1791-1805_Thuemmel_Reise.html




        
                           Moritz August von Tümmel
           Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich im Jahr
                                 1785 bis 1786
                                   Erster Band
                                 Erster Teil
 Die dunkle Wahrheit Freund die Dein beredter Mund
Mich ahnden ließ seh ich nun ganz erläutert
    Ich war nur krank im Traum und fröhlich und gesund
Bin ich erwacht und sehe rund
Um mich herum die Welt mit Opernglanz erheitert
Die ehmals lichterarm gleich einem Puppenspiel
Mir widerlich ins Auge fiel
In meinem Büchersaal verriegelt
Sah ich schwermütig und erschlafft
Die Welten über mir mit Kraft
Und Tätigkeit und Mut beflügelt 
Sah unter mir die Würmchen aufgewiegelt
Zu einer kleinen Wanderschaft
Ich gaffte mit gefärbter Brille
Das Spiel der Schöpfung an mein Wille
War ohne Herrn  Kaum regte sich
Nur noch ein dumpf Gefühl von meiner morschen Hülle
Mit welchem schwer belastet ich
Ins traurige Gebiet der ernsten Todesstille
Aus dem Parterr hinüber schlich 
Doch da erschienst Du Freund mit tröstender Gebärde
Und widersetztest Dich der stolzen Übermacht
Des Hypochonders  sprachst »Es werde«
Und es ward hell in meiner Nacht 
Wie sorgsam hast Du nicht den fast erloschnen Dacht
Auf diesem großen Opferherde
Zu neuen Flammen angefacht
Des Unmuts Nebel ist verflogen
Der Essig meines Bluts versüsst
Seit ich den Lerchen nachgezogen
Und mich der freundlichste von allen Himmelsbogen
In Languedocs Gefilde schließt
Am Quell des Lichts erwärmt dünk ich mich hier dem Auge
Der Vorsicht mehr genaht zu sein
Und fühle mich entzückt und sauge
Den Äther der Verklärten ein
Auf Blumen führen mich versuchte Zeitbetrüger
Von einer kleinen Lust zu einer größeren hin
Mich kümmerts nicht ob ich seit gestern klüger 
Genug für mich wenn ich vergnügter bin
Kein Skrupel steigt mir auf  Ich stehle
Mich heimlich aus dem Kreis der Börhav und der Bayle
Und ihrem Kriminalverhör
Und achte nun des Körpers und der Seele
Berühmte Charlatans nicht mehr
Wer sagt es mir was doch im Schalle
Des Postorns  in dem mutgen Knalle
Der Peitsche für ein Zauber liegt
Hoch steigt mir jetzt die Welt gleich einem Federballe
Der im Zenit der Kinderjahre fliegt
Und alles lacht mich an und froh denk ich mir alle
Mitlebende gleich mir vergnügt
So wird der Wein der ewig zu Madere
Gemeiner Wein geblieben wäre
Zu dreimal besserm umgestimmt
Wenn er als Fracht von einer Hemisphäre
Zur andern auf und niederschwimmt
    Ich kann mir nicht helfen  so demütigend auch das Geständnis für den Stolz
des innern Menschen sein mag  so schwer es auch über die Lippen eines
ausgemachten Philosophen gehen würde dennoch sage ich es zur Ehre der Wahrheit
und unverholen dass ich nur dem Rütteln und Schütteln einer armseligen
Postchaise den wieder erlangten freien Gebrauch meiner Seelenkräfte verdanke
Mit Hilfe eines Meilenmessers könnte ich genau die Entfernung könnte genau auf
der Postcharte jeden Punkt angeben auf dem ich diese und jene gute Eigenschaft
wieder fand die mir Gott weiß wie nach und nach von der Hand gekommen war
Ich musste sie freilich ziemlich einzeln zusammen lesen und es verging manche
liebe Stunde ehe ich meinen Verlust ersetzt sah  musste mich drehen und wenden
und manche Lage versuchen bevor ich in meine natürliche kam
    Ich verschloss meinen Wagen wie die Zelle eines Kartäusers als ich mich
aus dem für mich so geräuschvollen Berlin rettete und glaubte der Welt einen
rechten Possen zu tun dass ich meine Stors herabliess Aber die Welt ging ihren
Gang und mir hingegen trat mit jeder Station bis Leipzig das Unbehagliche
meines abgezogenen Lebens immer näher ans Herz Johann besorgte von außen alles
was nötig war seinen elenden Herrn weiter zu bringen und er wäre mit diesem
unruhigen Geschäfte mir auch nur lästig an meiner Seite gewesen so ein
ehrlicher Kerl er auch sein mag Schon die heitere Miene mit der er bald die
Wolken bald die Schafe die uns begegneten anlächelte schickte sich gar nicht
in die Nachbarschaft meines Ernstes Ich musste einen Begleiter haben der mir
ähnelte und ich hatte das Glück im blauen Engel einen auszufinden der meinen
Eigensinn meinen Hass gegen Scherze und Liebkosungen mein Stillschweigen meine
gerunzelte Stirne ja sogar mein Astma vollkommen in sich vereinigte  Es wird
Dir gewiss lieb zu hören sein dass diesmal von keinem menschlichen Geschöpfe
sondern nur von einem Mopse die Rede ist den ich für einige Taler erhandelte
Das arme Tier ward in meine Reise verflochten ohne zu wissen wie ihm geschah
und fand sich geschwind genug darein denn wir hätten zusammen um die Welt
reisen können ohne dass einer dem andern in stärkerm Grade lästig geworden wäre
als es gerade zur Übung unserer gemeinschaftlichen Laune nötig war Jetzt ist
mir freilich der gute Mops nicht mehr so unentbehrlich denn ein frohes
menschliches Auge weiß auch an untergeordneten Geschöpfen ihre hellen Farben und
den Instinkt ihrer Freude zu schätzen und gibt gewiss einem mutigen Windspiele
den Vorzug vor einem schnarchenden Mopse Für meine Erinnerung indes behält er
noch immer seinen Wert Wie gern lächle ich manchmal in dem Gefühl meines
Wohlbehagens dies treue Ebenbild meines vorigen Missmuts an und schlage oft
wenn ich bei seinem Lager vorüber gehe dankbar meine Augen zum Himmel auf
Ursache genug dass ich ihn beibehalte um auch Gesellschafter meiner Rückreise zu
sein   
    Wer ist denn der blühende Mann der da vor mir in das Zimmer tritt fragte
ich in Frankfurt den Wirt zum Römischen Kaiser indem ich von seinen Leuten so
behutsam wie zerbrechliche Ware ausgeladen ward  fragte mit so matter
hohlklingender Stimme dass er für dringender hielt meinem Tone als meiner
Neugier zu antworten Ich will dafür sorgen dass Sie neben ihm zu sitzen kommen
sagte er  es ist einer unserer geschicktesten Ärzte
    In diesem kleinen Zufalle lag es dass ich dem Berufe seit acht Tagen zum
erstenmale Gehör gab in Gesellschaft von Menschen menschlich zu essen denn
bis jetzt war das Pulver des Grafen von Pilo dieses herrliche Gegenmittel wider
die Wechselfieber und die böse Luft noch immer mein Frühstück geblieben Mit
dem Schlage der zehnten Morgenstunde  und hätte sie mich an dem steilsten
Abhange eines Berges getroffen  ließ ich halten um mit der Jungfer Steffens
dem Steine  um elf Uhr mit dem Freiherrn von Hirschen der Schwindsucht und zu
Mittage mit dem berühmten dAilhaud der Gicht entgegen zu arbeiten damit ich am
Abend jeden Tages der Kraftbrühe des D Kämpf desto würdiger sein möchte
    So regelmäßig hatte ich gelebt um meine leibliche Gestalt die sich zu
Berlin schon durch ihr Ansehen überall Platz machte unverändert nach Frankfurt
zu bringen Den Gästen sobald ich in den Speisesaal trat blieb der Bissen im
Munde stecken Sie rückten erschrocken zusammen und ließ mir und dem Arzte
an den ich mich anklammerte eine ganze Seite des Tisches frei Ich hingegen da
ich um mich her blickte las in jedem Auge welchen lächerlichen Kontrast die
Blässe meines Gesichts mit dem Schimmer des seinigen darstellen musste  Ich
weiß nicht warum aber länger konnte ich nun seine auszeichnende Röte nicht
ohne Verdruss ansehen und ich war drauf und dran in meinen alten Irrtum zu
verfallen sie auch an Ihm für die Leibfarbe der Ignoranz zu halten Aber ein
gewisses Vergnügen das ich an der ganzen Gesellschaft bemerkte unter seinen
Augen zu essen sprach so laut zu seinem Vorteile und hielt mich so lange von
jedem gewagten Urteile über ihn zurück bis er  ach nur zu geschwinde sein
eigener Verräter ward Gewiss bin ich oft unwissendern Aerzten als Er war in
die Hände gefallen aber einen größeren Egoisten der Unmässigkeit traf ich nie in
ihrer Zunft Alle Sinne dieses Schmeckers waren in das tierische Geschäft
seiner Sättigung verwickelt  Seine Löwenaugen flogen von einer Schüssel zur
andern und störten von ferne schon nach der Beute die er mit geübten Händen
den weniger aufmerksamen Gästen abzugewinnen wusste Seine Kunst so groß sie
auch sein mochte schien er mit seinem Hut an den Nagel gehängt zu haben die
Medizin nur für eine Dienerin der Kochkunst und den Ruf eines Fabius Gurges
höher zu halten als den eines Galen Zur Mittagsstunde ist so ein Arzt das
unbrauchbarste Geschöpf unter der Sonne Auch mag es ihm Gott vergeben was er
an mir getan hat Ich saß kleinmütig neben ihm und lauerte lange umsonst auf
ein freiwilliges Allmosen seiner Aufmerksamkeit das ich mir endlich bei dem
ersten müßigen Augenblicke seiner Zunge zu erbetteln beschloss
    Nach langem Harren erschien dieser günstige Zeitpunkt Die erste Tracht
Speisen ward abgehoben und sogleich setzte ich mich während der kurzen Pause
da die zweite in Ordnung gestellt wurde in Positur den bessern Teil des
Schlemmers in mein Interesse zu ziehen Vergebliche Hoffnung denn wie ich eben
den Mund öffnete um ihm die Menge meiner Übel zur Schau zu legen trug man als
Hauptschüssel eine fette Gans auf die der ganzen Gesellschaft Bewunderung und
die entferntesten Gedanken des Doktors auf sich zog Die Zerlegung des Vogels
gab mir jetzt nur noch einen kurzen Zeitraum frei  Ich fasste Herz ergriff
freundschaftlich die Hand meines Nachbars und glaubte durch die feine Wendung
die ich meinem Vortrage gab mich seiner wenigstens so lange zu versichern bis
der Vorschneider fertig sein würde »Der Zufall« hob ich mit ungewisser Stimme
an »hat einen gefährlichen Kranken an die Seite eines berühmten Arztes gebracht
  Vermutlich kennen Sie mein Herr des Madai Traktat de mortis occultis 
dort ist meine Krankheit auf der siebenten Seite nach dem Leben geschildert
Aber warum sehen Sie mich so bedeutend an Ich beschwöre Sie teuerster Mann
gestehen Sie es nur aufrichtig dass Sie ganz an meiner Genesung verzweifeln 
Sollte denn aber nicht durch eine noch strengere Diät als ich schon halte die
materia pec «
    Aber Himmel welch ein unerwartetes Schrecken unterbrach hier meine
herzbrechende Periode und vergällte mir das Wort im Munde Der grausame Arzt
hatte mir bis dahin mit sichtbarem Ernste zugehört Jetzt schob er wie von
Abscheu gegen meine Krankheit ergriffen seinen Stuhl plötzlich zurück wünschte
mir lakonisch wie der Unverstand eine glückliche Reise langte seinen Hut und
 solltest Du es glauben   ließ die anlockende Gans im Stiche indem er
wie der Geist Hamlets verschwand Welch ein betäubender Schlag Ich glaubte von
beiden Seiten meines nun ganz isolirten Stuhls in einen Abgrund zu blicken und
der schnelle Aufbruch des Arztes und sein ominöses »Reisen Sie glücklich«
statt der entscheidenden Antwort um die ich ihn anflehte tönte mir nun in den
Ohren wie eine Abfertigung in die andere Welt
    Wie wenn der Wetterstrahl in Girards Beichtstuhl bricht
    Der Heuchler aufgeschreckt aus Selbsterhaltungspflicht
    Schnell aus dem Dunstkreis sich der Busenfreundin stürzet1
    Und Sie  Vermisst nun Sie das männliche Gewicht
    Des Segenspendenden der ihre Seele würzet
    Staunt  weint  schlägt an die Brust und ihr Entsetzen spricht
    Mit hohlem Ton Ich bin verkürzet 
    So fuhr mich mir  Vergleichung Freund gibt Licht 
    Des stummen Doktors Eil und seines Gaums Verzicht
    Auf eine fette Gans elektrisch durch die Nerven
    Ich sah im Geiste schon denn kluger wußt ich nicht
    Das Wunder abzutun zu meinem Blutgericht
    Ihn sein Skalpier und seine Feder schärfen
    Um nach vollbrachter Tat mit ernstem Amtsgesicht
    Mir seinen Sektionsbericht
    Zur Antwort hinten nach zu werfen
    Aus diesem Schreckenstraum ein wenig aufgerafft
    Sucht ich nach mir und fand  an Leib und See erschlafft
    Mein Selbst weit aus dem Kreis der Fröhlichen verschoben
    Als wäre zwischen mir und jeder Lebenskraft
    Schon alle Freundschaft aufgehoben
    Diese traurige Gestalt meiner selbst die ich immer in einem Spiegel vor mir
sah jagte mich vom Tische auf und sträubte mir das Haar noch als ich atemlos
mein Zimmer erreicht hatte Zum Überfluss setzte die lang entwohnte Hitze eines
beitzenden Rheinweins von dem ich leider ein Glas getrunken hatte meine
Einbildungskraft in Feuer und Flammen In jedem Pulsschlage glaubte ich die
Tritte des heran nahenden Todes zu hören glaubte zu fühlen wie sich schon ein
Faden um den andern aus dem künstlichen Gebinde ablösete an den hienieden meine
Marionettenrolle geknüpft ist  verfiel darüber in den metaphysischen Unsinn 
den unbrauchbarsten von allen  meinem eigenen Selbst bis auf die feine
Endspitze nachzuschleichen wo es sich für seine zwo Welten teilen würde  als
etwas glücklicher Weise dazwischen trat das mich nötigte mein großes
Experiment zu verschieben  ein Dunst der mehr wert ist als die hellste
Betrachtung und in dessen Nebel ich immer Weisheit Lebenskraft und
Menschenwürde wieder fand die ich oft in den aufgeklärtesten Versammlungen
verlor aber gütiger hatte er seit den Jahren meiner Kindheit nicht auf meinen
Augenliedern geruht als diesmal und der Gedanke »Habe Mut zu leben eile in
die Arme der Natur zurück« herrschte durch mein ganzes Wesen als ich mit der
Morgenröte erwachte 
    Wie viele Schleifwege zu dem menschlichen Herzen stehen nicht dem Unmute
offen Er springt über Dämme und Hecken und wirft alle Bollwerke über den
Haufen da hingegen die Freude mit ihrem bescheidenen Gefolge auf der
gebahntesten Straße und überall anstösst durch jedes Wer da erschreckt und
ach wie oft schon durch einen Schatten verscheucht wird Die frohen
Empfindungen die vergangene Nacht bei mir einkehrten verweilten kaum noch die
Stunde des Frühstücks über und ehe ich mich versah waren sie schon über alle
Berge Mit so seltenen Gästen die einen noch darzu unvermutet überraschen
weiß man sich immer nicht recht zu benehmen Ich erschrak als ich mein Nest
wieder so leer fand die Alltagswirtschaft nahm ihren alten Gang und ich weiß
Dir nichts weiter zu sagen als dass wohl noch nie so runzlichte Gesichter durch
die Bergstrasse gefahren sind als ich und mein Mops diesen Abend mit nach
Heidelberg brachten
    Lass Dir wenn Du willst die anmutige Lage dieser Stadt von andern
Reisenden vormalen Ich hatte keinen Sinn für ihre Reize und in dem
Wirtshause das mich aufnahm ging es mir wie es der Freude bei mir ging Der
Hausherr gefiel mir nicht  seine Zimmer waren staubicht  sein Bette war mir zu
hart und seine Sprache beleidigte meine Ohren Ich träumte die ganze Nacht
durch nur von dem glücklichen Morgen wo ich diesen Ort verlassen würde und
diese Erwartung war bis zur Fieberbewegung gestiegen als dieser Morgen
erschien
    Wie viel oder wenig ich damit gewann und ob es ein Kunstwort gibt das
alle die widrigen Gefühle ausdrückt die mich nach Bruchsal begleiteten mag ich
jetzt nicht untersuchen Genug damals glaubte ich es aus dem Munde eines Arztes
zu hören der nicht weit von der Post über den Kreis vieler Hülfsbedürftigen
hervor ragte denen er seine Wissenschaft und Erfahrung in gemeinnütziger
Beredsamkeit Preis gab Ich glaubte der Überzeugung die er mir einflößte dass
die Krankheit gegen die er eben sympatetische Tropfen feil bot nach allen
Teilen ihrer fürchterlichen Beschreibung die meinige sei und nun drängte ich
mich durch meine Mitbrüder hindurch pflanzte mich gerade vor seinen Thron und
sperrte wie andere das Maul auf Das war auch ein ganz anderer Mann als der
Hausarzt des Römischen Kaisers der mir gestern ein so mächtiges Schrecken
einjagte
Ein Zepter in der Hand um das zwo Schlangen krochen
Sass dieser Ehrenmann auf einem Thron von Knochen
Wie das Symbol der Medizin
Ich hub er an was er zuvor gesprochen
Erfuhr ich leider nicht ich komme von Berlin
Den Zahn den Ihr hier seht hab ich vor wenig Wochen 
Friedrich dem Einzigen hab ich ihn ausgebrochen
Und gnadenvoll schenkt Er mir ihn
Bei Groß und Klein  Gott seis gedankt  gelitten 
Hätt ich nur Hände gnug  sucht man mich überall
Seht zum Beweis wohin ein Mann von Sitten
Nicht dringen kann hier das Original
Der Hornkluft die ich einst in dem Escurial
Der schöne Io Karls des Dritten2
Sobald ich mich durch die gedrängte Zahl
Der Neider meines Glücks gestritten
In drei Minuten ausgeschnitten
Den Tag nach dieser Kur erhielt ich das Diplom
Das Ihr hier gläzen seht als Leibarzt und als Ritter
Und so bewährte sich mein altes Axiom 
Oft schwellt die Pfütze selbst zum Strom
In einem nächtlichen Gewitter
Nicht immer geht die Kunst nach Brod
Doch dass wir nicht einander missverstehen
So hört Ich bin mit Panaceen
Der neusten Art mit Mitteln seinem Tod
So Gott will aus dem Weg zu gehen 
Sagt nur was Ihr bedürft  ich bin damit versehen
Doch kaufet in der Zeit so habt Ihrs in der Not
Kauft denn das nächste Morgenrot
Sieht mein Panier in Strassburg wehen
Wohin mich mein Patron der Kardinal entbot
    Spottet nicht Ihr glücklichen Gesunden über einen ehrlichen Semler der in
der Beängstigung seines Zwergfells die er sich in den vielen Büchern
erschrieben hat die jetzt eure Bequemlichkeit nutzet  spottet nicht über ihn
wenn er nach den Lufttropfen lechzet die ihm eine vornehme Hand vorhält lacht
nicht über die armen Bedrängten die einen Messmer reich machen und vergebt es
auch meinem Scharfsinne der unter der Husarenmaske dieses Arztes einen
Gesandten Gottes entdeckte der mir in meinen angstvollen Augenblicken zu Hilfe
kam mir für zwei armselige Goldstücke eine Flasche seiner unbezahlbaren Tinktur
verhandelte und seine Adresse obendrein gab Mit welchem Vertrauen verschluckte
ich den ersten Löffel davon den er mir aus herablassender Güte mit eigenen
Händen eintropfte »Sie werden in einen ruhigen Schlaf fallen« sagte der liebe
Mann »lassen Sie aber ja Ihren Bedienten Acht haben dass Sie nichts in der
Wirkung meines Hülfsmittels störe« 
    Jener große König von Frankreich  sein Name fällt mir nicht bei  dem sein
Beichtvater vor Notarius und Zeugen und mit Verpfändung seiner eigenen
Seligkeit schriftlich versprechen musste ihm durch seine Tausendkünste in den
Schoos Abrahams zu verhelfen konnte nicht mit so vieler Zuversicht aus der Welt
gehen als ich nach dem Genuße der sympatetischen Tropfen meinen Weg
fortsetzte Und siehe es geschah mir was der große Mann verhieß Ich verfiel
zur bestimmten Zeit in einen wahren Zauberschlaf Für ein doppeltes Trinkgeld
hatte mir der Postillon angelobt weder sein Horn noch seine Peitsche zu
brauchen Die Pferde schienen so ganz die glückliche fühlen die ihnen heute
wahrscheinlich zum erstenmale zu Teil ward  krochen wie die Schnecken über
den Sand  und ich und mein Mops schnarchten um die Wette
    Wie soll ich Dir aber jetzt meinen Verdruss beschreiben als ich nach einem
vierstündigen Schlummer so ganz wider das Verbot meines Arztes von einem
ungestümen Reisenden aufgeschreckt wurde der mit seiner Chaise gerade vor der
meinigen hielt und auch meinem Führer zu halten befahl »Darf ich fragen mein
Herr« schlug mir seine Stimme an die Ohren »wohin Ihre Route geht« Ich fuhr
zitternd in die Höhe rieb mir die Augen und stotterte wie ein Schleichhändler
vor einer preußischen Schildwache »Nach der Provence mein Herr«  »Aber für
jetzt« unterbrach er mich  »doch wohl nach Karlsruh«  Ich bejahte es mit
einem höchst verdrießlichen Kopfnicken da mir der Aufruhr gar nicht gefiel den
seine Zudringlichkeit verursachte  »So haben Sie wohl die Güte« fuhr er fort
»da Sie einen Sitz frei haben«  zum erstenmale sprang hier mein geduckter
Reisegefährte auf und bellte ihn an als ob er ihn verstanden hätte  »ein
armes ermüdetes Mädchen«  indem stieg so etwas aus dem Wagen »bis dahin zu
ihrer Mutter mitzunehmen Denken Sie nur mein Herr das arme Kind hatte sich
diese Nacht im Walde verirrt Ich war glücklich genug auf sie zu treffen und
sie zu retten  doch erlauben mir meine Geschäfte keinen weitern Umweg«
    Eine solche Zumutung an einen eigensinnigen Kranken der noch dazu in
seinem teuer bezahlten Schlafe gestört wird konnte unmöglich ihr Glück machen
Überdiess glaubte ich so schlaftrunken ich war aus der Lage ihres seidenen
Mantels zu bemerken dass sie wohl länger als vergangene Nacht ihrer Mutter aus
dem Gesichte gekommen sein müsse Sie schlug ganz artig beschämt ihre Augen vor
den peinlichen Fragen der meinigen nieder und lauerte in ängstlicher Erwartung
auf meinen Entschluss Wie viel traf nicht zusammen mein Herz gegen die arme
Verirrte zu verschließen Ich räusperte mich und als ich meiner Stimme gewiss
war sagte ich ihr mit deutlichen Worten »Aus diesem Vorschlage mein liebes
Kind wird nichts«
»Bist Du von Deiner Mutter fern
In jenen Stunden nicht verschmachtet
Die Du mit einem jungen Herrn
In einem Walde übernachtet
So werde Dir im Übergang
Zur Mutter auch die Zeit nicht lang
Geh geh der Himmel wird Dir helfen
Kraft Deines freundlichen Gesichts
Und wimmelte der Weg von Wölfen
So wackeren Jungfern tun sie nichts«
    Ich legte auf die letzten Worte einen solchen Nachdruck und begleitete sie
mit einem so bedeutenden Blicke dass sie mir sogleich aus dem Wege trat Der
Fremde selbst erwiderte keine Sylbe auf meine abschlägige Antwort setzte sich
ohne sich weiter um seine Pflegetochter zu bekümmern in seinem Wagen zurechte
zog seinen Hut gegen mich und rollte davon  Toll und böse über eine so
ungelegene Erscheinung und voller Angst über die möglichen schlimmen Folgen
meines Erwachens hob ich nun den Befehl auf der meinem Führer bis jetzt die
Hände band  Sein Horn schmetterte nun desto volltönender  seine Peitsche
wütete jetzt nach langer Untätigkeit desto heftiger das geträumte Glück der
armen Pferde war verschwunden und ich gewann dadurch so viel dass ich mein
grämliches Gesicht wenigstens eine Stunde früher nach Karlsruh brachte als
vermutlich die freundliche Schöne das ihrige
    Sie werden doch wohl nur diese Nacht hier bleiben sagte mir der Wirt zum
Erbprinzen als ich ausstieg  Gewaltig neugierig dachte ich ohne ihm zu
antworten Er wies mir ein Zimmer an und versuchte es noch einmal mich zur
Sprache zu bringen  »Nach Hofe denke ich werden Sie wohl nicht gehen so
wenig als « »Und woher vermuten Sie das Herr Wirt« fuhr ich auf als
hätte er mir eine Grobheit gesagt  Der Mann erschrak »Ich schließe es«
stotterte er  »doch bitte ich um Verzeihung aus Ihrer Physiognomie«  »Zum
Henker« fluchte ich stampfte mit dem Fuße und schleuderte meine Pelzmütze auf
den Tisch  »Ist diese Alfanzerei auch schon bis in die kleinen Gastöfe
gedrungen«
    Der ehrliche Wirt ganz betroffen über meine Lebhaftigkeit errötete bis
über die Ohren suchte einen noch sanfteren Ton seiner Stimme indes er die
Vorhänge an den Fenstern aufzog und da er ihn gefunden hatte kehrte er sich
wieder freundlich zu mir  »Vergeben Sie mir meine Voreiligkeit aber mein
wertester Herr Sie wissen vielleicht nicht dass sich unser Hof vor allen
andern durch seine zufriedenen Gesichter auszeichnet  Nun kann ich mich zwar
irren doch war es mir als trügen Sie so etwas auf Ihrer Stirne das unser Eins
Verdruss zu nennen pflegt  und da dachte ich wieder Das Gesicht dieses Herrn
passt schwerlich zu unserm Hofe so wenig als unser Hof zu seinem Gesichte hatte
also keine andere Absicht bei meiner Frage als mich darauf zu schicken Sie in
meinem Hause gehörig zu «
    »Gut gut« fiel ich ihm in die Rede  »wenn es nur ein Übergang zu dem
Lobe Ihres Fürsten war so habe ich nichts darwider Auch ich schätze ihn wegen
seiner wohltätigen Neigungen und vergebe Ihnen der guten Absicht wegen die
Kritik über mein Gesicht Ein Kranker wie ich drängt sich freilich nicht in
die Zimmer und Vorzimmer der Fürsten das ist nur die Schwachheit der Gesunden
die etwas vertragen können Vor der Hand habe ich nichts nötig was an die
Großen erinnern kann als einen Bouillon à la Reine und ein gutes Bette« 
    »Beides sollen Sie auf der Stelle haben« sagte der ehrliche Mann und hielt
Wort 
    Solltest Du einmal nach Karlsruh kommen so empfehle ich Dir sein
Wirtshaus Es war wirklich keine Prahlerei dass er seine Gäste studierte er
richtete sich genau nach allen kleinen Begehrlichkeiten meines Eigensinns  Ich
hatte eine recht leidliche Nacht unter seinem Dache und den andern Morgen waren
die Pferde pünktlich vor meinen Wagen gespannt
    Ungeachtet der späten Jahreszeit schenkte mir der Himmel auch einen hellen
Tag was mich aber mehr noch aufheiterte als dieser es war ein wohlgebautes
freundliches Land das ich durchreiste Meine kranken Augen schienen erfrischt
zu werden so oft ich einen Blick aus dem Wagen warf und überzeugten mich dass
der Regent dieses Fürstentums ein rechtschaffener Mann sein müsse denn nur
unter einem solchen sieht man die Natur so aufgeräumt Dörfer und Städte so
volkreich und lachend die Jugend so rotwangig und das Alter so mutig Der
Einfluss eines würdigen Landesherrn auf die sittliche Verbesserung seiner
Untertanen ist hier so sichtbar als rührend  Wider einen solchen Regenten
kann ein Wohldenkender nichts einwenden wenn er auch so krank wie Heraklit und
eben so fürstenscheu wäre wie er
Ich gönn ihm seinen Hang für freundliche Gesichter
Da er so ernst für seine Staaten sorgt
Ob er schon seinen Ernst nicht von dem Höllenrichter
Noch Fürstenstolz von seinem Nachbar borgt
Nein freundlich herrschet Er in seinem Wirkungskreise
Als Vater eines Volks das seinen Wink versteht
Und gern von Ihm geführt von Fröhlichkeit zum Fleiße
Gestärkter Tugend übergeht
Auch pflanzte die Natur von wahrem Fürstenruhme
Ein Vorbild schmeichelhaft zuerst auf sein Gebiet
Kein Fünkchen das dem Kelch der Anemon entsprüht
Verfliegt ihr ungenutzt Es impft der Wiesenblume
Den Schmuck ein der im Schoos der edelen Mutter glüht
Ihr Einfluss wuchert fort Der erste Spross erzieht
Noch manchen der vielleicht in Florens Heiligtum
Der Nachwelt die den Fehl der Abkunft übersieht
Mit Ahnenstolz entgegen blüht
    So kettete sich an den Gedanken seines wohl verdienten Lobes die Erinnerung
an den merkwürdigen Mann in seinen Diensten den großen Botaniker Köhlreuter
der wie sein Fürst im moralischen Sinne das Geheimnis der Natur in dem
physischen entdeckt hat geringe Arten von Blumen durch den Abstaub einer edelen
zu verbessern und wie es ihm oft gelingt eine Kartäuser  in eine
Purpurnelke zu verwandeln
    Kein Deutscher kann wohl aus dem badenschen in das französische Gebiet
treten ohne eine gewisse Achtung für sein Vaterland mit hinüber zu nehmen ob
er gleich klug handeln wird wenn er diese frohe Empfindung nicht weniger zu
verbergen sucht als jede andere kontrebande Ware deren er sich etwa bewusst
ist. Ich schärfte mir diese Vorsicht ein sobald mir auf der letzten Poststation
zu Kehl vier Rappen vorgespannt wurden aus denen dieselbe Empfindung zu wiehern
schien
    Dieser kleine Ort steht diesseits und jenseits des Rheins in einem etwas
zweideutigen Rufe der ihm übrigens gleich einer hübschen Dirne ohne dass die
Liebhaber sich durch ihr bescheidenes unschuldiges Gesicht irre machen lassen
vortrefflich zu seinem Gewerbe dient
An diesem Gränzort zweier Reiche lauschet
Der Kontreband und wälzt den wuchernden Gewinn
Verbotnen Tands den es von Einem tauschet
Für gleichen Tand dem Andern hin
Auch siedelte sich jüngst in diesem Freiheitshafen
Ein zweiter Karon an3 Mit gleicher Sicherheit
Als jener der am Styx so lange her den braven
Piloten macht führt sein durch hundert Rudersklaven
Bemannter Kahn den Proteus unsrer Zeit4
Wie eben der Gestalt in der er ihm sich beut
Gebührt hinüber jetzt in das Gebiet der Strafen
Um auf den Mohn den Freron ausgestreut
Den Rausch der beide hier entzweit
Am Lete selbst nicht zu verschlafen 
Hinüber jetzt ins Tal wo der Unsterblichkeit
Gesalbtes Priesterchor sich seiner Ankunft freut
Und Lucian von hundert frommen Schafen
Ihm eine Hekatombe weiht
Du kennst den Passagier Des aufgeklärten Spottes
Vertrautesten der nimmer sich
Zu gleichen schien und immer glich
Wenn er mit dem Gesang des Gottes
Der Musen Höh und Tal durchstrich
Die Geissel Rousseaus und  Nonottes
Den großen Freund des größeren Friederich
Du kennst den Mächtigen der des Tyrannen Riegel
Der Unschuld Fesselband zerschlug
Und den Geretteten auf eines Seraphs Flügel
Sanft in den Schoos des Mitleids trug
Der oft die Quellen meines Kummers
Eh es die Zeit noch tat besiegt
Und wie der Genius des Schlummers
Oft meine Schmerzen eingewiegt
Mit dem ich oft beim stillen Scheine
Der Lampe Nächte durchgewacht
Und dessen Leben mir das meine
Erst wünschenswert und froh gemacht
Doch kennst auch Du den wandelbaren
Zweizüngigen entnervten Mann
Dess freche Stirne den Gefahren
Der dem Vertrieb verfälschter Waren
Bestimmten Strafe kaum entrann
Den der mit der geweihten Leier
Die er zu Heinrichs Lob empfing
Um niederen Lohn gemeiner Schreier
Oft zu der frechen Mittagsfeier
Namloser Sklaven überging
Der nie zufriedener nie weiser
Die Blumen Anderer mit heiser
Giftatmender Begier verdarb
Der selbst im Schutz der tausend Lorberreiser
Die ihm sein Genius erwarb
Nur nicht besucht von unserm Kaiser
Am Spleen gekränkter Ehre starb
    Der Gedanke den ich an diesen großen Geist den das merkantilische Genie
eines Beaumarchais aus diesen Scheideweg von Deutschland und Frankreich gebannt
hat im Vorbeifahren bei den weitläuftigen Werkstätten mit mir nahm die hier
den Umtrieb seiner Schriften eben so mechanisch befördern als es ihr Inhalt auf
eine geistige Art tut  dieser Gedanke war wirklich für die kürzeste unter
allen Stationen zu reichhaltig denn man könnte sich mit dem Stoff den das
Leben dieses wundernswürdigen Sterblichen darbietet auf einer Reise um die Welt
beschäftigen ohne ihn zu erschöpfen Mein Geist stand eben vor ihm um seine
Größe zu messen wie ein Zwerg vor einem Koloss als ich auf die unangenehmste
Art genötigt wurde dem Blicke meines Erstaunens eine andere Richtung zu geben
um ihn mit Verachtung auf die elendesten unter allen Geschäftsträgern des Königs
zu werfen die an der Barriere von Strassburg meine Ankunft erwarteten Der
Postillon schien so wenig an sie zu denken als ich aber ein aus den zehn Hälsen
dieser Lotterbuben gestossenes Schimpfwort das hinter ihm drein flog hemmte auf
einmal den deutschen Trapp mit dem er eben bei ihnen vorbei fahren wollte
Schnell sprangen die Knechte
Der schimpflichen Rechte
Des Schlagbaums hervor
»Schelm« schrien sie »Gehalten«
Und »Schelm« wiederschallten
Die Riegel am Tor 
Nun lauscht ich der Dinge
Erwartend im Ringe
Des Lumpengerichts
»Was soll ich von Ihren   «
Fragt einer »plombiren«
»Was geben Sie«  Nichts
»Nichts« fuhr aus den Ecken
Des Wagens zum Schrecken
Der Nymphen am Rhein
»Nichts« bellten die Glieder
Des Zollamtes wieder
»Schliesst keinen Verein«
Gott sah nun durchsuchen
Betasten befluchen
Mein armes Gepäck
Nicht gieriger graben
Die Ratten und Raben
Nach duftendem Speck
Doch da die Gesandten
Des Hungers nichts fanden
Erhub sich ihr Scherz
»Herr Zollfrei passieret
Der Spleen  Er verlieret
In jedem Kommerz« 
So rechnen Verdammte
Versetzt ich und flammte
Und wünschte sie zum   
Und fuhr zwar vom Zolle
Erlöst doch im Grolle
Den Schlagbaum herum
    Freilich freilich lieber Freund eine kleine Bestechung hätte manches
unter uns vermitteln können wäre nur meine Laune nicht zu verstimmt gewesen
Lieber ließ ich den Postknecht über den langen Verzug fluchen die Pferde toben
meine Wäsche und Kleider unter einander werfen mein Glaubersalz verzetteln ja
sogar meine Tinktur aus Bruchsal gegen den Tag halten den sie doch nichts
weniger als vertragen konnte ehe ich mich überwand diesen Bettlern die mich
so ungestüm in meiner Andacht gestört hatten ein Allmosen zuzuwerfen
    Dafür fühlte ich aber auch meine Galle über und über ergössen als ich in
dein Hotel anlangte das man mir zu Karlsruh empfahl Mein Eigensinn warum
sollte ich das Kind nicht bei seinem rechten Namen nennen hätte nach der
billigsten Moral einen tüchtigen Verweis verdient  Ich hatte aber diesmal
nicht nötig mir selbst diese Mühe zu geben  die Belehrung die ich eben
brauchte war mir näher als ich vermuten konnte 
    »Mein Gott« sagte ich mit Bitterkeit zu dem Wirte »das soll der beste
Gasthof der Stadt sein« und schlenderte als er mich in mein Zimmer führte mit
solchem Groll und Misstrauen hinter ihm her als stände der gute Mann mit meinem
politischen Rechenmeister am Tore in den engsten Verhältnissen Das Zimmer war
wenigstens um zehn Teile geräumiger als mein Wagenkasten den ich eben
verließ und doch erklärte ich dem Wirt ohne Umschweife dass ich in einem so
engen Behälter nicht dauern könnte dass ich meine Suppe in dem größten
Speisesaale essen wollte der im Hause sei und ließ mich dahin führen
    Ich hoffte daselbst allein zu sein denn der Mittag der nur Hungrige hier
versammelt und den ich leider ohne Hunger so schändlich in der Gesellschaft der
Zöllner verlebte war nun vorüber aber ich fand noch zwei reisende Freunde die
vertraulich in der Wölbung eines Fensters saßen und sich durch meinen Eintritt
in dem Fortgange ihres Gesprächs nicht stören ließ Ich wollte meine Suppe in
Ruhe essen  Aber wenn sich zwo Seelen neben Dir ergießen lässt sich da wohl ein
Bissen ruhig in den Mund bringen Sie zogen meine ganze Aufmerksamkeit auf sich
und waren es gleich nur Bruchstücke die sie mir zu gute gaben so waren sie
doch mehr als hinlänglich für mein gegenwärtiges Bedürfnis
Der Zänker mit sich selbst der zum Skelet sich denkt
Manch Traumbuch über sich befragt
Unschlüssig was er wünscht unwissend wag ihn kränket
Und ungewiss was ihm behagt 
Der suche Menschen auf In ihrem Kreis verschlungen
Hat oft ein fliegend Wort das im Tumult der Zungen
Geich einem Blitz vorüber fährt
Des Herzens Labyrinth durchdrungen
Und seine Tiefen aufgeklärt
    »Wie dauern mich« fuhr der eine fort »die sechs Monate von meinem Leben
die ich an diesem Fürstenhofe in einer Ehrenstelle verloren habe wo keine Ehre
zu ernten war Die Seele eines Jünglings zu bewachen in der nichts weder ein
noch ausgeht ist das misslichste Handwerk für einen denkenden Menschen  eine
geistige Schildwache in dem leeren Raume  Wie habe ich alle meine Sehkraft
aufgeboten um nur einen vorüber gehenden Schatten zu entdecken der mir das
Dasein irgend einer wirklichen Größe verraten könnte  Aber umsonst Ich
übernahm mein Gewehr von einem der gähnend davon schlich ich übergab es
gähnend einem Dritten  und wir alle verlassen den Posten ohne Freund oder
Feind gesehen zu haben  O des unglücklichen Jünglings Zu schwer liegt die
Stunde seiner Erzeugung auf ihm Keine Pflege kann das Samenkorn aufrichten das
einmal unter dem tödtenden Einflusse widriger Witterung ausgestreut wurde und
ein menschenfeindlicher Vater erzeugt sich gewiss eine taube Hülse in seinem
Sohne«
    Seinem Freunde kam diese Schlussfolge so dunkel und sonderbar vor als mir
Er erbat sich eine nähere Erläuterung seines abgebrochenen Satzes und nun
stellte der philosophische Fremde das Gemälde eines milzsüchtigen Fürsten auf
dem nicht geschmeichelt war das mich auf eine ungewöhnliche Art erschütterte
und in welchem Züge vorkamen  Doch Du magst selbst urteilen welche es
waren die mir Herzklopfen erregten und mir das Blut in das Gesicht trieben
    »Wie kann der« fuhr der Maler fort »Urheber eines markigen und in sich
glücklichen Menschen  eines Pitt  eines Washington eines Haller eines
Friedrich werden dessen Herz keine von den Neigungen nährt die den Saft des
Lebens den jeder seiner Pulsschläge ausströmt läutern und versüßen Ein so
murrsinniger Mann wie der Vater meines Zöglings ist in der moralischen Welt
was ein Gichtbrüchiger in der physischen ist  für das Wohl des Ganzen
untauglich zur Fortpflanzung« Der eine betrügt die Nachwelt mit lahmen Körpern
der andere mit Krüppeln an Geist  Glaube es meiner Erfahrung Freund dieser
Schnupfen der Seele den man viel zu gelinde üble Laune nennt verbreitet sich
über alles was der Angesteckte berührt begleitet ihn zu seinen Geschäften
hinkt neben ihm auf seinen Spaziergängen und verlöscht die lauterste Flamme der
geheiligten Liebe in seinen ehelichen Umarmungen  Die es gut mit der
Menschheit meinen sollten diese schleichende jetzt so sehr um sich greifende
Krankheit mit aller Macht der Moral und Erziehung aus der Welt zu bannen suchen
wie die Ärzte die Blattern  denn es gibt keine die den Kränkelt
unglücklicher erlacht und der allgemeinen Freude nachteiliger und
fortwirkender auf die Nachkommenschaft wäre als diese
»Mein wahres Mitleid jedem Erdensohne
Er trage eine Königskrone
Er schleich an einem Hirtenstab
Den ein erzürnter Gott zur Strafe
Hier seines Hofs  dort seiner Schafe
Der Laune Dämon übergab
Ihn lockt der Mara Lied ihn lockt der Lerche Kehle
Umsonst er überhört die Kunst und die Natur
Im Krampfe seiner kranken Seele
Hört er auf ihr Gewinsel nur
Die Laune schleicht dem Bettler in die Hütte
Dem Fürsten in sein Staatsgemach
Schleicht uns sogar mit abgemessnem Schritte
Zu Hymens stillem Glücksspiel nach
Wo selbst beim Anspruch auf die beste Nummer
Dem Mürrischen nur eine Niete fällt
Die das Gepräg von seinem Stundenkummer
Oft Enkeln noch vor Augen stellt
Wenn Heinrich in dem Arm der schönen Gabriele
Nach einer edelen Tat der Liebe Lohn empfäht
Wer zweifelt dass nicht da die Farbe semer Seele
Auf einen Bastard übergeht
Indes der Erbe seiner Krone
Nicht ihm nur seinem Missmut gleicht
Mit welchem er zur königlichen Frohne
Ins Bette der Infantin schleicht«
    »O wie hat meine freie Schweizerseele mit dem Gegendrucke des Murrsinns
dieses unglücklichen Fürsten gekämpft Wie gerne hätte ich oft in der Beklemmung
meines Herzens einen Tag meines dortigen Lebens nur um einen Atemzug auf unsern
Alpen gegeben um jene stärkende Luft die die Brust erweitert und zu edelen
Taten fest macht Wie werde ich mich deiner wieder freuen gesunde
unverdorbene Natur Mit welchem Bedacht werde ich jetzt die Süßigkeit Einer
Stunde einschlürfen um jene verlorenen Tage wieder einzubringen Mein kleines
Feld mit dem Amphiteater jener Gebirge umringt die durch freien Genuss auch mir
gehören werden  Mein freundlicher Bach  Meine Büschchen und ihr ihr
Bewohner friedlicher Hütten  Welch ein Schlag von Menschen gegen jene die ich
jetzt hinter mir sehe Doch Freund lass uns gehen es ist angespannt«
    Da der Mann ich wusste selbst nicht wie mein Herz in seine Hände bekommen
hatte  da meine Gedanken jetzt mit ihm auf seinen Gebirgen seinen Wiesen und
unter den Horden seiner frohen Naturmenschen herum irrten und das Gemälde eines
bald ganz Glücklichen  eines von einem traurigen Hofe Geretteten meine Seele
sympatetisch an sich zog so erschreckte mich sein Aufbruch wie ein
Donnerschlag der uns aus süßen Träumen aus der Vergessenheit unsers leidenden
Daseins erweckt  Ich stand auf machte eine unwillkührliche Bewegung nach ihm
zu als wenn ich ihn bitten wollte mich nicht zu verlassen  und als er an der
Hand seines Freundes aus dem Zimmer verschwand als sein Wagen davon rollte 
Gott wie ward mir zu Mute Die Blicke seiner empörten Menschenliebe  das
schwarze Bild des Fürstell schwebten mir lange noch vor den Augen  Sinnreich
eignete sich mein Gefühl einige entfernte Aehnlichkeiten seiner Krankheit mit
der meinigen zu und dieser unholde Gedanke demütigte mich so sehr dass ich
kleinmütig und schwach mich in meinen Lehnstuhl zurück warf und um ein gutes
Wort würde geweint haben 
    Als bald nachher der Wirt herein trat suchte ich die freundlichsten Mienen
hervor die mir zu Gebote stehen wollten  »Seine Suppe« sagte ich »hätte mich
recht gelabt«  Ich bat ihn meinem Bedienten eine Flasche seines besten Weins
zu geben da ich selbst keinen trinken dürfe und ich bat ihn auch für meinen
guten Mops zu sorgen  »Wenn ich wieder zurück komme lieber Herr Wirt« sagte
ich zu ihm mit schmeichelnder Stimme und legte meine Hand dabei vertraulich auf
seine Schulter »so will ich gewiss mehrere Tage in dieser schönen Stadt
verweilen und in keinem andern Hotel absteigen als in dem Ihrigen«  Mit
Einem Worte ich ging nicht eher in mein heimliches artiges Stübchen wie ich es
jetzt nannte als bis ich hoffen durfte den widrigen Eindruck meines
unfreundlichen Bezeigens wieder gut gemacht zu haben  Die Strafpredigt des
Fremden über die unerkannte Sünde der übelen Laune hatte mich so gerührt dass
wenig fehlte so hätte ich mich für schuldig gehalten den Einnehmern am Tore
das Trinkgeld zu vergüten das ihnen meine Harterzigkeit entzog
    So bald ich mich aber allein sah verfiel ich erst in die ausschweifendsten
Betrachtungen über das Übel das jetzt in den höheren Ständen so viele
Verwüstungen anrichtet  über den Krebsschaden der übelen Laune Da ich zu
ehrlich war mich ganz davon frei zu sprechen so dankte ich nur Gott dass ich
nicht Beherrscher eines Landes  und dankte Gott dass ich noch ohne Gattin und
nicht in naher Gefahr wäre meinen Nachkommen zu schaden Wer weiß wohin mich
noch der Schweizer und sein System würde gebracht haben da ich schon anfing
Findel und Waisenhäuser als Magazine menschlicher Würde und vorzüglicher
Genies anzusehen da alle groß gewordene Bastarde Erasmus la Chapelle und
dAlembert an der Spitze des Marschalls von Sachsen sich zur Verteidigung
meines Grundsatzes in Reihe und Gliedern um mich herstellten da ich die arme
und unschuldige Generation zu beklagen begann die wie ich den Vorzug
ehelicher Geburt so teuer mit Mangel an Kraft und Freude bezahlen müsse  wenn
mir nicht zum Glück mein dienstfertiger versöhnter Wirt zu Hilfe gekommen wäre
    Er trat herein um sich zu erkundigen ob ich nicht dem Koncerte eines
Virtuosen beiwohnen möchte der diesen Abend in dem unteren Saale viele Liebhaber
herbei ziehen würde Nun war meine erste Antwort so abschlägig als mir der
Gedanke an Musik und Gesellschaft zuwider war  »Er spielt die Laute« fuhr der
Wirt fort »und wie man sagt zum Entzücken«  Die Laute Wenn sie der Mann
mit Gefühl zu spielen versteht dachte ich  die Laute könnte vielleicht noch
am ersten mit der Stimmung des deinigen zusammen treffen und ohne längeres
Besinnen widerrief ich meinen Entschluss und machte mir ein Kompliment über die
fortdauernde Besserung meines Humors
    Ich stieg zur gesetzten Stunde in den Saal fand ihn aber zu voll und zu
erleuchtet und versteckte mich hinter einige noch unbesetzte Stühle die sich
aber bald nachher eine Gesellschaft junger Damen unter dem gewöhnlichen
Geräusche ihrer seidenen Stoffe und geläufigen Zungen zueignete und deren
Nachbarschaft ich kann es wohl sagen ich in meiner ruhigen Lage gern entbehrt
hätte  Und doch o wie viel hatte ich nicht ihrer schwatzhaften
Vertraulichkeit zu danken  »Wird er wohl länger hier bleiben«  »Fürchten Sie
nicht dass ihn der Kaiser oder unser König einladen wird«  »Wie oft sind Sie
bei ihm gewesen«  »Wollen wir ihn nicht morgen früh besuchen«  So drängte
eine Frage die andere ohne dass eine Antwort dazwischen Raum fand  Von was für
einem seltenen Manne dachte ich müssen sie doch wohl sprechen  Ich schärfte
mein Ohr um das Rätsel zu begreifen wie das Lob so vieler Schönen von einem
gemeinschaftlichen Lieblinge so einstimmig sein könne
Die Eine schrie »die feine Lebensart«
Die Andre schrie »das freundliche Gesicht«
Die Dritte schrie »und den Prophetenbart«
Und alle schrien »hat ein Betrüger nicht «
»Ein Mann« erklärte die »der ohne auszuruhn«
Und jenee fiel ihr ein  »so fremde Wege geht« 
»Der«  rief der ganze Zirkel nun
»Ist wirklich ein Prophet «
    Oho dachte ich  Ist hier die Rede von einem Propheten Das hätte ich armer
unwissender Berliner mir freilich nicht träumen lassen Ich horchte gewaltig
»Wer« fuhr noch Eine fort »hat diesen Wundermann
Die seltene Kunst gelehrt
Dass da wohin kein Ohr kein Auge dringen kann
Er deutlich sieht und hört«
»Ein Mann« schrie nun das Chor »der jede Weiberlist«
»Den stillsten Mädchenwunsch versteht«
»Der ist«    »ja« rief auch ich    »der ist«
»Noch mehr als ein Prophet«
    Dieser Ausruf der mir beinahe unwillkürlich entfuhr verursachte dass ein
Dutzend der artigsten Gesichter sich herum drehten und auf das harmvollste und
blasseste im ganzen Saale mitleidig hinblickten
    »Sie sind gewiss krank mein Herr« fragte mich die Nächste mit
teilnehmender Güte und die ernstliche Freundlichkeit auf den Gesichtern der
andern bestätigte mich in dem großen Begriffe den ich von jeher von diesem
Geschlechte gefasst habe dass kein Leidender ihm gleichgültig sei 
    »Ja wohl meine schönen Damen« antwortete ich »ich bin sehr krankund mache
eben eine Reise um meine Gesundheit wieder zu suchen«
    »So wünschen wir Ihnen« riefen sie mit Einer Stimme  »von Herzen Glück
dass Sie jetzt Ihrer Genesung so nahe sind«
    »Jetzt« wiederholte ich erstaunt und sah rund umher einer um der andern in
die glänzenden Augen  »Ach meine gütigen Damen ich Armer bin zu gedemütigt
um eines so beissenden Epigramms wert zu sein«
    »Warum das« fuhren sie lächelnd und lebhaft fort da sie mein
Missverständnis merkten  »Haben Sie nur Zutrauen  er wird Sie gewiss in weniger
Zeit so ganz wieder herstellen dass Sie über alle Epigramme erhaben sein
werden«
    »Um des Himmels willen« unterbrach ich den Ausfluss ihrer Weissagungen »von
welchem wohltätigen Wesen sprechen Sie denn«
    »Von welchem«  fragten die schönen Kinder auf ihrer Seite mit vieler
Verwunderung »Sicher von keinem andern als von dem großen Propheten in dessen
Lob Sie ja selbst eingestimmt haben  von dem Manne der uns von Gott zugesandt
ist und hier seit ein paar Monaten recht apostolische Wunder tut«
    Starr sah ich die schönen Schwätzerinnen nach der Reihe an  und schwieg 
weil ich nichts klügeres zu tun wusste doch das kümmerte sie auch nicht  Sie
schienen mir es Dank zu wissen dass sie mich belehren konnten und freuten sich
über mein Erstaunen »Er wird sich« nahm eine der andern das Wort aus dem
Munde  »mit Ihnen in Rapport setzen  wird Sie durch und durch schauen  wird
Ihre geheimsten Gedanken Ihr Vergangenes und Zukünftiges die verstecktesten
Abweichungen von dem Wahren und Guten  in Ihrem Körper wie in Ihrer Seele wird
er entdecken  alle Ihre Zweifel wird er heben und was Ihnen jemals dunkel war
Ihnen erklären«
    »Das sollte mir« rief ich mit Enthusiasmus aus »für mich und meine
Berliner Freunde sehr lieb sein«
    »Er desorganisirt die Nerven die zu gespannt sind«
    »Das ist mein Fall nicht« antwortete ich mit schwacher Stimme
    »Er exaltirt die Köpfe die Mangel an Kraft fühlen«
    »Ach Gott« versetzte ich »wenn er das könnte«
    »Zweifeln Sie keinen Augenblick daran«  antwortete mir das jüngste und
artigste dieser holden Geschöpfe zog dabei ein Portefeuille aus der Tasche auf
welchem die mit Lorbeer umgebene Silhouette dieses großen Nothelfers gemalt
war zeigte mir sie mit funkelnden Augen und überreichte mir eine Karte mit
seiner Adresse 
    Zugleich fing der Lautenist sein Spiel an und das Dutzend schöner Köpfchen
drehte sich wieder zurechte Auch ich wollte Achtung geben  aber vergebens 
ich konnte mein Gehör nicht finden  Das sonderbare Gespräch mit meinen
Nachbarinnen hatte mein Gemüt in einen Strudel gegenseitiger Bewegung geworfen
der alles von der Oberfläche verschlang Die widersprechendsten Gedanken
durchkreuzten sich und da ich kein besseres Mittel vor mir sah um mir Luft zu
schaffen so erhob ich mich in der Stille von meinem Sitze und schlüpfte zum
Saal hinaus ohne mich weiter um die sympatisirenden Töne des Lautenisten zu
bekümmern
    Ich rief den Wirt teilte ihm mein Gespräch mit und glaubte ihm etwas sehr
Sonderbares zu erzählen  Weit gefehlt  Er verwunderte sich vielmehr über
mein eigenes Erstaunen  »Sind Sie denn nicht dieser Kur wegen hier« fragte er
mit großen Augen  Ich schüttelte den Kopf und gestand ihm unverholen dass
ich außer eben in seinem Koncertsaale noch kein Wort von diesem Wunder gehört
hätte  »Sie haben noch nichts davon gehört sagen Sie Unmöglich Wo waren Sie
denn unterdessen mein Herr  Ei mein Gott wie krank und abgezogen von der
Welt müssen Sie gewesen sein Wie sonderbar Gab es je eine Zeit wo es dem
Menschen leicht ward sich seiner Leibes und Seelenübel zu entledigen so ist
es die unsrige Sie lebten darin und doch wie ich Ihnen ansehe waren Sie auf
dem Punkt wie ein blinder Heide aus der Welt zu gehen ohne von diesen neuen
Offenbarungen Gottes eine Sylbe zu erfahren  Nun es ist noch nichts
verloren Danken Sie Ihrem Glücke dass Sie hier sind Welchen von unsern
Wundertätern wollen Sie denn gebrauchen« 
    »Wie meinen Sie das Herr Wirt Gibt es denn mehr als Einen hier«
    Statt der Antwort die er vor Lachen nicht hervor bringen konnte streckte
er mir seine zehn Finger entgegen Denke wie ich erschrak Ich zog aus meiner
Westentasche in der Angst die Adresse die ich von der Güte des jungen
Frauenzimmers erhielt
    »Der ist« rief er aus sobald er einen Blick darauf warf »der ist der
Rechte Dieser hat eigne Kraft in sich selbst die andern müssen die ihrige erst
aus dem Unterleibe eines hellsehenden schlafenden Mädchens schöpfen« 
    »Ist dieser Mann unsinnig« sagte ich heimlich zu mir selbst »oder bist du
es«  Er drehte sich inzwischen von mir weg und ließ mich in dieser
Ungewissheit stehen Mein armer Kopf geriet in die größte Verlegenheit Ich
legte meine Hand an die Stirne und wiederholte alle die hoch tönenden
Kunstwörter die ich aus dem Saale mitgebracht hatte aber ihre deutliche
Erklärung  wer sollte mir die geben  Wer anders als der Wirt  Mag er doch
den Zeitverlust den ich ihm schuldig werde mit in Rechnung bringen dachte
ich und suchte ihn zum zweitenmale auf
    Ein welscher Hahn sang eben sein Sterbelied unter seinen Händen als ich ihn
fand und um die Gefälligkeit bat mir doch etwas deutlicher den Sinn der
Desorganisation zu erklären  Er brachte nur erst noch den Schreier zur Ruhe
ehe er sich mit der gefälligsten Herablassung meiner Unwissenheit erbarmte 
Der Mann musste vielen Umgang mit den hiesigen Gelehrten haben denn er dachte
eben so gründlich als er sich deutlich ausdrückte Wirklich habe ich auch
nachher nichts gelesen was mich über diesen Punkt mehr befriedigt hätte als
seine Erklärung  Das Beste war dabei dass ihm ein schickliches Beispiel
einfiel das seinen Worten Kraft und Deutlichkeit gab  Für Köpfe von schweren
Begriffen wie der meinige ist das immer eine gefundene Sache 
    »Sie kennen doch gewiss« fragte er mich nach dem vorläufigen Eingange
seiner Rede der mir noch immer zu generell war »den berühmten Pater Mabillon«
 Wie gut ihm diese Frage in seiner Küchenschürze stand magst Du selbst
urteilen
    »So so« antwortete ich  »Man hält ihn glaube ich für den ersten
klassischen Autor in der Diplomatik« 
    »Recht« sagte der Wirt »der nämliche Was denken Sie nun mein Herr 
Dieser Mann war in seinen Jünglingsjahren der einfältigste Tropf unter der
Sonne hatte kaum Verstand genug den Katechismus zu begreifen  Aber hören Sie
Eines Tages fiel er aus natürlicher Ungeschicklichkeit die Treppe herunter
und gerade auf den Kopf  Nun das hat noch gefehlt sagte seine Mutter als sie
ihn aufhob  Man brachte ihn betäubt in das Bette und erwartete nun mit
Zittern den ersten Ausbruch seiner Narrheit  Wie betrog man sich Der Natur
seines Falles nach musste der Junge zwar irre sprechen aber zu aller
Verwunderung waren seine Phantasien tausendmal mehr wert als ehmals sein
Menschenverstand Die Erschütterung die sein schwacher Kopf erlitten hatte
wirkte die hellsten Ideen in ihm Die abstrakteste Wissenschaft war jetzt sein
Spielwerk Er enthüllte die dunkelsten und verworrensten Schriften Mit Einem
Worte dieser so lange er nicht auf den Kopf gefallen war dumme Junge ward
nachher einer der ersten Menschen seines Zeitalters  Sonach mein Herr wie
dieses Beispiel zeigt können Mittel die einen wohl eingerichteten Kopf
verwirren umgekehrt auf einen blödsinnigen die gegenteilige Wirkung tun und
auf diese Analogie und diesen Grund glaube ich ist die Lehre der
Desorganisation und des tierischen Magnetismus gebaut  Doch mein Herr ich
muss Sie bitten einstweilen mit diesem Wenigen zufrieden zu sein Ich habe zu
viel in meiner Haushaltung in meiner Küche und mit meinen vielen Gästen zu
tun die alle dieser Kur wegen hier sind Morgen wird Ihnen diese dunkle Sache
schon deutlicher werden«
    Ich schlich fast eben so betäubt wie Mabillon in mein einsames Zimmer und
ließ mich kleinmütig auf meinen Lehnstuhl nieder  »Was für eine Revolution« 
sagte ich zu mir selbst »muss nicht während dass du unter deinen Büchern in
einer idealischen Welt lebtest in der wirklichen vorgegangen sein« Voller
Scham über meine Unwissenheit machte ich mir es zur Pflicht den
nächstfolgenden Tag alles anzuwenden mich ihr zu entreißen  und die
Bekanntschaft eines so außerordentlichen Arztes zu suchen der mir ungleich
wundertätiger vorkam als der zu Bruchsal Mit diesem festen Entschlusse legte
ich mich schlafen und erwachte mit ihm Es ist wahr in der Zwischenzeit
unterstand sich manchmal mein lang gewohnter Unglaube sein Haupt zu erheben
aber auf so wenige Stunden als ich noch zur Gewissheit vor mir hatte war er
doch noch so ziemlich leicht zur Ruhe zu weisen
    Mit der Neugier eines Berliners und der ängstlichen Erwartung eines
gefährlichen Kranken verließ ich um acht Uhr den Gasthof ohne mich durch das
geringste Frühstück um meine Nüchternheit zu bringen und meine schriftliche
Anweisung brachte mich ohne Mühe in das Haus des Propheten
Und an dem Haus des Erleuchteten hing
Als Klopfer des Tors ein symbolischer Ring
Der Ewigkeit gleich einer sich krümmenden Schlange
Kaum schlug ich mit Zittern daran so sprang es auf so empfing
Mich eine Menschengestalt von Diener die führte mich flink
Doch stumm wie der Tod von einem egyptischen Gange
Zum andern Trepp auf und Trepp ab doch sieh auf einmal
Stand ich berufen zum Geisterempfange
Am Bett des Propheten in einem erleuchteten Saal
Der Saal war zwar nicht um große Augen zu machen
Verziert Nach einem fast göttlichen Plan
Schien alles was da war für deine Freude zu wachen
Und in gefälligen Farben sich deinen Augen zu nahn
Des Deckenstücks Höhe war nicht mit fliegenden Drachen
Verbrämt  dich schreckt aus keiner Ecke der Rachen
Des Haisischs dich blökt hier kein Todtentopf an
Was brauchts auch der Wunder die wir auf Märkten beschauen
Hier zeigt vom Tage bescheiden erhellt
Ein magisches Bett das unter elektrischen blauen
Gardinen sich bläht dem aufgeklärten Vertrauen
Des kindlichen Glaubens das erste Wunder der Welt
Ihr die ihr nichts glaubt als was euch mit Händen
Zu greifen vergönnt ist ihr Starken an Geist
Vermögen die Schönen der Stadt nicht eure Herzen zu wenden
Wenn der Erforscher der Nieren und Lenden
In ihrer Schwachheit sich mächtig beweist
So kommt und hört was meine Leiden zu enden
Für herrliche Dinge mir sein Gesandter verheisst
    Der Diener des Propheten nötigte mich auf den Armstuhl der so gestellt
war dass in der Entfernung einer Mannslänge mein Gesicht gerade auf das seinige
traf  So kam ich ohne dass ich es selbst wusste in Rapport mit ihm und das
merkwürdige Gespräch begann Da es das erstemal in meinem Leben war dass ich mit
einem Schlafredner zu sprechen hatte so benahm ich mich sehr ungeschickt dabei
und stockte oder errötete einmal ums andere bei den unschuldigsten Worten
    Zu der Zeit da ich noch meine weißen Zähne beisammen ungetrübte Augen
blühende Wangen und ein klügeres Ansehen hatte als jetzt habe ich dreist mit
Königen und Fürsten gesprochen ohne mich weder durch die langweilige Rolle die
ihr Stand gegen den meinigen spielen musste noch durch die Außenseite ihrer
Größe irre machen zu lassen aber auch sahen sie nicht klärer als ich und waren
keine Propheten Sie konnten nie so mächtig auf mich wirken dass ich nicht
während der tiefsten Verbeugung in der ich vor ihnen stand und bei dem
gleichgültigen Kopfnicken das ich dagegen erhielt  oder nicht erhielt  mir
sagte »Possen zweier Dratpuppen davon keine von besserm Stoffe zusammen
gesetzt ist als die andere«  Sie konnten mir also auch nicht verwehren dass
ich in Gedanken ihnen den Zepter aus der Hand und den Hermelin von der Achsel
nahm und nachsah ob ihre Karlasse nicht rostiger wäre als die meinige Diesen
erhabenen Sterblichen hingegen zu dessen Füßen ich saß mochte ich entkleiden
wie ich wollte immer schien er mir wenn er nicht ein Betrüger war ein Gott zu
sein und meine Alltagsseele zitterte vor der seinigen
    »Mein Herr« fing ich stotternd an »Sie sehen hier « und hielt inne
weil sich wie ich das Wort aussprach der Begriff von Sehen und der Begriff von
Schlafen so gegen einander stießen dass nach gewöhnlicher Rechnung ein Unsinn
zum Vorschein kommen musste
    Der Schlafseher ließ mich indes nicht lange in dieser Verlegenheit  »Ich
kenne Sie« fiel er mir vernehmlich ins Wort und wahrlich er nannte meinen
Tauf und Zunamen  Nun wusste ich gewiss dass ich weder am Tore noch im
Gasthofe so umständlich mit mir gewesen war und fühlte mich also schon nicht
wenig über diesen Beweis seiner Kenntnis betroffen Als er aber auf die zwote
stotternde Frage die ich vorbrachte mit derselbigen Deutlichkeit fortfuhr
»Sie verließen Ihre Studierstube in dem ungläubigen Berlin und haben wohl
getan  die mittägliche Sonne von Frankreich wird Sie erwärmen und stärken« 
so sträubte sich mir das Haar  doch ermannte ich mich um auf eine Frage zu
sinnen die dem ungläubigen Berlin keine Schande brächte  Meiner tiefliegenden
Augen und meines abgefallenen Gesichts bewusst  so dachte ich  muss derjenige
sehr klar sehen der dein Alter erraten will  Ich fragte ihn also nach dem
Tag und der Stunde meiner Geburt und  ach er bezeichnete beides auf das
Bestimmteste und setzte noch einen Umstand hinzu der mir selbst bisher fremd
geblieben war und nur Geistern bekannt sein kann die den feinsten Zusammenhang
des Universums mit Einem Blick übersehen
    »Sie sind lieber Fremder« sprach er »nach unserer irrigen Zeitrechnung
den fünfzehnten des letzten Monats des Jahres 1747 in der Stunde und Minute
geboren als viele Dolche durch das Verhängnis geleitet die grausame Seele
Schach Nadirs aus seinem Riesenkörper in das enge baufällige Behältnis des
Ihrigen verwiesen wo sie genug für alle ihre Übeltaten büsset«
    Pythagoras selbst hätte mich schwerlich von der Seelenwanderung vernünftiger
und überzeugender belehren können als diese Tatsache die weder mein
Geburtsschein noch meine Empfindung widerlegen konnte »Ach mein Gott« rief ich
mit kläglicher Stimme aus »Die Seele eines Tyrannen des Orients  in dem
ausgemergelten Körper eines preußischen Untertans Aus so einer widersinnigen
Zusammensetzung kann freilich kein glückliches Geschöpf entstehen Auf allen
Fall ist es nicht meine Schuld Hat sie vormals Böses getan so büsse sie dafür
Strafe genug dass sie jetzt einen schwindsüchtigen Körper lenken und belastet
von ihm die Vorzimmer von Leuten durchkriechen muss denen sie einst vielleicht
kaum die Aufsicht des Serails anvertraut hätte«
    Nach einigem Nachdenken erholte ich mich jedoch in so weit von dieser
niederschlagenden Nachricht dass ich auf die vielen glücklichen Tage zurück
sehen konnte die ich unerachtet meiner misslichen Zusammensetzung dennoch
gewiss erlebt hatte  Es musste mich notwendig befremden wie einer so gerecht
bestraften Seele Gefühle vergönnt wurden die nur Belohnung der Tugend sein
sollten  Über diesen wichtigen Einwurf nahm ich mir vor ein andermal
nachzudenken da es mir jetzt mehr um die Wiedererlangung jener Empfindungen
als um die Ursache ihres vorigen Daseins und hres Verlusts zu tun war 
»Würdiger lieber Herr« fuhr ich also fort »durch was für Mittel kann ich diese
ernste Strafe wo nicht aufheben doch mildern« und wusste in diesem Augenblicke
selbst nicht ob die asiatische Seele oder der preußische Körper sprach  »Nur
ein herzliches Lachen« war seine orakelmässige Antwort »kann Dir Hilfe
verschaffen« 
    Nie ist wohl eine täuschendere Antwort auf eine höhere Erwartung gefallen
Ich war wie versteinert dass er mir ein so gemeines Hausmittel empfahl da ich
nichts weniger als ein überirdisches Specifikum mir vermutend war Sobald ich
meine Sinne ein wenig gefasst hatte kam die natürlich folgende Frage von selbst
 »Aber mein gütiger Herr  da nichts in der Natur mehr die wohltätige
Wirkung auf mein unreizbares Zwergfell hervor bringt wie und wo soll ein so
armes niedergeschlagenes Geschöpf diese Bewegung der Freude die Sie ihm
verordnen aufsuchen und finden«  Und nun sprach der wahre Geist eines
Propheten aus ihm
»Dem harrt ein Schatz  Scherz und Gelächter rufen
Trost dem Bedrängten zu den Nadirs Geist belebt
Wenn Gottes Mittagsstrahl nuf neun und neunzig Stufen
Ihn über unsre Stadt erhebt« 
    Meine Verlegenheit war jetzt auf das höchste gestiegen Ich faltete die
Hände und rief äußerst bewegt »Göttlicher Mann siehe an die Fesseln meines
irdischen Leibes Wie sollte ich mich über den Nebel dieser Stadt erheben
können«  Denn nimmermehr hätte ich in diesem Augenblicke geglaubt dass die
Auflösung dieser Schwierigkeit so leicht wäre als ich es doch nach seiner
erklärenden Antwort »Auf den neun und neunzig Stufen ihres stolzen Turmes«
finden musste Das ist doch nun dachte ich so bestimmt gesprochen als man nur
von einem Propheten erwarten kann  und was noch mehr diese Weissagung von allen
andern unterscheidet der Mittag  die Zeit ihrer Erfüllung  ist nahe Tief
bückte ich mich gegen meinen Helfer und warf noch die meinen Begriffen nach
unbedeutende Frage hin »Ob er sonst noch etwas in mir entdecke das mir
unbekannt sei«
    Zusehends entflammte sich sein Gesicht und blickte verächtlich auf die
Kenntnisse meiner selbst herab mit denen mich mein geheimer Stolz zu täuschen
suchte »Ja« sagte er »ich sehe einen Flecken in dem Gewebe Deines geistigen
Daseins  einen schwarzenhervor tretenden Zug aus der Seele Schach Nadirs« 
Meine zitternden Lippen suchten zu sprechen aber das Schreckliche dieser
Ankündigung erstickte den Laut meiner Frage  Er beantwortete sie dennoch
»Fluche deinem Unmute Du hast in der Abendstunde des Ruhetags dieser Woche ein
armes verirrtes Mädchen den Wölfen Preis gegeben  Hast du es nicht  Nur die
Seele eines Tyrannen konnte so einen menschenfeindlichen Gedanken fassen Nur
die Zunge eines Impotenten konnte ihn aussprechen«
    Dieser harte Vorwurf kränkte meinen Stolz über die Massen  »Heiliger
Prophet« rief ich mit männlicher Stimme  »Ist das arme Geschöpf ein Raub der
Wölfe geworden so war es doch nicht meine Absicht Das Schicksal hat
unschuldige Worte missverstanden«  Indem aber regte sich mein Gewissen  Sind
das unschuldige Worte die Unmut und Harterzigkeit eingibt Versagte ich
nicht der Bedrängten den Schutz den sie bei mir suchte ohne mich um die Folgen
meiner Verweigerung zu bekümmern Ach es ahndete mir nicht dass sie von so
trauriger Art sein würden
    Während dieses trüben Gedankens in welchen ich mich stillschweigend verlor
verliefen die wichtigen Minuten die mir noch vergönnt waren in Rapport mit dem
großen Seher zu sein und die ich ach zu meinem ewigen Kummer so ungenutzt
vorbei streichen ließ Ich hörte nur noch Ein Wort aus seinem Munde  »Ich will
aufwachen« sagte er und zugleich öffnete der Bediente die Tür und entließ
mich nicht auch ohne ein kleines Wunder auf seiner Seite zu tun denn er
schlug einen Dukaten aus den ich ihm als eine Erkenntlichkeit in die Hand
drücken wollte
    O mein geliebter Eduard Was wäre wohl aus mir geworden hätte ich mich
länger in der heiligen Atmosphäre dieses Mannes aufhalten dürfen Ich fühlte
schon jetzt eine Veränderung einen Widerspruch in meiner bisherigen
Denkungsart die mir ich bin es überzeugt das einfältigste Ansehen von der
Welt geben musste Ich stolperte vor mir hin ohne auf etwas zu achten was außer
mir war Bald hob ich meine Augen bald meine Hände gen Himmel lehnte mich
zuletzt vor überströmender Empfindung an einen Laternenpfahl und sprach so laut
mit mir selber dass der Prinz von Rohan der indessen und wenn ich nicht irre
den Arzt im Husarenpelze an seiner Seite bei mir vorbei fuhr halten ließ und
mich mit Verwunderung betrachtete  Aber so eine Erfahrung als ich eben
gemacht hatte erhebt auch unsern Geist zu hoch als dass die kleinen armseligen
Verhältnisse des Wohlstandes noch einen Eindruck aus ihn machen könnten  Mit
glühendem Gesichte trat ich in meinen Gasthof konnte dem Wirt der mir
neugierig entgegen kam nur stillschweigend die Hand drücken winkte meinen
Johann der meiner an der Treppe wartete auf mein Zimmer winkte ihn wieder
hinaus und warf mich wie vom Schlage gerührt in meinen Armstuhl 
Unvermögend Dir zu sagen was indes in meinem Innern vorging erinnere ich mich
nur dass mein Herz in schweren Träumen und mein Verstand in hohen Phantasien
lag als mich die Glocke der Mittagsstunde wie zu einem Urteilsspruche weckte
Ich sprang von meinem Sitze auf ergriff Stock und Hut und eilte dem Wunder zu
das meiner auf dem Münster wartete
    Schon hatte ich seine ersten zehn Stufen hastig erstiegen als mir einfiel
dass ich sie nicht zählte Erforderlich wie dieses war um die mir angewiesene
mystische Zahl der zwo Neunen zu erfüllen ging ich wieder zurück und trat nun
meine sonderbare Pilgerschaft mit aller der Bedachtsamkeit an deren ich bei
meinem hoch pochenden Herzen fähig war
    Was für mancherlei unbekannte Dinge beherbergen wir nicht in uns liebster
Eduard die uns bei aller unsrer belobten Selbsterkenntnis in Erstaunen setzen
wenn sie ein Zufall aus ihrem Winkel hervor zieht Kannst Du wohl glauben was
ich Dir sagen werde und doch ist es gewiss So lange meine gespannten Kräfte
anhielten verlor das Wort des Propheten nicht das geringste von seinem Werte
in meiner Vorstellung je schwerer mir aber im Fortgange der Atem ward je
langsamer ich stieg desto vernehmlicher schien sich ein Gedanke in mir zu
entwickeln der das Gefühl meines Glaubens immer mehr und mehr schwächte »Was«
sagte ich zu mir selbst »würden Deine Freunde in Berlin von Dir denken wenn
sie Dich in dieser mühseligen Wanderung erblickten  und zu welcher wichtigen
Absicht Um auf der Spitze eines Turms der täglich von Hunderten bestiegen
wird einen Schatz zu suchen«  Zum erstenmale ward es mir höchst verdrießlich
an Euch zu denken und doch wollte es mir nicht gelingen der Vorstellungdie
mich so sehr demütigte wieder los zu werden Ich fing an mich vor mir selbst
zu schämen  Das heilige Zutrauen zu den Worten des Propheten nahm merklich ab
je näher ich den Beweisen kam  dennoch stieg ich fort und mit der letzten
Neune die ich zu zählen hatte sah ich mich bis zum Umfallen ermüdet und so
schwach am Glauben als möglich auf der berühmten Platteforme des Turms Ich
warf mich auf den ersten steinernen Ruhesitz den ich erreichen konnte doch so
entkräftet dass ich Mühe hatte mich sogleich der Ursache meines Hierseins zu
erinnern Mein zurück kommendes Bewusstsein war nichts weniger als angenehm kaum
wusste ich ob ich dem Propheten noch die Ehre erweisen sollte mich umzusehen
Ich zwang mich indessen und sah außer einem jungen Manne der der schönen
Aussicht genoss auf diesem weiten offenen Platze  was Dir gewiss auch schon
geahndet hat  mit Einem Worte Freund ich sah  Nichts
    Ein bitteres Lächeln überzog nun mein Gesicht Es machte mir  ich will es
nicht leugnen  eine boshafte Freude einen Propheten auf der Lüge zu ertappen
und nun ohne aufgehalten zu werden zu meinen gewohnten Grundsätzen zurück
gehen zu können Ich rückte meinen Hut tiefer in die Augen schlug hastig meinen
Mantel um mich und setzte mich mit dem Entschlüsse in die Ecke mich erst recht
auszuschämen und auszuzanken ehe ich meinen lächerlichen Rückzug anträte Doch
wie gewöhnlich ging ich lange um mich herum ehe ich Mut genug fasste mein
Vorhaben auszuführen und auch dann noch spielte ich mit meinem Herzen die Rolle
einer schwachen Mutter gegen ihr strafbares Kind die mitten in ihren ernsten
Vorwürfen ihm die Tränen abtrocknet und indem sie es zu verstoßen droht das
erste Zuckerbrod reichet das sie bei der Hand hat Wirklich gingen in mir die
sonderbarsten Bewegungen vor sobald ich auf der Spur zu sein glaubte 
angeführt zu sein  Zu Deinem Zeitvertreibe wünschte ich wohl Dir sie recht
anschaulich zu machen
War einem Herzen je dus ohne Überhang
Sich seine Blössen zu verzeihen
Nicht rein genug sich fühlt vor der Entschleirung bang
So war es meins Die Schnur non seinen Gaukeleien
Schien mir schon viel zu voll und lang
Um ihr mit diesem Pilgergang
Noch eine Schelle beizureihen
Doch Freund die Kunst in solchem Seelendrang
Sein Selbstgefühl zu überschreien
Half jetzt mir auch des Spottes Übelklang
Der mein Gefühl durchlief zerstreuen
Dem Menschen hub ich an als ritt
Belastet ich von tröstenden Sentenzen
Dem mageren Junker nach der so viel Schläge litt
Um Mambrins Rüstung zu erkämpfen
Dem Menschen fiel das Loos mit ungewissem Schritt
Durch eine Nacht zu gehen wo wenig Sterne glänzen
Vielleicht dass einst der Tag auch ihr entgegen tritt
Er nehme dies Vielleicht bis an die äußern Gränzen
Des Lebens zum Gefährten mit
Dies Trostwort wandelte die Dünste
Des träumenden Gehirns in mutiges Vertraun
Gerüstet wie ein zweiter Daun
Mit nun geweihtem Schwert das magische Gespinnste
Des neueren Sehers durchzuhaun
    Ich kam nun bald in volles Gefecht mit dem Betrüger der sich unterstehen
konnte einen Berliner  einen Freund und Zeitgenossen Mendelssohns zum Besten
zu halten und mein innerer Streit ward endlich auch äußerlich so sichtbar dass
der junge Mann auf den ich die ganze Zeit meines Selbstgesprächs über nicht
geachtet hatte sein Fernglas einsteckte und sich voller Verwunderung und
Neugier mir näherte
    »Sie scheinen Sich übergängen zu haben mein Herr« redete er mich an 
»Hintergangen« fiel ich ihm ins Wort  »hintergangen habe ich mich indem ich
jedoch zu meiner Ehre nur einige Stunden einem Betrüger geglaubt habe  Doch
ist es mir immer lieb dass ich hier bin Ich kann wenigstens meiner Galle Luft
machen kann über die Stadt rufen die unter mir liegt dass sie mit Blindheit
geschlagen sei  dass ihre Einwohner betrogen und wert sind von Toren gelenkt
zu werden «
    »Sie sind« nahm der Fremde das Wort »in einer gewaltsamen Bewegung mein
Herr Was für ein Unglück ist Ihnen begegnetund auf wen beziehen sich Ihre
beschimpfenden Ausfälle«
    »Auf wen« erwiderte ich mit Hitze  »Aus wen anders als auf den
Marktschreier der Ihre Stadt in Verwirrung setzt auf Ihren großen Magnetiseur
Schlafredner Propheten oder wie Sie ihn sonst nennen wollen«
    »So erlauben Sie mir« antwortete der Fremde zu meinem großen Erstaunen
»dass ich Ihnen geradezu widersprechen muss So lange wir diesen Mann besitzen
ist keine Unwahrheit über seine Lippen gegangen«
    »Wohl« rief ich aus »so kann ich Ihnen wenigstens seine erste ankündigen
die er mir mir wie Sie mich hier sehen vor ungefähr zwo Stunden gesagt hat 
Wissen Sie wohl mein Herr was er mir hier zu finden verhieß Nichts
geringeres als einen Schatz und den lautesten Ausbruch der Freude Und ich
einfältiger Tropf ließ mich so anführen und erstieg auf sein törichtes Wort
diesen mühseligen Turm  Lassen Sie Sich nicht abhalten mein Herr lachen Sie
so laut als Sie Lust haben Ich verdiene den Spott aller Vernünftigen«
    Aber  anstatt zu lachen weißt Du wohl was der Mann vorbrachte Eine so
schöne Tirade wie sie nur in einem Kommentar über den Habakuk stehen kann dass
man Weissagungen nicht buchstäblich verstehen müsse 
    »Mein Herr« antwortete ich ihm auf das bitterste »Ihr Prophet hat mir
einen Schatz  was man einen Schatz nennt hat er mir versprochen  Wo ist nun
hier etwas das in naher oder entfernter Bedeutung diesen Namen verdient Soll
ich etwa den Zugwind dafür annehmen der mir schon viel zu lange unter die Nase
streicht«  Mit diesen Worten drehte ich mein Gesicht verächtlich von diesem
albernen Fremden ohne mich weiter mit ihm einzulassen denn ich sah nun zu
deutlich dass er nicht umsonst hier war und wahrscheinlich ein Emissair des
falschen Propheten sein mochte
    Diese neue Entdeckung machte mich nur noch mutiger Ich konnte nicht von
der Stelle kommen bis ich meine ganze Galle erschöpft hatte  Ich rückte noch
einmal meinen Hut in die Augen hüllte mich noch einmal in meinen
philosophischen Mantel und trat so wie ich nur erst die Messmers Lavaters und
Puysegürs auf deren Autorität sich der Fremde bei dem dritten Worte bezog
hinter mir hatte eben so geschwind wieder zu den Helden des hartnäckigsten
Unglaubens zu meinen alten Freunden und Lehrern  den Bolingbrokes  Voltairen
und den Reimarus über
Schneller als nach schweren Krämpfen
Der Erschlaffung Übergang
Rief mich nun zu neuen Kämpfen
Ein Phantom das aus den Dämpfen
Jenes Blendwerks übersprang
Meinen Freiheitssinn zu retten
Wagt ich einen Todtensprung
Aus des Aberglaubens Ketten
Stürzt ich auf die Schwanenbetten
Täuschender Beruhigung
Zu dem schönsten Ritterzuge
Weihte mich der Traumgott ein
Von dem Throne big zum Pfluge
Alle Heerden vom Betrüge
Ihrer Hirten zu befreien
Träumender als Alexander
Drang ich bis zu Lunens Bahn
Pech und Schwefel in einander
Steckt ich wütend wie ein Brander
Unsers Glaubens Hafen an
Sah im Ringeltanz der Flammen
Sich die leichten Rätsel drehn
Die wie sie vom Quell der Ammen
Kraftlos zu uns überschwammen
Zu der Nachwelt übergehn
Förderte im Heldengrimme
Meines Ungestümes Lauf 
Doch indem ich weiter klimme
Hielt mich eine Menschenstimme
Von der Weltzerstörung auf
    Ja teuerster Eduard eine Menschenstimme die aber in diesem für meinen
Unglauben entscheidenden Augenblick ein Wunder vor meinen Augen war schlug mit
unbeschreiblicher Sympatie an meine Ohren und an mein Herz  »So ist denn«
hörte ich in dem Getümmel des Streites in dem ich mich befand »so ist denn
alle Freude der vorigen Zeit aus Deinem Gedächtnisse verloren Willm Willm«
 Staunend sah ich mich nach dem Fremden um der mir seine Hände entgegen
streckte  »alle die mit Freundschaft und Weisheit erfüllten Stunden zu
Leiden« fuhr er noch zärtlicher fort  »auch nicht die kleinste Erinnerung mehr
an die jugendliche Wallfahrt zu der Bildsäule des Erasmus«  Himmel wie
zitterte ich »O Wilhelm Wer ist wohl falscher  Du oder unser Prophet Ach Du
kennst Deinen redlichen Jerom nicht mehr« 
    Dieser Name der einst meiner Jugend so teuer war brachte mich zu mir
selbst  »Gott ist es möglich« rief ich aus »Mein Jerom« Und sprachlos vor
unnennbarer Empfindung lag ich in seinen Armen Eine Pause die ganz dem hohen
Gefühle der Freundschaft gewidmet war ließ einige Augenblicke keinen von uns
zur Sprache kommen  Ich schmiegte mich an die pochende Brust meines
Jugendfreundes der mit liebenden Augen sich an dem zärtlichen Erzittern
weidete das mich übermannt hatte
    Aufs höchste bewegt fing er endlich mit freudiger Stimme an »So hat doch
wohl der Prophet nicht so ganz Unrecht denn Du liebst mich noch Wilhelm«
    »Nein Gott segne ihn« stimmte ich entusiastisch ein  »Er hat wahr
geredt der große Mann Kein Schatz auf Gottes Erdboden würde solche Empfindung
von Glück und Freude aus meiner Seele hervor rufen als es Deine unerwartete
Erscheinung getan hat  Alle die süßen Phantasien meiner Jugend die ich auf
ewig verschwunden glaubte  wie scheinen sie mit dem Wohllaut Deiner Stimme von
Deiner Zunge zu strömen Dein Lächeln Dein flatterndes Haar Deine stralenden
Augen  alles alles ruft mir ihr süßes Bild wieder zurück  O mein Jerom Wie
war es möglich dass ich Dich nur Einen Augenblick verkennen konnte Nicht die
siebenzehn achtzehn Jahre die dazwischen liegen taten es aber alle die
schmacklosen Stunden die mir freundschaftleere Menschen tropfenweis zuzählten
Böse Säfte die mir Unmut und Krankheit einflössten haben meine Augen getrübt
und das empfänglichste Menschenherz stumpf gemacht Ist mir doch als wenn ich
all mein verlornes Glück in dieser Umarmung wieder fände  Siehe Dich nur um
mein Jerom  Nie haben wohl Bilder der Freundschaft auf einem höheren Fussgestelle
gestanden  Aber wir werden hier und überall den Maulwurfsaugen der Menschen zu
hoch stehen  Unter Tausenden die unter uns weben ist gewiss kaum Einer der
den ausgedehnten Begriff so eines Händedrucks zu umfassen vermag«
»Auf dieses Tempels Höh den deutscher Männer Mut
Dem Himmel näherte von den Begeisterungen
Des süßesten Gefühls durchdrungen
Natur in deiner Mittagsglut
Von eines Lieblings Arm umschlungen  
Ein Tropfen Zeit  o Gott  gewährt mir den Ersatz
So vieler freudenleerer Stunden 
Gelobt sei der Prophet durch den ich einen Schatz
Durch den ich einen Freund gefunden«
    Je schwächer unsere Nerven sind liebster Eduard desto geschickter fühlen
wir uns zur Schwärmerei Damals schien mir das Hochtönende meines Enthusiasmus
die natürliche Sprache des Herzens zu sein und Gott weiß wie lange ich noch
auf der Zinne dieses altdeutschen Turmes in einer seit seiner Erbauung so
erhöhten Sprache würde fortdeklamirt haben hätte nicht der gesündere Jerom den
Strom meiner Rede gehemmt und mir lächelnd vorgeschlagen ihn nach seiner
Wohnung zu begleiten »Wohin Du willst« sagte ich und schwankte wie ein
Trunkener hinter ihm her Immer nur ihn anlächelnd waren alle andre
Menschengesichter die uns auf der Straße begegneten für mich verloren und ich
hielt so gleichen Schritt mit ihm als wenn ich auch ihn zu verlieren gefürchtet
hätte
    Mit dem Bewusstsein einen redlichen Freund an seiner Seite zu haben fühlt
man sich in der Fremde so einheimisch als man sich ohne diesen Umstand in
seiner Vaterstadt fremd fühlen kann Wie schüchtern schlich ich nicht noch
diesen Morgen über die Gasse und jetzt kam es mir vor als wäre ich wo ich nur
hinsah zu Hause Ich stieg die Treppe zu der Wohnung meines Freundes so bekannt
hinauf als ob ich sie schon mehrmal erstiegen hätte und machte den guten Jerom
laut auflachen als ich ihm treuherzig erzählte wie mir zu Mute war Wie
ungleich ward ich mir aber vollends bei dem freundschaftlichen Mahl zu dem wir
uns jetzt niedersetzten Ich aß und trank scherzte und lachte wie ein
Gesunder  die lebhafteste Erinnerung das lieblichste Geschwätz packte alle
die farbigen Gewänder aus und staubte die bunten Federbüsche ab in denen einst
unsere unbefangene Jugend so zufrieden mit sich selbst einhertrat Nichts
durfte sich in unser herzliches Gespräch mischen was nicht Bezug auf jene
bilderreiche Zeit hatte Jeder andern Idee die sich zudrängen wollte waren wir
so verschlossen wie das Zimmer das keinem von den Anklopfenden geöffnet wurde
    So beschlich uns der Abend und da wir in unserm Gespräche nach und nach
immer weiter vorwärts gerückt waren so stand ich jetzt auf einmal an dem
Zeitpunkte meiner geschwächten  meiner verlorenen Gesundheit den ich in der
ersten Hitze unserer freundschaftlichen Ergiessungen ganz aus dem Gesichtskreise
verloren hatte Einige milzsüchtige Klagen auf meiner Seite Hoffnung und Trost
auf der seinigen bahnten uns endlich den Weg zu folgendem ernstaften
Gespräche das mir die deutlichsten Begriffe über die Würde unsers Zeitalters
gab und das ich Dir so wörtlich als ich kann auch zu Deiner Erbauung
hersetzen will
    »Hätten wir« hub ich mit einem Seufzer an »hätten wir es denken sollen
lieber Jerom als wir in Leiden zu den Füßen unserer Lehrer Wahrheit von
Vorurteilen scheiden lernten dass wir Körner mit unter die Spreu würfen die
mehr wert waren als unsre so rein gesäuberte Frucht  Hätten wir es argwohnen
können dass Kräfte in dem animalischen Leben lägen metaphysische Rätsel
aufzulösen woran die Bayle die Leibnitze die Rochester umsonst die Arbeit
ihres Geistes verschwendeten Und welchen Köpfen großer Gott wurden endlich
diese Geheimnisse anvertraut  Wie viele Jahrtausende haben dazu gehört ehe
der Mistaufen der Welt so durchgearbeitet werden konnte um das ächte
unbenutzte Samenkorn ans Licht zu bringen und welche Mechanik des Zufalls dass
es zuletzt von einer blinden Henne gefunden werden musste  Ist ein hell
sehender Schläfer der leidenden und irrenden Menschheit nicht mehr wert als
die ganze Summe von Verstand der den leiblich und geistigen Aerzten aller
Zeiten einzeln zugeteilt war und wirft so eine einzige Tatsache als ich seit
heute erlebt habe nicht alle ihre herrlichen Systeme über den Haufen Du bist
nicht allein selbst ein berühmter Arzt lieber Jerom Du bist auch ein
tiefdenkender gelehrter Mann  Weißt Du mir denn nicht eine befriedigende
Erklärung von dieser unbegreiflichen Demütigung der menschlichen Vernunft zu
geben Ich will es als ein Almosen in meiner Armut annehmen ich will es «
    »Guter Wilhelm« unterbrach Jerom meinen rednerischen Ausfall »ich teile
Dir gern die Hälfte meines Reichtums mit so viel Du ungefähr nötig haben
wirst Dir weiter fort zu helfen  Aber warte Erst will ich zusehen ob mein
Vorsaal fest genug verschlossen ist  und  nun setze Dich und höre mir
aufmerksam zu«
    »Ich bin ein Arzt Freund und habe bisher die Pflichten meines Standes in
dem Vaterlande des unsterblichen Boerhave mit gleicher Treue wenn auch nicht
mit gleicher Geschicklichkeit ausgeübt Glück in meinen Kuren schaffte mir
indes das Zutrauen meiner Landsleute Meine Erfahrung nahm täglich zu und ich
lebte mit einer Anhänglichkeit an meine Kranken die mir meine missliche Kunst
ehrwürdig angenehm und schätzbar machte Da störte mich nun auf einmal der
vielzüngige Ruf der neuen Erfindungen der Messmer der Puysegür und wie die
großen Männer alle heißen in meinem tätigen Leben  Haufenweis drängten sich
die Wunder die geschahen in meine einsame Studierstube löschten alle
Aphorismen meiner Lehrer aus als verlorene Worte und machten mich in der
Behandlung meiner Kranken furchtsam und kleinmütig«
    »Aber schnell und als ein ehrlicher Mann entriss ich mich diesem peinlichen
Zustande Ich verließ Bücher und Kranke  Keine Reise schien mir zu groß und
beschwerlich um die Ehre der Wahrheit zu retten und meinen Glauben wie meine
Kenntnisse zu berichtigen Ich kam in Strassburg an und schon den Morgen darauf
stand ich vor dem Stuhle der damals berühmtesten Somnambüle und Klairvoyante
von der Du  erinnere mich daran  nachher noch mehr erfahren sollst In einem
Zirkel von gelehrten Männern die indes die tiefsinnigsten Bemerkungen über
diesen übernatürlichen Zustand der Verzückten anstellten erteilte sie einem
jungen Offizier dessen sonore Stimme besonderen Eindruck auf ihre schlafenden
Sinne zu machen schien die richtigsten Antworten auf die verwickeltsten Fragen
 Alle Kräfte meiner Vernunft gerieten in einen Stillstand bei dieser
augenscheinlichen Tatsache  Lange quälte ich mich umsonst eine nur leidliche
Erklärung dieses Wunders und besonders des auffallenden Umstandes zu entdecken
warum die Eingebungen einer Somnambüle immer nur auf die Medizin  nie etwa auf
die Politik  die Landwirtschaft  die Mineralogie  die Naturgeschichte oder
die Rechtsgelehrsamkeit gerichtet seien so viel Nützliches auch in diesen
Wissenschaften zu entdecken und Irrtümer zu berichtigen wären und so sehr oft
einem armen Teufel ein Gefalle geschehen würde zu erfahren wie er seinen
Prozess gewinnen oder sein Korn säen solle«
    »Endlich lieber Wilhelm glaubte ich einigermaßen der Sache auf die Spur zu
kommen und den wahren Zusammenhang davon einzusehen Da ich immer alle Arten
von Entzückungen mir als Wollust erklärt habe zu der ein überirdisches Wesen
ein sterbliches verleitet  da man in Tollhäusern nur zu häufig Symptome
dergleichen heterogener Vermischungen gewahr wird  so kann es wohl sein denke
ich dass eben jetzt ein medicinischer Geist der oberen Region seinen verliebten
Ausschweifungen auf unserer Erde nachgeht und die armen unbefangenen Geschöpfe
die er zu seinem Willen bringt mit Kräften schwäng  Doch es ist wahrlich
schwer lieber Freund Geheimnisse der Art deutlich zu machen ohne eine
Albernheit zu sagen Genug alle mannbare Mädchen so viel ich deren nachher
noch gesehen habe die zum Schlafreden  zur Desorganisation  zum tierischen
Magnetismus geschickt waren  bestärkten mich in dieser gewagten Vermutung 
Sie teilen die medizinische Kraft die sie durchdringt sogar wie den
Schnupfen auch Männern mit die mit ihnen in genaue Verbindung kommen  wie wir
dieses an dem belobten Propheten sehen der Dich heute kurirt hat Mein System
lieber Wilhelm macht wirklich alle andere Erklärungen überflüssig«
    »Kaum Mit eine Schöne sich hier in geistigkritischen Stünden
    Mit einem reisenden Arzt der seine Praxis und Kunden
    Im Empyreo verlor  in heimlicher Ehe gepaart
    So wirkt die Stärkung die sie in seiner Umarmung gefunden
    Auf ihre Nerven  Sie sieht und heilt die Übel und Wunden
    Der sublunarischen Welt nach empyreischer Art
    Die Blöden staunen sie an  Mit solcher magisch Geweihten
    Tritt Lieb und Glaub und Hoffnung in Bund
    Unwissende werden belehrt und Kranke werden gesund
    Die Kunst  wer weiß es nicht längst  erhabene Träume zu deuten
    Ward immer nur den Einfältigen kund
    Und Gott erneuert uns hier das Wunder aus Bileams Zeiten
    Bis auf des Esels geöffneten Mund« 
    »An die vier Monate« fuhr Jerom fort »lebe ich nun schon in Strassburg
sehe die unglaublichen Fortschritte der neu entdeckten Naturkraft und verliere
mich täglich mehr in meinem Erstaunen  Doch was brauche ich Dir alle Resultate
meiner Erfahrung vorzulegen Hast Du nicht genug an Deiner eigenen heutigen
Geschichte Beleuchte sie noch einmal mit aller Anstrengung Deines Verstandes
Du hast doch deutlich gesehen und gehört hast die Weissagungen des Schlafsehers
wahr befunden und bist überzeugt« 
    »Ja bei Gott« erklärte ich meinem Freunde »das bin ich  Ich erlaube mir
von nun an kein Misstrauen mehr als gegen das unbegreifliche Menschenherz das
in mir pocht  Zum Glücke dass ich seit heute Morgen aus dem Munde des
Propheten weiß welch eine Seele in mir wütet  Noch sind keine zwo Stunden
verlaufen als mich Dein Zuruf an dem Abgrunde des Unglaubens zurück hielt 
Wie unüberwindlich kam ich mir nicht in dem Augenblicke vor da ich meiner
Niederlage am nächsten war Ich Armseliger Ein geweihtes Schwert in der Hand
glaubte ich allen Erfahrungen des Glaubens die Spitze bieten zu können Aber
desto ernstlicher verabscheue ich jetzt die Sünden meines Übermuts  Ich lege
in Deinen Schoss lieber Jerom meine feierliche Abbitte an den mächtigen
Gesandten der Zukunft gegen den sich meine Vernunft empörte und an alle die
großen Männer nieder die ihm anhangen und o dass die ganze Welt meinen
Widerruf hören könnte Zu was haben mir die Waffen der prahlenden Vernunft
geholfen  Da liegen sie als unnütze Werkzeuge ihres Stolzes «
»Ohnmächtiger als Dauns geweihter Degen
An Friedrichs Schild zersplitterte mein Schwert
An des Propheten Stirn Sein rätselhafter Segen 
Jetzt herrlich mir durch den Erfolg erklärt 
Macht meinen Glauben fest Gleich einem der verlegen
Am höchsten Pranger steht und den Jan Hagel lehrt
Ruf ich mit lauter Stimm und vollen Herzensschlägen
Euch allen ruf ich zu die ihr mein Unglück ehrt
Wenn Geister Sturm und Drang in eurer Seel erregen
Wenn euch wie mir ein Wunder widerfährt
Nicht lange Rat mit der Vernunft zu pflegen
Und minder noch der Silberlinge Wert
Die unter Puysegüs und Lavaters Geprägen
Die fromme Welt durchziehn erst jüdisch nachzuwägen
Wie ich getan und Mendelssohn begehrt«
    Nichts kann rührender und eindringender sehen als die Stimme der
Überzeugung zumal wenn schon zuvor ein gemeinschaftliches Glas Wein Redner und
Zuhörer zu einander gestimmt hat Ich stand die Hand auf die Brust gelegt mit
freier Stirn und in einer begeisterten Stellung vor meinem Freunde der durch
die Überströmung meines Herzens so hingerissen wurde dass er während meine
Augen sich mit Tränen der höchsten Empfindsamkeit füllten sein Gesicht hinter
seinen Händen verbergen musste  Er ermannte sich am ersten  schob klüglich
Flaschen und Gläser bei Seite und so wie Boileau als er einst zween seiner
Freunde von Burgunder befeuert antraf wie sie den Tod des großen Homers
beweinten und nicht eher zu trösten waren bis es ihm gelang sie aus dem
Wirtshause in die freie Luft zu bringen so glaubte jetzt Jerom vermutlich auch
dieselbe Vorsicht bei mir nötig zu haben damit ich nicht ganz in Tränen der
Begeisterung zerfließen möchte 
    »Mässige Dich bester Wilhelm« sagte erbittend »solche Szenen sind für
Deine schwachen Nerven zu angreifend  Lass uns unsern Wein auf einige
Augenblicke verlassen Vielleicht beruhigest Du Dich in der kühlern Nebenstube
über alles was Dir heute das Herz erschüttert hat« 
    Freundschaftlich nahm er mich bei der Hand öffnete eine Seitentüre  und 
o ihr Mächte des Himmels wie ward mir Kaum wirst Du es glauben Eduard aber
so wahr ich lebe ich befand mich mit Leib und Seele in demselben Zimmer des
Vormittags  sah dasselbe Bette und vor ihm denselben Stuhl stehen auf
welchem ich diesen Morgen die Orakelsprüche aus jenem erschallen hörte 
Versteinert stand ich davor und Jerom fuhr mit schalkhaftem Lächeln fort 
»Was sagst Du zu meiner Art abzukühlen mein philosophischer Freund Soll ich
Dir hier noch einmal Deinen Namen und die Abenteuer Deiner Seele entdecken 
Dich noch einmal auf den Münsterturm schicken oder bist Du vor der Hand
zufrieden«
    »Also warst Du«  erwiderte ich mit wiederkommendem Bewusstsein  »Du
warst der große Prophet den mir die Damen verkündigten  Du warst es der
mich diesen Morgen beinahe um mein bisschen Verstand brachte«
    »Kein anderer« sagte Jerom mit zunehmendem Lachen
    »Komm ich beschwöre Dich« fuhr ich fort »bei allem was heilig ist komm
meinem Erstaunen geschwind zu Hilfe Woher«  und ich schlug mich dabei mit der
geballten Faust vor die Stirne  »woher wusstest Du denn dass ich bei Karlsruh
ein Mädchen den Wölfen übergab« 
    Hier stemmte mein boshafter Freund vor Lachen die Hände in die Seite  »Weil
auch ich« rief er  »derjenige war der neben Deinem Wagen hielt sie Deinen
Händen anvertrauen wollte und Deine abschlägige Antwort hörte  Dies artige
Kind  eben dasselbe das bei meiner Ankunft in Strassburg in der Krise lag und
mir die erste Gelegenheit gab das Wunder des tierischen Magnetismus zu sehen
hatte seit fünf Monaten für eine gute Belohnung die Somnambüle gespielt war
darüber mit einem jungen Offizier  eben demselben der sie damals ausfragte 
ein wenig zu sehr in Rapport gekommen und wurde darüber die letzte Zeit  wie
soll ich sagen  vor der Hand unbrauchbar «
    »Das däucht mir habe ich ihr selbst abgemerkt« fiel ich ihm hitzig ins
Wort
    »Ich rettete sie nach Karlsruh wo unsre Gesellschaft gute Freunde hat traf
Dich wie Du weißt auf meinem Wege erkannte Dich ohne Mühe und erfuhr alles
aus Deinem eigenen Munde was ich kraft meines Divinationsvermögens Dir diesen
Vormittag wieder erzählte Es gehörte übrigens nicht viel darzu voraus zu
sehen dass mein Ruf Dich armen Kranken gewiss vor mein Bette führen würde Meine
Rolle war diesmal die leichteste von der Welt und sonach guter Wilhelm ist
alles was Dir begegnet ist nichts mehr und weniger als der Scherz eines alten
Freundes der wie Du siehst einen recht guten Ausgang genommen hat« 
    Die Decke fiel mir nun zwar von dem Gesichte  aber zu geschwind  Eine
brennende Schamröte überzog meine Wangen sobald das große Geheimnis in seiner
armseligen Blöße vor mir lag Ich sah mich in Gedanken in meiner ganzen
Albernheit auf dem Lehnstuhle sitzen und hatte kaum Mut meine Augen gegen den
falschen Propheten aufzuschlagen
    Mein Zustand erbarmte den gutmütigen Jerom Er nahm mich traulich bei der
Hand hielt allen Spott zurück und führte mich aus dem magischen Zimmer das
mir je länger desto verhasster ward Ich blieb noch eine Weile nachher in
sichtbarer Verlegenheit endlich kam ich der Frage näher die mir vorschwebte
und gewann Kraft sie hervor zu bringen »Ich war ein Tor lieber Jerom «
    »Kein größerer« fiel er mir ins Wort »als wir alle sind wenn ängstliche
Wünsche mit einiger Hoffnung verbunden auf uns wirken«
    »Ich war ein Tor« fuhr ich fort ohne mich stören zu lassen »aber 
vergib mir  was bist denn Du in dem Lichte in welchem Du Dich mir heute
gezeigt hast Was für ein Handwerk treibst denn Du alter ehrlicher Freund«
    »Das Handwerk eines Brutus« antwortete Jerom »der Rom von dem Tyrannen der
Unschuld befreite  das Handwerk eines Pascals der unter der Maske der Einfalt
sich des heillosen Geheimnisses der Gesellschaft Jesu bemeisterte Ohne
Verläugnung meines Mutes wäre ich nicht so mächtig geworden als ich bin Aber
die Zeit meiner Erniedrigung ist verlaufen bald werde ich zu meinen Kranken
zurück gehen und meine Erfahrung bis auf Deine heutige Geschichte soll der
Welt offenbar werden« 
    Diese Erklärung meines Freundes gab mir einen Stich in das Herz  »Nein
mein lieber Jerom« rief ich »ich will meinen Gönnern in Berlin nicht als ein
einfältiger Tropf zur Schau gestellt werden mein Name werde nie in den
Jahrbüchern dieser Schwärmer Betrüger und Betrogenen genannt«
    »Ist das Deine Weisheit« fragte Jerom mit ernsthafter Stimme  »Verdient
die Wahrheit nicht mehr um Dich als dass Du sie hinter der großen Vormauer des
Irrtums hinter einer falschen Scham verstecken und ruhig zugeben willst dass
die Zahl der schuldlosen Betrogenen sich vermehre Die Leichtgläubigkeit eines
Kranken ist der verzeihlichste Glaube Oft  traue hierin einem praktischen
Arzte  kommt diese Schwachheit der Seele körperlicher Genesung zu Hilfe Der
Gichtfluss der das linke Bein lähmte setzt sich nicht immer nur in das rechte5
Nein er verschwindet oft ohne wieder zu kommen Was soll man aber von den
frommen und gelehrten Männern denken die nicht nur mit der Schwäche der Kranken
ihr Spiel treiben sondern auch noch die gesunde unbefangene Vernunft zu
benebeln gedenken  Für was sollen wir die Stifter der neueren Sekten ansehen
die solche Schriften in alle Welt schicken wie ich Dir hier vorlege« 
    Ein ungeheurer Haufe  Ich wählte einige aus die mit berühmten Namen in
dem Reiche der Gelehrsamkeit gestempelt waren und Jerom störte mich nicht in
der Aufmerksamkeit die ich ihren widersinnigen Behauptungen ihren erlogenen
Erfahrungen und ihren anstössigen Mutmaßungen länger als eine halbe Stunde
schenkte  Seufzend legte ich endlich den ganzen Wust bei Seite und wendete
mich an meinen kaltblütigen Freund »Lieber Jerom« sagte ich »erlaube ja auch
diesen braven Männern krank zu sein denn sonst bleibt keine Entschuldigung für
sie übrig«
    »Bei einigen«  antwortete mein gut denkender Arzt »aber gewiss nur wenigen
kann Deine entschuldigende Vermutung wohl wahr sein Du würdest vielleicht auch
ein Buch über das Divinationsvermögen über den tierischen Magnetismus oder
über die Wunder der Desorganisation geschrieben und edirt haben wenn ich Dich
so in Deinem Irrtum hätte forttaumeln lassen Aber glaube mir der größte
Teil unserer Schriftsteller schreibt nicht aus Liebe zur Wahrheit aus Drang
der Überzeugung oder aus Eifer für das Gute und Nützliche sondern aus jenem
gelehrten Stolze der gleich dem Kerkerfieber in England nur in den engen
finsteren Studierstuben herum schleicht und dann und wann die glänzenden
Bewohner der feinen Welt zu Mitleiden und Almosen bewegt  Ich kenne viele
dieser schreibsüchtigen Gespenster Der Gedanke Aufsehn zu machen die Augen
auf sich zu ziehen die sich eben nach einem andern umdrehen wollen das ist der
Dämon der sie treibt und drängt Keiner kann ertragen dass er vernachlässigt
werde und sobald einer sein Pult mit Ruhm verlässt setzen sich gleich hundert
an das ihrige um so geschwind als möglich das Händeklatschen auf ihre Seite zu
bringen In Ansehung der Mittel O da denken sie nicht feiner als jene Wirtin
zum schwarzen Bocke in Harlem«
    »Und was begann denn diese lieber Jerom«
    »Das will ich Dir bei einem Glase Wein erzählen und Dir die Anwendung
überlassen«
    »Es war in dem Jahre acht und vierzig als ihr Mann« fuhr Jerom fort »ihr
den Gasthof zum schwarzen Bocke hinterließ der noch jetzt nicht weit von dem
Leidener Tore zu Harlem zu sehen ist und noch jetzt glaube ich einem aus
ihrer Verwandtschaft gehört Das Weib war artig gesprächig und von eben so
guter als billiger Bewirtung besonders nachdem durch den Tod ihres Mannes
ihre wohltätigen Neigungen von ihr allein abhingen Der Gasthof kam auch gar
bald in die größte Aufnahme Da war keine Schüte die von Leiden kam keine die
abging die ihr nicht stündlich zu verdienen gab Zur Zeit der berühmten Messe
war eine Wagenburg um ihr Haus geschlagen Es geschah oft dass über dem Zulauf
Mangel an Raum in der Herberge entstand und dennoch lagerte man sich lieber
unter freiem Himmel vor ihrer Haustüre oder in dem Hofraum als dass man seine
Pfeife in einem andern Gasthofe geraucht hätte «
    »Diese Vorliebe eines seinen Freunden so anhänglichen Volks dauerte viele
Jahre zu Gunsten der Frau Sie hatte ihre Bewirtung in ein gewisses sicheres
System gebracht von dem sie zu keiner Zeit abging und es war also mehr als
wahrscheinlich dass ihre Gäste sich eher vermehren als vermindern würden Dessen
ungeachtet lieber Wilhelm so unerklärlich es auch sein mag wusste der Gasthof
zum Patrioten der noch darzu viel entlegener vom Haupttore war nach und nach
alle ihre Kunden an sich zu ziehen und es ward zur Mode bei ihr vorbei zu
gehen Viele hatten sogar die Unhöflichkeit sie zu grüßen wenn sie eben vor
ihrem Hause stand aber keine Seele fragte übrigens nach ihrem Portwein nach
ihren schwarzen Augen und nach ihrem Salm«
    »Ein ganzes Jahr beinahe ging so hin ohne Verdienst und Genuss«  Noch
immer schmeichelte sie sich mit der Hoffnung des gewöhnlichen Wechsels der
Dinge.  Als aber die Kirmse einfiel und auch da noch ihr Gasthof unbesucht
blieb ungeachtet sie den verbleichten Bock hatte auffrischen lassen und die
weissesten Vorhänge hinter den Fenstern durchblinkten da ward sie durch ihr
unverdientes Schicksal zu heißen Tränen bewegt  Es tut mir leid dass ich es
sagen muss aber sie sprach mit Bitterkeit über die Menschen und schimpfte mit
den ausgesuchtesten Worten auf den schelmischen Wirt zum Patrioten Doch war
sie zu klug dabei stehen zu bleiben Sie kannte die Menschen und mit dieser
Kenntnis verhungert man nie Sie schwur sich an ihrer Untreue zu rächen
»Morgen« sagte sie »will ich dem Patrioten zeigen was ein entschlossenes Weib
vermag Ist Euch guten Leuten mein Gesicht zu alltäglich geworden  O dafür
will ich Rat schaffen Morgen sollt Ihr mir vierfach bezahlen und doch bei mir
einkehren« 
    »Der Morgen kam  Was tat unsere kluge Frau Eine Kleinigkeit sie nahm
nur eine ungewöhnliche Wendung in der Ordnung der Natur vor«  »Non erubescit«
dachte sie  ließ ein Paar große blaue Augen und eine Nase darauf malen und
steckte sobald es lebhaft auf den Gassen ward diese wunderliche Figur neben
die zum Überfluss rechts und links ein Paar blasende Trompeter gestellt waren
zum offenen Fenster hinaus 
    »Von diesem Augenblicke an war es um den Wirt zum Patrioten geschehen Kein
Mensch dachte weiter an ihn Der unerwartete witzige Einfall der Frau entschied
ihr Schicksal auf immer Sie hatte noch keine zehn Minuten in dieser gezwungenen
Stellung verlebt so wimmelte Haus Hof Garten und Stall von immer mehr
zuströmenden Gästen und Pferden und seit undenklichen Zeiten war nicht so viel
in Holland gelacht worden als heute  Ein alter Offizier der ein Cirkular vom
Erbstattalter in der Tasche hatte verzögerte noch um eine ganze Stunde den
schwerfälligen Umlauf dieser Staatsschrift und hielt gravitätisch mit seinem
dürren Pferde unter dieser Figur  Ein Matrosenjunge der doch jüngst erst von
Indien zurück gekommen war erkletterte eine nahe Linde um näher und
ungestörter diese Seltenheit betrachten zu können  Ein Quacker und seine
Matrone von Frau die Gebetbücher noch in der Hand hatten sich hier
niedergesetzt und tranken ihr Doppelbier ehe sie weiter zu ihrer Versammlung
schlichen und man sagt sogar dass die dortige Akademie einige ihrer Mitglieder
abgeschickt habe dies Phänomen in Untersuchung zu nehmen  Der berühmte Trost
der Hogart der Holländer wurde aus einem andern Weinhause herbei geholt um
diesen Auftritt wie ich ihn Dir hier beschrieben habe nach der Natur zu malen
Es gelang ihm vortrefflich Das Gemälde wurde aufs teuerste verkauft kam in
das berühmte Kabinet von Brancam und A Delfos hat es unter der Unterschrift
Les Abbusés in Kupfer gebracht Solltest Du es nicht selbst in Deiner Sammlung
besitzen« 
    »Ja wohl besitze ich es lieber Jerom« antwortete ich »ohne bis jetzt
gewusst zu haben was ich dabei denken sollte wie mir das mit manchem andern
Portrait berühmter Leute geht in denen man eben so wenig Physiognomie entdeckt
als in diesem  Aber fahre nur in Deiner interessanten Geschichte fort« 
    »Da der Zulauf zu diesem Wirtshause«  fuhr Jerom fort »nicht aufhörte
der Beifall immer lärmender ward so gelangte endlich ein ernstlicher Befehl des
Magistrats an die Wirtin ihr bedenkliches Zeichen einzuziehen ein geehrtes
Publikum nicht länger zu äffen und ihr Blendwerk für sich zu behalten Aber die
Herren hatten vergessen die Volksstimme dabei zu Rate zu ziehen Man
widersetzte sich im Tumult diesem Befehle schrie über Beeinträchtigung der
republikanischen Rechte berief sich auf die Pressfreiheit Toleranz und
Publicität und Vornehme und Geringe behaupteten sich in dem ungestörten
Anschauen dieses verbotenen Gesichts  Hatte der erste Tag Leute herbei
gezogen so tat es der zweite dritte nebst den folgenden noch mehr In kurzem
verbreitete sich der Ruf dieses Wunderwerks durch alle sieben Provinzen Man
machte Lustreisen von den entlegensten Flecken und Eylanden hierher  Die
Neugierigsten blieben über Nacht da und diese Nächte wurden teuer bezahlt
Kein fremder Prinz kein Gesandter reiste durch Holland ohne das Wirtshaus zum
schwarzen Bocke zu besuchen Die Stadt kam in bessere Nahrung Die Zölle an den
Barrieren erhöhten sich ungewöhnlich und da die Obrigkeit ihren Vorteil so
augenscheinlich sah schwieg auch sie und die Wittwe  Gott habe sie selig 
sah sich ehe ein Jahr verging zu ihrem eigenen Erstaunen berühmter besuchter
und reicher als sie jemals im Traume gewesen war  Indes erzählte mir doch ein
dortiger würdiger Gelehrter dass eben die Frau die vor ihren Zeitgenossen nicht
errötete als noch die blasenden Trompeter neben ihr standen sich nachher als
der allgemeine Enthusiasmus verraucht war nicht habe der Schamröte erwehren
können wenn sie auf dem Trostischen Kupfer die Hauptfigur erblickte die ihr
Andenken auf die Nachwelt bringen würde «
    »Nun frage ich Dich lieber Wilhelm ob die Geschichte meiner Harlemer
Wirtin  mit der Geschichte unserer meisten neuen Schriftsteller nicht ganz von
Einem Schlage ist  In beiden einerlei Triebfedern und Räder  Unverschämtheit
aus Ruhmsucht und Ruhmsucht aus Gewinn  Das ist die Progression nach welcher
sie handeln denken und schreiben  und Du siehst ob es ihnen gelingt Schlage
alle unsere gelehrten Zeitungen und Journale nach Welche Namen sind es die am
meisten darin flimmern  Die Namen der Schwärmer der Lügner der Mitglieder
geheimer Gesellschaften und die sichs etwas kosten lassen gelobt zu werden
Was für Winkelzüge werden nicht gebraucht um dem Recensenten  so schwer es ihm
auch ankommen mag  eine beifällige Miene abzulocken und was für Antikritiken
treten ihm frech unter die Augen wenn er die guten Leute  wie sie sagen 
nicht verstanden hat«
»Der Urteilsspruch der aus den Fingern
Gelehrter Ruhmverteiler schleicht
Das ist der Kranz der unsern Ringern
So vieler Lanzen würdig däucht
Sie überlaufen sich und werfen
In ihres Angesichtes Schweiß
Den letzten Pfeil  den letzten Scherfen
Nach diesem ausgesteckten Preis
Non erubescit denken Alle
Vom Tyberstrom bis an den Rhein
Im schmetternden Trompetenschalle
Mit meiner Witwe überein
Belohnt wenn unter ihrem Schilde
Die Markltgeschäfte stille stehen
Und Tausende mit ihrem Bilde
Und ihrer Schrift hausiren gehen
Bezeichnet Dir Apollens Stimme
Den Weisesten von Griechenland
So weißt Du nicht durch welche Krümme
Sich Sokrates nach Delphi fand
Indem dem Accoucheur der Dichter
Die Pytonissin sich entblößt
Wer mags enträtseln welch ein Trichter
Ihr die Begeisterung eingeflößt«
    »Dein Geschichtchen lieber Jerom« sagte ich lächelnd »ist ernsthafter
als man nach dem ersten Ansehen vermuten sollte und Deine boshafte Anwendung
aus unsere Schriftsteller nur allzu wahr  Passt das Sprüchlein des Shakespear
hinter das einer von denen die vor uns liegen seine neue Entdeckung zu
verschanzen sucht nicht eben so richtig unter das Fenster Deiner Harlemer
Wirtin« »Es gibt vieles zwischen dem Mond und der Erde«  betet er dem
Dichter nach  »wovon sich unsere Kompendien nichts träumen lassen« Nichts ist
wohl leichter als zu einer Torheit eine kluge Sentenz zu fihnden  »Doch was
geht mich aller dieser Schnikschnak an Ich danke Dir übrigens herzlich für
Deinen teoretischen und praktischen Unterricht nur wollte ich wünschen dass
die hübschen artigen Mädchen die mich zu Dir geschickt haben ihn mit mir
geteilt hätten Die armen liebevollen Kinder fangen an mich recht ernstlich zu
dauern Welcher vorsichtige Mann wird eine Schöne heiraten die unter den
Händen der Manipuleurs Desorganisateurs und Magnetisten gezappelt hat«
    »O deswegen sei ohne Sorgen lieber Wilhelm«  antwortete Jerom »Das
schöne Geschlecht weiß aus allem Vorteile für seine Versorgung zu ziehen und
unsere jungen Herren besuchen unser einen am liebsten je blühender und
reizender das Mädchen ist das in der Krise liegt Überall findest Du jetzt
Adepten der neuen Kurart die mit der ersten besten hinfälligen Schönen ihre
Kunst probiren Von beiden Teilen spielt man seine Rolle so geschickt dass eins
den andern betrügt ohne Betrug zu argwohnen Wenn das nicht Heiraten schließt
so weiß ich nicht was es tun soll  Aber sage mir lieber Wilhelm möchtest Du
nicht selbst einige Tage darauf verwenden unsere Handgriffe zu lernen Du
könntest für Deinen Spaß sogar für Dein Ansehen in der Fremde nichts
Wichtigeres von hier mitnehmen Ohne Mitglied irgend einer geheimen Gesellschaft
zu sein sollte jetzt kein vernünftiger Mann einen Tritt aus dem Hause tun
Freimäurer bist Du doch wohl schon längst«
    »Nein auch das« antwortete ich beinahe verschämt »bin ich nicht bester
Jerom Ich habe nie viel auf die Triangel gehalten Sogar der Platonische6 ist
mir gleichgültig geworden seitdem ich nicht gut mehr damit zurecht kommen
kann«
    »Armer Freund«  sagte Jerom »wäre es nicht schon so spät   doch morgen
will ich früh zu Dir kommen und Dich als Arzt in Untersuchung nehmen Noch eine
herzliche Umarmung und nun für heute Gott befohlen«
    Ungern trennte ich mich zwar von meinem Freunde aber ich nahm doch eine
Ruhe eine Sicherheit der Seele und ein so voll zugemessenes Vergnügen mit das
ich nicht beredt genug bin Dir zu beschreiben Die Nacht  sagt das Sprichwort 
ist keines Menschen Freund Aber nach dem Schluße eines solchen Tages ist
sies und sie war es mir heute mehr als jemals
    
    Wie könnte dem des Schlafs Erquickung mangeln
     Den der Gedanke wiegt Er ohne den kein Haar
     Von deinem Scheitel fällt dreht noch unwandelbar
     An Kräften und Gewicht die Welt in ihren Angeln
     Dir schloss die Sonne nicht in ihrem Tagelauf
     Ein neu entdecktes Tor der Offenbarung auf
     Erfüllte nicht dein Herz mit neuen Glaubenssorgen
     Und gab aus einem Sturm der Tausende zerstreut
     Und Tausende verschlang geborgen
     Dir einen Freund zurück aus deiner Jugendzeit
     Und dieser Freund  umarmt dich morgen
    
    
    Ich lächelte aus dem Gefühle der innigsten Zufriedenheit als ich mein
Deckbette über mich warf wie ein Mensch der einen verwickelten Prozess
gewonnen und dies Lächeln schwebte mir noch um den Mund als mich nach
genossener Ruhe die Ankunft meines Freundes und Ratgebers weckte
    Ich hebe Dir von dem süßen Geschwätze das mit ihm kam und den Morgen
ausfüllte dasjenige aus womit er mich als Arzt abfertigte  »Du hast« sagte
er ernstlich »viele Umwege genommen um Dich von der Natur zu entfernen jetzt
nimmt sie  und es kann Dich wundern  eben so viele ehe sie sich wieder zu
Dir findet Du hast über Dein eigenes Selbst hinweg starr auf die Menschen
gesehen bis es Dir vor den Augen flimmerte Du hast gelesen gelesen bis Du
Dich selbst nicht mehr verstanden hast  Du hast so viel über das Leben und
Weben des Erschaffenen nachgedacht bis Du am Ende nicht wusstest Dich in Dein
eigenes Dasein zu finden  hast Schlüsse an Schlüsse gekettet und so fest um
Dich her geschlungen dass Du keinen Schlupfwinkel mehr vor Dir siehst durch den
Du ungedrängt und unbeschädigt Dich retten könntest Törichter törichter
Freund  Und um so hohe Vollkommenheiten zu erlangen  was hast Du von dem
Deinigen darauf verwendet Das größte Gut das die Natur geben kann 
Gesundheit  In ihr liegt die wahre Weisheit Dein Kopf ist geschwächt Dein
Magen verdorben Deine Brust ausgetrocknet Dein Eingeweide zusammen gezogen
und Dein Puls in Unordnung  Und Du verlangst mit dieser knarrenden
verstopften schwerfälligen Maschine menschliche Pflichten erfüllen zu können
Wie will so ein elendes Geschöpf ein nützlicher Bürger ein tätiger Freund ein
gütiger Hausherr ein zärtlicher Ehemann und ein Vater munterer und gesunder
Kinder sein Zu welcher Rolle auf dem Theater der Welt ist so eine verrostete
Puppe geschickt Gehöhnet geflohn gemissbraucht zu werden unbedauert und
unvermisst ins Grab zu schleichen das ist ihr Loos und o dass ich es sagen muss
 ist das Deinige« 
    »Höre auf lieber Jerom«  unterbrach ich den Fluss seiner Rede mit bebenden
Lippen »Du tödtest mich sonst mit Deiner grässlichen Vorstellung Hätte ich doch
nicht geglaubt dass man so gesund sein müsse um nur die Achtung eines Arztes zu
verdienen Aber setze den Arzt bei Seite rate mir als ein schonender Freund
oder nimm nur so viel von jenem dazu als nötig ist diese knarrende ungelenke
Maschine wieder in Stand zu setzen«
    Mit mitleidiger Freundlichkeit drückte mir der gutmütige Mann die Hand 
»Höre meinen Rat«  fuhr er traulicher fort »lieber Wilhelm  und es kann
sich noch ändern Du gehst zu Deinem Glücke in das Land des Leichtsinns nutze
diesen Umstand zu Deiner geistigen und körperlichen Genesung wie ihn andere zu
ihrem Verderben missbrauchen Suche den Scherz und das Lachen auf wo Du es
antriffst Die Wahl unter ihrer Sippschaft lasse ich ruhig Dir frei Meide alle
und jede die man Dir als große Männer ankündigt  alle Schriftsteller  die
Wunderdoktoren aller Fakultäten  und fliehe besonders jene Magazine der
Vielwisserei die Bibliotheken die jetzt fast alle Städte verengen die Mieten
teurer und die besten Säle unbrauchbar machen  die wenn die Wut sie zu
sammeln noch tausend Jahre so fortgeht endlich die weite Welt einnehmen und das
Menschengeschlecht daraus verdrängen werden ohne es um einen Grad glücklicher
zu machen«
»Hörst Du von Wunderkraft entflammte Zungen schrein
Auf unserm Markt ist Himmelsbrod gemein 
So geh vorbei und glaube keiner
Der Kot wird immerfort gemeiner
Als Himmelsbrod auf ihren Märkten sein «
»Die Wenigsten sind klug« Auf diesen Grund erbaue
Dir Dein System und hüte Dich und traue
Der Stimmen Mehrheit nicht obgleich die schwache Welt
Sie über uns zum Richter aufgestellt
Wie leicht vereinigen sich Toren
In einem Zweifelspunkt Sie achten Deiner Ohren
Und Deines Widerspruches nicht 
Geht es ad plurima am letzten Weltgericht
So ist der Philosoph verloren 
Und dennoch seis ihm eins der nützlichsten Geschäfte
Verirrten nachzuspähn Sein scharfes Auge hefte
Vor allen sich auf das was Untersuchung flieht 
Die Rose die auf unsern Beeten blüht
Zieht aus dem Dünger ihre Balsamkräfte
Und aus dem stinkenden Gebiet
Des Truges und der Torheit zieht
Die Weisheit ihre Nahrungssäfte
    »Suche nirgends Erbauung als in den Wäldern unter dem Gesange der Vögel
und an dem rieselnden Bache So lange das Blöken der Lämmer Dir nicht näher ans
Herz tritt als das Blöken der Menschen sage noch nicht dass Du gesund bist
und werde noch wachsamer über Dich selbst Überlass Dich auf einige Zeit ganz
jener glücklichen Art von Müssiggange die mehr Tätigkeit in sich enthält als
manches Aemtchen im Staate«
»Wenn von dem Morgenschleier nun
Dein Liebesblick das Land entüllet
Die Saaten tief im Rauche ruhen
Der aus der Ähren Blüte quillet
Und sich Dein Herz mit Freude füllet
Und Dir es Not wird wohlzutun
Wenn alles mit Dir lebt und fühlet
Sich sympatienvoll Dein Fuß
Am Tausendschön vorüber stiehlet
In dessen Kelch mit Schnellgenuss
Des Lebens  eine Mücke wühlet
Dein Geist in Harmonie gewiegt
Kraftvoller durch sein Wohlbehagen
Die Lobgesänge überfliegt
Die Deiner Zunge sich versagen
Dein volles Herz die Adern spannt
Mit Rosenöl die Wangen schminket
Und von Gefühlen übermannt
Im Strudel der Natur versinket 
Sprich ob dann besser angewandt
Dir einer Deiner Tage dünket 
Und will ein Tor den im Gebrauch der Zeit
Nur Sorgen der Geschäfte quälen
So fromme Tage für entweiht
Im Laufe Deines Lebens zählen
So lache der Vermessenheit
Ein so genossner Tag trägt Samen und gedeiht
Zu guter Frucht in guten Seelen
Und gibt als treuster Freund zuletzt uns sein Geleit
Wenn alle andre sich von unsrer Seite stehlen
Zum Erntefest der Ewigkeit«
    »Hüte Dich so viel Du auch Kohlenstaub von Deinem Herde zutragen könntest
an dem großen Prozesse der Aufklärung mitzuarbeiten und hüte Dich vor dem
Laster der übelen Laune damit Du wenn Deine Hütte brennt nicht mit Ferngläsern
suchest wo der Rauch herkomme  Deine Weisheit lehre Dich mit den Torheiten
und Schwachheiten der Menschen zu spielen und ihnen dieselbe Freiheit bei den
Deinigen zu lassen ohne Misstrauen ohne Strenge  Denke selbst wie rein die
Tugenden desjenigen wohl sein mögen der andern keine zutraut da wir doch nur
mit dem Gefühl unsers eigenen Herzens die Bewegungen aller andern verstehen
können Weise auch nicht gleich jede schalkhafte Leidenschaft die bei Dir
anklopft wie einen Bettler von Dir Der herrliche Wein der jenes Land
bekränzt sei Deine Arzenei das flammende Gesicht des braunen Mädchens Dein
Arzt und das Spielwerk der Liebe Deine Philosophie«
    Länger konnte ich vor Ungeduld nicht zuhören  »Deinen medicinischen Rat
in Ehren und der Moral unbeschadet lieber Jerom« brach ich mit Unwillen gegen
ihn los »wohin könnten mich Deine Epikurischen Verordnungen nicht bringen Doch
es hat keinen Anschein dass ich sie missbrauchen werde Das Spielwerk der Liebe
 Sehr wohl Eben so leicht könntest Du mir die Trommel und das Steckenpferd
meiner Kindheit empfehlen Wüsstest Du mit welcher neidlosen Gleichgültigkeit
ich auf jene Berauschung der Sinne herab sehe  wüsstest Du dass mein Nachdenken
mich noch um einige Grade weiter gebracht hat als den großen Büffon das seinige
 dass ich nicht nur so gut wie er aus der geistigen Seite der Liebe nichts
finde was der Mühe eines Mannes lohne sondern auch selbst für das Gute keinen
Sinn habe was er ihrer physischen zugesteht  gewiss lieber Jerom Du würdest
Dein Recept ändern Wenn nur von den Reizen eines Mädchengesichts von den
Küssen ihres Mundes  wenn nur von Wein und Scherz Müßiggang und Liebe meine
Genesung abhängt  Freund Freund so bin ich verloren«
    »O ihr weisen Geschöpfe« rief Jerom aus »habt ihr denn noch nicht einsehen
gelernt dass andere Verhältnisse auch andere Menschen und ein ander Klima auch
andere Empfindungen erzeugen Wenn mein Rat für einen flatternden Jüngling
Schierling in unverständigen Händen sein würde so ist er Dir hingegen ein
wohltätiger Balsam auf Dein erstarrendes Haupt Ziehe wenn Du nicht anders
willst den weitern Weg nach diesem freundlichen Lande dem kürzern vor Behandle
Dich meinetwegen noch eine Weile als einen Klumpen von dem der Rost sich erst
abschleifen muss ehe seine wahren Bestandteile hervortreten Übrigens lache
ich zu Deiner trotzigen noch über Büffon erhabenen Stärke Wie geschwind wird
Deine dickblütige Moral verdunsten wann Dich erst die auflösende Sonne jenes
Landes durchwärmt haben wird«
»Dort wo geheimer Jugend Zauber
Durch lachende Gefilde walzt
Dort wo der Auerhahn und Tauber
Schon im Dezember girrt und balzt
Und Dir kein Kämpf und Dir kein Glauber
Das Brot nimmt und den Wein versalzt
Wo unter lauter Schäferstunden
Der Gott der Zeit sich schwindlich dreht
Nud nicht so leicht ganz unempfunden
Ein Jugendwunsch verloren geht
Wo statt des Nordwinds nur Gefieder
Schalkhafter Weste Dich umwehn
Und alle Herzen alle Mieder
Nud alle Fenster offen stehen 
Dort ist die Kunst das zu entbehren
Was die Natur im Übermaß verschenkt
Im süßen Kampfe mit Cyteren
Sich ehrlich seiner Haut zu wehren
Nicht halb so leicht als Mosheim denkt«
    »Ich fürchte lieber scherzender Freund«  sagte ich halb lächelnd »dass
ich Deine heutigen Weissagungen noch apokryphischer finden werde als Deine
gestrigen Du würdest mich nicht wenig damit geängstiget haben als ich noch vor
Deinem Bette saß und Deine Orakelsprüche für excentrische Eingebungen hielt
Heute ist mir schon leichter dabei ums Herz und Deine Freundschaft wichtiger
als Dein Divinationsvermögen Doch Bester  warum eilst Du von mir mein
Jerom«
    »Um einem artigen Kinde zu Hilfe zu kommen« flüsterte er mir zu indem er
mich mit nassen Augen an seine Brust drückte  »Sie ist freilich nicht von
Eisen und Stahl«  setzte er hinzu  »wie man aus der Magnetkur schließen
sollte in die sie sich begeben will aber so reizend und unbefangen dass es für
einen Naturforscher schon der Mühe wert ist ihr ihre fünfzehnjährige Beichte
abzunehmen und sie mit einem guten Rate zu entlassen«
    »Nur um des Himmels willen« rief ich ihm nach  »keinen von dem Umfange
als Du mir zu Deinem Andenken zurück lässest Und nun  lebe wohl«
    So trennten wir uns zwar bänglich und zärtlich aber doch durch ein
gegenseitiges heiliges Versprechen beruhigter uns einander nicht wieder so weit
aus dem Gesichte zu verlieren Bald nachher nahm ich Abschied von einem Orte
der mir einen Jugendfreund in die Arme geführt meine Kenntnisse so erstaunlich
bereichert und mich welches Dir zu Haus und Hof kommt so geschwätzig gemacht
hat
    Ich hoffte als mir Strassburg und der Münster mit seiner Plateform und
seinen neun und neunzig Stufen im Rücken lag aus der Ernte die ich dort
eingescheuert hatte so viele erlesene Frucht zu gewinnen dass ich den ganzen
Weg über davon zehren und für Dein Bedürfnis die feinsten Körner zurück legen
könnte Aber ich betrog mich in meiner Rechnung Die Geschwindigkeit und das
Rasseln meines Fuhrwerks auf dem herrlichsten Pflaster wodurch nur ein Sieger
eine eroberte Provinz an seine Lande fesseln kann ließ keinen Gedanken
aufkommen Wie ich merkte dass es mit dem Denken nicht ging und das äußere
Gefühl das innere immer überschrie fasste ich meine Seele in Geduld ließ mich
von einem Postillon nach dem andern fortschleppen ohne auf Tag und Nacht zu
achten und sicher dass ich nicht der erste sein würde der gedankenlos nach
Paris käme freute ich mich nur der heilsamen Erschütterung in der sich alle
Teile meines Körpers befanden und dachte wenn sich jetzt nicht der Rost von
Deinem Golde abschleifet so geschieht es nie
    In diesem Mittelzustande ist man in der Ecke eines bequemen Wagens
vortrefflich aufgehoben Selbst das Getös das um und neben mir herrschte je
näher ich der Hauptstadt kam vermochte nicht eher mich aus meiner
vorteilhaften Lage zu bringen bis es in immer zunehmendem Wachstum endlich zu
einem Grade der Tortur anstieg der wohl noch einen hartnäckigern Verläugner
seiner selbst überwältiget hätte Ich fuhr erschrocken auf und hätte orgnisirt
sein müssen wie ID wenn ich nicht hätte erraten wollen wo ich wäre Das
ganze große bewegliche Gemälde als wenn es von HöllenBreugel gemalt wäre
stand vor mir 
Ein bettelndes mit angeerbtem Schwindel
Vom Ruhm des Vaterlands beseligtes Gesindel
Das höchste Missgetön des städtischen Gewühls
Der Amoretten Schaar in aufgefärbtem Zindel
Mit allem Ungestüm des hungrigsten Gefühls
Der spähende Betrug der mich mit seiner raschen
Gehülfen Zahl vertraut willkommen hieß 
Rief warnend mir ins Ohr »Verschliess 
Verschliess Dein Herz und Deine Taschen
Du bist im Weichbild von Paris«
    Man hatte in Strassburg meinem Johann das Hotel der vier Nationen empfohlen 
ein nicht unebenes Gegenbild des berühmten Zufluchtsorts der Wissenschaften den
der Kardinal Mazarin den vier kultivirtesten Völkern der Erde zu ihrer noch
höheren Vervollkommnung in seinem Testamente aufschloss Da diese kontrastirende
Vergleichung keine hinlängliche Ursache enthielt der Anweisung meines Johann
nicht zu folgen so versprach ich mir obschon ein krankes Mitglied einer dieser
so vorzüglich an Leib und Seele dotirten Völkerschaften dennoch eine gute
Aufnahme merkte aber bald dass die deutsche Nation nach französischer Rechnung
unter den vieren wohl nicht die geachtetste sein mochte
    »Gute Zimmer« fing der Wirt meine Frage auf indem er mich von meiner
Bibermütze an bis zu meinen Pelzstiefeln herab in Untersuchung nahm und
bedenkliche Blicke bald auf meinen Johann bald aus meinen Mops warf  »Gute
Zimmer  o ja diese fehlen in diesem Hotel nicht  die schönsten werden für
Engländer aufgehoben die Verstand genug haben sie nach ihrem Werte zu
bezahlen«  Er sah mir während dieser trockenen Erklärung steif ins Gesicht
und fuhr da ich mich hinter den Ohren kratzte noch trockener fort  »Auch
stehen zwei Treppen hoch noch ganz artige Zimmer frei  etwa für einen deutschen
Prinzen oder Grafen« Und da ich auch diese Wendung seiner Rede nicht zu
verstehen verstopft genug war sagte er mir endlich mit sichtbarer Ärgernis
über meine schweren Begriffe rund heraus »Mit Einem Worte mein Herr ich kann
Ihnen im Hinterhause nur mit einer Kammer für Sie und Ihren Bedienten aufwarten
wenn Sie Sich noch so lange in dem Ansprachzimmer gedulden wollen bis sie der
Koch des Herzogs von Dorset der eben im Begriff ist abzureisen geräumt hat« 
»Gut«  sagte ich um dem Geschwätze ein Ende zu machen und wurde in das
Sprachzimmer gewiesen
    Hat jemals ein Ort seinem Namen Ehre gemacht so war es dieser  Es war
eine wahre Marterkammer für deutsche Ohren Ich flüchtete sobald ich hinein
trat nach einem Lehnstuhl der in der entferntesten Ecke stand Doch diese
Vorsicht war von schlechtem Nutzen vielmehr machte ich mich der Masse Menschen
nur noch bemerklicher die sich nun wie ein Knaul entwickelte und mich in einen
sich immer verengernden Kreis einschloss der aus Kürschnern Spitzenhändlern
Hutmachern Modekrämern Lottowerbern Haarkräuslern Schneidern Schwertfegern
Mädchenund Rosstäuschern zusammen gesetzt war die mir alle mit einem großen
Aufwande von Worten ihre wichtigen Dienste und ihre Ware feil boten Zu was
für einer Figur würden sie mich in der Geschwindigkeit umgestaltet haben wenn
ich der Laune gewesen wäre mich ihrer Ausbildung zu überlassen Statt aller
Antwort aus ihre beredten Anfälle hielt ich mir die Ohren zu und drückte mein
Kinn tiefer in meinen Oberrock
    Diese hypochondrische Unhöflichkeit fertigte sie geschwinder ab als die
beste Rhetorik  denn ein Franzos hört sich gern und will gern gehört sein Ein
einziger Lohnlakei ließ sich nicht davon anfechten und brachte mich durch
seinen ausdauernden Ungestüm so aus der Fassung dass mir das ernstlichste allez
au diable entfuhr das vielleicht heute im ganzen Königreiche gesprochen wurde

    Daraus erwuchs aber eine neue Verlegenheit für mich Die harte Aussprache
meines Fluchs störte einen Abbé auf der bisher mitten in dem allgemeinen Lärm
in einer Fensterecke geschnarcht hatte Er erhob sich  taumelte schlaftrunken
auf mich zu rückte vertraulich einen Stuhl neben den meinigen  gab sich mir
als ein Membre du Musée de Paris zu erkennen und bot mir ehe ich mich so etwas
versah einen Kours de belles lettres die Stünde für einen Louis an Er habe
fuhr er fort Deutsche im Unterrichte gehabt die bei ihrer Ankunft nicht im
Stande gewesen wären nur  Charmante Gabrielle  ohne Fehler auszusprechen und
die jetzt  Indem pflanzte sich zu meinem Glücke ein stammhafter
Mietkutscher vor uns hin der mein wahres Bedürfnis ungleich besser zu erraten
schien als jener
    »Mein Herr«  unterbrach seine raue Stimme das sonorische Geschwätz des
Gelehrten  »Sie dürfen nicht hoffen so lange Sie hier sitzen bleiben dieser
Zudringlichkeiten und Ausfälle auf Ihre Geldbörse«  hier nahm der Abbé eine
Prise Tabak  »los zu werden Ich habe eine bequeme Equipage zu Ihren Diensten
vor der Türe stehen Retten Sie Sich durch eine Spazierfahrt aus diesem
Getümmel bis Ihr Stübchen geräumt ist  Befehlen Sie nur ob Sie nach St
Kloud  nach Marly  Trianon oder la Meute wollen  Oder haben Sie mehr Lust
ein paar Stunden aus dem Boulevard hin und her zu fahren« Ich machte eine
unentschlossene Miene  »Oder wollen Sie« fuhr er mit großer Menschenkenntnis
fort »da Ihnen die Lustschlösser unserer Könige zu missfallen scheinen etwan
ihre Supplices zu St Denis besuchen«
    Dieser Vorschlag verfing »Du bist mein Mann« sagte ich »ja  dahin sollst
Du mich fahren  ich kann die Zwischenzeit bis der Koch des Herzogs von Dorset
mir Platz macht nicht besser anwenden«  Das Membre du Musée schien in diesem
Augenblicke zu bereuen einem so alltäglichen Menschen der ihn einem
Mietkutscher nachsetzen konnte nur das Wort gegönnt zu haben Er drehte sich
verächtlich von mir weg und mir  ich gestehe es aufrichtig  war es ziemlich
einerlei ob ich jemals Charmante Gabrielle gut aussprechen würde oder nicht 
Ich folgte meinem Kutscher der mir mit wichtigen Tritten den Weg durch das
Sprachzimmer frei machte und mir glücklich in seinen Wagen half
    Der Wunsch aus dem Gedränge aller dieser dienstfertigen Geschöpfe zu
kommen traf hier mit einem geheimen Zuge zusammen den mein Herz immer nach den
Mausoleen der Großen oder ehmals glücklichen und berühmten Männer gehabt hat
 Ich gestehe Dir lieber Eduard dass ich in keinem von allen Sprichwörtern die
ich kenne so viele wahre praktische Philosophie finde als in jener populären
Sentenz dass selbst ein kranker Hase besser sei als ein todter Löwe Die naive
Wahrheit die dieses Sprichwort enthält ob es gleich nicht so prächtig klingt
als manches andere ist nichts desto weniger von dem wohltätigsten Sinne und
ich kann mich dreist auf das Gefühl des größten Teils der Menschen berufen ob
sie ein tröstlicheres wissen Es streute auch diesmal Rosen auf meinen Weg 
Ich fühlte mich so krank ich auch war doch lebend  und kraft dieses Gefühls
schien ich mir gutmütiger als Heinrich der Vierte größer als Ludwig der Große
und herzhafter als der Ritter Bayard zu sein und diese Empfindung hielt bis vor
das alte Gebäude nach das ihre Asche verschließt
    Vermutlich erwartest Du jetzt lieber Freund dass ich alle Winkel der
Kirche durchstören alle die königlichen Namen nach Henaults Verzeichnis
vergleichen und nachsehen werde welche Titel auf ihren Steindecken verwischt
sind Aber leider kann ich Dir nicht damit dienen denn  ich stieg nicht
einmal aus dem Wagen so ganz war das Anziehende das dieser Ort in der
Entfernung für mich gehabt hatte verschwunden so bald ich da war Trotz dem
tröstenden Sprichworte und allen den schönen Anwendungen die man hier davon zu
machen die beste Gelegenheit hat muss man glaube ich ein Pferd oder ein Mönch
sein um gutwillig länger als eine Minute hier zu dauern
Auf Schädeln die sich einst des Kronenschmucks gefreuet
Eh sie ein Todtenkranz in dieses Reich verwies
Als Perlen für das Paradies
Jetzt an einander angereihet
Tront hier ein Mönchsgezücht Symbolischer als dies
Ward keins den Heiligen geweihet
Keins dem die Billigkeit den Abgang des Genies
So Überschwenglich gern verzeihet
Denn der von oben her dem Häuflein Schutz verleihet
Ist der entauptete Denis 
Kennst Du zum Flügelmann bei einer Mönchsparade
Wohl einen schicklichern in dem Prälatenchor
Selbst die Legende sagt »Mit seinem Kopf verlor
Er weniger als Nichts Er blieb durch Gottes Gnade
So klug und heilig wie zuvor«
Wer seinen Kopf noch fühlt und sein Gefühl zu retten
Nicht Wundermittel gern versucht
Vermeide diese Todtenbucht
Und nehm aus diesem Lärm von Metten
So eilig als er kann  die Flucht
Die schwersten Wetterwolken fliehen
Der schnellste Rabe selbst in seinem Fluge kehrt
An diesem Kloster um das Tag und Nacht belehrt
Wie viel von Bourbons Stamm im Fegefeuer glühen
Und ich  dem ein Abbé schon viel zu laut geschrien
Dem schon ein Wort das Trommelfell versehrt
Das nicht mit lindem Hauch sanft von der Junge fährt 
Könnt ich dies Missgetön geduldig in mich ziehen 
Nicht eines Tons wär ich von Wielands Harmonien 
Nicht meiner Menschenohren wert
    Ich befahl meinem Kutscher ohne mich einen Augenblick zu besinnen sogleich
wieder umzukehren und gelobte dem heiligen Denis dass mich kein Sprichwort in
der Welt je wieder zu so einer Spazierfahrt verführen sollte Lange hinterher
sansten mir noch die Ohren von diesem Glockengeheul und verwehrten mir an
etwas anders zu denken 
    »O du Unglücklicher« redete ich mich endlich an indem mirs aufs Herz
fiel dass ich jetzt zwischen St Denis das nun hinter mir und dem
Sprachzimmer das vor mir lag  wie zwischen Tür und Angel steckte  »in
welchen abgelegenen Winkel wirst du dich endlich mit deinem Tympanum retten
müssen  Es ist doch eben so sonderbar als unverantwortlich wie die Menschen
auch die elendeste Gelegenheit nutzen mögen Lärmen in der Welt zu machen  von
der Trommel des Knaben an bis zu den Seelenmetten der Könige« 
    Die Eigenliebe dieser glücklichen Nation ist doch in der Tat nicht von
gewöhnlichem Schlage Sie belebt bewegt und verbindet gleich einer allgemeinen
Eroberungssucht jedes einzelne Mitglied des Staats zu dem gemeinschaftlichen
großen Endzwecke den Beifall und die Bewunderung aller Völker der Erde zu
erbeuten Sie ziehen öffentlich zu Felde und tun geheime Ausfälle danach und
halten sich wodurch sie eigentlich unüberwindlich werden niemals für
geschlagen Wenn der erste dem Du auf der Straße begegnest auch so bettelarm
ist dass er Dir weder Tabac des Fermes aus einer verschabten Dose anbieten oder
Dir unter einem zerrissenen Kittel wenigstens ein Paar Manschetten zur Schau
geben kann so ist doch zu wetten Ihr seid noch keine Viertelstunde mit
einander fortgeschlendert so glaubt er Dir das Geständnis abgenötiget zu
haben dass kein Volk so mächtig so reich so witzig so artig so erhaben sei
als das seinige und sollte sein Anteil an diesem Nationalvermögen auch noch so
gering sein so ist er doch gewiss mit seinem Loose zufriedener als Du mit dem
Deinigen Die guten Leute wissen jede Einwendung die wir etwa dagegen merken
lassen so geschwind zu entkräften glauben dass jedes menschliche Auge so
geformt sei wie das ihrige und können nicht begreifen wie ein Fremder unter
ihren bunten Kleidern  Armut eine verdorbene Haut unter ihrer Schminke und
Elend und Verzweiflung in den Labyrinten ihrer Hoffart entdecken könne
    Ein jeder deutscher Mietkutscher würde gewiss auf meinen ersten Wink sehr
vergnügt über sein abgekürztes Tagewerk nach Hause gefahren sein Meinem
Franzosen aber war der Gedanke wie mächtig wohl der Fremde über die Wunder
seiner Stadt erstaunen werde wichtiger als jede andere Rücksicht und er
machte gern einen freiwilligen Umweg nach den schönsten Plätzen um sich dieser
Empfindung desto gewisser zu versichern
    Ich hätte vielleicht gar nicht gemerkt dass ich in diesem Augenblicke mehr
ihm zu Diensten sei als er mir hätte er nicht als er den Standpunkt erreicht
hatte den er suchte von wo man auf einer Seite das Palais de Bourbon auf der
andern den Platz Ludwig des Vierzehnten übersehen kann  auf einmal stille
gehalten und mir mit einem Gesichte voll unbeschreiblicher Selbstzufriedenheit
zugewinkt O wäre er mit seinen müden Pferden auf gut Deutsch den geraden Weg
gefahren  Der gute Kerl dachte wohl nicht dass meine Blicke nur schlaff über
alle diese prächtigen Gegenstände hinweg auf ganz gegenseitige gleiten würden
über die Er wegsah  dachte wohl nicht wie viel er mir durch seinen Stillstand
zu leide tat
Ich sah mich um und Tränen trübten
Mein Aug als ich ein Volk dem Hungertode nah
Am Fussgestell des Vielgeliebten
Sich in dem matten Strahl der Sonne wärmen sah
Ein Jüngling aus der Zahl der Leidenden gerissen
Traf meinen zweiten Blick Gesetz und Fesselzwang
Hielt den Gemarterten der unter Schlangenbissen
Vergebner Reu die dürren Hände rang
Ein feister Mönch voll Lebensdrang
Begleitet tröstend ihn auf seinem finsteren Wege
Zunächst ein Savoyard der zu der Zitter sang
»Der arme Brotdieb stirbt den Tod der Keulenschläge
Bis nach der Sonne Untergang« 
    »O um Gottes willen« rief ich zum Schlage heraus »fahrt zu mein Freund
fahrt zu« Und ich wiederholte meine Bitte als er bei der Façade des Louvres
noch einmal in Versuchung kam mein Erstaunen zu erregen denn ich sah nur das
Fenster aus welchem der Held der Bartolomäusnacht sich das königliche
Vergnügen machte sein Gewehr auf seine protestantischen Untertanen abzufeuern
    So kam ich endlich in den heftigsten Gemütsbewegungen und mit dem festen
Entschlusse in mein Hotel bis morgen zu meiner Abreise außer dem Stübchen das
mir der englische Koch einräumtte nichts weiter von Paris kennen zu lernen
    Der Wirt hatte jedoch unterdessen das Geschäft bei welchem ich mich so
ungeschickt benahm mit meinem Johann ins klare gebracht Ich wurde mit vielen
Entschuldigungen von ihm empfangen und zu meinem Vergnügen bei dem
unglücklichen Parloir vorbei in das Apartement eingeführt das vorhin nur
deutschen Prinzen und Grafen bestimmt war ohne dass ich mich welches einem
kranken Manne wohl zu vergeben ist im geringsten darum für distinguirter
gehalten hätte als vorher
    Hier war mir nun zwar etwas besser zu Mute als in dem Sprachzimmer aber
doch nicht viel Der Tropfen Tau in der Fabel der in das Meer fällt und ich
in Paris waren ungefähr in gleichem Verhältnisse Ich stand mit nichts in
Verbindung als mit dem unbändigen Getöse das aus den Gassen dieses städtischen
Ungeheuers herauf stieg gleich einer unsichtbaren Macht durch meine Zimmer
walzte mir keinen sichern Sitz kein ruhiges Lager verstattete und das in
hypochondrischen Stunden  den König selbst dächte ich  so ängstigen müsste als
mich wenn er die Gewalt dieses tobenden Stroms mit der geringen Kraft
vergleicht durch die sie in Schranken gehalten wird Die Folge war dass es mir
damit ging wie ihm Ich horchte und horchte wieder gewöhnte mich daran und
schlief ein
    Als ich den Morgen erwachte konnte ich nur einen einzigen Bewegungsgrund
finden noch eine kurze Zeit in dieser Betäubung zu verweilen Ich gab dem
Triebe nach der stärker war als meine Milzsucht um einen alten Bekannten von
so liebenswürdigen Verdiensten zu besuchen dass selbst einem Kranken wohl bei
ihm sein kann  ich meine den Baron von Grimm
Ein Mann der offenen Markt mit deutscher Treu und Glauben
Im Angesicht des Louvres hält
Wie Schlangen klug und ohne Falsch wie Tauben
Und Garrick in dem Spiel der Welt
In dem Geschäft die Wahrheit zu erkennen
Von Lockens Geist und von Saumaisens Fleiß
Doch der den Stuhl nicht nur zu nennen
Nein sich auch drauf zu setzen weiß7
    Ich brachte einige höchst glückliche Stunden bei ihm zu bewunderte aufs
neue die feine Dienstfertigkeit die bei ihm der reinste Ausfluss einer
allgemeinen Menschenliebe ist die von dem redlichsten Charakter dem
herrlichsten Verstande der seltensten Erfahrung und den ausgebreitetsten
Kenntnissen genährt und unterstützt wird
    Als ich ihn mit dem stillen Wunsche verließ immer so gute Menschen auf
meiner Wallfahrt zu finden war alles in Paris für mich abgetan Ich ließ
Opern Tuillerien und Boulevard gut sein übergab mich der Poste rovale hielt
mir die Ohren zu bis ich außer der Barriere war und küsste  meinen Mops als
ich mich aus diesem Getümmel gerettet sah
    Es war schon ein gutes Zeichen meiner anhebenden Besserung dass sich
zwischen Paris und Fontainebleau ein Selbstgespräch in mir entspann das mir
keine Runzeln auf der Stirne zurück ließ Ich wog zum erstenmale den Vorzug der
Reisen gegen den albernen Beruf ab immer wie ein Fixstern an Einer Stelle zu
bleiben und zu erwarten ob uns einmal ein scharfsichtiges Auge in unserer
entfernten Region entdecken werde und sagte mit heimlicher Freude »Gott Lobt
Nun bist du wahrscheinlich auf der Spur der du in Berlin so lange irre gingest
 zu verdauen und zufrieden zu sein« Seele und Körper begegneten einander so
als suchten sie die ehemalige gute Freundschaft wieder zu erneuern die durch
ein geringes Missverständnis unterbrochen wurde »Wenn dieses harmonische
Verhältnis von Bestand ist wie ich hoffe was kümmert mich« sagte ich »alles
übrige«
    Ich erzählte um genau zu gehen alle die Fälle, die mich je um Freude und
Gesundheit betrogen und überlegte wie leicht ich ihnen durch ein Paar
Postpferde hätte entwischen können »Stehen dir« fuhr ich fort »in dem einen
Winkel der Welt deine Spielgesellen nicht an rutsche nur eine Ecke weiter zu
andern Es müsste nicht gut sein wenn du nicht hier und da auf eine leidliche
Seele stoßen wolltest bei der du eine Weile ausruhen und vergessen könntest
wie dieser und jener dir einmal auf deinem geraden Gange ein Bein stellte oder
ein Loch in deine Trommel stieß Wie viel weniger haben unsere Torheiten auf
Reisen gegen die zu bedeuten die wir in unserer Heimat begehen Gewaltiger
Unterschied wenn ein Land oder eine Gasse zwischen ihnen und uns liegt«
    Auch Ihr meine lieben Freunde und Gönner gewannet zusehens mit jeder
Station die ich zurück legte in meiner Neigung und Achtung Ihr erscheint mir
in der Entfernung in einem viel wohltätigern Lichte als da ich noch Euren
manchmal ungelegenen Besuchen Euren Launen Euren Schmäusen Euren
Gevatterbriefen ausgesetzt war  Ich versöhnte mich mit allen großen Männern
meines Vaterlandes ihren Schriften und Liedern so oft ich bei einem
französischen Buchladen vorbei fuhr und lächelte in Gedanken rings umher ihre
Gypsköpfe an die mir vor drei Wochen noch überall im Wege standen
    In dieser Lebhaftigkeit erhielt ich mich bis in dem Angesichte des
Jagdschlosses auf welchem einst eine junge Königin8 auch auf einer Lustreise
welches mir in diesem Augenblicke meiner Behaglichkeit ungewöhnlich auffiel
eine empörte Leidenschaft durch einen Mord zu besänftigen suchte Ob ihr die
gute Absicht ihrer Beruhigung so leicht gelungen sein mag als das gefährliche
Mittel das sie einschlug will ich nicht mit Gewissheit behaupten und es noch
weit weniger mit dem allgebietenden Leibnitz in Schutz nehmen Mich gemein
denkenden Mann brachte schon die Erinnerung dieser Geschichte ganz aus meiner
glücklichen Stimmnug und verbitterte mir bis nach Auxerre jedes Aufwallen
freudiger Empfindung
    Hier stieß mir ein desto lustigeres Abenteuer aus an das ich mich um so
begieriger hing je alberner ich mir selbst in den veralteten Händeln vorkam in
die mich meine empfängliche Einbildungskraft verwickelt hatte Gerade dem
Postause gegen über schrie ein Kerl an einer kleinen Bude zu der eine Menge
Menschen hinströmte Fruges consumere natus Bête sauvage dAllemagne jusquici
inconnue en France
    Es wären dachte ich die ersten zwölf Sous die ich in Frankreich wagte um
meiner gereizten Neugier ein Geschenk zu machen und mochte der kleinen
Versuchung nicht widerstehen etwas näher zu untersuchen auf welches Geschöpf
wohl eine Beschreibung angewendet sei die auf so viele in meinem Vaterlande
passte und die ich zu einer andern Zeit wohl hypochondrisch genug gewesen wäre
auf mich selbst zu ziehen Ich fand mehr und fand weniger als ich erwartete
Das Wundertier dessen ganzes Geschlecht wir gern der französischen Nation für
die Regie die sie uns gab zum Gegengeschenk machen würden war freilich nur 
ein Hamster aber der Mann der ihn in diesem Städtchen zur Schau stellte war
mir desto merkwürdiger Diesen Anstand diesen hohlen Ton der Stimme diese
funkelnden Augen  trug wie mich sogleich der Augenschein lehrte vor dem Jahre
ein homme comme il faut auf unsern Redouten herum der mit ausgezeichnetem
Glücke Piket spielte Dich lieber Freund so gutmütig als dringend auf sein
Marquisat einlud und Dich wer weiß zu dieser Lustreise verführt haben würde
hätte ihn nicht endlich eine Kleinigkeit aus Deinen Umarmungen gerissen Ich
bezahlte über meine zwölf Sous noch gern mein Erröten für das seinige als er
mich erkannte setzte mich geschwind wieder in meine Chaise und fuhr unter
lautem Gelächter davon
    Wie gern hätte ich noch zwölf Sous bezahlt wenn ich für diesen Preis meine
Überraschung der schönen Klitoris9 der damaligen Redoute hätte abtreten können
um sie über die teterrima belli causa wie es der spitzige Horaz nennt
schamrot zu machen durch die sie die Würde eines Hofmanns gegen einen 
Hamsterträger aufs Spiel setzte Du übernimmst wohl dieses Geschäft in meiner
Abwesenheit das Dir ohne Zweifel zu einem desto ungestörtem Triumph im jetzigen
Karnaval verhelfen würde könnte Dir mein Tagebuch nur zeitig genug diese
wichtige Nachricht zufertigen
    Ohne meine gute Laune zu verlieren die ich aus der Bude Deines Rivals
mitnahm fuhr ich in Einer Strecke nach Yvri Hier warf ich mich aus eine
steinharte Matratze und erwachte  Gott  wie ich immer erwachen möchte Ich
fand meinen Wagen als ich fort wollte mit einer Menge bettelnder Kranken
umgeben die keinen bessern Zeitpunkt hätten treffen können denn der Antrieb
wohl zu tun brauste durch alle meine Adern  Ein gemeines Almosen war mir in
meinem weit umfassenden Gefühle zu klein Ich öffnete den Sitz meines Wagens
und teilte ohne mich zu bedenken den ansehnlichen Vorrat meiner teuren
Arzeneien unter diese Hülfsbedürftigen aus
    Ein Soldat mit einem hölzernen Arm erhielt zwanzig Portionen von dem
Luftsätze des Freiherrn von Hirschen achtzehn waren noch übrig die ich unter
eben so viel Kinder verteilte Eine uralte Frau die über nächtliche Anfechtung
des Teufels und über Schlaflosigkeit klagte beschenkte ich mit meinem Elixir
aus Bruchsal nebst der Adresse Unter den übrigen Hausen von Schwindsüchtigen
und Bleichen teilte ich meine Magnettropfen mein Glaubersalz und meinen
Zwieback aus Eine schlanke Gestalt mit einem Madonnengesichte befand sich unter
den letztern Ihr würde vermutlich die Desorganisation sehr gute Dienste
geleistet haben hätte ich das Ding nur verstanden oder Zeit und Lust gehabt
einen Rapport unter uns aufzusuchen Ich gab ihr indes bis ein Meister der
Kunst auf sie trifft eine noch unberührte Schachtel temperirenden Pulvers der
einzigen Arzenei deren ich mich während meiner Reise nicht benötigt gefühlt
hatte und nun warf ich mich geschwind in den Wagen um mich den Lobsprüchen und
Danksagungen zu entziehen mit denen mich dieser unglückliche Haufen von
Menschen übertäubte Mein Herz war erleichtert Nicht so klein die Kosten zu
überrechnen die ich mit diesem Geschenke weggab ungeachtet sie gewiss mehr
betrugen als vielleicht der reichste Mann nicht bei so frühem Morgen unter Arme
verteilt kam mir nicht einmal die Besorgnis in den Sinn dass ich mich selbst
durch meine unbegränzte Freigebigkeit aus den Fall eigener Not hilflos
gelassen habe Nur Betrachtungen des menschlichen Elends nur belohnende
Empfindungen der Gabe des Mitleids die ich in Berlin nie in diesem hohen Grade
würde gekannt haben verkürzten mir den Weg
    Gesegnet sei der Mann der das Reisen erfand und dreimal gesegnet der
trefflichste meiner Freunde der mich aus dem tödtenden Staube meiner Bücher
hervorzog und meine kleinsten Tugenden in Bewegung und in die glückliche Lage
setzte sie anzuwenden Ich flog leicht wie ein Zugvogel über die Echellen 
Einige Stunden Schlaf die ich zu Lyon im Vorbeigehen mitnahm stärkten mich zu
einer Rastlosigkeit deren ich mich nie fähig geglaubt hätte und die mit dem
herrlichsten Wege und der Tätigkeit der Posten verbunden mich die folgende
Nacht nach Palu und den Morgen darauf  aber welch ein Morgen  nach Nimes
brachten wo ich den artigen Pavillon bezog den ich nun nebst seinem daran
stossenden Gärtchen schon einige Wochen bewohne ohne dass ich mich nach einem
andern als dem Dir gewidmeten Geschäfte umsah mit meinem Tagebuch in Gang zu
kommen
    Ich bin es nun teuerster Freundund schreibe dir in diesem Augenblicke
unter der kleinen Wölbung zweier sich umarmenden fruchtvollen GranatenBäume
die mich doch kaum vor dem Eindringen der Sonne schützen Aber wo soll ich
Worte ohne sie an allen Ecken zusammen zu suchen hernehmen dir das ganze
Glück meiner bis jetzt gefühlten Existenz anschaulich zu machen Welche Reize
der Neuheit für einen Deutschen umflossen den lachenden Wintermorgen an dem ich
Besitz von meiner heimlichen Wohnung nahm Sie schwebten den Mittag um die Kost
meines kleinen KartäuserTischchens um die jungen Erbsen Erdbeeren und Feigen
her mit denen er besetzt wurde Ein wolkenloser Abend von dem Du keinen
Begriff haben kannst voller Hoffnung eines gleich schönen Morgens zauberte
mich in den friedlichsten Schlaf und diesem Tage glichen alle die folgenden
die ich bis heute in diesem Lande verlebt habe  Indes nun meine Seele während
dieses körperlichen Wohlbehagens sich von dem Glücke ihrer teilnehmenden
Empfindung belastet fühlt sage woher soll bei diesem Zusammenströmen geistigen
und leiblichen Lebens das vielleicht nie ein Gelehrter in dieser Verbindung
gekannt hat woher sollte unsere für den Hausbedarf zwar notdürftig gebildete
 für höhere Gefühle aber immer noch arme Sprache zu einem Kraftworte kommen
das die Seligkeit dieses Zustandes bezeichnet Die Metallurgie hat eins für den
Schimmer den das durchglühte kochende Erz auf eine Sekunde von sich wirft wann
es von allen beigemischten fremden Teilen gereinigt den höchsten Grad der
vollendeten Scheidung erreicht hat  ein Wort das ich ihr mit Vergunst der
Obern entlehne Diesen Tag also mit seinem Anhange erlaube mir lieber Eduard
den Silberblick meines Lebens zu nennen Möchte er nicht auch wie bei den edelen
Metallen nur ein Schimmer  und der Übergang zur Verkühlung  nicht auch schon
der Anfang seiner Verdunklung sein Aber wie kann hienieden Reinigkeit mit
Brauchbarkeit für die Welt bestehen Werden nicht Metalle und Seelen nur desto
mehr an innerem Gehalte verlieren je geschwinder sie unter den Händen des
Künstlers eine nützliche Form erhalten und unter dem Gepräge eines Fürsten in
Umlauf gesetzt und verdammt werden Handel und Wandel auf ihren Märkten zu
fördern 
    Aber Jerom winkt mir  ich schweige Ich respektire seine Warnung seitdem
es mir wahrscheinlich wird dass seine Weissagungen nicht so ganz unerfüllt
bleiben werden als es mein Starrsinn des vorigen Monats gegen ihn behauptete
Freude Lachen Müßiggang und Mutwillen scheinen über meinem Schreibtische zu
schweben mir die Feder zu führen und mir die Worte unvermerkt zu vertauschen
ja hätte mich nicht das heilige Versprechen das Du mir abnahmest an mein
Tagebuch gefesselt o sie würden mich schon gern weit von ihm hinweg in andere
Irrgänge verlockt haben als die sich um die Blumenbeete meines kleinen Gartens
schlängeln
    Keine Reisebeschreibung von Inhalt keine statistisch und politisch
praktischen Bemerkungen keine Münz und Antiquitätensammlungen keine
Untersuchung des Bodens und der Schichten der Berge  Was war es nicht alles
das Du Dir verbatest  Guter Freund Du hättest Deine Ausnahmen sparen können
denn kaum habe ich Zeit Dir nur zu geben was ich Dir schuldig bin kaum Zeit
das Votivgemälde zu entwerfen das ich meinem Erretter gelobte  In dieser Art
Malerei ist es Herkommens dass sie nicht nach der Kunst sondern nach der guten
Absicht beurteilt und geschätzt wird und schickt sich also besonders gut für
meinen ungeübten flüchtigen Pinsel Die Wahrheit soll indes desto weniger dabei
verlieren und findest Du ja dass hier und da die Farben zu stark aufgetragen
sich nicht genug in einander verschmelzen so darfst Du nur das Stück ein wenig
höher hängen als gewöhnlich es wird schon seine Wirkung tun  Hänge es so
hoch dass es kein myopisches Auge einer Dame keine Brille eines Doktors
erreichen kann Ich bin unter dem Schütze des Merkur in dem Garten der Circe
male nur meinem Freunde und male nach der Natur.
Hier wie Du denken kannst gibt nicht die Langeweile
Mir Arbeit in die Hand So süße Stunden teile
Nur Freundschaft unter sich Der blonde Phöbus sieht
Mein Morgenopfer gern Wie freundlich überzieht
Sein Goldstrahl mein Papier und trocknet jede Zeile
Die meinem Schwanenkiel entflieht
Sprich selbst verdient ich wohl die Milde seiner Strahlen
Wenn ich mit deutscher Autorhand
Es unternähme Dir die Szenen aufzumalen
Die ich bleich durch die Zeit verderbt durch Unverstand
Im Staube wurmichter Annalen
Und im Lombard des Irrtums fand
Nein Freund ich und das Ding das jetzt mit goldnem Flügel
An meiner Feder lauscht jetzt schnell sich wieder hebt
Und nun im Tal und auf dem Hügel
Und immer nur auf Blumen schwebt
Wir lassen gern dem trägen Igel
Der Schnecke die am Boden klebt 
Obgleich ihr Seherohr ins Empyreum strebt 
Sehr gern den philosophischen Zügel
Den ihnen die Natur gewebt
                                                              Den 7ten Dezember
    Seit vier Tagen schon mein Eduard habe ich einen größeren Zirkel um mich
geschlagen den ich nach und nach wie es sich für einen Genesenden schickt
immer mehr erweitern werde Da habe ich nun ohne es zu ahnden Dinge hinein
gezogen die es wohl verdienen dass ich sie abzeichne Ich hatte mich zum
erstenmale und nicht viel über hundert Schritte von meinem Pavillon entfernt
als ich auf ein Menschenwerk stieß das  wie soll ich sagen  den Anstand
einer Königin unter dem Flitterstaat einer gemeinen Buhlerill verriet ein
vollkommen erhaltenes römisches Bad frisch übertüncht mit neueren Bildsäulen
und einem Garten voll Hecken umgeben
    Ich wusste lange nicht woran ich war bis mir das glücklichste Ungefähr einen
Tagelöhner herbei führte der selbst Hand an die Entdeckung dieses herrlichen
Werks gelegt hatte Der ausgemachteste Antiquar hätte mir schwerlich mehr Genüge
tun können als dieser Mann So sehr er Franzos war so gestand er doch
treuherzig dass ihm das Gebäude als es noch einige Zeit nach der Entdeckung in
seinem ehrwürdigen Altertum da stand weit besser gefallen habe als jetzt
Sein Urteil kam mir sehr glaubhaft vor Dieses machte ihn so beredt dass ich
unterrichtet genug wäre Dir die ganze Begebenheit an der er so wichtigen
Anteil nahm bis auf den letzten Schaufelwurf seiner Hände darzustellen Vor
dieser Epoche wurden weiße Wäsche und reine Teller für den größten Luxus eines
hiesigen Einwohners gehalten Seit vierzig Jahren ist diesem Mangel durch das
wieder aufgefundene Geschenk das die prächtigen Römer dieser Provinz machten
gänzlich abgeholfen Du kannst Dir also einen Begriff von der Freude des
schmutzigen Volks machen als der Schutt nun weggeräumt war der einen solchen
Reichtum verbarg und nun auf einmal der verhaltne Strom mit Getöse
hervorbrach
Der stolze Quell den einst Agrippens Zauberstab
Aus Felsen schlug warf jetzt die tausendjährge Bürde
Der Barbarei in süßer Hoffnung ab
Beim Zuruf eines Volks das seinen Glanz umgab
Verliess der Held mit Rümerwürde
Auf Fleurys Ehrenwort sein Grab
Doch kaum entfielen ihm die unverdienten Bande
Die seinen Körper wund gedruckt
So ward auch zum Beweis in wessen Königs Lande
Die Auferstehung ihm geglückt
Der edelen Stirn manch Brandmal aufgedrückt
Und mit Geräusch dem römischen Gewande
Manch Modequästchen angeflickt
So viele Prevenanc erschreckte
Den edelen Greis Er freute sich
Der klugen Zeit nicht sonderlich
Die seinen Eichenkranz mit Flittergold bedeckte
Und seinen Harnisch überstrich
Der schmeichelhafte West umsäuselt
Umsonst sein weiß gepudert Haar
Schwermütig denkt er nur wie es noch ungekräuselt
Die Zierde seiner Jugend war
Denn ach um seinen Scheitel schweben
Die Wunder noch der alten Zeit
Und alle seine Glieder beben
Bei jedem Aufblick in ein Leben
Das mit dem Sklavenjoch verfeinter Höflichkeit
Den freigebornen Mann bedräut
Er blickt im Drange seines Schmerzens
Ins Silber seiner Wellen hin
Aus dem das Bildnis einst des frommen Antonin
Rein wie der Abdruck seines Herzens
Aus blauem Grunde wiederschien
Und richtiger als selbst Voltaire
Wiegt er die Zeit von Ludwig und August
Und leise dass es nicht der strenge Klerus höre
Bejammert er der alten Kunst und Ehre
Unwiederbringlichen Verlust
                                                              Den 8ten Dezember
    So viele Reize dieser Spaziergang für mich hat so muss man ihn doch in der
Abendzeit besuchen um ihn in seiner ganzen Schönheit zu sehen nicht nur
deswegen weil die malerische Dämmerung die frischen Farben ein wenig bleicht
mit denen dieses Denkmal verunstaltet ist und es dem Auge in dem gräulichen
Anstriche wieder gibt das seinem Alter so wohl ansteht nein es rufen einen
wieder auflebenden Jüngling wie ich mich fühle noch andere ihm nähere
Lockungen in diese ausgezeichnete Gegend Ein Tempel der Göttin der Keuschheit
der nicht weit vom Bade von düsterm Gebüsch umschattet in seinen Ruinen liegt
trägt am meisten zu den Pittoresken des Ganzen bei Zahlreiche Wallfahrten
strömen dem Tempel zu so bald sich der Abendstern am Himmel zeigt Du fühlest
dass Du auf heiliger Erde wandelst wie Du Dich ihm näherst Schauer der Vorwelt
ergreifen Dich und nicht leicht wirst Du irgendwo ein gemächlicher Plätzchen
finden dem Gedanken nachzuhängen in welchem ich und Du Salomon Lucian und die
Propheten einstimmig zusammen treffen »Wie doch alles hienieden so eitel ist«
    Ich bin hier einige Abende nach einander hinter dem Mondscheine
hergeschlichen und meine Einbildungskraft kehrte nie unbefriedigt zurück O dass
Du von Deinen tobenden Winterlustbarkeiten geborgen Arm in Arm mit mir dieses
Gebüsch durchirren und mit eigenen Augen sehen könntest wie holdselig hier
auch in einer DezemberNacht Cyntia die säuselnden Blätter der Silberpappeln
und des Epheus durchzittert der die gespaltenen Mauern ihres Tempels
umflochten hält
Oft sucht ihr Seitenblick auf den verfallnen Thron
Umsonst nach Huldigung und königlichen Rechten
Ihr guter Ruf sogar wär als ein Rauch entflohn
Gäb es nicht Nymphen hier die für ein Gotteslohn
In süßer Schwärmerei ihn zu erhalten dächten
Kein Mädchen ist zu jung und es gelingt ihm schon
Der Göttin einen Kranz zu flechten 
Versteh mich recht  in lauen Nächten
Als Freundin des Endymion
Wie viele schleichen nicht aus ihrem Opferhaine
Wie Priesterinnen ziemt blass schüchtern und verstummt
Mich Lauschenden vorbei die erst in Lunens Scheine
Geich Bienen um mein Ohr gesummt 
Und Du der jetzt vielleicht mit Schnee und Sturm im Streite
Mich ohne Neid aus dem Gesicht verlierst
Groß wie ein Gott Dich dünkst wenn Du an Lottchens Seite
Die Du betäubt vom schallenden Geläute
Des Schlittens im Triumphe führst
Nur alle Finger nicht erfrierst
Mein trauter Freund ich bitte Dich entferne
Doch ja den Stolz der sich in Deinem Busen regt
Und wisse dass der Weg den ich hier wandeln lerne
Nichts weniger als Dornen trägt
Blick einmal nur wenn es Dir nichts verschlägt
Auf meine magische Laterne
Und sieh erstaunt was hier der Glanz vom Abendsterne
Für Schatten an der Wand bewegt
                                                             Den 12ten Dezember
    Ich habe die letzten Tage der vergangenen Woche wider das Verbot des guten
Jerom meine Berge und Täler in denen ich verwickelt war und meine eigene
stille Gesellschaft verlassen um mich in eine zu werfen die man hier und
überall die Gute nennt Ein Besuch bei dem Eveque einer bei dem Intendanten 
das hätte so hingehen mögen wenn es dabei geblieben wäre  Doch wie kann es
das Die ersten Leute an einem Orte sind immer mit einem Zirkel umringt daran
ein jeder Punkt die nämliche Aufmerksamkeit von einem Fremden verlangt wenn
die Reihe an ihn kommt und keiner so klein er ist will überhüpft sein Nun
treten ihre Höflichkeiten in derselben Ordnung um unser Individuum her bis es
endlich müde und matt auf seinen eigenen Schwerpunkt zurück fällt Mich
verwickelt immer diese hergebrachte Sitte der großen Welt in Schwierigkeiten
aus denen ich mich nie recht zu ziehen weiß Spiel und Souper sind gegenwärtig
die ersten Morgenbegrüssungen von denen ich höre und die mich endlich auch von
hier verjagen werden wie von Berlin Ich habe nun einmal keinen Sinn keinen
Magen und keine Zeit für diese Art gesellschaftlichen Vergnügens um das sich
doch leider groß und klein herum dreht
    Bei dem Bischof lernte ich indes eine seiner Verwandten kennen die ich auch
nachher oft und gern wiedersah die Marquise dAntremont Durch die
Musenalmanachs sind einige ihrer weiblichen Arbeiten bis nach Deutschland
gekommen die größere Anzahl ist aber auf dem Grund und Boden gesunken wo sie
entstanden und halten ein strenges Inkognito Das Gefühl für die Dichtkunst ist
eine Art FreimäurerGeheimnis das seine Anhänger in allen Himmelsstrichen eben
so bald vertraulich an einander bindet als jenes die seinigen Wir erkannten
uns in der ersten Viertelstunde und wechselten wo nicht unsere Herzen doch
unser gegenseitiges Zutrauen aus und ich danke ihr schon jetzt mehrere recht
vergnügte Stunden
Zwar nicht wie Hebe jung doch der Empfindung treu
Die wir gern geben gern empfangen 
Wie sanft vertreibt ihr Lied die Blässe meiner Wangen
Und macht mir Wein und Liebe wicher neu 
Kann wohl ein Kranker mehr verlangen
Den deutsche Barden längst mit ihrer Wasserscheu
Und Mondsucht hypochonbrisch sangen
Doch glaube nicht dass sie die mit Anakreon
Verschwistert scheint drum auch Cyterens Sohn
Den Zoll so leicht als ich es wünscht entrichte
Trotz ihrem lockenden Gesichte
Wird keiner satt bei ihrem Lohn
Kein Sünder wie SaintPreux ob sich gleich mancher schon
Als Beichtkind ihr genaht und ob sie gleich die Nichte
Des Bischofs ist vernahm in ihrem Scherzgedichte
Ein Wörtchen noch von Absolution
    Es war auch noch ein Dichter und mich wundert dass es nur Einer war in
dieser Gesellschaft ein reicher stattlicher Mann der eine Revolution in
Portugal geschrieben hat ohne eine in der Dichtkunst zu machen Er tat mir die
Ehre noch ehe wir beide unsere Namen wussten mich mit der dritten Auflage
seines Trauerspiels zu beschenken Dies gab mir Anlass mich näher nach ihm zu
erkundigen und man machte mir eine beneidungswürdige Schilderung von seinem
glücklichen Genie  Der Mann tut in allem Wunder was er unternimmt Sein Vater
war ein gemeiner Krämer und Er Er ist Baron und Besitzer einer großen Domaine
von der er den Namen führt  Er wünschte die reizendste Frau im Lande und
erhielt sie  den besten Koch ein prächtiges Haus und Freunde die Menge  der
Himmel gewährte ihm das eine und das andere konnte ihm nicht fehlen Keine
Phantasie stößt ihm auf er kann sie befriedigen  Nur bei guten Versen geht es
ihm wie Pharaos Zauberern bei den Läusen er kann sie nicht nachmachen und muss
sagen »Das ist Gottes Finger« Ich habe sein Werkchen gelesen das ist alles
was ich für ihn tun kann
                                                             Den 13ten Dezember
    Es wird wohl nichts für mich übrig bleiben als krank zu werden wenn ich
wieder in mein voriges Gleis kommen will aus dem mich meine neuen höflichen
Bekanntschaften drängen
    Ich kam eben nach Hause von dem schönsten Morgen erheitert voller Friede
und Freude und in keiner andern Absicht als meinen Hunger geschwind abzutun
um bald wieder zu der Natur zurück zu eilen Da kommt mir Johann mit einer
Einladung zum Spiel und Abendessen und mit einem Befehl der Marquise dAntremont
entgegen sie auf der Esplanade aufzusuchen und in das Schauspiel zu begleiten
Man gibt den honnête kriminel ein Lieblingsstück der hiesigen Einwohner weil
es über eine wahre einheimische Geschichte gemodelt ist  Sie will mir vorher
noch den braven Mann kennen lehren der durch seine tugendhafte Handlung der
Held dieses Dramas geworden ist Fabré heißt und nicht weit von hier sein
Handwerk als Strumpfwirker treibt
    Die Tugend hat auch ihre Genies Vielleicht hat sie deren mehrere noch als
die Wissenschaften  Nur bemerkt man sie seltener weil es schon nicht mehr
Tugend sein würde wenn sie wie jene vorzüglichen Lieblinge der Musen nur
darauf ausginge Lärm in der Welt zu machen um nach einem gewöhnlichen feinen
Missverstande einer guten Lehre ihr Licht leuchten zu lassen vor den Leuten Das
ist jedoch nicht der Fall des ehrlichen Fabré  Er ist unschuldig an seinem
Rufe Die prahlende Menschenliebe des Ministers Choiseul entzog ihn der
despotischen Strafe die er freiwillig seinem Vater abgenommen hatte und seine
Mitbürger die ziemlich gleichgültig gegen sein Schicksal waren ehe noch am
Hofe davon gesprochen wurde brüsten sich jetzt mit seiner Tugend als einer
Seltenheit ihres Landes  seitdem sie Aufsehen gemacht hat und auf dem Theater
gespielt wird
    Dachte ichs doch dass es so gehen würde Ich habe in der Gesellschaft mit
der ich den Abend zubrachte den Artigen so gut gemacht als es mir möglich war
dafür büsse ich jetzt in der Nachtmütze meinem Sammtrocke gegenüber nur desto
empfindlicher den Zwang den ich meiner Natur antat Missmütig sitze ich da
und suche die widersprechenden Gefühle zu vereinigen mit denen mich die feine
Welt entließ Meine Augen verlangen Schlaf und mein wohl genährter Körper
verlangt Bewegung  Ich habe viele witzige Sachen gehört und doch umschleicht
eine hässliche Migräne meinen Hirnschädel von der ich jeden Augenblick
befürchte dass sie ihn ergreifen wird
    In solchen Umständen finde ich bei meinem Tagebuche noch die beste
Erleichterung Es ist mir in Deiner Entfernung der trauliche Freund dem ich
mein Herz ausschütte es zieht meine Gedanken von den unnützen Nachforschungen
ab die ich außerdem auf meine schwierige Verdauung heften würde und lässt den
Schlaf nicht eher zu als bis sich Seele und Körper die Hand bieten Ich habe
also diesmal einen Beruf mehr Dir die Vorfälle meines heutigen Tages zu
schildern
    Du kannst nicht denken liebster Freund was für einem albernen Auftritte
ich diesen Nachmittag entgegen ging  Ich fand die Marquise mit dem redlichen
Fabré auf der Esplanade und seine Geschichte ward nach unserer geschwind
gemachten Bekanntschaft der Hauptinhalt unsers Gesprächs  Er musste mir
erzählen wie lange er die Stelle seines Vaters auf den Galeren vertreten hätte
Er freute sich mituns dass seit seiner Befreiung protestantische Prediger keine
Strafe mehr zu befürchten hätten wenn sie wie sein Vater im Stillen ihre
Pflicht täten malte mir in natürlichen Ausdrücken den Zustand seiner Seele
während sein Körper in Ketten lag und wie ihn der Gedanke an seinen guten Vater
und an seine Geliebte die den Wert seiner Tat erkannte gestärktund wie ihn
das Bewusstsein, rechtschaffen zu handeln mitten in seiner Mühseligkeit
überreichlich belohnt hätte und rührte mich durch seine ungezwungene Erzählung
bis zu Tränen
    Während dieser Unterredung und da wir eben eine Seitenallee einschlugen
sahen wir am Ende derselben einen dunkeln Rock der sich durch einen blinkenden
Stern schon in der Entfernung auszeichnete  Wir sprachen ungestört fort ohne
auf diesen Stempel des Verdienstes weiter zu achten und das war eben mein
Unglück
    Die Figur war immer näher gerückt und ehe ich ausweichen konnte fand ich
mich schon von den Armen des unerträglichen Ritters der Annonciade des Grafen
von  umschlungen Ich beantwortete seine Fragen seine Umarmungen und sein
Erstaunen so verlegen wie zu Berlin und stotterte in der Angst den Namen der
Marquise an die er sich nun mit seiner zweiten Verbeugung wendete Ich hätte
voraus sehen können wie geschwind er dies für eine Aufforderung halten würde
sich in seiner Stärke zu zeigen  Gott weiß ob ers tat Der entscheidende
Ton der ihm eigen ist seine verunglückte DiskantStimme sein musiver Witz
sein Elsterlachen vertrieben nur zu bald jedes Merkmal voriger Zufriedenheit
aus unser aller Gesichtern
    Um seiner los zu werden verfiel ich auf das einzige Mittel das uns bei
einem Schwätzer übrig bleibt  ihn selbst zu verlassen Ich sah nach meiner Uhr
und fragte die Marquise ob es nicht Zeit sei in die Komödie zu gehen
    Kaum war diese Frage entwischt so tat er den Sprung der Verwunderung
zurück
    »Bei dem Gotte des guten Geschmacks« quäkte er »was wollen Sie in der
Komödie machen Doch«  erholte er sich wieder »meinetwegen sollen Sie Sich
nicht abhalten lassen Das heutige Stück ist zwar nach dem Zettel auf den ich
dort an der Ecke im Vorbeigehen einen Blick warf in der Tat keines der ersten
Die Szenen sind matt und das ganze Sujet ist unter der tragischen Würde Indes
 dergleichen Missgeburten gehören ja zur herrschenden Mode Vor vielen Jahren
wurde es sogar m der Hauptstadt aufgeführt  Doch das beweist freilich nichts
für seine Güte«
»Der Kenner klagt auch dort die Bühne sei zum Schimpfe
Des heutigen Geschmacks beim Tode Cäsars leer
Allein was schadet das Weint etwa das Parterr
Beim Centfall einer Bauernnymphe
Um einen Tropfen weniger
Sonst hatten wir mit Kronen nur Verkehr
Dies ist vorbei  Kein Mensch wenn ich die Nase rümpfe
Gibt Acht darauf Jetzt trabt kein Ritterheer
Kein König in Triumph auf unsern Bühnen mehr
Denn unser ModeHeld  wirkt Strümpfe«
    Das Blut stieg dem ehrlichen Fabré in das Gesicht Die Marquise erschrak
und ich der ich mich als die erste Ursache dieses groben Ausfalls meines
witzigen Landsmannes ansah mir vorwarf dass ich unsern ehrlichen Begleiter
nicht zur rechten Zeit dem Grafen vorstellte  was ich in diesem Augenblicke
empfand das wirst Du Dir selbst sagen Ein Fehler folgte in dieser unseligen
Stunde aus dem andern
    »Lieber Graf« sagte ich um die Sache gut zu machen »vergeben Sie mir dass
ich Ihnen diesen Herrn noch nicht bekannt gemacht habe Es ist eben der
rechtschaffene Herr Fabré dessen rührende Geschichte der Inhalt des heutigen
Stücks ist Ihr Epigramm kann in Absicht der Ausführung dieses Schauspiels sehr
wahr sein das wird Sie aber gewiss nicht abhalten der Tat selbst die zum
Grunde liegt und den Verdiensten dieses edelen Bürgers Ihre schuldige Achtung zu
schenken«
    Ich Unbesonnener Was für ein Gewitter erregte ich
»Ein edler Bürger Welch ein Schrecken
Ergriff sein deutsches Ohr bei dieser Dissonanz
Ihm stieg der Kamm sein Auge schwamm im Glanz
Und ausgeschmückt mit Panzer Helm und Decken
Trabt er einher auf seinem alten Schecken
Gerade los auf Fabers Eichenkranz
Doch ich dem jetzt der Retter seines Vaters
Und deutsche Ritterschaft gleich nah am Herzen lag
Fand noch so schwer es war ein Mittel zum Vertrag
Sprach mit dem vesten Mann von der Entree des Praters
Und von dem neusten Ritterschlag
Mit Fabern vom Getös des bunten Weltteaters
Voll Helden die doch nur der letzte Probetag
Der alle Masken hebt zu würdigen vermag
So mischt ich schlau mit Ernst und Spotte
Die Karten so dass mein verdecktes Spiel
Mit zwei Gesichtern gleich dem Kriegesgotte
Den beiden nach verschiednem Ziel
Hinstrebenden gleich wohl gefiel
Und so wurd ich kraft jener Menschenkunde
Die mich der Hof die Welt und mein Gefühl gelehrt
Von Freund und Feind mit einem Munde
Als Kenner des Verdiensts geehrt«
    Da ich es so weit gebracht hatte bot ich der Marquise den Arm und eilte
mit ihr aus der Atmosphäre des Schwätzers um mir in der Loge den Angstschweiß
abzutrocknen in welchen mich dieser Auftritt gesetzt hatte Der gute Fabré
begleitete uns und ich hoffe dass ihn die Empfindungen die ihm während der
Vorstellung seiner guten Taten aufsteigen mussten und der Beifall den ihm das
Parterre zuklatschte mehr als hinlänglich für das Vorhergegangene entschädigt
haben soll Mir erlaubte mein Verdruss nicht dem Stücke die Aufmerksamkeit zu
schenken die es verdient Ich schämte mich in die Seele des Grafen und trug
meine Zerstreuung und Laune mit in die Gesellschaft über von der zu meinem
Vergnügen der ehrliche Fabré trotz seiner Zunftmässigkeit nicht ausgeschlossen
war Um den Grafen bekümmerte sich kein Mensch außer mir dem immer noch seine
Narrheit vorschwebte Ich war froh als Schauspiel Kartenspiel und Souper
überstanden war und bin jetzt noch froher dass ich mich müde geschrieben und
nun die nahe Hoffnung habe meine heutige Ärgernis zu verschlafen
                                                             Den 14ten Dezember
    Meine erste Sorge als ich erwachte war auf die Post zu schicken und
Erkundigung einzuziehn ob der fremde Herr mit dem Sterne fort sei und
verschloss unterdessen meine Türe bis die Antwort zurück kam aus Furcht vor
seinem Überfalle Kaum hörte ich dass er zwar Postpferde doch erst auf den
Nachmittag bestellt habe so entschloss ich mich ganz kurz ließ mir ein gutes
Frühstück geben tat Verzicht auf mein Mittagsmahl eilte nach meiner lieben
Fontaine und da ich mich auch da noch nicht für sicher genug hielt erstieg ich
den hohen Berg der daran stößt Nun erst schöpfte ich Atem und sah in der
stolzen Sicherheit einer einsamen Gemse auf meinen Verfolger herab und in
kurzem verschwand  Dank sei es der gütigen Natur  jede widrige Empfindung
    Ein unförmliches uraltes hohes zugespjetztes Gewölbe auf der Mitte dieses
Gebirges an welchem die Untersuchungen des herzhaftesten Antiquars scheitern
dominirt hier wie eine Bischofsmütze über das unter ihm ausgebreitete Land
Das gemeine Volk nennt dieses sonderbare Gebäude »den Leuchtturm vermutlich
um dem Kinde einen Namen zu geben da der Augenschein lehrt dass ihm dieses
Beiwort so wenig zukommt als der Magistertitel einer Schildkröte Die Römer
fanden es schon zu ihrer Zeit in der nämlichen Gestalt Mir scheint es von
Dummköpfen für die Ewigkeit gebaut zu sein die hier zum erstenmale ihre Absicht
erreichten Nach der leblosen imposanten Ruhe die diesen Turm umgibt würde
ich zwar noch lieber glauben dass er von Tauben und Stummen dem Gotte des
Stillschweigens zu Ehren errichtet sei wenn es mir nicht zu wehe täte einem
solchen Gotte einen so barbarischen Tempel anzuweisen«
    Die Andacht findet indes überall das höhere Wesen von dem sie voll ist und
so ging es auch mir  Ich fühlte mich gestimmt dem Gotte dessen Gegenwart ich
ahndete auf allen Fall mein Opfer zu bringen Ernst und schaudernd blickte ich
um mich her die Knie zitterten mir gemach sank ich auf ein bemoostes
Felsenstück aus dessen Ritzen hier und da eine Lotosblume hervor spross legte
den Finger auf den Mund und ein stilles Gebet strömte in frommem Entzücken aus
dem gerührten Herzen
»Du Wesen das zu mir beredter
Als Phöbus und die Musen spricht
Sei Du bescheidenster der Götter
So oft mich Deiner Ehre Spötter
Umschnattern meine Zuversicht
Steh im Gedräng der Gallatage
Mit Deiner Gegenwart mir bei
Dass ich nur heimlich Dir es klage
Wie unbequem mir jede Lage
Am Hofe eines Fürsten sei
Errette mich wenn ich der Toren
Verdecktes Spiel wenn ich zu nah
Des Midas königliche Ohren
Wenn ich Nicaisens Kopf beschoren
Und Messmern in die Fenster sah
Verhülle unter einem Kranze
Von Lotus mein empörtes Haar
Wenn mich aus ihrem Mittagsglanze
Die Göttin schrecket die im Tanze
Des Abends meine Phryne war
Beschütze mich vor Fürstenrache
Den Martern eines Struensee
Wenn ich nach mancher Ehrenwache
In meines Sohnes Vorgemache
Unkenntlich wie Ulysses steh
Und führe mich den Mund verschlossen
Durch Autor und Sophistenschlamm
Versüsse meinen Zeitgenossen
Die Bitterkeit von meinen Glossen
Und werde Du mein Epigramm«
    Hoch pochte mir das Herz während dieser feierlichen Mette Ich blickte wild
in die Ferne und stieg vom Rande des blauen Horizonts mit einem forschenden
Blicke in die Zukunft hörte den Strom der Zeit rauschen sah mich von seinen
brausenden Wellen ergriffen und als ein verwelktes Blatt fortschwemmen  Ich
erschrak sprang mit sträubendem Haare von meinem harten Sitze auf und verließ
mit eilenden Füßen diesen Felsen des Harpokrat Unachtsam auf den Weg den ich
nahm kletterte ich von einer Steinstufe zur andern herab und befand mich ehe
ich daran dachte auf einer Wiese die der Natur noch nicht abgewonnen und der
Grund eines Kessels von Bergen war
    Wie ich mich der Erde näher fühlte verschwand meine Schwärmerei aber mein
Bewusstsein kehrte desto schreckender zurück Unwillkührlich hatte ich mich in
dem Kreise des Gebirges gedreht das mich umschloss und die Spur verloren die
mich hierher führte In der Höhe wohin mein starres Auge blickte umzog mich
nur das wolkenlose Gewand des Himmels und keck grünendes Moos polsterte den
Zirkel in den sich vielleicht seit seiner Erschaffung kein menschlicher Fuß
verirrt hatte und in welchem ich jetzt wie die Bildsäule des Erstaunens ohne
Bewegung stand Die Sonne und alle himmlischen Zeichen waren für mich verloschen
 Umsonst spannte ich mein Ohr nach einem Laute  nur nach einem einzigen Laute
der Schöpfung  und hörte nichts als das Picken meiner Uhr
    Unnennbare Angst die mich nun ergriff stärkte endlich meine wankenden Füße
zu dem Entschlüsse auf gut Glück den ersten besten Radium dieses Gebirges zu
erklimmen  Mühselig war mein Weg oft glaubte ich vor Erschlaffung wieder
zurück zu stürzen  aber  wie belohnend war auch endlich der Blick den ich
nun an dem errungenen Ziele in den Abgrund ta An seinem Rande erholte ich mich
wieder von meiner Müdigkeit und Angst und bald zeigte mir menschliches Gefühl
wiederkommender Eitelkeit dass ich gerettet sei Ich versuchte zuerst meine
erneuerten Kräfte an einem ungeheueren Sandsteine den ich kaum mit der größten
Anstrengung die wenigen Zolle fortbewegen konnte die er vom Abhange des Felsen
entfernt lag »Du sollst« sagte ich »das Monument meines Hierseins werden«
Und nach der Arbeit einer Stunde hatte ich das Vergnügen ihn rollen in seinem
Falle die Felsenspitze abschlagen und das tiefe Moos in das er sich einsenkte
um ihn herum auffahren zu sehen  Hier wirst u vielleicht noch liegen dachte
mein Stolz wenn die folgenden Jahrtausende alle deine gleichzeitigen Monumente
größerer Taten und Verirrungen von der Oberfläche der Erde weggespült haben 
und mit gutmütigem Lächeln verließ ich diesen merkwürdigen Ort
    Da ich in einer mäßigen Entfernung auf dem Rücken des Gebirges ein großes
Gebäude erblickte war ich außer Sorgen Dort werden vernünftige Geschöpfe
wohnen dachte ich und ward meinen kleinen Irrtum nicht eher als nach einer
guten halben Stunde gewahr Du kannst denken ob ich jetzt genau auf meinen Weg
Achtung gab  Behutsam stahl ich mich auf die Seite jeden Abhang vorbei um
nicht in die Verlegenheit zu kommen mir noch ein Monument zu setzen und so kam
ich glücklich bis an die Mauern eines Klosters eben in dem glücklichen
Augenblicke da die Gesellschaft aufbrach um in die Abendmette zu gehen
    Ich hielt mich in gehöriger Entfernung von ihrem Zuge der abwärts ging
trat wie er fortrückte immer weiter vor sah mein liebes Nimes unter mir
liegen und die weiß gekleideten Mönche mit gesenkten Häuptern in einen wo
nicht der prächtigsten doch geschmackvollsten Tempel treten der wie an den
Fuß des Berges gelehnt mir in das Gesicht fiel
So lehnte sich in königlicher Größe
Als Hirte noch auf seinen Stab
Ismais Sohn im blöckenden Getöse
Der Herde Viehs die ihn umgab
Kein Pilger geht vorbei  ihn rühret
Der Weisheit Ernst dies sprechende Gesicht
Nur seine Herde die er führt
Blöcht um ihn her und kennt ihn nicht
    Wie ein Wollust atmender Liebhaber aus fein berechneter Sinnlichkeit
verweilt um jeden einzelnen Reiz seiner Geliebten den eine andere Stellung
eine andere Seite ein anderes Licht ihm gewähren kann noch aufzufangen wie
er seinen Heisshunger bis zum Ungestüm wachsen lässt ehe er sich erlaubt den
letzten Schleier zu heben so verzögerte auch ich manche Minuteauf dem
Schlangenwege der zu diesem Tempel führt fing die Strahlen seines Glanzesin
jeder Wendung auf und genoss erst jede nach und nach hervortretende Schönheit
meines Gemäldes ehe ich mich dem Eindrucke des Ganzen Preis gab
    Meine Augen verirrten sich jetzt bald in dem spielenden Laubwerke das die
Korniche füllte die wie eine königliche Binde den Dom dieses Tempels umwand
bald weidete ich sie an der erhabenen Stellung und den herrlichen Verhältnissen
seiner kanelirten Säulen und die Mannigfaltigkeit der Anmut dieses
unversehrten Denkmals römischer Größe würde mich vielleicht noch Stunden
hindurch beschäftigt haben wenn nicht der hastige Durchbruch der Mönche meine
weitschweifnde Einbildungskraft geschwind wieder in die jetzigen Zeiten versetzt
hätte
    Als ihr Haufe beisammen und auf seinem Fortzuge begriffenwar und nun auch
der letzte Geweihte heraus trat der dieses Heiligtum verschließen musste wagte
ich es mich ihm in demütiger Stellung zu nähern und um die Erlaubnis zu
bitten auch das Innere dieses trefflichen Altertums zu bewundern
    »Sehr gern« antwortete der dicke kurz atmende Mönch »Ich will Ihnen alles
zeigen  alles erklären«
    Wir traten ein Ein Blick schon überzeugte mich dass hier für meine Art
Schwärmerei nichts weiter zu tun sei und die Erzählung mit der mich mein
Begleiter während dass wir zum Hochaltare hin und zur Halle zurück kamen
beschenkte ließ michohnehin auf nichts anders achten
    »Welch ein Ideal« fing ich an  das einzige Wort das mir mir erlaubte
denn sogleich legte sich seine astmatische Stimme darein die unter ihrer Last
von abgebrochenen Sätzen und zerquetschten Sylben immer auszubleiben drohte und
ich kenne keine Muse so groteskkomisch deren Beihilfe mir die Nachäffung
dieses Vorbilds erleichtern könnte Hier hast Du indes mein nachsichtsvoller
Freund einen gewagten Versuch Hilf Deiner Einbildungskraft damit so gut Du
kannst Lies ihn aber wenn Du nicht allen Schatten der Wahrheit davon verlieren
willst nicht eher als nach einer guten Mahlzeit und in einer Weste die Dir zu
eng ist  So möchte es noch am ersten gehen
    Traulich verschlang der Mönch meine dürre Hand mit seiner fleischichten
Tatze und fiel mir wie folgt in die Rede
»Das Ideal
Zu dem Gebäude
Erfand einmal
Ein blinder Heide
Ein Mönch vor Zeit
Hat es erhandelt
Und Dunkelheit
In Licht verwandelt
Doch lange stritt
Sich hier zu setzen
Maria mit
Der Heiden Götzen
Der Gott des Weins
Sass viele Jahre
Vor Anno Eins
Am Hochaltare
Ihm ward das Glas
Und seine Venus
Sein Gratias
Und sein Oremus
Der Göttin nur
Aux belles fesses
Las Epikur
Zuweilen Messe
Auch sang zur Ehr
Dem stolzen Kaiser
Sich Flaccus mehr
Als einmal heiser
Doch einst verhob
Ein schneller Husten
Sein Morgen Lob
Lied auf Augusten
Und aus dem Hals
Fuhr dem Kantori
Kein Wörtchen als
Memento mori
Mein Kamerad
Auf alle Fälle
Gefasst vertrat
Sogleich die Stelle
Ging hin  verband
Sich mit Marien
Das Messgewand
Ihm auszuziehen
Er tats da fiel
Tot auf den Boden
Der große Spiel
Mann süser Oden
Der Tempel roch
Nach Pech und Schwefel
Und zeugte noch
Von seinem Frevel
Und plötzlich sah
Man Gottes Schaaren
In Gloria
Vom Himmel fahren
Ja Freund ein Schwarm
Schneeweiser Engel
In jedem Arm
Ein Lilienstängel
Umzog  erstieg
Der Götter Felsen
Sieg schrien wir Sieg
Aus vollen Hälsen
Und steckten bald
Die Siegesfahne
Der Mönchsgewalt
Zum Wetterhahne 
Seitdem verziehn
Hier funfzig brave
Sanct Augustin
Geweihte Schafe
Geweihet zu
Mariens Füßen
Des Lebens Ruh
Ganz zu genießen
Sie schenkt uns Most
Aus fremden Kellern
Und LaienKost
Auf KlosterTellern
Drum bleibt der Zweck
Von unsrer Lehre
Der unbefleck
Ten Jungfrau Ehre
Nun Fremdling geh
Und sag es weiter 
Gott aus der Höh
Sei Dein Begleiter«
    Mit diesen Worten drehte er seinen schweren Schlüssel herum nahm sein
Käppchen ab watschelte nun ruhig seinen Mitgehülfen an dem Dienste der Maria
nach und ließ mich in Erstaunen und in der wohltätigsten Erschütterung meines
Zwergfells stehen die so lange anhielt bis ich den Berg völlig von ihm
erstiegen und ihn seinem Kloster sicher wieder überliefert sah
    Gehab dich wohl fromme gutmütige Einfalt wünschte ich ihm hinterher Dein
Futter schmecke dir ich habe nichts darwider so lange wohl als es Gott will
Und da du einmal so weit bist so müsse dich nie Zweifel Wissenschaft und
Aufklärung um die beruhigende Finsternis deiner frommen Maulwurfsseele bringen
 Der Weg den du bis nach Sabinum zurück gehen müsstest würde für dich zu
ermüdend sein Was kannst du dafür dass deine Begriffe nicht in dem Ideenhandel
eines Diderot Büffon und dAlembert gewonnen sind Und was kannst du endlich
dafür dass du nicht so mager bist als ich
    Spät und erschöpft kam ich in meine Wohnung ich zeichnete nur noch die
Bilder meines heutigen Tages in mein Buch ohne die Einladungszettel die auf
meinem Tische liegen eines Blickes zu würdigen trinke noch an einem
erfrischenden Glase Wassers aus meinem benachbarten römischen Quell und sehe
dem stärkenden Schlafe mit jenem frohen Lächeln entgegen wozu eine gute gesunde
Seele sich bei menschlichen Torheiten immer geneigter fühlt als zu Tränen
                                                             Den 19ten Dezember
    Zwischen meinem letzten großen Spaziergange und heute liegen vier traurig
verlebte Tage die unmittelbar hinter jenem her folgten in der Mitte  Ein
böser Wind denman la Bise nennt durchschneidender und gefährlicher als keiner
auf unserm Riesengebirge hat diese Lücke meines Tagebuchs verursacht und mich
zu einem Stillstande in der Laufbahn meines Vergnügens und zu mancher harten
Busse für das kaum genossene verdammt Ich bin wieder von Aerzten besucht und mit
Arzeneien genährt worden  habe die dürren Reiser eines ganzen Weinbergs
verbrannt und mich doch nur mit Mühe von der Menschendruse heilen können die
mich unter dem Namen la Grippe überraschte und von Haus zu Hause ging Wie
hätte ich diesem freundlichen Lande so eine Hinterlist zutrauen können  Aber
die Sonne scheint wieder und jeder Strahl von ihr bringt neues Leben Freude
und Gesundheit zurück
    Es ist wohl Schade um die acht ungeniessbaren Tage die ich verhustet habe
und die ich leicht besser hätte benutzen können Das übelste dabei ist dass mir
keine Zeit übrig bleibt meinen Verlust einzubringen denn da ich gern auch die
übrigen Teile von Languedoc und die benachbarte nicht minder schöne Provence
durchstreifen und in Bourdeau einen Vorsprung vor der heißen Witterung gewinnen
will die dort mit Anfange des Märzes schon drückend wird so bleibt mir für
Nimes nicht viel mehr als eine Woche übrig und auch diese ist mir außer dieser
guten Stadt angewiesen Mein kluger Arzt hat mir geraten sie auf dem Lande
zuzubringen um meine Erholung durch jene einfache Lebensart  das Einzige was
in Städten nicht zu erkaufen ist  desto sicherer zu befördern
    Diese Kur geht mir lange nicht so bitter ein als sich der gute Mann wohl
vorstellen mochte Ich habe ohne Schwierigkeiten Anstalten zu meinem Abzuge
gemacht und meinen Johann schon heute auf die umliegenden Dörfer geschickt mir
eine Wohnung auszusuchen Er weiß sehr gut was mir behagt  Morgen will ich
Abschied von der Stadt nehmen bei dem Bischof und seiner Nichte persönlich bei
meinen übrigen im Flug gemachten Bekanntschaften durch Karten wodurch die
meisten erst ehe sie das Blatt in den Kamin werfen erfahren werden wie ich
heiße
    Johann ist zurück doch bin ich mit seinen Verrichtungen nur halb zufrieden
Er hat mir glaube ich das unbequemste Quartier gemietet das in der Gegend zu
finden war Freilich hat es nach seiner Versicherung so vieles andere Gute dass
ich um billig zu sein die Eingeschränkteit nicht achten darf in der ich
hausen soll 
    »Sie müssen« sagte er so trocken als ob es Verordnung des Arztes wäre
»mit Wirt und Wirtin in Einem Stübchen wohnen das nicht allzu groß ist
müssen an Einem Tische mit ihnen vorlieb mit der Kost nehmen die die Küche
eines Bauern vermag und müssen dem Ehebette gegen über schlafen«
    »Kerl« fuhr ich auf »glaubst Du dass ich ein Dragoner bin«
    Aber Johann ließ sich nicht stören  »Mit solchen Menschen« fuhr er fort
»wie diese sind ich weiß es im voraus treten Sie gern in alle Verbindungen
wie sie möglich sein wollen  Reine unverdorbene Natur die glückseligste
Häuslichkeit und ein «
    »Lass es damit gut sein« fiel ich ihm ins Wort und schüttelte den Kopf
»Erzähle nur ganz einfältig und gerade warum es eben ein so enges Stübchen sein
musste« 
    »Ich hätte Ihnen zwar eben so leicht« antwortete Johann »ein großes
prächtiges leer stehendes Haus das dem Herrn des Dorfes gehört mieten
können und es steht Ihnen immer noch frei es zu tun  Doch es wird keine Not
haben  Ich kenne Ihre Bedürfnisse und mehr Fröhlichkeit Reinlichkeit und
Dienstfertigkeit als Sie in dieser Hütte antreffen würden Sie sogar in den
schönsten Palästen Berlins vergebens suchen Ich habe in einigen davon gedient
ehe ich zu Ihnen kam aber aber «
    »Gut mein lieber Johann« sagte ich etwas beruhigter »Morgen mit dem
frühesten trage meinen Namen in der Stadt herum und übermorgen mit
Tagesanbruche wollen wir uns auf den Weg machen
                                                            Den 20sten Dezember
    Von dem heutigen Tage nichts was sich der Mühe verlohnt  Es ist alles
abgetan was die leidige Höflichkeit verlangt und sogar von meiner poetischen
Freundin ist mir der Abschied nicht schwer geworden Meine Koffer habe ich
meiner Hauswirtin bis zu meiner völligen Abreise aus dieser Provinz
übergeben und bezahle ihr das Quartier auf den ganzen Monat Sie wimmert dass
ich ihren Pavillon so bald verlasse und schimpft auf die hässliche Grippe die
ihr schon manchen guten Fremden verjagt hätte
    Wirklich kann auch dem gesellschaftlichen Leben nichts nachteiliger sein
als der verwünschte Wind der oft unversehens die schönsten Spiel und
Lustpartien aus einander stäubert und der Schnupfen den er mitbringt Er
erschlafft alle Sehnen und erkältet das Herz Befällt er nun vollends Menschen
von meiner Zusammensetzung so ist der dünne Faden den er zerreißt nicht so
geschwind wieder an seine Enden zusammen geknüpft 
    Da die Winde hier einmal wie das andere ihren Strich halten und nicht wie
Salomons Winde blasen wohin sie wollen so hat man eine bequeme Karte auf der
man leicht übersehen kann welche Örter ihrem Durchzuge unterworfen sind Wäre
Nimes eine Meile seitwärts auf der Stelle des Dörfchens gebaut das ich morgen
beziehe so würden die Ärzte wenig hier zu tun finden und ich hätte meinen
Pavillon schwerlich so bald verlassen Was würde aus Nimes geworden sein wären
die Römer so empfindlich gegen den Schnupfen gewesen als ich
                                                            Den 21sten Dezember
    Heute in der Wärme eines Frühlingsmorgens bezog ich mein Dörfchen das den
Namen Kaverac führt und nur anderthalb Stunden von der Stadt entfernt ist Es
ist einem Baron zuständig der um seinen König herum kriecht und sein Schloss
unbesucht lässt das ohne Hilfe unter seiner eigenen Pracht und Größe erliegt
Die kleinen Bauerhütten die es umzingeln sehen wie Brocken aus die Wind und
Wetter von seiner Felsenwand abgespült haben aber sie liegen sicher und ruhig
indes die zerstörende Zeit unermüdet an dem Einsturze des nachbarlichen Kolosses
arbeitet Ich nahm ohne Umstände Besitz von dem Kästchen das Johann mit einem
Gefühl das seinem Herzen Ehre macht für mich ausgesucht hatte und möchte es
so hölzern es ist für keinen Preis gegen den traurigen Aufenthalt in jener
Steinmasse vertauschen die ihm zur belehrenden Aussicht gegen über liegt  Und
die Bewohner dieser Hütte  wer wollte nicht mit ihnen zufrieden sein
Dess Herz war wohl seit dem Ergüsse
Des ersten Tropfen Bluts vergällt
Der sich zu gut zum Mitgenusse
Der Freuden dieser Menschen hält
An ihrer PatriarchenSitte
Der Städte Politur vermisst
Nicht unterm Strohdach ihrer Hütte
Gern seine Gobelins vergisst
Dem fette Milch aus irdner Schlüssel
Nun keine Fürstenkost mehr däucht
Weil sie kein Herr nom goldnen Schlüssel
Mit ernstem Amtsgesicht ihm reicht
Der nie den ungesuchten Scherzen
Des Landmanns Tischgesprächen horcht
Weil er sie nur dem frohsten Herzen
Nicht Fontenellen abgeborgt«
    Reine unverdorbene Natur Warum verwies ich meinem Johann diesen Ausdruck
der so oft er auch gemissbraucht wird doch auf diesen gesunden tätigen
fröhlichen Mann und auf sein junges reizendes liebevolles Weib so passend ist
dass ich für diese glücklich zusammen Gepaarten keinen schicklichern ausfindig zu
machen wüsste
    Ein Morgen Land der an ihre Hütte anstösst mit Oliven Feigen und
Maulbeerbäumen besetzt eine Oelpresse und ein Behälter im Vorhause für ihre
Seidenwürmer das sind die einfachen Mittel ihres Unterhalts und nie sagen
sie habe sich noch Mangel und Schwermut ihrer Schwelle genähert Sie treiben
ihre Handarbeit wie ein Spiel durch das sie Hunger Schlaf und Stärke der Liebe
gewinnen An die Seele denken sie nicht diese ist bei ihnen ein Acker der von
selbst nur reine und gesunde Frucht tragen kann und keiner mühsamen Bearbeitung
bedarf Die Kunst zufrieden zu sein liegt ihnen in dem Herzen wie die Kunst
zu sehen in den Augen Sie nützen diese natürlichen Eigenschaften ohne einen
Augenblick über die Mechanik derselben nachzudenken
    Da es für heute zu spät war einen neuen Küchenzettel zu entwerfen so musste
ich mich diesen Mittag mit ihrer gewöhnlichen Kost begnügen und dazu gehörte
fürwahr keine große Verläugung Kräftiger behaupte ich kann man nicht kochen
und freundlicher kann man nicht vorlegen als dieses Weib »Wer hat sie« sagte
ich zu mir selbst wenn sie durch Wahrheit und Einfalt ihrer Rede mein Herz an
sich zog »wer hat sie ohne Kenntnis ohne Bücher ohne Welt gelehrt so
bemächtigend zu werden Oder ist eben dieser Abgang Ursache dass sie es in
diesem Grade ist«
    Mein Bette mein hölzerner Stuhl und ein Tisch für meine Schreiberei und
kleine Gerätschaften stehen hinter einem Verschlage der beinahe das Viertel
von der Stube einnimmt und  damit sind hinlänglich die Grenzen des Eigentums
und der erkünstelten Schamhaftigkeit gewahret Alles lehrt mich hier unter
welchem geringen Aufwande menschliche Zufriedenheit bestehen kann
    Ich bot meiner Wirtin einen Vorschuss von zwölf Laubtalern an um die
Kosten der vergrösserten Wirtschaft zu bestreiten da sie ja wohl auch so lange
ich bei ihnen bin meine Gäste sein müssen  Könnte ich mich nur immer so
auslachen sehen
    »Wollen Sie ein Jahr bei uns bleiben mein Herr« sagte sie »Was soll ich
um des Himmels willen mit so vielem Gelde anfangen Spärlich und nährlich mehr
kann mein kleiner Herd und meine Kochkunst nicht bestreiten  Sie müssen mein
Herr ich kann Ihnen nicht helfen mit zwei Gerichten zufrieden sein Ihre
Gesundheit und ihre Börse werden dabei gewinnen und doch sollen Sie mit rötern
Backen von uns gehen als Sie mitgebracht haben Geben Sie mir drei Stücke von
Ihrer Münze ich will zusehen wie weit ich damit komme und übrigens tun Sie
nur als ob Sie zu uns gehörten In zweien Tagen wette ich schicken Sie Ihre
Arzeneien ins Spital denn in unserm Dorfe kann sie kein Mensch brauchen« 
Und so flog sie die sechzehnjährige Hausmutter zu ihrer ungekünstelten
Wirtschaft
    Der Mann übernahm mich in Bewegung zu setzen Er führte mich erst um das
Schloss seines Lehnsherrn herum »Wenn Sie« sagte er »die großen Säle sehen
könnten die hier über einander gewölbt sind so würden Sie denken der Mann
habe zum Riesengeschlechte gehört der sie gebaut hat und doch soll er nicht
mehr Mensch gewesen sein als sein Enkel der ein so zierliches Männchen ist
dass er in einem Vogelbauer Raum hätte Es hängt mancher Schweißtropfen meines
armen Aeltervaters an diesen Steinen der noch mit zu den dicken Mauern gefrohnt
hat die jetzt wieder einstürzen Seit fünfzig Jahren ist kein Rauch aus diesen
verzierten Schornsteinen gestiegen Die Besitzer dieses unnützen Gebäudes
fliehen es wie einen Abgrund der ihr Erbteil verschlungen hat und mir und
andern stiehlt es die schöne Aussicht auf das freie Feld das dahinter liegt Da
lobe ich mir doch die kleinen Häuser von Klebwerk wie das meine die man ohne
Kosten selbst flickt wenn sie wandelbar werden  um ein geringes wieder
aufbaut wenn sie zusammen fallen und in denen starke mutige Menschen wohnen
die darin grau werden«
    Alles Verödete liebster Eduard lässt auch das Herz leer Wir wurden erst
froh als wir das gesellige Dorf durchwandelten Was für ein ganz anderes
Gemälde für den Geist gegen jene Einöde des kummervollen Stolzes Hier war alles
lebendig Bald fuhr der Amorskopf eines rotwangigen Jungen zu seinem kleinen
Fenster heraus bald begleiteten uns die Rabenaugen eines blühenden Mädchens
über die Gasse Hier kam uns der Reif entgegen gerollt hinter dem ein Dutzend
spielende Kinder hersprangen Dort entblößte ein freundlicher Alter sein graues
Haupt um uns seinen patriarchalischen Segen zu geben Aus allen Ecken unter
allen Strohdächern hervor blickte Friede und Freude Tätigkeit oder Ruhe nach
vollbrachter Arbeit
    Welches Auge könnte so verwöhnt sein an diesen bevölkerten Hütten die
Verhältnisse eines Palladio und in dieser Männer Leben und den Spielen ihrer
Kinder den Maschinengang der großen Welt zu vermissen
    Das Dorf ist reinlich und seine Lage höchst angenehm Ich machte auf unserm
Rückwege noch eine Entdeckung die mir viel wert ist Sein kleines Gebiet
schließt einen Berg ein dessen mit Fichten Mandelbäumen und Geniste bunt unter
einander bewachsenen Gipfel ich mir zum Ziel meiner Morgengänge ausersehen habe
    So fehlt mir hier nichts was meine einfache Diät bedarf Johann tut sich
nicht wenig zu gute auf die Zufriedenheit die er an mir wahrnimmt und brüstet
sich manchmal wie ein Magister der sich seit kurzem zum Wegweiser der wahren
Glückseligkeit wie man sagt habilitirt hat
                                                            Den 22sten Dezember
    Ich trennte mich gestern von Dir und meinem Tagebuche eher als ich gewohnt
bin Das glückliche Paar meiner Hausleute eilte nach hergebrachter Dorfsitte
mit heran nahender Dunkelheit seinem Bette zu und ich  zu gutmütig sie durch
das Licht das meine Schreiberei erleuchtete in ihrer verdienten Ruhe zu
stören ahmte ihnen nach ohne schläfrig zu sein und bin herrlich für meine
Verläugnung der großen Welt belohnt worden
    Der zeitige Schlaf vor Mitternacht in der mir ungewöhnlichen Stille die
mich bald einwiegte brachte mir heute einen eben so ungewöhnlichen zeitigen
Morgen ein Ich strebte schon dem Fichtenberge zu da noch die Glut in
graulichem Nebel unter ihm lag sah den Vorhang sich heben und gewann dadurch
den überraschenden Anblick des immer glänzender hervor tretenden Schauspiels So
sehr es mein Herz entzückte so neu war es ihm auch  neuer als ich gegen die
Natur verantworten konnte Ich tat ihr meine öffentliche Abbitte des verwegenen
Gedankens halber den ich mir so oft erlaubte als habe sie mir nichts mehr
vorzusetzen das den Gaum eines so übersatten Menschen wie ich noch reizen
könne
    Was für eine Allgewalt hat nicht die Bergluft über die bessern Empfindungen
der Seele Weißt Du es noch nicht aus eigener Erfahrung so eile Freund sie zu
gewinnen so bald es nur Euer eiserner Himmel erlaubt
Wer in dem Bruderarm gesunden Schlafs erquicket
Sein Lager im Gefühl der Auferstehung flieht
Vom ersten Sonnenstrahl der durch den Nebel zücket
Sein Morgenopfer brennen sieht
Dem lohnt Begeisterung  Sein frommes Auge strebet
Dem Unsichtbaren nach Sein weisres Herz versteht
Die edle Bangigkeit die seinen Busen hebet
Und jeder Blick wird ein Gebet
Entschluss gerecht zu sein Mut zu der Freundschaft Taten
Veredeltes Gefühl der Lieb entsteigen nur
Der Dunkelheit des Walds dem Wellenschlag der Saaten
Und deinem Säuseln o Natur
    Nach dem köstlichen ländlichen Mahl das mich an der Seite zweier guter
Menschen erwartete als ich hungrig zurück kam führte mich mein Wirt auf den
allgemeinen Kegelplatz des Dorfs um mich mit einem Blicke die ganze Gemeinde
kennen zu lehren Der Nachmittag ist in diesem Lande nur dem Vergnügen  und
keinem mehr gewidmet als dem Kegelspiele und nichts kann wohl deutlicher von
dem leichten Nahrungserwerb seiner Bewohner zeugen als dieser Hang Der
Seidenwurm erfordert nur sechs Wochen Aufsicht und Wartung wie unsere
Kindbetterinnen und belohnt dennoch dem Landmann weit reichlicher seine kleine
Mühe als der fruchtbarste Getreidebau und die fruchtbarste Frau bei uns Die
Olivenernte schlägt selten fehl und der äußerst wohlfeile Preis des
trefflichsten Weines zeugt von seinem Überflusse Was für Forderungen können
also diesen guten Leuten noch zu befriedigen übrig bleiben als die Forderungen
des Vergnügens
    Mein Begleiter war allen willkommen und ich mit ihm Ich nahm indes nur
einen mäßigen Anteil an ihrem Zeitvertreibe da ich nicht weit davon die
jüngere Klasse des Dorfs nach dem Takte einer Leier ihren Mut auswalzen sah
Ich stahl mich unvermerkt von der Seite meines Führers hinweg und labte mein
Auge an dem Ausdrucke der Freude  an den feurigen Blicken der Jünglinge und
dem pochenden Herzen ihrer Geliebten Blaise mein Freund  immer erlaube mir
auch ihm diesen Namen zu geben  überraschte mich da eben meine Augen auf dem
liebevollen Gesichte eines Mädchens ruhten das der Huldigung eines Sultans
würdig gewesen wäre Er sah es und fand ganz natürlich dass mir dieses
Geschlecht nicht gleichgültig sei
    »Wenn Sie morgen« redete er mich auf meine Miene an »mit meiner Frau
allein essen wollen so will ich Ihnen zwei Stunden von hier eine gewisse Margot
holen die alle Schönheiten unsers Dorfs weit übertrifft ein glückliches
munteres Geschöpf die Tochter meiner Schwester und unser aller Liebling Sie
soll wenn Sie es gut finden so lange bei uns bleiben als Sie bleiben werden
 ich weiß Sie werden mir es danken«
    Nun erschrak ich zwar nicht wenig über den Zuwachs unserer Gesellschaft da
mir der Gelass des Hauses nur zu bekannt geworden war doch hielt ich es weiter
nicht für nötig ihm mein Bedenken mitzuteilen noch weniger getraute ich mir
ihm die Gefahr merken zu lassen die für mich aus der nahen Nachbarschaft eines
Geschöpfes entstehen könnte das seiner Beschreibung glich denn dafür hatte der
gute Mann keinen Sinn  Es bleibt mir sonach nichts übrig als in Geduld zu
erwarten was sein Versprechen leisten wird
                                                            Den 23sten Dezember
    Spotte wie Du willst guter Freund Ich gefalle mir immer mehr in meiner
einförmigen Lebensart die eben so viel Mannigfaltigkeit hat als sie mir neu
ist Da ist mir der heutige Vormittag wieder so angenehm auf der hiesigen Post
verstrichen dass ich die volkreichste Stadt auffordern kann mir einen bessern
Morgen zu schaffen Es ist freilich nur eine poste aux ânes  aber was tut das
Ich habe keinen so überfeinen Geschmack als Ludwig der Große und kann zu
Zeiten einen Bauerntanz von Teniers mit mehr Teilnehmung betrachten als eine
Menschenschlacht von Le Brün
    Das Leben und Weben der Ankommenden und Abgehenden das Satteln und
Absatteln die Anforderungen und Abrechnungen die Ordnung und Unordnung kurz
das ganze groteske Gemälde das sich jeden Angellblick erneuerte verfehlte
nicht auf mein der Freude geöffnetes Herz seinen Eindruck zu machen Doch gab
ich nicht bloß einen müßigen Zuschauer ab Warum hätte ich nicht dann und wann
ein artiges Kind das schalkhaft unter seinem Sonnenhütchen hervor blickte aus
dem Sattel oder in den Sattel heben ihren freundlichen Dank oder sonst eine
kleine Belohnung die sie mir vergönnte mitnehmen sollen
    Man kann kein fröhlicher Bild sehen als so ein Landmädchen wenn es zwei
Körbchen an der Seite mit Bedürfnissen die es aus der Stadt geholt hat oder
nach der Stadt bringen will lustig einher oder davon trabt dem flinken
Burschen der ihrer wartet das Band reicht das sie ihm mitbrachte oder sich
einen Kuss von ihm aus den Weg geben lässt In unserm traurigen Lande lieber
Eduard wird man sich selten den Zeitvertreib verschaffen können auf einem so
kleinen Umkreise so viel fröhliche Gesichter beisammen zu sehen In dieser
Rücksicht halte ich die posts aux ânes für eine der wichtigsten Entdeckungen
die ich je gemacht habe
    Mein Wirt den ich dahin begleitete ging von hier aus mit einem
Kourieresel ab und wird auf dieselbe Art diesen Nachmittag mit der schönen
Gesellschafterin zurück kommen die er mir gestern versprach
    Stelle Dir übrigens nur nicht unter den hiesigen Eseln so langsame
unbehülfliche Tiere vor als sie bei uns sind Hier ist nichts träge und
langsam und die verächtlichste Kreatur wie die geschätzteste empfindet hier
den wohltätigen Einfluss dieses so milden Himmelstrichs
Des Himmels Segen deckt dies Treibhaus der Natur:
Durch rein gefärbtes Licht erhoben
Glänzt es dem Sohn des Epikur
Wie ein Brillant auf unserm Globen
Der Forscher sieht erstaunt wie lebhaft wie geschwind
Hier alle Räder gehen der Weitzen seine Körner
Der jüngste Most die Stärke des Falerner
Kontur und Federkraft die jüngste Brust gewinnt
Schnell läuft der Esel hier das Füllen wiehrt  das Rind
Der Bock der Hirsch und was etwa noch ferner
Darzu geboren ist trägt dreimal grössre Hörner
Als sie bei uns gewöhnlich sind
    War ich diesen Morgen zufrieden so habe ich nicht weniger Ursache es auch
den Nachmittag zu sein  Ich habe einem Engel von Weibe gegen über meinen
Hunger an dem schmackhaftesten Braten gestillt wie ihn der König nicht essen
kann wenn er seine Schöpse nicht auch mit Rosmarin füttern lässt der den
hiesigen die gewöhnlichste Weide ist  habe eine Flasche Landwein getrunken den
man den Kennern in Berlin mit aller Ehre für Burgunder vorsetzen könnte und
kaum stand ich mit glühenden Wangen von meinem Schmause auf so trat mein Wirt
mit seiner Nichte an der Hand herein und brachte mehr Leben mit als ich
brauche
    Ich will es Dir nicht zu Leide tun die kleine Margot mit allen ihren
Annehmlichkeiten zu schildern doch sei versichert dass sie von Euren
Operngesichtern wenigstens so weit absteht als die aufblühende von einer bis
zur Hagebutte verschrumpften Rose Und so ein Mädchen wird mir aus lauter
Gutherzigkeit zugeführt Für wie alt muss mich Mein ehrlicher Wirt halten wenn
er glaubt dass dies nichts zu bedeuten habe
    Ich habe hierüber schon die erste Viertelstunde ihres Hierseins eine
missliche Erfahrung gemacht  Ich glaubte etwas recht kluges zu tun setzte
mich mit einem philosophischen Auge den schalkhaften Augen des Mädchens gegen
über und wollte berechnen durch was für natürliche Kräfte es möglich sei dass
dieser Körper dieser Geist einer so unbefangen so unverschleiert und so
ausgebildet als der andere  wie so viele leibliche und geistige Fülle einem
dreizehnjährigen Kinde angehören könne Aber anstatt der Entscheidung der
Hauptfrage näher zu kommen fand ich mich am Ende nur in den Nebenumständen und
zwar so gefährlich verwickelt dass ich meine Untersuchung aufgeben und Gott
danken musste dass ich es noch zu tun im Stande war
    Während ich dies niederschreibe tragen die Leutchen mir nichts dir nichts
die Betten zusammen auf denen die kleine Margot diese Nacht und die folgenden
kaum sechs Schritte von mir ruhen soll 
    Nun ja  das Bette ist fertig und ich habe das Fieber  Ich muss an die
Luft gehen um meine Verlegenheit über diese Anstalten zu verschnaufen
                                       
    Ja wenn nur alles so in der Luft verdunsten wollte was dem Herzen zu viel
ist Zur Erhaltung des Gleichgewichts in unserer kleinen Welt wäre das eine
treffliche Sache  Ich habe eben keinen großen Zirkel um das Haus herum gezogen
 da sitze ich dem Kinde schon wieder gegenüber kaue an ihren kleinsten
Bewegungen und freue mich wie in diesem Lande man mag seine Blicke
ausschicken wohin man will alles so nebellos ist  Hat mir Jerom es nicht
vorher gesagt
    Du bist wohl sehr gut wenn Du mir erlaubst in so abgebrochenen Sätzen
fortzuschreiben  aber ich kann nicht anders  Ich werfe meine Gedankenblitze
auf das Papier wenn die Kleine zur Türe hinaus stürmt und werfe die Feder
ebenso geschwind weg wenn sie wieder hereingehüpft kommt
                                       
    Das kann ein gefährliches Geschöpf für meine Ruhe werden wenn es noch acht
Tage älter unter meinen Augen wird und der Eindruck den es auf mich macht mit
jeder Stunde so fortsteigt wie heute  Sie ist schon so bekannt mit mir als
wenn sie meine Tochter wäre  Sie ruft verschickt befiehlt meinem Johann wie
es ihr einfällt  bald glaube ich wird sie auch mir befehlen  Ich verlor
keinen Laut ihrer Stimme als sie mir alleweile von ihrem Hänfling erzählte den
sie so kirre gemacht hätte dass er ihr aus der Hand frässe  und was sie für ein
Glück mit den Blumen habe  Sie dürfe sagte sie das dürreste Reis nur in die
Erde stecken so blühe es 
    Ich weiß es wohl es sind armselige Kleinigkeiten die ich Dir erzähle sie
sind es aber Gott weiß es wenn sie über ihre Lippen gehen so wenig dass ich
mich kaum erinnere etwas Geistreicheres gehört zu haben 
    Ich breche ab liebster Freund die kleine Gereiste schläfert  Die Engel
des Himmels mögen über ihre Ruhe wachen  Ich will gern auch schlafen  wenn
ich kann 
                                       
                                                                Den 24 Dezember
    Ich habe einen Verlust erlitten der mir nahe geht Mein guter Mops ist
gestorben und liegt nun unter dem großen Olivenbaume meines Wirts begraben Wenn
dem klügern Menschen nicht ausschliessungsweise von jeder andern Kreatur die Ehre
des Selbstmordes vorbehalten wäre so möchte ich beinahe glauben dass auch mein
Mops aus Schwermut freiwillig die Welt verlassen habe Es schien ihm
unausstehlich zu sein seinen Herrn vergnügt zu sehen und seitdem Margot hier
ist die mir eine Runzel um die andere aus dem Gesichte wegwischt bekam er jede
Stunde eine mehr und seit gestern abend wo wir  ich und sie  freilich sehr
munter zusammen waren schien sein Verdruss aufs höchste gestiegen zu sein  Er
kroch in einen Winkel und heute früh fand man ihn tot
    Ich gestehe dass ich ihn seit einiger Zeit vernachlässigt habe und es tut
mir wirklich leid denn es war ein gutes Tier das mich liebte und dem ich in
jenen hypochondrischen Stunden meiner Reise manche nützliche Betrachtung
verdanke
Dies große Warnungsbild das ich mit ihm verloren
So weit ich blicken kann ersetzt ein andres nicht
Belehrender ward nie ein Sonderling geboren
Und keiner trug bei kürzern Ohren
Ein philosophischer Gesicht
Zwar sah ich manche Stirn von Königsberg bis Leiden
Mit diesem mystischen gelehrten Überzug
Doch sah ich keine je die Runzeln so bescheiden
Von allen Weisen zu beneiden
Als meines Hundes Stirne trug
Der schönsten Stadt entführt wo der Beruf zu schlafen
Durch Lindenduft verstärkt das Bürgerrecht ihm gab
Ward er wie Epiktet vom ungestalten Sklaven
Mein Freund  Er wars dem Polygraphen
Der Schweiz zum Trotz  bis an sein Grab
Er warf den hohen Ernst der kritischen Gebärde
Nie auf ein Mitgeschöpf  nie außer sich herum
Der Schnarcher suchte nie so weit ihn Gottes Erde
Auch trug dass er bewundert werde
Ein größer Auditorium
Nur still erbaut er mich Von seinem gelben Felle
Blickt ich gestärkter auf in die beblümte Flur
Mein krankes Auge stieg von seiner Lagerstelle
Gemach vom Dunkeln in das Helle
Bis zu dem Lichtquell der Natur.
Wenn er sich schüttelte las ich in seinen Blicken
Den herrlichen Beweis vortrefflich kommentirt
Den einst vom Übergang des Schmerzes zum Entzücken
Aus gleicher Notdurft sich zu jucken
Der weise Sokrates geführt10
Kein unbequemer Freund kein Trunkenbold kein Fresser
In richtiger Mensur nicht stolz nicht zu gemein
Schlief er sein Leben durch und wahrlich desto besser
Er schläferte wie ein Professor
Auch seinen klügern Nachbar ein
Lebt wohl ein Menschenfreund der sich nicht seiner Hunde
Nicht ihrer Tugenden und ihrer Liebe freut
Sucht nicht selbst Friederich kraft seiner Menschenkunde
Das Spielwerk seiner Ruhestunde
In seines Hunds Geselligkeit
Ulyss von seinem Hof verkannt und ausgeschlossen
Bewährt der Treue Ruhm den sich sein Hund erwarb
Alt blind kroch er zu dem nach Jahren die verflossen
Von dem er Wohltat einst genossen
Zog seinen Dunst noch ein  und starb 
Wie hast du guter Mops nicht meiner Stirne Falten
Sah ich dem Grillenspiel der deinen zu gegleicht
Gewarnter nun durch dich frühzeitig zu veralten
Sei immer dir mein Dank erhalten
Auch dir sei Gottes Erde leicht 
    Margot als sie mich in diesen ernsten Gedanken vertieft und meine Augen
getrübt sah stellte sich gerade vor mir hin  »Wie konnten Sie« fragte sie
mich mit lautem Lachen »einem so grämlichen schnaufenden Tiere nur ein Bisschen
gewogen sein  Wissen Sie wohl  aus Liebe für Sie habe ich ihm Krähenaugen
gegeben Sein unfreundliches Ansehen störte ja nur unsere lustige Gesellschaft«
 Und ich Narr sitze da blinzle dem Mädchen ins Gesicht weiß nicht recht ob
ihre Anklage Ernst oder Scherz ist und vergebe ihr eins wie das andere um der
Perlen von Zähnen willen die sie mir sehen lässt Ich werde mit diesem Kinde
selbst noch zum Kinde lieber Eduard  aber  ich kann mir nicht helfen
                                                            Den 25sten Dezember
    O Jerom Jerom Du würdest mit mir zufrieden sein wenn Du mich sehen
könntest Liebe und Freude durchströmen mein Herz Wie geschwind ist unter
diesem lachenden Himmel in dem Umgänge dieser seltenen Menschenart die Rinde
weggeschmolzen die es umgab Eine Schicht nach der andern dieses verhärteten
Umzugs lösthe sich ab und jetzt schwärmt es neu belebt hebt sich und senkt
sich tobet und brauset und ich kann seiner nicht mehr Herr werden Sogar meine
Berge und Wälder haben ihr ehrwürdiges Ansehen verloren seitdem sie Margot mit
mir durchschweift Dies Kind der Natur badet sich selbst zu gern in dem
Morgentau fühlt selbst zu sehr das Behagliche der Bewegung, als dass sie in der
Hütte bleiben und ihren Vorteil nicht absehen sollte sich sobald ich aus der
Türe trete an meinen Arm zu schlingen
    Heute mit dem frühesten erwachte sie als ich eben nach dem Hute griff der
gerade über ihrem Bette an der Wand hing und wie ein aufgescheuchtes Reh fuhr
sie von ihrem Lager auf so dass sie mir kaum Zeit ließ meine Augen so lange
wegzuwenden bis sie ihr Röckchen über sich geworfen hatte O Natur Natur 
auch Koquetterie wie sie aus deinen Händen kommt ist rührend Ich habe
manchmal ein Schminkpflästerchen aufkleben manchmal eine Nadel fest stecken
müssen aber nie tat ich es mit der Empfindung die Margot in mir erweckte da
sie jetzt so lustig als ich es wünschen konnte mit der Bitte vor mich trat
ihr den vermaledeiten Sonnenhut aufzusetzen der ihr so hübsch steht
    So wie die Toilette in Ordnung war erstiegen durchliefen umkletterten wir
nun alles was uns die Natur in den Weg warf und sangen schäkerten und
lachten als ob uns die ganze Welt gehörte Auch mein Johann kam gestiegen eben
da wir beide Kinder versuchten wer am weitesten in die Ferne blicken könnte ob
es ein Adler oder eine Krähe sei die dort am Rande des Himmels ihr Spiel trieb
 Es war mir recht lieb dass Johann kam Ich rief ihm zu und er nahm herzlichen
Anteil an unserer Freude
    Du glaubst nicht wie viel dieser Mensch in meiner Achtung gewonnen hat
seitdem der enge Kreis der mich hier umschließt den Abstand unter uns beinahe
ganz aufgehoben hat Außer dem Boden wo er schläft hat er Einen Aufenthalt mit
mir die der ganzen Gesellschaft gemeinschaftliche Stube Es ist der
guterzigste natürlich gesittetste Mensch den ich vielleicht aus Berlin hätte
mitnehmen können und es freut mich recht dass ich noch in dem zehnten Jahre da
er mir dient seine Bekanntschaft gemacht habe
    Das mag wohl oft der Fall in unserm Stande  und noch weit mehr in der
Klasse der Großen sein  Wir suchen Freunde  in den Vorsälen  an den
Spieltischen und in unsern vornehmen Gesellschaften  wundern uns dass wir auch
nicht Eine Seele finden die unsern Forderungen Genüge tut indes vielleicht
nahe bei uns eben das gute Geschöpf das uns fehlt hinter unserm Stuhle steht
 Wie arm haben uns unsere leidigen Verhältnisse gemacht Wie haben sie den
Gemeinplatz der Zufriedenheit zersplittert dass jetzt keines mehr von dem
Brocken leben kann der ihm von dem Ganzen zugefallen ist
                                                            Den 26sten Dezember
    Ich sehe mit Zittern den Zeitpunkt sich nähern der mich von diesen Söhnen
und Töchtern der Natur trennen soll und nichts freut mich dabei als dass auch
Johann den Kopf hängt wenn ich von unserer Abreise spreche Künftighin soll der
gute Mensch nie anders als neben mir im Wagen sitzen ja auch wenn der Mops
noch lebte sollte er es Sein Verstand seine gute Laune und besonders das
Mitgefühl des frohen Lebens das ich hier führe sind mir nützlicher und
notwendiger geworden als seine armseligen Dienste die ich im Grunde entbehren
kann
    Arme Margot Auch dein empfindsamer Busen hebt sich auch in deinen Augen
glänzen Tränen der Wehmut auch an deinem Liebe atmenden Munde regen sich
Zuckungen eines heimlichen Schmerzes wenn du an unsere Scheidung an die
Trennung von einem Freunde denkest der dir nur gar zu lieb gar zu teuer
geworden ist O dass ich der Einzige sein möge wie ich der Erste bin der deinem
Herzen die Freude verdirbt zu der es die Natur so empfänglich gebildet hat 
    Ich schwöre Dir Eduard dass selbst meine Eigenliebe kaum die so schnell
angewachsene Leidenschaft dieses Kindes für mich zu erklären weiß  und doch ist
sie da  in aller der Glorie da durch die sich ein unerfahrnes Herz verrät
und die auch nur einem solchen gut ansteht
    Wenn mir manchmal das erste Blatt eines empfindsamen Romans ein
unschuldiges kaum den Händen der Natur entschlüpftes Mädchen ausstellte das
den Sonntag den Mann zum erstenmale erblickt mit dem es auf der sechsten Seite
schon den Sonnabend nachher bis über die Ohren in Liebe versunken in so
regelmässiger Vertraulichkeit lebt dasswenn Autor und Leser rechnen können man
beinahe voraus sagen kann auf welchem Blatte sie Mutter sein wird so lachte
ich immer dem Geschwindschreiber gerade ins Gesicht und war gewiss niemals bei
der Taufhandlung  Aber man sollte weiß Gott über nichts lachen
    Nicht weniger habe ich oft so krause schäckige verschlungene Figuren in
den Wolken gesehen dass die Bibliothek der schönen Wissenschaften den Maler der
es wagte sie treu nachgebildet auf seine Landschaft zu bringen ohne Widerrede
für einen Narren erklären würde  und doch lag das Original ohne ein
menschliches Auge zu beleidigen  in der Natur. Schriebe ich nun einen Roman
lieber Eduard so würde ich wenigstens aus Autorklugheit einen halbjährigen
Umgang voraus gehen lassen um das Herzklopfen die glühenden Wangen und das
Stammeln der Zunge dieses dreizehnjährigen Kindes wahrscheinlich zu machen aber
ich schreibe ein Tagebuch und muss die Wolken malen wie ich sie finde
    Seelen die für einander geschaffen sind  ich fange es jetzt an zu glauben
 streben einander entgegen wie und wo sie sich antreffen Sollte es Dich
indes ungeachtet dieses freilich auch nur in Romanen vollgültigen Grundsatzes
dennoch wundern wie ein so frisches unbefangenes Kind ohne sich durch mein
blasses abgehärmtes Gesicht schrecken zu lassen in dem kurzen Zeitraume von
vier Tagen einen Weg von solchem Umfange zurück gelegt habe nun so wirst Du
über die schnelle Veränderung wohl ungleich mehr erstaunen die diese Spanne von
Zeit in mir altem erfahrnen Krieger hervor brachte
    Siehe der eingewurzelte Begriff von der notwendigen Ungleichheit der
Stände ist in den paar Tagen so locker bei mir geworden dass nicht viel fehlt
so fliegt er in alle Winde  Seit dem Augenblicke da ich die Leidenschaft der
Kleinen gegen mich entdeckte wozu eben kein übermässiger Scharfsinn nötig war
habe ich über eheliches und häusliches Glück Sympatie der Seelen und
Missheiraten so deraisonirt als wenn ich dafür wäre bezahlt worden Über das
Herz behauptete ich sehr einleuchtend sollte kein Grundsatz gebieten der
nicht aus der Natur, sondern aus unsern erkünstelten Verhältnissen entsprang
Verschwende ich hier nicht offenbar an den Götzen des Vorurteils eine Perle so
rein und acht als die Liebe nur ihren Lieblingen zuzuwenden vermag und darf
ich wohl hoffen jemals in der Verzäunung in die mich mein Stand verbannt ein
Kleinod wieder zu finden das diesem hier gleich ist
    In solchen Sophistereien würde ich sagen habe ich eine schöne Morgenstunde
verträumt als ich heute auf der Spitze des Berges an ihrer Seite lauschte wenn
ich mich nicht zugleich wie ein erfrorner Priester an der auflodernden Flamme
ihrer Erstlingsliebe so durchwärmt hätte dass ich unmöglich den Verlust der Zeit
beklagen kann ob ich gleich jetzt nach allen kaltblütigen Mitteln der Vernunft
stören muss um meine durchglühte Einbildungskraft wieder abzukühlen Gottlob
dass es mir gelungen ist Ich habe mir stark in das Gewissen geredet mir
bewiesen dass ich zu der wankelmutigsten treulosesten Menschenklasse gehöre
die einzige ausgenommen die in allem eine Stufe über der meinen steht  dass ich
viel zu lange in einer verdickten Atmosphäre gelebt habe um in der Region der
Wahrheit und der dunstfreien Natur dauern zu können und habe daraus die
Schlussfolge gezogen dass Margot dies Kind der Unschuld viel zu gut für mich
sei
    Gewiss ist sie des besten Mannes wert Aber nur einer dessen Geburt und
Lage ihn von der Amme an gegen die feindseligen Angriffe der guten Erziehung
geschützt haben  der das Gift der Sitten nicht eingezogen hat  der alle
Strahlen des Glücks der Zufriedenheit noch in Einen Brennpunkt vereinigt und
mit der großen Kunst der höheren Stände noch unbekannt ist sie prismatisch in
Farben zu teilen und  unkräftig zu machen  mit Einem Worte nur der beste
Mann ihres Standes vermag es dieses schöne gefällige tugendhafte und mit der
herrlichsten Zusammensetzung zu einem trefflichen Weibe begabte Mädchen so
glücklich zu machen als es zu sein verdient Von ihr ist es eine schuldlose
Verirrung dass sie mich liebt  von mir  würde es eine Treulosigkeit an der
Natur sein wenn ich diese Verirrung missbrauchen und sie aus dem Zauberzirkel
reißen wollte in welchem ich die schätzbaren Menschen sich drehen sehe deren
Hausgenosse ich bin und der mich  ich stehe nicht dafür  bis zu der
lächerlichsten Ehe schwindlich machen könnte wenn ich ihnen länger zusehen
sollte
    Ihre vier Jahreszeiten Eduard  wie verschieden sind sie nicht von den
unsrigen Sie verlaufen ihnen so glücklich und einfach wie die Zeiten ihrer
einzelnen Tage und ihr Leben verläuft ihnen wie ihre Jahre
Mit süßem Lächeln weckt der Morgen
Dies der Natur geweihte Paar
Das bei der Liebe Sorgen
Sanft eingeschlummert war
Der Tag entwickelt ihre Kräfte
Übt ihren ländlichen Verstand
Zu nützlichem Geschäfte
Reicht jedes sich die Hand
Sie opfern dem Umarmungstriebe
Des kurzen Abends Überrest
Bis ungern sie die Liebe
Dem Schlummer überlässt
Ein leichter Schlaf stärkt ihre Glieder
Und eine schnell verträumte Nacht
Gibt sie der Liebe wieder
So bald der Tag erwacht
                                                            Den 27sten Dezember
    Ich habe diesen Morgen meinen Johann mit Briefen und mit dem Auftrag in die
Stadt geschickt einen Wechsel für mich zu heben davon ich einen Teil nötiger
brauche als den andern Ich muss durchaus diese biederen Menschen so gut ich
kann für den Wohlgeschmack am Leben belohnen den sie mir beigebracht haben
    Übrigens ist mein heutiger Tag vergangen wie der gestrige Wer der
Einförmigkeit gut werden will muss sich in diesem Dorfe niederlassen Wäre es so
ehrlich als es bequem ist lieber Freund seinen guten Leser über den Verlauf
von vierzehn bis fünfzehn Stunden mit einem Gemeinsatz abzufertigen so dürfte
ich hier nur das leeren Köpfen so gewöhnliche Mittel anwenden mit einem
klügern zu entern einen langen   Gedankenstrich machen und mich und meine
Feder zur Ruhe legen Da aber meine gerühmte Einförmigkeit es doch nicht so sehr
ist als Du etwa denken könntest da auch Margot zu Bette alles um mich herum
so still ist und es mir auf ein Blatt mehr oder weniger nicht ankommt so wüste
ich nicht was mich abhalten könnte heute weniger vollständig zu sein als
gewöhnlich
    Freilich habe ich nicht wie Du eine neue Oper von Naumann aufführen oder
durch ein andres Kunstwerk die Natur verhunzen gesehen aber dafür sah ich und
weit deutlicher als es nicht leicht ein Hofmann zu sehen bekommt alle Federn
eines gerührten weiblichen Herzens im Spiele die schönste Pantomime die mir
die Liebe und zwar mir allein zu Ehren gab Das Stück bekam dadurch und durch
die unaufhörlichen Schmeicheleien die ich dabei Gelegenheit fand bald meiner
Scharfsichtigkeit bald meiner Eigenliebe zu machen wahrlich kein geringes
Interesse ohne manches andere wohltätige Gefühl der Großmut des Mitleids und
so weiter nur in Anschlag zu bringen
    Die gute Kleine die während ich diesen Morgen schrieb Verstand genug
hatte mich nicht zu stören und sich unterdessen im Vorhause beschäftigte
meinem Johann den ganzen Roman des Seidenwurms zu erklären konnte nun wie ich
ihn mit den Briefen abgefertigt hatte ihren Missnmt über ihren verlorenen
Spaziergang nicht länger verbergen Du hättest nur sehen sollen wie so launig
sie sich anstellte wie so zärtlich sie über meine Schreiberei schmählte und
wie ich eilte ihr den Ersatz auf den Nachmittag zu versprechen
    Das machte alles wieder gut  Nun flog sie in die Küche schürte das Feuer
doppelt an und brachte es so weit dass der Eierkuchen  zwar ein wenig
verbrannt war  wir uns indes doch eine halbe Stunde eher um ihn herum setzen
konnten Ach er hätte mir nicht besser schmecken können wäre er auch in seiner
größten Vollkommenheit erschienen Ihr selbst  ihr wollte er nicht schmecken 
selbst nicht wie ich ihr ihn vorlegte Sie war verloren für alles gemeinere
Bedürfnis Ihre Sprache war zitternd wie die Sprache der Sappho und ihr
glühendes Auge  von allem was zwischen Himmel und Erde ist  nur auf mich
allein geheftet Mir kam wahrlich zur rechten Zeit meine Erfahrung zu Hilfe 
Ich hörte durchaus nicht auf den Einklang meines Herzens mit dem ihrigen  wies
es schon beim Präludiren zur Ruhe und konnte nun desto aufmerksamer auf das
natürliche Adagio der kleinen Virtuosin Acht geben das mir  ich versichre
Dich Eduard  mehr Vergnügen gewährte als die vollständigste Tafelmusik unsers
Königs
    Wie wir aufgestanden waren brachte mir das arme Kind dem es in der Stube zu
enge ward meinen Hut und Stock und trippelte vor mir her zur Hütte hinaus Mir
ward als ich den blauen Himmel sah angst und bange vor dem heimlichen
Spaziergang in den sie mich in aller Unschuld verlocken würde Ich dachte in
diesem Augenblicke an den in der verschwiegensten Ecke Deines Parks lauschenden
Amor den sicher kein Pfuscher gemeisselt hat Ich weiß kein belehrenderes
Sinnbild von ihm  Das bedenkliche Lächeln mit dem er in die Stille des Waldes
hinblickt  die umfassende Kraft die seine Flügel dehnt  das kleine Schrecken
das er jedem einjagt der unvermutet auf ihn trifft  alles war mir jetzt
furchtbarlich gegenwärtig
    Da dachte ich bei mir selbst »Du willst ehrlich sein Wilhelm da es noch
Zeit ist  Ehe du einen Schritt weiter setzest willst du das unbefangene
Mädchen von der Gefahr unterrichten die es läuft Du hast so viele warnende
Bilder vom Amor gesehen  hast dich müde an allen den Steckbriefen gelesen die
ihm täglich nachgeschickt werden dass es nicht gut sein müsste wenn du der
Kleinen nicht eine Schilderung von ihm machen könntest dass ihr die Lust wohl
vergehen soll ihn näher kennen zu lernen Ist nicht schon manches Schulmädchen
durch die Fabel vom Fuchs und dem Hühnchen von ihrem künftigen Verderben
gerettet oder durch eine grässliche Gespenstergeschichte abgehalten worden im
Finsteren zu gehen Ja hat mir nicht selbst die Furcht vor dem Teufel öfter
meine Chatulle gerettet als die vor dem lieben Gott«
    Ich setzte mich also auf die hölzerne Bank vor dem Hause fasste die Kleine
bei beiden Händchen und zog sie sanft zu mir her 
    »Margot« sagte ich  »ehe wir weiter gehen will ich Dir etwas erzählen 
Ich habe heute wichtige Ursachen warum ich unsern Fichtenberg nicht ersteigen
mag «
    »Und ich auch« versetzte Margot seufzend und mit einer Naivität die mich
beinahe in meiner Fortsetzung irre gemacht hätte
    »Wir wollen den guten Mandelbaum heute in Ruhe lassen  Er wird schon ohne
uns seine Blüten vollends entfalten«
    »Das ist zu glauben« antwortete Margot  »Aber was wollen Sie damit sagen«
    »Margot« stotterte ich ziemlich verlegen  »Du hast doch wohl schon von dem
Amor gehört«
    »Nicht eine Sylbe«  antwortete sie mit herzlich verwundernden Augen
    »Nun gut« fuhr ich noch stotternder fort  »so muss ich Dir sagen dass es
eine Art von Buschkläpper ist der die Gegend da oben sehr unsicher machen
soll«
»Ein Strauchdieb der die Sonne scheut
Vom späten Abend bis zum Morgen
Am liebsten in der Einsamkeit
Auf jenem Fichtelberg verborgen
Dort hauset er bricht und entweiht
Die Gränzen und die Hegezeit
Und lockt in ein Gewirr von Sorgen
Die unbedachte Lüsternheit
Wir würden schwerlich ihm entweichen
Denn er ein Meister im Beschleichen
Stört alles auf hetzt alles matt
Zumal wenn er in den Gesträuchen
Zwei Schmachtende erlauert hat«
    »Lassen Sie Sich doch so etwas nicht weiß machen«  unterbrach mich die
Kleine und schlug ein lautes Gelächter auf  »Es ist nicht ein Wort davon wahr
Die Gegend da oben sollte nicht sicher sein Auf die Gefahr glauben Sie mir
wollte ich den ganzen Wald mit Ihnen durchstreifen ohne dass uns etwas Widriges
begegnen sollte Aber es ist mir schon recht dass Sie Sich fürchten Ich bin den
einsamen Berg wirklich ein Bisschen überdrüssig Er macht mich schon traurig
wenn ich ihn ansehe Lassen Sie uns diesen Nachmittag lieber einen Gang auf den
Postplatz tun wo der heutige Markttag alle Esel und Menschen in Bewegung
setzt«
    »Gut«  sagte ich ein wenig betroffen richtete mich von meinem Lehrstuhl
auf und indem Margot mutig wie ein Kind aus der Schule vor mir herlief
schlich ich ihr nachdenkend wie ein Präceptor nach der eben vor seinen
Untergebenen das sechste Gebot austrommelte und durchpeitschte das doch ihn
ausgenommen keines in der ganzen Klasse trotz seines Unterrichts weder zu
begreifen noch zu übertreten in dem Falle war Ging es mir wohl besser mit
meinem verunglückten Apolog Lag nicht die Ursache, warum mich Margot nicht
verstehen konnte in ihrer holden Jugend und Unschuld so wie ihr jetziger
brausender Wunsch nach Zerstreuung in jenem ihr noch fremden bittersüssen
Gefühle lag das sie zu übertäuben suchte
    Du kannst denken Eduard ob mir das liebe Mädchen unter diesem
hellstrahlenden Nimbus der durchbrechenden Natur mit dem sie mir heute wie eine
leidende Heilige erschien nicht noch lieber ward Ich hätte entweder ein Heide
oder vor den Kopf geschlagen sein müssen wie ein Schulmeister wenn ich der
nächsten Eingebung nach dem misslungenen Versuche meines ersten Unterrichts
hätte Gehör geben und die belobte sokratische Lehrart missbrauchen wollen um
das sich sträubende Kind zu seiner Selbstkenntniss zu bringen oder welches Eins
gewesen sein würde den Most in seiner Gährung zu stören um mich in ihm zu
berauschen »Nein« sagte ich »lieber will ich durstig von hier gehen und
demjenigen den künftigen Wein unverfälscht und ungetrübt gönnen für den das
Glück und die Zeit diese Labung aufbewahrt«
    Ich war fest entschlossen mich  auf die wenigen Tage die ich noch unter
den blauen Augen dieses seltenen Mädchens verleben würde bloß auf das mäßige
Vergnügen ihres Beobachters einzuschränken und vor allen Dingen meine Abreise
um keine Stunde über die gesetzte Zeit geschweige  wie mir schon einigemal der
verwegene Gedanke gekommen war  auf mehrere Monate zu verschieben
    Unter diesen heroischen Gedanken gelangte ich einige Minuten nach Margot
auf dem Postplatze an aber es dauerte nicht lange so traf nur zu sehr ein was
ich gefürchtet hatte  Ihre Fieberunruhe verstattete ihr kein Bleiben Kaum
hatten wir einen Esel abeinen andern aufsatteln gesehen so strebte sie weiter
Sie ging in sich gekehrt auf der Chaussee fort und ich folgte ihr ohne
Einwendung auf diesem staubigen Wege nach  Sie hing sich traulich an meinen
Arm und so schlenderten wir stillschweigend mit einander fort und kamen ohne
es zu bemerken dem Stadttore bis auf einige hundert Schritte nahe  Der
gepflasterte Weg hatte die arme Kleine ermüdet Wir setzten uns auf eine der
steinernen Bänke mit welchen französische Straßen zur Beruhigung so vieler
Fußgänger reichlich versehen sind und vertieften uns in das bewegliche
Gemälde das vor uns lag
    Inzwischen ward Margot so durch und durch ernstaft dass ich ihr mit
Verwunderung in die Augen blickte ohne sogleich entdecken zu können was in
ihrem Innen vorging »Sollte das Getöse menschlicher Tätigkeit« dachte ich
»das dich immer in ein gewisses unwillkührliches Staunen versetzt auf ein
dreizehnjähriges Mädchen dieselbe Wirkung hervor bringen Es setzt doch eine
gewisse Vermischung von Gedanken voraus die man so einem Köpfchen nicht wohl
zutrauen kann« Auch war das gute Kind weit davon entfernt Was ihre Zunge mir
nicht zu erklären vermochte als ich sie um die Ursache ihres bänglichen Ernstes
befragte das tat ihr Blut desto beredter überzog ihr Engelsgesicht mit der
Schminke der Unschuld und der Rosen und machte es mir unmöglich diesem
Naturgeständnisse ihrer uneigennützigen Liebe nicht mit dem feurigsten Kusse zu
huldigen
    In diesem köstlichen Augenblicke den das vollströmende Herz der
überraschten Vernunft abgewann lenkte ein Phaeton hinter uns durch einen
Seitenweg in die Chaussee ein und zog langsam bei meiner Umarmung vorüber 
Ich richtete mich in die Höhe und begegnete den verächtlichen Blicken die ein
Mann ohne Physiognomie kurz der in Nimes so berühmte und besuchte Verfasser der
Revolution von Portugal auf mich und mein Liebchen herab schoss Ich war so
betroffen als ob es mir zum erstenmale widerführe mich dem geschwinden
Urteile eines Kleinstädters in einem Augenblicke ausgesetzt zu sehen wo das
äußere Ansehen wider mich war Ich hatte noch nicht durch meine lange
Hoferfahrung gelernt mich über solche Mückenstiche des Zufalls zu trösten und
mit dem ehrlichen Manne im Plautus auszurufen Ego  vergib mir immer das
Bisschen Latein  sum promus meo pectori Suspicio in alieno pectre est sita
Nein ich ärgerte mich von ganzem Herzen sowohl über die Unmöglichkeit einem
Manne von seiner Art den unschuldigen Zusammenhang so eines Kusses begreiflich
zu machen als über die spöttischen Anmerkungen mit denen er sich in seiner
Abendgesellschaft auf meine Kosten groß machen würde und ärgerte mich endlich
über mich selbst dass ich schwach genug sei mich über solche Armseligkeiten zu
ärgern
    Ich wusste mir in meinem Unmute nicht anders zu helfen als dass ich ihm den
einzigen Fehler der mir von ihm bekannt war aufmutzte und meiner lieben
Margot erzählte »Dieser Mann mit dem albernen Gesichte der eben vorbei
gefahren sei habe das missgeschaffenste elendeste Gedicht geschrieben das in
Frankreich zu finden sei  ein Trauerspiel ohne Mark und Kraft  das so lang und
fade sei wie die Nase des Autors«
    Aber Margot bekümmerte sich um das alles nicht im geringsten   »Dort kommt
Ihr Johann« war ihre ganze Antwort
    Wirklich verdiente meine Anklage auch keine andere Wir standen auf gingen
dem guten Johann entgegen der sich freundlich an uns anschloss Ich vergaß den
Baron die Kleine trällerte und Johann gab mir während uns ein schöner Abend
langsam nach Hause brachte Rechenschaft von seinen Verrichtungen in der Stadt
                                                            Den 28sten Dezember
    War ich gestern mit meinem Tage zufrieden so bin ich es mit meinem heutigen
ungleich mehr Ich habe mich über einer unzweideutigen Probe einer
vollständigern Genesung überrascht als ich jemals hätte hoffen können  über
einer von den Torheiten aus den glücklichen Zeiten meines fünfzehnten bis
achtzehnten Jahres Es macht mir eine herzliche Freude sie Dir erzählen zu
können denn Du bist zu sehr mein Freund als dass Du nicht einen warmen Anteil
daran nehmen solltest
    Du weißt  wenn Du anders künftig einmal bis hieher gelesen haben wirst 
wie es um das Herz der armen Margot stecht Es gehört von meiner Seite in
Wahrheit ungewöhnliche Stärke dazu ihm nicht zu Hilfe zu kommen da vielleicht
noch keinem Ritter das Mitleid so nahe gelegt worden ist, als mir und ich zu
aufmerksam auf das liebe Kind bin um nicht wie ein praktischer Arzt der unter
Epidemien grau geworden ist von Stunde zu Stunde angeben zu können um wie
viele Grade sich die Krankheit verschlimmert hat Ihre vormalige Munterkeit wie
ganz ist sie verstoben  und ach nun kommen die Symptome der unruhigen Nächte
darzu  Was will aus dem armen Kinde werden
    Ich lag in dem besten Schlafe hinter meinem Klosset als mich ihre Stimme zu
erwecken schien  Es war aber nur der Widerklang ihrer Seufzer tönenden Brust
Da es ganz still um uns her war so entwischte mir auch nicht ein Atemzug
durch den das gepresste Herz sich zu erleichtern suchte  keiner von den
jugendlichen in manch sanftes Ach koncentrirten Wünschen die das Blut
durchsäuseln und sich dem Kenner  noch ehe sie der unschuldigen Seele hörbar
werden wie der Hauch auf einer äolischen Harfe verraten Hätte ich mich gehen
lassen so würde das seltenste Konzert von Seufzern entstanden sein das je
gespielt worden denn je aufmerksamer ich mit jedem Pulsschlage ward desto
schwerer ward es mir auch nicht mit einzustimmen
    Wie froh war ich als der Tag zu grauen anfing und ich bald darauf mein
Bette mit Ehren verlassen konnte Ich kam glücklich bei dem ihrigen vorbei 
nahm aber das Herz so voll von sympatetischen Gefühlen mit dass mir für
hinlängliche Unterhaltung auf meinem einsamen Spaziergange unmöglich sehr bange
sein konnte
    Gott weiß wie geschwind oder langsam ich heute meinen Berg erstieg Ich
hatte aus mir selbst zu viel heraus zu spinnen als dass ich auf etwas außer mir
nur Acht gehabt hätte So viel noch erinnere ich mich  dass er mir heute nicht
hoch nicht räumlich nicht romantisch genug vorkam Ich musste ohne es zu
wissen auf seiner andern Seite herab gestiegen sein denn als mir das
sonderbarste Abenteuer mein Bewusstsein wieder gab befand ich mich in der Mitte
einer mir unbekannten Wildnis  sah meinen Fichtenberg eine Stunde weit von mir
liegen und konnte kaum mit bloßen Augen mein kleines Kaverac wieder finden
    Ist es indes Wohl der Mühe wert dass sich die drei Grazien des menschlichen
Lebens  Wahrheit Natur und Freundschaft  vereinigt bemühen sollen Dir das
lächerrlichste Bild aufzustellen das Dir wohl jemals von einem Menschen bei
gesundem Verstande zu Gesichte gekommen ist Wenn Du so dächtest lieber Eduard
so sähe ich mich genötigt mich erst darüber mit Dir zu besprechen Dergleichen
Schilderungen von uns selbst denke ich verdienen nur dann erst dass man den
Kopf dazu schüttelt und sich über ihren Autor ein wenig aufhält  wenn man sie
wie Rousseau mit einer geheimnisvollen Miene auf den Altar der Unsterblichkeit
niederlegt und durch ein mit einem Anatema versehenes Kodicill verordnet dass
sie nicht eher als zwanzig Jahre nach unserer Verwesung der Welt zur Schau
gestellt werden Zu was so viele Umstände Ich gebe überhaupt nach meiner
jetzigen Denkungsart  und Gott erhalte mir sie  nicht den Augenblick einer
leichten Verdauung für die ganze Ehre der zweiten Generation namentlich bekannt
zu bleiben doch kann ich auch nicht so viel Wesens daraus machen wenn ein
Freund wie Du bei meinem Leben mich im Hemde überrascht Das schließt jedoch
wohl zu merken nicht den gutmütigen Wunsch aus durch mein Dasein  wo nicht
mit so patetischem Ernste wie Rousseau oder mit dem Schrecken jenes der das
Pulver erfunden hat  doch sonst durch eine gesegnete Kleinigkeit auf die
Nachwelt fortzuwirken  Und geschähe es nur durch einen Schwefelfaden den ich
inkognito zu meiner eigenen Bequemlichkeit verbesserte und nachher damit bis
ans Ende der Welt den Armen erleichterte ihre Lampen anzuzünden  nur durch
ein Liedchen wie Anakreon sang das einige tausend Jahre hindurch Menschen wie
wir sind einen frohen Augenblick mehr erträllern half  ich wollte damit
zufrieden sein  zufriedener als wenn ich jetzt mein Leben an Reichsund
KreisRelationen verschreiben  in der Ungewissheit verschreiben müsste ob die
Nachwelt so viel Nutzen als aus meinem Schwefelfaden ziehen würde
    Die Weisen die hierin meiner Meinung sind  und die es nicht sind mögen es
mir vergeben dass ich diesen reichhaltigen Text zu einer gelehrten Abhandlung
einer Armseligkeit vorausschicke und ihn mit derselben Feder geschrieben habe
die Dir die wichtige Neuigkeit erzählen soll durch welche Verfassung der Seele
ich dahin gebracht wurde mir heute in der Mittagsstunde eine Beule gerade über
der Nase zu stoßen Es ging drollig genug damit zu
In dem dicksten Hain verloren
Ohne Führer ohne Bahn
Fragt ich nicht ob mich die Horen
In den Abglanz von Auroren
Oder Lunen schwindeln sahen
Meine Phantasien flogen
Der gereizten Liebe nach
Und mit blauem Flor umzogen
Fabelte des Himmels Bogen
Mein und Margots Brautgemach
Bald auch schwand des Haines Stille 
Meinem Jubel aufbewahrt
Stand sie jetzt von Jugendfülle
Zitternd vor mir ohne Hülle
Meinen Rätseln offenbart
In den wunderbarsten Fugen
Sammelten die Freuden sich
Um mein Lager übertrugen
Ihre Wirtschaft mir und schlugen
Ihre Flügelchen um mich
Und auch ich schlug in dem vollen
Liebesrausche meines Traums
Meine Arme gleich Apollen
Ach ihr Götter um die Knollen 
Eines alten Feigenbaums
    So derb auch die Erinnerung war nahm ich sie doch  ohne dem Feigenbaum zu
fluchen  vielmehr mit einer Resignation auf die gewiss jedem so vor den Kopf
gestossenen Philosophen Ehre würde gemacht haben  Ich ließ nur die Schmerzen
ein wenig verrauchen die mir meine Umarmung verursachte dann trat ich  und
zur Genüge abgekühlt  meinen Rückweg an
    Als ich den Fichtenberg beinahe erreicht hatte hörte ich mir zurufen  Ich
blickte auf und sah das artigste ländliche Gemälde das man sich vorstellen
kann  sah den Berg herunterwärts durch das Gebüsche durch eine
Nymphengestalt leicht wie der Zephyr  kurz  eben diese kleine liebe Margot
auf mich zufliegen der zu Ehren ich das Zeichen an der Stirne trug Eine
Strecke tiefer im Busche brach auch Johann hervor und ganz im Hintergrunde sah
ich auch meinen Wirt mit einer Hacke bewaffnet ansteigen 
    »Lieber Herr«  schrie Margot als sie näher kam und fiel mir atemlos in
die Arme  »um des Himmels willen wo sind Sie so lange geblieben  Was haben
Sie mir  was haben Sie uns allen nicht für Sorge gemacht  Schon seit einer
Stunde sollte das Ahndung gewesen sein Eduard suche ich und Johann Sie auf
diesem abscheulichen Berge Wir haben alle Höhlen alle Gebüsche durchkrochen
Wo wo sind Sie doch nur gewesen«  Und nun trat Johann und nun auch Blaise
herbei und wiederholten dieselbe Frage
    »Je nun lieben Kinder« antwortete ich lächelnd  »von einem so angenehmen
Spaziergange als ich heute gehabt habe kommt man leicht später zurück als man
sollte  Du hättest mich nur um ein paar Stunden eher aufsuchen müssen Margot
um mit mir zu teilen und Dir die lächerliche Angst zu ersparen die Du
wahrscheinlich meinetwegen gehabt hast«
    »Ja die hat sie gehabt« nahm Blaise das Wort »sie hat sich recht Kindisch
bezeigt«
    Indem und da ich zufällig den Hut abnahm um mir den Schweiß abzutrocknen 
stieß sie als sie meine blutrünstige Stirn erblickte einen überlauten Schrei
aus »Habe ichs doch gedacht und gesagt« schrie sie mit weinender Stimme
»aber kein Mensch wollte mir glauben«
    »Was könnte man denn Dir nicht glauben Margot« fragte ich verwundert
    »Dass Sie« fielen die andern ein »einem Strauchdiebe in die Hände gefallen
wären der wie sie uns gerne bereden möchte den Fichtenberg unsicher macht«
    Die Kleine um sich zu rechtfertigen drang nun in mich ihr die Wahrheit zu
bestätigen und wollte durchaus mit dem Merkzeichen an meiner Stirne Beweis
führen
    Nun ist kaum etwas Beschämenderes für einen gesetzten Mann als wenn er sich
durch ein schwatzhaftes Kind an den Pranger gestellt sieht Ich bedachte dass
mein Auditorium nicht so beschaffen sei dass mir eine mytologische Erläuterung
aus der Verlegenheit hätte helfen können  bedachte dass Margot nicht in Berlin
in die Schule gegangen sei und noch keinen Begriff davon habe dass man nicht
alles was uns gesagt wird wörtlich verstehen müsse  und da ich in dem
Augenblicke nichts von Bestand zu antworten wusste suchte ich wenigstens vor der
Hand nur Zeit zu gewinnen stellte mich eilender und hungriger als ich war und
bat die Kleine um die Gefälligkeit ein wenig voraus zu laufen damit wir bei
unserer Ankunft das Essen auf dem Tische fänden  So etwas lässt sie sich nicht
zweimal sagen  Sie flog wie Anakreons Taube davon und Johann mit ihr und ich
und mein Hauswirt trabten etwas bedächtlicher nach
    Unterwegs erzählte er mir wie die Angst des Kindes über mein ungewöhnliches
Aussenbleiben mit jeder Minute wie ein Wetterglas immer höher und höher
gestiegen sei  wie keine vernünftige Vorstellung dagegen hätte verfangen wollen
und wie sie im Begriff gewesen wäre das ganze Dorf zu meiner Hilfe aufzubieten
    »Aber woher die Beule« fuhr er fort »die Sie da über der Nase mitgebracht
haben«
    »Ich habe einen Feigenbaum umarmt mein lieber Mann« sagte ich 
    »So so« versetzte er lachend »das kann einem ja wohl geschehen  Vor
einem Fehltritt ist niemand sicher  Aber geben Sie Acht unserer Närrin von
Mädchen wird das viel zu alltäglich sein  Sie hat sich einmal den
vermaledeiten Gaudieb in den Kopf gesetzt und sie wird sichs nicht ausreden
lassen dass es nicht der sei der Ihnen den Schandfleck angehängt hat«
    Der gute Mann dachte wohl nicht dass seine gerade Erzählung so anziehend für
mich sein würde als sie es war  Er war wohl weit entfernt zu vermuten dass
er mir die beredtsamste Schilderung von der Leidenschaft seiner Nichte zu mir
entwerfe indem er sich über ihre Einfalt lustig zu machen glaubte  Er hätte
sichs wohl nicht im Traume einfallen lassen dass mehr Wahrheitssinn in dem
Kindergeschwätze der kleinen Margot verborgen lag als in manchen andern
Märchen die wir doch ohne Mühe glauben Aber freilich konnte er auch den
geheimen Zusammenhang meiner Kopfwunde mit dem was seine Nichte albernes
erzählte nicht so gut einsehen wie ich  konnte freilich nicht ahnden wie nahe
hier Irrtum und Wahrheit an einander gränzten
    Sobald wir zu Hause beisammen waren setzten wir uns mit gleicher Esslust zu
Tische die Kleine ausgenommen der vor übergrosser Neugier mit der sie auch
ihre Tante angesteckt hatte kein Bissen schmecken wollte Nun war aber wie Du
mir leicht glauben wirst meine Geschichte keine von denen an die man sich gern
erinnern lässt  die Zudringlichkeit der kleinen Närrin war mir daher auch nicht
sonderlich angenehm  Gern wäre ich ihres Examens überhoben gewesen aber daran
war nicht zu denken So lange wir zwar vor der Schüssel saßen wies sie der
Vetter gleich bei der ersten tollen Frage wie er es nannte zur Ruhe doch kaum
waren wir aufgestanden und der Bauer und seine Frau an ihre kleinen Geschäfte
gegangen so saß mir das schmeichelnde Geschöpf auch schon zur Seite und indem
sie mir warme Umschläge auf die Stirn legte und mit ihren Händchen andrückte
lispelte sie mir mit mitleidigem Ernste zu ohne im geringsten zu argwohnen wie
grausam sie mich persiflirte »Also haben Sie wirklich dem Strauchdiebe dem
Amor begegnet Mein Gott wie müssen Sie erschrocken sein War der Stein groß
den er nach Ihnen warf und wie haben Sie es angefangen dass Sie ihm noch
lebendig entkommen sind Erzählen Sie mir alles aber so genau so umständlich
als möglich«
    »Margot« sagte ich »um meinen Herzstichen mit Einemmal ein Ende zu machen
das ist mit zwei Worten zu erzählen  Ich sah den Unhold vor dem ich Dich
gestern warnte doch nur von weitem  fasste das Herz  bei Dir würde es
Verwegenheit sein  ihm nachzueilen  glaubte ihn schon zu ergreifen stieß
mich aus blinder Hitze an den Baum hinter den er sich steckte  die Beule
siehst Du die ich mir schlug  und wie ich mich umsah war er entwischt«
    »Entwischt« wiederholte sie  »Nun das ist mir Ihrentwegen recht lieb 
Es ist immer das sicherste wenn man nicht selbst laufen will  Was gehen
Ihnen« setzte der kleine Naseweiss hinzu  »unsere Buschkläpper an und was
hätten Sie in aller Welt mit diesem anfangen wollen  gesetzt Sie hätten ihn nun
auch erhascht  Wollten Sie ihm seinen Prozess machen Dazu ist unsre Gemeinde
zu arm«
    »Du hast Recht meine kluge Margot« antwortete ich so ernstaft als es mir
möglich war »Es mag wohl eine Übereilung von mir gewesen sein  deswegen tust
Du mir auch einen Gefallen nicht viel weiter davon zu schwatzen  Aber ich
dächte liebes Mädchen«  indem ich sie scharf in die Augen fasste  »Du wärest
seit gestern und heute viel neugieriger viel furchtsamer und auch viel
teilnehmender geworden als ich Dich bisher gekannt habe« 
    Eine schnelle Röte  ich stehe nicht dafür Eduard ob nicht der Grund
davon in dem Bewusstsein zu suchen war das ihr von ihrer ersten unruhigen Nacht
zurück blieb  überzog das Engelsgesichtchen und kontrastirte allerliebst zu
ihrer sichtbaren Verwunderung über meine unvermutete Frage Beinahe hätte mich
meine kleine Leichtfertigkeit gereut  Indes gewann ich doch so viel damit dass
sie ihr neugieriges Gespräch vermutlich in der Voraussetzung abbrach dass ich
auch dafür das meinige nicht fortsetzen würde
    Unter diesem stillschweigenden Vertrage den jedes auf das heiligste
erfüllte erreichten wir in gewöhnlicher guter Laune den Abend Ich suchte
zeitig mein Bette aus eigenem Triebe sowohl als auch um meinen Freunden die
nicht weniger ermüdet zu sein schienen die Freiheit zu verschaffen das ihrige
zu suchen
    Schon hatte ich mein summendes Haupt in das Kissen gehüllt und sah den
friedlichen Schlaf sich nähern  als das Schicksal das mich heute zu seinem
Ball ausersehen zu haben schien mir noch eine eben so unerwartete als harte
Prüfungsstunde in den Weg warf Das mitleidige Kind hatte mit Hilfe Johanns
dürre Kräuter von dem Oberboden geholt die sie zur Bähung meiner Wunde für
dienlich hielt und die ihr noch beifielen wie sie eben in das Bette steigen
wollte Das hielt sie nicht ab in bloßen Füßen und ohne Licht danach zu gehen
 Johann hatte Feuer anfachen müssen um den Wein warm zu machen in welchem die
Kräuter gebejetzt wurden und auf Einmal trat das gute Mädchen leise vor mein
Bette schlug die rauchende Masse in ihr Halstuch das sie abtat um es mir um
die Stirne zu binden 
    »Kind« sagte ich »was beginnst Du  Du machst Dir eine unnötige Mühe«
    »Das dächte ich doch nicht« antwortete sie spöttelnd »Oder denken Sie
etwa dass Ihnen Ihre blaue Stirn gut steht« Zugleich bog sie sich über mein
Bette legte mir das Tuch an und indem sie es zusammen knüpfen wollte geschah
es dass durch die Richtung in die ich jetzt des Knotens wegen nach ihr hin
gezogen ward mein Gesicht auf den schönsten jugendlichsten Busen zu ruhen kam
der wohl je unter den Küssen eines Mannes gezittert hat
    Welche geheime magische Verkettung aller Dinge So erzeugte meine
Morgenschwärmerei für den ruhigen Abend eine Wirklichkeit deren Keim ich
nimmermehr in dem unsanften Augenblicke würde geahndet haben der mir heute die
Stirne zerstiess 
    »O Margot« flüsterte ich ihr zu indem ich nicht widerstehen konnte meine
Arme um den schlanken Wuchs dieses lieblichen Mädchens zu schlagen  »Du  o um
wie viel rührender könntest Dir meine Schmerzen zerteilen  verjagen  in
Entzücken verwandeln«
    »So sagen Sie doch nur wodurch« flüsterte sie mir entgegen ohne mir nur
einen Grad der wohltätigen Wärme zu entziehen die mir meine glückliche Lage
verschafte
    »O Du«  fuhr ich nach einer der höchsten Empfindung gegönnten Pause in
schmelzender Zärtlichkeit fort »wie soll ich Dich nennen Kind der
unverfälschten Natur  O wüsstest Du meine Margot das ganze Geheimnis dieser
Wunde die schönste Beute die ich jemals dem Amor abjagte  O möchtest Du
jetzt den Kampf meines Morgens belohnen Ja ich sehe schon meine Atletenkrone
mit den blühendsten Sprösslingen durchflochten die je das Mitleid der Liebe
gereicht hat«  Und das leichte geschmeidige äterische Wesen das während
dieser Hymne unter der Federkraft meiner Arme unmerklich immer höher und höher
bis über den Schwerpunkt gehoben halb über mir schwebte  sank jetzt  der
Engel sank  tiefer  immer tiefer  endlich zu mir herab  und nun erst
erschrak ich vor dem Glanz seiner Würde
    Es war nicht das erstemal Eduard dass der feine Betrug den jede
symbolische Sprache mit sich führt mir einen Streich spielte  aber nie
vereinigten sich mehr Umstände die eine Bildersprache gefährlich machen können
als in diesem kritischen Augenblicke Unschuld und Mitleiden kamen ihrem
geheimen Sinne zu Hilfe  Amor war uns kein Ideal aus der Chimärenwelt so wenig
als es die Beule war die er mir auf die Stirn drückte als ich seiner Gottheit
zu menschlich entgegen strebte Zu Athen hätte mir dieses sichtbare Kampfmal
eben so gewiss Ruhm und Almosen verschafft als dem heiligen Franz seine Stigmen
die ihn vor andern subalternen Menschen auszeichneten
    Dies Gefühl meiner Erhabenheit und die der Andacht ähnliche Duldung des
gefälligen Kindes wie weit hätten sie uns nicht verschlagen können Margot ich
bin es gewiss würde in dem süßen Gedanken meiner Linderung  so unbefangen wie
sie das seidene Halstuch ablegte um es mir um die Schläfe zu winden  mit
derselben verdachtlosen Güte mit der sie mir den freien Gebrauch ihrer
natürlichen Wärme verstattete  auch eben so teilnehmend jene mystischen
Sprösslinge von denen sie mich lallen hörte  in meinen Atletenkranz
verflochten haben ohne es für etwas viel mehr als ein einfaches Hausmittel zu
halten Aber auf Margots Busen selbst unternahm ich es meine figürlichen
Wünsche meine sublimen Tropen  in gutes derbes Deutsch zu übersetzen und da
brachte ich zu meinem eigenen Erstaunen einen Sinn heraus vor dem ich erschrak
    Wie ein Verbrecher der durch den Glauben beruhigt dass der Teufel sein
Spiel mit ihm getrieben habe vor die Schranken trat  sie jetzt in Verzweiflung
verlässt nachdem der Richter dem verräterischen Sprichworte seine symbolische
Decke abzog  so zitterte auch ich vor mir selbst und die Wahrheit gewann
    »Ich danke Dir Margot« sagte ich mit männlicher Stimme indem ich meine
Umarmung aufhob und ihr wieder auf die Beine half  »für Dein Mitleid  Deine
Umschläge und Deine natürliche Wärme  Sie tut mir wohl aber die Ruhe wird mir
noch besser tun  Lege Dich nun auch schlafen Morgen will ich Dir Dein
Halstuch wieder geben«
    Indem gleitete der sanfte Strahl des aufgehenden Mondes über mein Bette 
Unter seiner Erleuchtung entfernte sich Margot mit ihrer ganzen herrlichen
Unschuld  und ich  mag doch der ganze Hof von Berlin über mich lachen  dünkte
mich größer als Scipio  und hatte eine ruhige Nacht
                                                            Den 29sten Dezember
    Gottlob Meine Stirn ist von dem Schandflecke von gestern geheilt Ich
verließ heiteren Gemüts mein Lager setzte mich sogleich an meinen
Schreibtisch und vertraute ohne Erröten die Geschichte meines vorigen Tags
meinem Journale
    Wie ich damit fertig war verließ ich meinen Verschlag suchte das
gutmütige Mädchen auf und gab ihr mit freundlicher offener Miene und vor den
Augen ihrer Verwandten das Halstuch zurück das sie mir auf eine Nacht geborgt
hatte  Aber ich weiß nicht  sie kommen mir alle heute ein wenig betreten vor
 Sollte ihnen eine Unannehmlichkeit zugestoßen sein Das sollte mir leid tun
 Sie scheinen sogar mich vermeiden zu wollen gehen vor das Haus und flüstern
zusammen das ich gar nicht an ihnen gewohnt bin Was mich aber am meisten
verschnupft ist  auch die kleine Margot hat Herzklopfen ohne mir Rechenschaft
davon zu geben In solchen Augenblicken muss man seinen Freunden Platz machen 
doch kann mich das Mädchen heute wohl begleiten
    Ich hatte meinen Hut und Stock mit Geräusch aus dem Verschlage geholt
stäubte den einen ab und besah so genau den andern als ob ich noch kein
Eichenholz in meinem Leben gesehen hätte aber es half alles nichts Margot
bezeugte heute keine Lust mitzugehen und blieb unbeweglich in ihrer Ecke
sitzen Ich reichte ihr die Hand im Vorbeigehen die sie mit einer Rührung
drückte die mir an das Herz ging »Was beginnen doch diese Kinder zusammen«
dachte ich und verließ sie ganz betroffen Johann folgte meinem Beispiele und
gab mir dadurch eine neue Gelegenheit seinen feinen Takt zu bewundern Ich
winkte ihm mir zu folgen und so erstiegen wir beide jeder seine Gedanken für
sich den Gipfel des wohl bekannten Berges
    Hier setzte ich mich und ließ meinen Augen die Freiheit Johann stand neben
mir und schien wie ich in der Bewunderung der herrlichen Aussicht verloren
»Mein Herr« unterbrach er endlich die Stille  »Sie können gut in die Ferne
sehen   Entdecken Sie wohl dort gleich neben dem kleinen Gebüsche  einen
ganz schmal zugespitzten Turm« 
    Ich sah hin konnte aber nichts erkennen
    »So muss ich doch« fuhr er fort »noch bessere Augen haben als Sie Wissen
Sie wohl dass der Turm zu dem Dorfe gehört wo Margot her ist« 
    »So«  antwortete ich darauf und sah noch einmal hin
    Nach einer kleinen Pause fing er wieder an »Es soll ein ganz nahrhafter Ort
sein« 
    Ich drehte mich nach ihm um und da stand er mit gefalteten Händen und blass
wie ein armer Sünder vor mir
    »Was fehlt Dir Johann« fragte ich hastig  Und nun kam etwas an den Tag
das mich so lebhaft an einen Vorfall erinnerte der lange vor meiner Geburt
einem Professor der Physik zu Würzburg11 begegnete dass ich der Lust nicht
widerstehen kann ihn Dir als einen brauchbaren Übergang in das Folgende und
als einen Beweis zu erzählen dass auch die aufgeklärtesten Köpfe einmal in ihrem
Leben in den Fall kommen können hintergangen zu werden
    Dieser gelehrte Mann also sammelte Naturalien und hatte das besondere
Glück eine Sandgrube ausfündig zu machen die unglaublich reich an den
seltensten Versteinerungen war Stelle Dir sein Vergnügen vor wenn er nach
jedem heimlichen Besuche derselben alle Säcke mit Kabinetsstücken gefüllt
zurück brachte Auch wuchs seine Sammlung in kurzem zu einem Reichtume an der
alle andere in diesem Fache verdunkelte und ihm den sehr natürlichen Gedanken
eingab in einem gelehrten Werke seine glücklichen Entdeckungen  und durch
beigefügte deutliche Abbildungen den ganzen Wert dieser Kostbarkeiten der Welt
bekannt zu machen sicher das Erstaunen aller Kenner dadurch zu erregen  »Er
habe« sagt er sehr bescheiden »diese natürlichen Wunder  diese so deutlich in
Sandstein verwandelten Vögel und Frösche Eidexen Fledermäuse und menschlichen
Glieder unmittelbar aus den Händen der Natur erhalten sie selbst in den
glücklichsten Stunden seines Lebens ausgegraben und auf ihre in Kupfer
gebrachten Abzeichnungen die gewissenhafteste Sorgfalt verwendet«
    Es tut einem selbst wohl wenn man den gelehrten Mann so von
Selbstzufriedenheit strotzen sieht und es ist gewiss dass nichts der verdienten
Ehre seiner mühsamen Entdeckungen einigen Abbruch tun konnte als der kleine
Umstand den er erfuhr als eben der letzte Bogen seines tiefsinnigen Werkes
unter der Presse war dass nämlich  zwar nicht die bildende Natur selbst aber
doch ein Freund derselben Urheber aller der vorbeschriebenen Seltenheiten sei
In schalkhafter Laune hatte einer seiner Kollegen der freilich nicht die Folgen
voraus sah alle jene Dinge von einem gemeinen Steinmetz fertigen lassen und
sie allemal den Abend vorher dahin vergraben wo er schon wusste dass der
Professor sie den Morgen darauf suchen und finden würde
    Wie die erste Wut über einen so unzeitigen Spaß  die ich Dir selbst
überlasse sie Dir in ihrem ganzen Umfange vorzustellen  ein wenig verkühlt
war er sich nun genug abgehärmt und ausgeschämt hatte so fasste er den besten
Entschluss der ihm übrig blieb um eines Teils seinen einmal gedruckten teuren
Folianten noch einigermaßen für Bibliotheken nützlich zu machen andern Teils
um nicht selbst wenn er seinen Verdruss im Stillen verschluckte ein
Gallenfieber davon zu tragen Er setzte sich also ziemlich gefasst an sein
Schreibepult erzählte in einem Anhange und in sehr gutem Latein seinen Unfall
aufrichtig und überraschte den gütigen Leser der bis dahin seinem Werke die
verdiente Aufmerksamkeit geschenkt hatte nicht wenig mit der unerwarteten
Nachricht dass von alle dem was er vorher gelesen hätte auch nicht eine Sylbe
wahr sei Gutmütig vermahnt er sie zuletzt alle sich an seinem Exempel zu
spiegeln und die Liebhaberei ja nicht bis zur Blindheit zu treiben Er gesteht
dass da er jetzt die Originale ohne Vorurteile untersuche er nicht begreifen
könne wo er seine Augen gehabt habe  hofft dass seine künftigen Schriften
durch seine gemachte Erfahrung nur desto mehr gewinnen würden und bietet zu
seiner Bestrafung die gegenwärtige um den halben Ladenpreis an
    Man wird wenn man das so liest dem Professor für seine seltene
Aufrichtigkeit wieder recht gut und welcher vernünftige Mann wollte nicht  wie
auch ich getan habe  seinem Folianten etwa neben Lavaters Bilderbuche einen
Platz in seiner Bibliothek gönnen
    Glaube nicht lieber Eduard dass dieses Geschichtchen hier am unrechten Orte
stehe und höre nun mit mehr Aufmerksamkeit als Du mir hoffentlich bisher
gegönnt hast die Fortsetzung des meinigen
    Jedes Wort das Johann vorbrachte gab mir einen Stich ins Herz und trieb
mir das Blut ins Gesicht    Alberner  ich schwör es Dir zu  bin ich mir
in meinem Leben nicht vorgekommen als da ich während dass der Kerl von seiner
heißen Liebe zu Margot und ihrer eben so feurigen Gegenliebe mir vorstotterte
mich an meine schöne Tiraden über die Ungleichheit der Stände  über die
gefundene ächte Perle und an allen den Unsinn erinnerte der mir einige Tage her
durch den Kopf und durch die Feder gegangen war Mein Zustand glich zuletzt
förmlich der Stupidität in die gewöhnlich nur große Gelehrte fallen wenn ihnen
im gemeinen Leben  in ihrer Küche und in ihrem Keller etwas aufstösst das nicht
sogleich in ihr System passt Ich staunte vor mir hin und verlor die Hälfte von
dem was Johann auskramte 
    »Ja lieber Herr« fuhr er eben fort als ich meine Gedanken endlich besser
zusammen nahm  »nun wissen Sie mein ganzes Anliegen Es hat mir und Margotchen
immer auf der Zunge geschwebt aber  mein Gott  keines konnte Herz genug
fassen es an den Tag zu bringen und jedes wollte es dem andern zuschieben
Vorgestern noch wie wir den ganzen Morgen zusammen vertändelten  es war den
Tag wie Sie mich in die Stadt schickten  «
    »Und wie habt Ihr ihn denn vertändelt«  unterbrach ich ihn neugierig
    »Ach es ist nicht der Rede wert« versetzte Johann »Das Mädchen zeigte mir
nur ein wenig den Gang und die Vorteile des Seidenbaues«  sagte mir dass die
Liebe dieser kleinen Würmer Segen über das ganze Land verbreitete und dass wer
nur mit einiger Sorgfalt die Begattungsfreuden dieser kleinen Geschöpfe Gottes
beförderte reichlich dafür  wie für eine gute Tat  belohnt würde  Und
darüber kamen wir so ganz natürlich auf unsre eigene Liebe und unsern künftigen
Haushalt  Ein Wort gab das andere  ein Kuss folgte dem andern und da  Was
wollte ich doch sagen  Ja da fasste Margot Mut und gab mir die Hand darauf
denselben Tag noch mit Ihnen davon zu sprechen  »Ich will Dir«  sagte sie 
»bis an das Tor entgegen kommen  und Deinen Herrn mitbringen  Unterweges
will ich ihm erzählen wie sehr ich Dich liebe  will um Dich anhalten und
damit Du gleich wissen kannst wie die Sache steht so will ich Dir auch ein
Zeichen angeben Siehst Du  Komme ich Dir allein entgegen gehüpft so ist es
gut  halte ich aber Deinen Herrn an dem Arme  ach so denke nur dass wir unser
Geheimnis noch für uns haben  Wie ich nun aus dem Stadttore trat sah ich mit
pochendem Herzen Sie beide auf der steinernen Bank sitzen  sah die Kleine
geschwind aufsteigen  ach aber was gab es mir nicht für einen Stich als ich
bald darauf auch sah wie sie ihre Händchen so artig um Ihren Arm schlang«
    »O Montagne Montagne« rief ich hier mit knirschenden Zähnen aus  »Du
hast Recht dass die Katzen oft mit uns spielen wenn wir glauben wir spielen
mit ihnen«
    Johann verstand so viel Französisch dass er sich einbildete ich hätte etwas
über den Berg gesagt und herzlich schief darauf antwortete  Doch mir war es
jetzt nicht gegeben über den geringsten Missverstand zu lachen
    »Ja das war es auch« erwiderte ich  »aber fahre nur fort«
    »Was ist da noch fortzufahren mein gütiger Herr« versetzte Johann »Gott
weiß es dass es mir in der Seele weh tut dass ich um meine Entlassung bitten
muss aber mein Platz ist ja wohl noch zu ersetzen  Es ist ein gar zu gutes
Mädchen das mich so herzlich liebt und ich wüsste nicht wie unser eins ein
größer Glück in der Welt machen könnte« 
    »Unser eins« wiederholte ich und kaute verdrießlich an den Nägeln
    »In diesem Lande«  stotterte er ferner  »ist es leicht sich
durchzubringen leicht eine Frau zu ernähren zumal eine selbst fleißige und
wirtschaftliche Frau wie Margot schon aus Liebe zu mir sein wird Noch gestern
Morgen  als wir Sie hier auf diesem Berge suchten und wir gerade auch auf
diesem Platze traulich bei einander saßen hat sie mir  und ohne zu viel zu
sagen  gewiss unter tausend Küssen hat sie mir versprochen alles aus sich zu
machen was ich nur wollte«
    »Unter tausend Küssen« dachte ich »das ist abscheulich« und hätte jetzt
viel darum gegeben wenn ich den einzigen wieder zurück gehabt hätte bei dem
mich der Tragödienschreiber überraschte  Ich verwünschte die kleine
Verräterin die für einen andern als mich so beredt stammeln und erröten und
einem andern als mir so feurige Küsse geben konnte Es kam mir nun ganz
ausgemacht vor dass sie meinen Mops vergiftet habe um mich um alle meine
Reisegefährten zu bringen An das gestrige Blatt meines Tagebuchs konnte ich
nicht ohne Groll gegen mich und sie denken und Du hast es bloß dem Doktor in
Würzburg zu danken dass ich dieses demütigende Blatt nebst einigen vorher
gehenden nicht in tausend Stücken zerrissen und Dich um die Nutzanwendung
gebracht habe die Du daraus ziehen kannst
    Da ich so sehr es mich auch schmerzte einen treuen Bedienten auf eine so
hinterlistige Art zu verlieren doch eigentlich nichts hervor zu kramen wusste
was Bestand gehalten hätte so sagte ich ihm in der Verlegenheit »Das ist alles
gut Johann  aber der Unterschied der Religion«
    »Damit« war seine geschwinde Antwort »hat es hier nichts zu sagen wie
mich Margot versichert hat«
    »Hat sie das« fiel ich ihm ein und schüttelte den Kopf
    »Ja wohl mein bester Herr« fuhr er fort »Sie laufen auch hier den
Heiligen nicht so nach als anderwärts  Der große Christoph allein ist in
einigem Ansehen und das mag er meinetwegen sein  Entschliessen Sie Sich nur
mein bester Herr denn ohne Ihre Erlaubnis will mich das Mädchen durchaus nicht
nehmen Das ist die einzige Bedingung die sie und ihre Verwandten bei meinem
Antrage gemacht haben und auch ich  trauen Sie mir es zu  wollte selbst eher
noch meine Liebe zu Margot in meinem Blute ersticken ehe ich Ihrem Befehle
zuwider meine Sache ausführen wollte« 
    »Johann«  sagte ich ernstlich »die Hauptschwierigkeit ist dass ich nicht
weiß wo ich in der Geschwindigkeit einen andern guten Bedienten herbekommen
will und Du weißt ja dass Du Dich verbunden hast mich während der Reise nicht
zu verlassen«
    Doch auch dafür hatten die vorsichtigen Leute gesorgt »Ach« fiel mir
Johann hastig ein  »das weiß ich nur zu gut  habe es auch dem Mädchen gesagt 
und das ist auch der Stein der uns am schwersten auf dem Herzen gelegen hat 
Aber gnädiger Herr Margot hat einen Bruder der ein schöner wohl gearteter
Bursche sein soll und der morgen bei Ihnen anziehen kann wenn Sie wollen 
Sie freut sich im voraus ihn in Ihrer Livrei zu sehen Der Gedanke war so
natürlich  und doch ist er ihr erst gestern ganz spät gekommen«
    »Um welche Zeit ungefähr« fragte ich
    »Wie ich Ihnen sage« versetzte Johann »ganz spät Es war schon alles im
Hause zu Bette als sie wie ein Geist die Treppe leise herauf zu mir auf den
Boden gestiegen kam um mir ihren guten Einfall noch mitzuteilen «
    »Das« fiel ich ihm wunderbar ärgerlich ins Wort »dächte ich hätte Zeit
gehabt bis den andern Morgen«
    »Freilich wohl« sagte Johann »aber sie kann nun einmal nichts vor mir 
auch nur eine Nacht auf dem Herzen behalten  Doch dass ich weiter erzähle  so
war es doch auf der andern Seite recht gescheidt von ihr dass sie auf den Boden
kam  denn sie fand da einen verlorenen Schachteldeckel mit Tymian und Salbei
und daraus ist der Umschlag entstanden der Ihnen so wohl bekommen ist So ein
geschäftiges tätiges Mädchen gibt es nicht mehr  Sie hätte gern noch alles
vor Nachts ins Reine gebracht«  »Überlass mir den Umschlag  sagte sie mir
als er fertig war  ich will ihn Deinem Herrn selbst umbinden Vielleicht
trifft sichs dass ich bei ihm noch mein Wort anbringen kann  Ach was könnte
mir das für eine ruhige Nacht machen  Aber heute früh war sie wieder ganz
mutlos  und ob ich es gleich nicht weniger bin  was will ich machen Ihre
Abreise rückt immer näher und da ist es ja wohl die höchste Zeit dass ich
erfahre woran ich bin«
    Ich geriet in tiefe Gedanken »Ihr Wort« wiederholte ich mir einmal um das
andere  »wollte sie bei mir anbringen Wohl gut dass es unterblieb  Gestern
Nachts In der Lage worin ich war  Das würde einen schönen Gegenstoss von
widerlaufenden Gefühlen gegeben haben Wenn alle jene befeuerten Empfindungen 
auf Einmal so eiskalt  so schnell  so gallenbitter zurück getreten wären 
wäre es ein Wunder gewesen wenn mich der Schlag auf der Stelle gerührt hätte«
    Während dieses Selbstgesprächs vergaß ich den armen Johann  Wie ich wieder
nach ihm hinblickte fand ich sein Gesicht so verstört und ihn von der Folter
der Ungewissheit so zerrüttet dass er mich erbarmte Ich rieb mir die Stirne 
griff mit Blicken des Muts in das Blaue des Himmels und  entschloss mich
    »Du bist nun zehn Jahre bei mir Johann«  sagte ich gerührt  »hast mir
redlich gedient und ich habe mich an Dich gewöhnt Aber Deine Wahl ist zu gut
und die Liebe eines solchen Engels von Mädchen wiegt alle Schwierigkeiten auf
die ich Dir machen könnte Ich gebe Dir die gesuchte Erlaubnis und gebe sie Dir
gern  Sei immer des guten Kindes wert und seid glücklich«
    Kaum dass ich ausgesprochen hatte so schlug der gute fühlbare Mensch seine
Hände zusammen »Nun so segne Sie Gott«  brach er mit untergemischten Tränen
aus »segne auch Sie bald mit einer würdigen reizenden Gemahlin die Sie für
alle die Güte belohne die Sie mir in diesem Augenblicke erweisen«  Er konnte
vor Empfindung nicht weiter sprechen und ich  stieg  um mich von der Bewegung
zu erholen die mir der Ausdruck seiner Freude  ich denke wenigstens dass es
so war verursachte langsam den Hügel hinab und sprach unterwegs meinem ein
wenig aus seiner Fassung gebrachten Herzen Mut ein damit ich mit ganz
entwölktem Blicke vor meinen Hausleuten erscheinen möchte
    Sie erwarteten mich mit sichtbarer Unruhe vor dem Eingange ihrer Hütte  Da
sie aber aus der zufriedenen Miene meines Johann schon schließen konnten wie
die Sachen ständen so führten sie mich ohne weitere Umstände nur geschwind in
die Stube wo ihre Nichte die Zwischenzeit in Herzklopfen zugebracht hatte 
    »Wie stehts Margot«  rief ich ihr beim Eintreten entgegen und legte
alle meine mögliche Freundlichkeit in meine Blicke  »Nun hab ichs doch weg
was Du vorgestern auf der staubigen Chaussee zu suchen hattest und warum Du
Dich auf der steinernen Bank in so ernsthafte Gedanken verlorst Deine unruhigen
Nächte  Deine abgeredten Zeichen  Dein Nachtwandeln  alle Deine Geheimnisse
bis auf den Schachteldeckel sind verraten Wäre Johann nicht so schwatzhaft 
Du solltest ihn gewiss nicht bekommen  So aber gehört er Dir von Rechts wegen
Ein so rätselhaftes Mädchen muss mit einem Schwätzer bestraft werden«
    Hier hättest Du sehen sollen wie die kleine Unschuldige lebendig ward 
Mit glühendem Gesichte bebender Brust und Gott weiß mit was allen für Reizen
hing sie mir ehe ich es wehren konnte an dem Halse und drang mir  wenn Du es
so nennen Willst  das droit de segnieur im Angesichte ihres Bräutigams auf 
Ich erhielt ihren ersten Kuss denn ich muss es der Wahrheit zur Steuer sagen
dass wo in den vorigen Blättern von Küssen die Rede ist nicht Einer darunter
ist den sie mir gab  den zweiten und die folgenden bekam der glückliche
Johann
    Gleich nach dem Essen gingen wir nach der bei Tische genommenen
Verabredung alle auf die Post Wirt und Wirtin Margot und Johann eines half
dem andern auf seinen Esel und alle trabten was sie konnten dem Dörfchen zu wo
der Familientraktat geschlossen und die Austauschung meines Johann gegen den
Bruder der Margot zu Stande gebracht werden sollte
    Ich wendete die Zwischenzeit zum Vorteile meiner reisenden Freunde so wie
zu meiner eigenen Befriedigung an und teilte eine große Rolle meines erhobenen
Wechsels in drei kleinere davon ich eine meinen Wirtsleuten  eine meinem
Johann  und eine der kleinen verräterischen Margot zudachte Nach diesem
Rechnungsgeschäfte das erste das ich nicht beschwerlich fand setzte ich mich
in meinen Verschlag erzählte Dir was Du gelesen hast und erwartete in
seltener Gemütsruhe die Zurückkunft meiner Freunde
    Ihre vielfachen Geschäfte mussten nicht die geringste Schwierigkeit gefunden
haben denn sie kamen eher wieder als ich sie nach der Wichtigkeit ihrer
Verrichtungen erwarten konnte Sie wollten sich nicht zufrieden geben als sie
mich zu Hause fanden und hörten dass ich Verzicht auf meinen Spaziergang getan
hätte um ihr Haus und meine kleine Wirtschaft darin nicht ohne Aufsicht zu
lassen Sie erklärten dieses für eine beschimpfende Vorsicht für ihre ehrlichen
Mitnachbarn »Oder«  trat Margot herzu  »fürchten Sie etwa dass der
Strauchdieb vom Fichtenberge sich zu Ihrem Schreibtische schleichen  Ihre
Papiere in Unordnung bringen oder gar mitnehmen würde«
    »Hauptsächlich«  fuhr ich fort um meine Furcht die sie so hoch aufnahmen
zu beschönigen  »bin ich zu Hause geblieben um mein Tagebuch bis heute zu
schließen«
    »Und was ist ein Tagebuch« fragte Margot und konnte vor Lachen kaum zu
sich kommen als ich ihr sagte  »dass es eine Rechnung über Einnahme und Ausgabe
 der Zeit  unserer Empfindungen und unserer Irrtümer sei  dass unter dieser
letztern Rubrik eine Beschreibung ihrer kleinen Person vorkäme und dass ich
diese Rechnung einem Manne zuschicke der fast täglich seinem Könige welche
abzulegen hätte die nicht viel wichtiger wären«  Sie hatte große Lust es
nicht zu glauben wenn es ihr nicht auch Johann versichert hätte
    Bastian mein neuer Bedienter gefällt mir sehr wohl Er ist ein
aufgeräumter gewandter Bursche von ungefähr zwanzig Jahren dem ich es ansehe
dass er sich eben so leicht würde entschlossen haben mit Kooken die Welt zu
umschiffen als er übermorgen mit Mir nach Avignon geht Ich möchte ihm einen
Taler mehr über seinen monatlichen Lohn geben weil er seiner Schwester so
ähnlich sieht 
    Der Abend verging mit der Erzählung ihrer Reise und alles dessen was bei
der Mutter der Braut vorgegangen und abgetan war Ich konnte nicht dazu kommen
aufmerksam zu sein  Ich knaupelte an allen den Rätseln die mir das
dreizehnjährige Mädchen seit unserer Bekanntschaft aufgegeben hatte und noch
diese Stunde aufgab und versuchte die letztern geschickter aufzulösen als es
mir zur ewigen Schande meiner Erfahrung mit den ersteren gelungen ist Ich
wollte dass dieses Gedankenspiel aufhörte denn sonst fürchte ich dass ich zu
guter Letzt noch eine ganz leidlich unruhige Nacht haben werde
                                                            Den 30sten Dezember
    Die Trunkenheit der Freude mit der sie gestern einschliefen schwebte noch
diesen Morgen übernächtig auf ihrer aller Gesichtern und beförderte den neuen
Rausch dem sie sich so gutwillig überließen
    Ich nahm gewiss einen warmen Anteil daran und ich hätte mich wohl sogar
als den Urheber desselben für den Vergnügtesten der Gesellschaft halten dürfen
wenn ich mir diesen Vorzug ohne erst bei meiner kalten Vernunft anzufragen
zugeeignet hätte  So aber fühlte ich mitten in dem allgemeinen Taumel das
nüchterne Bedürfnis des Nachdenkens Ich stahl mich bis zur Mittagsstunde aus
dem Zirkel dieser glücklichen Menschen und befand mich kaum mit mir allein auf
dem einsamen Spaziergange den ich heute zum letztenmale um das liebe Kaverac
zog als ich mich auch schon über und über in der philosophischen Untersuchung
über den Wert die Ursache, den Zusammenhang und die Bestandteile meiner
unlängbar frohen Empfindungen verwickelt sah
    Diese Art geistigen Zeitvertreibs ist nun wie Du aus Erfahrung wissen
wirst der misslichste von der Welt und Gott weiß warum so viele gelehrte
Männer von unserer Jugend an darauflos arbeiten uns an dieses undankbare
Grillenspiel zu gewöhnen Gemeiniglich hat man nichts weiter davon als dass man
das Wasser trübt in welchem man zu fischen gedachte  seiner eigenen Figur die
undeutlich genug daraus wiederscheinet eine tiefe Verbeugung macht und anstatt
zufriedener  nur um etwas gravitätischer in den Kreis des Vergnügens zurück
geht aus welchem man ohne Not getreten ist
    Es ging mir aufrichtig zu sagen auch diesmal nicht besser So tiefsinnig
auch die Betrachtungen meiner selbst sein mochten so war doch ein vorüber
gehendes beifälliges Lächeln das ich mir nach einer genauen Vergleichung
meines Selbstgefühls zu Kaverac mit meinen Berlinischen Launen zuwarf  und ein
bekümmernder Gedanke an Dich der einzige Gewinn meines Nachforschens und es
ist noch sehr die Frage ob dies Wiederkäuen der Seele das ich wohl bis zur
Zeit des Mangels hätte aufschieben können mir den unterbrochenen Fortgenuss
jener gesellschaftlichen Berauschung hinlänglich ersetzt hat
    Damit indes mein Selbstgespräch mit allen den guten Warnungen die ich Dir
lieber Eduard in Gedanken ans Herz legte nicht ganz an den Zäunen von Kaverac
verhalle so soll es mein Tagebuch aufnehmen
    Du wirst es übrigens nicht übel deuten dass ich Dich und den ganzen Hof von
Berlin um mich her stellte um mich über Euch alle zu erheben Geschah es gleich
nur der Kleinigkeit wegen um mir noch lieber zu werden als ich mir schon war
so musst Du bedenken dass dieses für denjenigen dem es gelingt nichts weniger
als eine Kleinigkeit ist Wollte Gott ich könnte mir immer mein trocknes Gemüse
so würzen und jeden dürren Winkel der Erde wohin ich verjagt oder verschlagen
werde so belauben und ausschmücken  dass ich immer Elysium fände wo ich wäre
Es ist wenigstens das einzige Mittel für denjenigen den seine Erziehung nun
einmal so verdorben hat dass er nicht anders glücklich sein kann als durch
Hilfe der Vergleichung »Wohl mir« rief ich also aus nachdem ich meine
Empfindungen mit allen Gründen der Vernunft unterstützt hatte
»Wohl mir dass mir noch unuerwöhnet
Die Lockung der Natur gefällt
Ein solches Dörfchen Freund versöhnet
Mich mit dem Überrest der Welt
Man wird des Lebens überdrüssig
Bei aller Ebb und Flut der Stadt
Doch hier  geschäftig oder müßig
Wird keiner seines Daseins satt
Kannst Du den Wert der Wahrheit fühlen
So ändre Deinen stolzen Lauf
Such unter ländlichen Gespielen
Die Freundschaft und die Tugend auf
In unsern Sittenschulen tauschet
Man Falschheit gegen Falschheit ein
Hier  ist was Dir vom Herzen rauschet
Wie eine Silberquelle rein
Hier seh ich von den Füssgestellen
Der Zedern in verdienter Ruh
Dem Eifer meiner Kampfgesellen
Am Fuß des niederen Trones zu
Wie sie einander zu berücken
So helle sehend  und so blind
Für Bänder und bemalte Krücken
In nie gestilltem Aufruhr sind
Selbst ihres Führers Macht  wie wenig
Naturvergnügen erntet sie
Groß ist zu Potsdam unser König
Froh  ist er nur in Sanssouci
Da wird er Mensch irrt in der Stille
Wie unser eins im Mond herum
Und denkt wohl auch beatus ille 
Ut prisca gens mortalium
Geh bald zurück zu den Gebückten
Die fern von Dir im Dunkeln stehen
Wenn die mit Hermelin geschmückten
Sich liebevoll zu sich erkühn
Trau ihrem Schmeicheln nicht Sie strecken
Nur gar zu gern die Krallen nach
Selbst Doctor Luther ward zum Gecken
In seines Fürsten Vorgemach12
Sei es Dir Warnung wie der Große
Den treulos Mazarin erzog
Der Gastfreiheit im sichern Schoss
Mit Undank seinen Wirt betrog
Wie er von Fouquets Weine stärker
Am Busen der Valiere flammt
In einer Stunde die zum Kerker
Den Mann der ihn gelabt verdammt13
In Mitternächten ohne Schlummer
In Tagen ohne Sonnenlicht
Fühlt er die Fesseln selbst vor Kummer
Ob seines Königs Falschheit nicht
Sein Fall macht alle Hofgesichter
Die seines Blicks sonst lauschten scheu«
Und nur ein armer Fabeldichter
Voll hohen Mutes blieb ihm treu14
    Es gehört unter die Glücksfälle der Gedankenspiele wenn wir unter den
hundert Figuren die unsere Einbildungskraft bei solchen Gelegenheiten aufstört
unverhofft die Gestalt eines unserer besonderen Lieblinge erblicken Das
Schattenbild des guten la Fontaine zeigte sich mir kaum so verließ ich jedes
andere und hielt mich fest an ihn trollte gutmütig hinter ihm drein wie er
unbekannt mit seiner Größe  ohne je auf den Einfall zu kommen sie geltend zu
machen  sorglos um seine tägliche Nahrung und Kleidung durch die Welt fabelte
Ich nahm ihn wie er eben mit dem Buche Baruch in der Hand aus der Messe kam
und nun an allen Ecken der Straßen die Vorbeigehenden mit der Frage anhielt ob
sie nicht wüssten wo der Verfasser wohne  mit mir zu meinem Mittagsfeste und
ließ mir von ihm unterwegs seine Fabel les animaux malades de la peste
vordeklamiren
    Ohne diese Aufmunterung würde ich vielleicht Mühe gehabt haben die schwarze
Unterlage wieder los zu werden die ich so überaus weise als Folie gebraucht
hatte den Glanz meiner gegenwärtigen wärtigen Existenz noch mehr zu erhöhen
und ihm allein hatte ich es zu verdanken dass ich nicht über und über verstimmt
zu meiner Gesellschaft zurück kam die inzwischen in dem ununterbrochenen
Fortgenusse ihres Vergnügens keinen Augenblick daran dachte über die Natur und
die geheime Zusammensetzung desselben Rücksprache mit sich zu halten
    Ich übertrieb es glaub ich nun wieder aus der andern Seite denn ich
möchte nicht dass mich ein Weiser Mann fragte wie ich meinen Nachmittag
zugebracht habe Ich könnte ihm Gott weiß es nichts darauf antworten als 
Ich habe ihn vertändelt Du weißt Margot ist ein Kind und da wäre es ja
lächerlich den Verständigen in ihrer Gesellschaft zu machen Das läuft das
springt das schäkert und weiß noch in keiner Sache wie ihm geschieht
Wundershalber wollte ich hören was sie sich wohl für Begriffe von der Ehe und
ihren künftigen Pflichten als Hausmutter mache  Aber da fand ich alles so bunt
unter einander bei ihr dass mir an Johanns Stelle angst und bange sein würde
    Gegen Abend nachdem wir über tausenderlei drunter und drüber geschwatzt
hatten brachte sie einmal wieder ihren Strauchdieb aus das Tapet Ich verwies
sie damit an ihren Liebhaber  »Der«  sagte ich  »hat in der Oper zu Berlin
zwar nur von der Gallerie aus einen am Pranger stehen sehen« 
    »Da ist ihm« fiel das Mädchen ein  »recht geschehen Aber geschwind sagen
Sie mir was hat er denn dort alles verbrochen denn ich höre gar zu gern
Mordgeschichten und dergleichen« 
    »Dinge hat er verbrochen« antwortete ich  »wovon Du Dir keinen Begriff
machen würdest wenn ich sie Dir auch erzählen wollte«
    Darüber kam sie auf einen Einfall der mich anfangs stutzig machte mir
nachher aber selbst so wohl gefiel dass ich von Stund an auf die ernstliche
Ausführung desselben denke
    »Wissen Sie was« sagte die kleine Närrin  »Wenn ich erst mit meinem Johann
ein Jahr gelebt habe und nun vierzehn alt bin da wollen wir Sie und meinen
Bruder in Berlin besuchen Sie haben so manches von der Geburtsstadt meines
Johann fallen lassen dass ich begierig bin das Wunderding zu sehen  Acht und
die Freude« fuhr sie fort und schlug ihre beiden Händchen zusammen »nach so
langer Zeit den guten lieben vortrefflichen Herrn wieder zu finden der hier
so gern mit mir spazieren ging  der mir einen braven geliebten Mann zurück lässt
 und meinen armen Schelm von Bruder so gütig von meiner Hand angenommen hat« 
Glaubst Du wohl Eduard das Kind ließ darüber ein paar warme Tränen aus meine
Hand fallen die mir elektrisch mein ganzes Zellengewebe erschütterten
    »Das ist einmal ein gescheidter Gedanke Margot«  sagte ich  »Ja Ihr
sollt mich beide besuchen und die Reise soll Euch nichts kosten  Gebt mir
Eure Hand darauf« Und wäre es nur Eduard dass ich Dich von der Wahrheit alles
dessen was ich von dem Mädchen gesagt habe überzeugen könnte so sollte mir
ihr Besuch lieb sein
                                                            Den 31sten Dezember
    Der letzte Tag des Jahres ist da Das würde mich wenig bekümmern wenn es
nicht auch der Abschiedstag von den besten Menschen wäre die ich jemals gekannt
habe Diese Betrachtung macht mir ihn feierlich Ich darf mir meine innere
Bewegung nicht merken lassen  was würde es nützen 
    Sie setzen ohne Argwohn voraus dass ich diesen Abend wenigstens noch mit
ihnen verschwatzen und vertändeln und meine Nacht in dem Weichbilde der kleinen
Margot verträumen werde  Wenn ich nach dem Essen meinen Hut und Knotenstock
nehme wird sie um mich herum hüpfen mir an der Türe einen Kuss zuwerfen und
mir eine baldige Zurückkunft von meinem Fichtenberge gebieten  Die Türe wird
knarren  und  meine Rolle hier wird gespielt sein
    Sobald der Tag zu verlaufen beginnen und man anfangen wird sich nach mir
umzusehen soll Bastian auftreten und den Epilog halten  Ich traue ihm zu dass
er ihn mit allem erforderlichen Anstand und genau nach meiner Vorschrift halten
wird  So kommen wir alle am kürzesten davon Die Geschenke die ich ihnen
zurück lasse teilt Bastian nach meiner Anweisung unter sie aus Es wäre mir
nicht möglich der erschütternden Szene beizuwohnen die das Erstaunen die
Danksagungen und die Tränen dieser so leicht zu rührenden und zu befriedigenden
Menschen darstellen wird
    Das könnte mir indes nur eine kurze Ruhe verschaffen denn in dem Ungestüm
ihrer Empfindungen würde die ganze freundschaftliche Karavane ich bin es gewiss
mich bis über die Gränzen verfolgen wenn ich meinem Stellvertreter nicht auch
auf diesen Fall die gemessensten Befehle und die wirksamsten Bitten n
siezurückliess
    Unterdessen dieses hier vorgeht werde ich meinen Pavillon zu Nimes einsam
durchschreiten und Liedchen singen damit ich nicht höre wie mir das Herz
pocht
    Mein Tagebuch  noch hat es in meinen Taschen Raum  nehme ich allein von
hier mit Meine übrigen kleinen Effekten soll mir Bastian mit Anbruch des
folgenden Tages nachbringen
    So wäre denn meine Abschiedsstunde von Kaverac mit so vieler Schonung meines
wunden Gefühls angelegt als kaum ein Hofprediger der letzten Stunde einräumen
kann in der sein Fürst aus der Welt geht
    Bastian soll unter acht Tagen seiner Verwandten nicht gegen mich erwähnen
Das habe ich ihm bei meiner Ungnade eingeschärft
                                     Nimes
    Freund Ich bin nun gerettet  wie ein Fisch der den Köder vom Faden
gebissen hat und mit dem Angelhaken in der Gurgel davon schwimmt Hätte ich zu
einem Bettler herab gesunken mein Land verlassen müssen wo ich als König
regierte bänger hätte mir kaum um das Herz sein können als da mir nun die
Wohnung der Unschuld und Freude im Rücken  und abgeschnitten von allem was
mir lieb war die ganze weite freudenlose Welt vor mir lag Ach nichts
begleitete mich als mein trauriger Schatten  Mir fehlte Margots sonorische
Stimme  ich vermisste den Nachtrab meines treuen schwatzhaften Johann und mein
zerstreuter Blick der selbst manchmal sich nach meinem guten astmatischen Mops
umsah kehrte betroffen über seinen Verlust zurück Und o wie viele andere
stachlichte Empfindungen  die ich aus Zärtlichkeit gegen mich nicht berühren
mag  kletteten sich nicht an dieses belastende Gefühl von Trennung und
Einsamkeit Es war mir als ob an jedem Pflasterstein über den ich auf meinem
Wege fortschritt ein Teil meines Eigentums hängen blieb so dass ich es mit
jeder Minute kleiner unbedeutender werden und zuletzt in ein Nichts
verschwunden sah
    Ich konnte es nicht über mich gewinnen auf der Chaussee fort  bei der
steinernen Bank vorbei zu gehen auf der sich meine Eigenliebe und wie Du
weißt ganz ohne Not brüstete und aus einem Missverständnisse das ich mir
noch nicht vergeben kann in so lebhafte Bewegung geriet In solchen Umständen
lieber Eduard ist es sehr bequem wenn man neben der Landstraße noch einen
Rasenweg findet Wie klein war indes die Erleichterung die ich mir damit
verschafte  Denn ob ich gleich weder Menschen noch Esel begegnete die mich
an mein Dörfchen erinnerten so konnte ich doch unmöglich jedem Moose jedem
sprossenden Strauche das den Moosen und Gesträuchen auf dem Fichtenberge
ähnlich sah aus dem Wege gehen und als ich mir vollends einfallen ließ einen
seitwärts gelegenen Hügel zu besteigen so brachte ich mich auf einmal um allen
Vorteil meines listigen Umwegs denn nun trat mir in dem weiten Zirkel des
freundlichen Languedocs den ich übersah das kleine liebe Kaverac so nahe vor
die Augen dass sie mir übergingen ehe ich es wehren konnte
    Ein Weilchen ließ ich meinem kindischen Herzen seinen Willen da aber der
annähernde Abend die Gegend immer mehr ins Dunklere zog so nahm ich den
Zeitpunkt wahr ehe sie mir entwischte ihr meinen feierlichen Segen zu geben
Es war ein süßer belohnender Augenblick der mich über mich selbst erhob  ein
Gefühl wie es nur der heilige Vater haben kann wenn er auf dem Balkon der
Peterskirche seine segnende Hand erhebt und sein ganzes Volk in andächtiger
Schwärmerei vor ihm zur Erde niederstürzet  Der Fleck wo Margot wohnte
schien noch ehe er meinen Blicken verschwand einen sanften Schimmer von sich
zu werfen der meine Seele stärkte erwärmte beruhigte Ich ergriff gutes Muts
meinen Wanderstab und suchte mich zu überreden ich wäre gefasst und zufrieden
    Überlege noch mit mir Eduard indem ich unter dem Wiederscheine des
Abendrots nach meinem Pavillon schleiche wie viele wichtige Geschenke die
vielleicht eine größere Summe von Glückseligkeit umfassen als das ganze
Königreich Schweden zu seinen Anteil erhielt diesem von der Natur so
begünstigten Winkel der Erde und seinen Bewohnern zugefallen sind
Die dreimal Glücklichen Wie leicht
Wirds ihnen nicht in ihrem vollen Garten
Des Lebens Traum durch Sorgen nie verscheucht
Ganz durchgeführt so weit er reicht
In jener Einfalt abzuwarten
Die dem Gefühl so gütlich däucht
Die Freude tanzt hier ohne Regeln
Der Scherz gesellt sich ohne Zwang
Zu ihrem Wein zu ihren Kegeln
Und ihrem baskischen Gesang
Sie haben das was sie bedürfen
Ein leichtes Blut und Lieb und Wein
Und alle ihre Sinne schlürfen
Den Zaubertrank des Lebens ein
Im Schatten ihres Oelbaums wohnen
Glück und Zufriedenheit Kein Sturm der Leidenschaft
Jagt sie aus ihrer Ruh nach weit entfernten Frohnen
Ins magere Gebiet wurmstichiger Patronen
Nach Gnadenmitteln ohne Kraft
Und die der Müh des Wegs nicht lohnen 
Gibt es für Wallungen ein sichrers als den Saft
Von ihren kühlenden Limonen
Wenn Kolas Händedruck im Ringeltanz mit Rosen
Die erste Scham des lieblichen Gesichts
Den ersten Seufzer weckt so fragt er nicht nach Mosen
Nach dem Propheten und dem großen
Christophel wenig oder nichts
Welch ein Elysium Schon dreizehn Jahre steuern
Des Landes Töchter aus Ihr spähendes Gesicht
Trifft unter einem Trupp von Freiern
Bald auf den Glücklichen dem nicht der Mut gebricht
Auch ohne Heiratsgut der Liebe Fest zu feiern
Willst Du den ächten Ton von ihren Hochzeitleiern
So trällre nach was jener Spottgeist spricht
»Sie spinnen säen ernten nicht
Und sammeln nicht in ihre Schauern«
Doch sorge nicht für sie Um einen Blätterschmaus
Hilft Amor hier ein Heer verliebter Spinnerinnen
Den Kindern der Natur gewinnen
Die Schüsseln auf den Tisch und Möbeln in das Haus
Und Feuer auf den Herd erspinnen
Kein leerer Raum lässt sich ersinnen
Der Gott der Liebe füllt ihn aus
    Wie verzeichnet und verschossen kommen uns doch unsere prächtigen teuren
Kabinetsmalereien vor wenn wir sie auf eine Weile bei Seite räumten und unsere
Augen an den größeren Gemälden der Natur stärkten  Nimes mit seinen
Antiquitäten seinen Gesellschaften und Gastmählern  wie wenig ist es doch für
das Herz gegen die ungeschmückten Freuden meines ländlichen Aufenthalts die
keines Schmuckes bedurften Mein Pavillon kam mir lächerlich groß vor wie ich
eintrat  Ich setzte mich geschwind an mein Tagebuch um mir die Angst
wegzuschreiben die mich in dieser Einöde befiel und dem Schlafe freien Eingang
zu dem Herzen zu schaffen das heute mehr als jemals seines Balsams bedarf
 
