Benedikte Naubert
Herrmann von Unna
Eine Geschichte aus den Zeiten der Vehmgerichte
Erster Teil
Erstes Kapitel
Ein Gespräch am Hochzeittage
»Am Montage nach Allerheiligen als Kaiser Wenzel Sophien Herzog Johannes von
Bayern Tochter heimführte« so fängt die Urschrift an welche wir uns bei dieser
Geschichte zum Leidfaden erwählt haben und wir werden keine bessere Probe von
der Treue mit welcher wir unserm Original zu folgen gesonnen sind ablegen
können als wenn wir uns diesen Anfang gefallen lassen und dich lieber Leser
ohne weitern Umschweif mitten in das Gewühl lärmender Freude einführen welches
bei Kaiser Wenzels Hochzeitfeste herrschte obgleich ein solcher Anfang dir von
der Folge dieser Blätter vielleicht einen ganz falschen Begriff beibringen
könnte Wirst du wohl in einer Geschichte ernste Szenen erwarten welche mit der
Beschreibung eines Fests beginnt von dem man weiter nichts zu sagen braucht
als dass es ganz von dem Charakter desjenigen zeigte der es anstellte des
Hochzeiters Kaiser Wenzels
Nach der Gewohnheit der damaligen Zeit waren schon drei Tage in allen
möglichen Arten des Wohllebens verstrichen und der vierte der eigentliche Tag
der ehelichen Vertrauung war angebrochen an welchem es gemeiniglich etwas
sittsamer zuzugehen pflegte als an den vorhergehenden Daher kam es dass der
erhabene Hochzeiter nicht allein seine schöne Braut aus Priesters Hand mit
nüchternem unbenebelten Verstande einfing sondern auch noch am Abend da der
Tanz bereits in den weiten Sälen des Schlosses zu Prag begann nur erst so viele
Pokale geleert hatte als bei ihm hinlänglich waren jenen Grad von Fröhlichkeit
und Vergessenheit der Sorgen zu erkünsteln die dem guten Herrn bei seiner
bedenklichen Lage so nötig war
Nie hatte ihm auch selbst in seinen jungen Jahren nicht seine gränzenlose
Liebe zur Bequemlichkeit erlaubt einen Reiz an dem Vergnügen des Tanzes zu
finden er überließ dasselbe auch diesesmal der adelichen und unadelichen
Jugend die sein wunderlicher Sinn bei diesem Feste durcheinander gemischt
hatte und spielte mit dem Herzog von Ratibor in einer Ecke des Saals ein
Bretspiel welches wahrscheinlich mit dem tiefsinnigen Schach nicht die
entfernteste Ähnlichkeit hatte ein Zeitvertreib der wir müssen es selbst
bekennen seiner Hoheit und seinen Jahren angemessener war als das üppige
Tanzen
In einer andern Ecke des Saals saß eben so abgeneigt an der rauschenden
Freude Teil zu nehmen als der phlegmatische Kaiser die Braut ein holdes
Geschöpf in der ersten Blüte des Lebens in der Einsamkeit eines Klosters
erzogen das sie gern verließ um Kaiserin zu werden und eben so gern wieder
bezogen es auf Lebenszeit zu ihren Aufenthalt gewählt hätte nachdem sie
denjenigen nur ein einigesmal gesehen hatte der ihr die Krone aufsetzen wollte
Kaiser Wenzel ein Fürst dem in den Jahren der besten männlichen Blüte
er war noch nicht vierzig Schwelgerei und Indolenz schon die Züge des
herannahenden Alters eindrückten er auf dessen Wangen in dessen Augen nicht
die liebliche Röte das edle Feuer der Jugend sondern nur jene Röte jenes
Feuer glühte welches den Trunkenbold bezeichnet Kaiser Wenzel dessen Seele so
arm an großen Eigenschaften als seine Person an Reizen war er den man ohne die
Zeichen seiner Hoheit unter den niedrigsten des Volks verloren haben würde
welch ein Gemahl für Sophien
Es ist unbekannt ob das Herz der unglücklichen Braut je für einen andern
dasjenige gefühlt hatte was man ihr an diesem Tage vor dem Altar gebot für
Wenzeln zu fühlen aber so viel ist gewiss dass sie in der Versammlung in
welcher sie die Hauptperson vorstellte fast nicht einen als etwa Wenzels
Busenfreund den alten Hanussus von Ratibor erblicken konnte welcher nicht mit
Vorteil gegen den Bräutigam hätte vertauscht werden können, den ihr das
Schicksal zugeteilt hatte Was für eine Betrachtung für eine junge Braut mit
einem zarten gefühlvollen Herzen für sie die mit diesem Herzen Tugend und
Frömmigkeit genug verband um jeden Gedanken von dieser Art der etwa in ihr
aufstieg strafbar zu finden und zu den Leiden die sie ohnedem quälten auch
noch selbst Vorwürfe zu fügen
Sophie war indessen so glücklich in dem Herzoge von Bayern dasjenige zu
finden was wenige Töchter an ihren Vätern haben einen Freund einen Vertrauten
ihrer geheimsten Gedanken ihm zu Liebe hatte sie einen Schritt getan den sie
so gern wieder zurück genommen hätte wenn sie nicht gewusst hätte dass es zum
Glück dieses geliebten Vaters gehörte sie Kaiserin zu sehen Sie ward Wenzels
Verlobte war nun seine Gemahlin und musste es bleiben wenn sie nicht die
liebsten Hoffnungen desjenigen zerstören wollte der ihr alles war wenn sie
sich nicht selbst Schande und Unglück zuziehen wollte
Herzog Johann war klug genug seiner Tochter an diesem traurigen Feste
nicht von der Seite zu gehen und da es ihm unmöglich gewesen war sie zu einer
zerstreuenden Teilnahme an dem Geräusch der Hochzeitfreude zu bewegen so
teilte er ihre Einsamkeit mitten in der zahlreichsten Versammlung mit ihr
hörte ihre Klagen hörte das Bekenntnis ihrer innersten Gedanken nachsichtsvoll
an und lenkte sie durch weise Ratschläge auf den Weg welcher nunmehr der
einzige war den sie zu gehen hatte
Endlich sagte er endlich ist es Zeit dich dieser quälenden Vorstellungen
zu begeben Vergleichungen die zum Nachteil deines Gemahls ausschlagen müssen
Wünsche du möchtest nicht an der glänzenden Stelle sitzen die dir das
Schicksal bestimmt Sehnsucht nach dem Kloster Klagen alles ist nun zu spät
zwar immer werde ich geneigt sein sie anzuhören aber immer werde ich dich auch
auf die Vorteile zurückweisen die dir dein Stand verschafft und für welche du
die Augen so ganz verschliessest
Vorteile mein Vater rief Sophie Diese Krone der Name Kaiserin
Freilich Kleinigkeiten für dich erwiderte der Herzog aber was sagst du zu
dem Glück das Wohl von ganzen Nationen in deinen Händen zu haben zu der
Möglichkeit, durch deine Tugend durch diese holdselige unwiderstehliche
Sanftmut die selbst mich deinen Vater bezaubert einen verderbten Fürsten zu
bessern der für jedes andere Mittel unverbesserlich war
Eben so wohl könnte ich hoffen Blei in Gold zu verwandeln rief die weinende
Braut
Und zu dem Bewusstsein den Willen deines Vaters erfüllt ihn mit Aufopferung
deiner Neigungen glücklich gemacht haben fuhr er fort
Sophie drückte die Hand des Herzogs an ihre Lippen und versicherte dass
dieses das einige sei was sie in dem Elend das sie auf sich herandringen sähe
wenn sie sich als Wenzels Gemahlin betrachtete aufrichten könnte
Nichts von Elend Sophie sprach der Herzog sage mir nichts von Elend wie
kann die unglücklich sein welche doch mein Leser du wirst schon erraten
wovon die Vorlesung handelte die der weise Vater seiner Tochter hielt Die Sage
berichtet dieser erwürdige Greis sei einer der beredtesten Fürsten seiner Zeit
gewesen nichts habe der Macht der Wahrheit widerstehen können wenn sie aus
seinem Munde floss und auch hier waren seine Worte nicht unkräftig
Sophiens Herz ward durch das was er ihr sagte für den gegenwärtigen
Augenblick beruhigt und ihre nachmahlige Aufführung in einem langen traurigen
Ehestande mit dem der ihr jetzt so zuwider war ihre Treue ihre Geduld ihre
kluge liebreiche Sorgfalt für ihn in seinen mannichfachen wohlverdienten
Unfällen waren gewiss Folgen von den Lehren die sie aus dem Munde ihres Vaters
anhörte und die jetzt durch eine Begebenheit unterbrochen wurden die wir im
folgenden Kapitel hören werden
Zweites Kapitel
Sophie vergisst ihren Stand
Es war tief in der Nacht das Geräusch des Tanzes schwieg ein Teil der
Anwesenden ruhte von dem ermüdenden deutschen Wirbelreihen aus und nahmen
Erfrischungen indes den andern von Wein und Überdruss die Augen geschlossen
wurden unter welchen letztern auch der hohe Bräutigam war Ein Streit mit
seinem Gegner im Bretspiel war eben nach Gewohnheit zu seinem Vorteil von ihm
selbst entschieden worden und ein doppelter Trunk aus dem goldnen Becher hatte
seinen Sieg bekrönt und ihn auf seinen Lorbeern eingewiegt
Sophie und ihr Vater waren zu tief in ihr Gespräch verwickelt um sich um
sein Schlafen oder Erwachen zu bekümmern und wahrscheinlich war der Auftritt
der sich ihnen in diesem Augenblicke zeigte das einzige was sie stören konnte
Die Stille welche im Saal seit einer halben Stunde herrschte ward durch
ein fernes Getön von sanftern Instrumenten als die welche bisher den wilden
Tanz belebt hatten unterbrochen Was ist das rief Sophie indem sie ihren
Vater ansah Der Schall kam näher Himmelstöne rief sie aus und schlug in die
Hände sanft wie der Chorgesang der Jungfrauen meines lieben lieben Klosters
O selige selige Tage die ich da verlebte
Wer kennt nicht die Macht der Musik über ein ohnedem zur Wehmut gestimmtes
Herz Tränen traten in Sophiens Augen und der Anblick der sich ihr in der
nächsten Minute darstellte vollendete ihre Rührung Die Flügeltüren flogen
auf eine Schaar junger Mädchen trat herein und nahte sich mit abgemessnen
Schritten dem Orte wo Sophie saß Sie sangen zu dem Ton von Harfen und Flöten
ein Lied welches wenn es wörtlich auf unsere Zeiten behalten worden wär wohl
schwerlich bei strengen Kunstrichtern sein Glück machen würde denn Melodie und
