1791_Klinger_FaustsLeben.html




        
                          Friedrich Maximilian Klinger
                      Fausts Leben Taten und Höllenfahrt
 Der Verfasser dieses Buchs hat von allem was bisher über Fausten gedichtet und
geschrieben worden nichts genutzt noch nutzen wollen Dieses hier ist sein
eigenes Werk es sei wie es wolle Davon wenigstens wird sich jeder Leser leicht
aus der Darstellungsart der Charakteristik und dem Zweck überzeugen
                                                                            1791
 
                                  Erstes Buch
                                       1
Lange hatte sich Faust mit den Seifenblasen der Metaphysik den Irrwischen der
Moral und den Schatten der Theologie herumgeschlagen ohne eine feste haltbare
Gestalt für seinen Sinn herauszukämpfen Ergrimmt warf er sich in die dunklen
Gefilde der Magie und hoffte nun der Natur gewaltsam abzuzwingen was sie uns so
eigensinnig verbirgt Sein erster Gewinn war die merkwürdige Erfindung der
Buchdruckerei1 der zweite war schaudervoller Er entdeckte durch Forschen und
Zufall die furchtbare Formel den Teufel aus der Hölle zu rufen und ihn dem
Willen des Menschen untertänig zu machen Bis jetzt konnte er sich noch nicht
aus Vorliebe zu seiner unsterblichen Seele für die jeder Christ wacht ohne sie
weiter zu kennen zu diesem gefährlichen Schritt entschließen In diesem
Augenblick war er ein Mann in seiner vollen Blüte Die Natur hatte ihn wie einen
ihrer Günstlinge behandelt ihm einen schönen festen Körper und eine
bedeutende edle Gesichtsbildung verliehen Genug um Glück in der Welt zu
machen aber da sie die gefährlichen Gaben strebende stolze Kraft des Geistes,
hohes feuriges Gefühl des Herzens und eine glühende Einbildungskraft
hinzufügte die das Gegenwärtige nie befriedigte die das Leere Unzulängliche
des Erhaschten in dem Augenblick des Genusses aufspürte und alle seine übrigen
Fähigkeiten beherrschte so verlor er bald den Pfad des Glücks auf den nur
Beschränktheit den Sterblichen zu führen scheint und auf welchem ihn nur
Bescheidenheit erhält Früh fand er die Grenzen der Menschheit zu enge und stieß
mit wilder Kraft dagegen an um sie über die Würklichkeit hinüberzurücken Durch
das was er in frühern Jahren begriffen und gefühlt zu haben glaubte fasste er
eine hohe Meinung von den Fähigkeiten dem moralischen Wert des Menschen und in
der Vergleichung mit andern legte er natürlich seinem eignen Selbst welches der
größte Geist mit dem flachsten Schafskopf gemein hat den größten Teil der
Hauptsumme bei Zunder genug zu Größe und Ruhm da aber wahre Größe und wahrer
Ruhm gleich dem Glücke den am meisten zu fliehen scheinen der sie dann schon
erhaschen will bevor er ihre feinen reinen Gestalten von dem Dunst und Nebel
absondert den der Wahn um sie gezogen so umarmte er nur zu oft eine Wolke für
die Gemahlin des Donnerers In seiner Lage schien ihm der kürzeste und bequemste
Weg zum Glück und Ruhm die Wissenschaften zu sein doch kaum hatte er ihren
Zauber gekostet als der heftigste Durst nach Wahrheit in seiner Seele
entbrannte Jeder der diese Sirenen kennt und ihnen ihren betrügrischen Gesang
abgelernt hat fühlt wenn er die Wissenschaften nicht als Handwerk treibt ohne
mein Erinnern dass ihm sein Zweck diesen brennenden Durst zu stillen
entwischen musste Nachdem er lange in diesem Labyrinth herumgetaumelt hatte
waren seine Ernte Zweifel Unwille über die Kurzsichtigkeit des Menschen Missmut
und Murren gegen den der ihn geschaffen das Licht zu ahnden ohne die dicke
Finsternis durchbrechen zu können Noch wäre er glücklich gewesen hätte er mit
diesen Empfindungen allein zu kämpfen gehabt da aber das Lesen der Weisen und
Dichter tausend neue Bedürfnisse in seiner Seele erweckten und seine nun
beflügelte und zugekünstelte Einbildungskraft die reizenden Gegenstände des
Genusses die Ansehen und Gold allein verschaffen können unablässig vor seine
Augen zauberte so rann sein Blut wie Feuer in seinen Adern und seine übrigen
Fähigkeiten wurden bald von diesem Gefühl allein verschlungen Durch die
merkwürdige Erfindung der Buchdruckerei glaubte er sich endlich die Tore zum
Reichtum Ruhm und Genuss aufgesprengt zu haben Er hatte sein ganzes Vermögen
darauf gewandt sie zur Vollkommenheit zu bringen und trat nun vor die Menschen
mit seiner Entdeckung aber ihre Laulichkeit und Kälte überzeugten ihn bald dass
er der größte Erfinder seines Jahrhunderts mit seinem jungen Weibe und seinen
Kindern Hungers sterben könnte wenn er nichts anders zu treiben wüsste Von
dieser stolzen Hoffnung so tief herabgesunken gedrückt von einer schweren
Schuldenlast die er sich durch leichtsinnige Lebensart übertriebene
Freigebigkeit unvorsichtige Bürgschaften und Unterstützung falscher Freunde auf
den Hals gezogen warf er einen Blick auf die Menschen sein Groll färbte ihn
schwarz sein häusliches Band da er seine Familie nicht mehr zu erhalten wusste
ward ihm zur Last und er fing für immer an zu glauben dass die Gerechtigkeit
nicht den Vorsitz bei der Austeilung des Glücks der Menschen habe Er nagte an
dem Gedanken wie und woher es käme dass der fähige Kopf und der edle Mann
überall unterdrückt vernachlässigt sei im Elende schmachte während der Schelm
und der Dummkopf reich glücklich und angesehen wären So leicht nun Weisen und
Prediger diesen Zweifel zu heben wissen so erbittert er gleichwohl da sie nur
zu dem Verstande reden und das Gefühl durch die tägliche Erfahrung verwundet
wird das Herz des Stolzen und schlägt den Sanftern nieder Zu den ersteren
gehörte Faust Von diesem Augenblick strebte sein gekränkter Geist den
verschlungenen Knäuel aufzuwickeln über dessen Auflösung so viele Tausende die
Ruhe und das Glück ihres Lebens umsonst verloren haben Er wollte nun den Grund
des moralischen Übels das Verhältnis des Menschen mit dem Ewigen erforschen
Wollte wissen ob er es sei der das Menschengeschlecht leite und wenn  woher
die ihn plagenden Widersprüche entstünden Er wollte die Finsternis erleuchten
die ihm die Bestimmung des Menschen zu umhüllen schien Ja er fasste selbst den
verwegnen Gedanken den erforschen zu wollen dessen Sein uns so unbegreiflich
und dessen Würken uns so klar ist Die Hoffnung mit diesen wichtigen
Kenntnissen ausgerüstet die Welt in Erstaunen zu setzen und als ein Geist
erster Größe unter die Menschen zu treten versüsste eine Zeitlang seine
fruchtlose peinliche Anstrengung Da aber seine Lage immer trauriger ward die
Menschen die ihm soviel zu danken hatten sich immer mehr von ihm entfernten
und all sein Streben Licht in diese Finsternis zu bringen nur dazu diente sie
noch schwärzer und quälender zu machen so senkte sich bald der Gedanke tief in
seine Seele nur ein Geist der andern Welt könnte seinem Elend abhelfen und ihm
Licht über diese Gegenstände geben Zwar schlummerte dieser Gedanke noch in
seinem Busen aber seine Begierden sein Unmut brauchten nur einen neuen äußern
Reiz um ihn über die Grenzen zu treiben gegen die er so wild anstieß
                                       2
In dieser düstern Stimmung wanderte Faust von Mainz nach Frankfurt dem
hochweisen Magistrat eine von ihm gedruckte lateinische Bibel zu verkaufen um
seine hungrige Kinder von dem gelösten Gelde zu sättigen In seiner Vaterstadt
hatte er nichts ausrichten können weil damals der Erzbischof mit seinem Kapitul
in einen großen Krieg verwickelt war und sich ganz Mainz in der größten
Verwirrung befand Die Ursache davon war folgende Es hatte einem
Dominikanermönch geträumt er schliefe mit seinem Beichtkinde der schönen
Klara einer weißen Nonne und Nichte des Erzbischofs Morgens sollte er die
heilige Messe lesen er las sie und empfing ungeachtet der sündlichen Nacht den
Leib des Herrn Abends erzählt er in Begeisterung des Rheinweins einem jungen
Novizen seinen Traum Der Traum kitzelte die Einbildungskraft des Novizen er
erzählte ihn mit einigen Zusätzen einem Mönche und so lief er durch das ganze
Kloster verbrämt mit Greuel und lüsternen Bildern bis er zu den Ohren des
strengen Priors kam Der heilige Mann der den Pater Gebhardt wegen seinem
Ansehen in vornehmen Häusern hasste erschrak vor dieser Ärgernis und da ers
als eine Entweihung des heiligen Sakraments ansah so wagte er nicht über den
wichtigen Fall zu entscheiden und meldete ihn dem Erzbischof Der Erzbischof
vermöge des richtigen Schlusses was der sündige Mensch bei Tage denkt und
wünscht davon träumt er des Nachts sprach den Kirchenbann über den Mönch aus
Das Domkapitul dessen Hass immer mehr zunimmt je länger ein Erzbischof lebt
und gern jede Gelegenheit ihn zu quälen ergreift nahm den Pater Gebhardt in
Schutz und widersetzte sich dem Banne aus dem Grunde es sei weltbekannt dass
der Teufel den heiligen Antonius mit den üppigsten Vorstellungen und lüsternsten
Lockungen in Versuchung geführt habe und wenn dies der Teufel mit einem
Heiligen getrieben hätte so könnte ihm auch wohl einmal einfallen sein
Gaukelspiel mit einem Dominikaner zu treiben Man müsste den Mönch vermahnen dem
Beispiel des heiligen Antonius zu folgen und gleich ihm gegen die Versuchungen
des Teufels mit den Waffen des Gebets und des Fastens zu kämpfen Übrigens
bedauerte man sehr dass der Satan nicht mehr Achtung vor dem Erzbischof hätte
und so unverschämt wäre seine höllische Vorspieglungen nach den Gestalten
seiner hohen Familie zu bilden Das Domkapitul führte sich hierbei ganz so auf
wie die Erbprinzen denen ihre Väter zu lange regieren Was aber den Fall
gänzlich verwirrte war ein Bericht aus dem Nonnenkloster Die Nonnen waren alle
im Refektorio versammelt eine Mutter Gottes zum nächsten Fest aufzuputzen um
es durch ihre Pracht den schwarzen Nonnen zuvorzutun als die alte Pförtnerin
hereintrat die höllische Geschichte erzählte und hinzusetzte der Dominikaner
würde gewiss lebendig verbrannt werden denn eben sei das Domkapitul versammelt
sein Urteil zu sprechen Während die Pförtnerin die Geschichte mit allen
Umständen erzählte färbten sich die Wangen der jungen Nonnen hochrot und die
Sünde die keine Gelegenheit entwischen lässt unschuldige Herzen zu vergiften
schoss in ihr Blut und dramatisierte in flüchtiger Eile ihrer Einbildungskraft
alle die gefährlichen Szenen vor Wut und Zorn zogen indessen ihre grimmigen
Larven über die Gesichter der Alten Die Äbtissin zitterte an ihrem Stabe die
Brille fiel von ihrer Nase die Mutter Gottes stund indessen nackend in der
Mitte und schien den erstaunten und erzürnten Nonnen zuzurufen ihre Blöße zu
decken Da aber die Pförtnerin hinzusetzte es sei die Schwester Klara die der
Teufel dem Dominikaner zugeführt hätte so erfüllte ein wilder Schrei den ganzen
Saal Nur Klara allein blieb gelassen und nachdem eine kleine Pause auf das
Zetergeschrei erfolgte so sagte sie lächelnd »Liebe Schwestern warum schreit
ihr so fürchterlich Träumte mir doch auch ich schliefe mit dem Pater Gebhardt
meinem Beichtvater und wenn es der böse Feind getan hat« hier machte sie und
die übrigen alle ein Kreuz »so mögen sie ihm die Disziplin geben Ich für
meinen Teil habe nie eine kurzweiligere Nacht gehabt sie komme woher sie
wolle« »Der Pater Gebhardt« schrie die Pförtnerin »Nun alle ihr Engel und
Schutzheiligen das ist er eben dem von Euch geträumt hat dem Euch vielmehr
der Teufel zugeführt hat und den sie nun darum verbrennen wollen« So ging die
Pförtnerin noch einen Schritt weiter verkörperte den Traum und in dieser
Gestalt flog er in die Stadt Man ließ die Mutter Gottes so nackend stehen wie
sie war bekümmerte sich nichts mehr darum ob es die weißen Nonnen den
schwarzen zuvor tun würden Die Äbtissin machte sich auf den Weg um die
höllische Geschichte auszubreiten ihr folgte die Schaffnerin die Pförtnerin
hielt eine Versammlung an ihrem Pförtchen und Klärchen beantwortete naiv die
noch naiveren Fragen der Schwestern Die Trompeter des jüngsten Gerichts können
einst in Mainz nicht mehr Schrecken und Verwirrung verbreiten als diese
Geschichte Nur der Schrecken in den rheinischen Bistümern war größer als es
sich die munteren Franzosen einfallen ließ die schon bei dem ersten
Zusammentreten in Gesellschaft verlerne Rechte der Menschheit hervorzusuchen
Und natürlich man erinnerte sich hierbei des berühmten Sankt Veitstanzes der
einstens ansteckend durch alle Provinzen und Reiche Europas sich ausbreitete und
die Köpfe der Europäer besonders der Deutschen so verwirrte und erhitzte dass
sich Ritter und Bauer Graf und Trossknecht Bischof und Dorfpfarrer Edelfrau
und Bettlerin Gräfin und Kammerjungfer untereinander und durcheinander an den
Händen fassten und in wilden unsinnigen Kreisen von Dorf zu Dorfe von Stadt zu
Stadt herumtanzten bis sie alle erschöpft und die Geschwächtesten von ihnen
leblos niedersanken
    Da der Prior der Dominikaner diesen Vorfall erfuhr rannte er nach dem
versammelten Kapitul und gab durch diesen Bericht auf einmal der Sache eine neue
Wendung Der Erzbischof hätte nun gern den ganzen Handel unterdrückt aber jetzt
lag dem Kapitul dran ihn auszubreiten und alle Domherrn stimmten einmütig
darauf die bedenkliche Sache müsste dem Heiligen Vater in Rom vorgelegt werden
Man schrie raste tobte drohte und nur die Mittagsglocke konnte die
Streitenden auseinanderbringen Die offene Fehde verwandelte sich bald in eine
feinere Von Hofe aus fing man an zu bestechen im Kapitul zu intrigieren und
ganz Mainz Mönch und Laie zerfiel auf einige Jahre in zwei Teile so dass sie
nichts sahen hörten von nichts sprachen und träumten als dem Teufel der
weißen Nonne und dem Pater Gebhardt Auf den Katedern jeder Fakultät ward
darüber disputiert die Kasuisten nachdem sie die Nonne und den Pater ad
protocollum genommen und gegeneinander gestellt hatten schrieben Foliobände
über alle die möglichen sündigen und nicht sündigen Fälle der Träume War dies
eine Zeit für Fausten und seine Erfindung
                                       3
In Frankfurt nun dem stillen Sitz der Musen dem Schutzort der Wissenschaften
hoffte Faust bessres Glück Er bot dem erlauchten Rat seine Bibel für zweihundert
Goldgulden an da man aber vor einigen Wochen fünf Stück Fässer Rheinwein in den
Ratskeller gekauft hatte so fand sein Gesuch so leicht nicht statt Er hofierte
den Schöppen dem Schultheiß den Senatoren vom stolzen Patrizier bis zu dem
noch stolzern Ratsherrn der Schuhmacherzunft Man versprach ihm überall Huld
Schutz und Gnade Zuletzt hielt er sich vorzüglich an den regierenden
Bürgermeister wobei er aber bisher weiter nichts gewann als dass die Frau
Bürgermeisterin eine gewaltige Flamme in seinem leichtfangenden Busen anzündete
Eines Abends versicherte ihn der Bürgermeister dass man ersten Tags einen
Ratsschluss fassen würde vermöge welchem die gesamte Judenschaft gehalten sein
sollte Mann für Mann die Summe für die Bibel herzuschiessen Da Faust bemerkt
hatte dass seine Kinder Hungers sterben könnten bevor eine so aufgeklärte
Versammlung einstimmig würde so ging er ohne Hoffnung voller Liebe und Grimm
auf seine einsame Stube In diesem Missmut nahm er seine Zauberformeln vor Der
Gedanke etwas Kühnes zu wagen und Unabhängigkeit von den Menschen durch die
Verbindung mit dem Teufel zu suchen schoss lebhafter als je durch sein Gehirn
Noch erschütterte ihn die Vorstellung davon Mit heftigen Schritten wütenden
Gebärden unter fürchterlichen Ausrufungen ging er in seinem Zimmer auf und ab
und kämpfte mit seinen innern aufrührerischen Kräften Kühn strebten diese das
Dunkel zu durchbrechen das uns umhüllt noch schaudert sein Geist vor dem
Entschluss aber nun wägt der Lüsterne die Befriedigung der unersättlichen
Begierden seines Herzens die längst gewünschte Genüsse der ganzen Natur gegen
die Vorurteile der Jugend die Armut und die Verachtung der Menschen Schon
schwankt die Zunge der Waage Die Glocke schlägt elf auf dem nahen Turme
Schwarze Nacht liegt auf der Erde Der Sturm heult aus Norden die Wolken
verhüllen den vollen Mond die Natur ist im Aufruhr Eine herrliche Nacht die
empörte Einbildungskraft zu verwildern Noch schwankt die Zunge der Waage In
dieser Schale tanzen leicht Religion und ihre Stütze die Furcht vor der
Zukunft Die Gegenschale schlägt sie hinauf Durst nach Unabhängigkeit und
Wissen Stolz Wollust Groll und Bitterkeit füllen sie Ewigkeit und Verdammnis
schallen nur dumpf in seiner Seele So strauchelt die Jungfrau welche die
glühenden Küsse des Geliebten auf dem Busen fühlt zwischen den Lehren der
Mutter und dem Zug der Natur. So schwankt der Philosoph zwischen zwei Sätzen
dieser ist wahr jener glänzend und führt zu dem Ruhme welchen wird er wählen
    Nun zog Faust nach der Vorschrift der Magie den fürchterlichen Kreis der
ihn auf ewig der Ob und Vorsicht des Höchsten und den süßen Banden der
Menschheit entreißen sollte Seine Augen glühten sein Herz schlug seine Haare
stiegen auf seinem Haupt empor In diesem Augenblick glaubte er seinen alten
Vater sein junges Weib und seine Kinder zu sehen die in Verzweiflung die Hände
rangen Dann sah er sie auf die Knie fallen und für ihn zu dem beten dem er
eben entsagen wollte »Es ist der Mangel es ist mein Elend das sie in
Verzweiflung stürzt« schrie er wild und stampfte mit dem Fuße auf den Boden
Sein stolzer Geist zürnte der Schwäche seines Herzens Er drang abermals nach
dem Kreise der Sturm rasselte an seinen Fenstern die Grundfeste des Hauses
zitterte Eine edle Gestalt trat vor ihn und rief ihm zu
    »Faust Faust«
    FAUST Wer bist du der du mein kühnes Werk unterbrichst
    GESTALT Ich bin der Genius der Menschheit und will dich retten wenn du zu
retten bist
    FAUST Was kannst du mir geben meinen Durst nach Wissen meinen Drang nach
Genuss und Freiheit zu stillen
    GESTALT Demut Unterwerfung im Leiden Gnügsamkeit und hohes Gefühl deines
Selbsts sanften Tod und Licht nach diesem Leben
    FAUST Verschwinde Traumbild meiner erhitzen Phantasie ich erkenne dich
an der List womit du die Elenden täuschest die du der Gewalt unterworfen hast
Gaukele vor der Stirne des Bettlers des zertretnen Sklaven des Mönchs und
aller derer die ihr Herz durch unnatürliche Bande gefesselt haben und ihren
Sinn durch Kunst hinaufschrauben um der Klaue der Verzweiflung zu entwischen
Die Kräfte meines Herzens wollen Raum und der verantworte für ihr Würken der
mir sie gegeben hat
    »Du wirst mich wiedersehen« seufzte der Genius und verschwand
    Faust rief »Necken mich die Märchen der Amme noch am Rande der Hölle Sie
sollen mich nicht abhalten das Dunkel zu durchbrechen Ich will wissen was der
düstere Vorhang verbirgt den eine tyrannische Hand vor unsre Augen gezogen hat
Hab ich mich so gebildet dass das Los der Beschränktheit meine Kraft empört Hab
ich die Flamme der Leidenschaft in meinem Busen angeblasen Hab ich den Trieb
immer zu wachsen und nie stille zu stehen in mein Herz gelegt Hab ich meinen
Geist so gestimmt dass er sich nicht unterwerfen und die Verachtung nicht
ertragen kann Wie ich der Topf von fremder Hand gebildet soll darum einst
gewaltsam zerschlagen werden weil er dem Werkmeister nicht nach seinem Sinn
gelang weil er dem niedrigen Gebrauch nicht entspricht zu dem er ihn geformt
zu haben scheint Und immer nur Gefäß immer nur Werkzeug immer nur
Unterwerfung wozu denn dies widersprechende lautschreiende Gefühl von Freiheit
und eigener Kraft dem Sklaven Ewigkeit Dauer Schallt ein Sinn heraus Was der
Mensch fühlt genießt und fasst nur das ist sein alles übrige ist Erscheinung
die er nicht erklären kann Der Stier nutzt die Kraft seiner Hörner und trotzt
auf sie der Hirsch seine Leichtigkeit dem Jäger zu entfliehen ist das was
den Menschen unterscheidet weniger sein Ich hab es lange genug mit den
Menschen und allem dem was sie ersonnen versucht sie haben mich in Staub
getreten Schatten habe ich für Wahrheit ergriffen lass michs nun mit dem
Teufel versuchen«
    Hier sprang er wild begeistert in den Kreis hinein und Klagegetön seines
Weibes seiner Kinder seines Vaters erschollen in der Ferne »Ach verloren
ewig verloren«
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Satan der Herrscher der Hölle hatte durch schrecklichen Hörnerschall der an
der glühenden Scheibe der Sonne widertönte allen gefallnen Geistern auf der
Ober und in der Unterwelt kundtun lassen dass er heute ein großes Freudenfest
geben würde Die höllischen Geister versammelten sich auf den mächtigen Ruf
Selbst seine Abgesandten beim päpstlichen Stuhl und den Herrschern Europas
verließen ihren Posten denn die Einladung ließ etwas Großes und Wichtiges
vermuten Schon ertönte das ungeheure Gewölbe der Hölle von dem wilden Geschrei
des Pöbels der Geister Myriaden lagerten sich auf den verbrannten
unfruchtbaren Boden Nun traten die Fürsten hervor und geboten Schweigen der
Menge damit Satan die Berichte seiner Abgesandten der Oberwelt vernehmen
könnte Die Teufel gehorchten und eine schaudervolle Stille herrschte durch die
dicke düstere Finsternis die nur das Gewinsel der Verdammten unterbrach Die
Sklaven der Teufel Schatten die weder der Seligkeit noch der Verdammnis wert
sind bereiteten die unzähligen Tische zum Schmaus und sie verdienen dies Los
der schändlichsten Knechtschaft Als sie noch in Fleisch und Bein die Früchte
der Erde aßen waren sie von jener zweideutigen Art die aller Menschen Freund
sind ohne es von einem zu sein Deren Zungen von den herrlichen Lehren der
Tugend plappern ohne dass ihr Herz sie fühlt Die das Böse nur darum
unterlassen weil es Gefahr mit sich führt und das Gute weil es Mut und
Verleugnung erfordert Die mit der Religion wuchern und sie wie der filzigte
Jude sein Kapital auf Zinsen legen in der Meinung ihren elenden Seelen ein
gutes Behältnis zu sichern Die Gott aus Furcht anbeten und vor ihm wie Sklaven
zittern Die Teufel die wahrlich keine bessere Herren sind als die polnischen
ungarischen und livländischen Edelleute reiten sie dafür in der Hölle wacker
herum Indessen schwitzten ihre Brüder in den höllischen Küchen das Mahl für
ihre strengen Herren zuzurüsten ein schreckliches Geschäft für eine Seele die
einst einen menschlichen Körper durch Frass Soff und Üppigkeit aufgerieben hat
Denn obgleich die Teufel weder essen noch trinken so haben sie den Menschen
doch den Gebrauch abgelernt jede Feierlichkeit durch Fressen und Saufen
merkwürdig zu machen und bei solchen Gelegenheiten halten sie ein Seelenmahl
Der Anführer jeder Legion denn die Hölle ist auf militärischen Fuß eingerichtet
und gleicht darin jedem despotischen Reiche oder vielmehr jedes despotische
Reich gleicht darin der Hölle wählt eine gefällige Anzahl verdammter Seelen zum
Schmause für seine Untergebenen Diese übergeben sie den Sklaven die sie
sieden braten und mit höllischer Brühe begiessen Oft trifft es sich dass einer
dieser Elenden seinen Vater sein Weib Sohn Tochter oder Bruder an den Spieß
stecken und das peinliche Feuer unter ihm unterhalten muss  eine schreckliche
wahrhaft tragische Lage noch tragischer da ihre Aufseher mutwillige Teufel
wie alle Diener großer Herren mit der Geissel hinter ihnen stehen das Werk zu
befördern Ich empfehle diese Situation den Tragikern Teutschlands Heute wurden
für den Gaumen des Großherrn seiner Viziere und Günstlinge zwei Päpste ein
Eroberer ein berühmter Philosoph und ein neu geprägter Heiliger zugerichtet
Für den Pöbel der Hölle waren ganz frische Viktualien angekommen Der Papst
hatte vor kurzem zwei Heere Franzosen Teutscher Italiener und Spanier
gegeneinander getrieben um einige Herrschaften in dem Tumult zu fischen die
Verlassenschaft des heiligen Peters zu ründen Sie schlugen sich wie Helden und
fuhren zu Tausenden zur Hölle Welch ein Glück wäre es für die zu der Tafel der
Teufel bestimmten Seelen wenn sie dadurch das Ende ihrer Qual fänden da sie
diese aber stückweise in die Sümpfe der Hölle ausschütten so wachsen sie wieder
zusammen und stehen zu neuen Martern auf
    Während diese an den Bratspiessen winselten besetzten die Kellermeister und
Schenken alle Schatten gemeldeter Art die Kredenztische Die Flaschen waren
gefüllt mit Tränen der Heuchler falscher Witwen der Scheinheiligen der
Empfindsamen und der aus Schwäche Reuigen Mit Tränen die der Neid bei dem
Glück eines andern auspresst mit Tränen der Egoisten die sie bei dem Unglück
eines andern aus Freude weinen dass es sie nicht getroffen Mit Tränen lustiger
Erben und mit Tränen der Söhne die sie bei dem Sarge der geizigen harten Väter
weinen Die Flaschen zu dem Nachtische waren gefüllt mit Tränen der Priester
die die Rolle des Komödianten auf den Kanzeln spielen ihre Zuhörer zu rühren
und um das Getränk schärfer zu machen mischte man Tränen der Hn darunter die
aus Hunger so lange weinen bis ein Kunde kommt die Sünde für Geld mit ihnen zu
treiben Zu diesen goss man noch Tränen der Kuppler Kupplerinnen der Ärzte und
schelmischen Advokaten die sie über schlechte Zeiten vergießen Für den Satan
und die Fürsten stunden auf besonderen Kredenztischen Flaschen des edelsten
Getränks Es war berauschend schäumend und sprudelnd ein Gemisch von Tränen
der Herrscher der Welt die sie über das Unglück ihrer Untertanen weinen
während sie Befehle erteilen die es auf Jahrhunderte befördern Von Tränen der
Jungfrauen die den Verlust ihrer Keuschheit beweinen und sich mit noch nassen
Augen prostituieren Zu diesen hatte man Tränen begünstigter Großen gegossen
die in Ungnade gefallen sind und nun weinen dass sie unter dem Schutz ihres
Herrn nicht mehr rauben und unterdrücken können
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Als nun diese Elenden die Tische besorgt hatten und so demütig hinter den Sitzen
ihrer Gebieter stunden als ein Teutscher vor einem Fürsten so traten die Großen
der Hölle aus den Gemächern des Satans Die Gefährten der Menschen  die Sünde
das scheussliche Gespenst der Vernichtung der Hunger die Krankheit die Pest
der Krieg die Ungerechtigkeit die Armut die Verzweiflung die Herrschsucht
die Gewalt der Stolz die Verachtung der Reichtum der Geiz die Wollust der
Wahn der Neid die Neugierde und die Lüsternheit gingen als wohlbestallte
Furiere des satanischen Hofes voraus Ihnen folgten Trabanten diesen die
Kammerherren Nun die Pagen mit brennenden Fackeln die aus Seelen der Mönche
geflochten waren die den Weibern die Kinder machen und den Ehemann auf dem
Todbette drängen sein Vermögen der Kirche zu vermachen ohne Rücksicht dass
ihre eigne ehebrecherische Brut im Lande herumbetteln muss Dann trat der
mächtige Satan heraus und ihm folgten die übrigen Großen seines Hofs nach Gunst
und Rang Die Teufel beugten sich ehrfurchtsvoll nieder die Pagen stellten die
Fackeln auf den Tisch des Großherrn und nun stieg er mit stolzer und
siegreicher Miene auf seinen erhabenen Thron und hielt folgende Rede
    »Fürsten Mächtige unsterbliche Geister seid mir alle willkommen Wollust
durchglüht mich wenn ich über euch zahllose Helden hinblicke Noch sind wir
was wir damals waren da wir zum erstenmal in diesem Pfuhl aufwachten zum
erstenmal uns sammelten Nur hier herrscht ein Gefühl nur in der Hölle herrscht
Einigkeit nur hier arbeitet jeder auf einen Zweck Wer über euch gebietet kann
leicht den einförmigen Glanz des Himmels vergessen Ich gestehe wir haben viel
gelitten und leiden noch da die Ausübung unsrer Kräfte von dem beschränkt ist
der uns mehr zu fürchten scheint als wir ihn aber in dem Gefühl der Rache die
wir an den Söhnen des Staubs seinen schwachen Günstlingen nehmen in der
Betrachtung ihres Wahnsinns und ihrer Laster wodurch sie unaufhörlich seine
Zwecke zerrütten liegt Ersatz für dieses Leiden Heil euch allen die dieser
Gedanke hoch entflammt
    Vernehmt nun die Veranlassung zu dem Feste das ich heute mit euch feiern
will Faust ein kühner Sterblicher der gleich uns mit dem Ewigen hadert und
durch die Kraft seines Geistes würdig werden kann, die Hölle einst mit uns zu
bewohnen hat die Kunst erfunden die Bücher das gefährliche Spielzeug der
Menschen die Fortpflanzer des Wahnsinns der Irrtümer der Lügen und Greuel
die Quelle des Stolzes und die Mutter peinlicher Zweifel auf eine leichte Art
tausend und tausendmal zu vervielfältigen Bisher waren sie zu kostbar und nur
in den Händen der Reichen blähten nur diese mit Wahn auf und zogen sie von der
Einfalt und Demut ab die der Ewige zu ihrem Glück in ihr Herz gelegt hat und
die er von ihnen fordert Triumph bald wird sich das gefährliche Gift des
Wissens und Forschens allen Ständen mitteilen Wahnwitz Zweifel Unruhe und
neue Bedürfnisse werden sich ausbreiten und ich zweifle ob mein ungeheures
Reich sie alle fassen möge die sich durch dieses reizende Gift hinrichten
werden Doch dieses wäre nur ein kleiner Sieg mein Blick dringt tiefer in die
ferne Zeit die für uns der Umlauf des Zeigers ist Die Zeit ist nah wo die
Gedanken und Meinungen kühner Erneurer und Beekler des Alten durch Fausts
Erfindung um sich greifen werden wie die Pest Sogenannte Reformatoren des
Himmels und der Erde werden aufstehen und ihre Lehren werden durch die
Leichtigkeit der Mitteilung bis in die Hütte des Bettlers dringen Sie werden
wähnen Gutes zu stiften und den Gegenstand ihres Heils und ihrer Hoffnung vom
falschen Zusatze zu reinigen aber wenn gelingt dem Menschen das Gute und wie
lange ist er dessen mächtig die Sünde ist ihnen nicht näher als böse Folgen und
Missbrauch ihren edelsten Bemühungen Das vielgeliebte Volk des Mächtigen das er
durch ein uns furchtbares Wunder der Hölle auf immer entreißen wollte wird über
Meinungen die keiner begreift in blutigen Krieg zerfallen und sich zerreißen
wie die wilden Tiere des Waldes Greuel werden Europa verwüsten die allen
Wahnsinn übertreffen den die Menschen von ihrem Beginnen gerast haben Meine
Hoffnungen scheinen euch zu kühn ich sehe es an euren zweifelnden Blicken so
hört denn Religionskrieg heißt diese neue Wut wovon die Geschichte der Frevel
und Rasereien der Menschen bisher noch kein Beispiel hat Aus der uns
furchtbaren Religion sogen ihn die Unsinnigen Einmal hat er schon gewütet und
dort heulen die in dem glühenden Pfuhl die ihn erweckten aber nun erst wird
der Fanatismus der wilde Sohn des Hasses und des Aberglaubens alle Bande der
Natur und der Menschheit gänzlich auflösen Dem Furchtbaren zu gefallen wird
der Vater den Sohn der Sohn den Vater ermorden Könige werden frohlockend ihre
Hände in das Blut ihrer Untertanen tauchen den Schwärmern das Schwert
überliefern ihre Brüder zu Tausenden zu ermorden weil sie andrer Meinung wie
sie sind Dann wird sich das Wasser der Ströme in Blut verwandeln und das
Geschrei der Ermordeten wird selbst die Hölle erschüttern Wir werden Verbrecher
mit Lastern besudelt herunterfahren sehen wofür wir bis jetzo weder Namen noch
Strafe haben Schon seh ich sie den päpstlichen Stuhl anfallen der das lockre
Gebäude durch List und Betrug zusammenhält während er sich durch Laster und
Üppigkeit selbst untergräbt Die Stützen der uns fürchterlichen Religion stürzen
zusammen und wenn der Ewige dem sinkenden Gebäude nicht durch neue Wunder zu
Hilfe eilt so wird sie von der Erde verschwinden und wir werden nochmals in
den Tempeln als angebetete Götter glänzen Wo bleibt der Geist des Menschen
stehen wenn er angefangen hat das zu beleuchten was er als Heiligtum verehrt
hat Er tanzt auf dem Grabe des Tyrannen vor dem er noch gestern gezittert
zerschlägt gänzlich den Altar auf dem er geopfert hat wenn er einmal
unternimmt dem Weg zum Himmel auf seine Weise nachzuspähen Wer mag ihren
rastlosen Geist auf Jahrtausende fesseln Vermag der der sie geschaffen nur
einen sich so zuzueignen dass er nicht millionenmal unserm Reiche näher als dem
seinen sei Alles missbraucht der Mensch die Kraft seiner Seele und seines
Leibes alles was er sieht hört betastet fühlt und denkt womit er spielt
und womit er sich ernstaft beschäftigt Nicht zufrieden das zu zertrümmern und
zu verunstalten was er mit den Händen lassen kann schwingt er sich auf den
Flügeln der Einbildungskraft in ihm unbekannte Welten und verunstaltet sie
wenigstens in der Vorstellung. Selbst die Freiheit ihr höchstes Gut wenn sie
auch Ströme Bluts dafür vergossen verkaufen sie für Gold Lust und Wahn wenn
sie dieselbe kaum gekostet haben Des Guten unfähig zittern sie vor dem Bösen
häufen Greuel auf Greuel ihm zu entfliehen und zerschlagen dann ihrer Hände
Werk
    Nach den blutigen Kriegen werden sie vom Morden ermüdet einen Augenblick
rasten und der giftige Hass wird sich nur in heimlichen Tücken zeigen Einige
werden diesen Hass unter dem Schatten der Gerechtigkeit zum Rächer des Glaubens
machen Scheiterhaufen errichten und die lebendig verbrennen die nicht ihrer
Meinung sind Andere werden anfangen die unerklärbaren Verhältnisse und dunkle
Rätsel zu benagen und die zur Finsternis Gebornen werden verwegen um Licht
kämpfen Ihre Einbildungskraft wird sich entflammen und tausend neue Bedürfnisse
erschaffen Wahrheit Einfalt und Religion werden sie mit Füßen treten um ein
Buch zu schreiben das einen Namen mache und Gold einbringe Ja so weit wird
dieses aufgeblasene Geschlecht hierinnen den Wahnsinn treiben dass sogar ihre
Weiber  hört es alle ihr Kräfte und Geister der Hölle  dass sogar ihre Weiber
Bücher schreiben werden Ihr kennt die eitlen Töchter Evas und ich brauche euch
nicht zu sagen was dieses für verzerrte Ungeheuer aus ihnen machen muss So wird
nun das Bücherschreiben ein allgemeines Handwerk werden wodurch Genies und
Stümper Ruhm und Fortkommen suchen unbekümmert ob sie die Köpfe ihrer
Mitbürger verwirren und die Flamme an das Herz der Unschuldigen legen Den
Himmel die Erde den Furchtbaren selbst die verborgene Kräfte der Natur, die
dunklen Ursachen ihrer Erscheinungen die Macht die die Gestirne wälzt und die
Kometen durch den Raum schleudert die unfassliche Zeit alles Sichtbare und
Unsichtbare werden sie betasten messen und begreifen wollen für alles
Unfassliche Worte und Zahlen erfinden Systeme auf Systeme häufen bis sie die
Finsternis auf Erden gezogen haben wodurch nur die Zweifel wie Irrwische die
den Wandrer in Sumpf locken blitzen Nur dann werden sie helle zu sehen
glauben und da erwarte ich sie Wenn sie die Religion weggeräumt haben wie
alten Schutt und gezwungen sind aus dem stinkenden Überbleibsel ein neues
ungeheures Gemische von Menschenweisheit und Aberglauben zusammenzugiessen dann
erwarte ich sie Und dann macht weit die Tore der Hölle dass das
Menschengeschlecht einziehe Der erste Schritt ist geschehen der zweite ist
nah Noch eine schreckliche Revolution auf dem Erdboden steht bevor Ich berühre
sie nur mit flüchtiger Eile Bald werden die Bewohner der alten Welt ausziehen
um neue ihnen bisher unbekannte Erdstriche zu entdecken Dort werden sie
Millionen in religiöser Wut erwürgen um sich des Goldes zu bemächtigen das
diese Unschuldigen nicht achten Diese neuen Welten werden sie mit allen ihren
Lastern erfüllen und Stoff zu scheusslichern der alten zurückführen So werden
Völker unsre Beute werden die bisher Unschuld und Unwissenheit vor unsrer Rache
gesichert hat Jahrhunderte werden sie im Namen des Furchtbaren den Erdboden mit
Blute netzen und so sieget die Hölle durch die Günstlinge des Himmels über den
der uns hierher geschleudert hat
    Dies ist es ihr Mächtigen was ich euch verkünden wollte und nun freut
euch mit mir des festlichen Tags genießt im voraus der Siege die ich euch
verspreche weil ich die Menschen kenne Höhnt des Ewigen der so lächerlich und
widersinnig in dem Sohne des Staubs das rohe Tier mit dem Halbgott
zusammenspannte dass nun ein Teil den andern zerreibt Höhnt seiner und ruft mit
mir in Siegesgebrüll
    Es lebe Faust«
    Erschreckliches Getöse dass die Achse der Erde zitterte die Gebeine der
Toten in den Gräbern zusammenrasselten erscholl »Es lebe Faust Es lebe der
Vergifter der Söhne des Staubs«
    Hierauf wurde der vornehmste Adel des dunklen Reichs zur Anbetung dem
Kniebeugen Handkusse das heißt zum Glückwunsch zugelassen und ich habe bisher
noch nicht entdecken können ob der Satan diese hündische Gebräuche der
Hofhaltung der Fürsten der Erde oder ob sie dieselben der seinen nachgeäfft
haben
                                       6
Nun warfen sich die frohlockenden Teufel an die Tische und fielen über das
zugerichtete Mahl her Die Becher erklangen die Seelen knarrten unter ihren
scharfen Zähnen und man trank des Satans Fausts der Klerisei der Tyrannen
der Erde künftiger und lebender Autoren Gesundheit unter dem Knall der
höllischen Artillerie Um das Fest recht glänzend zu machen fuhren die Aufseher
der Ergötzungen des Satans nach den Sümpfen der Verdammten trieben die
brennenden Seelen heraus und jagten sie über die Tafeln die düstere Szene zu
erleuchten Sie ritten mit giftigen Peitschen hinter ihnen her und zwangen sie
sich grimmig zu balgen und die Funken knasterten und leuchteten am schwarzen
Gewölbe wie wenn in dunkler Nacht der Blitz die Garben des Feldes anzündet Um
die Ohren der Teufel beim Schmause mit Tafelmusik zu kitzeln eilten andre nach
den Pfühlen gossen glühendes Metall in die Flamme dass die Verdammten in
grässlicher Verzweiflung heulten und fluchten Könnt ich statt euren kalten und
fruchtlosen Busspredigten dieses scheussliche Gewinsel auf die Erde ziehen
wahrlich die Sünder würden ihr Ohr dem wollüstigen Gesang der Kastraten und dem
üppigen Geflüster der Flöten verschließen und reuig Psalmen anstimmen Umsonst
weit entfernt ist die Hölle und nah das Vergnügen Hierauf wurden auf einem
großen Theater Schauspiele aufgeführt die die Heldentaten des Satans
darstellten denn da der Teufel Dichter an seinem Hofe hält so hat er auch
Schmeichler zum Beispiel die Verführung Evas Judas Ischariot etc
    Dann verwandelte sich das Theater zur Vorstellung eines allegorischen
Balletts Die Szene stellte eine wilde Gegend vor In einer dunklen Höhle saß
die Metaphysik eine hagre lange Gestalt die ihre Augen auf fünf schimmernde
Worte heftete die sich beständig hin und her bewegten und bei jeder Veränderung
einen andern Sinn vorstellten Der Hagre ließ nicht nach ihnen mit seinen
starren Augen zu folgen In einem Winkel stund ein kleiner schelmischer Teufel
der ihm zuzeiten Blasen mit Wind gefüllt an die Stirne warf Der Stolz des
Hagern Amanuensis las sie auf drückte den Wind heraus und knetete ihn zu
Hypotesen Der Hagre war in ein ägyptisches Unterkleid gehüllt das mit
mystischen Figuren besäet war Über diesem trug er einen griechischen Mantel
der diese mystische Zeichen bedecken sollte wozu er aber viel zu kurz und zu
eng war Seine Beinkleider waren weite Pumphosen sie deckten aber seine Blöße
nicht Ein großer Doktorhut deckte sein kahles Haupt auf dem man nur die Ritze
sah die er mit seinen langen Nägeln bei scharfem Nachdenken hineingerissen
Seine Schuhe waren nach europäischem Zuschnitte gemacht und mit dem feinsten
Staub der Universitäten und Gymnasien bestreut Nachdem er lange auf die
schwankenden Worte geblickt hatte ohne einen Sinn zu fassen winkte der Stolz
dem Wahn der auf des Hagren Linke stund Dieser ergriff eine hölzerne
Pfennigstrompete und blies einen Tanz Da das hagre Gerippe das Geplärre hörte
fasste er den Stolz an der Hand und tanzte mit ihm in taktlosen Sprüngen herum
Seine mürbe dünne Beine konnten es nicht lange aushalten und er sank bald
atemlos in seine vorige Stellung
    Ihm folgte die Moral eine sehr feine Gestalt in einen Schleier gehüllt
der wie der Chamäleon alle Farben spielte Sie hielt die Tugend und das Laster
an den Händen und tanzte ein Trio mit ihnen Ein nackender Wilde blies dazu auf
einem Haberrohr ein europäischer Philosoph strich die Geige ein Asiate schlug
die Trommel und obgleich diese widrige Töne ein harmonisches Ohr zerrissen
hätten so kamen doch die Tanzenden nicht aus dem Takt so gut hatten sie ihre
Schule gelernt Gab die feine Dirne dem Laster die Hand so gaukelte sie wie
eine Buhlschwester floh lockend vor ihm her gab alsdann der Tugend die Hand
und bewegte sich in den sittsamen Schritten der Matrone Nach dem Tanze ruhte
sie auf einer dünnen durchsichtigen und schöngemalten Wolke aus die ihre
Verehrer aus vielen Fetzen zusammengeflickt hatten
    Nach ihr erschien die Poesie in der Gestalt eines unbekleideten wollüstigen
Weibes Sie tanzte mit der Sinnlichkeit einen üppigen sehr figürlichen und
darstellenden Tanz wozu die Einbildungskraft die Flöte damour blies
    Hierauf trat die Geschichte auf Vor ihr her ging die Fama mit einer langen
ehernen Trompete Sie selbst war behangen mit Erzählungen von Mordtaten
Vergiftungen Verschwörungen Betrügereien und andern Greueln Hinter ihr
keuchte ein starker nervigter teutsch gekleideter Mann unter einer ungeheuren
Bürde von Chroniken Diplomen und Dokumenten Sie tanzte unter dem Gerassel der
Erzählungen womit sie behangen war mit der Sklaverei die Lüge nahm der Fama
die Trompete von dem Mund weg stimmte den Tanz an und die Schmeichelei
zeichnete ihr die Figuren vor
    Dann fuhren mit lautem Gelächter auf die Szene die Medizin und
Scharlatanerie tanzten eine Menuett wozu der Tod mit einem Beutel voll Gold
die Musik klimperte
    Hierauf erschienen die Astrologie die Kabala Teosophie und Mystik sie
hatten sich an den Händen gefasst und trieben sich wild in dunklen Figuren herum
wozu der Aberglaube Wahnsinn und Betrug auf Waldhörnern bliesen
    Diesen folgte die Jurisprudenz eine feiste gut genährte Gestalt mit
Sporteln gefüttert und mit Glossen behangen Sie keuchte ein mühsames Solo und
die Schikane strich den Bass dazu
    Zuletzt fuhr die Politik in einem Siegeswagen herein den zwei Mähren zogen
Schwäche und Betrug Zu ihrer Rechten saß die Theologie in einer Hand einen
scharfen Dolch haltend in der andern eine brennende Fackel Sie selbst trug
eine goldne Krone auf dem Haupt und einen Zepter in der Rechten Sie stieg aus
dem Wagen und tanzte mit der Theologie ein Pas des deux wozu List Herrschsucht
und Tyrannei auf ganz leisen und sanften Instrumenten spielten Nachdem sie das
Pas des deux geendet hatte gab sie den übrigen Gestalten ein Zeichen einen
allgemeinen Tanz zu beginnen Sie folgten dem Wink und sprangen in wilder
Verwirrung herum Alle Obengemeldete spielten ihre Instrumente dazu ein Geheul
das die Tafelmusik des Satans nur an Getöse übertraf Doch bald mischte sich die
Zwietracht unter die vertraulich Tanzenden Sie griffen nach den Waffen von Wut
und Eifersucht entflammt Da die Theologie wahrnahm dass sie alle die wollüstige
Poesie umarmten und der Moral ihrer Todfeindin den Schleier abreißen wollten
sich damit zu bedecken gab sie dieser einen Dolchstich von hinten und
verbrannte der geliebkosten Dichtkunst mit der brennenden Fackel den Steiss
Diese beiden erhuben ein fürchterliches Geheul die Politik verwies die
Entflammten zur Ruhe und die Scharlatanerie nahte um die Wunde der Moral zu
verbinden indessen schnitt die Medizin einen Fetzen von ihrem Talar zur
Bezahlung ab Der Tod streckte unter dem Mantel der diebischen Medizin die Klaue
hervor um die Moral zu ergreifen die Politik aber schlug ihn so heftig darauf
dass er laut heulte und fürchterlich grinste Die Poesie ließ sie mit
verbranntem Steisse herumhüpfen weil sie nackend und ihr nichts abzuschneiden
war Endlich erbarmte sich ihrer die Geschichte und legte ihr ein nasses Blatt
aus einem empfindsamen Roman drauf Die Politik spannte sie alsdann alle
zusammen vor ihren Wagen und fuhr im Triumphe davon
    Die ganze Hölle schlug Beifall in die Hände bei der letzten Vorstellung und
Satan umarmte den Teufel Leviatan der dieses Schauspiel veranstaltet und ihm
so süß geschmeichelt hatte denn es war eine seiner stolzen Grillen von den
Teufeln für den Erfinder der Wissenschaften gehalten zu werden Oft sagte er in
seinem Übermut er habe sieeinst mit den Töchtern der Erde im Ehebruch gezeugt
um die Menschen von dem graden einfachen und edlen Gefühl ihres Herzens
abzulenken ihnen den Schleier ihres Glücks von den Augen wegzureissen sie mit
ihrer Beschränktheit und Schwäche bekanntzumachen und ihnen peinigende Zweifel
über ihre Bestimmung einzuimpfen Er habe sie dadurch gelehrt über den Ewigen
und die Tugend zu vernünfteln damit sie vergessen möchten diesen anzubeten und
jene auszuüben »Wir« setzte er dann hinzu »haben mit offenen und kühnen Waffen
den Himmel bekriegt ihnen hab ich wenigstens die Mittel an die Hand gegeben
unaufhörlich mit dem Ewigen zu scharmuzieren« Elende Prahlerei werden sich die
Menschen das nehmen lassen worauf sie nie stolzer sind als wenn sie es
missbrauchen
    Man bewundre doch hier einen Augenblick mit mir wie sich darinnen alle Höfe
gleichen dass meistens die Großen durch das Verdienst die Arbeit den Schweiß
der Kleinen die Gunst des Fürsten gewinnen und die Belohnung davontragen
Leviatan gibt sich geradezu für den Erfinder dieses allegorischen Balletts aus
lässt sich dafür liebkosen und danken gleichwohl ist der Autor davon der
bayerische Hofpoet der erst kürzlich Hungers folglich in Verzweiflung
gestorben und so zur Hölle gefahren war Er verfertigte dieses Ballett auf des
Fürsten Leviatans Befehl der den Sinn hatte Talente auszuspähen nach dem
neusten Geschmack seines Hofes und legte vermutlich die giftige Anspielung auf
die Wissenschaften darum hinein weil sie ihn so schlecht genährt hatten
Vielleicht auch dass Leviatan der so gut wusste was dem Satan gefiel ihm den
Wink dazu gegeben hat Es sei wie ihm wolle dieser erntete den Lohn ein und
der dünne Schatten des bayerischen Hofpoets saß kauernd hinter einem Felsen des
Theaters und sah mit tiefem Schmerz wie der Satan den Leviatan für seine
Arbeit liebkoste
                                       7
Die frohen berauschten Teufel lärmten hierauf dass sie das Geheul der Verdammten
selbst überbrüllten Auf einmal erscholl Fausts mächtige Stimme von der Oberwelt
durch die Hölle Es war ihm gelungen durch seinen Zauber bis in den Abgrund zu
dringen und einen der ersten Fürsten des schwarzen Reichs aufzufordern Seiner
Gewalt war nicht zu widerstehen Frohlockend fuhr Satan auf »Es ist Faust der
da ruft nur dem Kühnen konnte es gelingen nur der Verwegne konnte es wagen so
gewaltsam an die ehernen Pforten der Hölle zu schlagen Auf ein Mann wie er ist
mehr wert als tausend der elenden Schufte die wie Bettler sündigen und auf eine
alltägliche Art zur Hölle fahren« Er wandte sich zu dem Teufel Leviatan
seinem Liebling
    »Dich den geschmeidigsten Verführer den grimmigsten Hasser des
Menschengeschlechts fordre ich auf hinaufzufahren und mir die Seele dieses
Kühnen durch deine gefährliche Dienste zu erkaufen Nur du kannst das gierige
Herz den stolzen rastlosen Geist dieses Verwegnen fesseln sättigen und dann
zur Verzweiflung treiben Fahre hinauf verjage den Dunst der Schulweisheit aus
seinem Gehirne Senge durch das üppige Feuer der Wollust die edlen Gefühle
seiner Jugend aus seinem Herzen Öffne ihm die Schätze der Natur, treibe ihn
hastig ins Leben dass er sich schnell überlade Er sehe Böses aus Gutem
entspringen das Laster gekrönt Gerechtigkeit und Unschuld mit Füßen getreten
wie es der Menschen Art ist Führe ihn durch die wilden scheußlichen Szenen des
menschlichen Lebens er verkenne den Zweck verliere unter den Greueln den Faden
der Leitung und Langmut des Ewigen Und wenn er dann abgerissen steht von allen
natürlichen und himmlischen Verhältnissen zweifelnd an der edlen Bestimmung
seines Geschlechts der Sinn der Wollust und des Genusses in ihm verdampft ist
er sich an nichts mehr halten kann und der innere Wurm erwacht so zergliedere
ihm mit höllischer Bitterkeit die Folgen seiner Taten Handlungen und seines
Wahnsinns und entfalte ihm die ganze Verkettung derselben bis auf künftige
Geschlechter Ergreift ihn dann die Verzweiflung so schleudere ihn herunter und
kehre siegreich in die Hölle zurück«
    LEVIATHAN Satan warum wendest du dich abermals an mich Du weißt es mir
ist das ganze Menschengeschlecht und die Erde ihr Tummelplatz längst zum Ekel
geworden Was ist aus den Kerls zu machen die weder Kraft zum Guten noch Bösen
haben Den der eine Zeitlang mit dem Phantom Tugend buhlt machen bald Gold
Ehrgeiz oder Wollust zum Schurken und tritt auch einer oder der andre kühn in
die Bahn des Lasters so fährt er auf halbem Wege vor den Gespenstern seiner
schwächlichen Einbildungskraft zurück Ja wenn es noch ein heißer stolzer
Spanier ein rachsüchtiger spitzbübischer Italiener oder ein lustiger
verbuhlter Franzose wäre aber ein Teutscher träge Klötze die sich vor Ansehen
und Reichtum vor allen unnatürlichen Unterscheidungen der Menschen sklavisch
beugen von ihren Fürsten und Großen glauben sie seien von edlerem Stoffe
gemacht als sie und ganze Kerle zu sein glauben wenn sie sich für sie
totschlagen oder zum Totschlagen an andre Fürsten verkaufen lassen Vernimmst du
seit Jahrhunderten ein Wort von Empören gegen Tyrannei von Kampf und
Blutvergießen um Freiheit und die Rechte der Menschheit Sie glauben sich frei
weil es ihre Fürsten und Bischöfe sind die sie schinden können wie es ihnen
gefällt Noch ist keiner von ihnen auf eine stattliche Art zur Hölle gefahren
ein Beweis dass dies Volk keine sich auszeichnende Köpfe hat Ich meine von
jenen die keck alle Verhältnisse benagen den diamantnen Schild Eigenheit2
erkämpfen an dem sich alle himmlische und irdische Vorurteile zerschlagen
Zeige mir einen solchen Mann der auf die Gefahr seiner Seele groß sein und
bleiben will und ich fahre hinauf
    SATAN Leviatan sollen Teufel sich von Vorurteilen blenden lassen wie die
Söhne des Staubs Der Mann nach unserm Sinn wird unter jedem Himmelsstrich
geboren dies wird er dir beweisen Er ist einer von denen die die Natur zum
Großen geschaffen mit allen heißen Leidenschaften ausstaffiert hat und die sich
gegen die alten Verträge der Menschen empören Wenn ein solcher Geist durch
dieses Spinnengewebe reißt so gleicht er einer Flamme die durch ihre
Heftigkeit den Stoff ihres Glanzes nur schneller aufzehrt Er ist einer der
Philosophen auf Schöngeist gepfropft die durch die Einbildungskraft fassen
wollen was dem kalten Verstand versagt ist und die wenn es ihnen misslingt
alles Wissen verlachen und den Genuss und die Wollust zu ihrem Gott machen Fahr
hinauf Leviatan bald wird ein Feuer in Deutschland ausbrechen das ganz
Europa umfassen wird Schon schießt der Keim des Wahnsinns auf Jahrhunderte auf
und das was der Teutsche einmal gefasst hat davon lässt er nicht ab
Die Teufel erstaunten über die Kühnheit des elenden Schatten aber Satan der
wegen des Balletts und Fausts Erfindung bei guter Laune war blickte ihn gnädig
an und sagte
    »Wer bist du dünne Gestalt« »Ein teutscher Doktor Juris hochgebietender