                                    Fußnoten
1 Mamsell Kadiere ein schönes und so unschuldiges Mädchen dass sie lange Zeit
den schändlichen Missbrauch den Pater Girard mit ihr ihm Beichtstühle trieb für
Absolution hielt Die Geschichte machte unter Ludwig dem Funfzehnten so großes
Aufsehn dass sie zu vielen Schriften Anlass gab
2 G des Königs von Preußen Gedicht Kodicille in den Oeuvres postumes de
Frederic II Tom 8 pag 125
Cet autre est occuppé dune genisse blanche
En lui pressant le sein
3 Karon de Beaumarchais der hier um Voltaires Werke in Ruhe zu drucken eine
große Buchdruckerei angelegt
4 Voltaire Sein unversöhnlicher Hass gegen Freron der ihn in seiner
Monatsschrift lannée littéraire und in mancherlei fliegenden Blättern angriff
ist aus seiner Schottländerin wo er ihn unter dem Namen Frelon aufgeführet und
aus unzähligen Epigrammen bekannt
5 Anspielung auf das Epigramm der Mademoiselle de Maine gegen die Wunderkuren
die zu ihrer Zeit auf dem Grabe des heiligen Pâris geschahen
Un décorateur à la Royale
Du talon gauche estropié
Obtint par grace spéciale
Dêtre boiteux sur lautre pied
6 Die Platonische Liebe und das Platonische Dreieck sind einander gerade
entgegen gesetzt  Das Wesen einer jeden Zeugung sagt dieser Weltweise
besteht in der Einheit der Übereinstimmung der Zahl Drei oder des Dreiecks
wozu der Vater die Mutter und das Kind die Linien geben
7 Die Königin Christina sagte vom Salmasius dass er so gelehrt sei den Stuhl in
allen Sprachen der Welt nennen zu können  nur wüsste er sich nicht darauf zu
setzen
8 Die Königin Christine von Schweben die ihren Oberstallmeister Monaldeschi zu
Fontainebleau unter ihren Augen ermorden ließ Leibnitz verteidigte diese
Tat aber diesmal ohne zu überzeugen
9 Klitoris oder Klitoria eine Nymphe der zu Gefallen sich Jupiter in eine
Ameise verwandelte Ob das Redoutenkleid von dem hier die Rede ist vom
lichtigsten Kostum war ist zweifelhaft Es wurde als eine neue französische
Hofmaske nach Berlin geschickt fand aber wenig Beifall
10 Plat Phaed pag 150 edit Fischer
11 D Johann Bartolomäus Adam Beringer Rat und Hofmedikus des Fürsten
Bischofs von Würzburg Professor dZ Dekanus und Senior der Universität
daselbst Sein Werk führt den Titel
Litographiae Wirzeburgensis ducentis lapidum figurtorum a potiri
insectiformium prodigiosis exornatae specimen etc Wirceb 1726
12 Graf Hans George von Mansfeld kam tot krant nach Wittenberg D Luther
besuchte ihn als seinen lieben Landesherrn  Der kranke Graf ergriff Luthers
Hand mit höchster Danksagung für seine christliche Vermahnung und
treuherzigwohlgemeinte Erinnerungen
Als nun D Luther auf solche des Grafens gute und süße Worte wiederum will zu
Hause gehen und ihn gesegnet konnte er zwar nicht recht zur Stuben
hinauskommen so sticht ihme der Graf hinterwärts einen Münch mit diesen Worten
Geck Geck was soll der Doktor von diesen Sachen verstehen es geht mich
gleich so viel an als pfiff mich eine Gans an
                                  Aus dem Kodice Manuscripto Razenbergii in der
                                               Bibliothek des Herzogs von Gota
13 Ludewig der Vierzehnte hatte den Untergang des Sürintendanten Fouquet schon
beschlossen als er ihm noch die verräterische Ehre erwies das prächtige Fest
anzunehmen das er ihm auf seinem Landhause zu Veaux gab Ohne die Vorstellung
seiner Frau Mutter Anna von Österreich die es ein wenig zu stark fand würde
er ihn selbst während dem Feste in die ewige Gefangenschaft geschickt haben zu
der er ihn nachher verdammte Sein Hauptverbrechen bestand darin dass er die
nachmalige Herzogin von Valiere schön fand und ihr Anträge tun ließ ehe er
noch wusste dass der König bald nachher gleiche Neigungen bekommen würde Alle
die beredten Verteidigungsschriften Pelissons die sich freilich nur über die
Beschuldigungen verbreiteten die jener zum Vorwande dienten konnten ihn nicht
retten da das Herz des Königs selbst nicht edel genug war ihm den natürlichen
Wunsch und der damals seine Majestät noch nicht beleidigen konnte zu einer
andern Zeit zu verzeihen wo er ihn selbst fasste und wie wir wissen königlich
ausführte
14 La Fontaine war außer Pelisson welcher den Advokaten von Fouquet machte
der einzige Unbedachtsame der es wagte das Unglück seines ehemaligen
Beschützers laut zu bejammern anstatt einen neuen in dessen Nachfolger zu
suchen Er unterstand sich sogar den König mit einer Elegie zu behelligen in
der er aufs rührendste für den gestürzten Minister um Gnade bat Dieser Beweis
seiner wenigen Lebensart brachte ihn so sehr um allen Kredit bei Hofe dass der
stolze Monarch dessen Freigebigkeit sich doch sogar auf die Gelehrten fremder
Länder erstreckte  für einen solchen Schafskopf als la Fontaine nicht das
geringste tun mochte Der gute Fabler lebte beinahe nur von den Allmosen
einiger wenigen Freunde Er  dessen Schriften jetzt die Nation durch einen
immer prächtigern Druch nach dem andern vor allen seinen Zeitgenossen ehrenvoll
auszeichnet hatte nicht so viel um sich ein neues Kleid schaffen zu können Er
 der wie alle große Schriftsteller durch den Ausfluss seines Geistes auch nur
als Kaufmannswaare betrachtet seinem Vaterlande ein ewig fortwucherndes Kapital
hinterließ war selbst einmal im Begriff über das Meer zu gehen um in der
Fremde seinen Unterhalt zu suchen Obige zwei Verse auf Fouquet sind von ihm
entlehnt
Jours sans soleil
Nuits sans sommeil
Quelque peu dair pour toute grace etc
                                 Zweiter Band
                                 Zweiter Teil
                                      Nimes
                                                               Den 1sten Januar
    Freund dass ein frisches Gesicht im Schatten wild fliegenden Haares
    Dem keine Feder kein Schmuck den Bau der Locken verbog
    Ein Busen welcher bei Gott mit allem was er auch Nares
    Entdeckt und verbarg zwo Mirabellen kaum wog
    Ein kleines närrisches Ding das gaukelnd  sonder ein klares
    Bewusstsein seines Berufs mit dem Geschwätze des Stahres
    Den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen umflog 
    Dass eine Fee dieser Art jüngst auf ein eben so wahres
    Als seltnes Weihnachtsgeschenk an ihre Tafel mich zog
    Und als ich hungrig erschien mich wie wir wissen betrog 
    Für einen Schüler Berlins war das zum Schluße des Jahres
    Ein ärgerlicher Epilog
    Doch dass zu meinem Ruhm es Welt und Nachwelt wisse
    Ich stahl bei dem Geräusch mir nicht bestimmter Küsse
    Vom Schauplatz mich hinweg und wie ein Held verwies
    Ich mir sogar den Blick den hinter die Kulisse
    Die Lüsternheit mich werfen hieß
    Der letzte Nest von Amors Sorgen
    Schwand mit dem Traum der letzten Nacht 
    Aus solchem Sturm der Leidenschaft geborgen
    Ist wohl nie mutiger am ersten Feiermorgen
    Des Jahrs ein Philosoph erwacht 
    So bang um den Ersatz so ernst wie ein Verschwender
    Das Gold das er verlor im Geist zusammen reiht
    Durchzählt auch ich den Wert der mir entflohnen Zeit
    Und webte mir ein Jahr im künftigen Kalender
    Aus Festen der Enthaltsamkeit
    O Weisheit rief ich aus o du die in der Mitte
    Der Freuden sitzt die keine Reu vergällt 
    Entziehe mich der Schmach die jede niedre Bitte
    Um eines Weibes Gunst enthält
    Verleih dass ich selbst unerschüttert
    Im Brennpunkt einer Griechin steh
    Und wenn auch schon an ihrem Negligee
    Das Band sich bläht der Atlas knittert
    Doch nicht in Gährung übergeh
    Gib dass ein höhrer Zweck der Neugier Zügel lenke
    Als der an Ruhebetten lauscht
    Und auch dem Glücklichsten dem dort die Zeit verrauscht
    Doch nur armselige Geschenke
    Auf Kosten seiner selbst vertauscht 
    Ists möglich dass ein Geist der Sonnen zu erklettern
    Vermag und ihre Strahlen teilt
    Zum Thron des Ewigen in blitzerfüllten Wettern
    Mit unversengtem Fittich eilt
    Nun diesen Fittich senkt und kindisch sich verweilt
    Um eine Rose zu entblättern
    So tief sank Newton nie An weisre Sorgen band
    Er seine Tätigkeit und seines Namens Ehre
    Zu stolz für ein System das weniger Verstand
    Als Mark erheischt  war ihm ein Kuss  ein Druck der Hand
    Und was ein Mann nur wünscht dass ihm ein Weib gewähre
    Ein Spiel das er nicht wert der Untersuchung fand
    Unnötig zum Beweis der Lehre
    Die er von dem Gesetz der Schwere
    Der sträubenden Natur entwand
    Von allen Globen die uns Licht
    Und Ebb und Flut und Tag und Nacht gewähren
    Kannt er den Lauf und das Gewicht
    Hob alle Schleier auf das Dunkel aufzuklären
    Selbst von Johannes Traumgesicht1
    Die Globen nur die wie ihr Schmeichler spricht
    Den Musen gleich2 uns in der Kindheit nähren
    Als Mann als Greis erfreun selbst unsern Wohlstand ehren
    Und unsre Freunde sind wenn Rat und Trost gebricht
    Nur die besuchtesten von allen Hemisphären
    Besucht er nie und kannt er nicht3
    Es ist eine herzerhebende Empfindung für einen Mann der an seiner
Vervollkommnung arbeitet wenn er sich beim Erwachen klüger wieder findet als
er sich den Abend vorher verließ  Ich fühlte die frommen Morgengedanken die
ich Dir eben mitteilte mein Eduard mir so nahe und so warm am Herzen liegen
dass ich sie ehrlicher Weise für sichere Anzeigen seiner Besserung hielt und
schon mit Vergnügen die guten Folgen davon berechnete ein kleiner Umstand aber
der dazwischen kam zeigte mir bald dass es nichts weiter als philosophische
Dünste waren die gern so geschwind verfliegen als sie aufsteigen und zu allen
Zeiten wohl selten etwas beitragen mögen die Gesundheit einer kranken Seele zu
befestigen
    Der gute Junge den ich gestern mietete  ich hatte ihn ganz aus der Acht
gelassen  trat seinen Dienst bei mir an und pflanzte sich da ich mich seiner
am wenigsten versah schön gekräuselt und in die Livrei gekleidet die sein
Schwager ehrlich getragen und glücklich abgelegt hatte vor mein Bette Die
Sache ging sehr natürlich zu und doch kam sie mir als eine unerwartete
Erscheinung vor und erregte Ideen bei mir die meiner armen Philosophie nichts
weniger als zuträglich waren  Urteile nun selbst wie es mit einem solchen
Kopfe aussehen mag den so gleichgültige Dinge schon aus seiner Fassung bringen
Das reisefertige Ansechen Bastians sein freundlicher Glückwunsch zum neuen
Jahre und seine überraschende Frage ob er das Anspannen bestellen solle
machten mich eins wie das andere mit mir selbst irre  Ich blickte ihm
ungewiss in das Gesicht als ob mir eine dunkle Erinnerung von ihmvorschwebte
und runzelte statt ihm zu antworten die Stirn Endlich merkte ich was mir war
 »Keinen Gruß von Margot« sagte ich heimlich zu mir »das heißt deine Befehle
fast zu pünktlich befolgt« und legte mich unwillig auf das andere Ohr Er musste
mich noch ein paarmal mit der sonorischen Stimme seiner Schwester und mit den
Aehnlichkeiten ihres lieben Gesichtchens erschrecken ehe ich gefasst genug war
ihn mit einem grämlichen Ja abzufertigen  Er verließ mich  und ich  nicht
halb mehr so zufrieden mit mir als vor einigen Minuten stand lässig auf meine
Morgenbetrachtungen blieben unvollendet in der Nachtmütze hängen die ich
abwarf und ich trat mit einer Art von Trotz in das Nebenzimmer wo eine
Kleinigkeit die meiner wartete mich vollends und eben so geschwind
verstimmte als sie mir in die Augen fiel
    Es war eine Rose die mir Bastian von seiner Schwester mitgebracht und auf
den Bogen woran ich jetzt schreibe gelegt hatte Ich erkannte sie sogleich
wie ich ihrer ansichtig ward Es war die oberste von den dreien die gestern
noch als Knospen an dem Stocke hingen den Margot täglich in die Sonne trug und
begoss  »Die erste die sich entfalten wird« sagte immer das liebe Kind »soll
niemand bekommen als Sie mein gütiger Herr« und wie wird sie sich freuen dass
sie mir noch Wort halten konnte Ich hob die Blume zitternd in die Höhe und die
Tränen traten mir in die Augen Alle die frohen Erinnerungen der ländlichen
Stunden wo sie mit aufgestreiften Aermeln vor ihrem Blumenstocke stand ihn
genau musterte und bald eine summende Mücke bald eine näschige Wespe davon
verjagte  schienen jetzt mit dem Geruche dieser lieblichen Blume in mich
überzuströmen und ich konnte mich an der frischen Farbe dieser Erstlingin des
Jahres nicht satt sehen
    Du kennst doch die Provencer Rosen trauter Eduard Viel kleiner als die
unsern röter elastischer und koncentrischer als es bei weitem unsre
Centifolien sind scheinen sie dem Auge eines Deutschen nur desto reizender 
und nun vollends so früh im Jahre und in der feierlichen Nacht entfaltet die
mich ach auf immer von dem nachbarlichen Bette meiner guten Margot entfernt
hat Wäre es ein Wunder wenn ich trotz einem Brokes und seinem irdischen
Vergnügen in Gott über Betrachtung dieser Blume zum Kinde würde Ich habe sie
zwischen meinem Busenstreife verborgen nahe bei meinem pochenden Herzen und
würde es für Sünde halten wenn ich sie mit prahlendem Leichtsinn auf meinen
Reisehut stecken wollte Nein sie soll durch ihren sanften Gegendruck  durch
den Aushauch ihres Wohlgeruchs mir nur fühlbarer machen dass ich noch atme
und ein Mensch bin und selbst über ihre sterbenden Blätter will ich eine
gewissenhafte Rechnung halten sie wie sie abfallen in meine Brieftasche
sammeln und sie nur empfindsamen Freunden als kostbare Reliquien aus dem
heiligen Kaverac zeigen
    Der ungeduldige Junge hat mir schon zweimal gemeldet dass alles zu meiner
Abreise fertig sei Er tat es und das weiß ich ihm Dank  ohne des wichtigen
Geschenks zu erwähnen das er mir so heimlich zugebracht hat Ich werde suchen
ihm in der Unbefangenheit nachzuahmen die er gegen mich über das Vergangene
heuchelt Ich will ihn von nun an nicht weiter als den Bruder Meiner Margot
sondern als Johanns Schwager und meinen Bedienten betrachten und nie gegen ihn
meine Empfindungen laut werden lassen denn kann Etwas unserm Ansehen
nachteilig werden so ist es wohl die Schwachheit unsres Herzens Verrate sie
ja keiner wer sich in jenem bei seinen Untergebenen zu erhalten wünscht Die
Hengste vor meinem Wagen wiehern und stampfen und der Postillion knallt einmal
über das andere  So muss ich denn wohl mein Tagebuch einpacken Ich muss fort
trauter Eduard fort aus der paradiesischen Gegend wo ich jenes herrliche
Mädchen fand das einzige vielleicht das der Unkosten der Liebe noch wert ist
 