Text war ganz so wie man es von den damaligen ungebildeten Zeiten erwarten
konnte doch dünkte die erste der erhabenen Zuhörerin göttlich und das andere
erschütterte ihr Herz bis in das Innerste und brachte vermutlich zum
erstenmal an diesem Tage Empfindungen in ihm hervor die sie angenehm nennen
konnte
O du so sangen die Mädchen indem sie einen weiten Kreis um ihre Fürstin
zogen o du die heute den jungfräulichen Kranz mit der Krone vertauschte
glücklich sei dir der Wechsel du trittst aus der Reihe der Jungfrauen um den
ehrwürdigen Namen einer Mutter deines Volks anzunehmen o sei es mit willigem
frohen Herzen lehre unsern Herrn väterliche Gesinnungen gegen uns und ewig
wollen wir dich die Urheberinn unsers Glücks nennen Sieh hier einen ganzen
Frühling von Blumen mitten in den rauen Tagen des Winters sie der liebste
Schmuck der Jungfrauen und unsere Herzen sind das einige Opfer das wir dir
bringen können
Der Boden rund um Sophien ward bei diesen Worten mit Blumen übersät die
Mädchen knieten vor ihrer Fürsten nieder und indes eine jede von ihnen strebte
einen Teil ihres Gewands zu küssen trat die Führerinn mit sittsamer Gebärde
vor die gerührte Sophie setzte ein Knie auf die Erde und überreichte ihr in
einer goldnen Schaale einen Blumenkranz
Die überraschte Kaiserin vermochte nicht zu sprechen sie reichte der
Knienden liebreich die Hand und beugte sich ganz uneingedenk ihres Standes
tiefer herab sie zu küssen
Süßes holdseliges Geschöpf rief sie liebe liebe Kinder wie habt ihr mich
entzückt Ja ja ich will eure Mutter sein euer und mein Herr soll durch mich
euer Vater werden wie lauteten die Worte eures Lieds o wiederholt sie noch
einmal
Man machte sich gefasst den Befehl zu erfüllen aber Sophie winkte mit der
Hand ohne Gesang rief sie eure Melodie ist entzückend aber ich will jetzt
bloß die Worte eures Liedes
Die Führerin gehorchte und wiederholte was ihre Gespielinnen gesungen
hatten mit einem Nachdruck mit einem Anstand der dem was sie sagte noch
mehreren Reiz gab als es durch die Begleitung der Musik erhalten konnte
Sophie weinte sie hielt fest die Hand der Rednerinn in der ihrigen Ja
rief sie indem sie ihren Vater ansah ja ich gelobe es euch und diesen
unschuldigen Seelen ich will ihre Mutter sein will es gern sein will nicht
Ein Wink des Herzogs warnte sie nicht zu vergessen das sie in zahlreicher
Versammlung nicht mit ihm allein sei Sophie schwieg und verwandelte das
was auf ihrer Zunge war in eine Frage nach dem Namen der Sprecherin Wie heißt
du mein Kind sagte sie mit liebreichem Ton Ida antwortete die Gefragte mit
niedergeschlagenen Augen Ida wiederholte Sophie ich kannte einst eine
Fürstin dieses Namens bist du vielleicht
Mein Name ist Ida Münsterinn erwiderte das Mädchen indem eine glühende
Röte ihre Wangen überzog und ich bin die Tochter eines Bildners
Die Tochter eines wie so schön so edel so wie soll ich es nennen und
nur die Tochter eines
Mein Vater ist ein sehr ehrlicher Mann ein treuer Untertan seines Kaisers
Außerordentliches Mädchen Einzige in deiner Art
O nein rief Ida indem sie einige Schritte zurück trat und auf ihre
Gespielinnen zeigte Wie manche ist unter diesen die mir es gleich tut wie
manche die mich übertrift
Wir können hier nicht unterlassen unsern Lesern zu sagen dass Ida sich in
diesem Urteil gewaltig irrte Ihre Gefährtinnen waren alle ganz gute schöne
und artige Geschöpfe aber keine konnte sich nur auf die entfernteste Art mit
ihr vergleichen Allen sah man ihre Abkunft allen sah man es an dass sie nur
zur Feier dieses Tages über ihren Stand geschmückt waren indessen Ida bei all
ihrem Schmuck nur ihr tägliches Kleid zu tragen und der erhabenen Dame mit
welcher sie sprach trotz ihrer demütigen schüchternen Gebärde an Stande
gleich zu sein schien
Sophie nahm Idas verdeckte gutherzige Weisung an Ihr seid alle meine
Kinder seid mir alle lieb rief sie indem sie beide Hände nach den Knienden
ausstreckte Ich muss euch belohnen muss euch ein Zeichen meiner Gnade sehen
lassen Hier kleine Blondine und hier du mit den schalkhaften Augen hier ein
Andenken von mir erinnert euch dabei eurer Mutter eurer Kaiserin Arme
Brust und Haarlocken wurden bei diesen Worten geplündert und der kostbare Raub
unter die Mädchen ausgeteilt welche furchtsam zögerten die Hand nach dem
dargebotenen auszustrecken
Nehmt doch nehmt rief Sophie welche alle Kostbarkeiten die sie an sich
trug für ihr ausschliessendes Eigentum hielt und noch nicht wusste dass eine
Fürstin weniger über ihren Schmuck gebieten darf als die Geringste ihrer
Damen Nehmt gute Kinder und erinnert euch meiner
Sophie war in einem fröhlichen Rausche aus welchem sie durch die Fürstin
von Ratibor geweckt ward welche ihr etwas in die Ohren flüsterte Wenn ich
Kaiserin bin erwiderte Sophie so will ich mit dem Meinigen tun was mir
beliebt Es erfolgte noch eine Einwendung von der Fürstin und Sophie rief
indem sie eine goldene Kette von ihrem Halse losmachte sie wolle sich
wenigstens nicht das Eigentumsrecht dieses ihres geliebtesten Schmucks streitig
machen lassen Hier Ida rief sie es ist ein Geschenk meiner Pate der Gräfin
von Württemberg kein Eigentum der Krone
Ida verbeugte sich Ich trage bereits mehr Schmuck als meinem Stande
zukommt sagte sie indem sie sich mit einer Art von Beschämung betrachtete
Wird es zu kühn von mir sein wenn ich die Gabe meiner Kaiserin ausschlage und
um ein Gnadengeschenk nach meiner eignen Wahl bitte
Fordre was du willst rief Sophie wer sollte dich vergebens bitten lassen
O rief Ida eine von den glänzenden Locken die auf diesem Busen spielen
welch ein Geschenk für mich sie würde mir der schönste Schmuck das größte
Ehrenzeichen sein sie würde
Schwärmerin rief Sophie und schnitt eine Locke ihres goldnen Haars mit
einer solchen Heftigkeit ab dass die Spitze der Scheere in ihren Busen fuhr und
ihr Gewand mit Blut färbte
Ida war kühn genug die erste zu sein mit ihrem Schleier das Blut zu
trocknen Es erhob sich ein Geschrei die Kaiserin sei verwundet ungeachtet
Schmerz und Wunde nicht viel mehr sagen wollte als ein Nadelstich Man drängte
sich herbei nach dem mächtigen Schaden zu sehen Die Kaiserin war erschrockener
durch den Lärm den man um sie machte als durch den unbedeutenden Unfall die
Fürstin von Ratibor entließ die zitternde Ida nebst ihren Gespielen mit
oberhofmeisterlicher Strenge und man ging auseinander
Drittes Kapitel
Ein Gespräch im Brautgemach
Schon die erste Erscheinung der Mädchen hatte die ganze Versammlung herbei
gezogen und selbst den schlafenden Kaiser erweckt Sophie hatte bei allen ihren
Handlungen tausend Zeugen tausend strenge Beurteiler gehabt Der letzte Zufall
vermehrte das tadelnde Geflüster Der Kaiser sah finster Herzog Johann bestürzt
aus und man sagt dass die Neuvermählte noch vorm Schlafengehen eine sehr
ernsthafte Verhaltung von der Fürstin von Ratibor habe aufhören müssen Diese
Dame war schon darüber aufgebracht dass sie keine Zuhörerin von dem Gespräch
hatte sein dürfen welches Sophie mit ihrem Vater hielt Ein Wink der jungen
Kaiserin hatte sie entfernt und die alte Dame hatte vergebens vorgewandt dass
sie gemessenen Befehl habe ihr nie von der Seite zu gehen Der Verdruss über
diese Sache ging in die Vorlesung über welche sie ihrer Gebieterin über die
Sitten ihres neuen Standes hielt und ihre Rührung bei der Erscheinung der
jungen Mädchens ihre ausschweifende Freude über eine so geringe Sache ihre
Herablassung gegen diese gemeinen Geschöpfe ihre Gespräche mit Ida ihre
Geschenke und vor allen die letzte Begebenheit mit der Haarlocke wurden auf
so beissende Art vorgestellt dass Sophie beschämt da saß und gutherzig genug
war einzugestehen sie sei zu weit gegangen sie wisse noch nicht recht was
einer Kaiserin zieme habe noch zu viel von der Einfalt des Klosters an sich
und müsse sich bessern
Sophie ward in das kaiserliche Schlafzimmer geführt um die Lektion die
sie von ihrer Oberhofmeisterin bekommen hatte von ihrem neuen Gemahl zum
zweitenmal zu hören Seine Majestät hielten sich besonders bei den Geschenken
auf welche die unwissende Kaiserin so freigebig von dem zur Krone gehörigen
Schmuck hätte austeilen wollen und die durch Vorsicht der Fürstin von Ratibor
alle wieder zur Stelle waren Ich glaube sagte Wenzel indem er die Juwelen
in ihrem schimmernden Gehäuse musterte ihr wäret im Stande gewesen den
Trauungsring auch hinzugeben O nein sagte Sophie den muss ich behalten um
mich immer an meine Pflicht zu erinnern Wenzel war zu stumpfsinnig um den
Stachel in diesen Worten zu fühlen aber die Neuvermählte erschrack über das was
sie gesagt hatte sie fürchtete die Frage ob sie eine solche Erinnerung an ihre
Pflicht nötig habe und eilte um sie zu verhüten dem Gespräch eine andere
Wendung zu geben Sie war von jenen gutherzigen Seelen welche auf jede kleine
Wunde die sie wider Willen gemacht haben sogleich lindernden Balsam legen und
jeden Stich ihres Witzes mit einer verbindlichen Rede heilen Bin nicht auch ich
beschenkt worden sagte sie indem sie zu Idas Blumenkranz hinhüpfte den sie in
seiner Schale auf einer Tafel stehen sah Doch nein fuhr sie fort das liebe
Geschenk ist nicht mein ich lege es meinem Kaiser zu Füßen
Wenzel hätte noch weniger Mensch sein müssen als er war wenn ihn die holde
