrer Mutter gewesen zu sein und jetzt hätte sie
alle Güter der Welt hingegeben um nur einen Augenblick zu ihren Füßen liegen
nur ein Wort der Verzeihung von ihren Lippen vernehmen zu können Die Natur war
für sie mit einem Schleier umhüllt denn ihre Mutter erfreute sich nicht mehr
ihrer Schönheit Umsonst begrüßte die Lerche den Morgen umsonst goss sich der
Nebel in wallenden Schleiern um das Haupt der waldigen Berggipfel umsonst
vergoldeten die Sonnenstralen das reiche Tal sie konnte dabei nur denken
das Auge ihrer Mutter sei auf immer geschlossen und werde nie dieser Freuden
genießen Alle Bequemlichkeiten des Lebens waren ihr zur Last einmal sah sie
einen schönen Reisewagen den sie sich einen Augenblick wünschte aber diesen
Wunsch verleidete ihr plötzlich die Erinnerung an ihre Mutter die den Wagen nie
sehen würde Jeder Gegenstand, der ihr die Gegenden die Orte wo sie mit ihr
gelebt hatte zurückrief schärfte ihre Verzweiflung Eine Hecke von wilden Rosen
erinnerte sie an einen Weg in der Nähe von dem Gute ihrer Mutter ach aber
dieser Weg und kein Weg auf Erden konnte sie mehr zu ihr führen in ihre Arme
führen Sie hätte ihr eigenes Leben ja sie hätte ihr Kind darum gegeben einen
nur von den Augenblicken die sie mit ihr zugebracht hatte und deren sie so
viele ungenuzt hatte verschwinden lassen zurückzurufen Einsam und wehmütig
sah sie die Entwickelung des Kindes dessen Liebenswürdigkeit dessen
aufkeimenden Geist die für welche dieser Anbllck so erfreulich gewesen wäre
war nicht mehr Das arme Weib hätte sich einen Vorwurf daraus gemacht fortan
irgend einen frohen Eindruck zu empfangen Sie hatte von jeher die Botanik
geliebt und bei ihres Vaters Lebzeiten selbst wider den Willen ihrer Mutter
sich mit dieser angenehmen Wissenschaft beschäftigt Ihre Mutter hielt dafür
dass außer den weiblichen Arbeiten Lesen und Schreiben die einzigen Kenntnisse
wären deren ein Mädchen bedürfte und sie sah es sehr ungern dass Luisens Vater
ihr einen ansehnlichen Gartenfleck auf dem Gute einräumte den sie unter der
Anleitung eines geschickten Botanikers mit seltenen Gewächsen anbaute Jetzt fand
sie auf ihren einsamen Spaziergängen manche Blume wild wachsen die sie in ihrem
Garten mit Mühe gepflegt hatte aber der Anblick durchbohrte jedesmal ihr Herz
sie verwünschte eine Neigung die ihrer Mutter misfallen hatte wie ein
Verbrechen Einmal befand sie sich in einer Gesellschaft an einem Spieltische
neben ihr saß eine junge Dame die einen Stillstand benuzte um vom Spiel
aufzustehen indem sie mit einer liebenswürdigen Herzlichkeit sagte sie müsste
einen Augenblick ihre gute kranke Mutter besuchen Diese Worte trafen Luisen mit
der Gewalt eines blutigen Vorwurfs Wie oft hatte sie ganze Abende in
Gesellschaften verlebt während dass ihre Mutter fern von ihr krank gelegen
hatte Sie gab sich alle Mühe ihre Bewegung zu verbergen aber die Tränen
drängten sich unaufhaltsam in ihre Augen und sie musste die Gesellschaft
verlassen Ein andermal begegnete sie auf der Treppe eines Wirtshauses einer
ältlichen Dame die von rheumatischen Zufällen gelähmt von ihren zwei Mägden in
ihren Wagen getragen wurde Die zärtliche Sorgfalt der beiden Mägde ihre
Herrschaft bequem zu halten ihre Aufmerksamkeit sie von den Vorübergehenden
nicht anstossen zu lassen durchbohrten Luisen das Herz Mietlinge sah sie hier
mit emsiger Liebe Pflichten ausüben die sie gegen ihre Mutter versäumt hatte
Alles Zureden mitleidiger Freunde alle Gründe ihrer kälteren Vernunft sind
vergeblich ihr Herz klagt sie an die Mörderin ihrer Mutter zu sein und der
Frieden der Seligen wenn er ihr noch werden könnte hätte keinen Reiz mehr für
sie
Unglückliche Luise Als Tochter und als Gattin gleich unglücklich Wo soll
sie einen Ruhepunkt finden für ihre umherschweifenden Gedanken die umsonst
einen Lichtstrahl suchen um ihren Geist zu erhellen Wohin sie kommt ist der
blutige Krieg welcher Blachfelds Leben täglich in Gefahr setzt der Gegenstand
des Gesprächs Bald mit müßiger Neugier bald mit wahrem Mitleid heften die
Menschen ihre Augen auf sie auf ihr Kind die sie jeden Augenblick als Witwe
als Waise zu sehen glauben und nur zu oft denken sie gutherzig zudringlich