                                    Avignon
                                                                         Abends
    Kaum hatte ich mich heute Morgens mit meiner Provencer Rose in den Wagen
und Bastian sich mir gegen über zurechte gesetzt so sah ich schon dass ich eine
Torheit begangen hatte ihm diesen vornehmen Platz anzuweisen Sein Anblick war
mir so sonderbar im Wege dass ich beinahe an seine Stelle meinen alten
schnarchenden Begleiter aus seiner Verwesung zurück gewünscht hätte der mir
wie Du weißt immer zu einem guten Gedanken verhalf Doch da der Mensch einmal
da saß musste ich ihn nun auch schon sitzen und mir gefallen lassen dass sein
spähendes Auge manchmal zu einer ganz ungelegenen Zeit den freien Aufblick der
meinigen hinderte
    Ich ließ mir nicht einfallen als ich durch die Stadt rollte nur nach einem
Fenster meiner Bekannten in die Höhe zu fahren oder die römischen Altertümer
so gewiss ich auch bei ihnen zum letztenmale vorbei kam nur eines
Abschiedsblickes zu würdigen Dafür zog ich mein Fernglas aus der Tasche wie
ich ins Freie kam und hob es immer mechanisch vor die Augen so oft mir die
Wendung meines Wagens die Turmspitze von Kaverac zu Gesichte brachte Welche
bittersüsse Erinnerungen wehten mir immer noch von dorther entgegen Einigemal
wurden sie so lebhaft dass ich im Begriffe stand den Postknecht umlenken zu
lassen so groß war der Kampf meiner Nachwehen ja ich verzweifelte dass die
Zeit jemals im Stande sein würde dieses nagende Gefühl zu zerteilen
    Indes tat ich der Zeit Unrecht Eduard und ich hätte mir diese Sorge
ersparen können denn ich will Dir es nicht verschweigen dass mir eine Stunde
nachher die Sache lange nicht mehr so unmöglich schien Mein Herz ward müde
langer für ein Mädchen zu pochen das so weit hinter mir war und meine
sympatetische Rose verlor nach und nach immer etwas mehr von ihrer anziehenden
Kraft Ich fühlte nur noch dass sie welkte dass sie mir die Haut rieb dass sie
mir beschwerlich ward  schob sie ein paarmal seitwärts  und steckte sie
endlich da sie mir es zu arg machte ohne mich weiter mit ihr einzulassen in
die Weste Nun ging es zu meinem Erstaunen auch mit jeder andern Beruhigung so
geschwind dass ich mich selbst darüber mit mir hätte verfeinden mögen Ich
machte mir Vorwürfe über Vorwürfe  nannte mich den Wankelmütigsten unter dem
Monde aber es fruchtete wenig Je weiter ich mich von dem guten Dörfchen
entfernte je näher ich dem Gebiete des Papstes kam desto mutwilliger ward
mein Blut und ich betrat endlich das Komtat mit Ahndungen die mir angst und
bange für mich selbst machten
    Als ich über die französische Gränze hinaus war steckte ich mein Fernglas
ein das mir zu nichts weiter dienen konnte schlug munter meine Arme in
einander ließ meine Blicke einige Zeit mit Wohlgefallen auf dem hübschen Jungen
ruhen der mir gegen über saß ward bald nachher seines ehrerbietigen
Stillschweigens müde und forderte ihn indem ich zugleich mit Verwunderung nach
meiner Uhr blickte endlich selbst auf mich von seiner Schwester zu
unterhalten Er schien nur auf meinen Befehl gewartet zu haben Ich erfuhr von
ihm dass er das Haus in den großen Anstalten zu ihrer Hochzeitfeier verlassen
habe hörte es ohne merkliche Bewegung und indem mir mancher im Geschmack des
Ostade gelungener Zug seines Gemäldes ein gutmütiges Lächeln abnötigte rührte
es mich öfter noch durch die feinsten Züge die selbst ein Poussin zu seinen
arkadischen Bildern oder ein Berghem zu einem Stillleben nicht würde verschmäht
haben
    Nachdem ich die Kunst seiner Darstellung lange genug bewundert hatte und
mancher verstohlne Blick den ich mitunter dabei in mein Herz tat mich hoffen
ließ dass ich mich noch angenehmer mit mir selbst unterhalten würde drückte ich
meinen Hut um einen Zoll tiefer in die Augen und legte mich in die Ecke des
Wagens Bastians Takt war auch sein genug mich zu verstehen Er besah den
Aufschlag seines Rocks  blies eine Feder davon ab und schwieg Ungesucht legte
sich nun das Glück so vieler guten Seelen das ich mir aus dem Vorhergehenden
deutlich genug vorstellen konnte als der reichhaltigste Text meinen
Betrachtungen unter es stand samt allen seinen möglichen Folgen in einem so
sonderbaren Zusammenhange mit dem heillosen Schnupfen den mir die Bise zu Nimes
an die Nase warf dass ich nicht genug den Zufall bewundern konnte der so
heterogene Dinge zu vereinigen wusste um wie es mir vorkam durch den
systematischsten Gang von der Welt am Ende auch noch meine eigene Zufriedenheit
zu bewirken
    Ja wohl Eduard meine eigene Zufriedenheit denn ich ging hier nicht so
leer aus als Du dem ersten Ansehen nach wohl denken könntest Wolltest Du wohl
das wieder erlangte Vermögen  um ein Mädchen seufzen und den Glücklichen
beneiden zu können dem ihr Besitz zu Teil ward  für nichts achten Wie wäre
mir noch vor vier Wochen in Berlin so etwas eingefallen  Der ganze Hof von
dem Vornehmsten bis zum Geringsten hätte sich zwei und dreimal verheiraten
mögen  ich würde mich wenig um das Glück ihrer ersten Nächte bekümmert noch
weniger daran geglaubt oder nur Einen Augenblick gewünscht haben in ihrer Lage
zu sein Zu solchen menschlichen Wünschen gehört eine gewisse Spannkraft des
Herzens von der ich schon langeher keinen Begriff mehr hatte und ohne die doch
selbst ein Monarch  zwar groß und bewundert so viel Du willst  aber für seine
Person nie so glücklich sein wird als der Tagelöhner dem sie die Natur
vielleicht zur Entschädigung für alle andre ihm versagte Herrlichkeiten in
vollem Masse geschenkt hat In welchem wohltätigen Lichte musste mir also nicht
der Zufall erscheinen der mich zwar mit einer kranken Nase nach Kaverac
brachte mich nun aber dafür mit jenem männlichen Bewusstsein in die offene und
mädchenreiche Welt weiter schickte Diesen schnellen Übergang von Kleinmut zu
einem edlen Selbstvertrauen das über den erschlafftesten Geist Wohlbehagen
verbreitet  wem habe ich es zu verdanken als allein dem mächtigen Zufalle
    »So sollst du mich denn du Freund aller der Weisen die ohne Anmassung ohne
Rechnung und Forderung ihr Leben durchschlendern auch fernerhin leiten« rief
ich andächtig aus stieß alle die überklugen Aussprüche die mir seine
Wirklichkeit verdächtig machten mit Gewalt von mir und fand ihn bei
zunehmendem Nachdenken auf allen Blättern der Menschengeschichte
unwiderleglich bewiesen Ich übersah den Umlauf irdischer Dinge  ihre Anlagen
ihre Absichten und ihren Erfolg in einigen ernsten Minuten Das Feuer der Ode
ergriff mich  Ich warf bedeutende Blicke bald auf das päpstliche Gebiet das
wie ein Ball des Ungefährs vor mir lag  bald auf Bastian der seine Augen von
dem Brande der meinigen wegwandte und zitterte Es flogen mir mehr Gedanken zu
als mein Gehirn auffassen konnte  Ich knetete nur die zusammen die sich am
nächsten wagten und überließ den übrigen Vorrat größeren Dichtern die wenn
sie wollen ihn zu einem dicken Gesangbuche von Klag und Trostliedern
verarbeiten mögen das auch wohl einmal  wer kann dafür stehen seine Gemeinde
findet »O du«  rief ich mit innerer Erschütterung aus die selbst wie ich
vermute meine Gesichtsmuskeln verzog denn Bastians Unruhe war nur zu
sichtbar und verriet nur zu sehr wie bange ihm in meiner Nähe sein mochte
Aber welcher Dichter der in der Begeisterung liegt bekümmert sich um das
staunende Gassen seines prosaischen Dieners 
»Du der auf unsrer Pilgerreise
Bald Blinde führst bald aus dem Gleise
Die Führer anderer verdrängst
Belasteten das Leitband ihrer Fesseln
Oft selbst im Riesenarm der Tyrannei zersprengst
Und einen Zaum non Nesseln
Ihr in die Fäuste hängst
So weit des Adlers Augen sehen
Vom Gottard zu den Pyrenäen
Vom Rhein bis an den Quell des Nils
Horcht die Natur nom Isop bis zur Zeder
Nur Dir und von dem Schwarm der nach dem Kranz des Ziels
Hinströmet dienet jeder
Zum Würfel Deines Spiels
Zwar nennen Dich die stolzen Buhlen
Des Sokrates auf hohen Schulen
Verwegner Phantasien Kind
Doch fühlen sie erschrocken Dich und heulen
Gebeugt von Deiner Kraft die Nächte durch und sind
Scheu wie Miuervens Eulen
Und Deinem Glanze blind
Sie scheun des Schöpfers Plan zu schelten
Dass er von Myriaden Welten
An Dich den Ball der unsern band
Begreifen nicht dass er nur seine Zügel
Zur Lehn Dir übertrug weil Ordnung und Bestand
Er diesem Todtenhügel
Nicht angemessen fand
Nein sie begreifens nicht und stellen
Den Sturz selbst ihrer Mitgesellen
Als Zweck zum Wohl des Ganzen dar
Des Staubes Sohn berechnet nicht wie eitel
Für ihn das Ganze sei und trotzend der Gefahr
Ruft er Von meiner Scheitel
Fällt ungezählt kein Haar
So opferten im Spiel der Lanzen
Sich Tausende dem Wohl des Ganzen
So wenig auch ihr Wahn gelang
Indes hältst Du den ein Lukrez erhoben
Und den non seinem Sitz kein Polignac verdrang4
In Ordnung unsern Globen
Und sein Gewirr im Gang
So wars nur Spielwerk Deiner Grillen
Was als Beweis vom höchsten Willen
Auf Welt und Nachwelt überging
So kam allein die komische Verkettung
Von Dir die unser Heil an einen Fischerring5
Und Galliens Errettung
An ein Paar Handschuh hing6
Ihr Seher steigt von eurem Sitze
Steigt wenn ihr könnt bis zu der Spitze
Wo menschliches Verhängnis schwebt
Wird nicht die Schnur der folgenreichen Stunden
Die auf dem Rad der Zeit sich zu entwickeln strebt
Vom Zufall aufgewunden
Vom Zufall abgewebt
Wer öffnete von allen Zwergen
Auf euren Warten Guttenbergen
Und Fausten der Erfindung Tor
Was auszuspähn kein Doktorwitz vermochte
Im Dickicht der Natur seit Seculn sich verlor
Bei guter Laune pochte
Sein Jagdspiess es hervor
Das Wild springt auf  und nun erst setzen
Ihm eure Jäger nach durchhetzen
Die weite Welt nach seinem Lauf
Sie fangen es sie satteln es sie führen
Es ohne Ruh und Rast zur Schau und zum Verlauf
Und rennen Tor und Türen
Zu seinem Einlass auf
Ihr Lärm von Trommeln und Posaunen
Treibt alle Messen neue Launen
Auf Guttenbergs Gefahr herbei
Ihr wütend Heer auf Faustens Mantel schwebet
Bis in das Feenland zum Thron der Schwärmerei
Selbst der Olymp erbebet
Von ihrem Jagdgeschrei
Kein Laut zufälliger Gedanken
Entfährt dem Mund ersteigt die Schranken
Der Nachwelt ohne Wiederklang
Kein Lied verhallt und wenn es auch in Nächten
Wollüstigen Tumults ein kranker König sang7
Es kürzet den Gerechten
Des Lebens Übergang
O Zufall freundlicher Erhalter
Des Lorborg den uns Neid und Alter
Gern von dem Haupte nimmt verleih
Auch mir den Schutz den Du dem hohen Sänger
Verliehst dass mein Gesang gleich seiner Litanei
Noch manchem Müßiggänger
Der Nachwelt heilig sei
Wie vieler Unsinn klug betitelt
Hätt es Dein Kompass nicht vermittelt
Schwämm unbemerkt im Strom der Nacht
Dir danken wir die Kunst den Schall zu malen
Du hast manch Quentchen Witz zu einer Zentnerfracht
Erhöht und Kern und Schalen
Der Schreibsucht flott gemacht
Gewohnt dem Grübler nachzuwandern
So weit ein Zirkel in den andern
Als über unsre Gränzen tritt
Sprichst Du ihm Hohn wenn er das Unsichtbare
In einer Tiefe sucht die noch kein Mensch beschritt
Und bringst dafür uns Ware
Die wir bedürfen mit
Der Propagande Jünger dringen
Für Gott mehr Ernten zu erringen
Bis in der Bonzen Heiligtum
Der Feind verdirbt zwar ihre frommen Saaten
Doch Du entschädigst sie Du schickst sie heim mit Ruhm
Mit Putern und Pataten
Ins Refektorium
Und Heidenkost strömt neuen Segen
Auf Länder die des Lichtes pflegen
Das aus der Offenbarung strahlt
Schmaust ein Prälat  seht ob nicht in der Mitte
Des christlichen Gelags das die Kommun bezahlt
Ein fetter Proselyte
Des Lands Kalkutta prahlt
So bringen selbst aus Deinen Schachten
Die Heiligen die Dich verachten
Beweise Deiner Huld an Bord
Europens Ruhm trägst Du nach China über
Führst uns Rhabarber zu getauscht um Gottes Wort
Und peitschest deutsche Fieber
Mit Perus Ruten fort
So trage denn o mein Begleiter
Und Freund auch meinen Schnupfen weiter
Nach Monomotapa zum Schach8
Dort feiert man der hohen Zirbeldrüsen
Getös kaum niest der Fürst so niest das Vorgemach
Bis an die Gränzen niesen
Ihm seine Sklaven nach
Doch ohne Nasen zu verhöhnen
Die Hof und Stadt und Land durchtönen
Wie viel hingst Du der meinen an
Hingst Du nicht ihr die jugendliche Runde
Die ich nicht ganz umsonst um Amors Zelt getan
Und die Vollendungsstunde
Der guten Margot dran
Und alle die Erobrungsplane
Die Amor dem zu ihrer Fahne
Geschwornen Fremdling überträgt 
Das falsche Kind Wie freundlich wie ermuntert
Gibt sie die Rosen Preis die ich so treu gehegt
Und die ihr Freund verwundert
Nun Blatt für Blatt zerlegt
Hört mich ihr Glücklichen Verirret
Euch nicht zu weit Der Zufall schwirret
Dem Traume nach der euch verzückt
Ach möglich dass auf eurem Schwanenbette
Zu rasche Lüsternheit ein Wesen niederdrückt
Das an des Schicksals Kette
Mehr als ein Glied verrückt
Doch möglich auch der Weihungsstille
Dass Merciers erhabene Grille
Mit in die Zukunft überschwimmt
Und dass vielleicht dies Kinderspiel das sausend
Mir jetzt das Ohr zerreißt den Gang des Wohllauts nimmt
Der zu dem Jahr Zweitausend
Vierhundert vierzig stimmt9
Und dass der nächsten Nacht entsprossen
Ein Keim fortwuchernd nur Genossen
Der Tugend all einander reiht
Alis deren Schoss zum Wohl der bessern Erde
Gott welch ein Traum der Genius gedeiht
Der einst der Menschenherde
Das höchste Gut verleiht
Wohlanl so folg ich Deinen Zügeln
Gutwillig Du den auszuklügeln
Selbst Meistern nicht vom Stuhl gelingt
Weil doch der Weg zum wahren Menschenglücke
Den oft ein Magus zeigt der selbst die Hände ringt
Uns eher an die Krücke
Als an die Scheibe bringt
    Nichts ist doch geschickter uns sanft über einen lästigen Zeitraum zu heben
als der Bau einer Ode Ich hatte meine Station so unbemerkt zurück gelegt dass
mich die ausgezackten Mauern von Avignon mitten in meinem hoch tönenden Gesange
wie ein Epigramm überraschten das den ernsten Gang eines Heldengedichts
unterbricht und uns zum Lachen bewegt Kaum hatte ich noch Zeit meinem
Feentempel den Schlussstein aufzusetzen als ich mich schon mitten auf dem Markte
befand Doch konnte mich das Geräusch das mir von allen Ecken her zuströmte so
wenig in meiner fortschreitenden Andacht stören dass ich vielmehr um sogleich
von der frommen Sorglosigkeit zu der mich meine Hymne gestärkt hatte Gebrauch
zu machen und noch ehe ich den schmutzigen Gasthof betrat vor welchem ich
ausstieg meinen Bastian abfertigte mir in der Stadt irgendwo auf gut Glück
eine Wohnung zu suchen
    Ich hätte dem Zufall auf keine tätigere Art mein unbegrünztes Zutrauen
beweisen können als dass ich die bedenkliche Wahl meines Quartiers einem jungen
Flüchtlinge überließ der nur seit wenig Stunden in meinen Diensten stand
meinen Geschmack nicht kannte und die erste Probe des seinigen in einer ihm
ganz fremden Stadt ablegen sollte  in einer Stadt wo der Vorzug den man einer
von den vier Klassen ihrer Einwohner gibt seine eigene Gefahr hat und wo es
nicht gleichgültig ist ob man sich bei einem Orangenhändler bei einem Juden
neben einem geistlichen Herrn oder bei einer Seidenspinnerin einmietet
    Ich machte unterdes einen Spaziergang nach der Burg des Legaten die wie
fast alle PrälatenSchlösser ihre demütige Lage auf dem höchsten Flecke der
Stadt hat Der Hausknecht der mich dahin führte schwatzte mir unterwegs viel
von einem dort befindlichen offenen Platze vor auf welchem man das ganze
päpstliche Gebiet übersehen könne Ich nahm seine Versicherung in dem
eingeschränktesten Sinne den er vermutlich nur darein legen wollte und fand
daher die Ansicht der herrlichen Gegend die wie ein ausgebreitetes großes
Gemälde da lag für mein leibliches Auge so erquickend als ein Ermüdeter nur
wünschen kann Auf diesem schönen vorplatze des geistlichen Palats soll zu
Zeiten ein gewaltiger Zugwind herrschen der über die französische Gränze
herkommt und dem Legaten der nie viel Gutes von daher erwartet oft den Atem
versetzt Heute zu meinem Vergnügen ruhte er in dem Abendglanze der Sonne die
gerade über ihm stand als ob sie meiner erwartete Mit welcher Freundlichkeit
begrüßte sie hier den ersten Tag des Jahres den sie höchstens nur matt bei Euch
überschwimmert O Ihr armen erfrornen Berliner Wie glücklich fühlte ich Mich
in diesem warmen Augenblicke gegen Euch da ich an den beschwerlichen Kreislauf
zurück dachte in welchem Euch das neue Jahr zu dem albernsten Vertausche
abgenützter Wünsche herumtreibt die Ihr mit etstarrender Zunge einander feil
bietet während dass ich mich im Sonnenscheine gleichsam badete und nur in
Gedanken fror wenn ich mich unter die Sonne meiner heimat versetzte Wahrlich
es scheint nicht dieselbe zu sein  so unvergleichbar ist sie sich selbst in
dieser Verschiedenheit
Als hätt ein Vorgefühl der Freude
Dies Inkarnat ihr angeweht
Dritt sie hier auf in ihrem Sonntagskleide
Stolz wie ein Bräutigam aus seiner Kammer geht
Da sie bei Gott im Dunstkreis Eues Landes
Kalt abgezehrt und ausgebleicht
Wie ein Skelet des Ehestandes
Am Horizont vorüber schleicht
    Ich stand lange ganz unbeweglich auf diesem Sonnenplatze sog ihre
wohltätigen Strahlen ein wie die Säule des Memnon und dass ich auch nicht ohne
Klang war zeigt Dir die Harmonie meiner Rede
    Bastian war mir schon eine Weile unter die Augen getreten aber ich blinzte
in das majestätische Licht und er musste mich anreden um mir seine Gegenwart
bekannt zu mache« »Wollten Sie wohl« lispelte er mir endlich zu »einen Ihrer
feurigen Blicke auf die Wohnung werfen die ich Ihnen ausgemacht habe« 
    »So mein Herr Abgesandter« erwiderte ich »ich höre du bist wieder
zurück denn sehen kann ich dich durchaus nicht«  Wirklich war ich in diesem
Augenblicke in so hohem Grade geblendet dass ich glaube Paulus und Schwedenburg
haben nur einige Minuten länger in die Sonne gesehen um jene unaussprechlichen
Dinge zu entdecken die unsere gemeine Vorstellungskraft so weit übersteigen
    »Ich hoffe« fuhr Bastian fort »das Quartier wird Ihnen gefallen wenn Sie
nur Ihres Gesichts erst wieder mächtig sind  Wie Sie suchen mich ja auf der
Gegenseite  Sehen Sie mich denn noch nicht Mein Gott wie Angst machen Sie
mir Ach mein Herr mit der hiesigen Sonne ist nicht zu spassen« 
    »O mit der hiesigen habe ich es auch nicht getan mein lieber Bastian«
antwortete ich und rieb mir die Augen »wenn mir die Berliner Sonne nur nichts
nachträgt Doch führe mich in meine Miete denn meine Blindheit Gott sei Dank
fängt an zu vergehen« 
    »Der Weg dahin ist nicht weit« fuhr Bastian nun in seinem Hauptberichte
fort indem er stolz auf seine gute Verrichtung ziemlich anmasslich neben mir
hertrabte »Sie werden das Quartier gewiss lieb gewinnen denn zufälliger Weise
liegt es an der Mittagsseite Ein helles freundliches Haus  eine schöne bequeme
Stiege die in einen großen Vorsaal führt wovon Sie in ein weitläuftiges Zimmer
treten an das eine Kammer mit dem artigsten Bette und an diese wieder ein
Verschlag stößt der eine kleine Bibliothek enthält Unter dem Spiegel in dem
Hauptgemache ein schlafender Amor von Marmor  und Rousseaus Büste von Gyps
gegen über auf dem Gesimse des Kamms  und das alles mein Herr in dem ersten
Stockwerke Aber das Beste kommt noch Sie sind so lange es Ihnen gefällt da
zu wohnen Herr allein im Hause denn es gehört einer toten Hand zu  dem
Hospitale der Probstei dem eine andächtige Seele die Einkünfte davon vermacht
hat Ein einzelnes altes Weib die man für nichts rechnen kann ist auf der
Seite der großen Stube Ihre Nachbarin aber wie hier durch die Mauer so auch
auf dem gemeinschaftlichen Vorsaale ganz von Ihnen geschieden Das Weib ist aus
der Kommun des Hospitals genommen und in dies Haus gesetzt um es in Aufsicht
und Beschluss zu halten und sie macht ihrem Amte Ehre Zufällig traf ich es so
glücklich dass sie eben aus der Messe kam als ich vor ihrer Türe stand und
das logement à deux Louis par Sémaine nicht so recht herausbringen konnte denn
vermutlich ist das Haus schon für sich in zu gutem Rufe als dass es einer
leserlichen Aufschrift bedürfte«
    »Ich fand« fuhr mein geschwätziger Geschäftsträger fort »die Zimmer das
Geräte und die ganze Gelegenheit artig genug für einen einzelnen Herrn aber
den Mietzins bei alle dem zu hoch Doch konnte ich es nicht über das Herz
bringen dem alten Mütterchen ein geringeres Gebot zu tun da jeder Liard wie
sie mir sagte den das Haus abwirft unter Notleidende verteilt wird Dieser
Umstand dachte ich ist gewiss deinem guten Herrn mehr wert als die paar
Livres die er vielleicht zu viel bezahlt Doch das ist seine Sache der Handel
ist ja noch nicht so fest abgeschlossen dass es nicht bei ihm stände ihn fallen
zu lassen wenn ihm die Wohnung die Wirtin oder der Preis nicht gefällt«
    Ich habe Dir lieber Eduard das ganze umständliche Geschwätz meines
Gesandten hergesetzt weil es mich der Mühe überhebt Dir meine schöne Wohnung
selbst zu beschreiben Sie empfahl sich mir schon durch das zufälliger Weise
das Bastian einigemal so geschickt anbrachte als hätte er meine Ode gelesen
und ich hatte sie schon in Gedanken gemietet ehe ich mich noch mit eigenen
Augen überzeugte dass sie des Zinses wert sei den ich allenfalls darin hat
Bastian Recht nur als ein wöchentliches Almosen ansehen darf um ihn nicht zu
hoch zu finden
    Hätte mich etwas von dem Handel abschrecken können so wäre es wohl die alte
Ausgeberin gewesen bei der es beinahe unmöglich ist eine gute Absicht des
Zufalls zu vermuten Sie ist das wahre Gegenbild meiner vortrefflichen Wirtin
zu Kaverac für den Anblick sowohl als für das Herz Da ich nicht so gern
Runzeln male als Denner so scheide ich von ihrem Porträte selbst ohne näher zu
untersuchen ob sie des Criminis rugarum10 so schuldig sei als es leider das
Ansehen hat Fromm wie man es hier zu Lande nennt mag sie wohl sein denn sie
ist mit so viel Heiligenbildern Amuleten und Rosenkränzen behängt dass sie bei
der geringsten Bewegung wie ein Skelet im Zugwinde klappert Als sie mir mein
Stubengeräte zugleich mit dem Verzeichnisse davon übergab tat sie mir die
freundschaftliche Erklärung dass sie außer dem was sie mir hier zum Gebrauche
überließ sich weiter um keines meiner Bedürfnisse bekümmern könne und das ist
mir auch ganz recht Mit dem Anfange jeder Woche fuhr sie fort würde sie den
bedungenen Mietzins abholen nahm den jetzigen in Empfang und empfahl sich
meinem Gebete
    Ich untersuchte nun etwas genauer was mich umgab fand alles reinlich und
artig aber ohne Schmuck wenn ich den schlafenden Amor ausnehme der aus weißem
Marmor und wirklich schön gearbeitet ist Wie mag sich ein solches Kabinetsstück
in dieses Haus verirrt haben Ich begriff es nicht eher bis ich das Verzeichnis
nachschlug wo ich die Auflösung fand denn hier stand die Figur als ein
heiliger Engel mit dem Beisätze eingetragen dass er bei der ersten Besitzerin
des Hauses versetzt worden und ihr für aufgelaufene Zinsen verfallen sei Man
ist von Jugend auf an die Abweichungen der Künstler von dem Sprachgebrauche bei
dieser Art von Geschöpfen so gewöhnt dass ich überlaut lachen musste hier zum
erstenmale einen so decidirten männlichen Engel zu finden als seit ihrer
Entstehung noch keiner gemodelt und gemalt worden Wo muss die gute Frau ihre
Augen gehabt haben Ich glaube man brächte kein Mädchen mehr in die Kirche
wenn sie mit solchen Figuren umgeben wäre oder am Feste der Verkündigung vor so
einem Engel knieen sollte Indes da Freund Amor in diesem Hause dafür gilt so
mag er es so lange Gott will Woher mag nun aber in aller Welt dieser
konventionelle Verstoss der Künstler die uns diese Boten Gottes darstellen
wider die Analogie der Sprache wohl herrühren Er muss doch eine Ursache haben
aber wer weiß sie mir anzugeben Ich vertiefte mich umsonst in dieser
artistischen Untersuchung und selbst weit länger als es mir gut war denn ich
kann fast über nichts mehr kaltblütig nachdenken
    Die Büchersammlung vor der ich mich Anfangs am meisten fürchtete wird mir
hoffentlich kein Kopfweh verursachen Sie besteht so viel ich nach einem
flüchtigen Blick entdeckt habe in nichts als in teologischmoralischen
dialektischen und kasuistischen Abhandlungen und andern dergleichen
Meisterstücken des vorigen Jahrhunderts
    Sebastian wohnt eine Treppe höher steht aber durch einen Schellenzug in
gehöriger Verbindung mit seinem Herrn
    Ich dächte für meine stillen Absichten hätte der Zufall mir keine bequemere
Wohnung verschaffen können Scheint die Sonne die vier Wochen hindurch die ich
etwan hier zubringen werde mir immer so freundlich wie heute so wüsste ich in
der Tat nicht was meinen einfachen Gang nach Gesundheit und Seelenruhe stören
sollte Mein Aufenthalt in Avignon wird sonach lieber Eduard wie das immer der
Fall bei den wahrhaft glücklichen Epochen unsres Lebens ist einen ganz kleinen
Raum in meiner Geschichte einnehmen Wenn ich Dir nicht täglich aufs neue
erzählen will wie ich nach einem gesunden Schlaf einer mäßigen Mahlzeit müde
von meinem einsamen Spaziergange nach Hause komme um den folgenden Tag
denselben Zirkel zu wiederholen so begreife ich wahrlich nicht wovon ich Dich
unterhalten soll Bei einem Leser wie Du mir bist Eduard sollte mir das zwar
nicht schaden Du dürftest mich nur desto gesunder klüger zufriedener und
desto näher am Ziele meiner Reise denken je mehr mein Tagebuch an Interesse
abnimmt aber bei aller Deiner Teilnähme mein guter Freund fürchte ich wird
es Dir dennoch um nichts merkwürdiger vorkommen Schreiber und Leser stehen gar
zu leicht in Ansehung ihrer Empfindung im umgekehrten Verhältnisse zu einander
Was dem ersten behagt ist leicht dem zweiten zuwider Ihr wollt immer nur euren
Robinson mit Wetter und Wellen im Streite sehen  Je trauriger und gefahrvoller
seine Lage wird desto anziehender kommt sie euch vor Wehe ihm aber wenn er
nun Land gewonnen hat und sich einfallen lässt euch nun auch seine Ruhe nach
vollbrachter Arbeit und seine häusliche Glückseligkeit zu schildern  wenn er
endlich seine Amanda heiratet und von den großen Anlagen seiner Kleinen euch
vorplaudern will dazu habt ihr keine Ohren  ihr fangt an zu gähnen und
schlagt die langweiligen Blätter ohne Barmherzigkeit um Da bin ich nun zum
Beispiele diesen Nachmittag wieder auf meinem Sonnenplatze gewesen um meinen
Spinat recht gemächlich zu verdauen habe den Himmel ohne Wolken und die Sonne
sich so rosenrot zu ihrem Untergange neigen sehen dass ich mir morgen einen
gleich heitern Tag versprechen darf als der heutige war Das ist nun für mich
freilich sehr wichtig aber eben so gut fühle ich dasswenn Du nun diese
Merkwürdigkeiten ein paar Dutzend Male hinter einander wirst gelesen haben
Deine Ungeduld wohl gereizt werden dürfte mir Hagel und Frost auf den Hals zu
wünschen geschähe es auch nur aus Liebe zur Veränderung
    Nach dieser vorläufigen Erklärung eines schachmatten Schriftstellers bleibt
mir für heute nichts klügeres zu tun übrig als dass ich mein Bette suche um
die Stunde Schlaf zu ersetzen die ich mir diesen Morgen abbrach Du siehst
lieber Freund wie ich aufange alles in Ordnung zu halten
    Da stößt mir doch noch etwas so drolliges auf dass ich nicht umhin kann die
Feder wieder aufzunehmen und es Dir als eine Seltenheit des hiesigen Landes zu
erzählen Indem ich mich auskleide singt meine veraltete Nachbarin einen Psalm
ab der mir warm an das Herz geht so volltönend  so einschmeichelnd singt sie
ihn  Wie hätte ich ihr dies Talent zutrauen sollen Eine solche Stimme in dem
Munde einer Margot  bei allen Heiligen die Scheidewand sollte uns nicht lange
scheiden Indes wirst Du selbst gestehen dass es schon angenehmer ist unter dem
Gesang eines alten Weibes als unter ihrem hektischen Husten einzuschlafen wie
es leider manchem armen Sklaven von Manne geht der sich won seiner Gebieterin
nicht wegbetten darf
                                                                Den 2ten Januar
    Wenn die Eigentümer dieses Hauses in ihren Besitzungen so gut schlafen als
ihr Mietmann diese Nacht geruht hat so wollte ich zum Wohl der Menschen dass
sie deren recht viel hätten  so wollte ich manchem Großen der Erde dem seine
Sorgen sein Gewissen oder was es sonst ist keinen Schlaf verstatten wohl
raten sich in dies Hospital einzukaufen ich glaube und wäre es ein Sünder
wider alle zehn Gebote  er würde doch hier das Glück finden das ihm abgeht so
eine Kraft der Ruhe scheint an diesem Hause zu kleben Auch bin ich so gestärkt
an Leib und Seele erwacht dass ich um mein Feuer zu verteilen einen neuen
Lobgesang auf den freundschaftlichen Zufall dichten möchte der mir diese
heitere Wohnung verriet die alles gewährt was dem Aufenthalte eines
Philosophen angemessen sein kann Reinlichkeit Stille und jenen einfachen
Schmuck der aller sybaritischen Weichlichkeit allen Lockungen der
Leidenschaften eben so entgegen arbeitet als er mit dem Gefühle der
unschuldigen Natur und der Sittlichkeit in naher Verbindung steht
Wie versahs die Frömmigkeit
Dass sie diese stille Klause
In dem Gott geschenkten Hause
Der Philosophie geweiht
Und ob sie zum Hospitale
Manchen Weisen schon verwies
Ihn doch hier zum erstenmale
Freundlich bei ihr wohnen hieß
Wems behaget sich zum Jünger
Eines Plato zu kastein
Könnte dem ein Sittenzwinger
Wohl bequemer sein
Was vielleicht zur Ritterzeit
Reizung und Betrug entfaltet
Predigt mir jetzt missgestaltet
Nur den Trost der Sicherheit
Von Ihr an die Gottes Wunder
Mir zur Ehrenwache gab
Big zu dem gelehrten Plunder
Ihres Bücherschranks herab
Was die Sinne zu berücken
Sich die Phantasie erträumt
Hat dem geistigen Entzücken
Hier das Feld geräumt
Trümmer nächtlichen Gelags
Chinas nackte Schildereien
An der bunten Wand entweihen
Nicht die Lauterkeit des Tags
Statt des Götzen nach der Mode11
Überdeckt Minervens Schild
An dem Standort der Pagode
Des erhabenen Rousseau Bild
Meinem und Emilens Lehrer
Unterm ernsten Auge liegt
Fest in Schlaf der Friedensstörer
Juliens gewiegt
Auf mein Polster hingestreckt
Allem Weltgeräusch verborgen
Siehe wie zum frohsten Morgen
Mich der Strahl der Sonne weckt
Wie sie den bescheidenen Wänden
Ihren Glanz entgegen strahlt
Freundlich ohne mich zu blenden
Meinen Bogen übermalt
Möchten ihrem sanften Schimmer
Aehnlich  ungefärbt und rein
Auch die Ohrenbeichten immer
Deines Freundes sein
Gott welch ein Entzücken nimmt
Jetzt den Weg zu meiner Seele
Welcher Seraph hat die Kehle
Jener Heiligen gestimmt
Die auf Pergolesens Flügel
Ihren frommen Geist erhebt
Immer näher zu dem Hügel
Der Verklärten überschwebt
Zu der Glorie des Psalters
Assaphs ihre Stimme mischt
Alle Spuren ihres Alters
Von der Stirn gewischt
    Ich war so in Andacht versunken dass es mir höchst zuwider war als Bastian
der mir eben mein irdisches Frühstück brachte mich in diesem Feste der
Empfindung störte Wie hätte ich ihm ansehen können dass er solches noch
erhöhen ja selbst meinen leiblichen Augen das Wunder der Verklärung
versinnlichen sollte worüber er meinen Geist brütend antraf Ich hatte ihn kaum
aufmerksam auf das erstaunliche Talent unserer Wirtin gemacht so schlug er
seine Hände zusammen als ob er meine wenige Kenntnis in der Musik bemitleiden
wollte »O mein bester Herr« rief er aus »wie konnten Sie nur einen
Augenblick denken dass der zahnlose hässliche Rachen unserer Aufseherin diesen
Nachtigallenton hervor zu gurgeln geschickt sei Nein mein lieber Herr das
alte Weib hat einen Engel bei sich der ihr vorsingt Ich habe ihn hinter dem
Fenster stehen sehen und erschrak so sehr über seinen Anblick dass ich bald
Ihren Kaffee verschüttet hätte den ich über die Straße trug Ohne dass ich
geradezu behaupten will dass er vom Himmel gestiegen sei  denn das müsste in
einer mittelmäßigen Stadt wie Avignon schon mehreren Lärm machen  so
versichere ich Sie doch bei alledem dass es selbst Ihnen so schwer werden sollte
als mir es nicht zu glauben wenn Ihnen diese himmlische Figur eben so
unerwartet erschiene«
    Dieses entusiastische Lob eines Engels  denn der unter dem Spiegel machte
mich nicht irre  dieses Lob sage ich aus dem Munde eines Menschen der eine
Margot zur Schwester hat musste notwendig den Eindruck auf meine Seele machen
den Du Dir denken kannst Ich winkte ihm zu schweigen bekümmerte mich um kein
Frühstück setzte mich so nah als möglich an die Scheidewand und ließ nun meine
nüchterne Seele auf dem Strome der Harmonie wie eine Feder hin und her
schaukeln Ich glaubte in meinem Entzücken alle die Schönheiten zu hören die
mir zu sehen verwehrt waren  die gewölbte Brust  den kleinen mit Perlen
besetzten Mund  die liebevollen schmachtenden Augen  ja es kamen sogar Noten
vor bei denen ich auf die unverletzte Tugend hätte schwören wollen die mit der
Kehle eines Mädchens wie Du wissen wirst in so sonderbarer Verbindung steht
Meine Einbildungskraft die großer Gott noch vor einer Viertelstunde so ruhig
war geriet in Aufruhr Ich war heilfroh als der erschütternde Psalm zu Ende
war und ich nun den Empfindungen Luft machen konnte die sich indes in meiner
beklommenen Brust gehäuft hatten
    »Woher  um aller Barmherzigkeit willen mag diese reizende Sängerin in dies
einsame Haus kommen« kehrte ich mich gegen Bastian der während des Gesanges
sich mäuschenstill in den Bogen des Fensters gelehnt hatte »Das« antwortete er
seufzend »mag Gott und jener kleine verschobene Kerl von Buchhändler wissen
der uns gegen über wohnt  Der muss den Diskant so sehr lieben als Sie mein
Herr Sehen Sie nur wie verloren er da steht Blickt er nicht nach dem Fenster
des Engels wie ein Salamander der einen Kolibri belagert Er mein lieber
Herr möchte wohl am ersten Ihre Neugier befriedigen können« 
    »Wahrlich« rief ich aus »Du bist ein kluger Kerl Bastian Geschwind gib
mir meine Schuhe und meinen Frack Mit der Frisur kann es anstehen bis ich
zurück komme« Und so trabte ich denn bald darauf über die Gasse ohne an die
Warnung meines Jerom eher zu denken als bis ich mich schon mitten unter der mir
verbotensten Ware von allen befand
    Der Name des Mannes der hier den gelehrten Handlanger machte stand über
der Türe seines Ladens mit großen goldenen Buchstaben geschrieben und
verdiente es auch mehr als ein anderer Ein Streit der Großmut mit Voltairen
hatte mir ihn schon längst rühmlichst bekannt gemacht Es war mit Einem Worte
wo nicht der berühmte Herr Fez selbst doch wenigstens sein Sohn den ich hier
von der Natur zwar ein wenig gemisshandelt übrigens aber als einen sehr
gebildeten Mann kennen lernte Du wirst Dich erinnern dass ihm einst P Nonotte
eine Handschrift in Verlag gab die schon durch ihren Titel Les Erreurs de
Voltaire diesen wahrheitsliebenden Dichter auf das gröbste beleidigen musste
Aber Herr Fez  ehe er sie zum Druck beförderte schrieb höflich an ihn meldete
ihm den Vorgang und erbot sich gegen einen Ersatz von zwei tausend Livres das
anzügliche Werk zu unterdrücken Doch Voltaire wie Du ihn kennst viel zu edel
jemanden in Schaden zu setzen widerriet dem Buchhändler ernstlich sein
grossmütiges Opfer rechnete in seiner Antwort den außerordentlichen Gewinn ihm
gutmütig vor den er gegen eine so geringe Summe aufs Spiel setzen würde nahm
das höfliche Erbieten nicht an sondern bot sogar nachher seinen ganzen Witz
auf dem so wackeren Herrn Fez recht viele Abnehmer zu werben Diese Anekdote
schon verschafte ihm mein ganzes Zutrauen noch ehe es seine nähere
Bekanntschaft tat Er nötigte mich mit einer Freundlichkeit in seinen Laden
die nur bei jenen abgeschliffenen Menschen sich findet die immer in guter
Gesellschaft leben und zog sogleich als ob er mich seinen Freunden vorstellen
wollte ein paar Vorhänge zurück die mir eine ganze Wand der glänzendsten Werke
entdeckten Doch diesmal trug ich zu meinem Glücke ein Gegengift in mir das
mich gegen alle Gefahren der Literatur gegen die Verführung der Schreiber
aller Zeiten und Völker vollkommen fest machte
Ich ließ sie stehen wie jetzt nach einer matten
Durchs tote Meer der Bücherwelt
Gehaltnen Fahrt  ihr Schutzgeist sie den Schatten
Der Unbegrabnen beigesellt 
Der Größe nach die sie errungen hatten
In Reih und Gliedern aufgestellt
Sie die der Freude sich verweigert
Als noch die Sonne sie beschien
Um in Journalen ausgeschrien
Einmal verkauft zehnmal versteigert
Gespenstern gleich herum zu ziehen
Ich ließ sie stehen die aufgeblähten Werke
Geburten mancher kalten Nacht
Sammt dem Gefolg in Kindertracht
Des Zwerggeschlechts das ihre Riesenstärke
Mit flinker Hand in eine Nuss gebracht
Vergebens luden mich an ihres Tempels Toren
Minervens Schreier ein Ich schätzte den Gewinn
Den sie verheißen als verloren
Und hatt ich noch für eine Muse Sinn
So lag er mir wenn ich nicht irrig bin
Doch anderwärts als in den Ohren
    Ungeachtet dessen erwartete ich doch von der Dienstfertigkeit eines Mannes
der in so aufgeklärter Gesellschaft einer Sängerin gegen über wohnte zu viel
um nicht in meiner geringen Kenntnis der französischen Literatur Mittel
aufzusuchen mich seiner Freundschaft so viel als möglich zu versichern ohne
dass ich doch selbst etwas mehr als allenfalls ein paar verschleuderte Louisdor
dabei wagte
    Wie gut kam mir nicht jetzt eine und die andere langweilige Stunde zu
Statten die ich beim Durchlesen der Gazette ecclésiastique  des Journals von
Trevoux und anderer dergleichen berühmter Zeitschriften viel zu voreilig wie
ich nun wohl sah für verloren gehalten hatte Ich strengte mein Gedächtnis an
und forderte zu dem freudigen Erstaunen des Herrn Fez manche dort angepriesene
Schrift nach der seit ihrem Dasein wohl keinem vernünftigen Menschen noch
eingefallen sehen mochte zu fragen und versorgte mich zuletzt um mein Ansehen
bei ihm ganz zu befestigen mit einem Dutzend Exemplaren des belobten
Trauerspiels jenes glücklichen Dichters zu Nimes für mich und meine auswärtigen
Freunde
    Der Mann ward zusehends freundlicher je länger und tiefer er unter dem seit
Jahren angewachsenen Schutte nach diesen vergessenen Kleinodien suchen musste Er
konnte nicht aufhören die so seltenen Kenntnisse eines Ausländers in der
französischen Literatur  und meinen gebildeten Geschmack zu erheben und ich
dachte wahrlich er würde mich gar umarmen als ich ihm beiläufig vertraute dass
ich in der gelehrten Absicht reiste nach und nach alle die fliegenden Blätter
zu sammeln die ihrer Leichtigkeit ungeachtet so selten bis über die Gränzen
des Königreichs flögen
    »Ich opfere« sagte ich mit einer Treuherzigkeit die den Mann entzückte
»den größten Teil meiner Zeit den keuschen Musen suche deshalb immer den
berühmtesten Buchhändlern in der Nähe zu wohnen und habe auch hier wie Sie
sehen die stillste Wohnung bezogen die in Ihrer Nachbarschaft zu finden war
die alte Dame deren Mietmann ich bin wird mich sicher nicht in meinen Studien
stören« 
    »Das wohl nicht« fiel mir Herr Fez ins Wort »wenn es nur nicht ihre
Nichte tut die das alte Weib bei sich hat« 
    »So« antwortete ich ganz gelassen »eine Nichte«
    »Ja« erwiderte er laut seufzend »eine gewisse Klara Gott gebe Ihnen Ruhe
vor ihr Mich jagt sie allemal von meinen Rechnungen auf so oft in die Kirche
geläutet wird denn zu keiner andern Zeit ist sie mir sichtbar Eine wahre
Heilige und dabei  denken Sie mein Herr  erst fünfzehn Jahr alt Als Kind
schon soll ihr ein Marienbild lieber gewesen sein als alle andere Puppen
Schliessen Sie nun wie groß erst jetzt ihre Andacht für die Gebenedeite sein
mag da sie zu reifern Jahren gekommen Sie soll sagt man alle ihre Gliedmaßen
der Mutter Gottes geweiht haben und es ist zu glauben wenn man sie gehen sieht
so jungfräulich sind alle ihre Bewegungen Wollten Sie nur wenige Augenblicke
verziehen und Sich einstweilen in meinen Büchern umsehen so würden Sie Sich
mit eigenen Augen überzeugen wie groß die Gefahr Ihrer Wohnung sei Das Frühamt
bei den Minimen wird bald angehn und da muss sie ganz nahe bei meinem Laden
vorbei  da sollen Sie sehen mein Herr da sollen Sie erstaunen«
    Inzwischen nun Herr Fez nach Makulatur suchte um diejenige einzuschlagen
die ich gekauft hatte las ich die Zeit hinzubringen die Aufschriften seiner
Ballen und zählte gähnend die Bände der Encyklopädie Die Minimen ließ uns
nicht lange warten und kaum fingen ihre Glocken bei dem Einklange meines
ungeduldigen Herzens ihr Spiel an so warf der Buchhändler geschwind seinen
Plunder aus der Hand und »Kommen Sie mein Herr  hier  hierher  Lassen
Sie jetzt den Abbadie und den Bourdaloue stehen« schrie er mir zu und zog mich
mit Gewalt an die Tür seines Ladens Und in demselben Augenblicke erschien 
wie sich ein Frühlingstag an ein Sekulum schließt  Klara unter Voraustretung
der Alten Je näher sie meinen Augen kam je stiller und tiefgefühlter meine
Bewunderung ward desto schwatzhafter und lärmender ward Herr Fez in der
seinigen
    »Welch ein Gang« flüsterte er mir einmal über das andere ins Ohr »was das
für ein Wuchs ist und mit welcher natürlichen Bescheidenheit sie einher tritt
O über das herrliche Madonnengesichtchen So sanft und glänzend wie ein
Didotischer Druck und rein wie in Kupfer gestochen Ah sehen Sie nur wie
aller Augen auf ihre niedlichen Schritte geheftet sind indes sie nur in sich
gekehrt keinen Blick ausschickt der nicht Andacht und Ruhe der Seele verrät
Sie weiß es nicht  sie hat es nie gewusst wie alt und wie reizend sie ist«
»Gern wiederholt mein Herz die Klagen ihres bangen
Gefühls zur Zeit als ihr die Blumenhülsen sprangen
Ein Morgenlied bei Gott als ob sie fest geglaubt
Es hätten in der Nacht Hyänen oder Schlangen
Den reinen Körper angeschnaubt 
Doch warens Blüten nur die hier ein Schleifchen zwangen
Dort einen leeren Raum verdrangen
Nur Primeln die vielleicht zum Teil nun abgestaubt
Erstorben sind und heim gegangen
Ach rechnete sie nach wie viel auf ihren Wangen
Andächtelei uns Ernten schon geraubt
Begriffe sie nur einmal welch Verlangen
Uns quält wenn sie das Glück an ihrem Hals zu hangen
Nur einem Todtenbein erlaubt
Sie ringt nur um ein Loos das viele wohl errangen
Die nicht so rein die Metten sangen
Wünscht sich mit Einem Wort bald Strahlen um das Haupt
Denn eher hofft sie nicht  das nenn ich unbefangen 
Von einem Pater angeschraubt
In einem Klostergang zu prangen«
    »Das mein Herr« fuhr Herr Fez fort »ist ihre einzige Sorge und es ist
abscheulich dass ihre alte Tante ihr solche kindische Einfälle nicht ausredet
und keine gutherzige Seele zu ihr lässt die ihr den Verstand öffnen könnte Aber
mein bester Herr« indem er sich nach mir kehrte ohne darum vor eigener allzu
großer Bewegung die meinige zu bemerken so schlecht ich sie auch verbarg »Sie
sagen ja kein Wort Wie wünsche ich Ihnen Glück zu der Ruhe Ihres Temperaments
Sie müssen es notwendig in der Gelehrsamkeit hoch bringen da solch eine
Erscheinung Sie nicht einmal zerstreuen kann So gut wird es mir leider nicht
Die Stunden die das liebe Mädchen in der Kirche bleibt sind auch für mich
verloren  ich kann an nichts denken als an den süßen Augenblick wo sie wieder
zurück kommen wird und dann sehne ich mich gleich wieder auf ihren nächsten
Kirchgang In der Länge muss mein Handel darüber zu Grunde gehen  das sehe ich
zum voraus aber ich kann  wahrlich ich kann mir nicht helfen«
    Ich hatte nicht das Herz über den guten Mann zu spotten da mir für meinen
eigenen Verstand nur zu bange war doch fand ich auch keinen sonderlichen Beruf
über den Text meiner geheimen Empfindungen einen andern predigen zu hören als
mich Ich bezahlte also dem Herrn Fez seine Makulatur ließ sie nach meiner
Wohnung tragen und zitterte so ängstlich hinter drein als ob ich sie auch
lesen müsste Ich übergab meinem Bastian den ganzen Ankauf zu beliebigem
Verbrauch ohne dass es mir nur einfiel wie unmanierlich ich mich gegen
Schriftsteller betrüge denen ich doch im Grunde Dienste verdanke die mir der
gesuchteste  der geschätzteste Autor nicht halb so gut würde erwiesen haben
Die schnelle aufbrausende plaudernde Freundschaft des guten Fez an der mir so
viel gelegen war ist ihr Werk Ihnen verdanke ich das belohnende Anschauen der
liebenswürdigsten Heiligen und alle die unnennbaren frohen Empfindungen die es
mir zurück ließ und ich glaube dass selbst der strenge Jerom sie bei den
kleinen Diensten für unschädlich erklären würde zu denen ich sie gegenwärtig
noch aufhebe So sehr lieber Eduard kommt alles auf Zeit und Umstände an und
mein Freund der Zufall kann uns in so unglaublich sonderbare Verhältnisse
verwickeln wo uns Lünichs Reden großer Herren  wichtiger als ein Plutarch und
Lucian und Masius Schriften auf weichem Druckpapier brauchbarer werden können,
als der schönste Kodex auf Pergament
    Da ich bei den Minimen keinen Bescheid wusste so blieb mir nichts übrig als
meinen Stuhl an das Fenster zu rücken und während mir Bastian das Haar in
Locken schlug mit pochendem Herzen die Zurückkunft der Psalmistin zu erwarten
Die letzte Stufe auf die ich sie vorhin in die Halle treten sah zog jetzt
meine Blicke wie auf einen Brennpunkt zusammen Ich bot alle meine Geduld auf
mir beizustehen und sah dennoch immer eine Sekunde um die andere fluchend
nach meiner zu langsamen Uhr »Wird sie denn ewig in der Kirche bleiben«
murmelte ich und ließ mir angst werden die Minimen möchten sie wohl ohne sich
an den Mangel ihres Nimbus zu kehren schon jetzt mit der ausgezeichneten Ehre
überraschen nach der das gute unbefangene Kind fast atemlos hinstrebt Aber in
diesem Augenblicke erlebte ich die Freude  dass die Türe der Halle sich
öffnete erst andere gestärkte Seelen dann die Alte und zwei Schritte hinter
derselben auch nun Sie die Erwartete in ihrem ganzen Engelsschmucke
heraustrat
    War mirs doch als ob sie mir geschenkt würde so bald ich sie nur außer
dem Kloster sah Ich zählte jeden ihrer kleinen Schritte über die Gasse Aber
mit dem letzten den sie in das Haus setzte trat auch ich aus meinem Zimmer
mit Hut und Stock um nicht das Ansehen zu haben als ob es ihrer schönen Augen
wegen geschähe
    Wir begegneten einander auf der Mitte der Treppe  Ehrerbietig stellte ich
mich seitwärts  Die Alte erwiderte mir mit grämlichem Ernst meinen Gruß der
ihr auch am wenigsten galt und wie schielte ihr gelbes Auge auf die bescheidene
Verbeugung die ich von ihrer Nichte erhielt als sie in dem Anstand einer
Novice bei mir vorbei zog
    Nun erst kann ich sagen Eduard dass ich sie gesehen habe denn wohl zwei
Sekunden habe ich mit ihr auf Einer Stufe gestanden O ich würde mich brüsten
wie ein Apelles wenn ich Dir die ganze Lieblichkeit alle die Grazien ihrer
NymphenGestalt alle die schönen Formen die ich aus jedem Falkenschlag ihres
Florkleides mir abzog so anschaulich darstellen könnte dass Du weiter nicht
nötig hättest mich über den Eindruck abzuhören den dieser vereinte Reichtum
von Schönheit auf meine Sinnlichkeit machte Komm  ich bitte Dich  dem
Unvermögen meiner Sprache mit Deiner schwelgenden Einbildungskraft zu Hilfe
Hole Dir aus den Werkstätten der Künstler ein Bild der Liebe modele so lange
daran bis Du Deine Vorstellung so erhöht hast dass Du nicht ohne Widerwillen an
ein andres sterbliches Mädchen denken kannst und schließe dann aus dem blumigen
Irrgange den Deine Wünsche einschlagen auf das Hinstreben der meinigen
Nur hole nicht aus Winklers Kabinette
Der Venus Busenbild von Cignianis Hand
So göttlich schön es ist so setzt es doch ich wette
Kein wahres Männerherz in Brand
Ein Kopf des Boileau des Racine
Ist freilich uns genug Was hier das Aug entbehrt
Ob das auch einen Blick verdiene
Ist keiner Untersuchuug wert
Sieht man nicht klar genug in jenes Satyrs Miene
Den Autor der Pücell erklärt
Doch wer bleibt wohl dems nicht gelüste
Der Fülle der Natur, so weit die Kraft zu sehen
Die Augen spannet nachzugehn 
Wer bleibt gelassen bei der Büste
Der winkenden Cytere stehen
Sie winkt  allein wohin  Unb da fällt erst der Fehler
Des Künstlers Dir aufs Herz sein Stückwerk unterbricht
Den wärmsten Trieb der Übersicht
Der Blöde der es schuf begriff den Wert der Täler
In einem heißen Klima nicht
    Es ging mir schwer ein die Treppe vollends herab zu steigen wie ich doch
Schande halber wohl tun musste aber was sollte ich nun erst mit mir anfangen
als ich mich der Richtung meiner Wünsche ganz entgegen auf der staubigen Gasse
befand Ideen von der Art wie sie jetzt auf mich los stürmten verlangen
beinahe eine gleiche Abgezogenheit der Seele als die Träume der Metaphysik und
da ich mich doch nicht wohl auf einen Eckstein setzen und den Finger auf der
Nase nach Klärchens Fenster hinstaunen konnte wie ich unstreitig am liebsten
getan hätte so musste ich mir wohl die erste beste Zerstreuung gefallen lassen
die sich mir darbot Ich erinnerte mich zum Glücke eines Empfehlungsschreibens
in meiner Brieftasche das mir der gute Bischof von Nimes als ich ihn das
letztemal sah an einen hiesigen Domherrn von seiner Bekanntschaft Namens
Ducliquet mitgab Das brachte mich endlich vom Platze und versetzte mich mit
aller der Fülle meiner weltlichen Schwärmereien in das Studierzimmer eines
geistlichen Herrn
    Ich habe in meinem Leben angenehmere Bestellungen gehabt das kann ich Dir
sagen Der Himmel weiß in was für einem Gedankenkram ich den ehrlichen Mann
stören mochte aber hätte ich ihn auch in flagranti überrascht verlegener hätte
er sich kaum betragen können Gleich nach dem ersten steifen Komplimente das
unsere Bekanntschaft eröffnete sahen wir es gegenseitig uns an dass Gott gewiss
keinen zur Unterhaltung des andern geschaffen hätte und über der Sorge unsere
erste Unterredung so geschickt einzuleiten dass es zeitlebens keiner weiter
bedürfe  konnten wir nicht dazu kommen sie anzufangen Ihm glückte es indes
eher noch als mir diese alberne Stille zu unterbrechen Das morgen kommende
Fest der heiligen Genoveva löste ihm die Zunge und gab sogar zu einem Gespräche
Anlass von dem ich mir nie hätte träumen lassen dass es am Ende noch so
belehrend für mich ausfallen würde Er bürstete erst ein paarmal mit der flachen
Hand seinen Ärmel dann tat es ihm sehr leid dass er heute so ganz außer
Stande sei einem so lieben und gut empfohlnen Fremden die geringste Höflichkeit
zu erzeigen dann freute er sich wieder dass er hoffen könne morgen alles desto
reichlicher wieder gut zu machen
    Das gab mir einen Stich ins Herz Du weißt lieber Eduard dass ich nichts
so sehr hasse als ein großes vorbereitetes Mittagsmahl das ich nach der
Wendung die sein Gespräch nahm schon so gut als aufgetischt sah  Gewiss ist
morgen Markttag sagte ich zu mir und da wirst du wieder einmal zu Mittage
alles das ausgelegt finden woran du dir des Morgens schon deinen Ekel ersehen
hast Ich ging also geschwind dem guten Manne mit der Versicherung entgegen dass
ich meine Gesundheit sehr schonen und es ernstlich verbitten müsste sich
meinetwegen in die geringsten Unkosten zu stecken  und berief mich auf den
redenden Beweis meines blassen Gesichts Aber das half mir nichts  »Nein«
erhob er seine Stimme »Sie dürfen meine Einladung nicht ausschlagen  Ich will
Sie morgen selbst  es macht mir ein gar zu großes Vergnügen  bei guter Zeit
zu  dem prächtigen Hochamte abholen das der heiligen Genoveva zu Ehren in der
Domkirche gehalten wird und ich werde Ihnen verlassen Sie Sich auf mich einen
guten Platz verschaffen«
    War mirs doch jetzt auf einmal so leicht ums Herz als ob ich das
ängstliche Diner wirklich verdaut hätte das doch dem wackeren Domherrn gar nicht
in den Sinn gekommen war mir zu geben Es geschieht mir zuweilen dass ich danke
und den Hut abziehe ehe ich gegrüßt werde und es macht mich immer heimlich
lachen Jetzt konnte ich meinem Manne schon ruhiger zuhören
    »Wenn Sie mich« fuhr er fort »heute in meinem Alltagsrocke überrascht
haben so sollen Sie mich morgen dafür im Purpur sehen den das hiesige Kapitel
wie Sie aus der Geschichte wissen werden mit den Kardinälen und Königen gemein
hat«
    »Ist nicht sonst noch ein Spektakel hier« fragte ich in der albernsten
Zerstreuung die aber dem guten Manne nicht im mindesten auffiel  »Nein«
antwortete er »vor dem Feste der heiligen drei Könige nicht das in unserm
Lande den sechsten dieses gefeiert wird«
    »Auch in dem meinigen« antwortete ich gähnend »Aber hochwürdiger Herr«
fragte ich weiter weil es mir nicht länger möglich war das schlaffe Gespräch
fortzusetzen ohne wenigstens meinem Ohre mit dem Klange jenes süßen Namens zu
schmeicheln den mir die Liebe in das Herz geschrieben hatte »ist denn nicht
auch ein Hochamt für die heilige Klara gestiftet die nach meinem Gefühle so
viel Anbetung verdient als vielleicht keine andere«
    »Da haben Sie Recht mein Herr« fiel mir der Domherr mit einer Hitze ins
Wort die mich beinahe erschreckt hätte »Ihr Fest fällt auf den achtzehnten
August und wird wie billig unter unsere vornehmsten gerechnet Klara von
Falkenstein«  jetzt merkte ich erst wie schief er mir wieder antwortete  »hat
in einer Reliquie der christlichen Kirche eine Erbschaft hinterlassen die der
Höchsten Verehrung wert ist  Kleinodien von dem wunderbarsten Gehalt und
durch die uns Gott selbst das Geheimnis der heiligen Dreifaltigkeit versinnlicht
hat«
    Diese Nachricht überraschte mich so dass ich dem Manne der sie mir gab mit
einer Art von Misstrauen in das Gesicht blickte Da ich aber nicht die
entfernteste Spur von Zerrüttung des Gehirns darin wahrnahm so erkundigte ich
mich mit zunehmender Verwunderung nach der eigentlichen Beschaffenheit dieses
schweren Beweises Sogleich langte er ohne die mindeste Verlegenheit nach einem
beschmutzten Quartanten schlug die Beweisstelle auf und las sie mit
patetischer Stimme vor
    »In der SV Blase der heiligen Klara de monte falcone« las er »fand man
drei runde Steine von der Größe einer Nuss von gleichem Umfange gleicher Farbe
und gleichem Gewichte Wenn man Einen dieser Steine auf die eine Wagschale und
auf die andere die zwei übrigen legte so hat der Eine so viel als beide
gewogen hat man dann in jede Schale nur Einen gelegt so haben sie abermals
gleiches Gewicht gehabt daraus denn klärlich abzunehmen wie tief bei ihr das
Geheimnis der heiligen Dreifaltigkeit eingedrückt war welche einig im Wesen
dreifaltig in Personen und deren keine weder größer noch älter noch mächtiger
ist als die andere«
    Ich ward als ich ihm zuhörte beinahe so ernstaft als er »Um Vergebung«
fragte ich ihn jetzt »hat denn dieser Autor der so bestimmt spricht auch
diejenige Glaubwürdigkeit die« 
    »Wie mein Herr« fiel er mir hitzig ein und schlug das Titelblatt auf »Es
ist ja sehen Sie die verbesserte Legende Pater Martins von Kochim vor zehn
Jahren ungefähr 1779 gedruckt Dieses vortreffliche Buch trägt den Stempel der
Wahrheit wie die Bibel denn sehen Sie hier steht auch die Censur und die
Approbation der Sorbonne«
    Der Domherr freute sich wie ein Kind über mein sichtbares Erstaunen Um es
zu erhöhen war er im Begriff mir noch ältere Schriftsteller vorzulegen die
dieses Wunders Erwähnung tun und es als Augenzeugen bestätigen Ich verbat es
jedoch nahm mir nur noch so viel Zeit die Blattseite dieser merkwürdigen
Stelle in meiner Schreibtafel aufzuzeichnen um bei Gelegenheit unsern Kant
damit in die Enge zu treiben Das Buch selbst findet sich ja wohl in der
königlichen Bibliothek oder doch gewiss bei einem unserer Konsistorialen und da
ohnehin über dieses belehrende Gespräch der Mittag unvermerkt herbei gerückt
war so begnügte ich mich um so viel eher mit dieser Seelenspeise aus der
Vorratskammer des Domherrn und empfahl mich
    Dieser für meine Kenntnisse zwar nicht gleichgültige für mein Herz aber
desto ermüdendere Besuch war indes nur eine Kleinigkeit gegen den Verdruss der
meiner zu Hause wartete Schon zehn höllische Stunden würge ich daran und sehe
mich jetzt um alle die metaphysischen Freuden gebracht die ich mir für diesen
Abend aufhob
    Höre nur lieber Eduard Ungefähr hundert Schritte sah ich als ich das
Haus des Domherrn verließ einen ungleich jungern und stattlichern Geistlichen
als jener war vor mir hergehen gab jedoch nicht eher Acht auf ihn als bis er
sich durch den Umstand nur zu bemerklich machte dass er ganz meinen Weg nahm
sich zuweilen nach mir umsah und gerade die genannten hundert Schritte eher
eintraf als ich denn als ich mein Zimmer erreichte saß er bei Klärchen schon
fest
    Dass ein geistlicher Herr eine angehende Heilige besucht ist in der Ordnung
dass er aber vom Mittag an bis in die sinkende Nacht bei ihr verweilt  die
Scheidewand nicht einmal das fröhliche Geschwätz das laute Lachen und die
bedenkliche Stille die von Zeit zu Zeit nachfolgt von meinem lauschenden Ohre
abhalten kann und dass ich jetzt ohne Psalm schlafen gehen muss scheint mir eine
offenbare Verletzung der guten Sitten ein verpönter Eingriff in meine Rechte
auf Ruhe und Hausfrieden zu sein die mir nach meinem Mietkontrakte gebühren
Kurz es ist unverantwortlich
                                                                Den 3ten Januar
    Die Ungeduld über den lärmenden Geistlichen auf dessen Abzug aus meiner
Nachbarschaft ich gestern Abends nicht länger warten mochte brachte mich auch
noch die halbe Nacht um meinen ruhigen Schlaf Darüber verrückte sich meine
ganze Lebensordnung Ob sie diesen Morgen gesungen hat mag Gott wissen denn
ich erwachte weit später als gewöhnlich und hatte kaum meine Nachtmütze vom
Kopfe geschleudert als mir auch schon der Domherr seinen gestern angekündigten
Gegenbesuch abstattete Wäre ich nicht schon so ziemlich mit ihm bekannt
gewesen so würde es mich vermutlich noch mehr als es tat außer Fassung
gesetzt haben einen Mann im Purpur bei meinem petit Lever zu sehen so aber
hatte ich statt aller Entschuldigung nur nötig den Kontrast unsers Aufzuges
recht hell ins Licht zu setzen um seine Selbstzufriedenheit so lange zu
beschäftigen bis ich angekleidet und zu seinem Befehle war
    Wir schlenderten nun zusammen in die Kirche Ich bekam einen sehr guten
Platz wenn nur das Stück besser gewesen wäre das man aufführte Es wurde mir
eine freie Seitenloge neben der Hauptloge des Kapitels angewiesen Hier stand
ich in mich gekehrt unter der beständigen Abwechselung heiliger Gebräuche die
mir jedoch zu fremd waren als dass sie auf meine Andacht wirken konnten
Überhaupt war wohl von den mancherlei Vorzügen mit denen ich mich in meinem
Leben dann und wann beehrt sah schwerlich einer so übel auf meine Verhältnisse
berechnet gewesen als die Höflichkeit die mir der Domherr zu erzeigen glaubte
Mein Missbehagen wuchs mit jeder Minute und war eben in dem Augenblicke aufs
höchste gestiegen als der dienende Geistliche am Hauptaltar das Venerabile in
die Höhe hob und die ganze Versammlung mit einem Getöse zur Erde niederfiel
das meine längst verlorne Aufmerksamkeit wieder herbei zog War ich nun gleich
der Einzige der ruhig in seiner ersten Stellung blieb so war ich es doch nicht
auf lange Die PseudoKardinäle denjenigen nicht ausgenommen der mich hierher
verlockt hatte winkten mir mit so ernsten mürrischen Blicken zu dass ich aus
Furcht vor einer Kirchenstrafe geschwind ihrer Weisung folgte und indem ich
meine Kniee beugen wollte aus Mangel an Übung mit beiden Füßen auf den harten
Marmor hingleitete Ich hätte den Schmerz für etwas Verdienstliches halten
müssen wie ein Bramine oder ein Büssender wenn diese Erschütterung eine nur
leidlich wohltätige Wirkung auf mich hätte hervorbringen sollen da ich keines
von beiden war folgte ich meiner natürlichen Empfindung rieb mir die Kniee
und fluchte so lange heimlich über das Bittere und Lächerliche eines erzwungenen
Gottesdienstes bis ich da die Versammlung sich nach geendigter Zeremonie
wieder erhob und nun Chor und Gemeinde ihren hoch tönenden Gesang anstimmten
der Gelegenheit wahrnahm meinem innern Verdrusse Luft zu machen
Aus Andachtsspott das Wort ist neu
So alt die Sach auch ist im päpstlichen Gebiete
Mischt ich dreust ihrer Litanei
Ein deutsches Epigramm von unserm Luther bei
Und sang »Uns fernerhin behüte
Vor Papsts Lehr und Abgötterei«
Das sang ich laut im päpstlichen Gebiete
Nach wohlbekannter Melodei
    So verrichtete ich im Angesichte des ganzen Kapitels und in seiner eigenen
Kirche meine Andacht nach Grundsätzen meiner Religion und ging nach diesem
Simultaneo und ohnedem Domherrn für erwiesene Ehre zu danken gerächt und
fröhlichen Mutes meinem Mittagsmahle entgegen
    Diese gute Laune nahm zu so bald ich mich wieder in Klärchens Nähe befand
Der Enthusiasmus für ihre übermenschliche Tugend mit dem mich mein Freund der
Buchhändler auf eine Weile angesteckt hatte war zwar seit gestern Abend auf
und davon er hatte mir aber seine Stätte noch immer warm genug zurück gelassen
um eine andere Art von Gefühl das obgleich nicht so uneigennützig doch darum
nicht minder angenehm war leidlich genug zu beherbergen Doch war ich
entschlossen ihm nicht eher Raum zu geben bis ich vorerst Herrn Fez über
einige Artikel verhört hätte die das wahre Verhältnis betrafen worin
vielleicht der geistliche Herr mit der kleinen Heiligen stehen möchte Diese
Vorkenntnisse schienen mir so unentbehrlich dass ich nach dem Essen keine Minute
zauderte sie mir zu verschaffen
    Die kleinen unschuldigen Mittel die ich gestern gebrauchte dem
schwatzhaften Manne Vertrauen zu mir einzuflößen taten auch heute ihre
Wirkung Ich erfuhr auf die ungezwungenste Weise erst den Ladenpreis dieses
oder jenes in Vergessenheit gekommenen Dichters und Prosaisten und erfuhr
sobald mein Konto gemacht war eben so genau den wahren Zusammenhang des
Besuchs der mir so verdächtig schien
    Dass man doch der vielen Erfahrungen ungeachtet sich durch den äußern
Anschein noch immer so leicht zu übereilten Urteilen verleiten lässt Es macht
der menschlichen Vernunft wirklich wenig Ehre Herr Fez hob durch ein paar
Worte die mir viele Unruhe würden erspart haben wenn sie mir gestern zu Ohren
gekommen wären alle die nachteiligen Zweifel die ich gegen die Sittsamkeit
meiner lieben Nachbarin gefasst hatte Die Sache verhält sich so Das Haus wo
wir wohnen gehört wie mehrere in der Stadt  und das wusste ich ja vorher  dem
Hospitale der Probstei Nun ist der junge Geistliche seit kurzem zum Probste
erwählt worden und besucht sonach in Gemässheit seines Amtes eins um das
andere um teils die Mietzinsen einzukassiren teils für Bau und Besserung
der Gebäude zu sorgen und die Rechnungen abzunehmen die dahin einschlagen So
mancherlei Geschäfte können ja wohl einen etwas pünktlichen Mann der nichts
gern auf den andern Tag verschiebt bis in die Nacht aufhalten und ich wüsste
nicht wie ich denken müsste wenn ich noch länger nachteilig von seinen
Kabinetsarbeiten urteilen oder der kleinen Heiligen es aufmutzen wollte dass
sie außer Psalmen zu singen auch noch im Stande sei wenn es nötig ist die
gute Gesellschafterin zu machen und durch Witz und Laune die trockenen
Geschäfte ihres Vorgesetzten aufzuheitern Sie gewinnt vielmehr dadurch in
meiner hohen Vorstellung von ihren Verdiensten und so wenig ich wie Du Dich
erinnern wirst bei meinem vorgestrigen Einzuge und so lange ich nur die alte
Tante gesehen hatte die guten Absichten des Zufalls mit meinem Individuum spitz
kriegen konnte so trefflich scheint mir jetzt seitdem ich auch die Nichte
kenne alles von ihm angelegt zu sein damit mein Bestreben nach Weisheit und
Gesundheit mich nicht in der Länge durch zu viele Einförmigkeit ermüde und
stumpf mache
    Das Mädchen ist ganz geschaffen das Phlegma eines überladenen Gehirns durch
das flüchtige Salz ihres Umgangs zu reizen aufzulösen und vor einer gänzlichen
Vertrocknung zu bewahren Müssen wir nicht immerfort arbeiten lieber Eduard
den Firnis den wir kochen flüssig zu erhalten wenn er seine Dienste leisten
und Festigkeit und Glanz zugleich gewähren soll Jetzt ist mir auch nicht weiter
für mein Tagebuch und für Deine Unterhaltung bange Wir sind doch beide in
unsern Wanderungen noch an keine Heilige geraten Dies unbebaute Feld unserer
Erfahrungen blieb uns noch zu bestellen übrig und ob ich mir gleich nicht
schmeichle bei Klärchen den Beweis eines so großen Geheimnisses auszufinden
als der war den ihre berühmte Namensschwester den Gläubigen vererbt hat so
hoffe ich doch ohne bis auf ihre Sektion zu warten manche andere feine
Entdeckung zu machen die keinen geringen Reiz der Neuheit für uns haben und
die Mühe reichlich belohnen soll die ich mir von Stund an geben werde der
jungen Heiligen samt ihren Abweichungen von dem Gewöhnlichen so nahe als
möglich zu kommen
    »Ich habe Ihnen alles gesagt was ich von dem geistlichen Herrn weiß der
Sie gestern so lange in Ihren Studien störte« fuhr Herr Fez fort indem er die
Erreurs de Voltaire und die Lettres édifiantes für mich zusammen packte »Sollte
Ihnen aber damit gedient sein mehr noch von diesem Manne zu wissen und
überhaupt sollte Ihnen in unserer Stadt etwas aufstossen wovon Sie gern
gründlich unterrichtet sein möchten so kann ich Ihnen einen Mann empfehlen der
in dieser Rücksicht ungleich mehr Genüge leisten kann als ich und jeder andere
Er ist ein getaufter Jude der Jahr aus Jahr ein nur zwei Beschäftigungen hat
denen er aber auch desto pünktlicher vorsteht Die eine ist das Grab der Laura
zu bewachen und es den Fremden zu zeigen die andere in allen Dingen der
Neugier ihnen Auskunft zu geben Vor seiner Bekehrung stand er eben so pünktlich
an der Ecke des Stadtauses bot den Vorübergehenden Lotteriezettel an und
fragte sich heiser ob sie etwas zu verschachern hätten Aber keine Seele gab
Achtung auf ihn Sein Bart schadete ihm in allen seinen Unternehmungen Jetzt
hingegen seit er ein Christ istist es ein Wunder wie ihm alles gelingt
Sollten Sie es glauben aber er ist gesuchter geschätzter und reicher als ich«
    »Das Grab der Laura« sagte ich »Da haben Sie mir einen rechten Gefallen
getan lieber Herr Fez dass Sie dieser Merkwürdigkeit erwähnten es hätte sonst
leicht kommen können dass ich zu meiner ewigen Schande in mein Vaterland
zurück gegangen wäre ohne an dies Wahrzeichen der Stadt eher zu denken als bis
mich meine Landsleute darum befragt hätten Was hätte ich ihnen antworten
wollen Jetzt habe ich einen Beruf mehr meinen Spaziergang dahin zu lenken da
Sie mir dort eine so nützliche Bekanntschaft versprechen Nächstens will ich
auch eine Fahrt nach Vauclüse tun um das alte Schloss des guten Petrarch zu
besuchen  Mein Paket Bücher  Legen Sie es nur einstweilen bei Seite Mein
Bedienter soll es abholen«
    Ich schlenderte nun durch die Gassen die Nase immer nach der Turmspitze
gerichtet die mir Herr Fez zum Merkmahl angab Es währte nicht lange so sah
ich die Kirche des Kordeliers frei vor mir liegen und auch den Konvertiten den
ich suchte wie einen Sphinx an den einen Pfeiler der Türe gelehnt auf den
zufälligen Tribut neugieriger Reisender lauern Schon von weitem zog ich meinen
Hut und näherte mich ihm mit dem launigen Lächeln mit dem ich immer die Zeile
im Voltaire las die sich mir jetzt als die natürlichste Anrede ungesucht
darbot
    »De cette église êtes vous Sacristain«12
    Ich wollte Du hättest den feinen Gesichtszug gesehen der jetzt in seine
Physiognomie trat und mir mehr als sein einsylbiges Ja bewies wie gut er
meine Frage verstanden habe
    Um uns beide nicht unnötig aufzuhalten schielte ich nur von fern nach dem
einfachen Steine dessen Lage er mir zeigte und sich nun anschickte mich seine
tägliche Predigt darüber hören zu lassen Ich ließ es nicht dazu kommen  »Es
ist hinlänglich« sagte ich und wies mit zwei Laubtalern die ich ihm in
demselben Augenblick in die Hand drückte seine drohende Beredsamkeit glücklich
von mir Dies stiftete in der Geschwindigkeit eine gewisse Sympatie unter uns
von der ich mir in der Folge manches Gute verspreche »Ihre zuvorkommende Art
mein Herr« sagte er lächelnd »mit der Sie Sich dieser heiligen Grabstätte
nähern lässt mich ungefähr vermuten wie begierig Sie sein mögen die
Geschichte meiner Pflegbefohlnen zu hören Es ist schwer von ihr zu schweigen 
doch tue ich es da Sie mir es so eindringend befehlen«
    »Sie haben mich in der Tat erraten« antwortete ich »aber wie Schade
dass ein Mann von so feinem Takt nur die Asche eines hübschen Weibes bewachen
soll Dieses Geschäft mein Herr ist doch so eingeschränkt so traurig und
enthält so wenig Belohnendes für einen denkenden Geist«
    »Im Ganzen mein Herr« versetzte der Kirchner »mögen Sie wohl Recht haben
doch sollten Sie däucht mich einen Wächter an dem Grabe einer Laura davon
ausnehmen Nicht das schöne Weib das hier begraben liegt und das als sie noch
ganz beisammen war neben ihrem Gemahle auch noch das Herz eines andern
entflammte  nicht diese gewöhnlichen Vorfälle machen ihre Gruft merkwürdig
und veredeln die Sorge dessen der sie bewacht  sondern der reine Geist ist es
der nach Jahrhunderten noch gleich einem Phönix über ihrer Asche zu schweben
scheint der einem fühlenden Herzen dieses sonst unbedeutende Aemtchen so wert
macht der Geist der Liebe ist es ihres unsterblichen Dichters«
    Er sprach das unsterblich so pathetisch aus wie ein Professor Ich verzog
den Mund nur ein wenig und dennoch verstand mich der Schlaue als ob er mir in
das Herz geblickt hätte und antwortete mir nach meiner Miene »Wenn Sie mein
Herr Laurens berühmten Liebhaber nur als einen gesunden jungen Mann von
gewöhnlichem Schlage betrachten so verdenke ich Ihnen nicht dass Sie seiner
Unsterblichkeit ein wenig spotten Ein solcher tut freilich für eine einzige
schwelgende Nacht bei seiner Geliebten gern auf allen Plunder des Nachruhms
Verzicht Aber Petrarch mein Herr kalkulirte ins Große Seine weit sehende
Seele zog die Sättigung einer fortdauernden Gemeinde seinem luxuriösen Hunger
vor und ohne selbst wie ein Hochzeitbitter an dem Gastmahle Platz zu nehmen
zu dem seine süßen Worte tausend andere einladen sparte er das Feuer der Liebe
statt es auf die gewöhnliche Art zu verschnaufen nur zum Stoffe seiner ewigen
Gesänge So gewiss er auch war dass sie bei Lauren für ihn ohne Wirkung blieben
zählte er in dichterischem Enthusiasmus alle die Seufzer die er nach
Jahrhunderten noch erregen alle die Herzen die er erwärmen und öffnen und
alle die Schwierigkeiten die er unter Liebenden vermitteln würde und tröstete
sich auf seinem einsamen Lager mit dem traulichen Geflüster das er auf tausend
andern hervorzurufen gewiss war Könnten Sie ihn wegen dieses umfassenden Gefühls
bedauern O gewiss nicht Denn welcher Grossdenkende wird nicht gern sein
einzelnes Leben daran setzen wenn er hoffen darf dadurch ein allgemeines
Wohlbehagen zu befördern auf unzählige Geschlechter Freude und Genuss zu
verbreiten  wenn er hoffen darf dass eine Schaar empfindsamer Geschöpfe sich
das Verdienst seiner Leiden zurechnen und den Lohn ernten werde dem er
gutmütig entsagte Dieser stolze Gedanke ist er nicht der letzte Trost aller
der heiligen Märtyrer gewesen die zum Vorteile des Ganzen freiwillig ihr
eigenes Glück opferten«
    Bei diesen Worten sah mir der Redner scharf in die Augen und wäre ich nicht
von seinem Übertritte zum christlichen Glauben unterrichtet gewesen wer weiß
ob ich nicht seine schöne Tirade für eine strafbare Ironie aufgenommen hätte
auf die ich oder D Less hätten antworten müssen So aber wusste ich nicht was
ich davon denken sollte  lüftete meinen Hut und seufzte und der Redner fuhr
fort »Sie nannten vorhin meinen Wirkungskreis traurig und eingeschränkt  Wie
leicht wollte ich Sie eines bessern überzeugen müsste ich nicht«  und er
hielt inne  doch besann er sich bald  »Habe ich nicht« sagte er nach einer
kleinen Pause »einen höflichen Fremden einen Mann von Ehre vor mir der mein
Zutrauen nicht missbrauchen wird Das ist mir genug Sie wissen dass ich von der
geistlichen Obrigkeit nach vorher gegangenem scharfen Examen eingesetzt bin
dieses Grab zu bewachen und jedem der es verlangt eine und eben dieselbe
veraltete Liebesgeschichte zu erklären Ein armseliges Geschäft dem ersten
Ansehen nach Aber auch das armseligste kann unter der Behandlung eines tätigen
und nachdenkenden Mannes wichtig für seine Zeitgenossen wichtig sogar für die
Nachwelt werden Freilich würde ich ohne Kenntnis des menschlichen Herzens in
dem beschränkten Zirkel den man mir anwies nicht weit gekommen sein  aber wo
kommt man auch weit ohne sie Ich begnügte mich nicht meine mir aufgelegten
beschwornen Pflichten so schlechtweg zu erfüllen Nein mein Herr ich besah
sie sobald sie mir erst Brod geschafft hatten auf allen Seiten und studierte
sie aufmerksam in der Absicht sie mit der Zeit zu veredeln Ich erlangte bald
eine gewisse Fertigkeit in meinem Vortrage den keiner meiner Vorgänger in
dieser Vollkommenheit besessen hat sogar dass ich die hundert und acht Sonette
die Petrarch seiner Geliebten sang mit aller der Zärtlichkeit wiedergeben kann
die er hinein legte Dieses Talent mein Herr so wenig es auch gemein ist
würde jedoch nur ein vorübergehendes Vergnügen gewähren wenn ich es nicht zum
Besten des gemeinen Wesens das doch immer der vorzüglichste Augenmerk jedes
guten Bürgers sein muss anzuwenden gelernt hätte Die Asche der Laura ist mit
aller Ehrfurcht für das was sie sonst war  doch jetzt nur ein Kaput mortuum
Ihr Grabmahl ist unscheinbar und unbedeutend und es wird darum um nichts
ehrwürdiger weil es einmal ein König13 besuchte es öffnen ließ und seine
schlechten Verse hinein legte Aber seit es unter meiner Aufsicht steht ist es
der feinste Probierstein des Tugendgehalts meiner Mitbürgerinnen geworden«
    »In der Tat mein Herr« fiel ich ihm lächelnd ein »ist das kein kleines
Verdienst um den Staat  Aber in aller Welt durch was haben Sie diesem gemeinen
Sandstein eine so magische Kraft zu geben gewusst«
    »Wenn Sie mir zuhören wollen ohne mich weiter zu unterbrechen« versetzte
er »so sollen Sie den ganzen Prozess  von den Grundsätzen an von denen ich
ausging bis zu den Resultaten erfahren die er mir täglich abwirft«
    »Weibliche Unschuld wie man es im gemeinen Leben so nennt« fuhr er fort
indem er dabei vermutlich aus alter Gewohnheit an sein spitziges Kinn griff
»ist den Goldstücken gleich die unter einerlei Stempel im Umlaufe sind eins
glänzt so gut als das andere und trägt im Kommerz den Wert den ihm der
Wechselkours und der gute Glaube beilegt«  O über den Juden dachte ich 
»Aber wie rein wie frei von fremdem Zusatze jedes sehen mag kann doch selbst
der Scheidekünstler nicht eher wissen als bis er es auf die Kapelle gebracht
hat Nun kann ich aber kraft meines Amtes jedem dem hiebe um besondere
Sicherheit zu tun ist diesen um desswillen misslichen Prozess weil er
meistenteils eine gewisse Destruktion voraussetzt Rundung und Prägerlohn immer
dabei verloren geht um vieles erleichtern Und wäre einer noch so misstrauisch
ohne Bedenken kann er doch nach dem pretiösen Stücke greifen das er im Auge
hat ohne zu befürchten dass es in seinem Umlaufe aufgesotten beschnitten oder
vermischt ist sobald ich ihm dafür Gewähr leiste«
    »Der bessern Deutlichkeit wegen« unterbrach ich hier den seltenen Währmann
»wünschte ich wohl dass Sie die Vergleichungen bei Seite setzten und mit mir
ohne Allegorie sprechen wollten«
    »Ohne Allegorie« wiederholte er »Das mein Herr ist bei dem Thema das
ich abhandle wirklich nicht so leicht als Sie wohl denken Doch ich will mein
Möglichstes tun Ich stand nicht lange auf meinem Posten als ich schon
wahrnahm dass kein weibliches Herz da falle ich doch wieder in die Allegorie
aber ich kann mir nicht helfen zu fühlen anfing das nicht den Antritt seiner
Wallfahrten bei dem heiligen Grabe der Laura eröffnet hätte Durch wiederholte
Erfahrungen brachte ich meine Bemerkungen zur Gewissheit und endlich in ein
förmliches System Wenn ich jetzt ein neues Gesichtchen von vierzehn fünfzehn
Jahren in mein Heiligtum treten sehe so weiß ich ziemlich genau anzugeben was
für dunkle Träume ihm die Nacht vorher vorgeschwebt haben Die armen
Unbefangenen Sie horchen auf die Geschichte der selig Verstorbenen mit einem
Nachdenken das wirklich recht rührend ist Mit welchem Heisshunger eignen sie
sich nicht die harmonischen Weissagungen und Aufforderungen zu die ich ihnen
nach Befinden ihrer Bedürfnisse aus dem Magazine meines Petrarch zu Gute gebe
Jede glaubt ihre Empfindungen flott werden zu sehen und die geheime Geschichte
ihres Gefühls zu hören So lange nun mein Herr dieses Spiel ihrer
Einbildungskraft dauert so lange die junge Schöne ihren Besuch bei Lauren und
mir fortsetzt und der Herzensergiessungen des ehrlichen Petrarch an seine
Geliebte nicht satt werden kann, stehe ich auch mit Leib und Seele für ihre 
Unschuld Aber aber mein Herr wenn ihre Morgenbesuche anfangen seltener zu
werden  wenn sie gar aufhören  alsdann« setzte der schlaue Kirchner leiser
hinzu »weiß ich auch eben so gewiss was die Glocke geschlagen hat Sie
begreifen nun doch wie einzig in ihrer Art eine solche Kenntnis ist und wie
wohl die jungen Herren tun die zum EheSakramente schreiten wollen dass ehe
sie sich mit ihrer Angelegenheit an den Bischof wenden sie zuvor ein geheimes
Gutachten bei dem Kirchner einholen Vielleicht ist bei keinem andern
öffentlichen Amte das Nützliche mit dem Angenehmen so fest verbunden als bei
dem meinigen Da es mich nötiget wie eine Bildsäule auf Einem Flecke stehen
zu bleiben  da jedermann gewiss ist dass ich ihm Stand halten muss so müssen
schon deswegen eine Menge Geschäfte an mich gelangen die keinen Allfschub
vertragen und das sind unstreitig immer die interessantesten So bin ich nach
und nach ohne Bemühung auf meiner Seite von den geheimsten Anliegen der
hiesigen Einwohner unterrichtet worden  wirke jetzt auf den Sohn wie ich auf
den Vater  auf die Tochter wie ich auf die Mutter gewirkt habe  sehe mich
wie die Orakel der Alten in den Stand gesetzt das allgemeine Zutrauen der
Familien zum Vorteile ihrer einzelnen Glieder zu nutzen  wie ein heimliches
Gericht hier zu belohnen dort zu bestrafen manchen traulichen Wunsch des
einen mit der Erwartung des andern auszugleichen und sonach ganz in der
Stille wie es einem Weisen geziemt auf Welt und Nachwelt zu wirken  Aber
mein wertester Herr was ist Ihnen Siestehen ja in gar tiefen Gedanken«
    »Halten Sie mir meine Zerstreuung zu Gute lieber Herr Kirchner« versetzte
ich »aber eben ging mir eine sehr neugierige und zudringliche Frage durch den
Kopf die ich« 
    »Nicht das Herz habe mir vorzulegen« fasste er selbst höflich meinen
Gebauten auf »O machen Sie mit mir keine Umstände  Ich bin an allerlei
Fragen gewöhnt und selten verlegen darauf zu antworten«
    »Nun so sagen Sie mir aufrichtig« fuhr ich fort »setzt denn wohl die
schöne Klara die dort oben in der Stiftsgasse bei einer alten Tante wohnt ihre
jugendlichen Wallfahrten bei diesem heiligen Grabe fort oder ist sie auch schon
über Ihre petrarchischen Vorbereitungen hinaus mit denen Sie der hiesigen
Jugend zu Hilfe kommen«
    »Welch eine Verbindung von Ideen« rief der Kirchner mit sichtbarer
Verwunderung »Wie in aller Welt kommen Sie doch von meiner Mädchenprobe auf das
zerknirschte Herz dieser Heiligen« 
    »Das geht doch sehr natürlich zu« antwortete ich »Schon drei Tage wohne
ich neben ihrer Kammer höre sie täglich einen oder ein paar Psalmen mit einer
Engelsstimme singen kann keinen Blick auf sie werfen wenn sie in die Messe
geht ohne durch und durch erschüttert zu werden und« 
    »Und so wird es freilich begreiflich« half mir der gute Kirchner wieder
ein »warum Sie einen so warmen Anteil an ihren Wallfahrten nehmen In ganz
Avignon hätten Sie für Ihre Ruhe Sich in keine gefährlichere Nachbarschaft
einmieten können so viel kann ich Ihnen vertrauen«
    »Und meine Frage« rief ich mit Ungeduld 
    »Ist sehr verfänglich« fiel er mir in die Rede »Aber Sie verdienen« 
hier rasselte er mit meinen zwei Laubtalern  »dass ich sie ohne Zurückhaltung
beantworte Es mögen ungefähr zwei Jahre her sein als sie mir mit den
schüchternen und verschämten Blicken eines dreizehnjährigen Mädchens zum
erstenmale unter die Augen trat So lange ich meinem Amte vorstehe sah ich noch
auf keinem Gesichte den Übergang der ruhigen Einfalt in die glückliche Zeit der
Erwartuug sanfter bezeichnet sah das letzte Veratmen der Kindheit nie in einer
sittsamern Bewegung  Ich hätte der jungen Brust helfen mögen sich auszudehnen
Ich tat was ich konnte und wurde für die einschmeichelnde Erzählung meiner
alten Geschichte durch immer lebhaftere Blicke ihrer feurigen Augen nur zu sehr
belohnt denn ich stotterte mehrmalen was mir sonst nicht widerfährt und
fühlte dass ich noch rot werden konnte Wie bedauerte sie nicht den armen
Petrarch und was für Geschmack fand ihre harmonische Seele nicht an seinen
herrlichen Sonetten Sie hat sie so oft unter klopfendem Herzen und mit
feuchten Augen angehört dass ich nicht zweifle sie weiß sie nun so auswendig
als ich Seit einiger Zeit hat sie sich jedoch ganz auf die sublime Seite der
Andacht gewendet auf der sie wie es scheint einzig ihr Glück zu machen
gedenkt nicht als ob sie nicht dann und wann noch diese heilige Grabstätte
besuchte nur geschieht es seitdem nie anders als unter Begleitung ihres
zeitigen Gewissensrats deren sie drei  einen nach dem andern versteht sich 
vorher gehabt hat ehe das Glück ihr unsern Herrn Propst zuführte der seine
meiste Zeit auf die Seelsorge dieses ausgezeichneten Mädchens zu wenden  und
mit dem auch sie vollkommen zufrieden zu sein scheint«
    Das Blut stieg mir ins Gesicht  »Kennen Sie«  fragte ich stotternd
»diesen Mann genau«
    »Ob ich ihn kenne« fiel mir der Kirchner so hitzig ein als ob ihn meine
Frage verdrösse »Ein Steinfremder dächte ich dürfte ihn nur einmal über die
Straße gehen sehen um ihn ganz zu kennen Die Männer grüßen ihn demütig wie
einen Apostel und die Weiber die flüchtigsten Mädchen sogar bleiben stehen
wenn er vorüber geht heben die Augen gen Himmel und drücken seine segnende
Hand an ihren schwellenden Busen Seitdem dieser brave Herr das Amt der
Schlüssel trägt hat er« 
    »Ohne Unterbrechung lieber Herr Kirchner« fiel ich dem entusiastischen
Lobredner ein »was für ein Amt bezeichnen Sie unter dieser sonderbaren
Benennung«
    Der gute Mann schien Mitleiden mit meiner Unwissenheit zu tragen die
wirklich auch in allem was zur Kirchenverfassung gehört über die Massen seicht
ist und um mir die Sache recht anschaulich zu machen zählte er mir alle die
Schlüssel an den Fingern her die der junge Mann durch seine Beförderung zum
Propst in seine geistliche Gewalt bekommen hatte  »Er löst« sagte der
Kirchner mit anständigem Ernst 
»Er löst die Bande der Natur,
Und schiebt ihr Riegel vor 
Von der verborgenen Klausur
Bis zu dem offenen Tor
Hat seinen Gang nach eigener Wahl
Zu allen Schlössern frei
Vom Kirchturm zu dem Speisesaal
Bis zu der Kellerei«
    »Sie begreifen doch nun« fuhr der Kirchner mit uuveränderten Gesichtszügen
fort »in welcher wahren PastoralGlückseligkeit dieser würdige Mann auf die
Zukunft des Herrn wartet Ich kenne von den vielen Freuden eines guten Hirten in
der Tat nur Eine die ihm noch zur Zeit abgeht ihm jedoch gewiss« 
    Hier hielt er auf einmal inne als ob er Bedenken fände sich weiter heraus
zu lassen spannte aber dadurch wie Du denken kannst meine Neugier nur desto
höher und da seine Pause diesmal länger anhielt als ich an ihm gewohnt war so
ergriff ich traulich seine Hand und »Ich verstehe Sie nicht teuerster
Freund« sagte ich so freundlich als ich nur konnte »Bei allen den Schlüsseln
die Ihrem Propste zu Gebote stehen was für eine Freude könnte ihm mangeln«
    »Nur die« fuhr jetzt der Kirchner durch meine Herablassung gewonnen jedoch
mit gedämpfter Stimme fort »dass er kein verirrtes Schaf zu seiner Herde zurück
kehren sieht weil zu seinem Lobe sei es gesagt bei der guten Art mit der er
sie weidet ihm noch keins verloren ging«
    Nach diesen geheimnisvollen Worten verfiel der liebe Mann aufs neue in eine
so ministerielle Miene als ob er mir nicht geradezu sagen wolle er habe nun
wie es ihm dünke seine zwei Laubtaler ehrlich und redlich verdient Sie
schreckte mich ab weiter in ihn zu dringen und so viel es mir auch kostete
schickte ich mich an ihn zu verlassen
    Er begleitete mich stillschweigend bis an die Tür hier aber gab er mir
noch einen kleinen Nachtrag zu dem Panegyrikus dessen ich schon lange satt
hatte mit auf den Weg  »Hoffentlich« sagte er »gehen Sie nun ganz überzeugt
von den Verdiensten unsers würdigen Propstes von mir ja ich schmeichle mir
sogar dass Sie mit dem guten Entschlusse von mir gehen die Summe seiner Freuden
zu vermehren wenn Sie Gelegenheit finden  Unterdes leben Sie wohl« 
    »Eine schöne Zumutungl« murmelte ich vor mir hin »Der Kerl ist der erste
Rasende den ich für seinen Vorgesetzten betteln höre« Meine Laubtaler fingen
an mich zu reuen Ich schlich wie belastet nach Hause Das Bild des Propstes
von dem ich hier eine viel vorteilhaftere Zeichnung erkauft hatte als ich
erwartete sein ausgebreiteter guter Ruf sein beneidungswertes Amt sein
Wirkungskreis seine Tätigkeit alles vereinigte sich um mich zu demütigen
Ich warf mich höchst missmütig auf meinen Stuhl saß lange vertieft in
schwermütige Gedanken und fühlte wie drückend die Verdienste anderer sind
wenn man keinen Mut hat sie nachzuahmen »Dass doch« rief ich mit Bitterkeit
»mir ein Mann in die Nähe kommen  die Stille meines Museums  und die hohen
Gedanken die mir über der Seele schwebten  verscheuchen musste der zu jedem
geistlichen Geschäfte  wenn nicht etwa auch das Graben in den Pontinischen
Sümpfen darunter gehört verdorben ist  ein Mann der sich im Besitze aller
menschlichen Freuden schaukelt während ich einen Stein nach dem andern einzeln
zusammen lese um den Bau eines idealischen Glücks aufzuführen  und dass  ach
ein Engel wie Klara sich von ihrer Höhe herab lassen muss um ihn durch ihre
Scherze ihr harmonisches Lachen und durch ihr melodisches Organ in die
Entzückungen des Paradieses zu versetzen  und das alles bloß deswegen weil er
Propst ist«
    Ach der Neid lieber Eduard ist doch ein dummes hässliches Laster mit
Sophismen und Übertreibungen überladen und aus Giften zusammen gesetzt die
wir wie Rasende verschlucken so gewiss wir auch sind dass sie Grimmen in
unsern Eingeweiden erregen werden Dies Gefühl ward mir bald so unerträglich
dass ich den schnellen Entschluss fasste es abzuschütteln
    Das erste Hilfsmittel nach dem ich griff war die Klingelschnur Bastian
dachte ich soll dir die überlästige Einsamkeit verscheuchen und deiner
ärgerlichen Unterredung mit dir selbst durch die Dazwischenkunft seines munteren
Geschwätzes ein Ende machen »Wie steht es Freund« rief ich ihm entgegen als
er herein trat »weißt Du mir nichts von meinen Hausgenossen zu erzählen«
    »O sehr viel« antwortete er mir mit einer selbstgefällige Miene »ich
habe in Ihrer Abwesenheit das Glück gehabt sie beide zu sprechen Die Alte
mein Herr hat einen Anschlag auf Sie«
    »Auf mich« fuhr ich auf »das verzeihe ihr Gott« 
    »Ja mein Herr« erwiderte Bastian »aber er ist nicht böse gemeint und
ich wünschte selbst  doch lassen Sie Sich nur erst den ganzen Vorfall
erzählen Ist es Ihnen nicht schon aufgefallen wie ich Ihre Entfernung genützt
wie ich Ihre Zimmer gekehrt und Ihre Möbeln gesäubert habe Nun war ich eben
daran der Figur unterm Spiegel den Staub abzublasen als die Damen aus der
Kirche zurück kamen und mich in dieser Beschäftigung auf dem Vorsaale antrafen
Die alte Tante trat zuerst zu mir  Nehme Er Sich in Acht mein Freund sagte
sie mir dass Er ja über dem Putzen dem schlafenden Engel nicht schade  Und
mein guter Freund sagte die Nichte die auch herzu trat Sein Blasen wird Ihm
wenig helfen  der Staub sitzt zu fest  Warte Er ich hole Ihm etwas Baumwolle
damit wird es eher gehen  Sie trippelte in ihr Zimmer kam bald zurück da sie
mich aber mit ihrer Tante im Gespräche sah nahm sie mir die Figur ab  und es
währte keine zehn Minuten so ward der Engel unter ihren Händen wieder wie neu«
    »Wie« unterbrach ich den weitläuftigen Burschen »Klärchen hat ihn mit
eigenen Händen geputzt Da muss ich doch «
    Ich sehe es nun zum voraus Eduard es wird Dir sehr geringfügig vorkommen
wenn ich Dir jetzt erzähle wie ich bei diesen Worten aufsprang und mich
bedächtig und langsam über den schlafenden Amor bog um zu sehen wie glänzend
er aus Klärchens Händen gekommen sei Du hast aber Unrecht Nichts ist dem
Beobachter geringfügig wenn es darauf ankommt Charakter zu schildern Die
unmerklichsten Züge die der große Haufe übersieht können dem Seelenmaler von
Bedeutung werden und durch eine glückliche Übertragung auf die Leinewand seinem
Gemälde vielleicht alle die Physiognomie geben nach der gemeine Pinsler
vergebens herum stören Rubens hatte ein lachendes Kind gemalt  Er tat einen
einzigen Pinselstrich  und siehe es weinte zum Erstaunen der Umstehenden
    Gesetzt also dass mein Hinblick auf den gereinigten Amor mir zu einer
Bemerkung verholfen hätte die der Aufbehaltung wert sei die es verdiente
einst ihren Platz in Klärchens Legende zu finden würdest Du nicht gezwungen
sein das Auge zu bewundern das nie vergebens auf seine Entdeckungen ausgeht 
dem Scharfsinne des Mannes zu huldigen der auch in Sonnenstäubchen Farben
bemerkt die sich zu seinen psychologischen Schattirungen benutzen lassen und
würde Dir nicht die Sicherheit seiner Hand gefallen die mit so kleinen Mitteln
die Wirkung eines Rubens hervorbrächte
    Hätte mir Bastian auch nicht gesagt dass Klärchen den Engel gesäubert habe
es wäre doch für mich entschieden gewesen dass es nur eine jungfräuliche Hand
sein könne die es tat Sie hatte die Figur im Ganzen zwar funkelnd und weiß
wieder hergestellt bis auf eine Kleinigkeit die da sie unmöglich zu übersehen
war ihr also wohl so erstaunlich befremdend gewesen sein musste dass sie ihre
Baumwolle darüber verlor Dies schloss ich weiter würde ihr nicht geschehen
sein wenn sie mehr bewandert in der Mythologie weniger fremd in der
Naturgeschichte und nicht so schreckhaft wäre wie ein kleines Kind das bei
allem was ihm ungewohntes aufstösst große Augen macht und davon läuft Ich
schloss ferner und wie ich glaube sehr richtig dass da sie die Figur so gar
wenig kannte sich wohl noch kein Mietmann rühmen könne dass ihn die schöne
Nachbarin auf der Stube besucht habe in welcher der Engel schläft Und ich
schloss endlich dass bei allen ihren petrarchischen Vorbereitungen und ihrem
Umgange mit drei geistlichen Vätern ihre Kenntnisse doch zum Erstaunen
beschränkt und von einer so ruhigen Einfalt sein müssten als sie wohl noch nie
auch der strengste Richter von einer Heiligen verlangt oder erwartet hat Das
alles Freund schloss ich aus dem Staube der höchstens in der Länge eines
Zolls an dem schlafenden Engel zurück blieb
    Ob man von dem Gesichtspunkte den ich ins Auge gefasst hatte allemal
ausgehen müsse um über den Wert oder Unwert eines rätselhaften Mädchens zu
urteilen will ich nicht entscheiden so viel ist aber gewiss dass Klärchen
durch den Mangel ihrer Kenntnisse und durch das augenscheinlich erste Schrecken
ihrer Hand unendlich in meiner Vorstellung gewann Auch die einzelnen Züge die
ich vorher schon von ihr aufgefasst hatte wurden durch diesen noch
hervortretender und trugen das ihrige bei mich mit mir selbst über die
Ehrfurcht zu vereinigen die ich einer so frisch erhaltenen Tugend schuldig bin
Ach wenn es wahr ist dass es Heilige gibt  und wie könnte ich jetzt daran
zweifeln  so verdient Klärchen wohl diesen Titel vor allen ihres Geschlechts
Sie die schon als Kind nur in den Kramläden der Klöster ihre Spielwerke suchte
und immerfort wie es die Figur zeigt unbekannt mit denen blieb die für ihr
Alter gehören Sie deren Stimme noch unverdorben blieb ob sie gleich so oft
mit ihren Beichtvätern gewechselt hat wie ich mit meinen SpazierSchuhen das
heißt bis ich ein Paar gefunden habe das mir recht sitzt
    Was hat mir nicht alles Herr Fez von ihren kleinen Spekulationen erzählt
die mir nach und nach wieder beifallen werden Eins nur davon Ihr erster
Vertrag mit der Maria  ist er nicht eben so fein ausgedacht als er fromm ist
Ich frage Dich selbst Eduard welche Schöne würde bei dem Übergange in die
Zeit ihrer Rosen so viele Besonnenheit behalten als dieses unschuldige Kind so
dass es sie alle wie sie unter seiner Hand aufschiessen mit der minorennen
Angst es möchte die ganze Stadt ihren Reichtum erfahren und mit der Sorge in
Empfang nimmt was es damit anfangen und wer sie bewachen solle und bei der
Unerfahrenheit welche wohl dem Verwelken welche der Beraubung am nächsten sei
einzeln erst diese  dann jene und endlich den ganzen Strauss  der Mutter in
den Schoss legt Es liegt ein System von Unschuld in diesen kindischen
Begriffen dass ich den Kurzsichtigen bedauern würde der keinen Zusammenhang
darin fände Er muss nie ein unbefangenes Herz unter Augen gehabt  nie eine
Klara gekannt oder gar das Unglück haben an keine weibliche Tugendzu glauben
    Für eine solche Heldin ihres Geschlechts als ich Dir jetzt gemalt habe
Eduard könnte ich selbst meine Stimme zu den Beiträgen ihres verarmten
Vaterlands geben um ihre Seligsprechung zu befördern um so mehr da eine so
billige Steuer schwerlich öfter als Einmal in einem Jahrhunderte vorfallen
dürfte  Und gegen dies herrliche Geschöpf konnte ich auf Augenblicke
verblendet genug sein niedrige Absichten zu hegen
    »Fahre nun fort Bastian« rief ich aus einer Art von Bedürfnis eine
andere Stimme zu hören als die meinige denn ich hatte mir nichts Höfliches zu
sagen  »Sie suchte mich auszuforschen« fuhr der Erzähler fort  »Wer denn«
unterbrach ich ihn  »Sie sind zerstreut mein Herr« antwortete Bastian »Sie
haben verhört oder vergessen was ich Ihnen eben in diesem Augenblicke
erzählte Die alte Tante war es die mich über den Besuch ausforschen wollte
den Ihnen diesen Morgen der Herr im Purpur abstattete Diese vornehme
Bekanntschaft mochte in ihren einfältigen Augen wohl einen gewaltigen Glanz auf
Sie werfen mein Herr Ich wusste nun freilich selbst nicht viel davon aber was
tut das Man muss niemanden seine gute Meinung von andern benehmen am wenigsten
ein treuer Bedienter wenn es das Ansehen seines Herrn betrifft so muss man im
gemeinen Leben denken wie man in der Religion tut Auch suchte ich es so sehr
aufzustutzen als ich konnte und so erzählte ich am Ende mehr Rühmliches von
Ihnen mein Herr als mir selbst bekannt war Was wollen Sie sagen Madam
antwortete ich das ist nicht der erste Purpurmantel den mein Herr vor seinem
Bette sieht Von einem Erzbischof von einem Prälaten an den andern empfohlen
wird er von allen wie ein Freund vom Hause empfangen Es ist ein Spaß mit so
einem Herrn auf Reisen zu sein denn wo wir nur hinkommen fliegen uns die
vornehmen Geistlichen wie die Spatzen ins Haus  Sollte nicht etwa Sein guter
Herr mutmasste dabei die Alte gar die fromme Absicht haben zu unserer einzig
selig machenden Religion überzugehen  Kann wohl sein erwiderte ich und ich
wünsche es von Herzen denn seine jetzige mag so gut sein wie sie will so sieht
man doch wohl wie blass und mager er dabei geworden ist  Das dünkt mich auch
fiel mir hier Mamsell Klara ins Wort er dauert mich wenn ich ihn ansehe 
Lasst es gut sein Kinder war zuletzt der Ausspruch der Tante Ich müsste mich
sehr irren wenn es bei einem Manne der solche Anzeigen gibt der so weit her
kommt um unsere Klerisei aufzusuchen der einen so verständigen Menschen von
unserm Glauben sagte die Tante in seinen Diensten hat und der seine Wohnung
bei uns nahm es müsste sonderbar zugehen wenn es bei dem nicht zum Durchbruche
kommen sollte  Hier schwieg sie und da ich an ihren Lippen und Zeichen sah
dass sie ein Paternoster für Sie betete so tat ich ein Gleiches auch Klärchen
setzte den Engel bei Seite schlug ihre Augen in die Höhe und knötelte an ihrem
Rosenkranze und es war einige Minuten ganz still auf dem Vorsaale« 
    »Ist das der Anschlag den die Alte auf mich hat« fragte ich meinen Bastian
lächelnd »Nun der mag noch hingehen  aber nur weiter« 
    »Ach mit welchem Seelenvergnügen« fuhr er jetzt noch lebhafter fort
»haben Tante und Nichte die Andacht nicht heute Morgens bemerkt mit der Sie
mein Herr als ob Sie schon zum Kapitel gehörten dem heiligen Hochamte
beiwohnten« 
    »Was sagst Du« fuhr ich auf »Klärchen war in der Kirche und ich habe es
nicht geahndet«
    »Und doch«  erwiderte Bastian »stand sie gar nicht weit von Ihrer Loge
Als Hausgenosse hatte ich mich neben sie gestellt aber Sie waren so vertieft
in Ihrer eigenen Andacht dass Sie die unsere gar nicht gewahr wurden Ich
wünschte Sie hätten das liebe Kind beten gesehen Sie erbaute den ganzen
Zirkel der um sie her kniete und ich bin versichert es wurden ihr aus allen
Ecken und Enden mehr Blicke mehr Seufzer zugeschickt als der heiligen Genoveva
selbst« 
    »Hole mir eine Flasche oeil de perdrix Bastian« unterbrach ich hier den
Schwätzer »Tue Dir auch selbst für Deine heutige leibliche und geistliche
Anstrengung etwas zu gute  Hier hast Du einen kleinen Taler dazu aber um
meine Bekehrung bekümmere Dich weiter nur nicht Hörst Du«
    Bastian machte eine erbärmliche Miene steckte sein Trinkgeld ein und ging
Der gute Narr Könnte ich in seine Munterkeit n seine fröhliche Laune in seine
blühende Gesichtsfarbe und in seine Jugendkräfte so leicht übertreten als in
seine Religion  Von so einem Umtausche ließe sich schon eher sprechen Er kam
bald wieder zurück setzte mir den Wein stillschweigend auf den Tisch und
entfernte sich mit einem so bedeutenden Blicke als wollte er mir sagen
Brauchen Sie nur dieses Mittel es ist das wirksamste zu Ihrer Bekehrung Nun
das wollen wir sehen dachte ich zog den Pfropf aus meiner Bouteille und warf
ihn wider die Wand
                                                                Abends elf Uhr
    Ich habe in meinem Tagebuche eine Lücke von sechs wichtigen Stunden
auszufüllen Ich möchte sie auch nicht bis zu dem andern Tage verschieben
selbst nicht wenn ich bis zu seinem Anbruche fortschreiben sollte Nur bitte ich
Dich Eduard gib genauer Acht als gewöhnlich denn ich bin im Begriffe Dir
einen neuen Beweis von der ungleichen schwankenden und materiellen
Zusammensetzung meiner Seele zu geben der vollständiger ist als alle
vorhergehende Ich selbst da ich ihn niederschreibe möchte beinahe glauben
dass ich seit der vorigen Blattseite um zehn Jahre zurück getreten sei so
ausschweifend muss ich mich wenn ich der Wahrheit treu bleiben will auf dieser
hier schildern Welch ein unbegreifliches Wesen das in mir wirkt Ich hoffe für
das Glück der Welt dass die Form davon wie bei Rousseaus Seele zerbrochen
sein soll und dass meine einzelne Anomalie in dem Universo nicht so gar viel zu
bedeuten habe  Doch wozu diese Vorrede Sie ist nach der Zeitordnung die ich
doch gern beobachte viel zu voreilig Ich will mich fassen Denn wenn Du die
Anklage meiner richtig beurteilen sollst so musst Du ja wohl erst sehen wie
und wodurch ich sie verdient habe
    Sobald ich diesen Nachmittag den Pfropf aus der Hand warf und mich mit
meiner Flasche allein sah entrunzelte sich meine Stirne die noch von dem
System her das ich mir von Klärchens Unschuld zusammen setzte alle Zeichen
eines ernstaften Nachdenkens trug Ich lächelte meinen freundlichen Wein an
und wie er mir erst unter die Nase sprudelte setzte auch sein Geist den
meinigen augenblicklich in Gährung Ein flüchtiger Gedanke zog nach dem andern
vorüber ohne dass ich ihn aufhielt bis endlich einer so zudringlich ward dass
ich ihn fasste und mir durch alle mögliche Sophistereien den Spaß machte ihn so
lange aufzustutzen bis er mir am Ende zu meinem Unglücke über den Kopf wuchs
    Ich habe Dir  Du hast es auch gewiss gefühlt Eduard  mit aller Stärke
der Wahrheit die Gründe vorgelegt die für die Heiligkeit meiner vortrefflichen
Nachbarin sprechen Wie konnte es mir nun einkommen jetzt als ein Advocatus
Diaboli Beweise aufzusuchen die sich auf das unverschämteste ihrer
Seligsprechung gerade entgegen stellten Es ist unglaublich und doch wahr Wie
ich diesen Irrweg einschlug ahndete mir freilich nicht dass ich so weit und
bis zu dem Abgrunde vorrücken würde vor dem mich noch schaudert Mein Blut
geriet bei jedem frischen Glase das ich hinunter stürzte mehr in Feuer und
meine Einbildungskraft gewann die Oberhand über meine bessern Gesinnungen Ich
konnte immer weniger an das herrliche Geschöpf hinter der Scheidewand ohne
Begierde denken und setzte sie mit einer unerklärbaren Frechheit nach jedem
Schlucke den ich zu viel tat von den hohen Stufen ihrer Würde immer tiefer
und wieder tiefer herab bis ich sie endlich nicht ohne Schwierigkeiten mit
mir unter Eine Linie gebracht hatte und nun erst ging ich unbarmherzig mit ihr
um Die klarsten Beweise ihrer Unschuld schickte ich mit einem Schnippchen in
die Luft Ihre Heiligkeit schien mir nichts mehr als eine angenommene Rolle zu
sein die sie gut genug vor dem Publikum spielte Und um Dir alles zu sagen wie
es in so einer Seele aussieht konnte ich sie mir endlich unter keinem andern
Bilde mehr denken als dem  der Iphigenia von Tauris die wir einmal noch als
junge Leute von dem Theater nach Hause führten und die uns wie wir damals
dachten einen so frohen Abend verschafte
    Nun kennst Du meine Grundsätze Eduard wenn Du anders das Wort hier gelten
lassen willst Von jeher hat mich nichts mehr aufbringen können als wenn ein
Fürst zum Beispiele mich durch seinen lakonischen Ernst über seine
Regententugend  ein Minister durch höfische Zurückhaltung über seine
Staatsklugheit  ein Pfarrer durch seinen faltigen Rock über seine innere
Überzeugung  und ein Mädchen durch den Flitter ihrer Sentiments über ihre
Tugend hinter das Licht zu führen gedenken Es gehört ein so gutes Herz dazu als
ich habe dass ich nur selten bei solchen Gelegenheiten meiner Gabe zu spotten
Raum gebe Bei einem Mädchen aber das sich mit so außerordentlichen
Annehmlichkeiten als Klärchen besitzt in meiner Nähe für sicher hielt weil
sie auf ihren Betrug und meine Blindheit rechnet das mein brennendes Herz zwei
volle Tage mit der Ungewissheit getäuscht hatte ob es sie als eine Heilige
bewundern oder als eine gemeine Sängerin behandeln solle  bei so einem
Geschöpfe würde die Rache meines Mutwillens ohne Gränzen sein Gewiss sollte sie
mir die Gegenbeweise ihrer Unschuld auf das demütigendste ausliefern ihren
ersten und letzten Betrug in meinen Armen gestehen und durch alle mögliche
Züchtigungen der Liebe für den erborgten Schimmer büßen durch den sie einen
erfahrnen Mann zu blenden gedachte
    Noch will ich nicht entscheiden  sagte ich sehr großmütig  aber es gilt
einen Versuch und beschämt gestehe ich Dir dass ich in diesem Augenblicke vor
der Möglichkeit erschrak in ihr eine Heilige zu finden so sehr hatte ich mich
schon daran gewöhnt sie als ein irdisches Mädchen Zu behandeln
    Sie mag eins oder das andere sein fuhr ich nach einigem Nachdenken fort so
kann sie mir doch als ihrem Nachbar unmöglich verargen dass ich ihr meinen
Besuch mache So viel ich weiß ist das in keinem römischen Kalender verboten
ja mich däucht sogar ich habe gelesen dass es die Pflicht einer Heiligen sei
wenn sie Heiden bekehren will sich ihnen zu nähern und keine
gesellschaftlichen Mittel unversucht zu lassen ihre Seelen an sich zu ziehen 
Klärchen sehnt sich also wohl so sehr nach meinem Umgange als ich mich nach dem
ihrigen wenn es ihr wie ich glaube mit ihrem Gebete auf dem Vorsaale ein
Ernst war zumal diesen Abend wo es gegen das gestrige Geräusch in ihrem
Zirkel so still ist als ob sie von Himmel und Erde vergessen wäre
    Mein Mut wuchs nun in demselben Verhältnisse in welchem meine Flasche
abnahm und kaum war das letzte Glas überwunden so war ich auch schon auf dem
Wege nach Klärchen Aber meine Bewegung dauerte diesmal nicht fort denn in
diesem Augenblicke und da ich eben den Griff der Tür in die Hand nahm trat
ich zufälliger Weise auf den Stöpsel meiner leeren Bouteille Ich hob ihn auf
und besah ihn Kein Pfropf ist Wohl noch so bedenklich besehen worden Es war
mir als ob der Blick noch fest an ihm klebe den mir Bastian so bedeutend
zuwarf als mir vorhin der Kork aus der Hand flog Sollte Bastian mit seinem
Blicke Recht haben befragte ich mich erschrocken sollte es wirklich für die
Religion gefährlich sein sich in dem Taumel des Weins einer Heiligen zu nähern
Das muss ich zuvor noch untersuchen sagte ich und zog mich mit meinem Stöpsel
langsam nach meinem Lehnstuhle auf den ich mich nun in eine Lage warf die zum
Nachdenken eines Betrunkenen wie gemacht war Auch mochte ich nur etwa eine
halbe Stunde so gelegen haben als ich schnarchend erwachte und unstreitig viel
klärer in meiner Angelegenheit sehen gelernt hatte als vorhin
    Es war schon spät Eduard und der Mond schon im Aufgehen viel später als
heute vor sechs Tagen da er mir auch schien als die gute Margot mir ihr warmes
Halstuch um den Kopf band Hätte ich diesen Gedanken behutsamer verfolgt als ich
tat ich glaube es wäre nichts aus meiner Visite geworden So aber kam ich von
Margots Halstuch auf das Halstuch der Heiligen von dem Hundertsten in das
Tausendste und  mein guter Gedanke entwischte mir unter den Händen
    Indes war es doch drollig dass ich noch immer wie angeheftet auf meinem
Lehnstuhle verweilte ohne mich ganz von dem Misstrauen in meine Einsichten
trennen zu können das Du von jeher an mir gewohnt bist und das mir immer noch
anklebt wie eine Nervenschwäche Mein Vorsatz war zwar gefasst aber um ihn
auszuführen fehlte mir nur noch die Aufmunterung eines Freundes der mir für
den glücklichen Erfolg und für allen Schaden haftete der daraus erwachsen
könnte und auch diese Gewähr wusste ich mir endlich zu verschaffen
    Ja lieber Eduard alles mein voriges Hin und HerÜberlegen hätte ich mir
recht gut ersparen können wenn ich eher an Den gedacht hätte der mir in
Avignon alles in allem war  an den Vorbereiter der Jugend an das Orakel der
Stadt an den ehrlichen Kirchner Ich brauchte ihn nur noch einmal in Gedanken
abzuhören um zu wissen woran ich mit Klärchen war Sein dunkles Gespräch
schwebte mir vor als ob er mir gegenüber säße und entwickelte sich jetzt zu
meiner ungleich größeren Zufriedenheit als da ich ihn selbst hörte Meine
Wünsche bekamen ihre einzigewahre Richtung Mit dem Übertritte zu Klärchens
Religion fühlte ich habe es heute wohl nicht viel zu bedeuten und ich
steckte um nicht wieder darauf zu treten den Propf in die Tasche Sein dunkles
Gespräch Mein Gott durfte er es denn wohl weniger behutsam anlegen wenn er
seiner neuen Freundschaft für mich ein Geschick geben wollte ohne geradezu
seiner älteren für den Propst zu schaden Wie war es möglich dass ich so blind
sein konnte Ich erstaunte als ich die feinen Winke erwog die er mir wie von
ungefähr zuwarf als ich die schlauen Bemerkungen analysirte die er fallen
ließ und die LokalFarben die er zum Gemälde seines Vorgesetzten brauchte mit
den psychologischen Nachrichten verglich die er mir von Klärchen mitteilte 
ich erstaunte sage ich über die Deutlichkeit die in allem dem herrschte Der
sonderbare Accent den er wie es mir schien ohne Not auf dieses oder jenes
Wort legte bekam nun Bedeutung und Sinn Sein Aufruf an mich zu Gunsten des
Propstes erklärte sich mir wie das Einlassbillet einer Komödie und obgleich
seine Rätsel so teologisch verflochten waren als man sie nur von einem
getauften Juden erwarten kann so war mir doch weiter nicht bange diese feinen
Fäden glücklich aus einander zu wirren
Den Dünsten gleich die von den Auen
Beim Überschein der Sonne fliehn
Sah mein geschärfter Blick des schlauen
Orakels Dunkel sich verziehn
Ich forschte mit der Kraft die Bacchus mir verliehn
Dem schweren Rätsel nach bis mit geheimem Grauen
Sein Knoten mir entgegen schien
Neu jung und modulirt als keiner nach Berlin
Zu Markte kommt und doch nicht von der rauen
Antiken Festigkeit um ihn
Anstatt zu lösen durchzuhauen 
Lag er im Schutz der heiligsten der Frauen
Schon darum wert um vor ihm hinzuknien
Und wie der erste Trieb sein Felsennest zu bauen
Den jungen Adler hebt auf eine Höh wohin
Kein Aug es wagt ihm nachzuschauen
So Überflügelte mein männliches Vertrauen
Das Heiligtum der Sängerin
Ich forderte von ihr die mir den Schlaf verwehret
So lang Ersatz für den verlorenen Schlaf
Bis ich den ganzen Schwarm der Freuden aufgestöret
Die der Verlauf der Zeit vielleicht dem Propst bescheret
Wenn die Ermüdete als ein verirrtes Schaf
Zu seiner Herde wiederkehret
Und sah erstaunt wie das was jedem Teil gehört
In Einem Punkt zusammen traf
    Hast Du selbst je von einem Plane gehört lieber Eduard der einfacher in
seiner Anlage geschmeidiger für die Ausführung und für den Endzweck den er
beabsichtigt so harmonisch in allen seinen einzelnen Teilen wäre Wie geübt
dachte ich mit schuldiger Bewunderung muss die Hand des Meisters sein der ihn
entwarf wie groß seine Erfahrung der Welt wie sicher seine Kenntnis des Lokals
und seine Bekanntschaft mit den Sitten der Andächtigen
    Ich hatte nur einige Schritte über den Vorsaal zu tun die bei dem hellen
Scheine den der Mond über ihn breitete keine Schwierigkeit machten Ehe ich
aufbrach bedachte ich noch wie wenig man oft bei solchen Besuchen Herr seiner
Zurückkunft ist und setzte aus Vorsicht mein Licht in den Kamin Im Vorbeigehn
beim Spiegel würdigte ich auch noch meinen äußern Menschen einer flüchtigen
Untersuchung und wie vorteilhaft fiel sie diesmal nicht aus Wäre der
schlafende Amor in die Höhe gesprungen mich zu umarmen wahrlich ich hätte es
in diesem Augenblicke für kein Wunder gehalten So einen Schlummer möchte ich
mir wünschen sagte ich indem meine freundlichen Augen den Ausdruck der
glücklichsten Ruhe verfolgten den ihm der Künstler zu geben gewusst hatte  Ich
gelobte wenn ich so ausdrucksvoll von Klärchen zurück käme ihm das Restchen
Staub abzuwischen bei dem sich ihre zitternde Hand mitten in der Arbeit so
artig zurückzog Ob wohl allen Heiligen dieses Gefühl der Sensitiven eigen sein
mag und ob sie wohl solches auch noch bis nach Untergang der Sonne behalten
Ich sah als ich in dem Spiegel wieder nach mir aufblickte dass mich dieses
Problem und die Hoffnung es aufzulösen rot gemacht hatten bis über die Ohren
und wie auserwählt schien nicht diese Farbe zu meinen großen viel versprechenden
Augen und wie schön nüancirte sie nicht mit dem Inkarnat meiner Lippen  Ach
meine Lippen Auf keinen andern habe ich je diesen Anreiz und dieses Hinstreben
entdeckt Ich möchte wohl sagte ich höhnisch das Mädchen sehen das solche
Figuren vor ihrer Tür abzuweisen das Herz hätte Und so trat ich mit der
Zuversicht eines guten Gesellschafters endlich über die Schwelle und gelangte
glücklich an den Verschlag der wie der Vorhof zum Allerheiligsten Klärchens
Zimmer begränzte
    Bei der Stille die in diesem frommen Hause herrschte war nicht viel
Geräusch nötig um ihr Ohr aufmerksam auf meine Annäherung zu machen Auch rief
ich kaum ein paarmal ihren harmonischen Namen mit gedämpfter Stimme so hörte
ich auch schon ihre Kammer sich öffnen Nun trippelte sie nach der Türe des
Verschlags nun hob sie  stelle Dir das Vergnügen vor das mich durchzitterte 
den Riegel auf und lebhaft stand nun  Klärchen zwar nicht  aber ihre
abgemergelte zahnlose Tante in ein weißes katunenes Nachtkleid gehüllt vor
mir
    In dem ersten Anfalle meines Schreckens dachte ich nichts gewisser als die
gute Frau habe wohl Lust sich selbst meinen späten Besuch zuzueignen und könne
so von Gott verlassen sein sich einzubilden dass ich ohne Scheu für ihr
ehrwürdiges Alter  Aber sie ließ mich diesen heillosen Gedanken nicht
endigen Sie fuhr mir nur zu bald mit einem »Was beliebt Ihnen mein Herr« auf
den Hals und zeigte dabei eine so schnakische Befremdung in ihrem Gesichte als
hätte sie in dem langen Laufe ihres Lebens noch nie eine männliche Gestalt im
Mondscheine erblickt Ich hingegen auf meiner Seite und gewiss betroffener noch
als sie  wahrlich ich musste mir ihre einfache Frage noch einmal wiederholen
lassen ehe ich meiner Stimme so mächtig ward ein paar verunglückte Worte
darauf zu antworten Ich starrte das alte Weib vorher noch sprachlos und mit
aufgerissenen Augen an  ein Anblick der wenn er auch sonst nichts Gutes hat
einem Menschen in meiner Lage doch einiger Massen dadurch wohltätig werden kann,
dass er ihn aus einem hitzigen Fieber in ein kaltes versetzt Mag man indes
solche Veränderungen noch so sehr unter die guten Symptome rechnen so möchte
ich sie doch selbst meinen Feinden nicht wünschen Ich weiß nun aus eigener
Erfahrung wie viel es dem armen Kranken kostet die erhabenen Phantasien die
seine Seele beschäftigen unter Zähnklappen verschwinden zu sehen
    »Die langen Abende  meine angenehme Nachbarschaft  die Einsamkeit« 
stotterte ich endlich in abgebrochenen Sätzen heraus zu denen es mir je länger
je schwerer ward eine Verbindung zu finden Meine Verlegenheit nahm mit jeder
Sekunde zu glaubte sich Luft zu schaffen und verfiel darüber in die
unbesonnenste Erklärung die sich nur ausfindig machen ließ »Liebe Madam«
sagte ich »die anziehenden Reize Ihres guten Klärchens werden mich schon
hinlänglich bei Ihnen entschuldigen und die Freiheit die Sie dem Propst
erlauben hoffe ich werden Sie doch wohl nicht Ihrem Mietmanne versagen« 
Das hatte ich vortrefflich gemacht  Du hättest nur sehen sollen was die alte
Katze bei diesen Worten für Feuer fing  »Klärchen Klärchen« beantwortete sie
meine wohlgesetzte Rede »nimmt keine nächtlichen Besuche  ja sie nimmt gar
keine und zu keiner Zeit an Gehen Sie mein guter Herr« setzte sie höhnisch
hinzu »suchen Sie anderwärts Ihre Unterhaltung und lassen Sie Ihre Nachbarn in
Ruhe«
    Schwerlich hat noch jemand einen unfreundlichern Bescheid aus einem
hässlichem Munde gehört Da es aber noch einen einpörendern Anblick in der Natur
gibt so gab sie mir auch den noch zu Gute ich meine ein altes Weib das die
Begeisterte macht Sie warf ihre beiden Irrwische von Augen in die Höhe als ob
sie die Engel aus dem Himmel verjagen wollte legte ihre linke Hand auf ihr
schlotterndes Halstuch  streckte ihren rechten Arm steif und gerade nach mir
zu und kreischte mir mit der Stimme einer Besessenen durch die Ohren
Irrgläubiger was treibet Dich
So frech so blass so schauerlich
Herum im Mondenschein
Vernimm furchtbares Nachtgespenst
Es schließt die Burg die Du berennst
Ein Kind des Lichtes ein
Und welch ein Kind So voll und rund
So früh kam noch kein Busen und
Kein weiblich Herz in Flor
Ein Seraph sah den ersten Flug
Der kleinen Sängerin und trug
Sie der Madonna vor
Und diese nahm sie in Beschluss
Und wollte selbst mit seinem Gruß
Sich Gabriel ihr nahn
Sie ließ ihn vor der Türe stehen
Und hieß ihn spottend weiter gehen
So wie sie Dir getan
Der Propst des Himmels Liebling nur
Verehrt den Schöpfer der Natur
In meiner Nichte Reiz
Der Reichtum ihres Gärtchens ist
Auch sein und wird vor Räuberlist
Gesichert durch sein 
Und jedes Kreuz das er ihr schlägt
Weckt eine Blüte mehr erregt
Ihm eine Hoffnung mehr
Und Sie bewahret zum Erkauf
Des Himmels ihren Vorrat auf
Und zu Mariens Ehr
Von der Holdseligen bedeckt
Erhält sich frisch und unbefleckt
Ihr schöner Aerntekranz
Und wenn ihm auch ein Kreuz verblich
Der Propst mit einem Pinselstrich
Hebt den verlöschten Glanz
Was stört verlorner Geist Dein Blick
Für Bilder in mir auf  Erschrick
Und weiche meinem Fluch
Dich müsse jede Jungfrau fliehn
Maria keine Dir erziehn
Zu nächtlichem Besuch
    O das soll mir ganz recht sein dachte ich indes die alte Närrin während
der sublimen Worte ihrer mystischen Romanze die ich vielleicht ganz der Quere
verstand dasselbe heilige Zeichen mehrmal über ihre Brust und ihr Gesicht zog
die doch wahrlich dieses Schutzes gar nicht bedurften und zugleich mit ihrem
Zeigefinger auf etwas hindeutete das mir doch nicht eher verständlich und
sichtbar ward bis sie die Tür mir vor der Nase zugeschmissen und verriegelt
hatte  denn nun erst fiel mir eins von den Kreuzen in die Augen auf die sich
die Alte in ihrer Begeisterung bezog und davon die eine Hälfte an der oberen
Bekleidung  die andere an dem Flügel der Türe nun in einem ungetrennten Zuge
wieder zusammen passten vermutlich mit einer Kreide gemalt über die ein
Weihbischof den Segen gesprochen hatte »Liegt es nur daran« sagte ich und warf
den Mund auf »Diese Wunderzeichen des Propstes sind doch wohl noch zu
verwischen wenn ich nur erst die Stationen kenne die er damit besetzt hat«
Und so schlich ich mit verbissenem Ärger in mein einsames Zimmer zurück
    Meine Abwesenheit konnte nicht lange gedauert haben denn ich hatte nicht
einmal nötig mein Licht zu putzen als ich es aus dem Kamin langte es wieder
auf den Tisch und mich mit in einander geschlagenen Armen davor setzte Es
währte eine ziemliche Weile wo ich gedankenlos auf die leere Flasche
hinblickte ehe ich sie in Verdacht nahm dass sie wohl an dem eben geschehenen
Vorgange die meiste Schuld habe Dies brachte mich gelegentlich auf den Text
den ich mir in Ansehung der verletzten Diät und Moral die leider bei mir immer
gleichen Schritt halten zu lesen hatte »Ja« rief ich aus »man muss betrunken
sein um einen Augenblick an der Tugend und Unschuld dieser Heiligen zu
zweifeln und so ungleiche Absichten als mir mein Gewissen vorwirft darauf zu
bauen Ich habe es verdient vor ihrer Tür abgewiesen zu werden denn ich bin
nicht wert über ihre Schwelle zu treten  nicht wert ihr nur die Schuhriemen 
geschweige sonst etwas aufzulösen und das geringste der Kreuze zu verlöschen
womit der Propst ihre Zugänge verwahrt hat«
    Da ich nicht gewohnt bin mich selbst zu schonen sobald ich nur erst so
weit bin mich in die Augen zu fassen so ward ich auch diesmal so böse auf mich
selbst dass ich mich gern vor jedem ehrlichen Manne an den Pranger gestellt
hätte der mir die Wahrheit noch derber hätte sagen wollen als ich es selbst
tat Ich fühlte in dieser ärgerlichen Stunde die Entfernung von Dir mein
Eduard stärker als jemals und wusste lange nichts an ihre Stelle zu setzen Wie
aber die gütige Natur für gewöhnliche Übel auch die Mittel dagegen vorzüglich
gehäuft hat und man zum Beispiele gegen einen bösen Hals oder eine jede andere
Krankheit welche schleunige Hilfe verlangt die bewährtesten Recepte an allen
Zäunen und Hecken findet so glaube ich ist in unserm aufgeklärten Zeitalter
kein Winkel der Erde mehr so verwildert auf dem sich für eine kranke Seele
ihrem Bedürfnisse gemäß nicht bald ein anhaltendes bald ein abführendes
Mittel auftreiben ließe Wäre es Tag gewesen so hätte ich freilich bei meinem
Freunde dem Buchhändler das Aussuchen gehabt so aber musste ich mir zu helfen
suchen wie es gehen wollte und das tat ich auch Ich näherte mich zum
erstenmale der zu der frommen Stiftung gehörigen kleinen Bibliothek meines
Kabinets sicher dass ich hier eben so gewiss ein oder das andere moralische Buch
finden als ich nicht umsonst nach Pimpernelle oder Klatschrosen ausgehen würde
wenn ich eines Gurgelwassers benötigt wäre
    Der erste Folioband den ich heraus zog den ich aber auch ehrlich genug
war sogleich wieder an seinen Ort zu stellen war Sanchez de matrimonio Ich
griff auf besser Glück nach einem andern von mittlerem Format und bekam die
Aphorismen des großen Emanuel Sa de dubio in die Hand
    Das ist wahrscheinlich sagte ich so ein Buch als du suchst und setzte
mich damit an meinen Tisch Ich hätte auch für mein gegenwärtiges Bedürfnis kein
besseres finden können Auf allen Seiten strahlten mir die herrlichsten
Anweisungen entgegen sich mit Ehren aus den schlüpfrigsten Händeln seines
Gewissens zu ziehen und mit Hilfe kleiner artiger Distinktionen sich über alle
Fehltritte zu beruhigen die eine strenge ungeläuterte Moral im Ganzen
genommen unbarmherzig verdammt Du kannst denken dass mir in meinen Umständen
dieser Sittenlehrer ungleich mehr behagen musste als jeder andere der ohne nur
die Schwierigkeiten der Ausführung mit seinen Forderungen vergleichen zu wollen
mir geradezu gesagt hätte Tue recht und scheue niemand Das ist weiter keine
Kunst In diesem herrlichen Buche hingegen fand ich sogar mehr als ich suchte
Wie viel Vorwürfe die ich mir in meiner ersten misslaunigen Aufbrausung machte
würde ich mir nicht erspart haben hätte ich diesen gründlichen Schriftsteller
nur eine halbe Stunde eher gekannt Ich las mich dick und satt bis ich
vollkommen überzeugt war dass wären mir auch alle die Absichten gelungen an
deren Ausführung mich das alte hämische Weib hinderte ich zwar von der geraden
Straße ab  doch gar nicht viel umgegangen wäre
    Ich schloss nicht unwahrscheinlich von dem Werte dieses einzelnen Buchs auf
die Wichtigkeit der ganzen Sammlung holte mir um bei der Entscheidung meiner
Streitfragen der Mehrheit der Stimmen gewiss zu sein noch andere herbei die
auch mehr oder weniger den guten Gründen jenes großen Kasuisten beitraten
wovon ich Dir besonders einen gewissen Thomas Tambourin nennen und empfehlen
will der mir wirklich vielen Spaß gemacht hat Hier hast Du den Titel seines
Buchs Explicatio Decalogi in qua omnes fere conscientiae casus mira
brevitate claritate et quantum licet benignitate declarantur 
    Ich war in guten Händen wie Du siehst Meine Lektüre ward immer
anziehender Der Unterricht dieser vortrefflichen Männer hatte mich endlich so
fest gemacht dass ich weiter keine Gefahr für mich sah auch den ehrbaren
Sanchez mit zu Rate zu ziehen Ich las bis in die sinkende Nacht hinein ohne
seiner verwickelten Fragen und Auflösungen überdrüssig zu werden und lege ihn
jetzt da mein abgebranntes Licht mir kaum noch Zeit lässt meinen Bericht an
Dich niederzuschreiben mit den Worten aus der Hand mit welchen die
vorgedruckte Approbation seines geistlichen Censors anhebt Librum hunc legi
perlegi lectitavi felix pensum D Sanchez Katol Majest in Regio
Incarnationis Koenobio a Sacello et Sacris in quo nihil nec devium ab ortodoxa
nostra fide nec obvium bonis moribus percepi etc Und gehe nun ich gestehe es
Dir als der eifrigste Anhänger einer Gesellschaft zu Bette der es da sie so
vorzügliche Mittel gegen menschliche Schwachheiten im Vertriebe hat nicht
fehlen kann trotz der kleinen Kränkungen die sie in unsern Zeiten erlitten
hat an allen Enden der Erde Proselyten zu machen
                                                                Den 4ten Januar
    Von allen moralischen Hülfsmitteln der Lojoliten die ich mir gestern Abends
eigen zu machen suchte rührte mich keines so sehr als der Ausweg den sie
einstimmig vorschlagen um in dem Hand gemenge der Leidenschaften mit der
Sittlichkeit die mitspielende Person sicher zu stellen Setze sagen diese
Herren wenn ich den Sinn ihrer Worte ins Kurze fasse jeder zweideutigen
Handlung die du unternimmst zur Beruhigung deines Gewissens nur geschwind
eine andere Zweideutigkeit entgegen  Lass zum Beispiele zur Zeit ihres
sträflichen Vorgangs den Gedanken voraus treten dass ein anderer sie begehe als
du und schwöre sogar wenn du dazu aufgefordert wirst du habest die Tat nicht
begangen nämlich  wie du stillschweigend hinzu tun musst  an diesem oder
jenem Tage oder vor deiner Geburt Durch diesen kleinen Kunstgriff setzest du
dich am geschwindesten über alle deiner Ruhe nachteilige Folgen hinaus denn
diese nehmen alsdann von selbst die Richtung an in der du dich in so kritischen
Minuten von dir selbst zu entfernen gewusst hast Das ist bei vielen
Gelegenheiten überaus bequem sagt Sanchez in seiner Sittenlehre14 ob es aber
auch immer recht ist wie er dazu setzt ist eine andere Frage über die ich
lange nicht mit mir einig werden konnte Ich sah wohl ein dass die Herren diesen
verfeinerten Lehrsatz nicht so oft und so dreist würden ausgekramt haben wären
sie nicht von seiner Brauchbarkeit und Güte aus langer praktischer Erfahrung
vollkommen überzeugt gewesen  und doch wenn ich nun dran war ihn auf mich
anzuwenden versagte mir auf einmal der Mut wie einem Kinde das aufgefordert
wird einem Seiltänzer nachzuspringen Es war Mangel an Übung lieber Eduard
Ich setzte den Fuß nieder den ich schon aufgehoben hatte lief meinen Tröstern
in die Arme um mir Herz zu holen und kauete jedes Wort wieder das sie mir
zusprachen So gelang es mir am Ende ihren herzhaften Zuruf wörtlich meinem
Gedächtnisse einzuprägen und das ist wie Du noch aus Deinen Lehrjahren her
wissen wirst schon viel wo nicht alles für die Überzeugung gewonnen Die
Zweifel die mir dann und wann über die Zuverlässigkeit meiner Ratgeber
aufstiessen machten mir eigentlich am meisten zu schaffen aber ich fand doch
bald einen erfahrnen Mann der mich auch hierin zur Ruhe wies denn die würdige
Zunft der Kasuisten hat so sehr für alles gesorgt dass der Satz des einen die
Sätze der andern auf das brüderlichste unterstützt Dans les choses douteuses
sagt der berühmte P Poignant der aufgeschlagen neben dem Sanchez lag nous ne
sommes pas obligés de suivre le sentiment le plus sur  Und so blieb mir denn
zuletzt weiter keine Sorge übrig als die mich nur recht bald in der Lage zu
sehen meinen Ratgebern Ehre zu machen und in Klärchens Armen das süße Gefühl
meines Unrechts ihrem Glaubensgenossen dem Propste der mir am schicklichsten
dazu schien unterzuschieben
    Aber die Hauptschwierigkeit die ich weder durch Nachdenken noch durch mein
Nachlesen in den Kirchenvätern wegzuräumen wusste die Frage wie ich mich in
diese glückliche Lage bringen sollte blieb immer noch unbeantwortet Der
Vorgang von gestern Abend hatte mich außerordentlich schüchtern gemacht Man
hätte mir die Welt bieten können ich würde es darauf nicht gewagt haben den
bösen Geist der den Schatz bewachte noch einmal herauszufordern ehe ich ihn
nicht zu beschwören verstand
    In dieser Verlegenheit die mich vom Rousseau zum Amor von einer Ecke des
Zimmers in die andere trieb konnte es indes nicht lange währen so musste mir
der einzige Mann beifallen der sie vielleicht heben konnte Mein misslungener
Versuch von gestern den ich zwar auf seine Autorität unternahm hatte mein
Zutrauen zu ihm nicht im mindesten geschwächt Der beste Plan muss wohl
scheitern wenn man in der Ausführung nicht auch Rücksicht auf Zeit und
Gelegenheit nimmt und das musste ich mir selbst vorwerfen war ich so albern
gewesen ganz zu unterlassen Ich steckte also meine Goldbörse ein und machte
mich gutes Muts zu ihm auf den Meg Ich traf ihn auch diesmal wieder mit der
heitern Miene auf seinem Posten die mich gleich die erste Stunde unserer
Bekanntschaft so sehr zu seinem Vorteile einnahm und durch die sich so
sprechend die ganze Ruhe seiner Seele und seines Amtes verkündiget  Unser
Gespräch kam indes diesmal nicht so geschwind in Gang als gewöhnlich ich musste
lange die Kosten der Unterhaltung allein tragen Er hatte die Unbarmherzigkeit
meine Beichte von Anfange bis zu Ende mit geschlossenen Augen ruhig anzuhören
ohne das Bittere davon nur durch ein tröstliches Wort zu mildern geschweige dass
er durch einen zuvorkommenden freundlichen Rat mir die Verlegenheit erspart
hätte  so in der Nähe von Laurens Asche  so ganz ohne Achtung für ihr
sittsames Andenken  ihm mein geheimes Anliegen zu entwickeln Selbst als ich
nun meinen misslichen Vortrag getan hatte  voll verschämter Erwartung vor ihm
stand und es ihm endlich gefiel die Lippen zu öffnen hätte es im Anfang doch
nur der Teufel seinem gleichgültigen Geschwätze ansehen können was es am Ende
noch alles Lehrreiches und Gutes für mich enthalten würde
    »Ja ja« fing er wie im Traume an und rieb sich die Stirn  »unser Leben
mein junger Herr währt siebzig Jahr und wenn es hoch kommt sind es achtzig
und wenn es köstlich gewesen ist so ist es Mühe und Arbeit gewesen Auch ich
habe diesen Morgen die meinige gehabt  habe die Stühle die Bänke und den Altar
abgestäubt und bin wohl zehnmal über Laurens Grab mit dem Besen gefahren ehe
ich es rein bringen konnte aber es war notwendig Diese Kirche hat morgen
einen ansehnlichen Besuch zu erwarten denn wir feiern das Fest des heiligen
Einsiedlers Simeon Stylita der von den vornehmsten hiesigen Einwohnern der
Patron ist«
    »Was in aller Welt geht mich dieser Schnak an« dachte ich machte eine
höchst verdrießliche Miene und setzte mich auf die nächste Bank
    »Sie müssen wissen mein Herr« trat er nun näher vor mich »dass unter
Heiligen und Heiligen ein gewaltiger Unterschied ist  Der eine hat mehr Rang
der andere mehr Zulauf  die eine fromme Seele schmiegt sich lieber diesem die
andere jenem an nachdem entweder ihr Alter ihr Gewerbe ihr Name oder ihre
besonderen Sünden diese Auswahl veranlassen So ist mein Einsiedler zum
Beispiel durch die christliche Sündhaftigkeit mit der er seine Gicht und
Zahnschmerzen ertrug der Schutzpatron aller der Unglücklichen geworden die an
diesen Übeln leiden Schliessen Sie nun selbst mein Herr auf den Zuspruch den
er erhalten wird Leider hat seit einigen Jahren auch Ihre gute Hauswirtin
unter seine Fahne treten müssen  Auch sie wird morgen den größten Teil des
Tages in meiner und des Heiligen Gesellschaft zubringen  Geben Sie Acht ob ich
wahr rede«
    »Und Klärchen« fragte ich hastig er aber tat nicht als ob er mich hörte
 »Morgen« fuhr er mit ernstem dogmatischem Tone fort »ist es Krankheit die
ihre Andacht in Bewegung bringt zwei Tage darauf am Feste der heiligen
Bertilia tut es ihr Name« 
    »Und Klärchen« fuhr ich zum zweitenmale auf  »Wird unterdessen«
antwortete er ganz gelassen »allein zu Hause bleiben  so wie hingegen am Feste
der heiligen Koncordia die Tante daheim bleibt und nur ihre Nichte zur Kirche
schickt«
    »Und was gibt hiezu Veranlassung« fragte ich äußerst neugierig  »Das
verschiedene Alter der beiden Andächtigen« erwiderte er Er sah mir an dass
ich ihn nicht verstand  »Ich habe schon mehrmalen die Schwierigkeit bemerkt«
fuhr er fort »einem Deutschen auch selbst von unserm Glauben den Zusammenhang
dieses Festes begreiflich zu machen  aber es ist mir doch endlich immer durch
Hilfe der Analogie gelungen Diesen Ausweg verdanke ich einem Reisenden aus
Ingolstadt der vor vielen Jahren hier war und auch das Grab der Laura
besuchte  Von dem erfuhr ich gesprächsweise dass in seiner Vaterstadt der
heilige Augustin von allen denen besonders verehrt werde die an den Augen
leiden  Bei uns hingegen ist dieser Heilige  als Augenarzt gar nicht
bekannt  Die Ursache davon liegt einzig in der Verschiedenheit beider
Sprachen In der Ihrigen soll wie Sie besser wissen als ich die erste Sylbe in
dem Namen dieses Wundertäters gleichen Schall und Bedeutung mit dem Worte
haben welches das Glied bezeichnet mit dem wir sehen und nun mein Herr«
fuhr er fort »wird es Ihnen weiter nicht schwer werden die Ursache
auszufinden warum bei uns nicht allein Mädchen wie Klara nein auch Weiber und
Wittwen wenn sie nicht wie unsere Freundin Bertilia über die fünfzig hinaus
sind das Fest der Koncordia mit einem Eifer feiern der deutschen Damen die
unsre Sprache nicht bis auf solche Kleinigkeiten wissen mehr als übertrieben
vorkommen muss«  Ich verstand zum Glücke so viel Französisch um diese Aufgabe
der Analogie bald genug zu erraten und ich hatte keine genüge Freude darüber
 »O« rief ich aus »dieser Unterricht in Ihrer Religion lieber Herr Kirchner
verdient eine ausgezeichnete Belohnung  Hier  machen Sie keine Umstände« 
Und so drückte ich ihm einen holländischen DoppelDukaten in die Hand der so
funkelte als ob er erst aus der Münze käme  »Ei mein Herr« sagte der liebe
Mann und besah das Goldstück mit besonderm Vergnügen »Sie beschenken mich ja
so reichlich als ob Sie Sich meine Fürbitte bei dieser Heiligen erkaufen
wollten  Die soll Ihnen auch nicht fehlen  Aber bei allen Engeln und
Erzengeln mein Herr  was seh ich Diese Umschrift  ich bitte Sie  war sie
immer auf dieser Münze  Ist sie zur Ehre der Heiligen geschlagen oder ist es
ein Wunder durch das sie Ihnen ihre Hilfe zusagt Hören Sie nur und hören Sie
es mit Zutrauen was sie Ihnen Gutes verspricht«
    Ich war bei diesem unerwarteten Ausfalle des Kirchners einige Schritte
zurück getreten und glaubte nichts gewisser als der gute Mann Ware toll
geworden wurde aber als er mir nun die bekannte Umschrift aller holländischen
Dukaten herlas doch selbst so davon überrascht als wenn wirklich etwas
Wunderwürdiges darin läge  »Koncordia« las er indem er den Dukaten zwischen
den Fingern herum drehte  »res parvae  crescunt« und zugleich sah er mich so
bedeutend an dass mir das Blut ins Gesicht stieg  »O Klara Klara« rief ich
aus ohne zu wissen warum  »Das ist wahrlich ein sonderbarer Zufall lieber
Herr Kirchner  Wie gern will ich ihn für eins der größten Wunder ansehen wenn
die heilige Koncordia ihre Zusage erfüllt  Aber sagen Sie mir geschwind
lieber Mann an welchem Tage des Jahres wird denn dieses große weibliche Fest
begangen«
    »Den achtzehnten Februar« antwortete er  »Sollte es wohl den Eindruck auf
Sie machen dass Sie bis zu seiner Feier bei uns verweilen möchten«
    »O ganz gewiss« antwortete ich mit glühenden Wangen  Und es ist mein
völliger Ernst Eduard
    »Nun dann wünsche ich Ihnen Glück zu Ihrem Mute« erlviederte der gute
Mann »Es hat noch keinen jungen Fremden gereut diesen merkwürdigen Festtag in
Avignon abzuwarten Doch da alsdann gewöhnlich die Häuser besetzter noch sind
als zu Frankfurt bei der Kaiserwahl so rate ich Ihnen wohlmeinend  sind Sie
anders mit Ihrer Miete zufrieden Sich ihrer ja in voraus auf diesen Zeitpunkt
zu versichern denn Quartiere wie das Ihrige steigen alsdann über die Gebühr«
    Hier störte ein Engländer der Laurens Grab mit einer so verächtlichen Miene
aufsuchte als ob sie seine Freundin gewesen wäre unser interessantes Gespräch
Ich konnte meinen Verdruss über diesen ungelegenen Fremden kaum vor ihm selbst
verbergen und doch konnte ich noch weniger dem Kirchner zumuten ihn
abzuweisen denn ein abgewiesener Engländer kommt selten wieder  Wir
Kurzsichtigen ärgern uns oft über zufällige Dinge die uns doch gerade unsern
Wünschen entgegen führen Du sollst noch auf diesem Bogen zu lesen bekommen
Eduard wie viel ich der Dazwischenkunft dieses Reisenden zu danken habe so
viel dass ein rechtgläubiger Katholik an meiner Stelle darauf schwören würde die
heilige Koncordia habe sie veranstaltet  Ich schreibe sie auf Rechnung des
Zufalls der immer mein Freund war Der Kirchner zuckte die Achseln indem er
mir die Hand zum Abschiede reichte und bat mich bald wieder zu kommen welches
ich ihm denn auch treulich versprach Der goldne Wahlspruch der sieben Provinzen
hat zwischen diesem guten Manne und mir eine stärkere Vereinigung zu Stande
gebracht als glaube ich zwischen den sieben Provinzen selbst Es ist doch
eine hübsche Sache um die Freundschaft
    Ich taumelte ohne mich um den nächsten Weg nach Hause zu bekümmern aus
einer Gasse in die andere und mir war beinahe so zu Mute als einem jungen
Gelehrten der nicht recht weiß was er in aller Welt mit den vielen neuen
Kenntnissen anfangen soll die er aus dem Hörsaale mitnimmt Darüber stieß ich 
Ehre sei dem freundlichen Zufalle auf die launigste Begebenheit die er je aus
seinem weiten Ärmel geschüttelt hat Eine Menge Menschen die aus einem
ansehnlichen Hause teils heraus stürzten teils ihm zuströmten erregte meine
Aufmerksamkeit Ich erkundigte mich nach der Ursache dieses Gedränges und
erfuhr dass hier eine wichtige Versteigerung von Kostbarkeiten gehalten würde
Nun mag ich Wohl dann und wann dergleichen öffentlichen Glücksspielen beiwohnen
denn ob ich mich gleich enthalte mein Inventar auf diesem Wege zu verstärken
seitdem ich einmal in Holland einen englischen Tubus erstand in welchem als
ich ihn zu Hause genauer untersuchte das ObjektivGlas fehlte so kann es doch
immer den Geist angenehm beschäftigen wenn man mit philosophischen Augen die
verschiedenen Hilfsmittel übersieht die der Besitzer derselben vor seinem
physischen oder moralischen Tode gebrauchte so gelehrt so artig oder so arm zu
werden als er war Selbst die kleinen Absichten die sich manchmal bei denen
recht gut erraten lassen die jetzt dieses oder jenes Stück aus dem Nachlasse
des Verstorbenen an sich bringen gewährt schon einige Unterhaltung Ich widmete
also auch diesmal meiner Neugierde die halbe Stunde die mir noch bis zum
Mittage frei blieb und stieg nicht ohne Mühe die von Menschen angefüllte
Treppe hinauf nach dem AuktionsZimmer
    Hätte ich einige Stunden früher eintreffen können ohne mich um das
belehrende Gespräch des Kirchners das mir über alles gehen musste zu bringen so
wäre der Zeitvertreib den ich hier fand freilich noch vollkommener gewesen
Jetzt waren ungefähr nur noch ein Dutzend Nummern von einer der seltensten
Sammlungen übrig die wohl jemals versteigert wurden Der arme Mann der sie mit
Aufopferung seines Vermögens errichtet hatte und nun sein mühsames kostbares
Gebäude durch unbarmherzige Gläubiger zerstören sah saß von Schmerz und Unruhe
gefoltert in einem ausgeleerten Nebenzimmer und flößte mir gleich beim
Eintritt in den Saal das größte Mitleid ein selbst ehe ich noch einen Blick auf
seine Sammlung warf
    Ich habe zwar oft gesehen lieber Eduard dass vernünftige Männer Weib und
Kinder und jedes andere Glück des Lebens hintan setzten um Muscheln Steine
Bücher Schmetterlinge oder Gemälde zusammen auf einen Haufen zu bringen  habe
ihnen oft nach Verlauf eines ängstlichen Zeitraums diese Spielwerke ihres
Geistes durch die Gesetze und zu Abfindung ihrer Schulden entreißen und sie an
andere berühmte Kenner wahrscheinlich zu einem einst ähnlichen Schicksale
übergehen sehen  aber noch nie fand ich den Vermögensbestand eines freien
Mannes so sonderbar in einem Kabinet koncentrirt als hier denn stelle Dir vor
Eduard ich befand mich ehe ich mir so etwas versah unter einer vollständigen
Gott weiß nach was für einem System geordneten Sammlung heiliger Reliquien Die
ersten und wichtigsten Stücke an ganzen Körpern Gerippen und andern Schätzen
aus den Katakomben waren zwar schon an Mann gebracht doch waren die noch
vorrätigen Nummern die eben ausgerufen werden sollten dessen ungeachtet noch
von sehr schätzbarem Gehalte Sechs Fläschchen mit Tränen der heiligen
Magdalene wurden einzeln verlassen und nach meiner Einsicht weit unter ihrem
Werte Ein artiger Mann der neben mir stand erklärte mir die Ursache davon
als er meine Verwunderung merkte und mir ansah dass ich fremd war »Wir sitzen
hier« sagte er »an der Quelle dieser Ware Die Höhle von Beaumont wo die
Heilige zwölf Jahre ihre Sünden beweinte liegt uns in der Nähe  Aber Sie als
ein Fremder mein Herr sollten sie auf Spekulation für das Ausland kaufen denn
es ist keine Frage dass Sie nicht hundert Procent daran gewinnen könnten«  Ich
hätte vielleicht nicht übel getan seinem Rate zu folgen aber Du weißt es
Eduard ich habe zu wenig Kaufmannsgeist und ich ließ einfältig genug auch
diesen wahrscheinlichen Gewinn einem Juden zu gute gehen der mit Reliquien
handelt
    Ein Finger des H Nepomuk an dessen Aechteit einige anwesende Kenner
zweifeln wollten und ein Schlussbein des heiligen Franz hatten eben so wenig
Glück und mussten zusammen ausgeboten werden ehe sie einen Abnehmer fanden Ja
sogar Etwas von der keuschen Petronelle in Weingeist aufgehängt und recht
hübsch konservirt ging an einen Benediktiner der es in Kommission erstand für
ein solches Spottgeld weg dass ein paar artige Geschöpfe die vermutlich
gleichen Namen führten die Hände über den Kopf zusammen schlugen Dafür fanden
sich aber zu der folgenden Nummer desto mehr Liebhaber und das Kleinod
verdiente auch mehr als ein anderes diese ausgezeichnete Achtung  Der Ausrufer
selbst nahm ehrerbietig den Hut ab als er das Sammetkästchen das es verschloss
in die Höhe hielt und nun unter einer allgemeinen Stille die nur dann und wann
ein Seufzer des Unglücklichen im Nebenzimmer unterbrach folgendes Heiligtum
ankündigte »Nummer Ein tausend vierhundert und drei und dreißig das
Strumpfband der gebenedeiten Jungfrau und Mutter das sie an ihrem linken Fuße
zu tragen gewohnt war inklusive eines dazu gehörigen Ablassbriefs weiland Ihr
Päpstlichen Heiligkeit Alexander des Sechsten nebst einem Handschreiben
gedachten heiligen Vaters an die Gräfin Vanotia«
    Diese Reliquie machte den Eindruck der zu erwarten stand Der ganze Haufe
der Umstehenden geriet in Bewegung und verschiedene Stimmen zugleich erhoben
sich mit einem Gebot von zehn fünfzehn und zwanzig Dukaten Bei dem zweiten
Ausrufe stieg es bis auf vier und dreißig Nach einem kleinen Stillstande trat
ein ansehnlicher Mann mit der gesetzten Miene eines ächten Kenners ins
Mittel und bot die gerade Summe von vierzig Der Auktionator fing von vorn
und um jedermann Zeit zu lassen sich zu bedenken mit gedehnter Stimme an
Einmal vierzig  zum zweitenmal vierzig Dukaten  Der Hammer war schon
aufgehoben und ich glaubte den vornehmen Mann schon ganz gewiss in dem Besitze
dieser merkwürdigen Reliquie als aus der fernsten Ecke des Zimmers
unvermutet eine helle Stimme mit einem halben Dukaten überbot Der Schall fiel
mir sonderbar in das Ohr  Ich erhob mich auf meine Fusszehen und entdeckte 
Himmel wie ward mir  das reizende Ovalgesichtchen meiner kleinen Nachbarin
War es Freude oder Betäubung  war es unwillkürlicher Trieb ihr nachzulallen
 oder sollte es eine Aufforderung sein ihre sonorische Stimme noch einmal
hören zu lassen Genug kaum prallte ihr wohl bekannter Diskant an die Saiten
meines Herzens so schlug mein Bass als ein Echo zurück Einen halben Dukaten 
Der Laut war entwischt  Klärchen schwieg  die ganze Versammlung schwieg  und
zu meinem Erstaunen ward mir das Heiligtum für ein und vierzig Dukaten
zugeschlagen
    Wer war betroffener als ich da mir die Nebenstehenden zu dem erlangten
Besitze dieser Kostbarkeit Glück wünschten und mir Platz am Zahlungstische
machten um den unschuldigen Einklang mit Klärchens Diskante teuer genug zu
büßen Um aller Heiligen und aller Götter willen was willst du mit diesem
Kabinetsstücke anfangen sagte ich heimlich zu mir selbst als ich die Summe
aufzählte und der Gedanke dass ich zugleich in ihr das Versprechen der heiligen
Koncordia auf ein und vierzigmal zurück gab vermehrte mein Herzklopfen um ein
merkliches Nie hat wohl der Neid der als ich das Sammetkästchen in Empfang
nahm aus den Blicken derer hervor brach die vor mir darauf geboten hatten
sich gröber versehen als diesmal Denn ungeachtet alle Umstehende bei denen
ich mit meinem Heiligtum vorbei ging mich anlächelten und die Hüte abzogen
so hätte ich doch so unbefangen sein müssen als der Esel in der Fabel der das
Bild der Diana trug wenn ich mir diese Ehrenbezeugung hätte zueignen wollen
Ich kam mir im Gegenteil in diesem Augenblicke überaus albern vor und hätte
nimmermehr vermutet dass mich diese misslichen Umstände doch noch am Ende auf
einen so klugen Einfall leiten würden als ich eben fasste wie mit der letzten
Nummer eine Feder aus dem linken Flügel des Würgengels verkauft die
Versteigerung geendigt die Versammlung im Aufbruch und jedes nur darauf
bedacht war das erste auf der Gasse zu sein
    Wenn ich prahlen wollte Eduard so könnte ich es Dir als einen Zug meines
erfindungsreichen Genies angeben dass ich in diesem Tumulte den wichtigen
Vorteil zu ergreifen wusste den mir doch vermutlich nur die Gelegenheit und
meine Schutzpatronin Koncordia darbot Ich übersah mit einem geschwinden Blicke
was hier für mich zu tun sei studierte jeden meiner Schritte den ich vor oder
seitwärts tat und leitete das Volk so geschickt dass es notwendig beim
Austritte aus dem Saale mich und Klärchen in einen so verengten Zirkel
zusammenbrachte dass sie heilfroh sein musste auf einen hülfreichen Arm zu
treffen um den sie ihre zarte Hand schlingen und nun hoffen konnte sich ohne
erdrückt zu werden aus diesem unbändigen Gedränge zu ziehen Mächtiger Zufall
mein Verstand wirft sich hier nochmals in Staub vor dir nieder und erkennt dich
als seinen Herrn und Wohltäter
    Ich wäre der heiligen Atmosphäre die mich umgab wäre des Dankes des Engels
nicht wert gewesen wenn ich den einzigen Augenblick in welchem so viel für
die Folge lag ungenutzt hätte verstreichen lassen »Meine vortreffliche
Nachbarin« flüsterte ich ihr zu indem wir uns auf dem Vorsaale so lange in ein
Fenster zurück zogen bis sich das Volk würde verteilt haben das die Treppe
verstopft hielt »es war wohl unartig dass ich Sie überbot ich hoffe aber
meine gute Absicht soll mich bei Ihnen entschuldigen Sie können wohl denken
dass so kostbar auch das Strumpfband sein mag das mir das Glück verschafte es
doch für mich nur dann einen Wert haben kann wenn ich es wieder an eine Person
bringe die es zu tragen verdient Ein glückliches Ungefähr hat mich zu Ihrem
Nachbar  aber Ihre Verdienste liebes Klärchen haben mich auch zu Ihrem
eifrigsten Bewunderer gemacht Ich dachte an Sie teuerste Freundin ich
erblickte Sie in dem Augenblicke als Sie auf dieses Kleinod boten und es ward
mir unmöglich nicht nach einer Sache zu ringen die Ihnen lieb war um sie
Ihnen als einen Beweis meiner Hochachtung auszuliefern Ich wünschte nur dass
sie dadurch in Ihren Augen noch einigen Wert mehr bekäme In dieser Rücksicht«
 Hier stockte ich ein wenig und ihre großen Augen schienen zu fragen wo das
hinaus wollte  »hätte ich eben so gern mein ganzes Vermögen als einen
armseligen Teil davon daran gewendet Ich empfahl mich der heiligen Koncordia
meiner Beschützerin und wie Sie gesehen haben nicht ohne eine recht
auffallende Wirkung sie verstopfte allen andern Liebhabern den Mund selbst
Ihre frommen Lippen liebenswürdiges Mädchen und verschafte mir diese kostbare
Reliquie für diesen unbegreiflich geringen Preis« Klärchen errötete von
Sekunde zu Sekunde immer mehr ohne mich zu unterbrechen  »Um Ihnen indes«
fuhr ich traulicher fort »auch die kleinste Bedenklichkeit zu ersparen ein
Kleinod für Sie zwar von unendlichem für mich aber nur relativem Wert
anzunehmen  so erlauben Sie mir meine schöne Nachbarin es Ihnen  nicht als
Geschenk sondern gegen einen Tausch anzutragen« Sie errötete noch mehr und
ihr Stillschweigen gab mir Mut weiter zu reden  »Wenn ich« fuhr ich fort
»das Vergnügen haben kann Ihnen morgen früh«  O wie dankte ich hier dem
ehrlichen Kirchner der mich so genau von den Festen der alten Tante
unterrichtet hatte  »aufzuwarten  gewiss teuerstes Klärchen ein ähnliches
Band das mir alsdann Ihre Güte erlauben wird dagegen einzutauschen soll meinem
Herzen tausendmal werter sein als jenes«
    Jetzt erwachte der Stolz der kleinen Heiligen  »Es ist nicht großmütig
von Ihnen mein Herr« gurgelte sie mit sanfter Stimme hervor »dass Sie die
Verlegenheit in die mich dies Volksgedränge versetzt noch vermehren Sie
erlauben Sich eine Sprache die mir  um nur wenig zu sagen  ganz fremd ist
Sie müssen wissen mein Herr dass ich von meiner Tante abhänge und keine
Besuche anzunehmen habe und Ihr angebotner Tausch mein Herr «
    »Setzt doch gewiss« fiel ich ihr geschwind ins Wort  »keinen Betrug
voraus Wie könnte er wohl  überlegen Sie es selbst bestes Klärchen  bei
einem Heiligtum so einzig in seiner Art Statt finden«
    Ich schwieg als ob ich ihr Zeit zur Überlegung lassen wollte  Sie
brüstete sich ein wenig  und »Ihre Auslage« fuhr sie jetzt mit einer Stimme
fort die mir nur zu gut verriet wie viel ihr an dem Besitze dieses Bandes
gelegen sein mochte  »würde Ihnen meine Tante gewiss gern ersetzen wenn Sie
geneigt sein sollten «
    »Klärchen« unterbrach ich sie mit angenommenem Erstaunen  »Mir sagen Sie
das  Doch ich entschuldige Sie  Sie kennen mich noch nicht  aber der Erfolg
wird es zeigen wie unrecht Sie taten ein Unterpfand des Himmels gegen eine
irdische Kleinigkeit um die Sie ein Freund bittet aufs Spiel zu setzen
Entweder  meine liebe bedenkliche Freundin erlauben Sie mir dass ich meine
gute Absicht ausführe und Ihnen das Band das einst den linken Fuß der
hochgelobten Jungfrau umschloss längstens morgen an demselben Orte befestige
wo sie es trug oder ich schwöre dass wie ich nach Hause komme ohne auf die
achtzehnhundert Jahre zu achten die das ehrwürdige Band überlebt hat ich es
dem Feuer meines Kamins übergebe und Ihnen den Frevel zuschiebe der dadurch
begangen wird« 
    O Eduard Wie erschreckte ich nicht das arme Kind durch meinen Schwur und
durch den entschlossenen Ton mit dem ich ihn außstieß Sie erblasste schlug die
Augen staunend empor und drückte ihre gefalteten Hände an ihre Brust  »Nun
denn« rief sie endlich in einer kleinen angenehmen Begeisterung  »bin ich
heiligste Mutter von dir ausersehen diesen deinen Nachlass aus dem Feuer zu
retten  so folge ich in Demut  so geschehe dein Wille  Eine einzige Bitte
nur mein Herr bewilligen Sie mir nur noch den Aufschub eines Tages« 
    »Und warum das meine Beste« fragte ich
    »Weil Sie nicht verlangen werden« versetzte sie mit gesenktem Blick »dass
ich Ihren Besuch in Abwesenheit meiner Tante annehme und diese ist morgen durch
ein Fest gebunden und den größten Teil des Tages in der Kirche«
    »Wie mein liebes frommes Klärchen« erwiderte ich etwas spöttelnd »Liegt
Ihnen der baldige Besitz dieses Heiligtums so wenig am Herzen dass Sie ihn über
eine armselige Bedenklichkeit aufschieben mögen Oder glauben Sie weniger
dadurch begünstigt zu sein wenn es nicht auch andere wissen Und wollen Sie
mutwillig den Samen des Neids in den Busen einer Freundin ausstreuen Denn ach
Ihre gute Tante müsste nicht so fromm sein als sie ist wenn sie einer andern als
sich selbst diese so einzige Reliquie gönnen sollte da wohl selbst Klöster und
Kirchen um weit geringere in Hader und Streit liegen Ich berufe mich auf Sie
selbst liebes Klärchen Mit was für einer Empfindung würden Sie es ansehen
wenn ich mit diesem unschätzbaren Bande den Fuß Ihrer würdigen Tante schmückte
 Nein meine Beste Es sei fern von mir durch meinen wohlgemeinten Tausch zwo
so gute Seelen zu entzweien Zudem gehe ich übermorgen nach Vauclüse und
sollten Sie beharren den Tag von Sich zu weisen den ich Ihnen geben kann nun
so weisen Sie zugleich das Geschenk auf immer von Sich das Ihnen die
gebenedeite Jungfrau durch mich zudachte und ich schwöre nochmals «
    Hier streckte sie ihre Hände bittend nach mir  und ihr Gesicht und ihre
Stimme wurden ganz feierlich  »So sei es denn  wenn Sie nicht anders wollen
mein Herr Aber bei der heiligen Koncordia beschwöre ich Sie heben Sie bis zu
unserer Vertauschung dieses himmlische Pfand mit der Sorgfalt auf die es
verdient«
    »O das verspreche ich Ihnen Klärchen« konnte ich noch so ziemlich
ernstaft heraus bringen und hätte gern aus ihrer Ermahnung mehr geschlossen
als nach der Wichtigkeit ihrer Miene zu urteilen wirklich darin lag  Indes
freute es mich schon dass mich das liebe Mädchen für einen Günstling jener
großen Heiligen zu halten schien mit der mich der gelehrte Kirchner mittelst
eines Doppeldukatens in so angenehme Bekanntschaft brachte und freute mich
unendlich dass schon der erste Versuch meiner aus dem Traktate de probabilitate
geschöpften Beredsamkeit selbst über meine Erwartung so guten Eingang gefunden
hatte
    Ich führte nun da ich die Treppe frei sah voll Zufriedenheit mit dem
Gegenwärtigen und voll süßer Ahndung für das Künftige die schöne Heilige
hinunter mit der ich in einer glücklichen Viertelstunde um vieles bekannter
geworden war als es der scharfsichtige Herr Fez hoffentlich in seinem Leben
werden soll
    Ehe wir auf die Gasse traten erinnerte sie mich freundlich dass man nicht
gewohnt sei sie von irgend einem andern Herrn als ihrem Gewissensrate
begleitet zu sehen Es war eine bittere Erwähnung Indes ließ ich sogleich
ehrerbietig ihre Hand fahren und nahm sogar einen ziemlichen Umweg um ihr Zeit
zu lassen mit ihren unbegreiflich kleinen Schritten vor mir zu Hause
einzutreffen
    Mich erwartete eine Aalpastete ein rotes Feldhuhn und die schönste
Wintermelone aber hätte mich auch das Gastmahl des Lügners erwartet so wäre
doch meine Neugier die mich nach dem Sammetkästchen zog stärker gewesen als
meine Essluss Ich öffnete es mit eben so viel Behutsamkeit als Begierde und ging
nun meine Beute auf das genaueste durch  Aber wie schoss mir das Blut als ich
nach einer flüchtigen Bewunderung des heiligen Strumpfbandes den päpstlichen
Ablassbrief überlas  Ich sah zu meiner Beschämung und Ärgernis wie gar sehr
ich mich durch meinen Vertrag mit Klärchen übereilt hatte Ja lieber Eduard
die Urkunde des heiligen Vaters wäre für einen Liebhaber  für einen König 
unsern jetzigen nur nicht Tonnen Goldes wert Es ist unmöglich dass unter so
genügen Bedingungen als ich aus Unwissenheit eingegangen bin mein
TauschKontrakt bestehen kann Die ersten drei Punkte dieses geistlichen
FreiPasses müssen schon jedes unparteiische Gericht davon überzeugen Und der
siebente Punkt vollends Nein mein gutes Klärchen du wirst den Preis gewaltig
erhöhen müssen wenn ich dich in den Besitz einer Reliquie setzen soll an der
so herrliche Indulgenzen haften
    Es ist mir recht lieb dass ich schon einige Bekanntschaft mit den großen
Kasuisten in meinem Kabinette gemacht habe Im Falle mich ja meine erhöhte
Forderung mit Klärchen in Streit verwickeln sollte werden sie hoffentlich alle
auf meine Seite treten und zu meinem Vorteile entscheiden Kannst Du es mir
wohl in diesen Umständen verdenken lieber Eduard dass ich heute die
Unterhaltung mit diesen in meinem Prozesse so wichtigen Männern der Deinigen
vorziehe Wenn ich ihn gewonnen habe so will ich gern desto länger zu Deinen
Diensten sein
                                                                Den 5ten Januar
    Das Fest des heiligen Einsiedlers Simeon Stylita ist erlebt und schon
spielen seine Glocken in der schönsten Harmonie Mit herzlichem Mitleid verfolge
ich aus meinem Fenster jeden schwerfälligen Trupp der Unglücklichen die von
Gicht Schwindsucht und Entkräftung gebeugt dennoch in ihren verzerrten
Gesichtern Hoffnung der Besserung und Glauben an ihren Wundertäter tragen
dessen Altare sich ihr Schneckenzug nähert Nie habe ich so viele Krücken
beisammen gesehen Einige darunter von fremdem glänzendem Holze mit Elfenbein
und Perlmutter ausgelegt zeugen von dem hohen Stande ihrer Besitzer und von dem
Luxus unsers Jahrhunderts Dennoch wünschte ich dass der prächtige Zug schon
vorbei und die alte überlästige Tante aus dem Hause wäre die sich Gott
verzeihe ihr diese Sünde wahrscheinlich noch nicht in dem Grade niedergedrückt
fühlt um sich in diesem ausgedienten Vortrabe mit auf der Gasse zu zeigen Mein
Herz ist voll von gegen einander laufenden Empfindungen Meine Jugend die
ungeduldig nach Genüsse hinter der Scheidewand schmachtet erblickt indem ich
an das Fenster trete das furchtbare Beispiel verschwendeter Kräfte öffentlich
zur Schau ausgestellt O möge nie Sancta Koncordia zulassen dass ihr treuester
Verehrer der Hilfe eines so einfältigen Heiligen benötigt werde als mir in
diesem Augenblicke Simeon Stylita mit seinen Nachtreten vorkommt Doch ich höre
 freue Dich mit mir Eduard  die alte Tante aufbrechen  Jetzt  steigt sie
die Treppe hinab jetzt verschließt sie das Haus und nun sehe ich sie auch
schon über die Gasse hinken Aber warum pocht mir das Herz Von so guten
Sachwaltern unterstützt  mit so herrlichen Dokumenten versehen  was kann ich
fürchten Muss mein Prozess mit Klärchen nicht den besten Ausgang gewinnen Und
doch  unbegreiflich  bin ich mutlos wie einer der seinen Rechten nicht
traut wie einer der sich noch nicht ganz in den Sinn seiner Konsulenten
einstudiert hat Doch wie mag ich meine Zeit so verplaudern da Klärchen wartet
    Indem ich vor drei Stunden mein schwarzes Sammetkästchen in der Hand das
kleine artige Zimmer des lieben Kindes zum erstenmale betrat kam sie mir mit
einer Miene entgegen die aus Ernst Freude und Bescheidenheit zusammen gesetzt
schien Wie leicht lässt es sich mit so einem Mädchen sprechen Ihr Herz das so
hell auf ihrer Physiognomie wiederscheint  wie schön erklärt es nicht das
konventionelle Dunkel ihrer Rede Einem erfahrnen Manne der solche Dolmetscher
gegen über hat kann keine Verhandlung sie sei noch so verwickelt zu schwer
fallen
    Ich nahm wie billig das erste Wort das in Verhältnissen wie die
unsrigen immer so drückend ist »Meine liebe Nachbarin« hub ich an »ich
stelle mich Ihnen zwar als ein ehrlicher Mann aber urteilen Sie selbst bestes
Klärchen von meiner Verlegenheit da ich mit der Erklärung voraustreten muss
dass unser Handel in dem Masse wie ich ihn gestern abschloss unmöglich bestehen
kann«  Sie machte gewaltig große Augen bei diesen Worten die sie unter allen
wohl am wenigsten erwartete Der Ernst ihres Gesichtchens nahm zu die Freude
nahm ab und die Bescheidenheit wusste nicht woran sie war  »Hören Sie nur
einige geduldige Augenblicke zu« antwortete ich ihrer Miene »Das Strumpfband
der Maria wie wir es einstweilen so benennen wollen müsste zwar nach den
freiwilligen Bedingungen denen ich mich gestern unterwarf Ihnen bestes Kind
nach allen Rechten gehören wenn es nur möglich wäre diese kostbare Reliquie
von dem Ablasse zu trennen den weiland Papst Alexander der Sechste an den
Besitz dieses Kleinods gebunden hat Ich war in Unwissenheit als ich den Tausch
Ihnen antrug hatte das wichtige Dokument nicht gesehen  nicht gelesen konnte
mir nicht vorstellen dass es Dinge entielte die mich wenn ich den Vertrag
erfüllte weit über die Hälfte verletzen würden ein Umstand der alle Verträge
in der Welt aufhebt«  Ich bemerkte während des Eingangs meiner patetischen
Erklärung mit geheimem Vergnügen wie sich alles nach und nach aus den Mienen
des guten Kindes entfernte was mich in der Fortsetzung hätte scheu machen
können Statt aller Einwendungen oder statt der mir am meisten furchtbaren
Gegenerklärung dass sonach jeder Teil sein Eigentum behalten solle wusste sie
nur die kurze neugierige Frage heraus zu stottern Wie denn in einem so
veralteten Briefe Punkte von solcher Wichtigkeit für mich enthalten sein
könnten die  Hier hielt sie inne aber ihr unruhiges Auge sagte mir zur
Genüge das übrige und ich fuhr schon viel gefasster fort »Ja wohl meine
Teuerste sind sie von solcher Wichtigkeit dass ich mich des größten
Leichtsinns schuldig machen würde wenn ich mich darüber wegsetzen wollte  sie
sind wahrlich von so einem Gehalte dass der Engel selbst dem ich doch schwach
genug bin alle Anwartschaften der Zukunft gegen einen gegenwärtigen billigen
Ersatz anzubieten kaum im Stande ist die Erwartungen zu vergüten zu denen
mich dieses Dokument berechtigt Doch Klärchen Sie sollen erst das heilige
Band sehen dem so große Vorrechte ankleben«  Und hiermit zog ich es aus
seiner Hülle und legte es in die weißen Hände der kleinen Heiligen Sie besah
es lange mit ehrfurchtsvollem Stillschweigen während ich das Pergament des
Ablassbriefs behutsam aus einander schlug Und als sie sich endlich seufzend von
der Reliquie trennte deren Besitz ihr noch nicht verstattet war und nun willig
und bereit schien meine weitere Rechtfertigung und die neuen
Vergleichsvorschläge anzuhören rückte ich ihr einen Stuhl an den Tisch den
meine ausgebreitete Urkunde beinahe zur Hälfte bedeckte setzte mich ihr zur
Seite und erleichterte ihr kraft meiner Vorkenntnisse die geschwinde
Übersicht und die Untersuchung meiner Beweise  »Hier sehen Sie zuerst
liebenswürdige Klara die eigenhändige Unterschrift des großen Papstes die
vollkommen mit dem an die Gräfin Vanotia15 gerichteten Breve übereintrifft
mittelst dessen er dieser seiner Busenfreundin das geweihte Band überschickt
Sehen Sie wie gut das große Siegel unter dem Ablassbriefe so wie der Abdruck
des Fischerrings auf dem Umschlage des Breve erhalten ist Ein klarer Beweis
welchen Wert alle vorhergehende Besitzer dieser wichtigen Schriften bis auf
den Tag wo das sonderbarste Glück sie in meine Hände gebracht hat darauf
gesetzt haben Und nun lassen Sie uns den Inhalt der päpstlichen Bulle selbst
durchgehen Die flüchtigste Übersicht wird schon hinlänglich sein Sie von der
Billigkeit meiner erhöhten Forderung zu überzeugen Den ersten Punkt
überschlagen wir da er bloß die eigenen Verhältnisse der seligen Gräfin
betrifft die mit ihrem Tode aufhörten Der zweite Satz enthält die Entsündigung
eines Falls der uns beide nichts angeht da Sie meine Beste wie ich glaube
so wenig Brüder und Söhne haben als ich Schwestern und Töchter Von der
Erlaubnis des dritten und vierten Punkts hoffe ich wollen wir auch nie in die
Verlegenheit kommen Gebrauch zu machen denn es ist doch wahrlich kein Zufall
wahrscheinlich der uns auf eine wüste Insel verschlagen könnte Ich überhüpfe
auch diesen und diesen Abschnitt die mir beide so wiederholt ich sie
überlesen doch immer noch über meine Erfahrung und meinen Verstand gehen und
eile zu dem desto deutlichern Inhalte des siebenten Paragraphs an welchem ich
für meine Person diesmal genug habe Er beweist klar für mich entschuldigt mich
hinlänglich und gibt Ihnen in dem Falle den der heilige Vater auf das
genaueste bestimmt zugleich mit dem zärtlichsten Wunsche meines Herzens die
einzige Bedingung zu erkennen unter der ich meinen gestrigen Tauschhandel noch
zu erfüllen bereit bin«
                                     § 7
    Mulierem aut virginem quae tempore quo hanc ligaturam cruralem
sanctissimam portat cum bruto monacho aut haeretico peccatum quodcunque
carnale committit eo ipso et auctoritate nostra Papali inculpabilem
declaramus absolvimus et in integrum restituimus
    Ich hielt nicht für nötig diese kitzliche Stelle meiner schönen Freundin
zu übersetzen da nach der guten Erziehung die hier auch das andere Geschlecht
erhält die meisten jungen Frauenzimmer oft vor dem zehnten Jahre im Stande
sein sollen das elegante Latein päpstlicher Bullen zu verstehen Ich glaubte es
auch zur Genüge an Klärchens verfärbten Wangen wahrzunehmen dass sie den
Gedanken des heiligen Vaters vollkommen fasste ob sie mir gleich durch ein paar
Worte die noch dazu unter Weges verunglückten das allzu große Zutrauen
benehmen wollte das ich in ihre Kenntnisse zu setzen schien  »Sie werden nun
gern zugeben schöne Klara« fuhr ich in dieser vielleicht zu freigebigen
Voraussetzung fort indem ich meinen Zeigefinger auf dem haeretico meines
Paragraphs stehen ließ »dass ich es gegen mich und meine Nachkommen nie
verantworten könnte wenn ich diese bestimmte Erklärung des heiligen Vaters mit
blindem Undanke gegen die Wohltaten die sie mich hoffen lässt so schnöde
verachten wollte um nicht entweder in Rom selbst unter dem Glanze seines
ehemaligen Trons oder doch in andern seiner geistlichen Gewalt untergebenen
Städten und Ländern eine der Schönsten Ihres Geschlechts aufzusuchen die
zugleich fromm genug wäre für diese ligatura cruralis der Gebenedeiten
großmütig eine Indulgenz mit mir zu teilen und noch dazu eine die von allen
die er diesem heiligen Bande verlieh die kleinste ist  Es müsste denn sein«
fuhr ich nach einer kurzen Pause fort »dass Sie selbst zur Gewinnung dieses
Ablasses sich geneigt fühlten Sie haben das Vorrecht nutzen Sie es meine
schöne Nachbarin und diese vorzüglich dotirte Reliquie kann in einer Stunde Ihr
Eigentum sein Ach liebe Kleine« indem ich einmal über das andere ihre
zitternde Hand küsste »könnten Sie begreifen wie mich dieser siebente Paragraph
begeistert Sie würden  ach gewiss Sie würden mir keine Zeit lassen mein
Anerbieten mit kaltem Blute zu überlegen«  »Mein Herr« fiel mir das gute Kind
mit weinerlicher Stimme ins Wort »lassen Sie doch ich bitte Sie meine
Empfindungen auch für etwas gelten Der Fall ist zu verwickelt  Ihre
Forderungen sind mir noch gar nicht deutlich aber gewiss sie sind zu ungestüm um
gleichgültig zu sein  ach und ich fürchte mich zu sehr vor Übereilung
Vergönnen Sie mir Bedenkzeit  nur bis auf übermorgen an dem Namenstage meiner
Tante wo ich wieder wie heute mir selbst überlassen sein werde Sie wissen
nicht was mein Gewissensrat für schwere Interdikte auf mich gelegt hat Sie
wissen nicht mein Herr« o ja ich wusste es noch von ihrer Tante her als sie
mir die Tür wies »unter welchem mächtigen Zeichen ich stehe Nein wahrlich
die Veranlassung mag noch so löblich sein  ich darf mich ohne Vorwissen Ihr
Hochwürden zu gar nichts verstehen«
    Hier trat nun der Fall ein lieber Eduard meinen Sachwaltern Ehre zu
machen Ich tat es mit der feurigsten Beredsamkeit die mir bei einer halben
Stunde die Aufmerksamkeit meiner Freundin zuzog Ich sah jede Minute deutlicher
wie mächtig die Salbung eines Kasuisten auf das Herz einer Heiligen wirkt und
nachdem ich sie von den Vorrechten der päpstlichen Schlüssel von der
überwiegenden Gewalt des Papstes gegen alle heiligen und heimlichen Künste
subalterner Geistlichen und besonders durch meine herzhaften und liebevollen
Augen überzeugt hatte dass ich in allem was zu der großen Wirtschaft der Natur
gehört an keinen mystischen Widerstand glaube so ward es mir immer
wahrscheinlicher dass eine noch nähere Ursache als ein Gewissenszweifel da
sein müsse die das gute Kind nötigen konnte hartnäckig auf ihrer Bedenkzeit
stehen zu bleiben Sie zog während meiner Rede das Sammetkästchen einigemal vor
sich und betrachtete das heilige Band als ob sie sich nicht satt daran sehen
könne und schob es immer mit einem neuen Seufzer von sich Ich hätte mit
kindischen und weiblichen Gelüsten sehr unbekannt sein müssen wenn ich nicht
daraus geschlossen hätte was zu schließen war und noch weniger müsste ich meine
eigenen verstanden haben wenn ich nicht den ihrigen in so weit zu Hilfe
gekommen wäre als es die Umstände erlaubten Wie sie also zum drittenmale nach
dem Schatzkästchen griff legte ich mich großmütig ins Mittel »Wissen Sie was
Klärchen« sagte ich mit dem Tone der Gefälligkeit »da ich sehe wie schwer es
Ihnen ankommen würde Sich von der heiligen ligatura zu trennen so will ich
Ihnen den Gebrauch derselben jedoch mit Vorbehalt meines Eigentums bis auf
den Entscheidungstag überlassen Es wird alsdann von Ihnen immer noch abhängen
den einstweiligen Tausch zu bestätigen oder aufzuheben Wissen Sie doch die
Bedingungen«
    Sie schien zwar sehr gerührt über mein Zutrauen doch selbst bei der
sichtbaren Freude die ihr mein Anerbieten verursachte zeigte das kluge Mädchen
eine Behutsamkeit die mich sonderbar überraschte und mich zu einem Exegeten
machte wie es nur einen gibt  »Warum« fragte sie ernstaft »warum mein
Herr vermeiden Sie doch dieser heiligen Reliquie ihren rechten Namen zu geben
Ist es nicht das Strumpfband der Madonna la jartiere de Marie  Warum bleiben
Sie nicht bei dem französischen Ausdrucke«  Zu einer andern Zeit Du traust es
mir wohl zu Eduard würde ich es nicht der Mühe wert geachtet haben nur ein
Wort über die richtige Benennung dieses Kabinetsstücks zu verlieren Jetzt aber
 da mich der Einwurf der schönen Klara aufmerksam auf die Folgen machte welche
die eine oder die andere Bedeutung herbei führen würde  jetzt da mir die
Rechte einer ligatura cruralis weit wichtiger vorkamen und mich wenigstens um
einige Zoll weiter zu bringen versprachen als die eines französischen
Strumpfbandes jetzt kam alles darauf an meinen gebrauchten Ausdruck gegen die
kleine Wortkrämerin zu verteidigen  »Liebe Freundin« antwortete ich ihr mit
einer viel sagenden Miene »dem äußern Ansehen nach sollte man freilich diese
heilige Reliquie nur für ein Strumpfband halten Sie haben noch überdiess die
Angabe des Ausrufers für Sich Nun ist zwar der Mann dem Sie in einer so
wichtigen Sache Glauben beimessen wohl nichts mehr als ein unwissender
Mietling der die Grundsprachen nicht versteht und dem eine richtige Erklärung
der fremden Ware die er ausbietet ganz einerlei ist wenn er sie nur an den
Mann bringt und seine Procente davon zieht doch hier ist er billig eher zu
entschuldigen als Ihre schwankende flüchtige Sprache Es war nicht seine
Schuld dass er in derselben kein anderes als das Wort jartiere finden konnte
wovon auch die besten Ausleger eingestehen müssen dass es den zwiefachen Sinn 
sowohl eines Bandes hat das um den Strumpf  als eines das wie das
vorliegende um das Knie gebunden wird«  »Um das Knie« fiel mir Klärchen hier
hastig in die Rede »Aus was für Gründen können Sie das behaupten«  »Wenn es
Not hätte sollte es mir sehr leicht sein« antwortete ich ernstaft »der
Stellen eine Menge aus dem Talmud beizubringen die Ihnen diese Gewohnheit
bewiesen ja hätten wir Zeit so könnten Sie selbst  es sind ja Jüdinnen genug
in der Stadt  darüber bei ihnen nachfragen lassen aber zum Glück können wir
aller dieser Weitläuftigkeiten entbehren da die klaren Worte des Textes vor uns
liegen Der heilige Vater nennt das Band nicht umsonst ligaturam cruralem das
nur mit jartiere crurale übersetzt werden darf um den Sinn ganz zu umfassen
Die siebzig Dolmetscher konnten es nicht wörtlicher ausdrücken und in
heiligen Dingen« setzte ich mit einem Seufzer hinzu »ist es immer das
Sicherste sich an den Buchstaben zu halten Übrigens sein Sie ganz unbesorgt
liebes KlärchenEs kommt dermalen nicht auf das Maß Ihrer Strümpfe  die Sie
künftig verlängern können wenn wir Handels eins sind sondern es kommt auf die
Gegend an die ich die Ehre haben werde Ihnen zu zeigen wohin eigentlich das
Band nach seiner ersten Bestimmung und nach den Gebräuchen des Morgenlandes
gehört denen allein die Mutter Gottes während ihrer Wallfahrt auf Erden
gefolgt ist Es war meine Schuldigkeit liebes Klärchen« endigte ich »Sie erst
mit dem Kleinode das ich Ihnen anbiete auf das genaueste bekannt zu machen
damit kein Missverständlich bei der Auswechselung vorfalle denn so gern ich
Ihnen auch in gleichgültigen Dingen zu Gefallen lebe und so zufällig ich auch
zum Dienste dieses Heiligtums berufen sein mag so kann ich doch nun auf keine
Weise zugeben dass Sie es für das halten was es Ihren leiblichen Augen scheint
 für ein Strumpfband oder dass Sie glauben es bedeute nur einen Kniegürtel da
ich in meinem Gewissen überzeugt bin und mich darauf tot schlagen lasse dass
es einer ist«
    Meine Rede machte entweder durch ihren langweiligen Gang oder durch ihre
Wahrheit den Eindruck den ich wünschte Meine schöne Schülerin schien
beruhigt und indem sie sich auf den Sopha zurecht setzte versprach sie um
auch mich zu beruhigen mit feierlichem Ernste mir das Kleinod das ich ihr auf
einige Zeit anvertrauen wollte ohne allen Schaden wieder zu überliefern wofern
wir nicht des Handels eins würden Gutes Klärchen dachte ich bei mir selbst
das ist das letzte was ich fürchte  Was denkst Du davon Eduard Wird ihr
nicht die süße Schwärmerei ihrer Seele jeden noch so bedenklichen Schritt
erleichtern Wird sie nicht wie jeder Entusiast sobald sie das Band an sich
fühlt zugleich auch wirklich den wohltätigen Einfluss empfinden auf den ihr
Glaube hofft  stolzer einhertreten ruhiger in die Welt und verächtlicher auf
ihre Mitgeschöpfe blicken und in immer süßen Träumen wachen und schlafen Ja
du kannst sprach ich mir mutig und hoffnungsvoll zu deine Forderungen noch so
hoch spannen sie wird für diesen mystischen Gürtel alles andere ohne Reue
verschwenden wovon sie Herr ist
    Während dieser meiner psychologischen Betrachtung hatte Klärchen den rechten
Fuß der nicht mit in den Vertrag geschlossen war gerade vor sich auf den Sopha
gelegt als ob er wie die Hand des Gerechten nicht wissen sollte was der
Linke täte  Und 
Und voller Güte streckte sie
Den auserwählten Fuß bis an das weiße Knie
Und sah errötend mich bei meiner Arbeit lauschen
Mit zitternder verwöhnter Hand
Löst ich das eingetauschte Band
Voll Scham so wenig einzutauschen 
Ach dass ichs eher nicht bedacht
Was hätt ich nicht mit einer Träne
Der heiligen erfahrnen Magdalene
Für einen guten Kauf gemacht
    Der richtigen Erklärung des Grundtextes allein hatte ich es zu verdanken
dass meine Augen sich nicht bloß mit der herrlichen Form des Fußes begnügen
mussten der mit einem weissseidenen Strumpfe bedeckt mir in der Hand lag Nein
Eduard ich gewann kraft meiner Exegese auch noch den Anblick einer guten
Spanne der blendendsten Haut wie sie wohl selten ein Schriftgelehrter zu sehen
bekommt Welche Entdeckungen der Sinnlichkeit versprach mir nicht diese kleine
Probe der unverhüllten Natur sobald ich nur die heiligen drei Könige hinter mir
haben würde die mir verzweifelt langsam zu reisen schienen Die Lust des
Anschauens fesselte mich so sehr dass ich  wer kann mirs verdenken  alle
Kunstgriffe der Analyse und Polemik aufsuchte um nur mein Wohlbehagen zu
verlängern  »Hier schöne Klara« stotterte ich indem ich bald dieser bald
jener Hand vergönnte wechselsweise den elastischen Fuß zu umspannen damit
keine bei der Spende eines süßen Gefühls zu kurz käme »hier ist die Gegend wie
die besten Ausleger des Talmud versichern wo die Jungfrauen in Kanaan und Judäa
den Gürtel zu tragen pflegten obgleich«  meine Finger wagten sich noch über
einen Zoll hinauf  »der gelehrte Ritter Michaelis behaupten will dass es sehr
die Frage sei ob nicht nach dem samaritanischen Texte«  »Mein Herr« fiel
mir hier Klärchen hastig ins Wort indem sie sich ein wenig höher setzte »ich
dächte die jüdischen Gebräuche wären sehr albern und Sie würden mir wirklich
einen Gefallen tun wenn Sie Sich nicht weiter dabei aufhielten«  »Dieser
kurze kalte Zuruf machte mich irre Ich kam mit meinen Beweisen ins Stocken
verknüpften den heiligen Gürtel so ungeschickt als möglich und sah sogar vor
Betäubung nicht eher als bis die Auswechselung vorbei war was für ein neues
himmelblaues seidenes Band mit einer großen Schleife ich statt des
verblichenen linnenen Fetzen der Reliquie eingetauscht hatte Die kleine
bräutliche Koketterie die ich in der gesuchten Auswahl dieses schimmernden
Bandes zu entdecken glaubte schien mir von der besten Vorbedeutung Ich wies
mein prophetisches Herz bis zu der nahen Erfüllung seiner ungestümen Wünsche
zur Ruhen und dachte wie ich mir vorstelle dass die zu einer SpielPartie um
das Königreich Pohlen vereinigten Mächte gedacht haben als sie die
Scheidungslinie ihres leichten Gewinnes vermutlich in der kühnen Voraussetzung
entwarfen sie gelegentlich wohl noch zu erweitern und nach und nach erst
diese dann jene angränzende Starostei oder diesen und jenen Pass in das offene
Land an sich zu ziehen
    Klärchen erlaubte mir nachdem der Vorhang des ersten Akts gefallen war
noch über drei Stunden bei ihr zu bleiben Das ist eine entsetzlich lange
Erlaubnis wirst Du denken Aber lass Dir nicht bange sein Das Mädchen gibt so
viel zu beobachten und zu enträtseln dasswenn ich Dir die mannigfaltigen
Blüten ihrer Unterhaltung nur so frisch zubringen könnte als sie mir in die
Hände fielen Du wohl begreifen solltest wie einem die Zeit in ihrem Zirkel
vergehen kann Aber da liegt eben der Knoten Es fällt der Feder lange nicht so
leicht zu schwatzen als der Zunge die von hundert Kleinigkeiten unterstützt
wird welche auf dem Papiere verschwinden Das Spiel der Mienen das den
Fügungen der Worte besser zu Statten kommt als alle Regeln des Syntaxes geht in
der Beschreibung so gut wie verloren Die Modulation eines wohl angebrachten
Seufzerchens das oft einem dunkeln oder müßigen Ausdrucke erst den Verstand
gibt  das Dehnen  das Verschlucken  das Steigen und Fallen der Stimme ach
alle jene vielfältigen bedeutenden Schätzungen der Rede  wer ist vermögend sie
mit der Wirkung wieder zu geben die sie nicht allein auf das Ohr sondern öfter
noch auf das Herz haben Diese gewöhnlichen Schwierigkeiten die allen Erzählern
gemein sind wie sehr würden sie mich erst zwängen und drängen wenn ich es
unternähme den Dialog eines Mädchens zur Schau zu legen das solche
mitsprechende Augen solch ein beredtes Stillschweigen solch ein bedeutendes
Lächeln und eine Art von Errötung in ihrer Gewalt hat die mir nirgends noch
vorkam Setze noch dazu dass dieses Mädchen ein Kind auf der einen Seite  eine
ausgebildete Heilige auf der andern  mit dem Gegenwärtigen nur halb zufrieden 
über das Bevorstehende nicht einig mit sich selbst und seit Minuten erst in dem
erborgten Besitze eines Kleinods ist das sie übermorgen bezahlen soll ohne zu
wissen woher  und Du müsstest blind sein um nicht einzusehen dass sie nichts
weiter zu entwickeln braucht um es dem besten Erzähler unmöglich zu machen so
feinen Übergängen des Geschwätzes und des Gefühls als bei einer solchen
Zusammensetzung von Charakter und Verhältnissen notwendig vorkommen müssen« mit
seiner Feder nachzutraben Und doch muss ich so schwer ich daran gehe Dir
wenigstens ein Fragment unserer Unterhaltung mitteilen weil es gar zu
sonderbare Neuigkeiten über den weitern Fortgang meines LäsionsProzesses mit
dem Mädchen enthält die Du eben so wenig wirst geahndet haben als ich
    Die Kleine saß nachdem sich das erste Aufwallen ihrer Lebhaftigkeit gelegt
hatte jetzt desto ernster in sich gekehrt bei einer Viertelstunde schon vor
mir und gönnte mir durchaus keinen andern Zeitvertreib als im Stillen den
Nuancen ihrer Empfindungen nachzuspüren wie sie sich äußerlich zeigten Aber
auch das war ich versichere Dich keine leichte Arbeit Mitten in ihrem stolzen
seligen Gefühl worin sie über den vergönnten Gebrauch des heiligen Bandes
verloren schien färbte ein ungefährer Blick auf den der es ihr umband ihre
Wangen mit dem brennendsten Rot und drückte ihre Augen zur Erde Sah ich nun
gleich bald hinterher den tröstenden Gedanken nachsteigen zu wessen Glorie sie
ihre Bescheidenheit verläugnete und ihr Knie den ungeweihten Blicken eines
Ketzers Preis gab  und trat gleich nunmehr ein Anstand wie man ihn selten
sieht in dem Verhältnisse bei ihr hervor in welchem ihr aufbrausendes Blut
allmählich sich setzte so dauerte doch diese Ruhe nicht lange Ihr süßes
Lächeln das schon auf dem Wege war verflog wieder der harmonische Laut auf
den sich meine beiden Ohren schon spitzten erstarb vor meinen Augen auf ihren
bebenden Lippen Sie warf wilde Blicke bald auf den lateinischen Brief der
zwischen uns lag bald auf mich und diese Ebbe und Flut ihrer Empfindungen war
so schnell dass ich Mühe hatte ihnen nachzukommen und die geheime Ursache
davon aufzufinden die als ich ihr am Ende mit meiner Untersuchung beikam 
solltest Du es glauben Eduard  in nichts anderm als in dem Grausen vor den
unbekannten Zeremonien bestand unter welchen sie berufen sein dürfte den
Namenstag ihrer geliebten Tante zu feiern Da sie während dieses ihres innern
Tumultes aus dem ich sie so gern gezogen hätte zweimal schon ihren linken Fuß
beinahe krampfartig bewegt hatte so nahm ich beim drittenmale Gelegenheit
unser so lange unterbrochenes Gespräch wieder in Gang zu bringen 
    »Sie zucken mit dem Fuße liebes Klärchen« hub ich an »ich habe Ihnen doch
wohl nicht den heiligen Kniegürtel zu fest gebunden und Ihnen weh getan« 
»Nein« antwortete sie nach ihrer unbefangenen Art »Sie haben es so recht gut
gemacht  Allenfalls wäre auch Rat dafür«  »Und wofür Klärchen wäre denn
nicht Rat in der Welt«  »Meinen Sie«  »Außer für den Tod« fuhr ich
lächelnd fort  »Und außer für übermorgen« murmelte sie doch laut genug dass
ich es hören konnte ward dabei rot und hielt einen Augenblick ihre rechte
Hand vor die Augen  »Liebes Klärchen das ist eine seltsame Verbindung von
Ideen«  »O« dehnte sie »nicht so seltsam als es Ihnen vorkommt Die
Zumutungen Ihres Geschlechts habe ich immer gehört gehen einem tugendhaften
Mädchen bitterer ein als der Tod«  Diese letzten fünf Worte Eduard waren wie
auf Noten gesetzt  »Gewiss liebe Kleine« antwortete ich traulich »gewiss habe
ich Ihnen den Gürtel zu fest gebunden«  »Woraus ich bitte Sie wollen Sie das
schließen«  »Aus Ihrer kindischen Furcht vor übermorgen« sagte ich lächelnd
 »Nun das gestehe ich mein Herr diese Ihre Ideenverbindung ist Wohl
seltsamer als die meinige sie ist mir ganz rätselhaft«  »Kann wohl sein
liebenswürdiges Kind warum vermeiden wir deutlich mit einander zu reden« 
»Noch deutlicher mein Herr Ich dächte hierüber hätten Sie Sich wenig
vorzuwerfen«  »Und auch Sie nicht Klärchen«  »Auch ich nicht mein Herr
Ich habe Ihnen alle Zweifel entwickelt  aber wie wenig haben Sie darauf
geachtet«  »Ich hätte nicht darauf geachtet Kleine Schwätzerin habe ich sie
denn nicht sogar völlig gehoben«  »O bei weitem nicht mein Herr« 
»Klärchen Ich erstaune  Also wären alle meine billigen Erklärungen in den Wind
gesprochen gewesen Sie fänden die himmlische Reliquie für den gemeinen Preis
den ich darauf setze noch immer zu teuer und bei der Menge von Indulgenzen
mit denen ich Sie ohne dass ich groß tun will bereichere könnte es Ihnen noch
einen Augenblick sauer ankommen die kleinste davon mit mir zu teilen« 
»Hören Sie mich an mein Herr« unterbrach sie mich jetzt mit edlem Anstände
»Das Strumpfband der Gebenedeiten  ich gestehe es Ihnen unverholen  ist mir
mehr als lieb es ist mir unschätzbar und ich weiß nicht ob ich es überleben
würde wenn ich mich von ihm trennen sollte Sie haben es unter sehr bänglichen
Minuten für ein sittsames Mädchen zu einem Kniegürtel erklärt auch das habe
ich mir gefallen lassen aber welche neue Demütigung in aller Welt soll ich
denn noch für das Band oder den Gürtel der reinen Jungfrau bezahlen die  ach
mein Herr von keinem Manne gewusst hat Sehen Sie ich bin nur ein einfältiges
unschuldiges Kind  mit allem meinem Nachdenken bringe ich es doch in Ewigkeit
nicht heraus was Sie übermorgen etwa von mir erwarten  und das ängstigt mich
eben«  »Wie Klärchen« antwortete ich ganz betroffen »Sieht es mit unserm
Handel noch so weitläuftig aus Ist es denn ich bitte Sie der Kniegürtel der
Madonna allein den ich Ihnen anbiete Gehören denn nicht auch die Freiheiten
dazu mit denen ihn Papst Alexander so großmütig beschenkt hat und haben Sie
denn wirklich den siebenten Paragraph seines Ablassbriefs so gar wenig
verstanden«  »Auch nicht eine Sylbe davon mein Herr« antwortete sie »Ja
ich und fremde Sprachen«  »Wenn es nur daran liegt Klärchen so soll es mir
keine Mühe kosten Ihnen den Inhalt in gutes Französisch zu übersetzen  Sie
müssten denn lieber warten wollen bis übermorgen wo ich ihn in einem Dialekte
vorzutragen hoffe der aller Welt  den sinnlosen Bewohnern des Feuerlandes so
gut als der klügsten und artigsten Europäerin  gleich verständlich und angenehm
ist«  Sie stockte  »Werden Sie nur nicht ungehalten mein Herr« nahm sie
endlich mit einem scheuen und bittenden Blicke das Wort wieder »aber darf ich
wohl in Ihrer eigenen Sache mich auf Ihre Übersetzung verlassen Denken Sie sich
nur an meinen Platz Ich zittere so leicht vor allem woran ich nicht von Jugend
auf gewöhnt bin Zum Glücke habe ich mich immer in verwickelten Fällen an den
Rat meiner Tante und meines Gewissensrates halten können die Vater und
MutterStelle bei mir vertreten und jetzt  in der bedenklichsten Lage meines
Lebens vielleicht  soll ich mit treuloser Verwegenheit«  das Wort gab mir
einen Stich ins Herz Eduard  »mich selbst um ihre Hilfe betrügen soll
hinter dem Rücken so erprobter Freunde  auf das Wort eines Fremden  mit mir
schalten und walten als ob ich ihrer Erfahrung nicht weiter bedürfe Sagen Sie
mir auf Ihr Gewissen mein Herr ob dies redlich ob dies erlaubt sei Habe ich
nicht schon« fragte sie auf das beweglichste »unrecht sehr unrecht getan
dass ich den befeuerten Blicken eines jungen Herrn den ruhigen Ort Preis gab wo
in Kanaan und Judäa  wie Sie mir glaube ich haben weiß machen wollen  Ach
mein Herr« unterbrach sie sich hier selbst mit einem über die Massen
verlängerten Seufzer »Ihre Nachbarschaft fürchte ich ist mir eine nahe
Gelegenheit zu sündigen geworden Heilige Madonna Ein junger Fremder  heute
und übermorgen  allein mit mir in Einem Zimmer Zweimal in Einer Woche Je
unglaublicher mir alles das würde geschienen haben wenn es mir jemand hätte
wahrsagen sollen desto mehr muss es jetzt mein Herzklopfen vermehren Ich möchte
so gern ich wiederhole es Ihnen mein Herr die heilige Reliquie gewinnen aber
bei den eilftausend Jungfrauen schwöre ich Ihnen zu dass ich so wenig weiß was
Sie noch von mir fordern können als ich weiß was mir in solchen Umständen
meine Religion zu geben erlaubt Ach wer soll mir in dieser unaussprechlichen
Verlegenheit raten«
    Weißt Du wohl Eduard was mir während dieses frommen Anfalles der Kleinen
durch den Kopf fuhr Das will ich Dir aufrichtig sagen Anfangs nichts weiter
als eine Zeile von Voltaire die ich Dir zu erraten gebe  nachher die zwo
darauf folgenden die ich Dir hersetze
Cest un grand bien mais de toucher un coeur
Est à mon sens un plus cher avantage
Zuletzt aber gingen meine ausschweifenden Gedanken stufenweise vom Erstaunen zum
Mitleid in den großmütigen Entschluss über meine Ohren nicht länger dem Girren
dieser Unschuldigen zu verstopfen und einer so bewährten Heiligkeit  mochte
sie mich auch noch so sehr überraschen   in Zukunft die Ehre zu erzeigen die
sie verdient Reizender zwar hatte ich das Mädchen noch nicht gesehen als in
diesem rührenden Auftritte Aber die einfache Beredsamkeit ihres reinen Herzens
 welcher Sophist vermag ihr zu widerstehen  machte einen ungleich stärkeren
Eindruck auf das meinige als alle Lockungen ihrer Jugend und bewirkte eine so
gänzliche Umstimmung in mir dass ich in diesem Augenblicke nicht vermögend
gewesen wäre ihre beseelten Lippen nur um einen Kuss zu betrügen Wie rührte
mich das offene Geständnis ihrer Unwissenheit das mit dem stillern Beweise so
artig übereinstimmte den ihre bebende Hand ohne zu ahnden dass ihr ein
menschliches Auge nachschleichen würde schon bei dem schlafenden Engel abgelegt
hatte Jenes Restchen von Staub wie viel wog es nicht nach meinen Gedanken um
bei einer künftigen Berechnung weiblicher Unschuld und Tugend der ihrigen den
Ausschlag zu geben Wie dankte ich es dem Zufalle der mich endlich einmal eine
Heilige in der ächten Bedeutung des Worts kennen lehrte da ich mir zuvor von
der sonderbaren Zusammensetzung eines solchen Geschöpfs keinen Begriff machen
konnte  Wo hätte ich ihn hernehmen sollen Ich staunte gerade vor mich hin
und war drauf und dran dem frommen unbefangenen Kinde das Spielwerk ihrer
Seele nebst der rückständigen Bezahlung edelmütig zu schenken und  meine
Wege zu gehen
    »Klärchen gutes frommes Klärchen« sagte ich und ergriff und drückte
beinahe mit väterlicher Zärtlichkeit ihre Hand »noch ist nichts unter uns
vorgegangen was nicht in allen Religionen der Welt zu vergessen und zu vergeben
wäre darauf können Sie sich verlassen Ihre übrigen Zweifel aber liebe Kleine
sind von mehrerem Belange Wenn ich sie Ihnen nach meinem Gewissen das Sie
aufgefordert haben nach der strengen Moral in der ich unterwiesen bin nach
meinem Glauben nach meiner Überzeugung beantworten soll so muss ich Ihnen
unverholen sagen dass Sie«  »O« unterbrach mich hier das in Furcht gejagte
Kind »wie darf ich der Moral und der Überzeugung eines Ketzers Gehör geben
Wie darf ich einer andern Glaubenslehre folgen als der meinigen Nimmermehr
mein Herr nimmermehr«  »So hören Sie doch nur Klärchen« fiel ich mit
ernster Stimme ein »Die Regeln der Sittenlehre sind«  hätte ich beinahe
gelogen  »in allen Religionen und bei allen Völkern der Erde dieselben« aber
sie ließ mir nicht Zeit dazu  »Nein« rief sie mit ängstlichen Gebärden
»nein mein Herr ich darf Sie nicht anhören«  Ich ward hitzig »Auch nicht«
fragte ich mit starker männlicher Stimme »wenn ich Ihre wankende Tugend
befestigen wenn ich wider meinen Vorteil sprechen  wenn ich Sie vor dem
Ablassbriefe des heiligen Vaters warnen will  auch dann nicht«  Sie hielt
sich statt mir zu antworten die Ohren zu »Nun bei Gott« murmelte ich vor mir
hin »das ist unerträglich« stampfte mit dem Fuße und sah ungewiss in die Höhe
»Seit acht Tagen war ich mir bewusst hatte ich keinen Gedanken gefasst der
meinem Herzen mehr Ehre machte und jetzt trat mir nun das Kind das selbst ihn
entwickelte in den Weg da ich eben daran war ihn auszuführen Ich dächte doch
bei meiner Ehre die ein und vierzig Dukaten die ich mit allem dem was daran
hängt so großmütig im Stiche lasse verdienten es schon dass sie mir zuhörte
 Aber gewiss hat sie mich noch nicht so recht verstanden  Ich will mich
deutlicher machen und es müsste nicht gut sein wenn sie mir nicht noch zu Füßen
fallen und mich als ihren Schutzengel verehren sollte so bald sie mich nur erst
kennen lernt In diesen Gedanken setzte ich mich ungefähr in dieselbe Stellung
als letzthin wo ich nicht weit von der Eselspost der guten Margot warnenden
Unterricht über den Amor gab
    Ich ergriff die Hände des sträubenden Mädchens um sie abzuhalten sie nicht
wieder vor die Ohren zu nehmen fasste das« wilde Kind mit meinen beiden Knieen
dass es mir Stand halten musste und wie sie nun so vor mir stand blickte ich ihr
mit der zärtlichsten Aufrichtigkeit in die Augen  »Liebes Klärchen« redete
ich sie an »Sie sind jung schön und frömmer und unschuldiger als ich noch je
ein Mädchen gekannt habe aber Sie haben mir nun zu sehr schon Ihre Schwachheit
gegen Reliquien verraten und da werden Ihnen alle Ihre Tugenden nichts helfen
wenn ich nicht ehrlich mit Ihnen verfahren will Sie werden der Gewalt die mir
das Zauberband der Maria und Papst Alexander der Sechste über Sie gibt so tief
unterliegen müssen als es unser Kontrakt verlangt Aber bestes Kind« indem
ich mit meinen beiden Knieen sanft die ihrigen drückte »hören Sie mich nur
einen Augenblick mit Aufmerksamkeit an und Sie werden sehen dass ich es nicht
so böse mit Ihnen meine Sehen Sie so schwer es mir auch ankommt allen den
Freuden von übermorgen  allen den Indulgenzen zu entsagen die ich Ihnen mit
dem heiligen Kniegürtel ungeteilt überlasse so fühle ich doch mit innigster
Selbstzufriedenheit dass ich es vermag Ich verlange nichts dafür als Ihre
Freundschaft und diese erlaubt Ihnen Ihre Religion  warum sehen Sie Sich so
schüchtern um  auch einem Ketzer zu schenken wenn er sonst ein ehrlicher Mann
ist Wundern Sie Sich nicht zu sehr über meine Großmut Sie ist nicht so
uneigennützig als Sie denken Es liegt ein gewisses stolzes Vergnügen darin das
mir selbst mehr wert ist als die höchste Befriedigung der Sinnlichkeit. Sie
sind wahrlich nicht das erste Mädchen das ich in seiner wankenden Tugend
befestigt  selbst in der kritischsten Lage befestiget habe wohin ich sie erst
selbst gebracht hatte  und ich habe immer gefunden dass ihnen diese Lektion
dienlicher gewesen ist als jede andere Ein unschuldiges weibliches Herz ich
gestehe es Ihnen ist mir Zeit meines Lebens immer das liebste Spielwerk
gewesen und ich bin gewiss der Freude nicht unwert um die ich Sie bitte mich
die geheimsten Falten auch des Ihrigen jede seiner Empfindungen und alle die
kleinen lieblichen Wendungen seiner liebenswürdigen Unerfahrenheit ohne
Zurückhaltung sehen zu lassen  die mir wirklich ungleich mehr Freude machen
liebes Klärchen als die wundervollsten Reize des Körpers. Gönnen Sie mir mit
einem freundschaftlichen unumschränkten Zutrauen diesen süßen Anblick und ich
stehe sogleich von allen Ansprüchen meines Handels ab«  Du siehst Eduard wie
weit ich ging um nur zur Ehre meiner Religion und Moral Recht zu behalten aber
es war nicht möglich  »Nein nein nein« schrie das einfältige Ding einmal
über das andere »ich darf die Freundschaft eines Ketzers  ich darf seine
Geschenke nicht annehmen und mein Gewissen verbeut mir auf die Fallstricke
seiner Lehren zu achten Warum wenn Sie es so ehrlich mit mir meinen lassen
Sie mich nicht Rücksprache bei meinem Gewissensrate und Glaubensgenossen
halten«
    Ich war so vollkommen überzeugt Eduard dass in diesen Augenblicken wo ich
es so gut mit dem Mädchen meinte auch in ihrer Seele kein anderer Gedanke
herrschen könne als die Bewunderung meiner Uneigennützigkeit und Großmut
Stelle Dir also vor wie mir zu Mute ward als ich mich so hässlich betrogen
sah Du weißt es geht mir mit dem Propste wie jenen bezauberten Ohren in einer
gewissen Feengeschichte mit dem Worte Trarara  Ich konnte den Ehrenmann nicht
nennen hören ohne sogleich aus der angenehmsten Ideenverbindung in die
bitterste überzuspringen die man sich denken kann Meine gespanntesten
Empfindungen erschlafften und meine Treuherzigkeit gegen das Mädchen
verwandelte sich in sichtbaren Unmut Ich ließ ihre warmen Händchen fahren und
entließ sie so plötzlich aus der Gefangenschaft meiner Kniee dass sie nicht
wusste wie ihr geschah Sie blickte mir verwundernd unter die Augen  »Sie sind
doch nicht böse« fragte sie setzte sich neben mich und streichelte mir
schmeichelnd die Wangen Nun hat jeder Beweis eines guten Herzens er mag sich
zu erkennen geben wie er will immer den stärksten Eindruck auf das meinige
gemacht und es brauchte auch jetzt weiter nichts um mich schnell wieder
umzustimmen So weit dachte ich hat sich wohl diese kleine schüchterne Hand
deren Unschuld ich so genau kannte noch nicht verstiegen  Das rührte mich
ungemein Ich schwieg zwar aber ich drückte dieser niedlichen Hand so
wiederholte und ausdrucksvolle Zeichen meiner Versöhnung auf dass die gute
Kleine wohl fühlen musste dass es mein ganzer Ernst damit war Mit Einem Worte
Eduard das Mädchen fing an mich noch herzlicher zu dauern als vorher Mein
Gott sagte ich mir wie magst du dich nur über das liebenswürdige Kind ärgern
Bei seiner Aufrichtigkeit und Unschuld kann es ja beinahe nicht anders sprechen
und handeln nur aber bringt uns das weder einen Zoll rückwärts noch vorwärts
 Ich hätte ihr Du weißt es Eduard so gern alle meine Heiligtümer umsonst
überlassen aber sie will sie ja so wenig zum Geschenke von mir annehmen als
meine Freundschaft Zu fromm auf der einen Seite mir den heiligen Kniegürtel
den sie einmal am Fuße hat wieder zurück zu geben kommt ihr doch auf der
andern alles wieder zu teuer vor was sie auf seine völlige Abtretung bieten
soll Die kleine Närrin hat sich da sowohl als mich in eine Verlegenheit
gebracht aus der ich wahrlich nicht einsehe wie wir uns ziehen wollen  Alles
das ging mir eine lange Weile durch den Kopf Endlich glaubte ich einen Ausweg
wahrzunehmen und blieb dabei stehen
    »Klärchen« wendete ich mich jetzt mit nachdenkender Miene an sie »auf die
Art wie Sie Sich benehmen kommen wir in alle Ewigkeit nicht aus einander Ihr
Propst mit allem Respekte für das Amt der Schlüssel das er trägt geht mich
nichts an Ihm zu Liebe habe ich wahrlich den Kniegürtel nicht erstanden und 
so viel werden Sie doch begreifen dass bei unserm Tausche eine dritte Person
ganz überflüssig sein würde So wohlmeinend ich mich auch gegen Sie erklärt
habe so mögen Sie doch mit meiner Moral und mit meinen Geschenken nichts zu
tun haben und doch möchten Sie gern den Nachlass der Maria behalten Ihr
unverdientes Misstrauen schmerzt mich aber ich will über nichts weiter in Sie
dringen und da ich Ihre Gewissenszweifel Ihnen nicht zu Danke beantworten
kann und Sie darauf bestehen erst Rückfrage bei Ihren Glaubensgenossen zu
halten ehe Sie Sich zu etwas entschließen so mögen Sie es meinetwegen Ihre
Stiftungsbibliotek ist ja in der Nähe und da sie wahrscheinlich in keiner
andern Absicht aufgestellt ist als um sich in schwierigen Fällen bei ihr Rats
zu erholen so ist kein Zweifel dass auch Sie ihn da finden werden wenigstens
so viel ich es beurteilen kann besteht diese ganze Sammlung aus
Schriftstellern die ungleich mehr Ruf und Gelehrsamkeit vereinigen als selbst
Ihr Propst Sind Sie diesmal mit meinem Vorschlage zufrieden Klärchen Soll ich
Sie dahin führen«  »Sehr sehr gern« antwortete sie mit auffallender Freude
und ihr Gesichtchen klärte sich nun wieder auf wie ein Maitag  »Und wollen Sie
sich« fuhr ich fort »den Aussprüchen dieser gelehrten Männer ohne die
geringste Weigerung unterwerfen«  »Ja doch ja mein Herr« erklärte sie sich
voller Ungeduld »das will ich Hier haben Sie im Voraus meine Hand darauf« 
»Nun gut« erwiderte ich ziemlich gesetzt »so ist es mir lieb dass ich hier
eine schöne Gelegenheit finde Sie über Ihr voriges unbilliges Misstrauen ein
wenig zu beschämen Ich will mich nicht hinter meinem Glauben verstecken wie
Sie Die Schiedsrichter die Sie Sich wählen werden sollen auch die meinigen
sein Mögen Sie mir auch alles aus den Händen spielen worauf mir Papst
Alexander ein Recht gab war ich doch selbst auf dem Wege Verzicht darauf zu
tun wenn Sie mich hätten gehen lassen liebes furchtsames Klärchen Doch das
ist vorbei Ich erzeige deshalb Ihren Bedenklichkeiten noch dieselbe Ehre als
vorher Sie sind wahrlich von der größten Wichtigkeit und es wird mir immer
eine Freude machen dass ein so junges liebenswürdiges Mädchen aus eigenem
Instinkt darauf gefallen ist  Das sage ich Ihnen offenherzig ob ich gleich
mit einiger Wehmut voraus sehe dass so lange solche in ihrer Kraft bestehen
wir nimmermehr bis an die lieblichen Indulgenzen des Papstes gelangen können
Doch das ist jetzt mehr Ihre Sache als die meinige da ich Ihnen ganz überlasse
Sich den heiligen Kniegürtel eigen zu machen auf welche Art Sie und Ihre
Ratgeber für gut finden  Kann man sich wohl billiger erklären«  »Nein
gewiss nicht« antwortete Klärchen »Ich bin auch recht gerührt von Ihrer Güte
aber sein Sie versichert dass ich auf meiner Seite alles tun werde was ich mit
gutem Gewissen tun kann Denn ich bin weit entfernt Sie um eine Kostbarkeit
betrügen zu wollen deren Wert niemand mehr schätzen kann als ich«  »Aber
möchten wir nicht« unterbrach ich sie indem ich ihr meinen Arm reichte »noch
einmal unterwegs die Schwierigkeiten überzählen über die Sie eigentlich
Auskunft nötig haben In einer großen Bibliothek ist das beinahe notwendig
denn sonst kann man sich darin verlieren um nicht wieder heraus zu kommen So
viel ich mich erinnere sind Sie erstlich wegen des schönen mir unvergesslichen
Anblicks unruhig den Sie mir bei der Auswechselung der Bänder doch zu vergönnen
genötigt waren wenn ich Ihnen den heiligen Kniegürtel auf seine gehörige
Stelle umbinden sollte  nicht wahr meine Beste«  »Ja mein Herr«
antwortete sie »freilich liegt mir das recht schwer auf dem Herzen«  »Und
Sie haben sehr Recht« versetzte ich »dass Sie Sich darüber in Zeiten zu
verständigen suchen denn wie wollen wir übermorgen sonst fertig werden Und
nun« fuhr ich fort »was war denn Ihre zweite und dritte Frage die mir nicht
eben so gut mehr erinnerlich sind«  »Aber mir desto mehr« antwortete sie
»Sehen Sie das eine ist die Angst die ich habe ob ich mich nicht mit Ihnen in
der nahen Gelegenheit zu sündigen befinde denn davor kann ich Ihnen sagen hat
mich mein Katechismus vor allen andern gewarnt und es ist mir also nicht zu
verdenken dass ich darüber genaue Erkundigung einziehe«  »Nicht mehr als
billig« versetzte ich »es soll mir selbst lieb sein wenn ich es erfahre« 
»Und endlich« fuhr sie fort »martert mich die grausame Ungewissheit ob ich
mich so ohne Vorwissen der Meinigen mit einem Fremden in einen Handel
einlassen darf den ich nicht verstehe Sie sehen selbst mein lieber Herr dass
so gern ich auch wollte ich doch unmöglich mit ruhigem Herzen einschlagen kann
so lange ich nicht über diese drei Hauptpunkte mit mir selbst einig und eines
Bessern belehrt bin«  »Das ist sehr begreiflich« antwortete ich »Aber wie
gesagt deswegen hätten Sie nicht gebraucht erst in eine Bibliothek zu gehen 
Ich würde eben so gut im Stande gewesen sein Ihnen hierüber Auskunft zu geben
wenn Sie kleine Misstrauische mir nicht Ihre Ohren verstopft hätten«
    Unter diesen lehrreichen Gesprächen waren wir unvermerkt bis vor die Tür
meiner Klause gekommen die jetzt das gute Kind voller Frohsinn öffnete und mit
mir eintrat Wir kamen glücklich dem Rousseau und Amor vorbei ließ mein Bette
linker Hand liegen und traten nun beide sehr neugierig vor unsern
Gerichtsstand Zum Glücke waren von den Hauptquellen außer den Originalen auch
gute Übersetzungen da die es Klärchen leicht machten in der Geschwindigkeit
eine Kommitee aus ihnen zu errichten gegen die auch nicht die geringste
Einwendung Statt fand Sie setzte sie aus dreien der erfahrensten Männer
zusammen denen man schon Verstand Gelehrsamkeit und kollegialische Eintracht
zutrauen musste sobald man sie in ihrer altväterischen Tracht ansteigen sah Ich
ließ ihr mit Vorbedacht die Ehre der Wahl allein Denn so angenehm es auch ist
wie ich wohl weiß wenn ein Klient auf die Besetzung des Tribunals das ihn
richten soll einigen Einfluss hat so musste es doch auf der andern Seite an der
mir jetzt ehrenhalber noch mehr gelegen war kein geringes Vorurteil von der
Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen und der Güte meiner Sache bei dem lieben
Mädchen erwecken wenn sie mich selbst da ruhig sah wo jeder zu zittern Ursache
hat er mag seines Rechtes auch noch so gewiss sein Ohne die entfernteste
Teilnahme also an der Ernennung dieser Herren begnügte ich mich bloß mit der
subalternen Rolle nach dem Range den ihnen Klärchen anwies ihnen die Stühle
zu rücken und sie von ihrem Schulstaube zu reinigen Der erste dem ich diesen
Dienst zu erzeigen hatte hieß Escobar Der Mann hatte ganz das Ansehen eines
Vorsitzenden Der andere beinahe noch verschrumpfter und schmutziger war der
ehrwürdige Pater Lessau Der dritte aber an der Spitze einer Somme de pechés
nannte sich Pater Bauny und war von einem ziemlich manierlichen Ansehen Auch
fiel sein Korduanband mit goldenem Schnitte Klärchen am meisten in die Augen
denn sie setzte sich mit ihm sobald er abgestäubt war mir gegen über auf einen
Stuhl
    »Kannten Sie diese gelehrten Männer schon vorher« fragte ich indem wir
beide ihre Schriften vorläufig überblätterten  »Es ist zwar« antwortete sie
»das erstemal dass ich mit ihnen zu tun habe aber übrigens sind sie mir schon
längst als die ersten Stützen unserer geheiligten Religion bekannt der Herr
Propst führt ihre Namen immer im Munde und beruft sich in streitigen Fällen
meistens auf sie«  »Nun das ist ja recht gut« versetzte ich »da haben Sie
doch endlich Ihren Willen und können Sich so gut über Ihre Zweifel belehren
als wenn Sie Ihren Gewissensrat selbst sprächen«  »Das denke ich auch«
antwortete Klärchen kurz abgebrochen weil sie sich eben mit einer Stelle
beschäftigte auf die sie sehr nachdenkende Augen heftete  »Haben Sie etwas
Sachdienliches gefunden liebes Kind« fragte ich neugierig indem ich selbst in
meinem Buche auf eine ihrer Bedenklichkeiten stieß die ich einstweilen
zeichnete  »Ich habe wohl so etwas« dehnte sie »über die nahe Gelegenheit 
aber«  »Nun das trifft sich recht gut« rief ich dazwischen »auch ich habe
darüber eine Erläuterung in dem Escobar gefunden die mir ganz neu ist«  »Nur
ärgert es mich« fuhr sie in ihrer Rede fort »dass mir eben da wo ich am
liebsten fortlesen möchte eine dumme lateinische Zeile in die Quere kommt« 
»Wollen Sie mir wohl Ihren Fund mitteilen Klärchen«  »On doit« las sie laut
und ohne Anstoß »absoudre une femme qui a chez elle un homme avec qui elle
peche souvent si non po«    »Geben Sie nur her Kind« unterbrach ich ihr
Stottern »ich will sehen was es ist«  »Sie reichte mir das Buch und nun las
ich mit ziemlicher Verlegenheit und war froh dass sie kein Latein verstand si
non potest ejicere aut habet aliquam causam retinendi  Sie haben wohl Recht
Klärchen es ist eine dumme Zeile«  »Nun mein Herr« sah sie mir fragend in
das Gesicht »unter was für einer Bedingung gilt das Souvent«  »O« antwortete
ich »hier ist eine vorausgesetzt die auf uns gar nicht passt  Urteilen Sie
selbst Si non potest und so weiter  das heißt Wenn sie den Herrn nicht zur
Stube hinaus werfen kann oder sonst eine Ursache hat ihn bei sich zu
behalten«  »Da ist ja gar kein Verstand darin« sagte Klärchen  »Beinahe«
antwortete ich »aber nehmen Sie deswegen das Buch nur wieder Einige Seiten
weiter werden Sie die Frage schon deutlicher aus einander gesetzt finden wenn
Escobar wie wir bald sehen wollen richtig citiert hat Horchen Sie recht auf
On nappelle pas occasion prochaine celle où lon ne peche que rarement comme
de pecher par un transport soudain avec celle ou celui avec qui on demeure
trois ou quatre fois par an ou selon Bauny pag 1802 Schlagen Sie doch einmal
nach Klärchen une ou deux fois par semaine«  »Die Pagina trifft zu« sagte
Klärchen und reichte mir zugleich das Buch wieder hin Ich hielt es neben das
meinige verglich die Parallelstellen und freute mich laut über das
freundschaftliche Einverständnis zweier so berühmter Schriftsteller in einer so
wichtigen Sache  »Ist das nicht« wendete ich mich an das Mädchen »so ganz
unser Fall liebe Kleine als wenn ihn die Herren hundert Jahre voraus gesehen
und Ihnen die eigenen Worte Ihres Gewissenszweifels aus dem Munde genommen
hätten Die süße Beruhigung abgerechnet« fuhr ich fort »die Ihnen diese
Beweisstelle verschafft so freue ich mich auch besonders über den kurzen und
deutlichen Begriff den sie mir nebenbei über mein Näherrecht gibt«  »Über
Ihr Näherrecht« fragte Klärchen  »Jawohl« antwortete ich »das liegt ganz in
den Worten avec qui on demeure  une ou deux fois par semaine Und ohne eins in
das andere zu reden meine schöne Nachbarin will ich mir doch da es eben die
Gelegenheit gibt Ihren guten Rat in Ansehung meines Quartiers erbitten das
mir immer je länger je besser gefällt Sie wissen ich habe es nur auf einen
Monat gemietet was meinen Sie würde mir es Ihre gute Tante nicht eben so gern
auf ein Jahr zusagen wenn ich es voraus bezahlte«  »Das kann ich Ihnen in der
Tat nicht mit Gewissheit sagen« antwortete mir Klärchen mit einer solchen
liebenswürdigen Unbefangenheit dass ich sie gern dafür hätte küssen mögen 
»Aber ich sollte beinahe nicht daran zweifeln«  »Nun gut« sagte ich indem
ich den beschwerlichen Escobar neben mich legte »so will ich mich nächstens mit
ihr darüber besprechen« und fuhr nun fort mich mit dem ehrlichen Pater Bauny
den ich noch in der andern Hand hatte weiter zu unterhalten  Ich tat sehr
wohl daran und Escobar kann es mir wahrlich nicht übel nehmen denn ich hatte
noch gar nicht lange in der Somme de pechés seines Kollegen gestört so fand ich
unvermutet eine der größten Bedenklichkeiten meiner kleinen Unschuldigen so
deutlich entwickelt und so gründlich beantwortet dass es das unerfahrenste Kind
verstehen konnte  »O treten Sie einen Augenblick näher liebe Kleine« rief
ich ihr zu »Fragten Sie mich nicht vorhin auf mein Gewissen ob es recht  ob
es erlaubt sei ohne Vorbewusst Ihrer guten Tante und Ihres Seelsorgers über das
schönste Eigentum das Sie besitzen über Ihre Person nach Belieben zu
schalten und zu walten Ich leugne nicht mein gutes Klärchen und Sie müssen
mir es angesehen haben dass mich Ihre Frage nicht wenig stutzig machte Wie lieb
ist es mir dass Sie mich gar nicht dazu kommen ließ darauf zu antworten denn
gründlicher hätte ich es unmöglich tun können als der rechtschaffene Pater
Bauny dessen Ausspruch auch in dieser Sache alles enthält was darüber zu sagen
ist Hören Sie nur Lorsquune fille qui est en la puissance de son père et de
sa mère se laisse  Werden Sie doch nicht gleich über alles rot närrisches
Kind Das folgende Wort ist freilich nicht eben manierlich aber Sie haben Sich
gewiss noch ein ärgeres gedacht se laisse corrompre ni elle ni celui à qui
elle se prostitue  Ich gebe zwar gern zu liebes Klärchen dass ein Dichter
wie Bernard zum Beispiel dieselbe Sache ungleich reizender vorzustellen gewusst
hätte  Inzwischen kommt es darauf nicht an und ein Arzt der Seele wie des
Körpers, ist schuldig bestimmt zu reden sobald er in solchen Dingen um Rat
gefragt wird  Aber wo bin ich denn stehen geblieben«  »Bei prostitue«
sagte Klärchen  Ich fuhr also fort »ne font aucun tort au père ni à la mere«
 »Viel weniger also denen die ihre Stelle vertreten  Sie verstehen doch das
liebes Kind«  »O ja« antwortete sie »es ist ja deutlich genug«  »et ne
violent point« las ich weiter »la justice à leur égard parcequelle  sehr
richtig  est en possession de sa virginité  und da dieser Grund nach der
Natur der Sache mehr als Einmal nicht anwendbar ist so ist das darauf folgende
 aussi bien que de son corps nichts weniger als überflüssig dont elle peut
faire ce que bon lui semble à lexclusion  was dächten Sie Klärchen de la
mort ou  lieber Pater Bauny wie in aller Welt kommen Sie darauf  du
retranchement de ses membres  Da bewahre uns Gott vor« sagte ich ganz
erschrocken »Da müsste es doch wohl sehr arg hergehen wenn das einem von uns
beifallen sollte« »Lesen Sie mir doch diese wichtige Stelle noch einmal vor«
sagte Klärchen indem sie mit dem Finger auf das Buch tippte »aber nur den
reinen Text ohne Anmerkungen«  »So oft Sie wollen meine Beste« antwortete
ich »und so rein als er da steht« fasste zugleich beim Lesen ihre Hand als ob
ich ihr die Empfindung mitteilen wollte die wie ein elektrisches Feuer aus
dieser lehrreichen Schriftstelle auf mich überströmte fühlte auch wirklich bei
dem Worte virginité ein gemeinschaftliches Zucken das einer Kommotion nicht
unähnlich war
    Klärchen nahm mir das Buch aus der Hand sobald wir zum zweitenmale über die
Auflösung dieses wichtigen Zweifelpunktes glücklich hinaus waren setzte sich
mit dem ehrwürdigen Pater in eine Ecke und schien sich noch einige Seiten
weiter mit ihm zu unterhalten die hoffentlich die Sache nicht verdorben haben
In der Zwischenzeit ruhte ich ein wenig von meiner Vorlesung aus saß
stillschweigend und nachdenkend gerade ihr gegenüber und wusste mich gar nicht
recht in die anscheinende Heiterkeit und Seelenruhe dieses sonderbaren Mädchens
zu finden das mir je länger je unerklärbarer ward Hätte man nicht von der
liebenswürdigen Unwissenheit die sie mit in die Bibliothek brachte nach allen
Regeln der Metaphysik erwarten sollen dass der Zufluss der vielen neuen Begriffe
den sie schon in den wenigen Zeilen erhielt die ich vorlas sie für alles
weitere Nachschlagen bange machen ihr die Adern auftreiben und den Kopf
sprengen würden War es nicht höchst wahrscheinlich dass eine so bewährte
Heiligkeit als die ihrige über die zwar sehr zweckmässigen aber doch ganz
ungewählten Ausdrücke des vorigen rauen Jahrhunderts sich entsetzen  dass ihr
verschämtes Blut sich empören und das liebe Kind endlich in die Verlegenheit
kommen würde weder mir noch ihren Schiedsrichtern frei unter die Augen zu
sehen Konnte ich nicht mit einigem Grunde fürchten oder hoffen wie Du willst
dass sie sich weit eher unter einem Strome von Tränen von ihrem voreilig
eingegangenen Kompromisse losarbeiten als sich entschließen würde ein Wort zu
halten das sie gewiss unter ganz andern Erwartungen von sich gab Wie ging es
nun zu dass dieser Wahrscheinlichkeiten ungeachtet von allem dem nichts
geschah Ich bitte Dich Eduard wie ging das zu Siehe kennte ich das Mädchen
nur seit unserer gemeinschaftlichen gelehrten Arbeit wahrlich ich würde ihr
eher zutrauen sie habe die Engel zu Dutzenden und selbst da geputzt und
gewaschen wo sie am schmutzigsten sind als dass ich an jenes erste Schrecken
ihrer Hand glauben möchte wovon doch die deutlichsten Spuren noch immer unter
meinem Spiegel zu sehen sind Es ist nicht anders möglich sie muss alle die
gefährlichen Stellen hören und lesen ohne aus unbegreiflicher Unschuld den
Sinn der Worte zu verstehen  Wie Henker soll ich ihr aber den beibringen
    Nach dieser stillen Unterredung mit mir selbst rief ich in kollegialischer
Ordnung den einzigen Beisitzer unsres Gerichts auf den wir noch nicht gehört
hatten  den Pater Lessau schmutzigen und moderigen Ansehens Wenn der Schein
überhaupt trügt so tut er es vorzüglich bei einem geistlichen Tribunale
dieser unansehnliche Mann wie das nicht selten geschieht verschloss einen
ungeheueren Vorrat von Gelehrsamkeit und Erfahrung Freilich brauchte ich
dermalen nur einen sehr kleinen Teil davon nur so viel als eben nötig war um
die einzige noch übrige Gewissensfrage des frommen Kindes zu beantworten die
zwar nachdem wir über die zwei vorhergegangenen belehrt und einig waren bei
einem gewöhnlichen Mädchen kaum einer besonderen Antwort würde bedurft haben 
mit einem so ängstlichen Geschöpfe aber als Klärchen geht es nicht so geschwind
 Eins mag noch so notwendig aus dem andern fließen sie weist sicher jede
einzelne Forderung zurück die man nicht sogleich mit einer förmlichen Anweisung
belegen kann Die Schrift in der ich sie suchte hatte bei dem Reichtum ihres
Inhalts zum Glück auch noch ein gutes Register ohne das ich schwerlich so
geschwind die benötigte Stelle würde gefunden haben Sie war ganz so wie ich
sie brauchte und führte beinahe noch näher zum Zweck als die beiden vorher
gegangenen Ich hätte zugleich  in Ermangelung der Aloisia Sigea  keine
auftreiben können die geschickter gewesen wäre mich über den Rest von
Ungewissheit in die ich noch manchmal in Ansehung der Unschuld des rätselhaften
Kindes geriet so wie über die Bedingungen unsers Handels endlich einmal mit
mir selber einig zu machen Wenn sie sagte ich heimlich zu mir dabei höchstens
nur rot werden sollte ohne mir zugleich das Buch an den Kopf zu werfen und
davon zu laufen so habe ich übermorgen gewonnenes Spiel Ich packe dann meine
Großmut ruhig wieder ein ohne dass ich noch länger vergebens auf die
Gelegenheit warte sie anzuwenden und ich will nicht ehrlich sein wenn ich sie
eher wieder an das Tageslicht bringe als bis ich den Schimpf den das Mädchen
meiner Moral angetan hat und den ich immer noch nicht verschmerzen kann zur
Genüge gerächt und zugleich die große metaphysische Frage entschieden habe die
ich Dir beim ersten Anfange meiner Bekanntschaft mit Klärchen nicht so aus
bloßem Leichtsinne aufstellte als es Dir vielleicht vorkam und deren Auflösung
immer ein hübscher Gewinn für die Philosophie des Lebens sein wird  die Frage
nämlich welche Tugend sicherer erhabener und schmackhafter sei die eines
weiblichen Wildfanges wie ich heute vor acht Tagen einen unter den Händen
hatte oder die einer Heiligen
    Indem sah ich Klärchen ihr Buch bei Seite legen als wenn sie genug daran
hätte und aufstehen Ich glaubte es wäre nun Zeit das unterbrochne Gespräch
wieder in Gang zu bringen  »Hatten Sie« fragte ich »nicht noch etwas auf dem
Herzen worüber wir nachschlagen wollten«  »Dass ich nicht wüsste« antwortete
sie voller Zerstreuung trat vor den Schrank zog ein anderes Buch heraus das
noch darzu ein Quartant war den sie alle Mühe hatte bis in ihre Ecke zu
schleppen Nun ist mir ich weiß nicht warum jedes schwerfällige Buch in der
Hand eines Weibes ganz unerträglich Kommt es daher dass es mir zu anmasslich
aussieht oder weil ich glaube dass ein mäßiger Oktavband  ein Almanach alles
enthalten kann was ihnen an Gelehrsamkeit nötig ist Bei Klärchen verdross es
mich vollends dass sie so ohne Beihilfe meines lebendigen Unterrichts ihre
Studien fortsetzte und darüber sogar ihre dritte Gewissensfrage aus den Augen
verlor für die ich eine so schöne Antwort gefunden hatte Sie heftete ihre
Blicke mit solcher Begierde auf das Blatt das sie aufschlug dass ich nach dem
Namen dieses glücklichen Autors äußerst verlangend war  »Sie haben vergessen«
rief ich ihr zu »dass Sie nicht hierher gekommen sind um das ganze System der
Moral durchzuarbeiten«  Da sie mir nicht antwortete stand ich auf um mich ihr
zu nähern sie streckte mir aber ihre Hand entgegen um mich abzuwehren und
verbarg das Buch Ich unterdrückte meine Neugierde so weit dass ich mich
stillschweigend wieder zurück zog und nur das Fach und die Lücke bemerkte aus
der sie ihren Quartanten genommen hatte Mit Hilfe des guten Fernglases das
ich seit mir die Turmspitze von Kaverac aus dem Gesichtskreise schwand nicht
ein einzigesmal wieder gebraucht hatte entdeckte ich in welcher Gegend des
Werks die Stelle ungefähr stehen musste die so mächtig ihre Aufmerksamkeit
anzog und da ich vollends sah dass beim Umwenden des Blatts ein wenig Puder
aus ihren Haaren dazwischen fiel so war ich nicht weiter verlegen noch vor
Abends ihrer Wissbegierde auf die Spur zu kommen und erwartete ruhig bis sie
fertig und das dicke Buch wieder an seinen alten Platz gestellt war
    »Sie haben Ihre schönen Augen recht angestrengt liebes Kind« redete ich
ihr freundlich entgegen »Darf ich denn nicht wissen über welchen neuen
Gewissenszweifel Sie Sich unterrichtet haben« »O mein Herr« antwortete sie
»was ich eben las betraf eine alte Geschichte die mir vor etlichen Jahren nur
mit andern Umständen erzählt wurde Es ist manchmal gut sich mit eigenen Augen
zu überzeugen«  »Da haben Sie wohl Recht Klärchen« erwiderte ich ernstaft
»und es ist mir lieb dass ich Ihnen eben eine Gelegenheit verschaffen kann
diese Vorsichtsregel sogleich wieder anzuwenden um in Übung zu bleiben Unser
Pater Lessau hat sich hier recht deutlich über den Fall erklärt der Ihnen heute
nach der Auswechselung unserer Bänder beinahe mehr Herzklopfen verursachte als
vorher Sie hätten Sichs ganz ersparen können wie Sie gleich hören sollen« 
Ich rückte ihren Stuhl neben den meinigen hielt ihr das Buch nahe vor und
schlug meinen andern Arm so vertraut um ihren schönen Hals wie ein Bruder der
mit seiner Schwester eine Idylle von Gessner liest  »Les femmes« las ich mit
langsamer gedrängter Stimme damit ihr kein Wort verloren ginge »ne pechent
pas quand elles sexposent à la vue de jeunes gens encore quelles sachent
bien quils les regarderont avec des yeux impudiques«  Ich sah hier dem
Mädchen mit einem Blicke ins Auge wie ihn nur Pater Lessau verlangen konnte
und las weiter »Si elles le font par nécessité ou utilité  Nécessité«
wiederholte ich »diese liegt nur zu klar in dem siebenten Paragraph der
päpstlichen Bulle und in unserm Kontrakte und die utilité kann bei der
heiligsten aller Reliquien wohl keine Frage sein«  Klärchen hob ihre Augen gen
Himmel und ich fuhr fort »Elles ne pechent pas quand elles se servent
dhabits si deliés quon voit leur sein ou quand même elles se decouvrent
entiérement si elles le font selon la coutûme du païs«  Ich sah dem schönen
und was mir noch lieber war  dem errötenden Mädchen in das Gesicht wie ich
ihr diese Erlaubnis vorlas in der Erwartung sie würde wenigstens von so einer
Landessitte als der Autor voraussetzte nichts wissen wollen sie war aber zu
ehrlich dazu und schwieg Auch ich schwieg und doch schienen wir beide keine
lange Weile zu haben Nachdem meine Augen lange genug auf den ihrigen geruht
hatten fragte ich mit einem unterdrückten Seufzer »Nun Klärchen  sind Sie
endlich einmal über die Freude beruhigt die Sie meinen Blicken gegönnt haben
und fürchten Sie Sich noch immer vor übermorgen«  Sie schien in ihrem stillen
Nachdenken so verloren dass ich um sie zurück zu bringen meinen wurmstichigen
Autor zu seinen Kollegen warf ihre frischen Händchen dafür an meine Lippen hob
und jeden ihrer Pulsschläge mit einem Kusse beantwortete
    Nichts ist Wohl in der ganzen Natur der Sophisterei beförderlicher als
dieses kleine Spiel Es war nicht das erstemal dass ich es bemerkte Ich ging
gewiss hier wieder einen falschen Weg Die Kleine dachte ich ist nur errötet 
Sie hat dir nicht das Buch an den Kopf geworfen also  schloss ich  wird es
nicht einmal nötig sein bis übermorgen zu warten  »Klärchen« fing ich
zitternd an und stockte  »Was beliebt Ihnen« fragte sie   »Werden nicht«
fuhr ich fort »hier zu Lande die Namenstage manchmal nach Zeit und Umständen
einige Tage voraus gefeiert«  »Niemals« antwortete sie kurz und übersah mich
mit so großen Augen als ob ich nicht klug wäre  »Bei uns« setzte ich
seufzend hinzu »geschieht das sehr häufig am Hofe und in der Stadt selon la
coutûme du païs auch kürzt man in manchen Fällen die Bedenkzeit und die
Zahlungsfristen ab  par nécessité ou utilité«  »Das ist sonderbar«
antwortete das einfältige Ding »Sie haben also wohl in Ihrem Lande lauter
bewegliche Feste«  Ich weiß nicht mehr was ich ihr darauf antwortete  ich
verlor ganz meine Besinnungskraft schwatzte nun ins Gelag hinein und traf mich
unvermutet an dass ich ihr von dem Löwen in dem Wiener Zwinger erzählte der
einem Mädchen das er liebte die Hand so lange leckte bis Blut kam darüber in
Wut geriet sie in Stücken zerriss und sich darauf bei ihrem Leichnam hinlegte
 und starb Wie ich auf diese rührende Geschichte gekommen sein mag ist
unbegreiflich Aber Klärchen schien angst zu werden  Sie zog mir ihre Hände
vom Munde hinweg und mit der Frage »Wollen Sie mich nicht wieder in mein
Zimmer führen« schlang sie mir die eine um den Arm und nötigte mich
aufzustehen Wahrlich es war hohe Zeit und ich war froh als ich aus der
Atmosphäre der Kasuisten in eine andere Luft kam
    Klärchen schien mir als ich sie zu ihrem Sopha glücklich zurück brachte
noch um vieles schöner ungezwungener und verträglicher von ihrer gelehrten
Reise zurück zu kommen als sie es vorher war Ich schloss sogar aus einem
sprechenden Blicke den sie auf den Ablassbrief warf dass ich es jetzt wohl eher
wagen durfte ihr eine wörtliche Übersetzung des siebenten Paragraphs
anzubieten ohne abgewiesen zu werden und ich betrog mich nicht Sonderbar
genug dass ihr zärtliches Ohr erst ein wenig durch die Beredsamkeit der
Kasuisten abgehärtet werden musste um nicht vor der Hirtenstimme des heiligen
Vaters zu erschrecken Sie horchte jetzt desto geduldiger darauf und ließ mich
das et in integrum restituimus zweimal wiederholen so schön kam es ihr vor
    Mein LäsionsProzess sah ich nun wohl war so gut wie gewonnen Klärchen
hatte es kein Hehl dass sie den Kniegürtel der Jungfrau schon als ein Stück
ihrer Toilette betrachtete und dieser Gedanke streute so viel Grazie über
alles was sie sprach und tat dass ich nicht genug die Wirkung bewundern
konnte die der Glaube an Reliquien und das Bewusstsein ihres Besitzes nicht
allein auf die innere Zufriedenheit sondern sogar wie das Wohlbehagen eines
guten Gewissens in dem Umgange des gemeinen Lebens hervorbringt  Wodurch
gewann wohl Klärchen diesen sichtbaren Zufluss von Begeisterung in ihren Augen
diesen Ton der guten Gesellschaft den ich gestern auf der Treppe wenig an ihr
bemerkte wodurch dieses feine Gemisch von großer Welt und Ruhe der Seele die
so selten bei einander gefunden werden als  ich schäme mich fast es zu sagen 
durch den alten verblichenen Fetzen den ich ihr um das Bein band Und doch sind
wir andern so übereilt diese mystischen Geschenke der katholischen Religion als
armselige Kleinigkeiten zu verschreien Wo haben wir denn in der unsern etwas
das diesen Abgang von Hülfsmitteln zu einer frohen Existenz ersetzte Wenn König
August aus unserer Nachbarschaft und so manche andere Fürsten des deutschen
Reichs den sterilen Glauben ihrer Vorfahren gegen das beruhigende System des
römischen Stuhls vertauschen und auf ihre Kinder vererben wer kann es ihnen mit
Grunde verargen  Und wie philosophisch richtig handelte nicht selbst Karl der
Zweite in dieser Rücksicht als er in der Wahl entweder sein Reliquair oder
seine drei Kronen wegzuwerfen ohne Bedenken sich zu dem letztern entschloss
    Meine Sehnsucht einer Kirche in den Schoss zu kommen die uns so angenehm
einwiegt die durch ein geweihtes Todtenbein  durch eine Scherbe aus der
Haushaltung eines Erzvaters und durch andere dergleichen Raritäten uns in dem
Frieden mit uns weiter bringt als die Weisheit eines Garve wuchs nun desto
schneller je mehr ich unter Klärchens funkelnden Augen meinen tiefsinnigen
Betrachtungen nachhing und war gleich meine verwöhnte Vernunft wie ich
manchmal zu fühlen glaubte noch immer nicht so ganz mit meinem Herzen
einverstanden als ich wohl gewünscht hätte so ist dieses doch ein gewöhnlicher
Fall bei Neophyten und so soll doch hoffe ich auch dieses bängliche Gefühl
übermorgen durch ein ungleich mächtigeres verjagt werden
    So schön alle diese Erwartungen waren die ich aus dem Zauberzirkel der
kleinen Heiligen mit mir nahm sobald die knarrende Haustür mir die Zurückkunft
der Tante verriet so fand ich doch wie ich wieder in mein einsames Zimmer
trat dass bloße Hoffnung nicht genug beschäftigt Die meinige setzte eine Geduld
von zwei Tagen voraus und diese hatte in meiner gegenwärtigen Lage ihre große
Unbequemlichkeit Ich sah mich bald nach einer lindernden Zerstreuung um und wo
hätte ich die gewisser finden können als in der kleinen auserwählten
Büchersammlung meines Kabinetts die mir heute und gestern schon so merkwürdige
Dienste geleistet hatte Kein Buch schien mir jedoch fürs erste der Mühe mehr
wert es zu suchen als das mit dem sich vorhin Klärchen so vorzüglich
beschäftigte Ich zog es heraus Was fand ich Die Legendensammlung des Pater
Martin von Kochim  So sagte ich bist du auch hier guter Freund Aber was
für eine Intrigue hast du mit der Kleinen  Ich blätterte so lange bis ich 
es war in dem Leben ihrer Namensschwester  das Blatt fand bei welchem sie
ihren Puder verloren hatte  Wie sagte ich und rieb mir die Augen die
berühmte Erzählung ist es von den drei Blasensteinen Wer in aller Welt kann ihr
diese Geschichte mit andern Umständen erzählt haben als hier stehen Und was
kann für sie so wichtiges daraus entstanden sein dass sie um der Berichtigung
dieses Wunders willen beinahe ihr Kompromiss vergaß Warum versteckte sie diese
Stelle vor mir da sie ohne die geringste Verlegenheit ganz andere mit mir
gelesen hat Ich sann der Sache so ernstlich nach als ob sie noch so wichtig
für mich wäre und brachte doch am Ende nichts weniger als eine befriedigende
Vermutung heraus Ich gab also mein Nachgrübeln auf setzte den Schächer wieder
in sein Glied und durchirrte nun die übrige Besatzung
    Die Wahl unter Büchern ist immer schwer und Kenntnisse die man auf diesem
Wege erlangt sind mit Erlaubnis unserer stolzen Gelehrten nicht weniger
Geschenke des blinden Zufalls als so viele andere Erwerbnisse menschlicher
Tätigkeit Dir Eduard habe ich nicht nötig so etwas zu beweisen sonst
sollte es mir wahrlich nicht schwer werden Ich stand lange unentschlossen und
ganz mit dem Eigensinne eines längst abgestumpften Gaumens vor dem Schranke
blies von verschiedenen dickleibigen Bänden den Staub ab blätterte einige
Augenblicke darin und setzte sie  und ach mit ihnen vielleicht eine wahrhaft
stärkende Geistesnahrung nach der ich lange umsonst strebe unbenutzt wieder an
ihren Ort in der sehr misslichen Hoffnung für meine leckere Wissbegierde wohl
etwas schmackhafteres noch aufzugabeln Beinahe glaube ich dass es mir nicht
besser hätte gelingen können Wenigstens stieß ich auf ein Werkchen das mir
über alle meine Erwartung Genüge tat Es entfernte mich  doch nicht zu weit 
von dem Gegenstande meiner Wünsche und bereicherte meine Einbildungskraft mit
neuen Bildern deren freie Zeichnung und kräftiges Kolorit wohl noch eine
gränzenlosere Einsamkeit als die meine war hätte beschäftigen können Kein
Buch in der Welt konnte glaube ich in meiner gegenwärtigen Lage eine
anziehendere Kraft für mich haben Sein Verfasser gewann bei dem ersten Anblicke
mein ganzes Zutrauen Er war geistlichen Standes  war ein Deutscher  war
Augenzeuge der großen Begebenheiten die er erzählt und nur zu oft selbst mit
darin verflochten Sein Buch war wie das meine ein Tagebuch  war  welch ein
Zufall das Tagebuch eben des großen Papstes dessen Freipass mich und Klärchen
auf so gute Wege gebracht hatte Wie kindisch freute ich mich nicht meines
Fundes als ich den Titel las »Buchardi Archentinensis Kapellae Alexandri
Sexti Papae Klerici Ceremoniarum Magistri  Diarium«16 Und wie eilte ich damit
an meinen Tisch Ich hatte nun die angenehmste Beschäftigung die ich mir
wünschen konnte denn es macht uns doch immer eine eigene Freude den Mann auch
im Schlafrocke kennen zu lernen der in pontificalibus unserer Ehrfurcht gebeut
    Von den vielen merkwürdigen Stellen dieses päpstlichen Tagebuchs mit denen
ich das meinige ausschmücken würde wenn ich nicht befürchten müsste dem
Interesse meiner eigenen Geschichte zu schaden kann ich jedoch der Versuchung
nicht widerstehen Dir wenigstens Eine auszuheben die ihres zufälligen Bezugs
wegen auf meinen gegenwärtigen Handel mit Klärchen eine Ausnahme verdient Sie
wird nebenbei wenn Du Dir etwa einfallen ließest an der Aechteit meiner
Urkunde zu zweifeln schon das ihrige beitragen Dich eines bessern zu
überzeugen Ich wurde erst in dem Augenblicke mit ihrer Entdeckung überrascht
und aufs neue fortzulesen ermuntert da ich aus Unvermögen meine Augen länger
anzustrengen schon das Blatt wo ich stehen blieb gezeichnet und das
anziehende Buch zugeschlagen hatte Indem ich es gähnend von mir schob geschah
es dass ich zufällig einen Blick auf den Ablassbrief warf der wie eine Post
und Reisekarte ausgebreitet auf meinem Tische lag und das brachte mich auf den
Einfall in der Geschwindigkeit noch ehe ich mein Licht auslöschte
nachzusehen was wohl Ihr Päpstliche Heiligkeit denselben Tag begannen da Sie
das für mich so wichtig gewordene Dokument auszustellen geruhten und das
Sonntags den vier und zwanzigsten Oktober datirt war Ich hatte kaum das Diarium
des ehrlichen Burchard wieder aufgeschlagen so fand ich auch bald kraft der
guten Ordnung die darin herrscht was ich suchte Der Autor der wie das
Titelblatt sagt ZeremonienMeister Seiner Heiligkeit war welches ich nicht zu
vergessen bitte beschreibt unter demselben Tage eine Feierlichkeit die ihn
wohl selbst sein Amt nötigte mit anzuordnen  einen Abendzeitvertreib mit
welchem der gottselige Papst den Festtag des heiligen Martinus beschloss
    Dominica ultima erzählt er mensis Octobris in sero fecerunt coenam cum
Duce Valentinensi in Kamera sua in palatio Apostolico quinquaginta meretrices
honestae Kortegianae nuncupatae quae post coenam chorearunt cum servitoribus
et aliis ibidem existentibus primo in vestibus suis deinde nudae
    Post coenam posita fuerunt candelabra communia mensae cum candelis
ardentibus et projectae ante candelabra per terram castaneae quas meretrices
ipsae super manibus et pedibus nudae candelabra pertranseuntes colligebant
Papa Duce et Lucretia sorore sua praesentibus et adspicientibus tandem
exposita dona ultimo diploides de Serico paria caligarum bireta et alia pro
illis qui plures dictas meretrices carnaliter agnoscerent quae fuerunt ibidem
in aula publice carnaliter tractatae arbitrio praesentium et dona distributa
victoribus
    Ich überlas diese unbefangene Erzählung mehr als Einmal und klatschte dem
großen Geiste wiederholt meinen Beifall zu der frei genug von Vorurteilen war
ein solches Fest zu veranstalten und so hochgesinnt seine Freunde und
Dienerschaft daran Teil nehmen zu lassen Denken wir uns diesen unumschränkten
geistlichen Fürsten an jenem fröhlichen Abende so wird es begreiflich wie eine
so volle Freude sein Herz bis zu der  beinahe möchte man sagen übertriebenen 
christlichen Freigebigkeit erheben konnte die aus seinem Ablassbriefe
hervorstrahlt sich übrigens ganz herrlich mit dem schönen Vorrechte verträgt
das ihm die Kirche verlieh über alle mögliche sinnliche Einfälle seiner Heerde
den Schwamm zu ziehen
    Je seltener es ist dass Züge aus dem Privatleben der Großen zur Erläuterung
ihrer Gesetze dienen desto mehr musste es mich freuen hier beides einmal in so
gutem Verhältnisse zu finden dass diese HofLustbarkeit des Oberhauptes der
Kirche und der Ablassbrief den er wahrscheinlich während derselben
unterschrieb eins das andere auf das ungezwungenste kommentirt Ein Glück für
mich dass die Gräfin Vanotia nicht so gut dabei war als seine berühmte
Schwester die dem Namen so viele Ehre machte den sie in der heiligen Taufe
erhielt denn da hätte er vermutlich seiner Freundin den Gürtel der
unbefleckten Jungfrau  anstatt ihn ihr jetzt als ein Konfekt von seiner Tafel
zu schicken während des Festes selbst umgebunden ohne Zeit zu haben ihn mit
jenem allgemeinen Ablass auszusteuern der von dem Tage seiner Ausfertigung an
bis auf uns Glückliche die wir übermorgen daran Teil nehmen werden
vermutlich im Stillen fortgewuchert hat Vergieb mir Eduard diese
schwerfällige Periode ihres Reichtums wegen ob ich gleich immer auf neue
Betrachtungen komme so oft ich nur einen Blick auf dieses kostbare Dokument
werfe Wie manchen Anstoß der Sittlichkeit mag es schon gehoben wie manche
lebhafte Szene befördert und entsündiget haben über deren Menge und
Eigentümliches wir erstaunen würden hätten sie immer ihren Burchard gefunden
Es war ich wiederhole es ein Glück für mich dass eben solche Umstände an dem
Feste des gottseligen Papstes zusammen trafen um eine so wichtige Urkunde zu
ihrer Entstehung und mir zu der gelehrten Freude zu verhelfen die mir
dreihundert Jahre nachher noch die Harmonie seines Lebens und seiner Gesetze
verschafft
    Für meinen gesunden Schlaf zwar wäre es wohl besser gewesen die ganze
Parallele ungezogen und das Augenzeugniss des ZeremonienMeisters ungelesen zu
lassen denn es setzte mein Blut in die heftigste Wallung Lange konnte ich das
Naturgemälde nicht aus dem Kopfe bringen und gruppirte mich und Klärchen immer
in Gedanken dazu Mein Herz pochte meine Augen glühten ich fühlte unter einem
heiligen Schauer den übermächtigen Andrang des Jesuitismus Die Stunde der
Mitternacht schien mir von Minute zu Minute feierlicher zu werden und der Geist
Alexanders mich aufzufordern in ihr meinen Profess zu tun Sein Freipass
überdeckte meinen Tisch sein Tagebuch lag aufgeschlagen neben dem meinen und
zwei Wachskerzen brannten zu beiden Seiten Alle diese Umstände zusammen wirkten
gerade auf meine Überzeugung und trieben mich unter fieberhaftem Erzittern
zur Ablegung meines Gelübdes Da mir noch oben drein mein hülfreiches Gedächtnis
statt der vorgeschriebenen Formel die mir unbekannt war eine andere an die
Hand gab die bis zu meiner förmlichen Weihe einstweilen den Abgang jener gar
füglich ersetzen konnte so trat ich ohne weiteres Besinnen vor meinen Altar
auf dem meine Schwärmerei das verklärte Bildnis meiner Heiligen und Geliebten in
die Höhe stellte so frei von allem irdischen Putze als es jene fünfzig
Auserkornen immer nur können gewesen sein die den befeuerten Blicken meines
großen Vorgängers so wohl taten  und so ganz in der Glorie wie mein trunkener
Geist hofft sie übermorgen von Angesicht zu Angesicht zu schauen Ich legte
zugleich die linke Hand auf die anziehende Stelle in dem Tagebuche des heiligen
Vaters hielt den Zeige und Mittelfinger der Rechten in die Höhe und den
Blick von Rousseau ab nach dem schlafenden Engel gewendet entledigte ich mich
meines Gelübdes das zwar nicht den Worten doch dem Geiste nach mit dem Eide
eines Jesuiten auf das vollkommenste übereintraf Si ille hoc fecit sprach ich
langsam und ernst qui templa concutit sonitu  Ego homuncio hoc non facerem
ego vero illud feci ac lubens17
    Wie die Zeremonie vorbei war taumelte ich endlich mit der eigenen
Zufriedenheit eines Neubekehrten zu Bette und wenn schon der gute Vorsatz
verdienstlich ist so darf ich hoffen mehr als Ein Baret verdient zu haben ehe
ich einschlafe
                                                                Den 6ten Januar
    Der Wagen der mich nach Vauclüse bringen sollte stand wie der Wagen des
Apollo mit vier weißen Pferden bespannt zur Rettung meiner Ohren schon vor
der Türe als mich die Glocken von allen Türmen der Stadt zu dem Feste der
heiligen drei Könige erweckten Ohne nach ihrem Golde ihrem Weihrauch und ihren
Myrrhen zu fragen warf ich mich geschwind in einen gewiss artigern Reiserock
als der ihrige war von silbergrauem Samt schlug als ein Diadem das ich um
das ihrige schwerlich vertauschen würde das blaue Strumpfband um meinen
Sonnenhut und schwebte nun zwischen der süßen Erinnerung von gestern und der
stolzen Erwartung auf morgen dem Gebauer meiner kleinen Sängerin vorbei die
Treppe hinunter Während dass Klärchen durch das Fenster des geheimnisvollen
Kabinets blickte in das mich Papst Alexander morgen zur Weihe einführen soll
und gegen über Herr Fez ohne nur zu ahnden welchen Dank ich ihm schuldig war
mir die Verbeugung eines Klienten machte hob mich meine Selbstzufriedenheit
federleicht in die Höhe und der Wagen rollte durch die festlich geschmückten
Gassen
    Mein armer Sebastian saß demütig neben mir seine Ähnlichkeit mit Margot
war in meinen Augen verschwunden er fühlte sich zu einem gemeinen Bedienten
erniedriget und hatte nicht das Herz mehr seinem vornehmen Herrn eine andere
Frage zu tun als seine Bestallung rechtfertigen konnte Und ich von welcher
stolzen Höhe sah ich auf alles herab was sich meinen geistigen und leiblichen
Augen außer Klärchen darbot Ich blickte so neidlos auf die stillen Täler die
neben mir als auf die lärmenden Königsstädte die weit aus meinem
Gesichtskreise lagen bemitleidete das zwangvolle Leben der Großen wie das
Idyllenleben der Hirten wenn jene auf Flaum  diese auf Moos gestreckt  hier
immer nur weidende Lämmer  dort immer nur bettelnde Sklaven im Auge  hier
immer nur den einförmigen Ton der Glöckchen  dort das Geklapper des Stolzes im
Ohr haben durch den die eine ärmliche Herde bei jedem Genuss eines Gräschens 
die andere oft ohne Genuss die höheren Bedürfnisse menschlicher Torheit
verkünden und mit wohlgefälligem Lächeln kehrte ich nun meine Blicke auf Mich 
sah mich im Sonnenschein glänzen  mit Starke der Jugend und Gesundheit
gerüstet unter dem Machtspruche eines menschenfreundlichen Papstes  ach nach
einer kurzen Wallfahrt zu dem Sänger der Liebe in die Arme eines Mädchens dahin
sinken das nur für den unsterblichen Genuss der Engel gespart schien und ohne
die Vermittlung des heiligen Kniegürtels gewiss allen menschlichen Wünschen
entschlüpft wäre Wie schwärmte ich Freund Wie oft nahm ich meinen Sonnenhut
ab um das himmelblaue Band anzulächeln und von ihm in optischen Träumereien
über den Gränzort hinzuschweifen wo die Auswechselung geschah
    Endlich hielt der Wagen Wo bin ich fragte ich voller Verwunderung  »Zu
Vauclüse« tönte mir mein Führer mit einer Stimme ins Ohr die so kreischend war
als das Knarren einer Tür und die mich aus das unangenehmste aus meiner
Überspannung zurück brachte Ich stieg aus und die Blicke die ich wild um
mich herum schoss prallten wie die Strahlen der Morgensonne von den nackten
weißen Bergen zurück die das steinige Tal und in demselben den hohen spitzen
Felsen mit der verfallenen Burg umkränzen in welcher der Sänger der Liebe
geweilt hat Unter einem dunkeln Gewölbe am Fuße dieses Kreidengebirgs liegt der
berühmte Quell der zu Zeiten sich aus seiner Untiefe ergießt und rauschend
diese Marmorlandschaft überströmt Fürchterlich mag alsdann der Anblick seiner
Ergiessung in den Schoss der toten Natur werden aber still und beweglos sah ich
sie jetzt allein um mich herum herrschen und entsetzte mich über ihr ernstes
Gesicht Mein Herz hatte gehofft sich in diesem durch liebliche Gesänge
berühmten Tale gütlich zu tun aber alles war ihm entzogen woran es sich
hätte schmiegen können  Nicht einmal ein Oelbaum mit seinem unfreundlichen
Grün  kein Gräschen das sich durch die Spalten des Felsen stahl  kein
abgestorbenes Minchen woran auch nur der kleinste Wurm hätte saugen oder darauf
ausruhen können Ein paar einzelne armselige Hütten in Elend schmachtender
Tagelöhner die nur zur Zeit der Flut einen gefahrvollen kleinen Verdienst
erwarten und indes von Fremden die der wohlklingende Name des Orts 
wohlklingend wenn ihn ein Dichter ausspricht  und der Gedanke an seinen
ehemaligen Bewohner Hieher zieht ein Ungewisses Almosen erbetteln Und diesen
Wohnsitz der Bekümmernis armer Petrarch diesen abgestorbenen Teil unserer
freundlichen Welt konntest du wählen konntest in dieser Gefangenschaft von
Bergen  in diesem Brennpunkte einer frei wirkenden Sonne gutwillig schmachten
um nur ungestört und abgezogen von allem was an das Leben erinnert dem
einzigen Gedanken nachzuhängen der den ganzen Neichtum deiner Wallfahrt und
deines Nachlasses ausmacht Sit tibi terra levis Aber deine Laufbahn hienieden
gefällt mir nicht Ich fühle in Demut dass ich für so hohe Verläugnungen als
die deinigen waren zu schwach bin und möchte nicht eine Nacht für so eine
Belohnung verwachen als du erreicht hast Ich bewundere dich ohne dir
nachzuahmen
»O wie belohnend muss die süße
Empfindung sein dess der den Talisman
Petrarchs besitzt Was gehen ihn non Vauclüse
Die dürren Kreidefelsen an
Ihn der sein Feld und seine Wiese
Im Schubsack trägt und irdisch Zugemüse
Bei Götterkost entbehren kann
Ein schöner Geist ist w Urdig nur von Geistern
Bedient zu sein  Ein Gnom putzt ihm die Schuh
Ein Sylphe braut ihm Tee und Amoretten kleistern
Die Spalten seiner Fenster zu
Was mangelt ihm Ein überirdisch Feuer
Erwärmt sein Stübchen  flammt auf seinem Herd
Und menn bei himmlischem Tokaier
Ein Dichterwunsch nach süßem Abenteuer
Auch dann und wann durch seine Nerven fährt 
Auf einen Laut der stets gestimmten Leier
Führt ihm schon Amor sein Getreuer
Das Mädchen zu wie es sein Herz begehrt
Blond oder braun  und lockender und neuer
Als mir der Schelm noch keins gewahrt
Denn was zur nächsten Morgenfeier
Er mir verheisst liegt unter heilgem Schleier
Dem Auge noch nicht aufgeklärt
So hast du deinem treusten Sänger
Monarchin die zu Paphos tront
So fürstlich hast du ihn belohnt
Noch steht der Fels auf dem er enger
Mit dir vereint in Phöbus Strahl gewohnt
Als keiner der den Musen frohnt
Hier saß der Virtuos in Himmelslust und geigte
Der Welt und Nachwelt deine Freuden vor
Dass selbst die Schöne die sein Herz erkohr
Das Knie vor deinem Zepter beugte
Und voller Sympatie so still und liebekrank
Acht Erben  dem Apoll sei Dank
Mit ihrem Ehemann erzeugte
    Diese Betrachtungen der idealischen Glückseligkeit eines Dichters jagten mir
eine stiegende Hitze ins Gesicht Ich ließ mir geschwind ein Glas Wasser aus
der Quelle Petrarchs holen warf mich so bald ich mich abgekühlt hatte in
meinen Wagen und floh diesen poetischen Ort der mir je länger je unbehaglicher
ward Ich hielt mich vor den Anfällen der platonischen Liebe der dichterischen
Schwärmerei und jener schwermütigen Laune der Empfindsamen nicht eher sicher
als bis ich eine Stunde nachher auf meinem Rückwege den Gasthof zu Lille
erreicht hatte wo ich einen langen Mittag hielt und bei großen Krebsen und
saftigen Haselhühnern mich noch mehr in der Wahrheit bestärkte der ich immer
anhing so oft man sie mir auch verdächtig zu machen suchte dass nichts
vernünftiger sei als seines Lebens zu gebrauchen so lange es noch da ist
    Sobald ich nach dieser guten Mahlzeit mit mir selbst wieder in meinem Wagen
zusammen traf stürmten auch schon alle jene grausen Ahndungen auf mich ein die
mich diesen Morgen nach Vauclüse begleiteten Umsonst wendete ich alle Kräfte
an meine weit schweifende Einbildungskraft im Zaume zu halten Ehe ich mich
versah war sie von den ruhigen Gegenständen die ich ihr zur Zerstreuung
vorlegte von den moralischen und statistischen Bemerkungen die ich über das
Land anstellen wollte das ich durchreiste zum großen Vorteile der päpstlichen
Regierung in der Stille weggeschlichen und ich ertappte sie wie sie eine
Menge Konterbande aufpackte über die Du vielleicht wem sie der morgende Tag
zu Markte bringt nicht weniger erschrecken wirst als der güte Kardinal von
Este als er zum erstenmale den Orlando Furioso las den ihm der unbefangene
Verfasser zugeeignet hatte Messer Ludovico« fragte er ihn mit äußerster
Verwunderung »dove diabolo avete pigliato tante coionerie« »Ich könnte Dir
freilich diese Frage ersparen wenn es in einem so unsystematischen Werke als
mein Tagebuch ist nur nicht so gar sonderbar aussähe die Krümmen auf denen
sich bei dieser und jener Gelegenheit unser ungezogenes Herz betrete« lässt
anders als obenhin zu erwähnen und es überdiess nicht weit bequemer wäre so
unvollständig auch die Akten bleiben das zu erzählen was man getan hat als
wie man dazu kam es zu tun Ich verschiebe diese Beichte auf einen ruhigen
Zeitpunkt wo es dem gemeinen Besten noch zuträglicher sein wird sie abzulegen
Denn da ich Willens bin einmal ein eigenes Buch über die Post und Heerstraße
des menschlichen Herzens zu schreiben so wird es ganz natürlich herauskommen
wenn ich in einem Anhange auch von seinen Neben und SchleifWegen handle die
meine meisten Vorgänger so ganz aus der Acht gelassen haben Alsdann will ich
desto offenherziger alle und jede Kenntnisse von der Art die ich auf meinen
Wanderungen sammelte erzeigen um jene gelehrten Herren besser auf die Spur zu
bringen wo sie etwa noch einen Schlagbaum aufzurichten oder einen offenen Pass
zu besetzen haben um jedem Unterschleife jeder Beeinträchtigung des Zolles
aufs künftige vorzubeugen
    Diese vorläufige Anzeige meines moralischen Werkes zu dem ich Dir
einstweilen erlaube Subskribenten zu sammeln hast Du vorzüglich der Stille zu
danken in der ich meine Wohnung wieder antraf So angemessen sie auch einem
Propsteilehn immer sein mag so fiel sie mir doch bei dem Ungestüm meiner
Empfindungen so widrig auf dass ich froh war mein Ärgernis darüber mit Dir zu
verplaudern Nur ein Laut von Klärchen nur ein Zeichen dass sie noch lebe  und
ich wäre zufrieden gewesen Eine solche Nachbarschaft und so geräuschlos ist
das unerträglichste Ding von der Welt
    Nach einer ängstlichen Stunde bequemte sich endlich die Alte in einem groben
Basse zu husten und zugleich hüstelte auch Klärchen aber wahrlich so
harmonisch dass der größte Kenner es eher für eine Passage von Gluck hätte
halten müssen als für einen Katarr Auch beunruhigte es mich gar nicht  Ich
schloss nur dass die Tante in eine ernste Vorbereitung auf ihr morgendes Fest
vertieft sein möchte in welcher ihre gutmütige Nichte nicht wagen wollte sie
zu stören Aus gleicher Achtung für den Seelenschlummer der guten Frau setzte
ich auch mich mit der möglichsten Behutsamkeit vor meinen Tisch nahm zur
Abwechselung bald das Buch de probabilitate  bald meine Feder in die Hand und
habe nun meine Fahrt nach Vauclüse die bis zum Einschlafen angenehm war
ungerechnet mich seitdem so müde gelesen und geschrieben dass ich jetzt für
rätlich halte nach den Regeln der Mechanik für mich zu sorgen und jener
glücklichen Hälfte von mir Ruh und Stärkung zu gönnen die morgen unstreitig
die erste Rolle Zu spielen hat
                                                                Den 7ten Januar
    Und das erwartete Fest ist nach überstandener alltäglicher Ruhe erschienen
Noch hat wohl nie ein Höfling den Namenstag seiner abgelebten Fürstin an der
seine Pension sein ganzer Unterhalt hängt mit solchem Wohlbehagen des Herzens
begangen als mit dem ich mich von meinem Lager erhob und der Feier entgegen
sah die mir der heilige Name meiner alten Aufseherin sichert Ein froher
Gedanke wurde schon unter meiner Nachtmütze ehe ich sie abwarf durch einen
noch frohern verdrängt Die Erwartung des größten jugendlichsten Glücks
durchströmte mein Herz Mit welchem Wohlgefallen habe ich nicht schon die
Menschengestalt im Spiegel begafft der so viele Freuden zu Teil werden sollen
und wie zufrieden habe ich nicht zu dem ausgewählten Anzuge gelächelt in
welchem ich mich dem Altare meiner Göttin nähern werde O dass nur schon die
Alte zu den Füßen ihrer Fürsprecherin liegen und mir Raum geben möchte zu den
Füßen der meinigen zu fallen
    Indes ist es doch sonderbar Eduard dass jede Erwartung einer übermäßigen
Freude immer eine gewisse Ängstlichkeit mit sich führt Wenigstens bin ich
geneigter die Unruhe die ich mitunter spüre lieber durch diesen als wahr
angenommenen Satz als durch eine Ursache zu erklären die mich noch weniger
trösten würde Gab uns die sorgsame Natur dieses Gefühl als ein bitteres Gewürz
damit es in der Süßigkeit des Genusses der Unverdaulichkeit der Seele entgegen
wirke so sei ihr doppelt Dank dafür und so wird sie auch schon ihren Beisatz
zu mischen wissen dass er nicht zu herbe weder vor noch nachschmecke Sollte
aber die Bänglichkeit die mir um das Herz schwebt Ahndung eines Unrechts in
meinem Vorhaben  sollte sie eine Aufforderung sein die Sache ernstlicher und
gründlicher zu untersuchen so wäre ich übel daran Eduard Denn man hat schon
zum drittenmale in die Kirche geläutet ich habe keine Zeit mehr übrig zum
Nachdenken und wenn ich das heutige Fest ungenutzt vorbei lasse so mag meine
Untersuchung ausfallen wie sie will der Verlust des an der laufenden Stunde
klebenden Gewinnstes ist nicht wieder zu ersetzen Dans les choses douteuses 
sagt ja einer von den Kirchenlehrern on nest pas obligé de suivre le plus sûr
An diesen Satz will ich mich vor der Hand halten  Ja ja wenn nur damit Ruhe
wäre Der Übertritt zu einem andern Glauben als wir gewohnt sind ist wie ein
Spaziergang in neuen Schuhen sie mögen noch so gut gemacht noch so viel wert
sein sie lassen uns doch die abgelegten bedauern und werden uns so lange
brennen und drücken bis wir sie so ausgetreten haben als die alten Sei
versichert Eduard dasswenn ich nicht Acht auf mich gäbe nicht meinen Hut
schwenkte und trällerte wenn sich so etwas das einem Gewissensskrupel ähnelt
aufdringen will ich sehr leicht in einen Widerspruch mit mir selbst geraten
könnte der stark genug wäre mich mit Einem male um die gereiften Früchte
meines Jesuitismus zu bringen Kannst Du wohl glauben was mich eben jetzt für
eine Kleinigkeit beinahe ganz aus meiner Fassung gebracht hätte Mit Scham
gestehe ich Dirs unter vier Augen  der Kopf  der Gypskopf von Rousseau Es
war mir indem ich meine funkelnden Augen in die Höhe warf als ob er mir mit
strafendem Ernste gerade in das Gesicht blickte Ich stutzte wie ein
furchtsames Kind  mir ward ganz heiß um das Herz und wahrlich ich musste
geschwind die malerische Stellung von gestern überlesen um nicht in der Hitze
meinen Ablassbrief zu zerreißen und den ganzen Handel mit Klärchen zum Henker zu
schicken Aber die lieblichen Bilder des Ceremonienmeisters taten auch diesmal
ihre Wirkung Meine Phantasie kam rosenfarbener zurück als zuvor und meine
lieben Schlafkameraden die Kasuisten bestreuten den Weg wieder mit frischen
Blumen von dem mich jener Widersacher der Freude verscheuchen wollte Ich trat
jetzt sogar dem Gespenste mit Trotz und Hohn unter die Nase   Die Arme in
einander geschlagen stand ich vor ihm wog seine traurigen Verdienste gegen den
Wert meiner freudigen Empfindungen ab und ward endlich dreist und launig
genug mich lächelnd seinem Standorte zu nähern und als wenn er mich eben so
gut hören könne als ich mich selbst ihn in einem tragischkomischen Ton
anzureden
»Du den ein traurig Ross ein Sohn des Rosinante
Durch Wüsten der Moral in die verarmten Lande
Der kalten Metaphysik trug
Der ein gewöhnlich Glück als seiner Zeiten Schande
Verwarf sich selbst genug im cynischen Gewande
Als Don Quichott des Rechts auf manchem Ritterzug
Des Morgens sich mit einer Räuberbande
Des Nachmittags mit Marionetten schlug
Der stets verfolgt von einer hohen Grille
Nach Eulenart der Mitternächte Stille 
Und Lunens Schein nach Platos Art genoss
Bis ihn Priapus18 in Ermenonuille19
Mit in sein Staatsgefolge schloss 
Dein Ruhm ist groß Doch hebt mich das Vergnügen
So groß er ist weit über ihn
Mit jenem Traum der mir so ganz im Gegensinn
Von Platos Traum zu Kopf gestiegen
Schwingt sich mein Herz aus dem Gebiet der Lügen
Zum Tempel der Gewissheit hin
Weg weg mit allem Schulgewinn
Und soll mich ja noch ein System betrügen
So sei es das Bis zum Genügen
Am Busen meiner Nachbarin
Den Wert der Menschheit nachzuwiegen
Von jenen Höhn wo ihre Rosen blühn
Ins Winterfeld der Zeit zu fliegen
Und aus der kleinen Kunst sich an ein Weib zu schmiegen
Erfahrung für das Herz zu ziehen 
Das scheint mir noch den Irrtum zu bekriegen
Die glücklichste der Theorien
    Wenn man seine Sache sie mag so schlimm sein wie sie will nur
systematisch behandelt so findet man noch am ersten Gnade in den Augen eines
Philosophen Die Büste dieses moralischen Grillenfängers schien mir jetzt lange
nicht mehr so abschreckend als vorher ja ich schmeichle mir sogar er würde
wenn er noch lebte vielleicht mit derselben Beredsamkeit mit der er einst den
Vorzug der Ignoranz gegen die Wissenschaften verteidigte sich auch meines
Tauschhandels mit Klärchen annehmen und ihn auf den geringsten Widerspruch
nicht allein für unschuldig sondern selbst für verdienstlich erklären Wer
wollte aber einer so einfachen Wahrheit wegen einen großen Dialektiker in
Unkosten setzen Sie spricht ja laut genug für sich selbst Sind denn im Ernst
Eduard die Umarmungen die ich der Heiligen zudenke  die Spiele der Sinne, mit
denen ich sie bekannt machen  die Vergleichungen die ich dabei anstellen
werde und alle die Phänomene des ersten Unterrichts die ich zu beobachten noch
nie Gelegenheit fand  ist denn die ganze Sache etwas weniger oder mehr bei mir
als was sie bei einem Büffon oder dAlembert sehen würde  ein psychologisches
Experiment das mir auf mein ganzes künftiges Leben von Nutzen sein wird Wenn
man mit solchen Versuchen warten will bis man erst Dekanus der philosophischen
Fakultät ist o da weiß man schon wie erbärmlich sie gemeiniglich ablaufen
Selten dass die gelehrten Herren die uns über den Gang der Leidenschaften
vorpredigen aus Erfahrung sprechen denn ach was sie so gut sind dafür zu
nehmen ist es oft so wenig dass man nicht weiß ob man mehr über ihren
Selbstbetrug oder über das kalte Geschwätz lachen soll das sie darüber
hergiessen Das mag hingehen wirst Du mir sagen wie und durch was kommt aber
die unschuldige Klara dazu dass sie dir sitzen und die Heimlichkeiten ihrer
Seele und ihres Körpers deinen Spekulationen bloß stellen soll Durch was guter
Freund Durch ihre eigene Religion und ihre Verteidiger  durch die Rechte des
Handels  und durch den übermäßig hohen Wert meiner Zahlung Eine Heilige hier
zu Lande wird durch eine Reliquie tausendmal reichlicher für die momentane
Aufopferung ihrer ruhigen Unschuld abgefunden als eine bei uns durch ein
Rittergut oder eine Grafschaft Ja ich traue Klärchen zu wenn sie auch das 
was ein unschuldiges Mädchen sonst nur Einmal in ihrem Leben verlieren kann
einige Dutzend und mehrmal daran setzen könnte um den heiligen Kniegürtel zu
erlangen würde sie sich kein Bedenken machen es zu tun  viel weniger jetzt
wo sie gar nichts wagt und das päpstliche et in integrum restituimus ihr für
allen Schaden gut steht Mit zwei Worten Freund ich glaube gewiss dass seitdem
es Kontrakte gibt keiner noch unter so annehmlichen Bedingungen von beiden
Teilen geschlossen wurde als dieser
    Aber um aller Welt willen warum stelle ich das ganze Gefolge meiner
Gedanken Deiner Musterung dar Du bist doch gewiss der Mann nicht der mir über
meinen jugendlichen Versuch nur die kleinste Chikane machen würde und wenn er
auch wirklich nicht so gut zu verteidigen wäre Doch so geht es wenn man sich
gewöhnt hat über alles zu räsoniren Man wird ein Schwätzer ohne dass man es
selbst weiß Eine zu allen Zeiten einfältige Rolle die aber in meinen jetzigen
Verhältnissen noch abgeschmackter heraus kommt Denn wie leicht könnte ich
darüber wohl gar den Aufbruch der alten Tante verhören und zur ewigen Schande
mein armes verschämtes Klärchen in die Verlegenheit bringen ihren Liebhaber
selbst abzurufen Doch meine brennende Ungeduld die das hämische Weib so
grausam auf die Probe setzt will durch etwas getäuscht sein ich muss die Hitze
wegschreiben die mir sonst das Herz zermalmen würde  Gut so will ich
wenigstens um über mein Nachdenken nicht das Objekt selbst aus dem Gesichte zu
verlieren wie das nicht selten bei Prosektionen der Seele geschieht
einstweilen und bis ich den Besitz aller meiner Anwartschaften erlebe sie mit
meiner Einbildungskraft zu fassen suchen
    Aber ach Eduard wie ist mir bei dieser idealischen Ansicht zu Mütel Was
soll bei meinem hohen Gefühl für Schönheit bei dem Auge in das die Natur so
richtige Blicke für Ebenmass und Verhältnisse gelegt hat  was soll aus mir
werden wenn nun Klara vor mir stehen wird wie jene freundliche Göttin die man
sich bekleidet nicht denken kann ohne sie zu beschimpfen Versinnlicht in Stein
 ist ihr Bild nicht schon das vorzüglichste Kleinod aus dem reichen Nachlasse
der Mediceer Bentlei versicherte dass er lieber das so artige donet gratus eram
tibi des Horaz möchte gemacht haben als König von Arragonien sein und mit
gleichem Kunstgefühl habe ich einen Kenner behaupten hören dass er jenes
marmorne Bildnis der nackenden Venus ausgenommen keine der übrigen Besitzungen
des Hauses Österreich beneide Da diese Herren nun über menschliches Machwerk
das Maul so voll nehmen wie soll ich mein gerechteres Entzücken an den Tag
geben wenn ich mit freudigem Erschrecken von dem Ungeheuern Abstand einer
toten Kopie  auf das lebendige Urbild der Natur hinstaune wenn ich mir zu
allen den Schönheiten der Form noch jene ungleich köstlicher«  wenn ich mir den
Anstrich dazu denke den ihnen die Bewegungen eines jungfräulichen Herzens geben
werden  diese ächte Feuerfarbe der beängstigten Sittsamkeit die über die
Morgenröte ihrer ruhigen Unschuld zum erstenmal hervor schießen  »dieses
Sträuben gegen unerhörte Forderungen die ein einziger Blick aus die heilige
Reliquie in frommes Nachgeben verwandeln wird  und ach endlich das sanfte
Kolorit der stolzen Ruhe wenn sie nun nach so schweren Prüfungen zu sich
sagen kann Der Kniegürtel der unbefleckten Jungfrau ist dein Vergönne mir eine
Pause Freund dass sich mein Gehirn ein wenig abkühle 
    Eduard ich bin toll und böse auf mich da ich meine feurige Periode wieder
überlese Enthusiasmus verträgt sich nie gut mit politischer Zurückhaltung Da
habe ich nun meine besten Farben zu meinem idealischen Entwürfe verschwendet
die mir ehe ein paar Stunden vergehen beim Ausmalen des wirklich Erblickten
fehlen werden Einfältig genug zumal da man bei den wenigen Hülfsmitteln die
uns die Kritik bei dieser Art von Kabinetsmalereien verstattet hohe Ursache
hat sparsam damit umzugehen Das Widersprechende liegt doch überall wo man nur
hinsieht In den Zeughäusern des Kriegs in der schrecklichen Wissenschaft
Menschen zu töten sind alle Kunstwörter gleich edel und brauchbar in den
kleinen Kriegen der Liebe hingegen in der ungleich löblichem Kunst die der
Vernichtung der Welt entgegen arbeitet welche unbegreiflich enge Schranken hat
nicht der Eigensinn unserer Sprache dem Schriftsteller gesetzt Es sollte einem
bange werden die schönsten Auftritte seines Lebens zu beschreiben da unsere
verschämten Kunstrichter jene alten kraftvollen der Natur der Sache
angemessenen Ausdrücke fast alle verschreien ohne bei dem täglichen
Bedürfnisse uns bessere dagegen zu geben In der Tat Eduard so sehr ich auch
immer auf Deine Nachsicht rechne so begreife ich doch nicht wie ich mich nur
mit halben Ehren aus dieser Verlegenheit ziehen will Dir nur Nätsel
hinzuwerfen uno die Auflösung für mich zu behalten würde offenbar die
historische Treue verletzen und würde ich nicht vollends alles verderbe« wenn
ich zu den verbrauchten Wendungen unserer Dichter und Prosaistcu mit denen sie
sich seit undenklichen Zeiten schlecht genug aus den blumigen Irrgängen der
Natur helfen meine Zuflucht nehmen und meinen originellen Sündenfall durch
Nachahmung der gewöhnlichen herabwürdigen wollte Nein tausendmal lieber will
ich mich den ästhetischen Hieben meiner gestrengen Richter und allen den
launigen Strafen des errötenden Geschlechtes unterwerfen ehe ich meine Blöße
mit solchen Lumpen decken und um nicht das forschende Auge der Neugier zu
reizen nach der viel zweideutigern Ehre greifen möchte in der Schalaune meiner
Vorgänger die immer einer dem andern verschabter und zersetzter hinterließ dem
gähnenden Pöbel zur Schau zu stehen Ich möchte es nicht und hätte sie einst
Karl der Große getragen und läge sie samt ihrem Schmutze und ihren Motten bis
zu so feierlichen Tagen unter dem Verschlüsse des weisen Rats zu Nürnberg
begraben
    Doch  welch ein Geräusch hinter der Scheidewand Jetzt  ich schreibe es
mit zitternder Feder  jetzt endlich erhebt sich die Alte  nun hustet sie
wirklich zur Kammer  nun zum Vorsaal hinaus  nun die Treppe hinunter Gehab
dich wohl fromme Bertilia Mit Entzücken sehe ich dich von meinem Pulte aus
über die Gasse hinken  so feierlich langsam dass ehe du die Nische deiner
Heiligen erreichst ich hoffen darf schon vor der meinigen zu knieen und selbst
in den Armen deiner zaghaften Nichte schon manche Blume der Jugend gebrochen zu
haben ehe du deine Matinen gesungen hast Gehab auch Du Dich wohl Du Freund
des glücklichsten Sterblichen Lassen sich die tatenreichen Augenblicke der
erlebten Stunde durch menschliche Worte darstellen so sollst Du sie treu
geschildert erhalten sobald ich sie wie kostbare Perlen in das Diadem meines
Lebens verflochten habe
    Der Abstand des Traums zur Wirklichkeit ist nun gemessen Hier sitze ich mit
hinstaunendem Blicke wieder vor meinem Tagebuche und das Versprechen das ich
der Freundschaft ausstellte tritt so oft ich auf meinen Bogen schiele mir
mahnend unter die Augen
    So setze Dich denn her Eduard und nimm mir alles ab was mir auf dem
Herzen liegt  Erst aber Deine Hand dass es unter uns bleibt Hätte ich Dir
eine Liebesgeschichte zu erzählen von gemeinem Schlage wie man sie etwa als ein
schreckendes Beispiel auf dem Katheder braucht so bedürfte es der vielen
Umstände freilich nicht ich wollte bald damit zu Rande sein aber hier ist
mehr als dies  hier ist das visum repertum einer Heiligen  ein Feenmährchen
nur mit dem mächtigen Unterschiede dass es wahr ist Frage nicht nach der Zeit
meiner physischen Abwesenheit Ich würde Dich in Irrtum bringen wenn ich sie
bestimmte War es nicht ein Kalif dem ein Engel des Himmels befahl seinen Kopf
in einen Eimer voll Wasser zu tauchen  Er tat es so lange als man braucht um
nicht zu ersticken und als er ihn wieder heraus zog  glaubte der Mann ein
Jahrhundert wenigstens voll Seligkeit durchlebt zu haben Das muss ein Engel der
Liebe gewesen sein Eduard der dieses Wunder tan Meiner Uhr nach ist es mir
ergangen wie dem Kalifen
    Welch ein Abenteuer So einfach in seinem Beginnen und doch so verwickelt
in seinem Fortgange und doch so herzerschütternd in seinem Ende Mystische und
magische Kräfte im Streite mit den Kräften der Natur! Mönchische Empörung gegen
PapstesGewalt Tumult des Gefühls Ohnmacht des Willens Und dieser Reichtum
von Erfahrung in dem beschränkten Raume weniger Augenblicke
    »Widder mein guter Freund« sagte der Riese Molineau zu Hamiltons
schwatzhaftem Widder und Du sagst es vermutlich zu mir »fange doch deine
Erzählung ich bitte dich beim Anfange an«  So sage mir nur erst mein kluger
Herr wo der Anfang meiner Geschichte zu finden ist und gern will ich Deinen
Rat befolgen Aber wo höhere Mächte im Spiele schon lange vorher unsichtbare
Faden an die Werkzeuge Deines Willens knüpften ehe es Dir nur ahndete ihre
Puppe zu sein  wer kann da sagen Jetzt hebt meine Geschichte an
    Jede Reliquie behaupten die Sachverständigen steht unter der unmittelbaren
Aufsicht eines Seraphs und alle die Wunder die zusammentrafen um mir die
meinige aus den Händen zu spielen beweisen wahrlich für diesen Satz War es
denn wohl ein so natürliches Ereignis dass eben ich  der einzige Ketzer einer
großen Versammlung den heiligen Kniegürtel erstand um ihn durch den
sonderbarsten Zusammenhang der Dinge derselben frommen Seele auszuliefern die
nur einen halben Dukaten weniger darauf bot Ist es zu glauben dass nur ein
Ungefähr mich zu ihrem Nachbar  zu ihrem Bewunderer  zu ihrem Freunde machte
 zu glauben dass sich die gelehrtesten Kasuisten nur von ungefähr mit mir in
einer Schlafkammer befanden  dass der Buchhändler Fez  der Wächter der Laura
mir so geschwind ihr Zutrauen schenkten  und dass endlich die zwei einzigen
Feste im Jahre welche Klärchen ohne Aufsicht ließ eben in dem engen
Zeitraume meiner Mietzeit einfallen mussten  Wer hier die übernatürliche
Leitung menschlicher Begegnisse verkennt muss wahrlich noch fester an den Zufall
glauben  muss noch mehr Herz haben als ich Doch die Folge wird Dich noch besser
davon überzeugen denn diese Vorbetrachtungen so anziehend sie auch mir sein
mögen da ich das Ende weiß sollen Dir nicht länger die Geschichte selbst
vorenthalten zu deren genauer Darstellung mich mein Versprechen verbindet
    Ich trat Du weißt in welcher Bewegung der Seele aus meiner Klause  war
mit zwei Schritten an dem Vorsaale mit zwei andern vor Klärchens Kammer 
löschte hier das eine  dort das andere Kreuz aus das der zauberische Propst
mit seiner geweihten Kreide über die Türen gemalt hatte und in der behaglichen
Zuversicht nun auch über die kleinsten Hindernisse hinweg zu sein  trat ich
mutig dem Engel unter die Augen Ich las auf ihren Rosenwangcn mein nahes
Glück und hörte zugleich die erste Losung dazu aus ihrem lieblichen Munde »Ich
hoffe« sagte sie doch sagte sie es mit einer hoffnungslosen Stimme »Sie mein
Herr heute mit grossmütigern Entschließungen bei mir zu sehen als da Sie mir
das heilige Band anvertrauten Es hat Wunder an mir getan die es mir schwer 
die es mir unmöglich machen mich wieder von ihm zu trennen Möchte doch dieses
offenherzige Geständnis Sie bewegen mein lieber Herr von dem hohen Preise
nachzulassen den Sie darauf gesetzt haben«  »Nicht ich Klärchen« fiel ich
ihr in die Rede »der heilige Vater hat den Preis gemacht von dem ich
Unwürdiger nicht um einen Buchstaben abgehen werde Hier lege ich die Urkunde
seiner Macht und Gnade dem Sopha gegen über und wenn selige Geister auf
Handlungen schwacher Menschen wie sie einst auch waren achten so wird der
verklärte Papst mit Wohlgefallen meinen Eifer erblicken das lieblichste Mädchen
seines vormaligen Gebiets aller der Indulgenzen würdig zu machen die er an
einem seiner fröhlichsten Abende diesem heiligen Gürtel hier vermacht hat Die
Türen liebes Klärchen sind verriegelt  Ihre Tante  zittern Sie nicht
bittet für Sie Die Interdikte des Propstes sind durch höhere Macht aufgehoben
und alle seine Kreuze verlöscht  Doch wie was sagt mir diese bedeutende
Errötung Wie Klärchen« fuhr ich heimlicher fort indem ich ihre bebende Hand
an mein Herz drückte »so wären sie nicht alle verlöscht Ihr viel sagendes
Stillschweigen Klärchen liebes Klärchen zu welchem verwegenen Gedanken muss es
mich nicht berechtigen Doch es sei darum Mag der Schwarzkünstler sein letztes
Kreuz noch so versteckt haben  ich hoffe es zu finden und zu tilgen«  Und
indem ich sprach sehnten sich meine lüsternen Augen nach dem Anblicke der
heiligen unverhüllten Natur  mein Kunstgefühl stieg aufs höchste und
arbeitete wie es alle menschlichen Kräfte tun  nach Beruhigung  »Um der
elf tausend  Jungfrauen willen mein Herr« rief nun das höchst erschrockene
Kind »nimmermehr und wenn Sie Bischof  und wenn Sie Papst wären  Sind Sie
von Sinnen mein Herr Was verlangen Sie«  »Dich Dich Klärchen« rief ich
entschlossen »nur Dich in Deiner ganzen Wahrheit und Unschuld Glaubst Du denn
dass mich der heilige Vater gesandt hat Dich einzukleiden Weißt Du nicht mehr
was alles das Urteil besagt das Du Dir selbst bei unsern Schiedsrichtern
geholt hast«  Diese Erinnerung kam zu rechter Zeit  »Ach wie konntest du
Pater Lessau« schluchzte sie nur noch »wie konntest du Pater Bauny so etwas
gut heißen«  Und sie sträubte sich nun wie ein gehorsames Kind In einer
bänglichen Minute kam sie errötend dem schlafenden Engel  in einer andern dem
Ablassbriefe vorbei  und immer näher dem Sopha  und nun  Doch Freund was
erschöpf ich meinen Atem in alltäglicher Prosa Ist die Größe und Seltenheit
meiner Erfahrung in dieser feierlichen Stunde  ist sie nicht mehr wert und
kann es Bilder geben die des Firnisses der Dichtkunst würdiger wären als die
Hingebung einer Heiligen in das allgemeine Schicksal der Schönheit So denke Dir
denn lieber Eduard die beängstigte Heilige denke Dir Klaren kurz vor dem
Hintritte in den Freistaat der Natur, dicht neben mir auf dem traulichen Sopha 
Mit schnellern Schwingen schien mein Traum
Als selbst der Gott der Zeit zu fliegen
Das Chor begann die Glocken schwiegen
Und unsre Tante mochte kaum
Am Schämel ihres Götzen liegen
Als meine Kusse schon den Raum
Des Aeters teilten und den Saum
Von Klärchens Halstuch überstiegen
Sie flatterten dem Silberschein
Der Brüssler Kanten  wie die Mücken
Dem Lichte zu voll Sorgen in die fein
Gesponnenen Verräterein
Die Flügelchen nicht zu verstricken
Und schwirrten auf und ab und flogen aus und ein
Bis es dem Schwarm gelang das letzte kalte Nein
Auf Klärchens Lippen zu ersticken
»Du des Entüllens wert du wie die Wahrheit rein
Um eingetan wie sie zu sein
Bespiegle dich in ihren Blicken
Ihr eigener Nimbus hüllt sie ein
Sie deckt die Quellen nicht die ihr die Kraft verleihn
Das Universum zu erquicken
Lässt gern ihr Heiligtum mit Frühlingssprossen schmücken
Und Primeln sich am liebsten weihn
Und kann dir  nein  sie kann dir nicht verzeihn
Mit Nadeln ihren Freund zu picken
Hör auf beschwör ich dich bei diesen Streiferein
In ihr Gebiet bei diesen kleinen Lücken
Die ich dir abgewann bei diesen Tändelein
Die mich so königlich beglücken 
Hör auf den Prediger der Wahrheit lahm zu zwicken
Mariens Band ist lange noch nicht dein
Und nach dem päpstlichen Verein
Wird mancher Flor sich noch verrücken«
So sprach ich ihr ans Herz  allein
Die Fromme schrie als wollte sie die Krücken
Des heiligen Synllets erschrein
»Dir fleh ich Trägerin der großen Eins in Drein
Dich schwesterlich zu mir herabzubücken 
Hilf Heilige von Falkenstein
Hilf mir  und hilf vor allen Stücken
Mein sprödes Kleinod mir befrein
Hab ich nur erst was himmlisch ist im Rücken
So mag die Weltlust kurz und klein
Was irdisch an mir ist zerpflücken« 
»Dein Kleinod«  »Ja mein Herr Sind Sie denn vor Entzücken
Ganz blind und wollen Sie denn mein
Hochheiliges NicaisenBein
Das mir hier hängt durchaus zerknicken
Nach Ihrer Art Sich kräftig auszudrücken
Was könnte da wohl haltbar sein« 
»O« rief ich »den will ich schon weiter schicken
Kein Heiliger soll uns entzwein«
Ein holder Augenblick befreite
Sie dieser frommen Angst Vergnügter als dies zweite
Knüpft ich ihr kaum das erste Bändchen ab
Das mir in unserm offenen Streite
Das Kaperrecht auf alle gab
Frei irrte nun mein Blick sobald als der Geweihte
Zu Tage kam die Läng und Breite
Des aufgehellten Pfads herab
Welch Labyrinth als schwebt es erst seit heute
Im Raume der Natur  als hätt ein Zauberstab
Die kleinen Hügelchen zur Seite
Aus Äther aufgewölbt  Und wäre dies ein Grab
Für kalte KatakombenBeute
Und hier wo du geliebte Dulderin
Kaum meinen Kuss verträgst hat dein betörter Sinn
Ein morsches Todtenbein gelitten
Und ich ich sollte nicht an diesen Küsten hin
Weil ich nicht Sankt Nicaise bin
Um eine kleine Landung bitten 
O ihr die mit dem Geist des Malers von Urbin
Den höchsten Preis der Kunst erstritten
Malt es wird Zeit malt mir der Unschuld Cherubin
Der aus dem Staub der Welt nach dem Olymp zu fliehn
Schon im Begriff  die Fittiche beschnitten
Sich fühlt malt seinen Glanz  malt seine Angst  malt ihn
Vermögt ihrs wie er mir erschien
Ganz im Kostüm der Adamiten
Wie unterm vollen Mond die Nebel sich verziehn
Trat jetzt aus dem Gewölk von Flor und Musselin
Der junge Busen vor Zum erstenmale glitten
Der Indulgenzen froh die ihm der Papst verliehn
Der Sonne Strahlen über ihn
Kein Reinerer vereint seit dem Verfall der Sitten
Von Ilium bis Rom von Paphos bis Stettin
Mehr Augenlust für Sybariten
In seinem Pünktchen von Karmin
Und keiner blähte sich mit wildern Phantasien
Der Angst so vor der Zeit den Rubikon beschritten
Die Blumen abgemäht die unter ihm gediehn
Sein ganzes Tempe mit Ruin
Bedeckt zu sehen so bald es mitten
Im Bausche des Gewands der List gelang den dritten
Und letzten Knoten aufzuziehn
    Einen Augenblick Geduld lieber Eduard Ich stehe hier zwar nicht wie ein
Herkules doch wie ein verschämter deutscher Schriftsteller am Scheidewege Der
eine seiner Pfade der zur Wahrheit führt die ich jetzt vor Augen habe leitet
offenbar von der konventionellen Bescheidenheit abwärts Halte ich mich an
diese so soll mich zwar eine der gewöhnlichen Wendungen geschwind genug aus dem
schlüpfrigen Handel gezogen haben aber mein Tagebuch das mich und Klärchen bis
zu diesem kritischen Augenblicke ganz so schilderte wie es uns fand wird dafür
in den Augen eines so offen denkenden Menschenbeobachters als Du bist bell
größten Teil seines Werts verlieren Was soll ich tun »Gehe den Weg der
Wahrheit« rufst Du mir zu »und erinnere dich deines Versprechens« Gut so lass
mich wenigstens vorher  vielleicht hätte ich es schon längst tun sollen  für
alle die unbefangenen Seelen die mir nachschleudern ohne zu wissen wohin einen
Strohwisch als Warnungszeichen aussteckeul Denn obgleich meine Malereien nur Dir
gewidmet sind so gibt es doch der möglichen Fälle so viele durch die sie in
unrechte Hände geraten ruhige Herzen in Wallung setzen und zärtliche Augen
die Ehrfurcht gebieten beleidigen können Werden denn nicht täglich die
vertrautesten Briefe durch den Druck bekannt die uns über die Tugend längst
verblichener Vestalinnen  über die Ehrlichkeit manches zu seiner Zeit berühmten
Menschenfreundes und über die praktische Philosophie unserer Lehrer das
Verständnis öffnen Ich muss allemal lächeln wenn ich unter den Beichten die
sich Busenfreunde wie wir in einer geheimen Korrespondenz nur unter vier
Augen abzulegen glauben die Bitte lese sie sogleich zu verbrennen Es ist als
wenn jeder Brief durch diese Formel erst recht feuerfest würde und für das
Ganze worauf ich gern alles beziehe mag es auch recht gut sein dass kein
Freund hierin den andern ehrlich bedient Denn wenn noch zehn Alexandrinische
Bibliotheken in Rauch aufgingen es wäre für die wahre Menschenkunde lange kein
so großer Schade als wenn dies Schicksal jenen traulichen Ergiessungen des
Herzens widerführe die zu allen Stunden in Postpaketen verschickt werden Ein
wahrheitsliebender Genius scheint über ihre Erhaltung zu wachen und dadurch das
Problem zu lösen warum die Nachkommen von den Szenen vergangener Jahrhunderte
richtiger urteilen als die Zeitgenossen die mit ihren Nasen dabei waren Sie
sahen zwar den Erfolg glaubten sich klug in den Zeitungen zu lesen und tappten
nichts desto weniger im Finsteren Die wahren wirkenden Ursachen der
Begebenheiten kann sicher nur erst das darauf folgende Zeitalter entwickeln das
die geheimen Schubfächer der abgetretenen Akteurs ohne Rücksicht auspackt und
gegen einander vergleicht Dann erst sieht man wie einer den andern mit
falschen Wechseln und falschen Quittungen betrog wie dieser und jener große
Mann die Marionette seines Schreibers der Spott seiner Vertrauten der Ball
seines Weibes seines Kanzlers oder seiner Buhlerin war ohne es nur zu ahnden
lächelt über die geringfügigen Mittel durch die der Regierer der Erde ihr bald
Konvulsionen erregt bald ihren Schlummer bewerkstelligt und spottet herzlich
über die festen Erwartungen eines ewigen Nachruhms der oft kaum zwanzig Jahre
nachher durch ein glücklich entronnenes Papier verraten als eine lächerliche
Anmassung der großen Männer die danach zielten dokumentirt wird Nun wäre mir
zwar in Absicht des Nachruhms das dereinstige Schicksal meines Tagebuchs so
ziemlich gleichgültig aber doch möchte ich gern so viel an mir ist alles
mögliche Unglück verhüten das durch seine Erhaltung entstehen könnte Und wenn
es sich zutrüge dass allererst hundert Jahre nach meinem Tode wo ich von dem
schönen Geschlechte weder etwas mehr zu hoffen noch zu fürchten habe ein
unschuldiges und mit den Zumutungen der Liebe unbekanntes Kind meine zeitige
Handschrift aus dem Staube eines alten vergessenen Schrankes hervor kramte und
sich nun bis hierher so glücklich hinein buchstabirt hätte um ohne Anstoß
weiter fortlesen zu können so sollte es mir noch leid tun wenn es nicht
abgerufen würde Erlaube mir immer mein Eduard dass ich mich diesen nach
Wahrheit strebenden Geschöpfen die noch nicht wissen dass ihnen nicht jede
Wahrheit gut ist mit einer freundschaftlichen Bitte entgegen stelle
    Lesen Sie also nicht weiter meine jungen liebenswürdigen Freundinnen aller
folgenden Jahrhunderte wenn Ihnen die Ruhe Ihres Herzens und der Glaube Ihres
künftigen Eheherrn lieb ist Es ist wahrlich nicht der Mühe wert dass Sie Ihre
Augen mit diesem veralterten Plunder verderben Studieren Sie lieber eines von
den schönen moralischen Werken in denen es vermutlich Ihre Zeit der meinigen
um ein großes zuvor tun wird Stecken Sie Ihr Halstuch fester das ein wenig
klafft Ziehen Sie Ihre Schleifen enger zusammen und lassen Sie mich jetzt
ruhig mit meinem Freunde schwatzen Ein junger Mensch der sich mit einem andern
Flüchtling über die Irrtümer seiner Jugend unterhält geschähe es auch nur aus
der weisen Absicht der Eitelkeit der verführerischen Wollust näher auf die Spur
zu kommen ist wirklich kein Gegenstand der Aufmerksamkeit eines behutsamen
Mädchens und ich gestehe Ihnen offenherzig dass ich nichts weniger als die Ehre
Ihrer Gegenwart bei dem nächsten Auftritte erwarte Ich sage es Ihnen im voraus
dass dort alles bunter durch einander gehen wird als Ihre stille Lage vertragen
kann Sie würden wie Sie auch wohl schon aus den Vorbereitungen geschlossen
haben nichts mehr und weniger als die geheimen Netze einer Heiligen bloß
gestellt finden  eine Ansicht die bei der Kenntnis Ihrer eigenen Reichtümer
Ihr Auge nur empören muss ohne es zu befriedigen Sie würden  sehen Sie Sich in
den Spiegel  eine Person von gleichem liebenswürdigem Anstände in einer
Unordnung finden in die Sie hoffentlich nie zu geraten wünschen Und sollten
Sie vollends einen Seitenblick auf mich werfen  ach so würden Sie noch weniger
begreifen können wie ein Verehrer der unbescholtenen Sittsamkeit Ihres
Geschlechts ihr jemals so nahe zu treten im Stande sein konnte Die Wissbegierde
meines forschenden Geistes mein natürliches Kunstgefühl mein Kontrakt mit
Märchen und die berauschende Hitze des hiesigen Klimas würden mich doch nur
schlecht bei Ihnen entschuldigen auch würde das Versprechen mich künftig
artiger zu betragen nur wenig bei so holden Geschöpfen verfangen die ich
einmal genötigt hätte sich gleich den empfindlichen Pflanzen in sich selbst
zurück zu ziehen und was mich am meisten kränken würde ich könnte wenn Sie
meine Geschichte nun ganz übersähen mit der Wahrheit in ein Geschrei kommen
das sie doch nicht immer verdient  Die Lehre die etwa für Sie meine
Freundinnen in meiner Begebenheit liegt sind Sie gewiss schon scharfsichtig
genug gewesen auszufinden und Ihrem Herzen einzuprägen da ohnehin schwerlich
einer meiner moralischen Vorgänger sie Ihnen anschaulicher gemacht hat Um
jedoch allem Missverständnisse zuvor zu kommen will ich sie hier zum Überflusse
mit dürren Worten wiederholen Willst du zu den klugen Jungfrauen gehören
liebes Mädchen so sei geizig mit allem was dir angehört Lass dich weder durch
männliche Bitten kämen sie auch aus dem Munde eines Kasuisten noch durch dein
eigenes weibliches Gefühl das oft noch kasuistischer ist als jene zu der
anscheinenden Kleinigkeit verleiten auch nur dein abgelegtes Strumpfband gegen
ein anderes zu vertauschen das dir dein Liebhaber anbeut hätte es auch selbst
die Mutter Gottes getragen  Trauen Sie meinen Worten lieben Kinder der Satz,
der jetzt so fest steht möchte nur locker werden wenn Sie daran künsteln und
nach Beweisen forschen wollten die ihn noch mehr bestätigen Ich habe denen
die meinem Rate folgen  aber auch leider habe ich derjenigen von Ihren
Gespielinnen nichts weiter zu sagen die ungeachtet meiner redlichen
Zurechtweisung es dennoch wagen kann den Vorhang von der andern Hälfte meines
Naturund Kunstgemäldes wegzuziehen Sie büsse die Strafe ihrer Verwegenheit und
gebe mir keine Schuld wenn sie in den Tropfen der schwachen Hortensia20 Hilfe
suchen und ein geschwindes Kopfweh vorschützen muss um bald auf ihr Ruhehette
ihrem nachdenkenden und nachfragenden Liebhaber aus den Augen zu kommen Ja
wenn es nach Zeit und Umständen noch gefährlicher abliefe ich bin außer Schuld
und verwahre mich hierdurch auf das feierlichste gegen alle Vorwürfe ihrer Frau
Mutter und gegen die Verweise ihrer eigenen reuigen Tränen so wie ich dagegen
von Herzen gern auf den Dank des Entzückens Verzicht leiste den mir eine
Stunde nach der verbotenen Lektüre ihr Hausfreund möchte schuldig zu sein
glauben
    Ich hoffe nun durch die Gegenwart der Unschuldigen denen ich mich eben
empfahl nicht weiter gestört den Nest meines merkwürdigen Traums mit Dir
allein abzutun lieber Eduard indes wünschte ich doch dass Du mir noch über
die Zeit die ich mir schon selbst nahm und mit jenen neugierigen Kindern
verplauderte aus eigener Gutmütigkeit einen kurzen Aufschub vergönntest ehe
ich meinen Pinsel wieder aufnehme Die Büste des Engels den ich male hat mich
sehr angegriffen meine Hand zittert noch und ich brauche Erholung Ach wäre
es so leicht die Natur in ihrer Enthüllung zu zeichnen würden wohl die Titiane
so rar sein Da ich nun ohnehin bei aller meiner Pünktlichkeit eines
Hauptschmuckes meiner heutigen Toilette zu erwähnen vergaß der in manchem
Betracht eine besondere Beschreibung verdient so kann ich ja das erbetene
Viertelstündchen nicht schicklicher gewinnen als wenn ich sie hier einschiebe
Es ist ein optisches Kunststück in einem Ringe den mir vor vielen Jahren eine
junge Putzhändlerin auf der Frankfurter Herbstmesse verkaufte Es macht mir noch
eine kindische Freude wenn ich an diesen drolligen Handel gedenke  noch
drolliger beinahe als mein jetziger mit Klärchen Als ich in ihre schimmernde
Bude trat war nach ihr ein Kästchen mit Ringen das vorzüglichste was mir in
die Augen fiel nicht etwa der kostbaren Steine sondern der hübschen Mignaturen
wegen die jene ersetzten und die mir damals über alles gingen Zwei davon
zogen mich durch die große Ähnlichkeit mit der jungen Verkäuferin am meisten an
Dieselbe unschuldige gefällige Miene  dieselben feurigen braunen Augen 
dieselbe reine weiße Haut  dasselbe Rot des küssenswerten Mundes  alles war
auf das Sprechendste in diesen kleinen Porträten ausgedrückt  »Man hat es mir
schon mehrmal gesagt« antwortete sie als ich ihr meine Entdeckung mitteilte
»Es ist ein Zufall der vielleicht nur ihren Verkauf hindert«  Diese
ungezwungene Äußerung der Bescheidenheit eines so artigen Geschöpfes verdiente
doch wohl ein Kompliment lieber Eduard Ich wusste ihr kein größeres zu machen
als dass ich zum Beweise wie ungerecht ihre Furcht sei ihr einen dieser Ringe
abkaufte  »Was kostet das Stück« fragte ich lächelnd  »Dieser hier«
antwortete das Mädchen »zwei Louisdor und der andere achte«  »Und warum
das« fragte ich weiter »Ich sehe doch keinen Unterschied zwischen diesen
beiden Bildern das eine sieht Ihnen so ähnlich als das andere  sie sind mit
gleichem Fleiße gemalt und so viel ich beurteilen kann sind auch die Reife
von einerlei Weite Größe und Gehalt«  »Von allem dem« versetzte das junge
Ding »kann ich Ihnen keine Rechenschaft ablegen Ich vertrete hier nur die
Stelle meiner Mutter die anderwärts zu tun hat und kann Ihnen nur die Preise
angeben die sie bestimmte ohne dass ich für mein Teil etwas mehr vorschlage«
Das machte mich nur noch stutziger Anstatt den wohlfeilen Ring zu kaufen besah
ich den teuren mit äußerster Neugierde und es währte nicht lange so entdeckte
ich an ihm einen Punkt groß wie ein Nadelstich der an dem andern nicht war
Ich vermutete eine verborgene Feder und betrog mich nicht  »Ah liebes
Kind« rief ich ungeduldig »Sie haben da eine goldene Nadel vorstecken darf
ich wohl auf einen Augenblick darum bitten«  Das gute Mädchen zog sie so
unbefangen heraus als ich darum bat  das Halstuch flatterte auf beiden Seiten
und das Brustbild ward ihr noch ähnlicher aber kaum stach ich in den Ring so
sprang der Kristall auf ihre sittsame Büste verschwand und es erschreckte mich
ein so schönes Kniestück von ihr dass ich über und über rot ward  »O jetzt
begreife ich« sagte ich mit funkelnden Augen »warum dieser Ring noch dreimal
so viel wert ist als der andere So con amore21 gemalt habe ich keine Mignatur
noch gesehen Ihre Frau Mutter muss den Handel vortrefflich verstehen denn der
Ring ist des Geldes unter Brüdern wert«  »O gewiss mein Herr« sagte sie
gleichgültig »überteuern wir niemanden«  »Für einen großen Taler« fuhr ich
fort »überlassen Sie mir auch wohl Ihre goldene Nadel die zum Schlüssel des
Rings wie gefunden ist«  »Von Herzen gern« antwortete das gutmütige
Geschöpf und das Halstuch flatterte nun so lange vor meinen Augen fort bis ich
das Gold sortirt und aufgezählt sie es dmchgewogen und eingestrichen und ich
des schönen Anblicks vor der Hand genug hatte
    Ich war damals ein blutjunger Mensch Eduard der das Geld nicht achtete
das tanti poenitere non emo nicht begreifen konnte und an allen Ecken der Stadt
betrogen wurde Aber diesen Ring wenigstens habe ich gewiss nicht zu hoch
bezahlt denn ungerechnet dass so lange ich auf der Messe war nicht ein Tag
verging wo ich mir nicht die Lust machte seine Feder ein paarmal springen zu
lassen und kein Abend wo es mir nicht durch seine Vermittlung gelang dies
artige Kind in ihr Quartier zu begleiten hat er mir auch noch in der Folge
meines Lebens die wichtigsten Dienste geleistet Die Ringe des Giges und des
Salomo in Ehren hat doch sicher keiner eine so süße magische Kraft von sich
geströmt als der meinige An seinen Besitz scheint das Geschick die vielen
glücklichen Stunden geknüpft zu haben die ich seit jenen ersteren der
Frankfurter Messe verlebte Sollte auch die junge Putzhändlerin noch nicht ganz
von der Oberfläche unserer Erde verschwunden sein so würde ich sie doch
schwerlich jetzt aus ihren Runzeln hervor ziehen können wenn sie mir irgendwo
wieder aufstiesse aber das jugendliche Andenken das sie mir mit dem Ringe
übergab wird hoffentlich mir so lange noch zu Hilfe kommen als ich unter den
Lebenden wandle O du überschwengliches Glück der Einbildungskraft und der
Erinnerung Und doch wie wenig wirst du in unserm Alltagsleben benutzt als ob
wir Armen unserer flüchtigen Freuden noch so sicher und des wiederholten
Genusses der gegenwärtigen Augenblicke noch so gewiss wären Liesse jeder
Ehelustige seine Braut am Tage ihrer Übergabe in dem Kostume meiner
Putzhändlerin unter dem Krystalle seines Traurings malen die erste Auslage
würde ihm in altern Jahren zehnfach wieder zu gute kommen Wie mancher widrigen
Stunde der Erschlaffung würde er durch diese Kleinigkeit wieder aufhelfen Wie
manchen häuslichen Zwiste könnte er mit diesem Dokumente das beiden Teilen zum
Beweise dienen würde vorbeugen Warum rettetet ihr nicht ihr Veralteten einen
Feuerbrand aus eurer Jugend an dem sich jetzt euer erkaltetes Herz erwärmen
und der euch mit wiederkehrenden Kräften beleben könnte So stecke ich allemal
und selten umsonst meinen Frankfurter Ring an den Finger wenn ich nötig habe
den jungen Herrn zu spielen Er dient mir oft als ein MedusenKopf mit dem ich
den feindlichen Ernst aus meinem Museum verjage und nie vergesse ich ihn in so
kritischen Stunden zu tragen als mir heute zu Teil wurden Wundershalber will
ich nur sehen wie lange er seine magische Wirkung noch äußern und ob nicht
wenn seine Feder erschlafft und seine Farben verbleichen auch endlich sein
jugendlicher Einfluss auf mich selbst verschwinden wird
    Doch ich bin und bleibe ein Schwätzer und vergesse immer die eine
Geschichte über der andern Mache es nur jetzt um geschwind von der Sache zu
kommen wie ich es eben mit dem Ninge gemacht habe lieber Eduard besieh erst
noch einmal auf das genaueste das artige Brustbild meiner Heiligen  die
verschämte ängstliche Miene  das belebte Kolorit und das Steigen und Fallen
ihrer frommen Empfindungen und nun wende geschwind das Blatt um wenn Du Dir
auch die andere Hälfte des pitoresken Anblicks gönnen willst den ich erlebte
Du gehörst gottlob nicht zu jenen Unerfahrnen die ich verscheucht habe und
es würde wohl sehr lächerlich herauskommen wenn ich einem Manne wie Du bist
meinen guten Rat mit auf den Weg geben wollte
Als Schüler Epiktets weißt Du zu gut den schnellen
Begierden zu entfliehn Dich wird kein Übersprung
Ins Tal der Leidenschaft den Faunen beigesellen
Die meine Muse trotz dem Diadem von Schellen
Auf ihrem Haupte nie besung
Die Weisheit führe Dich mit Glück durch jene Wellen 
Und Schlangenlinien den angestaunten Zellen
Der feinsten Haut vorbei bis in die Dämmerung
Der Werkstatt der Natur, die selbst mein Adelung
Zu schüchtern ist Dir aufzuhellen
Blick alter Freund blick her An diesen Wunderquellen
Sah sich ein Nestor wieder jung
Wie bebend stand sie da die Perle der Pücellen
Wie ein verklärter Geist den an des Himmels Schwellen
Ein Schauer der Verherrlichung
Zum erstenmal ergreift Sie jedem Dichterschwung
Zu hoch sie traulicher dem Auge darzustellen
Ist keine Sammlung von Pastellen
Ist keine Sprache reich genung
Wie ward mir Ach aus meinen Augen blickte
Ein Herz das wie ein Gott genoss
Die Stimme fehlte mir  in meinen Adern floss
Ein Feuerstrom der sie nur stärkender erquickte
Je wütender er sich ergoss
Die Lieb in Ungestüm verweilte nirgends  pickte
Ein Röschen hier das seinen Kelch verschloss
Eins dort das sich schon besser schickte
Schon prahlender in Blätter schoss
Und jedes das die lange Zeit verdross
Die es umsonst im Schutz der Interdikte
Der Lüsternheit entgegen spross
So schweifte mein Gefühl mit wechselndem Gewinnste
Durch Berg und Tal den Bienen gleich und sog
Sich voll  flog schwerer  und verflog
Zuletzt sich an das Kreuz das unter Florgespinnste
Des Propstes Zaubergriffel zog
Wie ängstlich flatterten die aufgeschreckten Reize
Der Scham den Tauben gleich bei einer Reiherbeize
Von allen Scherzen ausgezischt
Aus dem Tumult Genug  mit Tränen untermischt
Wird nun der Opfertrank dem lang getäuschten Geize
Des hungrigsten der Götter aufgetischt
Doch kaum begann das Fest die Augen angefrischt
Sah ich kaum unter mir von dem versteckten Kreuze
Des Propstes den Kontour verwischt
So fühlt ich schon mit jedem Blick von Klaren
Die Strahlen seines Banns mir in das Auge fahren
Das wild bis an die Schranken lief
Die ihm zwar weit genug durch meinen Ablassbrief
Geöffnet doch zugleich mit einer wunderbaren
Geheimen Kraft gesegnet waren
Die alles was im Reich der Phantasien schlief
Die Gränzen zu bedecken rief
Gespenster stiegen auf die Gegend wurde trüber
Sturm zog sich um den Kreuzgang her
Mir war als schleudre mich ein ungestümes Meer
In das Gebiet der Schatten über
Gelähmt zu jeder Wiederkehr 
Mir war als schlüge das Gebelle
Des Höllenhundes an mein Ohr
Mir war als ob der Danaiden Chor
Sich mir mit ihren Eimern vor
Und neben mir sich der Verdammte stelle
Der ewig durstend an der Quelle
Die Tropfen zählt die er verlor
Neugierig streckte sich so mancher Diebsgeselle
Verbotner Freuden aus der Welle
Des Phlegetons nach mir empor   
Doch was erhebt dort aus dem Feuer
Des Orkus sich für ein Koloss
Entsetzlicher als selbst die Ungeheuer
Aus jenem fabelhaften Tross
Die Dietriche des Himmels glühen
In seinen Händen  Funken sprühen
Von seinem purpurnen Talar
Sein Nimbus schwebt im Qualm der Seuchen
Die ihm die neue Welt gebar22
Sie nagen sein Geripp und scheuchen
Der Neugier Blick von seinem Schlangenhaar
Sein Haupt das frech drei Kronen auf einander
Getürmt sein Fürstenstuhl den eine nackte Schaar
Umzingelt stellen mir im Glanz der Salamander
Das Oberhaupt der Kirche dar
Ihn der verwüstend wie ein Brander
Titus Thron  Papst Alexander
Jetzt auf Klärchens Brust ein Unterhändler zwar
Doch selbst auch hier wie vor dem Hochaltar
Ein ehrvergessner Abgesandter
Des Todes und der Sünde war
Statt eines Gnadenbriefs warf spottend der Barbar
Ein Leichentuch auf meine Schwanenbetten
Mein Auge schwindelte im Bann
Des Propstes und erstarb  die letzte Oelung rann
Kalt über mich und Todtenmetten
Vereitelten den Amoretten
Die Überfahrt nach Kanaan
Mir schien als schleppe mich ein brausendes Gespann
Mit Krepp behängt mit traurigen Aigretten
Bekrönt dem Hügel zu wo man
Das Glück der Schlafenden schon aus dem Kranz von Kletten
Der ihn umweht erraten kann
Erschreckt durch solch ein Bild sah ich mich um und sann
Nur noch den Rest der Seligkeit zu retten
Die mir mein Dokument gewann
Umsonst Die Hölle schien auf meinen Fall zu wetten
Dem schwindenden Phantom begann
Mein eifersüchtiger Tyrann
Ein neues Blendwerk anzuketten
Schon dreimal hatt ich mich in den Bezirk gewandt
Wo sich mein erster Blick mit Hoffnungen verband
Die lange noch nicht eingetroffen
Und dreimal prallt ich ab gleich einem der am Strand
Kalabriens sein schönes Mutterland
Vergebens wieder sucht Sein Gärtchen ist ersoffen
Sein alter Spielplatz ist mit Sand
Bedeckt  sein Veilchental steht jetzt bis an den Rand
Voll Nesseln und er sieht dort die Charybdis offen
Wo sonst ein Meilenzeiger stand
Doch hier entfällt die Feder meiner Hand
Ich geb es auf den Stoff noch besser auszustoffen23
Genug Noch eh ich mich in diesem Schutt und Brand
Ein wenig nur zurechte fand
Zerfloss mein Jugendtraum  ach wider mein Verhoffen
Selbst wie ein Schatten und verschwand
In mancher Fährlichkeit wenn ich bald Menschenhasse
Bald frommer Heuchelei die freie Stirne wies
Wenn ich in dunkler Nacht trotz meinem Weisheitspasse
Mich manchmal an die Nase stieß
Malt ich mich Dir so gern doch diesmal Freund erlasse
Den Umriss mir der kläglichen Grimasse
Die mir mein Unfall hinterließ
Der Sohn des Dädalus fiel glaub ich nicht viel strenger
Bestraft vom Himmel in die See
Die traurigste Gestalt schlug nicht ihr Auge bänger
Nach Rosinanten in die Höh
Kein Wittwer fühlte sich wohl je
Verwittweter als ich selbst nicht der Minnesänger
Der höllischen Euridice
    »Ach Klärchen ach wo kamen die Bilder  die schrecklichen Bilder her«
rief ich trostlos aus indem ich dem lieben Kinde von unserm traulichen Sopha
herunter half  »Was denn für Bilder« fragte sie trat zugleich vor den
Spiegel ohne auf meine nachstrebenden Blicke zu achten und schon rollte der
Vorhang über jene heiligen Kleinodien die vielleicht von mehr Gespenstern
bewacht wurden als je einen Schatzgräber erschreckt haben Sie hatte so eine
Eile damit als ob sie befürchtete ein einziger Sonnenstrahl schon könnte dem
herrlichen Gemälde das ihr so rein und treu wie aus einem Krystall
wiederschien alle seine Schatten und Lichter ausziehen Mein Herz war beklemmt
 es fühlte mit Wehmut seinen Übergang aus der schönen Natur in die gemeine
Welt  »Nun mein Herr« wiederholte sie während sie ihren ersten Unterrock
über sich warf »was für Bilder waren es denn«  »Blendwerke der Hölle«
antwortete ich »Sie hätten wohl einen Riesen aus seiner Fassung bringen  einen
Furchtsamern als mich wohl töten können«  »So bin ich denn recht froh« fiel
sie mir in das Wort »dass wir noch so gesund beisammen sind« Und dabei knüpfte
sie die Hauptschleife von der ich Dir glaube ich schon oben etwas gesagt
habe wohl noch einmal so fest zusammen als sie war da ich sie aufzog  »Wo
ich hinsah« fuhr ich fort »lagen die Phantome vor mir stiegen mir nach wo ich
hindachte und haben mir den schönsten Handel verdorben der wohl je über einer
Reliquie geschlossen wurde«  »Das tut mir herzlich leid mein Herr«
erwiderte sie und langte nach ihrem Nadelkissen »Ohne die Mühe des Aus und
Anziehens eben hoch in Anschlag zu bringen würde ich sie mir doch ganz erspart
haben hätte ich vermuten können dass Ihnen dieselbe Ansicht auf die ihr
Eigensinn so hartnäckig bestand so übel bekommen würde Weder Pater Bauny«
sagte sie und fuhr in den einen Ärmel ihres Mieders »noch der Pater Lessau«
und sie fuhr in den andern »weder Sie noch der Papst« und sie fing an sich
einzuschnüren »würden mich haben bereden können Ihnen damit beschwerlich zu
fallen wenn ich wie gesagt es gewusst hätte«  »Sie sind die Güte selbst
Klärchen und so aufrichtig als schön um desto mehr ist es zu bejammern dass so
viele Vollkommenheiten unter dem Drucke eines Zauberers liegen«  »Wie mein
Herr« drehte sie sich verwundernd nach mir um »Halten Sie den Schutz der
Mutter Gottes  das Kreuz der heiligen Cäcilia für Zauberei und rechnen Sie
die frommen Interdikte meines Seelsorgers unter die verbotnen Künste«  Ich
ließ mich nicht durch ihre Frage irren  »Unbegreiflich« fuhr ich nur noch
ingrimmiger fort je fester sie ihr Schnürleibchen zusammen zog »wie ein Propst
gegen einen Papst  ein gemeiner Schwarzkünstler gegen den größten so ganz ohne
Widerrede Recht behielt«  »O mein Herr« fiel sie mir hier sehr ernstaft
ein »seine väterliche Fürsorge für mein Bestes «  »Was meinen Sie damit
Klärchen« fragte ich in der albernsten Zerstreuung  »verdient auch selbst in
Ihrem Munde diese Schmähung nicht Wie können Sie nur den guten Mann mit Ihren
Phantomen in Verdacht haben Wie hätte er denn Ihren Handel verderben können
der glauben Sie mir viel zu sonderbar war als dass ihn selbst ein Prophet
hätte erraten sollen Tun Sie immer der Wahrheit die Ehre und gestehen Sie
dass Sie nichts mehr als Ihre eigene Schuld trugen und da Sie über allen unsern
Ein und Ausgängen die Kreuze des Propstes mit lachendem Mut verwischten Sie
notwendig die rächenden Geister wider Sich empören mussten die diese heiligen
Zeichen umschweben Es ist mir lieb dass Sie aus eigener Erfahrung lernen wie
wenig Ihr Glaube gegen den unsern vermag und dass man ungestraft auch das
geringste Geschöpf nicht unrecht ansehen darf das unter dem Schutze der
Heiligen steht Aber mein lieber Herr« fuhr sie jetzt mit mehr Teilnahme
fort »da Sie nun das erfahren haben wie mögen Sie Sich immer noch nicht besser
mit Ihren Augen in Acht nehmen Sie verfolgen ja jede Nadel die ich mir
anstecke als wenn Ihnen noch so viel an Ihrem Schwindel gelegen wäre Warum
setzen Sie Sich nicht einstweilen in eine Ecke bis ich mit meinem Anzuge zu
Stande bin«
    Beinahe glaube ich Eduard dass Klärchen mit ihrem kindischen Geschwätz
nicht ganz Unrecht hatte Ich begreife es noch nicht warum ich ohne zu wanken
neben ihrem Spiegel gelehnt blieb den sie doch mit so gänzlicher Ausschliessung
meiner über ihren Anputz zu Rate zog als wenn ich nicht in der Stube wäre
Mit der traurigsten langen Weile stand ich da und musste zusehen wie sie alles
so artig wieder aufbaute was ich zu Ehren der Natur einriss  wie mir jede
Minute eine Augenfreude mehr entzog bis alle und jede ihrer heiligen Reize 
und wie ich fürchtete  auf ewig meinem Anblick verschwanden
    Sie war nun so weit mit sich fertig dass sie nur noch das letzte Streifchen
Musselin um ihren Busen zu schlagen hatte als sie durch einen flüchtigen
Hinblick nach ihrem Halsgeschmeide meine Füße in Bewegung brachte Ich holte
den guten Nicaise aus seinem Winkel und ich hoffe dass der bescheidene Ernst
unter welchem ich ihn jetzt wieder zu seiner warmen Ruhestätte begleitete den
Leichtsinn hinlänglich verbüsst hat mit dem ich mich unterfing ein so heiliges
Gebein der Erkältung auszusetzen Und nun stand das fromme Klärchen wieder so
erbaulich vor mir dass ich nichts weniger als ein neues Schrecken von ihr
erwartete mit dem sie mich doch bald genug überraschte  »Jetzt mein Herr«
sagte sie freundlich »jetzt geht mir zur völligen Beendigung unseres Handels
nichts mehr ab als  Sie wissen wohl  die restitutio in integrum die Sie mir
als eine Hauptbedingung zugesagt haben«  »Ihre restitutio« fing ich das Wort
auf und ward rot bis über die Ohren »Kann das fromme Klärchen auch spötteln
O haben Sie nur Geduld Jene Schreckbilder werden mich nicht ewig verfolgen und
mein Näherrecht wird dem heiligen Vater schon noch Gelegenheit verschaffen
seine ganze Macht und Gnade an Ihnen zu versuchen«  »Da verstehen wir uns
einmal wieder nicht« antwortete sie und legte ihre Hand traulich auf meinen
Arm »Ich rede sehr ernstlich mein Herr Mein Spiegel hat mir keine
Kleinigkeit und hat mir also nicht verschwiegen in welche Gefahr jene unruhige
Lage auf dem Sopha meine Singstimme versetzt hat Ich beschwöre Sie also bei der
Unschuld der Harmonie bei der Glorie der heiligen Cäcilia das Mahlzeichen
wieder in seinen vorigen Stand herzustellen das unter Ihren Händen verlosch
Hier ist die geweihte Farbe die auf dem Altare dieser großen Erfinderin der
Orgel  dieser Patronin aller Sängerinnen und Sänger gemischt und der einzige
Reichtum meiner Toilette ist« Mit diesen Worten reichte sie mir aus dem einen
Schubfach einen Pinsel aus dem andern eine krystallene Schale die diese
kostbare Schwärze enthielt Es lagen in dieser ihrer Zumutung wieder so viel
neue Begriffe für mich dass ich nicht gleich wusste wo ich damit hin sollte 
»Also nur Ihrer sonorischen Stimme wegen Klärchen« fragte ich lakonisch und
schüttelte den Kopf  »Und weswegen könnte es denn sonst sein« fragte sie
dagegen und wir blickten einander wieder mit der Verwunderung an in die uns
schon so oft unsre Missverständnisse gebracht hatten Das Mädchen Eduard wird
mir ein Rätsel bleiben bis zu dem letzten Augenblicke
    So wenig ich auch von Zeichnung und Malerei verstehe so hatte ich doch
nicht das Herz ihre Forderung von der Hand zu weisen Ich folgte ihr also und
diesmal ganz demütig bis an den Sopha nach  kniete mit der nichts sagenden
Miene eines elenden Malers den ein Narr mietete eine Venus von Korreggio
auszubessern vor die beschädigte Sängerin  sah zum letztenmal im Vorbeigehn
den teuren Kniegürtel der mich in so viele Verlegenheit schon gebracht hatte
und der Vorwurf den ich mir machte seine weitläuftigen Indulgenzen so ärmlich
benutzt zu haben lief mir eiskalt über den Leib Ich nahm mich jedoch auf das
beste zusammen  zog meine Striche die Länge und die Quere auf dieselbe Stelle
wo ich die Spur der ersten halb verlöschten antraf und ehe ich mich umsah
stand mein Gemälde im möglichsten Glanze da Wenn Du aber denkst dass es ein
Kreuz war Eduard so irrest Du Dich Die Grundsätze meiner Moral und Religion
werden mir nie erlauben für den Aberglauben einen Pinselstrich zu tun es
müsste denn sein um ihn zu verspotten und dazu hatte ich hier freilich alle
mögliche Aufmunterung Was soll das Symbol des heiligen Kreuzes ich bitte Dich
an dem Scheidewege einer Sängerin Ich wollte nur dachte ich dass der Propst da
wäre um ihm das Lächerliche und Unschickliche davon begreiflich zu machen Doch
bin ich denn nicht sicher genug dass er herkommt Gut so will ich ihm denn einen
Beweis ziehen der ihm so stark in die Augen leuchten soll dass sie ihm
übergehen Die Gelegenheit war wirklich zu schön Denn so gewöhnlich es auch
ist seinen Gegner an einen dritten Ort zu bestellen so konnte doch zu der
stillen Rache die ich an dem meinigen zu nehmen gedachte wohl schwerlich einer
besser gelegen sein als die einsame Gegend seines täglichen Besuchs die seine
vertrauteste Freundin durch einen Zusammenfluss glücklicher und unglücklicher
Zufälle mir selbst zu verraten genötigt wurde  Und so malte ich denn dem
guten Mädchen ohne dass sie auch diesmal so wenig erfuhr was auf ihrer
Grundfläche vorging als sie die feine Verbindung meiner guten Absichten mit
meiner schlechten Arbeit argwöhnen konnte  Etwas  das sich ungleich besser für
ihre Umstände schickte malte ihr statt des heiligen Kreuzes das sie erwartete
mit allem Ausdrucke der Wahrheit ein Bild das auf einen flüchtigen Blick jener
Figur nicht ganz unähnlich war  kurz ich malte ihr nichts mehr und nichts
weniger als  was denkst Du wohl Eduard als einen  Stimmhammer
    Wir waren beide obgleich aus verschiedenen Gründen mit dem guten Fortgange
der Wiederherstellung so zufrieden dass wir noch während das Gemälde
abtrocknete die freundlichsten Blicke mit einander wechselten Stelle Dir aber
mein Erstaunen  stelle Dir  nein Du kannst es nicht  mein Erschrecken und
ihre Verzweifelung vor als ihr Aufstehen vom Sopha ihr nur zu fühlbar
entdeckte dass ich während meiner Arbeit  wo muss ich die Augen gehabt haben 
den ganzen Rest der geweihten Farbe der wenigstens noch zu hundert Kreuzen
hinlänglich gewesen wäre verschüttet  das feinste Linnen das man sich denken
kann verdorben und selbst den Kniegürtel der unbefleckten Jungfrau ein wenig
befleckt hatte Alle die entsetzlichen Folgen meiner Ungeschicklichkeit ob ich
sie gleich nicht so geschwind übersehen und so genau berechnen konnte als
Klärchen traten mir doch lebhaft genug unter die Augen um mich aus meiner
Fassung zu bringen Ich hatte kaum das Herz nach dem armen Kinde in die Höhe zu
blicken das durch diesen Unfall ganz niedergedrückt seinen vorigen Heroismus
unwiederbringlich verlor Sie schlug die Hände über den Kopf zusammen lehnte
sich hinfällig an die Wand vergoss in der Geschwindigkeit mehr Tränen als
letzthin von der heiligen Magdalena versteigert wurden und stürzte sich
endlich wie ohnmächtig auf den Sopha zurück  »Liebes bestes Klärchen« rief
ich in der äußersten Bestürzung »um aller Götter willen beruhigen Sie Sich
Sagen Sie mir in welchem Kloster diese Schwärze der heiligen Cäcilia zu kaufen
ist ich will hinlaufen  sie holen und Ihnen den Verlust Ihrer Toilette wenn
er auch noch so beträchtlich wäre mit tausend Freuden ersetzen Vor allen
Dingen aber bitte ich Sie  und ich will Ihnen gern dabei hülfliche Hand leisten
 kleiden Sie Sich um«  Jetzt erwachte sie und drehte ihre mächtigen Augen
mit dem verächtlichsten Blicke den sie fassen konnten nach mir Unglücklichem
zu  »Gehen Sie mein Herr« rief sie mit sublimer Stimme »Machen Sie dass Sie
bald aus unserm Hause kommen Es ist kein Glück und Segen in Ihrer
Nachbarschaft«  Mehr erlaubte ihr der Schmerz nicht vorzubringen Sie stützte
ihren Kopf auf die rechte Hand über die ich neue Tränen in Perlen herab rollen
sah Ich stand wie versteinert vor dem so hoch betrübten Kinde Eine Weile
darauf erhob sie noch einmal ihr trauerndes schönes Gesicht und ihre bebende
Stimme »Muss ich Sie noch immer sehen mein Herr« fragte sie mit einer
Empfindlichkeit die mir das Innerste der Seele bewegte  »Undankbare«
versetzte ich jetzt mit tragischem Ernste »Sie soll ich Ihr Haus soll ich 
mein Näherrecht soll ich verlassen Und Sie wollten das Knieband der Madonna 
den Ablassbrief Papst Alexanders  wollten Sich alle seine Indulgenzen zueignen
ohne mir nur eine kleine Frist zu gönnen sie mit Ihnen zu teilen«  »Das«
fiel mir das fromme Mädchen mit unbegreiflichem Stolz ins Wort »ist noch der
einzige Trost in meinem Unglücke dass ich diese Heiligtümer unwürdigen Händen
entreisse  Auf meiner Seite habe ich die Bedingungen erfüllt mehr als zu sehr
erfüllt und bin darüber in Ruhe Dies mein Herr ist bei der gebenedeiten
Mutter das letzte Wort das Sie von mir hören  Jetzt können Sie gehen oder
meine Tante erwarten wie es Ihnen beliebt« Sie hatte kaum ihrer Tante erwähnt
so ward mir schwühl um das Herz Ich wagte keinen Augenblick länger zu
verweilen und nach ein paar hingeworfenen Worten zum Abschiede die mir das
Geschöpf nicht einmal beantwortete eilte ich zur Türe hinaus die ich auch
sogleich hinter mir zuriegeln hörte
    Ich kannte mich kaum vor Ärger wie ich in mein Zimmer trat Ich klingelte
nach Bastian um ihn zu fragen was er wolle und klingelte ihm wieder um ihm
zu befehlen ungesäumt einzupacken und die Post zu bestellen  Ich will fort
Eduard Was brauche ich die Zurückkunft der alten Hexe erst abzuwarten Sie ist
für ihre Miete einen Monat voraus bezahlt und ihr heiliges Klärchen kostet mir
ein und vierzig Dukaten die ich nicht übler hätte anwenden können Was soll ich
länger an diesem abscheulichen Orte Es würde mich nur um mein Bisschen Verstand
bringen wenn ich noch einen Abend hier verleben die Ankunft des Propstes
erinnern und wohl gar bei seiner morgenden Inspektion gewärtigen müsste mit
meinem Stimmhammer konfrontirt zu werden Wohl mir dass ich der unterirdischen
Wirtschaft dieses Gesindels noch so glücklich entwischt und der Mühe überhoben
bin um den Preis des vermaledeiten Ablassbriefes noch einmal mit den Geistern
der Hölle zu ringen Ich tue hiermit feierlich Verzicht auf meinen Anteil an
jenem unheiligen Fetzen der einst Zeuge der Mordschaffenden Umarmung eines
ehrlosen Papstes war und jetzt als Zeuge der verräterischen Heuchelei eines
nichtswürdigen Mönchs das Knie seiner Buhlerin gürtet Das Wort um das ich so
lange ungewiss herum ging ist endlich gottlob über die Zunge  Ich nehme es
nicht wieder zurück Freund und hoffentlich wirfst Du mir auch nicht vor dass
ich es zu voreilig gesprochen habe Aber was kümmert es mich Mögen doch diese
Heiligen ihr Unwesen treiben bis sie selbst zu Reliquien werden Mein armer
Kopf wie er feuert und tobt Ich muss  ich muss meine Bosheit tätiger auslassen
als mit der Feder
    Weißt Du von woher ich zurück komme Ich habe dem gesegneten Andenken des
vortrefflichen Rousseau das ich vor einer Stunde so grausam beleidigte mein
Versöhnungsopfer gebracht habe alle die teuflischen kasuistischen Bücher meiner
Schlafkammer vertilgt die mich großer Gott der Versuchung so nahe brachten
ein Jesuit zu werden Von dem Traktat an de probabilitate bis zum Sanchez de
matrimonio  von siebenzehn Büchern mit denen ich in nähere Bekanntschaft
geraten war ist nichts übrig als die leeren Hornbände und das einzelne Blatt
aus der Legende der heiligen Klara das den großen Beweis der Dreieinigkeit
enthält und das mir noch beifiel aus dem Feuer zu retten um es als einen Beleg
meiner Erzählung zu gebrauchen als das Buch schon lichterloh brannte Alles
übrige ist vom Feuer verzehrt Der Scheiterhaufen dieser unseligen Werke brannte
gerade unter der Büste jenes unsterblichen Schriftstellers  Die empor rollende
Flamme rötete je mehr sie sich in dem Kamine verbreitete sein blasses
Gesicht das wie vom Feuer der Tugend belebt auf mich herab blickte Ich
glaubte in seinen ernsten Mienen die höchste Missbilligung meines Leichtsinns zu
lesen und schamhafte Reue über die Verirrungen meiner verlockten Sinne färbten
nun meine Wangen
    Wenn Bilder von jenen Tausenden Seliggesprochener gleiche Empfindungen zu
schaffen vermöchten  ach wer könnte die religiöse Verehrung derselben
verdammen Wer könnte alsdann über die Andacht eines fühlenden Mädchens spotten
das vor der Madonnengestalt neben ihrem Bette das Knie beugt um ihre
schwankende Tugend zu stärken Wer möchte es wagen ein Bild das zur Erinnerung
an Ehre und Rechtschaffenheit dient  es sei ein Boromeus oder ein Rousseau 
aus seinem Gesichtskreise zu verbannen  O ihr Päpste Pröpste und Mönche die
ihr eine Legion von Lotterbuben nicht zur Bewahrung sondern zur Verführung der
Tugend auf Altäre gestellt  durch heillose Künste das zarte Gefühl des
Gewissens verhärtet  manche schwache Seele durch Freipässe zum Laster sicher
gemacht  an jede Lampe die eure heiligen Koncordien Magdalenen und Madonnen
erleuchtet einen Trost für Verbrecher gehängt  durch ihren wertlosen
erdichteten Nachlass die Armut um ihr Brod betrogen  durch eure geweihten
Todtenbeine Verstand und Unschuld erhitzt und geschändet  und an Rosenkränzen
unter dem Zeichen des heiligen Kreuzes manches ehrliche Mutterkind in das
Lazaret verlockt habt  könnte ich doch o ihr Verworfensten des
Menschengeschlechts alle eure Nischen und Kapellen  alle eure dem Verbrechen
geheiligten Schutzörter zerstören wie ich jetzt die giftschwangern Blätter
vernichtet habe die meiner Leidenschaft stöhnten  Und ihr meine guten
Landsleute die ihr etwa nach mir diese Miete beziehet danket es mir dass ich
sie voll jener unsaubern Gesellschaft deren Asche bald in alle Winde verfliegen
wird gereiniget habe Kauft dafür zu eurem Zeitvertreibe Rousseaus geistreiche
Schriften bei eurem Nachbar Fez und lest sie im Angesichte seiner Büste Vor
den bezaubernden Reizungen der Psalmistin brauche ich euch kaum zu warnen ihr
kennt sie nun und auch sie selbst wird schwerlich einem Ketzer mehr trauen
    Wenn die kürzeste Torheit die beste ist so darf ich nach allein dein was
die meinige bei ihrer Entstehung zu werden versprach immer noch froh sein dass
sie nicht den siebenten Tag überlebt hat Ihre pittoreske Ausstellung ist
freilich  ich will es lieber selbst erklären ehe es ein anderer sagt  die
partie honteuse meines Tagebuchs die ich gern so wenig ich auch sonst auf
kastrirte Schriften halte davon trennen möchte wenn es nur ohne Beschädigung
des Ganzen geschehen könnte  Der Sturm war heftig Eduard ich verlange keinen
seiner Art noch einmal zu erleben  aber da er nun glücklich vorbei ist möchte
ich auch um vieles nicht die Erfahrung missen die er mir gab Er hat mir die
tiefsten Blicke in den Abgrund geöffnet zu dessen Erforschung alle die ihn
befahren das Ihrige beitragen sollten und ich kann wohl sagen dass ich nie
einen stärkeren Beruf gefühlt habe über seine gefährlichen Klippen zu predigen
als eben jetzt da ich ermattet und zerschlagen von ihm zurück komme Es wäre
doch sonderbar wenn etwa alle Wegweiser der Tugend und der Sitten aus diese
Weise zur Welt kämen und uns nur weiß machen wollten dass sie urplötzlich mit
Spieß und Schild gerüstet gleich Minerven aus Jupiters Gehirn gesprungen
wären Für das Ansehen im Publiko möchte diese Verläugnung ihrer wahren Abkunft
allerdings sein Gutes haben aber diesen Herren selbst wenn sie nun einander
antreffen müsste es dächte ich alsdann auch gehen wie dem ehrlichen Cicero
der sobald er zum Augur geweiht war keinem andern Augur auf der Straße
begegnen konnte ohne zu lachen 
    Die Pferde wollen noch nicht kommen und doch hätte ich so gern diese
hässliche Geschichte hinter mir an die mich hier alles auf das unangenehmste
erinnert von der glimmenden Asche an in meinem Kamine bis zu den leeren
Bänden die wie Schlangen und KrokodillenBälge daneben liegen  Ja wohl ja
wohl lieber Eduard ist es eine hässliche Geschichte Was würde aus meinem guten
Rufe werden wenn sie durch Deine Nachlässigkeit oder Deinen Mutwillen bekannt
würde Lass mich ehe ich Avignon verlasse darüber noch erst Abrede mit Dir
nehmen Suche es auf allen Fall  ich rede jetzt ernstaft mit Dir lieber
Freund  wenigstens zu vermitteln dass mich die letztvergangene unglückliche
Stunde nicht zu sehr in dem guten Zutrauen unserer Damen zurück setze Gib den
ganzen Handel für ein Spiegelgefecht meiner luxuriösen Einbildungskraft  für
eine launige Spötterei über die falsche Glorie menschlicher Tugend aus Und wenn
das auch nicht verfangen will so gehe nur den jetzt so gewöhnlichen Weg der
selten fehl schlägt und mache wenn von meinem Falle gesprochen wird eine
geheimnisvolle Miene dazu Was gilts man übersieht alsdann die Wahrheit und
sucht nun hinter meinen Nuditäten versteckte Prophezeihungen wie man sie in dem
hohen Liede sucht  In dem hohen Liede sagte ich Wie kommt mir das ein Ich
widerrufe diese Vergleichung die meinem Tagebuche offenbar Unrecht tun würde
Salomo mag es mir nicht übel nehmen aber nach meiner Einsicht hat ihm der
Zufall viel zu viel Ehre erwiesen seine poetischen Grotesken bis auf unsere
Zeiten zu erhalten zumal in der ehrwürdigen kanonischen Maske hinter der sie
vermummt sind Ich bin zwar von dem Stolze weit entfernt mich in der feinern
Denkungsart und in der höheren Dichtkunst für ein Muster auszugeben unser
Vaterland hat deren ganz andere aufzuweisen die so sehr respektirt werden dass
man sie kaum liest  aber doch glaube ich behaupten zu können dass so
erhabenschlüpfrig auch jene erotischen Vorstellungen des Orients sein mögen
meine kleinen deutschen anspruchlosen Gemälde doch immer noch natürlicher
höflicher und geschwinder zum Zwecke führen als jener Gesang aller Gesänge
Klärchen  ich will sie nicht loben  ist gewiss niedlicher gebaut als die
Sulamit und es käme noch darauf an ob sie nicht besser als jene zu einem
emblematischen Modelle der christlichen Kirche dienen könnte Doch sage ich
dieses nur im Vorbeigehen und wahrlich ohne den mindesten Anspruch denn ob es
mir gleich Spaß machen sollte wenn Du meine schönen Landsmänninnen dahin
brächtest Weissagungen selbst hinter den Bildern zu suchen die ich ohne
Vorhang ausgestellt habe so geschähe mir doch offenbare Gewalt wenn auch die
Nachwelt sich einfallen ließe mit mir umzugehen wie die Vorwelt mit dem
ehrlichen Salomo und mich für einen Propheten erklärte Du kannst es am besten
den künftigen Jahrhunderten bezeugen dass so oft ich mich in das Paradies der
Dichtkunst verstieg ich nie anders als auf einem natürlichen Wege dahin
gelangte und doch vielleicht mehr Ursache habe als der inspirirteste Dichter
mit meiner poetischen Laufbahn und mit den Gunstbezeugungen zufrieden zu sein
die mir die Musen erwiesen  »Wie so« fragst Du verwundert und lachst mir
spöttisch ins Gesicht »Ich habe doch nicht gehört dass deine Dudelei eben so
gar viel Lärm und Aufsehn in der Welt gemacht habe«  Ich auch nicht guter
Freund aber das ist von jeher auch meine geringste Sorge gewesen und ich würde
selbst den Horaz von Herzen bedauern wenn er für seine harmonischen Gesänge
keine wichtigere Belohnung eingeerntet hätte als monstrari digitis et dicier
hic est Nimm also nur Deinen Spott wieder zurück denn klängen auch die
Ausdrücke die mir vorhin entfielen für einen  sage es nur heraus  für einen
Zwerg des Apollo etwas zu vornehm so sind die Riesen die seinen Thron umgeben
doch gewiss zu großmütig um dem kleinen Spieler den sie so lange unter sich
geduldet haben die Airs aufzumutzen die er ihnen nachmacht Aber dies bei
Seite gesetzt auch ohne groß zu tun kann ich wohl behaupten und Dir es durch
Vorlegung meiner Ab und Zurechnungen mit den Musen beweisen dass ungeachtet
der kleinen Abzüge die ich mir gern gefallen lasse meiner neidlosen
Genügsamkeit immer noch ein hübscher Gewinn übrig bleibt Hast Du Zeit  wie
leider ich eben jetzt denn ich höre und sehe noch nichts von meinen
Postpferden  so wollen wir die Rechnung mit einander durchgehen Diese
Beschäftigung die man sonst gern so lange zu verschieben pflegt als möglich
wie wohltätig wird sie mir nicht in diesem Augenblicke Es ist schon weit
lichter um meinen Schreibtisch  Alle Grillen sind abgetreten  alle
Missgestalten entfernen sich  denn sie sehen dass ich Linien ziehe und nicht
gestört sein will Deine Monita O die beunruhigen mich auch nicht  die liegen
allenfalls noch in der Ferne  und wo sollen sie überhaupt herkommen wenn Du
wie ich hoffe meine Angaben so richtig findest als meine Belege
Noch übergab kein Vehmgericht
Mich abgelebten Harfenisten
Den Häschern und verwies mich nicht
In Nicolais Todtenlisten24
Das ließ mich hoffen mit der Zeit
Mir einen Freipass zu erlaufen
Um sichrer der Unsterblichkeit
Mit meiner Klingel nachzulaufen
Allein je besser ich den Rauch
Vom Wesen unterscheiden lernte
Um desto mehr die Hoffnung auch
Sich in den Hintergrund entfernte
Es ist mit eines Dichters Ruhm
Gar eine wunderliche Sache
Misstrauen ist sein Eigentum
Und Missvergnügen seine Wache
Im Schweiße seines Angesichts
Im Taumel eines leeren Schalles
Verdient er wenig oder nichts
Erhält nicht viel  und fordert Alles
Jetzt seh ich nur zu gut wie viel
Akkorde meiner Leier fehlen
Um mich wie Orpheus durch ihr Spiel
In das Elysium zu stehlen
Hat nicht einmal mir ein Konzert
Das kunstreich Philomelens Noten
In Takt setzt in Oktaven sperrt
Mir eine Fiedel angeboten
Wär ich solch einer Ehre wert
Gewiss ich stände längst in Pflichten
Des Tribunals auf Strang und Schwert
Um meine Sünden selbst zu richten
Und die Hausirer jagten sich
Von Markt zu Markt mit meiner Büste
Und    doch ich schwöre Dir dass ich
Nach solchem Nimbus kaum gelüste
Dank der Natur! mein Dichterkampf
Ist wie ein Fieberfrost verschwunden
Längst wärm ich mich im Opferdampf
An dem Altare der Gesunden
Jetzt brauch ich keinem Oberon
Wie sonst von weitem nachzukeichen
Wir gehen gleich  weiß ich doch schon
Zu rechter Zeit ihm auszuweichen
»Du wolltest« raun ich ins Geheim
Ins Ohr mir »mit den Musen schmollen
Weil sie Gedanken zu dem Reim
Dir nicht wie ihrem Wieland zollen
Sein Gang das schlauste Menschenherz
In seiner Tiefe fest zu greifen
Stört dich ja nicht mit leichtem Scherz
An seinen Flächen hin zu streifen
Und bist Du nicht mit Klopstocks Flug
Den Geistern ins Gebiet gedrungen
So hast du dich doch oft genug
Zu Menschenfreuden warm gesungen
Hat sich denn einer je gehärmt
Dass ihn kein Lorberkranz umschliesset
Wenn an dem Busen der ihn wärmt
Er der Vergessenheit genießt
Und wer hat Zeit wenn ihm sein Kohl
Die Zunge reizt zu überlegen
Ob süssere Gemüse wohl
In Otaheite reifen mögen«
Gewiss ich müsste sonderbar
Mein eigenes Richteramt verwalten
Um diese Gründe nicht als wahr
Der Eigenliebe vorzuhalten
Was zog mich als das Zauberband
Des Selbstgenusses zu den Musen
Ich fand mein Dasein  ach ich fand
Nur Ruh allein an ihrem Busen
Wenn höfische Gespenster mich
Mit Gott und Welt verfeindet hatten
Entschlüpft ich ihrem Kreis und schlich
Ein Stündchen in des Pindus Schatten
Hier sang ich meines Lebens Traum
Erpfiff mir neuen Mut zu leben
Und segnete den Wunderbaum
Der mir sein Blatt dazu gegeben
Hier an den Liebreiz der Natur
Mit allen Sinnen angeklammert
Hat meine Zither nie der Flur
Der Zeiten Elend vorgejammert
Doch hat mir auch mein Brod dafür
Die fröhliche Natur gewürzet
Und niemals karg um die Gebühr
Der Freudenfänger mich verkürzet
Gelockt durch meinen Waldgesang
Hat manches Vögelchen in Stunden
Der Neugier sich am Überhang
Der Birken bei mir eingefunden
Sie fassten Herz von Baum zu Baum
Von Ast zu Ast mir nachzuschweben
Und bald sah ich in ihrem Flaum
Den ersten Schlag der Freude beben
So hab ich mir durch Stolz und Groll
Des Lebens Pfade nie verdorben
Und wie ein reisender Apoll
Mir meine Musen selbst geworben
Da schon als im Tumult der Schlacht
Die Flöte Friedrichs wiedertönte
Und durch die Harmonie der Nacht
Die Furien des Kriegs versöhnte
Schon da sucht ich den Helikon
Auf Hügelchen die erst begonnen
Und vor dem Frieden hatt ich schon
Ihm beide Gipfel abgewonnen
So hab ich durch mein Saitenspiel
Die vollen Spulen meiner Stunden
Vergnügt bis an das nahe Ziel
Des letzten Knötchens abgewunden
Und klagst du nicht den Wandrer an
Der still und friedlich heimgeschlichen
Dass er nach Kookens Reiseplan
Nicht das bestürmte Meer durchstrichen
Fragst nicht wie bunt der Faden war
Ob locker oder grob gesponnen
Durch den einst Teseus der Gefahr
Des dunkeln Labyrints entronnen
So frag auch nicht was für Gewinnst
Mein Tagewerk der Welt verspreche
Ach schon genug wenn mein Gespinnst
Nur mehr beträgt als meine Zeche
Dem Geist der wirkenden Natur
Sei heimgestellt es zu verputzen
Und wär es auch als Einschlag nur
Zu höherm Stoff es zu benutzen
Damit was ich der Freude spann
Der Nachwelt nicht so ganz verschwinde
Dass nicht ein Mädchen dann und wann
Ein abgetröselt Fädchen finde
Sein ehrlicher antiker Schein
Müss ihr den ersten Antrieb geben
Auch ihren Knäul bald im Verein
Der holden Musen abzuweben
Es leihe da wo Widerstand
Nur Freude bringt ihr seine Kräfte
Dien ihr zum Oehr am Brautgewand
An ihrem Myrtenkranz zum Hefte
Dien ihr als Sinnbild beim Empfang
Des letzten Unterrichts der Mädchen
»Ach« denke sie  »welch ein Vergang
Ach Alles hing an diesem Fädchen«
Täuscht mich nicht optischer Betrug
So seh ich in den fernsten Zeiten
Sich über meinen Aschenkrug
Noch manche Glorie verbreiten
Wenn dann umsonst die Marmorgruft
Des Fürsten den sein Land vergessen
Die Tugenden zu trauern ruft
Die er im Leben nie besessen
Wird ungerufen Arm in Arm
Den Busen unter Rosenbändern
Gelüftet guter Mädchen Schwarm
Zum Grabmal ihres Freundes schlendern
Sie werden über meinem Staub
Gelagert auf den jungen Rasen
Das abgefallne Winterlaub
Von der bescheidenen Urne blasen
Sanft soll alsdann mein Genius
Mit seinem Fittich sie berühren
Und sie durch manchen Kettenschluss
Zuletzt in seine Werkstatt sichren
Dort wo beim Quell der Phantasien
Wir unsre Nacht mit neuen Sternen
Mit Rosen unsern Tag umziehn
Und zum Genuss uns täuschen lernen
Wo wir an dem Altar der Zeit
Das weiseste Gewerb erlauschen
Gesänge gegen Traurigkeit
Scherz gegen Tränen einzutauschen
Wo warnend Psyches Lampe brennt
Damit nicht das Gespenst der Reue
Den Weg nach unserm Monument
Mit Gift statt Lorbern überstreue
Hier wird sich gern der holde Kreis
Der Mädchen um den kleinen Götzen
Den meine Muse sang zum Preis
Wohltätiger Gefühle setzen
Hier werden sie Apollens Macht
Sie werden das Bedürfnis fühlen
Das Feuer das er angefacht
Durch seine Jünger abzukühlen
In Sapphos Drang nach Amors Lust
Müss ihrem Mund der Schwur entgleiten
Den ersten Funken ihrer Brust
Auf einen Dichter abzuleiten
Denk nur wie müsste nicht die Herrn
Des Pindus solch ein Schwur erfreuen
Sie würden glaub ich mir schon gern
Um seinetwillen Weihrauch streuen
Und hätt Apoll um seinen Berg
Nur erst den Nebel aufgeheitert
Spräch er wohl selbst dort hat mein Zwerg
Die Aussicht ungemein erweitert
    Diese meine offenherzige Beichte die ich Dir hier im Vorbeigehen über
meinen Beruf zur Dichtkunst  über die Forderungen und Erwartungen die ich
darauf gründe abgelegt habe könnte auch wohl wenn ich es recht überlege
allein schon hinlänglich sein mir die Absolution des schönen Geschlechts zu
verschaffen um die mir so bange ist Tue Dein möglichstes lieber Eduard sie
auf eine oder die andere Art zu erhalten wenn Dir daran gelegen ist mich
wieder in Berlin zu sehen Mit vernünftigen Männern ist es etwas anders Mit
denen wirst Du über den Wert meines Tagebuchs schon einig werden Halten diese
meine Geschichte für wahr so ist mir nicht angst dass sie mir sie nicht aus den
edelsten Grundsätzen vergeben sollten  Halten sie die Sache für Erdichtung so
wissen sie auch schon dass es nicht so gefährlich ist als es aussieht wenn ein
ernsthafter Karlin25 sich herablässt eine bunte Jacke anzuziehen eine schwarze
Maske vor das Gesicht zu nehmen und den Harlekin so natürlich zu spielen als
wenn ihn Gott bloß dazu erschaffen hätte Was schaden ihm seine Jacke und Maske
und seine Mütze mit Schellen wenn sie ihm nur Eingang bei seinen Zuhörern
verschaffen die so benötigt sie auch seiner moralischen Arzeneien sein mögen
sich doch für viel zu gesund halten um einen ernstaften Schritt danach zu
tun So ist auch meine Art zu erzählen auf der ganzen Tonleiter der
Unterhaltung die allerverschrienste aber sie ist es gewiss mit Unrecht Ich habe
eine zu gute Erfahrung von dem wahren Nutzen den solche geistige
Ausschweifungen bei Gelegenheiten hervorbringen können wo sonst nichts Gutes
verfangen will Ich kann Dir diese Behauptung mit einer Tatsache aus meinem
vorigen Leben belegen
    Als ich von Leiden zurück kam wo ich den Gang des menschlichen Herzens ich
gestehe es besser noch studiert hatte als die Pandekten wurde ich wie das so
geht in ein Tribunal gesetzt das über Gut und Ehre Hals und Hand zu
entscheiden hatte Da merkte ich nun gar bald wie viel es auf die jedesmalige
Stimmung der Herren Beisitzer ankam was die Gesetze sprechen sollten Man sah
es sicher ihren Urteln an ob sie an einem regnigen Tage bei beschwerlicher
Verdauung bei unterbrochener Ausdünstung und mit beklemmter Brust  oder ob sie
bei heiterem Wetter nach einer gesunden Bewegung und ruhigem Schlaf und in
Erwartung eines menschlichen Vergnügens gefällt waren Mit diesen Leuten über
die natürliche Billigkeit zu streiten wenn sie eben an Krämpfen oder sonst
einem physischen Übel litten war verlorene Arbeit und es wurde oft nur um
desto gewisser ein armes und wie sie es nannten überwiesenes Geschöpf zum
Pranger verurteilt je mehr ich mich seiner aus den Gründen der Toleranz
annahm O dachte ich ihr guten Herren euch will ich doch wohl noch beikommen
Beccaria war mein Liebling Ich trug sein Büchlein immer in meiner Tasche und
hielt es als Spiegel der den Basilisken bersten macht überall dem voluminösen
Karpzov entgegen wo ich ihn fand und ach wo fand ich ihn nicht Seine
kriminelle Gelehrsamkeit strotzte in dicken Bänden hinter den Gitterschränken
unserer Ratsstube und betäubte durch ihren giftigen Aushauch jeden schwachen
Kopf der ihnen zu nah kam Dieser Moloch seiner Zeit dem während seines Lebens
unsere mechanischen Zentgerichte nach einer mäßigen Rechnung an die dreißig
tausend ihrer Zeitgenossen geopfert haben breitete auch nach seinem Tode noch
seine hässliche Lehre durch seine Jünger aus die in der Blindheit des Geistes
und in dem Stolze ihrer Kenntnisse ihm anhingen Die Fiskale anstatt selbst zu
denken fanden es bequemer sich auf ihren Meister zu beziehen der alles das
was sie überdenken sollten schon überdacht und in die einfachsten Regeln von
der Welt gebracht hatte Die Untersuchungsakten waren mit seinen Machtsprüchen
durchspickt und jeder Sachwalter jeder Richter beugte gehorsam seine runzelige
Stirn vor dem Despoten Ich hätte was ich nicht war ein Herkules sein müssen
um dieses vielköpfige Ungeheuer mit Einem Streiche zu töten Ich fühlte mit
Ingrimm dass diejenigen die seine Keule geerbt haben sie nicht schwingen
mochten Ich hatte nur eine Pritsche um gegen einen Drachen zu fechten  aber
auch dieses armselige Gewehr gebrauchte ich als ein mutiger ehrlicher Mann und
es ist unglaublich wie gut es mir gelang So oft es mir ahndete dass der
Beschluss der nächsten Sitzung eine arme Gefallene entweder zur Kirchenbusse zum
Zuchtause oder zu einem Geschmeide verdammen würde das einem hübschen Halse
nicht gut steht so machte ich mir geschwind eine Geschichte zurecht von der
ich hoffen konnte dass sie das harsche Zwerchfell meiner Herren Kollegen tüchtig
erschüttern würde Kaum las ich sie dann beim Eintritte der ernstaften
Versammlung als eine Neuigkeit vor die mir dieser oder jener schwatzhafte
Freund zu Regensburg oder Wetzlar gemeldet hätte so klärten sich auch schon
ihre gestrengen Gesichter auf von dem Präsidenten an bis zum untersten
Beisitzer Sie gingen nun mit jenem Wohlbehagen das uns zur Nachsicht gegen uns
und andere so geneigt macht an ihre wichtigen Geschäfte und wenn es zur
Umfrage kam hatten sie sich gemeiniglich mit ihrem gesetzmässigen Urteile um
viele Schritte in die lachenden Gränzen der Menschlichkeit zurück gezogen ohne
dass sie selbst begreifen konnten wie es zuging Karpzovs Ansehen verlor nach und
nach immer mehr gegen das meinige  eine Ehre die mir gewiss keiner meiner
ehemaligen Lehrer geweissagt hätte das Tribunal gewöhnte sich an eine liberale
Denkungsart und da zugleich ein guter Genius dem Fürsten eingab das Zimmer
unserer Zusammenkünfte weißen  die kleinen Fenster ausbrechen erweitern  mit
Spiegelscheiben versehen und als ein Sinnbild der obsiegenden Unschuld eine
Susanna im Bade an der Mittelwand des Saals befestigen zu lassen so bekam durch
diesen erheiterten Anstrich des Äußeren auch unsere Gerichtsverfassung selbst
ein freundlicheres Ansehen Die Herren träumten sie wären in guter Gesellschaft
ihr Tempel schien ihnen in ein Boudoir verwandelt ihre sonst schneidenden
Aussprüche verloren sich in empfindsame Sentenzen und das Kollegium rückte in
Ansehung gemässigter und wohlwollender Gesinnungen wenigstens um ein halbes
Säkulum vorwärts Und nun ward es auch mir leichter die Ehre des guten Beccaria
in dieser Versammlung zu retten Noch jetzt denke ich mit innigster
Zufriedenheit daran wie ich um jene Zeit durch nichts mehr oder weniger als
eine Polisonerie  ich besinne mich im Deutschen auf keinen leidlichen Ausdruck
 die bei meinen Herren Kollegen ein unerwartetes Glück machte einen alten
Vater aus den Händen des Henkers in die stille Verwahrung seines Sohns brachte
der noch jetzt als ein wackerer Offizier bei den Truppen unsers Königs den Tag
segnet an dem es mir gelang ein beschimpfendes Urteil von seiner Familie
wegzuscherzen O mein Eduard könnte ich jetzt alle die um meinen Schreibtisch
versammeln denen ich durch dieses Kunststück das ich allen Beisitzern der
KriminalGerichte cum grano salis empfehlen möchte Erlass einer entehrenden
Strafe verschafft teils sie statt in das Raspelhaus unter die Haube
gebracht teils durch das falsche Zeugnis einer ehrlichen Geburt wovon meine
lachenden Kollegen mir die Verantwortung überließen in eine bürgerliche Zunft
verholfen habe wie viele dankbare Tränen würden nicht um den Mann fließen der
jetzt selbst in dem misslichen Fall ist, um Abolition zu bitten Doch ich weiß es
endlich zu gut wie man es anfangen muss sie ohne viele Unkosten zu erhalten
Ich frage nur den Referenten bei dem Tribunal das sich etwa anmasst über meinen
Handel in der Nebenstube zu urteilen  ich frage ihn auf sein Gewissen ob
nicht sein erster Gedanke war als er meine Akten durchlas O wärest du doch an
der Stelle des Inquisiten gewesen Du hättest deine Sache schon besser machen
wollen Es ist zwar noch die Frage ob der Herr wahr redet  Aber schon der Gang
seiner Empfindung sollte es ihm doch begreiflich machen dass es hart sein würde
mich nach der HalsgerichtsOrdnung Karls des Fünften oder nach den rationibus
decidendi eines Karpzov zu richten
    Das Studium der Toleranz ist eine der schönsten neueren Erfindungen Sie
verdiente so gut als die Oekonomie eine eigene besoldete Lehrstelle Fände
sich einmal einer der Nutritoren unserer Akademien der Ursache genug hätte
diese Wissenschaft in solch einen besonderen Schutz zu nehmen so wollte ich
vorläufig raten dass er ihr ja keine andere als die umgekehrte Ordnung unserer
so genannten Brotstudien anwiese Der erfahrne Lehrer wenn ja über ein
Kompendium gelesen sein muss lege kein anderes zum Grunde als ein  nur
richtiges  Protokol seines eigenen Lebens und ziehe dabei wo dieses nicht
hinlangt die Beichten zu Rate die einige große Männer öffentlich abgelegt
haben  einen Petrarch und Lavater einen Rousseau und Fielding den heiligen
Augustinus und mich Wäre auch ihren Aussagen nicht immer zu trauen so wird er
es doch bald genug merken wo der eine falsch gesehen der andere falsch
geschlossen  der eine zu viel der andere zu wenig gesagt der  gelogen jener
 seine Schwachheiten bemäntelt oder gar mit der Maske der Tugend verlarvt hat
Er führe seine Zuhörer an über dem Chaos ihrer trotzigen und verzagten Herzen
zu schweben suche es ihnen geläufig zu machen ihre eigenen Empfindungen auf
alle mögliche menschliche Zufälle zu kalkuliren und sich in das Alter in die
Umstände und in das stürmische Blut dessen zu versetzen den ihre ruhige
Vernunft zu verdammen eilt Er lehre den Jüngling Tagebücher halten wie das
meinige ist und wenn die Langeweile seines hinschleichenden Lebens ihn bitter
und böse gemacht hat kein anderes Buch fleißiger lesen Meinetwegen mag er
auch wenn er Herz und Geschick genug dazu hat es zum Besten der Welt mit
allen den moralischen Anmerkungen drucken lassen die ihm Zeit und Erfahrung
behilflich gewesen sind zu sammeln Es ist freilich nicht die gewöhnliche Art
die Tugend zu predigen wenn man sich selbst auf den erhabenen Ort des Prangers
stellt aber deshalb ist es auch nicht die schlimmste Es gibt der Mittel viel
eine heilsame Arzenei gemeiner zu machen Jedes Jahrhundert jeder Quacksalber
jeder Professor hat sein eigenes Wird denn nicht jetzt selbst das feste Wort
des Herrn in einem neuen Modegewande ausgeboten Warum sollte denn nicht auch
ich einen noch wenig versuchten Weg betreten um durch ein offenes Geständnis
meiner Verirrungen jedem andern menschlichen Herzen näher zu kommen
    Überhaupt muss der Mann besser rechnen können als ich der sich zu bestimmen
untersteht ob dieses oder jenes beschriebene Blatt zum Nutzen des Ganzen mehr
beitragen werde Ziehen die Schriftsteller wie gewöhnlich nur ihre Eigenliebe
darüber zu Rate so ist die Frage freilich geschwind genug zur Ehre ihrer
Talente entschieden aber auch hier hängt alles von der Weisheit jenes
unsterblichen unbekannten und glorreichen Genius ab der auch den
anspruchlosesten Lumpen noch immer gebrauchen kann einem Bedürfnisse mehr auf
einer solchen Bettlerwelt als die unsrige ist abzuhelfen
    Du räusperst Dich Eduard winkst mir inne zu halten und die Lust des
Widerspruchs schwebt Dir um den Mund Gut Meine Pferde sind noch nicht da
meine Tinte ist fliessend und Papier und Federn liegen noch auf dem Tische Das
schreckt Dich nicht ich weiß es so lass denn hören  »Wenn du glaubst« hebst
Du trocken an »mit allen deinen Tadlern eben so gut fertig zu sein als mit
mir« wie ich denn das wirklich geglaubt habe »so tut es mir leid um deinen
schönen Traum So lange dein Tagebuch nur unter uns und wie so viele andere
Schreibereien der Welt nur Manuskript unter Freunden bleibt o da verlohnt es
sich freilich nicht der Mühe viel Aufhebens davon zu machen Nimmst du aber den
pro securitate publica so bedenklichen Fall an dass die Gemälde deiner
Unsittlichkeit zu der Ehre einer öffentlichen Ausstellung gelangen so wäre ich
wohl neugierig das Bedürfnis zu erfahren das euch leichtsinnige Schriftsteller
berechtigen könnte eine Leidenschaft zu spornen die wir ohnehin Not genug
haben im Zaume zu halten«  Das klingt nun sehr systematisch  sehr ernstaft
und hat mir Mühe gekostet herzuschreiben  Aber mache mich nicht böse Eduard
sonst verschaffe ich Dir zur verdienten Antwort einen Anblick dessen Du gewiss
gern überhoben sein würdest rufe Dir mehr bleichsüchtige Mädchen in meinem
Hörsaale zusammen als Du übersehen kannst und lege Dir jenes Bedürfnis an
dessen Dasein Du zweifelst so zergliedert vor dass Du froh sein sollst wenn nur
ich das Maul halte Gehe ehrlicher mit mir zu Werke guter Freund Verstecke
Deine gesunden Augen nicht immer hinter die Blenden Deiner Bücher und ziehe
erst ehe Du mit mir rechtest den schleichenden unnatürlichen unmännlichen
Gang in gehörige Betrachtung den die schönste aller Leidenschaften in einem
Zeitalter nimmt das in so vielen Rücksichten nur von ihr seine einzige Hilfe
erwartet Sage mir auf Dein Gewissen Eduard ob man es einem Schriftsteller
der nur einigermaßen hoffen darf in gute Häuser zu kommen  ob man anstatt ihn
zu tadeln es ihm nicht als ein Verdienst anrechnen sollte wenn er das Herz
fasst Mädchenliebe zu predigen und sie mit so lebhaften Farben zu schildern
sucht als diese Art Malerei nur vertragen kann Mag meinetwegen ein künftiges
tugendbelobteres Jahrhundert meine armen Schriften zum Scheiterhaufen verdammen
Ich habe nicht das geringste dagegen wenn sie nur vor der Hand in dem großen
Magazine notwendiger Übel geduldet werden Das ist doch weiter keine zu
vornehme Anmassung die mir Missgunst zuziehen und nur jemanden in Angst setzen
sollte dass ich mir damit ein Aemtchen zu erschreiben gedächte auf das er
selbst Anspruch macht Was könnte es denn für eins sein als höchstens das eines
Pestpredigers das mühseligste in der ganzen Republik  ohne Rang ohne
Sporteln und zu dem sich schon seiner Gefahr wegen nur wenig Kandidaten
melden Man gönne es mir doch Das Ministerium kann ja die Stelle wieder
einziehen wenn sie überflüssig geworden und die Seuche vorbei ist Auch kann
meinethalben die Nachwelt die Arzeneien die ich mir jetzt sogar während der
Kirche kein Gewissen machen darf unter die armen Presshaften zu verteilen als
unnütze verdorbene Ware zu den übrigen Exkrementen unsers Jahrhunderts werfen
leisten sie nur gegenwärtig eine solche Nothülfe wie sie ungefähr geschickte
Ärzte von einem Scharlachfieber bei Kranken erwarten die an einer hartnäckigen
Fühllosigkeit darnieder liegen So würde auch ich bei denen die ich in der Kur
habe es schon für ein gutes Symptom halten wenn meine Umschläge ihre
verschobene Einbildungskraft nur erst so weit wieder in Ordnung brächten dass
ihnen die gewöhnliche Hausmannskost nicht länger widerstände die Schönheit und
Natur der Genügsamkeit darreicht Könnten sich auch die Matterzigen nicht
sofort bis zu jener Stärke eines reinen Gefühls erheben dass sie an der
Unbefangenheit und Unschuld meiner Margot und an den eben so einfachen als
gefunden Gerichten Geschmack fänden die sie ihren bessern Bekannten vorsetzt
so wäre es einstweilen schon gut wenn der Heisshunger sie nur in den ersten
besten Gasthof triebe wie zum Beispiel der zum schwarzen Kreuze ist von dem
ich selbst eben zurück komme und wo sich schon einer sättigen kann der nicht
an gar zu feine Ragouts gewöhnt ist
    Ich sehe Eduard Du zuckst die Achseln drehst Dich seufzend von mir und
glaubst mir in Deine Bibliothek zu entwischen aber den Weg dahin kenne ich
auch und es ist heute wohl nicht das erstemal dass ich Dir bis vor Deinen
Arbeitstisch nachschleiche Du hast hier noch immer wie ich sehe um Deinen
globum terrestrem sehr disparate Dinge herliegen Landcharten und Zeitungen
neben Garvens meisterhaften Versuchen  Smit über den NationalReichtum neben
Archenholz siebenjährigem Kriege  hier sogar Lavaters geheimes Tagebuch über
dem meinigen  alles so bunt unter einander wie in der Welt selbst Die Sachen
sagst Du haben sich hier zusammen gefunden wie ich sie nach Massgabe meiner
Laune gebraucht habe ohne dass sie unter sich selbst weiter etwas gemein hätten
Das ist zu glauben lieber Eduard und in so weit mag auch wohl eins so viel
Recht auf seinen Platz haben als das andere Indes hätte ich wohl die Grille
dass ich genau wissen möchte was ein Schächer wie ich unter einer so gelehrten
Gesellschaft allenfalls für einen behaupten könne wenn hier nur das Verdienst
um die Welt den Rang bestimmte Schiebe nur mein unglückliches Tagebuch her 
ich bin darin doch am meisten belesen und muss am besten wissen wo seine Stärke
und Schwäche liegt  Was hast Du mir nun aus dem Haufen den ich Dir lasse
entgegen zu setzen um mich zu demütigen Jenen Moralisten dort O streiche
ihm nur ein wenig seine Runzeln mir aber meine struppigen Haare aus dem
Gesichte und Du wirst zu Deiner Verwunderung eine gewisse Gleichheit der
Verwandtschaft entdecken die mich Dir um vieles erträglicher machen  die mehr
als alles Dich aufmuntern wird mich gegen diejenigen in Schutz zu nehmen die
mir so gern die Titel meiner Herkunft abstreiten möchten
    Um Dir die Sache zu erleichtern so breite mit Beihilfe unsers Archenholz
nur Deine Landcharten und Zeitungen aus einander und halte nun die Kinderspiele
meiner Phantasie wie ich sie Dir zureiche gegen die Ritterspiele der Großen 
meine nackenden Gemälde gegen ihre blutigen BataillenStücke und irre mit
philosophischem Auge von den einen zu den andern Ich lasse Dir Zeit Freund
und verlange nicht dass Du mir eher gewissenhaft erklären sollst welche von
beiden Du für verdienstlicher hältst als bis Du ihren verschiedenen Eindruck
auf das menschliche Herz mit Deinem vorigen strengen Urteile verglichen und im
Angesicht Deines Globens genau erwogen hast auf welche Seite der Gemälde sich
das bürgerliche Wohl das häusliche Glück und das System der so grausam
verfolgten Bevölkerung am meisten hinneigt
    Ich will Dich nicht weiter in Deinen stillen Betrachtungen stören Aber o
könnte ich nur meiner Feder jene elektrische Kraft mitteilen die mir trotz
meinem Frankfurter Ringe in Klärchens Kammer versagte wie herzhaft wollte ich
sie gegen die physischen und moralischen Verirrungen die man so ehrbar mit dem
Ansehen eines Plato und mit dem Mantel des Sokrates zu bedecken glaubt und gegen
die politischen Gräuel schärfen mit denen zusammen ein Geist des Verderbens den
fröhlichen Genius der Erhaltung verfolgt Ich wollte den Jünglingen männlichere
Neigungen den Mädchen wirksamere Lockungen und den Zepterträgern
Menschlichkeit anschwatzen und die lachendsten Phantasien der Liebe zum
Beitritt aufbieten um alle mordlustige Gedanken von unserm freundlichen
Erdstrich zu scheuchen und seine allgemeine Trauer zu heben Aechte
Philosophen und ihr besonders würdet es mir verdanken ihr guten tugendhaft
schmachtenden und verlassenen Töchter meines Vaterlandes Ihr würdet sittsam
errötend mir selbst den schlüpfrigsten Umweg vergeben wenn ich ihn da
beinahe alle gebahnten Straßen der Natur entzogen sind mit einigem Glück
einschlüge um euch zu euren Rechten zu verhelfen und die verwilderten
ehescheuen und verblendeten Überläufer meines Geschlechts durch gute Worte
wieder in euren sanften Sprengel zurück zu führen auf dass eure wahre Bestimmung
zu ihrer verlorenen Ehre gelange auf dass die Freude die ihr zu erwecken
geschaffen seid ehrlicher und ritterlicher benutzt und statt der Dornen und
Disteln eines Schlachtfeldes das hohe mütterliche Gefühl auf euren rosigen
Wangen entwickelt werde das ihr Schuldlosen in einer Bleichsucht ersticken
müsst die laut wider die Tyrannen der Welt laut wider die Verächter eurer Reize
um Rache schreit Könnte ich durch rührende Darstellung aller der entzückenden
Augenblicke mit denen eure Sanftmut und eure Launen  eure Stärke und eure
Schwäche  eure Schmeicheleien und eure lehrreichen sanften Strafen mir das
Leben erheitert und meine Besserung bewirkt haben  mein abtrünniges Geschlecht
zum Anschmiegen an das eurige wieder beilocken  bei Gott ich wollte mich
keines wollüstigen Bildes schämen das mir selbst die Tugend erlauben würde zu
dieser guten Absicht von euren geheimsten Reizen zu borgen ich würde noch beim
Austritt aus diesem jammervollen Planeten mit väterlicher Zufriedenheit auf die
anwachsende Nachkommenschaft hinblicken die ich mir schmeicheln dürfte zum
Genuss besserer Zeiten erschrieben zu haben  Sollte sich in der auserwählten
Schaar dieser Abkömmlinge einer befeuerten Liebe ein und der andere Fürstensohn
befinden so wünsche ich ihm zu dem seltenen Umstande seines Daseins Glück
Seine bürgerliche Stammhaftigkeit übernehme meine Verteidigung in dem Zirkel
seiner Innung in den Schlössern der Großen die sich zu vornehm dünken der
Natur und der Einbildungskraft etwas schuldig zu werden
    Scheint Dir dieser Glückwunsch nicht mit jenem Abscheu zu reimen den ich
vorhin gegen die blutdürstige Kaste geäußert habe die über uns herrscht so
hast Du zwar nicht ganz Unrecht wenige aus ihrem Mittel  Du siehst dass ich
billig bin  verdienen es dass ein gutes Herz sich ihrer Fortdauer annimmt Da
sie denn aber nun einmal da sind wäre doch wenigstens zu wünschen dass sie
nicht gleich in ihrer Geburt verunglückten indem unsere demütige Lage nur
desto schimpflicher wird je krüppeliger sie selbst sind Das ist so wahr dass
ich es damit wohl könnte bewenden lassen aber um es Dir offenherzig zu
gestehen ist es doch nicht die eigentliche Ursache des Absprungs meiner Ideen
Daran war wahrlich nur eine kleine Anekdote Schuld die mir nach einer ganz
andern Verwandtschaft von Begriffen eben beifiel Ich würde sie als einen
überflüssigen Beleg nicht einmal der Mühe wert halten meinen vorhergegangenen
anzuhängen nähme ich in dieser ungeduldigen Stunde nicht selbst nur zu gern
alles mit was mich bei dem ewigen Aussenbleiben meiner Pferde nur im mindesten
zu zerstreuen vermöchte Zudem kann man auch nicht wissen ob nicht mein
Geschichtchen recht gut bei Dir angewendet sei Deine Verdienste werden Dich
doch über lang oder kurz an das Ruder eines Staats bringen Zufällig könnte es
ja wohl eins sein das aus seinem natürlichen Schwung und bloß aus der Ursache
gekommen wäre weil kein Mensch den Verstand hatte es darin zu erhalten Meine
Erzählung liefert nun wie Du sehen wirst eine recht gute praktische Anweisung
hierzu
    Sie ist nicht wie so viele andere die von Höfen in Umlauf und nichts
weniger als bewiesen sind aus der Luft gegriffen Nein guter Freund die meine
ist aus Quellen geschöpft wie sie wohl selten einem Geschichtschreiber zu
Gebote stehen Ich wüsste zugleich keine aufzutreiben die ihren belehrenden
Inhalt ungerechnet geschickter wäre mich über meine gegenwärtige drückende
Lage zu erheben Welche wohltätige Eigenschaft der Seele ist doch eine lebhafte
Erinnerung Ein einziger Rückblick den ich über ein paar Dutzend verflossene
Jahre werfen muss um auf den Zeitpunkt der Begebenheit um auf die schöne
Nebenrolle zu kommen die ich dabei zu spielen das Glück hatte wie freundlich
tröstet er mich über meine misslungene auf jenem bezauberten Sopha den ich
übelgelaunter als je einen eben verließ Mögen meinetwegen die Postpferde bis
in die sinkende Nacht ausbleiben ich habe Zeitvertreib genug für mich und meine
Feder gefunden Es war ein gewisser Gott weiß warum verabschiedeter
Kammerherr eben des Hofs von dem die Rede ist der mich zuerst auf die Spur
brachte Er hatte aus seinem politischen Schiffbruche nichts weiter gerettet
als eine mäßige Pension die er in unserm wohlfeilen akademischen Landstädtchen
verzehrte  einen ironischen Zug um seinen zahnlosen Mund und eine ganz eigene
verblümte Sprache wenn ihm als einen alten Praktikus die Laune ankam meine
Träume von dem Glück und den Sitten der großen Welt zu berichtigen 
    Gewohnt mich wöchentlich zweimal zu besuchen um lieber in meinem
freundlichen Gartensaale als unter den Tabakswolken des lärmigen Kaffeehauses
die Zeitungen zu lesen fand er mich auch eines Abends ein Blatt davon in der
Hand setzte sich mit dem andern das auf meinem Tische lag in eine Ecke am
Fenster und »hören Sie«  rief er mir bald nachher zu  »was mir hier für eine
unerwartete Neuigkeit mit Schwabacher Schrift gedruckt in die Augen leuchtet
Nächsten Sonntag vermält sich unser Erbprinz mit der Durchlauchtigsten Tochter
des benachbarten Fürsten Das ist doch wieder eine der Ehen wie sie nur in
diesem hohen Hause geraten und gedeihen  ein Kinderspiel wenn Sie wollen
voll grillenhafter Mysterien mit denen Ihnen sonder Zweifel Ihre Herren
Professoren der Statistik und Geschichte schon längst den Mund gewässert hätten
wenn es nicht eben Mysterien wären die aber ihren wohltätigen Einfluss auf das
Ganze so gut wie das Geheimnis der Freimaurer von einem Jahrhunderte zum
andern durch eine ununterbrochene Stufenfolge braver Regenten bewährt haben
Alle Vasallen haben Gott anzurufen dass er auch gegenwärtiger Verbindung
gleichen Segen erteile und auch Sie junger Herr könnten deswegen künftigen
Sonntag schon ein Vaterunser mehr beten Denn sehen Sie wenn Ihr alter
Hagestolz von Oheim in die andere Welt geht und Sie nun Freundchen in der
unsern an die Stelle eines Sohnes treten den er als ein ungeschickter
Steuermann auf dem schwarzen Meere einer wilden Ehe gleichsam über Bord warf 
und Sie nun seine beiden schönen Rittergüter erkapern die Ihnen das Standrecht
unserer lieben ungerechten Lehnsverfassung zuspricht  haben Sie es da nicht
für einen doppelt glücklichen Zufall anzusehen dass solche in dem herrlichen
Gebiet unsers angeborenen Beherrschers liegen  und wäre es nicht für Sie so
traurig als für alle und jede im Lande wenn dieselbe Sünde die Ihr abgelebter
Vetter an seinem eigenen Fleische und ritterlichen Blute beging und die ihm
jetzt wenn er Sie ansieht aufs peinlichste am Herzen naget  wenn sage ich
ein gleicher oder ähnlicher widersinnlicher Verstoss gegen die Ordnung die im
schönsten Flor prangenden und vom ersten Stamme bis zu dem jetzt aufblühenden
Sprössling treu erhaltenen Besitzungen unsers Fürsten unter seine sauberen mit
Schulden und Lastern beladenen Herren Erbverbrüderten versplitterte vor deren
Regierung uns Gott in Gnaden bewahren möge Sie lieber Wilhelm haben freilich
gut lachen ich verdenks Ihnen auch nicht aber noch weniger kann ich es einem
bemittelten Manne verdenken wenn er allen lachenden Erben die oft schon von
weitem nach seinem offenen Torweg schielen so früh als möglich einen Riegel
vorschiebt wie den Hausdieben Vor unserm Erbprinzen der sich schon gegen
solche Laurer in Positur setzen wird ist mir nicht bange desto mehr aber für
seine junge Gefährtin die ich schon im Geiste bei ihrer Einweihung in jene
Mysterien Augen machen sehe wie groß« Auf mein hingeworfenes Warum rückte er
seinen Stuhl näher Wir sind allein dämpfte er seine Stimme  und Sie geben
mir die Hand dass Sie schweigen wollen  Ich versprachs es ist aber so lange
her dass ich wohl ohne Nachteil des längst begrasten Erzählers mein Ehrenwort
brechen kann Auf der linken Seite der Burg zischelte er mir ins Ohr erhebt
sich wie angeklebt ein uralter roter Turm dem es von außen kein Mensch
ansieht was er alles enthält Der obere Stock ist zu einer Art Kapelle
eingerichtet die an ein großes Schlafzimmer mit einem mächtigen antiken
Paradebett stößt Den unteren Raum bewohnt umringt mit allerlei Hexengeräten
eine vermaledeite Zigeunerin von der ich Ihnen aus eigener Erfahrung tausend
heimtückische Streiche erzählen könnte Man beehrt sie allgemein mit dem Titel
der klugen Frau doch nicht bloß deshalb weil ihre gelbsüchtigen Augen Manches
entdecken und verraten wobei die duldsame Oberhofmeisterin die ihrigen
zudrückt auch nicht darum weil sie aus der Ehren und Lebenslinie einer
Jungfrauenhand Romane schneidet als man deren so abenteuerlich keine in unsern
Buchläden findet auch eben so wenig des ziemlich zweifelhaften Talents wegen
aus den Kankergespinnsten die ihr zu Gesichte kommen Hitze oder Kälte
bestimmter vorauszusagen als ein florentinisches Wetterglas  sondern weil
das abergläubische Volk als gewiss voraussetzt der allsehende Gott befördere zu
dem schlüpfrigen Posten in den sie durch den Tod ihrer Vase und Vorgängerin vor
vierzig Jahren gerückt ist immer nur eine kluge Frau die am Schluße eines so
wichtigen Tages als übermorgen eintritt den Einfluss den er auf das Schicksal
des Landes haben werde so klar wie in einem Krystall vorhersähe  Was dachte
ich wird aus diesem Windeie seiner Einleitung wohl für ein Molch
herauskriechen  schlug die Arme in einander und spitzte die Ohren
    Ob nun schon fuhr er mit dogmatischer Weitläuftigkeit fort dies heilige
Amt wie die Erbämter bei Kaiserkrönungen nicht eher etwas gilt als bis es
hier ein häusliches  dort ein politisches Bedürfnis das Vielen oft nur zu
lange ausbleibt auf eine kurze Zeit in Tätigkeit setzt so wird es ihr
demungeachtet von allen unsern Staatsdienern beneidet die Sinn für das Schöne
und gesunde Augen im Kopf haben  und zwar nicht ohne Grund denn es verhilft
dieser sogenannten klugen Frau nun schon seit sie die Kapelle besorgt künftigen
Sonntag zum drittenmal zu einer Augenweide für die wohl gern ein römischer
Augur dem wie Sie wissen nur oblag sich in den Gedärmen der Opfertiere zu
bespiegeln die seine vertauscht haben würde  Und zwar steigt sie aus ihrem
Raupenstand in derselben Stunde zu dieser Ehre empor wo die kleine
Adamstochter blass wie ein Nebelstern zu der Warte des Günstlings im Aufsteigen
ist dessen Nächte sie erleuchten soll ohne zu wissen wie denn ich traue der
lieblichen Unbefangenen zu dass ihr die Rolle die sie spielen soll eben so
fremd ist wie sie es der Tochter des Roi bien faisant als Braut eines in allen
und jeden Regierungsgeschäften unwissenden königlichen Neulings gewesen sein
würde wäre nicht noch zur rechten Zeit die dienstfertige Marquise de Prie
beiden in ihrer artigen Unwissenheit zu Hilfe gekommen26
    »Lieber Kammerherr« unterbrach ich ihn hier »ich will ein Schelm sein
wenn ich ein Wort von Ihren gelehrten Anspielungen verstehe« 
    »Nun dann um Ihnen verständlicher zu werden« erwiderte er »darf ich Sie
nur ganz kurz von einem in dieser Familie seit der Ritterzeit bestehenden
Hausgesetze unterrichten so unerhört es auch in andern erlauchten Häusern sein
mag«  Es verbindet nicht nur jeden Erben des Fürstenstuhls wie es dermalen
auch unsern sechzehnjährigen verband seine zur Erhaltung des edelen Stammes
benötigte Gehülfin weder auf Messen Hofbällen noch in andern Festivitäten
mit einem Worte nirgends anderwärts aufzusuchen als allein in den Zwingern der
Kinderstuben Was aber beinahe noch auffallender ist so legt es zugleich jeder
nach der Vorschrift erwählten jugendlichen Schönen die unerlässliche Pflicht auf
ehe sie den letzten Schritt tun darf der ihre bereits durch die Beistimmung
der Eltern durch die Eheberedung den Ring am Finger und den priesterlichen
Segen erlangten Ansprüche auf ihren Verlobten bestätiget ihre wie soll ich
mich doch bescheiden genug ausdrücken  ihre eigentümlich angeborene Ausstattung
den prüfenden Blicken der geheimen Güterbeschauerin zu unterwerfen die zu der
Zeit eben hierzu angestellt und verpflichtet sein wird  Nach genauer
Wahrnehmung alles dessen was etwa wahrzunehmen ist und wovon der begaffte
Gegenstand oft selbst keine Silbe weiß hat so ein Weib das Recht zu
beurteilen ob es dem künftigen Mitbesitzer gnügen werde oder nicht  Nun kann
ich mir lebhaft vorstellen wie in der Geisterstunde des nächsten Sonntags
unsere alberne Pytonissin auf ihrem mit Kerzen umleuchteten Dreifuss gleich
jenem bis in den dritten Himmel entzückten Apostel der unaussprechliche Dinge
sah die vor ihm noch kein Auge gesehen und von denen kein Ohr gehört hatte
sich von der einen Seite wie eine Närrin brüsten von der andern aber eben so
gewiss wie ein höllischer Geist erzittern wird wenn ihm ein heiliger Engel in
seinem äterischen Glanze erschiene Mit welchem ungleich reineren Anschauen und
männlichem Nachdenken würden nicht bei so einer Gelegenheit die Augen eines
Philosophen dem hohen Berufe weiblicher Schönheit bis auf den kleinsten zwar
aber in dem großen Brennspiegel der Natur wirksamsten Fünkchen nachspüren Wie
würde die Betrachtung Seelen wie die eines Haller Büffon und Harvei
erschüttern dass der Schöpfer und Regierer unzähliger Welten die Erhaltung der
unsrigen einem kaum merkbaren Atom übertrug und in seiner Dämmerung den Zunder
verbarg der die erloschenen Menschengeschlechter zu neuem Aufleben wieder
anzufachen und ohne es selbst zu ahnden alle Jahrhunderte zu einer ewigen
Fortdauer aneinander zu reihen geschickt ist Und einer elenden unverständigen
Dienstmagd die wenn das Glück gut ist höchstens aus seiner Strahlenbrechung
wie aus dem flatternden Gewebe ihrer Spinnen nur gemeine Tageserscheinungen zu
folgern weiß konnte ein abgeschmacktes Herkommen ohne Zuziehung wenn auch
nicht des dabei am meisten interessirten Teils doch wenigstens eines
LandesDeputirten die richterliche Gewalt einräumen unwidersprechlich zu
entscheiden  Pardon junger Herr wenn ich aus Ehrfurcht gegen eine angehende
Landesmutter den Schleier der Allegorie über die heiligen Urkunden werfe  ob
dem himmlischen Meteor schon in der laufenden Stunde oder erst nach mehreren
Mondwechseln oder gar nicht der Eintritt in den ehelichen Tierkreis zu
gestatten sei Während der nächtlichen Beleuchtung dieses Zweifelknotens betet
für dessen fröhliche Auflösung der Hofkapellan zu Bekräftigung seines am
Traualtare darauf abgezielten Segens Auch die geheimen Staatsräte bleiben in
dieser mystischen Nacht in banger Erwartung so lange versammelt bis ihnen eine
Botschaft der wachtabenden Fee aus ihrem Schlupfwinkel kund tut »Das
allsehende Auge der Vorsehung habe die prophetische Sehkraft der ihrigen
vollkommen gerechtfertiget Die Herren könnten nun getrost auseinander und
schlafen gehen ihre politischen Hoffnungen wären durch den schönsten Erfolg
gekrönt«
    Und wie der Pöbel zu Neapel in Staatsbedrängnissen vor den Pforten des
Tempels der das Wunder seines Aberglaubens  das verdickte Märtyrerblut des
heiligen Januarius in einer goldnen Kapsel verwahrt knieend der Ankündigung des
Prälaten entgegenharrt dass seine Fürbitte bei Gott es endlich zum Fliessen
gebracht habe  so belagert auch hier der unruhige Volkshaufe die
geheimnisvolle Burg so lange bis die Turmwächterin zum Zeichen dass die
Wohlfahrt ihres Landes fester als die so vieler andern gegründet und das
altweltfürstliche Haus durch einen neuen Tragbalken vor seinem Einsturze
gesichert sei  zu ihrem Fensterladen eine brennende Laterne aushängt  Sie
können wohl denken mein Herr wie der allgemeine unerträgliche Lärmen beiderlei
Geschlechts den die Gauklerin so gewiss wieder als die vorigen beiden Male wo
es meine eigenen Ohren empfanden in der Residenz veranlassen wird manchen
ehrlichen Mann den nicht etwa selbst die Umarmung einer Geliebten munter
erhält in dem Schlafe stören muss Unbegreiflich ist es daher gar nicht warum
sie in einem Wirkungskreis von so bedeutendem Umfange mehr Ehre und Besoldung
genießt als der erste Minister Auch trägt sie die Nase höher als er und damit
sie ja in ihrem Amtsgeschäfte keinen Schein von Beweisen übersehe auf die sich
ihr Richterspruch gründet trägt sie noch obendarauf eine Brille »Quaprès
demain  Dieu le grand Dieu confonde« Hier stampfte er mit dem Fuße und wischte
sich den Schweiß von der Stirn Ist der Mann toll dachte ich Was in aller Welt
geht dich doch die alte Runkunkel samt ihren Deutereien ihrer Brille ihren
prophetischen Spinneweben und was geht dich vollends der alte Groll an den er
Gott weiß aus welcher Ursache gegen sie gefasst hat 
    »Aber lieber Kammerherr« wendete ich mich lächelnd an seine verstörte
Miene »was hat es denn nun eigentlich für eine Bewandtnis mit der Kapelle die
Ihnen über dem alten Weibe ganz aus den Augen gekommen ist«  »Diese steht«
kam er endlich wieder ins Gleis »außer jener Blindschleiche die einen Tag um
den andern dort herum kriechen und kehren muss unter dem alleinigen Verschluss
des jedesmaligen Regenten zu der er nach dem Testamente seines Ahnherrn sogar
seinem Sohn und Erben den goldnen Schlüssel nicht eher als in der Stunde seines
Beilagers anvertrauen darf Zugleich wird dem jungen Prinzen aus dem Hausarchive
eine von dem ersten Stammvater entworfene Schrift versiegelt eingehändiget die
er den Morgen darauf auch mit seinem Petschafte bedruckt wieder zurückliefern
muss  und die was glauben Sie wohl den Neuvermählten unter den drohendsten
Beschwörungsformeln verbietet das hochzeitliche Bett zu besteigen bevor sie
nicht in der hinter der Tapete verborgenen Kapelle ihre Andacht verrichtet
hätten  Trotz des heftigen Gegenstosses von widereinanderlaufenden
Empfindungen den ein so unerwarteter Befehl bei Jedem hervorbringen muss dem er
in dem kostbarsten Augenblicke seines Lebens in die Ohren gerasselt kommt ist
nun schon seit undenklichen Zeiten dieses sonderbare Herkommen wie ein
elektrischer Schlag von Vater auf Sohn in dem festen Glauben übergegangen dass
an dessen gewissenhafter Befolgung das Glück des Fürsten und die Wohlfahrt des
Landes gebunden sei so wie es nicht umsonst durch die Zeichen und Wunder
verkündiget worden sei die den begeisterten Augen der unzähligen Sibillen im
roten Turme vorüberzogen Lange wähnte man der mysteriöse Turm verwahre
unter Aufsicht eines weiblichen Drachen das Arkanum der Adepten Da sich aber
ein Finanzminister nach dem andern erbot den Ungrund dieses Gerüchts aus den
Kammerakten dazutun so würde sich noch keine Seele rühmen können das
Geheimnis erforscht zu haben hätte sich nicht das liebe Ungefähr ins Mittel
geschlagen Der jetzige Herr der den Hang seiner nun in Gott ruhenden Gemahlin
zur religiösen Einsamkeit kannte ließ ihr da er eben auf die Hirschbrunst
verreiste den goldnen Schlüssel zu der abgelegenen Kapelle zurück um sich
durch frohe Erinnerungen an ihre hier genossenen glücklichen Stunden über seine
Abwesenheit zu trösten Was er aber nicht erwartete geschah Die Hochselige
verlor ihn eines Morgens am Eingange der heiligen Halle Ein Kamerad und
Blutsfreund von mir fand und hielt ihn für den seinigen und versuchte ihn an
dem zugehörigen Schloss das er ohne Mühe öffnete der Zufall dachte er soll
mir nicht umsonst diesen Fund in die Hände gespielt haben und so bemächtigte er
sich der so viele Seculn hindurch verheimlicht gebliebenen Wahrheit mit
innigster Freude und bei der langen Entfernung ihres rechten Besitzers mit
aller Bequemlichkeit Einst in einer traulichen Abendstunde entdeckte er mir
sein Abenteuer unter dem Siegel der Verschwiegenheit Auch sind Sie der erste
dem ich es unter gleicher Bedingung aufs Herz binde Nach der Beschreibung
meines lieben Vetters sollte man die fensterlose Rotunde eher für das Museum
eines Liebhabers der Kunst als für ein Betzimmer halten denn mit diesem hat
sie nur eine entfernte Ähnlichkeit Sie ist mit einem gläsernen Kuppelgewölbe
überspannt durch welches in der Nacht die Sterne magisch herabschimmern Doch
scheint es der verständige Erbauer habe aus eigener Erfahrung sehr richtig
geschlossen dass die beiden hieher verlockten Andächtigen sich und das Irdische
nicht so weit aus den Augen verlieren würden um nach dieser eine Weile
angestaunten äterischen Beleuchtung nicht auch einer ihren menschlichen Sinnen
behaglicheren entgegen zu sehen  und in diesem wohlberechneten Augenblicke
bricht wie aus einem Krater eine Lichtmasse aus der Tiefe des roten Turms
herauf die ihre dunkeln Ahndungen aufklärt und zugleich indem alles was sie
umgibt Farbe und Beleuchtung erhält eine Sammlung trefflicher Malereien
bestralt die ihre bänglich gestimmten Herzen auf einmal belehrt was Gott
Natur und Fürstenpflicht in dieser feierlichen Stunde von ihrem Dasein
verlangen Nun frag ich Sie selbst mein Herr ob einem mit diesen ernsten
Anforderungen unbekannten Kinde nicht grün und gelb vor den Augen werden muss
wenn es so ohne alle Vorbereitung in solch einen Zauberstrudel gerät gegen den
die glänzendste Oper nur eine Armseligkeit ist Die übrigen Verzierungen dieses
Heiligtums bestehen in zwei großen Wandspiegeln die von dem Fuße des sammetnen
Teppichs auf bis an das obere Gesims steigen und alles auffassen und treu
abgebildet zurückgeben was sich ihrem Strahlenkreis nähert An den beiden
Seiten eines jeden blinket eine niedliche Handbibliotek hinter vergitterten
Schränkchen hervor über die Genien und Amoretten von kararischem Marmor Wache 
statt des Gewehrs aber ein blau seidnes Schnürchen in der Hand halten das die
matterzigste nur mit einem Finger anziehen darf um diese reichen Schätze
geistiger Erholungen zu entriegeln In der Mitte der Rotunde bläht sich ein
einzelner elastischer Sopha dem Hochaltare gegenüber auf welchem in einem
ziemlich abgenutzten Einbande gleich dem Buche des Schicksals die Annalen des
Fürstlichen Hauses bis auf die leeren Blätter aufgeschlagen da liegen die zur
Fortsetzung bestimmt sind Am Anfange des Werks steht die Vorrede von der eignen
Hand des Stifters Mein Vetter hat mir eine Abschrift davon gelassen die ich
Ihnen gelegentlich zum Versuch mitteilen will ob es Ihnen besser gelingen wird
als mir das Kauderwälsch zu enträtseln« Hier schien es dem guten Manne
einzufallen dass ihn wohl der Zeitungsartikel zu einer größeren Schwatzhaftigkeit
möchte verführt haben als einem pensionirten Kammerherrn anstünde  er legte
auf einmal das Blatt verdrießlich auf den Tisch griff nach Hut und Stock und
eilte nach der Tür »Warten Sie nur einen Augenblick« hielt ich ihn auf »bis
ich meinem Bedienten geklingelt habe um Ihnen nach Hause zu leuchten
Unmassgeblich könnten Sie ihm auf seinem Rückwege die versprochene Vorrede
mitgeben wenn Sie solche bei der Hand haben« »Wohl« sagte er und verließ
mich Bald darauf händigte mir mein Laternenträger die Handschrift ein Ich
hatte mich inzwischen in mein Studierstübchen zurückgezogen und ohne dass ich
prahlen will war mir nach drei Stunden mit Hilfe meines Glossariums eine
verständliche Übertragung der alten Urkunde in reineres Deutsch so vollkommen
gelungen dass ich vor Freude den Kammerherrn hätte küssen mögen denn erst jetzt
sah ich um wie ungleich mehr mir seine Unkenntnis in den Schriften der Vorzeit
wert war als sein im Grunde verworrenes Geschwätz Der Stiftungsbrief des
edelen Erbauers jener Kapelle enthält neben manchen andern Vorschriften einen
ungemein treuherzigen Zuruf an seine männlichen Nachkommen Man sieht in jeder
Zeile wie gut er es mit ihnen meint und wie viel ihm an der echt ritterlichen
Fortpflanzung seines Geschlechts gelegen sei  und obschon die
Sicherheitsmassregeln die er ihnen bei der Wahl ihrer Ehehälften empfiehlt von
unsern verfeinerten Sitten so himmelweit abgehen als das Heldenbuch von Gessners
Idyllen so kann man doch bei den Grundsätzen von denen er ausgeht höchstens
die Achseln zucken und lächeln ohne gerade seine Ansichten zu verwerfen  So
bestimmt er zB eine jährliche ExtraSteuer zum Gehalt einer erfahrnen und bis
ins Grab verschwiegenen Matrone die er vor der standesmässigen Übergabe seiner
Verlobten zur Beglaubigung ihrer jungfräulichen  und nachher zur Bewachung
ihrer Würde als Landesmutter ohne Einfluss ihrer Oberhofmeisterin angestellt
wissen will Diese Stelle seiner Vorrede mit allen den einzelnen Anweisungen
die ich jedoch vor der Hand noch übergehe gab mir einen ganz andern Begriff von
den Pflichten der ehrwürdigen Bewohnerin des roten Turms die mir kurz vorher
der Kammerherr mit so grellen Farben schilderte
    Während dem Entziffern der gotischen Buchstaben der veralteten Urkunde war
der Wunsch bei mir rege geworden die beiden Pilger vor dem Eintritt in die
Kapelle persönlich kennen zu lernen
    Meinst Du nicht auch dass es in unsern moralischen sowohl als physischen
Studien einen eignen Spaß macht wenn wir bei der Puppe eines Zwiefalters die
scheinbar tot vor uns liegt die Farbe seiner Flügel und die Lebhaftigkeit
vorher zu erraten gesucht haben mit der wir ihn nach seiner Ausbildung dem
ängstlichen Naturzwange entschlüpfen und erstaunt über seine schöne Verwandlung
mit funkelnden Augen dem blühenden Jelänger jelieber zuflattern sehen Jung wie
ich damals und sehr geneigt zu so einem Gedankenspielwar kam es mir auf eine
Reise von ein paar Meilen nicht an um mir einen so unschuldigen Zeitvertreib zu
machen
    Ich entschloss mich kurz ließ meinen Staatsrock einpacken und richtete es so
ein dass ich am Abend vor der Festlichkeit in der Residenz eintraf 
    Aber hier wo ich vor dem grünen Lorbeerbaum still hielt schien es als ob
mein guter Genius Zeit und Ort so richtig abgemessen hätte um mir das Vergnügen
einer wohltätigen Handlung zu verschaffen die zehn Schritte weiter nicht
mehr möglich war Denn in dem Augenblicke da ich den Schlag meines Wagens
hinter mir zuwarf war eine in schwarzen Flor verkappte Fremde im Begriff aus
dem ihrigen zu steigen verfehlte aber den Tritt und hätte ohne mein schnelles
Zuspringen Gott weiß welchen hässlichen Fall auf das Steinpflaster getan
    Vor Schrecken konnte sie nur einsilbige Danksagungen herstammeln Sie
zitterte noch an meinem Arme den ich ihr ohne noch zu wissen wie jung und
schön sie war aus bloßem Antrieb gemeiner Höflichkeit darbot um sie durch das
Gedränge des Gastofs hindurch in das Zimmer zu führen das man ihr anwies Ein
noch günstigerer Zufall machte mich hier  so verschieden sind bei aller
Familienähnlichkeit die verschwisterten Horen unsers Lebens  näher noch zu
ihrem Nachbar als ich es bei Klärchen geworden bin Das Haus war so von Fremden
besetzt dass mir der Wirt nur ein Hinterstübchen ohne Ausgang einräumen konnte
das von ihrem Zimmer bloß durch eine Tür getrennt war die man jedoch von der
einen wie von der andern Seite verriegeln konnte Der Fehltritt des wie ich nun
sah höchst lieblichen Mädchens erleichterte ungemein unsere Bekanntschaft 
Wir wechselten zuerst unsere Namen gegen einander aus  Der ihrige sagte sie
den sie vor achtzehn Jahren in der heiligen Taufe erhalten sei Amanda  Der
ist doch erwiderte ich um das Gespräch in Gang zu bringen teils
sonorischer teils passender als so viele die jetzt Väter die Mode haben
ihren Töchtern beizulegen wie sie ihnen der erste beste Roman an die Hand
gibt als zB Fredegunde Hildegarte oder Aloisia Sigea und dergleichen 
    Mittlerweile wurde ein Esstischchen mit zwei Kouverts hereingetragen Ich sah
sie fragend an  sie schien nichts dawider zu haben  und ich noch weniger Wir
hatten einander schon abgemerkt dass jedem eine andere Gesellschaft lieber wäre
als seine eigene Ehe wir uns noch vor unserer Erdbeerkaltschale niedersetzten
erfuhr ich schon so viel dass sie in Geschäften hier sei die ihr wohl nicht so
leicht jemand ansehen würde
    Aber jetzt bevor ich zu den grünen Erbsen übergehe die ich ihr vorlegte
und mit Zucker bestreute bitte ich Dich und Euch alle Ihr politischen
Schleichhändler die Ihr wohl öfter als ich krumme Wege einschlagen und
Schreiber Minister und Generale bestechen müsst um hinter Dokumente zu kommen
die in Euren Kram taugen für das Folgende um eine mehr als gewöhnliche
Aufmerksamkeit Es wäre doch möglich dass sich etwas einem grano salis
ähnliches darin fände mit dem Ihr die Suppen würzen könntet die Ihr für Euren
Herrentisch zu kochen habt
    Eben da ich für die schöne Unbekannte am Schluße unsers gemeinschaftlichen
Mahls die Flügel eines Rebhuhns abgelöst hatte und nur die beiden Beine für
mich behielt schien sich alles fremdartige unter uns zu verlieren Sie trat mir
auf einmal  vermutlich um mich nicht länger in Ungewissheit zu lassen ob sie
mit der ich so ungleich teilte der Leckerbissen auch wert sei die mir schon
genügten wenn sie ihr schmeckten  ja ehe ichs nur von ferne ahnden konnte
trat sie mir  erstaune Eduard  in dem Nimbus einer so blendenden Würde unter
die Augen dass ich nicht sogleich wusste was ich mit der Ehrerbietung und
Hoffnung anfangen sollte die sie mir einflößte denn dieses reizende Mädchen 
denke nur  war nichts geringeres als eine bevollmächtigte Gesandtin der ersten
Klasse wie ehemals die Prinzessin Ursini  Ich traf so auffallende
Berührungspunkte unter beiden an dass ich meiner schönen Tischgenossin auf keine
Weise zu viel Ehre antue wenn ich sie der verschmjetztesten Unterhändlerin des
vorigen Jahrhunderts an die Seite stelle  mit Ausnahme der allzugrossen
Verschwiegenheit welche die Neugierigen im Wiener Kabinet jener hochmütigen
Frau vorwarfen Ich würde an meiner Gesellschafterin das offenbarste Unrecht
begehen wenn ich sie dieses Fehlers der Unterhaltung beschuldigen wollte dafür
bewahre mich die Erinnerung ihrer allerliebsten Offenherzigkeit  Genannte
Prinzessin  wirst Du Dich wohl noch aus ihrer Geschichte erinnern  war
heimlich beauftragt Staatsgeheimnisse eines fremden Hofs auszuforschen und sie
dem ihrigen zu verraten Amandchen mit ihrer Instruktion war in demselben
Falle 
    Ich hätte wäre es darauf angekommen  meine Parallele zwischen diesen
beiden wichtigen Personen sehr weit ja bis zum spanischen Successionskrieg
ausdehnen können der nicht zu seiner ewigen Schande das Brandmal seiner
Veranlassung das Blutzeichen seines Ursprungs so offen an der Stirn tragen
würde hätte man auch die kluge Vorsicht des mehrmals schon gedachten und
gepriesenen Ahnherrn angewandt die teterrima belli causa vorher ehe es zu
spät war von verständigen Matronen beleuchten zu lassen Die Vergleichung ließe
sich noch weiter bis zum Baadner und Utrechter Frieden fortsetzen  denn in
allen diesen wichtigen Weltändeln hatte die schlaue Französin ihre Hände im
Spiel so gut wie jetzt Amandchen die schönen ihrigen in dem Krieg und Frieden
des künftigen Sonntags  Ich wünschte Dir dies alles nicht nur deutlicher
sondern auch so anschaulich zu machen als es mir in dem süßen Augenblicke wohl
werden musste wo meine Ohren dem Tenor ihrer Stimme meine Augen der
Geschicklichkeit ihres Atemzugs nachspürten der manchmal wie der Zephir auf
einem Schmerlenbach an dem Oberteile ihres Muselins mit ein paar Wellenlinien
spielte die meiner Aufmerksamkeit beinahe eine andere Richtung gegeben hätten
Mir kam es zugleich vor  doch kann ich mich irren  als ob die kleine
Gesandtin sich nicht ohne Grund mehr auf die Wunder ihrer achtzehn Jahre als
auf die Würde ihrer Mission zu Gute täte und ich versprach ihr heimlich mich
danach zu richten  denn wenn sie mich die reichhaltige Tiefe jener nur
erraten ließ so enthüllte sie mir hingegen diese wie sie sich selbst
ausdrückte bis auf die Gräten
    »Damit Sie doch« fing sie mit einer eben so artigen als rührenden Wendung
an » auch erfahren wer eigentlich die junge Person ist der Sie als ein
schützender Engel in dem schrecklichsten Moment ihres Lebens zuflogen  ach es
durfte nur noch einer vergehen und es lag ein gutes Mädchen vom gesundesten
Gliederbau und erträglichem Äußern zerschmettert zu Ihren Füßen  so darf ich
kein Bedenken tragen meinem so großen Wohltäter im Vertrauen zu eröffnen dass
ich bei der lieben Prinzessin die morgen Nachmittags zu ihrer Vermählung hier
erwartet wird mehr die Stelle ihrer Freundin in der weitläuftigsten Bedeutung
des Worts als dem Titel nach die ihrer Kammerjungfer vertreten habe« 
    Diese unerwartete Nachricht brachte mich so ganz aus meiner Fassung dass ich
in diesem Augenblicke höchst verlegen war welcher von ihren beiden schönen
Eigenschaften ich vorzüglich huldigen müsse Schon diese Verhältnisse fuhr sie
fort können es erklären warum die Fürstin Frau Mutter dem Wunsche ihrer
geliebten Tochter gemäß  damit sie doch eine alte Bekannte in der Stadt fände
mit der sie ein Wort allein schwatzen könnte  mich heute schon und um so viel
lieber hieher schickte weil ihr selbst zu viel daran liegt bald zu erfahren
wie ihrem furchtsamen Kinde die erste Nacht außer dem älterlichen Hause
vergangen sei Das werde ich nun freilich umständlich genug in der Audienz
hören die sie mir den Morgen nach ihrem Beilager erteilen will denn das gute
Kind kann nun einmal nicht das Geringste vor mir auf dem Herzen behalten 
    Ach Gott gebe nur seufzte ich heimlich dass kein ungünstiger Ausspruch der
Turmwächterin der Braut den Eingang in das Allerheiligste versperre und deine
ganze schöne Gesandtschaft mein gutes Amandchen zu Wasser mache 
    »Ob ich nun zwar fuhr sie mit vielem Anstande fort gar wohl einsehe dass
die pünktliche Ausführung eines so kitzlichen Geschäfts bei welchem sich wohl
selbst die gelehrtesten Männer ungeschickt benehmen würden nur einer Person
möglich ist die das gute Kind von seinen Windeln an gepflegt und sein Zutrauen
in so hohem Grade erworben hat als meine Wenigkeit so gestehe ich Ihnen doch
dass ich der Ehre dieses geheimen Auftrags gern überhoben gewesen wäre
Schicklicher würde es ohnehin sein die Tochter entwickelte der Mutter die
beklommenen Gefühle ihrer Seele in einem Handbriefchen aber beide wissen wir es
nur zu gut wie viel sie mit der Feder vermag  und nun vollends mein Gott
nach einer so ungewohnten Veränderung Leider muss ich sonach der armen Kleinen
zum Sprachrohr dienen  das ihre Ohrenbeichte aufnehmen und weiter bringen soll
es mag mir auch noch so himmelangst davor sein«
    Diese kleinmütigen Äußerungen einer Herzensfreundin und langjährigen
Kammerjungfer der jungen Verlobten versprachen mir schon nicht viel tröstliches
über die heiligen Urkunden zu hören auf die es hier ankam aber meine Besorgnis
stieg noch um vieles höher je seltener sich das naive Amandchen des
allegorischen Schleiers bediente den der alte Hofmann darüber geworfen hatte
    Doch um sie nicht stutzig zu machen hütete ich mich weislich sie vor der
Hand von meinem Selbstgespräch mehr merken zu lassen als mir in Rücksicht des
Plans dienlich schien der sich nun unter meinem Scheitel zu bilden anfing 
Ich rief dafür den Aufwärter uns ein paar Gläser Punsch zu bringen diese
taten auch redlich das ihrige 
    Mit einer nachdenkenden Miene die ihrem Gesichtchen recht artig ließ  und
während sie von dem warmen Getränk nippte hob sie ihre blauen Augen in die
Höhe und schüttelte das Köpfchen Nein  schien es ihr nicht länger möglich zu
sein ihren innern Ärger zu unterdrücken  nein es ist unverantwortlich wie
die beiden Höfe die vierzehnjährige Dame behandeln Nicht eher als gestern mein
Herr beim Frühstück von dem ich nicht glaubte dass es das letzte von mir
aufgetragene sein würde wurden ihr die Ansprüche des Prinzen auf ihr Persönchen
bekannt gemacht und der Ehekontrakt vorgelegt um ihren Namen darunter zu
kritzeln Ich dachte der Schlag würde mich rühren als ich ihr die Feder
eintunken musste Schon vier Wochen lag er hinter ihrem und meinem Rücken
ausgefertiget in dem Kabinette des Fürsten als ob unser eins nicht besser
beurteilen könnte als Eltern und Minister was  hier fiel es ihr ein noch
einmal an den Knöcheln des Feldhuhns zu knaupeln das sie schon weggelegt hatte
und vergaß darüber den Nachsatz auf den ich doch so begierig war
    Die kindischen Tränen  knüpfte sie nach einem Weilchen den Faden ihrer
Erzählung wieder an  welche die arme Unbefangene vergoss fruchteten eben so
wenig als unsere triftigsten Vorstellungen Ihre gewiss erfahrne
Oberhofmeisterin sagte es der Fürstin ins Gesicht dass der Übersprung ihrer
Tochter aus der Schulstube in die Lehrstunden des Brautbetts ein wahrer salto
mortale sei Possen antwortete Ihr Durchlaucht  jener Hof der um unser
Jettchen geworben hat ist nach einem alten Hausgesetz verbunden keine zu
wählen die älter ist Uns bleibt nichts übrig als der Grille nachzugeben Der
Fehler ihrer Jugend wird nach Jahr und Tag nicht mehr sichtbar sein  und was
müssten verständige Leute von der Einsicht eines Fürsten denken der solcher
Lappalien wegen eine so vorteilhafte Verbindung ausschlüge  Die Länder beider
Herren stoßen an einander und ich wette in zweimal vier und zwanzig Stunden
gibt es keine Gränzstreitigkeiten  keine Pyräneen mehr 
    An dem Leitband einer solchen Politik wird nun morgen das unschuldige Kind
einem Manne in die Hände gespielt  das ist noch die Frage dachte ich  den es
weder gesehen noch von dessen Vorhaben mit ihr sie auch nicht den geringsten
Begriff hat Ich bitte Sie um Gottes Willen mein Herr was soll aus so einer
Heirat kluges herauskommen Mit dem Prinzen ist es freilich etwas anders  der
hat ihre großen Augen ihren sittsamen Anstand und ihren herrlichen Wuchs schon
lieb gewonnen als er wie es nun verlautet incognito in einem grauen
Überrocke ihrer öffentlichen Konfirmation beiwohnte Sie war auch damals zum
Verlieben  Ich hatte sie auf das schönste herausgeputzt ein wenig geschminkt
und sie fiel der ganzen Gemeine in die Augen  ich aber wusste am besten was
dahinter steckte  dafür kann aber auch niemand neugieriger auf übermorgen sein
als ich  Außer mir  fiel ich der kleinen Verräterin unbedachtsam in die Rede
und ließ um ihr zu zeigen dass ich wohl auch Geheimnisse zu verschwatzen hätte
ein paar unverfängliche Worte von jener rätselhaften Kapelle fallen hätte aber
bald darüber meinen ganzen Kram verdorben denn wie ich sie auf die Mysterien
dieses Heiligtums fast so neugierig gemacht hatte als ich es selbst war  nur
unglücklicher Weise hinzusetzte ob die junge Prinzessin nicht billigen Anstand
nehmen würde ihre dort verrichtete Andacht den Ohren auch ihrer innigsten
Jugendfreundin Preis zu geben so brachte mein geäusserter Zweifel ihren kleinen
Gesandtenstolz in sichtbare Bewegung  Nun das wird sich zeigen antwortete sie
mir ziemlichschnippisch Ich kann nur ausrichten was mir die Tochter an die
Mutter aufgeben wird und wäre die Sache ja des Verschweigens wert so sollte
ich denken werden die einzigen drei Personen die davon Kunde haben es auch
wohl zu beobachten wissen  Das aber war eben der Stein des Anstoßes den ich
beseitigen musste denn wollte ich nicht auf halbem Wege stehen bleiben so
musste auch meine vierte Person mit ihren beiden Ohren ihren Anteil davon
bekommen Einer Schwätzerin gegenüber hat ein Aufpasser immer gut Spiel denn
unerachtet mir ihre schmollende Miene sehr deutlich zu sagen schien  du glaubst
mich zu überlisten guter Freund da musst du aber leiser auftreten wenn du das
Vögelchen nicht verscheuchen willst das du in deinem Sprenkel zu fangen denkst
 so ließ ich mich dadurch doch nicht irre machen Ich stimmte nur meine
Lockpfeife anders bald so bald so bis ich den Ton traf den es am liebsten
hörte Ein Wort für tausend Mein zu jener Zeit eigenes Glück mit dem
verschmitzten Geschlechte brachte es endlich dahin dass mir die
liebenswürdigste aller möglichen Gesandtinnen mit zitternden Lippen bebender
Brust das Versprechen zustammelte  von nun an nichts in der Welt mehr vor mir
geheim zuhalten es möchte auch daraus entstehen was Gott wollte
    Diesen glücklichen Ausgang wähnte mein stolzes Herz wird die schöne Fremde
bei aller ihrer Klugheit schwerlich geahndet haben  O ich eingebildeter Tor
der ich immer gewesen bin  Sie hatte ihn glaube ich schon bei unserer
Kaltschale vorausgesehen schon wie eine geübte Näterin beim Einfädeln des
Zwirns auf das letzte Knötchen gedacht So traulich als man nur in einer Kammer
ohne Ausgang sein kann schlang sie im Auf und Abgehen ihren weißen Arm um den
meinigen  Jetzt mein zudringlicher Herr fasste sie sich kurz noch ein
ernsthaftes Wort Ihrer unmässigen Neugier zu gefallen darf ich weder mein
Berufsgeschäft aus den Augen noch mit Verplaudern die Zeit verlieren denn mit
fürstlicher Ungeduld ist nicht zu spassen Nun habe ich aber so für mich im
Stillen vorausgesetzt dass Sie mich wenn ich hier abgehe wenigstens die Hälfte
Weges gern  nicht wahr Sie tun es gern  begleiten das hebt denn alle
Schwierigkeit Während ich mich in meinen Reiserock werfe bestellen Sie das
Anspannen  setzen Sich neben mir in meinen Wagen und lassen den Ihrigen so
lange leer nachfahren bis Sie Sich an den Lamenten meines Beichtkinds satt
gehört haben  Was sagen Sie zu meinem Plan  »Was ich dazu sage  liebes
vorsichtiges Mädchen  ich bewundere ihn und mache ihn in allen seinen Punkten
und Klauseln zu dem meinigen Kein Alberoni kein Choisel kein Kaunitz hätte
ihn in vorliegenden Umständen angemessener entwerfen können Wahrlich Sie sind
zu einem Gesandtschaftsposten geboren« Sie erwiderte meine Schmeichelei mit
einem herzlichen Händedruck und wir bestärkten noch  ehe sie die Tür hinter
mir verriegelte unsere gegenseitige Zusage so gut als durch einen körperlichen
Eid Ich warf mich so beruhigt so mit mir zufrieden auf meine Matratze wie
ein Spion der sich mit heiler Haut durch die feindlichen Vorposten geschlichen
hat Den Morgen nach dieser nächtlichen Verschwörung tranken ich und Amandchen
noch unsern Kaffee zusammen  dann dachte jedes an nichts weiter als durch
seinen Anputz der Einladung  ich an die fürstliche Tafel  sie an den
Kammertisch  Ehre zu machen Die Scheidelinie die uns den Tag über trennte
reichte doch nicht  das war unser Trost  bis zu unserer Nachbarschaft im
Gasthofe
    Mein Wunsch die ersten Akteurs des heutigen Duodramas kennen zu lernen
gelang vollkommen Ich kam dem Erbprinzen an seiner Tafel gegenüber zu sitzen
freute mich der schönen ritterlichen Gestalt und wünschte der Braut in Gedanken
Glück zu einem solchen Wegweiser nach der dunkeln Kapelle
    Die Ähnlichkeit mit seinem Herrn Vater  der sich aber nach einer kurzen
Erscheinung des Herkommens oder des Podagras wegen dem Feste seines Sohnes
entzog  beruhigte mich über den verlorenen Schlüssel seiner Frau Mutter
höchstseligen Andenkens  Wir tafelten in großer Eil  Der Nachtisch war noch
nicht in Ordnung gesetzt als ein SignalSchuss der die Annäherung der
fürstlichen Braut verkündigte uns alle von dem Konfekt hinweg an die Fenster
jagte Nach Verlauf einer ungeduldigen Viertelstunde kam sie  und ich faltete
wehmütig die Hände  dem roten Turme und seinem Zwinger vorbei in den
Schlosshof gerollt und alle unsere Herzen flogen ihr entgegen als der
glückliche Eroberer des ihrigen unter dem Lauffeuer der Kanonen und dem Geläute
der Glocken dies betäubte Kind der Natur aus dem Wagen hob So schön blass als
ich mir einen sterbenden Engel vorstellen würde wenn ein solcher sich denken
ließ reichte sie in ihrem Hochzeitsstaate ihrem nicht weniger geschmückten
Bräutigam zitternd die Hand und von dieser Minute an nahm meine Seele einen so
innigen Anteil an ihrer reizenden Unschuld dass wäre es mir nachgegangen ich
die heillose Kapelle gern dem gewöhnlichen Schicksal milder Stiftungen Preis
gegeben hätte
    So lange das Uhrwerk der Etiquette fortrasselte verloren sich alle meine
Blicke in den offenen Himmel der ihrigen  Ich trippelte an dem Schweif des
Hofstaats hinter ihr her als nach einer kurzen Pause der Erholung ihr Verlobter
diese blassblühende Rose aus dem Halbzirkel der hochfarbigen Mohn und
KlatschBlumen die ihr ohne Aufhören um die Ohren säuselten rettete und mit
dieser herrlichen Blume an der Hand sich in dem anstoßenden Zimmer dem heiligen
Mann näherte der sie an seine pochende Brust befestigen sollte  mit einem
Worte als der Prinz seine schöne Braut zum Traualtar führte Unaufmerksam auf
die  vermutlich stattliche Rede des Kapellans erbaute ich mich nur an der
Wirkung, die sie hervorbrachte an den kleinen köstlichen Perlen die den
andächtig gesenkten Augen der hingegebenen Jungfrau entfielen Ich bemerkte mit
innerem Schauder wie bei dem göttlichen Befehl Seid fruchtbar und mehret euch 
die Juwelen ihres Brautkranzes zitterten und als der Priester nach
Auswechselung der Ringe die Verbundenen für das weitere eingesegnet hatte und
ein allgemeines Amen die heilige Handlung beschloss welche Ausdehnung musste
dieses fromme Losungswort nicht bei mir  bei dem einzigen von der mittönenden
Gemeinde erhalten der die Verlegenheiten so genau kannte die es ihnen nach
Verlauf weniger Stunden zuziehen würde
    Unter dem Nachsummen der Orgel leitete uns der Stab des Obermarschalls in
das Panteon der fürstlichen Hausgötter  in den prächtigen antiken Speisesaal
Aus der Mitte der Hauptwand strotzte das Bildnis des bärtigen Stammvaters
hervor Über seinem Harnisch blinkte an einer goldenen Halskette der Binde und
Löseschlüssel zu dem Himmelreich seiner Kapelle den in den langen Nebenreihen
seiner beseligten Nachkommen eine nachbarliche Hand der andern zugereicht hatte
Ihre immer freundlicher werdenden Trachten spiegelten das allmählige Fortsteigen
zum bessern Geschmack aufs deutlichste ab und alle überstrahlte sie diesen
Abend ihr letzter Abkömmling mit glattem Kinn und gepudertem Haare in einem
goldstoffenen mit königlichen Adlern und andern Raubtieren verzierten Gewand 
eine Huldin an seiner Rechten die durch Glanz der Jugend die Anmut des
Putzes die ganze weibliche Linie der heimgegangenen Fürstinnen verdunkelte die
sich zwischen den festen Körpern ihrer Eheherrn gleich der freundlichen
Milchstrasse am nächtlichen Horizont  zwischen den Stieren Löwen Steinböcken
und Skorpionen durchschlängelte
    Wie Schatten aus dem Elysium schienen jene alten Ritter ernstaft auf das
heutige Prunkmahl herabzuschielen das statt der gewaltigen Schüsseln der
Heldenzeit  statt der Humpen und goldenen Becher nur mit Reizmitteln des
Gaumens  nur mit aromatischen Leckereien  ausländischen in krystallnen
Gefässen blinkenden Weinen und Spielwerken des ästhetischen Konditors besetzt
war  für Gäste und Zuschauer ein sprechendes Symbol unsers verfeinerten
Zeitalters das mit den Faustkämpfen und Turnieren unserer gediegenen Vorfahren
zugleich ihre männliche Ess und Trinklust an ihren Gelagen verdrängt hat Wie
geschwind würde sie auch wenn sie sich der Schmetterlinge die die
hochzeitliche Tafel umkränzten durch ein Wunder bemächtigte ihnen die bunten
Flügelchen  die zarten Fühlhörner zerknicken und das feine Nervensystem
zerreißen das ihre lustigen Körperchen zusammenhält Aber meine betrachtenden
Blicke hefteten sich vorzüglich auf sie  die in der Würde der Unschuld  unter
einem Tronhimmel  zur Seite eines liebefunkelnden Fürsten dennoch mein
Mitleiden erregte Ich schlich forschend den Bewegungen der reinen Seele nach
die sich aufs herrlichste in ihrem verschämten Gesichtchen abdrückte Bei jedem
Ermunterungsworte das sein Tenor ihrem Diskant zuflüsterte brachte das
Bewusstsein  heute Nachts ein Bette mit diesem Manne zu teilen aus der Tiefe
des Herzens bis über die bescheidenen Grübchen ihrer Wangen alle Blutkügelchen
in sichtbaren Aufruhr Unter ihren niedergesenkten Wimpern zitterte hinterher
noch die Angst dass die vielen Zeugen ihrer Errötung auch den gehässigen
Gedanken unartig errieten den sie sich so gern selbst verschwiegen hätte
Armes Kind dachte ich welche Unruhe würde dich vollends ergreifen könntest du
nur von weiten die Vertraulichkeiten ahnden in die ich gestern mit deiner
Busenfreundin geraten bin
    Nach drei lästigen Stunden die sie  die Königin des Festes trotz der
Künste des Kochs ohne Genuss und in der mit jeder Minute höher steigenden
bangen Erwartung welche MarterKrone ihr das Ende ihres Ehrentags aufsetzen
würde verseufzt hatte lockte die Göttin der Tanzkunst mit ihren harmonischen
Gehülfen die bunte Tischgesellschaft in die Erleuchtung eines blendenden
Marmorsaals Ein Chor reizender geputzter Nymphen an den Händedruck mutiger
Jünglinge gefesselt erwartete  sie alle denen noch der Strom der Jugend durch
die Adern brauste  erwarteten nur noch den Eintritt des gefeierten Paars um
ihre Annehmlichkeiten zu entwickeln und aus den Flügeln des hinschwindenden
Lebens Freude Beifall und Verherrlichung des Festes ihres zukünftigen Gebieters
zu erjagen Nur sie die schönste und edelste in dem strahlenden Kreis dem
Bilde einer nächtlichen Hore gleich die der verschwisterten Aurora zueilt 
eröffnete den Ball mit ihrem Lebensgefährten ohne Einklang mit seinem Frohsinn
und schwebte walzte und taumelte unter dem Nebel ihres Schicksals ohne
Teilnahme an unserer lärmenden Bewunderung
    Welch einen sklavischen Zwang mussten nicht während dieses sinnlichen Sturms
die Schlangen und Wellenlinien ihres zarten Körpers unter dem Panzer eines
reichen Schleppkleides erdulden  bis nach Vergang einer Stunde das traurige
Adagio zwischen einer langen Reihe brennender Fackeln wie bei einem
LeichenBegängniss die Ermattete zur Ruhestätte ihres ToiletteZimmers
begleitete
    Wiewohl sie nun an dieser letzten Station ihrer jungfräulichen Reise meinen
stillen Betrachtungen entschwand so leistete mir doch der Schimmer der
Wachskerzen deren eine auch ich ihr vortrug den beruhigenden Dienst dass ich
meine kluge Stellvertreterin dem lieben Kinde nachschlüpfen sah Wie die
verscheuchte Feldmaus der Fabel schlich ich mich nun aus dem Geräusch der großen
Welt zurück in den stillen Schatten des grünen Lorbeerbaums und harrte auf die
Ankunft meiner Vertrauten
    Jetzt dachte ich hat endlich der gebietende Stammvater die schöne
Urenkelin wo er sie haben will Die laufende Stunde ist die erste wo er sein
Puppenspiel mit ihr beginnt denn ich erinnerte mich aus seiner Vorrede ganz
dunkel einer Stelle die dahin Bezug hatte Ich holte mein Portefeuille und
suchte sie auf  sah aber zugleich wenn sie mir ganz verständlich werden
sollte wie notwendig es war einen Augenzeugen über die Umstände abzuhören
die er in seinem tollen Gehirne voraussetzt
    Ich kenne  sagte er  aus eigener Erfahrung  die muss doch sehr sonderbar
gewesen sein Eduard  das unerträgliche Frösteln denn so glaubte ich müsse das
veraltete Wort übersetzt werden das da stand ich aber in meinem Glossarium
durchaus nicht finden konnte  das die Reize so unbefangener Geschöpfe mit einer
Gänsehaut überzieht wenn sie zum erstenmal wie ein Krebs im Frühling die
Schaale abwerfen und ihr zartes Gewebe  ihre natürliche Aussteuer die mehr
wert ist als die reichste Morgengabe an Gold und Edelsteinen der Luft
aussetzen sollen
    Ihr guten Fräuleins  fuhr er zu faseln fort  lasst diesen albernen Schauer
der Euch so übel als einem mutlosen Knaben zu Gesichte steht der seinem Ritter
auf der Stechbahn das Schild vortragen soll  lasst dieses alberne Zittern in der
kalten Herberge Eurer Toilette zurück ehe Ihr die heiße Zone meiner Kapelle
betretet damit das hochgestiegene Barometer der Liebe das Euch gute Tage
verspricht nicht zum Gefrierpunkte herabsinke  Wie soll sich ein so
leidenschaftlicher Junge als ich hoffe dass meine Prinzen Enkel und Urenkel
sein werden benehmen wenn ihr Liebchen zitternd und bebend vor ihnen steht
und sich jedem Lichtstrahl zu entziehen sucht der ihr auf die Brust fällt 
Über solche Grimassen können Momente verloren gehen die für meine
Nachkommenschaft von den wichtigsten Folgen sind
    Ob ich gleich diese Stelle seines Hirtenbriefs zweimal überlas konnte ich
mich doch nicht über ihren wahren Sinn recht verständigen Desto mehr freute ich
mich auf den Kommentar den mir eine unverwerfliche Augenzeugin darüber geben
würde
    Dergleichen spitzfindige Grillen als diese ist gingen den turniersüchtigen
edelen Herren gewöhnlich durch den Kopf ohne etwas Übels dabei zu denken sobald
sie sich einfallen ließ in das Gebiet der Weiblichkeit einzubrechen wo sie
weder Weg noch Steg kannten Nur ein Spiessgeselle der grauen Ritterzeit der
seine Freiwerberei als eine Weglagerung  das Ehebett für einen Tummelplatz und
seine Auserwählte nur in dem Lichte einer gekaperten Christin betrachtete die
ein Sklavenhändler zu Tunis und Tripolis auf offenem Markte feil bietet  nur so
ein grob zugehauener Klotz auf den unsere Stammbäume errichtet sind konnte
jenes verschämte Frösteln einer zarten Haut anstößig finden das uns feiner
gestimmten Jünglingen wenn wir es nur öfter zu sehen bekämen als das
Wetterleuchten einer sittsamen Natur erscheinen und der moralischen
Sinnlichkeit die lieblichste Augenweide gewähren würde Ich saß vertieft in
diesen Gedanken als ich Amandchens Sänfte vor der Haustüre niedersetzen hörte
ihr sogleich entgegen eilte und sie in ihr heimliches Stübchen führte Hier warf
sie sich teatralisch auf einen Lehnstuhl Sie sehen mein Herr erhob sie ihr
sonorisches Stimmchen und zeigte zugleich auf ihr klopfendes Herz und ihr
flatterndes Halstuch in welchem Zustande ich mich befinde aber die vergangene
Stunde hat mich auch mehr angegriffen als irgend eine, die ich noch erlebt
habe Ich kenne doch auch ein wenig die Höfe aber der abgeschmackteste steht
gegen den hiesigen in Schatten Hier regiert kein Fürst sondern altes
Herkommen denn dies ist immer das erste und letzte Wort womit sie ihre
einfältigen Gebräuche entschuldigen
    Es war zum Erbarmen wie das bis zum Umfallen erschöpfte Kind aus dem
Fackeldampf heraus in das Putzzimmer trat wohin ich ihr nachschlüpfte Dort
empfing sie ein halbes Dutzend Dirnen von den niedrigsten Gesichtern an ihrer
Spitze eine ganz zu ihnen passende Matrone die das große Wort führte
    Ich erboste mich von weiten über die zwölf Hände die auf das
ungeschickteste die junge Dame ihres schweren Brautstaates entledigten Denn mir
 schnippte Amandchen die Finger  ließ die Närrinnen nur die Ehre des
Zusehens
    So weit entkleidet dass sie Atem schöpfen konnte führte man sie  und das
war noch das klügste wenn es lange gedauert hätte in ein hinter einem Vorhang
bereitetes aromatisches Bad worin man ihr jedoch  damit ja dem Prinzen die
Zeit nicht zu lang werden sollte höchstens acht Minuten vergönnte mit sich
selbst zu vertändeln Denn als diese verstrichen waren hob die alte Sybille die
Gardine und trat  denken Sie  mit dem Spiongesicht eines Visitators vor das
liebe schüchterne Kind das dem Bade entstiegen wie die Venus in meinem
Bilderbuche da stand und mit vorgestreckten Händchen sich in sich selbst zu
verstecken suchte
    Nur ein Wort  unterbrach ich die Schwätzerin  hatte die Frau nicht eine
Brille auf der Nase Ja wohl antwortete sie und noch dazu eine der
unverschämtesten die je unter Luchsaugen gesessen hat
    Holla dachte ich da haben wir ja die Wahrsagerin aus den Spinneweben in
ihrer ganzen Glorie Amandchen rief ich nun bin ich so gut wie zu Hause Das
ist mir lieb versetzte sie so will ich Ihnen wundershalber nur erzählen was
der Zigeunerin für sinnloses Zeug aus dem hässlichsten Munde ging als sie die
schöne Gestalt vom herrlichsten Wuchs und dem tadellosesten Gliederbau
abtrocknete
    Das ist doch einmal rief sie in ihrer tollen Bewunderung aus eine
Ausstattung wie sie nicht leicht einem fürstlichen Hause zugebracht wird
fahren Sie fort teuerste Prinzessin wie Sie angefangen haben das Glück des
Landes steht von nun an in Ihren Händen
    Unter diesem dunkeln Orakelspruch überreichte sie ihr das mit Spitzen
besetzte Brautemd und ordnete das übrige an
    Aber wie man eine junge Fürstin ankleiden muss war ihnen allen böhmische
Dörfer Sagen Sie mir mein Herr sind denn die Stecknadeln erst in neueren
Zeiten erfunden denn in diesem abgelegenen Winkel der alten Burg konnte mein
ungeduldiges Jettchen zu keiner gelangen um ihren Busenstreifen festzustecken
Ich zog zwei Karlsbader aus meinem Halstuch um ihr aus der Verlegenheit zu
helfen aber dem grämlichen Weibe mussten sie wie Ihnen gestern zu spitzig
vorkommen denn sie schlug mir sie aus der Hand unbekümmert dass mir darüber
wie Sie sehen die Zipfel auf die Achsel hängen
    Das alles möchte noch hingehen wie man ihr aber das Miederchen anlegte in
welchem sie die Nacht über glänzen sollte da kam das gute Kind aus seiner
Fassung
    Wie ich bitte Euch liebe Leutchen lispelte sie gegen die sechs
ungeschickten Mädchen  wie können denn die Schleifen die ihr so locker
bindet nur eine Stunde halten Doch das war so gut als in den Wind gesprochen
Statt aller Antwort griff das alte zauberische Weib nach einer Schnur die an
der Wand herab hing zog sie an und verursachte dadurch in der Nähe und Ferne
der alten Burg ein so durchdringendes Geklingel dass gewiss dem Taubsten die
Ohren davon gegällt haben  und zugleich taten sich in derselben Minute die
zwei Flügel zum Eingang in das Brautgemach von selbst auf
    Mir lief es ich versichere Sie eiskalt über den Leib
    Die Alte winkte uns  küsste zum Abschied die Hand ihrer neuen Gebieterin mit
einer so verfluchten anmassenden Miene als wolle sie ihr sagen ich bin es die
dich dazu erhob und meinen nachsichtigen Augen nur vergiss es nie  hast du es
zu danken dass dich schon heute der Hof und die Stadt für wehrhaft halten
    Darauf verbeugten sich auch die andern ich war die letzte die sich ihr
näherte und meine Blicke und meinen Händedruck hat ihr fühlend Herz ich weiß
gewiss verstanden Die Alte verließ nun mit steifem Schritte das Zimmer und das
arme Kind blieb nun ohne alle menschliche Hilfe so zu sagen zwischen Tür und
Angel stehen indem auch wir übrigen eine nach der andern uns trollten
    Ich empfahl meinen Liebling in einem stillen Gebet der Obhut des Himmels
eilte die Stiegen herunter und blickte noch einmal seufzend nach dem
verwünschten Turm vor dem Sie mir banger gemacht haben als Sie wohl denken
    Das lieber Herr Nachbar ist alles was ich Ihnen für heute zu vertrauen
weiß Meine Offenherzigkeit  ich gestehe es  hat mir Überwindung gekostet
Doch ich war ja  lächelte das gewissenhafte Amandchen durch einen körperlichen
Eid dazu verbunden das beruhiget mich Morgen  ach Gott was werde ich morgen
alles zu hören bekommen  frühstücke und bleibe ich in dem Vorzimmer meiner zur
Erbprinzessin erhobenen Pflegetochter bis sie mir Audienz gibt So bald ich
abgefertiget bin sehen wir uns wieder und das übrige haben wir ja schon der
Länge und Breite nach besprochen Unter dieser tröstlichen Aussicht auf den
folgenden Tag suchte nun jedes seine Erholung von der Unruhe des heutigen in den
Armen des Schlafs
    Blicke lieber Eduard nur nicht so verächtlich auf das
GarderobenGeschwätz das ich Dir meinem vertrauten Leser nicht umsonst so
weitläuftig ausgesponnen habe Die Plaudereien eines Kammermädchen und eines in
Pension gesetzten Hofschranzen sind wahre Gold und Fundgruben für jeden der
sich mit der histoire scandaleuse der vornehmen Welt befassen oder gar einer
solchen Wunderblume Glaubwürdigkeit verschaffen will als ich der Mühe wert
hielt Dir hier mit der Treue eines Linnée bis auf ihre kleinsten flimmernden
Staubfäden abzuzeichnen Mit den klug ausgedachten Ursachen warum der alte
Patron eine so überaus zarte Pflanze erst an die Luft gewöhnen will ehe er sie
in seinen Kunstgarten versetzt hat die angeführte Stelle aus seiner Vorrede
Dich schon bekannt gemacht Auch sie gehört zu den vielen Auswüchsen der
männlichen Phantasie seines Zeitalters  jener unbegreiflichen Zeit in der ein
Sanchez  Svarez  P Mato und ihres gleichen Folianten über die Jungfrauschaft
der Mutter Gottes mit Erlaubnis der Obern in Druck gaben  in öffentlichen
Hörsälen ihre anziehenden Schönheiten zergliederten und mit mystischem
Stumpfsinn nachgrübelten an virgo Maria semen ministrarit in incarnatione
Christi  Damals wo es Landessitte war dass in gemischten Gesellschaften edle
Ritter mit ihren Puder und Pumphosen auftreten konnten wie deren noch in alten
Rüstkammern hie und da zum Skandal aufgehängt sind und auf die kein noch so
freches Weib im Vorbeigehen einen Blick werfen kann ohne die Nase zu rümpfen
oder bis über die Ohren zu erröten  damals wo nach der gangbaren Mode die
ich bei meinem beständigen Lesen teologischer Schriften unerwartet in dem
Kommentar des berühmten Salmasius über die erste Epistel an die Korinter
umständlich beschrieben fand27 der Kopfputz des schönen Geschlechts so
sinnreich geformt war dass jeder der sich einer Dame näherte ihr gleich an der
Haube ansehen  und sich danach richten konnte  ob sie werehelicht  Wittwe
oder Jungfrau sei Ihr freundlichen sittsamen Augen wo habt Ihr Euch doch
damals hinflüchten können ohne vor Schrecken zurückzuprallen Wie mochte ein
ehrbares Fräulein ohne Empörung ihres Innern vor dem Spiegel ihre Locken so
legen wenden und kräuseln als es die Mode verlangte
    Was für Empfindungen müssen nicht das Herz einer Wittwe in den ersten
Trauertagen gefoltert haben wo sie das Wahrzeichen ihres vorigen glücklichen
Standes umkehren und es dem falsch freundschaftlichen Bedauern anderer Preis
geben musste die es noch prahlend umhertrugen In Betracht solcher
Geistesverirrungen und Anstösse gegen das zarte weibliche Gefühl ist die
Maßregel die der Graubart nahm um dem Brautschauer seiner Urenkelinnen
vorzubeugen eine wahre Kleinigkeit und dennoch stände mir nicht Amandchens
Zeugnis für die Wahrheit würde ich nimmermehr geglaubt haben dass es auf
deutschem Boden eine Fürstenburg gäbe wo ein so veraltetes Possenspiel noch
gesetzliche Kraft habe Welcher himmelweite Abstand jener trüben Tage von den
aufgeklärten unsern
    Die jetztlebenden liebenswürdigen Prinzessinnen so viel ihrer der
Staatskalender aufzählt  ich nehme die kleine aus die in der laufenden Stunde
den Fehler ihrer Jugend und Erziehung büßen muss wie wenig haben sie so bald
sie über das erste Dutzend Jahre hinaus sind von einem zu kalten Luftzug der
folgenden zu fürchten Das müsste ein Mikroskop aus der andern Welt sein das an
ihren entblößten Schwanenhälsen die geringste Spur eines Gänsehäutchens
entdeckte Nach ihrer ersten Andacht treten sie zu allem abgehärtet mit dem
nil admirari des Rousseau in die ihnen geöffnete große Welt Jede gibt sich
mit Recht oder Unrecht das Ansehen der erfahrensten ihres Geschlechts Sie
kennen den Rubicon aus den vielen Beschreibungen die sie vor Schlafengehen
gelesen haben zu gut um sich nicht  wenn man sie zum Überschwimmen einladet
scherzend dem Spiel seiner Wellen zu überlassen und sollte ja eine und die
andere bei ihrer Landung ein Frösteln überfallen so erregt es gewiss ein anderes
Schreckbild als das einer zu ritterlichen Überraschung an dem jenseitigen
Ufer Diese mutvolle Ergebung in ihr Geschick haben sie den aufgeklärten
Begriffen zu danken die sie aus der Schulstube mitbringen und die einen so
vorbereitenden Unterricht überflüssig machen als die Marquise de Prie der
Tochter des Roi bienfaisant und Braut eines in allen und jeden
Regierungsgeschäften unwissenden königlichen Neulings zu geben genötigt war28
und haben sie nicht ganz ohne Aufmerksamkeit dem Ballonspiele der Hofdamen mit
den aufgeblasenen windigen Herzen ihrer Anbeter zugesehen und nur ein wenig
besonnener als ein Schaf von dem Salze geleckt das ihnen zur Schärfung ihres
Züngelchens dergleichen philosophische Schriften als etwa die meinigen sind
vorstreute so wird ihre fein geschliffene kleine TaschenLorgnette das Eiland
auf das sie hinsteuern hinter dem vorliegenden Nebel so gut entdecken als
Kolumbus mit seinem Fernrohr die neue Welt
    Dafür setzen sich aber auch unsere gebildeten Fürstensöhne mit leichtem
Anstand über die grillenhaften Vorurteile ihrer ritterlichen Vorfahren hinweg
und weit entfernt gleich jenen ernstaft und gerüstet wie zu einem Zweikampf
auf Leben und Tod zum Puppenspiel der Liebe überzugehen schreiten sie nach
einem angenehmen Herumschweifen in den Irrgärten der Jugend zur Ehe wie zu
einer Ruhebank die ihnen unter den vielen aus dem Gesträuche zuwinkenden die
bequemste dünkt gleichgültig ob ein anderer hier etwa kurz zuvor ausgeruhet
oder gefrühstückt hat Genug für die ermüdeten Herren dass sie sitzen In dieser
glücklichen Lage nehmen sie den Blumenstrauß den ihnen ihre Gefährtin als ein
Weihgeschenk darbringt unbesehens und unbekümmert ob nicht das Knöspchen der
Centifolie ein Blättchen  die Aurikel ihren feinen Staub verloren  doch als
ein unbezweifeltes Unterpfand ihrer ersten Liebe mit eben so herzlichem Dank in
Empfang als die edelen Herren der Vorzeit nur dass sie ihn manierlicher
ausdrücken Diese zudringlichen Gedanken  umsonst schob ich meine Nachtmütze
hin und her um sie zu verscheuchen  kamen mir sehr zur Unzeit  Die beiden
Bundesgenossen mochten sich schon lange über ihr eigenes Glück verständigt
undwie guten Fürstenkindern geziemt die daraus entspringende Wohlfahrt ihres
Landes treulich besorgt haben ehe ich einschlief Ich tat die besten Wünsche
für ihre Zufriedenheit die mir noch auf den Lippen schwebten als ich mit
Aufgang der Sonne erwachte Desto eilfertiger war ich nunmehr mit meinem Anzug
und meinen kleinen Geschäften Ich berechnete mich mit dem Wirt und berichtigte
freigebig nebst meiner auch Amandchens Zeche Es war das wenigste was ich aus
dankbarer Rücksicht unserer verträglichen Nachbarschaft für sie tun konnte 
dann nahm ich Abrede mit unserm Kutscher musste aber noch zwei ungeduldige
Stunden das Fenster hüten ehe das schwatzhafte Vögelchen ihrem Bauer
zuflatterte
    Nun meine teure Freundin trat ich ihrem heitern Gesichtchen entgegen 
Sie legte aber ihre Finger auf den Mund winkte mich in mein Stübchen zurück und
verriegelte das ihre So bald sie ihre Hofmaske abgelegt hatte standen auch
unsere angespannten Wagen vor der Haustür unter dem Schatten des Lorbeerbaums
    Ohne uns um die Ferngläser der Fremden zu bekümmern die uns einsteigen
sahen fuhren wir so eilig davon als fürchteten wir ein Hindernis von Seiten
der Polizei und drückten einander stillschweigend die Hände bis wir die Stadt
ihre Ehrenpforten von gestern und die fürstliche Burg mit dem roten Turm im
Rücken hatten Jetzt rief Amandchen dem Kutscher zu langsam zu fahren
schmiegte ihr Köpfchen an meine Brust und ließ mich nun um es kurz zu machen
so frei als in ihre eigene in die Herzenstiefe einer Prinzessin blicken als
wohl noch keine so traulich beredt und rührend die Szene ihrer Weihe der Mutter
entwickelt hat
    Mein Puls kam nicht eher zur Ruhe bis kein Wörtchen kein Komma kein
Pünktchen mehr an dem kindlichen Bericht fehlte Die kleine Malerin bildete ihr
Original so sprechend nach dass sie mich sogar mit mehr als einer Kopie des
warmen Kusses beschenkte den ihr die entschiedene Erbprinzessin zum Abschied
auf die Lippen gedrückt hatte Er zitterte so herzlich auf den meinigen wieder
als ob es der lieben Geberin ahndete dass es trotz unsers gegenseitigen
Versprechens der letzte Tauschhandel unserer freundschaftlichen Gefühle sein
würde Nunmehr leiste ich auch völlig Verzicht darauf denn da  um es im
Vorbeigehen zu erwähnen seit jener Epoche die damals so anspruchslose
schüchterne Prinzessin schon zehnmal Mutter geworden ist und auf ihren Lorbeern
ausruhen könnte läge ihr nicht eine häusliche Sorge auf dem Herzen die täglich
größer wird sie sieht ihren Liebling den ersten Sprössling jener mystischen
Nacht traurig sein schönes Haupt hängen ohne dass es ihr gelungen ist es
aufzurichten  die Kapelle wird seit verschiedenen Jahren nicht mehr besucht 
wie gern würden die liebenden Eltern dem Sohn den goldnen Schlüssel überlassen
bände ihnen der Stiftungsbrief nicht die Hände denn bis jetzt haben sie sich
noch immer vergebens an den Höfen nach einer Fürstentochter umgesehen die eben
so unbefangen so wenig erfahren und unterrichtet wäre als es die Mutter vor
ihrem Eintritt in die Kapelle war  so hat sage ich die Zeit in ihrem
Umschwung nebst so manchem andern meiner Wünsche auch die Sehnsucht nach jener
liebenswürdigen Gesandtin verzettelt  und ich würde tüchtig erschrecken wenn
sie mir auf meiner Retourreise von Klärchen irgend in einem Gasthof begegnete
Als ich neben ihr in dem Wagen saß der durch ihren Fehltritt mir so lieb
geworden war die Fenster aufgezogen und die Stores herabgelassen hatte konnte
ich freilich nicht glauben dass ich zwanzig Jahre nachher mich ihrer in Avignon
so gleichgültig erinnern würde Vom Anfang bis zum Ende ihrer Erzählung waren
alle meine Sinne zugleich auf ihre mitspielenden innern Empfindungen gerichtet
die sich mir bald durch ihre funkelnden Augen bald durch einen nachbarlichen
Händedruck bald durch das Verstecken ihres verschämten Gesichtchens hinter den
Schlagschatten des meinigen verrieten und das Kolorit ihrer geschichtlichen
Darstellung um vieles erhöhten
    »Ich werde« begann sie »in meinem Leben nicht vergessen wie verändert
seit gestern die junge Dame mir vorkam als ich in ihrem Boudoir meine
Abfertigung holte Leuchtend wie ein Cherubin in ihrer Morgentracht sprang sie
vom Sopha auf als ich eintrat und Nantchen liebes Nantchen  schlang sie
ihre beiden Händchen um meinen Hals  seit Du mir gestern mit allen den
Närrinnen die mir den Kopf warm machten aus den Augen kamst was für unerhörte
Dinge habe ich nicht erlebt Du kannst sie nicht eher als bis Du selber einmal
Braut sein wirst  aber auch meine Mutter wird sie kaum glauben« und nun warf
die gute Kleine in der Freude ihres Herzens  wie sie es immer mit ihren
Kleidungsstücken zu machen pflegte  alles was sie mir vertraute so bunt
unter einander dass es Not tät sie in ihrem eigenen Roman zurecht zu weisen
und alles das was sie bald aus Übereilung zur Hälfte vorausgeschickt hatte und
wieder zurückholen bald das wieder hervorstören musste was sie beinahe
vergessen hatte  in Ordnung zu bringen
    »Das will ich übernehmen mein gutes Nantchen« erwiderte ich »ich will
hinterher schon aufräumen  fahren Sie nur fort«
    »Doch Dir zu Gefallen Eduard muss ich hier den Strom ihrer Rede durch
Einschaltung eines Prologs unterbrechen der zur Verständnis unsers Dramas
nötiger ist als es nur einer vor den Schauspielen der Alten sein kann 
    Der graubärtige Ahnherr trete in seiner Maske auf und entwickele die guten
Absichten seines Plans noch näher als sie hier und da aus einigen Stellen
seiner Vorrede durchgeschimmert haben damit Du aus dem eigenen Munde seiner
erlauchten Urenkelin desto gründlicher zu beurteilen vermagst in wie weit er
sie erreicht hat
    Vertausche ich auch manchmal unsern feiner gestimmten Ohren zu Liebe ein
allzuderbes Wort das ihm in seiner verjährten Sprache über die Zunge sprudelt
mit einem glimpflichern Ausdruck so will ich doch sorgen dass es dem Sinne
keinen Abbruch tue und die heroischen Hilfsmittel nicht vertusche durch die
er der moralischen und physischen Erschlaffung vorzubeugen gedenkt die wie er
glaubt seiner Nachkommenschaft droht
    Sie kann nicht ausbleiben dachte er wenn die Herren Erbverbrüderten so
fortfahren wie sie anfangen  wenn sie als einen Damm ihrer ziemlich
ausgeschöpften Hoheit Prunk und Statuen um sich herum stellen die ihnen jede
freie Aussicht in die Natur versperren und wenn sie immer so hoch auf den
Stelzen ihres Standes einher treten dass kein Blick der Freundschaft   kein
Ausdruck der Vertraulichkeit ihre Augen und Ohren erreichen kann sie flössen
ihnen denn von andern Stelzentretern in gerader Richtung zu und da weiß man
schon wie wahr und rührend sie ausfallen Sie müssen  es ist nicht anders  in
ihrer Welt fremd werden und endlich unter den Possen ihres Anstands erliegen
Was soll dachte er ferner anders als Zwecklosigkeit und lange Weile aus ihren
ehelichen Verbindungen entstehen da sie immer nur ein zehnfach verwandtes Blut
in dem kleinen Zirkel herum treiben auf den sie der genealogische Kalender
einschränkt und wodurch ihre Körper und ihre Seelen einander am Ende alle so
ähnlich werden dass es ein Elend ist Großer Gott was soll da Kluges heraus
kommen wenn sie aus einer Idylle eine politische Rechnung  aus einem
Schäferspiele eine Haupt und Staatsaktion machen Der gute Mann blickte dabei
mit seinen gesunden Augen in die offene Flur sah wie der Baum kränkelt der
nur mit seinen eigenen Ablegern gepfropft wird  sah dass der Acker nur
kümmerliche Ernten treibt der mit dem Korne das er jährlich einbringt immer
wieder besäet wird  sah in der Wirtschaft des Tierreiches wie tief am Ende
die vollkommensten Racen herabsinken wenn man sie zwingt sich unter einander zu
vervielfältigen Verwies ich nicht schon  fragte er in seinen Ingrimm  manchen
Gaul dieser Art in den Bauhof dessen Ahnherr nach dem Stallregister den
Kaiser bei seiner Krönung trug  manchen in die Post der in gerader Linie von
der Haquenée oder gar von dem Bucephalus abstammte
    Da entschloss sich der biedere Fürst  in väterlicher Rücksicht auf die
gemeinschaftliche Wohlfahrt seines Landes und seiner Erben entschloss er sich
keinen Schwächling in seiner Familie aufkommen zu lassen Nach langem Hin und
Hersinnen glaubte er es am besten zu treffen wenn er eine Macht deren großen
Einfluss er nur zu oft an sich wahrnahm  wenn er die wohltätige Macht der
Phantasie in den für das Land gefährlichsten Augenblicken gegen den kraftlosen
Hofton zu Hilfe rief und seine Lieblinge  die Erbprinzen wenigstens in der
media nocte ihres Beilagers durch einen natürlichen Einfall aus der Kontenance
brächte Muss ich auch zugeben da ich es nicht ändern kann  wendete er ein 
dass die guten Leutchen die ich im Auge habe noch vorher auf dem Burgplatze
alle die raren Künste entwickelten für die ihres Gleichen bezahlt werden wie
sie es verdienen  kann ich auch der tyrannischen Etiquette nicht so scharf in
die Leine greifen dass sie nicht erst das arme angekuppelte Paar in Zeremonien
müde treibt ehe sie es bis an den Standpunkt seiner Vereinigung bringt so
wäre es mir doch außer Spaß wenn ich im Geiste diese Staatspuppen samt ihrer
Kälte ihrer Erschlaffung und ihrem fürstlichen Anstande das Paradebett
besteigen sähe Nein sagt er das lasse ich nicht zu Ich will der wohl
erzogenen steifen Prinzessin zuvor Gelenke  ihrem niedlichen Gesichtchen erst
Ausdruck  ihrem in etwas zurückgebliebenen Busen mehr Schnellkraft und will
dem uralten Geblüte das in ihren Adern schleicht Leben und Wärme geben Sie
mag ihrer Oberhofmeisterin Ehre machen wo sie nur will  aber in dem wichtigen
Augenblicke wo sie nicht nötig hat vornehm zu tun behalte ich mir als
Stammherr ihre Zurechtweisung allein vor und hoffe so Gott will sie vor
ihrem Übergange zu einem zweckmässigen feurigen natürlichen Mädchen
umzugestalten das wie Freund Lavater von einer sagt29  denn sein
prophetischer Geist sah alle Fragmente der Welt voraus  Kraft hat zu geben und
zu empfangen
    Mein Prinz  fährt er fort und streicht sich den Knebelbart  soll vor
seiner Umarmung erst in einen munteren  gefälligen  verliebten Jungen
verwandelt werden wie sie in der Welt herum laufen oder  ich will nicht Hans
heißen Das Fünkchen Liebe das er aus der Hofkapelle mitbringt soll in einer
ganz andern von meiner Erfindung erst zu Flammen auflodern  seine Pflichten
sollen ihm wie trägen Kindern durch Bilder verständlich gemacht  und seine
natürliche Rolle ehe er sie spielen darf soll ihm erst so lieb werden dass er
seine angelernte darüber vergisst Er habe das Opfer das er zu den Füßen seiner
Verlobten für sich und sein Land erbettelt nur den Verlockungen der Sinne, dem
Tumulte des Bluts  habe alles was er wünscht und erhält  nur dem Zauberstabe
der gereizten Einbildungskraft  nichts davon dem Stabe des Hofmarschalls zu
danken
    Und der brave Stammvater setzte sich hin und fertigte sein ewiges
KanzeleiSchreiben an alle die Glücklichen aus die durch ihn und seinen
Erbprinzen für dessen Stammhaftigkeit er selbst patriotisch gesorgt hatte in
der Folge der Zeit zu der Ehre gelangen würden ihr Vaterland zu beherrschen
Wenn sie auch murmelte er vor sich alle meine andern löblichen Anstalten im
Lande mustern meistern und umstossen so denke ich sollen sie doch nichts
wider meine Einrichtung ihrer ersten Nächte haben da ihnen ja wenn sie nur das
geringste Nachdenken besitzen ihr eigenes Dasein verbürgen muss dass ich den
Rummel verstand Und so stiftete er jene Kapelle mit ihrem Sopha  ihrem
Stammbuche und ihrem Ornate
    Nimm einstweilen mit diesem kurzen Auszuge aus seinem Stiftungsbriefe
vorlieb Könnte ich nur mit eben so leichter Feder Jettchens Geständnisse aus
den Bruchstücken zusammen setzen die ich von ihrer Vertrauten erhielt Jene
ihres Wegs so unkundige Pilgerin gleicht in der Erzählung ihrer empfindsamen
Reise einem Schiffer der auf dem unabsehbaren Meere vom Sturm ergriffen sich
endlich glücklich an ein lachendes Eiland getrieben sieht Er überlässt sich
zuerst dem entzückenden Gefühle seiner Rettung er gedenkt nicht mehr der
Wellen die ihn dahin schaukelten und möchte sich lieber schämen wenn er auf
die überstandenen Minuten seines Zagens zurückblickt Eben so wenig kann ich
ohne unbillig zu sein einem träumenden Kindsköpfchen zumuten dass es die
grausen Phantasien die ihm bis zum Erwachen vorschwebten im Zusammenhange
entwickele Ich hingegen der ich ein Nachtstück zu malen habe das nicht sowohl
zur Zierde meiner Bildergallerie als vorzüglich zur Beantwortung jener in
diesen Blättern schon mehrmal angedeuteten Streitfrage der Gelehrten und
Naturphilosophen diene ob es bei Behandlung eines zarten weiblichen Herzens
zweckmässiger sei ihm auf der Reisecharte der Liebe die Stationen seiner
Bestimmung mit roter Tinte zu unterstreichen oder es ohne Vorbereitung allen
Schrecken des Hinscheidens jungfräulicher Unschuld in der Hoffnung Preis zu
geben den süßen Lohn der dahinter liegt durch Überraschung noch zu erhöhen
Ich darf wenn ich unparteiisch handeln und nicht ein Gemälde ohne Perspektive
und clair obskur gleich einem Chinesischen aufstellen will unsere kleine
Unerfahrne auch nicht eine Stufe ihrer kindischen Angst überhüpfen lassen um
mit ihr eher als es Zeit ist in die Region des Trostes überzuschweben Beides
muss gegen einander genau erwogen werden um mit Grund entscheiden zu können ob
der altmodische Ahnherr der seine Urenkelinnen nicht unbefangen genug habhaft
werden kann, oder ob die Erzieherin der jungen Prinzessin Recht behalten wird
die erst abwarten wollte bis der Hofmaler den Kopf des Amors unter ihrer
Bleifeder nicht mehr für ein Fratzengesicht erklärte und deshalb Anstand nähme
ihr zum Nachzeichnen die ganze Figur des Götterknaben vorzulegen bis sie erst
mit ihrem Klaviermeister eine vierhändige Sonate ohne Anstoß abspielen und der
junge Kapellan ihr an den Augen ansehen könnte dass sie seiner Auslegung des
sechsten Gebots die er bis jetzt weislich überschlug die gehörige
Aufmerksamkeit schenken werde  denn so lange die Fähigkeiten der jungen Dame
nicht bis zu diesem Grade ausgebildet wären fanden es die Frau Oberhofmeisterin
zu bedenklich sie dem Zügel der Erziehung zu entlassen« Das Unglück  wenn es
eins sein sollte  ist geschehen Es wird sich bald zeigen gnädige Frau ob es
so groß war als Sie Sich einbildeten
    Meine Pinsel sind rein  und an meinem Farbenkasten der wie der
Seidelmannische von der Gallenblase des Zitteraals bis zu der brennenden
Purpurmuschel fortsteigt liegt es nicht wenn meine pittoreske Darstellung
nicht so meisterhaft ausfallen sollte als die seinige
    Wir haben gestern lieber Eduard die durch Urteil und Recht losgesprochene
und zu den großen Pflichten einer Landesmutter für tüchtig erklärte Dame
zwischen Tür und Angel stehen gelassen Noch zittert noch weilt sie und kann
es nicht über sich gewinnen den letzten Schritt in die Dämmerung zu tun die
das Geheimnis ihres Berufs verbirgt  aber da stürmt die Klingelschnur der
Zauberin aufs neue und verbreitet seinen Metallklang durch die Hallen der Burg
bis zum roten Turm hin 
    Die Kleine fährt wie bei einem Erdbeben zusammen und eilt nun vom Schrecke
getrieben wie ein verscheuchtes Mäuschen in das spärlich erleuchtete
Brautgemach Stelle Dir nur vor wie einem so zärtlich gebauten Körper nach
solchen Anstrengungen  wie einer wohlorganisirten Seele die alle Martern des
Ceremoniels bis auf den letzten Grad erhalten  mit einem Worte wie der kleinen
Prinzessin zu Mute sein muss wenn sie nun statt der tröstlichen Aussicht der
Ruhe ein mit Franzen und Federn überladenes Staatsbett schimmern sieht von dem
sie schon dem äußern Ansehen nach eben so wenig etwas Kluges erwarten kann als
sie heute erlebt hat
    Wie eine Dratpuppe die von der Rolle nichts weiß die sie spielt  die es
von obenher erwartet welches Gelenk sich zuerst heben  welches Glied sich
bewegen soll steht das gute Kind da und blickt mit unbelebten Augen  und nur
mit dem hölzernen Gefühl der Abhängigkeit nach ihrem Gebieter Dieser tritt nun
zwar strahlend wie Phöbus  doch ernst und langsam wie ein Bote herein der von
weitem her eine üble Nachricht zu bringen hat  »Beklagen Sie mich meine
Auserwählte« redet er sie mit kaltem Anstand und kostbaren Worten an »In dem
Augenblicke nach welchem ich einen ganzen beschwerlichen Tag gerungen habe
erhalte ich noch ein KanzleiSchreiben von meinem UrUrUrältervater das ich
großer Gott vorher noch beantworten soll ehe ich die Erlaubnis habe Sie die
meinige zu nennen Es soll an dieses Zimmer eine Kapelle stoßen zu der der
Höchstselige mir den Schlüssel schickt  Dort sollen wir beste Prinzessin auf
dem Altare unsere Namen in ein Buch schreiben  dort sollen wir eine heilige
Handlung verrichten auf der wie sein Brief sagt das Glück des ganzen Landes
ruhe Was muss der gute alte Mann gedacht haben Ich bitte Sie liebe Prinzessin
wo soll ich an Ihrer Seite  ach würde er mir es zugemutet haben wenn er Sie
gekannt hätte  nur einen Funken von Andacht hernehmen Zu einer ungelegneren
Zeit dächt ich wäre wohl keine menschliche Seele noch in eine Kapelle
geschickt worden«  Die gute Prinzessin denkt im Grund ihres Herzens dasselbe
Sie macht keine kleinen Augen da sie wieder von Zeremonien hört vor denen sie
wenigstens in der Mitternachtsstunde gehofft hatte sicher zu sein  Aber sie
nimmt sich zusammen  »Wenn die Landeswohlfahrt darauf beruht« sagt sie so
manierlich als ob ihre Oberhofmeisterin zwei Schritte davon stände »so bin ich
in Wahrheit noch nicht so schläfrig dass ich nicht meinen Namen noch schreiben
und ein Vater Unser beten könnte«
    Sie suchen nun beide die verborgene Tür der Kapelle und finden sie
glücklich dem Brautbett gegenüber hinter den Tapeten Der goldne Schlüssel wird
versucht  er schließt und sie stehen als die Tür hinter ihnen zufällt
zwischen ihr und dem Vorhange des Allerheiligsten Mit einem Schritt über die
Schwelle treten sie in das Innere der gestirnte Himmel zieht mit seinem sanften
Abglanz ihren ersten Aufblick an sich ein heiliges Grauen umringt sie  Eins
sucht in dem feierlichen Halbdunkel  und drückt stillschweigend die Hand des
andern Stille Seufzer die alles ja mehr enthalten als was Worte zur
Verherrlichung Gottes auszusprechen vermögen steigen als ein gemeinschaftliches
Gebet aus ihren gleichgestimmten Herzen empor und beseligen sie aber nach
wenigen der Andacht gewidmeten Minuten steigt auch in ihnen der Wunsch auf dass
sie einander sehen  an die Brust schließen und die hohen selbst durch ihre
Größe drückenden Gefühle mitteilen möchten Keine andere Leidenschaft
beherrscht sie als zu danken und anzubeten und mit dieser Seelenruhe bei
welcher die Welt ihre Herrlichkeit und ihre Freuden ihren Augen entschwanden 
war dem Prinzen der Gang zu seiner Bestimmung beinahe gleichgültig geworden und
Sie  indem beide sich anschickten die Kapelle zu verlassen ergab sich schon
weniger scheu dem Willen der Vorsehung Aber in diesem Augenblicke treten an
allen Ecken kristallene und in Rosenöl brennende Lampen hervor und verbreiten
ihr Licht auf jene Meisterstücke der Kunst die so lebhaft als wären sie erst
diesen Abend fertig geworden und in solcher Harmonie von der Wand strahlen dass
sie alle zugleich nur auf Einen Punkt wirken Stelle Dir nun die großen
beleidigten unschuldigen Augen vor die so etwas nie gesehen  nie geahndet
hatten Sie prallen ab wie sie hinfallen Die auf das höchste Erschrockene
staunt ihren Führer an der selbst mit den schnellsten Gedanken seiner
Überraschung nicht nachkommen kann und so verlegen vor seiner Braut da steht
als wenn er die Unartigkeiten aller seiner Ahnherren zu verantworten hätte Aber
wie ganz anders erscheint ihm zugleich seine Geliebte  So hatte er sie nicht
gekannt so hätte er sie schwerlich in seinem Leben kennen gelernt Ihre
gepresste Brust hebt sich und fängt ein paar köstliche Tränen auf die dem
Unmut der verwundeten Unschuld entwischen Sie wagt es nicht noch einmal
zwischen die Lichter hinzublicken und weiß doch auch nicht wo sie mit ihren
großen blauen Augen bleiben soll Sie ringt nach einer Erklärung die sie nicht
zu fordern das Herz hat und tausendmal schöner in der Angst ihrer Jugend als
sie es je in dem Zirkel des Hofs war entwickelt sie in dem kurzen Zeitraum
einer Minute mehr Physiognomie der Seele als selten ein Fürst zu sehen bekommt
mit jenen feinen Übergängen und sanften Schattirungen die uns ein Mädchen erst
lieb machen und die glaube ich in allen Paradebetten verloren gehen Das
Gedränge nie gefühlter Empfindungen nimmt auf das schnellste zu  die Füße
wanken ihr wie einem gemeinen Mädchen sie sieht nichts woran sie sich halten
kann als den einzigen Sopha  der immer der beste Zufluchtsort auch für eine
müde Prinzessin ist Hier  dem Altare gegen über auf dem die Annalen des
fürstlichen Hauses ausgebreitet da lagen  hier war es wo der weise Stifter
dieses Heiligtums sie erwartete und hier kniete nun auch der entzückteste
seiner Nachkommen wie er es selbst sagt und ihm niemand abstreiten wird vor
seine Auserkorne nieder  wagt es erst kaum ihre widerstrebenden Hände in die
seinigen zu fassen  nennt ihren Unwillen gerecht  sucht ihren empörten Stolz
zu besänftigen und schiebt alles wie er es mit Recht tun kann auf seinen
Stammvater  Er würde außer sich sein sagt er mit bebender Stimme wenn das
alte sonderbare Herkommen ihn um die Achtung seiner geliebtesten Prinzessin und
in demselben Augenblicke bringen sollte wo er sie erst ganz zu verdienen
gehofft hätte  Kein Mensch weder aus dieser noch jener Welt würde ihn haben
bewegen können den zärtlichen Augen seiner einzig Geliebten so weh zu tun
wenn ihm nur im geringsten geahndet hätte welch ein Kabinet die Haupturkunde
seines Hauses verwahre  Er müsse sich fährt er fort in Erstaunen verlieren
wenn er die lange Reihe seiner Ahnen herunter  an alle die bekannter Massen so
reizenden  unschuldigen  erhabenen und höchst vortrefflichen Fürstinnen
dächte die doch eine nach der andern sich dieser Probe der Angst hätten
unterwerfen und ihren Namen als Landsmutter in dieser Kapelle verdienen müssen
 Nichts hätte sie wahrscheinlich dabei aufrecht erhalten und trösten können
als der Gedanke an das allgemeine Beste dessen Erhaltung allein dieser Tempel
geweiht sei  Freilich setzt er hinzu wäre es auch wohl das erste Gesetz
jedes gutdenkenden Fürstenkindes ob man es gleich nur zu oft in Winkeln suchen
müsste wo man es nicht denken sollte 
    Indem er alles dieses mit einer zärtlich stammelnden Stimme vorbringt kann
er sich zugleich an ihren scheuen Augen  an ihrer holden Errötung  an der
immer höher steigenden Empörung ihres blendenden Busens und an der schönen
Unordnung nicht satt sehen die durch so manche heftige Bewegung der
beunruhigten Sittsamkeit unter ihren Spitzen und Bändern entstanden ist Er
leidet treulich mit ihr und forscht nach jedem Kusse den er ihren zitternden
Händen aufdrückt in ihren Blicken um wie viel Grade ihr Schrecken gesunken
und um wie viel sie schon gefasster sei einen neuen zu ertragen Aber noch
vergehen einige bange Minuten ehe sich das Gute dieser Anstalt und der große
Sinn zeigt den der Stifter darein gelegt hat Kaum aber haben die eben so
wahren als zärtlichen Vorstellungen ihrem belasteten Herzen die erste
unmerkliche Erschütterung mitgeteilt  so rollt die ganze schwere Masse wie
ein Schiff das vom Stapel gelassen wird nur desto geschwinder  reißt alles
mit sich fort was es auf seinem Wege antrifft  und schwebt nun stolz zwischen
Himmel und Erden Sie sieht mit dem fröhlichsten Erstaunen  was sie nie
erwarten konnte  sieht ihren Liebhaber in ihrem Gebieter Die Drahtpuppe ist
verschwunden  Sie bewegt jetzt selbst was sie bewegt  Sie findet Geschmack an
ihrer Rolle und spielt sie vortrefflich Kein Blick ihrer besänftigten Augen
fällt auf den innigst gerührten schmachtenden Jüngling der ihr nicht eine süße
Empfindung  keiner fällt verstohlen an die Wand der nicht eine kleine
Belehrung mitbrächte Ohne es zu wissen ahmt sie die eigene Miene der furchtsam
nachgebenden Psyche nach die aus dem herrlichen Altarblatte auf sie
herüberblickt  und mit welchem Feuer kehrt nicht sein Auge auf die ihrigen
zurück wenn es die Zeit einer halben Sekunde gewann auf ein Gemälde aus
Titians Jugend zu gleiten das ihm gerade vor den Augen über dem Sopha seiner
furchtsamen Prinzessin aber im Rücken hing wie ihm Psyches Apoteose Ach wie
weiden sich beide an dem hohen und wahren Ausdrucke des Gefühls das jedes in
dem Herzen des andern zu erregen sich einbildet ohne zu ahnden wie viel sie
davon dem Widerscheine der Kunst die hier so schwesterlich der Natur die Hand
reicht zu verdanken haben Gott segne ihren glücklichen Irrtum Trunken von
der Seligkeit ihres Daseins  erschüttert durch den Zauber dieser heiligen
Stätte  zu Göttern verklärt durch das Feuer der Einbildungskraft  sinken sie
staunend einander in die Arme  sinken in die Vergessenheit ihrer selbst  Der
Segen ihres großen Ahnherrn  das Wohl des Landes und das höchste Entzücken der
Liebe schwebt über ihnen Millionen Sphären rollen über den Häuptern der
Glücklichen hin  Sie mögen kommen  gehen  verschwinden  was kümmert es sie
Die Sterne die lange über dem Sopha funkelten stehen jetzt unter ihm  aber
was fragen sie nach den Körpern des Himmels  ihrem Stande und ihrer Bewegung
Was sollten sie Sind sie nicht selbst ein Universum Aus der Zusammenkunft
ihrer Planeten in dem schönsten Punkte des Tierkreises werden sich neue Epochen
der Freude neue Systeme der Liebe entwickeln die in dem unermesslichen Raume
der Geister und Körperwelt  unabhängiger und glorreicher als jene ihre
unbekannte Bahn beschreiben  durch Jahrtausende sich fortwälzen und dem
lieblichen Genius der Erhaltung vorleuchten werden bis an das Ende der Tage
Umsonst arbeiten alle Wirbel und Kräfte der Schöpfung schwingen reiben und
drücken sich um aus dem Leben der Verherrlichten diese erste stolze Nacht zu
verlöschen  Sie verlischt  aber das rührende Andenken derselben mit allen
ihren menschlichen Folgen wird ihren Seelen unvertilgbar und den entferntesten
Zeiten noch heilig sein
    Schon glänzen die Gebirge die Täler und Hügel des Erdballs in den Strahlen
der Morgenröte  der entzückte Prinz bemerkt ihr Farbenspiel nur an denen die
in seiner Herrschaft liegen und die ihm auf der ganzen Oberfläche der Natur die
liebsten geworden sind Von ihrem Horizont aus wirft er noch einen Seherblick in
die Nachwelt  sieht sich glücklich eingereiht in die Mitte unzähliger Vorfahren
 unzähliger Nachkommen und der Wunsch seines Stammvaters ist in allen seinen
Teilen erfüllt Sein Kanzlei ist beantwortet und dem Einsturze seines stolzen
Gebäudes ist durch zwei neu angestellte tüchtige Arbeiter vorgesehen und die
Anlage seiner Kapelle gegen allen Tadel gerechtfertigt Sanft belastet von der
Schwere ihres vielfältigen Glücks reichen sich die Liebenden dankbar die Hände
Keines weiß wer das andere besiegt hat Arm in Arm treten sie an den Altar der
Psyche  blättern bei dem Glanz ihrer Lampe in dem heiligen Stammbuche die
Stelle auf die es ihnen anweist und setzen unter alle die Namen die hier mit
zitternden Händen geschrieben stehen  in auch nicht festern Zügen den ihrigen
Ein herrliches Werk an dessen Fortsetzung es jedem gutdenkenden Sohne dieses
hohen Geschlechts eine Freude sein sollte zu arbeiten Das glückliche Paar gibt
sich das Wort es gelegentlich durchzugehn  um  wie die wackere Prinzessin
hinzu setzt die Geschichte eines Hauses kennen zu lernen in das sie so
freundlich aufgenommen wurde An der letzten Stufe der Kapelle geloben sie noch
der schaffenden Natur ein VotivGemälde das selbst in einer solchen Sammlung
der Aufbewahrung noch wert sei Schwach  vielleicht zu schwach aus
überschwenglicher Liebe und unbegreiflich allen benachbarten Fürsten wenn sie
es erfahren sollten übergibt der Held dieser fröhlichen Nacht an dem Ausgange
des Tempels  seiner Gemahlin den goldenen Schlüssel zum Zeichen seiner ewigen
Treue  ohne Furcht dass sie ihn jemals verräumen oder verlieren werde wie
seine Frau Großmutter Liebden höchstseligen Andenkens
    Ein wohl verdienter Schlaf erwartet sie beide in dem weiten Umfange des
Brautbetts das unterdes nichts von seinen Franzen nichts von seinem Ansehen
verloren hat und gegen das sich der einfache Sopha verstecken muss Die Engel
des Himmels wären ungerecht wenn sie nicht gütig auf die Geweihten herunter
blickten die alles was die Natur und die Kunst und was selbst das Geschwätz
des Kapellans verlangt das zu keinem von beiden gehört auf das pünktlichste
erfüllt und schon Vater und Mutter vergessen haben ehe sie einschlafen Mögen
jene freundlichen Bilder ihnen im Traume vorschweben unter deren Abglanze sie
des Landes Wohlfahrt besorgten Die ehrlichen Dichter und Prosaisten die sich
heute in diesem Tumulte der Sinne mit ihrem Krame bescheiden zurück zogen
werden schon zu einer gelegeneren Zeit ihre nicht minder wirksamen Dienste dem
fürstlichen Hause anbieten wenn der erste Eindruck der Farbenmalerei verraucht
sein  und die ekle Seele sich nach Hilfe umsehen wird um der größten Gefahr
der Liebe  dem drohenden Überdrusse zuvorzukommen
    Vielleicht dass ein solcher Augenblick selbst mein armes Tagebuch aus seiner
Dunkelheit hervorzieht und ihm  Gott geb es  die Ehre verschafft das
Vehikulum einer Prinzessin die meiner Margot gleich sieht oder eines Prinzen
zu werden der meinen Hass gegen alle andere Rittertaten mit auf die Welt
bringt die nicht in das Gebiet der Menschheit gehören
    Du magst von dieser Kapelle und ihrem goldenen Schlüssel denken was Du
willst Eduard ich wenigstens habe keine an irgend einem Hofe gesehen die
philosophischer ausgedacht und niedlicher angelegt wäre Die Gemälde die
dieses Kunst und NaturalienKabinet zieren sind wohl nicht weniger zweckmäßige
und selbstsprechend als das Gastgebot des Storchs in dem AudienzGemache zu C
das einem Gesandten der nicht blind ist gerade in die Augen fällt wie er
hinein tritt und wohl eher als jene verursachen könnte dass ein ehrlicher Mann
in seinem Vortrage stecken bliebe
    Sollte Dich einmal der Zufall in diese Dir etwas abgelegene Gegend bringen
so bitte ich Dich Eduard scheue den Umweg nicht von etlichen Meilen um diesen
Hof mit seiner alten Burg und seinem roten Turm  wäre es auch nur auf einen
Mittag zu besuchen Ich würde Dir keines andern wegen so etwas zumuten aber
bei diesem hier wäre es mir lieb Du würdest nicht allein Dich mit eigenen Augen
überzeugen wie gut dem alten Herrn sein Einfall gelungen ist und könntest ihn
bei Gelegenheit weiter empfehlen   sondern auch Ich dürfte hoffentlich so viel
dabei gewinnen dass Du nicht länger mit mir über meine malerischen Vorstellungen
zanktest Denn wie wäre es wohl möglich dass Du nicht den tiefsten Respekt für
die Kapelle und nebenbei auch für mein BilderKabinet bekämest da es ganz
nach demselben Risse gebaut ist wenn Du einer der wunderschönen Prinzessinnen
in der Nähe oder zwischen einem Paar jungen kraftvollen freundlichen Herren
zu sitzen kämest die ihre frohe Existenz jener milden Stiftung verdanken und
für deren Erhaltung sie als künftige Nutritoren derselben schon durch ihr
leichtes ungezwungenes Betragen gut sagen Diese der Natur gleichsam
abgestohlnen Kinder gewähren jedem gesunden Auge den freudigsten Anblick Sie
schreiten in einer reinen Erbfolge ehrlich fest und zufrieden mit sich und
andern durch die Zeit fort ohne den Namen des entfernten Edelen zu beschimpfen
von welchem sie so weit herkommen während in andern erlauchten Geschlechtern
die animalischen Feuerteile ihrer Stammältern so sehr unter dem Mantel der
Etiquette verraucht sind dass die meisten Länder vor unserer Nase nur noch von
Menschengestalten regiert werden denen ein Frost über den Leib geht wenn sie
in ihrer Rüstkammer den offenen Helm betrachten der das Haupt ihres Ahnherrn
umgab  die nicht den Panzer zu bewegen vermögen den sie ihren Vorfahren sehr
bequem in dem angeborenen Wappen nachtragen Wie können so ausgeartete Ritter dem
Lande ein Ansehen geben dem sie vorstehen Wie können sie dem Geschlechte das
die Preise austeilt und dem zu ihrem Unglücke die Folge der Zeit nichts von
seinen hohen Erwartungen geraubt hat nachkommen ohne zu den unmännlichen
Hülfsmitteln ihre Zuflucht zu nehmen die wie das Historienbuch sagt schon
viele in der Verzweiflung ihrer Matterzigkeit ergriffen ihren Schweiß auf
Haasen Schwein oder HirschJagden verloren und wohl gar um Friede im Hause zu
haben den goldnen Schlüssel ihrer Frau Gemahlin in fürstlicher Rücksicht
anvertrauten dass wenigstens sie dafür sorgen würde dem Lande das sie nun
einmal ihren Lehnsvettern missgönnen einen Beherrscher zu verschaffen gesetzt
auch dass es ihm die Untertanen schon an den feurigen Augen männlichen
Gesichtszügen und festem Anstand ansehen wie wenig es ihm nach allen göttlichen
und menschlichen Rechten gebührt
    Sage mir Eduard  Doch  Himmel und Hölle was erblick ich Gott wie
wird mir mein politisches Geschwätz eingetränkt werden Das einzige Gespenst
vor dem ich mich fürchten kann  erscheint  hinkt über die Gasse und kommt
immer näher Mit großen Augen begafft es jetzt meinen aufgepackten Wagen  und
nun  ach steigt es schauerlich die Treppe herauf Mit Einem Worte die alte
Bertilia ist zurück Aber um aller Barmherzigkeit willen wo bleiben die
Pferde Wahrlich ich glaube sie müssen erst samt ihrem Knechte die Messe
hören ehe ihnen ihre Religion erlaubt einen Ketzer weiter zu schaffen Eduard
lieber Eduard was sollte wohl aus mir werden wenn die gelbsüchtige Tante nur
die geringste Spur von meinem Besuche bei Klärchen  nur die Zerknitterung
entdeckte die während ihrer Abwesenheit das florne Halstuch ihrer Nichte
erlitt und mich nun die kleine betrogene Heilige als eine zweite Delila
meinen Feinden verriete  O wenn doch nur diesmal die Postpferde kämen Aber
selbst Bastian den ich nun zum drittenmale danach geschickt habe bleibt
außen Ich komme mir wie verraten und verkauft vor   
    Es ist aus mit mir Eduard Die Tante  sie pocht an  die Feder entfällt
mir
    Ich habe Dir bester Freund von einer bitterbösen Stunde Rechenschaft zu
geben und ich kann es mit aller Bequemlichkeit tun denn leider ist es so
weit mit mir gediehen dass ich unter dem Verschlusse eines alten Weibes stehe
mit keinem Menschen als vor der Hand noch mit Dir sprechen kann und dem
Hospitale so zweckwidrig versetzt bin wie der heilige Engel unter dem Spiegel
Für heute ist weiter an keine Abreise zu denken und manchmal will mir gar angst
werden dass man mich wohl bis zum Feste der heiligen Cäcilia Gott weiß zu was
für einer Zeremonie inne behalten könne
    Das abscheuliche Weib Sie trat höflich genug zu mir herein und auch ihre
Miene kam mir nicht widriger vor als gewöhnlich Ich setzte ihr mir gegenüber
einen Stuhl und unser Gespräch begann 
    »Sie wollen uns schon verlassen mein Herr wie ich aus den Anstalten
schließe«  »Briefe aus Marseille liebe Madam nötigen mich dermalen zu einer
geschwindern Abreise doch denke ich so Gott will gegen den achtzehnten
künftigen Monats wieder zurück zu sein Wollten Sie mir wohl das Quartier auf
diese Zeit aufheben«  »Je mein Herr  so wissen Sie denn auch schon von der
merkwürdigen Feier dieses Festtages Wissen Sie denn aber auch wie
unbegreiflich hoch die Mieten in der Stadt alsdann stehen«  »Ich weiß es 
aber der Preis tut nichts  was ein anderer geben kann gebe ich auch«  »Das
wäre schon gut mein Herr aber ohne Rückfrage bei dem Herrn Propste kann und
darf ich mich so weit hinaus auf nichts einlassen Kann ich doch nicht wissen
was er mit dem Quartiere vorhat Er kann es ja einem Freunde zugesagt oder gar
die Absicht haben um Unruhe zu vermeiden es leer stehen zu lassen Sie wissen
er ist Vorsteher von dieser milden Stiftung und da ist es wohl natürlich« 
»O sehr natürlich« fiel ich ihr ungeduldig ins Wort »Wenn ich nur begreifen
könnte wo meine Pferde so ewig lange blieben«  Sie wollte mich aber nicht
verstehen  »Es tut mir nur leid« fuhr sie fort »mein Herr dass Sie
gegenwärtig kaum das Vierteil Ihres Mietzinses abgesessen haben«  »O ich
bitte Sie liebe Madam einer solchen Kleinigkeit nicht zu erwähnen  Es kommt
ja der Armut zu Gute « und ich sah mit einem finsteren Blicke nach meiner
Uhr  »Über diesen Punkt« fing sie  und ich fing an »Sagen Sie mir nur ob
die Post weit von hier ist Ich tue wohl am klügsten ich laufe selbst hin« 
und ich stand zugleich auf  »Unterbrechen Sie mich nur nicht immer mein
Herr« antwortete das dumme Weib und erhob sich nun auch »Über diesen Punkt«
sagte sie »wären wir also einverstanden mein Herr Und um Sie nicht
aufzuhalten will ich nur noch flüchtig das kleine Inventarium durchgehen das
Sie im Gebrauch hatten  nur der Formalität wegen da ich überzeugt bin alles
in Ordnung zu finden«
    Jetzt schoss mir das Blatt  Ich Unbesonnener Wie war es möglich dass mir
nicht eher die Bücherschalen auffielen die hinter dem Stuhle der Alten wie auf
meine peinliche Anklage zu lauern schienen Da ich das Weib wie ich von Herzen
gern getan hätte nicht auf der Stelle blind machen konnte so sah ich keine
menschliche Möglichkeit diese Beweise meiner Schuld bei Seite zu schaffen
Konnte ich mich doch nicht einmal auf eine leidliche Verteidigung besinnen
gleich als ob alle und jede Sophistereien mit diesen verbrannten Schriften aus
der Welt wären  Sie setzte bedächtlich ihre Brille zurechte  besah den
Spiegel trotz dem Wiederscheine ihrer scheußlichen Figur auf das genaueste 
drehte den schlafenden Engel nach dem Lichte  breitete die taffenten
Fenstervorhänge aus einander  und da ich eben im Begriffe war die Schweinshaut
von meinem Koffer über das Korpus delicti zu werfen drehte sie nun endlich ihre
Drachenaugen auch dem Kamine zu
    Könnte man doch malen wie man wollte Aber ein altes Weib im Zorne gehört
ja glaube ich zu den Dingen, die uns Horaz verbeut auf die Bühne zu bringen
Du sollst also nur ihre Stimme hören Eduard und Du wirst denke ich schon
daran genug haben Länger nicht als eine furchtbare Minute sah sie noch
sprachlos bald auf mich bald auf die ausgeschälten Bände als ob sie an ihrer
Besinnungskraft oder ihrer Brille zweifelte Sie trat näher rollte einen Blick
der Verzweiflung über den teuren Aschenhaufen hob einen Hornband des Sanchez
in die Höhe  ließ ihn vor Entsetzen fallen und stürzte nun selbst wie
wahnsinnig und mit gefaltenen Händen daneben Eine Furie die den Höllengott
anruft kann keinen grässlichem Anblick geben als sie mir darstellte Das Haar
sträubte sich mir und ich trat selbst mit einem Andachtsschauer zurück als
ihre Lefzen in Bewegung gerieten Ich habe in meinem Leben nicht allein viele
einfältige und zweckwidrige  nein ich habe auch verdammliche und fluchende
Gebete ausstoßen gehört doch von der Zusammensetzung des ihrigen war mir noch
keines zu Ohren gekommen Im Anfange waren ihre Ausdrücke nur albern wie etwa
der Eingang mancher Kontroverspredigt »Sancta trinitas« schrie sie »ora pro
nobis Rechnet mir o ihr Heiligen und Märtyrer die Missetat nicht zu die ein
Verächter eures Namens in diesem Gotteshause beging« Aber als ob sie damit nur
das Recht errungen hätte zu fluchen knetete sie hinterher alles was nur
Gräuliches und Verworrenes in hundert Gebetbüchern verzettelt sein mag zu einem
Anatema wider mich zusammen dass selbst in Vergleichung dessen die bulla in
coena domini30 eine Höflichkeit sein würde  Gott bewahre mich dass ich es ihr
nachspreche
    Ich hörte ihr lange mit geduldigem Erstaunen ja wenn Du willst mit einer
Art Bewunderung ihrer höllischen Beredsamkeit zu Endlich aber da ihr giftiger
Ausfluss nicht nachließ  ihr Mund immer schäumender und ihre Augen flammender
wurden  da sie mir entgegen donnerte dass viele meines Gleichen in ihrem
frommen Lande geringerer Verbrechen halber gerädert wären und den Raben am
Bache zur Speise dienten  und mir der arme unschuldige Kalas darüber einfiel 
da überlief mir die Galle  »Den Augenblick steh auf und packe dich du
abscheuliches Weib packe dich zu deinem Schandbalge von Nichte damit ich dich
nicht in der Asche des Otterngezüchts ersticke das du beheulst«  Und so lief
ich selbst ein wenig von ihrer Wut angesteckt nach dem Schellenzuge und
stürmte nach Bastians Hilfe  Aber indes ich wie ein Narr klingeltewar mir
die Hexe entwischt und ehe ich mich besann warum ein Mensch den man auf die
Post geschickt hat unmöglich zu Hause sein kann hatte sie den Schlüssel
abgezogen und die Türe von außen verschlossen Ich musste nun selbst einsehen
wie überlegen sie mir war da meine Aufwallung von gerechtem Zorn mich blind
gegen alle Nebenumstände machte die mir hätten dienen können sie hingegen
ungeachtet ihrer Wut auch nicht die geringeren Bosheiten aus der Acht ließ
    Dieser Auftritt Eduard hat mich ganz außer Fassung gebracht Ich kann mich
noch gar nicht recht in mein Verhältnis mit dem Hospitale hinein denken und
das pro und contra meines Falles abwägen Freilich habe ich Bücher verbrannt
die einer milden Stiftung gehörten aber großer Gott was waren es für Bücher
Verdient man wohl den Galgen wenn man Gift stiehlt um es in einen Abgrund zu
werfen damit es niemanden schade O gewiss verdient man ihn wenn es Mörder
sind die uns richten Das ist keine tröstliche Aussicht und ich fürchte  ich
fürchte man wird mir das Brandopfer eintränken das ich dem Andenken des
unsterblichen Rousseau gebracht habe
    Eben habe ich alle Türen des Vorsaals und des Hauses verschließen hören
und sehe nun Tante und Nichte  Gott mag wissen nach welchen Gehülfen ihrer
Bosheit  über die Gasse rennen  Meinetwegen mögen sie alle Schöppen und
Schergen der Stadt zusammen treiben Ich will lieber wie ein Mann von Erfahrung
sagt mit Löwen und Drachen kämpfen als mit einem einzigen bösen Weibe  Dass
nichts Gutes für mich aus einer Konjunction entstehen kann die sich aus der
Heimtücke des Alters und aus dem beleidigten Gefühle der Jugend und zwar von da
aus gebildet hat wo die Rachsucht am lebhaftesten und wie ein Kitzel wirkt 
kann ich mir an den Fingern abzählen Jener drückende Groll des frommen
Mädchens der kaum eine volle Stunde alt und von einer desto gefährlichern
Beschaffenheit sein muss je verdeckter er ist  wie wird er nicht der lauten
Anklage der Tante bei den Beschützern des Rechts zu Statten kommen zu denen sie
beide hineilen Wie wird die fromme Sängerin mich die Beschimpfung nicht büßen
lassen die ich ihren Reizen und ihren Indulgenzen antat Wie teuer werde ich
alle die Kreuze bezahlen müssen um die sie meine Ungeschicklichkeit brachte
Sie darf nur den Feuereifer ihrer würdigen Tante mit ein paar heuchlerischen
Tränen unterstützen  darf wenn ihr Rechtspatron in Gedanken da steht nur den
heiligen Nicaise ein wenig lüften oder wie sie es mir gemacht hat durch einen
pittoresken Faltenschlag ihres Florkleides das Auge des Richters fesseln und
ihn durch den tollsten aller Kettenschlüsse verleiten Beweise von Unschuld
dahinter zu suchen so wird ihm mein Vergehen gegen Gott und seine Kirche so
einleuchtend und strafwürdig vorkommen als es die Alte verlangt  O du
betrügerisches Geschlecht Warum hüllte dich die Natur in jene blendende Decke
die alle und jede Nachforschung nach deiner wahren Gestalt vereitelt Warum
verlarvte sie deine Abscheulichkeit mit Reizen die auch den hellsehendsten Mann
überlisten und ach warum ließ sie nur Einen Weg zu jenem verflochtenen
Labyrinthe deines Herzens Wie ganz anders würden nicht jetzt meine Aktien
stehen wenn ich  Doch warum sollte ich mich noch strafbarer aus Klärchens
Kammer zurück wünschen als ich sie Gott sei Dank verlassen habe Um des
verächtlichen Vorteils willen bei dem Widerspruche meines Gewissens in den
Augen solcher Menschen als ein Mann von Ehre feiner Lebensart und als einer
zu gelten der es so ganz wert sei ihrer Religion anzugehören
    Ich trenne mich ungern von Dir mein Eduard aber die Klugheit verlangt es
Wenn zwei Weiber wider Einen Mann in Aufruhr sind bleibt ihm wohl nichts
nötigeres zu tun übrig als auf alle mögliche Mittel zu sinnen ihrem
unermüdeten Hasse entgegen zu arbeiten ehe er sich noch durch andere
Leidenschaften die ihnen immer bei der Hand sind verstärke und es zu spät
wird Ich hoffe schon noch Zeit zu finden mit Dir fortzuplaudern wenn ich nur
erst über meine Verteidigungsanstalten mit mir selbst einig sein werde Möchte
doch der folgende Tag  denn der laufende ist schon wirklich zu kurz dazu 
hinreichen alle meine heutigen Morgentorheiten wo nicht wieder gut doch
unschädlich zu machen  Wahrlich Eduard heute vor acht Tagen konnte ich mir
nicht träumen lassen dass ich meine erste Neujahrswoche mit so einem Wunsche
endigen würde
                                                      Vom 7ten bis 8ten Januar 
                                                         aus meinem Gefängnisse
    Meine arme freundschaftliche Feder Heute zum ersternmale von ekeler
Schreiberei abgestumpft die mir meine missliche Lage abdrang nehme ich sie
jetzt wie Mendelssohn die seinige erst in der Ruhe der Nacht mit Vergnügen
wieder in die Hand  nicht wie er um über die Unsterblichkeit der Seele zu
schreiben sondern Dir in kläglichen Tönen das Missbehagen meines armen Körpers
zu schildern der gern in die weite Welt möchte und sich schon zu lange in
seinen Bewegungen unnatürlich gehemmt sieht Es gibt einen hübschen Text eine
traurige Stunde zu verschwatzen und ein Gefangener bedarf der Zerstreuung 
Ein Gefangener  welch ein hässliches Wort Von Jugend auf ist es mir ein Misslaut
gewesen und Du glaubst nicht wie widrig der Begriff davon immer auf meine
Nerven gewirkt hat Ich gehe bei keinem Kerker vorbei ohne dass der Gedanke an
Fesseln mir in die Beine fährt Nie habe ich es über das Herz bringen können
selbst den gemeinsten Vogel in einen Käfich zu sperren denn der Verlust der
Freiheit wirkt gewiss mit gleichem Kummer auf alle es mögen die Federn einem
Dompfaffen angehören oder einem Zaunkönig So mache ich mechanisch schon und
wenn es mich in der tiefsten Betrachtung der Glorie Gottes unterbrechen sollte
dem Hunde die Türe auf sobald er daran kratzt und nichts ist mir auch um
desswillen von jeher lächerlicher und törichter vorgekommen als die treuherzige
Zumutung bei gewissen Gelegenheiten mein eigener Scherge zu werden und den
besten Teil von mir  meine Vernunft gefangen zu nehmen Auch bin ich Gott
sei Dank nie in dem Falle gewesen worin ich jetzt bin Denke Dir Eduard wie
empfindlich ich ihn fühlen muss Schon meine heutige kleine Erfahrung lässt mich
ahnden was aus mir werden würde wenn sie so viele Jahre fortdauern sollte als
sie Stunden gedauert hat Alle guten Kräfte meiner Seele und meines Leibes
würden in eine Lähmung verfallen Ich könnte in einem Kerker Freunde um mich
haben  ich würde sie hassen lernen ja es könnten glaube ich die drei Grazien
mit mir eingesperrt werden es würde mir nicht besser gehen als den gefangenen
Elephanten und keine Nachkommenschaft würde wider meine Enthaltsamkeit zeugen
    Unbegreiflich dass es Gemüter gibt die mit diesem natürlichen Gefühle
scherzen ruhig ihre Zeit verschwelgen verjagen und in Schauspielen vertändeln
können  bei dein Bewusstsein dass inzwischen ihre rechtliche Strenge oder ihr
Übermut gleich organisirte Maschinen wie sie sind in Ketten und Banden hält
 Wehe dem Regenten der diese Gewalt die nur eine noch höhere Pflicht als das
Mitleid ist rechtfertigen kann leichtsinnigen unmündigen oder boshaften
Händen überlässt  der nicht den Zaum locker hält den er der Freiheit anlegt
und nicht immer fürchtet das arme Geschöpf das unter ihm seufzet hartmäulig
stättisch kollerig und unbrauchbar für diese und jene Welt zu entlassen  der
statt Lustschlösser zu bauen die seine Nachfolger dem Verfalle Preis geben
nicht lieber seine Baulust  zur Verschönerung der Gefängnisse zur Erweiterung
ihrer Höfe und zur Bepflanzung derselben mit Blumen und Bäumen benutzt und der
den Übertreter selbst aller Gesetze von der Wohltat der Sonne auszuschliessen
wagt die doch der oberste Richter ausspendet um zu scheinen über Gute und
Böse über Gerechte und Ungerechte  Und was soll ich über euch ausrufen o
ihr die ihr die Kunst eures Gleichen zu martern bis zu dem Grade verfeinert
habt dass ihr nicht allein ihre Körper nein auch ihre Seelen einzukerkern
versteht  ihren Phantasien alle Nahrung abschneidet dem Redelustigen keine
Antwort der Neugier keine Zeitungen gönnt Feder und Tinte verbietet und dem
Abgematteten nach einem mühseligen Tagewerke die noch größere Strafe der
Untätigkeit aufbürdet und ihm zu aller Erholung von seinem Elende mir die
nagende Betrachtung desselben übrig lasst
    Der trostreiche Ersatz den mir jetzt mein Schreibtisch für den Verlust der
vorher gegangenen einfältigen Stunden gewährt belehrt mich welche Pein es sein
mag den Strom seiner Gedanken in sich selbst verrauschen zu hören ohne ihm
einen Ausfluss verschaffen zu können der an das Herz eines Mitmenschen
anschlage Wie fühle ich nicht jetzt bester Eduard selbst in Deiner
Entfernung den Wert Deiner Gegenwart und zu was für einem Kleinod ist mir
nicht meine Feder geworden
    Um mir meine lange Tirade zu gute zu halten darfst Du nur hören wie es mir
heute ergangen ist Als ich mich ernsterer Geschäfte wegen von Dir
losgerissen und mein Tagebuch weggelegt hatte setzte ich mich nachdenkend in
meinen Lehnstuhl Das erste wonach sich wohl jeder mehr oder weniger Bedrängte
umsieht sind Freunde aber leider fand ich diese schöne Aussicht hier noch um
vieles eingeschränkter als an jedem andern Orte der Welt Du weißt wie klein
der Zirkel meiner hiesigen Bekanntschaften ist Außer meinen Anklägerinnen zieht
er sich nur noch um drei Geschöpfe herum soll ich sie Männer nennen  so seis
davon immer einer zu Unternehmungen ungeschickter ausfällt als der andere  Auf
den elenden Tropf in Purpur an den mich der Oheim der Marquise empfahl kann
wohl kein vernünftiger Mann den geringsten Staat machen Ein Kerl der nichts
als die drei Blasensteine der heiligen Klara von Montefalcone im Kopfe hat
verdirbt sicherlich jede Sache zu der nur ein Gran Menschenverstand nötig ist
 Buchhändler Fez der nur der Himmel mag wissen über was von Klaren der
zweiten nachgrübelt das wenn es auch nicht so tief liegt als jene Beweise der
Dreifaltigkeit doch alle Strahlen seines Geistes wie auf einen Brennpunkt
zusammen zieht  sollte der sich mit den Angelegenheiten eines andern bemengen
so müsste es wohl nur einer sein der ihm von dem worüber seine Einbildungskraft
brütet angenehmere Nachrichten geben könnte als ich es zu tun im Stande bin
 Und Laurens Wächter  Der steht fest wie eine Bildsäule Wo Beine nötig
sind  und beim Sollicitiren sind sie es gewiss  ist der nicht zu gebrauchen
und dass meine Herren Inquisitoren  in so einer Angelegenheit wohl zu verstehen 
sich zu ihm bemühen sollten ist nicht zu erwarten  Indes da man von seinen
Freunden nur den Vorteil ziehen kann den sie zu gewähren geschickt sind so
schien mir auch ohne Beine der Kopf des getauften Juden immer noch den Vorzug
vor den beiden andern zu verdienen So belesen in dem Petrarch als Er ist wird
er zu meiner Schwachheit bei Klärchen nur lächeln und die Harmonie an die der
Dichter sein Ohr gewöhnt hat wird es ihm unmöglich machen an dem Geschrei
eines Unglücklichen auf dem Scheiterhaufen einen bischöflichen Spaß zu finden
Hat er nicht übrigens in dem täglichen und stündlichen Umgange mit Fremden
Gelegenheit genug gehabt auch die guten Seiten eines Ketzers kennen zu lernen
und wer könnte genauer berechnen als Er zu was allem die Toleranz gut sei Ohne
weiteres Besinnen setzte ich mich also an meinen Schreibtisch meldete dem
Ehrenmanne meine sonderbare Gefangenschaft bemäntelte die Veranlassung
derselben so gut es ging und legte um ihm meine Unschuld desto begreiflicher
zu machen mit dem letzten Dukaten den ich in meiner Barschaft fand zugleich
das letzte Versprechen der falschen Koncordia bei auf das ich mich Schande
halber bezog
    Sobald meine Depesche fertig war trat ich an das Fenster und lauerte auf
Bastians Zurückkunft um ihn damit abzufertigen  Ich sah ihn bald genug über
die Gasse gesprungen kommen Aber zum Malen war es wie er nun vor dem Hause
stand bei jedem Schlage den er mit dem Klopfer tat hinhorchte und wie
ungeberdig er sich anstellte als er endlich merkte dass er von seinem Herrn
abgeschnitten sei Ich rief ihm zu und erschreckte ihn vollends durch den
kläglichen Ton den ich in meiner Bekümmernis auf seinen Namen legte Du hättest
die Augen sehen sollen die er in die Höhe warf Mit wilderem Erstaunen hätte
sie seine Schwester nicht aufreißen können wenn ich an jenem kritischen Abende
das liebe Kind wirklich um das kleine Hausmittel betrogen hätte das sie mir
ohne Zeichen des heiligen Kreuzes  und doch gewiss unschuldiger darbot als das
vielfach gesegnete Klärchen Es war seit dem neuen Jahre das zweitemal dass mich
wieder etwas an die gute Margot erinnerte und Du kannst nicht glauben Eduard
wie wohl es mir tat so wohl dass ich beinahe darüber ihren Bruder und seine
Gesandtschaft vergessen hätte Es schien als wenn es ihm selbst leid täte
mich in meinem süßen Traume zu stören Er öffnete ein paarmal den Mund ehe er
es über das Herz bringen konnte mir die Neuigkeit die er von der Post
mitbrachte zu entdecken der Legat habe die Verabfolgung meiner Pferde
verboten und der Teufel möge wissen warum Seine weinerliche Stimme und sein
scheuer Hinblick bald auf mich bald auf den Türklopfer zeigten nur zu
deutlich in welchem furchtbaren Zusammenhange ihm jenes Verbot des Legaten mit
dem verschlossenen Hause zu stehen schien und auch auf mich wirkte seine
Nachricht so viel dass ich mich nicht länger in seine Familienähnlichkeit
vertiefte geschwind von Margots Busen  auf meine gegenwärtige weit
unbequemere Lage zurück kam und nicht weiter säumte meinen Brief an der Mauer
herab fallen zu lassen Bastian fing ihn sehr geschickt mit dem Hut auf und
erst jetzt sah ich ein wie bedenklich es sei einen Kommunikationsweg durch das
Fenster zu eröffnen Schon die einzelnen Worte die wir einander zuwarfen
hatten eine Menge Neugieriger um mein Haus versammelt einer teilte dem andern
seine Mutmaßungen mit man setzte vor meinen Augen eine Geschichte zusammen
die ich wohl hätte hören mögen und die vermutlich zur Grundlage aller heutigen
Gespräche der Stadt dienen wird Einige Patrioten hielten sich sogar berechtigt
meinen Eilboten anzuhalten und ihm seine Depesche abzufordern Aber hier zeigte
sichs was für ein herrlicher Freipass ein guter Ruf sei denn kaum las man die
Überschrift an den Wächter der Laura so zogen sie lachend den Hut ab ließ
dem Briefe seinen Lauf und glaubten den Inhalt erraten zu haben
    Kaum hatte ich mit meinem Fenster die einzige Öffnung die mir noch
zugänglich war zugemacht und mich in meinen Lehnstuhl zurück gezogen so
fühlte ich ganz deutlich dass der Mittag vorbei sei und knöpfte meine Weste
enger zusammen Die französische Artigkeit sagte ich mir wird dich doch nicht
verhungern lassen ehe sie dich verhört hat Das sieht ihr nicht gleich Selbst
in dem dickköpfigen Deutschland befördert die Gerechtigkeit die überall
konsequent handelt keinen in die andere Welt dem sie nicht eine
Henkersmahlzeit mit auf den Weg gibt Es muss nach der Regel dem Verurteilten
erst wieder wohl sein ehe sie ihn weiter über die Gränze des Lebens schickt
die Migräne muss dich erst verlassen haben ehe man dir den Kopf abschlägt und
die Strafe des Stranges wird aufgeschoben so lange der kranke Dieb noch nicht
von seiner Bräune kurirt ist
    Diese Gedanken die mir der Hunger eingab wurden durch einen Auftritt
unterbrochen der ihnen eine ganz andere aber um nichts bessere Richtung
anwies Meine Nachbarinnen  auch mein Bastian kamen zurück  Haus und Stube
wurden geöffnet und meine verspätete Mahlzeit wurde aufgetragen Wenn dieses
eine Veränderung in meiner Lage gab so war sie jedoch mit Umständen begleitet
auf die ich ganz gern Verzicht getan hätte Tante und Nichte brachten eine
Verstärkung mit die mir nicht anstand Die Alte wurde von einem schwarzbraunen
Kerle von Prokurator geführt und Klärchen was mich am meisten verdross
zipperte mit dem Propst über die Gasse ihre Händchen so traulich um seinen
vielfaltigen Ärmel geschlagen als ob es darin ausruhen sollte und zu meiner
Türe als sie geöffnet wurde sah ich meine Schüsseln statt wie es sich
gehörte durch meinen Bastian den ich so sehnlich erwartete von zwei
päpstlichen Soldaten auftragen die man nicht zerlumpter und ausgemergelter
hätte aussuchen können um mir meine jetzige Ohnmacht fühlbar zu machen Diese
schmutzigen Truchsesse benahmen mir alle Esslust Ich fühlte keinen Hunger mehr
und begaffte sie nur mit großen Augen Wer Preußen in der Nähe gesehen hat noch
besser aber von fern kann schon keinen Blick auf diese geistliche Miliz tun
ohne zu lachen aber der Reiz dazu wurde bei mir gar sehr durch den Ärger
gemässiget der mir über meine so elende Bewachung aufstieg Die beiden
verhungerten Kerle schienen über ihren Dienst noch verlegener zu sein als ich
Sie zogen sich langsam ernstaft und mit gebogenem Knie an die Türe zurück
und pflanzten sich jeder an einen Pfeiler davor als ob es ihre Schuldigkeit
wäre Ihre Blicke die dabei so unverrückt auf meine Schüsseln geheftet blieben
als ob sie in ihrem Leben noch kein altes Huhn in der Suppe gesehen hätten
würden schon jeden Historiker überzeugt haben dass sie unter keinem Heinrich dem
Vierten das Land bewachten Ich hätte diesen armseligen Gesellen wohl keinen
größeren Possen spielen können als recht bequem meine duftenden Gerichte vor
ihren Augen zu verzehren Aber die Ursachen ungerechnet die mich schon
physisch davon abhielten würde es mir auch noch eine gewisse Empfindlichkeit
der Seele verwehrt haben die sich immer mit mir zu Tische setzt und jeden
Anblick von Elend jeden Gedanken an Unterdrückung aus seinem Umkreis entfernt
wünscht Der unreinste Nahrungssaft dächte ich müsste meine Adern durchströmen
wenn ich mich im Beisein eines zum Hunger Verdammten sättigen könnte ohne
meine Bissen mit ihm zu teilen Ich würde weniger die wollüstige Befriedigung
meines Bedürfnisses als die gewaltsame Erstickung des seinigen fühlen und
fürchten dass sich die gallige Empfindung mit meinen Brüdern vermische die der
Anblick meiner Mahlzeit in der Angst zu leben worin er dastände notwendig
bei ihm erregen müsste denn in solchen animalischen Augenblicken ist wohl kein
Herz so gut dass es sich nicht gegen die widersprechende Grausamkeit des
Schicksals auflehnen sollte das bei der ungleichen Verteilung menschlicher
Güter und ihres Erwerbs alle Erdenbewohner nur durch den Ungestüm des Hungers
gleich gesetzt hat
    Ich gab diesen Bettlern mit denen mich wenn ich es genau überlege doch
nur meine Torheit in der Nebenstube in Bekanntschaft brachte meine Gerichte
Preis und es tat mir nur leid dass mir meine Freigebigkeit so wenig kostete
denn das dankbare Gefühl das nun ihre entkräfteten Augen überglänzte würde
mich für die höchste Verläugnung meines Gaumens hinlänglich belohnt haben 
»Geht nur ihr guten Leute« unterbrach ich ihr gratias »tragt die Schüsseln
auf den Vorsaal und lasst es euch wohl schmecken Wenn ihr mir meinen Bedienten
herbeischaft soll er euch auch noch ein paar Flaschen Wein auftragen und es
soll euch frei stehen ob ihr auf des Papstes Gesundheit oder auf die meine
trinken wollt«
    Es gibt wohl kein geschwinderes Mittel eine Gegenrevolution zu bewirken
als das ich eben gebrauchte Meine Wache war durch meine Herablassung und durch
meine Fürsorge für ihren Magen so gut zu meinem Vorteile bestochen dass es mir
nur einen Wink würde gekostet haben um die Arme die man gegen mich bewaffnet
hatte wider meine Verfolger zu lenken und den Prokurator und die Alte den
Propst und die Nichte in meine Gewalt zu bekommen Da ich aber auch um mir
Pferde zu schaffen die Post hätte stürmen  da ich Stadt und Vorstadt hätte
betrinken müssen um es dahin zu bringen einen Mann im Stiche zu lassen der
kraft des Amtes der Schlüssel von lange her über sie herrschte so gab ich den
Einfall auf und begnügte mich vor der Hand mit dem Vorteile den ich schon
dadurch gewann dass jetzt die Besatzung des Vorsaals meinen Bastian frei und
ungehindert passieren ließ ohne sich um unsere geheime Unterredung zu bekümmern
 »Weise jetzt deine Neugier zur Ruhe« rief ich ihm entgegen als er mit großen
Augen herein trat »und befriedige vorerst die meinige Erzähle mir ohne
Weitläufigkeit wie mein Freund der Kirchner meine Botschaft aufgenommen hat«
 »Ach ich will wünschen« versetzte Bastian »dass Sie klüger aus dem
Geschwätze des ehrlichen Mannes werden als ich Ihren Brief habe ich freilich
nicht gelesen aber in der Antwort wenigstens die er mir mündlich an Sie
auftrug liegt doch gewiss nicht ein Funken Menschenverstand«  »Das geht mit
allen Orakeln so« erwiderte ich »der Befrager muss ihn erst hinein legen das
ist in der Ordnung  Lass nur hören«  »Als er das Goldstück aus Ihrem Briefe
in Sicherheit gebracht hatte« fuhr Bastian fort »las er ihn bedachtsam durch
lächelte schüttelte den Kopf bei einigen Stellen sprach durch die Nase und
wiederholte seinen Unsinn einigemal damit ich ihn ja nicht vergessen möchte
Sage Er Seinem Herrn meinen Gruß  Er solle sich nicht grämen und wundern dass
er in Avignon in dem Gränzstreite zweier Heiligen verloren  und die
hochbelobte Koncordia vielleicht aus wohlmeinenden Ursachen ihm verwehrt habe
das Weichbild der harmonischen Cäcilia zu überschreiten Anderwärts hoffe er
würde sie ihm ihre anscheinende Härte zehnfach ersetzen Er habe nur bald die
Schwierigkeiten zu entfernen  die ihm  ich versichere Sie mein Herr dass er
diesen Unsinn wörtlich gesagt hat  dieses Anderwärts mache Die Mittel dazu
behauptete er lägen in Ihrer Gewalt  Sie sollten nur die guten Einfälle
aufbieten wodurch Sie ihm Ihre Unterhaltung so angenehm und geistreich gemacht
hätten «  »Ich glaube« unterbrach ich hier meinen Gesandten »der Kerl
raset oder er will mich zum Besten haben«  »Wohl möglich« antwortete
Bastian  »Wann hätte ich mich denn« fuhr ich nachdenkend fort »nur im
geringsten seinetwegen mit meinem Witze in Unkosten gesteckt Aber nur weiter«
 »Ferner sage Er Seinem Herrn« schnarrte Bastian auf das natürlichste dem
Kirchner nach »habe er sich nur die Augen zu reiben und über die Gasse zu
blicken so werde ihm der Zwerg erscheinen der allein die Verbrannten aus ihrer
Asche wieder erwecken könne«  Hier riss mir die Geduld ich sprang vom Stuhl
und »Was zum Teufel« fluchte ich »soll ich mit diesem albernen Geschwätze
anfangen Aber so geht es wenn ein Narr einen großen Dichter nachahmen will
Weil sein Petrarch immer und ewig ihm unverständlich sein wird so denkt der
Tropf glaube ich Laurens Schatten möchte es übel nehmen wenn ihr Wächter sich
deutlicher ausdrückte Den Augenblick gehe zu ihm und sage ihm zur freundlichen
Antwort dass er für seine scherzhafte Laune ein anderes Ziel suchen solle als
mich  so wie ich zu meinem Goldstücke das ich mir wieder ausbäte auch schon
einen andern Liebhaber  Doch warte nur«  Ich trat ärgerlich an das
Fenster aber ich sah nicht lange gedankenlos über die Gasse so stieß ich auf
etwas  das mir mit Einem Blicke jenes verworrne Rätsel ins Licht setzte 
stieß auf die Zwerggestalt meines Freundes Fez der auf seinen Laden gelehnt
mir gerade in das Gesicht gähnte  »Ja wohl guter buckliger Mann« rief ich
aus »bist du es allein der mich aus meiner Gefangenschaft retten kann  Du
bist der Zwerg auf den mich das Orakel verwies Geschwind Bastian reiche mir
eine Bücherschale nach der andern von dem Haufen her der an dem Kamine liegt
Ihre betrügerischen Titel sollen bald in eine Liste gebracht sein  Eins bis
siebenzehn Gottlob dass ich damit fertig bin Nun Bastian trage geschwind
dies Papier zu unserm Nachbar dem Buchhändler  lass ihn den Ladenpreis daneben
setzen und lass ihn unterschreiben dass er gegen die Summe sich für die
Beischaffung dieser seltenen Werke verbürge«  Eben so glücklich löste sich die
andere Hälfte des Rätsels Ich begriff jetzt ohne lange zu suchen die guten
Einfälle die meinem nachsichtigen Freunde in meiner schlechten Unterhaltung so
wohl gefielen den in allen Ländern beliebten und bei allen Prozessen
anwendbaren Witz  einer gefüllten Börse Ich zog die meinige heraus und besah
sie mit Wohlgefallen und da es einmal dort oben geschrieben stand dass ich alle
meine Torheiten bezahlen sollte so nahm ich mir vor es mit der besten Art und
wie ein großer Herr zu tun
    Meine gute Laune kam während dieser Betrachtung in gleichen Schritten mit
meinem Hunger zurück der eben aufs höchste gestiegen war als Bastian herein
trat und mir die teure Rechnung des Herrn Fez einhändigte Ich warf sie
gleichgültig auf den Tisch  »Geschwind Bastian« rief ich ihm zu »schaffe
mir etwas Gutes zu essen und bringe mir auch eine Flasche Sillery mit damit
ich vergesse dass ich noch in Avignon bin«  Man würde sich vielen Kummer
ersparen wenn man von den widrigen Vorfällen die uns in dem kurzen Übergange
vom Leben ins Grab aufstossen den finsteren Anblick zu vermeiden und nur die
lächerliche Seite davon aufzusuchen gelernt hätte die jedes menschliche
Ereignis wenn man es nur recht zu drehen versteht darbeut Sogar die
Empfindung eines gewaltsamen schmerzhaften Todes kann uns durch die Gewissheit
zum Lachen bewegen dass der Tyrann der uns damis belegt sie doch nicht über
eine kurze Spanne der Zeit auszudehnen vermag Ich würde mir vornehmen sie
mit Großmut und mit Verspottung der Ohnmacht meines Feindes zu ertragen wie
man es von den gefangenen Wilden erzählt und mich durch die Vorstellung
erheitern dass mein unsterblicher Geist in der unendlichen Zeit die ihm
nachfolgt über den Einsturz seines Kerkers eben so herzlich lachen werde als
wir jetzt über den heftigsten Schmerz einer Viertelsekunde  spotten Ich kann
nimmermehr glauben dass ich nachher noch geneigt sein würde die Narren die
hier an meiner ohnehin morschen Hütte noch zupften zur Verantwortung zu ziehen
oder ihnen zur Bestrafung nur ein kaltes Fieber an den Hals zu wünschen Mag es
ihnen doch gehen wie Gott Will Die Empfindung der Nache ist mir so unangenehm
dass ich ihrer bald satt habe und meinen Widersachern den Vorteil nicht einmal
gönnen möchte ihre Bosheit gegen mich durch Erregung dieses widrigen Gefühls
noch zu verstärken
    Dieser große Gedanke begleitete mich freundlich zu Tische und hielt an bis
ich gesättigt aufstand und ein anderer ihn feindselig verdrängte  »Welchen
frohen Abend« seufzte ich indem ich meine Weste aufknöpfte »würde ich jetzt
genießen wenn ich in Berlin wäre Ich würde meinen Eduard zu einem Gange in die
Komödie oder zu sonst einer gesunden Bewegung abholen Wer soll mir aber hier
eine Komödie spielen Was soll ich hier in einem Viereck von zwanzig
Quadratellen mit einem vollen Magen und einer erschwerten Verdauung anfangen«
 Meine vorige philosophische und stolze Betrachtung wäre gewiss in den Wind
gewesen wenn sie nicht die Hoffnung noch ein wenig hingehalten hätte die ich
auf die Macht meiner gefüllten Geldbörse setzte Ich öffnete behutsam die Tür
sah meine Wache fröhlich an ihrem Tische sitzen und winkte Bastianen der eben
seinem Nachbar ein Glas zubringen wollte  »Suche dir einen Eingang in die
Nebenstube zu verschaffen« sagte ich ihm »und überbringe der Vesammlung
daselbst nebst meinem Empfehl folgende VergleichsVorschläge die ich dir der
Neihe nach zuzählen will Nimm deinen ganzen Verstand zusammen und gib Acht
Sage ihnen erst insgemein dass mir der Vorfall der mir Arrest zugezogen von
Herzen Leid täte dass ich aber erbötig wäre ihn auf alle Art  vergiss diesen
Ausdruck nicht denn er ist hier von Bedeutung  wieder gut zu machen
Überreiche sodann dem Herrn Propste die Liste der verbrannten Bücher Erkläre
ihm dass ich sie nach der Taxe bezahlen und auch noch etwas für die
beschädigten Bände zulegen wollte   Dem Prokurator mache verständlich dass
ich ihm willig die Versäumnis vergüten würde an der ich schuld sei  Die alte
Tante bitte in meinem Namen auf das demütigste um Verzeihung wegen meines
übereilten Betragens gegen sie  und der frommen Klara versichere dass ich für
das Ärgernis das ich ihr gegeben auf dem Altare der heiligen Cäcilia zwei
Wachskerzen zu stiften gedächte und es ihr überliesse die Größe und Schwere
davon selbst zu bestimmen  dass ich bereit sei diese Anerbietungen noch diesen
Abend in Erfüllung zu bringen und dagegen erwarte dass die hohe Versammlung
meine Abreise morgen mit dem frühesten  oder auch diese Nacht nicht weiter
erschweren würde«  Nicht wahr Eduard das war ein übertriebenes Gebot  Ich
fühlte es selbst recht gut als ich es tat aber bei Gott ich fühlte auch dass
ich mich zu noch größeren Aufopferungen verstehen könnte um nur aus einer
Gefangenschaft zu kommen die ich für die dümmste hielt in die wohl noch je ein
ehrlicher Mann geriet Ich will gern dachte ich diese unberechnete Ausgabe
auf einer andern Seite wieder ersparen und ließ Bastian gehen ohne dass ich es
über mich gewinnen konnte nur einen Heller davon zurück zu handeln Du wirst
sehen dass ich nichts bei meiner Freigebigkeit verlor
    Nach einer guten Viertelstunde trat Bastian vor meinen Lehnstuhl auf dem
mich ein leichter Schlaf gefesselt hatte  Er räusperte sich und ich erwachte
 »Nun« fragte ich »sind die Pferde schon angespannt«  »Noch nicht«
antwortete der arme Schelm und die Tränen traten ihm in die Augen  »Was ist
dir Bastian« fuhr ich hastig auf  »Ach mein Herr« stockte er »die
Versammlung hat Ihre Friedensvorschläge  nicht angenommen«  »Nicht
angenommen sagst du« erwiderte ich und blickte ihm halb wütend in das
Gesicht »So erzähle mir denn«  »Sie werden sehen lieber Herr« fuhr Bastian
fort »dass ich alles in der Welt getan habe was in so einer verwickelten Sache
möglich war aber wir haben mit Felsenherzen zu tun Ich pochte an  die Tante
die mir aufmachte ward rot wie ein Ziegelstein als sie meiner ansichtig
ward Ich machte ihnen allen meine tiefste Verbeugung  wendete mich mit meinem
Auftrage zuerst an den Propst der einem großen Spiegel gegen über auf einem
Sopha saß von hellgelbem Atlas mit  wenn ich mich nicht irre  mit
Lillastreifen und weißen Franzen behängt«  »O halte dich damit nicht auf«
unterbrach ich ihn »ich weiß schon wo er steht und wie er aussieht«  »Dann
drehte ich mich mit meiner Rede nach dem Prokurator  von ihm nach der Tante
und endigte sie endlich bei Klärchen und  erwartete meinen Bescheid Wie
denken Sie dass er ausfiel Erschrecken Sie nur nicht zu sehr mein bester Herr
aber es ist meine Schuldigkeit Ihnen klaren Wein einzuschenken«  »Das tue nur
bald« sagte ich lachend »sonst möchten dir deine Freunde draußen keinen mehr
übrig lassen«  Der Wink tat seine Wirkung »Der Propst« fuhr jetzt mein
wortreicher Gesandter weit gedrungener fort »nahm zuerst das Wort mit so
vieler Würde dass ich selbst vor ihm zittern musste Ist es begreiflich fuhr er
mich an dass ein Mann der sich solcher Verbrechen bewusst ist als Sein Herr es
wagen kann der Gerechtigkeit mit so nichtigen Anerbietungen unter die Augen zu
treten und dass auch Er mein Freund der in der reinen Lehre erzogen und
geboren ist sich nicht scheut solche Anträge zu übernehmen Fällt denn nicht
schon durch die schwarze Tat selbst die Sein Herr beging sein Eigentum so
groß es auch sein mag dem geistlichen Fiskus anheim und seine Richter sollten
sich herablassen mit ihm über seine Bestrafung zu handeln O wir wollen schon
sorgen dass sie exemplarisch ausfallen soll Er hat nicht nur die Gastfreiheit
unsers Landes auf das undankbarste erwidert  nicht nur einen Kirchenraub an
den Schätzen der frommen Stiftung begangen die ihm Schutz gab nein er hat
selbst die Werkzeuge auf das treuloseste vernichtet die unsere gottseligen
Vorfahren zur Ausbreitung der Religion und Tugend diesem Hause übergaben  Er
hat  schrie der Prokurator mit einer sehr gelehrten Miene darein ärger und
verabscheuungswürdiger als Herostratus gehandelt denn jener verbrannte nur den
Götzentempel einer Diana er aber hat das Lehrgebäude unsers heiligen Glaubens
im Bunde mit dem Satanas zu Asche verwandelt  Er hat mich  er hat Gott
gelästert krähete die alte Bertilia  Er hat alle Heiligen beschimpft tönte
Klärchen  Solche Gräueltaten übernahm ihr Nachbar der Propst das Wort
lassen sich nicht mit Gold und Silber verbüssen  Mit Freuden will ich ihn
brennen sehen sagte die Alte  Und auch ich will keine Träne dabei vergießen
stimmte die Nichte bei  Morgen donnerte der Prokurator soll es Sein
unwürdiger Herr schon erfahren mit wem er zu tun hat  Meine Klagrede ist
bald fertig  Schwer solles ihm werden darauf zu antworten  
    Und nun tret Er ab mein Freund rief mir der Propst mit einem so
ernstaften Winke zu als ich nie wieder zu sehen verlange Sage Er Seinem Herrn
 denn heute ist er es noch  was Er gesehen und gehört hat Der morgende Tag
wird ihn das Weitere schon lehren«  »Und was soll er mich lehren« fragte ich
mit verächtlichem Grimme »was ich nicht heute schon weiß dass dieses
Winkelgericht aus den niedrigsten Heuchlern zusammen gesetzt ist verworfener
selbst als jene die ich dem Rousseau geopfert habe Ich biete ihnen Trotz Bin
ich nicht ein Untertan Friedrichs des Großen und Weisen Auch in der Entfernung
von ihm wird sein Name mich schützen Und du mein guter Bastian bekümmere
dich meinetwegen nur nicht Du sollst hoffentlich länger in meinem Dienste
bleiben als dir der Schwarzkünstler gedroht hat Trinke jetzt ruhig den Wein
aus von dem ich dich abgerufen habe und lass auch den armen Soldaten nichts
abgehen Du hast doch ein Abendessen für sie bestellt  Nun gut So lasst es
euch bei meiner Gefangenschaft wohl schmecken Ich verlange heute nichts weiter
von dir als dass du mir Licht bringest wenn es dunkel wird«  Unter vier Augen
kann ich Dir nun wohl sagen Eduard dass mir nicht ganz so heroisch zu Mute
war als ich mich gegen meinen beängstigten Bastian anstellte Der Name meines
Königs so geltend er auch überall sein mag wird auf dieses Gesindel so wenig
Eindruck machen als auf die Bewohner des Feuerlandes Kommst Du unter die
Gewalt der Wilden so werden sie Dich braten und wenn Du auch preußischer
Kammerherr wärest oder Ritter vom schwarzen Adler Nur unter civilistrten
aufgeklärten Völkern ist so etwas von Gewicht und hat da schon manche
SpecialInquisition von größeren Verbrechern abgewendet als ich bin
    Ich hatte meinen Kopf ganz schwer von diesen Betrachtungen auf den Arm
gestützt und dachte meiner verdrießlichen Sache nicht ohne manche Besorgnis
nach als Bastian mit einem Gesichte herein trat das mir nur zu gut bewies dass
sie draußen zu meinen Ehren wohl nicht den wohlfeilsten Wein trinken mochten
und mein ehrlicher Kerl vermutlich meine Goldbörse ohnehin für konfiscirt hielt
 »Mein Herr« wendete er sich freundlich an mich indem er mir Lichter
aufsetzte »Ihre Soldaten sind ganz von Ihnen eingenommen Nicht ein Glas von
den vier oder fünf Bouteillen die ich aufgetragen habe ist anders getrunken
worden als auf Ihre Gesundheit Zehnmal lieber sagen sie wollten sie für ihren
Gefangenen ihr Leben daran setzen als ein einzigesmal für ihren Kommandanten
der ihnen kaum so viel von ihrer Löhnung abgäbe als nötig sei es zu fristen«
 »Warum« antwortete ich gleichgültig darauf »ließ sich die Narren unter
solche Truppen anwerben«  »Warum« wiederholte Bastian »O das sollten Sie
Sich wundershalber von den beiden unglücklichen Brüdern erzählen lassen Es ist
der Mühe wert und kann Ihnen mein Herr ein großes Licht über den hiesigen
Gerichtsgang aufstecken«  »Nun das« antwortete ich »sollte mir nicht
unangenehm sein Bastian«  »Also darf ich sie herein schicken mein Herr« 
»Meinetwegen Habe ich doch ohnehin nichts zu versäumen«
    Sie traten herein und brachten diesmal ein viel gescheidteres Ansehen mit
als da sie mir das Essen aufsetzten Die Schminke des Wohlbehagens färbte ihre
Wangen und der Stillstand ihres gewohnten Elends den sie so unerwartet einmal
in ihrem Dienstgeschäfte fanden flimmerte so deutlich in ihren freundlichen
Augen dass ich mir nur um desswillen kein Gewissen machen konnte die Lauterkeit
ihrer süßen Empfindungen zu trüben weil ich zu gut aus eigener Erfahrung weiß
dass nichts so sehr den Genuss eines frohen Augenblicks erhöht als die Übersicht
unsers überstandenen Unglücks Denn wie der Mensch ist anstatt finsterer
Beweise für die Zukunft zieht er viel eher angenehme Fehlschlüsse auf bessere
Zeiten daraus und das Gefühl eines wirklich erlebten glücklichen Tags macht ihm
die Möglichkeit vieler künftigen nur gar zu wahrscheinlich Glückliche
Blindheit die in der weit ausgespannten Finsternis nur die hellen Punkte
entdeckt und vereinigt die einzeln ach sehr einzeln aus ihr hervorstrahlen
 »Es ist euch auch wie ich höre nicht sonderlich in der Welt gegangen«
redete ich sie zutraulich an »Setzt euch nieder ihr guten Leute und erzählt
mir eure Geschichte Vielleicht trägt sie etwas zu meiner eigenen Beruhigung
bei die ihr mir gewiss gern gönnen werdet«  »O ganz gewiss bester Herr« nahm
der eine das Wort »Wir sind so gerührt von Ihrer Güte Seit sechzehn Monaten
war es heute das erstemal dass wir uns satt aßen und einige Tropfen Wein über
die Zunge brachten und was für ein Wein  großer Gott Ehemals fehlte es uns an
nichts wir waren dick und fett aber die Geistlichkeit Gott vergelte es ihr
hat uns mager gemacht«  »Das sieht ihr gleich« konnte ich mich aus Bitterkeit
gegen den Propst nicht enthalten mit spöttelndem Tone hinzu zu setzen »Von
allen Verwandlungen die jene Diener des Altars täglich und stündlich vor unsern
Augen vornehmen gelingt ihnen diese immer am besten Doch wie versaht ihr es
denn ihr guten Leute dass ihr in ihre Hände gerietet«  »Wenn Sie Zeit und
Lust haben meiner Erzählung zu folgen« antwortete der Grenadier »so hoffe ich
Ihnen den Zusammenhang unseres Unglücks auf das anschaulichste darzustellen Wir
sind zwei Brüder aus der Vorstadt Unsere Eltern und Vorältern waren Weber
Sie hinterliessen uns ich gestehe es ein Handwerk das auch uns würde ernährt
haben und so hätten wir denn ganz friedlich und schiedlich durch die Welt
schleichen können wie sie  Aber wir fühlten einen unwiderstehlichen Drang
nach höheren Dingen  setzten unsere Erbschaft ins Geld  warben junge flinke
Bursche und Dirnen die so dachten wie wir und stellten uns an die Spitze einer
Bande  Schauspieler«
    Ich kann Dir nicht sagen lieber Eduard wie diese unbedeutende Nachricht
mir doch ganz sonderbar auf das Herz fiel War es nicht eine der drolligsten
Gaukeleien des Schicksals dass es mir in derselben Stunde wo mir eine so heiße
Sehnsucht nach der Komödie ankam wie ich Dir an Ort und Stelle gesagt habe auf
einmal einen abgedankten TheaterDirektor unter die Augen stellte »Du darfst ja
nur« spasste ich mit mir selbst »ihn auf diesen Abend engagiren so kannst du
dein Lüstchen vielleicht so gut stillen als wenn du in Berlin wärest« Beinahe
ist Ernst aus meinem Spasse geworden Mir ist wenigstens alleweile nicht
schlimmer zu Mute als wenn ich eben von einem Privatteater zurück käme
    »Stolze glückliche Zeiten« fuhr der Akteur jetzt in einer edelen
Deklamation fort »Wenn wir« hier kehrte er sich mit einer anständigen Bewegung
der Hand gegen seinen Bruder »den Tag über Könige und Feldherrn gespielt
hatten waren wir jeden Abend im Stande unsere Zeche zu bezahlen  blieben
unserm Hofe  unserm Militär und unserm Zettelträger nichts schuldig und gingen
als ehrliche Leute zu Bette Das dauerte ein volles Jahr Aber hören Sie weiter
mein Herr Einst führten wir an der Gränze des Landes  zu Kavaillon wo wir den
Tag vorher mit unserer Truppe angelangt waren ein ausländisches Drama auf 
Faust  den Doktor wie er vom Teufel geholt wird Und aus der Oekonomie dieses
Stücks sollten Sie es glauben mein Herr hat sich nachher alles unser Unglück
entsponnen  Wir hatten unsere Bühne in dem Wirtshause zum Propheten auf
einem sehr großen Saale des Hintergebäudes aufgeschlagen der aber dennoch
gedrängt voll war als wir den Vorhang aufzogen Mein guter Bruder stellte den
bösen Feind vor sah fürchterlich aus und brüllte nach der Schrift wie ein
Löwe Da aber jedermann wusste dass es nur Verkleidung war so fand das Stück
einen so lauten weit um sich greifenden Beifall dass wir eine Stunde nachher 
eine Sache die in den Annalen der Schauspielkunst unerhört ist  es vor einer
noch verstärkten Versammlung wiederholen mussten Freilich griff es uns an und
mein Bruder spie Blut aber dafür hatten wir auch eine doppelte Einnahme Das
Spiel dauerte bis nach Mitternacht und die Zuschauer gingen höchst vergnügt aus
einander Wer hätte sich einbilden sollen dass der Teufel während wir ihn in
seiner Herrlichkeit vorstellten uns den boshaftesten Streich spielen würde den
er je ausgeführt hat Gegen mich und die Meinigen hätte er wenigstens kein
ärgeres Bubenstück ausdenken können Wir waren so abgespannt und schläfrig dass
wir kaum die Lichter ausgeputzt hatten ausgenommen das Endchen mit welchem
mein Bruder uns vorleuchtete so trabten wir auch schon über den langen Gang
unserer Schlafkammer zu Nun hatte aber der gewinnsüchtige Wirt in unserer
Abwesenheit zwo andere Personen in derselben Kammer aufgenommen ohne ihnen über
uns Bescheid zu sagen anstatt sie wie er ehrlicher würde getan haben in ein
anderes Gasthaus zu weisen da in dem seinigen keine Stube mehr leer war 
    Aber gut genug es war ohne unser Wissen geschehen uns ahndete nichts
böses und wir traten ein Mein Bruder das Stümpfchen Licht in der Hand lief
gerade nach seinem Bette zog die Vorhänge zurück und das Unglück war
geschehen Der fremde Herr der darin lag  Heiliger Anton was für ein
Schrecken überfiel ihn als er aufwachte und diese Höllenfigur vor sich stehen
sah Er verfiel in ein Angstgeheul wodurch in dem gleich anstoßenden Bette eine
andere Figur erweckt wurde die gleich einer Venus die noch nicht ausgemalt
ist schon damals nicht weniger versprach als sie nachher gehalten hat wie Sie
am besten wissen werden mein Herr«  »Wie denn ich« fragte ich voll
Verwunderung  »Weil es« antwortete der Grenadier »niemand anders war als 
die Mamsell hier im Hause«  »Träumt ihr Freund« unterbrach ich den Soldaten
»oder faselt ihr«  »Nichts weniger« erwiderte er sehr bestimmt  »Besinnt
euch« fuhr ich auf ihn zu »denkt nur welche schöne Zeit müsste das nicht her
sein«  »Das ist« besann sich der Erzähler »mit Ende dieser Woche ein und
zwanzig völlige Monate«  »Und da schon« warf ich ein »sollte die schöne
fromme unmündige Klara Das ist nicht möglich«  »So möglich« versetzte der
Grenadier und hob die Hand wie zum Schwur in die Höhe »dass es selbst mein
Bette war aus dem sie ich will Ihnen nicht sagen wie schlank und artig heraus
fuhr und sich entweder aus Furcht oder Bescheidenheit unter die Decke ihres
zitternden Nachbars flüchtete Welcher Sturm des Ungefährs übrigens sie in diese
Kammer  in das Bette eines Komödianten und unter den Wendezirkel des Domherrn
verschlagen hatte mag Gott wissen«  »Was für eines Domherrn« fragte ich
hastig  »Er heißt« antwortete mir der Soldat ganz gelassen  »Ducliquet und
lebt hier in dem größten Ansehen« 
    Nun du barmherziger Gott murmelte ich in den Bart so habe ich mir denn
nicht vorzuwerfen die Geheimnisse deiner Heiligen zuerst aufgedeckt und die
Ruhe ihrer Unschuld gestört zu haben Noch vor Erfüllung der Zeit noch vor
Erschaffung ihres schwellenden Busens  lag sie schon dem Verehrer ihrer
Patronin  lag sie herzhaft dem Manne zur Seite vor dem wohl jeder Christin
die auf den Namen der heiligen Klara getauft ist ganz besonders bange sein
sollte Nun lässt sich schon eher begreifen warum sie die berühmte Stelle in der
Legende ihrer Seelenschwester so nachdenkend überlas Von jener Schreckensnacht
in dem Propheten zu Kavaillon her mag sie wohl die alte Geschichte datiren von
der sie mir sagte sie sei ihr unter andern Nebenumständen erzählt worden Ach
diese Nebenumstände Was gäb ich für die Menschenkenntnis darum wenn ich sie
wüsste Wie gut würden sie mir vielleicht die Schwärmerei des Domherrn für die
heiligen Steine erklären die seinen schwachen Kopf fast mehr als der Stein der
Weisen das Gehirn eines Adepten verrücken O der Unschuldigen die erst von den
Kasuisten erfahren musste was in der Liebe Rechtens ist O der jungfräulichen
Hand die über die abartige Bildung des schlafenden Engels so scheu ward und o
des Toren der nur einen Augenblick über die fromme Unwissenheit eines solchen
Mädchens nachgrübeln konnte  »Doch guter Freund fahre in deiner Erzählung
nur fort« unterbrach ich endlich meine kleinlauten Betrachtungen und
verdoppelte meine Aufmerksamkeit  »Hätte das Geschrei dieser beiden« hub der
Grenadier wieder an »die halbe Stadt in Aufruhr gebracht es wäre kein Wunder
gewesen Umsonst stellten wir uns alle wie wir waren teilnehmend um ihre
Lagerstatt her suchten ihnen begreiflich zu machen dass wir nicht mehr und
weniger Teufel wären wie sie  dass diese Kammer unsere tägliche Wohnung und
unser fürchterliches Ansehen nur ein Teaterkleid sei Todtenblass blieben sie
immerfort einander in den Armen liegen kreuzigten und segneten sich als sie
die Augen aufschlugen und wurden auch ihrer fünf Sinne nicht eher mächtig als
bis Doktor Faust und der Teufel mit jedem ein Vaterunser gebetet hatten Sobald
mein Bruder sein Schlangenhaar an den Nagel gehängt seine Pferdefüsse
abgeschnallt die Hörner die seinen Kopf fürchterlich zierten neben dem Bette
des Domherrn niedergelegt und vor den Augen des blinzelnden Mädchens seinen
langen Schweif zusammen gerollt und in die Tasche gesteckt hatte und nun der
Angstschweiß dem Prälaten zu trocknen begann so kehrte auch schon die
natürliche Würde seines Charakters zurück Er hätte uns gern unser sündliches
Leben in einer langweiligen Predigt an das Herz gelegt wäre ihm nicht selbst
mehr damit gedient gewesen uns von unserm Bette zu verjagen als uns
einzuschläfern Sonach hielt er es für das sicherste uns durch sein Ansehen in
Furcht zu setzen nannte uns seinen Namen und Stand bedrohte uns mit der
Inquisition die wir als Masken der Hölle verdienten und war in kurzem sogar
hätten Sie das erwartet mein Herr gefasst genug mich zu fragen ob das Kind
das sich in sein Bette versteckt hätte mit zu unserer Bande gehöre So sehr wir
auch Komödianten waren so erschraken wir doch alle über die Miene der Wahrheit
mit der er seine Frage vorbrachte Wir sahen einander an wussten nicht was wir
antworten sollten und beriefen uns voller Verwirrung auf die Aussage der
kleinen Schönen die indes aber unter seinem Bette vor in das ihrige wieder
zurück gekrochen war und keine Lust bezeigte sich in unsere Rechtfertigung zu
mengen Wir brachen sie auch selbst bald genug ab hielten es für das klügste
den beiden Pilgern unsere Schlafstellen in gutem zu überlassen und suchten uns
zu behelfen wie es anging 
    Mit Tages Anbruch waren sie aus unserer Kammer geschlichen und in einer
Chaise auf und davon gefahren ohne sich zu bekümmern was wir davon denken
würden Der Wirt den wir zur Rede setzten entschuldigte seine doppelte
Einnahme für unsere Kammer mit unserer doppelten Einnahme auf seinem Saale der
ganze schnakische Handel wurde eine Weile belacht und bald hernach vergessen
Wir spielten in der dortigen Gegend so lange sich noch Zuschauer einfanden und
gingen einige Wochen nachher in der schönsten Erwartung auf Einnahme und Ruhm
nach unserm Avignon zurück Aber wie der tragische Dichter sehr geistreich
sagt
Du schlenderst an der Hand der Hoffnung dem Gesang
Des Glücks unwissend nach dass dich sein Blumengang
In Labyrinthe führt wo hungrig Minotauren
Im Dienst der Grausamkeit auf deine Ankunft lauren«
     »Deine Verse in Ehren« unterbrach ich hier den Akteur »sie mögen so
wohlklingend sein als sie wollen so ist mir doch jetzt mehr um deine Geschichte
zu tun als um die erhabenen Maximen die ein kluger Kopf daraus kochen kann
Lass sie lieber in deiner Erzählung weg und sage mir in einfältiger Prosa in
welche Labyrinthe und unter was für Minotauren du geraten bist«  »So wissen
Sie denn mein Herr« fuhr der Grenadier fort »dass wir kaum den andern Morgen
unsere Garderobe ausgepackt hatten als ich und mein Bruder von dem geistlichen
Gerichte freundlich beschickt und eingeladen wurden vor ihm zu erscheinen Was
haben wir doch dachte ich flüchtig mit diesen Herren zu teilen und wir
erschienen mit dem ruhigsten Herzen vor ihren Schranken Aber ach unser Mut
dauerte nicht lange Was will die Unschuld eines Komödianten vor einem Tribunale
bedeuten das aus Leuten zusammen gesetzt ist die nie an gute Absicht glauben
aus Achtung für die Unwissenheit alle freie Künste verfolgen und immer und ewig
vom Brodneide gegen unser Handwerk gedrängt werden Der Vorsitzende legte uns
eine Anklage des furchtsamen Domherrn vor die uns als Landstreicher schilderte
und das Schrecken das wir ihm nächtlicher Weile eingejagt hatten für nichts
geringeres als einen öffentlichen Friedensbruch und als den boshaftesten
Eingriff in die Geheimnisse unserer geheiligten Religion erklärte Alle unsere
gegründeten Einwendungen dagegen wurden verworfen man glaubte dem Domherrn mehr
als den Komödianten und unsere Mutmaßung über Klärchens Nachbarschaft an
seinem Bette brachte vollends seine Herren Kollegen so wider uns auf dass sie
alle keinen ausgenommen auf die Verabschiedung und Trennung unserer Truppe
zusammen stimmten und uns mit dem kurzen Bescheid entliessen nie wieder mit
lebendigen Personen zu spielen  Wir schlichen belastet von unserm Unglücke
nach Hause dem Sturme entgegen der jetzt unter unserer Gesellschaft entstand
als wir wie Gespenster unter sie traten und ihr den Ausspruch ihrer Vernichtung
bekannt machten Das schreckliche Wort wirkte wie ein elektrischer Schlag auf
alle Mein alter zitternder Dekorateur malte eben an einer Morgenröte Der
Pinsel entschlüpfte seiner gelähmten Hand und fiel gerade auf die Schürze der
Anatme die neben ihm saß und ihrem Teseus die Halbstiefeln putzte Zwei von
meinen Grazien die diesen Abend zum erstenmale in dem Nachspiele auftreten
sollten ließ den Schleier fallen um den sie sich zankten und die dritte
sprang wie eine Furie hinter dem Verschlage vor wo sie sich anzog und überfiel
meinen armen Bruder dessen gottlose Maske sie als die einzige Ursache unsers
allgemeinen Unfalls ansah und worin sie auch nicht ganz Unrecht hatte Ich trat
dazwischen gebot Ruhe und ersetzte meine verlorne Gewalt über die
Gesellschaft durch eine derbe Beredsamkeit Den Damen legte ich ihren
zweideutigen Ruf nahe an das Herz und ermahnte sie brüderlich die
Geistlichkeit nicht noch mehr wider ihr weltliches Leben aufzubringen und wohl
gar noch bei zunehmenden Jahren in die Exkommunikation zu fallen Meine Helden
beruhigte ich durch einige glückliche Tiraden aus unsern Trauerspielen über die
Würde der Standhaftigkeit im Unglück und empfahl allen die mancherlei
Erfahrungen nun auch zu nützen welche sie unter meiner Leitung erlangt hätten
Der Kleinmut verlor sich nach und nach auf ihren geschminkten Gesichtern der
Trieb der Selbsterhaltung erwachte und mein guter Rat wurde befolgt Die eine
von meinen Grazien vermietete sich noch diesen Abend die andere sieben Wochen
später als Amme die dritte ward  um sich glaube ich an dem geistlichen
Tribunale zu rächen  Ausgeberin bei dem Präsidenten Meinen ersten Akteur
brachte seine Bassstimme ins Chor Mein Dekorateur malt jetzt Altäre und
Kapellen Ariadne hat eine kleine Wirtschaft angelegt und findet ihr Konto so
gut dabei als die alte Dame neben an Meinen Teseus müssen Sie oft gesehen
haben mein Herr Er trägt die kleinen Pasteten zum Frühstück umher die wie
man sagt vortrefflich sind denn der Undankbare hat seinem alten Direktor nie
eine zu kosten gegeben Ich wüsste mit Einem Worte keines von meiner
Gesellschaft für das die Vorsehung nicht augenscheinlich gesorgt hätte Auch
für uns beide Brüder sorgte sie die doch in diesem Tumulte am meisten verloren
Da uns der verhasste Bescheid verbot mit lebenden Personen zu spielen so fanden
wir in dieser Klausel selbst den besten Wink für unsern wahren Beruf Wir
schafften uns Dratpuppen an und waren in kurzem im Stande mit einem recht gut
besetzten Theater die Märkte zu beziehen Als die Empfindung der falschen Schaam
überwunden und die erste Auslage verschmerzt war befanden wir uns sogar selbst
besser bei unsern Marionetten als bei dem vorigen hochmütigen Trotz Wir
hatten nun keinen Zank mehr unter unsern Heerführern zu schlichten Jede Puppe
war mit der Rolle zufrieden zu der sie ihre Gelenke bestimmten Sie schickten
sich weit besser in den engen Kreis den wir ihnen anwiesen und stießen nicht
an die Wolken wie ich mich wohl erinnere dass es sonst geschah wenn meine
Helden Sturmhauben meine Göttinnen Federbüsche aufsetzten Mit dem einzigen
Anzüge des Perseus den ich zerschnitt konnte ich jetzt meine ganze Truppe
bekleiden und ich bekam zwei Vorhänge aus der Schürze die der Ariadne zu kurz
war Die Mechanik unserer jetzigen Aktricen ward nicht so oft wandelbar wie bei
den vorigen Unsere Könige und Ritter lagen mit ihnen in Einem Kasten ohne dass
wir unangenehme Folgen besorgen mussten und was das beste war so hatten wir
nicht nötig unsern brüderlichen Gewinn mit unserer Gesellschaft zu teilen
Jetzt spielten wir den Doktor Faust ohne dass ein Hahn darüber krähte und da
wir überall zu Lachen machten und von dem Vornehmsten bis zu dem Geringsten
Aufmunterung und Beifall erhielten so glaubten wir endlich das blinde Schicksal
eben so gewiss an dem Seuchen zu führen als unsere Puppen Es ist glaube ich
kein Mensch so klug den nicht ein anhaltender Wohlstand zum Toren macht Er
denkt immer an den Fortgang seines Glücks  nie an seinen Wechsel Die traurigen
Begebenheiten über denen ich doch täglich schwebte wenn ich sie auf meiner
kleinen Schaubühne darstellte wirkten am wenigsten zurück auf mich Dass Belisar
in dem ersten Akte als Befehlshaber mit einem Ordensband behängt
einherstrotzte und in dem letzten als ein Bettler mit einer Klingel umher
ging fiel mir gar nicht mehr auf Ich sah den Nebukadnezar an seiner
königlichen Tafel  und bald darauf Gras fressen wie ein Rind ohne dass es mich
rührte Ich hielt mich zu erhaben über alle Zufälle die ich andern zur Schau
gab vermutlich weil ich sie wie der Regierer der Welt von oben herab sah und
lenkte Ich dachte ich wär es So trieb ich mich in dem besten
Einverständnisse mit meinem Bruder an die sechs Monate herum Unser täglicher
Überschuss häufte sich dergestalt dass wir unsere Truppe bis zu fünfzig Stück 
immer eins künstlicher gebaut als das andere  verstärkten und nun die
weitläuftigsten Historien vorzustellen im Stande waren Aber auf einmal geschah
der unerwartete Schlag der dieses große kostbare und zusammenhängende Gebäude
in seinen Grundpfeilern erschütterte und über den Haufen warf  Warum lachen
Sie mein Herr  Verwechseln Sie mich nicht ich bitte Sie mit einem gemeinen
Puppenspieler der seine Kunst wie ein Handwerk treibt und nicht daran denkt
dass man auch hölzernen Figuren Gesinnungen in den Mund legen kann die gerade
auf das menschliche Herz wirken Ich war wie Sie mich hier sehen der erste
meines Standes der einen schönen Geist besoldete  einen Metastasio in seine
Dienste nahm der unablässig für mein Theater arbeiten musste alte Ware für das
Bedürfnis der Zeit ausbesserte und neue fertigte die gegen die strengste
Kritik sich aufrecht erhielt Durch diese Einrichtung hätte vielleicht mein
Puppenspiel endlich so viel zur Aufklärung beigetragen als die königliche
Schaubühne zu Paris Aber weislich ließ es die hohe Klerisei nicht bis dahin
kommen Es war vor dem Jahre in der Weinlese als wir das älteste Stück von
allen die jemals gespielt wurden aufführten nur neu bearbeitet und in einem
Modegewande Wir hatten es bis zu dieser Epoche aufgehoben wo das menschliche
Herz wie unser Teaterdichter sagte besonders zum Gefühl des Großen und
Erhabenen gestimmt sei Unsere Zettel kündigten es von einer Ecke der Stadt bis
zur andern unter dem prächtigen Titel an Das allgemeine Trauerspiel der
Menschheit oder das verlorne Paradies Hatten wir gleich auf eine große Menge
Zuschauer gerechnet so übertraf der Zulauf doch unsere größte Erwartung Als
alle Himmelslichter angezündet waren und der Vorhang nun aufflog geriet die
Versammlung in einen so lärmenden Beifall dass durch die Erschütterung die es
verursachte ein Stern der ersten Größe vom Horizonte herab fiel Indem trat ich
als Prologus auf  winkte mit der Hand und es war rührend anzusehen wie
augenblicklich dieser unbändige Tumult in die tiefste Stille überging Meine
Anrede an das Publikum enthielt wie bei den Schauspielen der Griechen und
Römer den ganzen Plan des Stücks und war so gut gearbeitet und darstellend
dass es Ihnen sein würde mein Herr als hätten Sie mit in dem Parterr gesessen
wenn es Ihnen gefällig wäre sie anzuhören Ich weiß sie noch so auswendig als
damals denn ob sie mich gleich und die Meinigen in Kummer und Elend gestürzt
und ihren poetischen Verfasser genötigt hat landflüchtig zu werden so kann ich
doch einmal das schnakische Ding nicht vergessen und recitire es oft mir selbst
vor und gemeiniglich um so viel patetischer je weniger ich vor Hunger weiß
was ich anfangen soll Heute hoffe ich wird es noch besser gehen da ich ein
gutes Souper in der Aussicht habe Darf ich mein Herr«  »Ganz gern lieber
Grenadier« antwortete ich und setzte mich in meinem Lehnstuhle zurechte 
    Ich versichere Dich Eduard der Mann beschämte in diesem Augenblicke unsere
berühmtesten Akteurs denn kaum hatte er seine Mütze abgenommen und sein
rostiges Gewehr das ihm während seiner Erzählung noch immer im Arme lag in die
Ecke gelehnt so befeuerten sich seine Augen und der Drang des Genies zitterte
auf seinen Lippen Er trat in einer edelen Stellung mir gegenüber und es
herrschte eine Würde auf seinem Gesichte die mit der Arbeit seines Dichters
sonderbar abstach »Ich bin« deklamirte er mit langsamer ernster und
besonders mit der sonorischsten Stimme ohne die selbst das schönste Gedicht
keinen Eindruck auf unser Herz macht
»Ich bin der Prologus Hört an
Wie Gott der Herr die Welt begann
Denkt ihr dass er mit Einem Ruf
Dem Chaos Ordnung anerschuf
So denn ihr falsch  so macht ihr euch
Wohlweise Herrn dem Pöbel gleich
Noch immer brausst es Gift und Schaum
Durchströmt die Zeit verschlammt den Raum
So viel es dessen sich entlud
Steht es noch immerfort in Sud
Unförmlich wie es Anfangs war
Schäumt es nicht aus und wird nicht klar
Denn wie auf einem Feuerherd
Ein Topf voll Spülicht kocht und gährt
Dass alles wild und unbestimmt
Bald abwärts fährt bald oben schwimmt
So treibt das heutge Sekulum
Das morgende mit sich herum
Die Wasserblase die gebläht
Sich jetzt am Rand des Topfes dreht
Und Farben strahlt zerplatzt und sinkt
Von ihrer Höh herab und  stinkt
Nachdem sich hier ein Element
Der Fäulnis von dem Ganzen trennt
Und sich wie es dem Zufall gnügt
An einen andern Unrat fügt
Entstehn Systeme und entstehn
Beweise die in Rauch vergehen
Der alte Irrtum sinkt und schnellt
Bald einen neuen in die Welt
Dass alles durch einander irrt
Der Maulwurf ein Gesalbter wird
Und oft der Wirbel einer Nacht
Den Narren zum Propheten macht
Mischt Faulheit sich und Heuchelei
Mit Unvernunft in Einen Brei
So stößt die Gährung mit Gebraus
Konvente von Geweihten aus
Wie die Chymisten Tinte ziehen
Aus Salz Galläpfeln und Urin
Aus ähnlicher Mixtur entstand
Papst Bonifaz und Hildebrand
Da Gott der Herr in Gloria
Von fern schon diesen Gräuel sah
Warum zermalmt er nicht den Topf
Auf ewig samt dem ersten Tropf
Der an dem Boden lag noch eh
Er seinen zweiten spaltete
Doch das dem Schöpfer nicht gefiel
So stell euch unser Puppenspiel
Die erste Menschentorheit dar
Die ins Unendliche gebar
Im ersten Aufzug sollt ihr sehen
Sich Sonn und Mond im Kreise drehn
Und fünkeln ohne Maß und Zahl
Die lieben Sternlein allzumal
Zwar bleibt noch bis zur Wiederkehr
Des andern Tags die Erde leer
Doch währts ein Vaterunser kaum
So schwindet auch der leere Raum
Ein zweiter Vorhang öffnet euch
Das Tierreich und das Pflanzenreich
Wo mit dem schnellsten Übergang
Bei Wolfsgeheul und Vogelsang
Sich Berg und Tal mit Grün umzieht
Der Giftstrauch bei der Rose blüht
Der Tiger ohne Trug und List
Des ersten Schafes Freund noch ist
Und über alles ausgeziert
Die Schlang aus Hörn sich distinguirt
Und seid ihr dieses Anblicks satt
Tritt Adam ohne Feigenblatt
Im dritten Aufzug auf gelehnt
Am nächsten Apfelbaum und gähnt
Und weil er weder wie noch wann 
Woher  wohin  begreifen kann
Weiß er auch weiter nichts zu tun
Von der Erschaffung auszuruhn
Als er geht hin und strecket sich
Zum erstenmale  königlich
Ins Gras  versuchts und macht sich blind
Für Erd und Himmel und ersinnt
Das Glück der Menschen  wie bekannt 
Von allen Zungen Schlaf genannt
Doch bald drauf schwebt von ungefähr
Gott über das Theater her
Blickt um sich und erblickt wie tief
Der schläft den er zum Leben rief
Und steigt herab  sinnt  und erschafft
Der Ruhe schönste Gegenkraft
Aus Adams Rippen steigt ein Weib
Von weißer Haut und schlankem Leib
Die erste Jungfer  dies auch blieb
Bis sich ihr Herr die Augen rieb
Sie sehen sich  werden Frau und Mann
Wies die Mechanik wünschen kann
Doch dauert ach nur kurze Zeit
Der Flitterwochen Herrlichkeit
Der böse Feind der sie so gern
Zu stören sucht lauscht schon non fern
Nimmt die Gelegenheit in Acht
Die er verschläft und sie  bewacht
Fährt in die Schlange die gewandt
Geschlichen kommt wie ein Amant
Sich schmiegt und biegt und sich verlängt
Bis sie an Evens Lippen hängt
Sie  die nicht weiß was ihr wohl wisst
Dass sie in ihr den Teufel küsst
Freut sich dass sie der Schmeichelei
Auch eines Tieres würdig sei
Das wie sies kennen lernt den Mann
So oft er schläft ersetzen kann
Und sucht und treibt es bis zuletzt
Die Schlange ganz den Mann ersetzt
Und macht dass wir von Kind zu Kind
Des bösen Feinds Bastarden sind
Der gute Mann der neu gestärkt
Erwacht und keinen Unrat merkt
Sucht seine Gattin halb im Traum
Und trifft sie an am Lebensbaum
Und ohne Skrupel und Verdacht
Was ihr die Schlange weiß gemacht
Nimmt er uneingedenk der Pflicht
Den Apfel den sie eben bricht
Aus ihrer Hand  dankt und beißt an
Wie Moses uns hat kund getan
Doch kaum dass er von dannen geht
Findt er schon alles umgedreht
Der Himmel scheint ihm schwarz gewölbt
Sein schönes Weib scheint ihm vergelbt
Erschlafft ihr junger Busen  und
Zu weit und groß ihr Rosenmund
Der Löwe brüllt mit Ungestüm
Ihm nach kein Hase läuft vor ihm
Die ganze Schöpfung lacht ihn aus
Vom Elephanten bis zur Maus
Und mutlos nackenb rot vor Scham
Die wie ein Frost sie übernahm
Erborgen sie  unüberlegt
Von einem Baum der Feigen trägt
Sich Blätter und bedecken sich
Zur Hälfte kaum gar kümmerlich
Und Gott der Schöpfer ruft ihm zu
Was tust du Adam wo bist du
Er horcht und kratzt sich hinterm Ohr
Schleicht stumm mit seiner Frau hervor
Die ungewiss ob Gott auch sah
Was sie getan und ihr geschah
Mit aller Last der ersten Scham
Vors geistliche Gerichte kam
In seinen Blicken Zorn und Spott
O ihr Gefallenen rief Gott
Warum erscheint ihr so verblüfft
Was  Adam Hast du angestift
Benahm ein Apfel aus der Hand
Des Weibes dir schon den Verstand
Wie wirst du wissen was du tust
Wenn du an ihrem Busen ruhst
Geschmeichelt und berauscht durch sie
Von Lieb und Wein und Harmonie
Und dir Frau Eva  noch so jung
Dir war Ein Mann noch nicht genung
Selbst hier wo es nur Einen gibt
Und der dich wie ein Riese liebt
Wie sollen denn stellt einst der Lauf
Der Zeit und Welt mehr Männer auf
Sich deine armen Töchter bloß
An Einen halten  halb so groß
In keinem Stücke halb so rar
Und neu als es dir Adam war
Was stehst du da und blickst mir grob
In das Gesicht und tust als ob
Für Weiberherzen einerlei
Ein Mann und eine Schlange sei
Gehorsam merk ich Ehr und Pflicht
Ist euer beiden Sache nicht
Gut Eure Strafe steht bereit
Und breite sich in Ewigkeit
Von Eh zu Eh von Haus zu Haus
Auf eure Söhn und Töchter aus
Merkt auf Die Frau soll ewig ein
Abhängiges Geschöpfe sein
Von allen Wirbeln der Natur,
Vom Mond  vom Mann  von seiner Uhr
Von seiner Laun es wäre dann
Sie launiger als selbst ihr Mann
Das Feigenblatt das wie du meinst
So schön dir lässt weck auf dereinst
Den Drang der deine Töchter toll
Auf neue Moden machen soll
Selbst unter Muselin und Flor
Tret Evas Lüsternheit hervor
Den Busen zehnfach eingeschnürt
Gescheh ihm doch was ihm gebührt
Und jede bleib an Seel und Leib
Was du verstecken willst  ein Weib
Und nun zum Mann der sich das Haupt
Des Weibes und der Erde glaubt
Wenn schon die Mücke die ihn sticht
Dem plumpen Irrtum widerspricht
Der wenn er Korn und Weizen sät
Nur Stroh dafür und Disteln mäht
Und immer zehne gegen Eins
Nur Essig zieht statt des Weins
So lang er kann dünk er sich frei
Und Herr selbst in der Sklaverei
Und mach in seinem Dünkel sich
Vor Erd und Himmel lächerlich
Doch seine Hölle geh erst an
Wenn eine Frau und ihr Organ
Ihr Trauungs und ihr Wochenstaat
Sich seiner stillen Wirtschaft naht
Wenn sie schon in der ersten Nacht
Ihm seine Herrschaft streitig macht
Und sein Befehl sich Kuss für Kuss
Nach ihren Grillen schmiegen muss
Und sie für Ein Recht das sie gibt
Zehn Forderungen unterschiebt
Mit ihrer Schwachheit sie beschönt
Und täglich immer weiter dehnt
Bis ein verdoppeltes Geschrei
Ihm vorwirft dass er Vater sei
Indes er im Kalender stört
Ob auch der Gast ihm angehört
Für den er jetzt Geleit und Zoll
Und Wegegeld entrichten soll
Wenn dann sein Herz sich ausgespült
Und federleicht und müßig fühlt
Und alt und schwach und seiner satt
Sein Weib ihn überwunden hat
Dann fluch er noch dem Apfelbiss
Der ihm sein Paradies entriss
Dann erst nehm ihm ein ödes Grab
Den königlichen Zepter ab
Und wie der Schöpfer sie verdammt
Tut auch der Cherubin sein Amt
Als wärs ein Bettler heißt er ihn
Mit seiner Dirne weiter ziehen
Und sie  des dummen Sündenfalls
Vermaledeiung auf dem Hals
Sie schlendern nun wies Gott gefällt
Aus Eden in die weite Welt
Und lange Weile Spott und Schmach
Folgt ihnen auf dem Fuße nach
Und unter Blitz und Donner packt
Gott unser Herr im vierten Akt
Sein Gärtchen ein und Nacht und Graus
Füllt das Gerüst des Himmels aus
Die Bäume werden aufgerollt
Das Reich der bunten Tiere trollt
Sich fort  des Ohrs und des Gesichts
Erlustigung fällt in ein Nichts
Die Sonne die so herrlich schien
Verlischt und Mond und Sterne fliehn
Damits nicht stinkt wird vor dem Schluss
Geräuchert vom Epilogus«
    Kaum hörte sich der Epilogus nennen so fiel er seinem Bruder aus Furcht
er möchte seine poetische Rede in Prosa fortsetzen hastig in das Wort und
überraschte mich nicht weniger durch die unerwartete Lebhaftigkeit mit welcher
auch Er von seinem militärischen Standorte ab in das Feld seiner verlassenen
Kunst überging  »Sie werden an der Vorrede meines Bruders genug haben mein
Herr« wendete er sich zu mir »denn sie enthält alles was durch unser
Schauspiel nachher nur in Handlung gebracht wurde und ich mag Sie mit meiner
Nachrede nicht noch aufhalten Auch ist es wahrlich weder diese noch jene die
den Umsturz unsers Theaters bewirkte Sie mussten nur nachher der Ungerechtigkeit
zum Vorwande dienen die ein Heuchler der in seiner eigenen Rolle gestört
wurde an uns an der Schöpfung der Welt und dem Stande der Unschuld beging
Hören Sie mein Herr und erstaunen Sie Ich hatte schon alle Reihen Bänke unsers
Parterres durchgeräuchert als ich in der hintersten dunkelsten Ecke auf ein
paar Zuschauer traf die vermutlich selbst keine verlangten denn sie fuhren
aus aller Fassung gebracht aus einander als ich ihnen mit meinem Rauchfasse zu
nahe kam Es war ein junger Offizier und es war   stellen Sie Sich meine
Verlegenheit vor  abermals das schöne Mädchen das ich schon als
Reisegefährtin des Herrn Ducliquet so unschuldiger Weise erschreckte Ich sah es
ihr an dass sie in diesem Augenblicke sich mehr vorzuwerfen hatte als alle
unsere Marionetten und doch mussten diese schwerer als sie für die Untreue
büßen die sie diesen Abend an ihrem Patron beging Die damals verlorenen Minuten
des rachgierigen Domherrn liegen schwer auf uns und werden uns drücken so lange
wir noch in dieser Zeitlichkeit wallen«  »Das wäre sehr Schade um deine
ausgezeichneten Talente« unterbrach ich den Grenadier »Du bist Zu patetischen
Rollen wie geboren und ich hoffe dass der Druck nicht lange mehr dauern soll
der das Publikum um ein paar so treffliche Redner gebracht hat  Doch davon ein
andermal  Jetzt fahre nur fort«
    Indem meldete Bastian dass ihr Abendessen auf dem Tische stehe Der Prologus
setzte sich in Bewegung aber der Epilogus den mein Beifall noch mehr in Feuer
gebracht hatte bat seinen Bruder noch um einige Augenblicke Geduld und wendete
sich mit einem pragmatischen Übergange wieder an mich  »Es war immer noch ein
glücklicher Zufall« sagte er »dass sich mir das schöne Gesicht unter dem
Schimmer meines Rauchfasses verraten musste denn sonst würden wir bis diese
Stunde noch nicht den geheimen Zusammenhang unserer tragischen Geschichte
entdeckt haben«  »Sind wir deshalb jetzt besser daran« murmelte sein
hungriger Bruder  »So aber« fuhr der andere fort ohne sich stören zu lassen
»können wir von der ersten verborgenen Feder an die so viele Räder in Bewegung
setzte den unglücklichen Vorfall bis zur Auflösung des Knotens verfolgen Es
sollte einem Dichter leicht werden ein Trauerspiel daraus zu verfertigen  so
regelmäßig als es die Verschwörung von Venedig oder der Umsturz des
babylonischen Reichs ist wären wir nur noch so glücklich ein Theater zu haben
um es aufzuführen Die drei Einheiten mein Herr des Orts der Zeit und der
Handlung finden sich hier nach den Forderungen des Aristoteles auf das
genaueste vereinigt und würden mein Herr so gewiss ihre Wirkung tun als« 
Jetzt fing mir vor der Überstrümnng seiner Gelehrsamkeit ein wenig an angst zu
werden  »Du bist zwar der erste den ich sehe« unterbrach ich ihn mit einer
verwunderten Miene »der seine Unglücksfälle nach der Kunst zu ordnen im Stande
und selbst fähig ist wie die Spinne aus dem Stoffe seines eigenen Lebens ein
Kunstwerk zu weben indes rate ich dir als ein guter Freund es vor des Hand
noch zu verschieben damit nicht etwa deine Suppe nach den Regeln des
Aristoteles  kalt werde«  »O der unglücklichen Gabe der Redseligkeit« brach
er nun mit einem Seufzer aus »Sie ist mir immer in allem wie mein Genie im
Wege gewesen  Sie ist es  warum sollte ich es leugnen die mir und meinem
armen Bruder alle warmen Suppen vereitelt hat  Denn  sehen Sie mein lieber
Herr ehe ich damals auf meinen angewiesenen Standort kam erzählte ich einigen
meiner Bekannten im Parterre die Entdeckung die ich in der Ecke gemacht hatte
ein Nachbar erzählte sie dem andern und alle Köpfe drehten sich zuletzt nach
der verratenen Gruppe herum  Auf dem Theater  anstatt zu epilogiren hielt
ich mich damit auf mein Geheimnis erst meinem Bruder dann unserm
Teaterdichter und dann  dem Lichtputzer vorzuschwatzen Die Zeit verging 
ich ließ das Parterre lange pochen und toben ehe ich auftrat um meine Nachrede
zu halten  Ach ich dachte damals nicht dass es meine letzte sein würde Durch
diesen Aufenthalt mein Herr gerieten viele Haushaltungen in Avignon in
Unordnung Jedes kam um eine halbe Stunde zu spät nach Hause besonders aber die
schöne Klara Ja könnten wir immer in die Kabinette der Großen blicken wie
viel anders würden wir über den Wert ihrer Zeit und über den Einfluss den oft
der Verlust einer Minute in ihrer Wirtschaft auf die Regierung der Welt hat
urteilen Die kritische Stunde wo der Domherr seine Freundin erwartete war
verflossen Er war in die Abendmette gegangen ohne sie in ihrem Betstuhle zu
finden Sobald er fertig war eilte er nach Hause und sie trat nicht vor ihm
her wie sonst Er rief fragte suchte nach ihr und vermisste sie auf das
schrecklichste und schickte seine ganze Dienerschaft sogar seinen Koch aus
sich nach ihr zu erkundigen Dieser nachdem er vergebens bei ihrer Tante
nachgefragt hatte stieß von ungefähr auf den Haufen der unser Schauspiel
verließ  Er sah das verspätete Mädchen an dem Arme des jungen Offiziers  hörte
bald ausführlich das Wie und Warum und brachte es seinem Herrn Gott weiß mit
was für Zusätzen zu Ohren Kein Epilogus sollte ausschwatzen das habe ich
damals gelernt Der Erfolg zeigte wie gut es gewesen wäre wenn ich es eher
gewusst hätte Der Domherr hob alle Gemeinschaft mit Klärchen auf und verwies
sie noch diesen Abend aus seinem Sprengel Sie durfte nicht mehr wie das Schaf
des armen Mannes auf seinem Schoss schlafen und aus seiner Schüssel essen «
 »Lieber Bruder« fiel ihm hier der Prologus ins Wort »würde es nicht gut
sein wenn wir die unsere warm setzen ließ«  »Tue das« antwortete der
Redner »aber unterbrich mich nicht« Und nun fuhr er mit demselben Feuer fort
»Der Unmut des Domherrn wirkte jetzt schrecklich zurück auf uns Er erweckte
den Fiskal klagte uns an als Verführer der Jugend ließ unsere Zettel abreißen
veranstaltete eine Haussuchung und rächte an uns Unschuldigen das marternde
Gefühl seiner Eifersucht auf die grausamste Art Die Gerichtsdiener brachen in
unsere stille Wohnung ein bemächtigten sich unserer Dekorationen unserer
Dratpuppen und unserer Papiere«  »Ohne dich zu stören« unterbrach ich hier
seine Erzählung »deiner Papiere  sagst du«  »Ja wohl unserer Papiere«
wiederholte er und trocknete sich die Stirn »Wir haben nichts gerettet als was
uns im Kopfe blieb  haben zwar seitdem unsere Lust und Trauerspiele noch
einmal  aber stellen Sie Sich vor  als Akten geheftet haben wir sie zu
Gesichte bekommen Die Stellen darin die immer den meisten Beifall erhielten
waren mit roter Tinte unterstrichen und der Fiskal hatte sie in eine Liste
zusammen gesetzt die er unser Sündenregister nannte«  »So« sagte ich
ernstaft und das Herz schlug mir so hoch dass ich aufstehen musste »Geht
einstweilen hin« sagte ich zu den beiden Brüdern »Wenn ihr gegessen habt will
ich euch weiter hören«  Und so eilte ich von ihnen weg in meine Bibliothek um
mich von der schnellen Bestürzung die mich überfiel in einem Zimmer zu
erholen das dem Nachdenken gewidmet war Hier stammte ich meinen Kopf an den
Bücherschrank und fing an mich mit mir selbst ernstlich über das zu besprechen
was ich so eben vernahm Das ganze grässliche Schicksal das meinem Tagebuche
drohte trat mir vor die Augen  Ganz gewiss sagte ich wird man sich seiner so
gut bemächtigen als der Rollen der armen Puppenspieler  Man wird es  ich ward
über und über rot bei diesem Gedanken  einem gerichtlichen Translator Preis
geben und die ganze Stadt wird die geheimsten Nachrichten deines hiesigen
Aufenthaltes deiner einfältigen Streiche und deine kritischen Bemerkungen über
die Narrheiten anderer zu lesen bekommen Was  um aller Barmherzigkeit willen
was sollte wohl aus dir werden wenn der Propst deinen dogmatischen Handel mit
Klärchen und alle die zweideutigen Vorfälle auf deiner berühmten Kreuzfahrt
ersähe sie mit roter Tinte unterstriche und dein Bisschen hautgout das mit
zehn Bogen guter Gedanken verdünnt auch den feinsten Gaum nicht beleidigen
kann  heraus stocherte und auf ein Quartblatt zusammen gedrängt dem
Gerichte übergäbe   Ihr Heiligen Ihr Märtyrer der Wahrheit wendet gütig
dieses Unglück von mir  Ich tat mir einen albernen Vorschlag nach dem andern
 sah immer keinen Ausweg und geriet am Ende so in Furcht dass hätte ich nur
eine so gute Gurgel gehabt als Johannes ich seine Kolik gewagt und mein
bitteres Buch würde verschluckt haben Sollte ich es meiner eigenen Wache
anvertrauen Sollte ich mich oder meinen Bedienten damit ausstopfen Diese
Mittel flüsterte ich mir zu und schlug die Arme in einander sind schon zu oft
da gewesen um nicht gefährlich zu sein  Aber welche unerschöpfliche Quelle
listiger Einfälle ist nicht das Herz eines Beängstigten Lass ihm Zeit und es
ergrübelt sich Schlupfwinkel und Ausgänge die dem erfahrensten Schergen
unbekannt blieben Nach einem nur kurzen Nachdenken schwand meine
Verlegenheit Ich sah den sichern Ort den ich suchte und sah ihn in meiner
Nähe In der weiten Natur hätte ich keinen geschicktern ausfinden können mein
verfolgtes Werk zu verbergen Dem listigsten Jesuiten dem eifrigsten Inquisitor
würde ein Grausen befallen wenn er sich diesem Schutzorte nähern oder seine
geweihte Hand danach ausstrecken sollte Dir zwar der meine ganze Wirtschaft
kennt der frei von Vorurteilen keine Nachforschung anstössiger findet als die
andere wird es nicht schwer fallen schon in voraus meinen Schlupfwinkel zu
erraten  aber zu meinem Glücke ist hier keine Seele so genau bekannt mit mir
und so verschmitzt wie du selbst der Propst selbst der Wächter der Laura
nicht
    Ich ging nun ganz ruhig wieder in mein Sprachzimmer warf mich nachlässig
auf meinen Lehnstuhl rief meiner Leibwache und forderte nur desto begieriger
den Erzähler auf in seiner tragischen Geschichte fortzufahren je mehr ich mich
in meinem Selbstgespräche überzeugt hatte wie nützlich es sei aus dem
Beispiele eines schon Bestraften den Gang der Justiz zu erfahren in deren Hände
man fällt 
    »Sollte es nicht besser sein« fing jetzt der Epilog mit einer Frage an die
von seinem guten Herzen zeugte »ich ließ den Vorhang über die Folge unsers
erbarmungswürdigen Schicksals fallen da schon der Anfang wie ich gesehen habe
Ihre mitleidige Seele so heftig erschüttert hat Ach mein Herr der gute Wein
von dem ich eben herkomme scheint auch mich zur Wehmut noch mehr gestimmt zu
haben und ich stehe nicht dafür dass die Sympatie des Unglücks nicht unter
uns«  »Suche dich zu fassen« sprach ich ihm gutmütig zu »ich will es auch
tun Mässige aber nur wenn ich bitten darf deine affektvolle Sprache und lass
lieber wo er nicht hingehört deinen tragischen Accent weg denn ich bin kein
Liebhaber von Tränen und Ohnmächten«  »Ich will mein möglichstes tun«
antwortete er und hielt meinen Ohren zur großen Beruhigung so ziemlich auch
Wort  »Unser Theater« fasste er sich jetzt ins kurze »wurde geschlossen Ich
und mein armer Bruder wanderten zum Leidwesen der ganzen Stadt ins Gefängnis
und unser unseliger Prozess nahm seinen Anfang Neunmal wurden wir zum Verhör
geführt ohne dass die Herren unsere Unschuld begreifen wollten Es wurden lange
Reden für und wider gehalten und dicke staubige Bücher nachgeschlagen ehe sich
das Gericht über unser Verbrechen vereinigen konnte So haben wir bei Wasser
und Brod sieben schreckliche Wochen hinter eisernen Gittern gesessen ehe unser
Endurteil gefällt ward In Rücksicht unsers Unverstandes  erklärte der
höfliche Präsident endlich in der letzten Sitzung  habe das geistliche Tribunal
dahin gestimmt Güte für Recht ergehen zu lassen Statt der Leibes und
Lebensstrafe habe es uns nur mit einer Geldbusse von dreihundert Livres belegt
die wir an die Armenkasse des Domstifts zahlen sollten und wegen der
aufgelaufenen Sitz und Gerichtskosten habe es seinen Untereinnehmer angewiesen
sich an unsere Effekten zu halten Wir verstummten beide bei Anhörung dieses
gnädigen Bescheids der uns mit glatten Worten zu dem schmählichsten Hungertode
verdammte Man ließ uns nicht zum Worte kommen  der Präsident wies uns aus dem
Saale und wir wurden nun in unsere Wohnung geführt um die Vollstreckung der
Hilfe wie sie es nennen mit anzusehen Ach mein Herr könnte man vor Gram
sterben ich würde den Tag nicht überlebt haben an dem ich den vieljährigen
Erwerb unseres saueren Schweisses die teuere Sammlung unserer mechanischen
Kunstwerke teils in einer öffentlichen Versteigerung an Ignoranten
verschleudert  die Hauptfiguren aber der Rache unsers Klägers geopfert sah
Brutus und Kato Cäsar und Pomponius Mela kamen in die Hände der Juden Der
eine Trödler kaufte den Baum der Erkenntnis  der andere den Mond und die
Sterne  Die Vögel unter dem Himmel und die Tiere auf dem Felde wurden jetzt
Spielwerke der Kinder und unsere ersten Eltern verdammte man auf Verlangen
des Domherrn ihrer Blöße wegen wie seine Worte waren zum Feuer O des
einfältigen boshaften Richters Verträgt sich denn mit dem Stande der Unschuld
ein anderes Kostum und waren denn diese herrlichen Puppen nicht ganz getreue
Nachbilder der Natur? Eben das antwortete er wäre das Strafwürdigste bei der
Sache Es half kein Bitten und Flehen Sie wurden beide von den Schergen
ergriffen und  o des Barbaren  vor unserer Haustüre verbrannt Entschuldigen
Sie mein Herr die Tränen der ich mich noch jetzt nicht enthalten kann ihrem
Andenken zu weihen Man vergaß dass es Dratpuppen waren Eva  in der
ungestörten Blüte weiblicher Schönheit und gebaut wie ein Döckchen und Adam 
man konnte nicht auf ihn Hinblicken ohne in ihm den Herrn der Welt zu erkennen
Der Stand der Unschuld ist auf ewig dahin  Das haben wir der Klerisei zu
verdanken Sie Zertrümmerte  es ist ihre Art  die ganze Schöpfung mit
lachendem Mute um zu ihren Sporteln zu gelangen  Die Strafe der dreihundert
Livres der verwickeltste Knoten unsers Trauerspiels blieb indes noch immer
ungelöst Der Held der ihn zerhauen sollte trat auf Stellen Sie Sich mein
Herr wenn Ihre Einbildungskraft so weit reicht unsere Empfindung vor als nun
an den Schranken vor denen wir knieten  wie ein Gott aus den Wolken  eben der
junge Offizier erschien der vor sieben Wochen in unserm Parterre mit so viel
Bequemlichkeit die Erschaffung des Weibes belauschte  mit dem Erbieten
erschien uns der Armenkasse abzukaufen Der Handel wurde vor unsern Augen
geschlossen Verraten konfiscirt und verkauft wie unser Cäsar und Kato
wurden wir von dem Werber abgeführt  gemessen  in Lumpen gesteckt die wir uns
gescheut hätten unserm Belisar anzuziehen  und befinden uns seitdem unter der
päpstlichen Garde  Aber hören Sie noch mein Herr auf was für einem Fuß Von
der armseligsten Löhnung die je den Sklaven unseres Standes gereicht wurde
zieht der Barbar der uns kaufte noch monatlich die Hälfte so lange ab bis wir
dadurch unsern eigenen Ankauf ihm ersetzt haben O des niederträchtigen jungen
Mannes Doch er wird seinen Menschenhandel teuer genug büßen das ist noch
unser Trost der Trost unserer Rache Bei dem langsamen Tode den er uns
auflegt wird uns hoffentlich der Hunger immer noch eher ins Grab bringen ehe
sein abscheulicher Vorschuss erstattet sehen wird«
    »Bastian« rief ich hier meinem Bedienten zu und wischte mir die Augen
»ich sage dir lass diesen armen Leuten nichts abgehen so lange sie mich
bewachen Schaffe ihnen der Nahrung so viel als sie verlangen und stärke ihre
Herzen durch geistiges Getränke Fordere wenn du es holst von dem
Kommunionweine denn in diesem vermaledeiten Lande weiß ich ist es nach einem
andern Verhältnisse als bei uns  der beste weil es nur Pfaffen sind die ihn
trinken«
    Eine süssere menschliche Empfindung nahm jetzt den Platz der Rache ein die
diese armen Wichte an ihrem Hauptmanne zu nehmen gedachten  »Gott segne Sie
großmütiger Herr« sagte der eine »für Ihr Mitleiden gegen ein paar der
betrübtesten Lustigmacher die je die Erde getragen hat«  »Die Klerisei«
sagte der andere »hat alle unsere Schätze geraubt  nur die guten Perlen nicht
die jetzt unsern Augen entfallen Wir fühlen dass wir nicht ganz arm sind 
fühlen in diesem rührenden Augenblicke dass wir noch ein Herz haben das Ihrer
Achtung und Ihrer Güte nicht unwürdig ist«  »Kinder steht auf« unterbrach
ich den Strom ihrer Empfindungen indem ich jedem eine Hand reichte um ihn von
dem Boden aufzuheben auf dem sie vor mir wie vor dem Bilde eines Heiligen
lagen »Vergesst euer Unglück bei der frischen Flasche die eurer wartet  Lasst es
euch wohl schmecken und erinnert Bastian wenn er euch versorgt hat dass er mir
mein Tintenfass fülle«  Ich sah den beiden verbrüderten Trauergestalten
ernstaft nach wie sie unter Tränen und Lächeln sich von mir wendeten und
Hand in Hand auf ihren Posten zurück schlichen und verfiel ach wahrlich nicht
ohne Ursache von einem wehmütigen Gedanken in den andern
    So finde ich denn wieder einmal dachte ich Talente dem Kummer  fröhliche
Menschen missgünstigen Heuchlern  gutmütige Geschöpfe dem Hungertode preis
gegeben O ihr unglücklichsten aller Puppenspieler So blieben denn auch eure
schönen Tiraden und Denksprüche über Großmut und Mitleid die ihr täglich euren
Zuhörern warm an das Herz legtet  ohne Frucht So dachte denn keine Seele
daran euch nur Einen der lustigen Abende zu vergelten deren ihr im Schweiße
eures Angesichts so viele unter eure leichtsinnigen Mitbürger verteiltet So
rührte denn euer sprechendes Elend nicht Einen eurer Bekannten bis zu einem
freiwilligen Beitrage zur Hinfristung eures Lebens den sie sonst ohne
nachzurechnen dem Vergang einer müßigen Stunde opferten und den sie sich am
Maule ersparten um ihn an eure hölzernen Trauerspiele zu wenden O der Toren
die erst Dichter Maschinen und Puppen nötig haben um die süße Frucht des
Mitleids ihrem Gaumen schmackhaft zu machen  die indem sie sich nach dem
Schauplatze drängen um für ihren Gulden über den nachgeäfften Tod des Ugelino
zu weinen mit trockenen Augen das arme Geschöpf am Wege vorbeigehn das nur
dieses Almosens bedarf um nicht inzwischen wie er zu verschmachten
Unglaublicher Widerspruch des menschlichen Herzens das mächtiger gerührt durch
sinnlichen Betrug als durch die schreiendste Wahrheit kalt und grausam gegen
brüderliches Elend nur gerechtes Erbarmen für das fühlt das längst überstanden
und aus der fabelhaften Vorzeit entlehnt ist  Ihr armen Märtyrer einer
unschuldigen Freude wendete sich jetzt mein bewegtes Herz an die unglücklichen
Brüder da euch eure nichtswürdigen Landsleute verlassen so will ich von meinem
Kerker aus euer Freund werden und wenn mich Gott diese Nacht überleben lässt
sollt ihr schon selbst zu eurem morgenden Frühstücke von den Pasteten essen die
euer schändlicher Teseus so oft eurer Nase vorbei trug Wie viel bin ich euch
nicht für die so lebhafte Darstellung euers erbärmlichen Schicksals schuldig
das mich mehr gerührt hat als das regelmässigste Stück auf dem besten Theater Es
hat mich ganz wieder mit dem kleinen Unfalle versöhnt der mich unter eure
glimpfliche Bewachung gebracht hat Vorzüglich aber habt ihr euch ohne es zu
ahnden um mich um meinen Eduard und vielleicht um die Nachwelt auf das beste
verdient gemacht indem ihr mein Tagebuch das durch die Aufbewahrung eurer
Geschichte allein schon lehrreich sein würde von seinem schmählichen Untergange
rettet  Wahrlich das soll euch nicht unbelohnt bleiben
    Ich schlug mit diesen Worten in großer Bewegung meine Augen gen Himmel
fühlte dass ich auf dem Wege war eine edelmütige Handlung zu begehen und kann
Dir nicht sagen Eduard was es mir für Freude machte noch etwas Gutes aus
meiner verworrenen Historie mit Klärchen entstehen zu sehen Denn das ist gewiss
ohne meinen neugierigen Ausfall auf ihre Tugend und Schönheit ohne meine
Zudringlichkeit in den Kirchensprengel des Propstes ohne meinen Feuereifer
gegen das kasuistische Gesindel wäre ich wohl schwerlich in die Bekanntschaft
der beiden trübseligen Puppenspieler geraten Wie hätte ich ihnen helfen wie
hätte sich der edle Gedanke bei mir entwickeln sollen der jetzt meine ganze
Seele erwärmt und mich zur Lebenserhaltung zweier ehrlicher und gut
organisirter Menschen anspornt die so Gott will der Natur und der Welt den
Zuschuss meiner Descendenz doppelt ersetzen werden um die wahrscheinlich mein
schreckhafter Traum auf dem Sopha die hiesige Gemeinde gebracht hat
    Diese lachende Aussicht die ich im Hintergrunde entdeckte reizte mich noch
mehr die Wildnis durchzuhauen die mich vor der Hand noch umgab Aber großer
Gott wie sollte ich es anfangen Das Notwendigste schien nur indes immer zu
sein meine Papiere in Sicherheit zu bringen Ich ergriff nun ohne mich länger
zu besinnen die sämtlichen Kriminalakten meines Tagebuchs rollte sie und
schnürte sie mit Klärchens blauem Strumpfbande bis auf den Bogen zusammen woran
ich schreibe und so mussten diese meine offenherzigen Bekenntnisse sich so lange
biegen und schmiegen bis sie glücklich  obgleich ein wenig gezwängt  an den
Zufluchtsort den ich ihnen anwies und den Du längst erraten hast glücklich
in den hohlen Gypskopf des guten Rousseau gelangten Ich konnte mich unmöglich
des Lachens erwehren als ich die Büste wieder an ihren Ort gestellt hatte nun
vor ihr stand und die ernsthafte Miene die sie mir zuwarf mit den Possen
verglich die dahinter versteckt waren Ach sagte ich hätten sie ihren Platz
in dem Kopfe dieses Mannes gefunden als er noch lebte hätte der flüchtige Geist
meines leichtsinnigen Werkchens die verstopften Röhren seines trockenen Gehirns
bespült und geöffnet der Durchgang durch die Welt wäre ihm gewiss nicht halb so
sauer  nicht schwerer geworden als mir Seine traurigen Bekenntnisse würden
nicht so ins Schwarze gemalt und sein Bild nicht mit so tiefen Furchen
entstellt auf die neugierige Nachwelt kommen Aber alsdann begreife ich wohl
wär er auch nicht Rousseau gewesen  hätte zwar wie ein Eichhörnchen an einer
seidenen Schnur den Kindern zum Spielwerk dienen  Zuckerbrod aus den Händen
eines tändelnden Mädchens erlauschen und manche trauliche Stunde in dem Schauer
ihres Halstuches verschlummern können  nur wäre er nicht als Elephant mit
zermalmenden Schritten über unsere verdorbene Erde getrabt und hätte nicht das
Erstaunen seiner Zeitgenossen erweckt denen die Erscheinung eines solchen
Denkers eben so unerwartet als ungelegen war
    Ich musste mich mit Gewalt von seiner Büste entfernen um den Gedanken an ihn
los zu werden und nicht in seinen Ernst zu verfallen den ich für mein
morgendes Verhör für viel zu gut hielt Die Stimmung in die mich der Prologus
und sein Bruder versetzt hatten mochte wohl Schuld sein dass ich mich lange
nicht überwinden konnte an meinen Vorstand vor Gericht anders zu denken als an
ein Puppenspiel So setzen wir hinterher noch alles auf Noten beten unter einem
Triller und schlafen nach dem Takt ein  wenn wir eben aus einem Koncerte
gekommen sind Hätte ich mich gehen gelassen ich möchte wohl wissen was morgen
aus mir geworden wäre Zu meinem großen Glücke hatte ich während meiner äußern
und innern Tätigkeit mein abgebranntes Licht übersehen  Es senkte sich 
sprudelte und verlosch ehe ich nach einem andern rufen konnte Unterdes Bastian
es zurecht machte nötigte mich die Dunkelheit  denn ich konnte weder den Amor
noch seinen Präceptor erkennen  meinen Armstuhl zu suchen Diese kleine Ruhe
so vorübergehend sie auch war gab doch den Ausschlag In den drei oder vier
zerstreuungslosen Minuten die mir Bastian gönnte verdunstete meine
Verwegenheit ganz die auch hier wie anderwärts nur Sache des Bluts war
    Das Verhör das mir bevorstand kam mir lange nicht mehr so lustig vor Die
Herren gegen die ich mich verantworten sollte so sehr ich sie auch für
Komödianten hielt schienen mir doch ungleich mehr Freude an tragischen
Ausgängen zu haben als an Farcen Selbst nach dem langsamen Gange der hiesigen
Rechtspflege wie mir ihn meine Wache vorgezeichnet hatte war immer eher auf
ein Kerkerfieber zu rechnen als auf ein Absolutorium Ich verschwieg mir nicht
dass meine Vergehungen ungleich wichtiger waren als die ihrigen und dass ein
hämischer Referent nicht einmal viel Geschicklichkeit nötig habe um aus den
Beweisen die Wider mich da lagen und aus meinem eigenen Geständnisse das ich
ungefragt schon abgelegt hatte ein Verbrechen zusammen zu setzen über das wohl
selbst das Kammergericht zu Berlin große Augen machen und bei aller seiner
Liebe zur Gelindigkeit ohne einen KabinetsBefehl nicht wagen würde mich
loszusprechen
    Den guten Einfällen die mir der Kirchner aus Unkenntnis meiner
Verhältnisse oder vielleicht nur darum empfahl weil sie Ihm am meisten
behagten stand leider die trostlose Konfiskation im Wege die der Propst schon
vorläufig über meine Habseligkeiten gesprochen hatte Was in aller Welt sollte
mich also gegen die Religion meiner Gegner schützen  eine Religion die wider
allen Rittergebrauch die Waffen in Beschlag nimmt noch ehe sie den Handschuh
hinwirft Ich kratzte mich einmal über das andere hinter den Ohren runzelte die
Stirn ärger als Rousseau und überzählte kleinmütig die wenigen Stunden die
mir nach abgerechneter Nacht nur noch frei blieben mich in
Verteidigungsstand zu setzen Ich fühlte die Notwendigkeit immer dringender
werden einen gescheidten Plan zu entwerfen doch sobald ich alle die
Schwierigkeiten der Ausführung übersah vergingen mir die Gedanken und ich
schien mir ohne Rettung verloren Meine Einbildungskraft je geschäftiger sie
war mir die Klagrede nach ihrem ganzen schreckhaften Inhalte vorzuhalten mit
der mich der Prokurator auf morgen bedroht hatte machte es meinem armen
Verstande nur desto unmöglicher etwas kluges und bewährtes darauf zu antworten
Mein leichtsinniger Mut fing an gewaltig zu sinken Natürlich stieg nach dem
Gesetze der Schwere nun auch dafür meine Furcht desto höher Nur ein Wunder
rief ich in einer Art von Verzweiflung kann dich aus dieser höllischen
Verlegenheit ziehen und  Dank freundlicher Dank sei dem leeren Schalle der
mir entfiel  Wie mag es doch zugehen dass oft das sinnloseste Wort das der
Zunge entschlüpft unsere Seele so mächtig ergreift und Gedanken und
Entschließungen bewirkt nach denen wir mit der größten Anstrengung unsers
Geistes vergebens herum tappen  Ein Wunder wiederholte ich mir mit
hinstaunendem Nachdenken  Und wäre es denn so unmöglich dass dir eins gelänge
das kräftig genug wäre deine Widersacher zu Boden zu schlagen  Ich ging eine
Weile alle Wundergeschichten durch so viel mir deren bekannt waren keine aber
wollte auf meine Kräfte und meinen Zustand passen Wenn du sagte ich launig zu
mir zum Fenster hinaus sprängest so wäre es zwar ein Wunder wenn du nicht den
Hals brächest aber selbst dann  zu was würde dir es helfen Der Pöbel  da du
doch nicht über die Stadt springen kannst  würde dich zeitig genug einfangen
dich der alten Aufseherin aufs schimpflichste ausliefern und der Propst und
der Prokurator würden in dem Versuche deiner Flucht nur einen Beweis mehr wider
dich aufstellen Nein das ist nichts fertigte ich mich ab ohne jedoch müde zu
werden mir immer neue und eben so unsinnige Vorschläge zu tun Ein Klügerer
als ich hätte gewiss keine Minute länger mit diesen Albernheiten verloren und
hätte unrecht getan Ich habe aber das Gute an mir dass ungeachtet ich in
meinem alltäglichen Leben und in dem gemeinen Umgange mit andern nur wenig auf
den Zusammenhang der Dinge achte die in Gesellschaften verarbeitet werden  ich
mich selbst so wenig als meinen Nachbar auffordere die dunkeln Begriffe des
Gesprächs um das sich oft die andern bis zum Schwindel drehen ins Klare zu
setzen und mit Einem Worte die Kraft meines Nachdenkens schone so kann ich
dagegen wenn es sein muss auch meinem Kopfe eher etwas zumuten als viele
andere und das kam mir auch diesmal gar sehr zu Statten
    Sollte Dir dieses einer Prahlerei ähnlich sehen so entschuldige sie mit
meinen großen Erwartungen und bedenke nur was ich vorhabe Dagegen will ich
auch in so weit wieder einlenken und Dir eingestehen dass so gut ich auch meine
Maßregeln genommen und so fest ich hoffe dass mir mein Wunder um vieles besser
gelingen soll als dem Kapellan der Gräfin Bentink das seinige31  es doch bei
allem dem  selbst in dem albernen Lande dem ich es zuwenden will immer ein
Wagestück bleibt Mehr darf ich Dir vor der Hand nicht darüber sagen um Dir
weder zu viel Hoffnung noch zu viel Angst zu machen  Von einer Person die
dabei mit ins Spiel kommen wird muss ich jedoch noch ein Wort fallen lassen
damit Du nicht zu sehr erschrickst wenn sie auftritt  ich meine den Domherrn
den ich auf morgen früh neun Uhr als der Stunde meines Verhörs durch ein
Handbriefchen eingeladen habe dieser übernatürlichen Ereignung beizuwohnen
Außer dem dass ich nichts weniger tun kann ihm die Höflichkeit seines Hochamts
zu erwidern bin ich seiner Gegenwart bei meinem Vorhaben so benötigt dass ich
alles zurück nehme was ich in den vorigen Blättern von seiner Unbrauchbarkeit
zu allen Geschäften viel zu voreilig geurteilt habe Er steht jetzt sogar in
meiner Rechnung unter den drei elenden Menschen die ich Dir mit Deiner
Erlaubnis als meine hiesigen Freunde vorstellte obenan Die nähere
Bekanntschaft seiner die ich der Plauderhaftigkeit meiner Wache verdanke zeigt
mir ihn jetzt in einem Lichte das den Buchhändler sowohl als den Kirchner
gewaltig in Schatten setzt Ich gestehe ich hielt ihn bisher ungerechter Weise
für nichts mehr als einen aufgeblasenen abergläubischen Schwachkopf  mochte
seit dem Tage wo er mir am Feste der Genoveva den Possen spielte nichts weiter
mit ihm zu tun haben und begriff nicht wie mich der Bischof von Nimes mit
gutem Gewissen an einen so unbedeutenden Menschen hatte empfehlen können Jetzt
aber da mir ihn der Epilogus auch noch als einen boshaften wollüstigen
rachgierigen und furchtsamen Mann geschildert hat der sich aber auf sein großes
Pferd setzen kann wenn ihm ein anderer den Zaum hält scheint mir die
Empfehlung des guten Bischofs sehr richtig und genau auf seine Kenntnis des
hiesigen Lokals berechnet und ich müsste mir wohl selbst gram sein wenn ich
noch länger versäumen wollte diese Eigenschaften eines ausgebildeten und dem
hier herrschenden Gemeingeiste so angemessenen Charakters in Tätigkeit zu
setzen um meine Verfolger mit ihren eigenen Waffen zu schlagen Sage nur also
niemand dass dieser und jener in der Welt zu nichts tauge Es ist der Irrtum
schwacher Regenten Selbst die Kröte vor der Dich ekelt dient Dir zum Ableiter
giftiger und Deinem Körper schädlicher Dünste und musst Du nicht jeden Bettler
der Dein Mitleiden erregt als Deinen Wohltäter betrachten wenn Du anders ein
Freund gutmütiger Empfindungen bist Sprich offenherzig ob nicht der
Blödsinnige  der Schwärmer  der TugendTalent und Geschmacklose Deinem
hungrigen Stolze die beste Nahrung gewähren ob die Vergleichung ihrer Fehler
mit Deinen Vorzügen Dir nicht manche Stunde erheitert und ob es Deinen
schwachen Augen nicht sanfter tut auf die Dunkelheit derer die unter Dir
stehen als in den Glanz jener zu blicken die Fleiß Natur und Erziehung neben
Dich oder über Dich gestellt haben Ich habe jetzt keine Zeit dies Thema
auszuführen aber ich wünschte Eduard es übernähme es ein anderer geschickter
Kopf denn es schwebt mir wie im Dunkeln vor dass man leicht bei weiterm
Nachdenken darüber auf den rechten Weg kommen würde den man einschlagen muss
um kein Mitgeschöpf zu verachten und mit der ganzen Welt Freundschaft zu
halten
    Der Domherr dem ich diese menschenfreundliche Ausschweifung verdanke hat
mir eben geantwortet Er will zur gesetzten Stunde erscheinen Das überhebt mich
nun der Mühe diesen Bogen  ob er gleich wenn er meinen Feinden in die Hände
geriet so gut sein würde wie ein Steckbrief  zu seinen Vorläufern zu
gesellen denen selbst so viel ihrer sind ich ganz wohl ihre Freiheit wieder
geben könnte wäre es nicht einerlei ob sie diese Nacht in Rousseaus Kopfe
Herbergen oder auf meinem Schreibtische Denn da ich nun sicher bin lieber
Eduard dass der Mann im Purpur meinem Verhöre beiwohnen wird so sind glaube
ich die Anstalten zu meinem Wunder so gut getroffen dass ich sehr wenig von den
Puppenspielern müsste gelernt haben wenn es schief ablaufen sollte  Nur noch
eine einzige Kleinigkeit geht mir ab  das ist meine Defension in einer
Gegenrede an den Prokurator die ich mit Deiner Erlaubnis Eduard aus dem
Kopfe zu Papier und von dem Papiere wieder in den Kopf bringen muss ehe ich
ruhig und mit der vollen Gewissheit zu Bette gehen darf  morgen das ganze
Winkelgericht zu meinen Füßen zu sehen
 