Gebärde mit welcher ihm die blühende Sophie ihren Kranz überreichte nicht
gerührt hätte Er drückte sie an seine Brust nannte sie ein gutes Weib welches
eine seiner größten Schmeicheleien war und ließ sie aus seinen Armen um die
Gabe welche für ihn keinen Reiz hatte an ihren ersten Ort zu legen
Was ist das rief er voll Bestürzung als er die goldne Schale gewahr ward
in welcher Ida ihren Kranz überreicht hatte und die Sophie kaum bemerkt hatte
Man hat mir mein Blumengeschenk auf diese Art überreicht erwiderte sie Und
dieses seidene Tuch fuhr er fort Sophie meinte es sei yermutlich darum da
damit die Feuchtigkeit der Blumen dem Glanz ihres Behältnisses keinen Schaden
tun möchte
Wenzel schüttelte den Kopf indem er das Tuch hinweg nahm und meinte diese
Art von Geschenken sei ihm schon bekannt Seht ihr fuhr er fort indem ihm nach
hinweggenommener Hülle der Glanz von einer guten Anzahl goldner Schilde1
lieblich entgegen blinkte seht ihr das wusste ich wohl dass man es nicht wagen
würde einer Kaiserin ein so elendes Geschenk wie einen Blumenkranz
anzubieten lasst uns zählen
Wenzel zählte und Sophie trat indessen an ein Fenster um sich die Tränen
zu trocknen Sie fühlte sie wusste nicht was Ihr Herz war so gepresst als
wollte es zerspringen sie öffnete das Fenster um Luft zu schöpfen o Gott
seufzte sie gib mir Kraft die lange schwere Rolle zu spielen die ich auf mir
habe Solche Gesinnungen und ein Kaiser ein Kaiser mein Gemahl ein solcher
Mann
Es sind richtig dreihundert rief Wenzel Wie hieß das Mädchen das sie euch
brachte
Ida Münsterin erwiderte Sophie mit einer Stimme welche beinahe ihre
Tränen verraten hätte
Ida Münsterin wiederholte er so so Aber kommt meine Liebe wie steht ihr
so in der kalten Nachtluft doch ihr habt geweint was ist euch
O es ist entsetzlich rief Sophie mit zusammengeschlagenen Händen
entsetzlich sich von seinen Untertanen beschenken zu lassen und nicht einmal
so viel Macht zu haben sie belohnen zu dürfen die Kleinigkeiten welche ich
den gutherzigen Geschöpfen gab wurden ihnen entrissen und ich soll behalten
was sie mir gaben
Ihr irrt erwiderte Wenzel das was ihr geben wolltet war ohne
Vergleichung mehr als ihr erhieltet
Und mich dünkt rief Sophie so müssen Fürsten belohnen
Und fuhr er fort über dieses sind diese Leute dazu da ihrem Kaiser einen
Anteil von dem Überfluss zu zollen den sie unter seinem Schutz erwerben
O sprach Sophie lasst euch von euren Fürsten von euren Edlen beschenken
Aber diese armen Leute diese Künstler und Handwerker die
Noch einmal sprach der Kaiser ihr irrt Eben diese Leute sind es die uns
zollen können und sollen Der Adel ist arm in Vergleichung mit ihnen Fleiß und
Arbeitsamkeit leiten Schätze in ihren Schoss welche jene durch Krieg und
Räubereien nimmer erbeuten
Wenzel hatte recht die Beschaffenheit der Stände war zu den damaligen
Zeiten so wie er sagte aber Sophie konnte sich in diese Dinge nicht finden und
fuhr fort zu weinen vielleicht aus Verdruss über ein Geschenk das sie nicht
vergelten durfte vielleicht auch am meisten über den ganzen Umfang ihrer
unglücklichen Lage
Der Kaiser rufte seine Kammerdiener ihn vollends zu entkleiden und Sophiens
Damen traten herein sie zu Bette zu bringen
Viertes Kapitel
Fürstenglück und Fürstengnade
Sophie war nicht glücklich genug um über ihren neuen Stand gleich andern
Neuvermählten jeden andern Gedanken zu vergessen Der Auftritt mit dem
Blumenmädchen der Einzige auf ihrem ganzen Hochzeitfeste der ihr Freude
machte hatte ihr des Abends zuletzt im Sinn geschwebt und er war wieder einer
der ersten Gedanken als sie am Morgen erwachte Sie sandte nach Ida und ließ sie
vor sich fordern Ida war krank Die Kaiserin schickte noch einmal um wenn sie
ja nicht bei Hofe erscheinen könnte von ihr die Namen ihrer gestrigen
Gespielinnen zu erfahren welche nicht krank waren und auf Sophiens ersten Wink
sich da einfunden wo man ihre Gegenwart verlangte
Wenzels großmütige Gemahlin konnte den Gedanken nicht ertragen von
Geringern von irgend jemand unerwiederte Geschenke anzunehmen sie begleitete
den liebreichen Dank damit sie ihnen ihre gestrige Erscheinung belohnte mit
Gaben die man nicht zurückfordern durfte weil sie nicht von den Schätzen
genommen wurden welche zur Krone gehörten sondern von den Kostbarkeiten
welche Sophie noch als Prinzessin besaß Die Fürstin von Ratibor nannte Dank und
Geschenke überflüssig und fand die Unterredung in welche sich ihre Gebieterinn
mit diesen einfältigen Kindern einließ standswidrig Die Benennung einfältig
mit welcher sie die guten Geschöpfe beehrte war nicht ganz übel angebracht
Keine einige Ida war unter dem ganzen Haufen sie wussten nichts als ihr Lied zu
singen und Sophiens Fragen mit äußerster Blödigkeit zu beantworten Die
Kaiserin erkundigte sich nach Ida von welcher sie nicht begreiffen konnte wie
sie unter einem Haufen von zwanzig solchen Mädchen bei ähnlichem Stande
ähnlicher Erziehung das werden konnte was sie war Aus den Antworten der
Gefragten blickte teils heimlicher Neid teils Verachtung von Verdiensten
hervor die sie nicht erreichen konnten und die Fragerin wusste am Ende doch so
viel dass Idas Eltern sehr reich und ganz in diese einige Tochter verliebt
waren dass sie zu schön zu verdienstvoll war um von ihren Gespielen geliebt zu
werden und dass Liebe zur Einsamkeit Bewusstsein ihrer Vorzüge oder Stolz wie
man es nannte sie nur selten in den Zirkel kommen ließ in welchem sie
gestern eine so hervorstechende Rolle gespielt hatte
Der allerhöchste Beifall der Kaiserin mit welchem das Bürgermädchen beehrt
wurde wär schon hinlänglich gewesen den Beifall des ganzen Hofs nach sich zu
ziehen aber auch ohne Rücksicht auf denselben wurde Idas Name überall genannt
Die jungen Herren des Hofs vermochten die Reize mit welchen sie erschien nicht
zu vergessen sie erkundigten sich nach jedem kleinen Umstande der sie betraf
umschlichen des Haus ihres Vaters fragten nach den Orten wo man sie sehen
könne bewunderten sie nie zuvor gesehen zu haben und beklagten ihren gemeinen
Stand Einer von ihnen der junge Hermann von Unna ein westphälischer Edelmann
nannte sie nicht fragte nicht nach ihr beklagte und bewunderte nichts mit
lauten Worten das sie angieng sondern begnügte sich heimlich an sie zu
denken und hatte ehe die andern die tausendfältigen Streitigkeiten über sie zu
Ende bringen konnten in aller Stille die Kirche ausfindig gemacht in welcher
sie täglich Messe zu hören pflegte
Herrmann war erst achtzehn Jahr war frühzeitig an Wenzels Hof gekommen
eine Schule welche eben nicht die beste war Seine Grundsätze über Liebe
Tugend und Schicklichkeit konnten wahrscheinlich nicht die strengsten sein und
er machte sich also wenig Bedenken über eine angehende Leidenschaft für ein
Mädchen an welches er bei ihrem niedrigen Stande nie mit Ehren denken konnte
Er war der Liebling des Kaisers hatte ihm seit seinem Knabenalter als Page
aufgewartet war Vertrauter und Unterhändler in mancher Begebenheit gewesen wo
Wenzel bewies dass er bei der Liebe nicht auf Stand sah und ohne Rücksicht auf
denselben glücklich zu sein wusste Wo hätte Herrmann bei solchen Beispielen
Gesinnungen hernehmen sollen welche seiner Herkunft und Idas Tugend geziemt
hätten doch müssen wir ihm zum Ruhme nachsagen dass er sich keines sträflichen
Gedankens bewusst war er hing seiner Liebe nach ohne weiter zu bedenken was
daraus werden sollte
Es war unmöglich so sehr der Jüngling auch danach strebte Zutritt in dem
Hause des alten Münsters zu erhalten Immer waren seine Türen vor denjenigen
verschlossen welche nicht in Geschäften zu ihm kamen und erdichtete Geschäfte
zu enträtseln war er schlau genug Hermann musste also zufrieden sein das
Mädchen das er bewunderte bei ihrer täglichen Andacht zu beobachten die viel
zu tief viel zu herzlich war als dass sie ihr nur einen Blick auf ihren
Bemerker hätte verstatten sollen Überdieses verhüllte sie so oft sie in die
Kirche ging immer ein dichter Schleier oder ein Regentuch welches nicht
angelegt wurde um mehr anzulocken als abzuschrecken sondern das ganz so rau
und ungekünstelt war wie es zu der schlechten bürgerlichen Kleidung passte die
Ida in den Wochentagen trug
Nur des Sonntags wenn der Vater mit der Wehr an der Seite und dem sammtnen
Pelz mit goldnen Schnüren zur Kirche ging ließ auch Ida sich an der Seite der
hochgehaupten Mutter mit offenem Gesicht sehen und verbreitete wie Herrmannen
dünkte neues Licht in dem Tempel Aber dieses Licht glänzte nicht für ihn und
ach was hätte er für einen einigen der zärtlichen andächtigen Blicke gegeben
welche sie an dem Bild einer Ursula oder Maria verschwendete
Idas Name den man in der ersten Woche nach Allerheiligen bei Hofe so
fleißig nannte war indessen daselbst so gänzlich vergessen dass man sich gegen
Weihnachten kaum mehr auf denselben besinnen konnte selbst Sophie dachte nicht
mehr an sie das Feuer der Zuneigung gegen sie war anfangs zu heftig als dass es
lange hätte dauern sollen Ida versäumte es zu nähren sie ließ sich nach den
ersten genossenen Gnadenbezeugungen nicht wieder sehen um neue einzufordern
und wahrscheinlich würden dieselben auch ohne diesen Fehler nach und nach