Satan Halte mir doch eure gestrenge Majestät zu Gnaden wenn ich respektwidrig
meine Empfindlichkeit über die Verspottung meines Vaterlands zeigte und zugleich
merke ließ wie sehr mich das Lob Eurer Majestät ergötzte Dürft ich es nur
untertänigst wagen Teutschlands Verteidigung gegen den großen und furchtbaren
Fürsten Leviatan zu übernehmen ich bin gewiss er würde es bald vor allen
Ländern Europas zu seinem Aufenthalt erwählen«
    Satan lächelte und sagte »Ich vergebe dir deine Kühnheit steige auf das
Theater und lass hören was du zum Lobe deines Vaterlands vorzubringen hast Es
soll mir lieb sein wenn du die Deutschen bei dem Fürsten Leviatan in Gunst
setzest«
    Der Doktor Juris stieg keck auf die Bühne sah sich um und erhub seine
Stimme
    »Vorerst furchtbare Fürsten der Hölle erlaubt mir dass ich einen
allgemeinen Blick auf Teutschlands weise Verfassung werfe gelingt mir dieses
wie ich mir schmeichele so will ich dann versuchen jede Anklage des Fürsten
Leviatans Stück für Stück zu beantworten Vergebt mir wenn meine Beredsamkeit
dem hohen Gegenstand nicht entspricht Noch bin ich des Dampfes Gebrauses und
Geheuls der Hölle nicht ganz gewohnt ich lebte auf Erden immer in der Stille
der fürstlichen Gemächer wo keiner laut zu schreien wagt wenn auch selbst der
Tod in der Gestalt einer peinigenden Kolik in seinen Eingeweiden wütete Auch
ist es schwer vor einer so gefährlichen Gesellschaft ohne Zittern und aus dem
Stegreife zu reden doch Vaterlandsliebe besiegt selbst die Schrecken der Hölle
Aber nur in einem Deutschen Mögen es die Spötter merken
    Unser geliebtes Deutschland ist wie alle Welt weiß eine wahre fürstliche
Republik bestehend aus welt und geistlichen Fürsten Grafen Baronen und des
Heiligen Römischen Reichs Rittern die sich alle unter dem erhabenen Glanze
eines einzigen Oberhaupts vereinigen Von welchem Lande kann man das sagen Kühn
fordere ich die ganze Hölle auf alle große Geister die sie in ihrem
unendlichen Bezirk einschliesst mir eine erhabnere Staatsverfassung zu zeigen
Gebt euch nur die Mühe ihr Spötter die ihr mich mit euren Grimassen verwirren
möchtet sie zu studieren ihr werdet bald sehen dass es selbst für einen Teufel
ein ungeheures Unternehmen ist das aber freilich die Mühe reichlich lohnt Sagt
mir wo auf Erden glänzt das Feudalsystem3 das Meisterstück der Gewalt und des
menschlichen Verstandes in seiner ganzen Pracht als in Deutschland Wo hat es
sich so rein und vollkommen erhalten als in Deutschland Darum auch ist kein
Reich auf Erden glücklicher als mein geliebtes Vaterland Fürsten und
Herrenrecht auf der einen Seite auf der andern Gehorsam wie es sein muss Ich
habe wohl ehedem Bücher über andre Staatsverfassungen gelesen aber sie wollen
eben nicht viel sagen Sie sind vor Jahrtausenden geschrieben di zu einer
Zeit wo die Staatsleute noch so kindisch waren ein langes und breites über das
Volk und dessen Gerechtsame zu schwatzen Wahrlich es ist mir unbegreiflich
wie die Alten die doch in manchen andern Stücken einen Anschein von Verstand
haben über diesen Punkt solchen Unsinn lehren konnten Doch die Blinden kannten
leider das Feudalsystem nicht und Männer die sie Barbaren schalten haben
dieses herrliche Gebäude auf den Trümmern des ihrigen aufgeführt Es wäre nun
einmal Zeit dass man diese alten Bücher auf die Seite schaffte denn unsere
Staatsbücher enthalten alles was der Mensch zu wissen nötig hat Ich schwöre
euch erhabene Fürsten der Hölle wenn mir einer von euch außer den Rechten
benannter hoher Personen nur ein einzig Wort über das Recht des Gesindels der
Menschen in einem unserer Staatsbüchern zeigen kann so will ich mich zu einer
brennenden Fackel drehen lassen und die Ehre haben auf Seiner Majestät
prächtiger Tafel zu leuchten Sollte diese Strafe meiner Vermessenheit nicht
hinreichend scheinen so mag mich Seine hohe satanische Majestät zu dem Mönch
der das Pulver erfunden hat  im Vorbeigehen gesagt auch ein teutscher  merkt
es ihr Spötter  Der Ewige stürzte ihn in die Hölle weil er anstatt für die
Erhaltung seiner Brüder zu beten zu ihrer Zerstörung arbeitete  so sag ich
nun  Seine Majestät soll mich wenn ihr mir ein solches Recht aufweisen könnt
in den Mittelpunkt der glühenden Kugel keilen lassen den sie besagtem Mönch zum
eignen warmen Aufenthalt anzuweisen geruhte und mögen die gnädigen Herren mit
besagter Kugel und unsern hineingekeilten Seelen zum hohen Zeitvertreib den Ball
schlagen so oft es ihnen gefällt Ich hab an unsern Höfen gelernt mit mir
spielen zu lassen«
    »Bravo« riefen die Teufel »Ein wahrer Patriot Nimm ihn beim Wort Satan«
    Satan lächelte »Fahr fort Doktor du wirst nicht zu dem Mönch in die
glühende Kugel gekeilt werden denn wir haben nie von einem solchen Rechte wohl
aber von einem Faustrecht gehört«
    DOKTOR JURIS Ein vortreffliches edelmännisches Recht das leider etwas in
Abnahme kommt
    Die Teufel wieherten und zischten
    DOKTOR JURIS Wiehert nur ihr Spötter und schneidet mir Gesichter die
gnädige Miene das Huldlächeln Satans versüßen mir euren Spott Ha wisst nur
immer ein Doktor Juris ist in Deutschland ein ganzer Kerl und wird ein
Edelmann sobald er promoviert hat Übrigens gibt ihm sein Diplom das Recht das
Gesindel von Menschen so gut nach seiner Art zu schinden wie der Edelmann Denn
hat bei uns der Edelmann das Faustrecht seiner Hände so hat der Gelehrte das
weit gefährlichere Faustrecht des Verstandes. Und er nutzt dieses Recht sogar
ohne Gefahr für seine hohe Person denn eben die Gesetze, die er gegen oder für
andere wendet und dreht wie er will werden ein Schild gegen jeden Angriff an
seiner klugen Brust Daraus seht ihr zugleich was Gelehrsamkeit für ein Ding
ist
    SATAN Der Mann spricht ganz wie ein Mensch und macht mir viel Freude
Leviatan hättest du dieses einem Deutschen zugetraut  Es lebe Deutschland
und treibe viele deinesgleichen hervor Es lebe das Feudalsystem
    DIE TEUFEL brüllten Es lebe Deutschland Es lebe das Feudalsystem  Den
ersten Freudenruf schrie Fürst Leviatan nicht mit
    SATAN Doktor hast du noch etwas zu sagen
    DOKTOR JURIS Eure Majestät erlauben mir nun dem Fürsten Leviatan auf
seine besonderen Anklagen zu antworten
    Erstlich sagt er Ja wenn es noch ein heißer Spanier ein rachsüchtiger
spitzbübischer Italiener oder ein verbuhlter Franzose wäre Meint etwa der Herr
wir hätten keine hervorstechende Laster Geh er doch in unsre Klöster und an die
Höfe unsrer Fürsten oder lass ihn Hochgebietender nur einen kleinen Spazierritt
durch die Hölle machen und meine brave Landsleute fragen warum sie hier sind
Freilich nach mir muss er sie nicht beurteilen ich hatte nicht Kraft genug ein
großer kühner Sünder zu werden aber dies kam daher dass ich meinen Vorteil
mehr im Heucheln gewisser Tugenden fand und mich meine Frau zu tyrannisch
beherrschte Bloß darum bin ich nun ein Mittelding unter den Verdammten
    Zweitens sagt Fürst Leviatan wir beugten uns sklavisch vor den Großen und
glaubten unsre Fürsten seien von edlerm Stoffe wie wir Warum denn nicht Sind
unsre Fürsten nicht vortreffliche Herren Ein großer Herr ist freilich ein
andres Ding als unsereiner denn er kann wohl und wehtun Sollen wir etwa nicht
das Volk in diesem Wahn zu erhalten suchen da wir feinern Leute unter ihren
schützenden Flügeln unser Hühnchen ungestört rupfen Ist ja doch überall
Rangordnung auf der Erde hier in der Hölle und dem Lande von dem ich
ausgeschlossen bin
    Drittens sagt Fürst Leviatan die Deutschen glaubten ganze Kerle zu sein
wenn sie sich für ihre Fürsten totschlagen oder zum Totschlagen an andere
verkaufen ließ Auf das erste antworte ich nicht denn dafür sind sie da wie
wir Juristen beweisen aber warum sollte er sie nicht verkaufen Verkauft nicht
jeder sein Eigentum es sei Ochs Rind Pferd Kuh Schwein oder Kalb Und wenn
ihm nun sein Land nicht Gold genug geben kann es andern Fürsten in Pracht und
Aufwand gleichzutun Doch ich schäme mich über eine so klare Sache vor einer so
erleuchteten Versammlung vor unsterblichen Geistern ein weiteres zu reden
    Viertens sagt Fürst Leviatan zu Seiner Majestät Vernimmst du seit
Jahrhunderten etwas von Empören gegen Tyrannei Was will er mit diesem Worte
sagen Wir kennen keine Tyrannei unsre Fürsten sind die besten Herren von der
Welt solang sie ihren Willen haben das heißt tun dürfen was ihnen gefällt
und mich deucht wenn man dies nicht kann so ist es wohl nicht der Mühe wert
ein Fürst zu sein Außerdem macht es der Nation Ehre einen Herrn zu haben der
alles vermag und dem niemand widersprechen darf Und warum sollten sie sich
empören Was geht ihnen wohl ab Sind sie nicht gekleidet dürfen essen und
trinken was sie bezahlen können Erlaubt man ihnen nicht alle übrige Freuden
des Fleisches wenn sie nur tun was man ihnen befiehlt und ihren Überfluss zu
Ehre des Landes hergeben Auch ist dem Fürsten das Wort schinden entfallen Was
soll es heißen Das Schaf trägt Wolle damit es geschoren werde der Bürger und
der Bauer haben darum Hände dass sie im Schweiß ihres Angesichts arbeiten und
die Gelehrten die Geistlichen die Großen der Adel und die Fürsten haben darum
Verstand für sie zu denken zu wachen und den Gewinn ihres Schweisses zu
verzehren Dieses alles liegt in der Natur, sehr edle Herren und ist überall
Sitte
    Was da fünftens Fürst Leviatan von der Eigenheit4 und ihrem diamantnen
Schilde gesprochen hat und merken ließ als wenn uns diese fehlte so würde ich
darüber lachen wenn es einem armen Schatten wie ich bin erlaubt wäre Ei
sind doch unsre Privilegien unsre Eigenheit und wer die antastet der würde
ebenso gut tun einen schlafenden hungrigen Wolf bei den Ohren zu zupfen Auch
sprach der Fürst Leviatan etwas von dem Rechte der Menschheit Darauf antworte
ich nicht denn ich habe in meinem Leben nichts davon gehört und wenn ich der
ich alle alte und neue Bücher gelesen habe nichts davon weiß wenn mir der ich
mit den Großen mein ganzes Leben zugebracht habe nichts davon zu Ohren gekommen
ist so muss wohl an dem ganzen Dinge nichts sein Recht heißt von einer Seite
befehlen von der andern gehorchen und dies prägt sich den rohen Sinnen stärker
ein wie mir einstens der Fürstbischof 
    BEELZEBUB Hm  ein Fürstbischof Was doch die Menschen für widersprechende
Dinge zusammensetzen
    DOKTOR JURIS Nicht so widersprechend wie es scheint Fürst Beelzebub
Diese Begriffe hängen sich aneinander wie Herrschsucht und Demut  Frömmigkeit
und Heuchelei 
    SATAN Steige herunter Doktor ich bin zufrieden mit dir Mir gefällt dein
Eifer Auch mir liegt daran dass das Feudalsystem erhalten werde das seine
Wurzel so wie die Wissenschaften in meinem Reiche hat Du sollst suchen deine
Meinung weiter unter den Menschen auszubreiten und dazu will ich dir
Gelegenheit geben Höre ich befördere dich aus der Küche in das Kabinett und
schicke dich mit meinem Gesandten als Sekretär an den nahen Reichstag dass du
dorten deine Grundsätze ausbreitest Bringe sie geschwind zu Papier und blase
sie einem Sohne des Staubs in das Gehirn
     Ja das Feudalsystem ist eine herrliche Erfindung für die Hölle Aus
Verzweiflung fährt das Gesindel der Menschen herunter wie der Doktor sie nennt
und die Ungerechtigkeit und Schwelgerei sendet ihnen ihre Unterdrücker nach
    Der Doktor Juris fiel hierauf dankbar auf den verbrannten Boden küsste
Satans Füße und stund triumphierend auf Die Teufel fingen von neuem an zu
lachen und zu toben als zum zweitenmal Fausts gebieterischer Ruf ertönte
    Satan fuhr fort
    »Du hörst an seinem Ruf dass er keiner der Schwächlinge ist So wütend hat
noch keiner an die Pforte der Hölle geschlagen wahrlich der Kerl ist ein
Genie Fahre schnell hinauf denn wenn du zögerst so möchte er an der Kraft
seines Zaubers zweifeln und die Hölle verlöre die Früchte seines Frevels Wisse
ein Mann wie er ist mehr Gewinn für uns als Tausende der Schufte die täglich
herunterfahren«
    Zornig erwiderte der Teufel Leviatan
    »Ich schwöre bei dem glühenden stinkenden Pfuhl der Verdammten der
Verwegne soll diese und die Stunde seiner Geburt verfluchen und den Ewigen einst
lästern Er soll es büßen dass ich um seinetwillen das mir verhasste Deutschland
betreten muss«
    Er fuhr in Dampf gehüllt hinaus und die frohlockende Hölle jauchzte ihm
nach
                                       8
Faust stund in seinem Zauberkreise wild begeistert Zum drittenmal rief er mit
donnernder Stimme die furchtbare Formel Die Türe fuhr plötzlich auf ein dicker
Dampf schwebte an dem Rande des Kreises er schlug mit seinem Zauberstab hinein
und rief gebietend
    »Entülle dich dunkles Gebilde«
    Der Dampf floss hinweg und Faust sah eine lange Gestalt vor sich die sich
unter einem roten Mantel verbarg
    FAUST Langweilige Mummerei für einen der dich zu sehen wünscht Entdecke
dich dem der dich nicht fürchtet in welcher Gestalt du auch erscheinest
    Der Teufel schlug den Mantel zurück und stund in erhabner stattlicher
kühner und kraftvoller Gestalt vor dem Kreise Feurige gebietrische Augen
leuchteten unter zwo schwarzen Braunen hervor zwischen welchen Bitterkeit Hass
Groll Schmerz und Hohn dicke Falten zusammengerollt hatten Diese Furchen
verloren sich in einer glatten hellen hochgewölbten Stirne die mit dem
Merkzeichen der Hölle zwischen den Augen sehr abstach Eine feingebildete
Adlernase zog sich gegen einen Mund der nur zu dem Genuss der Unsterblichen
gebildet zu sein schien Er hatte die Miene der gefallnen Engel deren
Angesichter einst von der Gottheit beleuchtet wurden und die nun ein düstrer
Schleier deckt
    FAUST erstaunt Ist der Mensch denn überall zu Hause  Wer bist du
    TEUFEL Ich bin ein Fürst der Hölle und komme weil dein mächtiger Ruf mich
zwingt
    FAUST Ein Fürst der Hölle unter dieser Maske unter der Gestalt des
Menschen Ich wollte einen Teufel haben und keinen meines Geschlechts
    TEUFEL Faust vielleicht sind wir es dann ganz wenn wir euch gleichen
wenigstens kleidet uns keine Maske besser Ist es nicht eure Weise das zu
verbergen was ihr seid und das vorzugaukeln was ihr nicht seid
    FAUST Bitter genug und wahrer noch als bitter denn sähen wir von außen so
aus wie wir in unserm Innern sind so glichen wir dem was wir uns unter euch
denken doch dachte ich dich fürchterlich und hoffte meinen Mut bei deiner
Erscheinung zu prüfen
    TEUFEL So denkt ihr euch alle Dinge anders als sie sind Vermutlich hast du
den Teufel mit den Hörnern und den Bocksfüssen erwartet wie ihn euer furchtsames
Zeitalter schildert Seitdem ihr aufgehört habt die Kräfte der Natur anzubeten
haben sie euch verlassen und ihr könnt nichts Großes mehr denken Wenn ich dir
erschiene wie ich bin die Augen drohende Kometen einherschwebend wie eine
dunkle Wolke die Blitze aus ihrem Bauche schleudert das Schwert in der Hand
das ich einst gegen den Rächer zog den ungeheuren Schild am Arm den sein
Donner durchlöchert hat du würdest in deinem Kreise zu Asche werden
    FAUST Nun so hätte ich doch einmal etwas Großes gesehen
    TEUFEL Dein Mut würde mir gefallen aber nie seid ihr lächerlicher als
wenn ihr erhaben zu fühlen glaubt indem ihr das Kleine das ihr umfassen könnt
mit dem Ungeheuren und Großen das ihr nicht übersehen könnt zusammenstellt So
mag der Wurm den vorübergehenden Elefanten dann auch ausmessen und im
Augenblicke seine Schwere berechnen wenn er unter seinem gewaltigen Fuß
hinstirbt
    FAUST Spötter und was ist der Geist in mir der wenn er einmal den Fuß
auf die Leiter gesetzt hat von Sprosse zu Sprosse bis ins Unendliche steigt Wo
ist seine Grenze
    TEUFEL Vor deiner Nase wenn du aufrichtiger sein willst als ihrs gewohnt
seid doch wenn du mich um dieses Schnickschnacks aus der Hölle gerufen hast so
lass mich immer wieder abziehen Ich kenne schon lange eure Kunst über das zu
schwatzen was ihr nicht versteht
    FAUST Deine Bitterkeit gefällt mir sie stimmt zu meiner Lage und ich muss
dich näher kennenlernen Wie heissest du
    TEUFEL Leviatan das ist alles denn ich vermag alles
    FAUST O des Grosssprechers Prahlen die Teufel auch
    TEUFEL Der Gestalt Ehre zu machen in welcher du mich siehst Setze mich
auf die Probe Was verlangst du
    FAUST Verlangen o des langgedehnten Worts für einen Teufel Wenn du bist
was du scheinen willst so führe meine Begierden in ihrem Keimen aus und
befriedige sie bevor sie Willen geworden sind
    TEUFEL Ich will deinem Sinne näherrücken Das edle Ross beißt in die Stange
so der Mensch der sich Flügel fühlt im Licht zu schweben und den eine
tyrannische Hand in dunklen Abgrund drückt Faust viel ahndet dein feuriger
Geist aber das was du umfassen möchtest verschwindet und das Erhaschte ist
immer nur Schattenbild deiner eignen Gestalt
    FAUST Rascher
    TEUFEL Noch schlage ich leise an deiner Seele an wenn ich einst deine
Sinne berühre wirst du noch heißer auflodern Ja du bist einer der Geister
die die alltäglichen Verhältnisse des Menschen verbrennen denen das nicht
gnügt was der Karge ihnen aufgetischt hat Mächtig ist deine Kraft ausgedehnt
deine Seele kühn dein Wille aber der Fluch der Beschränktheit liegt auf dir
wie auf allen  Faust du bist so groß als der Mensch sein kann
    FAUST Maske des Menschen fahr in die Hölle zurück wenn du uns auch im
Schmeicheln nachäffest
    TEUFEL Faust ich bin ein Geist aus flammendem Lichte geschaffen sah die
ungeheuren Welten aus Nichts hervortreten du bist aus Kot geschaffen und von
gestern her  werd ich dir schmeicheln
    FAUST Und doch musst du mir dienen wenn mirs gefällt
    TEUFEL Dafür erwarte ich Lohn und den Beifall der Hölle der Mensch und der
Teufel tun beide nichts umsonst
    FAUST Welchen Lohn erwartest du
    TEUFEL Ein Ding aus dir gemacht zu haben das mir gleicht wenn du die
Kraft dazu hast
    FAUST Da wär ich was Rechts doch du kennst den Menschen schlecht für einen
so gewandten Teufel wenn du an der Kraft desjenigen zweifelst der es einmal
gewagt hat aus den Banden zu springen die die Natur so fest um unser Herz
gelegt hat Wie sanft schienen sie mir einst da meine Jugend die Welt und
Menschen in den schimmernden Glanz der Morgenröte kleidete Es ist vorbei
schwarz ist nun mein Horizont ich stehe im halben Lauf des Lebens an dem Rande
der dunklen Ewigkeit und habe die Regeln zerrissen die das Menschengeschlecht
in Harmonie zusammenhält
    TEUFEL Was schwärmst du Faust Harmonie ist sie es die den verworrnen
Tanz des Lebens leitet
    FAUST Schweig ich fühle es vielleicht zum letztenmal blicke vielleicht
zum letztenmal in die bunten wonnevollen Gefilde der Jugend zurück Dass der
Mensch aus diesem seligen Traum erwachen muss dass die Pflanze aufschiessen muss
um als Baum zu verdorren oder gefällt zu werden Lächle Teufel ich war einst
glücklich Verschwinde was nicht mehr zu erhaschen ist Ja nur dann haben wir
Kraft wenn wir dem Bösen nachjagen Und worin bin ich groß Wär ichs würd ich
deiner bedürfen Geh tückischer Schmeichler du willst mir nur zu fühlen geben
wie klein ich bin
    TEUFEL Derjenige der zu fühlen fähig ist worin er schwarz ist und den
Mut hat das zu zertrümmern wodurch ers istist wenigstens darinnen groß
Mehr wollt ich nicht sagen und weh dir wenn ich dich durch Worte aufreizen
soll
    FAUST Sieh mich an und sage mir was dich mein Geist fragt das was ich
nicht zu sagen wage
    Bei diesen Worten deutete Faust auf sich dann gegen den Himmel und machte
eine Bewegung mit seiner Zauberrute gegen Auf und Niedergang der Sonne Er fuhr
fort
    »Du hörst den Sturm wüten  warst da noch nichts war «
    Hier deutete er auf seine Brust und Stirne
    »Hier ist Nacht lass mich Licht sehen«
    TEUFEL Verwegner ich verstehe deinen Willen und schaudere vor deiner
Kühnheit ich ein Teufel
    FAUST Elender Geist du windest dich mit dieser Ausflucht nicht los In
meinem glühenden Durst würd ich unternehmen das ungeheure Meer auszutrinken
wenn ich in seinem Abgrund das zu finden hoffte was ich suchte Ich bin dein 
oder dessen  noch steh ich da wohin kein Teufel dringen kann noch ist Faust
sein Herr
    TEUFEL Das warst du vor einem Augenblick noch Dein Los ist geworfen war
geworfen da du diesen Kreis betratst Wer in mein Angesicht geblickt hat kehrt
umsonst zurück und so verlass ich dich
    FAUST Reden sollst du und die dunkle Decke wegreissen die mir die
Geisterwelt verbirgt Was seh ich in dir ein Ding, wie ich es bin Ich will des
Menschen Bestimmung erfahren die Ursach des moralischen Übels in der Welt Ich
will wissen warum der Gerechte leidet und der Lasterhafte glücklich ist Ich
will wissen warum wir einen augenblicklichen Genuss durch Jahre voll Schmerzen
und Leiden erkaufen müssen Du sollst mir den Grund der Dinge, die geheime
Springfeder der Erscheinungen der physischen und moralischen Welt eröffnen
Fasslich sollst du mir den machen der alles geordnet hat und wenn der flammende
Blitz der diesen Augenblick durch jene schwarze Wolke reißt mein Haupt sengte
und mich leblos in diesen Zirkel der Verdammnis hinstreckte Glaubst du ich
habe dich um Gold und Wollust allein heraufgerufen Jeder Elende mag seinen
Bauch füllen und die Wollust des Fleisches stillen  Du bebst Hab ich mehr Mut
als du Welche zitternde Teufel speit die Hölle aus Und du nennst dich
Leviatan der alles kann  Weg mit dir du bist kein Teufel du bist ein
elendes Ding wie ich
    TEUFEL Kühner du hast die Rache des Rächers noch nicht gefühlt wie ich
Die Ahndung davon würde dich in Staub verwandeln und wenn du die Kraft des
Menschengeschlechts vom ersten bis zum letzten Sünder in deiner Brust trügest
Dringe weiter nicht in mich
    FAUST Ich will und bin bestimmt
    TEUFEL Du flössest mir Ehrfurcht und Mitleid ein
    FAUST Ich fordere nur Gehorsam
    TEUFEL So hadere mit dem der eine Fackel in dir angezündet hat die dich
aufbrennen muss wenn sie die Furcht nicht ausbläst
    FAUST Ich habe es getan und umsonst Ich habe ihn um Licht angefleht er
schwieg ich habe ihn in finstrer Verzweiflung aufgefordert er schwieg Gebet
und Grimm vermögen nichts bei dem der blinden Gehorsam sklavische Unterwerfung
in Qual und Finsternis zum ewigen Gesetz gemacht zu haben scheint Er peiniget
uns eben durch den Verstand den er uns gegeben hat Wozu eine Fackel wenn ihre
dampfende Glut den Irrenden nur blendet Sie leuchte mir einmal helle auf dem
dunklen Wege und verbrenne mich dann wenn es so sein muss Gehorche und
schnell
    TEUFEL Unzubefriedigender Nun so wisse dass auch der Teufel seine Grenzen
hat Seitdem wir gefallen sind haben wir die Vorbildung der erhabenen
Geheimnisse bis auf die Sprache sie zu bezeichnen verloren Nur die
unbefleckten Geister jener Welt vermögen sie zu denken und zu besingen
    FAUST Glaubst du mich durch eine listige Wendung in dem zu täuschen
wonach mein Gaumen so lüstern ist
    TEUFEL Tor um mich an dir zu rächen wünscht ich dir mit den glänzenden
Farben des Himmels das zu schildern was du verloren hast und dich dann der
Verzweiflung überlassen Wüsst ich auch mehr als ich weiß kann die Zunge aus
Fleisch gebildet dem Ohr aus Fleisch gebildet fasslich machen was außer den
Grenzen der Sinne liegt und der körperlose Geist nur begreift
    FAUST So sei ein Geist und rede Schüttle diese Gestalt ab
    TEUFEL Wirst du mich dann vernehmen
    FAUST Schüttle diese Gestalt ab ich will dich als Geist sehen
    TEUFEL Du sprichst Unsinn  nun so sieh mich  ich werde sein und dir
nicht sein ich werde reden und du wirst mich nicht verstehen
    Nach diesen Worten zerfloss der Teufel Leviatan in helle Flamme und
verschwand
    FAUST Rede und entülle die Rätsel
    Wie der sanfte West über die beblümte Wiese hinstreicht und die sanften
Blüten leise küsst so säuselte es an der Stirne und den Ohren Fausts Dann
verwandelte sich das Säuseln in ein steigendes anhaltendes rauschendes
Rasseln das dem rollenden Donner dem Zerschlagen der Wogen an der Brandung
dem Geheule und Gesause in den Felsenklüften glich Faust sank in seinem
Zauberkreis zusammen und erholte sich mühsam
    FAUST Ha ist dies die Sprache der Geister so verschwindet mein Traum und
ich bin getäuscht und muss knirschen in der Finsternis So hätt ich nun meine
Seele um die Sünde der H  i verkauft denn dies wäre alles was mir dieser
kupplerische Geist noch leisten könnte Eben das warum ich die Ewigkeit aufs
Spiel setzte Erleuchtet wie nie einer es war gedacht ich unter die Menschen
zu treten und sie mit meinem Glanze zu blenden wie die jung aufgehende Sonne
Der stolze Gedanke ewig als der Größte in den Herzen der Menschen zu leben ist
hin und ich bin elender als ich war Ich soll mit den übrigen Söhnen des Staubs
in der Finsternis knirschen an der Kette der Notwendigkeit nagen und weder mich
noch sie von dem eisernen Joche befreien Ha wo bist du Gaukler dass ich meine
Wut an dir auslasse
    TEUFEL in seiner vorigen Gestalt Hier bin ich Ich sprach und du vernahmst
den Sinn meiner Worte nicht Fühle nun was du bist zur Dunkelheit geboren ein
Spiel der Zweifel Dir kann nicht werden was dir nicht werden soll Ziehe
deinen Geist von dem Unmöglichen ab und halte dich an das Fassliche Du wolltest
die Sprache der Geister vernehmen hast sie vernommen und sankst betäubt hin
unter ihrem Schall
    FAUST Reize nur meinen Zorn und ich will dich mit meiner Zauberrute bis zu
Tränen geisseln dich an den Rand meines Kreises fesseln und meinen Fuß auf
deinen Nacken setzen ich weiß dass ich es kann
    TEUFEL Tu es und die Hölle wird deines Zorns lachen Für jede Träne soll
einst die Verzweiflung die Tropfen deines Bluts aus deiner verwegnen Stirne
drücken und die Rache soll die Waage halten sie abzuwägen
    FAUST Pfui des Wahnsinns dass ein edles Geschöpf sich mit einem von
Ewigkeit Verworfnen abgibt der nur Sinn zum Bösen hat nur im Bösen beistehen
kann
    TEUFEL Pfui des Ekels einen Menschen anhören zu müssen der dem Teufel
vorwirft dass er Teufel ist und nicht mit der Schattengestalt Tugend prahlt wie
einer von euch
    FAUST Prahlt Taste nur noch den moralischen Wert des Menschen an wodurch
er sich den Unsterblichen nähert und der Unsterblichkeit würdig macht
    TEUFEL Ich will dir zeigen was daran ist
    FAUST Ich denke wohl dass du es kannst Kann es doch jeder von uns der
seine Schlechtigkeit zum allgemeinen Maßstab der Menschen macht und Tugenden
verdächtig macht die er nie in seiner Brust gefühlt hat Wir haben Philosophen
gehabt die hierinnen längst dem Teufel vorgegriffen haben
    TEUFEL Besser wäre es für dich gewesen du hättest nie einen gelesen dein
Kopf würde gerader und dein Herz gesünder sein
    FAUST Verdammt dass der Teufel immer recht hat
    TEUFEL Ich will dir anschaulich machen wovon deine Philosophen schwatzen
und die Wolken vor deinen Augen wegblasen die Stolz Eitelkeit und Selbstliebe
zusammengetrieben und so schön gefärbt haben
    FAUST Wie das
    TEUFEL Ich will dich auf die Bühne der Welt führen und dir die Menschen
nackend zeigen Lass uns reisen zu Wasser zu Land zu Fuß zu Pferde auf dem
schnellen Winde und das Menschengeschlecht mustern Vielleicht dass wir die
Prinzessin entzaubern um welche schon so viele tausend Abenteurer die Hälse
gebrochen haben
    FAUST Topp Ziehen wir durch die Welt ich muss mich durch Genuss und
Veränderung betäuben und lange hab ich mir einen weitern Kreis zum Bemerken
gewünscht als mein eigenes tolles Herz Lass uns herumziehen und ich will dich
Teufel zwingen an die Tugend der Menschen zu glauben Nur der Glaube an den
moralischen Wert des Menschen war es der mir die peinliche Finsternis zuzeiten
erleuchtete Nur er war es der meine quälende Zweifel auf Augenblicke
besänftigte Ja lächle nur du sollst mir wahrlich gestehen dass der Mensch der
Augapfel dessen ist den ich nun nicht mehr nennen darf
    TEUFEL Dann will ich als Lügner zur Hölle fahren und dir den Bundbrief
zurückgeben den du heute mit deinem Blute unterzeichnen wirst Wenigstens wirst
du auf der großen Schaubühne der Welt deutlicher einsehen wie viel Anteil der
an euch und euren Qualen nimmt dessen Augapfel du so stolz den Menschen nennst
Bei dem schnellen Pfeil des Todes eine edle Behandlung für den Günstling eines
so mächtigen Herrn Wenn eure Fürsten den Beweis ihrer Einsetzung von ihm
dahineinsetzen dass sie es euch zur Gnade anrechnen euch in dem von ihnen
zugerichteten Elend leben zu lassen so haben sie so ganz unrecht eben nicht
Komm und mache mich zum Lügner
    FAUST Dass ich dem Teufel doch traute der mir sein höllisches Gepfusch für
Machwerk der Menschen verkaufen möchte Wie lächelt der Spötter
    TEUFEL Den Mönchsgedanken hätte ich hinter dem Manne nicht gesucht der so
lange mit der Philosophie gebuhlt hat doch darin gleicht ihr euch alle die
Weisen und die Toren was der Sinn nicht fassen kann lösen Stolz und Eigenliebe
zu ihrem Vorteil auf Sieh da zwei Worte bös und gut die ihr zu Begriffen
stempeln möchtet denn wenn ihr die Worte einmal habt so glaubt ihr auch schon
den leeren Schall zum Gedanken geprägt zu haben Da ihr nun damit nicht fertig
zu werden wisst so haut ihr um der Plackerei loszuwerden nach eurer Weise
hindurch und natürlich ist das Gute euer eigenes Machwerk und das Böse das
Gepfusch des Teufels So müssen wir arme Teufel nun Tag und Nacht herumreiten
um das Herz und die Einbildungskraft dieses oder jenes Schuftes zu einem
sogenannten Schurkenstreich zu reizen der ohne dies wohl ein ganzer Kerl
geblieben wäre Faust Faust tausend Dinge sucht der Mensch in den Wolken und
außer sich die in seinem Busen und vor seiner Nase liegen Nein ich will auf
unsern Zügen nichts hinzutun es sei denn dass du es von mir forderst Alles
was du sehen wirst sei Menschenwerk Du wirst bald einsehen dass die des
Teufels nicht brauchen die so schnell eilen ihre elende Schatten zu ihm zu
fördern
    FAUST Und dies wäre nun alles was du mir leisten könntest
    TEUFEL Ich will dich von Stufe zu Stufe führen haben wir diese Bahn
durchlaufen so wird sich schon eine andre Szene öffnen Lerne erst kennen was
so nah mit dir verwandt ist dann steige aufwärts  Die Schätze der Erde sind
dein  du gebietest meiner Macht  du träumst  du wünschest 
    FAUST Das ist etwas
    TEUFEL Nur etwas Unersättlicher du sollst mich den Teufel zu
Beförderung der Absichten zwingen können die ihr gut und edel nennt die Folgen
davon sollen deine Ernte und der Lohn deines Herzens Gewinn sein
    FAUST Das wäre mehr wenn es kein Teufel sagte
    TEUFEL Wer kann sich rühmen den Teufel zu guten Werken gezwungen zu haben
Lass diesen Gedanken nur immer dein Herz aufschwellen  Faust tritt aus deinem
Kreise
    FAUST Noch ist es nicht Zeit
    TEUFEL Fürchtest du mich Ich sage dir du sollst das Stundenglas deiner
Zeit nach Gefallen zerschlagen Faust ich fülle den Becher des Genusses für
dich voll und rauschend  so ward er noch keinem Sterblichen gefüllt Deine
Nerven sollen ablaufen bevor du den Rand beleckt hast Zähle den Sand am Meere
dann magst du die Zahl der Freuden zählen die ich hier auf den Boden vor dich
schütte
    Hierauf stellt er einen Kasten voll Gold vor den Kreis Alsdann geht die
Gestalt der Bürgermeisterin und ein Zug blühender Schönen vorüber
    FAUST Teufel wer hat dir den Weg zu meinem Herzen gezeigt
    TEUFEL Ich heiße Leviatan habe dich und deine Kraft gewogen Achtest du
dieses Er schüttet aus einem Sacke Ordensbänder Bischofsmützen Fürstenhüte
und Adelsdiplome auf den Boden
    Kenn ich doch Fausten besser Genuss und Wissen sind seine Götter werdet
was ihr seid Sie wurden Staub und Kot
    Ist dies nicht der Weg zu dem Herzen aller Menschen Nur um der Dinge
willen die ich dir hier zeigte um des Bauches der Lust und des Emporsteigens
arbeitet ihr mit Händen und dem Verstand Lass die Toren im Schweiß ihres
Angesichts unter der Erschöpfung ihrer Geisteskräfte darum arbeiten und genieße
ohne Mühe und Sorge was ich dir auftische Morgen führe ich dir die
Bürgermeisterin zu wenn dir es so gefällt
    FAUST Wie wirst du es machen
    TEUFEL Mein Probstück Nimm hin und ich will dir mehr sagen Tritt aus dem
Kreise Bist du doch wie betrunken
    FAUST Ich möchte mich vernichten um eines Gedanken willen
    TEUFEL Der heißt
    FAUST Dass ich mich nur darum mit dir verbinden soll
    TEUFEL Dass doch der Mensch immer springen will Lerne mich erst kennen und
wenn ich dich nicht sättigen kann so kehre zur Armut zur Verachtung und deiner
nüchternen Philosophie zurück Tritt aus dem Kreise
    FAUST Die Wut des Löwen brüllt aus mir und wenn sich unter meinem Fuß die
Hölle öffnete  ich springe über die Grenzen der Menschheit Er sprang aus dem
Kreise Ich bin dein Herr
    TEUFEL Solange deine Zeit rollt Ich fasse einen großen Mann an der Hand
und bin stolz darauf sein Diener zu sein
 
                                  Zweites Buch
                                       1
Den folgenden Morgen kam der Teufel Leviatan in dem Gepränge und mit dem
Gefolge eines großen Herren der inkognito reist vor Fausts Gasthof Er stieg
von seinem prächtig gezierten Pferde und fragte den Wirt ob der große Mann
Faust bei ihm wohnte Der Wirt beantwortete die Frage mit einer tiefen
Verbeugung und führte ihn ein Der Teufel trat zu Faust und sagte zu ihm in
Gegenwart des Wirts
    Sein Ruhm sein großer Verstand und seine herrliche Erfindung hätten ihn
bewogen einen weiten Umweg auf seiner Reise zu machen um einen so merkwürdigen
Mann den die Menschen vermöge ihres Blödsinns verkennten genau kennenzulernen
und sich wenn es ihm gefiele seine Begleitung auf einer vorhabenden großen
Reise durch Europa auszubitten Er mache ihn übrigens ganz zum Herrn der
Bedingungen, denn er könnte seine Gesellschaft nicht zu teuer erkaufen
    Faust spielte seine Rolle in dem Sinne des Teufels und der Wirt eilte
hinaus den Vorfall dem ganzen Hause bekanntzumachen Das Gerücht davon breitete
sich in ganz Frankfurt aus Schon war die Meldung von der Ankunft des vornehmen
Fremden von der Hauptwache an den regierenden Bürgermeister eingelaufen und
setzte den ganzen hochedlen und hochweisen Magistrat in Bewegung Alle liefen
als triebe sie der Satan nach dem Römer5 ließ alle wichtige Staatssachen
liegen und ratschlagten über die Erscheinung Der älteste Schöppe ein
Patrizier hatte sich vorzüglich auf die Deutung der Erscheinungen am
politischen Horizont gelegt und sich dadurch ein gewaltiges Übergewicht in dem
Senat erworben Er drückte sein fettes Kinn in Falten seine enge Stirne in
Runzeln zog Besorgnis in seine kleinen Augen und versicherte die wohlweisen
Beisitzer
    Dieser vornehme Fremde sei niemand anders als ein heimlicher Abgesandte
Seiner Kaiserlichen Majestät ein fürchterlicher Name für jeden Reichsstand
den man nach Deutschland geschickt hätte die Lage Verhältnisse Uneinigkeit
und Verbindung der Fürsten und Reichsstädte zu beobachten damit sein hoher Hof
bei Eröffnung des vorstehenden Reichstags wissen möchte wie er sich benehmen
müsste seine Absichten durchzusetzen Da nun der Kaiserliche Hof auf ihre
Republik immer ein sehr wachsames Auge hätte so müsste man streben diesen
vornehmen Gast von dem feurigen Eifer den man für das hohe Kaiserliche Haus
empfände zu überzeugen und ihn ja nicht abziehen lassen ohne ihn dem Staat zu
gewinnen Man müsste hierin den klugen Senat von Venedig zum Vorbilde nehmen der
keine Gelegenheit verabsäumte denen am meisten Freundschaft und Ehre zu
bezeugen die er zu betrügen gesonnen sei
    Die untergeordneten Geister des Rats versicherten der Schöppe habe wie der
Doge von Venedig selbst gesprochen aber der Bürgermeister der ein heimlicher
Feind des Schöppen war denn dieser weil er die demokratische Regierungsform
als ein wahrer Patrizier ebenso sehr hasste wie ein Fürst die Republiken pflegte
bei jedem widrigen Vorfall laut zu sagen »So geht es wenn man Krämer zu
Staatsleuten macht« warf ihm schnell eine Tonne hin
    »Wahr rühmlich und trefflich wohlweise Herren scheint mir alles was
unser staatskluger Schöppe soeben vorgebracht hat würde auch ebenso gewiss zum
Zweck führen als im Vorbeigehen gesagt der Handel einen Staat blühender und
reicher macht wie ein fauler stolzer Adel wenn wir nur nicht alles durch einen
einzigen Umstand verdorben hätten Ich rühme mich nun freilich nicht des tiefen
politischen Blicks des Schöppen der jeden Sturm von weitem ausspäht aber doch
hätt ich diesen es sei nun aus Zufall oder Überlegung glücklich beschworen
Ihr werdet euch alle erinnern dass ich euch bei jeder Ratssitzung zusetzte
diesen Faust nicht so schnöde zu behandeln und ihm seine lateinische Bibel für
die kleine Summe abzunehmen Ja sogar meine Frau die doch nur ein Weib ist wie
es andre Weiber sind hielt es für ratsam denn ob wir gleich diese lateinische
Bibel weder brauchen noch verstehen so hätte man sie doch wegen der
schöngemalten Anfangsbuchstaben und der sonderbaren Erfindung als ein Kleinod
nach der Goldnen Bulle zeigen und die Fremden damit herbeilocken können Auch
ziemte es sich dass ein freier und reicher Staat die Künste beschützt und ihnen
fortilft aber ich weiß wohl was euch im Sinne gelegen die Eifersucht und der
Neid ihr konntet es nicht ertragen dass mein Name dadurch unsterblich würde Es
riss euch allen in den Bäuchen dass die Nachkommenschaft einstens in der Chronik
lesen sollte sub consulatu  hat man Fausten von Mainz eine lateinische Bibel
für zweihundert Goldgulden abgekauft Nun mögt ihr auch austrinken was ihr
eingegossen habt und man sagt nicht umsonst Wie man bettet so liegt man wie
man schmiert so fährt man Der Faust ist teufelmässig wild und scheint mir
tückischer Gemütsart ich sah es ihm gestern abend ab Nun ist der Kaiserliche
Gesandte bloß seinetwillen hierher gereist gar bei ihm abgestiegen findet in
dem einen großen Mann den wir als einen Schuhputzer herumgehudelt haben  der
wirds euch nun einbrocken beim Kaiserlichen Gesandten  ja ja er wird ihm
schon den Floh ins Ohr setzen und all unser Hofieren und Grimassieren wird zu
weiter nichts nützen als uns vor den Bürgern zu Narren zu machen Wer den
Karren in Dreck geschoben mag ihn auch wieder herausziehen ich wasche meine
Hände wie Pilatus und bin unschuldig an Israels Verderben und Blindheit«
    Es erfolgte ein tiefes Schweigen Die blutige Schlacht bei Kanna die Rom
den Untergang drohte hatte den römischen Senat nicht so erschreckt als diese
kritische Lage den edlen Magistrat von Frankfurt Schon siegte der Bürgermeister
in stolzem Geist schon glaubte er den Schöppen völlig aus dem Sattel gehoben zu
haben als dieser seine politische Weisheit und Heldenkraft sammelte dem
sinkenden Staat zu Hilfe eilte mit starker Stimme ad majora rief und trotzig
vorschlug
    Sogleich eine Gesandtschaft aus dem Rat nach der Herberge zu schicken den
vornehmen Gast zu bewillkommen und Fausten vierhundert Goldgulden für seine
lateinische Bibel zu überbringen um ihn dem Staate günstig zu machen
    Der Bürgermeister spottete darüber dass man nun vierhundert Goldgulden für
ein Ding gäbe das man gestern vielleicht für hundert hätte haben können seine
Spötterei diente zu nichts der Vorteil des Vaterlands schlug sie nieder »Salus
populi suprema lex« schrie der Schöppe und trug dem Bürgermeister mit
Bewilligung des Rats auf den Gesandten und Fausten auf Kosten des Staats
köstlich zu bewirten
    Dieser Umstand beruhigte den Bürgermeister der gern seinen Pracht und
Reichtum zeigte ein wenig über seinen Fehlschuss auf den Schöppen und der
Zusatz »auf Kosten des Staats« versetzte ihn in die beste Laune
                                       2
Die jüngsten Ratsherren mit einem der vier Syndiken machten sich auf den Weg
und der Bürgermeister schickte nach Hause Anstalten zum Schmause zu machen Der
Teufel Leviatan war eben mit Fausten in einem tiefen Gespräche verwickelt als
ihnen die Gesandtschaft angemeldet ward Man ließ sie ein Sie bewillkommten im
Namen des Senats in aller Demut den vornehmen Gast und gaben ihm durch eine
feine Wendung zu verstehen dass ihnen sowohl seine hohe Person als seine
wichtigen Aufträge bekannt wären und versicherten ihn mit zierlichen Worten von
ihrem Eifer für das Kaiserliche hohe Haus Der Teufel verzerrte das Gesicht
wandte sich zu Fausten fasste ihn an der Hand und versicherte die Redner dass
ihn nichts in ihre Mauern geführt hätte als ihnen diesen großen Mann zu
entwenden den sie wie er nicht zweifle zu schätzen wüssten Die Abgesandten
wurden etwas verwirrt fassten sich aber bald wieder und fuhren fort
    Es freue sie höchlich dass sie ihm auf der Stelle einen Beweis von der
Achtung des Magistrats für einen so großen Mann geben könnten Sie hätten den
angenehmen Auftrag Fausten vierhundert Goldgulden für seine lateinische Bibel
auszuzahlen bäten ihn sie gefälligst anzunehmen und ihnen dieselbe als ein
Kleinod zu übergeben Auch würde sich der hochweise Magistrat für glücklich
halten ihn wenn es ihm gefiele unter ihre Bürger zählen zu können und ihm
dadurch den Weg zum Ruhm und der Ehre zu öffnen
    Diesen letzten Umstand setzten sie aus eigener politischen Weisheit hinzu
ein Beweis dass sie sich als geschickte Unterhändler der Umstände die man nicht
vorsieht zu bedienen wussten
    Faust fuhr zornig auf stampfte auf den Boden und schrie
    »Lügnerisches Gepack hab ich euch nicht lange genug gefuchsschwänzt vom
stolzen Patrizier bis zu dem Schuhmacher und Pfefferkrämer denen ihr den
Ratsherrnkragen um die Hälse hängt wie dem Esel die Halfter und ihr habt mich
an eurer Schwelle stehen lassen und kaum eines Blicks gewürdigt Nun ihr hört
dass der gnädige Herr hier mich für den Mann hält den ihr nicht in mir sehen
konntet so kommt ihr mir den Fuchsschwanz zu streichen Seht hier ist Gold
wofür ihr gern das Heilige Römische Reich verkaufen würdet wenn ihr nur einen
Narren finden könntet der den ungeheuren Rumpf ohne Kopf Sinn und Verbindung
kaufen möchte«
    Den Teufel freute Fausts Zorn und die Scham der jungen Senatoren höchlich
sie aber die die Geschichte der Römer nie gelesen hatten waren nicht so hohen
und feurigen Sinns um gleich eine Kriegserklärung aus ihrem zusammengefaltnen
Ratsherrnmantel gegen Fausten hinzuschütten sie brachten im Gegenteil die
Einladung zu dem Schmause bei dem Bürgermeister mit einem so munteren Tone vor
als wenn gar nichts geschehen wäre Ein neuer Beweis von ihrer Geschicklichkeit
im Unterhandeln hätten sie zum Beispiel den Schimpf beantwortet so würden sie
dadurch eingestanden haben sie verdienten ihn da sie ihn aber ganz platt auf
die Erde fallen ließ mir nichts dir nichts so ward er kraftlos und erhielt
die Farbe eines unbilligen Vorwurfs Nur Genies sind fähig so etwas im
geltenden Augenblick aufzufassen zu unterscheiden und auszuführen
    Bei dem Worte Bürgermeister spitzte Faust die Ohren und der Teufel gab ihm
einen bedeutenden Seitenblick Faust nahm hierauf die Bibel aus seinem Kasten
übergab sie den Senatoren und sagte gefällig
    Da er nun sähe dass sie zu leben wüssten ob man sie gleich dazu zwingen
müsste so mache er der Stadt mit seiner Bibel ein Geschenk sie möchten sie
fleißig lesen und den Spruch den er hier unterstreiche und deutsch auf den Rand
schreibe dem versammelten Rat zeigen und ihn zu seinem Andenken mit goldnen
Buchstaben an die Wand der Ratsstube schreiben
    Die Senatoren gingen so vergnügt nach dem Römer zurück als Gesandten die
nach einem schlechten Krieg einen guten Frieden nach Hause bringen Sie wurden
mit großer Freude empfangen man schlug die bemerkte Stelle auf und las
    Und siehe es saßen die Narren im Rat und die Toren ratschlagten im
Gerichte
    Man verschluckte die bittere Pille weil der vermeinte Schatten der
Kaiserlichen Majestät in der Gestalt des Teufels ihnen allen die Mäuler band
tröstete sich mit den ersparten vierhundert Goldgulden und wünschte sich
wechselsweis viel Glück so gut aus einem so schlimmen Handel gekommen zu sein
Den Abgesandten wurde öffentlich gedankt und schade ists dass ihre Namen nicht
auf die Nachwelt gekommen sind Da sie endlich von dem reichen Geldkasten Fausts
sprachen so fuhr der Glanz des Goldes wie ein Wetterstrahl durch alle Seelen
und jeder entwarf im stillen einen Plan wie es anzufangen sich den Mann zum
Freund zu machen Der Schöppe schrie man müsste ihn zum Bürger machen ihm Sitz
und Stimme im Rat geben die Politik erfordere dass man Herkommen und Gesetz
übertrete wenn es der Vorteil des Vaterlandes wäre etc
    Faust machte indessen einen Spaziergang mit dem Teufel aber sie fanden die
Leute des Orts so flach und albern nach einem so engen Leisten zugeschnitten
sahen so unbedeutende nichts versprechende Gesichter als sie nur immer die
Nürnberger als Damen und Herren aufgeputzt für den Christmarkt schnitzeln
können Den einzigen Trieb den sie ihnen ablauerten war Neugierde Geld und
Gewinnsucht ein beschränkter Kaufmannsgeist der es nicht wagt sich ins Große
auszudehnen Der Teufel sagte gähnend zu Faust
    »Ängstlich Faust fühlt der Reichsstädter und ängstlich fährt er zur
Hölle hier ist keine Ernte für den Mann von Geist lass uns abfahren wenn du
die Bürgermeisterin dahin gebracht hast wo du sie haben willst«6
                                       3
Die Glocke schlug zur Mahlzeit Der Teufel und Faust setzten sich auf prächtig
geputzte Pferde und ritten von einem großen Gefolge begleitet an das sich ein
langer Zug gaffenden Pöbels hing zu dem regierenden Bürgermeister Sie traten
in den Versammlungssaal Der ganze Magistrat erwartete sie und beugte sich vor
ihnen bis auf die Erde Der regierende Bürgermeister bewillkommte sie mit einer
Rede stellte ihnen die Ratsglieder und die Weiber der Vornehmsten vor die ihre
geistlosen Gestalten so prächtig herausgeputzt hatten dass ihre Steifheit und
Ungewandteit nur um so auffallender wurde Sie starrten alle wie eine Herde
Gänse und konnten sich an Leviatans Putze nicht satt sehen Die
Bürgermeisterin eine Leipzigerin ragte allein unter ihnen hervor wie eine
Oreade Ihr war der Blick Fausts so wenig entgangen als seine vermögende Gestalt
und sein geistvolles Gesicht Sie errötete da er sie bewillkommte und fand
keine andre Antwort auf seine Anrede als einen Blick voller Verwirrung den
Fausts Herz wie die süsste Harmonie verschlang Die Senatoren spannten ihren Witz
an den Gästen zu hofieren und man setzte sich zur wohlbedienten Tafel Nach
Tische nahm der Teufel den Bürgermeister in ein besondres Kabinett ein Umstand
der diesem außerordentlich schmeichelte und allen übrigen besonders dem
Schöppen ein Dolchstich war
    Der Bürgermeister vom Weine erhitzt von der Ehre die ihm der vermeinte
Kaiserliche Gesandte erwies berauscht erwartete in gebeugter Stellung und mit
hervorragenden starren Augen seinen Antrag Der Teufel bezeugte ihm in sanftem
Tone wie schmeichelhaft ihm die gute Aufnahme des Bürgermeisters sei und wie
sehr er wünschte sich ihm dankbar zu erweisen setzte hinzu er führe eine
Anzahl Adelsbriefe bei sich mit kaiserlicher Unterschrift bekräftigt
verdienstvolle Männer zu belohnen und er wollte ihm gern den ersten erteilen
wenn 
    Freude Entzücken Erstaunen schossen durch des Bürgermeisters Geist er
stund vor dem Teufel mit weit aufgesperrtem Munde stammelte endlich »Wenn
Was Wie Oh « Und der Teufel raunte ihm ganz leise ins Ohr
    Sein Freund Faust sei ganz unsinnig in die schöne Bürgermeisterin verliebt
um seinetwillen würde er alles tun und wenn die Bürgermeisterin sich auf einige
Augenblicke mit Fausten entfernen wollte das bei dem Geräusche eines Schmauses
so leicht wäre so sollte er ihr den Adelsbrief zustellen
    Hiermit verließ ihn der Teufel ging zu Fausten unterrichtete ihn und
stellte ihm den Adelsbrief zu seiner Sache gewiss Faust zweifelte und der
Teufel lachte seiner Zweifel
    Der Bürgermeister stund in seinem Kabinett wie versteinert Der plötzliche
Glanz eines unerwarteten Glücks hatte sich durch die hässliche Bedingung so
verfinstert dass der Reiz desselben schon verschwinden wollte als auf einmal
der Stolz in seine Seele blies
    »Ho ho« sagte dieser »auf eine so auszeichnende Art zum Edelmann geprägt
zu werden dadurch deinen stolzen Feinden gleich zu werden und deine Stimme im
Rat zu erheben wie eine Posaune unter sie zu treten wie ein Mann den seine
Kaiserliche Majestät seiner Verdienste wegen über alle und vor allen erheben
will«
    Ein andres Gefühl lispelte leise
    »Hu hu mit Willen und Wissen ein Hahnrei zu werden « »Aber wer weiß es«
antwortete der Verstand. »Und was ist nun an dem ganzen Ding ich erhalte ein
wirkliches Gut und leihe dafür eins das längst keinen Reiz mehr für mich hat
Das Übel sitzt nur in der Meinung und es wird ein Geheimnis zwischen mir und
meiner Frau bleiben Und wenn es gar seine Kaiserliche Majestät erführe dass ich
diese hohe Ehre ausgeschlagen  Im Grund kann ich wohlfeiler zum Edelmann
kommen Wird es nicht ein Nagel am Sarge des Schöppen werden Und was werden die
Bürger nicht sagen wenn sie sehen dass seine Kaiserliche Majestät mich so zu
schätzen weiß Werde ich mich nicht der ganzen Regierung bemächtigen und es
allen denen vergelten die mich beleidigt haben Ho ho Bürgermeister sei kein
Narr die Gelegenheit hat nur an der Stirne Haare hinten ist sie kahl Greife
zu Der Mann ist nur das was er in den Augen der Welt scheint Wer sieht es dem
Edelmann an wie ers geworden ist  aber meine Frau die wird sich dagegen
setzen ich kenne schon die sächsische Ziererei« 
    In diesem Augenblick trat sie herein um zu erfahren was der vornehme Herr
ihm allein vertraut hätte Er sah sie schalkhaft doch etwas verlegen an
    »Wie Mäuschen wenn ich dich heute noch zur Edelfrau machte«
    SIE Schätzchen so würden alle Weiber der bürgerlichen Ratsherren aus Neid
vergehen und die Frau des Schöppen würde an ihrem trocknen Husten zur Stunde
für Ärgernis sterben
    ER Das würde sie gewiss und ich könnte ihren stolzen Mann unter mich
bringen aber Mäuschen du sollst dich selbst dazu machen und mich obendrein
    SIE Seit wenn machen die Weiber ihre Männer zu Edelleuten mein Schatz
    ER Wer weiß mein Kind wie viele es so geworden sind  erschrecke nur
nicht  Da ist der verwünschte Faust dem hast du es angetan
    Die Bürgermeisterin errötete er fuhr fort
    »Nur um seinetwillen will mich der Gesandte zum Edelmann machen und er soll
dir den Adelsbrief unter vier Augen übergeben Du verstehst mich schon Hm was
denkst du davon«
    SIE Stille stille mein Schatz ich denke dass uns wenn der Kaiserliche
Gesandte einem andern aus dem Rat die Bedingung vertraute die Gelegenheit
entwischen wird
    ER Verzweifelt Mäuschen lass uns eilen dass uns keiner zuvorkomme