sie trösten zu müssen O wie beneidet sie in solchen Fällen die Frau des letzten
Soldaten in Blachfelds Haufen deren Angst sich mit ihrem Gatten beschäftigt
Die verlöre Unterhalt Liebe Trost und die Stütze ihrer Kinder wenn eine
feindliche Kugel den Treuen träfe aber die wüsste auch dass sein Weib seine
Kinder der letzte Gedanke seines blutenden Gehirns gewesen wären Mit
Schamröte hört Luise die Teilnehmung fremden Mitleids ängstlich schlägt sie
die Augen nieder wenn man unbefangen nach ihrem Gemahl fragt Sie weiß ja nicht
wo er ist er würdigt sie ja nicht ihr anzudeuten wohin ihre Wünsche ihre
Gebete ihm folgen sollen er würde fallen ohne seinem Weibe seinem Kinde
seinen letzten Gedanken zu weihen er würde mit tausend andern verscharrt
werden ehe das öffentliche Gerücht ihr zuriefe »Luise du hast keinen Gemahl
dein Kind hat keinen Vater mehr« Wie oft zerreißt dieses Kind ihr müdes Herz
durch die rührende Liebe mit welcher es das Andenken eines Vaters bewahrt den
ihm Luise stets zu ehren gebietet Erhält die Mutter einen gleichgültigen Brief
so ergreift ihn die Kleine und wiederholt mit kindischer Leichtigkeit was man
sie einst wohlmeinend lehrte indem sie den Brief küsst an ihr kleines Herz
drückt und ruft »Von Papa von Papa« Nein Verwaiste ohne die Hand des
unerbittlichen Todes durch die Härte deines Vaters und den Jammer deiner Mutter
verwaist denn was ist sie dir diese Mutter die der Gram langsam aufzehrt
nein er ist nicht von ihm der Brief Er schreibt nicht er denkt nicht an die
die zu besitzen er einst seine größte Glückseligkeit nannte Einmal hielt sich
Luise zur Mittagszeit in einem Wirtshause auf ein lahmgeschossener Soldat trat
in das Zimmer und bat um ein Almosen das Kind erblickte ihn reichte mit den
beiden Armen nach ihm und rief »Papa Papa« Luise schauderte zusammen sie
erkannte Uniform sie bemerkte wirklich die entfernte Ähnlichkeit welche die
Kleine irre führte Gerührt ließ sie den alten Krieger neben sich sitzen und an
ihrem Mahle teilnehmen ließ sich von ihm erzählen wo er ihren Mann gesehen
wo er gefochten Das Kind verlangte auf des Soldaten Schoss lehnte sich an ihn
und wollte nicht von ihm die Ähnlichkeit hatte ihm alle Scheu vor dem Fremden
benommen die Natur wollte sich an diesem Scheinbilde ergötzen Der Soldat küsste
das Kind und bedauerte Blachfelden der diese Freude entbehrte der so fern von
einer zärtlichen Frau von einem liebenswürdigen Kinde sein gefährliches
Handwerk triebe Er bot Luisen an sie zu ihm zu führen er sagte wo ihr Mann
auch sein möchte sie könnte ihm ruhig folgen er wollte sie sicher bis zu
seinem Zelte geleiten Einen Augenblick war Luise von diesem Gedanken ergriffen
sie fühlte sich versucht zu ihm zu eilen sich mit seinem Kinde in seine Arme
zu werfen ihm zuzurufen Wir sind dein mache mit uns was du willst Aber bald
verdrängte die Erinnerung an seine Grausamkeit diesen Entschluss Hatte er sie
nicht oft zurückgestoßen nicht verhöhnt dem Spotte dem Mutwillen ihres
eignen Gesindes preisgegeben Er würde sie auch jetzt verleugnen er würde es
vor den Augen seiner Kriegsgefährten vor der gaffenden Menge kund tun dass die
Bande der Natur ihn nicht fesseln die Stimme des Mitleids ihn nicht rührt
Diesen Augenblick würde Luise nicht überleben Lieber wollte sie in unbekannter
Einsamkeit mit dem Bilde ihres Jammers vor ihren Augen mit der Erziehung ihres
Kindes beschäftigt des Augenblicks harren wo der Tod oder Blachfelds Rückkehr
ihre Leiden endigen würden Ist es noch Hoffnung die in ihrem müden Herzen
spricht wenn sie wehmütig nach Gesundheit sich sehnt und den Augenblick
fürchtet wo Blachfeld sich sagen müsste »Die Zeit ihr Unglück zu lindern ist
vorüber der ich an meiner Seite Glück versprach die musste einsam in das Grab
sinken um den Frieden wiederzufinden den ich ihr raubte« Nein Die schwarze
Schwermut die ihren Geist umhüllt die Glut die langsam ihr Blut auftrocknet
scheint den Zeitpunkt nicht weit hinauszuschieben wo jede freundliche Rettung
zu spät kommt Möge dann alle Zärtlichkeit alle Nachsicht alle Duldung die
Blachfeld seinem unglücklichen Weibe versagte sich auf sein Kind vereinen das
sie ihn zu lieben und zu ehren erzieht