                                    Fußnoten
1 Er suchte die Apokalypse zu erklären und brachte wie es scheint der
menschlichen Schwachheit dies Opfer um sich wegen seiner überschwenglichen
Größe mit den Menschen auszusöhnen
2 Nach einer Stelle des Cicero pr Archia Kap 7 Haec studia adolescentiam
alunt senectutem oblectant secundas res ornant in adversis solatium praebent
3 Er starb in hohem Alter und wie seine Sektion bewies ohne je bei
vollkommnem Zustande der Mannheit ihren Forderungen untergelegen zu haben
4 Der Kardinal von Polignac der den Antilukrez geschrieben
5 Ring des Papstes womit die apostolischen Breve besiegelt werden Das Siegel
stellt den heiligen Petrus als einen Fischer vor
6 Ein Paar neumodische Handschuhe die Sara Jennings vermählte Herzogin von
Marlborough sich weigerte ihrer Freundin der Königin Anna abzutreten
verursachten in einer Reihe von Folgen die große Revolution durch die Philipp
der Fünfte auf dem spanischen Throne befestiget Österreich davon
ausgeschlossen der verdunkelte Ruhm Ludwigs des Vierzehnten wieder hergestellt
und die stolzen Hoffnungen seiner Feinde vereitelt wurden Der Keim dieser
großen Begebenheiten kam aus den Händen eines armseligen französischen Beutlers
dem es nicht träumte was für glückliche Folgen für seinen König und für sein
Vaterland der Zufall auf sein Tagewerk legen würde
7 Erst in neueren Zeiten wird das Hohe Lieb für das gehalten was es ist nachdem
mystische Andacht ihr Spiel lange genug damit getrieben hat
8 Au Monomotapa quand le roi éternue tous les courtisans sont par politesse
obligés déternuer Léternuement gagnant de la cour à la ville et de la ville
aux provinces tout lempire paroit affligé dun rhume général Helvetius de
lEsprit pm 118
9 LAn deux mille quatre cent quarante par M Mercier
10 Scilicet ut careat rugarum crimine venter
Sternatur pugnae tristis arena tuae
                                          Ovid Amor lib 2 eleg 14 v 7 8
11 Voltaire
12 S la Pucelle chant 14
13 Franz der Erste König von Frankreich
14 Il est permis duser des termes ambigus en les faisant entendre en un autre
sens quon ne les entend soimême On peut jurer quon na pas faite une chose
quoiquon lait faite effectivement en entendant en soimême quon ne la pas
faite un certain jour ou avant quon fut né Cela est fort commode en beaucoup
de rencontres et est toujours très juste quand cela est nécessaire pour la
santé lhonneur ou le bien
                                           Sanchez Opp p 2 1 3 c 6 n 13
15 Die öffentliche Buhlerin Alexanders des Sechsten und Mutter des Cäsar
Borgia seines Sohnes
16 S Eccardi Korpus historic medii aevi wo dieses Tagebuch das sich selten
gemacht hat abgedruckt ist
17 Eunuch Act 3 Sc 3
18 Der Gott der Gärten
19 Der Name des Landguts wo Rousseau starb und in dem Garten daselbst auf
einer kleinen Insel begraben liegt die eine der schönsten Partien des Gartens
ausmacht
20 Mancini
21 Diesen Ausdruck den ich damals gebrauchte hat unser Wieland seitdem so Mode
gemacht dass ich ihn sogar vor einiger Zeit in der Predigt eines Kandidaten von
der Kanzel gehört habe
22 Während seiner Hierarchie ward Amerika entdeckt Als Stattalter Gottes
bestätigte er dem Eroberer den eigentümlichen Besitz durch einen
Schenkungsbrief und überschwemmte sogleich den neuen Weltteil mit Mönchen die
für das Evangelium das sie dahin trugen im Tausch jene unglückliche Krankheit
zurück brachten die selbst die ersten Quellen der Natur vergiftet
23 Ein gewagtes Wort für étoffer
24 Nicht die Todtenliste von Nicolaus Klim sondern die meines Freundes Nicolai
in Berlin die vielleicht den größten Raum der allgemeinen deutschen Bibliothek
einnimmt
25 Ein ehemals sehr berühmter Schauspieler auf dem italienischen Theater zu
Paris der im gemeinen Leben von einem ernstaften und festen Charakter war
26 Fleury imagina de lui faire voir des peintures lascives pour lendoctriner
et Bachelier chargea Mademoiselle R dont le talent étoit connu pour peindre de
belles nudités dapporter des desseins de la nature en action On alla plus
loin on chercha les sculptures les plus obscènes pour quil pût les palper et
les voir dans tous les sens et quil ne fut point entrepris lorsque la
princesse polonoise aussi neuve et aussi modeste que lui seroit arrivée Douze
tableaux dessinés et peints par lhabile peintre de grâces et représentant les
amours des patriarches furent donc placés dans un lieu où la curiosité pouvoit
engager le prince dans un moment de solitude à y jeter les yeux On
représentoit dans le premier numéro linnocente société dun berger et dune
bergère dans le numéro suivant on voyoit dans le berger une passion naissante
des regards quelques libertés galantes le numéro troisième représentoit des
attouchemens Dans le quatrième le berger cherchent autre chose et ainsi de
suite jusques au grand dénouement Madame de Prie étoit partie pour Strasbourg
pour apprendre la même chose à la princesse etc
                                   Mémoires de Richelieu Tom IV p 51 52 53
27 Vid Kl Salmasii Epistola ad Andr Kolvium super Kap XI primae ad Korint
Epistol de Kaesarie virorum et mulierum coma Lugd Batavor ex officina
Elzevirorum MDCXLIV p 643 Helveticus etiam virilis scite sexum discernit
expressa parte in braccis quae virum facit Apud nos olim talis fuit In
quibusdam etiam Galliae locis nuptae in capitis cultu supra frontem praeferunt
pro insigni quo distinguantur ab innuptis virilis membri figura Viduae
inversam eam habent maritae rectam Non ad haec pudenda descendendum est ut
veste utamur aut ornatu sexus discrimen nimis exacte et graphice repraesentante
Nuditas ut est simplicior non est etiam multo turpior etc
28 Vid Memoires de Richelieu Tom VI p 52
29 S Physiognomische Fragmente zweiten Versuch S 122 wo man auch das Porträt
der Dame sehen kann an der diese Kraft gerühmt wird
30 So heißt die aus Verwünschungen und Flüchen zusammengesetzte Schrift welche
seit Jahrhunderten alle grüne Donnerstage in Gegenwart der Päpste wider alle
diejenigen verlesen wird die sie mit dem Namen Ketzer beehren Am Ende
derselben wird eine brennende Fackel auf die Erde als Sinnbild des Bannstrahls
geworfen den sie im Geiste über die anders denkenden schleudern Ein
herzerhebendes Fest zu Rom
31 Siehe den launigen Brief Voltairs an den König von Preußen in seinen
questions sur lEncyclopédie unter dem Artikel miracles modernes
 
                                  Dritter Band
                                 Dritter Teil
                                     Avignon
                                                                Den 8ten Januar
Wirf Dich in den Staub nieder vor dem Blatte das Du hier empfängst Eduard
Folge in Demut der stolzen Feder die es berührt und trenne es als ein
Heiligtum von der Gemeinschaft der übrigen Blätter wenn Du einmal so
glücklich sein wirst mein Tagebuch zu besitzen Welchen Genuss von Glorie opfere
ich Dir nicht mit der Stunde auf die ich Deiner Neugier widme Fühle es einmal
ganz wie sehr ich Dein Freund bin
    Mein Wunder ist getan und ich bin frei  nicht frei wie ein entlassener
Sklave sondern wie ein König Du nur hältst mich ab dass ich nicht jetzt die
Gassen durchfliege und Tausenden die mir zur Seite auf ihre Knie fallen
meinen Segen erteile  Was für ein mächtiger Sterblicher ist nicht ein
Wundertäter unter einem solchen Volke Ich dürfte nur winken  und ich
schmauste bei allen Prälaten dieses glücklichen Staats und jede Mutter würde
mir freundlich die Kammer ihrer beneideten Tochter eröffnen Von dem
Sonnenplatze an bis zum Grabe der Laura  wo ich nur weilte und wandelte werden
die Wege gekehrt und die Plätze geschmückt Mein Haus ist umringt von
Wallfahrern und von summenden Chören wie das Haus zu Loretto Auf der Treppe 
auf dem Vorsaale lauern Schaaren von blühenden Jungfrauen werfen mir Küsse und
Blumen zu so oft ich mich zeige und bitten um das Gegengeschenk meiner Kreuze
    Und woher kommt denn dieser Unterschied zwischen Gestern und Heute Woher
diese zügellose Bewunderung  dieser Aufruhr von Ehrfurcht die mich auf den
wankenden Thron von Avignon heben Wie entstand dieser schnelle Übergang aus
der Sklaverei eines alten Weibes zu der Herrschaft über die Gemüter Wie
bildete sich diese Masse von großen Wirkungen Wie entwickelte sie sich in
dieser Spanne von Zeit  Durch frommen Betrug Du sollst es gleich hören
Eduard wenn ich nur vor dem Lärmen der Hymnen die aus allen Ecken zu meinem
Ruhme ertönen zum Worte kommen kann
    Der entscheidende Morgen war erschienen Da trat Bastian zitternd und blass
wie der Diener des Kanzlers Morus mir vor das Bette fragte mich nach einer
ernsten Pause ob ich mich etwan in Schwarz kleiden wollte und staunte mich an
und riss das Maul auf wie eine Maske von Schlütern an dem königlichen Schloss
zu Berlin als ich ihm statt aller Antwort in das Gesicht lachte und auf meine
gewöhnliche Kleidung hinwies Sobald ich mit meinem Anzuge fertig war setzte
ich mich in meinen Lehnstuhl legte meine Uhr vor mir auf den Tisch und sah dem
Possenspiele das meiner wartete ruhig entgegen Ich beschäftigte mich still
mit der ungewohnten Rolle die ich darin spielen sollte überlas meine Rede
mochte wohl eine Stunde so da gesessen haben und überzeugte mich eben auf
meiner Uhr dass ich nur noch eine bis zur Eröffnung meines Verhörs zu meinen
ferneren Betrachtungen übrig behielt  als sich die Türen meines Gefängnisses
entriegelten und meine Ankläger Richter und Zeugen herein traten  der Propst
und der Prokurator die alte Bertilia in der Mitte und ihre Nichte zum
Schluße Hatte mich ihr Besuch den ich so früh nicht erwarten konnte
überrascht so tat es die kalte gerichtliche Würde noch mehr die sie
mitbrachten Beides stand nicht in meiner Rechnung doch ängstigte mich der
jetzt sehr wahrscheinliche Fall am meisten mein Schutzengel  der Domherr
möchte zu meiner Hilfe zu spät kommen
    Der Propst näherte sich gravitätisch dem Tische warf sich in meinen
Armstuhl ohne die Verbeugung zu erwidern mit der ich ihm meinen weichen Platz
überließ Der Prokurator zog erst das Koncept seiner Rüge dann  die fünf bis
sechs Bogen aus seinem Busen die zum Protokoll meiner Aussagen bestimmt
schienen  legte seine Brille auf den Tisch seine Akten darneben und pflanzte
sich so lang und dürr wie er war zur Linken des wohl beleibten Präsidenten
Die keichende Tante schob ihren Stuhl an die eine Seite des Kamins mitten unter
die Beweise meines Verbrechens auf die sie gallensüchtig hinblickte ohne zu
meinem Glücke zu ahnden was für weit wichtigere sich eben so nahe bei ihr
unter der Büste eines Mannes versteckt hielten der gar nicht wie ein Verräter
aussah Klärchen mit ihrer unbefangenen Miene setzte sich auf der Gegenseite
parallel mit ihrer würdigen Tante So drängte mich von selbst die Ordnung in
der sie sich zu setzen beliebten auf den einzigen Standpunkt der mir zwischen
den beiden Damen noch frei blieb  Der Aschenhaufen der Kasuisten lag mir im
Rücken und der Kopf meines Freundes und Hehlers ragte hoch über dem meinen
hervor und blickte mit mir zugleich dem Propst in die Augen ohne ihn in seinem
Anstande irre zu machen Er würde es übel nehmen wenn man nur so etwas von ihm
glauben könnte So stand ich vor diesem Winkelgerichte aus Mangel eines übrigen
Stuhls kerzengerade und machte mir eine Weile den Spaß durch mein
schüchternes gedemütigtes Aussehn ihren gerichtlichen Hochmut zu kitzeln Als
aber der Prologus die Federn  der Epilogus die Tinte gebracht  sich sogar der
Prokurator gesetzt hatte und der Propst sich schon anschickte zu sprechen und
noch immer kein Auge sich höflich nach einem Sitze für mich umsah  so
erschreckte ich auf einmal die beiden Damen die neben mir saßen durch den
vornehmen Anstand in den ich überging  klingelte nach Bastian und befahl ihm
zwei Stühle zu bringen »Es ist schon an Einem zu viel« rief der strenge
Richter ihm nach aber Bastian benahm sich so ungeschickt dass er auf Gefahr des
Kirchenbanns meinen Befehl pünktlich befolgte
    Stille Erwartung herrschte nun in unserm Kreise und der Propst fing zur
Einleitung an uns die Absicht dieser Zusammenkunft bekannt zu machen ob sie
uns gleich allen mehr als zu gut bekannt war und die Pflichten und Rechte die
ihm als Aufseher aller milden Stiftungen in diesem Hause zuständen mit
geheimem Wohlgefallen zu zergliedern Ich merkte es dem Narren bald ab dass er
mit dem was er seinem Richteramte schuldig zu sein glaubte zugleich die
Nebenabsicht verband den hohen Vorzügen seines Verstandes und dem Talente
seiner beredten Zunge gegen einen Ausländer die möglichste Ehre zu machen und
dem armen Sünder noch einen großen Begriff von seinem erhabenen Genie und seiner
Wohlredenheit mit auf den Weg zu geben Wir stimmten diesmal vortrefflich
zusammen denn mir war viel zu viel daran gelegen sein Geschwätz zu verlängern
als dass ich den geringsten Anstand hätte nehmen sollen jede noch so schiefe
Wendung die er seinen Sätzen gab mit dem beifälligsten Lächeln  jede noch so
schwülstige Redensart mit einem Blicke des Erstaunens zu belohnen Ja als er
sich einmal in einer Periode so hoch verstieg dass er einen Brocken nach dem
andern ergreifen musste um sich nur mit Ehren wieder herunter zu helfen und der
Schwall von Worten die ihm darüber nachrollten das unleidlichste Geklirr in
meinen Ohren erregte  war ich boshaft genug dass ich wie begeistert mich
seitwärts nach dem guten Rousseau umwendete  ihn mitleidig ansah und die
Achseln zuckte Nie habe ich so grob einem Wortkrämer geschmeichelt aber nicht
weniger selten war auch die Wirkung, die es hervorbrachte Wenn ich ihn sinken
sah durfte ich nur einen recht treuherzigen Blick der Erwartung und
Aufmerksamkeit auf ihn schießen so trieb ich ihn damit auf wie einen Kreisel
dass er mit erneuerter Schnellkraft noch eine gute Weile fortlief Ich
wiederholte das Spiel mehr als Einmal mit innerem Vergnügen Je länger es dauert
dachte ich desto weniger wird sich der Domherr versäumen Zuletzt aber ging dem
Ehrenmanne im ganzen Ernste der Atem aus Er konnte kaum noch ein paar Worte
heraus bringen womit er die genauere Entwickelung meiner peinlichen Anklage dem
Prokurator anheim gab
    Dieser schwarzbraune Kerl wie er von seinem Sitz in die Höhe fuhr
verdunkelte sich noch um eine Schattierung mehr setzte hastig seine Brille auf
und machte das Koncept in der Hand seine gedrohte Beredsamkeit flott
    Da ich das Spiel wodurch ich mir den Vortrag des Präsidenten erträglich
machte bei der studierten Chrie des Prokurators nicht anbringen konnte so
würde mich die lange Weile getötet haben die sie mir verursachte hätte sie
mir nicht Gelegenheit gegeben mir das schönste Kompliment über meinen
Scharfsinn zu machen durch den ich schon gestern Abends alles erraten und
bereits in meiner Gegenrede beantwortet hatte was der alberne Kerl diesen
Morgen in Perioden auskramte die lange nicht so geschmeidig waren als die
meinigen Ich gäbe nicht einen Dreier für die Abschrift seines Brandbriefs und
Du gewiss auch nicht Auch setzte mich sein Geschrei mit allen den donnernden
Ausfällen gegen die Widersacher des Glaubens nicht eher in Verlegenheit als in
dem Augenblicke wo er es endigte Sein Dixi gab mir einen Stich ins Herz Ich
musste mich nun anschicken darauf zu antworten und doch war so lange der
Domherr ausblieb der Zeitpunkt noch nicht da wo ich es mit dem gehörigen
Nachdrucke tun konnte Zwar hatte ich es durch mein Spiel mit dem Propste schon
so weit gebracht dass nur noch höchstens einige Minuten bis zum Eintritte dieses
Planeten in unsern Kreis fehlen konnten aber auch diese wie hätte ich sie
ausfüllen  wie hätte ich die Gefahr meines Stillschweigens abwenden wollen
wäre mir nicht in diesem kritischen Augenblicke ein kleiner Vorteil von
meinen Schuljahren her beigefallen der bei vielen Gelegenheiten von der
trefflichsten Wirkung ist
    Es ist so gar selten dass man aus dem Schutte seiner ersten Erziehung einmal
einen Splitter hervorzieht der im wirklichen Leben anwendbar ist und einige
Brauchbarkeit zeigt dass ich mir nicht versagen kann mich selbst zu
unterbrechen um Dich mit dem innern Gehalte meines Funds bekannter und Dir die
Freude begreiflich zu machen die er mir verursachte Dergleichen
KabinetsStücke sind uns schon um desswillen so kostbar weil sie uns gewöhnlich
unter Schlägen Scheltworten und manchen ominösen Wahrsagungen anvertraut
wurden und uns so oft wir sie wieder sehen an den Notzwang unseres
jugendlichen Mutwillens und an alle die Aufopferungen jener wahren Freuden der
Kindheit erinnern
    Du hast den klugen Mann gekannt lieber Eduard dessen Unterrichte ich mein
Bisschen Beredsamkeit verdanke Da er selbst bestimmt war wöchentlich einmal
Reden an Schwache zu halten so kannte er alle die berauschenden Mittel um die
Zuhörer taumelig und ihnen weiß zu machen dass sie überzeugt wären Er hatte
eine so sichere Geschicklichkeit erlangt über jedes Thema das man ihm
vorlegte für und dawider  gleich gut zu predigen dass er nach den Gesetzen des
Lykurg verdient haben würde ohne Umstände aus dem Lande gejagt zu werden und
das ist doch wohl das Stärkste was man zum Lobe eines öffentlichen Redners
sagen kann Gott habe ihn selig Er hat mir die Kunst schicklich von nichts zu
reden gar sehr erleichtert Unter einer Menge Modellen die er immer aus allen
Sprachen zur Unterstützung seines Unterrichts und als Beweise zusammen trug wie
man auf dem Strome der Worte eine Stunde fortschwimmen kann ohne stecken zu
bleiben oder zu sinken war mir besonders Eins durch öfteren Gebrauch sehr
geläufig geworden denn nicht allein wurden in jüngeren Jahren alle meine
Standreden an den Geburtstagen meiner Eltern danach geformt sondern selbst an
dem wichtigen Tage wo ich in den Schoss der christlichen Kirche aufgenommen
wurde ordnete ich mein Glaubensbekenntnis danach und erbaute die ganze
Gemeinde  Seitdem ist mir freilich nur noch ein einzigesmal eine Gelegenheit
aufgestoßen dieses schöne Muster zu nutzen und das war bei Eröffnung eines
Landtags bei dem ich unschuldiger Weise als Deputirter meines Kreises
erschien Auch da zog mir die getreue Nachbildung meines schönen Originals die
größten Lobsprüche des Ministers und die Schmeicheleien der anwesenden Stände
zu Du kannst beurteilen Eduard ob ich sie verdiente wenn Du jetzt meine
Antwort an den Prokurator hören wirst in der ich mich ganz an jene beredte
Vorschrift und um so viel lieber hielt da sie einen französischen
Schriftsteller1 zum Verfasser hat der die Art wohl kennen muss wie man seine
Landsleute am besten behandelt Ich erhob mich mit Würde von meinem Sitze
überblickte mit furchtlosen Augen den Zirkel der mich richten sollte und mit
der bedächtigen Stimme die große Wahrheiten erwarten lässt fing ich an
Bedenk ich meine Herrn die Unbeständigkeit
Der Menschen und der Welt des Raumes und der Zeit
Seh ich in den Bezirk vergänglicher Gestalten
Oft einen Irrwisch sich für einen Fixstern halten
Seh dass sich Licht und Recht um eigne Axen dreht
Was früh im Aufgang war des Abends untergeht
Dass mit erborgtem Glanz wenn sich die Sonne wendet
Ihr prahlender Trabant noch unsre Augen blendet
Geh ich die Vorzeit durch und seh am Tiberstrand
Dort einen Zwerg sich blähn wo sonst ein Riese stand
Hör ich des Schicksals Ruf aus großen Trümmern schallen
Da selbst der Riese fiel wird auch der Zwerg wohl fallen
Des Bonzen Fischerring wird ein gemeiner Stein
Als Splitter nur berühmt verlorner Künste sein
Steig ich dann in mich selbst tief in mein Herz und hebe
Sein flatterndes Gewand sein blendendes Gewebe
Und seh aus welchem Teig von Trug und Heuchelei
Und Stolz die kleine Welt der Mensch geknetet sei
Geh die Geschichte durch und seh dass mit einander
Wir vom Tersites an bis zu dem Alexander
Nur leichten Federn gleich in ungewissem Wind
Des Zufalls Gaukelspiel und niemals unser sind
Und dass so hoch ein Propst sein Hirtenämtchen achtet
Und seine Schafe schiert und ihre Milch verpachtet
In mancher schwülen Nacht das Pallium schon trägt
Und sich zum Bischof träumt und seine Kreuze schlägt
Und wenn sich Mietlinge in seinen Schafstall schleichen
Die Hörner des Altars    Doch dixi Es entweichen
Begriff und Worte mir  Mein Engel zeigt sich jetzt
In stolzer Purpurtracht mit Hermelin besetzt
    Es war auch hohe Zeit dass er erschien denn ich weiß nicht was sonst aus
meiner feurigen Rede und dem Eindrucke möchte geworden sein der schon anfing
sich auf den verzogenen Gesichtern meiner Zuhörer zu zeigen Garrick sagt man
konnte das Alphabet mit so rührendem Accente aussprechen dass alle die ihm
zuhörten in Tränen zerflossen Ohne meine Rede ihres bessern Zusammenhangs
wegen zu loben tat sie doch ich muss es sagen eine nicht minder große
Wirkung Der Probst geriet in augenscheinliche Unruhe ließ einmal mehr als der
durch Ciceros Beredsamkeit erschütterte Cäsar das Schnupftuch fallen  warf
bei einigen starken Stellen Blicke des ungeduldigsten Zorns auf mich  Blicke
eines wütenden Erstaunens auf das arme Klärchen das darüber außer aller
Fassung gesetzt immer höher errötete und eben im Begriff war das Weite zu
suchen als der Eintritt des Domherrn meine Rede die nach ihrer künstlichen
Einrichtung einer Schraube ohne Ende nicht unähnlich war zum Stillstande und
jedes zu bewegte Herz wieder ins Gleichgewicht brachte Das Gericht erhob sich
um diesen eben so unerwarteten als vornehmen Beisitzer zu bewillkommen Ich lief
ihm entgegen umarmte ihn mit der vertraulichsten Anmassung nannte ihn einmal
über das andere meinen Freund meinen Erretter und  »Kommen Sie« rief ich mit
angstvoller Stimme »und wenden Sie die unbeschreibliche Gefahr ab die in
diesem Augenblicke über mir  noch weit mehr über Ihrer geheiligten Religion
schwebt Der freundschaftliche Unterricht edler Mann durch den Sie mich an
Sich fesselten  die Würde Ihres Standes die Sie nicht um nichts in den Purpur
der Könige kleidet  der Glaube die Liebe und Hoffnung die Sie vor aller Welt
bekennen  fordern Sie durch mich auf Ihr Ansehen zu behaupten  Ihre Gewalt zu
zeigen«  Der Mann sah mich während dieses Ausfalls mit stummem Erstaunen an
und setzte sich in der größten Verlegenheit auf den Sessel den ich in voraus
für ihn mit dem meinen zugleich hatte herbei schaffen lassen Der stolze Trotz
auf dem Gesichte des Propstes  die gelbsüchtige Erwartung die sich in den
Augen des Prokurators malte  in den Runzeln der Tante herum irrte und das
Gemisch Gott weiß welcher Empfindungen auf den Rosenwangen der Nichte 
verdienten wohl eine eigene Schilderung  Aber da müsste ich erst Zeit dazu 
müsste Dir nichts wichtigeres zu erzählen und diesen Mittag nicht Gäste zu
erwarten haben  Froh bin ich nur dass ich das wichtige Dokument meiner
gerichtlichen Rede auf das sich nun alles bezieht fertig  und so wie ich sie
gestern Abends zu Papier brachte vor mir liegen habe und sie nur da
einzuschalten brauche wo sie hingehört Sie ist wie Du finden wirst nach
einem ungleich häklichern Muster geformt als ich vorhin  wo es auf weiter
nichts ankam als Zeit zu gewinnen  meiner Beredsamkeit unterzulegen für nötig
fand Man sollte kaum glauben dass die beiden Modelle die ich heute so gut
benutze aus einem und demselben Schranke kämen und doch ist es wahr nur mit
Unterschied  Jenes lag mit einem Haufen anderer seines Unwerts in dem
untersten und gangbarsten Fache dieses hingegen lag ganz einzeln in dem
obersten Es wurde für das non plus ultra der Rhetorik gehalten und war nur auf
die nicht gewöhnlichen Unfälle des menschlichen Lebens berechnet Wenn das erste
gut ist wie Du gesehen hast Eduard die Laufgräben zu öffnen so läuft man mit
diesem hier Sturm Der Meister wenn er mit seinen Schülern bis an diese letzte
Speiche der Redekunst kam empfahl es immer mit den nachdrücklichsten Worten
»Ihr glaubt nun wohl lieben Kinder« sagte er mit einer feinen Ironie die
selbst wie Du weißt einer der stärksten Hebel in der Redekunst ist »alle
menschenmögliche Mittel in der Gewalt zu haben um Euch in dem Sprachsaale der
Welt fortzuhelfen Aber Eure Geschicklichkeit unbescholten reicht sie 
figürlich zu reden  bei allem dem nicht weiter als ungefähr  die Mücken zu
verjagen Das ist nun zwar für das tägliche Leben ganz gut denn dies
unbequeemen Geschöpfe sind aller Orten zu finden Wie aber wenn Euch nun einmal
 wer kann dafür stehen  ein Löwe begegnet oder ein Krokodill auf Euch
lauert Dann möchte Euch leicht Euer Kunststück mehr schaden als nutzen und Ihr
seid sicher verloren wenn Ihr kein anderes Arkanum im Schubsacke habt als eins
 wider die Mücken«  Und nun erst gab er uns dies künstliche Gewebe in die
Hand begleitete unsere Betrachtung mit manchem Fingerzeig  enthüllte uns das
versteckte Gerippe das kraftlos darunter lag um uns den Reiz der Einkleidung
desto fühlbarer zu machen durch die es allein Leben und Stärke erhielt und
freute sich über unser kindisches Erstaunen
    Sobald sich Ankläger Zeugen und Richter wieder in den Zirkel gesetzt
hatten trat ich auf 
    »Das schönste Eigentum unbefleckter Seelen« hub ich mit der heitersten
Miene an die ich auffassen konnte »das über alle menschliche Eingriffe
erhaben allen Zufällen trotzt ist das Gefühl ihrer Unschuld Es erhöht ihre
Freuden und verschönert ihr Glück Aber erst in Widerwärtigkeiten zeigt es ganz
wie stolz wie herzerhebend wie unverletzbar es sei Dann erst wenn es den
Rechtschaffenen bis vor die Schranken seiner Verfolger in ihre Kerker und zu
den Strafen ihres ungerechten Urteils begleitet entwickelt es die edelsten
Vorzüge seiner geistigen Natur Alle andere menschliche Gefühle können
geschwächt in Schmerz erstickt  sie können vernichtet werden außer diesem
Die schleichende Bosheit die Rache des Lasters kann dem Unschuldigen auflauern
 kann ihn fesseln und töten aber ihn strafbar zu machen liegt außer ihrem
Gebiete Der Trost seiner Rechtfertigung geht nicht nur mit ihm über die Gränzen
des Lebens mit unvertilgbaren Zügen lässt er sie selbst in den Herzen derer
zurück die zugleich mit seiner sterblichen Hülle die hohen Ansprüche seiner
Seele der Vergessenheit zu überliefern gedachten Der furchtbare Nachklang
seines Rechts übertönt das Geräusch ihrer Geschäfte durchzittert ihre
schlaflosen Nächte und bietet selbst in dem Freistaate des Schlummers die Rache
der Träume wider sie auf Sie ringen in ihren Festen umsonst nach dem armseligen
Gewinn eines betäubenden Augenblicks Ein qualvolles Leben ein fortnagendes
Gewissen rächt den Unverletzbaren nur zu schrecklich an dem Verbrechen ihrer
Gewalt
    O dass nicht immer der Bedrängte bis an diesen Triumph gelangen kann  nicht
immer der Redliche nur unter feindlichen Händen erliegt O dass der Allsehende
der Herzen und Nieren prüft einen Teil seiner Sehkraft nicht auch den Wächtern
verlieh die er der Unschuld zum Schutze gesetzt hat  dass die allgemeine
Finsternis die unsern Erdball beherrscht alle Wesen vermischt und jede
Wahrheit verhüllt nur zu oft auch die Schritte selbst derer missleitet die dem
edelen Geschäfte ihrer Entdeckung vorstehen  und dass sich ein Fall denken lässt
den man nur nennen darf um den ganzen Umfang seines Entsetzens zu schildern
den traurigen Fall meine ich wenn die Unschuld durch einen Fehlgriff der
Gerechtigkeit erschreckt und gejagt von ihren Freunden umsonst nach Beweisen
arbeitet sich Ihnen kenntlich zu machen  wenn der Straflose mit der Schuld
äußerer Umstände belastet schüchtern vor den Schranken edel denkender Richter
steht die ihn umarmen würden hätte nicht das Schicksal einen zu dichten Nebel
über den Abglanz seiner reinen Seele gezogen wenn er sich verdrängt endlich 
beschimpft und verrufen  aus der Verwandtschaft der Herzen verstoßen sieht die
ihm durch Sympatie angehören In solchen schauderhaften Augenblicken zaget die
Unschuld und erschrickt über sich selbst Traurigkeit tritt an die Stelle ihres
Stolzes  Ihr Gefühl das sich minder vor dem Tod entsetzt der ihre Nerven
beschleicht als vor der Verirrung der Hand die ihr solchen auflegt ermattet
unter dem Kampfe und erliegt In ihrem Unvermögen die Tugend ihrer Richter von
dem Makel eines verfehlten Urteils zu retten wendet sie sich zum letztenmale
gegen die Betrogenen mit jammernder Liebe wünscht ihnen aus Großmut die
Fortdauer ihrer Verblendung und flieht  unverletzt zwar doch Gott unter
welchen Empfindungen den Kreis ihrer irrenden Freunde unbegleitet von
mitleidigen Tränen ungerächt und ohne Triumph
    Dieses von meinem ersten Gemälde so abstechende Gegenbild legt Euch
meinen Richtern die grausame Lage meiner Verhältnisse gegen Euch dar wie ich
sie in ihrem ganzen bedrohenden Umfange fühlte noch ehe sie mich vor Eure
Schranken gebracht noch ehe sie die Beredsamkeit meines redlichen Anklägers
erweckt hat Wie habe ich nicht in seiner vortrefflichen Rede die männliche
Stärke bewundert mit der er das Unglück eines Lasterhaften zu malen weiß Er
glaubte in diesem Augenblicke mein Gegner zu sein  aber mein Herz konnte ihn
nicht dafür halten Wohl mir dass ich seine Schilderung mir gegen über stellen
und zergliedern kann ohne zu erröten Sie ist meisterhaft schrecklich  aber
sie trifft mich nicht Sie stellt mich mit den Farben der höchsten
Wahrscheinlichkeit als einen Fremdling dar der das geheiligte Recht der
Gastfreundschaft gröblich beleidigte der sich in dieses fromme Haus einschlich
um der Armut ihr Eigentum der Religion ihre Stützen und der Kirche ein
Bollwerk zu rauben das sie schon seit Jahrtausenden ihren Feinden so mutig als
wirksam entgegen setzt Sie überliefert mich den Gesetzen als einen Mordbrenner
den die verfolgende Rache des Himmels selbst an dem Orte seiner begangenen
Freveltat  selbst neben der Asche des kostbaren Gebäudes übereilt hat dessen
Vernichtung sein Werk ist  Dieses ist das widrige Licht das ein warmer
Verehrer der Tugend über eine Tat verbreitet die ich umsonst suchen würde ins
Läugnen zu stellen  Wie gedemütigt vor Gott und Menschen würde ich mich in
diesem Augenblick fühlen  wie könnte ich die Blicke des Abscheues ertragen
denen ich bloß stehe  wie vermöchte ich edle Richter den gewaltigen Eindruck
meiner Anklage auf Eure Gemüter zu vernichten wenn meine Straffälligkeit so
erwiesen bliebe als sie es jetzt den Mitgliedern Eures hohen Tribunals
vorkommen muss Nur desto stärker gegen mich empört je aufgeklärter Ihr
Verstand je reiner der Schmuck Ihrer Sitten je aufrichtiger Ihre Ehrfurcht für
Tugend und Religion ist machen es Ihnen diese herrlichen Eigenschaften nur noch
unmöglicher Ihrem Mitleiden Gehör zu geben Der Schutz den Sie der Religion
zugeschworen verdrängt das Erbarmen gegen denjenigen der die Rechte dieser
Religion so grausam verletzte  Die Gesetze, die Sie handhaben legen es Ihnen
als Pflicht auf Schande und Strafe über den mutwilligen Übertreter derselben
auszurufen
    Diese Wahrheiten die ich mir nicht verhehlen kann was lassen sie mich nun
anders erwarten als mich von den würdigsten meiner Zeitgenossen überführt
verdammt und aus ihrer Gemeinschaft ausgestoßen zu sehen Und dennoch ich
schwöre es bei dem Eifer der Euch belebt seid Ihr meine Richter auf dem
Wege in mir einen Mann zu bestrafen der nicht etwa Euer Mitleiden  ich
entsage ihm gern  nein der Eure ganze Achtung verdient und sie nicht als ein
Almosen sondern mit dem Trotze eines guten Gewissens als eine Schuldigkeit von
Euch fordert Möchte doch das belehrende Beispiel dieser feierlichen Stunde
allen und jeden Dienern der Gerechtigkeit bekannt werden Wenn ein Tribunal wie
das Eurige nicht vor der Gefahr des Irrtums geschützt ist  welcher Richter mag
es nach Euch noch wagen ein Urteil zu fällen
    Doch wohin verführt mich meine eigene schreckhafte Vorstellung Verzeiht es
einem beängstigten Fremdlinge  verzeiht es mir dass ich nur einen Augenblick
von einer Gefahr träumen konnte gegen die Euch Eure Kenntnisse Eure
Menschenliebe und Eure Redlichkeit waffnen  Heil mir Ich stehe nicht vor so
gemeinen Richtern denen schon das Eingeständnis einer zweideutigen Handlung
Beweis genug von der Strafbarkeit dessen ist der sie beging So leicht auch die
hinreissende Beredsamkeit meines feurigen Anklägers ein minder behutsames
Tribunal bis zu diesem Fehlschlusse verleiten könnte  bei Euch wird sie keinen
andern Erfolg bewirken als den der ihren reinen Absichten am angemessensten
ist Je vollkommener seine fürchterliche Anklage wider mich da steht desto mehr
wird sie Eure prüfende Aufmerksamkeit schärfen und Eure Großmut nur desto mehr
reizen das Mangelhafte meiner Verteidigung zu ersetzen und den Schwachen und
Ungeübten gegen den Stärkern in Schutz zu nehmen Gegen den Stärkern in Schutz
nehmen sage ich Bin ich es denn nicht dem Ruhme meines Gegners schuldig zu
glauben dass er selbst während der Entwickelung der Triebfedern meiner
Handlung die stufenweise Abnahme seines Widerstandes redlich erkennen meine
Rechtfertigung unterstützen und gern einem erwarteten Sieg entsagen werde da
er den Feind nicht fand den er zu erlegen gedachte
    O möchte doch dieser innere Vertrag redlicher Seelen dieses
stillschweigende Einverständnis das unter uns beiden besteht zur Ehre der
Wahrheit allen ihren Verfechtern voraustreten Möchte die Welt immer nur so edle
Streiter gegen den Irrtum auf dem Platze sehen die eines solchen Kampfes wert
sind
    Meine Rechtfertigung bedarf keines Schmuckes Sie ergibt sich aus der
einfachen Darstellung meiner Denkungsart und liegt offen in meiner Geschichte
Ich verließ mein Vaterland das von einem zwar mächtigen aber leider
ungläubigen Könige beherrscht wird Ich verließ es mit dem Vorsatze der alle
Reisende leiten sollte Wahrheit und Weisheit in den Ländern aufzusuchen in
denen in unsern Tagen diese Vorzüge so einheimisch wären wie sie es vormals in
Rom und Griechenland waren So irrte ich von einem Gebiet in das andere immer
getäuschter in meiner Erwartung bis ich endlich die glückliche Gegend des
Komtats und in ihm das Ziel meiner Befriedigung erreichte Welch eine Weide für
mein leibliches und geistiges Auge Mit jedem Fortschritte wuchs mein Erstaunen
Gebahnte Straßen neben grünenden Auen die mit dem bunten Gemische weidender
Herden belebt waren  unabsehliche Flächen mit Saaten geschmückt  Berge mit
Reben  Hügel mit fruchtbaren Bäumen bepflanzt  ruhige freundliche Dörfer 
prächtige Städte mit frohen glücklichen Menschen besetzt  Liebe und Treue auf
allen Gesichtern  und dieses große herrliche Gemälde von einem immer heitern
Himmel umwölbt
    Es ist bei dergleichen überraschenden Ansichten einem wohl eingerichteten
Herzen natürlich die Ursachen aufzusuchen die solche Folgen bewirken Ich
betrat voll von dieser löblichen Neugierde diese Hauptstadt die ich als die
erste Quelle betrachtete von der aller dieser Segen in das Land floss und
machte es mir zur Pflicht der ausströmenden Kraft nachzuspüren die ein so
künstliches Triebwerk in immer gleicher Bewegung erhält und die geheimen Federn
zu entdecken die stark und gespannt genug sind jedes Rad so abgewogen in
Tätigkeit zu erhalten dass eines in das andere greift ohne zu reiben zu
stocken und den Endzweck zu hindern den das Ganze hervorbringen soll  Sind
es befragte ich mich die strengen Gesetze eines Lykurg oder sind es die
philosophischen Grundsätze eines Friedrich die dieses glückliche Land leiten
Welche Gewalt ist es die das Wunder seiner Regierung möglich macht Die Frage
ist entschieden wie man sie aufwirft Wer kann eine Stunde unter Euch leben
Mitbürger dieses Staates ohne den mächtigen Genius zu ahnden der alles dieses
bewerkstelligt den Geist Eurer Religion Er ist es unter dessen mächtigem
Einflusse Eure Landesverfassung wie ein Felsen unter dem ewigen Tumulte der
Wellen unerschüttert da steht Er löst die verwickelten Grundsätze einer
vollkommenen Staatskunst über welche Monarchen und Weise in ewigem Streite
liegen in die einfachen Pflichten eines gemeinen Tagewerks auf Der Segen den
Eure Kirche täglich ausspendet spottet jener rastlosen Sorgen die oft der
klügste Regent vergebens anwendet um dem Staate starke geübte und mannhafte
Hände zu gewinnen denen er mit Sicherheit die Handhabung des gemeinen Wohls
übertragen kann Die spröden Faden aus denen sein Gewebe zusammengesetzt ist
wie ungleich gelinder schmiegen sie sich nach dem Willen auch des schwächsten
Kopfes der die heilige Weihe empfangen hat als nach dem Sinne eines Mannes
der durch vieljährigen Fleiß Wachen und Nachdenken sich zur Führung anderer
gestärkt glaubt Ich überblickte mit Erstaunen die einfachen Mittel die hier
der päpstliche Glaube dem Dünkel der Weltweisheit entgegensetzt Statt die
Aufsicht über Ordnung und Gesetze erfahrnen Greisen  statt die Bewachung des
Landes tätigen scharfsichtigen Männern übertragen zu finden sah mein an jenen
Anblick verwöhntes Auge hier nur Jünglinge zum Verdammen und Lossprechen
berufen und zu Vätern ihres Landes geweiht Statt der Betriebsamkeit des Volks
 sah ich nur Andacht Ich ging mehrere Blenden von Heiligen vorbei mit
Anbetern umkniet ehe ich auf eine Werkstatt stieß die nicht leer stand Ich
hörte keinen Lärm welcher Arbeit verkündigte aber desto mehr Glocken die zur
Anbetung der Heiligen einluden Überall sah ich verlassene Häuser und volle
Kirchen Ich sah ein unbeschäftigtes Volk das auf langen Wallfahrten nach der
Berührung eines Märtyrers ausströmte  sah die Lehrstunden der Kinder unter den
Füßen eines wundertätigen Bildes verlaufen und die Tage des geschäftigen
Alters aufgelöst in heilige Feste Ich sah in einer Welt wo ich alles der
Vergänglichkeit unterworfen glaubte ewig brennende Lampen  sah Todtengebeine
die jede Krankheit des Körpers, und heilige Zeichen die jedes Gebrechen der
Seele zerteilten  sah geweihte Tropfen die ein langes beflecktes Leben
verwischten  sah die Hand des sterbenden Geizigen noch in dem Schatze wühlen
den er verlassen musste um für den wohlfeilsten Preis den er erhandeln konnte
unendliche Reichtümer für die Ewigkeit zu erkaufen  sah gerührt wie die
dienstbare Frömmigkeit den Übergang einer gebrandmarkten Seele in die andere
Welt mit unverwelkten Blumen bestreute und forderte mir von diesen mir so
ungewohnten Ansichten betroffen wie es ein Blindgeborner sein würde der in
einem Opernsaale und unter den Wirkungen verborgener Maschinen den Gebrauch
seines Gesichts erhielt lange vergebens Rechenschaft von dem Eindrucke ab den
ich fühlte ohne den Ausspruch zu wagen ob das was mich so mächtig
erschütterte Wahrheit sei oder Täuschung Wie viel lagen nicht Dinge von
unendlicher Wichtigkeit für mich in der Entscheidung dieses erhabenen Zweifels
Sollte ich mich wie ein Eingeborner dieses glücklichen Landes bei dem
allgemeinen Glauben beruhigen den ich im Gange fand Sollte ich mich mit dem
Vertrauen eines Kranken gegen seinen Arzt der Hilfsmittel bedienen die Eure
geheiligte Religion feil bietet oder sollte ich erst ehe ich die Arzeneien
verschluckte ihre geheime Zusammensetzung untersuchen und ihren Endzweck
entwickeln Ich glaubte mir als einem Fremden das letztere erlaubt und mit
der Offenherzigkeit edle Richter die ich Euch schuldig bin gestehe ich dass
ich mit allem dem Misstrauen das der Irrtum erzeugt zur Prüfung jener
Grundsätze überging die Ihr Glücklichen als Erbschaft ohne nur einen
Augenblick an ihrer Rechtmässigkeit zu zweifeln von Euren Vorfahren in Besitz
nahmt Ich tat in dem Labyrinthe in das ich eintrat keinen Schritt ohne
zuvor die Sicherheit des Grunds zu erforschen und verwickelte mich darüber
zuerst in Irrgänge die mich immer weiter von meinem Ausgange entfernten und so
hätte mich beinahe die redliche Absicht die Geheimnisse Eurer Religion zu
erforschen in das Unglück gebracht ihr Widersacher zu werden
    Aus der Masse von Vorzügen die das Lehrgebäude Eures Glaubens darstellt
beschäftigte indes keiner mein Erstaunen so sehr als der Nachlass Eurer
Heiligen den ich lange nicht und von keiner Seite meiner Vorstellungsart
anzupassen vermochte Er ist unstreitig der größte Reichtum Eures Landes 
darüber konnte ich mich nicht täuschen aber es ward mir schwer andere Länder
für um so viel ärmer zu halten als sie weniger als das Eurige von diesem
Gewinne aus der Beute der Vorzeit besitzen Ich konnte mein durch die
glänzenden Überreste griechischer und römischer Kunst geblendetes Auge lange
nicht gewöhnen an Euren oft unscheinbaren Reliquien Geschmack und Freude zu
finden  konnte mich nicht bereden dass ein Tempel der auf dem Gerippe eines
Heiligen erbaut oder mit seinen Gebeinen und ehrwürdigen Lumpen behängt ist
darum merkwürdiger als ein Panteon  erhabener sein sollte als ein Kolisee Ja
ich gestehe Euch mit Errötung dass meine unter den Vorurteilen meines
Vaterlandes gebildete Seele immer widerstrebte an die ausströmenden Kräfte zu
glauben die Ihr von den Überbleibseln Eurer Märtyrer rühmt und die Eure
geweihten Tafeln beweisen Meine Zweifel verstärkten sich nur je ernster ich
daran arbeitete sie zu heben und setzten sich sogar einer Gewalt entgegen der
vielleicht noch keine irrende Seele widerstanden hat Mich hatte die Empfehlung
eines frommen Bischofs in die Bekanntschaft eines Eurer Mitbürger in den Schutz
eines erleuchteten Mannes gebracht dessen geringster Schmuck der königliche
Purpur ist den er trägt Ungern verschweige ich sein Lob in seiner Gegenwart
und überlasse es Eurem Bewusstsein die Ihr ihn näher und länger zu kennen das
Glück habt Er nahm mich auf als ob ihm das Bedürfnis meiner Seele schon im
voraus bekannt und ihm der Gedanke sichtbar wäre der über ihr schwebte Sein
erstes Gespräch verbreitete sich lehrreich und freundlich über den Wert frommer
Reliquien Er machte mich zum erstenmale mit den schätzbarsten derselben  mit
den drei Blasensteinen der heiligen Klara bekannt die beredter und
überzeugender als die Zungen der Schriftgelehrten das größte Geheimnis unsers
Glaubens erläutern indem sie sichtbar alle die Eigenschaften vereinigen die
jeder rechtschaffene Christ der hochgelobten Dreieinigkeit beilegt Das Visum
repertum das er mir über diese Kleinodien vorlas erschütterte zwar mein Herz
das aber zu schwergläubig war um nicht auch hier einen Vorwand zu finden den
Eindruck zu entkräften den es auf mich zu machen anfing Misstrauen gegen die
Stimme der Wahrheit ist die natürliche Folge des Irrtums Ich höre zwar sagte
ich seufzend das merkwürdige Zeugnis und fühle das Unwiderstehliche der
Folgerungen die es enthält in seinem ganzen Umfange aber wo sind die heiligen
Steine die mir für die Wahrheit desselben bürgen Wo sind sie damit ich
hingehe und sie anbete und mit ihnen in der Hand jene stolze eingebildete
Wissenschaft zum Schweigen bringe die unserm Glauben die gebieterischen Sätze
eines heidnischen Euklides entgegen stellt Sind sie wie es das Ansehen hat in
dem Tumulte der Zeiten verloren gegangen so bleibt mir nichts übrig als ihren
Verlust zu bejammern und selbst so lange ihr ehemaliges Dasein zu bezweifeln
bis sie sich wieder finden und Gott die Ungleichheit zwischen mir und dem
glücklichen Sterblichen aufhebt der sie sehen betasten und durchwägen konnte
Meine nächste Pflicht schien mir nun die nach diesen heiligen Steinen bis an
das Ende meiner Tage zu forschen Ich störte alle Kabinette der Naturgeschichte
 alle Sammlungen von Reliquien durch fand wohl hier und da einen einzelnen
Stein an dessen Gewichte Selbstständigkeit und einfachem Wesen nicht zu
zweifeln war der aber wenn ich ihn mit zwei andern von gleichen Eigenschaften
zusammen brachte nie die Probe bestand nach der ich ausging  Ich betrat
einen andern Weg auf dem ich nicht ohne die höchste Wahrscheinlichkeit mich den
verlorenen Kleinodien zu nähern hoffte  Gern würde ich über diesen eben so
fruchtlosen Versuch stillschweigend hinwegeilen um die jungfräuliche Seele die
ihn veranlasste nicht aus ihrer bescheidenen Ruhe zu bringen aber die höheren
Pflichten der Aufrichtigkeit zu der ich jetzt vor andern aufgerufen bin macht
es mir teuerste Klara unmöglich Ihrer Errötung zu schonen
    Ich sehe edle Richter mit welchem Wohlgefallen sich Eure Blicke nach
dieser Freundin Eures Zirkels  nach dieser frommen Mitgenossin Eurer geistigen
Vergnügungen wenden und Ihr werdet ich zweifle nicht die hohe Erwartung die
ich von ihr fasste durch die glänzenden Eigenschaften mehr als zu gerechtfertigt
finden die uns alle an sie fesseln Das Glück der Nachbarschaft mit dieser
Auserwählten die herrlichen Psalmen unter denen mich ihre sonorische Stimme
jeden Abend einschlummerte  jeden Morgen erweckte ihre Unschuld die aus jeder
ihrer Bewegungen aus jedem Faltenschlag ihrer Kleidung hervorstrahlte die
beispiellose Frömmigkeit ihrer Jugend  alles trug in mir zu der Überzeugung
bei dass die Heilige deren Namen sie führt deren Glauben sie ererbt hat deren
Tugend sie wieder darstellt  ihr auch wahrscheinlich die Steine zurück gelassen
habe nach deren Entdeckung meine Seele immer heisshungriger ward Dieser
Gedanke der mächtig genug gewesen wäre mich bis an den äußersten Pol der Erde
zu treiben um ihm Luft zu machen  wie viel dringender musste er nicht in der
glücklichen Nähe auf mich wirken in der ich mich mit dem Ziele meiner Hoffnung
befand
    In der feierlichen Stille einer hellen Nacht näherte ich mich der Tür
dieser Auserkornen ihres Geschlechts  hoch pochte mir das Herz nach der
Entdeckung dieses großen Geheimnisses aber noch war es ihrer nicht wert Die
fromme Aufseherin unserer Jugend versperrte mir wie ein Seraph den Eingang
und wies mich als einen Ungeweihten in meine einsame Klause zurück Dank sei
Dir würdiges Weib für Deine Strenge die mir damals so schwer zu ertragen
fiel sie erweckte den Trieb mich aufzurichten indem sie mich niederschlug und
befeuerte mein Verlangen mich der Glorie erst würdig zu machen nach der ich
hinstrebte Das Bild meiner freundlichen Hoffnung schwebte mir vor in der
Zerstreuung des Tages in den Träumen der Nacht erheiterte meine Einsamkeit
und fesselte mich mit Blumen an die Pflichten meines hohen Berufs Unter dem
Schutze des Purpurs meines edelen Freundes und Begleiters warf ich mich der
mächtigen Genoveva zu Füßen und vereinigte mein Gebet um Aufklärung mit dem
Gebete der Gemeinde Ich wallfahrte nach dem Grabe der Laura  stärkte meine
Empfindung in den reinen Dünsten die aus ihrer Asche emporsteigen  bereicherte
mich mit den Erfahrungen ihres Wächters und suchte auf dem Pfade auf dem er zu
seiner Überzeugung gelangt war die meinige zu erringen Ich schlich den
Heiligen nach wo ich sie fand durch das Labyrinth ihrer Legenden  auf dem
geschmückten Throne ihrer Altäre  in dem Schauer ihrer Verwesung Ihre
glänzenden Feste konnten kein geweihtes Gebein ihrer Gerippe ausstellen ich
näherte mich ihm mit Ehrfurcht Erblickte ich die Madonna als Zeichen über einem
Wirtshause so trat ich ein Entzog sich ein Splitter des heiligen Nicaise
meinen feurigen Augen  ich schlich ihm nach und suchte wenigstens meine Hand
daran zu erwärmen Ich erkaufte mir mächtige Vorbitten bei der hochheiligen
Koncordia und errang durch Gold das zu Ehren ihres Namens geprägt ward
endlich eine der wirksamsten Reliquien die meinen Übergang in das Gebiet der
Geheimnisse vermittelte und den Schleier wegzog hinter dem ich die heiligen
Steine versteckt glaubte Ich triumphirte  aber zu früh Dürfte ich es wagen
die Holdselige die meinen misslungenen Eifer teilnehmend mit ihrem Mitleiden
beehrte aus dem Bezirke ihres Richteramtes in jene trauliche Stunde meiner
frommen Untersuchung zurück zu führen sie würde nicht anstehen Euch meinen
Richtern alle die Empfindungen der Kleinmut der Mutlosigkeit und des Kummers
zu bezeugen unter denen ich ihre Schwelle verließ
    Ein unruhiges Herz verfinstert oft den hellsten Verstand wie viel schwärzer
musste es nicht auf ein Gehirn wirken das noch durch Vorurteile Zweifelsucht
und Unglauben umnebelt war Habt Mitleiden mit mir Ihr die Ihr schon fest in
Eurem Glauben allen Gegenbeweisen Erfahrungen und Anmassungen der Leidenschaft
trotzen könnt Der Unmut über meinen misslungenen Versuch  statt mich auf die
wahre Ursache zurück zu führen  verwickelte mich vielmehr in neue feindselige
Fehlschlüsse wider die Wahrheit Eurer Religion Die Aufwallung meines Bluts
verhinderte mich zu begreifen worauf mich doch die Geschichte der heiligen
Klara von Montefalcone hinwies dass meine Nachforschungen zu voreilig und es
nur auf dem Wege der Zergliederung möglich sei auf die verborgenen Steine zu
treffen So überzeugt ich auch jetzt bin dass ihre fromme Namensschwester einst
der erstaunten Erde diese verlorenen Beweise der Dreieinigkeit wiedergeben und
durch den Nachlass ihres Todes das Leben krönen werde das sie jetzt führt so
entfernt war ich damals von dieser trostreichen Aussicht Ich glaubte in meiner
fruchtlosen Bemühung keinen andern Beweis zu finden als den dass nicht allein
die Legende der verewigten Klara erlogen sondern alle und jede Verjährungen
Eures Glaubens nicht bündiger zu beweisen sein möchten als die Steine der
Klara
    In diesem Aufbrausen eines schwachen Gehirns trat ich vor die herrliche
Sammlung der geistreichen Schriften die den größten Schmuck dieses Hauses
ausmachen Ich spottete ihrer Titel als Prahlereien eines heuchlerischen Stolzes
 schalt den Inhalt den sie ankündigten als Verirrungen des menschlichen
Geistes  entschloss mich das Lehrgebäude niederzuwerfen das sie aufstellten
und diese Stützen des Glaubens mit dem Übermute eines Heiden dem Pagoden
meines Kamins zu opfern
    Aber in diesem Augenblicke schienen alle Heiligen mit Erbarmen auf mich zu
blicken  mit Erbarmen gegen ein Herz das in seinem Drange nach Wahrheit sich
bis an diesen Abgrund verlaufen konnte Ich fühlte dass mein Schutzgeist zurück
kam Meine Wünsche ohne mich zu verlassen nahmen jetzt einen richtigern Gang
und meine Empfindungen veredelten sich Mitten in dem Entsetzen das mich nun
über die hässliche Gestalt ergriff unter der die Tat die ich auszuführen im
Sinne hatte auf die Nachwelt übergehen würde entdeckte ich neben dem finsteren
Wege den ich einschlagen wollte jene feine Scheidungslinie zwischen Recht und
Unrecht die gemeine Richter so leicht und nur zu oft übersehen Was ist der
Mensch ohne eine höhere Leitung und wie so nahe gränzt das Laster an die
Tugend Ihr die Ihr schon längst über das Bewusstsein der Seele über die
Beruhigung des Gewissens nachgedacht habt  Ihr die am Feste des heiligen
Crispinus mit flammenden Worten Euren Gemeinden so deutlich als mit dem
Beispiele Eures Lebens beweist warum sein Raub statt ihn auf den Richtplatz zu
bringen ihn unter die Zahl der Seliggesprochenen versetzt hat mein Herz
schmiegt sich an das Eurige und sucht seine Lossprechung in Euren Lehren Ihr
werdet ohne Mühe begreifen wie dieselbe Tat die mich einige Minuten zuvor als
einen Verbrecher würde gebrandmarkt haben nur durch gute Absicht geleitet
durch fromme Bewegungsgründe geheiliget sich zu einer unschuldigen
zweckmässigen und löblichen Handlung umbilden konnte In dem höchsten Unwillen
über mich selbst nahm ich jetzt die ungerechten Schmähungen zurück die ich
wider Männer auszustossen mich erfrecht hatte denen ich die Schuhriemen
aufzulösen nicht wert war und betrachtete sie wie ich sie immer hätte
betrachten sollen als eine Gesellschaft die der große Zweck vereinigt hat
Gutes zu stiften und segnete sie als Wohltäter des menschlichen Geschlechts
die noch Samen über ihre Gräber streuten zu ewigen Ernten Haben sie nicht
befragte sich meine gerührte Seele indem ich eine ganze Reihe ihrer
unsterblichen Werke umarmte ihre Nächte mit Nachdenken verwacht ihr schönes
Leben verschrieben um noch ihren Enkeln den steilen Weg zu erleichtern der zur
Entdeckung der Wahrheit führt  Und ach warf ich mir bitter vor in der Nähe
dieser sicheren Wegweiser hast du deine kostbare Zeit ungenutzt verschlafen
und in dem Augenblicke da du ihre Hilfe am meisten bedarfst bist du im Begriff
dich auf immer von ihnen zu trennen
    Wohl dem menschlichen Herzen  es hat seine Spannkraft nicht ganz verloren 
das noch durch den Gedanken einer unwiederbringlichen Zeit erschüttert wird Es
zieht nun alle seine Kräfte zusammen und sucht den Wert der verschleuderten
Stunden in dem kleinen Zeitraume der ihm noch übrig bleibt einzuengen und den
Verlust von Jahren durch den misslichen Gewinn eines nachfliehenden Augenblicks
auszugleichen  Auch das meinige arbeitete unter einem gleichen Bestreben
Schaudernd sah es in das Vergangene und auf die Sorge die es vernachlässigte
und blickte wild auf seinen entfernten Abstand vom Ziele aber in diesem
verzweifelnden Kampfe errang es Hoffnung sich seinen Weg zu verkürzen
    Ich erinnerte mich und nie hat mir mein Gedächtnis einen wichtigern Dienst
erwiesen  dass ich in den Büchersälen Eurer Klöster in den Schatzkammern Eurer
Kirchen Schriften sah deren Inhalt jeder nachdenkende Mann  auch ohne
Untersuchung  schon als klar bewiesen annehmen und als den lautersten Ausfluss
der Wahrheit verehren wird weil sie die kritische Prüfung in der jedes
menschliche Machwerk seinen Untergang findet unter höherem Schutz überstanden 
ich meine die Probe des Feuers  Noch vor kurzem hatte ich in dem Schatze der
über den Gräbern zu Saint Denys aufgestellt ist das berühmte Buch des Thomas a
Kempis bewundert das einzig aus einer reichhaltigen Bibliothek die in Rauch
aufging gerettet und unversehrt aus dem Schuttaufen hervor gezogen wurde Der
fromme Mann der es mir zum Küssen überreichte beantwortete mir die Frage ob
denn die Tausende bei diesem Unglück verlorenen Bücher nur Irrtum enthalten
hätten mit einer Erklärung der ich damals den Trost nicht ansah den sie mir
bald in der drangvollsten Stunde meines Lebens gewähren sollte So hängt oft die
Vorsehung die wichtigsten Ereignisse unsers Lebens an unmerkliche Faden und
verbindet uns ohne dass wir es ahnden mit der großen Kette die sie in ihrer
Hand hält So kann vielleicht in den fernsten Zeiten noch sich zu der
allgemeinen Harmonie ein Wohlklang aus so schwachen Tönen entwickeln als jetzt
meinem Munde entfallen  so kann die Verhandlung der gegenwärtigen Stunde
vielleicht noch Heiden bekehren und ganze Länder  Gott gebe es  dem Joche
Eures Glaubens unterwerfen
    Es waren sagte der Mann viele Werke in dieser verunglückten Sammlung die
wohl noch vortrefflicher waren als das gerettete aber man kannte sie und
keine Seele bezweifelte ihren Wert  Nur Thomas a Kempis war nicht geachtet 
und sein Buch von der Nachfolge war unter allen dasjenige dem man am wenigsten
folgte Seit dem Wunder seiner Erhaltung ist es erst in den Ruf gekommen den es
verdient  erst seitdem ist es allen Religionen ein heiliges Muster geworden Es
hat sich in unzähligen Auflagen verbreitet und die Vorreden erzählen die
Kritik die es aushielt  Dieses waren die belehrenden Worte die jetzt
volltönend an die Saiten meiner Seele anschlugen und mir den einzigen Ausweg zu
zeigen schienen den ich zu nehmen hatte
    Von allen den Lehren die jene herrlichen Werke enthielten die vor mir
standen war eine wie die andere meinen Augen verborgen  Um keiner Unrecht zu
tun zweifelte ich an allen  Meine dringende Abreise  meine Trennung von
ihnen benahm mir die Möglichkeit sie zu erforschen und in diesem Drucke und
Gegendrucke von Wünschen und Zweifeln ermannte ich und entschloss mich sie der
kürzesten Prüfung zu unterwerfen die mir in meiner Lage auch die willkommenste
sein musste In der süßen Hoffnung sie  die eben so ungesucht ungelesen und
vergessen waren wie der große Thomas bald durch das Feuer bewährt wieder zu
sehen wie ihn trennte ich sie aus ihrer Hülle häufte sie locker in diesem
Kamin auf einander beging die Tat die Ihr so strafbar findet und  o wie
pocht mir das Herz  steckte sie an Voller Erwartung verfolgten meine Augen
jede Wendung der auflodernden Flamme die sich schnell ausbreitete und bald
über den kostbaren Stoff den ihr mein gläubiges Zutrauen übergeben hatte
zusammenschlug Dieser Berg von Gelehrsamkeit senkte sich  jede Minute
überlieferte ein kostbares Werk mehr seiner Vernichtung Sein Inhalt verrauchte
und beizte mir die Augen ohne das Herz zu erwärmen Meine Betäubung stieg immer
höher  ach sie ward zum Entsetzen als ich an der Stelle dieser glänzenden
Überreste der Vorzeit  endlich nichts mehr als einen gemeinen Aschenhaufen
erblickte  Ist es möglich rief ich nun aus So war denn auch nicht Ein Buch
unter so vielen das den unmittelbaren Schutz Gottes oder eines Heiligen
verdiente So gingen sie alle in Rauch auf ohne mir nur Einen meiner marternden
Zweifel zu heben  nur Eine Wahrheit mir zurück zu lassen die meinem Herzen
Trost meinem Verstande Nahrung verschafft hätte Ach Es bleib mir nichts
übrig als ewige Zweifel und reuige Tränen über diesen vergeblichen Brand
    Indes  der Lauterkeit meiner Absicht bewusst kam es mir nicht von fern ein
dass etwas Straffälliges in meiner Handlung liegen könne Es gilt den Ersatz
dieser Bücher sagte ich zu mir und ich erriet nicht eher unter welchem
schwarzen Anstriche auch dem billigsten Gemüte meine Feuerprobe erscheinen
könnte als bis mich der Eifer der frommen Aufseherin dieser Stiftung nur zu
sehr davon überzeugte Aus der nachteiligen Vorstellung unter der ihr meine
Tat erschien aus dem Hasse womit sie ihr tugendhaftes Gemüt und die edelen
Seelen meiner Richter zur Rache entflammte  sind die traurigen Folgen
entstanden unter denen ich bis zu der Stunde meines Verhörs geseufzet habe Ihr
glaubtet berechtigt zu sein einen Mann von Ehre  einen Reisenden von
unbescholtenem Rufe  einen Untertan eines großen Monarchen und einen Eurer
Freundschaft empfohlnen Fremdling als einen Verbrecher zu behandeln  glaubtet
es dem Ansehen der Tugend und dem Vorteile Eurer Kirche zuwider den erbotenen
Ersatz anzunehmen Ein gemeinschaftlicher Irrtum vereinigte die besten
edelsten Herzen zu meiner Bestrafung Noch jetzt vortreffliche Richter nachdem
ich Euch die wahren Triebfedern meiner Handlung entwickelt und die geheimsten
Winkel meines Herzens geöffnet habe muss es Euch  so schwach sind die Kräfte
selbst der scharfsichtigsten Menschen der Wahrheit auf die Spur zu kommen  muss
es Euch sage ich ungewiss bleiben ob nicht betrügerische Beredsamkeit Eure
Beurteilung zu blenden suche  ob nicht der Mann der so dreist von seiner
Unschuld spricht in geheim über Eure Leichtgläubigkeit spotte und ob Ihr nicht
einen Verräter Eures Glaubens entlassen würdet indem Ihr mitleidig meine
Fesseln löset Aber auch diese Fehlschlüsse wenn es Euer trauriges Loos sein
sollte ihnen unterzuliegen würden dennoch der Achtung nichts benehmen die ich
Eurem Amte Eurer Gewalt und Eurer Rechtschaffenheit schuldig bin Ich würde
nur mein finsteres Schicksal  den dunkeln Zusammenhang meiner Rechtssache und
den Zufall bejammern der die Gerechtigkeit so sehr misszuleiten und Freunde
einer und derselben Wahrheit so weit von einander zu entfernen vermochte  Dank
sei der allmächtigen Hand die auch diese letzte Decke die uns noch scheiden
konnte von Euren Augen wegzieht Der Augenblick ist da der meiner
Rechtfertigung sein glorreiches Siegel aufdrücken  jede Trennung unserer
Gemüter aufheben  meine Unschuld durch Eure Freundschaft belohnen und Eure
Tugend von der Furcht eines verfehlten Urteils befreien wird
    Bitter waren freilich die Stunden die mich bis an das Fest brachten das
meiner wartet  an das Fest Eurer brüderlichen Umarmung  Überseht noch einmal
mit mir die ganze Trauer meines gestrigen Tages als ich im Begriff meiner
Abreise ausgeschlossen von aller menschlichen Hilfe  bewacht von Bewaffneten 
eingekerkert in eine einsame Wohnung  unter den Zurüstungen eines furchtbaren
Gerichts  ach vielleicht meinem letzten Schlummer entgegen ging Stellt Euch
 nein Ihr vermögt es nicht  das Schrecken der folgenden Nacht vor als ich
mit müden Schritten nach meinem Lager den Trümmern derer vorbeischlich deren
Stimme ich in Rauch erstickt  deren Dasein ich in Asche vergraben hatte Ihre
Schatten schienen fürchterlich mich zu umschweben die Klagen der bedürftigen
Seelen die ich um ihre Tröster betrogen bestürmten meinen Schlaf und mein
zweifelndes unbefriedigtes und mutloses Herz vermehrte noch meine innere
Marter  Unter diesen Schrecknissen verging die Nacht  in diesem Wirbel von
Unruhe beschlich mich die Morgenröte meines Gerichtstages Ernste Blicke in
mein Innerstes wehmütige Hinsichten auf Euch  waren meine ersten
Empfindungen und jener schon erkaltete Aschenhaufen der erste Gegenstand meiner
erwachten Sinne
    Ich blickte noch einmal mit schwermütigem Herzen in diese Gruft
verblichener Wahrheiten und hätte mit der Vorsehung rechten mögen dass ihr
meine Bekehrung zu unwichtig schien um dem Feuer seine verzehrende Gewalt zu
benehmen und die Ordnung der Natur zum Vorteil meiner Überzeugung zu ändern
 O ihr Unsterblichen rief ich aus die ihr uns euren Geist in diesen Schriften
zurück liesset warum beschütztet ihr nicht euer Vermächtnis  O ihr Heiligen
und Verklärten wie hielt es denn keiner von euch der Mühe wert seine Legende
zu retten O möchtest nur Du  vor allen nur Du selige Klara dein Visum
repertum Ein Geräusch gleich einem gewaltigen Winde unterbrach hier den Lauf
meiner Worte und hemmte meine Stimme  Meine Blicke fuhren nach dem Kamine
hin von wannen es herkam   Was sah ich was sträubte mein Haar Könnte ich
euch jetzt um mich her versammeln dass euer Ohr meine Rede vernähme  ihr
stolzen Widersacher jenes großen Geheimnisses das ihr mit euren Zirkeln zu
verspotten  mit eurem Einmal Eins zu vernichten glaubt Ich sah  hört es
meine Richter und folgt meinem Erstaunen  Ich sah und ich glaubte ein
Schattenspiel der Auferstehung zu sehen  den Staub der Verblichenen sich von
dem Herde erheben  sich bewegen  sich ordnen ich sah die Wahrheiten die in
jenen heiligen Schriften einzeln zerstreut lagen sich aus ihrer Vernichtung
erheben und sich zu einem Monumente derjenigen bilden die dem menschlichen
Verstande die wichtigste wie die unerreichbarste ist In einem schnell vorüber
fliegenden Augenblicke war ihrer aller Asche zu einer selbstständigen Säule
zusammen gedrängt die dreiseitig und wie aus äterischem Porphyr gehauen
meinem entzückten Auge erschien Es war die höchste Überraschung  ich glaube
es mit Grunde sagen zu können  die einer menschlichen Seele begegnen konnte
und die keine Zeit vermögend sein wird aus meinem Gedächtnisse zu verlöschen
Aber leider dauerte diese anstaunungswürdige Erscheinung nur einen Augenblick 
die Säule zerfiel als wäre sie nie da gewesen  Und wer würde mir jetzt
glauben dass es nicht ein Traum nicht ein Blendwerk der Sinne war  wenn diesem
Phänomene nicht unmittelbar ein anderes gefolgt wäre das wie die Sonne einem
sehenden Auge keinen Zweifel erlaubt und einen Beweis zurückließ der von jeher
für unumstösslich anerkannt wurde und die unbegreiflichsten Begebenheiten so
klar macht wie die gemeinsten Ereignisse  den großen Beweis  meine ich  des
Augenscheins
    Es erhob sich jetzt  könnte ich es doch dem Erdkreise ankündigen  aus dem
Staube der vor mir lag  aus dem Chaos jener mystischen Säule erhob sich jetzt
das Phänomen eines glühenden Blattes In einen Rahm gefasst der wie aus Sternen
zusammen gesetzt schien schwebte es über dem Herde und das milchweisse Licht
das es ausströmte stärkte mein verklärtes Auge zu dem hohen Genuße seiner
Betrachtung So leuchtete es mir einige selige Stunden Mein Herz pochte vor
Staunen  meine Brust dehnte sich unter dem Drange der Freude  Ach in welch
einem Meere von Empfindungen badete sich nicht meine Seele In Entzücken und in
Anstaunen dieses Wunders verloren vergaß ich mein Dasein  vergaß Euch meine
Richter und die übrige armselige Welt Und wäre die Tür meines Kerkers auch
unverschlossen und der Weg zu Euch frei und offen gewesen  die
Selbstgenügsamkeit meines Gefühls würde mir allein schon verwehrt haben von
meiner geweihten Stelle zu weichen und andere Zeugen meines Glücks zu suchen
als Mich  Nie wurden wohl die stillen Fortschritte der Zeit mit so glänzenden
Punkten gemessen und ihr Übergang in die Ewigkeit so lieblich bezeichnet als
in diesen gebenedeiten Stunden  Mit jeder Minute die mich meinem ernsten
Verhöre näher brachte verlosch ein Stern an dem Rahmen des brennenden Blattes
Es verlosch der letzte daran und abgekühlt senkte es sich in meine
hinstrebenden Hände Ein Blick aus meinen beseelten Augen der in der Eil des
Blitzes darauf stürzte war genug  Er predigte mir die verkannte Wahrheit in
ihrem ganzen Umfange erschütterte und überzeugte mein Herz Ich hatte nur noch
Zeit das aufgefangene Blatt an meinem Busen zu bergen als der Augenblick
eintrat der mich vor die Schranken Eures Gerichts zog
    So habe ich Euch denn meine Richter durch die Irrgänge meiner Gedanken und
Empfindungen bis zu dem letzten Beweise geführt der zwischen mir und meinem
Ankläger entscheiden soll Dank sei aber zuvor noch der heiligen verewigten
Klara Mein Nachforschen nach ihren Edelgesteinen war nicht umsonst Das Feuer
das aus den Augen der Geweihten spricht die ihren Namen führt  das begeisterte
Blut das ich während meiner Rede ihre schönen Wangen durchziehen sah  sagt es
Euch laut meine Richter dass ich den lange verborgenen Ort entdeckt habe der
jene Kleinodien verwahrt  den unerreichbaren Ort Eurer täglichen Wallfahrten
und den stillen Weg der dahin führt  den Ihr ehrwürdige Männer dieses Gerichts
mir noch lange unter heiligen Betrachtungen nachwandeln werdet wenn ich schon
längst von meiner Entdeckungsreise zurück meinem Vaterlande wieder gegeben
sein und nur in Gedanken noch die schattige Gegend umschweben werde die dem
Erdkreis sein größtes Wunder verbirgt  Mag indes die Zeit der Erfüllung noch
so weit in der Zukunft liegen wir wollen uns in gläubiger Zuversicht an das
schon vollendete Wunder halten das uns heute zu Teil ward  an das Zeugnis der
Wahrheit das durch das Feuer bewährt jede fromme Ungeduld hinhalten  jede
Hoffnung beleben  jeden Zweifel an die hochgelobte Dreieinigkeit bei allen
denen zerstreuen wird die meine Aussage hören  Das Visum repertum der
Heiligen die einst jene wundervollen Steine in ihrem Schoss trug und seitdem
um nie verloren zu gehen unter ihren Schwestern bis zu derjenigen forterbte
deren jungfräulicher Schoss sie noch heute verschließt  dieser Beweis ihres
ehmaligen und jetzigen Daseins ist an diesem Tage glänzend und unverletzt aus
den verzehrenden Flammen hervor getreten  Seine Wahrheit ist gerettet Hier
meine Richter hier ist das heilige Blatt  Fallet nieder und betet an«
    Mit diesen Worten zog ich jenes in ein feines Papier geschlagenes Blatt aus
meinem Busen das ich wie Du weißt um es als Beleg zu gebrauchen aus der
Legende der heiligen Klara von Falkenstein und in dem kritischen Augenblicke aus
dem Feuer riss als die Sammlung Pater Martins von Kochim schon lichterloh
brannte Welch einen ungleich wichtigern Dienst leistete es mir jetzt Ach dass
Du nicht bei mir warst Eduard und die sonderbaren und verschiedenen Bewegungen
nicht mit ansehen konntest die dieser unerwartete Ausgang meiner Rechtfertigung
auf jedes einzelne Mitglied dieses hohen Gerichts hervorbrachte Der Domherr
stürzte mit einem Ungestüm herbei der nur zu sehr den leidenschaftlichen
Anteil verriet den er an diesem Wunder nahm Tränen traten ihm in die Augen
als er die Lieblingsstelle seiner Erbauung in so unversehrtem Drucke auf diesem
an den Rändern versengten Bogen entdeckte Er benedeite in der Unordnung seines
Verstandes alles was ihm in den Mund kam  das Haus wo dieses Wunder geschah 
die Asche aus der sich dieser Phönix erhoben hatte  mich dem die Vorsehung
das unverbrennliche Blatt einhändigte  besonders aber sich der zur Entstehung
dieses erstaunlichen Phänomens die erste Gelegenheit gab  »Nun« rief er ohne
seine Phrasen zu enden »ist der große Beweis gerettet  die Nachforschungen der
Schriftgelehrten werden  die heiligen Steine liegen  ja ich hoffe sie noch
mit eigenen Augen « Doch indem schien er sich zu besinnen wie anstößig dem
guten Klärchen ein Kompliment vorkommen müsse das auf ihre Sektion gebaut war
Er ließ seinen Enthusiasmus nicht weiter laut werden hüllte sich in seinen
Purpur und warf sich erschöpft und atemlos auf den Lehnstuhl
    Die innern Rührungen der alten frommen erstaunten Bertilia zeigten sich
lange nur in den stillen Verzerrungen ihres scheußlichen Gesichts  »Ich bin«
ergriff sie endlich mit heulender Stimme das Wort »grau bei Wundern geworden
aber keines  nein keines hat mächtiger noch mein Herz gerührt Wie werden
meine Nachbarn  wie werden alle die neidischen Weiber im Hospitale  wie wird
Stadt und Land über das Heil erstaunen das diesem Hause und eben in der Zeit
widerfuhr da es  o ihr Heiligen der Aufsicht eurer Magd anvertraut war«
    Doch wie mag ich nur einen verlorenen Blick an diese Furie wenden da die
Graziengestalt ihrer Nichte dicht neben ihr steht die mir in der Gruppe meiner
Bewunderer doch immer die liebste Figur  aber eben darum auch am schwersten zu
zeichnen ist Ach es wäre wohl der Mühe wert wenn ich es nur vermöchte Dir
die mancherlei Schlangengänge ihrer Empfindungen mit allen den feinen Schatten
zu schildern die auf ihrem Gesichtchen spielten als sie dasselbe Blatt zu
solchen Ehren erhoben sah bei dem sie ihren Puder verlor Ein verstohlner Blick
ihrer schönen Augen der über den Sektionsbericht ihrer Namenschwester nach dem
Domherrn hingleitete und die Errötung auf beiden Gesichtern die nachfolgte
würden mich wenn es nicht schon der Epilogus zur Genüge getan hätte genau auf
die Spur ihrer ersten Lehrstunde gebracht haben Jene älteren Erinnerungen
schienen alle Gewalt aufzubieten um das frische Andenken ihrer jüngeren
Erfahrungen aus ihrem Blute zu treiben oder ich müsste das Farbenspiel ihrer
Wangen  müsste den beredten Ausdruck ihres Gefühls nicht verstanden haben den
ich doch deutlich in ihren Mienen zu lesen glaubte Doch setzte sie  wenn ich
recht sah  der schnelle Übergang des so sehr gedemütigten Mannes zu der
Glorie eines Wundertäters mehr noch in Verlegenheit als alles übrige Sie
wendete ihre Augen so schüchtern nach mir als hätte sie ihnen aufgetragen mir
in ihrem Namen das Unrecht abzubitten dessen sie sich schuldig gegen mich
fühlte  Da sie ihr aber keinen Blick der Vergebung aus den meinigen
mitbrachten so nahm sie ihre Sirenenstimme zu Hilfe  »Wer hätte das gestern
noch denken sollen« tönte sie mir sonorisch ins Ohr dass es nicht anders
möglich war der Stimmhammer musste mir dabei einfallen Ihr rechter Fuß über
den das Band der unbefleckten Jungfrau gegürtet war zitterte zugleich als ob er
im Fieber läge und der heilige Nicaise war im Steigen und Fallen Abscheulich
schönes Mädchen dachte ich und beinahe glaube ich sie erriet meine Gedanken
denn so geschickt auch die Wendung war mit der ihr Blick von mir seitwärts nach
ihrer Tante überging so schien er mir doch zu abgebrochen um ganz natürlich zu
sein  »Ich sehe im Geiste« sagte sie mit einem unterdrückten Seufzer zu ihr
»welch einen Segen die Begebenheit dieses Morgens über das Haus meiner
Wohltäterin bringen wird Von den fernsten Orten her werden Wallfahrten nach
dem unverbrennlichen Blatte geschehen und ach wie hoch werden nicht Ihre
Mieten im Preise steigen  Aber« fuhr sie mit niedergeschlagenen Augen fort
»wohin ihr Jungfrauen des Himmels wohin werde ich mich alsdann verstecken
wenn als Erbin der heiligen Klara auf mich aller Augen gerichtet sind  Ach
mein Herr« drehte sie nun wieder ihr Köpfchen zu mir ergriff meine Hand und
drückte sie vor überströmender frommer Empfindung und im Angesichte des Propstes
an ihren schwellenden Busen Aber kein Mensch gab jetzt etwas auf diesen
Vorsitzer meines peinlichen Gerichts Kalt und ernstaft stand er mit
verschlossnen Lippen vor dem Tische Der Mann am Protokolle stand lange wie
versteinert neben ihm  Endlich ermannte er sich und fragte mit leiser Stimme
seinen Patron ob er den Vorgang zu Papiere bringen sollte Da ihm dieser aber
aus übler Laune nicht antwortete  hielt er es länger nicht aus setzte sich
und tat es ungeheissen indes der Domherr dem alles an der Ausbreitung des
Wunders gelegen zu sein schien die Tür aufriß und meinen Bastian und meine
Wache herbei rief Eine neue auffallende Szene für einen so ruhigen Beobachter
als ich jetzt war Die beiden Bärmützen die sich zu nichts geringerm als zu dem
schrecklichen Befehle abgerufen glaubten mich in ihr ehemaliges Gefängnis zu
begleiten stutzten gewaltig als sie mich nur mit gerührten und freundlichen
Gesichtern umringt fanden  trauten ihren Augen und Ohren kaum als sie die
Ehrerbietung sahen  und die süßen Worte hörten mit denen mich meine Kläger und
Richter überhäuften Der Domherr musste sie mehr als Einmal erinnern dem neuen
Wunder des unverbrennlichen Blattes zu huldigen ehe sie begreifen konnten was
er wollte und was es eigentlich mit der schnellen Veränderung meines Zustandes
für eine Bewandtnis habe  Als sie es aber endlich begriffen so stürzten desto
freudigere Tränen von ihren brüderlichen Wangen herab Der Prologus drückte mir
die Hände der Epilogus küsste mir sie  beide winkten mir ihren Beifall zu und
selbst in ihren nassen Augen flimmerte das lachende Geständnis dass sie mich für
ihren Meister erkannten
    Alles das rührte und belustigte mich wechselweise doch Bastian der in der
Schwärmerei seiner Jugend und Frömmigkeit den Vorgang wie ein Evangelium
glaubte und sich selig pries einem solchen Herrn zu dienen  Bastian allein
kam ohne es zu wollen auf die rechte Spur mich aus meiner Fassung zu bringen
»Ach« sagte er mit schmelzender Stimme »was wird nicht meine gute Schwester
Margot und mein Schwager für Freude haben wenn sie das hören« Ich erschrak
wie ein Dieb der seinen Steckbrief in den Zeitungen liest bei dieser
Erwähnung  »Gott Gott« sagte ich heimlich zu mir »wie unabsehlich weit hast
du dich in diesen sieben Tagen von den unschuldigen Hüttenbewohnern des
ehrlichen Kaveracs und von dir selbst entfernt  von einem natürlichen guten
Manne  zu einem religiösen Betrüger«  Mir war zu Mute wie einem Juden der
Schinken verkauft Ich hatte einen Abscheu vor meinem Handel  Da aber der
Vorteil mir  der Nachteil meinen Feinden zufiel so fand ich hierin einen
doppelten Bewegungsgrund mich geschwind genug zu beruhigen und ließ es
einstweilen damit gut sein  Bastian war inzwischen zur Türe hinaus gewischt
und stürmte wie der Diener eines Zahnarztes das Volk zu der Boutique seines
Patrons In wenig Augenblicken waren Zimmer Vorsaal und Treppe voll von
Neugierigen und Andächtigen die mir alle vorkamen als wären sie dem Tollhause
entlaufen Bei einem solchen Getöse muss man der Wunder besser gewohnt sein als
ich  muss man glaube ich ein Geistlicher sein um sich nicht bange werden zu
lassen  Während dieses Tumults hatte sich der Propst fortgeschlichen  sein
Waffenträger ihm nach Ich war heilfroh darüber denn so lange sich dieser
Schwarzkünstler noch in meiner Nähe befand schien mir immer noch etwas im Wege
zu stehen Nun erst ward mir recht leicht um das Herz Ich sah mit wahrem
Entzücken dass mein Gericht aufgehoben  meine hämischen Ankläger zum Schweigen
gebracht  was mir aber mehr als alles dies den Gewinn meines Prozesses
versicherte ich sah dass die Volksstimme auf meiner Seite war Eine halbe Stunde
hielt ich noch das Anstaunen der Menge  ihre unbesonnenen Fragen und die ekeln
Ausbrüche ihrer Verehrung aus da ich aber zuletzt dieser albernen Szene höchst
müde war und mich besann dass ich vor meiner Abreise noch andere wichtige
Geschäfte abzutun hatte so wendete ich mich mit dem Anstande eines Mannes
dessen Bitten Befehl sind an den buntscheckigen Haufen äußerte mein Verlangen
dass man mir nun auch einige Ruhe gönnen möchte packte mein Zauberblatt wieder
ein  und machte ihnen Hoffnung es nächstens der allgemeinen Andacht öffentlich
auszustellen Diese höfliche Erklärung tat ihre Wirkung  und um ganz sicher
vor weiterem Anlaufe zu sein befahl ich meinen Grenadieren sich vor das Haus
zu stellen  und bei Strafe der Kassation keine Seele sich dem Türklopfer
nähern zu lassen
    Sobald ich mich mit meinem Erretter dem Domherrn und meinen beiden frommen
Nachbarinnen allein sah  mir die Ehre ihrer Gegenwart bei meinem letzten
Mittagsmahle ausgebeten und meinem Bastian eingeschärft hatte es mit
verständiger Rücksicht auf meine vornehmen Gäste zu besorgen ging ich nun als
der obsiegende Teil ohne weitere Umstände an ein Geschäft das oft selbst bei
einem gewonnenen Prozesse noch seine großen Schwierigkeiten hat ich meine den
Ersatz der Schäden und Kosten Ungeachtet ich gestern mich selbst dazu erbot
fühlte ich mich doch heute verwegen genug mein Wort wieder zurück zu nehmen so
sehr hatten sich seitdem die Umstände geändert Ich fand es meiner moralischen
Denkungsart ganz zuwider jenes Schlachtvieh das ich der unreinen Herde der
Kasuisten entführt hatte um es dem Andenken Rousseaus zu opfern in der Nähe
von schwachen Menschen wieder aufzustellen  fand es viel edler diesen Gewinn
meiner Börse einer guten Handlung zu widmen und machte mir nicht das geringste
Bedenken es auf Kosten der milden Stiftung zu tun Sonach wendete ich mich an
den Domherrn »Ich begreife wie weh es den hiesigen gläubigen Seelen tun
würde wenn ich das Dokument der Dreieinigkeit dem Lande entziehen wollte in
welchem es die Vorsehung ausgefertigt hat«  »Nein bei Leibe« unterbrach mich
der erschrockene Domherr »das darf nicht geschehen«  »Zumal da niemand« fuhr
ich fort »dafür stehen kann dass nicht das Volk dem ich die Ausstellung dieses
Wunderblattes schon halb und halb versprochen habe über dessen Verlust in
Aufruhr geraten könne«  »Freilich freilich« schrie der Domherr darein »es
würde alles drunter und drüber gehen«  »Und doch« fuhr ich jetzt schon um
vieles herzhafter fort »können mir Ihr Weisheit nicht absprechen dass mir
dieser Schatz ohne Widerrede zusteht sobald ich den Scheiterhaufen der
Kasuisten vergüten soll der hier nur als ein Vehikel dieses Wunderblatts zu
betrachten ist so wie dem Scheidekünstler das Gold gehört der das Erz worin
es lag erkauft hat«  »Lieber Freund und Gönner« fiel mir hier der Prälat
wieder in das Wort »sollte denn nicht ein Ausweg zu finden sein Ich bitte Sie
bei allem was heilig ist denken Sie doch auf einen Ausweg«  »Das habe ich
schon getan« versetzte ich und schlug ohne Respekt für seinen Purpur meine
Arme kreuzweis in einander »Wäre es mir gegeben mit heiligen Sachen zu wuchern
 wäre der Ersatz der Kosten nicht gemeiniglich schon ein halber Beweis
unrechter Handlung und machte es mir nicht eine geheime Freude diejenigen mit
Großmut zu bestrafen die mich zu verfolgen gedachten so würde ich unter uns
gesagt teuerster Freund etwas geiziger handeln  würde die verbrannte
Sammlung für ihren geringen Ladenpreis wieder herstellen und mich und mein
Vaterland mit einem Blatte bereichern das einem wohldenkenden Herzen mehr wert
sein muss als alle Bibliotheken der Welt  Aber ich entsage gern meinem
Eigentume daran «  »Das ist schön und groß gedacht« tönte hier Klärchen 
und »Ach es fällt mir ein Stein vom Herzen« krähte die Alte darein die bis
jetzt in ängstlicher Erwartung des Ausgangs von weitem mit ihrer Nichte mir
stillschweigend zugehört hatte  »Dagegen« fuhr ich sehr anmasslich fort
»verlange ich die Befreiung von allen niedrigen Unkosten als Bedingung und
nebenbei das Versprechen von Ihnen allen bei Ihren künftigen Nachforschungen
nach jenem großen Geheimnisse des Mannes in Segen zu gedenken der sich um die
dunkle Lehre der Dreieinigkeit vielleicht verdienter gemacht hat als alle
Gottesgelehrten die bis jetzt ohne sonderlichen Erfolg daran gearbeitet
haben«
    Der Domherr in der Freude seines Herzens bestätigte nicht allein auf das
höflichste die Komplimente die ich mir selbst machte sondern er dankte mir
auch im Namen aller Gemeinden der christlichen Kirche  deren er doch keiner
einzigen vorstand  für mein grossmütiges Erbieten  Er zweifle nicht sagte
er dass es auch der Legat im Namen des heiligen Vaters tun und mit dankbarer
Freude meine so billigen Bedingungen genehmigen werde  Er eile jetzt zu ihm
um unser aller Angelegenheit in Ordnung zu bringen denn mit KanzleiGeschäften
müsse man einem geistlichen Herrn früh kommen Er hoffe in einigen Stunden damit
fertig zu sein und alsdann  hier küsste er mich mit der freundschaftlichsten
Wärme  den schriftlichen Erlass meines Haus und Stadtarrests und aller Schäden
und Unkosten so viel ihrer auch sein möchten  gegen ein gutes Glas Wein an
meinem Tische auszuwechseln  Er ging und nach einigem Fispern mit ihrer
Nichte verließ auch die alte Bertilia das Zimmer um wie sie sagte in das
ihrige beten zu gehen Klärchen die sich nun auf einmal mit mir wieder so
allein sah als an dem Namenstage ihrer Tante ward rot bis über die Augen und
wie man nur zu oft in der Absicht sich aus einer kleinen Verlegenheit zu
ziehen in eine noch größere fällt so bat sie mich sie aus der einsamen Stube
in die bewusste Bibliothek zu führen die doch sicher der geheimste und einsamste
Winkel im ganzen Hause war »Sie wolle noch einmal« gab sie vor »in meiner
Gegenwart den merkwürdigen Platz aufsuchen und bezeichnen wo die Legende ihrer
verklärten Namensschwester bis zu ihrem Hingange in den Kamin verweilt hätte«
Ohne mich lange über ihr geschwindes Vergessen des Lokals zu verwundern reichte
ich ihr den Arm  Sobald wir aber beide vor dem Bücherschranke ankamen
überraschte sie mich  nein es ist nicht auszusprechen wie Du könntest Jahre
darauf sinnen ohne es zu erraten
    Als wenn sie mir in das Herz geblickt  als wenn sie die ganz
unbeschreibliche Erniedrigung gekannt hätte in der mir ihr Bildnis erschien 
unternahm sie zu meinem Erstaunen sich aus dieser tiefen Herabsetzung zu
erheben und meinem Menschenverstande zum Trotz alle die gründlichen Versuche
umzustossen die mir über ihre Heiligkeit Unschuld und Sittsamkeit die Augen nur
zu sehr geöffnet hatten  »Nun das gestehe ich« sagte ich bei mir selbst
sobald ich ihre Absicht merkte »dieser äußerste Grad der Unverschämtheit hat
noch gefehlt um die Missgestalt ihres Charakters vollends auszumalen«  Aber es
währte nicht lange  solltest Du es glauben Eduard  so fingen mir an meine
gewissen Erfahrungen von ihr problematisch zu werden  meine Versuche kamen mir
einseitig und die Schlüsse, die ich daher folgerte willkührlich und übereilt
vor  Ich vergebe Dir wenn Du über diese Nachricht lachst Ich bin der erste
der eingesteht dass nach allem dem was unter uns vorgegangen mir von ihr zu
Ohren gekommen und noch heute meinem Geiste so gegenwärtig war als gestern
meinen Augen  es etwas höchst unerwartetes sei dass mich dasselbe Mädchen so
kurz vor meiner Abreise eines bessern von ihr überzeugen solle  Aber genug
es gelang ihr  Das Kind erschien mir heiliger und unbefangener als jemals und
so sehr ich mich Anfangs auch sträubte trat ich doch zuletzt freiwillig den
sublimen Vorstellungen bei die sich Herr Fez  ein braver gescheidter Mann
von ihr macht der sie von Jugend auf in den Augen gehabt und sie wohl
richtiger als ich zu beurteilen Gelegenheit hatte
    Ich sehe Du bist nach diesem Geständnisse im Begriff mir Deine Freundschaft
aufzukündigen schiltst mich einen Schwachkopf und magst nichts weiter mit mir
zu tun haben  Aber warte nur noch einen Augenblick und höre 
    Anstatt das Fach zu bezeichnen wo die Legende der heiligen Klara kürzlich
noch stand wendete sie sich sogleich als wir vor den Schrank traten mit
unbeschreiblicher Anmut nach mir ohne es anzublicken und legte mit kindischer
Gutherzigkeit ihre beiden Händchen in die meinen  »Ich habe Sie aus keiner
andern Absicht in dies abgelegene Kabinet gelockt« sagte sie »als mein Herz
das mir zu voll ist ungestört vor Ihnen auszuschütten  Halten Sie mir meinen
kleinen Betrug zu Gute mein bester Herr Wie viel« fuhr sie äußerst gerührt
fort »habe ich Ihnen nicht seit der vergangenen Stunde zu danken Es haben sich
seit meiner Geburt manche gute Menschen meiner angenommen  haben in Unschuld
und Tugend für mich gesorgt  mir über vieles Rat und Trost erteilt und
meinen Verstand erweitert  aber dennoch bin ich bis heute mir selbst immer noch
unbekannt geblieben  Ihnen war es vorbehalten mir diese Kenntnis zu geben
Sie mein Herr sind der erste der mich über meinen innern Wert belehrt und
mich in meinen eigenen Augen zu einer Würde erhoben hat mit der ich kaum weiß
was ich anfangen soll Das süße Bewusstsein die heiligen Steine in mir zu
tragen die bis jetzt allen menschlichen Nachforschungen entgangen sind  o dass
es mich nicht übermütig und stolz  und nur nicht der Erbschaft meiner höchst
seligen Schwester unwürdig mache«  »Wie Klärchen« sagte ich höhnisch
»Hatten Sie denn vor meiner Rede nie einige Ahndung davon  fühlten nie ein
sanftes Drücken in der heiligen Gegend wo sie liegen«  »Auch nicht das
geringste« antwortete sie mir mit einer Unbefangenheit die allerliebst war 
»Hat Sie denn« fuhr ich schalkhaft fort und ich dachte sie würde über und über
rot werden »auch Herr Ducliquet nicht auf die Spur gebracht«  »O« sagte
sie ohne im mindesten aus der Fassung zu kommen »vor einigen Jahren zwar hat
mir dieser gute würdige Mann die Lebensgeschichte meiner verklärten
Namensschwester zur Erbauung und Nachahmung vorgestellt  Es war sogar sein
erstes Gespräch mit mir  Aber ich war damals ein Kind  hatte keine Acht
darauf und schlief über seinem Unterricht ein Lange fand ich keine
Gelegenheit meine Unachtsamkeit wieder gut zu machen  Vorgestern erst glückte
es mir Erinnern Sie Sich wohl noch wie begierig ich in einem Buche las das
ich Ihnen nicht sehen ließ  Jetzt kann ich es Ihnen sagen aber legen Sie mir
es nicht als Stolz aus Es war die Legende dieser Heiligen  war eben das Blatt
das Gott im Feuer erhalten hat«  »So« sagte ich »aber wie kam es denn dass
Sie das erstemal dabei einschliefen«  »Weil es sehr spät war« antwortete Sie
»Sehen Sie  es war Mitternacht«  »Aber um des Himmels willen Klärchen«
fiel ich ihr ein »wie trafen Sie denn so spät mit dem Domherrn zusammen« 
»O« antwortete sie »das hängt ganz natürlich an einander Soll ich es Ihnen
erzählen«  »Wenn ich bitten darf liebes Kind« lächelte ich sie an »so tun
Sie es so genau als möglich und mit allen Umständen«  »Nun gut« fing sie
schwatzhaft an »Meines Vaters Schwester zu Kavaillon  die Wirtin in dem
Propheten hatte uns hier besucht und nahm mich mit sich als sie zurück ging
Wir trafen das ganze Wirtshaus übersetzt an da wir ankamen  Es war schon
spät und ich konnte vor Müdigkeit kein Auge mehr aufhalten  Das gute Weib
machte auch alle Anstalt um mich bald zur Ruhe zu bringen  führte mich in eine
große leere Stube und wies mir ein Bett an Ich hatte mich noch nicht ganz aus
meinen Reisekleidern geworfen  so brachte mein Vetter einen Passagier in
dieselbe Kammer  Es war Herr Ducliquet  Er erkundigte sich was das für ein
Kind wäre  Mein Vetter nannte mich und wünschte uns eine gute Nacht Der
liebe fromme Herr wie Sie ihn kennen nahm sogleich Gelegenheit mir recht viel
Erbauliches über meinen Namen und meine Patronin zu sagen  Aber wie Kinder
sind  ich hörte die Sache nur halb und schlief darüber ein Bald nachher doch
das ist eine Geschichte die weiter hieher nicht gehört«  »O das tut nichts
Klärchen« sagte ich »erzählen Sie nur immer fort  ich könnte Ihnen einen
ganzen Tag zuhören«  »Nun denn mein Herr« erwiderte sie »so ist es Ihre
eigene Schuld wenn ich Ihnen lange Weile mache Ich schlief also wie Sie wissen
 aber es währte nicht lange so erweckte mich ein Getös von der andern Welt 
Ich fahre schlaftrunken in die Höhe  und sehe  stellen Sie Sich das
Erschrecken eines Kindes vor  den Teufel vor meinem Bette«  »Gott sei bei
uns« unterbrach ich die Schwätzerin  »Ach fürchten Sie nichts« fiel sie mir
hastig ins Wort »Er war es nicht leibhaftig  es war nur ein Komödiant der
ihn den Abend vorgestellt hatte und jetzt sein Bette suchte  und was Sie erst
recht verwundern wird mein Herr  es war einer von den Soldaten die Sie
bewacht haben«  »Unmöglich« rief ich aus  »O verlassen Sie Sich darauf«
versetzte sie »Sie können ihn selbst darum befragen Das Schrecken« fuhr sie
fort »war nicht geringe aber die Folgen davon waren doch gut Ich lag die
ganze Nacht durch in einem Fieber und war so in Furcht gesetzt dass ich den
Morgen darauf nicht länger in Kavaillon aufzuhalten war  Ich weinte so lang
und so jämmerlich dass endlich meine Verwandten sich heraus nahmen den Herrn
Ducliquet der wieder nach Avignon reiste um einen Platz für mich in seinem
Wagen zu bitten Er bewilligte ihn auf das gütigste  und dieser Zufall mein
Herr dieses Schrecken und diese Reise machten mein Glück  Unterweges
examinirte mich der würdige Mann über meine Glaubenslehren ließ mich ein
Morgenlied singen und meine Stimme gefiel ihm  Als wir hier ankamen
überlieferte er mich meinem Vater  denn keine Mutter hatte ich mehr  und
suchte ihn zu bereden mich die Noten und das Singen lernen zu lassen Der hätte
es auch gern getan aber er war zu arm um etwas auf meine Erziehung verwenden
zu können Da schlug sich der wohltätige Herr ins Mittel  und wie manchmal
ein geringer Umstand in unser ganzes Leben eingreift erbot sich nicht allein
mir auf seine Kosten im Singen einen Lehrmeister zu halten sondern auch in
allen andern nützlichen Dingen Sorge für meine Bildung zu tragen  So kam ich
in das Domstift wo er mich der Aufsicht seiner Haushälterin übergab die wie
eine Mutter für mich gesorgt hat  Ach ich wäre gewiss noch in dem Hause dieses
guten Herrn wenn ich nicht selbst mein Glück verscherzt hätte«  »Wie denn
so« fragte ich lächelnd und glaubte nun gewiss das Mädchen auf einer Unwahrheit
zu ertappen die ich mir schon vornahm sie recht fühlen zu lassen aber es war
nicht möglich  »Sehen Sie« fuhr sie fort »Herr Ducliquet hatte ausgewirkt
dass die gefährlichen Menschen die mir so ein Todesschrecken eingejagt hatten
der Folgen wegen nicht weiter mit lebendigen Personen spielen durften Da
legten sie nun ein Puppenspiel an  Einmal da ich ausgeschickt war um Semmel
zu holen ging ich eben vorbei als sie ein geistliches Stück aufführten Ich
glaubte nicht unrecht zu tun  wendete einige Sous daran und ging hinein Man
wies mich auf die hinterste Bank wo ich weder etwas hörte noch sah Gern wäre
ich wieder heraus gewesen aber das war bei dem Gedränge schon nicht mehr
möglich Ich kam neben einem Offizier zu sitzen und saß wie auf Kohlen  Er
hatte die Barmherzigkeit mir den Arm zu geben und durch das Volk zu helfen als
das Spiel vorbei war  Aber mein Gott wie war die Zeit vergangen Es war ganz
dunkel wie ich zurück kam und vor Angst hatte ich die Semmel vergessen  Ach
wie teuer musste ich diesen kindischen Einfall und diese Vergessenheit büßen
Meiner Pflegemutter war das Ragout verdorben und der Herr der den Koch nach
mir geschickt hatte musste hungrig zu Bette gehen  Meine Entschuldigungen
halfen nichts denn sie waren beide keine Liebhaber vom Schauspiele  Sie
sagten sich von mir los und ich musste noch diesen Abend aus ihrem Hause Was
sollte ich anfangen Seit acht Wochen war ich eine Waise Es blieb mir nur die
einzige Verwandte übrig zu der ich flüchtete und die mich mit Erlaubnis des
Herrn Propsts aufnahm Nun geht es mir zwar ganz gut hier  aber was ich kann
das kann ich  denn mit meinen schönen Lehrstunden hat es ein Ende«
    Ich ward über die natürliche Erzählung des armen Kindes die der Sache ein
ganz anderes Licht gab schon etwas nachdenkend  »Klärchen« sagte ich und
sah ihr scharf in die Augen ohne dass ich Gott weiß die geringste Verlegenheit
darin erblickte »damals waren Sie ein Kind das entschuldigt viel aber wie
sind sie denn nachher « und ich hielt inne weil ich selbst nicht recht wusste
was ich ihr zuerst vorwerfen sollte  »Was denn mein lieber Herr« fragte sie
hastig und starrte mich dabei mit ihren großen unschuldigen Augen an  und ich
fuhr selbst und allein außer Fassung gesetzt stotternd fort  »zu den Kreuzen
gekommen die «  »Das« fiel sie mir ganz verwundert in das Wort »das
wissen Sie ja die malt mir der Herr Propst meistens einen Tag um den andern« 
 »Aber um Gottes Willen« erwiderte ich und schüttelte den Kopf »wie mag ein
so frommes blühendes Mädchen so etwas erlauben«  »Wie so« fragte sie
erstaunt »Es geschieht ja zu meinem Besten um mich wie der Herr Propst und
meine Tante sagen die immer dabei steht vor allem zu bewahren was mir die
Stimme verderben kann und finden Sie denn nicht mein Herr dass es geholfen
hat  Ach diese heiligen Zeichen  Sie mögen sagen was Sie wollen  sind von
erstaunlicher Wirkung«
    Ich sah das Mädchen mit stiller Verwunderung an Wäre es möglich dachte
ich fasste Herz  und tat ihr noch eine Frage  Aber die war umsonst  denn
sie verstand sie nicht Ich sann und sann und konnte so wenig aus diesem
sonderbaren Geschöpfe als aus mir selbst klug werden  »Es ist doch« sagte ich
in stiller Überlegung »nicht so ganz platterdings unmöglich dass ihr der
Propst entweder so etwas weiß macht oder es auch wohl selbst glaubt  denn was
glaubt man nicht alles in dieser Religion  und dass beide nichts weiter dabei
denken als ein anderes das Handschuh anzieht um sich vor der Luft zu bewahren
Indes  wundershalber will ich sehen was sie mir darauf antworten wird« 
»Klärchen« erwiderte ich mit zunehmendem Interesse an ihren naiven Antworten
setzte mich dabei auf den nächsten Stuhl und zog sie wieder wie das letztemal
nach Auswechselung unserer Bänder an meine Kniee mit denen ich sie traulich
umfasste  »Nehmen Sie mir nicht übel Klärchen dass ich auf eine alte
vergessene Geschichte zurück komme  Gestern Kind  ich kann nicht ohne
Entzücken daran denken  was dachten Sie denn gestern  als ich mir die
Erlaubnis des Pater Lessau und Bauny so gut zu Nutze machte«  »O da«
antwortete sie »war mir nicht wohl zu Mute  das gestehe ich Ihnen Ich dächte
Sie hätten gesehen wie angst mir um meinen heiligen Nicaise war  Ich
erwartete immer Sie würden ihn noch in tausend kleine Bisschen zerstückeln« 
»Weiter liebes Klärchen« indem ich sie sanft mit meinen Knieen drückte  »Ja
 und als Sie mir« fuhr sie mit einem Blicke fort der gar drollig war »das
Kreuz der Cäcilia verlöschten war mir noch weniger wohl um das Herz doch
verließ ich mich noch auf die Wiederherstellung und auf meinen hübschen Vorrat
von geweihter Farbe  Als Sie aber auch diese verschütteten  nein ich leugne
es nicht  da war ich so toll und böse auf Sie als ich noch in meinem Leben auf
niemanden gewesen bin Ich dachte gewiss es wäre nun um meinen Discant geschehen
 und ich würde nicht einen Psalmen mehr zur Naht bringen  das Schmählen des
Propstes und meiner Tante ungerechnet das ich voraus sah Heute mache ich mir
freilich weniger daraus da ich nichts wüsste was Sie mir nicht durch die
heiligen Steine zehnfach ersetzt hätten«
    Diese unbegreiflich unschuldige Erzählung durch die das liebe Kind so als
wenn es nichts auf sich hätte meine Einbildungskraft entflammte und in die
reizendste Gegend zurück brachte die ich wohl behaupten kann in meinem Leben
gesehen zu haben setzte mich erst ganz außer mir als sie schwieg denn jetzt
sprach die gefährliche Stille die uns umgab nur desto vernehmlicher  Ich
sprang wie verwirrt von einem Stuhle auf und mit dem Gefühl eines Wundertäters
war ich eben im Begriffe den Riegel an der Kammertür vorzuschieben  als sie
Bastian mit der einfältigen Frage halb öffnete was für Wein er diesen Mittag
aufsetzen solle  Wie er seinen Kopf so vorstreckte hätte ich ihm lieber in
diesem Augenblicke seinen Abschied gegeben denn die vermaledeite Ähnlichkeit
mit seiner Schwester verjagte mir wieder alle die mutigen Gedanken die mir
Klärchen eingab Ob ich nun gleich kurz nachher froh war so kam mir doch jetzt
diese Unterbrechung meiner Ideen zu unerwartet um mir nicht weh zu tun Ich
blickte einige Minuten schweigend gen Himmel  wendete dann mit Ernst und
Mitleiden meine Augen gegen das liebliche Mädchen  »Hier ist« sagte ich
heimlich zu mir »tausend ja millionenmal mehr als Margot« und halb betäubt
führte ich sie nun in die Stube zurück wo der Tisch schon gedeckt stand Ich
zog nachdenkend die Hände auf den Rücken gelegt ein paarmal meine Zirkellinie
um ihn ehe ich einen herzdrückenden Seufzer an dem ich arbeitete los werden
konnte der aber auch dafür mehr Erleichterung nachließ als keiner der bis
jetzt in meinem Tagebuche vorkommt und indem ich mich mit diesem Bogen zur
Aufnahme meiner Beichte an einen Nebentisch setzte fertigte ich auch Bastian
ab der immer noch keine Antwort auf seine ungelegene Frage erhalten hatte 
»Rechne auf die Person wir sind unser Viere« sagte ich ihm »eine Flasche
Burgunder und eben so viel Champagner  kann doch jedes seinem Nachbar abgeben
was es daran zu viel hat  Aber von der besten Sorte« rief ich ihm nach »denn
wir haben einen Domherrn bei Tische«  Ich habe kann ich mit Wahrheit sagen
noch nie in besserer Laune ein berauschendes Getränk bestellt Indes nun das
arme Kind da mir ungewiss gegen über sitzt  auf jeden Zug meiner Feder schielt
und in meinen Augen vergebens zu lesen sucht was in mir vorgeht bittet mein
gerührtes Herz so oft ich hinblicke ihr alle die Beleidigungen ab die ich ihr
antat und empfiehlt in stiller Andacht diese schöne nackende Seele dem
Schutze Gottes und aller Heiligen Ach nie ist eine bei dieser namenlosen
Einfalt in einer so verdorbenen Welt als die unsere ist dieses Schutzes so
bedürftig gewesen
    Es ist mir für meine Schreiberei lieb dass ich noch eine Weile der albernen
Gespräche die ich mit der Zurückkunft des Domherrn erwarte entübrigt und
unter der stillen Aufsicht Klärchens so gut wie allein bin  denn so habe ich
doch noch Zeit die mancherlei wider einander laufenden Gedanken für Dich noch
durchzufegen die von allen Seiten her sich immer mehr anhäufen  Meine
schwankende Denkungsart  lass mich zuerst von der sprechen  die ich mir wohl
sonst nicht ganz ohne Grund vorwarf  ärgere mich dermalen nicht im
geringsten Ein ehrlicher Mann wenn er es wirklich sein will muss schwanken
sobald sich an dem Objekte über das er nachdenkt die Farben ändern und ich
kann die klugen Leute vor meiner Sünde nicht leiden die sich selbst da ihrer
Festigkeit rühmen wo es offenbar ein Fehler ist fest zu sein Es ist ein wahres
Glück für die praktische Philosophie dass ich durch meinen Arrest so lange hier
aufgehalten wurde um noch im Zeiten gewisse Vorurteile zurück zu nehmen die
schon tiefe Wurzeln zu schlagen anfingen und die ihr so nachteilig hätten
werden können als dem guten Rufe dieses vortrefflichen Mädchens  Und noch
glücklicher trifft es sich dass ich Gott Lob von dem gewöhnlichen Eigensinne
spekulirender Köpfe frei bin  denn sonst hätte ich mich gewiss auch jetzt noch
nicht aus der Schlussfolge gefunden die ich einmal glaubte mir bewiesen zu
haben  Die Wahrheit wäre mir entwischt wo ich ihr am nächsten war und Du
lieber Eduard wärest so gut als ich um das Resultat meiner mühsamen Experimente
gekommen das ich Dir doch nun auf das feinste entwickelt als die lehrreichste
Entdeckung meiner Reise mitbringen kann Das Vorgeben unserer großen
Menschenkenner dass jedes Mädchen  unschuldig oder nicht  in ihren eigenen
Angelegenheiten dem scharfsichtigsten Manne eine Nase drehe  ist aus der Luft
gegriffen wie viele solcher Sentenzen Versteht nur erst ihr guten Leute ein
weibliches Herz  ohne Einmischung eures eigenen  zu entfalten so wird euch
auch keins so leicht über seinen Wert oder Unwert betrügen  Freilich ist es
eine kitzliche Sache damit das kann ich nicht leugnen denn mein Beispiel
beweist es zu klar War ich nicht drauf und dran das schuldloseste Geschöpf zu
verdammen das vielleicht in unserm Weltteile zu finden ist  und wer hätte
mich einer Übereilung dabei zeihen können Traten nicht so viele Anzeigen wider
sie auf die mein Urteil vor jedermann rechtfertigen mussten  Und doch war ich
in Irrtum und wäre es auch ohne das letzte zufällige Gespräch mit ihr immer
und ewig geblieben Das mag wohl nicht selten der Fall bei unsern systematischen
Grillen sein Wenn wir uns mit vieler Mühe die Augen verkleistert haben öffnet
sie uns ganz unerwartet das Geschwätz eines Kindes Ist die Schamlosigkeit die
ich der guten Seele nach der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes, vorwarf  ist
sie bei ihr wohl etwas anders als der höchste Grad paradiesischer Unschuld Wie
lange hat es nicht gewährt eh ich das begriffen habe Nur die Seltenheit der
Sache kann mir zu einiger Entschuldigung dienen Bei den Wilden zwar sagt man
fänden sich Spuren davon  aber in einem kultivirten Lande  nach dem
Sündenfalle  ist es das erstaunungswürdigste Phänomen das sich denken lässt
Konnte ich denn nicht gleich vom Anfange Klärchens Betragen aus diesem
Gesichtspunkte betrachten Ach wie viel geschwinder würde ich alle jene
Abweichungen von dem Gewöhnlichen bei ihr enträtselt und die undankbare Mühe
erspart haben ein so liebenswürdiges Geschöpf  bei beständigem Widerspruche
meines Herzens  in meiner Vorstellung so abscheulich tief zu erniedrigen 
Aber unsre liebe herkömmliche Europäische Denkungsart  die doch selbst im
Grunde nichts anders als Abweichung von der Natur ist  steht uns immer bei
metaphysischen Auflösungen im Wege
    Drollig genug dass ich durch ein vorgebliches Wunder hinter ein wahres
gekommen bin Aber was soll ich nun  da die Sachen bis auf diese Spitze
getrieben sind  anfangen  Auf der einen Seite  fühlt sich das fromme Kind so
glücklich in dem Besitze der heiligen Steine auf der andern habe ich alle
hirnlose Köpfe  das heißt alle Einwohner der Stadt  damit erhitzt  Wird das
nicht zu den tollsten Planen und Nachforschungen Gelegenheit geben über die
eine Tugend so leicht zu Grunde gehen kann die durch weit größere Seltenheiten
die Ehrerbietung der Erde verdient Wirklich es wird mir ganz bange um das
Herz wenn ich das so recht überlege
    Das reizende Mädchen wie lieb ist sie mir nicht seit einigen Minuten
geworden Ich kann es nicht ausdrücken wie lieb Wenn ich so von meinem Bogen
auf in die Höhe blicke und diesen schönen großen Augen begegne aus denen die
ganze Reinigkeit und Energie ihrer Seele wiederstrahlt  so kann ich nicht 
nein wahrlich ich kann mich nicht eines Gedankens erwehren den mir mein guten
Genius gewiss nicht umsonst so warm an das Herz legt Bei der kleinen Margot ward
er schon einmal ziemlich laut bei mir  aber Du weißt wie flüchtig er damals
und wie wenig überdacht er war Hier aber finde ich ungleich mehr Ursachen ihm
nachzuhängen  Ernstlich Eduard Ich kann mir doch an den Fingern abzählen
dass ich über lang oder kurz  wie man sagt heiraten werde und wie wird das
geschehen wenn ich nicht zuvorkomme  als auf die gewöhnliche Weise die so
albern als misslich ist Hier hätte ich nun einen Gegenstand gefunden wie ihn
nur die begehrlichste Liebe eines Philosophen verlangen kann und als keiner  
ich bin es versichert  mir je wieder so vollkommen aufstossen wird Ich mag um
ein Mädchen werben wo ich will wird mir wohl eins seinen Körper und seine Seele
so aufrichtig und so befriedigend enthüllen als es dies Kind getan hat Ach
ich werde nicht besser als andere auf geradewohl einschlagen müssen und alles
das zu spät erfahren was doch so gut wäre vorher zu wissen Die seltene
Gelegenheit die ich in diesem Stücke bei Klärchen gefunden  kommt mir nicht
wieder Warum will ich mich also noch bedenken Besjetzt sie denn nicht alles
was ich manchmal in Sommernächten von meiner künftigen Gattin erträumte Und
Gott im welchem Masse besitzt sie es Lauterkeit des Herzens  hohe Einfalt
eines herrlichen Verstandes  ächte Unschuld  eine nie berührte Stimme  und
einen Gliederbau wie er nicht oft der Natur gelingt Ihr Herkommen mag freilich
nicht vornehm sein  aber das ist auch das letzte worauf ein Mann zu sehen hat
der seinen wahren Vorteil versteht Ihre abergläubische und schwärmerische
Religion  o die war ihr während ihres Jungfrauenstandes recht nützlich und
nach der Trauung denke ich will ich sie ihr schon mit guter Art aus dem Kopfe
bringen  An die heiligen Steine  mag sie meinetwegen noch eine Weile glauben
 die sollen mich an nichts hindern und ich hoffe noch manche glückliche Stunde
mit ihr über ihr gütiges Zutrauen in ihre Schiedsrichter zu lachen Dass der
Propst ihr mit seinen Augen und Händen so nahe gewesen  könnte mir unter jeden
andern Umständen anstößig vorkommen  hier wäre es eben so lächerlich als wenn
sich einer dabei aufhalten wollte dass ein Priester seine Geliebte bei der
heiligen Taufe schon vor ihm in den Armen gehabt habe Ohnehin  wäre es auch
nur um der einfältigen Nachfragen wegen der Dreieinigkeitssteine  würde ich das
Mädchen eben so wenig ihren vorigen Bekannten unter dem Gesichte lassen  als
sie jemals nach Berlin bringen das auf keine Art dieser Perle wert ist 
Nein Eduard fern von euren Vorurteilen  euren Etiquetten  eurem Neide und
euren Sarkasmen  will ich mit Freuden mein Abzugsgeld in die königliche
InvalidenKasse bezahlen  und in einem weniger sandigen und undankbaren
Erdstriche als dem eurigen meiner Einkünfte und meines Lebens in den Armen
dieses Engels genießen ohne mich nur nach euch umzusehen als in den Zeitungen
Mit meinem runden Charakter zufriedenen Herzen und mit der philosophischen
Laune die mich nirgends verlässt will ich das Ding das den meisten Leuten so
schwer wird schon möglich machen und will es in Ruhe erwarten was Du zu dem
Plane meines Glücks sagen wirst wenn Du mich einmal wie ich hoffe in meinem
Winkel besuchst
    Da meine Feder  wie gewöhnlich wenn sie das Herz führt  so voll und so
geläufig ist so will ich Dir ein Projekt mitteilen das zu gut in meine
Absichten passt um es nicht so bald als möglich  vielleicht schon morgen  ins
Werk zu setzen  Als ich letzthin von Vauclüse zurück kam begegnete mir nicht
weit von Lille ein Mann der den Hut tief in die Augen gedrückt die Arme in
einander geschlagen trocken und ernst einher schritt Eine dänische Docke die
traurig ihm nachschlich und nicht den Mut hatte einen Sprung in das Feld zu
tun war sein Begleiter Das letztere fiel mir zuerst auf Ich denke immer
nicht gut von einer Haushaltung wo ich die Freundschaft zwischen Herrn und Hund
gestört finde Ich erkundigte mich nach diesem Fremden  erst bei einem Bettler
dem er trotzig etwas in den Hut warf und nachher bei einigen Bauern denen er
nicht dankte als sie ihn grüßten  und so erfuhr ich gar bald seine Geschichte
Er war ein Graf aus Kopenhagen welcher dort der Regierung einen Dienst erwies
der ihm durch eine große Geldsumme belohnt wurde Wie es aber manchmal mit
solchen Belohnungen geht sie füllen den Beutel und belasten das Herz  Es ward
ihm zu enge in der Königsstadt  Er gab es der dicken Luft Schuld und flüchtete
sich hieher wo er in der herrlichen Gegend so laut störte bis er ein Dörfchen
fand  so freundlich und wohl gelegen als man sonst nur in Kupferstichen zu
sehen bekommt Hier ließ er sich nieder und baute sich an  Aber was half es
Seine Unruhe ist noch immer dieselbe und es fehlt ihm auch hier der Atem 
Klärchen könnte ihm begegnen er sähe sie nicht Immer in tiefen Gedanken
sprachlos und mürrisch starrt er die reizensten Gegenstände der Natur an ohne
Gefühl ohne Genuss und doch wie ich Dir schon gesagt habe ist der Mann reich
sein eigener Herr  und machte sich schon in seiner Jugend so verdient um den
Staat denn er verriet Struensee der sein Freund war Sobald er sein Haus
gebaut eingerichtet und sein Garten in englischem Geschmacke gepflanzt hatte
stand ihm an schon alles wieder zum Verkauf und er beut es noch aus Ich kann
gewiss einen guten Handel tun wenn ich es ihm abnehmen und ich zweifle nicht
dass er mir auch seinen armen traurigen Hund überlässt Was ein unruhiges Gewissen
baut habe ich immer bemerkt ist gemeiniglich prächtig und schön es wird
nichts gespart um das Auge zu befriedigen und durch Bequemlichkeit und Anmut
den Sinnen zu schmeicheln  und wenn die Absicht sich schlägt bekommt es ein
anderer um das halbe Geld Dann kommt es nur darauf an dass der zweite Besitzer
ein zufriedenes Haus mit in den Ankauf bringt um der Hoffnung habhaft zu werden
die dem ersten misslang und das was die Natur und die Künste gewähren mit
freudigem Dank gegen sie zu genießen Nun kann ich wohl sagen  wenn ich
vollends mein Unrecht gegen Klärchen wieder gut mache  dass ich in der Welt
Gottes nicht wüsste was ich mir vorwerfen sollte Es geht mir mit meinem Gewissen
wie einem Gesunden mit seinem Magen ich fühle gar nicht es liegt Ich habe mich
immer in Acht genommen dem Staate wichtige Dienste zu leisten und die
Hypochondrie die ich mir nur durch mein einfältiges Studieren zuzog ist Gott
sei gelobt in der heitern Luft dieses Landes verdunstet  Bei diesen Vorzügen
was für eine allerliebste Wirtschaft kann ich mir nicht einrichten und welche
gute Menschen um mich her versammeln Da ist mein alter Johann  der schickt
sich ganz vortrefflich zu einem Haushofmeister  und die kleine Margot wäre zur
Kammerjungfer bei meiner Frau wie gefunden Nach Klärchen wird sie immer die
erste Zierde meines Hauswesens sein und es ist mir beinahe notwendig dass ich
sie mir in die Nähe bringe  denn sonst geht es mir gewiss zeitlebens mit ihr
wie es unserm alten Freunde dem Major mit dem Neidnagel an seinem Daumen geht
der ihn noch immer schmerzt so oft das Wetter sich ändert ob er gleich schon im
siebenjährigen Kriege die Hand samt dem kranken Finger verlor Nehme ich nun
noch  wie ich Willens bin  den Prologus und seinen Bruder in meine Dienste 
so habe ich auch ein Theater und will sicher vergnügter und glücklicher leben
als selbst Voltaire zu Fernay gelebt hat denn ich hätte neben allem dem was er
besaß  außer seinem Genie  obendrein eine junge liebenswürdige Frau deren er
auf keine Weise wert war und läge nicht wie er mit Monarchen 
Schriftstellern und Buchhändlern beständig im Streite  Herr Fez würde sich
gewiss lieber glaub ich tot schlagen lassen als dass er meine erreurs
herausgäbe
    Wie doch oft das ganze Gewebe eines zufriedenen Lebens an dem flatternden
Faden eines Augenblicks hängt Wohl dem der ihn noch zu fassen weiß ehe er
entwischt Bester Eduard Seit ich durch das Leben schlendere  doch schon eine
hübsche Zeit  habe ich noch nicht halb so viel Wohlbehagen empfunden als in
dieser laufenden Stunde Mein Herz ist weder trotzig noch verzagt  weder
gleichgültig noch trunken  aber es ist gerührt zum sichersten Beweise dass es
auf der rechten Spur ist Durch wie manche unmutige Jahre und manche Irrtümer
des Verstandes, teuerster Freund habe ich mich nicht durcharbeiten müssen ehe
ich an dem großen Rade meines Schicksals den Punkt traf auf dem alles beruht
Wie froh bin ich dass ich jene windschiefen Anlagen unserer bürgerlichen
Verfassung hinter mir habe in denen ich so lange den Plan meines Glücks suchte
Mein Gott wie viel verderben wir nicht Zeit um richtig sehen zu lernen Es
liegt doch so wenig Belohnendes und dabei so viel Unedles in allen den
leidenschaftlichen Blicken die wir bald in diesen bald in jenen magischen
Spiegel tun in der Hoffnung es werde noch Einer statt leerer Schatten uns
eine selbstständige Zufriedenheit zurück strahlen  dass es kaum zu begreifen
steht wie sich so mancher vernünftige Mann länger dabei herum treiben kann als
nötig ist um ihn von der Eitelkeit seines Bestrebens zu überzeugen Diese
Überzeugung muss doch gewaltig schwer sein da sie trotz der ewigen Beispiele
so wenig Menschen eher gelingt als bis ihre Laufbahn geendigt und es zu spät
ist Warum ich bitte Dich unterscheiden wir das Glück durch Beinamen  Gibt
es denn wenn wir philosophisch auf den Grund sehen mehr als Eine Art 
Häusliches Glück ist auf dieser Welt das einzige was der Mühe lohnt  Alle
übrige Spielarten sind eben so viele Aftergeburten die einzeln nirgends
hinreichen und nicht verdienen den Stammnamen zu führen ehe sie nicht mit
jenem auf das genaueste verknüpft sind
    Wollen wir unserm Stolze und unsern leidigen Vorurteilen nicht das Wort
reden so müssen wir alle über die Zusammensetzung menschlicher Glückseligkeit
darin übereinkommen dass sie in nichts anderm bestehe als  in einer einfachen
Lebensart  einem mäßigen Auskommen  einer leidlichen Gesundheit und in den
Freuden und Folgen einer keuschen Liebe In meiner Jugend wo ich mich stark auf
die Physik legte konnte ich es lange nicht ausgrübeln woher wohl die
Temperatur meiner Studierstube käme ob davon dass die Wärme hinauszog oder
davon dass die Kälte herein drang Nun kann ich es zwar auch jetzt noch nicht
auf das schärfste demonstriren aber so viel habe ich doch gemerkt dass man wohl
tut beides anzunehmen und danach zu handeln wenn man frei und gesund atmen
will Denselben Versuch werde ich für das Künftige auch auf mein geistiges
Dasein anwenden  und es müsste nicht gut sein wenn ich nicht zuletzt  wo nicht
nach der Theorie doch nach der Erfahrung  den Grad von Behagen herausbringen
wollte der den Organen meiner Seele am angemessensten und zuträglichsten ist 
O Klärchen Was hätte ich nicht alles in dir verloren wenn ich nicht selbst
noch auf der letzten Linie die schon zu unserer ewigen Scheidung gezogen war
schnell umgekehrt wäre  wenn ich mein Endurteil über dich nicht wieder zurück
genommen und mich nicht zu einer Denkungsart ermannt hätte die zu deinen
ungewöhnlichen Tugenden passt und wie ich sie gegen Gott und die Welt
verantworten kann  Dank sei dem ewigen Urheber der Naturder dich in dem
Raume meiner Zeit werden ließ und das seltenste Geschöpf seiner Hand für einen
guten Mann aufhob
    Bastian soll in Gottes Namen die Postpferde wieder aufsagen Der Reisepass
den mir der Domherr mitbringen wird kann noch einige Tage liegen bis ich meine
Angelegenheit mit dem dänischen Grafen und mit Klärchen in Ordnung gebracht
habe Nach Tische will ich mit dem Engel sprechen und mich ohne weitern
Aufschub ihrer lieben kleinen schreckhaften Hand versichern  Es wird eine
rührende Szene geben Sie die nichts im geringsten von dem Glück ahndet das
ihr bevorsteht  wie wird sie nicht über den schnellen Übergang aus der
Aufsicht einer grämlichen Tante in die Arme ihres Wundertäters erstaunen Ihres
Wundertäters Nun das wollen wir weiter nicht rügen Ein liebendes Weib
Eduard ist wie das Reich Gottes  Trachtet am ersten nach diesem so wird euch
das übrige schon zufallen Auf die Fortsetzung meiner frohen Gemälde musst Du nun
in Geduld warten bis die Tafel aufgehoben sein wird  Geht es mir selbst doch
nicht besser  Jetzt muss ich dem Domherrn entgegen gehen den ich die Treppe
herauf kommen höre   
    Mein Abschiedsschmaus ist beinahe vorbei Ich habe mich von der munteren
Gesellschaft die noch um den Tisch sitzt weggestohlen um Dir alles noch
frisch aus dem Gedächtnisse zu erzählen wodurch sich dieses Fest vor andern
auszeichnet und um erst alle Nebendinge bei Seite zu schaffen ehe ich in der
Geschichte meines Herzens den Faden wieder aufnehme
    
    Dass mir der Domherr meinen Reisepass und eine Quittung über das
unverbrennliche Blatt nebst der Lossprechung von allen Schäden und Unkosten
mitbrachte versteht sich Er übergab mir eins wie das andere im Namen des
Legaten unter wiederholter Versicherung seines Dankes und seiner Ehrerbietung
während Bastian meine Tafel anordnete und ein so prächtiges Versöhnungsmahl
auftrug als es je eines gegeben hat und das gewiss der Einweihung eines jeden
Wunders würde Ehre gemacht haben  Du verlangst wohl nicht dass ich Dir von
der Suppe an bis zum Desert jede Schüssel beschreibe  Genug der Speisewirt
hatte sich angegriffen da er hörte dass die Gerichte für einen so wichtigen
Mann als mich  und zu der Glorie der heiligen Dreifaltigkeitssteine bestimmt
wären Nur über den Wein den wir tranken musst Du mir erlauben ein Wort zu
sagen
    Bastian hatte ganz meinen Willen und wie ich bald nachher sah auch den
Geschmack meiner Gäste getroffen Außer einem feurigen Burgunder mit dem er
mich mein Gastmahl eröffnen ließ durfte ich auch nicht fürchten wie auf der
Hochzeit zu Kanaan mit einem schlechtern zu enden denn es warteten schon auf
einem Nebentische eben so viel andere Flaschen Vin de Sillery auf die
Auswechselung die ihnen bevorstand Ehe noch dieser herrliche Wein an die Reihe
kam empfahl er sich schon als ein alter guter Bekannter meinem Gedächtnisse
Er erinnerte mich scherzend an die Wirkung, die er den Abend auf mich tat wo
ich den ersten Sturm auf Klärchen wagte den die fromme Tante so unfreundlich
abschlug Eben so ernst aber erinnerte er mich auch an den Augenschein den er
mir damals von der strengen Zucht verschafte in der mein Klärchen stand  die
mir eine so beruhigende Rücksicht als glückliche Aussicht gewährte und für die
nur Gott unsere gute Alte belohnen kann Wie viel mag die rechtschaffene Frau
nicht Liebhaber vor der Türe dieses Engels so gut abgewiesen haben wie mich
Ich sehe sie noch in Gedanken mit ihrem Wachsstocke vor mir stehen und überlege
jetzt mit billigerm Gefühle alle die eindringenden Worte die meine wilde und
nach Verdienst bestrafte Leidenschaft so übel aufnahm ob sie gleich nichts
enthielten als Klärchens Lob Unter diesem Selbstgespräche im Angesichte meiner
Flaschen hob ich eine davon in die Höhe um die gedruckte Etikette zu lesen die
daran war  Gewiss habe ich nie eine mit mehrerer Achtung gelesen Denke Dir
nur ich fand auf ihr den Namen einer Frau die nicht minder tugendhaft als
unsere Bertilia ihre Nichten auch eben so sorgfältig erzieht  einen Namen der
vor vielen der trefflichsten Schriften steht wie hier vor dem geistreichsten
Getränke  mit Einem Worte den Namen der ehrwürdigen Genlis die wie Du
vielleicht nicht weißt  die besten Rebenberge von Sillery im Besitz hat Wohl
dem der einen guten Ruf vor sich her trägt  Eine Weinflasche sogar die uns
darauf zurück weist kann dadurch einem verständigen Manne interessant werden
Als ich nachher bei Tische meiner kleinen Unschuldigen das erste Glas davon
weihte war mir wirklich als hätte ich es aus dem heiligen Brunnen der Vesta
geschöpft um eine ihrer schönsten Dienerinnen damit zu laben Doch wenn ich so
fortfahre möchte wohl am Ende meine Erzählung nicht undeutlich verraten wie
bunt es alleweile in meinem Kopfe aussieht und doch darf ich mit gutem Gewissen
es nicht einmal dem Weine Schuld geben den ich lobe  denn Du musst wissen
Eduard dasswenn ich eine Gesellschaft bewirte welche Aufmerksamkeit
verdient ich bei so vielen Eigenheiten auch die an mir habe dass ich den Wein
kaum koste den ich meinen Gästen in vollen Gläsern zubringe weil ich immer
gefunden habe dass der Geist meiner Flaschen geschickter ist als mein eigener
um den ihrigen zu entwickeln und mir das Spiel des menschlichen Herzens frei zu
geben in dessen Beobachtung ein Kopf wie der meinige ein ungleich größeres
Vergnügen findet als in seiner Berauschung Der schöne Plan meiner Zukunft mit
dem ich mich zu Tische setzte erwärmte auch ohnehin mein Blut zur Genüge  
Alles was ich sprach sah und hörte und aus meinen Bemerkungen abzog  hatte
immer einen geheimen Bezug auf ihn Zuerst fing ich an für mein Hofteater zu
sorgen  »Ein so festlicher Tag als der heutige« wendete ich mich an meinen
Nachbar indem ich ihm zugleich ein Glas Vin de St George reichte »sollte alle
Feindschaften aufheben  alle Gefangenen los und ledig lassen  Allen Sündern«
 übersetzte ich ihm aus Schiller  »soll vergeben keine Hölle soll mehr sein«
 »Das ist recht« erwiderte mir der Domherr und stürzte das volle Glas
hinunter das ich ihm geschwind wieder füllte um ihn nicht lau werden zu
lassen  »Sie sehen« fuhr ich nach dieser Einleitung fort »hinter ihrem
Stuhle«  er sah sich um und erkannte die Puppenspieler  »ein paar
Unglückliche die ehemals ich will nicht sagen wie zweckmäßige  mit lebendigen
Personen die Hölle  und das Paradies mit Puppen vorstellten und sich durch
beides  wie es voraus zu sehen war  den Hass Euer HochEhrwürden zuzogen Wie
lange ist es nicht schon her Klärchen dass die armen abgesetzten Teufel
Ihretwegen im Elende schmachten Bitten Sie mit mir Ihren würdigen Nachbar dass
er die Strafe aufhebe Es ist einem Manne in Purpur so anständig Gnade für
Recht ergehen zu lassen«  Hier schlürfte der Prälat mit stolzem Hinblick auf
seinen Mantel das dritte Glas langsam über die Zunge und ich fuhr schon
traulicher fort  »Ja bester Freund tun Sie es mir zu Liebe Wirken Sie den
beiden Brüdern  wäre es auch nur weil sie bei dem heutigen großen Wunder an
meinen verschlossenen Türen auf der Wache standen  ihren Abschied aus Keiner
der zur Zeit einer heiligen und übernatürlichen Erscheinung auf dem Posten
gestanden sollte nachher noch zu gemeinen Diensten erniedrigt werden wenn sie
auch dem Staate noch so notwendig wären Das besagen selbst die kanonischen
Rechte und es schlägt sogar lieber Herr Domherr ein wenig in die Immunitäten
der Geistlichkeit ein Für das ehrliche Unterkommen dieser Leute übrigens wollen
Wir«  kam mir der Pluralis in geheimer Beziehung auf meine Nachbarin in den
Mund  »schon sorgen« aber ich lenkte eben so geschwind wieder ein »Ich
teuerster Mann wollte ich sagen will schon sorgen dass ihnen so leicht kein
Kind in den Weg kommen soll«  Der Domherr nahm ein Amtsgesicht an  »Das wäre
wohl alles ganz gut« antwortete er mit vieler Behutsamkeit »aber wir müssen
die Sache doch erst aus ihrem rechten Gesichtspunkte betrachten  Das ist meine
Art so Die Leute da  stehen in päpstlichem Solde  Ihre Bestrafung gehörte
zwar wohl in mein Fach aber nicht ihre Begnadigung«  »O« fiel ich ihm ruhig
ins Wort »das Militär des heiligen Vaters  so wie auch ihr Hauptmann der sie
der Armenkasse abkaufte sollen nicht im mindesten dabei zu kurz kommen  Seine
Auslage  so weit sie nicht schon abverdient ist  bin ich erbötig ihm von
meinen eroberten Processkosten zu ersetzen und wenn der Hauptmann sein Handwerk
versteht wird er mit beiden Händen zugreifen denn ich dächte man sähe den
guten Leuten die Schwindsucht so ziemlich schon an die ihnen ohnehin die
Bärmützen bald abnehmen wird«  »Ja wenn das ist« besann sich der geistliche
Herr »so ist mir selbst zu viel daran gelegen nur freundliche Gesichter in
meinem heutigen Zirkel zu sehen als dass ich nicht gern eine Sache vermitteln
sollte die mir im Grunde ganz gleichgültig ist ob ich gleich nicht begreife
wodurch sich diese leichtsinnigen liederlichen Bursche«  Hier fielen die
beiden Brüder dem gestrengen Herrn so demütig zu Füßen dass er inne hielt und
nicht das Herz hatte ihr Porträt auszumalen vielmehr entstand nun durch sie
ein Streit der Großmut unter uns beiden denn der Prälat wies sie mit ihrem
feurigen Danke an mich Da ich aber ohnehin überzeugt war dass ihr Gefühl sich
nicht irre so verbat ich alle unnötige Äußerungen desselben und indem ich
den Prologus abschickte um eine der Flaschen mit der vornehmen Aufschrift  den
Epilogus aber um frische Gläser zu holen drückte ich zugleich meiner
heimlichen Braut voller Vergnügen über dies erste für unsere Haushaltung
gelungene Geschäft zärtlich die Hand und sah im Geiste schon die Lichter auf
unserm Theater brennen  »O du liebe kleine Unwissende« richtete ich meine
süßen Gedanken an sie »wie will ich alle schöne Künste zu deiner Unterhaltung
und zur Bildung deiner Seele aufbieten Wie wirst du deine mächtigen blauen
Augen aufreißen wenn ich dir an manchem fröhlichen Abende auf meiner kleinen
Bühne die Szenen der großen Welt und die Torheiten der Höfe zur Schau stelle
wovon du noch keinen  zum Glück für deinen Zeitvertreib  noch keinen Begriff
hast denn wärest du damit schon so bekannt wie ich würden sie dir nur
Langeweile verursachen  Für geputzte Dratpuppen und was sonst von
Dekorationen dazu nötig ist will ich schon sorgen Habe ich doch meinen Eduard
dort der mir zu Liebe die Lieferung gern über sich nehmen und darauf Acht
haben wird dass sie auf das getreuste nach der Natur kopirt werden Es ist eine
leichte Sache dass er sie mir alle Jahre erneuert so verlör ich selbst  noch
so fern vom Hofe  keine Veränderung die unter den Hauptpersonen vorfällt und
könnte sonach mit Beihilfe der öffentlichen Blätter der Illusion und meiner
Vorkenntnisse immer noch mit meinem lieben Vaterlande in einiger Verbindung
bleiben  Das wenige was allenfalls mir ein Heimweh verursachen könnte wirst
du bestes Mädchen mir zehnfach ersetzen Wie werden mich nur allein deine
kindischen Erinnerungen an die vorigen Zeiten ergötzen wenn  wie ich mir
launig ausgedacht habe  der Sündenfall unser Theater eröffnen soll über den du
 wie wir alle  deine Semmel vergessen und aus dem sich  nicht anders als bei
uns  alles dein Glück und Unglück entsponnen hat Das zweitemal sollst du
dieses herrliche Stück nicht bloß von der hintersten Bank aus lorgniren  das
verspreche ich dir armes gutes Kind«
    Es ist doch gewiss Eduard dass die Hoffnungen der Liebe auch der gemeinsten
Sache einen eigenen Reiz geben Ich glaube mein Herz hätte noch eine Stunde mit
seinem kleinen Abgotte so forttändeln können ohne es müde zu werden hätte
nicht der belobte Wein der nun aufgesetzt war mich an meine Gäste erinnert
Mit allen den verborgenen Kräften die der Geist der Natur in ihn gelegt hat
stand er freundlich in unserm Kreise und wurde nun  Ja freilich wenn ich
mir es bequem machen wollte dürfte ich Dir jetzt nur in zwei Zeilen sagen wie
viel Flaschen davon getrunken wurden und Du müsstest wohl damit zufrieden sein
Mancher andere würde glauben sich an der Präcision zu versündigen wenn er ein
Wort mehr darüber verlöre In seinem Tagebuche kann er auch wohl Recht haben 
das will ich ihm nicht abstreiten In dem meinigen aber ist es glaube ich
schon notwendiger dass ich die Mühe der Pünktlichkeit die ich bis jetzt nicht
gescheut habe am wenigsten bei dieser Gelegenheit aus der Acht lasse und jedes
einzelne Glas das meine Gäste tranken mit meinen Anmerkungen begleite um Dir
den Stufengang der Empfindungen auf das genaueste zu schildern die es in ihren
Seelen erregte da es doch sicher und gewiss ist dass für einen Beobachter auf
dem Grund einer Flasche ganz andere Erscheinungen liegen als in der Nähe des
Stöpsels und dass man sehr übel tun würde sie unter einander zu mengen Aus
dem Schaume des ersten Glases  wenn ich anders richtig gesehen habe  breitete
sich ein Schimmer natürlicher Fröhlichkeit aus der nach meinem Urteile den
beredtesten Dank für die Wohltaten Gottes enthielt Klärchen sah dabei
allerliebst aus Das zweite entwickelte zu meinem Vergnügen jene Lebhaftigkeit
des Geistes, die uns zu witzigen verwegenen Scherzreden oft herzhafter macht als
es gut ist Der Prälat brachte zuerst eine hervor die für diejenigen die den
kühnen Schwung davon einsahn viel Salz hatte Die fromme Bertilia selbst ward
ganz munter darüber für ihre unschuldige Nichte freilich war das feine Rätsel
so gut wie verloren und mir ward schon angst wie ich auf eine gute Art dem
fröhlichen Drange ihres Bluts einen Ausgang verschaffen sollte als ihm
glücklicher Weise der Epilogus Luft machte Er reichte ihr zwar nur einen Teller
 aber wenn das Gemüt einmal zur Freude gestimmt ist bedarf es auch nur einer
Kleinigkeit um ihr Spiel in Bewegung zu setzen Es fiel ihr wie sie uns zur
Entschuldigung sagte seine komische Figur vor ihrem Bette zu Kavaillon und ihr
kindisches Schrecken ein das ihrem Bedürfnisse zu lachen jetzt ungleich besser
zu Statten kam als damals ihrem Bedürfnisse zu schlafen Ich kann Dir nicht
sagen Eduard wie gut ihr diese kleine körperliche Erschütterung stand Es war
das erstemal dass ich die Perlen ihrer Zähne wie an eine Schnur gereiht zu
sehen bekam und es war zu verwundern wie nach so vielen Entdeckungen in dem
Gebiete ihrer Schönheit mich diese noch so angenehm überraschen konnte Diesen
hübschen Anblick dachte ich willst du dir oft verschaffen und um ihn mir auch
jetzt noch eine Weile zu erhalten  schenkte ich geschwind  Reihe herum noch
einmal ein und gewann dadurch  zwar nicht gerade was ich hoffte  aber dafür
einen Anblick von einer  wenn es möglich ist  noch lieblichern Art  Die
funkelnden Augen meines Klärchens und des Domherrn gerieten an einander  Das
alte Missverständnis des geistlichen Herrn der bis jetzt noch immer ein wenig
vornehm und zurückhaltend gegen seine schöne Nachbarin geblieben war schien
schnell dem holden Gedanken der Vergebung zu weichen Er schlürfte seinen Wein
mit bedächtigerm Hinblick auf das sanfte Spiel der Wellen hinunter die den
heiligen Nicaise höchst malerisch schaukelten und geriet dabei wie es mir
vorkam in jenes gutmütige Erstaunen das unserm großen Friedrich so oft in die
Augen steigt wenn er eine beim Antritte seiner Regierung magere und kahle
Gegend  angebaut und in blühendem Zustande wieder sieht Er reichte seiner
ehmaligen Pflegetochter die Hand die äußerst gerührt mir sogar die ihrige
entzog die ich zärtlich in der meinen gefangen hielt um ihm mit beiden für die
Wiederkehr seiner väterlichen Liebe dankbar zu schmeicheln
    Es war wenn Du mir nachrechnen willst das zwölfte und letzte Glas der
einen Bouteille  hier musst Du wissen ist in allem größer Gemäss als zu
Berlin  das mir zu dieser höchst rührenden Szene verhalf Gott sei gelobt und
gepriesen dass es nicht auch die letzte Flasche war In der zweiten die ich mir
zur Fortsetzung meiner stillen Bemerkungen geben ließ lagen noch ganz andere
Erscheinungen verborgen Der gelüftete Pfropf flog mit einem Knalle  der in der
Welt schon manches Mädchen erschreckt hat und dem Ohre eines Kenners so wohl
tut  an die Decke und der Wein hielt was sein Herold ankündigte denn
zweimal musste ich geschwind hinter einander die Flötengläser Reihe herum füllen
um dem tobenden Schaume seinen Willen zu tun ohne in diesen teuren Minuten
Zeit zu haben auf meine Gäste zu achten Desto mehr überraschten sie mich als
ich meine Flasche neben mich setzte und mich nach ihnen umsah Ach mein Gott
wie hoch waren inzwischen nicht ihre Empfindungen gestiegen  Ich erstaunte
über die unglaubliche Veränderung die ich antraf Ist das mein Klärchen fragte
ich still vor mich hin die so freundlich den unzähligen Küssen zusieht die der
entzückte Prälat ihren Händchen aufdrückt  Sind das die Augen eines Kindes
das sich gegen seinen Vater entschuldigt Sind das die Blicke eines beleidigten
Wohltäters der seiner Pflegetochter verzeiht Hurtig sagte ich zu mir selbst
schüttelte meine Bouteille und füllte aufs neue die Gläser bis an den Rand
und nun sah ich noch deutlicher wie weit das Geschäft ihrer Versöhnung gediehen
war Sie konnten schon nicht mehr das Glas mit Vergnügen trinken wenn es nicht
unter ihnen ausgewechselt und von den Lippen des andern berührt war Erst
alsdann stürzten sie es  mit buhlerischem Gelächter sage ich Dir stürzten sie
es hinunter und der Traum  ach Gott wie soll ich meine Schamröte verbergen
 der Traum meiner häuslichen Glückseligkeit war dahin Die Wiedervereinigten
achteten nicht mehr der Augen die sie belauschten noch der aufmerksamen Ohren
die ihnen zuhörten Sie verhandelten ihre Angelegenheiten so offen dass der
Prologus und sein Bruder mich anlächelten und mir fragend zuwinkten ob sie
nicht recht gehabt hätten  O ja ihr guten Leute dachte ich ihr habt nur
mehr als zu wahr gesprochen Und da ich sah dass der Domherr nicht aufhörte dem
lachenden Mädchen in die Ohren zu flüstern  die Perlen ihrer Zähne immer näher
betrachtete und mir sogar für die Sicherheit des Orts bange ward der die
heiligen Steine verwahrte so fing ich  nicht mehr für mich das wirst Du mir
zutrauen  aber für die armen Puppenspieler fing ich zu fürchten an Wenn er
sagte ich heimlich zu mir das Glas noch trinkt bei dem ich eben im Einschenken
war so bist du um dein gutes Werk und deine Hofakteurs sind auch noch um ihren
Abschied betrogen wie sie es schon um ihr neues Theater sind Ich fasste Herz 
zog das Glas zurück und  »Sie dürfen es wahrlich nicht eher trinken lieber
Mann« sagte ich »bis Sie meinen Grenadieren ihre Entlassung zur Stelle
gebracht haben  Alsdann aber trage ich Ihnen auch dafür noch zwei  drei
Bouteillen von diesem guten Weine auf der Ihnen nur desto besser schmecken
wird wenn Ihnen kein anderes Geschäft mehr abzutun bleibt als Ihr eigenes« 
Diese kurze unversehene Anrede brachte ihn auf die Beine  »Gut gut« sagte
er »davon will ich bald genug wieder zurück sein Hüten Sie mir indes das Glas
liebes Klärchen das ich stehen lasse«  und so küsste er noch einmal ihre Hand
nahm seinen Hut und ging
    Jetzt dachte ich wird sich das Mädchen besinnen und von Scham vor deinen
Augen vergehen  Aber ich dachte nicht klüger als vor drei Stunden als ich mit
ihr in der Bibliothek war  »Das ist heute« drehte sie sich zu mir »ein
glücklicher Tag Der gute würdige Herr Wir haben uns über das Vergangene
besprochen  Er hat mich tausendmal um Verzeihung gebeten und wir sind nun
bessere Freunde als jemals Und wissen Sie wohl« wendete sie sich gegen ihre
Tante »ich ziehe noch diesen Abend zu ihm  Er verlangt es durchaus  Wenn
Sie also meine Beste so gut sein wollten mir mein Paket zusammen zu
schnüren«  »Siehst du wohl« fiel ihr die Tante ins Wort »dass ich Recht
hatte wenn ich Dir manchmal Behutsamkeit anriet und Dir die Rückkehr Deines
alten Freundes wahrsagte Ich verstehe Gottlob den Rummel«  »Ganz gut«
antwortete ihre unbefangene Nichte »aber ohne die Vermittlung dieses fremden
Herrn« o wie gab mir ihr Lob einen Stich in das Herz »wer weiß wie lange
Ihre Prophezeihung noch außen geblieben wäre«  »Übrigens« fuhr die Alte
fort »wüsste ich nichts was ich lieber zuschnürte als Dein Paket denn der
Propst schien heute grausam aufgebrach über Dich wegzugehn und ganz sicher
müsste ich wieder in das Spital wandern wenn Du meine einzige Nichte wärest« 
Mit diesen Worten die ich mit einer Verschämteit anhörte die Dir einem
Menschen wohl zutrauen darfst der weder in Berlin noch anderwärts  und auch
hier ganz unschuldig in so ein Haus gekommen stand das scheussliche Weib auf
wodurch sie meinen Augen gewiss keinen Possen tat Indes beunruhigte mich ihre
Entfernung auf einer andern Seite da ihre schöne Nichte die ich von Abscheu
nicht mehr ansehen konnte wieder mit mir allein blieb Doch mein Freund der
Zufall schlug sich auch diesmal ins Mittel Indem die Alte zur Tür hinaus
trat war Bastian im Hereintreten  »Herr Fez« rief er mir zu »bittet sich die
Erlaubnis « »Geschwind lass ihn ein« fiel ich ihm ins Wort und der wackere
Mann näherte sich mit einer tiefen Verbeugung Wir haben uns immer wie Du
weißt mit halben Worten verstanden  so auch jetzt  »Ich habe nicht versäumen
wollen an diesem frohen Tage«  »Ja wohl ja wohl lieber Herr Fez
Glücklicher habe ich in meinem Leben noch keinen«  »Könnte ich denn nicht
mein Herr das unverbrennliche«  »O das Wunderblatt das sollen Sie gewiss
Aber jetzt nehmen Sie nur Platz lieber Herr Fez  hier neben Klärchen  und
Sie liebes Kind bringen Sie doch dem Herrn das Glas zu das vor Ihnen steht«
 Ohne sich zu besinnen reichte sie es ihm so wie es ihr der Domherr zu hüten
gegeben hatte  und mit der sichtbarsten Freude nahm er es aus ihrer Hand Und
ich Eduard freue Dich bekam dabei einen Einfall der wenn er auch sonst
nichts wert ist Dich doch wenigstens über meine aufrichtige Verachtung für
dieses Geschöpf vollkommen wie ich hoffe beruhigen soll  »Sie haben« redete
ich den Buchhändler an »immer so viele Achtung und Liebe gegen das fromme Kind
gezeigt das Sie unter Ihren Augen aufwachsen sahen dass es Ihnen gewiss eine
herzliche Freude machen wird zu erfahren wie hoch zu Ehren  Doch liebe
Kleine« unterbrach ich mich selbst »es fällt mir schwer aufs Herz dass ich
vor meiner Abreise noch vieles zu berechnen habe  Sie könnten mir ja wohl die
Erzählung abnehmen die dem Herrn Fez aus Ihrem Munde viel lieblicher klingen
wird als aus dem meinigen Zeigen Sie doch dem wackeren Manne den Ort wo das
berühmte Buch stand  und sein Sie trinken Sie aber noch erst jedes ein Glas
von meinem freundlichen Weine  ein wenig gefällig gegen seine Neugier Ich habe
 Sie wissen wohl liebes Klärchen noch mancherlei kleine Ansprüche an Sie 
und kann sie wirklich nur gern an einen Mann abtreten  dem ich so vielen Dank
schuldig bin als dem Herrn Fez  Hauptsächlich aber bitte ich Sie in
Erwägung zu ziehen dass zur Ausbreitung eines Wunders die Freundschaft eines
Buchhändlers der sicherste Weg sei« Meine Vorstellung machte Eindruck bei ihr
wie bei einem Gelehrten Sie dachte jetzt nur an ihre Legende stürzte ihren
Wein hinunter und trat voller Begeisterung der wartenden Nachwelt entgegen
    Es ist mir zwar nicht mehr möglich genau nachzukommen das wie vielste Glas
es war das sie zuletzt trank aber so viel kann ich nach der leichten Art mit
der sie mein Vorwort zu Gunsten des Herrn Fez aufnahm doch berechnen dass ein
Gemisch darin müsse gegohren haben vor dem schon jedes nicht ganz verlorne
Mädchen den stärksten Ekel verraten würde ehe sie es an den Mund brächte Und
dieses Geschöpf  rief ich ihr nach wie sie dem armen Fez den Weg wies 
konntest du durch eine Kette von Sophistereien deinen besten Wünschen so nahe
bringen konntest  ohne betrunken zu sein  das Ideal einer würdigen Gattin in
ihr entdecken und hast es bloß einer Flasche Champagner zu danken dass du
deinen Freunden  dass du dir selbst nicht verächtlich und das Gelächter des
ganzen Komtats wirst Was wäre aus dir geworden wenn die Heuchlerin deinen
schon gefassten Entschluss erraten  deine Händedrücke besser verstanden und dir
selbst die Gläser eingeschwatzt hätte die du ihr zutrankst  O was für ein
armseliges Ding ist es um den menschlichen Verstand und wie begreiflich wird es
mir in dieser Nachmittagsstunde dass so viele tapfere gelehrte und würdige
Männer von meiner Bekanntschaft  ich müsste ein Ries Papier an ihren Namen
verschreiben  das eheliche Eigentum einer Buhlerin wurden Arme dänische
Docke du würdest noch einen unfreundlichern Herrn an mir bekommen haben als
dein jetziger ist Und du mein Johann und meine gute Margot in was für eine
verstörte Haushaltung hätte euch mein trauriges Geschick bringen können O dass
ich nie dieser entscheidenden Stunde vergesse sie jedesmal in meinem Tagebuche
nachlese wenn mich ein frisches unschuldiges Gesicht in solche Lavaterische
Trugschlüsse verwickelt und mir je wieder die Luft ankommt meine verwegene
Hand an eine schreckhafte zu schmieden Bastian mag mich so oft an seine
Schwester erinnern als ich eine Kammertür zuriegeln will und der Prologus und
Epilogus mögen so lange meine Leibwache bleiben als ich noch einer Wache
benötigt bin und damit ich endlich einsehen lerne dass Unschuld und Paradies
längstens zum Teufel gingen sollen sie mir von Zeit zu Zeit ihre Knittelverse
vordeklamiren in denen wahrlich mehr Menschenverstand liegt als in allen
Trauungsformeln und hochzeitlichen Reden
    Während dass die Schöne die Verbindlichkeiten die mir Herr Fez auferlegt
hatte in dem Masse als sie es wert waren erwiderte  mich an meinem stolzen
Feinde dem Probst rächte und dem heuchlerischen Domherrn den ersten
Unterricht vergalt den er ihr wie es der nun klar ausgesponnene Faden seiner
Geschichte bewies in der Kunst zu betrügen gegeben freute ich mich über das
schöne Verhältnis der Belohnungen und Strafen die hier der Gott meiner Ode der
Zufall verteilte und dankte ihm herzlicher als jemals für das nicht zu
berechnende Gute das er mir seitdem mein Mund ihn besang in dem päpstlichen
Gebiete erwiesen
    Ich sah nach meiner Uhr Wenn du heute noch über die Gränze willst sagte
ich mir so hast du keine Zeit mehr zu verlieren und ich pfiff meinen Leuten
»Dort Bastian neben dem schlafenden Engel liegt mein Reisepass  Trage ihn
auf die Post und bestelle mir sechs tüchtige Pferde damit ich vom Flecke
komme  Und nun ein Wort mit euch beiden andern  In der Hoffnung dass ihr
ehrliche Bursche seid  vielleicht die letzten die noch hier sind und die Gott
noch aus diesem Sodom zu retten gedenkt ehe er es unter Feuer und Schwefel
begräbt  will ich euch in meine Dienste nehmen Lasst mich ausreden und
erspart euren Dank Nun ist es aber  ohne dass ich weiter mit euch Staat zu
machen gesonnen bin  nicht möglich dass ihr mich in diesen päpstlichen Lumpen
begleitet denn alle Leute müssten glauben ich hätte den heiligen Vater ärger
gelästert als Doktor Luther und man führte mich deswegen als Gefangenen nach
der Engelsburg oder nach der Inquisition Eben so wenig ist es meine
Gelegenheit so lange noch hier zu verweilen bis eine Livree für euch fertig
sein kann  ich sehe also kein anderes Mittel als dass ihr euch bei dem ersten
besten Schneider in Ordnung bringen lasst und mir nach Marseille nachkommt« 
»Ach mein gütiger  ach mein großmütiger Herr« nahmen hier die beiden Brüder
einander das Wort aus dem Munde »Sollten wir« fing der Prologus an »ohne
Ihren Schutz nur eine Stunde länger hier bleiben müssen  so ist« setzte der
Epilogus nach »Ihre gute Absicht so gut wie verloren«  »Müsst ihr denn beide
zugleich sprechen« fragte ich ungeduldig und nun schwiegen sie aus Höflichkeit
beide bis ich dem ersten befahl seinem Range nach fortzufahren  »Wir haben
hier von unsern glücklichen Zeiten her« nahm er das Wort für seinen Bruder mit
den er treuherzig anblickte »noch einige Schulden  die würden sicherlich
aufwachen und uns aufs neue ins Gefängnis bringen wenn unser Abschied
bekannt würde denn wenn der Soldatenstand auch sonst zu nichts gut wäre so ist
er es doch darin dass man seine bürgerlichen Schulden nicht zu bezahlen braucht
so lange man Uniform trägt Aber ich wüsste wohl einen Ausweg Bei dem getauften
Juden mit dem auch Sie einigen Verkehr hatten stehen seit jener Zeit ein paar
ganz neue Anzüge noch nicht für den halben Wert versetzt  Wir gedachten sie
 aber es kam nicht dazu  bei einem Vorspiele zu gebrauchen Wenn Sie uns nun 
bester Herr behilflich wären sie einzulösen so wären wir auf einmal gekleidet
und die Farben würden sich nicht übel zu Ihrer Equipage schicken«  »Und was
wären denn das für Anzüge« fragte ich  »Es sind« antwortete der Narr »ein
paar Masken die eine für mich stellt einen Satyr die andere für meinen
Bruder den Jocus vor«  »Nein das ist nichts ihr guten Leute« antwortete
ich lachend »Ich reise inkognito  und auch ihr müsst euer voriges Handwerk in
meinem Dienste vergessen lernen Aber ist denn« musste ich schreien weil eben
mit allen Glocken in die Vesper geläutet wurde »keine Trödelbude hier«  »O
mehr als Eine« antwortete er  »Nun« sagte ich »so geht denn gleich hin und
stoppelt euch in der Geschwindigkeit etwas zusammen das einigermaßen zu meinen
Farben passt  Ein grauer Rock  eine rote Weste  das ist vor der Hand genug
wenn auch übrigens keine Achselbänder dabei sind«  Ich gab ihnen Geld zu dem
Handel und die beiden Brüder sprangen fort als wenn ihnen das Unglück
nachsetzte Jetzt wäre es ein Spaß dachte ich wenn ihr Hauptmann Schwierigkeit
mit dem Abschiede machte und ihnen die Verräterei gegen Klärchen nachtrüge 
Doch damit hat es wohl keine Not  Hingegen mag Gott wissen was ich mir
selbst mit meinem guten Werke für eine auf den Hals lade Der Teatergeist
steckt ihnen noch gar zu fest im Kopfe Ganz gut dass sie mir die Sonntage wo
ich etwa einmal die Kirche versäume ihr Paradies und ihre Hölle vorstellen 
doch das wird man in der Komödie am Ende so überdrüssig als in der Predigt 
Wenn aber nun vollends in den Werkeltagen der eine meinen Hofmarschall wie ein
Harlekin der andere wie ein Kato meinen Kammerherrn machen  dieser wie ein
Alexander mir vorschneiden  jener mir mit der Laterne des Diogenes leuchten
wollte so hielt ich das wie ich mich kenne in der Länge nicht aus Das
klügste wäre wohl ich dächte in Zeiten darauf sie in ein Fach zu bringen wozu
sie Genie haben Eben fällt mir eins bei  So viel ich weiß ist noch keine
solche Truppe in Berlin gewesen wie ehemals die Nicolinische zu Braunschweig
Wie wäre es wenn die beiden Brüder während meiner Reise durch Frankreich eine
Anzahl hübscher Kinder zu einer Pantomime anwürben  Die Kosten wollte ich
allenfalls vorstrecken ohne dass ich viel dabei wagen würde zumal wenn ich ein
Auge darauf hätte dass die Aktricen etwas für das künftige versprächen Das
könnte wirklich ein Geschenk werden das schon verlohnte seinem Vaterlande zu
machen  Doch ich vergesse über diesem weit aussehenden Projekt den guten Herrn
Fez Klärchen und ihren Domherrn  Wären nur meine Pferde da und meine Leute
beisammen ich wollte gern die Rückkunft jener nicht abwarten und weiter ihre
Namen in meinem Tagebuche nicht nennen möchte doch aus ihnen werden was wollte
Meine gegenwärtige Lage fängt an mir recht ernstaft schlecht vorzukommen und
macht mich ungeduldig und wild  Tue nur einen einzigen Blick her Eduard und
sprich ob ich mir unter solchen Aussichten als mich alleweile umringen
gefallen kann  Hier vor der Nase ein unterbrochenes Bacchanal das nächstens
wieder angehen wird  dort hinter der einen Wand das Betzimmer der Alten die
ihre Nichten berechnet und hinter der andern meine ehrliche Schlafkammer die
schon seit einer Viertelstunde entweiht wird Wahrlich ich komme mir vor wie
der heilige Antonius unter den Teufeln  Holla da kommen doch endlich die
Figuren aus der Bibliothek  Auf das Mädchen ist es mir unmöglich einen Blick
zu werfen aber den armen Fez der sacht zu meinem Schreibtische herschleicht 
muss ich doch wohl zur Kompletirung meiner Akten noch abhören 
    Der gute buckelige Mann Ich merkte es ihm nur zu sehr an dass er für alle
Höflichkeit die er mir erwiesen mehr als zur Genüge bezahlt war Er drückte
mir dreimal hinter einander stillschweigend die Hand wie man sie in Golconda
den Mäklern drückt die Diamanten verkaufen  Das war doch gewiss kein
schlechtes Gebot und auch verständlich genug  Aber nein meiner Eigenliebe
war es zu wenig Ich hätte gern umständlichere Nachrichten von meiner Zeichnung
gehabt  hätte gern gehört dass sie richtig  ähnlich  von großer Kraft und ein
Meisterstück der ewigen Kunst sei Kommt es Dir nicht wie im Traume vor als ob
diese kostbaren Ausdrücke schon irgendwo einmal Deinen Ohren wohl und weh getan
hätten Besinne Dich  Nun  O Freund wie kannst Du die Lehrer Deiner Jugend
so gänzlich vergessen Erinnerst Du Dich denn gar nicht mehr unsers
gemeinschaftlichen vermutlich längst selig verstorbenen Zeichenmeisters
Theodor Sperling  der immer mit seinem berühmten Verwandten in Anspach
prahlte dessen Namen er zwar  an seinen Talenten aber nicht schwer trug Man
sollte nicht denken dass man einige zwanzig Jahre hinterher noch Freude haben
könne gelobt zu werden wie ein Kind  und doch erfuhr ich die Wahrheit davon
an mir Ich ging so lange mit meinen immer näher tretenden Fragen um den blöden
lakonischen Mann herum bis ich ihn endlich auf meinen Stimmhammer brachte und
gewiss erfuhr dass er ihn gesehen und bewundert hatte und ruhte nicht eher bis
ich ihm alle die süßen Worte entlockte durch die der gute Sperling mich über
mich selbst erhob indem er Dich niederschlug wenn mein Pinsel etwas erschuf
das Du nicht erreichen konntest  und das einer Tulipane oder einer Schneeglocke
ähnlich sah  »O« sagte Herr Fez »ich   auf meine Ehre versichere ich Sie
dass mich zeitlebens kein Kabinetsstück so entzückt hat«  »Also haben Sie
wirklich einige Ähnlichkeit gefunden lieber Herr Fez« schmunzelte ich ihm zu
 »Da müsste man« erwiderte er »doch mehr als blind sein wenn man sich irren
könnte Es ist so viel Leben Ausdruck Wärme Kolorit und eine so sanfte
Haltung in diesem Bilde dass ich es ohne Schmeichelei für eins der schönsten
und kräftigsten unsers Jahrhunderts halte«  »Dieser Ausspruch würdiger Mann«
antwortete ich »kann mir von einem solchen Kenner gewiss nicht gleichgültig
sein Ich wünschte nur dass alle diejenigen die mir gern abstreiten möchten
dass ich malen kann meine Zeichnung mit so guter Laune und so verständigen Augen
betrachteten als Sie lieber Herr Fez«  »Ihnen abstreiten dass Sie malen
können« fragte er voller Verwunderung »Wäre es möglich dass es so gefühl und
geschmacklose Menschen gäbe«
    Indem hörten wir den Domherrn auf der Treppe und der rechtschaffene Mann
machte sich aus dem Staube Ich sah mit Vergnügen von meinem Schreibtische dass
Klärchen eilig das Glas wieder füllte das ihr Freund ihrer Bewachung empfahl
und fand nach meiner Einsicht in dieser kleinen Handlung so viel reife
Überlegung und weibliche Klugheit dass ich ihres künftigen Schicksals wegen
ganz außer Sorgen bin Ich stand wie der Prälat atemlos hereintrat einen
Augenblick auf berichtigte in möglichster Eil meine Rechnung mit ihm die er
mir zugleich mit dem Abschiede der beiden Soldaten einhändigte und begleitete
ihn unter seinem beständigen Geschwätz auf das ich nicht hörte bis an das Ziel
seiner Wünsche  an seinen Stuhl Er übernahm sein Glas wie ein Maurer seine
Kelle die er als Zeichen da ließ dass er fortarbeiten wolle und schlürfte es
mit sichtbarem Wohlgeschmack und dem zärtlichsten Hinblicke auf Klärchen
hinunter  O des menschlichen Glücks Wie hängt es fast immer von unserer
Unwissenheit und Einbildung ab Hätte dem guten Manne nur das mindeste von dem
geahndet was sich Herr Fez in seiner Abwesenheit mit seinem Glase und seiner
Geliebten heraus nahm wie würde es ihm nicht alles verbittert haben was jetzt
seinen Lippen und seiner Vorstellung so süß dünkte Er hätte darauf geschworen
dass es derselbe Wein sei den er stehen ließ fand ihn auf meine leichtfertige
Frage weder frischer noch matter als er sein sollte und behauptete mit der
Miene des Kenners seine Zunge sei fein genug um immer zu wissen das wie
vielste Glas aus einer Bouteille es sei das er tränke Es würde mir bei dem
Bewusstsein das mich drückte schlecht zu Gesichte gestanden haben über die so
zuverlässige Unterscheidungskraft seines Geschmacks zu spotten Klärchen fand
noch weniger Beruf dazu und war so gefällig mir das Amt seines Mundschenken
abzunehmen da sie sah dass ich von ihr weg nach meiner Schreiberei schielte
Ich kann also die letzte Seite der ich noch mächtig bin ruhig ausschreiben da
nun alles für mich hier abgetan ist Meine beiden komischen  oder willst Du
lieber burlesken Bedienten sind leidlich genug gekleidet vom Trödel zurück
und tragen meine Sachen in den Wagen  und meine sechs Pferde sind auch da Auf
die beiden Bacchanten gebe ich selbst weniger Acht als auf die gelbsüchtige
Bertilia die ihrer schönen Nichte das Nachtpaket gebracht und sich nun leider
Gott erbarm es nicht weit von mir auf ihren frühern Gerichtsstuhl gestreckt
hat um ihren Rausch zu verschnarchen Diese Harmonie wenn es möglich ist
verstärkt noch mehr die Ungeduld die ich habe aus diesem Sumpfe an Gottes
freie Luft zu kommen Da es zu spät ist noch vor Nacht Aix zu erreichen so
soll es meine Abendbeschäftigung sein diesem Bogen den Beschluss meines heutigen
reichhaltigen Tages in dem Wirtshause noch anzuhängen wo ich etwa übernachten
werde und mit Dir den Austritt aus dem päpstlichen Gebiete und aus einer Woche
zu feiern die der Anfang des Jahrs höchst niederschlagend für den prahlenden
Stolz meiner Tugend eröffnet und das erste Blatt meines neuen Kalenders
gewaltig beschmutzt hat
    Meine einzige zwar immer leidige Tröstung ist dass es wohl keinen in der
Welt gibt worin von den zwei und funfzig Wochen die er enthält nicht Eine
wenigstens so gut wie die meinige verdienen sollte ausgestrichen zu werden
Wenn ich nur die übrigen im Jahre wie ich im ganzen Ernst hoffe nach der
Kritik der reinen Vernunft anwende so denke ich bei Gott und der Welt  bei den
Sitten und Kunstrichtern noch immer Gnade und Erbarmung zu finden
 
                                    Fußnoten
1 Messieurs quand je régarde avec exactitude
Linconstance du monde et sa vicissitude
Lorsque je vois parmi tant dhommes différents
Pas une étoile fixe et tant dastres errants
Quand je vois le Césars etc
                                           Racine  les Plaideurs Act 3 Sc 3
 