    Die Gesellschaft hatte sich indessen in dem Garten zerstreut der
Bürgermeister schlich hinter dem Faust her und sagte ihm leise ins Ohr es würde
seiner Frau eine Ehre sein den Adelsbrief aus seinen Händen zu empfangen nur
möchte er sich ohne Aufsehen auf der Hintertreppe die er ihm zeigen wollte zu
ihr begeben er denke übrigens es sei nur eine Grille von ihm und er fürchte
nichts von einem Manne der so viel Ehrgefühl und Gewissen zeigte Er führte ihn
hierauf zur Hintertreppe Faust schlich hinauf trat in das Schlafzimmer und
fand die Bürgermeisterin in der wollüstigsten Verwirrung Er raste an ihrem
schwellenden Busen seine Glut aus und schlug den Bürgermeister zum Ritter des
Heiligen Römischen Reichs Sie von ihrer Seite glaubte sich nicht dankbar genug
bezeigen zu können und fragte am Ende ob in Zukunft mehr dergleichen
Formalitäten nötig wären Hierauf überbrachte sie ihrem Gemahl heimlich den
Adelsbrief und sie verabredeten ihn bei dem Abendessen in einer verguldeten
und verdeckten Schüssel auftragen zu lassen um den Gästen durch die unerwartete
Entdeckung einen desto peinlichern Schlag beizubringen Der Teufel dem der
Bürgermeister seinen Plan mitteilte fand ihn vortrefflich Faust aber raunte
ihm ins Ohr »Ich befehle dir dem Schufte der sein Weib um des Wahns
prostituiert hat und dem ganzen hochweisen Magistrat einen recht tückischen
Streich zu spielen um mich an allen den Schafsköpfen auf einmal zu rächen die
mich so niederträchtig herumgezerrt haben«
                                       4
Man saß beim Abendessen die Becher gingen wacker herum als auf einmal der
Teufel befahl die verdeckte Schüssel die die Neugierde der Anwesenden so lange
gefoltert hatte zu öffnen Dann nahm er den Adelsbrief von der Schüssel
überreichte ihn dem Bürgermeister mit den Worten »Würdiger Herr Seine Majestät
der Kaiser mein Herr geruhet Euch durch diesen Adelsbrief um Eurer Treue und
Verdienste willen zum Ritter des Heiligen Römischen Reichs zu schlagen Ich
fordere Euch auf aus Dankbarkeit und Pflicht nie in dem Eifer für das hohe
Kaiserliche Haus zu erkalten und bringe Euch Herr Ritter die erste Gesundheit
zu«
    Diese Worte rollten wie der Donner in den Ohren der Gäste Der Betrunkne
ward nüchtern der Nüchterne betrunken den Weibern zitterten die von Zorn
blauen Lippen beim Glückwunsch der Schlag traf den Schöppen er saß ohne
Bewegung auf dem Stuhl und sein Weib war nah an ihrem trocknen Husten zu
ersticken Die Furcht zwang indessen die übrigen vergnügte Gesichter zu zeigen
und man trank unter lautem Vivat des neuen Ritters Gesundheit Während dem
Geräusche füllte auf einmal ein dünner Nebel den Saal Die Gläser fingen an auf
dem Tische herumzutanzen Die gebratnen Gänse die Enten Hühner Spanferkel
Kälber Schafs und Ochsenbraten schnatterten krähten grunzten blökten
brüllten flogen über dem Tische und liefen auf dem Tische Der Wein trieb in
blauen Feuerflammen aus den Flaschen Der Adelsbrief brannte loh zwischen den
Fingern des bebenden Bürgermeisters und ward zu Asche Die ganze Gesellschaft
saß da verwandelt in possierliche Masken einer tollen Faschingsnacht Der
Bürgermeister trug einen Hirschkopf zwischen den Schultern alle die übrigen
Weiber und Männer waren mit Larven aus dem launigen Reiche der grotesken und
bizarren Phantasie geziert und jeder sprach schnatterte krähte blökte
wieherte oder brummte in dem Tone der Maske die ihm zuteil geworden Dieses
machte ein so tolles Konzert dass Faust dem Teufel gestund das Stückchen mache
seiner Laune Ehre Der Schöppe allein unter der Maske eines Pantalons saß
leblos da und seine Frau wollte unter der Gestalt einer Trutenne ersticken
Nachdem sich Faust lange genug an dem Spuk ergötzt hatte gab er dem Teufel
einen Wink und sie fuhren zum Fenster hinaus nachdem der letztere für diesmal
den gewöhnlichen Gestank der Hölle hinterlassen hatte
    Nach und nach verschwand der Spuk und als die weisen Herren morgens in der
Ratsstube erschienen war nichts mehr davon übrig als obiger Spruch der in
glühenden Buchstaben an der Wand brannte und den man notgedrungen mit einer
eisernen Türe bedeckte und nur jedem neuen Ratsmitglied unter dem Siegel der
Verschwiegenheit als ein Staatsgeheimnis zeigte Von allen diesem sagt nun die
Geschichte oder welches in Deutschland einerlei ist die Chronik nicht ein
Wort und nun glaube ihr einer
    Der Bürgermeister gewann wenigstens so viel bei dem Handel dass der Schöppe
gelähmt blieb und weiter nicht mehr im Rat erschien
    Zu merken In dem Augenblick da die Stadt Frankfurt der Reformation
beitrat vertilgte der Teufel diese glühende Inschrift und es ist keine Spur
mehr davon zu sehen Die Ursach davon liegt in der Rede des Satans Man bemerkt
diesen Umstand neugieriger Reisenden wegen und gibt ihnen den Wink in Frankfurt
nur nach der Goldnen Bulle zu fragen
                                       5
Der Teufel Leviatan und Faust fuhren über die Stadtmauern weg und als sie sich
auf dem flachen Felde befanden sandte ersterer einen Geist nach dem Wirtshause
die Rechnung zu berichtigen und Fausts Gerätschaft zu bringen Darauf wandte er
sich zu Faust und fragte ihn wie er mit seinem Probstück zufrieden sei
    FAUST Hm will der Teufel gelobt sein so so Es freut mich übrigens dass
du ihnen etwas angehängt hast aber nie hätte ichs hinter dem ernstaften
Schuft gesucht dass er sein Weib um des Wahns willen prostituieren würde
    TEUFEL Nur weiter Faust bald wirst du dich überzeugen dass dieses die
Gottheit ist die ihr anbetet und die ihr unter allerlei glänzenden Gestalten
ausgeputzt habt ihre Blöße zu verstecken Man hört dir noch immer an dass du
dich mit den Büchern abgegeben und auf leerem Stroh gedroschen hast freilich
nicht der Weg zu dem Herzen der Menschen Die Schuppen werden dir schon nach und
nach von den Augen fallen In deinem Vaterland ist übrigens nicht viel zu tun
Möncherei Scholastik Prügeleien der Edelleute Menschenhandel der Fürsten mit
ihren Untertanen Bauernschinderei das ist euer Getreibs Ich muss dich auf eine
Bühne führen wo die Leidenschaften etwas freier würken und wo man zu großen
Zwecken große Kräfte anwendet
    FAUST Und ich will dich zwingen an den moralischen Wert des Menschen zu
glauben bevor wir mein Vaterland verlassen wenn wir sagen können dass wir eins
haben Nicht ferne lebt ein Fürst den ganz Deutschland als ein Muster der
Tugend und Gerechtigkeit preist diesen wollen wir besuchen und belauschen
    »Topp« sagte der Teufel »ein solcher Mann könnte auch mir um der
Seltenheit gefallen«
    Der Geist kam mit Fausts Gerätschaften an sie schickten ihn nach Mainz
voraus um in einer Herberge Quartier zu bestellen Faust wollte aus geheimen
Absichten die der Teufel roch bei einem Eremiten an der Homburger Höhe
übernachten der weit und breit im Geruch besondrer Heiligkeit stund Sie
erreichten um Mitternacht die Einsiedelei und klopften an Der Eremit öffnete
ihnen und Faust der die reichen Kleider des Teufels umgeworfen hatte
entschuldigte die Dreistigkeit die Ruhe eines so heiligen Mannes unterbrochen
zu haben mit dem Vorwand sie hätten sich auf der Jagd verspätet und ihr Gefolg
außer einem Diener verloren Der Eremit sah zur Erde und sagte seufzend
    »Derjenige der dem Himmel lebt darf der gefährlichen Ruhe nicht pflegen
Ihr habt mich nicht gestört und wollt Ihr ausruhen bis zum Aufgang der Sonne
so lasst es Euch gefallen wie Ihr es findet Wasser Brot und Stroh zum Lager
ist alles womit ich Euch dienen kann«
    FAUST Bruder Eremit wir haben das Nötige bei uns und ich bitte dich nur
um einen Trunk Wasser
    Der Eremit nahm seinen Krug und ging nach der Quelle
    FAUST Ich denke in seinem Herzen wohnt Ruhe wie auf seiner Stirne und
preise ihn glücklich dass er das nicht kennt was mich dir verbunden hat Ihm
ist Glauben und Hoffnung Ersatz für alles das um deswillen ich der Verdammnis
zueile so scheint es wenigstens
    TEUFEL Und scheint auch nur wie wenn ich dir bewiese dass dein Herz rein
wie Gold gegen das seinige ist
    FAUST Teufel
    TEUFEL Faust du warst arm verkannt verachtet und sahst dich mit deinen
großen Fähigkeiten im Staub du bist der Verachtung als ein kraftvoller Mann
auf Gefahr deines eigenen Selbsts entsprungen und warst nicht fähig deine Not
mit dem Mord eines andern zu enden wie dieser Heilige es tun würde wenn ich
ihn in Versuchung führte
    FAUST Merke ich doch den listigen Teufel Ich darf dir nur befehlen deine
Kunststücke auszuüben und du wirst die Sinne dieses Gerechten so verwirren dass
er Taten unternimmt die seinem Herzen fremd sind
    TEUFEL Ist denn eure Tugend und Frömmigkeit ein so zerbrechliches Ding dass
keiner daran schlagen darf ohne sie zu zertrümmern Seid ihr nicht stolz auf
euren freien Willen und schreibt durch ihn eure Taten eurem eignen Herzen zu
Ihr seid alle Heilige wenn euch nichts in Versuchung führt Nein Faust ich
will nichts hinzusetzen und seinen Sinnen nur den Köder zeigen um sein Herz zu
prüfen Braucht der Teufel in euch hineinzukriechen da ihr durch eure Sinne
gestimmt werdet
    FAUST Und wenn dirs nicht gelingt glaubst du ich würde deine Pfuscherei
ungestraft lassen
    TEUFEL Nun so sollst du mir zur Strafe einen ganzen Tag von der Tugend der
Menschen vorprahlen Lass sehen ob ihn dieses reizt
    Eine mit leckern Speisen und mit feurigen Weinen besetzte Tafel erschien in
der Mitte der Einsiedelei Der Eremit trat herein und stellte leise das Wasser
vor Faust entfernte sich in einen Winkel ohne der üppigen Tafel zu achten
    FAUST Nun Bruder Eremit wir haben aufgetischt lasst es Euch nicht zweimal
sagen und greift zu Unbeschadet Eures heiligen Rufs mögt Ihr mitschmausen denn
auf Eurer Stirne lese ich dass es Eurem Herzen gelüstet Kommt einen Becher zu
Ehren Eures Schutzheiligen Wie heißt er
    EREMIT Der heilige Georg
    FAUST Er soll leben
    TEUFEL Ho ho Bruder Eremit der heilige Georg von Kappadozien das war
mir ein ganzer Kerl und wenn Ihr den zum Muster nehmt so werdet Ihr gut dabei
fahren Ich kenne seine Geschichte recht gut und will sie Euch zu Eurer Erbauung
mit kurzen Worten erzählen Er war der Sohn sehr armer Leute und in einer
elenden Hütte Ciliciens geboren Als er heranwuchs fühlte er früh seine Gaben
und öffnete sich durch Schmeichelei und Niederträchtigkeit und Kuppelei die
Häuser der Großen und Reichen Diese verschaften dem dienstfertigen Manne aus
Dankbarkeit eine Lieferung für die Armee des griechischen Kaisers Er stahl aber
dabei auf eine so grobe Art dass er bald flüchtig werden musste um nicht gehenkt
zu werden Hierauf schlug er sich zu der Sekte der Arianer und machte sich als
ein offener Kopf bald zum Meister des dunklen unverständlichen Wirrwarrs der
Theologie und Metaphysik Um diese Zeit vertrieb der arianische Kaiser
Konstantius den gut katholischen und heiligen Atanasius vom bischöflichen Sitze
Alexandriens und der Kappadozier ward von einem arianischen Synod auf den
bischöflichen Stuhl gesetzt Hier war Euer Georg nun in seinem Elemente er
schwelgte und ließ sich gut sein da er aber durch Ungerechtigkeit und
Grausamkeit die Gemüter seiner Untergebenen bis zur Verzweiflung trieb schlugen
sie ihn endlich tot und führten seine Leiche auf einem Kamel im Triumph durch
die Straßen Alexandriens Seht so ward er ein Märtyrer Euer und Engellands
Schutzheiliger
    EREMIT Die Legende sagt nichts davon
    FAUST Ich glaub es wohl Bruder denn um der Wahrheit willen müsste sie
eigentlich der Teufel schreiben
    Der Eremit segnete sich
    FAUST Ist Essen und Trinken eine Sünde
    EREMIT Es kann dazu reizen
    TEUFEL Dann müsst Ihr schwach sein und schlecht mit dem Himmel stehen Kampf
und Versuchung ist der Triumph des Heiligen
    EREMIT Der Herr hat recht aber nicht alle sind Heilige
    FAUST Seid Ihr glücklich Bruder
    EREMIT Ruhe macht glücklich und ein gutes Gewissen selig
    TEUFEL Auch Ruhe reizt zur Sünde und mehr als Speis und Trank woher nehmt
Ihr das
    EREMIT Die Bauern bringen mir des kümmerlichen Lebens Unterhalt
    FAUST Und was tut Ihr für sie
    EREMIT Ich bete für sie
    FAUST Gedeiht es ihnen
    EREMIT Ich hoffe und sie glauben es
    TEUFEL Bruder Ihr seid ein Schelm
    EREMIT Beleidigungen der sündigen Welt sind dem Gerechten nötige
Züchtigung
    TEUFEL Warum seht Ihr nicht aufwärts Warum errötet Ihr Nun denkt einmal
ich verstünde die Kunst auf des Menschen Angesicht zu lesen was in seinem
Herzen spukt
    EREMIT Desto schlimmer für Euch Ihr werdet Euch selten in Gesellschaft
freuen
    TEUFEL Ho ho wisst Ihr doch das Er sah nach Faust
    EREMIT Es ist eine sündige Welt in der wir leben und weh ihr wenn
Tausende nicht in die Einsamkeit eilten ihr Leben dem Gebet weihten um die
Rache des erzürnten Himmels von dem Haupt der Sünder abzuwenden
    FAUST Guter Bruder Ihr schlagt Euer Gebet ziemlich hoch an und glaubt mir
nur es ist noch immer leichter zu beten als zu arbeiten
    TEUFEL Hört doch Ihr habt da einen Zug um den Mund der Euch zum Heuchler
stempelt und Eure Augen die in einem so engen Kreise herumlaufen und immer
gegen den Boden gekehrt sind sagen mir dass sie überzeugt sind sie würden zu
Verrätern Eures Herzens wenn sie aufblickten
    Der Eremit hub die Augen gen Himmel betete mit gefaltnen Händen und sprach
»So antwortet der Gerechte dem Spötter«
    FAUST Genug kommt Bruder und lasst es Euch gut mit uns sein
    Der Eremit war nicht zu bewegen Faust sah den Teufel höhnisch an der es
noch höhnischer erwiderte Auf einmal öffnete sich schnell die Türe und eine
junge Pilgerin fuhr atemlos herein Als sie sich von ihrer Furcht und ihrem
Schrecken erholt hatte erzählte sie wie sie ein Ritter verfolgt hätte dem sie
so glücklich gewesen zu entwischen und sich bei dem frommen Eremiten zu retten
Man bewillkommte sie freundlich und entdeckte eine blühende wollüstig gebildete
Schönheit in ihr die dem heiligen Antonius selbst den Sieg über das Fleisch
würde schwer gemacht haben Sie setzte sich zu dem Teufel nahm bescheiden Teil
an dem Mahl und der Teufel nahm sich Freiheiten mit ihr heraus die anfangs den
Eremiten empörten endlich verwirrten und da der Teufel in einem Augenblick
ihren milchweissen vollen schimmernden und hebenden Busen aufdeckte ihre
schwarze Haare darüber rollten so fühlte er das glühende Feuer der Lust von
diesem Busen so heiß in den seinen hinüberfliessen dass er beinahe vergaß
dagegen zu kämpfen Die Pilgerin riss sich beschämt und zornig aus den Armen des
Teufels um Schutz bei dem Eremiten zu suchen den er ihr vermöge seines Rocks
nicht versagen konnte
    Der Teufel und Faust stellten sich trunken und zum Schlafe geneigt ehe sie
sich niederwarfen steckte der Teufel vor des Eremiten Augen einen schweren
Beutel voll Gold unter die Streu legte seine und Fausts reiche Ringe in eine
Schachtel die letzterer zu sich nahm Auf den Tisch legten sie ihre Schwerter
und Dolche warfen sich nieder und schnarchten
    Die Pilgerin nahte leise dem Tische goss mit ihrer niedlichen und
schneeweißen Hand einen Becher voll schäumenden Weins Sie kostete den Rand mit
ihrem reizenden frischen Munde und reichte ihn dem Eremiten dar Er stund da
wie betäubt und in der Verwirrung leerte er diesen und einige folgende aus und
verschluckte gierig die Leckerbissen die ihm die Zauberin einen nach dem
andern in den Mund steckte Hierauf zog sie ihn hinaus bat ihn unter Tränen um
Vergebung dass sie gezwungen seine heilige Augen beleidigt hätte tat dabei so
wehmütig und untröstlich fasste seine Hände so warm ließ sich endlich vor ihm
auf die Knie nieder und da in diesem Augenblick ihre Brust sich öffnete und der
silberne Mond ihren schimmernden Busen erleuchtete der leise Wind ihre
schwarzen Locken darauf hin und her bewegte so erwachte das Gefühl der
unterdrückten Natur so stürmend in dem Eremiten dass er an diesen blendenden
Busen sank ohne zu wissen wie ihm geschah Die Pilgerin führte ihn unmerklich
von einer Stufe der Lust zu der andern und da er eben hoffte sich seinem
Wunsche zu nahen so lispelte sie ihm leise ins Ohr sie würde ewig die seinige
sein wenn er sie zuvor an diesen Frechen rächen und sich ihres Schatzes
bemächtigen wollte durch dessen Besitz sie beide ein seliges wollüstiges Leben
bis an ihr Ende führen könnten
    Der Eremit erwachte ein wenig aus seinem Taumel und fragte sie zitternd wie
sie das verstände und was sie an ihn forderte
    Unter üppigen Küssen wollüstigen Seufzern lispelte sie ihm noch leiser ins
Ohr indem sie ihren heißen Busen gegen sein schlagendes Herz drückte »Ihre
Dolche liegen auf dem Tische du ermordest den einen ich den andern kleidest
dich in ihr Gewand bemächtigest dich ihres Schatzes wir stecken die
Einsiedelei an und fliehen nach Frankreich«
    Der fürchterliche Gedanke des Mords schauderte durch die Sinne des Eremiten
die Wollust raste in seinem Herzen er strauchelte wankte blickte auf die
Reize der Zauberin fühlte sich in ihrem Besitz sah dass er sie und den Schatz
ohne Gefahr erhalten könnte alle vorige Empfindungen verschwanden und er
vergaß den Himmel und seinen Beruf Die Pilgerin stieß den Taumelnden in die
Zelle er fasste einen Dolch sie den andern wollte den Streich gegen Fausten
führen der Teufel erhub ein Hohnlachen der Hölle und Faust sah den Eremiten
mit gezücktem Dolche an seiner Seite knien
    FAUST Verdammter der du unter der Larve der Frömmigkeit deine Gäste
ermorden willst
    Der Eremit sank bebend zur Erde Die Pilgerin eine Gaukelei der Hölle
zeigte sich ihm in fürchterlicher Gestalt und verschwand
    Faust befahl dem Teufel die Hütte anzustecken und sie mit dem Heuchler zu
verbrennen Der Teufel gehorchte frohlockend und die Einsiedelei brannte auf
Den folgenden Morgen wehklagten die Bauern über den Tod des Gerechten sammelten
seine Knochen und verehrten sie als Reliquien des frommen Eremiten
                                       6
Faust und der Teufel kamen morgens in Mainz an und stiegen bei Fausts Wohnung
ab Sein junges Weib fiel ihm mit einem hellen Freudenschei um den Hals herzte
ihn und brach dann in wehmütige Tränen aus Die Kinder hingen sich lärmend an
seine Knie durchsuchten begierig seine Taschen ob er ihnen etwas mitgebracht
Der alte graue Vater nahte sich mit zitternden Knien und reichte dem Sohn
traurig die Hand Fausts Herz bewegte sich er fühlte seine Augen nass er bebte
und sah zornig nach dem Teufel Als er seine Frau fragte warum sie weinte
antwortete sie schluchzend »Ach sieh doch Faust wie die Hungrigen in deinen
Taschen nach Brot suchen wie kann ich dies ohne Tränen ansehen sie haben lange
nichts gegessen wir waren so unglücklich alle deine Freunde haben uns
verlassen aber nun ich dich wiedersehe ist mir als erblickte ich das
Angesicht eines Engels Ich und dein Vater haben noch mehr um dein als um
unsertwillen gelitten Wir hatten so fürchterliche Träume und Erscheinungen
wenn sich meine von Tränen müden Augen schlossen sah ich dich gewaltsam von uns
gerissen und alles war so finster und schreckend «
    FAUST Dein Traum Liebe geht einesteils in Erfüllung Sieh dieser Herr
will die Verdienste deines Mannes belohnen den sein hartes Vaterland misskannte
und verstiess Ich habe mich ihm verbunden eine lange und weite Reise mit ihm zu
machen
    DER ALTE FAUST Mein Sohn bleibe im Lande und nähre dich redlich sagt die
Schrift
    FAUST Und sterbe Hungers ohne dass man sich deiner erbarmt sagt die
Erfahrung.
    Die Mutter jammerte noch kläglicher die Kleinen schrien um Brot Faust
winkte dem Teufel der einen Diener heraufrief welcher bald darauf einen
schweren Kasten hereinschleppte Faust öffnete den Kasten und warf einen
schweren Sack voll Gold auf den Tisch Da er den Sack aufmachte und das Gold
schimmerte verbreitete sich Heiterkeit auf die traurigen Gesichter Hierauf zog
er schöne Kleider und Kleinodien aus dem Kasten und übergab sie seinem Weibe
Die Tränen verschwanden die Eitelkeit leckte sie weg wie die Sonnenhitze den
Tau und Munterkeit goss sich über das Angesicht des jungen Weibs Der Teufel
lächelte und Faust murrte in seinen Bart »O Zauber des Golds Magie der
Eitelkeit ich kann nun wegreisen ohne dass es andre Tränen als Tränen der
Verstellung kosten wird  Nun Weib sieh dies sind die Früchte meiner Reise
sag ist es nun besser dass ich im Lande mit euch allen darbe«
    Die junge Frau hörte nichts sie stund mit den schönen Kleidern und
Kleinodien vor dem Spiegel und versuchte alle die Herrlichkeiten Die kleinen
Mädchen hüpften um sie herum bewunderten sie nahmen die Putzstücke die sie
weglegte und ahmten die Mutter nach Indessen brachte ein Diener ein volles
Frühstück die Kleinen fielen darüber her schrien und jauchzten Die Mutter
hatte den Hunger vergessen
    Fausts Vater sagte seinem Sohn leise »Hast du dies alles auf eine redliche
Art erworben so lass uns Gott danken mein Sohn und des Bescherten genießen
Ich habe seit einigen Nächten schreckliche Gesichter und Ahndungen gehabt doch
ich hoffe sie kommen von unserm Kummer her«
    Diese Anmerkung des Alten wollte tief in Fausts Seele sinken aber die
Freude seine Kinder so gierig und vergnügt essen zu sehen zu bemerken wie
freundlich und dankbar sein ältester Sohn und Liebling nach ihm blickte der
Gedanke ihrem Elend abgeholfen zu haben der Missmut über das Vergangene der
innere Zug nach Genuss dämpften die Aufwallung Der Teufel legte noch eine Summe
zu dem Golde beschenkte die junge Frau mit einem edlen Halsschmuck gab jedem
der Kinder etwas und versicherte die Familie er würde Fausten reich gesund und
glücklich zurückbringen
                                       7
Faust ging hierauf mit dem Teufel zu einem Freund den er in großer Betrübnis
antraf Er fragte ihn um die Ursache seiner Traurigkeit und er antwortete ihm
dass diesen Mittag der ihm bekannte Prozess abgeurteilt würde und er wäre gewiss
ihn zu verlieren so sehr auch das Recht auf seiner Seite sei »Meister Faust«
setzte er hinzu »mir bleibt nichts übrig als zu betteln oder mich in den Rhein
zu stürzen wo er am tiefsten ist«
    FAUST Wie könnt Ihr gewiss sein dass Ihr den Prozess verliert da das Gesetz
für Euch ist
    FREUND Aber die fünfhundert Goldgulden meines Widersachers sind gegen mich
und da ich ihn nicht überbieten kann so muss ich zugrund gehen
    FAUST Liegts nur an dem kommt und führt mich zu Eurem Richter Ich habe
hier einen Freund der solchen Nöten gern abhilft
    Sie fanden in dem Richter einen aufgeblasnen stolzen Mann der einen armen
Klienten kaum eines Blicks würdigte Faust kannte ihn längst für das was er
war Der Richter fuhr Fausts Freund verdrießlich an »Was quält Ihr mich wisst
Ihr doch dass Tränen die Gerechtigkeit nie bestechen«
    Der gebeugte Freund sah demütig zur Erde
    FAUST Gestrenger Herr da habt Ihr recht Tränen sind auch nur Wasser und
beißen nur das Auge dessen der sie weint aber doch wisst Ihr dass mein Freund
das Recht für sich hat
    RICHTER Meister Faust Ihr seid mir als ein Mann bekannt der Hab und Fahrt
verprasst und eine lose Zunge hat Was kümmern seine Tränen die Gerechtigkeit
Recht und Gesetz sind zweierlei hat Euer Freund das erste für sich so hat er
darum noch nicht das zweite
    FAUST Ihr sagt Recht und Gesetz sind zweierlei ungefähr wie Richter und
Gerechtigkeit meint Ihr doch
    RICHTER Meister Faust ich sagte Euch Ihr seid mir bekannt 
    FAUST Wir betrügen uns vielleicht einer in dem andern wohlweiser Herr
aber lohnts doch der Mühe nicht den Mohren weiß waschen zu wollen Er machte
die Türe auf der Teufel trat ein Hier ist ein Freund der Euch ein Dokument
vorlegen wird das wie ich hoffe der Sache meines Freundes eine bessere Wendung
geben soll
    Als der Richter den reich gekleideten Teufel sah nahm er eine freundlichere
Miene an und bat sie alle niederzusetzen
    FAUST Wir können es im Stehen abtun Zu dem Teufel Zeigt doch das Dokument
vor das wir ausgefunden haben
    Der Teufel zählte bis zu fünfhundert Goldgulden dann hielt er innen
    RICHTER Das Dokument ist nicht übel meine Herren doch die Gegenpartei hat
längst eins von gleichem Gewicht eingegeben
    FAUST So müssen wir die Gründe für uns schwerer machen Der Teufel zählte
bis tausend dann hielt er innen
    RICHTER In der Tat diesen Umstand hatt ich ganz übersehen und solchen
Beweisen ist nicht zu widerstehen
    Er raffte das Gold zusammen und verschloss es in seinen Schrank
    FAUST Ich hoffe doch Recht und Gesetz sind nun einverstanden
    RICHTER Ihr versteht die Kunst Meister Faust die ärgsten Feinde
auszusöhnen
    Faust den die Schlechtigkeit des Richters ebenso sehr beleidigte wie seine
Grobheit lispelte dem Teufel beim Weggehen ins Ohr »Räche die Gerechtigkeit an
diesem Bösewicht«
    Hierauf trennte er sich von seinem Freunde ohne seinen Dank abzuwarten
ging weiter mit dem Teufel seine Schulden zu bezahlen Besuchte dann seine
übrigen Freunde gab überall mit vollen Händen selbst denen die ihn im Unglück
verlassen hatten und fühlte sich glücklich seiner angeborenen Großmut und
Freigebigkeit ohne Maß und Einschränkung den Zügel schießen lassen zu können
Der Teufel der weitersah und bemerkte wie er ohne alle Überlegung wegwarf
freute sich der Folgen
                                       8
Sie kamen nach dem Gasthofe Faust dem nun das Betragen seiner Frau wieder
einfiel war mürrisch und betroffen er konnte es ihr nicht vergeben dass ihr
weiter keine Klagen über seine Entfernung entfahren seien nachdem sie das Gold
und die Kleinodien gesehen hatte Er glaubte sich bisher mehr von ihr geliebt
als alle Schätze der Erde und dachte sie würde dieselben um seinetwillen fahren
lassen Diese Bemerkung über eine ihm so nahe Person machte einen widrigen
Eindruck auf sein Herz So strenge richtet und schliesset nur der den sein
eigenes Herz verurteilt als Faust diesen Augenblick in seinem Innern tat Der
Teufel merkte wo es ihn drückte ließ ihn gern an diesen düstern Gedanken
zerren damit er das süße Band worin ihn die Natur noch leise gefesselt hielt
ganz zerreißen möchte Er sah mit innigem Genuße die schreckliche Qual die
einst daraus entspringen würde wenn die Zukunft alle die Ungeheuer enthüllen
sollte womit der verwegne Faust sie zu füllen auf dem Wege war
    Mittags speisten sie mit einigen Äbten und Professoren an der Wirtstafel
die zur Ergötzung des Teufels bald in einen heftigen Streit über die Nonne Klara
gerieten Noch war das Kriegsfeuer in aller Stärke der Parteigeist raste in
allen Häusern und die Streiter am Tische gebärdeten sich so wütend sagten über
den bekannten Fall so tolle Sachen dass Faust alle übele Laune vergaß Als aber
ein Doktor der Theologie behauptete es sei möglich dass der Teufel sein Spiel
so weit getrieben hätte die Nonne durch den Traum in gewisse Umstände zu
versetzen brach der Teufel in ein brüllendes Lachen aus und Fausten fuhr der
Gedanke durch den lüsternen Sinn sich auf eine schreiende Art an dem Erzbischof
zu rächen der seiner Erfindung so wenig geachtet Er hoffte dadurch den
Gegenstand des theologischen und politischen Haders und Zweikampfs in Mainz so
zu verwirren dass kein menschlicher Geist dieses Chaos mehr auseinanderwickeln
sollte Er bedachte nicht dass er ihm dadurch ein Ende machte Nach Tische
befahl er dem Teufel ein Mittel auszusinnen dass er diese Nacht unter der
Gestalt des Dominikaners bei der Nonne Klara liegen könnte Der Teufel
erwiderte es sei ein leichtes und wenn es ihm gefiele so sollte ihn die
Äbtissin selbst iss die Zelle der Nonne führen Faust spottete des Teufels denn
die Äbtissin war ihm als eine fromme strenge und gewissenhafte Frau bekannt
    TEUFEL Faust dein Weib erhub ein Zetergeschrei als du ihr deine Reise
ankündigtest aber da der Schimmer des Goldes und des Putzes in ihre Augen
strahlte lachte das Herz des Kummers Ich sage dir die Äbtissin soll dich in
die Zelle der Nonne führen und ich will keine übernatürliche Mittel gebrauchen
Du selbst sollst Zeuge sein wie die alte Vettel in die Angel beißen wird Komm
wir wollen ihr unter der frommen Gestalt zweier Nonnen einen Besuch machen Ich
kenne die Lage der Klöster die Gesinnungen der Nonnen und Mönche in Deutschland
genau um sie vorstellen zu können Ich will die Äbtissin der schwarzen Nonnen
vorstellen und du ihre Freundin die Schwester Agathe
    In diesem Augenblick kam Fausts Freund voller Freude ihm die Nachricht von
dem glücklichen Ausgang seines Prozesses zu überbringen Er wollte Fausten und
dem Teufel danken Faust aber sagte »Ich entlasse Euch alles Danks und empfehle
Euch meine Familie in meiner Abwesenheit« Der Teufel lächelte über sein
Zutrauen Faust raunte diesem ins Ohr »Es ist Zeit denke des Richters«
                                       9
Der Richter wollte nachmittags seinem geliebten Weibe die tausend Goldgulden des
Teufels vorzählen zog sehr hastig die Schublade heraus und fuhr bei ihrem
Anblick bebend zurück Die Goldstücke hatten sich in Mäuse und große Ratten
verwandelt die alle herausfuhren und wütend nach seinem Gesicht und seinen
Händen sprangen Der Richter der von Natur einen großen Abscheu gegen diese
Tiere hatte floh aus der Stube sie ihm nach und hingen sich an seine Ferse Er
stürzte zu dem Hause hinaus lief durch die Straßen das Ungeziefer verfolgte
ihn Er rannte aufs Feld sie ließ nicht ab So trieben sie den Angstvollen
bis in den steinernen Mautturm im Rhein Hier dachte er das Ende ihrer
Verfolgung gefunden zu haben aber Ratten und Mäuse aus der Hölle scheuen das
Wasser nicht Sie schwammen hindurch fielen über ihn her und frassen ihn
lebendig auf Von dieser Zeit an nennte man diesen Turm den Mäuseturm Seine
Frau erzählte in der Bestürzung die Geschichte der Verwandlung der Goldstücke
wodurch sich ihr unglücklicher Mann hätte verblenden lassen und seit diesem
Vorfall hat man im ganzen Erzstift Mainz kein Beispiel erlebt dass sich ein
Richter oder Advokat hätte bestechen lassen Der Teufel muss dieses nicht bedacht
haben sonst hätte er gewiss den Spuk bleiben lassen
                                      10
Der Teufel und Faust stunden verwandelt und vermummt in dem Kreuzgang des
Nonnenklosters Die Pförtnerin lief voraus was sie konnte der Äbtissin den
vornehmen Besuch anzukündigen Die Äbtissin empfing sie mit allen den
frömmelnden Klosterbegrüssungen die der Teufel in gleichem Tone beantwortete
Man trug Zuckergebacknes und feine Getränke auf schnatterte von
Klostergeschichten von der argen Welt und der Teufel lenkte seufzend die
Unterredung auf Klaras Geschichte Klärchen die vermöge ihrer Verwandtschaft
das Schosskind des Klosters war stund neben der Äbtissin und lächelte unter
ihrem Schleier Faust bemerkte das Lächeln verschlang sie mit den Augen und
freute sich des bevorstehenden Abenteuers denn nie dünkte ihn einen reizendern
Schalk unter dem heiligen Schleier gesehen zu haben Der Teufel gab dem
Gespräche eine ernste Wendung und ließ die Äbtissin merken er hätte ihr
wichtige Sachen zu vertrauen
    ÄBTISSIN zu Klara Lämmchen Ihr könnt nun zu den Nonnen in Garten gehen und
Euch ergötzen Ich will Euch des vornehmen Besuches der Äbtissin zu Ehren
Zuckergebacknes schicken dass Ihr den Tag ihres Besuchs feiern mögt
    Klärchen sprang weg Nach einigen Worten wobei der Teufel sehr bedenklich
und ängstlich tat um die Äbtissin zu reizen in ihn zu setzen fing er an
seinem Zwecke näherzukommen
    TEUFEL Ach liebe Schwester wie sehr bedaure ich Euch Es ist wahr und
das kann Euch trösten die ganze Stadt und das ganze Land sind von Eurer
Heiligkeit Eurer Frömmigkeit und Strenge überzeugt Ihr seid ein lebendiges
Muster der Bräute des Himmels aber leider Welt ist Welt und oft flösst der
böse Feind den Weltmenschen böse Gedanken ein um die durch sie zu stürzen die
ihm ein Dorn in den Augen sind Er kann es nicht leiden der hässliche Satan dass
Ihr Eure Schäfchen in aller Reinheit weidet Wie gesagt ich bedaure Euch
herzlich und noch mehr die armen Schäfchen die Euch anvertraut sind was wird
aus ihnen werden wenn sie Euch verlieren
    ÄBTISSIN Liebe Schwester seid darum unbesorgt ob ich gleich alt bin so
bin ich doch dem Himmel sei Dank gesund und frisch und die kleinen
Ungemächlichkeiten ach eine Folge der Enthaltsamkeit des strengen Lebens und
der Busse sichern eher mein hinfälliges Leben als dass sie es bedrohen
Wenigstens sagt mir dies immer der Arzt des Klosters wenn ich mich beklage
    Der Teufel sah sie bedeutend an
    »Habt Ihr denn gar keine Ahndung von dem was Euch bevorsteht Kein
warnendes Traumgesicht Hat sich seit einiger Zeit gar nichts im Kloster
zugetragen das Euch aufmerksam auf die Zukunft macht Es pflegt doch gewöhnlich
zu geschehen dass fromme Seelen durch gewisse Zeichen von dem unterrichtet
werden was ihnen bevorsteht«
    ÄBTISSIN Ihr erschreckt mich dass ich am ganzen Leibe zittre Lasst mich
doch nachsinnen  ja ja nun erinnre ich mich  ich schlafe sehr unruhig 
träume von Kirchhof und Leichen  und vor einigen Tagen  o gewiss ist dies ein
Zeichen und Warnung Vor einigen Tagen liebe Schwester ging ich mit dem
Hündchen das hier in meinem Schoße schläft und das ein gar sittsames Tier ist
spazieren Ich war ganz allein und die Nonnen erzählten sich unter den Linden
Märchen Auf einmal sprang der große Hund des Gärtners nach meiner Pietas so
heißt das Hündchen und wollte das Werk des Teufels mit ihr treiben Ich bebte
an allen Gliedern schlug ein Kreuz nach dem andern vor die Brust es wollte
alles nichts helfen Endlich schlug ich mit meinem Stabe auf den großen Hund
schlug aus Leibeskräften auf das hässliche Tier das das Kloster entweihte und
schlug schlug bis der Stab den mir der hochselige Erzbischof bei meiner
Einweihung als Äbtissin verehrte mitten entzwei brach Sollte dies nicht ein
Vorzeichen von Bedeutung sein
    Der Teufel und Faust taten erschrocken
    »Ach das schlimmste von der Welt«
    TEUFEL Nun ist alles klar und wahrhaftig Hab ichs Euch nicht gesagt
Schwester Agathe
    Faust beugte sich demütig
    ÄBTISSIN So redet doch ich bebe am ganzen Leibe
    TEUFEL Fasst Euch liebe Schwester noch ist Rettung da vielleicht dass ich
sie Euch bringe Bedenkt wohl dass es der Stab war den Euch der Erzbischof bei
Eurer Einweihung als Äbtissin verehrte und hört mir dann aufmerksam zu Ihr
kennt doch meinen Bruder den Domherrn Nun er vertraute mir eine ganz
erschreckliche Sache und eben darum bin ich zu Euch gekommen Er nahm zwar eine
Verpflichtung von mir es Euch nicht zu sagen aber weiß ich doch dass es besser
ist eine kleine Sünde zu begehen wenn man einer größeren zuvorkommt und die
Absichten des Teufels stört
    ÄBTISSIN Da habt Ihr recht und die Kirchenväter selbst lehren uns das wie
mein Beichtvater sagt
    TEUFEL So wisst denn der Erzbischof hat endlich das Kapitul so weit
gebracht dass sein Vorschlag durchgegangen ist Euch nach Verlauf einiger Monate
abzusetzen und seine Nichte Klara als Äbtissin einzuweihen
    »Jesus Maria« rief die Äbtissin rang die Hände und fiel in Ohnmacht Der
Teufel machte ein saures Gesicht bei ihrer Ausrufung und Faust rieb ihr lachend
die runzlichten Schläfe Nachdem sie sich erholt hatte brach sie in eine
Tränenflut und in die bittersten Verwünschungen über die Bosheit der Welt aus
    TEUFEL Verzweifelt nicht liebe Schwester für ein Übel das noch nicht
geschehen ist kann man immer Mittel finden
    ÄBTISSIN Und was ratet Ihr mir Unglücklichen Ach der Himmel erbarme sich
was soll aus mir was soll aus den Nonnen werden
    TEUFEL Ich sagte Euch schon dass es oft besser sei eine kleine Sünde zu
begehen um einer größeren vorzukommen und Ihr selbst bewiest es aus den
Kirchenvätern und setztet hinzu dass man dadurch den Absichten des Teufels und
derer er sich bedient entgegenarbeitet aber liebe Schwester dazu gehört Mut
und Verstand es so einzufädeln dass ein dritter die Hauptsünde davontrage und
man ohne Gefahr für sich und seine Seele seinen Zweck erhalte
    ÄBTISSIN Ach liebe Schwester und wie ist das anzufangen
    TEUFEL Ich bin einmal in unserm Kloster in gleichem Fall gewesen die
fromme Schwester Agathe hier ist mein Zeuge sie hat alles angesehen dazu
geholfen und Ihr habt sie nicht zu fürchten
    Faust verbeugte sich demütig
    TEUFEL Eine Nonne die durch sündlichen Verstand und noch sündlichere
Schönheit bei den Großen Schutz gefunden hatte sollte durch ihre Hilfe über
mich hinaussteigen Ach Ihr fühlt nun wie das tut wenn man auf einmal
gehorchen soll nachdem man so lange unumschränkt geherrscht hat Ich ging in
Gegenwart der Schwester Agathe mit einem meiner Anverwandten zu Rat er war in
Gewissens und Sündenfällen sehr bewandert und wusste auf ein Haar was
verdammlich und nicht verdammlich sei Dieser kluge Mann nun gab mir einen Rat
der mir aus der Not half und wofür ich noch heute seine Asche segne Anfangs
schien er mir freilich sündlich aber er versicherte mich und bewies mirs aus
den Kasuisten dass Fasten und ein wenig Disziplin ihm das Arge und Verdammliche
benehmen würden
    ÄBTISSIN Und der Rat der Rat
    TEUFEL Ich schäme mich es Euch laut zu sagen
    ÄBTISSIN So lispelt mirs in das Ohr Was die Äbtissin der schwarzen Nonnen
ohne Gefahr ihrer Seligkeit tun konnte mag auch die Äbtissin der weißen tun
    TEUFEL ihr leise ins Ohr Er riet mir es zu veranstalten oder geschehen zu
lassen dass die mir gefährliche Nonne die Sünde des Fleisches beginge
    ÄBTISSIN sich kreuzigend Heilige Ursula dies ist ja Teufelswerk und führt
grade zur Hölle
    TEUFEL Den der sie begeht liebe Schwester und das rate ich Euch ja
nicht Bedenkt doch wenn Ihr um der heimlichen Sünden Eurer Nonnen verdammt
würdet wie sollte es Euch ergehen
    ÄBTISSIN Aber um aller Heiligen willen wie konntet Ihr eine so gefährliche
Sache ausführen ohne dass es entdeckt wurde
    TEUFEL Oh mein Fall war viel schwerer wie der Eurige denn Euch begünstigt
schon das Gerücht von dem Traume der die ganze Stadt erfüllt hat Wenn Ihr nun
einen Mann unter der Gestalt des Dominikaners in Klaras Zelle schleichen lasst
und die Zeichen der sündigen Tat darauf erscheinen wird nicht die ganze Welt
sagen es sei ein Spiel des Erbfeinds der Menschen Lasst dem Satan den
schlechten Ruf und bleibt auf Eurem Stuhl mit der Herrschaft geschmückt
sitzen die dem Himmel gefällt Dieses rate ich Euch zu Eurem Besten aus
Freundschaft für Euch und Ihr mögt es nun machen wie Ihr wollt
    Die Äbtissin saß stumm da und betete in der Verwirrung leise ihren
Rosenkranz herunter  »Die Sünde des Fleisches soll retten  Ave Maria  es
ist Eingebung des Satans  Heilige Ursula erleuchte mich«  sie sah nach dem
Bilde der Heiligen  »Die Schande und Ärgernis für das Kloster werden groß sein
 Ave Maria  es wird auf die Rechnung des Teufels geschrieben werden  aber
ich kann verdammt dadurch werden  pater noster  soll ich nun eine Magd im
Kloster werden und in meinen alten Tagen mich von Höhern quälen lassen nachdem
ich so lange die Nonnen gequält habe  wir würden ihrer los das sündliche
Geschöpf hatte ohnedies der ganzen Stadt Ärgernis gegeben  Hm ich soll nicht
mehr die Nönnchen auskeifen und wie würde sich diese und jene an mir rächen
Ave Maria  ich will meine übrigen Tage als Äbtissin ausleben dem Kloster zum
Besten es koste was es wolle«
    Der Teufel feuerte zu und der Anschlag ward gefasst Beim Weggehen sagte der
Teufel zu Faust
    »Was hab ich nun anders getan als dass ich den Stolz dieser alten Vettel
fragte ob es besser sei die gefürchtete Verdammnis zu wagen oder die
tyrannische Gewalt über die armen Nonnen aufzugeben die sie nur noch eine kurze
Zeit auszuüben hat«
    So wohl Fausten der Spaß gefiel so sehr missfiel es ihm dass der Teufel
immer recht behielt Abends führte ihn die Äbtissin unter der Vermummung des
Dominikaners selbst in Klaras Zelle während die Nonnen in der Vesper waren
Klärchen erschien und nachdem sie sich der heiligen Ursula empfohlen legte sie
sich nieder Ihre Einbildungskraft die einmal auf gewisse Dinge gespitzt war
wiederholte oft in Träumen die vorige Erscheinung sie lag eben in einer solchen
Entzückung als Faust zu ihr schlich die Erscheinung zu verkörpern Klärchen
hielt wachend das Spiel für Traum genoss seiner und fühlte die Sünde der Lust in
all ihrem Reiz Die Äbtissin gab sich indessen in ihrer Zelle die Disziplin und
gelobte jede Woche um ihrer Seele willen einmal zu fasten Der Erfolg dieser
Nacht endigte auf einmal den Krieg in Mainz aber für das arme Klärchen war er
schrecklich
    Faust nahm nun Abschied von seiner Familie Es wurden wenig Tränen
vergossen und sein Vater gab ihm traurig heilsame Lehren
                                      11
Als er mit dem Teufel über die Rheinbrücke ritt sich an der nächtlichen Szene
ergötzte und Glossen über die Äbtissin machte sah er ferne einen Menschen im
Wasser der dem Ersaufen nahe war und nur noch matt mit dem nahen Tod kämpfte
Er befahl dem Teufel den Menschen zu retten Dieser antwortete ihm mit
bedeutendem Blicke
    »Faust bedenke was du forderst es ist ein Jüngling und vielleicht ist es
besser für ihn und dich dass er hier sein Leben endet«
    FAUST Teufel nur zum Bösen bereit willst du mich dahin bringen dem Ruf
der Natur zu widerstehen Eile und rette ihn
    TEUFEL Du kannst wohl nicht schwimmen  gut Die Folgen seien dein Gewinn
du wirst es bereuen
    Er eilte hin und rettete den Jüngling Faust tröstete sich durch eine gute
Handlung die sündige Nacht versühnt zu haben und der Teufel lachte des Trosts
 
                                  Drittes Buch
                                       1
Der Teufel hatte Fausten durch einige Abenteuer geführt die nebst den
vorhergehenden seinem Herzen bloß zur Vorbereitung auf die Stürme des Lebens
welche er vermöge seiner Menschenkenntnis vorsah dienen sollten Das was Faust
bisher gesehen hatte erfüllte seinen Busen höchstens mit Hohn und Bitterkeit
aber die Szenen die sich nun eröffnen rissen nach und nach solche tiefe Wunden
hinein dass sein Verstand sie nicht mehr zu tragen und zu heilen fähig war Und
nur ein Großer der Erde oder welches meistens einerlei ist ein Schöpfer und
Mitwürker des menschlichen Elends kann sie gelassen ansehen
    Der Teufel und Faust ritten unter Gesprächen an der Fulda hin als sie unter
einem Eichbaum nahe bei einem Dorfe ein Bauernweib mit ihren Kindern sitzen
sahen die leblose Bilder des Schmerzes und der stumpfen Verzweiflung zu sein
schienen Faust den die Tränen ebenso gut wie die Freude anzogen nahte sich
hastig und fragte die Elenden um die Ursach ihrer Not Das Weib sah ihn lange
starr an Nur nach und nach taute sein freundlicher Blick ihr Herz so weit auf
dass sie ihm unter Tränen und Schluchzen folgendes mitteilen konnte
    »In der ganzen Welt ist niemand unglücklicher als ich und diese arme Kinder
Mein Mann war dem Fürstbischof seit drei Jahren die Gebühren schuldig Das erste
Jahr konnte er sie wegen Misswachs nicht bezahlen das zweite frassen die wilden
Schweine des Bischofs die Saat auf und das dritte ging seine Jagd über unsre
Felder und verwüstete die Ernte Da der Amtmann meinen Mann beständig mit
Pfändung bedrohte so wollte er heute ein gemästetes Kalb mit dem letzten Paar
Ochsen nach Frankfurt führen sie zu verkaufen um die Gebühren zu bezahlen Als
er aus dem Hofe fuhr kam der Haushofmeister des Bischofs und verlangte das Kalb
für die fürstliche Tafel Mein Mann stellte ihm seine Not vor bat ihn die
Ungerechtigkeit zu bedenken dass er das Kalb für nichts hingeben sollte das man
ihm in Frankfurt teuer bezahlen würde Der Haushofmeister sagte er wisse doch
wohl dass kein Bauer etwas über die Grenze führen dürfte was ihm anstünde Der
Amtmann kam mit den Schergen dazu anstatt meinem Manne beizustehen ließ er die
Ochsen ausspannen der Haushofmeister nahm darauf das Kalb mich trieben die
Schergen mit den Kindern von Haus und Hof und mein Mann schnitt sich in der
Scheune aus Verzweiflung den Hals ab während sie unser Hab und Gut wegführten
Da seht den Unglücklichen unter diesem Tuche Wir sitzen hier seinen Leichnam
zu bewachen damit ihn die wilden Tiere nicht fressen denn der Pfarrer will ihn
nicht begraben«
    Sie riss das weiße Tuch von der Leiche weg und sank zu Boden Faust fuhr bei
dem schrecklichen Anblick zurück Dicke Tränen drängten sich aus seinen Augen
er rief »Menschheit Menschheit ist dies dein Los« zum Himmel »Liessest du
diesen Unglücklichen darum geboren werden dass ihn ein Diener deiner Religion
durch Verzweiflung zum Selbstmord treibe« Er deckte den Unglücklichen zu warf
der Frau Gold hin und sagte »Ich gehe zum Bischof ich will ihm Eure
unglückliche Geschichte erzählen er muss Euren Mann begraben Euch das Eurige
zurückgeben und die Bösewichter bestrafen«
    Diese Geschichte machte einen so starken Eindruck auf ihn dass sie schon an
dem bischöflichen Schloss waren bevor er seiner Empfindung Luft machen konnte
Man nahm sie sehr gut auf und lud sie zur Tafel Der Fürstbischof war ein Mann
in seinen besten Jahren und so ungeheuer dick dass das Fett seine Nerven sein
Herz und seine Seele ganz überzogen zu haben schien Er fühlte nirgends als bei
Tische hatte nur Sinn auf der Zunge und kannte kein andres Unglück als wenn
eine von ihm angeordnete Schüssel nicht geriet Seine Tafel war so gut besetzt
dass Faust dem der Teufel durch dienstbare Geister einigemal hatte auftischen
lassen gestehen musste ein Bischof überträfe selbst diesen Tausendkünstler an
feinem Geschmack Auf der Mitte des Tisches stund unter andern ein großer fetter
Kalbskopf ein Lieblingsgericht des Bischofs Er der mit Leib und Seele bei
Tische war hatte noch nicht gesprochen Auf einmal erhub Faust seine Stimme
    »Gnädiger Herr nehmt mir nicht übel wenn ich Euch die Esslust verderben
muss aber es ist mir gar nicht möglich diesen Kalbskopf da anzusehen ohne Euch
eine schreckliche Geschichte zu erzählen die sich heute ganz nahe bei Eurem
Hoflager zugetragen hat Auch hoffe ich von Eurer Gerechtigkeit und christlichen
Milde dass Ihr den Beleidigten Genugtuung verschaffen und in Zukunft dafür
sorgen werdet dass Eure Angehörigen die Menschheit nicht mehr auf eine so
unerhörte Art verletzen«
    Der Bischof sah verwundernd auf blickte Fausten an und leerte seinen Becher
aus
    Faust erzählte mit Wärme und Nachdruck die obige Geschichte keiner der
Anwesenden schien darauf zu horchen der Bischof aß fort
    FAUST Mich dünkt doch ich rede hier zu einem Bischof einem Hirten seiner
Herde und sitze mit Lehrern und Predigern der Religion und christlichen Liebe
zu Tische Herr Bischof seid Ihr es oder nicht
    Der Bischof sah ihn verdrießlich an ließ den Haushofmeister rufen und
fragte ihn »He was ist denn das mit dem Bauern da der sich wie ein Narr den
Hals abgeschnitten hat«
    Der Haushofmeister lächelte erzählte die Geschichte wie Faust und setzte
hinzu »Ich habe ihm darum das fette Kalb genommen weil es eine Zierde Eurer
Tafel und für die Frankfurter denen ers verkaufen wollte zu gut ist Der
Amtmann hat ihn gepfändet weil er immer ein schlechter Wirt war und seit drei
Jahren seine Gebühren nicht bezahlt hat So verhält sichs gnädiger Herr und
wahrlich kein Bauer soll mir etwas Gutes aus dem Lande führen«
    BISCHOF Da hast du recht  Zu Faust Was wollt Ihr nun Ihr seht doch dass
er wohlgetan hat dem Bauer das Kalb zu nehmen oder meint Ihr die Frankfurter
Bürger sollten die fetten Kälber meines Landes fressen und ich die mageren
    Faust wollte reden
    BISCHOF Hört Ihr esst trinkt und schweigt Ihr seid der erste der an
meiner Tafel von Bauern und solchem Gesindel spricht und wenn Euch Euer Rock
nicht zum Edelmann machte so müsst ich denken Ihr stammt von Bettlern her weil
Ihr ihnen so laut das Wort redet Wisst ein Bauer der seine Gebühren nicht
bezahlen kann tut ebenso wohl dass er sich den Hals abschneidet als gewisse
Leute tun würden zu schweigen wenn sie einem die Esslust mit unnützem Gerede
verderben  Haushofmeister dies ist ein vortrefflicher Kalbskopf 
    HAUSHOFMEISTER Es ist eben der von Hans Ruprechts Kalbe
    BISCHOF So So Gib ihn her und reiche mir die Würze Ich will ihm ein Ohr
herunterschneiden  er wird auch dem Schreier dort schmecken
    Der Haushofmeister stellte die Schüssel vor den Bischof Faust raunte dem
Teufel etwas ins Ohr und in dem Augenblick da der Bischof das Messer an den
Kalbskopf setzte verwandelte ihn der Teufel in den Kopf Ruprechts der wild
grässlich und blutig dem Bischof in die Augen starrte Der Bischof ließ das
Messer fallen sank rücklings in Ohnmacht und die ganze Gesellschaft saß da in
lebloser Lähmung des Schreckens
    FAUST Herr Bischof und Ihr geistliche Herren lasst Euch nun diesen da
christliche Milde vorpredigen
    Er brach mit dem Teufel auf
                                       2
Die Unempfindlichkeit des Fürstbischofs und seiner Tischgenossen die Faust bei
der Erzählung dieser traurigen Geschichte wahrnahm die Art wie dieser über das
Schicksal dieses Unglücklichen entschied legte den ersten Samen zum finsteren
Groll in sein Herz Er lief in seinem Geiste seine vorige Erfahrung und das was
er seitdem er mit dem Teufel herumzog gesehen durch und entdeckte wohin er
sich wandte nichts als Härte Betrug Gewalttätigkeit und Bereitwilligkeit zu
Lastern und Verbrechen um des Golds des Emporsteigens und der Wollust willen
Er seufzte tief in seinem Herzen und sah mit feuchtem Auge gen Himmel »Du hast
allen von dem Grössten bis zu dem Kleinsten den Anspruch von Glück und Genuss
ins Herz gelegt allen das Gefühl von Recht und Unrecht mitgeteilt Hast sie
alle gleich empfindlich für Schmerz und Freude gemacht Warum kann und darf ein
einziger diese anerkannten Ansprüche und Gefühle verletzen Wie kann der Mensch
vor deinem Angesicht gegen den Menschen wüten« Noch wollte er die Ursache dazu
in dem Menschen selbst suchen aber sein unruhiger zu Zweifeln geneigter Geist
seine Einbildungskraft die so gern über die nähern Verhältnisse wegflog sein
erbittertes heftig teilnehmendes Herz fingen schon jetzt an in dunklen
Gefühlen den Schöpfer der Menschen wo nicht zum Urheber doch wenigstens durch
seine Duldung zum Mitschuldigen alles dessen zu machen was ihm Empörendes
aufstiess Diese dunkle Empfindungen brauchten nur einen stärkeren Stoß um seinen
Verstand zu verwirren und der Teufel freute sich darauf die Veranlassung darzu
in der Ferne wahrzunehmen Faust hoffte sich bald an dem Hof des berühmten
Fürsten von diesem Missmut zu heilen und in diesem Wahn ließ ihn sein Gefährte
sehr gerne
    Sie kamen gegen Abend in eine Stadt wo sie bei dem Einritt eine Menge Volks
um einen Turm versammelt fanden in welchem man die zum Tod Verurteilten die