sparsamer gekommen sein Sophie war ein Weib war eine Fürstin Die ersten
zärtlichen Gefühle für Ida waren im Grunde nichts mehr als das was eine jede
junge unerfahrne Person gegen diejenigen empfindet welche sie aus einem Gewühl
von unangenehmem Empfindungen herausreissen und sie Freude oder etwas der
Freude ähnliches erfahren lassen
Überdieses hatte Sophie täglich neue Gelegenheiten zu Gedanken die sie so
ganz beschäftigten dass ihr kein Platz für etwas anderes überblieb Mit jedem
Tage entdeckte sie neue Züge der Unliebenswürdigkeit an ihrem Gemahl machte sie
neue Erfahrungen von der Trostlosigkeit ihres Zustandes lernte sie neue
Personen kennen welche ihr ihre Lage erschwerten Wenig Wochen nach der
Vermählung erschien eine Dame bei Hofe welche ihr unter dem Namen der Frau vom
Bade vorgestellt wurde Sophie fand an ihr eine so gemeine unbedeutende Person
dass sie nie wieder an sie gedacht haben würde wenn sie sie nicht am nämlichen
Tage bei der Abendtafel an der Seite ihres Gemahls wieder gesehen und aus dem
vertraulichen Tone welcher unter beiden herrschte gemerkt hätte dass hier eine
alte Bekanntschaft statt finden müsse
Sophie war in den Landen ihres Vaters in einem Kloster in gänzlicher
Unbekanntschaft mit der Geschichte ihrer Zeiten erzogen worden Wenzels
Begebenheiten mit der schönen Bademagd welche in den jetzigen so wie in den
damaligen Zeiten jedes Kind zu erzählen wusste war ihr Abenteuer aus einer
andern Welt Wahrscheinlich bestrebte sich niemand sie als sie Kaiserin ward
mit den Ausschweifungen ihres Gemahls zu unterhalten und hätte man es auch
getan so wär sie vielleicht gutherzig genug gewesen wenigstens die Liebschaft
mit Susannen unter die ganz vergangne Dinge zu rechnen
Man durfte ja die sogenannte Frau vom Bade nur sehen um sich hiervon zu
überzeugen Dieser plumpe unbeholfne Körper dieses aufgeschwollne Gesicht in
welchem nichts gefallen konnte als ein paar Reihen weißer Zähne diese frechen
üppigen Augen diese feuerroten Wangen sollten einen Kaiser den Gemahl einer
Sophie fesseln können unmöglich
Wenzel nahm sich selbst die Mühe über der Tafel seine und Susannens
Geschichte mit Auslassung verschiedener Umstände zu erzählen und Sophie sah
nunmehr in der vorzüglichen Achtung mit welcher der Dame begegnet ward nichts
als eine etwas übertriebene oder ungeschickt geäusserte Dankbarkeit die sie mit
ihrer gewöhnlichen Gutherzigkeit übersah sie ließ sich sogar so weit herab
der sich über Wenzels Lob aufblähenden Susanne einige Verbindlichkeiten zu
sagen und nur erst nach einiger Zeit als Wenzels Vorliebe und dieses Weibes
Frechheit zu sehr in die Augen fiel um verkannt zu werden nur erst denn konnte
sie sich überzeugen dass zu allen ihren vielfachen Leiden auch noch dieses käme
eine unwürdige Nebenbuhlerin zu haben
Die Einsamkeit war oft Zeuge ihrer Tränen und die Fürstin von Ratibor die
ihre Gebieterin einst auf diese Art fand nutzte diese Gelegenheit sich in das
Vertrauen Sophiens einzuschleichen welches sie bisher auf keine Weise hatte
erlangen können
Sophie sehnte sich ihre Klagen in irgend einen freundschaftlichen Busen
auszuschütten Der einige Teilhaber ihrer innersten Gedanken ihr Vater hatte
auf diese sehr deutlichen Winke seines kaiserlichen Schwiegersohns Prag schon in
den ersten Tagen nach der Vermählung verlassen und seine unglückliche Tochter
war also mit ihrem Kummer ganz sich selbst überlassen Sophie umarmte die
fragende Oberhofmeisterin zum erstenmal in ihrem Leben und obgleich diese Dame
geflissen schien die Sache wovon die Rede war mehr zu erläutern und
auseinander zu setzen als die Traurende zu trösten so fand diese doch schon
darin einen Trost dass sie von dem was sie bekümmerte sprechen und ihrem
Unwillen ihrer Verachtung gegen ihre Beleidiger freien Lauf lassen konnte
Von diesem Augenblick fing die Fürstin von Ratibor an ihre Gebieterin
unumschränkt zu beherrschen erhöhte und erniedrigte alles was sie wollte
schrieb Sophien vor was sie lieben und hassen sollte und dass also an Ida bei
Hofe nicht mehr gedacht ward nicht mehr an sie gedacht werden durfte wenn es
der Kaiserin auch beliebt hätte sich ihrer zu erinnern das leidet keinen
Zweifel
Fünftes Kapitel
Seltsame Art einen Liebhaber Zutritt im Hause der Geliebten zu verschaffen
Aber Herrmann dachte unaufhörlich an das geliebte Mädchen Die Schwierigkeiten
die er fand sie zu sprechen oder nur von ihr bemerkt zu werden gaben seinen
Wünschen neues Feuer und erhöhten seine Meinung von ihr Ihr geringer Stand
der ihm anfangs so gleichgültig gewesen war fing an ihn zu beunruhigen er
wünschte sie zu sich erheben oder sich zu ihr erniedrigen zu können tausend
romantische Einfälle dieses möglich zu machen schwärmten in seinem Kopfe denn
obgleich damals noch kein Roman existirte als etwa der Teuerdank so fehlte es
doch auch zu jenen Zeiten in keinem Jünglingsgehirn an selbst erfundenen und
erträumten Abenteuern die den der sich mit denselben abgab so gut amüsirten
als das was wir aus unserer heutigen Modelektür lernen
Ida zu sich zu erheben sich ehrlich um sie zu bewerben und sie zu seiner
rechtmäßigen Gemahlin zu machen war eine Unmöglichkeit Zwar die Einwilligung
des Kaisers zu einer Missheirat zu erlangen wär eben keine große Sache gewesen
denn Wenzel dachte in diesen wie in allen Dingen sehr bequem aber Herrmann
hatte Anverwandte welche nicht so nachsichtsvoll waren er war arm der Stand
eines Kammerjunkers den er seit einem halben Jahre rühmlichst bekleidete war
mit keinen großen Einkünften versehen Idas Eltern waren zwar reich aber
genug Herrmann fing an das andere Mittel sich glücklich zu machen für bequemer
zu halten Er wollte sich zu ihr erniedrigen wollte nicht mehr sein als sie
war und Stand Verwandte und alle künftige Hoffnungen ihr zu Liebe aufopfern
Es ist ungewiss was für Schritte er zu Ausführung dieses Entschlusses tat
vielleicht suchte er sich in dem Hause des alten Münsters als Lehrling
einzuschleichen aber dieser schlaue Alte musste sich dieses Gesicht das sich
ihm bereits unter so mancherlei Vorwänden gezeigt hatte gemerkt haben oder er
hatte andere Ursach zu Verdacht geschöpft genug Herrmann musste abgewiesen
worden sein denn die Geschichte stellt uns ihn bald nach der Zeit da diese
Versuche gemacht worden sein mochten in eben dem trostlosen Zustande als im
Anfang seiner Liebe vor
Herrmann war Wenzels Liebling und Vertrauter bleich und abgehärmt ging er
vor den Augen seines Herrn herum und jeder seiner Blicke schien zu flehen man
möchte doch nach der Ursach seiner Leiden fragen und ihm helfen Aber Wenzel
fragte nicht er war keiner von jenen Fürsten welche die Wünsche ihrer
Favoriten auf Unkosten tausend anderer befriedigen er wusste nicht einmal dass
Herrmann welche hatte er gehörte zu jenen spiegelglatten Seelen die von allem
was sie umgibt nur einen vorübergehenden Eindruck annehmen Man konnte vor
seinen Augen leiden ohne dass er es fühlte sterben ohne dass er es gewahr ward
und wieder lebendig werden ohne dass er sich darüber wunderte
Diese Fühllosigkeit gegen das Herzensweh eines achtzehnjährigen
Kammerjunkers hatte nun freilich wenig zu sagen aber er war im Großen eben
derjenige der er im Kleinen war und doch zur Fortsetzung meiner Geschichte
Herrmann gehörte zu den Glücklichen welchen der Zufall oft ehe sie es sich
versehen die Erfüllung ihres Wunsches in die Hände wirft welche sich auf keine
Art erkünsteln ließ Der Kaiser sah und verstand nichts von des Jünglings
erbärmlichen Blicken mit welchen er absichtlich vor ihm herumgieng aber ohne
sie zu sehen ohne sie zu verstehen tat er einen Schritt zu Herrmanns
geglaubten Besten der sich nicht besser hätte wünschen können
Herrmann sagte er eines Tages zu ihm was soll ich von dir denken bist du
blind oder willst du den Unmut deines Herrn nicht sehen du hattest doch sonst
immer eine Frage bereit was mir fehle
Herrmann verbeugte sich ohne zu antworten was hätte er sagen sollen wie
konnte man auf einem Gesicht wie Wenzels Spuren des Unmuts oder irgend eines
andern Gefühls erkennen oder heimlichen Verdruss aus dem Betragen desjenigen
schließen dessen Sitten nie sanft oder einnehmend waren die Forderung des
Kaisers war höchst unbillig und ließ sich nur mit Stillschweigen erwidern
Ja Herrmann fuhr Wenzel fort du siehst mich in der größten Verlegenheit
und du hast mir schon aus so vielen seltsamen Händen geholfen das ich glaube du
wirst auch jetzt etwas ausführen können das mir wohl tut
Herrmann verbeugte sich wieder doch mit einem Anstand von frohem
Selbstgefühl denn die Worte des Kaisers brachten ihm gewisse Begebenheiten in
den Sinn bei welchen er in der Tat eine Rolle gespielt hatte die ihm Hoffnung
auf künftige bisher vergebens erwartete Belohnung einflößen konnte
Du siehst fing der Kaiser von neuem an du siehst mich in dem
schrecklichen Geldmangel der sich denken lässt Die Aussteuer meines Weibes ist
hin ist auf die Unkosten bei der Hochzeit gegangen du weißt ich habe mich
nicht schimpfen lassen Lumpichte vierzigtausend Gulden sie sind verzehrt und
ich habe mit ihnen eine verdrüssliche Sittenrichterin in den Kauf bekommen
welche mir bleibt nachdem das was mir ihre Person wünschenswert machte nicht
mehr vorhanden ist.