                                    Lambesk
Hier bin ich nun schon einige Meilen über der Gränze jenes wurmstichigen und von
Mönchen durchwühlten Landes und befinde mich schon um vieles besser Unter dem
Burgfrieden eines Prinzen der mit Joseph dem Zweiten verwandt ist werde ich
von seinem abgedankten Haushofmeister bewirtet der mein Vaterland kennt  dem
es dort wohl ging  und der es den Reisenden zu vergelten sucht die daher sind
So klein diese politische und moralische Verbindung auch sein mag so kommt sie
mir bei meinem Nachtlager doch sehr wohl zu Statten Ich ward schon meiner
fehlerhaften Aussprache wegen die mein deutsches Vaterland verriet und die
sobald sie an die Ohren meines Wirts anschlug ihn an alle das Gute erinnerte
das er bei uns genoss auf das freundlichste in seiner Herberge empfangen und
als vollends meine persönlichen Verdienste dazu kamen und meine Bedienten um
den Küchenherd das Wunder sehr teatralisch beschrieben und vorgestellt hatten
von welchem ich eben herkäme so wussten die Leute im Hause nicht wie sie mir
ehrerbietig genug begegnen sollten Ich bin mit Wachskerzen umgeben wie ein
Heiliger dessen Festtag man feiert die erst der Wirt dann seine Frau dann
seine Tochter und Magd einzeln auftrugen  um nur oft und jedes mit eigenen
Augen den großen Mann anzugaffen der ihrem Hause den Vorzug gegönnt hat seine
ermüdeten Glieder zu bedecken  Um nichts Menschliches zu verraten ging ich
mit stillem Ernste in dem erleuchteten Zimmer auf und ab als ob ich an solche
Klarheit gewöhnt wäre bis sie mir ein Abendessen auftrugen das eine wahre
Koena domini und aus den feinsten Schüsseln zusammen gesetzt war Wenn ich immer
und überall in diesem Nimbus erscheinen könnte ich wollte keinen Messmer keinen
Lavater und keinen von den Herren beneiden die so glücklich sind unser aller
Missgunst zu erregen  Jetzt nun da ich mich wie ein Erzbischof gesättigt und
mich beinahe ein wenig berauscht habe wie ein gefürsteter Abt  da sich auch
meine allzu dienstfertigen Wirtsleute in den unteren Stock zurück gezogen und
meine Bedienten umringt haben die sich immer wie ich von weitem höre einander
unterbrechen um mit dem ehrwürdigen Ansehen ihres Herrn groß zu tun jetzt
könnte ich nun ruhig und lächelnd in das feine schneeweiße Bette steigen das
mir winkt wenn mich das Versprechen das ich Dir lieber Eduard mit meinem
letzten Federstriche zu Avignon gab nicht mehr als wie billig munter erhielt
So höre mich denn eben so munter an und höre noch die letzten Merkwürdigkeiten
meines heutigen großen Tages unter welchen ich glücklich bis an das Tintenfass
gekommen bin das mir in Wiener Porcellan ein zweiköpfiger Adler vorhält
    Als ich mit dem Schwure keinem Kasuisten keiner Heiligen und keiner milden
Stiftung je wieder so nahe zu kommen die Gruppe die ich Dir oben beschrieb
noch um eine Bouteille betrunkener unter Rousseaus Aufsicht verließ und ohne
Geräusch meinen Hut und Stock aus der Ecke gezogen hatte wo die fromme Bertilia
ihrer verdienten Ruhe genoss schlich ich stillschweigend meiner Wege und war
schon bis an die Tür gekommen als der Domherr meinen Abzug bemerkte Seine
Zunge war jedoch zu schwer ein deutliches Lebewohl auszusprechen dafür aber
schlug er mir so lange seine Kreuze nach bis ich ihm aus dem Gesichte kam
Klärchen wischte höflich mir nach bis auf den Vorsaal wo sie mir aus
überströmender Dankbarkeit im Angesicht des heiligen Nicaise der unverschämt
zusah noch ein paar Küsse aufdrang die so Gott will die letzten sein sollen
die mir eine Heilige gab Auf der Treppe hielt mich noch ein anderer widriger
Anblick auf Der schwarzgelbe Prokurator trat mir mit der Verbeugung eines
Advokaten entgegen der nach einem verlorenen Prozesse seine Expensen sucht
überreichte mir mit der Abschrift seines Protokolls die BeglaubigungsUrkunde
meines getanen Wunders und zugleich ein Handbriefchen vom Propst Es tut mir
leid dass ich es nicht für Dich aufgehoben und jetzt statt des Originals das
ich wegwarf Dir nur einen Auszug davon mitteilen kann Der geschmeidige Mann
versicherte mich darin seiner unbegränzten Hochachtung und bat mich wenn ich
je wieder diese Domaine des heiligen Vaters besuchte die Freundschaft zu nähren
und zu befestigen die er als ein unwürdiger Vorsitzender bei meinem Verhör und
während meiner triumphirenden Rede zu mir gefasst habe Er nannte mich einen
seltenen Mann der ganz von Gott ausgerüstet sei das blinde Volk zu regieren 
und empfahl sich mir so zudringlich als hätte er in mir seines Gleichen
gefunden Ich beantwortete im Heruntersteigen seine Höflichkeit mündlich an
seinen Boten bedauerte dass meine Abreise die Freundschaft die nur ein Wunder
unter uns zu stiften vermocht hätte so bald unterbräche dass ich aber wenn ich
Avignon jemals wieder mit einem Fuße beträte mich seiner Leitung ganz
überlassen würde und dann erst das zu werden hoffte was er allzu gütig schon
bei mir voraussetzte Unter diesen hingeworfenen Komplimenten gelangte ich die
Treppe herunter bis an die Haustür  als mir hier noch ein Umstand auf das
Herz fiel der wenn Du ihn nach Deiner gewöhnlichen Flüchtigkeit nicht
übersehen hast Dich bis zu dieser Zeile nicht wenig geängstigt Dir den Odem
versetzt und Deine Lippen und Hände bewegt haben wird um mich mit einem jeden
Schritte weiter den ich nach meinem Wagen tat freundschaftlich noch
aufzuhalten  als mir nämlich glücklicher Weise noch beifiel dass ich aus
allzu großer Eil aus Klärchens Augen zu kommen  unter Rousseaus Kopfe mein
Tagebuch vergessen hatte Nun wäre es zwar zum Nutzen der Welt vielleicht gut
gewesen wenn es die alte Bertilia beim Auskehren gefunden und es als unnützes
Papier verbraucht hätte  vielleicht aber auch nicht wer kann das wissen Für
mich wäre es doch immer ein ich hoffe es zu Gott unersetzlicher Verlust
gewesen  da ich dergleichen Tage als die acht letzten nie wieder durchzuleben
gedenke und viel zu vergesslich bin als dass ich hätte hoffen können mir die
Erinnerung davon die mir doch für mein ganzes Leben sehr dienlich sein wird
bis zum Aufschreiben wieder lebendig zu machen Ich lief nun wie ein Wiesel die
Treppe hinauf das Zimmer hinein gerade vor den Kamin
    Es war ein Glück dass die alte Bertilia noch schlief  »Lassen Sie Sich
nicht stören« sagte ich zu Klärchen die dem Domherrn auf dem Schoss saß und
mich mit höchster Verwunderung angaffte »Ich habe hier sonst nichts  als nur
unter dem Gypskopfe ein Paket Belege vergessen die zu meiner Einnahme und
Ausgabe gehören und die ich selbst nicht der Mühe wert achten würde wenn sie
nicht mit Ihrem Strumpfbande umwickelt wären das mir mein gutes Klärchen viel
zu lieb ist um es im Stiche zu lassen und nun leben Sie wohl und grüßen Sie
Ihre Tante«  »Was« stammelte der Domherr »was sagten Sie da von Klärchens
Strumpfbande« »Das wird das liebe Kind Zeit genug haben Ihnen selbst zu
erklären« antwortete ich und schlug die Tür hinter mir zu  Wer war froher
als ich da ich meine Kriminalakten unter dem Arme von meinem Schrecken nun
wieder zu mir selbst kam  Non omnis morior war das wenigste was ich dabei
dachte und wie dankte ich es nicht dem langsamen Epilogus dass er mir nicht das
erstemal schon die Haustür öffnete als ich ohne mein Tagebuch davor stand
denn der Anblick der mich jetzt überraschte würde mich gewiss ganz um das
Bisschen Besinnungskraft gebracht haben von der einzig seine Rettung noch
abhing Der große Platz vor dem Hause und so weit ich in die Gassen sehen
konnte war von Menschen gestopft die in der Nähe und Ferne auf die Knie
fielen und mich um meinen Segen anflehten Ich richtete mich in meiner Chaise
gerade in die Höhe und warf der betrogenen Menge wie von der Kanzel gutmütig
alle die Kreuze wieder zu die mir der Domherr mit auf den Weg gab Einige von
den Andächtigsten drängten sich vor um die Pferde abzuspannen und meinen Wagen
zu ziehen und es gelang mir durch nichts anderes sie von dieser Ausschweifung
ihrer Ehrfurcht die mich schwerlich postmässig würde gefahren haben abzuhalten
als dass ich ihnen die offene Haustür zeigte und ihnen sagte dass sie alle
meine Wunder unter den Händen des Domherren antreffen würden Haufenweise
strömten sie nun in das Haus und meine Postillons bekamen Raum ihre Peitschen
zu schwenken und ohne jemanden umzufahren vor der Hand wenigstens ungestört
bis an den Buchladen meines Freundes zu kommen Hier aber mussten sie die Zügel
mit Gewalt anziehen denn der kleine Mann war heraus getreten  schrie und
winkte und hielt uns etwas so Flatterndes entgegen dass wir alle fürchteten er
möchte die sechs Pferde scheu machen Es war sein Katalogus den er mir wie er
sagte zu weiterer Fortsetzung unserer Freundschaft überreichte und noch einige
abgebrochene Worte seines Entzückens darein gab die allein schon im Stande
gewesen wären einen sechsspännigen Wagen in seinem Laufe zu hemmen so
überspannt waren sie und so holprig Ich hatte jetzt nicht Zeit sie ihm anders
zu beantworten als mit einem lauten Gelächter über das er höchst verwundert
zurück trat und mir freien Weg ließ So weit ich kam fand ich alle Bürger in
Bewegung wie an dem Frohnleichnamsfeste Nur den getauften Juden hatte die
Revolution meines Wunders nicht von seiner Stelle gebracht Ich sah ihn als ich
bei seiner Kirche vorbei fuhr noch an eben dem Pfeiler stehen an dem ich
zuerst seine interessante Bekanntschaft gemacht hatte So eilig ich auch war
ließ ich doch einen Augenblick halten und schickte ihm meinen Abschiedsgruss
durch den Epilogus zu der ihm zugleich die verpfändete Maske eigentümlich
abtrat und noch das Glück hatte einen kleinen Taler von ihm heraus zu
bekommen Ich erhielt auf einem Kartenblatte nachstehende Worte mit Bleistift
geschrieben von ihm »Ihr heutiges Wunder«  Du siehst lieber Eduard Dohm
und seine Anhänger mögen auch sagen was sie wollen ein Jude bleibt immer ein
Jude  »ist das größte wovon ich gehört habe und das einzige woran ich
glaube Fahren Sie fort lieber junger Mann über die Torheiten Ihrer
Zeitgenossen zu spotten Tun Sie es aber ja wenn Sie nicht unter Blindgebornen
sind wie hier lieber heimlich und von weitem wie ich es selbst hier tue Das
ist der freundschaftliche Rat eines Mannes der seine Ruhe und Sicherheit
liebt«  Ich bog mich weit aus meinem Wagen hervor und warf ihm lächelnd eines
von meinen Kreuzen zu das er mit einem schelmischen Kopfnicken beantwortete Es
gab mir so wenig es war doch hinlängliche Auskunft über den Wert den er
darauf setzte O des ehrlichen Konvertiten dachte ich und fuhr weiter
    Avignon lag schon eine große Strecke hinter mir ehe ich mich ein wenig aus
dem Gewirre meiner Gedanken los winden konnte die wie sie an einander
anstiessen meine Seele mit sich herum trieben Bald sah ich mit Spott bald mit
Ärgernis und Scham bald mit innigster Zufriedenheit auf die Zeit die hinter
mir lag und auf die Gefahren zurück denen ich weniger zur Ehre meiner
Klugheit als zur Glorie meines Erretters des Zufalls glücklich entging Einmal
überzählte ich hochmütig die Menge von Erfahrungen durch die sich in einer
Spanne von acht Tagen meine Welt und Menschenkenntnis so unglaublich
bereichert hatte  Ein andermal warf ich mir bitter vor dass sie der Mühe und
der Kosten nicht wert wären Die unzähligen Abwechselungen meines heutigen
Tages  von dem Anfange meines Verhörs an bis auf den Segen den ich dem
getauften Juden zuwarf hatten indes meine Kräfte so erschöpft dass mir mitten
in meinem Nachdenken die Augen zufielen Ich glaube ich würde in Einem weg
bis vor mein Wirtshaus geschlafen haben wenn es auf der Station die mich an
die Gränze des Komtats brachte meinen Begleitern beliebt hätte ohne Zuziehung
meiner die Post wechseln und frische Pferde vorhängen zu lassen Aber das
Nachdenken hatten meine klugen Schauspieler nicht  »Mein Herr« rief mir ich
weiß nicht welcher von den beiden Brüdern in den Wagen »haben Sie denn nicht
Lust auszusteigen«  »Und warum das« fragte ich schlaftrunken  »Hier ist«
antworteten sie »der letzte Ort in dem Gebiete des Papsts«  »Desto besser«
gähnte ich und legte mich in die andere Ecke  »Aber« schrien sie fort »es
ist ja Kavaillon mein Herr«  »Meinetwegen« versetzte ich ärgerlich »was
liegt mir daran«  »Nehmen Sie es nicht ungütig« erwiderte der unausstehliche
Kerl wir glaubten es würde Ihnen lieb sein den Propheten kennen zu lernen« 
»Was denn zum Henker für einen Propheten« fuhr ich jetzt auf  »Der unser
Glück« unterbrachen sie sich beide »und unser Unglück gemacht hat Er liegt
nur wenige Schritte hier von der Post«  Jetzt ermunterte ich mich erst  »Ihr
guten Leute« sagte ich indem ich ausstieg »habt nichts als euer zerstörtes
Theater in dem Kopfe Das müsst ihr euch abgewöhnen und mir nicht immer damit in
den Ohren liegen zumal wenn ich schlafe Aber sagt mir einmal  lebt denn der
Onkel von Klärchen noch«  »O ja wohl« antworteten sie  Nun dachte ich da
du einmal um deinen Schlaf bist willst du doch wundershalber sehen was für
eine Respektsperson von Verwandten du heute dran und drauf warst dir auf den
Hals zu laden  kannst dir auch nebenbei das Bette zeigen lassen wo dem Mädchen
der Teufel zuerst erschien An fremden Orten nimmt man ja oft wohl noch
geringere Merkwürdigkeiten in Augenschein Habe ich nicht selbst einmal in
Erfurt einen Turm mit Mühe und Gefahr für einen Dukaten erstiegen weil es zwei
Tage vorher der König von Schweden getan hatte um die große Susanna zu sehen
vor der wie mich der Glöckner versicherte alle Teufel ausreißen  Und so trat
ich denn auch hier meinen Wegweisern nach in die Garküche des Propheten und
fand an meinem Onkel einen sehr gesprächigen Mann
    Er stämmte seine beiden Hände in die Seite so bald er den Doktor und den
Teufel erkannte  »Je meine Herren« rief er voll von Verwunderung aus »Sie
treten ja da in einem Aufzuge einher der wahres Wohlleben verkündiget  Das
freut mich von ganzem Herzen denn ewig werde ich Ihnen danken dass Sie mir über
meine gottlose Nichte die Augen geöffnet haben Ich ließ mir zwar damals meinen
ganzen Kummer nicht gegen Sie merken meine lieben Herren aber ohne jene
Nacht kann ich nun wohl sagen wo Sie ihr erschienen wäre einmal mein schönes
Vermögen in ihre Hände gefallen  Aber das ist nun damit vorbei und ich habe
es bereits der MagdalenenKirche verschrieben«  So wenig ich nun auch Ursache
hatte mich dieses Geschöpfs anzunehmen so schien es mir doch ungerecht von
ihrem Verwandten ihr eine Erbschaft zu entziehen woran sie bei allen ihren
Fehlern doch immer mehr Anspruch hatte als die heilige Magdalena Sie kann sich
ja wohl auch noch dachte ich mit der Zeit bekehren wie jene zumal wenn sie
nicht mehr nötig hat der Gnade der Domherren und Pröpste zu leben Ich nahm mir
also vor ihm den Einfall aus dem Kopfe zu bringen aber es schlug mir fehl Als
ich mit gehöriger Behutsamkeit des Wunders erwähnte und ihm erzählte wie der
Domherr aus Achtung für ihre Namensschwester sie wieder in das Haus nähme
geriet der Mann in einen Zorn den ich weiter nicht zu stillen vermochte 
»Das mag er« antwortete er mir »in das meinige soll sie keinen Fuß wieder
setzen so wenig als ihr Verführer  Wollen Sie sehen wo das erste Unglück
geschehen ist so kommen Sie«  Er führte mich nun in die große Stube  zeigte
mir das Bette und mit Tränen im Auge fing er gerührt an  »Hier mein Herr ist
das schönste beste unschuldigste Mädchen dem bösen Feinde geopfert worden
aber ohne mein Verschulden Wie hätte sich eine Christenseele einbilden können
dass ein Kind neben einem Geistlichen der in der Nacht von der Reise ermüdet
um eine Herberge bat so etwas zu besorgen hätte  ein Kind das damals noch
nicht  Doch ich will keine Sottise sagen  aber Sie verstehen mich mein Herr
 O du barmherziger Gott was hast du uns für Seelenhirten gegeben Ich war
stolz auf das Mädchen  denn reizender  sehen Sie und niedlicher gebaut war
weit und breit keine andere zu finden«  »Ach ich kenne sie besser vielleicht
als Sie selbst mein guter Mann« antwortete ich seufzend  »Ich habe ganzer
acht Tage neben ihr an gewacht und geschlafen«  »Und reisen nun  ist es
nicht so« fiel er mir kleinlaut in die Rede »nach Montpellier«  »Nichts
weniger« gab ich mit großen Augen zur Antwort »ich gehe jetzt nach Marseille
wo ich den Winter über«  »Nun da nehmen Sie mir nicht übel« unterbrach er
mich »da kennen Sie meine Nichte schwerlich besser als ich Sein Sie froh mein
guter Herr Sie sind der erste Passagier der von dort her zu mir kam  in der
Nähe dieser Virtuosin gewohnt hat  und noch so gleichgültig von ihr sprechen
und gar ein gutes Wort für sie einlegen kann«  »Heilige Cäcilia« entfuhr mir
der Ausruf  »Ja ja« spöttelte er mir zu »traue nur einer der heiligen
Cäcilia und ihrem Kreuze Sie sehen doch nun wohl dass meine Nachrichten echt
sind Ich habe sie von guten Händen In der Tat war es der artigste Herr von
dem feinsten Geschmacke den ich jemals gesehen  ein junger Baron aus der
Neumark der auf Ihrer Route und fünf Tage gezwungen war von den Beschwerden
der Reise  Sie wissen wohl  bei mir auszuruhen Da ich mir nichts anders
denken konnte als dass Sie auch nach Montpellier müssten so freute ich mich
recht meinen Gruß an ihn bestellen zu können  denn vermutlich ist er noch
dort Alles erinnert mich an ihn bis auf die Livree sogar die er eben so gab
wie Sie  Es war ein heller vortrefflicher Kopf Hätte er sich nur besser vor
meiner Nichte gehütet« »Aus der Neumark war er sagen Sie« griff ich endlich
dem Schwätzer ins Wort »und er gab« indem ich den Epilogus bei dem Fittich
nahm »dieselbe Livree«  »Accurat so« antwortete der Wirt »und mit eben
solchen Quasten und Knöpfen«  »Und der Name« fiel ich ihm ein »wie war denn
sein Name« »Aussprechen kann ich ihn nicht« sagte er »das habe ich schon
mehrmalen versucht zum Glücke aber habe ich mein vorjähriges Rechnungsbuch noch
nicht zerrissen dort können Sie ihn unterm Monat November selbst lesen 
Bemühen Sie Sich nur in meine Unterstube«  Ich ging ihm voller Neugier nach
bis an seinen Schrank aus dem er mir sein Rechnungsbuch zulangte Er schlug mir
das Blatt auf Ich las mit Bedauern den Namen eines Mannes den ich  hier nicht
gesucht hätte wie viel er  für Brühen von jungen Hühnern schuldig geworden war
und sah dass seine beiden Bedienten  vermutlich bessern Appetits wegen 
fünfmal so viel verzehrt hatten als ihr Herr Das ist was ich aus seinem Konto
herauslas Sein Name soll übrigens nicht über meine Zunge kommen  darauf kann
der junge Herr sich  wenn er ungefähr mein Tagebuch zu sehen bekäme  auf
KavalierParole verlassen und treffe ich ihn wenn ich durch Montpellier komme
noch an so könnten wir wohl gar unsere Nachhausereise zusammen machen  Nicht
dass ich etwa wünschte noch mehr von unserer Nachbarin zu erfahren  von der
weiß ich in dieser Zeitlichkeit nun genug Nein ich wünschte es bloß weil der
Wirt von ihm rühmt dass er ein artiger Mann von dem feinsten Geschmacke und
ein vortrefflicher Kopf sei  Wahrlich Eigenschaften die man sich an einem
Reisegesellschafter nicht besser wünschen kann  »Sie haben voriges Jahr eine
hübsche Einnahme gehabt Herr Wirt« sagte ich indem ich ihm sein
verräterisches Buch wieder zurück gab »Ich sehe Sie sind ein ordentlicher
Mann der sein Vermögen gut zu verwalten weiß desto weniger um wieder darauf
zu kommen kann ich es billigen dass Sie es einer Heiligen vermachen wollen
deren größte Sünde wohl ist dass sie sich bekehrt hat« »Das ist mir wahrlich
das ist mir zu hoch« antwortete der Wirt »und ich wende eine Flasche Wein an
Ihre blasenden Postillions damit sie Ihnen Zeit gönnen es mir zu erklären« 
»O dazu gehört nur eine Minute lieber Mann« erwiderte ich »Sie können wohl
glauben ich habe nicht das geringste Interesse bei der Sache  und eben so
wenig habe ich etwas wider die heilige Magdalena  aber das Aufsehn das sie
überall macht  die Kirchen die ihr geweiht sind  das Lob das ihre Wiederkehr
von allen Kanzeln erhält und die Ehre die man ihren Tränen erweist  haben
seit ihrem Evangelio  glauben Sie mir  mehr schöne und gute Mädchen um ihre
Unschuld gebracht als alle Domherrn zusammen und das ist doch Gott weiß viel
gesagt Denn wie das menschliche Herz ist um eine reuige Sünderin zu werden
gleich der heilig belobten Magdalena denken die meisten muss ich ja doch erst
meine Jugend nützen wie sie Lieber wollte ich an Ihrer Stelle Herr Wirt
meinen saueren Erwerb auf den Fall meines Todes den Armen schenken«  »Den
Armen mein Heer« wiederholte er höhnisch »In diesem schönen fruchtbaren
unbebauten Lande sollte es Arme geben die Unterstützung verdienten Sind denn
nicht schon genug Spitäler voll von Müssiggängern und Faulen Mag denn hier wohl
eine Seele arbeiten Findet es nicht jedes bequemer zu betteln  zu stehlen so
lange es jung ist  im Beichtstuhle sich seine Sünden vergeben zu lassen um
neue zu begehen und sich um eine Stelle in einer milden Stiftung zu bewerben
wenn es altert und krank wird Dieses Leben führte der Vater der Sohn setzt es
fort und vererbt es wieder an seine Kinder  Nein mein Herr die hiesigen
Armen sollen nichts von mir bekommen Aber da Sie mir wegen der Magdalena einen
Floh ins Ohr gesetzt haben so kann es wohl sein dass ich mein Testament ändere
 und ein gutes frommes und schönes Mädchen an Kindesstatt aufnehme die einmal
einem rechtschaffenen Manne wieder mein erworbenes Vermögen zubringt«  »Tun
Sie das lieber Onkel« sagte ich  und Gott sei Dank dass ihm dieser Ehrentitel
auf keine Art zukommt da er bei verwandten Seelen eben nicht im Gebrauch ist
denn in diesem Falle Eduard gäb ich ihn diesem wackeren Manne nicht mehr aus
Laune sondern aus bessern Urkunden sogar als andere oft vorzeigen können die
ihn stolz von uns fordern  »Tun Sie das lieber Onkel« sagte ich ihm also
beim Einsteigen in den Wagen »bemühen Sie Sich um ein hübsches Kind das Sie
der Verführung Ihrer Domherrn entreißen und das Ihnen und der Jugend den großen
Verlust von Klärchen wenn es möglich ist ganz wieder ersetzt Mir ist es sehr
lieb dass ich wenigstens doch beim Austritte aus diesem Lande Einen ehrlichen
Mann habe kennen lernen  Gott erhalte Sie Leben Sie wohl«  Ich fasste noch
mit gerührtem Herzen den Segen auf den er mir nachrief Von einem so
ungeweihten Speisewirte er auch herkam hoffe ich doch soll er mich besser
entsündigen als die Kreuze jenes betrunkenen Herrn
    Wie ich vor das Stadttor kam bemerke ich erst dass ich auf einer Insel
gewesen war und begriff nun leichter wie sich hier  abgesondert vom festen
Lande  noch einige Ehrlichkeit erhalten konnte
    Die Brücke über die Dürance kam mir trotz dem heiligen Nepomuk der zu
ihrem Schutze darauf stand doch so gefährlich vor dass ich ausstieg und mich
nicht eher darüber wagte bis ich meinen Wagen an dem andern Ufer erblickte
    Das Bild der Sonne schwebte nur noch an dem Saume des Horizonts und ihre
gebrochenen Strahlen röteten die hinschwindende Landschaft Die Gegend war im
Steigen  die Pferde zogen mühsam  und ich schlich voll von Gedanken zu Fuße
hinter dem Wagen her Wie wir den Hügel bald erstiegen hatten befahl ich meinen
Leuten sachte fortzufahren und die matten Pferde verschnaufen zu lassen setzte
mich an seinem Abhang auf die Wurzeln eines abgestorbenen Oelbaumes und suchte
mir die Empfindungen deutlich zu machen die meinem Herzen entstiegen Wie
ungleich waren sie jenen die sich sanft aus ihm ergossen als ich das
freundliche Kaverac in seiner gesegneten Flur  als ich in dem sympatetischen
Gefühle der Jugend meine geliebte Margot verließ Unter einem noch schöneren
Himmel als dort wie erschlafft fand ich hier in dem Müssiggange eines
frömmelnden verdorbenen Volks jede Federkraft der Natur! Welch eine bängliche
Ansicht So weit meine Augen mich trugen sah ich Standbilder der Heiligen auf
rebenlosen nackten Bergen  entdeckte nur verfallene Stege  durchgebrochene
Dämme morschen Götzen mit ruhmlosen Namen zum Schutze überlassen  hörte das
Läuten der Abendmetten in den umliegenden einzelnen Dörfern  ohne dass ein
Schäfer vor seiner gesättigten Herde oder ein müder Ackersmann hinter seinem
umgelegten Pfluge dem Aufrufe zur Ruhe nachschlich  ohne dass ein Winzer von
fröhlichen Kindern begleitet aus seinem Weingarten hervorbrach  Großer Gott
rief ich wehmütig aus und faltete die Hände wie lange wird dieser Missverstand
deiner wohltätigen Absichten diese Beschimpfung deiner Natur noch dauern Wie
lange wird noch der Bürger seine kostbare Zeit der Landmann seine nützlichen
Kräfte der Tagelöhner den kleinen Erwerb seiner wenigen übrig gelassenen
Arbeitsstunden an den Putz einer Wachspuppe und das Wohlleben ihrer
Götzendiener verschwenden  in seinem Hause das Licht  auf seinem Herde das
Feuer ersparen  um durch eine verdienstliche Finsternis der ewigen Lampe Öl zu
verschaffen Wie lange werden die Sklaven der Andacht das Mark ihrer Söhne gegen
ein geweihtes Todtenbein vertauschen und mit dem Geruche seiner Heiligkeit ihre
Schlafkammern verpesten Wie lange noch großer barmherziger Gott werden die
Unsinnigen für die baldige Entwicklung ihrer Töchter alle Heiligen anrufen um
ihre ersten Blüten dem ehelosen Mönche zu opfern der jedem frühen Gefühl eines
erwachten Herzens noch früher entgegen kommt jede aufkeimende Frucht wie ein
Raubtier bewacht und alle Erstlinge der Natur und des Fleißes als sein
Eigentum ansieht Durch ach wie viele Menschenalter  rief ich mit gepresster
Brust  wird dieser schwere Übergang zur Wahrheit und Freiheit noch zögern 
Und wie ich so sprach und meine Augen zu Gott erhob vergüldete die ewige Sonne
zum letztenmal heute die steinigen Hügel Ich schrieb noch im Glanze des
Abendrots folgende Gedanken in meine Schreibtafel aus denen Du sehen wirst
dass ich nicht umsonst das Wirtshaus zum Propheten besucht habe  überblickte
noch einmal diesen so schönen und so gemissbrauchten Erdstrich  und winkte nach
meinem Wagen
Als hätte die Natur im Bilden
Mit Liebe länger hier verweilt
So ganz hat diesen Lustgefilden
Sich ihre Schönheit mitgeteilt
Doch Mönche kamen und zertraten
Den Plan der fröhlichen Natur
Und auf dem Umkreis ihrer Saaten
Herrscht Gleissnerei und Armut nur
Trajan entlockte Fleiß und Leben
Hier diesem Felsen  diesem Hain
Und Berge luden ihn voll Reben
Zum Jubel guter Fürsten ein
Ihr Fluren die ihr freundlich blühtet
Als Jupiter noch auf euch sah
Wie traurig liegt ihr abgehütet
Von päpstlichem Gesindel da
O Land das nur den faulen Bäuchen
Der Mönche zu Gebote steht
Und mit abgöttischen Gebräuchen
Belastet  schwankt und untergeht
Ach warum hat ruft meine Stimme
Gott seinen Blick von dir gewandt
O du der Hirnwut und dem Grimme
Der Heiligen verratnes Land
Wo Priesterstolz und Aberglaube
Wie Mehltau eine Gegend trifft
Verdorrt die Saat verwelkt die Traube
Und aus dem Oelbaum rieselt Gift
Besangen wohl des Landmanns Lieder
Sein Glück an einem Erntetag
In Argos Tälern eh die Hyder
Dem Arm des Rächers unterlag
Hier heißt die Tugend eine Bürde
Der Weisheit selbst wird hier geflucht
Die nicht in Klöstern  Menschenwürde
Nicht Trost am Tisch des Gauklers sucht
Bei Ihm  der Felsen abzuründen
Verspricht der Berg und Täler gleicht
Und deinem Mund Erlass der Sünden
Und deinem Gaum Vergebung reicht
Wie stürzt nicht der betörte Haufe
Ihm zu begafft und überschlägt
Die Ware die zu gutem Kaufe
Er ihren Sinnen vorgelegt
Der Mörder packt dann wie der Zecher
Ein Sortiment zum andern auf
Und jener Schutzgott der Verbrecher
Spricht Segen über ihren Kauf
Und dieser Tross von Himmelserben
Durchwallfahrt dies verarmte Land 
Spielt seinen Überrest von Scherben
Dem Hohenpriester in die Hand
Vertauscht für unbegriffne Worte
Das Bettelbrod das er erwirbt
Und mit dem Schlüssel zu der Pforte
Des Himmels  gähnt er hin und stirbt
Ihr Räuber dieses Landes hört
Der Wahrheit Ruf die aus mir spricht
Euch droht die ihr das Volk betört
Des Volkes blutiges Gericht
Ich seh im Kreis von euren Bürgern
Des Aufruhrs schwarze Fahne wehn
Und eure Schafe  zu den Würgern
Furcht  zur Verzweiflung übergehn
Und seh erstaunt wie jede Puppe
Der Andacht in ihr Nichts versinkt
Wie nicht mehr die geweihte Schnuppe
Der ewgen Lampe sie umstinkt 
Kein Kuttenträger mehr die Zofe
Der heiligen Maria macht
Und kein an eines Priesters Hofe
Gebildeter dies Land bewacht
Seh eure Heiligen zerstückeln 
Seh die Legenden in dem Wind
Zu edleren Stoffen sich entwickeln
Die eines Gottes würdig sind
Und seh entfernt wie aus dem Staube
Die Tugend ihre Stirn erhebt
Und neue Hoffnung  neuer Glaube
Und neues Glück dies Land belebt
Und dann erst möge Gott es wollen
Wird Ordnung und Natur gedeihn
Die Wüsten werden Früchte zollen
Die öden Berge  guten Wein
Gesundes Volk wird ungesegnet
Im Schatten seiner Laube ruhen
Und ohne dass ihm Gott begegnet
Doch redlich seine Arbeit tun
Dann erst entsteigt den Finsternissen
Des Glaubens die versteckte Flur
Man wird von keinem Wunder wissen
Als von den Wundern der Natur;
Der Pilger wird sie nur im Reize
Der Unschuld seines Mädchens sehen
Und manch Kapellchen ohne Kreuze
Wird seiner Andacht offen stehen
                                                                Den 9ten Januar
Unter dem Heere von Gedanken die diesen Morgen auf mein Erwachen zu lauern
schienen war Dein Bild teuerster Eduard der erste der mir anflog so wie es
der letzte war mit dem ich einschlief Darf es Dich wundern dass ich mich
leichter selbst aus dem Auge verliere als Dich Wem könnte ich denn wohl den
Verdruss der mir aufstösst billiger zurechnen als dem Anstifter meiner Reise
so wie ich ihm eben so gern das Gute verdanke das mir begegnet Nachdem ich Dir
meine Verbeugung gemacht hatte und zu der Musterung Deiner Nachtreter überging
merkte ich es durch die letzt vergangenen acht Tage gewitzigt den meisten bald
an dass ich wohl am klügsten täte sie lieber gleich vor meinem Bette
abzuweisen ohne mich an ihre zuvorkommenden Mienen zu kehren Ich suchte mir
Einen unter der bunten Gesellschaft aus der mich mehr als die andern alle
befremdete von dem ich mir jedoch wo nicht die angenehmste doch die
lehrreichste Unterhaltung versprach vorausgesetzt wenn ich Mut genug hätte
ihm bis in den Schlupfwinkel nachzugehen in den er sich wie ich ihn in das
Auge fasste zu verkriechen anschickte Freilich hätte er mir nicht so neu
vorkommen sollen als er mir schien denn es war der ewige Gegenstand meiner
Betrachtungen  mein eigenes Selbst Da ich aber wie Du nur zu gut weißt vorige
Woche nicht zu mir selbst kam so wird es begreiflich wie ich die
Veränderungen die stufenweise mit ihm vorgingen so wenig bemerken konnte dass
es mir jetzt schwer ward seine sonst so offene Physiognomie unter den Flecken
heraus zu heben die ihn entstellten O hätte mich Freund Eduard seufzte ich
ruhig in dem Winkel sitzen lassen aus dem ich mit stolzem Wohlbehagen über die
übrige Welt hinblickte Dort lebte ich unter der strengen Aufsicht meiner
moralischen Bücher kannte keine Heilige keine Kasuisten und war meiner Tugend
gewiss Dort hätte ich mit Zufriedenheit meines Beichtvaters exemplarisch an
meiner Hypochondrie verscheiden und die Rechnung meines Lebens dem obersten
Richter vorlegen können ohne zu erröten  Würde ich denn aber auch warf ich
mir auf einmal ein darum besser gewesen sein als jetzt Hätte mir der oberste
Richter nicht antworten können »Du trittst mir zwar unbescholten und mit dem
Bettelstolze eines guten Gewissens unter die Augen  du bist unbefleckter als
jener Domherr den eine Reihe schändlicher Taten verklagt aber bist du wohl
darum viel besser als er Kannst du dir als Verdienst anrechnen dass der Zufall
den ich gewähren ließ dich an eine viel kürzere Kette legte als ihn  dich in
den Zirkel eines kränkelnden reizlosen Lebens einzäunte und dir nur den
geläuterten Nahrungssaft zuflösste den die gesunde Weide hervorbringt auf der
du geboren warst und starbst ohne dass du die Giftpflanzen zu kosten bekamst
die in einem andern Erdstriche einheimisch den Einwohnern zur gemeinen Nahrung
geworden und mit ihrem Blute vermischt sind«
    Er dessen Stimme an mein Herz schlägt bewahre mich vor dem Unverstande
mit Ihm zu rechten Er mag es wohl besser wissen als wir selbstsüchtigen
Toren was wir eigentlich wert sind und  wie gar nichts unser Anteil an
allem dem Guten ist das aus unserer belobten Freiheit entspringt O ich
erbärmliches Geschöpf Was ist doch aus meiner Selbstzufriedenheit  was aus den
Forderungen geworden die ich auf die allgemeine Achtung zu machen mich
berechtigt glaubte Eine Spanne Zeit verschlang den Reichtum einer ganzen
langen Reihe von Jahren Jetzt ist es mit der schönen Leichenrede vorbei die
ich manchmal im Namen des ganzen Menschengeschlechts in Gedanken hielt wenn ich
mir eine recht behagliche Stunde machen wollte Der neue Text den mir die
vergangene Woche unterlegt ist von einem Gehalte der mir schwerlich die lange
Weile über meinem Grabhügel vertreiben kann So wirke er denn rief ich endlich
aus was er vermag und mache mich wenigstens so lange ich diesseits des Grabes
wandele duldsam gegen andere Schwächlinge die mir gleichen und desto
verschämter und andächtiger wenn ich die Worte jenes großen Menschenkenners in
den Mund nehme »Und führe uns nicht in Versuchung«  Ich kenne keine die
einen deutlichern Spott auf unsere Geisteskräfte enthielten Auf wessen
Bedürfnisse passten sie nicht In dem Sinne der meinigen gesprochen was wollen
sie anders sagen als Mache mich nicht zu gesund am Leibe damit ich nicht
kränker am Geiste werde Führe mir auf meinem geraden Gange keine Heilige und
keinen Heuchler entgegen denn ich bin zu blind großer Gott um sie unter ihren
Larven zu erkennen und zu ungeschickt ihnen solche abzuziehen ohne mich
selbst zu beschmutzen
    Ich schlug meine Augen in die Höhe  eine Bewegung die wir so gern als ein
Zeichen der Andacht anrechnen da es doch meistens nur ein Hebel ist durch den
wir unsere beunruhigte Seele über ihren eigenen Anblick hinweg zu bringen und
eine andere Richtung zu gewinnen suchen denn hinter der geringsten unsrer
Handlungen steckt Stolz und Betrug  Mich brachte mein mechanischer Aufblick
diesmal nicht höher als in die Region der großen Herren Mein Wirt war nicht
umsonst in Wien gewesen denn außer seinem Schreibzeuge das ich Dir schon
beschrieb hatte er auch noch das Bild des Kaisers mitgebracht die Kopie über
dem Eingange seines Gastofs das Original aber wie billig in seinem
Staatszimmer aufgehängt in das er mich  Du weißt aus welchem Irrtume 
logiert hatte Ich konnte immer Gott danken dass es nicht das Bild eines
Heiligen war denn wer weiß wohin das meine Phantasie die nur ein Brett suchte
um fortzuschwimmen verschlagen hätte In dem Deutschen Reiche wohin mich
Joseph der Zweite trug war ich wenigstens zu Hause
    Ich schiffte mit ihm auf gerade wohl fort von einem der Fürsten zum andern
die es teilweise beherrschen und mein beklommenes Herz erleichterte und
tröstete sich an ihren Höfen Ich war erkenntlich für ihre freundliche Aufnahme
und außerordentlich billig gegen die Fehler die ich an ihrer Person oder
Regierung bemerkte denn meine eigene Demütigung machte es mir unmöglich sie
anders als mit der Art von Mitleiden zu betrachten die ein Hektikus für seinen
Bruder empfindet der Blut speit Es wird Dich vielleicht Wunder nehmen Eduard
aber ich mochte im Verfolg meiner Visiten unsere größeren oder kleineren Herren so
genau mustern so als ich wollte ich zählte immer mehrere unter deren Zepter
oder Krummstabe es sich leidlich genug leben ließ und die selbstständig der
Ehre die wir ihnen erzeigen so ziemlich wert sind ehe ich Einmal unter
zehnen auf einen traf bei dem man wenn man ihn auch wie viele andere Dinge
mit Respekt nennt es doch so unmöglich findet einen festen Gedanken zu fassen
wie bei einem Polypen Da sich der Hauptstock dieses Sumpfgewächses ohne den
Inbegriff der kriechenden schlüpfrigen und wurmstichigen Saugarme nicht denken
lässt die ihn zum Polypen erheben  und hinwiederum diese zu keinem edleren
Dienste bestimmt sind als die unreinen Nahrungssäfte die sie einschlucken dem
regierenden Klumpen zuzuführen um sein Pflanzenleben durch die Mechanik des
ihrigen zu erhalten so gibt das Ganze kein unebenes Sinnbild eines solchen
Fürsten und seines Hofs Was kann man mit einem so begabten Zwittergeschöpfe
anfangen als dass man es stehen lässt so lange Gott will Denn gesetzt Du
nähmest auch das Lebendigste was an ihm ist  seine Auswüchse unter die
Scheere so wird doch für den einen Ast den Du heute absonderst morgen ein
anderer wachsen der vielleicht noch häklicher ist als der erste Dieses
Mittelding von Tier und Pflanze wird wie die Regenten die ihm gleichen in
unserm kultivirten Vaterlande immer seltener und bald wird die fortschreitende
Zeit den Deutschen Boden ganz davon gereinigt haben Auf dem Platze den solche
Pigmäen aussaugen werden sich große selbständige Bäume erheben die durch
ihren schattigen Umfang alle Schmarotzer und Wucherpflanzen ersticken
veredelte Früchte tragen und guten Samen über das Land streuen das ihren
Wachstum befördert
    Gott segne diese prophetischen Worte Sie entfliessen so leicht einem
patriotischen Herzen und klingen so schön in dem Munde eines Untertanen des
Römischen Reichs besonders wenn er sie seinem Oberhaupte in einem
Französischen Gasthofe zuruft Auf alle Weise enthalten sie besser geordnete
Empfindungen als das bittere Gewäsch jenes politischen Geschmeisses das nicht
müde wird die angeborenen Rechte seiner Beherrscher zu benagen ihren ererbten
Stand lächerlich zu machen und ihren Glanz zu besudeln Wie oft empört mich die
Zudringlichkeit dieser boshaften Tadler die den Großen der Erde keine
Entschuldigung hingehen lassen selbst die nicht die in ihrer menschlichen
Natur liegt Wie wollte ein ehrlicher Mann bei den unaufhörlichen
Beschleichungen dieser Weltverbesserer die sich in ihren Wirbeln immer selbst
durchkreuzen und gegen einander anstossen nur einen ruhigen Augenblick finden
wenn sie nicht nach Art der Spinnen das Gute an sich hätten dass sie eben so
geschwind als sie anrücken in ihre Höhlen zurück kriechen sobald man sie nur
von fern mit der Spitze des Fingers berührt Es gibt kleine Wendungen  ich
will Dir einige angeben  die auf solche vorlaute Klüglinge nachdrücklicher
wirken als Bücherverbote Wenn der eine lange genug über die Anmassungen der
Fürsten und über die Stelzen auf denen sie sich über uns erheben gefaselt 
der andere ihre häufigen Missgriffe bei der Wahl ihrer Staatsdiener aufgezählt 
der dritte die Erschlaffung in ihren Regierungsgeschäften auf das genaueste
entwickelt hat wenn jener Schwätzer sich mit gelehrtem Anstande in seinem
Lehnstuhl festsetzt um desto bequemer seine philosophische Hitze an dem
kalterzigen Regententross zu verblasen wenn dieser ihren festlichen Müßiggang
mit schelen Augen verfolgt die Backen voll nimmt um ihr Eigentum als einen
Raub zu verschreien den ihre ritterlichen Ahnherren an dem gemeinen Wesen
begingen oder wenn er ihnen zumutet Rechnungen abzulegen die durch Gottes
Zulassung längst schon geschlossen sind so ergreift mich die Ungeduld  so
schlage ich mich endlich ins Mittel nehme den einen und nehme den andern bei
der Hand und führe ihn Treppe auf Treppe ab in seinen eigenen verschobenen
lächerlichen oder zerrütteten Haushalt zurück begleite ihn in das Putzzimmer
oder Schlafgemach seiner Gebieterin oder in die Kerkerstube seiner Knechte und
Mägde  schlendere mit ihm seinen verfallenen Scheuern oder verwilderten
Krautäckern zu gehe das Inventarium seiner Wäsche durch frage ihn wie seine
Vorältern zu dem Zehenten kamen den sie ihm vererbten und durch welches Recht
Er mehr Spielraum einnimmt als ein anderer der eben so breit ist als er Den
Grämling endlich der alle Kron und Erbprinzen zu Missgeburten menschlicher
Torheit herabwürdigen seine Beherrscher wählen oder zu seinem Idol eine Hyder
aus den klügsten Köpfen des Volks  den seinigen jedoch mit eingeschlossen 
zusammen setzen möchte dränge und treibe ich durch das Labyrinth seiner
Sophismen nach Berlin zu den Füßen unsers Monarchen Sein Dasein ist schon
allein die beste Verteidigung der Erbfolge Die klügste Wahl hätte nicht
väterlicher für uns sorgen können als hier die Natur die aus dem Urstoff so
mancher lieblosen stolzen und schwachen Ahnherren endlich einen König
destillirt hat der gut selbstständig und groß alle Herrschertalente
vereinigt  der mit dem feinsten Gefühl begabt zu jedem Übel das Gegenmittel
zu finden nie einen stärkeren Hebel gebraucht als die Last erfordert die er
wegschaffen soll Dieser Brennpunkt der meine Blicke immer wieder sammelt wenn
sie noch so weit über die Gränze schweifen vereinigte sie auch diesmal Ich
verlor mich so sehr in Betrachtung dieses merkwürdigen Mannes dass Kaiser und
Reich lange warten mussten eh ich auf sie zurück kam
    »Meine gnädigen und hochgebietenden Herren« beurlaubte ich mich am Ende von
der ganzen vornehmen Gesellschaft »mein langes Ausbleiben beschämt mich aber
das große Vorbild das ich in Ihren Kreis bringe wird es entschuldigen Darf
ich Ihnen noch zum Abschied einen wohlgemeinten Rat erteilen so suchen Sie
nur seine einfachern Tugenden zu erreichen  die glänzenden erlassen wir Ihnen
gern  und Tausende mit mir werden aufstehen und Sie gegen das giftige Gewürme
in Schutz nehmen das Ihre Vorzüge begeifert Mögen doch Ew Majestäten und Ew
Durchlauchten durch Verbrechen Ihrer Vorfahren oder durch Geistesschwäche der
unsern zur Herrschaft über uns gelangt sein wir wollen Ihnen den zufälligen
Genuss Ihres angeerbten Gewinnstes gönnen ohne über den ersten Erwerb desselben
lange nachzugrübeln  wenn Sie Sich nur als edle Spieler betragen  uns nicht
durch das stolze Lächeln der Schadenfreude bei jedem Bissen trockenen Brodes
das wir essen an den Verlust unseres Fettes erinnern und nicht den Enkeln zu
hart die Ungeschicklichkeit ihrer Vorältern entgelten lassen Mag es noch so
gewiss sein dass Ihre geheiligte Person durch eben die kleinen Hilfsmittel an uns
zum Ritter ward die Sie jetzt in unsern profanen Händen für verdächtig und
strafwürdig erklären  so wollen wir doch in blindem Gehorsam die moralischen
Bollwerke ungestört lassen hinter denen Sie Ihre Rechte verschanzt haben und
der Politik huldigen die das Gesetz der Vergeltung an den Galgen geschlagen hat
 wenn Sie nur nicht gar zu treu dem Beispiel eines Ihrer Herren Kollegen
nachgehen1 Durch eine Flasche Wein gewann er das Gebiet seines Nachbars  und
sogleich als weiser Gesetzgeber verbannte er das begeisternde Getränk aus
seinen eroberten Staaten versicherte sich der Treue seines Volks  durch
Mohnsaft und verteilte jedes kraftvolle Männerherz in kleinen Bissen unter ein
Heer hungriger Bacchantinnen Vor solchen politischen Anstalten  meine
gnädigsten Herren bewahre Sie Gott«
    Ich wurde in meiner stattlichen Rede an die großen Herren drollig genug
durch eine noch stattlichere unterbrochen mit der mich mein Wirt hinterrücks
anfiel der während ich mich mit Kaiser und Reich unterhielt unbemerkt mit
meinem Frühstück eingetreten war und sobald er seine Hände frei hatte sich
mit vielem Anstande nach mir zu kehrte An der Türe sah ich zugleich einen
hageren Kerl der bis auf sein ominöses Gesicht in die Draperie eines
Scharlachmantels geschlagen wie die Maske eines Römischen Censors da stand
»Ich habe« fing der Wirt an »die ganze Nacht der Vorsehung gedankt die
meinem Hause das Heil widerfahren ließ einen Mann wie Sie zu bewirten«  O
ho dachte ich dieser Herrenhutische Eingang verspricht nicht viel Gutes für
meinen Beutel aber hierin irrte ich mich  Immer habe ich gewünscht den
Reisenden die vor meinem Gasthofe halten noch ehe ich sie bewillkommne an das
Herz zu reden und ihnen mit einem großen feierlichen Gedanken gleichsam in die
Pferde zu fallen  Ich spitzte voll Erstaunen die Ohren  »Was soll man sich
bei den Sinnbildern so vieler Wirtshäuser denken bei dem goldenen Hammel der
silbernen Striegel oder dem Kreuze von Malta Ich versuchte es im Anfange meiner
Wirtschaft mit dem Bilde meiner Frau  So lange das Bild noch frisch war tat
es auch Wirkung Nach und nach ward es aber bleich  die Gäste blieben aus und
ich war entschlossen es aufmalen zu lassen Es ging aber anders denn eben in
dieser Epoche geschah es dass mich der Prinz auf einem Besuche den er seinem
großen Vetter in Wien abstattete als Mundkoch mitnahm und nach seiner
Zurückkunft mit dem Titel seines Haushofmeisters entließ Auf dieser Reise
lernte ich erst ich muss es gestehen den feinen Geschmack der französischen
Küche mit dem nahrhaften der Deutschen verbinden Ich sah Joseph den Zweiten
nicht ohne Nutzen einigemal speisen und glaubte es dem Andenken dieser
belehrenden Reise schuldig kein ander Bild auszuhängen als das seinige Sieben
Jahre hängt es nun da doch fängt es nun auch an unscheinbar und den Leuten
gleichgültig zu werden ich merke es nur zu sehr schon in meiner Wirtschaft Da
flüsterte mir nun meine Frau diese Nacht zu  Andres Die Erzählung der
fremden Bedienten liegt mir immer im Ohr und lässt mich nicht schlafen Das
Wunder das ihr Herr gestern getan hat wird bald genug Lärm machen denn so
etwas wächst wie ein Schneeball Weißt du was der Herr muss gut sein da er
Wunder tut  und wir brauchen ein neues Schild  Sein Porträt würde sich unter
allen am besten dazu schicken  Ich dächte du bätest ihn darum Unsre
Wirtschaft würde sicher dabei gewinnen denn nagelneuer kann man keinen
Heiligen auftreiben   Tue es lieber Mann damit uns kein anderer Gasthof
zuvorkommt So sagte meine gute Frau und gewiss ist es nicht bloß Eigennutz
sondern Frömmigkeit die ihr diesen Wunsch abnötigt  Schlagen Sie uns
solchen nicht ab würdiger Mann Nur Eine Stunde  und dieser geschickte
Künstler «  Hier bewegte sich der Scharlachmantel und sein Handwerkszeug
fiel mir mit Entsetzen in die Augen Ich fuhr wie aus einem schweren Traum auf
und sah im Spiegel dass ich so rot war wie die Draperie des Malers  Das
dachte ich soll auch gewiss der einzige Anstrich sein den er dir gibt
    »Halten Sie inne« fiel ich dem Wirt mit äusserstem Verdruss in die Rede
»und verschonen Sie mich mit solchen  Anträgen ich will das Beiwort das sie
wohl verdienten verschlucken Kanonisieren Sie wen Sie wollen nur mich nicht
Mein so genanntes Wunder von dem ich gestern bei Ihnen ausruhte war deutsch
gesprochen nichts mehr und weniger als eine Posse das können Sie mir
nachreden ohne mir Unrecht zu tun Ein Herr wäre wahrlich übel daran wenn er
für alles das stehen müsste was seine einfältigen Bedienten um den Küchenherd
von ihm posaunen«
    Ich ging ernst und mit großen Schritten die Stube auf und ab Der Wirt
schwieg und ich sah es ihm an dass er bei jedem hitzigen Worte das ich
außstieß immer mehr an meiner Heiligkeit irre ward Du musst wohl dachte ich
ein wenig einlenken  Sind doch schon klügere Leute durch solche Albernheiten
verblüfft und verrückt worden  »Es tut mir leid« drehte ich mich gelassener
zu ihm »dass Sie einen geschickten Maler hierher bemüht haben aber Sie sollen
nichts dabei einbüßen Ich will gern das Missverständnis bezahlen in das meine
Leute Sie gebracht haben von den vielen Lichtern und Schüsseln des gestrigen
Abends an bis auf den Fleischergang dieses Herrn Setzen Sie nur alles auf
meine Rechnung Dafür bitte ich mir aber wiederholt aus dass Sie allen
Reisenden die Sie über mein Wunder in Avignon dogmatisiren hören das
Verständnis öffnen und entschuldigen Sie mich aufs beste bei Ihrer lieben Frau
Wenn ich Ihnen beiden etwas raten soll so behalten Sie ja das Bild unsers
guten Kaisers fernerhin bei Es wird Ihrem Hause gewiss das meiste noch
einbringen Warum sollte es andern Reisenden nicht gehen wie mir Es erinnerte
mich an die guten Tafeln von Wien  das Wasser kam mir in den Mund und ich
kehrte bei Ihnen ein« 
    Dieses brachte den Mann ganz wieder zu seiner Besinnung »Sie haben Recht«
sagte er nach einigem Nachdenken »Wien ist die hohe Schule der Kochkunst und
ein Wirt der das seinige dort gelernt hat sollte eigentlich in keinem Lande
verderben  Das Bild des Kaisers  ja  ja  weil der Herr Maler einmal hier
ist so mag er es heute noch auffrischen Es bleibt doch noch immer das
anlockendste Schild«  »O ganz gewiss« fiel ich ihm ein »es erweckt nicht
allein große Gedanken sondern auch lüsterne Aber ich möchte gern bei Zeiten
nach Aix  Schicken Sie mir meine Bedienten herauf und sorgen Sie für das
Anspannen«
    Ich warf ihm ein Schnippchen nach und meine Wundergestalt auf einen Stuhl
sobald er sich mit seinem Künstler getrollt hatte  »So darf man« sagte ich
mit höhnischem Verdrusse »nur eine Torheit in der Welt begehen oder dem
dummen Haufen ein Blendwerk vormachen wenn man wünscht sich modelirt gemalt
oder in Kupfer gestochen zu sehen den Kirchen den Wirtshäusern den
Büchersälen zum Schilde zu dienen Da forschen denn Zeitgenossen und Nachkommen
nach dem Ausdruck unsers Geistes  denken so muss ein großes Genie aussehen
und um der Larve ihres Vorbildes gleich zu werden verzerren sie ihre eigenen
Nein bei Gott so ein Affengeschlecht als wir Menschen sind  Und du«  fuhr
ich in meiner Galle gegen das Trio fort das herein trat »du Bastian 
abergläubischer dummer Kerl und ihr beiden elenden Puppenspieler  was zum
Teufel gehen euch meine Wunder an Wenn euch nach der Ehre gelüstet einem
Heiligen zu dienen so sucht euch einen denn wahrlich euer Unverstand allein
wird mich nicht dazu machen Erwähnt einer von euch das vermaledeite Avignon
noch mit einer Sylbe so sind wir geschiedene Leute Ich will dieses Nest
durchaus vergessen und mich nicht bei jedem Bissen Brod und von jedem Esel
daran erinnern lassen Das ist mein letzter Bescheid«
    Sie standen so einfältig und niedergebeugt vor mir wie Ladendiener vor
ihrem Handelsherrn in dem kritischen Augenblicke wo er ihnen seinen Bankerot
ankündiget Ich sah es ihnen an dass sie bei meiner Herabwürdigung mehr noch an
die ihrige dachten denn jeder Pinsel er mag in einer Liverei stecken oder in
einem Hofrocke fürchtet an Wert zu verlieren und in Finsternis zu versinken
wenn der Nimbus seines Gebieters verlischt Zwei traten stillschweigend nach
meiner Erklärung ab Nur der Epilogus schien etwas noch auf dem Herzen zu haben
und fing mit seinem gewöhnlichen Anstande an es auszukramen
    »Unter allen guten Eigenschaften eines Bedienten« erhob er seine
Teaterstimme »steht wohl die Ehrlichkeit« »Keine Chrie Herr Volksredner«
siel ich ihm ins Wort »die verbitte ich mir Sage es ohne Umschweife Was hast
du anzubringen  nun«  »Nun denn nämlich« stotterte er »ich bin so glücklich
gewesen eine Entdeckung zu machen«  »Und die besteht«  »Ja mein Gott wie
soll ich Ihnen antworten Ich darf den Ort nicht nennen  Eigentlich braucht es
auch nicht  es steckte ja nur in der Liverei die Sie dort kauften«  »Kerl«
fuhr ich ihn an »das einemal sprichst du wie ein Buch das andremal noch
schlechter  Wo ist denn hier der mindeste Zusammenhang«  »Sie wollen ja
keinen« versetzte er mit weinerlicher Stimme »Ihr Verbot hat mich so  so irre
gemacht dass ich für alles in der Welt in diesem Augenblicke nicht auf einer
Schaubühne stehen möchte  man würde mich auspfeifen und doch ist das was mir
geschehen ist ein wahrer Koup de téatre  Werden Sie nur nicht wieder
ungeduldig mein Herr  Heute früh als ich mich in meinen neuen Rock warf  wo
muss ich gestern Nachmittags mein Gefühl gehabt haben  stellen Sie Sich meine
Überraschung vor entdeckte ich einen verborgenen Schubsack  Ja den wird mir
nun freilich niemand streitig machen wem aber gehören die Sachen die ich darin
fand Das ist die Frage Gehören sie Ihnen der die Liverei bezahlt hat  dem
Bedienten der sie vor mir trug und verkaufte  seinem Herrn der sie
anschafte  mir dem sie jetzt auf dem Leibe sitzt  oder dem unbegreiflichen
Trödler der «
    Indem blies der Postillion und ich griff nach meinem Hute  Das tat
Wirkung  Der Schwätzer fuhr nun in die Tasche und zog seinen Fund hervor
der in Makulatur geschlagen und mit einem schmutzigen Bande umwickelt nichts
viel wichtigeres als einen Pfefferkuchen erwarten ließ  »O Sie werden gleich
sehen dass es keiner ist« antwortete er meiner spöttischen Vermutung »wenn
Sie noch so lange verziehen wollen bis ich das Paket aufgeschnürt habe«  Ich
hätte ihm den Gefallen nicht getan wenn meine Neugier auch noch so groß
gewesen wäre »Das will ich bei Gelegenheit schon selbst tun« antwortete ich
»denn dir will ich gewiss keine geben dein Geschwätz fortzusetzen«  Und so
schob ich das Paket oben zwischen die Weste und ging  »Nein mein Herr«
flüsterte er mir noch auf der Treppe ins Ohr »es ist wohl ein Bisschen mehr als
ein Pfefferkuchen  Bei dem hätte ich mir kein Gewissen gemacht  Es ist eine
Schreibtafel  ich habe noch keine von der Schönheit gesehen und es steckt eine
Arabische Handschrift darin die ich aber weiter nicht untersucht habe«  »Das
will ich glauben« antwortete ich kurz  »Aber« hielt er mich noch auf der
letzten Stufe bei dem Ärmel »wem gehört sie denn nun«  »Wem anders« fuhr
ich ihn an »als dem Herrn des lüderlichen Burschen der vor dir in der Liverei
steckte Einer von euch ist wie der andere Eure Unordnung eure Plaudereien und
eure doppelten Schubsäcke sind den Teufel nicht wert«
    Wie ich an den Wagen kam stand eine Menge Gaffer darum die so früh es
auch war doch vermutlich schon von meinem Wunder gehört hatten Ich stieg ein
ohne den Hut abzuziehen oder sie eines freundlichen Blickes zu würdigen Das ist
immer das sicherste Mittel den Pöbel von falschem Glauben an uns abzubringen
und mehr wünschte ich jetzt nicht Ein Heiliger wird es bei der frömmsten Seele
nicht lange bleiben wenn er sich ihr als ein Grobian zeigt
    Ich fand jetzt zum erstenmale und werde es fürchte ich öfter finden dass
ich ein paar Bediente an den Puppenspielern zu viel hatte denn ich wäre gern
Bastianen aus meinem Wagen los gewesen wenn ich nur einen andern unbesetzten
Platz für ihn gehabt hätte So saß er mir hier gegenüber mit seiner freundlichen
Miene in der allerlei Erinnerungen lagen die mir in diesen Augenblicken eben
kein besonderes Vergnügen machten Ich habe Dir schon von der sprechenden
Ähnlichkeit erzählt die er mit seiner Schwester hat Wie ich die Augen
aufschlug kam es mir vor als ob mich Margot ansähe und mich eben durch eine
naive Frage außer Fassung bringen würde Hätte ich ihr wohl nur die einfache
Erkundigung Wie haben Sie Sich die Zeit über befunden beantworten können ohne
zu lügen und rot zu werden Es ist doch eine eigene Sache um das Gewissen es
findet in jedem Kinde seinen gestrengen Richter und zu welcher grausamen Folter
wird ihm nicht der flüchtigste Hinblick auf ein unschuldiges Herz Ich fühlte
meine Brust immer beklemmter und durch eine Verwechselung des Sinnlichen mit
dem Geistigen die gewöhnlicher ist als man glaubt schob ich es sehr
philosophisch auf das Seelenfieber das ich mir in Avignon zuzog ohne eher zu
mutmaßen dass wohl auch eine äußere Ursache daran Schuld sein könne als bis
ich vor Unruhe mir die Weste aufriß und nun das Paket das offenbar meine Hitze
vermehrt hatte heraus fiel
    Es kam mir recht wie gerufen Meine Brustbeschwerde ließ nach und die
Neugier schaffte mir Zerstreuung Kaum hatte ich es aus einander so sah ich mit
Erstaunen in welchem hohen Grad mein Epilogus ehrlich gewesen war wenn er
anders Juwelen besser kennt als das Arabische Das goldene Schloss an der
Schreibtafel war mit Brillanten besetzt davon sich einer drücken ließ um es zu
öffnen die Arabische Handschrift aber war nichts mehr und weniger als ein
Deutscher Brief von mehreren Bogen ohne eine andere Unterschrift als einen
einzelnen Buchstaben indes schloss ich doch aus dem Wenigen was mir das Rütteln
des Wagens zu lesen erlaubte dass er von einem Landjunker herrührte der  was
denkst Du wohl  den guten Geschmack  Gott weiß aus was für Ursachen 
förmlich in Klage nimmt Es hätte mir vielleicht die Zeit vertreiben können
einen Herren dieses Zeichens über einen solchen Gegenstand schwatzen zu hören
nur stellte ich mir den Spaß nicht groß genug vor um deshalb meinen Wagen auf
der offenen Landstraße halten zu lassen Ich schlug also den Brief wieder
zusammen bis auf ein andermal als ich ihn aber an seinen vorigen Ort bringen
wollte schob sich etwas dazwischen das ich für ein Schnallenfutteral hielt
Die sind doch nicht auch etwa von Brillanten dachte ich häkelte den Deckel
auf und Himmel und Hölle und »Halt  halt Postillion« rief ich »ich muss an
die Luft  Fahrt langsam fort  ich werde nachkommen«  So sprang ich heraus
blieb an der Straße stehen wie ein Meilenzeiger und staunte lange vor mich hin
eh ich bemerkte dass Bastian neben mir stand und mich ängstlich beobachtete
»Warum« fragte ich ihn mit hinfälliger Stimme »bist du nicht sitzen
geblieben«  »Ach lieber Herr weil ich glaubte es sei Ihnen etwas
gefährliches zugestoßen«  »Das ist es auch Bastian so ein unerwarteter
Anblick   ich glaubte der Schlag würde mich rühren  Da sieh selbst zu ob
ich recht gesehen habe Erkennst du «  Bastian warf wie er den Deckel des
Futterals zurück zog funkelnde Augen auf das MignaturGemälde das er hier
erblickte und schien sich und mich und die ganze Welt darüber zu vergessen 
»Nun« fragte ich nach einer Weile  »Ach wunderschön« rief der junge Bursche
»Ich bin zwar nicht so glücklich weiter etwas von dem Porträt zu kennen  als
das Gesicht wenn aber alles an der lieben Mamsell so treffend gemalt ist als
das so habe ich in meinem Leben nichts gleicheres gesehen  Armes Klärchen«
fuhr er lächelnd fort »der Tag ist schwül  wie behaglich mag es dir vorkommen
so allein zu sein und dich zu lüften  Ach wie würdest du zusammenfahren wenn
du wüsstest dass dich ein Maler belauschte  Der Schalk Gewiss hatte er sich
neben dir eingemietet wie wir guckte durchs Schlüsselloch zeichnete
pinselte ohne Atem zu holen und hat dich nun  ach Gott und wie über und
über verraten  Lieber Herr sagte ich es denn nicht schon vor acht Tagen wie
ich das schöne Kind zuerst an dem Fenster sah nichts weiter sah als das
Köpfchen  dass es ein Engel wäre Und kann wohl ein ich frage Sie auf Ihr
Gewissen ein Cherubin reiner und durchsichtiger glänzen als diese
unvergleichliche Figur«
    Jetzt merkte ich erst wie unrecht ich tat den feurigen Jüngling mit der
ganzen unverhüllten Gestalt dieses Engels bekannt zu machen denn ob ich gleich
noch vor kurzem in meinem Tagebuche dieser Art KabinetsMalerei das Wort sprach
so setzte ich doch wie Du weißt gewisse Bedingungen voraus unter denen sie
allein von Nutzen sein könne und diese fielen freilich ganz bei meinem guten
Bastian weg Es ward ihm unglaublich schwer sich von der schönen Ware zu
trennen die ihm hier vermutlich zum erstenmale zur Schau vorgelegt wurde Es
gehören freilich mehr Jahre und andere Erfahrungen dazu als die seinigen waren
um über diesen Prunk der Natur gleichgültig hinweg zu gaffen
    »Aber wie konnte Sie das schöne Bild so erschrecken« fragte Bastian indem
er es mir mit einem Seufzer zurückgab  »Wie es das konnte« antwortete ich
ziemlich verlegen »weil ich wie du schon gehört hast an nichts was in
Avignon lebt und webt erinnert sein will am wenigsten an ein Geschöpf das der
hohen Schönheit nicht wert ist mit der es die Natur beschenkt hat«  »Ach
bei allen den Fehlern des Originals bei allem was Sie dem guten Kinde Schuld
geben« antwortete Bastian »wird doch gewiss jedermann so ein Bild gern sehen
und es ist wohl glücklich dass Sie gestern der ProphetenWirt auf die Spur des
Eigentümers gebracht hat Er wird sich nicht wenig freuen wenn er es wieder
erhält«  »Ja ja« sagte ich »er hat es teuer genug erkauft und bezahlt
noch daran«  »Was muss sein Kammerdiener für ein alberner Mensch sein« fuhr
der meinige listig fort »Wenn mir so etwas zum Aufheben anvertraut würde ich
wollte gewiss das sorgfältigste Auge darauf haben«  »O ich kenne deinen
Diensteifer« antwortete ich lächelnd »aber jetzt hast du Bewegung nötig lauf
nach dem Wagen und lass ihn halten«
    Nun war ich allein konnte nun wie ich so gern tue meine Empfindungen
gegen mich laut werden lassen konnte nach Belieben mit den Füßen stampfen und
in die Luft reden ohne dass jemanden hinter oder neben mir Angst werden oder
dass er mich fragen durfte Was fehlt Ihnen  »Ein heimtückischer Streich« rief
ich und warf grelle Augen auf die Mignatur »Abscheulich schönes Geschöpf wie
weit glaubte ich mich schon von dir und deinem Andenken entfernt während sich
dein Bild großer Gott an meinem beängsteten Herzen erwärmte und sich nun auf
einmal so reizend und unverschämt meinen Augen darlegt wie es deine Kasuisten
erlauben Konnte der Zufall« fragte ich bitter »keinen andern Boten auftreiben
als mich um das Gemälde dieser heiligen Buhlerin über die Gränze zu bringen« 
Einen Augenblick war ich entschlossen es an einem Stein zu zermalmen Die
Ehrfurcht für die Kunst allein die Achtung für fremdes Eigentum hielten mich
ab Nun so will ich denn wenigstens dachte ich dieser Kreatur ob sie gleich
sonst nicht verdient die Feder eines rechtlichen Mannes zu beschäftigen ein
Monument setzen und ihrem Bilde eine Warnung anhängen die seine blendenden
Farben so gut wie vernichten und den lüsternen Herren denen es nach mir unter
die Hände kommt die Lust schon benehmen soll das Original aufzusuchen Ich
hoffe die keuschen Musen wenn sie wirklich keusch sind sollen es mir
vergeben dass ich dem Rücken dieser Heiligen den Stempel ihres Lebens zum
Korrektiv ihres verführerischen Anblicks aufdrücke Eine widrige Beschäftigung
ich gestehe es gern da sie aber nur dahin zielt den Lieblingen meines Herzens
den jungen Unerfahrnen denen wie meinem armen Bastian die Natur so heftig
zusetzt dass sie darüber alles verhören was ihnen die Sittlichkeit vorpredigt 
die Augen über diesen kasuistischen Kontreband zu öffnen so ist die Frage ob
in dem ganzen Martial ein einziges so gemeinnütziges Epigramm steht als das
meinige hoffentlich werden soll
    Unter diesem Selbstgespräche setzte ich mich ohne weiter zu zweifeln ob
ich auch diesen Ehrenplatz verdiene in den Schatten eines Lorberbaums der
nicht weit von dem Wege stand spitzte meinen Silberstift und schrieb nun auf
die Rückseite des elfenbeinernen Blattes folgende Adresse an die Vorderseite
wobei ich nicht viel andres tat als die Herzensbewegungen meines guten Bastian
getreu zu übersetzen und am Ende ein kurzes Sapienti sat beizufügen
Ach welch ein Engel setzt hier mir Herz und Augen in Brand
Wirft nicht ein Spiegel wie der uns den verlorenen Stand
Der Unschuld wieder zurück Baut dort in schattiger Lage
Nicht noch die Tugend ihr Nest wie seit dem ersten der Tage
Als Gott ihr stolzes Gefühl mit einem Kleinod verband
Für das der alles genannt doch keinen Namen erfand
Dein Aug in Ehren doch Freund vor der Entscheidung der Frage
Leih erst dein prüfendes Ohr der tausendzüngigen Sage
Dies Wunder Gottes spricht sie so weit das Aug und die Hand
Es zu begreifen vermag steh als ein eisernes Pfand
Gleich andern Wundern der Welt in Mönchs und Pfaffenbeschlage
Und  Doch bedarf es wohl noch dass ich um Worte mich plage
Was dir ein Engel verspricht mit solchen Geistern verwandt 
Flieh die Erfahrung  versteht sich ohne Glossen am Rand
    Sobald ich die Schöne mit dieser Aufschrift gebrandmarkt und mein Mütchen
gekühlt hatte ward ich ruhig und heiter wie ein Mann nach einer getanen
mühseligen Pflicht steckte das Bild in die Schreibtafel und schwur es nicht
wieder vor meine Augen zu bringen So gar lange wird es ohnedies nicht in meiner
Verwahrung bleiben denn schwerlich möchten die Ärzte in Montpellier den
rechtmäßigen Eigentümer vorher entlassen eh ich hinkomme wiewohl er ohnehin
dies Souvenir nicht so gar nötig haben wird um sich lebhaft an sein Liebchen
zu erinnern
    Während des Hingangs nach meinem Wagen überlegte ich wie ich die vielen
Tage die ich durch meinen abgekürzten Aufenthalt in Avignon gewonnen hatte um
vieles nützlicher in der Hauptstadt der Provence anwenden wollte nahm meinen
geographischen Wegweiser zu Hilfe überlas alle die Merkwürdigkeiten die er mir
dort versprach und freute mich herzlich der guten Gesellschaft die seiner
Versicherung nach dort so einheimisch sein soll als es in Avignon die
schlechte ist Mit diesen Gedanken beschäftigt erreichte ich meinen Wagen und
eine Stunde nachher die Stadt
    Ich weiß nicht lieber Eduard ob Dir die eigene Gewohnheit bekannt ist der
ich mich fast mechanisch überlasse wenn ich in einen fremden Ort komme Ich
gehe nämlich so wie ich aussteige auf seine Beschauung aus und zwar aus
mancherlei Ursachen Denn einmal kann man sich den ersten Tag wo man noch
stockfremd auf den Gassen ist manches erlauben wozu man schon den zweiten nach
seiner Ankunft nicht mehr das Herz hat und darüber die niedrigste zwar aber
auch erste Sprosse überhüpft die doch unsere Leiter auf der wir empor steigen
so gut zusammen hält als die oberste und mitgezählt werden muss wenn man die
Höhe richtig bestimmen will In dieser Rücksicht ist die erste Stunde Deines
Eintritts in ein städtisches Getümmel sicher auch die bequemste Sie ist die
einzige die Deinen Launen und Deinen Schritten noch ihren Gang frei lässt der
einen Tag später wo wenigstens Dein Wirt und Dein Lohnlakai Notiz von Dir
nehmen um ein gut Teil beschränkter ist Dein zerzaustes Haar die ungesalzene
Miene der staubige Überrock die Du von der Reise mitbringst nötigen
niemand vor Dir den Hut zu ziehen oder Dir höflich aus dem Wege zu treten Du
könntest Dich wenn Du es bedarfst an der Ecke der Straße barbiren lassen ohne
den Blick eines Vornehmen zu scheuen der etwa bei Dir vorbei geht indes Dich
noch oben darein das geheime Bewusstsein kitzelt mehr zu sein als Du
vorstellst und als die guten Leute glauben unter die Du Dich gemengt hast
Morgen  wenn Du vielleicht gern mehr vorstellen möchtest als Du bist ist es
mit diesem Kitzel vorbei und es ist noch die Frage ob Dir das abgeredte Spiel
der großen Welt selbst diese kleine nicht unbehagliche Empfindung ersetzen
würde Aber schon deswegen möchte ich nicht von meiner Gewohnheit abgehen weil
mich die Erfahrung gelehrt hat dass der erste Eindruck den die Außenseite einer
Stadt so dunkel er auch ist bei mir zurück lässt mich doch weit weniger irre
führt als ihre Topographen und besoldeten Trompeter Ich könnte Dir eine Menge
großer und kleiner Städte herzählen wo ich nichts weiter nötig hatte als aus
dem Wagen zu steigen durch den Kot ihrer Gassen zu waden die Schnörkel an den
Giebeln ihrer Häuser zu begaffen den Drachenköpfen ihrer Dachrinnen
auszuweichen einen Blick auf ihre Markgeschäfte zu werfen oder einer ihrer
geputzten Gesellschaften mit meinen Augen und Ohren auf der Promenade
nachzuschleichen um geschwind mit mir einig zu werden  weiter zu fahren Ich
könnte Dir  Doch ich will Dich nicht länger mit meiner Vorklage aufhalten
sondern Dir kurz und gut sagen dass es mir in dem merkwürdigen Aix gerade so
ging
    Meine Uhr stand auf zehn als ich ankam und auf zwölf als ich wieder
abfuhr ungeachtet ich während dieser kurzen Zeit auch eine Klosterkirche
besuchte die außer den Ringmauern lag Traue einer den Reisebeschreibern Wie
konnten sie es einer einzelnen Gasse wegen die auf beiden Seiten mit Palästen
besetzt und so breit ist dass freilich von den Gliedern des Parlaments die
darin wohnen keines dem andern auf die Finger sehen kann eine herrliche Stadt
nennen ohne die unzähligen Nebengassen in Anschlag zu bringen wo der ungleich
größere Teil ihrer Einwohner durch schmutzige verfallene Häuser wie an einer
rostigen Kette gleichsam an einander geschlossen ist Alle meine Blicke die
ich neugierig von einem Tore zum andern ausschickte kamen unbefriedigt und
schwermütig zurück Ich sah doch in der Welt nichts als einzelne scheue
Menschen die es auf meiner offenen Stirne zu lesen schienen dass meine
Verhältnisse unter dem Monde glücklicher wären als die ihrigen und mir mit
ingrimmiger Miene aus dem Wege traten wenn ich sie anblickte Ein Kaffeehaus
in das ich eintrat vereinigte zehn Bürger die jeder für sich ihr Frühstück
einschlürften ohne einen Laut von sich zu geben und die von eben so maulfaulen
Menschen bedient wurden Ich schlenderte den geräumigen Markt einigemal auf und
ab  Der Ausdruck einer wohl genährten groben Selbstliebe in den Gesichtern der
Vornehmen denen ich begegnete empörte mein Herz die schüchterne Darlegung
derselben in den Mienen der Geringern auf die ich stieß erweckte in demselben
ein widriges Mitleiden und die gefühllose Dummheit auf den Stirnen der Mönche
die hinter ihren Schmerbäuchen hertrabten verdarb mir vollends meine schöne
Morgenstunde Mein Urteil war geschwind gefällt und noch erlebte ich hinterher
etwas das mich wahrlich nicht verführen konnte es wieder zurück zu nehmen Ich
brachte das eine wie das andere in ein paar Dutzend Zeilen die ich in mein
MemorienBuch schrieb und auch Dir zu Deiner Notiz dieser Stadt hersetzen will
Ihr weises Parlament hält Bürgerschaft und Adel
In gleicher Mäßigkeit und Ruh
Und dreht hier jeden Kopf wie der Magnet die Nadel
Dem Gegenpol der Freude zu
Gewohntes Beispiel träger Wille
Giesst Öl auch in des Jünglings Blut
Und in den Gassen herrscht solch eine Sabbatsstille
Wie auf dem Markt zu Herrenhut
Auch fühlt ich gleich in Einem Vormittage
So gut als hätt ich es schon Jahre lang gefühlt
Wie wenig mir ein Puppenspiel behage
Wo Harlekin die zweite Rolle spielt
Indem mich nun der Geist der Langeweile
So vor sich her gleich einem Kreisel trieb
Rief mir mein Taschenbuch zum Glück ins Ohr ich eile
Dem Tempel jetzt vorbei wo Friedrich eine Zeile
Und zwar die einzige für einen Tempel schrieb
Weil seinem DArgens hier dem Feinde
Des Irrtums und der Wahrheit Freunde
Das letzte Ruheplätzchen blieb
Welch Auge blickt nicht gern nach einer Myrtenkrone
Die sonder Neid ein Mitgenoss
Der Seligkeit am Helikone
Um seines Freundes Urne schloss 
Dem Zuruf eines Aschenkruges
Von dieser Seltenheit geh nie mein Stab vorbei
Doch hier  betrogne Phantasei 
Fand ich statt Friedrichs Wort ein hämisch aberkluges
Verworrnes Epitaph im Styl der Klerisei
Das mir bewies dass nie im Weichbild der Abtei
Ein Feind des Irrtums und Betruges
Zu seiner Ruh gekommen sei
    Noch einige Worte zur bessern Erläuterung dieses Textes Ich fragte den
Minoriten der mich in seiner Klosterkirche herumführte und den Teppich abnahm
mit dem das marmorne Monument des guten DArgens bedeckt war warum man denn die
kurzen königlichen Worte mit einem solchen Schwall anderer vertauscht hätte als
ich hier in goldenen Buchstaben vor mir sah  »Weil wir sie« antwortete er mit
dummer Aufrichtigkeit »in dem Sinne nicht brauchen konnten die der König
hinein legte Die Freigebigkeit des königlichen Ketzers trugen wir kein Bedenken
zur Verschönerung unserer Kirche zu benutzen aber seiner heidnischen Inschrift
geschah nicht mehr als Recht da sie auf Befehl unserer Obern wegbleiben musste«
 »Diese Abweichung« antwortete ich »würde sich kein Kloster in Schlesien
erlaubt haben«  »Auch wir nicht« lachte er laut auf »wenn wir dem Tyrannen
so nahe wären als jene aber die Entfernung mein Herr  bedenken Sie nur die
Entfernung«  Ich brauchte wahrlich dieser seiner Erinnerung nicht und fühlte
es in diesem Augenblicke nur zu sehr wie weit ich von Berlin verschlagen war
Ich hätte mich mit der französischen Aufschrift begnügen sollen denn bei dem
haut et puissant Seigneur mit dem Nachsatze Chambellan verzog sich mein Mund
doch nur zum Lächeln die Lateinische hingegen erweckte nichts weiter in mir als
Ärger »Instante morte« wiederholte ich laut und drehte mich nach dem Mönch 
»Aber lieber Mann ist es denn auch so gewiss als Ihr Latein sagt dass sich der
Marquis noch aus seinem Todbette zu dem Glauben seiner Väter bekehrt hat«  »O
nichts weniger« fiel der Minorit ein »das ist nur ein Anstrich den wir der
Sache gaben Nein mein Herr er ist gestorben  Sie werden es hören wenn Sie
nach Toulon kommen  wie er gelebt hat Erroris inimicus  veritatis amator Er
verlangte hier  in seinem Erbbegräbniss beigesetzt zu werden  Angemerkt haben
wir es auf dem Epitaph  aber wir wussten es zu verhindern denn was kümmert uns
die Asche eines Abtrünnigen der Judenbriefe geschrieben und Freund und
Anhänger Friedrichs des Großen oder vielmehr wie wir das Frederic le grand auf
der Inschrift verstehen  des größten Freigeists unseres Jahrhunderts war« 
Dummes Geschöpf dachte ich und suchte es ihm noch durch meine Blicke zu
verstehen zu geben als ich die Kirche verließ  
    Ihr habt doch noch nicht abgepackt rief ich meinen Leuten entgegen die an
der Türe des Gastofs aus mich warteten  Noch nicht antworteten sie  Nun
so lasst in diesem Augenblicke anspannen
    Ich trat unterdes in das Speisezimmer und fand die Tafel gedeckt um die
schon einige geistliche Herren in hungriger Erwartung herschritten Der Wirt
war ganz betroffen als er meinen sonderbaren Befehl hörte überreichte mir den
Küchenzettel und zählte mir alle seine Weine an den Fingern her da aber auch
das nicht verfangen wollte fragte er mich ob ich denn schon bei den Kapuzinern
das unüberwindliche Krucifix die Manufaktur der Macaroni und die Sammlung von
Reliquien bei den Nonnen der Heimsuchung Mariä gesehen hätte die einzig in
ihrer Art wäre  Kein Reisender würde es so leicht verabsäumen der nur einen
Gran  »Sollte sich wohl« unterbrach ich ihn geschwind mit der Gegenfrage
»der zweite Kniegürtel der Mutter Gottes darunter befinden«  »Kann wohl sein«
antwortete der Wirt »denn die Sammlung ist die vollständigste in der ganzen
christlichen Welt«  »Aber warum fragen Sie eben nach dem zweiten« fiel ein
junger Abbé ein  »Weil der eine« erwiderte ich »vorige Woche in Avignon
versteigert wurde«  »Und wer ist denn so glücklich gewesen ihn zu erstehen«
fuhr er mit sichtbarer Neugierde fort  Dass man es doch nicht lassen kann auch
in unbekannter Gesellschaft und wäre sie noch so schal sich eine wichtige
Miene zu geben »Ich mein Herr« warf ich mit vornehmer Gleichgültigkeit hin
und zog mir darüber den ganzen Tross auf den Hals  Der eine wollte wissen wie
hoch er mir zu stehen käme der andere aus welchem Stoff er bestände und ein
dritter bat sich die Gefälligkeit aus ihm solchen zu zeigen Ich bedauerte
unendlich dass er nicht mehr in meinen Händen sei Da das kostbare Stück von der
Toilette einer Dame herrühre habe ich für billig gehalten es wieder an eine zu
bringen die sich aber wenn die Herren nach Avignon kommen sollten gewiss ein
Vergnügen daraus machen würde es ihnen vorzulegen  »Und ihre Adresse um
Vergebung« riefen zwei zugleich und einer so hastig als der andere Wäre die
meinige die Du oben gelesen hast nicht Deutsch gewesen und hätte ich es nicht
verschworen mir das Bild wieder unter die Augen zu bringen wer weiß was ich
getan hätte Unstreitig etwas ganz überflüssiges  denn kaum dass ich ihnen
geantwortet hatte Es ist eine junge Heilige Namens Klara so singen sie alle
zugleich an mir in das Gesicht zu lachen  »O meine Herren« stimmte ich mit
ein »wie ich sehe ist Ihnen das fromme Mädchen so gut bekannt als mir selbst
und so habe ich Ihnen denn auch weiter nichts zu sagen«  Sie setzten sich nun
mit großer Lustigkeit zu Tische die ich ihnen von Herzen gönnte und ich
steckte zu einiger Entschädigung des Mittagsmahls da es doch sehr
wahrscheinlich war dass ich es ungenossen würde bezahlen müssen das Brod von
dem Kouverte ein das für mich hingelegt war  »Da tun Sie wohl« winkte mir
der Wirt zu »denn in Marseille ist es kontreband«  »Und warum das« fragte
ich »Weil dies Produkt unsrer Gegend wie Sie auch selbst finden werden«
antwortete er »so vorzüglich gut ist dass es uns die reichen Marseiller
verteuern würden wenn die Ausfuhr davon erlaubt wäre Indes können Sie doch
bei meinem Vetter dem Wirt im heiligen Geiste« flüsterte er mir in das Ohr
wie er mich an den Wagen begleitete »täglich so viel davon bekommen als Sie
nur wollen wenn es Ihnen einerlei ist es unter einem andern Namen zu essen« 
»Es wird doch nicht eingesegnet« sagte ich lächelnd dankte ihm für die gute
Anweisung die er mir gab fuhr nun um vieles besser gestimmt durch die leeren
Gassen und hoffentlich zum letztenmale bei dem dummen Minoritenkloster vorbei
Gott gönne rief ich noch der Asche des Verfassers
Der Judenbrief in klügern Mauern Ruh 
Und flog nun wie ein Strom lang aufgehaltnen Wassers
Dem lustigen Marseille zu
    Ich flog wie ich nur erst die Vista erreicht und die große Handelsstadt
und den Spiegel des Meers vor mir liegen hatte durch das reizendste Land das
sich die schwelgerischte Einbildungskraft nicht schöner zu malen im Stande ist
Schade nur dass es nicht unter dem Zepter des großen Freigeists steht wie jene
geweihten Zwerge ihn schimpfen Wie würde Friedrich dieses Feuer der Natur,
dieses fruchtbare Klima diese Weizenfelder und Oelgärten und die Kräfte dieser
bräunlichen lebhaften Menschen benutzen die jetzt bald von diesem bald von
jenem verdammten Heiligen ihrem Tagewerke entrissen und in Processionen
zusammen getrieben aus einem Narrenfeste in das andere zu Grabe gehetzt werden
    Das stärkende Brod unerachtet ich keinen Brocken davon verstreute konnte
mich doch nicht ganz über die Besorgnis beruhigen dass ich Marseille nicht
zeitig genug erreichen würde um in dem heiligen Geiste noch einen gedeckten
Tisch zu finden Ich betrog mich zu meinem Vergnügen In einer Seestadt wo kein
Wind bläst der nicht den Speisewirten einen Trupp Ausgehungerter zuführt
finden alle Nationen zu allen Zeiten des Tags und in jedem Gasthofe die
Einrichtung einer Feenwirtschaft Unzählige dienstbare Geister nehmen den
Ankömmling in Empfang Immer fertige Gerichte rauchen ihm entgegen und keiner
verlässt den Speisesaal der nicht in seinem Kauterwälsch Gott für die sinnliche
Freude der Sättigung und für das bängliche Leben dankt das er ihm wieder um
einen Tag fristete Um wie viel klüger kam ich mir vor dass ich mich weder durch
den Hunger noch durch die Tischgesellschaft in Aix hatte verführen und um den
mannigfaltigen physischen und geistigen Genuss betrügen lassen den mir hier eine
neben dem Weltmeere errichtete Tafel  den nur die verschiedenen Sitten
Trachten Gesichter und Zungen versprachen die das erste menschliche Bedürfnis
freundschaftlich um mich herum an einander reihte
Das war ein guter Geist Durch ihn ward ich der Qualen
Des Spleens und Hungers los In seinen Mittagsstrahlen
Erquickt der Matte sich Hier trieben Ries und Zwerg
Und Juden Türken Kanibalen
An Einem Tisch vereint das SelbsterhaltungsWerk
Wie Moses Mahomet und Petrus es befahlen
Mir da Deisten auch nicht mehr als andre zahlen
Blieb meine Zunge zwar das erste Augenmerk
Doch lächelnd sammelt ich zugleich die leeren Schalen
Von Hummern Matripors Seeigeln Admiralen
Für einen Freund zu Nürenberg
    Ich konnte mich von dem angenehmen Schauspiele dieser Tafelrunde nicht
trennen selbst da meine Rolle dabei gespielt war Ich blieb noch immer
ritterlich daran sitzen und erlauerte dadurch ein Vergnügen das ich seit
meiner Reise entbehrt und auf das ich in diesem Augenblicke am wenigsten
gerechnet hatte Denn eben als ich mich in geheim über den blinden Nationalstolz
und über das Vorurteil eines Spaniers lustig machte der uns allen beweisen
wollte dass die Mandeln zu Kadix weit voller und schmackhafter wären als die
hiesigen  erschienen zwo junge artige Damen mit einem ältlichen Mann an der
Seite warfen fröhlichen Muts ihre Staubmäntel ab und setzten sich nach der
Anweisung der frischen Kouverts die der Wirt für sie hinlegte in meine
Nachbarschaft Je näher sie mir kamen desto weißer schien mir ihre Haut desto
glänzender ihre Augen desto gütiger ihre Blicke zu werden aber sie entzückten
mich erst über alle Massen als ich sie gegen einander sprechen hörte denn sie
sprachen  Deutsch Nun habe ich immer geglaubt es erfordere schon die
allgemeine Achtung gegen das schöne Geschlecht dass man nie ein paar Mädchen
fortschwatzen lasse in dem Falle dass man ihre Sprache versteht ohne sie in
Zeiten von diesem Umstande zu benachrichtigen Ich tat es daher auch jetzt Es
standen frische Erbsen vor mir ich bot sie der mir nächsten mit der Anmerkung
an dass dieses Gericht für Deutsche etwas sehr neues vom Jahre wäre  »Ganz
gewiss« antwortete sie »unter vier Monaten würden wir« Du kannst denken wie
ich überrascht wurde »schwerlich in Berlin welche geschmeckt haben«  »Wie
meine lieben Nachbarinnen« fuhr ich lebhaft fort »Sie sind Berlinerinnen« 
»Das sind wir« versetzte sie lachend »wundern Sie Sich darüber«  »Freilich
sollte es mich wundern« antwortete ich »dass ich erst ein paar hundert Meilen
von Hause so ausgezeichnete Landsmänninnen kennen lerne«  Hier drehte sie sich
lustig nach der andern Seite »Schwester der Herr will mir weiß machen er wäre
von Berlin melde es doch dem Vetter der versteht sich besser aufs Examiniren
als ich«
    Ich bog mich etwas vorwärts um den Herrn in das Gesicht zu fassen und fand
die Anspielung seiner schönen Nichte sogleich nur zu deutlich erklärt denn
diese Physiognomie konnte niemanden angehören als einem Visitator und es fand
sich auch nachher dass ich richtig gesehen hatte Mir war jedoch jetzt mehr
daran gelegen seiner reizenden Nichte als ihm mein Indigenat zu beweisen ich
fing es aber am unrechten Flecke an Ich nannte ihr alle meine Berliner Freunde
und Bekannten aber leider gehörte keiner davon zu den ihrigen und von allen
den stolzen Namen mit denen ich das Maul voll nahm war auch nicht Einer von
ihrer Bekanntschaft Selbst von Dir lieber Eduard hatten sie nie gehört so
schön sie auch waren Ich war trostlos Indes schien mir noch nicht alles
verloren  »Nennen Sie mir« sagte ich »nur einige Personen aus Ihrem Zirkel
es müsste nicht gut sein wenn wir nicht am Ende zusammen treffen sollten« 
Aber da ging es eben so unglücklich Ich wusste ihr auf keine ihrer höhnischen
Fragen weder wo der Monddoktor wohne noch wen die alte Sibylle auf dem
Johannismarkte geheiratet habe noch auf andere dergleichen Dinge womit sie
mich in die Enge trieb den geringsten Bescheid zu geben und ich sah wohl dass
ich so lange bei ihr für einen Prahler gelten würde bis ich mich durch andere
Umstände legitimirte die besser zu den ihrigen passten Ich erbot mich daher
sie nach Tische auf ihr Zimmer zu begleiten und mich dem scharfen Examen ihres
Herrn Vetters zu unterwerfen Sie versicherte mich dass es ihnen lieb sein
würde setzte bis dahin ihren Verdacht bei Seite und schwatzte nun von allerei
gleichgültigen Dingen die mir aber gar nicht unwichtig schienen so lange sie
ihr weißes freies deutsches Gesichtchen mir zukehrte in das ich mit wahrer
Vaterlandsliebe blickte Als sich ihr Herr Vetter gesättigt hatte standen wir
alle auf seinen Wink auf ich bot seinen beiden Nichten den Arm er schlenderte
hinter uns her und sie hatten nichts dawider dass ich befahl uns einige
Erfrischungen auf die Stube nachzubringen
    Mein Vorstand bei dem Herrn Vetter war sehr kurz Nach zwei Worten war er
von der Wahrheit meines Vorgebens überzeugt ich erhielt Ehrenerklärungen von
den Damen und wurde nun mit gegenseitiger Freude für ihren Landsmann erkannt
denn in einer je größeren Entfernung von der Heimat man einen Mitbürger findet
desto lieber wird er uns Es ist als ob der Gedanke eines gemeinschaftlichen
Vaterlandes erst außerhalb desselben Stärke bekäme Die äußern Verhältnisse
wodurch er dort nur zu leicht geschwächt wird verlieren ihren Druck durch die
Weite des Wegs Der Abstand der Vornehmen von den Geringern scheint sich von
selbst aufzuheben wo die Abstufungen fehlen die den Zwischenraum ausfüllen
und man umarmt sich aus patriotischem Gefühl ohne lange zu fragen zu welcher
Kaste gehört ihr Es tat mir so wohl wieder einmal neben Menschen zu sitzen
die seit ihrer Jugend wo nicht einerlei Gesellschaft mit mir genossen doch
dieselben Glocken dieselben Trommeln gehört hatten  den Tiergarten so genau
kannten als ich und so gut wie ich gegen Berlin alle andere Städte
verachteten durch die sie gekommen waren Wir wechselten unsere politischen
Bemerkungen wie unsere eigne Geschichte auf das traulichste gegen einander
aus Ich wäre glaube ich aus Überfluss des Herzens im Stande gewesen ihnen
mein geheimes Tagebuch vorzulegen wenn es die Zeit erlaubt hätte und sie waren
eben so wenig zurückhaltend gegen mich Vorzüglich machte sie ein Glück
schwatzhaft das ihnen über dem Meere bevorstand Die Sache hing so zusammen
    Eine Schwester des Herrn Visitators und Tante seiner beiden Bruderstöchter
die  sagte die eine  in ihrer Jugend bildschön war hatte in dem
siebenjährigen Kriege einen französischen ProviantBedienten geheiratet der
nach unglaublichen Abenteuern zu Wasser und zu Lande sich endlich mit ihr in
St Domingo niederließ sich dort  fiel hier der Visitator ein  erstaunliches
Vermögen erwarb und auf seinem Todbette es seiner Wittwe vermachte Durch die
Länge der Zeit war das gute Weib nun auch hinfällig geworden Sie soll lispelte
die andere Nichte sehr kränkeln und kann sich fast gar nichts mehr zu gute
tun Ihr vieles Geld kann sie auch nicht mit aus der Welt nehmen Das bedachte
sie und Gott rührte ihr Herz dass sie sich noch in Zeiten nach ihren armen
Verwandten umsah und sie mit dem Versprechen zu sich einlud ihnen ihre
Erbschaft zuzuwenden Der Herr Vetter suchte sogleich wie er diesen wichtigen
Brief erhalten hatte um Entlassung aus preußischen Diensten an die er auch auf
das allergnädigste erhielt und reist nun überflüssig mit Gelde versehen das
ihm seine liebe Schwester von Banquier zu Banquier anwies mit den beiden einzig
übrig gebliebenen Sprösslingen der Familie einem Reichtum entgegen auf den er
wie er mich heilig versicherte in seinem ganzen Leben nie rechnen konnte Indes
verschwört es der gute Mann nicht wenn er bald genug zum Besitze dieser
Glücksgüter gelangen sollte wieder in seine Vaterstadt zurück zu kehren denn
er stellt sich es doch als einen großen Spaß vor sich einmal allen den Augen in
einem gewissen Anstande zu zeigen die ihn von Jugend an nur als einen Lump
gekannt hätten
    Ich unterdrückte das Lächeln zu dem mich diese entfernte Hoffnung des
ehrlichen Mannes so kurz vor seiner Hinreise und die treuherzig wichtige Miene
mit der er sie vorbrachte nur zu sehr reizten Der Gedanke ist so natürlich
Eduard es scheint uns ja allen so viel wir unser sind auch das größte Glück
fast kein Glück mehr wenn wir es immer entfernt von unserer Heimat genießen
und nicht die Freiheit haben sollen unsere alten Bekannten und Schulgesellen
damit zu blenden Ich hörte wie Du aus meiner genauen Wiedererzählung schließen
kannst zum erstenmale einem Visitator mit aufmerksamer Geduld zu ob ich mich
gleich nicht für eben so verbunden hielt während er sprach bei seinen gemeinen
Gesichtszügen zu verweilen da ich die Wahl hatte meine Augen indes mit zwei
andern deutschen Gesichtern zu vergnügen die freilich nicht so alltäglich
waren als das seinige Doch ich ward bald genug seiner ganzen redseligen Person
los
    Der Kapitän dem die Wittwe zu St Domingo die Überfahrt ihrer Verwandten
als eine Rückfracht verdungen so wie sie jenen zugleich die Zeit wo sie mit
ihrem Führer zusammen treffen sollten bestimmt hatte ließ ihnen jetzt wissen
dass er wegen seiner nunmehr beendigten Geschäfte sie mit ihrer Habe an Bord
erwarte um noch diese Nacht abzusegeln Mit dieser Nachricht schickte er ihnen
zugleich Träger um die Koffer zu holen Der arme Visitator und seine Nichten
hätten nun wohl gern noch diese Nacht auf festem Boden von ihrer Landreise
ausgeruht da es aber die Umstände nicht erlaubten so gaben sie sich heroisch
darein und nachdem er hastig eine Tasse von der Chokolate und zwei Gläser von
dem Champagner hinunter gestürzt die der Kellner für meine Rechnung eben auf
den Tisch gepflanzt hatte so eilte er seinen Koffern nach versprach seine
Nichten abzuholen wenn es Zeit zur Abfahrt wäre und überließ uns mit einem
freundlichen Winke den Überrest der Kollation
    Das Zimmer kam mir zwar viel aufgeräumter und geputzter vor als er weg war
doch machte mich das große Zutrauen eines Onkels nicht wenig stutzig der mich
in der Dämmerung bei solchen Erfrischungen mit solchen Mädchen allein lassen
konnte die jetzt in der lustigsten Laune von der Chokolate zu dem brausenden
Wein übergingen und abwechselnd dem festen Lande wie sie sagten zur letzten
Ehre trällernd um den Tisch tanzten bis es für diese Art Leibesbewegung zu
dunkel ward Fürchte aber nur nicht zu sehr für mich Eduard Denn ungeachtet
die Gefahr wuchs als die fünfzehnjährige Schwester nach wohl errungener
Müdigkeit der sechzehnjährigen den Tummelplatz allein überließ und sich mit
der Bitte in das anstossende Kabinet begab sie möge sie ja nicht eher wecken
bis es die höchste Not sei  und ob ich Dir auch gern gestehe dass ich in
einem gefährlichen Augenblicke vorher wo die erhitzen Schönen ihre Halstücher
abwarfen und mir nur desto vorteilhafter in die Augen fielen mir in geheim die
spitzfindige Frage vorlegte ob nicht der strengste Sittenrichter  auf den zwar
traurigen aber doch möglichen Fall dass diese Rosenknospen auf dem Meere
verloren gingen  mir die wenigen im Raub gepflückten Blätter immer noch lieber
gönnen würde als einem Haifische  und ob es gleich nicht dunkler werden
konnte als die noch muntere Schwester einen Sitz neben mir auf dem Kanapee
einnahm und mich launig aufforderte ihr die Seekrankheit vor deren neuer
Bekanntschaft sie sich am meisten fürchte aus dem Kopfe zu treiben so schützte
mich doch  und ich setze es dankbar auf die Rechnung des vielen Guten das sich
daher entspann  die Erfahrung der vorigen Woche vor jedem kasuistischen
Gedanken Ich nahm vielmehr von unserer baldigen Trennung Gelegenheit dem
schönen Geschöpfe das neben mir saß noch einige gute Lehren mit auf den Weg zu
geben
    »Ihre Bekanntschaft meine lieben Landsmänninnen« sagte ich mit rührender
Stimme »hat mir meinen heutigen Tag recht wert gemacht und es wird mich
herzlich freuen wenn ich erfahre dass es Ihnen in der Entfernung wohl geht
Bald eilen Sie nun auf den Flügeln des Windes einem Lande des Wohllebens und der
Freude entgegen Mit so vielen Reizen geschmückt als Ihnen beiden die Natur
gab werden Sie dort mehr Aufsehen machen als selbst in Berlin und dort wo
bewahrte Unschuld mit Schönheit verbunden ungleich seltener ist als Reichtum
wird gewiss bald eine glückliche Ehe  auf die Sie in unserer verarmten
Vaterstadt noch lange vielleicht vergebens hätten warten müssen Ihr Teil
werden Es muss auch von nun an Ihr einziges Ziel sein lieben Kinder Denken
Sie wenn Sie es erreichen und mit dem stolzen Bewusstsein einer unbefleckten
Tugend die Freuden der Liebe ernten die Sie zu geben und zu nehmen bestimmt
sind  denken Sie dann an das Wahre und Uneigennützige meiner Vermahnung
Erinnern Sie Sich in welcher für Sie und mich gefährlichen Stunde ich sie Ihnen
an das Herz legte  in der Stunde unsers Abschieds  unter der Einladung der
Nacht  während der fröhlichsten Stimmung Ihres Bluts das Sie wenn ich es
sagen darf meine lieben Kinder ein wenig leichtsinnig durch unbekannte
hitzige Getränke in eine Wallung gebracht haben die der Aufmerksamkeit auf uns
selbst nur zu nachteilig ist« 
    Es ging mir zwar hier wie manchem andern Prediger Die eine Hälfte des
Auditoriums an das meine Rede gerichtet war  schlief und die mögliche
Erbauung der andern  musste ich Gott anheim stellen Indes hätte ich doch um
vieles nicht der Hilfe entbehrt die ich mir gegen meine eigene Zerstreuung
dadurch leistete dass ich meinen Vortrag an eine Seele mehr richtete als mir
zuhören konnte Diese Kleinigkeit benahm der Dunkelheit die uns umgab alle
Gefahr denn ich weiß nicht ob ich mich so deutlich und ohne Stocken über den
Wert der Tugend würde erklärt haben wenn ich an die Bequemlichkeit meiner
Kanzel in Verbindung mit dem lieben Kinde so einzeln wie es neben mir saß
und entfernt von seiner Schwester gedacht hätte die wie Du gehört hast nicht
eher gerufen sein wollte als »bis es die höchste Not wäre« Doch da dieser
Sinnenbetrug wie ich wohl merkte in die Länge nicht dauern konnte so ließ ich
es mit dieser kurzen Probe genug sein
    »Hum« sagte ich zum Schluss »ungerufen sehe ich wohl ist es im heiligen
Geiste nicht hergebracht dass man den Passagieren Licht bringt« Ich griff nach
dem Schellenzuge  Die Schnur lag straff und um sie ziehen zu können suchte
ich die Quaste Aber gütiger Gott wohin hatte die sich versteckt und wie
erschrocken führ meine Hand zurück Ich bat das schöne Mädchen tausendmal um
Verzeihung aber kannst Du es glauben sie hörte mich nicht Das müde Kind war
trotz meiner Predigt so tief eingeschlafen wie in der Kammer die Schwester
und machte mir jetzt keine kleine Angst Da sie gerade unter der Klingel saß so
war es zwar sehr begreiflich wie die seidene Trottel durch ihr Köpfchen
gehoben bei der geringsten Bewegung dahin gleiten konnte wo ich sie fand aber
wie sollte ich sie nun aus der Klemme bringen in die sie geraten war und ich
brauchte doch Licht Da war nun weiter nichts zu tun ich musste mich aus der
Verlegenheit ziehen wie es möglich sein wollte Ich fingerte auf das
behutsamste und ward endlich der Quaste habhaft die so warm war als die Hand
mit der ich sie fasste und nun stürmte ich in die Klingel Sogleich stürzte der
Aufwärter mit zwei Kerzen herein Ich wollte schmählen  »O sie brennen schon
lange« entschuldigte er sich »aber wir wagen nie eher Licht zu bringen als
es die Herren verlangen«
    Alles das Geräusch konnte die schlafende Schöne nicht erwecken  Es war
wahrlich eine scharfe Kritik auf meine Predigt  Ich trat ihr endlich mit den
Lichtern unter die Augen nahm jedoch mit Vorbedacht in jede Hand eins  aber
sie rührte sich nicht Dagegen konnte ich sie desto aufmerksamer betrachten Es
war zum Malen wie fest der sanfte Schlaf die braunen Augenwimpern zusammen
drückte ein feines Lächeln um den Mund Karmin um die Wangen zog und mit
kurzen Atemzügen eine Brust hob bei der sich niemand verwundern durfte dass
die Quaste so fest lag Ich überließ mich dem Vergnügen dieser süßen Beschauung
ohne Bedenken denn durch die Chokolate den Wein und durch meine Predigt die
zusammen das Mädchen einschläferten hatte ich es ehrlich bezahlt Genau
genommen ging auch diese  ob sie gleich keine lebendige Seele vernahm als
meine eigene deshalb nichts weniger als verloren denn ungerechnet dass man
sich selbst nicht ungern hört ward es jetzt nur zu sichtbar wie erbaulich sie
auf mich zurück gewirkt hatte Ich war mit mir zufrieden hatte unter dem
Schutze des heiligen Geistes Kirche wo nicht für andere doch für mich
gehalten und ich lasse mir es nicht abstreiten dass jenes großmütige Gefühl
meiner warmen Hand das ich mit der seidenen Quaste zurück brachte mehr
Verdienstliches hat als die paar Groschen die ein Geizhals in den
Klingelbeutel wirst und sich wunder etwas darauf einbildet
    Ich setzte nun die beiden Lichter nach dem angenehmen Dienste den sie mir
geleistet hatten wieder auf den Tisch und mich mit der heitersten Ruhe an das
Fenster Als ich aber den Mond in dunkeln Wolken über dem Meer hängen sah und
die jetzige Sicherheit der guten Kinder unter meiner Wache mit den Gefahren
verglich denen sie so unbefangen entgegen schliefen  da Eduard ward mir
ganz bänglich ums Herz und es überfiel mich ein Frost so oft ein Lärm im Hause
vermuten ließ man würde sie nun wecken und zu ihrer Bestimmung abrufen Indes
verging noch eine glückliche Stunde für sie bis zu Mitternacht
    Nun trat endlich der Visitator schnaufend herein war ganz betroffen wie er
sagte von der wilden Wirtschaft die auf einer Tartane herrsche und schon über
und über schwindlich von der ersten Probe die seine Füße in dem Schiffraume
gemacht hätten Seine bekannte Stimme schreckte die beiden Mädchen sogleich auf
da sie sich hören ließ Sie traten schlaftrunken neben ihn und fragten ob ihre
Betten auf dem Schiffe schon gemacht wären  Ja ja antwortete er es ist
alles in Ordnung bis auf den Schlaf den ich euch wünsche  »O« dehnte sich
die eine »wir schlafen heute ungewiegt«  »Ungewiegt« wiederholte er
höhnisch »das wird sich bald ausweisen  aber kommt nur«
    Ich gab der ältesten Schwester den Arm die jüngere hing sich an ihren
verstörten Vetter Ein paar Fackeln leuchteten uns Wir gingen jedes in seine
eigenen Gedanken vertieft einige Gassen durch bis an den Hafen denn ob ich
gleich dem Mädchen gern einen Auszug aus der Predigt gegönnt hätte die sie
verschlief so fürchtete ich doch sie in einem Selbstgespräche zu stören das
nach den tiefen Seufzern zu schließen von denen sie sich los machte ihr noch
zuträglicher schien als die Warnung eines so frischen Bekannten der nicht
einmal in der unschuldigen Geschichte mit der seidenen Trottel auf ihr
Bewusstsein gewirkt hatte
    Eine Barke mit lustigen Ruderern besetzt erwartete die Gesellschaft am
Ufer Das neue große Schauspiel das sich hier mit einemmal ihren Augen
entdeckte  das unabsehlich ausgebreitete Meer  das Flimmern seiner Wellen im
Mondschein  der Zuruf vieler tausend Stimmen von den schwankenden Schiffen her
die sich mit dem Getöse am Ufer durchkreuzten  alles das nie Gesehene nie
Gehörte das sie hier umringte machte einen so heftigen Eindruck auf die armen
Stadtmädchen dass sie mich zitternd ansahen mir um den Hals fielen und weinten
Ich war bewegt und da mich die guten Kinder baten sie bis auf ihr Schiff zu
begleiten hatte ich den Mut nicht es ihnen abzuschlagen ich zog mir noch so
viel an meinem Schlaf ab als etwa nötig sein möchte um als Landsmann dem
Kapitän sie zu empfehlen und mir durch eine Lokalkenntniss ihrer schwimmenden
Wohnung das Andenken an sie während ihrer Reise noch mehr zu versinnlichen
    Meine Nachgiebigkeit durfte mich nicht gereuen Ihr Empfang auf dem Schiffe
war so festlich als ob es Prinzessinnen wären die sich zu einer kleinen
Lustreise einschifften Wir traten statt in eine beräucherte Kajütte wie ich
fürchtete in einen artigen Salon der mit bunten Lampen behängt eine runde
Tafel beleuchtete die mit den ausgesuchtesten Erfrischungen besetzt war und
fanden einen alten freundlichen Mann an dem Kapitän der uns bewillkommte Er
blickte den Mädchen mit beifälligem Lächeln in die Augen indem er mich zugleich
fragte wer ich wäre Ich legte ihm in der Geschwindigkeit Rechenschaft von
unserer kurzen Bekanntschaft ab und empfahl sie ihm als Landsmann  »Sein Sie
unbesorgt für die guten Kinder« antwortete er »ich bin der älteste Freund
ihrer Tante den sie jetzt auf der Insel hat Vor dreißig Jahren schiffte ich
sie ein wie heute ihre Nichten und diese sollen gewiss nicht übler fahren als
sie das habe ich der guten Frau versprochen Ich habe wohl Zeit gehabt  Sie
lesen es zur Genüge auf meiner Stirn  mein Handwerk zu lernen Die Tartane ist
mein eigen  Es ist kein Bettelschiff wie da viele in dem Hafen auf der
Ausbesserung liegen  Den Tag bringen wir lustig in diesem Raume zu und des
Nachts  Kommen Sie lieben Kinder ich will Ihnen zeigen wo Sie schlafen
sollen«
    Er führte nun die beiden Schwestern in einen niedlichen Verschlag der
rechter Hand an den Saal anstieß worin zwei freundliche Bettchen und
dazwischen an der Mittelwand ein Spiegel der größte vielleicht den sie noch
gesehen hatten befestigt war Dieses vollendete ihre Überraschung  »Nein
das ist allerliebst« drehten sie sich nach dem Spiegel zu und setzten ihre
Hütchen zurechte »Hier sehen wir schon wird es uns wohl gehen«  »Ja das
soll es auch so Gott will mein ganzes Schiff steht unter Ihren Befehlen«
antwortete der alte Seemann mit einer Artigkeit die mich nicht wenig
verwunderte »Auch habe ich weiter keine Passagiere« fuhr er fort »an Bord
genommen um Ihnen den Raum nicht zu verengen« und nun nötigte er uns zusammen
an den Tisch Eine Schale Punsch die wir unter fröhlichen Gesprächen
ausleerten befeuerte uns noch mehr für den guten Mann der besonders für die
beiden Schwestern die zärtlichste und sogar medicinische Sorgfalt zeigte denn
als sie nach schönen Orangen von Malta langten die eben vor ihnen standen
erklärte er dass dieses für sie die einzige verbotene Frucht auf seinem Tische
sei die er ihnen jedoch setzte er freundlich hinzu aufheben wollte bis ihnen
die Abkühlung nötiger sei als jetzt
    Dieses zuvorkommende Betragen des alten Mannes gegen die Mädchen musste mir
doch wohl auffallen Eduard Sollte denn dachte ich ihre Schönheit den Greis
so sehr bestochen haben dass er in ihnen die Nichten eines Visitators übersieht
und sie behandelt als ob sie aus dem Schaume des Meers gestiegen wären und St
Domingo beherrschen sollten Oder hat ihm die Tante ein so reiches Fährlohn
ausgesetzt wenn er sie gesund überliefert Nun ich gönne den armen Waisen alles
mögliche Glück mag es doch herkommen woher es will
    Du kannst denken in welch einem vergnügten Erstaunen sich erst die beiden
Schwestern befanden Sie schlürften ein Gläschen Punsch nach dem andern ein und
lächelten einander an Über den vielen Artigkeiten die ihnen gesagt wurden
hatten sie  das liegt nun einmal in ihrem Geschlechte  alle Furcht verloren
Dann und wann wenn sich das Schiff bewegte schien es ihnen zwar einzufallen
dass zu viele Herzhaftigkeit ein junges Mädchen nicht kleide  dann taten sie
wohl einen angenehmen Schrei und baten nachher in vollem Lachen den Kapitän um
Verzeihung Du kennst ja lieber Eduard die Ziererei der Weiber Sie verlässt
sie nicht so wenig auf der See wie auf dem Lande auf dem Schiffe wie auf dem
Sopha  sie mögen eine Spinne oder einen Wallfisch einen Zwerg sehen oder einen
Riesen Der Kapitän war Weltmann genug um zu tun als ob er an ihr Schrecken
glaube  »Mein Gott« sagte er »bei einer ersten Seereise sind solche kleine
Erschütterungen wohl zu vergeben zumal jungen Damen  Machten es doch meine
beiden Buben nicht besser als ich vor zehn Wochen mit ihnen auslief Sie waren
auch noch auf kein Schiff gekommen denn bis dahin steckten sie in der Schule
Jetzt sind sie der Wirtschaft schon gewohnt und werden Ihnen jede Ihrer
Herzensbewegungen auf das genaueste vorhersagen können da sie seit kurzem erst
selbst die Erfahrung gemacht haben  Klammern Sie Sich nur getrost an diese
Helden wenn Sie die Furcht überfällt  Holla wo sind sie denn«
    Jetzt traten ein paar starke blühende Jünglinge herein die in kurzen
Verbeugungen sich der Gesellschaft näherten und die beiden Mädchen mit ihren
feurigen Blicken zu verschlingen drohten Diese konnten mit ihren
Gegenreverenzen nicht aufhören bis der Kapitän seinen Söhnen lächelnd befahl
sich zwischen die jungen Damen zu setzen
    Auf einmal war mir nun das Rätsel ihrer festlichen Aufnahme gelöst und der
alte Schiffer zeigte sich mir in einem nur desto bessern Lichte denn
ungezwungener klüger und väterlicher dachte ich kann man doch kaum einen
geheimen Liebesplan anlegen als ich mir an den Fingern abzählte dass hier der
Vater für seine Söhne mit oder ohne Vorwissen der Tante getan hat Ich möchte
das Mädchen sehen das in einer solchen Lage solchen Werbern entlaufen könnte
Denke nur selbst nach Eduard Abgeschnitten von der ganzen Welt samt ihren
Zerstreuungen  eingeschränkt auf einen einzigen Gegenstand der Begierde  so
nahe dem Tode in dem Schweben des schönsten Lebensgenusses  jedes Gefäß des
Herzens durch die stärkende Seeluft erweitert  jeder durchströmende
Blutstropfen tausendfach erwärmt die ganze Maschine in beständigem Schaukeln
und immer die größte Oper der Welt den Auf und Untergang der Sonne vor Augen
 in welche Stimmung von Wohlbehagen Sehnsucht und Zärtlichkeit muss das nicht
eine weibliche Seele versetzen und in welchem magischen Lichte muss ihr nicht
der Jüngling erscheinen der über ihrem Haupte nur für ihre Sicherheit und Ruhe
besorgt Wache hält ihr mutvoll und lächelnd den heran nahenden Sturm
ankündiget sie wenn er einbricht in die Arme schließt und an das Herz
drückt und wenn sich der Aufruhr gelegt hat mit glänzenden Augen ihre
zitternde Hand küsst Welche süßen Vorgefühle müssen sich nicht bei solchen von
der Natur selbst herbeigeführten Auftritten in der Brust eines Mädchens
entwickeln  und wie armselig kommen mir dagegen die Situationen vor die sich
in jedem Romane wiederholen den wir unter uns spielen sehen Denke Dir den
seligen Augenblick wo ein junges Paar nach solchen Prüfungen und
Vorbereitungen endlich an das Land  und endlich dahin steigt wo es die Liebe
erwartet Hätte ich Töchter zu verheiraten wahrlich ich würde sie einige
Monate mit ihren Liebhabern und unter der Leitung eines solchen Menschenkenners
von Kapitän auf ein Schiff setzen und den Wellen überlassen wäre es auch nur
um ihnen den schleppenden Gang zu ersparen den in unserm Zirkel ein Mädchen
wie das andere aus der Kinderstube gähnend in das Gesellschaftszimmer und
gähnend in das Brautbette nimmt
    Da die jungen Herren nur gebrochenes Deutsch die beiden Mädchen kein
besseres Französisch sprachen so suchten sie unter vielem Gelächter Hilfe in
der Geberdensprache die zu ihrer Unterhaltung mehr als hinreichend war Der
alte Seemann beobachtete die jungen Passagiere mit innigem Vergnügen und ich
sah aus allen Anstalten dass es ihm mit der zeitigern Abfahrt wohl kein
sonderlicher Ernst mochte gewesen sein denn eine muntere Stunde vertrieb die
andere und es fing schon der Tag an zu grauen ehe der gute Vater sich
entschließen konnte die frohen Seelen zu trennen Jetzt aber befahl er seinen
Söhnen auf ihre Posten zu gehen und auf das Signal Achtung zu geben den
beiden Mädchen aber mit hochroten Wangen und flimmernden Augen legte er nun
selbst die Orangen vor und gab jeder noch eine mit in die Kammer  »Ich
werde« sagte er »die Segel nicht eher ausspannen lassen als bis Sie fest
schlafen und ich hoffe schon funfzig Meilen von Marseille zu sein ehe Sie
aufwachen«
    Es war kein Wunder dass den guten Kindern alles was ihnen heute begegnete
wie ein Feenmährchen vorkam Sie freuten sich als sie von mir Abschied nahmen
dass ich Zeuge davon gewesen sei und schrieben mir die Namen einiger ihrer
Freundinnen auf denen ich es erzählen sollte wenn ich nach Berlin käme Ich
versprach es und gedenke es auch zu halten sollte mir es auch noch so viele
Mühe kosten sie in den kleinen Gassen aufzusuchen wo sie wohnen mögen
    Der Visitator schien es auch genug zu haben da die Punschschale ausgeleert
vor uns stand und stolperte seiner Kammer zu die ihm der Kapitän an dem andern
Ende des Zimmers seinen Nichten gegenüber anwies Ich umarmte ihn und den
braven Seemann mit unbeschreiblicher Herzlichkeit stieg nun auch in meine
Barke und beruhigte bald die Matrosen die mich über die Länge meines
Aussenbleibens etwas mürrisch empfingen mit dem Versprechen eines dreifachen
Fährgeldes wenn sie mich glücklich an das Ufer brächten
    Mit dem Schlafe für diese Nacht war es nun vorbei  und ich entschloss mich
in einer der Kaffeebuden deren eine Menge um den Hafen stehen die Abfahrt des
Schiffs zu erwarten Während ich nun das Gesicht dahin gerichtet neben einem
Teller mit Orangen saß die ich dem Recepte des Kapitäns gemäß zur Abkühlung
meines Bluts nach und nach aussaugte  den ewigen Streit des ungetreuen
Elements das vor mir lag mit den Kräften der Menschen die ihm entgegen
arbeiten und den Vorteil der Schiffahrt mit ihrem Nachteil für unsere Sitten
unsere Ruhe und Gesundheit verglich machte mir mein Gedächtnis die Freude mich
an die schöne Ode zu erinnern die Horaz an das Schiff richtete das seinen
Freund Virgil nach Athen brachte2 Das erhabene Vorbild reizte meine Phantasie
ihm von weitem nachzufliegen und wenn ich auch meinen Landsmann mit seinen
Nichten eben nicht animae dimidium meae nennen möchte so sah sich doch meine
Muse gern noch einmal in den Augenblicken nach ihnen um wo sie mir der Wind 
wahrscheinlich auf ewig  entführen sollte
    Ich war eben mit meinem Abschiedsliede fertig als ich von der Glastüre
aus die Segel aufziehen sah  Jetzt schlafen nun die lieben Mädchen dachte
ich Der Himmel beschütze sie Und mit klopfendem Herzen trat ich aus meiner
Bude an den Strand und sang  obschon mit etwas heiserer Stimme  meine Wünsche
dem Schiffe nach das ganz aufgeblasen den Hafen verließ und in den Strahlen der
Morgenröte dahin flog
Hängt eure Lampen aus ihr Brüder
Helenens Cypris strahle nieder
Sanft wie es deinem Stern gebührt
Und lass auch du der Winde Vater
Das Schiff von Stürmen unberührt
Das unsern Visitater
Und seine Nichten führt
Ihr Glücksstern bringe durch die Schatten
Der Nächte sie den Hangematten
Der Rudrer unberaubt vorbei 
Und Fama mache mich des Kummers
Um ihre Jugendblüte frei
Dass sie ja keines Hummers
Und Meerwolfs Beute sei
Dem war die Brust mit Stahl umzogen
Der die Bekämpfung wilder Wogen
Zuerst zu seinem Spiel erkohr
Doch auf den Stufen der Gefahren
Steht ihm die jüngste Schöne vor
Die nichts von ihren Waren
Auf dem Verdeck verlor
Vergebens schied mit weisem Plane
Zeus und Neptun vom Oceane
Das Menschen angewiesne Land
Verwegen stoßen sie vom Stapel
Und holen von dem fernsten Strand
Peteschen Mal de Naples
Und andern Konterband
Ein neuer Dädal Blanchart eilet
Vom Piripi hinweg und teilt
Den Adlern gleich der Lüfte Bahn
Ein Franklin zündet an dem Blitze
Des Himmels seinen Wachsstock an
Auf jedem Musensitze
Erhebt sich ein Titan
Der Mensch zu mässigem Genuße
Geboren nähm dem Überflusse
Sein Füllhorn gern auf einmal ab
Von schwer erstiegnen Schaugerüsten
Stürzt schwindelnd ihn sein Stolz herab
Und ein Gefolg von Lüsten
Begleitet ihn ins Grab
    Meine tierischen Kräfte waren so erschöpft wie meine poetischen Ich
fühlte die Schlummerkörner die ich heute so reichlich ausgesät hatte wurzeln
und keimen und war froh als ich den heiligen Geist erreichte wo ich sie bald
in meinem Bette zur Reife brachte
    So endigte sich der erste halbe Tag meines Aufenthalts in Marseille den ich
aus Drang von Selbstzufriedenheit dergleichen ich lange nicht empfand Dir
lieber Eduard als eine augenscheinliche Probe meiner angehenden Besserung
hoffentlich so überzeugend dargestellt habe als Du nur verlangen kannst Was
wolltest Du mit Grund dagegen einwenden 
Der heitern Mittagsstunde schlossen
Sich ja die frömmsten Horen an
Die mich von Psyches Spielgenossen
Statt mit vergifteten Geschossen
Mit Blumen nur verwunden sahen
 
                                    Fußnoten
1 La Mecque étoit auparavant occupée par AbuGabshan qui eut la simplicité de
sen défaire pour une bouteille de vin dans un malheureux moment où il se
trouva dhumeur à boire Il voulut ensuite se relever dun marché si
préjudiciable et fut appuyé par les gens de sa tribu mais et lui et eux furent
chassés de la Mecque par Kosa ayeul de Mahomet vid Prideaux Vie de Mahomet
p 3
2 Ode 3 lib I Sic the diva potens Cypri 
 
                                   Marseille
                                                               Den 10ten Januar
Die volle Sonne hatte Mühe mich zu wecken Als ich die Augen aufschlug musste
ich mich einigemal fragen wo ich wäre und wohin ich wollte eh ich es deutlich
erfuhr Das erste was mir beifiel war ein Wechsel auf Herrn Frege einen Sohn
des berühmten Banquiers dieses Namens zu Leipzig Ich lernte einen artigen und
gefälligen Mann an ihm kennen Sein Deutsch war mir beinahe lieber als das
womit ich gestern an der Wirtstafel so angenehm überrascht wurde denn er
zahlte mir Geld und bat mich auf morgen zu Tische Mein heutiger Mittag hat
nichts für mein Tagebuch abgeworfen Es wollten keine Berlinerinnen kommen so
sehr ich mich danach umsah Unter den Anwesenden fand sich nicht Ein Auge in
das ich hätte blicken mögen und es war eben so gut denn ich konnte um so viel
ruhiger der Erholung pflegen die mir nach der Nachtwache von gestern sehr
nötig war
    Mit diesem Gefühle in allen Gliedern und einem Pack Zeitungen die für die
Gäste da lagen schlich ich wohl gesättigt nach meinem Zimmer Hier pflanzte ich
Bastianen der mir sie vorlesen sollte meinem Lehnstuhle gegenüber Es ging
schlecht  Margot sagte er zu seiner Entschuldigung lese auch nicht besser 
Ich setzte den Prologus an seine Stelle einige Zeilen nachher auch den
Epilogus aber der Zeitungstext und ihre Stimmen passten so widrig zusammen dass
ich vor der Hand für das beste hielt auf die Bequemlichkeit eines Vorlesers
Verzicht zu tun Es greift doch nichts die Gehörnerven so empfindlich an als
wertlose Neuigkeiten die uns in einem hochtrabenden Tone verkündiget werden
Der erste deklamirte dass Ludewig der Vielgeliebte zwei Tage und drei Nächte mit
Madam Dubarri auf dem Schloss zu Meudon zugebracht habe  Der andere dass der
Herzog von Orleans entschlossen sei eine Reiherbeitze zu halten  »Das mag
er« unterbrach ich den Epilogus »trage nur die unnützen Blätter wieder in den
Saal damit nicht etwa gar jemand darauf warte«
    Der gute Kerl hatte indes nicht ganz umsonst gelesen Er erinnerte mich wie
er das Maul so voll nahm an seine sogenannte Arabische Handschrift die ich
jetzt Zeit genug hatte nach Herzenslust zu untersuchen  Ja dachte ich das
soll auch geschehen denn ich will doch noch lieber einen deutschen Landjunker
über einen philosophischen Gegenstand schwatzen hören als einen französischen
Nouvellisten der immer nur das Volk mit dem Zeitvertreibe seines Königs bekannt
macht nie mit seinen Geschäften Sind sich diese Schmierer aber nicht in allen
Staaten gleich Ist es nicht als ob sie dafür bezahlt wären durch alle den
Pomp festlichen Müssiggangs den sie aus der Tagesordnung der Regenten sorgfältig
ausheben und in ihren Wochenblättern für das Publikum auskramen dem Untertan
seine saure Arbeit noch mehr zu verekeln und ihm seine drückenden Abgaben noch
unerträglicher zu machen
    Ich zog nun den Brief aus seiner kostbaren Verwahrung tat im Vorbeigehen
auch nicht einen Blick auf das berüchtigte Bild und glaube mir ich war mit
den paar Stunden die ich verlas nicht so gar übel zufrieden War es der
sonderbare Kontrast in welchem mir der Eigentümer der Schreibtafel und des
Gemäldes gegen das gehalten erschien was der Brief von ihm sagte denn es ist
klar dass er an ihn gerichtet ist  sind es die Wahrheiten die hier und da
darin vorkommen und mir oft so hell in die Augen leuchteten dass sie mir
übergingen  oder waren es die Sophistereien der Freundschaft die mich so
anzogen Ich weiß es nicht Genug ich übersah die schwachen Stellen mit Lächeln
und Nachsicht verweilte mit Vergnügen bei andern die von stärkerm Gehalte
waren  verglich die Empfindungen des Schreibers mit der Erfahrung der meinigen
und geriet darüber in ein Gedankenspiel das mich in Ermangelung eines bessern
Zeitvertreibs immer leidlich genug beschäftigte
    Wäre der Brief nicht so unerträglich lang ich schriebe Dir ihn ab  Aber
könnte ich Dir ihn nicht stückweise vorlegen und die ganze bunte Masse von
Gerichten die er hier auf einmal auftischt unter die mageren Epochen
verteilen die etwa wie heute in meinem Tagebuche vorfallen Warum nicht
Aus dem systematischen Zusammenhange werde ich nicht das mindeste reißen über
diesen hat sich der natürliche Menschenverstand des Schreibers glücklich hinweg
gesetzt Dessen ungeachtet hoffe ich sollst Du mir meine Mühe verdanken  Der
Brief wird Dich immer mit einem sehr seltenen Manne bekannt machen dergleichen
unser guter König wohl nur wenige in seinen Staaten aufweisen kann mit einem
Vasallen nämlich der zufrieden auf seiner Hufe sitzt und die Richtigkeit des
Satzes praktisch beweist nihil petenti nihil deest
    Sollte Dir nun vollends der Verfasser des Briefs der wohl zu merken als
er ihn schrieb nicht einmal ahnden konnte neben was für ein Mignaturbild man
ihn beilegen würde die Augen über den nachteiligen Einfluss öffnen den wie er
es ernstlich gegen seinen Freund und Feldnachbar behauptet die Entfernung vom
Vaterlande auf unsere Sittlichkeit und Gemütsruhe hat so bewirkt vielleicht
diese Abschrift den guten Gutschluss bei Dir den auch mein Tagebuch zu
entkräften leider nicht gemacht ist dass Du Deine kranken Freunde künftig nicht
mehr so auf geradewohl in die weite Welt schickst
        Lieber August
    In der frohen Erwartung Deines versprochenen Gegenbesuchs auf meinem
Landgute in den Anstalten zu Deiner Aufnahme die mich eben von dem einen
staubigen Winkel meines Hauses zum andern trieben als ich gestern Deinen
Abschiedsbrief erhielt brauche ich wohl kaum zu sagen wie sehr er mich
überrascht hat Nichts  ich kann Dich es auf Ehre versichern nichts in meinem
Leben hat es mehr getan als diese Ankündigung Deines Aufbruchs nach Avignon
Dein Entschluss ist rasch lieber August Schwerlich hast Du ihn selbst geahndet
als ich vergangenes Frühjahr einige Wochen bei Dir vertändelte denn sonst
würdest Du mir ihn doch wohl entdeckt und die Bewegungsgründe dazu entwickelt
haben die Du jetzt meinen eigenen Nachforschungen anheim stellst Kaum kann ich
von meiner Verwunderung zurück kommen Warum bautest und schmücktest Du Dein
stolzes Haus möchte ich fragen da es Dir so Not tat es zu verlassen Warum
übergabst Du es in der Aufschrift über dem Portal der Zufriedenheit da Du die
Göttin erst anderwärts aufsuchen willst der Du es hier mit goldenen Buchstaben
geweiht hast Du hast durch Deine plötzliche Abreise alle Deine Feldnachbarn an
Dir irre gemacht Einige erblicken nichts weiter darin als einen beschimpfenden
Vorwurf gegen ihren Zirkel und langweiligen Umgang andere schütteln die Köpfe
und fürchten dass Dich nur die großen Schulden in die Flucht trieben in die
Dich die Torheit Deines Baues gebracht habe Ich allein kenne Dich zu gut um
nicht mehr als zu viel Übereinstimmung mit Deinem Innern auch in dieser Deiner
Handlung zu finden und befestige mich noch mehr in den Gedanken wovon ich den
Faden schon vor fünf Jahren in der alten Burg Deiner Vorältern auffasste und den
ich bei meinem diessjährigen Besuche in diesem neuen Palaste alle Musse fand
vollends auszuspinnen Wäre noch der geringste Anschein geblieben dass meine
stillen Wünsche für Dein Glück und alle die schönen Hoffnungen sich mit der Zeit
erfüllen würden um die mich nun Deine Abreise bringt wahrlich Du hättest
nicht einmal von meinem heimlichen Gespinnste etwas erfahren sollen Jetzt aber
da Dich die Unruhe die Du von Deinen ehemaligen langen Reisen zurück brachtest
aufs neue wieder in die weite Welt jagt und Dich von Deiner prächtigen Wohnung
wie von den schmucklosen Hütten Deiner Freunde entfernt jetzt da ich mir
nicht anders zu helfen weiß musst Du mir vergeben dass ich Dir den ganzen Knaul
auf der Post nachschicke so voll ich ihn ohne meinen ländlichen Geschäften
Abbruch zu tun habe aufwickeln können
    Erinnere Dich lieber August der Zeit unserer gemeinschaftlichen Erziehung
Damals vertrauten wir einander so gern unsere kleinen Geheimnisse Wenn einer
von uns ein Vogelnest fand zog er immer den andern zur Frage ob es wohl
Nachtigallen wären oder Sperlinge Wenn einem von uns sein Strohhut der Quere
saß rückte ihn der andere ohne viele Umstände zurechte Warum wollten wir in
älteren Jahren und bei wichtigern Dingen zurückhaltender sein und nicht eben so
treuherzig als ehedem unsern Bemerkungen Luft machen Der Tod Deines
rechtschaffenen Grossoheims meines Erziehers und Wohltäters trennte uns arme
Spiel und Schlafgesellen und gab jedem eine andere Richtung Die Deinige ging
in das Edle Erhabene und Weite die meinige hingegen nötigte mich auf dem
väterlichen Boden wie Epheu fortzukriechen und aus eigener Kraft Wurzel zu
schlagen Funfzehn Jahre vergingen ehe Du mir wieder unter die Augen kamst und
Wie falsch waren meine Urteile über Dich eh ich Dich sah Ich berechnete nach
der Summe der vielen frohen Empfindungen deren ich mir bewusst war und zu denen
ich auf die einfachste Art ohne Aufwand gelangte wie groß erst die Masse der
Deinigen sein müsse die unter der Leitung verständiger gelehrter Männer aus
Bestandteilen zusammen gesetzt wurde die sich gegen die Materialien meines
Glücks wie polirter Marmor zu rohen Feldsteinen verhielten Meine Neugier trieb
mich nicht weniger zu Dir als der Drang meiner unveralteten Liebe Als ich seit
meiner Kindheit nun zum erstenmale wieder den alten Turm Deiner Burg in der
Ferne erblickte ja bester August da war es mir so warm um das Herz als ob
alle die verlaufenen Blutkügelchen meiner Jugend wieder zurück strömten Es
grübelte mir in der Nase und ich würde geweint haben hätte nicht die Hoffnung
Dich nach einigen Augenblicken zu umarmen den Strom meiner Tränen bis dahin
noch in seinem Ufer gehalten Du weißt wie viele ich in dem ersten Ausbruche
der Freude an Deinem Busen vergoss und wie zugleich meine Blicke arbeiteten
Dich aus den fremden Federn zu heben in die Dich Zeit und Verhältnisse tiefer
gebettet hatten als ich erwartete Ach es gelang mir nicht Und wie konnte es
auch An die Stelle des munteren offenen launigen Jungen wie ich gewohnt war
mir meinen August zu denken war ein feiner behutsamer zurückhaltender Denker
getreten der durch bestimmte wohlklingende Ausdrücke mir meine zudringlichen
regel und zwanglosen Fragen eher zu verweisen als zu beantworten schien Eine
gewisse Ängstlichkeit schritt selbst an dem Arme Deines Freundes durch die
prunklosen Zimmer neben Dir her die Dein Oheim mit immer gleicher Zufriedenheit
bis an sein seliges Ende bewohnte Du warst verlegen in meiner Gegenwart und
sicher dachtest Du nicht viel besser von mir als von dem alten Hausgeräte das
Dich umgab Wie war doch jetzt alles Deinen kritischen Augen so anstößig von
dem russigen Turm an der mir so frohe Herzensbewegungen verursachte bis auf
die unschuldige Sammlung von Hirschgeweihen die den Saal Deines Oheims
schmückten  bei denen allein er das Wort Prächtig in den Mund nahm und die
er als das Journal seiner glücklichsten Tage mit mehr Freude betrachtete als
Ludewig die Tapeten auf die Le Brün seine Schlachten gemalt hatte Was für ein
Fest der Erinnerung war es mir nicht als ich hinein trat und dieselben
veralteten Armstühle noch in ihren Ecken stehen sah die mir in so manchem
schwierigen Augenblick Schutz gaben Alle die lieben süßen Spiele meiner
Kindheit schien es mir schlüpften hinter den schweren wollenen Fensterbehängen
hervor und bewillkommten ihren alten Bekannten Der große blaue Gewehrschrank
der mir damals keine geringe Ehrfurcht einflößte tat es wahrlich um nicht viel
weniger als ich ihn wieder sah und ich glaubte das Herz würde mir springen
als ich die hölzerne Wanduhr mit dem Guckuck noch in demselben Tone schnarren
und schlagen hörte wie in jenen flüchtigen Stunden wo sie so despotisch meine
Zeit beherrschte und der ich mich nie ohne Zittern näherte weil sie unstreitig
das kostbarste Hausgerät Deines Oheims war Die Mode wie Du weißt verrückte
ihm nie einen Stuhl und eher würden ihn die Würmer um die Kisten und Kasten
seiner Vorältern gebracht haben ehe es einem Rost Röndchen oder Martin
gelungen wäre
    Du mein kluger Freund brachtest andere Augen von Deinen Reisen mit als
mir die Natur Gott sei Dank bis jetzt erhalten hat Für Dich waren alle die
freundlichen Winke verloren die mir der Schauplatz meiner Jugend aus allen
Ecken zuwarf Mit Betrübnis verließ ich Dich endlich in den Anstalten eines
neuen Baues Mein Herz ward mir schwer als ich Dich von dem Einreissen der alten
Burg sprechen hörte Ich eilte um aus dem Staube zu kommen und es war mir als
hätte ich einen treuen Spielgenossen aus dem einbrechenden Sturme gerettet als
Du meinen Hinblick verstandst und so gütig warst mir die hölzerne Uhr zu
verehren die zum Andenken Deines guten Oheims selbst in diesem Augenblick
über meinem Schreibetische rasselt
    Lieber Gott sagte ich unterwegs zu mir was für eine närrische Sache muss
es doch um den guten Geschmack sein mit dem sich mein ehrlicher August allemal
entschuldiget wenn ihn etwas verstimmt was ich entweder gleichgültig ertrage
oder was mir wohl gar Freude macht Immerhin Wenn mein Freund nicht zufrieden
in der alten Burg leben kann so hat er Recht dass er sie einreisst und eine
andere baut die ihm Genüge tut Ach wenn nur schon die beschwerlichen Jahre
der Vorbereitung vorbei und die heiligen Hallen geöffnet wären die seine
munteren Launen zur Wiederkehr einladen und ihn mit dem Gefolge seiner Tugenden
beherbergen sollen die jetzt der Anblick eines Gotischen Gebäudes in die
Flucht jagt  Diese fünf Jahre verliefen in Mühseligkeit und Erwartung  aber
dafür hast Du nun auch Deinen schönen Plan ausgeführt und den Reiz unserer
ungeschminkten Gegend mit einem Gebäude erhöht das ein edles Ansehen mit der
höchsten Bequemlichkeit und den schönsten Verhältnissen auf demselben Raume
vereinigt der sonst wenn Du willst eben so viele Sünden dagegen aufstellte
Die einfachen Häuser Deiner Nachbarn liegen seitdem wie beschämt und in
gehörigem Abstande demütig umher und es gehören förmliche Einladungen dazu
ehe sich einer von unsern Grauröcken entschließen kann Dich in Deinem Tempel zu
besuchen Ich rechnete freundschaftlich auf die erste die Du ausschicken
würdest  erhielt sie ließ nun alles in meiner Wirtschaft stehen und liegen
und schickte mich an die Deinige zu bewundern Nun dachte ich werde ich
endlich den Freund meiner Jugend ganz so glücklich sehen als die Mühe verdient
die er sich gegeben hat es zu werden Meine Zufriedenheit wird freilich eine
ärmliche Figur neben der seinigen machen da ich aber nun einmal einen so
kostbaren Unterhändler der menschlichen Glückseligkeit als der Geschmack ist
weder besolden kann noch zu beschäftigen weiß so will ich mich einstweilen
ohne Neid an die frohen Empfindungen halten die mir die Natur umsonst gab
    Wenn ich nicht irre empfingst Du mich mit einer weit herzlichern Umarmung
als das erstemal Die großen Augen mit denen ich alles anstaunte machten Dir
Spaß Je weniger ich mich wiederfinden konnte je bänglicher ich alles das
vermisste was den köstlichen Rost der Erinnerung an sich trug desto mehr
tatest Du Dir auf die Dinge zu gute welche Du an die Stelle jener setztest
die Du so harterzig aus Deinen Augen und von der Erde wegräumtest Ich will Dir
nicht die Schönheiten Deines ländlichen Palastes herzählen Sie fallen wohl
jedem in die Augen der nicht blind ist und ohnehin kennst Du ihren Wert
besser als ich Eben so wenig will ich der alten Burg wieder erwähnen Zu was
würde es uns beiden helfen Aber so viel kann ich Dir wohl sagen dass es mir in
Deiner neuen Wohnung so ängstlich vorkam als Dir in der alten Die geschmückten
Zimmer die Du mir anwiesest rührten mich nicht eher als bis ich an die
russigen dachte die wir zusammen bewohnten Deine Vasen  ob es Griechische oder
Römische sind weiß ich nicht  standen mir meistens im Wege und es war mir
immer als ob ich den Möbeln die ich unter einerlei Namen in meinem Hause
sorglos gebrauche hier zuvor eine Verbeugung machen müsste eh ich sie
berührte Ich konnte mir nicht bergen dass von dem Spiegel der weit über mir
weg bis an die Decke lief der vierte Teil für mich armen Pigmeen schon mehr
als zu viel das übrige teure Glas nur ein Auswuchs des guten Geschmacks und
wenn Dich nicht einmal ein Patagonier besucht Deinen Gästen unbrauchbar sei
Ich blieb aus Furcht vor unglücklichen Folgen meiner Sorglosigkeit immer
mitten in dem Zimmer stehen staunte die schön verzierten Wände an ohne dass ich
wagte mich ihnen mit einem Stuhle zu nähern Du musst es mir zu gute halten
lieber August aber ich finde wenig Vergnügen in der Bewunderung und alle die
trefflichen Kunstsachen die Du hier aufgestellt hattest machten mich so klein
so schmutzig dass ich sie schon deswegen in meiner Nähe nicht leiden konnte
Indes was hätte alles das zu sagen Du hast Dir eine Wohnung gebaut und nicht
mir Auch kann ich Dich heilig versichern dass ich die Zeit meines Besuchs über
mehr den Gang Deiner Zufriedenheit als der meinigen berechnete und weniger
Dein Gesellschafter war als Dein Beobachter Ich habe Dich ganz zu erforschen
mir Deine Äußerungen über Dich selbst so gut zu Nutze zu machen gesucht als
Dein misslauniges Stillschweigen habe Dich in dem Zirkel der Gesellschaft
belauscht wie in Deiner Einsamkeit und wie der Arzt aus den Pulsschlägen der
Hand auf die Bewegung des Herzens schließt habe auch ich in den oft schnellen
Übergängen Deiner Empfindungen den Ursachen nachgespäht die mir ihr Steigen
und Fallen erklären könnten Zu was haben mir meine freundschaftlichen
Nachforschungen geholfen Ach sie überzeugten mich dass Du an einer Krankheit
littest die um so gefährlicher ist als sie allgemein für eine erhöhte
Gesundheit gilt und um desswillen unheilbar bleibt weil der Kranke den einzigen
Arzt der ihm helfen könnte zum Hause hinaus wirft so oft er sich ihm nähert
Warum gehe ich so um den Brei herum Das Übel mit dem Du behaftet bist heißt
Deutsch zu reden der gute Geschmack und der Arzt dem Du mit sechs Postpferden
von einem Ende der Erde bis zu dem andern zu entfliehen suchst ist meine treue
Freundin und Hausgenossin und heißt Natur
    Du hast viele gebildete Menschen  Virtuosen in den schönen Künsten gesehen
lieber August aber sahst Du wohl je einen von ihnen der glücklicher dadurch
gewesen wäre als Dein Oheim Alles trug etwas zu seiner Zufriedenheit bei 
seine Tugenden wie seine Fehler  seine Stärke sowohl als seine Gebrechen  und
wie ungesucht war nicht der Gang seines Glücks Er dankte Gott eben so herzlich
für das was er besaß als für das was ihm mangelte Die Landwirtschaft war
die Beschäftigung von der er glaubte dass sie ihm der Herr Himmels und der Erde
unmittelbar anwies und seine liebste Erholung war die Jagd Ich bin gestand er
oft mit treuherzigem Ernste kein Freund vom Nachdenken denn ich habe es längst
weg dass tägliche tüchtige Leibesbewegung ohne vieles Sinnen und Betrachten
auch der Seele zu gute kommt die Arbeiten aber die ich meiner armen Seele
auflege blähen nicht allein sie selbst auf sondern auch den Körper machen ihn
zu einem unnützen Müßiggänger und bringen ihn aus seiner gesunden Ordnung
Deswegen war es ihm auch nicht möglich an das natürliche Verderben des Menschen
zu glauben und den Spruch den er manchmal von der Kanzel hörte »Aus dem
Herzen kommen arge Gedanken usw« hat er bis an seinen Tod für eine unrichtige
Übersetzung gehalten Bei mir sagte er wenn sie ja aufsteigen kommen sie aus
dem Magen So lange ich mir den nicht verderbe werde ich nicht so leicht eine
Christenpflicht unterlassen oder ein Laster begehen Aus derselben
Unbefangenheit seines Herzens entsprang auch seine launige Abneigung gegen
moralische Schriften Bekam er ja eine von ungefähr in die Hände so lachte er
allemal über die unnötige Bemühung des Schreibers Ich möchte wundershalber
wissen sagte er dann ob das schönste Buch dieser Art einen Kerl der eben eins
von den zehn Geboten übertreten will davon abhalten wird Man liest wohl so
etwas wenn man ruhig ist seine fünf Sinne beisammen hat und den Senf des
Autors entbehren kann  Aber wie dann wenn das Blut kocht und das Herz braust
Da beweise einer so lange er will dass man ruhig sein soll  er wird nicht halb
so geschwind wirken als es nach meiner Erfahrung mit einem frischen Glas Wasser
gelingt Mit was für freundschaftlichen Augen betrachtete er seine Mitgeschöpfe
Er tat ihnen gewiss zu viel Ehre aber was für einen sichtbaren Einfluss auf ihn
selbst hatte das nicht Auf seiner ehrwürdigen Stirne glänzte der sanfte
Widerschein einer ruhigen Seele Unsere Kinderspiele konnten nicht unschuldiger
und herzlicher sein als es die fröhlichen Stunden seines Alters waren und sein
Gewissen trieb sich fast auf dieselbe leichte Art herum als das unsere Wir
hatten vor neuen Torheiten nicht Zeit uns der älteren zu erinnern und Er wenn
er auf seine Sünden zu sprechen kam sagte mit dem gutmütigsten Ernste
Unfehlbar habe ich ungeachtet meiner Diät deren so große und so viele begangen
als ein anderer aber Dank sei dem barmherzigen Gott für mein schwaches
Gedächtnis ich habe eine nach der andern so gut vergessen als das Bisschen
Latein das ich in meinen Schuljahren lernen musste
    Du Mann von Geschmack sage mir lieber August ob Du glaubst dass ein
solcher Zusatz Deinen Oheim noch heiterer menschenfreundlicher und zufriedener
würde gemacht haben als ohne ihn es seine einfache Kost sein guter Magen
seine Leibesbewegungen und sein schwaches Gedächtnis taten Überlege es wohl
und setze nicht zu geschwind den vielen nur zu wirklichen Aufopferungen die er
sich zu Erlangung dieses Scheinguts hätte müssen gefallen lassen jene magere
Liste von Entschädigungen entgegen die uns alle Kompendien der schönen
Wissenschaften auskramen jene erhöhten Freuden des Lebens die aus euren
geschärften Sinnen aus der Regelmäßigkeit eurer Urteile und aus dem
systematischen Stolze entspringen sollen auf den ihr euch unter einander so
viel zu gute tut denn dieser Putz der Seele wenn es ja einer ist verliert
sehr in der Nähe und gleicht dem schimmernden Staube eines JohannisWürmchens
der in der Nacht leuchtet ohne die arme Kreatur selbst zu erwärmen Dein
seliger Oheim besaß nicht das mindeste von dem was man Geschmack nennt Er
kannte ihn nur in seiner sinnlichen Bedeutung und da kannte er ihn gut Der
Verdruss ihn auch in seiner figürlichen kennen zu lernen war ihm nur für sein
Alter aufgehoben Diese Epoche seines Missmuts die uns unsere lustigen Stunden
so sehr verbitterte ist mir immer gegenwärtig geblieben doch habe ich mich nie
lebhafter daran erinnert gesehen als letzthin in Deinem Hause und bei
Betrachtung Deines Kunstkabinets Da wir damals als dies vorging zu viel mit
unsern Leimruten zu tun hatten so weißt Du vielleicht gar nicht worauf ich
ziele und was für einen ärgerlichen Prozess ihm seine Unbekanntschaft mit jenem
Worte auf den Hals zog Ich habe mir die Akten dieses sonderbaren Rechtshandels
zu verschaffen gesucht und sie liegen jetzt vor mir doch zweifle ich dass Dir
der Auszug daraus denselben Spaß machen wird als mir ob er gleich nachdem man
es nimmt keine unbedeutende Beilage zur Geschichte der Kunst sein würde
    Der Freiherr von K besaß das wichtige Gut in unserer Gegend das nachher
die königliche Domänenkammer an sich gebracht hat Er war ein Mann von Erziehung
und Kenntnissen hatte seine Reisen trefflich benutzt kam verheiratet mit
einer edelen Römerin zurück baute sich ein Haus in der Residenz das in keiner
Rücksicht dem Deinigen nachstand und lebte hier wie ein Kenner dem sein
Reichtum erlaubte jeden lüsternen Wunsch zu befriedigen den ihm sein
Kunstgefühl eingab Er buhlte ohne es satt zu werden um die Meisterstücke der
vergangenen und gegenwärtigen Zeit stellte deren so viel er habhaft werden
konnte der Bewunderung der Fremden und Einheimischen aus und überredete sich
und ließ sich überreden dass er glücklich sei weil er Geschmack habe Endlich
verließ er doch als Wittwer ziemlich gelbsüchtig und mager den Schauplatz
zwanzig verträumter Jahre und flüchtete sich und seine Kunstsachen auf sein
väterliches Landgut das indes unter den Händen seiner Verwalter weder an
Einkünften noch Ansehen gewonnen hatte War er in der Stadt der guten
Gesellschaft überdrüssig geworden so wollte er es der auf dem Lande lieber gar
nicht zumuten ihm die Zeit zu vertreiben und ob ihm gleich oft das Herz vor
Neugier pochte wenn er über die Gränzlinie blickte die schon allein der nur zu
sichtbare Wohlstand der Güter seines Nachbars um die seinigen zog so konnte
doch der Besitzer so herrlicher Sammlungen es nie über sich gewinnen den Junker
auf der alten Burg zu besuchen der für keine Sinn hatte die nicht aus Gerste
oder Hafer bestand Leitete ihn auch manchmal vor seinen Gemälden ein
Kunstgedanke auf einen ökonomischen so war es ihm doch nur eine unangenehme
Überraschung der er so sehr auswich als einem langweiligen Gespräche Er
fühlte dass eine andere Zusammensetzung dazu gehöre als die seinige war um den
Übergang von Tomsons Jahrzeiten  zu einer Bodenrechnung oder von dem
Viehstück eines van der Velden zu den blökenden Kühen seines Hofs erträglich zu
finden und so wenig Peter Bembus die Bibel lesen mochte um sich nicht den Styl
zu verderben so wenig Vergnügen fand auch Herr von K  an
WirtschaftsKalendern und SaatTabellen Auf diese Weise jagte er sich noch
einige Jahre unter seinen Büchern Bildern und geschnittenen Steinen mit der
geschmackvollsten Langeweile herum bis ihm kein Mittel mehr übrig blieb um
ihrer los zu werden als sein Sterbebette Er bestieg es so froh als einer der
sich eine Veränderung zu machen wünscht aber auch hier verdarb ihm sein feines
Gefühl für das Schöne seine letzte Unterhaltung Der gute Landgeistliche der
sich andächtig ihm näherte schüttelte bedenklich den Kopf als er ihn verließ
denn der Freiherr hatte während der Einsegnung ihn nicht ehrerbietiger
behandelt als Malherbe seine Wirtin und seinen Beichtvater da er mit
sterbender Stimme diese noch über ein Wort auszankte das die grammatische Probe
nicht hielt jenen aber höhnisch versicherte er würde ihm die Freuden des
Paradieses verekeln wenn er in dem Tone den er angestimmt hätte fortführe So
wenig erbaulich nun auch der Hingang des Herrn von K  in die andere Welt sein
mochte so gelang ihm dafür der Beweis desto besser den er in seinem Testamente
ablegte dass man auch noch in der Todesstunde das reinste Deutsch schreiben
könnte denn er gab einer Gerichtsperson seinen letzten Willen in die Feder
zwar mit schwacher Stimme aber desto stärkeren und gewählten Ausdrücken
entwickelte auf das verständigste die Grundsätze zur Erziehung seines unmündigen
Sohns die er einem bekannten Gelehrten in Leipzig dem Professor Christ
übertrug und ernannte mit großer Besinnungskraft Deinen Oheim als Vormund
unter der zutraulichen Bitte die Verwaltung seines nachgelassenen Vermögens zu
übernehmen und seine in etwas verfallenen Güter in bessere Ordnung zu bringen
    Dein würdiger Oheim fühlte sich nun zwar durch den Auftrag des Verstorbenen
sehr geschmeichelt »Der Mann« sagte er zu seinem alten Hausvogt »muss mich
doch für einen ehrlichen Kerl und guten Landwirt gehalten haben ob er mich
gleich so lang er lebte nichts davon merken ließ« Indes konnte er doch dabei
eine Bemerkung nicht unterdrücken die ihm sein gerader Menschenverstand eingab
 »Seinen Nachlass soll ich in Ordnung bringen Gut das soll zwar geschehen
aber warum tat es denn der liebe Mann nicht selbst Wenn ich ein Jahr versäumen
wollte mein Haus kehren zu lassen machte mich dann aus dem Staube und bäte
meinen Nachbar dafür Sorge zu tragen was würden die Leute denken Drollig
genug dass man den letzten Willen eines Mannes der uns eine ähnliche Zumutung
tut nicht auch so gut wie jenes für eine Unhöflichkeit aufnimmt Er darf
sein Leben vergeuden genug dass er in seinem Testamente jemanden auf das Korn
nimmt dem er die Mühe und den Schweiß überträgt die er selbst zu verlieren
keine Lust hatte Da greift er ohne Bedenken in die Zeit zu der er doch
eigentlich gar nicht mehr gehört und setzt seine stinkende Faulheit noch im
Grabe fort unter der Nase des gutwilligen Narren dem er seine abgeschüttelte
Arbeit aufgehalst hat Wenn das sein Haus bestellen heißt so verstehe ichs
nicht« 
    O du mein verewigter Lehrer und Wohltäter unschuldiger Landmann 
unerfahren in den Künsten die der Luxus erfand und Fremdling in allen andern
Wissenschaften als die uns die einfache Natur lehrt was für ein unseliges
Geschick öffnete dir den Haushalt eines Mannes von Geschmack und unterwarf
deiner Verwaltung Dinge die nach ganz andern Regeln beurteilt werden als nach
den Gesetzen der Oekonomie und nach dem Ausschlage des innern Werts
    Zwar fanden die wüsten ausgesogenen Aecker ihren Herrn an ihm die
abgestorbenen Obstbäume wurden bald durch frische Stämme ersetzt die dürren
Wiesen gewässert die verschlämmten mit Gräben durchzogen und noch grünen die
schönsten wilden Zäune zu seinen Ehren um manche Gras und GemüsGärten der
Viehstand erhöhte die Ernten verdoppelten sich und die verfallene Brauerei
öffnete den armen Bauern eine Labequelle die seit vielen Jahren vertrocknet
war Alles kam nach seiner Anweisung in Tätigkeit Fülle und Segen überströmte
die Scheuern und Böden seines Mündels und Mut und Kraft kehrten in die
erneuerten Hütten seiner Untertanen zurück So sichtbar auf dieser Seite seine
vormundschaftlichen Verdienste waren wie sehr wurden sie nicht auf einer andern
durch die Missgriffe verdunkelt die er in dem Schloss des Erblassers mit
ehrlicher Unbefangenheit tat Unerkannte Sünden die ihm aber ein Verehrer der
Kunst ein Kenner des Schönen ein Nachtreter Winkelmanns so wenig vergeben
wird als sie ihm sein Mündel vergab  
    Hier aber Eduard muss ich eine Pause machen denn ich halte es nicht länger
aus Es gehört eine eigene Geduld dazu seine Feder den Worten oder Gedanken
eines andern zu leihen Man weiß nicht wo man seinen eigenen Kopf dabei hintun
soll Nein in der ganzen Natur gibt es keine so widrige Handarbeit als die
eines Kopisten Ich finde das Holzhacken nicht so undankbar und um vieles
origineller Zehnmal kam ich in die Versuchung um mir den Weg zu verkürzen ein
müssiges oder schleppendes Wort wegzulassen oder es mit einem aus meinem Gehirne
zu vertauschen und die Sache ungefähr so zu behandeln wie gewisse
Schriftsteller wenn sie aus anderer Büchern ein eigenes schreiben oder wie
Elias Stapert den König von Pohlen
    Wer ist denn dieser Elias höre ich Dich fragen Das will ich Dir noch in
der Geschwindigkeit erzählen ehe ich Feierabend mache Elias Stapert ist ein
abgedankter Skribent dem ich durch meinen Kredit in Berlin eine Stelle in der
dortigen Charité verschafft habe wo Du ihn aufsuchen kannst wenn Du Lust hast
Er war ehemals in der Deutschen Kanzellei zu Warschau angestellt und erzählte
mir man habe ihm dort zu seinem täglichen Geschäfte eine gewisse Anzahl
Berichte mit ihren Aufschriften an den König angewiesen Der Rat der die
Koncepte zum Abschreiben unter die Kopisten verteilte band sie zwar nicht an
die Uhr wie gemeine Tagelöhner aber er schien es so gut in der Hand und im
Wurf zu haben dass er genau jedem so viel zumass als er den Tag über leisten
konnte so dass sich keiner so leicht eine Freistunde zu erschreiben im Stande
war Nun hatte der arme Elias ein kleines Haus in der Vorstadt und ein hübsches
Gärtchen daran an das er immer dachte wenn er zusammen gedrückt an dem
Schreibtische saß und nach Luft schnappte Da kam er nun eines Tags zur Zeit der
Rosenblüte auf den unglücklichen Einfall zwar nicht den Koncepten die vor ihm
lagen aber der langen königlichen Titulatur bald hier bald da ein Wort
abzuzwacken Sein erster schüchterner Versuch gelang so gut dass er ihn ohne
Bedenken wiederholte endlich gewöhnte er sich mechanisch daran und gewann
durch diesen kleinen Kunstgriff an jedem Kouvert zwei Minuten mithin an
dreissigen eine volle Stunde die er denn Gott weiß mit welchen süßen Gefühlen
unter seinen Blumen hinbrachte So hatte er verschiedene Jahre vor der Teilung
von Pohlen dem guten König eine Provinz nach der andern auf dem einen
Umschlage Reussen und Preußen auf dem andern Massovien und Samogitien bald
Podolien und Podlachien bald Kurland und Semigallien abgenommen ohne dass die
politische Welt darauf achtete Dies machte ihn wie das so geht immer
begehrlicher und dreister er riss nun schon besonders an heitern Tagen dem
Reiche einen Teil mehr ab und dehnte die noch übrigen desto länger Endlich
nachdem er sich einmal an dem Ew Majestät werden Sich allergnädigst zu
erinnern geruhen  matt und hungrig geschrieben hatte erholte er sich so sehr
an seinem schon um sechs Provinzen ärmern Monarchen dass er ihm auch noch
Smolensko und Szarnicovien wegnahm Das gab nun freilich so sehr er auch seine
Buchstaben ins weite spannte dem Ganzen ein sehr leeres Ansehen
    Ein junger Rat der mit den Kouverts spielte während sich die andern mit
dem Inhalte beschäftigten nahm das Lückenhafte in der Aufschrift wahr und tat
sogleich in pleno eine sehr emphatische Anzeige von seiner ominösen Entdeckung
Die ganze gelehrte Versammlung kam darüber in Aufruhr Man verschob die
laufenden Geschäfte des Tags über diesem außerordentlichen Vorfall untersuchte
nicht weiter die Eingaben sondern die Aufschriften ließ ältere Akten und noch
ältere aus dem Archive holen störte nach allen den königlichen Titeln die von
der Hand des armen Elias waren erstaunte über seine langjährige Untreue und
beratschlagte sich nun über seine Bestrafung Der eine Beisitzer votirte des
Exempels wegen auf den Pranger der andere der vorsetzlichen Bosheit halber
auf den Staupbesen ein dritter und vierter auf eine bloße Censur am Ende
vereinigten sie sich auf die Landesräumung zu der sie ihm eine Frist von vier
Wochen bewilligten Er musste nun seinen Platz am Schreibtische einer andern
leidenden Kreatur und seinen Gläubigern Garten und Haus abtreten Mit nichts
als einem Strausse den er von seinen Nelken abbrach die eben im Flor standen
und den er unterwegs mit mancher Träne befeuchtete verließ er die Stadt
bettelte sich nach Berlin und kam endlich auch vor meine Türe Sein ehrliches
Gesicht und seine traurige Geschichte rührten mich und wie oft ist sie mir nach
der Zeit eingefallen Ich gab ihm ein reichliches Almosen und sorgte in der
Folge wie ich Dir schon gesagt habe für sein Unterkommen
    Kannst Du aber wohl glauben Eduard dass ich seitdem keinen königlichen oder
fürstlichen Titel mehr sehen kann ohne mich zu ärgern und die armen Gebeugten
zu bemitleiden die sich an solchem Wortkram wasser und lungensüchtig schreiben
müssen Wäre ich ein Fürst ich wollte mich an der kurzen Aufschrift begnügen
An unsern gnädigen Landesvater und Sorge tragen dass ich nur diese verdiente
Ich würde einem solchen Propheten als mein Elias war kein Haar krümmen und
ihm gern die Stunde gönnen die er an dem ausgehängten Plunder meiner Titel
ersparte Sie mögen so lang so wahr oder so lügenhaft sein als sie wollen sie
machen doch den der sie führt weder reicher noch klüger befestigen sein
Ansehen nicht mehr als sein Eigentum und rücken seine großen Anwartschaften um
keinen Tag näher Wie viel unzählige Stunden die zusammen gewiss mehrere
Menschenalter betragen würden nicht zum Beispiele nur die Sächsischen
Kanzellisten an der einzigen Zeile Jülich Kleve und Berg auch Engern und
Westphalen gewonnen haben seitdem diese Floskel in unnützem Gebauche ist wenn
man sie ihnen zu einer klügern Beschäftigung erlassen hätte und wo läge denn
der Schaden der für ihre Herren daraus erwachsen wäre Diesen Erlass könnten sie
ihnen sogar ganz keck als eine Zulage ihres ärmlichen Lohns anrechnen und so
versäumt als es diese Klasse von Söldnern ist würden sie es noch eher für bares
Geld aufnehmen als die leeren Versprechungen mit denen man sie so gern von
einem Jahre auf das andere verweist
    Doch ich muss lachen dass ich diesen Sklaven die mit ihren Gänsekielen den
Staat fortrudern helfen ohne nur Einen aufmunternden Blick von dem Steuermanne
zu bekommen so herzlich das Wort rede Das sind aber die guten Folgen der
eigenen Erfahrung und wie Du mir einst die nachsichtsvolle Behandlung eines
gewissen Generals gegen sein Regiment dadurch begreiflich machtest weil er in
seinen ersten Dienstjahren selbst Spiessruten gelaufen sei und auf dem Esel
gesessen habe so erklärt sich mein Mitleiden für diese Schreibmaschinen eben so
leicht aus dem Drucke unter dem mich ihr Handwerk bei der Abschrift des fremden
Briefs leider zwei volle Stunden gehalten hat Er hat mich noch außerdem an
andere Missbräuche der edelen Schreibekunst erinnert die bei jedem Tribunal die
Ausgabe für Tinte Federn und Papier jährlich vergrößern mit denen man Zeit und
Raum in der Welt immer mehr verengt und die ich gern noch abschaffen möchte
wenn ich nicht heute zu schläfrig dazu wäre Ach warum tun es doch unsere
Fürsten nicht Um wie vieles würden sie selbst sich ihre Regierung die niemals
papierner gewesen ist als in dem laufenden Jahrhunderte erleichtern wenn sie
von ihren schalen Titulaturen an bis zu ihren wichtigen Staatsverhandlungen
alles was von dem Kanzler bis zum Kopisten Unnützes Weitschweifiges und nur
dem albernen Herkommen zu Liebe geschrieben und wieder geschrieben wird auf die
gefällige Kürze mündlicher Rede eines gescheidten Mannes zurück bringen wollten
Sie würden den Vorteil davon haben den täglichen Zustand ihres Landes auf
einem einzigen Bogen vielleicht übersehen zu können da sie wohl jetzt sich
schon an einem voluminösen Konsistorialberichte müde lesen der oft keine andere
Neuigkeit auslegt als dass ein Mädchen zum ersten oder zum viertenmale zu Falle
gekommen sei und den sie wohl nicht einmal so sein aus einander setzen als ich
mein Attentat bei Klärchen
                                                               Den 11ten Januar
Ich wüsste nicht wie für die Art von Müßiggang wie ich ihn am liebsten treibe
irgendwo besser gesorgt sein könnte als in dieser geschäftvollen Stadt Alles
überzeugt mich dass durch den Anblick fleißiger Menschen nicht allein die Seele
sondern auch der Körper viel zweckdienlicher in Bewegung erhalten wird als
durch einsame Spaziergänge gesetzt sogar dass man auch wie das doch nicht
immer der Fall ist, an sich selbst einen Begleiter fände dessen Unterhaltung
uns für jede andere schadlos hielte Was die Vorstellungen meines Arztes nicht
vermochten macht hier der Handlungsgeist möglich Er der so viele Maschinen
belebt jagt auch die meine mit Tagesanbruch aus den Federn nötigt mich an das
Fenster und öffnet mir Augen und Ohren Setze ich meinen Fuß aus dem Hause so
zieht die Vorsicht die ich anwenden muss dass er nicht überfahren oder durch
die Füße eines Lastträgers zerquetscht werde gewiss manches schlaff gewordene
Knötchen meiner Flechsen wieder an denen unter allen Lagen keine so nachteilig
ist als die bequeme Nirgends aber wirken die in Tätigkeit gesetzten Kräfte
sichtbarer und wohltätiger auf die meinigen zurück als wenn ich den Hafen
besuche Mein Körper ahmt alsdann ohne es zu wissen die schwersten Originale
der Arbeitsamkeit die sich ihm darstellen auf das treueste nach und indem ich
zum Beispiele die kräftige Äußerung des Wollens und Vollbringens derjenigen
beobachte die an einem seufzenden Kran ungeheure Lasten in das Schiff heben
beisse auch ich die Zähne zusammen dehne meine Arme krümme meinen Rücken die
Adern laufen mir auf und der Schweiß tritt mir so lange vor die Stirne bis die
Schwierigkeit überwunden ist  Dann aber erleichtere ich auch meine Brust durch
einen behaglichen Seufzer wie jene Kraftmänner die ihrige Die stärkende
Seeluft kühlt uns ab und von dem köstlichen Hunger den sie zu ihrer Mahlzeit
errangen trage ich denn auch so viel nach Hause als mein schwacher Magen
bedarf Ich werde diesen Versuch den ich aus Vorbereitung zu dem Schmause der
meiner heute erwartet diesen Morgen mit meinem Körper vornahm täglich
wiederholen so lange ich hier bin denn Du glaubst nicht mit welchem ganz
andern Vergnügen ich jetzt an die Einladung des Herrn Frege denke als gestern
da ich Dir zu Gefallen mich zu einem Abschreiber erniedrigte und sich viele
Stunden hinter einander von meiner armen Maschine nichts als die Finger
bewegten
    Warum aber lieber Eduard haben denn wir eine solche Scheu vor jeder
körperlichen Arbeit Würden wir denn nicht da schon die sichtliche Vorstellung
derselben so große Wunder tut unsern Lebensgenuss um vieles erhöhen wenn wir
nach Lockes Rat neben unserer standesmässigen Erziehung auch ein Handwerk  und
das trockene Brod wenigstens verdienen lernten das wir in kleinen Bissen
genießen Ist es recht dass wir durch das vornehme Zurückziehen unserer Hände
dem armen Tagelöhner mehr Hunger aufhalsen als er befriedigen kann indes wir
uns der Erholungen die nur den Fleiß belohnen sollten als Mittel bemächtigt
haben unser unnützes Triebwerk im Gange zu erhalten Ich dächte dieser
strafende Gedanke müsste jedem in den Weg treten der einem Trupp Schnitter
vorbei über Feld reitet seine müßigen Stunden in einem rollenden Wagen
verschnauft sich auf Bällen und Jagdpartien in Schweiß setzt und jedes
Frühjahr ein Bad besucht damit ihm nur der Schwamm nicht über den Kopf wachse
der in ihm keimt
    Wir haben alle einen vornehmen Herrn gekannt dem dies begegnete  der sich
endlich ein Faulfieber an den Hals und mit sich sechs nützliche Menschen in das
Grab zog die ihn während seiner ansteckenden Krankheit bedienten Wir erzählten
einander in unsern Gesellschaften diesen Vorfall als die gleichgültigste Sache
Hätte er aber unser Gefühl nicht eben so sehr empören sollen als die in Indien
hergebrachte Zeremonie nach welcher die Sklaven zur Begräbnissfeier ihres
verstorbenen Herrn geschlachtet werden Wohl gut dass es kein Philosoph war dem
die Leichenrede unsers verklärten Freundes übertragen wurde  Aber wie zum
Henker komme ich zu diesen moralischen Grillen den ungeschicktesten die ich
wohl hätte aufjagen können um mich zu dem Gastmahl eines reichen Banquiers zu
begleiten
    Ein Doktorhut hat das Gute an sich dass man ihn sei es einer hübschen
Dormeuse gegenüber in dem Kränzchen einer lustigen Gesellschaft oder in dem
Zirkel der großen Welt kurz bei allen Gelegenheiten wo er uns hindert
ablegen kann wie jeden andern gewöhnlichen Hut Er bleibt deswegen doch unser
samt seinen Ansprüchen und wir finden ihn gewiss unter allen den feinen und
groben Hüten wieder heraus die sich unterdes über und neben ihn herwarfen So
habe auch ich den meinen glücklich nach Hause gebracht ohne ihn zu verwechseln
und da ich ihn schwerlich heute wieder aufsetzen werde abgestäubt und an den
Nagel gehängt Was sollte er mir jetzt Er würde die Figur doch nicht sonderlich
heben die ich jetzt in meinem Lehnstuhle mache so wenig als die Trägheit
verscheuchen die mich allein abhält Dir die herrlichen Gerichte alle
aufzuzählen denen ich sie verdanke
    Ich habe fünf üppige Stunden verbraucht um eine Menge neue Bekanntschaften
 nicht unter den anwesenden Gästen  sondern unter den Konsumtibilien zu
machen denn gute Gesellschaften sehen sich an jedem großen Ort einander gleich
aber nicht ihre Schüsseln Der Erziehungskunst so hoch man sie auch überall
getrieben hat misslingt ihre Bemühung nur gar zu oft Sie putzt und spickt und
salzt das Wildpret das sie behandelt nach verschiedenen Metoden und bringt
doch am Ende nur ein verkünsteltes Gericht oder höchstens ein Schauessen
zuwege das unter jedem Himmelsstrich einerlei Farbe hat Sie versteht lange
nicht so gut der Natur nachzuhelfen als ihre ältere Schwester die Kochkunst
die immer das Eigentümliche jedes Landes mit der allgemeinen Erfahrung so
geschickt zu verbinden weiß dass jedes Gemüse seinen gehörigen Zusatz jeder
Fisch seine rechte Brühe erhält und sie unterscheidet viel klüger als jene
welches Stück sie mortificiren welches sie dämpfen soll  wie viel Wasser
jenes wie viel dieses Feuer bedarf um gar zu werden und weist jedem seinen
eigenen Topf an
    Da ich indes immer geglaubt habe dass nichts mehr zarte Empfindungen
gewürzte Einfälle und neue Wendungen des Geistes hervorbringe als Gerichte von
ähnlichem Gehalte so nimmt es mich doch Wunder dass bei den vielen feinen
Schüsseln die Marseille vorzugsweise liefert die hiesige Akademie der schönen
Wissenschaften sich nicht besser auszeichnet Es waren heute verschiedene ihrer
Mitglieder zugegen aber so viel ich habe bemerken können war kein Chaulieu
kein Lafontaine kein Anakreon darunter obgleich keiner bei den leckern Bissen
die er zu sich nahm vergaß dass seine Zunge auch ein Sprachorgan sei
    Bei allem dem kam mir doch den ganzen langen Mittag über auch nicht einen
Augenblick das Heimweh an und wenn es zutrifft was mir Herr Frege für diesen
Abend verspricht hoffe ich auch den Überrest meines Tages von dieser
patriotischen Krankheit befreit zu bleiben denn er denkt dass ein Ball zu dem
er mir auf das höflichste sein Einlassbillet abgetreten hat mich sichtlich von
dem großen Vorzuge überzeugen werde den die hiesigen Damen vor dem ganzen
schönen Geschlechte der Erde ohne Ausnahme behaupten Ich stutzte als er mir
das sagte ging in der Geschwindigkeit die berühmten Schönheiten unsers Berlins
durch und schüttelte etwas ungläubig den Kopf »Nun Sie sollen es mir wieder
sagen« versetzte Herr Frege »vergessen Sie nur nicht Herr Landsmann eine
gute Lorgnette mitzunehmen«  »O daran soll es nicht fehlen« erwiderte ich
»ich habe eine der schärfsten die man finden kann und die mir zu Kaverac
Avignon und Gott weiß wo sonst noch die vortrefflichsten Dienste geleistet
hat«  »Nun so wünsche ich Ihnen Glück zu Ihrem heutigen Abend es tut mir
leid dass mich meine Geschäfte verhindern Sie zu begleiten« 
    Diese zuversichtliche Behauptung eines wahrheitsliebenden Deutschen der
Leipzig Dresden Frankfurt und Berlin inwendig und auswendig kennt und an
einem Orte wohnt wo täglich alle Nationen der Erde ihre Waren auslegen kann
wohl nicht anders als meine Neugier aufs höchste spannen Wenn er Recht hat so
käme man beinahe in die Versuchung zu glauben dass jene gepriesenen
Nahrungsmittel wohltätiger auf die äußern Organe wirken als auf die innern In
einer See und Handelsstadt mag das hingehen wäre aber Marseille eine hohe
Schule so würde dieses Phänomen mehr Unglück anrichten als die philosophische
Fakultät verhindern könnte Glaube mir Eduard dass ich weniger zu meinem
Vergnügen auf den Ball gehe als um diese Streitfrage zu berichtigen die wohl
eine der wichtigsten in der Naturgeschichte ist
    Dieser Tag des Wohllebens und der Entscheidung wäre nun vorüber Und welcher
Nation der Erde fragst Du gehört denn unter allen den Schönen die du sahst
die Mustergestalt an der du den Apfel reichen würdest Geduld Eduard Ich habe
noch Zeit genug übrig mit Dir zu schwatzen denn ob es gleich schon einige
Stunden über Mitternacht ist so sind doch meine Augen von den Bildern die bei
meinem Fernglase vorüberzogen noch viel zu gespannt als dass ich sie so
geschwind schließen könnte Bei den optischen Strahlen der Schönheit bei den
magischen Tönen der Musik die ich in solcher Menge aufgefangen habe dass ich
Feuer geben und klingen möchte wie ein Büstrich ist es mir nicht allein
gelungen den wichtigen Streit der Schönen aller Nationen gegen einander völlig
zu schlichten sondern ich bin auch nebenher auf die sonderbare Entdeckung
gestoßen wie man neue Sylbenmasse an denen es unserer Poesie so sehr mangelt
ohne große Anstrengung finden kann
    Die Operation ist kinderleicht für jeden dem es während und nach einem
Balle so geht wie mir dass er kein Wort sprechen und denken kann das nicht Takt
hält Er setze nur die Füße seiner Verse nach eben der Ordnung Abwechselung und
Mensur die eine tanzende Schöne den ihrigen gibt und er wird mit Verwunderung
sehen wie sich manches Sylbenmass unter ihren harmonischen Schritten bilden
wird an das vorher noch kein Dichter gedacht hatte Zur Probe meiner neuen
Erfindung will ich Dir den ersten Eindruck des Ganzen auf meine überraschten
Sinne in keinen andern als solchen abgestohlnen Versen erzählen Ich erwischte
den Takt dazu bloß in den letzten Schwingungen des Tanzes der eben zu Ende
lief wie ich in den Saal trat
Freund das war ein Ball So hat nie ein andrer
Mich selbst in fürstlichen Sälen ergetzt 
Hat mich denn dacht ich wie Paulus den Wandrer
Ein Traum in den dritten Himmel versetzt
Ich sah hier Tänzer in fremden Gewanden
Und Schönen mit fremden Federn geschmückt
Als hätten die fernsten Völker Gesandten
Zu diesem Feste der Füße geschickt
Ich sah  
    Doch nein weiter darf ich nicht fortfahren denn die Musik schweigt meine
Vortänzerinnen verschnaufen und der Saal nimmt eine prosaische Gestalt an Ich
machte mich sogleich zu meinem Richteramte geschickt nahm mein doppeltes
Fernglas vor die Augen und wie ein Blumist in den Gärten zu Harlem in stiller
Betrachtung von der Aurikel zur Nelke von der Hyazinte zur Klatschrose
schleicht mit seinen Bemerkungen von der Krone zum Stängel und von diesem mit
gewagten Schlussfolgen bis zu der verborgenen Wurzel herabsteigt bald in der
einen Blume den Umfang ihrer markichten Blätter bald in der andern die
gedrängtern Schönheiten ihres Kelchs bewundert und sie erst alle mehrmalen
beäugelt ehe ihn der Abschluss seiner Vergleichungen zu derjenigen Blume zurück
bringt die ihn am meisten bezaubert hat so pünktlich verfuhr auch ich in
meiner Untersuchung konnte des Spiels das ich immer mit neuem Vergnügen
wiederholte in den vielen Stunden die es mich in dem bunten Zirkel herum
trieb nicht satt und lange nicht über das Urteil mit mir einig werden das
ich über alle Nationen der Erde fällen sollte Endlich aber nachdem ich diese
herrlichen Gewächse der physischen Welt von allen Seiten besehen wieder besehen
und mit einander verglichen hatte blieb meiner Unparteilichkeit nichts übrig
als dem Herrn Frege beizustimmen und den einheimischen vor allen den
ausländischen die ich unter sie gemischt sah den Vorzug der Schönheit
zuzugestehen Ich kann weder euch helfen ihr feurigen Geschöpfe Italiens noch
euch ihr schlanken Gestalten Englands und selbst auch euch nichts ihr meine
lieben blonden Landsmänninnen   euch allen  allen nicht die Spanien und
Pohlen Russland Schweden und Dänemark vor meinen Richterstuhl schickten An
jeder von euch rührten blendeten und entzückten mich einzelne Reize genug die
ich aber nirgends so flecken und tadellos und so offen beisammen fand als in
den äterischen Gestalten Marseillens Keine war  wie ging das zu  der andern
gleich und doch jede vollkommen
    Herr Frege behielt Recht Er behielt Recht von acht Uhr des Abends bis eine
Stunde nach Mitternacht aber eben wie es Eins geschlagen hatte stellte sich
eine Griechin seiner Ausforderung entgegen und nach wenigen Minuten war ich
gezwungen mein schon gefälltes Urteil beschämt wieder zurück zu nehmen Ein
guter Wind hatte sie erst vor einer Stunde in den Hafen gebracht unter der
Aufsicht und Leitung ihres Oheims des weltberühmten Ritters von Tott Er der
lange Jahre die Dardanellen verteidigte und die Ungläubigen siegen gelehrt
hatte eroberte für sich selbst eine schöne Cirkasserin und flüchtete jetzt
seinen Reichtum seine Frau und ihre Nichte nach Frankreich
    Dieses Wundermädchen hatte nur zu lange auf dem engen Spielraum eines
Schiffes den Tribut entbehren müssen an den ihre Reize gewöhnt waren nur zu
lange hatte sie nicht ihren Schmuck angelegt und getanzt Man kann denken wie
ungeduldig sie ihrer Landung entgegen sah Gott sei gedankt rief der Ritter
wie er in den Hafen einlief jetzt haben wir die reichste Stadt meines
Vaterlandes und den besten Zufluchtsort gegen die Langeweile erreicht Sie haben
jetzt nur zu wählen meine liebe Nichte Was wünschen Sie zu Ihrer ersten
Erholung  Das Mädchen antwortete Einen Ball und so stieg sie aus der offenen
See vor den offenen Spiegel fand sich da wieder eilte vielleicht zu sehr mit
ihrem Putze und ging nun an dem Horizont unsers glänzenden Festes wie der
Morgenstern auf der eine ganze Milchstrasse verdunkelt
    Der weibliche Zirkel geriet bei ihrer Erscheinung in einen sichtbaren und
sehr gerechten Unmut denn unter den Männern blieb auch nicht Einer seiner
Auserwählten so treu dass er nicht seine Augen von ihr abwandte und seinen
Handkuss aufschob um dieser Huldgöttin einen beifälligen Blick zu entlocken und
in Andacht ihren Einzug zu feiern
So trat die Nichte  
    Doch eh ich meine Romanze in dem neuen Versmasse anstimme das ich unter
den flüchtigen Füßen dieser unvergleichlichen Tänzerin wegstahl und das ich Dir
zugleich als die zweite Probe meiner glücklichen Erfindung vorlegen will bitte
ich Dich lieber Eduard zu bemerken dass in der Reihe der Nichten die in
meinem Tagebuche und mitunter ziemlich derb auftreten dieses liebe Mädchen
schon die vierte ist
    Als einem Autor von seinem moralischen Gefühl kann mir dieser zufällige
Umstand nicht anders als angenehm sein denn es würde mir leid tun wenn ich
hier und da das was ich ohne Bedenken von Nichten erzähle einer Tochter
nachsagen müsste Ob ich gleich wie der Leser mit der einen so wenig in
Verwandtschaft stehe als mit der andern so ist doch gewiss dass man an einer
Verlegenheit die Töchtern begegnet innigern Anteil nimmt als in die sich
nach Zeit und Umständen eine Nichte gebracht sieht Es ist mit Einem Worte
sobald man dabei nur Onkel Tante oder Vormund erwähnen hört als ob man froh
wäre dass nur Vater und Mutter die Abzeichnungen nicht erlebt haben in denen
sich ein Reisebeschreiber wie ich Kook oder Vaillant oft genötigt sieht so
reizende Geschöpfe der neugierigen Welt bloß zu stellen Ich täte freilich wohl
klüger ich ließe meine Bleifeder ruhen und suchte mein Bette wüsste ich nur
den verzweifelten Walzer der mir im Kopfe liegt auf eine andere Art los zu
werden als dass ich ihn auf Noten setze und Dir preis gebe Aber ziere ich mich
nicht wie ein Kind Warum sollte ich Dir denn etwas verheimlichen was auf einem
öffentlichen Balle geschah und was morgendes Tags der schon anbricht die eine
Hälfte der Stadt der andern als eine Neuigkeit ins Ohr raunen wird selbst auf
Gefahr durch ihr zu lautes Geschwätz die schöne Fremde auf immer und ewig
daraus zu vertreiben Es hatte also eben Eins geschlagen
Da trat die Nichte des mutigen Tott
Mit ihm in den staunenden Saal
Ein reiner und durch die Gnade von Gott
Gefüllter Busen und Augen voll Spott
In einem schneeweißen Oval
Als sie mit Anstand die Reihen durchzog
Ward Missgunst und Lüsternheit wach 
Ein summender Schwarm von Jünglingen flog
Als sie mit Anstand die Reihen durchzog
Der Blume des Orients nach
Die Fächer rauschten doch Mangel an Mut
Entfernte das feindliche Heer
Der Handschuh lag still es winkte kein Hut
Die Tänzer weilten aus Mangel an Mut
Und keiner noch trat ins Gewehr
Doch endlich naht sich ihr bittend und dreist 
Und Oberon stieß in sein Horn 
Ein flinker Ritter vom heiligen Geist 
Und endlich naht sich ihr bittend und dreist
Ein Ritter vom päpstlichen Sporn
Sie blickt auf keinen und reicht ohne Wahl
Dem Ritter des Sporns ihre Hand
Er wie ein Sturmwind durchbraust nun den Saal
Und dreht und walzt sie verunglückte Wahl
Bis ihre Besinnung verschwand
Sie fiel  zwar leider so ehrbar nicht als
Einst Cäsar doch schöner gewiss
Was Er verhüllte war freilich kein Hals
Von solcher Griechischen Federkraft als
Hier einer sein Schnürband zerriss
Von Wien bis China von Osten bis West
War nie ein Schwindel so frei 
Denk dir was sich beschreiben nicht lässt
Von Wien bis China von Osten bis West 
Und nun die Beleuchtung dabei
Die Nymphen des Balls flohn wider Gebühr
Und lachten  Doch Männer wie ich
Verstummten sittsam und rückten dafür
Dem Ziele näher das wider Gebühr
Ihr freundliches Fernglas beschlich
Mich hatte die Lust ins Weite zu sehen
Wie Boden und Herscheln berauscht
Hier sah ich Sparta dort sah ich Athen
Nicht dunkler als ich das Füßchen gesehen
An das ich mein Strumpfband vertauscht
Nur Er nahm der selbst in Stambuls Gebiet
Nie Mut und Bewusstsein verlor
Kaum wahr was seine Nichte verriet
So warf er als ständ er in Stambuls Gebiet
Noch Wache sein Schnupftuch davor
Was halfs dem Neider Ich hatt eh er warf
Mich längst nach dem Lichte gedreht
Und dreimal erblickt   Wie wenig bedarf
Der Mensch zum Frohsein ich schwör es er warf
Sein Türkisches Schnupftuch zu spät
Sein schwarzes Auge voll blitzenden Zorns
Verjagte die andern Es floh
Der Ritter des Geistes, der Ritter des Sporns
Sie wurden unter dem Blitz seines Zorns
Des reizenden Anblicks nicht froh
Kaum floh der Schwindel so bot er den Arm
Der Schönen Errötend verließ
Sie nun im Fluge den männlichen Schwarm
Der jetzt im Einklang  er bot ihr den Arm 
Die Reichtümer Griechenlands pries
Ich braucht als Richter das Fernglas nicht mehr
Seit mein Object mir verschwand
Mir schien der Rangstreit der andern so leer
An Rechtsbehelfen sobald ich nicht mehr
Den Urtelsspruch zweifelhaft fand
Vernehmt den Ausspruch der ihren Beweis
Und der ihren Zeugen gebührt
Mehr als ein Apfel versichre den Preis
Dem holden Kinde das seinen Beweis
Selbst offener als Venus geführt
In Griechischer Luft wie Winkelmann schreibt
Gedeihen die Grazien nur
Und Griechenland ist und Griechenland bleibt 
Sie hat bestätigt was Winkelmann schreibt 
Die Werkstatt der schönen Natur
Dies sei so lange gesprochen zu Recht
Bis es das Schicksal verhängt
Dass mich ein Anwalt von Evens Geschlecht
Des bessern belehrt und jene mit Recht
Aus dem Besitzstand verdrängt
Die Männer klatschten doch minder gelind
Verfuhren die Mädchen und Fraun
Die schalt mich die schwur mein Fernglas sei blind
Die droht und die bat mich minder gelind
Auch ihr Dokument zu beschaun
Die Alten fragten mit bitterem Stolz
Gilt die Verjährung hier nichts
Die Jüngern schrien ich wäre von Holz
Und dächt ich brauchte nichts weiter als Stolz
Zum Gang eines solchen Gerichts
Mir blieb kein Ausweg als den einst Ovid
Am Pontus Euxinus ergriff
Ich ging und spielte dies einsame Lieb
Mein Blut zu kühlen wie weiland Ovid
Die Schuld seiner Augen verpfiff
                                                               Den 12ten Januar
O warum kannst Du nicht mit mir frühstücken lieber Eduard Der Morgen ist unter
meinen Tagszeiten immer noch die klügste und wo ich am ersten einen artigen
Gesellschafter annehmen kann Es sieht wieder so aufgeräumt in meiner Seele aus
wie in einem Putzzimmer das die Nacht über von dem gestrigen Staub gereinigt
wurde Alle die schädlichen Dünste mit denen wir es angefüllt verließen sind
nun verflogen Spiegel und Fenster sind hell und die verschobene Symmetrie ist
 auf Gott weiß wie lange  wieder hergestellt Ich habe mich schon nach einem
vernünftigen Geschäft umgesehen es ist die Frage ob ichs getroffen habe Ich
zog einen andern klugen Reisenden zu Rate der hier immer aus meinem Tische
liegt und ward endlich einig mit mir einen Besuch bei Notre Dame de la Garde
zu machen  Meine Erwartungen von diesem Spaziergange waren meiner Stimmung
angemessen und schränkten sich auf die herrliche Aussicht über das Meer auf
den Hunger den ich mir ergehen würde und auf das Vergnügen ein die launige
Beschreibung des Chapelle nun auch einmal an dem Orte selbst zu lesen den er
durch ein paar hingeworfene Zeilen berühmter gemacht hat als es nimmermehr
Philippsburg oder Spandau sein kann dabei ist es auch ungefähr geblieben
Ich schlenderte durch steile Wege
Chapellens Reisen in der Hand
Der Festung zu die einst mein Herr Kollege
So gut als ich verschlossen fand
Doch so gefasst sie stets bei jedem Überfalle
Der Dichter scheint so weiß man doch sie ist
Nicht fester als die Festen alle
Die unsre liebe Frau verschließt
    Die Zeit hat noch überdiess manche von den Merkwürdigkeiten zerstört die
jener Reisende uns aufbehalten hat Der Schweizer mit der Hellebarte der damals
noch am Tore der Festung Wache hielt ist so ganz von Regen und Wind verwischt
dass man keine Spur mehr von ihm findet Auch nicht eine Hand voll Erde bedeckt
diesen Felsen mehr aus dem zu jener Zeit die Leute noch ackern konnten von
denen er die Nachrichten erhielt die den Kommandanten des Schlosses betrafen
das jetzt glaube ich nah und fern keinen mehr hat Wüsste man nicht dass mein
würdiger Vorgänger sich so wenig in seiner Beschreibung ein unwahres Wort
erlaubt hat als ich in der meinigen so sollte man es kaum für möglich halten
dass hundert Jahre einen fruchtbaren Berg bis zu der Nacktheit abschälen konnten
in der er jetzt den zermalmenden Strahlen der Sonne bloß steht Hätte mich nicht
der eine Halbzirkel durch die Aussicht über das Meer den Hafen und die Stadt
für die andere Hälfte entschädigt so würden meine Augen sich sehr übel befunden
haben denn die so genannten Lustäuser die sich auf den angränzenden eben so
kahlen Anhöhen gedrängt an einander herum ziehen und in dem stärksten
Brennpunkte der Sonne liegen gehören nach meinem Gefühle unter die albernsten
Einfälle die je ausgeführt wurden Eine so versengte Gegend als diese die
einem Baume so wenig Wurzel zu schlagen als einem Gräschen zu keimen erlaubt
ist doch wahrlich nicht geschickt menschlichen Geschöpfen einen Zufluchtsort
gegen die Langeweile zu bieten O dass ich nicht diese artigen Tempelchen und
Pavillons in die schattigen Gegenden Deutschlands versetzen und ihnen nicht
jene schmaragdfarbigen Teppiche unterlegen kann die schon den Strohhütten die
darauf kleben das fröhlichste lieblichste Licht mitteilen Ach es geht der
Baukunst wie allen andern Künsten sie zeigt selbst in ihren prächtigsten
Werken Armut und Mangel wenn sie nicht mit der Natur, die sie umgibt in
Verhältnis stehen da hingegen diese alles hebt und nichts verunstaltet
    Abgewendet von den prahlenden Darrböden des kaufmännischen Luxus sehnten
sich nun meine Gedanken und Blicke nach den vaterländischen Gefilden aber desto
weniger behagte mir auch ein längerer Spaziergang auf dem brennenden Steinwalle
dieser zitternden Landwehre Ich strengte mich an so gut es gehen wollte doch
eh ich den Fußsteig wieder fand der mich herbrachte traf ich in meiner Runde
ganz unerwartet auf einen Ruhepunkt der wie Du sehen wirst meiner
Erschlaffung herrlich zu Statten kam Es war Notre Dame de la Garde selbst die
mir ihn anbot Durch eine offene vergitterte Blendung die durch die Festungs
und Kirchenmauer zugleich geschlagen und zu einer Halle gewölbt ist gibt sie
sich hier mit nachgelassener Etiquette zu allen Stunden der Anbetung preis
ohne dass es nötig wird den dienstabenden Mönch aufzusuchen um die Haupttüre
zu öffnen Diese Anlage mag zwar wohl wider alle Regeln des Vauban verstoßen
sie gereicht aber zur großen Bequemlichkeit derjenigen Pilger die mehr noch von
dem Aeolus abhangen als von der Madonna Da der steinerne Sitz vor der Niche
durch den Vorsprung des Dachs in Schatten lag so benutzte ich die gute
Gelegenheit bei diesem wundertätigen Bilde Abkühlung zu suchen und aus
Mangel eines bessern Zeitvertreibs alle die ihr geweihten Kleinodien zu
betrachten die mein Auge erreichen konnte gewiss die sonderbarste Sammlung die
weit und breit anzutreffen sein mag und die wohl eine genauere Beschreibung
verdiente als ich Dir gebe
Demütig blicket hier durch ein verrostet Gitter
Die schmutzigste Kopie der heiligsten der Mütter
Nur eine schwache Lamp erhellt
Die Seegefecht und Ungewitter
Von denen mancher kühne Ritter
Nach einem Schwung um das Spital der Welt
Ein grasses Nachbild aufgestellt
Zu freudigern Erinnerungen
Sah ich auch hinter Glas verwahrt
Geraubte Kränze mancher Art
In Siegen  eher nicht gelungen
Als an Mariens Himmelfahrt
Doch was am meisten mir Erstaunen abgedrungen
Hab ich bis auf die Letzt verspart
Ein Kinderschwarm von Wachs der Armut und der Blöße
Schon früh geweiht umgab an der Madonna Thron
Noch einen Sterblichen in seiner Jugendgrösse
Mit Ehrfurcht nenn ich ihn den ersten Schmerzenssohn
Der großen Wöchnerin Terese
In gutem hartgebranntem Ton
Und mit gerührter Brust ließ ich die Worte fallen
»Hört mich ihr Mächtigen der weisen Klerisei
Wenn eure Zungen einst bei einer Priesterweih
Am Ende eures Mahls gelehrte Fragen lallen
So zieht doch auch mein Quaeritur herbei
Warum der Aermsten wohl von den Madonnen allen
Dies irdene Geschenk von Josephs Konterfei 
Und in den Wiener Kirchenhallen
Den reicheren in köstlichen Metallen
Dies große Loos geworden sei
Hat sie allein zu Wien an Gold so viel Gefallen
Und in der Armut Sitz wär es ihr überlei
Mir gnügt der laute Ruf Seit an Theresens Grabe
Die fromme Bettelei um eine milde Gabe
Sich zwar im Staube noch doch nicht in Goldstaub wälzt
Der groß gewordne Kaiser habe
Die kleinen wieder eingeschmelzt«
    So wie mich nur meine kühle Stirn und trockene Haut überzeugten dass Unsere
liebe Frau das Wunder das ich von ihr erwartete an mir getan hatte und ich
in dem Gedanken an unsern klugen Kaiser und in der theologischen Aufgabe die
ich mit mir nahm genug Unterhaltung auf meinem Rückwege fand so stieg ich so
geschwind als es anging den schroffen Felsen hinab dem belebten Hafen zu der
gerade zu den Füßen der Jungfrau liegt Indem ich aber um an den Mittelpunkt zu
kommen der die freieste Aussicht in das offene Meer gewährt an den Häusern
hinschlich die ihn von der Stadtseite her einschliessen zog auf einmal über
einer der Haustüren eine schwarze Tafel mit goldenen Buchstaben meine
Aufmerksamkeit auf sich Ich blieb stehen und las
Zu Ehren unsrer lieben Frau verschenkt
Herr Passerino der ExVotoMaler
An jeden Pilger der nach ihrem Thron gelenkt
Ein Dankbild ihr zu weihen denkt
Das Stück in Öl für einen kleinen Taler
Auch findet man bei ihm ein seltnes Sortiment
Der meisten menschlichen Gebrechen
In Wachs  Wer deren sucht und Künstlern von Talent
Und Billigkeit  den Vorzug gönnt
Beliebe bei ihm einzusprechen
    Da es mir eigentlich um nichts weiter zu tun war als die Stunde die mir
bis zum Mittage noch frei blieb hinzubringen und ohne mich geradezu auf ein
Faulbette zu strecken von der Ermüdung meiner Wallfahrt auszuruhn so gab ich
dieser Marktschreierei  und um desto leichter Gehör je näher sie mit jener in
Verbindung stand von der ich eben herkam Du willst doch dachte ich die
Freigebigkeit des Herrn Passerino ein wenig näher untersuchen trat in das Haus
fragte nach dem Künstler und kratzte mich gewaltig hinter den Ohren als man
mich vier Treppen hinauf in jene artistische Höhe wies wohin diese Herren
gemeiniglich ihre Werkstätte verlegen wenige ausgenommen die wie Mengs
Dietrich Grassy und Graff alle und jede Licht und Luftstrahlen der Natur
überall an der Hand und nicht nötig haben sie erst unter dem Dache zu suchen
Wirst Du mich aber für klug halten Eduard wenn ich Dir sage dass ich so müde
und matt ich auch war dennoch dem ExVotoMaler in seinem Neste nachstieg
Entscheide doch ja nichts darüber bis ich von ihm wieder zurück komme Denke
nur an den MünsterTurm zu Strassburg Es sind noch nicht drei Monate dass ich
seine neun und neunzig Stufen wie ein Narr erkletterte und wie belohnt  wie
bereichert an neuen Erfahrungen flog ich an der Hand meines Jerom herunter Wer
weiß was mir mein heutiger Gang einträgt
    Herr Passerino kam mir an der Treppe entgegen  denn mein Keichhusten hatte
mich schon von weitem bei ihm gemeldet  und empfing mich mit so herzlicher
Teilnahme als wär ich eine seiner gebrechlichste Kunden Ich fand sein
Dachstübchen offen zu meinem Empfange  und an ihm wie ich recht nachsah eine
Figur wie ich sie doch nicht ganz so hager schwarzgelb schmutzig und
pittoresk erwartet hatte Seine erste Frage war  und ich nehme sie ihm weiter
nicht übel  ob ich wollte in Wachs poussirt sein  Ich schüttelte ärgerlich
den Kopf  »Doch vielleicht ein Teil Ihrer werten Person« fuhr er fort 
»Ich bin« unterbrach ich ihn schnaufend »von den gesundesten Gliedmaßen  aber
Ihre steile Treppe  lieber Mann  die « »Also nur ein Liebhaber der Kunst«
erwiderte er lebhaft setzte mir einen Stuhl und überströmte mich nun in einem
Französisch wie man es an Italiänern gewohnt ist mit einem Schwall von Worten
die ich mir jedoch erst ins Deutsche übersetzen musste eh ich sie zur Not
verstand Dafür aber hat mir auch nie eine Übersetzung mehr Freude gemacht
denn sie brachte mir treuer als keine andere das längst vergessene Original
wieder vor die Ohren Ich horchte  stutzte  dachte nach und besann mich 
Aber kaum war ich meiner Sache gewiss so fuhr ich mit einem Schrei auf der
eines seiner hochfliegenden Kunstwörter  ich glaube es war KlairObscur  so
geschickt im Fluge zerschnitt dass ich die kleinere Hälfte davon die mir
zufiel nicht für die größere vertauscht hätte die ihm blieb  »Um Gottes
willen« rief ich »was für ein Wind hat Sie nach Marseille verschlagen mein
lieber Theodor Sperling und wie kommen Sie zu dem Italiänischen Namen hinter
dem ich Sie in meinem Leben nicht gesucht hätte«  Jetzt standen wir einige
Augenblicke noch stumm und erstaunt einander gegen über Es war eine Szene zum
Malen und die  sage noch ein Wort Eduard wenn Du Herz hast  das schönste
Gegenstück zu der auf dem Turme zu Strassburg gibt Meine Vertraulichkeit und
mein Deutsch überraschten den alten Mann außerordentlich Er gaffte mir erst mit
aufgezerrten Augen in das Gesicht und da dieses nicht ging  mit der Brille
Alles umsonst  »Sollte es möglich sein«  stellte ich mich jetzt um einen
Schritt näher vor ihn warf mich besser in die Brust rieb mir die Backen und
nahm die schelmische Miene an die wie ich glaubte mir in meiner Jugend so gut
stand  »Sollte es möglich sein dass mich fünfzehn Jahre und ein paar Zahnlücken
so unkenntlich gemacht hätten«  Er starrte mich noch immer stillschweigend an
Es blieb mir nichts übrig um ihn und mich aus unserer peinlichen Lage zu
ziehen als den blinden vergesslichen Mann noch weiter zurück  in meine
Schulstube zu führen »Mein alter Freund und Lehrer« stimmte ich unter einer
herzlichen Umarmung an »erinnern Sie Sich denn gar nicht mehr des jungen
Flüchtlings dem Sie in der Zeichenkunst in der Perspektiv und der Architektur
so mannichfaltigen Unterricht gaben  gar nicht mehr des Meisterstücks Ihres
Pinsels  der wolligen Angola an der sie  nach drei fleißigen Jahren  doch
noch den Schwanz zu malen hatten  als sie starb«  Dieser Lichtstrahl tat
Wirkung Jetzt schlug das gute Geschöpf seine dürren Hände um mich und seine
gelben Augen gen Himmel aber noch musste er erst der Erinnerung einige bittere
Tränen einige tief geholte Seufzer zollen eh er zu sprechen vermochte 
»Ach mein teuerster Herr und Freund« stammelte er nun »sein Sie tausendmal
meinem Herzen willkommen Was für ein glücklicher Stern hat Sie in meine einsame
Wohnung geleitet in der ich sonst nur arme Schiffbrüchige und andere durch
Kalamitäten ausgezeichnete Menschen zu sehen bekomme und selten einen Mann der
Wärme für die ewige Kunst fühlt Ich bin schon vierzehn volle Jahre von meinem
Vetter in Anspach und aus meinem Vaterlande entfernt das nur zu gewiss stille
Verdienste nicht zu schätzen weiß und führe seitdem hier  aber auch hier ein
kümmerliches Leben Wie tief habe ich mich herab stimmen müssen um nur Brod zu
haben  Einiges mein teuerster Gönner ist auf meiner Tafel zu lesen  aber
wahrlich das sind noch lange nicht die schlechtesten Arbeiten die ich «
»Lassen Sie uns ein andermal darüber sprechen« unterbrach ich ihn »und wenn
Sie heute mein Gast sein wollen lieber Sperling so ziehen Sie Sich nur
geschwind an und begleiten mich zum Heiligen Geiste  vorausgesetzt dass ich
Sie von nichts besserm abhalte«  »Ach wovon wollten Sie« sagte der gute
Alte  »So einen vergnügten Mittag hätte ich mir heute nicht träumen lassen 
Ich werde den Augenblick wieder bei der Hand sein«  Nach einigen Minuten trat
er geputzt aus seiner Kammer und gewiss ich irre mich nicht Eduard in
demselben Sonntagskleide das Dir so gut noch erinnerlich sein wird als mir nur
dass der jugendliche Troquet eine ernstaftere Miene angenommen und sein
verschossenes Papageigrün mit einem tüchtigen Kastanienbraun vertauscht hatte
    Ich hätte gewiss keinen Gast auftreiben können der weniger nach der Mode
gekleidet und mir doch lieber gewesen wäre als er Du weißt zwar wie ich
zeichne und wie es mit meiner Baukunst aussieht aber daran dachte ich nicht
Es klebte ihm ein Verdienst an das ihn meinem Herzen auf das rührendste
empfahl und keinen Vorwurf gegen ihn aufkommen ließ  die lebhafte Erinnerung
meiner Jugend  Ja Freund ich hätte ihn wie ein Fürst seinen Hofmeister
belohnen  sein aufgefärbtes Staatskleid mit einem Orden verzieren und ihm
trotz seines misslungenen Unterrichts ein gutes Jahrgeld anweisen mögen so
durchdrungen war ich von jener unbeschreiblich süßen Empfindung Ist es nicht
einerlei ob uns ein Virtuos oder ein Stümper dies magische Glas vorhält Wir
sehen in solchen Augenblicken nicht ihn  sondern uns Ich lebte nicht mehr in
Marseille Mein Geburtsort mit seinen Salweiden seinem Vogelherde und seinen
Obstgärten verschlang alles Land und Meer das mich umgab  Ich blieb gern mit
ihm so lange an der Wirtstafel sitzen als ihm noch ein Trunk oder ein Bissen
schmeckte  ja ich trieb meine Freigebigkeit so weit dass ich ihm sogar mich
selbst auf den ganzen Nachmittag preis gab und nicht allein seine Geschichte
die mir  immer noch anziehend genug  den gewöhnlichen Streit der Armut mit
der Ungeschicklichkeit darstellte sondern auch den Ausbruch seines
Künstlerstolzes seines Brodneides und seine schiefen Urteile über
gleichzeitige Maler in kindlicher Geduld anhörte Ich ließ ihm zuletzt noch ein
Abendessen auf mein Zimmer bringen und habe ihn erst seit der Stunde die ich
Dir vorbehielt ziemlich spät und mit dem Versprechen entlassen das er mir
abnötigte morgen bei ihm unter der Ansicht des Meers zu frühstücken Das wird
auch wohl von den Stärkungen die mir der arme Narr anbieten kann die beste
sein 
    Ich habe in der letzten Zeile ein Wort doppelt unterstrichen damit es Dir
ja nicht entgehe Es ist mir erst so wichtig geworden nachdem es meiner
flüchtigen Feder schon entwischt war Seit einer Stunde  das siehst Du ihm wohl
nicht an  hält es mich in Bewegung und ich brauche wenigstens noch eine um
Dir den Hergang deutlich zu machen »Armer Narr«  warf ich mich fragend in
meinen Lehnstuhl  »Was willst du mit diesem Ausdrucke  was enthält er
Offenbar nur einen kleinen Spott über die mäßigen Talente deines alten Lehrers
Während du deiner Stichelei Luft machtest und ihn mitleidig über die Achseln
ansahst entschuldigtest du dich zugleich heimlich mit seinem schiefen
Unterrichte dass du kein Zeichner kein Baumeister geworden bist und das mit
Grunde Hätte der gute Mann es übel nehmen können wenn du ihn geradezu einen
Stümper genannt hättest«  Dass ich doch so gern mit der Ironie spiele Ich
sollte sie nie von der Kette lassen Sie ist bei mir nur ein Hund der seinen
Herrn immer zuerst in die Waden beißt sobald er ihn los lässt Ich hatte einen
meiner Strümpfe schon halb herunter als das böse Gewissen neben mich trat mir
ihn ohne Umstände wieder herauf zog und eine Menge verfänglicher Fragen
vorlegte  »Die Hand aufs Herz« zischelte es mir in das Ohr »stand denn der
arme Narr deiner Erziehung allein vor Wurden dir nicht auch andere
Wissenschaften als die Baukunst von den fähigsten Meistern gelehrt  und in
welcher bist du denn über das Mittelmässige gestiegen«  O des unglücklichen
Worts das mich in eine solche Untersuchung verflochten hat Jetzt reiheten sich
alle die gelehrten Männer die von Langens Koloquien bis zu Lucians Gesprächen 
von Epiktets Enchiridion bis zu Mosheims Moral  für die Bildung meines Kopfes
und Herzens auf das redlichste gesorgt hatten  an den AngolaMaler an und eh
ich mir es versah stand ich in ihrem ernstaften Zirkel Jetzt räusperte sich
der eine  jetzt der andere  Jeder schlug sein Kompendium auf und mein Examen
rigorosum begann Von jedem Radio nach welchem mich meine Angst hindrehte kam
mir eine Frage entgegen die mich jedesmal in eine neue Verlegenheit setzte
Wenn der eine Docent es aus Ungeduld aufgab mich länger aus der Diplomatik zu
prüfen  versuchte es der andere mit gleich schlechtem Erfolg über die
Pandekten Wich ich dort dem Tacitus aus so fiel ich hier dem Vitriarius in die
Hände  Bald brachte mich ein Problem der Metaphysik aus der Fassung bald eine
Beweisstelle aus dem Sachsen und Schwabenspiegel und der Aurea bulla Stumm und
gedemütigt blickte ich vor mir hin und spielte an meiner weißen Hutfeder 
Endlich fassten die Herren meine sichtbare Beschämung zu Herzen hoben ihre
Sitzung auf und trösteten mich noch oben darein auf das herablassendste mit der
allgemeinen Beichte Quantum est quod nescimus Sobald ich über die Schwelle
meiner Schulstube war schwenkte ich meinen Hut und hüpfte trällernd davon 
Ach ich hüpfte nicht weit so befand ich mich wieder auf meiner Spur und folgte
ihr nun so hartnäckig als ob mich ein böser Geist triebe über Stock und Stein
durch alle die geraden und krummen Gänge des Labyrints meines verschobenen
Lebens das wie ich endlich gewahr ward mit den Leimruten den Obstgärten und
Salweiden meines Geburtsorts näher in Verbindung stand als ich heute Morgen mir
hätte einkommen lassen
    Eine solche ParforceJagd  so kurz vor Schlafengehn  kann ihr Gutes haben
 nur für die Diät nicht  Nichts in der Welt greift so sehr an als wenn man
den Hirsch und den Jäger zugleich spielt Wie soll Schlaf in meine Augen kommen
da ihnen noch in so hellen Farben alle Mühseligkeiten meines Wildstands  alle
die Schlingen Netze und Hecken vorschweben wo ein Teil meiner selbst hängen
blieb Wie kann ich Ruhe auf meinem Kopfkissen erwarten wenn ich an die Meute
großer Hunde die mich mit ihren Zähnen  an die Wespen die mich mit ihrem
Stachel verfolgten zurück denke und wie darf ich hoffen dass mich solche
Klagetöne einschläfern werden als sich jetzt in nächtlicher Stille aus meinem
Hüftorn erheben
Wohl jedem den der Hören Schwung
Auf einen Hügel hebt
Wo kühlende Erinnerung
Der Jugend ihn umschwebt 
Dem bei des Tales Übersicht
Das ihm im Rücken liegt
Des Alters Krücke schwerer nicht
Als sein Spazierstock wiegt
Wer blickt gern nach dem Irrweg hin
Auf dem er nur  der Scham
Und Reue statt dem Hauptgewinn
Des Wettlaufs näher kam 
Gern nach der Bahn die sein Gestirn
Im Schöpfungsraum beschrieb
Indes sein Herz wie sein Gehirn
Gehüllt in Nebel blieb 
Seit ich den Pädagogen floh
Als einst sein Marschallsstab
Der Träumerei des Scipio1
Den Rang vor meiner gab
Und ich kraft meines Steckenpferds
Das keinen Kappzaum litt
Zum Rektor meines Vogelherds
Dem großen Uhu ritt
Seit mein gelehrter Müßiggang
Drei Lustra weggeräumt
Gleichgültig was Homer einst sang
Und Scipio geträumt
Ich auf dem nächsten Ritterzug
Zu neuem Zeitverlust
Erfuhr mein Kopf sei schwer genug
Für eine Mädchenbrust
Und seit der Ehre Sporn mich stach
Da jener Rausch entwich
Ich nun das AudienzGemach
Als Supplikant durchschlich
Unwissend ohne Kraft und Kern
Bei mässigem Verstand
Doch in dem Kreis der Kammerherrn
Mich nicht verloren fand 
Was offenbarte mir die Zeit
Die diesen Raum durchflog
Nichts  als dass Lust und Eitelkeit
Mich täglich mehr betrog 
Dass leider zwischen Mann und Kind
Kein Unterschied besteht
Als der Dort kam der Trost geschwind
Und hier kommt er zu spät
                                                               Den 13ten Januar
Hätte ich mich nicht bei meinem alten Zeichenmeister auf diesen Morgen versagt
der es gewiss übel aufnehmen würde wenn ich sein Frühstück an den Nagel hinge
wie vormals seine Lehrstunden so würde ich mir eins aus Quassia und Rhabarber
vorsetzen denn mir ist gar nicht wohl Unter den neuen Bekanntschaften die ich
vorgestern an der Tafel des Herrn Frege machte muss eine gewesen sein die einem
Deutschen Magen nicht zuschlägt  Deren trifft man in Frankreich gar viele an
Ich habe vor andern einen Seefisch in Verdacht dem ich mir viele unnütze Mühe
gab Geschmack abzugewinnen  Bewegung wäre mir wohl am dienlichsten  aber
wenn mich auch Herr Passerino nicht darum brächte so würde es doch das
unfreundliche Wetter tun Es ist ein Glück dass der hiesige Winter nur wenige
solcher Tage aushängt Ja wohl Aber warum muss denn eben einem so armen
Schwächling wie mir diese Seltenheit über den Hals kommen Übelkeiten und
Fieberfrost von innen  ein heulender Wind von außen her  keinen Lumpen von
Winterstaat in meinem Vermögen und nun ein solches Frühstück in der Aussicht 
Wo soll in dieser verzweifelten Lage Erwärmung des Bluts herkommen von der
Wasserseite seines Pinsels oder seines Kaffees Ich zittere  und wenn ich es
genau untersuche weniger vor den Wohltaten die er mir aufdringen als vor den
Opfern die er mir abnötigen wird Ich sehe mich schon im Geiste gähnend vor
seinem Tische sitzen indem er ein paar Pappendeckel voll seiner elenden Skizzen
geschleppt bringt sie bedächtlich aus einander schlägt kein Blatt überhüpft
und bei jedem einen Aufruhr meines Erstaunens erwartet und wenn nun darüber
eine ganze Stunde zerbröckelt ist  wie er mich unter schlauem Lächeln beim
Ärmel fasst  mich der Wand gegenüber in das rechte Licht stellt und mit Einem
Ruck den grünen Vorhang zurück zieht um mich durch das Wunder seines neuesten
Gemäldes zu überraschen  und wie er endlich  um das Maß seiner Sünden voll zu
machen  mich bei der Heiligkeit unserer Freundschaft beschwört ihm offenherzig
meine Meinung über die Kleinigkeit zu sagen die er mir gezeigt hat Tät ich
ihm sein Recht an  so gnade mir Gott Und doch ist es eine verwünschte
Zumutung selbst unter vier Augen mit Verläugnung alles Menschenverstandes das
Machwerk eines solchen Meisters zu loben In meiner heutigen Stimmung übersteigt
das meine Kräfte  Es wäre Gewalttätigkeit gegen mich selbst und ich müsste
wahrlich befürchten mir meine kalten Krämpfe auf die edelen Teile zu jagen 
    Wenn man seinem Brauskopfe nur Zeit vergönnt Nach einem halbstündigen
heftigen Zanke mit ihm fing er an sich eines bessern zu besinnen und die Sache
mit der größten Billigkeit abzutun »Gehen wir ruhiger zu Werke« sprach ich
mir zu »Worauf kommt es denn an Auf Worte ohne Sinn und Bedeutung und ein
wenig Mimik  Die dächte ich könnte ich doch wohl am Hofe gelernt haben
Warum sollte mir denn das Hauptingredienz unserer Staatsvisiten und Kourtage
die Sucht nach Schmeicheleien und Lob in der Werkstatt des armen Passerino
stärker auf die Nerven fallen als dort und wie konnte es mir einen Augenblick
in den Sinn kommen diesen liberalen Tauschhandel unserer kultivirten Natur zu
stören auf Gefahr mir und meinem alten Lehrer das Morgenbrod zu verbittern
Verlust und Gewinn liegt jetzt auf das genaueste berechnet vor mir  danach
will ich mich richten Ich werde seinen herzhaften kräftigen Pinsel  Er wird
meinen feinen richtigen Geschmack bis an die Wolken erheben Ich werde ihn über
Rubens  Er wird mich über Lessing und Winkelmann setzen  jedem übrigens ganz
unbenommen den andern in Gedanken so niedrig sich selbst aber so hoch zu
stellen als es sein Schwindel erlaubt«
    Diese fliegenden Betrachtungen wie ich mit Vergnügen bemerkte bildeten
sich während Bastian mir das Haar kräuselte zu einem förmlichen System Ich
dachte Wunder was ich zur Beförderung menschlicher Zufriedenheit neues erfunden
hätte  als ich mich aber an meinen Schreibetisch setzte um es noch mehr zu
entwickeln sah ich wohl dass es das uralte war dem ich von jeher unter
gewissen Einschränkungen gefolgt bin  das sowohl in dem Tumulte der
Gesellschaften als in einem Zweikampfe wie mein heutiger ist unser liebes Ich
am sichersten deckt und für geringe Kosten es äußerst bequem bettet
Unbegreifliche Menschen die unter dem Deckmantel der Wahrheit gegen die
Selbstliebe anderer mit Spiessen Schwertern und Lanzen bei dem geringsten
Anlasse vorrücken keinem nach Beifall bettelnden Auge das Almosen ihres
Lächelns zuwenden oder sich überwinden können einem unbedeutenden Dinge zu
huldigen das sich ihr Mitgesell als einen Vorzug anrechnet Was erbeuten sie
Für Schmerzen die sie erregen Wunden die sie erhalten denn in keinem
Gefechte sind die Gegenhiebe so gewiss als in diesem Setzen wir den Fall du
wärest so verhärtet um nicht einmal teilnehmend nach meiner Braut zu fragen
so kannst du lange passen eh ich deiner allerliebsten Kinder nur mit einer
Sylbe erwähne Hast du keinen Blick für die Strahlen meiner modischen Schnallen
so habe ich gewiss auch keinen für das Pour le merite deines Sterns Sie können
alle in der Gesellschaft den neuen Musenalmanach in der Tasche haben  trotz
deiner hervorstechenden Ballade wird keine Seele tun als habe sie ihn
gelesen wenn du unbekümmert um die Stelzfüsse oder die Quersprünge der andern da
stehst oder gar als Klopffechter deines geraden Sinnes mit alten Damen von
Runzeln mit jungen von Tugend sprichst  dich wunderst dass ich schon Oberster
bin  über den witzigen Einfall des einen über die hohe Frisur des andern die
Achseln zuckst oder sonst durch den Knall deiner Peitsche mein Steckenpferd
scheu machst Und wenn du ein Fürst wärest man trägt dir den Stoß nach den du
gabst oder zu geben gedachtest und niemand stellt dir lieber ein Bein als den
du aus dem Sattel gehoben hast  Und wärest du wie Achill in den Styx
getaucht ein Apoll oder Paris wird doch den verletzbaren Fleck an deiner
Fusssohle entdecken geschäh es auch nicht eher als wenn du deine Polyxene
umarmst
Weg mit den Rüstungen auf unsern Ritterspielen
Wir brauchen höchstens ein Visier
Es ist ja nur Ein Punkt nach dem wir alle zielen
Und dieser kleine Punkt  sind Wir
Den trifft wohl jeder leicht drum rat ich allen ladet
Wenn euch die Ehrsucht spornt durch holde Schmeichelein
Einander auf den Kampfplatz ein 
Wie sanft wird euer Streit  Ihr werdet wie gebadet
In Rosenöl  die Lust wird allgemein
Der Kranz des Siegenden sogar wird unbeschadet
Dem Lorber des Besiegten sein
Die Wahrheit ist mir lieb Doch räche
Mein Mund sie selbst an einem Toren nicht
Der durch Verschonung meiner Schwäche
Mich für die seinige besticht
Die Eitelkeit hält warm wer wollte sie nicht pflegen
Mich macht kein Bruderkuss verlegen
Der vielen Passagiers die Brant2 uns ausgeschifft
Mein lauter Beifall geht der Schrift
Die mir der Autor bringt  mein Handwerksgruss dem Segen
Des bettelnden Gezüchts entgegen
Das auf dem Pfad des Ruhms mit mir zusammen trifft 
Sind es nicht Stümper  Meinetwegen
Wenn wir mit unserm Kopf nicht sichrer sind als Swift3
Was wagen wir mit RecensentenSchlägen
Den Freipass in sein Narrenstift
Auf eines andern Stirn zu prägen
Leiht gern einander euer Ohr
Beweist nicht gleich mit einem Rechnungszuge
Wer in dem süßen Wortbetruge
Mehr oder weniger verlor
Wir streiten nicht  ich und mein Theodor
Auf falsche Wechsel zieht der Kluge
Schnell eine falsche Quittung vor
    Nach solchen Vorbereitungen konnte der Erfolg nicht anders als erwünscht
ausfallen und wären meine Magenkrämpfe nicht gewesen ich wollte über nichts
klagen Ich muss meinem freundlichen Wirt nachrühmen  er hatte es weder an
Farben Palleten noch Pinseln die in der ausgesuchtesten Unordnung da lagen
noch an sonst einem artistischen Blendwerke fehlen lassen um seinen Gast in die
Illusion zu zaubern dass er in der Werkstatt eines Malers frühstücke Ich hätte
mich ihr auch gern überlassen doch unter dem Wiederschein der Bilder die heute
zu meiner Verwunderung die vier Wände seines Stübchens verzierten das mir
gestern ohne diese Tapete viel reinlicher vorkam war es unmöglich Es war die
vollständigste KopienSammlung der Wunderbilder der Madonna Eine einzige nur
klagte er mir ginge seinem Sortimente ab und noch dazu eine aus der hiesigen
Gegend Notre Dame de la Grace zu Kotignac zum größten Nachteile seines
Handels denn es würde immer dreimal öfter nach dieser gefragt als nach sonst
einer andern besonders von Weibern in gewissen Jahren  »Doch Ihr
Leibschneiden teuerster Gönner« fuhr er fort »von welchem ich Sie so gern
befreit sähe soll mir hoffentlich behilflich sein «  »Zu was lieber
Passerino« fragte ich erstaunt »zu was«  »Die Lücke« fiel er ein »in
meiner Gallerie auszufüllen«  »Das« erwiderte ich mit noch größeren Augen
»muss ganz sonderbar zusammen hängen lieber Sperling«  Hier rückte er mir
einen Stuhl trat vor mich und »Ist etwas in der Malerei« fing er mit
abgemessenen Worten sein Rätsel zu lösen an »das eine feste geübte Hand
Kenntnis des Klair Obscur und ein verständiges Auge erfordert so ist es die
Kopie eines wundertätigen Originals wo oft die Wirkung nur in einer kleinen
Nüance liegt Das weiß ich aus einer langen Praxis  Aber mein Gott was hilft
es mir Ich bin bei allen diesen Voraussetzungen doch zu alt um den Weg zu
Fuße  und leider zu arm ihn in einem Wagen zu machen Wenn Sie nun morgen nach
Kotignac fahren und hätten die Güte mich mitzunehmen so «  »Aber wer zum
Henker« unterbrach ich sein Gewäsch »hat denn gesagt dass ich nach Kotignac
fahre Es ist in diesem Augenblick das erstemal dass ich das Nest nennen höre«
 »Tut nichts« antwortete er »Die hiesigen Ärzte schicken alle ihre Kranken
dahin die an schwerer Verdauung leiden  Hilft die Marie nicht so tut es der
Weg der weder zu kurz noch zu lang überaus steinig und zum Erbrechen gut ist
Überdiess kann ich Ihnen  denn ich kenne das hiesige Wetter  morgen einen
heitern sonnigen Tag versprechen und welches Glück wär es nicht für mich
während meiner Abzeichnung einen Mann von Ihrem Blicke feinen Geschmack und
Ihrem  wie soll ich sagen  so zarten Kunstgefühl an meiner Seite zu wissen« 
Hätte der gute Mann fortgefahren lieber Eduard wie er anfing von seiner
festen Hand  seiner Kenntnis im KlairObscur und seinem verständigen Auge zu
schwatzen so war nichts gewisser als dass ich seinen tollen Vorschlag abwies
jetzt aber da er mein Lob so wenig es in seinem Munde auch Wert hatte mit
dem seinigen verschmelzte war es mir nicht mehr möglich Nein zu sagen
Wahrlich kein schlechter Beweis von der Güte und Kraft meines obigen Systems
    Die Reise nach Kotignac ist also auf morgen festgesetzt Seine Freude
darüber war so groß dass eine glückliche Stunde verging ehe sein Kopf ruhig
genug war an seine Kunstwerke zu denken Wie er ihnen aber einmal wieder auf
die Spur kam blieb er auch desto hartnäckiger darauf Zu jedem Unsinne den er
über Haltung Wärme Kolorit und Ausdruck vorbrachte langte er aus seinem
Portefeuille auch einen Beleg Ich musste ihn über alle die Stufen begleiten die
er seit fünfzehn Jahren bis auf den heutigen Tag in seiner artistischen Laufbahn
erstiegen hatte und so gelangten wir denn auch endlich zu der
Schreckensperiode die ich diesen Morgen vorher sah  zu dem Wunder seines
neuesten Gemäldes Seine Vaterliebe eh er es auspackte glich einem
Wirbelwinde der einem Ungewitter vorhergeht und war so heftig dass sie beinahe
in Ungerechtigkeit gegen seine älteren Kinder ausartete denn er erklärte nicht
allein die Meisterstücke aus der Zeit seiner Angola für Sudelei sondern blickte
selbst verächtlich auf seine Madonnen  nannte sie MatrosenWare die er nur
nebenher des lieben Brods wegen auf den Kauf mache und die er sich schämen
würde unter seinem Namen  außer in der Italiänischen Übersetzung 
auszuhängen »Wie viele Fächer« rief er »hat mein Genius nicht durchlaufen
eh er sein rechtes getroffen hat Von der Blumenmalerei mit der ich meinen Weg
antrat ging ich zu Tierstücken  Porträts  Bataillen und Landschaften über
Ich brachte es zwar in jeder Art zu einer gewissen Fertigkeit aber in keiner
von allen errang ich den Kranz der Vollendung den mir die Natur an dem Gestade
des Meers aufbehielt  An den Marinen mein Herr entwickelte sich erst meine
ganze Schnellkraft  Ach wie lange schlummerte sie in träumendem Irrwahn
Anspach war der Ort nicht um sie zu wecken  Das Schicksal musste mich hierher
schleudern dass ich erführe wer ich sei«  Mit diesen Worten die ihm in dem
seligsten Enthusiasmus entflossen trieb er mich von meinem ruhigen Stuhl in die
Ecke des Fensters  riss beide Flügel auf und streckte den Arm so weit vor als
wolle er seinen krummen Zeigefinger in das Meer tunken  »Hier mein Herr«
überschrie er einen Windstoß »sprudelt die heilige Quelle aus der ich schöpfe
Wer beschreibt die Erschütterung meines Innern als meine erstaunten Blicke zum
erstenmale über sie hinflogen Das ist rief ich aus was dein Geist lange im
Dunkeln geahndet  vergebens gesucht hat In einer Art von Künstlerwut griff
ich nach Farben und Pinsel  überließ mich meiner Begeisterung und erstaunte
selbst über die Keckheit meines ersten Versuchs Doch bald  trinken Sie aber
nur erst Ihren Kaffee  werde ich Ihnen meinen letzteren vorzeichnen  einen
Sturm  aber was für einen Mich überläuft selbst jedesmal ein Schauer wenn ich
ihn ansehe« »Mich auch« unterbrach ich ihn »aber bei mir kommt er alleweile
vom Original  Erlauben Sie dass ich die Fenster wieder zumache  die Zugluft
und meine Nerven vertragen sich heute nicht«  »Sehr wohl« sagte er »aber um
wieder auf meinen Sturm zu kommen  denn bei einem solchen Stücke schadet es
der Täuschung nicht wenn die Beschreibung voraus läuft  so werden Sie sehen
dass ich nicht umsonst über den Hafen blicke und neben dem Stapel wohne Ich
glaube nicht dass der große Vernet selbst das Tau und Takelwerk besser versteht
als ich und dass ein Schiff regelmässiger gebaut werden kann, als die meinigen
gemalt sind  Mit einem Vergrösserungsglase  ich werde gleich die Ehre haben
Ihnen das meine zu borgen  können Sie an jedem sogar den Namen und die Jahrzahl
lesen Einer Kleinigkeit muss ich noch gedenken wertester Herr  meines
Wahrzeichens auf dem Gemälde  einer glücklichen Erfindung die aber freilich
nur auf mich allein passt Das Stück kann in der Welt hinkommen wo es will  mein
Name wird dadurch allen Nationen verständlich  jede wird ihn in ihrer Sprache
zu nennen wissen  denn überall gibt es  Sperlinge«  »O das ist nur gar zu
gewiss« entwischte mir in der Zerstreuung aber er überhörte den Sinn 
»Befehlen Sie noch eine Tasse Nicht  Nun so will ich das Bild holen« 
fragte und antwortete er zugleich Ich hätte das Schubfach des Kastens angeben
wollen wo es lag denn seine verstohlenen Blicke die er ohne Aufhören dahin
warf verrieten mir längst dass dort sein größtes Kleinod verwahrt sein müsse
und ich irrte mich nicht Er zog das Kunstwerk behutsam heraus rollte es
seitwärts auseinander spannte es in einen Blendrahm und stellte mir es nun in
seiner ganzen Majestät vor die Augen und sich in der seinigen darneben
    Ich für meine Person hätte nun wohl die Mordgeschichte die es von sich
strahlt zur Genüge beäugelt mit dem Urbild hinter dem Fenster verglichen und
bis zum Mattwerden bewundert Aber Du mein armer Freund Nun Du sollst auch
nicht zu kurz kommen Weder das Ohrensausen das mir her Missklang so vieler
Kunstwörter zugezogen  noch das Augenweh das sich hinter dem
Vergrösserungsglase erzeugt hat sollen mich hindern Dir die Schilderung des
schrecklichen Sturms so poetisch wiederzugeben als ich sie aus dem Munde seines
Erfinders erhielt Wenn er Dir in diesem Wiederscheine nicht das Haar in die
Höhe treibt nicht eben den Schauer erregt als dem Meister  so weiß ich nur
noch Einen Rat Eduard das Gemälde steht seit einer Stunde bei mir zum
Verkaufe  Frage nicht erst lange wie das zugeht  tue ein Gebot darauf aber
bald
Ermuntre Dich lass Deiner vollen
Empfindung ihren Lauf
Dergleichen Stücke rollen
Wir nur dem Kenner auf
Er nur fühlt es mit trunknen Sinnen
Wie durch der Farben Licht
Auf einem Stückchen Linnen
Der Geist zum Geiste spricht
Wohl mir wenn meines Sturmes Szene
Dir hoch den Busen schwellt
Und eine Männerträne
Auf meinen Pinsel fällt
Siehst Du wie sich der Tag entfernet
Auf dieser Wasserflur
Ganz im Geschmack von Vernet
Und wahr wie die Natur
Sieh wie der Himmel deinen Augen
Entgegen droht Hier weicht
Der Mond die Wolken saugen 
Und jeder Stern verbleicht
Der Horizont mit Blut umzogen
Wirft fürchterlich und schwer
Um das Gefecht der Wogen
Den Trauermantel her
Hoch über das bis auf die Hefen
Empörte Meer umziehn
Nur einzeln weiße Möven
Den schwarzen Baldachin
Sei ehrlich Untersuch und richte
Ob nicht der Übergang
Vom Schatten zu dem Lichte
Mir wunderbar gelang
Ich bins geständig zwar  mein Vetter
Malt brav  mit Phantasie
Doch solch ein Donnerwetter
Erregt sein Pinsel nie
Wer zählt die Schiffe die verschwanden
Und die noch Wasser ziehen
Notschüsse tun und stranden
Und in den Orkus fliehn
Hier kämpft mit seiner eignen Schwere
Zerrüttet durch die Zeit
Mein Hauptschiff Frankreichs Ehre
Und unterliegt dem Streit
Ihm dem Gewaltigen  ihm sinken
Der Thron das Vorgemach
Und Millionen Pinken
Und niedre Barken nach
Dort sinkt eins das im Untergange
Selbst noch die Segel spannt
Ein Raubschiff nur die Schlange
Von Orleans genannt
Ein andres dort  Drei Sechsen zieren4
Des Schiffers Namenzug
Den sonst eins von den Tieren
Der Offenbarung trug
Hier wankt vom Boreas entkleidet
Beschädigt am Verdeck
Graf Artois  Ach er leidet
Nicht an dem ersten Leck 
Und hier dreht manche leere Tonne
Sich noch im Wirbel  wo
Die löchrige Sorbonne
Aus dem Gesichtskreis floh
Der Strudel zieht den letzten Splitter
Der Monarchie hinab
Dort platzt der stolze Ritter
Hier knickt der Bischofsstab
Dort irrt der Schatz von Peru ledig
Sankt Petern nach und hier
Der Löwe von Venedig
Dem trägen Murmeltier
Sprich Blieb ich nicht vom fernsten Gipfel
Bis zu dem nächsten Strand
Mir gleich  bis in den Zipfel
Der bunten Leinewand
Bis  wo noch Ausdruck und Gedanke
Gleich schön zusammen stimmt 
Bis zu dem Span der Planke
Auf dem ein Sperling schwimmt
Des Weisen Herz darf ohne Zittern
Sich jedem Abgrund nahn
Der Erdball kann zersplittern
Er findet seinen Span
So schwamm mein Ich auch im Getöse
Des Meers auf Blut und Schaum
Durch einen Sturm  an Größe 
Zwei Ellen und ein Daum
    Der Sprung den der liebe Mann so unerwartet aus seiner ästhetischen Höhe in
Gott weiß welchen Kramladen tat hätte mich beinahe ganz aus meiner herrlichen
Fassung gebracht Ich musste zu allen Künsten des Mienenspiels meine Zuflucht
nehmen um meinen Spottgeist und mein gutes Herz im Gleichgewichte zu erhalten
Die vorzüglichste Hilfe indes verdankte ich ihm selbst indem er alles was
meine Verlegenheit auswarf  wär es auch der bitterste Hohn gewesen  für den
lautersten Beifall aufnahm und das unverschämteste Lob viel zu natürlich fand
um meine Aufrichtigkeit in Verdacht zu ziehen Wenn Du ihn nur gesehen hättest
Eduard Sein seliges Wohlbehagen würde Dich am ersten von der Güte der
Falschheit belehrt und überzeugt haben dass sie die eure unhöfliche Moral
viel zu geradezu für Laster erklärt sich in der Praxis als das wirksamste
Hausmittel der Menschenliebe bewähre Meine närrischen Schmeicheleien trieben
sein Entzücken immer höher endlich so hoch dass er in einer Art von Taumel
sich so freigebig gegen mich erklärte als gegen das Publikum auf der schwarzen
Tafel über seiner Haustüre und mir stelle Dir vor mit väterlicher Entsagung
seinen Liebling zum Geschenk anbot gegen Erstattung der fünf Louisdor für die
Farben die er darauf gesetzt habe  »Wo denken Sie hin« knallte ich ihn an
»Wie können Sie in der Welt zu etwas kommen wenn Sie Sich selbst so wenig zu
schätzen wissen Ich gebe Ihnen gern das doppelte von dem was Sie fordern und
mache noch immer einen sehr guten Handel«  »So wollen Sie denn meiner
uneigennützigen Freundschaft durchaus nichts verdanken« sagte er rührend und
reichte mir seine dürre hohle Hand hin in die ich  sehr froh dass es nur kein
Kenner bemerkte  die verschleuderten Goldstücke einzählte
    Indem aber überraschte mich doch bei diesem einfältigen Handel einer von den
Herren die immer geradezu gehen  ein reisender Engländer Er trat gestiefelt
herein warf ein paar flüchtige Blicke auf die Madonnen und hatte genug 
drehte sich darauf zu uns hin und nachdem er mit ernsten Augen bald den Sturm
bald mit spöttischen den Käufer und mit höchst verächtlichen den Meister der
eben daran war das Stück zusammen zu rollen angeblinzt hatte klopfte er ihn
auf die Achsel und  »Was Herr« fuhr er ihn an »das nennen Sie nach der
Natur gemalt Wollte Gott es wäre wahr nur halb wahr  Ich gäbe gleich aus
meinem Beutel tausend Guineen  schon allein für den Untergang Ihres einzigen
Hauptschiffs   God damn me das gäb ich darum«  und so ging er steif und
pfeifend wieder zur Tür hinaus  »Das war ein tüchtiges Gebot« sagte
Passerino ganz unerschrocken »aber warum blieb der Herr Engländer nicht und
machte seine Bestellungen wie er sie nur haben will Was wollte er mit meinem
Hauptschiffe Das wird wahrlich nicht lange mehr See halten  Jeder Kenner
dächte ich müsste ihm seinen nahen Untergang ansehen«  »Ja wohl« antwortete
ich »Doch es ist gleich Mittag Freund lassen Sie uns gehen«  Er nahm nun
das zweiellige Bündel unter den Arm und schlich mir mit einer Miene bis in den
Mietwagen nach als ob er seinen letzten Blutsfreund zu Grabe trüge Unterwegs
aber nach dem Gasthofe ermannte er sich wieder und bekam sogar Herz genug mir
unter den Bart seinen heutigen Gewinn an Geld und Ehre vorzurechnen  »Wenn ich
alleweile« brach seine geheime Empfindung los »einen Blick auf mich werfe so
fällt mir der gute Korreggio mit seiner berühmten Nacht ein Sie ist wenigstens
um anderthalb Ellen größer und breiter als mein Sturm und dennoch verkaufte er
sie nicht um einen Groschen höher Aber was erst Entsetzen erregt  musste er
sie nicht wir ein gemeiner Bote einige Meilen weit in das Kloster tragen für
das sie bestellt war  ohne dass die dummen Mönche ihm für seinen saueren Gang
wie die Historie sagt nur so viel als eine Mahlzeit beträgt darüber bezahlt
hätten Als er den Abend in seine Werkstatt zurück kam und sie ihres schönsten
Schmuckes beraubt sah weinte er bittere Tränen über eine Armut die ihn
genötigt hatte sein unsterbliches Werk um nicht selbst Hungers zu sterben
solchen Barbaren zu verhandeln Ich hingegen großer Gott« fuhr er fort »fühle
zwar auch die Trennung von dem letztgebornen Sohn meines Geistes aber durch wie
viele tröstliche Umstände wird sie mir nicht erleichtert Ich gebe ihn ja in die
Hände eines braven verständigen Freundes der mich noch dafür ehrt und belohnt
der mich heute bei dem Heiligen Geist zu Gaste und ach morgen zu der einzigen
Marie führt die mir abgeht und die Gebenedeiteste ist unter den hiesigen
Weibern« Während er in der einen Ecke des Wagens diese Parallele zog die ihm
der Himmel vergebe saß ich mäuschenstill in der andern und indem ich
wechselsweise bald seinem teuren Sturm einen Schub mit den Füßen gab  bald
meine Freigebigkeit mein Magenfieber und meine morgende Kur zum Henker
wünschte fühlte ich es in allen Gliedern was es auf sich hat Protektor der
schönen Kunst zu heißen
    So endigte sich mein pittoreskes Frühstück Ich habe Dir es auf das
genaueste beschrieben  das wirst Du nicht anders sagen können Dafür muss ich
aber vielleicht zum erstenmale in meinem Tagebuche drei volle Stunden
überhüpfen so wichtig sie auch indes allen andern Erdenbewohnern sein mögen
Stunden die in Marseille so hoch gefeiert werden als zu Berlin und die  dass
ich Dir ihren ganzen Wert fühlbar mache  jene kostbaren Minuten enthalten die
selbst unserm großen Könige die sichtbarste Belohnung für sein mühvolles Leben
darbieten  mit Einem Worte die glücklichen Stunden des Mittags Ich kann Dir
sogar von der Esslust meines Gastfreundes keine Rechenschaft geben denn während
er an der Wirtstafel aller seiner Sorgen vergisst halte ich mich mit den
meinigen von vorgestern her in meinem Nebenkabinette verschlossen suche zu
verdauen und schreibe O des hässlichen Fisches Wer nicht Seehunde und Meerwölfe
zu Gästen hat sollte so ein Gericht nicht auf seinen Tisch bringen Wie viel
habe ich ihm nicht schon bittere Pulver und Stinkkugeln nachgeschickt Aber sie
prallen ab wie Schrotkörner von einer Mauer Nichts sprengt  nichts durchbohrt
ihn Jetzt hat sogar mein Wirt aus menschenfreundlicher Teilnahme die
verborgensten Schleusen seines Kellers gezogen und mir eben Weine aus dreier
Herren Ländern herauf gebracht um ihn wegzuschwemmen Wenn auch dieses
Holländische Mittel nichts hilft  nun so mag meinethalben der holprige
Mönchsweg morgen die Masse zerreiben die mich drückt und der Ekel den ich bei
meiner neuen Bekanntschaft voraussehe den heben den mir meine vorgestrige
zuzog da es für einen protestantischen Magen schwerlich ein kräftigeres Emetik
gibt als so ein Madonnengesicht Sollte aber die Ziehung der Schleusen den
Feind aus dem Lande treiben  desto besser Ich habe eben eine geöffnet und
fühle ihre Wirkung schon bis in den Fingerspitzen Wie viel lässt sich da nicht
Gutes erwarten ehe alle drei geleert sind 
    Für einen Menschen der früh einen Seesturm erlebte unter Magendrücken sich
eines vergangenen guten Mittags erinnert und den gegenwärtigen ungenossen
verschrieben hat befinde ich mich noch leidlich genug  danke Gott für meinen
weich gepolsterten Sorgestuhl  für den geistreichen Wein der schon mein ganzes
Vertrauen gewonnen hat  für den Trost meiner Feder und für die gute Laune mit
der ich der Ernsthaftigkeit freundlich die Hand biete Ob es mir einmal nicht
schlimmer zu Mute sein wird wenn ich mich in meine philosophische Klause zu
Berlin hinsetzen und nach Beendigung meiner Reise die Summen um die mich meine
Freigebigkeit meine Kaufsucht und meine physischen und moralischen Torheiten
gebracht haben aus meinen täglichen Ausgaben heben und unter der ihnen
gebührenden Rubrik zusammen rechnen werde ist freilich eher zu wünschen als zu
hoffen Denn lass mich auch  um ernstlich zu sprechen  meine Erfahrung seit
dem ersten November wo ich Berlin verließ bis heute den dreizehnten Januar
wo ich mich mit einem Meergräuel herumbalge noch so hoch in Einnahme bringen
so wollte ich doch wohl die funfzig prahlenden Hefte meines Tagebuchs gegen
meinen Schreibkalender setzen dass der Gewinn den Verlust nicht aufwiegt Ich
weiß zwar meine Rechnung recht gut in Ordnung zu halten nur schlage ich sie
nicht gern nach Doch da ich heute weit weniger um die Zeit selbst als um ihre
Anwendung zwischen zwei Armen eines Lehnstuhls verlegen bin so will ich doch
den Gedanken der anklopft herein nötigen will zum Spaß die Rotte meiner
unnützen Ausgaben der letzten acht oder zehn Tage zusammen stellen und meinen
jüngsten Torheiten die Ehre der Sitzung an meinem RevisionsTische vergönnen
        In vollwichtigen Dukaten nach dem Kours zu 12 Livres gerechnet
d 4 Jan  dem Wächter der Laura zum zweiten Geschenk
                                                                               2
it für das Strumpfband der Maria das ich Tags darauf gegen ein anderes
vertauschte das ungleich weniger wert war
                                                                              41
d 5  Siehe Insgemein
d 6 u 7 für Beköstigung der Wache während meiner Gefangenschaft inclus
des Weins den sie auf meine und des Papsts Gesundheit getrunken und eod des
letzten Dukatens an den getauften Juden für sein Gutachten in meiner Processsache
                                                                              23
                                      Summa in Dukaten 66 Stück oder 792 Livres
                       Ferner in Louisdor zu 24 Livres
d 8 Verlust an dem der alten Bertilia auf einen Monat vorausbezahlten und im
Stich gelassenen Mietzins auf drei Wochen deux Louis par semaine
                                                                               6
it für den Abschiedsschmaus den ich Herrn Ducliquet und Konsorten gab l
Rechnung des Speisewirts und Weinhändlers
                                                                            712
it zurückbezahlter Vorschuss an den Hauptmann der Päpstlichen Garde für die
Rekruten die er der Armenkasse abgekauft und mir überlassen hat
                                                                               9
it eben demselben für die Ausfertigung ihres Abschieds
                                                                               2
it für die Liverei der beiden Puppenspieler l Quittung des Trödlers
                                                                            912
it zu Bezahlung ihrer Schulden
                                                                            212
d 9  für unverdiente Ehre an überflüssigen Schüsseln und Wachslichtern d 8
Abends in Joseph dem Zweiten zu Lambesc
                                                                               2
it für Erfrischungen und Chokolade Champagner und Punsch womit ich den
Visitator und seine Nichten bewirtete incl der Orangen von Malta die ich bis
zu MorgensAnbruch verbraucht
                                                                            212
it für Rückfahrt von der Tartane von St Domingo aus Ufer
                                                                             12
d 10 Siehe Insgemein
d 11 12 13 den Herrn Passerino drei Tage an der Wirtstafel Mittags und
Abends frei gehalten incl des Weins
                                                                               2
it für einen Seesturm von seiner Hand zwei Ellen und einen Daum groß
                                                                              10
Insgemein für unnötigen Aufwand an Federn Tinte Papier besonders den 5 und
10 huj
                                                                               1
                                                             Summa 5412 Louisd
                                 Zusammentrag
Unnützer Aufwand vom 4 bis 7 an 66 Dukaten  macht
                                                                       792 Livr
desgl vom 8 bis 13 an 5412 Louisdor
                                                                      1308 Livr
                                                Sonach in zehn Tagen 2100 Livr
    Ei ei lieber Eduard da habe ich mir einen schönen Spaß ausgedacht Gott
bewahre mich dass ich ihn fortsetze Nicht ein Blatt mehr von meinem
verräterischen Schreibkalender möchte ich umschlagen  ich würde fürchten vor
Schwindel unter den Tisch zu fallen Was ist mit so einer Rechnung anzufangen
Ich kann sie drehen und wenden wie ich will so wirft sie doch nichts aus was
ich als Gewinn in Einnahme bringen könnte denn was hätte mir wohl meine
zehntägige Verschwendung eingetragen außer allenfalls den Fund einer verlorenen
Schreibtafel  ein paar Puppenspieler und zwei Ellen gemalte Packleinwand Das
sind herrliche Zugänge der Wirtschaft Noch dazu darf ich die erste und beste
Nummer nicht einmal rechnen denn sie fällt übermorgen an ihren kranken
Eigentümer zu Montpellier zurück  Die zweite beschwert mir den Wagen lebt
auf meine Kosten in den Tag hinein und schickt sich in der Welt Gottes zu
nichts als zu Harlekinaden Und die dritte endlich wenn ich die vollends in
Anschlag bringen will so gibt mir das gutes Spiel  Sie fasst meine jüngste
Torheit in sich die gewöhnlich immer die ärgerlichste ist und zugleich ein
Inventariumsstück wie ich Gott Lob noch keins besitze das so alt bei mir
werden kann als es will weder gute noch böse Gedanken und nichts erregt als
Gähnen Es sind  mit Einem Worte  und bleiben unverantwortliche Ausgaben Sie
würden es für einen Prinzen sein der auf Kosten seiner Landstände reist
geschweige für mich Womit soll ich den törichten Geldverprass  nur dieser
letzten zehn Tage  geschweige aller der Wochen decken die noch unberechnet
dahinter liegen Wie soll ich meiner zerrütteten Privatkasse aufhelfen und der
Entkräftung beikommen die sie gemeinschaftlich mit meinem moralischen Vermögen
erlitten hat Bei Gott ich weiß es nicht   Doch halt da kommt mir eben ein
Einfall Wie wäre es Eduard wenn ich in Ermangelung landschaftlicher
Beihilfe einen andern Notreif ergriff der eben so gut als jener schon
manchen leck gewordenen Reisenden in seinen Fugen gehalten und vor gänzlichem
Zerfallen geschützt hat und da ich kein SteuerAerar in meine Torheiten
verflechten kann das eben so geduldige lesende und neugierige Publikum zur
Mitleidenschaft zöge  Und warum  lass uns ein wenig darüber nachdenken  warum
sollte ich nicht Der Einfall ist gar nicht so übel Zeigen sich in der
Verfolgung desselben nicht noch unversehene Schwierigkeiten die mir ihn
verkümmern so werde ich am Ende wohl gar noch dem Sturme der mir ihn zuführte
eine Ehrenerklärung tun müssen
    Aber schon kommt mir ein Umstand in die Quere den ich vor allen Dingen
beseitigen muss eh ich mein Strandrecht benutzen kann Es ist vorerst
auszumachen wem die Entscheidung über diese Blätter eigentlich zustehe  Dir 
oder mir Gehört das VotivGemälde dem Gichtbrüchigen der es aufstellte oder
dem Götzen dem es geweiht wurde und wirst Du  wenn Letzteres gelten soll 
mir erlauben das meinige aus Deiner heiligen Halle zurück zu nehmen um es der
öffentlichen Beschauung preis zu geben Wie mag ich nur fragen als ob Du wohl
je noch den Gang einer Sache gestört hättest die mehr Gutes erwarten lässt als
Böses  Und dass der Druck mein Tagebuch in diesen voraus bedungenen Fall
setzt soll Dir gewiss am Ende so stark in die Augen leuchten dass Du mir
schwerlich Dein  Imprimatur  versagen wirst
    Den möglichen Ersatz meines verschleuderten Kapitals habe ich einige Zeilen
höher schon dargetan und da der Vorteil für mich dabei nicht zu bezweifeln
ist so gibt es wohl nirgends einen so beschränkten Pfuscher von
Finanzminister der nicht hierin seine eigenen Grundsätze erkennen und meiner
Spekulation das Siegel aufdrücken sollte Ob aber in solcher der Patriot  für
den Nachteil den ich durch meinen Müßiggang dem Staate  der Philosoph  für
die Beeinträchtigung die ich der Moral zugefügt habe  eine eben so auslangende
Entschädigung erwarten dürfe hätte ich Dir noch zu erweisen und es ist ein
wahres Glück dass trotz aller Dünste die mir zu Kopf steigen ich Federkraft
genug habe so verwickelte Fragen aus einander zu wirren Patrioten und
Philosophen  ich weiß es  sind krittliche Geschöpfe und es ist eine wahre
Wohltat von Gott dass ein unbefangener Autor deren nur wenig antrifft  aber
ich dächte doch  auch sie müssten einsehen dass mit meiner Sache wenig oder
nichts anzufangen sei wenn ich sie liegen lasse wie sie alleweile liegt denn
gesetzt meine Herren ich ließe die Stunden meines Müssiggangs mit ihrem ganzen
hässlichen Gefolge als Schatten eines vergeudeten Lebens tagtäglich an meinem
Lehnstuhle oder Rechnungstische vorbei ziehen so kann ihre traurige Procession
doch höchstens nur eine Staubwolke  den vergeblichen Wunsch nämlich bei mir
erregen dass sie noch zu meiner Zeit gehören möchten Ihr widriger Anblick kann
mich allenfalls in meinem Vornehmen befestigen die folgenden die mir etwa noch
werden mit guten nützlichen wohltätigen Werken zu schmücken damit nie eine
mehr bei mir vorüberschlüpfe die mir nicht freundlich und friedlich in die
Augen spiele und noch im Verschwinden einen Kuss zurückwerfe Das ist nun zwar
etwas aber nicht viel Wollte ich aus schamhafter Empfindlichkeit vollends gar
ihrem Andenken entsagen und tun als ob sie nie zu meinem Leben gehört hätten
so wäre das noch weniger Entschliesse ich mich aber nur ihre Luftgestalten in
einen Spiegel zu fassen und gewönne ich nur so viel damit dass ich ihn dem
Selbstgefühl anderer leichtsinniger Gesellen die bei mir vorüber ihren
Leidenschaften nachlaufen vorhalten und bewerkstelligen kann dass sie einen
Augenblick stille stehen und bei Betrachtung meiner Bilder zu Atem kommen so
gibt mir dieses schon einen ganz andern  beinahe theologischen Antrieb mit
einem Buchhändler zu sprechen und legt dem ersten Bewegungsgrunde der nur auf
meinen Nutzen berechnet war einen ungleich wichtigern bei und der viel
empfehlendes selbst für den Philosophen hat  Immer aber ist weder der eine
noch der andere auslangend genug dass ich mich so geschwind über die Schamröte
wegsetzen möchte die gewiss jeden ehrbaren Mann anfliegt wenn er wie ein
Savoyard mit seiner Zauberlaterne durch die Straßen laufen und seine Grotesken
ausrufen soll Nein meine hochverehrten Herren Die wahre Triebfeder die mich
zu einem Schritte bewegen kann der eigentlich meinem Gefühle widersteht liegt
in meiner Denkungsart über einen Grundsatz den ich mir zwar bloß aus der
Erfahrung gebildet habe der aber nach meiner Einsicht wohl verdiente in der
praktischen Weltweisheit einen systematischen Anstrich zu erhalten dass man
nämlich die äußere Mechanik zu Hilfe rufe wo es mit unsrer innern Einrichtung
stockt Dieser dunkle Satz wird erst ganz klar durch die Anwendung Ich müsste
ein Buch schreiben wenn ich alle die Fälle aufzählen wollte die seine
Brauchbarkeit an den Tag legen Um diesmal nur von der Unterstützung zu reden
die er mir leistet so eröffnet er mir ganz allein mit der Hoffnung den
beleidigten Genius der Moral zu besänftigen die schöne Aussicht jenen  nun
einmal verlorenen und verschrienen Zeitraum meines Lebens hinterher noch
einigermaßen zu veredeln die Anforderung des Staats an mich auf dem Wege der
Gegenrechnung auszugleichen und endlich mich selbst der gerechten Bestrafung zu
überliefern die da sie nur Richtern zukommt die weniger wider das
Sittengesetz verstoßen haben als ich äußerst gelind ausfallen wird Und dieses

    Doch erst muss ich den Sturmmaler der eben glänzend und munter von seinem
Mittagsmahl herein tritt aus der Stille meines Schreibtisches entfernen und
ihm etwas zu tun geben damit er mich in der Ausführung meines Beweises
ungestört lasse  »Können Sie noch wohl Ihre Muttersprache schreiben lieber
Sperling« »Das will ich hoffen« antwortete er mir nahm eine von meinen
Federn und bewies es mir auf der Stelle durch seinen alten Denkspruch den er
mir auf ein Schnittchen Papier schrieb wie ehemals in mein Stammbuch
Wenn lieber Künstler dir zum Lohne
Kein Zepter ward und keine Krone
So tröste dich dein Ruhm Talente Geist Geschmack
Veredeln selbst den Bettelsack
    »Schön« rief ich aus »Ihr Denkspruch beruhigt mich ganz über die
Zumutung die ich im Begriffe bin Ihnen zu tun Es betrifft die Abschrift
eines Briefs die ich zwar angefangen aber nicht geendigt habe denn er ist so
lang wie eine Abhandlung Die Arbeit ist dringend denn übermorgen muss ich das
Original in Montpellier seinem Eigentümer zustellen nun ist aber der heutige
Abend meinem Reisejournal der morgende Tag unserer bewussten Wallfahrt bestimmt
 was ist da zu tun Ich würde sie höchst ungern aufgeben und doch sehe ich
kein ander Mittel  Sie müssten denn die Stunden die ich dadurch zu kurz komme
übernehmen«  »Herzlich gern« fiel mir Freund Passerino ein  »Getrauen Sie
Sich mit der Abschrift heute noch fertig zu werden gut so können Sie die
Postpferde nach Kotignac so früh bestellen als Sie wollen Der Inhalt der
Handschrift wird Ihnen übrigens die Mühe des Abschreibens gar sehr versüßen
denn es sind Rhapsodien über Talent und Geschmack«  »O geben Sie her«
unterbrach er mich hastig »über so einem Thema könnte ich ganze Nächte
aufsitzen«  »Eine Bedingung jedoch« fuhr ich fort »müssen wir noch
festsetzen dass keiner nämlich den andern störe Ich brüte hier über einer
häklichen Sache die keine Zerstreuung zulässt und doch ahndet mir dass Ihnen
beim Abschreiben nichts schwerer fallen wird als das Maul zu halten Es ist
natürlich einem Kopfe wie der Ihrige müssen bei so einer Materie Zweifel die
Menge aufstossen Ich gebe sie Ihnen alle in voraus zu nur anhören mag ich sie
nicht und müssen sie Ihnen ja über die Leber so setzen Sie sie neben Ihre
Abschrift als Randglossen  das soll Ihnen erlaubt sein«  Unter diesen
Maßregeln die ich zu meiner Sicherheit für notwendig hielt stellte ich ihm
einen Tisch dem meinigen gegenüber in das Fenster legte ihm den Brief des
Landjunkers vor  wies ihm die Zeile bei der ich stehen geblieben und habe mir
durch diesen Ausweg zwei große Beschwerlichkeiten mit einem Mal vom Halse
geschafft  die Mühe des Abschreibens und seine Unterhaltung
    Und dieses  fahre ich nun ruhiger in meinem angefangenen Beweise fort 
kann wohl auf keine patriotischere Weise geschehen als dass ich den ganzen
Unrat meiner verschwendeten Zeit wie er sich während der Reise in meinem
Tagebuche anhäufte zusammen kehre und die körperliche Schwere die darin
liegt an jenes bekannte Triebwerk hänge das eine Menge verdienter Staatsbürger
samt Weib und Kindern ernährt  eine Menge nach Fleiß und Arbeit ringender
Hände in Bewegung setzt  von dem Lumpensammler an bis zu dem Recensenten  von
dem Setzer bis zum Verleger  vom Kupferstecher bis zum Buchbinder Welcher
Kreislauf von Tätigkeit Mühe und Erwerb ehe der Nebel meiner verflossenen
Stunden in die Höhe steigt und nun in sanften Tantropfen auf die Blumenkelche
oder  wie es trifft  auf die Krautköpfe meiner Leser herunter fällt Wie gut
dass nichts auf unserm Erdball verloren geht selbst das nicht was wir vertun
 Alles kann nützlich werden und wird es Versäumen wir es aufzuheben so tut
es die Natur von selbst denn sie hat unzählige Mittel der Anwendung in ihren
immer schaffenden Händen Lange trugen die emsigen Ansiedler von Holland die
tot gebrannte Asche ihres Torfs wie ich die Belege meines Tagebuchs einzeln
aus ihren Kaminen auf einen Haufen zusammen der endlich zu einer fürchterlichen
Größe anwuchs Was soll fragten sie sich ängstlich unter einander in die Länge
aus dieser unnützen Staubmasse werden die hätten wir sie in unsere Kanäle
getragen sie längst so gewiss würde verstopft haben als sie jetzt unsere Dörfer
und Städte verdämmt Zeit und Nachdenken haben es sie gelehrt Jetzt befrachten
sie ganze Flotten mit diesem ihnen ehemals so ärgerlichen Material und
schicken es ihren Nachbarn in Brabant zu die jährlich darauf harren um ihre an
Erstickung allzu großer Fettigkeit leidenden Felder damit zu lüften um sie zu
bessern Ernten geschickt zu machen Dieser Tauschhandel ist fortdauernd im
Gange und ist Staatsbedürfniss geworden Das eine Land bezahlt von dem
Überflusse seines Korns den überflüssigen Staub des andern und beide Länder
befinden sich wohl dabei Wie wunderbar meine Herren hängt doch auf unserer
Kugel  Alles und Nichts  und wie wunderbar wirst Du sagen hängt doch
Geschwätz und Philosophie und oft ein schwerer Beweis mit einem Glase so süßen
Weines zusammen als ich eben wie Du vermutlich von weitem ahndest auf aller
Patrioten Wohlsein ausleere
                                                                Abends neun Uhr
Wie ich glaube  denn gewiss weiß ich es doch nicht  bin ich auf der vorigen
Seite mit den Patrioten den Philosophen und Dir völlig zu Rande gekommen  habe
von euch allen die Erlaubnis ausgewirkt mein Tagebuch drucken zu lassen und
meine Aktien sind nun im Steigen Doch fürchte nicht Eduard dass mich diese
abgeschüttelten Sorgen verleiten werden meinen alten Haushalt so fortzusetzen
als meine niedergeschriebenen Hefte besagen Gott bewahre Ich wünsche
Gegenteils  und ich kann wohl sagen mit aufrichtigem Herzen  dass von nun an
nur die reinsten Tugendbilder aus meinem Leben zurück strahlen und meine Feder
beschäftigen mögen Nur mute mir niemand zu ihr eine schöne Lüge unterzulegen
in dem Falle dass ich Dir eine hässliche Wahrheit zu gestehen hätte Daraus wird
nichts Wer Guckkasten von so erbaulicher Zusammensetzung verlangt lasse mein
Tagebuch ungelesen und suche sich einen unter den zweien  dreien  aus die er
selbst in der kleinsten Stadt findet Ich hörte eben einen über die Straße
orgeln  Er stand zu sehr in Verbindung mit meinen Gedanken um ihn ruhig
vorbei gehen zu lassen Der Epilogus musste ihm nachspringen Es trat ein
stattlicher Junge herein der seine Sachen ganz gut machte Passerino fand seine
bunten Bilder recht artig sein Leierstückchen war es gewiss nicht weniger und
lautet in unserer Deutschen Übersetzung also
Schaut auf Hier wird zur Abenbfeier
Die große Harmonie der Welt
Dem armen Mann für einen Dreier
Weit männlicher nach meiner Leier
Als durch Kastraten vorgestellt
Dies ärmlichste von allen Spielen
Entwickelt mehr als es verheisst
Den Kleinen  die nach Hoheit schielen
Den Hohen  die vom Gipfel fielen
Rührt es das Herz und hebt den Geist
Hier siehst du  Karl den Kaiser speisen
Und König Salomonis Thron
Und möchtest dich vor Neid zerreißen
Und wünschest auch ein Herr zu heißen
Wie Kaiser Karl und Salomon
Doch bald nachher erfolgen Possen
Wie sie von Zeit zu Zeit geschehen
Den Pharao samt seinen Rossen
Wirst du elendiglich erschossen
Im roten Meere schwimmen sehen
Jetzt schleudert er in Todesschmerzen
Mit Fluchen Kron und Zepter hin
Nun rufst du mit bekehrtem Herzen
Mit Gottes Macht ist nicht zu scherzen
Wohl mir dass ich kein König bin
                                                                 Um Mitternacht
Ich muss doch meine Feder noch einmal ansetzen die wie meine müde getriebenen
Gedanken länger als zwei Stunden geruht hat um Dir die Lage zu schildern in
der ich mich schaukele denn sie ist gar zu schnakisch  Entschuldige nur meine
großen Buchstaben Wenn ich sie hinsetze kommen sie mir winzig klein vor aber
sie wachsen wie sie mir entschlüpft sind hüpfen mir über die Zeilen wie die
Lämmer und vermehren sich auch glaube ich denn mitunter sehe ich sie doppelt
 Der Wein des Wirts ist so wohlschmeckend als er stark ist Wenn der nicht
gegen den Seekobold Recht behält so tut es keiner Ich trinke ein Glas ums
andere mit neuem stillen Vergnügen Mein Lehnstuhl umarmt mich mit einer
Herzlichkeit dass ich nicht daran denken mag ihn zu verlassen und Passerino
macht mir unendlichen Spaß ohne dass er es selbst weiß Ich sitze ihm im Rücken
und höre ihn abschreiben Im ganzen Ernste Eduard ich höre ihn denn er
murmelt zu jeder Zeile seine Randglosse  stritte gern dem armen Landjunker
jedes Wort ab und geberdet sich  nein der Teufel könnte es nicht ärger wenn
er ein Evangelium abschreiben müsste 
    Der Mensch kann 
    Mein ehrwürdiger Freund und Gönner haben mir  dem Maler Sperling  gütigst
übertragen die Zeile die unter Ihren Händen verunglückte vollends
auszubilden  Der Mensch gedachten Sie zu sagen kann alles was er will In
Beziehung auf die drei Bouteillen mag es auch seine Richtigkeit haben denn Sie
haben solche ausgeleert wie es Ihr Wille war Nachher aber reichte die Sentenz
nicht weiter  denn Sie wollten fortschreiben aber Sie konnten nicht Der Wein
scheint eine andere Richtung genommen zu haben als der liebe Herr erwartete
denn anstatt den Magen auszuspülen ist er ihm zu Kopfe gestiegen und hat
außerdem nichts gewirkt als ein starkes Zittern an Händen und Füßen und ein
wenig Schwindel Da sich alles das hinter meinem Rücken gemacht hat so
erschreckte mich eine so unerwartete Erscheinung nicht wenig als ich mit der
Abschrift fertig war und mich herum drehte um sie ihrem Herrn zu überliefern
Ich habe sie wie auch das Original einstweilen dem Herrn Kammerdiener
zugestellt mit dessen Beihilfe ich eben den Kranken zu Bette gebracht habe Ew
 ich lasse alle Titulatur weg da ich nicht weiß an wen ich die Ehre habe zu
schreiben  dürfen also unsers gemeinschaftlichen Freundes halber ganz außer
Sorge sein Der nächtliche Schlaf wird den Unfug wohl heben den der Wein aus
dreier Herrn Länder angerichtet hat und da wir morgen mit dem frühesten  auf
sehr holperigem Wege  über Land fahren so ist kein Zweifel dass diese starke
Bewegung dem hartnäckigen Streit mit dem Seefische  der leider noch immer
besteht  einen glücklichen Ausgang verschaffen werde  Wie die Zeit vergeht
Schon zwei Stunden über Mitternacht Der Herr schlafen  aber etwas unruhig
Mein Licht ist abgebrannt  ich darf nicht länger hier säumen wenn es mir bis
an die Haustüre noch vorleuchten soll
                                                              Den 12ten Februar
Ich komme heute weder von der Maria zu Kotignac wie Du nach der letzten Zeile
glauben musstest die ich schrieb noch von sonst einem andern christlichen oder
heidnischen Götzenbilde sondern viel weiter her und zu Dir zurück mein
unschätzbarer Freund Ein neues reines Blatt liegt vor mir mit dem ich heute
ein frisches Tagebuch anfange  Fortsetzen kann ich das ältere nicht denn es
ist auf meiner beschwerlichen Reise verräumt worden Seit wir uns kennen mein
Eduard sind die letztvergangenen vier Wochen die ersten in denen ich keine
Stunde an Dich gedacht habe Dafür bist Du mir aber auch jetzt lieber als
jemals  Ich komme aus den dunkelhellen Gefilden zurück die an die
Finsternisse des Todes gränzen hörte schon in der Nähe den Strom rauschen der
alle Geschlechter der Erde fortschwemmt und sah die Dämme von Schlamm weit
unter mir die wir in der Selbstgenügsamkeit unseres Stolzes gegen den Zufluss
reiner Quellen um unsre Froschgräben ziehen und die uns jede Aussicht in das
Freie versperren Die Zeit schien schrecklich vor mir vorüber zu fliegen Jede
laufende Minute hing ihr ein Sterbeglöckchen mehr an Von unzählig eilenden
Pulsschlägen erschüttert tönten sie in ein fürchterliches Geläute zusammen
gegen welches das Geklimper auf unsern Kirchhöfen Harmonie ist Ich floh dem
Tode mit heißer Begierde entgegen um aus diesem Gesause der einstürzenden Welt
und aus ihrem Staube zu kommen und doch trieb mich der Schauer der Ewigkeit
immer wieder aus seinen ausgestreckten Armen zurück So flatterte mein Geist in
jener unbekannten Wildnis die an den Zaun unsres Lebens anstösst ungewiss umher
ohne dass ihm ein Mondschimmer vorleuchtete oder ein freundlicher Stern
begegnete So hob sich meine Seele leicht wie ein Dunst aus ihrem zerbrochenen
Gefäße  Hinüber  hinüber war der einzige seufzende Laut den ihr die Angst
der Verzweiflung abdrang Sie hatte nur noch einen Schwung zu tun um da zu
sein wo sie hinstrebte als eine unsichtbare Gewalt sie aufhielt und eine
freundschaftliche Stimme ihr zurief »Kehre um meine Schwester Es gibt viel
schönere Eingänge in dieses Tal  kehre in das Leben zurück um sie zu suchen«
Und was fand sie als sie aus ihrer Höhe herab gewirbelt wieder auf den
Standpunkt kam von welchem sie aufstieg  als statt der Phantome die sie
umgaukelten sie wieder Menschengestalten erblickte und fragen konnte »Wo ist
die schwesterliche Seele die mich in das Leben zurück zog« Ach sie fragte
umsonst aber sie fand ein Herz das in der Hitze eines schrecklichen Fiebers
unter Prasseln Toben und Angst zergangen gleich einem edelen Erz von seinen
Schlacken gereinigt nun abgekühlt auf den Boden gesunken wie ein funkelndes
Goldkörnchen da lag Die raue Schaale die es sonst umgab ist verschwunden
was es aber an unnützem Gewichte verlor hat es an Wert gewonnen  denn die
Mühe der Bearbeitung die Schmelzkosten sind überwunden und sein wahrer Gehalt
ist durch das Feuer bestätigt
    O könnte ich diesen Goldtropfen so glänzend zu Dir hinrollen als er jetzt
aus der Glühpfanne des Herzens geflossen ist damit Du Dich in seiner Oberfläche
spiegeln könntest ehe er in dem Umlauf unter den Menschen sich wieder
verdunkelt und anläuft Möchte er immer nur von den Blicken derer bestrahlt
werden die ihn zu schätzen verstehen Möge ein gutes Schicksal ewig alle
schmutzige Hände von ihm abhalten und ihn bewahren damit er nicht in dem
Tumulte der Welt in eine Ecke geworfen oder in Kot getreten werde Fliegen ihm
ja Sonnenstäubchen an  wie bald bläst diese ein freundschaftlicher Hauch
hinweg
    Ich habe meine Uhr die mir die Fehltritte meines Lebens zu bezeichnen
aufhörte als mein überirdischer Traum anhob und die während meines Kampfs mit
der Ewigkeit stillschweigend über meinem Kopfkissen hing  heute zum erstenmal
wieder in Gang gesetzt und  Gott mit welcher Empfindung Jede Sekunde die
den Zeiger jetzt weiter rückt jeder Laut den sie an die Vergangenheit
Gegenwart und Zukunft anschlägt jede halbe Note auf der Tonleiter der Zeit und
jeder Schwung derselben der den Todtentanz unserer Stunden entwickelt 
durchzittert die feinsten Fasern meines Herzens und verstärkt den Nachhall
meines bitteren Bewusstseins Doch ich höre meinen Arzt der unter mir wohnt die
Treppe herauf steigen  Sein sterblicher Name ist Sabatier  Er fliesse nie
als mit dankbarer Ehrfurcht über meine Lippen 
    Eben ist der menschenfreundliche Mann von mir gegangen  Aber welch ein
schweres Verbot ließ er mir nicht zurück  »Was schreiben Sie«  fragte er
nahm mir das Blatt unter den Händen weg und las Es ist das erstemal dass ein
strenges Auge in mein Tagebuch blickt  »Nein« rief er »in diesem Tone dürfen
Sie nicht fortfahren Sie müssen Sich durchaus des Gebrauchs Ihrer Feder noch
einige Tage enthalten Wenn es mir auch nicht Ihr Puls verriete diese Zeilen
würden es tun dass Sie noch krank sind Im ganzen Ernste lieber Freund muss
ich Ihnen unter der gewissen Bedrohung einer noch längeren Einkerkerung auflegen
Ihren überspannten Vorstellungen Ihren kostbaren Ausdrücken im Reden und
Schreiben nach Möglichkeit entgegen zu arbeiten«  »Und durch was lieber
Doktor« fragte ich  »Durch ein Lot Fieberrinde ehe Sie Ihren Spargel
essen« antwortete er mir »und durch ein Glas Limonade nach Tische«  Und so
ging er  Was will der Mann mit diesem Recepte Ich dächte ich hätte nie
hellere Vorstellungen gehabt und sie seitdem ich schreiben kann nie so
deutlich und natürlich entwickelt als diesen Morgen Doch ich will nicht mit
ihm streiten Meine erste Tugend soll sein wie bei einem Kinde  Gehorsam  der
pünktlichste Gehorsam Denn ehe ich den Blick ins Freie und den Balsam der Luft
noch länger entbehren möchte wollte ich lieber durch einen Eid ewig auf meine
Feder Verzicht tun
                                                              Den 15ten Februar
Zwei Tage und elf Stunden bin ich armer Entkräfteter mehr unter fremder als
eigener Sorge für die Erhaltung meines schwankenden Daseins nun weiter gerückt
und ein stärkender Schlaf der vergangenen Nacht hat mir viel Gutes getan Er
hat meinen Kopf so befestigt dass ich ihn nicht mehr zu stützen brauche und hat
mir Gott sei Dank die Erlaubnis meines Arztes verschafft Dir wieder schreiben
zu dürfen Aber sieh nur wie genau er es mit mir nimmt Hat er mich nicht wie
einen Anfänger in die Gränzen einer einzigen Blattseite eingezäunt die ich
bei Verlust meiner Freilassung nicht überschreiten darf Dafür ist er aber auch
so gütig gewesen den Raum der Zeit den er mir zu diesem süßen Geschäfte frei
lässt desto weiter auszudehnen und mir den ganzen vorliegenden langen Tag dazu
auszusetzen Sollte man aus dieser Einrichtung nicht schließen der gute Mann
habe es nur darauf angelegt Dir zu etwas recht scharf gedachtem und
geistreichem zu verhelfen Nichts weniger Gerade dagegen hat er die
ernstlichsten Vorstellungen gemacht Er will durchaus dass ich mein Papier mehr
mit Worten als mit Gedanken füllen und wenn wider Verhoffen mir etwas in die
Quere käme das diesen Namen verdiente ich geschwind aufspringen und einen Kamm
durch mein Haar ziehen möchte  Hast Du je gehört Eduard dass man bei uns so
eine Diät vorschreibt oder haben unsere Ärzte bei ihren Patienten von dieser
Seite nichts zu besorgen Zu einem Zwischenzeitvertreib hat der Doktor Bastianen
aufgegeben mich mit meiner Krankengeschichte zu unterhalten Da sich meine
Erinnerungskraft ganz verkrochen hat so ist es mir in der Tat lieb von einem
so nahen Zuschauer den Gang eines Dramas zu erfahren in welchem ich die erste
Rolle spielte ohne es selbst zu wissen Er hätte sagt er gleich beim ersten
Aufzuge sich nichts kluges von derselben versprochen denn er habe als er in
meine Kammer getreten sei um mich zu meiner malerischen Reise zu wecken mich
im Hemde an dem offenen Fenster gefunden  »Ich verbarg mein Erstaunen« fuhr
Bastian fort »und fragte ob Sie Sich nicht ankleiden wollten«  In der
heftigsten Bewegung antworteten Sie »Geh kaufe mir einen Rock von Schnee
gewebt und eine Mütze von Eis«  Es war die erste unpassende Rede die ich noch
von Ihnen gehört hatte  denken Sie wie sie mich erschreckte  Herr Passerino
fing ich mit zitternder Stimme an wartet schon seit einer Stunde in dem
Vorsaal und die Postpferde  »Was« fielen Sie mir in das Wort und Ihre
Augen flammten »der Kerl ist aus Spandau entsprungen Leg ihm gleich die
Fesseln an und übergieb ihn der Wache«  Jetzt säumte ich nicht länger  Ich
rief nach Hilfe durch das ganze Haus stellte den Maler an die Treppe um allen
Lärm abzuhalten schickte den Hausknecht nach dem ersten Arzte den er
auftreiben könnte ließ Ihren Reisewagen abspannen und lauerte endlich in der
größten Angst an der Haustüre auf die Ankunft des Marktschreiers  Dies ist
kein Schimpfwort  es war sein eigentlicher Charakter wie es sich erst auswies
als es beinahe zu spät war Er bezeigte eine herzliche Freude Sie wieder zu
sehen  »Den Herrn« sagte er mir gleich bei seinem Eintritte »habe ich schon
vor einigen Monaten zu Bruchsal in der Kur gehabt  Mit seiner jetzigen
Krankheit hoffe ich eben so bald fertig zu werden als damals«  Wie froh war
ich über den glücklichen Zufall der diesen Mann hierher brachte Auch Sie
schienen Sich seiner zu erinnern und ich musste glauben dass er in keinem
geringen Ansehen bei Ihnen stände denn Sie folgten ihm auf den Wink  Er befahl
Ihnen das Fenster zuzumachen und Sich zu Bette zu legen Sie gehorchten ohne
Widerrede  Jetzt flog er zur Tür hinaus um selbst die Arznei zu holen
brachte sie gab mir eine gedruckte Anweisung zu ihrem Gebrauche und flog
wieder davon Er entschuldigte seine Eil mit öffentlichen Geschäften die ihm
oblägen rieb sich die Stirn sprach von Aufopferung und Versäumnis und als ich
darauf erwiderte dass er sicher auf ein schönes Gratial rechnen könnte  »Ach
ich weiß es ich weiß es« antwortete er ließ sich aber dennoch vor Abends
nicht wieder sehen Auf diese Art setzte er seine Kur in Gang und brachte Sie
trotz seiner seltenen Besuche mit jeder Stunde einen Schritt näher zum Grabe
Ich fürchtete Alles und doch beruhigte mich sein Geschwätz und das Glück auf
das er sich immer bezog Sie schon einmal vom Tode gerettet zu haben Es ist
alles in seiner Ordnung antwortete er auf meine bedenklichsten Mienen  Er war
über nichts verlegen hatte zu jedem neuen Symptom auch schon ein Fläschchen in
der Tasche und so schien es am siebenten Morgen ganz auch in seiner Ordnung zu
sein dass er den Kopf schüttelte die Achseln zuckte und zu stottern anfing
wenn ich ihn fragte Jetzt erwachte mein Misstrauen in seiner ganzen Größe und
eben wollte ich in der Verzweiflung meines Herzens den elenden Kerl zur Türe
hinaus stoßen als sie sich öffnete und ein Mann von dem edelsten Ansehen herein
 vor Schrecken aber wieder zurück trat sobald er Ihrer ansichtig ward
Zugleich fasste er auch den Arzt in das Auge und trat auf ihn zu  »Ist das
nicht« fragte er »der Schreier von dem Pferdemarkte  Freund wie kommt Er
hierher«  »Man hat mich rufen lassen« antwortete der Unverschämte »aber zu
spät Ich bin übrigens ein guter Bekannter von diesem Herrn  habe ihm schon in
Deutschland von einer schweren Krankheit geholfen  leider sind aber diesmal
seine Umstände zu gefährlich und ganz hoffnungslos das muss ich sagen«  »Das
soll ein Arzt beurteilen der es versteht« versetzte der Fremde »und im
äußersten Falle auch die Polizei  Dem Kranken keine Arzneien weiter bis ich
zurück komme« wendete er sich gegen mich und eilte davon  »O meine Mittel«
setzte nun der trotzige Kerl seine Rechtfertigung gegen mich fort »werden jetzt
weder schaden noch helfen  Den Wundermann möchte ich sehen der Seinen Herrn
zu retten vermöchte Die Krankheit selbst hätte eigentlich nichts zu bedeuten
Ich habe den Prinzen von Rohan von einer dergleichen befreit die noch heftiger
war aber bei einem Protestanten ist ihr nicht beizukommen denn sein hitziges
Fieber ist nur die Folge seines bösen Gewissens Wäre Sein Herr von unserer
Religion so hätte dieser Umstand gerade am wenigsten zu sagen Der erste beste
Mönch würde die Sache in einer Viertelstunde geschlichtet haben aber eine Seele
mit Verbrechen beladen auf die kein Weihwasser keine Monstranz keine Madonna
wirkt entschlüpft oft dem geschicktesten Arzte unter den Händen und fährt zum
Teufel wenn auch der Körper längst wieder in Ordnung gebracht ist  und das ist
hier der Fall«  »Unmöglich« antwortete ich »Torheiten kann der arme Herr
begangen haben das will ich zugeben aber Verbrechen gewiss nicht Ich bin seit
dem Neujahrstage in seinen Diensten und tagtäglich um ihn und weiß doch auch
was Sünden sind aber ich müsste es lügen wenn ich ihm die geringste nachsagen
wollte«  »Mir darf Sein Herr so etwas nicht weiß machen« versetzte der
Zahnarzt »ein hitziges Fieber ist gar ein plauderhaftes Ding und zum Glücke
verstehe ich die beiden Sprachen in denen Sein Herr wechselsweise irre redet
Ach ich könnte Ihm das Verständnis wohl öffnen lieber Mann aber was geht es
mich an Ich bin heilfroh dass ich hier aus dem Spiel komme  Die Polizei das
ist zum Lachen Habe ich mich denn aufgedrungen Hat mich denn mein alter Freund
nicht rufen lassen Ohnehin breche ich morgen mein Theater ab und ziehe weiter
 Sorge er ja auch bei Zeiten für Sich Herr Kammerdiener und leb Er wohl 
Meine Rechnung will ich jetzt gleich mit dem Wirte abmachen«  Für die sollte
der Esel von Hausknecht haften der Ihn geholt hat rief ich ihm nach und
schlug die Türe hinter ihm zu
    Nicht lange nachher führte der Fremde den Arzt herein der Sie mit Gottes
Hilfe bis hierher gebracht hat Er fing seine Kur freilich auch damit an womit
der erste die seinige endigte  mit Kopfschütteln aber es dauerte nicht lange
so setzte er Ihren ganzen Haushalt in Bewegung und schickte zu gleicher Zeit in
vier Apoteken damit kein Rettungsmittel über die Zubereitung des andern zu
spät käme Ich musste einen Chinatrank der Prologus Spanische Fliegen der
Epilogus ein Klystier und Herr Passerino Blutigel holen Unterdessen schrieb
der Fremde  »Aber wer ist denn der Mann« unterbrach ich hier meinem Bastian
»der sich meiner so freundschaftlich annahm« »Das« antwortete er »habe ich
nicht herausbringen können weder von ihm selbst noch von dem Herrn Sabatier«
 »Er schrieb also« fuhr der Erzähler fort »ein Briefchen an den Kommendanten
das er durch den Wirt selbst abschickte und welches die gute Folge hatte dass
die Gasse mit Sand bestreut für die Wagen gesperrt und der erschütternde Lärm
von außen gedämpft wurde Nun setzte er sich mit trauriger Miene an Ihr Bette
und befahl die Ermüdetsten von uns sollten sich schlafen legen damit wir Tag
und Nacht im Dienste abwechseln könnten« 
    Weißt Du wohl Eduard wen sich meine Einbildungskraft bis hierher unter
diesem für mich so besorgten Manne vorstellte Dich Teuerster oder meinen
Jerom Konnte mir der Teufel dachte ich einen so abscheulichen Bekannten als
den Zahnbrecher nachschicken um mich in die Hölle zu treiben  warum sollte es
nicht meinem guten Genius eben so möglich gewesen sein mir einen Freund zu
meiner Rettung herbei zu führen Freilich wär er beinahe zu spät gekommen aber
reist das Verderben nicht immer geschwinder als die Hilfe Die Folge der
Erzählung meines Bastian benahm mir diese schöne Hoffnung auf einmal denn wie
er mir sagte tat der Fremde Fragen an ihn die allein schon zeigen wie
unbekannt ich ihm sein müsse Ich fuhr zum Beispiel bald nach seiner
Erscheinung mit der Hand nach der Stirne vermutlich weil die Blasenpflaster zu
ziehen anfingen und rief ängstlich dabei »O Margot meine liebe Margot binde
mir geschwind dein warmes Halstuch um«  und da glaubte der gute Mann ich wäre
verheiratet und fragte ob meine Frau in der Nähe sei  »Ach nein«
antwortete Bastian weinend »es ist meine Schwester die ihm im Sinne liegt
wollte doch Gott sie wäre hier«  Eine Weile nachher schrie ich »Heilige
Klara von Falkenstein«  »Ich höre« sagte darauf der Unbekannte »dass der
Kranke unsers Glaubens ist  Wie kommt es dass ihm noch kein Mönch das Viatikum
anbeut«  Ich rief heftig dazwischen als ob ich ihm das Gegenteil beweisen
wollte  »Weg  weg von mir abscheuliches Geschöpf mit deinen höllischen
Geistern und deinen Kreuzen«  Hier sah sich der Herr noch einmal nach uns um
sagte Bastian  Ich traute mir nicht zu antworten aber der Epilogus nahm das
Wort »Ach Gott« sagte dieser »das ist eine gar lange Geschichte  Die Klara
von der unser Kranker spricht ist ein wunderschönes Mädchen zu Avignon 
Kennen Sie etwa den Herrn Dücliquet«  »Ich habe nicht die Ehre« antwortete
der Fremde  »Nun so wird es schwer werden« fuhr der Epilogus fort »Ihnen die
Sache verständlich zu machen So viel kann ich Ihnen sagen dass dieses Mädchen
die Steine der heiligen Dreifaltigkeit in sich tragen soll die der katholischen
Kirche seit langer Zeit abhanden gekommen sind  Ob sie mein Herr bei ihr
gesucht hat weiß ich nicht gewiss aber ich glaube «  »Wie lange«
unterbrach ihn der Unbekannte »ist er bei dem Herrn in Diensten«  »Seit dem
achten vorigen Monats« antwortete der unleidliche Schwätzer »Vorher war ich
ein Puppenspieler nachher Grenadier unter der Päpstlichen Garde werde aber
jetzt im Hause der Epilogus genannt und der Prologus ist mein Bruder«  »Ich
dächte mein Freund« versetzte der Fremde ernstaft »er ginge schlafen Er
scheint es mir nötiger zu haben als ein anderer« Der Kerl ließ es sich nicht
zweimal sagen und ich Eduard bin recht froh dass er fort ist Um Gottes
willen was muss sich mein unbekannter Wohltäter für einen Begriff von meiner
Wirtschaft gemacht haben Es ist ihm wahrlich nicht zu verdenken dass er sich
jetzt nicht weiter um mich bekümmert  Aber mein Blatt ist leider zu Ende
Pünktlicher kann man wohl seinem Arzte nicht gehorchen denn wenn Du Dir nicht
selbst Gedanken bei meiner Geschichte machst von mir liegen gewiss keine darin
                                                              Den 16ten Februar
»Da haben Sie Recht« lächelte mich der herzensgute Sabatier diesen Morgen an
nachdem er mein gestriges Blatt bis auf die letzte Zeile durchgelesen hatte
»das hat Ihnen den Kopf schwerlich angegriffen Wenn Sie mir versprechen so
fortzufahren und daran Spaß finden so erlaube ich Ihnen heute ohne Bedenken
einige Seiten mehr« 
    So will ich mich denn an meinen eigenen Anekdoten auch recht satt schreiben
Wenn diese nicht echt ausfielen so müsste keinen in der Welt mehr zu trauen
sein da hier die gewiss seltenen Umstände zusammen treffen dass der Held der
Geschichte sie aus dem Munde eines Augenzeugen nachschreibt  »Der Prologus«
nahm Bastian den Faden seines gestrigen Berichts auf »trat jetzt an die Stelle
seines zu Bette geschickten Bruders und der fremde Herr hielt seine erste
Nachtwache an dem Ihrigen  ganz besonders glücklich für Sie denn gegen drei
Uhr stiegen Ihre Phantasien die ohnehin rätselhaft genug waren so hoch dass
Sie aus Ihrem Französischen Jargon in den Deutschen fielen den außer Ihrem
vornehmen Wächter niemand von uns verstand Wie hätten wir mit Ihrer Ungeduld
zurecht kommen wollen So forderten Sie einmal etwas mit der ängstlichsten
Heftigkeit Während wir nun aus gleichem Missverständnisse ich nach Limonade und
der Prologus nach dem Fliegenwedel lief hatte Ihnen der Fremde schon gebracht
was Sie verlangten«  »Und was war es denn Bastian« fragte ich  »Also
erinnern Sie Sich wohl gar nicht einmal was Sie zerrissen haben«  »Ich weiß
kein Wort davon«  »Nun so will ich nur wünschen dass es Sie hinterher nicht
noch gereue Es waren die vielen Hefte die Sie gewöhnlich alle Abende um einen
oder zwei Bogen verstärkten und die auf Ihrem Schreibetische noch aufgehäuft
beisammen lagen«  »Mein Tagebuch Bastian das hätte ich zerrissen«  »Ja
wohl mein lieber Herr in tausend kleine Stückchen Die Arbeit schien Ihnen
eine rechte Freude zu machen Der Fremde musste Ihnen einen Heft nach dem andern
zureichen Sonderbar war es dass Sie die Anzahl davon auf das genaueste im Kopfe
hatten ungeachtet seiner großen Schwäche Sie forderten den ersten den
zweiten und so fort und wurden nicht eher ganz ruhig bis auch der letzte
vernichtet war das Arabische Manuskript ausgenommen das Herr Passerino nebst
seiner Abschrift bei mir niedergelegt hat« Ich saß mittlerweile ganz still
neben der Nachtlampe und dachte wehmütig den vielen schönen Stunden nach die
ich Sie an diesen unglücklichen Papieren mit einem Ernst hatte verschreiben
sehen als wenn Sie für die Ewigkeit schrieben Sie aber wendeten Sich wie die
Sache geschehen war mit dem heitersten Gesichte und in Französischer Sprache zu
dem Fremden »Jetzt Herr Prokurator tun Sie mir den Gefallen und befreien
mich von diesem Plunder  Tragen Sie ihn dort ins Kamin  der Prologus soll ihn
anstecken« Als die Flamme aufloderte und die dunkle Stube bis an die Decke
erleuchtete riefen Sie ein Bravo über das andere und »Sehen Sie nicht Herr
Prokurator« sagten Sie halb leise zu dem Herrn »wie lustig die heiligen Engel
den brennenden Scheiterhaufen umflattern«  Wohl gut dass der Quacksalber der
Exekution Ihres Tagebuchs nicht mit beiwohnte er hätte sicher Ihr strenges
Urteil für eine Selbsthilfe Ihres bösen Gewissens erklärt Für eine wohltätige
Krise hielten wir es indes alle denn Sie fielen gleich darauf zum erstenmale
seit acht Tagen in Schlaf und atmeten so frei als ob Ihnen eine drückende
Last von dem Herzen genommen sei Auch ich begab mich nun zur Ruhe  Passerino
löste mich ab  Als aber der Tag anbrach kam ich so neu gestärkt wieder auf
meinen Posten dass der fremde Herr kein Bedenken fand mir seinen Stuhl an Ihrem
Bette einzuräumen und sich auf einige Stunden zu entfernen Sie schliefen noch
eine gute Weile ununterbrochen fort Aber ach wie rührten Sie mich durch Ihre
freundlichen Phantasien als Sie aufwachten Sie hielten mich für meine
Schwester »Meine gute Margot« wendeten Sie Sich in sanfter abgebrochener
Stimme nach mir »wie freut mich dein lieber Besuch O wie übel ist es mir die
vielen Jahre her ergangen seit ich von deinem Bette weg bin  Lebt denn mein
treuer Johann noch  Nun das höre ich gern Wie viel habt ihr Kinder  Deine
Mädchen sind wohl sehr schön Nimm sie um Gottes Willen vor den Domherren vor
den Pröpsten und vor den  Mönchen in Acht  das  bitte ich dich  Lass sie
weder schreiben lernen noch lesen denn sonst stänkern sie in allen Legenden
Sprich nie mit ihnen von Tugend damit sie gar nicht erfahren dass es Laster
gibt sondern erziehe sie häuslich reinlich fröhlich und ganz so wie du
warst als ich dir deinen Strohhut aufsetzte  Das versprich mir Was aus
deinem Bruder geworden ist mag Gott wissen Hiess er nicht Bastian Ich höre und
sehe nichts von ihm Er hat mir etwas mitgenommen das mir sehr wert war  dein
liebes Gesichtchen  Gott verzeihe es ihm  Aber was ist dir denn begegnet
Margot warum weinst du Hier nimm mein Schnupftuch  trockne deine Tränen
damit ab Ich habe es nicht nötig denn in meine brennenden Augen ist seit Jahr
und Tag keine gekommen«   Zu meinem Glücke verfielen Sie hier in Ihren
vorigen Schlummer und ich bekam Zeit mich zu erholen denn jedes Wort Ihres
Selbstgesprächs zerriss mir das Herz  Ob wohl meine gute Schwester es empfunden
haben mag wie gegenwärtig sie Ihnen war Das möchte ich wissen Nun verging
wieder eine volle Stunde ehe Sie aufwachten und es war eben Zeit dass Sie
einnehmen sollten Ich reichte Ihnen die Tasse Sie sahen mich bedächtig an 
»Ach bist du es Bastian« sagten Sie endlich »Gut Ziehe geschwind deine
Livree an ich muss dich nach Hofe schicken Du weißt doch wo die Frau
Oberhofmeisterin wohnt Mache ihr meine Empfehlung und sage ihr in meinem Namen
 doch ließ ich um Verschwiegenheit bitten  dass ihre so wohl erzogene schöne
junge Prinzessin « Aber auf einmal sprachen Sie wieder Deutsch und Ihr
Auftrag ging für mich verloren  »Das tut mir leid Bastian Verstandest du
denn gar nichts davon«  »Nichts als zwei Worte die Sie einigemal
wiederholten Kabinet und Kapelle« Mehr brauchte ich nicht zu wissen um auch
dieser Phantasie meines kranken Gehirns auf die Spur zu kommen Es war der Dunst
einer Anekdote der mir aus der Asche meines verbrannten Tagebuchs zu Kopfe
stieg Ich hatte sie Dir kurz vor meiner Flucht aus Avignon in einem nicht
minder fieberhaften Zustande einem pensionirten Kammerherrn nacherzählt Sie ist
drollig genug und kann uns einst zu Berlin eine müßige Abendstunde vertreiben
helfen Um mich darauf zu bringen darfst Du nur eines gewissen roten Turms
und einer kleinen Prinzessin erwähnen die Jettchen hieß  »Doch erzähle Er nur
weiter Herr Kammerdiener Was ging denn sonst noch mit mir vor«  »Etwas sehr
Erwünschtes« Die letzten Tropfen mussten mit Mohnsaft versetzt sein denn Sie
schliefen unter dem Reden ein und in Einem fort bis den Abend Herr Sabatier
besuchte Sie inzwischen dreimal ohne dass Sie ihn hörten aber Ihr Puls und Ihr
hochrotes Gesicht wollten ihm keinmal gefallen  »Es ist noch nicht der
Schlaf den ich wünsche« sagte er zu mir im Weggehen »und ich fürchte sehr für
den neunten Tag«  Ach er hatte nur zu wahr gesprochen denn mit dem Eintritte
desselben ward Ihr Zustand immer furchtbarer bis zum zwölften Ihr unbekannter
Wohltäter verließ Sie so wenig als Herr Passerino diese Zeit über einen
Augenblick und hatte sich ein Feldbette neben dem Ihrigen aufschlagen lassen
Sie fielen aus einer Phantasie in die andere Wenn Sie sprachen war Ihre Stimme
laut feierlich und erhaben Ihre Reden an Gott an die Natur und an Sich
selbst hätten verdient aufgeschrieben zu werden und kein Regent würde die
Strafpredigten die Sie als Hofkaplan an einen der Deutschen Fürsten zu richten
schienen ohne Erschütterung angehört haben  Dies waren  nicht Bemerkungen
von mir wie Sie wohl denken können sondern die Urteile Ihres Arztes und des
fremden Herrn die sich oft beide über die hohen Wahrheiten wunderten die in
Ihren Schwärmereien lagen Sobald Sie Sich aber zu den armen Mönchen und in
unsere Kirchen verirrten da ward einem nicht wohl zu Mute in Ihrer Nähe Ich
habe oft Gott gebeten Ihnen die Schmähungen nicht zuzurechnen die Sie in der
Heftigkeit Ihres Wahnsinns gegen unsere geheiligte Religion ausstiessen  Einmal
schrien Sie »O des gottlosen Papsts seine glühenden Schlüssel leuchten mir vor
auf dem Wege zur Hölle«  Dann und wann hatten Sie es mit den Buhlerinnen zu
tun Dann hielten Sie gemeiniglich die Hände vor das Gesicht schluchzten und
schlugen sich vor die Stirn Sie erschreckten uns oft außerordentlich besonders
einmal den armen Passerino der sich einfallen ließ Ihre feurigen Augen zu
kopiren  zu seinen Studien wie er sagte Sie fuhren ihm so geschwind nach der
Gurgel dass er kaum Zeit hatte sich zu retten  »Elendes Schlachtvieh« riefen
Sie mit durchdringender Stimme »bücke dich nieder damit ich dich an dem Altare
Neptuns erwürge Stümper aller Stümper wie konntest du die Größe der Natur so
verkleinern  Das tobende Meer liegt vor deinen Augen und du malst einen
Sumpf Dein Mond ist ein Irrwisch und dein Äther grobfädig und verschossen
wie dein Staatsrock Gedenkst du mich auch wie unsre arme Angola in dem
Gestanke deiner Farben zu ersticken Du willst mich malen Du«  »Ach der arme
Herr« seufzte Passerino »welcher bejammernswürdige Zustand Das war unstreitig
der stärkste Paroxismus seiner ganzen Krankheit Am besten ich schleiche mich
weg damit er meiner nicht gewahr wird Lassen Sie mir es sagen wenn er wieder
bei Verstande ist«  Er ging und kam auch wirklich nicht eher wieder  Ein
andermal  Doch wie mag ich mich dabei aufhalten Sie waren ja nicht bei Sich.
 Ist das nicht mit Einem Worte alles gesagt  »Nein nein Bastian damit
kommst du nicht los Was meintest du«  »Ein andermal also bekamen Sie einen
heftigen Anfall über eine Kleinigkeit die wir vergessen hatten bei Seite zu
schaffen  über die Klingel neben Ihrem Bette  Gott Lob sagten Sie dass ich
die Quaste habe Jetzt will ich schellen dass man es in Domingo hören soll 
Der Wirt kam gelaufen und machte Vorstellungen dagegen Es blieb uns nichts
übrig um Ihnen den Einfall aus dem Kopfe zu bringen als dass ich außen am Bette
in die Höhe stieg und die Schnur vom Dratzuge abschnitt So phantasirten Sie
auch viel von Sparta Athen und von dem Pontus Euxinus«
    Nun halt ein Bastian ich möchte noch gern einige vernünftige Worte mit
meinem Eduard allein sprechen ehe mein Bogen zu Ende geht Das soll mir lieb
sein höre ich Dich sagen denn was in aller Welt soll ich mit deinem
Fiebergeschwätz anfangen  O hättest Du nur mein Tagebuch gelesen Das liegt
nun freilich ganz in der Asche indes ist wenigstens durch dieses Blatt das
Register davon gerettet Meine Phantasien sind als abgerissene Fäden aus dem
Gewebe des Lebens mir immer noch wichtig und können mir zum Leitfaden dienen
wenn Du einst neugierig auf den Stoff werden solltest den ich in der Fremde
verarbeitet habe  den Nutzen ungerechnet den diese Nachlese für mich hat
Keine moralische Betrachtung hat mich je so aufmerksam auf die Irrtümer meines
gesunden Gehirns gemacht als die Schwärmerei meines kranken und kein Auszug
aus den Schriften der Weltweisen hat mir mehr Anlass zum Nachdenken gegeben als
Bastians Auszug aus meinem hitzigen Fieber Wenn ich einmal diesen Bogen in der
Hand neben Dir sitzen und Dir meine wahnsinnigen Reden kommentiren werde so
wirst Du so gut einsehen als ich warum unter den Gespenstern die mein von
Angstschweiß triefendes Herz bis in den Abgrund des Grabes zu verfolgen
schienen die einzige freundliche Erscheinung der guten Margot mein Blut
besänftigte und kühlenden Balsam in meine Wunden goss Ach wie wurde nicht
meine Einbildungskraft durch jeden Tritt gefoltert den ich mir erlaubt hatte
neben dem geraden Wege zu tun Und doch hatten mich  wie Dir mein Kommentar
zeigen wird  nur Zufall und Leichtsinn nicht weiter verlockt als bis an den
bedeckten Schmutzgang des kasuistischen Lehrgebäudes und die Flecken lassen
sich allenfalls in einem reinen Brunnen noch abwaschen die ich davon trug Wie
aber muss erst einem Herzen in dem Augenblicke wo es brechen will zu Mute
sein das aus einem schlüpfrigen Irrwege in den andern verführt mit immer
berauschtern Sinnen bis in das Innere der Freistätte vorgedrungen ist die in
jener unseligen Sittenlehre den scheusslichsten Verbrechen offen steht In
welchem Vorgefühl der Verdammnis muss sich nicht eine Seele vor ihrem
Hinüberschweben in die Ewigkeit herumtreiben wenn der annähernde Todesengel mit
seinen Schwingen die Nebel religiöser Täuschung und die Wolken des Weihrauchs
zerteilt die ihr Bewusstsein umzogen Wie gewaltig muss der Strom des Lichts den
seiner Binde entledigten Geist ergreifen wenn nun die Gegenstände seines
Glaubens hinter dem schillernden Schleier hervor treten der ihre Hässlichkeit so
lange verbarg Welch eine Übersicht der schrecklichsten Wahrheiten Blutqualm
steigt ihm von den Altären entgegen auf denen Aberglaube Religionshass und
Priesterstolz ihre Schlachtopfer erwürgten  Falsche durch vorsetzlichen
Selbstbetrug gerechtfertigte Eide zerreißen ihm das Ohr  Manche dem
Hohngelächter der Wollust preis gegebene und nach den gotteslästerlichen Regeln
der Entsündigung ermordete Unschuld wimmert zu seinen Füßen und abgetriebene
Kinder faulen unter dem Lampenscheine des Götzenbildes das ihm auf dem dunkeln
Hingange in das Unabsehliche vorleuchten soll  Wird das In profundis des
Mönchs der vor dem Bette des Kranken kniet  wird das Weihwasser das über
seine heiße Stirn fließt  wird die letzte Oelung die seine Schläfe salbet 
die Schreckensbilder verscheuchen können die ihn umgaukeln Wird der ganze
Plunder der geheiligten Spielwerke die jene gewissenlosen Schwärmer als
Hilfsmittel zur Seligkeit ihren Anhängern feil bieten die Beängstigung eines
sterbenden zu lindern vermögen der die reinen Gefühle der Natur gegen so
heillose Grundsätze vertauscht hat die wie Opium den Verstand in Träumereien
voll süßen Gifts das Herz in tötlichen Schlaf verwickeln  Doch es ist eine
glückliche Galgenfrist für die Herren die damit wuchern dass die angewiesenen
Gränzen meines Bogens mir Stillstand gebieten Auch selbst mir ist es rätlich
dass ich die Feder weglege denn der Verdruss den es mir verursacht dass ich nur
die Waren ihres Schleichhandels beschauen und mich in gedankenloser
Verwegenheit ihren schädlichen Dünsten nähern mochte treibt mir das Blut nach
dem Kopfe Träte jetzt mein Arzt herein er würde es nur zu gewiss an meinem
Pulse merken wie nahe ich daran war den Vertrag zu verletzen der unter uns
beiden besteht
                                                              Den 17ten Februar
O dass sich mir in diesem Augenblicke da ich mich hinsetze um Dir den ersten
Festtag meiner Freilassung zu schildern der fromme Unbekannte darstellte dem
ich die Rückkehr in das Leben verdanke Ach warum zögert er  Ich bin ja wieder
stark genug zu erhabenen Empfindungen und habe heute davon die vollständigste
Probe gegeben Wenn es wie mich mein Arzt vermuten lässt ein edler Mann von
hohem menschlichen Gefühl ist den ein Gelübde bindet Kranken beizustehn
Notleidenden zu helfen so sollte er ja wissen wie lästig einem guten Herzen
Wohltaten werden die sich unserm Händedrucke unsern Umarmungen entziehen 
Er komme er komme Und wenn es ein Mönch wäre ich wollte ihm für das
verdienstliche Werk das er an mir Armen verrichtet hat zu Füßen fallen und
seine Kutte mit Ehrfurcht berühren 
    Mein trefflicher Arzt besuchte mich diesen Morgen eine Stunde früher als
gewöhnlich war wie es schien mit meinem Pulse und meinen Augen zufrieden und
nachdem er auch in meiner gestrigen Schreiberei nichts zu tadeln fand sprach er
mir mit der Stimme eines Engels zu »Ihr Erntetag ist gekommen lieber Freund
Genießen Sie von nun an der Früchte die in den schwülen Stunden Ihrer Krankheit
gereift sind  aber genießen Sie solche mit der Behutsamkeit eines vernünftigen
Wesens Dieser Rat gehört so gut zu meiner Gerichtsbarkeit als Körper und
Seele zu dem Gebäude gehören das unsere beschränkte Kunst in Bau und Besserung
erhalten vor feindseligen Erschütterungen schützen und vor seinem zu frühen
Einsturze bewahren soll  Folgen Sie um der misslichen Hilfe der Kunst zu
entbehren  nur den mütterlichen Anweisungen der Natur.«  »Das« fiel ich ihm
in die Rede »hat mir schon ein anderer großer Arzt geraten der Jerom heißt«
 »Aber wohl zu merken« fuhr er fort »der schönen Natur«  »Diesen Beisatz«
erwiderte ich »hat Jerom vergessen«  »Desto schlimmer« antwortete der brave
Mann »ohne diesen ist der ganze Rat nicht viel wert und gibt in unbewachten
Stunden zu großen Missdeutungen Anlass  Doch ich bin ja nicht hergekommen um
Ihre vorigen Ärzte zu mustern sondern Ihnen noch eine Arznei zu verschreiben
deren erste Wirkung ich noch abwarten will ehe ich Sie ganz entlasse«  »Was
für eine« fragte ich erschrocken Aber kaum antwortete er »Die frische
stärkende Luft«  so lag ich mit Freudentränen an seinem Halse  so flog ich
von ihm nach dem Fenster nach meinem Hute nach meinem Mantel  so winkte ich
Bastianen mir meine Latwergenbüchsen und Pulverschachteln aus den Augen zu
schaffen  so war ich in einer Minute gekleidet und fertig um meinem Befreier
zu folgen Er schien selbst von dem Strudel meines Entzückens ergriffen zu
werden  »Kommen Sie« rief er mir zu »wir wollen den reinen Äther zu Wasser
zu Lande  und überall aufsuchen wo er sein Spiel hat«
    Heute also den 17 Februar Morgens drei Viertel auf neun Uhr war es wo
ich an dem Arme des besten und edelsten aller Ärzte neugeboren an Leib und
Seele meine Marterkammer verließ Alle meine Nerven bebten wie die Saiten einer
Aeolsharfe als ich in den Wagen meines Apollo stieg  Aber in welcher Harmonie
stimmten sie nicht erst zusammen als wir in dem Hafen ausstiegen So
unglaublich groß hatte ich mir den Gewinn meiner Krankheit nicht vorgestellt
als er jetzt meinen offenen neu geschärften Sinnen zuströmte  Mein erster
Hinblick in das Freie setzte mich in das wollüstige Erstaunen eines
Blindgebornen der unter der Beleuchtung der Morgensonne umgeben von dem Kreise
blühender Mädchen in dem ersten Erwachen des Jünglingsalters den Gebrauch
seines Gesichts erlangt Alle diese glücklichen Umstände müssen bei ihm zusammen
treffen wenn ich mich herablassen soll den Umfang meiner Empfindungen mit den
seinigen zu vergleichen Begreife es Eduard wenn Du kannst Der Winter war
während meiner Gefangenschaft ohne dass ich seinen Abzug nur von weitem geahndet
hatte in den schönsten Frühling übergegangen der mich jetzt in seinem ganzen
Schmuck empfing  die damals kahlen Gesträuche der stürmischen Küste zogen sich
jetzt wie ein Kranz von Sprösslingen geflochten um das sanft glänzende Meer
herum  mancher Baum den ich bei meinem letzten Frühstücke das Passerino mir
vorsetzte als das Geripp eines erfrornen Unbekannten meiner Blicke nicht wert
hielt begrüßte mich jetzt wie einen alten Freund als Palme  Lorber  Cytisus
oder Sumack  die vergilbten runzligen Hügel hatten sich die Zeit über wo ich
dem Verdorren so nahe war mit frischem Rasen bekleidet und selbst der Felsen
der Madonna spielte ins Grünliche  Nur an den widrigen Bastiden bemerkte ich
nicht die kleinste Veränderung sie blickten aus ihrer hohen Ferne noch immer
so albern so vornehm so versteinert herunter wie vormals In jedem kleinen
Matrosengärtchen hingegen über dessen Schilfzaun ich wegsehen konnte jagten
schon halb nackende Kinder unter blühenden Mandelbäumen nach Schmetterlingen
und Käfern  und das Gedränge der Blumen aus der lockern Erde und das
Zwitschern der Vögel um und neben mir und der Wiederschein des azurnen
Gezeltes das so viele Freuden bedeckte  wie fühlbar machte mir nicht dieses
herrliche Ganze das schwer errungene Bewusstsein eines neu angehenden Lebens Ich
glaubte nicht eher dass noch etwas die süße Behaglichkeit meines Gefühls
vermehren könnte als da mich die freundliche Gondel aufnahm in welcher
Sabatier ein paar Plätze für uns besprochen hatte Eine Luft kaum stark genug
um einen Schmerlenbach zu kreiseln spielte über die schillernde Fläche des
Meers die Inseln Pomegue auf der einen Seite Ratonneau auf der andern in der
Mitte das Schloss If auf welches wir zusteuerten lagen duftend vor uns wie auf
einem Gemälde von Zeemann Dieses lachende Ziel unserer Spazierfahrt zog so sehr
meine Blicke an sich dass ich beinahe einen Unglücklichen übersehen hätte der
zu einer ganz andern Bestimmung unter der Bewachung einiger Soldaten mit mir
zugleich in das Boot stieg
    Es war der Sohn eines reichen Kaufmanns  ein junger Wüstling den
vielleicht auch ein hitziges Fieber zur rechten Stunde dem Sturm entrissen
hätte der ihn jetzt aus den Festtagen des Frühlings in die schreckliche Stille
eines öden Turmes verschlug Wie verschieden wirkten nicht hier die Reize der
Natur auf zwei verbrüderte Wesen Während ich mit freundlichen Augen die
spielenden Wellen verfolgte die das Schiffchen sanft hoben und senkten während
ich mich in den süßesten Träumereien wiegte saß der von seinem Gewissen
gefolterte Jüngling mürrisch und menschenscheu in der fernsten Ecke der Barke
warf dann und wann einen finsteren Blick auf das plätschernde Ruder das ihn mit
jeder Minute seiner Bestrafung näher brachte nahm keinen Anteil an unsern
Gesprächen und schien wenn er mich ansah selbst dem Mitleiden zu fluchen das
sich für ihn dann und wann mit meinem Frohsinne vermischte Ach er schien nur in
dem Verlust seiner Freiheit den Verlust ihres Missbrauchs zu fühlen und nur an
die bunten Karten an die feilen Dirnen und an die wilden Gelage zu denken
denen er einen ganzen lustigen Sommer hindurch entsagen sollte Seine glückliche
Bildung war durch Ausschweifungen entstellt und noch zeigte sich keine Spur von
Reue Trost oder männlichem Entschlusse zur Tugend in seinen funkelnden
Blicken O möchte er doch durch Ruhe Einsamkeit mäßige Kost und durch bittere
Erfahrung geläutert mit gesunderm Blute und bessern Neigungen in einen weiseren
Wirkungskreis zurücktreten als er heute zu verlassen gezwungen wird Mit diesem
stillen bänglichen Wunsch begleiteten meine Augen den armen Verzweifelten bis an
den Eingang seiner düstern Behausung wohin ihn seine Wache sogleich abführte
als wir angelandet waren Diese Absonderung von dem Lebendigen  diese
Versetzung eines meiner Mitgeschöpfe aus den Sinnlichkeiten einer blühenden
Handelsstadt in die Felsenburg in die Vergessenheit in die Nebel eines
stürmischen Eilandes  diese tragischen Bilder die sich mir hier als
Augenzeugen in ihrer ganzen fürchterlichen Wahrheit darstellten würden nur zu
gewiss alle frohen Empfindungen aus meiner Seele verscheucht haben wäre nicht
der glücklichste Zufall der mir nur begegnen konnte dazwischen getreten
    Aus dem Trupp einiger Offiziere die sich von der Festung her der Barke
näherten drängte sich einer unter wiederholtem Ausruf meines Namens auf mich
zu und ich lag in seinen Armen ehe ich noch begreifen konnte wer es wohl sein
möchte  Aber wie beschreib ich Dir mein Glück als ich ihn erkannte Es war
einer der schätzbarsten Menschen die ich je geliebt habe  der Marquis von
SaintSauveur der vor neun Jahren zu Berlin alle Zirkel belebte in die er
eintrat Damals war er auf Reisen Jetzt steht er als Brigadier unter dem
Regimente das zu Marseille liegt und würde mir keinen Augenblick fremd
vorgekommen sein wenn ich mir ihn unter einer Uniform gedacht hätte Wie
schnell verlosch das Trauerbild des Gefangenen vor seiner himmlischen
Erscheinung Die Gewalt des reinsten Vergnügens bemächtigte sich meiner Seele
und der auffallende Beweis den mir hier ein Jugendfreund gab dass weder Zeit
noch Krankheit die Physiognomie zerstört hatte die mir zuerst sein Zutrauen
erwarb setzte mich in eine Selbstzufriedenheit die ich diesen Morgen vor
meinem Spiegel nimmermehr erwarten konnte Es ist mir noch ein Rätsel und wäre
mir viel begreiflicher gewesen wenn er mich für einen andern genommen wenn ihn
meine skeletirte Figur mein Anlanden an diese Insel der Busse und die
verdächtige Bangigkeit irre geführt hätten der ich mich niemals in der Nähe
eines Zuchtauses erwehren kann Am wenigsten konnte ich es in diesem
Augenblicke wo ich ein Officiercorps auf mich zukommen und einen aus ihrem
Kreise heraus stürzen sah der mich umarmte Dieser plötzliche Übergang von
Erschrecken zum Entzücken konnte nicht wohl ohne Erschütterung des Herzens
abgehen Ich fühlte dass ich der glücklichste Mensch sei den dieser Felsen wohl
seit seiner Erschaffung getragen aber ich war nicht vermögend es auszudrücken
 ich konnte aus beiden Sprachen nur Ausrufungen der Freude zusammen bringen
meine Zunge sträubte sich gegen jedes andere Wort So wankte ich an dem Arme
meines Freundes auf und ab an dem Gestade bis uns der Bootsmann zurief dass
alles zur Abfahrt bereit sei Der muntere schwatzhafte freundliche Mann gehörte
mir bis zum Austritte aus der Gondel allein zu Ich war neidisch auf jeden Laut
von ihm den ein anderer vernahm sah niemanden als ihn und würde ihm auf dem
Fuße gefolgt sein hätte auch seine gastfreie Entladung mich und meinen Aufseher
nicht schon dazu berechtigt Das prächtigste Haus auf dem schönsten Platze der
Stadt empfing uns in dem reizendsten Zimmer Hier legten sich endlich meine
innern Wellen  hier in diesem kleinen Zirkel ward ich mir erst selbst und
meinem Freunde verständlich und hier nahm ich an seiner Seite und unter den
Augen meines trefflichen Arztes ein Mittagsmahl ein das auch den
Unzufriedensten mit dem Gange der Welt versöhnt haben würde Doch ehe ich weiter
erzähle muss ich Dich wohl den Mann genauer kennen lehren den ich mit allem
meinem Verstande in der weiten Welt nicht besser hätte auftreiben können um das
Fest meiner Wiedergenesung zu feiern Ich würde meine unvollkommene Schilderung
freilich ersparen können wenn Du nur vier Wochen seines Umganges froh geworden
wärest aber Gier nach Kenntnissen des Auslandes die ihn nach Deutschland
verschlug hatte Dich um dieselbe Zeit nach Frankreich getrieben und Du kamst
mit dem erbeuteten Honig aus seiner Heimat zurück als er mit dem Salze aus der
unsern wieder abzog So trifft es sich oft in dem geistigen Tauschhandel wie in
dem bürgerlichen dass zufällig die vornehmsten Händler en gros einander aus dem
Wege fahren und darüber den kleinen Krämern gut Spiel geben Ich gewann
offenbar durch Deine Abwesenheit Da Du fehltest musste er sich wohl mit meines
Gleichen begnügen Er kam von ungefähr mit mir unter Einem Dache zu wohnen
Unsre nahe Nachbarschaft ging geschwind in eine Gemeinschaft unsrer
Vergnügungen unsrer Studien und zuletzt in eine gegenseitige Anhänglichkeit
über die zehn Monate nachher als wir uns trennten eine Traurigkeit bei mir
zurück ließ die mich selbst in der ersten Zeit zu Deinem Umgange verstimmte
Erinnere Dich dieses Umstandes lieber Eduard Ich kann Dir keinen stärkeren
Beweis von dem Werte dieses damals so liebenswürdigen Jünglings geben der
jetzt als der gebildetste Mann über viele meiner Freunde und als der
glücklichste über sie alle hervorragt Reisen Menschenund Weltkenntnis und
die Leichtigkeit bei seinem großen Vermögen jeden Wunsch der Sinnlichkeit zu
befriedigen und durch täglich wiederholte Versuche die Hungerquelle des
Vergnügens zu erschöpfen würden ihn so gut als die meisten in seiner
fürstlichen Lage zu dem späteren Genuße des Lebens abgestumpft und verdorben
haben wäre sein origineller Verstand und sein richtiges Gefühl nicht in Zeiten
diesen gemeinen Folgen eines zu frühen Wohlstandes zuvorgekommen Doch Du sollst
ihn selbst hierüber mit mir sprechen hören
    Wie viel sagte er hat man nicht Lehrgebäude zur Beförderung menschlicher
Glückseligkeit aufgeführt besonders in deinem sinnreichen Vaterlande lieber
Wilhelm Sie können im Allgemeinen recht gut sein aber es gehören manchmal
verdammt subtile Wendungen dazu um sie uns anzupassen Jedermann sollte nach
seiner individuellen Lage und Empfindung sein eigenes für sich haben Ich habe
mir eins erdacht das mir recht wohl bekommt wovon ich aber sehr wenig brauchen
könnte wenn ich zum Beispiele in einem Bergwerke arbeiten und die Ausbeute
erst zu Tage fördern müsste die ich ungesucht und schon von meiner Geburt an
besitze Mein Reichtum zu groß für das gewöhnliche Leben wäre mir wie
andern zur Last geworden hätte ich ihm nicht einen Ausweg verschafft den ich
einzig meiner Eigenheit angemessen fand die lieber Wilhelm besonders darin
besteht dass mir nichts in der Welt behagen will was den Reiz der Neuheit bei
mir verloren hat Die ganze Masse der moralischen und sinnlichen Freuden lag vor
mir aber bei keiner konnte ich den entusiastischen Eindruck wieder erringen
durch den ihre erste Bekanntschaft meine Organe so unendlich beseligt hatte In
dem stolzen Nil admirari der Philosophen entdeckte ich einen hohlen widrigen
Schall aber nichts weniger als einen Ersatz Mein Leben musste immer
abschmeckender werden je länger es dauerte Wie sollte ich den Nachteil der
Erfahrung von ihm entfernen Wodurch sollte ich das störende Gefühl das mir bei
jedem Genuss in den Weg trat vertreiben Das waren die schweren Fragen die ich
mir unaufhörlich vorlegte Ich versuchte alle Hilfsmittel die mir Kunst und
Natur anboten durchkroch alle Systeme Endlich blieb ich bei einem stehen das
mir noch am besten zuschlug  bei dem wie ich es benamen möchte der
Uberraschung Hier findet sich gleich eine gute Gelegenheit es dir in seinen
Grundteilen zu entwickeln Dieser Teller mit Pfirsichen den man eben aufsetzt
diese unerwartete Erscheinung in der jetzigen Jahreszeit die unsern Augen auf
das freundlichste zuwinkt und so satt wir sind dennoch den Mund voll Wasser
drängt soll hoffentlich meiner Demonstration leichten Eingang bei dir
verschaffen Wie mein Koch angewiesen ist lieber Wilhelm nicht nur die
gewöhnlichen Gerichte für den Hunger durch neue Brühen zu erhöhen sondern jeden
Mittag unter meinen Schüsseln wenigstens Eine einzureichen die für die Sinne
von gleichem Wert ist als diese ohne sie mir erst durch einen Küchenzettel
anzukündigen  so ist jedes dem ein Geschäft in meiner Haushaltung obliegt
dahin verpflichtet seinen Herrn vor dem Anblicke des ewigen Einerleis zu
schützen und gegen die Ermüdung zu arbeiten die in der Einförmigkeit liegt Es
ist oft zum Verwundern wie gut es meinen Provinsalen in ihrem Wettstreite
gelingt mir durch immer veränderte Decorationen das Spiel des Lebens nicht nur
erträglich sondern auch angenehm zu machen Die Abwechselung die sie mir
verschaffen wirkt auf ihren Dienst selbst zurück dem seine Zwanglosigkeit
alles Mechanische und Unterwürfige benimmt Sie dienen mir mit einem stolzen
glücklichen Bewusstsein denn sie halten sich nicht für Maschinen sondern für
Erfinder und sie haben Recht Freilich erfordert diese Einrichtung
betriebsamere Schwungräder gespanntere Federn als die gewöhnlich das rostige
Uhrwerk eines kleinen Deutschen Hofs im Gange erhalten  das jeder Stunde des
Tags jedem Tage des Jahrs dieselbe Langeweile in demselben Anstande
vorzeichnet wie sie hundert Jahre hinter einander dem Ahnherrn und dem Enkel in
derselben Minute vortrat  die oft den armen Fürsten dessen Regierungsperiode
sich eben abwindet in einen solchen ekeln erschlafften und ungeduldigen
Zustand versetzt dass er seinen Stand und sein Dasein verflucht und lieber wie
Nero seine Residenz anzünden möchte um nur etwas Neues zu sehen etwas anders
zu fühlen als ihm das Furierbuch für den gegenwärtigen Augenblick vorschreibt
Ich habe es den Romanschreibern abgelernt welcher Zauber in dem Unerwarteten
liegt und welche widrige Wirkung die Episoden tun die man viele Blätter
voraus sieht Wird nicht oft der kleinste Garten durch eine verständige
Benutzung seiner geringen Fläche unendlich erweitert und durch schlängelnde
Nebenwege nach verschiedenen Aussichten so in die Länge gezogen dass sich eine
so süße Ermüdung darin erholen lässt als in den größten Anlagen Warum sollten
wir denn nicht auf gleiche Art Mannigfaltigkeit in unser beschränktes Leben zu
bringen und die kurze Dauer desselben ohne Zutun der Langeweile durch einen
desto reichhaltigern Genuss zu verlängern vermögend sein Du findest mein Zimmer
hoffentlich schön behaglich und freundlich Ich auch Und warum Weil es uns
beiden gleich neu ist Ich befinde mich wohl darin weil ich es gestern nicht
sah und morgen nicht sehen werde Es stoßen ihrer fünfzehn an einander davon
ich jedes nur einen Tag hinwärts einen Tag herwärts auf einem monatlichen
Durchzug bewohne Keines wird eher geöffnet als bis die Reihe daran kommt und
jedes das ich auf diese Weise zweimal gesehen habe erwartet mich in dem
folgenden Monat unter einer andern Bekleidung So wird dem Überdrusse keine
Zeit gelassen sich bei mir einzunisten Nichts ist Gott sei Dank mein eigen
als mein Reichtum dem ich durch die Ausdehnung, die ich ihm mit meinen
Gehülfen zu geben weiß alles das Lästige und Klebende benehme das sonst mit
ihm verbunden ist So habe ich keine Bibliothek aber einen gelehrten und
geschmackvollen Bibliotekar der das Gold das er in dem Kote der
Schriftsteller findet für mich bei Seite legt und wo nicht ein Buch ganz
gelesen zu werden verdient  und wie wenig sind deren mir bloß die Stellen
anstreicht die sich auszeichnen Hierdurch sind meine Studien mir erst lieb und
nützlich geworden und da ich sonach das Schlechte und Mittelmässige in der
Literatur gar nicht kennen lerne bleibt mir die Wahl nur unter dem Neuen
Guten und Vortrefflichen und ich bin sicher mein Gedächtnis nicht zu überladen
Eben so wenig kommt meine Einbildungskraft die nur über frisch duftende Blumen
gleitet in Gefahr durch abgestorbene welke oder faule Blätter in ihrem
Schwunge gehemmt zu werden Was noch das beste dabei ist so trage ich weder
Brustschmerzen Kopf und Augenweh oder üble Launen aus der moralischen Welt in
meine physische über und da ich in dieser wie ein Seefisch in immer frischem
Wasser auf dem Ozean der Zeit schwimme und mich kraft meiner Richtung keine
Welle berührt die der vorhergehenden gleicht so siehst du wohl ein lieber
Wilhelm dass vielleicht kein philosophisches Lehrgebäude dem Gefühl das die
Natur in mich legte den Verhältnissen in die mich der Zufall versetzte und
der geistigen und körperlichen Gesundheit angemessener sein kann als das
meinige Keines schmiegt und biegt sich mit minderm Zwange nach der
Veränderlichkeit unserer Natur nach der Wandelbarkeit menschlicher Freuden und
Güter von denen nichts unter der Sonne selbstständig ist und alle Reize der
Neuheit behält als die Tugend  nichts an Gehalt und Seltenheit zunimmt je
älter es wird als die Freundschaft  Aber dass auch selbst diese noch durch
mein System gewinnt hat mich heute dein überraschender Anblick gelehrt Wie
geschmückt und bevölkert schien mir in dem Augenblicke unserer Umarmung der
nackende Felsen der uns nach einer langen Trennung wieder vereinigte  Wie
erweiterte sich selbst vor meinen umfassenden Augen das Meer das uns umgab und
welch ein Freudenfest ist aus meinem Mittage geworden durch die Sonderbarkeit
dass du  mein Gast bist O bleibe nur so lange als du mir neu und lieb sein
wirst  fechte in meinem ewigen Krieg gegen die Langeweile an meiner Seite und
lerne von mir die mancherlei Schwenkungen und Wendungen  um als Militär zu
sprechen  durch die ich meinen Feind irre mache und in die Flucht jage Welchen
Abbruch tust du ihm schon durch deine Gegenwart  »Jedes Vergnügen das sich
in diesem Lande aufstören lässt hätte ich es auch noch so oft genossen wird mir
durch deine Teilnahme neu werden denn die Überraschung die es bei mir
verlor werde ich in der wiederfinden die es dir verursacht«  Hier unterbrach
ihn ein Glas Maderawein der dreimal die Linie passiert und nur seit gestern in
seinem Keller gelandet war nach der Versicherung des Mundschenken der es ihm
brachte
    Ich benutzte geschwind den Augenblick den seine schwatzhafte Zunge der
meinigen frei ließ  »O Freund« rief ich »bei allen den fein gesponnenen
Netzen die du überall ausgestellt hast um die flüchtigen Lebensfreuden
einzufangen bei aller der Kunst mit der du ihre Schmetterlingsflügel zu fassen
verstehst ohne dass sich ein buntes Stäubchen davon verliere glaube ich doch
für ihren höchsten Genuss ein Mittel entdeckt zu haben das weit über die
deinigen geht  das dem erschlafftesten Gefühl seine Schnellkraft den
abgenutztesten Befriedigungen ihren ersten Firnis wiedergibt alles verjüngt
erneuert und verschönert was unsere Sinne umfassen und gleich einem Talisman
über die gleichgültigsten Dinge ein magisches Licht verbreitet  Sie lachen
lieber Sabatier als hörten Sie ein paar Charlatans deren jeder den Vorzug
seines Arkanums gegen den andern heraus streicht aber ich hoffe sie sollen als
unparteiischer Richter dem meinigen den Preis zuerkennen  Erschrick nur nicht
lieber SaintSauveur wenn ich es nenne  Es heißt mit Einem Worte das hitzige
Fieber Wie hat es meine geistigen Federn gespannt und die fünf Schwungräder
meiner Sinne geschärft Von dem Bissen trockenen Brodes an bis zu deinen
herrlichen Pfirsichen ist mir alles was über meine Zunge geht willkommen und
schmackhaft Die Welt scheint mir so frischfarbig und kräftig als feierte sie
heute ihren ersten Schöpfungstag Was meine Blicke berühren schwimmt in einem
äterischen Schimmer und jedes Wort das mein Ohr erreicht jedes das über
meine Lippen rieselt  wäre es auch noch so albern  kommt mir als ein Beweis
dass ich lebe überaus wohlklingend und witzig vor Du weißt es teuerster
SaintSauveur wie lange ich dich liebe aber selbst meine Freundschaft seit
ihrer Entstehung reicht nicht an das dem warmen Herzen entströmende Gefühl das
mich jetzt an dich fesselt Wie segne ich meine Krankheit Sie hat das staubige
Triebwerk meiner Seele gereinigt meine Adern mit Rosenöl ausgesprjetzt und meine
Nerven«
    »Lassen Sie uns aufstehen Herr von SaintSauveur« fiel mir hier der Arzt
in meine wohlklingende Rede indem er mir das Glas das ich zu leeren im Begriff
war unter dem Vorwande über den ich mir noch eine Erklärung von ihm ausbitten
möchte aus der Hand nahm »Der Wein würde Gift werden wenn er zum viertenmal
die Linie passirte  Ich dächte« fuhr er fort und sah nach der Uhr »wir
besuchten den Hafen In einer halben Stunde wird ein Schiff vom Stapel gelassen
ein Schauspiel das Ihrem Berliner Freunde seltener wohl ist als jedes andere
und ihn zu einem gesündern Schlafe vorbereiten wird als der TriMadera«  Sein
medicinischer Vorschlag wurde so geschwind angenommen als ausgeführt denn in
diesem Hause braucht man nicht auf das Anspannen des Wagens zu warten
    Möchte doch der Traum meines Lebens und mein neues Tagebuch nie andere
Stunden enthalten als mir heute zu Teil wurden Welch ein herzerhebender
Anblick für einen der kaum aus seinem einsamen sonnenlosen Kerker getreten
war als wir in dem Hafen ankamen  als meine heitern Augen über den gedrängten
Zirkel fröhlichmüßiger Zuschauer hinblickten der jene fleißigen Männer umgab
die in voller Anstrengung ihrer Riesenkräfte das stolze Gebäude aus seinem
Schwerpunkte von dem Boden zu heben suchten auf dem es errichtet war um es auf
kreischenden Walzen in das Meer zu rollen Bei dem Werft stiegen wir aus 
Indem wir uns dem neu erbauten Schiffe näherten machte mich SaintSauveur
besonders auf das Verdeck aufmerksam das mit einer Menge Neugieriger besetzt
war die schon Stunden lang auf den Augenblick lauerten der die Masse in einen
blitzschnellen Schwung setzen und einem andern Elemente übergeben würde 
»Dort« sagte er lächelnd »ist eine Empfindung zu holen die dir noch fremd und
auf das sonderbarste angenehm ist wie das schon die Menge schließen lässt die
Geld und Zeit dafür hingibt«  Ich sah mich ungewiss nach meinem Arzte um 
»O« sagte dieser »ich habe gar nichts dawider Es ist der unschuldigste
mechanische Versuch mit sich selbst den ich kenne und zugleich ein stärkendes
Luftbad Wenn nur Ein Blutkügelchen das in Ihrer Lunge stockt mit dem Schiffe
zugleich flott wird so trägt es Ihnen vielleicht mehr ein als dem Eigentümer
der es nach China schickt Gehen Sie Ehe es dahin segelt wollen wir Sie schon
wieder abgeholt haben«
    Ich tat mir heute wie ein lebhaftes Kind dem man das Gängelband abnimmt
so viel auf die kleinste Bewegung zu gute dass ich zwar herzhaft die
Strickleiter ergriff aber nach dem ersten Tritte auf dieser schwankenden Stiege
alle Mühe hatte mich bei Mut zu erhalten Steigst du doch sagte ich spöttisch
zu mir so scheu und zitternd deiner Neugier nach wie ein unerfahrnes Mädchen
in das Brautbette Zufällig kam ich auf dem Verdeck neben einem zu stehen das
jung und reizend genug war um meinen unbedeutenden Einfall erst gefährlich zu
machen Still vor sich hin blickte sie über das Geländer als ich zu ihr trat 
»Ist es auch das erstemal« redete ich sie nachbarlich an  »Ja« drehte sie
ihr Köpfchen nach mir »auch erwarte ich schon lange den Schwung mit Ungeduld
von dem die Leute so viel Wesens machen Meine Brust ist mir unbeschreiblich
beklommen«  »Mir geht es auch so« erwiderte ich »und wenn es erlaubt ist
eine Kleinigkeit philosophisch zu betrachten so schwebt das Herz auch hier wie
bei jedem Übergange zu einer unbekannten Erfahrung zwischen  wie soll ich
sagen «  »Nach meiner Empfindung« fiel sie mir ins Wort »schwebt es
zwischen einer süßen Angst und einem ungestümen Verlangen«  »Richtig mein
schönes Kind« fuhr ich fort »aber deshalb fürchte ich auch dass der kritische
flüchtige Moment der Belehrung der angenehmen Unruhe unserer pochenden Herzen
kaum wert sein wird und in dieser Rücksicht tut es mir beinahe leid dass wir
 oder wenigstens dass Sie hier sind«  Sie warf ein Paar große fragende Augen
auf mich  »Weil« antwortete ich »Ihnen nun künftig nichts Ähnliches mehr
vorfallen kann was nicht durch das Gegenwärtige etwas von dem Reiz seiner
Neuheit verlor Sie nehmen jetzt eine Erfahrung voraus die Ihnen zu einer
andern Zeit Denken Sie an mich ob ich nicht wahr rede«  »Das will ich
tun« erwiderte sie lächelnd »denn jetzt verstehe ich Sie nicht«  Und das
war kein Wunder Eduard verstand ich mich doch selbst nicht Offenbar hatte die
Theorie meines Freundes die mir von heute Mittag her noch in dem Sinne
schwebte Schuld an diesem Geschwätze mit dem Mädchen Ich hatte sie selbst noch
nicht ganz begriffen und suchte sie doch schon einem Kinderkopfe verständlich
zu machen  ganz im Geschmack unsers philosophischen Zeitalters Meine
Einbildungskraft sah ich wohl war leichter in Bewegung zu setzen als das
Frachtschiff Dieses lag noch eine Weile nachher als jene sich schon warm
geflogen hatte unerschütterlich auf dem Werfte Endlich als ob es einen kurzen
heroischen Entschluss fasste fing es  das Mädchen klammerte sich fest an mich 
zu rollen an schlug Flammen in die Höh und einen Pulsschlag nachher schwebte
es auf dem wogigen Meere Fröhliches Getöse auf dem Verdecke begleitete es
Jubelgeschrei vom Ufer her wirbelte ihm nach und die junge seufzende
zitternde Schöne  Gott segne ihre fühlbaren Nerven  wusste jetzt wie ihr war
und ließ meinen Arm fahren Ach ich hätte ihr ihn gern noch länger geliehen
und wie man dem Probegang einer ausgebesserten Uhr nachspürt gern noch länger
jene leisen Schwingungen verfolgt die der Druck von ein Paar weiblichen Händen
auf meine Fibern erregte Aber jetzt bekümmerte sich weiter keine Seele um die
andere Was die Neugier vereinigt hatte trennte die Befriedigung Die
Gesellschaft flog nun auf die vielen kleinen Boote aus einander die sich zu
ihrer Aufnahme näherten und SaintSauveur erwartete mich in dem seinigen 
»Ich komme recht sehr zufrieden« rief ich ihm entgegen als ich einstieg »von
dem Versuche mit mir selbst zurück und deine Theorie enthält mehr Wahres als
ich gedacht habe«  Indem ruderte das Boot auf dem sich meine neue Bekannte
befand bei dem unsrigen vorüber Ich hätte wohl gewünscht mit ihr zugleich an
das Ufer zu steigen aber ich landete einige Augenblicke  an denen vielleicht
ein ganzer Roman hing  zu spät an
    Auf dem Hingange nach unserm Wagen kamen wir bei der Wohnung des ehrlichen
Passerino vorbei Die schwarze Tafel über der Haustüre sein Sortiment
menschlicher Gebrechen mein Frühstück bei ihm und die martervollen Tage die
gleich darauf folgten  alles trat in Einem Blicke mir jetzt vor die Seele Mit
feuchten Augen teilte ich meinen Begleitern die Empfindung die mir anflog und
zugleich die Nachricht mit die ihnen freilich wenig verschlagen konnte dass in
diesem Hause der brave Mann wohne der mein Lehrmeister in der Baukunst gewesen
sei Um meine ehemaligen Spöttereien über ihn zu denen ich alleweile kein Herz
hatte wieder gut zu machen und um seiner Kundschaft nicht Abbruch zu tun
lobte ich ihn als einen zweiten Vitruv  »Ich habe ihm vieles zu danken« sagte
ich  »Besonders auch« fiel mir Sabatier in das Wort »als Krankenwärter Man
las es in seinem verstörten Gesichte wie sehr ihm Ihr Aufkommen am Herzen lag«
 »Das kann ich um so viel leichter glauben« antwortete ich »als an meinem
Leben die Erfüllung eines Versprechens eine Spazierfahrt hing zu der schon der
Wagen angespannt war als ich mich legen musste und auf der er nichts geringeres
zu holen gedenkt als sein zeitliches Glück und seine Unsterblichkeit Diese
wichtige Schuld hoffe ich morgendes Tages abzutragen«  »Morgen« fragte
SaintSauveur verwundert »Einen Weg zur Unsterblichkeit  in der Nähe von
Marseille Das ist mir etwas ganz Neues Wie heißt denn dieses Ziel der Glorie«
 »Kotignac« antwortete ich und erregte damit ein lautes Gelächter  »Nein«
rief Sabatier »das könnte meinem guten Rufe schaden wenn ich es zugäbe«  und
 »Nein« rief der Marquis »denn von morgen an Freund lege ich für die ganze
Woche Beschlag auf dich und deine Talente Ich kann dir davon zu deiner
Spazierfahrt keinen Tag frei geben als den letzten wo ich das angenehme
Geschäft über mir habe den Flügelmann meines Regiments zum Tode zu führen  und
den armen Sünder in dem Augenblicke der ihm drei Kugeln durch das Herz jagen
soll durch ein harmonisches Pardon zu überraschen«  »Und womit« fragte ich
hastig »hat denn der Unglückliche verschuldet dass er deinem System zum
Experimente dienen soll«  »Nach seinem Verbrechen« antwortete SaintSauveur
rätselhaft »darf ein Berliner nicht fragen Bei euch wird deshalb kein
Flügelmann der Todesangst ausgesetzt«  Was wollte der Marquis damit sagen
Eduard und was wollte er vorhin mit meinen Talenten Ich begreife eins so wenig
als das andere Über meine Zeit die er auf Wochen in Beschlag nimmt muss ich
mich auch noch mit ihm verständigen Ich habe deren nicht viele mehr in diesem
Lande zu verlieren wenn ich anders mein Gerippe in Sicherheit haben will ehe
die Sonne noch glühender wird Und doch kann ich an unsere baldige Trennung ohne
Schaudern nicht denken Wie kam es mir nicht schon so schwer an dass ich die
wenigen Stunden die mir von heute noch übrig blieben ohne ihn hinbringen
sollte  Aber mein strenger Arzt riss mich unbarmherzig von seiner Seite und
verwies mich aus Furcht vor der Abendluft in meine einsame Herberge  »Wenn
Ihnen« tröstete er mich »Ihre heutigen Lebensversuche wohl bekommen und zu
einer guten Nacht verhelfen so öffne ich Ihnen morgen die weite Welt und
überlasse Sie Ihrem Freunde  zur Nachkur« Möge er es zur guten Stunde gesagt
haben
                                                              Den 18ten Februar
So hätte ich denn seit zwei Stunden das Lenkseil meiner selbst das mir auf der
Rennbahn des Lebens aus den Händen geschlüpft war wieder in meiner Gewalt
Sabatier hat es mir so feierlich als wenn es ein Doktorhut wäre überreicht
Kaum war ich mit einem Gesichte ohne Runzeln aus meinem Bette ohne Falten
gestiegen und lächelte in dem frohsten Vorgeschmacke meinem Frühstücke zu das
man herein trug als mir sein Morgengruß so süß entgegen tönte wie eine
Gessnerische Schäferflöte in meinem funfzehnten Jahre Wie reichhaltig kam mir
nicht sein freundliches Gespräch vor Es würzte meinen guten Kaffee noch mehr
Es belehrte mich ohne mir weh zu tun und rührte mich durch die genauere
Entwickelung des Wunders meiner Genesung
    Du weißt Eduard ich habe mich immer für ein Kind des Glücks für einen
Liebling des Zufalls gehalten und finde so wenig Anmassliches in dieser
Vorstellung dass ich keinen Gesichtspunkt kenne aus welchem sich der Mensch
gelassener betrachten könnte als aus diesem Die Eigenliebe die dabei eine
Rolle spielen wollte müsste stockblind sein Daher habe ich es auch immer für
den besten Zug meines Herzens gehalten dass ich keinen Beweis der mich darauf
zurück führen kann übersehe und nicht wie andere mir jeden zufriedenen
Augenblick als Folge meiner klugen Einrichtung anrechne In meiner jetzigen
glücklichen Lage wäre es vollends unverzeihlich An meinem hitzigen Fieber mag
ich wohl Schuld sein aber nicht an meiner Genesung Diese lag weit außer meinem
Gesichtskreise und es mussten die sonderbarsten Umstände zusammen treffen um
sie möglich zu machen Das seltenste Ungefähr entriss mich nicht nur den Klauen
des Marktschreiers sondern auch wie Du gleich hören wirst den harten Fäusten
der hiesigen Ärzte  die da sie nur selten feinere Maschinen zu behandeln
haben als Matrosen und Kaufleute jeder andern die nicht eben so derb zusammen
gesetzt ist fast so gefährlich sind als die ausgemachtesten Stümper Welche
Proben der Angst würde mein armer Körper nicht noch vor seiner gänzlichen
Auflösung haben ausstehen müssen wenn nach dem Marktschreier auch noch so ein
Praktikus über ihn hergefallen wäre Sabatier musst Du wissen gehört nicht zu
dieser Zunft ist Mitglied der preiswürdigen Fakultät zu Montpellier und
gegenwärtig auf einer wissenschaftlichen Reise begriffen die er über Holland
nach Edinburg tun will Mein anonymer Wohltäter  Gott segne ihn  der einen
natürlichen Hass gegen alle Charlatane hat wie die PharaosRatze5 gegen die
Krokodille schlich und stieg dem nomadischen Medikaster bis vor mein Bette
nach verscheuchte den Geier und sah sich eben ängstlich nach Hilfe für das
gerupfte Täubchen um das zappelnd da lag als  der gute Sabatier vor dem
heiligen Geiste ausstieg und der Schall seines berühmten Namens an alle Wände
des Gastofs anschlug Unverzüglich trat ihm der Unbekannte in den Weg erzählte
ihm schon auf der Treppe meine verzweifelte Lage ließ ihm kaum Zeit sich
umzukleiden und nachdem er sein Mitleiden auf das stärkste erregt hatte
führte er ihn vor mein Bette und nahm ihm unter meinen schon gebrochenen
Augen das Ehrenwort ab seine Reise aufzuschieben und den kranken Deutschen
nicht zu verlassen bis nicht sein Schicksal entschieden sei Der
menschenfreundliche Arzt versprach es und hat es gehalten Mein bösartiges
Fieber fand in ihm einen Beschwörer wie es einen bedurfte Selbst die kleinen
Nebenverhältnisse in die er sich mit mir gesetzt fand so unwichtig sie auch
schienen waren hier nichts weniger als gleichgültig Schon der Umstand einer
gemeinschaftlichen Herberge mit ihm musste mir den größten Vorteil gewähren
Dadurch ward es ihm möglich mich zu allen Stunden zu beobachten und meine
Narrheiten abzuwarten als ob ich der vornehmste Herr und er mein Leibmedikus
wäre Ich brauchte nicht mit zehn andern Elenden zu kämpfen um einen Teil
seiner Zeit ein Wort von seiner ermatteten Zunge ein Recept aus seinem
zerstreuten Gehirne zu erhaschen Auch hatte seine Hand ehe sie die meinige
berührte nicht wie die Faust die Dir einst Dein Aeskulap prahlenden Andenkens
entgegen streckte des Morgens zwölf Kindern die Blattern eingeimpft des
Nachmittags eine Komödiantin entbunden und des Abends einen Neapolitaner
zergliedert und seine Perücke schüttelte keine in der Charité angesteckte
Luftteilchen in meine Atmosphäre Wenn ich starb war ich sicher dass es an
meiner eigenen Krankheit geschah Glücklich ist wohl jeder zu nennen der in dem
Nebel den das unzählbare Heer von Seuchen um ihn herzieht in dem Gedränge so
vieler schwankenden Irrlichter die dieser Duft bildet und nährt und die sich
ihm bei seiner Wanderschaft über das allgemeine Leichengefilde als Wegweiser
anbieten auf den Genius eines Kapp Grimm Meckel oder Tissot trifft der ihm
vorleuchtet Ist sein Gewebe nun vollends schon von der Natur locker gesponnen
durch die Hände seiner Erzieher verworren und von allen den Modefarben in die
es getaucht wurde so mürbe gebejetzt als das meinige und es findet sich eben
da der Lebensfaden zerreißen will ein solcher Kunstweber als Sabatier zu ihm
der an der laufenden Spule die Fasern noch zu erwischen und so geschickt
anzuknüpfen versteht dass auch nicht der kleinste Knoten zurück bleibt der das
Flickwerk verraten könnte so weiß ich nicht wie groß das Verdienst des Kranken
sein müsste das diesem seinem Glücke gleich kommen sollte
    Diese Betrachtungen machten mir es recht schwer mich von dem Manne zu
trennen der sie veranlasste und der  ohne dass ich damit andern Aerzten zu nahe
treten will  einzig in seiner Art ist  Denn wo hat wohl einer vor ihm einen
solchen Abschied von seinem Kranken genommen als Er von mir Er fasste mich mit
ernstem Anstande bei der Hand setzte sich neben mir auf den Sopha und ehe ich
mich des Textes versah über den er seine Beredsamkeit spannte lag das
menschliche Herz so meisterhaft zergliedert vor mir als wenn Locke und Boerhave
in ihm zusammen getreten wären um mir zu demonstriren wie wenig ich moralisch
und physisch wert sei Ich musste bei jedem Fetzen den er mit seiner Sonde in
die Höhe hob heimlich gestehen dass es ein Teil von mir war In jeder Beule
die er öffnete erkannte ich mein eigenes Geschwür und fühlte in meinem Innern
jeden Schnitt den er doch nichts weniger als in meinem Kadaver zu tun schien
Es ward mir mit Einem Worte immer klärer dass die Kasuisten zu Avignon und der
getaufte Jude so vielen Anteil an meinem hitzigen Fieber hatten als Klärchen
und der Seefisch  dass ich meiner Gesundheit nie weiter aus dem Wege gekommen
sei als in der Zeit da ich sie suchte  und dass Sabatier der gleich dem
großen Arzte des Lazarus meine Heilung mit Stehe auf angefangen hatte jetzt
auch wie er sie mit keinem bessern Rate zu beschließen wisse als mit einem
wohlgemeinten Gehe heim
    Ja ja Eduard unstreitig ist es das klügste was ich tun kann Ich
brauche wahrlich keine Erfahrungen mehr zu dem bewiesenen Satze zu sammeln dass
meiner Diät und meiner Tugend auf Reisen noch weniger zu trauen ist als in
meiner Heimat Das ÜberraschungsSystem meines Freundes soll mich nicht
aufhalten Gott weiß was ich mir damit über den Hals ziehen könnte wenn ich es
so gründlich studieren wollte als manches andere das mich irre geführt hat
    Als Sabatier am Ende seines lehrreichen Gesprächs nach dem Hute griff
verstand ich das Zeichen flog in die Kammer vor meinen Schreibtisch und 
indem ich geschwind berechnete dasswenn ich die Summe meines baren Reisegeldes
gerade mit ihm teilte ich in Verhältnis meiner vorigen täglichen Ausgaben
immer noch durch mein hitziges Fieber gewönne  packte ich zwei Rollen zusammen
die einen ziemlich starken Beweis enthielten wie hoch ich mein Leben schätzte
und trat damit in der Demut eines Genesenen der dem Apollo nur einen
schlechten Hahn opfert vor meinen trefflichen Arzt Aber dieser als schwebe er
in der Glorie jenes Gottes erhob sich in demselben Augenblicke über alle
gemeine Mitgesellen seiner Kunst  »Sie vergessen lieber Freund« sagte er
»wie teuer Sie Ihr Leben schon bei dem Quacksalber gelöst haben den ich
vertrieb Ich bin belohnt genug dass ich nicht zu spät kam um seine Rechnung
und sein Vergehen gegen Sie ins Gleiche zu bringen und durch meine Anzeige die
Polizei aufzufordern ihm das Handwerk wo nicht ganz zu legen doch solchem
eine zweckmässigere Richtung für das gemeine Beste zu geben«  »Edler
großmütiger Mann« sagte ich legte meine Geldrollen aus der Hand und
trocknete mir die Augen  »Und was ist denn« fuhr ich kleinlaut fort »aus dem
Quacksalber geworden«  »Man ließ ihm« antwortete Sabatier »die Wahl sich
nach seinen Verdiensten entweder bestrafen oder belohnen zu lassen  entweder
mit einem Wahrzeichen an der Stirn das Reich zu räumen oder in demselben 
Mäuse zu fangen Er entschloss sich zu letzterm unter der Bedingung die man ihm
gern zugestand dass er den Doktortitel fortführen dürfe den er in Erfurt
gekauft habe Er ist bei den hiesigen Hanf und Taumagazinen angestellt wo er
gewiss von Nutzen sein wird«  Ich leugne nicht Eduard diese Nachricht machte
mir Freude Nicht als ob ich gerade sehr stolz darauf gewesen wäre durch meine
unschuldige Vermittlung einen solchen Landsmann in Königlich Französische
Dienste gebracht zu haben sondern weil es mir bei meiner ewigen Spekulation
über die Bestimmung des Menschen wohl tut wenn ich einmal auf einen treffe
dem das Schicksal die seinige so deutlich anweist als diesem  Übrigens musste
es mir wohl auf alle Weise lieber sein dass der Zufall neben vieler meiner
Mitmenschen Erhaltung nur den Tod der Mäuse mit meiner Genesung verkettet
hatte als umgekehrt  wie das bei vornehmern Kranken als ich bin wohl manchmal
der Fall sein mag
    »Sehen Sie« fuhr Sabatier fort »so ist alles in seiner Ordnung  Der
Verzug meiner Reise ist mir hinlänglich durch das Studium Ihrer Krankheit
bezahlt denn schwerlich werde ich in Edinburg eine versäumt haben die aus
mehreren Fehlern gegen die Diätetik zusammen gesetzt aus so bösartigem Stoff
entwickelt den Nachforschungen eines Arztes würdiger und mir belehrender
gewesen wäre als diese Auch soll sie mir bei meiner Aufnahme in die dortige
Akademie zu einem sonorischen Perioden in meiner Antrittsrede verhelfen«  Ich
machte  einfältig genug  meinem medicinischen Freunde für dieses Lob meiner
Krankheit eine tiefe Verbeugung als ob er mir eine Schmeichelei gesagt hätte
erschrak über diesen neuen Missgriff meiner Eigenliebe und stotterte nun voller
Verlegenheit  »Ihre Rechnung im Gasthofe werden Sie mir doch«  »Diese«
fiel er mir ins Wort »ist durch den braven Mann berichtigt worden der mich
mit Ihnen in Verbindung gesetzt hat«  »Lieber Sabatier« drängte ich mich
jetzt näher an ihn »Sie dürfen mich nicht verlassen ohne mir den Schutzengel
genannt zu haben bei dem ich in einer so großen Schuld stehe und die ich
durchaus abtragen muss wenn ich ruhig werden soll«  »Ich würde es gern tun«
versetzte er »hätte seine uneigennützige Tugend mir nicht Stillschweigen
geboten Wir wollen dem wackeren Manne seinen eigenen Gang lassen und uns im
Stillen begnügen eine Seele zu bewundern die sich über das Geräusch
menschlicher BeifallsÄußerungen des Danks und den Schimmer ihrer eigenen
Seltenheit erhaben fühlt«  »O mein Freund« erwiderte ich voller Betrübnis
»wie gern möchte ich dieser übermenschlichen Tugend huldigen  Aber ich kann 
wahrlich ich kann nicht Eine so heldenmütige Verläugnung der allen Herzen
angeborenen Schwachheiten erweckt«  ich hielt inne  »Was erweckt sie denn«
fragte Sabatier  »Den Verdacht von dem ich meinen Wohltäter gern frei
sprechen möchte eines übermäßigen Stolzes der seine Blöße nur desto
künstlicher versteckt je lebhafter sein geheimer Wunsch ist dass die Neugier
sie entülle Eine Größe die andere Menschen so sehr verkleinert ist nicht
nach meinem Geschmacke Die Gleichgültigkeit des Unbekannten gegen meinen Dank
ist sehr demütigend und ich fühle es wahrlich auf das schmerzhafteste wie
viel Unbarmherzigkeit in seiner Großmut liegt«  »Oder wie viel Schonung«
sagte Sabatier lächelnd umarmte mich noch einmal zum Abschiede bat sich ein
Empfehlungsschreiben nach Leiden an Jerom aus  und unter tausend Segnungen die
meiner stammelnden Zunge entströmten eilte er in sein Zimmer den Anstalten
seiner nahen Abreise zu
    Kaum war er fort so stützte ich meinen Kopf auf den Arm  »Schonung«
wiederholte ich »was will er mit diesem rätselhaften Worte« und es
beschäftigte mein Nachdenken bei einer halben Stunde Ich wollte lange nicht
daran die Erklärung als wahr anzunehmen die sich mir aufdrang aber so wenig
sie auch Schmeichelhaftes für mich enthält so bleibt mir doch keine andre
übrig Der Unbekannte stelle ich mir vor mochte es wohl nach seiner Eigenheit
eben so sehr für Pflicht halten so lange ich krank lag mir beizustehen als
mir aus dem Wege zu gehen sobald ich gesund ward Die Beichte meines hitzigen
Fiebers  ob das nicht wohl auch bei andern Ohrenbeichten manchmal der Fall sein
mag  hat ihm wahrscheinlich nichts weniger als Neigung gegen mich eingeflößt
und in dieser Rücksicht verrät seine stillschweigende Entfernung unstreitig
eine seltene Schonung Ein eifriger Katholik  mein Gott  kann ja unmöglich
einen Menschen lieben schätzen und seiner Freundschaft wert halten der die
heilige Klara von Montefalcone mit ihren drei Blasensteinen verspottete den
Papst Alexander zur Hölle verwies und selbst bei dem Anblicke der drohenden
Ewigkeit keine Reue fühlte Mariens Strumpfband vertauscht zu haben Ich darf
froh sein dass der gute Mann meiner Rettung schon den Schwung gegeben hatte ehe
er erfuhr wie wenig ich ihrer wert sei Mir tut es zwar weh dass zwei Herzen
die bereits einander so nahe waren durch solche Windstösse wieder getrennt
werden mussten aber was kann ich dafür
    Um jedoch den Druck meiner Dankbarkeit los zu werden will ich zum Ersatz
meiner Schuld ein Geschenk in das Hospital schicken und es als eine Nothülfe
die ich gegen den sonderbaren Heiligen nehme der Versteckens mit mir spielt in
dem Wochenblatte anzeigen lassen Das hoffe ich wird nach seinem Sinne sein 
Edler Sabatier  Liebenswürdiger Jerom Dächten alle Menschen wie ihr und ich
wie leicht würde es werden die drei Religionen denen wir anhängen unter Einen
Hut zu bringen Wie geehrt fühle ich mich in diesem Augenblicke wo ich durch
einen Zug meiner Feder eure beiden verwandten Seelen vereinigen soll  Doch da
kommt mir ein Briefchen von SaintSauveur dazwischen das ich erst lesen muss 
    Das war ein tätiger reichhaltiger Morgen Meine dringenden Geschäfte auf
der vorigen Seite sind nun alle besorgt und ich wende meine Augen die unter
blendenden Tränen den guten Sabatier abfahren sahen wieder nach Dir mein
Eduard der mir sie von jeher immer am geschwindesten getrocknet hat  Es ist
zwei Uhr Nur noch einige Zeilen und ich unterwerfe mich sodann ganz sorgen
gedanken und willenlos der Leitung des reichen romanhaften Marquis dem meine
Nachkur übertragen ist Sein Wagen erwartet mich seine heutige Ordre liegt vor
mir Geht er auch so ziemlich mit mir um wie mit einer Sache  ich lasse mir
alles gefallen ob mir gleich nicht alles gefällt so kirre hat mich leider das
Misstrauen gemacht das mir Sabatier gegen die eigene Aufsicht meiner selbst in
den Kopf gesetzt hat Da will er zum Beispiel dass ich heute nach Tische eine
Lustreise mit ihm antrete die eine Hälfte des Weges im Wagen die andere zu
Fuße nach seiner Bastide die drei Stunden von hier und auf der Straße nach
Toulon zu liegt wohin ich ihn morgen früh begleiten soll Mit diesem
Herumstreifen würden wie er mir vorrechnet die nächsten vier Tage bis auf den
bewussten Sonnabend verstreichen den er mir schon gestern zu meiner Wallfahrt
nach Kotignac frei gab Diese Einteilung meiner Woche ist mir nur halb recht
Eduard Alzire wird heute morgen wird Mahomet aufgeführt und ich soll statt
dieser trefflichen Schauspiele einem so widrigen Dinge nachgehen als mir eine
Bastide ist um dort meinen Wettlauf nach Gesundheit anzufangen Der gute Mann
bedenkt nicht dass ich kaum von einem hitzigen Fieber genesen bin  Den Tag
darauf nach Toulon Festungen sind mir aber fast so sehr zuwider als Bastiden
Lieber SaintSauveur ich hätte mir von deinem ÜberraschungsSystem etwas
besseres versprochen und ich zweifle ob Sabatier dergleichen Recepte zu
meiner Nachkur billigen würde Dieses abgerechnet hätte ich gar nichts dawider
auf einige Zeit aus meinem häuslichen Zirkel heraus zu treten der mich
mechanisch in die Tage zurück zaubert die ich doch gern vergessen möchte Der
überflüssigste Teil desselben die beiden Puppenspieler haben durch ihr
Verplaudern meiner Historie mit Klärchen vollends ihr Bisschen Kredit bei mir
verloren und doch scheinen sie gar nicht zu ahnden wie unerträglich sie mir
sind Da unterbrachen sie mich erst vorhin mit dem possenhaftesten Anstande in
meiner Schreiberei um mich über einen Einfall zu Rate zu ziehen der ihnen
eine frohe Zukunft verspräche  »Elektra«  hub der Prologus an  »Geht zum
Henker« fuhr ich sie an »mit eurer Elektra und putzt dafür meine Schuhe« 
Auch Bastian der gute Kerl macht keinen Eindruck mehr auf mich mit dem
Gesichte seiner Schwester dafür erinnert er mich aber desto lebhafter an die
ekeln Chinapulver die er mir dutzendweise eingerührt hat Es ist mir immer so
oft ich ihn ansehe als ob ich einnehmen müsste So wunderlich es von mir wäre
ihm dieses zum Vorwurfe zu machen so bin ich doch froh dass er mir einige Tage
aus den Augen sein wird Er kann unterdessen hier mit dem Wirte zusammen
rechnen und sich mit den Anstalten zu meinem Aufbruche beschäftigen den ich zu
Anfange künftiger Woche festgesetzt habe Die Freundschaft SaintSauveurs würde
mich in jedem andern Lande zurückhalten aber das hiesige Klima verstattet mir
keine Weile und drängt und treibt mich wie einen Storch nach meinem deutschen
Schattenneste ach es würde meine spröden Knochen vollends zu Pulver zerreiben
wenn ich hier bliebe Dass ich nicht denselben Weg auf dem ich herkam zurück
nehmen werde kannst Du wohl  ohne selbst mein Tagebuch betrübten Andenkens
gelesen zu haben  bei einem neugierigen Reisenden voraus setzen ob Dir gleich
jenes noch ganz andere Aufschlüsse darüber vertrauen würde Nein ich gedenke
über Holland und mein geliebtes Leiden heim zu gehen ohne Avignon Strassburg
und Bruchsal nur in Gedanken zu berühren In drei Wochen  ach Gott kann ich
bei Jerom sein und selbst wenn Sabatier so langsam fortreist als er anfing
eher sogar als er und mein Brief Das habe ich mir an den Fingern abgezählt als
ich ihn schrieb und sie mir vor Freuden verbrannt als ich ihn zusiegelte So
gar viel Papier werde ich nun wohl nicht mehr vertun Ein halbes Buch denke
ich soll hinreichen bis ich Dir in Berlin meine schreibselige Feder zu Füßen
lege
    Das in halbdunkeln Tinten trefflich gemalte Zimmer in welchem mich
SaintSauveur diesen Mittag aufnahm war ganz der rührenden Stimmung angemessen
die ich mitbrachte und in der er mich  Gott weiß wie er das anfing  drei
Stunden bis wir ins Freie kamen zu erhalten verstand Es gehört ein Wirt
dazu wie Er war damit ein Gast wie ich bin nicht bei Tische den Abgang eines
dritten bemerkt Die hellen Wahrheiten die zarten Berührungen der Seele die
menschenfreundlichen Äußerungen die in sanften Adagiotönen seinen Lippen
entflossen und die Gutmütigkeit die aus seinen liebenden Augen wiederschien
erquickten mein schmachtendes Herz mit dem so lang entbehrten Vollgenusse
eines in der edelsten und weitesten Bedeutung des Worts guten Gesellschafters
Er überraschte mich an dem heutigen Mittage um vieles angenehmer noch als an dem
gestrigen  nicht durch die neu ersonnenen Gerichte die er mir vorsetzte
sondern durch die Menge feiner und erhabener Empfindungen denen er in meiner
Seele mit Sokratischer Entbindungskunst Luft machte Sie schienen mir wie
Vertriebene die sich unter einer tyrannischen Regierung versteckt hielten von
weitem herzukommen einander zu ihrer Erhaltung Glück zu wünschen und das Fest
ihrer Wiederkehr in der alten Hütte zu feiern aus der sie sich so lange
verdrängt sahen So sehr ich auch jetzt hinterher mich gerecht genug fühle das
Übergewicht seines Geistes in dem warmen Gespräche das sich unter uns
entspann anzuerkennen so wusste er doch während desselben den Schwerpunkt so
geschickt zu verteilen dass es mir vorkam wir hielten einander vollkommen die
Wage Sein Herz schien schmeichelhaft für mich vorauszusetzen es werde von
dem meinigen verstanden Die Blitze die sein Witz von sich warf spalteten sich
so leicht an dem Prisma des meinigen mit welchem ich sie auffing dass ich nur
meiner Kunst den schönen farbigen Strahlenkreis zuschrieb den es hervorbrachte
Ich hörte ihm so lange mit dem lautersten Vergnügen zu als mir noch seine
Unterhaltung Veranlassung gab mir eine Verbeugung über meine tiefen Einsichten
und mein zartes Gefühl zu machen
    Auf einmal aber trieb mich eine Kleinigkeit von dem erhabenen Standpunkte
herunter auf den mich meine Eigenliebe gestellt hatte Wir sprachen eben von
dem Hange zweier gleich gestimmter Herzen die indem sie wie Magnete einander
anziehen auch wie diese alles Ungleichartige von sich abstossen und ungenutzt
ihre Kraft in sich verzehren wenn sie auf keinen Gegenstand treffen der in
ihren Wirkungskreis taugt Ich gefiel mir außerordentlich in diesen zugespitzten
Einfällen die ich vorbrachte und geriet darüber so in Feuer dass ich nicht
gewahr ward was neben mir vorging  nicht eher sah dass der Mundschenk eine
Flasche Champagner lüftete bis der Schall des heraus getriebenen Korks  bis
der Name Sylleri  bis das schäumende Glas das er mir vorhielt sich meiner
Einbildungskraft schon bemeistert und mich sechs Wochen zurück in das Bacchanal
versetzt hatten das ich am achten Januar mit jenem Gesindel feierte das leider
nur allzu magnetartig auf mich gewirkt hat Heftiger kann in einer belagerten
Stadt ein spielendes Kind nicht erschreckt und aus der Wiege geworfen werden
wenn das feindliche Signal in die Höhe steigt und der allgemeine Sturmlärm
nachfolgt als ich in diesem Augenblicke der widrigsten Erinnerung Mag Dir
diese Vergleichung noch so poetisch vorkommen sie ist darum nicht weniger
treffend und wahr Ich fühlte mich von dem unglücklichen Bilde in welchem ich
mich wie in dem niedrigsten Stücke von Teniers abgemalt sah so gepresst dass mir
die Lippen bebten und mein Auge in Tränen stand noch ehe der Schaum im Glase
zerronnen war Armer Wein seufzte ich im Stillen der auf demselben Berge
gewonnen vielleicht auf demselben Stocke mit jenem gereift ist der mir das
hässliche Herz einer Heuchlerin enthüllte Wäre mir dort dein Aufbrausen nicht
ekel dein Name nicht zum Misslaute geworden wie süß würdest du hier an der
Seite eines edelen Freundes mir schmecken und mit welchem Feuer würdest du
meine Lobrede auf die gesellige Tugend beleben
    SaintSauveur ob er gleich meine innere Bewegung gar nicht zu bemerken
schien kam ihr doch auf das tätigste zu Hilfe denn er unterbrach mein
angreifendes Selbstgespräch indem er den Stuhl rückte und aufstand Es ist die
leichteste Art der Seele eine andre Richtung zu geben indem man dem Körper
eine andre anweist Der Unterschied, ob mich der Wind von der oder jener Seite
anbläst ob ich rechter oder linker Hand an meinem Schreibetische sitze ob ich
in einen Garten oder in einen Kirchhof blicke bewirkt bei mir wo nicht eine
gänzliche Umschaffung meiner Denkungsart doch eine merkbare Verschiedenheit der
Begriffe. So ging es mir auch diesmal Der Zauber der mich nach Avignon
versetzte schien nur innerhalb des Zirkels meines Stuhls zu liegen Sobald ich
über ihn hinaus in das Fenster getreten war will ich zwar nicht geradezu
behaupten dass ich mich meiner reuvollen Empfindungen schämte aber ich bekam
doch Fassung genug den ganzen Auftritt für einen seltsamen Beweis der
Nervenschwäche auszugeben die mir noch von meiner Krankheit anhing und mein
Freund war auch so gut es für bekannt anzunehmen   »Wenn dich nur« sagte er
scherzhaft indem er zugleich befahl dass sein Phaëton vorrücken sollte »der
Lärm nicht zu sehr erschüttert den jetzt die schlagenden Nachtigallen in dem
Birkenwalde treiben wohin ich dich führen will«  Das brachte mich auf einmal
aus meiner weinerlichen in eine bitter spasshafte Stimmung  »Birkenwald
Nachtigallen« fing ich mit spottendem Tone seine Worte auf »das klingt
ungefähr in diesem Lande so hohl als wenn man in Novazembla von Schmetterlingen
und Orangen spräche«
    Ich habe gewiss schon in meinem Leben witzigere Einfälle gehabt und
beissendere Antworten ausgeteilt als diese war ohne mich ihrer zu rühmen
besonders seitdem ich bemerkt hatte dass ein Bonmot Dienstags eine ganze
Gesellschaft belustigen konnte welches Mittewochs wenn es der Erfinder als
bewährt in andere Häuser herumtrug oder in seine Schriften aufnahm gleichgültig
angehört und gelesen wurde Der scharfsinnige Herr mochte noch so genau Zeit
Gelegenheit und Umstände seines Epigramms angeben keine Seele bekümmerte sich
um den kleinen Balg sobald er über die Geburtsstunde hinaus war So würde ich
also auch diesmal meine spitzige Gegenrede gar nicht erwähnt haben hätte sich
nicht ihr schlaffer Stachel eine Stunde nachher gegen mich selbst gekehrt und
mir eine Beule zugezogen die ich nicht anders zu heilen wusste als dass ich sie
unter großen Schmerzen aufstach Gott bewahre doch jedermann vor witzigüblen
Launen Ich konnte der meinigen nicht mehr Herr werden So abschmeckend sie
Anfangs war eine so laugenhafte Schärfe nahm sie an als wir bei dem
Schauspielhause und der bunten Menschenmenge die dahin strömte vorbei fuhren
und sie ward noch beissender als wir unter die Frachtwagen auf der staubigen
Chaussee gerieten denn statt es lieber gerade heraus zu sagen wie ungern ich
heute die Stadt und Alziren um die Bekanntschaft einer Bastide vertauschte gab
ich es durch mein Bezeigen auf eine viel auffallendere Weise zu erkennen Ich
schmiegte mich quer über in die Ecke des Wagens drückte meinen runden Hut in
die Augen und bei jeder Staubwolke die aufstieg hielt ich Mund und Nase so
geziert zu als ob die Sandstrassen um Berlin mit Teppichen belegt wären Jeder
Sonnenstich schien ein Epigramm in mir zu entwickeln und mir zu einer
sinnreichen Anspielung zu verhelfen die den kontrastirenden Unterschied meines
fruchtbaren Vaterlandes mit der dürren Provence auf die ungesuchteste Art wie
ich glaubte in das Licht setzte Indem ich mich mit meinem Handschuh fächelte
und mir den Hals lüftete sprach ich entweder von den schattigen Alleen die
nach Charlottenburg führen oder erinnerte meinen Freund an unsere kleinen
Soupers in den Lauben zu Sanssouci Ich war wie ausgetauscht Eduard fühlte in
meiner Ungezogenheit weder den scharfen Verweis der in dem Stillschweigen des
Marquis lag noch ließ ich mich durch den Gedanken wie er doch nicht mehr als
sein Land erlaube zu meinem Zeitvertreibe gewähren könne so wenig irre machen
dass ich endlich sogar Hagedorn und Kleist zu Hilfe nahm um die große Wahrheit
zu bestätigen dass nichts in der Natur an Reiz über den Eintritt des Frühlings
in Deutschland und unsern Maimonat ginge Das Blut trat mir bei dieser
vaterländischen Erinnerung in das Gesicht  Ich blickte wild meinem Freund in
die Augen Er fasste mich bei der Hand und »Was ist dir lieber Wilhelm« fragte
er verwundert  »O der herrlichen Dichter« antwortete ich mit beschwerter
Stimme »Sie haben das Bild des Mais mit einer solchen Gewalt in mir rege
gemacht dass ich dich bei Gott versichern kann lieber SaintSauveur ich
glaubte in diesem Augenblicke jenen Monat erreicht zu haben unsre
Frühlingsvögel zu hören und den balsamischen Duft unsrer jungen Birken zu
atmen Eine lebhafte Einbildungskraft ist doch eins der wichtigsten Geschenke
Gottes Sie weiß dem Betrug die Gestalt der Wahrheit zu geben und unsre Wünsche
in wirklichen Genuss zu verwandeln«  »So wie sie« fiel mir SaintSauveur in
das Wort »die auffallendste Wahrheit zu Betrug herabwürdigen kann«  Dieser
Einwurf meines Freundes war so paradox dass ich ihn unmöglich ungerügt hingehen
lassen konnte  »Ein ganz neuer Satz« sagte ich höhnisch »aber wo ist der
Beweis dazu lieber Marquis Willst du ihn führen«  »Ja« war seine bestimmte
Antwort und wahrlich Eduard er führte ihn und wie Ganz nach seinem
gestrigen System denn nie hat mich ein philosophischer Beweis durch eine
angenehmere Evidenz überrascht als dieser Die Wendung deren er sich dabei
bediente  sehr verschieden von den Subtilitäten der Scholastik  kam aus seiner
und seines Kutschers Hand an dessen Arm die Schnur befestigt war die er anzog
Ein Griff in den Zügel ein Hieb mit der Peitsche und seine Behauptung  ich
hätte vor Scham vergehen mögen  war vollständig erwiesen Was ich eine Minute
vorher für Magie der Einbildungskraft hielt war Wirklichkeit Ich hörte die
Nachtigallen mit meinen körperlichen Ohren und zog die besungene deutsche
Mailuft mit beiden Lungenflügeln in mich  denn  hier siehst Du die Beule die
ich aufstechen muss  wir befanden uns wie durch einen Zauberstab in eine lange
Allee von hundertjährigen Birken versetzt
    Ich konnte in der Fülle meines Erstaunens nicht zu Worte kommen so gewaltig
sie sich auch bis zu meinen Lippen vordrängten war lange verloren in meinem
Gefühl ehe meine scheuen Blicke sich an meinen Freund wagten und um Vergebung
des Unsinns der vergangenen Stunde anflehten Er verstand sie aber er bestrafte
mich nicht durch Gegenspott so sehr ich ihn auch verdiente sondern durch Güte
 »Reisende« sagte er mit freundlicher Stimme »sollten nie absprechende
Urteile über ein fremdes Land fällen bis sie nicht alle seine Winkel
durchkrochen haben Könnte ich dich doch lieber Wilhelm von allen deinen
kleinen Vorurteilen so glücklich heilen als es mir bei diesen gelang denn sie
hauptsächlich sind es deren Kur mir Sabatier überlassen hat Wie froh bin ich
dass ich dich bis jetzt ruhig in deiner trotzigen Lage erhalten konnte Ein
einziger Blick deiner Augen neben der Querlinie auf der sie hinstarrten würde
dir schon von weitem das Ziel der Belehrung die ich dir aufhob entdeckt und
ihre gute Wirkung und deine Epigramme geschwächt haben Jetzt blicke nur ohne
dich weiter zu schämen an diese hohen Birken hinauf Gibt es wohl in
Charlottenburg ihres gleichen Siehe mit welcher Pracht unsere immer grünende
Eiche sich hier ausbreitet Wie reich würde sich euer König dünken wenn ein
solcher Fremdling seinen Park verschönerte Sättige dein Auge an unserem
Besenreisig an dem gelb blühenden Geniste das als eine Seltenheit in euren
Gewächshäusern gepflegt wird bade dich in dem Aushauche unserer würzhaften
Kräuter und gestehe  ich verlange keine andere Genugtuung   dass euer
Wonnemonat nicht reizender sein kann als unser Hornung«  Es hätte mir die
hartnäckigste Vorliebe meiner Heimat so fest in dem Herzen sitzen müssen als
einem Lappländer wenn ich nur ein Wort gegen die offenen Beweise und die
billige Forderung meines Freundes hätte vorbringen wollen Seitdem ich Atem
schöpfe hat mich von allen den Maitagen die ich in Deutschland erlebte keiner
in ein solches Wohlbehagen versetzt als die gegenwärtige Stunde Das konnte ich
ihm mit Wahrheit sagen Es war seit meiner Krankheit der erste Ausflug ins
Grüne und die Sinnlichkeit hatte ein desto leichteres Spiel da die Saiten die
sie rührte frisch aufgezogen und zur Freude gestimmt waren In dem sultanischen
Gefühle eines mühelosen Genusses lag ich in dem schaukelnden Phaëton freute
mich der wohlriechenden Bogengewölbe über mir und des begleitenden Gesangs der
Vögel wovon ich bei dem gehemmten Trabe der Pferde keine Note verlor Wie ein
kraftvoller Jüngling dem ein langes frohes Leben vorliegt sich am Ausgange
desselben seinen nebligen Grabhügel als eine Ruhebank denkt die seiner Ermüdung
wartet so blickte auch ich auf den geraden breiten Weg hin der sich durch den
unabsehlichen Wald zog  dachte mir an dessen Ende die enge heiße Bastide meines
Freundes zwar nicht als einen Lustort aber als eine Schlafstäte die mir desto
erträglicher vorkam je später ich sie zu erreichen hoffte War es also nicht
Schade dass dieses wollüstige Hingeben meiner selbst diese auf Genuss und
Zeitgewinn gezogene fröhliche Rechnung durch eine Grille des Marquis gestört
wurde zu der ich mir noch dazu vorwerfen musste ihm die erste Veranlassung
gegeben zu haben
    Er befahl seinem Kutscher zu halten blickte mir in meine sanft
hinsterbenden Augen und nötigte mich doch unter folgendem Gespräche aus dem
Wagen  »Guter Wilhelm wenn ich dich so über der Natur brüten sehe sollte es
mir beinahe leid tun dich von deinem behaglichen Neste aufzuscheuchen«  »Wie
so lieber Marquis«  »Ja nun hier müssen wir uns auf die Füße machen und
einen andern Weg suchen«  »Einen andern Weg Wohin denn«  »Nach meiner
Bastide Du denkst doch wohl nicht dass sie am Ende der großen Allee liegt Das
wäre der Rede noch einmal wert«  »Das  bester Mann  habe ich wirklich
geglaubt«  »Nun so hattest du dich wieder einmal in dein Vaterland verflogen
Ein Schlag von Sommerhäusern wie die unsern und eine prächtige Deutsche Allee
zum Zugange würde gut passen«  »Aber ums Himmels willen wie kommt man denn
zu deiner Bastide«  »Eigentlich lieber Freund auf der Chaussee die wir
halben Weges verlassen haben kürzer aber um vieles wenn wir uns hier
seitwärts so gut es gehen will durch das Gebüsch helfen Es kommt auf eine
böse Viertelstunde an so treffen wir auf einen verlassenen Steinbruch hinter
welchem meine kleine Besitzung liegt Ich habe ihn kürzlich dazu gekauft ihn
vollends durchbrechen lassen und mir dadurch einen weit nähern Eingang
verschafft der nur einige äußere Verzierung bedarf um als etwas Rechtes in die
Augen zu fallen Da sind mir nun eine Menge Plane durch den Kopf gegangen ohne
dass ich noch mit mir einig geworden bin  Du kamst mir wie gerufen Dein
Ausspruch soll entscheiden Das beschloss ich gestern vor dem Hause des
Italienischen Baumeisters bei dem du in der Lehre gewesen bist legte deswegen
Beschlag auf dich und deine Talente und rechnete auf deine Vergebung wenn ich
dich mit dieser Spazierfahrt überlistete trotz der Alzire die dich beinahe mir
abwendig gemacht hätte Du siehst dass ich meine eigennützigen Absichten gar
nicht beschönigen will Wie leicht könnte ich sie sonst hinter deine Nachkur
verstecken In Rücksicht dieser müsstest du mir noch danken dass ich dein welkes
Gesicht an die Sonne gebracht habe«  »Hol der Henker seine kahlen
Entschuldigungen« murmelte ich in den Bart »die machen weder seinen Antrag
noch den Gang besser Meine Talente Das ist eine triftige Ursache Ihretwegen
konnten wir sitzen bleiben« Und so stieg ich aus
    Es ist doch in Wahrheit eine Verlegenheit wie es nur eine gibt wenn man
durch unverdientes Zutrauen anderer zu unsern bessern Einsichten sich mit seiner
Ignoranz aus einem schönen gebahnten auf einen so holprigen verwachsenen Weg
gedrängt sieht als der war den wir jetzt einschlugen  um am Ende eines
ermüdenden Gangs oder einer verlorenen Lehrstunde seinem Gönner dazutun dass er
sich in der Wahl unser geirrt habe Mit hundert Dingen in der Welt bin ich in
dergleichen Gedränge gekommen aber mit der Baukunst widerfuhr es mir heute zum
erstenmal Bei allem dem fehlte es mir am Entschlusse meiner falschen Scham
herzhaft entgegen zu treten mich aufs Maul zu schlagen und mir durch ehrlichen
Widerruf einen Ausweg zu bahnen Das wäre unstreitig das klügste gewesen aber
es fiel mir nicht bei und um so viel weniger als mich schon jede unerwartete
Aufforderung so aus der Fassung bringt dass ich mich immer auf das verkehrteste
dabei benehme Wenn ich ja etwas ähnliches von Jean Jacques habe so besteht es
darin Fragt man doch wohl bei mir zehnmal umsonst nach Dingen die ich im
Schubsack trage geschweige bei solchen die man gütigst voraussetzt Geht
jemand zum Beispiel in der Gesellschaft  und wie oft geschieht das nicht auf
mich los »Sagen Sie mir doch mein Herr  Sie als ein Litterator als ein
Dichter als ein Hofmann müssen ja das am besten wissen « so weiß ich es
gewiss nicht und wenn es das Einmal Eins wäre
    So betroffen dass ich mich nicht besinnen konnte schlich ich denn auch hier
dem Marquis nach ritzte mich in allerlei Dornen lernte alle Gattungen von
Kletten und Nesseln der Provence kennen und nach manchen Fehltritten die mich
aufhielten sah ich denn endlich auch an dem unförmlichen Steinbruche der die
Mitte einer Gebirgkette einnahm die nach allen Seiten hin die Gegend sperrte
jene schwere Aufgabe liegen die ich zu lösen beschieden war  »Nun was meinst
du« fragte der Marquis und blickte mir forschend in die Augen die ich
geschwind in Ordnung gebracht hatte und dann den Felsen so listig nachdenkend
anstarrte wie dieser und jener eine Skizze von Raphael Da stand ich nun wie am
Pranger und brachte nach einer ängstlichen Weile doch nur ein paar abgebrochene
Worte hervor  Ob ich wirklich die Ausrottung des nahen Gesträuchs zur
Gewinnung eines Vorplatzes und die Erweiterung des Berggangs in Vorschlag
brachte lasse ich dahin gestellt sein es war wenigstens der Sinn den
SaintSauveur meiner verworrenen Rede unterschob und mit seinem Beifall beehrte
Er hätte mir jede andere Meinung andichten können ich würde sie in der
Verlegenheit für die meinige erkannt haben  »Wenn diese notwendige
Vorkehrung« fuhr ich nun schon mit festerer Stimme fort »getroffen ist würde
ich das Portal mit zwei Toskanischen oder lieber noch Korintischen Säulen
verzieren und oben darüber eine Marmortafel mit einer passenden Inschrift aus
dem Virgil oder Horaz setzen lassen O rus zum Beispiel quando the adspiciam
oder so etwas dergleichen«  »Das lässt sich hören« sagte mein Freund »nur
will ich dich bitten lieber Wilhelm wenn wir ins Haus kommen mir deine Idee
durch eine kleine Handzeichnung deutlicher zu machen denn aufrichtig zu
gestehen weiß ich nicht einmal wie sich die Toskanische Säulenordnung von der
Korintischen unterscheidet«  Unter uns Eduard war das eben auch mein Fall
 »Ich bin« fiel ich ihm ins Wort »in architektonischen Zeichnungen seit
einigen Jahren ganz aus der Übung«  »Nun gut« erwiderte er »so tue mir
nur den Gefallen deinem Italienischen Lehrmeister den Riss anzugeben wenn wir
wieder in die Stadt kommen Einstweilen lass uns auf jenem bemoosten Stein
ausruhen und uns über dieses Gebirge hinweg in dein prächtiges Sanssouci
zaubern Ich sitze oft Stunden lang in meinem beschränkten Gärtchen und weiß
mir es in Gedanken durch die malerischen Aussichten zu erweitern die mir vor
neun Jahren dein Vaterland öffnete«
    Der gute SaintSauveur Er hätte mir zur Erholung von meinen Baugeschäften
nichts dienlicheres bieten können Ich ward Dir auf einmal so beredt und
anmasslich als ich mich kurz vorher verlegen und gedemütigt gefühlt hatte und
auch Er  ohne des Schaustücks seiner Birkenallee weiter zu erwähnen  irrte
gutmütig und heiter mit mir durch alle die niedlichen Sandgänge die
labyrintisch unsere Berlinischen Lustgärten durchschlängeln die sanfte Luft
die uns umwehte war ihm nur ein Vehikel jener aromatischen Düfte die unser
Tiergarten seinen jüngeren Wangen zuspielte und die er damals nicht sinnlicher
in sich ziehen konnte als er sie jetzt durch die Organe der Erinnerung einsog
Ach wäre sie nicht diese gutmütige Begleiterin auf unsern Wanderschaften so
würde das längste Leben wenn es einmal hinter uns liegt nur ein verlornes
Geschenk und nicht viel besser als das Leben einer Mücke  eingeschränkt auf
einen einzigen Tag sein  »Ein schöner wahrer Gedanke« sagte der Marquis als
ich ihm solchen mitteilte »Er soll uns wie der Faden der Ariadne durch den
dunkeln Irrgang meines Vorgebirges leiten Folge mir nur beherzt lieber
Wilhelm und werde nicht misslaunig über die hundert bösen Schritte die du etwa
noch bis zu meinem Sopha zu tun hast«
    Ich ergriff geschwind den Rockzipfel meines Führers um seine Spur nicht zu
verlieren und tappte ihm nun unsicher wie in der Nacht durch die kühle
Bergkluft nach die so im Finsteren fortlief dass ich den Ausgang für noch sehr
entfernt hielt als auf einmal  Gott im Himmel wie ward mir zu Mute  eine
Tür vor mir aufsprang und mir  welch ein Übergang von Blindheit zum Licht 
ein Tal  ein unübersehbares und so entzückendes Tal öffnete dass mein äußerer
Mensch durch die heftige Bewegung in die mein innerer bei diesem unnennbaren
überraschenden Anblicke verfiel wie gelähmt davor stand und mein Puls einige
Sekunden stockte ehe sich meine gen Himmel strebenden Hände erheben und ein
Strom von empfindsamen Tränen dem gepressten Herzen Luft machen konnte Ich habe
dich oft freundlich schön und groß gesehen mannigfaltige Natur habe dich in
der Pracht deines Schmuckes bewundert den dir deine Freunde und aus dem
Flitterstaate gehoben den deine Feinde dir anlegten aber noch nie hattest du
dich mir in deiner höchsten Herrlichkeit  nie zur Anbetung deines unermesslichen
Schöpfers in so unwiderstehlich anlockenden Reizen offenbart als an diesem
glücklichen Abende Was faselte ich vorhin von Nachschmack des Vergangenen von
der Erinnerung eines Lebens das hinter uns liegt Mein Vaterland die Stadt
meiner Geburt samt den jugendlichen Freuden die ich jemals genoss  alles war
jetzt aus meinem Bewusstsein verschwunden Ich fühlte nur das Gegenwärtige und
war ausschließend glücklich in ihm
    Bin ich denn der erste Reisende der hierher kam da ich mich keines
erinnere der dieses Elysiums der Provence gedacht hat Sollte sich denn nie
einer diesen Anblick wie ich ihn genoss erkauft erstohlen oder erschlichen
haben um ihn mit Farben oder mit Worten zu malen Nein Eduard der Glückliche
allein vermag es der ihn wie ich als ein Geschenk aus der Hand der
erfindungsreichen Freundschaft und als ihre geheimste höchste Gunstbezeigung
erhält  wenn anders die Verzweiflung über die Unzulänglichkeit menschlicher
Sprache die auch in meinen Adern kocht ihm erlaubt diesen reinen Abdruck des
Himmels zu schildern Nur ein Mann der aus der Fülle der Natur ihre rührendsten
Stunden zu heben und aus ihren flüchtig hinduftenden Tageszeiten die
Balsamteile aufzufassen versteht die am wirksamsten sind die Quetschungen der
Seele zu lindern  nur ein Weiser der die Sehnen und Fasern des menschlichen
Herzens oft und mit Glück entwickelt und die Einbildungskraft bis in ihre
feinsten Blutgänge zergliedert hat  nur der edle SaintSauveur der diesen
Solitair von Felsen sein nennt hat zu dem dahinter liegenden Heiligtum allein
den Schlüssel Man muss sein Freund sein um auf den Standpunkt dieses magischen
Lichtes zu gelangen in welchem von allen Bewohnern dieses herrlichen Tals er
allein nur es zu zeigen im Stande ist Kein menschliches Auge es schweife und
schwebe wo und über was es will kann mehr Reize auf einmal umfassen als das
meine in dem Augenblicke da ich wie von der Erde in den Himmel gehoben aus
dem Felsen trat
    Die Scheibe der Sonne als wäre sie allein für dieses Tal geschaffen hing
zu ihrem Untergange geneigt gerade vor mir Ein breiter schäumender in die
Tiefe stürzender Wasserfall schien ihr anzuhängen und die letzten Goldmassen
ihrer heutigen Spende zu übernehmen um sie in flimmernden Körnern über das
Abendbrot dieser glücklichen Talbewohner zu streuen Die Spitzen der hohen
Berge Träger des blauen Baldachins der über der Königin schwebte röteten
sich in ihrem Abglanz und der Schimmer ihres Heimgangs flog zitternd über die
unzähligen Gärten und Lustäuser die sich von allen Seiten in den sanftesten
Abhang hinunter zogen Der mit ihrem wallenden Lichte überschwemmte Teppich
grünender Triften der sich so weit der Blick reichen konnte in dem Grunde
verbreitete warf mit den Gruppen ruhender Herden in seiner unglaublich
sanften Verschmelzung einen Wiederschein in die Höhe der selbst ein sterbendes
Auge noch würde erquickt haben Die meinigen  ach wie soll ich Dir das
Wohlbehagen versinnlichen in dem sie schwammen  Alle bessere Empfindungen
meiner Seele schienen sich gegen meine Sehnerven zu drängen und aus ihnen Dank
gegen Gott Freude des Lebens und Zufriedenheit mit der Welt zu saugen Wie
liebt wie ehrt man sein Selbst in solcher Stimmung Wie gereinigt fühlt sich
das Herz von allen verächtlichen Wünschen die es in so seligen Augenblicken
nicht einmal zu begreifen vermag O könnte ich den rauen schmalen Eingang
dieses Berges für mehrere Seelen zu einer so edelen Absicht benutzen als mein
trefflicher Freund durch ihn bei mir einzelnem Kranken erreicht hat Ich würde
seine dahinter ruhenden Geheimnisse durch ein vorgezognes Tuch so ganz
versperren wie sie es mir bis auf diesen Augenblick waren und würde euch
meine Freunde und Bekannten an einem Festtage auf einem Kreis von Rasenbänken
um das Amphiteater dieser Steinmasse versammeln euch die ihr Stunden lang in
euren Schauspielhäusern auf Bretern sitzt und dem Zeichen entgegen lauscht das
den Vorhang heben soll den ihr angähnt Ach wie wollte ich euch indem ich den
meinigen aufzöge durch den Hinblick in diese heiligen Hallen der verklärten
Natur erschüttern und wenn ich mich durch ihn stärker als es kein Bussprediger
kein Dichter vermag eurer Herzen bemeistert hätte euch auf demselben Wege den
das meinige nahm zurück in euch selbst in die Gegenden führen die ihr so
wenig besucht habt als diese  in die Tiefen wo noch manches Große Gute und
Edle ungeweckt schlummert Mit welchem Erstaunen würdet ihr bemerken wie die
beiden euch unbekannten Gebiete der natürlichen Zufriedenheit und des sittlichen
Gefühls die ihr durch Künsteleien getrennt habt zu einem und demselben Reiche
gehören Ihr würdet innigst gerührt mein großes Schauspiel verlassen würdet nur
Ekel an dem Prunk eurer Opern vorzüglich aber ein reines Herz durchdrungen von
der Wahrheit mit nach Hause nehmen die wir zwar alle eingestehen in dem
tollen Beginnen unseres Übermuts aber täglich und stündlich vergessen  dass
der Mensch mit allen Pfauenfedern seines Stolzes und seiner Talente nur ein
armseliger Stümper in seinen Nachahmungen und Schilderungen der unerreichbaren
Natur und ein undankbarer Schwächling gegen jenen fühlbaren und doch
unbekannten Werkmeister sei der die Sonne in seiner Gewalt hat und die Kräfte
des Universums leitet wohin er will Doch ist es nicht schon eine strafbare
Torheit das Staubkorn gegen den Unermesslichen zu wägen das er ohne zu achten
wohin es flog von dem Saume seines Kleides abblies  seines mit jenen Flittern
die wir Sonnensysteme Sterne und leuchtende Welten nennen besetzten ernsten
ewigen Kleides 
    Mein Freund durch das Mitgefühl meines Entzückens dessen Schöpfer er war
auf das innigste gerührt reichte mir stillschweigend die Hand um mich an dem
Bande der eingebrochenen Abendröte die wie ein Brautgürtel dieses Tal der
Freude umschlang in seine Wohnung zu führen Ich sah mich noch einmal nach dem
Felsen um und fand hier am rechten Orte den Plan der Verzierung mit der ich
die Gegenseite zu verkrüppeln gedachte einfacher und edler ausgeführt als ich
ihn entwarf Hier war der aus einem dunkeln Haine hervortretende Teil des
Gebirges mit einem Portale bekleidet das an den Janustempel erinnerte der von
Numa erbaut nur in einem Durchgange bestand Seine Pforte die von dieser
Friedensseite nie geöffnet wird schließt sich nur von innen armen Flüchtlingen
auf die von äußern oder innern Stürmen aufgeschreckt Wildnis und Einsamkeit
suchen Von dem Ungefähr und ihrem Missmut bis vor diesen Felsen getrieben
zittern sie scheu und gescheucht durch die Dunkelheit dieses Schlupfwinkels und
fallen  statt in einen Abgrund den sie in ihrem Ingrimm wünschen und fürchten
 fallen sie  ach wie sanft  in die umschlingenden Arme der liebenden und
tröstenden Natur In diesem Sinne hat SaintSauveur schon vor mir manchen
durch das Gaukelspiel der Welt verdrehten Kopf manches kranke Herz das seiner
Besserung wert war hierher verlockt und durch einen Blick in dies Tal und
dies Sonnenbad geheilt Nie ist wohl eine romantische Anlage glücklicher
ausgeführt und zu einem edleren Zwecke benutzt worden als diese
    Mein Freund hatte nicht nötig und seine Gutmütigkeit ließ es auch nicht
zu mich an meine Korintischen oder Toskanischen Säulen zu erinnern ich
schämte mich schon selbst genug alles dessen was ich seit gestern und heute
Unwahres und Anmassliches über Talente und Lehrmeister Bastiden und Baukunst
vorgebracht und besonders der Kennermiene mit der ich im Widerspruch meines
Bewusstseins gegen den Marquis groß getan hatte In dem Schlage jeder
Nachtigall auf jedem Schritte den ich tat fand ich meine verdiente
Bestrafung Unter hohen Akazienbäumen die in diesem mit Bergen umzäunten Tale
wie in einem Treibhause schon Schatten gaben und blühten gelangten wir in die
Wohnung meines lieben Begleiters und traten in einen Saal der selbst in seinen
reichen Verzierungen das warme Herz des Besitzers und seinen unverdorbenen
Geschmack verriet Rührende Gemälde der größten Meister sprachen hier zum Auge
mich zog aber noch zu sehr das mit meiner Seele verschmolzene Bild der Natur von
allem ab was Menschenwerk war Ein Blick bald durch dieses bald durch jenes
Fenster suchte noch einen Reiz von ihr hinter dem Florkleide zu erhaschen das
der Abend über sie herwarf bis die verdickte Dämmerung sie ganz meinen Augen
entzog die Vorhänge an den Fenstern herab fielen ein duftendes Mahl meinen
Hunger weckte und mich überzeugte dass ich noch nicht so ganz zu den
äterischen Geistern gehöre als mir mein beseligtes Herz gern weiß gemacht
hätte
    »Iss nicht so hastig  trink mit Bedacht von diesem Wein  er reift auf jenen
vergoldeten Bergen« wiederholte mein Freund mehrmalen Ich sah ihn lächelnd an
glaubte ihm zu folgen aber Schwärmerei trat immer meinem Vorsatz in den Weg
Ich aß und trank wie ein Verliebter und antwortete verkehrt auf alles was
nicht Bezug auf das Wunder hatte das mir vorschwebte  »Ich sehe wohl« sagte
endlich der Marquis »ich bewirte dich nicht wie es dein Taumel verlangt So
lass uns denn von ihr sprechen die sich durch einen Blick aller deiner Kräfte
bemeistert hat O du kennst die Göttliche noch nicht in ihrer größten Schönheit
Morgen  ist der Mensch nicht glücklich der das zu einem andern Sterblichen
sagen kann  morgen will ich dir ein Schauspiel geben das einen Gottesläugner
bekehren würde  Du hast wohl als ein wahrer Berliner gar nicht daran
gedacht dass die Sonne auch aufgeht«  »Ja Freund« rief ich und klatschte in
die Hände »das Schauspiel sollst du mir geben«  »Ehe wir nach Toulon
aufbrechen« fuhr er fort   »Ach das abscheuliche Toulon« fiel ich ihm in
die Rede »was sehe ich an seinen Bastionen Galeeren und seinem Arsenal Ich
bitte dich lass mich hier lieber SaintSauveur«  »Ich glaube« sagte der
Marquis lächelnd »die Bewunderung der Natur könnte dich wie das Gebet einen
Mönch bis zur Untätigkeit entzücken Sie tut es schon jetzt Du schwärmst von
ihr und vernachlässigst sie denkst nicht daran sie in ihrem Nachtputze zu
überfallen und ihrem Busen noch einen Liebeskuss aufzudrücken ehe sie
einschläft«  Ungeachtet meiner dichterischen Stimmung verstand ich den Marquis
nicht ganz bis der Wink eines Bedienten ihn von seinem Stuhl aufjagte der
Vorhang aufflog und er mich in der schauerlich festlichen Minute an das Fenster
stellte wo der volle Mond in dem reinsten Ergusse seines Schimmers zwischen
zwei Bergen herauf stieg
    Wie vorhängend in dem dunkelblauen Gewölbe gleich einer aus Topas
geschliffenen Lampe blickte nicht dieser glänzende Körper als ob er in der
heutigen Nacht jede andere neben ihm spielende Welt von seiner Umarmung
ausschlösse auf seine kleine freundliche Talschöne herunter die wie
abgesondert von dem übrigen Erdballe zitternd ihre verstecktesten Reize seinem
liebkosenden Lichte zu enthüllen schien  Das Säuseln des Abendwindes in den
jungen Sprösslingen Blättern und Blüten das dem Geräusch der Küsse dem
Lispeln der Liebe glich und der Einklang des Wasserfalls in der Ferne  alles
was ich sah hörte und ahndete traf einen Berührungspunkt in meinem der Natur
geheiligten Herzen Mit gefalteten Händen blickte ich in dieses nächtliche Fest
Ich konnte mich ungestört in Betrachtungen versenken denn mein Freund der
neben mir stand schonte schweigend meine zarten Empfindungen Der Mond hatte
schon viele Meilengrade seines Bogens durchlaufen  noch stand ich da und sah
ihm nach und maß ihn und lächelte ihm zu Endlich riss ich mich los  »Was für
ein glücklicher Mann bist du« wendete ich mich gegen meinen Freund mit
schwacher Stimme drückte ihm die Hand und folgte der Kerze die mir in mein
Schlafzimmer leuchtete
    Ich war so vertieft in meine Mondsscene dass ich den jungen Menschen der
mich bediente nicht eher gewahr ward als bis er mir meine Halbstiefeln auszog
die zwar von dem Dornenwege durch den sie mir heute halfen hier und da
zerkratzt übrigens aber so wenig beschmutzt waren dass selbst unser reinlicher
Freund Jean Paul keiner noch so weißen Chemise würde gewehrt haben sich ihnen zu
nähern Ehe ich den Bedienten entließ bat ich ihn mich morgen ja vor Aufgang
der Sonne zu wecken  »Dafür sorgen Sie nicht« antwortete er »unser ganzes
Haus ist alsdann munter vom Grössten bis zum Kleinsten So oft wir in dies Tal
kommen versäumt gewiss keiner von uns fünfen die stets um den Herrn sind
diesen rührenden Anblick Wir waren armselige Menschen ehe wir in seine Dienste
traten  Trunkenbolde und Spieler besonders der Kutscher der ein Thüringer
ist Einer nach dem andern wurde von seiner Untugend geheilt Ich war  ich
gestehe es zu meiner Schande  ein verlorner Wollüstling aber kaum drei Tage
hatte ich in diesem Paradiese gelebt dreimal nur die Sonne aufgehen sehen als
mir die Schuppen von den Augen fielen ohne dass ich sonst etwas dagegen
gebraucht hätte«  Ich schob meine Nachtmütze etwas ungläubig zurechte 
»Trauen Sie meiner Erfahrung« erwiderte er mir nahm meine Halbstiefeln unter
den Arm und wünschte mir eine ruhige Nacht Wäre es möglich dachte ich zuletzt
noch im Bette dass diese solarische Kur bei Klärchen anschlüge Vielleicht
Sobald nur kein Domherr mit ihr an das Fenster tritt
 