letzte Nacht ihres Lebens zu bewachen pflegte Faust merkte dass einige wild
andre gerührt hinaufsahn und erkundigte sich um den Grund dieser Äußerungen
Das Volk schrie untereinander
    »Unser Vater der Freund der Freiheit der Beschützer des Volks der Rächer
der Unterdrückung der Doktor Robertus sitzt da oben der harte tyrannische
Minister sein Freund hat ihn zum Tod verdammt und Morgen soll er hingerichtet
werden weil er uns gegen ihn so kühn verteidigt hat«
    Diese Worte fielen in die Seele Fausts Er fasste eine hohe Meinung von dem
Manne der sich auf Gefahr seines Lebens zum Rächer der Menschen aufgeworfen
und da er soeben ein Augenzeuge der Folgen tyrannischer Gewalttätigkeit gewesen
war so forderte er den Teufel schnell auf ihn zu diesem Doktor zu bringen Der
Teufel führte ihn seitwärts schwang sich mit ihm auf den Turm und trat mit ihm
in das Gefängnis des Rächers der Freiheit Faust sah da einen Mann vor sich
dessen stolze kühne düstere Gesichtsbildung jeden andern als ihn zurückgestoßen
hätte aber es tat eine ganz andre Wirkung auf ihn und da er ihn in diesem
entscheidenden Augenblick ruhig und gelassen fand so setzte seine rasche
Einbildungskraft aus dem was er gehört hatte und was er vor sich sah beim
ersten Blick das Bild eines großen Mannes zusammen Der Doktor schien über ihre
plötzliche Erscheinung gar nicht betroffen Faust nahte sich ihm und sagte
    »Doktor Robertus ich komme Eure Geschichte aus Eurem eignen Munde zu
hören nicht als wenn ich daran zweifelte denn Euer Anblick bestätigt das was
ich vernommen habe Ich bin nun gewiss dass Ihr als ein Opfer der Gewalt fallt
die das Menschengeschlecht unterjocht und die mich so wie Euch empört Ich
komme Euch meine Dienste anzubieten die Euch gegen allen Schein aus dieser
traurigen Lage retten können«
    Der Doktor sah ihn kalt an ließ sein Haupt in seine Hand fallen und
anwortete
    »Wohl falle ich als ein Opfer der Gewalt und Tyrannei und was mir das
empfindlichste ist durch die Hand eines falschen Freundes der mich mehr seiner
Furcht seinem Neide als seinen despotischen Grundsätzen aufopfert Ich weiß
nicht wer Ihr seid und ob Ihr mich retten könnt aber es liegt mir daran dass
Männer von Eurem Ansehen den Doktor Robertus kennenlernen der morgen für die
Freiheit blutet Von frühster Jugend lebte der Geist edler Unabhängigkeit dem
der Mensch allein das Große dessen er fähig ist zu danken hat in meiner
Brust Früh empörten meine Seele die Gewalt und Unterdrückung wovon ich Beweise
sah und in der Geschichte las ja bis zur Wut entflammten sie mich und oft
vergoss ich glühende Tränen dass ich mich unvermögend fühlte die Leiden der
Menschheit zu rächen zu meiner Qual erfuhr ich aus der Geschichte der edlen
Griechen und Römer welche große Ansprüche der Mensch auf Würde und Achtung hat
wenn ihn die Tyrannen das sein lassen wozu ihn die Natur gemacht hat Glaubt
darum nicht ich sei einer der Toren welche die Freiheit dahinein setzen dass
jeder tun kann was ihm gefällt Wohl weiß ich dass die Kräfte des Menschen
verschieden sind und ihre Lage im bürgerlichen Leben bestimmen müssen aber da
ich mich nach Gesetzen umsah die einem jeden diese Lage sein Gut und seine
Person sicherten so fand ich nichts als ein wildes Chaos das tyrannische
Gewalt geflissentlich zusammengemischt hat um sich zum eigenmächtigen Herrn des
Glücks und des Daseins der Untertanen zu machen Nach dieser Entdeckung schien
mir das ganze Menschengeschlecht eine Herde zu sein gegen die sich eine Bande
Räuber verschworen hat sie nach von ihnen nur zu ihrem eignen Vorteil
entworfnen Gesetzen zu plündern und zu würgen ohne dass sie selbst eins
erkennen Denn wo ist das Gesetz, das die Herrscher der Erde fesselt Ist es
nicht Unsinn dass eben diejenigen die ihre Macht dem Missbrauch der
Leidenschaften und des Übermuts am meisten aussetzt keinem Gesetz unterworfen
sind und keinen Richterstuhl anerkennen der sie zur Verantwortung ziehen
könnte Wollt Ihr den Himmel dafür annehmen meinetwegen sie stehen sich gut
dabei er scheint taub gegen das Winseln der Elenden der Jammer ist nah die
versprochne Rache ferne und dies reimt sich schlecht mit dem Gefühl und der
Natur des Menschen«
    Faust fasste dieses stark auf blickte düster und strich über seine Stirne
Den Teufel ergötzte der Redner er fuhr fort
    »Der wilde Ungestüm den ich nach dieser Entdeckung äußerte macht meinem
Herzen Ehre und ich kümmre mich wenig darum dass meine Feinde meine Klugheit
antasten Denn was anders heißt den Menschen Klugheit als blinde Unterwerfung
Niederträchtigkeit Schmeichelei Gleichgültigkeit darüber wie man einen Posten
erschleicht wenn man nur dahingelangt mit zu unterdrücken und mit zu plündern
Nur dieses nennen sie klug sein aber ein Mann wie ich sucht das Glück auf
reinern Wegen Mein Unglück war dass ich mit dem jetzigen Minister von der
Schule an aufs innigste verbunden war Er besitzt den Geist der dazu gehört
emporzukommen von frühster Jugend suchte er durch mir entgegengesetzte
Grundsätze Aufsehn zu machen und verteidigte in eben dem Masse die tyrannische
Regierungsformen als ich sie antastete Wir stritten über diesen kitzlichen
Punkt geheim und öffentlich ich schlug ihn mit meiner Beredsamkeit überall
nieder aber wenn es natürlich war dass ich den unterdrückten Teil der
Menschheit auf meine Seite zog so war es noch natürlicher dass es ihm gelingen
musste alle die zu gewinnen deren Vorteil die Unterjochung der Menschen ist Da
es nun eben diese sind die ihren Mitverschwornen die Türe zum Glück und den
Ehrenstellen öffnen so ward er bald hervorgezogen stieg von Stufe zu Stufe bis
zur Stelle des Ersten im Lande während ich vernachlässigt verkannt und
verachtet sitzen blieb Der Stolze wandte alle Mittel an mich an sich zu
ziehen trug mir bald diese bald jene Stelle an aber ich merkte wohl dass er
mir dadurch nur seine Größe fühlbarer machen wollte und dass seinem Triumph nun
weiter nichts mehr abginge als dass ein Mann von meinen Grundsätzen ihn als
Beschützer erkennte und öffentlich seine harte Regierung durch seinen Beitritt
heiligte Überdem wollte mich der Listige dem Volk das an mir hing immer
verdächtiger machen Ich aber meinen Grundsätzen getreu griff seine Fehler bei
jeder Stufe die er stieg um so heftiger an Ihr seht wohl dass ihm wenn er
fähig wäre groß zu fühlen dieser edle Kampf Bewunderung für den hätte einflößen
müssen der ihn mit so vieler Gefahr für sich unternahm Auf ihn tat es eine
andre Wirkung Sein Hass gegen mich nahm bei jeder meiner Äußerungen zu und da
ich ihn in einer Schrift vergangenen Monat sehr heftig angriff worauf sich das
Volk vor seinem Hause versammelte ihm drohte und meinen Namen laut ausrief so
legte er diese Schrift vor den Fürsten der ein Gericht niedersetzte das mich
zum Tod verdammt hat So verurteilt das Gesetz der Tyrannen aber das Recht der
Menschheit spricht mich los Dieses ist meine Geschichte und weiter sollt Ihr
nichts von mir hören Ich sterbe ohne Klage und bedaure nichts als dass ich die
Kette nicht zerbrechen kann woran das Menschengeschlecht gefesselt ist Könnt
Ihr helfen gut doch wisst aus meines Feindes Hand ist mir der Tod willkommner
als Gnade Lasst mich nun ruhig kehrt in die Sklaverei zurück ich schwinge mich
zur Freiheit auf«
    Faust war ganz durchdrungen von der Größe des Doktors und machte sich
schnell auf den Weg diesen Minister zu sprechen ihm seine Ungerechtigkeit
vorzuwerfen und ihn zu beschämen Der Teufel der tiefer sah merkte wohl dass
der Freiheitssinn des Doktors aus einem ganz andern Gefühl entstanden war Der
Minister ließ sie gleich vor Faust sprach warm kühn und frei über die Lage und
Denkart des Doktors Stellte ihm vor wie nachteilig es seinem Ruhme sei einen
Mann den er einst seinen Freund genannt dem Despotismus zu opfern Gab ihm zu
verstehen dass jedermann glauben müsste es reizten ihn Privatrache und Furcht
sich von einem so hellsehenden Beobachter seiner Taten zu befreien »Ist Euer
Tun gerecht« setzte er hinzu »so habt Ihr ihn nicht zu fürchten seid Ihr der
Mann wofür er Euch ausgibt so bestärkt Ihr durch seine Hinrichtung seine
Meinung und jeder wird in Euch nichts sehen als einen falschen eifersüchtigen
Freund und den Unterdrücker seiner Mitbürger«
    MINISTER Ich kenne Euch nicht und frage auch nicht wer Ihr seid Wie ich
denke mag Euch die Art beweisen mit welcher ich Eure Zudringlichkeit Eure
Vorwürfe und Beschuldigungen aufnehme Fühlt selbst ob Ihr ein Recht dazu habt
da Ihr mir sie auf bloßes Hörensagen macht und von der Lage dieses Landes nicht
unterrichtet seid Ich will denken nur Mitleid spricht aus Euch und darum Euch
antworten Ich war und bin ein Freund des Doktor Robertus und bedaure es dass
ich in ihm einen Mann der Gerechtigkeit überliefern muss der durch seine
Eigenschaften seinem Vaterlande hätte nützlich sein können wenn es ihm nicht
gefallen hätte sie zu dessen Untergang anzuwenden Ich will nach dem Grund zu
dieser Verirrung nicht in seinen Busen greifen und es seinem eignen Gewissen
überlassen Lange hatte ich Geduld mit seinem gefährlichen Wahnsinn da er aber
das Volk aufwiegelte für dessen Bestes ich zu sorgen habe und sich zum Haupt
einer Empörung aufwarf so muss er sterben wie es mein einziger Sohn müsste wenn
er ein gleiches unternehmen sollte Das Gesetz hat ihn verurteilt nicht ich er
kennt dieses Gesetz und weiß welche Folgen Empörung nach sich zieht Das Urteil
der Welt nehme ich auf mich und habe nichts dagegen zu setzen als die Ruhe und
das Glück dieses Volks das es später erkennen wird dass nur ich sein Vater bin
Wenn es Euch nicht genug ist dem ersten Eindruck zu folgen so verweilet hier
und wenn Ihr mir dann mit mehrerer Bescheidenheit etwas zu sagen wisst das
diesem Volke und mir nutzen kann so steht Euch mein Ohr immer offen«
    Nach diesen Worten die er mit festem und unverstelltem Tone aussprach zog
er sich zurück und ließ Fausten der keine Antwort finden konnte stehen Dieser
sagte beim Weggehen zu dem Teufel »Welchem von beiden soll ich nun glauben«
Der Teufel zuckte die Schultern denn da wo es ihm für die Hölle nützlich
nachteilig für Fausten und die Menschen schien wollte er nichts zu wissen
scheinen
    FAUST Dass ich doch dich frage Ich will dem Rufe meines Herzens folgen ein
solcher Mann der mir so nah durch seine Denkart verwandt ist soll nicht
sterben
    Hätte Faust unsre junge Freiheitsschreier gekannt er würde sich in dem
Doktor Robertus nicht geirrt haben aber ihm war die Erscheinung neuer als uns
    Morgens da die Hinrichtung vor sich gehen sollte begab sich Faust mit dem
Teufel nach dem Markte und unterrichtete ihn im Gehen von seinem Willen In dem
Augenblick als der Henker dem Doktor der mit wilder Miene niederkniete das
Haupt abschlagen wollte verschwand dieser Der Teufel führte ihn durch die Luft
über die Grenze stellte ihm auf Fausts Befehl eine große Summe Gelds zu und
überließ ihn freudig seinem Geschicke denn er sah voraus wozu er dieses und
seine Freiheit anwenden würde Das Volk erhub ein Freudengeschrei bei dem
Verschwinden des Doktors glaubte Gott selbst beschütze seinen Liebling Faust
schrie mit und freute sich der schönen Tat
                                       3
Faust und der Teufel ritten nun nach dem Hofe des Fürsten von  Nicht aus
Furcht verschweige ich die Namen der deutschen Fürsten und Großen die in diesem
Werk auftreten7 sondern weil die geheimen von mir entdeckten Triebfedern ihrer
Handlungen zu oft mit ihren lügnerischen schmeichlerischen und unwissenden
Geschichtschreibern im Widerspruch stehen und die Menschen die sich so gerne
betrügen lassen an der Echteit meiner geheimen Entdeckungen zweifeln möchten
Welcher Herkules kann den Schutt ausräumen den die Geschichtschreiber
zusammengetragen haben
    Sie erreichten bald den Hof dieses Fürsten der als ein Muster eines klugen
tugendhaften gerechten Regenten als ein Vater seiner Untertanen in ganz
Deutschland ausgeschrien war Seine Untertanen selbst wollten freilich nicht
immer in diesen Ton mit einstimmen aber der Fürst soll noch geboren werden der
es allen recht macht Ein Gemeinspruch der Politik der wie alle Gemeinsprüche
öfterer dazu dient den schlechten Fürsten schlechter zu machen als dem guten
sein schweres Amt im rechten Gesichtspunkt zu zeigen
    Faust und der Teufel fanden durch ihren Aufwand und ihr Betragen bald
Eingang am Hofe Faust sah den Fürsten mit den Augen eines Mannes an dessen
Herz durch das Vorurteil schon gestimmt war dieses Vorurteil nun bis zur
Überzeugung zu treiben erforderte es vielleicht weniger als das edle Äußere des
Fürsten Er schien oder war grad und offen Suchte zu gefallen und die Herzen zu
gewinnen ohne es merklich zu machen war vertraulich ohne sich etwas zu
vergeben und besaß jene kluge Kälte die Ehrfurcht einflößt ohne dass man sich
die Ursache davon deutlich anzugeben weiß und ohne dass man einen starken Trieb
fühlt ihr nachzuspüren Dieses alles war mit so viel Würde Feinheit und
Anstand umhüllt dass es dem geübtesten Auge schwerfiel das Erlernte
Erkünstelte und Erworbene von dem Natürlichen zu unterscheiden Faust der noch
wenige Weltleute gesehen hatte die ihren natürlichen Charakter an der
politischen Klugheit abgerieben haben setzte sich aus Obigem ein Ideal
zusammen und nachdem er einige Zeit den Hof besucht und die Hauptpersonen
desselben alle gefasst zu haben glaubte so fiel eines Abends zwischen ihm und
dem Teufel folgendes Gespräch vor
    FAUST Ich habe dir diese Tage vorsätzlich nichts von diesem Fürsten sagen
wollen aber nun da ich mir schmeichle ihn gefasst zu haben wage ich es mit
Zuversicht zu behaupten dass das Gerücht kein Lügner ist und ich hoffe dir das
Geständnis abzuzwingen er sei was wir suchen
    TEUFEL Faust ich merke schon wo du hinaus willst und du gibst dem Teufel
eine sonderbare Bestimmung doch hiervon ein andermal Dein Fürst da ist nun
freilich ein ganzer Mann ich werde dir auch nichts von meinen Bemerkungen über
ihn sagen denn wie ich diesen Abend bei dem Minister ausgespäht habe so ist
etwas auf dem Wege das dich anschaulich von seinem Werte überzeugen wird bis
dahin halte das Ideal von ihm warm in deinem Busen und sage mir was hältst du
von dem Grafen C seinem Günstling
    FAUST Verwünscht dies ist der einzige Umstand mit dem ich nicht fertig
werden kann. Er ist sein Busenfreund und doch so glatt wie ein Aal der dir
immer entwischt und so geschmeidig wie ein Weib gegen ihren Mann wenn sie auf
Ehebruch sinnt Indessen gehört dies vielleicht zu seiner Lage sein Inneres so
zu verdecken und zu übertünchen dass keiner von denen die sich so gern an
begünstigte Große hängen an etwas fassen soll
    TEUFEL Sein Inneres Glaubst du Faust der Mann der so mühsam arbeitet
sich zu verbergen habe ein Inneres das das Licht verträgt Traue dem Menschen
nicht in dem Kunst Verstand und Interesse das Tierische seiner Natur so
unterjocht und verdünstet haben dass sogar die Zeichen seines Instinkts und
seiner Sinnlichkeit verloschen sind Wenn das was in euch kocht und arbeitet
sich nicht mehr auf eurer Stirne in euren Augen und Bewegungen zeigt so seid
ihr eurer Natur entsprungen und werdet die gefährlichsten Tiere der Erde
Missgeburten die die überfeine Kultur des Verstandes mit der letzten Aufwallung
der Wollust zeugt
    FAUST Wie so wäre es nicht einmal Verstellung
    TEUFEL Da hättest du noch etwas vor dir denn auch eine Maske hat
Bedeutung und man enträtselt den Vermummten an Gang Stimme Atemholen und
Gewohnheiten Nein Faust dieser da ist so ganz was er ist
    FAUST Und was ist er denn im Namen der Hölle
    TEUFEL Ein Mann der viel gereist und die Welt gesehen hat Der an den
Höfen Europas herumgezogen ist den rohen Menschen abgeglättet und die Gefühle
des Herzens an dem kalten Lichte des Verstandes versengt hat kurz einer der
ausgebildeten Köpfe die alle Verbindung zwischen Geist und Herz zertrümmern
eurer eingebildeten Tugend lachen und mit den Menschen umgehen wie der Töpfer
der das Werk seiner Hände zu den Scherben wirft wenn es seiner Laune nicht
entspricht Er ist einer von denen die sich durch ihre Erfahrung berechtigt
glauben die Menschen samt und sonders als ein Pack Raubgesindel zu betrachten
die den auffressen der ihnen edlen Instinkt zutraut Nichts freut ihn als ein
fein entworfner glücklich ausgeführter Hofstreich und er genießt eines
Mädchens wie einer Rose die er vom Stock abbricht beriecht und dann
gleichgültig mit Füßen tritt
    FAUST Hämischer Teufel und der Mann den du da malst könnte der
Busenfreund des Fürsten von  sein
    TEUFEL Es wird sich schon zeigen was er ihm ist ich sage dir es ist
etwas auf dem Wege Hast du diesen Abend den Minister bemerkt
    FAUST Er scheint beklommen und düster
    TEUFEL Dies ist nun einer von den Menschen die ihr wackre Männer nennt
Grossmütig arbeitsam und gerecht aber so wie es euch immer geht ein einziger
Gran falschen Zusatzes schnellt schon die Waage hinauf Dieser ist bei ihm der
Sinn der Zärtlichkeit für das andre Geschlecht und da er aus Grundsätzen die
Einsegnung des Priesters zu seinem Vergnügen braucht so vernarrte er sich nach
dem Tod seiner ersten Gemahlin in das Weib das du gesehen hast Durch sie gab
er seinen erwachsnen Kindern eine Stiefmutter seinen Sinnen einen kurzen Genuss
und zertrümmerte das Gebäude seines Glücks Sie nutzte seine Verblendung
verprasste durch Üppigkeit Putz und Spiel ihr sein und seiner Kinder Vermögen
und verwickelte ihn noch obendrein in ungeheure Schulden Es ist wahr sie nahm
in dem Baron H  den du gesehen hast und der eigentlich Herr im Hause ist
einen arbeitsamen Gehülfen dazu Da man sich nun ganz auf der Neige fühlte die
Phantasie immer mehr wuchs und neue Bedürfnisse ersann je schwerer es war die
Mittel dazu zu finden so ließ sichs endlich die Mutter gefallen einem Plan
beizutreten den ihr Buhler entwarf Die Tugend ihrer Tochter unter einer
zweideutigen Versicherung auf Vermählung so teuer an den Günstling zu verkaufen
als er sie kaufen wollte Von allem diesem merkt der Minister nichts fühlt nur
die Lücke in seinem Vermögen die Last der Schulden das volle Maß seiner
Torheit und zittert vor der augenblicklichen Ankunft seines Sohns den die
Mutter aus dem Hause trieb um ungestörter sein Vermögen zu verprassen Er hat
sich indessen in dem Türkenkriege einen hölzernen Arm geholt Auch ists wohl
möglich dass der Günstling da der Minister viel bei dem Fürsten gilt anfangs
ernsthafte Absichten hatte aber jetzt hat sich seit einigen Tagen die Szene
gänzlich geändert Der Fürst schlug ihm eine Vermählung mit der reichsten Erbin
des Landes vor und nun brütete er darüber durch einen kühnen und geheimen
Schlag den Minister und sein ganzes Haus so zu zerschmettern dass keiner es
wage um Rache zu schreien oder ihn anzuklagen Verstummen sollen sie als seien
sie nie gewesen und der Minister soll unter seiner Sohle hinsterben wie der
Wurm dessen Ächzen euer hartes Ohr nicht hört
    FAUST Und diese Tat sollte der Fürst nicht rächen
    TEUFEL Du sollst die Entwicklung mit eignen Augen sehen
    FAUST Ich gebiete dir bei meinem Zorn hier keinen deiner Streiche zu
spielen
    TEUFEL Brauchen die des Teufels die ihn durch ihr Tun beschämen Faust
wir fangen nur an die Decke vor dem menschlichen Herzen aufzuheben es ist mir
aber doch lieb zu bemerken dass auch ihr Deutschen der Ausbildung fähig seid
Freilich borgt ihr sie von andern Völkern und verliert dadurch den Ruhm der
Eigenheit aber in der Hölle ist man darüber weg und hält sich an den guten
Willen
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Faust vertrieb sich die Zeit mit den Weibern verführte die Hoffräuleins und
Zofen indessen das Drama des Günstlings sich der Entwicklung näherte Er saß
mit dem Baron H zusammen und teilte ihm den fein gesponnenen Entwurf mit
Dieser sollte das Werkzeug dazu sein und da der Glanz des Goldes den Kitzel der
langen Buhlerei mit der Frau des Ministers nicht mehr schärfen konnte überdem
die Tränen der unglücklichen Tochter der Kummer des Vaters die nahe Ankunft
des Krüppels von Sohn seinem zarten Gewissen anfingen beschwerlich zu werden so
war er sehr geneigt sich dieser Bürde auf eine oder die andre Art zu
entledigen Die Belohnung ging wie unter Leuten die sich kennen natürlich
voraus und bestund darin dass der Graf über sich nahm bei dem Fürsten
auszuwürken den Baron in einer wichtigen Angelegenheit an den Kaiserlichen Hof
zu schicken Dafür verband sich der Baron die Frau des Ministers durch eine
Summe Gelds die der Graf herschoss dahin zu stimmen ein gewisses Papier das
eins der wichtigsten Dokumente des fürstlichen Hauses enthielt und dessen man
soeben wegen einer Streitigkeit mit einem andern fürstlichen Hause benötigt war
aus dem Kabinett des Ministers dem es übergeben war darüber zu arbeiten auf
eine unmerkliche Art zu entwenden Der Graf hoffte dann die Sache so zu drehen
dass aller Schein gegen den Minister sei als habe er dieses Dokument aus Not der
Gegenpartei ausliefern wollen und dass nur seine eigne Wachsamkeit das
fürstliche Haus aus dieser Gefahr gerettet hätte Die Gemahlin des Ministers
glaubte dass ein Mann der zu ihren Torheiten kein Gold mehr auftreiben könnte
keine Schonung verdiente und da sie sich immer schmeichelte den Günstling mehr
zu gewinnen je gefälliger sie sich ihm erzeigte so überlieferte sie ohne
Bedenken das Papier
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Der Minister ging seufzend und einsam in seinem Zimmer auf und ab Das Gefühl
der bevorstehenden Schande der Druck peinlichen Kummers die Gewissheit
betrogner Liebe hatte auch seine Tochter einst sein einziger Trost von ihm
entfernt Sie weinte verschlossen und zehrte an einem Herzen das eines bessern
Schicksals würdig war so dorrt die Lilie im einsamen Tale hin die eine
mutwillige Hand am zarten Stengel gedrückt hat Seine Gemahlin unterbrach seine
düstere Einsamkeit um ihm sein Elend noch fühlbarer zu machen Bald darauf trat
der Baron herein und forderte kalt die Instruktion an den Kaiserlichen Hof Da
der Fürst Befehl dazu erteilt hatte so ging der Minister in sein Kabinett um
sie zu holen Indessen hatte seine Gemahlin Zeit eine Szene der Verzweiflung
mit ihrem Buhlen zu rasen In dem Augenblick da der Minister dem Baron die
Instruktion übergab kam ein Bote des Fürsten mit einem Handbillett worin er
ihm bedeutete das Dokument und seine Ausarbeitung an Hof zu bringen weil man
beides dem Abgesandten der Gegenpartei vorlegen wollte Der Minister suchte in
seinem Kabinett leerte alle Schränke aus kalter Todesschweiss rann über sein
Gesicht er forschte alle Sekretärs und Schreiber aus sein Weib seine Tochter
umsonst er musste sich entschließen sich dem fürchterlichen Sturm in der
Unschuld seines Herzens auszusetzen Er trat vor den Fürsten der mit dem Grafen
allein war und kündigte ihm sein Unglück an beteuerte seine Unschuld und
unterwarf sich seinem Schicksal Der Graf ließ die erste Empfindung bei dem
Fürsten würken trat dann kalt näher zog das Dokument aus der Tasche übergab
es dem Fürsten mit einer tiefen Verbeugung ließ darauf hart in sich dringen
wie er dazu gekommen ließ sich sogar mit Ungnade bedrohen und gestund endlich
mit dem äußersten Widerwillen den Vorgang der Sache nach seinem entworfnen
Plane Der Minister verstummte der sprechende Beweis von Schuld verwirrte ihn
so dass selbst das Gefühl seiner Unschuld nicht durch die Finsternis dringen
konnte die diese unerwartete Wendung vor seine Sinne zog Der Fürst sah ihn
wütend an und sagte »Lange konnt ich von Euch erwarten dass Ihr endlich die
Torheit Eurer Aufführung durch Verräterei an mir heilen würdet« Dieser Vorwurf
zog die Decke von den Augen des Verstummten weg das Gefühl seiner Redlichkeit
wollte seine starre Zunge beleben der Fürst befahl ihm zu schweigen seine
Stelle niederzulegen nach Hause zu gehen und sich nicht zu entfernen bis ein
Gericht über ihn gesprochen
    Der Unglückliche ging dicke Tränen rollten in seinen Bart Die Verzweiflung
entriss seiner Tochter das Geheimnis ihrer Schande und der Mutter das Geständnis
ihres Verbrechens Die Kraft seines Geistes zersprang seine Sinne verwirrten
sich und nur das schrecklichste Schicksal das den Menschen treffen kann
Stumpfheit und Wahnsinn zogen einen düstern Schleier vor das Erinnern des
Vergangnen und heilten durch eine gänzliche Zerstörung sein Herz von den
grausamen Wunden die ihm seine Nächsten geschlagen
    In diesem Augenblick führte der Teufel Fausten in das Zimmer des Ministers
er hatte ihn vorher von der ganzen Geschichte unterrichtet Noch hatte die
Zerstörung nicht alle Vorstellungskraft verdunkelt alle Fibern des Gefühls
gelöst noch stammelte die Zunge die letzten Empfindungen über das erlittene
Weh noch träufelte der letzte Tau aus den Augen des Unglücklichen auf die
elende Tochter die seine Knie umfasste die Verzweiflung der peinlichste
Schmerz entstellten Er lächelte noch einmal spielte mit ihren
heruntergefallnen Haaren lächelte noch einmal  sein Sohn trat herein und
wollte freudig auf ihn zustürzen Er sah ihn starr an ein wilder Ton der
Raserei der die Nerven durchbebt das Herz durchschaudert drängte sich aus
seiner Brust hervor und der sanfte Dulder ward für immer ein Gegenstand des
Schreckens und des peinlichsten Mitleids
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Faust wütete und stieß fürchterliche Flüche aus Er entschloss sich dem Fürsten
den ganzen Vorgang zu entdecken und den Betrüger zu entlarven Der Teufel
lächelte und riet ihm leise zu Werke zu gehen wenn es ihm darum zu tun wäre
diesen Fürsten den er ihm als ein Muster menschlicher Tugend angepriesen hätte
genau kennenzulernen Faust eilte so gestimmt nach Hofe und sicher durch diese
Entdeckung den Fall des Günstlings zu bewürken enthüllte er dem Fürsten alles
in kaltem gesetztem Tone Als er auf die Ursache kam die den Grafen zu dieser
scheußlichen Tat verleitet hätte nämlich sich von der Verbindung mit der
Tochter des Ministers zu befreien heiterte sich das Gesicht des Fürsten auf er
ließ den Grafen rufen umarmte ihn bei dem Eintritt und sagte
    »Glücklich ist der Fürst der einen Freund findet der aus Gehorsam und
Furcht ihm zu missfallen auch wohl einen Streich wagt der die gewöhnlichen
Regeln der Moral verletzt Der Minister hat immer als ein Tor gehandelt es ist
mir lieb dass ich seiner los bin und du wirst seine Stelle klüger versehen«
    Faust stund einen Augenblick wie versteinert endlich durchglühte edle Wärme
sein Herz Er malte mit schrecklichen Farben die Lage des Ministers brach dann
in Wut und Vorwürfe aus vergaß selbst der fürchterlichen Macht der er gebot
entbrannte ganz im Gefühl eines Rächers der unterdrückten Menschheit der einem
kalten Tyrannen die Larve abreisst seines Schicksals unbekümmert Man entließ
ihn als einen Wahnsinnigen Der Teufel empfing ihn frohlockend er blieb stumm
knirschte in seinem Innersten und freute sich im giftigen Missmut von den
Menschen sich gerissen zu haben
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Um Mitternacht ließ der Graf den Teufel und Fausten aufheben und sie in ein
enges schreckliches Gefängnis werfen Faust befahl dem Teufel der Gewalt
nachzugeben weil er erfahren wollte wie weit diese Heuchler ihre Bosheit
treiben würden
    Er nagte an den peinvollen Zweifeln seiner Seele in dem dunklen Kerker Die
schreckliche Szene des Tags malte sich immer düstrer vor seinen Augen und es
entsprangen grässliche Gedanken gegen den der das Schicksal der Menschen leitet
aus diesen schwarzen Betrachtungen Sein Inneres war in Aufruhr endlich rief er
hohnlachend aus »Wo ist hier der Finger der Gottheit Wo das Auge der
Vorsehung das über die Wege des Gerechten waltet Wahnsinnig seh ich den
Redlichen den belohnt der ihn zerschlagen Dem Tyrannen der die Tugend
heuchelt entdeckt ich die Bosheit seines Günstlings und er findet ihn seiner
Freundschaft der Belohnung nur würdiger Und es wäre Zweck Ordnung und
Zusammenhang in der moralischen Welt Nun so sind sie auch in dem Gehirn dieses
armen Zerrütteten den sein Schöpfer ohne Schutz und Rache fallen ließ«  Er
fuhr fort und der Teufel horchte lächelnd »Ist der Mensch durch die Kette der
Notwendigkeit gezwungen zu handeln so muss man seine Handlungen und Taten dem
höchsten Wesen selbst zuschreiben und sie hören dadurch auf strafbar zu sein
Kann von einem vollkommenen Wesen etwas anders als Gutes und Vollkommnes fließen
Nun so sind es unsre Handlungen so scheusslich sie uns auch vorkommen mögen
und wir sind ihr Opfer ohne abzusehen warum Sind sie sträflich und das was
sie uns scheinen so ist dieses Wesen ungerecht gegen uns denn es straft Greuel
an uns deren Quelle es selbst ist. Teufel löse mir diese Rätsel auf ich will
wissen warum der Gerechte leidet und der Ruchlose belohnt wird«
    TEUFEL Faust du hast zwei Fälle gesetzt wie wenn es noch einen dritten
gäbe Nämlich dass ihr auf die Erde geworfen wärt wie Staub und das Gewürme
ohne Vorsicht und Unterschied Einem dunklen Wirrwarr überlassen den man euch
wie einen verworrnen Knäuel übergeben hätte ihn auseinanderzuzerren und wenn
euch das unmögliche Werk nicht gelänge euch euer strenger Herr und Richter doch
zur Rechenschaft dafür aufforderte Wenn er nun gleich einem Despoten eurem
Herzen darum solche zweideutige Gesetze und widersprechende Neigungen
eingedrückt hätte um sich die Erklärung des dunklen Sinns derselben
vorzubehalten und nach Gefallen zu strafen und zu belohnen
    FAUST Bei welchem Philosophen bist du in die Schule gegangen dass du mir
ein Wenn nach dem andern auftischest Ha ich fühle es der Mensch soll und muss
in der Finsternis tappen sein Herz durch die Erscheinungen zerreißen lassen
und wenn ers auch mit dem Teufel versucht Licht und Klarheit zu erringen Wenn
Laster und Torheit den Gang der Welt befördern so ist die Tugend Unsinn da sie
den nicht schützen kann der ihr sein Leben weiht So haben wir dies Gefühl
erkünstelt und unsre tierische Natur die uns durch die Sinne zum Genuss des
Augenblicks treibt weiß nichts davon In törichter Hoffnung in stolzem
Wahnsinn blicken wir zu dem Himmel auf und erwarten in der fernen ungewissen
Zukunft den Lohn unsrer Unterwerfung während der Triumph und Spott des Lasters
um uns her erschallt Hier schwebe ich zwischen meinem zerrissnen Herzen und
meinem empörten Verstand wie der verzweifelnde Schiffer auf dem brausenden
Meere dessen Fahrzeug der Blitz entzündet hat Vernichtung droht ihm die Glut
Vernichtung die tobenden Wellen Was soll mir dieses Mitleiden das mein Herz
bei dem Leiden des Menschengeschlechts auflöst Es werde zu Stein wie die Herzen
der Großen und Mächtigen die die Menschen bloß zu Mitteln ihrer Zwecke nutzen
Ihnen muss ich nun gleich werden und Hohn der Menschheit sprechen Dass der Keim
meines Daseins in dem Schoße meiner Mutter vertrocknet wäre Dass nie meine
Nerven diese Reizbarkeit erhalten hätten nie das Gefühl von Recht und Unrecht
in meiner Brust erwacht wäre Musste ich dies an dem Menschen erfahren um in
Gegenwart des Teufels seine Natur zu lästern Noch einmal listiger Sophist
löse mir diese Rätsel auf entülle mir dies Geheimnis und wenn auch Gespenster
aus dem Dunkel hervorsprängen die mich durch ihren Anblick töteten
    TEUFEL Beruhige dich und schüttle diese Zweifel ab keinem in Fleisch
gehüllt ist es gegeben diesen Knoten zu lösen und Tausende werden sich daran
erwürgen Vergiss den Zweck nicht den wir uns bei unsrer ersteren Zusammenkunft
vorgesetzt haben
    Ich versprach dir den Menschen nackend zu zeigen um dich von den
Vorurteilen deiner Jugend und deiner Bücher zu heilen damit sie dich im Genuss
des Lebens nicht stören möchten und wenn du wirst eingesehen haben dass die
sogenannte Leitung des Ewigen dem du um meinetwillen entsagt hast und vor
dessen Angesicht ihr ungehindert die scheusslichsten Greuel begeht nur Wahn
eures Stolzes ist und dir dann noch Kraft im Herzen übrigbleibt so will ich
dir die schaudervollen Geheimnisse eröffnen die dich nun umhüllen
    FAUST mit bittrem Gelächter Nun bei dem Dunkel der Hölle das uns bei
unsrer Geburt bis zum Grabe umdampft so wär ich noch der Gescheiteste von
allen dass ich dem Wirrwarr entgangen bin und dadurch dass ich mich dir ergab
mein Schicksal willkürlich bestimmte es entschied wie es einem freien Wesen
zusteht In sich mit verbissner Wut Einem freien Wesen ha ha ha Ja frei wie
der Jagdhund den ich am Seile leite und den der Instinkt fortreisst wenn er das
Wild wittert
    TEUFEL Glaube mir Spötter besässen die Menschen die Zauberkraft die du
dem Dunkel entrissen hast sie würden bald die Hölle entvölkern und du würdest
mehr Teufel auf der Erde herumfahren sehen als Schutzheilige im Kalender stehen
oder als eure Tyrannen Soldaten im Solde halten um euch zu unterjochen Hei ho
welch ein trauriges Los für einen Teufel die tollen Begierden eines guten Kopfs
auszuführen was würde dann aus uns werden wenn es jedem Schuft gelänge uns
aus der Hölle zu rufen
    Diese Bemerkung des Teufels wollte soeben der Laune Fausts eine andre
Richtung geben als auf einmal eine neue Erscheinung ihrer Unterredung ein Ende
machte Es traten sechs Bewaffnete mit einer Blendlaterne herein denen zwei
Henker mit großen leeren Säcken folgten Faust fragte was sie wollten und der
Anführer antwortete sie möchten sich bequemen in diese Säcke zu kriechen denn
sie hätten den Auftrag die gnädigen Herren hineinzustecken die Säcke
zuzubinden und in den nahen Fluss zu tragen Der Teufel erhub ein lautes
Gelächter und sagte »Sieh doch Faust der Fürst von  will dich von dem
Enthusiasmus der Tugend abkühlen den du ihm heute so warm gezeigt hast« Faust
sah ihn ergrimmt an gab ihm einen Wink ein höllisches Gesause erfüllte den
gewölbten Keller die Schergen stürzten zitternd zu Boden und die Gafangenen
fuhren hinaus
    Nun erst erwachte das Gefühl der Rache in dem Herzen Fausts und kleidete
sich in den Schmuck eines großen edlen Berufs Der Gedanke fuhr durch seine
Seele die Menschheit an ihren Unterdrückern zu rächen Ein stolzes Gefühl
durchglühte seinen Busen die Macht des Teufels dem er sich auf Gefahr seines
Selbsts ergeben zu nutzen um Gerechtigkeit an den Heuchlern und Bösewichtern
auszuüben Er rief dem Teufel zu
    »Fahre in den Palast und erwürge mir den der mit der Tugend ein Spiel
treibt Vernichte den der Verräter belohnt und den Gerechten wissend zertritt
Räche in meinem Namen die Menschheit an ihm«
    TEUFEL Faust du greifst der Rache des Rächers vor
    FAUST Seine Rache schläft und der Gerechte leidet ich will den vertilgt
sehen der die Maske der Tugend trägt
    TEUFEL So gebiete mir die Pest über die Erde zu hauchen dass das ganze
Menschengeschlecht hinsterbe Was soll aus ihnen werden wenn dein Wahnsinn
dauert Du wirst nur die Hölle bevölkern und alles wird seinen Gang gehen wie
vor
    FAUST Hämischer Teufel du möchtest ihn retten dass er der Greuel noch mehr
begehen kann freilich Fürsten seinesgleichen verdienen den Schutz der Hölle
denn sie machen auf Erden die Tugend verdächtig da sie das Laster belohnen Er
soll sterben beladen mit seiner letzten Tat soll er bebend zur Verdammnis
fahren
    TEUFEL Tor der Teufel freut sich des Mords des Sünders was ich sage
geschicht bloß darum mich gegen deine Vorwürfe in Zukunft zu sichern damit dir
keine Entschuldigung übrigbleibe Die Folgen der Tat sind dein
    FAUST Sie seien mein ich lege sie gegen meine Sünden in die Waage Eile
und morde Sei der Pfeil meiner Rache Fasse den Günstling und schleudere ihn in
den glühenden unfruchtbaren Sand des heißen Libyens dass er langsam
hinschmachte
    TEUFEL Faust ich gehorche doch bedenke Kühner dass dir das Richteramt
nicht gegeben ist
    FAUST Ich bin der Elendeste der Erde aber nicht in diesem Augenblick
    TEUFEL Es ist Selbstrache Verdruss dich in ihm betrogen zu haben die dich
treiben
    FAUST Geschwätziger Teufel es ist der Rest des Unsinns meiner Jugend der
mich bei schlechten Taten oft zu Mordgedanken reizte Hätte ich das Unrecht der
Menschen sehen und dulden können würde ich dich aus der Hölle gerufen haben
Eile und vollziehe
    Der Teufel erwürgte den Fürsten auf seinem weichen Lager fasste den bebenden
Günstling und schleuderte ihn den glühenden Sand Libyens fuhr zu Faust zurück
»Die Tat ist vollbracht« Sie setzten sich beide auf den schnellen Wind und
segelten dem Lande hinaus
    Wie glücklich sind nun unsre Fürsten dass es keinem mehr so leicht gelingt
den Teufel aus der Hölle zu rufen und ihn zum Werkzeug der Rache der
Unterdrückten und Zertretnen zu machen Wehe den Nabobs der Erde wenn es einem
gelänge
                                       8
Faust saß düster auf seinem Pferde denn da sie über die Grenzen waren hatten
sie auf des Teufels Vermittlung das Fuhrwerk verändert Die letzte Geschichte
nagte noch immer an seinem Herzen es verdross ihn dem Teufel in Ansehung der
Menschen gewisse Dinge zugestehen zu müssen und seine Laune ward um so bitterer
da er selbst anfing sie in einem andern Lichte zu betrachten Doch tröstete ihn
der Gedanke in seinem Missmut den unglücklichen Minister an den Heuchlern
gerächt zu haben Der Stolz schwellte nach und nach sein Herz so auf dass er
beinahe anfing seine Verbindung mit dem Teufel als das Wagstück eines Mannes
anzusehen der seine Seele für das Beste der Menschen opfert und dadurch alle
Helden des Altertums die nur ihr zeitliches Dasein dransetzten übertrifft
Noch mehr da diese um des Ruhms willen sich opferten und also aus Eigennutz
handelten auf den er vermöge seiner Verbindung keinen Anspruch machen konnte
so fiel vor seinen verblendeten Augen alle Vergleichung zwischen ihnen und ihm
weg Setze den Menschen in welche Lage du willst sei unbesorgt und lass nur
seine Eigenliebe würken du siehst sie weiß Fausten selbst die Aussicht in die
Hölle zu vergulden Er vergaß in diesem stolzen Gefühl die Beweggründe seiner
Verbindung mit dem Teufel seinen Hang zur Wollust und Genuss und schwärmte sich
auf seinem Rosse in gespannter Phantasie zum Ritter der Tugend zum Rächer der
Unschuld Ja dieser Selbstbetrug ward sogar ein Balsam für seinen gekränkten
Geist und er sah gleichgültiger auf den peinlichen Gedanken das nicht durch
den Teufel entdeckt zu haben was er so sehnlich zu wissen gewünscht hatte Sein
Herz schlief hierbei so ruhig an dem Abgrund der Hölle ein als der Fromme in
die Arme des Todes sinkt der ihn in die seligen Gefilde hinüberträgt Der
Teufel ritt neben ihm her und ließ ihn ruhig seine Glossen machen Er nur sah in
jedem dieser vermeinten edlen Gefühle einen neuen Stoff zur künftigen Marter und
Verzweiflung und sein Hass nahm in dem Masse gegen Fausten zu als sich dessen
Aussicht aufheiterte und erweiterte Er genoss der Stunde voraus worin alle
diese glänzende Lufterscheinungen zusammenstürzen alle diese bunten Bilder der
Phantasie sich in die Farbe der Hölle hüllen und des Kühnen Herz so zerreißen
würden wie nie eines Sterblichen Herz zerrissen ward Nach langem Schweigen
erhub endlich Faust die Stimme
    »Sage mir wie ist es nun mit dem falschen Günstling«
    TEUFEL Er schmachtet auf dem glühenden Sande streckt seine verdorrte Zunge
aus dem brennenden Rachen dass die Luft und der Tau sie erfrischen und
befeuchten mögen aber dort weht kein kühlender Wind und in Jahrtausenden fällt
kein erfrischender Tropfen vom Himmel Sein Blut kocht wie glühendes Metall in
den Adern die Strahlen der Sonne fallen senkrecht auf sein nacktes Haupt Schon
rollt der Fluch gegen den Ewigen in seinem entflammten Gehirne seine dürre
Zunge vermag nicht ihn auszusprechen er arbeitet in dem heißen Sande wie ein
Maulwurf um die feuchte Erde zu lecken und öffnet sich nur ein Grab Ist deine
Rache befriedigt
    FAUST Rache Warum nennst du Ausübung der Gerechtigkeit Rache Sieh kalter
Schauder überlief meine Haut bei deinen Worten aber ich sah ihn kalt lächeln
da ich ihm die Marter des Edlen und der Verführten schilderte
    TEUFEL Die Zeit die nur langsam den Schleier hebt mag es entwickeln Der
Bauer Faust säet den Hanf arbeitet ihn zum Stricke ohne zu ahnden dass sein
strenger Herr ihn einst damit wird geisseln lassen wenn er die Gebühren und
Frondienste nicht abträgt Was wird aus dir werden wenn du den Menschen in
grösserm Wirkungskreise sehen wirst Wir haben dem Ungeheuer nur die erste Haut
abgezogen was wird es dann sein wenn wir ihm die Brust aufreißen Schnell
würde der welcher die Rache sich vorbehalten hat das Zeughaus des Donners
ausleeren wenn er alle die vernichten wollte die nach deiner Meinung nicht zu
leben verdienen
    Aber er will dass sie leben leiden sündigen und der Strafe reifen
Gleichwohl wäre das Ding von Mensch noch immer gut genug wenn es nur dem Trieb
alles zu verzerren und zu missbrauchen durch seine stolze Vernunft etwas mehr
widerstehen könnte oder wollte Faust woher mag dies Unvermögen wohl kommen
Wenn du eine Maschine verfertigest wirst du sie nicht so zurichten dass sie
deinem Zweck entspricht wenn du nun fändest dass du dich in deinem Machwerk
geirrt hättest und es eher deinen Zweck hinderte als beförderte wirst du sie
nicht verbessern oder vernichten
    Faust wollte eben antworten als sie in der Ferne ein Dorf in hellen Flammen
sahen Da ihn nun alles scharf reizte spornte er sein Pferd und der Teufel zog
hinter ihm drein Es begegnete ihnen bald ein Haufe fliehender Ritter und
Knechte die eben ein andrer Haufe geschlagen hatte Als sie dem Dorfe näher
kamen fanden sie das Feld mit Leichen der Reisigen und Pferden bedeckt Sie
sahen unter den Toten einen Knappen der mit beiden Händen arbeitete seine
herausgestürzte Eingeweide in den Bauch zurückzudrücken er heulte und fluchte
fürchterlich unter dem schmerzlichen Werke Faust fragte ihn höflich um die
Ursache des Zwists der Knappe schrie »Schert Euch zu allen Teufeln Herr
Naseweis wenn Ihr Eure Kaldaunen in frischer Luft sähet wie ich die Neugierde
würde Euch vergehen Weiß ich warum sie mir den Bauch aufgerissen haben Fragt
dort den gnädigen Herrn meinen Junker den sie auch verstümmelt haben und dem
ich dies Frühstück zu verdanken habe«
    Sie nahten einem Ritter der eine Wunde an dem Schenkel hatte und Faust tat
dieselbe Frage an ihn Der Ritter antwortete »Ein Bauer aus dem brennenden
Dorfe hat vor einiger Zeit dem mächtigen Rauhgrafen einen Hirsch erlegt Darauf
hat der Rauhgraf den Täter von meinem Herrn gefordert um ihn nach teutschem
Herkommen auf einen Hirsch zu schmieden und zu Tod rennen zu lassen Mein Herr
hat den Bauern nicht herausgeben wollen und die Pfändung an Hab und Gut zu
seinem eignen Besten für hinreichende Strafe erklärt Der Rauhgraf hat hierauf
dem Edelmann im Namen Gottes und unter dem Schutze des Kaisers einen Fehdbrief
zugeschickt Die Fehde ist unglücklich für uns ausgefallen der Rauhgraf hat das
Dorf angezündet es mit seinen Reisigen umgeben dass keiner der Bauern heraus
kann und wird nun dem Eide Gnüge tun den er bei dem heiligen Sakrament
geschworen alle die Bauern wie Martinsgänse für seine Hunde und wilden Schweine
zu braten«
    FAUST ergrimmt Wo liegt sein Schloss
    RITTER Auf jener Höhe es ist das festeste und prächtigste im Lande
    Faust ritt auf eine Anhöhe und sah im Tale das brennende Dorf vor sich
liegen Die Mütter mit ihren Kindern Männer und Greise Jünglinge und
Jungfrauen stürzten heraus warfen sich den Reisigen zu Füßen flehten
verzweifelnd um Rettung Der Rauhgraf schrie dass es im Tale erschallte »Treibt
die Hunde zurück In den Flammen sollen sie alle sterben« Die Bauern schrien
dass es den Himmel und die Felsen zerreißen müsste »Wir sind unschuldig der Euch
beleidigt hat ist entflohen Was haben wir und unsre Kinder verbrochen Ach
rettet nur sie« Die Reisigen peitschten sie von der Erde auf trieben sie nach
den Flammen die Mütter warfen die Kinder nieder in der Hoffnung sie würden
sich ihrer erbarmen der Huf der Rosse zerschmetterte sie 
    Faust rief wahnsinnig »Teufel fliege und kehre nicht zurück bis du des
Wüterichs Schloss mit allem was es in sich fasst aufgebrannt hast Er kehre heim
und finde Wiedervergeltung«
    Der Teufel lächelte schüttelte den Kopf und flog davon Faust warf sich
unter einen Baum und blickte ungeduldig nach dem Schloss Als er es in Flammen
sah wähnte der Verwegne die Ordnung der Dinge hergestellt zu haben und
empfing den zurückkehrenden Teufel mit Zufriedenheit Dieser fuhr siegend
einher verkündigte ihm den Jammer den er angerichtet und mit welcher Eile der
Rauhgraf mit seinen Reisigen nach dem Schloss zujage »aber Faust« setzte er
hinzu »der Dampf des höllischen Pfuhls wird ihm einst nicht so entgegenstinken
als diese deine Tat Sein junges vielgeliebtes Weib ist vor einigen Tagen mit
dem Erstgebornen niedergekommen«
    FAUST Rette sie und den Neugebornen
    TEUFEL Es ist zu spät die schwache Mutter drückte ihn in ihre Arme und er
brannte auf ihrem Herzen zu Asche
    Diese Post durchschauderte die Seele Fausts er sagte grimmig »Ha wie
schnell der Teufel im Zerstören ist«
    TEUFEL Faust nicht so schnell als der verwegne Mensch im Urteil und
Richten Hättet ihr unsre Macht längst würdet ihr die Welt zertrümmert und zum
Chaos gemacht haben Beweisest du es nicht da du deine Herrschaft über mich so
unsinnig missbrauchst Fahre nur zu der Mensch der sich den Zügel lässt gleicht
dem Rad das vom Berge rollt wer kann es aufhalten es springt von Klippe zu
Klippe bis es zerschmettert Faust gern hätte ich den Unmündigen der Sünde
reifen lassen nun ist er der Hölle entgangen samt der Mutter er brannte auf
ihrem Herzen zu Asche und sie wehrte der ihn aufzehrenden Flammen mit den
Knochen von denen schon das Feuer das Fleisch abgefressen hatte
    FAUST Du legst es an mein Herz Er hüllte sein Gesicht in seinen Mantel
und netzte ihn mit seinen Tränen
                                       9
Das Gefühl die Tugend an den Lasterhaften rächen zu wollen kühlte sich in
Fausten etwas ab endlich labte er seinen durch die letzte Geschichte
gepeinigten Geist mit dem Gedanken den ihm der Teufel vorsätzlich hinwarf der
Säugling und die Mutter seien der Hölle entgangen Auch erlaubten die
Sinnlichkeit das leichte Blut das Streben nach Genuss der Zug nach
Veränderung die Zweifel keiner Empfindung einen dauernden Eindruck in seinem
Herzen Da er alles mit lebhaftem Gefühl umfasste so brannten seine Empfindungen
wie Lichtkugeln auf die einen Augenblick die Finsternis erleuchteten und dann
zerplatzen Er blickte endlich wieder unter seinem Mantel hervor sah Leviatan
auf etwas hören und lächeln Er frug ihn »Worüber lächelst du Würger mich
deucht du horchst einem Redenden zu und gleichwohl seh ich keinen«
    TEUFEL Du irrst dich nicht Soeben schwebte ein Geist einher der sich mit
ehebrecherischen Händeln abgibt und erzählt mir einen Schwank über den ich
lachen muss so ernstaft ich auch in deiner lästigen Gesellschaft geworden bin
    FAUST Erzähle ich bedarf des Lustigen
    TEUFEL Soll er oder ich
    FAUST Wer er Ich seh ihn nicht
    TEUFEL Gleichwohl ist er nah bei dir Soll er dir erscheinen oder willst du
bloß seine Stimme hören Sie ist so sanft wie die Stimme des Ehebrechers der
zum ersten Falle lockt
    FAUST So seis die Stimme ein Schwank aus der Luft erzählt ist etwas
Neues und ich bedarf des Neuen aber lustig muss der Schwank sein
    »Lustig und tragisch Faust wies bei euch immer einander auf dem Fuße
folgt« sagte eine feine hellklingende Stimme die gleich einer Lockpfeife alle
Töne nachahmte
    Die Stimme fuhr fort »Ich komme soeben von Köln das wie Ihr wisst mehr
durch Kirchen und Reliquien berühmt ist als durch Genies Doch Hahnreien gibts
dort mehr als Kirchen«
    FAUST Ein sehr moralischer Teufel und die Stimme hat viel gereist denn
sie fängt gleich mit Bemerkungen an Narr von Geiste von welchem Orte kann man
dies nicht sagen
    STIMME Faust die Wahrheit steht überall an ihrem rechten Platze  Ich
hatte mich dort in die Rosenknospen der weißen runden Brust einer Betschwester
einquartiert ihr Mann war nach Holland gereist Sie fühlte den schäkernden
unruhigen Gast durch alle mit meinem lüsternen Sitze verbundne Nerven klagte
über den besonderen Umstand bei ihrem Beichtvater es kam zu Erklärungen und die
Folge der Erklärungen war dass er mich zufällig mit seinem Skapulier berührte
Mein Spuk war reif und ich flog davon Wie ich durch die Straßen dahinfuhr sah
ich einen Schlingel ganz in dem scheußlichen Kostüme ausstaffiert womit uns
eure Mönche beehren Roten Mantel scheussliche Larve ungeheure Hörner einen
Bocksfuss und langen Schwanz Ich setzte mich zwischen die Hörner des Verwegenen
und trabte mit ihm fort Er schlich in das Haus des Junkers von Trossel Der
Kerl war mir von seinem ersten Weibe her bekannt und verdient es Euch zu
werden Stellt Euch einen westfälischen Flegel von Edelmann sechs Fuß hoch
vor zwischen seinen breiten Schultern einen runden feisten Kalbskopf auf
dessen Angesicht die Natur mit grober Schrift den eigensinnigen Dummkopf den
Pfaffensklaven den harterzigen rau prahlenden Barbaren den Bürger und
Bauernschinder und den Hahnrei gezeichnet hat Seine Erziehung gaben ihm die
Buben Knechte und Knappen des hochgebornen Vaters in deren Schule er auch ein
so fertiger und origineller Flucher ward dass es kein Fuhrmann seines Vaterlands
mit ihm aufzunehmen wagte Der Kapellan lehrte ihn ein wenig lesen stopfte ihm
gleich das Gehirn voller Legenden und Zaubergeschichten und da er so zum
Edelmann qualifiziert war gab man ihm ein Fähnlein Volks und schickte ihn dem
Kaiser gegen die Türken zu Hilfe Wacker hieb er in den Feind doch führte er
lieber mit dem Freunde Krieg raubte erpresste und handelte wie ein Kerl
handelt der kein ander Recht kennt als das Recht seiner Faust und seines Adels
Eine übermäßige Ladung ungarischen Weins machte seinem Unwesen ein Ende und
stürzte ihn vom Pferde er verrenkte sich die Hüfte ward in der Kur verpfuscht
und setzte sich in Köln zur Ruhe Hier legte er sich aus Missmut und Langeweile
aufs Studieren verschlang alle Legenden Zauber und Hexengeschichten
erhitzte verwilderte seine leere Einbildungskraft und fasste aus Patriotismus
worin ihr Deutschen alle Völker der Erde übertrefft ganz natürlich eine
besondere Vorliebe für die Reliquien und Legenden des Orts seines Aufenthalts
Nichts übertraf nach seinem Sinne das Wunder der elftausend Jungfrauen und
darin hatte er nicht unrecht Die Legende der heiligen drei Könige aus
Morgenland wurde sein Labsal und schon vor seiner ersten Ehe unternahm er ihre