Herrmann kreuzte sich Zwar war er schon lang ein Zeuge von den sinnlosen
Verschwendungen seines Herrn und seiner Blindheit gegen die Betrügereien derer
die ihn umgeben gewesen aber vierzigtausend Gulden die ganze Aussteuer einer
Prinzessin die man reich nannte eine Summe mit welcher der König von
Engelland seine Tochter vor kurzem zu großer Zufriedenheit seines Schwiegersohns
ausgestattet hatte das ging über Herrmanns Begriffe und hätte Wenzel nicht
bald darauf die sogenannte Frau vom Bade als eine Ursach ungewöhnlicher
Ausgaben genannt so hätte er sich gar nicht in diese Dinge finden können
Herrmann kannte Susannen er hatte von ihrer Wut bei Wenzels Vermählung mit
Sophien gehört er wusste dass sie frech genug gewesen war ihrem Geliebten zu
drohen durch Bekanntmachung von mancherlei Sophien und ihrem Vater verborgenen
Dingen die ganze Sache rückgängig zu machen und es kam ihm also nicht
außerordentlich vor dass der Kaiser ihre Verschwiegenheit durch ansehnliche
Summen hatte erkaufen müssen welche er sehr sinnreich mit auf die
Hochzeitunkosten rechnete
Was ist zu tun fuhr Wenzel fort ich bin darum nicht arm weil ich kein
Geld in meinen Kasten habe es ist in den Kasten meiner Untertanen und man muss
darauf sinnen wie es in die meinige zu leiten ist Da ist der alte Münster der
der Kaiserin an Allerheiligen das artige Geschenk machte er ist ein reicher
Mann man sagt mir er wär im Stande seine Tochter wohl so gut auszustatten als
der Herzog von Bayern die seinige und du siehst also wohl dass er mir helfen
kann und muss Geh zu ihm Er soll mir tausend goldne Schilde borgen ein Fürst
hat allezeit Mittel sich seiner Schulden zu entledigen du kannst ihm zum Anfang
die Erlaubnis ankündigen die einige andre reiche Handwerker so lang vergeblich
gesucht haben des Sontags gleich den Edelen eine goldne Kette um den Hals zu
tragen
Herrmann stand wie versteinert die Freude eine Gelegenheit zu haben in Idas
Haus zu gehen ihren Vater in Geschäften des Kaisers zu sprechen ihm eine Ehre
anzukündigen die ihn so sehr vor allen andern seines Standes auszeichnen musste
verschlang jeden andern Gedanken und es fiel ihm erst als er schon an Münsters
Haustür stand ein ob er ihm auch wohl mit seinem Gewerbe angenehm sein würde
ob das kaiserliche Zutrauen dessen oftmalige Erneuerung in ähnlichen Fällen
Herrmann voraus sah nicht den Wohlstand des Hauses das ihm so lieb war
zerstören und Ida mit der Zeit nebst ihren Vater in Armut und Elend stürzen
könne
Sechstes Kapitel
Bürgerstolz und Bürgerreichtum
Während der Jüngling einige flüchtige Betrachtungen von dieser Art anstellte
hatte er schon zweimal an Münsters Haustüre geklopft ein alter Diener öffnete
sie Herrmanns Gesicht gehörte unter diejenigen welchen Idas Vater den Zutritt
in seinem Hause nicht zu gestatten pflegte Jung schön in allen Glanz des Hofs
gekleidet was für einen Anblick für denjenigen der in Abwesenheit seines
Herrn der Ehrenhüter des Hauses war auch dünkte es dem Knechte des alten
Münsters diese zierliche Figur mehr gesehen und abgewiesen zu haben welches
bei den mannichfachen vergeblichen Versuchen welche Herrmann seit einiger Zeit
gemacht hatte Zutritt in Idas Wohnung zu bekommen wohl möglich sein konnte
Ungestüm ward die Tür zugeschlagen und ehe noch der Klopfende andeuten
konnte wen er zu sehen verlangte tönte ihm die raue Stimme entgegen der Herr
sei ausgegangen
Und die Frau fragte der junge Höfling mit lieblichem Accent Die Antwort
würde vielleicht die nämliche gewesen sein wenn nicht ein glückliches Ungefähr
Idas Mutter eben über den Flur getragen und ihr die Nachfrage nach ihr zu
Ohren gebracht hätte
Herrmann hörte innerhalb der Tür einen kleinen Wortwechsel zwischen der
Frau und dem Knechte er klopfte noch einmal und ihm ward aufgetan Idas
Mutter hatte den unerbittlichen Torwächter vertrieben sie selbst öffnete die
Pforte und der Anblick des Hofjunkers nötigte ihr eine tiefe Verbeugung ab
Wer seid ihr Herr Ritter stammelte sie mit einem kleinen Erröten
Mein Name tut wenig zur Sache erwiderte Herrmann mit einigem Unwillen
aber mein Gewerbe muss mir überall Zutritt verschaffen ich komme auf Befehl des
Kaisers
Des Kaisers wiederholte sie doch im Guten Doch Gott sei Dank ich und
die Meinigen sind uns keines Vergehns bewusst und was sich mit Geld abkaufen
lässt Geht herein Herr Ritter ich muss nach meinen Mägden sehen und gleich
bin ich wieder bei euch
Herrmann ward in ein Unterzimmer gelassen wo das erste was ihm in die
Augen fiel eine holdselige weibliche Figur war die er augenblicklich für Ida
gehalten haben würde wenn sie ihm nicht unendlich schöner geschienen hätte als
er sie je sah und doch gehörten wenig Minuten dazu ihn zu überzeugen dass sie
es wirklich sei Herrmann hatte das junge Mädchen bisher nicht anders als in
der dichten Kirchenhülle oder in dem steifen Staate gesehen welcher damals
Mode war Die hohen Kragen die dickgefalteten Kleider und der gotische
Kopfputz ließ der lieblichen Dirne noch allemal Reiz genug übrig vor allen
ihren eben so geschmückten Zeitverwandtinnen hervorzustechen aber ganz ein
anderes war es doch immer sie im häuslichen Gewande ohne weitern Schmuck als
einen kleinen Schleier auf ihren schönen Locken zu erblicken
Herrmann stand wie versteinert und Ida an ihrem Spinnrocken blickte kaum
auf den Eintretenden zu betrachten Es war in den damaligen Zeiten die Sitte
der Jungfrauen ihren neugierigen Blicken zu wehren
Der Hofjunker war beim Eintritt von der Mutter gebeten worden sich zu
setzen und sich die Zeit nicht lang werden zu lassen aber so wohl er das
letzte bei Idas Anblick der ihm alle Langeweile benahm beobachtete so wenig
dachte er an das erste er blieb auf der Stelle stehen wo er war und seine
Augen verschlangen die schöne Spinnerinn welche wohl ein bis zweimal den Mund
auftat als wollte sie den Jüngling an die Bitte ihrer Mutter erinnern aber
ihn schnell wieder schloss als zweifelte sie ob es ihr in Abwesenheit ihrer
Eltern ziemte mit einem Fremden mit solch einem Fremden zu sprechen
Liebe Jungfrauen des achtzehenden Jahrhunderts es war gar eine seltsame
Sache um den jungfräulichen Wohlstand zu Kaiser Wenzels Zeiten und wenn ihr
etwa glauben sollt als sei Schüchternheit auch damals nur die Sitte geringer
Mädchen gewesen so erinnert euch nur dass Ida wie ein Fräulein erzogen war und
sich sehr wohl nach dem was man sie gelehrt hatte zu halten wusste Auch hoffe
ich ihr werdet ihr Betragen nicht Einfalt oder Blödigkeit nennen wenn ihr
zurücksinnt mit wie viel Freimütigkeit und Anstand sie am Montag nach
Allerheiligen erschien und mit jedem ihrer Worte jedem ihrer Blicke nicht
allein das Herz Sophiens sondern tausend andere Herzen fesselte Hört weiter
Herrmanns Aufführung wird nicht weniger seltsam in euren Augen erscheinen
Die Spinnerin verlor die Spindel und der junge Herr an statt dieselbe
aufzuheben um der Atmosphäre des Mädchens näher zu kommen oder Gelegenheit zum
Anfang eines Gesprächs zu finden blieb stehen und ließ es ruhig zu dass sie
selbst sich beugte um ihr Handwerkszeug von neuem zu fassen
Ida welche diesen Fall nicht aus Koketterie veranlasst hatte glühte vor
Beschämung über ihr Versehen und fing an das Rädchen hurtiger zu drehen um
den etwanigen Vorwurf der Unschicklichkeit in dem Herzen des Fremden hinweg zu
tilgen
Es ist schwer zu erraten ob irgend ein Zufall den Liebenden und die
Geliebte näher zusammen gebracht haben würde da sie diesen so unachtsam
vorbeigehen ließ aber alle Möglichkeit dazu ward in diesem Augenblick durch
die Ankunft der Mutter vereitelt
Und was bringt einen Gesandten des Kaisers in mein schlechtes Haus fragte
die Matrone indem sie Herrmannen nochmals zum Sitzen nötigte und sittig vor
ihm stehen blieb Der Kammerjunker stockte errötete welches jetzt bei
Kammerjunkern etwas seltnes ist und fand dass es nicht ohne Schwierigkeit sei
einen Auftrag wie der mit welchem Kaiser Wenzel ihn beehrt hatte
auszurichten Auch sagt die Geschichte nicht wie er sich endlich dessen
entledigte sondern sie führt uns nur auf die Wirkung, die er auf das Gemüt der
Münsterin tat Sie lächelte und winkte mit einem bedeutenden Blick auf Ida
Kind sagte sie das bedeutete mir mein Traum ich fand in Abwesenheit des
Vaters Rosen in unserm Garten Rosen bedeuten Ehre
Mit diesen Worten war die gutherzige Frau nach einen großen Seulenschranke
gegangen den sie mit Geräusch öffnete und mit einem Kästchen von schwarzem
Ebenholze zurückkehrte Gut sagte sie indem sie sich an Herrmanns Seite setzte
und das kleine Behältnis auf dem Tische ausleerte gut dass mein Mann nicht zu
Hause ist und mir die Ehre hinwegnimmt einem so großen Herrn zu dienen Hier
Herr Ritter nehmt so viel ihr wollt nehmt alles nehmt es ungezählt nur diese
Kette und diesen Ring nehme ich hinweg sie gehören meiner Tochter und fuhr
sie fort und grüßt unsern Herrn den Kaiser schönstens von mir und wir liebten
ihn alle seit er uns eine so gute Kaiserin gegeben hätte Durch sie hofften
wir sollte manches besser werden
Herrmann erstaunte über die Bereitwilligkeit mit welcher dieser Frau wie
er meinte ihren ganzen Schatz dem Vergnügen aufopferte einem Herrn wie
Wenzel gedient zu haben Er sah sie an sprach etwas von sicherer
Wiedererstattung an welcher er doch selbst nicht glaubte und trat endlich mit
dem Auftrag hervor den ihm der Kaiser vor den alten Münster zur Belohnung
vielleicht zur einigen Erstattung für das Darlehn gegeben hatte Wer soll nun
fragte Herrmann das Recht haben mit einer goldnen Kette zu prangen derjenige
dem der Kaiser es zudachte oder die gutherzige Frau welche so bereitwillig ist
ihm zu dienen
Mein Mann ist so hochmütig nicht sprach die Münsterinn lächelnd und ich
freilich mir sollte so ein Vorzug vor meines gleichen ganz wohl tun aber wenn
mich der Kaiser belohnen will so will ich ihn schon einmal um etwas anders
bitten das er mir nicht abschlagen muss wenn er dankbar sein will
Herrmann versicherte er getraute sich alles für sie beim Kaiser zu erlangen
was sie wünschte und er glaubte ihr die Freiheit zusichern zu können jeden
Schmuck öffentlich tragen zu dürfen den sie wünschte ohne dass ihr darum für
die Zukunft eine freie Bitte abgeschlagen werden sollte Der junge Mensch der
einen Teil der Liebe für die Tochter auf die Mutter übertrug sprach mit einem
Feuer das der klugen Münsterinn ein neues Lächeln abnötigte Es freut mich
sagte sie dass ihr so viel bei eurem Herrn geltet auch danke ich für die
Erlaubnis die Kostbarkeiten zu tragen die ich habe allenfalls kann ich mich
auch im Hause damit schmücken wenn mir das Freude macht Aber wie ist das hat
euch der Kaiser bei dem ihr so viel zu sagen habt nie erlaubt mit goldnen