                                    Fußnoten
1 Ciceronis Somnium Scipionis
2 S Brants Narrenschiff
3 Er stiftete ein Hospital für Narren  und starb selbst als einer
4 Wer Verstand hat der überlege die Zahl des Tieres denn es ist eines
Menschen Zahl und seine Zahl ist 666 Offenbar Johannis Kap 13 V 18
5 Viverra Ichneumon Linn
 
                                    Toulon
                                                In der Nacht den 19ten Februar
Ich hörte SaintSauveurs Stimme schon im Saale bei meinem Erwachen sprang
gestärkt von meinem Lager auf und eilte zu ihm Die Nacht war im Scheiden als
ich eintrat Eine kühle Luft drang auf mich ein als ich das Fenster öffnete
und verstärkte den Schauer den der Mensch wie die unbelebte Natur in der Nähe
der Beglückung empfindet Desto willkommner war mir das warme Getränk das man
mir reichte Noch dauerte es einige Pulsschläge ehe die ersten Vorläufer des
Tags den Himmel begrüßten Einzelne Vögel zwitscherten ihnen entgegen  Als aber
der Saum des Horizonts sich mit einem Bande umzog das mit Rubinen  armselige
Vergleichung  gestickt schien bereiteten sich schon tausend singende Stimmen
blökende Kehlen seufzende und betende Herzen zu dem Einklange in den großen
Choral zur Zustimmung in den allgemeinen Dank vor und als der erste kleine
Bogen des Zirkels über den silbernen Wasserfall blinkte und als er schon so
feurige Strahlen ausspie um dem geblendeten Auge für die folgenden Hinblicke
bange zu machen in denen er höher immer brennender höher trat und als sich
nun zwischen dem Einschnitte des Gebirgs die ganze große flammende Rundung
unaufhaltsam in das blaue Weltmeer des Aeters stürzte  da erwachte alles da
dankten jauchzten bebten ihr alle Organe der Schöpfung entgegen Ein Kind
weint bei einem heftigen Schalle  Erstaunen lässt seine Augen trocken Der Mann
von Gefühl staunt empfindet und weint Keine andere Sprache hatten wir jetzt
ich und mein Freund
    Die Vergoldung des Tals war vollendet  vollendet in seiner ganzen Pracht
Lasurgrün umzitterte Blätter und Bäume ihre Schäfte waren Gold die Dächer
sprühten Funken die Fenster flimmerten das Gewölbe über ihnen allen glühte
und meine Brust hob sich unter den Schlägen des überwältigten Herzens Jetzt
drangen von den Hügeln die Schalmeien der Hirten in mein Ohr Die Melodie ihres
Baskischen Gesangs die Andacht ihrer Morgenlieder ergriff mich und ich teilte
nun den Reichtum meiner von den myriadenfältigen Schönheiten überschwängerten
Blicke und warf so viele ich deren von den Gegenständen meiner Bewunderung
loszureißen vermochte auf das freundschaftliche Wesen in mir das jeden
Tautropfen der äußern Sinne mit dürstendem Verlangen auffing und zu einer
Schnur für die Ewigkeit an einander reihte Seines edelen Geschäftes bewusst
würde es jeden unächten Blendling der ihm zugeflossen wäre erkannt und
verachtend weit von sich geworfen haben  den Stolz mit allen seinen Kronen und
Zeptern den Neid den Menschenhass und die Rachsucht  Die Schmeicheleien der
Wollust glitten von ihm ab wie Fliegen von einer polirten Stahlfläche Ohne
Gehör für die Stimme der Sirenen ohne Augen für ihre Reize ohne Gefühl für den
Druck ihrer Hände beantwortete es ihre zugeworfenen Küsse mit Ekel Zu reich
für das Almosen verrufener Münze zu groß für gemeine Freuden schwamm es in
reinem Schwanengefieder weit von der schlammigen Erde leicht vertrauend und
froh dem Throne des Unerforschlichen zu Seine Empfindungen waren Gebete und
der Drang seiner Wünsche war sich mitzuteilen und wohlzutun
    O du holder Vertrauter meines heutigen Entzückens schöner schlanker süß
träumender Genius den der Zufall mit einer irdischen Hülle bekleidet hat die
seiner nicht wert ist könntest du erscheinen wie ich dich ahnde und einst
die Unsterblichkeit dich ausmalen und aufstellen wird der Tyrann würde
abstehen sein Schwert die Verleumdung den Dolch ihrer Zunge gegen dich zu
wetzen  der Geiz würde dir seine Schätze anbieten und der Fürstenstolz selbst
vor deiner Hoheit sich bücken Möge nie ein stinkender Nebel aus den Sümpfen der
Welt mir die Würde deiner Schönheit verstecken nie ein unreiner Hauch deine
himmlische Klarheit verdunkeln und jede Perle die du in dem Oceane der
verflossenen Stunde geschöpft hast sich in dem Hauptschmucke deiner Ewigkeit
wiederfinden
    Wenn Schwärmerei Vergebung verdient so ist es die für die Tugend und an
einem so heilig romantischen Morgen als mein heutiger war Ach das hässliche
Toulon Der Wagen meines Freundes hielt am Ende seines Parks Seine Rosse
schnauften und stampften und wieherten im Gefühl ihres Muts Und ich musste dich
verlassen Tal der Unschuld und Freude dich Sonne über ihm  Ach mir war
als könnte nur Finsternis hinter den Bergen liegen Ich blickte noch einmal
wonnetrunken in ihr heiliges Antlitz und breitete meine Arme aus als wollte
ich den ganzen Weltkreis an mein liebendes Herz drücken  ich blickte noch
einmal zu ihr hinauf und unwillkürlich entschwebte der harmonische Ausruf
meinen Lippen
Staub der zu Gott empor gedrungen
Am Fußtritt seines Trones glimmt
und so bot ich meinem freundlichen Geleiter die Hand stieg hastigen Schritts
aus seinem Tempel durch den Park in den Phaëton Hier fasste er stillschweigend
die Zügel überließ mich ungestört der oberen Region und sorgte nur dass wir in
der unteren nicht aus dem Gleise kämen Indem wir über den Steinweg flogen
ergriff ich meine Harfe und stimmte mit allen Saiten in den Psalm ein der seit
den zwei Noten mit denen ich anschlug in mir forttönte  Jetzt waren die
Beweise meiner Genesung vollständig die Natur hatte den letzten beigebracht
denn sie hatte mein Dichtergefühl wieder erweckt Mein Herz schwoll meine
dunkeln Empfindungen bildeten sich zu harmonischen Worten äterisches Feuer
erhellte den Blick den ich dankend gen Himmel schlug eine singende Lerche
stieg und funkelte mit ihm zugleich in die Höhe und mein Lied begann
Staub der zu Gott empor gedrungen
Am Fußtritt seines Trones glimmt
Ziel meines Psalms im Chor gesungen
Das jubelnd dich umschlungen
In deinem Äther schwimmt
Seit du der leeren Nacht entsunken
Dein stolzes Licht von Ihm geholt
Sah es in dem Gewühl der Funken
Die durch den Luftraum prunken
Schon manchen Stern verkohlt
Nur deinem Urgestirn veraltet
Kein Reiz Mit gleicher Kraft beflammt
Treibt es sein großes Rad entfaltet
Die Zeiten und verwaltet
Wie sonst sein Mittleramt
Und lenken aller Erden Psalmen
Gleich nicht den Ausfluss deines Strahls
Doch überkleidest du die Palmen
Des Atos wie die Halmen
Des rauhsten Schweizertals
Hat nicht ein Geist aus dir geboren
Der Liebe Freudenquell gewürzt
Der aus den Urnen aller Horen
Verteilt  doch unverloren
In alle Wesen stürzt
Juwel in des Erschaffers Kranze
Und erstes Wunder seines Hauchs
Du leitest schmückst vereinst das Ganze 
Eins fehlt nur deinem Glanze 
Bewusstsein des Gebrauchs
So viel dir Kraft ward doch entquellen
Dir Triebe nie die warm und rein
Die Brust des edelen Mannes schwellen
Freund seiner Mitgesellen
Am Bau der Welt zu sein
Du stehst im größten Wirkungskreise
Als Sklave der im Joche prangt 
Beherrscher seiner kurzen Reise
Durchs Leben dringt der Weise
Wohin sein Herz verlangt
Er wägt sein Dasein nur nach Taten
Nach Pfunden die sein Geist erringt
Froh wenn der Hoffnung seiner Saaten
Auch nur ein Keim geraten
Der in die Zukunft dringt
Sei größer noch Um deine Würde
Vertauscht selbst auf dem Weg ins Grab
Der Staubbewohner einer Hürde
Nicht seines Lebens Bürde
Nicht seinen Wanderstab
Denn bald zu höheren Geistesproben
Entrückt den Prüfungen der Zeit
Schwingt ihn die Hand die dich erhoben
Von diesem niederen Globen
In die Unsterblichkeit
Durch diesen heitern Blick ins Freie
Verliert im Nebel meiner Bahn
Sich keine Stunde mir  ich weihe
Dem Ausgang sie und reihe
Sie meiner Zukunft an
Dasswenn ich einst zu höheren Sphären
Auf deinem Lichtweg übergeh
Der Fruchtstaub vieler guter Ähren
Noch in dem Tal der Zähren
Um meinen Hügel weh
    Als meine Harfe verklungen war und mein begeisterter Blick aus seiner Höhe
zurück auf die Erde fiel hätte ich gern meine abgestimmten Saiten aufs neue
gespannt wäre ich nicht zu erschöpft gewesen um mich mit Hilfe ihrer Harmonie
eben so vogelleicht über den rauen Weg zu schwingen der in einem Zusammenhange
von Felsenstücken und Bergklüften vor mir lag als sie mich unvermerkt über
seine erste Hälfte gebracht hatte Es ärgerte mich dass mein Führer das stolze
Gefühl meiner Schwungkraft durch eine Bemerkung zu necken suchte die ziemlich
spöttisch heraus kam  »Ich sehe dir an« sagte er »dass du mit deinem Ausfluge
in das Reich der Ideen nicht übel zufrieden bist Ich wünsche dir Glück dazu
nur dünkt mir du hättest besser getan ihn auf den schicklichern Zeitpunkt
aufzuschieben in den wir jetzt eintreten Erst hier wo leider der Weg äußerst
schlecht zu werden anfängt hätte auch deine Verzückung anheben sollen Hier
würdest du so viel dabei gewinnen als du auf dem eben zurück gelegten dadurch
verloren hast Ich kann dir da ich dich jetzt nicht störe wohl sagen dass es
einer der angenehmsten ist den ich kenne nicht nur die ungleich bessere Hälfte
des Ganzen sondern an romantischen Aussichten und lachenden Gegenständen fast
so reich als das Tal meiner Bastide Alle diese freundlichen Winke der Natur
sind dir während deiner Unterhaltung mit der Sonne entschlüpft  Es ist«
fuhr er mit einem philosophischen Seitenblicke fort »nur zu oft der Fall bei
euch sublimen Leuten dass ihr eure geistigen und leiblichen Gelüste nicht
haushälterisch genug gegen einander abzuwägen und nach dem jedesmaligen
Stundenbedürfnisse zu verteilen versteht Ein gen Himmel geschlagenes Auge
nimmt offenbar eine falsche Richtung wenn fröhliche Kinder farbige Blumen
unter ihm spielen und sprossen oder menschliches Elend um seinen teilnehmenden
Blick bettelt So lange Milton noch sehen konnte überließ er sich allen
sinnlichen Freuden des irdischen Paradieses seiner Heimat und dachte nicht
eher daran sich eins zu dichten und seinen Verlust zu besingen als bis ihm
seine Blindheit keinen andern Zeitvertreib zuließ Auch euer Kleist wie mir
seine Freunde erzählt haben sog mit tierischem Wohlbehagen jeden Balsamtropfen
des Frühlings ein so lange er dauerte Erst in den rauen Wintertagen
wiederkäute und malte er ihn Die Dichtkunst wie jede Schwelgerei des Geistes,
sollte dem Weltbürger zu keiner andern als zur Zeit der Entbehrung unter dem
Drucke des Müssiggangs oder wenn sonst irgend ein Zufall seine äußern Sinne
gelähmt hat zur Krücke dienen«  Bei meiner dichterischen Erhitzung die mir
noch im Blute lag musste mich ein so kalter gemeiner Ausdruck notwendig
verschnupfen doch fehlte mir in diesem Augenblicke die Stimme nur ein Wort
dagegen vorzubringen so sehr wurde ich durch einen jähen Abgrund erschreckt an
dem wir nahe vorbei schwebten Ich schmiegte mich so lange dieser furchtbare
Anblick dauerte mit klopfendem Herzen an den Marquis und erst als wir hinter
Aubogne in einen Hohlweg lenkten kam ich wieder zur Sprache  »Du hast mich
mit deiner vorigen Äußerung« wendete ich mich nun zu ihm »ganz in Erstaunen
gesetzt lieber SaintSauveur weil ich sie dir am wenigsten zutraute Ich habe
immer die Entwickelung großer Gedanken durch Philosophie oder Dichtkunst jenes
Nachspüren unserer feinen Empfindungen jenes Brüten über uns selbst und alles
was du Krücken des Müssiggangs zu nennen beliebst für die nützlichste
Beschäftigung für die edelste Bestimmung des Menschen gehalten und ich kann
meine wichtigen Zweifel gegen deine Behauptung «  »Nicht leicht« fiel mir
der Marquis in das Wort »unter einem stärkeren Widerspruch von Umständen
vortragen als so kurz nach dem Schrecken den du gehabt hast Müssig und dem
Schicksale überlassen wie du neben mir da sitzest und zitterst was könnte ich
dir besseres für deine Beruhigung empfehlen als eben die Krücke die auf jenem
gebahnten Wege dir ganz entbehrlich war Wie hinderlich hingegen müsste sie nicht
einem in Tätigkeit gesetzten Manne werden der wie ich zum Beispiele
unvernünftige Geschöpfe vor sich ihr Lenkseil in Händen einer Menge Gefahren
auszuweichen mit Einem Worte statt in dem Empyreo auf der Erde zu tun hat«
 »Du hast vollkommen Recht« antwortete ich unter Zittern und Beben denn in
der Hitze des Streits  wie dankte ich Gott dass er in einem Hohlwege vorfiel 
hob und schwenkte mein Opponent seine Peitsche Es war nur ein Luftstreich eine
von den unwillkührlichen Bewegungen die wohl einem Redner entwischen können
der Eindruck zu machen sucht aber selbst mit dem scharfsinnigsten Vorbedachte
würde er schwerlich vermocht haben zur Unterstützung seines Satzes einen
kräftigern Beweis aufzutreiben als diesen Hieb in den Wind denn seine vier
Schweissfüchse verstanden diese Redefigur unrecht bäumten sich schlugen über
die Stränge und wollten sich lange nicht besänftigen lassen Ich verlangte es
weiter nicht bewiesen zu haben dass Philosophen so gut wie Dichter bedenkliche
Führer und in Vorfällen des täglichen Lebens nicht halb so viel wert sind als
ein besonnener Mann Aber  mein Gott  dachte ich so vor mich hin  warum fährt
doch der liebe Marquis selber und lässt seinen Kutscher hintenauf stehen der
doch sicherlich den Müßiggang nicht zu benutzen weiß den er ihm lässt
    Unter diesem Selbstgespräche das ich so oft wiederholte als der Wagen
schief ging erkletterten wir endlich die Höhe eines steilen Berges von der
sogleich unser leichtes Fuhrwerk über Stock und Stein in den Kessel einer
russigen Stadt rollte die man Ollioules nennt Hier wo wir einige Stunden
anhielten nahm ich die Gelegenheit wahr mich heimlich von dem Marquis weg in
den Stall zu meinem Landsmanne zu stehlen  nicht so wohl um sein Deutsch als
seine Meinung über die Stattaftigkeit meiner Besorgnis an der Seite meines
vornehmen Führers zu hören Nachdem er meine freundliche Ansprache höflich
beantwortet mir seine Pferde von den Zähnen an bis zum Schweife wortreich wie
ein Rosstäuscher gerühmt und mir im Verfolg seiner Dienstgeschäfte alle die
Wagen nach ihren verschiedenen Benennungen an den Fingern hergezählt hatte die
außer dem Phaëton noch unter seinem Hauptschlüssel ständen dachte ich ich
müsste mich doch auch zeigen Ich fing also damit an meinem Schulfreunde Ovid
die Trauergeschichte des jungen Waghalses der unserm heutigen Fuhrwerke den
Namen gegeben sehr gelehrt nachzuerzählen und so kam ich denn ganz natürlich
wie Du selbst siehst auf den Hauptknoten  »Ich bin zwar nicht furchtsam«
sagte ich »doch muss ich gestehen dass ich mich sehr ungern von jemanden fahren
lasse dessen Beruf es nicht ist Es bleibt immer zumal bei schlechtem Wege
ein Wagstück«  »Das lässt Sie Gott reden« versetzte der Thüringer und klopfte
mich auf die Achsel »Was deines Amts nicht ist sagt das Sprichwort lass deinen
Vorwitz Wer denkt dass ich Gefallen an so einer Fahrerei habe betrügt sich Es
geht einem ehrlichen Kutscher der das Seinige gelernt hat bitter ein wenn er
von hinten her zusehen soll wie vorn alles der Kreuz und der Quere geht Die
Regierungskunst   in dem Sinne wie ichs nehme  fliegt niemanden an er mag
so vornehm sein als er will Er muss sie aus dem Fundamente gelernt muss den
Blick frei Ehre im Leibe Augen im Kopfe haben und ein handfester Kerl sein
Ich sage immer Der Stein weicht nicht aus du musst ihm ausweichen und wer sich
in die Gefahr begibt der kommt darin um Mit meinem gnädigen Herrn wagt man
zwar weniger als mit andern seines Gleichen Er versteht sich so ziemlich auf
die Pferde und sehen Sie ich spanne ihm keins vor das nicht auf den Wink
gehorcht und so geht es denn toll genug so lange er nur nicht mit der Peitsche
vagirt wie vorhin denn das können nun einmal meine Füchse nicht leiden Da war
ich aber noch als ein junger Kerl in Franken bei einem  Gott vergebe mir
die Sünde  fürstlichen Marstall angestellt Die Gespanne waren gut und brav
das muss ich sagen und der Kutscher  doch Eigenlob stinkt Mein damaliger
Herr aber glaubte in seinem Dünkel das Handwerk das mir manchen saueren
Schweißtropfen gekostet hatte wäre ihm angeboren und verstand doch wenn ich
hinten auf der verteufelten Perutsche stand nicht einmal meinen Zuruf Es war
zum Wälzen Nicht zehn Schritte konnte er fahren so waren auch schon die Zügel
verwickelt Nun verlor er den Kopf  nun legte er sie statt mir das Wort zu
gönnen in die Hände seiner Frau Gemahlin die ihm nie von der Seite wich Die
wirrte sie nun dass Gott erbarm so aus einander dass mir grün und gehl vor den
Augen ward denn nun wusste gewiss weder das Handpferd noch das Sattelpferd
welchen Strang es anziehen sollte und doch sollte unser eins Acht geben dass
die Räder im Gleise blieben Der Teufel hätte das gekonnt und ich nicht Wenn
ich hotte schrie lenkten sie wüste Rief ich Vorgesehen Ihre Durchlaucht es
kommt ein Graben so waren die Vorderpferde schon drin denn es ging rasch
müssen Sie wissen Blieben nun die gnädigsten Herrschaften mit der Axe hängen
oder kippten um so gaben sie es nicht ihrer Ungeschicklichkeit mit allem
Respekt gesprochen  sondern lieber dem Kutscher und den Pferden Schuld zogen
jenem an Lohn diesen an Hafer ab weil der eine zu dumm die andern zu mutig
wären Wie das ewige Umwerfen endlich dem Wagen bekam das können Sie Sich
vorstellen Alles ward morsch brach und zerriss Nun trommelte man Sattler und
Wagner die nicht bezahlt wurden zusammen um das Zerbrochene zu flicken und
das Geflickte zu lakiren Deswegen hielt es nicht eine Minute länger als Wurm
und Rost wollten Um es kurz zu machen da das hohe Ehepaar trotz der täglichen
Erfahrung sich weder raten noch warnen ließ und ich mich vor den fremden
Kutschern die von dieser Stallwirtschaft hörten und davon einige mit mir
zugleich in der Lehre gestanden hatten zu schämen anfing legte ich eines
schönen Morgens meine Striegel und Peitsche vor das Schlosstor machte mich mit
meinem Schnurrbart aus dem Staube und so viel ich weiß liegt Perutsche und
Staatswagen noch heutiges Tages in der Reparatur Wie es mir nachher erging ist
auch drollig  Das lassen Sie Sich noch erzählen «  »Auf ein andermal«
unterbrach ich ungern den treuherzigen Schwätzer aber ich durfte mich doch
länger nicht vor meinem Freunde versteckt halten der schon ein paarmal nach mir
gerufen hatte
    Er erwartete mich an einer runden Tafel die mit einem Schinken zwischen
zwei Weingläsern besetzt wie ein Stillleben von de Herem aussah Der Hunger
würzte indes die mäßige Kost und ich setzte mich eine Stunde nachher gesättigt
und um vieles beruhigter zu meinem Führer in den Phaëton Der Kutscher war mein
Freund geworden die Pferde waren erfrischt und gegen den Weg war nichts
einzuwenden Sobald wir auf die Höhe kamen sah ich Toulon mit seinen Türmen
und Wällen hinter einem Haine von Oelbäumen hervorschimmern Die Straße zog
sich wie der Gang in einem Englischen Garten sanft durch ihre Beschattung
hindurch die Strahlen der Sonne brachen sich an ihren Zweigen und die schönen
Aussichten nahmen an Mannigfaltigkeit wie mein Herz an Frohsinn zu je näher
wir der Stadt kamen Desto mehr befremdete mich die Stille des Marquis und der
Ernst den ich auf seinem sonst so heitern Gesichte bemerkte und ich weiß mir
es auch jetzt noch durch nichts zu erklären als durch die mir unbekannten
Geschäfte die ihn nötigten sein schönes Tal diesen Morgen und diesen Abend
seinen Freund mit dem Rücken anzusehen denn sobald wir in dem silbernen Anker
abgestiegen waren kleidete er sich nur um übergab mich dem Wirte und ließ
mich in einer großen Stube allein
    Ob wohl dachte ich indem er sich eiligst mit dem Wunsche einer guten Nacht
von mir entfernte die Langeweile in der er dich da in einem fremden Hause
sitzen lässt auch zu deiner Nachkur gehören soll und tat durch den Sinn dieser
Frage wohl niemanden mehr Unrecht als mir selbst Bin ich denn nicht Philosoph
bin ich nicht Dichter empfindsam im höchsten Grade und mir selbst
Gesellschafter genug Das kann vielleicht wahr diese Hilfsmittel können auch
vortrefflich sein davon ist die Rede nicht nur kann man sie wie ich das heute
schon einmal erfahren habe meistens nicht so geschwind herbeischaffen als man
ihrer benötigt ist Was aber ein Deutscher zu allen Zeiten bei der Hand hat
ist die fruchtbare Mutter so vieler Raritäten und Sammlungen ist die Neigung
der Seele die man Liebhaberei nennt Wenn er diese zu befriedigen Gelegenheit
findet ist er an jedem Orte geborgen Sie macht in unserm NationalCharakter
unstreitig einen Hauptzug aus der ob er schon den kultivirten Klassen anderer
Völker nicht ganz fehlt doch bei ihnen ungleich oberflächlicher und lange
nicht so ausgebreitet ist als bei uns Wer kann die Spur dieses Naturtriebes in
unsern Kabinetten und Bibliotheken verkennen Ohne bloß bei dem ersten Endzwecke
der Anhäufung litterarischer und artistischer Schätze stehen zu bleiben hat der
Deutsche gewiss immer noch ein Lieblingsfach nebenbei Hier ist das gemeine
Nützliche oft den unbrauchbarsten Dingen untergeordnet sobald sie nur ein
Zeichen des idealischen Werts an sich tragen den ihnen der Sammler beilegt
Daher sucht der eine vorzüglich alte Drucke der andere nicht sowohl
Meisterstücke des Grabstichels als Blätter die sich manchmal nur dadurch rar
gemacht haben weil sie bei ihrer ersten Erscheinung nicht geachtet oder zu
Pfefferdüten verbraucht wurden Wird nicht oft das Bildnis eines Feldherrn
Arztes und Fürsten das sich aus angeführter Ursache verlor teurer bezahlt
als sein ganzer Nachruhm wert ist nicht des schönen Stichs sondern der
Vollständigkeit der Sammlung wegen in der es eine Lücke ausfüllen soll Nur ein
Deutscher kann auf den Einfall kommen Bibliotecam Donquichottianam anzulegen
und mit der mühseligsten und kostbarsten Beharrlichkeit die Bücher die der
Autor des Romans dem Museo seines Ritters andichtete wirklich in ein Kabinet zu
vereinigen1 Nur die Festigkeit Geduld und Zeit eines Deutschen konnte
hinreichen den umfassenden Plan auszuführen nicht allein ein grundgelehrtes
neun Bände starkes Werk eigenhändig zu schreiben und ihm zu Gefallen eine
eigene Druckerei in seinem Hause zu errichten sondern um es sogleich zu dem
seltensten aller Bücher und Druckschriften zu erheben der Zeit durch den
listigen Ausweg zuvorzukommen dass er nur ein einziges Exemplar davon abziehen
ließ2 Ich will zwar nicht leugnen dass dieser schöne heimische Aufbewahrungs
und Erhaltungstrieb wenn er nicht auf ein festes Gehirn trifft leicht in die
fixe Idee eines Wahnsinnigen ausarten kann aber genug er mag sich zeigen wie
er will dass er da ist das Herz seines Besitzers füllt und erwärmt und ihn
wie die Tugend auf allen seinen Wegen begleitet Kein Städtchen ist so klein
das nicht mehr als einen Spiessbürger einschliesst der mit dem Scharfblick einer
Spinne auf Beute lauert die in das Gewebe seiner Liebhaberei taugt und Du
wirst selten ein Putzzimmer wohlhabender Handwerker ohne einen Glas und
Karitätenschrank antreffen auf dem Platze wo in andern Ländern ein Schlafstuhl
oder sonst ein brauchbares Möbel steht Wer an MünzMuschel und Steinkabinetten
keine Freude findet setzt an ihre Stelle Sammlungen von Pfeifenköpfen Siegeln
Visitenbillets oder Reliquien Ich will keiner  sie mag bestehen aus was sie
will  ihren Nutzen absprechen aber Du kennst die meinige Eduard und ich
frage Dich auf Dein Gewissen ob es wohl viele gibt die ihr an Merkwürdigkeit
gleich kommen Jedes einzelne Stück derselben ist ein Exemplar unicum ein
Autographum und um so viel mehr der Aufbewahrung wert weil es oft die opera
omnia eines berühmten Mannes oder doch eine momentane Empfindung desselben
autentisch und diplomatisch darlegt und zuweilen selbst wichtige historische
Zweifel auflöst Dass mir eine solche Kollektion am Herzen liegt ist mir wohl
nicht zu verdenken
    Als ich in Berlin zum Tore heraus fuhr schwebte mir Gott weiß kein
anderes Bild lebhafter vor der Seele als sie und von allen den seltenen
Gegenständen mit denen ich hoffte auf meiner Reise bekannt zu werden waren es
die beschriebenen Fensterscheiben die mir am meisten in die Augen blinkten
Auch Du mein guter Eduard  um es nur ehrlich zu bekennen  würdest nicht so
leichtes Spiel gehabt haben mich aus meiner hypochondrischen Lage zu bringen
wenn nicht ins geheim meine Liebhaberei Deine beredten Vorstellungen unterstützt
hätte So wenig ein junger Botanist ohne die Ahnung unbekannte Pflanzen mit
nach Hause zu bringen sich in Wildnisse wagen würde die oft kein menschlicher
Fuß noch betreten hat so wenig würde auch ich ohne die höchste
Wahrscheinlichkeit meine Sammlung sehr ansehnlich zu bereichern von der Stelle
gewichen sein Jetzt kann ichs sagen da meine heimlichen Wünsche über alle
Erwartung gelungen sind
    Um nur bei meinem heutigen glücklichen Fund stehen zu bleiben so war ich
noch keine zwei Minuten allein in der Stube als meine spionirenden Blicke ihren
Gang und die Urkunden der Fensterscheiben in Untersuchung nahmen Ich musste
erst eine Menge unbedeutender Maximen elender oder schmutziger und mit einem
Demant in das Glas eingegrabener Verse durchlaufen ehe ich in dem wehmütigen
Eheu fugaces Postume Postume des Horaz auf Worte traf die mich fest hielten
Was mir aber die Scheibe erst lieb und meiner Sammlung würdig machte war die
Unterschrift Sie erregte alle meine Empfänglichkeit zauberte mich in
vergangene glückliche Zeiten und in den Zirkel meiner würdigsten Freunde Johann
George Sulzer stand darunter Toulon den 31 Oktober 1775  Meine Augen
feuchteten sich an als sie diesen geliebten Namen diese bekannte Handschrift
eines verlorenen Freundes erblickten und ihnen mit der Übersicht des bemerkten
Jahres und Tages zugleich die folgenden wenigen vorschwebten die wie ein
kleiner ermüdeter Nachtrupp hinter den schnell voraus gelaufenen herschlichen
 »Guter Mensch« stand ich vor diesem zerbrechlichen Monumente drückte mir
gerührt meine eigenen Hände und seufzte »Ach du glaubtest damals noch nicht
deine Forderungen an das Leben schon so weit abgetragen und den Abschluss deiner
Rechnung so nahe ob du gleich mit dem bangen Vorgefühl eines Zwiefalters der
durch die Annäherung seiner Auflösung gedrückt noch einmal seine schlaffen
verschossenen Flügel in den Sonnenstrahlen auszudehnen versucht dem warmen
Äther dieses Landes zuschwebtest  Aber welche Luft ist balsamisch genug den
durch den Wurm des Todes benagten Lebenskeim wieder in Saft zu setzen  O wer
hätte dir nicht gern noch länger den Genuss des königlichen Geschenks deiner
kleinen Spreeinsel gegönnt in deren duftendem Bezirke dir deine und der Natur
Freunde so willkommen waren und wo du  indem meine frohe Erinnerung seine
freundlichen Anlagen durchstrich  unter den Gesträuchen des Auslandes nur nicht
den Giftbaum hättest aufnehmen sollen der sich über Gebühr ausbreitete und so
weit um sich wurzelte dass deine geheime Sorge vor Unglück mit jedem Frühlinge
zunahm Ich sehe dich noch mit welcher ängstlichen Güte du die unerfahrnen
Kleinen abwehrtest wenn sie unter dem Schatten seiner glänzenden Blätter ihren
Spielplatz suchten Aber du ehrlicher Schweizer hattest ihn in der
Unbefangenheit eines Naturforschers in der Herzenseinfalt gepflanzt mit
welcher der gutmütige Träumer Lafontaine seine schlüpfrigen Erzählungen und 
wie weit können uns nicht unsre zufälligen Gedanken verschlagen  und ich noch
im vergangenen Monate mein Tagebuch schrieb Gott sei Dank dass die gefährlichen
Auswüchse desselben in der Asche liegen Doch ich muss mich von dir los reißen
liebe Scheibe damit ich nicht die Zeit verschwatze die mir zum Auftrocknen
einer bessern Lebenspflanze in meinem heutigen Tage für das Herbarium vivum
meines Eduards nötig ist  und damit du auch nicht mich zu einer so moralischen
Betrachtung verleitest als die von Swift über einen Besenstiel«  Ich rufte
jetzt nur noch den Wirt herein und fragte ihn ob er sich wohl des Mannes noch
erinnere der jenen Tag dieses Zimmer bewohnt habe  »Warten Sie einen
Augenblick« ich darf nur mein Kontobuch nachschlagen  Hier habe ich das
Blatt Ach mein Herr von diesem flüchtigen Passagier lässt sich nicht viel
sagen Es ist nicht der Mühe wert was er in den paar Stunden verzehrt hat die
er hier war Ich habe von seinem Gekritzel auf meiner Glastafel nichts gemerkt
sonst hätte ich sie ihm gewiss angerechnet denn Sie müssen wissen dass ich allen
den schreibsüchtigen Herren die um ihren Namen glänzen zu sehen meine
Scheiben verdunkeln eine verhältnissmässige Abgabe für künftige neue mit in
Rechnung bringe«  »Das finde ich nicht mehr als billig« antwortete ich »und
damit Sie auf keine Weise zu kurz kommen übernehme ich den schuldig gebliebenen
Beitrag meines Landsmannes und das verdorbene Glas für ein neues auf meine
Kosten«  Der Wirt  klug wie ein Professor  da er an der angefüllten Scheibe
nichts mehr gewinnen konnte war froh eine tabula rasa an ihrer Stelle zu sehen
Ich war es nicht weniger und da kein Hanwerker geschwinder zu haben ist als ein
Glaser so sah ich mich schon nach zehn Minuten im Besitz des ganzen
Namenregisters aus welchem gemeinen Wuste ich die Handschrift unsers Freundes
in Form eines Oktavblatts behutsam heraus schneiden ließ Es ist die
vierhundert und ein und dreissigste Nummer meiner Sammlung die neune
mitgerechnet die ich   da sehe man nur Ich möchte mich aufs Maul schlagen 
die ich Dir verheimlichen wollte bis ich sie zu Berlin meinen herbei strömenden
Freunden  Dich als den neugierigsten an ihrer Spitze  zur Schau vorlegen
und mich mit eigenen leiblichen Augen an euer aller Erstaunen ergetzen könnte
Ist denn aber ein Mensch der von den Gegenständen seiner Liebhaberei spricht
Herr seiner Worte Was kann ich nun tun als fortplaudern Du würdest es sonst
gewaltig übel oder ich müsste einen andern Bogen und mich besser in Acht nehmen
Beides wäre der Mühe nicht wert Erfahre denn meinetwegen die ganze
weitläuftige Geschichte
    Ich war als ich durch Paris ging noch keine Stunde daselbst als der Wirt
de quatre nations es schon weg hatte zu welcher ich gehörte und seinen
Zuschnitt danach machte Er fing von weitem an von dem Charakter und dem
Kunsttriebe der Deutschen und ihren mancherlei Kabinetten zu sprechen und da
ließ ich mich denn nicht lange bitten ihm das meinige zu beschreiben hatte
aber Mühe ihm zuvor den Einfluss meiner gläsernen Urkunden auf Politik
Historie Chronologie und Kenntnis des menschlichen Herzens begreiflich zu
machen ehe er den Nutzen einer solchen Sammlung einsah Mit seiner Überzeugung
erwachte auch der Französische Diensteifer Nachdenkend nahm er eine Prise Tabak
um die andere schlug dann die Dose mit dem Versprechen zu sogleich Stube für
Stube seine Fenster in Betrachtung zu ziehen Es war nicht ganz umsonst Der
gute Mann brachte mir bald nachher die Handschriften dreier merkwürdigen
Reisenden die vormals hier eingekehrt waren auf eben so viel wohl erhaltenen
Scheiben Schade nur dass ich keine verstehe denn außer dem Namen eines
Türkischen Gesandten auf der einen enthält die andere wie es mir vorkommt das
Russische Einmal Eins oder sonst eine Rechnung von Peter dem Großen und die
dritte ein Motto aus den Hetären des Lucian von der Hand der Königin Christine
 Das war doch gewiss schon ein ganz artiger Erfolg meines Geplauders aber für
gar nichts gegen den Gewinn der folgenden Stunde zu rechnen denn da trat der
Wirt zum zweitenmale mit einem andern freundlichen Manne und den Worten in mein
Zimmer »Gestehen Sie mein Herr dass mein Schild mich nicht umsonst auffordert
jeden Passagier nach seiner Landesart zu bedienen Hier stelle ich Ihnen einen
meiner Hausfreunde vor dem eine Fundgrube für Ihr Kabinet offen steht als sich
wohl keine mehr so ergiebig in der Welt finden möchte denn noch hat niemand
gewagt sich ihr mit seiner Wünschelrute zu nähern oder nur den Verstand
gehabt den Schatzgräber zu benutzen der Ihnen hier seine Dienste anbietet«
»Und wer um Vergebung ist dieser gütige Herr« fragte ich  Beide nahmen
einander das Wort aus dem Munde  »Der Glaser aus der Bastille« 
    Wie sehr gleicht doch der Eindruck unerwarteter Freude dem heftigsten
Schrecken Die Wichtigkeit dieser Bekanntschaft trat mir auf das anschaulichste
vor die Seele und ob mir wohl mein Vorteil immerfort zuflüsterte meine innern
Bewegungen zu verbergen so zitterte ich doch an allen Gliedern als er zu
seiner Beglaubigung eine Schachtel hervor zog und mir sechs kleine runde
Scheiben in die Hand legte die vor Alter in die Farben des Regenbogens
spielten und deren ich nicht viele von gleicher Seltenheit besitze Ich hätte
sie mir für keinen Preis entgehen lassen und erhielt sie  ich schäme mich es
zu sagen wie wohlfeil Was aber diesem Handel erst die Krone aufsetzte und mich
unendlich beglückt ist ein Kontrakt von den erstaunlichsten Folgen den er auf
die billigsten Bedingungen mit mir einging unterschrieb und besiegelte Ich
habe schwerlich je einen klügern abgeschlossen den  wenn Du willst  komischen
Anstrich abgerechnet den er unvermerkt von der guten Laune annahm mit der ich
ihn zu Papier brachte denn meine Zufriedenheit während dieser glücklichen
Verhandlung war so ausschweifend lebhaft dasswenn Heinrich der Vierte als er
Paris belagerte den Kommendanten der Bastille durch Bestechung gewonnen hätte
die seinige nicht größer hätte sein können Und ist es denn zu verwundern
Überlege nur selbst Eduard der Mann der den stillen Herzensergiessungen so
merkwürdiger Menschen als wofür Staatsgefangene überall gelten näher auf der
Spur ist als kein andrer  dem jeder geheime Wunsch den diese Unglücklichen
gebären und gleich Findelkindern auf diesen zerbrechlichen Fahrzeugen
aussetzen über lang oder kurz in die Hände läuft  der selbst so oft er will
über diejenigen die dem Strudel der Zeit entrannen sein Strandrecht ausüben
kann  dieser Mann sage ich steht bei mir als Kabinetsminister in Eid und
Pflicht  ein Titel den ich ihm im umgekehrten Verhältnisse gegen manche
Fürsten die ihn austeilen ernsthafter beilegte als er ihn annahm Wie der
gemeinste Glaser bedachte er nur bescheiden sein Handwerk ich hingegen
würdigte ihn nach seinem gewaltigen Einflusse auf mein Kabinet und konnte in
dieser Beziehung ihn nicht genug ehren Denn welch eine Ausbeute wird seine
fleißige Hand nicht aus jenem bis jetzt unbenutzten Schachte der dort seit
Jahrhunderten verhaltenen Klagestimmen zu Tage fördern Welches Licht wird nicht
mein glänzendes Museum über jene politischen Todesgewölbe verbreiten Nicht nur
die armen Eingesperrten werden durch Wegräumung der alten verblichenen
Glasscherben heller sehen sondern auch unsre blinden Geschichtsschreiber die
über den Seelenzustand eines Staatsverbrechers über seine Empfindungen in der
Einsamkeit des Gefängnisses selten so viel zu sagen wissen als solch eine
Fensterscheibe Wäre es in der Mitternachtsstunde die mir über den Hals
gekommen ist ich weiß nicht wie für den Spaß nicht zu spät einen Katalogue
raisonné von diesen biographischen Bruchstücken zu fertigen deren jedes sein
eigenes Blatt verdient so würdest Du in den freien bitteren und großen
Gedanken mit welchen hier ein Montmorency ein Retz Richelieu Fouquet und
Voltaire ihren gepressten Herzen Luft schafften schon erstaunenswürdige Belege
meiner Angabe finden Und doch sind selbst diese Denkmäler der Vorzeit für
nichts in Vergleichung einer fast unglaublichen Urkunde zu achten die in einer
wenn ich nicht irre aus den Menechmen des Plautus genommenen Zeile das größte
Geheimnis der vergangenen Zeit enthüllt mit der Unterschrift statt des Namens
Vultus tyranni Diese zwei mystischen Worte dieser schlau gewählte Spruch des
Dichters zusammen gehalten mit der unbefangenen Aussage des Glasers der diesen
höchst merkwürdigen historischen Splitter aus dem Fenster eines seit hundert
Jahren leer gelassenen Gefängnisses in das ihm ein Schlossenwetter verhalf
genommen hat verwandeln meine erstaunende Vermutung in eine Gewissheit vor der
jeder Geschichtsforscher seine Knie beugen sollte Sie zeigen unwidersprechlich
dass sie nur von einem verheimlichten Menschen verstossenen Bruder vernichteten
Fürsten und von keinem andern als der Masque de fer herrühren können und
vermutlich auf der Oberfläche der Erde der einzige Nachlass dieses unbekannten
Gefangenen sind Was für Feste erwarten Dich Eduard wenn ich diese Schätze
einmal vor Deinen Augen auspacken wenn ich künftig bei jeder ankommenden
Pariser Post Deinen Beistand anrufen werde die eingelaufenen Dokumente zu
ordnen und zu schichten Wie mag sich nicht schon ihr Ertrag während meiner
Reise angehäuft haben den meine Gott gebe glückliche Zurückkunft sogleich
flott machen wird denn das war die letzte Verabredung mit meinem Minister
Seitdem ist kein Tag vergangen wo ich nicht die Masse meines zunehmenden
Reichtums mit kindischer Freude berechnet mich nach dem Stapelorte wo er
anlanden wird zurück gesehnt und vor den schönen Mahagonischrank hingeträumt
hätte der ihn aufnehmen soll  Allerliebst Da verplaudere ich nun schon
wieder einen Umstand den ich Dir bis jetzt höflich versteckt hielt  den wahren
Grund nämlich meines Heimwehs Keine Vorwürfe lieber Eduard Freundschaft und
Patriotism haben viele anziehende Kräfte aber  was wollen wir es leugnen 
Liebhaberei hat deren noch mehr
    Als einen notwendigen Nachsatz zu meiner Geschichte muss ich Dir doch noch
sagen dass sobald ich mich mit meiner Überlegung allein sah ich die
rechtliche Gültigkeit meines Traktats in genauere Untersuchung nahm denn das
fällt einem Sammler immer am letzten ein Sie lief indessen ab wie ich wünschte
Mein Kabinetsminister steht zwar bereits als Glaser in königlichen Pflichten da
ihm aber herkömmlich  ein Wort das wohl ganz andere Abweichungen entschuldigt
 alle und jede alte Scheiben ohne Ausnahme sobald er nur neue an deren Stelle
einzieht eigentümlich zufallen so dürfte sich wohl unter allen Dienern des
Staats schwerlich Einer noch finden der die Nebenvorteile seines Amts mit so
gutem Gewissen rechtfertigen könnte als er und da mir ohnehin diese Abfälle der
Bastille mein bares Geld kosten so ging ich damals so ruhig und zufrieden mit
mir zu Bette  als heute
                                                             Den 20sten Februar
Das schauderhafteste Gemälde von Breugeln dem Kabinetsmaler der Hölle kann
kein so auffallendes Gegenstück zu einem KlaudeLorrain dessen Pinsel in die
Sonne getaucht scheint abgeben als mein heutiger Morgen zu meinem gestrigen
SaintSauveur der wie ich es erst dadurch erfuhr als ein vertrauter Freund
des Intendanten bei ihm einkehrt so oft er hierher kommt trat früh in mein
Zimmer brachte mir eine Einladung von ihm für den Mittag und zu meinem
Zeitvertreibe für den Morgen seine schriftliche Erlaubnis das Arsenal zu
besehen Ich legte den Zettel neben mir auf das Kaffeebret mit aller der
Gleichgültigkeit die ich für solchen militärischen Prunk habe die aber dafür
den Brigadier desto mehr verschnupfte  »Ich sehe wohl« sagte er empfindlich
»du erkennst den Vorzug nicht wie du solltest den dir dies Einlassbillet vor so
vielen tausend durchreisenden gelehrten Wanderern verschafft die vergebens
danach angeln Du musst wissen dass Herr von Saintaignan es selbst meinen Bitten
nicht eher zugestand als bis ich für dich gut sagte Warum rümpfst du die Nase
Glaubst du etwa dass unsere Zeughäuser so zugänglich sind als unsere Theater
und Kirchen O nichts weniger Dafür wirken sie aber auch mächtig auf unsere
Imagination wie alles Große das sich versteckt hält und der Glückliche dem
es vergönnt wird sie in der Nähe zu bewundern trägt für sein übriges Leben
einen auszeichnenden Glanz davon«  »Du sprichst« erwiderte ich »wie ein
Soldat ich aber denke wie ein Magister der lieber während seiner
Morgenbetrachtungen einer Liqueurbouteille in den Hals sieht als einer Kanone
und ungern der leidigen Neugier einen Mundbissen von seinem Frühstück
aufopfert«  »Kürze es heute immer ein wenig ab« versetzte der Marquis »und
hebe auch wenn ich dir raten darf deinen philosophischen Senf bis auf ein
andermal auf Die kritischen Betrachtungen eines Magisters über die Kriegskunst
ändern den Lauf der Welt nicht um ein Haar breit sie stören aber leicht den
guten Humor Davor musst du dich aber heute besonders in Acht nehmen denn die
Tafel des Kommendanten erwartet an dir einen munteren Gast und das schöne Korps
unserer Damen einen witzigen Gesellschafter Hier ist Stock und Hut Rühre dich
Wilhelm Der lahme Gefreite den ich dir zu deiner Begleitung mitgebracht habe
«  »Du also« unterbrach ich ihn »hast keine Lust«  »Meine Geschäfte«
zuckte er die Achseln »wollen mir es nicht erlauben Doch wirst du mich auch
nicht vermissen Ich habe dir einen gesprächigen und pünktlichen Mann
ausgesucht der selbst in dem Palaste wohnt wo er dich einführen soll der das
weitläuftige Inventarium davon unter seiner Kreide und Aufsicht und für keine
andern Merkwürdigkeiten der Welt einen Sinn hat Ich wünschte nur dein
Verlangen sie zu sehen wäre so groß als seine Freude sie dir zu zeigen«  Ich
fühlte ob ich meinen Beutel in der Tasche hätte  »O nicht etwa« widerlegte
der Marquis meinen Gedanken »als sei es ihm um ein gutes Trinkgeld zu tun Für
einen so gewöhnlichen Cicerone darfst du deinen Führer nicht halten Viel zu
stolz neben der königlichen Pension von einem andern einen Groschen anzunehmen
plaudert er sich heiser und schleppt sein gelähmtes Bein nach  echt
Französisch bloß zur Ehre seines Monarchen von dessen Bewunderung er voll ist
Ich will nicht zweifeln dass selbst ein Preuße dieses Gefühl mit ihm teilen
kann wenn er die Docke zum Schiffbau den Waffensaal die ungeheueren Vorräte
in den Magazinen an Tauen Ankern und Segeln die Werkstätte des Schreckens in
voller Arbeit das viele kostbare Geschütz und mehrere andere Wunder unsers
Arsenals zu Gesicht bekommt Es ist unmöglich hier nicht von dem höchsten
Erstaunen ergriffen und von der Größe eines Königs von Frankreich durchdrungen
zu werden Gönne immer deinem Begleiter dies Schauspiel deines erregten
Enthusiasmus zur Belohnung für seine angestrengten Flechsen Ein Französischer
Invalid verlangt keine andere  Ach ehe ich gehe noch ein Wort von unserer
morgenden Spazierfahrt nach Hieres  Diese müssen wir einstellen Wir sind zu
einem Schmause am Bord der Vengeance gebeten den die Seeofficiers zur
Einweihung dieses neuen Kriegsschiffs veranstalten Mich freut es dass so
manches Ungewöhnliche zusammen trifft um dir den Aufenthalt in Toulon
unvergesslich zu machen  Lebe wohl«  
    Der liebe Brigadier Ich verkenne zwar keineswegs seine guten Absichten
aber die Anordnung meines Zeitvertreibs versteht er nicht Mir will nun einmal
die große entusiastische Ehrfurcht für einen Monarchen wenn er sie mir nicht
wie unser Friedrich auf eine feinere Art abzulocken weiß als mit Kanonen und
Schiffen so wenig in den Kopf als mich witzige Einfälle reizen auf die man in
voraus bei mir Bestellung macht Und wie könnte ich mich vollends über den
Verlust der Hierischen Gewürzinseln trösten die mir ein Soldatengelag an einer
schwankenden Schiffstafel an die ich nicht denken darf ohne mich schon in
voraus seekrank zu fühlen so vor der Nase wegnimmt
    Nach einem solchen grillenhaften Selbstgespräch war es wohl nicht zu
erwarten dass ich mich den Anmassungen meines Führers geduldig preis geben würde
Auch trat ich ihm um seinem prahlenden Gewäsche in Zeiten vorzubeugen mit
Worten entgegen die zur ersten Ansprache wohl etwas freundlicher hätten sein
dürfen  »Hinken Sie nur ohne Bedenken und Komplimente vor mir her Herr
Unterofficier und lassen Sie mir Ihre Merkwürdigkeiten jetzt unbeschrieben Ich
bin für den Augenschein und auch mit dem hat es keine Eile«  So trollte ich
ihm mit meiner übelen Laune in den Hafen nach der im Vorbeigehen gesagt sehr
verschieden von dem reinen Wasserbecken zu Marseille sich einer feinen Nase
schon von weitem ankündigt Wie musste ich mein neugieriges Auge hüten als wir
dort ankamen um nicht mehr als einen flüchtigen Blick seitwärts zu tun aus
Furcht die prachtvolle Façade des Arsenals möchte meinen Entschluss vereiteln
und mir die Lobrede abzwingen auf die mein aufgeblasner Begleiter schon seine
Ohren gespitzt hielt Vielmehr drehte ich mich wie ein eigensinniges Kind
gerade der Seite zu die er am meisten bemüht war meiner Aufmerksamkeit zu
entziehen Dass doch ein vernünftiger Mann ohne eben boshaft zu sein sich den
albernen Spaß machen kann den Stolz eines andern zu necken  »Zu was« fragte
ich mit verstellter Neugier indem ich statt seinen schlauen Winken zu
gehorchen den stinkenden Behälter der königlichen Galeeren ins Auge fasste »zu
was dienen denn die langen schmalen Schiffchen die in diesem Sumpfe fest
liegen«  Zu Zuchtäusern für unsere Verbrecher war seine kurze Antwort 
»Hat sie wohl Howard besucht«  »Kann sein« erwiderte er »ich weiß es
nicht«  »Ich möchte wohl« äußerte ich im Widerspruche meiner Neigung den
Wunsch »mit Besichtigung ihrer den Anfang machen«  »Das möchten Sie«
spöttelte der Invalide »Viel Glück zur sentimentalischen Reise Mir aber werden
Sie vergönnen nicht mitzugehen sondern Ihre Zurückkunft dort zu erwarten wo
ich hingehöre«  Er kehrte mir nach dieser Erklärung den Rücken und hinkte dem
Portale des Zeughauses zu Und ich Gern hätte ich mein übereiltes Wort wieder
zurück genommen meine einfältige Laune stellte mir aber das Ding als eine
Ehrensache vor die ich gegen den Französischen Invaliden verfechten müsste
blieb in ihrer einmal genommenen Richtung und zog mich wider Willen mit sich
fort bis in die nächste Galeere
    Ich habe zwar schon manche öffentliche Anstalten für das gemeine Beste
gesehen die wenig Raum einnahmen aber noch keine wo der Platz so benutzt und
die Ersparnis alles Überflüssigen so sichtbar war als hier Ein schwankendes
Bret brachte mich zuerst in eine Kajütte wo ein alter Kapuziner zwischen einem
Kruzifix und einer Arzneischachtel die Rolle eines geistlichen und leiblichen
Arztes zugleich spielte und in seinen Bewegungen ohne angekettet zu sein
keinen größeren Zirkel beschreiben konnte als den ich jetzt durch meine
Dazwischenkunft ausfüllte Seine feurigen Augen die aus dem blassen verfallenen
Gesichte vorschimmerten wie glimmende Kohlen in einem Aschenhaufen sein
langer vor Alter gebleichter Bart der ihm bis auf den Gürtel in krausen Wellen
herab floss und die trübe gefällige Miene mit der er mir seinen hölzernen
Sessel einräumte machten schon einen starken Eindruck auf mein Gefühl als ich
aber von ihm vernahm dass er jung hierher versetzt auf diesem
Vereinigungspunkte der größten physischen und moralischen Herabwürdigungen des
Menschen grau geworden sei  als er einen Blick voll hoher Ergebung gen Himmel
schlug und mit rührender Stimme bekannte dass bloß der Gedanke an Gott und die
Unsterblichkeit ihn so lange aufrecht erhalten habe da beugte sich mein Geist
mit so tiefer Ehrerbietung als mir schwerlich je ein König durch den
Höllenglanz seiner Zeughäuser abnötigen wird freiwillig vor diesem edel
denkenden duldenden Greise Ich wusste meiner Milzsucht die mir doch allein das
wehmütige Vergnügen seiner Bekanntschaft verschafft hatte nicht freundlich
genug dafür zu danken Von keiner Kanzel keinem Katheder ist mir die
wundervollste aller Tugenden die Tugend der Aufopferung näher an das Herz
gelegt worden als an dieser mir heiligen Stäte Das erhabene Beispiel dieses
frommen Dulders  wie groß und unverdächtig es auch sein mochte  wurde jedoch 
o dass ich nur nicht zu voreilig entscheide  von einem vielleicht einzigen
übertroffen dessen zu erwähnen ihm der Verfolg seines Gesprächs Gelegenheit
gab Er blickte mir sanft lächelnd in die feuchten Augen  »Bemitleiden Sie
mich nicht zu sehr« sagte er »So lange mich noch jugendliche Wünsche
bestürmten ich die Sonne noch nicht vergessen konnte die mich in dem kleinen
Klostergärtchen beschien ich noch an den Lindenbaum dachte den ich dort
gepflanzt und gepflegt hatte und der jetzt einen Glücklichern als mich
beschattet  und ach so lange sich noch mein Herz nach der Stille der Ordnung
und der Reinlichkeit«  das Eduard sagte ein Kapuziner  »meines Klosters
zurück sehnte drängten sich freilich wohl manche Seufzer des Unmuts aus meiner
Brust doch nach und nach Gott sei gelobt bin ich meiner strafbaren Ungeduld
Herr geworden Die Zeit kam die uns kühl genug macht alle irdische Freuden so
nichtig und verächtlich zu finden als sie es in Rücksicht ihres geschwinden
Vorübergehens sind Die Zeit kam wo wir unsre schmeichelhaftesten Hoffnungen
unsere gelungensten Taten ungewiss anstaunen und nach einer redlichen
Untersuchung in denjenigen allein einen bleibenden Wert entdecken die uns mit
jener Welt in Verbindung setzen Sie kam und brachte mir Trost Ich habe sogar
in meinem traurigen Wirkungskreise Blumen der Freude aufwachsen sehen die so
herzstärkend keinem andern entspriessen Oft nur ein Trunk Wassers den ich einem
Verschmachtenden reichte ein kurzes Trostwort das einen Verzweifelnden
aufhielt erwarb mir das Zutrauen des Genesenen die Liebe des Getrösteten
erhob mich zu ihrem Wohltäter und machte mir den Posten lieb auf den mich die
Vorsehung gestellt hat Gewiss würde das Entsetzen ihrer Strafe viele getötet
haben die dem Kreise ihrer Freunde wieder gegeben jetzt frohe Tage genießen
hätten sie nicht gewusst dass am Eingange ihres Gefängnisses eine Seele noch
Teilnahme für sie empfände für sie betete und auf ihr standhaftes Bezeigen
Acht gäbe Dort«  indem er auf ein Paket deutete  »hebe ich Briefe auf wie
sie gewiss kein Roman rührender darlegen wird  ächte Urkunden des menschlichen
Herzens und sprechende Beweise dass an keinem zu verzweifeln ist so lange es
der Dankbarkeit noch Zugang verstattet Je unverdorbener desto empfänglicher
für diesen Naturtrieb  je mehr es verdient geliebt zu werden desto
gefühlvoller wird es sich erwidern Da habe ich unter meinen der Kette
entlassenen Korrespondenten besonders Einen der es immer noch nicht vergessen
kann dass ich um seine Freundschaft als um ein Almosen bettelte während er
nicht auf einer Prälaten sondern auf der Ruderbank saß  ein Mann mein Herr
den sonderbar genug kein Verbrechen vielmehr die Lauterkeit seiner hohen Seele
diesen Schrecknissen preis gab  der sich als Jüngling allen sinnlichen Freuden
entriss um die Strafe unserer strengen Gesetze für einen Schuldigen zu büßen
der  sein Vater war«  »Was« unterbrach ich den Mönch »sprechen Sie von dem
edelmütigen Faber aus Ganges Der hat auf dieser Galeere « und Tränen
verhinderten mich fortzusprechen  »Sie kennen also wie ich sehe einen Teil
seiner Geschichte«  »Nein lieber Pater« schluchzte ich »ich kenne sie ganz
und habe auch den rechtschaffenen Mann selbst gesehen und gesprochen«  »Ganz«
wiederholte der Mönch mein Wort »o dessen mein guter Herr werden Sie Sich
erst rühmen dürfen wenn Sie«  hier öffnete er die Tür nach dem Innern des
Schiffs  »von daher zurück kommen«  Mein Blick fuhr erschrocken über dies
Grab der Verzweiflung und der verpestete Luftstrom der mir entgegen stieß
versetzte mir den Atem Hätte Faber nicht Jahre lang hier gelitten ohne zu
murren ich wäre keinen Schritt weiter gegangen  Der gutmütige Alte wie er
mich dazu entschlossen sah ergriff meine Hand  »Ich will Sie zwar aus guten
Gründen von Ihrem Unternehmen nicht abhalten Sie scheinen jedoch für solch
eine Anstrengung des Körpers und Geistes kaum Kraft genug zu besitzen Hier
lieber junger Herr trinken Sie zuvor ein Glas Tinto der mit einem Liquor gegen
die Ansteckung versetzt ist und nun gehen Sie in Gottes Namen Diese Stunde der
Wehmut stärke alle Ihre übrigen Tage zur Geduld zum Erbarmen und zu einem
schuldlosen Leben«  Mir ward indem ich trank so bänglich zu Mute als
einem der durch das heilige Nachtmahl vorbereitet ein tödtliches Wagstück zu
bestehen im Begriff ist Was für ein Gang war das Eduard Ich mag noch so alt
werden ich vergesse ihn nie
    Sobald nur der hohle Schall meiner ersten Tritte auf das Zwischenverdeck des
Schiffs den unglücklichen Bewohnern desselben die Ankunft eines freien
Mitmenschen verriet bewillkommte mich ihr betäubendes Kettengerassel das sich
von einem Ende zum andern um die offene Seitenvertiefung herum zog die unter
mir ihre faulenden Körper bis an die Köpfe verbarg  und in dem Augenblicke
streckten sie solche wie Schildkröten aus ihren Schalen hervor Ich blieb vor
Schrecken gelähmt eine Weile wie die Bildsäule des Antonius der den Fröschen
predigt auf dem Fußboden stehen ehe ich Herz genug fassen konnte zwischen den
beiden Reihen dieser Gespenster durchzuschlüpfen  Ach welche tief gesunkene
Menschen Bei jedem Schritte der mich bei ihnen vorbei führte küssten sie mir
die Füße erhoben sie flehend um ein Almosen ihre gefesselten Hände und sahen
mit Augen voll Schwermut und Eifersucht mir auf dem folgenden nach den ich zu
dem Nachbar ihres Elends tat  Atemlos gelangte ich an das Ende dieser
schauderhaften Allee Hier lehnte ich meinen Rücken an die breterne Wand und
überblickte mit einem Herzen das immer höher schlug das ganze bewegliche
Grausen erregende Gemälde hörte in erschütterndem Einklange die Wehklagen
dieser lebendig Begrabenen aus ihrer gemeinschaftlichen Gruft zu mir herauf
steigen und erst nach einigen feierlichen Minuten die ich stillstehend der
schreckenvollsten Betrachtung weihte überwand ich die Angst vor meinem
Rückwege und fühlte mich selbst stark genug meiner Eile meiner Sehnsucht nach
freier Luft zu gebieten um  dem Elend das hier weilte noch einmal
bedächtlicher in das hohle Auge zu sehen und ohne mein blutendes Herz zu
schonen ihm die Dolche noch tiefer einzudrücken die es zerfleischten
    So gewiss auch von den beiden Gegenbildern  der menschlichen Würde und ihres
Verfalls  der Glanz des ersten eine so schwarze Unterlage entbehren kann so
dienlich kann uns doch ihr Wiederschein in den übermütigen Stunden werden wo
das Gefühl unsrer Kultur uns mehr beweist und uns höher setzt als es sollte
Denn wer von uns so behauptet Montaigne mit mehreren ehrlichen Rechtsgelehrten
und Sittenrichtern hat nicht Schritte getan die ihn gerade auf die Galeere
gebracht haben würden wären ihm nicht glückliche errettende Umstände noch zur
rechten Zeit in den Weg getreten  Diese und mehr andere Gedanken die wohl
noch spitziger ausfielen begleiteten mich über das Verdeck zurück und schienen
mir von jeder um mein Ohr klirrenden Kette einen Teil des Gewichts an die Füße
zu hängen Hätte ich mich in beschaulicher Musse auf der Dresdner Gallerie
befunden und bei Zinggs Talenten die Aufgabe zu lösen gehabt aus dem Licht und
Schatten der Gemälde ihren höheren oder niederen Wert zu berechnen meine
Schritte würden dort nicht schleichender nicht zögernder und der Aestetik
nicht angemessener haben sein können als sie es hier den geheimen Bewegungen
meines Herzens waren Auch glaube ich kaum Eduard dass meiner Aufmerksamkeit
nur ein Wort nur ein Zug von Bedeutung in den tragischen Reden in dem
konvulsivischen Geberdenspiel der armen Schächer entwischt ist die ich ohne
mich zu rühmen mit den Augen und Ohren eines Zentrichters belauschte
Ich sah wie hier das Joch der brüderlichen Strafen
Den steifen Hals der Eigenliebe bog
Wie mit der Armut und des Geizes Sklaven
Der Wollust Sklav an Einer Kette zog
Vom Kelch der Wehmut trunken reichte
Ich allen nun mein Geld und Ohr
Und schrecklich brach die allgemeine Beichte
Der Büssenden aus ihrer Bucht hervor
Der eine schrie »O Gott ich bleicht an deinem Meere
Mein Bisschen Salz in deinem Sonnenschein
Und Menschen strafen mich«  »Ich« fiel ein andrer ein
»Verbüss an Fesseln der Galeere
Die dreimal ungewisse Ehre
Von dreien Weibern Herr zu sein« 
Ein Dritter stolz auf die Kalotte
Die dem beschornen Haupte blieb3
Sprach ernst »Ich fühle mich vom Gotte
Der Musen inspirirt und schrieb 
Ich schrieb der Bücher viel und alle
Sind längst ins Deutsche übersetzt
Ich schrieb vom steigenden Verfalle
Des Staats ein Buch in Quart  da Freund hat mich zuletzt
Des Königs Wink und des Ministers Galle
Und Flaccus Rat Was nützet und ergetzt
Das schreib hierher gebracht Der Trost in meinen Ketten
Der einzig noch mein Schicksal mir versüsst
Ist dass man Rousseaus Styl am Hof an den Toiletten
Nicht halb so gern als meine Prosa liest«
Beschämt wünscht ich ihm Glück zu diesem seltenen Grade
Des guten Styls und floh als mir auf meinem Pfade
Noch ein Gespenst zu Füßen sank
»Ein Wort  Gott segne Sie  ein Wörtchen nur zur Gnade
Mein Herr Wer hält denn wohl seit mir im Schlangenbade
In Ems und Ronneburg die Bank«
    Und wäre mein von Mitleiden durchdrungenes Herz noch so geneigt gewesen die
Strafe dieser Unglücklichen und ihre Verschuldung so weit außer Verhältnis zu
finden als sie selbst davon überzeugt schienen so würde mir doch des Spielers
Kette in Rücksicht der Verbrechen die wenn ich nicht sehr falsch las auf
seiner frechen Stirn geschrieben standen noch zu leicht und zu lang gedünkt
haben Er richtete sich so weit sie es zuließ unbescheidener als seine
Mitgesellen an mir in die Höhe und bewegte seine um ein Geschenk bettelnde Hand
nicht anders als wollte er eine Volte schlagen Wären mir auch nur zwölf Sous
von meiner Spende übrig in meinem Beutel geblieben er hätte sie nicht bekommen
sollen denn er würde sie doch nur gemissbraucht haben durch ein rouge et noir
mein verteiltes Almosen in seiner Diebskasse wieder zusammen zu bringen Ein
derber Deutscher Fluch den er mir für den verächtlichen Blick nachschickte den
ich ihm zuwarf statt ihm zu antworten prallte mir noch in die Ohren als ich
schon seines scheußlichen Anblicks entledigt mich von meinem saueren Gange in
den Armen des redlichen Mannes zu erholen suchte der dieser schrecklichen
Gemeine vorstand Es war der erste Mönch den ich küsste So herzlich habe ich
selbst nie die Wange eines Mädchens geküsst Nach einigen abgebrochenen Worten
die ihm nur zu deutlich meine innere Bewegung und meine Ohnmacht sie ihm besser
zu schildern verrieten drückte ich noch einmal seine Hand an mein pochendes
Herz  und er  schlug ein Kreuz über mich als ich mich von ihm losriss
    Erquickender hat kaum jemals die freie Luft auf mich gewirkt als da ich aus
diesem Kerker an das Licht trat Ich hüpfte mehr als ich ging meinem
sprechsüchtigen Begleiter zu der mich an dem Tore des Arsenals ungeduldig
erwartete Er konnte nicht begreifen wie ich zwei volle Stunden an die hässliche
Galeere habe verschwenden und sie den Schaustücken entziehen mögen die ich ja
jetzt nur im Flug würde betrachten können Da sein Zeitvertreib ungleich mehr
als der meine bei der Sache im Spiel war so lässt sich auch mein Verdruss gar
nicht mit der Größe des seinigen vergleichen als ich dastand alle meine
Taschen umwendete und endlich mit zitternder Stimme mein Einlassbillet  für
verloren erklären musste so wie es mein Schnupftuch war Das eine war für mich
leichter zu entbehren als das andere Während sich nun der Soldat unter lauten
Wehklagen um das wichtige Dokument zu suchen so eilig auf die Beine machte
als ob es sein Gehirn wäre das ich verloren hätte hielt ich es für rätlicher
dem dringenden Beruf meiner Nase zu folgen und nach dem Gasthofe zu wandern
als unter freiem Himmel seine hinkenden Nachrichten zu erwarten doch rief ich
noch zu seinem Troste ihm die Versicherung nach dass ich den folgenden Morgen
ganz dem Arsenale und ihm widmen und die heute versäumten Stunden wieder
einbringen wollte Dieser kleinliche Zufall ist mir eigentlich heute gar sehr zu
passe gekommen denn ungerechnet den Zwang dessen er mich zwar nur vor der Hand
entledigt die Waffen unsers Erbfeindes zu bewundern so hat er mir doch immer
die Musse verschafft Dir in der ersten Wärme der Empfindung die doch gewiss am
ähnlichsten malt die Szenen meines Morgens zu schildern Zweitens lässt er mir
auch Zeit mich abzukühlen ehe ich in die vornehme Gesellschaft gehe in die
mich der Mittag einführen wird Wohl gut dass er in der großen Welt drei Stunden
später eintritt als in der physischen Inzwischen denke ich sollen die Bilder
die jetzt noch so lebhaft mir vorschweben ziemlich verblichen und brauchbarere
pour la belle conversation an ihre Stelle getreten sein Denn welche Dame ich
bitte Dich würde mir zuhören wenn meine Erzählung zum ohnmächtig werden sie
aus dem hellen Speisesaale in jene düstere SklavenBarake versetzen wollte Eben
so wenig würde ich Glück bei ihr machen wenn ich mir einfallen ließe während
sie mich anlächelt oder die Zähne stochert dem heldenmütigen Kapuziner eine
Lobrede zu halten und an ihrer Seite seiner funfzig der bessern Zukunft
geopferten Jahre und der widernatürlichen Zufriedenheit zu huldigen mit der
er ohne nur Einmal in ein schönes Auge geblickt zu haben auf seinem heiligen
Posten steht Mit Dir Eduard ist es etwas andres Du musstest mir wohl Ehren
halber Stich halten denn Du zählst Dich zu den philosophischen Köpfen Doch
diese lieber Gott sind mir heute selbst so zum Ekel geworden dass es mich
Wunder nimmt wie ich mich noch im geringsten mit ihnen abgeben mag
Ihr denen Gott zum Mitgefühle
Des Seneka des Antonin
Weich ausgestopfte Rednerstühle
Und einen Doktorhut verliehn
Bestürmt mich nicht mit eurem Wortgetöse
Von Menschenkraft und Seelengrösse
Seit Fabers Glanz mich überschien
Beredt den Widerspruch zu scheiden
Dass Freisinn in der Sklaverei
Wohl möglich und im höchsten Leiden
Ein Weiser Herr des Schicksals sei
Lauscht zwar mein Ohr auf euren Wohlklang aber
Beredter prediget mir Faber
Der Stoa Wahlspruch Ich bin frei
War es der Geist, der in der Schule
Des Zeno Stärkungen verschrieb
Der ihn von seinem Weberstuhle
In diese Kluft des Jammers trieb
Wo von dem Glück der Freundschaft abgeschieden
Wie von der Liebe nur der Frieden
Mit sich allein ihm übrig blieb
Nein er ging auf dem dunkeln Pfade
Den nur der Göttliche ihm brach
Der für uns litt frei und gerade
Der geistigen Belohnung nach
Sein Herz bedurfte keiner Lehre
Er rettete der Tugend Ehre
Er hielt was Seneka versprach
    Ein glänzender Mittag Eduard ein Gastmahl wie es nicht jeder Intendant
der königlichen Marine zu geben vermag wenn er es nicht von Toulon ist an
dessen Küste die berühmten Dattelmuscheln zu Hause sind die ihm als ein
ausschliessendes Vorrecht zukommen Ich fand an diesem Beherrscher der Hölle die
ich heute Morgens bestieg zu meiner Verwunderung einen sanften liebreichen
Mann in seinen besten Jahren Er empfing mich als den Freund seines Freundes mit
Güte und Achtung Unsere erste Zusprache inzwischen  ob sie gleich von beiden
Teilen nur auf gemeine Höflichkeiten beschränkt war  misslang jedoch ein wenig
so sehr hat man selbst bei gleichgültigen Gesprächen es für ein Glück zu achten
wenn man in dem Innern des andern keine verborgene Saite berührt die traurig
oder widrig zurück tönt Seine Worte kehrten mir immer eine Spitze zu und meine
Antworten Du magst selbst urteilen wie klug und artig sie ausfielen Gleich
seine Frage wie mir das Arsenal gefallen gab mir einen Stich in das Herz Rot
bis über die Ohren dankte ich ihm bloß für seinen Erlaubnissschein ohne meiner
Unachtsamkeit zu gedenken die ihn vereitelt hatte Zu sehr Weltmann um eine
unbeantwortete Frage zu wiederholen brachte er mich sehr ungesucht auf unsern
König zu reden Mein Lob in das er herzlich mit einstimmte wäre auch nicht
übel gewesen wenn ich nur nicht dabei  ich weiß auch nicht wie mir war  einen
Tadel seiner Vorliebe für die Franzosen mit eingewebt hätte denn dazu war doch
hier in der Tat der rechte Ort nicht Von ihm ging er auf die Annehmlichkeiten
Berlins und zugleich auf die Energie  wie er es ausdrückte  der Deutschen
Nation über ohne nur im mindesten ihren Mangel an andern guten Eigenschaften zu
erwähnen Ich hätte mich gern im Namen aller dazu bekannt um das
Schmeichelhafte das auch für mich in seinem allgemeinen Urteile lag ein wenig
zu mäßigen aber ich wusste in diesem Augenblicke vor lauter erregtem
Patriotismus nichts an uns auszusetzen was sich der Mühe verlohnte  »Ich
kenne zwar Ihr Vaterland nur aus einer nichts weniger als empfindsamen Reise
die ich im siebenjährigen Kriege dahin als Fähndrich tat und von der ich als
Oberster einer Brigade wieder zurück kam«  »Ew Excellenz wohnten also wohl
der schrecklichen Schlacht bei Minden mit bei«  »Ja« antwortete er »ich
führte in derselben die Grenadiere von La Tour gegen Ihre Dragoner an«  Diese
hingeworfenen wenigen Worten rissen  ist es glaublich  eine alte längst
verharschte Wunde meines Herzens auf  »So ist denn« sagte ich heimlich zu mir
»über dieselbe Zunge die jetzt so freundlich mit dir spricht das
Schreckenswort Gebt Feuer gegangen das deinen armen Bruder zu Boden
streckte« Die Tränen meines Vaters die Verzweifelung meiner Mutter und mein
eigener kindischer Schmerz traten mir jetzt so lebhaft vor die Seele dass ich
diese traurige Erinnerung nicht wieder los zu werden vermochte ohne sie dem
mitzuteilen der sie unschuldiger Weise erregt hatte  »Er stand« sagte ich
»unter demselben Regimente das von dem Ihrigen so übel empfangen wurde war der
edelste beste Jüngling erst achtzehn Jahr alt als er blieb und schon
Adjudant«  »Schon Adjudant« fing er meine Worte auf »das will im Preussischen
Dienste etwas sagen und gibt allein schon einen hohen Begriff von seinen
ausgezeichneten Talenten«  »Das nun eben nicht« glaubte ich bescheiden zu
antworten »die beiden Armeen arbeiteten in diesem blutigen Kriege nur zu gut
für den Abgang dass oft das ganze Verdienst dem ein junger Offizier seine
schnelle Beförderung verdankte bloß auf dem Umstande beruhte aus einer
Schlacht nach der andern gesund zurück zu kommen Hätten meinem guten Bruder
statt selbst zu fallen die Leichen seiner Kameraden als Stufen gedient um so
fortzusteigen wie er anfing so zweifle ich nicht er würde jetzt so gewiss als
Ew Excellenz «  Hier fasste mich der General lächelnd bei der Hand ohne das
Ende meiner Militärrechnung abzuwarten und stellte mich der übrigen
Gesellschaft vor
    Bald nachher setzten wir uns zur Tafel Hier bekam ich meinen Platz neben
zwei Damen von denen mich sogleich die eine in ein Gespräch zu ziehen wusste
das jedem der hungriger danach gewesen wäre als ich vollkommene Sättigung
gewähren konnte denn es gehörte als geistige Nahrung in die Klasse der
Schüsseln die man durch immer neuen Zusatz von Brühen so sehr verlängern kann
als man will War ihr weiß gemacht dass ich ein Litterator sei oder glaubte sie
es meiner listigen Miene anzusehen genug ich hatte noch nicht drei Löffel von
der Suppe genossen als ich schon mit ihren zwei vorzüglichsten Lieblingen des
vergangenen und des laufenden gelehrten Jahrhunderts mit Molieren und Büffon
bekannt war  »Niemand« sagte sie von dem ersten »hat feiner unsre kleinen
Blössen an das Licht gezogen und die Schleichwege zu dem Labyrinthe des
weiblichen Herzens deutlicher angegeben so dass man schwerlich jetzt einen
derselben ohne Gefahr einschlagen könnte von Männeraugen ertappt zu werden« 
Sie blickte mir dabei so herzhaft in die meinen dass ich sie niederschlug 
»Dadurch« fuhr sie fort »ist ein gewisses Zutrauen unter beiden Geschlechtern
entstanden das vieles abkürzt und desto anziehender ist je steifer es sich
auf die Kenntnis gegenseitiger Schwächen gründet«  Ich hätte gern der Dame
mein Kompliment über den neuen Gesichtspunkt gemacht aus welchem sie den Wert
des Komikers beurteilte aber sie ließ mich noch nicht zum Worte  »Er hat
gewiss« entwickelte sie ihren Satz mit selbstgefälligem Tone »als ein guter
Bürger der bessern Erziehung und dem natürlichern Gange unsers Jahrhunderts
vorgearbeitet Denn wer hat die Misantrope die Tartüffe die Précieuses
ridicules aus unserm gesellschaftlichen Zirkel vertrieben als Er«  »Ich
dächte Madam «  »Und der Zweite« fuhr sie fort ohne mich anzuhören »wie
hat er sein menschenfreundliches Herz seine umfassenden Kenntnisse und die
Harmonie der Sprache benutzt um uns in lauter Spaziergängen zu der Quelle der
wahren Natur zu führen zu der wir ehedem höchst langweilige Umwege machen
mussten Sein Grundsatz von der Liebe der jetzt allgemein angenommen wird wie
viel hat er nicht zur Ersparung unserer kostbarsten Zeit beigetragen« 
»Welcher um Vergebung« fiel ich ihr in die Rede  »Dass in dieser
Leidenschaft« antwortete sie mit einer dogmatischen Miene die ihr nicht so
ganz übel anstand »nichts gut sei was nicht  um es kurz zu sagen  gerade zum
Ziel führt Alle unsere physischen und moralischen Handlungen standen längst
unter dieser Regel aber erst seit ihm gebietet sie auch der Liebe Seit dem
Ausspruche dieses großen Naturforschers ist das ekle Romanhafte unter uns
gänzlich verschwunden und man wird jetzt selten ein so lächerliches Paar
finden das einander gefällt und nicht auf Büffons Gefahr damit anfinge wo die
Grossältern aufhörten«  »Wirklich« war das einzige Wort das ich während sie
Atem holte einschieben konnte  »Was mein Herr« überströmte mich jetzt der
Fluss ihrer Beredsamkeit aufs neue »was sagen Sie von seinem hinreissenden Style
Voltaire ist gewiss in seinen Gedichten ein rührender melodischer Sänger aber
ich gestehe dass ich in beiden Rücksichten die Prose unsers Büffon den schönsten
Versen des Dichters vorziehe Vergleichen Sie nur die Stelle wo jener von den
Schrecknissen der Natur spricht mit dem Voltairischen Gedichte über das
Erdbeben von Lissabon Wer von beiden hat hier das Grausen der menschlichen
Seele bei solchen Vorfällen am besten geschildert«  Indem wurde mir der Flügel
einer Poularde mit Trüffeln gebracht Der Duft davon reizte meine Zunge aber
ich ließ sie unbefriedigt um nur endlich der ihrigen Ruhe zu verschaffen Es
gelang mir vortrefflich  »Solche Vergleichungen« begann ich mit einer klugen
Miene »machen unstreitig ein großes Vergnügen und derjenige unter den
Schriftstellern wie Madame sehr richtig bemerken ist gewiss der größere der es
am besten versteht durch die Magie der Sprache unsere gesunkenen Empfindungen
auf ihre erste Höhe zu treiben und sie uns gleichsam wie auf Noten gesetzt
zur Wiederholung des Spiels wiederzugeben Wenn Büffon zum Beispiele denselben
Schauer in Ihrem Herzen zu erregen weiß den Ihnen diese schreckliche
Naturbegebenheit zu der Zeit verursachte da sie vorging so «  »Welche
Naturbegebenheit« unterbrach sie mich hastig  »Des Erdbebens von Lissabon«
antwortete ich ganz unbefangen und ohne mir eine Sylbe darauf zu erwidern
drehte sie sich nach der andern Seite  »Ich meinte « rief ich ihr nach
aber sie tat nicht als ob sie mich hörte und ich verlor alle Hoffnung dass sie
mir diesen groben chronologischen Irrtum so bald vergeben würde
    Ich war so verblüfft dass eine Weile verging ehe ich nur daran dachte dass
ich auch zur linken Hand eine Nachbarin habe Die gelehrte Vielsprecherin hatte
allein Schuld dass ich nicht einmal wusste wie sie aussah Ich erfuhr es nur zu
bald Drei brillantene Astern strahlten mir auf den ersten Blick nach ihr gerade
in die Augen blendeten mich aber lange nicht so als der junge wallende Busen
den sie verzierten Wäre ich bei Sinnen gewesen so würde mich dieser Anblick
wenig geirrt haben Aber Gott mag wissen wie es zuging dachte ich mir die
Ruhe die ein Mann seinen Augen auf diese Höhen erlaubt noch alltäglicher als
die Prüfungen der Hand die Bayle unter der Benennung quotidianae incursionis
sogar dem frommen Abadie Schuld gibt und übertrieb ich meine Sittsamkeit um
nur nicht alltäglich zu scheinen  genug ich kehrte betroffener um als ein
Hase vor dem Schützen und blickte auf den Tisch mit einer Verlegenheit die in
der klugen Wendung die sie einschlug um sich zu verstecken erst dadurch recht
ans Licht kam Spielend mit meinem blanken Messer bemerkte ich das unselige
London  ich wollte es wäre Konstantinopel gewesen  auf der Klinge und ohne
ein Auge davon zu verwenden fing ich nun an meine reizende Nachbarin
seitwärts mit einer ganz neuen Lobrede auf den Englischen Stahl zu unterhalten
Noch hatte ich sie nicht zur Hälfte hervor gestottert so mischte sich ein
Malteser Ritter darein der auf der andern Seite neben ihr saß  »Es kann wohl
nichts in der Welt« sagte er »dem Englischen Stahl so sehr zur Ehre gereichen
als der Übergang von einem solchen Bouquet an einem solchen Platze zu ihm« 
Was denkst Du wohl wie sich unsere gemeinschaftliche Nachbarin dabei benahm
Sie schien sein Epigramm nicht zu hören und antwortete nur meinen schlichten
Bemerkungen Dafür taten jetzt meine Blicke ihr möglichstes um ihre
Schüchternheit wieder gut zu machen Aber es währte nicht lange so verdarb ich
mein Spiel aufs neue Ich hörte SaintSauveurs Stimme sah mich nach ihm um
fand ihn an der Seite einer jungen Dame und  »Ach wer ist denn« stürzte mir
die Frage heraus  »dieser Engel von Mädchen dies ungeschminkte edle
Gesichtchen zur Rechten des Brigadiers«  Sie blickte hin  »Die Tochter vom
Hause« antwortete sie gleichgültig und legte mir geschwind überzuckerte
Kastanien vor um mir glaube ich das Maul zu stopfen
    Während ich noch daran kaute trug man das seltene Gericht auf das ich Dir
schon angekündigt habe eine Schüssel mit Dattelmuscheln Diese werden  was Du
vielleicht bei Deinen geringen conchyliologischen Kenntnissen nicht wissen wirst
 aus großen dem Zugang aller Elemente verschlossenen Steinen geschlagen und
dienen wie die Reichsritterschaft dem Kaiser bei vorfallenden Festen dem
hiesigen Intendanten zu einer immediaten Beihilfe Der heutige Fang musste indes
nicht so ergiebig gewesen sein als das Bedürfnis seiner Tafel verlangte Er
konnte dieses Staatsessen nur unter seine vorzüglichsten das heißt wie
bekannt nur unter seine weiblichen Gäste verteilen Ich ging so leer aus als
die andern Herren Glücklich jedoch für die Kenntnisse die ich mir auf Reisen
auch durch meinen Gaum zu erwerben suche dass der Groll einer Französin gegen
einen Deutschen nie über zwei Schüsseln hinaus reicht Ich gewann diesmal
augenscheinlich dabei Meine Nachbarinnen von beiden Seiten entzogen sich auf
das gutmütigste die Hälfte des ihnen zugefallenen Anteils so dass ich noch
einmal so viel von diesen Leckerbissen bekam als jede behielt  der gewöhnliche
Fall eines Mannes zwischen zwei Weibern Die Anbeterin von Büffon ließ sich
sogar herab mir nicht nur die Geschichte dieses merkwürdigen Schaltiers so
weit als sie bekannt ist und das um mich ihres Ausdrucks zu bedienen weder
der See noch dem Lande angehöre wortreich zu beschreiben sondern sie zeichnete
mir auf eine Visitenkarte die sie mit einem Bleistifte aus ihrem Kalender zog
gerade unter ihrem gräflichen Namen und Wappen die Figur flüchtig hin die
diese Muschel ihrer Eremitenwohnung eindrückt Sie zeichnete nicht übel doch
war es immer besonders auf so einer Karte zum Verständnisse der Zeichnung sehr
gut dass ich nur auf meinen Teller sehen durfte um nicht ungewiss über das
Naturprodukt zu sein von dessen Abdruck die Rede war Diesem kleinen
wohlschmeckenden Insekte hatte ich es sonach einzig zu verdanken dass unser
durch das Erdbeben zerrüttetes Gespräch aufs neue wieder in Gang kam und sich
auch bis zu Ende der Tafel darin erhielt
    Den Vorzug lieber Eduard muss man doch Französischen Gesellschaften vor den
unsrigen zugestehen dass in ihnen der Langeweile kein Raum und den Mitgliedern
keine Zeit gelassen wird über den Wert oder die mögliche Auslegung jedes
Worts das gesprochen wird nachzudenken Bei dem Überfluss von Beiträgen die
zur Beförderung einer vergnügten Unterhaltung eingehen wird es nicht geachtet
wenn auch einer davon nicht so ausgesucht und vollwichtig ist als der andere
    Eine Stunde nach der Mahlzeit die fröhlich verplaudert wurde setzte sich
ein Teil der Anwesenden an den Spieltisch der jüngere Zirkel dem auch ich
mich anschloss vereinigte sich zu einem Spaziergange nach dem königlichen
Garten Jeder Herr bot einer seiner Nachbarinnen den Arm da aber die
Liebhaberin der Natur die Karten meiner Unterhaltung im Mondscheine vorzog und
der schöne Busen von dem die Dame ehe sie ging die Astern absteckte dem
Malteserritter zuwallte so würde ich allein mitgeschlendert sein hätte nicht
ein glückliches Ohngefähr mir das große Loos verschafft die Tochter vom Hause
zu führen Indem wir nämlich die Treppe herab stiegen kam ein Offizier der
Marine herauf und hinter ihm ein Kommando worunter ich auch den lahmen
Gefreiten erblickte Er zeigte mir im Vorbeigehen das wiedergefundene
Einlassbillet und ich hätte nicht umhin gekonnt ihm ein Wort darüber zu sagen
auf die Gefahr zehn tausend von ihm anzuhören hätte mir nicht indem der
Brigadier die Hand des schönen Kindes das er führte in den Arm gelegt um dem
Seeofficier der ihn bei Seite winkte zu folgen Sie mussten etwas wichtiges mit
einander abzutun haben denn mein Freund ließ sich den ganzen Abend nicht
wieder sehen und zum erstenmale vermisste ich ihn nicht Die Gesellschaft
sobald sie in dem weitläuftigen Garten anlangte verteilte sich in einzelnen
Gruppen zu zwei oder mehreren Personen die sich trennten sich vertauschten und
wieder zusammen trafen wie es der augenblicklichen Laune einer jeden gemäß war
    Ich wüsste nicht was ich von meiner Organisation denken sollte wenn das
Zwanglose Frohe und für mich ganz Neue dieses späten Spaziergangs seinen Zauber
auf mein Herz verfehlt hätte Es mag mir auch sonst noch so gewöhnlich sein
meine Empfindungen aus dem verlaufenen Tage am Schluße desselben wiederzukäuen
diesmal schien es das gegenwärtige Vergnügen würde eine solche Grille nicht
aufkommen lassen Mein Wohlbehagen verstattete mir zur Zeit nicht weder an
meinen verbluteten Bruder noch an meine weitläuftigern Verwandten auf den
Galeeren zu denken Die Farben die mir die Abendröte die mir der Mond
aufmischte setzten alle andere Bilder meiner Seele in Schatten Ach der
herrliche Mond In diesen kostbaren nächtlichen Stunden wo sein Abglanz mir
jeden auch noch so feinen Zug in dem lieblichen reinen unschuldigen
Gesichtchen meiner Begleiterin vorführte musste ich ihn wohl noch lieber
gewinnen als gestern wo er zwar ein großes herrliches aber doch immer nur
lebloses Naturgemälde beschien
    Ich habe Dir zwar schon vorhin die Vorzüge des Engels an meinem Arme mit
einzelnen dem Lobe geheiligten Worten angedeutet Aber ich weiß schon wie es
mit solchen Worten geht So gewählt sie auch sein mögen gleiten sie doch über
das Gehirn wie die glänzenden Kügelchen des Quecksilbers über eine Glastafel
hinweg Man muss sie erst auflösen und zu einer Unterlage verarbeiten wenn man
den Strahl der uns blendet auch in die Augen eines andern zu spielen gedenkt
Leider hat mein in Asche verwandeltes Tagebuch an dem in dieser Rücksicht auch
nichts verloren ist bis zu der heutigen Mitternachtsstunde nur Schilderungen
aus der weiblichen Welt sammeln können die wenn ich das Dosenstück einer
gewissen Margot ausnehme das ich Dir wohl gegönnt hätte nicht wert waren das
Kabinet eines ächten Liebhabers des schönen Geschlechts zu verzieren Es tut
mir daher recht wohl dass ich einmal auf ein Profil gestoßen bin das selbst
neben einer heiligen Familie von Raphael kein unebenes Seitenstück abgeben
würde hätte mir nur das Original lange genug sitzen können um mehr als einen
Schattenriss von ihm zu entwerfen Diese unvollkommene Darstellung wird indes
immer noch unendlich schätzbarer sein als die ausgemaltesten Stücke meiner
vorigen Sammlung Es war schon ein Zug seltener Gutmütigkeit dass die junge
Schöne ohne Abnahme an Freundlichkeit ihre Hand aus dem Arme eines bekannten
Freundes in den meinigen legte dass sie aber auch nachher als ihr im Garten die
Wahl eines andern Gesellschafters frei stand sich mit einem Fremden begnügte
der weder über die Tagesgeschichte der Stadt mit ihr schwatzen noch in der ihm
ungewohnten Sprache durch leichte Scherze ihr Ohr reizen konnte muss ich ihr
schon höher anrechnen Doch dass sie bei ihren sechzehn Jahren sich die Zeit
nahm ein Herz das in der Nähe des ihrigen schlug zu behorchen dass sie
verstand den verdeckten Wert desselben zu entwickeln seine flatternden Faden
aufzufangen mit der zartesten Fühlbarkeit ihren Gehalt zu unterscheiden und
nur die bessern dem Gewebe ihrer schönen Seele anzuknüpfen das Eduard war mir
vollends eine so ungewöhnliche Erscheinung als ich je eine erlebt habe
    Während mir an ihrer Seite so wohl war brachte mich meine Erinnerung  zum
Glück nur ein einzigesmal  auf meine Nachbarinnen von diesem Mittag Es war ein
krauser Gedanke Sie hätten mir wohl zu keiner Zeit mehr zu ihrem Nachteile
einfallen können Was wäre aus mir und meinem herrlichen Abend geworden wenn es
meiner glücklichen Albernheit nicht gelungen wäre beide von mir zu
verscheuchen  Was hätte ich anfangen wollen wenn die eine so viel Geschmack
an meiner Lehrbegierde die andere an meinen sittsamen Augen gewonnen diese zu
einem empfindsamen Spaziergange mit mir ihre Astern abgesteckt jene mir noch
etwas über den Büffonschen Grundsatz zu sagen gehabt und mich  Gott erbarme
sich  zu ihrem Begleiter gewählt hätte Dieses Bewusstsein entgangener Gefahr
wie musste es nicht den Genuss meines gegenwärtigen Glücks erhöhen Meine Seele
hing an den Lippen dieses Kindes das in dem lautern Ergusse seiner Empfindungen
mir tausendmal beredter vorkam als die gräfliche Virtuosin in dem ungereinigten
Ausflusse ihrer Gelehrsamkeit Wenn ich Dir aber nun den Gang der Gespräche die
mich so anzogen vorzeichnen aus ihrem gefälligen Inhalte die Schönheit des
Herzens dem sie entflossen an das Licht stellen will  ja Freund da
entschlüpft mir die Feder Solche feine Schattirungen der Rede sind ihr so
unerreichbar als nimmermehr dem Pinsel jenes äterische Farbenspiel sein kann
das unter unzähligen Abwechselungen dem anbrechenden Morgen voran geht So viel
kann ich Dir nur sagen dass nachdem ich die kleine Zauberin einige Stunden in
der Orangenallee auf und abgeführt hatte ich mich unmerklich in eine Stimmung
versetzt sah die der ihrigen nachgebildet sehr verschieden von der fröhlichen
Laune war deren ich mich vorhin rühmte Ihre Anfangs munteren Töne gingen ganz
ungleich dem Schlage der Nachtigall die mit einem Adagio anfängt mit einem
Allegro endigt nach und nach in immer rührendere Noten immer schmelzendern
Flötenlaut über und hoben und trieben mein sympatetisches Gefühl bis zum
Bedürfnisse der Tränen Ich wollte ihr von unserm Könige erzählen ich konnte
nicht Ich versuchte von meinem Vaterlande zu sprechen aber die Stimme versagte
mir Mir war als ob ich in der Ferne Klagen der Unschuld über den dunkelhellen
Bergen her den Ruf der Ewigkeit hörte Die trostarmen Vergessenen auf der
Galeere erschienen mir in allem ihrem Jammer und ich konnte der Aufforderung
nicht länger widerstehen dem Engel der mir zuhörte die Seelenleiden meines
heutigen Morgens an das Herz zu legen Wir hatten uns kurz vorher einem
Blumenbeete gegenüber gesetzt wohin sie einem Gärtnermädchen von ihrem Alter
das mit einem Handkörbchen dahin ging gefolgt war Sie nickte ihr schon im
Vorbeigehen freundlich und bekannt zu und bestimmte nun durch ihr Gutachten die
Auswahl der Blumen die jene einsammelte Sobald mein Gespräch aber ihr
Mitleiden erreichte teilte sie nicht weiter ihre Aufmerksamkeit zwischen uns
beiden Sie verließ den Platz als ob er zu buntfarbig für den Ernst ihrer
jetzigen Empfindungen wäre und führte mich ohne ein Wort zu sagen um keins
der meinigen zu verlieren nach einem dunkeln Bogengange an den eine kleine
versteckte Laube stieß Hier  wo der verschwiegene Mond nur durch die Blätter
über dem grünen Rasensitze zitterte auf den wir uns niederliessen  in dieser
nächtlichen Stille  allen Augen außer jenem verborgen das über uns schwebte
 hier an der Seite einer weichen weiblichen Seele denke selbst wie viel meine
Erzählung unter diesen Umständen gewinnen musste Das liebe Kind beehrte sie mit
dem reinsten Beifall und »o mein armer Vater« schluchzte sie am Ende
derselben »welch einer Haushaltung des Kummers bist du vorgesetzt«  »Und
welchen Wundern der Tugend zugleich« fiel ich ihr ins Wort und teilte ihr nun
auch durch ihr Mitgefühl noch mehr befeuert die Trauergeschichte des frommen
Kapuziners in Ausdrücken mit die vielleicht nie über meine Lippen wärmer
gegangen sind Durch Hilfe eines hellen Mondblicks sah ich wie unter ihren
blauen gen Himmel erhobenen Augen ein stilles Gebet auf ihrem rosigen Munde
schwebte Ich glaubte eine Heilige in ihrer Verklärung zu sehen und schwieg
Meine Brust war gepresst Sie hörte mich seufzen drückte mir die Hand und der
Strudel hoher Empfindungen schien mich in eine andere Welt zu versetzen
    Indem tönte die Gebetglocke eines nahen Nonnenkosters in unsere Stille
herüber »Ach ist es schon so spät« fuhr sie jetzt von der Rasenbank auf und
eilte durch den finsteren Bogengang dem bunten Lustbeete zu von welchem wir
hergekommen waren Ich folgte ihr doch nur von weitem nach wie sie zu
erwarten schien sah wie sie sich neben das Körbchen setzte das die junge
Gärtnerin indes mit Hyazinten Maiblumen und Granatenblüten gefüllt und
hingestellt hatte und sah als ich näher herbei kam wie sie mit tränendem
Auge eine einzelne geruchlose eine Passionsblume herausnahm an ihre Brust
steckte die Hand sinken ließ und sich in tiefes Nachdenken verlor Ich lehnte
mich zitternd an einen Orangenbaum in einer mäßigen Entfernung von ihrem Sitze
Drei feierliche Pulse der Klosterglocke weckten sie wie aus dem Schlafe Sie sah
sich erschrocken und noch erschrockner um bis das Mädchen das sie erwartete
aus dem Gewächshause gelaufen kam  »Geschwind Marie« rief sie und trug ihr
das Körbchen einige Schritte entgegen »noch ist die Pfortentüre nicht
verriegelt aber  eile« Indem ward sie meiner gewahr kam auf mich zu und da
ihr meine großen Augen nur zu deutlich verrieten was in mir vorging war dies
dem lieben Kinde schon hinreichend meine Neugier zu befriedigen
    »Meine Unruhe über das Körbchen ist Ihnen gewiss aufgefallen  Es ist ein
festgesetzter Tribut den ich einer Freundin im Kloster übersende so oft ich
diesen Garten besuche Sie ging hier gern und öfters mit mir spazieren liebte
das erste Grün des Frühlings liebte die Blumen so sehr und kann jetzt hinter
den hohen Mauern nicht einmal mit einem Blicke das geringste Gräschen erreichen
Über Ihre bewegliche Geschichte mein Herr hätte ich mich beinahe mit meinem
Geschenke verspätet  ich würde mirs nicht verziehen haben Ich kann mir die
Freude der guten Agathe so lebhaft denken wenn sie aus ihrem Betstuhle in ihre
Zelle zurück kommt und meine Blumen findet die ihr die Versicherung geben dass
ich in dem Garten bin mich nach ihr sehne und ihr so lange in der Nähe bleibe
bis sich keine Glocke mehr hören lässt Das habe ich dem guten Kinde bei unsrer
letzten Umarmung versprochen In drei Wochen geht ihr Probejahr zu Ende  o wie
zittre ich für sie Denn ach mein Herr sie wählt das Kloster  ein
schreckliches Unglück wen es trifft  nicht aus Neigung sondern aus Not
weil sie keine Verwandte kein Vermögen und in der weiten Welt nur an mir eine
Freundin hat die ihr nicht helfen kann Bald muss sie dem Andenken auch dieser
feierlich entsagen Gott wolle ihr beistehen dass sie es willig tue« Ein
Tautropfen der unter diesen Klagen der Freundschaft aus den Augen der schönen
Beterin in den Kelch der Trauerblume an ihrem Busen herab fiel erschütterte wie
ein elektrischer Schlag meine Nerven  »Ach wenn meine Erzählung« konnte ich
kaum in abgebrochenen Worten heraus bringen »Ihr edles teilnehmendes Herz
gerührt hat o wie haben Sie mir es wieder vergolten«  Wir wussten beide vor
Wehmut nicht wieder zur Sprache zu kommen bis das dumpfe Geläut gänzlich
verhallt war Da erst kehrte ihre Fassung zurück aber die meine blieb aus 
»Ich habe Sie mein Herr« fing sie gelassener an »bis in die Nacht
aufgehalten ohne daran zu denken wie unbekannt mit meinem Kummer und wie fremd
Sie mir sind Aber eben darum waren Sie mir in dieser Feierstunde meiner
Betrübnis kein überlästiger Zeuge Lassen Sie uns jetzt gehen mein Herr Die
Gesellschaft ist längst aus einander Am Ende des Gartens erwartet mich wie
allemal meine Gouvernante«  In stiller andächtiger Ehrfurcht folgte ich nun
diesem wundervollen Geschöpfe das unter der Hülle hoher weiblicher Schönheit
einen Geist besitzt der mir so überirdisch vorkam als müsse er schon vor ihrer
Geburt in den Reihen der Seligen geglänzt haben Halte dies nicht für eine
schwülstige Phrase Eduard denn wahrlich ich wüsste Dir die Empfindungen meiner
Seele nicht natürlicher und verständlicher auszudrücken
    Im Fortgehen kam uns in der Allee die ältliche Dame entgegen die weniger
das Ansehen hatte Aufseherin des Fräuleins als ihre ältere Freundin zu sein
Sie empfing ihre holde Vertraute die mir die letzten Stunden des nun
entflohenen Tages zu der unvergesslichsten Epoche meines Lebens erhoben hat sie
empfing sie mit schweigender aber darum nicht weniger herzlichen Umarmung in
der gewiss schon alles lag was zu ihrem gegenseitigen Verständnisse gehörte und
keiner Worte bedurfte Nur mir hatte sie etwas zu sagen  aber was Der
Brigadier sei auf einen Augenblick da gewesen und habe ihr weil er nicht Zeit
gehabt mich aufzusuchen das Schnupftuch zugestellt das mir diesen Morgen
entkommen wäre   Wenn Du Dir einen Mann vorstellst der unter bänglichem
Gefühle des Lebens sich über den Erdball erhebt seine Blicke in die Tiefen der
Ewigkeit senkt und an Gott und Unsterblichkeit sauget und dem in diesen
Augenblicken ein Weib in das Ohr schreit Mein Herr Sie haben ein Loch in dem
Strumpfe  so kannst Du ungefähr erraten wie mir in der kostbaren Minute
meiner vielleicht ewigen Trennung von dem erhabenen Kinde eine so gleichgültige
Nachricht und der Anblick meines einfältigen längst vergessenen Schnupftuchs
gefallen musste Ich steckte es mit weit mehr Ärgernis ein als ich bei seinem
Verlust hatte machte der jüngeren Dame im Geist und in der Wahrheit der älteren
hingegen bloß nach dem gewöhnlichen Schnitte meine Verbeugung und ging nun
die Arme in einander geschlagen langsamen Schritts meine Straße
    Das wilde Lärmen in welchem ich den goldenen Anker wiederfand war mir nach
meiner jetzigen Stimmung äußerst zuwider Den Schlaf zwar konnte es mir nicht
rauben  der floh meine Augenlider ohnehin  aber es musste mich doch wenn es
anhielt nicht wenig in dem ruhigen Überblicke meines verlebten Tages und
worauf ich mich besonders freute in der Wiederholung der vielen süßen
Empfindungen stören die ich aus der Geistesüberströmung meiner vortrefflichen
Gesellschafterin habsüchtig nur zusammen getragen und gleichsam in Masse und
mit der Hoffnung nach Hause gebracht hatte sie dort mit aller Musse zu ordnen
und zu zergliedern Der Wirt als er mir vorleuchtete gab mir als Ursache des
Nachtgetümmels in seinem Gasthofe die Hinrichtung eines Delinquenten an  »Bei
solchen Gelegenheiten« setzte er hinzu »gewinnt unser eins am meisten denn
kein Schauspiel macht und erhält das Volk munterer und durstiger als dieses« 
»Der rohe Mensch ohne Kultur« warf ich zur Antwort hin »gibt viele
dergleichen Rätsel zu lösen«  »Tun Sie dem kultivirten Menschen nicht
Unrecht« verhöhnte mich der Wirt »einer ist wohl so unerklärbar als der
andere doch mein Beruf ist es heute nicht zu philosophiren sondern meinen
Zechgästen Wein aufzutragen«  Er wollte nun gehen ich vertrat ihm die Tür 
»Nur noch ein Wort lieber Mann Können Sie mir wohl Bescheid geben «  »O
ja« unterbrach er mich »vollkommen«  »Wissen Sie doch noch nicht worüber«
fuhr ich ihn an  »Vermutlich doch« versetzte er »über den Tod des
Gehenkten denn heute wird nur davon gesprochen«  »Nichts weniger« gab ich
zur Antwort »was geht mich der Gehenkte an Die Rede ist von der
liebenswürdigen Tochter des Herrn Intendanten deren Bekanntschaft ich heute
gemacht habe«  »Läuft ziemlich auf Eins hinaus« kauderwälschte der betrunkene
Kerl »Nächster Tage wird Fräulein Klärchen«  der Name gab mir einen Stich
durchs Herz  »auch nicht viel besser als exekutirt sein«  »Herr« polterte
ich ihn an »Sie sind nicht gescheidt oder haben mich nicht verstanden Um mich
kurz zu fassen wollte ich nur fragen ob Fräulein Klärchen das einzige Kind des
Herrn von Saintaignan sei«  »Seine einzige Tochter ist sie«  antwortete er
mir jetzt besonnener »Doch vergeben Sie ich will nur einen Blick auf meine
untere Wirtschaft werfen und bin sogleich wieder zu Ihren Diensten« Mit
dieser Versicherung flog er vor einer Stunde zur Stube hinaus ohne sich
weiter um mich zu bekümmern 
    Ach mein Eduard bis hierher hatte ich geschrieben und da ich Dir nichts
mehr zu erzählen hatte war ich eben im Begriffe zu Bette zu gehen als der
Wirt sachte die Türe öffnete und da er mich noch aufsah herein trat 
»Endlich« hustete er mir entgegen »ist es ruhig in meinem Hause Mein Tagewerk
ist vollbracht bis auf die Erklärung die ich Ihnen von meiner vorigen Rede
noch schuldig blieb Sie erkundigten Sich nach Fräulein Klärchen Das schöne
Mädchen scheint Eindruck auf Sie gemacht zu haben Sie sind nicht der erste
Fremde dem das widerfährt Exekutirt  sagte ich Nun das war nur scherzweise
Ich würde von der ganzen Sache nichts wissen aber die Dame die Sie bei ihr
werden gesehen haben und ihre Gouvernante von Jugend auf ist meiner Frau
Schwester durch sie erfahren wir alles Nächster Tags sagte ich Hören Sie nun
wie ichs meine Künftigen Sonntag wird sein der vier und zwanzigste feiert
Fräulein Klärchen ihren sechzehnten Geburtstag aber wie Sie setzt sich ganz
früh mit meiner Schwägerin in einen zugemachten Wagen in Begleitung eines
Geistlichen schneeweiß gekleidet wie ein armer Sünder steigt nicht weit von
Marseille bei den Ursulinerinnen aus lässt sich ihr langes Haar abschneiden
tritt ihr Probejahr an und wird in einer Zelle begraben Der Zirkel ihrer
Freunde und Bekannten mit aller seiner Kultur trinkt dann so gut als heute
meine Gäste ein Glas mehr als gewöhnlich Sieht das nicht ganz wie eine
Exekution aus mein Herr«  »Um Gottes willen« brach ich jetzt los »um Jesus
Barmherzigkeit willen Herr Wirt besinnen Sie Sich Ich spreche von Fräulein
von Saintaignan  von der Tochter des hiesigen Herrn Intendanten«  »Und
spreche ich denn von einer andern« erwiderte er  »Dieses herrliche Geschöpf
sagen Sie würde Nonne«  »Ganz gewiss mein Herr Wundert Sie das«  »Aber
bester Mann« trat ich ihm jetzt mit gefalteten Händen näher »wäre es denn
möglich dass ein so verständiger Vater seine einzige Tochter einen solchen
Engel«  »Vermutlich damit sie es bleiben soll« fiel mir der Wirt in die
Rede »bestimmte sie  nicht ihr Herr Vater  zum Kloster  da tun Sie ihm
Unrecht  sondern die Mutter tat es vor zehn Jahren auf ihrem Sterbebette« 
»Aber was ich beschwöre Sie was brachte denn diese aberwitzige Frau auf diesen
barbarischen Einfall«  »Ich will nicht mit Ihnen um Worte streiten«
antwortete der Wirt »aber wer kann das genau wissen« »Was ich darüber habe
schwatzen hören will ich Ihnen mitteilen Der Beichtvater erzählen einige
habe es der Sterbenden zur Bedingung ihrer Seligkeit gemacht Dawider wäre
nichts einzuwenden Es ist die Schuldigkeit dieser Herren aber ich glaube es
nicht einmal Meine Schwägerin auch nicht Diese war bei der seligen Marquise
bis zu ihrem Verscheiden und hatte Fräulein Klärchen auf dem Schoss Auf der
andern Seite vor dem Bette kniete der Sohn der um zehn Jahre älter als die
Tochter natürlich der Mutter auch zehnmal lieber war Und in diesen bangen
Minuten wie sich meine Schwägerin ausdrückt wurde das Schicksal der beiden
Kinder für die Zukunft entschieden Die Dame machte was diesen Punkt betrifft
den Dominikaner der sie einsegnete durch eine förmliche Urkunde zum Exekutor 
da haben Sies ja  ihres letzten Willens dessen Vollstreckung wie gesagt
nächsten Sonntag seinen Anfang nimmt und in Jahresfrist der Schwester den
Schleier dem Bruder die ganze mütterliche Erbschaft zuspricht Er wird dadurch
einer der reichsten Herren im Lande und er verdient es Ein wohlgebildeter
braver Offizier dem das Herz auf dem rechten Flecke sitzt«  »Wenn Sie wahr
sprächen Herr Wirt« schluchzte ich »würde er die Erbschaft nicht annehmen«
 »Er sollte sie nicht annehmen« schrie der Kerl »sollte die schönen Güter in
der Normandie sollte die Plantagen in SaintDomingo nicht annehmen Ist denn
der letzte Wille einer Mutter nicht unumstösslich Wird denn das Fräulein nicht
Zeitlebens gut aufgehoben und war ihr denn die Wahl des Klosters nicht frei
gestellt«  »Der letzte Unsinn einer schwachköpfigen sterbenden Schwärmerin«
beantwortete ich mit Bitterkeit seine gehäuften dummen Fragen »die niemanden
darüber zu Rate zieht als einen Dominikaner kann weder Kraft bei ihren Erben
noch Gültigkeit vor Gerichte haben«  »Um Vergebung« wendete der Wirt dagegen
ein »Frau von Saintaignan war nichts weniger als eine schwachköpfige war
vielmehr eine sehr kluge rechtschaffene und empfindsame Dame und das Vermögen
über das sie Verfügung traf kam von ihr her Ich sehe auch bei Gott nichts
unkluges und nicht halb so viel unbilliges in so einem Testamente als bei einem
Majorate denn jenes erhält die Familie nicht allein auf Erden sondern auch im
Himmel bei Ansehen«  »Gehen Sie Herr Wirt« unterbrach ich ihn »Sie haben
vorhin sehr richtig über Ihren Beruf geurteilt Philosophie liegt wirklich ganz
außer Ihrer Sphäre Gehen Sie und schaffen Sie mir ein Glas Limonade«  Er
ging doch ehe ich mich noch im geringsten von meinem Schrecken erholt hatte
stand er mit seiner Bouteille und seinem Geschwätze wieder vor mir  »Da Sie
doch« sagte er indem er mir einschenkte »eine Flasche Limonade nötig haben
um über das Schicksal Fräulein Klärchens Ihr Blut zu beruhigen wie viel werden
Sie nicht brauchen wenn Sie erst die Geschichte des Bruders erfahren«  »Ich
mag sie gar nicht wissen Herr Wirt Was so eine Seele angeht ist mir ganz
gleichgültig«  »Das wird es Ihnen nicht bleiben lassen Sie mich nur erst
erzählen Dass Fräulein von Saintaignan den Schleier annimmt gereicht keinem
Menschen zum Nachteile so wenig als ihr selbst Ihr Herz ist noch nicht
vergeben und das Kloster befreit sie von allen Nachstellungen Wenn einem Manne
aber wie dem jungen Marquis des Heilands wegen eine Braut untreu wird so ist
dies wohl ein seltneres Unglück und unserm jungen Herrn muss es noch viel
schmerzhafter fallen weil sein Schwesterchen vielleicht noch mehr Anteil daran
hat als der Heiland«  Jetzt erst schenkte ich seiner Erzählung meine ganze
Aufmerksamkeit  »Die junge schöne Prinzessin von Montbasson« fuhr er fort
»wurde hier unter der Aufsicht meiner Schwägerin mit Fräulein Klärchen zugleich
erzogen Erstere war von jeher dem Bruder bestimmt dessen ungeachtet gewannen
die beiden jungen Leute einander lieb die Zeit verging der Tag ihrer
Vermählung war schon festgesetzt und der Bräutigam wurde nächstens von der
Armee erwartet Dieser Zwischenraum so kurz er war warf alles über den Haufen
Die Freundschaft zur Schwester stritt schon lange in dem Herzen der Prinzessin
mit der Liebe zum Bruder und was wohl noch nie erhört ist sie siegte Die
schöne Verlobte entschloss sich kurz schrieb ihrem Bräutigam einen betränten
Abschiedsbrief flüchtete ehe sich meine Schwägerin dessen versah in das
Kloster das ihre Gespielin gewählt hat und erwartet dort nun schon seit acht
Wochen die baldige Wiedervereinigung mit ihr auf Leben und Tod Dergleichen
heldenmütige Entschließungen mein Herr dergleichen Freundschaft Treue und
Hingebung ist nur in unserer Religion möglich Wenn auch sonst nichts ihre
Göttlichkeit bewiese solche Beispiele würden es allein tun Der junge Herr
sagt man soll untröstlich sein Das ist begreiflich Man wird freilich eine
Schwester gelassener einkleiden sehen von der man erbt als eine geliebte
Braut die alles mitnimmt und dem Himmel aufhebt was wir schon als uns
zugehörig betrachteten und das unserer Phantasie von unersetzlichem Werte
scheint«  »Wer hart genug ist« antwortete ich »eine solche Schwester dem
Moloch  der Mönchswut zu opfern verdient statt der Schmeichelei eines
liebenden Auges die Umarmungen der Furien Gott tröste und segne nur die beiden
trefflichen Mädchen  was kümmert mich der unnatürliche Bruder«
    Der Wirt schlich während meines heftigen Ausfalls gähnend davon Ich
schlüpfte in meine Kammer   aber woher sollte mir der Schlaf kommen  stürzte
wieder heraus setzte mich an meinen Schreibtisch und sitze noch da fluche der
geistlichen Verräterei an der Menschheit und zanke zur Abwechselung mit dem
Schicksale Ich kann mich nicht trösten über den Verlust den Welt Tugend und
Freude durch die Mordtat an diesem unvergleichlichen Mädchen erleidet Jetzt
erst begreife ich ihre Erschütterung als die Klosterglocken zum nächtlichen
Gebete läuteten jetzt erst fühle ich das ganze Gewicht der stillen Träne die
ihr über die Wange in den Kelch der Passionsblume rollte erst jetzt wird mir es
klar warum ihre Bewunderung des ausduldenden Kapuziners sich in Beben und Gebet
verlor warum ihr Auge so gerührt über den Blumen hing die sie ihrer
eingekerkerten Agathe darbrachte und ich verstehe die Wehklage über ihr
Unvermögen her verwaisten Armen zu helfen
    O du deren melodisch tönende Trauerstimme mir das Herz jetzt schneidend
durchdringt wohl hattest du Recht ich entdecke mit Stolz den Sinn deiner Rede
dass ich zwar unbekannt mit deinem Kummer doch des Mitgenusses deiner Schwermut
nicht ganz unwürdig sei Hält mich auch der Nachschwung in die lichtvolle Höhe
der Unsterblichkeit aus der du gleich einem Engel auf diesen Todtenhügel
herab schimmerst immer noch fern von dir so gibt mir doch schon der mindeste
Nebenstrahl deines heutigen Abglanzes alle Ehre und Würde wieder die ich in der
niederen Sphäre des Leichtsinns und der Wollust verlor  Dich die jeden Kreis
erheitert jeden geselligen Trieb veredelt konnte ein Vater der Lebensgenuss
Freuden und Feste liebt zu der Einsamkeit eines Klosters verdammen  eines
Klosters wo deine von ihm entsprossene und sorgsam gepflegte Jugendblüte bei
den höchsten Ansprüchen auf Gefallen und Liebe wo deine sanften
Herzenserwartungen und jene geheimen Ahndungen mütterlichen Entzückens  einem
Götzenbilde zum unnützen Weihrauch dienen und die Keime zu den reichsten Ernten
menschlichen Glücks in dem Darrofen einer Zelle dumpf werden und vertrocknen
sollen  Unglückliches Kind Entferne dich wie die Tugend vom Laster von
deinem abscheulichen Bruder der die Stirn hat das Verbrechen seiner Erbschaft
mit dem letzten Willen einer in Wahnsinn sterbenden Mutter zu beschönigen
Entferne dich noch ist es Zeit von den arglistigen Lockungen der frömmelnden
Sirenen die dich in den Strudel ihrer Langeweile zu ziehen drohen Erhalte
deine holde Munterkeit der freien mit dir verwebten Natur  fern von dem
heiligen Schneckengang eines ungebrauchten strafbaren Lebens Und entflöhest du
als Bettlerin dem undankbaren Lande dessen Zierde du bist so würdest du doch
die Sonne auf und untergehen den Wald grünen die Saatfelder wogen sehen
würdest die Lerchen singen den Bach rieseln hören und in dem großen Tempel
Gottes eine redlich freiwillige Dienerin seiner ausspendenden Liebe sein 
    Dreimal habe ich die niedergelegte Feder wieder erhoben und meine
Herzensangst durch das Adagio der Elegie zu besänftigen versucht aber das
Vorgefühl der unnennbaren Leiden denen das unbefangene Kind zur Feier seines
Geburtstags träumend entgegen geht foltert mich zu sehr um meinen Schmerz
täuschen zu können  Muss sie denn hin die arme Verlockte wo schon so viele
lebendig begraben wurden die ihr an Schönheit Tugend und Frohsinn gleich
waren nun so stärke sie Gott bei dem Erwachen ihres Bewusstseins Er lasse sie
vollen Ersatz in der Freundschaftsquelle der Unnachahmlichen finden die dem
ehelichen und mütterlichen Berufe freiwillig entsagt um jeden Kelch mit ihrer
Jugendgespielin zu trinken und auf denselben Stufen gleichen Schritts mit ihr
in die Region der Auserwählten zu steigen Möge der Gedanke untrennbarer
Vereinigung euch immer als ein lachender Genius zur Seite stehen und durch
dieses kurze Leben begleiten ihr göttlich verschwisterten Seelen  Zwei Blumen
 so denk ich mir euch  zwei herrliche Blumen im Tale umringt von
unübersteiglichen Felsen die der Kenntnis der Menschen und ihrer Neugier ewig
verborgen ihr blühendes Dasein in dem leeren Luftraume verdunsten  aber ein
Engel des Himmels hat sie unter seiner Obhut sonnet pfleget und schmückt sie
und findet Wohlgefallen an ihrer Eintracht und Schönheit  Wer kann sagen dass
sie Unrecht leiden Wer kennt den Umfang ihrer Bestimmung  An dieses tröstende
Bild will ich mich halten und mein Hauptkissen damit polstern und so oft ich
murrend
    Gott was ist mir begegnet Es lag Eduard  während der drei Stunden die
ich Dir vorjammerte lag eine der schauderhaftesten Nachrichten auf meinem
Pulte Ich entdeckte sie da ich mir eine Träne abtrocknen wollte die mir
meine Trauer um das schöne edle duldende Kind entriss Indem ich mein
Schnupftuch entwickelte fiel ein Brief heraus Hier lies seinen Inhalt
    »So sehr ich auch für Überraschungen bin lieber Wilhelm so hätte ich
derjenigen doch gern entbehrt die du mir heute zu sehr ungelegener Zeit
verschafft hast« 
    Was zum Henker dachte ich bei mir selbst und legte meine flache Hand auf
das Blatt will der Marquis mit diesem spitzigen Eingange Ich konnte es nicht
erraten und las fort 
    »Ich würde mich über meinen verlorenen Spaziergang kaum getröstet haben  das
Glück das dir ward gehörte mir du führtest Klärchen und ich inzwischen musste
deine tollen Geschäfte bei ihrem Vater vertreten  wäre mir nicht zu einiger
Entschädigung der Spaß geblieben dich am Ende mit den Folgen deiner angenehmen
Zerstreuung die alle deine Schritte durch die Welt begleitet selbst stärker
noch zu überraschen als du mich« 
    Zur Sache lieber Marquis rief ich voller Ungeduld Ach ich erfuhr sie nur
zu geschwind
    »Dein verlornes Schnupftuch und dein unbenutztes Einlassbillet haben sich
wieder gefunden Ich soll dir das erstere im Namen des Königs überliefern In
Ansehung des andern wird dich das darüber gehaltene Protokoll verständigen das
ich von dem Herrn Intendanten Erlaubnis habe dir im Auszuge mitzuteilen
    Nachdem der angeblich aus Chursachsen gebürtige Ehrlieb Fürchtegott Freiherr
von  der seit drei Jahren wiederholter Betrügereien halber sonderlich in
verbotenen Spielen auf die königlichen Galeeren allhier gebracht worden heute
dato sich des Verbrechens schuldig gemacht und eingestanden hat dass er diesen
Morgen die Unachtsamkeit eines andern hier durchreisenden Deutschen der die
Galeeren besah benutzt und mit derselben Hand die er nach einem Almosen jenem
entgegen streckte nicht nur dessen Taschentuch sondern auch einen
Erlaubnissschein zur Besichtigung des königlichen Arsenals diebischer Weise
entwendet und beides eine Stunde nachher einem Englischen Herumstreicher für
sechs Livres verkauft habe Nachdem ferner nur gedachter aus Glocester
gebürtiger Vagabond sich in anständige Kleidung arglistig versteckt und unter
dem angemassten auf dem Einlassschein ausgedruckten Namen des rechtmäßigen
Eigentümers sich Zugang in das Arsenal zu verschaffen kühnlich versucht und
nicht vermocht hat seine dabei hegende verräterische Absicht zu leugnen
solche vielmehr durch sein wörtlich folgendes Geständnis außer allem Zweifel
gesetzt ist usw  Als haben die königlichen AdmiralitätsGerichte allhier für
Recht erkannt und sprechen demnach für Recht dass beide genannte ihrer
Verschuldung überführte Gaudiebe und zwar der Englische Matrose nachdem ihm
der Name den er sich fälschlich zugeeignet abgenommen und sein eigener
ehrenverlustiger an die Stelle gesetzt worden auf das im Hafen vor Anker
liegende noch uneingeweihete neue Kriegsschiff Vengeance gebracht dem zur
Vollstreckung des Urteils bereits angewiesenen Offizier daselbst überliefert
und vor Untergang der Sonne an den Mastbaum aufgeknüpft und gehenkt werden bis
der Tod erfolge vRw«
    Bei den letzten Worten  unheimlicher ist mir in meinem Leben nicht zu Mute
gewesen  entfiel der Brief meinen zitternden Händen das Atemholen das mir
während des Fortlesens schon schwer genug ankam schien jetzt ganz auszubleiben
Für alles in der Welt hätte ich nicht gewagt mich umzusehen denn mir war immer
als ständen von den beiden Gehenkten der Freiherr auf der einen der Matrose auf
der andern Seite meines Lehnstuhls um mich über ihre Hinrichtung zur
Verantwortung zu ziehen Neben bei fuhr mir auch der grasse Gedanke durch den
Kopf dasswenn ich nicht dem lahmen Gefreiten zu gut bekannt gewesen und es
dem Englischen Spion gelungen wäre meine Einlasskarte zu seiner gottlosen
Verräterei zu benutzen wie leicht mein ehrlicher Name statt seiner den Galgen
geziert und mich dem gerechten Hasse der vortrefflichen Nation bloß gestellt
haben würde die mir nichts als Liebes und Gutes erzeigt hat In diesen scheuen
Augenblicken sprudelte mein abgebranntes Licht verlosch und alle Schrecknisse
der Nacht stürzten über mich zusammen Mein brausender Kopf  was ist doch der
Mensch für eine armselige Maschine  drückte sich wie im Vorgefühl der
Erdrosselung zwischen die Achseln Galle überlief meine Zunge und ein
hässlicher Krampf sträubte mein Haar So verschwjetzte und verhorchte ich eine
lange peinliche Stunde in einer Todesangst die von den Gehenkten auf mich
vererbt schien Endlich  es war die heftigste Erschütterung meiner gespannten
Nerven aber auch die letzte  hörte ich von weitem ein Postorn schmettern und
einen Wagen vor das Haus fahren Der Postillion  ich hätte ihm billig für den
blinden Passagier ein Trinkgeld bezahlen sollen  brachte mir meine entlaufene
Vernunft zurück Ermannt sprang ich von meinem heißen Lehnstuhle auf hob die
Vorhänge und öffnete das Fenster Mein Grausen verflog Ich sah lebende
Menschen und den Anbruch des Morgens schon hell genug meinen furchtbaren Brief
weiter zu lesen Schamrot und lächelnd hob ich ihn vom Boden auf las herzhaft
die Mordgeschichte noch einmal samt der Nachschrift die ich Dir noch
abschreiben will
    »Damit du nun auch hörst« fährt SaintSauveur fort »wie erbaulich sich
dein Landsmann bei seinem Übergang in die andere Welt betrug so lege ich dir
einen Auszug der Anzeige des Offiziers bei der die Exekution kommandiert hat« 
 »Und als nun beide Verurteilte auf dem Verdeck zusammen trafen weigerte sich
jeder die Leiter zuerst zu besteigen Da sich die Sonne schon stark neigte
befahl ich um keinem Unrecht zu tun den Streit durch Würfel zu entscheiden
deren auch sogleich drei gebracht wurden Zur Kenntnis des menschlichen Herzens
wenn es bis auf einen gewissen Grad verdorben ist verdient angemerkt zu werden
dass die Freude des Deutschen bei Erblickung derselben unmäßig war Als er sie
von dem Engländer der zuerst warf übernahm küsste er sie rieb sie warm
zwischen den Händen und Es geht doch nichts über ein Hasardspiel sagte er
warf und verlor durch einen Punkt weniger den ausgesetzten Preis Unwillig
doch entschlossen machte er sich nun auf den Weg Indem ihm der Strick um den
Hals gelegt wurde sagte er zum Nachrichter Ich bin aus der Übung gekommen In
den Bädern besonders in Ronneburg verstand ichs besser Hätte ich den Satz
Würfel gehabt die mir der dortige Kammerpräsident abnehmen ließ der Engländer
sollte bei meiner KavaliersParole eher gebammelt haben als ich Noch ein
Wort lieber Freund mache Er Seine Sache gut ich kann Ihn belohnen denn ich
habe die drei Würfel in dem Rumor heimlich eingesteckt die gehören nun Ihm Sie
können Ihm etwas eintragen ich will Ihm sagen wie Schreibe Er unter meiner
Addresse nach Leipzig so kommt der Brief sicher an meinen nächsten Blutsfreund
Diesem biete Er sie an Er macht gewiss einen guten Handel denn die Würfel eines
Gehenkten sind schon etwas wert Sie sollen nie fehlen sagt man Schade dass
ich nicht selbst versuchen kann was daran ist Eile Er aber damit der Kauf
noch vor der MichaelisMesse  Hier stieß ihn der Nachrichter von der Leiter«
    »Aus dem was du gelesen hast darf ich wohl voraussetzen dass dir morgen
das schmalste Mittagsbrot anderwärts schmackhafter dünken wird als das
prächtigste Fest unter dem Mastbaume der Vengeance Die angenommene Einladung
ist leicht wieder abgesagt Lass uns also was wohl das klügste ist mit dem Tage
von hier aufbrechen damit wir noch vor Untergang der Sonne die du heute deinem
Landsmann hast auslöschen helfen unser schuld und straffreies Tal erreichen
Dort wird es dir hoffentlich eher behagen die reichhaltige Geschichte des
verlaufenen Tags in eigene stille Betrachtung zu ziehen als umringt von Fragern
und Zuhörern  Wo wolltest du Zeit hernehmen die Neugier aller zu befriedigen
in deren Mäuler du geraten bist Auf den Malteser Ritter allein müsstest du
eine gute Stunde rechnen Er ist zu sehr Genealogist um nicht bei Gelegenheit
des Mastbaums  den Stammbaum des gehenkten Edelmanns bis auf den nun
ausgegangenen Zweig zu beleuchten Ahnenprobe mit ihm anzustellen und dabei zu
bedauern dass eine solche Stiftsfähigkeit für die mancher ehrliche Bürger gern
Haus und Hof hingeben würde wenn er sie dadurch erlangen könnte so schändlich
verloren gegangen sei Hast du nun für dergleichen genealogische Ergetzungen
keinen Sinn trauest du dir nicht Festigkeit genug zu den Bemerkungen deiner
moralischen Tischnachbarin dem viel sagenden höflichen Stillschweigen des
Intendanten den Sticheleien deines lahmen Begleiters mit Einem Worte allen
den Folgen von Heute gesetzten Schritts morgen entgegen zu treten so halte
dich gegen fünf Uhr früh wo ich bei dir vorfahren werde zu deiner Abreise
gefasst
                                                                 SaintSauveur«
    Das trifft ganz vortrefflich zusammen Eben schlägt es Ich bin völlig noch
von gestern her gekleidet und höre wenn ich mich nicht irre den Wagen des
Marquis über die Gasse herrollen  Richtig er ists
                                                             Den 21sten Februar
                              Den 21sten Februar
                   Unterweges von Toulon nach dem Sonnental
 
                                    Fußnoten
1 Nach einem Auszug aus Bernoullis Reisen im Jahr 1777 1ter Teil p 78
Endlich sind in dieser Blibliotek des Generals von Borke zu Stargardt eine
Menge Bücher die nur ihrer Seltenheit wegen merkwürdig sind usw als zum
Beispiel die Bibliothek des Don Quichotte nämlich alle Romane welche nach der
allgemein bekannten Geschichte dieses irrenden Ritters den Büchervorrat
desselben ausmachten   
2 Kalendarium RomanoGermanicum medii aevi etc Adornavit Anton Ulric ab Eralh 
Exemplar unicum partim prelo subjectum partim libera manu successive impressum
etc in IX Tomos Dillenburgi 1761
3 Der Abbé la Koste der 1760 auf Zeitlebens zu der Galeerenstrafe verdammt
wurde
 