Geschichte zu schreiben bisher ist er aber noch nicht mit ihnen nach Bethlehem
gekommen Doch alle diese frommen Beschäftigungen bekehrten den Flucher nicht
Pfaff und Laie machten ihm Vorstellungen darüber unter neuen schrecklichern
Flüchen versicherte er er wolle sich das Fluchen abgewöhnen Nehmt noch hinzu
dass dieses Tier vom vielen Sitzen hypochondrisch geworden ist dass er sich
erschrecklich vor dem Tod und noch mehr vor unsrer Brüderschaft fürchtet die er
gleichwohl ohne Unterlass zitiert und um den Kerl mit dem letzten Zug zu malen
dass er eifersüchtig wie ein Tiger ist dass er sein Weib nicht aus den Augen
lässt dass sie neben seinem gepolsterten Sessel hucken und ihm zuhören muss wenn
er die Legende kommentiert oder von seinen Feldzügen lügt Vor kurzem
verheuratete er sich mit einer derben fleischigten Brünette  ein lüsterner
Schalk ganz auf dem schwankenden Stengel der Unschuld gewachsen und nur vom
weiblichen Sinne gepflegt Ich hatte schon ein Netz für sie gewirkt aber der
Schalk kam mir wie Ihr sehen werdet zuvor Der Mönchsteufel polterte die
Treppe hinauf  ich der ihm ablauerte worauf es angesehen war umzog schnell
seine Hörner mit loderndem knitterndem Feuer und setzte mich in Gestalt einer
ungeheueren Fledermaus mit glühenden Augen dazwischen  Der Mönchsteufel trat vor
das Bett und schrie Trossel Trossel Herr von Trossel Mich sendet Satan mein
Herr Mit freundlichem Gruße lässt er dir sagen dasswenn du dein schreckliches
Fluchen nicht lässest womit du ihn jeden Augenblick zu Hilfe rufest er bald
genötigt sein würde dir in hoher Person den Hals zu brechen Schon lange hätte
ers gern getan aber du stehest unter dem Schutze der elftausend Jungfrauen
der drei Mohrenkönige und diese verteidigen dich gegen ihn Doch sollen sie ihn
nicht hindern dir für jeden Fluch den du in Zukunft herausdonnern wirst einen
Liebhaber zu deinem jungen Weibe Lene zu legen Weh dir wenn du alsdann dein
unschuldiges Weib und den unschuldigen Kavalier beleidigst 
    Der Mönchsteufel polterte die Treppe hinunter Trossel zitterte und bebte 
Lene war bei der Erscheinung unter die Bettdecke gekrochen und streckte nicht
eher den Kopf hervor als bis er ihr in Verzweiflung zurief Dann fing sie
erbärmlich an zu klagen und zu jammern über das Unglück das ihr bevorstünde
und beschwur den Totbleichen bei allen Heiligen sich ja vor dem Fluchen in acht
zu nehmen Er gelobte sichs und ihr unter Stöhnen und Gebet Ich eilte dem Kerl
nach der uns so schändlich prostituiert hatte und begleitete ihn nach der
Rheinseite Ein junger Edelmann dem der Schalk von Weibe dieses saubere Spiel
in der Kirche angegeben hatte wartete dort auf ihn  der Kerl kroch aus der
Maske hervor  es war ein Mönch Faust
    Trossel saß den ganzen Tag stumm und tot da denn reden und fluchen war bei
ihm eins Der Schalk von Brünette blickte aus halbgeöffneten Augen nach dem
Unglücklichen und schien nach dem Fluche zu lechzen wie nach eurer Vorstellung
eine Seele im Fegfeuer nach Erlösung Gleichwohl schärfte sie ihm ohne Unterlass
ein sich ja vor dem Fluchen in acht zu nehmen malte ihm den Teufel und die
Gefahr immer schrecklicher und sagte weinend sie würde nie den fürchterlichen
Augenblick überleben Trossel seufzte zum erstenmal herzlich in seinem Leben er
war nur ein lebloses Ding ein Schatten ein Nichts Man bestahl ihn warf seine
Legenden untereinander trat seinen Lieblingshund auf die Pfoten war mürrisch
zänkisch unverschämt gegen ihn er verlor durch ungerechten Spruch einen Prozess
 er biss die Zähne zusammen schluckte die bis in die Gurgel gedrungenen Flüche
zurück erduldete alles und schwieg Er war dem Stummwerden nahe und schon
verzweifelte Lene als ihm mein Mönch unter der Maske eines reisenden
Edelmanns von Trossels Kriegsbruder empfohlen eines Abends einen Besuch machte
und der lechzenden Brünette Gelegenheit verschafte den gefesselten Flüchen
Luft zu machen Das Mönchlein ließ sich glattzüngig mit Trossel in eine
Unterredung über die drei Mohrenkönige ein Die Beredsamkeit des Stummen ward
lebendig er floss in ihrem Lobe über las ihm aus seinem Werke vor und die
Brünette horchte andächtig zu Als ihn der Mönch recht im Feuer sah sagte er
spöttisch lachend Drei Könige Drei Könige auf einmal Hat man doch oft an
einem zu viel Und was wollten denn die Kerle in Köln Was hatten sie am Rheine
zu tun Hatten sie denn zu Hause keine Geschäfte dass sie herumzogen wie
Meistersänger Was mögen indessen ihre Untertanen gemacht haben Nehmt mir nicht
übel so viel ich von Königen weiß so laufen sie nicht so von Haus und Hof es
müsste denn sein dass man sie davonjagte Das ist alles Fabel und albernes Zeug
    Trossel wurde blau und rot Die Kollerader schwoll auf seiner Stirne Der
Geifer des Zorns schäumte um seine blauroten Lippen Er zog krampfhaft die
Daumen in die Fäuste schnitt fürchterliche Grimassen blies aus Mund und Nase
wollte eben um die Flüche zurückzupressen nach seiner Krücke greifen um dem
Lästerer eins zu versetzen aber das freundliche Lenchen sprang erschrocken auf
liebkoste ihn streichelte ihn gab ihm süße Worte und Küsse drückte sich an
ihn setzte unter Liebkosungen ihr Füßchen auf das Hühneraug des Grimmigen und
trat aus allen ihren Kräften darauf Da brach der eingeschlossne Donner los Die
schrecklichsten Flüche strömten aus seinem Munde wie eine losgelassne Flut
stürzten wie der Hagel herunter  der Gast entfloh  die Brünette sank zu seinen
Füßen schrie Du hast mich unglücklich gemacht meine Ehre weggeflucht und
fiel in Ohnmacht Starr bebend und bleich stund der Flucher da Mit noch
grässlichern Flüchen rief er endlich Warum hast du mir auf das Hühneraug
getreten Hab ich meine verdammte Zunge nicht bis auf diesen Augenblick
gehalten  Warum hast du geflucht erwiderte Lene Dir ist alles gleichgültig
wenn nur dich der Bocksfüssler nicht holt mag meine Ehre immer dabei leiden Ich
konnte dem Kitzel des Lachens nicht mehr widerstehen Wer lacht dahier
klapperte Trossel Der Teufel schrie die Brünette Das edle Paar entfloh kroch
ins Bette und kaum hatte sich Trossel von seinem Schrecken erholt kaum fing er
an zu schnarchen als ihn eine gellende Stimme aufweckte Heraus aus dem Bette
Flucher Wider Willen muss ich dich heute zum Hahnrei machen Doch fürchte
nichts ich bin wie du von christlichen Eltern geboren werde dir nichts zuleide
tun Alles geschieht zum Heil deiner Seele aber wenn du dich rührst so kommt
der Schwarze
    Trossel sprang aus dem Bette kroch in einen Winkel zog die Nachtmütze über
das Gesicht und klapperte vor Furcht und Angst Nach einigen Stunden rief die
Stimme Lege dich wieder zu Bette und vergiss nicht dass mein Schicksal ist für
jeden deiner Flüche deinen Platz einzunehmen und das deine es zu leiden
    Die Stimme stieg zum Fenster hinaus Lenchen spielte noch toller die
Verzweifelte und ihr Haustyrann der so streng auf sein Männerrecht hielt der
nicht den geringsten Widerspruch vertragen konnte musste nun bitten und flehen
sie möchte ihm diesmal verzeihen
    Man stellte dem Flucher neue Fallen lange vermied er sie da aber einmal
die Brünette das Mittel entdeckt hatte seine Zunge zu lösen so spielte sie
solange auf dieser Saite bis sie etwas erschlaffte Ein Streich gelang ihr über
alle Hoffnung Der Arme hatte den ganzen Tag an einem Kapitel seines Werkes
gearbeitet darinnen bewiesen dass seine Schutzherrn aus dem Morgenlande nicht
zu Fuße sondern auf Kamelen von Hause ausgeritten wären und dass ein geflügelter
Bote von oben ihnen bei Nacht eine Laterne vorgetragen hätte Lene die seine
Anstrengung während der Arbeit und seine endliche Zufriedenheit darüber
bemerkte zerriss die Blätter sobald er sich einen Augenblick entfernte
wickelte Garn in die Fetzen  legte in ein Blatt einen Kreuzer zündete es an
und warf es einem singenden Bettler aus dem Fenster zu Trossel kam zurück
wollte ihr nun seine Tagesarbeit vorlesen fand sie nicht frug zitternd
danach Lene ließ sich dreimal erklären was er wollte und sagte endlich mit
kalter Verachtung Hier sind deine Wische ich hielt es für eine Schmiererei
dergleichen du Hunderte des Tags machst und wieder zerreissest Knirschend für
Wut öffnete er die Knäuel Garn warf sie ihr brummend in Schoss legte seine
Fetzen zusammen und rief mit donnernder Stimme Wo ist das übrige  Zum Fenster
hinaus  Zum Fenster hinaus Die Flüche donnerten heraus dass die Fenster
zitterten das Glas auf dem Tische erklang Lene stopfte sich die Ohren zu
spielte die vorige Komödie der Gast kam Trossel musste das Bett verlassen und
murmelte dabei zwischen den Zähnen Ich wollte dass die drei Mohrenkönige die
Beine gebrochen hätten schon zum zweitenmal machen sie mich zum Hahnrei
    Und sie sollens zum dritten vierten und fünftenmal verwegener Sünder
Ein Fluch gegen die Heiligen ist Todessünde rief die Stimme hinter den
Bettvorhängen hervor
    Der Gast hielt Wort Da nun Trosseln die Besuche zu oft kamen so sagte er
diesen Morgen zu Lenchen Ich kann es nicht mehr ertragen Ich mag machen was
ich will  mag ersticken bersten  fluchen muss ich Ich will den Nachmittag
nach dem Pater Orbelius schicken dass er mich morgen früh besuche ihm dann
alles erzählen und ihn bitten dass er mir und dir helfe
    Lene lobte seinen Entschluss schlich aber bald darauf in ihr Kämmerlein
setzte sich hin ihrem Galan den Vorfall zu melden und ihm zu schreiben er
solle abends den Teufel mit dem Auftrag schicken Trosseln mit dem Tode zu
drohen wenn er die Erscheinung entdeckte
    Ich schon zufrieden mit dem was geschehen war schlich ihr nach Warf ein
hellrotes Mäntelchen um die Schultern steckte mich in einen Wams von rauen
Fellen des Alps legte ein Krägelchen um den Hals aus roten blauen gelb und
grünen Flammen gewebt stellte mich auf zwei hohe Hahnenfüsse mit langen Spornen
nahm eine scheussliche Krötenmaske vor und bedeckte den feuchten kahlen Schädel
mit einem Federhut Statt des Schwanzes wickelte sich eine ungeheure Schlange um
meinen Leib ihr Rachen ragte aus dem geöffneten Schlunde der Krötenmaske weit
hervor und so geschmückt stellte ich mich hinter den Stuhl der Schreibenden und
zischelte ihr mit ausgestreckter Schlangenzunge in einem süßen gefälligen Tone
zu Bemüht Euch nicht gnädige Frau wenn Ihr einen Teufel braucht da habt Ihr
gleich den rechten Befehlt nur
    Die Folgen meines Grusses Faust nebst der Moral wenn wir uns
wiederbegegnen«
    Die Stimme schwieg und Faust fühlte den Geist an sich vorübersausen Er
schrie »Wo ist er hin Die Moral will ich hören«
    TEUFEL Ho ho soll diese der Teufel auch machen und seinen Schwank
verderben wies eure Dichter machen Er ist schon weit weg vermutlich hat er
einen neuen Spuk gewittert Hm Faust es fehlt den deutschen Weibern wie ich
sehe nicht an Genie und wenn sie nichts aus euch machen so geb ich alle
Hoffnung auf
    Unter Glossen und Lachen über den Schwank ritten sie in das Tor der vor
ihnen liegenden Stadt und die gute Mahlzeit und die herrlichen Weine in der
Stadt wo sie nun angekommen waren schlugen bald Fausts trübe Geister völlig
nieder Da eben in derselben Jahrmarkt war so ging Faust mit dem Teufel nach
Tische auf den Platz um das Gewimmel zu sehen
    Es war ein sonderbares Land worin sie sich nun befanden In einem Kloster
der Stadt lebte ein junger Mönch dem es ohne viele Mühe gelungen war einige
wenige Funken von Verstand durch das Feuer seiner Einbildungskraft gänzlich
aufzubrennen und sich so mächtig von der Kraft des religiösen Glaubens zu
überzeugen dass er hoffte wenn einst seine Seele den wahren Schwung erhielte
und der Geist Gottes ihn völlig durchsauste es ihm ein leichtes sein würde
Berge zu versetzen und sich als ein neuer Apostel in Wundern und Taten zu
zeigen Überdem sog er gleich einem trocknen Schwamme die Torheiten und
Scharlatanerien ein die andre ausheckten ein Umstand wodurch sich die
Schwärmer von den Philosophen gänzlich unterscheiden denn diese hassen und
verachten die Hypotesen eines andern da jene allen Unrat des menschlichen
Geistes annehmen und sich zu eigen machen Da dieser junge Mönch wie jeder
Schwärmer der von seinem Gegenstand durchdrungen ist ein feuriger Redner war
so zog er bald die Seelen der Männlein und vorzüglich der Weiber die alles
Leidenschaftliche so gern aufnehmen an sich Seine Einbildungskraft verschafte
ihm bald einen neuen Zauberstab denn da er vermöge seiner innigen Verbindung
mit dem höchsten Wesen eine hohe Meinung von den Menschen hatte so fasste er in
einer seiner glühenden Stunden den Entschluss dieses Meisterwerk der Vorsehung
diesen Liebling des Himmels für den alles übrige gemacht ist physiognomisch zu
zergliedern und sein Inneres durch sein Äußeres zu bestimmen. Leute von seinem
Schlage betrügen sich so oft selbst dass man nicht mit Gewissheit sagen kann ob
ihm etwa ein verborgner Funken des Verstandes zugelispelt hat diese Schwärmerei
würde der alten einen neuen Firnis geben und die frommen Seelen über deren
Gesicht sich so viel herrliche Dinge sagen ließ noch mehr an ihn ziehen Da
er nur die vier Wände seiner Zelle und Leute seiner Art gesehen hatte übrigens
in Ansehung der Menschen der Welt und wahrer Wissenschaften so unwissend war
als es Leute von heißer Einbildungskraft gewöhnlich sind die obendrein alle
aufstossende Zweifel mit dem zerschmetternden Hammer des Glaubens zerschlagen so
lässt sich leicht schließen dass auch nur die Phantasie allein bei seinem Werke
die Feder führte Aber eben darum tat es eine erstaunende Wirkung auf die
Geister aller derer die lieber verworren fühlen als klar denken Dies ist der
Fall des größten Teils der Menschen und da die Tage des Lebens unter dem
angenehmen Kitzel des geliebten Selbsts so sanft dahinfliessen so konnte es ihm
nicht an Anbetern fehlen Es tut so wohl sich als ein vielgeliebtes vorzüglich
besorgtes Schosskind der Gottheit anzusehen und über die übrigen rohen Söhne der
Natur mit Verachtung und Mitleiden hinzusehen Unser Mönch blieb aber nicht bei
dem Menschen allein stehen er stieg auch zu den andern unedlen Tieren der Erde
herunter bestimmte ihre Eigenschaften aus ihren Gesichtern ihrem Baue und
glaubte große Entdeckungen gemacht zu haben wenn er aus den Klauen den Zähnen
dem Blick des Löwen und dem schwächlichen leichten Baue des Hasens bewies
warum der Löwe kein Hase und der Hase kein Löwe sei Es wunderte ihn gewaltig
dass es ihm gelungen die bestimmten und unveränderlichen Merkzeichen der
tierischen Natur so klar beweisen und auf den Menschen anwenden zu können ob
gleich die Gesellschaft das Gesicht des letztern zur Maske geschliffen hat und
er nie einen in seinem ursprünglichen Zustand sah Hierauf drang er selbst in
das Reich der Toten zog die Schädel aus den Gräbern die Gebeine der Tiere aus
den Gruben und zeigte den Lebenden wie und warum die Toten so waren und wie sie
vermöge dieser Knochen so und nicht anders sein konnten Zu was für gefährlichen
Schlüssen könnten diese Voraussetzungen einen Sophisten oder einen Menschen der
gern seine Schlechtigkeit von sich wälzen möchte verleiten Soll kann der
Mensch durch Kunst ersetzen was durch natürliche Anlagen in ihm verhunzt ist
    Dem Teufel war dieser Spuk bekannt und er merkte wohl da sie im Wirtshause
bei Tische saßen dass einige Anwesende und selbst der Wirt ihn und Fausten mit
besondrer Aufmerksamkeit betrachteten und sich leise ihre Beobachtungen
mitteilten während sie verstohlen ihre Profile zeichneten Auch zu Faust war
der Ruf dieses Wundermanns gedrungen hatte ihn aber bisher so wenig
interessiert dass er auf dieses Geflüster nicht aufmerksam wurde Da sie nun auf
den Platz kamen überraschte sie ein ganz neues Schauspiel Dieses Gewimmel von
Menschen war die echte Schule der Gesichtsspäher Jeder konnte da seinen Mann
fassen und sein Gesicht auf die Waage legen die Kräfte seiner Seele abzuwägen
Einige stunden vor Müllereseln Pferden Ziegen Schweinen Hunden und Schafen
andre hielten Spinnen Käfer Ameisen und andre Insekten zwischen den Fingern
forschten mit scharfem Blick nach ihrem innern Charakter und suchten zu
entwickeln wie sich ihr Instinkt aus dem Äußeren bestimmen ließe Einige maßen
Schädel von Menschen und Tieren aus beurteilten das Gewicht und die Schärfe
ihrer Kinnladen und Zähne und rieten welchem Tier sie zugehörten Da aber Faust
und der Teufel unter sie traten hörte man sie ausrufen »Welch eine Nase
Welche Augen Welch ein forschender Blick Welch eine liebliche sanfte Rundung
des Kinns Welche Kraft ohne Schwäche Welche Intuition Welche
Durchdringlichkeit Welche Helle und Bestimmtheit im Umriss Welch ein
kraftvoller bedeutender Gang Welches Rollen der Augen Welch ein Wurf der
Glieder Wie einverstanden und harmonisch« »Ich gäbe ich weiß nicht was darum
wenn ich die Handschrift der Herrn hätte« sagte ein Weber »um den schnellen
und leichten Gang ihrer Denkkraft aus ihren Federzügen zu sehen« Sie zogen alle
ihr Reissblei aus den Taschen und nahmen ihre Profile Der Teufel verzerrte bei
Anhörung dieser Fratzen das Gesicht und einer der Späher schrie »Der innere
Löwe Kraft hat sich gegen eine äussre Versuchung oder einen schwächlichen
Gedanken geschüttelt«
    Faust belächelte die Narrheit als auf einmal ein englisches Gesicht aus
einem nahen Fenster auf ihn blickte und in süßer Verwundrung rief »Heilige
Katerine welch ein herrlicher Kopf welch eine himmlische liebevolle sanfte
Schwärmerei Welche Gefühl und Anhänglichkeit atmende Physiognomie«
    Diese Töne erklangen melodisch in dem Herzen Fausts Er starrte nach dem
Fenster sie sah noch einen Augenblick auf ihn zog sich zurück und Faust sagte
zu dem Teufel
    »Ich verlasse diesen Ort nicht bis ich mit dieser Dirne gelegen habe Die
Wollust schimmert unter einem so frommen Glanze aus ihren Augen als sollte er
der Sinnlichkeit die wahre Würze mitteilen«
    Sie wandten sich kaum nach einer Seitenstrasse als einer der Späher zu ihnen
trat und sie keck um die Physiognomie ihrer Handschrift bat um wie er sie
versicherte die Trägheit oder Fertigkeit ihrer hervorbringenden Kraft die
Gradheit Standhaftigkeit Reinheit oder Schiefheit ihres Charakters daraus zu
entziffern Er setzte hinzu es habe ihm bisher kein Fremder diese Gefälligkeit
abgeschlagen und er hoffte von ihnen ein gleiches
    Hierauf zog er ein Taschenbuch Feder und Tinte hervor und spitzte die Ohren
voller Erwartung
    FAUST Nicht so rasch guter Freund Dienst um Dienst sagt mir vorerst wer
ist die Jungfrau in jenem Hause die ich eben am Fenster sah und deren Äußeres
so englisch schön ist
    SPÄHER O sie ist ein Engel in allem Verstand Unser großer Seher versichert
von ihr ihre Augen seien Spiegel der Reinheit und Keuschheit Ihr holder Mund
sei nur geschaffen die hohe Begeisterung eines von himmlischen Dingen erfüllten
Herzens auszudrücken Ihre Stirne sei ein glänzender Schild der Tugend an dem
sich alle Versuchungen alle irdische und sinnliche Gefühle zerschlügen Ihre
Nase wittere die Gefilde der Unsterblichen Sie sei das Ideal der Schönheit und
aller der Tugenden die diese begleiten wenn die Gottheit eine vollkommen
schöne Seele dem Auge des Fleisches sichtbar machen wollte
    FAUST Ihr malt wahrlich nicht mit Farben der Erde aber sagt mir nun auch
etwas von ihren irdischen Verhältnissen
    SPÄHER Diese sind freilich nicht so glänzend wie die ersteren aber doch
hinreichend ihre Ausübung nicht zu stören
    FAUST Und sie heißt
    SPÄHER Angelika
    Sie schrieben Worte ohne Sinn auf ein Blatt und der Späher verschwand
vergnügt mit seinem Schatz
    FAUST Teufel wie meinst du dass dem frommen Kinde beizukommen sei Ich bin
nun recht in der Laune das Ideal dieses Sehers zu verpfuschen
    TEUFEL Auf der graden Heerstraße zu dem menschlichen Herzen Faust darauf
wird sie dir gewiss begegnen denn früh oder spät muss jeder dahin einlenken
seine Phantasie mag ihn noch so weit davon entfernt haben
    FAUST Es muss ein reizender Genuss sein eine solche zugespitzt
Einbildungskraft mit Bildern der Wollust zu füllen
    TEUFEL Der Mönch hat dir schon vorgearbeitet und ihre Sinnlichkeit so
geschärft ihr Seelchen mit so viel Eitelkeit und Selbstvertrauen angefüllt
ihre Frömmigkeit so sinnlich gemacht dass es weiter nichts erfordert als
gehörig an dem Herzen anzuklopfen um sich als würklichern Gegenstand der
Schwärmerei hineinzunisten Lass mich eine Probe machen zu was Schwärmerei die
Weiber endlich führt
    FAUST Und schnell Ich habe bei Nonnen gelegen und sie wie andre Weiber
gefunden lass mich nun sehen wie sich eine Schwärmerin dabei gebärdet
                                      10
Dem Teufel war darum zu tun eine solche Seele dem Himmel zu stehlen Fausts
Sündenmass schneller zu füllen und stund in einem Augenblick unter der Gestalt
eines alten Mannes mit einem Guckkasten vor Faust gab ihm einen Wink und
schlich nach dem Markte Hier schlug er seine Bude auf und rief den Pöbel
zusammen seine schöne Raritäten zu schauen Das Volk drang hinzu Mägde und
Knechte Jungfrauen und Witwen Kinder und Greise Der Teufel gaukelte ihnen
allerlei Histörchen vor die er mit frommen Erläuterungen und moralischen
Sprüchen begleitete Jedermann trat vergnügt von dem Guckkasten zurück und
reizte die Zuschauer mit Erzählung der gesehnen Wunder Die englische Angelika
sah aus dem Fenster und da sie den Teufel mit einem so frommen Tone die
Vorspieglung seiner Histörchen ableiern hörte fühlte sie eine unwiderstehliche
Versuchung die Wunder des Kastens zu sehen und dem frommen Greise ein Almosen
zufliessen zu lassen Der Teufel ward gerufen Er fühlte sich selbst betroffen
von ihrer wunderbaren Schönheit ihrer Sanftmut und Güte und ward um so
begieriger ihre Sinne zu verwirren Nun legte sie ihr schwärmerisches Auge an
die Öffnung des Kastens der Teufel leierte seine Alltagssprüche herunter und
gaukelte ihr stufenweis die Szenen der Liebe bis zu den ausschweifendsten
Vorspieglungen der Wollust und des sinnlichen Genusses vor Führte ihre
Phantasie so rasch und unmerklich vom Geistigen zum Sinnlichen hinüber dass sie
die Schattierung kaum gewahr werden konnte Wenn sie das Auge zurückziehen
wollte so verwandelte sich der anstössige Gegenstand in ein erhabenes Bild das
den widrigen Eindruck auslöschte und das Herz für das folgende zündbarer machte
Ihre Wangen glühten sie glaubte vor einer bezauberten unbekannten Welt zu
stehen In allen diesen Szenen ließ der Tausendkünstler Fausts Gestalt
erscheinen und versetzte sie immer in die anziehendsten Lagen Sie sah ihn einen
Schatten verfolgen der ihr glich und um ihretwillen die größten Taten
unternahm sich den schrecklichsten Gefahren unterwarf und nachdem er ihre
Aufmerksamkeit gänzlich gefesselt hatte und wahrnahm dass die Neugierde die
Verwicklung worin Fausts Gestalt mit ihr verflochten war aufzulösen wünschte
so verwandelte er die Szene und ließ in schnellem Wirrwarr die schlüpfrigsten
und üppigsten Erscheinungen der tierischen Liebe mit den reizendsten Farben
bekleidet vor den Augen der unschuldigen Lauscherin gaukeln Der Blitz
erleuchtet nicht so schnell das Dunkel der Wunsch nach Ehebruch entsteht nicht
so schnell in dem Herzen des Wollüstlings als diese Erscheinungen vorüberflogen
Eine Sekunde ist Dauer dagegen Kaum hatte die Unschuldige das Auge an den
Kasten gelegt als das Gift schon in ihr Herz geflossen war Sie sah bevor sie
fliehen konnte Nun deckte sie mit beiden Händen ihre Augen floh nach ihrem
Schlafzimmer und sank Fausten in die Arme Der Verwegne nutzte den Augenblick
der gänzlichen Abwesenheit ihres Bewusstseins fand in ihrem Sträuben ihren
Tränen ihrem Seufzen neuen Reiz zur Sünde und nie ist eine unschuldigere
Seele nie ein schönrer unbefleckterer Körper von der frechen Hand der
Verführung besudelt worden Als sie ihren Fall wahrnahm verhüllte sie ihr
Haupt stieß den Frechen zurück Er legte kostbare Geschmeide zu ihren Füßen
sie zertrat sie und rief »Wehe dir die Hand des Rächers wird einst schwer auf
dir liegen für diese Stunde«
    Der Wahnsinnige freute sich seines Siegs ging ohne Reue zu dem Teufel der
die Szene belachte und sich der schaudervollen Folgen der Tat freute
                                      11
Faust befand sich hier in seinem Elemente die geistige Schwärmerei hatte den
Zunder der Lust so nahe an die Herzen gelegt dass er nur anzublasen brauchte um
sie in Flammen zu setzen Er flog von Sieg zu Sieg nutzte hierbei die Macht des
Teufels wenig desto mehr aber sein Gold und Juwelen die auch die Frommen zu
brauchen wissen Angelika ward unsichtbar und alles Bemühen Fausts war
vergebens ihr noch einmal zu nahen er vergaß sie auch bald in den neuen
Berauschungen Er las in der Zwischenzeit mit dem Teufel die Handschrift der
Physiognomik die ihm einer der Späher für eine große Summe verkauft hatte und
ärgerte sich grimmig an der Zuverlässigkeit der Unwissenheit und dem
dichterischen Schwulst des Verfassers Der Teufel glühte vor Zorn da er sogar
sein eigenes Porträt in der Handschrift fand das der junge Mönch mit der nur ihm
eignen Verwegenheit beurteilt hatte Es verdross ihn so heftig dass er mit seiner
hohen Person sein Spiel getrieben dass er dem Hang sich zu rächen nicht
widerstehen konnte und da Faust in keiner bessern Laune gegen den Mönch war so
machten sie sich auf ihm einen Streich zu spielen Sie gingen nach dem Kloster
und da sie beide stattlich gekleidet waren und Leute von Rang und Bedeutung zu
sein schienen so wurden sie von dem jungen Mönch sehr freundlich und herzlich
empfangen Aber kaum sah er den Teufel schärfer an als er von seinem Angesichte
so begeistert wurde dass er alle Worte des Grusses vergaß ihm stark die Hand
schüttelte sich dann von ihm entfernte und ihn bald en face bald en profil
anstarrte Hierauf rief er hochbegeistert
    »Ha wer bist du Übergrosser
    Ja man kann was man will
    Man will was man kann dies sagt mir dein Gesicht und ich brauche dich
nicht zu kennen und dies zu sagen Nie hab ich die Gewissheit meiner Wissenschaft
mehr gefühlt als in diesem Augenblick
    Wer kann ein solches menschliches Gesicht ohne Gefühl ohne Hingerissenheit
ohne Interesse ansehen  da nicht in dieser Nase innere tiefe ungelernte Größe
und Urfestigkeit ahnden Ein Gesicht voll Blick voll Drang und Kraft« Er
befühlte Leviatans Stirne und fuhr fort »Erlaube mir mit meinem Stirnmesser
die Wölbung deiner Stirne auszumessen  Ja eherner Mut ist so gewiss in der
Stirne als in den Lippen wahre Freundschaft Treue Liebe zu Gott und den
Menschen In den Lippen welch eine vorstrebende entgegenschmachtende
Empfindung Welch ein Adel im Ganzen
    Ja dein Gesicht ist die Physiognomie eines außerordentlichen Mannes der
schnell und tief sieht festhält zurückstösst würkt fliegt  darstellt wenig
Menschen findet auf denen er ruhen kann aber sehr viele die auf ihm ruhen
wollen
    Ach wenn ein gemeiner Mensch so eine Stirne so eine Nase so einen Mund
ja nur solch ein Haar haben kann so stehts schlecht mit der Physiognomik
    Es ist vielleicht kein Mensch den dein Anblick nicht wechselsweise anziehe
und zurückstosse  o der kindlichen Einfalt und der Last von Heldengrösse So
gekannt und so misskannt werden wenige Sterbliche sein können
    Adler Löwe Zerbrecher Reformator der Menschen Steure zu und rufe die
Sterblichen von ihrer Blindheit zurück teile ihnen deine Kraft mit die Natur
hat dich zu allen dem gestempelt was ich dir verkündige«
    Faust biss wild die Zähne zusammen während der Mönch alle die herrlichen und
erhabenen Sachen über das Angesicht des Teufels begeistert herausstiess Der
Teufel wandte sich kalt zu dem Seher
    »Und was hältst du von diesem hier«
    MÖNCH Groß kühn mächtig kraftvoll sanft mild doch das Grössre ist
größer das Kühnre kühner das Mächtigere mächtiger das Kraftvollere
kraftvoller das Sanftere sanfter das Mildere milder Großer edler Schüler
eines Grössern wenn dein Geist und Herz ihn ganz fassen wird so wird sein Licht
auch durch dich leuchten  Ich bitte Euch setzt Euch dass ich Euren Schatten
nehme
    Faust der noch mehr ergrimmte dass ihn der Mönch so tief unter den Teufel
setzte brach los
    »Schatten ja Schatten die sind es die du gesehen hast Wer bist du der
du dich so frech erkühnst das Menschengeschlecht nach den Zuckungen deiner
erhitzen und verworrnen Einbildungskraft zu richten und zu messen Hast du den
Menschen gesehen Wo wie und wann Im Schatten hast du ihn gesehen und diesen
ausstaffiert mit den Floskeln deiner Phantasie für seine wirkliche Gestalt
gegeben Sage was für Menschen hast du gesehen Sektierer Fanatiker
Schwärmer die Schlacken der menschlichen Natur Eitle Betschwestern junge
Weiber die kraftlose Männer Witwen die schlaflose Nächte haben Mädchen die
der Kitzel des Bluts quälet diese hängen sich an Leute deinesgleichen weil sie
an nichts Kräftigerm hängen können und mit dem Geiste buhlen müssen weil ihre
Leiber nicht bepflügt werden  Autoren hast du gesehen denen es wohlgefiel
wenn du die flachen Züge ihres Gesichts zu Merkzeichen des Genies stempeltest
Große deren glänzender Stand und Name ihre Gesichter vor deinen Augen
verherrlichten Du siehst ich kenne deinen Umgang und habe dein Buch gelesen«
    TEUFEL Bravo Faust lass mich nun auch das Wort nehmen und ihm mit Wahrheit
lohnen Bruder Mönch in deiner einsamen Zelle hast du dir ein schales Ideal von
Vollkommenheit zusammengesetzt es den Köpfen der Menschen einzuprägen gesucht
das nun an den Kräften ihres Geistes zehrt wie der Krebs am angesteckten
Fleische oder ist es ein Zug neuer Scharlatanerie den Menschen durch den Köder
der Eitelkeit an dich zu ziehen und deine sonstige Schwärmerei mehr
auszubreiten Es hat einst auch Menschen gegeben die es wagten von dem Äußeren
des Menschen auf sein Inneres zu schließen das im Vorbeigehen gesagt tiefer
liegt als der Mittelpunkt der Erde aber es waren andere Kerle wie du Sie
hatten doch wohl einen Teil des Erdbodens durchlaufen waren unter Erfahrungen
grau geworden hatten mit Menschen gehandelt und gewandelt mit mehr als einem
Weibe geschlafen die Schlupfwinkel des Lasters und der Üppigkeit durchkrochen
Stiegen aus dem Palast in die Hütte krochen in die Höhlen der Wilden und
wussten was ungefähr zu einem wackren Kerl gehört was er leisten kann und was
man seiner Natur nach an ihn fordern muss Du starrst von deinen Vorurteilen
zurück und zitterst vor der raschen Tätigkeit des Menschen Hast dir ein
Gespenst von Mönchs und Weibertugenden zusammengesetzt mit Engelreinheit und
Keuschheit behängt das den Menschen eben um das bringt was ihm noch einigen
Wert gibt
    Der Mönch stund zwischen ihnen wie zwischen zwei feuerspeienden Bergen
hielt demütig die Hände vor die Brust und schrie »Erbarmt euch«
    FAUST Höre weiter Du siehst auf dem Rücken der Nase eines Burschen eine
kleine Wölbung die du einmal zum Zeichen fleischlicher Sinnlichkeit geprägt
hast und er muss dir ein Wollüstling sein ob er gleich Hoden hat wie Erbsen und
Gesässe so flach wie deine Backen Da wo du es nicht ahndest wohin du nicht
greifen darfst wovon du keinen Schatten nehmen und in Holz schneiden kannst da
sitzt es dem Mann und dem Weibe da ist nur zu oft die Waage ihrer Tugend Du
hältst das Aufsteigen der üppigen heisshungrigen Gebärmutter für himmlische
Begeisterung siehst selige Gefühle in den Augen der Matrone während ihre
Phantasie mit Bildern der Wollust buhlt Drang nach edler Tätigkeit auf der
Stirne des Jünglings während der Löwe Temperament in ihm brüllt Wie willst du
die Kraft des Menschen abwägen da du den gefährlichen wilden Kampf den sie im
Innern erregt nie gefühlt hast wie bestimmen welcher Versuchung er
unterliegen muss da du dich bloß mit Schatten genährt hast Was meinst du wenn
einer die Floskeln womit du deine Unerfahrenheit und Unwissenheit deckst in
schlichten Menschensinn auflöste Was würde übrigbleiben als Seifenblasen
    Der Teufel nahm das Wort »Und wie wenn dir alle die Schatten womit du
dein dickes Buch ausgeputzt hast in ihrer wahren Gestalt erschienen wie ich
dir nun erscheinen will Ich habe gesehen dass du auch den Teufel porträtiert
und gemustert hast es ist hohe Zeit dass er dir erscheine Sieh mich an ich
will nun mein Inneres auf mein Äußeres ziehen und du sollst in Staub vor dem
Ideal hinsinken das deine Phantasie in mir gesehen hat Davon sahst du nichts
dass dieser hier in deinen Schafstall gebrochen ist und deine geistige Lämmer
erwürgt hat Sieh er dampft vom Genuss der Wollust  und nun blick auf und sage
dann du habest einmal ein Ding in seiner wahren Gestalt gesehen«
    Hier zog der Teufel sein Inneres in der fürchterlichsten Maske der Hölle
hervor stellte sich vor Fausten dass er ihn nicht beobachten konnte Der Mönch
sank zusammen und der Teufel wandte sich zu Faust in seiner vorigen Gestalt
dann wieder zu dem bebenden Mönch
    TEUFEL Nun sage du hättest den Teufel gesehen und male ihn wenn du die
Kraft dazu hast Oft würdest du so zusammensinken wenn du das wahre Innere
derer sähest die du als Engel gemalt hast
    FAUST Sei ein Tor und zeuge Toren mache dich und die Religion durch deine
Schwärmerei den Verständigen zum Ekel du kannst nicht kräftiger für die Hölle
arbeiten Auf der einen Seite erweckst du Verachtung auf der andern Verzerrung
Gehab dich wohl
    Der Mönch ward vor Schrecken wahnsinnig schrieb aber in seinem Wahnsinn
immer fort und die Leser merkten die Veränderung seines Zustandes nicht einmal
so sehr glichen seine neuen Bücher den alten
    Faust freute sich der Szene herzlich und da er des Orts müde war so machte
er sich mit dem Teufel auf den Weg nach dem lachenden Frankreich
 
                                  Viertes Buch
                                       1
Frankreich war nun freilich in diesem Augenblick so lachend nicht als es später
geworden ist denn noch hatte die Gewohnheit sich von Tyrannen beherrschen zu
lassen nicht so tief in ihrem Herzen Wurzel gefasst dass sie die Grausamkeiten
ihrer Regenten und deren Vizirs wie ihre Torheiten in Gassenliedern besangen und
dieses für gnügende Rache hielten Als Faust und der Teufel den reichen Boden
dieses Landes betraten seufzte es unter dem Druck des feigsten und grausamsten
Wüterichs Ludwigs des Elften der sich zum erstenmal den allerchristlichsten
König nannte Der Teufel hütete sich sehr Fausten etwas von ihm vorher zu
sagen ihm war darum zu tun sein Herz durch scheussliche Erfahrung Schlag auf
Schlag zu zerknirschen und ihm den Himmel bei jedem Schritt im Leben immer
verdächtiger zu machen um ihm alsdann den fürchterlichsten Streich
beizubringen der je einen Menschen getroffen der übermütig gegen die Grenzen
seiner Natur angestossen die eine mächtige Hand vor seinen Horizont gestellt
hat Leider fand er in den Taten der Menschen Stoff genug dazu und weisere
Leute als Faust haben ohne Gesellschaft des Teufels an dieser gefährlichen
Klippe gestrandet wenn sie einmal vergaßen dass Ergebung in sein Schicksal die
erste Forderung der Natur an den Menschen sei und wenn Güte und Nachsicht nicht
den Grundstoff ihres Wesens ausmachten deren milder Schimmer allein die
schwarzen Gemälde der Welterfahrung aufheitern kann Es gibt einen gewissen
düstern giftigen Ateismus des Gefühls der beinahe unheilbar ist weil es ihm
nie an reell scheinenden Ursachen mangelt weil er aus dem Herzen und zwar aus
einem Herzen entspringt das sich durch seine Stimmung und Fühlart zu leicht von
den widersprechenden Erscheinungen der moralischen und physischen Welt zerreißen
lässt Ein solches Herz zehrt durch seine Glut den Verstand ebenso auf wie das
Fieber in einem durch eine starke Wunde Verletzten Gegen diesen Ateismus ist
der der Vernunft eine Schimäre denn der Mann der denkt sucht Ursachen zu
Wirkungen auf und diese Beschäftigung da sie ihn endlich zu den Grenzen des
menschlichen Geists leiten muss legt dem Kühnsten eine Fessel an die ihn
wenigstens so weit bändiget dass er nie gänzlich in das dunkle große Nichts
verschleudert werden kann. Vergebens ist die Warnung die moralische Welt hat
ihre Aufrührer wie die politische und muss sie haben Wenn jene von der aus
Schatten gebauten Brücke die sie aus der Sinnenwelt in die intellektuelle zu
ziehen streben uns zur Lehre herunterstürzen so ruft uns das Opfer dieser zu
unsern Menschenwert nicht in allzu träger Sicherheit zu verschlummern Man
verzeihe mir die Ausschweifung  Faust wusste von Frankreichs König nichts als
dass er sich den Allerchristlichsten nennen ließ der erste sei der die Vasallen
seines Reichs gedemütigt und die Rechte der Krone gegen sie behauptet hätte
übrigens von allen andern Höfen gefürchtet würde weil ihm jedes Mittel zu
seinem Zwecke gleich sei und man kein Beispiel habe dass er sein Wort gehalten
hätte wenn nichts dabei zu gewinnen war Er sollte nun Zeuge der Mittel werden
die er zu seinen Zwecken anwendete
    Der Teufel hatte durch seine ausgesandten Kundschafter erfahren dass der
allerchristlichste König soeben einen Staatsstreich auszuführen gedächte sich
seines Bruders des Herzogs von Berry zu entledigen um die ihm abgetretne
Provinz der Krone einzuverleiben Er versäumte nicht Fausten zum Zuschauer
dieser Szene zu machen Sie ritten an einem Lustwald vorüber der an ein Schloss
stieß und sahen in demselben einen Benediktinermönch der sein Brevier zu beten
schien Der Teufel freute sich innig des Anblicks denn er las auf der Stirne
des Mönchs dass er soeben die Mutter Gottes anflehte ihm bei dem großen
Unternehmen das ihm sein Abt aufgetragen beizustehen und ihn nach glücklichem
Erfolge aus der Gefahr zu erretten Dieser Mönch war der Bruder Faver Vesois
Beichtvater des Bruders des Königs Der Teufel überließ ihn seinen frommen
Betrachtungen und ritt mit Fausten nach dem Schloss wo sie als Fremde von
Stand die gekommen waren dem Prinzen ihre Achtung zu bezeugen gütig
aufgenommen wurden Der Prinz lebte auf diesem Schloss mit seiner Geliebten
Montserau in Ruhe und Vergnügen dachte kein Arges und erwartete kein Arges
Faust wurde von seinem angenehmen Betragen sehr eingenommen und freute sich
einen königlichen Prinzen zu sehen der als Mensch tat und redete da er bei den
deutschen Fürsten gewohnt war nichts zu sehen als steifen Stolz und hölzernes
Zeremoniell das um so unerträglicher ist da es jedem Verständigen ihre
Kleinheit und Schwäche nur merklicher macht Einige Tage verstrichen unter Jagd
und andern Ergötzlichkeiten und der freundliche Prinz zog Fausten immer mehr an
sich Das einzige was ihm missfiel war die Neigung des Prinzen zu seinem
Beichtvater dem Benediktiner Er überhäufte diesen mit so vieler Zärtlichkeit
und Freundschaft ließ seinen Willen so gefällig von ihm lenken und der Mönch
beantwortete alles mit so einer frömmelnden Miene dass Faust nicht begreifen
konnte wie ein Mann von so offenem Betragen eine solche heuchlerische Maske
liebkosen könnte Der Teufel enthüllte ihm bald das Rätsel durch das Verhältnis
des Prinzen mit der Dame Montserau Der Prinz hatte ebenso viel Liebe für sie
als Furcht vor der Hölle und weil ihr Gemahl noch lebte so machte es seine
Lage mit ihr bedenklich Da er ihr also nicht entsagen und doch der Hölle gern
entgehen wollte so bediente er sich des bekannten Seitenwegs den die Mönche
neben der Religion her gegraben haben um ihre Macht auf das Gewissen der
Menschen zu gründen und ließ sich durch Absolution seiner Sünden die Zukunft
sichern wenn die Furcht vor der Hölle ihn zu stark überfiel Musste er sich
nicht dankbar gegen einen Menschen bezeigen der ihn des Gegenwärtigen genießen
ließ und ihn über die Zukunft beruhigte »Du siehst Faust« sagte der Teufel
»was die Menschen aus der Religion gemacht haben und merke nur dass sie bei
jedem großen Verbrechen bei jedem scheußlichen Greuel entweder die Hauptrolle
spielt oder doch die Spielenden über ihre Taten tröstet und beruhigt«
    Dieser Umstand empfahl nun freilich den Verstand des Prinzen bei Fausten
nicht der mit seinem Gewissen so rasch geendigt hatte die letzte Bemerkung des
Teufels fiel tiefer in seine Seele indessen ließ er noch alles gehen und genoss
was er der flüchtigen Zeit nur entreißen konnte
    Man saß eines Abends sehr munter bei Tische der Teufel ergötzte die
Gesellschaft mit lustigen Schwänken Faust warf sein Netz auf die künftige Nacht
nach einer munteren Französin sie beantwortete sein Spiel nach seinem Wunsche
alles war heiter als auf einmal der fürchterliche Tod der Freude ein Ende
machte Der Benediktiner hatte eine Schüssel der schönsten und größten
Pfirsichen zum Geschenk erhalten die er zum Nachtisch auftragen ließ und dem
Prinzen die köstlichste mit einer lächelnden und frommen Miene hinreichte Der
Prinz teilte sie mit seiner Geliebten und sie aßen beide die Pfirsiche ohne
Verdacht Man stund auf Der Mönch sprach das gratias tibi mit Salbung und
verschwand Der Teufel wollte eben anfangen eine neue Fratze zu erzählen als
die Dame Montserau einen Schrei des heftigsten Schmerzes außstieß Ihr schönes
Gesicht verzerrte sich plötzlich Ihre Lippen wurden blau und die Blässe des
Todes deckte ihre blühenden Wangen Der Prinz wollte ihr zu Hilfe eilen das
fürchterliche Gift würkte in demselben Augenblick in seinen Eingeweiden er sank
bei ihr nieder und rief zum Himmel »Höre es es ist die Hand meines Bruders
die mich durch diesen Verfluchten tötet Er der unsern Vater zwang den
Hungertod zu sterben um nicht von ihm vergiftet zu werden er hat diesen Mönch
erkauft«
    Faust stürzte hinaus um sich des Beichtvaters zu bemächtigen er war
entflohen ein Haufen Reiter hatte ihn am Lustwald empfangen und ihn auf seiner
Flucht begleitet Faust kehrte zurück Schon hatte der Tod seine Opfer
verschlungen und lag auf ihnen in schaudervoller Gestalt Faust und der Teufel
überließen ihm seine Beute und zogen weiter
    TEUFEL Nun Faust braucht ihr des schwarzen Teufels wie ihr ihn nennt da
er in Mönchskutten auf der Erde herumspukt Wie gefällt dir der Streich dieses
Benediktiners den er im Namen des allerchristlichsten Königs hier ausgeführt
hat
    FAUST Ha bald sollt ich glauben unsre Leiber werden von den gefallnen
Geistern der Hölle beseelt und wir sind nur ihre Werkzeuge
    TEUFEL Pfui des ekelhaften Loses für einen unsterblichen Geist ein so
zweideutiges missgeschaffnes Ding zu beseelen Glaube mir ob ich gleich ein
stolzer Teufel bin so würde ich doch lieber in ein Schwein fahren das sich im
Kote besudelt als in einen von euch die sich in Lastern herumwälzen und stolz
das Ebenbild des Höchsten nennen
    FAUST Verfluchter der du den Menschen herabwürdigest 
    TEUFEL He werde nicht zornig Mensch sage würden wir nicht an eurem
moralischen Wert ersticken Kann der Teufel das Licht eurer Tugend vertragen
Ist dieser Mönch nicht ein frommer Mann Sein Abt nicht ein frommer Mann der
ihm diese Tat aufgetragen hat Ist der König nicht der allerchristlichste
Monarch und ein sehr guter Bruder der dem Abt den Wink dazu gegeben hat Wie
sollte der Teufel in solchen frommen Leuten seine Herberge aufschlagen können
    FAUST Was konnte den Elenden reizen den Spruch der Verdammnis auf sich zu
ziehen
    TEUFEL Die Verdammnis ist weit entfernt die Absolution nahe und noch
näher die großen Güter der Lohn der Tat die das Kloster des Abts zum
mächtigsten und reichsten in der Provinz machen Haben Mönche diesem Reiz je
widerstanden seitdem sie die uns furchtbare Religion so verpfuscht haben dass
die Hölle nun siegt die einmal vor dem Ende ihrer Herrschaft bebte
    Dieser Gedanke fuhr gleich einer Viper in den Busen Fausts Er schwieg und
verlor sich immer tiefer in seinen finsteren Betrachtungen über den Menschen
seine Bestimmung den moralischen Gang der Welt dessen Widersprüche er nicht
ausgleichen konnte Die ihm täglich aufstossenden Begebenheiten reizten seine
Galle legten den Keim zu noch peinlichern Zweifeln zu Menschenhass und
Menschenverachtung an sein Herz die gleich dem Polypen nur langsam wachsen und
dann nur töten wenn sie das Herz so umsponnen haben dass ihm der Raum sich
auszudehnen fehlt Sie zogen im Lande weit und breit herum hatten der Abenteuer
viel und Faust ließ sich noch nicht von seinen finsteren Betrachtungen im Genuss
des Lebens stören Überall fanden sie Merkmale der Klaue des feigen Tyrannen
und Faust nutzte oft die Schätze des Teufels die blutigen Wunden zu stillen
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So kamen sie von Abenteuer zu Abenteuer nach Paris Bei ihrem Eintritt war die
ganze Stadt in Bewegung Das Volk stürzte nur einen Weg sie folgten dem Zug und
kamen zu den Hallen wo sie ein schwarzbedecktes Gerüste aufgeschlagen fanden
das durch eine Türe mit einem nahen Gebäude verbunden war Faust fragte was
dieses bedeutete und man antwortete ihm dass soeben der reiche Herzog von
Nemours hingerichtet würde »Und die Ursache?«  »Der König hat es befohlen Man
sagt er habe aus feindlichen Gesinnungen gegen das königliche Haus den Dauphin
umbringen wollen Da ihn aber vom Könige beorderte Richter geheim in seinem
Keficht verhört haben so weiß man nichts als das Gerücht« Einer der Anwesenden
rief
    »Sagt vielmehr es seien seine Güter die ihm den Hals kosten denn um ein
mächtiger König zu werden und uns zu einer großen und berühmten Nation zu
machen ermordet er unsre Großen und uns obendrein wenn wir es nicht für gut
halten«
    Der Teufel ließ die Pferde nach einem nahen Wirtshaus führen und leitete
Fausten durch den Haufen Sie sahen den edlen Herzog von seinen unmündigen
Kindern begleitet nach einem schwarz ausgeschlagnen Zimmer führen Hier
erwartete ihn ein Mönch der seine letzte Beichte hören sollte Der Blick des
Vaters hing an seinen Söhnen und konnte sich nicht von ihnen zu dem Himmel
wenden Nach der Beichte drückte er sie wider seine Brust sah dann gen Himmel
legte seine bebenden Hände auf die Häupter der Schluchzenden und sagte »Lass den
Segen eines unglücklichen Vaters den Habsucht und Tyrannei ermorden diesen
Unschuldigen gedeihen doch«  hier hielt er seufzend inne  »sie sind die Erben
eines Unglücklichen ihre Ansprüche verdammen sie zu langsamer Marter sie sind
dem Weh geboren und in diesem Gefühl muss ich sterben« Er wollte weiterreden
man zwang ihn zu schweigen und führte ihn durch die Türe auf das Blutgerüste
    Nach dem Befehl des Königs der diese Hinrichtung mit der kalten
Bedachtsamkeit eingerichtet hatte wie man ein Schauspiel zum Vergnügen
anordnet wurden die Söhne von ihm gerissen unter das Gerüst geführt dass das
Blut ihres hingerichteten Vaters auf ihre weiße Gewänder träufle Der Schrei
den der Vater in diesem Augenblick außstieß schauderte durch die Herzen aller
Anwesenden nur Tristan der Henker und Busenfreund des Königs der schon so
viele Tausende seiner Wut geopfert befühlte dabei lächelnd die Schärfe des
Schwerts Faust glaubte dieser Ton müsse die Feste des Himmels durchdringen und
ihn zum Rächer der verletzten Menschheit machen Er sah grimmig aufwärts und
sein vermessner Blick machte den Höchsten zum Mitschuldigen der schaudervollen
Tat Er war einen Augenblick in Versuchung ihn mit seinen Kindern durch den
Teufel den Händen des Henkers entführen zu lassen aber sein nun finstres Herz
höhnte des Entschlusses er sah nochmals gen Himmel und sagte in seinem Inneren
»Ist mir doch die Sorge für ihn nicht anvertraut vermutlich gehört es zu deiner
Ordnung auf Erden dass dieser blute damit der König mutiger in Verbrechen
werde« Der Herzog kniete nieder er hörte das Winseln und Klagen der Söhne
unter dem Gerüste hervor das ihn in das andre Leben begleiten sollte sein
eigener schmählicher Tod verschwand vor seinen Augen er fühlte zum letztenmal
und fühlte nur für die Unglücklichen  starre Tränen hingen an seinen Augen 
seine Lippen zitterten Der Henker führte den Streich und das warme Blut des
Vaters rann über die bebenden Söhne hin So befleckt führte man sie auf die
Bühne zurück zeigte ihnen den Leichnam das davon getrennte Haupt des Vaters
trieb sie in das Gefängnis zurück wo sie in Körbe gefesselt wurden die oben
weit und unten enge waren um sie in dieser peinlichen Lage langsam hinsterben
zu lassen Ihre Marter zu vermehren riss man ihnen zuzeiten die Zähne aus
    Faust wankte betäubt von dieser schrecklichen Szene nach dem Wirtshaus und
forderte den Teufel zur Rache an dem auf den der Himmel unbestraft solche
Greuel begehen ließ
    TEUFEL Faust ich erwürge ihn nicht es ist gegen die Polizei der Hölle
und warum soll der Teufel Grausamkeiten ein Ende machen da sie der geduldig
ansieht den die Menschen ihren Vater und Erhalter nennen Vermutlich gehört
dies zu der Ordnung der moralischen Welt dass die Könige die sich die Gesalbten
des Himmels nennen und von ihm ihre Einsetzung erhalten zu haben vorgeben so
mit den Menschen denen er sie vorgesetzt umspringen müssen Folgte ich deinem
blinden Zorn wer von denen die wir noch sehen werden würde deiner Rache
entgehen
    FAUST Und wäre es nicht ein verdienstliches Werk wenn ich gleich einem
zweiten Herkules herumzöge und Europas stolze Throne von diesen Ungeheuern
reinigte
    TEUFEL Kurzsichtiger beweist nicht eure verdorbene Natur dass ihr sie
braucht und würden nicht neue Ungeheuer aus ihrer Asche aufleben des Mordens
würde kein Ende werden die Völker sich trennen und sich durch bürgerliche
Kriege aufreiben Du siehst Millionen hier die diesen Wüterich wie sie ihn
nennen in Geduld ertragen sich schinden lassen ohne von Rache entflammt zu
werden Sahen sie nicht diesen edlen Herzog hinrichten wie ein Schaf und
genossen mit ängstlichem und peinvollem Vergnügen des tragischen Schauspiels
Beweist dieses nicht dass sie ihr Schicksal verdienen und keines bessern wert
sind dass sie als Sklaven des Himmels und ihrer Natur das Joch ertragen müssen
wie man es ihnen auflegt Wenn dein Sinn durch die Wollust noch nicht ganz
verraucht ist so reime dieses mit den Schulbegriffen deiner Moral zusammen ich
bin kein Lehrer des Lichts in der Finsternis die euch umgibt Ich kann meine
Hand nicht an den Gesalbten legen der so wacker für die Hölle arbeitet kann
den Faden nicht zerreißen an welchem ein Mächtigerer wie ich durch ihn dieses
Volk leitet
    FAUST Wie gewissenhaft auf einmal mein Teufel geworden ist Wie schnell
warst du fertig da ich dir auftrug den deutschen Fürsten zu erwürgen ist dir
der Franzose mehr wert
    TEUFEL Er war zu Verbrechen nicht gesalbt wie dieser hier und wenn ich
deinen Wink erfüllte so sah ich aus der Tat Nutzen für die Hölle einst wird es
dir klar werden Warum willst du dass ich gegen meine eigne Eingeweide wüten
soll Ist er es nicht der den Grundstein zu dem Despotismus legt der durch