Ketten zu prangen Mich dünkt ich habe euch oft in der Kirche und anderwo
gesehen aber nie mit so etwas um euren Hals und ihr seid doch ein Edler
Herrmann errötete denn er wusste die Ursach dieses Mangels der seinen
Grund in seinem wenigen Vermögen und Wenzels schlechter Freigebigkeit hatte
sehr wohl
Wie wär es fuhr die Münsterin fort wenn ich einmal tät als ob ich Kaiser
wär und euch eine Kette zu tragen erlaubte Ida willigst du ein die Mutter
hielt bei diesen Worten die Kette in die Höhe von welcher sie vor einem
Augenblick sagte dass sie ihrer Tochter gehöre Ida verbeugte sich Nun so steh
auf fuhr die Mutter fort und lege dem Ritter selbst das Geschenk an das ich
ihm von dem Deinigen gebe
Ida errötete zögerte und erhub sich endlich auf wiederholtem Befehl ihrer
Mutter ging zitternd auf Herrmann zu nahm die Kette aus den Händen der
Matrone warf sie um den Hals des Jünglings und eilte nach ihren Rocken zurück
ohne auf den zu achten der halb außer sich ihr nachsah und die Arme nach ihr
ausstreckte
Eine große Pause erhub sich nach dieser Begebenheit Ida saß mit
niedergeschlagenem Auge und glühendem Gesicht an ihrem Rocken ohne zu spinnen
Herrmann heftete seine Augen mit einem Blick auf sie welcher sich nicht
beschreiben lässt und die Münsterin saß an ihrem Stuhl zurück gelehnt und sah
dem allen mit einem scharfen beobachtenden Blick zu der schwer zu erklären war
Eben hatte sie die lange Stille durch die Frage an den jungen Menschen
unterbrochen ob er nicht Ritter Herrmann von Unna sei und dieser war eben im
Begriff zu bejahen und wiederum zu fragen woher man ihn kenne als die
Münsterinn den Fußtritt ihres Mannes im steinernen Vorhaus vernahm und ihren
Beisitzer bat Idas Geschenk in sein Wamms zu knüpfen Er gehorchte ohne nach
der Ursach zu fragen und Münster trat ein Ein alternder Mann von stattlichem
Ansehen als sein Stand mit sich brachte ein stolzer Blick in seinem Auge
zeigte den reichen Bürger an der sich den Edelen gleich hielt und eine gewisse
Gutmütigkeit in seinen Zügen machte dass man ihm diesen Blick nicht übelnehmen
konnte Die Anwesenheit des Kammerjunkers schien ihn zu befremden er sah seine
Frau mit einer Miene voll Unwillen an befahl Ida das Zimmer zu verlassen und
fragte Herrmann nach seinen Begehren
Der Name des Kaisers machte ihn etwas milder und das Gewerbe das derselbe
seinem Vertrauten an ihn aufgetragen hatte nötigte ihm ein Lächeln ab Es ist
gut sagte er nachdem man ihm alles außer den Umstand mit Idas Geschenk
entdeckt hatte es ist gut dass mein Weib meine Stelle vertreten hat das
nächstemal dass der Kaiser meiner nötig hat und ich vermute dies wird bald
geschehen wird die Reihe an mir sein wir sind verbunden unserm Herrn mit Gut
und Blut zu dienen In einer von Sr Majestät treuen Reichsstädten fand ich
Schutz und Brodt als ich arm und vertrieben war in seinen Landen erwarb ich
einen Teil dessen was ich habe und ihm gebührt ohne Zweifel ein Teil des
meinigen also Herr Ritter so oft ihr wollt im Namen eures Herrn in dem
Eurigen aber nie
Herrmann wollte nach dieser Erklärung das Gespräch von neuem anspinnen aber
die Antworten fielen kurz aus er sprach von Wiederkommen und fügte einige übel
angebrachte Schmeicheleien für den alten Münster hinzu aber man übergieng es
mit Stillschweigen und er entfernte sich Was sollte er hier die welche ihn
so mächtig anzog die geliebte Ida war ja nicht mehr gegenwärtig und ihre
vorher so freundliche Mutter hatte seit der Erscheinung ihres Mannes sich so
ganz verändert dass er sie nicht mehr kannte
Der Kammerjunker ging langsam nach Hause und rekapitulirte was ihm
begegnet war Idas Anblick die Freundlichkeit ihrer Mutter das Geschenk das
sie ihm auf so gute Art von der Hand des geliebten Mädchens zu verschaffen
wusste und eine Menge anderer Dinge, welche vorgefallen waren entzückten ihn
ließ ihm Hoffnungen fassen die er sich selbst nicht zu erklären wusste und
machten dass er die Hauptsache den glücklich ausgerichteten Auftrag seines
Herrn ganz aus der Acht ließ
Erst als er die Schätze der gutherzigen Münsterinn deren Gewicht er in der
Freude seines Herzens nicht gemerkt hatte in seinen Taschen fühlte alsdenn
erst erinnerte er sich was er zu tun habe und eilte zu seinem Herrn ihm
Nachricht zu geben
Wenzel war niemals zufrieden und fand also auch hier Ursach zum Verdruss
Die Gaben der großmütigen Bürgerinn reichten nicht ganz an die Summe die er
verlangt hatte und dennoch ließ ihre Bereitwilligkeit zu geben es ihm bereuen
dass er nicht mehr gefordert hatte Münsters Reichtum war in seinen Augen
unerschöpflich und er sann darauf ihm nächstens wieder zuzusprechen
Sein Vertrauter hörte wenig von dem was er ihm hierüber sagte er sehnte
sich nach Hause um seine Abenteuer nochmals zu überlegen und seine Augen an
Idas goldner Kette zu weiden ein Kleinod von ziemlichem Wert an welchem er
nichts auszusetzen hatte als dass das Schaustück das daran hing nicht mit
Idas schönem Gesicht geziert war ihm nichts als einen alten bärtigen Grafen von
Württemberg vorstellte der ihn wenig interessierte
Herrmann musste über die Gedanken an die Schönheit der Tochter und die Güte
der Mutter ganz die Strenge des Vaters vergessen haben denn des andern Tages
mit dem frühesten Morgen trugen ihn seine Füße vor Münsters Pforte und er war
sehr befremdet abgewiesen zu werden Man sagte ihm weder Herr noch Frau seien
gegenwärtig man vermute überdieses heute keine Befehle von Sr Majestät und
andere Angelegenheiten könne und werde der Herr Ritter in diesem Hause nicht
haben
Aehnliche Versuche liefen in der Folge auf ähnliche Art ab und Herrmann
fing an im Ernste zu wünschen der Kaiser möge wieder Geldmangel haben und
seine Zuflucht zu Münsters Goldquelle nehmen müssen Aber Wenzel war
empfindrisch genug andre Brünnlein zu entdecken aus welchen ihm die Schätze
die er brauchte noch häufiger zufliessen mussten Er machte Edle zu Grafen und
Grafen zu Reichsfürsten und ließ sich für diese Promotionen von jedem nach
Standesgebühr und Würden zahlen Ein anderer Erwerbszweig war für ihn die
Erschaffung neuer Richter und Beisitzer jenes fürchterlichen Gerichts durch
dessen eisernen Arm zu den damaligen Zeiten die Gerechtigkeit im Verborgenen
geübt wurde Zwar hatte der Kaiser eigentlich kein Recht zu Vergebung solcher
Stellen zwar war die Übung dieser Art der heimlichen Gerechtigkeit an ein
einiges Land an Westphalen gebunden aber daran kehrte sich Wenzel nicht er
schaltete mit allem was ihm nicht zukam als mit seinem Eigentum und freute
sich des Vorteils der ihm daraus zufloss
Siebentes Kapitel
Unglück bringt uns oft dem Glücke näher
Graf Viktor von Mayland lebte in heimlicher Fehde mit einem Fürsten aus dem
Hause Visconti Der Grund ihrer Streitigkeiten und die Ursach warum beide sich
nur heimlich zu schaden suchten sind Dinge, welche hieher nicht gehören
Ehrgeiz und Rache trieben den Grafen an Wenzels Hof er bot ihm hundert tausend
Gulden eine für die damaligen Zeiten ungeheure Summe wenn ihm der Kaiser den
herzoglichen Titel gewähren wollte Der Kaiser war taub gegen die Vorstellung
seiner Fürsten Graf Viktors Bitte abzuschlagen er hörte nur seinen Eigennutz
er gab ganz wider die Reichsverfassung dem Grafen was er öffentlich verlangte
und versagte ihm wie die Sage berichtet auch das nicht warum er heimlich bat
das Recht in seinen Landen ein Freigericht zu stiften das ist wider jeden den
er hasste und einen Schein des Verbrechens ausbringen konnte tausend heimliche
Henker zu bewafnen die ihn richten konnten wo sie ihn fanden ohne dass jemand
sein Blut rächen durfte
Dieser letzte Teil von Graf Viktors Gesuch liegt zu sehr in Dunkelheit
gehüllt als dass sich etwas zuverlässiges davon sagen ließ aber so viel ist
gewiss dass er alles erhielt was er verlangte und des Kaisers Willfährigkeit
noch großmütiger bezahlte als er versprochen hatte
Jetzt waren nach Wenzels Meinung unerschöpfliche Schätze in seinen Händen
Ganz Prag erschallte von dem Getümmel der Freude tausend schwelgerische Feste
wurden gefeiert zu denen Herzog Viktors Erhöhung die Veranlassung sein musste
Die Untertanen so sehr sie auch die Ausschweifungen ihres Kaisers tadelten
bildeten sich doch im Stillen ihm nach Wenzels Verschwendung gab auch andern
Mittel zum Wohlleben in die Hände und der Rausch von welchem bei Hofe alles
taumelte verbreitete sich in die entferntesten Quartiere der Stadt
In einer von denen in dieser Epoche durchschwelgten Nächten war es da im
östlichen Teil der Stadt jene schreckliche Feuersbrunst ausbrach von welcher
noch einige der ältesten Chroniken gedenken Mitternacht war bereits vorbei der
Kaiser und sein Zechgeselle der Fürst von Ratibor schenkten eben den Pokal
ein der den letzten Überrest ihres Bewusstseins ersäufen sollte indessen um
und neben ihnen bereits alle diejenigen ohne Verstand lagen die den Wettstreit
der Schwelgerei mit ihnen begonnen hatten Lallend und mit wildem Gelächter
erzählten sie einander wie einer ihrer Gefährten nach dem andern von Wein
übermocht dahingesunken war stritten zuweilen fast bis zur Tätlichkeit über
die Ordnung in welcher dies geschehen war und über den Augenblick in welchem
sie das Schicksal der andern treffen würde
Mittlerweile hatte der jüngere kleinere und bessere Teil der Gesellschaft
nur aus dem Becher der Freude getrunken und ergötzte sich mit dem edleren
Vergnügen des Tanzes Herrmann war mitten in dem jugendlichen frölichen Zirkel
Nachdem er lange unter dem Trupp lachender Jünglinge und Mädchen allein traurig
gesessen bald sich an ein Fenster gestellt hatte wo er die Gegend von Idas
Wohnung sehen konnte bald sich unmutig hinweg gewandt und den tausendmal
vergeblich gefassten Entschluss erneuert hatte das reizende Bürgermädchen zu
vergessen so fing er endlich an seine Zuflucht zu dem gefährlichen Gegengift
des Kummers dem Trunke zu nehmen Er war zu edel sich um sein Bewustsein zu
trinken aber doch hatte er endlich den Becher oft genug geleert um froh zu
sein und in jedem Mädchen das an seiner Hand die bunten Reihen hinabschwebte
eine Ida zu sehen
Mitten in dem frohen Taumel in welchem er und alle seine Gefährten sich
befanden wurden sie durch ein ungewohntes Geschrei erschüttert Es ist die
Schildwacht sagte eine liebliche Blondine zu dem schönen Herrmann und drückte
seinen Arm fester an ihr Herz sie verkündigt den Tag lass uns die fliehenden
Stunden nicht versäumen Die Schildwachen vielleicht die einigen ganz
nüchternen Männer in der Gegend des Schlosses verdoppelten ihr Rufen Die Musik
schwieg man horchte Es ist Feuer riefen einige Stimmen Feuer riefen die
andern und der ganze Schwarm der Tänzer wickelte sich in einen Knäuel zusammen
und stürzte nach den Türen und den Fenstern um teils zu fliehen ehe man wusste