                                  Vierter Band
                                 Vierter Teil
                                    Marseille
                                                             Den 22sten Februar
Nie stand die deutsche Kunst auf einem bessern Fuß 
Wir Dichter wiegen uns im Schoss der Aristarchen
Entrückt dem feinen Ohr des Sängers von Venus
Verrät uns Niemand wenn wir schnarchen 
Die Leser  O für die ist nie ein Schedel leer
Sie stellen stützt sich nur ihr schlummernder Homer
Auf ihre Schulter gleich dem tätigsten Monarchen
Aus eigenem Überfluss das sinkende Verkehr
Mit Sinn und Wohllaut wieder her
Denn da nach jenem Fund den Faust getan und Schäfer
Ein dritter deutscher Kopf den für sein Vaterland
Weit nützlichern Gedankenstrich erfand
So singe wie ein Spatz schreib wie ein Siebenschläfer
Nur sei nicht karg mit jenem Zug der Hand 
Er gilt im Wechsel für Verstand
Der Leser hilft so gern dem Autor aus dem Traume
Freut gläubig sich des Sinns den er ihm unterlegt
Und halst dem Ehrenmann der ihm dies Brückchen schlägt
Zum Fortgang in dem leeren Raume
Dafür mehr Plunder auf als durch den Sporn erregt
Die alte Mähre kaum erträgt
Die an dem Pindus grast und nur zu gern dem Zaume
Des Reiters zu entwischen pflegt
Vor Lesern die mich nur mit ihrem Geistesschaume
Besudeln schütze mich dein Genius Er wägt
Prüft und ersetzt das Bild das noch unausgeprägt
Im Münzstock hängen blieb Nächst ihm vor dem die Krücken
Gelähmter Dichter sich wie vor Apollo bücken
Der Skribler nur verlacht die tadellos und klug
Sich dünkend auf Homers und Miltons Aschenkrug
Viel blinder noch als sie mit stolzem Mitleid blicken
Hat Klingers deutscher Geist am meisten Recht und Fug
In meiner Gallerie die leeren Rähm und Lücken
Mit Bildern  minder nicht die dunkeln Eselsbrücken
Die meine matte Hand mit einem Federzug 
Zum Übergang ins Reich der Phantasien schlug
Mit Leuchten zu versehn Doch nähre Wünsche drücken
Mir jetzt das Herz  Lass Freund lass von den Blumenstücken
Berlins  es spriessen dort der Rosen ja genug
Ein Körbchen voll von Deiner Muse pflücken
Das Zerrbild meines Ichs aufs festlichste zu schmücken
Das gestern Morpheus mir in schwerem Eulenflug
Gleich einem Savoyard auf seinem breiten Rücken
Als wärs ein Murmeltier in träumendem Entzücken
Mit Mohn bekränzt vorübertrug
Erwecke zum Genuss des Tages jene Stunden
Die ich verschlief empfind an meiner Statt
Die Freuden die ich nicht empfunden
Wie ein Gebrechlicher sein Ehbett dem gesunden
Hausfreunde überlässt so unterwirft dies Blatt
Rein wie die Unschuld selbst mir aus der Hand gewunden
Sich Deinem Bildungstrieb Trotz Deiner vielen Kunden
Für einen Ritterdienst fühlst Du Dich nie zu matt
Drum hoff ich auch Du wirst gern meinen Blendling runden
Der wie ein Embryo des langen Schlafes satt
Sich dehnt und regt bis er der Dunkelheit entschwunden
Gleich einem Königssohn durch Siebolds Kunst entbunden
Luft Licht und Diadem Dir zu verdanken hat
Wohlan nach grauser Nacht und beigelegtem Streite
Mit einem deutschen Dieb und englischen Spion
Erschein Aurora mir Gleich ihr Freund überbreite
Dein Dichterglanz die fahle Region
Die mir erinnre Dich der hinkende Gefreite
So wunderreich beschrieb als wär zum Botenlohn
Mein Staunen ihm genug Doch Teurer jetzt geleite
Von jenem Marterstuhl auf dem ich zu Toulon
Mehr zitterte als je ein Schach auf seinem Thron
Mich an die freie Luft So schnell Du kannst bereite
An meines edelen Freunds und Krankenwärters Seite
Ein weiches Polster mir in seinem Phaëton
»Gott grüß dich SaintSauveur« lall ich in gleichem Ton
Grüsst er auch mich doch kaum fliegt sein Gespann ins Weite
So schnarchen Er und Ich auch schon
In dieser Not nimm Dich des Fuhrwerks an nur gleite
Aus zu viel Eifer nicht vom Kutschersitz zum Hohn
Der schönen Lesewelt wie vormals Phöbus Sohn
Streif mit uns Träumenden dem Racheschiff im Hafen1
Den Schwalben gleich vorüber denn uns ficht
Sein Gastmahl nicht mehr an  und wenn das Himmelslicht
An dem im Tod noch treugebliebnen Sklaven
Der Würfel seine Strahlen bricht 
Wenn sein zum erstenmal errötendes Gesicht
Nach der Galeere schielt wo wir zusammen trafen
Wo meines Taschentuchs entscheidendes Gewicht
Zum Lehrer ihn erhob der Recht Gesetz und Pflicht
Bewiesner demonstrirt als selten es der braven
Gelehrten einem glückt der vom Katheder spricht
So schliess aus meiner Ruh wie vielen Herzensstrafen
Der Schlaukopf sich entzieht der sein geheim Gericht
Mit einer Dosis Schlaf besticht
Nur störe mich Dein Genius im Schlafen
Durch des Verklärten Predigt nicht
Den Spieler hinter uns im nächsten Wald begegne
Ein jung Dryadchen Dir dem jüngst der Saft gerann
Der seinen Sprössling nährt Hier halt die Zügel an
Sei der Verkümmerten ein zweiter Zevs und regne
In Gold auf sie herab doch hüb ein West etwann
Gewisse heimliche jetzt ihrem fernen Mann
Nicht halb so gut als Dir gelegne
Kleinodien aus ihrem Kirchenbann
So wende schnell von da Dein wieherndes Gespann
Und fühl es dass bei Gott der glücklichste Verwegne
Im schlüpfrichsten Roman den Crebillon ersann
Sich keines festlichern Genusses rühmen kann
Als hier der Reisende durch meinen den Gott segne
Erbaulichen Gedankenstrich    gewann
Hat weiter nun Dein Geist im Spalt der Felsenmauer
Die ich Dir jüngst gemalt die nackte Höh erklimmt
Das Ungeheuer ihn das dort auf meiner Lauer
Den Rachen sperrt und nach dem Abgrund schwimmt
Zur höheren Poesie gestimmt
So segne meines Schlummers Dauer
Und schildre fürchterlich den Schauer
Des Schwindels der Dich übernimmt
Verfolge die Gefahr bis zu dem schmalsten Rande
Der letzten Kluft die ins Gesicht Dir gafft
Ein Wunder rette mich mal es so lügenhaft
Als je auf seiner Fahrt zu Wasser und zu Lande
Ein Robinson  als je auf seiner Pilgerschaft
Ein Mitglied aus der Spielerbande
Der Heiligen eins aufgerafft
Durchflechte Freund mit Ahndungen und Schrecken
Ein zweiter Ossian die Räume der Natur,
Durchdonnre wenn Du willst die Flur
Doch hüte Dich mich aufzuwecken 
Dies einzige verbitt ich nur
Nach allem Ungestüm den Du in Deiner Runde
Mit Malerlist und Seelenkunde
Erregt wie wird so wunderschön
Auf diesem schwarzen Hintergrunde
Das Farbenspiel der Abendstunde
Dein bald errungnes Ziel erhöhn
Sie bring uns schnell gesund und heiter
Auf nun gebahnterm Weg in das gepriesne Tal
Jetzt sind wir da doch ach wo sind ich eine Leiter
Aus meinem Phaëton Wer leuchtet durch den Saal
Mich in mein Kämmerchen und weiter
Das alles zieh aus dem Gedankenstrahl
Der meinem Kiel entfloss und nun  zum letztenmal
Noch eine Bitte mein Begleiter
Sind gleich die Stunden voll des warmen Abends Rest
Bedarf zur Krone doch noch eine 
Sie schwebe noch bevor Dein Schutzgeist mich verlässt
Einher auf dem verbuhlten West
Mit Düften angefüllt die er dem Buchenhaine
Zu meinem Schlaftrunk ausgepresst
Und lock und treibe sanft das weit verflogne kleine
Geliebte Täubchen das ich meine
Aus seinem in mein Federnest
Dann Lieber lass im Mondenscheine
Die Girrenden für sich alleine
Und ende Dein Gedankenfest 
Und nun dem Maler Preis der bis zum höchsten Lichte
Das düsterste Gemäld erhob
Und dem unförmlichen Gesichte
Des Fortgangs meiner ZeitGeschichte
Form Kraft und Leben unterschob
Der Tag kam in sein Gleis der wie es schien vergebens
Dem Kreise des Gefühls entwich
Kraft meines Federzugs der in dem Gang des Lebens
Dem Faden Ariadnens glich
Zog er denn nicht o Freund in Deinen Händen mich
Aus Schwindel und Gefahr und ward denn nicht durch Dich
O Meister in der Kunst des geistigen Verwebens
Auch er das Zauberband an dem mein zweites Ich
In leisen Schritten jüngferlich
Mit allen Grazien des kindischen Erbebens
Zu meiner Kammer überschlich
Umschlangen nicht an ihm nach langer Trennung sich
Zwei Herzen voll so inniglich
Magnetischen Entgegenstrebens
Gott welch ein Schlaf welch ein Gedankenstrich
So sah der erste Mensch im ersten Traum sich wippen
Und stieg und fiel bald hoch bald tief
Verlor in Dornen sich stieß sich an Marmorklippen
Und träumte von zerbrochnen Rippen
Und wusste nicht welch Glück er sich erschlief
Bis ihn sein holdes Weib mit süssgespjetzten Lippen
Zum fröhlichen Versuch sich munter dran zu nippen
Aus den geträumten Dornen rief
Und ihm  gleich dem Montblanc im Morgenperspectiv
Zwei Schneegewölbe zeigt an denen im Betippen
Kein Finger bricht gesetzt er griff auch noch so schief
Und ihm  auf die Gefahr für Wollust umzukippen
Mit jenem Hauptjuwel das nur ihr Schöpfungsbrief
Erraten lässt  entgegen lief
    Ehe ich mich ganz von der holden Nachterscheinung entferne die mit dem
letzten Pünktchen meines reichhaltigen Gedankenstrichs schöner als ich sie in
Wahrheit, geträumt habe aber noch lange nicht so anschaulich hervortrat als
Du mein verständiger Freund und Leser sie ausmalen wirst muss ich Dir doch der
Vollständigkeit wegen die stille Betrachtung noch mitteilen mit der ich heute
ziemlich spät mein Bette verließ Der angeborene und treueste Freund
menschlicher Natur besonders der meinigen zischelte ich mir zu und rieb nur
die Augen munter hat es doch diesmal wieder recht gut mit dir gemeint aber
fast zu gut Es ist nicht der erste Morgen wo ich ihm diesen kleinen
freundschaftlichen Vorwurf zu machen habe Ich bin in meinem Leben das ist
gewiss manchem widrigen Augenblicke vielen Sorgen und Grillen durch die
Vermittlung des Schlafs wenn keine andere verfangen wollten glücklich
entwischt durch ihn wurden nicht selten meine brausenden Leidenschaften und die
harten Gegenreden meines Gewissens gemildert Dagegen aber hat mich auch sein
einschmeichelnder Besuch eben so gewiss um manche schöne Belohnung der
Wachsamkeit um manchen Gewinnst an Kenntnissen gebracht der nicht zu berechnen
ist Über süßen Träumen der Nacht habe ich oft weit süssere des Tags verloren
und bei Freuden die man nur mit offenen Augen genießen kann wie heute bei der
aufgehenden Sonne das Nachsehen gehabt Sie die ich kürzlich mit solcher
Inbrunst besang ist schon seit vier Stunden dem blumigen Brautbette dieses
Tales entstiegen und hat nun für mich wie jede Schöne die sich der weiten
Welt Preis gibt nichts anlockendes mehr Auch SaintSauveur hat wie die
Sonne das Erwachen seines Gastes nicht abgewartet Er wäre sagt mir mein
schnurbärtiger Landsmann den er mir zu meinem Fortkommen zurückließ mit Tages
Anbruche seinen Geschäften nach zu Fuße durch den Tempel des Friedens und
vermutlich nach Marseille gegangen O warum hat mich der gute Mann nicht
geweckt Wie gern hätt ich seine muntere Unterhaltung in der Kühle des
Morgens gegen die Schattenbilder meines Traums eingetauscht da ich jetzt bei
voller Besinnung ein paar heiße einsame Stunden durchbrechen muss um in meine
verschraubte Wirtschaft zu gelangen wohin mich ein paar alberne Briefe auf das
ängstlichste rufen Sie beleidigten schon mein Auge als ich sie aufschlug und
ihre Siegel verrieten mir sogleich als wenn es die bekanntesten Wappen wären
von wem jeder herrührte Auf dem einen war eine hirnlose Maske  auf dem andern
das Petschaft des Michelangelo gedrückt Ich griff nach dem Wahrzeichen des
ersten der mir eine wortreiche Bitte entwickelte an deren schleuniger
Gewährung mir zwar eben so viel gelegen war als den beiden Puppenspielern die
sie vortrugen aber auch gerade um desswillen mir recht böses Blut machten Dies
verlangt eine Erklärung lieber Eduard Du wirst Dich erinnern unter welchen
Scheltworten ich mir letzthin den armen Prologus vom Halse schaffte als er sich
mit rednerischem Anstand meinem Schreibepulte näherte Hätte ich nur zwei
Minuten Geduld behalten ihn anzuhören so würde ich erfahren und mich längst
darein gefügt haben dass die Elektra mit der er seinen Perioden anhub nichts
weniger als griechischen Ursprungs sondern in jenen glücklichen Tagen seiner
theatralischen Herrschaft die prächtige Frau des ersten Akteurs gewesen seit
kurzem Wittwe geworden  Besitzerin eines weitläuftigen Sortiments trefflich
organisirter Puppen und geneigt sei ihm aus unveralteter Achtung ihre Hand
zu geben Schliesse ja nicht aus dem gedrungenen Auszuge des Briefs auf seine
Kürze Ich könnte Dich damit töten wenn ich Dir ihn in seinem ganzen Umfange
vorlegen wollte Durch mein Zusammendrücken wie ich es bei so heillosem
Geschwätze zu tun pflege habe ich ihm nur das Gift benommen In einer
Nachschrift bitten beide Brüder um ihre Entlassung noch diesen Vormittag mit
Beibehaltung ihrer Livree weil der Jahrmarkt zu Montpellier wo Elektra zuerst
ihr neues Theater zu eröffnen gedächte schon übermorgen seinen Anfang nähme
und sie dort eines Prologs und Epilogs gewiss benötigter sein würde als ich
Hierin haben nun die zwei verbrüderten Narren vollkommen recht auch will ich
eilen und meiner eigenen Freiheit so lange Zwang antun bis ich ihnen wie ein
Paar unnützen Stubenvögeln die ihrige geschenkt habe Mögen sie mit ihren
bunten Federn die ohnehin nicht von der Farbe meiner Helmdecken sind aus einer
Wildnis in die andere ihren Talenten nachfliegen Mir soll ihres Schicksals
halber weiter kein graues Haar wachsen Ungleich mehr Sorge macht mir die
peinliche Frage mit der in der zweiten Epistel der unselige Passerino mir zu
Leibe geht Freilich hatte ich es vergessen  aber er nicht dass der einzige
Tag den uns SaintSauveur zu der artistischen Reise nach Kotignac frei gab
morgen eintrete Er wolle sagt er die unglückliche Möglichkeit gar nicht
voraussetzen dass ich zum zweitenmale anderes Sinnes geworden sei und habe
deshalb die Postpferde mit dem frühesten in meinen Gasthof bestellt Was will
ich tun Würde er mich wohl aus Frankreich lassen ehe ich ihm nicht mein
Versprechen halte So sei es denn Doch soll es gewiss der letzte Liebesdienst
sein den ich meinem tollen Lehrmeister erzeige so wie das letzte Marienbild
das ich besuche Ach aber wie fällt mir der Abschied so schwer den ich o
Gott auf ewig von diesem reizenden einzigen Tale nehmen soll Ohne jenes
abgeschmackte Berufsgeschäft hätte ich wenigstens noch einen Tag länger 
SaintSauveur stellte es mir ja anheim  hier bleiben und diese Höhen und
Tiefen  diese Landhäuser und Wiesen die sich vor mir hinstrecken näher
beäugeln können als durch das Fenster Ist es nicht zum Tollwerden dass ich die
letzte Vorstellung eines so prächtigen Schauspiels als mir die Natur auf Morgen
verspricht ausschlagen muss damit ein paar Müßiggänger einen Tag eher ihre
hölzernen Puppen den Gaffern ausstellen und ein Schmierer an einer noch
elenderen als jene seinen Pinsel versuchen kann Vergebens wiederhole ich mir
wie viel edler solche Hingebungen werden je mehr sie uns kosten Meine Großmut
hebt den Schmerz nicht und am meisten ärgert es mich dass es solche
Armseligkeiten sind die mich von hier abrufen Ich bin doch in der Tat ein
sehr guter Narr dass ich gehe Nur noch einen Schluck aus diesem würzhaften
Luftstrom Einen Hinblick noch auf das stärkende Grün dieser Gefilde und dann
lege ich mit dem Seufzer eines Liebenden der aus den Armen seiner Schönen 
zum Sturmlaufen gerissen wird die Feder aus der Hand  gebe meine Nase dem
Staube der Heerstraße und meinen armen Kopf den Strahlen Preis die senkrecht
auf ihn herabschiessen
                                                                      Marseille
Das Gesicht voller Schweißtropfen  alle Poren von der Hitze geöffnet sprang
ich endlich nach zwei melankolischen Stunden den Urhebern meines Missmuts in die
Hände Sie erwarteten meiner am Tore des Gastofs wie ihres Heilandes und
spitzten die Ohren auf das erste Wort das ich vorbringen würde und das war
»Ein frisches Hemde« aber diese in Feuer gesetzten Genies waren schon so fremd
in meiner Haushaltung geworden und so irre dass sie mich an Bastian verwiesen
der aber nicht zu Hause sei Sprachlos vor Ärger wankte ich die Treppe hinauf
und fand an meiner Türe eine Dame hocken die sich nur noch hätte erbieten
dürfen mir eins überzuwerfen um alle meine innern Flüche zur Sprache zu
bringen Es war die Geliebte des Prologus die berüchtigte Elektra die sich mir
in einem Aufzuge zu Füßen warf dass ich trotz des Zugwindes für das klügste
hielt sie samt ihren Teaterhelden gleich auf dem Vorplatze abzufertigen 
Ich drückte jedem zum freundlichen Lebewohl ein Goldstück unter der kurzen
Ermahnung in die Hände ihr albernes Handwerk künftighin klüger zu treiben und
die TrödelLumpen die sie aus meinem Dienst mitnähmen vollends als ehrliche
Kerle zu zerreißen Heilfroh über mein erstes abgetanes Geschäft schlüpfte ich
nun in mein Zimmer und bald nachher kam mir auch mein Kammerdiener zu Hilfe
Als er das Seinige besorgt hatte fertigte ich ihn an den Marquis ab und suchte
nun Ruhe und Friede in meinem Lehnstuhle hatte aber kaum einige Minuten 
selbstständig und selig wie die Gottheit ohne Prologus und Epilogus da
gesessen als mich der Narr von Maler in das menschliche Elend wieder zurück
brachte Aber auch ihn überhob ich wie die Puppenspieler des Vortrags  »Gehen
Sie jetzt wie gewöhnlich auf meine Kosten zur Wirtstafel  Morgen früh Herr
Passerino bin ich zu Ihrem Befehl« zugleich bewegte ich die Hand gegen die
Tür zu der er nun ohne den Mund zu öffnen  so gut hatten wir einander
verstanden hinausschlüpfte Wundere Dich nicht über meine lakonische Laune
Eduard Wie konnte ich mich wohl gegen diese Menschengesichter die mir einen
Tag voller Genuss auf dem schönsten Winkel des Erdbodens geraubt hatten zu
freundlichen Gesprächen herablassen  Doch es kommt noch bunter  höre nur
Hast Du nicht auch wie ich erwartet dass mich S Sauveur auf den Mittag
einladen würde Ja wenn er nicht durchaus an mir die Haltbarbeit seines Systems
versuchen wollte  Seine heutige Überraschung aber mag er mir nicht übel
nehmen geht über die Erlaubnis Rate einmal was mir der artige Marquis an
Bastians Stelle von dem ich ohne mich umzusehen glaubte er nähere sich jetzt
mit seiner Botschaft meinem Lehnstuhle  für einen Abgeordneten zuschickte und
mit welchen Aufträgen Einen vornehmen Seeofficier  einen Verwandten des
Brigadiers der mir ankündigte  »Er habe ihm die Ehre übertragen in seiner
heutigen Abwesenheit für meine Bewirtung und Unterhaltung zu sorgen«  »In
seiner Abwesenheit« fragte ich mit Befremden das dem Herrn auffiel  »Nun ja
denn Sie wissen doch« antwortete er »dass Sie ihn diesen Morgen auf seiner
Bastide zurückliessen« »Nein das ist mir in der Tat etwas Neues« stotterte
ich unter einem misstrauischen Blick auf den Unbekannten  »Nun so kann ich es
Ihnen bescheinigen«  Der Brief den er mir mit diesen Worten überreichte  war
zwar nur flüchtig und mit Bleistift geschrieben unläugbar aber von der Hand
meines Freundes  Ein Glück dass es so war nimmermehr wäre ich sonst von der
Stelle gegangen so sonderbar kam mir der Inhalt vor  »Ich«  lautete er
ungefähr »antworte Dir sehr in Eile wie Du siehst aus meinem Janustempel den
ich dringender Geschäfte wegen vor morgen nicht verlassen kann«  »Aus seinem
Janustempel dringender Geschäfte wegen in dem Durchgange eines Steinbruchs«
Ich suchte geschwind über meine stillen Fragen Erläuterung in der folgenden
Zeile  Was fand ich »Die zwei ersten Feiertage Deines Festes verlor ich zu
Toulon  auf den heutigen dritten und letzten muss ich nun zwar auch Verzicht
tun  doch stelle ich Dir um die Lücke zu füllen meinen Mann an einem alten
Bekannten von mir aus Berlin der eben in meinem Wagen nach der Stadt fährt« 
»So« murmelte ich  »Er ein sonst so guter zuvorkommender Wirt  konnte sich
doch heute vor Dir unter einem Steinhaufen verstecken Was in aller Welt hatte
der Mann für Ursachen dazu« Das Ding fing an mich zu verschnupfen doch las ich
weiter und da erklärte sich denn der ganze Handel doch so dass ich beinahe
außer mir kam »Mein armer Freund« erzählte er ganz unverblümt seinem
Verwandten »hat nach seiner Genesung von einer schweren Gemütskrankheit
tägliche Veränderung nötig  und ich suche hierin nach Möglichkeit seinen Arzt
zu ersetzen der sich entfernt hat  doch sorge ich heute gewiss so sehr für
Deine Unterhaltung als für die seinige wenn ich Dich bitte Deine gastfreie
Einladung von mir auf seinen Kopf überzutragen Dieser Sonderling vom festen
Lande hält wie alle reisenden Deutschen so gut ein Tagebuch und selbst
pünktlicher noch  als ein Admiral« Ich möchte wohl hören wie er sein erstes
Gastmal zwischen Himmel und Wasser beschreiben wird dabei muss ich Dir nur
sagen dass ihm der Götze dessen Wiegenfest Du begehst ein so großer Heiliger
ist dass er es gewiss in dem Taumel seiner Verehrung allen Deinen übrigen
Gästen zuvortun wird Was willst Du mehr Morgen nehme ich Dir die Sorge für
ihn wieder ab Ich muss des armen Schelms wegen zur Stadt der auf Leben und Tod
sitzt  und bin recht neugierig darauf  »So so«  wie angenehm ihn das
Schrecken seines Pardons überraschen wird »Es soll mir  und schon deswegen ist
mir dies Dienstgeschäft lieb  einen neuen herrlichen Beweis für mein System
liefern«  Ist es nicht überdachte ich das Gelesene ein recht hämischer
Streich den dir hier der saubere Marquis und diesmal gewiss nicht bloß aus
Vorliebe zu seinem albernen System spielt Er übergeht zwar deine Sottise zu
Toulon mit Stillschweigen hätte er aber wohl in seiner Missive das heutige
vermaledeite Wiegenfest zweimal unterstrichen wenn es ihn nicht für das
schwindelnde Gastmal rächen sollte um das du ihn durch Einschub des Gehenkten
gebracht hast Wenn er glaubt dass ein drehender Kopf zu deiner Nachkur gehört
so verzeihe es ihm Gott  aber wer ist denn der Heilige dem so viel daran
liegt  Den meinigen  so berlinisch er ist  soll er ungehudelt lassen  Doch
wie geschwind verschluckte ich meine abschlägige Antwort als mir der Offizier
auf die obige Frage Voltairen nannte »Ich habe das Glück« fuhr er fort »die
Fregatte zu kommandiren die seinen Namen führt Einige seiner Bewunderer haben
sie ausgerüstet und so lange sie Wasser hält verpflichtet mich meine
Bestallung  unter welcher Zone der Erde ich auch den 20sten Februar2 vor Anker
liege zu dreitägiger Feier seines Geburtstags Es kann mir kaum so leid tun
dass die beiden ersten ohne Teilnahme unsers Freundes vergingen als Sie an
seiner Stelle mein Herr mir bei der Feier des letzten willkommen sind Es ist
weltbekannt wie viele Anhänger der Schutzpatron meines Schiffs in Berlin hat
von Friedrich dem Großen an bis auf den geringsten Standartenjunker Meine
Gesellschaft wird stolz darauf sehen einen Repräsentanten seiner dortigen
Verehrer in ihrer Mitte zu sehen und auch ich freue mich herzlich auf die
anziehenden Anekdoten die Sie uns von seinem Aufenthalte in Ihrer Vaterstadt
mitteilen werden« Jetzt war ich mir nicht klug genug weder wie ich die
Einladung des Kapitains ablehnen noch der Verlegenheit trotzen sollte in die
mich allemal ein Kompliment verwickelt das man mir in dieser oder jener
falschen Voraussetzung aufdringt  und gewiss würde keiner von Euch allen die
mit Voltaires Bekanntschaft groß tun und mit den Beiträgen seines Witzes dem
ihrigen aufhelfen meine Vokation unterschrieben haben wenn Ihr die alberne
Miene gesehen hättet mit der ich sie annahm Die Bangigkeit meiner Erwartung
war unbeschreiblich Ich konnte mir an den Fingern abzählen dass der
Ehrenposten den ich behaupten sollte meinen natürlichen Schwindel nur noch
vermehren würde und es ist die Frage ob der Delinquent über den man morgen
Standrecht hält nicht mit größerer Besinnung hinter seinem Kapitain hertraben
wird als ich heute dem meinigen nachschlich
    O was für ein Ball des Augenblicks ist der Mensch Daher sollten wir nach
dem Prinzip erfahrner Spieler nicht bei jeder widrigen Karte die der Zufall
aufschlägt außer Fassung geraten immer auf Abwechselung hoffen und bedenken
dass der mögliche Übergang vom Verluste zum Gewinnste nur desto entzückender
ist Mit welchem ungestüm freudigen Herzklopfen wird nicht der heute noch so
beklemmte arme Flügelmann morgen dem Kreis enteilen der ihm den Tod drohte Ich
kann es mir lebhaft aus dem Gange meines Blutes erklären  So schwer und trübe
es war als ich den bänglichen Wagen bestieg  wie sprudelte es nicht als ich
ihn verließ Ein Hinblick auf das in stolzer Ruhe prangende Meer versöhnte mich
geschwind mit mir selber und meine kleinmütigen Stubengrillen verkrochen sich
vor der Hoheit der Natur  Gott mag wissen wohin Sobald ich an der Seite
meines Anführers in der letzten der drei mit Herren und Damen besetzten
Gondeln die nur sein Signal zur Abfahrt erwarteten Platz genommen hatte
wirbelte von der vordersten her unter deren Leitung wir vom Lande stießen ein
Zusammenklang blasender Instrumente über das Meer der von dem Jubel der
Zuschauer erwidert alle Seelen zu beleben schien Ich kann jetzt die
Möglichkeit begreifen wie eine volltönende kriegerische Musik es dahin bringen
kann dass so viele verzärtelte Muttersöhnchen den Hass gegen ihre Werber ihr
Heimweh und ihr Zittern vor dem Tode auf einmal verlieren  lustig dem
feindlichen Feuer entgegen tanzen und sich einbilden können sie haben Herz
denn siehe auch ich fühlte keinen Groll mehr gegen den Marquis und seinen
Stellvertreter lachte mit festem Blick der Fregatte zu die vor meinen Augen
hin und her schwankte und machte mir keine Sorge weiter über den Ehrenposten
zu welchem ich mich ohne mein Zutun erhoben sah O die Harmonie ist eine
herrliche Anführerin für Geschöpfe mit menschlichen Ohren Ich habe die
Donnerschläge der Kanonen nicht gezählt mit denen uns Voltaire zu unserm
Empfang begrüßte ich weiß nur dass man mir unbeholfen wie ich war das
Vorrecht der schamhaften Damen zugestand und auch mich auf einem
herabgelassenen Armstuhl durch eine Winde auf das Verdeck zog während
herzhaftere Männer auf der Strickleiter hinaufstiegen Von da schlängelte sich
die Gesellschaft in das Innere des Schiffs einem Saale zu dessen Größe und
Schönheit mir kein geringeres Erstaunen verursachte als jenes Spiegelkabinet
den beiden Berliner Nymphen die sich heute vor sechs Wochen  Gott möge sie
unbeschädigt an Ort und Stelle gebracht haben  unter dem Schalle meiner
Horazischen Ode nach St Domingo einschifften Ich wüsste nicht wie ich mich bei
den Musen entschuldigen wollte wenn ich Dir diesen auf Wasser erbauten Tempel
dichterischen Ruhms nicht beschriebe Das Erste auf das der feurige Hinblick
der Andern meine Augen hinzog war die Satyrfigur des Patrons in seiner
natürlichen Dürre und Blässe Er grinzte aus einem zum Blindwerden vergoldeten
Rahm so spöttisch auf unsere Huldigungen herab dass mir die Schamröte anflog
die seinen Wangen abging Unter diesem Bilde lag auf einem Wandtische das auf
Pergament gedruckte Trompeterstück mit welchem Er die Fregatte anblies die den
Schall seines glorreichen Namens als ein Landesprodukt ausführen und in alle
Winde verbreiten sollte3 Auf zwölf Feldern von Purpurholz trugen glänzend
gefirnisste Genien in erhabenem Schnitzwerk die einzeln Stufen zu der ganzen
himmlischen Tonleiter seiner Muse zusammen Sein schriftlicher Nachlass strahlte
hinter den Gittern von vier Eckschränken hervor Auf der Höhe derselben
prangten als seine Schutzgötter die Büsten unsers Friedrichs Katarinen der
Zweiten  des Kaisersohns Joseph und des Königs der Sarmaten in Pappe  Wären
sie hier sagte der Kapitain ihrer Würde gemäß aus Marmor so sehen Sie wohl
könnten sie bei stürmischem Wetter durch ihre eigene Härte und Schwere leicht
einander gefährlich werden Wollte Gott erwiderte ich die Natur hätte auch
Rücksicht darauf genommen als sie diese Köpfe aufstellte In der Mitte der
Hauptwände haben zwei Charitinnen Körbe mit frischen Blumen empor Jeder zu
beiden Seiten hielt ein Affe mit allem Ausdrucke natürlichen Ingrimms eine
Tischplatte in die Höhe die ausschließlich den Lobschriften auf den
Unsterblichen eingeräumt war Um den Hals dieser angefesselten Träger schlang
sich ein Band mit den Namen eines der Menschen die dem Dichter zur Ableitung
der Galle so nötig waren als seine tägliche Nahrung Freron hielt den
Anelitteraire4  Beaumelle das Siècle de Louis XIV  Nonotte les Erreurs de
Voltaire und Franc de Pompignan seine Kantiques sacrés mit der Umschrift in den
Pfoten Sacrés ils sont car personne ny touche Diese zähnefletschenden
Gesichter wären sagte man ganz den Originalen ähnlich die er nach seinen
vier Widersachern benennt in dem Hofraume zu Fernay an Ketten gelegt täglich
mit eigenen Händen fütterte und peinigte um diesen schuldlosen Geschöpfen die
Freude seines Grolls fühlen zu lassen den er ihren NamensVettern bis an sein
seliges Ende nachtrug Alles war hier wie Du siehst auf die Ehre des großen
Mannes berechnet nichts hat aber wohl jemals sie lauter verkündigt als die
ansehnliche Versammlung in deren Kreise ich äußerst verlegen da stand Meine
Zunge war gegen die Geläufigkeit der andern genommen wie vom Schlage gerührt
und genau überlegt konnte vielleicht nichts besser zu meinen gegenwärtigen
Verhältnissen passen als diese Lähmung denn wie leicht hätte mir sonst mein
deutsches Gefühl den Streich spielen und mich verleiten können aus
Vergessenheit meiner Repräsentantenstelle den Signalen unseres Kleist
Klopstock und Wieland zu weit in den Irrgängen der Wahrheit zu folgen und mir
die Strafe zu erholen die der Prophet Jonas von seinen Zuhörern erlitt Keiner
der zwölf Jünger die hier zum Gedächtnisse des göttlichen Sterblichen
versammelt waren erwähnte seiner eigenen geringen Person außer in Verbindung
mit seinem Meister und alle suchten einander zu überschreien Wenn jener im
Zählen war wie oft er mit dem liebenswürdigen Dichter an einer Tafel gespeist
habe so störte ihn dieser durch seinen langjährigen Briefwechsel mit dem
berühmten Manne Mancher hatte mehrere Wochen bei ihm in Fernay verlebt und 
glaubwürdig genug  die Affen persönlich gekannt die dort im Leben wie hier in
hölzernen Nachbildern seinen Ruhm stützten Der eine gab zu verstehen er habe
ihm der jede Kleinigkeit zu benutzen wusste  durch Umgang vielleicht zu mehr
glücklichen Einfällen geholfen als sich die litterarische Welt wohl vorstellte
der andere beschwor bei seiner Ehre dass er vier Posten hinter Voltaires Wagen
hergefahren und immer so glücklich gewesen sei beim Aussteigen ein oder zwei
Worte von ihm zu hören die bis zur nächsten Station wie eine Herzstärkung auf
ihn gewirkt hätten Ein dritter indem er das Kinn vorstreckte wie Voltaire
selbst ließ merken er trüge wohl die Physiognomie des Dichters nicht von
ungefähr  Sei es wie es sei unterbrach er sich selbst tant mieux
    Da ich mich von allen diesen Glücksfällen keines einzigen rühmen konnte so
kam es mir auch nicht von weitem in den Sinn darein zu sprechen bis mir eine
junge Dame die Zunge löste »Ach Gott« rief sie entusiastisch aus »welchen
Genuss gewährt nicht sein herrlicher Geist einem denkenden Wesen«  Ich blickte
ihr geschwind nach dem Busen weil Kenner behaupten wollen hier säße den
Weibern der Verstand, so wie ihr Herz hinter der Stirn  Beides aber kam mir
etwas platt vor »Vier Monate war der große Mann« fuhr sie mit aufgehobenen
Augen fort »in meiner Eltern Hause zur Miete und denken Sie ich bewohne
sein Arbeitszimmer Es ist klein  aber wahrlich ich vertauschte es nicht mit
dem schönsten Spiegelgemach  schon des Quatrains wegen nicht das er auf eine
der Fensterscheiben gekritzelt hat«  »Was« fiel ich ihr in die Rede »Sie
besitzen eine Fensterscheibe mit einer Quatrain von Voltaire« »Ja« wiederholte
sie mit stolzem Anstand »vier Verse von seiner eigenen Hand und die selbst in
der neuesten Ausgabe seiner Werke fehlen« »O Madam« trat ich ihr jetzt näher
»wie glücklich könnten Sie mich durch dieses Stückchen Glas machen Bestimmen
Sie ich bitte einen Preis ich verstehe mich unbesehen dazu«  Lieber lieber
Eduard dass ich doch nie lernen werde meine Worte zu wägen »Es tut mir leid«
antwortete sie mit übrigens sehr freundlichen Augen »dass ich mich auf so einen
Handel nicht unbedingt einlassen kann  Jene Scheibe ist mir ein zu liebes
Eigentum und  nicht wahr lieber Vater« rief sie einem ältlichen Militär zu 
»unzertrennlich von meiner Person«  Diese Erklärung stopfte mir auf einmal den
Mund Ich leistete zwar ungern Verzicht auf solch einen Schatz für mein Kabinet
tat sogar ein übriges warf zum zweitenmal einen Blick auf das denkende Wesen
aber der Preis war und blieb mir zu hoch
    Der Aufruf zur Tafel unterbrach bald nachher das allgemeine Gespräch Meine
Kunstgenossin setzte sich neben mir  Ich hatte nun alle Gelegenheit tiefer in
ihren Verstand zu blicken  Sie ließ auch ihr Herz sprechen doch ich erwähnte
die Scheibe weiter mit keiner Sylbe Siehe Eduard ich wollte gern zwei Tage
hungern wenn ich mir dadurch das Vergnügen erkaufen könnte Dir den
Küchenzettel des herrlichen Mahls vorzulegen das jetzt begann Er würde Dir
unsern sinnlichen Genuss viel anschaulicher machen als meine wortreichste
Beschreibung Im Allgemeinen muss ich Dir jedoch angeben wodurch es sich vor
allen andern auszeichnete ehe ich zum Schluße des Festes komme der eine reine
neue Feder erfordert Es ward  vielleicht nach Schiffsgebrauch vielleicht auch
aus symbolischer Hinsicht  nur eine Schüssel auf einmal aufgesetzt  und schon
das gefiel mir denn so blieb die Bewunderung die wir ihr einstimmig zollten
wie bei Voltairen so lange ungeteilt bis eine andere erschien die wie es
ihm auch gehen wird uns noch bewundernswürdiger vorkam als die erste
Entständen aber auch zwanzig Dichter nach ihm deren immer einer größer als der
andere den Geschmack an die vorangegangenen verdrängte sie könnten kein
höheres Erstaunen bei mir erregen als mir die Reihe eben so vieler immer
köstlicherer Gerichte abnötigte Es war mir eine bittersüsse Betrachtung aber
ganz eines Philosophen würdig dass mir selbst in dem Gebiete meiner
vorzüglichsten Kenntnisse so viel Neues entgegen kam Denn außer dem gesegneten
Brod dessen ich mich noch von Aix aus erinnerte trat doch nicht ein einziges
Gericht unter meinen Gesichtskreis das ich als einen alten Bekannten hätte
begrüßen und im voraus erraten können was er mir leisten würde Noch scheint
es mir bemerkenswert und ich möchte wohl wissen ob dieses auch bei andern
Opfern der Fall sei dass die Gesellschaft sich nur so lange mit der
Verherrlichung ihres Götzen beschäftigte als der Übergang von der leeren zur
vollen Schüssel dauerte Voltaires Bild flog in diesen Zwischenzeiten wie ein
Schatten in der Zauberlaterne nur flüchtig den Augen vorüber desto
herzergreifender fesselte er aber unser aller Aufmerksamkeit als es lichter auf
der Tafel ward und unter den Spielwerken des Nachtisches ein Teller mit Devisen
die Erinnerung an den ganzen Umfang seiner Vorzüge zurückbrachte denn aus jeder
noch so unbedeutenden Figur die auf Geradewohl genommen belächelt und
zerknickt wurde entwickelte sich ein aus dem Schatze seiner Schriften
entlehnter ernster oder schalkhafter Gedanke Es war die artigste Lotterie der
Art die ich je gesehen und allen Tafeln empfehlen möchte so wie es die erste
ohne Nieten war die mir vorkam Sie erheiterte unsern vergnügten Zirkel noch
mehr Es war beinahe so gut als ob der gefeierte Dichter selbst zugegen sei ja
in gewisser Rücksicht war es noch besser denn mancher von den Gästen der
vielleicht unter den Augen des Dichters zu blöde gewesen wäre ihm seinen
Beifall anders als durch ein bescheidenes Stillschweigen zu zeigen  betäubte
jetzt unser Gehör mancher dem mit Voltaires Versen heute vielleicht zum
erstenmal ein kluges Wort über die Zunge kam spielte hier den Kenner und
schien als wolle er ihnen nur desto mehr Glanz durch die Einwilligung
verschaffen die er uns gab sie ohne Bedenken für schön zu halten Ich hielt
bis es die andern müde waren ihren Gewinn auszutrommeln mein Loos unter der
Maske eines Harlekins mit so zögernder Bescheidenheit zwischen den Fingern als
ob es ein Impromptu von meiner eigenen Erfindung entielte und wenn mir jemand
gesagt hätte du hast Worte in deiner Gewalt die gleiches Schrecken um dich her
verbreiten werden als jene die eine übermenschliche Hand der Tafel des Königs
Belsazar gegen über an die Wand schrieb ich würde ihn für einen Fantasten
gehalten meinen Harlekin so gewiss als jetzt und ohne Furcht vor dem traurigen
Erfolge geöffnet haben der mir aber nur zu bald in die Hände kam denn ich
hatte kaum die ersten Worte des Verses über die Zunge
Le grand monde est léger inappliqué volage
Sa voix trouble et séduit Eston seul on est sage
so entstand wie in der Natur vor dem Ausbruche eines Erdbebens eine so
auffallende Stille an der Tafel dass ich verwundert um mich herum blickte ohne
die sonderbar andächtige Wirkung dieser Zeilen auf eine so muntere Gesellschaft
begreifen zu können Ich sah nur niedergeschlagene Augen hörte nur tiefgeholte
Seufzer und unser Wirt eine Flasche Champagner in der Hand schien äußerst
verlegen was er damit anfangen  ob dem Harlekin trotzen oder meine Neugier
befriedigen sollte Er entschloss sich aus Höflichkeit gegen einen Fremden zu dem
letztern  schob das Leichtsinn erweckende Getränk bei Seite und  »Wundern Sie
Sich nicht mein Herr« wendete er sich nach mir »dass der Denkspruch den das
Ungefähr Ihnen zuwarf uns alle so ernstaft gemacht hat Er veranlasste die
Erinnerung an eine eben so vortreffliche als höchst unglückliche Freundin Sie
hatte diese Zeilen über den Eingang eines EremitenHäuschens setzen lassen in
welchem sie eben den süßesten Träumereien nachhing als ein grausames Verhängnis
sie plötzlich und wahrscheinlich auf ewig daraus vertrieb Wenn es meine übrigen
Gäste nicht zu sehr angreift so geben sie wohl zu dass ich unserm lieben
Fremden den traurigen Vorgang erzähle«  Die Herren schoben stillschweigend ihre
Gläser von sich die Damen falteten die Hände wie in einer Betstunde und das
denkende Wesen meiner Nachbarin hob sich ein wenig »Lassen Sie uns mein Herr«
fuhr der Kapitain fort »einen Augenblick in das schöne Tal zurückgehen von
dem Sie heute herkommen Dünkte es nicht Ihrem Herzen als Sie es zum erstenmal
so abgezogen von der übrigen Welt überblickten dass es dem menschlichen Elend
unmöglich sei in diesen Wohnsitz der Ruhe zu dringen und doch hätte
SaintSauveur der es wahrscheinlich aber aus Schonung Ihrer unterließ Ihnen
aus seinem Saalfenster den Geburtsort der Person zeigen können die eben dort zu
einem Jammer ohne Gleichen heranwuchs Ich berufe mich dreist auf die selbst
höchst liebenswürdigen Damen meiner Gesellschaft ob sie eine gekannt haben die
ihrem Geschlechte mehr Ehre machte und an Schönheit Verstand und
Annehmlichkeiten dem Fräulein von Larai gleich war« Nein so wahr Gott lebt
fielen sie hier alle dem Redner ins Wort und er selbst brauchte einige
Augenblicke sich von dem rührenden Hinblick auf sie zu erholen Denke Eduard
um wie viel dieser Einklang bei einer solchen Gewissensfrage diese unglaubliche
Zustimmung weiblicher Unparteilichkeit über die Vorzüge einer andern meine
Aufmerksamkeit noch erhöhen musste »Der Vater dieses Engels« ging der Seemann
in seiner Erzählung fort »einer der wackersten Menschen lebte in jenem
reizenden Bezirke auf seinem Landgute und widmete nach dem Tode einer
trefflichen Gattin seine Erholungsstunden nur Freunden die ihm glichen und
alle Kräfte der Erziehung des einzigen Zweigs seiner glücklichen Ehe« Diese ihm
so liebe Tochter stand im dreizehnten Jahre als er in der besten Meinung den
Grund zu ihrem nachherigen entsetzlichen Schicksale legte Er versprach sie
einem jungen Grafen  Sein Name  doch ich verschweige ihn lieber aus Achtung
für edle Verwandte Sie wechselten die Ringe unter den übelsten Vorbedeutungen
Er steckte den ihrigen mit einer spöttischen Miene an die den Anwesenden höchst
missfiel und sie verlor den seinigen bei dem ersten Spaziergange Bald nachher
erhielt der junge Mensch einen Gesandtschaftsposten der ihn fünf Jahre von
seiner Verlobten entfernte In dieser Zwischenzeit fiel das nächst an den
Wohnort des Barons gränzende Landgut durch Erbschaft an einen Herrn von Grammont
 der liebenswürdig sittlich und von dem edelsten Herzen weit mehr als der
Herzog gleiches Namens verdient hätte die Feder eines Hamilton zu
beschäftigen Er besuchte seinen Nachbar  sah die Tochter die in der Blüte
ihres siebenzehnten Jahres stand und nun erst hielt er den Zufall der ihn in
dieses Tal eingeführt hatte für einen Würfel in der leitenden Hand der
Vorsehung die das höchste Glück seines Lebens bezweckte und strebte seit
dieser unvergesslichen Stunde dem großen Ziele seiner Hoffnungen nach Er
erreichte es  gewann bald die Achtung und Freundschaft des Vaters und nur
desto geschwinder auch die Gegenliebe der Tochter die sich in aller
Unbefangenheit der Jugend ihrer ersten Neigung hingab Kein Ring kein Brief
kein Gedanke erinnerte sie an ihren entfernten Verlobten am allerwenigsten der
Vater der sich nur im Stillen die Übereilung seiner älteren Zusage vorwarf
nicht über das Herz bringen konnte die wachsende schöne Leidenschaft der
Tochter zu stören und als sein Freund um ihre Hand bat weder vermögend war
sie ihm abzuschlagen noch zu gewähren Wenn die beiden Liebenden mit Tränen
der Zärtlichkeit bittend vor ihm standen bat er sie dagegen nur um Geduld und
Aufschub  vermischte seine Seufzer mit den ihrigen verschloss aber nur desto
sorgfältiger das Geheimnis seiner Unruhe In diesem Kampfe mit sich selbst war
ein Jahr vergangen als dem alten Manne eine tödtliche Krankheit zustiess So
bald er ihren Ausgang ahndete fühlte sich seine beängstete Seele erleichtert
Mit erheitertem Blicke rief er die weinende Tochter an sein Sterbebette umarmte
sie mit sichtbarer Freude und O  waren seine Worte wie danke ich Gott dass
er ins Mittel tritt meinen Fehler gegen Dich wieder gut zu machen Du liebes
treffliches Mädchen  Mein Tod entzieht Dich noch zeitig genug der lästigen
Verbindlichkeit die ich Dir in Deiner Kindheit auflegte  Dein Herz nahm und
konnte keinen Teil daran nehmen  aber es wird ihm nun bald frei stehen seiner
eigenen Wahl zu folgen Du staunst verstehst mich nicht Ach hätte ich mein
übereilt gegebenes Wort so leicht vergessen können als Du Deines das Dir nur
blinder Gehorsam abdrang Mein letzter Wille vernichtet den ersteren  Befolge
ihn so bald Du mich unter die Erde gebracht hast und zögere nicht Dich und
den glücklich zu machen der Deines Besitzes so wert ist  weit mehr als jener
dem ich solchen einst zusagte Ein längeres Leben würde mir den Trost geraubt
haben der mir jetzt mein Ende versüsst denn nun erst kann ich hoffen dass Du
und Er mein Andenken segnen werden 
    Die liebreichen Befehle des Sterbenden  der Drang ihres eigenen Herzens am
meisten aber das Gespenst des Grafen setzten ihrem kindlichen Schmerze
wohltätige Schranken Sie drückte mit der einen Hand unter einem Ergusse von
Tränen ihrem Vater die Augen zu und reichte die andere ihrem Geliebten Nach
einer kurzen Trauer feierten sie den Festtag ihrer Vermählung der ihre Herzen 
Tugenden und Güter in ein schönes Ganze verschmolz Das glücklichste Paar auf
dem schönsten Punkte der Erde lautete die allgemeine Stimme und nie hatte sie
wahrer gesprochen Nach sieben Monaten vollen Genusses aller irdischen
Seligkeiten kam der Zerstörer derselben der Graf von seiner Mission zurück
Ich sah ihn den Tag nachher bei unserm Gouverneur Da scherzte er noch über die
Untreue des ihm einst aufgedrungenen Kindes Er habe sie setzte er lachend
hinzu in Neapel erfahren wo zum Glück ein junger Mann sich noch am
geschwindesten über solche Unglücksfälle trösten lerne Als er aber in der Folge
überall wo er nur hinkam von seinem Verlust unterhalten wurde und dessen
Größe erst ganz begriff da ihm ein glänzender Zirkel auf die Frage mit der er
ungestüm in den Saal trat Sagen Sie mir um Gotteswillen wer ist das
wunderschöne Weib und der strahlende Herr die mir eben im Vorzimmer
begegneten  aus allen Ecken zurief Graf Kennen Sie denn Ihre ehemalige Braut
nicht mehr da fielen diese Worte wie ein Donnerschlag auf sein Herz erfüllten
es mit den wütendsten Gefühlen des Stolzes der Eifersucht und der beleidigten
Ehre Seine innere Empörung ward allen Gegenwärtigen sichtbar Er veränderte die
Farbe so oft der Name Grammont ertönte Den ganzen Abend über misstrauisch gegen
jedes lächelnde Gesicht in sich gekehrt abwesend und stumm verließ er endlich
die Gesellschaft mit dem Fluche des Verbrechens belastet das er den Morgen
darauf ausführte So wie er in seine Wohnung kam störte er die halbe Nacht
hindurch unter seinen vor fünf Jahren zurückgelassenen Kleinigkeiten nach dem
Versprechungsring der Fräulein von Larai zwängte ihn an den Finger und hielt
sich nun mit diesem Beweise seiner älteren Ansprüche für berechtigt einen Gang
zu wagen um sich an demjenigen zu rächen der sie in seiner Abwesenheit auf das
empfindlichste verletzt habe Unter diesem Blendwerke sophistischer
Schlussfolgen schickte er ohne auf die Vorstellungen seines Sekretärs der mir
diese Umstände erzählt hat zu achten dem schuldlos glücklichen Manne eine
beschimpfende Ausforderung zu Herr von Grammont frühstückte eben mit dem Weibe
seiner Jugend in einer Laube von Weinreben die er bei dem ersten Erwachen
seiner Liebe aus keiner geringeren Ursache auf einer Anhöhe seines Gartens
gepflanzt hatte als weil er von da aus das EremitenHäuschen überblicken
konnte wo gewöhnlich in den Morgen und Abendstunden das Fräulein sich ihren
wehmütigsüssen Gefühlen Preis gab Diese beiden einander zuwinkenden Plätze
gaben durch die Erinnerung an jene bängliche Zeit den Stunden die sie jetzt
hier weilten einen unaussprechlichen Reiz An ihrem Hochzeitabende war die
erste Traube dieser geheiligten Pflanzung reif geworden Sie hätten es gern für
ein Wunder gehalten als sie auf ihrem traulichen Spaziergange damit überrascht
wurden In einem dichterischen Schwunge der höchsten Zärtlichkeit unter dem
Abglanze der untergehenden Sonne der sie beide mit klopfenden Herzen und
Ahndungen der annähernden Freuden nachblickten bog Er gleichsam als Vorspiel
diese noch unberührte Frucht den Lippen seiner Geliebten zu und zerdrückte jede
Beere die sie fassten mit glühenden Küssen eine Szene die das holde Weib noch
jetzt nicht vergessen kann Heute feierten die Glücklichen den ankommenden
Frühling unter dieser ihnen so teuren Laube Er wiegte sie auf seinen Knien
und sich an ihrem Busen und rechnete schalkhaft ihr vor um wie viele Pfunde
seit jenem mystischen Abend sie schwerer geworden sei als einer seiner
Bedienten ihm den Brief brachte Die kleine Mutwillige  ach hätte sie
gewusst mit welcher Natter sie spielte  ergriff ihn knickte das Siegel
drohte seine Geheimnisse zu lesen und stellte es zuletzt seiner Großmut
anheim ihre Neugier zu stillen Gleichgültig schob er ihn zwischen die Weste
denn er hatte nur Augen und Gedanken für Sie Diese Tändeleien der Liebe die an
dem Tage der ein so grausames Geschick in seinem Schoss trug der Erwähnung
wohl wert sind beschreibe ich nach der Aussage einer Person die das Frühstück
besorgte und dabei ab und zuging  eines vortrefflichen Mädchens das als
Kind die Gespielin der jungen Dame jetzt weniger ihre Dienstbotin als
bewährte Freundin war Sie die nach geendigtem Frühstück in die Laube trat
versetzte durch den Ausruf O das ist zum Malen schön ihre Gebieterin aus einem
süßen Traume in einen andern Du hast Recht meine gute Anne Geh und trage mir
geschwind meinen Pastellkasten in die Eremitage und indem sie sich aus den
Armen ihres Gemahls wand  Lass mich sagte sie mit losem Ernst deine Laube muss
nicht immer den Vorzug vor meinem Schilfhäuschen haben In zwei Stunden eher
hilft aber kein Anklopfen will ich den Herrn Gemahl mit der Kopie seines
Originals empfangen die er mir teuer bezahlen und die ihn ganz überzeugen
soll wie hässlich ihm dieser lüsterne Mund diese begehrlichen Augen und diese
glühenden Wangen zu Gesichte stehen
    »Mit diesen Worten  den letzten die er aus dem Munde seines Weibes
vernahm flog sie in ihr EremitenHäuschen setzte sich vor den Zeichentisch
wählte aus dem zarten Gewebe der vergangenen Stunde den herzlichsten Augenblick
und bot allen Zauber der Kunst auf um durch den Schmelz der Farben und den
Hauch der Wahrheit das liebliche Schattenbild ihrer noch frischen Erinnerung zu
beleben Diese letzte Arbeit ihrer Hände diese kostbare Überlieferung ihres
zerrütteten Glücks wird von unserm Freunde SaintSauveur als ein Heiligtum
aufbewahrt Ach wie oft habe ich schon davor gestanden und nur mit Gewalt
vermocht meine tränenden Augen davon abzuziehen  In sprachloser
Seelenzufriedenheit  die Hände gefaltet und die Augen gen Himmel gerichtet
saß der überglückliche Mann noch eine Weile unter dem Überhange seiner Laube
als man ihm meldete der reitende Bote warte auf Antwort Jetzt erinnerte er
sich des Briefs  suchte  erbrach vollends das Siegel überlas ihn   und nach
einem kurzen ernsten Nachdenken befahl er zwei Pferde vor die hintere Gartentür
 nannte den Reitknecht der ihn begleiten sollte und verbot als er aufstieg
den Umstehenden der Dame etwas von seinem Spazierritte zu sagen in einer
Stunde werde er wieder zurück sein  und so flog er dem Orte zu wo sein Gegner
ihn erwartete Sie trafen einander auf einem Rasenplatz am Fuße der Vestung Der
Graf reichte dem Angekommenen zwei Pistolen  Er wählte eine mit stolzem
furchtbarem Stillschweigen und beide  nachdem sie zehn Schritte von einander
ihre Stellung genommen  drückten los und in derselben Minute stürzte Grammont
mit zerschmetterter Stirne zu Boden Der Mörder schwang sich auf sein Pferd 
flüchtete auf einem gemieteten Postschiffe nach Genua und hat nun von dort aus
die Frechheit um freie Rückkehr in sein Vaterland zu bitten Im Krampfe des
Entsetzens ließ der Reitknecht das scheugewordne Pferd seines getödteten Herrn
fahren und mit verhängtem Zügel flog er der einsamen Schilfhütte zu wo noch in
ihrer Glückseligkeit vertieft die teure Unbefangene verweilte und eben daran
war einen Schattenzirkel um das fertige Gemälde zu ziehen Sie hörte das
Trappen des Pferds  hörte sich mit einem Jammerton rufen  riss sich in die Höh
 stürzte den Zeichentisch um  öffnete die Tür und sah den verblassten
Menschen der nur noch die unselige Kraft hatte  mit zitternder Hand nach der
Gegend der Vestung zu deuten  die Namen ihres Gemahls  des Grafen  Zweikampf
 und Tod  in einzelnen Tönen aus der beklemmten Brust zu stoßen ehe er
ohnmächtig niedersank Wer es vermag schildere den Zustand dieses weiblich
zarten Herzens sobald es der Greuel seines Geschicks erfasste  schildere den
entsetzlichen Fall aus einer solchen Höhe der Seligkeit in eine so grundlose
Tiefe des Elends  den Übergang des frohsten Selbstgefühls das noch kurz zuvor
ihre Farbenstifte bei dem schönen Nachbilde des Geliebten so glücklich geleitet
hatte zu der Trauerpost seiner Ermordung In einem Augenblicke lag ihre Hütte 
die Laube der Garten  ach die ganze Welt lag hinter ihr  Sie flog ohne nach
Begleitung zu rufen  ohne zu wissen wohin nur auf den ungefähren Wink des
Schreckensboten längs dem Steinwege  allen die ihr begegneten unaufhaltsam
vorbei unserer Stadt zu  flog durch das Tor  schöpfte nach Luft um zu
schreien  und forderte mit schmetternder Stimme ihren Gemahl  von dem
erstaunten Haufen der sie umringt indem sie ihre blutig zerrungenen Hände gen
Himmel hob Eine fürchterlich schöne Gestalt im weißen Morgenkleide  die
Bandschleifen durch den empörten Busen gesprengt  mit braunem fliegendem Haare
 fortgetrieben durch innere Pein und hingegeben der Verzweiflung  so sahen
wir sie alle wie wir hier sitzen unsern Häusern vorüber durch die Straße
rennen  und eilten ihr nach Auf dem Marktplatze sank sie endlich ohnmächtig
darnieder Einige aus dem Kreise der sie auch hier mit staunendem Mitleiden
umgab waren im Begriffe sie in das nächste Haus zu bringen als SaintSauveur
durch den Lärm ans Fenster gezogen seine Freundin erkannte  blitzschnell
herbei flog  sie jenen ab auf den Arm nahm und in das nahe Kloster der
barmherzigen Schwestern bis in das Zimmer trug das man ihr einräumte Er
schickte nach den berühmtesten Aerzten der Stadt forderte ordnete und
verschafte alles was er zur Beruhigung und Bequemlichkeit der Kranken für
nötig hielt konnte aber so wenig als ein anderer begreifen was dem armen
Weibe begegnet sei bis ihre gute Anna mit Tränen und Schweißtropfen benetzt
unter uns trat und den schrecklichen Vorgang nach der Angabe des Augenzeugen
erzählte Indem erholte sie sich  Wir die das Stöhnen der Erwachten nicht zu
ertragen vermochten verließen das Zimmer nur SaintSauveur blieb ohne seiner
zu schonen  Welch eine Morgenstunde Sie werden den schauderhaften Eindruck
leicht begreifen mein Herr den sie auf jeden zurückließ der ihr beiwohnte
und sich über die Wehmut nicht weiter verwundern in die uns Ihr zufälliger
Fund versetzt hat Der feinste Faden der mit einem solchen Gewebe des Unglücks
in Verbindung steht  würde er auch noch so leise berührt muss seinen ganzen
Umfang erschüttern«
    Der Kapitain hatte nun wie er glaubte mir allen genüglichen Aufschluss
gegeben und regte sich aufs neue mit seinem Champagner aber jedermann
ermunterte den Redner fortzufahren und verbat das berauschende Getränk  »So
verlangen denn meine lieben Gäste« fragte er »noch immer keine Ruhe Sie
kennen ja alle außer der fremde Herr da den Fortgang des Trauerspiels so gut
als ich«  »Aber auch er« rief ein ältlicher mit Pflastern verstellter
Offizier dem der Hieb in einem Ehrengefechte Mund und Nase gespalten hatte
»sollte nicht von uns gehen ohne die Warnung die der Verfolg der Geschichte
noch rührender predigt als der Anfang mit in seine Heimat zu nehmen« »So
hören Sie denn« fuhr der Kapitain fort »was mir nicht nur SaintSauveur von
der folgenden Stunde mitgeteilt hat sondern so viel ich auch noch bis heute
von der Unglücklichen weiß Sie öffnete die Augen unter jenem krampfhaften
Gestöhne das uns verscheucht hatte und sah sich starr um sobald sie aber ihre
Jugendfreundin erblickte stürzte sie ihr in die ausgebreiteten Arme Fest an
dieses einzige Geschöpf geklammert das sie in der ganzen Natur allein noch zu
erkennen schien ließ sie ihr Herz ausbluten und ihre sprachlosen Gefühle
veratmen Erschöpft sank sie endlich auf ihr Bette und zugleich in den
tiefsten Schlaf der bis den andern Morgen anhielt Die Ärzte bauten große
Hoffnungen auf diesen Beistand der Natur, und trösteten alle Nachfragenden
damit die das Kloster unaufhörlich belagerten Schöne aber ach vergebliche
Erwartung Die Kranke hatte während der Ruhe nur neue Kräfte zu der
schrecklichen Folter gesammelt die ihr bevorstand Denn als die wiederkehrende
Unglücksstunde ertönte raffte sie sich in einem schauervollen Erwachen von
ihrem einsamen Lager auf  Gustav war der erste Jammerlaut den sie an den
Busen ihrer Freundin gelehnt außstieß  ach liebe Anna lass mich doch meinen
Gustav suchen und mein müdes Haupt auf seinem Grabhügel ausruhn  Unter diesem
fortdauernden Gewimmer stieg ihr Schmerz immer höher und höher bis auf den
Gipfel des Wahnsinns Diese innere Pein ließ nicht eher nach als bis sich ihre
Zunge in einen Strom noch nie erhörter Flüche gegen den Mörder ihres Gemahls
ergossen hatte dann erst kam sie in der äußersten Abmattung wieder zu sich
Welchen Drang unnennbarer Martern lässt nicht eine solche Linderung in einer so
edelen sanften und Gott ergebenen Seele voraussetzen Drei Wochen nachher die
nur aus trübsinnigen Stunden zusammengesetzt waren kam ihr zum erstenmal ein
anderer Gedanke Anna  erwachte sie mit ihrem in gesunden Tagen so
freundlichen Aufblick  ich möchte mir wohl eine anständigere Wohnung suchen 
Bestelle mir doch meinen Wagen Dieses erste Zeichen von Besonnenheit
verbreitete überall Hoffnung und Freude An der Hand ihrer Getreuen und mit
rührendem Bezeigen ihres Danks gegen die Nonnen die von ihr Abschied nahmen
verließ sie das Kloster  aber wohin ließ die gute Dame sich bringen Den
dringendsten Bitten ihrer Begleiterin entgegen nirgend anderwärts hin als in
das öffentliche Irrenhaus Nachdem sie die innere Einrichtung nachdenkend
untersucht hatte schien es sie zu freuen in einem kleinen abgesonderten Hof
ein paar leere reinliche vergitterte Kammern zu finden  Diese hier wendete
sie sich leise gegen den Aufseher miete ich für mich und die anstossende 
wehmütig fragend blickte sie dabei Annen in die Augen  für meine Freundin
Seit jenem Morgen wohnt nun dort die edle Dulderin immer in sich selbst
versunken  außer dann und wann wo sie die Gefährtin ihres Elends durch einen
sanften Händedruck zu trösten und zu bitten scheint sie nicht zu verlassen  in
stiller Verborgenheit Nähert sich aber die Schreckensstunde die sie auf ewig
von ihrem Gustav trennte so mag die Uhr solche ankündigen oder nicht ihr
instinktgleiches Gefühl irret sich um keine Minute  dann tritt sie an das
eiserne Gitter ihres selbst gewählten Gefängnisses und ihre zurückgehaltenen
Klagen tönen nun in sonorischen Worten gen Himmel Allmählig umzieht Fieberröte
die blassen Wangen die matten Augen fangen an zu glühen die Stimme hebt das
Haar sträubt sich und eine kurze vorlaufende Erschütterung des schönen Gesichts
kündigt nun den Eintritt der Wut an die bis zur völligen Entkräftung des armen
Weibes fürchterlich fortdauert Dieses ist bis jetzt der abgemessene tägliche
Gang ihres verschmachtenden Lebens Hat schon meine Erzählung Sie so tief
gerührt mein Herr was wird nicht erst das Zeugnis Ihrer eigenen Augen
bewirken Ich kenne den Hang des menschlichen Herzens nach dem Genuße der
Wehmut zu gut aus Erfahrung um nicht vorauszusetzen dass auch Sie den
merkwürdigen Gegenstand dieser allgemeinen Trauer aufsuchen werden«  »Und
das« rief ich »soll morgendes Tags geschehen«  »Ich würde mich zu Ihrem
Begleiter anbieten« sagte der wackre Mann »hätte ich nicht selbst schon oft
das Lästige wahrgenommen das uns fremde Zeugen in solchen Augenblicken der
Tränen auflegen Niemand hat deren wohl mehr um die arme Bedrängte vergossen
als unser guter SaintSauveur Es ist ihm ein Gesetz sie täglich zu besuchen
und wird er ja davon abgehalten wie ängstlich sieht er nicht alsdann den
schriftlichen Berichten entgegen die ihm ihre Freundin und einzige Wärterin
die sie duldet auf diesen Fall zuschicken muss Es müssen gebietende Geschäfte
gewesen sein die ihn mehrere Tage aus ihrer Nähe entfernten Auch ist er es
der das Begräbnis des Entleibten in der Weinlaube besorgt ihm ein Denkmahl
errichtet und sich der verwaisten Diener und herrenlosen Wirtschaft dieses
gesunkenen Hauses mit der treusten Tätigkeit angenommen hat« »Hieran« rief
ich voller Entzücken »erkenne ich meinen Freund Gott segne seine Bemühung und
belohne seinen Eifer durch den glücklichsten Erfolg« »Aber mein Herr«
richtete der Kapitain jetzt die Frage an mich »wie in aller Welt geht es zu
dass diese tragische Begebenheit die doch in der Zeit Ihres Aufenthalts allhier
vorging und Stadt und Land erschüttert hat Ihnen so ganz unbekannt bleiben
konnte« »Ach erinnern Sie Sich denn nicht« seufzte ich »was der Marquis von
mir geschrieben hat Glücklich für meine Ruhe möchte ich wohl sagen lag ich
damals selbst ohne Verstand an der Kette einer schweren Krankheit unter den
Händen der Ärzte und vermutlich hat der Marquis und jedermann aus
menschenfreundlichen Rücksichten mir auch nachher den Vorgang verschwiegen«
Meiner Nachbarin schien schon lange etwas auf der Zunge zu schweben das ich gar
keine Lust hatte ihr abzunehmen musste aber endlich doch herhalten »Der Herr
Brigadier« zischelte sie mir zu »mag im Vertrauen gesagt wohl noch gewisse
zärtlichere Antriebe zu seiner in der Tat sehr lobenswürdigen Sorgfalt haben
als die allgemeine Menschenliebe Von jeher kann ich Ihnen aus Erfahrung sagen
hat er nur Augen für diese Frau gehabt und viele die ihn genau kennen wollen
behaupten dass er nur die Genesung der schönen Wittwe erwarte um ihr seine Hand
anzubieten die sie auch sicher nicht ausschlägt«
    »Sie glauben Fräulein« blinzte ich sie an »dass diese so tief verwundete
« »O mein Herr« lachte sie mir ins Wort »ein liebenswürdiger Mann der den
Verstand einer jungen Dame wieder zurechte bringt weiß gewiss auch ihrem Herzen
beizukommen« Das kann wohl dachte ich der Fall bei dir sein und war boshaft
genug in meine auf und niedersteigenden Blicke deren Wendungen nicht schwer
zu erraten sind meine ganze Antwort zu legen Indes verursachte doch dies
Geschwätz dass ich nach Tische meinen Kaffee noch mit Nachdenken darüber
einschlürfte Unter einem andern Gesichtspunkte genommen kommt mir die Sache
nicht so ganz unwahrscheinlich vor Ich glaube es als einen Erfahrungssatz
annehmen zu dürfen dass ein sonst gesunder Verstand der nicht durch eine
fehlerhafte Organisirung der Seele als zum Beispiel durch Hochmut sondern
durch zugestossne geistige Verwundungen verrückt wurde sich auch wieder findet
so bald die Zeit diese geheilt hat und sage es diesmal wahrlich ohne alle
Seitenblicke auf unsere oft unbändig trostlosen Wittwen die sich sechs Monate
nachher auf das fröhlichste wieder verheiraten Eine jede dahin spielende Idee
würde Blasphemie gegen die vortreffliche Frau sein von der ich spreche Wer
wollte aber nicht wünschen dasswenn sich auf den Fall ihrer völligen
Herstellung ein solcher Verlustsersatz als S Sauveur darböte jenes
vorgelaufene Gerücht einträfe
    Die Stimmung in die wir alle uns versetzt fühlten konnte für jedes
einzelne Herz seinen großen Wert haben nur zum gesellschaftlichen Tone taugte
sie nicht Der Kapitain ein viel zu guter Wirt um seinen Gästen Zwang
anzutun gab daher bald das Signal zur Abfahrt Mir war sonderbar in meiner
Barke zu Mute Die schreckliche Ungewissheit menschlichen Schicksals schien ihr
nachzuschwimmen Ich hatte so wenig für die muntere Musik die uns zurück
begleitete als für das Jauchzen am Ufer dasselbe Ohr mehr und glich ich vor
fünf Stunden einem Neuangeworbenen der lustig ins Treffen geht so war mir das
Herz jetzt gewiss so sehr gesunken als ihm wenn er schwer verwundet von der
Wahlstatt zurückhinkt Der vielsagende Händedruck des Kapitains den ich ihm
stillschweigend erwiderte  die bänglich freundlichen Blicke die mir meine
andern Tafelgenossen beim Abschiede zuwarfen söhnten mich mit ihrem vorigen
Tumulte aus denn ein so treuer Anhänger gesellschaftlicher Vergnügungen ich
auch sein mag so kommt es mir doch vor als würde es den meisten Menschen ganz
zuträglich sein wenn jedes Freudenmahl sie mit ähnlichen Empfindungen entliesse
als ich und wahrscheinlich alle übrigen Gäste Voltaires mit nach Hause nahmen
    »Lieber Sperling« rief ich meinem alten Lehrmeister entgegen da er mir
wie gewöhnlich zuerst in dem Wirtshause aufstiess »können Sie mir wohl den
nächsten Weg nach dem Tollhause zeigen« »Niemand leichter als ich« war seine
geschwinde Antwort »aber was in aller Welt wollen Sie dort« Mit dieser Frage
stieg er mir in mein Zimmer nach Als ich hier meinen Staat abgeworfen hatte
und noch die kleine Uhr die Du kennst in der Hand hielt um sie auf meinen
Schreibtisch zu legen veranlasste sie folgendes Gespräch unter uns »Finden Sie
nicht das Gehäuse allerliebst gemalt und die Juwelen um das Zifferblatt recht
artig gefasst« Er besah sie auf allen Seiten »Das ist ein ganz superbes Stück«
fing er sein Lob an  »Schade nur« fiel ich ihm ein »dass es nicht richtiger
geht« Er zog seine Uhr aus der Tasche und verglich beide »Ja wohl drei
Viertelstunden und neun Minuten zu früh« »Und doch« warf ich die Nase gegen
ihn in die Höh »ist schwerlich Ihr Werk nur halb so viel wert als das meinige
Ehemals ging es vortrefflich hat aber offenbar durch die Reise gelitten
Entweder ist die Feder überspannt ein Zahn verbogen oder es liegt an der
Unruhe« »Bei einer so zarten Arbeit ist das leicht möglich« erwiderte er
»und in dieser Hinsicht vertausche ich meine tombackene Uhr mit keiner andern
Mag sie noch so plump und altmodisch sein so hat sie dafür auch nicht um eine
Sekunde gestockt seit ich sie von meinem Großvater geerbt habe aber Ihr
kostbares Kunstwerk muss ja endlich ganz zu Grunde gehen mein Herr wenn Sie
nicht in Zeiten seinen Fehlern nachspüren Ich dächte doch wahrlich dass es der
Mühe verlohnte« »Meinen Sie das lieber Sperling Nun so haben Sie auch die
Antwort auf Ihre vorige Frage« »Wie denn das« stutzte er »In einer großen
Stadt« trieb ich nun meinen Spaß mit ihm weiter »stecken oft die verdorbensten
Uhren in den glänzendsten Gehäusen Die Eigentümer wissen meist selbst nicht
wie weit die ihre von der Sonne abweicht und bekümmern sich noch weniger um den
Gang der andern So lange noch nicht zufällige Stöße die Feder gesprengt die
Kette zerrissen haben sie nur artig in die Augen fällt und nicht rasselt gilt
jede ob sie übrigens ihre Bestimmung erfüllt ficht niemand an Wie soll nun
ein Reisender dem es mehr um den innern Gehalt zu tun ist als um äußeres
Blendwerk dahinter kommen Wie soll er beurteilen können ob in seiner
Vaterstadt auf die er doch gern alles bezieht die Uhren klüger gehen oder
nicht Gibt es da eine andere Ausmittelung als dass er nachforscht wie viele
in der Reparatur und an welcher Verschobenheit sie krank liegen« Der gute Mann
sah mich mit großen Augen an Ich legte ihm meine Spielerei näher  »Aus dieser
Ursache Freund verlasse ich nie eine ansehnliche Stadt ohne vorher ihre
Tollhäuser zu besichtigen Dort allein erscheinen die mannichfaltig verschobenen
und lahmen Werke ohne Malerei Diamanten und Fassung und erschweren keinem
verständigen Auge die Übersicht ihrer innern Gebrechen« Passerino  wie lange
dachte ich wird er noch so stumpfsinnig da stehen  blickte mir bald in das
Gesicht bald auf die Schuhe »Ein Narr« erhob ich nun meine Stimme »ist schon
einzeln ein offenes Buch eine größere Anzahl derselben ist die brauchbarste
Bibliothek zur Fertigung einer moralischen Mortalitätsliste Aus ihr entdeckt
man welche Seelenkrankheit an diesem oder jenem Orte am häufigsten die Köpfe
verdreht Sie lehrt der wie vielste Bürger allemal toll ist und beantwortet
die große Frage in welchem Staate der Verstand am besten gedeiht und am
wenigsten Gefahr läuft so dass jeder dem daran liegt seine Einrichtung
danach machen kann Welchen Vorzug zum Beispiel behauptet nicht hierin die
deutsche Natur mit ihrer Kruste vor dem französischen Spinnegewebe Wenn man
sich nicht selbst mutwillig durch Reisen in dies gefährliche Land oder gar
durch vieljährigen Aufenthalt daselbst Schaden tut mein lieber Passerino so
gehörten schon harte Prüfungen des Schicksals dazu um einen von uns aus seinem
täglichen Schlendrian zu bringen und ob es mich gleich oft genug in bittere
Verlegenheit setzt wenn ich mit meiner deutschen Strohfiedel den feinen
flüchtigen Weltton unserer Nachbarn nicht zu erreichen vermag  so«  »Ha nun
merke ich  fiel mir mein Zuhörer ins Wort  wo Sie hinaus wollen Ja ja wir
gehen ins Narrenhaus  dort können wir freilich dem lieben Gott viel herzlicher
danken als in brillanten Gesellschaften dass er uns aus gröbern Stoffen
zusammengesetzt und unsere deutschen Basssaiten bis jetzt vor allen massiven
Griffen gnädiglich bewahrt hat« Mein Gespräch hatte mir nun zwar den Dienst
eines Verdauungsmittels nach einem großen Gastmahle geleistet aber nicht im
mindesten meine bänglichen Gedanken an die unglückliche Dame zerstreut Ich
fragte meinen Mann ob er sie schon gesehen habe  »Noch nicht« war seine
Antwort »denn so oft ich auch sonst in jenes Haus kam so habe ich doch seit
Ihrer Ankunft meine Besuche auf Sie mein lieber Herr allein eingeschränkt
aber nächstens soll dieser herrliche Gegenstand des allgemeinen Mitleidens meine
Reissfeder in Tätigkeit setzen  Ich gedenke meine Zeichnung von ihr die nicht
anders als kräftig ausfallen kann in Kupfer stechen zu lassen Wenn nur der
zehnte Teil ihrer Freunde darauf subskribirt so soll mir diese Arbeit einen
hübschen Taler eintragen« »Die Spekulation ist gut berechnet« lächelte ich 
»darum wollen wir auch unsern traurigen Spaziergang keinen Tag länger
verschieben« »Doch wohl morgen noch« fiel er ein mit einer Miene die meiner
Vergessenheit bitter genug zu Hilfe kam »Versteht sich« trotz meiner innern
Galle zwang ich mich ziemlich gelassen zu antworten »wenn wir von unserer
pittoresken Reise nach Kotignac wieder zurück sind« »O alsdann mein Herr«
rief er entzückt »stehe ich Ihnen ganz zu Diensten und ich denke Sie sollen
mit Ihrem Anführer zufrieden sein Ich habe freien Zutritt im Tollhause  habe
schon manche Träne dort verweint  und manchen Groschen dort hingetragen« »Wie
so« »Sehen Sie mein Herr schon einige Jahre liegt dort ein Mann an Ketten
der  Gott bewahre jeden davor  selbst in seinen gesunden Tagen nicht recht
bei sich war  Ein Maler der  doch Sie mögen selbst urteilen Er hatte in
einem hiesigen angesehenen Hause ein hübsches Verdienst  beinahe ausschließlich
möchte ich sagen Zu seinem Unglücke aber kommt dem Sammler ein Seestück von mir
zu Gesicht Er kauft es und räumt ihm in seinem Saale den vorzüglichsten Platz
ein Mehr brauchte es nicht um seinen Stolz zu beleidigen Kaum entdeckt er das
neue Gemälde so stellt er sich die Arme in einander geschlagen davor aber
anstatt wie jener große Maler zu rufen Auch ich bin einer so steigt ihm der
Künstlerneid so gewaltig zu Kopfe dass er einige Tage nachher wie gesagt ein
völliger Narr ward Sein Zustand griff mir ans Herz ich vergaß sein Unrecht
gegen mich behandle ihn seitdem wie einen unglücklichen Bruder und besuche
ihn so oft ich einen Groschen zu Rappee entübrigen kann der wie allen
verschobenen Gehirnen auch ihm das willkommenste Geschenk ist« »Tun Sie das
lieber Sperling Nun so erscheinen Sie mir in diesem Punkte größer als Voltaire
mit seinen vier Affen und ich begleite Sie nun noch einmal so gern nach
Kotignac«  »Wenn haben Sie die Pferde bestellt«  »Mit Tagesanbruch«  »Gut«
 »Aber noch Eins mein Herr Bei Mönchen haben wir als Ketzer wohl nicht viel
Gutes auf den Mittag zu erwarten  Sollten Sie nicht aus Fürsorge einen
gebratenen Fasan und einige Flaschen Wein mitnehmen« »Sehr gern reden Sie das
mit meinem Wirt ab  und für heute leben Sie wohl denn ich habe sehr viel in
mein Tagebuch einzutragen« Das wäre nun auch nach der Regel von Pünktlichkeit
geschehen auf die ich vielleicht mehr halte als Dir lieb ist Ein anderer
glaube ich gern würde manches als unwichtig übergangen und sich bei meinen
schläfrigen Augen kürzer gefasst haben doch könnte es leicht möglich sein dass
dieser andere seine gedrängte Schreibart in der Folge bereuen müsste  Ich habe
meine eigenen Grillen über die Geschwätzigkeit Was uns heute bloß als Staub auf
unserm Lebensgange erscheint kann morgen ein Kitt werden der das Ganze
verbindet Du darfst nur in meinem obigen Gespräch mit Passerino ein Komma
weglassen und ich stehe weiter nicht für den Sinn Eben so erhalten die
Vorfälle des Lebens meistens eine ganz andere lückenhafte Ansicht indem man so
genannte Kleinigkeiten nicht berührt wodurch doch jene nur zu oft herbeigeführt
werden Heute kann es Dir freilich so gleichgültig sein als es mir ist ob der
Wirt für meinen Mittag morgen einen Kapaun oder Fasan  roten oder weißen Wein
in den Wagen packt Wer kann aber voraus wissen ob und was für Folgen von
dieser Wahl abhangen Ja wenn ich einen Roman schriebe so könnte ich freilich
meine Materialien sortiren könnte zusetzen und weglassen was ich wollte aber
Protokolle des laufenden Tags erfordern die schwatzhafteste Treue und gesetzt
es wäre noch so gleichgültig ob Cäsar in seinem gewöhnlichen Leben auf der
rechten Seite ausspuckte oder auf der linken so konnte doch als er mit seinem
Tagebuche über den Fluss schwamm dieser kleine Umstand seine eigene und die Lage
der ganzen Welt verändern
                                                             Den 25sten Februar
Schon seit zwei Stunden sitze ich da kaue meine Feder und streite mit ihr ob
sie Dich in das Geheimnis ziehen soll dessen ich mich zu Kotignac bemächtigt
habe Doch bist Du nicht auf dem Runde der Erde mein engster Vertrauter und
müsste ich nicht fürchten wenn ich gegen Dich schwiege von der Last die mir
auf dem Herzen liegt diese Nacht erdrückt zu werden Vor dem Verschwatzen will
ich mich jedoch hüten Ohnehin macht uns nichts lakonischer als eine große
Entdeckung Passerino trat schon um fünf Uhr vor mein Bette Während ich mich
ankleidete spitzte er seine Stifte  eine halbe Stunde nachher fuhren wir ab
Der Weg war so schlecht und langweilig als seine Unterhaltung Der elende
Fleck wo wir um zehn Uhr anlangten war es nicht weniger und so taumelte ich
denn aus meinem Wagen durch den Klosterhof und durch die Vorhalle verstimmt
bis über die Ohren in die russige Kirche Ein Mönch empfing uns mit der Miene
die allen den guten Leutchen eigen ist die Archive Hausarkana Kinderklappern
der Vorzeit oder heilige Spielwerke im Beschlusse haben Ich tat einen Blick
auf das alberne Bild des Hochaltars und hatte auf immer genug daran Nicht so
mein Reisegefährte Der setzte sich gegen über auf die nächste Bank zog sein
Pergament heraus und zeichnete als ob es für die Ewigkeit wäre Für mich wäre
es eine gewesen wenn ich ihm länger hätte zusehen müssen Aber der Mönch kannte
den Wert der Zeit nahm mich stillschweigend bei der Hand führte mich durch
einen dunkeln Gang in das feuerfeste Gewölbe der Sakristei und stellte mich vor
einen großen alten vergoldeten Schrank der meine geringe Geduld aufs ärgste
durch sechs künstliche Schlösser prüfte die weit über eine Viertelstunde
wegnahmen ehe der Pater eins nach dem andern geöffnet hatte doch dafür
gelangte auch meine Bewunderung zu einem unerwarteten Genuße Drei weite
Schubfächer enthielten die Garderobe der Mutter Gottes  Hemden Unterröcke
Kaleçons Strümpfe Spitzen Halstücher und Roben alles wo nicht neumodisch
doch fein prächtig und unbefleckt wie sie selbst Das kostbarste ihrer
Kleider und das sie nur einmal des Jahrs ihrem Hofstaate zur Schau gibt war
von himmelblauem Atlas mit goldnen Sternen gestickt und mit Quasten von den
reinsten Perlen besetzt »Dieses Kleid so äußerst kostbar es auch ist« sagte
der Mönch »wird noch merkwürdiger durch die beiliegende Nachricht dass es
unversöhnliche Feinde der Gebenedeiten drei portugiesische Juden waren die es
besorgten so wie ehemals bei ihrer Niederkunft drei Könige aus Morgenland wie
das Ihnen bekannt sein wird«  »Ja ja« sagte ich und nachdem er das Kleid
wie die geschickteste Kammerjungfer wieder in seine Falten gelegt hatte
öffnete er einen mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Kasten Gott verzeihe mir
die Sünde aber beim ersten Hinblick flog mir der Verdacht durch den Kopf die
heilige Jungfrau habe durch ihre dienstbaren Geister das grüne Gewölbe ausräumen
lassen Mit dieser Juwelensammlung an Ohren und Fingerringen  Halsbändern und
Zitternadeln  Uhren Zahnstochern  und Tabaksbüchsen könnte man dächte ich
die Bekehrung der Juden übernehmen an der uns doch allen gelegen ist »In der
Tat ehrwürdiger Herr« nötigte mir diese seltene Erscheinung die Worte ab
»habe ich die Hochheilige nirgends noch so reich ausgestattet gesehen als hier
Welcher fromme Bienenschwarm muss nicht seinen irdischen Honig diesem Kloster
zugetragen haben um sich dadurch Zellen im Himmel zu bauen« »Nichts weniger
als das mein Herr« antwortete der Mönch »alle Schätze dieses Schrankes rühren
von der Dankbarkeit einer einzigen Seele  von der Andacht Ludewigs des
Vierzehnten her Auch legt die Mutter ihm zu Ehren ihre kostbarsten Kleinodien
so wie jenes himmelblaue Kleid mit Perlen nur zu seinem Geburtstage an
Verlangen Sie noch stärkere Beweise von der Achtung dieses großen Monarchen für
unsere Madonne  so sehen Sie hier«  indem er ein neues Fach herauszog  »das
Ordensband des heiligen Geistes das er ihr beim Antritte seiner glorreichen
Regierung  hier seinen Heiratskontrakt den er der Wundertäterin durch einen
Gesandten zuschickte als er sich mit der Infantin Maria Teresia von Spanien
vermählte und hier in diesem kostbaren Einband den pyrenäischen
Friedensschluss«  
    »Aber warum hat denn dieser große Monarch« fragte ich in meiner Einfalt
»bei der Menge Madonnen in seinem weitläuftigen Reiche eben der Ihrigen eine so
übermäßige Auszeichnung erwiesen« »Warum mein Herr« wiederholte der Mönch
meine Frage mit mitleidigem Lächeln »aus der guten Ursache weil er allein nur
ihr sein Dasein verdankte« »Das ist etwas anders aber ich bitte Euer
Hochwürden wie ging denn das zu« Der Mönch verschloss erst mit dem
bedächtlichsten Ernste seinen Schrank fasste mich darauf stillschweigend bei den
Schultern und drehte meine stolze Figur einer demütig gebeugten zu die in
einem prächtigen Rahmen beinahe die ganze Hauptwand der Sakristei einnahm  dem
Bilde eines Barfüsser Mönchs in Lebensgröße von Rigaud gemalt  dem wichtigsten
Manne wie der Pater sich ausdrückte in der französischen Geschichte und von
dem ich doch  so misslich steht es leider mit meinen historischen Kenntnissen 
kein Wort in meinem Leben gehört hatte Desto mehr Aufmerksamkeit schenkte ich
jetzt dafür den Taten dieses Auserwählten die mein Führer mit vieler
Beredtsamkeit zu entfalten verstand Bei jedem neuen Farbenstriche den er dem
Gemälde zusetzte machte ich immer größere Augen Wie hoch stieg aber nicht erst
mein Erstaunen als ich in dem schönen Ganzen das sich am Ende aus seiner
Erzählung ergab den Plan zu einem Heldengedicht entdeckte so tadellos und
vollkommen als vielleicht noch keinem Dichter der Welt einen zu entwerfen
gelungen ist Du wirst es schon finden dass ich das Maul nicht zu voll nehme
denn alle Eigenschaften die Aristoteles von der Epopee verlangt treffen in ihm
zusammen Der Heros ist weder ein Geschöpf der Phantasie noch ein
gleichgültiger Spieler auf dem Schauplatze der Welt  Seine Taten sind kühn
und greifen in die Zukunft In der zu besingenden Handlung ist Anfang Fortgang
und Ende von gleich hohem Interesse  die Episoden und Maschinen sogar sind ihr
angemessen natürlich und notwendig der ganze liebliche Stoff ist reichhaltig
und groß Ach warum versagte mir doch die Natur alle Anlage zu der Trompete da
doch eben mir ein Stück für dieses Instrument der höheren Dichtkunst unter die
Hand kommen musste das gewiss wenn meine schwache Lunge nicht wäre Lärm in der
Welt machen sollte und ach warum hat das Ungefähr nicht lieber Voltairen statt
meiner mit diesem Manne der Geschichte bekannt gemacht der es wohl eher
verdient hätte von solch einem Meister an das Licht gezogen zu werden als die
berüchtigte Pücelle Um jedoch nicht dem Hahne in der Fabel zu gleichen der ein
Kleinod aus dem Mist scharrte und als zu hart für seinen Schnabel es in seine
schmutzige Verborgenheit zurückschleuderte überlasse ich Dir oder jedem andern
Barden großmütig das ausgescharrte meinige um es zu waschen zu wägen und in
homerischen Glanz zu setzen ohne weiter zu untersuchen wer mir mehr Dank
schuldig wird  der Sänger den ich in Zukunft oder der Held den ich schon
jetzt so gut ich kann aus der unverdientesten Vergessenheit ziehe
Denn hüllt uns gleich der dickste Nebel
Den kein Varrentrapp noch Krebel
Durchzubrechen wagt seinen Ursprung ein
Frankreichs stolzen Bürgern sollt er doch als Hebel
Ihres größten Königs aus dem Ehverein
Ludewigs des Schwachen unvergesslich sein
Vor dem neuen Spiele einer Rolle bange
Die  wenn nun beim Übergange
In die Vierzig  Amor sich entfernt 
Jede Frau gezwungen lernt
Trug die Königin die um Ehesegen
Erd und Himmel zu bewegen
Zwanzig Jahr schon ihr Latein verlor
Und jetzt mehr als je verlegen
Einem Helden aus dem Chor
Der Barfüsser ihre Wünsche vor
Fiacre hieß der Mann Stolz führt den Ehrennamen
Noch ein Gesindel fort dem Dienst des Staats geweiht
Das sein Vehikulum Ermüdeten und Lahmen
Auf Stunden und Minuten leiht
So jung und nackt er war stand er zu seiner Zeit
Mehr noch als sein Monarch bei allen Notredamen
In glücklicher Vertraulichkeit
Nur eine kannt er nicht die alt und ausgeleeret
An Wunderkräften war In Tenniers Geschmack
Gemalt verbleichte sie von Wenigen verehret
Still auf dem Hochaltar des Städtchens Kotignac
Der Mönch klug wie er war und mit dem seltenen Falle
Der Königin vertraut tat was ihr Ehkompan
Kalt in der Andacht nie getan
Dass eine wenigstens nur helfe ruft er alle
Der Christenheit Madonnen an
Und kaum vernahm von fern das Mutterbild der Gnaden
Den ungewohnten Ruf als ohne zu verziehn
Es in dem ganzen Reiz der Nymphen von Ostaden
Dem eingeschlafnen Mönch erschien 
»Steh« treibt es ihn »steh auf dem König ohne Schaden
Weck Annen auch Ihr sei zum Possen dem Kalvin
Noch diese Nacht ein Sohn der einst durch Dragonaden
Das Volk das mich verkennt nach Kassel und Berlin
Zum Teufel jagen wird  verliehn«
Und der Mönch erwacht und erweckt auch Annen 
Unsrer lieben Frau Wirkungen begannen
Freundlich war die Nacht und dem Mönch gelang
Des Kalvinus Untergang
Und der Prinz kam an den der fromme Pater
Kraft des Wundertraums verhieß
Eh sich sein gekrönter Vater
Etwas von ihm träumen ließ5
    Der Erzähler einer merkwürdigen Begebenheit der aufmerksame Zuhörer findet
ist wie ein reicher Gutsbesitzer unter seines Fröhnern ein überaus glücklicher
Mann Von der einen Seite schlägt der Glanz seines Gegenstandes  von der andern
das Ausströmen der erwärmten Neugier wohltuend über ihn zusammen Ist aber das
Feld einmal geräumt und die Ernte im Trocknen so macht er als Nachstoppler eine
desto ärmlichere Figur Ich sah den guten Mönch immer noch eine einzelne Aehre
nach der andern auflesen um die Garbe die er gebunden hatte wichtiger zu
machen Wir fühlten aber beide gar bald das Langweilige davon und ich fing an
mich gewaltig nach meiner Heimreise zu sehnen als es ihm beifiel dass er mir
für die Ehre seines Klosters noch eine Kleinigkeit zu vertrauen hätte »Auch hat
es«  fuhr er in seinem Nachstoppeln fort  »vor allen im Reiche den Vorzug
einen Urenkel von der leiblichen Schwester des heiligen Fiacre in seiner Mitte
zu sehen indes zu gleicher Zeit im theologischen Sinne einer auf dem
königlichen Throne sitzt Sie würden selbst Familienähnlichkeit in den
Gesichtszügen jenes Porträts und des Pater André finden wenn es Ihnen beliebte
mir in seine Zelle zu folgen« »Lassen Sie uns« erwiderte ich ängstlich »doch
vorher nachsehen wie weit der Maler gekommen ist« Dieser Pinsler aber als wir
auf ihn zugingen winkte uns so ernstlich wie Diogenes in der Tonne aus dem
Sonnenscheine seines Enthusiasmus dass ich im Drange meiner Langeweile doch für
klüger hielt den gütlichen Vorschlag des Mönchs anzunehmen als mich noch
länger auf den Marmorplatten der dunkeln Kirche herum zu treiben schimpfte aber
in Gedanken desto ausgelassener auf meinen tollen Zeichenmeister Ich hätte
schon damals Ursache genug gehabt mir diese undankbare Aufwallung meiner Laune
zu verweisen denn die Bekanntschaft mit dem Helden einer Epopee war ja wohl
belohnend genug um mich über alle und jede Unbehaglichkeit zu trösten Musste
ich denn erst noch eine Stunde älter werden um zur Besinnung zu kommen O du
Sperling aller Sperlinge vergib mir um des hohen Verdienstes willen das ich
späterhin deiner Narrheit mit reuigem Herzen zugestand Wie willig und
gedemütigt tat ich ihr Ehrenerklärung und Abbitte Sogar in diesem Augenblicke
meines ruhigen Nachdenkens beuge ich mich noch vor deinem Stümpertalente tiefer
als vor der Hoheit der Raphaele und Titiane die sich zu vornehm dünkten auf
dem Hochaltare zu Kotignac dir ein Vorbild und jenem Barfüsser eine Kupplerin
aufzustellen Auch die kalte Küche die du mir in prophetischer Ahndung rietest
mit mir zu nehmen werde ich dir ewig verdanken denn eben durch jenen Fasan
den ich an die Stelle des Eiergerichts schob das der Pater André zu verzehren
sich anschickte und durch die vier Flaschen Burgunder die den Braten
umringten gewann ich in aller Geschwindigkeit das Zutrauen des freundlichen
Mannes und was trug mir nicht dieses gegen das Ende des Mahles ein Trocknes
Brod das Gott segnen will bedarf keiner Brühe Mein kleines auf den Mittag
versetztes und so wenig diplomatisches Frühstück dass ich in Regenspurg mir
nicht getrauen würde einen Hund damit aus dem Ofen zu locken vermittelte mir
dennoch die Entdeckung eines Staatsgeheimnisses dem mehr als hundertjährige
Riegel vorgeschoben waren Ein Sekulum war verrauscht ohne es zu verraten ein
zweites trug es in seinem morschen Leichentuche weiter und drohte schon mit ihm
zu verschwinden als der Genius der über das Verborgene wacht den Räuber im
Fluge aufhielt und wie einen Reiher zwang seine Beute fahren zu lassen
Unbegreiflicher Zusammenhang der Dinge! Gleich dem Vogel Fonton in Arabien6 der
schreiend den Wanderern vorflattert um sie wäre es auch ein Sumpf dahin zu
leiten wo etwas Merkwürdiges versteckt ist musste ein deutscher Narr einen
andern Deutschen in dies Mönchsnest verlocken damit er einen Schatz heben
konnte den dort ein Schwarzkünstler für die Ewigkeit zu vergraben glaubte
Könnte ich der Schadenfreude den geringsten Geschmack abgewinnen oder spornte
mich Nationalstolz wie würde ich mich gegen die unzähligen Franzosen brüsten
die seit dem 5 Dezember 1638 bis auf den heutigen 24 Februar vergebens danach
geforscht haben  aber bei Zufällen des Glücks steht nichts besser als
Bescheidenheit
    Nach dem zehnten Glase ungefähr wo es der schweren Zunge des Paters André
lästig zu werden schien den Einfluss der Mutter Gottes auf seinen Grossonkel
länger in Betracht zu ziehen erhob er sich und taumelte der kleinen Niederlage
seiner Bücher zu zog eins aus dem Staube hervor und  »Hier mein Herr«
reichte er mirs über die Achsel »verehre ich Ihnen zum Andenken die neueste
Biographie des seligen Mannes  La vie du vénérable Frère Fiacre Paris 1722 
Können Sie alte Papiere besser lesen als ich so steht Ihnen auch noch der
Plunder zu Diensten der als sein einziger Nachlass bis auf mich fortgeerbt hat«
Ich nahm sein wie ich wähnte unbedeutendes Geschenk mit höflichen Blicken an
und lüftete während die Kuttenträger ihre Gläser aufs neue füllten das morsche
Gewebe ein wenig unter dem pappenen Umschlag und was  Eduard  fiel mir zuerst
in die Augen Nichts geringers als ein Handbrief der Königin Anna Welch Glück
dass ich keinen feinern Physiognomisten gegen über saß als ein paar
halbtrunkenen Mönchen Ihre gebrochenen Augen irrten nur von den leeren Flaschen
zu der einzigen die noch verstöpselt vor ihnen stand  ohne meine verfärbten
Wangen des Anblicks zu würdigen Ich bekam Zeit mich von meiner freudigen
Erschütterung zu erholen band das lockere Paket fester warf es so gleichgültig
neben meinem Hut hin als ob es eine deutsche Monatsschrift wäre und gab nun 
die Madonna und ihr Fiacre dürfen es mir wahrlich nicht verübeln  meinem
Gespräche eine Richtung die uns immer weiter von ihrer Glorie entfernte Desto
verbindlicher betrug ich mich gegen ihre beiden Trabanten Sie wollten mir weiß
machen es wäre ihnen in ewiger Zeit kein Fremder von so einnehmendem Umgang
vorgekommen Ich vergalt es ihnen durch die Lüge dass ich noch Jahr und Tag in
Marseille bleiben und mir öfters das Vergnügen machen würde sie zu besuchen
und lache mich nur aus Eduard  aus Bangigkeit dass es dem dummen Volke doch
wohl einfallen könnte die Handschriften vor der völligen Auslieferung noch
einmal durchzusehen stellte ich ihnen als die sicherste Zerstreuung und mit der
Miene eines jovialen Tafelfreunds eine zu die für sie von ungleich grösserm
Wert war  eine Anweisung an meinen Gastwirt auf zwei Dutzend Bouteillen
desselben Weins der ihrer Zunge so wohl tat Diese Aussicht in die Zukunft
warf die sanftesten Strahlen auf die Gegenwart Das Dankgefühl der armen
Geschöpfe war gränzenlos Sie küssten meine ketzerischen Lippen so inbrünstig
als ob es Schuhsohlen eines Apostels wären und dem ehrlichen Passerino der
nach vollbrachter Arbeit hereintrat und sich hungrig nach dem Frühstücke das er
selbst bestellt hatte umsah setzten sie die leeren Flaschen und den
verschrumpften Eierkuchen unter einem so tollausgelassenen Gelächter vor die
Nase dass der Prior nachfragen ließ was denn hier vorginge Glücklicher Weise 
denn nun pochte mir das Herz noch stärker stieß der Postillion ins Horn Ich
fuhr geschwind nach meinem Hute und dem Geschenke darneben umarmte die bärtigen
Kerle empfahl mich ihrem Gebete und ach wie heilfroh blickte ich an den
blauen Himmel hinauf als ich den Klosterhof zehn Schritte hinter mir hatte Der
Rückweg der abwärts ging und das doppelte Trinkgeld mit dem ich den Fuhrmann
auf Kosten der Pferde bestach brachten mich um vieles früher nach Hause
Passerino konnte mir unterwegs kein Wort abgewinnen Dafür entließ ich ihn an
der Türe der Gaststube mit unbeschränkter Vollmacht Ich warf meine Hülle wie
ein Schmetterling ab jagte Bastian der aufräumen wollte aus dem Zimmer 
verschloss es und sitze seitdem mitten unter meinen den Motten und Mönchen
abgerungenen Urkunden an meinem lieben heimlichen Schreibtische ohne dass ich
vor Eifer mir hätte Zeit nehmen mögen ein Billet des Marquis zu lesen das in
diesem Augenblick noch unerbrochen neben mir liegt Nichts ist doch
historischen auch wohl andern wichtigen Untersuchungen nachteiliger als die
erste Hitze Ich hatte schon bei einer Stunde meinen Spreuhaufen hin und
hergeworfelt ehe ich das seltene Weitzenkörnchen das mir dabei schon oft über
die Finger geschlüpft war bemerkte Ich blätterte und blätterte alle Briefe
vorbei die nicht von der Königin waren und von denen ich doch jetzt die
meisten wieder in ihren Staub zurückwerfe da sie schlechterdings des
Durchsiebens nicht wert scheinen  voll verliebten Unsinns in altem Styl der
so eindringend er auch zu seiner Zeit wirken mochte auf Herzen wie sie in der
jetzigen organisirt sind keinen als höchstens einen lächerlichen Eindruck
hervorbringen Dafür will ich Dir ein Morgenbillet der liebenswürdigen Anna das
sich bisher immer versteckt hielt und so unbedeutend es aussah mir doch zuerst
die Augen öffnete seiner ganzen Länge nach abschreiben Nos neuvaines ont fait
merveille Depuis douze ans bien ecoulés je viens de revoir mon gracieux mari
et maître Lorage dhier qui la tristement éconduit du cage de sa7 Fauvette
me la ramené Peustu croire quil a même soupé avec moi Oui oui mon
reverend père sans quil ait8  touché à ton plat favori En estu content Il
est reparti pour Versailles Que Dieu le conduisse Jespère chasser de ma
chambre la peste de son haleine par lencens que tu moffriras Je tattens à
lheure acoutumée de ma devotion La Beauvais the dira le reste
    Au Louvre ce 6 Decembr 1637
                                                                        A  dA
    Mir fiel in diesen Zeilen anfangs nichts so sehr ins Ohr als das
Spatgewitter dem überall das gemeine Volk weit wichtigern Einfluss in den
Winter als in den Sommermonaten zueignet Nach seinen Begriffen ist es ein
Wecker der Vorsehung Einem so ungewöhnlichen Tumult der Natur müsse hofft es
ein politischer nachfolgen Ein fataler Volksglaube der besonders in Russland an
manchem Unfug schuld ist so dass ich aus Anhänglichkeit an die große Katarina
froh bin dass während ihrer glorreichen Regierung sich kein dergleichen
Luftzeichen ihrem Horizonte genähert hat Es waren nur ein paar flüchtige
Augenblicke die ich an dieses himmlische Phänomen verlor denn ich stieg
sogleich einige Zeilen tiefer zu dem weit Erklärbarern herunter das der Name
Beauvais meinen Nachforschungen Preis gab Die vielen Briefe die mit dieser
Unterschrift in meinem Portefeuille den königlichen Handschreiben beigesellt
waren könnten doch wohl vermutete ich bedeutender sein als ich ihnen bis
jetzt zugetraut hatte Ich legte also vorerst meinen Händen die verschuldete
Strafe auf die so sehr gestörte chronologische Ordnung der Briefe wieder
herzustellen ehe ich meinen Augen anmutete ihre Hieroglyphen zu entziffern
Sie gingen freilich sehr scheu und und ungern daran aber o was für eine wackere
Lehrmeisterin ist nicht die Neugier Kaum hatte ich die ersten Schwierigkeiten
überwunden und mich überzeugt dass es Annens vertrauteste Kammerfrau sei mit
der ich zu tun bekam so las ich auch schon ihre Handschrift mit derselben
Leichtigkeit als die Deinige Ich möchte das verschmitzte Geschöpf gekannt
haben Schon der erste Brief den ich enträtselte flößte mir eine hohe Meinung
von ihrem praktischen Verstande ein Sie empfiehlt in halber Frakturschrift dem
ehrwürdigen Bruder die sorgfältigste Behutsamkeit in seinem Benehmen und warnt
ihn besonders vor den scharfsichtigen Augen Orleans Gestern noch erzählt sie
sei der Unverschämte ihrer Gebieterin als sie eben aus der Kirche zurück kam
ohne nur Rücksicht auf ihre zahlreiche Begleitung zu nehmen mit der Spottrede
in den Weg getreten Madame vous venez de solliciter vos juges contre moi je
consens que vous gagniez votre procès si le roi a assez de credit pour cela
Anna wäre so aufgebracht darüber dass sie ihren Gewissensrat zu sprechen
verlange und ihn eine Stunde früher als gewöhnlich in ihrem Andachtszimmer
erwarte Unter Leitung einer so vorsichtig geschäftigen Hand lässt sich ja eine
zwölfjährige Ehetrennung wohl noch ertragen Je länger ich an ihren Briefen
meine Geduld übte desto mehr verloren bei mir Nôtre Dame de Graces und ihr
Fiacre an Ansehen  denn Marie Beauvais wie mir jetzt jede Zeile verriet war
eigentlich das große Triebrad aller Wunder des Louvre Sie hatte den jungen
Barfüsser zuerst der Trost bedürftigen Königin vorgestellt  ihm seine Rolle
angewiesen und ihre gemeinschaftlichen Betstunden eingerichtet Nach Recht und
Billigkeit sollte keine andere Vermittlerin als Sie den Ehrenplatz auf dem
Hochaltare zu Kotignac einnehmen Leichtsinnige und verratene Anna  ich würde
dich entschuldigen und bedauern und ich würde Gott bitten dir die Sünde zu
vergeben die den guten Herzog von Orleans um die Tronfolge betrog hättest du
nur nicht als eine grausame Mutter deinem Erstgebornen gleich bei seinem
Eintritte in die Welt den Stein an den Hals gehängt der ihn in den Abgrund
lebenswieriger Schwermut versenkte Ja Eduard spitze nur die Ohren Ludewig
der Vierzehnte hatte noch einen zwei Jahre älteren Bruder Fiacre war Vater von
beiden und der Unglückliche von dem ich eben spreche war die unbekannte nur
zu berühmte eiserne Maske9 Die Mutter gebar diesen ihren Erstling in einem
entlegenen Gartenhause unter den hülfreichen Händen der Beauvais  und belegte
schon während der Geburtsschmerzen das Pfand ihrer verbotenen Liebe  zu welchem
Geschlecht es auch gehören möchte mit dem Fluche der Weihe inzwischen ihr
Buhler Messen für ihre glückliche Entbindung las Die Nothelferin verbarg das
Kind bis in sein sechstes Jahr und so erhielt der heilige Fiacre Zeit genug
sich nach der bequemsten Madonne umzusehen die den unreinen Ton kneten und zu
einem Gefäße der Heiligkeit bilden sollte Er wählte die unbesuchteste von
allen die späterhin durch den geschickten Wurf ihres Deckmantels um Annens
Bette nach jener mysteriösen Gewitternacht seine kluge Wahl nur zu gut
rechtfertigte Er erhielt den grausamen Auftrag und führte ihn gewissenhaft aus
wie ein Mönch Dasselbe Kloster wo ich heute seinen Urenkel berauschte erhielt
das Gott geweihte Kind unter der Bedingung unbekannt mit seiner Herkunft der
Wundertäterin so lange als Chorknabe zu dienen bis er zur Tonsur reif sein
würde Nimm einstweilen mit diesem flüchtigen Auszug meiner Kriminalakten
vorlieb bis ich Dir die Belege dazu selbst einhändigen kann Wenn die Köpfe
einer Ehebrecherin einer Kammerfrau und eines Mönchs zusammentreten um den
Schwefeldünsten ihres Gewissens einen Ableiter zu verschaffen so lässt sich
leicht denken dass eine solche Vereinigung keine gemeinen Sophistereien
entwickelt Es findet sich leider unter meinen Papieren nur ein einziges
Koncept des heiligen Fiacre das aber desto fleißiger bearbeitet ist wie die
ausgestrichenen bedenklichen und dafür eingeschalteten gewähltern Worte an den
Tag legen Gott im Himmel welch ein Brief an eine strafbare Königin  von
ihrem Gewissensrate  zur Fastenzeit  in dem Sterbejahre ihres Gemahls kurz
nach Antritt ihrer Regentschaft  im Jahre 1643 an einem Morgen geschrieben wo
sie durch einen nächtlichen bösen Traum erschüttert von ihrem erschlichenen
Throne herab sich nach geistlicher Beruhigung umsah Wie würde Bayle seinen
gelehrten Artikel Marie mit diesem Briefe aufgestutzt haben wenn er ihn gekannt
hätte Der untergeschobene Kronerbe stand damals in seinem fünften Jahre und
der ihm den Weg gebahnt hatte in seinem siebenten Mit welchen behutsamen
Saftfarben weiß nicht der heilige Mann diesen Vorläufer des Führers seines Volks
zu schildern Alle himmlische Heerschaaren schmeichelt er sich müssten die
seligste Freude über die Gewandheit des geweihten Knaben bei den seinem zarten
Alter angemessenen Küchendiensten  über seine Gelehrigkeit in der Schule und
besonders über die süße Anwendung seiner Feierstunden empfinden Dann stehe er
oft vor dem schönen Gemälde das Ihr Majestät der Kirche verehrt habe  freue
sich des Kindes das dem Mutterbilde zu Füßen liege  ohne zu ahnden wie nahe
es ihm verwandt sei Dieser rührende Instinkt von Bruderliebe fährt er
gleissnerisch fort sei ein neuer Segen der Gebenedeiten  ein deutlicher Beweis
ihres Wohlgefallens an ihm und ein Wiederschein der Strahlenkrone die seiner
in jenem Leben erwarte usw Es nahm mich Wunder dass ich den Brief der
Regentin von der Beauvais nicht unterstützt sah so wie es mir überhaupt
vorkommt als sei der Traum nur aus Höflichkeit gegen einen abgedankten
Liebhaber erfunden mit dem man nicht mehr weiß was man reden soll Schon in
einigen vorhergehenden Missiven vermisse ich das Herzliche der vorigen Zeit so
dass ich wohl begreife warum allein der dritte Sohn Philipp nachmaliger Herzog
von Orleans seinem regierenden Bruder nicht glich Die folgenden Briefe werden
immer seltener kürzer und kälter und behaupten ein gewisses religiöses
Ceremoniel das gegen den ehemaligen traulichen Ton sonderbar absticht Wem
etwas daran gelegen sein könnte zu wissen wie der heilige Fiacre die Tage
seines in der Schnellwage des Hofs gesunkenen Gewichts hingebracht habe dem
könnte ich zur Erläuterung wohl noch einige Beichten mitteilen die hier wie
verloren da liegen und sehr warmen Herzen entflossen scheinen Im Jahre 1660
wo der Regentin wahrscheinlich die Neugier angekommen sein mochte das Kind des
Gartenhauses kennen zu lernen befragt sie ihren Wegweiser auf so manchen Gängen
des Lebens sehr herablassend  um die beste Route nach Kotignac wohin sie eine
Wallfahrt zu tun vorhabe  der einzige darauf folgende Brief meldet dem
ehrwürdigen Vater ihre Zurückkunft und befiehlt ihm sich den Tag nachher bei
ihrer Kammerfrau einzufinden wo sie über eins und das andere mit ihm sprechen
wolle das jenes Kloster beträfe  Noch ein paar andere weisen ihn an Gelder
zu Almosen in ihrer Schatzkammer zu erheben Mit den Anweisungen auf ihre
Schlafkammer ist es vorbei Diese Briefe machen meine Verzweiflung Man lernt
doch in der Welt Gottes nichts daraus Glücklicher Weise gibt noch eine
heillose Epistel der Beauvais die den ganzen Briefwechsel schließt zu
merkwürdigen Mutmaßungen Anlass die uns künftig einmal bei einem Glase Punsch
munter genug machen werden Sie scheint eine Antwort auf einen Bericht des
heiligen Fiacre zu sein der sich auf einen andern vom Prior des Klosters
bezieht Jetzt will ich Dir nur den Anfang und das Ende davon zu Gute geben
Votre SaintJean ne vaut pas le diable avec sa maudite ressemblance Il est
incorrigible et fou à lier Sa mère en est desolée outrée et labandonne à son
mauvais destin Elle vient den instruire le roi qui saura bien que faire  La
reine schließt sich diese drei Seiten lange Urkunde vous loue davoir brulé
nos lettres Faites de même avec celleci Que rien ne reste après nous de tout
ce qui a trait à ce damné Je me recommande à vos prières Wenn mich mein
Gedächtnis nicht betrügt dem freilich jetzt keine Bücher zu Hilfe kommen so
trifft dieser Brief mit der Zeit zusammen wo der König sein savoir faire
geltend machte und die eiserne Maske zuerst bekannt ward Mein Herz blutet
wenn ich an das arme unschuldige der Entsündigung ehebrecherischer Eltern und
der Staatskunst eines unmenschlichen Bruders geweihte Schlachtopfer denke Ich
spüre dem Gefühle nach mit welchem der Gemarterte am Fenster seines einsamen
Kerkers steht und jenes Vultus tyranni auf die Scheibe kritzelt die sich 
wahrscheinlich sein einziger Nachlass  in meine Sammlung geflüchtet hat als ob
sie mich für meine Teilnahme an seinem Schicksal belohnen sollte Wie betroffen
werden die Geschichtschreiber in Frankreich und Deutschland  sie die bald
einen Herzog von Bukingham bald einen Grafen Rantzau und endlich gar den
Kardinal Mazarin mit der Königin verkuppeln einander anstaunen wenn ich meine
Dokumente bekannt mache Die Beauvais verstand den Handel besser Sie wusste sehr
wohl dass in solchen Angelegenheiten wie sie betrieb ein junger Barfüsser mehr
als alle Befehlshaber der weltlichen und geistlichen Miliz  und ein Fiaker mehr
wert sei als ein Staatswagen Ich danke es dem heiligen Manne noch in seinem
Grabe dass er diesen wichtigen Briefwechsel statt wie er seinen klugen
Gehülfen weiß machte dem Feuer  der schwesterlichen Treue übergab und
entweder vergaß die Rolle seiner Jugendjahre zurückzufordern oder seinen Erben
in ihr ein Kapital zu hinterlassen gedachte das ihnen auch gewiss  wenn sie
recht verstanden hätten es zu benutzen hohe Zinsen hätte abwerfen müssen Siehe
doch zu Eduard dass Du seine Legende irgendwo auftreibst Sollte sie sich denn
nicht in einem Winkel der königlichen Bibliothek finden Ich weiß zwar ungefähr
wie viel den Lobrednern der Heiligen zu trauen ist aber zu geschweigen dass die
Wahrheit sich doch nicht so ganz verkleistern lässt um nicht hier und da
durchzuschimmern so kommt es dem seinigen auch gar nicht in den Sinn die
Materialien die ihm zu Gebote standen zu verfälschen Er stört nur in den
gemeinsten Fripperien nach den Lumpen des Schaafpelzes der dem Wolf hienieden
ein so frommes Ansehen gab Uns die wir nun den ehrlichen Mann in sein wahres
Licht gestellt sehen kann ein solcher Umzug nicht blenden Er trägt vielmehr
bei seine Physiognomie durch Vergleichung nur desto hervorstechender zu machen
So müde ich auch des Excerpirens bin soll es mich doch nicht verdrießen Dir
aus dem Büchelchen noch eine und andere Parallelstelle zu dem vorliegenden Texte
abzuschreiben
    Pag 11  Il naquit à Marly le 21 Febr 1609 il reçut lhabit de Religion
le 19 May 1631 agé de 22 ans  On lui changea son nom de Denis en celui de
Frère Fiacre de Sainte Margarite
    Pag 38 Le Frère Fiacre penetré de reconnoissance pour les aumones de la
reine prioit le ciel de la rendre féconde  lorsqu enfin 1638 des mouvemens
intérieurs le sollicitoient comme malgré lui daller dire à la Reine quelle
auroit un fils etc
    Extrait du procés verbal Il se sentit une forte inspiration de faire trois
neuvaines pour saluer la sainte vierge à Notre Dame de Paris à Notre Dame de
Graces en Provence et à Notre Dame de Victories et Dieu qui voulut que la
France eût obligation de son bonheur à ce pauvre Frère accorda à ses prières le
Dauphin attendu car ses neuvaines finirent le 5 Decembre neuf mois précisement
avant que le roi naquit Le 5 Septembre 1638 des les deux heures du matin la
Reine fut en travail  à onze heures et 22 minutes avant midi le Roi étant à
table fut subitement averti que la Reine accouchoit etc Gazette et Mercure
françois de 1638
    Pag 60  Ainsi naquit le Dauphin le fruit du frère Fiacre après 23
années de stérilité de la Reine Les nouvelles publiques de ce temps
reconnoissent quil y a du merveilleux dans cette naissance Louis XIII dans
ses lettres aux Ambassadeurs assure que tout ce qui a précedé laccouchement de
la Reine fait voir que ce fils lui est donné de Dieu
    1657  au milieu de tant de graces il étoit tourmenté de mille pensée
impures qui le croiroit il évitoit en général les conversations avec les
femmes et surtout des femmes devotes parce quon sy engage dautant plus
facilement quon voit dans leur conduite plus de retenue et que par un artifice
imperceptible de lamour propre on passe de lestime de leur vertu à
lattachement à leur personne Cependant il étoit tenté qui le croiroit il
régloit ses paroles ne permettoit rien à ses yeux cependant il étoit tenté
etc mais rien au fonds nest si facile à comprendre Les saints nont été de
grands saints que parce quils ont eu de grandes passions etc Le frère Fiacre
affligé par ces pensées sales sagitoit se tourmentoit pour les repousser il
se serroit les tempes se ridoit le front secouoit la tête et faisoit mille
autres contorsions
    Circonstances de sa mort Il faut savoir que de lan 1646 cest à dire 38
ans avant sa mort il avoit écrit quil étoit arreté de toute éternité quon
prendroit son coeur après sa mort et que deux religieux de son ordre le
porteroient à Notre Dame de Graces pour y être posé sous les pieds de la
glorieuse Vierge Marie il pria ceux qui tireroint son coeur de son corps de le
tirer par le coté à cause de la pudicité religieuse Toutes circonstances ont
été accomplies à la lettre
    Pag 368 Il mourut le 16 fevr 1684 dans la 75me année de son age Il avoit
la taille mediocre le front grand et large les yeux bleus il étoit blanc
avoit les traits assez réguliers et tout cela formoit une physionomie belle et
très religieuse etc Les peintres ne le perdirent jamais de vue il en eut
toujours de nouveaux qui se succedèrent pour le tirer
    Pag 370 Dès quil fut enterré le P Prieur fut à Versailles porter au roi
la lettre que ce serviteur de Dieu lui avoit écrite avant de mourir Le P
Prieur lui presenta encore la donation quil avoit fait de son coeur à la sainte
Vierge et qui étoit signée de son sang Le roi baisa la signature avec respect
Voilà ditil un sang qui est bien vermeil
    Pag 372 Les superieurs remirent ses manuscripts quil avoit laissé
cachetés avec prière de ne les ouvrir que dix ans après sa mort Cette dixième
année etant enfin revolue le Roi attentif envoya Msr de Pompone Ministre et
Secretaire détat avec une lettre de cachet qui lui ordonna douvrir les
manuscripts du frère Fiacre Il les ouvrit en presence des superieurs il en
tira quelques papiers quil fit porter au Roi
    Wer das Gefühl nicht kennt Herr eines Staatsgeheimnisses zu sein das er
nach Belieben mit in die Ewigkeit nehmen oder verschwatzen kann an wen er
will müsste einen großen Spaß an meiner Figur gefunden haben wenn er die
selbstgefälligen listigen Mienen die bisher meiner Feder nachschlichen hätte
belauschen können Denn freilich kann ein Auge das so viel auf Nuditäten hält
als das meinige sein Wohlbehagen nicht bergen wenn es den seltenen Fall erlebt
einem Mönch seine Kutte vom Leibe einer Kammerfrau das Tuch von der Brust zu
ziehen die das Herz eines Tiegers versteckt und besonders wie Peter der Große
im kaiserlichen Ungestüm sich an dem Bette der Maintenon herausnahm eine
Königin zu entblössen von der man so viel Schönes erzählt Meine
Gesundheitsreise will ich jetzt ohne Wortwechsel jedermann zugeben der die
Sache versteht hat bis auf den heutigen Tag nur Vorfälle entwickelt die der
Mühe des Erzählens nicht lohnen die keinen Menschen als etwa Dich
interessieren können und dem gemeinsten Reisenden aufstossen Jetzt aber hoffe
ich doch dass mir die Statistiker die Biographen und Archivarien alles
Geschwätz der vorigen Blätter der einzigen Perle wegen verzeihen werden die mir
heute der Zufall in die Hände spielte Musste nicht Kook auch lange auf dem
Weltmeere herumirren ehe er auf jene glückliche Insel stieß wohin noch keine
Kultur gekommen war und wo die schönsten Mädchen noch nackender gehen als in
meinem Tagebuche Ich kann mich jetzt brüsten wie Er  Mein Otaheite ist
gefunden und mein Name verewigt wie der seinige10
    Aber soll ich denn heute gar nicht zur Ruhe kommen Eben im Begriff das
dritte oder vierte Licht auszulöschen das meiner nächtlichen Arbeit vorstand
fällt mir noch SaintSauveurs Brief in die schläfrigen Augen Ach Gott wie
trieb sie nicht jede Zeile aus einander Höre nur Eduard was mir der sonst so
vernünftige Mann zumutet Er der mit Wohlgefallen der Exekution erwähnt die
heute unter seinem Kommando einem Verurteilten das Leben schenkte  kann doch
verlangen dass ich ihn morgen zu einer  wo keine menschliche Gnade Statt findet
 zum Opferfeste einer neueren Iphigenie  zur Einkleidung des unvergleichlichen
Kindes begleiten soll das mir vor ein paar Tagen zu Toulon so wichtig geworden
ist Ich hatte es ganz vergessen dass morgen ihr siebenzehnter Geburtstag
einfällt der sie von dem gesellschaftlichen Leben zu trennen und zu einer
ewigen Gefangenschaft einzusegnen bestimmt ist Schliesst der gute Mann etwa aus
meiner Fahrt nach Kotignac dass ich sonst nichts zu tun habe als Klöster zu
besuchen Die langweiligen Stunden die ich dort zubrachte sind mir doch
vergütet worden und wie Was sollte mich aber in Eins verlocken können wo ich
unter ärgerlichen Zeremonien vielleicht Gefahr liefe mir ein Gallenfieber zu
holen Überdies bin ich ja morgen um neun Uhr zu meiner Sonntagsfeier schon in
einem Tollhause versagt das sich unter keiner andern Benennung ankündigt als
die ihm gebührt Der Herr Brigadier mag allein reisen Ich will nicht auch noch
mit leiblichen Augen einer Gleissnerei nachgehen bei der sonderbar genug nicht
weniger als bei der eisernen Maske ein Heuchler von Vater eine strafbare
Mutter und ein eigennütziger Bruder ihr höllisches Spiel treiben Hat mich die
Teilnahme an einem Leidenden dessen Asche von einem vollen Sekulum bedeckt
ist schon so mürbe gemacht welches Entsetzen würde mich nicht erst ergreifen
wenn ich die holde Schöne zum erstenmale wieder nach jener herrlichen Nacht
unserer Bekanntschaft im Nonnenschleier an dem Rande eines offenen Grabes
anstaunen müsste das sie lebendig verschlingen soll und aus dem sie ach
Eduard nun nichts  nichts mehr zu retten vermag So streckt denn Unvernunft
Aberglaube und Mönchswut ihren bleiernen Zepter von einem Jahrhunderte zum
andern Wo ich auch hinblicke sehe ich nur Torheiten und Laster neben dem
Jammer der Unschuld Du vermutest doch schon Eduard dass ich nach solchen Kopf
und Herz durchdringenden Gedanken den Marquis mit verweigernder Antwort
abgefertigt habe  und Du hast es erraten Doch indem ich meinem Bastian den
Brief vor das Bette tragen wollte um ihn morgen mit dem frühesten zu bestellen
trat mir das Bild der guten liebenswürdigen St Aignan in den Weg und bat mich
die Sache noch einmal zu überlegen Ich blieb eine ganze Weile ungewiss stehen
aber die rührende Betrachtung einer Tochter die Jugend Schönheit und alle
Ansprüche auf ein Leben voll Glück dem kindlichen Gehorsam aufopfert entschied
Ich zerriss meine Antwort und bin entschlossen meinem Freunde zu folgen unsere
Tränen zu vermischen und Ihr  koste es mir auch was es wolle vor ihrem
Hingang noch einmal in die blauen himmlischen Augen zu sehen Der Besuch bei dem
andern gebeugten Weibe entgeht mir ja nicht
                                                             Den 24sten Februar
Wenn Du aus der Konstellation meines gestrigen Blattes zu bestimmen vermagst in
welcher Gegend mein Stern leuchtet so sind wir geschiedene Leute denn trotz
Deiner Sehkraft konnte es unmöglich mit rechten Dingen zugehen Kaum bin ich mir
selbst glaubwürdig genug um meinen Standpunkt und die Ereignisse des
abgelaufenen Tages für wahr zu halten den ich Dir jedoch so treu als alle
vorhergegangenen zu entwickeln verspreche habe nur das bitt ich Dich Geduld
mit meiner Feder Du kennst ihre Weise Sie rückt gewöhnlich nur mit dem Zeiger
der Uhr fort aber vorzüglich heute darf in meinem Tagebuche keine Stunde eher
schlagen als sie erlebt ist damit nicht der Minuten eine die sie
herbeiführten verloren gehe SaintSauveur holte mich nicht ab wie ich
erwartete sondern schickte mir seinen Wagen um ihn abzuholen Es fiel mir ein
wenig auf und erinnerte mich dass Er bei aller seiner Höflichkeit sich doch
noch nie herabgelassen habe mich zu besuchen Er stand in seiner Haustür als
ich ankam stieg ein indem er zugleich dem Kutscher befahl langsam zu fahren
damit wir nur kurz vor dem Anfang der Zeremonie bei den Urselinerinnen
einträfen Konnte er aber nicht lieber um so viel später die Stadt verlassen
Das wollte ich eben fragen als ich in seinen Augen Tränen bemerkte die mir
alle Sprachlust benahmen und meine eigene bängliche Stimmung vermehrten Ich
konnte an mir abnehmen wie viel ihm die Gefälligkeit kosten musste als
erbetener Zeuge einer für Herz und Verstand gleich widrigen Handlung
beizuwohnen und fand es bei seinem Missmut sehr natürlich dass er sich einen
Begleiter zugesellt hatte aber leider hätte er zu seiner Zerstreuung keinen
unfähigern wählen können als mich Unsere beiden Seelen schwammen in gleicher
Wehmut die unter allen sympatetischen Gefühlen am wenigsten sich mit Worten
abgibt O wie lang ward mir der Weg nach dem von der Stadt ohnehin ziemlich
entfernten Kloster und doch wie erschrak ich als wir endlich nach drei
langweiligen Stunden vor dem Eingange der Kapelle still hielten hinter der das
mit Hängeweiden und Cypressen umgebene gotische Gebäude vorragte Allgütiger
Gott seufzte ich wie kannst du zugeben dass man eins deiner freien frohen
Geschöpfe  ach deiner herrlichsten eins in den Kerker dieser Einöde versperre
Muss nicht dem armen Kinde das Herz verbluten wenn es jetzt aus seiner Herreise
zum letztenmale von gaukelnden Vögeln umzwitschert von balsamischen Lüften
umweht dieses schaurige Gemäuer erreicht und hinter ihm die Pforte zurasselt
die es auf ewig von dem so freundlich winkenden Frühling  den schönsten
Hoffnungen seines Geschlechts und jenen Fühllosen trennt die seiner kindlich
und schwesterlich wimmernden Liebe  doch immer Noch wert bleiben
    Unter so peinlichen Gedanken wankte ich dem Kirchner nach der uns eine Loge
dem Altar gegen über anwies die durch eine Glastür in der Mitte zweier Fenster
von dem Schiffe der Kirche abgesondert war Durch den flornen Vorhang der die
Zuschauer verbarg schimmerten zunächst zwei einander überstehende schwarz
beschlagene Bänke meinen feuchten Augen entgegen und an den beiden Seitenwänden
zogen sich die vergitterten Schranken der Nonnen herum So lange ich und der
Marquis allein waren übersah ich noch so ziemlich gelassen dies geistige
Hochgericht als aber bald nachher der Vater und Bruder des seinen Schlächtern
nun schon ausgelieferten Lammes hereintraten empörte sich mein Innerstes so
heftig bei ihrem Anblicke dass ich kaum über mich gewinnen konnte ihnen ihre
höfliche Verneigung kalt zu erwidern Die heuchlerische Miene mit welcher der
erstere sogleich auf die Knie fiel täuschte mich so wenig als das bleiche
abgehärmte Gesicht des andern Mag es meinetwegen wahr sein was mir der Wirt
zu Toulon von ihm erzählte es schändet den eigennützigen Jüngling nur desto
mehr dass er lieber seiner Braut und den Pflichten der Ehre und der
Menschlichkeit als dem schwesterlichen Erbanteil entsagte der ihm trotz der
tollen Verordnung der Mutter nicht zukam Ich konnte diesen Abscheulichkeiten
nicht länger nachgrübeln denn jetzt fingen die Glocken zu läuten an und der
Beförderer und Exekutor des schwärmerischen Testaments der Dominikaner
erschien warf sich vor den Altar und betete so lange im Stillen bis jene
schwiegen und nun ein zweistimmiger aus den Klausen der Nonnen sanft
hervorwallender Choral das Trauerspiel eröffnete Indem sich der Geistliche
seiner Bank zur linken Seite unserer Loge näherte trat zugleich auf der
rechten  o wie stiegen mir die Haare empor  die Verurteilte weiß gekleidet
hinter einem Kirchstuhle heraus und bewegte sich an der Hand ihrer Erzieherin
mit niedergeschlagenen Augen feierlich langsam nach ihrem Sitze Diese bot ihr
einen Flacon zum Riechen Sie dankte der Freundin ohne ihn anzunehmen durch
ein gutmütiges Lächeln für ihre Besorgnis und verbeugte sich gegen den Mönch
der nun die Schreckensurkunde in der Hand seinen Vortrag in schlichtem
Predigerton anhob »Der erste Laut meines Mundes an diesem Zufluchtsort unserer
Andacht sei der Glorie des Allweisen und Unerforschlichen und dem Andenken
jener zu seiner Herrlichkeit Übergegangenen geweiht der Sie teures Fräulein
das Dasein verdanken Der Glanz ihrer Sterbestunde erhelle die gegenwärtige die
uns beide zu dem gemeinschaftlichen Zwecke vereinigt den letzten Willen der
Verewigten zu vollziehen Die schönste und größte Verbindlichkeit eines Kindes
ist Gehorsam und Ehrerbietung für Eltern das erste Gebot das Verheißung hat
Sie haben sich bereits dem mütterlichen Verlangen gemäß zur Annahme des
heiligen Schleiers erklärt und dies stille Kloster gewählt wo Sie Ihre übrigen
Tage ruhig und Gott gefällig zu verleben gedenken das Ihnen zur Befolgung
gesetzte Ziel ist erreicht Sie stehen zum letztenmal freigelassen hier vor
meiner segnenden Hand um Ihren gereiften frommen Entschluss zu bestätigen und zu
erfüllen und so wird es Ihnen wohl gehen und Sie lange leben auf Erden Wie
festlich muss Ihnen nach siebenzehn verlaufenen Jugendjahren nicht heute die
Erinnerung an den Tag Ihrer Geburt durch die Feier Ihres Gehorsams und Gelübdes
werden das Sie abzulegen bereit sind« Bei diesen Worten entfielen einige
Tropfen den Augen des lieben Kindes Der Mönch der sie nachdenkend anblickte
hielt so lange inne bis sie wieder gefasst war und fuhr dann herzlicher fort
»Ihre Traurigkeit Teuerste ist vorübergehend wie der Schmerz einer
Gebährenden Der Allmächtige wird sie in Freude verwandeln Diese Tränen hoffe
ich sind der letzte Tribut den Ihre Dankbarkeit dem Andenken eines vergangenen
glücklichen Lebens zollt denn wie könnte da Sie mit heute ein dreimal froheres
beginnen es Ihrem Herzen schwer fallen jenen vergänglichen Freuden der Welt
an denen es Teil nahm zu entsagen und sie höheren Befriedigungen aufzuopfern
Habe ich wohl nötig Ihnen bei dieser Landung aus einem Meere voll Gefahren und
Stürme tröstend entgegen zu kommen  wohl nötig Sie zu ermahnen den
Allwissenden durch ein freimütiges Bekenntnis aller wertlosen Anhänglichkeiten
an das Irdische von denen sich Ihr Herz jetzt trennen und reinigen soll zu
ehren da es längst dem meinen geöffnet sich nie der Erforschung seines
treusten Ratgebers und Beichtigers zu entziehen gesucht hat Sollte es aber
dennoch mir unbekannt sich einer weltlichen Sorge bewusst sein  sollte noch
ein Wunsch an ihm nagen den es treulos begriffen wäre gleichsam als einen
verheimlichten Raub in diese der Seelenruhe geweihte Wohnung mit hinüber zu
nehmen so « Hier überzog eine flimmernde Röte die blassen Wangen des
erschrockenen Kindes es brach in unaufhaltsame Tränen aus zitterte rang
wehmütig die Hände und versetzte durch diesen Anblick den erstaunten Priester
in einen heiligen hell auflodernden Eifer »Fräulein« erhob er feierlich seine
Stimme »ich lege ja unter der strengsten Verbindlichkeit eines Eides und bei
der ewigen Wahrheit deren berufener Diener ich bin lege ich Ihrem Gewissen
auf jenes verborgene noch nicht getilgte Gelüste Ihrer Seele unverhehlt zu
bekennen das in dieser Stunde der Entsagung noch mächtig genug ist Ihre
Standhaftigkeit zu erschüttern damit ich an Gottes Statt « doch hier
erlaubte ihm sein Mitleiden nicht weiter zu sprechen denn seine Beschwörung
die schon mir beinah alle Besinnung nahm in welchen Zustand versetzte sie nicht
vollends dies zarte weibliche Wesen Sie ergriff und drückte in höchster
Seelenangst die Hand ihrer jammernden Freundin an das gepresste Herz und verbarg
die Augen unter dem Tuche das ihre Tränen einsog Dieser Anblick war so
rührend dass er selbst die lieblosen Zeugen erweichte in deren Mitte ich stand
Ich hörte wie sie sich von den Fenstern zurückzogen um sich nicht durch ihr
Schluchzen zu verraten doch vergönnte ich ihnen keinen meiner Blicke die fest
an den leidenden Engel geheftet blieben Nach einer minutenlangen furchtbaren
Stille während welcher der Mönch für die Beruhigung der so peinlich Befragten
zu beten schien richtete sie ihr holdes Gesicht in die Höhe wendete es mit
ernster Andacht gegen den Altar und von da zu ihm Ihre Blicke waren erheitert
Frohes Bewusstsein der Unschuld ruhte auf ihrer Stirn und mit fester Stimme die
Hände in Begeisterung erhoben begann sie »So vernimm denn Gesalbter des
Herrn an dieser der Busse und Wahrheit geheiligten Stätte das Geheimnis meines
schwachen aber unsträflichen Herzens vernimm jenen süßen Irrtum in den es
sich selbst für den trefflichen Mann verlockte der meine Kindheit geleitet
Tugenden und Kenntnisse in mir erweckt und sich meines dankbaren Gefühls
endlich bis zur Entkräftung jeder andern Pflicht in solcher Stärke bemeistert
hat dass mir immer in seiner Abwesenheit bange ach so bange wie einer
Verlassenen war Ich konnte an keinem der Tage in welchem eine Stunde der
Erwartung lag meinen Wohltäter zu sehen weder beten noch arbeiten Mehrmal
habe ich in nächtlicher Täuschung geträumt dass mein Vater seine Hand in die
meinige legte und uns segnete und wenn ich erwachte und mich besann vergoss ich
bittere Tränen über die Unmöglichkeit ihm anzugehören Willst Du das Liebe
nennen nun so habe ich hoffnungslose Liebe für einen Tugendhaften empfunden
Mein Herz unterwirft sich in Demut dem wohltätigen Krummer mit dem mich o
schon längst seine Gleichgültigkeit bestrafte denn ich bekenne ehrwürdiger
Herr dass sie es und Gott möge sich meiner erbarmen allein war die mich
antrieb dem mütterlichen Willen zu gehorchen und mir nach langem Kampfe meine
Bestimmung zum Kloster wünschenswert gemacht hat So gebrauchte der Allgütige
die Würde dieses Mannes um mich auf den geheiligten Weg zu leiten den ich
jetzt nur desto williger und zufriedener betrete da er mich mit der edelsten
meiner Jugendfreundinnen wieder vereinigen wird die ihn aus mitleidiger Liebe
zu mir voranging Gute großmütige Montbasson « Gin Erguss zärtlicher Tränen
unterbrach eine ganze Weile den Wohlklang ihrer Stimme Herrlicher und reizender
habe ich nie ein Weib gesehen Eduard als es diese angehende Nonne in den
erhabenen Augenblicken war aus denen ich ihr nachlalle Bescheidenheit Mut und
Ergebung strahlten aus den großen blauen Augen Die höchste Reinheit der Seele
tönte von den befeuerten Lippen Jeder warme Ausdruck ihres herzlichen
Geständnisses entfaltete eine Rose mehr auf den jugendlich verschämten Wangen
Ich war so verloren in der körperliche und geistigen Schönheit dieses
unvergleichlichen Kindes dass ich mich selbst nicht nach dem Mitgenossen meiner
Trunkenheit umsehen mochte der vorgebogen über das Fensterpolster mit
klopfendem Herzen an meine dort ruhende Hand den Bewegungen des meinigen
sympatetisch zustimmte Sie aber nun über alle Wehmut erhaben und in dem
glücklichen Wahne sie stehe nur vor den Augen Gottes und kein menschlicher
Zeuge außer den vertrauten Beiden denen sie die Tiefe ihres hingegebenen
Herzens öffnete könne das Veratmen seiner letzten Seufzer vernehmen rief mit
schmelzender Stimme »Meine Seele« rief sie dem Dominikaner in dem schauernden
Augenblicke zu da er seine Hand aufhob um ihr Gewissen loszusprechen und sie
zu ihrem furchtbaren Beruf einzusegnen  »fühlt sich jetzt gestärkter und zu
dem Hingang aus der Welt meiner Jugend bereit nur dass ich aus ihr so manchen
weisen Rat so vielen Stoff zu hohen Betrachtungen in meine einsame Armut
mitnehmen soll ohne Ihm der mich damit ausstattete dafür danken zu können 
nur dies noch beklemmt mir die Brust  Ach findest Du nichts tadelnswürdiges
in meinem Verlangen so übernimm und berichtige ehrwürdiger Vater diese Schuld
meiner Erkenntlichkeit Gott schluchzte sie faltete die Hände und schlug die
Augen gen Himmel möge ihn segnen und beglücken Es soll mein tägliches Gebet
sein Sage ihm dies zu meinem Abschied« »Ja Fräulein« antwortete der Greis
und wischte sich die Augen »ich will gern und gewissenhaft Ihren Auftrag
ausrichten sobald Sie mich noch belehren wollen  an Wen« Betroffen staunte
das reizende Geschöpf bald den Geistlichen bald ihre Aufseherin an »Ach«
erwiderte sie endlich »bedarf es wohl noch des Namens«  o dass doch der Meine
einmal so hoch gewürdigt solch einem Herzen entquellen über solche Lippen
fließen möchte  »des Namens meines Wohltäters  Ihres edelen Freundes 
SaintSauveur«
    Und in demselben Augenblicke in welchem dies große Losungswort verhallte
sprengte Er den es zur höchsten Seligkeit eines Sterblichen berief dessen
ahndendes Herz wie ich nun sah so ungestüm über meiner Hand geschlagen hatte
die Mitteltür unsrer Halle auf  umschlang in sprachloser Herzenserschütterung
die aus dem Schrecken der Überraschung ohnmächtig dahin Sinkende riss ihr den
Schleier ab und drückte wild seine Lippen auf die ihrigen Und in derselben
Sekunde flogen diesem Engel zwei andere aus ihren Wolken zu die der Betäubten
die Schläfe bestrichen und unter Küssen Wimmern und den zärtlichsten Fragen 
Klara liebe Klara kennst du denn deine Montbasson  siehst du denn deine
Agathe nicht  die Erblasste wieder ins Leben und Gott im Himmel in was für
ein wahrhafteres Leben zurückriefen Und in derselben Minute drängten und
schmiegten sich Vater und Bruder an die unverlorne Tochter  an die gerettete
Schwester und der Mönch ging und warf sich in abgezogener Andacht vor den
Altar Nur ich der nicht wusste wie ihm geschah der die verdeckten Kräfte
nicht begriff die in dem Augenblicke der Entscheidung mächtig genug sein
konnten den Schlag aufzuhalten der über der armen Verurteilten schwebte ich
dem dieselben beitzenden Tropfen die ihm das herbste Gefühl kurz vorher in die
Augen getrieben hatte jetzt als labender Tau über die Wangen zitterten  ich
allein blieb in stummem Erstaunen unbeweglich auf einer Stelle zwischen der
offenen Glastüre stehen Wen sollte ich über das Wunder dieser Verwandlung
befragen Von wem konnte mein Ruf in diesem Sturme tobender Leidenschaften
eine hörbare Antwort erwarten Ach diese Seligen genossen wie ihre Gespielen im
Himmel ihres überschwenglichen Glücks ohne des Neugierigen zu achten der sich
mit geblendeten Augen in das Unerforschliche verlor Umsonst dass in diesem
Schauspiele des Entzückens mein spähender Blick jeder Richtung der Freundschaft
Liebe und Hoffnung nachschlich die sich hier aus Mienen Küssen und
abgebrochenen Worten ergaben denn kaum hatte meine geschäftige Einbildungskraft
aus den erlauerten Bruchstücken einen unhaltbaren Roman zusammengesetzt so riss
ihn auch meine kältere Beurteilung eben so geschwind wieder ein So schwebten
meine verworrnen Gedanken noch über der rührenden Gruppe die sie veranlasste
als der Dominikaner von seinen Knieen erhoben langsam und doch unbemerkt sich
den in ihrem Glück Versunkenen näherte doch so bald er in ihrem Kreis stand
waren aller Augen auf ihn aller Ohren auf seine Worte gerichtet »Ich sehe Sie
würdige Verwandte der Ewigkeit« enwickelte sich seine rührende Anrede »durch
die irdische Freude des Wiedersehens zu Empfindungen hingerissen die mit diesem
der stillen Andacht geweihten Orte unverträglich sein würden hätte sie nicht
der letzte Wille einer frommen Gattin und Mutter herbeigerufen entsündigt und
zu höheren Endzwecken geheiligt Preis und Dank dem Unendlichen dass ich diesen
Tropfen Zeit noch zu schmecken und dem Verstummen einer Sterbenden noch meine
Stimme zu leihen vermag Ich erkenne mit Erstaunen und Demut dass selbst die
verhallten Pulsschläge eines längst verwesten Herzens in der großen Harmonie der
Schöpfung noch forttönen und die ewige Liebe jenes letzte Lallen mütterlicher
Zärtlichkeit der Erhörung noch wert achtet Möge der helldunkle Glanz dieser
Stunde die das Stöhnen des Todes mit dem Jubel des Lebens verknüpft sich
hienieden o Fräulein über alle Ihre Handlungen verbreiten Möge Ihre irdische
Liebe sich immer wie heute den Gränzen einer unvergänglichen anschließen  der
Strom Ihrer Tage unter unverwelklichen Blumen verrauschen und Sie einst in die
Arme der Verherrlichten überschiffen die vormals an dem heutigen unter den
schwersten Qualen einer Gebährenden Sie zu dem gegenwärtigen Freudengenuss mit
Erde und Himmel verband« Die Begeisterung des Greises die sich seinen Zuhörern
wundersam mitteilte spannte seine und ihre Kräfte bis zur Erschöpfung Unsere
hochklopfenden Herzen arbeiteten wie Gewitterwolken auch kam ihnen die Natur
wie jenen zu Hilfe und ein Erguss von Zähren entlud sie des Feuers das in ihrem
Innern loderte Sie rieselten über den schneeweißen Bart des ehrwürdigen Mönchs
und senkten sich wie Morgentau der welkende Lilien aufrichtet sanft auf jede
weibliche Brust die hier in der seligsten Erleichterung an den ängstlichen
Schleier andrang O Eduard welche Sabbatsfeier Sobald sich der Redner gefasst
hatte ging er in milderem Tone fort »Sie würdige gehorsame Tochter haben nun
das Recht errungen sich und den Mann zu belohnen der Ihr Herz und Ihren
Verstand bildete und Sie längst unaussprechlich liebend dennoch Mut genug
hatte sein Geheimnis bis zur Aufklärung des Ihrigen  bis zu dem gegenwärtigen
festlichen Augenblicke dem er zitternd entgegen sah zu bewahren Sie
überwanden Menschenfurcht weibliche Schüchternheit und trügenden Schein in der
großen Entscheidungsstunde Ihres Schicksals  nannten den Namen des Erwählten
und indem Sie ihm auf ewig zu entsagen glaubten  o wie vergilt Ihnen der Gott
der Wahrheit den Kampf Ihrer edelen Seele  fesselten Sie den Glücklichen mit
Banden an sich die weder Zeit noch Ewigkeit zerreißen wird« So rührend auch
die Herzlichkeit war in der dem frommen Alten diese Worte entflossen so ward
es doch seine Rede noch mehr als er sein freundliches Gesicht von der schönen
Verlobten ab unerwartet für uns alle gegen den Bruder wendete der trauernd
und blass seinem Vater zur Seite stand »O wie hat der Allgütige« rief er
»meinen kurzen Hinweg zum Grabe mit Spätrosen bestreut Sohn meiner verklärten
Freundin So lange mir mein Eidschwur die Zunge noch band lag es nicht in
meiner Gewalt die Leiden Ihrer Unschuld zu endigen Ihre hohe Tugend gegen
ungerechten Verdacht in Schutz zu nehmen und den nagenden Gram Ihrer Seele zu
mildern Alles peinlichen Zwanges endlich entbunden vernehme jetzt jedermann
aus meinem Munde dass der großmütige Jüngling taub für jede Lockung des
Eigennutzes selbst der mütterlichen Prüfung nicht unterlag Ernstere
Verordnungen die erst heute Kraft erhalten die vorhergegangenen scheinbaren
aufzuheben würden ihn für den Missgriff seiner Selbstsucht bestraft haben wenn
er nicht in Übereinstimmung der zärtlichen Hoffnung seiner redlichen Mutter
schon vorlängst ihrem blendenden Vermächtnisse entsagt und es dem Kloster
zugeeignet hätte das seine geliebte Schwester zum Aufenthalte wählen würde
Diese für das Andenken an den Edelmut und die Bruderliebe des Ausstellers fest
stehende Urkunde erwartet jedoch um als Schenkungsbrief gültig zu werden
annoch die freie Einwilligung derjenigen die von nun an über jede fromme
Anwendung ihres Erbteils allein zu verordnen hat« Eine sonderbare Erwartung
dachte und warum seufzte ich muss doch der gute Mann dessen Kutte ich bis
jetzt auf das toleranteste übersah sie mir mitten in seinem rührenden
Vortrage so ärgerlich unter die Augen rücken Doch nötigte er mich sie aufs
neue zu übersehen als er in dem überzeugendsten Tone fortfuhr »Verschwunden
ist nun der Irrtum der auch Sie täuschte tugendhafte Montbasson 
verschwunden das Blendwerk vieler Jahre das Sie alle um mich Versammelte
durch raue unbekannte Wege führte um Ihre Blicke am Ende mit der herrlichsten
Aussicht die sich aus diesem Leben in jenes verliert zu überraschen Der Lohn
meine würdigen Freunde und Freundinnen  indem er zwei versiegelte Päckchen
hervorzog das eine der Tochter das andere dem Sohne überreichte  der Lohn
Ihrer Beharrlichkeit in der Tugend  die glückliche Beendigung meines Auftrags 
die Beweise desselben und die Erfüllung so vieler in einander greifender
Wünsche liegen nun in Ihren Händen und werden Ihnen herzerhebender zusprechen
als ein hinfälliger Greis es vermag« Welch ein freudiges Erschrecken ergriff
nicht beide Geschwister als sie die mütterlichen Handzüge erblickten  die
Aufschrift an meine gute Klara  an meinen geliebten Ferdinand lasen und jene
zärtlichen Töne aus ihrer Kindheit wieder zurückschallen hörten Wie vermischte
sich nicht Vergnügen und Wehmut in ihren Gesichtern als sie die Siegel des
Umschlags erbrachen und jedem das Bild seiner Mutter und ein Brief von ihr in
die Hand fiel Welches Herz hätte beim Anblick der guten Kinder ungerührt
bleiben können die jetzt in einer langen Umarmung das Andenken der
Abgeschiedenen feierten  dann zu den Stufen des Altars eilten um bei der
Andacht mit der sie sich nun in die heilige Urkunde vertieften keinen andern
Zeugen zu haben als die Gebenedeite die von Guido Rheni gemalt freundlich auf
die Lesenden herabblickte Keiner von uns übrigen wagte durch einen Laut die
heilige Stille die uns umgab und den Nachklang aus dem mütterlichen Grabe zu
stören der an die beiden schön verschwisterten Seelen anschlug Dafür erhoben
sich aller Herzen auf das froheste mit ihnen als sie zu unserm Kreis
zurückeilten und sich nun Sohn und Tochter dem glücklichen Vater zu Füßen
warfen Ihre trunkenen Blicke mussten für sie sprechen Sie hatten einen Fund in
der mütterlichen Zuschrift getan einen goldenen Fingerring der sich von
selbst verständlich machte und den sie ihm entgegen hielten aber Er der eben
so vergebens nach Worten rang blickte gen Himmel umarmte  und mit betränten
Augen verwies er seine Kinder auf den Boten Gottes der ihre Aufmerksamkeit zu
fordern schien »Klara« rief der Mönch »Sie haben des Vaters der Mutter und
den Segen Gottes aus meinem Munde zu dem Übergange aus dem jungfräulichen in
den ehlichen Stand und so folgen Sie denn Ihrem großen Beruf« Freudig
gehorchend reichte jetzt das liebe Kind den goldenen Reif ihrem Auserwählten
der ihn entzückter als ein Eroberer die Krone eines Weltteils empfing  »Und
Sie trefflicher Jüngling« fuhr der Redner gegen den Bruder fort »der Sie den
Gegenstand Ihrer Liebe aus immer für verloren hielten als er Ihnen am
gesichertsten war  lesen Sie in den Blicken Ihrer Freundin Ihr längst
verdientes nur verzögertes Glück das von heute an alle Ihre Lebensstunden
begleiten wird« Und die Edle ergriff mit ihrer linken die Hand der Schwester 
reichte die rechte dem Bruder blickte auf zum Himmel als ob sie von der Mutter
ihres Geliebten einen beifälligen Wink auf den ersten Kuss der Belohnung
herabziehen wollte den sie mit bebenden Lippen den noch bebendern des als
Bruder und Sohn gerechtfertigten Mannes aufdrückte und nun mit heiterer offener
Stirne das dem Grabe abgewonnene Kleinod aus seinen Händen nahm Wäre in dieser
feierlichen Minute aus der oberen Sphäre ein Halleluja vom Harfenklange der
Engel begleitet in diesen Tempel gedrungen  ich würde es ohne Erstaunen
gehört für kein Wunder gehalten haben
    Welch ein Strom unnennbarer Empfindungen musste nicht jetzt diese beseligten
Herzen durchbrausen da selbst das meine in Gefühlen strudelte die es zuvor
noch nie erfahren nie geahndet hatte Der frohen Teilnahme an diesem
herrlichen Schauspiele stiegen verstohlne Wünsche tief geschöpfte Seufzer nach
die sich so hoch noch nie gewagt hatten Noch nie war mir die Liebe und ihr
größtes Loos  eheliches Glück  in diesem Glanze erschienen und nie hatte ich
mich verlassener gefühlt als in dieser laufenden Stunde Im Drange mir so neuer
Wallungen war mir daher wie einem Durstigen zu Mute dem von fern in der Einöde
ein rieselnder Quell schimmert als meine bis jetzt zerstreuten Gedanken sich
auf Agaten hefteten Ich überstaunte die holde Gestalt mit einem Feuer das
alle meine Sinne zu verschmelzen drohte und wie sehnte ich mich dass nur einer
ihrer liebenden Blicke sich auf mich Armen verirren möchte die sie einzig ihrer
Busenfreundin zuschickte
    »Die sinkende Sonne«  riss jetzt der Mönch uns alle aus unserer süßen
Betäubung  »ziehe ihre letzten Strahlen als Krone über dies große
gemeinschaftliche Fest Fräulein von St Aignan Herr von St Sauveur  ich rufe
 als Priester dieses Heiligtums  rufe ich Sie beide Verlobte und in gleicher
Eigenschaft auch Sie auf Herr von St Aignan Prinzessin von Montbasson mir an
die Stätte unsrer Anbetung des Allsehenden Unerforschlichen und Gnädigen zum
Empfang der heiligen Weihe Ihrer Verbindung zu folgen« Er schwieg  Ein
wehmütigzärtliches Lächeln durchflog die errötenden Wangen der Aufgerufenen
Ihre feuchten Augen zitternden Hände und gleichgestimmten Seelen begegneten
sich und in geschlossener Reihe traten sie dem ehrwürdigen Priester nach Und
als er nun vor dem Altare stand beugte er dreimal sein graues Haupt über die
gefalteten Hände wendete sich darauf in dem Glanze seines Alters gegen die
frommen gehorsamen Kinder sprach in rührendem Ton über jedes Paar das Gebet der
Trauung legte seine beiden Hände auf ihre Stirne und segnete sie Und die zur
Ehe geweihten fielen auf ihre Knie und erhoben in sprachloser Andacht ihre
Blicke zu der Madonna dem Sinnbilde hoher weiblicher Würde das von dem
Schimmer der Abendsonne gerötet auf die Gruppe der Betenden herrlich
zurückglänzte Eine Stufe niedriger war Klarens Vater und ihre Erzieherin und
an der Seite Agatens auch ich niedergefallen Mein stilles Gebet schwebte in
seliger Seelenvereinigung mit dem ihrigen empor Ich erhob wie sie  o Eduard
wie würde ich mich gestern zu Kotignac dessen geschämt haben  Augen und Hände
zu der unbefleckten Jungfrau und hoffte unter heißen Tränen  nenne es
Verirrung nenne es Schwäche meines Verstandes  aber hingerissen von
unwiderstehlichen Empfindungen hoffte ich ihre Fürbitte bei Gott für den Besitz
des lieben Kindes neben mir zu erflehen dessen schmachtende Augen in
Betrachtung vertieft der Seelengrösse nachzufeuern schienen die Guido seinem
göttlichen Ideal angeprägt hatte Freude und Wünsche umrauschten die Vermählten
als sie von den Stufen des Altars herabstiegen und ach ich wähnte die Umarmung
zweier Verklärten zu sehen als Agathe Klaren an ihre Brust drückte Der Mönch
nach einigen leisen Worten mit dem Vater grüßte uns alle und entfernte sich
Der Kirchner öffnete eine Seitentür der Kapelle Eine Wendeltreppe leitete uns
nach einem gewölbten Gange in welchen wir Paar für Paar eintraten Zu einer
andern Zeit würden seine gotischen Fenster von farbigem Glas meine volle
Aufmerksamkeit angezogen haben aber ich führte Agaten und wäre der Boden mit
meiner ScheibenSammlung belegt gewesen ihre Zertrümmerung hätte mich doch
glaube ich nicht aus dem stolzen Takt meiner Tritte gebracht Als wir an das
Portal kamen hob Klara die Hand ihres Befreiers an die Stirn und blickte wie
wir mit Wohlbehagen noch einmal auf das düstere Gemäuer zurück das wir
verließen indem die beiden Flügel der Klosterpforte aufflogen  und wie ich mir
denke dass es sein wird wenn am Tage der Auferstehung die Gräber sich öffnen 
wir aus ihrer Finsternis hervor hinüber in die Verklärung treten und einander
zujauchzen Wo bin ich Wo bin ich  so Eduard war uns in dem Augenblicke des
Austritts zu Mute  denn wir standen  und unsre Gedanken verloren  unsre
Begriffe vermengten und alle unsre Sinne empörten sich  wie durch Gottes
Finger berührt und in das innere Heiligtum seiner Größe versetzt standen wir
mit hinstrebenden Augen wankenden Füßen und aufgehobenen betenden Händen vor
dem überwältigenden Schauspiele das ich Dir letzthin mit eben so schwachen
Worten als diese zu versinnlichen suchte vor dem hinunter wallenden
brennenden Balle der Sonne sahen erstaunend jenes Tal der Unschuld und Freude
unter dem dunkelblauen Überhange des Abends wie ein Kind der Liebe der
mütterlichen Natur in dem Schoss liegen Das Wunder dieser Erscheinung wirkte
gleich einem heftigen Fieber auf diejenigen die es zum erstenmal erblickten
Fest an einander gedrängt flammten ihre Augen klopften ihre Herzen im Einklang
 und jede Brust schmiegte sich an die andere aber sie alle genossen des
Erstaunens wie Kinder ohne zu fragen Mich allein belehrte die Erinnerung Ich
erkannte die Sonne die ich besang  das Tal dem ich schon so viele Freuden
verdanke  den Landsitz meines Freundes  den Felsen meiner Wiedergeburt und
wurde bald überzeugt dass der Balkon von dem wir herabsahn über dem Eingange
des Steinbruchs schwebe an dem wie Du weißt meine Baukunst so erbärmlich
scheiterte  aber Gott im Himmel durch welche Rätsel hängt hieß alles mit dem
Kloster  den Urselinerinnen und der Feengeschichte Klarens und ihres Bruders
zusammen O du Schöpfer unnennbarer Empfindungen teurer romantischer
SaintSauveur welche Kräfte standen hier deinem Systeme zu Gebote und wie
unwiderleglich hast du nicht heute seine ganze Schönheit entfaltet Seine Augen
hatten schon lange in stillem Seelengenusse an den süßen begeisterten Blicken
des holden Kindes gesaugt das in sich selbst vertieft mit schwellendem Busen in
das magische Spiel des schwindenden Tages hinstaunte ehe er dem noch größeren
Entzücken nachgab das teuer errungene Geschöpf in die Arme schloss und sein
volles Herz sprechen ließ »Hier Klara  hier in diesem Prachttempel der Natur
wollen wir fern von Klöstern und ihren Frömmlern ein tätiges  und dem der
uns einander geschenkt hat  wohlgefälliges Leben genießen Alles was du heute
gesehen gefürchtet und erfahren hast war Täuschung  nur die erhörten Wünsche
deiner sterbenden Mutter  der Auftrag des redlichen Mönchs  nur meine Liebe
meine langgenährte unaussprechliche Liebe waren es nicht Was du als verloren
dahin gabst ist dein Eigentum geworden Nur für den Einklang für den
Austausch unsrer Herzen habe ich diesen Felsen gehöhlt und der erste Segen
Gottes der in dieser Halle von seinem Diener gesprochen wurde fiel auf dein
Haupt Unter allen Altären zur Ehre Gottes wo in der weiten Welt wurde ihm als
in dieser Kluft einer errichtet der seiner würdiger wäre wo ist je einer
geschmückter gewesen als dieser durch die Blüten deines kindlichgehorsamen
frommen und edlen Herzens Ewigen Dank teures Weib für das Wort der Liebe und
Weihe das ihm entquoll Es müsse mich einst vor dem Throne Gottes verklagen
wenn ich je des Wohlklangs vergessen könnte mit dem es an das meinige anschlug
Ich habe dich errungen Kann ich wohl seliger werden«   Unter welcher zarten
weiblichen Erschütterung folgte nicht das holde Mädchen dem Strome dieser Worte
Nur Seufzer der innigsten Freude unterbrachen seine Rede und heilige Tränen
belohnten den geliebten Schwärmer Seine Seele brauchte Erholung Sie ruhte aus
auf der Höhe ihres Entzückens dann stieg sie erleichtert sanft und freundlich
zu dem niederen Zirkel herunter der im Stillen ihrem Auffluge nachblickte
»Vergieb mir« wendete er sich zuerst an Agaten »die lange Angst der ich dich
am Eingange eines ewigen Kerkers aussetzte Der heutige Festtag führt dich der
freien Luft der Natur und der treusten Freundschaft zurück Vater meiner Klara
und auch Sie vortreffliche Frau die sie mir erzog  habt Dank Ihr guten
Menschen für das große Geschenk das Ihr meiner Liebe aufhobt  O dieser
einzige Abend welch einen edelen und glücklichen Zirkel umspannt er nicht« St
Aignan für jede Teilnahme an Anderen  nur in den Blicken seiner Montbasson
verloren bemerkte nicht einmal mit welchem feinen Gefühl ihn sein
freundschaftlicher Schwager überging und seine Hand mir reichte »Guter stolzer
Berliner kam er mir entgegen wie kitzelt es mich dass auch du Zeuge des Glücks
eines Franzmanns in der schwierigsten Eroberung  und«  setzte er lächelnd
hinzu  »auch der Wahrheit seiner Überraschungsteorie sein konntest« 
»Meinen ganzen Beifall« stammelte ich und drückte tränend ihn an mein
gepresstes Herz Seine trauliche Ansprache und Umarmung zog mich als hätte mir
unser Monarch das Band des Verdienstes umgehangen auf einmal aus meiner
Dunkelheit hervor Klara erinnerte sich unsers nächtlichen Spazierganges mit
bedeutenden Winken Ihre Erzieherin bot mir ihre Dose und Agathe von selbst
ihren Arm als die Gesellschaft ihren hohen Standpunkt verließ Während schon
die Abendröte zu verblassen anfing leitete uns der liebe Mann eine versteckte
Treppe herab durch schlängelnde Akaziengänge des Parks seinem Wohnsitze zu
Ich bemerkte so für mich dass wir uns doch ein wenig über die Zeit mit unsern
Entzückungen auf dem Balkon verweilt hätten denn ich konnte kaum Agatens
Gesichtchen mehr erkennen  aber wie schnell verstummte meine Kritik als mir
beim Austritt aus dem düstern Gebüsche das Schloss unsers Anführers mit tausend
bunten Lampen wie mit Diamanten behängt entgegen strahlte Ein neuer
überraschender Anblick jedoch nur weniger Minuten Wir huldigten nur so lange
der Pracht und der Kunst bis sie uns selbst an die schönere Natur und durch
eine vortretende Inschrift über dem Eingange an das dreifache Fest der Geburt 
der Erlösung und der anbrechenden Vollendung des gefeierten Mädchens erinnerten
Unsre geblendeten Augen alle zugleich wie durch den Druck einer Feder auf die
Einzige gerichtet erfassten umschlangen und entwickelten nun die schlanke
holde siebenzehnjährige Gestalt  Die Bebungen des durch die kleinsten Fältchen
ihres sittsamen Nonnengewandes spielenden Lichts setzten ihre Schönheit in einen
so äterischen Schimmer und uns alle in eine so optische Täuschung dass in
einer Art taumelnder Erwartung jetzt werde Sie der Erde entschweben eine Zunge
der andern den Ausruf abnahm Welch ein Mädchen  welch ein überirdisches
Mädchen Ach sie ist zum Engel geboren Spotte nicht etwa guter Freund meiner
entusiastischen Schilderung Niemand fühlt die Anstrengung der ohnmächtigen
Sprache lebhafter als ich aber ich kämpfe hier so vergebens mit Worten wie
Raphael bei dem letzten Gemälde seiner Hand mit den Farben denn welcher
Sterbliche vermag das Ideal einer Verklärung zu erreichen Während dieses
Vollgenusses des Gesichts schienen meine vier übrigen Sinne wie in dem tiefsten
Schlafe versunken aber nur zu bald wurden auch sie berührt erweckt und in die
Bezauberung des ersten verflochten denn als wir auf einen Wink des Gebieters
Hand in Hand uns seinem Tempel näherten die Türen zwischen flammenden Säulen
aufflogen  Rosenduft unsern Geruchsnerven  Töne der Harmonika unserm Gehör
entgegenschwammen  zwölf gaukelnde Genien uns zum Hochzeitmahl einluden  da
wusste wahrlich kein Sinn mehr welcher in dieser allgemeinen Befriedigung der
glücklichste sei Wir würden uns gern für Geister gehalten haben hätte nicht
der eintretende Hunger als wenn er von einer langen Reise zurückkäme seine
vergesslichen Freunde belehrt dass sie ihm noch untertan und auch heute nichts
mehr als sehr glücklich versorgte Menschen wären Wollte ich Dir jetzt erzählen
dass wir uns setzten aßen und tranken bis wir satt waren  so könnte meine
Beredsamkeit den Stuhl den ich einnahm noch so elastisch polstern  die Tafel
die vor mir stand noch so reich besetzen  meinem Gaumen sogar alle die
Gerechtigkeit erweisen die man ihm unter den Schlemmern zugesteht und ich
würde Dir doch nur am Ende nichts als eine alberne Wahrheit gesagt haben Dafür
bewahre mich die Harmonie des Ganzen die dies hochzeitliche Mahl vor allen und
jeden die mir in meinem Leben Langeweile gemacht haben auszeichnete Ich weiß
Dich besser zu schätzen Die psychologischen moralischen metaphysischen
Erfahrungen die ich während dieses Vorspiels der geheimnisvollen Nacht mir und
andern Gästen abnahm und die ich Dir so unbefangen mitzuteilen verspreche als
ich sie erhielt sind hoffe ich Deiner Aufmerksamkeit schon eher wert Wenn
sie Dich so gut als mich überzeugen dass in der Natur nichts in so naher
Verwandtschaft steht als ungewöhnliche Gerichte mit neuen Gedanken wenn Du
nebenbei meinen innern Menschen auf Schleichwegen der Sinnlichkeit, die Deiner
Metaphysik noch unbekannt waren ertappst so habe ich gewonnen was ich
wünsche Ich könnte ein Buch über meine stillen Tafelbemerkungen drucken lassen
aber ich würde es nie tun da ich weiß dass in unsern lesesüchtigen Zeiten
keines mehr wenn es nur von außen nicht schmutzig aussieht der Neugier unsrer
Schönen entgeht und ich keine Verrätereien an meinem Geschlechte begehen mag
die es in den Augen des ihrigen nur noch mehr herabsetzen würden als es ohnehin
schon steht Vor einem so verwünschten Zufalle schützt mich zum Glück das
geheime Fach in Deinem Schreibepulte Das beruhigt mich
    Die vermutliche Pracht des Saals in den wir traten  zeigt mir erst jetzt
mein Nachdenken  ist über der runden Tafel in seinem Zentrum die mich ungleich
mehr anzog ganz von mir übersehen worden In ihrer Mitte  wie wäre es möglich
gewesen anderwärts wohin zu blicken  erhob sich aus dem reinsten Alabaster
geformt Amor und Psyche in der lebendigsten aber zugleich in einer so
behutsamen Darstellung dass sowohl der männliche Blick an ihre  als das
weibliche Auge an seine Göttergestalt unbeleidigt bis zu dem Kusse beider hold
verschlungenen hinanstieg Die einzige Schwierigkeit war nur von dieser kleinen
empfindsamen Reise ohne die Sehnsucht zurückzukommen das schöne Beispiel
nachzuahmen Wir alle unterlagen der ersten Regung Einstimmig mit dem Gefühl
des Andern begegnete sich Auge und Auge drückte sich Mund auf Mund
Ehrenvoller hat wohl nie die Natur der Kunst gehuldigt O des trefflichen
Bildners der einem Steine diese gebietende Macht zu geben verstand Dreimal
gepriesen seist du mir denn deinem Amor verdanke ich dass Agatens Lippen die
meinen berührten O dass von meinem in dieser seligen Minute entflammten Herzen
ein Fünkchen in das ihre geflogen wäre  dann hätte mir der kleine Heidengott
weiter geholfen als das Wunderbild der Maria in jenem romantischen Felsen An
diesen sehr erlaubten Wunsch mit dem ich nun zwischen ihr und der alten
Gouvernante meinen Platz nahm reihten sich nach und nach bei jeder neuen
Schüssel die man auftrug jene zufälligen Gedanken und Betrachtungen an die
ich für Dich bei Seite legte und die mir am Ende des Mahls  nachdem alles für
meinen Genuss dahin war  so systematisch vorkamen dass ich selbst darüber
erstaunte Und nun weiter keine prosaische Zeile  wenn sie sich nicht etwa
ungebeten einschleicht  über ein Fest von so hohem poetischen Werte Der
Eingang meines Selbstgesprächs entwickelte sich von selbst nach einem Blicke
den ich in die unschuldigen Augen der dem Noviciat entronnenen Schöne getan
hatte Die folgenden minder sittsamen aber desto philosophischern Stellen
meines Gedankenspiels hatten freilich keinen so lautern Ursprung  aber sollte
ich denn in einem fort dem guten Mädchen ins Gesicht sehen um Elegien zu
dichten Da hätte die Tafel ganz anders eingerichtet sein müssen  Wer  hob
meine Schwärmerei an
Wer ein holdseliges Weib durch Lieb und Achtung errungen
Blickt von dem Gipfel herab des schönsten irdischen Guts
Und steht dem Heros weit vor der funfzig Jungfern bezwungen
Er hat nicht männlich geliebt er hat nur tierisch verschlungen
Erregt nur Schauder und bleibt ein Bild verrächtlichen Muts
Mehr Kraft des Geists als des Beins sei unserm Hymen bedungen
Der Brautkranz hefte verwelkt dem heißen Zweikampf entschwungen
Zur Bürgerkrone erhöht sich an die Krempe des Huts
Statt jenes albernen Lieds an Euren Wiegen gesungen
Dem Vater gliche der Sohn wie aus den Augen gesprungen
Kläng es nicht klüger  Ihr sängt  wärs auch im Zweifel  was tuts
Es sei ein Strahl des Genies aus dem Gehirne des jungen
Belohnten Freundes der Braut in den Entsprossnen gedrungen
Die Tugend Alfreds11 vielleicht vielleicht die Kühnheit Kanuts12
Obschon dem Klügsten sogar dies Kunststück selten gelungen
Drang vor dem großen Geschäft durch das Vehikel der Zungen
Ihm nicht ein Löwengefühl in die Behälter des Bluts
Dies ziehen mit gutem Erfolg die beiden Helden des Festes
Mehr als das Bildungssystem der neueren Zeit in Betracht
Als Grubenlicht steigt es herauf aus dem verfallenen Schacht
Der kritisch reinen Vernunft, doch wie gewöhnlich verlässt es
Auch Sie gleich einem Spion in dem Getümmel der Schlacht
In dreißig Reizen vertieft die Nevisanus13 in Acht
Zu nehmen freundlich empfiehlt sorgt Plato noch für ihr Bestes
Indem in ihrem Gehirn sein altes Dreieck erwacht
Die eine Seele die hier die erste Linie macht
Berechnet heimlich ihr Stolz sei aus des heiligen Nestes
Gewalt der zweiten durch Sturm bereits zur Seite gebracht
Und schnell  ja schneller als Sie sich die Erstürmung des Restes
Zum Aufriss auch der dritten gedacht 
Entsteigt dies Delta dem Tal das nur ein Giton verlacht
Umgaukelt Irrwischen gleich in dem Gefächel des Westes
Der Seher Augen und hängt zuletzt noch heller gefacht
Ein wahres Freimaurerlicht sich an die Loge der Nacht
Tief in dem Busen indes der beiden Huldinnen hämmert
In frommer Hülle gezwängt die seine Höhen verdämmert
Das blinde Schrecken noch fort das ihn seit kurzem durchfuhr
Ihr blaues Auge wenn nicht der Schein das meine betrüget
Spielt schillernd über ihn hin so wie des Himmels Lasur
Von fern das Felsengestad der Freundschaftsinseln umschmieget
Vergebens grübeln sie nach welch eine Folge doch nur
Von höherm Wohlstand für ihn in dem erlassenen Schwur
Der Keuschheit und des Gelübds ihn zu verheimlichen lieget
Sie überschwindeln vor Angst die angewiesene Spur
Der Liebe glauben sich bald von einem Prior gewieget
Und bald wie Psyche verklemmt an Amors Marmorfigur
Erhöhn zum Satanas ihn der einen Seraph bekrieget
Und beten heimlich zu Gott für die bedrängte Klausur
Inzwischen nahet die Zeit die manchen Skrupel besieget
Die Sterne flimmern es flüstert die Flur
Puls Mond und Abendgeläut sogar das Picken der Uhr
Weckt die Erinnerung auf wie bald die Jugend verflieget
Doch noch geschwinder als Wachs in heißen Dämpfen sich bieget
Erweicht die Kochkunst ihr Herz nach dem Bedarf der Natur.
Wer mag es leugnen Sie ists der auch die schläfrigsten Geister
Entgegenträumen  Sie ists die jedes Dunkel erhellt
Schwebt sie als Schutzgöttin nicht um unsers Friedrichs Gezelt
Im Kreis der Musen und fühlt er nicht des Mittags sich dreister
Als nach dem Morgengebet Hat diese Feder der Welt
Sein deutsches Herz nicht schon oft durch Frankreichs Brühen und Kleister
Mit seinen Apollen zum Kampf und seinen Cäsarn geschwellt  
Und o wie weise hat sie auch unsre Tafel bestellt
Und rund um Amors Altar drei kostverständige Meister
Zu dreien hungrigen Kindern gesellt
Ich prologire hier nicht nach dem System der Hyäne
Und ihres groben zermalmenden Zahns
Ob dies Banket schon verdient dass ich es dankend erwähne
Preis ich doch mehr noch den Sinn des hochzeitmässigen Plans
Denn kein Gerippe kam hier an einer fasrigen Sehne
Kein Überrest eines verklärten Organs
Der seinen Zung in den Weg und keine weibliche Träne
Fiel auf die Knöchel herab des Abelardischen Hahns
Leicht und entgrätet durchfloss die weißen Klippen der Zähne
Der Goldbarsch14 Argus15 und Tun16 mit der antiken Muräne
Auf süßen Mundwein des persischen Chans
Bedient von Sylphen was fehlt wohl unsrer Sättigungsscene
Zum Prunkgelag eines FeenRomans
Die Ihr berufen euch dünkt das Glück der Schmecker zu lästern
Mariens Sklaven die Ihr an Klostertische geschraubt
Von Hülsenfrüchten gebläht euch Gott gefälliger glaubt
O warum hat nicht der Propst der neun barmherzigen Schwestern
Der keuschen Musen ehrwürdiges Haupt
Euch Sitz und Stimme wie mir bei diesem Nachtmahl erlaubt
Ich wett  ein einziges Ei wie hier aus indischen Nestern
Ein ganzes Dutzend mir winkt braun mit Vanille bestaubt
Wög alles Bettelbrot auf um das ihr Arme beraubt
Ihr Blöden lernt Ihr denn nie die Macht der Küchen und Keller
Auf Menschenherzen verstehen Hat nicht ein Schiffskoch oft heller
Auf blinde Heiden gewirkt und mehr Pagoden gestürzt
Als alle Meister der Welt die Zweifelsknoten geschürzt
Ein Trio lieblich dem Ohr wie Löffler Süssmilch und Teller17
Gleich einem ländlichen Schmaus den Frühlingsblumen gewürzt
Zög leicht mehr Jünger herbei und hätte glaub ich wohl schneller
Als Franks Episteln vordem trotz ihrer klugen Besteller
Den Weg von Trankebar aus zum dritten Himmel verkürzt
So setzt die Kost der Natur die Prachtgericht in den Schatten
Und unsre Augen auch hier durch gleiche Wunder in Brand
Zieht nicht des Vaters Geschenk bis diesen Abend auf Sand
Des Meers in Felsen gezwängt zieht jener Hügel von Datten
Nicht dunkel über den Tisch wie Nonnen über ein Land
Beim Dasein ohne Gefühl ohn allen frohen Verband
Mit Mond und Sonne mit Freunden und Gatten
Bleibt zwar dies arme Gewürm in seines Lebens Ermatten
Gleich der verschleierten Schaar mit meinem Mitleid verwandt
Doch diesmal kam es zu gut dem Drang des Hungers zu Statten
Als dass es leibliche Ruh in unsrer Nachbarschaft fand
Geschickt wie Söhne des Mars wenn ihre frevelnde Hand
NovizenZellen erbricht erbrachen wir suchten und hatten
Wir bald die Scheuen erreicht und keine über den Rand
Des Munds geschwenket die nicht die letzte Probe bestand
Was gleicht dem Meer wie die Welt In jedem lebenden Tropfen
Der Austern schien so vergnügt als sie die Gurgel verschlang
Ein Herz18 ein weibliches Herz das mit der Schale noch rang
Statt sich zu sperren der Hand sogleich entgegen zu klopfen
Der im Gedränge danach die Kunst des Vorgriffs gelang
So schwelgten träumend wir fort bis zu dem folgenden Gang
Der wie ein Rittertournier um uns die Mäuler zu stopfen
Die zarte simple Natur von ihrem Platze verdrang
Ein ernster Herold voran ihm folgten dienende Sylphen
Besorget Ordnung und Rang weist an beschränkt und vereint
Die edle Kaste der Herrn von Bergen Rieden und Schilfen
Gleich der die fest und gestreng doch nicht so böse gemeint
Mit Knappen grau wie Saturn und andern wackeren Gehülfen
Zuweilen arglos am Hof bei einem Landtag erscheint
Nur mute niemand mir zu trotz meines Vorzugs im Schmecken
Aus seinem Harnisch hervor den innern Mann zu erspähn
Dem Noa selbst biet ich Trotz der doch die Stammherrn dem Schrecken
Des Untersinkens entriss der Enkel Gruß zu verstehen
Die jetzt mit offenem Helm beschwert mit Panzern und Decken
Wie Butter auf der Zunge vergehen
Doch dass ich Rang und Verdienst nicht durcheinander verschiebe
Zieh ich die Finger zurück lass ich den Gästen die Wahl
Gnug dies Heroengeschlecht passt für ein hochzeitlich Mahl
Vortrefflich weckt und erwärmt der Vorzeit glückliche Triebe
Und außer ehlichem Bund und ebenbürtiger Liebe
Kennt es so wenig als ich von Plato mehr als die Zahl
Die er zum Dreieck verschob und zu berechnen empfahl
Doch bei der Schüsseln Gedräng tritt jeder Zufluss mir bänger
Für meine Rolle ans Herz und Komus mag mir verzeihn
Ich übertrage zwar gern nur nicht aus Küchenlatein
Das Lachen das er erregt Mein Genius weigert sich länger
In Sieden Braten und Frikassiren allein
So sehr das Beispiel auch reizt dem blinden Iliassänger
Und seinen Beleuchtern ähnlich zu sein
Drum führe Helios mich der nur von Blumengerüchen
Umschwebt Pomonen besucht schnell durch den Nebel der Küchen
In die Verzäunung des Nachtisches ein
Hier seh ich wie die Natur in ihrem Bildungsgeschäfte
Mit unbefangener Hand den größten Endzweck erreicht
Und ohne Hilfe des Kochs und seiner gährenden Säfte
Durch Täuschung Leben erweckt und die versunkensten Kräfte
So lange zupfet und neckt durch Furcht und Hoffnung beschleicht
Bis sie den streitenden Teil mit dem bestrittnen vergleicht
Bis sie das schlaue und dennoch ewig geäffte
Verlockte Manntier zuletzt durch weiblichen Liebreiz erweicht
Hat sie nicht oft durch ein Haar auf Weiberscheiteln gewonnen
Gekrönte Tieger bestrickt und ihr Gebiet übersponnen
Mit Kinderspielen den Kopf der Wahrheitsforscher gefüllt
Und manchem betenden Mönch umglänzt von Sternen und Sonnen
Statt den verborgenen Gott das Unsichtbare  der Nonnen
In Zerrgemälden lebloser Wolken enthüllt
Auch hier  wer hätte denn wohl bei den Erinnerungszeichen
Der Nektarfrüchte die uns aus fernen Wundergesträuchen
Ihr güldnes Füllhorn so reich an Brautgeschenken gesandt
Den Wink einer guten Mutter verkannt
Wem gnügt die persische Frucht nach ihrem zarten und weichen
Geweb und süßen Gehalt die Brust der Venus19 genannt
Den Augen sinnlos vorbei nur seinem Munde zu reichen
Ohn ihre himmlische Form mit schöneren noch zu vergleichen
Die er hienieden  auf seiner Wallfahrt umspannt
Gleich Spinnen hat die Natur uns an elektrischen Fädchen
In jedem Marmorpallast ein liebes Hüttchen gebaut
Wer lächelnd neben sich blickt schwingt immer leichter sein Rädchen
Als der mit gierigem Ernst in das Unendliche schaut
Nur durch Vergleichung schminke dein Mädchen
Je schwärzer dein Mohr je blonder wird deine Braut
Die große Wahrheit hat mir das nächste Körbchen vertraut
Denn wer  beim Anblick der zwei Magdalenen20
Wär blöde genug sich nach der größeren zu sehnen
Wenn er die kleinre darneben erblickt
Die Stolze schwerlich für nichts mit einem Namen geschmückt
Der nur die Büssenden ziert zerfliesst in reuigen Tränen
Gleich einer Opernprinzess erweckt ihr Umfang nur Gähnen
Und ist besieht man sie recht von allen Seiten gedrückt
Preis sei der kleinen die mich wie vormals Margot entzückt
Sie niedlicher als ein Ei das weit davon es zu wähnen
Ein lauschend Vögelchen birgt das an der Schale schon pickt
Welch eine herrliche Frucht Doch leider eine von denen
Die man zum Unglück für Dich nicht leicht ins Ausland verschickt
Obschon mein träumender Geist nicht ohne Sehnsucht und Wonne
Bald ein Gewächs von der Spree mit einem von der Garonne
Bald asiatischen Prunk mit deutschen Flittern verglich
Fühlt er doch heimlicher nie und nie gefesselter sich
Als da ihm  während der Sammt der unberührten Mignonne21
Der Schmeichelei meiner Hand mit feinem Nachgeben wich 
Schon wieder  Kann ich dafür  das Ideal einer Nonne
Und durch Verbindung mit ihr das Bild Agatens beschlich
Welch Wunder eines Fantoms zart wie aus Stäubchen der Sonne
Hell wie Diana bei Nacht doch ewig Schad es verblich
Als ungefähr es ein Hauch des nahen Urbilds bestrich
Ihr reinen Herzen Euch steht der Unschuld Engel zur Seiten
Verweht der Ahnungen Gift die schlüpfrig über Euch gleiten
Und Eure Würde doch scheun Nur durch das Edle gerührt
Wie könnt ein Spiel der Natur, ein Nichts ein Blick in die weiten
Gefilde optischen Trugs Euch in die Träume verleiten
Die zu enträtseln allein dem wilden Jüngling gebührt
Nur ihn ermuntre mein Scherz in unsern ehlosen Zeiten
Den Magdalenen vorbei sich eine Frucht zu erschreiten
Die der Mignonne verwandt noch nie von Wespen erspürt
Auf Hymens Lager erst reist Versteht er Zeichen zu deuten
Welch Glück für Augen und Herz wenn er nach frohem Erstreiten
Sie frisch gebrochen vom Stamm dem Garten Amors entführt
Nach diesem Probejuwel dem Gränzstein meines Gesanges
Zieh aus dem Orkus wer mag die voll unheiligen Dranges
Gespaltne gelbe Granat an die Bestrahlung des Lichts
Ich eile mit der Moral zur Mangostine22 vom Ganges
Ists möglich deck ihr Gebräm statt jenes Feigenverhanges
Des ersten nackenden Paars die Blössen meines Gedichts
Sie gleich der sinnlichen Lust zerschmilzt und gibt wie ein langes
Verträumtes Leben nur Schaum und der Erinnerung Nichts
Löscht wilden Tieren den Durst und kühlt die menschlichen Wildern
Wenn jen ein nagender Wolf  wenn Amor diese gehetzt
Wär ich ein PseudoHoraz der weder nützt noch ergötzt
Hätt ich statt ihrer wohl gar das Haupt von cynischen Bildern
In der Maldivischen Nuss23 Dir vor die Augen gesetzt
Allein die freche Natur hat hier ein Sinnbild geätzt
Das keinen Nachstich erlaubt auch hab ich über dies jetzt
Dir noch ein eigenes Produkt aus feinem Kraftmehl zu schildern
Dem nach dem Landesgebrauch als ein Orakel geschätzt
Ein ernster Augur bereits sein Opfermesser gewetzt
Sein Auge fordert Gehör der Gäste Jauchzen zu mildern
Und seine Zunge zuvor in Wein prophetisch genetzt
Ruft laut Was Unschuld verbarg erringt die Liebe zuletzt
Nun war das Weihungssymbol bekränzt mit Knospen der Rose
Dem Gastmahl Platos vereint Ein Böhnchen einzeln verweilt
Verschlossen in dem Gebäck als Bild des größten der Loose
Das wenn sichs einmal verlor kein zweiter Festtag ereilt
Sei ein Gewinnst noch so klein er liegt dem Zufall im Schoss
Oft wenn der Schmidt seines Glücks den Bolzen dreht und befeilt
Der doch am Ende nicht trifft hat Alexander der Große
Den Gordschen Knoten so leicht als wir den Kuchen zerteilt
Ein fremder Schauer durchlief der Rose Jugendgestalten
Dem ersten Angriff geweiht  doch der Begeisterte schritt
Schnell zu dem Teilungsprozess der keine Zögerung litt
Im Dienst der obersten Macht das strengste Recht zu verwalten
Das für den Ruhm eines Paars von gleichen Ansprüchen stritt
Ein jeder Edle verdient das große Loos zu erhalten
Sie zittern beide doch seht des Schicksals Rätsel entfalten
Sich wie ein Gottesgericht Ein Wunder leitet den Schnitt
Es hat ein Wunder die kleine Bohne gespalten
Und jede Hälfte die nun das schöne Ganze vertritt
Teilt auf des Augurs Befehl den Dank und Jubel umschallten
Gehorsam sich den Erwartenden mit
Betroffen blickten die Freundinnen beide
Einander in das verfärbte Gesicht
Sie lächelten zwar der männlichen Freude
Den Sinn nur davon begriffen sie nicht
So saßen einmal ein paar errötende Horen
An Ledas Neste vor jenem mystischen Ei
Das sie  mit Wahrheit als Gans in Zevs Umarmung verloren
Und spielten damit und brachens entzwei
Und dachten nicht das geringste dabei
Sie ahndeten nicht dass sie Helenen geboren
Und dass des Kindes noch ungestilltes Geschrei
Mehr als ein bänglicher Laut für zarte Jungfrauenohren
Dass es das Probegetön der erste Ruf der Schalmei
Zum blutigsten Krieg den je die Götter beschworen
Um den Besitz einer Kleinigkeit sei
Zehn lange Jahre verstritten die Toren
Zuletzt verschütten sie doch wie deutsche Köche den Brei
Und Kerzen füllten den Saal Im Nu durchzitterten Flammen
Der kalten Psyche die Brust geschmiegt an Paphiens Sohn
Und schlugen über die Kränze von Mohn
Der zwei Sirenen und jenen Wellen zusammen
Die kaum vom Lichte verraten auch schon
Gebrochen in ihre Grotten entflohn 
Wer kann die selige Lust an diesem Vorspiel verdammen
Doch unsre Helden voll Kraft der Odysseer umschwammen
Die Brandung senkten den Blick und stimmten leis in den Ton
Des ewig tröstenden Lieds der Philosophen und Ammen
Geduld Erwartung ist schwer doch desto süßer der Lohn
Jetzt tritt die Ananas vor sie die in feuriger Zone
Am Vorgebirge der guten Hoffnung entsprang
Sieht auf der Tafel sich um und setzt zum endlichen Lohne
Des zärtlich schmachtenden Paars das seine Wünsche bezwang
Verschämt doch unter Verzicht auf ihren weiblichen Rang
Setzt sie geduldsam zerlegt die beiden Finder der Bohne
In den Besitz ihres Reichs in alle Rechte der Krone
Auf keinen andern Beding als einen guten Empfang
Wie tönt den Helden das Ohr als ihre Stunde verklang
Als ihrem forschenden Blick nicht ohne Beben nicht ohne
Vertraun sein erster Versuch auf jenes Eiland gelang
Das bald ihr Eigentum wird Des Mondes Schimmer beschwang
Die nie bestiegenen Höhn in jenem schmelzenden Tone
Des Morgenmalers Lorain  Dass sie ein Kobold bewohne
Befürchtet kein Steiger der jetzt im Schwung zum dämmernden Gang
Des edelen Erzes den Arm um seine Begleiterin schlang
Die Holden zitterten nach und eingesegnet vom Sohne
Cyterens hörten sie kaum auf unsern Abschiedsgesang
Ein Lied der Trauer für mich das meiner Jugend Vergang
Mir zum Entsetzen bewies indem es näher zum Throne
Des Gottes ehlichen Heils ins stille Brautgemach drang
Dank sei der Liebe jedoch für die paar seltenen Stunden
Die diesen Abend einmal der armen Menschheit gelacht
Sie hat vom Fangstrick des Papsts zwei freie Herzen gebunden
Und was sich reizendes je dem ungestümen Betracht
Der Männeraugen ergab dem Sterbekittel entwunden
Der keine Schöne zur Heiligen macht
Gesetzt es hätte sogar die überraschende Nacht
Sie ohn ein härenes Hemd und fern von geistlichen Runden
Gott weiß in welch eine Lage gebracht
Hoff ich doch gläubig zu dem der gleiche Sorgfalt und Acht
Auf träge Sekula nimmt wie auf den Flug der Sekunden
Die kleinsten Sphären so gut die er den Liebesgesunden
Manchmal zum Spielwerk erlaubt als jene himmlische Pracht
Lebloser Welten die ihnen leuchten bewacht
Zu dem Bewusstsein hoff ich das den Umarmten verschwunden
Sie haben schwerlich sich jemals besser befunden
Je freudiger ihres Schöpfers gedacht
Die guten Kinder sind jetzt im höchsten Spielraum der Liebe
Der Fliege Kolibri gleich die nie von Dünsten beschwert
Sanft von dem Zephyr gewiegt bei leichtem Sättigungstriebe
Auf Blumen schwebend sich nur von ihrem Aushauche nährt
Wenn sich dann Abends zu ihr gleich liebeatmend und trunken
Von aromatischem Geist der schöne Gatte gesellt
Wie freundlich wird nicht der Blick des frommen Sehers erhellt
Dann überschimmern vor ihm im dunkeln Äther zwei Funken
Der großen Fackel des Universums entsunken
Den ärmlichen Staub der sublunarischen Welt
    Mir aber als die Glücklichen verschwunden waren als ich statt eines
Sylphen von einem gemeinen Diener geleitet in das Zimmer trat das mir seine
Fackel anwies und ich über mein einsames Bett hinblickte  mir war als hörte
ich alle Tore des Lebens und der Freude hinter mir zufallen Ich erschrak hob
den Vorhang des Fensters riss die Flügel auf und meine feuchten Augen flogen
über die Milchstrasse hinaus dem entgegen der in diesem Gewühl leuchtender
Welten jeden Wurm mit Liebe umfasst  dachte an Agaten  und o rief ich 
Du der von Ewigkeit her den Busen reizender Frauen
Zum besten Spielraum der Männer erwog
Der diese Stunde gelenkt die durch ein süßes Vertrauen
An Lieb und Wahrheit zwei fromme Kinder den Klauen
Der Klosterhyder entzog
Wie wollt ich deiner Erbarmung
Nicht danken führtest auch du
Der Andacht meiner Umarmung
Die dritte Heilige zu
    Achtet auch der Allweise die törichten Gebete nicht die uns in dem Rausche
der Sinne entsteigen so haben sie doch das Gute den Verarmtesten die zwei
schönsten Blumen des irdischen Lebens Hoffnung und Geduld in den Schoss zu
legen Auch ich kam von meinem Aufblicke in die obere Region um ein merkliches
beruhigt zurück Meine sinnlichen Wünsche verloren ihre Heftigkeit als ob sie
erreicht wären und ich fühlte mich abgekühlt genug über Agatens Schleier
hinweg nach manchen andern Rätseln zu greifen die mir der verlaufene Tag eben
so unentwickelt zurückgelassen hatte
    Denn wenn ich gleich jetzt ungefähr erraten konnte in was für
Betrachtungen SaintSauveur auf unserm Wege nach Toulon so vertieft war dass er
sich wenig um meine Verzückung in den Himmel und um meine Hymne an das Gestirn
des Tages bekümmerte  es mir auch eben so begreiflich ward warum er mich im
Gasthofe zum silbernen Anker mit meiner Scheibensammlung allein ließ und es ihm
so sehr zur Unzeit kam dass mein verlornes Einlassbillet einem Spieler zur
Nachfolge für andere seinen Weg wies  wenn gleich die Seufzer die damals
Klaren entstiegen als ich ihr meinen Arm bot und ihre stillen Tränen in den
Kelch einer Passionsblume so wenig als die Erschütterung die ihr die
Gebetglocke des nahen Klosters  der Mönch auf der Galeere und das Mitleiden mit
Agaten verursachte jetzt noch einer nähern Erklärung bedurften  ich auch
meine vorgestrige Verwunderung über das Geschäft meines Freundes in dem
Steinbruche herzlich belachen musste und nicht mehr böse auf ihn sein konnte
dass er während der Veranstaltung seiner heutigen Überraschung mich auf ein
Schiff bannte und gewaltsam nötigte Voltaires Geburtstag zu feiern  so
blieben mir doch genug neugierige Fragen über den Zusammenhang der heutigen
seltsamen Ereignisse übrig die ich mir schlechterdings nicht zu beantworten
vermochte Diese schwierige Aufgabe würde mein Nachdenken noch lange beschäftigt
haben wenn es nicht ein Umstand unterbrochen hätte der für mich keine
Kleinigkeit war Ich hörte die Seitentür öffnen die nach dem Park führt  Das
ist Agathe sprang ich von meinem Stuhl auf die vermutlich so unruhig als
ich nach Luft schnappt  trat ans Fenster  hörte sie  sah ihren Schleier
zwischen den Akazien wehen und nun war vollends meines Bleibens nicht mehr Ich
eilte aus meinem Zimmer durch das Portal an dessen Säulen noch einige
verlöschende Lampen zitterten Zu einer andern Zeit würde ich sie als ein treues
Sinnbild der Vergänglichkeit aller menschlichen Freuden in Vergleichung mit den
ewigen Lichtern am Himmel vielleicht länger betrachtet haben aber in diesem
Augenblicke dachte ich weder an Zeit noch Ewigkeit sondern  solltest du es
wohl glauben an die kleine zarte Mignonne unseres Nachtisches Großer Gott und
ich suchte Agaten Ich hatte die längste Weile die lispelnden Sträuche
durchirrt ohne sie zu entdecken und ich fing schon an zu fürchten dass es mir
hier noch einmal mit meiner Stirne ergehen möchte wie vor einigen Monaten zu
Kaverac als glücklicher Weise ein Fünkchen das mir in einiger Entfernung
entgegen blinkte meiner gesunkenen Hoffnung wieder aufhalf Dort  ja dort
sitzt das liebe Kind ihr kleines Laternchen neben sich auf einer Rasenbank
und so geschwind als dieser Gedanke war auch der Zaun der den Grasplatz von
dem Park abschnitt überstiegen Ich will sie nicht erschrecken nahm ich mir
vor glaubte auch ich ginge langsam kam aber bei allem dem bald genug meinem
Gegenstande so nahe dass ich bestrahlt vom Lichte zwar nicht Agaten aber
eine andere menschliche Figur unterscheiden konnte die sich langsam an einer
Urne in die Höhe richtete und mir kein geringes Grausen erregte ehe ich
bemerkte dass es der Spender des heutigen Segens  der fromme Mönch war der mir
entgegen trat »Ach heiliger Vater« sprach ich ihn an »was macht Ihr an
diesem einsamen Orte und welchem Heiligen gilt euer nächtliches Gebet«
     »Einem Unglücklichen dessen Gebeine hier verscharrt liegen« antwortete
er mit ernster Stimme »der sein schönes Dasein  die Liebe und herrlichen
Verstand seiner Gattin dem Vorurteile der Ehre und einem Mörder Preis gab Auf
seinem Grabhügel unter dieser Weinlaube die noch eine Stunde vor seinem Tode
ihn in den Armen seiner Gemahlin umschloss bitte ich täglich Gott um Vergebung
seiner schweren Sünde und flehe den Allbarmherzigen um die Genesung der
schuldlosen Wittwe«  »Ach« rief ich »so bin ich denn in dem Garten des armen
Grammont O wie nahe liegt hier Freude und Traurigkeit  wie nahe jene stolze
Brautkammer und diese Todtengruft an einander Ach lasst mich mit euch beten
lieber Mönch Hilfe für die traurig getrennte  dauerhaftes Glück für die durch
euch so fröhlich Vereinten erbeten« Der Mönch ergriff und drückte meine Hand au
seine Brust dann knieten wir beide in andächtiger Eintracht neben dem Monumente
des Entleibten nieder und als wir uns eine gute Weile nachher von dieser
Todtenfeier erhoben ich mit tronenden Augen auf und über den Garten
hinblickte und es mir schien als ob der vortretende Mond den Trauerflor von
dem Eremitenhäuschen wegzöge das einst in bessern Tagen der armen Wahnsinnigen
so lieb und teuer war und ich gern als ein himmlisches Zeichen angesehen
hatte dass unser Gebet erhört sep  deutete ich mattlächend dahin Der gute
Mann verstand mich Wir stiegen von der Anhöhe der Laube der kleinen glänzenden
Hütte zu und nun da ich davor stand und mir über dem Eingang die Worte
Voltaires die sie die Erbauerin zur Aufschrift gewählt hatte in die Augen
fielen  ich mit der Sprache rang um sie an diesem stillen Orte der Erinnerung
noch einmal zu wiederholen und bei der letzten halben Zeile eston seul on est
sage meinen Begleiter bedeutend anblickte als wenn ich sagen wollte Wer kann
diese Wahrheit besser fühlen als ein Mönch  ach wie gerührt wurde ich nicht
durch feine Antwort »Wollte Gott« sagte er »die letzte Halste des Spruchs
wäre so wahr als die erste Ach wer kann denn mehr allein sein als die Arme es
ist die ihn hinschrieb Was hat sie mutlos bis zum Wahnsinne gemacht als
Trennung  Entfernung und die Unmöglichkeit ihr verschwundenes Glück wieder zu
erlangen  und sind nicht mein Herr« indem er mir die Hand drückte »sind das
nicht auch die Grundpfeiler der Klöster und bringen sie nicht auch dieselbe
Wirkung hervor« Ich war so verlegen über diese unerwartete Äußerung eines
Dominikaners dass Gott wissen mag wer mir zwei Worte die ich immer für
widersprechend gehalten habe das Glück des abgezogenen Lebens auf die Zunge
gerieten  »Das Leben« antwortete der Mönch »sollte nie von Tätigkeit und
erlaubtem Genuss abgezogen Werders denn was wäre sonst seine Bestimmung Wenn
dein Widerstand gegen wilde Neigungen nur von der Kette herkommt die man dir
anlegt wem kann die Ehre davon gebühren als der Kette Ach wie ist das
Verdienst der Mönche und Nonnen so geringe Unendlich ehrwürdiger ist mir der
Mann der in den Wellen des Lebens wo nicht fest wie ein Fels steht doch ihnen
nur so viele freie Kraft entgegen setzt dass sie ihn nicht ganz in den Sand
spielen O ich kenne den Wert der Tugend die von Versuchung entfernt ist 
verstehe die Lieder der singenden Vögel die ein Käfich umschließt  Was
enthielten die Seufzer meiner Andacht von meinem achtzehnten Jahre an bis in
mein funfzigstes Löset die zärtlich frommen Empfindungen der Nonnen die
nächtlichen Gebete eines Klosterbruders auf und Ihr werdet erschrecken Wie
kann das Zerreiben eines armen menschlichen Herzens das aus der Werkstatt der
Natur sich als einen unnützen Stein in eine Wüste verworfen fühlt wie kann es
zufrieden sein wie könnte es Gott gefallen Das Glück im Guten tätig und
frohen Herzens zu sein genieße ich alter Mann erst seit fünfzehn Jahren mein
Herr und musste mir es durch die Folge meiner sitzenden und ohne mir einer
andern Sünde bewusst zu sein als die mir zur Pflicht gemacht war  bussetuenden
Lebensart  durch eine schwere Krankheit erringen die aus Ungeduld gegen Gott
und Menschen zusammengesetzt zu dem höchsten Grade von Melancholie erwachsen
war Hoffnung der Freiheit die mein Arzt menschenfreundlich unter seine
Arzeneien zu mischen verstand bewirkte allein meine Genesung und auf seine
Furcht vor einem Rückfalle die er dem Pater Schatzmeister ans Herz legte
verlängerten meine Obern die Kette die mich an ihre Stiftung band Ich kam
unter die Zahl der Wenigen denen als Priestern einzelner Kapellen und als
Beichtvätern oder welches einerlei ist als gedungenen Erbschleichern außer
dem Kloster zu leben erlaubt wird Seit diesem sonderbar glücklichen
Verhältnisse habe ich erst angefangen meiner wahren Bestimmung zu folgen aber
das Glück der Jugend  das Eingreifen der Liebe in die Zukunft war dahin war
einem falschen Götzen aufgeopfert und ach kinderlos blicke ich nun in das
Grab Doch lernte ich in der Freiheit was in meiner Zelle unmöglich war 
Menschen lieb gewinnen und gewann selbst treue und würdige Freunde Das Bette
eines Kranken brachte mich mit dem edelsten von allen mit dem Marquis von St
Sauveur in Verbindung«  Aber hier Eduard will Ich das Wort nehmen um Dir
die große Seele dieses Religiosen anschaulicher zu machen als aus seiner
eigenen nur allzubescheidenen Erzählung erhellen würde Erst durch die
zudringlichsten Fragen und durch Zusammenstellen seiner kurzen Antworten konnte
ich mir nur über seine Würde  seinen Anteil an den frohen Begebenheiten des
heutigen Tages und den geheimen Zusammenhang derselben Licht verschaffen St
Sauveur dessen hohe tätige romantische Tugend er mir nicht beredt genug
schildern konnte brachte ihn in die Bekanntschaft von Klarens Mutter die zwar
eine religiöse Schwärmerin aber zum Glück für die Tochter eine eben so
rechtschaffene verständige und lenksame Frau war Sie hatte bei der
schmerzhaften Geburt derselben der Maria das Gelübde getan sie der Entsagung
des Ehestandes und dem Klosterleben zu weihen und durch ein feierliches
Testament ihr alle Mittel benommen ein anderes zu führen In einer solchen Lage
fand der Dominikaner diese Gewissenssache als er in dem Hause des Gouverneurs
bekannt und von seiner Gemahlin zum Beichtvater gewählt wurde Der
rechtschaffene Mann nahm sich sogleich auf das heiligste vor die Mutter von
ihrer Verblendung zu heilen und das unschuldige Kind zu retten Er bemächtigte
sich der Freundschaft und des Vertrauens der Marquise und stieg endlich in
demselben so hoch dass er es wagen konnte ihr seine bessern Grundsätze
vorzulegen aber welche Gewandtheit welche sanfte Beredtsamkeit musste er nicht
anwenden um die fromme Frau nur erst bis zum Zweifel an der Rechtmässigkeit
ihres Gelübdes  und welche List der Tugend um sie bis zur Bereuung desselben
zu bringen Endlich gelang es seinem standhaften Eifer den schwachen Grund in
so weit zu untergraben dass die Säule ihres Aberglaubens  wo nicht ganz
einstürzte doch um ein merkliches sank Als er eines Morgens das kleine liebe
Mädchen auf den Arm nahm sich an ihren Schmeicheleien ergötzte ihre großen
blauen Augen ihre zum Küssen einladenden Lippen und die herrlichen Züge
betrachtete die schon damals ihr Gesichtchen zum Verwundern erhoben rief er
bewegt Und alle diese Kleinodien der Natur, diese Geschenke Gottes sollen dem
menschlichen Glücke entzogen und lebendig vergraben werden bis sie unter dem
peinlichsten Gefühle zu Reliquien verschrumpfen Diese Worte und die männliche
Träne die dabei über seinen schneeweißen Bart rollte erschütterten das
mütterliche Herz  Nun so zeigt mir grausamer Mann schluchzte sie einen
Ausweg aus diesem Labyrinthe ohne meinen Eid zu brechen und Ihr mögt es bei
Gott und seiner heiligen Mutter verantworten Ja das will ich rief er ernst und
feierlich und brachte nun einige Tage nachher das Kodicill zu Stande das er
mit ihr verabredete selbst aufsetzte und mit einem Eide übernahm es unter
keiner andern als den festgesetzten Bedingungen geltend zu machen die aber
immer noch schwärmerisch und durch die Möglichkeit dass Klara auf ihrer Seite
sie nicht erfüllen würde furchtbar genug waren Denn hätte das gute Kind in
der angeordneten Betäubung den Wurm der ihr Herz nagte aus weiblicher
Schwäche verhehlt  vor ihrer feierlichen Entsagung nicht unter den Augen des
Mutterbilds der Maria den Mann genannt der ihr den Übertritt ins klösterliche
Leben so schwer mache  alle Mühe des redlichen Mönchs das Kodicill  Brief 
Ring und die Erbschaft wären für sie verloren und dem Kloster in das sie aus
jener ländlichen Kapelle versetzt zu werden in Gefahr stand verfallen gewesen
Daher kam die angstvolle erschütternde Beschwörung des Mönchs daher das
Schweben zwischen Furcht und Hoffnung des armen Brigadiers der hinter dem
verhängten Gitter mit gleicher Bangigkeit wie der Flügelmann den er vor
einigen Tagen überraschte Leben oder Tod von den Lippen seiner Geliebten
erwartete Daher ärgerte ich mich ganz umsonst über die zweideutige
Voraussetzung des Dominikaners in Ansehung des Schenkungsbriefes Die entlassene
Novice wagte nichts ihn zu bestätigen denn er lag ja in den Domainen ihres
Bräutigams und konnte nun nicht mehr in unrechte Hände fallen Und ach wie
manche andere Dinge die ich heute Morgen ganz der Quere nahm setzte mir diese
nächtliche Unterhaltung erst ins Klare Doch ich habe Dir noch lange nicht die
Geistesgrösse dieses seltenen Mönchs in ihrem ganzen Umfange dargelegt Nach dem
Tode seiner schwärmerischen Freundin widmete er alle seine Sorgfalt der
verwaisten Tochter deren gutes oder böses Schicksal in seinen Händen lag Er
sah die Rettung aus der Gefahr die ihre Zukunft bedrohte als den Zweck seines
Daseins an Aber welch ein Mann rufe ich mit der höchsten Bewunderung aus der
sich durch den langen Zeitraum der sein Ziel verbarg so geschickt zu winden
wusste dass der Preis seiner Anstrengung nicht verloren ging  der so viele
Menschenkenntnis besaß um die Kräfte der verschiedenen Federn so zu berechnen
und zu spannen dass sie die beabsichtigte Wirkung hervorbrachten  der bei den
Schwierigkeiten die ihm entgegen traten nie in der Wahl der Hilfsmittel fehl
griff  und Herzen in Flammen sogar mit solcher Behutsamkeit zu lenken
verstand dass sie ohne seine Absicht zu ahnden den glücklichen Ausgang seines
geheimen Spiels befördern mussten Dass er dieses alles in seiner Kutte geleistet
hat wird Dir der Verfolg meiner Erzählung beurkunden Den Gouverneur schien das
Testament seiner Gemahlin nicht weiter zu beunruhigen so bald er hörte dass die
Vollstreckung seinem würdigen Hausfreunde übertragen war er kannte seine
Grundsätze und merkte bald dass es nicht ein Kloster sein konnte wohin er
seine Pflegbefohlne zu leiten suchte Er verabredete den Plan ihrer Erziehung
mit jener trefflichen Frau die ihre treue Begleiterin bis vor dem Altare blieb
wo auch sie durch den Preis überrascht wurde den ihr Liebling erhielt Er gab
ihr an der Prinzess von Montbasson und Agaten zwei liebenswürdige Gespielinnen
zu und verbarg dies reizende Trio der Neugier und der Verführung unter die
Schatten eines frohen ländlichen Wohnsitzes wo ihnen nur die Natur zuflüsterte
und ihre Herzen und Augen unbefangen blieben Hier tränkte er ihre Seelen mit
großen erhabenen freundschaftlichen Empfindungen bereicherte ihren Verstand mit
den schönsten Kenntnissen übte ihre Hände in den geschätztesten Talenten und
sorgte gleich der zärtlichsten Mutter für das Gedeihen ihrer aufblühenden Reize
Mit allen diesen Klosterfrauen unnützen Vollkommenheiten brachte er Klaren in
ihrem funfzehnten Jahre dem erstaunten Vater zurück und in St Sauveurs
Bekanntschaft den er schon längst als ihren Retter ausersehen hatte »O der
Freude die ich damals empfand« strömte es ihm von der begeisterten Zunge »da
ich den tiefen Eindruck bemerkte den das schöne herrliche Kind auf sein Herz
machte Ich hatte gewonnen  Ihre gegenseitige Zuneigung stieg mit jedem Tage
höher  endlich so hoch dass sie nach meinem Wunsche einander unentbehrlich
wurden Jetzt erst da das holde Mädchen der gebenedeiten Jungfrau schon zu weit
aus den Augen war um ihren Ruf zu hören trat ich mit dem furchtbaren
mütterlichen Testamente auf Da ich seitdem sie unter meiner Aufsicht stand
dessen nie mit einer Sylbe erwähnt hatte so erschreckte sie mein unerwarteter
Vortrag  ungefähr wie ein aufgefundener Wechselbrief den man längst für
verloren gehalten und vergessen hat ob man gleich wenn die Zahlung gefordert
wird die Schuld nicht abläugnen kann Jeden andern aber der davon hörte
erschütterte diese Neuigkeit und ich musste sogar die gehässigsten Nachreden
über mich ergehen lassen Nur Sie die fromme Tochter benahm sich groß und
edel sobald der erste Schrecken vorbei war Sie kämpfte zwar aber nur wenig
Minuten mit der Notwendigkeit ihres kindlichen Gehorsams  empfahl sich der
Barmherzigkeit Gottes und unter einigen zärtlichen Tränen die sie dem
Andenken ihrer würdigen Mutter darzubringen glaubte wählte sie das Kloster der
Urselinerinnen von denen ich einigemal rühmlich gesprochen hatte  Ja einige
Stunden nachher konnte sie sich selbst über den Zuwachs an Vermögen freuen den
ihr guter Bruder durch ihre Annahme des Schleiers erhalten und mit ihrer
geliebten Montbasson in glücklicher Zufriedenheit genießen würde Der Marquis
der diese Nachricht durch einen Brief erfahren hatte schickte mir einen Wagen
mit sechs rauchenden Pferden die mich abholen und auf seinen Landsitz bringen
mussten Ich fand ihn  diesen sonst so mutvollen Mann niedergeschlagener als
ein Kind und der hohe Grad von Wehmut der über sein ganzes Wesen verbreitet
war hätte wohl jedes andere Herz als das meinige das so freundschaftlich für
ihn schlägt zum tiefsten Mitleiden bewegen müssen  Mein Freund wimmerte er
mir tränend entgegen  aber es war mir nicht möglich ihn weiter fortjammern
zu lassen  Ich unterbrach ihn mit einer so gelassenen Miene  mit einem so viel
versprechenden beruhigenden Händedruck  dass ihn sogleich aus der Dunkelheit
meines Auftrags ein Strahl der Hoffnung überschimmerte  Kleinlaut fragte er
mich Darf ich den Engel noch fortlieben Ich bejahte es Darf auch Sie Ich
schwieg aber ich bat ihn um einen Platz zur Errichtung einer Kapelle  Er
bewilligte es mit einem starren Blick  Ich hatte schon längst seinen Steinbruch
umgangen und gemessen und überreichte ihm jetzt meinen Plan zur Einrichtung 
Er billigte alles sobald er auf der Waldseite den Eingang in die Kapelle auf
der andern den Balkon mit der Treppe in seinen Park erblickte Er umarmte mich
einmal über das andere  hielt sich eine ganze Weile die Hände vor die Augen 
überrechnete die Zeit bis zum Geburtstage des Fräuleins kritzelte in der
Geschwindigkeit einen Brief an den berühmtesten Baumeister in Marseille  riss
mir meinen Plan aus den Händen und befahl dem Haufen seiner Bedienten alle
mögliche Maurer und Zimmerleute die sie auftreiben könnten für doppeltes
Tagelohn anzuwerben Wie schlug mir das Herz bei dieser leidenschaftlichen
Heftigkeit indem ich daran dachte dass es zwar nicht wahrscheinlich aber doch
möglich sei dass Klara in dem entscheidenden Augenblicke verstummte und auch
bei ihm trat bald nachher die Furcht der Ungewissheit an die Stelle der kleinen
Hoffnung die ihm mein Händedruck mitgeteilt hatte Ich konnte und durfte ihn
nur mit halben Worten trösten und verließ ihn endlich mit der ernstlichen
Bitte Klaren in ihrem jetzigen Traume nicht zu stören nie mit ihr von seiner
Liebe zu sprechen sie weniger zu sehen und das übrige der Zeit und der Hand
Gottes anheim zu geben Eine viel größere Sorge hat mir die edle Montbasson
durch ihren schnellen Entschluss gemacht der Freundschaft das große Opfer ihrer
Liebe zu bringen Sie bekam auf einmal eine Abneigung gegen den Bruder der sich
durch das Unglück seiner Schwester wofür sie es ansah bereichern sollte
Durfte ich ihr wohl entdecken wie großmütig er gehandelt hatte sobald er die
Klausel in dem Testamente erfuhr Musste ich nicht fürchten dass die heroische
Tat einer Jugendfreundin einen nachteiligen Eindruck für St Sauveurs Liebe
auf Klarens Herz machen würde Ich bat Gott inbrünstig um Weisheit zur Leitung
dieses so verwickelten Geschäfts  teilte meine ganze Aufmerksamkeit zwischen
beide Freundinnen belauschte das in zärtlich freundschaftlicher Wehmut dahin
schmelzende Herz der einen und rief St Sauveur zu Hilfe wenn es sich ganz für
ihn verlaufen wollte und half der gewaltsam unterdrückten Liebe der andern
ohne dass sie es ahnden konnte wieder in die Höh und da sie dennoch auf ihrer
religiösen Schwärmerei blieb setzte ich meine ganze Hoffnung auf den Ausgang
des heutigen Festes dem sie selbst den eifrigsten Wunsch äußerte als Choristin
beizuwohnen  als sie hörte dass ich eine Kapelle der heiligen Ursula durch
Klarens Eintritt in das Noviciat einweihen würde Sie erbat sich von der
Äbtissin die Erlaubnis dazu in der gewissen Hoffnung gleich nach der
Zeremonie mit ihrer Busenfreundin zurückzukehren und sie bei den
Klosterschwestern einzuführen O wie unendlich hat mich Gott für die Sorge
belohnt die ich für diese herrlichen Geschöpfe getragen habe Die vielen
bänglichen Jahre die vorangingen liegen jetzt so vergessen hinter mir als ob
sie nie da gewesen wären und meine Seligkeit scheint es mir hat mit dem
heutigen Tage ihren Anfang genommen« »O lieber biederer großmütiger Mann«
rief ich aus als er schwieg »möge Gott doch noch lange Euer ehrwürdiges Leben
fristen und Euch noch oft auf die Spur bringen arme Verirrte und Verlockte zu
ihrem wahren Beruf zurückzuführen« Ich fiel ihm als wir an das Gartentor
kamen um den Hals bat um seinen Segen  schlug aber statt ihn hinaus zu
begleiten aus einem eigenen Gefühl den Feldweg ein den ich gekommen war Nach
dem Kapuziner auf der Galeere war er der zweite Mönch den ich umarmte und ich
kann Wohl sagen herzlicher noch als jenen Sie verdienen beide die Bewunderung
fühlbarer Seelen  aber welcher verdient sie wohl mehr Jener der Unglückliche
bei dem Bewusstsein ihrer Schuld vor Verzweiflung bewahrt oder dieser der
Unschuldige von einem moralischen Tode rettet Gott mag entscheiden ich kann es
nicht Ach mit welchen herzerhebenden ganz andern Empfindungen  selbst der
glückliche St Sauveur dächte ich müsste mich darum beneiden  überstieg ich
jetzt zum zweitenmal den Gartenzaun O der Mensch ist nicht so bösartig als man
ihn gewöhnlich ausschreit oder er sich oft selbst hält Er sucht zwar nicht
gern die Szenen auf die sein Herz rühren und bessern könnten aber führt ihn
der Zufall dahin so hängt er sich leidenschaftlicher daran als an seine
strafbaren Irrtümer Schon traten als ich mich dem Park näherte die
verbleichten Bilder der Natur hinter dem grauen Vorhang der sie verbarg farbig
wieder hervor Das Säuseln des Erwachens  der Gesang des Lebens  die Freude
des Wiedersehens  die Auferstehung eines neuen Tags begann Wie möchtest du
jetzt an dein Bette denken sagte ich zu mir selbst und wenn es Agatens Reize
umschlösse ich würde mein Herz zuvor durch den Anblick der aufgehenden Sonne
erwärmen ehe sich meine Augen in den ihrigen berauschten und wäre es der
fröhlichste Bürger der Erde der ungeduldig anklopfte er müsste warten bis ich
seinen Schöpfer begrüßt und in dem Meere seines Lichts meinen Bildungstrieb
gereinigt hätte Ich lagerte mich an den Stamm einer Balsamfichte und erwartete
das große Schauspiel mit dem Entzücken das ich schon kannte Die Wolken
zerflossen  der Mond verblich  die Sterne verloschen und nun schwenkte sich
das gebietende Gestirn aus der Unterwelt über unsern Erdball ergoss seinen
Lichtstrahl und wirkte Mein Auge spiegelte sich in den Tautropfen die wie
reine Herzen wenn sie brechen wollen noch einmal aufschimmerten und
verdunsteten Unwillkürlich streckten sich meine Arme dem Wunderballe entgegen
der an den Bergsaum heraufrollte und der Drang hoher Empfindung suchte einen
Ausweg über die lallenden Lippen Ach wo rief ich in meinem Entzücken  wo gäb
es in der Natur einen Gegenstandder rührender an das menschliche Herz spräche
und hörte hinter mir rufen Hier Betroffen sah ich mich um und SaintSauveur
und Klara an seine Brust gelehnt waren es die mich behorcht hatten  »O Ihr
habt Recht« sprang ich von meinem Sitze auf  »ihr trefflichen Menschen Eure
Liebe ist rührender ist edler noch als der Glanz der Sonne« Sanft lächelnd
gaben sie sich meiner Betrachtung Preis und mein Blick weidete sich an dem für
ein unschuldiges Herz erstaunlichen Bewusstsein das in den Augen des jungen
Weibes lag Wer hätte in Anschauung ihrer nicht alles vergessen  welcher Firnis
seliger Gefühle überglänzte nicht ihr verschämtes Gesicht  wie sanft verlor
sich nicht ihr Nachdenken in der Glorie des ersten anbrechenden Tages ihrer
großen Errettung  wie freundlich spielte nicht sein Strahl um ihren in
frohlockenden Dankgebeten schwellenden Busen der unter blassroten Schleifen
eines weißen Gewandes sich allen Blicken noch eben so schüchtern als gestern
unter dem Nonnenschleier verbarg So verschließt die Nachtviole jedem
Lichtstrahle ihren duftenden Kelch  hüllt sich in den Instinkt ihrer angeborenen
Würde und öffnet ihren Wohlgeruch nur den verschwiegenen Schatten Doch in
welches poetische Labyrinth verlockt mich nicht dieses herrliche Weib Ich
könnte alle Blumenbeete durchstöbern und würde doch die schönste nicht
bedeutend genug finden um Dir ihre  so weit von Berlinischem Prunk abstehende
Grazie zu versinnlichen SaintSauveur fühlte sein Glück und mit Recht unendlich
stärker als ich  senkte schweigend sein gerührtes Auge auf die holde Gestalt
die zu ihm auf lächelte und schien sich in dem ruhigen Stolze seines Gelingens
für einen Gott zu halten dem ein seliger Engel in dem Arme liegt Als die Sonne
höher trat und blendete wand sich das reizende junge Weib wie ein bittendes
Kind aus den zögernden Händen ihres tändelnden Freundes  Er träumte ihr
einige Augenblicke nach dann nahm er mich bei der Hand »Ich bin nun diesen
Morgen ganz dein Wilhelm« sagte er »Lass uns das Tal durchstreichen und hilf
mir nur Einen Menschen in der weiten Welt entdecken der glücklicher ist als
ich damit sich nicht Übermut meiner bemeistere« Unvermerkt leitete ihn der
Hang seines Herzens zuerst auf unserm Spaziergange nach dem Janustempel der ihm
seit gestern nach seinem Brautbette wohl der liebste Fleck der Erde geworden
ist Während er nun unter der zierlichen Wölbung nur die einzelnen Stellen
aufzusuchen schien über die Klarens Füße geschwebt hatten wo sie saß
zitterte weinte und ohnmächtig ward verbreitete sich meine Bewunderung über
das einfache schöne Ganze »Ich sehe wohl« rief ich endlich lachend meinem
Freunde zu »dass du über die Benutzung dieses Juwels von Felsen nicht nötig
hattest weder mich noch meinen alten Lehrer der Baukunst den ehrlichen
Sperling zu Rate zu ziehen«  »Wie« unterbrach er mich ganz betroffen »heißt
denn der alte Gurkenmaler so der an dem Hafen wohnt« »Ja wohl« sagte ich
»aber er hat seinen deutschen Namen ins Italienische übersetzt seitdem er hier
ist«  »Das tut mir sehr leid« versetzte SaintSauveur »denn wenn mich mein
Gedächtnis nicht ganz betrügt so habe ich schon mehrmalen nach demselben Manne
Steckbriefe in den Berliner Zeitungen gelesen die ich bloß eures Königs wegen
noch halte«  »Nach Theodor Sperling«  »Ja gerade nach diesem«  »Unmöglich«
fuhr ich fort »dieser zwar als Künstler sehr unbedeutend ist jedoch die
ehrlichste Haut die ich kenne und wahrlich auch nicht verschmitzt genug der
preußischen Polizei zu entwischen  Du irrst dich lieber Mann«  »Nun das ist
leicht zu erörtern« antwortete er sehr bestimmt und befahl dem Bedienten der
uns von weitem nachgetreten war nur die zwei letzten Monate der deutschen
Zeitung bei seinem Kutscher zu holen der sie aus Vaterlandsliebe sammelt
Mittlerweile gerieten wir in ein Gespräch das mir mit jeder Minute wichtiger
ward SaintSauveur zeigte mir von weitem in seiner magischen Laterne den Plan
den er angelegt hatte um den ohnehin glücklichsten Sommer seines Lebens durch
Hilfe der Kunst der Natur und seines Überraschungssystems noch mehr zu
erhöhen »Die nächsten acht Tage« sagte er »bleiben wir in diesem Freudentale
beisammen  dann schwinge ich mich mit Klaren  wie Vertumnus und Pomona auf
das erfrischende Hochgebirge meines Stammguts Mein Ahnherr der diese
romantische Burg erbaut und mit unserm Geschlechtsnamen beehrt hat muss die Gabe
besessen haben in die fernste Zukunft zu blicken und mich unter seinen
Nachkommen seines Schutzes am würdigsten zu halten so genau passt das Ideal das
ihn beim Anbau jener Gegend leitete zu meinen glücklichen Verhältnissen Hast
du nicht in einem gewissen Märchen von einem Schloss gelesen das ein Zauberer
aus Feldsteinen zusammensetzte und die hundert Säle und Zimmer darin allen den
Rittern Preis gab die in der Folge der Zeit dort absteigen und einsprechen
würden  eine einzige himmelblaue Rotunde ausgenommen die nur dem glücklichen
Sterblichen zu öffnen erlaubt und möglich war der seinem alten Feinde dem
Schwarzkünstler auf den sieben Hügeln den von ihm so oft missbrauchten Talisman
der wahren Seligkeit rauben und in jene Freistätte flüchten würde In derselben
Minute setzt das Märchen hinzu wo er dort den geretteten Ring an den Finger
steckt  überziehen sich die grauen Mauern mit Smaragden  die himmelblaue
Rotunde prangt in äterischem Feuer er hört die Harmonie der Sphären  atmet
nur Wohlgeruch erfasst wo er hingreift nur Lilien und Rosen und seine fünf
Sinne kommen ihm als so viele Tore vor durch die Schaaren von Liebesengeln auf
sein Herz eindringen Dieses Luftgebäude der Phantasie nun  gehört in der
Wirklichkeit mir zu  der Eroberer des Kleinodes dem alle diese Wunder
ankleben bin ich und unter Klarens Anblick werden sich jene Feldsteine meiner
Burg in Bergkrystalle  Rubinen und Ametyste verwandeln  Komm mit uns lieber
Wilhelm sieh und bewundere mit eigenen Augen die Wirkungen des Talismans
dessen ich mich glücklicher als alle meine Vorfahren bemächtigt habe Meine
Säle  Zimmer  Küchen und Keller stehen jedem Rittersmanne offen bis auf die
himmelblaue Rotunde die mein Ahnherr mir ausschließlich vererbt hat« Man mag
sagen was man will ein Feenmährchen hat seine eigenen Verdienste  es erwärmt
es befeuchtet bei Kleinen und Großen das kalte oder vertrocknete Gehirn Kinder
 um nur bei ihnen stehen zu bleiben  vergessen Essen und Trinken darüber wenn
ihnen nur kein Zuckerbrot in die Nähe kommt aber auch dann noch leiht die
einmal erregte Phantasie der Wirklichkeit einen Reiz mehr der ihr abgeht Es
dünkt den Kleinen von der wohltätigen Hand eines Salamanders gebacken und
schmeckt und bekommt ihnen nur desto besser So ging es gerade auch mir Ich
folgte dem Feenmährchen meines Freundes mit kindischer Neugierde  ließ den
kleinen Anspielungen auf seine wahre Geschichte alle Gerechtigkeit widerfahren
und sein Bergschloss samt den Rittersälen  sein Talisman und die himmelblaue
Rotunde gefielen mir ganz wohl aber so anlockend konnten sie doch für einen
verständigen Mann nicht sein dass er darüber seine Rückreise ins Vaterland nur
um einen Tag  geschweige einen ganzen Sommer verschieben sollte Da Freund
SaintSauveur sah dass seine Bildersprache nicht wirkte ging er zur schlichten
Prose über »Meine dortigen Besitzungen« sagte er »gehören in allem Ernst zu
den angenehmsten in Frankreich Sie sind mit Wäldern durchflochten wie du sie
liebst  das Klima ist ganz deutsch  die Luft gesund  die Natur groß
fruchtbar heiter und wohltätig und mit meinen romantischen Anlagen wirst du
zufrieden sein« Das mag wohl alles seinen Wert haben dachte ich aber treffe
ich es denn nicht auch in Deutschland wieder an Es ist eine eigene Sache mit
dem Heimweh  ich überhörte nochmals seine freundschaftliche Einladung und
blieb unerschütterlich bei meinem Vorsatze  aber jetzt rückte er mir das
Zuckerbrot unter die Augen »Auch Agathe wird uns begleiten« warf er noch am
Schluss seiner Rede so hin  und nun verriet sich das Kind mit seiner ganzen
Schwäche auf einmal Ich stutzte  doch länger nicht als ich Zeit zu dem
pfeilschnellen Gedanken brauchte welche Lust es sein müsste in den dortigen
herrlichen Wäldern Agaten am Arme zu wandeln  der Vorzeit in den alten
Rittersälen mit ihr nachzuspüren und ihre Meinung über die himmelblaue Rotunde
zu hören Mag doch aus meinem Vaterlande werden was Gott will  dort komme ich
immer noch zeitig genug an und ohne mich länger zu besinnen gab ich mein
Jawort zweimal hinter einander Indem brachte der Bediente das Pakt Zeitungen
ich schob es in die Tasche ohne es anzusehen Mein Freund hatte mich in eine
Gegend verzaubert aus der ich mich nicht wieder wegbringen konnte Er musste mir
alles auf das genaueste vormalen und beschreiben  Alle Winkel in seiner Burg
waren mir lieb geworden und ich hätte mich mit Agaten finden wollen wie zu
Hause Wäre ich in diesem Momente vom Schlage gerührt worden o Gott wie viele
köstliche Aussichten des Lebens  welche süße Erwartungen hätte ich verloren
Das geschah nun zwar nicht dafür traf mich aber eine andere Widerwärtigkeit
die jener nichts nachgab Man händigte mir  und die Rede blieb mir im Munde
stecken  einen Brief ein den eben eine Stafette gebracht habe »Gib acht«
erschreckte mich SaintSauveur »die Unwissenheit der Berlinischen Ärzte hat
gesiegt  Euer großer Friedrich wird dahin sein und dann erbarme sich Gott
deines Vaterlandes«  Ich riss den Umschlag auf  las  erblasste als ob er es
erraten hätte  und nun reichte ich ihm das elende Geschreibe zu seiner
Beruhigung hin  Mit der meinigen war es vorbei Ich setzte mich auf eine
Altarstufe und hing den Kopf »Was zum Henker hast du da für eine
Korrespondentin« fragte SaintSauveur als er die Unterschrift zuerst ansah 
»Elektra   dermalen auf dem Jahrmarkt zu Montpellier«  Ich gab ihm
Aufschluss so gut ich konnte  aber jede Zeile die er weiter las nötigte ihn
zu einer neuen Frage die endlich zusammen genommen ein Verhör bildeten wobei
ich selbst nur zu sehr fühlte wie albern ich aussah  »Du hast also deine
Livreen auf dem Trödel gekauft Schmuck von Wert darin gefunden und ihn seinem
Eigentümer nicht wieder gegeben und darüber wie ich sehe zwei ehrliche Kerle
 als Mörder der entlaufenen Bursche die vorher die Kleider trugen in Ketten
und Banden gebracht  Die Frau meldet das Gericht bedrohe beide Brüder mit der
Tortur  und  es ist schrecklich gäbe ihnen nur drei Tage Zeit ihre Unschuld
entweder dazutun oder sich auf den Galgen gefasst zu machen Welchen fatalen
Handel hast du dir da zugezogen lieber Wilhelm und was gedenkst du nun
anzufangen« Ich hockte vor dem Marquis wie ein armer Sünder  gab ihm kleinlaut
über alles Bescheid  gestand ihm aufrichtig die Schuld meines unverzeihlichen
Leichtsinns und bat um seinen guten Rat Er tat mancherlei Vorschläge die er
aber ihrer Weitläuftigkeit  Unsicherheit oder möglicher Zufälle halber eben so
bald wieder zurücknahm Nach langem Hin und Herreden blieb mir nichts übrig
als um seine Pferde und Wagen bis Marseille zu bitten von da ich Post nach
Montpellier nehmen wollte um die Sache durch meine eigene Gegenwart ins rechte
Gleis zu bringen Der menschenfreundliche Mann war selbst zu betroffen zwei
Unschuldige meiner Torheit wegen in der Todesangst schwitzen zu sehen und
kannte die Geschwindigkeit der französischen Justiz viel zu gut als dass ihm
sein Gewissen erlaubte mich aufzuhalten  »Willst du nicht wenigstens vorher in
unserer Gesellschaft frühstücken« fragte er zuletzt  »In Eurer vortrefflichen
Gesellschaft« jammerte ich »ach erinnere mich nicht daran was ich alles hier
verliere  Wo sollte mir die Esslust herkommen Muss ich nicht eilen um
fortzukommen da es die Ruhe und das Leben zweier schuldlosen Menschen gilt«
Hierauf ließ sich nichts erwidern  Er bestellte sogleich die Pferde und
wünschte nur dass meine Reise glücklich sein und ich bald von Montpellier
zurückkommen möchte  »Freund« fiel ich ihm ernst ins Wort  »alle die frohen
Tage um die ich mich bringe sind mir eine harte  aber wohlverdiente Strafe
Sei gerecht und suche sie nicht zu mäßigen Von Montpellier habe ich fast eben
so weit nach deiner Burg als zu der deutschen Gränze Lass mich also immer den
Weg auf den mich meine einfältigen Streiche gebracht haben  nach der Heimat
fortsetzen Aber höre noch was dir mein Herz vorzutragen hat  die Zeit ist zu
edel um es mit Umschweifen zu tun Versprich mir lieber SaintSauveur«  und
ich flog ihm an den Hals  »dass du Agaten für mich aufheben willst  und gewiss
umarme ich dich eher wieder als du denkst  Frankreich soll mir alsdann von
Berlin nur ein Katzensprung sein  dort bleibe ich nur so lange als Not ist
um meine Bücher  Kupferstiche und andere Kleinigkeiten zu verkaufen  dem
besten meiner deutschen Freunde schenke ich meinen Gypskopf und meine
Scheibensammlung  und wenn ich mich so leicht gemacht habe wie ein Vogel 
fliege ich fort und bin der eurige auf ewig O dass ich dir die Lücke deines
Grammont ersetzen möchte  Glaubst du nicht lieber SaintSauveur dass mir
Agathe ein wenig gut werden könnte wenn ich erst mehr um sie bin« »Darüber«
antwortete der behutsame Mann »behalte ich mir vor dir zu schreiben  Traue
übrigens in deiner Herzensangelegenheit meiner Freundschaft und dem Wunsche
einen solchen Sonderling wie du bist in meiner Nähe zu haben« Indem kam der
Wagen vor das Portal des Janustempels angefahren Hochbewegt umarmte ich meinen
teuren Freund »In der Hoffnung des baldigsten und glücklichsten Wiedersehens«
schluchzte ich ihm vor »vergiss um Gotteswillen meinen Auftrag nicht  Sage
deiner lieben Gesellschaft guten Morgen von mir und lebe  lebe wohl« Ich warf
mich unter einem Erguss zärtlicher Tränen von einer ganz eigenen Mischung in die
Chaise Als sie ein wenig verlaufen waren gesellten sich allerlei Betrachtungen
zu mir die eine trat mir vorzüglich an das Herz Während Bastian  überrechnete
ich  ein und aufpackt hast du wohl noch Zeit deinen immer verschobenen
Besuch in dem Tollhause abzulegen  denn wie möchtest du diese Gegend verlassen
ohne die bedauernswürdige Frau kennen zu lernen für die du vergangene Nacht auf
dem Grabe ihres entleibten Gatten so inbrünstig gebetet hast Ich äußerte gegen
meinen Landsmann den Wunsch wenn es möglich wäre noch vor neun Uhr in der
Stadt zu sein  »Möglich« drehte er sich zu mir »ich verspreche es Ihnen um
eine ganze Stunde früher« Er teilte seinen Diensteifer durch ein paar tüchtige
Peitschenhiebe seinen vier Rappen mit und hielt so gut Wort dass er mich sogar
einige Minuten eher als er versprochen hatte vor den heiligen Geist brachte
Es traf sich alles nach Wunsch Bastian war zu Hause und Passerino bei ihm zum
Frühstücke Kaum waren sie von meiner ernstaften Angelegenheit unterrichtet so
traten beide zu meinem Dienste zusammen  der Maler besorgte die Postpferde 
Bastian das Einpacken inzwischen ich die freien Augenblicke benutzt und Dir
erzählt habe durch welche sonderbare Verkettung der Umstände  um nur das
geringste zu erwähnen die vergangene Nacht mit einem Teile des heutigen
Morgens so verschmelzt wurde dass sich sogar darüber zum erstenmal in meinem
chronologischen Tagebuche der gewöhnliche Abschnitt der Zeit verrückt hat In
den meisten Geschichten scheint es mir zwar sehr gleichgültig  wie die Uhr
stand als die Sache vorfiel wenn sie nur wahr ist Hier aber ist es nicht so
ganz einerlei und wenn sich nicht das eine aus dem andern natürlich erklären
ließe müsste es doch wohl jedermann auffallen dass ich eben so schmuck als ich
gestern von der Hochzeit kam heute bei Narren auftrete Wo hätte ich die Zeit
hernehmen sollen mich umzukleiden Passerino hat sich Bleistifte von allen
Farben  Bastian einige Pfunde Schnupftabak zum Austeilen unter die armen
Presshaften geholt und so gehen wir nun  kecker vielleicht als wir sollten 
dem belehrenden Schauspiele entgegen das Torheit und Raserei der ihnen nur zu
nah verwandten menschlichen Vernunft zu gute geben
                                                             Den 25sten Februar
In ein kleines ruhiges mit einer dunkeln Lampe erleuchtetes Stübchen
verwiesen sitze ich hier in einem ländlichen Postause zwei Stationen von der
betäubenden Hauptstadt  denn weiter konnte ich heute nicht kommen  und blicke
meinem abgelaufenen Tage in einer Gemütsstimmung nach wie ich sie mir nur bei
dem letzten herabrieselnden Sandkörnchen meines Stundenglases zum Überschwung
in die Ewigkeit wünschen kann Ich habe die selbst in ihrer Verrückung noch
unübertreffliche Frau gesehen gehört bejammert und angebetet Wären ihr alle
Verstandesberaubte gleich so würde ich die mahomedanische religiöse Verehrung
derselben ohne Bedenken in meine Glaubensartikel aufnehmen Doch gemach Wir
müssen erst lieber Eduard einen langen saueren Weg zurücklegen ehe wir in die
verschwiegene Halle gelangen die diese Heilige von der großen lärmenden
Gesellschaft gemeiner Unsinniger scheidet Ich ließ mich bei ihrem Vorsteher als
einen Freund des Marquis ansagen Er empfing mich schon darum mit vieler
Achtung die schnell in Zutrauen überging da meine Eigenliebe ihm nicht
verschweigen konnte dass ich dem großen Feste von dem ich eben zurückkäme als
der einzige Fremde beigewohnt hätte denn es ist unglaublich was der kleinste
Beweis von Auszeichnung mit welcher St Sauveur jemanden beehrt in den Augen
der Rechtschaffnen für einen Glanz auf ihn zurückwirft Unter diese Zahl gehört
Herr Filbert unstreitig ein Name der zwar von keinem Stammbaume beschattet
wird den ich aber in den meinigen vor vielen andern aufnehmen möchte die
stiftmässig ihr Leben in Spiel Trunk und Teegesellschaften vergeuden Er
habe sich sagte er um seine nichts weniger als anlockende Stelle beworben die
seiner Mutter Bruder aber trotz ihrem geringen Schimmer zu einem wahren
Ehrenposten erhoben hätte Ich zog den Hut ab als er mir auf mein Befragen nach
dem Namen seines Oheims den edelen Howard nannte »Wenn ich etwas Gutes in meinem
beschwerlichen Amte bewirke so verdanke ich es dem Stolze einem solchen
Blutsfreunde nachzueifern den ich ganz jung kennen lernte als er die hiesigen
Gefängnisse und Armenhäuser besuchte Ich habe wie er nicht die Phantasien der
Weltweisen sondern der Narren studiert  nicht die Kunst Paläste anzulegen und
zu verzieren sondern bequeme Kerker zu bauen und mit gesunder Luft zu füllen
ihm abgelernt werde der Nachwelt so wenig als er eine verbesserte Taktik 
wirksamere Mordgewehre oder neue Plane zu Lotterien und Auflagen  aber der
Menschlichkeit in einer Wissenschaft die noch sehr im Finsteren liegt hellere
Augengläser vererben Diese Anstrengung meiner wenigen Kräfte glaube ich dem
Ruhme meines Oheims schuldig zu sein« Es ist gut Eduard dass die Natur durch
das Hirngespinst körperlicher Verwandtschaft manchmal auch noch eine geistige
stiftet so wie der leere Schall eines Namens den ein berühmter Vorfahr auf uns
gebracht hat selbst bei dem Unvermögen ihn zu erhöhen uns doch gewiss abhalten
wird ihn verächtlich zu machen Ein Namensvetter von Howard oder Filbert
könnte dächte ich kein unnützer Weltbürger werden Meine Begriffe sind gewiss
von dem Verdienste eines Monarchen nicht klein der seine Staaten in Ruhe zu
erhalten und das Glas voll gährender Hefen so geschickt zu tragen versteht dass
es weder zerbricht noch überläuft wenn aber die Behauptung wahr ist dass ein
Haufe verschobener Köpfe schwerer zu behandeln sei als eine Armee die da sie
aus lauter klugen in eine Masse zusammen gezwängt ist geduldig dem Winke eines
Lappens folgt den ihr Gebieter ihnen zur Hetze auf eine andere Menschenmasse
vortragen lässt die er  ihren Feind nennt  so sollte es beinah scheinen als
ob das RegentenVerdienst eines Narrenwärters mehr besage als das eines
Fürsten Nach besserer Überlegung halte ich jedoch dafür dass die
Regierungskunst des einen wie des andern auf einerlei Grundpfeilern beruhe und
die einfachen Mittel die Filbert gebraucht um seine tobende Republik in
Gehorsam und Ordnung zu erhalten dieselben sind die unser Friedrich nur nach
einem größeren Maßstabe anwendet »Ich bändige« sagte er »durch Hunger 
belohne durch die Freude der Sättigung und lasse übrigens in gleichgültigen
Dingen jedem tollen Kopfe das Spielwerk seiner Laune Sie werden mich sogleich
deutlicher verstehen mein Herr«
    Er führte mich nun in die erste der vier Abteilungen die in einem
weitläufigen Bezirke die verschiedenen Klassen dieser Brüdergemeine von einander
sondern Wenn Apollo einmal einem Dichterchor sichtbar erschiene schwerlich
könnte er von feurigern Augen bewillkommt werden als hier aus einem Dutzend
finstrer Behälter meinem Begleiter entgegenfunkelten »Nach was« fragte ich
»strecken diese Rasenden ihre Hände so weit aus ihren Gittern« »Nach Federn
Tinte und Papier« war seine Antwort »sie würden aber bald die ganze milde
Kasse gesprengt haben wenn ich ihnen hierin immer zu Willen stände Diesen Hof
mein Herr habe ich nur den Genies der Gesellschaft eingeräumt die meiner
Aufsicht um desswillen am nächsten sind weil sie ihrer am meisten bedürfen Sie
taugen durchaus in keine andere Abteilung denn sie würden jeden Narren der
nicht mit ihnen auf derselben Höhe steht nur noch närrischer machen Hier hält
das Excentrische des Einen den Unsinn des Andern im Gleichgewicht Die Nachwelt
ist zwar das allgemeine Steckenpferd das sie reiten und die Minderjährigkeit
des Zeitalters ihre ewige Klage« »Da sie aber« wendete ich ihm ein »einander
meistens in die Fenster sehen können wie ich bemerke so dächte ich müsste bei
gleichen Forderungen ein unaufhörlicher Zwist unter ihnen herrschen dessen
Ausbruch nur die stärksten Ketten hindern können« »Dafür habe ich gesorgt«
erwiderte der Aufseher »Es gibt der Wege zur Unsterblichkeit so viele und
indem ich hier dem TragödienSchreiber einen Systematiker  dort dem
medicinischen Freigeist einen Sternseher  weiter unten dem Goldkoch einen
Heldensänger und am Ende des Hofs dem Weltverbesserer einen Liederdichter gegen
über gesetzt habe lachen die einen über die andern und treffen sich nie in
einem Gleise zusammen Jeder verführt ruhig seine Ware der Ewigkeit zu ohne
sich um die Ladung des Gegenüberstehenden zu bekümmern In ihrer Kost sind sie
sehr genügsam desto gieriger aber nach gelehrten Zeitungen und ich kann
allemal aus der rasselnden Kette des einen oder der schäumenden Wut des andern
abnehmen wenn einer ihrer Zunft in dem neusten Blatte gelobt ist Desshalb lasse
ich seit einiger Zeit nur ein gewisses Journal seiner herabwürdigenden Urteile
wegen unter diesen Herren cirkuliren und kann dem Herausgeber nicht genug
dafür danken denn es scheint nur für Narren geschrieben zu sein und beruhigt
die meinigen außerordentlich Auf lucida intervalla darf ich nicht eher bei
ihnen rechnen als bis ein Licht in der gelehrten Welt verlischt Es ist als ob
sie nach einer solchen Anzeige mehr Luft bekämen denn jeder berühmte Mann
scheint ihnen den Raum zu verengen Könnte sie ein Schlagfluß alle auf einmal
töten ich glaube den Tag nachher bekämen diese gelbsüchtigen Toren alle
wieder gesunde Farbe« »Dürfte ich wohl« fragte ich und winkte Bastianen
»diesen Herren einen Teil meines mitgebrachten Geschenkes anbieten« »O«
antwortete mein Führer »Sie können es nirgends zweckmässiger anwenden  nur
erwarten Sie keinen Dank dafür  denn so weit reinigt die stärkste Niesewurz ihr
Gehirn nie«  Indem rief mir der Tragikus mit ironischem Ingrimm und mit einem
Blick zu  nein Lucan hat der Furie die ein Nest Schlangen zerdrückt während
der Sohn des Pompejus sie um den Ausgang der Pharsalischen Schlacht befragt
keinen erschrecklichern gegeben  »Steht der junge Herr dort«  rief er  »etwa
auch in dem Wahn ein Dichter der ersten Klasse zu sein«  »Gott bewahre mich«
rief ich äußerst erschrocken »vor einem so übermütigen Einfalle« und beschwor
Herrn Filbert mich aus der Nähe dieses groben Narren zu bringen 
    Die anstossende Abteilung war still wie das Grab »Sie verwahrt« sagte
Filbert »ehemals gute nützliche Bürger die durch äußere unglückliche Zufälle
in hülflosen Blödsinn geraten und auf ihrem harten Strohlager einer bessern
Zukunft entgegen träumen Das Mitleid wird zu sehr gespannt um hier zu
verweilen doch werfen Sie immer im Durchgehn einen Blick in die mittlere Zelle
weil Sie bald die Mutter des jungen Mannes der hier eingesperrt ist sehen und
hören werden Er ahndet nicht dass er der Grausamen so nahe wohnt die um es
kurz zu sagen ihn durch ihr Beispiel verdorben durch ihre Lehren zur
Verschwendung seiner Jugendkräfte zum Missbrauche seines guten Verstandes
gereizt und in dies Elend gebracht hat  eine Geschichte von gewöhnlichem
Ursprung und entsetzlichem Ausgange
    Sein Vater  ein reicher Banquier  sonst höchst behutsam in seinen
Unternehmungen  war es nur nicht in der Wahl seiner Gattin Er blickte aus
seinem Komtoir in die junge weibliche Welt wie in ein Waarenlager und suchte
sich das Mädchen aus das einstimmig unter den Kennern für die Reizendste
erklärt wurde Stolz führte er sie bald als sein Eigentum durch die Reihe ihrer
Anbeter  glaubte ein unschätzbares Kleinod erhandelt zu haben ohne zu
bedenken dass es keins in der Ehe gibt wenn es sich nicht selbst zu schätzen
weiß Das wusste seine junge Frau so wenig wie der Diamant des großen Moguls 
und Er  wenn er nur seine Geldkasten unter dem Schlüssel hatte glaubte alles
in seinem Hause verschlossen Während er gekrümmt an seinem Schreibetische saß 
hatte er kein Arges auf die Bälle Redouten und Opern wo sein Edelstein
glänzte Eifriger konnte er aber kaum seine Wechselgeschäfte treiben als sie
das ihrige Sie hätte sogar den Vorteil gehabt es länger fortzusetzen als er
da ihn ein schneller Tod von der Seite seiner schönen Hälfte wegnahm und nun
das Ganze ihren Liebhabern überlassen blieb wenn nur nicht nach und nach neben
ihrer Wechselbank andere mit mehrerem Kredit entstanden  schlankere Gestalten
auf den Maskeraden  leichtere Tänzerinnen auf den Bällen  jüngere Gesichter in
den Logen erschienen wären die alle Lorgnetten von der ihrigen abzogen In
dieser Verlassenheit die mit den Jahren zunahm  bekam sie Zeit an die
Erziehung ihres Sohnes zu denken der schon ziemlich durch ihr Beispiel
gebildet siebenzehn Jahre alt und reich und schön genug war das Werkzeug
ihrer doppelten Rache an unserm und ihrem eigenen Geschlechte zu werden Als er
an einem Redoutenabend sie um Rat fragte was er tun solle um sich
auszuzeichnen stand sie als Zauberin masquirt vor ihm  hob ihren Stab und
entließ ihn mit folgendem Orakelspruch Blicke um dich und sieh wie jene
stimmenden Bienen die Knospen der Rose belagern um sobald sie sich auftun
den ersten Honig aus ihrem Kelche zu saugen  und du könntest die Flügel hängen
und anderm Gewürme ruhig den Vorgenuss einräumen Ich hasse mein Geschlecht und
ergrimme über das deinige Schaffe mir Genugtuung von beiden und Seelenruhe
durch deine Triumphe
    An diesem Abend erzählt man gelang ihm seine erste Verführung in einer
SchäferMaske bei einer Schneiderstochter als Diana gekleidet und beider
Unschuld ging verloren Durch mütterliche Erfahrung wehrhaft gemacht wie
gefährlich ward nicht dieser verwahrloste Jüngling jeder unbewachten weiblichen
Tugend Wie manche herrliche Frühlingsblume hat nicht dieser gehorsame Sohn auf
Kosten seiner eigenen Jugendblüte zerstört In seinem vier und zwanzigsten Jahre
verfiel sein durch Wollust entkräfteter Körper in ein schleichendes Fieber dem
sich die Verstandesschwäche anschloss die alle seine Ansprüche auf ein frohes
Leben vereitelt und ihn endlich unter meine Aufsicht gebracht hat Die Welt
bestrafte das mütterliche Ungeheuer mit Ekel und Verachtung und der oberste
Richter nach einer mehrjährigen Folter unbefriedigter Leidenschaft durch
Wahnsinn der sie auch hier nicht einmal dem Mitleiden sondern dem Spotte der
Neugierigen Preis gibt Sobald sie einen von unserm Geschlechte zu Gesichte
bekommt wird sie gesprächig und entwickelt den Gang ihres hässlichen Lebens mit
einer unbeschreiblichen Naivetät die jedoch für einen Psychologen nicht ohne
Wert ist An der Spitze einer Schaar sinnloser Weiber scheint sie ruhiger zu
sein als sie es in der vorigen verschuldeten Einsamkeit ihrer prächtigen
Wohnung war und vertreibt sich die Zeit durch idealische Buhlerei mit dem
Himmel Als man sie über diesen Hof in ihren Käfich führte kehrte auf einen
schrecklichen Augenblick die Besinnungskraft des Sohnes zurück Er erkannte die
mütterliche Furie  griff rasend in sein Gitter  verfolgte sie mit brüllenden
Flüchen und stürzte dann ohnmächtig auf sein Lager Sie aber nur mit ihrem
schamlosen Aufputze beschäftigt ging gefühllos vorbei ohne wie es schien das
Schlachtopfer ihrer widernatürlichen Laster bemerkt zu haben« »Die Geschichte
ist grässlich lieber Filbert« sagte ich »sie zerreißt das Herz und bestätigt
die Bemerkung die ich schon in mehreren Irrhäusern zu machen Gelegenheit gehabt
habe dass unter allen schauderhaften Geburten des Wahnsinns keine unserer Seele
so widrig und abstoßend erscheint als die aus zügellosen unkeuschen Begierden
entsprang«
    Mein Auge kam von dem Hinblick den es in die grausende Richtstätte des
todtbleichen hohläugigen zum Selbstmörder herabgesunkenen unseligen Jünglings
tat mit solchem Entsetzen zurück dass mich Filbert geschwind mit den Worten
»Kommen Sie mein Herr« bei der Hand nahm
    »Als einen Mann der die Welt kennt wird Sie die folgende Gallerie wieder
aufmuntern Sie enthält was man halbe Narren nennt nur um etwas anmasslicher 
lächerlicher und gesprächiger als uns deren nur zu oft im gewöhnlichen Leben
aufstossen Sie spielen die Angenehmen dociren gern  fragen zur Unzeit  sind
zudringlich und mit unter von der lustigsten Laune  Einige haben sich aus
rasender Prosa in die matteste Poesie geworfen Diese Krankheit  ein
sonderbares aber gegründetes Phänomen  ist gerade an die Stelle des
Kerkerfiebers getreten das ich glücklich genug gewesen bin nach der Anleitung
meines Oheims auszurotten Ich würde gern die harmonischen Anfälle dieser armen
Presshaften  wie den Übergang eines hitzigen Fiebers in ein kaltes  für ein
Zeichen der Besserung halten wenn der unbegreifliche Stolz der sie dabei
juckt mich nicht wieder über ihren Zustand irre machte Einer der
ausgezeichnetsten in dieser Rücksicht sitzt gleich in der nächsten Zelle Ich
habe ihn erst kürzlich aus der ersten Klasse in diese  aus der wirklichen in
die stille Wut gebracht indem ich seinem Hochmute ein wenig nachgab Der
Wunsch des Julius Cäsar lieber an einem kleinen Orte der erste als der zweite
in Rom zu sein war ihm in gesunden Tagen überall wo er hinkam auf
Universitäten und auf Dörfern verunglückt hatte sich aber in seinem Kopfe so
aritmetisch festgesetzt dass er auch hier im Tollhause nicht davon abgehen
wollte Eine solche Würdigung seiner selbst verlangte nun freilich einen
untergeordneten Zähler und ich konnte lange für diese Stelle kein taugliches
Individuum auftreiben bis mir ein Kandidat in die Hände geriet dem die
Epidemie der Schulverbesserung in das Gehirn getreten war Diesen gesellte ich
jenem bei so wie die Tierwärter ein Hündchen in den Käfich des Löwen stecken
um ihm durch das Gefühl der Großmut für ein schwaches Geschöpf alle Kampflust
gegen stärkere aus dem Sinne zu schlagen«
    Wir traten ein Schwerlich würde ich mich in die närrische Gruppe die sich
mir darstellte ohne die voraus erhaltene Erläuterung gefunden haben
Aufgeblasen saß der Erste im Rang sechs Stufen hoch unter einem Tronhimmel mit
Goldpapier überkleistert hielt in seiner Rechten einen hölzernen Zepter und
lächelte mit verächtlichem Mitleid auf die Null herab der er doch das süße
Bewusstsein seiner zehnfachen Vergrößerung zu verdanken hatte In gehöriger
Entfernung unterhalb seines glänzenden Sitzes verfolgte der tolle und wie ein
hessischer Züchtling aufgestutzte Pädagog in fortwährendem Zirkelschlag seine
überspannten Ideen und haschte nach Wörtern die er so lange über einen
philosophischgrammatikalischen Leisten zerrte bis er einen Schuh fertig
brachte der aber auch freilich danach war
Ich liege  du liegest  wir liegen
Gleich eingehüllet und warm
Der eine geschminktem Vergnügen
Ein andrer der Schwermut im Arm
Ich zähle  du zählest  wir zählen
Die Höhern als Toren und sind
Im Forschen im Wünschen und Wählen
Gleich unberaten und blind
Ich harre  du harrest  wir harren
Des Possenspieles Vergang
Doch dauert lustigen Narren
Die Hora selten zu lang
    Du würdest mir gewiss das Lachen vergeben haben lieber Eduard das mich beim
Anblicke dieses albernen Wortkrämers befiel Von Ihr Magnificenz zog es mir
aber einen tüchtigen Verweis zu  O rief er und winkte mit seinem Zepter
darein
O Ihr Kritons24 Lasst den kranken
Füllentreiber unverlacht
Der zum Kreislauf der Gedanken
Aus der Wildbahn ohne Schranken
Eine Reitbahn macht
Gönnt dem Toren sein Entzücken
Stört nicht seines Stolzes Ruh
Dreht mit abgewandten Blicken
Er denn nicht sogar den Rücken
Meinem Purpur zu
    Meinst Du nicht auch Eduard dass so ein Kreisel der sich eine
Viertelstunde vor unsern Augen herumdreht wohl uns am Ende selbst wirblich zu
machen im Stande sei Ich möchte es beinahe aus der einfältigen Empfindlichkeit
schließen mit der ich die Zurechtweisung eines solchen Hochmutsnarren als
dieser Zepterträger war aufnahm Ich vergaß wirklich dass ich in einem
Tollhause war schlug ihm ein Schnippchen zu und kam indem ich hastiger als
nötig war sein Auditorium verließ darüber mit dem Daumen zwischen Tür und
Angel doch sobald ich an die freie Luft kam verlor sich eine und die andere
unangenehme Empfindung 
    »Und wer ist denn« wendete ich mich gegen meinen Begleiter »der ältliche
Mann der hier so frei herumgeht und so behutsam einhertritt als ob er auf Eier
träte und ein Geheimnis unter dem Mantel trüge« »Er ist« berichtete mich
Filbert »mein Unteraufseher in diesem Hofe und nur um etwas klüger als die er
bewacht Es gab eine Zeit wo dieser Schleicher als der sicherste Führer durch
das Labyrinth der Metaphysik angestaunt wurde und Schüler zog die ihn
vielleicht hier noch einholen Es mochte wohl damals nicht ganz richtig mit ihm
bestellt sein Seine letzte Arbeit aber verriet ihn vollends Nach vielen
Versuchen über die Anomalien anderer kam er endlich auf seine eigenen mit denen
er glaube ich hätte anfangen sollen und auf den unglücklichen Einfall
Selbstbekenntnisse zu schreiben wie Rousseau Von dieser Epoche an zählt sich
seine Verirrung« »Das ist auch« fiel ich ihm ins Wort »der geradeste Weg
entweder ein Heuchler oder ein Narr zu werden  Könnten Sie mir wohl sagen ob
er sie in Form eines Tagebuchs schrieb« »Ist mir nicht bekannt« antwortete
Herr Filbert »Die Handschrift wurde auf königlichen Befehl verbrannt« 
»Verbrannt« wiederholte ich »wie kommt es aber dass man einen so gefährlichen
Schriftsteller bei dem Zuspruche der vielen Neugierigen in so leidlicher
Verwahrung hält und ihm obschon die Feder nicht  doch die Zunge frei lässt«
»Weil er« gab mir der Oberaufseher zur Antwort »keiner Seele etwas zu leid
tut immer am liebsten von sich spricht wie sein Original in der freien Luft
am ruhigsten ist  eben so gern als jener in die Sonne blickt und ein
Metaphysikus in einem Tollhause keine Autorität mehr bei seinen Zuhörern hat
Sein verlorner Wirkungskreis schien ihn anfangs sehr zu schmerzen  dies bewog
mich ihm als eine kleine Entschädigung die Polizei dieses Hofs anzuvertrauen
Er benimmt sich recht gut dabei  schleicht  wie Sie sehen von Gitter zu
Gitter  horcht beobachtet und verfehlt nie es mir sogleich zu melden wenn
einer seiner Untergebenen den Kopf durch das Luftloch gezwängt oder sonst einen
Unfug gestiftet hat  doch Sie werden gleich selbst urteilen können wie es mit
ihm steht« »Ich bekleide hier«  war seine Antwort auf meine hingeworfene
Frage »ein Amt das ich lange durch große entfernte Umwege zu gewinnen gesucht
habe ehe ich auf einem ganz einfachen dahin gelangte« »Wie so« suchte ich ihn
in seine Schwärmerei zu verlocken und ich traf es so gut dass er die hier
grassirende Poesie zu Hilfe nahm um mir vermutlich für sein Selbstbekenntniss
desto mehr Achtung einzuflößen das ungefähr so lautete
Der Wahrheit dunkeln Pfad zu finden
Der unterm Monde sich verlor
Durchglüht ich mich und hielt den Blinden
Die Leuchte meiner Schriften vor
Mit Rauch umgeben und versunken
So gut als sie auf Gottes Heerd
Schätzt ich mich doch als einen Funken
Des Feuers das die Geister nährt
Als einen Teil der für das Ganze
Notwendig wie die Sonne sei
Und wähnte zum gemeinen Glanze
Misch ich auch meinen Firnis bei
Da hört ich eine Stimm erwachen
Die Welt braucht dein erhabnes Licht
Braucht um ihr Feuer anzufachen
Den Brennstoff deiner Schriften nicht
Lass dem Erhalter seine Sorgen
Genug dem Sterbling der im Schweiß
Des Angesichts den nächsten Morgen
Mit Heute zu berechnen weiß
Steig an der Kette der Ideen
Nicht bis zum Engel  steig herab
Der stolze Weg der dir zu gehen
Vergönnt wird ist der Weg ins Grab
Der Wurm soll kriechen sich verstecken
Den Staub vermehren der ihn schuf 
Das Unsichtbare zu entdecken
Ist keines Sterblichen Beruf
Was dein Gehirn in Umlauf bringt
Befördert keines Sternes Lauf
Schreib oder nicht die Sonne schwinget
Sie doch am Horizont herauf
Kann wohl ein Doktor ein Verfechter
Der Wahrheit seines innern Sinns
Mehr nützen als ein Narrenwächter
Der wollt ich eben sein  und bins
    Wohl Schade dachte ich dass du dein Stammbuch nicht bei dir hast denn das
wäre gerade der Mann den du ohne Bedenken um ein Memoriae gratia bitten
könntest Ich würde auch gern seiner Beichte  ob ich gleich hier und da den
Sinn erst hineinlegen musste mein Ohr noch eine Weile geliehen haben wäre nicht
das seine durch ein Geräusch am Ende des Hofs stutzig geworden  denn nun war er
nicht aufzuhalten »Lassen Sie ihn nur gehen« sagte Herr Filbert »Sie sollen
nichts dabei einbüßen Treten Sie nur an das Gitter Nummer fünf wenn Sie einen
Narren von Magister hören wollen den das Nachgrübeln über die schwierige aber
nicht ganz verwerfliche Physiognomik irre gemacht hat Seine Urteile sind oft
sehr treffend  Sehen Sie nur wie seine Wände mit Schattenrissen überklebt sind
In einer Stunde kann ich Ihnen voraus sagen ist Ihre Silhouette auch darunter
und gewiss so gleich als wenn Sie ihm gesessen hätten«  »Da ist es doch«
erwiderte ich »wirklich ewig Schade dass sein Talent hier so ganz unnütz für
die Welt vergraben ist Spricht er auch in Versen«  »Das können Sie denken«
sagte mein Führer und klopfte an die Tür Der arme Narr Es tat mir wohl leid
dass er meinetwegen von seinem Arbeitstische aufstehen musste Er schien es mit
Verdruss zu tun und das kann wohl nicht anders als dem zum Nachteil gereichen
den er unter seine Scheere nimmt Sobald er mich in das Licht fasste studierte
er meine Gesichtszüge mit so tief forschenden Blicken dass es mir eiskalt über
die Haut lief Es währte lange  und das ist begreiflich  ehe er sein Urteil
abgab Ich reichte ihm inzwischen eine Prise Tabak um mich bei ihm in Gunst zu
setzen Er nahm sie auch mit sichtlichem Vergnügen  niesthe und erklärte sich
Wohl dem der so wie Du bedächtig
Nur die gerade Straße geht
Stets seiner schwachen Sinne mächtig
Sich nie aus seinem Gleise dreht
Dess überwichtiges Gehirne
Nie in den Stürmen untersank
Wohl seiner flachen Stirne
Denn ihr gebührt der Dank
Tritt auch in Deinem Trauerspiele
Kein König Lear aufs Bret  wohl Dir
Dem Rasenden zunächst am Ziele
Der Narrheit stand sein Shakespear
Klug meidet drum der Dichter Haufen
Die seit ihm unbetretne Bahn
Wie bald ist nicht im Laufen
Ein Schritt zu viel getan
Ein Schluck zu viel beim NektarSchmause
Apollens  eine Rose mehr
Der Rosen in dem vollen Strausse
Der Liebe schleudert Dich hieher
Die Torheit lockt mit Amoretten
Die Bernards in ihr Vorgemach
Und zieht mit Ordensketten
Den LöwenRitter25 nach
    Während der gute Magister sich so bescheiden über meine Physiognomie
herausliess beschäftigte ich mich indes mit der die er mir darlegte und fand
in seiner gewölbten Stirn gebogenen Nase und spitzen Kinnlade eine
Ähnlichkeit von einem  aber Gott weiß  welchem meiner Bekannten Ich ließ mir
von Bastian eine ganze Deute Rappée geben die ich ihm verehrte und wir
schieden als gute Freunde aus einander Filbert sah nach der Uhr
    »Noch haben wir Zeit einen Blick in den Hof zu tun der das weibliche
Geschlecht einschliesst Gleich am Eingange wird Sie die sapphische Furie fest
halten von der ich Ihnen erzählt habe« »So wollen wir lieber« versetzte ich
»davon bleiben denn es ist mir schon so übernächtig ums Herz als wenn ich ein
Dutzend Musenalmanachs gelesen hätte«  »Nicht doch mein Herr« redete mir der
Aufseher zu  »Schon des Kontrasts wegen mit der vortrefflichen Dame die Sie
bald sehen werden rate ich Ihnen zuvor diesem Gegenstücke einen kurzen Besuch
zu machen«
    Kaum hatte er die Tür des Hofs geöffnet so bäumte sich mir auch schon in
dem nächsten Behälter ein so widriges MegärenGesicht entgegen als mich seit
langer Zeit keins erschreckt hat  für die Anatomie der Seele aber ein noch
ungleich schrecklicheres Kadaver denn alle die Grundzüge des Neides der
Gefallsucht der Heuchelei und der Wollust die das schlimmste Weib  so lange
es bei sich ist  in etwas doch zu verbergen weiß traten hier durch den
Hohlspiegel der Tollheit so vergrößert hervor dass es keine andere Empfindung
als Schauder erregen konnte Sie schien eben von ihrer Toilette zu kommen und
sich nicht wenig auf ihren Kopfputz und den vorteilhaften Faltenschlag ihres
Halstuches einzubilden Auf der einen Seite lag ein Gebetbuch mit vergoldetem
Schnitte von Madam Guyon26 wie mir Filbert sagte neben einer Muschel mit
Schminke  auf der andern eine Wulst von schwarzem Samt die ihrem hoch
aufgestreiften Arme zur Unterlage diente In dieser gezwungenen Stellung
lächelte sie mich zuerst grinzenhaft an ehe sie eine andere versuchte die vor
funfzig Jahren nicht ohne Wirkung gewesen sein mag »Womit« fragte ich boshaft
»vertreiben Sie Sich hier die Zeit« »Mit der Vergangenheit« fasste sie sich in
drei stolzen Worten »der Gegenwart und der Zukunft« spielte bei dem ersten mit
dem Schnürband  warf sich bei dem zweiten in die Brust und blickte bei dem
dritten mit grässlich andächtigen Augen gen Himmel  Nun höre wie sie diesen
Text ausführte »Mir« fing sie mit dem Ausdrucke süßer Erinnerung an und hätte
gern ein wenig verschämt dazu ausgesehen
»Mir hatte die Natur als Kind schon manches Wunder
Das Männerherzen rührt in Umriss angelegt
Gefüllter selbst und runder
Als sie sonst pflegt
Still war ich fortgediehn zu immer höheren Reizen
An Wuchs der Hebe gleich  Dianen an Gestalt
Der Sommer kaum erst dreizehn
Bis vierzehn alt
Da setzte mir die Zeit des Pfandspiels und der Küsse
Ans Ohr ein Räuberheer das immer lauter rief
Welch Mädchen Gott wie süße
Und wie naiv
Da heftete sich mir das Brillenglas der Greise
Des Jünglings GeierBlick mit der Beteurung an
Ich überträf an Weiße
Cyterens Schwan
Doch diese Schwanenbrust verbarg den Trieb der Tauben
Ein Herz voll freundlicher und girrender Natur
Und nebenbei den Glauben
An Männer Schwur
So schnell tönt Zephyr nicht in eine AeolsHarfe
Als jedes falsche Wort mir durch die Adern lief
Das mich zu dem Bedarfe
Der Liebe rief
Den Morgen weckten mich die zärtlichen Sonnette
Petrarchs  Mein Tagewerk schloss Sapphos Abendlied
Und Wach an meinem Bette
Hielt ein Ovid
Dem Röschen folgt nur Spott das zu dem Fest der Weihe
Berufen sang ihr Mund von keinem Wunsch erreicht
Verachtet in die Reihe
Der Dornen schleicht
Ach dieser Hebel wars durch den ein Sohn der Musen
Aus ihrem Gleichgewicht einst meine Tugend hob
Und mir den Streif am Busen
Zuerst verschob
Und ist das Lenkseil jetzt das meinen Prachtruinen
Mit Übermut vorbei die Neuverlockten führt
Die nun den Lohn verdienen
Der mir gebührt
Mir die ich eingeweiht in alle Heimlichkeiten
Der reizenden Natur längst Oberpriesterin
Für alle Tageszeiten
Der Liebe bin
Wohin verflog der Eid den manches Ungeheuer
An meinem Busen schwor wenn in VestalenTracht
Ich sein gesunknes Feuer
Neu aufgefacht
Wenn ich ihm Leda war bald Phöbe bald Latone
Er  hier als Donnerer mir in die Federn drang
Dort aus der Göttin Krone
Ein Blatt errang
Wortbrüchiges Geschlecht Mit jedem Stufenjahre
Fiel ein Geschworner ab und trat ein Freund zurück
Und meinem blonden Haare
Wird jetzt kein Blick
Wie will ich Dir der mich in meinen Jugendtrümmern
Unkundigen des Wegs zum Merkpfahl aufgestellt
Die Spötterei verkümmern
In jener Welt
Vergebens strecke sich von meiner Brust geschieden
Nach ihrem höheren Reiz die stolze Männerhand
Die fühllos sich hienieden
Von mir gewandt
Ja heuchelte sogar vergafft in meine Strahlen
Ein Männerseraph mir dort seine Liebespein 
Wie sollten seine Qualen
Mein Labsal sein
Gleich Motten sollt er sich um die verklärten Hügel
In immer näherm Kreis bis an den Brennpunkt drehn
Dann mit versengtem Flügel
Vor mir vergehen
Nur Ihn zu dem ich bald verherrlicht wiederkehre
Der mich eh ich noch war zum seligsten Beruf
Und zum Gefäß der Ehre
Mein Herz erschuf
Den Schöpfer soll allein  dass ich nur Einen schaue
Der ewig Treue hält  mein Wolkenbett empfahn
Milchweiss und himmelblaue
Krepinen dran 
Ich bin des Herren Magd und mir   «
    »Um aller Heiligen willen lieber Filbert« fuhr ich jetzt zusammen »machen
Sie dass ich aus der Atmosphäre dieses abscheulich verrückten Weibes komme Ich
habe doch in meinem Leben manche verschmitzte Koquette entlarvt gesehen 
mancher durch Buhlerei verunstalteten Seele aufgelauert um hinter ihre Schliche
zu kommen aber sie schränkten doch immer  auch ihre unerklärbarsten Ansprüche
 bloß auf das Zeitliche ein Diese Närrin hingegen lebt sogar der Hoffnung
dereinst mit Gott dem Vater eine Intrigue anzuspinnen So etwas ist mir noch
nicht vorgekommen« Ich drängte meinen Führer vor mir her  rief Bastianen und
den Maler der an das Gitter seines versöhnten Feindes gelehnt mit ihm in ein
Gespräch vermutlich von der ewigen Kunst verwickelt war und nun begleitete
uns Filbert schweigend und nachdenkend bis an den kleinen abgesonderten  jene
traurige Wohnung umschliessenden Zwinger die sich die reichste Erbin im Lande zu
ihrem Wittwensitze gewählt hatte Er empfahl mir den innern Türriegel
vorzuschieben um Herr über meinen Ausgang zu sein im Fall mir das Herz zu
schwer werden sollte »Deswegen« lächelte ich »o Sie halten mich doch auch für
einen gar zu großen Weichling lieber Mann« Wir setzten uns nach seiner
Anweisung so geräuschlos als möglich auf einen Vorsprung der Mauer der
Gittertüre der unglücklichen Dame gerade über Passerino zog in der
Zwischenzeit sein Pergament hervor und nahm das Lokal ziemlich richtig auf Auf
meinen beifälligen Wink zischelte er mir ins Ohr  heute wolle er mir zeigen
dass er seine Kunst verstehe Das konnte ich Dir nicht versprechen Eduard denn
ob ich gleich auch an die Schilderei dachte die der heutige Morgen auf den
Abend meinem Tagebuche abwerfen würde so war ich doch dabei von allem
artistischen Stolze weit entfernt Ach Gott wo hätte ihn mein beklommenes Herz
beherbergen sollen das von dem ersten Glockenschlage der furchtbaren Stunde an
in zunehmender Erschütterung bis zu dem letzten fortklopfte der es vollends
zusammendrückte wie einen blutigen Schwamm Aus einer innern Seitentüre des
Kerkers  an dem Arme der Freundin der sie unter so vielen den Vorzug gegönnt
hatte ihrem Elende zu folgen  schwankte die Tiefgebeugte wie ein
abgeschiedener Geist auf einen Engel gestützt dem Gitter zu Mit jedem
langsamen Schritte durch den sie sich mir näherte hob sich allmählich immer
mehr der Schimmer ihrer Schönheit aus dem dunkeln Grunde des Gefängnisses
heraus bis mir  und ich glaubte unter der Last nie gefühlter Wehmut zu
versinken  die schlanke äterischbleiche  wunderschöne Trauergestalt deutlich
vor den Augen stand In weißen Musselin gekleidet drückte sie mit der einen
kraftlosen Hand ein Krucifix von Elfenbein an ihre bebende Brust  noch
kraftloser floss die linke über den schwarzen Leibgürtel herab Nach einigen
fürchterlich stillen Sekunden senkten sich ihre glühenden an den blauen Himmel
gehefteten Augen und begegneten dem Tränenstrome der meinigen Sie starrte
mich an  erhob langsam ihre linke Hand als ob sie nachsänne und bald nachher
ergriff der Tenor ihrer Klagstimme mein todtbanges Herz O dass ich jetzt
vermöchte Dir das Seelengewitter in seiner ganzen schrecklichen Wahrheit zu
schildern unter welchem sich die Leidende stufenweise bis zum letzten
zermalmenden Ausbruche ihres Wahnsinns erhob Eitler Wunsch die geübtesten
Wortführer der Natur würden daran verzweifeln So höre wenigstens mich ihr
nachlallen Ach über welches abgelaufene Zeitalter schwebte ihr Geist  auf
welcher Staffel der Vergangenheit musste sie mich stehen sehen als ihre
ausgestreckte Hand mir das Bild des sterbenden Heilandes mit der
herzzerreissenden Frage vorhielt
Sahst du des Jordans Ufer
Betränter Pilger Sprich 
Und hörtest du den Rufer
Am Kreuz  Es dürstet mich
Und willst der bitteren Zähren
Die dein Gefühl vergisst
Nur Eine mir gewähren
O dann sei mir gegrüßt
Doch wähnst du mich zu trösten
So wende dein Gesicht
Denn sieh das Bild der größten
Geduld vermag es nicht
Um mich Zerknirschte sammeln
Sich viel Bedrängte her
Doch Aller Zungen stammeln
Ach  diese leidet mehr
Ihr raubte das Entsetzen
Sogar des Säuglings Glück
Und keine Tränen netzen
Den Brand in ihrem Blick
Nur ihre Lippen beben
Dem nach den sie verlor
Und ihre Hände heben
Sich nur nach ihm empor
    Nein Eduard Beweglicher als ihre Stimme kannst Du Dir keinen Ton in der
Natur vorstellen und doch war mir die Pause noch rührender in welcher die
schöne Sinnlose einige peinliche Minuten verloren dastand ehe sie die Augen
gen Himmel gewendet ihre innern Empfindungen zärtlich wie die Liebe selbst
hervorgirrte
Als Er sich mir von allen
Ihn Wünschenden ergab
Mit welchem Wohlgefallen
Sah Gott auf uns herab
Als in dem Abendschauer
Der feiernden Natur
Sein großes Herz die Dauer
Von meinem Glück beschwur
Mein Auge nun von süßen
Gefühlen überging
Und ich mit Erstlingsküssen
An seinen Wangen hin
Als von der trauten Laube
Die seine Liebe zog
Er nun die erste Traube
Nach meinen Lippen bog
Und ich in seinen Blicken
Mein Bild gezeichnet fand 
Natur war dies Entzücken
Nur Blendwerk deiner Hand
    Weh dir  ging nun ihr gedämpfter Flötenton in den feierlichsten Ernst über

Weh dir o Tag der Weihe
Der Blutschuld Mitgenoss
Die grauenhaft die Reihe
Glückvoller Stunden schloss
    Und wie ein in der Wildnis irrendes Kind das um Hilfe jammert  fuhr sie
fort
Du meines Kummers Zeuge
Den meine Seele ruft
Verlorner ach entsteige
Dem Dunkel deiner Gruft
    Und wie wenn jenes hinhorcht und seine vergeblichen Bitten in Bergklüften
verschallen hört  schlug auch sie hoffnungslos ihre aufgehobenen Hände zusammen
 suchte Trost in der Qual der Erinnerung  sah nur und hörte ihren Freund und
ließ die edelen Handlungen seines Lebens wie in einem Spiegel den sie dem
ungerechten Schicksale vorhielt vorüber gehen
Wenn im Gedräng der Sorgen
Er keiner unterlag
Und Freundin rief nach Morgen
Glänzt uns ein Erntetag
Wo Wert und Lohn des Fleißes
Dem in der Schale liegt
Der jeden Tropfen Schweisses
Gleich einer Krone wiegt
Wenn der bescheidne Tröster
Gefallnen Schutz verlieh
Und sprach Bin ich erlöster
Und würdiger als sie
Und Er dem Tag entwunden
Nach mancher frommen Tat
Zum Lohn der Abendstunden
Sich meinen Kuss erbat 
Erforscher unsrer Herzen
Furchtbarer Wogest du
Schon da der Zukunft Schmerzen
Mir schwer Getäuschten zu
    Der Atem stockte mir bei ihrem fragenden Starrblick der aber bald sanfter
gebrochen sich nach der blassen Lichtscheibe richtete die hinter einem Wölkchen
hervortrat »Mond« rief sie in melancholischer Schwärmerei 
»Mond der du noch so traulich
In seiner letzten Nacht
Die Schönheit mir beschaulich
Des Schlummernden gemacht
Als mein Gebet im Schweben
Auf deinem Hoffnungsstrahl
Dem Ewigen sein Leben
Und meine Ruh empfahl
Vertrauter stiller Schatten
Wo weilt dein Todtenlicht
Verbirg das Grab der Gatten
Der Sattgelebten nicht
Dort wandele des Schlummers
Willkommner Genius
Die Folter meines Kummers
In Freiheit und Genuss
Wär dann dem Ruf der Taube
Die ihrem Liebling girrt
Vielleicht auf unserm Staube
Der Mörder nachgeirrt 
Dann fasse das Gewissen
Und peinige die Hand
Die Herzen durchgerissen
Die Gott zusammen band«
    Diese Losungsworte flogen der Minute voraus die den letzten Vorhang des
erschütternden Trauerspiels aufzog Hatte ich vorher diese Schreckensscene als
den einzigen Ausweg zur Beruhigung der Hochgemarterten selbst bei der
Gewissheit, dass er über einen tobenden Abgrund führe seufzend herbeigewünscht
so wäre ich ihr jetzt noch lieber entflohn aber sie fasste mein sträubendes Haar
mit unwiderstehlicher Gewalt und lähmte meine Glieder Meine Augen hefteten sich
nur desto stärker an die Erscheinung dieses peinlichen Wunders je mehr es als
die bis jetzt noch schwankende Flamme des Wahnsinns nun in voller Glut der
Verzweiflung über das fürchterlich schöne Weib zusammenschlug mein armes Herz
zu zerreiben drohte Jeder Pulsschlag setzte ihre Wangen in eine immer höhere
Röte  die Brust hob sich bis zum Zerspringen  ihr langes blondes Haar
entschlüpfte seinen Schleifen und flatterte strahlend wie ein Komet durch die
Nacht des Kerkers Ohne auf die rührenden Bitten ihrer heldenmütigen Freundin 
ohne auf das kleine anpochende Herz zu achten das unter dem ihrigen schlug
tobte sie und streckte ihre entblößten durch Wut gestärkten Arme gegen den
Himmel Die Allmacht des Jammers hatte mich unwissend zu Boden geworfen 
knieend flehte ich zu Gott um Linderung  O du der alles vermag schaffe
Linderung diesem zersplitterten Herzen Ach wo war sie hingekommen die edle
Dulderin Ich sah an ihrer Stelle nur einen Engel der Rache der über ein
Leichenfeld hinschwebt und auf den Blutspuren der erwürgten Unschuld seine
Beute verfolgt Drohungen der Ewigkeit blitzten aus ihren zürnenden Augen 
flossen über ihre schäumenden Lippen Mit Entsetzen sammelt meine Feder einige
der giftauchenden Worte die ihrem zerrütteten Gehirn entquollen  aber den
erschütternden Wohlklang derselben welche Harmonie der Sprache welches tönende
Erz vermag ihn zu erreichen
Kannst du auch Rache segnen
So nimm Gott meinen Schmerz
Und grab ihn dem verwegnen
Mordschuldigen ins Herz
Das Blut das er vergossen
Droh ihm im Morgenrot
Und nur mit Blut durchflossen
Wink ihm sein Abendbrot
Die Süßigkeit der Ehe
Die Liebe muss ihn fliehn
Selbst seinen Kuss verschmähe
Die feilste Buhlerin
Es fasse jede Kammer
Wo seine Schwermut weint
Den ganzen Menschenjammer
Den dieses Haus vereint
Des Übeltäters Werke
Lohn Angstgefühl und Spott
In seinem Tode stärke
Ihn kein Gedank an Gott
Durch Blutgefilde treibe
Hinüber ihn mein Fluch
Und Satans Finger schreibe
Ihn in sein Höllenbuch
Dort möge des Verbrechers
Gewinn gegraben stehen
Und ewig nicht des Rächers
Erbarmung sich erflehn
    Kaum waren diese schrecklichen Verwünschungen über ihre Zunge so schien es
als ob sich ihre eigene Seele davor entsetze Sie zitterte schwankte und sank
ohnmächtig in die Arme ihrer Busenfreundin die selbst von Tränen erschöpft
mit zärtlicher Behutsamkeit sie in das Nebenzimmer trug Jetzt drang weiter kein
Laut aus der Kerkerwohnung der edelen Kranken und mir war als hätte mich ein
Orkan auf einen einsamen Felsen geworfen Meine zerbeizten Augen starrten vor
sich hin und die Stille die nach einem solchen Aufruhr mein Gehör überfiel
erleichterte mein blutendes Herz nur um es desto heftigern Nachwehen Preis zu
geben Diese Betäubung verlor sich nicht eher als bis meine beiden Begleiter
sich in so weit von ihrer eigenen erholt hatten dass sie mir ihre zitternden
Hände bieten konnten  und so schwankte ich endlich aus dieser Behausung des
Schreckens mit zu Gott erhobener sprachloser Empfindung
    Wie sauer ward mir dieser Gang Setze den Fall Eduard dass Dein
bewundernder Blick von Rubens jüngstem Gerichte auf einmal zu dem Jahrmarkte
eines Teniers herabsänke  Du würdest Dir doch nur einigermaßen den widrigen
Eindruck vorstellen können den jener Haufe gemeiner Narren auf mich machte an
deren Behältern vorbei ich jetzt meinen Rückweg nehmen musste Ich hatte keine
Augen kein Mitleiden für sie mehr so voll war mir das Herz von den
Seelenleiden des herrlichen Weibes und der schrecklichen Wahrheit der Worte
Um mich Zerknirschte sammeln
Sich viel Bedrängte her
Doch Aller Zungen stammeln
»Ach diese leidet mehr«
    Ich traf als ich in Filberts Zimmer trat den Arzt an dem St Sauveur die
Besorgung seiner unglücklichen Freundin auf die Seele gebunden und der seit
einer Viertelstunde auf meine Zurückkunft und die Nachrichten gewartet hatte
die ich ihm von dem Zustande der Kranken mitbringen würde Meine Bemerkungen
konnten nichts neues für ihn enthalten Ich brach sie kurz ab und bat dafür ihn
mit nassen Augen mir der ich auf dem Punkt stände Marseille zu verlassen den
Balsam mit über die Gränze zu geben dessen mein verwundetes Herz so sehr
bedürfe  die Gewissheit der Wiederherstellung dieses weiblichen Engels »Sie
verlangen zu viel von der misslichen Kunst der ich diene wenn ich Ihnen«
antwortete er »mehr als die große Wahrscheinlichkeit ihrer Genesung zusichern
soll da sie auf Bedingungen beruht über die Gott allein Macht hat  dass
nämlich die periodische Heftigkeit ihres Wahnsinns nicht tötlich für das
Unterpfand ihrer ehelichen Zärtlichkeit sein werde und die Geburtsstunde mit
jener GeistesErschütterung nicht zusammen treffe In dieser Voraussetzung
dürfen wir den glücklichsten Erfolg  von dem Erstaunen erwarten mit welchem
ihre erste Entbindung  die Erscheinung der Frucht ihrer Liebe und das neue süße
Gefühl ihr mütterliches Herz erfüllen wird Die Vereinigung aller dieser
Umstände durch die sich die Natur im Fortgange erhält wirkt in gleichem Masse
schmerzstillend auf den äußern Menschen als sie den innern zu hohen
moralischen edelen Entschließungen erweckt Ja mein werter Herr auf die Gott
gebe glückliche Stunde ihrer Niederkunft die vielleicht zu Anfange künftiger
Woche eintritt setze ich mein größtes Vertrauen  und bin beinahe überzeugt
dass die heilsame Gegenerschütterung in dem Augenblicke wo die Verlassene Mutter
wird ihren zerrütteten Verstand wieder ins Gleichgewicht bringt Die kleinen
Hände des neugebornen Kindes werden die beiden Enden des zerrissenen Bandes
ihrer Liebe wieder zusammenknüpfen Mit himmlischer Neugier wird sie in seinem
Gesichtchen die edelen holden Züge des Vaters aufsuchen  entdecken und die
Freude des Wiedersehens in einem hohen Grade genießen Sie wird sich nicht mehr
für verlassen in einer öden Welt achten und ihre lange verhaltenen Tränen
werden an der Wiege ihres schlummernden Säuglings einen wohltätigen Ausfluss
gewinnen  Die Sorge für den kleinen Hülfsbedürftigen wird ihr die
Notwendigkeit ihrer eigenen Erhaltung sanft an das Herz legen und so denke
und prophezeie ich wird sie der Allmächtige unter dem Vorgefühl besserer Tage
zum Bewusstsein ihrer selbst  zu ihrem jetzt so getrübten glänzenden Eigentum
und in die Nähe ihres und unsers edelen Freundes zurückführen
    In dieser schönen Erwartung besuche ich täglich die holde Kranke Während
ihres Schlafs der nach der galligen Entledigung ihres unnatürlich gereizten
sanften großmütigen Herzens  zum Glücke für ihre Erholung bis gegen Mittag
anhält kann ich ihr allein mit meiner Hilfe beikommen die sie wachend
ausschlägt und Verabredung mit ihrer freiwillig Mitgefangenen nehmen deren
Beistand der armen Verirrten wichtiger ist als der meinige und die sich gewiss
schon eine ängstliche Weile nach mir umsieht  Sie sind innigst gerührt mein
Herr Möge der Eindruck dieses erhabenen Trauerspiels Sie nicht aus unserer
großen sittenlosen Stadt sondern bis zum Ausgang Ihres Lebens begleiten und
Sie für die kummervolle Stunde entschädigen die für so viele Leichtsinnige die
sie schon sahen verloren war Reisen Sie glücklich und leben Sie wohl «
    Ein Händedruck  denn der Sprache war ich nicht fähig  dankte dem ehrlichen
Manne für seinen Trost und seine guten Wünsche Ich umarmte den wackeren Filbert
unaussprechlich bewegt und setzte mich zwar höchst traurig aber doch mit einem
Herzen das sich fühlte und mit sich zufrieden war in die Sänfte die Bastian
herbeigeholt hatte Ich brauche Erholung erklärte ich ihm beim Aussteigen und
kann unter zwei Stunden noch nicht abreisen  richte dich danach Doch eben da
ich im Begriff war mein Zimmer zu verschließen um ungestört meiner Schwermut
nachzuhängen trat mir der Maler mit seiner Zeichnung in den Weg  »Das meinen
Sie « fuhr ich ihn nach dem ersten Überblick an »stelle den leidenden Engel
vor von dem wir herkommen Können Sie es bei Gott verantworten so eine Sudelei
für Nachbildung seines herrlichsten Geschöpfes auszugeben« Doch  um den
armseligen Wicht nicht ganz nieder zu drücken fuhr ich gemässigter fort »Aber
es ist begreiflich  so überwältigt von schmerzhaften Empfindungen als Sie und
wir alle waren würde es einem Rotari  einem Leonard da Vinci eben so wenig
gelungen sein Gehen Sie lieber Passerino einstweilen zur Wirtstafel Ich
habe höchst nötig die wenigen Stunden vor meiner Abreise allein zu sein« Wie
kann ich mich doch  zankte ich nun mit mir selbst  über nichts und wider
nichts so ereifern Ich hätte doch wohl aus dem Bewusstsein meiner eignen
erworbenen Fähigkeiten auf die Kräfte meines Lehrers schließen können Warum
ließ ich mich von ihm zu einer Arbeit begleiten der er nicht gewachsen war Bei
solchem Bedarf eines helfenden Genies kommt uns freilich die Mittelmässigkeit als
ein Laster vor aber es ist unbillig Für meine Erinnerung kann ich übrigens
jedes Bild von ihr entbehren Weder Worte noch Farben könnten es mir so treu
schildern als es die vergangene Stunde mir in die Seele gebrannt hat Während
dieses Selbstgespräches suchte ich ein zweites Schnupftuch denn das gebrauchte
war ganz durchnässt von Tränen und darüber spielte mir der Zufall aus seinem
Glückshafen statt der schwarzen Kugel die ich schon gefasst hatte eine der
scheckigsten  das Paket Zeitungen nämlich in die Hand die ich heute früh in
dem Janustempel eingesteckt und ganz vergessen hatte Ich musste mich erst
besinnen was ich damit anfangen und dass es ein Steckbrief nach Freund Sperling
war den ich darin aufsuchen sollte Gott gebe wünschte ich mit pochendem
Herzen dass sich St Sauveur geirrt habe  Geirrt Ja  das sähe ihm ähnlich
Der Schäker  dem immer sein System zu Gebote steht sah die Überraschung nur
zu gut voraus die er mir und meinem Lehrmeister zubereitete Was fand ich Eine
sehr willkommene und allemal um das vierte Blatt wiederholte EdiktalCitation
wie ich sie Dir in einem kurzen Auszuge mitteile  »Nachdem« hieß es »ein
gewisser  Namens Theodor Sperling der sich fälschlich für einen Maler und
Architekten ausgäbe seit vielen Jahren verschollen sei  so werde er im Fall
er noch am Leben kraft dieses mit der Bekanntmachung vorgeladen dass weiland
seine leibliche Tante ihn als ihren nächsten Blutsfreund zum Universalerben
sowohl ihres Freiguts zu Triesdorf als übrigen Nachlasses in einem bei dem
Stadtrat niedergelegten Testamente jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung
eingesetzt habe sich dieses Vermächtnisses nicht eher erfreuen zu dürfen bis
er zuvor jener sich angemassten brotlosen Künste die bei ihm weder durch
erforderliche Kenntnisse noch durch Genie unterstützt wären für das künftige
gerichtlich eidlich und feierlich entsagt haben werde Widrigenfalls wenn er
in Zeit eines Jahres und sechs Wochen nicht erscheine oder den vorgeschriebenen
Eid abzulegen sich weigere  solle er für tot oder der ihm zugedachten
Verlassenschaft die sich nach gerichtlicher Würdigung circa auf 31700
Reichstaler belaufe für unwürdig angesehen werden, und solche dem dasigen
Waisenhause auf das rechtsbeständigste verfallen sein Anspach den 19 Dezember
1785« 
    Die gute verständige Tante war mein erster Gedanke hat nun wohl freilich
hier nicht den Grundsatz Filberts vor Augen gehabt  jedem Narren das Spielwerk
seiner Laune zu gönnen indes ist doch die Art es ihrem Neffen aus der Hand zu
winden nicht so gar übel und nur zu wünschen dass er sichs nehmen lasse Mein
zweiter Wunsch war dass er noch zur rechten Zeit dem Waisenhause in den Weg
treten möge und ich rechnete geschwind im Kalender die Möglichkeit aus Ich
hielt die Nachricht für sättigend genug um den  freilich etwas zu lange am
Pranger ausgestellten Erben von der Wirtstafel abrufen zu lassen  und während
der Zeit die ich hier noch zu vertändeln hatte die Hetze zwischen der ewigen
Kunst und dem zeitlichen Freigute mitzunehmen Ich setzte mich als er gelaufen
kam wie ein Senator in Positur bat ihn sich einen Stuhl zu nehmen und
leitete meinen Vortrag mit der Frage ein »ob er sich nicht wieder in seine
Heimat sehne« Er verstand mich die Quere »Nein« antwortete er bestimmt  »so
angenehm es mir auch sein würde den lieben Herrn zu begleiten so kann doch
dieses lockende Anerbieten meinen einmal gefassten Entschluss nicht umstossen Ich
bin zu sehr in meinem Vaterlande verkannt  bin es aber nicht allein Verdienste
 das wissen Sie selbst  haben dort weder Ansehen noch Brot Ist es nicht die
allgemeine Klage der Maler Bildhauer und Dichter und was kann das Vaterland
darauf antworten«  »Was es darauf antworten kann« erfasste ich seine Frage
über ihren anmasslichen Ton ein wenig aufgebracht »Je nun  die Patrioten kehren
die Anklage um und richten sie wider alle diese verkannten Herren selbst Wenn
wir Euch sagen sie als Künstler vernachlässigen so würden wir Euch als
Handwerkern alle mögliche Gerechtigkeit angedeihen lassen Ihr überlegt nicht
dass der Staat der Euch nähren soll der arbeitsamen Hände weit benötigter ist
als der gefälligen Künste Unsre steinigen Aecker  verfallenen Wege  elenden
Hütten und zerrissenen Schuhe wollen nicht gemalt  besungen beschrieben und in
Kupfer gestochen  sondern gepflügt  gepflastert  gebaut und besohlt sein Wir
lassen Euch darben weil Eure göttlichen Talente uns unbrauchbar sind«
»Hoffentlich« fiel mir der alte Kauz mit großen Augen in die Rede »ist das
weder der Fall bei mir noch bei vielen andern Korreggio « »Halt Freund«
trat ich ihm in den Weg  »Auch er hat nach ihrer Meinung für die Zeit in der
er lebte keine kluge Wendung genommen Hätte er  sagen sie  von jenen
fühllosen Mönchen die seine unsterbliche Nacht nicht besser als eine gemeine
Tapete von Wachstuch bezahlten ein Tafelgut in Pacht genommen sein Name würde
freilich so vergessen als der ihrige  aber seine Tränen würden schon bei
seinen Lebzeiten vertrocknet und sein Elend nicht auch auf seine Frau und Kinder
übergegangen sein  Wenn du merkst  dünkt dem Patrioten die beste
Lebensweisheit  dass die Zeitgenossen deine Gedichte  Gemälde und Meisterstücke
deines Meissels nicht mögen so lass deinen Geist ruhen und kehre zu dem andern
Teile deiner Selbst zurück an dessen Erhaltung du zuerst hättest denken
sollen Suche mir sagt das Vaterland mehr körperlich als geistig durch die
Axt die Nadel den Hobel als Schreib und Rechnungsmaschine oder als
Marktelfer nützlich zu werden Du wirst deinen Kopf weniger anstrengen und mehr
eigenen Genuss davon haben als jene wahren oder eingebildeten Talente gewähren
die ihres Zwecks und Lohns fehl und betteln gehen«  Mein Eifer lieber Eduard
hatte mich so weit von meinem Texte verschlagen dass es mir wie manchem
Prediger Mühe machte auf die Anwendung zu kommen »Wenn Ihr Vaterland« nahm
ich einen traulichen Ton an »Sie verkannt hat lieber Passerino so haben Sie
ihm hingegen alle Rückkehr zu Ihnen versperrt« »Wie so« fragte er verwundert
 »Mögen Sie wohl noch fragen Wer kann ein Original in einer Übersetzung
wieder finden Und wenn sich sieben Städte um Ihren Besitz stritten wie um den
Homer  würde es Ihnen nicht eben so gehen wie ihm Wie kann Passerino das
fordern was Sperlingen gehört Gesetzt es fiele Ihnen in Deutschland eine
Erbschaft zu müssten Sie nicht entweder Ihren sonorischen Namen oder die
Erbschaft aufgeben und könnten Sie Sich wohl durch Ihre Marinen legitimiren
dass Sie der rechtmäßige Erbe wären Doch vielleicht ginge das noch am ersten an«
 »Lieber Herr« unterbrach er mich lächelnd  »Sie setzen hier Fälle voraus
die ganz und gar nicht auf mich passen Ich habe in Deutschland nirgends etwas
zu hoffen  sogar von meiner leiblichen Tante nichts die zwar wohlhabend aber
die unverträglichste geizigste und mir abgeneigteste Frau auf Gottes Erdboden
ist Ihre Brüder waren geschätzte Maler sie aber lebte bloß von ihren Renten
und verstand  Nichts Sie hielt nur die Italiener für Meister und immer setzte
sie hinzu ich würde nie einer werden  und eben ihr zum Possen habe ich meinem
Namen durch eine Übersetzung geholfen und werde ihn forttragen bis an meinen
Tod«  »Ja wenn das so zusammenhängt mein guter Passerino« wobei ich mich
hinter den Ohren kratzte »so weiß ich kaum wie der Sache zu helfen steht« 
»Welcher Sache« fragte er neugierig »Nun  ich kann Ihnen wohl wieder sagen
was ich von einem meiner Korrespondenten als gewiss gehört habe  Ihre liebe
Tante ist seit Jahr und Tag sehr verträglich geworden Sie vermutet dass es
Ihnen hier eben nicht nach Wunsch geht«  »Das hat sie erraten« seufzte er
»denn Ihnen kann ich es wohl gestehen dass ich manchmal nicht weiß wovon ich
den andern Tag leben soll  Und Sie werden wohl selbst bemerkt haben dass ich
noch immer das Kleid trage in welchem ich Ihnen Stunden gab und dass es nun
nicht länger mehr halten will « »Und diese will Ihnen« fuhr ich fort ohne
ihn merken zu lassen wie nahe mir sein Elend ging  »ihr schönes Freigut zu
Triesdorf samt den Einkünften einräumen wenn Sie der ewigen Kunst «
»Entsagen Nicht wahr« fiel er mir ins Wort  »Nun und nimmermehr«  »und zwar
gerichtlich eidlich und feierlich entsagen«  Dadurch erschreckte ich ihn so
dass er zitterte  »O da muss sie« hub er an »ganz verrückt geworden sein« 
»Das nun eben nicht« erwiderte ich »aber diese Grille hat sie sich nun einmal
so in den Kopf gesetzt dass sie es sogar in ihrem letzten Willen zur Bedingung
gemacht hat und darüber  gestorben ist«  Er überblickte mich bei dieser
Anzeige mit zweifelhaftem unbeschreiblichem Erstaunen und ward bald
karminrot bald leichenblass je nachdem ihm das schöne Vermächtnis oder die
hässliche Bedingung zu Kopfe trat Ich reichte ihm nun das Blatt  »Da lesen Sie
selbst  aber überlegen Sie hauptsächlich dabei  dass hier nicht zu zaudern ist
und das Testament nur noch einige wenige Wochen zu Ihrem Vorteile gilt« Er
schlich wie das böse Gewissen mit seinem Vorbeschied in die Ecke des Fensters
las und schüttelte bei jeder Zeile den Kopf Seine unglaubliche Anhänglichkeit
an ein stümperhaftes Talent erregte mein innigstes Mitleiden Aber großer Gott
was für eine Schaar von Brüdern hat er nicht in dieser Rücksicht umherlaufen
Wie viele opfern nicht ein glückliches sorgenloses Leben dem Vorurteile des
Standes  ihre Ruhe einer falschen Ehre ihre gegenwärtige Zufriedenheit dem
Hirngespinste der Nachwelt auf verhören das Konzert das sie umgibt und
horchen nur nach der Trompete hin die einst wie sie sich einbilden über ihr
Grab schmettern wird  Wer kann die Märtyrer der Religion zählen die oft so
irrig  abgeschmackt und toll ist als nimmermehr die fixe Idee des armen
Sperling Wer muss bei gesundem Verstande nicht die Unsterblichkeit der
Miltone Buttler und Kepler bemitleiden die sich bei lebendigem Leibe ihre
Lebenskraft abzapften  die besten Gelegenheiten versäumten das Herz eines
fröhlichen Freundes den Busen einer schönen Zeitgenossin zu erobern  nur an
ihren eigenen Fingern und Federn nagten  und die magersten Bissen
verschluckten um nach ihrem Tode wo sie nicht mitessen konnten unbekannten
Buchtrödlern desto fettere aufzutischen Ich mochte den Weg auf den mich
Sperling gebracht hatte nicht weiter verfolgen aus Furcht auf meinen eigenen
Haushalt zu stoßen  schob einstweilen mein Selbstgespräch auf und hielt es für
dringender mich in das seine zu mischen das nicht aufhören wollte So oft ich
bei seinem Erker vorüberschritt warf ich eine Bemerkung hinein die er nutzen
sollte  »Die ewige Kunst können Sie mir als einem alten Freunde glauben
verliert nichts dabei wenn Sie Sich fügen  Das Vergnügen Talente
unterstützen zu können«  indem ich meinen Oberrock anzog  »ist vielleicht mehr
wert als die oft betrügliche Überzeugung ein eigenes zu haben«  Er ließ
sich durch alles das nicht stören »Ich stelle mir eine wahre Freude vor«
redete ich so für mich »wenn ich einmal meinen alten Lehrer auf seinem
Landsitze besuchen kann und wir bei einer guten Mahlzeit über die Größe des
armen Korreggio plaudern  und uns der vergangenen Zeiten erinnern werden«
Auch das focht ihn nicht an  Er starrte noch immer vor sich hin das
Wochenblatt seinem dürren Knie über gebogen und hing den Kopf ohne einen Laut
zu geben Bastian meldete dass die Pferde gleich da sein würden aber sein
Seelenkampf dauerte fort und mir ward dabei ganz schwül um das Herz 
    So oft ich lieber Eduard den Donquixote gelesen und bis zum Ende des
herrlichen Buchs über seine Torheiten gelacht habe so grübelte es mich doch
bei dem letzten Kapitel wo er wieder klug wird immer in der Nase Ich dächte
es wäre für uns alle nichts erbaulicheres und rührenderes geschrieben Wie der
arme Mann so stillschweigend in sich gekehrt nachsinnt die Schatten des
vergangenen Lebens  jene Heldentaten  seine heiße platonische Liebe zu
Dulcineen Sanchos gutmütige Freundschaft und die treuen Dienste des dürren
Rosinante  seiner erstaunten Seele vorübergaukeln  wie er alles was sonst in
seiner Einbildung von so hohem Werte war  jetzt in einem ganz verschiedenen
Lichte betrachtet  nicht begreift wie ihm doch sein gesunder Menschenverstand
abhanden gekommen und Gott demutsvoll um Vergebung bittet dass er so lange ein
Narr gewesen Ein solcher Büssender  welche Mitgefühle muss er nicht bei jedem
rege machen der ihn anblickt In gleicher bänglichen Lage befand sich dermalen
auch mein guter alter Zeichenmeister und erhielt sich so lange warm darin bis
ihn das Horn meines Postillions von seinem Sitze aufjagte Er ergriff in großer
Bewegung meine Hand  »Teuerster Freund und Gönner « holte er tief Atem 
»Ziehen Sie mich aus meiner Angst und sagen Sie mir aufrichtig Kann ich wohl
den bedungenen Eid mit gutem Gewissen ablegen« »Ja Freund«  klopfte ich ihn
auf die Achsel »mit dem besten von der Welt  Sie wunderlicher Mann Was machen
Sie für Umstände und wie mögen Sie Sich nur einen Augenblick besinnen Bei zwei
Talenten  und sonst auf Gottes Erdboden nichts  könnte man dächt ich ja
wohl eins abschwören wenn der Umstand darauf beruht ein Freigut zu gewinnen«
Das schien ihm einzuleuchten »Sie werden im Anspachischen und überall« fuhr
ich fort »menschliche Gebrechen genug finden deren Sie so viele in Wachs
pousiren können als Sie wollen Das verbietet Ihnen ja die Tante nicht und
gibt Ihrer Tätigkeit allen möglichen Spielraum«  »Da haben Sie Recht«
erheiterte sich auf einmal sein trübseliges Gesicht »Spornstreichs laufe ich
nun nach Hause um Anstalten zu meiner Abreise zu machen  will meine Madonnen
und Seestücke recht behutsam einkästeln und « »Ist das nicht wieder ein
Einfall Was um Gotteswillen gedenken Sie mit so vielen unbefleckten Jungfrauen
in den Preussischen Staaten anzufangen wo man an keine einzige glaubt« »Aber
fragte er sehr naiv die von letzthin darf ich doch  Notre Dame de Graces von
Kotignac« »Auch diese Nothelferin«  erboste ich mich über seine Torheit 
»hat dort keinen Ruf In unserer Religion und bei unsern Gensdarmes  was
brauchts da solcher außerordentlichen Vermittlerinnen Und nun vollends Ihre
Marinen  Dort  überlegen Sie selbst  auf dem festen  ja wie einige
behaupten  auf dem festesten Lande  nahe bei Nürnberg  wie können Sie wohl 
hoffen dass Sie damit Eindruck und Aufsehen machen werden Als Vorbilder taugen
Ihre Stürme  Kriegsschiffe  Kaper und Brander nicht einmal so viel als Ihre
Madonnen  Als Anleitung zur Seeräuberei erreichen sie nicht die schlechteste
Deduktion und für das natürliche Strandrecht würden Ihre Beweise mit dem Finger
auf dem gemalten Ozean denen weit nachstehen die ein dort abgegangener
Kammerrat oder Direktor längst schon gegen die Gränznachbarn geführt hat
Folgen Sie mir verkaufen Sie um den schweren Transport zu ersparen Ihren
ganzen artistischen Nachlass einem hiesigen Trödler ohne lange zu handeln Kann
er Profit daran machen so gönnen Sie es ihm ja  Doch noch Eins alter
Freund ehe wir uns trennen Haben Sie auch Reisegeld«  Er schüttelte
kleinmütig den Kopf  »Nun so borge ich Ihnen was ich gestern nicht getan
hätte vierzig Louisdor  hier nehmen Sie  damit können Sie das Post  und
die Einnahme von Ihren Gemälden dazu gerechnet  auch das Schmiergeld bezahlen
 Und nun  leben Sie«  ich streichelte ihm das Kinn  »recht wohl armer
gerupfter Sperling und zaudern Sie nicht um bald in die Federn zu kommen« Er
begleitete mich bis an den Wagen weinte  küsste mir dankbar die Hand und so
schieden wir beide sehr gerührt von einander.
    Es erweckt doch ganz eigene Empfindungen wenn man nach so vielen
Erfahrungen als ich in der Fremde gemacht habe endlich seine Wagendeichsel dem
Vaterlande zugekehrt sieht Aber hätte mich nicht meine Unbesonnenheit mit der
Schreibtafel gezwungen den Weg fortzusetzen glaube mir das Gesetz der
moralischen Schwere das dem Schweizer wie dem Lappländer außerhalb seinem
Neste keine Ruhe vergönnt würde sogar in diesem Augenblicke von seiner Kraft an
mir verloren haben Edler großmütiger St Sauveur Die überraschenden
Stunden in denen du meinem erschlafften Herzen so viele schöne Beispiele
männlicher Tugend zuspieltest  der Zauber jugendlicher Schönheit und Unschuld
durch den die holde Gefährtin deines Lebens einige Tage des meinigen verklärte
sind Bande die mein Wesen an das eure bis zur Auflösung des Grabes fesseln 
Und du der reinen schönen unverdorbenen Natur herrlichster Zögling  du meiner
Wünsche erhabenes Ziel  Wie viel lange Morgen noch o Agathe werden meine
Träume bis zu dem Zeitenwurf über dir schweben der wenn Gott mein Gebet
erhört alle folgende Tritte deines Gangs mit Rosen bestreuen soll Durch meine
Vereinigung mit dir wird mein Dasein erst sein wahres Kolorit  und jeder Winkel
der Erde an den du es ankettest den Reiz meines Vaterlandes gewinnen Aber
Ihr zu denen diese Empfindungen in der Ferne die uns scheidet hinströmen  du
heilig verbundenes Drei vergib mir wenn ich in dieser hinfliegenden
reichhaltigen Minute über dich und deinen Himmel voll Seligkeit noch eine Macht
erkenne die selbst ergreifender als du mein bebendes Herz anmahnt Ja
Eduard in diesem Gedränge so lieblich schwärmerischer Gedanken war sie es die
holde Irrende die gebietender als alle andere Lockungen vor meine Seele trat
Jenes heilige Gefühl unter ihren Augen gewonnen das sich von dem weltlichen
Geschäfte dessen ich mich eben entledigt habe wie die Andacht von dem Wucher
zurückzog heftete sich jetzt nur desto stärker an meine empfängliche Seele und
verbreitete sich über sie in vielfach dunkelm Geflechte Sie schien meinem
vorbeirollenden Wagen aus ihrem Kerker nachzurufen Kehre um leichtsinniger
Mensch  Erwarte das große Schauspiel meiner Genesung um an meinem Altar dein
Herz an der heiligen Flamme zu erwärmen die mein grausendes Schicksal umnebeln
aber nicht verlöschen konnte Kehre um und sieh wie sich aus der Verklärung
meines Freundes ein Funken herabsenket der meinem Irrgestirn zur Rückkehr in
seine Bahn vorleuchten  an meiner Brust lodern  das Ebenbild seines Vaters
zurückstrahlen und mein vertrocknendes Auge mit lindernden Tränen befeuchten
wird So sprechend stand die hohe Dulderin vor meiner Seele als ich aber aus
dem Kreise des magischen Spiegels heraustrat und mich nach mir selbst wieder
umsah  ergriff und schleuderte mich mein Bewusstsein in einen desto düsterern
Abgrund
    Freund ich habe Dir nie verleugnet was in meiner Tiefe vorging  warum
sollte ich Dir jetzt die beschämenden Gefühle verhehlen die wie der Zugwind
auf offene Wunden auf die schmerzhaften Stellen meines Herzens eindrangen O
das ist eine viel zu schonende Vergleichung  Es war der reine Lichtstrom aus
Agatens unbefangenem  aus Klarens belohntem und aus dem bangenden Herzen der
heiligen Märtyrin zusammengeflossen der die Kruste eines stehenden Sumpfs
bespülte und die Quellen seines schädlichen Aushauchs sichtbar machte  Der
Anblick empörte meinen Stolz  Ich wollte Trost  erwartete Schutz  forderte
Beruhigung von ihm  erhob mich  und woher fragt ich übermütig kommt dir
so unverlangt die Beleuchtung deines Unwerts  von einer Wahnsinnigen
Wie welcher Dämon gab mir dies verunstaltende Wort ein
    O du schuldloses Opfer des grausamsten Verhängnisses  Wehe dem Lästerer
der das Kleinod deines Wesens darum nicht für unschätzbar erklären wollte weil
es getrübt ist Er lasse den Nebel des Augenblickes verdünsten und wie ein
angehauchter Diamant wird es in seinen angeborenen Glanz  in seine fleckenlose
Natur übertreten  Selbst in der Glut der Vernichtung wird es gleich ihm in
Äther zerfließen und keine Spur irdischen Ursprungs zurücklassen 
    Ich habe mir längst abgemerkt Eduard dass jede liebevolle Empfindung mir
weit wärmer in den Kopf tritt wenn ich fahre oder reite als auf meinem
Lehnstuhle Überfällt mich ein solcher Enthusiasmus in einer Postchaise so
verliere ich mich selbst  wie hier zu Pferde gemeiniglich meinen Hut Wundere
Dich also nicht über die kostbaren Ausdrücke meines Selbstgesprächs und lass
mich ruhig fortschwärmen bis ich die Station erreicht habe O Liebe Liebe
rief ich gen Himmel blickend du in der Sprache der Engel erhabenstes Wort  in
dem Sternenkranze des Ewigen mildester Strahl  herrlichstes aller Gefühle nur
dem Menschengewürme unbegreiflich das über den ächten Sinn deines Namens weg 
zu Sprachverwirrern hinkriecht die ihn mit Schlangenzungen missdeuten Ach kein
Pulsschlag verklingt in dem Reiche der Naturder nicht Millionen Verlästerer
deiner Gottheit erweckte Als Sinnbild von dir setzen sie das raubgierigste
Ungeheuer auf deinen Altar  wähnen bei der Enthüllung ihres befleckten Götzen
deinen heiligen Schleier zu heben und schmücken die Opfer die sie ihm würgen
mit dem Afterscheine deines unsterblichen Kranzes O ihr Betrüger euer selbst
ihr lieblosen Verfolger der weiblichen Würde Haben sich wohl je eure Irrgänge
dem stillen Pfade genähert auf welchem die Liebe einherwandelt Unschuld tritt
ihr voran reulose Freuden folgen ihr und ihr Ausgang verläuft sich in die
seligste Ewigkeit Werfet nun einen Blick auf das Blendwerk eures Anführers und
zittert Selbstsucht ist sein Schild Trug seine Rüstung und seine
Waffengefährten sind in der Hölle geworben Nur niederträchtige Künste 
sinnliche Verlockung  Meineid und Verleumdung folgen seiner Blutfahne O ihr
seine strafbaren Anhänger aus was für entsetzlichen Haufen müsst ihr nicht die
Mitgehülfen eurer Untaten wählen um an ein Ziel zu gelangen wo nur
Seelenpeiniger in scheußlichen Larven euer warten  Euer ehrloser Rückzug geht
über Felsenspitzen und Dornen und aus eurem schändlichen Sieg werdet ihr nichts
von der mühsam errungenen Beute nach Hause tragen als ein verletztes Gewissen
 Und nun dieselbe Hand aufs Herz die dies ernste Gemälde entwarf Konnte sie
denn nirgends ihren Pinsel reinigen als in einem Tollhause Buhlerisches
Avignon  dort war es wo ich  was will ichs leugnen  die sittlichste Kunst
zum Dienste des Unsittlichen erniedrigte  dort wo mein entbranntes Gehirn jene
schlüpfrigen Bilder entwickelte zu denen ich wo nicht selbst saß doch andern
Missgestalten zu sitzen erlaubte Könnte der Zufall der sie mir auf dem
Krankenbette wegstahl und zum Feuer verdammte den Maler beruhigen der sie
aufstellte wie froh wollte ich über ihren Staubhügel hinwegsehen  Das
könnte ich wollen Nein Eduard ich würde vielmehr mit Freude jene Erfahrung
meines Lebens  wenn ich die Palingenesie verstände  aus ihrer Asche
hervorrufen  sie sollten vor meinen und anderer Augen leuchten so lange der
Schmutz aus dem sie entstanden noch Farbe hielte Dem Unerfahrnen der meine
Bilder anstaunte dem Lüsternen der ihnen zulächelte und dem Kenner der die
Treue der Kopie aus seinem eigenen Originale abzöge  ihnen allen sollte mein
Kabinet offen stehen und  wenn die Herren über dem Eingang die Aufschrift
Plusque ex alieno jecore sapio quam ex meo  gelesen und ihre Ferngläser hell
gerieben hätten  sollte es mir lieb sein sie von einer Nudität zur andern
verlockt endlich an der Warnungstafel anprallen zu sehen die ich mit
beträchtlichen Kosten an dem Ausgange meines Saals aufgerichtet habe Hier möge
dann jeder sich besinnen  den Spaziergang durch meine Gallerie mit dem
vergleichen den er durch die Welt nahm  möge sich  nachdem es kommt 
entweder freuen dass er Gott sei Dank auf allen seinen Reisen zu Wasser und zu
Lande nie an solche Klippen gestoßen  möge wenn er kann sich etwas darauf zu
gute tun dass sein Putz und sein Schlafzimmer  von Scipios Enthaltsamkeit an
bis zu der keuschen Lucretia nur mit Tugendspiegeln getäfelt sei  oder er
fasse auch den kurzen Entschluss sich nie von seinem Ernste und seiner
Studierstube zu entfernen um sich keinen solchen Gefahren auszusetzen als mich
leider betroffen haben und wenn sie ihm ja aufstiessen mein abschreckendes
Beispiel zu benutzen und ihnen klüger auszuweichen als meiner Wenigkeit
gelang Auch das soll mir recht sein Müsste er sich aber als ein ehrlicher Mann
gestehen dass seine Sittlichkeit hier und da wohl noch schimpflichere
Niederlagen erlitten habe als die meine so weiß ich ihn mit keinem bessern und
brüderlichern Rat zu entlassen als  er schlage den Weg ein auf den mein
hölzerner Arm hinweist  den Weg der Reue wo er auch mich mit meinem
Wanderstabe finden wird
    »Das sind faule Fische«  war das erste Wort das ich hörte als ich mit
meinem Selbstgespräche vor dem Postause abtrat Ich stutzte  bis ich sah dass
es nur einer Höckerin galt die der Hausknecht trotz der Versicherung dass die
Sardellen frisch wären  abwies Wenn es nun aber ein Philosoph gewesen wäre
befragte ich mich der dir mit diesem entscheidenden Urteile in den Korb
geguckt hätte was würdest du ihm haben antworten können Ein Glück für ihn dass
ich wieder auf eigenen Füßen stand und alles Hochtrabende in der Chaise
zurückgelassen hatte  denn nun ward mir die Sache erst selbst klärer  »Nicht
ganz getroffen« erwiderte ich ihm »Faule Fische sagen Sie Nein mein Herr
es sind gar keine  sind nichts als gute ehrliche Frösche die ich zum
Zeitvertreib mit der Angelrute in dem nächsten Tümpel gewonnen habe um
Versuche die zu sehr wichtigen Resultaten leiten können  über die Reizbarkeit
der Nerven anzustellen Ich mache mir zuweilen den Spaß während Euer Ehrwürden
den Ungeheuern des Oceans Wurfspiesse entgegen schleudern ohne dass ich wüsste
eins noch getroffen oder getötet zu haben Meine Frösche können wenigstens
nicht mehr quaken wenn ihnen die Haut über die Ohren gezogen ist Ihre gute
Absicht mein Herr ist jedoch gewiss nicht zu verkennen und verdient den Dank
aller Edelen« So kämen wir als gute Freunde aus einander und gingen glaube
ich jeder ruhig und mit sich zufrieden ins Bette
                                                             Den 26sten Februar
Als ich mich gestern Abend der Sektion der Frösche gegen den Philosophen annahm
hätte ich nicht geglaubt dass ich Dich heute um dieselbe Zeit mit einem
Mitbruder meiner Studien bekannt machen würde der die Sache ins Große treibt
und den ich selbst erst zwischen Nimes und Montpellier kennen lernte Es traf
sich sonderbar genug Ich brach heute mit dem frühesten auf und stieg so
schlaftrunken in den Wagen dass Bastian ein paar elastische Kissen unter meinen
Kopf legte und mich der Ruhe übergab die ich vorletzte Nacht der Unterhaltung
des Dominikaners so gern aufgeopfert und in der vergangenen noch nicht
hinlänglich ersetzt hatte Ich legte also eine Station nach der andern so sanft
zurück als wenn es auf meinem Bette geschähe Wir waren durch Nimes gefahren
und schon eine gute Strecke bei Kaverac vorbei als meine Chaise still stand und
das Fluchen des Postknechts mich ermunterte Vier Wagen vor dem meinigen
sperrten den Weg weil an ihrer Spitze ein fünfter das Rad gebrochen hatte und
sie mochten schon lange da gehalten haben ehe ich ankam Bastian war
ausgestiegen um zu sehen was vorging Ich hörte ihn von weitem mit einem
Bekannten sprechen und verließ nun auch meine Polster Der erste Wagen dem ich
neugierig vorbeischlich fasste drei Frauenzimmer immer eins reizender als das
andere Ich machte ihnen meine tiefe Verbeugung die ich mit Erstaunen über eine
so ungewöhnliche Erscheinung an dem zweiten dritten und vierten Wagen
wiederholen musste Was in aller Welt ist das für ein Transport dachte ich 
Entweder ist hier herum eine Pensionsanstalt für junge Fräulein oder ein Bassa
von drei Rossschweifen schickt Gott weiß warum sein Serail nach Montpellier
Indem ich so da stand und mich der lachenden Gegenstände freute die den
Steinweg belagerten klopfte mich Jemand auf die Schulter  Ich drehte mich um
 erinnerte mich sogleich des ehrlichen Gesichts und  »Je  lieber Onkel«
rief ich ganz verstört  »wie kommen wir denn so weit von Kavaillon  hier
zusammen  Sind Sie denn nicht mehr Wirt in dem Propheten« »Nein mein Herr«
antwortete er mit sichtbarem Frohsinn  »Ich habe die lästige Wirtschaft
aufgegeben  diene seit kurzem als Mundkoch bei Lord Baltimore der dort sich
mit den Leuten zu tun macht die seinem Wagen aufhalfen  und reise jetzt mit
ihm nach Spanien«  »Und diese vier Wagen« fragte ich  »Gehören zu seinem
Gefolge«  »Und dies Dutzend allerliebster Kinder«  »Sind Kammerjungfern
seiner Gemalin  Wenn Sie wollen will ich Sie unserer jungen Gebieterin
vorstellen der auf jener Rasenbank ohnehin Zeit und Weile lang wird  so ist
Ihnen beiden geholfen« »Wohl« sagte ich »wenn Sie glauben«  und so näherten
wir uns der vornehmen Frau Schon in einiger Entfernung konnte ich schließen
dass es keine gemeine Schönheit sei  Ihr Reisekleid von grauem Taffet lag ihr
von obenher knapp an und umflatterte ein paar vorgestreckte niedliche Füßchen
 Ein schwarzer Sommerhut beschattete ein helles Gesichtchen  die eine Hand
spielte mit einem Spazierstock die andere ruhte auf einem englischen Windspiele
neben ihr das uns anmeldete Das Ganze gab ein freundliches Bild  »Hier
Mylady« rief mein Introducteur »habe ich die Ehre Ihnen einen meiner
Bekannten vorzustellen dem die Equipagen Euer Gnaden den Weg verstopfen« Die
herrlich schlanke Figur erhob sich ein wenig von ihrem Sitze Ich verneigte mich
auf das ehrerbietigste  stotterte einige Entschuldigung über meine Freiheit 
richtete mich in die Höhe  begegnete ihren Augen und  »Mylady«  und 
zugleich  »um Gotteswillen« rief ich  »Sie sind es  Klärchen  Sie« 
    Wenn Du denkst dass sie von uns beiden es war die am meisten erschrak so
kennst Du sie schlecht  Mit der stolzesten Ruhe maß sie mich mit den Augen
und sagte mit Würde  »Ich heiße jetzt Baltimore Gemalin des Herrn der eben
auf uns zukommt  Wie ist es Ihnen zeiter gegangen« Ich stand verblüffter vor
ihr als jemals  ohne eine Silbe zu antworten Unheimlicher ist mir in meinem
Leben nicht gewesen  Überlege selbst Eduard was hier alles zusammentraf um
mich außer Fassung zu bringen  Die hohe fremde Miene der Dame  gegen einen
Bekannten wie mich  ihr gegenüber  die Schreibtafel des Barons mit ihrem
Mignaturgemälde und meinem Epigramm in der Tasche  scheu wie ich immer gegen
alle und jede bin die Torheiten von mir wissen so dass ich lieber von ihrem
Tode höre als ihnen begegne  und in demselben Augenblicke zugleich von der
Gefahr umschwebt  dem Lord  Klärchens Gemal  meine Hochachtung zu bezeigen
 Nein Eduard  um mit solchen Verlegenheiten zu kämpfen muss man eine
unverschämtere Stirn haben als ich Mein Entschluss war kurz  Ich fasste den
ProphetenWirt bei dem Ärmel  drehte mich um und eilte nach meiner Chaise 
Als wir so weit waren dass uns Niemand hören konnte blieb ich stehen  »Nun
lieber Herr Mundkoch«  schöpfte ich Atem  »jetzt bitte ich befriedigen Sie
meine Neugier die unglaublich ist  Wir kennen ja beide ihre liebe Nichte von
dem Bette an wo ihr der Teufel zum ersten Male erschien bis zu dem Sopha wo
ich ihr das Strumpfband der Maria verhandelte  durch welches Wunder ist ihr die
Hand eines reichen vornehmen Engländers zu Teil geworden«  »Durch kluge
Erfahrung« antwortete er »die bei den Weibern meistens den Abgang der Unschuld
ersetzt  und durch die Blindheit mit der Gott uns Männer gestraft hat So
erkläre ich mir wenigstens die Sache wenn mir das und jenes von der Donna
einfällt und ich über ihr Glück erstaune  Aber jetzt glauben Sie mir
verdient sie es  Sie ist ganz wieder auf dem Wege der Tugend eine zweite
Magdalena  liebt ihren Mann und macht ihn glücklich«  »Seit wie lange«
fragte ich »Seit heute vor acht Tagen« erwiderte er »sie verlangte  und der
Lord freute sich kindisch darüber  in der Franziskanerkirche  gerade über dem
Grabe der tugendhaften Laura getraut zu werden  Herr Ducliquet hat sie
eingesegnet  der getaufte Jude hat bei der Zeremonie aufgewartet  und in der
Propstei«  »Ist fiel ich ihm ins Wort die Hochzeit gewesen« »Ja« sagte
er »und auch das Beilager« Ich schlug bei dieser Nachricht die Hände gefalten
über den Kopf  »Barmherziger Gott« rief ich aus »welch ein Greuel von
Menschenverbindung an deinem Altare Gute Laura was für antipetrarchische
Gedanken mögen an diesem Tage über deiner Asche geschwebt haben«  »Ruhig mein
Herr« erinnerte mich der ProphetenWirt »meine Nichte bemerkt Sie  Lassen
Sie uns alles vergessen und vergeben sein was vorbei ist und gedenken Sie
künftig der Lady Baltimore im Besten  Doch ehe wir uns trennen mein Herr 
denn ich sehe dass meine Herrschaft einsteigt muss ich Ihnen geschwind einen
Irrtum benehmen in welchen ich Sie in Ansehung Ihres Landsmanns gesetzt habe
 Es war eine boshafte Nachrede seiner fortgejagten liederlichen Bedienten 
denen ich keinen Glauben hätte beimessen sollen Der brave Mann hat sich mit
Klärchen nicht einmal so viel vorzuwerfen  wenn ich so frei sein darf es zu
sagen  als Sie Ein Liebhaber der Kunst kann ja wohl in allen Ehren ein schönes
Mädchen als Modell benutzen Mehr hat er nicht getan Ich habe seitdem Herrn le
Sauve kennen lernen den Maler der für ihn gearbeitet und dem Klärchen in
mancherlei Stellungen gesessen hat  von dem weiß ich alle Umstände Gnade Gott
dem Herrn der auch die unschuldigste Sache bei verschlossenen Türen vornimmt
 Mehr braucht es bei solchen Schurken nicht um ihn in den schlimmsten Ruf zu
bringen  so dass er zuletzt keine Tasse Hühnerbrühe mehr nehmen darf ohne
Verdacht zu erwecken Doch ich muss fort  leben Sie wohl  wir bleiben nur
diese Nacht in Montpellier«  Die vier vordersten Wagen waren schon in vollem
Galopp  er hatte seinen Platz in dem fünften  dem nächsten vor dem meinigen
Mein Postillion voll Ungeduld über den Aufenthalt blieb nicht zurück so dass
ich die Ehre hatte im Gefolge von Lady Klärchen an dem Postause anzulangen wo
die Quartiere für die englische Herrschaft schon durch einen Kourier bestellt
waren
    Den ganzen Weg über hatte sich meine Neugier um eine Frage herumgedreht
deren Auflösung von meinem geschwinden Aussteigen aus dem Wagen abhing ehe mir
der Mundkoch entwischte  Ich kam ihm glücklich entgegen  »Nur noch ein Wort
statt tausend« hielt ich ihn bei dem Kragen  »Warum in aller Welt führt Ihre
Frau Nichte Gnaden wenigstens ein Dutzend Kammerjungfern mehr mit sich als eine
Königin brauchen würde«  »Das muss freilich Wunder nehmen« antwortete er
»wenn man den wahren Zusammenhang nicht weiß  Mylord  so hat mir sein
Kammerdiener vertraut schreibt ein systematisches Werk über die Eigenheiten der
Weiber  Englische Schriftsteller wählen ja immer ein auffallendes Thema 
Diese artigen Kinder sind nicht sowohl im Dienste bei seiner Gemalin  als in
dem seinigen  sind Studien für seine philosophischen Spekulationen und ahnden
es selbst nicht Sie verraten ihre kleinen Schwachheiten  Fehler und Tugenden
unbefangen und liefern ihm tagtäglich neue Bemerkungen zu seinem Texte Es ist
der vollständigste Apparat zu dergleichen physiologischen Experimenten den man
sich nur denken kann  aus den leichtsinnigstenschwermütigsten  sprödesten 
unschuldigsten  und erfahrensten Geschöpfen zusammengesetzt  mit deren Seelen
denn wirklich ist es nur darauf abgesehen er hunderterlei Versuche anstellt
um endlich ein neues Resultat herauszubringen Gott gebe dass es ihm gelingt 
denn es wäre gewiss ein sehr nützliches Buch«  »Und dieser Sachverständige«
fuhr mir heraus »hat Ihre Nichte heiraten können«  »Stille« fiel mir mein
verunglückter Onkel ins Wort  »hier ist nicht der Ort darüber zu schwatzen 
Ich muss in meine Küche  leben Sie wohl mein Herr leben Sie wohl«  Das Buch
möchte ich sehen  setzte ich nun meine Verwunderung mit mir allein fort  indem
ich mich von einem Lohnbedienten in die Stadt führen ließ in die man wie du
wohl wissen wirst nicht anders als zu Fuße oder in Sänften kommen kann 
Armer Autor Gott gebe dir Glück zu deinen Studien denen freilich die meinigen
nicht das Wasser reichen Über deine junge Frau könnte ich dir zwar wohl
wichtige Beiträge liefern  aber ob sie es gleich nicht um mich verdient hat
würde ich mich doch schämen weniger edel zu handeln als Herr Ducliquet der
Probst und der getaufte Jude
    Montpellier ist bei allen seinen unläugbaren Vorzügen doch eine sonderbar
ängstliche Stadt lieber Eduard  Gassen die so schmal sind dass die Inwohner
der gegenüber stehenden hohen Häuser einander die Hände reichen können und ein
Liebhaber der so gute Gelegenheit hat seiner Schönen den Tag über in die
Fenster zu sehen nichts weiter als ein Bret braucht um des Abends
einzusteigen Wenn die Hitze zunimmt spannt man aus Furcht vor dem
Sonnenstich Tücher über sie her Dann sieht jede ohnehin wie ein Himmelbette
aus und kann füglich dazu benutzt werden Die Schilder der Wirtshäuser sind
alle aus der Botanik genommen  Da hört man von keinem Römischen Kaiser oder
Kurfürsten wie in Frankfurt und andern deutschen Städten sondern nur Namen aus
dem Linneus Ich fragte nach dem besten Mein Lohnlaquai nannte mir die
RhabarberPflanze und die Chinawurzel  Ich wählte das letztere und hätte es
nicht besser treffen können denn an der Haustüre lehnte ein Bedienter dessen
mir nur allzubekannte Livree mich sogleich verständigte dass er dem Herrn
angehöre den ich suchte Er bestätigte es und war so flink in seinem Dienste
dass er dem Baron die Ankunft der Schreibtafel schon gemeldet hatte als ich noch
auf der Treppe war Kaum hatte ich meinen Staubmantel abgeworfen so trat dieser
auch schon in mein Zimmer  eine Figur von dem edelsten Anstande ein offenes 
liebreiches  verständiges Gesicht  so einnehmend und munter in seiner
Unterhaltung wie es nur ein Deutscher sein kann den gute Gesellschaften und
Reisen gebildet haben Ich wusste nicht gleich nach was ich zuerst greifen
sollte um ihm eine bessere Meinung von mir beizubringen als ich selbst hatte 
machte Entschuldigungen über den Aufzug in dem er mich träfe  hätte zwei
Nächte nicht geschlafen  und käme  das war es eigentlich wodurch ich mir ein
Ansehen bei ihm erbetteln wollte  von der Bastide meines vertrautesten
Freundes des Marquis von St Sauveur dessen Vermählung ich als der einzige
Gast beigewohnt hätte
    In der Tat traf ich es hier wieder so gut damit wie bei Herrn Filbert Er
kannte den Brigadier  wünschte mir Glück zu seiner Freundschaft  und hörte mit
innigem Anteil mein entusiastisches Lob über seine Gemalin »Es ist wohl
Schade« sagte er »dass Sie ihm nicht auf sein Stammgut haben folgen können
Dort würden Sie ihn als einen kleinen Fürsten bewundert haben der alles das
leistet was man oft umsonst von dem größten erwartet« Ich ging nun nicht ohne
Herzklopfen zu dem Hauptgeschäft über das ich mit ihm abzutun hatte  Er
machte es mir sehr leicht  nahm alles was ich über meine hitzige Krankheit 
nachherige Erschlaffung  und verordnete Zerstreuung zu meiner Rechtfertigung
herausstotterte  für gültig an und forderte ehe ich ihm noch seinen Verlust
einhändigte  Feder und Tinte um durch ein Billet an den
KriminalGerichtsPräsidenten den armen Puppenspielern noch vor Nacht ihre
Freiheit zu verschaffen »Es ist nicht meine Schuld« sagte er »dass die guten
Leute in Ketten liegen« Sie wurden zwar auf meine Anzeige in den Zeitungen 
nach der Livree die sie trugen  eingezogen doch ihre eigene Aussage in dem
Verhör das man mit jedem besonders anstellte machte sie hauptsächlich
verdächtig Sie mussten ganz den Kopf verloren haben  Dass sich der eine
Prologus der andere Epilogus nannte ließ man Puppenspielern hingehen als sie
aber den Herrn der sie gekleidet angeben und beschreiben sollten standen
beide mit einander in geradem Widerspruch  Der eine nannte Sie so der andere
so und ich konnte nur versichern dass kein Edelmann in ganz Deutschland einen
so kauderwelschen Namen führe Der älteste Bruder sagte aus Sie wären in
Avignon eines Kirchenraubes wegen arretirt worden  der jüngste Sie hätten die
heilige Dreifaltigkeit in einem Kamin entdeckt  Man fragte nach ihrem
Abschiede sie hatten keinen aufzuweisen Ihr Herr wäre durch ein Wunder aus
Avignon entkommen  zu Lambesk hätten sie die Schreibtafel in einer verborgenen
Tasche gefunden  und dem Herrn sogleich in Verwahrung gegeben  der es
vermutlich vergessen sie dem Eigentümer auszuliefern und bei ihrem Abgang in
Begriff gestanden hätte in sein Vaterland zu gehen Diese widersprechenden
Aussagen die alle Stunden einen neuen tollen Zusatz erhielten erbot sich doch
jeder Bruder zu beschwören  dabei sahen sie sich vor Gerichte so scheu um wie
das böse Gewissen Die Frau wenn es möglich ist bezeigte sich noch verwirrter
Sie deklamirte in leeren nichts sagenden Phrasen ihre Verteidigung und rief
unaufhörlich in dem Gefängnisse und vor dem Tribunal Ach mein Teseus  wo
bist du hin mein Teseus  Doch war sie es die den Brief an den deutschen
Baron in dem heiligen Geist schrieb ohne Hoffnung zwar ihn anzutreffen und den
ich sogleich durch eine Stafette abschickte Mir fing selbst an bange für den
Ausgang zu werden Ich hielt sie zwar sehr richtig für Narren  verschob jedoch
mein Urteil über den Verdacht dem sie bloß standen Das Tribunal hingegen
hielt sie hinlänglich für überwiesen und ohne meine Gegenvorstellung hätten sie
vielleicht schon die Question ordinaire et extraordinaire erlitten Es tut mir
leid dass den armen Schelmen ihre Ehrlichkeit so übel belohnt worden ist. Dass
mich ihre Unschuld jetzt mehr freut als Schreibtafel Venus und Brief die ich
eins wie das andere für verloren hielt können Sie mir wohl zutrauen Ich bin
glücklich dass meiner über die Zeit verschobenen Abreise nun nichts mehr im Wege
steht Denn vielleicht wissen Sie schon mein Herr dass mich in Deutschland eine
liebenswürdige Braut mit Sehnsucht erwartet um so viel mehr da mein letzter
Brief ihr den Tag meiner Ankunft bestimmt und sie gebeten hat mir auf ein Gut
ihrer Tante sechs Meilen weit entgegen zu kommen Die Ängstlichkeit mit der
sie mir sonach entgegen sehen muss beklemmt mich nicht wenig«  Brauche ich
Dir lieber Eduard wohl die Stellen in dieser Erzählung anzustreichen die mir
einen Stich nach dem andern ins Herz gaben Ich erduldete sie ohne Murren als
eine gerechte Züchtigung meines unverantwortlichen Leichtsinns Kleinmütig zog
ich das anvertraute Gut aus der Tasche aber wie ich es dem Eigentümer
einhändigte brachten mich die Vorklagen die ich beifügen wollte in eine neue
Verlegenheit Auch diese schlug er sofort als ein Mann von Welt nieder Er
öffnete die Schreibtafel besah mit wahren Kenneraugen Klärchens Bild und
überlas lächelnd mein Epigramm auf der Hinterseite Die Gelegenheit war zu gut
um ihm nicht die Veränderung bekannt zu machen die seitdem mit dem Original
vorgegangen sei und durch welches Ungefähr ich heute ihr Gefolg verstärkt
hätte »Nur heute das ist glücklich« sagte er ein wenig ironisch vermutlich
hat der Pro und Epilogus eins und das andere zu Protokoll gegeben was er
Anstand nahm mir gerade in das Gesicht zu sagen »Also an Lord Baltimore
verheiratet Nun da ist sie in den rechten Händen« schlug er ein lautes Lachen
auf  »ich kenne den alten Schwärmer und seine abgeschmackten Versuche für einen
Text über den unser kluges und erfahrnes Klärchen ihn in einer Stunde mehr
lehren würde als alle die abgesetzten Ladys die ihren Triumphwagen begleiten
Wer weiß ob sie ihn nicht wieder zum Glauben an weibliche Tugend bekehrt und
seine Erfahrungs und Seelenkunde mit einem Phänomen bereichert dem er bis
jetzt umsonst nachgeforscht hat Wie wird sie die Unbefangene spielen  ihn
schon von weitem kommen sehen während er seine Experimente für die ersten hält
denen sie bloß steht Die Reise nach Spanien ist gewiss ihr Werk  Dort wo
keine Seele sie kennt wird sie ihm noch lange ehe sie in den hintersten Wagen
versetzt wird für den Stein der Weisen gelten den er sucht«  Ich erwähnte
des Mundkochs  »Den allein« sagte er »wünschte ich von der sauberen
Gesellschaft zu sprechen Der Ehrenmann hatte mich vor einiger Zeit wie mir
mein Kammerdiener vertraut hat in einem schimpflichen Verdacht und seine liebe
Nichte der er damals alles Böse an den Hals wünschte in einem noch
schimpflichern«  »Diese Ungerechtigkeit« fiel ich dem Baron ins Wort »bereut
er jetzt gegen beide von Herzen seitdem er einen unverwerflichen Zeugen Ihrer
bloß artistischen Verhältnisse mit seiner Nichte  den Herrn Le Sauve gesprochen
hat der die Schöne so oft unter Ihren Augen und in der Lage gemalt hat die Sie
dem Modell gaben«  Der Baron verfiel in ein kleines Nachdenken das ihn
glücklicherweise verhinderte die brennende Schamröte zu sehen die mir in das
Gesicht trat  denn siehe nur ehe ich mich dessen versah fiel mir der
verfluchte Stimmhammer bei dem meine Kunst scheiterte und die geweihte Farbe
ein die ich verschüttete  »O hätte ich« erwachte der Baron wie aus einem
Traum »das schöne Geschöpf noch so unmündig an Kenntnissen und Jahren gefunden
als da Herr Ducliquet ihre Bekanntschaft machte keine Seele würde jetzt gegen
die Wahl des Lords etwas gegründetes einwenden können So aber war sie schon
ganz verloren als ich sie kennen lernte  nur für die Kunst des Malers nicht
Ihre trügerische Außenseite konnte schon keinen mehr betrügen dem es nicht ganz
an sittlichem Gefühl und gesunden Augen fehlte wenn er nicht wie Baltimore für
sein freigeistiges System mit Blindheit gestraft war  am wenigsten ein Herz wie
das meinige das einem fast eben so reizenden  zugleich aber auch dem reinsten
und tugendhaftesten weiblichen Wesen angehört O meine Karoline mit welchem
Wohlbehagen unverletzter Treue werde ich dir nun bald unter die Augen treten
Wie belohnend mein Herr ist dieses Bewusstsein am Ende einer Reise sie mag
einen Weltteil oder das Leben umfassen«  Lieber Eduard wenn Du mir die
glühenden Zangen der Beschämung die mich bei jedem dieser Worte zwickten
nachfühlen müsstest  ich würde Dich herzlich bedauern Da mochte ich mich doch
auf die eine oder die andere Seite des Prangers stellen den der Baron Klärchens
Liebhabern anwies so hatte ich keine Ehre davon Ich bekam eine recht kleine
Idee von mir die noch nicht vergehen will Besonders tat es meiner Eigenliebe
weh dass hier zwei Deutsche in so verschiedenem Lichte einander gegenüber saßen
Ich konnte mir nicht verbergen dass diesem jungen blühenden artigen Manne das
Reisen viel besser zugeschlagen sei als mir Mich glaube ich hat er auf den
ersten Blick weg gehabt Sagte er nicht oben ich wisse vielleicht schon dass er
eine Braut habe  und würde er wohl mit der Huldigung seiner Karoline so laut
gewesen sein wenn er mir nicht schon angesehen hätte dass mir der Inhalt des
Briefs in der Schreibtafel so bekannt wäre als ihm selbst Was konnt ich in
dieser Überzeugung klügeres tun als den Vorwürfen denen ich nicht
auszuweichen vermochte offen entgegen zu gehen »Ich merke Herr Baron«
stoppelte ich meine verschämten Worte zusammen »dass Sie voraussetzen ich habe
mich von dem Geheimnisse Ihres Herzens auf eine Art unterrichtet die große
Entschuldigung bedarf Was mir eigentlich nötig war um den Eigentümer des
Gefundenen aufzusuchen konnte mir schon die Adresse sagen  das seh ich jetzt
recht gut ein  und dennoch « »Wenn der Brief meines Freundes«  unterbrach
er mich  »Ihnen die Zeit verkürzt hat so hat er seine Absicht doppelt erfüllt
und es ist mir lieb dass Sie ihn lasen«  »Und auch abgeschrieben« fragte ich
 »Ja auch das« antwortete er lächelnd »Hätte er ihn im Ernst geschrieben so
viel er übrigens auch Wahres enthält so dürfte ich wohl hoffen ihn bald genug
zu überführen wie Unrecht er mir und dem guten Geschmack getan  und wie
voreilig er die Aufschrift über dem Portale meines Landhauses kritisirt hat« 
Ich könnte nun mit gutem Gewissen und an keinem schicklichern Orte als hier den
Brief über oder gegen den guten Geschmack wovon ich Dir bereits in meinem
verbrannten Tagebuche den Anfang mitgeteilt hatte ganz einschieben Er würde
Dir zum bessern Verständnis der Sache auf die sich die Widerlegung des Barons
bezieht  mir aber als eine Anleitung dienen die Verdienste meines Landsmanns
in ein noch schöneres Licht zu setzen  aber ich würde nur dadurch den Faden
meiner Erzählung die doch auch bedacht sein will verlieren Genug Du sollst
nicht darum kommen und sollte ich Dir ihn in einem besonderen Futteral
mitbringen  »Ich schmeichele mir« fuhr der Baron mit sichtbarer innerer
Zufriedenheit fort »dass ich die Zeit meiner Abwesenheit in fremden Ländern
nicht so gar übel für meinen künftigen Aufenthalt im Vaterlande und für das
Glück meiner Erwählten angelegt habe Die Kenntnis der großen Welt muss
vorausgehen um durch Vergleichung sein häusliches Glück desto schmackhafter zu
machen  so wie man nach einigem Genuss sehr feiner Gerichte gern wieder zu einer
kräftigen Hausmannskost zurückkehrt  Auch mein Kunstgefühl soll mir
hoffentlich so viele Freude gewähren als meinen Nachbarn ihre ruhige Ignoranz
Die Leuchter  die Vasen von griechischer Form denke ich sollen mir so wenig
im Wege stehen als ehemals den Griechen  eine Venus von Titian wird meinem Auge
immer einen so angenehmen Ruhepunkt verschaffen als das freundlichste Gesicht
einer Dorfnymphe und Lady Baltimore in ihrer schönen Nacktheit wo mich jeder
Pinselstrich an das Original erinnert besser als noch jene Göttin der man
außer ihrem Reiz auch nicht viel Gutes nachsagen kann Da Sie Klärchen wie ich
gehört habe persönlich kennen müssen Sie nicht eingestehen mein Herr dass ihr
Anblick minder noch wollüstige Begierden erweckt als edle und erhabene Gedanken
die nur durch die Ungestalt der Seele zurückgestoßen werden die den herrlichen
Bau wie die Kröte einen Tempel bewohnt Haben Sie wohl je Nevisans Gedichte
und die dreißig Bedingungen gelesen die er zu einer vollkommenen Schönheit
fordert«  »Ja« antwortete ich »ich habe diese Stelle erst kürzlich für einen
meiner Freunde abgeschrieben«  »Und ich«  erwiderte der Baron »habe noch
mehr getan  habe sie das Buch in der Hand durch Klärchens Vermittlung mit
der Natur selbst  jedes rohe Wort des Dichters mit dem feinen Reiz verglichen
den es anzeigt  sie alle an dem schönen Mädchen beisammen aber durch das
lebendige Kolorit  durch die Abstufung des Schattens und Lichts  durch die
Schlangenlinien die sie vereinigen ungleich anziehender und hier den Ausdruck
der Natur unendlich poetischer gefunden als den Dichter Hauchen Sie nun einer
so sinnlich vollkommenen Gestalt Selbstschätzung und Tugend ein und Sie haben
das anbetungswürdigste Ideal weiblicher Schönheit und Würde Ich will Ihnen aus
meinem Portefeuille ein Blatt holen worauf ich die Physiognomie dieses Mädchens
nach verschiedenen Ansichten als Nonne  Heilige  Betende  Entzückte und als
einen Engel geätzt habe Wäre die Zeichnung  wie sie es freilich nicht ist 
von einer Meisterhand  von der Hand eines Raphael oder Battoni Sie würden
nicht leugnen können dass dieses zur Venus so geschickte Modell unter allen
Gestalten denselben Eindruck machen würde Was kann uns aber einen höheren
Begriff von der Allgewalt der Unschuld und Tugend auf das menschliche Herz
geben als dass es selbst in seiner Verdorbenheit durch nichts so stark als durch
eine Bildung angezogen wird in welcher die Anlagen dazu gezeichnet sind und
selbst die größte Verführerin wenn sie am unwiderstehlichsten zu verlocken
trachtet wider Willen zu dieser Maske ihre Zuflucht nehmen muss«
    Während der Baron in seinem Zimmer die edelen Gesichtszüge der jetzigen Lady
Baltimore aufsuchte kam sein Bursche mit der Nachricht zurück dass meine
ehemaligen Bedienten  Nein  fuhr es mir so wütend durch den Kopf dass ich
vom Stuhle aufsprang ohne weiter auf ihn zu hören  der Prologus der ihr als
Teufel erschien  der Epilogus in dessen Bette sie flüchtete  die beiden
Grenadiere die sie mir boshafter Weise in Avignon vor die Tür stellte  die
armen Unglücklichen die in Ketten lagen während der Propst sie in integrum
restituirte  Ducliquet sie einsegnete  diese Unschuldigen sind es die in
derselben Nacht erfroren aus einem feuchten Kerker kriechen in der wenig
Schritte von ihnen jener Sünderin alle Freuden der Natur zu Befehl stehen und
ein Lord in schwärmender Andacht den unheiligen Busen küsst an den von Ewigkeit
her das böse Schicksal zweier gutmütiger Puppenspieler gebunden war Diese
Betrachtungen jagten mich die Stube auf und ab und ich konnte mich nicht eher
wieder fassen bis der Baron hereintrat und nun  der Bediente seinem Herrn
viele Grüße von dem KriminalGerichtsPräsidenten ausrichtete und die frohe
Nachricht wiederholte dass die beiden Brüder und ihre Gesellschafterin des
Gefängnisses entlassen wären Wir wünschten gegenseitig zum Ausgange dieses
verworrenen Handels einander Glück setzten uns zusammen an einen Tisch und
fingen nun an nach allen Regeln Lavaters gemeinschaftlich die schönen offenen
unschuldigen und rührenden Liniamente zu entwickeln hinter welche die Mutter
Natur ein so hässliches  heuchlerisches  freches  und verbuhltes Herz
verborgen hatte als Herr Ducliquet zu seiner Bearbeitung nur eins verlangen
konnte Ich lege Dir zwei von den radirten Exemplaren bei die mir der
Verfertiger zum Verteilen unter meine Freunde verehrt hat Ewig Schade dass
meine geheimen Nachrichten von ihr in der Asche liegen  Wie würden sie nicht
den Kupferstich unterstützt haben Indes ist es doch gut dass ich allen denen
die etwa von meinen Torheiten hören sollten  denn was verschwatzt sich
nicht  diese betrügende Physiognomie vorhalten kann mit der Bitte sich zum
vollständigeren Beweis meiner Rechtfertigung vel quasi noch die jugendlichste
Farbe  die rührendste Karnation  die sonorischste Stimme und jenen lebhaften
Frohsinn hinzuzudenken der dem Original eigen ist Wer alsdann noch anstehen
kann mich loszusprechen muss entweder die Enthaltsamkeit eines Patriarchen 
eine Braut zu Hause  oder ein versteintes Herz haben
    Eine Bekanntschaft wie die meine mit dem Baron war  und von so kurzer Zeit
her dass inzwischen die Sonne weder einmal auf noch untergegangen ist  sollte
man denken müsse sich eben so kurz abbrechen lassen aber wir beide machten
eine seltene Ausnahme von diesem gewöhnlichen Falle Er sah es mir an wie sein
Händedruck zum Abschiede mir an das Herz trat und Er »Wartete unterwegs«
sagte er »nicht eine Geliebte auf mich so wollte ich auf Sie warten um Ihnen
zu beweisen dass jedes Land gleichen Wert für mich hat das mir die Aussicht
gibt einen Freund mehr zu gewinnen Ich reise als ein Liebhaber Tag und
Nacht dem Gegenstande meiner Wünsche entgegen«  Sie  als ein Neugieriger
der in seinem Vaterlande nichts zu versäumen hat dem kein Umweg etwas kostet
Ihnen darf ich bei solchen Verhältnissen ja wohl über der französischen Gränze
noch einen vorschlagen der vielleicht so viel wert ist als jeder andere den
Sie gemacht haben Sie sind Zeuge von der gegenseitigen Überraschung zweier
Liebender gewesen denen für einander bange war und die wir nun in diesem
Reiche unstreitig für die glücklichsten halten können Wäre es aber nicht schon
der Vergleichung wegen Ihrer Mühe wert nun auch ein paar gute deutsche Herzen
aufzusuchen und zu beobachten die längst mit einander einig sich doch
trennten nur um durch eine von Posttag zu Posttag immer höher steigende
Erwartung der Magie der Liebe einen Reiz mehr zu geben Ich will das System
unsers gemeinschaftlichen Freundes nicht tadeln aber ich halte mich an das
meinige Die Seligkeit ist gleich  obschon die verschiedenen Wege dahin ihre
eigenen Vorzüge haben Ich nahm seine Einladung mit Vergnügen an Er nannte mir
den zu seiner Verbindung mit Karolinen bestimmten Tag Während ich ihn in meinem
Musenalmanach anstrich und seufzend überlegte wenn doch einmal mein
Glücksstern ein solches Kalenderzeichen erhalten würde hatte sich der Baron
fortgeschlichen
    Um ihn heute nicht weiter zu stören  da es schon über Mitternacht ist 
übertrug ich Bastianen ihn morgen früh bei seiner Abreise nochmals meiner
Hochachtung  Dankbarkeit und besten Wünsche zu versichern Gott sei Dank für
die Gewissheit mit der ich nun zu Bette gehe dass keine menschliche Kreatur
meinetwegen leidet So darf ich auch wieder einmal auf eine vollkommen ruhige
Nacht rechnen  und ach auf noch mehrere denn seit einigen Tagen hat sich doch
vieles was mich insgeheim drückte gehoben Mein armer Lehrmeister für den ich
noch immer die alte Anhänglichkeit hatte ist wider alles Erwarten klug und
reich geworden Klärchen  fast noch unbegreiflicher  ist unter die Haube
gebracht Die Puppenspieler sind ihrer tollen Wirtschaft wiedergegeben und die
fatale Sucht eine Heilige zu entdecken hat seit Agatens Bekanntschaft sich
glücklich bei mir verloren  ist mir sogar zum Ekel geworden da ich aus
Baltimores Beispiel gewahr geworden bin was solche Studien am Ende abwerfen
Welch ein behagliches Gefühl gewährt doch ein erleichtertes Herz Bei der
Rückkehr ins Vaterland kann man gewiss keinen angenehmern Begleiter haben
                                                 Montpellier den 27sten Februar
Ich erwachte wie eine Unke der ein Sonnenstral in den Rücken fällt Die beiden
Puppenspieler und Elektra knieten vor meinem Bette und benetzten meine
herunterhängende Hand mit heißen Tränen Warum war mir doch ihre Dankbarkeit so
überlästig weil ich  mochte ich mir kaum gestehen  sie so wenig verdient
hatte »Geht geht Ihr guten Kinder«  suchte ich sie von mir abzuwehren 
»Euer gerührtes Herz wirft mir aufs bitterste meinen Leichtsinn vor der Euch in
Ketten und Banden gebracht hat Über Schmerzengeld und Entschädigung für Euren
Jahrmarktsverlust will ich mich sogleich mit Euch berechnen  und dass mir die
Prozesskosten zufallen versteht sich ohnehin« »Diese mein lieber Herr«
erwiderte der Epilogus »hat der Herr Baron bereits an einen Banquier gewiesen
der dafür haftet Wollen Sie dennoch ein Übriges tun so gewähren Sie uns die
Bitte dass wir heute das Theater mit der Vorstellung unsers tragischen Zufalls
eröffnen und dass wir« »Nun« fragte ich  »unter dreifacher Beleuchtung in
einer glänzenden Apoteose  Sie teuerster Herr als den deus ex machina
vorstellen  in Ihrem gewöhnlichen Kostüme  wie wirs kennen«  »Seid Ihr toll
lieben Kinder« fuhr ich in die Höhe  »Doch«  nachdem ich mich einige
Augenblicke besonnen hatte  »meinetwegen  Wenn Ihr glaubt dass es zu Eurem
Vorteil sein kann so stellt mich aus auf welche Art es Euch beliebt Die
Leute mit denen ich hier etwa Bekanntschaft mache kommen doch schwerlich in
Eure Boutique« Sie sahen dass mir angst und bange im Bette ward und trollten
sich fort Gleich darauf kam Bastian herein dem die Gesellschaft auf der Treppe
begegnet war und freundschaftlich ein Freibillet verehrte  Er bat um
Erlaubnis dieser Komedie larmoyante beizuwohnen die ich ihm herzlich gern
erteilte Die Nachricht die er mir von der Abreise des Barons brachte war mir
ungleich interessanter Sein Bedienter der mit dem Koffer voraus war hatte das
Portefeuille vergessen das seit gestern Abends auf meinem Stuhle liegen
geblieben war Bastian fand und trug es ihm nach während ich noch schlummerte
Als er  erzählte er mir  in dem Postof ankam war eben der Lord im Begriff
mit seinen fünf Equipagen aufzubrechen Er erkannte den Baron als einen alten
guten Bekannten und glaubte ihm etwas recht neues in seiner jungen Frau
vorzustellen Die Lady stutzte als sie den Baron und hinter ihm einen
Bedienten mit dem wohlbekannten Portefeuille und der Schreibtafel so nahe bei
ihrem Gemal sah  doch der artige Deutsche freute sich so ungezwungen über die
Ehre ihrer Bekanntschaft und ließ vor ihren Augen Portefeuille und Schreibtafel
in die Wagentasche stecken dass ihr Mut bald wieder zurückkam indes beging er
doch die kleine Bosheit in ihrer Gegenwart den Lord zu fragen ob er endlich
das Resultat seiner vieljährigen Studien gefunden hätte  Ja antwortete der
Philosoph mit großer Selbstzufriedenheit und so strahlenden Augen dass seine
junge Gemalin die ihrigen äußerst verschämt niederschlug und rot ward bis über
die Ohren Der Lord war viel zu scharfsichtig als dass ihm das Himmelszeichen
hätte entgehen sollen das jungen erst kürzlich verheirateten Weibern so gut
steht Hé bien klopfte er dem Baron auf die Achsel quen ditesvous Aber die
Dame trippelte nach dem Wagen Triumphirend hob er sie hinein und schwang sich
ihr nach Lieber Gott vergib mir die Frage  aber was soll man zu deinen
Anstalten sagen wenn man sieht dass sogar die Angst des bösen Gewissens eine
Frau in den Augen ihres betrogenen Ehemanns noch verschönert Der Baron nahm
jetzt den ProphetenWirt so lange auf die Seite bis der letzte Wagen vorfuhr
und sprach sehr ernstlich mit ihm Ehe er in den seinigen stieg legte er
Bastianen in den Mund was er mir von diesem komischen Auftritt erzählen sollte
Seine geheimen Gedanken dabei wollte er mir aufheben bis ich zu ihm käme Alles
recht schön wenn nur der gute Mann es seit einer Stunde nicht ein wenig bei mir
verschüttet hätte Seine Großmut gegen die Puppenspieler ist nicht viel besser
als eine Beleidigung für mich Prozesskosten soll ihm doch seine Schreibtafel
nicht zuziehen und wenn ich sein Hochzeitgast sein soll haben wir uns erst
darüber zu verständigen Musst Du mir nicht hierin Recht geben Eduard
    Ob ich gleich keiner Braut nachzurennen habe werde ich es doch nicht lange
hier aushalten Die Merkwürdigkeiten in den Ringmauern der Stadt haben nicht
sehr viel anziehendes für mich ob ich ihnen gleich ihr großes Verdienst nicht
abläugnen will Sie sind gerade so wie sie sich für den berühmtesten Stapelort
der Medizin schicken Du findest verschiedene Theater hier  aber nur
anatomische und chirurgische  und die herumliegenden Gärten sind weder
französische noch englische  sondern botanische  Die engen Gassen
verschlingen sich in einander wie die Gedärme in einem menschlichen Körper Aus
allen Türen und Fenstern tritt Dir ein ApothekerGeruch entgegen  und auf dem
Markte liegen Skelete die man bleicht Diese auf das höchste irdische Gut  auf
Gesundheit und Leben  berechneten Anstalten machten  ich will nicht sagen
meine Hypochondrie   aber doch eine gewisse Besorgnis für meinen körperlichen
Wohlstand rege der ich mit allem Ernst nachging den die Sache verdient Ich
habe die Regel die mich in jüngeren Jahren auf mehrere Universitäten geleitet
hat  von jeder etwas mitzunehmen wodurch sie sich vor andern auszeichnet eben
so probat auf meinen Reisen gefunden In Strassburg kaufte ich eine kalte Pastete
und Strohwein  in Nancy eingemachte Johannisbeeren ohne Körner  zu Auxerre ein
Taschenmesser  in Nimes seidene Strümpfe  und ich könnte Montpellier verlassen
ohne mich mit dem Rate eines der großen Ärzte zu versorgen die hier von ihrem
Thron aus ihren Zepter über den halben Erdkreis erstrecken Würde ich nicht
diese Versäumnis zu spät bereuen wenn mich einmal eine von den ein und dreißig
tausend Krankheiten die wie ich gelesen habe dem menschlichen Leben wie die
furchtbarste Armee gegenüber stehen zu Boden schlüge da sie vielleicht heute
noch durch die geschickte Hand eines Aeskulap im Keim zu ersticken wäre
Wenigstens will ich mir doch endlich Gewissheit über den Stein in der Leber
verschaffen mit dem mich vor zwei Jahren D Kämpf so gewaltig erschreckt hat
    Gesunden mag es freilich auffallen dass hier keine Ware verfertigt wird
die nicht Bezug auf die Verfeinerung der Waffen hat über die Moliere selbst in
dem Augenblicke als ihn bei der Vorstellung des Malade imaginaire ein
warnendes Beispiel der Tod beim Worte nahm  seinen freigeistigen Spott
ausgegossen   dass hier kein Haus zu finden ist  wo nicht Droguisten  Bader 
Professoren und Schüler der Heilkunde wohnen  dass man selbst in Gastöfen nur
Kräutersuppen zu essen bekommt und sogar das hiesige Meer nach meiner
Bemerkung von heute Mittag keine Austern darbringt die nicht mit kleinen
Seespinnen wie mit Schröpfköpfen besetzt und mit SedativSalz geschwängert
wären Aber einem Kranken erscheinen diese Umstände unter einer ganz andern
Gestalt Er fasst Zutrauen zu einem solchen so reich ausgestatteten Orte und
hofft auf den balsamischen Dünsten die er ausströmt noch einige Jahre weiter
zu schwimmen
    Nach diesem Selbstgespräche drehte ich mich gegen den Lohnlaquai und fragte
nach dem berühmtesten hiesigen Arzte »Das ist« anwortete der Mensch
»unstreitig Doktor Mellin der auf dem Markte wohnt um seine Bleiche in Augen
zu haben Kein Kranker kommt hier an der sich nicht seines Rats bedient und
kein neugieriger Fremder reist durch Montpellier der nicht den Tempel besucht
den er in seinem Hause der Freundschaft errichtet hat« Ein sentimentalischer
Zug putzt doch jedes Menschengesicht schon von weitem Ich fasste schon das beste
Vorurteil für den Mann ehe ich ihn sah und ließ mich von dem Schweiß der mir
über das Gesicht lief nicht abhalten ihm zu Gefallen zwei schon einmal
durchkeuchte Straßen wieder zurück nach seinem Hause zu keuchen Es ging mir
aber nicht nach Wunsch denn auf mein Anklopfen rief mir jemand aus dem Fenster
zu »der Herr Doktor sei mit ein paar Damen auf den Peirou gegangen«  »Was ist
das für eine Gelegenheit« fragte ich ganz schachmatt meinen Begleiter  »Ein
Lustplatz« war seine hochtrabende Antwort »auf dem man vier Königreiche
übersehen kann  das sagt alles« »Gut so führt mich den nächsten Weg dahin«
Es war als ich anlangte das erstemal in meinem Leben wo ich meiner Müdigkeit
gut ward und meine Erwartung übertroffen fand In der Ungewissheit wo sich mein
Auge zuerst hinwenden sollte machte ich den Anfang mit dem Mittelpunkte des
schönen Platzes auf welchem das Ritterbild Ludewigs des Vierzehnten
hervorragte  Die Stände von Languedoc  las ich im Schweiße meines Angesichts
an dem Fussgestelle  gelobten dies Denkmal Ludewig dem Großen bei seinem Leben
und errichteten es nach seinem Tode  Und ich ergriff mich der bittere Gedanke
an die arme eiserne Maske gelobe seinem verkannten Bruder dem dieser
Ehrenplatz mit mehrerm Rechte gebührt  Eins hundert Jahre nach seinem Tode 
und wendete mich um meine äußere und innere Hitze zu verschnaufen von diesem
nach einem andern meines Beifalls ungleich würdigern Monumente  nach dem
Wassertempel der dem Haupteingange gegenüber mit sechzehn marmornen Säulen
die seine Kuppel tragen umgeben einen großen Behälter bedeckt in dem sich die
Masse Wassers sammelt das ihm auf turmhohen Arkaden durch einen drei Stunden
langen Kanal zugebracht wird Malerisch rauscht es auf den drei freien Seiten
des Doms gleich der Quelle die ein Monarch von dem ihm zugeflossenen Reichtum
wohltätig unter sein Volk verlaufen lässt  in ein noch größeres Becken herab
von da es durch verborgene Röhren in die Stadt geleitet wird Ich saß so stolz
in dieser Rotunde wie ein Flussgott unter seinen Nymphen hörte ihr Plätschern 
nahm freundlich die Kühle auf die sie mir zufächelten und würde meine Augen an
dem erstaunlich prächtigen Anblick der Wasserleitung die vor mir lag auf das
entzückendste geweidet haben wenn dies herrliche Werk nach einem geraden Lauf
von einer Viertelstunde nicht den Fortgang des überhingleitenden Blicks durch
eine schiefe Wendung unterbräche Wie empörte sich aber erst mein Herz als mir
mein Führer erzählte dass diese Krümme durch die schiefe Denkungsart eines der
landschaftlichen Deputirten entstanden sei denen dieser kostbare Bau war
übertragen worden Er besaß auf dem Wege den der Bogengang durchschneiden
sollte einen Öl und Weingarten an dem seine niedrige Seele so fest hing dass
er die Rechte des Eigentums auf das unverantwortlichste missbrauchte und es
durch seinen Einfluss in den Beratschlagungen dahin zu leiten wusste dies
Denkmal einer großen Nation deren unwürdiges Mitglied er ist auf immer zu
verunstalten Als ich mich genug ausgelüftet hatte ließ ich mich durch die
brennende Sonne nicht abschrecken über die hohen Arkaden  zwischen den
reizendsten Aussichten auf beiden Seiten  bis an den Garten dieses Elenden
hinzuschweben An der Ecke wo der Bogengang sich zu wenden gezwungen wurde war
ein Pilaster  eine wahre Schandsäule für den Öl und Weinkrämer errichtet
Ich machte sie wenigstens dazu und schrieb mit Bleistift meinen Fluch daran
Stimmst du sein niedrig Herz zu kränken
Natur mit meinen Wünschen ein
So wirst du nie mit jährlichen Geschenken
Sein tugendloses Aug erfreun
Was seiner undankbaren Seele
Ermangelt Reinigkeit und Kraft
Geist und Geschmack  das fehl auch seinem Oele
Das fehl auch seinem Rebensaft
    Der Zufall begünstigte mich so sehr dass ich bei der Zurückkunft von meinem
hängenden Spaziergange auf den berühmten Arzt stoßen musste den ich suchte Der
Lohnlaquai zeigte mir ihn schon von weitem Er saß in dem Nymphentempel zwischen
zwei artigen Frauenzimmern denen er Gott weiß welchen Trost zusprach  Ich
ließ mir eine Audienz von ihm erbitten die er mir ungefähr wie ein großer Herr
bewilligte der durch wichtigere Geschäfte zerstreut ist Denn während ich ihm
meine Angelegenheit vortrug schielte er mehrmal nach dem Sitze von dem ich ihn
aufgerufen hatte Er hörte mir kaum einige Minuten zu  sah mir in die Augen 
befühlte meinen Puls und als ich ihm mein Bedenken über den Stein in der Leber
vorgelegt hatte  lachte er mir gerade ins Gesicht »Aber lieber Herr Doktor«
bettelte ich ihm vor »wo glauben Sie denn dass es mir fehlt Versagen Sie mir
nicht Ihren guten Rat« »Nein« antwortete er »den sollen Sie haben« Weißt
Du Eduard worin er bestand In einigen Versen aus einem französischen
Liedchen die er mir vorträllerte und die übersetzt vielleicht so lauten
würden
Statt ängstlich deine Uhr zu richten und zu putzen
Zu spähn ob jedes Rad leicht in das andre greift
Und frei um seine Spindel läuft
Ermuntre deinen Geist den Augenblick zu nutzen
Der Zeit die dir vorüber schweift
Die schnellen Fittige zu stutzen
    Ich erinnere mich irgendwo gelesen zu haben dass ein gewisser Palisius zu
Rom einem Maler Namens Protogenes auftrug die Treue seines Hundes auf einer
Votivtafel zu verewigen Das arme Tier war der Spur seines Herrn nachgelaufen 
wie der Mensch seinen Leidenschaften  bis zur völligen Entkräftung von der er
nur mit Mühe geheilt werden konnte Der Künstler stellte alles der Natur gemäß
dar  die starren Augen  die blutenden Tatzen  die herabhängende Zunge Nur
der Schaum des heißen Rachens wollte ihm nicht gelingen so dass er zuletzt aus
Ungeduld den Schwamm mit dem er seinen Pinsel reinigte gegen das Bild warf
Was geschah Der Wurf glückte so gut dass der Maler auf einmal den Schaum
natürlich an der Schnauze des Hunds hängen und die Schwierigkeit überwunden sah
    Dies Geschichtchen lieber Eduard hat viel ähnliches mit der meinigen Ich
darf mich auch wohl rühmen die physischen und moralischen Übel von denen mich
Sabatier und andre gute Menschen heilten eben so treu nach der Natur auf
meinem Dir gelobten VotivGemälde geschildert zu haben als nimmermehr
Protogenes die kläglichen Umstände des Hundes auf dem seinigen bis auf den
Stein den ich wo nicht in der Leber doch in der Einbildung mit mir herumtrug
Mit dem sagte ich immer zu mir wird es wohl nicht bis zum Malen kommen  und
wenn der unter deinen abgeschüttelten Gebrechen fehlt ist dein ganzes Ex voto
nichts wert Es war die letzte und Hauptschwierigkeit aber auch sie ist nun
Gott sei Dank durch den Schwamm gänzlich gehoben den mir der ungeduldige
Doktor an den Kopf warf  denn was könnte jetzt meinem Bilde noch zum endlichen
Aufhängen in Deinem Tempel abgehen So sonderbar auch das Betragen des Mannes
gegen den Ernst abstach den ich an unsern Aerzten gewohnt bin gestehe ich
doch dass mir die scharfsinnigste Entwickelung meiner verworrenen Organe nicht
halb so viel Freude gemacht hätte als es sein Spott tat Ich konnte nun mit
entzückender Beruhigung auf D Kämpf als einen Ignoranten herabsehen Von
welchem festen Stoff muss nicht meine Lebenskraft sein da so ein Mann nicht
einmal einen Versuch mit ihr machen will Meine Brust schien mehr Raum bekommen
zu haben Ich wusste nicht mehr wo die Leber lag und griff in der freigebigsten
Stimmung nach meiner Börse »Lassen Sie es damit gut sein« wehrte sich der
Franzos gegen meine deutsche Sitte »Damit Sie aber sehen mein Herr wohin Sie
mein guter Rat leiten soll  so lade ich Sie diesen Abend auf ein Souper ein
an dem auch ein Engländer in Ihren Umständen für fünf Louisdor Teil nehmen
wird Wollen Sie mir die Ehre erzeigen so dürfen Sie nur eine gleiche Summe an
meinen Koch abgeben und ich kann Ihnen zugleich versprechen dass Sie die
witzigste und liebenswürdigste Gesellschaft der Stadt da ziemlich beisammen
finden werden« Du kannst wohl denken dass ich mich nicht lange besann nur bat
ich ihn noch um Erlaubnis seinen FreundschaftsTempel zu besehen der mir sehr
angerühmt worden sei »Sehr gern« erwiderte der höfliche Mann »hier haben Sie
den Schlüssel dazu Lafleur dort der schon mehrere Fremde dahin geführt hat
wird Sie anweisen«  Und so flatterte er zurück zu den Damen deren Krankheit
ihm mehr am Herzen zu liegen schien als meine Gesundheit Jetzt konnte ich die
schöne Anlage des prächtigen Spazierorts schon mit ruhigerm Gemüte betrachten
Er übertrifft wirklich an freundschaftlicher Verbindung des Nutzens mit dem
Vergnügen Alles was ich bis heute in Frankreich bewundert habe Wenn nun
vollends statt der Bildsäule Ludewigs des Großen eine von den tausend Eichen
die über die christliche Zeitrechnung hinausgehen und nur noch in deutschen
Waldungen gefunden werden die Mitte beschattete und sich an der brennenden
triumphalischen Mauer eine Birkenallee herumzöge  Himmel was für eine
genussreiche Nachmittagsstunde würde ich diesem Wunderwerke des neuen Galliens
nicht verdankt haben Freilich  in der Verbindung mit der Stadt gedacht für
die es da steht erscheint es mir als ein Solitär den ein altes Kräuterweib an
seinem schmutzigen Finger trägt Wenn man hingegen die Summe der befriedigten
Bedürfnisse und des sinnlichen Vergnügens von dreissigtausend Seelen die täglich
auf diesem Sammelplatze ihre eingeschluckte Kerkerluft veratmen auf
Jahrhunderte hinaus berechnet so ergibt sich ein Schatz von frohen
Empfindungen gegen den die Unkosten der ersten Anlage immer eine Kleinigkeit
sind So rechneten die Römer bei ihren Amphiteatern öffentlichen Bädern und
Aquäducten mit denen sie oft den armseligsten Landstädten ein grossmütiges
Geschenk machten »Aber damit wir nicht Eins über dem Andern vergessen wo sind
denn« fragte ich den Lohnbedienten »die vier Königreiche die Er mir
versprochen hat « »O die sollen geschwind gefunden sein« war seine Antwort
»Sehen Sie Jener graue Fleck der sich am Horizonte verliert ist das
PyrenäenGebirge  und also Spanien  jener noch kleinere ist Piemont der Krone
Sardinien zuständig  und wenn Sie Ihre Augen etwas anstrengen entdecken Sie
dort im Meere einen Punkt der aber nichts geringeres ist als das Königreich
Korsika«  »Und wo ist denn« fragte ich lachend »das vierte« »Hier  wo Sie
stehen« Ich folgte unwillkürlich der Weisung seines Fingers und blickte gerade
auf seine neumodischen Schuhschnallen die auch groß genug waren um mich zu
verständigen Gegen sieben Uhr verließ ich den prachtvollen Peirou und schlich
hinter meinem Anweiser her durch das Geschlinge der Gassen dem Tempel der
Freundschaft zu der unter meinem Verschlusse stand Ich gelangte sehr
entkräftet wie das bei dergleichen Tempeln der gewöhnliche Fall ist, in sein
inneres Heiligtum Im Vorübergehen bei der Küche gab ich meine
Pränumerationsgelder auf ein Kouvert für diesen Abend ab  und behielt nun
länger als eine Stunde frei um jene empfindsamen Denkmäler die wie das
Standbild Ludewigs des Großen den Gefeierten bei Lebzeiten angelobt  nach
ihrem Tode aber erst gesetzt waren mit gehöriger Musse zu betrachten ehe die
Abendgesellschaft sich in dem anstoßenden Zimmer versammelte Der Saal der
Freundschaft nun  doch schon des Rangs wegen den die Lebenden vor den
Verstorbenen behaupten halte ich für besser Dich mit seiner Einrichtung erst
nach Tische bekannt zu machen
    Nach der eigenen Ankündigung des Wirts war es die Quintessenz der hiesigen
feinen Welt die seine Abendmalzeit vereinigte Als einem Reisenden kam mir
dieser auserwählte Zirkel ungemein zu statten um so mehr da es witzigen Leuten
wie den Nachtigallen geht die nur desto hitziger werden und sich dem edelsten
Wettkampf hingeben je mehrere in einem Dickicht zusammentreffen Doch als
Statistiker musste mir das Verhältnis der ausgehobenen klugen Köpfe gegen die
Zahl der Einwohner notwendig auffallen denn da außer dem Doktor nur noch acht
Personen zugegen waren die mir und dem Lord für unser Geld aufspielten so muss
der geistige Gehalt der hiesigen Seelen wohl so unbedeutend sein wie bei den
Rosen deren man eine unzählige Menge zermalmen muss ehe ein Tropfen Öl über
die wässerigen Teile aufschwimmt Dafür wird es aber auch desto kostbarer Wie
alltäglich muss es nicht diesen Abend in den übrigen Häusern der Stadt ausgesehen
haben Ach ich hätte das kleine liebenswürdige Häufchen entführen mögen so viel
Geschmack fand mein Verstand an dem fliegenden Witz der Herren und meine Augen
an den Annehmlichkeiten der fünf Damen die zwischen uns eingereiht waren Diese
sind so unmöglich zu beschreiben als der erstere zu übersetzen Wie könnte der
schwerfällige Botengang unserer Sprache jene französischen Feinheiten erreichen
die gleich den Schwalben vorbei schießen  sich durchkreuzen und mit demselben
unregelmässigen Flug zurückkommen Genug ich gab mich ihnen ganz hin und dankte
Gott dass die Milzsucht nicht so tiefe Wurzeln bei mir geschlagen hatte als bei
dem Engländer Seine fünf Louisdor für die Aufheiterungskur dieses Abends waren
geradezu verloren Er aß und trank nicht  stocherte in den Zähnen und
überhörte die witzigsten Aufforderungen die an ihn ergingen Wenn er sich ja
einmal zu einer Antwort herabliess so schickte er immer ein Wort voraus das
einem französischen Ohre höchst widerlich klingt  ein fatales au contraire das
nirgends hinpasste Als wir gegen Mitternacht vom Tische aufstanden war er der
erste der nach seinem Hut lief und sich mit einer trockenen Verbeugung
entfernte Es ärgerte mich die ganze Treppe herunter dass auch ich mich durch
sein Beispiel übertölpeln ließ dieser lieblichen Gesellschaft die jetzt am
allerwenigsten Lust zu haben schien sich zu trennen so zeitig den Rücken zu
kehren Kaum befanden wir uns auf der Gasse so schüttelte er mich um seiner
bösen Laune Luft zu machen beim Arme  »Wie gefällt Ihnen mein Herr Fremder
der Zeitvertreib in Montpellier« »Nicht besonders« erwiderte ich etwas
verlegen »wenn ich den heutigen Abend ausnehme«  »Den wollen Sie ausnehmen
Nun Gott verdamm mich da besitzen Sie mehr Toleranz als ich Wissen Sie mit
welchen Menschen wir eben diesen Abend vergeudet haben Mit den würdigen
Nachkommen eines Gesindels das unser Herr Leibarzt auf Unkosten der Fremden zu
Tode gefüttert hat weil es sich  wie jetzt seine Söhne und Töchter  bei
lebendigem Leibe für dergleichen Soupers zur Anatomie verkaufte und jetzt
kraft dieses schönen Kontrakts  als Gerippe in seinem Tempel der Freundschaft
aufgestellt ist« »Um Gottes Willen Mylord« fiel ich ihm in die Rede »sollte
auch so eine Handelsspekulation möglich sein so ist es doch nicht glaublich
dass Kinder neben einem Saal wo die irdischen Reste ihrer Eltern aufbewahrt
sind schmausen würden« »Glaublich oder nicht« tobte er fort »genug es ist
wahr  Hätten Sie nur wie ich jenes Panteon gesehen«  »Ja das hab ich«
 »Nun so können wir deutlicher davon sprechen Der feine Herr mir gegen über
der bald die Freuden des Lebens bald das Glück eines empfindsamen Herzens auf
der Zunge trug ist der Sohn eines verdorbenen Kaufmanns dessen ausgesprjetztes
Gehirn nur durch die Saaltüre von dem seinigen getrennt war Das Mädchen das
zwischen uns saß ist die Tochter der ausgestopften AdvokatenFrau die dort
neben einem Skelet kauert dem Ihre Nachbarin zur Rechten das Leben verdankt
und die Brust die das naseweise Ding im gelben Schleppkleide gesäugt hat hängt
nicht weit davon in Spiritus vini«  Mir schauderte vor dieser widrigen
Sippschaft während der Engländer mit hohler Stimme fortfuhr »Ja mein Herr
das nennt der Kerl seine verewigten Freunde deren Erben sich jetzt nach
demselben Kontrakt bei ihm gütlich tun Doch schwöre ich bei Gott dass es
heute die letzten fünf Louisdor waren die ich dazu beitrage« »Bei der
genealogischen Kenntnis unserer Tischgenossen« nahm ich das Wort »können Sie
mir auch wohl nähere Auskunft über das liebe unschuldige Gesichtchen geben das
an der Seite des Doktors alle andere ausstach  Ihre braunen Locken  ihre
Perlen im Munde gestehe ich haben nicht bloß meinen Augen zu schaffen
gemacht« »Nun so will ich nur wünschen«  schlug er ein Hohngelächter auf 
»dass Sie nicht zu sehr erschrecken mögen Dieses liebe Gesichtchen gehört von
mütterlicher Seite  von dieser kann ich nur sprechen denn die väterliche ist
der andern Hälfte selbst ungewiss geblieben  der einzigen Tochter einer
wohlseligen Jungfer an die während ihres schönen Lebens des Morgens Sträusse auf
den Stuben herum trug und deren äußere und innere Teile mit Quecksilber
ausgesprjetzt ein ganzes Fach jener freundschaftlichen Sammlung einnehmen und
diese braunen Locken und diese Perlen im Munde so sehr sie Ihnen auch das Herz
rührten  sind nichts desto weniger das Haar und die Zähne  einer
Kindermörderin« »Nein Mylord« rief ich mit empörtem Gefühl »das ist zu arg«
 »O ho mein schwergläubiger Herr« fiel er mir ein »fragen Sie nur weiter
nach Die Geschichte ist so stadtkundig als alles übrige was ich erzählt
habe«  Unter diesem Gespräch das mir den Nachgeschmack meines genossenen
Abends gar sehr verdarb waren wir bis vor das Haus gekommen wo der Lord
wohnte »Verlangen Sie« nahm er mich krampfhaft bei der Faust »ein treues
Mignaturbild von dem Neste wohin wir verschlagen sind so bemühen Sie Sich auf
mein Zimmer  Ich will Ihnen die Stelle eines Briefs von Jean Jaques an meinen
Vater vorlesen die in wenig Worten alles erschöpft Dass der Mann den Gegenstand
zu schildern verstand den er einmal ins Auge fasste ist bekannt Licht her«
donnerte seine Stimme in der Haustüre und es ward Licht von unten nach oben
bis in das sechste Zimmer wo er endlich verschnaufte Er holte seine
Brieftasche  Wir setzten uns und er las Montpellier est une grande ville
fort peuplée coupée par un immense labyrinte de rues sales tortueuses et
larges de six pieds Ces rues son bordées alternativement de superbes hôtels et
de miserables chaumières pleines de boue et de fumier Les habitans y sont
moitié très riches et lautre moitié misérables à lexcès mais ils sont tous
également gueux par leur manière de vivre la plus vile et la plus crasseuse
quon puisse imaginer Les femmes sont divisées en deux classes les Dames qui
passent la matinée à senluminer laprèsmidi au Pharaon et la nuit à la
debauche à la difference des bourgeoises qui nont doccupation que la
dernière  Vous savez sans doute quels égards on a en Italie pour les
Huguenots et pour les Juifs en Espagne cest comme on traite les Etrangers
ici on les regarde précisément comme une espèce danimaux faits exprès pour
être pillés volés assommés au bout sils avoient limpertinence de le trouver
mauvais   Ich bat um Erlaubnis die Stelle abzuschreiben Mit bitterem
Vergnügen las er sie mir zur Übertragung in meine Schreibtafel noch einmal vor
 warf den Brief unter einem Schlag seiner flachen Hand auf den Tisch und 
»Ich Tor« rief er »konnte diesem abschreckenden Gemälde zum Trotz mich doch
verführen lassen das verrufene Original jenseits des Meers aufzusuchen Vier
verdammte Wochen verschlucke ich nun schon diese mephitische Luft gegen die
unser Kohlendampf Wohlgeruch ist  habe schon sechs solcher Todtenmahle als das
heutige  die der menschenfreundliche Prosektor mir als Arzneien verordnete
beigewohnt Länger aber will ich sein Narr nicht sein Au contraire bin ich nun
einmal verdammt mich dem Drucke des Lebens Preis zu geben so sei es wenigstens
in meinem Vaterlande Doch es ist Zeit dass jeder sein Bette suche  Holla 
leuchtet dem Herrn  Schlafen Sie wohl«
    Der Kopf schwindelte mir bis in die Chinawurzel Ein dunkles schmerzhaftes
Gefühl beklemmte mir die Brust Nach genauer Untersuchung fand sich dass es
nichts als zärtlicher Kummer war den ich für das unschuldig verläumdete schöne
Mädchen empfand  denn an die Wahrheit einer so hässlichen Nachricht war mir
nicht möglich zu glauben Der morgende Tag soll mir die Sache klar machen Ich
habe überhaupt nicht leicht einem mit größerem Verlangen entgegen gesehen  denn
ich gehe mit der frohen Aussicht zu Bette ihn in der Gesellschaft eines Mannes
hinzubringen dessen liebenswürdiger Charakter mich von Jugend auf an sich
gezogen hat  Und hätte ich nichts als seine Visitenkarte neben einem Haufen
anderer in dem Zimmer des Doktors unter dem Spiegel entdeckt so würde ich
mein Souper nicht für zu teuer halten Solltest Du von dem munteren launigen
Kammerherrn    nichts gehört haben der die schläfrigste Gesellschaft in die
er tritt schon durch seine Gegenwart aufheitert  Dieser ists von dem ich
spreche er war der Freund meiner Eltern und mein Pate So lange ich Kind war
vergaß er nie mir Konfekt von der fürstlichen Tafel mitzubringen und in meinem
dreizehnten Jahre wollte er mich dem Herzoge zum Pagen empfehlen aber mein
Vater der damals noch nicht an meiner Erziehung verzweifelte verbat es Was er
dagegen vorbrachte ließ sich zwar hören aber der Kammerherr behielt nach
meinen Gedanken dennoch Recht Er wusste die Vorzüge eines Hofmanns gar zu hübsch
aus einander zu setzen Kurz nachher brachte mich ein Erbgut das meiner Mutter
zufiel ins Preussische Der Kammerherr schrieb mir noch ein paarmal aber nach
und nach  wie das so geht  verloren wir einander aus dem Gesichte Für ein
paar fühlende Seelen geht doch nichts über die Freude des Wiedersehens Meine
Apoteose muss Bastianen sehr angegriffen haben Ich fand ihn so tief
eingeschlafen dass er nicht zu ermuntern ist Zum Glück kann ich noch ohne Hilfe
ins Bette steigen
                                                 Montpellier den 28sten Februar
»Lass es mit deiner Dramaturgie gut sein Bastian Ich habe in meinem Leben keine
ausstehen können am wenigsten heute wo mir wichtigere Dinge durch den Kopf
gehen als der Effekt den meine Puppe auf dem Theater gemacht hat« Nach dieser
ernsten Erklärung die ihm auf einmal das Maul stopfte musste er mir den Wirt
rufen während ich aufstand Denn ich wäre den ganzen Tag nicht ruhig geworden
wenn ich nicht Auskunft über die Mordgeschichte von gestern erhalten hätte
Jetzt habe ich sie auf das ausführlichste und weiß nun nicht wie ich die Hitze
verblasen soll in die sie mich gesetzt hat Ja Eduard ich schwöre Dir zu 
besäss ich die Gabe der Beredtsamkeit ich wollte sie nur zu einem einzigen
Texte anwenden  Dürfte ich als geistlicher Redner von der Kanzel donnern und
berechtigt sein Aufmerksamkeit von meinen Zuhörern zu fordern  ich wollte
nicht über die Gnade Gottes  nicht länger über die Wiedergeburt nicht über die
Dreieinigkeit sondern Jahr aus Jahr ein über die menschliche Grausamkeit der
Verleumdung predigen und vergnügt in das Grab steigen wenn ich nur dies
einzige Laster aus meiner Gemeine verbannt hätte Ich würde es bei meinem
Predigen machen wie der Stifter unserer Religion der in keinem alten
Konkordienbuche erst nach Beweisstellen forschte um ein in Schwange gehendes
Verbrechen zu richten Er griff in das gemeine Leben und erdrückte die Natter
wo er sie fand Was bekümmert sich eine Neuigkeitskrämerin die oft im
Angesichte ihres Beichtvaters ihrer Nachbarin bald diese bald jene nachteilige
Geschichte die man ihr von dieser und jener erzählt hat ins Ohr raunt was
bekümmert sie sich um sein altes Evangelium und die verläumdete Unschuld der
Batseba Sage Er ihr lieber selbst den Sonntag darauf in öffentlicher
Versammlung was ihre Zunge Böses gestiftet und für unheilbare Wunden geschlagen
hat Die gewöhnliche Sentenz des Verläumders  die schon manche reine Tugend
getrübt manches Glück zu Grunde gerichtet hat  die einzigen fein vergifteten
Worte »Etwas mag wohl daran sein« könnten ein reichhaltiger Text zu einer
allgemeinen Erbauung werden O ihr die ihr oft mehr aus Leichtsinn oder übler
Laune als bedächtiger Bosheit durch gehässige Nachreden meinem empfindlichen
Herzen blutige Tränen abgepresst habt  o könnte mein Tagebuch wenn es je unter
eure kritischen Augen geraten sollte euch doch auf allen Blättern belehren
dass ihr wider Rechte verstosst die auch euch zu Gute kommen wenn ihr das
schillernde Licht das oft Zufall und Umstände über den besten Menschen
verbreiten zur Grundfarbe seines Charakters macht Armes gutes Kind das mir
ein missmütiger Mann  ohne zuvor der Entstehung des Gerüchts das ihn irre
leitete nachzuforschen  als Kindermörderin bezeichnete Etwas Wahres muss doch
daran sein Ja das ist es auch aber dieses Etwas ist die unschuldigste Sache
von der Welt Das Mädchen war zwölf Jahr alt als der freundschaftliche Arzt von
dem Tage an da ihm die Haut der Mutter kontraktmässig zufiel sich väterlich der
Verwaisten annahm Es fehlte ihr nichts zu einer vollkommenen Schönheit als
dunkles Haar weiße und gesunde Zähne und er nahm das eine und das andere von
einer entaupteten Kindermörderin schmückte seine Pflegetochter mit jenen
braunen Locken die so malerisch an ihrem weißen Nacken herabrollen und
pflanzte statt schwarzer Stifte reine Perlen in ihren Mund Tat er unrecht
daran Ist es etwa menschlicher wenn andere in demselben Fall ihr Gebiss von
mehreren Savoyarden zusammenkaufen und mit dem Elfenbein der armen Jungen auf
Eroberungen ausgehen Würden wohl die Geschichten aller der Haartouren auf
unsern vornehmen Dummköpfen erbaulicher ausfallen wenn sie eben so bekannt
wären als die eben erzählte Der Arzt behaupte ich hat das liebe Kind nicht
nur schöner als es vorher war sondern auch fester für ihre Tugend hergestellt
Denn ward jene Unglückliche die vielleicht aus Verzweiflung ihr Kind mordete
des Beispiels wegen hingerichtet welche Reliquien könnten rührender an das Herz
sprechen Welche Warnung könnte ein unbefangenes Mädchen vor dem ersten
Fehltritte kräftiger sichern als der Nachlass einer so tief Gefallenen den es
als seinen täglichen Schmuck trägt mit dem es jeden Morgen vor seinen Spiegel
tritt Der ausgelernteste Verführer würde schwerlich Lippen erreichen die
Kleinodien von so magischen Kräften bedecken Ich würde den Spötter aufs Maul
schlagen der aus diesen dem lieben Kinde zugefallenen höheren Reizen die
Bemerkung ziehen wollte dass man mit der seltensten Mühe sogar nicht einmal
aus zwei weiblichen Geschöpfen ein ganz unberührtes ächtunschuldiges zusammen zu
setzen vermöchte Es wäre nichts als ein boshafter Einfall Nach ernster
Erwägung eines richtigen Verstandes sind die Spiele des Verführers mit den
Locken der ersten Eigentümerin  sind die Perlen denen seine Falschheit
huldigte rein durch den Tod dem er die Betrogene überlieferte abgewaschen
Die Reize dieses Naturschmuckes sind zu Erweckung edler Triebe auf die neue
Besitzerin übergegangen Die Schuld und das Unglück die sie ehmals befördern
halfen bleibt allein an der Seele des Verführers ein unauslöschlicher Makel
Ist unser Herz einmal einer unwahren Beschuldigung auf die Spur und in den Fall
gekommen der Verleumdung ein unschuldiges Opfer abzukämpfen so dünkt man sich
groß bekommt Mut und macht es sich zum Gesetz keine üble Nachrede
zweifelhaft auf sich beruhen zu lassen  keinem Gegenstande der eines
Beschützers bedarf Bequemlichkeit halber aus dem Wege zu gehen Darum und
damit Niemand meinem Tagebuch den Vorwurf mache als habe es das milzsüchtige
Geschwätz des Lords nur noch weiter verbreitet soll mich die Mühe nicht
verdrießen die bessern Gedanken näher zu entwickeln die mir gleich Anfangs
unser freundschaftlicher Wirt und seine Tischgenossen einflössten  und den
einen wie die andern mit der Wärme eines jungen Advokaten der seinen ersten
Prozess gewonnen hat in Schutz zu nehmen Warum  wenn es nicht aus Nationalhass
dem unbilligsten von allen geschah  ergoss der Engländer so viele Galle über
die anatomischen Leibrenten des französischen Arztes Verdienen sie nicht eher
Lob als Tadel Ist es denn nicht menschlicher berechnet einem Armen  statt
ihn verhungern zu lassen  das Kapital seiner Erhaltung  auf die sicherste
Hypothek die ein Mensch verlangen und geben kann vorzustrecken und die Schuld
bis zu dem großen Zahlungstermin zu fristen wo die Natur die ihrige einfordert
Kann wohl leichter Gesellschaftston ungezwungener Umgang die sonst zwischen
Schuldnern und Gläubigern nicht eben gewöhnlich sind sicherer in Schwung
gebracht werden als durch einen solchen Kontrakt der beide Teile so genau mit
einander verbindet Handelten diese Verkäufer ihrer selbst die gewiss zu ihrer
Zeit fröhlicher als mancher Fürst neben seinem Erbprinzen bei Tafel saßen
etwa deshalb unmoralisch dass sie ihre toten Reste lieber ihrem Wohltäter 
der Wissenschaft und dem gemeinen Besten Preis gaben als den Würmern Wie froh
verlebten sie ihre zugemessene Zeit auf dem Schauplatze der Welt wie sorgenlos
konnten sie in den Freundschaftstempel bei der Gewissheit eintreten dass ihre
Zurückgelassenen für gleichen Lohn ihre Gastrollen neben an fortspielen würden
Je weiter ich den menschenfreundlichen Anstalten unseres Arztes nachgehe je
philosophischer erscheinen sie mir Indem der Anatom in gutmütiger Erinnerung
auf die Knochen derer hinblickt die noch vor kurzem auf fremde Kosten sich an
seiner Tafel des Lebens erfreuten bietet der Menschenfreund seine hülfreiche
Hand auch ihren Söhnen und Töchtern sorgt so lange sie in dieser Zeitlichkeit
wallen nicht nur für jede ihrer Befriedigungen sondern benutzt auch ihr Dasein
für andere indem er an der Gränze wo die körperliche Heilkunde in die des
Geistes übergeht sie bald als Schildwache gegen einen Feind ausstellt der die
Tiefdenker am liebsten beschleicht bald sie als Blutigel den Grillenfängern ans
Herz setzt denen wie mir und dem Lord durch kein Mittel beizukommen ist als
durch muntere Unterhaltung Wie unheilbar muss nicht der Kranke sein den in
einem Asyl wo die Essenzen des gesellschaftlichen Lebens nicht so gäng und gebe
sind als die Waren der Apoteken die paar Goldstücke gereuen die er an eine
so glücklich ersonnene viel versprechende Kur wendet  und der es der witzigen
schönen und liebenswürdigen Abendgesellschaft zum Vorwurf macht dass sie sich
wenige Schritte von dem Museum ihn zu erheitern bestrebt wo ihre Blutsfreunde
zergliedert  in Wachs  Quecksilber oder Spiritus vini der Auferstehung warten
Gewiss lieber Eduard ist von allen albernen Sophisten derjenige den
Hypochondrie dazu gestempelt hat der albernste Mein Gott sind denn die
Erbbegräbnisse hoher Familien nicht gewöhnlich mit ihren Ess Tanz und
Redoutensälen unter einem Dache Was würden kluge Hofleute von ihrem Fürsten
halten der sich vor der Asche desjenigen scheuen wollte der ihm zu seinen
gebietenden Einfällen Platz gemacht hat Müsste nicht eine allgemeine Hemmung der
Freude entstehn wenn Grabhügel unsere über sie hinrauschenden Ergötzlichkeiten
aufhalten könnten  Hätte der Hall bald aus diesem bald aus jenem
Todtengewölbe Wirkung auf unser Ohr  hörten wir immer das schreckliche Stehe
still leichtsinniger Mensch rufen  Du hast mich nicht nach Würden geschätzt
 nicht genug geliebt als ich noch bei dir war  hast mir Unrecht getan und
kannst es  Wehe dir  nicht wieder gut machen  beim jetzt modert das Herz
das du gekränkt hast da es noch fühlen konnte  die Hand hat keine Kraft mehr
die ich dir zur Versöhnung reichte und du stolz von dir stiessest Du gäbst
jetzt wohl die Hälfte deines Lebens für einen Tag wo du mir die Reue gestehen
könntest die du mir verschwiegst  aber die Zeit dazu ist verlaufen  wenn
solche Klagstimmen aus den Gittertüren der Kirchhöfe unsern Jagden
Spaziergängen und Festen entgegen träten was o du barmherziger Gott sollte
aus uns werden
    Der Übergang von dem gerechten Lobe meines gestrigen Abends zu meinem
heutigen Mittagsmahl machte mir die Oelkuchen der Chinawurzel nur noch widriger
Wäre ich verdammt meine Tage in Montpellier abzuspinnen so bliebe mir wahrlich
nichts übrig als mich dem Doktor in die Kost zu geben Brächte mich mein
Kouvert vollends neben meine Klientin so möchte er mich meinetwegen nach meiner
irdischen Vollendung so freundschaftlich behandeln als er wollte
    Dass die Liebe sättigt wohl zu verstehen ehe ihre neugierigen Wünsche erhört
sind wusste ich schon lange dass es sich aber mit der Freundschaft eben so
verhält erfuhr ich erst diesen Mittag Und wären die Gerichte noch so
lukullisch gewesen ich glaube nicht dass ich zu ihrem bedächtigen Genuße meine
Gedanken hätte sammeln können so sehr war ich mit der Action und Reaction des
Vergnügens beschäftigt das ich in einer guten halben Stunde bei dem Kammerherrn
 zwar nicht ganz ohne Furcht  erwartete denn ich kenne mich  Solche
freundschaftliche Erschütterungen sind meiner Festigkeit so gefährlich als die
Ergiessungen des Meers einem holländischen Damme und ich stehe nicht dafür ob
ich nicht des lieben Mannes wegen noch ein paar Tage länger hier bleibe als ich
willens war und Dich sonach lieber Eduard um so viel später umarme
    Nein Du hast nichts zu fürchten  Meine Vorklage war vergebens Der
Kammerherr hält gewiss keinen halbwege gescheidten Menschen eine Stunde länger in
Montpellier auf als er dazubleiben gedachte Das soll das letzte Mal sein dass
ich auf einen alten Freund baue Ich musste dreimal an das einsame Haus pochen
in das er sich eingebettet hat ehe mir ein eisgrauer Bedienter die Tür
öffnete Ich hatte alle Mühe den tauben Kerl zu verständigen was mein Begehr
war und es vergingen zehn Minuten ehe er von der Botschaft an seinen Herrn
zurückkam und mich einließ Mein erster Blick der gerade auf den Armstuhl
fiel auf welchem statt des liebenswürdigen Mannes den ich suchte ein Greis
in Kissen versunken lag belehrte mich schon ziemlich von dem großen
Rechnungsfehler in den ich gefallen war Konnte ich mir denn nicht an den
Fingern abzählen dass jene seit unsrer Trennung verlaufenen Jahre die schon
mich zu drücken anfangen ihn ganz niedergebeugt haben würden  dass ein Mann
der schon von weitem herkam als wir auf unserem Wege zusammentrafen ungleich
kraftloser und ermüdeter sein müsse als ich Ach dieses schöne Exemplar eines
wohl stilisirten Hofmanns lag jetzt wie ein alter Taschenkalender da an welchem
die Vergoldung verwischt  und der Einband verschrumpft ist Ich näherte mich
ihm aber weder seine Augen noch sein Gedächtnis unterstützten meine Anrede
Er nahm mich immer für einen andern
Ein nobles InvalidenChor
Hochwürdger Blinden stiftsgerechter Lahmen
Belagerte sein steiles Ohr
Der innere Schall so werter Namen
Ließ nie den Silberklang des meinigen hervor
Zuletzt gefiels ihm gar ein Bildnis auszukramen
Das schon zu Plattners27 Zeit Farb und Gestalt verlor
Er passt es schlau in meinen Rahmen
Und krähte mir mit heisrer Stimme vor
Ja beim Merkur du bists Sind etwa deine Damen
Auch von der Reise mit Signor
    Dieser heidnische Schwur der nirgends gefährlicher klingt als in
Montpellier erschütterte mich beinahe so sehr als mich die Verwechselung
demütigte die er mit meiner Person vornahm Ich gab es schon ganz auf mich
ihm kenntlich zu machen und sah mich nach der Tür um als sein Kammerdiener
uns mit einem sympatetischen Mittel zu Hilfe kam das ich mir merken will Auf
seinen Ruf in das Nebenzimmer trat ein junges freundliches Mädchen herein legte
ihr Strickzeug auf den Tisch  ließ sich den Vorfall erzählen  bat um meine
Karte  hielt sie ihm mit der einen Hand vor die Augen und legte die andere in
die seinigen Seit Strassburg ist mir nun zwar aller tierische Magnetismus
verdächtig geworden aber hier musste ich zu meinem Erstaunen eine Ausnahme
machen denn kaum hatte er seine abgestorbenen Finger an der Hand des jungen
Mädchens erwärmt so kam auch seine Sehkraft zurück  er las meinen Namen ganz
fertig und »Ja« rief er frohlockend aus
»Ja nun erkenn ich Sie  und Ihre Wangen sind
Den Rosen gleich die sich entfalten
Doch mein Exempel lehrt wie jämmerlich geschwind
Auch Rosen  vor der Zeit veralten
Ihr Vater lebt er noch Das war ein Mann Er hat
Mit mir studiert  Beglückte Zeit  Wir wussten
Sie auch zu brauchen Herr Kein Mädchen in der Stadt
Das wir nicht kannten  Trauseat
Cum caeteris  Jetzt kommt mein Husten«
    Er kam geschwind dauerte aber desto länger Unterdessen unterhielt mich das
elektrische Mädchen  »Ich bin« sagte sie »die Tochter vom Hause Wir leben
von den kranken Fremden die bei uns einziehen Der Medikus des alten Herrn« 
mit Vergnügen hörte ich dass es mein Doktor war »empfahl da nichts helfen
wollte ihm die Berührung eines siebzehn bis achtzehnjährigen Mädchens  ließ
mich rufen und der Versuch gelang zum Verwundern « »Und bloß mit der Hand«
fragte ich »Ja mein Herr wie Sie gesehen haben Seitdem sitze ich immer in
der Nebenstube um gleich da zu sein wenn etwas vorfällt wozu er sein Gesicht
und sein Gehör braucht Der Herr hat mich auf ein halbes Jahr gemietet  aber
der Arzt zweifelt dass er die Mietzeit aushalten werde Es sollte mir leid
tun denn mein Dienst ist leicht und einträglich« »O bei einer so eigenen
Kraft« tröstete ich sie »darf Ihnen nicht bange sein Geschwächte Reisende
gehen hier nicht aus und der Herr Doktor wird schon weiter für Sie sorgen«
Mein alter Freund da sein Husten vorüber war suchte nun sein abgelebtes Talent
hervor mich à mon aise zu setzen Das schöne Mädchen musste ihm zum zweitenmal
ihre Hände Preis geben ehe er die Zunge bewegen konnte Er mochte wohl den
mitleidigen Blick der ihr galt auf sich ziehen »Ja da sehen Sie junger
Herr wie weit es mit mir gekommen ist Der Doktor hat mir hier ein erwärmendes
Mittel verordnet das zwar einigermaßen wirksam  für mich aber bitterer ist
als kein anderes In Gegenwart dieses unschuldigen Kindes will ich mich nicht
weiter darüber erklären Was für eine Krankheit hat Sie denn hieher gebracht
Hypochondrie sagen Sie O da sind Sie gegen mich noch zu beneiden  die kommt
von den Studien hebt sich wohl noch und lässt keine Reue zurück wenn man aber
wie ich funfzig Jahre alle Schulen des Hofes durchgelaufen und in jeder die
Gifte verschluckt hat die ihnen eigen sind da will ich den Arzt loben der dem
Patienten zu helfen versteht Wem es keine Zufriedenheit gewährt hinter sich zu
blicken der kann auch nicht mit Hoffnung vorwärts sehen« Doch um kürzer von
dem alten Hektikus zu kommen will ich zum dritten Male seinen prosaischen
Husten in einen poetischen bringen der doch noch immer leidlicher klingen wird
als jener
    »Der Hof« räusperte er sich 
»Der Hof verdirbt uns das Gewissen
So wie er uns das Blut verdirbt
Willst Du Dein Leben Dir versüßen
Die Seele reinigen so flieh ihn Man erwirbt
Auf diesen Bühnen nichts das nicht mit Gallenflüssen
Errungen wird  An Händen lahm und Füßen
Hascht man nach dem Genuss  und stirbt
Ich überschlug zu spät was mir der Hof gegeben
Und was sein Dienst mir stahl  und mit erschrocknem Blick
Gab ich seit kurzem ihm mein ungeniessbar Glücke
Zur Wiederkehr in ein verlornes Leben
Zur Rettung meiner selbst  zurück
Umsonst Nun sitz ich hier und kaufe
Die Apoteken aus und wenns Gott nicht gefällt
Dass ich dem Grabe noch entlaufe
Bis ich zuvor mein Haus bestellt
So fürcht ich sehr ich komm in jener Welt
Gar aus dem Regen in die Traufe«
    Das Sprechen hatte ihn so erschöpft dass er sich auf einmal zurücklehnte
die Hände des Mädchens fahren ließ und ohne meinen Abschied zu vernehmen 
einschlummerte Um kein Geräusch zu machen warf ich dem guten Kinde nichts als
einen freundlich herzlichen Blick zu indem ich mich mit Katzentritten zu der
Stube hinauszog und noch leise auftrat als ich schon auf der Gasse war Ich
kam über meine fehlgeschlagene Erwartung ganz verdrießlich in dem Gasthofe an
und sah von weitem einige Betrachtungen über die Hinfälligkeit des menschlichen
Lebens anrücken die mir auch keine sonderliche Zerstreuung versprachen  »Lass
uns ausfahren Bastian« rief ich »und die umliegende Gegend besehen«  »Ach«
seufzte er »lieber Herr da hätte ich wohl einen bessern Vorschlag«  »Nun so
lass hören«  »Als wir gestern so schnell den Wagen der Mylady Klärchen nach
durch Lünell fuhren dachte ich in meinem Sinn Jetzt eilst du mit deinem Herrn
so gerade fort nach Deutschland und nur drei Viertelstunden von dem Dörfchen
vorbei wo deine Mutter und Schwester wohnt die du vielleicht in deinem Leben
nicht wieder zu Gesicht bekommst  Wenn Ew Gnaden nun anstatt « »Ja du
hast Recht Bastian« fiel ich ihm ins Wort  »Wir wollen nach Lünell  Dort
kannst du deine Verwandten besuchen ich gebe dir Urlaub bis Morgen gegen
Mittag Deine Schwester aber und meinen alten Johann möchte ich selbst auch
wieder sehen Den kurzen Weg sind sie mir wohl schuldig da ich ihnen noch
einmal so weit entgegen fahre Lauf auf die Post voraus  bestelle eine leichte
Chaise damit ich schon angespannt finde wenn ich nachkomme« Bastian war wie
ein Pfeil die Treppe hinunter und ich wollte eben nach als denke einmal der
Kammerherr aus altgewohnter Hofsitte mir einen Gegenbesuch machte  zwar nicht
in eigener Person sondern viel gefährlicher durch eine schön verzierte Karte
mit seinem Wappen und Namen die mir seine junge Aufwärterin überbrachte  Doch
die schönsten elektrischen Versuche hätten mich in diesem Augenblicke nicht
aufhalten können  Ich hatte Margot in Gedanken  schenkte der Überbringerin
um nichts und wieder nichts einen großen Taler und entließ sie mit vielen
Empfehlungen an ihren alten Patron
    Der Hausknecht musste mich den nächsten Weg nach dem Postofe führen  Ich
fand eine Chaise mit vier Pferden setzte mich mit Margots Bruder ein und ehe
zwei Stunden vergingen befanden wir uns vor einem recht artigen Wirtshause zu
Lünell Bastian  so wie ich abstieg  machte sich auf die Beine  Ich
bestellte sogleich ein ausgesuchtes Abendessen für mich und meine Gäste  und
täuschte unterdes meine Ungeduld mit Besichtigung des Orts und seiner Weinberge
 kam aber immer noch zu früh zurück und wusste jetzt eben so wenig als vorher
was ich mit mir anfangen sollte Der nächste Weg vom Weinberge dachte ich geht
zum Fasse um das Gewächs zu versuchen Mit diesem Vorsatz trat ich
vorbeigehend in die Stube des Wirts  Es war ein verständiger Mann der mir
sehr gern ein paar Flaschen von den beiden vorzüglichsten Sorten auftrug An
demselben Tische saß außer mir noch ein Narr von Reisenden aus Arles der mich
sogleich in Untersuchung nahm und sich als einen Antiquarius ankündigte Ich
muss Dir doch etwas von seiner Unterhaltung mitteilen »Der Herr kommen gewiss
über die via Aureliana«
    »Ich komme gerade von Montpellier«
    »Mons puellarum wie einige alte Autoren es nennen  und gedenken also wohl
von hier die Antiquitäten von Arles zu besuchen«
    »Nichts weniger«  Hier schenkte ich mir und ihm ein Glas ein »Der Ort«
fuhr er mit belehrender Miene fort »verdiente es doch vor vielen andern Die
alten Römer haben ihn in dem unfruchtbarsten Landstrich zwar den man sich
denken kann erbaut denn die Wege von allen Seiten dahin muss man zugeben sind
die schlechtesten in der Monarchie Der ältere Plinius nennt schon die dortige
Fläche sehr artig Kampi lapidei«  »Da hat« fiel ich ihm in die Rede »der
ältere Plinius nach meiner Einsicht nichts artigeres gesagt als was wenn ich
dahin ginge mein Postknecht auch sagen würde  Dergleichen Wege aber sie
mögen modern oder antik sein suche ich nicht gern ohne Not auf« »Ohne Not
Das glaube ich wohl« antwortete er spitzig  »aber hoffentlich spreche ich mit
einem Verehrer der Alten und für einen solchen sind keine Beschwerlichkeiten zu
groß um die Spuren ihrer Größe aufzusuchen Dergleichen Schätze des grauen
Altertums als unser Telina oder wenn Sie es lieber hören unsere
Mammilliaria aufzuweisen hat treffen Sie nirgends in so einer Menge beisammen
an Der Obelisk das Amphiteater die verfallene Wasserleitung können allein
schon einem vernünftigen Manne das längste Leben erheitern und nun vollends die
Elysäischen Felder  die sind ich gestehe es Ihnen mein einziger liebster
Spaziergang Wenn ich dort manchmal in Gedanken vertieft vor einem Aschenkruge
stehe  die Denkschriften  die Beweise jener ruhmvollen Zeiten lese  so
ergreift mich eine Empfindung die sich nicht beschreiben lässt Was für ein Volk
muss das gewesen sein das solche Männer hervorbringen konnte als jene
Inscriptionen besagen Strabo und Pomponius Mela haben « Mir lief hier ein
kalter Schauer über die Haut Ich wartete seinen angefangenen Perioden nicht ab
 schob ihm für seinen Unterricht die Flasche zu die mir in Vergleichung der
andern nicht schmecken wollte setzte den Überrest der bessern die ich schon
halb im Kopfe hatte in den meines Huts  nahm ihn unter den Arm und taumelte in
mein Zimmer denn von allen Schwätzern lieber Eduard ist mir keiner so
zuwider als der mir Gelehrsamkeit auskramt während ich eine Trüffel schäle 
an dem Bein eines Haselhuhns klaube oder  wie hier der Fall war
vortrefflichen Wein schlürfe Das wäre eher ein Mann für unsern Freund G als
für mich  Wie würde ihn so ein Gesellschafter aufmuntern  ihm so eine
Mammilliaria behagen  Er 
    Der seine schöne Frau und ihre Jugendwächter
    Und seine Kinder kaum mit der Gewissheit kennt
    Als die verloschenen prätorischen Geschlechter
    Vom ersten Konsul an bis zu dem letzten Fechter
    Des abgelebten Roms und um ein Monument
    Vor Christi Kreuzigung sich aus dem Atem rennt
    Wie könnt er wohl dem bettelnden Lateine
    Wenn ihm das Sprüchelchen Steh Wandrer still und weine
    Ins Auge leuchtet  widerstehn
    Und einem Sarkophag und einem Leichensteine
    Aus Neros Zeit vorübergehn
    Für mich mag was sie will die graue Vorwelt lügen
    Im heuchlerischen Hang die Nachwelt zu betrügen
    War sie nicht ehrlicher als ihre Kinder nun
    Ich weiche beiden aus auf meinen Ritterzügen
    In Hoffnung von dem Kampf mit menschlichem Vergnügen
    Auch ohn ein Marmorgrab gemächlich auszuruhn
    Und hab jetzt genug mit mir und unter allen Krügen
    Mit einem Aschenkrug am wenigsten zu tun
    Stieg ich schon die Treppe unter solchen belebenden Gedanken hinauf so rieb
ich mir erst vor ausgelassenem Mutwillen die Hände als ich mich mit meiner
halben Bouteille ungestört allein sah  leerte sie vollends aus und klingelte
nach einer frischen Je leichter auch diese ward desto begeisterter fühlte ich
mich diesen herrlichen Wein zu besingen Ein Lächeln innerer Zufriedenheit 
ein sanfter Trieb allgemeinen Wohlwollens besonders gegen das gute freundliche
Geschlecht das mir immer im Sinne liegt durchwärmte mein Blut und in der
süßesten Schwärmerei stimmte ich das erste Trinklied an das mir je über die
Zunge gekommen ist O rief ich indem ich mein volles Glas gegen das Licht
hielt
O dass mir Bacchus nie den Quell
Von diesem Wein verstopfe
Und immerdar so rein und hell
Dein Gold o geistiger Lünell
In meinen Becher tropfe
Perlt nicht in deinem Wundersaft
Gleich einem Salbungsöle
Ein Opium der Leidenschaft
Ein Elixir  der Lebenskraft
Ein Labetrank der Seele
Wer deine Süße schmeckt wird nie
An Tyrannei erkranken
Beim Traume der Philosophie
Schwör ich dass Dohm28 und Beccarie29
Von diesem Weine tranken
O hätt einst unsern Frederic
Ein solcher Geist erheitert
Wär unter seinem Adlerblick
Wohl nicht mein ankerloses Glück
Im Sturm des Kriegs gescheitert30
Denn Mitleid schleicht bei dem sich ein
Den deine Trauben tränken
Es schäumt der Wunsch in deinem Wein
Freund seiner und der Welt zu sein
Und kein Geschöpf zu kränken
Euch die mit mir Ein Punkt der Zeit
Nach Einem Zwecke neiget
Ihr Grazien der Weiblichkeit
Euch sei der süße Duft geweiht
Der meinem Glas entsteiget
Mein liebes künftiges Geschlecht
Dem nur in diesem Wein bezecht
Ich froh entgegen gehe
Stoß an  Gott fülle mir so echt
Einst den Pokal der Ehe
    Indem flog die Tür auf und Margot mir in die Arme Ich hätte wohl
gewünscht dass sie eine Strophe eher gekommen wäre Sprachlos hielt sie mich
fest umschlungen und ich eben so sprachlos sie umschlingend bedeckte das
rührende Gesicht mit Küssen von dem zärtlichsten Gehalt Wir vergaßen uns in
dieser Szene des Wiedersehens so sehr dass keins den guten Johann der weniger
geschwind zugeflogen kam als seine leichtfüssige Frau eher bemerkte bis er
mich tränend bat dass ich auch ihm eine Hand reichen möchte Nun kam sie zur
Sprache  nun erzählte sie mir welche unverhoffte Freude ihr Bastians Besuch 
noch mehr aber die Nachricht von meinem Hiersein in ihrer nächsten Marktstadt
gemacht und wie sie mit eigenen Händen geholfen hätte die Esel zu satteln
damit wir nur recht bald zu unserm so gar guten Herrn kämen Ach Gott
unterbrach nun eins das andere wie unaussprechlich glücklich haben Sie uns
gemacht Eben noch so unbefangen in ihren Tändeleien als heute vor acht Wochen
machte sie mir wieder ganz warm ums Herz Mit welchem hellen Gelächter erinnerte
sie sich nicht unserer Wirtschaft zu Kaverac und gern hätte sie mich noch
einmal  wäre ich ihr nicht auf dem Dache gewesen  über den Strauchdieb auf dem
Fichtenberge abgehört Doch konnte ich ihren beiden lieben Händchen nicht
schnell genug wehren dass sie mir nicht ein paar Runzeln von der Stirn glättete
um nachzusehen ob mir nicht eine Narbe geblieben wäre »Johann« rief sie
»sieh nur her was mein Kräuterumschlag für Wunder getan hat Da ist auch nicht
die geringste Spur mehr von dem Kopfstosse zu finden«
    Ein fröhliches Abendessen das sich durch drei Flaschen des belobten Weins
bis weit über die Mitternacht ausdehnte vermehrte unsere Zufriedenheit Keine
Redoute kann eine Stadtdame so munter erhalten als es die kleine Margot während
unsers lieblichen Bankets war Erst bei der dritten Bouteille die ich und
Johann allein übernahmen wurden ihre naiven Einfälle einzelner  ihre Worte
abgebrochener und die zwanglose Natur wiegte sie endlich neben uns ein Ich
winkte ihrem Mann und half ihm sein müdes Weibchen in das Himmelbett tragen
das dem Schlafstuhle der mir nun übrig blieb ungefähr so nahe stand wie zu
Kaverac ihr Strohlager dem meinen Mein alter Kammerdiener konnte nun ohne ihre
Bescheidenheit zu beleidigen so viel zum Lobe seiner Lebensgefährtin
vorbringen als ihm sein Herz eingab Ich mochte wohl noch eine halbe Stunde
Teil an seinen Empfindungen genommen haben als auch mir die Augen zufielen
und Johann so leise als möglich um mich nicht zu stören die angebrochene
Bouteille unter den Arm nahm und zum Zimmer hinaus seiner Lagerstätte
nachschlich Das Opium des öligen Weins wirkte so stark dass der helle Morgen
schon lange über unsern Häuptern schweben mochte ehe nur eins von uns dreien
erwachte und das war ich Nun bitte ich Dich für einen Augenblick lieber
Eduard um ein freundliches Gehör Sage mir was würdest Du von einem Maler
halten der aus Furcht mehr zu sehen als sein Pinsel wieder zu geben vermag
sein Gesicht von einer paradiesischen Gegend in dem Augenblicke wegwenden
wollte wo die Nebel fallen  die Sonne hervortritt  Berg und Tal
überschimmert und sich ihm die schönste Perspektive der Natur eröffnet Deine
Antwort mag ausfallen wie sie will genug ich genoss lange  auf Gefahr
geblendet zu werden  diese eben so glückliche als kritische Lage auf meinem
Lehnstuhl Endlich wünschte ich mir die Schönheiten der Ferne um einige Schritte
näher  erhob mich leise von meinem Sitz und wollte eben meine süßen
Betrachtungen fortsetzen  als ein Blick auf die Wanduhr die anschlug mich
wie vom Donner gerührt neben Margots Bette niederstürzte  Jetzt dachte ich 
und Tränen löschten schnell die Flammen meiner Augen  jetzt tritt jene
tugendhafte Dulderin vor ihr Gitter  blickt wehmütig gen Himmel  und flehet
zu Gott um die Wohltat einer Zähre Segen über den Mann der zuerst der Zeit
eine Stimme gab Mit Betrübnis überblickte ich mein zagendes Herz  mit
Errötung die in aller Unschuld Schlummernde  erhob mich von meinen Knieen 
deckte mit dem Ernste eines väterlichen Freundes was zu decken war und nun
erst weckte ich sie Sie flog mir mit liebkosendem Frohsinn entgegen und auch
ich freute mich dass ich nicht ganz unwert war ihren Morgenkuss zu erwidern
»Willst du nicht deinen Mann aufsuchen Margot und unser Frühstück bestellen«
Voll jugendlicher Heiterkeit hüpfte sie mir sogleich aus dem Gesichte und ehe
ich noch ganz die meinige wieder erlangt hatte kam sie mit dem glücklichen
Sterblichen zurück der ihre Liebe besaß  Er trug eine Schaale mit Milch
herbei  sie ein Körbchen mit Obst  Es waren auch Pfirschen von den besten
Sorten  jedoch meiner jetzigen gesündern Einbildungskraft ohne Gefahr
darunter Bald nachher traf auch Bastian ein Ich zog ihn aus Achtung für die
Schwester mit an unsere runde Tafel Margot blieb freilich die Perle von der
Gesellschaft Doch gehörten die beiden andern Gäste auch nicht unter die
schlechten Feldsteine Jeder hat seinen Wert ob die Natur gleich keinen so
begünstigt hat wie jene die der Politur nicht bedarf um in den Schmuck einer
Königin aufgenommen zu werden Ich wollte indes doch nicht dass Du es in Berlin
herumbrächtest wie gemein ich mich wieder einmal gemacht habe Ich trug noch
der Kleinen viele Freundschaftsversicherungen an meine guten Wirtsleute zu
Kaverac auf  Gott lasse es ihnen wohl gehen Johann erbot sich mir von Zeit
zu Zeit Lieferungen von dem hiesigen vortrefflichen Muskatenwein nach Berlin zu
besorgen  »Und ehe der Sommer verläuft« fiel ihm seine Frau in die Rede
»erfüllen wir das Versprechen Sie selbst in Ihrer großen Stadt zu besuchen«
»Eins wie das andere«  erklärte ich ihnen dagegen »bitte ich euch anstehen zu
lassen bis ihr Nachricht von mir erhaltet  denn wahrscheinlich komme ich in
kurzem wieder in diese Gegend und lasse mich vielleicht gar wie es Johann
gemacht hat  häuslich hier herum nieder« Sie machten große fragende Augen 
ich hütete mich aber so schwatzhafte Leutchen tiefer in jenes Geheimnis sehen
zu lassen das ich vor dem Altar des Janustempels in den Schoss meines St
Sauveur nieder gelegt habe Sie zerflossen beide in Tränen als ich Abschied
nahm und ich und Bastian stiegen auch nicht mit trockenen Augen in den Wagen
Ich kam glücklich in den Postof vor Montpellier und was mir eben so lieb war
zeitig genug an um diese medicinische Mördergrube heute noch verlassen zu
können und wenigstens ein paar Stationen auf meinem Wege weiter fortzurücken
Was sollte ich noch einmal zu Fuß in die Chinawurzel wandern Ich bedurfte
keines Gastofs  mein Frühstück hatte mich hinlänglich gestärkt Ich schickte
also meinen Bastian ab um mit dem Wirte Richtigkeit zu machen  und setzte
mich so lange unter den schattigen Überhang meiner Chaise bis er von seinem
Geschäfte zurückkam Ein heimisch angenehmer Schauer des Eigentums flog mir
über die Haut  Die Stadt lag mir im Gesichte  ich hatte den Rücken frei und
dachte an mein Vaterland Wenn ich es nur erst wieder erreicht habe so
verschwöre ich Doch nein unterbrach ich mich erschrocken  den Meineid
gegen Agaten ohnehin bei Seite gesetzt wäre es noch immer ein höchst
verwegenes Gelübde  Denn ob mir gleich jetzt der Stein des Doktor Kämpf nicht
mehr auf dem Herzen liegt wer kann für die Zukunft  wer kann dafür stehen dass
du nicht auch einst als ein veralteter Kammerherr den elektrischen Funken
nachtappen musst die hier dem schönen Geschlecht wie bei uns den Katzen
entsprühen  Und wenn dich nun Agathe wovor Gott sei nicht möchte und dich
nun nach und nach bei zunehmenden Jahren die gute Gesellschaft zu Berlin von
ihren munteren Soupers als ein unbrauchbares Mitglied ausschlösse  was bliebe
Dir wohl zu deiner Erheiterung übrig als dich an eine zu halten die mit ihrer
Haut dafür steht und die man so viel ich weiß an keinem Orte in der Welt
antrifft als hier Ich machte also indem ich von dem Monte puellarum Abschied
nahm wegen meines Wiederkommens einige kluge Bedingungen und bei der letzten
Zeile des Akkords den ich zu meiner Erinnerung in die Schreibtafel eintrug war
Bastian wieder da und der Wagen bespannt
Wenn mich einst Husten Stein und Gicht
Aus jugendlichen Reihen jagen
An meinem hageren Gesicht
Melancholie und Schwindsucht nagen
In jenen unwillkommnen Tagen
Wo man das Ordensband das unsre Brust umrauscht
Den Sack voll Gold auf den der Erbe lauscht
Gern um ein Pflaster für den Magen
Und einen Kräutertee vertauscht
Nur Ärzte noch nach unserm Pulse fragen
Kein Kuss sich mehr an unsre gelbe Haut
Kein kluges Mädchen mehr an unser Bette traut
Und uns nur Schmerz und Missbehagen
Von einem Stuhl zum andern tragen 
Wenn mich des Landes Fett nun lange gnug genährt
Mein Fürst den ich erzog so sehr mein Alter ehrt
Und ihm Erholung gönnt dass er mit süßen Mienen
Doch mit dem Vorbehalt wenn es die Not begehrt
Sich meines treuen Rats noch ferner zu bedienen
Mich in dem Spiegelsaal zum Veteran erklärt
Wenn sein Heiduck nun jener Furche lächelt
Die meine weise Stirne zieht
Und die Prinzess sich stärker fächelt
Je näher sie mich kommen sieht
Belebter nun der Hof mit neuen Müssiggängern
Sich ohne mich um seine Axe dreht
Um mich herum die Schatten sich verlängern
Und mein Gestirn das jetzt im Mittag steht
Den Kreis verlässt und untergeht 
Wenn Wielands ausgespielte Flöte
Nun auch nicht mehr die schlaffe Seele rührt
Und mich nicht mehr die Abendröte
Nach Amatunt in unsers Göte
Geheime Myrtenwäldchen führt 
Und wenn auch Dir der mir um eine Stufe
Des Lebens dem vertrauten Rufe
Des Todesengels näher steht
Manch Lüftchen schon aus Platons Haine
Die Wettgesänge der Gemeine
Die Deiner harrt entgegen weht
Wenn auch nun Du mein Leukon31 in den Frieden
Der Seligen hinüber eilst
Die Nebel die den Lebensmüden
Vom Äther der Verklärten schieden
Mit Deiner Rechten schon zerteilst
Nur mit der Linken noch hienieden
An Deines Freundes Brust verweilst
Wenn Dir schon lächelnd auf der Schwelle
Der Ewigkeit das neue Licht
Wie Deine Tugend rein und helle
Mit Jubelglanz entgegen bricht
Dein Mund mich küsst und sterbend spricht
Er war mein Freund mein trautester Geselle
In Scherz und Ernst trotz seiner Schelle
Ihr Seligen ach trennt uns nicht
Dann schließe deine engste Gasse
Der dickste Duft von deinen Spezerein
Bis ich einst ganz die Mumie dir lasse
O Montpellier mich Abgelebten ein
Dein Hundsstern sauge noch die letzten Lebenssäfte
Mir aus und leuchte mich in mein willkommnes Grab 
Nur jetzt da noch viel fröhliche Geschäfte
Mich weiter ziehen und alle meine Kräfte
Mir nötig sind lass von mir ab
 