Jahrhunderte wachsen bisher unerhörte Greuel veranlassen und unzählige Opfer
der Verzweiflung zur Hölle schicken wird Werden nicht alle die tyrannischen
Könige ihre Ministers und die übrigen Blutsauger des Volks in den Pfuhl der
Verdammnis fahren Und ich sollte den zerstören der ein solches Werk gründet
Faust wenn der mächtige Satan in Frankreich König wäre so könnte er nicht mit
fruchtbarerer Hand den Samen zu dem künftigen Bösen aussäen wie dieser es tut
Gedulde dich du sollst diesen König sehen dich an seinen Martern ergötzen und
dann wirst du ihm langes Leben wünschen sie zu verlängern
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Faust machte einige Zeit hierauf mit einem sehr verständigen und rechtschaffnen
Edelmann Bekanntschaft und er nebst dem Teufel gefielen ihm so wohl dass er sie
auf sein Landgut nahe bei der Stadt einlud wo er mit seiner Familie lebte
die aus seiner Gemahlin und seiner sehr schönen sechzehnjährigen Tochter
bestund Faust wurde von dem ersten Blick des reizenden unschuldigen Mädchens
bezaubert und fühlte zum erstenmal etwas von den süßen Qualen einer feinern
Liebe Er vertraute dem Teufel seine Pein und dieser der das Böse so gern
beförderte als es Faust tat bot ihm seine Hilfe an und spottete seiner
Ziererei Faust aber der auf einmal edel zu fühlen glaubte gestund ihm es
ginge ihm nah dem Edelmann seine Gastfreundschaft so schlecht zu vergelten Der
Teufel spottete seiner Bedenklichkeit noch mehr und antwortete »Nun Faust
wenn du die Einwilligung des Edelmanns zu dem Spasse brauchst so ist mirs um so
lieber denn ich fange auf einen Zug zwei Vögel und stehe dir für die
Einwilligung Für was hältst du ihn«
    FAUST Für einen Biedermann
    TEUFEL Es ist doch schade Faust dass du bei dem deutschen fanatischen
Mönch nicht ein wenig in die Schule gegangen bist Du hältst also diesen
Edelmann für einen biederen Gesellen freilich ganz Paris denkt so von ihm und
leider muss ich nun wieder in meiner ganzen Teufelei erscheinen  Was glaubst du
dass er vorzüglich liebt
    FAUST Seine Tochter
    TEUFEL Ich kenne etwas was er noch mehr liebt
    FAUST Das wäre
    TEUFEL Gold davon du freilich schon Beweise haben könntest da dir aber
die Schätze der Erde durch mich offen stehen so gleichst du einem Strome der
sich ergießt unbekümmert woher die Gewässer ihm zufliessen und wohin er sie
ausstösst Wie viel hast du schon an den Edelmann verspielt
    FAUST Das berechne der der den Quark für mehr hält als ich
    TEUFEL Er der dich betrogen hat zählt es sorgfältiger als ich
    FAUST Betrogen
    TEUFEL Wie anders Würde er der nie gespielt hat sonst mit dir spielen
Er sah was dir das Geld ist und machte seinen sichern Plan darauf Glaubst du
die Tafel würde so gut bestellt sein die Weine so wacker fließen und die Gäste
seine Gehülfen dich zu rupfen so zahlreich um den Tisch dieses Geizigen
sitzen wenn dein Gold nicht diese Wunder würkte Faust in diesem Hause aß man
sich vor unserm Hiersein nie satt  Ich sehe an deiner Verwunderung dass du
dein Lebelang ein Verschwender warst und von diesem Durst nach Gold der alle
Wünsche des Herzens selbst die nötigen Bedürfnisse der Natur besiegt keine
Ahndung hast Folge mir leise
    Sie gingen die Treppe hinunter durchschlichen einige unterirdische Gänge
und kamen endlich an eine eiserne Türe wo der Teufel zu Fausten sagte »Sieh
durch das Schlüsselloch« In diesem Gewölbe das der schwache Schein einer Lampe
erleuchtete entdeckte Faust den Edelmann vor einem eisernen Kasten in welchem
viele Säcke mit Geld lagen die dieser mit zärtlichen Augen ansah und hierauf
in einen leeren das Gold Stück für Stück zählte das er Fausten abgewonnen
hatte Vorher aber besah er jedes Stück wog es in der Hand küsste es rechnete
zusammen überzählte mit vielem Genuss den ganzen Schatz seufzte am Ende
beklommen über das was ihm noch mangelte die Zahl rund zu machen Der Teufel
lispelte Fausten ins Ohr
    »Um das Fehlende verkauft er dir die Tochter«
    Faust wollte es nicht glauben dieses verdross den Teufel und er sagte
ungeduldig
    »Nun wenn ich dir zeigte dass das Gold eine so unwiderstehliche Macht über
das Herz des Menschen hat dass in diesem Augenblick einige Väter und Mütter aus
der Stadt in dem ganz nahen Gehölze mit einigen Abgesandten des Königs in
Unterhandlung sind ihnen ihre Säuglinge zu verkaufen ob sie gleich wissen dass
sie ermordet werden und der kränkelnde König ihr Blut trinkt in dem Wahn sein
scharfes und veraltetes Geblüt durch ihr süßes und gesundes zu verjüngen«
    FAUST schaudernd So ist die Welt die Hölle und ich will ihr mit Freuden
entfliehen Und der König trinkt wissend diesen schaudervollen Trank
    TEUFEL Der Arzt der sein Tyrann ist und sich bereichert hat ihn verordnet
und der Beichtvater es unsträflich gefunden wenn es dazu dienen kann Seiner
Majestät kostbaren Tage zu verlängern
    Sie eilten nach dem Gehölze verbargen sich hinter dickes Gesträuch und
sahen die Abgeordneten des Königs mit einigen Bürgern und dem Priester des
Kirchspiels in Unterhandlung Vier kleine Kinder lagen vor ihnen im Grase eins
derselben schrie erbärmlich die Mutter koste es und legte es an die Brust um
es zu stillen Die andern krochen auf den Bäuchen und spielten mit den Blumen
Die Abgeordneten zählten den Männern das Gold auf die Hand der Pfarrer empfing
seinen Teil und man lieferte die Kinder aus Noch lange hörte man die Kinder
durch den Wald schreien die Mütter heulten aber die Männer sagten ihnen »Hier
ist Gold lasst uns in die Schenke gehen und uns Mut trinken andre zu machen
Man sagt der König fresse die Kinder besser er frisst sie jung als dass er sie
alt schindet oder sie in einen Sack genäht in die Seine werfen lässt wie er
Tausenden getan hat Lasst früh sterben was zum Leiden geboren ist wahrlich es
wäre besser für uns gewesen wenn sein Vater uns jung gefressen hätte«
    Der Pfarrer tröstete sie und sagte
    Es sei ein verdienstliches Werk und der Mutter Gottes welcher der König so
sehr zugetan sei gefällig Auch seien die Untertanen für den König geboren da
er an Gottes Statt über sie auf Erden herrschte Wer mag den Unsinn auszuführen
So gingen sie nach der Schenke versoffen einen Teil des Blutgelds und ersparten
den andern auf dem König die Termine zu bezahlen
    Der Teufel sah Fausten höhnisch an »Zweifelst du noch ob dir der Edelmann
die Tochter verkaufen wird die du doch wenigstens nicht fressen wirst«
    FAUST Bei der schwarzen Hölle die mir in diesem Augenblick ein Paradies
gegen die Erde zu sein scheint ich will von nun an allen meinen Begierden den
Zügel schießen lassen und bei Zerstörung und Verwüstung glauben ich arbeitete
in dem Sinn dessen der die Menschen so ungeheuer geschaffen hat Eile kaufe
ihm die Tochter ab sie ist der Zerstörung geweiht wie alles was Odem hat
    Dieses war die Laune worin der Teufel Fausten längst zu sehen wünschte um
ihn zum Ziel zu fördern und der lästigen Bürde los zu werden der Sklave eines
so verächtlichen Dinges zu sein als der Mensch ihm schien Noch denselben Abend
fing er an den Edelmann zu stimmen und sprach vorsätzlich von ihrer nahen
Abreise den folgenden Morgen warf er ihm bei einem Spaziergang die goldne Angel
hin der Gierige schnappte danach wollte sie aber noch nicht fassen und machte
die gewöhnlichen Paraden der Tugend  der Teufel stieg bei jeder heuchlerischen
Floskel in der Summe stieg endlich so hoch dass der Edelmann in seinem Herzen
des Toren lachte der sein Gold so unsinnig verschwendete Der Vertrag ward
gemacht der Vater ließ Fausten in das Zimmer seiner Tochter ein und dachte ihr
Heuratsgut auf eine Art erbeutet zu haben wovon ihr künftiger Mann nichts
merken würde Das Mädchen war in der ersten Blüte der Jugend Faust hatte durch
den Umgang mit den Weibern erlernt sie zu betören und da er ihr beweisen
konnte dass ihr Vater selbst zu ihrem Falle mitwürkte so tat die Natur das
übrige
    Der Vater schlich indessen mit dem Goldsack und einer Lampe heimlich nach
seinem jedermann unbekannten Gewölbe Das Herz klopfte ihm vor Freude einen
Sack zu füllen und endlich die Summe seines Schatzes zu runden Aus Furcht
belauscht zu werden und im Taumel der Freude schlug er die Türe hinter sich
hastig zu ohne den Schlüssel abgezogen und zu sich gesteckt zu haben Die Lampe
verlosch durch den heftigen Schlag und er sah sich auf einmal mit seinem Golde
auf dem Arme in dicker Finsternis Die Luft im Gewölbe war schwer und dumpfigt
und drückte bald auf seine Brust Nun ward er erst gewahr dass er den Schlüssel
außen gelassen hatte und Todesangst schoss kalt durch sein Herz Noch hatte er
Kraft und Instinkt genug seinen Kasten zu finden er legte das Gold hinein
kroch tappend zu der Türe zurück und überlegte ob er klopfen oder schreien
sollte Es entstund ein peinlicher Kampf in seiner Seele er war in Gefahr sein
Geheimnis zu verraten oder aus dieser Gruft sein Grab zu machen Lange hätte er
rufen mögen dieses Gewölbe war mit dem bewohnten Teil des Hauses außer aller
Verbindung und er wusste die Zeit so gut zu wählen dass ihn bisher noch niemand
bemerkt hatte wenn er zu seinem Gott schlich Nachdem er lange gekämpft hatte
ohne sich entschließen zu können nahm das Bangen seines Herzens durch die
schrecklichen Vorstellungen und die schwere verschlossne Luft so zu dass es sein
Gehirn verwirrte Er sank nieder kroch zu seinem Kasten zurück umfasste ihn und
fing bald an zu wüten Hier kämpfte er mit der Verzweiflung und dem
scheusslichsten Tod während seine Tochter deren Unschuld er für das Gold auf
welchem er nun winselte verkauft hatte Faust den Lohn seiner Sünde abtrug
Nach einigen Tagen da man schon alle Winkel vergebens durchsucht hatte führte
der Zufall einen Diener nach dem Gewölbe Man öffnete es und fand den
Verzweifelten blau und schwarz in der scheusslichsten Verzerrung auf seinem
Schatz Er hatte in der Wut das Fleisch von seinen Armen gefressen um den
wilden Hunger zu stillen Der Teufel erzählte Fausten auf ihrem Rückweg nach
Paris den Ausgang der Geschichte und dieser glaubte dass sich doch einmal die
Vorsehung gerechtfertigt hätte
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Der Teufel hatte ausgespäht dass das Parlament über einen Fall richten würde
der so unerhört war und die Menschheit so sehr beschämte dass er es schicklich
für seinen Plan hielt Fausten zum Zuhörer davon zu machen Die Sache war diese
Ein Wundarzt befand sich in der Nacht mit seinem treuen Diener unweit Paris auf
der Landstraße Er hörte in der Nähe das Winseln und Ächzen eines Menschen Sein
Herz zog ihn nach dem Ort hin wo er einen lebendig geräderten Mörder antraf
der ihn um Gottes Willen bat ihn zu töten Der Wundarzt schauderte zurück und
als er sich von seinem Schrecken erholt hatte fuhr der Gedanke durch seinen
Sinn ob es nicht möglich sei diesen Unglücklichen durch seine Kunst
wiederherzustellen Er sprach mit seinem Diener nahm den Mörder von dem Rade
herunter legte ihn sanft auf seinen Wagen führte ihn nach seiner Wohnung und
unternahm seine Heilung die glücklich vonstatten ging Er hatte erfahren dass
das Parlament hundert Pfund dem zur Belohnung ausgesetzt hätte der es anzeigen
würde wer diesen Mörder vom Rade genommen Beim Abschied entdeckte er dem
Mörder dieses gab ihm Geld zur Reise und riet ihm sich ja nicht in Paris
aufzuhalten Das erste was dieser Elende tat war hinzugehen seinen Wohltäter
bei dem Parlament anzugeben um die hundert Pfund zu erhalten Die Wangen der
Richter die so selten erblassen wurden bleich bei dieser Anzeige denn er
gestund gerade zu er selbst sei jener Mörder den das Parlament auf der Stelle
wo er das Verbrechen begangen hätte rädern lassen Der Wundarzt wurde
vorgefordert und der Teufel führte Fausten in diesem Augenblick in die Galerie
da dieser erschien ohne ihm vorher etwas von dem Vorfall zu sagen Das Gericht
meldete dem Wundarzt die gegen ihn vorhandene Anklage Er der seines Dieners
gewiss war leugnete sie standhaft Man bedeutete ihm sich zu bedenken weil man
Zeugen vorführen könnte die ihn überführen würden Er forderte die Richter dazu
auf Man öffnete eine Seitentüre der Mörder trat kalt und frech herein stellte
sich vor ihn und wiederholte seine Anzeige mit allen Umständen Der Wundarzt
schrie »Was hat dich Ungeheuer zu diesem scheußlichen Undank gereizt«
    MÖRDER Die hundert Pfund wovon Ihr mir sagtet da Ihr mich entliesset
Glaubt Ihr dass mir mit meinen gesunden Gliedern allein gedient sei Ich ward
für einen Mord gerädert den ich um dreißig Pfund beging soll ich nicht hundert
durch eine Anzeige zu verdienen suchen wobei ich selbst nichts wage
    WUNDARZT Undankbarer Dein Winseln und Ächzen rührte mein Herz Ich nahm
dich schaudernd vom Rade besorgte verband und heilte deine Wunden nährte dich
mit eigener Hand solange du deine zerschlagne Glieder nicht brauchen konntest
gab dir Geld das du noch nicht verzehrt haben kannst um heimzureisen
offenbarte dir um deinetwillen die Bekanntmachung des Gerichts und ich schwöre
bei dem lebendigen Gott hättest du mir dein teuflisches Vorhaben vertraut ich
wollte eher alles bis auf mein Hemde verkauft haben dir die hundert Pfund
auszuzahlen damit der Menschheit dieses abscheuliche Beispiel von Undank ewig
ein Geheimnis geblieben wäre  Ihr Herren richtet zwischen ihm und mir ich
erkenne mich der Anklage schuldig
    PRÄSIDENT Ihr habt die Justiz gröblich beleidigt da Ihr den zu erhalten
suchtet den das Gesetz um der Sicherheit der Bürger willen verdammt hat doch
diesmal soll die strenge Gerechtigkeit schweigen und die Menschheit allein zu
Gerichte sitzen Euch werden die hundert Pfund und der Mörder werde noch einmal
gerädert
    Faust der während des Verhörs schnaubte und glühte brach in ein
schallendes Bravo aus das die Galerie wiederholte Der Teufel welcher merkte
dass der letzte Eindruck den ersten verwischen wollte führte ihn schnell zu
einer andern Szene
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Einige Wundärzte Doktoren der Medizin Philosophen und Naturkündiger hatten
eine geheime Gesellschaft geschlossen Untersuchungen über den Nervensaft den
Mechanismus des Körpers und der Wirkung der Seele auf die Materie anzustellen
    Um ihrer Neugierde und ihrem Forschungsgeist Gnüge zu leisten lockten sie
unter allerlei Vorwand arme unbedeutende Leute nach einem von der Stadt
abgelegnen Hause dessen oberen Teil sie so eingerichtet hatten dass man weder
von außen noch von innen wahrnehmen konnte was darinnen vorging Hier banden
sie diese Unglücklichen mit Stricken auf einen langen Tisch legten ihnen ein
Querholz in den Mund lösten ihnen eine Haut nach der andern ab entblößten ihre
Muskeln Nerven ihr Herz Gehirn und zerlegten sie bei lebendigem Leibe mit
eben der Kälte und Aufmerksamkeit als man einen unempfindlichen Leichnam
anatomiert Um recht hinter das was sie suchten zu kommen nährten sie diese
Elenden gewaltsam mit stärkenden Brühen und ließ sie viele Tage lang unter
Messerschnitten und langsamem Zerreissen der Bande des Lebens des peinlichsten
Tods hinsterben Der Teufel wusste dass sie eben versammelt waren und sagte zu
Faust »Du hast einen Wundarzt gesehen der aus Menschenliebe oder Neigung für
seine Wissenschaft den geräderten Mörder heilet ich will dir nun Naturkündiger
zeigen die um Geheimnisse zu erforschen die ihr nie ergründen werdet ihre
Brüder lebendig schinden Du scheinst zu zweifeln Komm und überzeuge dich Wir
wollen zwei Doktoren vorstellen«
    Er führte ihn in das entlegne Haus sie traten in das gewölbte
Arbeitszimmer das kein Tageslicht erleuchtete Hier sahen sie die Naturkündiger
einen dieser Unglücklichen dessen Fleisch unter ihren Händen zitterte und
dessen aufgerissne Brust unter dem peinlichsten Schmerz sich hub zerschneiden
und hörten sie über ihre Entdeckungen reden und streiten als wenn sie eine
Blume zergliederten Sie waren mit ihrem Gegenstand so beschäftigt dass sie den
Teufel und Fausten nicht einmal wahrnahmen Faust fühlte Zuckungen in all seinen
Nerven er stürzte hinaus schlug sich vor die Stirne und gebot dem Teufel das
Haus über die Köpfe dieser Ungeheuer zusammenzuwerfen dass ihre Spur von der
Erde vertilgt würde
    TEUFEL Faust warum rasest du Fühlst du denn nicht dass du eben auf die
Weise in der moralischen Welt verfährst wie diese in der physischen Sie
schneiden in das Fleisch der Lebenden und du wütest durch meine zerstörende
Hand in der ganzen Schöpfung 
    FAUST Verworfner denkst du mein Herz sei schon Stein geworden Gefällt
dir das Metzeln dieser Unglücklichen Auf ich kann die Raserei die in meiner
Brust und in meinem Gehirne glüht nur durch Rache kühlen Mein ganzes Wesen
löset sich vor der Vorstellung des Leidens dieser Unglücklichen auf Die Qualen
des ganzen Menschengeschlechts überfallen mich in diesem Augenblick O ich
fühle dass es Unsinn ist da ich ihre Tränen nicht trocknen ihre Wunden nicht
heilen kann aber rächen will ich sie an diesen Ungeheuern Auf zerstöre und
schnell dass nicht einer überbleibe Eile oder ich wüte meinen Zorn an dir aus
    Der Teufel der ihm mit Vergnügen gehorchte erschütterte den Grund des
Gebäudes es stürzte krachend zusammen und zerschmetterte die Ungeheuer Der
empörte Faust eilte nach Paris zurück ohne auf den Wink zu merken den ihm der
Teufel gegeben hatte
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Faust hatte so viel von den Kefichen gehört die der allerchristlichste König
hatte verfertigen lassen die ihm verdächtigen und gefährlichen Personen
einzusperren dass er dem Teufel befahl Anstalt zu machen damit er sie in
Augenschein nehmen könnte Dieses war ein Schauspiel das ihm der Teufel gern
verschafte und ob es gleich bei Todesstrafe verboten war keinen
hinzuzulassen so öffnete doch die Beredsamkeit des Teufels die so mächtig von
seinen Fingern floss das Kastell Sie fanden dort Kefiche von Eisen die rundum
mit gleichen Stangen versehen waren und worinnen ein Mensch grade aufrecht
stehen konnte
    An die Füße der Elenden denen diese traurige Wohnung angewiesen war hatte
man schwere Ketten geschmiedet an die eine große Kugel befestigt war Der
Aufseher vertraute ihnen dass der König oft in gesunden Tagen in dieser Galerie
herumspaziert sei um sich an dem Gesang seiner Nachtigallen wie er sie nannte
zu ergötzen Faust fragte einige der Unglücklichen um die Ursache ihrer
schmählichen Gefangenschaft und hörte Geschichten die das Herz zerreißen Unter
andern tat er an einen ehrwürdigen Greis dieselbe Frage und dieser antwortete
in einem kläglichen Tone
    »Ach wer Ihr auch seid so lasst Euch mein grausames Schicksal zur Warnung
dienen nie Eure Hände einem Tyrannen zu Grausamkeiten zu leihen Ihr seht in
mir den Bischof von Verden jenen Unglücklichen welcher zuerst dem grausamen
König den Gedanken von diesen scheußlichen Kefichen beigebracht hat und der den
ersten verfertigen ließ damit einer seiner Feinde hineingesperrt würde Der
König ließ sogleich nach dem von mir gegebenen Muster zwei machen und wies mir
dem Erfinder den ersten zur Wohnung an Hier büsse ich nun schon vierzehen Jahre
für meine Sünde und flehe täglich den Tod meiner Marter ein Ende zu machen«
    FAUST Ha ha Ew Ehrwürden hat also als ein neuer Perillus auch seinen
Phalaris gefunden Ihr wisst doch die Geschichte  Ihr schüttelt den Kopf  nun
zum Zeitvertreib will ich sie Euch erzählen
    Dieser Perillus der nebenher weder ein Bischof noch ein Christ war goss
einen ehernen Ochsen den er dem Tyrannen Phalaris als ein Meisterstück zeigte
und ihn versicherte er habe ihn so zugerichtet dasswenn Seine Majestät einen
Menschen hineinstecken und ihn durch untergelegtes Feuer glühend machen ließ
das Geschrei des geplagten Menschen das Brüllen eines Ochsen ganz genau
nachahmen würde welches Seiner Majestät viel Vergnügen machen könnte Phalaris
antwortete Wackrer Perillus es ist billig dass der Künstler sein Werk selber
probe Hierauf musste der Künstler in den Ochsen kriechen es ward Feuer darunter
gelegt er brüllte wie ein Ochs und so spielte vor tausend Jahren Phalaris die
Geschichte die der allerchristlichste König mit Euch ehrwürdiger Bischof von
Verden nur wiederholt hat
    BISCHOF O hätt ich doch dieses Beispiel früher gewusst es sollte mir zur
Warnung gedient haben
    FAUST Da seht Ihr Ehrwürden dass zuzeiten die Geschichte auch einem
Bischof nutzen kann Lasst Euch die Zeit nicht lang werden über das Schicksal
dieser Unglücklichen weint man und über das Eure lacht man
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Faust wollte nun diesen König sehen dessen scheussliche Taten seine
Einbildungskraft so erhitzt hatten dass er sich ihn kaum unter einer
menschlichen Gestalt vorstellen konnte Der Teufel stellte ihm die Unmöglichkeit
vor in das Schloss Plessis du Parc worin Feigheit und Furcht den Tyrannen
gefangen hielten in ihrer wahren Gestalt zu dringen und setzte hinzu dass
außer den nötigen Dienern seinem Quäler dem Arzt seinem Beichtvater und
seinem Freund dem Henker nebst einigen Astrologen kein Mensch ohne besondere
Erlaubnis eingelassen würde
    FAUST So lass uns andre Gestalten annehmen
    TEUFEL Gut ich will zwei seiner Trabanten entfernen und wir wollen ihren
Dienst unter ihrer Gestalt verrichten um diesen König und sein Glück in der
Nähe zu beobachten Der Augenblick den Elenden zu sehen ist trefflich Die
Furcht vor dem Tode rächt schon vor der Hölle seine Taten an seinem feigen
Herzen und in dieser Marter sinnt er Tag und Nacht wie er ihn entfernen
möchte zieht ihn dadurch immer näher und sieht ihn jede Sekunde scheusslicher
Komm ich will dich zum Zeugen seines Jammers machen
    Der Teufel führte seinen Vorschlag aus und sie stunden beide als Trabanten
im Inneren des Schlosses wo die Stille des Grabes wohnte und die schaudervollen
Schrecken des Todes herumschwebten Hierher hatte sich der verbannt vor dem
Millionen bebten um der Rache der Verwandten der Ermordeten der Furcht vor
seinem Sohn in dem er den Rächer seines Vaters zu sehen glaubte auszuweichen
Dem Auge seiner Untertanen konnte er in dieser peinlichen Gefangenschaft
entfliehen aber ihm folgte die Qual seines Herzens das Leiden seines Körpers
umsonst ermüdete er den Himmel mit Flehen um Gesundheit und Ruhe vergebens
suchte er ihn mit Geschenken an Heilige Priester und Kirchen zu bestechen
umsonst behing er seinen siechen kraftlosen Körper mit Reliquien aus allen
Teilen der Erde der Gedanke Du musst sterben nagte gleich einer giftigen
Schlange in seinem geängsteten Busen Kaum wagt er aus seinem Zimmer zu gehen
weil er fürchtet in jedem auf den er stößt einen Mörder zu finden Treibt ihn
die Angst in die freie Luft so bewaffnet er sich mit Dolch und Speer und hüllt
sein zusammengeschrumpftes Gerippe in prächtige Kleider um ihm einen gelognen
Glanz zu geben zeigt sich nur von weitem damit das Auge der fern Stehenden
nicht die Maskerade wahrnehme Tag und Nacht blickt er angstvoll durch die
Schiesslöcher des Turms ob keine Feinde nahen seinem traurigen Leben ein Ende
zu machen Vierhundert Trabanten wachen unaufhörlich um die düstere Höhle des
abgelebten Wüterichs der sein Dasein nur noch durch Grausamkeiten zu erkennen
gibt Ihr dumpfer Zuruf erschallt jede Stunde dreimal von Posten zu Posten durch
die einsame Stille und jeder Schrei erinnert den Tyrannen an seine schreckliche
Lage Das Feld um das Schloss ist mit Fussangeln bestreut damit keine Reuterei
nahen kann es zu überfallen An den innern Mauern hängen Ketten an welche
große und schwere Kugeln geschmiedet sind um seine gepeinigte Diener zu
fesseln wenn sie etwas verabsäumen Rund um das Schloss sind Galgen
aufgerichtet und sein einziger wahrer Freund der Henker Tristan geht
forschend umher Opfer auszuspähen um die Angst des Tyrannen durch ihre
Hinrichtung zu mindern denn in jedem Verurteilten sieht er einen Feind seines
Lebens weniger Zuzeiten schleicht er hinter die Scheidewand neben der
Folterkammer um die Bekenntnisse der Verdächtigen zu belauschen ergötzt sich
an ihren Qualen und findet Trost für die seinigen darinnen Bedeckt mit
Reliquien an seinem Hut ein bleiernes Bild der Mutter Gottes seiner vermeinten
Beschützerin trinkt er das Blut der ermordeten Säuglinge lässt sich von seinem
Arzt martern dem er monatlich zehntausend Taler bezahlt bestürmt den Himmel
mit unablässigem Gebet stirbt jeden Seigerschlag und vermehrt bei jedem seiner
Gedanken die Schrecken des Todes dessen Namen auszusprechen bei Strafe des
Hochverrats verboten ist
    So zeigte der Teufel Fausten den gefürchteten Ludwig und Fausts Herz
ergötzte sich an der Blässe seiner Wangen an den Furchen die die Angst auf
seine Stirne gegraben Er weidete sich an seinem Todesschweiss an seinem
beklommnen Atem und sättigte sich an seiner Qual Schon wollte er dem ekelhaften
Aufenthalt entfliehen als ihm der Teufel ins Ohr raunte den kommenden Tag
abzuwarten eine besondere Szene anzusehen Der König hatte vernommen dass in
Kalabrien ein Eremit Martorillo lebte den man in ganz Sizilien als einen
Heiligen verehrte Dieser Tor hatte von seinem vierzehenten bis zu seinem
vierzigsten Jahr auf einem spitzen Felsen gelebt seinen Körper durch Fasten
gemartert und seinem Geiste alle Nahrung versagt aber der Schein des Heiligen
bedeckte den Dummkopf und er sah bald die Fürsten wie den Pöbel zu seinen
Füßen Um diesen außerordentlichen Mann hatte Ludwig den König von Sizilien
gebeten und hoffte seine Genesung von ihm Er war nun eben auf dem Wege und da
er zugleich dem König die Erlaubnis von dem Papst mitbrachte seinen ganzen Leib
mit dem heiligen Öle von Reims schmieren zu dürfen so glaubte er bald alle
Schrecken des Todes zu besiegen Der glückliche Tag erschien der kalabrische
Bauer nahte dem Schloss der König ging ihm bis an das Tor entgegen fiel ihm
zu Füßen küsste seine Hände und bat ihn um Leben und Gesundheit Der Kalabrer
spielte seine Rolle so dass Faust sich nicht enthalten konnte bei der Farce in
ein lautes Gelächter auszubrechen Schon wollte ihn Tristan mit seinen Helfern
ergreifen es war um sein Leben geschehen der Teufel entriss ihn ihren Klauen
und flog mit ihm davon Als sie in Paris angekommen waren sagte Faust zu dem
Teufel »Dieses feige niederträchtige abergläubische bebende Ding ist es
also vor dem die kraftvollen Söhne Frankreichs zittern und von dem sie sich
ohne Widerstand erwürgen lassen Ein Totengerippe in Purpur gehüllt das kaum
noch den Wunsch zu leben aus der Brust hervorkeichen kann Und sie beben vor
ihm als ob ein gewaltiger Riese dessen furchtbarer Arm von einem Ende des
Reichs zu dem andern reichte auf ihrem Nacken säße Treten doch die feigsten
Tiere vor die Höhle des Löwen wenn kraftloses Alter den Räuber fesselt und
spotten des unvermögenden Würgers«
    TEUFEL Dadurch eben unterscheidet sich der König der Menschen von dem
Könige des Waldes Dieser ist nur furchtbar solange er Kräfte hat aber da
jener die Kräfte seiner Sklaven an seinen Willen bindet so ist er gleich stark
er liege an der Gicht oder stehe in blühender Jugend an der Spitze der Heere
Fühlst du nun bald dass es Wahn ist der euch in allem leitet euch zu Sklaven
macht eure Ketten zerbricht und euch wiederum neue schmiedet So treibt ihr
euch im ewigen Kreise herum und ihr seid verdammt immer den Schatten für das
Wesen zu ergreifen Damit nicht zufrieden Unterworfne der Natur, eurer
Leidenschaften und grenzlosen Begierden eines unsichtbaren strengen Herrns zu
sein müsst ihr euch um bestehen zu können und euch nicht in eurer Wut zu
zerfleischen einen euch nähern Tyrannen wählen und damit euch dieser ohne
Gefahr für ihn missbrauchen möge leitet ihr seine Rechte von dem ersteren ab
Dies war wohl das äußerste Maß eures Unsinns ein Ding, das euch gleicht zu
vergöttern Hadere mit dem von dem sie diese Rechte erhalten haben wollen
    FAUST Fasse es wer da kann Er schlug wider seine Stirne und seine Brust
Dieses hier und dieses da stehen im Widerspruch mit allem was ich sehe
vernehme und fühle Finstre Gedanken wie plagende Dämonen der Nacht ziehen in
meinem Gehirne herum und oft dünkt mich die moralische Welt würde von eben
einem solchen Dinge beherrscht wie dieser Elende eines ist Er mordet ohne Form
und Recht und so wird der Mensch gleich dem Stier gefällt ohne es zu wissen
warum er bluten muss
    Faust fuhr in dieser Laune fort und spann seine dunkle Gedanken und Gefühle
bis ins Abscheuliche aus Der Teufel ergötzte sich da er ihn seinem Zwecke
nahen sah stimmte ihn zu fernerm Herumstreifen um ihn durch neue Szenen noch
mehr zu verwirren Als sie aus Paris ritten sagte der Teufel
    »Schon wittre ich die künftigen ungeheuren Taten die diese blühende Stadt
erschüttern werden«
    Auf dem Wege nach Kalais sagte er oft
    »Bald werden diese Felder durch Bürger und Religionskriege mit Leichen
besäet werden Jahrhunderte wird der Geist der Zwietracht wüten und wenn der
Despot des Mordens sollte müde werden so wird ihn der Priester auf Befehl des
Himmels zu noch schrecklichern Greueln reizen«
                                       8
Faust und der Teufel flogen über den Kanal und kamen in dem Augenblick in London
an als sich der hässliche missgeschaffne Herzog Gloster zum Protektor des Reichs
aufwarf und mit allen Kräften arbeitete seines Bruders des verstorbenen
Königs Sohn der Krone zu berauben Den Vater hatte er mit Gift aus dem Wege
geräumt und die Königin die bei der Entdeckung seiner Absichten sich nach der
Westmünsterabtei mit ihren Kindern flüchtete schon dahin gebracht ihm den
Erben des Trons der damals vierzehen Jahr alt war mit seinem jüngeren Bruder
York auszuliefern Sie übergab sie bebend und schien das Schicksal ihrer Söhne
zu ahnden Faust war Zuhörer als der Doktor Shaw auf Befehl des Protektors dem
erstaunten Volke von der Kanzel bewies dass seine und des verstorbenen Königs
noch lebende Mutter verschiedene Liebhaber in ihr Bette aufgenommen hätte der
verstorbene König im Ehebruch erzeugt sei und dass sich niemand vom königlichen
Hause einer rechtmäßigen Geburt rühmen könnte außer der Protektor Er sah die
Großen hinrichten die diesem Plan nicht beitreten wollten und der Teufel
führte ihn in dem Augenblick in den Tower da Tyronel den rechtmäßigen König von
England nebst seinem Bruder York durch Meuchelmörder ermorden und an der
Schwelle ihres Gefängnisses begraben ließ Er war Zeuge der niederträchtigen
Unterwerfung des Parlaments und der Krönung des scheußlichen Tyrannen Er war
Zeuge davon wie sich die Königin mit dem Mörder ihrer Söhne in Unterhandlung
einließ seine gewaltsame Tronbesteigung durch die Hand ihrer ältesten Tochter
zu unterstützen um im Glanz des Hofes und der Herrschaft erscheinen zu können
ob sie gleich durch die empörten Großen des Reichs mit ihrem künftigen Rächer
dem Grafen Reichmond in gleiche Verbindung getreten war Dieses brachte Fausten
so auf dass ihn selbst die Reize der schönen Engländerinnen nicht länger in
dieser Insel fesseln konnten er verließ sie im finsteren Groll denn so kalt und
ohne allen Schleier hatte er noch nicht Verbrechen begehen sehen Er war noch
nicht in Rom gewesen Als sie im Begriff waren sich einzuschiffen sagte der
Teufel zu ihm
    »Dieses Volk Faust wird eine Zeitlang unter dem Joche des Despotismus
seufzen dann einen seiner Könige auf dem Blutgerüste der Freiheit opfern um
sie seinen Nachfolgern für Gold und Titel zu verkaufen Übrigens ein wackres
Volk im Laster und ein guter Rekrutierungsplatz für die Hölle«
    Hierauf führte er ihn nach Mailand wo sie den Herzog Galeas Sforza am
heiligen Stephanstage in der Domkirche ermorden sahen Faust hörte die
Meuchelmörder mit lauter Stimme den heiligen Stephan und heiligen Ambrosius
anrufen ihnen zu ihrem edlen Vorhaben den gehörigen Mut zu verleihen
    In Florenz dem Sitz der Musen sahen sie den Neffen des großen Kosmus des
Vaters des Vaterlands in der Kirche Santa reparata in dem Augenblick an dem
Altar ermorden da der Priester den Leib des Herrn emporhub dieses war das
Zeichen zum Mord welches den Mördern der Erzbischof von Florenz Salviati
gegeben hatte Der Papst hatte ihn zu dieser Tat durch seinen Neffen anwerben
lassen die Mediceer zu vertilgen um in Italien zu herrschen doch dieses
gehört zur späteren Geschichte der Kirche
    Im Norden sahen sie wilde Barbaren und Trunkenbolde ebenso morden und
verwüsten wie die übrigen aufgeklärteren Europäer In Spanien fanden sie den
Betrug und die Heuchelei unter der Maske der Religion auf dem Throne sahen in
einem Autodafé dem milden Gott der Christen Menschen durch die Flamme opfern und
hörten den Grossinquisitor Torquemada gegen die heuchlerische Isabella und den
trugvollen Fernando sich rühmen dass das heilige Gericht bereits achtzigtausend
verdächtigen Personen den Prozess gemacht und sechstausend Ketzer wirklich
lebendig verbrannt hätte Als Faust das erstemal die Damen und Kavaliere auf dem
großen Platz in all ihrem Glanz versammelt sah schmeichelte er sich einem
Freudenfest beizuwohnen da er aber die Elenden unter der Prozession der Gott
lobenden Priester heulen und wehklagen hörte überzeugte er sich bald dass der
Missbrauch der Religion den Menschen zu dem abscheulichsten Ungeheuer der Erde
macht Er genoss indessen unter Verwünschung des ganzen menschlichen Geschlechts
noch immer der Freuden des Lebens und der schönen Weiber in Engelland Florenz
und Spanien fing endlich an zu glauben alle diese Greuel gehörten notwendig zu
der Natur des Menschen der ein Tier sei das entweder zerreißen oder zerrissen
werden müsste
                                       9
Der Teufel der Fausten durch alle diese Szenen wund und durchglüht sah und
bemerkte dass sein moralischer Sinn durch das Beschauen dieser Schandtaten immer
mehr in Rauch aufging beschloss ihn nun zum Nachtisch an den päpstlichen Hof zu
führen Diesen sah er als die reiche Quelle der Laster als die größte Schule
der Verbrechen an woraus sie von dem Oberhaupte der Religion und dem
Stattalter Gottes gleichsam geheiligt zu den andern Völkern Europas flössen
Er sagte zu Faust
    »Du hast nun gesehen wie alle Höfe Europas sich gleichen und wie die
Menschen regiert werden lass uns jetzt nach Rom ziehen um zu sehen ob es mit
der Kirche und der geistlichen Regierung besser steht«
    Der Listige schmeichelte sich Alexander der Sechste der damals die
dreifache Krone trug und die Schlüssel zu dem Himmel und der Hölle in seiner
Gewalt hatte sollte seinem finsteren Plan gegen Fausten den Schwung geben und
seine eigne Rückkehr in die Hölle befördern Längst war er des Aufenthalts auf
Erden müde denn da er seit Jahrtausenden schon so vielmal dieselbe durchzogen
hatte so sah er doch so sehr ihn auch die schwarzen Taten der Menschen
ergötzten nur immer das Alte Das Einerlei ist so ermüdend dass ein Teufel
leicht das Dunkel dem Licht vorziehen kann ihm zu entfliehen da die Menschen
aus dieser Ursache wenigstens die Hälfte ihrer Torheiten begehen die sich nur
zu oft mit Verbrechen enden
    Auf dem Wege nach Rom stießen sie auf zwei gegeneinander gelagerte Heere
Das eine kommandierte Malatesta von Rimini das andre ein päpstlicher General
Die tückische Politik Alexanders die den jungen König aus Frankreich nach
Italien gelockt und dann zurückgetrieben hatte arbeitete nun durch heimlichen
Gift Meuchelmord und offene Fehde alle die Großen zu berauben um aus ihren
Herrschaften und Kastellen Fürstentümer für seine Bastarde zusammenzusetzen Er
fing zuerst mit den Schwächsten an und hatte dies kleine Heer ausgeschickt dem
Malatesta Rimini zu entreißen Als Faust und der Teufel die Landstraße
hinaufritten sahen sie auf einer Anhöhe unweit des päpstlichen Lagers zwei
stattliche Männer in einen sehr hitzigen Zweikampf verwickelt Die Neugierde
trieb Fausten näher der Teufel folgte ihm und sie merkten bald dass sich die
zwei erhitzen Kämpfer nicht zu trennen gedächten bis einer dem Schwerte des
andern erläge Das aber was Fausten am sonderbarsten vorkam war eine
schneeweiße Ziege mit bunten Bändern geschmückt die ein Schildknappe als den
Preis des Sieges zu halten schien und mit welcher er ganz kalt neben den zwei
Wütenden stund Viele Ritter hatten sich auf der Anhöhe versammelt um Zeugen
des Ausgangs zu sein den sie mit vieler Gleichgültigkeit abwarteten Faust
nahte sich einem von ihnen und fragte mit teutscher Ehrlichkeit ob sich die
zwei Herren wohl um die schöngeschmückte Ziege schlügen Er hatte bemerkt dass
die zwei Champions bei jeder Pause mit vieler Zärtlichkeit nach der Ziege
blickten und sie nach Rittergebrauch um Beistand bei der Gefahr anzuflehen
schienen Der Italiener antwortete ihm kalt »Allerdings und ich hoffe unser
General wird ihn dafür zur Hölle schicken dass er ein unter seinem Befehl
stehender Ritter es gewagt hat die schönste Ziege der Welt aus seinem Zelte zu
entführen während er herumritt das Lager des Feinds zu erkennen« Faust trat
zurück schüttelte den Kopf und wusste nicht ob er wachte oder träumte Der
Teufel ließ ihn einige Augenblicke in dieser Verwirrung endlich sagte er ihm
was ins Ohr wobei Faust errötete und das das Papier besudeln würde Der
Zweikampf ging mittlerweile immer hitzig fort bis das Schwert des päpstlichen
Generals eine Öffnung in dem Panzer des Ritters fand und ihn in seinem Blut auf
den Boden streckte Er blies seine Seele unter Flüchen weg und nahm mit seinem
letzten Blick zärtlich von der Ziege Abschied Der General ward von den
Anwesenden frohlockend empfangen der Schildknappe führte ihm die Ziege zu er
nannte sie seine Kamilla und streichelte sie unter süßen Liebkosungen
    Faust entfernte sich von dem Kampfplatz und wankte zwischen dem Kitzel zu
lachen und dem Gefühl des Unwillens als der Teufel ihm folgendes hinwarf
    »Faust dieser lustige Zweikampf hat dich mit dem päpstlichen General
bekannt gemacht aber der gegen ihm über stehende ist nicht weniger merkwürdig
Dieser schlug sich auf Gefahr seines Lebens um eine weiße Ziege und der andre
hat schon zwei seiner Weiber aus den besten Häusern Italiens vergiftet und mit
eigener Hand erdrosselt um schnell von ihnen zu erben Er freit wirklich um die
dritte und wenn er auf den Füßen bleibt so wird sie vermutlich ein gleiches
Schicksal haben Beide sind übrigens sehr religiöse Männer halten Prozessionen
widmen dem Himmel Gelübde und flehen ihn um Sieg an für welchen glaubst du dass
er sich erklären müsste«
    Faust machte dem Teufel ein wildes Gesicht und ließ die hämische Frage
unbeantwortet der Teufel aber der sich an seiner Prahlerei über den
moralischen Wert des Menschen rächen wollte unterließ nicht noch einige bittere
Glossen über die Liebhaberei des päpstlichen Generals und über die
Schlechtigkeit des Menschen überhaupt zu machen worauf Faust der ihn eben auf
der äußersten ertappte noch weniger zu antworten fand
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Der Anblick Roms und seiner großen Ruinen auf welchen noch der mächtige Geist
der alten Römer zu schweben schien überraschte Fausten und da er mit ihrer
Geschichte ziemlich bekannt war so erhub sich seine Seele bei der lebhaften
Erinnerung und Vorstellung dieses einzigen Volks der Erde aber die neuen
Bewohner der ehemaligen Königin der Welt füllten sie bald mit andern und
niedrigern Gegenständen Auf des Teufels Rat kündigten sie sich als teutsche
Edelleute an die die Herrlichkeit Roms nach Italien gezogen ihr Staat Gefolge
und Aufwand aber ließ mehr hinter ihnen vermuten Die Äbte Mönche Matronen
Kuppler Kupplerinnen Scharlatane und Pantalons drängten sich zu ihnen und
trugen ihnen ihre Dienste in dem Augenblick an als das Gerücht ihrer Ankunft
durch alle die Zünfte derer erscholl die das bequeme Handwerk ergriffen haben
von den Lastern und Torheiten der Menschen zu leben Sie trugen ihnen ihre
Schwestern Töchter ihre Weiber und Verwandten an malten ihre Reize und
Vorzüge mit so feuriger Beredsamkeit dass der von allen Seiten bestürmte Faust
nicht wusste wo er angreifen sollte Da diese Kuppelei auf die possierlichste
Art mit dem Gewand der zügellosen Üppigkeit und der strengen Religion zugleich
bekleidet war so dünkte es Fausten dieses Volk brauche die Religion zu nichts
anderm als durch sie den Zuruf der innern empörten menschlichen Natur bei ihren
Schandtaten und Greueln zu stillen und zu beruhigen
    Den Tag nach ihrer Ankunft erhielten sie eine Einladung von dem Kardinal
Cäsar Borgia einem der vielen Bastarde des Papsts er empfing sie auf das
prächtigste und nahm es über sich sie Seiner Heiligkeit dem Papst vorzustellen
Sie ritten mit ihrem Gefolge in dem größten Staat nach dem Vatikan und der
Teufel küsste mit Fausten den Pantoffel Seiner Heiligkeit Faust verrichtete
dieses in dem Glauben eines wahren katholischen Christen der den Papst für das
hält wofür er sich ausgibt und der Teufel dachte bei sich wenn mich Alexander
kennte ich würde ihn vielleicht zu meinen Füßen sehen Nachdem die äußere
Zeremonie vorüber war ließ sie der Papst in seine innere Zimmer einladen wo er
sich freier mit ihnen besprach Hier wurden sie mit seinen übrigen Bastarden
der berühmten Lucretia und Francisco Borgia dem Herzog von Gandia bekannt etc
    Der Papst fand die Gesellschaft des schönen und gewandten Teufels Leviatans
so sehr nach seinem Geschmacke dass er von dem ersten Augenblick eine besondere
Gunst gegen ihn äußerte die wie wir sehen werden bald bis zu der äußersten
Vertraulichkeit stieg Faust hielt sich an den Kardinal Borgia der ihm von den
Genüssen und Freuden Roms ein so lüsternes Gemälde entwarf dass er nicht wusste
ob er sich im Vatikan oder in einem Tempel der irdischen Venus befände Dieser
machte ihn mit seiner Schwester Lucretia der jetzigen Gemahlin Alfonsos von
Arragonien genauer bekannt Sie stellte die sinnliche Wollust in den
gefährlichsten Reizen verkörpert vor und nahm Fausten auf eine Art auf dass er
wie bezaubert vor ihr stund und sich bei dem ersten Blick von dem Wunsche
durchglüht fühlte den Becher der Freude aus der Hand derjenigen zu empfangen
die ihn so schäumend darreichte
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Faust und der Teufel waren in wenigen Tagen mit der päpstlichen Familie auf dem
Fuß der Vertraulichkeit Eines Abends wurden sie zu einem Schauspiel ins Vatikan
eingeladen welches Fausten mehr in Erstaunen setzte als alles was er bisher am
päpstlichen Hofe gesehen hatte Man spielte die Mandragola Der edle Machiavell
hatte dieses Schauspiel geschrieben um durch die Zügellosigkeit desselben dem
römischen Hofe ein auffallendes Gemälde von den schlechten Sitten der Klerisei
vorzustellen und ihm zu beweisen dass sie die Quelle der Verderbnis der Laien
sei Er betrog sich hier in seinem edlen Zwecke wie er sich später betrog da
er in seinem Fürsten die Greuel der Tyrannei der Welt aufdeckte Die Tyrannen
und ihre Stützen die Mönche verschrien den als Lehrer der Tyrannei der sie
ärger als ein Sterblicher hasste ihr durch sein Werk einen tötlichen Streich
beizubringen suchte und das verblendete Volk ließ sich von ihren Betrügern so
betäuben dass sie ihren Arzt als einen Vergifter ansahen So ging es auch hier
die Mandragola wurde beklatscht ergötzte viele Abende den päpstlichen Hof und
keiner außer dem Teufel und Faust merkte dass die Satire Machiavells durch den
Beifall des Papsts und der ganzen Klerisei um so giftiger wurde Faust hörte von
dem Papst den Kardinälen Nonnen und Damen Dinge beklatschen und preisen die
nach seiner Meinung selbst die üppigen römischen Kaiser nicht auf der Bühne
würden geduldet haben Aber dieses Staunen wurde bald von lebhaftern Szenen
verdrängt und er merkte dass die Taten Alexanders und seiner Bastarde alles
übertrafen was die Geschichte zur Schande der Menschheit aufgezeichnet hat
Lucretia welcher ihn seine reiche Geschenke noch mehr als sein kraftvolles
Ansehen empfahlen weihte ihn kurz darauf in die Geheimnisse der Wollust ein
und er fühlte in ihren Armen dass der päpstliche Hof im Besitz von Geheimnissen
sei wovon die übrige blödsinnige christliche Welt nichts ahndete Durch diese
innige Verbindung entdeckte er ihr blutschändrisches Verhältnis mit ihren beiden
Brüdern dem Kardinal und dem Herzog und da er sie eines Tags mit dem Papst
ihrem Vater überraschte zu dem er und der Teufel geheimen Zutritt hatten so
fand er dass er sie nicht allein mit den Brüdern sondern auch mit Seiner
Heiligkeit teilte Der einzige Misshandelte war Alfonso der die Ehre hatte sich
ihren Gemahl zu nennen Nun sah Faust die Ursache des bitteren Hasses des
Kardinals gegen seinen Bruder ein dessen Grund Eifersucht über die
Gunstbezeigungen der Schwester war Er hatte ihn oft schwören hören er würde
sich noch an ihm auf die blutigste Art rächen
    Wenn sich Faust den Tag über am Hofe und in der Stadt in allen Lüsten
herumgewälzt hatte so pflegte er gewöhnlich dem Teufel abends die Ohren über
die Laster der Menschen zu ermüden Ihr Anblick empörte ihn ob er gleich weder
Kraft noch Willen hatte einer seiner Neigungen zu widerstehen Gewöhnlich
endigte er mit dem Ausruf »Wie ist es möglich dass ein solches Ungeheuer Papst
werden konnte«
    Der Teufel der genau wusste wie es bei seiner Wahl zugegangen denn einer
der Fürsten der Hölle war damals im Konklave erzählte ihm
    Wie Alexander als Vizekanzler des päpstlichen Stuhls die Stimmen der
Kardinäle gekauft und wie er diese nachdem er seinen Zweck erhalten und sie ihn
an die Erfüllung seines Versprechens erinnert teils verjagt teils unter
verschiednem Vorwand auf die grausamste Art habe hinrichten lassen
    FAUST Dass sie schlecht genug waren ihn zum Papst zu machen begreife ich
aber wie sie ihn ertragen dies geht über meine Fassung
    TEUFEL Die Römer sind sehr wohl mit ihm zufrieden Er sorgt für den Pöbel
mordet plündert die Großen und wird durch seine Verbrechen den päpstlichen
Stuhl mehr in die Höhe bringen als alle seine Vorgänger Können sie wohl einen
bessern Papst wünschen als einen der ihre Laster durch sein eigenes Beispiel
heiligt der ihnen noch über die Indulgenzen durch seine Taten beweist dass der
Mensch vor keiner Sünde erschrecken muss
                                      12
Der Papst hatte seinen ältesten Bastard Francisco in einem Konsistorium zum
General des heiligen Stuhls gemacht und der Kardinal fasste in demselben
Augenblick den Entschluss seinen Bruder auf die Seite zu schaffen um seinem
Ehrgeiz ein weiteres Feld zu eröffnen Seine Mutter Vanosa hatte ihm vertraut
die Absicht des Papsts sei dem Herzoge auf den Ruinen der Fürsten Italiens
einen Thron zu errichten und durch ihn als den Erstgebornen alle die Anschläge
zur Vergrößerung seiner Familie auszuführen Der Kardinal der die Meuchelmörder
zu Hunderten in seinem Solde hatte ließ seinen getreuen Dom Michellotto
aufsuchen und hielt folgende Rede an ihn
    »Wackrer Michellotto es sind nun schon fünf Jahre dass mein Vater auf dem
päpstlichen Stuhl sitzt und noch bin ich das nicht was ich sein könnte wenn
wir unsre Geschäfte etwas klüger betrieben hätten Er hat mich zum Erzbischof
endlich zum Kardinal gemacht aber was ist dieses für einen nach Taten und Ruhm
strebenden Geist Kaum reichen meine Einkünfte zu dem Nötigen hin und ich bin
unvermögend Freunde die mir wesentliche Dienste tun nach dem Wunsche meines
Herzens zu belohnen Bist du Michellotto nicht selbst ein Beweis davon Sage
hab ich etwas von der großen Schuld abtragen können die deine Dienste an mich
einfordern können Sollen wir denn immer nur stillesitzen und abwarten bis
Glück oder Zufall etwas für die tun wollen die es nicht wagen sich zu ihrem
Herrn und Meister zu machen denkst du ein Leben das ich im Konsistorium und
der Kirche hinschmachte sei für einen Geist wie der meine gemacht Bin ich für
diese Pfaffereien geboren Hätte die Natur ich weiß nicht warum meinen Bruder
Francisco nicht vor mir in die Welt gestoßen würden nicht alle die
Ehrenstellen wodurch man allein große Aussichten befördern kann auf mich
gefallen sein Würdest du braver Michellotto noch das sein was du bist Weiß
mein Bruder die Vorteile zu nutzen die ihm der Papst und das Glück darbieten
Lass mich an seine Stelle treten und mein Name soll bald durch ganz Europa
erschallen Mich stempelte die Natur zum Helden und ihn den Sanftern zum
Pfaffen Wir müssen also den verhassten Streich zu verbessern suchen den uns der
Zufall gespielt hat wenn wir das erfüllen wollen wozu wir geboren sind Sieh
uns beide an wer kann sagen wir seien von einem Vater Und was liegt nun
daran dass er mein Bruder ist Wer sich über andre erheben will muss alle
Hindernisse seines Emporsteigens mit Füßen treten und die weichlichen schwachen
Bande der Natur, Zärtlichkeit und Verwandtschaft vergessen ja wenn er ein Mann
ist auch wohl seine Hände in das Blut derer tauchen die seinem unternehmenden
Geist durch ihr Dasein Fesseln sind So taten alle große Männer so handelte der
Stifter des unsterblichen Roms Damit Rom werde was er in ahndungsvollem Geiste
sah musste sein Bruder fallen damit Cäsar Borgia groß werde muss sein Bruder
bluten Rom soll von neuem durch mich der Sitz eines mächtigen Königs werden
mein Vater soll mir die Leiter zu meinem Emporsteigen halten und dann will ich
unter ihm den Stuhl Petri zerschlagen den Betrug geheiligt hat dieses Volk von
dem schimpflichen Joche der Priester befreien und wiederum zu Männern und Helden
machen So sterbe der der mir ein Hindernis ist dass wir wachsen und der Welt
zeigen können was wir sind Ob ich ihn nun gleich in der Dunkelheit der Nacht
ohne allen Verdacht ermorden könnte so will ich doch dir diese Tat überlassen
damit du ein noch stärkeres Recht erhaltest meine künftige Größe und mein Glück
mit mir zu teilen Ich reise morgen nach Neapel um als Legat der Krönung des
Königs beizuwohnen Meine Mutter Vanosa die es unter uns müde ist ihren
unternehmenden Cäsar als Kardinal zu sehen und früh den Helden in mir entdeckt
und angefeuert hat gibt mir meinem Bruder und unsern Freunden heut ein
Abendessen  Mein Bruder wird spät in der Nacht zu einer uns gemeinschaftlichen
Buhlerin schleichen und ich müsste Michellotto schlecht kennen wenn er den Weg
zu seinem Palast zurück fände Ich heiße Cäsar und will alles oder nichts sein«
    Michellotto fasste des Kardinals Hand dankte ihm für sein Zutrauen berief
sich auf die Beweise seiner Treue und Ergebenheit und entfernte sich um einige
seiner Gesellen auf die Tat vorzubereiten
    Faust und der Teufel wurden zu dieser Abendmahlzeit gleichfalls eingeladen
Die Gäste waren sehr munter Francisco überhäufte seinen Bruder mit
Zärtlichkeit ohne dessen Entschluss zu erschüttern Nach dem Essen nahm Cäsar