wo die Gefahr war teils zu forschen wo sie sei
Herrmann war unter den letzten Er flog an das Fenster wo er diesen Abend
so oft gestanden hatte und sah den hohen Schlossberg hinab in die weite Ferne
hinaus Die ganze östliche Gegend des Himmels schwamm in Feuer Plötzlich stieg
der Gedanke an Ida in seiner Seele auf der Taumel der Selbstvergessenheit
verschwand Er rief den Namen seines Mädchens aus schleuderte die holde
Blondine welche noch an seinem Arm hing von sich und wandte sich halb außer
sich um das Zimmer zu verlassen Er arbeitete sich durch das drückende
Gedränge welches das Fenster und die Türen besetzt hielt stieß zu Boden was
sich ihm widersetzte und erreichte endlich die Gasse
Ohne sich der Dauer des Weges bis zu Münsters Hause oder der Art wie er
ihn zurück gelegt hatte bewusst zu sein langte er daselbst an und doch man
erspare mir die Beschreibung des schrecklichen Schauspiels welches sich Hermann
hier gezeigt haben würde wenn er für irgend etwas als die Gefahr seines
Mädchens Sinn gehabt hätte
Wahrscheinlich war man das Unglück in dem Viertel der Stadt welches von
demselben betroffen wurde später gewahr geworden als es die nüchterne
Schildwache auf dem hohen Schlossberge ausgerufen hatte Ein Teil der
unglücklichen Bewohner dieser Gegend hatte im schwelgerischen Rausche von
Festen die auch hier gefeiert wurden der andere in jenem tiefen Schlafe
gelegen in welchen die Arbeitsamkeit ihre Freunde einwiegt
Die Bewohner des Münsterschen Hauses waren unter den letztern gewesen bei
ihnen wusste man nichts von üppigen Lustbarkeiten sondern widmete einen
Wochentag wie den andern dem Fleiße und die Nächte der Ruhe Es war die Nacht
vor Kreuzerhöhung da sich diese fürchterliche Begebenheit zutrug und eine
solche Nacht zu durchschwärmen würde bei dieser frommen Familie doppelt
strafbar gewesen sein
Der halbentseelte Herrmann fand den alten Münster und seine Frau mit
gerungenen Händen bei ihrem brennenden Hause stehen und nach ihrer Ida rufen
mit Mühe hatten die unglücklichen Eltern ihr eigenes Leben gerettet der Vater
welcher in die Glut zurückgekehrt war und seine Tochter vergebens auf ihrem
Zimmer gesucht hatte fühlte nicht die Schmerzen seines bei dieser Gelegenheit
schwer beschädigten Arms und die Mutter schien alle Augenblick im Begriffe zu
sein sich ins Feuer zu stürzen um die Verlorne zu suchen oder mit ihr zu
sterben
Ida rief Herrmann als er die Klagen der Eltern hörte Ida ist verloren
ha ich muss sie suchen sie retten Diese Worte waren kaum geendigt als er eine
Leiter ergriff und sie an dem Teile des halb zerstörten Hauses anlegte den
ihm die Mutter mit dem Finger zeigte die lodernde Glut hatte sich von dieser
Ecke gewendet über glimmende Balken und glühende Steine klimmte Herrmann zu der
Kammer seines Mädchens Der dicke Rauch verbarg ihn dem Auge der Schauenden
Idas Eltern konnten den Retter ihrer Tochter nicht mehr sehen Auch er ist
dahin schrie die Mutter und rang die Hände aber in dem Augenblicke kam er
wieder hervor drängte sich tiefer in die rauchenden Trümmern verschwand
nochmals zeigte sich wieder fing an die Leiter hinabzuklimmen stürzte sich
einigen die ihm zu Hilfe kamen in die Arme und blieb ohnmächtig liegen
Leer rief die herbeidringende Mutter er kommt leer Ach Gott wo ist meine
Tochter
Indessen die Mutter über Ida jammerte beschäftigte sich der Vater mit dem
heldenmütigen Jünglinge der sein Leben vergeblich gewagt hatte Der Rauch
hatte ihn auf seinen wiederholten Bemühungen um die die er liebte fast
erstickt Angst und Anstrengung seine Kräfte aufgezehrt seine Ohnmacht war dem
Tode ähnlich und nur die Schmerzen der Beschädigungen die er erlitten hatte
konnten ihn endlich erwecken
Mit der zunehmenden Glut mehrte sich auch die Anzahl der herbeidringenden
Menge der Tag war angebrochen die Schwelger und Schläfer von Prag wurden wach
und man fing an ernstlich auf Rettung zu denken die nun fast zu spät kam
Idas Eltern verließen die Gegend des Schreckens wo sie alles verloren zu
haben glaubten und begaben sich nach einem kleinen Hause welches von den
Flammen verschont geblieben war und welches ihnen gleichfals zugehörte Idas
unglücklicher Retter ließ sich auf ihre Bitte von seinen Leuten an den nämlichen
Ort bringen weil die Mutter schwur sie könne seine Wartung niemand als sich
selbst anvertrauen
Sie hatten den Weg dahin noch nicht halb zurück gelegt als aus den immer
mehr zuströmenden Gedränge ein Mädchen als Ida sich in ihre Arme stürzte
Es ist unmöglich die Wirkung zu beschreiben die die Erscheinung der
Verlornen bei den dreien die sie so unaussprechlich liebten anrichtete der
schwache Herrmann ward von neuem ohnmächtig und der Mutter ging es nicht
besser Nur der Vater hatte Besonnenheit genug die Tochter die weinend in
seinen Armen lag um die Möglichkeit um die Art ihrer Rettung zu fragen
Rettung rief Ida Gott sei Dank dass ihr gerettet seid ich habe nichts von
Gefahr gewusst nichts davon geträumt bis ich von dem Unglück hörte dass sich in
unserer Gegend zugetragen habe und halb sinnlos herbeieilte euch gerettet zu
sehen oder mit euch zu sterben
Jetzt erst besann sich der Vater dass Ida noch des vorigen Abends spät um
Erlaubnis gebeten hatte nebst ihrer Magd die Metten in der entfernten
Marienkirche zu besuchen welche gleich nach Mitternacht angieng und mit
Anbruch des Tages endigte dort hatte das Gerücht von dem Unglück ihrer Eltern
das fromme Mädchen getroffen und der gute Engel der sie vor ihrem eigenen
Verderben vorüberführte brauchte sie nunmehr zum Mittel auch die andern zu
trösten und sie mitten im Unglück den höchsten Grad von Freude fühlen zu
lassen
Herrmann war zu sich selbst gekommen man stellte ihm die lebende Ida vor
die ihm ganz so dankte wie das was er für sie getan hatte es verdiente Er
blieb in dem Hause ihrer Eltern sie ward seine Wärterin und ob seine Liebe
dadurch genährt und die ihrige angefacht wurde lässt sich denken
Achtes Kapitel
Herrmann bekommt Rätsel zu hören
Herrmanns Wiedergenesung und der Wohlstand brachten ihn aus Münsters Hause Er
erschien wieder vor dem Kaiser der sich wenig um ihn bekümmert hatte und ihn
jetzt über sein Abenteuer mit dem Bürgermädchen höhnte Dem Beispiel des Herrn
folgten die Diener und Herrmanns und Idas Liebe ward das Märchen vieler Tage
Nur Sophie war edel genug Herrmann nicht zu höhnen ihn nicht wegen dessen was
er für das schöne Bürgermädchen getan hatte zu verachten Ein Funke von jener
schnell gefassten Zuneigung für Ida welchen andere Gedanken und die Fürstin von
Ratibor eben so schnell unterdrückt hatten glimmte noch in ihrem Herzen sie
hörte von dem Unglück ihrer Eltern mit Rührung freute sich der Rettung des
jungen Mädchens und trug Herrmannen auf der herabgekommenen Familie ein
Geschenk zu überbringen welches nach dem wenigen was Sophie in Händen hatte
ansehnlich genug war Herrmann war entzückt seine geheimen Wünsche erfüllt zu
sehen Idas gestürztes Glück nagte an seinem Herzen er sah das Kleinod das er
von ihr in ihren bessern Tagen erhielt mit Wehmut an hielt es für Pflicht es
ihr jetzt zurück zu geben und da ihm dieses unmöglich war so beraubte er sich
alles dessen was er von einiger Kostbarkeit hatte und dessen sehr wenig war
um ihr den Wert dessen was sie gab nur einigermaßen zu ersetzen Er legte es
zu dem Geschenke der Kaiserin um ihm unter diesen erhabenen Namen eine willige
Aufnahme zu verschaffen Der besorgte Jüngling hatte noch andere Gedanken Er
erinnerte sich an das Darlehn der Münsterin er wusste dass der Kaiser noch viel
von Herzog Viktors Geldern übrig hatte und er war kühn genug ihn an die
Erstattung des Geborgten zu erinnern eine Freiheit welche sehr übel
aufgenommen wurde und vielleicht den ersten Grund zu Wenzels Kaltsinn gegen
seinen ehemaligen Liebling legte
Hat man euch aufgefordert dieser armseligen Kleinigkeit gegen mich zu
gedenken fragte der Kaiser mit finsterem Blicke Nein sagte Herrmann im
Gegenteil hab ich alle Ursach zu glauben dass die gutherzige Münsterin die
Absicht hatte ihrem Herrn nicht ein Darlehn sondern ein Geschenk zu geben aber
diese Großmut ist sie nicht die größte Aufforderung Und fiel ihm Wenzel
ins Wort sagtet ihr mir nicht von einer freien Bitte welche sich das Weib als
sie mir das Geschenk sandte vorbehielt Herrmann bejahte Nun gut fuhr der
Kaiser fort so wollen wir warten bis sie mit dieser Bitte einkömmt und bei
meinem kaiserlichen Worte es soll ihr nichts
Abgeschlagen werden wollte er sagen aber die Furcht sich zu etwas
verbindlich zu machen das er vielleicht keine Lust haben mochte zu halten hieß
ihn abbrechen und ein halb unwilliger Wink mit der Hand deutete dem Jünglinge
an sich zu entfernen
Herrmann machte sich auf den Weg nach Münsters kleinem Haust er trauerte
dass er seine und Sophiens Gaben nicht auf die Art hatte vermehren können wie er
wünschte Wär er Kaiser gewesen keine Summen hätten ihn zu groß gedünkt die
Gutwilligkeit der ehrlichen Münster in zu vergelten
Er fand Idas Vater diesmal allein Bekümmert dass sein Opfer nicht so groß
war als er gehofft hatte legte er ihm das vor was er ihm im Namen der Kaiserin
zu liefern hatte Münster sah nachdenkend vor sich nieder und Tränen kamen
in seine Augen Sie ist eine edle Frau sagte er eine wahre Mutter des Volks
das was sie an mir tun will tut sie an tausend Unglücklichen sie entzieht
sich das wenige was ihr Wenzels Geiz überlässt um andern zu helfen O dass ihr
Einfluss auf unsern Herrn nicht so groß ist als wir hofften und doch spürt
man in manchen Stücken Linderung und das Land hasst ihn weniger um des Engels
willen den er ihm zur Fürstin gab
Herrmanns Herz war noch voll Erbitterung gegen den Kaiser und er konnte
sich nicht entbrechen dem alten Münster den ganzen Auftritt zu erzählen den er
diesen Tag mit ihm gehabt hatte
Ihr habt übel getan sagte der Alte Wer Kaiser Wenzeln etwas leihet
gedenkt gewiss nicht an die Erstattung und was meines Weibes freie Bitte
anbelangt so wollte ich dass ihr euch nicht damit einliesset die Weiber haben
zuweilen wunderliche Einfälle und sollte sie eine Sache fordern die dem Kaiser
kein Geld kostet und die er ihr also bewilligte so könnte ihr das erlangte
vielleicht mehr Schaden als Vorteil bringen
Herrmann ließ den letzten Teil dieser Rede unbeantwortet und schwur er
würde nicht ruhen bis das Darlehn das er aus den Händen der gutherzigen Frau
für den Kaiser erhalten hätte ersetzt sei Ich sehe mich selbst als ihren
Schuldner an rief er und o Gott dass ich nur gleich jetzt gleich jetzt tun
könnte was mir zukommt O Himmel nur einen Teil nur einen kleinen Teil der
Güter die du mir vielleicht in der Zukunft zugedacht hast gern tät ich auf