                                    Fußnoten
1 Das Schiff Vengeance
2 Es gibt zwei Medaillen die auf Voltairen geschlagen sind davon die eine den
20ten Febr die andere den 20ten Nov 1694 als seinen Geburtstag angibt
Palissot in seiner Eloge hält den ersteren Datum für den richtigen so auch die
Kaufleute zu Nantes die obiges Schiff ausgerüstet haben
3 Discours à mon vaisseau
4 Dies Wortspiel brauchte Voltaire wenn er von Frerons Année litter sprach
5 Der Autor dieses Tagebuchs kann wohl die Wahrheit seiner Erzählung nicht
besser belegen als durch das unverwerfliche Zeugnis des Geschichtsschreibers
Papon eines von den Vätern des Oratorii zu Marseille Wenn er die Schlussfolge
derselben die er dem Leser überlässt mit Stillschweigen übergeht so ist diese
Zurückhaltung nur seinen Verhältnissen zuzuschreiben In seiner Histoire
litteraire de Provence die 1780 zu Paris erschien heißt es   Ludewig der
Dreizehnte hatte schon drei und zwanzig Jahre in einer kinderlosen Ehe gelebt
als eines Tages der Bruder Fiacre ein Barfüsser Gott um Fruchtbarkeit für die
Königin anflehte Die heilige Jungfrau sagt man erschien ihm am 3 November
1637 und versicherte ihn dass sein Gebet erhört wäre doch mit dem Zusatze dass
die Königin ihr dreimal neun feierliche Messen und zwar neun davon in der Kirche
ULF der Gnaden in der Provence sollte halten lassen Zum Beweise dass sein
Gesicht keine Täuschung wäre zeigte sie sich dem Bruder Fiacre so wie sie auf
dem obgedachten Gemälde vorgestellt ist Der König und die Königin schickten
diesen Mönch nachdem sie die Nachricht von jener Erscheinung aus seinem eigenen
Munde vernommen hatten in die Provence um zu sehen ob die heilige Jungfrau
wirklich daselbst so abgemalt wäre wie sie ihm seinem Vorgeben nach
erschienen war Zugleich erhielt er den Auftrag wenn es sich so verhielte neun
Messen in der obgedachten Kirche lesen zu lassen Es traf alles mit der
Beschreibung die der Bruder Fiacre von seinem Gesichte gemacht hatte überein
er leistete was ihm aufgetragen war  und die Königin kam am 5 September 1638
mit Ludewig dem Vierzehnten nieder Sie ließ es ihre erste Sorge sein der
heiligen Jungfrau ihre Dankbarkeit zu bezeigen und schickte den Bruder Fiacre
mit einem Gemälde nach der Kirche ULF zur Gnade auf welchem der junge Prinz
vor der Mutter Gottes knieend vorgestellt ist In der Folge machte sie eine
Stiftung zu sechs Messen welche auf ewige Zeiten in dieser Kirche gelesen
werden sollten Zuletzt wallfahrte sie im Jahr 1660 mit ihren beiden Prinzen zu
dieser Kirche und Ludewig der Vierzehnte weihete bei dieser Gelegenheit der
heiligen Jungfrau sein blaues Ordensband welches noch jetzt sorgfältig dort
aufgehoben wird so wie er ihr auch in der Folge seinen Heiratstraktat mit der
Infantin Maria Teresia und den pyrenäischen Friedensschluss prächtig eingebunden
überschickte usw Man vergleiche damit noch die Stellen die der Verfasser des
Tagebuchs aus dem Leben des heiligen Fiacres ausgezogen und weiter hin angeführt
hat
6 Il y a dans la Nubie un oiseau nommé Fonton de la grosseur dune alouette
lequel ayant decouvert dans les bois quelque chose de remarquable vient voler
autour des gens et ne les quitte point jusquà ce quils se mettent à la suivre
Quand on est arrivé au lieu quil veut indiquer il sarrête et se perche sur un
arbre où il commence à chanter et lon na quà chercher tout à lentour pour
trouver bientôt ce quil a voulu montrer Mais il faut se donner garde de faire
cette perquisition désarmé car si on y trouve quelquefois des abeilles ou du
gibier on y rencontre aussi souvent quelque gros serpent ou quelque bête
féroce comme un bufle un tigre un leopard etc
                                            Description de lAfrique par Dapper
p 258
7 Vermutlich ein Wortspiel mit dem Namen La Fayette
                                                                Anm d Herausg
8 Hier zeigt sich dass die Gedankenstriche keine neuere Erfindung sind
                                                               Anm des Herausg
9 Die Entdeckung die hier der Reisende schon vor fünf und zwanzig Jahren in
seinem Tagebuche entwickelte scheint so wenig mehr in Frankreich bezweifelt zu
werden dass man jetzt sogar das Gemälde jenes verlarvten Bruders Ludewig des
Vierzehnten in Lebensgröße als Schild eines Kaufladens in der rue Koquillere zu
Paris mit folgender Unterschrift ausgestellt sieht
Du repos des états déplorable victime
Le sort courba son front sous trente ans de revers
Ce jouet du malheur etoit lenfant du crime
Il naquit sur le trône et mourut dans les fers
10 Obgleich Ludewig der Dreizehnte bei der Geburt des ihm von Gott geschenkten
Sohns ungläubig den Kopf schüttelte so hat er doch schwerlich den wahren Vater
hinter der Kutte des heiligen Fiacre und so wenig vermutet als die vielen
SchriftstellerA1 die auf einen andern rieten Der Autor dieses Tagebuchs
schmeichelt sich der erste gewesen zu sein der ihm seinen verdienten Platz in
der französischen Geschichte anwies
11 König von England starb 901 einer der besten Menschen und Monarchen die je
gelebt haben
12 Kanut der Große König von Dänemark der 114 Jahre nach jenem England
eroberte
13 SJ de Nevisan  Sylva nuptialis
Meinem verschwiegenen Leser zu gefallen will ich ihm doch dies Richtscheid zur
Beurteilung einer schönen Frau in den eigenen Worten des Verfertigers bekannt
machen
Triginta haec habeat quae vult formosa vocari
Foemina sic Helenam fama fuisse refert
Alba tria et totidem nigra et tria rubra puella
Tres habeat longas tres totidemque breves
Tres crassas totidem graciles tria stricta tot ampla
Sint ibidem latae sint quoque parva tria
Alba cutis nivei dentes flavique capilli
Nigri oculi cunnus nigra supercilia
Labia genae ungues rubri sit corpore longa
Et longi crines sit quoque longa manus
Sintque breves dentes auris pes pectora lata
Et clunes distent ipsa supercilia
Cunnus et os strictum stringunt ubi singula stricta
Sint ora et culus vulvaque turgidula
Subtiles digiti crines et labra puellis
Parvus sit nasus parva mamilla  caput
Cum nulli aut rari sunt haec formosa vocari
Nulla puella potest nulla puella prodest
14 Lat Orata  war bei den Griechen als Symbol der belebenden Schönheit der
Venus gewidmet
15 Wegen seiner vielen Augen ähnlichen Flecken so genannt
16 Scomber Tynnus  der Diana geweiht wurde bei hochzeitlichen Gastereien als
Sinnbild ehelicher Treue aufgesetzt
17 Drei unserer vorzüglichsten Gottesgelehrten und Kanzelredner
18 In der herrlichen Sammlung anatomischer Präparate des Hrn Cruikshank zu
London befindet sich eine wohlgeratene injicirte Auster in welcher das Herz
dieses Tieres zu sehen ist S Schäffers Briefe 1tes Bändchen S 243
19 Teton de Venus
20 La große  la petite Madelaine
21 Auch eine Art Pfirschen
22 Eine in Asien einheimische kühlende vortreffliche Frucht
23 Was kann die Natur bei der Ausbildung dieser unverschämten Nuss für eine
Absicht gehabt haben Ehemals wurde sie von großen Herrn oft mit mehreren tausend
Talern bezahlt In neueren Zeiten ist sie im Preis gefallen Eine ziemlich treue
Abzeichnung von ihr findet sich in Sonnerats Reisen nach Neuguinea
24 Kriton erwarb sich den bittersten Undank von seinem Bruder Trasyllus da er
ihn von dem süßen Wahnsinn dass alle Schiffe im Hafen sein wären heilte und zu
der traurigen Gewissheit zurückbrachte dass es nicht wahr sei Mir fällt das
Beispiel manchmal ein wenn ich auf Recensionen gewisse Antikritiken lese
25 DonQuixote
26 Dass so ein Gebetbuch meinen Gedanken einen großen Spielraum einräumt mag
folgende Stelle daraus beweisen Transportée sur une montagne et dans une
chambre où je fus reçûe par Jesus Christ Je démande pour qui étoient les deux
lits que jy voyois En voilà un pour ma mère et lautre pour vous mon épouse
Je vous ai choisie pour être ici avec vous
27 Ein im Jahre 1745 verstorbener vortrefflicher Arzt Vater des noch lebenden
Philosophen gleichen Namens in Leipzig
28 Dohm der sich der Juden in einer kräftigen Schrift angenommen
29 Beccaria der durch sein bekanntes Werk Über Verbrechen und Strafen der
Menschlichkeit unendliche Dienste geleistet hat
30 Als 1745 die Preussische Armee in Kursachsen eindrang ward das Familiengut
des Autors Schönfeld bei Leipzig geplündert die Hofgebäude niedergeschossen
das Vieh erstochen usw
31 Herr Kr St E Weiße dessen Hochzeitfest H Prof Rammler in der schönen
Ode An Hymen unter diesem griechischen Namen feierte
A1 Siehe Siecle de Louis XIV pm 258 in den Oeuvres de Voltaire und an
mehreren Stellen Auch kann man die Nachrichten des Abbé Soulavie in dem 6ten
Bande der Memoires de Richelieu  und Mihiel  Le véritable homme etc mit
einander vergleichen In letzterem finden sich auch gute Nachrichten über die
Kammerfrau der Königin  Beauvais p 136146 so wie über die Gewitternacht die
es unnötig machte den zweiten Prinzen zu verheimlichen
 
                                     Agde
                                                                  Den 1ten März
»Wie hoch kommt Ihnen die Berline zu stehen« fragte mich der Postmeister in
Montpellier zu seinem Fenster heraus als ich eben abfahren wollte  »Ach  das
« antwortete ich  »kann ich erst dann berechnen wenn sie mich an unsern
gemeinschaftlichen Geburtsort gebracht haben wird« »Wie«  fing er meine Worte
auf  »so wäre der Herr wenn ich recht verstehe wohl gar ein Landsmann
Friedrichs des Großen« »Ja ja« unterbrach ich ihn  »ich kann es nicht
leugnen mich aber noch weniger deshalb hier aufhalten lassen Hätte der Herr
Postmeister nach dem merkwürdigen Passagier sich umsehen mögen der nun seit
einer langweiligen Stunde seine Berline geschaukelt hat wahrscheinlich würde er
ihm von dem Sieger bei Rossbach viel erwünschteres erzählt haben als der Pariser
Publicist der in jedem Blatte sein nahes Ende ankündiget um denke ich in den
folgenden sich noch oft aufs Maul zu schlagen so Gott will Lebe der Herr
wohl«
    Der Name meines Wagens fiel mir aus dem Munde des Franzosen zum erstenmal
sonderbar ins Gehör  erinnerte mich an den geschickten Sattler der ihn so
tüchtig gebaut hatte dass er unter meinem Reisegeräte gewiss das einzige Stück
ist das dem Auslande keinen Sous für Reparatur abgeworfen hat und so ganz
deutsch wieder zurückkommt als ich kaum von mir selbst zu rühmen wage
    Es ist wohl nichts der Aufmerksamkeit auf Reisen so sehr entgegen als ein
heimischer Gedanke so unbedeutend er auch sein mag die Station wo er sich
anhängt ist gewiss für unsere Bemerkungen verloren Dies war der Fall wenigstens
bei mir Ich gab über meinen braven Sattler weder auf den Weg der vor mir lag
noch auf die Eigenheiten der Landschaft oder sonst etwas Acht und griff meinem
körperlichen Einzuge in Berlin mit einer so geistigen Abwesenheit vor dass ich
wie ein elektrisches Fluidum die mehr als hundert Meilen dahin in einem
Augenblick zurücklegte und mich auf einmal an dem Brandenburger Tore befand
Der wachhabende Offizier stand kerzengerade vor mir forderte mir mein
Signalement ab und ich schickte ihm dagegen die Frage zu wie sich unser
geliebter König befände Er gab mir die besten Nachrichten freute sich übrigens
meiner Bekanntschaft und entließ mich
    Mit lachendem Herzen fuhr ich nun die Gasse hinauf warf einen freundlichen
Blick bald aus dem rechten bald aus dem linken Schlage nach diesem oder jenem
Fenster meiner Freundinnen und Freunde und  Halt rief ich halt sobald ich
den Giebel meiner Wohnung ansichtig ward Wie flog ich zu der Haustür hinein 
die Treppe hinauf und wie herzlich begrüßte ich nun die wiedereroberte kleine
Welt meines Zimmers
    Ich hatte kein geringes Vergnügen als mir mein Wandspiegel jetzt eine ganz
andere Figur als jene gekrümmte und hohläugige zurückwarf die vor fünf
Monaten seufzend seiner verräterischen Oberfläche vorbeizitterte Der neue
Kunstschnitt meines Haars  das air aisé  das je ne sais quoi  die ich über
den Rhein her mitbrachte hielten mich so lange fest auf meinem reizenden
Standpunkt bis Bastian mit meinen Kisten anrückte Das Ausschälen Abstecken
Aufschnüren und Entwickeln  nimm es in einem Sinn in welchem Du willst  hat
mir von jeher unendlichen Spaß gemacht Es hängt eine gewisse innige Erwartung
daran die das Gemüt oft angenehmer bewegt als es die Herrlichkeiten selbst
tun wenn sie ausgepackt da liegen
    Wie zitterten meine Hände als sie das Kästchen mit den so merkwürdigen
Fensterscheiben öffneten und ich sie nun unbeschädiget in meine Sammlung
einschichten und den Handelskontrakt mit dem Glaser der Bastille dazu legen
konnte Weit länger und ängstlicher sah ich mich nach einem sichern Ort in
meinem Weichbilde für die Kriminalakten des heiligen Fiacre um ehe ich mich an
das geheime Fach meines Schreibtisches erinnerte in welchem  ach meine
eigenen ehemaligen LiebesDokumente verwahrlich niedergelegt sind und eben
wollte ich damit nicht etwa ein Unberufener dazwischen käme und meine
Schleifwege entdeckte die Tür verriegeln  als mir Agde  der Golf von Lion
und nicht weit von seinem Ufer ein Bollwerk ins Gesicht schimmerte das über
einem schäumenden Strudel hervorragte »Wie heißt jene Burg« war das erste
Wort das ich an den Postillion verlor und es verzinste sich gut »Brescau«
antwortete er »Sie haben doch wohl von den berühmten Leckerbissen der dortigen
Muscheln gehört« Ich schüttelte den Kopf  »Nun so werden Sie diesen Abend mit
großem Behagen ihre Bekanntschaft machen Der Felsen um welchen diese
Schaltiere einheimisch sind versorgt die Wirtshäuser in Agde überflüssig
damit denn ihrer Zartheit wegen können sie nur an Ort und Stelle genossen und
keine Meile weit verschickt werden« »So« sagte ich verwundert  »dies Produkt
macht also von vielen andern der französischen Natur eine ganz eigene Ausnahme
 Die Gebäude da oben sind sonach wohl Fischerhütten« »Wollte Gott sie wären
es« erwiderte mein Führer  »Nein mein Herr es sind Wachtäuser einiger
Invaliden die den bequemsten Ehrenposten von der Welt die Aufsicht nämlich
über das Staatsgefängniss haben das in jene Felsenmasse gehöhlt ist Ein Wink
des Monarchen  mehr braucht es nicht  sondert hier vornehme Schuldige wohl
auch wofür Gott sei unschuldig Verdächtige von der Gemeinschaft mit der
übrigen Welt ab und gewiss kann die Natur in ihrem Umkreis keine bessere
Gelegenheit darbieten um jedes Leben in Vergessenheit zu bringen Gott erbarme
sich der armen Verkerkerten die hier in der Tiefe des Meeres atmen« »In der
Tiefe des Meeres sagst du Ich will doch nimmermehr hoffen dass die dort
anprallenden Wellen an ein menschliches Ohr schlagen« »Nicht anders mein Herr
Der Gefangene sobald er jenen Gipfel erreicht hat wird gleich darauf so tief
herab als er hoch gestiegen ist an Seilen wie in einen Schacht
heruntergelassen und seine Laufbahn ist geendet Niemand kann Zahl und Namen
dieser Versunkenen angeben die weiß nur der König vielleicht auch der nicht
aber nach den Nahrungsmitteln die täglich einer von der Besatzung aus dem
Bürgerspital abholt können ihrer nicht so gar wenig sein«
    »Im Frühling vorigen Jahres traf sichs dass ich eben hier vorbeikam als ein
solcher Unglücklicher aus der Welt gestoßen wurde Der PolizeiWagen hielt nicht
weit vom Ufer zwei von der Wache öffneten ihn und übernahmen den Gefangenen«
    »Verkappt und gefesselt brachten sie ihn in ein Fahrzeug Der Herr
Engländer dem ich vorgespannt hatte befahl mir zu halten stieg aus und
näherte sich der Szene mit seinem Fernglas Ich brauchte das nicht um den
Vorgang eben so deutlich zu bemerken als Er In ungefähr zehn Minuten landete
der Kahn zwischen den zwei Klippen die dort  sehen Sie  den Platz zum
Einlaufen bilden und nun kam uns der Verhüllte noch fünfmal auf der Freitreppe
die rund um den Felsen in einer Spindellinie bis zu seiner Spitze aufsteigt ins
Gesicht Es lief mir eiskalt über die Haut als ich ihn den letzten Schritt tun
und bald nachher von der Oberfläche der bewohnten Erde verschwinden sah Mein
englischer Passagier ballte voll Ingrimm die Faust gegen den PolizeiWagen als
er vor uns her nach der Chaussée lenkte setzte sich fluchend in den seinen
und ließ mich nicht zu Atem kommen bis ich jenen eingeholt und ihm aus den
Augen gebracht hatte ich aber betete indes ein Ave Maria für den armen
Verstossenen und die heilige Jungfrau hat mirs vergolten«
    »Wie so lieber Freund« fragte ich neugierig »Weil ich« antwortete der
brave Kerl »von der Stunde an ein ganz anderer viel besserer Mensch geworden
bin als ich sonst war Denn während ich bei dem Fort vorbei meine müden Pferde
wieder nach Hause ritt ein gutes Trinkgeld in der Tasche hatte und meinen
Kittel von der lieben Abendsonne vergoldet sah  ach wie hoch schlug mir das
Herz wie viel gute Entschließungen fasste  und wie verdammte es nicht die
gottlose Unzufriedenheit die sich sonst immer mit mir auf den Gaul setzte Ich
habe seitdem mein Tagewerk lieb gewonnen so mühsam es auch sein mag und will
mir ja einmal mein trockenes Brot nicht zu Halse so brauche ich nur um es mir
schmackhaft zu machen an den armen Herrn zu denken der kein besseres im Grunde
des Meeres verschlucken muss Wie mag er die vielen freundlichen Stunden die
indes über seiner Finsternis verlaufen sind in welcher Seelenangst mag er sie
nicht verseufzt haben Wie würde er Gott loben und danken wenn er an meiner
Stelle  ach an der Stelle meines Sattelpferds wäre« Hier zog er sein
Schnupftuch heraus wischte sich die Augen und schwieg »Bitte«  zischelte ich
Bastianen zu  »den guten Menschen diesen Abend bei dir zu Tische und lass ihm
nichts abgehen« ihn aber bat ich einige Augenblicke zu halten weil ich
aussteigen und doch das Fort aufnehmen wolle wo die seltenen Muscheln gefunden
würden »Tun Sie was Ihnen gefällig ist« war seine Antwort »ich mag nichts
davon wissen doch nehmen Sie Sich in Acht dass die Abzeichnung Ihnen an der
Grenze keinen Verdruss zuzieht« Ich ging setzte mich der Feste gegen über auf
den Rasen und trug den Abriss von ihr auf ein Pergamentblatt meiner Schreibtafel
über Als ich damit fertig war und zu meiner Berline zurückkam zeigte ich den
beiden Zurückgebliebenen meine artistische Arbeit ich weiß eigentlich selbst
nicht warum denn Kunstverstand konnte ich doch wohl bei keinem voraussetzen
Der Postknecht drehte das Pergament nach allen Seiten »Nein« gab er es zurück
»die Zeichnung brauchen Sie nicht versteckt zu halten die wird die Festung
nicht verraten« Mein Kammerdiener benahm sich schon feiner »O ja« sagte er
nach vieler Überlegung »Ihre Abbildung« indem er einigemal nach dem Original
hinblickte »dächt ich wäre sehr richtig Das hier nicht wahr stellt den
Strudel  jenes das Wachtaus diese Linie den Weg und diese Striche den
Gefangenen und seine Begleiter vor Als ein Avant la lettre bringen Sie das
Blatt ganz sicher über die Grenze  denn ein solches  wer versteht es aber
nachher  ja da würde ich selbst für den Schlag Menschen als unser Postillion«
raunte er mir listig ins Ohr  »zu einer schriftlichen Erklärung raten« »Lass
es gut sein Bastian« lachte ich ihm ins Gesicht doch benutzte ich seinen
Wink sobald ich ins Wirtshaus kam und setzte die paar Zeilen unter meinen
Entwurf
    Stolz steigt der Fels in die Luft trotzt in dem Orkus gegründet
    Dem um ihn tobenden Meer dem ihn umkreisenden Blitz
    Sein kahler Gipfel bekränzt von Nebelwolken verkündet
    Verlassen von der Naturder Rache scheusslichsten Sitz
    Ein ehern Schneckengewind des steilen Stufengangs schraubet
    Zu seinem ernsten Gericht den Ausgestossnen hinan
    Den unter wütender Angst der letzten Hoffnung beraubet
    An ihrem furchtbaren Thron die Eumeniden empfahn
    Einst unser Bruder  und jetzt von seinem bösen Geschicke
    Belastet schwankt er einher zum Missetäter entstellt
    Weint und verzweifelt und wirft noch drei entsetzliche Blicke
    Gen Himmel  über das Meer und in die Lauben der Welt
    Dann stürzt des Herrschers Gebot mit der Vergessenheit Fluche
    Ihn in die Bergkluft hinab und mitternächtlicher Graus
    Umschlingt als Leichentuch ihn und löscht im freundlichen Buche
    Des Lebens seinen Vertrag mit Zeit und Menschenglück aus
    Jetzt da ich meine poetische Beschreibung überlese die fast einem
BauAnschlag gleich sieht sollte mir wohl banger um sie werden als um meinen
Grundriss denn jene könnte eher als dieser einen von unsern ruhmbegierigen
Architekten auf den Einfall bringen sich durch Erfindung eines ähnlichen
Gefängnisses   Spandau etwa gegen über  ein bleibendes Verdienst um den
Staat zu erwerben Nur wüsste ich nicht was er dort den Vorbeireisenden zur
Besänftigung ihres empörten Gefühls an die Stelle der gepriesenen Muscheln
vorsetzen könnte die mich diesen Abend ziemlich der Natur wieder näherten mit
der als Vermittlerin der ausgesuchtesten Tyrannei ich schon drauf und dran war
zu zanken
    Erklärte es der Hunger nicht einigermaßen der seit dem Frühstück mit der
kleinen Margot mir immer heftiger zusetzte so wäre es unbegreiflich wie eine
Leckerei aus der Nähe einer solchen Marterkammer den schreckhaften Eindruck
derselben in dem Grade schwächen konnte dass mir auf die letzt die armen
Menschen die dort schmachten nur noch als entfernte Freunde vorschwebten auf
deren Gesundheit man sich leicht einen Rausch trinkt da unser machtloses
Bedauern wenn sie auch noch so unglücklich wären ihre Tränen nicht
abtrocknen und unsre strengste Kasteiung ihre Leiden nicht heben kann
 
                                    Beziers
                                                                  Den 2ten März
Wie freute ich mich als ich diesen Morgen Agde verließ auf den Ort den ich
nun erreicht habe
    Jeder unsrer Geographen die ich über meine Reise zu Rate zog zeichnet ihn
durch eine Sentenz aus die wäre sie erwiesen Jerusalem und alle Hauptstädte
der Welt demütigen müsste Wenn Gott sagen sie auf Erden wohnen wollte würde
er Beziers zu seinem Aufenthalt wählen Die Herren welche in ihre auf gut Glück
zusammengestoppelten Nachrichten diese französische Hyperbel mit deutscher
Arglosigkeit aufnahmen können sie in den neuen Ausgaben ihrer Handbücher auf
mein Wort weglassen
    Ich erkläre sie geradezu für eine Gotteslästerung indem ich nicht nur dem
höchsten Wesen alle die Eigenschaften, die ihm unser Katechismus beilegt
sondern auch guten Geschmack in einer Vollkommenheit zutraue die so sehr als
jeder andere Gedanke von seiner Größe weit über unsere Vernunft geht
    Langmütiger vergib dem kleinstädtischen Gesindel ihren Bürgerstolz so
einfältig sie ihn auch an den Tag geben
    Der Weg den ich von meinem Nachtlager bis zu dem wackeligen Schreibtisch
zurückgelegt habe vor dem ich alleweile auf einer breternen Bank sitze
verdient jedoch eine ehrenvolle Erwähnung
    Die treffliche Chaussée die sich durch eine dürre undankbare Landschaft
schlängelt kommt dem Reisenden  Fußgänger nehm ich aus  aufs beste zu
Statten Er hat nicht Zeit Langeweile zu haben Sein fortrollender Wagen hat
schon alle unangenehme Gegenstände überflogen ehe das Auge sie fassen kann So
gelangt er  zwar mit drehendem Kopfe doch ehe er sich umsieht an das
Stadttor das nicht nur gerade nach dem zweiten zu dem man wieder hinausfährt
sondern auch nach dem einzigen Wirtshause hinweist das Fremde aufnimmt Diese
kluge Anlage befördert die Übersicht des schönen Ganzen in einem Augenblick
Meine Neugier war auch schon vollkommen befriediget als ich den Gasthof zum
Ortolan am Ende des Städtchens erreicht hatte
    Hier lag nun die Aussicht auf den fortlaufenden Steinweg der nächsten
Station zu offen da um mir nicht Lust zu machen meine Morgenreise sogleich
fortzusetzen
    Da rückte mich aber der Wirt aus meiner bequemen Lage und lud mich zum
Frühstück auf einen Spieß der seltenen Vögel ein von denen einer auf seinem
Schilde gemalt stand So etwas lässt sich nun freilich nicht ausschlagen Der
Mund lief mir voll Wasser Ich stieg aus und bestellte die Postpferde nach
Verlauf einer Stunde Diese Eile kann ich mir nicht anders vorstellen muss den
spitzbübisschen Kerl beleidigt haben denn ohne zu entscheiden ob er mir
Sperlinge oder Finken vorgesetzt hat wollte ich doch wenn es Not hätte vor
Gerichte beschwören dass es keine Ortolane waren Ich hatte an dem Versuche
eines einzigen Flügels genug schob die Schüssel mit Ekel von mir und »Glaubt
der Herr Wirt« fuhr ich ihn an als er mit schrumpfigen Mandeln zum Nachtisch
hereintrat »dass man einem Deutschen alles weiß machen kann Hol Euch dieser
und jener mit Euren Ortolanen und Eurem gotteslästerlichen Städtchen« Ich hätte
gern meine Worte wieder zurückgehabt denn kein elender Skribler der
heisshungrigen Lesern unter dem Titel eines komischen Romans ein Buch in die
Hände spielt bei dem ihnen das Lachen vergeht kann sich ungeberdiger gegen die
gelehrten Verräter seines Betrugs benehmen als sich der Mann gegen meine
unparteiische Recension seines Geflügels auflehnte
    Nun setzt wohl nichts mehr die Galle in Bewegung als wenn solch ein
Unverschämter dessen elende Kost wir eben erprobt haben den Stein der ihn
treffen sollte nach uns zurückschleudert und zu seiner Rechtfertigung unsern
Geschmack verdächtig zu machen sucht wie es sich dieser Sudelkoch gegen meine
feine Zunge herausnahm Bitter und böse über seine so beleidigende Gegenrede
wollte ich eben Bastianen rufen und noch einmal auf die Post jagen als ich in
der Türe einem Quidam entgegen rennte der im Begriff war anzuklopfen »Um
Vergebung  ich habe mich geirrt« stotterte er »ich sah vor dem Hause eine
Berline stehen und dachte sie gehöre einem Herrn zu den ich täglich und
stündlich erwarte dem Sekretär des Herzogs von Bedfort für dessen Gallerie ich
ihm  Lassen Sie Sich nicht stören mein Herr  einen Titian verkauft habe«
    »Ich weiß nicht was ich von seinem Ausbleiben denken soll Er hat mir
nichts auf den Handel gegeben und die Zahlungsfrist ist nun schon vor drei
Wochen verlaufen« Meine runzlige Stirn klärte sich auf »Treten Sie doch näher
mein Herr« nötigte ich ihn in das Zimmer »mit wem habe ich denn die Ehre zu
sprechen Handeln Sie mit Gemälden« »Nein« sagte der freundliche Mann »ich
bin hier geschworner Notarius« »Einen Titian sagen Sie«  »Ja« erwiderte er
»eine Venus von ihm und sicher aus seiner besten Zeit Sie ist als Fideikommiss
auf mich gekommen ob sie aber nach einer alten Tradition dieselbe ist vor
der Karl der Fünfte den Pinsel aufhob will ich nicht mit Gewissheit behaupten
ungeachtet schon mehrere Kenner die warme Stelle haben angeben wollen wo er dem
Maler von allzustarkem Enthusiasmus entschlüpft sei« »Der erste Umstand« sagte
ich lächelnd »würde für den Wert des Bildes auch wenig beweisen Große Herren
heben oft Pinsel aus dem Staube die es nicht verdienen und lassen bessere
liegen die sie aufheben sollten Das sind zufällige Dinge auf die sich ein
wahres Genie nichts zu Gute tut und die selbst als Anekdote in der Geschichte
der Kunst von keinem Belang sind Die Gemütsbewegung des Künstlers hingegen
von der Sie sprachen wäre schon bedeutender Aber dürfen Sie denn mein Herr
ein Fideikommiss veräussern«
    »Die Verbindlichkeit seiner Erhaltung« erklärte er mir etwas weitschweifig
»hört den Gesetzen gemäß bei dem letzten Nachkommen des Erblassers auf Nun
kann ich zwar die Familie noch nicht für erloschen ausgeben da mir eine Tochter
geblieben ist die den besten Willen hätte sie fortzusetzen wäre ihrem Freier
nur mit einer bloß gemalten Ausstattung gedient Indem ich aber von dem wenigen
Meinen außer diesem Kunstwerke durchaus nichts entübrigen kann so tritt die
Rechtsfrage ein ob ein Vater in meinem Falle seine einzige Tochter der Gefahr
ihren Bräutigam zu verlieren aussetzen oder ihrem nicht unbilligen Verlangen
nachgeben soll das Bild der Liebe der Wirklichkeit aufzuopfern Ich habe den
Zweifelsknoten als Rechtsgelehrter erst auf allen Seiten betrachtet und ihn
endlich als ein zärtlicher Vater gelöst«
    »Denn kann auch sage ich das herrliche Gemälde nach seinem Verkauf nicht
auf die künftigen Leibeserben meiner Tochter übergehen so müssten sie doch sage
ich vor den Kopf geschlagen sein wenn sie mich deshalb in Anspruch nehmen
wollten da ich doch ehrlicher Weise ihnen zu ihrem Dasein nicht anders
verhelfen kann«
    Ich machte dem schwatzhaften Mann so viele schmeichelhafte Komplimente über
die Bündigkeit seiner Deduktion und wusste zugleich meine in Geheim
aufsteigenden Wünsche so geschickt durch die sehr wahrscheinlichen der
bedrängten Schönen zu unterstützen dass ich ihm bald genug die Erklärung an der
mir am meisten lag abgelockt hatte »er wolle nun auch keinen Tag länger auf
den saumseligen Bezahler lauern wenn sich ein Liebhaber fände der in seinen
Kauf träte« »Und auf wie hoch wenn ich fragen darf haben sie ihn
abgeschlossen« »Auf tausend kleine Taler« erwiderte er »eine mäßige Summe
für einen Titian der so gut erhalten ist als es ein Fideikommiss nur sein kann
aber wie gesagt die bängliche Lage meines armen Kindes«  »O diese« fiel
ich ihm ins Wort »könnte wohl selbst einen so zärtlichen Vater vermögen noch
etwas von jenem Preise nachzulassen wenn er baares Geld sieht Nicht wahr« Er
zuckte mit den Achseln »Nun darüber« fuhr ich fort »lässt sich noch sprechen
wenn Sie mir erlauben Ihnen und der Venus meine Aufwartung zu machen« »Viel
Ehre für beide« verneigte er sich »So darf ich Ihnen wohl folgen« fragte ich
»denn länger als eine gute halbe Stunde kann ich mich hier nicht aufhalten«
»Das tut mir leid« entgegnete er »und ich kann sonach Ihnen nur noch eine
glückliche Reise wünschen weil ich vor drei Uhr nicht wieder zu Hause sein kann
 nötiger Geschäfte wegen« »Das« besann ich mich »lässt sich wohl noch
vergleichen Die meinigen sind nicht so dringend um darüber einen schönen
Anblick aufzugeben Ich darf ja nur die Postpferde später bestellen Nach drei
Uhr also lieber Herr Notar will ich mich einstellen«
    Er nickte mir bloß mit dem Kopfe zu ergriff verdrießlich seinen Hut und
ging Unter der Tür drehte er sich noch einmal nach mir um »Wenn Sie lange
Weile haben und wollen unterdes bis ich zurückkomme meiner Tochter
zusprechen so steht es bei Ihnen Die Venus aber kann Ihnen freilich ein
Mädchen nicht aufdecken Der Kellner weiß wo wir wohnen« Er war schon auf der
Treppe ehe ich antworten konnte Das ist ein wunderlicher Heiliger dachte ich
erst so gesprächig und nun so kurz abgebrochen Sollte er denn aus den paar
Worten die ich über den Preis seines Gemäldes fallen ließ einen Knauser in mir
vermuten der erst den Vater treuherzig gemacht hätte um durch jüdischen
Handel die Verlegenheit der Tochter zu benutzen und ihren ohnehin geringen
Brautschatz noch zu schmälern Das möchte wohl bei andern Käufern der Fall
sein Nein ich will nicht zur Ungebühr so presshafte Personen noch mehr pressen
Das schwör ich bei dem Andenken des unsterblichen Titian
    Es wäre doch drollig Eduard wenn das abgeschmackte Beziers mir zu einem
Kleinod verhülfe nach welchem ich seit ich denken und fühlen kann vergebens
geangelt habe Zum Glück  auch in dem Falle sogar wenn die misslichen Umstände
eines einzigen Sprösslings den Vater auch nicht zu einem Sous Nachlass bewegen
könnten  bleibt meiner Kasse noch hinlänglich Kraft den gebannten Geist des
großen Malers aus dem verfallenen Bau des Notars zu erlösen ohne dass mir wie
gewöhnlich den Schatzgräbern weitern Fortkommens wegen bange sein darf Reiche
ich mit meiner Barschaft nur bis Leiden Bei einem Freunde wie mir Jerome ist
habe ich keine Verlegenheit zu fürchten wenn ich ihm nichts leereres verrate
als meine Geldbörse
    Wie hat mich doch in diesem Augenblick eine Postchaise erschreckt ehe ich
sah dass sie durchfuhr
    Es müsste aber auch wunderlich zugehen wenn der Zufall eben jetzt den
erwarteten Sekretär in die Quere brächte Sein Termin ist verlaufen Es hat drei
geschlagen ich fliege nun meiner Schutzgöttin entgegen
                                                                  Den 3ten März
Du siehst mich immer noch hier Eduard und kannst leicht denken dass sich
außer meinem wichtigen Handel von gestern noch andere Dinge eingemischt haben
müssen die meine Abreise von diesem fatalen Ort verzögerten Die Sache hängt so
zusammen Ich fand den Notar und seine einzige Tochter vor einem großen Topf
Chokolate à double Vanille zu meiner Bewillkommnung Die Liebesgöttin lauschte
hinter einem grünlichen Vorhang gerade über dem abgenutzten Sopha auf welchem
die Braut saß deren Jugend und Farbe mir einen sehr billigen Kauf versprach
wenn ich ja in Versuchung käme bei einem Meisterstücke der Kunst an gute
Wirtschaft zu denken Das gute Kind bemerkte ich mit heimlichem Vergnügen
hatte ihre Blütezeit schon so weit hinter sich dass es toll und töricht vom
Vater wäre wenn er noch einen Tag anstände vermittelst des älteren
Fideikommisses dem jüngeren Luft zu machen
    Die gar zu höflichen Leutchen verschwendeten einen Schwall ihres Getränkes
an mich das ich während meine Gedanken hinter dem Vorhange schwebten aus
Zerstreuung hinunter  und dagegen in allem meinem Geäder eine gewaltige Hitze
aufjagte
    Um indes dem Strom einigermaßen entgegen zu arbeiten der mich seiner Natur
nach mit jeder Tasse viel weiter nach Paphos zu treiben drohte als es für den
Vorteil meines vorhabenden Geschäfts gut war benutzte ich jede Gelegenheit
dem vergilbten Mädchen das Glück der Ehe und die Seligkeit verbundener Seelen
aufs reizendste vorzumalen Meine Poesie blieb nicht ohne Wirkung Ihre Wangen
flammten stärker noch als die meinigen und sicher ließ sie in ihrem pochenden
Herzen jedesmal hundert Livres von dem geforderten Preise nach so oft ich mich
geneigt fühlte mein Gegengebot um funfzig zu erhöhen Dieser stillschweigende
Handel um ein verdecktes Gemälde ward mir jedoch je länger je lästiger Ich
musste alle meine Artigkeit zusammennehmen um im Beisein der verschämten Braut
den Vorhang nicht ein wenig zu lüften Endlich  auf einen bittenden Wink des
Vaters setzte sie die Tasse aus der Hand rückte den Tisch und entschloss sich
die beiden Herren mit der Venus allein zu lassen Ich hätte sie und das will
viel sagen umarmen mögen als sie mit der dritten und letzten Verbeugung an der
Tür meiner Ungeduld ein Ende machte Welch eine Erwartung welch ein
köstlicher Augenblick Der Notar ergreift die Schnur  ich zittere am ganzen
Leibe  der grüne Vorhang fliegt seitwärts  meine feurigen Augen wie Lichter
die schnell in das Dunkle treten stürzen nach und umfassen nun mit Erstaunen
das Gebild das mich so lange durch seine schamhafte Verhüllung gequält hat Es
liegt vor mir in seiner ganzen weitläuftigen Nacktheit Und ich  wie vor den
Kopf geschlagen stehe ich da habe nicht das Herz noch einmal hinzublicken
lache bitter und befrage mich
Dies wäre Sie die jedes Herz erweichet
Den Wachenden entzückt den Schlafenden erweckt
Die Göttin die mir noch den besten Kelch gereichet
Nachdem ich alle durchgeschmeckt
Bei allen Heiligen die jemals mich geneckt
Bei Lady Baltimor die der Madonna gleichet
Bei Margots Reiz der sich nicht minder unbefleckt
Gleich einer Lilie die Zephyr aufgedeckt
Stolz aus dem Nebel hebt der nach den Tälern streichet
Schwör ich  Es ist die Braut vielleicht nur zu korrekt
Nach der Natur gemalt  denn was hier strotzt und bleichet
Hält Venus zu Florenz mit scheuer Hand versteckt
Die Braut ists die im Drang der aus der Brust ihr keuchet
Matt wie der Tauben Paar das ihr zu Füßen schleichet
Die Arme nach Erlösung streckt
Getroffner hat noch nie mich ein Portrait verscheuchet
Und ein Original erschreckt
Doch dass verständlicher noch die Verlockung werde
Winkt so wie ehedem dem Wandrer zur Gefährde
Zu ihrem Rätselspiel die frevelhafte Sphinx
Hier zu fast gleichem Zweck mit listiger Gebärde
Ein blinder Junge dir dem links
Die Rüstung Amors liegt  und nun mit gelber Erde
Gleich drunter Titianus pinx
    Hätte mich nicht Zeit und Erfahrung gelehrt Meister meiner ersten Hitze und
meines spanischen Rohrs zu werden ich weiß nicht wie es dem geschwornen Notar
ergangen wäre So aber ließ ich es bei einem verächtlichen Blicke bewenden den
ich von der Betrachtung dieser untergeschobenen Venus ausdrücklich für ihren
leiblichen Vater aufgehoben hatte Der Betrug ist zwar grob berechnete ich in
der Geschwindigkeit den der Unverschämte dir zu spielen gedachte dafür ist er
aber auch genugsam zwar noch lange nicht durch den Aufwand von der teuren
Chokolate bestraft um die er sich nun aufs kläglichste in seiner
Bettelwirtschaft geprellt sieht Wohl gar ging mir ein schreckliches Licht
auf stellte er dir nur darum frei einige Stunden allein mit dem verschossenen
Original zuzubringen um gegen ein tüchtiges Schaugeld die Ähnlichkeit der
Kopie desto besser vergleichen zu können denn der Kerl ist gewiss jeder Bosheit
fähig In zornigem Stillschweigen nahm ich meinen Hut von der Wand stäubte ihn
ab während er ohne dass ich darauf achtete den Kaufpreis seines Ungeheuers von
einem Tausend Livres zum andern heruntersetzte und eilte weniger über seinen
doppelt misslungenen scheußlichen Versuch als über meine Leichtgläubigkeit
aufgebracht die Treppe hinab denn ich hätte mir doch wohl vorstellen können
dass unsere Stubengelehrten ein solches Fideikommiss wenn eins hier vorhanden
gewesen wäre wenigstens eben so gern einer Anzeige würden gewürdiget haben als
jene ruchlose Sentenz Am längsten schlug sich meine bittere Laune mit dem
Tüncher herum der sich erfrecht hatte den Namen jenes glorreichen Malers auf
seinen Schmierlappen zu prägen
    »Du« rief ich mit geballter Faust in die Luft
»Du der des Löwen Haut gleich jenem Esel stahl
Der dennoch blieb was er gewesen
Du Schöpfer meiner Augenqual
Wird je dein Name laut so seis im Hospital
Wo du für dein Gebild die Farben aufgelesen
Es leihe als Symbol von ihrem Hochzeittag
So lange Trost der männertollen Dirne
Bis ein verschobenes Gehirne
Den ekeln Brautschatz heben mag
Erwarte nicht o Tor dass deine kranken Tauben
Die man zu gut an ihren Federn kennt
Ein Körnchen je des süßen Weihrauchs rauben
Der auf dem Herd der Liebe brennt
Wird wohl ein Wurm wie du der nach Cyterens Insel
Verweht ein welkes Blatt aus ihrem Kranz erschleicht
Ein Genius dem gern und aus Gefühl vielleicht
Sein Kaiser tief gebückt den leicht entschlüpften Pinsel
Zum letzten Schattenstrich des Kleinods wieder reicht
Das alle andre hebt wenns gleicht« 
    Tat ich wohl klug dass ich noch Galle zu dem Höllengetränke mischte mit
dem der FideiKommissar und seine zu einigem Trost der Durchreisenden einzige
Tochter meine Augen zu bestechen hofften
    Mein armes diesmal wider Verschulden gepeitschtes Blut war darüber in eine
Wallung geraten die mir keine Ruhe verstattete
    Schon seit einer Stunde außer dem Tore meiner unglücklichen Einfahrt hatte
ich bereits einen halben Zirkel um das dumme Städtchen geschlagen als ich gegen
alle Erwartung auf einen Punkt stieß der mich fest hielt
    Ein großer menschlicher Gedanke mit genialischer Kraft ausgeführt  eins der
vielen Wunder des Kanals von Languedoc lag gerade vor mir Ich sah ein
Postschiff unter meinen Füßen anschwimmen das um seinen Lauf in der höheren
Landschaft fortzusetzen zwei und siebzig Ellen bis zu meinem Standpunkte
heraufsteigen musste welches durch sieben Schleussen die das Wasser zu so viel
Stufen anschwellten in wenig Minuten bewerkstelliget wurde Während ich nun
zusah wie viele verdrießliche Gesichter die Barke aussetzte und wie vergnügt
die schienen die sie dagegen einnahm und bei einem Hinblick auf die Stadt das
eine wie das andere Phänomen sehr begreiflich fand fuhr mir die Frage durch den
Kopf ob ich nicht auch klüger täte die Verdauung der doppelten Vanille auf
einem schaukelnden Schiffchen als in einer Kneipe abzuwarten wo man Sperlinge
für Ortolane gibt Ich hatte nichts triftiges dawider einzuwenden als etwa die
Besorgnis Bastians wenn ich über Nacht ausbliebe
    Indem streckte mir ein armer in Ruhe gesetzter Soldat seine dürre Hand nach
einem Allmosen entgegen Sein altes offenes ehrliches Gesicht brachte mich auf
den Gedanken ihn zu meinem Botschafter zu brauchen Nun war er freilich auch
lahm dabei aber nicht so sehr um einen Weg nach dem Wirtshause zu scheuen
denn er übernahm meinen Auftrag sehr gern und um so williger da ich auf einer
VisitenKarte von der ich ohnehin weit entfernt war in Beziers Gebrauch zu
machen für den Überbringer einen gleich zahlbaren Wechsel von vier und zwanzig
Sous auf meinen KammerKassirer trassirte
    Ich habe schon größere für kleinere Bemühungen an weit lahmere
Geschäftsträger ausgestellt ohne nur halb so viel Provision dabei zu gewinnen
als dieser mir abwarf Das freundliche dankbare Auge des armen Invaliden für den
geringen Verdienst den ich ihm zuwendete leitete auch das meine gen Himmel zu
jenem großen Banquier bei dem ich ja mit Allem was ich habe  mit dem
reichlichen guten Brote das ich verzehre so wie mit dem wenigen schwarzen das
ich dem Hungerigen breche in Schuld stehe
    Diese vorüberfliegende Empfindung die eigentlich jeden Heller und Groschen
begleiten sollte den wir ausgeben machte mich in diesem Augenblick reicher und
froher als wenn mir jemand die ächte Venus geschenkt hätte vor der ein
Beherrscher der Welt den Rücken bog Das Fahrgeld für die erste Station nach
Somailles betrug selbst den Wechsel dazu gerechnet so wenig dass ich
schwerlich eine andere siebenstündige Zerstreuung wohlfeiler hätte erkaufen
können Meine Unterhaltung in der ersten Stunde möchte ich gern wenn es nicht
zu eitel klänge auch für die beste halten denn sie entspann sich in mir
selbst Die mitschiffende Gesellschaft  aus Lappen von verschiedener Güte und
Farbe zusammen gesetzt und die Du mir wohl nicht zumuten wirst in eine
Musterkarte zu bringen warf dem Ausländer ehe sie ihn angriff erst
Leuchtkugeln in das Nest um ihn aufzujagen Jedes reichte aus seinem Vorrat
dem andern ein Stückchen gefärbtes Glas oder Rauschgold zu um den Ehrenkranz
des gemeinschaftlichen Vaterlands noch höher zu schmücken
    Ich gab für die Lust die sie dadurch mir machten ihnen dagegen auch gern
mein Erstaunen zu ihrem Spielwerke preis und so war mit wenig
gesellschaftlicher Falschheit beiden Teilen geholfen
    Ein jubilirter Fähndrich eines längst verschollenen Freikorps war der erste
der mir auf der Bank mit dem Übelgeruch seiner hörnernen Dose und einem
Missklang deutscher Worte näher rückte die einzigen Überreste seiner Beute aus
dem siebenjährigen Kriege Trotz ihrer Verstümmelung gaben sie mir doch so gut
als Gressets Vertvert und bestimmter als es der Redner wohl selbst glaubte
den gesellschaftlichen Ton seiner großen Verbindungen in Deutschland so treu
wieder zurück dass mir die Ohren weh taten
    Er gedächte noch mit Entzücken schwor er mir zu seiner Rasttage zu Meissen
Dresden in dem Plauischen Grunde und auf dem weißen Stein Desto unerwarteter
obgleich sehr lieb war es mir von jemanden der die Vergleichung machen
konnte zu erfahren dass ich mich ganz in der Nähe einer Augenweide befände die
nicht nur jene wie er sich ausdrückte nicht übelen Gegenden meines Vaterlands
sondern die prächtigsten sogar seines eigenen weit hinter sich ließe die
malerische nämlich  unglaublich schöne Aussicht die ein Bischof von Beziers
auf der Terrasse seiner herrlichen Residenz genösse »Das ist viel gesagt«
entwischte mir indem ich im Geiste jene Prunkgefilde der Natur und mein
unvergessliches Sonnental überblickte »Nun so gebe ich mich« erklärte er mit
militärischem Anstand »nicht eher zufrieden bis Sie mir Ehre und Augen
verpfänden dass Sie Sich selbst überzeugen wollen wie viel zu wenig ich noch
gesagt habe« Um so ein Versprechen lasse ich mich nicht lange bedrohn Ich
wiederholte es ihm in der Folge noch einmal weil mir sein fortwährender Bombast
über denselben Gegenstand in der Länge verdrießlich ward »Morgen wenn ich von
meiner Spazierfahrt zurückkomme« sagte ich »soll gewiss mein erster Gang nach
der bischöflichen Burg sein« »Setzen Sie ihn nur noch einen Tag weiter hinaus«
suchte er mich zu bereden »so bin auch ich wieder zu haben begleite Sie und
besuche zugleich den dortigen Kastellan meinen leiblichen Vetter der sein
Trinkgeld sauer verdienen soll dafür stehe ich« Es tat mir wohl leid dass mir
meine ohnehin zu lange verschobene Abreise von Beziers nicht erlaubte sein
höfliches und so vorteilhaftes Erbieten anzunehmen beinahe aber tut es mir
noch weher der schönen Natur eine neue Gunstbezeugung abzulocken die den
Eindruck aller jener verwischen soll an denen mein Herz noch jetzt mit der
treuesten Leidenschaft hängt indes tröste ich mich mit meinen unersättlichen
Augen die noch überdiess zu Pfand stehen Williger stimmte ich in die Lobrede
ein die der Schwätzer dem Kanal hielt gab gern zu dass Deutschland dergleichen
nicht aufzuweisen habe und fand wirklich die Stellen die er mir im voraus mit
Wortgepränge ankündigte trotz der dadurch gestörten Überraschung jedesmal
merkwürdiger noch als ich erwartete Das erste Wunder das ich anstaunte war
ein ausgebrochener Felsen Malpas genannt über dessen Rücken Lastwagen
rasselten während die Barke unter seinem kühlen dämmernden hohen Gewölbe
hundert und zwanzig Toisen auf das lieblichste fortschlüpfte Einige Stunden
nachher warf sich ein reizendes Tal wie eine große Smaragdschaale meinen
frohen Blicken entgegen Aus seiner Tiefe stiegen drei ungeheure Bogenmauern in
die Höhe die das Schiff und den Kanal gleichsam in der Luft forttrugen indes
senkrecht unter uns ein Fluss rauschte eine Heerde Schafe an seinem Ufer
weidete und eine Gruppe lustiger Mädchen sich ohne Furcht vor unsern
Ferngläsern zum Baden anschickte
    Das süße Lebensgefühl das in dem Herzen eines auch noch so Unempfindlichen
aufwallen muss der dies fortlaufende reiche Natur und Kunstgemälde zum
erstenmal erblickt und das jetzt glänzend aus meinen Augen hervorleuchtete
machte mir die ganze Gesellschaft geneigt so wenig meine Bewunderung auch Bezug
auf sie hatte Alle setzten bei mir voraus dass ich von Barke zu Barke bis nach
Toulouse fahren und auf der Route bei St Feriol aussteigen würde um den
größten bekannten Trichter der Welt zu betrachten Er schwebe erklärten sie
mir zwischen drei Bergen wie aus Felsen gegossen und enthalte andertalbmal
die ganze Masse Wassers des vierzig deutsche Meilen durchfliessenden Kanals um
ihn nach den sechs Ablass und FeierWochen die man jährlich seiner Reinigung und
Ausbesserung widme wieder zu füllen Diese Mitteilung werde mit Hilfe dreier
metallnen Hähne bewerkstelliget die wie an einer Teeurne sich aufdrehen
ließ und jenem Wassermagazin der erlittene Abgang durch mehrere ihm
zugeleitete Bäche in einigen Tagen wieder ersetzt »Und wer« fragte ich »war
der Erfinder und Schöpfer dieses erstaunlichen Menschenwerks« »Ein Landsmann
und Zeitgenosse des berühmten Pelisson und nicht nur zur Ehre sondern auch zum
glücklichen Gewinnst für uns« riefen sie alle mit innigem Wohlbehagen »ein
gemeiner Gärtner von Beziers denn der brave Mann ließ absichtlich den Kanal
einen Umweg nehmen um seiner Vaterstadt ein grossmütiges Andenken zu
hinterlassen Wäre er gleich nicht in Narbonne geboren worden werfen ihm die
dortigen neidischen Einwohner vor so konnte er doch als Bürger des Staats dem
er zuerst angehörte ihm mehrere Millionen ersparen wenn er dem Wasser das er
in Beziers gezwungen war durch Kunst in die Höhe zu treiben ein neben uns
schon von den alten Römern hierzu eingerichtetes Flussbette angewiesen hätte Das
ist wohl wahr stimmten sie alle ein aber was geht einen Bezierser der Staat
an« »Ach« seufzte ich heimlich »so hat denn auch jenes große Genie das nur
zufällige Geburt in diesen Winkel verschlug der kleinstädtischen Denkungsart
untergelegen die hier lokal ist  Auch Fauquets Freund  ist es möglich«
verwunderte ich mich etwas zu laut »der rechtschaffene Pelisson wäre hier
geboren« »Ja wohl« übernahm der Fähndrich die Antwort »das hiesige Klima
scheint ganz besonders geeignet vorzügliche Menschen zu entwickeln« Ich sah
ihn bedenklich an dachte an den Notar an den Wirt zum Ortolan und schwieg
    Desto tiefer bückte sich mein zagender Genius vor jenem Mutigen der diesen
künstlichen Strom ausgoss Der Gedanke an den Umfang an die Schwierigkeiten
seines herrlich ausgeführten Plans spannte meine Neugier nur noch höher auf
diesen seltenen Sterblichen Der Freibeuter empfahl sich dadurch sehr bei mir
dass seine geläufige Zunge mir so viel von dessen Geschichte als er nur selbst
wusste mitteilte Wie rührte es mich alle die Kräfte in dem Kopfe eines Mannes
ohne gelehrte Erziehung vereinigt zu sehen die erforderlich waren um das
Zutrauen des klugen behutsamen Kolbert zu diesem ungeheueren Unternehmen  die
Zustimmung des Königs zu zwanzig Millionen Aufwand und einen so vollkommenen
Sieg über ein Heer von Gegnern und Neidern zu gewinnen Der Edelsinn Ludewigs
erhob mir das Herz der den Erfinder nicht würdiger zu belohnen wusste als mit
dem vollendeten Werke selbst das seinen Nachkommen den jetzigen Grafen von
Karaman jährlich eine halbe Million Einkünfte abwirft
    Dies tatenvolle Leben beschäftigte meinen Enthusiasmus selbst noch in
Somailles wo wir zur gesetzten Zeit anlangten
    Es segne es segne sein dankbares Land
        Den Namen Riquet  und Welt und Nachwelt verehre
    Den Helden dessen wohltätige Hand
    Zwei ferne fremde tobende Meere
        Friedlich mit einander verband
    Die aufgeschreckte Natur warf mit gigantischem Zorne
    Felsen Wälder und Seen in seine romantische Bahn
    Das scheue Chor der Oreaden entrann
        Als er das große verworrene
        Rätsel zu lösen begann
    Auf dreißig Stufen vom Manne zum Greise
        Erschritt er den letzten entscheidenden Tag
    Er rief dem Wasser  es kam es floss im sichersten Gleise
    Und Gondeln flogen zum Ziel der neu erfundenen Reise
    Berg auf und Berg unter dem Boot ihres Anführers nach
    Da blickte sein Auge zu Gott und sieh dem menschlichen Fleiße
    Ward göttlicher Lohn es blickte noch einmal und brach
    Ja Freund es brach kurz nachher als er von seiner ersten Probefahrt
zurückgekommen war und die meinigen feuchteten sich an als ichs hörte
    Sollte wohl für Reisende irgendwo in der Welt besser gesorgt sein als auf
diesem prächtigen Kanal Ich glaube kaum Denn ungerechnet dass man hier keinen
Staub zu verschlucken für grundlose Wege kein Pflastergeld zu bezahlen die
Grobheiten der Postknechte den Umsturz des Fuhrwerks und Langeweile so wenig zu
befürchten hat als Zeitverlust so irrt noch überdiess Dein Auge wie in einer
Gallerie von Klaude Lorrain von einer schönen Landschaft zur andern Dein
Körper schwimmt in dem behaglichsten Gefühl Für Deinen Gaumen wird schon von
weitem das beste Geflügel mürbe gekocht und geistiger Balsam für Deine arme
Seele Jeder Schuh Wasser über welchen die vor Wind und Wetter geschützte Barke
sanft hingleitet scheint zu dem Wege den sie zurücklegen soll so genau
berechnet zu sein als die Kette einer MinutenUhr
    Wenn Du früh abfährst siehst Du Dich in eine zu einem Zweck vereinte oft
sehr gemischte aber immer muntere Gesellschaft eingereiht bist der Sorge für
den Mittag überhoben des Empfangs eines freundlichen Wirts an einer schon
gedeckten Tafel für festgesetzten mäßigen Preis und bei der Landung am Abend
außerdem noch eines reinlichen Bettes gewiss Vom Anfang bis ans Ende der Fahrt
harren in den Wirtshäusern bei denen Du anhältst nicht nur körperlich frische
Pferde zum Ziehen des Schiffs  sondern auch untergelegte geistige ehrwürdige
Kapuziner die beordert sind Gott für Deine glückliche Überkunft zu danken
und für Dein weiteres Fortkommen bis zur nächsten Kapuzinade Messe zu lesen
    Höher als bei dieser ist wohl in keiner öffentlichen PostAnstalt die
Vorsorge getrieben worden Auch bewies mir der Mönch der unserm heutigen
Abendmal vorstand die Wirksamkeit des angeordneten Gebets durch einen längeren
als hundertjährigen glücklichen Erfolg denn sagte er obschon der Kanal
täglich und stündlich hin und herwärts befahren wird so hat man doch kein
Beispiel dass auch nur ein Boot seitdem verloren gegangen sei da hingegen
unzählige Schiffe verunglückt sind als sie noch genötigt waren ihren Lauf
durch die Straße von Gibraltar aus dem Aquitanischen  in das Mittelmeer zu
nehmen Ich erregte nicht den geringsten Zweifel dagegen Die Bewirtung hier
gefällt mir so wohl dass ich den Ortolan keinen Augenblick vermisse
 
                                   Somailles
                                                                  Den 4ten März
Meine Ärgernis über den Notar seine orangenfarbene Tochter und ihr
Hochzeitgemälde ist verschlafen und Bastian wenn ich auch nicht mit der
Frühbarke abgehe klug genug die wahre Ursache meines längeren Aussenbleibens
notdürftig zu erraten Ich liebe ganz besonders dergleichen unruhige und doch
wohl eingerichtete Wirtschaften wie ich hier finde Die Zeit wird mir keinen
Augenblick lang Ich sehe dem Aus und Einsteigen der Ankommenden und Abgehenden
 wie einer Teaterveränderung mit Vergnügen zu  verplaudere mit jenen einige
Stunden ohne es sehr zu achten wenn mir diese aus den Augen verschwinden 
Geschichte des menschlichen Lebens in einem gedrängten Auszuge  Ich darf mir
nur noch den Fortgang der Welt mit immer neu aufgepackten Zeitgestalten unter
dem Sinnbilde eines Kanals vorstellen so habe ich eine moralische Betrachtung
so gut als eine mit Kupfern Zufrieden indes mit der kleinen Probe die ich
gemacht habe ist mir nach ruhigem Nachdenken die Lust vergangen des edelen
Riquet Erfindung außer eben jetzt zu meiner Rückreise für das weitere zu
benutzen
    Ich verkenne zwar keinen der Vorteile die sie Reisenden unter andern
Umständen als den meinigen gewährt für mich aber der keine Fracht zu
verfahren hat als die unbedeutende seines eignen Selbsts  der sich ungern an
den Glockenschlag bindet und immer mit Helvetius fürchtet dass uns schon
dadurch ein Mensch verhasst werden könne wenn man ihm lange gegen über sitzt
taugen alle Fahrzeuge um so weniger je richtiger sie ihre Stunden halten und
je bunter sie besetzt sind Da ich vollends gelegentlich erfahren habe dass die
Postschiffe zehn Tage auf denselben Weg verwenden den ich zu Lande in dreien
zurückzulegen hoffe so tue ich ohne weiteres Bedenken Verzicht auf die Ehre
mit dem Wasserbecken zu Feriol und dem größten Trichter auf Gottes Erdboden
Bekanntschaft zu machen Man käme schon von einem FrühlingsSpaziergange in
seinem Leben nicht nach Hause wenn man nicht manches Merkwürdige vorbeizugehen
gelernt hätte
    Mit der Terrasse des bischöflichen Sitzes ist es etwas anders diese liegt
mir so zu sagen unter den Händen Ich brauche ja nur ausgeruhte Füße und helle
Augen um diesen Solitär nach allen seinen Facetten zu betrachten Kein Kenner
des Wahren Schönen und Großen sagte der Fähndrich im Romanenstil kann ihn
unbesehn lassen ohne ein Majestätsverbrechen gegen die wundervolle Natur zu
begehen Ach seitdem mich die Puppenspieler von Agatens Seite aus St Sauveurs
Landsitze versprengten habe ich das Seelenbedürfniss des Anschauens in seinem
ganzen Umfange entbehrt Desto wohltätiger werden mir morgen meine Frühstunden
verstreichen Ein halber Tag länger in Beziers ist freilich ein hoher Kaufpreis
wer wollte aber ein Juwel deswegen weil es schlecht gefasst ist
vernachlässigen Indem sah ich dass mich das Gebet des Mönchs glücklich an den
Ort meiner Abfahrt gebracht hatte Möchte es mir doch eben so glücklich von ihm
wieder fortelfen Kaum war ich aus der Barke gestiegen so stürzte mir Bastian
mit einem »Gott sei gelobt« an den Hals »dass Ihnen der Schrecken nichts
geschadet hat« »Was für ein Schrecken« fragte ich »Nun mit dem tollen
Hunde« erwiderte er »hier herum muss ja wohl die Stelle sein wo er so
glücklich für Sie mein guter Herr noch zur rechten Zeit den Schlag vor den
Kopf erhielt« »Hast du deinen verloren« spöttelte ich und ging meinen Weg nach
dem Gasthofe zu ohne weiter auf sein Gewinsel zu hören Hier aber begann es von
neuem »Der ehrliche Invalide Welche Dienste muss er nicht ehemals dem
Vaterlande geleistet  was für einen Säbel geführt haben da er jetzt noch mit
seiner Krücke so gut trifft« Ich blickte den Schwätzer mit großen Augen an
»Sie hätten aber auch nur« fuhr er fort »die innige dankbare Freude des armen
Graukopfs sehen sollen als ich ihm nach Ihrer Anweisung das Goldstück
einhändigte« »Nach meiner Anweisung« fragte ich »weise sie doch her« Ich
drehte mich mit meiner Visitenkarte nach dem Fenster sah mit Verwunderung meine
eigenhändige Schrift vor mir und trällerte um Bastianen keine Verlegenheit
merken zu lassen  Gott weiß was für ein Liedchen  das aber sicherlich keins
zum Lobe Beziers und der Physiognomik war denn  kannst Du denken der lahme
bettelnde Soldat dessen offenes Gesicht mich gestern so weich machte hatte
meine ihm zum Botenlohn verschriebene Schuld von vier und zwanzig Sous mit
derselben dürren Hand die er mir zitternd entgegenstreckte und einer
Geschicklichkeit ohne Gleichen in so viel Livres verfälscht die der arglose
Bastian und mit tausend Freuden wie er mir versicherte auszahlte ja nebenher
noch eine Flasche Wein auf die Gesundheit des geretteten Menschenverstandes
seines armen Herrn mit dem Helden ausleerte »Daran hast du sehr wohl getan«
sagte ich  »warum batst du ihn nicht auch noch heute zum Abendessen denn käme
er mir jetzt unter die Augen ich wollte ihm wohl meine Erkenntlichkeit noch
tätiger beweisen Hier hast du deinen Rechnungsbeleg wieder Ich hoffe es soll
keiner dergleichen mehr vorkommen« »Dazu gebe ja der Himmel seinen Segen«
seufzte Bastian indem er mir das Schreibzeug zurecht setzte
    Will ich auch des lieben Gottes nicht weiter erwähnen der Beziers das
wiederhole ich dem Herrn Hübner und Krebel zum letztenmal so wenig wie ich zu
seinem irdischen Aufenthalt wählen wird  so wohnt doch immer ein Stattalter
von ihm ein Bischof da der dächte ich wohl vor allen Dingen seiner
diebischen Gemeine das siebente Gebot näher als es das Ansehen hat ans Herz
legen sollte aber eben erfahre ich vom Wirt mit Nebenumständen die mich so
giftig machen als ob mich wirklich ein toller Hund inoculirt hätte dass der
Hirte dieser räudigen Heerde seine schöne Terrasse sogar nie als einige Tage
zur Frühlingszeit in Amtsverrichtungen besucht die seine Gegenwart erfordern
    »Der Zutritt zu jenem Weltwunder« erzählte er weiter »wäre zwar gegen ein
Gratial jedem Durchreisenden vergönnt aber nur nicht vor zehn Uhr des Morgens
so lange schlafe der gnädige Herr in Paris und sein Kastellan hier« »Nun Herr
Wirt« schrie ich ihm dagegen in die Ohren »so bestelle Er mir die schon
einigemal recht schändlich abgesagten Postpferde auf Morgen desto pünktlicher
mit Anbruch des Tages denn ich mag in diesem mir höchst fatalen Ort keinen
weiter verlieren« Nach dieser wie ich glaube deutlichen Erklärung flüchtete
ich ohne mich weiter so wenig um ihn als um die bischöfliche Burg und meine
verpfändeten Augen zu bekümmern voll Bosheit ins Bette
 
                                    Beziers
                                                                  Den 5ten März
Und stehe jetzt in einer zehnmal ärgeren  in einer wahren ruchlosen Stimmung
wieder auf denn ich möchte mich gern dem Teufel übergeben um mich von hier
wegzubringen wenn ich so gut Freund mit ihm wäre als Doktor Faust
    »Warum hätte ich denn Sie und Ihren Kammerdiener« überschrie der Kerl meine
Flüche als er nach neun Uhr vor mein Bette trat »um nichts und wieder nichts
aus dem süßen Schlafe rütteln sollen da so hören Sie doch mir vor Nachmittags
keine Postpferde zu haben sind Was verlieren Sie denn dabei Sie sind ja hier
gut aufgehoben und können nun die Residenz die Bilderkammer den Hausschmuck
und die Terrasse von Monseigneur nach aller Bequemlichkeit besichtigen denn ehe
Sie mit Ihrem Frühstücke und Anzuge fertig werden ist der Kastellan munter«
    Der Mensch blieb mir unausstehlich er mochte vorbringen was er wollte Ich
wies ihm die Tür ging dreimal die Stube auf und ab und wiederholte wie jener
Kaiser das A.B.C. um über meinen Ingrimm Herr zu werden Ich ward es und
machte mich um zehn Uhr auf den Weg Alleweile da ich zurückkomme ist es zwei
Stunden über Mittag Mein aufgewärmtes Essen habe ich dahin gewiesen wo es
herkam denn ich mag nicht eher wieder essen trinken und mich sonst nach einer
Freude umsehen als in Kastelnaudari Dort in dem trefflichsten Gasthause der
ganzen französischen Monarchie wie die Kenner behaupten hoffe ich wieder
Freundschaft mit mir selbst zu stiften und während eines herrlichen Frühstücks
Dir den Pallast die Terrasse die Zimmer und Gemälde des Bischofs und seine
persönlichen Amtsverrichtungen so poetisch zu beschreiben als sie es verdienen
Habe ich doch über den heutigen halben Tag und die folgende ganze Nacht zu
gebieten um in meiner lieben heimlichen Berline die ich eben nach langem
Stillstand wieder begrüßen und nicht eher als vor dem Tore jenes berühmten
Hotels verlassen werde meine schönen Rückerinnerungen in Musik zu setzen
 
                                 Kastelnaudari
                                                                  Den 6ten März
Keiner von allen mir bekannt gewordenen Wegen der Welt ist mir weniger
langweilig reizender und ebener vorgekommen als der mich aus dem Fegfeuer zu
Beziers in das Paradies das ich nun glücklich erreicht habe gebracht hat
    Ich ward in den funfzehen Stunden die mich ungeachtet meiner elastischen
Chaise umsonst in den Schlaf zu wiegen suchten immer munterer je mehr sich
der eine Ort entfernte der andere näherte Ach wie wünsche ich mir die drei
letzten Tage zurück um sie meinem dermaligen freundlichen Aufenthalte zulegen
zu können Mein sinnlicher so lange unbefriedigter nun desto begehrlicherer
Mensch wie festlich wird er nicht sein Heute verleben
    Das moralische Ich soll hoffentlich zusehen und ihm wie der ältere Bruder
dem jüngeren seine kindische Freude nicht missgönnen
    Hätte mir auch nicht Phöbus seine abgeschnallten Flügel zum Rückflug nach
jenem Prälatensitz nur für die vergangene Nacht geliehen diesen Morgen gäbe ich
sie ihm ohnehin wieder denn so umringt von den köstlichsten Leckereien mein
Tagebuch vor mir auf einem Tische von Purpurholz wie könnte ich mich mit einer
Zeile mir befassen die das geringste Nachdenken  einen Gran Menschenverstand
mehr erforderte als den  eines Abschreibers
    Ich nasche bald von diesem bald von jenem Gerichtchen meines auserlesenen
Frühmals während es meine Feder allein ist die Dir erzählt und den Wohlklang
unverändert zurücktönt den ich unter dem Mondschein der schnell verflogenen
Nacht meinem Silberstifte einblies
    Ich zog einen großen Taler aus dem Beutel um mir freien Zugang in das
geistliche Storchsnest zu erkaufen Unterweges kam mir zwar einigemal die Lust
an ihn wieder einzustecken und lieber meinen Besuch dem Postalter zu machen
mit dem ich immerfort in Gedanken über seine schlechten Anstalten zankte »Bist
du nicht hier« redete ich mir ins Gewissen »schon auf das erbärmlichste in
deinen Erwartungen getäuscht worden und kannst dennoch deine Wetterfahne aufs
neue dem Winde eines Grosssprechers preis geben der wohl nicht ohne Ursache
abgedankt vielleicht hoffte mit deinem Trinkgelde näher noch verwandt zu
werden als er es mit dem Kastellan ist Unglückliche Neugier die sogar bei
dem Betruge den sie ahndet sich nicht abhalten lässt ihn aufzusuchen«  Unter
diesem fortwährenden Tadel eines jeden Schritts den ich tat erstieg ich
nichts desto weniger die Anhöhe stand noch eine Weile unentschlossen vor dem
verriegelten Tore ehe ich anklopfte Endlich  verzeih es Freund wenn mir
jetzt ein gemeiner kahler Soldatenfluch entfuhr »der Teufel« hob ich an
Gleich einem Korporal der nach der Kegelbahn
Den Rest der Löhnung trägt »der Teufel hol den Taler«
Und schlug mit ihm ans Tor Kaum war es aufgetan
So streckt auch schon ein Kerl der einem trunknen Prahler
Mehr glich als einem Kastellan
Die hohle Hand danach So schnell als er voran
Trabt ich nun hintennach Merkuren selbst im Wandern
Geübter doch als ich zog nicht sein Schlangenstab
Zum Ida schneller hin als nun Trepp auf Trepp ab
Von einer Gallerte zur andern
Bald zu des Bischofs Thron bald zu des Bischofs Grab
Mich dieser Unhold zog An allem blieb er kleben
Was je die Pracht mit ihrem Vogelleim
Bestrich was je Geschmack und feine Art zu leben
Der Armut nimmt um es dem Stolz zu geben
Und kein Gemach war so geheim
Er ließ nicht ab trotz meinem Widerstreben
Den letzten Umhang aufzuheben
Vorzüglich aber schien der schmucke Bildersaal
Sobald er ihn betrat sein Kunstgefühl zu wärmen
Die großen Worte Ideal
Helldunkel Schmelz und Kraft die leider überall
Von Leipzig bis Paris uns um die Ohren schwärmen
Durchwirbelten die Luft vom nächsten Wiederhall
Zum fernsten wie ein Feuerlärmen
Mein Auge galt ihm nichts es musste nach dem Staar
Des seinen duldsam sich bequemen
Hier Venus und Adon für unser ElternPaar
Dort das verbuhlte Weib des Königs Potiphar
Für ein Marienbild zu nehmen
Zog Herrmanns Schlacht und Sieg von Rubens deutsch und frei
Gleich unsrer Nation in halb verschossnem Lichte
Den Kenner an und zog gleich einem Schandgedichte
Die Nacht des Bluts und der Verräterei
Des niedrigsten gekrönter Bösewichte
Als Gegenstück kaum meinen Blick herbei
So fragt er mich ob eine Weltgeschichte
Von überschwenglicherm Gewichte
Als Galliens Annalen sei
Zog dort auf Heinrichs Stirn das himmlische Entzücken
Ein Volk das ihn verwarf vergebend zu beglücken 
Zog Ludwigs1 edle Bildung hier
Der sein ererbtes Reich ihm lohne Gott dafür
Statt mit Trophäen es zu schmücken
Mit festen Straßen  schönen Brücken
Verherrlichte des Auges Neubegier
Auf ihre Glorie zu blicken
So jauchzte mein Kompan und sein Gehirn kam schier
In die Gefahr sich zu verrücken
So sagte mir sein Händedruck wie gut
Ihm der Gedanke tat die Schelsucht eines Deutschen
Durch den einst nur dem Ruhm und nur dem Heldenmut
Geweihten Lorbeerhain der Gallier zu peitschen
In dessen Schauer jetzt abschreckend wie die Brut
Die nur von Moder lebt der AhnenDünkel ruht
Kraft seiner Eigenschaft das Schöne zu bemerken
Sah er mich höhnend an wenn ich der Schwermut Hang
Mich überließ die sanft aus Poussins Meisterwerken
Dem Mitgefühl entgegen drang
Und bot mir seine Hand um mich zum Übergang
Nach Watteaus Maskenball zu stärken
Und kroch drauf mit Lebrün dem DragonadenZug
Des Feldherrn nach der gläubigaberklug
Vom Sonnenstich im Namen Gottes
Den Nussstrauch um die Spur der Ketzerei befrug
Und die sein Schwert nicht traf mit Wünschelruten schlug2
Indes von ihm gewandt im Zauberkreis des Spottes
Mein Blick den Raum durchstrich wo Koypels Dichterflug
Die traurige Gestalt des bessern Donquixotes
Ins Panteon der Narren trug
Schon sah ich über mir den halben Tag verschwunden
Und fiel dem Überdruss der Kunst kaum losgewunden
Mit jedem weitern Schritt in neuen Überdruss
Denn dieser Peiniger den mir des Schicksals Schluss
An meine Fersen festgewunden
Ach dieser Brutus meiner schönen Stunden
Berauschte sich wies schien in meinem Ungenuss
Gott welch ein Trauerspiel Bald fiel es in das Grasse
Denn war vor Ihm in meinem Hasse
Gleich noch so hoch kein Sterblicher gediehn
Hatt ich doch wie Linnée den Tiger in die Klasse
Der Katzen nur gesetzt ihm Krallen nur verliehn
Jetzt stieg Er schwärzer auf in meinen Phantasien
Denn als nach manchem Saal im prächtigen Gelasse
Der Ritterzeit  nach manchem Baldachin
Die Ihn so blendeten dass er den Hut zu ziehen
Nicht widerstand nun endlich die Terrasse
Nach der ich längst geseufzt erschien
Denk mein Entsetzen Dir dann erst erkannt ich Ihn
Für Jenen den mein Mund beim Eintritt von der Gasse
So frevelhaft citirt Glüht nicht dem Satanasse
Mein Aufgelb in der Hand Was sollt ich tun Entfliehn
Zu spät Er hielt mich fest warf schreckliche Vergleiche
Mir in den Weg wies mir den Unterscheid
Von mir zu seinem Herrn  geweiht und nicht geweiht
Fürst oder nichts zu sein  und zeigte mir die Reiche
Der Welt und ihre Herrlichkeit
Leis rief ich »Hebe dich von hinnen Ich gelobe
Dir nichts als meinen Fluch« Da wirbelte die grobe
Verworfne Faust zwei Stiegen mich hinab
Zu der dem Pallium dem Kreuz dem Hirtenstab
Und Bischofshut geweihten Garderobe
Und als ich seinem Wink mich dennoch nicht ergab
Zog er mein schwächstes Teil mein Herz noch auf die Probe
Zwei Flügel sprangen auf Ein Duft von Rosen brach
Aus einem Himmelbett grün wie ein Laubedach
Zu räumig nur für einen einzeln Christen
»Ist hier der Hain« rief ich »wo Amors Tauben nisten
Wohin bin ich versetzt« Und der Versucher sprach
»In des Prälaten Schlafgemach«
Hier wo die Grazien nicht nur in MarmorBüsten
Nein Töchter auch des Lands in jungfräulichem Licht
Zur Zeit der Firmelung sich ihm entgegen brüsten
Stürzt Er  nicht wie ein Spatz auf Kirschen nur erpicht
Die keinem andern Spatz den Schnabel schon versüssten 
Er stürzt  wie Jupiter mit göttlichen Gelüsten
Zur Ruh auf Ledens Schoss durchs Empyreum bricht 
Aus seinem Wolkenbett Nach schlauer Übersicht
Der holden Kinderchen die aus dem Schlaf ihn küssten
Dies ist ihr EingangsZoll ins Prälaturgericht
Wählt Er ein Gänschen aus mit Schwingen die noch nicht
Sich so heroisch blähn als ob sie längst schon wüssten
Nie sie mit wogendem dankbarem Gleichgewicht
Den Segen seiner Hand gerührt erwidern müssten
Je mehr ihr Jugendglanz ihm in die Augen sticht
Je schüchterner sie seinen Blick begrüßten
Je sanfter lispelt Er »Mich drängen Amt und Pflicht
Euch lieben Schwächlinge zum ersten Unterricht
Für eures Daseins Zweck mit Kenntnis auszurüsten
Das hohe Lied dien uns zum Führer Es verspricht
Den Lernbegierigen nach kurzen Stundenfristen
Den Spiegel ihrer selbst  doch Alberne was ficht
Dich für ein Schauer an Kennst du dies Lehrgedicht«
Sie nickt »Verstehst es auch« Er hört mit Wohlbehagen
Ihr kindisch Nein  er hört dass vor den Ostertagen
Sie schon der Ruth entwuchs und drum der Schul entfloh
Weil der Präceptor ihr  Sie schäme sichs zu sagen
Wenn sie im Lesebuch ein A mit einem O
Vertauscht  »Still« fällt er ein »lass lieber statt zu klagen
Mich deine Augen sehen  Scheust du sie aufzuschlagen
Weil sie zu feurig sind Ich bin ja nicht von Stroh«
»Nun dabei« lächelt sie »habt Ihr wohl nichts zu wagen«
Sie lässt drei Blicke los  nur drei  und lichterloh
Brennt schon sein Hirtenstab sein Hermelin am Kragen
Und jede Trottel brennt an seinem Domino
»Jetzt« lallt sein Mund »jetzt hilf die Grillen mir verjagen
Horch Gott schuf Mann und Frau mit Herzen Kopf und Magen
Doch ihr hing er auch noch ein kleines quid pro quo
Zum Freudenwecker an Das Bild an jenem Schragen
Stellt dir ein Beispiel dar Sieh wie geweckt und froh
Ein reizend Mädchen dort ohn eine Spur von Zagen
Mit einem Schwane spielt der wie ein Tier sich roh
Und keck dabei benimmt Sieh wie er seine zwo
Verliebte Schwingen hebt aus diesem Nest voll Plagen
Die kleine Nackende ins Paradies zu tragen
Das ehe der Advent mit Fasten uns bedroh
Ich dir jetzt zeigen will« Betroffen fragt sie »Wo
Liegt denn  wo sucht Ihr denn das Par« und sinkt im Fragen
Mit einem Laut als säng sie ein Adagio
Tief in sein Lotterbett wo schon oft Klügre lagen
Die jetzt als Heilige weit über andre ragen
»Ach Hoch  ehr  würdger Herr« stöhnt sie »beim Salomo
Bitt ich  beschwör ich Euch  wollt Ihr mich denn zernagen
Ists möglich Firmelt Ihr denn alle Mädchen so«
Doch fühlt das Gänschen kaum durch das nur allzu süße
Triumphlied seines Schwans sich dreimal überstimmt
Als es den Fittig hebt dem jede Feder glimmt 
Für seines Daseins Zweck von Kopf bis an die Füße
Gefirmelt  wie ein Stern der in den Tierkreis schwimmt
Gelenker als es kaum der bischöfliche Riese
Dem Schwächling zugetraut der Flug zum Paradiese
Nicht scheuer als ein Seraph nimmt
»Gott strafe den Tartüf« rief ich Durch diese Wort
Erschreckt hob der Verführer sich
Schwarz wie der Dampf aus einer GiftRetorte
Von mir hinweg zugleich umglänzte mich
Ein Strahl von obenher Mit Beben zwar durchschlich
Mein Fuß die grause Burg doch bald an offener Pforte
Schlug ich ein Kreuz vor und entwich
    Wie ich atemlos in meine Stube trat schlug Bastian die Hände über den Kopf
zusammen »Ach mein Herr« schrie er laut auf »was ist Ihnen begegnet Blass wie
eine Leiche und die Stirne  voll kalter Schweißtropfen« »Lass das«  schöpfte
ich nach Luft  »gut sein  Nur geschwind frische Wäsche und einen andern Rock
Durchräuchere die ausgezogenen und mache um des Himmels Willen dass wir
fortkommen Ich habe  Gott wie zittere ich  Ihn dem ich mich heute zu
deiner großen Ärgernis mehr als einmal übergab  ja Bastian ich habe den
leibhaften Teufel gesehen« »Ach lieber Herr« trat mir Bastian näher »wie
könnten Sie   Sie waren ja in der Wohnung eines Prälaten« »Tut nichts«
antwortete ich mit heisrer Stimme »den ganzen Morgen kannst du mir glauben
bin ich in seiner Gewalt gewesen« »Nun so erbarme sich Gott« jammerte der arme
Schelm und schmiegte sich mit klappernden Zähnen so fest an mich als ob der
böse Geist hinter ihm und er vor dem Bilde seines Schutzpatrons stände Genug
Eduard ich so wenig als mein abergläubischer Kammerdiener wurden unsere
Rückenschauer eher los als da wir von unserer fortrollenden Berline aus die
Turmspitzen von Narbonne erblickten
    Hier erfuhr ich beim Umspannen dass seit vier und zwanzig Stunden keine Post
weder hin noch herwärts und auch eben so lange gab mein Führer sein Wort
dazu kein Pferd in Beziers aus dem Stalle gekommen wäre Ein neuer aber
überflüssiger Beweis von der Wahrheitsliebe und Redlichkeit des OrtolanWirts
denn seine für nicht genossene Gerichte für nicht getrunkene Weine mir
zugeschnellte Rechnung die ich noch warm in meiner Tasche so wie er mein Geld
dafür in der seinigen hatte sprach ohnehin laut genug Aus wahrem
Vaterlandsgefühl warne ich meine Mitbürger die etwa nach mir diese Gegend
bereisen sich ja weder durch unsere deutschen Wegweiser  durch das anlockende
Schild der Herberge  durch Fideikommisse und ehrliche Gesichter noch durch die
bischöfliche Terrasse zu einem längeren Aufenthalt in diesem gotteslästerlichen
Städtchen verführen zu lassen als etwa der Postwechsel nötig macht und
besonders die Bespannung ihres Fuhrwerks selber zu bestellen damit sie
geschwinder als ich armer Betrogener in das Kastell des Wohllebens gelangen
dessen Vorzüge vor allen andern Kostäusern des Reichs ich mit Deiner
Erlaubnis stillschweigend und in meinem Tagebuche zum erstenmal gleich einer
zarten Empfindung die sich nur fühlen aber nicht beschreiben lässt übergehe
Der Ehrenmann in der weitesten Bedeutung des Worts der in der Kürze eines
halben Tages der herrlichsten und wohlfeilsten Bewirtung das Dankgefühl meines
Daseins höher hinaufgetrieben hat als alle die Summen die ich von Jugend an
darauf pränumerirt habe wie freundschaftlich greift er mir nicht selbst bei
unserer Trennung unter die Arme wie verschieden von jenem Sudelkoch dem die
unverschämteste Lüge glatt über die Zunge ging um mich noch einen Tag länger
rupfen zu können Hier trat der Fall wirklich ein den jener nur vorgab Bastian
hatte sich diesmal mit eignen Augen überzeugt dass der Poststall leer stände Da
trat aber mein heutiger Wirt auf das edelste dazwischen um die Schwierigkeit
zu beseitigen und seine Vermittlung half mir nebenbei zu der unverhofften
Bekanntschaft eines für mich sehr merkwürdigen Orts
    »Wenn Sie« sagte er »einen geringen Umweg und das Nachtlager auf einem
Dorfe nicht zu sehr scheuen so biete ich Ihnen meine eigenen vier tüchtigen
Wallachen an  denn es sind Normänner  die Sie auf einem viel bequemern Wege
als die Poststrasse über Karcassone ist morgen bei guter Zeit nach Toulouse
bringen sollen«
    »In Ihrem Hause lieber Mann« antwortete ich wie es mir ums Herz war
»wollte ich ganz geduldig selbst noch einige Tage auf die Zurückkunft der
Postpferde warten aber auf der andern Seite möchte ich doch nicht gern darüber
auf bessern Weg und vier Normänner Verzicht tun Wo meinten Sie dass ich
übernachten soll« »In einem zwar unansehnlichen kleinen Dörfchen das aber«
erklärte er mir »das Stammgut eines zu seiner Zeit berühmten Schriftstellers
war und auch seinen Namen führt Montesquieu«  Das war doch einmal ein Wort
Eduard das sich hören ließ Kaum war es ihm über die Lippen so dachte ich
weiter nicht an mein körperliches Wohlbehagen und nahm seinen Vorschlag mit
herzlicher Freude an Er verließ mich um sogleich Anstalt zu machen indes ich
meine Landkarte aus einander schlug und meine Augen in der Gegend nach dem
anziehenden Orte herumschickte Ich fand einige als Zollstätte mit einer
Fahne  andere als bischöfliche Residenzen mit einem Sternchen und einen mit
zwei sich kreuzenden Schwerten zum Merkmal bezeichnet dass in seiner Nähe eine
Schlacht vorgefallen sei dem Ort aber wo der große Mann geboren war lebte und
schrieb hatte mein geographischer Handlanger nicht einmal seinen Platz auf dem
Erdboden gelassen geschweige ihn eines Ehrenzeichens gewürdiget Der
jovialische Hausherr ließ mir nicht Zeit mich darüber lange zu ärgern »Hier
bringe ich Ihnen« trat er ein »zum Abschied noch eine Flasche des guten Weins
der auf den Bergen zu Montesquieu reift sonst kauften ihn die Engländer aufs
teuerste uns vor dem Munde weg aber seit dem Tode des gelehrten Präsidenten
fragen sie nicht mehr danach jetzt steht er um die Hälfte im Preis ob er
schon noch immer von derselben Güte ist« »Das tut mir leid um die Engländer«
sagte ich und nahm ihm das volle Glas ab »Sie sollen« trank ich ihm die
Gesundheit zu »zum Vergnügen aller Reisenden noch lange leben Herr Wirt von
Kastelnaudari Sie wissen nicht wie elend es mir drei Tage nach einander
gegangen ist ehe ich hier ankam Sie haben mich mit einem einzigen Frühstück
vollkommen wieder hergestellt und wären Sie nicht klüger als meine Landkarte
so hätte ich wie andere auf der ordinairen Poststrasse fortrumpeln müssen ohne
nur zu ahnden dass der Geburtsort des Mannes den ich vor allen andern schätze
und liebe mir auf dem Seitenwege in der Nähe lag Wenn man von
gottesvergessenen Menschen so mürbe gemacht wird als ich in Beziers wie
empfänglich ist dann nicht unser Herz für alles Gute das uns bessere zufliessen
lassen«
    Ich schüttete gegen meinen heutigen Wohltäter alle mögliche Floskeln des
Danks um so verschwenderischer aus als er mir es in wenig Stunden von mehr als
einer Seite her geworden war und bestieg dann meine Berline mit einer gewissen
stolzen Selbstzufriedenheit da ich sie zum erstenmal mit vier prächtigen
Normännern die keinem königlichen Einzuge Schande machen würden bespannt sah
Dergleichen erborgte Empfindungen halten indes bei einem verständigen Jünglinge
nicht lange an der die vergangene Nacht über guten oder schlechten Versen
verwachte einen Feldweg wie von grünem Sammt bezogen vor sich kühlende
Zephyrs im Gesicht ein weiches Kissen unter seinem Kopf liegen hat und auf
Stahlfedern sitzt Auch war meine heutige Reise ganz dem süßen Taumel ähnlich
mit dem vormals das Wiegenlied einer lieben Amme meine Kindheit beseligte und
der nicht eher verging als da der Kutscher Abends sieben Uhr mit dem Zuruf
Herr wir sind in Montesquieu vor einem Schindelhäuschen still hielt
    Wie lieblich schlägt solch ein Klang an jedes gute menschliche Ohr Er
erweckt wie eine Kirchenglocke Gedanken der Andacht  erinnert an die
Veredlung unsers Geschlechts  an den wohltätigen Geist der Gesetze  an
öffentliches und häusliches Glück
    Das wohl aber wenn man wie hier der Fall war nur ein verödetes elendes
Dörfchen mit solch einem Namen beprägt sieht möchte man ihm dann nicht lieber
einen aus Westphalen genommenen beilegen der weniger stolz klänge und sich
besser zu seinem Schmutz passte so wie man nur zu oft in vornehmen
Gesellschaften den verdorbenen Sprossen eines edelen Stammes wo nicht
vernichten  doch umtaufen möchte Nie hätte mir ahnden können in dem
Stammgute des Philosophen dieses Namens einen solchen Mangel an Ordnung
Reinlichkeit und Policei unter dem Bettlerhaufen der ihn bewohnt anzutreffen
als ich leider mit Augen sah Zur Entschuldigung sagte mir zwar der alte Bauer
der hier den Wirt macht dass dieser einst wohlhabende Ort im letzten
Religionskriege so herunter gekommen wäre Er sei vorher und so lange mit
fleißigen redlichen aber freilich kalvinistischen Einwohnern sehr reich
besetzt gewesen bis die Verbreiter der reinen Lehre alles ketzerische Unkraut
ausgerottet Kirchen und Schulen verbrannt und keine Hütte verschont hätten
außer der seinigen der Einkehr und des Weinschanks wegen Der nachherige
gelehrte Herr des Dorfs habe sich zwar durch Rat und Tat bemüht seiner
verfallenen Besitzung wieder aufzuhelfen aber zu solch einem Unternehmen reiche
ein Menschenalter nicht hin und man könne doch auch nicht verlangen dass der
Nachfolger wie der Vorfahr denken und seinen Untertanen Frohnen und Zehnden
erlassen solle ob es gleich das einzige Mittel wäre dem Übel ihrer drückenden
Armut zu steuern »So will ich Gott danken« fiel ich ihm in die Rede »dass ich
in seinem wie ich sehe dreieckigen Gastzimmer lieber Mann wenigstens vor
Religionsverbreitern sicher übernachten kann wenn es auch vor Ratten nicht sein
sollte Schlafe er wohl und lasse er es ja meinen schönen Mietpferden an
nichts abgehen ich bedarf nur Ruhe« »Überhaupt« setzte ich nun die
Unterredung mit mir allein fort »darf ich ohne mich eben mit der erstiegenen
Höhe unserer Kultur breit zu machen doch mit frohem Herzen zu den weit niederen
Stufen derselben herunterblicken auf welchen noch vor hundert Jahren die
Vorlebenden standen Wie viele gute Köpfe haben nicht erst entweder wegen ihres
zu schwachen oder zu starken Glaubens über das Henkerschwert springen müssen
ehe ich in dem meinigen mit Sicherheit eine freie Denkungsart herumtragen
konnte Selbst dir guter Montesquieu samt deiner persischen Maske würde es
nicht besser ergangen sein als deinem Erbe wenn du nicht durch den Tempel von
Gnidos einen leichtern Weg zu der steilen Sorbonne und in deinen aufgefangenen
Briefen aus dem Serail ein so bewährtes Erweichungsmittel jener religiösen
Felsenherzen entdeckt hättest dass jeder dessen Hand nur geschickt genug ist
es aufzulegen der weitläuftigen dogmatischen Prozesse mit dem Scheiterhaufen
überhoben und gewiss sein kann für rechtgläubig erkannt zu werden denn ein
Maler der die Entzückungen der Liebe mit so feinen und nur desto kräftigern
Farben zu schildern versteht als du hat alle Bischöfe auf seiner Seite«
    Es war als ich kaum einige Stunden der Ruhe gepflogen hatte zwar nur mein
KaminSchlot der diese Nacht durch ein Bündel dürrer Weinreben die so wenig
wissen konnten als ich dass er seit vielen Jahren nicht gefegt war in Brand
geriet Dies hinderte aber nicht dass ich den größten Teil meines schönen
Schlafs darüber verlor  der Lärm im Hause mir die Hand lähmte da ich eben den
Vorhang eines persischen Serails zu lüften versuchte und mich zugleich im
selben Augenblick eine Najade die leichter bedeckt als es selbst das erste
Schrecken erlaubt mit ihrem Löschgeräte in mein Zimmerchen gestürzt kam
weiter von Gnidos entfernte als es einem träumenden Jünglinge lieb ist Gütiger
Himmel in was für eine wilde Wirtschaft kann man nicht geraten wenn man der
Spur eines berühmten Mannes nachgeht Sollte denn der gelehrte Präsident der so
große Sorge für Monarchien trug sein Dorf nicht einmal mit einer Feuerordnung
beschenkt haben Welche erbärmliche Anstalten Statt einer Schlangenspritze
führte man in Prozession einen jungen Mönch auf der die Flamme wie sie es
nannten besprach die auch nur noch einige Minuten knisterte sich dann senkte
und verlosch
    Während dieser geistlichen Gaukelei trieb das Sturmglöckchen  misstönend wie
eine blecherne Klingel des gaffenden nackten Gesindels eine größere Menge mir
unter die Augen als sie zu ertragen vermochten aber schon mächtig genug jagte
der stinkende beissende Rauch der die Hütte durchzog mich und meine
normännischen Wallachen aus unseren Buchten Sie stellten sich von selbst vor
den Reisewagen so instinktmässig als sich mein matter Körper hineinwarf und
schnauften wie ich nach reinerem Äther Blitzschnell drängte sich nun der
verstörte Schenkwirt herbei forderte nicht sondern bettelte  erst um sechs
Livres für unsere Beherbergung  dann um drei zur Vergütung der Unruh die mein
allzufrostiges Temperament veranlasst hätte und noch um eben so viel für den
geistlichen Beschwörer
    Mittlerweile ich diesem Bettler die Geldstücke zum Schlage heraus seiner
vorgehaltenen russigen Nachtmütze zuschleuderte stand jener in einem so dichten
weiblichen Kreis als wären hundert alte und junge Busen an einander geschnürt
und dankte mit funkelnden Augen Gott für die sichtlich frommen Bewegungen in
die das eben geschehene Wunder sie alle besonders die jüngeren versetzt hatte
Ernster näher und andächtiger als er diese besprach sah ich es ihn selbst
vor der brennenden Esse nicht tun und es freute mich gar sehr zufällig wieder
einmal auf einen Klosterbruder zu stoßen der es mit der heranwachsenden Jugend
gut meint Der falsche Schein der Morgenröte die hinter einem dunkeln Gewölke
hervordämmerte und nach Versicherung des Kutschers den baldigen Durchbruch
eines dahinter versteckten desto rosigern Tages versprach breitete über jene
nächtliche Gruppe einen so magischen Schimmer wie ihn Schalken seinem
herrlichen Gemälde der klugen und törichten Jungfrauen zu geben gewusst hat und
lenkte meinen Seherblick auf einen Gegenstandder mir zu einer ganz neuen
Vergleichung verhalf Die Spiele der Natur, am Himmel und auf der Erde sind bei
ihrer Mannigfaltigkeit so verschieden von einander, dass jeder Dichter bemüht
sein sollte auch den entferntesten Berührungspunkt unter ihnen aufzufassen
Eins der blassen Mädchengesichter die den Wundertäter umgaben hatte sich aus
zu dringender Andacht seinem langen braunen Barte so sehr genähert dass ich
diese Zierde seines Standes eine ganze Weile für den Schleier des Gesichtchens
nahm das durchschien bis ich den optischen Betrug entdeckte
    »Siehe Bastian« rief ich dann wie inspirirt »dort ist auch ein rosiger
Tag hinter dunkeln Wolken im Durchbrechen« Aber sein prosaisches Gehirn
verstand das Treffende meines Ausrufes nicht Ich traue meinen Lesern höhere
Gaben zu denn wer keine Ähnlichkeit zwischen den Objekten die ich hier
einander gegen über stellte finden könnte müsste sich schlecht auf Gleichnisse
verstehen keinen Wahrsagergeist und so wenig poetischen Sinn haben als mein
Kammerdiener Beim Abfahren warf ich noch einen launigen Seitenblick auf den
Geburtsort des gepriesenen Geists der Gesetze an dessen Stelle nur zu sichtbar
einer der schmutzigsten Poltergeister getreten ist
    Ehrlicher Montesquieu redete ich seinen Schatten an wie wenig  ach  wie
so gar nicht haben die Balsamstauden deines eingezogenen Lebens die wunderbar
genug auf diesem Mistbeete zur Reife kamen ihren eigenen Grund und Boden
veredelt und besämt Wahr aber hat denn ihr Blumenkelch sich befruchtender über
die Wirtschaften ergossen die von unser Einem Respekt fordern Wo  ich sehe
mich so weit um als mich die Augen tragen  sind denn Absenker dieser
Edelgewächse besser gediehen Schlingen sich nicht statt dieser bescheidenen 
noch immer Giftund Schmarozerpflanzen in frechem Wachstum an die Schlösser der
Könige an die Palläste der Großen an die Säulen und Stützen der Armen hinauf
und töten durch schädlichen Aushauch alle lebendige Kraft der Staaten den
Mut die Arbeitsamkeit  die natürlichen Rechte der Untertanen und ihren
freien Gehorsam für gesetzliche Ordnung
    Stehen nicht deine lehrreichen Schriften in allen fürstlichen Bibliotheken
die ich kenne wie vertrocknete Saamenkapseln nur noch zur Schau da Und wo
gäb es ein Land oder Ländchen dessen Minister nicht weit klüger wären als du
und um hundert Procente bessere Regierungsplane entwerfen könnten als die
deinigen sind  
    Gott weiß wie lange ich noch unter meiner Reisemütze so über die Schnur
gehauen hätte wäre mir nicht sobald ich auf meinem gestrigen Plätzchen wieder
fest saß der Beschwichtiger aller heillosen Grillen  der Besänftiger jedes
empörten Bluts   mein von einer bösen Stunde verscheuchter Freund treu wie
gewöhnlich zu Hilfe gekommen
    Ich vertraute meinen erschlafften Körper ihm und meinen getiegerten
Mietlingen sorgenlos an die in dem Tumulte des Feuers und Russes nichts von
ihrem angestammten Mute und gefälligen Äußern verloren hatten
    Der Weg der ihnen heute mit mir zu tun übrig blieb mochte wohl eben so
gut und sammetartig sein als der gestern zurückgelegte
    Mit Gewissheit kann ich es jedoch so wenig behaupten als der Schläfer zu
meiner Linken neben dem ich in einem so komischtragischen Traum verfallen lag
als mir je einer vorkam Er ein wilder Abkömmling meiner politischen
Nachtgedanken trat mit Würde einem andern voraus der von weitem ihm
nachschlich und aus allen Elementen zusammengeknetet keinen vornehmern Ursprung
hatte als den Bart eines Mönchs
    Ich weiß wohl dass Du dergleichen mark und saftlosen Erzählungen nie hold
gewesen bist da es aber so selten glückt dass man diesen Zerrbildern der Seele
bis zu den Nebeln ihres ersten Vordämmerns auf die Spur kommt und ich ohnehin
vor Sonnenaufgang keinen klärern Stoff zu verarbeiten habe so musst Du mir schon
vergeben wenn ich Dir den einen und den andern mit gleicher Gesprächigkeit
entwickele als Deine Tante die ihrigen Es währte vielleicht nach dem sanften
Stillstand meiner äußern Sinne keine drei Minuten als ich altdeutsch
gekleidet mich in Gesellschaft der sieben Churfürsten auf die Kaiserwahl nach
Frankfurt am Main verirrte Im Schlafe weiß man weder von Ceremoniel noch
Kalender Ich hielt mich wie Du siehst bloß an den Kodex der güldenen Bulle
die an dieser Zahl eben genug hatte um sie als Erbfeinde der sieben Todsünden
aufschwören zu lassen Ob sich diese in der Folge der Zeit in gleichem
Verhältnis mit den ersteren vermehrt haben oder ob für die mehr entstandenen
Erbämter keine weiter zu erdenken sei ist eine Frage deren Beantwortung den
Lehrern der neueren Statistik zusteht Mir konnte sie nicht in den Sinn kommen
Ich fühlte nur meine glückliche Lage und fragte mich einmal über das andere
Kann man wohl vornehmer und sicherer reisen als Du
    Meine Begleiter waren recht artige höfliche und lustige Herren Auch
gelangte ich durch ihren mächtigen Einfluss in das Wahlgeschäft zu einem
Ehrenposten dessen ich mich am wenigsten versah Ich stand ganz außer mir 
rate einmal wo
Ich stand geschmückt als Herold nächst den Stufen
Des Kaiserstuhls an seinem Krönungstag
Die Volksvertreter aufzurufen
Zum neuen Ritterschlag
Kaum ward ich laut als mich in einer fremden
Antiquen Pracht ein großer JunkerTross
Mit Fahnen Spiessen Panzerhemden
In seine Mitte schloss
Die Herren vest gestreng und freigeboren
Ergriffen mich wie ein gemeines Lamm
Und schleppten mich bei beiden Ohren
An ihren Heldenstamm
Was soll ich hier schrie ich »Hier sollst du sehen
Kraft deines Amts dass wir von Kind zu Kind
Aecht und aus ebenbürtgen Ehen
Geborne Ritter sind«
Mich überfiel ein bürgerliches Grauen
Weh dir seufzt ich wenn dich dein Ehrenamt
Zum Tugendrichter todter Frauen
An diesen Pfahl verdammt
Und perlt denn wohl im AmazonenFluße
Ein Tröpfchen noch des Quells der ihn ergoss
Folgt Treue dem Verlobungskusse
Nur in ein Ritterschloss
Drückt Amor nicht den Stempel edler Wappen
Manchmal in Blei Beschien der Abendstern
Nicht oft schon in dem Arm des Knappen
Die Braut des Pannerherrn
Sie prahlten fort »Wir sind an Krönungstagen
Bestimmt der Majestät uns anzureihn
Und den Churfürstlichen Gelagen
Getreu und hold zu sein
Aus Männermut mit Weibertreu verschmolzen
Im reinsten Gold das keinen Fleck verträgt
Hat uns die Zeit zu diesen stolzen
Schaumünzen ausgeprägt«
Mein Ohr erlag dem Schrei so vieler Kräher
Verdruss und Scham durchströmten mein Gesicht
Ich fühlte angstvoll zum Verdreher
Der Wahrheit taug ich nicht
Zum Toren nicht der auf ein Feld von Ähren
Jedweden Korn und Strohhalm Zoll für Zoll
Vergleichen messen und gewähren
Nur nicht entülsen soll
Staub nur entsteigt den treusten Ahnenproben
Dem ältsten Stammbaum modriger Geruch
Drum wünscht ich mein Geschäft verschoben
Bis nach des Kaisers Spruch
Mein Wunsch gelang Denn eh ich gleich der Motte
Nur einen morschen Adelsbrief durchschlich
Sah ich die Matador der Rotte
Selbst uneins unter sich
Blutdürstig fiel gleich Wilden ihr Geschwader
Von Haut zu Haut auf seine Vettern her
Und einer schlug dem andern Ader
Mit seinem Probespeer
Der Erste schrie Wer geht mir vor an Adel
Mein Ahnherr war bei Fürsten angenehm
Mann ohne Furcht und ohne Tadel
Wie Bayard ehedem
Des Zweiten Schild zum höheren Standsbeweise
Führt ihm das Jagdross Karls des Großen an
Das wie bekannt die erste Reise
Ins Aachner Bad getan 3
Doch gleich hatt ihn aus eines Dritten Munde
Ein noch weit ältrer Ahnherr überschrien
Der saß einst an der Tafelrunde
Des Zauberers Merlin
Den Andern blieb so mächtig überboten
Kein Nachsatz mehr für ihre Forderung
Und keiner tat ins Reich der Toten
Noch einen Rittersprung
Denn wer es weiß dass selbst kein Purpur Schelme
Veredeln kann vermeidet den Versuch
Und wünschet eher sich statt Helme
Ein ehrlich Leichentuch
Doch kam noch mancher einzeln angekrochen
Und übergab als Einlasskarte mir
Bald einen grauen Ritterknochen
Bald ein gemalt Visier
Ein Preuße schwor von väterlicher Seite
Hab er auch einen Helden ausgespürt
Der einst im Faustkrieg das Geleite
Von Nürenberg geführt
Ein Schwabe rief Ob mich schon mancher schlaffe
Heraldikus nicht für ganz echt erkennt
Trag ich doch die antikste Waffe
Bei unserm Kontingent
Ein Hesse der nach Mönchs und Nonnenkutten
Sein lahm Geschoss mit lahmer Faust gespannt
Vertraute mir er sei mit Hutten
Und Berliching verwandt
Ein Baier wies mir seinen Helm den habe
Prahlt er mit Blut gefüllt aus einer Schlacht
Beim Kreuzzug nach dem heilgen Grabe
Sein Ahnherr mitgebracht
Ein Reichsbaron fragt ihn mit Hohn und ballte
Die Faust Bist du darum von besserm Schrot
Und Korn   Zu beider Glück erschallte
Des Kaisers Machtgebot
»Legt eure Panzer ab stellt ohne Fahnen
Vor meinen Thron euch dar und hört mich an
Was hat dies Heergerät der Ahnen
In eurer Hand getan
Wer hat die Säulen unsres Reichs gestützet
Und treu dem Schwur der ihm zum Erbteil fiel
Das werte Vaterland beschützet
Im ernsten Waffenspiel
Wer unternahm den Brennstoff unsrer Zeiten
Den Blitz des Kriegs den Funken des Verrats
Mit treuer Einsicht abzuleiten
Als Genius des Staats
Vermehrtet Ihr durch eure Heldennamen
Des Bürgers Wohlfahrt oder seine Last
Messt euch ob wohl in euren Rahmen
Ihr großes Vorbild passt
Und wisst wer sich des deutschen Erbvertrages
Der Ehr entzog sein ihm vertrautes Schwert
Verriet ist auch des Ehrenschlages
Des meinigen nicht wert
Der Tapfre nur der aufgeklärte Seher
Im Fürstenrat tret als ein echter Sohn
Des Ahnherrn unserm Throne näher
Und ernte gleichen Lohn«
Der Kaiser schwieg Ich aber trug im Kreise
Der Horchenden sein Aufgebot herum
Schnell ward ihr Stahlgeklirr ganz leise
Und aller Zungen stumm
Und blieben stumm Doch bald getröstet zogen
Die Junker ab stolz frech und aufgeschwellt
Von Dünsten wie der Regenbogen
Der mehr verspricht als hält
Denn wie dies Zeichen von des Himmels Gnade
Erst wenn der Sturm des Landmanns Fleiß zerstört
In optisch täuschender Parade
Sich vornehm zu uns kehrt
So zeigen sie nie lieber sich gerüstet
Und brüstender mit ihrer Ahnen Mut
Als bis das Land vom Feind verwüstet
Statt ihrer Busse tut
Nicht Einer war so sehr um sich verlegen
Dass er sich nicht hinaus zum Rittersaal
Trotz lachend wie die Kinder pflegen
Zu seinen Bauern stahl
Bald jauchzt er dort dass ohne Ihn der Schrecken
Des Dorfs verflog das den Gestrengen nährt
Und wo nicht Ihn doch Helm und Decken
Des edelen Ahnherrn ehrt
Ich sah mich um und da ich keinen weiser
Und tapferer als meinen Schatten sah
Rief ich erstaunt wie unser Kaiser
»Ist denn kein Dalberg da«
Kaum flog dies Wort des Jammers von der Lippe
So schien es mir es trät in Trauerflor
Der Vorzeit drohendes Gerippe
Aus seiner Gruft hervor
An Helden leer an Redlichen noch leerer
Schien mir der Staat nur einer Wüste gleich
Sein Glanz ging unter und der Mehrer
Des Reichs fiel wie das Reich
Den Boden der sonst einen Kranz von Eichen
Und Lorbern trug bedeckte dürrer Sand
Auf dem nur noch als Todeszeichen
Die Tränenweide stand
Blass blickt ich wie ein Monument beim Flimmern
Des Nordlichts in ein weit gedehntes Grab
Und warf zuletzt zu jenen Trümmern
Auch meinen Heroldsstab
    Sobald mein Ohr  denn darauf kam alles an  sein verschobenes Kissen wieder
gefunden hatte vernahm es von diesem gräulichen Lärm der Verwüstung keinen Laut
mehr Meine gedrückte Seele lüftete sich hüpfte leicht wie eine Grille über
den kostbaren Schutt und über das ungebührliche Schattenbild hinweg das so sehr
die edle Kaste beleidigt hatte der anzugehören von Kindesbeinen an mein Stolz
war Flucht war hier das Beste denn ungerechnet dass schon seine bürgerliche
Abkunft mein Ritterschwert in der Scheide zurück hielt wäre es auch überdiess
ein DonquixotenStreich gewesen mich mit meinem eigenen Traume zu schlagen Das
Vorgefühl der erwachten Natur pickelte mir an die geschlossenen Augenlieder
öffnete aber wie es schien nur die kleinste Falltüre ihres weitläuftigen
Tempels aus welchem mir die heiterste Morgenerscheinung in jener schlanken
weiblichen Gestalt entgegen schwebte die meinen Geist so gerne besucht wenn er
träumt »O du kommst wie gerufen liebe Julie« fasste ich sie bei der Hand
»denn eben will ich eins der Phänomene belauschen deren du schon manche im
Stillen mit mir bewundert hast Sieh nur liebe Kleine wie kindisch die
himmlische Aurora sich wendet und sträubt ehe sie dem ungeduldigen Tage ihre
weißen Lilien Preis gibt Ich möchte wohl wissen ob jenes jugendlich blasse
Landmädchen in diesem Augenblicke nicht auch«   Es war wohl kein Wunder dass
Sie  die ich schon wachend mit der Morgenröte verglichen hatte mir zwei
Stunden nachher im Traume und gerade so wieder vor die Augen trat wie ich sie
auf einem der vorigen Blätter stehen ließ Dass ich aber auch nicht einmal nötig
hatte es meiner Zuhörerin vorzulesen um mich ihr verständlich zu machen lässt
sich wohl sehr gut glaube ich durch das was schon so vieles ins Klare gesetzt
hat  durch den allen Fantomen eigenen elektrischen Zusammenhang mit unserer
Maschine erklären
    Ihm sei wie ihm wolle genug das meinige war so vollständig als ich Du und
meine übrigen Leser mit der nächtlichen Situation der Dorfschöne bekannt und
wäre es nun nicht sehr albern von mir gewesen in Gegenwart einer Dame die doch
auch nur mit Äther bekleidet war darüber zu spötteln Es ward mir viel weniger
schwer der Unschuld das Wort zu reden und den Mönch zu entschuldigen »Wenn
solch einem aus dem ersten Schlaf aufgeschreckten Kinde dem Anschein nach von
fünfzehn hiesigen Jahren auf einmal ein nie gesehenes bärtiges Meteor aus einem
heiligen Hause in den Gesichtskreis tritt meinst du nicht auch gute Julie dass
es über seinem eigenen ErstlingsErstaunen leicht übersehen kann wie hingegeben
es einem andern eben so neugierigen bloß steht und würde nicht selbst ein
warnender Wink den ein erfahrner Moralist der Unbefangenen zuwürfe weit mehr
Unheil anrichten als Gutes« Meine luftige Freundin lächelte mir Beifall zu
»Dir aber besonders« fuhr ich in männlicher Begeisterung fort »dir armen nur
bis zu Sonnenaufgang deinem Kerker entlassenen Jüngling dir gönne ich vollends
die vorüberfliegende Freude des Anschauens von ganzem Herzen Ich würde eher den
Kopf dazu schütteln wenn du wie Tartüff während seines Sermons deiner
Zuhörerin ein dichteres Halstuch umhängen wolltest als dein Bart ist«
    »Wirf immer deine entfesselten NeulingsBlicke so weit ihnen der Horizont
offen steht auf jene Höhen und Tiefen des paradiesischen Freistaats in die
reizende Gegend die sich dir ohne eine Feuersbrunst bei Nacht ohne deine
beneidenswerte Gabe des Löschens  ach die sich dir nie würde entdeckt haben
hätte nicht mein Glaube an einen großen Namen mich bis an den Krater eines
ungekehrten Kamins verirrt«
    »Die beste Entschuldigung des armen Mönchs liebe Julie liegt in meinem
Herzen und in deinem Busen Jener der auch ihm so jugendlich unter Staub und
Asche entgegen wallte erschien ihm als die reinste Perle die in der großen
Schnur die ihn umgab alle andere verdunkelte Sie war der einzige Brennpunkt
der was ganz besonders für ihn spricht nur seine zerstreuten Blicke und das
braune seidene Gewebe anzog das über seine Brust herabfloss und dem er
unmöglich wehren konnte um eine andere zu spielen die weicher lockender
erhabener und ihm tausendmal lieber war als sein Kinn Es steht zu hoffen dass
der arme Klosterbruder sich seines Funds mit desto beseelterm Gefühl werde
gefreut haben je länger die Trauer um ihn sein wird in die ich ihn jetzt im
Geist zurücktreten sehe Ich begleite ihn mit wahrem Mitleiden Das Bild das
mich selbst im Traume so angenehm beunruhigt wird ihn in alle Betstühle und
Kapellen verfolgen Er wird glauben er habe wie gewisse Insekten nur eine
Stunde gelebt Welch ein leidiger Trost für ein menschliches Herz«
    »Ach teurer Schatten« drückte ich ihr mit diesen Worten einen zwar nur
geträumten aber warmen Kuss auf die Hand »wie wenig ich fühle es nur zu sehr
ersetzt die geistige Beschauung eines ehemals genossenen Glücks seinen Verlust«
Das schöne Fantom zitterte seufzte errötete und verschwand
    Meine Blicke folgten ihm nach bis unter die Sterne und Wandelsterne Da ich
aber dort weder sie noch ein anderes Mädchen fand das mir zuhören konnte
klammerte ich mich wie ein ausgemachter Schwätzer an den ersten besten
Gegenstandder mir aufstiess Könnte redete ich in die Luft einer von Euch
Kometen denken und fühlen und weiß ich denn ob er es nicht kann und ich setze
den möglichen Fall es begegnete ihm auf seiner regellosen Bahn zum erstenmal
die volle Scheibe des Monds  welcher von unsern moralischen Zeichendeutern
dürfte ihm einen schärfern Text lesen als der meinige ist wenn er überwältigt
von süßem Gefühl und bis in seinen brennenden Schweif erschüttert den kleinen
lieblichen Wunderball so lange anstaunte als er wolkenlos unter ihm schwebt
Wer möchte ihn tadeln wenn er die Sekula die seiner leiblichen Beschauung die
Wiederkehr verbieten so tief in den Abgrund des ewigen Nichts verwünschte als
wahrscheinlich der junge Mönch die Schaarwächter seiner Klausur und als ich
fuhr ich fort und blinzelte nach dem Lichte den Mörder verwünschen würde der
mich jetzt meiner Sehkraft beraubte Denn bei dem wachen Bewusstsein mit dem ich
endlich an meinen Schreibtisch gelangt bin und spöttisch auf die erbärmliche
Kleinigkeit herabsehe die meinen unsterblichen Geist über eine Stunde
beschäftigen konnte schwöre ich Dir zu lieber Eduard dass in so viele
poetische Gleichnisse sich auch mein Traum über die Zufriedenheit der beiden
AugenPaare verbreitet hat die vergangene Nacht an einander gerieten ich mir
doch zu behaupten getraue dass keines von ihnen herrlicher überrascht und in
gleich hohem Grade glücklich sein konnte als es die meinigen waren als sie nun
der erste Stral der Sonne aufzog Eine ganze Weile glaubte ich noch
fortzuträumen Mir war als sei ich in einen vornehmen englischen Park versetzt
in welchem blühende Bäume mit frisch begossenem Rasen das Blöken der Lämmer mit
fröhlichen Singstimmen abwechselten die aus unzählichen Vogelhäusern wirbelten
Meine geborgten normännischen Füße die wie Räder einer Wassermühle mir keine
Sekunde Zeit ließ nur einen der vorbeiströmenden Gegenstände fest zu halten
verwickelten meine Sinne noch mehr in ihren Irrtum In der süßesten Betäubung
fing ich zu lallen an
Welch holdes Traumgesicht welch unabsehlich freies
Mit Segen überströmtes Land
Lob sei dem Herrn der mir dies Bild des Maies
Auf meinen Schlaf herabgesandt
Doch nein ich bin erwacht ich seh erstaunt im Glanze
Des Morgens den mein Auge grüßt
Wie die Natur mit einem Kranze
Zu einem wahren Hochzeittanze
Zahllose Wachende umschließt
Hier laden tausendfache Sprossen
In süßer Hoffnung zum Gedeihn
Des Lebens traute Mitgenossen
Von einem Fest zum andern ein
Um mich herum auf jungen Ästen
Beblümter Stauden schaukelt sich
Ein muntres Heer von bunten Gästen
Die ein geheimer Hang nach Westen
Aus Norden gängelte wie mich
In diesem heiligen Gewühle
Unschuldger Freuden o wie rein
Und selig müssen die Gefühle
Der Hirten dieser Fluren sein 
Doch die Türme von Toulouse
Schimmern meinen Augen schon
Und das Harfenspiel der Muse
Fällt in einen TrauerTon
Rücksicht ins Vergangne störet
Ihre frohe Phantasei
Zitternd horcht sie auf und hört
Kalas Deines Bluts Geschrei
Hilft in schwarzem Traum dem biederen
Matten Greis um Mitleid flehn
Sieht ihn mit zermalmten Gliedern
Seines Todes Kampf bestehn
Siehet Blut die Gattin weinen
Blut bei jedem Keulenschlag
Dem als Bein von ihren Beinen
Ihr Vertrauter unterlag
Zählet der Verwaisten Tränen
Und des kindlichen Gefühls
Volle Pulse bei den Szenen
Dieses grassen Trauerspiels
Thron des Aberglaubens Wehe
Deinem rauchenden Altar
Bis der Greis verjüngt erstehe
Der Dein Todtenopfer war
Bis Gott zu den Flammenstufen
Seines ernsten Richterstuhls
Auch den letzten vorgerufen
Deiner frechen Kapitouls
Und Du Dulder ihrer Strafen
Wenn Du längst der Erde Last
Alle Menschenangst verschlafen
Und den Traum gesegnet hast
Wenn zu jenem großen Tage
Die Erforschungsstunde schlägt
Die auf unberührter Wage
Deiner Unschuld Leiden wägt
Und dann fern von Dir Voltaire
Mutlos bangt indes Dein Licht
Stralen wirft ach dann verkläre
Auch ein Stral sein Angesicht
Anwalt in der großen Sache
Der beleidigten Natur
Schwor er Deinen Mördern Rache
Und er hielt den edlen Schwur
Rief die Weisen auf zu streiten
Gegen Priester Wut und Wahn
Und schlug mächtig an die Saiten
Aller bessern Herzen an
Er verwandelte in Ehre
Deine Schmach und schaffte Ruh
Deiner Asche Dafür kehre
Gott auch ihm sein Antlitz zu
Dafür werde seiner Ränke
Nicht gedacht der Cherubim
Himmlischer Vergebung schwenke
Seine Fahne über ihm
 
                                    Fußnoten
1 Ludwig der Funfzehnte den man als le roi des ponts et des chaussées pries
2 Le Maréchal de Montrevel avoit fait venir de Lyon un homme qui devoit
découvrir les Kamisards par le moyen de la baguette divinatoire Cette baguette
tourna sur dixhuit personnes qui furent amenées à Alais Dans quel état est le
peuple lorsque le Gouvernement emploie les manoeuvres dun fourbe et que le
soupçon devient la preuve du crime Histoire abregée de la Ville de Nimes p
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3 Siehe Memoires de la Curne de Ste Palaye nach der Übersetzung des Herrn
Klüber im 3ten Bande pag 146
 
                                   Toulouse
                                                                  Den 6ten März
Diese trüben Gedanken begleiteten mich in den Gasthof wo ich einkehrte der von
unten bis unter das Dach mit allen Lockungen der Sinnlichkeit versehen nicht
umsonst dem stolzen Kapitolium gerade gegen über lag denn eine der vielen
Trepp auf Trepp ab wie Liebesgötter in einem Venustempel herumschwebenden
Aufwärterinnen die mich anwies erzählte mir die Herren Kapitouls frühstückten
gewöhnlich hier ehe sie zu Gericht gingen »Das ist keine üble Gewohnheit«
antwortete ich »denn nichts stimmt menschliche Herzen mehr zum Mitleid für
andere als eigener Lebensgenuss und für den scheint mir in diesem Hause
vortrefflich gesorgt So eingerichtet war es wohl noch nicht als Kalas gerädert
wurde« »O nein« sagte sie »damals war der Platz noch unbebaut und gehörte
glaub ich der schwarzen Brüderschaft zu«
    »Wohl Schade« erwiderte ich »denn hätte eine so weise Schwesterschaft
als ich jetzt hier vereinigt finde den Frühstücken seiner Richter vorgestanden
die Mehrheit der Stimmen wäre gewiss zu seiner Lossprechung ausgefallen« Sie
lächelte bedeutend und fragte nur noch ob ich hier übernachten würde Ich
zuckte mit den Achseln »Nicht wohl« sagte ich »denn ich gedenke mit der
Wasserdiligence nach Bordeaux abzugehen Wie lange habe ich da noch Zeit«
    »Ungefähr zwei Stunden« berechnete sie und entschlüpfte
    Vor allen schickte ich nun Bastian dahin ab um Plätze für uns und meinen
Wagen zu bestellen verriegelte darauf mein Zimmer um ohne weitere Störung
meine heutigen Morgengedanken so warm niederzuschreiben als sie mir auf dem
Herzen lagen Ich setzte mich neben ein offenes Erkerfenster aus welchem mir
der majestätische Pallast jener Mordgehülfen gerade vor den Augen lag Dieser
zweckmässige Standpunkt meines Schreibtisches konnte ich doch wohl glauben
würde mich über meine gewöhnliche Darstellungsgabe erheben als ich aber das
beschriebene Blatt überlas  wie kraftlos kamen mir die Abdrücke meiner innern
Empfindungen vor Ich blickte verdrießlich weg fing mich an vor meinen Lesern
zu schämen und wollte eben um mich mehr zu befeuern wie sich gewisse
Schauspieler heimlich in den Arm kneipen wenn ihre Rolle Ausdruck des Schmerzes
verlangt nach der grassen eisernen Kerkertür hinsehen aus der man den matten
schuldlosen siebenzigjährigen Greis zum Richtplatz geschleppt hat als mich ein
ungestümes herrisches Klopfen nach der meinigen hinzog Das ist doch ein höchst
unbescheidenes Benehmen fuhr ich laut auf denn wie konnte ich mir einbilden
dass es Pocher gäbe die das Recht dazu hätten ohne für grob gehalten zu werden
bis es mir ein Mann zeigte der schwarz gekleidet mit fliegenden Haaren
hereintrat und mir durch das Schreckenswort de par le roi das alles gleich
macht meine Glieder lähmte Die Feder die ich noch nass in der Hand hielt
entfiel mir und ich habe erst einige zwanzig oder dreißig Meilen danach reisen
und das Gebiet einer fremden Macht gewinnen müssen ehe ich ihr heute wieder
ihren freien Lauf lassen konnte
    Auf meine ehrerbietige Frage was zu seinem und des Königs Befehl sei
antwortete er befehlend »Gedulden Sie Sich« Noch war ich weit entfernt zu
mutmaßen dass es meine Bagage wäre auf die er mich warten ließe bis ich sie
von vier Lastträgern ihm vor die Füße setzen sah Nächst ihnen traten zwei
andere eben so schwarze ominöse Figuren mit Federn hinter den Ohren herein
als ob sie mir an der Fortsetzung meines Tagebuchs helfen wollten Ach sie haben
es nur zu gewiss durch den traurigen Bericht getan den ich Dir lieber
teilnehmender Freund über die bösen Stunden abzulegen habe die mir ihre
werte Bekanntschaft verursacht hat Derjenige dem ich den ersten Schrecken
verdanke und der auch den andern gegen über den obersten Platz an meinem
Schreibtische einnahm belehrte mich nun mit gerichtlichem Anstand dass sie 
und ich glaubte in die Erde zu versinken  Kapitouls und beauftragt wären mich
über gewisse Artikel zu vernehmen Was mögen das für welche sein dachte ich
zitternd nach Unmöglich können doch die Herren von ihrem Richtaus herüber
durch das Fenster erspäht haben was ich schrieb Gott gebe nur dass sie es
jetzt nicht entdecken und ich hätte für keinen Preis einen Blick auf den
heutigen Heft meiner Handschrift geworfen der auf das unverschämteste neben dem
Vorsitzenden lag um ihn nicht auf die Spur meines Anatems zu bringen Der Mann
am Protokoll lauerte und jener begann seinen Vortrag »Sie werden mein Herr im
Namen des Königs zum wahren Geständnis aufgefordert  wer Sie sind und was die
Absicht Ihrer Bereisung seines Reichs ist« Diese königliche Neugier konnte mich
nun wohl in keine Verlegenheit setzen Ich antwortete frisch weg »Ich bin einer
der getreuesten Untertanen Friedrichs wenn Sie erlauben  des Großen ein
Berliner sowohl meiner Geburt als Krankheit nach die mich viele schwermütige
Jahre hindurch am Verdauen und Lachen verhindert hat Die dortigen Ärzte haben
mich in die mittägliche glückliche Provinz Ihres Königs den Feldhühnern
Ortolanen und was sie sonst noch etwa meiner Diät für zuträglich hielten
besonders aber der guten Laune nachgeschickt die in deutschen Apoteken nicht
officinell ist Die Kur ist mir vortrefflich bekommen Ich kann jetzt die
leckersten Bissen vertragen und die Stimmung meines Gemüts hat sich über alle
Erwartung verbessert so dass ich alles wiederum meiner Jugend gemäß ja sogar 
sage ich jedoch mit schuldiger Ehrerbietung  mein heutiges Verhör nur auf der
lachenden Seite betrachte Protokolliren Sie mein Herr dass ich meine frohe
Herstellung nur ganz allein der grossmütigsten liebenswürdigsten
scherzhaftesten und tolerantesten Nation der Welt verdanke«
    »Haben Sie bei Ihrer GesundheitsReise sonst keine Nebenabsicht gehabt«
fuhr der Präsident mit einer kleinen Verbeugung für mein Kompliment  und ich um
vieles beherzter gegen ihn fort »Nur noch eine die ich aber nicht erreicht
habe« »Welche war diese« »Die Verbesserung meines Verstandes und Herzens«
»Das ist wohl nur Scherz mein Herr vor Gericht jedoch sehr zur Unzeit
angebracht« Ich bückte mich für seinen schmeichelhaften Verweis eben so
bescheiden als er vorhin bei meinem Lobe auf die französische Nation »Sind Sie
nicht auch vor kurzem in dem Kloster zu Kotignac gewesen« Hier schoss mir das
Blatt doch war ich nicht einfältig genug es zu leugnen »Was hat Sie zur Reise
dahin veranlasst« »Indigestion« Der Examinator blickte mir ernst ins Gesicht
»Und« setzte ich noch hinzu »die ungestümen Bitten meines ehemaligen
Zeichenmeisters der die unerreichbare Notre Dame de graces zu kopiren versuchen
wollte« »Wie lange verweilten Sie im Kloster« »Von einigen Frühstunden an bis
kurz nach dem Mittag als der Stümper mit seiner Abzeichnung fertig war« So
wechselten unschuldige und verfängliche Fragen anderthalb Bogen durch mit
einander ab bis mein Tauschhandel mit dem Pater André klar am Tage lag Die
Deputirten waren von meiner kalten Küche der Berauschung meiner Gäste unserer
unklösterlichen Lustigkeit kurz von allem bis auf die Zahl der Flaschen
unterrichtet die wir geleert und der vollen die ich außerdem noch dem
ehrlichen Pater auf den Gastwirt zu Marseille angewiesen hatte Die folgende
Frage »Ob ich nicht wichtige Urkunden dagegen bekommen« zog mir beinahe die
Kehle zu doch erholte ich mich nach einem kleinen Hüsteln »Das ich nicht
wüsste Der Mönch zwar   der mit einem Heiligen verwandt sein will machte
mir seiner Einbildung nach ein bedeutendes Geschenk mit dessen gedruckter
Legende und gab mir noch eine Rolle ganz unleserlicher Belege darein Es ist
die Frage ob sie mein Bedienter nur mit eingepackt hat« »Und zwar die
entscheidendste von allen« entgegnete der Vorsitzende mit einem ernsten recht
hässlichen Blick »denn außerdem müsste sein Herr sich gefallen lassen so lange
hier unter strenger Aufsicht zu bleiben bis sie beigeschaft wären«
    Jetzt wurde Bastian gerufen dem befahlen sie Koffer und Kasten zu öffnen
und das was sie enthielten ihnen stückweis vor Augen zu legen Der Kerl benahm
sich so außer Fassung dabei als wenn der Teufel von Beziers hinter ihm stände
Ich sah mich genötigt den Handlanger zwischen ihm und den Deputirten zu
machen damit sie nur nicht sein verstörtes Gesicht dem ich selbst in diesem
Augenblick die schwersten Verbrechen hätte zutrauen können bemerken möchten
    Sobald die Rolle mit den heiligen Dokumenten zum Vorschein kam
rekognoscirte und überreichte ich sie den Bevollmächtigten Ungefordert legte
ich ihnen auch meine Rechnungen und andern Papiere vor um mich recht weiß zu
brennen Dank meiner gelehrten Hand Bei dem flüchtigen Blick den einer der
Beisitzer darauf warf übersah er sogar meinen Kontrakt mit dem Glaser der
Bastille der mir doch ein sichtbares Herzklopfen verursachte als ich seiner
ansichtig ward Sie hielten sich ganz allein an die Rolle des Pater André gaben
ihr ohne sie zu entwickeln einen neuen Umschlag den sie mit ihren drei
Petschaften versiegelten und mich anwiesen als Zeichen dass ich den königlichen
Willen nach Ehre und Gewissen befolgt habe meinen offenen Ritterhelm darneben
zu drücken
    Ich sah die Sache nun für geendigt an Schon hatten die Kommissaire Bastian
erlaubt meine Habseligkeiten wieder an ihren Ort zu bringen und ich wollte ihm
mit den glücklich abgefertigten Papieren mehrerer Sicherheit wegen eben mein
Tagebuch noch zureichen als der jüngste Deputirte  denke Dir wie mir zu Mute
ward  es unterwegs mit der Erklärung anhielt Er habe sich lange in Wien
aufgehalten und wolle doch sehen ob er Deutsch noch so fertig lesen könne als
ehemals Glück über Glück dass er nicht lange suchte und etwa die niedlichen
Bruchstücke aus dem Briefwechsel der Königin Anna mit ihrem Liebhaber aufstörte
Was würden die Herren von meinem Ritterhelm gedacht haben wenn sie jene
Abschriften gefunden hätten Gott sei gelobt dass er sich nur mit dem letzten
Heft beschäftigte nicht etwa weil es für mich weniger gefährlich  ach im
Gegenteil sondern weil der poetische Fluch auf ihn und seines Gleichen den er
vor den Augen hatte kein Wiener Deutsch war
    Er starrte das Blatt einige Minuten an und legte es mit einem »Nicht wahr
ein Wäschzettel« zu den übrigen Wer war froher als ich Hinter mir hörte ich
ein Kofferschloss nach dem andern zuschnappen und der Vorsitzende entließ meinen
Kammerdiener mit einem gebieterischen Wink nach der Türe den er sich nicht
zweimal geben ließ Mir aber ging es noch nicht so gut Ich musste noch zur
Schlussformel meines Verhörs die Tortur seiner Beredtsamkeit aushalten »Mein
Herr« wendete er sich mit Würde zu mir »Ihr allerchristlichste Majestät
erlauben zwar grossmütigst jedem Fremden Ihre Staaten zu bereisen gönnen ihm
gerne die Luft  den gesellschaftlichen Umgang und die fröhlichste Teilnahme an
den physischen und moralischen Vorzügen Ihres Reichs  Sie werden aber
hoffentlich selbst begreifen mein Herr dass diese Vergünstigung sich nicht bis
auf die Ausfuhr und Entwendung alter Urkunden und Briefschaften erstrecket und
erstrecken kann Das Unvorsätzliche  das Ungefähr wie ich glauben will
wodurch sie Ihnen in die Hände gerieten  indem Ihre ad protocollum gegebene
Erläuterung dieser verwickelten Sache mit der uns mitgeteilten Aussage des
Pater André zur Genüge übereinstimmt  kommt Ihnen in so weit zu Statten mein
Herr dass Ihr sonderbarer Tauschhandel mit ihm den Wir von Gerichts wegen
unter Vorbehalt Ihres Regresses an jenen Trunkenbold für null und nichtig
erklären weniger auffällt Die Willfährigkeit und gute Art die Sie bei der
Zurückgabe der zum Leben des heiligen Fiacre gehörigen Belege bewiesen haben
wird Zweifels ohne den hohen Senat vermögen Sie als eine keinem weiteren
Verdachte unterworfene Person frei zu lassen« Hier ward der Redner durch den
Eintritt dreier weiblicher Engel unterbrochen die jedem der Herren
wahrscheinlich zur Stärkung in ihrem Berufsgeschäft eine Tasse Chocolate
überreichten Während sie solche einschlürften durfte ich ja wohl diesen
unerwarteten Zwischenakt zu dem Vergnügen benutzen einer Hebe um die andere auf
das tiefste in die Augen zu sehen
    Als sie abtraten blitzten ihnen die meinigen noch so funkelnd nach dass der
Herr Vorsitzende seine Stimme erheben musste um meine Aufmerksamkeit wieder auf
sich zu lenken »Zwar« diese Sylbe schob er vorerst ein als er den
abgerissenen Faden seines Vortrags auffasste »zwar frei zu lassen jedoch wird
zugleich einstimmig von Uns verlangt dass Sie mein Herr je eher je lieber
und sobald ich Ihnen den Pass zuschicken werde Ihre Abreise von hier
beschleunigen«  Warum denn eben das dachte ich O Herr Präsident sein Sie
ruhig Ihre schönen Mädchen hätten mich ohnehin nicht aufgehalten  »zu der wir
übrigens insgesamt« endigte er seine Rede »Ihnen von Herzen alles
erforderliche Glück wünschen« Ich würde gern zu der Feierlichkeit gelacht
haben mit der er die Sitzung aufhob hätte sie mich nicht um alles gebracht
was mir noch einigermaßen meinen Ausflug über die Gränze zu einer nützlichen
merkwürdigen Reise stempeln konnte Jetzt bringe ich meinen Landsleuten doch in
der Gotteswelt nichts mit das der Mühe lohnte Welcher Leser wird an meine
historische wichtige Entdeckung glauben da ich sie mit keinem OriginalDokument
zu belegen vermag Mein Wort Das Vidimus meiner eigenen Abschriften Ja damit
darf man einem deutschen Gelehrten wohl kommen  Indes wär ich doch heilfroh
gewesen als ich den Blutrichtern des armen Kalas nun über die Gasse nachsah 
hätte ihre Bekanntschaft meiner Einbildungskraft nicht Schattenbilder
zurückgelassen die beinahe noch fürchterlicher waren als sie selbst Was kann
noch aus dir werden fing ich schauerlich zu berechnen an wenn die Mehrheit der
Stimmen dir dein Absolutorium verweigerte  wenn die älteren Kapitouls klüger
als die abgegangenen jüngeren auf den natürlichen Einfall gerieten deine
Aussage mit deinem Tagebuche zu vergleichen wenn sie es einem Translator der
Oden nicht für Wäschzettel nimmt übergäben du in deinem Jammer so lange bis
es in französischer Sprache eben so geradebrecht wäre als ihr Homer warten
und nachher Gott erbarme sich alle die Stellen verantworten müsstest deren sie
nur zu viele als kriminell oder als unverständlich mit roter Tinte
anstreichen würden Verwünscht sei der Prior zu Kotignac mit seinen
Konventualen denn nur sie die nicht mittranken nur ihr Neid über ein
Geschenk an dem sie keinen Teil hatten können allein diese Verräterei an dir
und dem lustigen Pater André begangen haben O die heillosen Mönche  Mitten in
diesem Selbstgespräch vermehrte ein Gerichtsbote der dazwischen trat mein
Herzklopfen ehe ich sah dass es der liebe erwartete Erlaubnissschein zu meiner
Abreise war den er mir einhändigte
    Der große Taler den ich ihm für seinen Gang in die Hand drückte ging
ungleich leichter von mir als jener den ich dem teuflischen Kastellan zu
Beziers opferte Meine Freude war aber nur augenblicklich Unter allen
Bewegungen der Seele ist keine die der Phantasie mehr zu schaffen macht  einem
männlichen Geiste überlästiger mit einem Worte keine die demütigender
albernèr und peinigender ist als die Furcht Mir kamen die schauderhaftesten
Beispiele aus einer Menge Kriminalakten wie zugeflogen an die ich sonst in
meiner Unschuld gar nicht zu denken gewohnt bin und die ich meinem Zustande
doch jetzt so anpassend fand als ein eingebildeter Kranker jede grasse
Sektionsgeschichte dem seinigen
    Ich überlas meinen Freipass wohl zehnmal mit äusserstem Misstrauen Jeder Punkt
und Strich den ein Unbefangener gar nicht bemerkt kann ja dachte ich ein
abgeredtes Zeichen mit Polizeidienern sein an die man in voraus weiß dass du
geraten musst Spielen nicht oft boshafte Jungen mit einem armen Vogel um ihn
sicher zu machen Kann er weiter fliegen als der Faden lang ist den sie ihm
heimtückisch um den Fuß schlangen und kann ein so guter Kerl wie du nicht
schon tagelang auf der Diligence in engem Verhaft sitzen und immer in dem süßen
Wahn stehen er reise nach seinem Vaterlande bis seine Auflaurer für gut
finden ihm solchen zu benehmen Kaum hatte ich von allen diesen schreckhaften
Möglichkeiten eine abgefertiget als gleich eine andere an ihre Stelle trat
Einmal versuchte ich trotzig zu tun Possen sagte ich die Originalschriften
sind ja den königlichen Bevollmächtigten überliefert Wer kann mir beweisen dass
ich sie gelesen habe außer  stockte ich ganz auf einmal niedergeschlagen 
dein unseliges Tagebuch Nun  fuhr ich schnell besonnen fort was hindert dich
denn es zu vernichten ehe es wider dich zeugt Die eine Hälfte liegt schon in
der Asche  lege die andere dazu Ja wenn nicht die väterliche Liebe zu dem
Nestling gewesen wäre die sich geradezu gegen den grausen Gedanken sträubte
Endlich kam ich  was gewinnt man nicht durch Nachdenken  auf einen Einfall
der mir in meiner ängstlichen Lage als der beste Nothelfer so genialisch
erschien dass ich ihn sogleich auf das herzhafteste ausführte Ich unterwarf
nämlich mein Buch der Operation des Origenes Die ausgeschnittenen gefährlichen
Blätter teilte ich wieder in zahllose Dreiecke die ich an einem gewissen
staubigen Orte verbarg dem sich nicht so leicht ein schwarz gekleideter
Kommissair nähern wird Ich will den Inquisitor loben der ihn als verdächtig
anspricht oder auch die PapierSchnitzel ohne meine Hilfe in ein lesbares Ganze
zusammensetzt
    Nach solchen genommenen klugen Maßregeln sollte wohl jeder Vernünftige
glauben müsse mir das verzagte Herz gewachsen sein Nichts weniger Der
Schrecken war mir einmal ins Blut getreten und stieg mir immer höher zu Kopfe
    Wird es denn der König warf ich die Frage auf wohl für wahrscheinlich
halten dass jemand seine AhnenProbe vierzehn Tage in der Tasche haben kann
ohne sie zu untersuchen und ist nicht der königliche Glaube an die Möglichkeit
allein schon hinlänglich ihn par raison dEtat in das erste beste Gefängnis so
gut mit einem Maulkorbe zu stoßen als mit einer eisernen Maske Heiliger
Fiacre schütze mich dass ich nicht um deinetwillen auf die Brescauische
Austerbank der du glücklicher entgangen bist als du verdientest zu liegen
komme Hier unterbrach mich Bastian mit der Nachricht die Wasserkutsche sei
samt dem Daraufgelde für den guten Platz während meines Verhörs ab und davon
gefahren »O desto besser« rief ich »die Gesellschaft die man auf einem
Toulouser Postschiff erwarten darf würde sich ohnedies sehr schlecht mit meiner
gegenwärtigen Stimmung und die langweilige Fahrt noch schlechter mit einem
geschwinden Fortkommen vertragen an dem mir mehr noch gelegen sein muss als den
Herren Kapitouls die hier frühstücken Auf der Landseite entkommen wir ja
diesem Drachenneste um vieles geschwinder Habe ich doch meinen Freipass was
warten wir Mache dich auf die Beine Bastian und schaffe mir ohne Verzug vier
tüchtige Pferde vor den Wagen oder lieber sechse Hörst du« Das war ihm eben
recht
    Es verging keine Viertelstunde so stand alles zu meiner Flucht in
Bereitschaft Die glücklichsten Umstände trafen zusammen sie zu befördern
    Ich sah meine Berline mit sechs Pferden bespannt die vor Ungeduld
stampften wie ich Eins zog wie das andere denn ihre Führer waren wie sie mir
bald vertrauten Zwillingsbrüder kalvinischen Glaubens und meinten es
überhaupt ehrlich
    Sie drückten mir nicht nur auf das herzlichste die Hand für mein freigebiges
Trinkgeld am Ende der Station nein sie zeigten es allen ihren Kammeraden um
sie aufzumuntern ein gleiches zu verdienen Die Wege waren vortrefflich der
Abend ruhig wie ein gutes Gewissen und die Nacht hell wie bei uns ein
Frühlingstag Nie hat mir der Klang der Postörner mehr Freude gemacht Nach der
Eile mit der ich an den berühmten Garküchen des Perigords vorbei rollte hätte
kein Mensch erraten welchen Wert ich auf ihre kalten Pasteten setze Ich ließ
mich durch keine aufhalten denn ich kam mir selbst wie eine Waldschnepfe vor
die alle ihre Federn anstrengt um dem Unglück in einer nach Holland oder
Deutschland verschickt zu werden zu entfliehen
    So erreichte ich zwar durch Gottes Hilfe und ohne den mindesten Anstoß schon
den siebenten März einige Stunden nach Mittag das schöne weinreiche Bordeaux 
aber die lange Strecke Wegs die ich noch bis in mein Vaterland vor mir sah
erlaubte mir nicht durch irgend einen Genuss Zeit zu verlieren
    Wie hätte ich Lust haben können meinem Körper gütlich zu tun den ich bei
weitem noch nicht außer Gefahr glaubte und der sich wie Du noch hören wirst
bei allem was ihm aufstiess recht linkisch benahm
    Jetzt nach einer ruhigen fröhliche Stunde und nachdem ich glücklich über
die Strickleiter weg bin die sie mir ersteigen half steht es freilich ganz
anders um Deinen Freund lieber Eduard
    Ich werde nicht zum letztenmal über die wilden Blicke lachen die ich umher
warf als ich nicht weit von La Trompete der hiesigen Festung aus dem Wagen
stieg Alle Augen alle Kanonen glaubte ich wären auf mich gerichtet Ich sah
in jedem Vorbeigehenden  ärger als Rousseau auf seinen Spaziergängen  nur
einen Spion der meine Ankunft der Polizei anzeigen werde Ich ging nicht nein
ich zitterte von weitem meiner Chaise nach die ich Bastian allein überließ auf
die Post zu bringen und bespannen zu lassen  aber die Gasse dahin wollte kein
Ende nehmen Indem stürzte ein Trupp Matrosen denen man es deutlich ansah dass
sie sich so wenig um mich als um die ganze Welt bekümmerten mir aus einer
Taberne in den Weg Sie schwenkten ihre runden Hüte und jauchzeten einmal über
das andere mit stammelnder Zunge Es lebe Katarina die Zweite Der Name dieser
großen Frau fiel mir kaum in die Ohren so vergaß ich Kammerdiener und Wagen
und überließ mich blindlings dem Zuge meines dunkeln aber mächtigen Zutrauens
Ich schloss mich dicht an die lustige Bande an und so oft ich mich bemerkt
glaubte schwenkte auch ich meinen Hut und mischte herzhaft mein Vivat in das
ihrige So taumelte ich in ihrer Gesellschaft zwei Straßen durch bis vor die
Stadt an den Hafen wo sie auf einmal Halt machten Eine schöne gebietende
Gestalt stand vor ihnen dämpfte mit einem Wink ihr tobendes Geschrei und wies
sie auf das Schiff von welchem der Name ihrer Monarchin in goldenen Buchstaben
mir über die Wellen entgegenglänzte und dem sie sogleich auf einem Boote
zuruderten
    Wie sich das Gedränge der grünen Jacken um mich her verloren hatte stand
ich nun einzeln aber ziemlich außer Fassung vor dem Kapitain der
wahrscheinlich ein wenig verwundert einen reinlichen Überrock unter seiner
Mannschaft zu sehen mich von Kopf bis zu Fuß mit ernsten Augen betrachtete Da
ich nicht von der Stelle wich und bei dem geringsten Geräusch scheu hinter mich
blickte fragte er mich endlich ob etwas für mich hier zu tun sei Ich trat
näher nannte mit leiser Stimme meinen Namen der zum Glück für mich ihm nicht
ganz fremd war und bat aus gewissen Ursachen die ich ihm schon noch entdecken
wolle vor der Hand nur um Schutz   »Aber gegen wen denn« fragte er
ungeduldig  »Gegen die wollüstigen und grausamen Kapitouls zu Toulouse«
zischelte ich ihm zu »und ihre hiesigen Spione« Nach einem kurzen Besinnen gab
mir der brave Mann einen Wink ihm auf das kleine Fahrzeug zu folgen das bereit
war ihn überzusetzen
    O wie gern gehorchte ich Hätte Bastian nicht besser Acht auf mich gehabt
als ich auf ihn so wären wir vielleicht so bald nicht wieder zusammen gekommen
Er schrie vom Ufer uns nach bat und erhielt die Erlaubnis mit einzusteigen
Wie geschwind verzog sich meine bisherige Brustbeklemmung In welche Freude ging
sie nicht über als ich bald nachher mich in der Kajüte meines Beschützers zwar
nur auf Bretern die aber mit dem Gebiet einer mächtigen Monarchin zusammen
hingen allen und jeden Nachstellungen des festen Landes entrissen sah Dieses
schöne Gefühl entwickelte zuerst die heroische Frage in mir ob es nicht möglich
und mir am besten geraten wäre unter RussischKaiserlicher Flagge allen
gesetzlichen Ungeheuern des französischen Labyrints zu entwischen Ich legte
diesen Wunsch am Ende meiner Geschichtserzählung dem lieben Kapitain aus Herz
Er hörte meinen Vortrag mit gütiger Aufmerksamkeit an  schwieg ein Weilchen
schien aber den Zusammenhang der Sache sehr wohl begriffen zu haben »Wohin
wollen Sie denn eigentlich« fragte er »Ja mein Gott nach Leiden« antwortete
ich »wenn anders Ihr Weg Sie da vorbei führt Ich bin auf dem Meere nicht ganz
orientirt« Es war dem lieben Manne Ernst nur zu helfen Das sah ich ihm an Er
ging einigemal nachdenkend mit langsamen Schritten auf und ab in der Kajüte ehe
er mir Antwort gab die aber auch nun desto bestimmter und erfreulicher ausfiel
»Ich sehe zwar mein Herr« wendete er sich freundlich zu mir »Ihre Lage nicht
für so gefährlich an als Sie damit Sie jedoch nicht sagen können Sie hätten
Ihr Zutrauen vergebens auf einen Russen gesetzt so will ich es so gut ich
kann zu verdienen suchen Wenn Sie mit Kost und Quartier auf meinem Schiffe
zufrieden sein wollen so lassen Sie nur heute noch Ihre Bagage an Bord bringen
Es hat seine völlige Ladung und würde bereits auf der hohen See sein wenn ihm
der Wind so günstig gewesen wäre als er für Sie zu werden scheint denn sollte
er diese Nacht sich nur noch um einige Grade verstärken so kann ich vielleicht
schon morgen aus dem Hafen laufen und will gern Ihrem Wunsche gemäß meine Segel
nach der Holländischen Küste richten um Sie dort aus Land zu setzen Auf dem
offenen Meere gibt es für uns andere keinen Umweg Das ist kurz und gut meine
Erklärung« Seine menschenfreundliche Großmut rührte mich bis zu Tränen Es
ist so selten unter den sogenannten Weltleuten auf einen zu stoßen der an
unserm Schicksale tätigen Anteil nimmt Ich ergoss mich in so wortreiche
Danksagungen dass er mich vor Ungeduld mit der Frage unterbrach »Ob mir sonst
noch etwas zu wünschen übrig sei« »Nicht das mindeste« antwortete ich »als
dass es mir lieb wäre da mir der Wind noch Zeit dazu lässt wenn ich mittlerweile
die Stadt besehen die Bordeauxer Weine durchkosten und noch eine und andere
Einrichtung zu meiner Seereise machen könnte Darf ich mich aber wohl mit
Sicherheit an das französische Ufer wagen« »Über mein Schiff hinaus«
erwiderte er »reicht zwar meine Gewalt nicht doch will ich gleich eine
Mittelsperson zu Hilfe rufen« Auf seinen Wink trat nun sein Kommissschneider mit
einem Pack grüner Uniformen herein Er brauchte nicht lange zu messen denn die
kleinste darunter die er meinem Körper anpasste saß nach seinem Kunstausdrucke
wie angegossen Es machte mir eine kindische Freude mich im Angesichte des
freien Weltmeers zu einem Russischen Seeofficier eingekleidet zu sehen
    Ich stellte mich mit stolzem Anstand vor den Spiegel und warf mich nicht
schlecht gegen das intolerante Frankreich in die Brust »Jetzt fehlt Ihnen«
sagte der scherzhafte Kapitain »um dem ganzen Toulouser Kapitol die Spitze zu
bieten nichts als ein Blatt Papier zu Ihrer Legitimation in der Tasche  ein
Patent das ich Ihnen als SchiffsLieutenant ausfertigen will« »Doch nur
titular« fiel ich ihm erschrocken in die Rede »Nicht anders« versetzte er
lachend »Denken Sie denn dass ich den Dienst so schlecht verstehe dem ersten
besten Passagier das Kommando am Steuerruder anzuvertrauen Man kann mit einer
gewissen Portion Eigendünkel eher wohl die Segel eines kleinen Fürstentums
dirigiren wenn es auch hier und da leck ist als das geringste Schiff das dem
Russischen Staat dient« Er warf bei diesen Worten einen Blick den ich mir
merken will in die Ferne der viel zu sprechend war um ohne Bedeutung zu sein
»Wen traf dieser Blick Herr Kapitain« fragte ich »wenn ich es wissen darf«
»Warum nicht Er galt wohl gar einem Ihrer Bekannten « erwiderte er »Doch
gewiss« schob ich geschwind ein »keinem meiner Freunde das will ich im voraus
beschwören« »Einem« fuhr er fort   
    Aber o Ihr die Ihr mich bis zu dieser Zeile geduldig auf meinen Spazier
und Irrgängen begleitet habt Euch meine vortrefflichen Leser muss ich jetzt
einige Augenblicke still zu stehen bitten denn ich selbst stehe zum erstenmal
in meinen Wanderungen vor einem Oha über das ich nicht wegzukommen weiß Ein
heimtückischer Zufall hat mir die meisterhafte Zeichnung meines Russischen
Freundes entrissen und den lustigsten Text von der Welt durch eine Lücke
unterbrochen die ich leider jetzt nur mit einer kläglichen Note auszufüllen im
Stande bin
    Diese Verlegenheit tut mir doppelt wehe weil sie mich zugleich nötigt
ein Geheimnis auszuplaudern das ich mit mir ins Grab zu nehmen gedachte Das
Schicksal scheint es will mir nicht vergönnen das Geringste vor Euch auf dem
Herzen zu behalten Es liegt ich weiß es manches Rätselhafte noch in meinem
Tagebuche das Eurer Aufmerksamkeit wohl schon oft anstößig gewesen sein mag
doch davor darf mir nicht Angst sein denn in einigen Tagen hoffe ich wird
Euch auch das Widersprechendste unzweideutig und klar wie die Wahrheit vor
Augen stehen
    Ob aber die kräftige Schilderung des Unbekannten je wieder an das Licht
kommen werde das sie so sehr verdient muss ich ohne es ganz zu bezweifeln
allein der künftigen Zeit überlassen denn die meinige ist  und das eben war
wie ihr alleweil hören sollt mein Autorgeheimniss  verlaufen
    War es ein Anfall von Eitelkeit falsche Scham eines jungen flüchtigen
Gesellen oder Nachahmungssucht  ich lasse es unentschieden die mich nach
meiner Zurückkunft in Berlin auf den tollen Einfall brachte meine
Selbstbekenntnisse wie Jean Jaques die seinigen unter Schloss und Siegel zu
legen und gleich ihm zu verordnen dass mein Erbe ihnen erst zwanzig Jahre
nach meinem Ableben Luft mache
    Ein Augenblick Überlegung brachte mich wie ich denke auf einen klügern
Entschluss Wärest du sagte ich mir auch notdürftig zu entschuldigen
Possenspiele mit deinen Zeitgenossen zu treiben die es nicht mir längst an dich
gebracht sondern auch das Wiedervergeltungsrecht noch immer in Händen haben so
sähe es doch einer Poltronnerie sehr ähnlich wenn du dich erst aus dem Staube
machen und der Nachwelt gleichsam hinterrücks deine Schneebälle aus einer
Entfernung in das Gesicht werfen wolltest in der sie dich nicht mehr erreichen
kann Und ist es denn nicht fuhr ich ernsthafter fort mehr als zu bekannt wie
pflichtvergessen der Freund dem der große Mann die Herausgabe seiner
Konfessionen übertrug die strenge Frist verkürzt hat die Rousseau der Neugier
seiner Hinterbliebenen auflegte Aber gesetzt auch eine solche Untreue wäre mit
den deinigen nicht zu befürchten bleibt es denn nicht noch immer die Frage ob
die klugen Leute denen du die Vollstreckung deines letzten Willens in einer
Zeitperiode zuwälztest die sich wahrscheinlich von der gegenwärtigen durch den
geläutertsten Geschmack auszeichnen wird  ob sie sage ich dein Testament
nicht als inept erklären und deinen armen entsiegelten Papieren statt ihnen den
kostbaren Weg in das Gebiet der Makulatur zu eröffnen den weit kürzern hinter
den Herd anweisen würden Solche vornehme Wagstücke gestand ich mir
offenherzig sind nicht für einen Schriftsteller wie du bist
    Diese vielseitigen Ansichten der Sache brachten mich endlich auf einen
Ausweg bei dem ich stehen blieb Wäre es denn nicht sicherer zischelte ich mir
ins Ohr gemächlicher für dich und ehrlicher gegen deine Mitbürger gehandelt
wenn du ihnen während du noch auf ebenem Boden mit ihnen wandelst die
offenherzigen Berichte von der übelen Wirtschaft ablegtest die du jedoch zum
Glück nur wenige Monate in einem sittenlosen Lande mit deiner Zeit getrieben
hast und um sie nicht auf einmal zu erschrecken die zwanzig Hungerjahre zu
denen Rousseau im Laufe seiner Unsterblichkeit das lesende Publikum verdammte
auf das jugendliche Spielwerk ausdehnest das du ihm preis zu geben gesonnen
bist Dadurch bekommen deine Begleiter nicht nur Zeit zu verschnaufen sondern
der Stern deiner Autorschaft zugleich einen hübschen Spielraum den Kometen die
inzwischen an dem literarischen Himmel aufbrausen und ihn leicht in ihren
Schweif verwickeln könnten ehrfurchtsvoll und so lange aus dem Wege zu treten
bis sie ihre blendende Laufbahn durchschnitten haben Wirklich habe ich durch
diese kluge Wendung seinen völligen Untergang aufgehalten Wie viele prächtige
Meteore sind nicht in diesem langen Zeitraum durch den Äther gezogen
verschwunden und vergessen und das meinige blinkt noch in der zwanzigsten
Leipziger Messe tritt noch einmal aus dem Nebel hervor in welchen es sich oft
hüllte und lächelt noch hier und da einem alten Bekannten so freundlich ins
Auge als ehemals meinem nun längst verewigten Freunde Eduard dem seine ersten
Stralen gewidmet waren
    Mit welchem wehmütigen Vergnügen sehe ich auf jene Morgenstunden zurück wo
ich ihm das Votivgemälde vorhalten konnte das ich in der Ferne aus tausend
heterogenen Farben für Ihn zusammengesetzt hatte Es war eine freundschaftliche
Beschäftigung eine augenblickliche Zerstreuung in der bänglichsten Zeit die je
über Berlin geschwebt hat  in der KrankheitsEpoche unsers großen Monarchen So
saß ich denn auch gerade vier Wochen vor seinem völligen Verlöschen nach einem
mäßigen Frühstück meinem Freunde gegen über und langte von den letzten Heften
meiner Reise die hinter meinem Sitze auf einem Ecktischchen lagen einen nach
dem andern mir zu wie ihn die Reihe traf Meine Vorlesung war bis auf
gegenwärtigen und bis zu der Zeichnung vorgerückt die ich kurz vorher meinem
Zuhörer der sich auf dergleichen Malereien besonders verstand als ein
Meisterstück angekündigt hatte aber kaum waren ihm die ersten Grundlinien davon
sichtbar geworden so erhob sich ein Wirbelwind in dem größten Ungestüm von der
Gasse der Türen und Fenster aufriß und indem ich eben nach diesem noch
übrigen Abschnitt meines unserer heutigen Unterhaltung gewidmeten Vortrags
greifen wollte mir ihn unter den Händen wegnahm Hätte ich nicht zum Glück den
Überrest meiner Handschrift zu Hause gelassen es wäre ihm nicht besser
ergangen und mir nichts übrig geblieben als meine Boutique zu schließen
    Kein spielendes Kind dem sein papierner Drache entwischt kann bestürzter
ihm nachblicken als ich meinen fliegenden Blättern Ich sah sie über die Dächer
hin bald an diesen bald an jenen Schornstein anprallen sinken und steigen
und endlich ganz aus meinem Gesichtskreis verschwinden Während meines
vergeblichen Hinstaunens in den leeren Raum hatte Eduard tätiger und gefasster
als ich alle dienstbaren Geister seines Hauses aufgeboten den politischen
Steckbriefen nachzueilen Ihr erzeigt allen ehrlichen Leuten den wichtigsten
Dienst von der Welt wenn ihr sie auffangt schrie er ihnen nach Umsonst nach
einer Stunde kamen die Abgeordneten atemlos beschmutzt und mit leeren Händen
zurück
    Der Wind  entschuldigten alle ihre misslungene Hetze  wäre zu arg Dem
hätte er die Kappe jenem den Atem genommen und allen so viel Staub in die
Augen gestreut dass ihnen Hören und Sehen vergangen sei Wir schickten sie
demungeachtet sobald das tobende Wetter vorbei und die Luft rein war zum
zweitenmal aus ließ überall in den Häusern der Gesandten in den Trödelbuden
in den Kramläden und in dem königlichen Schloss den verlorenen Papieren
nachstellen aber mit gleich wenigem Erfolg und eben so vergebens habe ich in
den zwanzig Jahren die zwischen jenem Tage und dem heutigen liegen auf den
glücklichen Zufall gelauert der sie mir zeitig genug wieder bringen sollte um
sie meinen guten Lesern noch mitteilen zu können Welchem staubigen Winkel
mögen sie zugeflogen sein Ach vielleicht doch verwahrt sie das Pult eines
ehrlichen Finders der sie wohl längst ihrem rechtmäßigen Eigentümer zugestellt
hätte wäre er ihm nur bekannt gewesen Freilich käme jetzt jedes Einschiebsel
zur Vollständigkeit meines armen Tagebuchs zu spät das wie ich meinen Lesern
schon vertraut habe mit der diessjährigen Ostermesse sein Ende erreicht
    Da indes diese merkwürdige Zeichnung auch an jedem andern Orte der
Ausstellung immer noch wert bleibt so kann ich um so viel mehr dies Original
das sich selbst mit Hilfe des Windes vogelfrei gemacht hat allen Journalisten
und Sammlern fliegender Blätter wenn es ihnen vorkommen sollte zu einem nicht
gemeinen Lückenbüsser empfehlen Die Zeit hat ja schon manches Dokument ans Licht
gebracht was man Jahrhunderte hindurch für verloren erklärte
    Irre ich nicht so ist ja ein Brief des Cicero ad familiares durch den
PergamentBand eines alten Kalenders und eine mangelhafte Stelle in dem Petron
durch den Umschlag einer päbstlichen Bulle ergänzt worden und kann ich mich
denn nicht auf meine eigene Erfahrung berufen Hätte sich der französische Hof
wohl träumen lassen dass die Briefe der Königin Anna an ihren Beichtvater
irgendwo noch versteckt lägen und nach Verlauf eines Säkulums einem Reisenden in
die Hände geraten würden der an sie am allerwenigsten dachte    
    Wenn er nur wüsste    fährt meine Handschrift fort    aber indem fing
die Schiffsuhr zu schlagen an Der Kapitain verließ mich um seine Befehle für
die laufende Stunde auszugeben Um keiner beschäftigten Hand im Wege zu stehen
setzte ich mich auf das Verdeck machte mir einen Sitz von Tauen und Segeln
zurechte und zog um mir in Ermangelung besserer Gesellschaft die Zeit mit
meiner eigenen zu vertreiben den gangbaren Heft meines Tagebuchs aus der
Tasche In diesem Portefeuille deiner Erfahrungen lächelte ich es an und schlug
die Hand darauf hast du nun schon eine ziemliche und mehr als hinlängliche
Sammlung medicinischer und philosophischer teologischer und artistischer
Windbeutel niedergelegt Zu ihrer Vollständigkeit fehlte dir nur noch ein
politischer Den hat dir nun unerwartet ein unparteiischer Mann in die Hände
geliefert So flüchtig auch seine Zeichnung sein mag ach wäre sie nur nicht
gar verflogen so sticht doch der Dünkel des Portraitirten mit zu vieler
Wahrheit vor um nicht ähnlich zu sein Warum wolltest du sie nicht in deinem
Bilderbuche aufnehmen das nach deinen eigenen Menschlichkeiten nichts so
deutlich zur Schau stellt als die allen Gauklern gemeine Physiognomie des
Hochmuts die wie es scheint meinem vornehmen Kapitain so widerlich ist als
meiner Wenigkeit Die Nilratze kann unmöglich eine stärkere Antipathie gegen
Krokodille haben als ein natürliches mit edlem Stolze begabtes Herz gegen
aufgeblasne Menschen Man kann doch gewiss nichts geringeres sein als ich jetzt
bin aber auch in mir schlägt ein solches Herz und ich vertauschte es nicht
selbst gegen den Zepter nicht eines königlichen Prahlers Meinem Kapitain sah
man es an der Stirne an dass er seinem wichtigen Posten eben so gewachsen war
als er ihm mit Bescheidenheit vorstand Er wusste nicht nur zu befehlen sondern
auch zu lenken Dafür aber genoss er auch Achtung und Zutrauen vom Höchsten bis
zum Geringsten
    Sein Schutz gab mir Zuversicht seine Herablassung erhielt mich in Demut
seine Freundschaft erhob mich Er ein Sprosse des edelen Geschlechts von
Kosodawlew1 das dem Staate schon manchen klugen Kopf und brauchbaren Diener
gezogen flößte mir eine so große Liebe zu seiner Nation so tiefe Ehrfurcht für
seine Monarchin ein dass hätte ich nicht gehörige Rücksicht auf mich genommen
mir wohl auch der Schwindel über meinen neuen unverdienten Titel hätte zu Kopf
steigen können
    Als ich jenes Bild in meine Gallerie aufgehängt hatte blieb mir für heute
nichts zu besorgen übrig als Abschied von der großen Nation zu nehmen Ich
steckte mein Patent ein setzte mich auf einen Fischerkahn und stieg mit festem
Mut ans Land Eine der schönsten Städte Frankreichs breitete sich nun vor
meinen Blicken aus ich gab aber weniger auf ihre Häuser und Plätze als mit
heimlichem Lächeln auf die Huldigung Acht die alle Vorübergehenden meiner
Uniform erzeigten In meinem Leben ist der Hut nicht so oft vor mir gezogen
worden Die allgemeine Verbeugung vor der großen Frau der ich zu dienen den
Anschein hatte machte mir es begreiflich wie manche ihrer wirklichen Diener
wenn sie andere Höfe und Länder besuchen auf Stelzen einhertreten und ich
möchte sie beinah entschuldigen wenn es mir möglich wäre der Schwachheit des
Stolzes das Wort zu reden oder sein Vordrängen auf meinen geraden einfachen
Lebensgang mit Gleichmut zu ertragen
    Ich gehöre wie sich das so ziemlich aus meinem lachenden Hinstaunen in die
Welt ergibt gewiss nicht zu der Klasse der Friedensstörer wer mich aber aus
Ursache seines Eigendünkels beleidigt  jede andere kann ich eher vergeben 
mir um mich zu hänseln Wasser in meinen Wein mischt darf sich nicht wundern
wenn ich ohne lange daran zu schlucken den unreinen Trank ihm in das
Fratzengesicht sprudele Nicht etwa erst als russischer
TitularSchiffsLieutenant sondern schon längst habe ich in meinen häuslichen
politischen und literarischen Verhältnissen das System angenommen das meine
anscheinende Gebieterin zur Sicherung der ihrigen erfunden hat  das System der
bewaffneten Neutralität Es ist von allen die ich kenne gewiss das beste Wir
sind beide wenn ich meine Kleinheit neben ihre Größe setzen darf zu gutmütig
um nicht jedem seine Sturmhaube oder seine Schellenkappe zu gönnen so lange er
seinen eigenen Spaß damit treibt aber niemand in der großen Welt darf seine
Lanze gegen sie und in der kleinen seine Peitsche gegen mich aufheben wenn ihm
seine Haut lieb ist
    Du siehst Eduard dass ich in dieser Rücksicht meinem Officiershute so viel
Ehre mache als Sie ihrer Krone
    Während ich mich aus einer Gasse in die andere drehte als wenn ich sie der
Länge und Breite nach ausschreiten wollte die Weinhändler die hier jeden
Fremden schon von weitem als einen Einkäufer anlächeln durch mein Gesicht voll
Würde in ihre Kellerstuben zurückschreckte und den Policeidienern ohne dass sie
es ahndeten in Gedanken Trotz bot besorgte Bastian meine letzten Geschäfte mit
vieler Einsicht
    Er kaufte für mein Bedürfnis wie er glaubte Lord Ansons Reise um die Welt
und ein paar englische Halbstiefeln und verhandelte meine gepriesene Berline
als unnötig zur See an den Mietkutscher des Preussischen Konsuls unter der
Bedingung meine Habseligkeiten noch umsonst bis an das Ufer zu fahren Er
selbst ging mit meinem Puderbeutel in der Hand voran den ich seiner besonderen
Sorgfalt um desswillen empfohlen hatte weil er wie ich Dir wohl jetzt vertrauen
kann einen Schatz für mich die Schnittlinge nämlich meines in der Übereilung
der Furcht kastrirten Tagebuchs enthält Sonach verlasse ich nicht nur um vieles
leichter als ich gekommen bin sondern auch ungleich einiger mit mir selbst
ein Land von dem genau besehen ich nichts mitnehmen möchte als das
Sonnental und Agaten  Die Dämmerung erinnerte mich zur rechten Zeit an den
Vergang meines militairischen Urlaubs Ich schüttelte wie ein Apostel mir den
Staub von den Schuhen wendete beim Eingang des Hafens noch einmal mein
zufriedenes freies Gesicht nach der größten der unzähligen Trompeten dieses in
allen Dingen hoch trabenden Reichs nach der Festung der Stadt als nach dem
letzten Gränz und Markstein den ich nicht sowohl zwischen mir und dem
prahlerischen Gallien als vielmehr in stiller Hinsicht auf mein künftiges
Leben zwischen dem französischen Leichtsinn und dem deutschen Ernst setzte Ach
welche reuige Empfindungen gutmütige Gefühle und meines Vaterlands würdige
Vorsätze bewegten mein Herz indem ich über die auf dem kräuselnden Strom
gebrochenen Stralen des Abendsterns den ich reiner und freundlicher nirgends
erblickt habe zurück nach meiner Garnison fuhr
    Es war mir wie einem der seiner Besinnung lange beraubt ihrer nun seit
kurzem mächtig geworden und mit freudigem Zittern in der Hoffnung nie wieder
zu kommen dem Tollhause entschleicht
    Das erste Wort meines Befehlshabers als ich in seine Kajüte trat wo er so
tiefsinnig über einer Seekarte schwebte als ein Denker über einem moralischen
Werke war ein Lob auf den herrlichen Wind Als SchiffsLieutenant glaubte ich
müsste ich Ehren halber mit einstimmen es schien aber der gute Mann erriet
mich Er zeigte mir auf der Karte den Weg nach Petersburg und sprach so
gleichgültig davon wie von einer Spazierfahrt tröstete mich freilich dadurch
über meinen Katzensprung nach Holland aber nur halb denn es lief mir schon
beim Anblick des leer gelassenen Papiers der Meeresfläche das doch gewiss mehr
Unfälle bedeckt als alle angränzende Länder die mir grün und gelb vor den
Augen flimmerten ein kalter Schauer über den Leib Ich berechnete die
entsetzliche Tiefe und dass ich nur waten aber nicht schwimmen könne Das große
kaiserliche Schiff verkleinerte sich in meinem Gehirne zu einer zerbrechlichen
Schachtel  die mich  als wenn es in meinem täglichen Bette viel anders wäre 
nur im Schweben zwischen Zeit und Ewigkeit hielt Denke nur mitten in diesen
ernsten Gedanken fällt mir noch zu meinem Unglück der grässliche Sturm ein den
der Anspachische Theodor in seinem wirbligen Kopf erregt hat Ein schlechtes
lächerliches Vorbild ich weiß es das sich aber dennoch meine Phantasie nicht
wehren lässt so täuschend auszumalen als es nur ein Stück von Vernet sein kann
Wenn das Schiff stranden sollte  ach ich fände kein Bret worauf ich mich
oder meinen Namen retten könnte denn auf VotivTafeln den Schutz der Heiligen
und auf die Gebete der Mönche darf ich wie es wohl andere tun am wenigsten
rechnen Ich habe es nicht um sie verdient Hat mich nicht schon das bloße Bild
des einen zu Kotignac in die Toulouser Händel und in das Wagstück verwickelt
dem ich mich jetzt preis gebe Mein Gott wie ich zittere und schwatze aber
setze Dich nur lieber Freund einen Augenblick an meine Stelle Ich weiß ja
nicht wie ich mich anders über den ungewohnten Lärm betäuben soll der auf dem
Schiff herrscht Welcher Unterschied zwischen meinem heutigen Abend und jenem
Mittag auf der Fregatte des Voltaire
    Dort hörte ich nur Witz sprudeln und lachte über das denkende Wesen an
meiner Seite Hier hingegen gellen mir die Ohren von nie gehörten
KommandoWörtern  von MatrosenFlüchen Hämmern Klirren und Poltern bald
über bald unter mir Was das alles für Anstalten sind um bis zu einer
Holländischen Treckschüte zu gelangen So muss der arme Mensch überall dulden
harren und mit Unruhen kämpfen ehe er ein häusliches langweiliges Glück
erreicht
    Sähe ich nur schon die großen Augen meines Jerom wenn ich ihn in meinem
Seekostüm überfalle Was wird er denken ehe er erfährt dass nichts solides
dahinter steckt Es sind noch nicht fünf Monate seit er auf dem Münster zu
Strassburg meinen Glauben an den tierischen Magnetismus so spöttisch behandelte
Ach wie viel unglaublichere Charletanerien habe ich nicht in der kurzen
Zwischenzeit erfahren Ich höre im Geiste sein Gelächter wenn ich sie ihm
erzählen werde Erzählen Ich ihm O ich armer geplünderter halb verbrannter
halb verschnittener Autor Woher sollte mir der Stoff  und was meiner
Vergesslichkeit zu Hilfe kommen Der kleine Rest meines Tagebuchs die Haarwickel
in meinem Puderbeutel Ist es wohl der Mühe wert dass sie sich über dem Wasser
halten Ach mag sie doch meinetwegen der Rachen eines Wallfisches verschlingen
wie den ehrlichen Jonas Ich verlange nicht einmal dass er sie wieder ausspeie
sobald sie mich nur nicht nachziehen Doch eben höre ich den Kapitain befehlen
dass die Mannschaft sich schlafen lege die nicht angestellt ist
    Das gilt auch mir Ich gehorche
                                       Am Bord des Schiffs Katarina die Zweite
                                                                  den 8ten März
Mein erster Versuch mit der Hangematte ist glücklicher abgelaufen als ich
glaubte Geist und Körper fühlen sich gesund und mit meinem Wohlbehagen ist
auch mein Mut gestiegen
    Der Wind  Ich würde ihm zwar nicht trauen aber mein Kapitain sagt  und
das ist mir genug  er wäre so gut als ein Seemann ihn wünschen könne Schon
werden die Segel gespannt die Anker gehoben und das SteuerRuder von der
erfahrnen Hand eines Seehelden gefasst dessen edle bescheidene Miene schon
Ehrfurcht und Vertrauen einflößt der das Leben und Glück der Menschen zu
schätzen weiß die seiner Leitung überlassen sind seinem wichtigen Beruf ohne
Grosssprecherei als ein ehrlicher Mann vorsteht manchen Sturm mit Festigkeit und
Klugheit bekämpft hat ohne ihn in Journalen zu beschreiben oder mit so grellen
Farben zu schildern wie der Anspachische Schmierer hinter seinem Dachfenster
das berühmte RevolutionsGemälde das zwei Ellen und einen Daumen groß aber
schlecht erfunden und keinen Heller wert war O welch ganz anderes Kolorit hat
die Wahrheit und wie glücklich ist ein Passagier der wie ich einen
scharfsichtigen Kapitain am Kompass  einen erfahrnen Steuermann am Ruder weiß
Sei es ein Kriegs oder Kauffarteischiff sie bringen es gewiss glücklich in den
Hafen In solchen hoffnungsvollen Gedanken ruhte mein Blick auf dem ehrlichen
Gesichte des alten Schiffers der sie mir eingab als Kosodawlew bei uns vorbei
in seine Kajüte eilte um das Signal zur Abfahrt zu geben Er nahm mich bei der
Hand mit sich »Munter munter Herr Lieutenant« sagte er scherzend »Mein
dirigirender Minister dort nimmt es mit allen Winden der Erde und meine große
Kaiserin mit allen Schutzheiligen in der Legende auf« Und ich während er
veranstaltet dass man Ihre Flagge aufstecke sitze andächtig an meinem
schwankenden Schreibpultchen und bete es ihm nach
Vom Borysten bis zur Garonne
Vom Wolgastrom bis an den Belt
Durchschwebt Ihr Name wie die Sonne
Wohltuend jeden Teil der Welt
Und angelacht von Ihrem guten
Gestirn ruft mir mein Vaterland
Verlass ein Reich das Rauch und Tand
Um Gott zu blenden  Wünschelruten
Zum Richtscheid der Gesetz erfand
Das einen Greis dem Grab entwand
Um auf dem Rade zu verbluten
Schon hebt Aurorens Rosenband
Mein freies Schiff schon fliegt der Strand
Wie Cäsar stürz ich in die Fluten
Mein liebes Tagbuch in der Hand2
 
                                    Fußnoten
1 Diesen edelen Namen borgte der Reisende für seinen idealisirten
SchiffsKapitain dem verehrten Manne ab der jetzt als Minister des Innern am
Ruder des Russischen Staats sitzt in dankbarer Erinnerung an die vortreffliche
Übersetzung des Gedichts Wilhelmine die Er auf das für den deutschen Autor so
schmeichelhafte Verlangen Katarina der Zweiten unternommen und 1785 seinen
Landsleuten durch den Druck bekannt gemacht hatte
2 Der Autor bewahrt noch jetzt am Ende seiner Laufbahn in seinem Herzen das
Andenken an diese große verewigte Monarchin und die ihm von Ihrer Hand
mancherlei zugeflossenen Gnadenbezeigungen Folgende schmucklose Worte die er
mehrere Jahre vorher ehe Sie von dem Schauplatz ihrer ruhmvollen Taten abtrat
an seine erhabene Wohltäterin gelangen ließ so wenig Anspruch sie auch sonst
auf das Interesse des lesenden Publikums machen können werden doch wenigstens 
das rechtfertige sie  seine dankbaren Empfindungen durch den Stempel der
Wahrheit beurkunden den er ihnen aufgedrückt hat
Ew Majestät haben mich in meinem stillen Museo mehrmalen mit den grossmütigsten
Beweisen Allerhöchst Ihrer Gnade zu überraschen gewürdigt Da ich sie mir
keinesweges als Belohnungen zueignen durfte so habe ich sie mit dem
demütigsten Dank als Folgen des großen Charakters betrachtet der Ew Majestät
auszeichnet und habe im Stillen den umfassenden Geist bewundert der eben so
liebreich den Wissenschaften begegnet als er mächtig und allgemein auf sein
Zeitalter wirkt Ich gehe oft der tätigen Hand mit Erstaunen nach die mit
gleicher Fertigkeit den Plan eines Gesetzes und den eines Schauspiels
entwirft und der kein Gebiet zu entfernt kein Zirkel zu klein ist wo sie eine
Nation beglücken  oder ein häusliches Vergnügen befördern kann Ew Majestät
haben das Geheimnis wieder gefunden das seit Augusts Zeiten verloren war aber
wie sehr haben Sie es nicht große Frau unter Ihren Händen verschönert
Mit dem Stolze den mir der Gedanke einflößt ein litterarischer Zeitgenosse Ew
Majestät zu sein habe ich die Ehre in der tiefsten unbeschränktesten Ehrfurcht
zu ersterben
                           Ew Kaiserlichen Majestät
                                         alleruntertänigster aller gehorsamster
                                                                             T
Gota
den 6 März 1793
 
                                    Leiden
                                                                Den 25sten März
O wie hat die große Frau meinen Glauben an ihr glückliches Gestirn und
Kosodawlew mein Vertrauen zu ihm und seiner Kenntnis gerechtfertigt die noch
weit über Kompass und Seekarte hinausreicht War es doch als ob Wind und Wetter
ihm so gehorsam als die Matrosen  und die Wellen des Meeres nur Stahlfedern
wären die auf weichen Polstern uns hüben und forttrügen In welcher Glorie ist
mir die Natur erschienen und wie freuten sich meine Augen an jedem
wiederkommenden Morgen dass sie noch nicht verloren für die Anbetung Gottes in
des Grabes Moder versunken waren Ich glaubte in jenem Blumental das Agaten
umschließt den Sonnenkörper in seiner größten äterischen Pracht besungen zu
haben ach ungleich poetischer sah ich ihn in der feierlichen Geburtsstunde des
Tages über den Horizont hervor wallen und mein Erstaunen verstummte Wer den
Mond und die Sterne nur über dem Dunstkreise des Erdballs funkeln sah denke ja
nicht dass er ihren wahren Glanz kenne und niemand behaupte sein eigenes Herz
zu verstehen der seinen Freund oder seine Geliebte noch nicht zwischen Wasser
und Himmel umarmt hat Breitete sich das eine immer so sanft und geschmeidig
unter uns der andere über unsere Häupter eben so wolkenlos aus als auf dieser
meiner ersten Seereise ich wüsste wohl welchem Elemente ich mein irdisches
Glück anvertrauen würde denn nirgends fühlt man das kostbare Geschenk des
Lebens dankbarer und inniger als auf diesen schwimmenden Bretern und nirgends
reicht uns der Tod näher schmerzloser und gaukelnder die Hand als bei der
Punschschale die unsere Abende begeistert und von der wir nicht eher als mit
dem letzten Tropfen in süßer Betäubung nach unserer Hangmatte taumeln ohne
darauf zu achten wie sehr sie einem Leichentuche ähnlich sieht Wer möchte
nicht lieber in dem freien Weltmeere begraben sein als in einem verschlossenen
Sarge unter einer drückenden Erde  dem Spielplatz aller bösen Neigungen
künstlicher Bedürfnisse und Laster Wie verächtlich erscheint einem Beschiffer
des Oceans die übrige Welt mit ihren Eitelkeiten und Freuden
    Der glücklichste Monarch kann nicht zufriedener von seinem glänzenden Throne
gen Himmel blicken als ein Seemann von dem Verdecke seines Schiffs Die
stärkende Seeluft die physische Abgezogenheit von dem Beginnen der Menschen
entwickelt die schönste moralische in seiner Seele Grossherzig und neidlos
belächelt er in seiner philosophischen Kajüte das Wettrennen des Hochmuts nach
Rang Ehrentiteln und nach den Gängelbändern widersinniger Orden und ärgert
sich über gelehrte Flugschriften lügenhafte Zeitungen und das summende
Geschmeiss das seine faulen Eier hineinlegt nicht eher als bis er gelandet
hat
    Dann erst in der Nähe geistiger und leiblicher Apoteken von einem Sprach
oder SpielZimmer von einem Tanz oder Spiegelsaal in den andern getrieben und
verfolgt von dem Zungengeräusch der guten Gesellschaft verlässt ihn sein
glücklicher Gleichmut Er sehnt sich ermattet zurück in seine schwebende
Klause und will lieber um verdiente heitere Tage und vorwurfsfreie sternhelle
Nächte mit Sturm und wilden Fluten kämpfen als mit den schmeichelnden Zephyren
und den glatten Herzensergiessungen der großen Welt um die Zerrbilder ihrer
erdichteten Empfindungen mit denen sie gegen die verwahrlosten Naturkinder die
ohne Anspruch auf Glanz edel nur denken und handeln so gern groß tut Ich
schwöre Dir bei allen Winden die uns von dem Hafen zu Bordeaux aus bis an die
Holländische Küste trieben dass während meines Herüberschwebens mir nicht eine
unmutige Stunde kein trüber Augenblick in den Flug kam außer da ich mit
Anbruch des letzten Morgens meines VolontairDienstes von dem Hurra des
Schiffsvolks geweckt ein Land aus dem Nebel hervorleuchten sah das ich beim
Schlafengehen noch hundert Meilen entfernt glaubte und da bald nachher ich
indes mein Koffer Tagebuch und Puderbeutel in ein kleineres Fahrzeug geladen
wurden das wie ein Sarg auf mein Hineinsteigen wartete tränend an der Brust
meines guten Kapitains vor Schmerz kaum ein abgebrochnes Lebewohl stammeln
konnte Ich atmete noch schwer als ich schon am Ufer stand wusste vor
Betäubung nicht wie viel oder wie wenig ich den beiden Matrosen die mich
herüber gerudert hatten als Beitrag zur allgemeinen TrinkKasse aus meiner
Geldbörse in den Hut warf und winkte mit dem meinen so lange noch dem lieben
SchiffsPatron zu bis mich ein anderer Führer sehr verschiedenen Ansehens in
einen räderlosen Wagen nötigte und wie einen armen Sünder zum Richtplatz von
Schevelingen nach Haag und von da mit einem untergelegten Pferde nach der
Leidener Treckschüte hinschleifte
    In diesem langweiligen Fahrzeuge fand ich Musse genug dem Trübsinn den ich
mitbrachte mit aller Bequemlichkeit nachzuhängen Ich stützte den Kopf auf den
Arm O seufzte ich warum können doch jene Menschenseelen die der meinigen so
teuer geworden sind mich nicht auf der Wallfahrt durchs Leben immer als treue
Schutzgeister umflattern und bis an das einsame Grab begleiten Wenn Eduard
setzte ich hypochondrisch den Fall den ich selbst bei unsrer ersten Entfernung
durch meine ihm täglich abgelegte Rechenschaft meines Tuns und Treibens fest
hielt zum Überschwung in jene unbekannte Sphären früher reifte als ich o wie
verlassen würde ich dann in meiner Heimat herumirren Wie wenig heitert mich
die Hoffnung auf meinen Jerom bald bald an das pochende Herz zu drücken denn
das Vorgefühl naher Trennung wird sich nur zu schmerzhaft unter meine feurigsten
Umarmungen mischen Werden mich wohl je wieder die freundlichen Augen Saint
Sauveurs begrüßen wenn was doch Gott nicht wolle Agathe mit den ihrigen die
Pforten meiner schönsten Erwartung verschließen sollte Und nun schickte ich
noch einen Tränenblick dem edlen Russen über die See nach Mit welcher Freude
verband ich ihn Eurem Kleeblatt denn er ist dieses Vorzugs wert Mit demselben
Goldstempel den die Natur Euch vertraute hat auch Er die Stiftungstage unserer
auf dem Meere geschlossenen Freundschaft mir so tief in das Herz geprägt dass
der Rost der Zeit sein liebes Bild so wenig daraus zu verlöschen vermag als das
Eure Glaubt nicht dass ich hier übertreibe denn in dem engen Bezirk eines
Schiffs wo kein Schwankender dem andern höflich aus dem Wege treten kann
beweisen vierzehn frohe Tage einer gemeinschaftlichen Seereise mehr für die
Einigkeit der Herzen als eine gleiche Anzahl ProbeJahre auf dem festen Lande
wo alles fest steht  ausgenommen seine Bewohner
                                                                Den 28sten März
Zwei Tage habe ich nun schon in der süßesten Träumerei an der Seite meines
geliebten Jerom verlauscht Ein Glück für Dich dass sie zu reichhaltig an
unbeschreibbar schönen Empfindungen des Wiedersehens waren als dass ich mich nur
einen Augenblick nach meinem schwatzhaften Tagebuche hätte umsehen mögen Heute
verschafft mir bloß die Bleikolik eines Mäklers einige Musse mit dem entfernten
Freunde so lange zu plaudern bis der nähere mich vom Schreibtisch abruft
    Wenn ich mich kurz fasse kann ich Dir viel erzählen Der gute friedsame
Holländer Er konnte mich durchaus nicht länger in meiner militärischen Maske
ausstehen sobald der erste Schrecken vorbei war Ich nahm so geschwind als ein
Chamäleon die Lieblingsfarbe des Landes durch einen schwarzen Rock an den ich
nach Ablegung meines unschuldigen Ehrenkleides anzog
    Jetzt erst stand ich mit dem philosophischen Arzte wieder auf dem sonstigen
vertraulichen Fuß Er nahm mich nun schon etwas herkömmlicher und beinahe
neugieriger als ein Pater seine Beichttochter in Untersuchung So willig ich
auch zu dem aufrichtigsten Bekenntnisse war so wollte es doch nicht recht damit
fort
    Ich stockte alle Minuten und warf das hinterste zu vorderst Man ist nun
einmal mündlich nicht nur weniger bestimmt als schriftlich sondern auch viel
scheuer in seinem Vortrage und da der Teil meiner Reise bis Marseille dort
verbrannt und mein Gedächtnis viel zu ohnmächtig war den Staub jener Ereignisse
aufs neue zu beleben so mussten  besonders die zu Avignon notwendig an
Klarheit verlieren dennoch schüttelte mein Zuhörer mehr als einmal den Kopf zu
meiner Erzählung Als ich mir endlich so gut es gehen wollte bis zu meiner
gefährlichen Krankheit fortgeholfen hatte und nun aufstand um die nachher
niedergeschriebenen und ziemlich gut erhaltenen Protokolle meines weiteren
Verhaltens beizuholen glaubte er dass nun die Reihe an ihm sei zu sprechen
»Bleiben wir für heute lieber Wilm bei deinem Krankenlager stehen das du
wie ich nun selbst von dir gehört habe durch mutwillige Bestürmung der Natur,
um den Ausdruck zu mäßigen nur zu wohl verdient hast« »Wie Jerom« fiel ich
ihm in die Rede »du nennst meine LebensVersuche Bestürmung der Natur, um nicht
etwas ärgeres zu sagen Warst du es denn nicht der mir zuerst eine
leichtsinnigere Behandlung des moralischen Menschen gegen den Hypochonder
empfahl als er mich von meiner Berliner Studierstube aus schon eine ganze
Strecke über den Rhein gejagt hatte Waren es nicht Scherz und Liebe die du mir
in dem Gasthofe zu Strassburg als die besten Hilfsmittel gegen meinen drückenden
Ernst vorschriebst« »Großer Gott« schlug er seine Augen in die Höhe »wir
armen so oft missverstandenen Ärzte Verordnen wir einem Schlaflosen zwei
Tropfen Opium so nimmt er den folgenden Abend das Doppelte freut sich des
angenehmen Traums in den er verfällt leert zuletzt das ganze Glas und taumelt
in die ewige Nacht«
    »Hätte nicht schon Sabatier von dem ich den traurigen Ausgang deiner
Lebensweise nur zu umständlich erfahren habe dir das Verständnis über die
unglaublichen Missdeutungen eröffnet mit denen du meinen gutgemeinten Rat
verunstaltet hast du würdest jetzt eine viel derbere Lektion von mir bekommen
Der liebe Mann der dir in der höchsten Not zu Hilfe kam überbrachte mir auf
seiner Hinreise nach Edinburg deinen kurzen Empfehlungsbrief der für ihn ganz
unnötig war und verweilte einige Tage bei mir Da wurde denn deiner und deiner
Vergehungen gegen körperliche und geistige Diät mit aller der Missbilligung
gedacht die sie verdienen Ich will wünschen dass die gemachten Erfahrungen
dich vor künftigen Rückfällen besser schützen mögen als das Packt Recepte das
er mir für dich zurückließ Ich dächte ein größeres könnte ich nicht in Jahr
und Tag in unserm Hospital zusammenschnüren Ich habe es deinem Kammerdiener
zugestellt um es zu deinen übrigen Kostbarkeiten zu packen denn hier bin ich
dir Arztes genug Dass Sabatier dir nach seiner Entfernung nicht mehr zur
Seite sein konnte machte mich Anfangs sehr um dich besorgt denn hatte ich
nicht alle Ursache zu fürchten dass deine Wiederkehr in die gesunden Tage so
keck und ungestüm sein würde als es bei schlaffen Seelen nur zu gewöhnlich und
von den schrecklichsten Folgen ist Zu meiner Beruhigung aber hörte ich er habe
deine Unbedachtsamkeit in die strenge Aufsicht eines andern rechtschaffenen
Freundes gegeben der«    »Ach damit« unterbrach ich ihn »hat er den edlen
St Sauveur gemeint Ja teurer Jerom diesen Mann kann ich zum Glück dich in
seiner ganzen Vortrefflichkeit aus dem Überreste meines Tagebuchs kennen
lehren ohne dass ich die Schnittlinge in meinem Puderbeutel dazu ziehe denn
diese betreffen bloß die Genealogie Ludewigs des Vierzehnten« »Was in aller
Welt willst du damit sagen« fragte er »Hast du denn bei deiner Unordnung ein
Tagebuch gehalten und welche Gemeinschaft hat es mit deinem Puderbeutel« Aber
kaum erteilte ich ihm notdürftig Erläuterung über die beiden unterstrichenen
Worte so drang er in mich die abgerissenen Glieder zur Ergänzung meines
Skelets aus ihrer jetzt unnötig gewordenen Verborgenheit zu ziehen schlug alle
meine Einwendungen nieder und lief in die Nebenstube »So höre doch nur
ungeduldiger Mensch« rief ich ihm nach er aber eben so geschwind nach Bastian
der auf seine Anweisung bald darauf mit meinem Portefeuille zu mir hereintrat
und den diplomatischen Puderbeutel neben mir auf den Schreibtisch setzte Was
blieb mir übrig als meinem Wirt zu gehorchen ob es schon keine leichte
Aufgabe ist eine so zerrüttete Biographie wieder in einen klugen Zusammenhang
zu bringen Das erste Blatt ward mir blutsauer ehe es in Ordnung geschoben
zum Abschreiben vor mir lag Ich musste den Atem an mich halten um die oft
winzigen Zerstückelungen der Toulouser Scheere nicht auch noch auf dem
Stubenboden auflesen zu müssen oder eine aus ihrer Lage zu verrücken dafür bin
ich aber nun sicher dass ich der Königin Anna nicht um einen Buchstaben Unrecht
getan habe
    Je mehr sich die Anzahl der kleinen Bruchstückchen in dem Puder verminderte
je geschwinder ging es mir von der Hand Ich kam nach Massgabe der Schwierigkeit
mit meiner musiven Arbeit immer noch bald genug zu Stande wenn Du überlegen
willst dass ich oft ein Blatt das Du jetzt in einer Viertelsekunde umwendest
stückweise vielleicht zweihundertmal umwenden musste um auf die andere Seite zu
kommen O wie würde unsern Autoren das Schreiben verleidet werden wenn sie
sich oder andere so abschreiben müssten Meine große Geduld muss mir bei
jedermann zur Ehre gereichen der das Handwerk versteht
    Der holprige Weg lag nun glatt und eben wieder vor mir und freudig pochte
ich an Jeroms Türe Zu hastig im Hereintreten flogen ihm alle die aufgehäuften
Originalschnittchen meiner Handschrift wie Mücken und Sommervögel um den Kopf
und schüttelten ihren weißen Staub ab
    Er blies sich einen Weg durch die Wolke trat aus ihr heraus wie ein Apoll
setzte sich mir gegenüber und hörte nun der Vorlesung meiner mannichfaltigen
Abenteuer mit gutmütiger Aufmerksamkeit zu In meiner Krankheitsgeschichte die
ich wie Du weißt nach Bastians Anzeige niederschrieb kam ihm nichts so
merkwürdig vor und beschäftigte sein Nachdenken mehr als der stärkende ruhige
Schlaf nach dem Delirio in welchem ich die Hälfte meines Tagebuches zerriss und
zum Kaminfeuer beförderte »Du nahmst« sagte er »ohne dir es deutlich bewusst
zu sein Gerechtigkeit an dir selbst und die nachfolgende wohltätige Krise
lässt sich ganz wohl erklären« Über den Wahrsagergeist des heiligen Fiacre neun
Monate vor der Entbindung der Königin Anna spottete er wie ein medicinischer
Freigeist lachte aus vollem Herzen über mein Verhör zu Toulouse so wie über
die Furcht die mich auf die See trieb und fing nun selbst an zu bedauern dass
die erste Abteilung meiner Reise in der Asche lag
    O es wird allen Lesern der zweiten so gehen dachte ich
                                                                Den 26sten März
Sei aufmerksam Eduard ich bitte Dich Als ich gestern Abends mit dem heisern
Hals eines Fastnachtspredigers in mein Zimmer trat fiel mir das mächtig große
Packet in die Augen das Sabatier für mich bei Jerom niedergelegt hatte Nun
Gott erbarme sich deiner stemmte ich beide Arme in die Seite wenn der gute
Mann dir so viele Krankheiten zuteilt als dieser Haufen Recepte voraussetzt
Mein Körper das gebe ich zu bedarf freilich mancherlei Nothülfe aber Jerom
hat Recht mit dem Hospital
    Nein das sind sicher besann ich mich die zwei Quartanten mit
Kupfertafeln die der gelehrte Arzt vor kurzem über die Anatomie herausgegeben
und sollen wahrscheinlich ein Geschenk für deine Bibliothek sein Sehr artig von
ihm Nur ist das keine Lektüre im Bette Die Ansicht eines Menschengewebes
befördert unter keinerlei Umständen den Schlaf und vollends zergliedert
verursacht es mir allemal Krampf Bleibt mir vom Leibe sagte ich indem mich
ein Schauer überlief stieg schnell zu Bette und weiß nun meiner Vorsicht nicht
genug zu danken Denn als ich heute früh beim Hin und Wiedergehen am
Teetisch den Bündel nicht länger so vor mir sehen konnte ohne zu wissen was
er unter seinem Siegel verbarg hätte mir wohl kein anatomischeres Werk in die
Hände fallen und keins mich mehr erschüttern können als das ich eben auspackte
    Die fabelhafte Wiedergeburt des Vogels Phönix versinnlichte sich hier vor
meinen Augen Freudiger könnte er wohl nicht aus seiner Asche aufflattern als
das klopfende Herz in meiner Brust  Erstaunter könnte er schwerlich sein neu
entwickeltes Gefieder lüften als ich einen Heft nach dem andern meines bis
jetzt zerrissen und verbrannt geglaubten Tagebuchs an das Licht hob Ich zählte
diese bunten Federn meiner Flügel durch  es fehlte nicht eine und mein
Aufschwung zur Unsterblichkeit war nun nicht mehr zweifelhaft Lange blieb ich
stumm wie eine Bildsäule vor ihnen stehen ehe ich zur Besinnung kam mich nach
dem mächtigen Schutzgeist umzuschauen dem ich ihre wunderbare Erhaltung zu
verdanken hätte
    Welcher könnte es wohl anders sein als der Retter meines Lebens  der
verständige Sabatier Er versteckte dem Wickelkinde das spitzige Spielwerk um
es ihm wenn es größer und klüger sein würde väterlich lächelnd zurückzugeben
Unter diesen Gedanken öffnete ich seinen Brief aber wie heftig war auch nun der
Gegenstoss den meine Erwartung erhielt als ich folgendes las »Lernen Sie
endlich an der Gränze Ihrer Gesundheitsreise den barmherzigen Bruder kennen
der mich mit sechs Pferden von Montpellier abholen ließ als Sie zu Marseille
mit dem Tode rangen mich mit rührender Beredtsamkeit beschwor Ihnen
beizustehen und mir das zufällige Glück Ihrer Herstellung fürstlich belohnte
Er war es der Ihre Handschrift der Vernichtung entriss indem er statt derselben
Ihnen aus einer alten Postille die nach einem gewöhnlichen Schicksal das Sie
vielleicht nie treffen wird zu Makulatur geworden in der Nähe lag die Anzahl
Bogen zureichte die Sie in der Fieberhitze verlangten Sie zerschljetzten mit
sichtbarem Wohlgefallen einen nach dem andern und bezeigten da sie im Kamin
aufloderten so viel Freude als bei einer guten Handlung Diese glückliche
Täuschung hat nicht nur Ihr Tagebuch sondern auch eben so gewiss den Erkrankten
gerettet der es schrieb Sie kühlte sein Blut beruhigte seine aufgeschreckte
Phantasie und verschafte ihm jenen erquickenden Schlaf den alle meine Opiate
nicht bewirken konnten und der die Heftigkeit seines Fiebers brach In der
Anlage wird er sich Ihnen selbst und zwar nicht bloß als den seltensten
Menschenfreund sondern als den strengsten Beurteiler Ihrer SelbstBekenntnisse
zu erkennen geben Er las sie mit Tränen hinter dem Vorhang Ihres Bettes
indem er bei jeder  vergeben Sie mir den Ausdruck  leichtsinnigen Äußerung
mitleidige Blicke auf Ihr Krankenlager warf und Ihre verlaufenen und
verschleuderten Tage mit den gegenwärtigen trostlosen Stunden verglich die wie
wir uns beide nicht verhehlen konnten von jenen nur zu gewiss abstammten«
Dieser Vorbericht benahm mir beinahe die Lust mit dem barmherzigen Bruder auf
dessen geweihtes Haupt ich übrigens allen Segen vom Himmel erbitte in nähere
Bekanntschaft zu treten Wie es scheint hat er meinen voriegenden Text nur
deswegen aus dem Feuer gerettet um eine Strafpredigt darüber zu spannen die
vermutlich an Erbaulichkeit die alte Postille übertreffen sollte die er mir
zum Zerreissen preis gab denn welcher geistliche Redner traut sich nicht mehr
Beredtsamkeit und Salbung zu als seinem Konfrater Ich kratzte mich lange
hinter den Ohren ehe ich mich entschließen konnte sie meinem frömmelnden
Tadler zu öffnen aber kaum dass ich seinen dickleibigen Brief entsiegelt und
den ersten Blick auf die Unterschrift geworfen hatte so fiel er mir auch vor
Herzklopfen aus der Hand O diese letzte schrie ich laut auf ist auch deine
schönste Überraschung mein mehr als alle barmherzige Brüder mein teuerster
St Sauveur Nur mit zitternden Händen konnte ich den Brief wieder aufheben
küsste und legte ihn mehrmal in seine alten Brüche ehe ich ihn aus einander
schlug und mich andächtig genug gestimmt fühlte ihn zu lesen
    Welche Bewunderung hat er mir nicht seitdem schon abgenötiget in welches
Entzücken mich versetzt und wie viel süße Tränen der Dankbarkeit meinen Augen
entlockt Ich schreibe Dir ihn nicht ab lieber Eduard nicht bloß deshalb weil
er für die Kürze der mir zugemessenen Zeit zu lang sondern auch weil dies
Meisterstück an Schönheit des Vortrags wahrer und doch schonender Freundschaft
mein armes Tagebuch gar zu sehr in Schatten stellen würde
    Wenn wir nach unserer frohen Zusammenkunft uns erst einige Abende hindurch
an diesem matt gelesen  der leidenschaftlichen Sophistereien  der bösen
Beispiele und der schlüpfrigen Bilder die es hier und da enthält genug haben
und unsere Herzen welk fühlen dann wollen wir uns der Ergiessungen dieser reinen
Quelle  dieser edelen großen und fühlenden Seele als eines stärkenden
Labetrunks nach vielen erschlaffenden schwülen Tagen mit desto innigerer
Wollust freuen und ohne den Schreiber der jene nur allzutreuen Gemälde einer
unsittlichen Welt abstahl in die Hölle zu verdammen dem frohen festen Sinn
seines gutmütigen Tadlers für Tugend und Menschenwürde vorzüglich aber den
geheimen verschlungenen Wegen nachspüren die ihn zu dem Gipfel von dem er nun
auf uns herabsieht erhoben und die wir trotz unsrer Scharfsichtigkeit lieber
Eduard beide noch nicht entdeckt haben O warum kann ich ihm nicht in diesem
Augenblick für den hohen Genuss seiner sanften Belehrung dankend zu Füßen fallen
Wie um Gottes willen ging es zu dass ich nicht schon aus der zarten Behandlung
meiner bis zum Zerbrechen gesunkenen Maschine den Freund erriet der allein
Menschenkenntnis genug besaß sie wieder in ihre physischen und moralischen
Fugen zu zwingen Musste ich erst aus seinem Briefe den Retter meines Tagebuchs
kennen lernen
    Wen  außer Ihm hätte ein so feiner Takt leiten können die Nachwehen eines
sich selbst vernichtenden Autors zu fassen  das Unglück das er seinen
Geisteskindern drohte abzuwenden und seine lebenslängliche Trauer über
aufgeopferten Nachruhm in ein wahres Auferstehungsfest zu verwandeln Wie konnte
ich zu Marseille und auch hier noch fuhr ich immer staunender zu fragen fort
einem unbekannten Mönche jene Ehrfurcht für einen Weltmann die brüderliche
Sorgfalt an meinem Krankenbette die uneigennützige Verzichtleistung auf
Kostenersatz  Belohnung und Dank  wie konnte ich ihm einen Augenblick
zutrauen dass er an einen sterbenden Ketzer wichtigere Geschenke wagen würde
als einen geruchlosen Rosenkranz und die letzte Oelung
    Wie ging es zu  schlug ich mich zuletzt noch vor die Stirne dass keiner
meiner Wächter und Wärter mir das Geheimnis verriet Bastian half mir aus dem
Traum »Wir« sagte er »so viel unser waren sahen diesen Abgesandten des
Himmels nur schwarz gekleidet vor Ihrem Bette und nach seiner Verschwindung kein
einzigmal wieder« Jetzt begriff ich warum der Schlaue aller französischen
Höflichkeit entgegen mich nie mit einem Gegenbesuche beehrte  nie zu einer
gemeinschaftlichen Spazierfahrt abholte und so fremd mit meiner Haushaltung
tat als habe er in seinem Leben kein Wort von dem alten Maler Sperling und den
beiden Puppenspielern gehört ob ihm schon ersterer eine fast verlorne Erbschaft
und die andern ihre Befreiung von Tortur und Galgen zu verdanken hatten
    Hochgepriesen sei mir sein System Noch hat kein anderes meine Seelenkräfte
so auf einmal wie durch einen elektrischen Schlag zu erschüttern vermocht als
seine heutige Überraschung Gleich dem sokratischen Genius leitete mich seine
unsichtbare Hand bis zu dieser seligen Stunde der Erkenntnis. O dass sie rief
ich kleinmütig aus für die höchste meiner Lebensfreuden mit demselben Gelingen
fortwirke  stellte mich an das Fenster blickte Tränen der Zärtlichkeit in
den Augen gen Himmel und dachte eine ganze Weile noch an Ihn und Agaten ehe
ich meinen großen Fund unter den Arm nahm und nach Jeroms Studierzimmer eilte
»Hier bringe ich dir« trat ich vor seinen runden philosophischen Drehstuhl und
Arbeitstisch »meine weitläuftige KrankheitsGeschichte nebst allen dazu
gehörigen Belegen an Heilungs und PräservationsMitteln Untersuche doch ob
sie des Aufhebens wert sind Dein Ausspruch soll entscheiden« »Gut lieber
Wilm« wendete er sein ernsthaftes Gesicht von seiner Schreiberei ab gegen
mich »das hat aber Zeit bis auf den Abend Jetzt habe ich mein Nachdenken für
presshaftere Personen nötig als du bist Allen Respekt« staunte er mein Packet
an »für den gelehrten Sabatier aber was will er mit diesem Schwall von
medizinischen Verordnungen Der Arzt glaube mir kann so gut als der Moralist
seine Lebensregeln auf eine QuartSeite bringen  Doch lege nur einstweilen
deine Gegenbeweise« streckte er ungeduldig seine Feder einem Lesepult zu
»dorthin neben Zimmermanns Erfahrungen und wenn du nichts besseres vorhast so
besuche indes so lange unsere Hörsäle Professoren Kirchen ArmenAnstalten
oder was du sonst willst bis ich dir wieder zu Diensten sein kann« »Du bist
heute kurz angebunden lieber Jerom« erwiderte ich Statt zu antworten
reichte er mir mit einem Blick der mir ans Herz ging die NamenListe aller
der Leidenden hin die auf Strohsäcken und seidenen Betten nach baldigem Trost
aus seinem Munde ächzten tunkte seine Feder frisch ein und schrieb weiter Ich
erschrak über dies übernächtige schwarze Register so sehr dass ich wie von
Gespenstern verfolgt aus seinem Museo nach dem unerträglich leeren meinigen
flog Hier nach einem kurzen Besinnen versuchte ich das möglichste um mich
aufzuheitern aber es ging nicht Umsonst durchbilderte ich eben so zaghaft
meine leicht zerbrechliche historische ScheibenSammlung als mit poetischer
Dreistigkeit jene noch im Archiv der Liebe verschlossene von Agatens Reizen
aber auch diese so oft erprobte Linderung wollte nicht anschlagen Fort dann
rief ich in die freie Luft und machte mich mit meinem verstimmten Instrumente
auf den Weg spannte die Saiten aufs höchste brachte aber doch nichts als
Misstöne hervor Nach einem irrenden Spaziergang längs dem Kanal schlenderte ich
verdrossen auf den Marktplatz und nachdem ich hier und dort lange genug andern
im Wege gestanden und von dem Vorgesehn der Lastträger die den geraden ihrigen
gingen erschreckt worden war flüchtete ich einfältig genug dem deutschen
KaffeeHause vorbei in das holländische Da hatte ich es vollends getroffen An
der Vaterlandsche Kourant die man mir hinschob war mir so wenig gelegen als
an einem Glas Genever das man mir vorsetzte und bei der schwatzenden
Gesellschaft die sich in langsamer Bewegung durchkreuzte verunglückte mir jede
höfliche Annäherung Meine WetterBeobachtungen und andere dergleichen
unschuldige Einleitungen zum Gespräch mit denen ich in Berlin recht gut
durchkomme machten hier nicht den geringsten Eindruck Ein kurzes ja well myn
heer war der ganze Weihrauch den mir hier und da einer aus seiner Pfeife unter
die Nase blies In Avignon Marseille und andern artigen französischen Städten
sah ich mich oft noch Stundenlang von einer hübschen Aufwärterin oder einem
gesprächigen Marqueur aufgehalten wenn ich schon meinen Hut von der Wand
gelangt hatte Hier bekümmerte sich keine Seele darum Man ließ mich ruhig über
die Schwelle sobald ich mein Doppelchen für die Ansicht des mir zugemuteten
Aquavits auf den Teller gelegt hatte
    Schmollend ohne recht zu wissen ob über die hiesige oder meine gewohnte
Lebensweise schlug ich einen längeren Umweg durch schnurgerade Gassen nach 
wie soll ich es nennen nach einem leidlichern Gefühl ein und geriet als wenn
heute ein böser Geist sein Spiel hätte  unvermutet an das Eckhaus wo ich
ehemals gewiss bequemer wohnte als Peter der Große während seiner Studien des
Schiffsbaues zu Sardam Ein struppiger Tituskopf streckte sich jetzt aus
demselben Schubfenster vor aus welchem ich sonst mit gekräuseltem Haar über die
vier Fakultäten hinweg in die offene Welt lachte Noch immer wie zu meiner
Zeit verzierten japanische Blumentöpfe das Ruheplätzchen des Erkers wo ich so
oft Jerom die Schweißtropfen von der Stirne trocknete wenn er ermüdet aus dem
botanischen Garten zurückkam Die drei UniversitätsJahre die ich als Mietmann
neben seiner Studierstube  ach ich mag es einkleiden wie ich will 
gedankenlos  aber das muss auch wahr sein  sehr jovialisch vertändelte
gaukelten mir in der lebhaftesten Erinnerung vorüber Dennoch ward es mir auf
einmal so unheimlich in der Nachbarschaft dieser meiner JugendHerberge dass ich
mir den Sporn gab und mit dem immer beibehaltenen Eifer für die Naturgeschichte
den Meerwundern auf dem Fischmarkt einen fliegenden Besuch machen wollte aber
kaum war ich um den LaternenPfahl herum so stieß ich  da ich es in dieser
PrüfungsStunde gerade am wenigsten wünschte  auf meinen lieben Schulfreund
den in allen Gassen beschäftigten Jerom »Wo kommst du her« warf er mir im
Fortgehen die Frage vor »Von der Betrachtung«  rieb ich mir die Stirn 
»unserer ehemaligen Wohnung und du«  »Aus der Marterkammer« erwiderte er
»einer zum erstenmal gebährenden  aber nun mit dem frohsten Erstaunen
belohnten Mutter der ich eben die Ausbeute eines schönen Jungen zu Tage
gefördert und an die bebende Brust gelegt habe Jetzt gehe ich wenn du mit
willst in das Arbeitshaus um ein wenig auszuruhn  und dann in der Nähe dort
zu dem ungeduldigsten Domine von der Welt um ein ihm sehr dienliches
Quartanfieber zu bewillkommen das  er sah nach der Uhr  in Zeit einer halben
Stunde eintreffen wird« »Wohl bekomme dir lieber Jerom« hing ich mich gähnend
an seinen Arm »deine Visite beim Domine und deine Ruhestunde im Arbeitshause
Dazu wäre mir eine BilderGallerie lieber wenn eine da wäre« »Das ist dir zu
glauben« lächelte er »leider nur sind dergleichen Asyle des Müssiggangs  das
musst du ja von Alters her wissen  bei uns nicht hergebracht Wir benutzen
unsere Säle zu notwendigern Dingen  nicht aus Geringschätzung der Kunst und
des Geschmacks« antwortete er meiner spöttelnden Miene  »denn wie viele
unserer wohlhabenden Einwohner besitzen nicht Sammlungen von den schönsten
Gemälden aus denen man eine größere als die Düsseldorfer ist zusammensetzen
könnte« »Ja ja« nickte ich mit dem Kopfe »wohl Schade um die Meisterstücke
der niederländischen Schule  um Eure Rembrands  van Dyks  Gerhard Dauws 
Wouvermanns und de Wits deren so viele noch in den Achter und Binnenkammern
und Komptorchen gemeiner Bürger unverantwortlich zerstreut und dem ehrsamen
Publikum versteckt sind Herkömmlicher Weise sagst du Nun ja aber ich möchte
auch wohl wissen was es in Holland nicht wäre von seinen Gesetzen und Sitten
an bis auf die Physiognomie seiner Gärten Dörfer und Städte Der Genius der
Zeit vermag nichts über das ewige Einerlei Eures mit Recht bewunderten Landes
wenn man es nämlich zum erstenmal sieht käme aber auch ein Reisender wieder
nach hundert Jahren zu Euch ich wette er findet weder eine modische noch
ästhetische neue Anlage oder eine merkwürdige Erscheinung unter Eurem Horizont
die vorher noch nicht da war« »Das will ich dir« endigte Jerom unser
GassenGespräch »nächsten Tages durch den Augenschein widerlegen« und so
trennten wir uns am Tore des Werkhauses bis uns der Mittag wieder zusammen
brachte In einer holländischen Stadt tritt er pünktlich  fast so spät als in
Regensburg aber als Nothülfe der aufs genaueste berechneten physisch
errungenen Erschöpfung so reich ausgestattet als dort ein schreitet
abgemessenen Gangs von einer nahrhaften Schüssel zur andern fort bis unter den
zusammenfliessenden Nebeln des Tees Tabaks und der Kanäle die Stunde der
Verdauung und gesellschaftlichen Unterhaltung über die ErnteTabellen der Börse
protestirten und acceptirten Wechsel geglückten oder misslungenen Spekulationen
anbricht Da ist es denn kein Wunder wenn während dessen unser Eins sich nach
den ganz andern Zeitverkürzungen in Berlin zurück sehnt
                                                                Den 27sten März
»Und wenn du nun« sagte Jerom als ich beim Frühstück des Heimwehs das mich
gestern befiel und der Bewegungsgründe erwähnte die es auch heute noch laut
genug unterstützten »jene Zeitkürzungen erreicht hast  die ich dir wohl so
fein zergliedern wollte als den unnatürlichen Auswuchs eines schwammigen
Körpers  wirst du dich darum in deiner spekulativen Schlafkammer  wie ich sie
einstweilen so nennen will  glücklicher und grossherziger zu Bette legen als
ein betriebsamer Spediteur allgemeiner Bedürfnisse  ein Banquier von Kredit 
ein tätiger Negociant in der seinigen wirst du von deinem Ausflattern in den
leeren Raum der vornehmen Welt weniger ermüdet und zufriedener zurückkommen als
jene von den Schiffswerften  den Packhäusern und der Börse Kannst du aus
deiner erhabenen Sphäre  können alle die dir gleichen wohl das Herz haben
mit Stolz auf unsere Demut  mit Neid auf unsern Erwerb  mit Spott auf unsere
einfachen Erholungen herunter zu sehen Gesetzt sogar lieber Wilm lass uns
immer einmal ernstlich darüber sprechen du könntest deine viel bedürfende
Weichlichkeit in Allem befriedigen und stiegest nur an BlumenGeländern erst
nach einem Sekulo wie Fontenelle ins Grab würde dein langgedauertes Dasein
bei allen genossenen Freuden verdienstlicher als das unsere und die Erde dir
darum leichter werden als uns und allen und jeden dienstbaren Bienen an dem
großen Honigstocke der Welt  «
    Dergleichen Hohlspiegel lasse ich mir nun nicht gerne lange vors Gesicht
halten drum drückte ich dem Redner als wenn es aus dankbarem Gefühl geschähe
stillschweigend die Hand und ließ ihn um nicht als RaubBiene seinen Stachel zu
reizen so viel Wachs Saft oder Wasser als er fortschleppen konnte den Zellen
seiner summenden Mitgehülfen zutragen »Ich gönne« murmelte ich hinwärts nach
meinem Schreibtisch »dem fleißigen Gewürm seine Freude von ganzem Herzen Mehr
kann ich mehr kann ein Kammerherr nicht tun Unsere zwar schön vergoldeten
Schlüssel  übrigens aber das wissen wir alle von dem schlechtesten Metall
können freilich weder Vorrats noch Werkhäuser öffnen denn sie öffnen gar
nichts und schließen nirgends müssen jedoch wie alles in der Welt zu etwas
nütze sein weil sie da sind« Bei dieser tiefsinnigen Ausrede ließ ich es
einstweilen bewenden
                                                                Den 30sten März
Es war mir die paar Tage her ganz unlustig zu Mute und dabei recht Angst dass
Jerom mit Untersuchung meiner handschriftlichen Beichte nicht so geschwind
fertig werden möchte als ich abzureisen wünschte denn er erwähnte derselben
bis heute Morgen mit keiner Sylbe Er habe führt er zur Ursache an in meinem
Prozess mit der Moral  ein sonderbarer Ausdruck  manche Seiten mehrmal
überlesen müssen um meine Sophistereien ins klare zu setzen und sein
Endurteil doch auch nicht eher abgeben mögen bis er nicht erst selber darüber
mit sich einig geworden wäre müsse aber zu seiner Schande gestehen dass es ihm
damit nicht besser geglückt sei als den meisten Fakultisten mit Kriminalakten
»Meines Dafürhaltens« fuhr er fort »tust du am klügsten du stellst deine
Sache der öffentlichen Meinung und der Mehrheit der Stimmen anheim Hätte dem
Vagabonden werden nun Wohl die meisten Leser mit mir übereindenken immer ein
Arzt wie Sabatier ein Mentor wie SaintSauveur zur Seite gestanden seine
Reisebeschreibung wäre Zweifels ohne nicht minder erbaulich und nützlich für
unsere Kinderstuben ausgefallen als weiland die Fenelons vom Telemach denn
sich selbst überlassen belehrt uns sein Tagebuch nur zu deutlich kommt er in
allem Guten eher zurück als vorwärts« Ich schickte mich an meine Einwendung
dagegen vorzutragen aber »Auf den Abend« unterbrach er mich »wenn mein
Tagewerk vollbracht sein wird das Weitere davon« entfernte sich und lässt mich
sonach noch immer über seine endliche Entscheidung in Ungewissheit
    Seit der Teestunde ist meine Angst vorbei Mein Tagebuch  kann ich Dir
nicht eilig genug zu wissen tun  hat die letzte Probe die ich noch
erwartete hat nun mit der seinigen die Kritiken zweier gleich großen Welt und
Menschenkenner als es nicht leicht nach ihnen einer wieder vor die Brille
nehmen wird überstanden Wie viele deutsche Bücher mögen wohl dieselbe
Aufmunterung vor sich und einen so schönen Beruf haben ihre Wurzeln auf dem
vaterländischen Boden weiter zu schlagen Nur nicht so verwundert getan mein
lieber Eduard Du wirst doch wohl nicht immer meinen AutorKitzel für Scherz
gehalten haben wenn ich mit lachendem Munde davon sprach denn kann man denn
wohl von diesem Jucken sprechen ohne selbst darüber zu lachen Ich unterliege
ihm jetzt vollends so schwach als ein Kind Weder Dein Ernst noch Dein Spott
darüber sollen mich anfechten denn wenn uns sage ich mir ein längst tot
geglaubter Freund nach unendlichen überstandenen Gefahren zu Wasser und zu
Lande auf einmal frisch erhalten und lustig in die Stube gepoltert kommt  lass
ihn selbst schmutziger erscheinen als den verlorenen Sohn in der Bilderbibel
wie verschränkt müsste das Herz sein das nicht in der unaussprechlichen Freude
des Wiedersehens wenigstens seine Hausnachbarn Blutsfreunde und andere liebe
Bekannte zusammen trommelte Und ist das nicht ganz der Fall mit mir meinem
Tagebuche und seinen Lesern Freilich  kann ich nicht leugnen  hätten seine
beiden ersten Besichtiger gern verschiedene der Malereien die es mitbringt
retouchirt einige verschliffen andere wohl gar in der andächtigen Stimmung
des verstorbenen Herzogs von     vernichtet um den Hofdamen kein Ärgernis
zu geben Was sagen aber auch die Freunde der Kunst zu seiner Bilderstürmerei
Er verschonte so wenig die Unschuld der Batseba als den trunkenen Lot mit
seinen Töchtern von van der Werft  weder Rubens fleischige Grazien noch die
schlankesten badenden Nymphen von Albano  ließ von seinem Kabinetsmaler alle
akademische Nuditäten in der väterlichen Verlassenschaft je reizender sie
waren desto eher aufs neue grundiren und erbaulichere Figuren darauf setzen
Nun sah es freilich kein Mensch dem König David mit der Harfe den Prinzessinnen
des Hauses oder andern FamilienPortraits an was hinter ihnen steckte und der
Teufel konnte sein Spiel so wenig damit treiben als der Herzog selbst denn er
starb ohne Kinder
    Meinen armen Zeichnungen wäre es wie gesagt nicht besser ergangen hätte
es nur ohne Nachteil des Zusammenhangs so leicht geschehen können als in jener
fürstlichen Bilderkammer
    Aber St Sauveur der sie aus dem Feuer riss ließ seine zum Versuch des
Ausbesserns erhobene Hand so gut sinken als Jerom der mir mein Portefeuille
nach dreitägiger Durchsicht mit einer Erklärung so eben wieder zurück gebracht
hat die ich lieber verschwiege wenn ich etwas zu verschweigen gewohnt wäre
»Hier Wilm« trat er mit einem Lächeln das mir nicht gefiel in mein Zimmer
»hast du deine  wie du sie zu nennen beliebst  Recepte wieder Als Arzt weiß
ich gar nichts damit anzufangen«  »Gar nichts« fiel ich ihm in die Rede »Das
ist arg« »Und als Philosoph« fuhr er echt holländisch fort »eben so wenig«
    »Gib dein Werk aus für was du willst nur nicht für ein moralisches
Vehikulum  dazu ist und bleibt es verdorben Das wenige Gute was hier und da
darin gleich Waizenkörnern unter Spreu verstreut liegt würde keine Hand voll
dienlicher Aussaat betragen wenn man sich auch die undankbare Mühe geben
wollte sie von ihrem Unrat zu sichten Und wem könnte am Ende auch wohl auf
einem Erdstrich der von Kultur so strotzt wie dein Vaterland mit solch einer
Kleinigkeit gedient sein« Ich runzelte die Stirn und schlug die Augen zu Boden
»Deine Offenherzigkeit« fuhr er nach einer zwar kleinen aber doch immer sehr
demütigenden Pause fort »und die Wahrheit deiner Ohrenbeichte ob sie schon
der neugierigste Sündenerforscher weniger treu wünschen würde verdient indes «
ich schöpfte wieder Atem  »einige Schonung Es steht vielleicht zu hoffen dass
sie manchen Verstockten der sich vor Priestern und Leviten weiß brennt zum
erstenmal schamrot mache  Gott gebe dass es nur nicht auch in weiblichen
Engeln das Blut hebt  und dies ist beinahe das einzige was mich abhält auf
gänzliche Unterdrückung deiner buntscheckigen Selbstbekenntnisse zu stimmen
Möglich auch dass sie andere der Sittlichkeit noch schädlichere Schriften 
sophistische Romane  kasuistische Betrügereien  aus den Lesezirkeln
verdrängen und so kann man freilich nicht wissen ob du nicht zufällig der Welt
wohl gar noch einen Ritterdienst leistest«
    »Die scharfe Lauge welche Kunstrichter« setzte er ironisch hinzu »über
den Verfasser ausgiessen werden soll es übrigens wohl verhindern dass dieser
nützlichen Tagebücher nicht zu viele entstehen denn ihre Vervielfältigung
könnte leicht ein anderes Unglück anrichten das den ohnehin zweideutigen Wert
des deinigen weit überwöge nämlich«  ich horchte hoch auf  »dass
leichtsinnige kurzsichtige Jünglinge die Fehltritte deren du auf deiner
paarmonatlichen Reise so viele begingst und unbefangener als nötig war
eingestehst für den allen vernünftigen Menschen gewöhnlichen Fortgang zur
Erkenntnis hielten und aus Furcht eine Ausnahme zu machen immer weiter von
der rechten Straße abkämen« Ich war heilfroh dass der liebe Strafprediger
abgerufen wurde aber er kam nur zu bald und zugleich auf seinen verlassenen
Text wieder zurück »Da haben wir« warf er ingrimmig seinen Hut in die Ecke
»die Folgen eines unbewachten Lebens in terminis Eben komme ich von dem Bette
des Elends eines jungen Mannes der mit der langwierigsten aller Todesarten 
mit der Schwindsucht kämpft und Vergehungen an der wohltätigen Natur mit der
Rückendarre büßen muss Wehmütig hängen seine hohlen  an den großen blauen
tränenden Augen einer ihm seit kurzem unverdient zu Teil gewordenen
liebenswürdigen Gemalin deren Umarmung ich ihm als einen Meuchelmord untersagt
habe durch den er die Schuld seiner Selbstentleibung  es ist schrecklich zu
denken  noch in der Verwesung bis zum Greuel seines Andenkens vergrößern und
über seinen Grabhügel eine Saat von Nesseln verbreiten würde«
    »Die einst so frischen Bilder seiner der Wollust geopferten Tage umgaukeln
jetzt als verzerrte Masken sein Lager und jene grausamen Spielwerke seiner
tändelnden Hand  jene der Unschuld abgelockten Schleier fallen jetzt als so
viele drückende Leichentücher über sein brennendes Haupt Bange schlaflose
Stunden treten an die Stelle verlaufener flüchtiger Freuden und verkümmern ihm
gleich unbarmherzigen Gläubigern die Schlussrechnung seines vergeudeten Lebens
Ärzte Philosophen und Priester stehen niedergeschlagenen Gesichts vor dem nach
Beruhigung Aechzenden denn welche Kunst und Wissenschaft vermöchte solch ein
Verschmachten  diese Seelenangst  dies Grausen vor der Zukunft zu heben«
»Halt ein lieber Jerom« unterbrach ich ihn »solche schauderhafte Gemälde kann
nur ein Arzt wie du kann nur ein Zergliederer entwerfen der eines
schneidenden Messers gewohnt ist« »Nein« erwiderte er »ich stelle dir nur
eine von den täglichen Erfahrungen für jeden Beobachter entgegen der seine
Augen gebrauchen will Dir selbst sind ähnliche Trauergestalten auf deinen
Schleifwegen begegnet du hast sie oft treu genug abgezeichnet aber ihren
Eindruck immer wieder durch schnellen Übergang zu andern leichtfertigen Bildern
geschwächt Das ist der größte Vorwurf den ich deiner Art zu malen mache ob
ich dich gleich zu gut kenne um dir eine gottlose Absicht dabei Schuld zu
geben«
    »Kannst du zum Beispiel bei der öffentlichen Ausstellung die du vorhast
und zu der sich wie gewöhnlich gewiss mehr neugierige unerfahrne Müßiggänger
drängen werden als unbestechbare Kenner jenen Avignonischen Zeichnungen ihre
verführerische Wirkung benehmen« »Ja das kann ich« hielt ich ihn beim Ärmel
da ihn eben ein Billet von einer kritzelnden weiblichen Hand bei dessen
Durchlesen er die seine einigemal an die Stirne und die Augen mit sichtbarem
Entsetzen in die Höhe schlug schnell auszugehen nötigte »wenn du mir
erlaubst nur diesen einzigen Fall deiner Praxis in mein Tagebuch einzutragen
ich will dich auch gern nicht über den Brief noch abhören der dich eben so
gewaltig erschreckt hat Für meine Kunden wird schon dieser Erguss deines
empörten menschlichen Herzens hinlänglich und der beste Temperirtrank sein den
ich ihnen neben jenen französischen Philtres vorsetzen kann die ich an der
Gränze gegen deutsche Quacksalbereien eintauschte Es müsste doch wunderlich
zugehen wenn sie nicht ihre eigene Vernunft über den Gebrauch des einen und den
Missbrauch der andern verständigte« »Meinst Du« brach er die Unterredung kurz
ab nahm seinen Hut und überließ mich meinem Protokolle
    Und so möge denn meine Hoffnung zu Euch Ihr meine jungen leicht zu
befangenden oft allzugefälligen Leser nicht fehlschlagen
    Vorstehendes Gespräch mit einem der ehrlichsten Laboranten guter Tisanen für
Körper und Geist das ich Euch so frisch hinreiche als jene Frühlings und
Herbstblumen die ich ein bloßer Dilettant in der Botanik mit Kletten und
Disteln bunt durch einander wie sie mir auf meinen Wanderungen in die Augen
fielen zu einem Strauss band ist mir ich gestehe es schwer über die Feder
gegangen
    Dafür aber auch dachte ich muss diese heroische Verläugnung der Eigenliebe
am Schluss eines Tagebuchs in allen guten Seelen eine ganz andere Rührung
bewirken als der Eingang der SelbstBekenntnisse meines großen Vorgängers
Gutmütiger  fühle ich mit innerer Zufriedenheit hat sich wohl nie ein
deutscher Autor gegen seine Leser  und weniger schlau gegen die Recensenten
benommen Ja selbst wenn jene  ich erstaune über die männliche
Entschlossenheit meines Herzens  auch noch St Sauveurs Brief einzusehen und
diese die sich auch damit nicht abfertigen lassen eine Geisselung von meinen
eigenen Händen verlangen die bis aufs Blut geht Auch das Man lasse mich nur
erst Berlin und meine Studierstube wieder erreicht haben
                                                                Den 1sten April
Heute also Nachmittags will Jerom mich mit der Seltenheit seines Landes auf
die er mich vorgestern vertröstete bekannt machen die wir selbst setzte er
jetzt noch hinzu während unserer akademischen Lehrjahre wo uns doch kaum etwas
unglaublich vorkam nicht für möglich würden gehalten haben und bis jetzt noch
in keinem bekannten Erdstrich außer Italien zur Reise gediehen wäre »Im
Freien« fragte ich Er bejahete es »Nun so wird es Zuckerrohr Ananas  oder
wohl gar die beste Frucht der Welt die Mangostine sein die ich auf St
Sauveurs Hochzeit eingemacht nur schon über allen Ausdruck vortrefflich fand«
Er ging von mir ohne zu antworten bestellte die Mahlzeit eine Stunde früher
und zugleich den Roef1 für uns beide allein auf der Amsterdamer Treckschüte
    Mag es doch sein was es will Nil admirari war Rousseaus Devise und soll
auch von heute an die meinige sehen
    Wenn Du etwa dachtest ich sei zur Feier des heutigen Tages in April
geschickt worden so hast Du zu früh gelacht guter Freund Nein ich habe heute
 an dem letzten Abend meines Hierseins und sonach recht zur gelegenen Zeit
einen in der Tat höchst merkwürdigen Schlussstein für das Gewölbe meines
Tagebuchs nach Hause gebracht und lasse nunmehr der patriotischen Behauptung
Jeroms volle Gerechtigkeit widerfahren Für die unserer Maschine so nötige
Erholung nach einer guten Mahlzeit kenne ich doch nichts zweckmässigeres als
eine holländische Treckschüte Unsere Fahrt wie auf Öl von Leiden bis zu einem
der nächsten Dörfchen dauerte etwa DreiviertelStunden
    Nachdem wir zwischen den freundlichen Gestaden des Kanals wie an den Säumen
eines aufgerollten Atlasbandes vielen kaufmännischen Ruhepunkten zum
NaturGenuss eines Tages in der Woche mehreren hölzernen LandungsPlätzen am
Rande  unzähligen Warnungstafeln vor Fussangeln  den Schlangenstäben manches
Merkurs der als Hausgötze von seinem Hochaltar über die Hecken blickte  und
allen den tönernen Famas die zu blasen drohten  glücklich vorbei kraft
eines Enterhakens an einen Fußsteig ausgesetzt wurden der hundert Schritte
davon einem kleinen Flecken zuführte  stand Jerom auf einmal bei einer
freiliegenden Bude gleich einer Laterne still aus der uns unter einem Aufbau
lieblicher Blumen und Früchte ein noch anlockenderes MädchenGesicht
entgegenfunkelte
    Die Schöne als hätte sie unsern Besuch erwartet öffnete  und ich blickte
verwundert auf meinen Anführer  ihre Glastüre
    Er trat mit mir ein schob den Nachtriegel vor ließ die flohrnen Vorhänge
an den Fenstern herunter und versetzte uns in eine künstliche Dämmerung vor der
ich beinahe erschrak »Wie gefällt dir« raunte er mir nun halb laut ins Ohr
»dies liebe Kind« und reichte ihr vertraulich die Hand Ach mehr als zu wohl
dachte ich aber zu einem Naturwunder gehört doch noch mehr als ein paar blaue
schmachtende Augen ein lächelnder rosiger Mund und Grübchen  zum Versinken des
Kusses  in den verschämten Wangen Er schien der Entwickelung meiner Gedanken
Schritt vor Schritt wie ein in der Gegend einheimischer abgefeimter Spion zu
folgen und brach sein listiges Stillschweigen endlich mit der verfänglichsten
Gewissensfrage »Du hast lieber Wilm ich weiß es vieles Schöne und
Ausgezeichnete in der weiblichen Welt  aber hast du wohl je mehr anspruchlose
Grazie eine unverstecktere reine Seele in einer fröhlichern jungfräulichen
Bildung gesehen als die mit der ich heute einen so lüsternen Reisenden als du
bist  in April schicke« Ob ich je etwas reizenderes gesehen habe fing ich
heimlich seine Frage auf  O ja Margots Jugend blühte einem noch reichlichern
Erntefeste entgegen  Klärchen konnte die Augen noch sittsamer niederschlagen
ohne dass sie mich in April schickte  und o mein Gott vollends Agathe  aber
wie kann der ehrliche Mann ein unschuldiges Mädchen  gleich einem
Sklavenhändler zu Tunis so ins Gesicht loben Die Kleine konnte vor
Verlegenheit kaum atmen ob sie schon an solche Ausstellungen einigermaßen
gewöhnt schien Ich fühlte immer mehr Mitleiden mit ihrer beleidigten
Bescheidenheit je länger ich das bängliche Steigen und Sinken ihres
mousselinenen Halstuchs verfolgte »Nun lieber Wilm« weckte mich endlich
Jerom aus meiner tiefen Betrachtung »du willst ja ein Physiognomist sein
errätst du noch immer nicht«    »Was soll ich denn erraten« staunte ich
schweigend bald ihn bald die rätselhafte Blumenhändlerin an »So wisse denn«
zog er mich nach einer peinlichen Weile durch die er meine Zweifelsucht von
vorgestern nur zu sehr bestrafte aus meiner lächerlichen Ungewissheit »dass
unter dieser jugendlich kostbaren Hülle  erröten Sie nur nicht zu sehr gutes
Kind  ein noch größerer Vorzug verborgen liegt der nicht für so national als
jene sondern für eine unter unserm Horizont ganz unerhörte Seltenheit gelten
muss  eine  warum wirst du so unruhig Wilm  eine ländliche Muse eine
holländische Improvisatorin«  »Du willst scherzen« zischelte ich ihm mit ganz
sonderbar beklemmter Brust ins Ohr »Nichts weniger« antwortete er laut »Du
hast doch Pergament und Bleistift bei dir Nicht wahr liebe Emilie Sie
erlauben diesem ungläubigen Herrn die Probe mit Ihnen zu machen« Diesen
Ausgang hatte das schöne Landmädchen vermutlich besser vorausgesehen als ich
Daher ihre vorige schamhafte Verlegenheit und ihr jetziges freundliches
Nachgeben »Ich würde es nicht wagen« stotterte sie in angenehmer Verwirrung 
»meinen Waldgesang einem Ohre vorzutönen das durch große Virtuosen so verwöhnt
ist als ein deutsches  aber mein Arzt mein Beschützer verlangt es und ich
bitte Sie mein Herr mir ein beliebiges Thema anzugeben aber ja nur eins das
mir nicht fremd ist und keinen Tiefsinn verlangt« »Nun bei Gott«  erwiderte
ich und schlich in der Tasche meiner Schreibtafel nach »wenn es Ernst ist so
wüsste ich kein schicklicheres vorzuschlagen als Ihr eigenes schönes Gewerbe
das für die phantasirende Dichtkunst wie gemacht ist mit einem freundlichen
Hinblick« setzte ich scherzend hinzu »auf Ihren ausländischen Zuhörer denn er
handelt auch mit Blumen und Früchten wie Sie« »Ja« fiel mir der ironische
Jerom ins Wort »nur mit dem Unterschied dass die seinigen Sprösslinge einer
verdorbenen Einbildungskraft und in den österreichischen und andern ehrbaren
Staaten Konterband und verboten sind« Das unschuldige Landmädchen stutzte und
ich war höchst ungehalten auf den Schwätzer der jedoch auf das artigste wieder
einlenkte »So sprechen wenigstens« lächelte er »geschworne Fiskale 
verunglückte Spediteurs verlegener und im Preis gefallener Spezereien  Krämer
Höker und Aufkäufer die gern den Alleinhandel auf dem Markte mit geschmacklosem
Konfekt und dürrem Obste forttrieben und schelsüchtig ihren alten Kunden
nachblicken wenn sie ihren prahlenden Magazinen vorbei der natürlichen
Gottesgabe zuströmen die der junge Herr sich nicht einmal die Mühe gibt etwa
durch bezahlte Zettelträger auszurufen und anzupreisen um ihnen Abgang zu
verschaffen«
    Ich wusste nicht recht wie ich mit dem Redner dran war Er traf zwar meine
Gedanken so ziemlich aber ich stehe doch nicht dafür ob seiner fein gedrehten
Erläuterung nicht eine neue Spötterei unterlag Die kleine allerliebste Aktrice
nahm jetzt eine ganz andere  recht malerische Stellung an Nach der Bewegung
ihrer niedlichen Hände gegen die Strohkörbchen voll Erdbeeren Schoten und
frühzeitigen Pfirsichen  nach der Wendung ihrer bescheidenen Augen gegen die
chinesischen Vasen mit Rosen und Hyacinten  und nach andern kleinen erlaubten
Kunstgriffen zu urteilen schien sie sich einen Schwarm Marktleute
vorzustellen von denen die meisten aus Leckerei einige aus Neugier die
wenigsten aus eigentlichem Bedürfnis die Bude umringten Aus ihrem Mienenspiel
ließ sich ohne Schwierigkeit erraten dass sie die einen beizulocken die andern
zu entfernen und wenn neidische Aufpasser darunter wären ihnen im Vorbeigehen
einen Kirschkern auf die Nase zu schnellen im Sinn hatte
    Holländische Volkslieder sind nicht leicht ins Deutsche zu übertragen doch
bin ich nach Möglichkeit der jungen BlumenVerkäuferin auf ihrem poetischen
Ausflug so treu nachgeschwebt als ich es auf ihrem prosaischen Lebensgang tun
würde wenn es nur meine Zeit und Agathe erlaubten Ich teile Dir lieber
Eduard von dem Erguss ihres freispielenden Geistes so viel mit als meine
schwere deutsche Bleifeder nur auffassen konnte Hätte sie aber auch keinen
Tropfen unterwegs verschüttet so würden dem schönen Ganzen doch immer noch die
Apostrophen ihrer Augen ihre sonorische Stimme und die rednerischen Übergänge
ihres belebten Busens fehlen um auf andere Ohren denselben Eindruck zu machen
als auf die meinigen O dass doch in meinem Vaterlande eine gewisse gleich
liebenswürdige Emilie die obgleich des erhabenen Ossians Freundin doch auch
in Etwas die meine ist es in einer warmen Sommerstunde versuchen möchte meine
Orangen und Amatusäpfel auszurufen Ich wette auf Leib und Leben sie fänden in
allen Häusern Eingang und Käufer unter dieser Bedingung
    Unbefangen wie ein gutes Kind lächelte die kleine Holländerin hüstelte
ein wenig und stimmte an
Behagten Euch nur solche Waren
Wie sie gestempelt und verzollt
Minervens Polterkarrn von Jahren
Zu Jahren auf die Märkte rollt
So Freunde schlüpftet Ihr vergebens
In meine Bude Ein Gericht
Zur Stärkung auf dem Gang des Lebens
Ist höchstens was sie Euch verspricht
Ich hab auf meinen Rasentischen
Nur Näschereien ausgelegt
Die mir den Wandrer zu erfrischen
Mein Gärtchen leicht zusammen trägt
Ist gleich mein Blumenkranz kein Zeichen
Für eine Modehändlerin
So lockt er doch denn bei ihm streichen
Der Fahrweg und der Fußsteig hin
Auch graut der Morgen kaum so halten
Wie Wetter Wind und Zufall will
Ost unerwartete Gestalten
An meiner TonnenNische still
Wie viele nähern meinem Zaune
Sich nicht um eine Hand voll Schleen
Wenn BücherÜberdruss und Laune
Mit ihrem Geist ins Grüne gehen
Den Richter der mit krauser Stirne
Zu einer Ehescheidung trabt
Hat manchmal eine Jungferbirne
Aus meinem Weidenkorb gelabt
Aus meinem tönernen Pokale
Berauschte jüngst ein Priester sich
Als er nach seinem Filiale
Mit Schweiß betröpft vorüber schlich
Dem Mädchen das vom Stadtgewürze
Erhjetzt aufs Land nach Kühlung läuft
Hab ich zu Pfunden oft die Schürze
Mit Mirabellen angehäuft
Bald sind ich eine Federspule
Bald eine Musterschrift im Gras
Die ein Entlaufener der Schule
Im Morgenschmaus bei mir vergaß
So oft sich meine Körbchen leeren
Rück ich mit neu gefüllten vor
Mein Kontobuch   kann ich beschwören
So gut als Rousseau seins beschwor
Um vieles zwar säss ich bequemer
Wohl gar am Rathaus unter Dach
Ahmt ich dem Proteus unsrer Krämer
In seinen Handelskünsten nach
Der bald mit Perlen ferner Flüsse
Mit Gold aus Ophir Wucher treibt
Sein Salz und seine tauben Nüsse
Nur aus Elysium verschreibt
Bald Engelsreinigkeit den Narben
Gefallner Unschuld unterschiebt
Glanz dem Betrug und Rosenfarben
Verblühten Wangen wiedergibt
Bald auf dem WollenRaub der Herde
Die ihn umblöket eingewiegt
Im Traum die mütterliche Erde
Bis an den Himmel überfliegt
Und wohl noch wähnt vom nächsten Sterne
Herabgeschneuzt und fortgeschnellt
Er sei die größte Blendlaterne
Die je das Weltall aufgehellt
Doch was ein Irrwisch aufgekläret
Bleicht bald am Lichte der Natur;
Was sie erzeugt ist nur bewähret
Was sie bewährt erhält sich nur
    Ich will Dir nicht zumuten Eduard diese Verse für so geist und
gedankenreich zu halten als die Schillerschen und Vossischen sind muss aber
auch billig eingestehen dass es weniger die Schuld des Originals als der
Übersetzung ist Trotz seines verwischten Kolorits denke ich doch soll es als
Impromtu eines jungen holländischen Landmädchens immer noch die Ehre des Drucks
so gut verdienen als so manches in unsern poetischen Wäldern
    Ich bin mit Jerom völlig einverstanden dasswenn auch unter der Torfasche
dieses Moorlandes hier und da ein Funken dichterischen Feuers glimmen sollte zu
selten doch einer davon in Flammen schlägt als dass nicht die ihrige für ein
Meteor gelten müsse und ich kann es keinem ihrer Mitbürger verdenken der im
Vorbeigehen sich einige Minuten von seinen Geschäften abmüssigt bei ihr
einspricht um nur wundershalber zu sehen wie sich ein roher gemeiner Gedanke
poliren lässt Wer wollte der kleinen Poetin nicht gern ihre Gartengewächse
zehnfach teurer bezahlen als einer prosaischen Hökerin zumal da jeder ohne
große Spekulation berechnen kann dass sie durch diesen Handel dem so gering er
scheint doch auch kein drückenderes Kapital unterliegt als das ihr Flora und
Pomona vorstrecken und Klio verzinst schnurgerade der wahren holländischen
Ehre entgegen steigt reich  eine wie man es nennt gute Partie und zuletzt
wohl gar eine bedeutende Person in der Republik zu werden Lässt sichs denn
nicht erwarten dass ein junger spekulativer Kopf auf dem romantischen immer
offenen Gange nach ihrem Komtor gelegentlich auf den klugen Gedanken geraten
könne die schöne Sängerin samt ihrem jungfräulichen Erwerb in das seine zu
verlocken Er widme wäre in diesem Falle mein unmassgeblicher Rat nur sechs 
sieben Abendstunden der Woche zur Erholung nach getaner Arbeit ihrem Besuche
lege zur Einleitung seines Kaufgeschäfts ihrer Musse erst eine unbedeutende laue
dann eine wärmere darauf eine heissere und zuletzt täglich eine immer
brennendere Empfindung nach der andern ohne die entfernteste Hindeutung auf
Sie bloß zum Spielwerk ihrer dichterischen Ausbildung vor und finde keine
hinwelkende Blume die seine Vorgänger am Tage übrig ließ am Abend zu teuer
um sie nicht zu ihrem Andenken nach Hause zu tragen Das gute Kind das nichts
gefährlicheres dahinter versteckt glaubt als woran es seitdem sie zwei Worte
zusammen reimen kann gewöhnt ist wird es wie eine gereizte Nachtigall immer
schöner zu machen suchen und macht es immer schöner bis sich ihre Federn
sträuben und ihr das Herzchen darüber selbst zu pochen anfängt
    Ach ich müsste mich sehr irren wenn die sanfte unmerkliche Verschmelzung
stündlich wachsender männlicher Bassnoten mit melodischem weiblichen Diskant
nicht zuletzt auf der Tonleiter des Lebens einen Einklang hervorbrächte der nur
einer mondhellen Nacht bedarf um in das beredte Flüstern des Verlobungskusses
überzugehen Alsdann Nun mein Gott wäre es alsdann wohl so etwas unerhörtes
wenn in der Folge der merkantilische Umtrieb der einzelnen Groschen und Taler
die sie ohne große Mühe und Kosten ersang ihre StrohKörbchen irdenen Aesche
und Vasen in Tonnen Goldes verwandelte die freilich einen ganz andern Respekt
einflößen als alles was sie uns dermalen noch aus dem Gebiete der Natur
Schönes und Gutes auftischt Welche frohe Zukunft kann sich diese holländische
Karschin nicht versprechen wenn sie einst nicht mehr nötig hat an der
Landstraße auf neugierige Käufer zu lauern  ihnen Rede zu stehen und jeden
schalen Gedanken den sie auskramen in Verse umzusetzen die ihre heutigen
ausgenommen noch nie eine Druckerpresse erreicht haben Dann erst wird sie sich
fühlen und gebieten lernen  ihren eigenen guten Einfällen folgen und indem sie
mit heiterer Laune den glücklichen Erdstrich segnet der den Keim ihres Talents
als eine Wunderpflanze in Nahrung setzte mit mitleidigem Lächeln auf unsere
deutschen Witzkrämer und ihre Ladenhüter herabsehen Sogar auf der Börse wo
Apoll und seine Anhänger sonst wenig Kredit haben werden die vielen Nieten die
zum großen Loose ihres Heiratsguts beitrugen den jungen Anfänger beneiden dem
es zufiel Und doch Eduard würde mir das liebe Kind in der vornehmen Lage in
der ich zur Zeit noch keine der Musen sah trotz der vollen Beutel die Merkur
ihr in den Schoss schüttet schwerlich besser gefallen als jetzt mit fliegendem
Haar ländlichem Mieder unter ihren Blumen und Früchten Ich wählte mir aus
jenen ein freundliches Rosenknöspchen der Ähnlichkeit ihrer Lippen und ein
Noli me tangere der Unschuld wegen die darauf ruhte aus diesen aber ein paar
tetons de Venus die Linnée unter allen Pfirsichen für die schmackhaftesten
hält Höher sind mir aber auch in meinem lüsternen Leben keine zu stehen
gekommen Die liebe unbefangene Verkäuferin errötete selbst über meine unmässige
Freigebigkeit und Jerom schüttelte den Kopf dazu O hätten nur beide gewusst
woher sie entsprang Sie hatte solche im Vertrauen gesagt weder dem
Vorüberflug ihrer funkelnden Augen noch den gleich vergänglichen Tönen ihres
Mundes  sondern den Lorberblättern zu verdanken die ich in meiner
Schreibtafel aus ihrem Glashause mitnahm um das Monument meiner Jugendreise
damit zu krönen Ja Eduard der anspruchlose Waldgesang der liebenswürdigen
Emilie beschliesse mein Tagebuch Hört man nicht alle möglichen Epiloge am
liebsten aus dem Munde eines schönen unschuldigen Kindes und kann man ein
Konzert wohl artiger endigen als mit einer unverdorbenen weiblichen Singstimme
    Wohl wahr und doch ist es dem menschlichen Herzen eigen dass keins je
behaglicher es auf dem Musikstrom fortschwimmt ohne Unruhe an den letzten
Bogenstrich der ihn dämmt  ohne Verdruss an die sterbende Note denken kann
unter der sich ein sanftes Andante auflöset Der wahre Virtuose fürchtet wie
seine lauschenden Zuhörer im voraus die Todenstille des Saals die nachfolgt
und so sah auch ich im Vorgefühl meines baldigen Verstummens dem lieben
epilogirenden Kinde mit traurigem Nachdenken in das niedliche Gesicht Jerom
musste mich mehr als einmal an das Fortgehen erinnern und doch zögerte ich bis
das GlöckchenGeläute der letzten abgehenden Treckschüte mir durch alle Glieder
fuhr und als ich nun in überströmender Zärtlichkeit dem guten Mädchen noch
einmal meine Hand bot ward mir so weinerlich zu Mute als ob ich von ihrem
ganzen lieblichen Geschlecht samt den neun Musen ewigen Abschied nähme So
lange ich auf der Rückfahrt das schmucke Tempelchen noch in der Abendsonne
blinken sah war es mir nicht möglich meine Augen nach einer andern Seite 
meine Fantasie auf einen geringeren Gegenstand als auf die Nymphe zu richten
die es bewohnte Ich schrieb ihrer Jugend Schönheit Unschuld und ihrem
poetischen Talente so viele Festtage zu Gute dass ich bis ans Leidener Tor
nichts zu tun hatte als sie wie ein Mönch das Bild seiner Heiligen aus und
anzukleiden und mich vor ihrer Nische auf die Knie zu werfen Ich erbat ihr
allen Segen des Himmels zu ihrem jungfräulichen Gewerbe das doch gewiss man
sage auch was man will ohne Vergleich edler erlaubter und schmeichelhafter
für ihre Kunden ist als jenes das ehemals die Harlemer Wirtin zum schwarzen
Bock und was sie etwa sonst noch um Gäste beizulocken im Schilde führte auf
eine Art trieb die der lieben kleinen und auf allen Seiten betrachtet gewiss
zehnmal reizendern Emilie nicht im Schlaf einfallen würde Das soll aber auch
das letzte Wort für Dich und meine zukünftigen Leser sein Morgen mit dem
frühesten verlasse ich meinen Jugend und Schulfreund den würdigen Jerom Er
begleitete mich gern eine Strecke Weges aber seine Kranken halten ihn bei dem
Ärmel In einigen Tagen hoffe ich  ach welcher freudenvolle Gedanke Eduard
Dich an mein Herz zu drücken Denn da mich die himmlischen Gestirne während
meiner Seereise um den Tag auf dem ich zur Hochzeit des Märkischen Barons
geladen war eben so richtig gebracht haben als sich durch ihren Einfluss der
Weltumsegler Anson bei seiner Landung an der vaterländischen Küste zu seiner
großen Verwunderung um einen in der laufenden Woche verkürzt sah so kann mich
nichts mehr weder das Kalenderfest jenes schätzbaren Mannes noch sonst ein
Abweg auf meinem geraden Fluge in Deine Arme aufhalten
    Mein Glückwunsch zu der schlau verzögertern Besitznahme seiner Karoline soll
das erste Geschäft an meinem Schreibtisch zu Berlin sein übrigens mögen immer
noch Jahr und Tage hingehen ehe ich meinen versprochenen Besuch bei ihm
nachhole da sich indes auch wohl sein System vom ehelichen Glück mehr
aufgeklärt haben wird um es ruhiger und richtiger beurteilen zu können als in
den ersten Probetagen Es soll mir lieb sein wenn sein schönes Weib ein
saugendes Kind an der Brust das durch den Aufschub seines Daseins während des
Herumstreifens des Vaters nichts verloren hat  wenn sein mit den kostbarsten
Bruchstücken des Altertums und der neueren Erfindungen der Bequemlichkeit
zusammengesetzter ländlicher Pallast glänzende Säle die den Geist aller
Nationen vereinigen  Wände mit den Meisterwerken der Titiane und Raphaele
verziert  wenn täglich erneuerte Wunder der Kochkunst fröhliche Gärten und im
Ganzen genommen die Benutzung der freigebigen Natur zur Veredlung menschlicher
Bedürfnisse  wenn sage ich diese Bedingungen schwesterlich vereint in
einander greifen um die sonderbare ProphetenEpistel des wirtschaftlichen
Landjunkers auf das kräftigste zu widerlegen Warf dieser Eiferer gegen die
Wohltaten des guten Geschmacks seinem reisenden Feldnachbar wohl aus einer
wichtigern Ursache jene Spitzfindigkeiten in den Weg als weil solcher nach
einer andern Rechnung ein Dritteil seines Lebens verwendete um dessen
Überrest mit den möglichsten Annehmlichkeiten zu verschönern die unser Planet
darbietet Darf aber auch die fleissigste Ameise den Adler der über ihr in die
Wolken steigt tadeln dass nicht auch er auf dem Erdhaufen der ihrer
Zufriedenheit genügt die seinige sucht Du findest irgendwo in meinem Tagebuche
den Eingang seines Pamphlets und die Fortsetzung bringe ich Dir auch mit O ich
werde mich gern ohne mich an sein Geschwätz zu kehren dem Versuche hingeben
ob man nicht auf dem geschmackvollen Landsitze eines unter so verständigen
Rücksichten gereisten Freundes den Lauf der Stunden besser als im Auslande
erheitern das Glück des Schlafs geschwinder als mit Postpferden erreichen und
sein kaltes Blut so viel als zuträglich ist in dem Strale der dunstfreien
Sonne oder vor einem Kamine erwärmen kann dem nichts belebteres gegen über
lauscht als das Ideal einer Hebe oder Klärchens Bildnis mit seinen ach so
mannigfaltigen Erinnerungen
    Jetzt lacht mir nun von weitem die königliche Hauptstadt und Dein
Assembleesaal unter den anlockendsten Versprechungen in die Augen Sie werden
eine Weile Wort halten aber auf die Länge traue ich ihnen doch nicht Was soll
ich nun in dem gesetzten Fall mit mir anfangen wenn Überdruss an dem ewigen
Zirkelschlag Eurer Gesellschaften und Schmäuse Langeweile an den Spieltischen
und Missmut über den unnützen Vergang meiner bessern Kräfte sich aufs neue
meiner Seele bemeistern Zur Wiederholung der Torheit die mir vier Bände böser
Erfahrungen eintrug ist mir auf immer die Lust vergangen und auf meine
Studierstube darf ich vollends nicht rechnen denn das unbelohnte Bebrüten
fremder Gukgukseier ist mir zum Ekel geworden viele andere Irrtümer
ungerechnet die mich gar sehr gewitzigt haben
    Der Freuden der Welt sagt man zwar gäbe es viele aber wo ist denn eine
die nicht durch den täglichen Gebrauch uns unter den Händen verwelkte und wo
findet man immer einen Freund wie SaintSauveur der uns damit auf eine so
systematische Art zu überraschen versteht dass sie uns neuen Genuss gewähren Was
bleibt nun da zu selten zwei gleichgestimmte Menschen auf ihrem Gange
zusammentreffen die hierin einander die Hände zu bieten Willen und Kraft haben
noch übrig als dass jeder selbst die Mühe übernehme auf Abwechselung seiner
Kinderspiele zu denken so gewiss auch dabei die Hälfte jenes bemächtigenden
Reizes verloren geht Wohlan So zeichne denn sie mir den Plan meiner künftigen
LebensOrdnung vor zu dem ich mir nur noch Agatens Unterschrift wünsche
    Weder an einen Ort an ein Amt noch an Pflichten gebunden die ich mir
nicht selbst als Weltbürger auflege soll mir der Spielraum des Vaterlandes wo
nicht zum Schauplatz meiner merkwürdigen Taten  doch zu einem Spaziergang
dienen auf dem ich bald hier bald da eine Handvoll Saamenkörner edler
wohltätiger Gefühlpflanzen ausstreue sollten sie auch dann erst keimen und
gedeihen wenn ich schon längst in seiner heiligen Erde unter dunkeln Ahndungen
und unaufhörlichem Rufen nach Licht die letzte Leitersprosse zum Austritt in
jene Warte seliger Zukunft gewonnen  an ihrer hellen Pforte meinen Staubmantel
abgeworfen und nicht wie hier zu befürchten habe ein Brandopfer der
Langeweile zu werden Denn dort 
Wenn aufgeschwungen aus dem Schlamme
Des Irdischen mein freier Geist
Ein Lichtteil in der Schöpfungsflamme
Das Unermessliche bereist
Mit Schwanenlust im Aeterstrome
Reingeistigen Bewusstseins schwimmt
Von einem zu dem andern Dome
Der Sterngebäude weiter glimmt
Im Drang die Feder zu entdecken
Die dies geheime Uhrwerk dreht
Mit immer freudigerm Erschrecken
Zu neuen Wundern übergeht 
Dort sei mein Tagebuch der Lehre
Abwechselnder Zufriedenheit
Mein Wandelgang zu jeder Sphäre
Der Überraschung nur geweiht
Denn ohne sie wie schmucklos wäre
Bei stetem Kreislauf mir die Ehre
Einförmiger Unsterblichkeit
 
                                    Fußnoten
1 Roef  ein von den übrigen Passagiers abgesonderter Raum auf einer
holländischen Treckschüte