Abschied von seiner Mutter um sich zu dem Papst zu begeben seine letzten
Befehle abzuholen sein Bruder erbot sich ihn eine Strecke Wegs zu begleiten
um das Vergnügen seiner Gesellschaft noch einige Augenblicke länger zu genießen
Faust und der Teufel folgten ihnen Francisco trennte sich bald von dem
Kardinal nachdem er ihm vorher in das Ohr gelispelt wohin er sich begäbe Der
Kardinal wünschte ihm lachend Glück umarmte ihn und nahm Abschied von ihm Er
eilte nach dem Vatikan endigte sein Geschäft suchte die Meuchelmörder am
bestimmten Orte auf und erteilte seine Befehle Faust war bei der Schwester
eines Principe abgestiegen und der Teufel der das schwarze Drama seiner
Entwicklung nah sah lenkte es so ein dass er sich mit Fausten in dem Augenblick
an der Tiber befand als Dom Michellotto den Leichnam des ermordeten Herzogs in
den Fluss versenken ließ Faust wollte auf die Mörder zusprengen der Teufel
hielt ihn zurück und sagte
    »Nahe nicht und halte dich still dass dich keiner entdecke ihrer sind
Tausende in Rom und du bist in dem Vatikan selbst an meiner Seite deines Lebens
nicht sicher wenn sie gewahr werden dass du sie beobachtest Der Ermordete den
sie nun versenken ist Francisco Borgia sein Mörder ist sein Bruder und das
was du nun siehst ist das Vorspiel von Taten die einst der Hölle selbst
Erstaunen abzwingen werden«
    Hierauf enthüllte er ihm das ganze finstre Gewebe und wiederholte ihm die
Rede des Kardinals an Michellotto Faust antwortete kälter als der Teufel es
erwartete
    »Ich fasse denn ihre Taten leichter als die Hölle und was kann man wohl von
einer Familie anders erwarten wo der Vater und die Brüder blutschänderisch mit
der Tochter und der Schwester leben Der Papst nennt sich den Stattalter
Gottes die Menschen erkennen ihn dafür und der der ihn an seine Stelle
gesetzt hat scheint mit seinem Regimente zufrieden was soll Faust dazu sagen
von dem die Kirche fordert dass er ihn anbete aber Teufel wer mir einer noch
etwas Gutes von den Menschen sagt den falle ich an wie ein wütendes Tier Lass
uns schlafen gehen du hast recht der Teufel ist nur ein Narr gegen unsereinen
besonders wenn wir im Priesterrocke stecken O wäre ich in dem glücklichen
Arabien geboren ein Palmbaum meine Decke und die Natur mein Gott«
                                      13
Das Gerücht von der Ermordung des Herzogs von Gandia erscholl bald durch Rom und
ganz Italien Der Papst ward davon so gerührt dass er sich der wildesten
Verzweiflung überließ und drei Tage ohne Speise und Trank blieb Nachdem man
endlich seinen Körper in der Tiber gefunden gab er die strengsten Befehle alle
Mühe anzuwenden die Mörder zu entdecken
    Seine Tochter die vermutete woher der Streich käme gab ihrer Mutter
Vanosa Nachricht von dem strengen Entschluss des Papsts und diese begab sich die
folgende Nacht in das Vatikan Der Teufel der als Liebling des Papsts während
seiner Trauer allein in seinem Zimmer bleiben durfte entfernte sich bei der
Ankunft der edlen Vanosa suchte Fausten auf der die Lucretia tröstete und
führte ihn an die Türe folgendes Gespräch zu belauschen
    Als sie der Türe nahten hörten sie diese Worte des Papsts
    »Ein Brudermörder und Kardinal Und du die Mutter von beiden verkündigest
mir dies mit einer Kälte als hätte Cäsar einen der Kolonne oder Orsinis
vergiftet Er hat in seinem Bruder seinen guten Ruf ermordet hat das Gebäude
der Größe im Grund erschüttert das ich durch meine Familie aufführen wollte
aber der Kühne soll der Strafe und meiner Rache nicht entgehen«
    VANOSA Roderico Borgia du hast bei meiner Mutter geschlafen darauf bei
mir schläfst nun mit meiner und deiner Tochter wer mag die zählen die du
heimlich ermorden und vergiften ließest und doch bist du Papst Rom zittert vor
dir und die ganze Christenheit betet dich an Sieh so viel kommt darauf an in
welcher Lage man sich befindet wenn man Verbrechen begeht Ich bin beider
Mutter Roderico und wusste dass Cäsar den Francisco ermorden würde
    PAPST Ha der Abscheulichen
    VANOSA Bin ichs so bin ich es nur in deiner Schule geworden Der kalte
bedächtliche sanfte Francisco musste dem feurigen unternehmenden Cäsar Platz
machen damit dieser die glänzenden Hoffnungen erfülle die du meinem Busen
vertraut hast als du den päpstlichen Stuhl bestiegst Francisco war zum Mönch
geboren mein Cäsar zum Helden und darum nannte ich ihn so im prophetischen
Geiste Nur er ist fähig alle die kleinen und großen Tyrannen Italiens zu
vernichten und sich eine Krone zu erkämpfen Er muss Gonfalonier des päpstlichen
Stuhls werden und die Borgias zu Herren von Italien machen Ist dies nicht dein
Wunsch Hast du nur für Francisco gemordet und vergiftet Würden diese
Verbrechen uns nützen wenn Cäsar Kardinal bliebe und der ermordete Schwächling
einst euren Raub verteidigen sollte Nur von ihm kann ich Schutz erwarten wenn
du nicht mehr bist er achtete seiner Mutter während dieser Kalte mich
vernachlässigte und dem Vater allein schmeichelte von dem er seine Größe
hoffte Cäsar fühlt dass ein Weib wie ich die einen Helden gebären konnte ihm
auch den Weg zu unsterblichen Taten vorzuzeichnen weiß Heitere dich auf
Roderico und sei weise denn wisse nur immer die Hand des Mörders deines
Lieblings wird von einem solchen kühnen Geist geleitet die auch des Vaters
nicht schonen würde wenn er es wagen sollte den Schleier aufzuheben der diese
nötige Tat verbirgt
    PAPST Dein großer Sinn Vanosa erhebt mich ob er gleich mein Herz
durchschaudert Francisco ist kalt und Cäsar lebt er lebe sei der
Erstgeborne werde groß weil es das Schicksal so haben will
    Er klingelte ließ auftischen und war heitern Muts
    FAUST Teufel befreie die Welt von diesem Ungeheuer oder du sollst die Wut
empfinden die mir sein Dasein einflößt
    TEUFEL Sprichst du abermals Unsinn die Sprache der Söhne des Staubs
Vergisst du wer der Mann ist wen er bildlich vorstellt Wer ich bin Was ich
kann und darf
    FAUST Du sollst
    TEUFEL Geh und kühle deine Wut in den Armen seiner Tochter und Buhlerin
freue dich so nah mit dem verwandt zu sein der da bindet und löset
vielleicht dass dir die Verwandtschaft am Tage der Rechnung nutzet
                                      14
Francisco war vergessen und der Papst sann nun wie er dem verwegnen Geist
Cäsars einen weitern Schauplatz zur Ausübung seiner gefährlichen Kräfte eröffnen
möchte Dieser krönte indessen den König von Neapel mit denen von seines Bruders
Blut befleckten Händen und Friedrich von Neapel zog daraus eine düstere Ahndung
in welcher er sich auch nicht betrog
    Der Teufel sorgte dafür dass Fausten von allem diesem nichts entging und
dieser sah mit hämischem Lachen alle die Kardinäle die Gesandten von Spanien
und Venedig dem Brudermörder den sie alle dafür erkannten bis an die Tore der
Stadt entgegengehen ihn darauf von einem großen Konsistorium empfangen und im
Triumph zur Audienz des Papsts begleiten der ihn mit vieler Zärtlichkeit
empfing
    Vanosa legte die Trauer ab und feierte den Abend seiner Rückkunft mit einem
Feste wobei alle Großen Roms erschienen
    Bald hierauf zog Cäsar den lästigen Kardinalshut aus vertauschte ihn mit
dem Schwerte und ward mit allem Pracht zum Gonfalonier des päpstlichen Stuhls
geweiht
    Der Teufel sah mit vielem Vergnügen wie Faust den Wurm der an seinem
Herzen zu nagen anfing durch die wildesten Genüsse zu betäuben suchte Er sah
wie jeder schwarze Streich den er erlebte sein Herz mehr vergällte und sein
verblendeter Geist sich immer mehr überzeugte dass alles das was er sah und
hörte in der Natur des Menschen gegründet sei und man sich ebenso wenig über
diese Greuel zu verwundern habe als darüber dass der Wolf ein Räuber sei der
alles ohne Schonung zerreisse seinen Heisshunger zu stillen Der Teufel
unterstützte dies mit den Sophismen die spätere Philosophen in Systeme gebracht
haben leerte die Schätze der Erde schleppte Kleinodien zusammen und Faust
wütete unter den Jungfrauen und Matronen Roms zerstörte tausend moralische und
glückliche Verhältnisse der Familien und glaubte nicht genug an dem
Menschengeschlecht verderben zu können das wie er meinte der Verwüstung
geweiht sei Der Unterricht der Lucretia hatte längst seine Sinne vergiftet und
die Wollust seine dämmernde gute Gefühle so vernichtet dass sich bald zu
Menschenhass Menschenverachtung gesellte welche Empfindung wie der Teufel ihn
versicherte die einzige ist die den Mann von Verstand von dem Dummkopf
unterscheidet Die Bande der sanften Menschheit zogen sich in seinem Herzen
zusammen und er glaubte in der Leitung des Himmels die Hand eines Despoten zu
entdecken die unbekümmert auf das einzelne nur für den Gang und die Erhaltung
des Ganzen wache Die Welt kam ihm nun wie ein stürmisches Meer vor auf welches
das Menschengeschlecht geworfen ist von dem Winde hin und her getrieben der
diesen an einem Felsen zerschmettert den andern in den Hafen bläst und wo der
Verunglückte noch dafür verantworten muss dass er sein Steuer nicht besser
geführt ob man ihm gleich eines aus so schwachem Stoff gegeben das sich an
jeder daherrauschenden Welle zerbricht
                                      15
Alexander hatte eine Lustjagd in Ostia veranstalten lassen Es begleitete ihn
daher ein großes Gefolge von Kardinälen Bischöfen Damen und Nonnen welche
letztere man wegen besondrer Verdienste aus den Klöstern gezogen um die Gelagen
reizender zu machen Der Teufel war beständig auf der Seite des Papsts und
Faust war von der Lucretia unzertrennlich Jeder überließ sich in Ostia dem Zug
seiner tierischen Natur und man beging in den wenigen Tagen Ausschweifungen
wobei ein Tiber und Nero noch etwas hätte lernen können Faust hatte nun
Gelegenheit den Menschen nach dem Ausdruck des Teufels in seiner scheußlichen
Nacktheit zu beobachten aber was waren alle diese Szenen der Üppigkeit gegen
die Anschläge die der Papst um sich von der Ermattung der Lust zu erholen mit
seinen Bastarden in Gegenwart Fausts und des Teufels fasste Hier ward
beschlossen den Alfonso von Aragonien den Gemahl der Lucretia zu ermorden um
dem König von Frankreich einen Beweis zu geben dass man willens sei mit dem
König von Neapel gänzlich zu brechen und ihm zur Eroberung der Krone Siziliens
beizustehen Ludwig der Zwölfte war schon durch Alexanders Vermittlung in
Italien eingebrochen und die Borgias sahen dadurch alle ihre Anschläge reifen
Lucretia übertrug diese blutige Tat ihrem Bruder und sah sich schon als Witwe
an Hierauf ward der Plan zu dem folgenden Feldzug entworfen sich aller Städte
Kastelle und Herrschaften der Großen Italiens zu bemächtigen jeden ihrer
Besitzer mit seiner Nachkommenschaft zu ermorden damit keiner am Leben bliebe
der einen Anspruch darauf zu machen hätte und ihnen durch künftige
Verschwörungen beschwerlich sein könnte Um das Heer zu unterhalten diktierten
Alexander und Cäsar der Lucretia eine Liste der reichen Kardinäle und Prälaten
die man nach und nach vergiften wollte um sie vermöge des Rechts des
päpstlichen Stuhls zu beerben
    Nach dieser geheimen Beratschlagung begab man sich zu dem Abendessen Der
Papst war mit seinen Entwürfen und ihrer nahen Erfüllung so zufrieden dass er
sich der ausschweifendsten Laune überließ und den Ton zu einem Bacchanal angab
wozu man die Züge im Petron und Sueton suchen mag doch er vergaß dabei der
Sorge für den Staat nicht ganz und fragte in der Glut des Weins die Anwesenden
wie er es anfangen müsste die Einkünfte des päpstlichen Stuhls zu erhöhen um
das große Heer einige Feldzüge durch zu unterhalten Nach vielen Projekten
schlug Ferara von Modena Bischof von Patria der würdige Minister Alexanders
durch welchen er die Ämter der Kirche an den Meistbietenden verkaufen ließ vor
Indulgenzen unter dem Vorwand eines bevorstehenden Türkenkriegs durch Europa zu
predigen und setzte als wahrer päpstlicher Finanzier hinzu der törichte Wahn
der Menschen ihre Sünden durch Gold abzukaufen sei die sicherste Quelle des
Reichtums eines Papstes
    Lucretia die in dem Schoss ihres Vaters lag und mit Fausts blonden Locken
spielte sagte lächelnd
    »Die Rolle der Indulgenzen enthält solche abgeschmackte veraltete und
alberne Sünden dass damit nicht viel zu gewinnen ist Man hat sie in dummen und
barbarischen Zeiten entworfen und es ist einmal Zeit einen neuen Sündentarif
zu machen wozu Rom selbst die besten Artikel liefern kann«
    Die von Wein und Wollust begeisterte Gesellschaft freute sich des
glücklichen Einfalls und der Papst forderte einen jeden auf neue Sünden
vorzuschlagen zu taxieren die zu wählen die am meisten im Gange wären und
folglich am meisten eintrügen
    BORGIA Heiliger Vater überlasst dies den Kardinälen und Prälaten sie sind
am besten damit bekannt
    Ferara von Modena Bischof von Patria setzte sich als Sekretär nieder
    EIN KARDINAL Nun dann so will ich beginnen die Quelle des Reichtums zu
öffnen Schreibe Ferara ich gebe den Ton an die andern werden schon
einstimmen Absolution für jede von einem Priester begangne H  i er begehe
sie mit wem er wolle mit einer Nonne außer oder in dem Bezirke des Klosters
mit seiner Blutsseitenverwandtin oder seiner geistlichen Tochter Mit
Dispensation alle Ämter der Kirche zu verwalten und neue Benefizien erhalten zu
können so er an den päpstlichen Schatz neun Goldgulden bezahlt
    PAPST Gut gut Schreibt flugs neun Goldgulden Bischof und trinkt den
Priestern die sie bezahlen Absolution zu
    Jeder Gast füllte sein Glas und man schrie Chorus »Absolutio Dispensatio
«
    PAPST Ich sehe wohl ich muss den andern Mut machen Sie sehen diesen
Augenblick mehr nach den Nonnen als auf meinen Vorteil Bischof Ferara schreibt
Für die feinre Sodomie zwölf Goldgulden für die gröbere funfzehen er sei Laie
oder Priester Mit diesem Artikel allein hoffe ich meine Kavallerie zu
unterhalten und ich sehe voraus dass mir ein großer Teil ihres Soldes
zurückkommen wird
    CHORUS Absolutio Dispensatio den feinern und gröbern Sodomiten
    NONNE He was ist denn das will sich niemand unsrer annehmen Heiliger
Vater haben wir allein kein Recht auf Eure väterliche Gnade Ich bitte Euch
lasst uns taxieren dass auch wir in Ruhe sündigen mögen
    ALEXANDER Recht meine Tochter und ihr sollt nicht schlechter gehalten
werden wie die Priester Schreibt Bischof Absolution für jede Nonne die H  i
treibt es sei mit wem sie wolle mit ihrem Bruder Blutsverwandten oder
Beichtvater außer oder in dem Bezirke ihres Klosters mit Dispensationen allen
Würden des Klosters vorzustehen neun Goldgulden Bist du zufrieden
    Das Nönnchen küsste ihm die Hand
    CHORUS Absolutio Dispensatio
    EIN BISCHOF Nun dann Absolution und Dispensation jedem Priester der eine
Beischläferin öffentlich unterhält fünf Goldgulden
    LUCRETIA O der gemeinen alltäglichen Menschen Hört auf mich Absolution
jedem Christen der seine Mutter Schwester oder sonstige Verwandtin beschläft
funfzehen Goldgulden
    CHORUS Absolutio Dispensatio
    FAUST den die ganze Szene wegen des Teufels entsetzlich ärgerte der aber
doch dem Borgia eins versetzen wollte Absolution jedem Vater Bruder Mutter
und Schwestermörder für drei Goldgulden
    PAPST Ho ho Freund wo wollt Ihr hinaus dass Ihr den Mord geringer
anschlagt als H  i da doch der erste die Menschen aus der Welt treibt und die
letzte sie hinein
    CÄSAR BORGIA Heiliger Vater er will durch einen hohen Preis nicht von der
Sünde des Mords abschrecken
    PAPST Lasst es durchgehen
    TEUFEL Kautela ihr Herren Aller gemeldeten Absolutionen und
Dispensationen sind die Armen unfähig sie sind des süßen Trosts der Kirche
unwürdig und ohne Rettung verdammt Ist es so nach eurem Sinne
    CHORUS unter starkem Gelächter Verdammt sei alles was kein Geld hat Die
Armen fahren ohne Trost der Kirche zur Hölle
    CÄSAR BORGIA Weiter ich eröffne eine ergiebige Quelle Wer stiehlt und
sei es auch Kirchenraub dessen Seele kann gelöst werden so er der päpstlichen
Kammer drei Teile vom Diebstahl abgibt
    CHORUS Absolution den Kirchenräubern und allen Dieben die mit dem
päpstlichen Stuhl das Geraubte teilen
    PAPST Du öffnest eine reiche Mine Cäsar schreibt Bischof Es geht
vortrefflich
    FAUST Wohlauf ihr Herren Absolution für jeden der Zauberei treibt und
mit dem Teufel ein Bündnis macht Wie hoch taxiert ihr den Fall
    PAPST Mein Sohn hiermit wirst du den päpstlichen Stuhl nicht bereichern
Der Teufel versteht seinen Vorteil nicht man ruft ihn umsonst
    FAUST Heiliger Vater malt ihn nicht an die Wand und schlagt nur immer an
    PAPST Um der Seltenheit willen hundert Goldgulden
    FAUST Hier sind sie im Fall es mir gelänge fertigt mir die Absolution aus
und singt Chorus
    CHORUS Absolution dem der mit dem Teufel ein Bündnis macht Der Bischof
Ferara schrieb
    EINE ANDRE NONNE Herr Bischof da Ihr doch eben am Schreiben der Absolution
für den Teufelsbanner seid so fertigt mir auch eine Schrift Ihr wisst schon für
was aus hier ist mein Rosenkranz er ist fünfzehn Goldgulden wert und ich
behalte noch etwas Absolution übrig
    Ferara schrieb und der Papst unterzeichnete
    TEUFEL Glaubt denn Ew Heiligkeit dass der Satan des Fetzen Papiers achten
wird
    Der Grossinquisitor zog seine Hand aus dem Busen einer Äbtissin und schrie
mit lallender Zunge
    »Wawas ist das Ich rieche Ketzerei Wer ist der Ateist der diesen Frevel
gesprochen hat«
    Der Papst drückte dem Teufel den Zeigefinger leise auf den Mund und sagte
»Kavalier dieses sind Staatsgeheimnisse berühre sie nicht denn ich darf
selbst dich nicht retten wenn der päpstliche Stuhl bestehen soll«
    Um dem Papst den Hof zu machen und das Gewissen zu beruhigen öffnete jeder
der Anwesenden seinen Beutel Ferara rief noch einige Schreiber man fertigte
ihnen die Absolution aus und jeder griff nach einem Gegenstand um den übrigen
Teil der Nacht Gebrauch davon zu machen Nie wurden Sünden mit ruhigerm Herzen
begangen
    Ferara von Modena schrieb diesen Tarif den folgenden Morgen ins Reine
übergab ihn der Presse8 und ließ ihn in der Stille in der Christenheit
herumlaufen
                                      16
Cäsar Borgia vergaß des Worts nicht das er seiner Schwester gegeben hatte
Alphonso von Aragonien ward an der Schwelle des Palasts des Gonfaloniere
ermordet als er sich eben zu ihm begeben wollte einer Maskerade beizuwohnen
wozu alle Großen Roms eingeladen waren die Vorstellung der Siege Cäsars
anzusehen die Borgia als Vorbedeutung der seinigen aufführen ließ Bald darauf
setzte er sich mit seinem Heere in Marsch und nach einigen Monaten stahl der
Teufel dem Papst folgenden Brief aus der Tasche den er Fausten zu lesen
übergab
                                Heiliger Vater
Ich küsse Ew Heiligkeit Füße Sieg und Glück haben mich begleitet und ich
ziehe sie hinter mir her wie meine Sklaven Ich hoffe Cäsar ist nun seines
Namens würdig denn auch ich kann sagen ich kam sah und siegte Der Herzog von
Urbino ist in die Schlinge gefallen die ich ihm gelegt habe Vermöge des Breves
Ew Heiligkeit bat ich ihn um seine Artillerie unter dem Vorwand Eure Feinde zu
bekriegen Von allen den Gunstbezeigungen womit wir ihm geschmeichelt haben
verblendet schickte er mir durch einen Edelmann seine Einwilligung schriftlich
zu Unter dieser Maske sandte ich einige Tausende nach Urbino die sich auf
meinen Befehl der Stadt und des ganzen Landes bemächtigten Leider ist er auf
das Gerücht hiervon selbst entflohen aber die mächtige und gefährliche Familie
Montefeltro hat bezahlen müssen und ich habe die ganze Brut vernichten lassen
Hierauf stieß der betörte Vitellozzo mit seinen Völkern bei Kamerino zu mir Ich
ließ den Cäsar von Varano im Wahn ihn mit guten Bedingungen aus Kamerino
abziehen zu lassen und überfiel die Stadt in dem Augenblick da er beschäftigt
war die Artikel der Übergabe niederzuschreiben Ich hoffte der ganzen Familie
durch einen Streich ein Ende zu machen aber leider ist mir der Vater entwischt
seine beiden Söhne ließ ich erdrosseln und schmeichle mir der Gram soll ihnen
den Alten nachsenden Bald darauf zog ich von Kamerino aus und beorderte Paul
Orsino Vitellozzo und Oliverotto mit ihren Völkern nach Sinigaglia das sie
nach meiner Anweisung bestürmten um ihr künftiges Grab mit eigener Hand zu
bereiten Nun sah ich alle unsre Feinde in dem fein gesponnenen Netze schickte
meinen treuen Michellotto mit seinen Gesellen voraus mit dem Bedeuten dass
jeder auf meinen Wink einen von unsern Feinden ergreifen sollte Ich setzte mich
in Marsch die Betörten kamen mir entgegen mir ihre Achtung zu bezeigen und
ließ nach meinem Wunsche ihre Mannschaft zurück Ich führte sie unter
Liebkosungen in die Stadt und in dem Augenblick als meine Völker ihre
verlassenen Haufen überfielen fasste Michellotto mit seinen Angehörigen jeder
seinen Mann So machte ich mich zum Herrn der Länder und Schlösser derer die
wir mit der Hoffnung von Eroberungen über ihre Feinde betört haben Die folgende
Nacht ließ ich sie im Kerker erwürgen Michellotto dem ich dieses Geschäft
übertragen hat mir mit vielem Lachen erzählt Vitellozzo habe um weiter nichts
gebeten als dass man ihn doch nicht ermorden möchte bis er die Absolution
seiner Sünde von Ew Heiligkeit erhalten könnte Man sage mir noch einmal es
gehöre Kunst dazu sich zum Herrn der Menschen zu machen Sobald Ew Heiligkeit
die Orsinis und die übrigen wird eingezogen haben will ich ihnen den Pagola
den Herzog von Gravina und die andern gleichfalls ohne Eure Absolution
nachsenden Ich hoffe Ew Heiligkeit wird sich aus meinem Bericht überzeugen
dass ich der Krone wert bin die ich mit Mut und Verstand zu erwerben weiß
Vorher hatte ich Faenza mit seinem Herrn Astor einem überaus schönen Knaben von
zehen Jahren genommen Er soll leben solange er zu meinem Vergnügen dient
denn wahrlich nie hat ein Sieger einen reizendern Ganymed zur Beute erhalten
und herrschte der lüsterne Jupiter noch so würde ich den gefährlichen und
mächtigen Nebenbuhler fürchten Sollte Karraccioli der General der Venetianer
dessen schöne Frau ich auf ihrer Reise aufheben ließ und die mir nun mit Astor
die Arbeit würzt nach Rom kommen so empfehlt ihn dem Bruder meines
Michellottos Ich höre dass er viel Lärmens macht und da er ein hitziger Kopf
ist so muss man seiner Rache zuvorkommen Die Venetianer verstehen ihren Vorteil
zu gut als dass sie sich um seinetwillen mit uns überwerfen sollten Das
Geräusch der Waffen hat mich der Angelegenheiten meiner Schwester nicht
vergessen machen Der Abgesandte des ältesten Sohns des Herzogs von Este ist auf
dem Wege die Vermählung in seinem Namen mit ihr zu vollziehen und ich hoffe
ihr noch beizuwohnen Wir sind nun der Kolonne der Orsinis Salviatis
Vitellozzos und all unsrer gefährlichen Feinde los Lasst uns noch das Haus Este
und Medicis vertilgen Ludwig den Zwölften sich wie sein Vorgänger in Italien
aufreiben wer wird es dann noch wagen gegen die Borgias aufzustehen Ich küsse
Ew Heiligkeit die Füße etc
                                                      Cäsar Borgia Gonfalonier
Faust sah nach Lesung dieses Briefs finster gen Himmel und rief »Er ist dein
Stattalter nennt sich nach dir dein Volk betet ihn an und deine Gläubigen
flehen ihn um Absolution ihrer Sünde in dem Augenblick da er sie erwürgen lässt
Ein blutschändrischer Meuchelmörder vertritt deine Stelle auf Erden Tyrannen
geisseln und erwürgen deine Völker du schläfst und sie nennen dich ihren Vater
Ist alles Feuer in den Eingeweiden der Erde verloschen hast du es ausgeblasen
vermag es nicht mehr durch die dicke Kruste der verfluchten Erde zu brechen um
die wahnsinnigen die scheußlichen Verbrecher aufzuzehren hast du alle Materie
des Donners verbraucht Sind alle die Funken verstoben die du einst in
glühendem Feuerregen über ganze Städte gossest hast du ganz deinen Blick von
dem Menschengeschlecht abgewandt und sind sie deiner Rache so wenig mehr wert
wie deiner väterlichen Fürsorge«
    Der Teufel lachte über diese Standrede und führte den Entflammten in das
Vatikan wo sie den Papst in großer Freude über das Glück seiner Waffen
antrafen Er hatte schon die Befehle gegeben die übrigen der Orsinis den
Alviano Santa Croce die sonstigen Kardinäle und Erzbischöfe in die Falle zu
locken und wartete mit Ungeduld auf den Ausgang Ganz Rom eilte zum Glückwunsch
herbei Die Bezeichneten wurden im Vatikan festgenommen nach verschiedenen
Gefängnissen gebracht und heimlich hingerichtet während die Trabanten des
Papsts ihre Paläste plünderten Der Kardinal Orsini ward allein nach der
Engelsburg gebracht und ihm die ersten Tage erlaubt sich aus der Küche seiner
Mutter besorgen zu lassen da aber der Papst hörte dass er seit seiner
Gefangenschaft einen Weinberg für zweitausend Scudis verkauft hätte und eine
wegen ihrer außerordentlichen Größe sehr kostbare Perle besäße so entzog er ihm
diese Gunst Die Mutter der einst großen und blühenden Orsinis hüllte sich in
Mannskleider überbrachte dem Papst die zweitausend Scudis und die Perle er
nahm sie mit der Rechten und gab mit der Linken das Zeichen zur Hinrichtung des
Kardinals Dieser Zug machte Fausten so wahnsinnig dass der Teufel allen seinen
Witz brauchte um ihn zu Verstand zu bringen Er forderte nicht weniger von ihm
als das ganze Vatikan mit allen Borgias zu zertrümmern und die Menschheit an den
Ungeheuern zu rächen
    Der Teufel anwortete »Faust ich wollte aber es gelang mir nicht«
    FAUST Ha wie
    TEUFEL Erinnerst du dich der Gefahr Alexanders vor kurzem
    FAUST Ich tue es denn ich wütete gegen den rettenden Zufall der den
rächenden Zufall fruchtlos machte
    TEUFEL Zufall rettender Zufall rächender Zufall Was denkst du unter
diesem schallenden Geprassel von Worten Und was für eine Art von Philosoph bist
du wenn du etwas darunter denken kannst O der Menschen o der Vernunft! Nein
Faust ich war der rächende Zufall um mich deiner hohen Gunst zu empfehlen
denn du wirst dich erinnern dass du mir auftrugst ihn zu verderben aber der
rettende Zufall kam von einer Hand deren Macht ich in diesem Augenblick noch
bebend fühle
    FAUST Höllischer Gaukler warte ich will dich Besessnen exorzieren 
Welche gefährliche Schlingen wirfst du nun wieder um mein törichtes Herz
    TEUFEL Schlingen Ich Dir Tor spinnt sie nicht dein Herz aus seinen
eignen Händen Sei stolz darauf dass deine Weisheit und Torheit dein eigenes Werk
seien ich bin nicht so vermessen mich meines Einflusses da zu rühmen wo man
seiner so wenig bedarf   Erinnerst du dich des sausenden Sturms in Hagel und
Donner der über Rom hinfuhr
    FAUST Ich tue es
    TEUFEL Ich hatte mich in den sausenden Sturm geschwungen fuhr prasselnd in
den Rauchfang des Vatikans zersprengte ihn und das Dach warf das Dach auf die
goldne Decke des Zimmers in welchem Alexander saß auf neue Greuel sinnend
während er seine Horas betete Über sein Haupt schossen die Balken  ich hoffte
sie sollten ihn zerschmettern Plötzlich sah ich sie schweben über dem Haupte
des Sünders gefesselt von einer mächtigen Hand gehalten von dünnen Fäden der
Spinnen Zur Warnung war er nur leicht verwundet  ich sah das ungeheure Gewicht
schweben an den dünnen Fäden Faust Schauder überfiel mich und schon wollt ich
das Licht fliehen
    FAUST Oh dass ich dich Elenden für deinen halben Dienst für deinen
giftigen Bericht züchtigen könnte wie es mein nun empörtes Herz heischt
    TEUFEL Versuch es Ich sage dir es gehört zur Ordnung der Dinge, dass er
noch mehr Verbrechen begehe Die wachende Vorsicht beschützte ihn nur dass er
mutiger in Greueln werde so befördert er vermutlich die verborgenen Absichten
die die Zukunft aufklärt
    FAUST Und die die durch ihn leiden
    TEUFEL Ja da ist deine hohe Weisheit in der Klemme Dies ist die Angel
womit eure Philosophie die kühnen Forscher fängt und nach sich zieht bis sie
daran ersticken Sei ruhig Faust dir soll bald Licht werden  und dieser Papst
da der soll mir nicht entgehen Ich wittere den Augenblick seines Falls wie das
leise Aufwallen der ersten Begierde zur Sünde  du wirst dich dran ergötzen
aber ob es die trösten kann die durch ihn gelitten haben  He
    Der Teufel goss Öl in die glühende Flamme und leicht konnte er nun Fausten
beweisen dass es nicht seine sondern die Sache des Himmels sei dem Bösen zu
wehren und er führte dieses Thema so aus dass Faust zwar von seinem Wahnsinn
geheilt wurde aber an einer noch gefährlichern Seuche erkrankte denn er
überzeugte sich nun völlig der Mensch sei ein elender Sklave und sein Herr und
Schöpfer ein grausamer Despot der an seinem Unsinn und seinem Frevel einen
Gefallen hätte um ihn desto schärfer bestrafen zu können ja der ihm
geflissentlich alle diese seinem Glücke widersprechende Neigungen in das Herz
gelegt hatte um seiner Rache an ihm genugzutun Die Tugendhaften und Gerechten
hielt er für Toren die den Bösen zum Raub und Frasse hingeworfen wären Aber
fürchterlich peinigte ihn Leviatans Vorspieglung der wunderbaren Rettung des
Papsts die ganz Rom bezeugte und ganz Rom nicht begriff
    Als Borgia erfuhr dass der Papst seinen Anschlag ausgeführt hätte ließ er
seine übrigen Gafangenen nebst dem jungen Astor erdrosseln zog in Rom
triumphierend ein und teilte mit dem Papst und den übrigen Bastarden den Raub
der Plünderung der Paläste
                                      17
Die Hochzeit der Lucretia wurde bald hierauf mit allem asiatischen Pracht
gefeiert und jeder Römer strebte dieses Fest durch allen möglichen Glanz zu
verherrlichen Den Tag der Vermählung läutete man alle Glocken die Artillerie
donnerte von der Engelsburg man hielt Stiergefechte spielte sittenlose
Komödien und das betäubte Volk schrie vor dem Vatikan »Es lebe Papst
Alexander Es lebe Lucretia die Herzogin von Este« Faust brüllte mit und sagte
zum Teufel »Wenn nun dieses Geschrei mit dem Gewinsel der Ermordeten an das
Gewölbe des Himmels anschlägt wem soll der Ewige glauben« Der Teufel beugte
sich zur Erde und schwieg
    Um die Feierlichkeiten der Hochzeit zu krönen hatte Alexander mit seiner
Tochter auf den Abend eines Sonntags ein Schauspiel angeordnet wovon bisher die
Jahrbücher der Greuel der Menschheit noch kein Beispiel gegeben haben Der Papst
saß mit seiner Tochter auf einem Ruhebette in einem großen hellerleuchteten
Saale Faust der Teufel und die übrigen zu diesem Fest Erlesenen stunden um sie
herum Auf einmal öffneten sich die Türen und es traten fünfzig reizende
Kurtisanen in dem Stand der Natur herein die nach dem wollüstigen Geflüster
blasender Instrumente einen Tanz aufführten den uns der Wohlstand verbietet zu
beschreiben ob gleich ein Papst die Stellungen dazu erfunden hat Nach dem Tanz
gab Seine Heiligkeit ein Zeichen zu einem Wettkampf den wir noch weniger
beschreiben können und hielt den Preis des Sieges in den Händen um die
Kämpfenden mutiger zu machen Die unparteiischen Römer riefen endlich Fausten
als Sieger aus Lucretia bekränzte ihn mit Rosen unter Küssen und der Papst
übergab dem wackeren Deutschen als Preis des Sieges einen goldnen Becher worauf
Lucretia die Schule der Wollust hatte graben lassen Faust schenkte ihn seinem
feinsten Kuppler einem venetianischen Mönch bei dem ihn lange hernach der
göttliche Aretino sah und seine berüchtigte Situationen danach kopierte Dieser
Sieg kostete indessen Fausten soviel dass er mit der letzten Kraft seines
Körpers auch die letzte Kraft seines Geistes zerbrach Der Teufel der ihn nun
zu seinem Zwecke völlig reif sah frohlockte ihm lauten Beifall entgegen
                                      18
Der Papst hatte bei der Vermählung seiner Tochter eine Kardinalsbeförderung
vorgenommen wozu er die reichsten Prälaten auslas und da Cäsar Borgia zu dem
künftigen Feldzug große Summen brauchte so nahm er sich vor einige davon bei
einem Feste das sein Vater auf der Villa gab in die andre Welt zu schicken
Der Papst fuhr mit seiner Tochter dem Teufel Fausten dem Borgia und der
Gemahlin des Venetianers früh nach dieser Villa Um der Lucretia ein neues
Vergnügen zu machen ließ er einige rosigte Stuten in den Hof führen sie von
feurigen neapolitanischen Hengsten bespringen und dieses Schauspiel ergötzte
Lucretia auf eine ganz besondere Art Die Neuvermählte von diesem Schauspiel
gereizt zog Fausten in ein Seitenzimmer fand aber bald dass seine Kleinodien
einen dauerhafteren Wert hätten als er Borgia begab sich mit der Venetianerin
in ein andres Seitenzimmer und der Papst blieb mit dem Teufel allein Die
Gesichtsbildung Leviatans hatte schon lange besonders auf ihn gewürkt und
erhitzt von dem was er gesehen fing er an dem Teufel gewisse Anträge zu
machen bei welchen sich dieser in ein wildes Lachen ausschüttete da aber der
Papst immer heftiger in ihn drang und er merkte dass er in Gefahr sei seine
hohe unsterbliche Person von einem verächtlichen Menschen und gar von einem
Papst besudelt zu sehen so erwachte der schwarze Groll der Hölle in seinem
Geist und er stund in dem entscheidenden Augenblick in einer Gestalt vor ihm
die nie ein lebendes Auge gesehen noch zu sehen wagen darf Der Papst der ihn
gleich erkannte erhub ein Freudengeschrei
    »Ah benevenuto Signor diavolo Wahrlich du kannst mir zu keiner gelegnern
Zeit erscheinen als jetzt und schon lange habe ich deine Gegenwart gewünscht
denn ich weiß wozu man einen so mächtigen Geist wie du bist brauchen kann
Ha ha ha du gefällst mir weit besser so als vorher Du Schäker du Komm und
sei mein Freund nimm deine vorige Gestalt an und ich will dich zum Kardinal
machen denn nur du allein kannst mich schnell auf die hohe Stufe heben die ich
zu ersteigen strebe Ich bitte dich hilf mir meine Feinde vertilgen schaffe
mir Geld und jage mir die Franzosen aus Italien die ich nicht mehr brauche
Dies ist für einen Geist wie du bist das Werk eines Augenblicks und du kannst
zum Lohn von mir fordern was dir gefällt Nur offenbare dich nicht meinem Sohn
Cäsar er ist ein so großer Bösewicht dass er mich selbst vergiften würde um
durch dich König von Italien und Papst zugleich zu werden«
    Der Teufel den es anfangs ein wenig verdross dass sein furchtbares Äußere
nicht mehr auf den Papst würkte konnte sich doch endlich des Lachens nicht
enthalten Denn das was er sah und hörte übertraf alle Taten der Menschen die
die Hölle zu ihrer Ergötzung aufgezeichnet hat Er sagte hierauf mit ernster
Miene »Papst Alexander der Satan zeigte einst dem Sohn des Ewigen alle
Herrlichkeit der Welt und bot sie ihm an wenn er niederfiele und ihn anbetete
«
    PAPST Ich verstehe dich Er war ein Gott und bedurfte nichts wäre er ein
Mensch und Papst gewesen er hätte es gemacht wie ich
    Er fiel nieder betete den Teufel an und küsste seine Füße
    Der Teufel stampfte auf den Boden dass die Villa erbebte Faust und
Lucretia Cäsar und die Venetianerin sahen durch die losgefahrnen Türen den
Papst vor der schrecklichen Gestalt des Teufels mit gefaltnen Händen knien und
dann rief dieser mit bittrem Hohne
    »Sodomie und dann Anbetung des Teufels bei dem Satan dem Herrscher des
dunklen Reichs ein Papst kann in keinem schöneren Augenblick seines Lebens zur
Hölle fahren«
    Er fasste den Bebenden erwürgte ihn und übergab seinen Schatten einem Geist
ihn nach der Hölle zu fördern Borgia sank vor Schrecken zusammen und der
furchtbare Anblick zog ihm eine Krankheit zu die ihn außer alle Tätigkeit
setzte um alle Früchte seines Frevels brachte und die schwarzen Taten der
Borgias dienten nur zur Vergrößerung des päpstlichen Stuhls Der erwürgte und
scheusslich verstellte Papst wurde mit vielem Pomp begraben und die
Geschichtschreiber die mit seinem tragischen Ende nicht so bekannt waren wie
ich es bin erfanden die Fabel die einesteils auf Wahrheit gegründet ist er
und sein Sohn hätten aus Versehen eines Dieners aus einer den Kardinälen
bestimmten vergifteten Flasche getrunken und sich so in ihrem eignen Netze
gefangen
 
                                  Fünftes Buch
                                       1
Die scheussliche Anbetung des Papstes sein schaudervolles Ende der schreckliche
Anblick des Teufels den Faust bisher nur unter seiner erhabenen Gestalt gesehen
hatte machten einen so starken Eindruck auf ihn dass er von der Villa nach Rom
eilte aufpacken ließ und mit betäubtem Sinn und klopfendem Herzen davonritt
Sein Gefühl war durch alles was er gesehen und beobachtet hatte so stumpf
geworden dass er der so kühn war dem Ewigen in seinem Innern zu trotzen es
kaum wagte dem Teufel den er noch sklavisch beherrschte in die Augen zu
sehen Menschenhass Menschenverachtung Zweifel Gleichgültigkeit gegen alles
was um ihn geschah Murren über die Unzulänglichkeit und Beschränktheit seiner
physischen und moralischen Kräfte waren die Ernte seiner Erfahrung der Gewinn
seines Lebens aber noch weidete er sich an dem Gedanken dass ihn das was er
gesehen zu diesen widrigen Empfindungen berechtigte und dass entweder keine
Verbindung auf Erden zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer sei oder doch der
Faden der ihn mit demselben verbände so verworren und zweideutig durch dieses
Labyrinth des Lebens liefe dass ihn das Auge des Menschen nicht entdecken viel
weniger eine gute Absicht dabei wahrnehmen könnte Noch schmeichelte er sich in
seinem Wahne seine Verirrungen seien in der ungeheueren Masse der Greuel der
Erde wie ein Tropfen Wassers der in Ozean fällt Der Teufel erlaubte ihm gerne
sich in diesem Traume zu wiegen damit der Schlag den er voraussah ihn so
treffen möchte dass er der Verzweiflung nicht entfliehen könnte So glich nun
Faust dem welterfahrnen Manne der seinen Leidenschaften den Zügel gelassen
solange seine Kräfte dauerten der das Gefühl der Natur in seinem Herzen
aufgerieben alles ohne Bedenken der Folgen für sich und andre genossen hat und
nun in Stumpfheit des Geistes und des Herzens bitter in die Welt zurückblickt
das ganze Menschengeschlecht nach der schwarzen Erfahrung beurteilt die er
gemacht hat ohne nur einmal zu bedenken dass diese Erfahrung ihren Anstrich von
unserm Innern erhält und sich hauptsächlich nach unserm eignen Wert bestimmt
Nur das feige schlechte Herz wird schlechter durch Erfahrung der Edle sieht
die Laster und Verirrungen der Menschen bloß als Dissonanzen an die die
Harmonie seiner Brust in ein helleres Licht setzen und ihm sein eigenes Glück
fühlbarer machen Faust der alle häusliche und innige Verbindung zerrissen
hatte in dem Lauf seines ferneren Lebens keine mehr aufzufassen strebte durch
seine Zerrüttung und Denkart nun keiner mehr fähig war blickte düster in die
Welt und auf die Menschen bis er von allgemeinen Betrachtungen auf sich
geleitet mit Schrecken vor seinem eignen Bilde zurückfuhr Er fing an zu
überrechnen was er durch sein gefährliches Wagstück gewonnen hätte und da er
dieses gegen seine ehemaligen Wünsche Aussichten und Hoffnungen hielt so sah
er bald dass die völlige Ausgleichung so ausfallen müsste dass er sie nicht
ertragen würde Der Stolz die Rolle die er so kühn unternommen seiner
ehemaligen Kraft würdig auszuspielen trat hervor und der Gedanke sich der
Zahl derer entrissen zu haben die eine unbesorgte Hand der Gewalt der Geissel
der Mächtigen den Unterdrückern und Betrügern der Menschen unterworfen alles
genossen zu haben noch genießen zu können das Werk seiner eignen freien Wahl
zu sein das Leere der Wissenschaften eingesehen zu haben schwellten auf einmal
von neuem seine Segel Er lachte der Erscheinung seiner kranken Phantasie
entwarf einen neuen Lebensplan schmeichelte sich durch Forschen und Nachdenken
über Gott die Welt und die Menschen die Rätsel endlich zu enthüllen von
welchen er glaubte sie seien dem Menschen nur darum in den Weg geworfen seinen
moralischen Zustand so unglücklich zu machen als seinen physischen »Wer diesen
Knoten gelöst oder sich überzeugt hat dass er nicht zu losen sei« sagte er in
seinem Herzen »der macht sich zum Meister seines Geschicks« Und so wäre er
gewiss aus seinem scholastischen Jahrhundert in unser hell philosophisches
hinüber gesprungen wenn ihm der Teufel Zeit dazu gelassen hätte
    Wenigstens war er auf dem Wege ein Philosoph wie Voltaire9 zu werden der
nur überall das Böse sah es hämisch hervorzog und alles Gute verzerrte wo er
es fand Oder mit einem edleren Philosophen zu reden der überall den Teufel sah
ohne an ihn zu glauben
                                       2
Faust lag in einem süßen Morgenschlummer auf der Grenze Italiens als sich ein
sehr bedeutender Traum vor seinem Geist mit lebhaften Farben malte den eine
schaudervolle Erscheinung beschloss Er sah den Genius der Menschheit der ihm
einst erschienen auf einer großen blühenden Insel die ein stürmisches Meer
umfloss unruhig auf und nieder wandern und sehr ängstlich nach den empörten
Fluten blicken Das tobende Meer war mit unzähligen Kähnen bedeckt in welchen
Greise Männer Jünglinge Knaben Kinder Weiber und Jungfrauen von allen
Völkern der Erde saßen die mit allen Kräften gegen den Sturm arbeiteten um die
Insel zu erreichen Sowie die Glücklichen nach und nach landeten luden sie
verschiedene Baumaterialien aus die sie in verworrnen Haufen hinwarfen Nachdem
eine unzählbare Menge das Land betreten hatte entwarf der Genius auf der
erhabensten Stelle der Insel den Grundriss zu einem großen Bau und jeder der
Menge alt und jung schwach und stark nahm von den verworrnen Haufen ein
schickliches Stück und trug es nach der Anweisung derer die der Genius erlesen
hatte an den gehörigen Ort Alles arbeitete mit Freuden Mut und
Unverdrossenheit und schon erhub sich das Gebäude hoch über der Erde als sie
auf einmal von großen Scharen überfallen wurden die aus einem dunklen
Hinterhalt in drei Haufen auf sie drangen An der Spitze eines jeden stund ein
besonderer Heerführer Der erste trug eine schimmernde Krone auf seinem Haupte
auf seinem ehernen Schilde glänzte das Wort Gewalt in seiner Rechten hielt er
einen Zepter der wie der Stab Merkurs mit einer Schlange und einer Geissel
umwunden war Vor ihm her ging eine Hyäne die ein Buch im blutigen Rachen trug
auf dessen Rücken geschrieben stund Mein Wille Sein Heer war mit Schwertern
Speeren und andern zerstörenden Werkzeugen des Krieges bewaffnet Der zweite
Heerführer war eine erhabene Matrone deren sanfte Züge und edle Gestalt unter
einem Priestergewand versteckt waren Auf ihrer Rechten ging ein hagres Gespenst
mit blitzenden Augen der Aberglauben mit einem Bogen der aus Knochen der
Toten gebildet und zusammengesetzt war und mit einem Köcher voll giftiger
Pfeile bewaffnet Auf ihrer Linken schwebte eine wilde phantastisch gekleidete
Gestalt die Schwärmerei die eine brennende Fackel führte beide drohten unter
scheußlichen Verzerrungen des Gesichts und führten als gefangne Sklavin die edle
Matrone an Ketten Vor ihnen her ging die Herrschsucht auf ihrem Haupte eine
dreifache Krone in der Hand einen Bischofsstab und auf ihrer Brust schimmerten
die Worte Religion Der Aberglauben und die Schwärmerei erwarteten mit Ungeduld
das Zeichen von dieser dem Drang ihrer Wut die sie kaum halten konnten folgen
zu dürfen Ihr Heer war ein verworrner tobender bunt gekleideter Haufen und
jeder desselben führte einen Dolch und eine brennende Fackel Der dritte
Heerführer ging mit stolzen und kühnen Schritten einher er war in das
bescheidne Gewand des Weisen gekleidet und hielt wie jeder seines Haufens
einen Becher in der Hand der mit einem schwindelnden und berauschenden Getränke
gefüllt war Diese zwei letzten Haufen tobten und schrien so entsetzlich dass
das Tosen und Gebrause der Wellen das Geheul des Sturms nicht mehr zu hören
war
    Als sie den Arbeitern nah waren mischten sich die drei Haufen auf Befehl
ihrer Führer untereinander und fielen diese mit ihren zerstörenden Waffen in
grimmiger Wut an Die Mutigsten der Arbeiter warfen ihre Werkzeuge weg griffen
zu den Schwertern mit denen sie begürtet waren um die Feinde zurückzuschlagen
Die andern verdoppelten indessen ihren Eifer das angefangne Werk zu vollenden
Der Genius deckte seine mutige Streiter und fleißige Arbeiter mit einem großen
glänzenden Schilde den ihm eine Hand aus den Wolken reichte er konnte aber die
unzählbare Menge nicht bergen Mit tiefem Schmerze sah er viele Tausende der
Seinigen unter den vergifteten Pfeilen und den mördrischen Waffen hinsinken
Viele ließ sich von den Vorspieglungen und Lockungen derer betören die ihnen
die bezauberten Becher als Erquickung darreichten taumelten dann in wildem
Rausche herum und zerstörten die mühsame Arbeit ihrer Hände Die mit den Fackeln
Bewaffneten machten sich mit ihren Dolchen einen Weg warfen ihre Fackeln in das
angefangne Gebäude schon loderte die Flamme und drohte das herrliche Werk in
die Asche zu legen Der Genius sah mit schmerzvollem Blick auf die Gefallnen und
Verirrten sprach den übrigen Mut zu flößte ihnen durch seine Standhaftigkeit
und Erhabenheit Kraft Geduld und Ausharren ein Sie löschten die Flammen
stellten das Zerrüttete her und arbeiteten unter Verfolgung und Tod mit solchem
Eifer dass trotz der Wut und dem Hass ihrer Feinde ein großer herrlicher edler
Tempel emporstieg Der Sturm legte sich und helle sanfte Heiterkeit ergoss sich
über die ganze Insel Hierauf heilte der Genius die Verwundeten tröstete die
Müden pries die tapfern Streiter und führte sie unter Siegesgesängen in den
Tempel ein Ihre Feinde stunden betäubt vor dem Riesenwerk und zogen sich
nachdem sie vergebens versucht hatten dessen Feste zu erschüttern ergrimmt
zurück Faust befand sich nun selbst auf der Insel Das Feld um den erhabenen
Tempel war mit Leichen der Erschlagenen von allen Altern beider Geschlechter
bedeckt und diejenigen die aus den Zauberbechern getrunken hatten gingen kalt
unter den Toten herum vernünftelten spotteten und kritisierten über die Bauart
des Tempels maßen seine Höhe und Breite um seine Verhältnisse zu berechnen
und bestimmten sie um so zuverlässiger je weiter sie von der Wahrheit entfernt
waren Faust ging an ihnen vorüber und als er dem Tempel nahte las er über
seinem Eingang folgende Worte Sterblicher wenn du tapfer gestritten treu
ausgehalten hast so tritt herein und lerne deine edle Bestimmung kennen
    Sein Herz glühte bei diesen Worten und er hoffte auf einmal das ihn
quälende Dunkel zu durchbrechen Kühn drang er nach dem Tempel stieg die hohen
Stufen hinauf sah wie eine schimmernde rosenfarbene Dämmerung ihn füllte
hörte die sanfte Stimme des Genius er wollte hineintreten die eherne Pforte
fuhr mit einem dumpfen Schall vor ihm zu und er bebte zurück Nun dünkte ihn
dass der Tempel der vorher auf ebenem Boden gestanden auf drei großen Säulen
ruhte woran er die Symbole der Geduld Hoffnung und des Glaubens erkannte
Seine Begierde in die Geheimnisse des Tempels zu dringen nahm durch die
Unmöglichkeit noch mehr zu auf einmal fühlte er sich Flügel erhub sich und
fuhr mit solchem Ungestüme gegen die eherne Pforte dass er zurückgeschleudert in
den tiefsten Abgrund sank und in dem Augenblick zitternd aus dem Schlaf auffuhr
als er den Boden zu berühren glaubte Er schlug betäubt die Augen auf eine
blasse in ein weißes Totentuch gehüllte Gestalt in der er seinen Vater
erkannte riss die Bettvorhänge auseinander und sprach mit klagender Stimme
    »Faust Faust Nie hat ein Vater einen unglücklichern Sohn gezeugt in
diesem Gefühl bin ich nun eben gestorben Ewig ach ewig liegt die Kluft der
Verdammnis zwischen mir und dir«
                                       3
Dieses bedeutende Gesicht und die schaudervolle Erscheinung durchbebten die
Seele Fausts er sprang auf öffnete das Fenster um freie Luft zu atmen die
ungeheuren Alpen lagen vor ihm die aufgehende Sonne vergoldete nun eben ihre
Spitzen und dieses Bild schien ihm eine Dolmetschung seines Gefühls Er versank
in tiefe Betrachtungen das Luftgebäude seines Stolzes fiel zusammen und die
schlummernden Empfindungen seiner Jugend schossen hervor um seine Qual zu
vermehren Der Gedanke sein Leben dem Wahn geopfert die Kraft seines Geists
nicht genützt in dem Strudel der Wollust in dem Geräusche der Welt verbraust
zu haben drang durch seine Seele Er bebte vor der Enthüllung des nächtlichen
Gesichts zurück schon arbeitete sein Geist an der Deutung der Bilder als sein
Herz ihn ins Dunkel zurücktrieb
    »Woher kamen nun diese Ungeheuer die die fleißigen Arbeiter überfielen Wer
berechtigte sie zu dem Frevel sie in ihrer Arbeit zu stören und sie unter ihrem
edlen Tagwerk zu ermorden Wer ließ es zu Wollte konnte ers nicht hindern
der es zuließ Wenn ich die Bilder des Gesichts recht verstehe so deuten sie
auf die Grundstützen der in Gesellschaft gesammelten Menschen und jede
derselben behauptet ihren Ursprung vom Himmel Ist ihr Vorgeben Betrug warum
leidet der schmähliche Strafe welcher sie antastet deuten sie auf Missbrauch 
wie dann So ist alles Missbrauch unter der Sonne so soll es so sein und mein
Unwille ist gerecht Ist es nicht das Werk eines Höhern den wir nicht befragen
können der uns nichts enthüllt hat Warum erlagen so viele Tausende der Wut
dieser Ungeheuer Konnte wollte sie der Genius nicht alle bergen Sind einige
vorherbestimmt als Opfer für die andern zu fallen Wer steht mir dafür dass ich
nicht einer von denen bin und sein muss den das Los der Verwerfung bei der
Entstehung getroffen Mussten es diese mit ihrem Leben erkaufen damit jene im
Triumph einzögen und der Ruhe genössen Was haben die Unglücklichen verschuldet
Was die verschuldet die lechzend nach dem Becher griffen ihren glühenden Durst
zu stillen«
    So trieb er sich lange auf dem Meere der Zweifel herum als ihm durch die
Erscheinung seines Vaters seine seit so langer Zeit vergessne Familie einfiel Er
fasste den Entschluss zu den Verlassnen zurückzukehren in die bürgerliche Ordnung
wiederum einzutreten sein Gewerbe zu treiben und sich von der lästigen
Gesellschaft des Teufels zu befreien So machte er sich nun auf den Weg zu
seiner Heimat wie viele die unbestimmtes jugendliches Brausen für Genie
halten mit großen Ansprüchen in die Welt treten das wenige Feuer ihrer Seele
schnell verdampfen und mit den schalen Überbleibseln sich nach kurzem auf eben
dem Punkte befinden von dem sie ausgelaufen sich und der Welt zur Last Faust
kochte dieses alles im stillen aus er ritt stumm düster und mürrisch an der
Seite des Teufels Dieser überließ ihn gerne seinen Betrachtungen lachte seines
Entschlusses und verkürzte sich die Zeit mit der süßen Hoffnung bald wieder den
süßen Dampf der Hölle zu riechen Er freute sich schon im voraus darauf wie er
des Satans spotten wollte der ihm Fausten als einen Kerl besondrer Kraft
empfohlen hätte den er doch vor der Entwicklung seines Schicksals so mürbe sah
Er stellte sich den Kühnen in dem Augenblick vor da er ihm zum erstenmal
erscheinen musste und nun sah er ihn gebeugt wie einen büssenden Mönch neben sich
her reiten Sein Hass gegen ihn nahm zu und er jauchzte in seinem schwarzen
Inneren als er Worms in der Ebene vor sich liegen sah
                                       4
Sie ritten beide die Landstraße hinan und als sie noch einige Steinwürfe von
der Stadt entfernt waren sahen sie einen Galgen nah an derselben an welchem
ein schlanker wohlgestalteter Jüngling hing Faust blickte hinauf Der frische
Abendwind der durch seine blonde über sein Gesicht gefallene Haare blies und
ihn hin und her schaukelte entdeckte Fausten seine jugendliche Bildung Er
brach bei diesem Anblick in Tränen aus und rief mit bebender Stimme
    »Armer Jüngling in der ersten Blüte des Lebens schon hier am verfluchten
Holze Was kannst du verbrochen haben dass dich das Gericht der Menschen so früh
verurteilt hat«
    TEUFEL mit ernstem und feierlichem Tone Faust dieses ist dein Werk
    FAUST Mein Werk
    TEUFEL Dein Werk Sieh ihn genau an  es ist dein ältester Sohn
    Faust blickte hinauf erkannte ihn und sank vom Pferde
    TEUFEL Schon jetzt vernichtet So wirst du mich bald um die Früchte meiner
Mühe bringen die ich nur in deinem Jammer ernten kann Winsle und stöhne die
Stunde naht worin ich dir den dicken Schleier von den Augen reißen muss Höre
ich will mit einem Atemzug das verworrne Labyrinth weghauchen in welchem du
dich nicht finden konntest dir Licht über die Wege der moralischen Welt geben
und dir zeigen wie gewaltsam du sie durchkreuzt hast Ich ein Teufel will dir
zeigen mit welchem Rechte und Gewinn ein Wurm wie du sich zum Richter und
Rächer des Bösen aufwirft und in die Räder dieser so ungeheuren und fest
gestimmten Maschine greift Langsam will ich dir alles zuzählen damit das
Gewicht eines jeden deines Frevels einer jeden deiner Torheiten schwer auf
deine Seele falle Erinnerst du dich des Jünglings den ich auf deinen Befehl
bei unserm Auszug aus Mainz vom Ersaufen erretten musste Ich warnte dich du
wolltest dem Zug deines Herzens gehorchen vernimm nun die Folgen Hättest du
jenen Bösewicht ertrinken lassen so würde dein Sohn nicht an diesem
schändlichen Holze sein Leben verloren haben Er um deswillen du durch die
Führung des Schicksals verwegen griffst nahte sich bald nach deiner Entfernung
deinem jungen verlassenen Weibe Der Glanz des Goldes, das wir ihr so reichlich
hinterlassen hatten reizte ihn mehr als ihre Jugend und Schönheit Es war ihm
ein leichtes das Herz der von dir Vernachlässigten zu gewinnen und er machte
sich in kurzem so zum Meister davon dass sie ihm ihre Führung und alles was sie
besaß überließ Dein Vater wollte sich seiner Wirtschaft widersetzen der junge
Mann schlug und misshandelte ihn er suchte seine Zuflucht in dem Hospitale der
Armen wo er vor einigen Tagen vor Kummer über dich und deine Familie gestorben
ist Da ihn dein Sohn darauf mit heftigen Vorwürfen anfiel und ihm drohte trieb
er auch ihn aus dem Hause Dieser irrte in der Wildnis herum schämte sich zu
betteln kämpfte lange mit dem Hunger stahl endlich in einer Kirche dieser
Stadt einige Groschen von einem Opferteller ihn zu stillen tat es aber so
unvorsichtig dass man ihn bemerkte und der hochweise Magistrat ließ ihn aus
Rücksicht seiner Jugend nur hängen ob er ihnen gleich unter Tränen sagte er
habe in vier Tagen nichts als Gras verschlungen Deine Tochter ist in Frankfurt
nährt sich mit Prostituierung ihrer Jugend jedem der sie dazu auffordert dein
zweiter Sohn dient bei einem Prälaten der die Jünglinge dazu braucht wozu mich
der Papst einst brauchen wollte und wofür er eine so billige Taxe im Sündentarif
festsetzte Der junge von mir gerettete Mann raubte endlich deinem Weibe das
letzte dein Freund den wir vom Bettelstab retteten versagte deinem alten
Vater seine Hilfe stieß deine Kinder die zu ihm flüchteten und um Brot
flehten weg und nun will ich dir deine Familie zeigen damit du mit Augen
siehst was du aus ihnen gemacht hast Dann will ich dich wieder hierher reißen
Rechnung mit dir halten und du sollst eines Todes sterben wie ihn kein
Sterblicher gelitten hat Ich will deine bebende Seele herumzerren bis du
dastehest ein erstarrtes Bild der Verzweiflung
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Der Teufel ergriff den Jammernden flog mit ihm nach Mainz zeigte ihm sein Weib
und seine zwei jüngsten Kinder mit Lumpen bedeckt vor dem Franziskanerkloster
sitzen um die ekelhaften Überbleibsel des Nachtessens dieser Mönche abzuwarten
Als die Mutter Fausten erblickte schrie sie »Ach Gott Faust euer Vater«
deckte ihre Augen mit ihren Händen zu und sank in Ohnmacht Die Kinder liefen zu
ihm hingen sich an ihn und schrien um Brot
    FAUST Teufel gebiete über mein Schicksal lass es schrecklicher sein als
es das Herz des Menschen tragen und fassen kann nur gib diesen Elenden und
errette sie vor Schande und Hunger
    TEUFEL Ich habe für dich die Schätze der Erde geplündert du hast sie der
Wollust und dem Vergnügen aufgeopfert ohne dieser Elenden zu gedenken Fühle
nun deine Torheit dieses ist dein Werk du hast das Gewebe zu ihrem Schicksal
gesponnen und deine hungrige bettlerische und elende Brut wird den von dir
ausgesäten Jammer durch Kinder und Kindeskinder fortpflanzen Du zeugtest
Kinder warum wolltest du nicht ihr Vater sein Warum hast du da das Glück
gesucht wo es nie ein Sterblicher gefunden hat Blicke sie noch einmal an und
dann fort in der Hölle siehst du sie einst wieder wo sie dich für die
Erbschaft verfluchen werden die sie dir nur zu danken haben
    Er riss ihn von den Jammernden sein Weib wollte soeben seine Knie umfassen
und um Erbarmung flehen  Faust wollte sich zu der Unglücklichen neigen der
Teufel fasste ihn und stellte ihn abermals unter den Galgen bei Worms
                                       6
Die Nacht senkte sich schwarz auf die Erde Faust stund vor dem grausenden
Anblick seines unglücklichen Sohns Wahnsinn glühte in seinem Gehirne und er
rief im wilden Tone der Verzweiflung
    »Teufel lass mich diesen Unglücklichen begraben entreisse mir dann das
Leben und ich will in die Hölle hinunterfahren wo ich keinen Menschen im
Fleische mehr sehen werde Ich habe sie kennengelernt mir ekelt vor ihnen vor
ihrer Bestimmung vor der Welt und dem Leben Die gute Tat zog unaussprechliches
Weh auf mein Haupt und ich hoffe die bösen allein sind zum Glück
ausgeschlagen So muss es sein in dem tollen Sinn des Wirrwarrs auf Erden
Fördere mich hinunter ich will ein Bewohner der Hölle werden ich bin des
Lichts müde gegen welches ihre Dunkelheit vielleicht Tag ist«
    TEUFEL Nicht zu rasch  Faust ich sagte dir einst du solltest das
Stundenglas deiner Zeit selbst zerschlagen du hast es in diesem Augenblick
getan und die Stunde der Rache ist da nach der ich so lange geseufzt habe
Hier entreisse ich dir deine mächtige Zauberrute und fessle dich in den engen
Bezirk den ich nun um dich ziehe Hier sollst du mich anhören heulen und
zittern ich ziehe die Schrecken aus dem Dunkel hervor entülle die Folgen
deiner Taten und ermorde dich mit langsamer Verzweiflung So jauchze ich so
siege ich über dich Tor du sagst du hättest den Menschen kennengelernt Wo
Wie und wenn Hast du auch einmal seine Natur erwogen durchforscht und
abgesondert was er zu seinem Wesen Fremdes hinzugesetzt daran verpfuscht und
verstimmt hat Hast du genau unterschieden was aus seinem Herzen und was aus
seiner durch Kunst verdorbenen Einbildungskraft fließt Hast du die Bedürfnisse
und Laster die aus seiner Natur entspringen mit denen verglichen die er der
Kunst und seinem verdorbenen Willen allein verdankt Hast du ihn in seinem
natürlichen Zustand beobachtet wo jede seiner unverstellten Äußerungen das
Gepräge seiner innern Stimmung an sich trägt Du hast die Maske der Gesellschaft
für seine natürliche Bildung genommen und nur den Menschen kennengelernt den
seine Lage sein Stand Reichtum seine Macht und seine Wissenschaften der
Verderbnis geweiht haben der seine Natur an eurem Götzen dem Wahn zerschlagen
hat An die Höfe in die Paläste hast du dich gedrängt wo man der Menschen
lacht indem man sie missbraucht wo man sie mit Füßen tritt während man das
verprasst was man ihnen geraubt hat Die Herrscher der Welt die Tyrannen mit
ihren Henkersknechten wollüstige Weiber Pfaffen die eure Religion als
Werkzeug der Unterdrückung nutzen die hast du gesehen und nicht den der unter
dem schweren Joche seufzt des Lebens Last geduldig trägt und sich mit Hoffnung
der Zukunft tröstet Stolz bist du die Hütte des Armen und Bescheidnen
vorübergegangen der die Namen eurer erkünstelten Laster nicht kennt im Schweiß
seines Angesichts sein Brot erwirbt es mit Weib und Kindern treulich teilt und
sich in der letzten Stunde des Lebens freut sein mühsames Tagwerk geendet zu
haben Hättest du da angeklopft so würdest du freilich euer schales Ideal von
heroischer überfeiner Tugend die eine Tochter eurer Laster und eures Stolzes
ist nicht gefunden haben aber den Menschen in stiller Bescheidenheit
großmütiger Entsagung10 der unbemerkt mehr Kraft der Seele und Tugend ausübt
als eure im blutigen Felde und im trugvollen Kabinette berühmte Helden Ohne
letztere Faust ohne eure Pfaffen und Philosophen würden sich bald die Tore
der Hölle zuschliessen Kannst du sagen dass du den Menschen kennest da du ihn
nur auf dem Tummelplatz der Laster und deiner Lüste gesucht hast Kennst du dich
selbst Lass mich tiefer reißen ich will mit Sturm in die Glut blasen die du in
deinem Busen gesammelt hast Wenn ich tausend menschliche Zungen hätte und dich
Jahre in diesem Kreise gefesselt hielte so könnte ich dir doch nicht alle die
Folgen deiner Taten und Verwegenheiten entwickeln Durch Jahrhunderte läuft das
Gewebe des Unglücks deiner Hand und künftige Geschlechter verfluchen einst ihr
Dasein weil du in wahnsinnigen Stunden deinen Kitzel befriedigt oder dich zum
Richter und Rächer menschlicher Handlungen aufgeworfen hast Sieh Kühner so
bedeutend wird euer Würken das euch Blinden so beschränkt scheint Wer von euch
kann sagen die Zeit vertilgt die Spur meines Daseins Weißt du was Zeit und
Dasein sind und sagen wollen Schwellt der Tropfen der in das Weltmeer fällt
nicht die Woge um einen Tropfen Und du der nicht weiß was Anfang Mittel und
Ende sind hast mit verwegner Hand die Kette des Geschicks gefasst und an den
Gliedern derselben genagt ob sie gleich die Ewigkeit geschmiedet hat Nun ziehe
ich den Vorhang hinweg und schleudre das Gespenst Verzweiflung in dein Gehirn
    Faust drückte seine Hände vor seine Augen der Wurm der Qual sog an seinem
Herzen
    TEUFEL Vernimm nun deines Lebens Gewinn und ernte ein was du gesäet hast
erinnre dich dabei dass ich keinen deiner Frevel ausführte ohne dich vor den
Folgen zu warnen Gezwungen von dir unterbrach ich den Lauf der Dinge, und ich
der Teufel stehe schuldlos vor dir denn alles sind Taten deines eignen
Herzens
    Denkst du noch der Nonne Klara der wollüstigen Nacht die du mit ihr
zugebracht Wie solltest du nicht da sie dich so sehr ergötzte Höre die Folgen
derselben Kurz nach unsrer Entfernung starb der Erzbischof ihr Freund und
Beschützer und sie musste nach ihrer Niederkunft mit ihrem Kinde als ein
Gegenstand des Abscheus im peinlichen Kerker den verzweifelnden Hungertod
sterben In der Wut fiel sie über den Neugebornen her sättigte sich an deinem
und ihrem Blute und verlängerte ihre scheussliche Marter so lange der
unnatürliche Frass dauerte Was hatte sie verbrochen sie die ihr Verbrechen
nicht begriff den Urheber ihrer Schande und ihres schrecklichen Todes weder
kannte noch ahndete Fühle nun die Folgen einer einzigen Sekunde der Wollust und
bebe Hast du nicht den Wahnsinn bekräftigt der sie verdammte Musste die Hölle
nicht den Vorwurf deines Frevels tragen Sie ermordeten deine Brut als die Brut
des Satans und du hast durch diese Tat die Begriffe dieses Volks auf
Jahrhunderte verwildert Stöhne nur ich ziehe der Schrecken mehr herauf
    Es ist wahr mit dem Fürstbischof ist dirs besser gelungen Er ließ den
Hans Ruprecht begraben und versetzte seine Familie in Wohlstand Auch verlor er
durch meine Vorspieglung sein Fett und ward einer der gelindesten und gütigsten
Fürsten erschlaffte aber die Bande der bürgerlichen Ordnung so durch seine
Nachsicht dass seine Untertanen bald ein Haufen Halunken Säufer Faulenzer
Räuber und liederlichen Gesindels ward Um sie wiederum zu Menschen zu machen
musste nun der jetzige Bischof ihr Henker werden hundert Familien zerstören und
hinrichten damit die andern durch das Beispiel erschreckt in die bürgerliche
Ordnung einträten Drei Schlemmer und Fresser hätten diesem Volke nicht so weh
getan als ihm diejenigen nun tun denen dieser Fürst gezwungen das Schwert der
Gerechtigkeit und die Gewalt der Rache vertrauen muss
    Der Doktor Robertus der berühmte Freiheitsrächer der Mann nach deinem
Sinne war von frühster Jugend ein Feind des Ministers den er wegen seiner
Talente hasste Neid und Eifersucht waren die Quellen seines unabhängigen
Geistes und hätte jener wie er gedacht so würde er mit Freuden die Grundsätze
des strengsten Despotismus angenommen haben denn nur dazu war sein hartes und
wildes Herz geschaffen Der rechtschaffne Mann war der Minister dieser ein
Unhold der die Welt in Brand gesteckt hätte es teils getan hat um seinen
grenzenlosen Ehrgeiz zu befriedigen Ich musste ihn nach deinem Willen retten
ihn mit einer großen Summe Gelds versehen vernimm nun wozu er sie gebraucht
hat und freue dich der Folgen Er nutzte seine Freiheit das Gold und den Wahn
den sein Verschwinden durch mich im Volke veranlasste so gut dass es ihm bald
gelang einen fürchterlichen Aufstand zu erregen Er bewaffnete die Bauern
diese ermordeten die Edelleute verwüsteten das ganze Land der edle Minister
fiel ein Opfer seiner Rache und dein Freiheitsrächer Robertus ist der Stifter
des unglücklichen Bauernkriegs der sich nach und nach in ganz Deutschland
ausbreiten und es verheeren wird Mord Totschlag Plündrung Kirchenraub wüten
nun und dein edler Held steht an der Spitze eines tollen Haufens und droht aus
Deutschland einen Kirchhof des Menschengeschlechts zu machen Ernte den Jammer
ein den du veranlasst hast der Satan selbst hätte nicht besser für die
Zerstörung der Menschen die wir hassen arbeiten können als du da du diesen
Wahnsinnigen der Gerechtigkeit entrissen hast
    Kehre mit mir an den Hof jenes deutschen Fürsten zurück wo du den Rächer
der Tugend und Gerechtigkeit so rasch und kühn gespielt hast Dieser Fürst und
sein Günstling waren Heuchler eurer Tugenden aber ihr Würken beförderte das
Glück des Volks weil sie beide Verstand genug hatten zu fühlen der Vorteil
der Untertanen sei Gewinn für den Fürsten Weiß der Durstige und kümmerts ihn
ob die Quelle die ihn tränkt aus dem Bauche eines Berges springt der mit Gift
angefüllt ist Genug für ihn wenn er nur ohne Schaden sein heißes Blut abkühlt
Dieser Heuchler missfiel dir weil er deiner hohen Meinung die du mir gerne aus
gewissen Ursachen aufdrängen wolltest nicht entsprach und ich musste ihn auf
deinen Befehl erwürgen Sein unmündiger Sohn folgte ihm in der Regierung Seine
Vormünder drückten und pressten das unter dem Heuchler einst glückliche Volk
verdarben das Herz und den Geist des künftigen Regenten entnervten früh seinen
Körper durch Wollust beherrschen ihn nun da er mündig ist und sind seine und
des Volks Tyrannen Hätt ich nicht auf deinen Befehl den Vater erwürgen müssen
so würde er seinen Sohn nach seinen Grundsätzen erzogen seine Fähigkeiten
entwickelt und ihn zum Manne gebildet haben der würdig sei an der Spitze eines
Volks zu stehen Die Hunderttausende die nun unter dem Druck des feigen
tückischen Wollüstlings seufzen und deren Jammer sich auf deinem Haupte sammelt
würden die Glücklichsten in Deutschland sein Wohl uns du hast ein ganzes Volk
elend gemacht da du dich zum Rächer eines Einzigen aufwarfst Ernte ihre
Tränen ihre Verzweiflung die blutigen Taten ihrer künftigen Empörung ein und
freue dich deines strengen Richteramts
    Wahnsinniger auf dein Geheiß musst ich das Schloss des wilden Rauhgrafs mit
allen Bewohnern seinem Weibe und dem Säugling verbrennen Was haben diese
Unschuldigen verbrochen Es war ein Augenblick der Wonne für mich  dein Werk
ist es dass der Säugling auf dem Busen der Mutter zu Asche brannte dein Werk
dass der Rauhgraf einen benachbarten Edelmann als den Urheber des Brandes
überfiel des Unschuldigen Schloss der Flamme übergab ihn erschlug und die
Fehde die meine Tat veranlasste noch in diesem Teile Teutschlands wütet
Tausende sind schon unter dem Schwerte der wechselseitigen Rache hingesunken
und es wird nicht eher ruhen bis sich die streitenden Familien gänzlich
erschöpft und vertilgt haben So warst du Wurm der sich in der Wollust
herumwälzte in die Hölle drangst um deine Lüsternheit zu sättigen der Rächer
des Unrechts Heule und stöhne ich ziehe der Schrecken mehr aus dem Dunkel
    Die Tochter des Geizigen in Frankreich die du zur H  e gemacht und in
ihrem Busen die Lust nach der Sünde erweckt hast ergab sich bald hierauf dem
jungen König als Mätresse Sie beherrschte ihn reizte ihn dass er sie mit einem
neuen Buhler nicht stören möchte zu dem unsinnigen Zuge nach Italien und zog
ein Elend über Frankreich das viele künftige Regierungen nicht heilen werden
Die Blüte der französischen Jugend die Helden des Reichs faulen in Italien und
der König kehrte beschämt und ohne Vorteil heim So hast du wohin du dich
wandtest den Samen des Unglücks ausgestreut und er fruchtet zum Unheil die
Ewigkeit durch
    Ich hoffe nun begreifst du den Fingerzeig den ich dir damals gab als ich
das Haus über die Naturkündiger zusammenstürzte Ich sagte dir so wie diese in
das Fleisch der Lebenden schneiden um unergründliche Geheimnisse zu erforschen
so wütest du in der moralischen Welt durch meine zerstörende Hand Du hast
dieses Winks nicht geachtet Fühle ihn nun tiefer Sie verdienten unter den
Ruinen ihrer Schlachtbank begraben zu werden aber was hatten die Unschuldigen
im Unterstock verbrochen die nicht wussten welche Greuel über ihrem Haupte
vorgingen Warum mussten auch sie mit begraben werden Warum musste deine
schnelle Rache zu befriedigen eine schuldlose glückliche Familie mit
aufgeopfert werden Richter und Rächer dieses hast du nicht bedacht Fasse nun
die Folgen deines Wahnsinns zusammen durchlaufe sie und sinke vor der
scheußlichen Vorstellung hin Sagt ich dir nicht der Mensch ist rascher in
seinem Urteil und in seiner Rache als der Teufel in der Vollziehung des Bösen
Auf deinen Befehl musst ich den Zunder der Wollust an das Herz der himmlischen
Angelika legen die die Zierde ihres Geschlechts und der Welt war Du hast sie
im wilden Rausche deiner Sinne genossen und die Unglückliche wusste nicht was
ihr geschah Schaudre vor den Folgen  diese Angelika  ich der Gefallen an der
Sünde und der Zerstörung hat könnte mitleidig auf ihr Ende blicken Sie floh
auf das Land und das Gefühl der Scham zwang sie den Zustand zu verbergen in
den du sie gesetzt hattest Sie gebar unter Todesangst in der Einsamkeit ohne
Hilfe das Kind entfiel dem Schoss der Unvermögenden und starb in dem Augenblick
da es das Licht der Welt erblickte Sie das unglückliche Opfer deiner
augenblicklichen Lust ward eingezogen und öffentlich als Kindermörderin
hingerichtet Du hättest sie sehen sollen im letzten Augenblick ihres Lebens 
sehen sollen wie ihr reines Blut den weißen Talar befleckte 
    Faust öffnete seine starre Augen und sah gen Himmel
    TEUFEL Er ist taub gegen dich Sei stolz auf den Gedanken einen Augenblick
gelebt zu haben der das Vergehen der Teufel leicht machen könnte wenn das
Gericht über sie nicht geschlossen wäre Noch rauscht er in den düstern Gefilden
der Ewigkeit Ich rede von jenem da du mich zwingen wolltest den Schleier zu
heben der euch den Ewigen verbirgt Der Engel der euer Schuldbuch führt
erbebte auf seinem glänzenden Sitze und strich deinen Namen mit weggewandtem
Angesicht aus dem Buche des Lebens
    FAUST sprang auf Verflucht seist du Verflucht ich die Stunde meiner
Geburt der der mich gezeugt die Brust die ich gesogen
    TEUFEL Ha des herrlichen Augenblicks des köstlichen Lohns meiner Mühe Die
Hölle freut sich deiner Flüche und erwartet einen noch schrecklichern von dir
Tor warst du nicht frei geschaffen Trugst empfandest du nicht wie alle die
im Fleische leben den Trieb zum Guten wie zum Bösen in deiner Brust Warum
tratst du verwegen aus dem Gleise das dir so bestimmt vorgezeichnet war Warum
wagtest du deine Kräfte an dem und gegen den zu versuchen der nicht zu
erreichen ist Warum wolltest du mit dem richten und rechten den du nicht
fassen und denken kannst Warum trieb Stolz die Pflanze aufwärts die nur an der
Erde hinkriechen soll Hat er dich nicht so geschaffen dass du über den Teufel
wie über die Tiere der Erde erhaben stundest Dir verlieh er den
unterscheidenden Sinn des Guten und Bösen frei war dein Wille frei deine Wahl
Wir sind Sklaven des Bösen und der eisernen Notwendigkeit ohne Wahl und Willen
gezwungen von Ewigkeit dazu verdammt wollen wir nur das Böse und sind
Werkzeuge der Rache und der Strafe an euch Ihr seid Könige der Schöpfung freie
Geschöpfe Meister eures Schicksals das ihr selbst bestimmt Herren der
Zukunft die von eurem Tun abhängt um diese Vorzüge hassen wir euch und
frohlocken wenn ihr durch Torheit und Laster die Herrschaft verwürkt11 Wohl
uns dass ihr diese Vorzüge selbst vernichtet dass ihr alles missbraucht alle die
Fähigkeiten zum Guten die euch der Ewige verliehen hat Tritt auch ein Weiserer
unter euch auf und schreibt euch Regeln zu eurem Besten vor so zernichtet ihr
sein Werk in dem Augenblick der Entstehung Missbrauch eurer moralischen und
physischen Kräfte läuft durch die Kette die das Menschengeschlecht verbinden
soll und nie gefallt ihr euch besser als wenn ihr zerstört was andere zu
eurem Glück und Heil aufgebauet haben So arten unter euren Händen in eurem
Geiste Religion Wissenschaften und Regierung zu Unsinn Verzerrung und Tyrannei
aus und du hast das deinige redlich dazu beigetragen Faust nur in der
Beschränktheit liegt euer Glück wärst du geblieben was du warst hätten dich
Dünkel Stolz Wahn und Wollust nicht aus der glücklichen beschränkten Sphäre
gerissen wozu du geboren warst so hättest du still dein Gewerbe getrieben
dein Weib und deine Kinder ernährt und deine Familie die nun in Kot der
Menschheit gesunken ist würde blühen Von ihr beweint würdest du ruhig auf
deinem Bette gestorben sein und dein Beispiel würde deine Hinterlassnen auf dem
dornigten Pfad des Lebens leiten
    FAUST Ha wohl mag dies die größte Qual der Verdammten sein wenn der
Teufel ihnen Busse predigt
    TEUFEL Es ist lustig genug dass ihr es dazu kommen lasst Elender und wenn
die Stimme der Wahrheit und Busse laut vom Himmel selbst erschallte ihr würdet
ihr euer Ohr verschließen
    FAUST Erwürge mich und töte mich nicht mit deinem Geschwätze das mein Herz
zerreißt ohne meinen Geist zu überzeugen Willst du dass ich dein Gift Tropfen
für Tropfen einschlürfen soll giesse ein deine Vorstellungen laufen im
Ungeheuren zusammen und verlieren ihre Kraft an mir Sieh meine Augen sind
starr und trocken nenne meine Stumpfheit Verzweiflung  noch kann ich ihrer
spotten und mein Geist kämpft mit der peinlichen Wallung meines Herzens Nur
dieser da und die ich eben gesehen liegen wie eine ungeheure Last auf mir und
zerknirschen meine sich noch empörende Kraft Um der guten Tat willen muss er
hier henken Um der guten Tat willen müssen sie im Elend verschmachten und eine
Reihe niederträchtiger Sünder fortpflanzen Sah ich was anders als Morden
Vergiften und Greuel in der Welt Sah ich nicht überall den Gerechten zertreten
und den Lasterhaften glücklich und belohnt
    TEUFEL Das kann nun wohl sein und beweist nur was für Kerle ihr seid aber
was prahlst du mir immer von deiner guten Tat vor Wodurch verdient sie diesen
Namen Etwa dadurch dass du mir den Wink dazu gegeben der dich wahrlich nicht
viel gekostet haben kann Um es zu einer edlen Handlung zu machen hättest du
dich in das Wasser werfen und den jungen Mann auf Gefahr deines Lebens retten
müssen Darauf deutete ich als ich dir sagte vermutlich kannst du nicht
schwimmen Ich warf ihn an das Ufer und verschwand Dich selbst würde er erkannt
haben und von Dankbarkeit gerührt hätte der Zerstörer deiner Familie ihr
Beschützer und Verteidiger werden können.
    FAUST Quälen kannst du mich Teufel aber die Zweifel des Menschen kannst
du aus Stumpfheit nicht lösen oder willst es aus Bosheit nicht tun Nie drangen
sie giftiger in mein Herz als in dieser Stunde da ich den Jammer meines Lebens
meiner Zukunft überblicke Ist das menschliche Leben etwas anders als ein Gewebe
von Pein Laster Qual Heuchelei Widersprüchen und schielender Tugend Was ist
Freiheit Wahl Wille der gerühmte Sinn Böses und Gutes zu unterscheiden wenn
die Leidenschaften die schwache Vernunft überbrüllen wie das tosende Meer die
Stimme des Steuermanns dessen Schiff gegen die Klippen treibt Wozu das Böse
Warum das Böse Er wollte es so kann der Mensch den Samen des Bösen aus der
ungeheuren Masse herausreissen den er mit Willen hineingelegt hat Noch wütender
hasse ich nun die Welt den Menschen und mich Warum gab man mir der zum Leiden
geboren ist den Drang nach Glück Warum dem zur Finsternis Gebornen den Wunsch
nach Licht Warum dem Sklaven den Durst nach Freiheit Warum dem Wurme das
Verlangen zu fliegen Wozu eine unbeschränkte Einbildungskraft die immer
gebärende Mutter kühner Begierden verwegner Wünsche und Gedanken Freiheit dem
Menschen in dieser verzweifelnden Stunde kann ich noch bei diesem sinnlosen
Worte hämisch lachen Ja den Durst nach ihr den kenne ich und darum stehe ich
nun in diesem verdammten Kreise Frei der auf dessen Nacken das eiserne Joch
der Notwendigkeit von der Wiege bis zu dem Grabe drückt Wahrlich wenn er es
umwunden hat wie man das Joch des Pflugochsens umwindet so geschah es nicht
darum dass er unsers Nackens schonte sondern darum dass wir die mühsame Furche
des Lebens ganz durchackern sollten und entkräftet an dem Ziele hinsänken Nun
labe ihn mein Stöhnen ich habe es erreicht Zerschlage das Fleisch das meine
dunkle zweifelvolle Seele umhüllt nimm ihr das Erinnern dass sie einen
menschlichen Leib zum Sünder gemacht hat dann will ich einer der Eurigen werden
und nur im Wunsche des Bösen leben O der herrlichen Welt worin der blinde
unterjochte Mensch weise Zwecke aus den Martern die ihn zerreißen dem ihn
umheulenden Jammergeschrei der Elenden dem Siegesgesang der Unterdrücker der
ihn umgebenden Verwüstung und Zerstörung zusammenlesen soll worin er nichts
fühlt und sieht als eine unwiderstehliche Tyrannei die ihn hier und dort vor
Gericht fodert wenn er laut zu murren wagt Ha Teufel reiße meine Brust auf
und schreibe mit dem kochenden Blut meines Herzens deine schöne Teodizee die
du mir eben vorgesagt in jene dunkle Wolke Mag sie ein Philosoph kopieren und
die Menschen damit narren Verherrlicht sich nicht der Ewige in Zerstörung und
im Schaffen zur Zerstörung So rauche dann mein Blut an dem Altar des
Furchtbaren wie das Blut eines Opfertiers das der Unsinn dem Götzen schlachtet
Dass ichs mit beiden Händen fassen gegen den dunkeln Himmel schleudern könnte
damit es dort glühe wie es nun in meinen Adern glüht und zu seinem Thron
aufschreie
    Ha Teufel dieses gefällt deinen Ohren nicht wie der zischende heulende
Gesang der Verzweiflung den du erwartet hast  noch kennst du den Menschen
nicht ganz Was ist die Leitung des Himmels wenn ein Wurm wie ich durch das
Mittel eines Verworfnen wie du bist durch seinen eignen Willen sein Werk
verpfuschen kann Ist hier Gerechtigkeit Musste Faust so geboren werden sich so
entwickeln so denken und empfinden dass Tausende elend durch ihn würden Warum
mussten meine Fähigkeiten und Leidenschaften mehr zum Missbrauch als zu edlen
Zwecken gestimmt sein Wollte es meine Natur so so wollte es auch der der sie
mir gegeben hat Er muss Gefallen an diesen Verwirrungen haben sonst hätte er
mich der moralischen Notwendigkeit ebenso gewaltsam unterworfen als der
physischen Löse nur immer den Zauber der mich in diesem Kreise fesselt und
ich werde dir nicht entfliehen und könnte ich s ich wollte nicht denn die
Pein der Hölle kann nicht größer sein als das was ich fühle
    TEUFEL Faust mich freut deines Muts und ich höre das was du sagst noch
lieber als die wilden Töne der Verzweiflung Sei stolz darauf deine genialische
Kraft bis zum Unsinn und zur Lästerung getrieben zu haben die Qual der Hölle
erwartet dich dafür Ich bin deines Geschwätzes und der Erde müde Es ist Zeit
zum Abfahren deine Rolle ist hier gespielt du beginnest eine die nie enden
wird Tritt aus deinem Kreise und begrabe den Unglücklichen dann will ich dich
fassen deinen bebenden mürben Leib von deiner Seele streifen wie man dem Aale
die Haut abstreift ihn zerstückt auf das umherliegende Feld streuen den
Vorübergehenden zum Ekel und Abscheu
                                       7
Faust stieg den Galgen hinauf und löste den Strick von dem Halse seines Sohns
trug ihn auf das nahe Feld das der Pflug frisch aufgerissen grub mit seinen
Händen unter Schluchzen und Tränen ein Grab und legte den Unglücklichen hinein
Hierauf trat er vor den Teufel und sprach mit wildem Tone
    »Das Maß meines Jammers ist voll zerschlage das Gefäß das ihn nicht mehr
fassen kann aber noch habe ich Mut mit dir um mein Leben zu kämpfen denn ich
will nicht sterben wie der Sklave der unter der Gewalt seines Herrn ohne
Widerstand hinsinkt Erscheine mir unter welcher Gestalt du willst ich ringe
mit dir Um der Freiheit der Unabhängigkeit zog ich dich aus der Hölle am
Rande der Hölle will ich sie behaupten am Rande der furchtbaren Wohnung will
ich noch meine Kraft gebrauchen und fühlen dass ich dich einst an meinem
Zauberkreise gefesselt sah und dich zu geisseln drohte Was du in meinen Augen
siehst sind Tränen der Verstockung Tränen grimmigen Unwillens  Teufel nicht
du mein eigenes Herz siegt über mich«
    TEUFEL Ekelhafter Prahler mit diesem Fleische reiss ich dir die Maske ab
die mir Mut vorlügt und stelle dich hin in deiner elenden scheußlichen
Nacktheit Die Rache rauscht heran und Ewigkeit ist ihr Name
    Er stund in Riesengestalt vor ihm Seine Augen glühten wie vollgefüllte
Sturmwolken auf denen sich die untergehende Sonne spiegelt Der Gang seines
Atems glich dem Schnauben des zornigen Löwens Der Boden ächzte unter seinem
ehernen Fuße der Sturm sauste in seinen fliegenden Haaren die um sein Haupt
schwebten wie der Schweif um den drohenden Kometen Faust lag vor ihm wie ein
Wurm der fürchterliche Anblick hatte seine Sinne gelähmt und alle Kraft seines
Geists gebrochen Dann fasste ihn Leviatan mit einem Hohngelächter das über die
Fläche der Erde hinzischte zerriss den Bebenden wie der mutwillige Knabe eine
Fliege zerreißt streute den Rumpf und die blutenden Glieder mit Ekel und
Unwillen auf das Feld und fuhr mit seiner Seele zur Hölle
                                       8
Die Teufel waren um den Satan versammelt der mit den Fürsten zu Rate saß um
auszumachen mit was für Strafen man den Papst Alexander den Sechsten peinigen
müsste Seine Verbrechen und der letzte Augenblick seines Lebens waren so einzig
dass auch die boshaftigsten Teufel in Verlegenheit waren die Pein zu bestimmen,
die er verdiente Der Papst stund vor seinen Richtern die ihn so spöttisch und
übermütig behandelten als nur immer ein fürstliches Gericht einen Angeklagten
behandelt der weiter nichts vor sich hat als das Unglück ein Mensch zu sein
Auf einmal fuhr Leviatan triumphierend in ihre Mitte hielt die Seele Fausts am
Schopfe und schleuderte ihn hin
    »Da habt ihr den Faust«
    Die Hölle empfing ihn mit einem so lauten Freudengebrülle dass die
Verdammten in ihren Pfühlen erbebten »Willkommen Fürst Leviatan da ist der
Faust da ist der Faust«
    SATAN Willkommen Fürst der Hölle Willkommen Faust wir haben hier genug
von dir gehört
    LEVIATHAN Da hast du ihn nun Satan Sieh selbst was an ihm ist Er hat
mich nicht wenig geplagt aber seine Torheit hat der Hölle gewuchert und ich
hoffe du bist mit meinem Aufenthalt auf Erden zufrieden Zum Lohn bitte ich
dich mich für Jahrhunderte mit solchen Aufträgen zu verschonen ich bin des
Menschengeschlechts übersatt ob ich gleich gestehen muss dass dieser hier den
letzten Augenblick seines Lebens so bitter er auch war nicht übel bestanden
hat aber dies kommt daher dass er sich in frühern Jahren mit jener Philosophie
abgegeben die du die Menschen gelehrt hast
    SATAN Ich danke dir Fürst Leviatan und verspreche dir du sollst lange
mit mir im Dampf der Hölle verweilen und die Schatten der größten Fürsten der
Erde zum Zeitvertreib reiten und geisseln  Hm ein ganzer Kerl und scheint mir
den Menschen völlig ausgezogen zu haben Verzweiflung Vermessenheit Hass
Groll Schmerz und Wahnsinn haben tiefe Furchen in seine Seele gerissen Er
sieht selbst uns und die Hölle ohne Beben an Faust bist du auf einmal stumm
    FAUST Nicht aus Furcht ich war gegen einen Mächtigern kühn und darum bin
ich hier
    SATAN He führt doch den Trotzigen ein wenig nach dem Pfuhl der Verdammten
und nehmt eine Legion meiner mutwilligen Hofjungens mit dass sie sie
zusammengeisseln damit dieser Biedermann mit der Wirtschaft der Hölle bekannt
werde
    Ein Teufel riss ihn nach dem Pfuhl der Verdammten Die Legion schwärmte nach
    LEVIATHAN der den Papst wahrnimmt Ha willkommen in der Hölle Papst
Alexander Ich hoffe der Kitzel ist Euch nun vergangen den Teufel zum Ganymed
machen zu wollen
    PAPST seufzend Leider
    SATAN Ha ha ha das ist mir ein guter Schlag von Menschen die jetzt auf
der Erde wirtschaften Lass nur erst den Geist der Reformation über sie kommen
und sie nach der neuen Welt hinziehen einen neuen Tummelplatz ihrer Greuel und
Laster zu entdecken so wird es noch toller hergehen
    PAPST Schade dass ich nicht dabei sein kann
    SATAN Ein sehr päpstlicher Wunsch doch tröste dich nur deine Landsleute
werden schon die Millionen um ihr Gold erwürgen
    PAPST Was tut man nicht ums Gold Wisst Ihr wohl Herr Satan dass ich diese
neue Welt zwischen Spanien und Portugal geteilt habe Nun käme mir wenigstens
der dritte Teil des Golds zu Oime
    Faust kam mit der teuflischen Begleitung zurück
    SATAN Nun Faust wie gefällt dir das Bad und die welche sie dort
abreiben
    FAUST Unsinniger rasender Gedanke dass der edle Teil des Menschen für die
Sünden des aus Kot geschaffnen leiden und büßen soll
    Die Teufel lachten dass es durch die unendliche Hölle ertönte
    SATAN Bravo Faust das was du sagst und wie du dich benimmst zeigt mir
dass du für einen Menschen zu gut bist Auch bin ich dir einen besonderen Lohn für
die schöne der Hölle so nützliche Erfindung der Buchdruckerei schuldig
    PAPST Was ein Buchdrucker und hat sich an meinem Hofe für einen Edelmann
ausgegeben und bei meiner Tochter Lucretia geschlafen
    FAUST Schweig stolzer Spanier ich habe sie reichlich dafür bezahlt und
du hättest dich mir für eine gleiche Summe prostituiert wenn ich eine Bestie
gewesen wäre wie du Wisse meine große Erfindung wird mehr Gutes stiften und
dem Menschengeschlecht mehr nützen als alle Päpste vom heiligen Peter bis auf
dich Scheusal
    SATAN Faust darin irrst du dich Erstens werden dir die Menschen den Ruhm
der Erfindung dieser Kunst rauben 
    FAUST Dieses ist noch mehr als Verdammnis
    SATAN Merkt mir doch auf den Menschen er steht vor mir dem Satan hat den
Pfuhl der Verdammten gesehen und hält die Qual der Hölle für nichts gegen seine
Hirngespinste Ruhm und Wahn Seht mir doch was aus diesen Ebenbildern des
Höchsten geworden ist seitdem sie sich in Gesellschaften gesammelt Könige über
ihren Leib und ihre Seele gewählt haben Bücher lesen und ein erkünsteltes Ding
ihres eignen eitlen stolzen unruhigen und wahnsinnigen Geistes geworden sind

    Zweitens Faust werden die Schatten zu Hunderttausenden herunterfahren
über dich herfallen dich mit ihren Flüchen ängstigen dass du die kleine Quelle
des Gifts des menschlichen Verstandes in einen ungeheuren Strom verwandelt hast
Fühlst du denn nicht aus eigener Erfahrung was euch die Wissenschaften sind und
was sie aus euch machen doch hiervon soll dich dein ehemaliger Begleiter
Leviatan unterhalten und dir eröffnen dass das Unheil das du über die Menschen
gebracht hast deine sonstige Frevel noch weit übertrifft Ich der Herrscher
der Hölle der dadurch gewinnt bin dir Lohn dafür schuldig und wenn du dem
Ewigen fluchen willst der dich entweder nicht besser machen konnte oder wollte
so sollst du der Pein der Hölle entfliehen und einer unsersgleichen werden
    PAPST Satan lasst mich der erste sein als Papst muss ich wenigstens den
Rang über ihm haben
    SATAN Merkt mir doch diese Menschen ihr Teufel und seht wie sie euch
beschämen Papst du hast es getan da du meinem Leviatan zu Füßen fielst
Faust wähle 
    Faust trat hervor  die rasende Verzweiflung rollte sich in scheußlichen
Zügen auf seiner Schattengestalt   er  wer kann den Frevel ausdrücken
    Alle Teufel bebten bei seinen Worten und erstaunten über seine
Vermessenheit Seit der Entstehung der Hölle herrschte keine solche Stille in
dem dunklen furchtbaren Reiche der Wohnung ewigen Jammers ewigen Geheuls
Faust unterbrach sie und forderte den Satan zur Erfüllung seines Versprechens
auf
    SATAN Tor wie kannst du von mir erwarten dass ich der Herrscher der
Hölle dir mein Wort halten sollte da man kein Beispiel hat dass ein Fürst der
Erde je sein Wort gehalten hätte wenn er nichts dabei gewann Wenn du vergessen
kannst dass du ein Mensch bist so vergiss nicht dass du vor dem Teufel stehst
Meine Teufel erblassten bei deiner Verwegenheit mein fester unerschütterlicher
Thron erbebte bei deinen vermessnen Worten und ich glaubte einen Seigerschlag
ich hätte zu viel gewagt Fort deine Gegenwart macht mich unruhig und du
beweisest dass der Mensch mehr tun kann als der Teufel ertragen mag Zerrt ihn
in den schrecklichsten Winkel der Hölle dort schmachte er in düstrer Einsamkeit
und starre hin vor der Betrachtung seiner Taten und dieses Augenblicks der nie
zu versühnen ist Dass ihm kein Schatten nahe Geh und schwebe allein und
verloren im Lande wo keine Hoffnung kein Trost und kein Schlaf wohnen Nur im
Vergangenen im Bewusstsein deines Wahnsinns und deines Frevels sollst du leben
Die Zukunft die eure Eitelkeit und euer Stolz so gern ausschmücken sei für
dich nichts als der schreckenvolle Gedanke dein Dasein sei eine ewig
fortlaufende Reihe einer unveränderlichen Qual eines unveränderlichen
peinlichen Gefühls deines Selbsts Nur ein einziges peinvolles Gefühl sollst du
fühlen nur einen einzigen peinvollen Gedanken denken Es soll dir Genuss zu sein
scheinen diesen endlosen Schmerz nur mit einem andern wechseln zu können An
deiner Seele sollen ewig die Zweifel nagen die dich in deinem Leben gequält
haben und nie soll sich dir eins der Rätsel enthüllen um deren Auflösung du
hier bist Dies ist die peinlichste Strafe für einen Philosophen deiner Art und
ich habe sie vorzüglich meinen Schülern vorbehalten Die Hölle ist voll von
ihnen und du hast den Samen zu grössrer Bevölkerung meines Reichs ausgestreut
Reisst ihn weg martert ihn Fasst diesen Papst und werft ihn in einen andern
Winkel in der Hölle ist ihresgleichen nicht
    Nach den Worten Satans ward Fausts Gestalt immer schwärzer und schwärzer
Die Züge der Menschheit verloschen Ein düstres gestaltloses scheussliches
schwimmendes Gewebe umschlang seine Seele Noch wütete er die Wut schoss
glühende Funken aus dem gestaltlosen Gewebe und erleuchtete es Zum letztenmal
wütete er Leviatan brüllte »Ich will ihn ergreifen und mich nochmal an dem
rächen der mich gezwungen hat die mir verhasste Erde das mir noch verhasstere
Deutschland zu betreten« Und er ergriff mit eiserner Faust das düstere verzerrte
Gewebe samt der Seele Fausts Da goss sich die gedrohte Qual über ihn aus und
ein Stöhnen erscholl aus dem Gewebe dass hätten es Menschen mit Ohren aus
Fleische gebildet vernommen ihr Herz wäre bei dem Stöhnen erstarrt und die
Quelle ihres Lebens versunken Noch stöhnte Faust aus dem düstren Gewebe unter
Leviatans eiserner Faust Als er mit ihm bei den heulenden Verdammten
vorüberfuhr fühlten sie bei dem schrecklichen Stöhnen zum erstenmal Mitleid mit
einem ihresgleichen und vergaßen das Geheul über ihren eignen Jammer Noch
schwebte das Gewebe und verlor sich nun tiefer und tiefer in der unendlichen
Ferne Dann schleifte es Leviatan über die verbrannten Felsen hin dass die noch
glühende Asche unter ihm aufloderte  schwung sich mit ihm empor bis zu der
ehernen Wölbung der Hölle schleuderte ihn herunter und er sank in den einsamen
Abgrund So erhebt sich die kühne Seele des Forschers verwegen bis zu dem
Begriff des Unfasslichen Unbegreiflichen in die Höhe bis das Gefühl des
menschlichen Unvermögens ihre Flügel lahmt und sie wirbelnd schwindelnd in ihr
Dunkel zurücksinkt um in Verzweiflung zu erwachen
    Belial der Aufseher und Beherrscher der verdammten Päpste Erzbischöfe
Bischöfe und gefürsteten Äbte ergriff die Seele Alexanders eine Mischung von
scheußlichen widersinnigen Gestalten hatte sie umhüllt und ein furchtbares
Ungeheuer gebildet dass die Verdammten gewöhnt an scheussliche Gestalten
gleichwohl vor Entsetzen ihre Häupter in den glühenden stinkenden Pfuhl
tauchten da Belial mit dem Papst bei ihnen vorüberfuhr
    Nach ihrem Verschwinden sagte Satan lächelnd
    »Das sind mir Menschen und wenn sie etwas Scheussliches vorstellen wollen
malen sie den Teufel so lasst uns denn wenn wir etwas Schändliches vorstellen
wollen den Menschen zur Wiedervergeltung malen und dazu sollen mir
Philosophen Päpste Pfaffen Fürsten Erobrer Höflinge Minister und Autoren
sitzen«
 
                                    Epilogus
So fasse sich ein jeder in Geduld und dringe nicht auf Kosten seiner Ruhe
verwegen in die Geheimnisse die der Geist des Menschen hier nicht enthüllen
kann und soll Auch richte keiner denn keinem ist das Richteramt gegeben Halte
deine rasche Aufwallung bei den Erscheinungen der moralischen Welt die dein
Herz empören deinen Verstand verwirren im Zaum und bebe ein Urteil zu fällen
denn du kannst nicht erkennen wie und woher sie kamen wohin sie zielen und wie
sie für den enden der sie veranlasst Dem Geist des Menschen ist alles dunkel
er ist sich selbst ein Rätsel Lebe in der Hoffnung einst helle zu sehen und
wohl dem der seine Tage so hinlebt er allein hat gewonnen denn das übrige ist
in der Macht dessen der den Menschen so prüfen wollte und ihm die Kraft die
Prüfung zu bestehen mitgeteilt hat Dies erkennt der wahre Weise und erwartet
in Unterwerfung sein Los Ich hatte eine gute Absicht bei diesem Buch doch der
Mann der ein Buch schreibt ist mit dem der ein Kind zeugt in gleichem Fall
keiner weiß welche Frucht seine Pflanze tragen wird und das Sprüchwort hat
recht Der Wurf aus der Hand ist des Teufels Übrigens wünsche ich den deutschen
Autoren billige Verleger den Verlegern guten Abgang dem Publikum mehr Geld und
Geduld Geschmack würde zu oft den Handel verderben Der gesamten Klerisei
weniger Toleranz und Wissenschaften Insbesondere wünsche ich einigen Herren der
protestantischen Klerisei dass es ihnen vorzüglich zu ihrem Besten gelingen
möchte das Lutertum und den Kalvinismus unter das viel sinnlichere Papsttum zu
begraben Nur dadurch werden sie den wankenden Säulen dieses der Klerisei so
nützlichen Gebäudes wiederum neue Tragkraft verschaffen und natürlich müssen
sie selbst bald ganz andere Männer im Staate werden Auch lässt sich mit
Gewissheit hoffen dass der Hauptbeförderer dieses frommen Unternehmens der
Phantast aus  der erste Heilige in dem neuen römischen Kalender werden muss
Kann wohl der zertretne Pius der Sechste weniger für ihn tun als seine weisen
Vorfahren für den großen Loyola getan haben Seine Schüler und Schülerinnen die
schon lange den heiligen Schein wie elektrische Funken aus seinem erhitzen
Gehirne strahlen sehen werden gern die Kosten dazu hergeben damit der Teufel
bei dem Prozesse zum Schweigen gebracht werde Dass aber dieses erspriessliche
Werke baldmöglichst zustande komme so sehe der feurige Mann aus  auf und tue
das erste nötige Wunder Er ziehe gleich einem neuen Moses eine dicke
schwarze Finsternis eine verderbende Seuche über die Königsstadt  dass ihr
feiner beissender attischer Witz ihre gesunde die Schwärmerei zerstörende
Vernunft durch ein böotisches Dunkel und pestilenzialische Luft verdickt und
getötet werde Soll es aber ein wahrhaftes Wunder werden so mache er sich
schnell auf damit ihn das Schicksal das ihm dorten durch einige schwarze
Kakodämonen vorzugreifen droht nicht um den zu hoffenden Ruhm bringe Ist ihm
dies gelungen so schlage er an die Gräber der Jesuiten bewirke ihre
Auferstehung und singe dann das Siegeslied über den Menschenverstand Den
Philosophen wünsche ich dass es ihnen gelingen möge ihren größten Gegner den
alles zermalmenden Kant zu besiegen damit ihr Katheder für immer und ewig von
dem metaphysischen Unsinn erschallen möge Den Fürsten mehr Strenge und mehr von
jener Kunst die Untertanen systematisch zu schinden und zu plündern Den
deutschen Männern den bittersten Hass gegen Freiheit die zärtlichste Liebe für
Sklaverei und den deutschen Weibern dass sie mit eben dem Vergnügen gebären
möchten als sie wie man sagt empfangen Glückliche herrliche Zeit so wird es
dann unsern erhabenen Fürsten gnädigen Erzbischöfen gefürsteten Äbten
hochgebornen Reichsgrafen Baronen Rittern und frommen Klöstern unsres
Vaterlands nie an Werkzeugen zu missbrauchen an Soldaten zu verhandeln an
Schwämmen auszudrücken und an Untertanen zu schinden mangeln Dass die Geduld
nicht reiße dafür werden ihre Helfershelfer ihre Vesire ihre Klerisei Räte
und die edle Schriftsteller nebst der Journalistenzunft sorgen Umsonst rufen
einige Treffliche Erleichtert die Bürden eurer Lasttiere wenn ihr nicht wollt
dass sie dieselben einst gewaltsam abwerfen und euch darunter begraben Die
gnädigen Herren wissen durch ihre Räte dass kein Tier der Erde sanftmütiger und
tapfrer leidet und trägt als der ehrwürdige Esel und der aufrichtige edle
Teutsche
 
                                    Fußnoten
1 So die Tradition welcher man hier allein folgt
2 Originalität
3 Ich weiß dass ich hier Gefahr laufe beschuldigt zu werden den Sinn der
ganzen Rede des Doktors aus einigen deutschen Journalen abgeschrieben zu haben
Man tut mir aber sehr unrecht die Züge passen nur auf das funfzehente
Jahrhundert in welchem dieses Drama spielt Weiß doch jedermann dass
gegenwärtig von diesem System das den Doktor noch in der Hölle entzückt keine
Spur in Deutschland zu finden ist Ich konnte darum dem Publico diese Rede nicht
weiter vorenthalten damit man sehe wie weit wir uns von unsern Vorfahren
entfernt haben Doch dieses werden die berühmten Kapitel über die Privilegien
und die Rechte teutscher Nation in unserm vortrefflichen klassischen Buche über
die teutsche Staatsverfassung noch besser ins Licht setzen Man vergleiche es
nur mit Kolins Werk über Engelland und man wird sehen dass sich beide Bücher
wenigstens in den Kapiteln über Volksrecht vollkommen gleichen
4 Originalität
5 Das Rataus
6 Man verliere ja nicht aus den Augen dass dieses Drama zu Ende des funfzehnten
Jahrhunderts spielt und folglich keinen der jetzt Lebenden beleidigen kann und
soll Übrigens weiß ich nicht ob der Teufel den Reichsstädtern und Deutschen
überhaupt größere Komplimente machen könnte als er bin und wieder tut und es
bewiese nur gegen ihre Tugend und ihr Christentum wenn sie dieselben nicht mehr
verdienten oder gar in einem andern Sinne nahmen
7 Aus dieser Stelle sieht man dass der Verfasser viele Abenteuer in Deutschland
um sein Buch nicht zu dick zu machen unterschlagen hat Vielleicht dass sie
einstens erscheinen
8 Siehe Taxae Kancellariae Apostolicae etc gedruckt zu Rom und Paris etc
9 Man glaube ja nicht dass ich mich hier nach der Weise eines großen Teils
unsrer deutschen Schriftsteller an diesem großen und einzigen Genie der alten
und neuen Zeit vergehen will Ihnen muss man diese Freude freilich wohl so lange
lassen bis wir einst selbst einen Voltaire erhalten Ich wollte hier nur so
viel sagen dass Rousseau einiges Recht hat wenn er von Voltaire sagt que
Voltaire en paroissant croire en Dieu na réellement jamais cru quau diable
Gleichwohl sag es zu viel wie gewöhnlich jeder jeder witzige Einfall und wenn
man bedenkt dass Voltaire Geschichtschreiber war dass er nur mit Großen und
zwar mit Großen aus den Zeiten des Regenten Ludwigs des XV und mit
Schriftstellern gelebt hat so wird seine faustische Laune die er hin und
wieder äußert wenigstens begreiflich
10 Resignation
11 Der Teufel der um Fausten zu plagen seine Zweifel immer nur schärfen will
deutet hier auf folgende Theorie die er vielleicht darum nicht bestimmt
ausdrückt weil er glaubt sie möchte dem Stolze des Menschen zu viel
schmeicheln und ihm durch eine Reihe von wahren oder falschen Schlüssen einen
erhabenen Begriff von der Gottheit beibringen Sie lautet so
Der Mensch ist vermöge seines freien Willens und seines ihm eingedrückten innern
Sinns sein eigener Herr Schöpfer seines Schicksals und seiner Bestimmung Er
kann durch seine Taten und sein Würken den schönen Gang der moralischen Welt
befördern und stören nach seiner Lage und Denkart oft ganze Völker ja ganze
Weltteile glücklich oder unglücklich machen und das ganze Menschengeschlecht
vom Bettler bis zum König ist also, jeder nach seiner Kraft zusammengenommen
Werkmeister der sogenannten moralischen Welt Er entwickelt also nur das einmal
in ihn gelegte Streben wie jedes Ding der sichtbaren Welt doch mit dem
Unterschied dass nur ihn sein freier Wille und sein das Böse und Gute
begreifender Sinn der Strafe und Belohnung fähig machen Diese Theorie greift
die Vorsicht freilich nicht an aber doch die mittelbare Leitung und feste
Bestimmung von oben und da sie von dem Teufel herkommt überdem sehr
unteologisch zu sein scheint und die moralische Welt so unsicheren Händen
anvertraut so lass ich sie ohne weiteres da stehen so vielen Glanz sie auch auf
die Moral zurückwirft Der Leser mache damit was er will