das Ganze Verzicht wenn ich nur jetzt nur jetzt
Junger Herr sagte Münster nach einigem Nachdenken ihr macht euch da ganz
unnötige Sorge und ich finde es für gut um euer Herz nur ein wenig zu
beruhigen euch ein Geheimnis zu entdecken dass selbst den Weibern nicht ganz
bekannt ist Ich bin nicht so arm als ihr denkt so wie ich auch nie so reich
war als mich die Welt vielleicht ausgeschrien hat Ich wusste das Gerücht das
meine Feinde von meinen Schätzen ausgebreitet hatten ich hatte es lange
erwartet dass der Kaiser anfangen würde Versuche zu machen sie in seine Kasse
zu leiten Mit Bereitwilligkeit hätte ich ihn eingeschläfert hätte seine
Forderungen befriedigt so lange ich es ohne Schaden hätte tun können und wär
es zu arg geworden so hätte ich auch dafür Mittel gewusst Freilich mit Borgen
fängt man an und mit Rauben hört man auf ich weiß wie es andern gegangen ist
An einem ehrlichen Mann kann man bald Ursach finden ihn um das Seinige zu
bringen hätte ich so etwas von weiten gemerkt so hätte ich zusammen genommen
was ich in diesem kleinen Hause vergraben habe und wär mit den Meinen davon
gegangen er hätte denn das große Haus das jetzt abgebrannt ist und das ich
nicht wieder aufbauen werde ob ich es wohl könnte zur Schadloshaltung für den
Verlust eines ehrlichen treuen Bürgers behalten mögen
Herrmann hörte dem Alten mit Verwunderung zu welcher folgendermaßen fort
fuhr Dass ich hier etwas Geld vergraben habe weiß meine Frau aber wie viel
das taugt ihr nicht zu wissen Weib bleibt immer Weib ein eitles aufgeblasenes
Ding wenn ihm das Glück die Flügel wachsen lässt und nur folgsam und demütig
wenn Und Ida unterbrach ihn der Jüngling den die unbilligen Lästerungen
wider das Geschlecht seines Mädchens kränkten
Mit Ida hat es freilich eine andere Bewandtnis fuhr Münster fort und schien
bei Nennung ihres Namens in ein tiefes Nachsinnen zu geraten Weil wir einmal
von ihr reden fing er nach einer Weile von neuem an so muss ich euch bitten
dass ihr euch nicht wundert wenn ihr sie inskünftige selten oder nie zu sehen
bekommt Dass ihr sie liebt dass ihr ihr eure Liebe auf die edelste Art bewiesen
habt weiß ich aber ihr dürft nicht an sie denken Ich hoffe ihr werdet
keine Unmöglichkeiten verlangen
Herrmann wiederholte das Wort Unmöglichkeit mit einem Tone der ganz der
Abdruck des Entsetzens war welches ihn befiel als er das Glück seiner Liebe
mit diesem fürchterlichen Namen benennen hörte Zwar wusste er hier selbst nicht
was er hoffen konnte und sollte doch hoffte er und zitterte wenn man das
schwankende Gebäude seiner dunkeln ungewissen Erwartungen antastete
Meine Leser erlauben mir ein Gespräch zu übergehen das sich hier zwischen
dem Bürger und dem jungen Höflinge erhub und dessen Inhalt sie erraten können
Der Alte sprach ernstlich mit dem Jünglinge über das Kapitel von seiner
Leidenschaft dieser verteidigte sie mit Gründen welche nicht ganz unwichtig
waren er beteuerte er sei bereit entweder Geburt Stand und alle Hoffnungen
um Idas willen aufzugeben oder die kühnsten Schritte zu tun um sich durch
Tapferkeit in den damaligen Zeiten das sicherste Mittel der Erhebung hoch
genug zu schwingen dass die Welt es nicht wagen dürfe wider die Verbindung mit
einer Person niedrigen Standes etwas einzuwenden
Das Urteil der Welt ists gar nicht was ich hierbei in Erwägung ziehe
sagte Münster es dürfte vielleicht anders ausfallen als ihr denkt aber
genug ich kann euch nicht alles entdecken es gibt hier gewisse Umstände die
kurz ich muss darauf bestehen dass ihr Ida nicht zu sehen strebt und alle
Mittel anwendet eine unglückliche Leidenschaft zu töten welche sich endlich
auch in das Herz des Mädchens einschleichen auch sie unglücklich machen könnte
Herrmann tappte hier im Dunkeln Münsters abgebrochene Winke waren ihm ganz
unerklärlich und er war geneigt alles für künstliche Verschleierung eines
hartnäckigen Widerwillens gegen seine Person anzunehmen dessen Grund Münster
nicht anzugeben wusste und also seine Zuflucht zu Rätseln nehmen müsse
Ein treuherziger Händedruck des Alten versicherte Herrmann vom Gegenteil
Nein junger Herr sagte er ich liebe euch liebte euch damals schon als ich
alle eure Bemühungen Zutritt in meinem Hause zu bekommen vereitelte und jetzt
da die Dankbarkeit mich an euch fesselt urteilt was ich jetzt für euch fühlen
muss
Herrmann nahm die Versicherung des Alten kaltsinnig auf er verließ ihn und
fasste den festen Entschluss Münsters Haus nicht mehr zu besuchen und doch war
er immer ohne sich dessen bewusst zu sein nach demselben hingezogen Es blieb
doch immer eine Möglichkeit für ihn Ida oder ihre freundliche Mutter einmal zu
sehen auch fühlte er selbst für den harten Vater eine Zuneigung welche es ihm
unangenehm machte seine Gesellschaft lange zu missen
Sonderbar war es dass ein am Hofe herangewachsener Jüngling Geschmack an dem
Umgange eines gemeinen Bürgers finden konnte aber dieser Bürger war ein edler
wohldenkender nüchterner Mann und der Jüngling der so gern um ihn war besaß
Verstand und Tugend genug um den Ton der in seinen Reden und Taten herrschte
den Sitten an Wenzels schwelgerischen Hofe weit vorzuziehen und es sich oft im
Stillen zu sagen er fühle sich besser dem Laster gehässiger der Tugend
geneigter seit er den redlichen Münster kennen lernte
Gefühle von dieser Art waren indessen nicht hinreichend den jungen Hofmann
von jedem Schritte abzuschrecken der seinem treuherzigen Freunde misfallen
konnte er sann ernstlich darauf sich eine geheime Unterredung mit Ida oder mit
der Mutter zu verschaffen und das letzte gelang ihm
Er fand diese gute Frau ihm noch so geneigt wie jemals sie vereinigte ihre
Klagen über den Eigensinn ihres Mannes mit den Seinigen versicherte ihm Dinge
von Wichtigkeit zu sagen zu haben und benennte ihm einen Abend wo er in
Abwesenheit ihres eifersüchtigen Hüters nicht allein sie sondern auch Ida zu
sehen bekommen sollte
Herrmann stellte sich pünktlich ein Eine verschwiegene Magd sagte ihm der
Herr sei noch nicht ausgegangen und bat ihn bis zu seinem Abschied in ein
kleines Kabinett zu treten welches nahe genug an dem unteren Saale lag um ihn
einige Fragmente von einer Unterredung hören zu lassen die zwischen Idas Eltern
vorfiel und die wir unsern Lesern mitteilen wollen
Und nach allem diesen fing der alte Münster an als es Herrmannen zuerst
einfiel das Ohr an die Tür zu legen nach allem diesem hältst du mich noch für
einen Hasser des jungen Menschen Glaube mir alles was ich eingestehen kann
ist ich liebe ihn einige Grade weniger als Idas Glück dieses dieses ist mein
einiges Augenmerk
Auch das Meinige erwiderte die Frau mit mürrischer Stimme
Und doch fuhr Münster fort erwählst du die widrigsten Mittel deinen
Entzweck zu erreichen
Die besten versetzte sie Das Mädchen muss aus der Dunkelheit hervor wenn
ich nicht ewig das bereuen soll was ich getan habe
Ja das soll sie sprach der Alte aber nicht durch Herrmann lass uns doch
den geradesten den kürzesten Weg wählen Was kann sie von einem Jünglinge
hoffen der sein Glück noch nicht gemacht hat dem sie vielleicht Jahre lang in
die Fremde nachsehen muss der zu einem Hause gehört welches
Nun gut rief die Münsterinn so bewillige meinen zweiten Vorschlag
Frau erwiderte der Mann ich bitte dich gib die unglücklichen Gedanken
auf was soll Ida an einem Hofe wie Wenzels Denke was uns dein Einfall das
junge Mädchen an Allerheiligen mit deinem prangenden Geschenke hervortreten zu
lassen schon für Unruhe gemacht hat willst du noch weiter gehen O dass ich
dir die närrisch ausgesonnene Feierlichkeit gestattete Es ist undankbare Mühe
den Großen zu opfern sie vergessen diejenigen nur gar zu bald welche ihnen
Freude machten
Welches nicht geschehen sein würde sagte die Frau wenn Ida des andern
Tages auf Befehl der Kaiserin bei Hofe erschienen wär wenn sie sich nicht auf
deinem Befehl hätte krank stellen müssen
O wenn die Kaiserin eine festere Neigung für sie gefasst hätte als Damen
ihres gleichen pflegen so würde es bei einer Einladung nicht geblieben sein
Welches ist besser jetzt von ihr vergessen zu sein oder nach einigen
glänzenden bei Hof zugebrachten Wochen oder Tagen dieses Schicksal erfahren und
gehasst verlacht und beneidet in ihre Dunkelheit zurückkehren zu müssen
Die Münsterin schwieg
Siehst du ein fragte der Alte dass dein Anschlag töricht war dass er
seines Entzwecks verfehlen musste und dass es mit dem zweiten eben so gehen wird
Er war nicht töricht verfehlte seinen Entzweck nicht rief die Frau ich
wusste dass Ida Aufsehen erregen dass sie wenigstens ein Herz wirklich fesseln
musste und es geschah Der gute liebenswürdige Herrmann ward von ihr besiegt er
ist es durch dessen Hand sie das Schicksal hervorziehen will und er soll sie
haben soll einst ihr Glück mit ihr teilen
Soll ich dir zum zweitenmahl die Unmöglichkeit vorstellen welche bei ihm
stärker als bei einem andern ist
Tue es nicht du richtest nichts aus
Hartnäckiger Weiberkopf Willst du mir auch nicht wenigstens versprechen
deine neuen Chimären aufzugeben und alles mir zu überlassen
Idas Schicksal geht mich näher an als dich und
Nur dies nur dies nicht Marie du weißt wie ich sie liebe und welcher
Triumpf es für mich sein wird
Idas Eintritt verhinderte die Fortsetzung des Gesprächs Der alte Münster
erklärte er würde diesen Abend zu Hause bleiben und dem jungen Mädchen ward
befohlen statt des Spinnrockens die Harfe zu nehmen und die Geister des Unmuts
von ihren Eltern zu verjagen
Es war billig dass Herrmann doch einige Schadloshaltung für eine
fehlgeschlagene Hoffnung erhielt das Vergnügen Ida singen spielen und sprechen
zu hören ließ es ihn vergessen dass er sie nicht zu sehen bekam und die
Vertraute welche endlich eintrat ihm zu sagen dass er heute vergebens gekommen
sei und dass er sich hinweg begeben möge erschien ihm viel zu zeitig Mit
Unwillen verließ er sein dunkles Behältnis und ging gedankenvoll nach Hause
Neuntes Kapitel
Der Ritter von der treuen Minne
Die Geschichte sagt nicht ob nach diesem ersten vereitelten Plan zu einer
geheimen Zusammenkunft keine weiteren entworfen oder ob sie alle durch Münsters
Klugheit zerstört wurden gewiss ists dass Herrmann weder Mutter noch Tochter in
dieser Zeit zu sehen bekam auch dauerte die Anwesenheit des Jünglings an dem
Orte wo sein Mädchen lebte noch zu kurze Zeit als dass sich eine so schwere
Sache als die Berückung eines wachsamen Vaters darin hätte ausführen lassen
Herrmann merkte mit jedem neuen Tage vermehrte Kaltsinnigkeit in dem Auge
des Herrn dessen Liebling er ehemals war Wenzel sagte eines Tages sehr
sinnreich zu Susannen der Pursche säh aus wie ein lebendiger Mahnbrief aus dem
Münsterschen Hause und ob eine Phisiognomie welche Dinge von dieser Art
ausdrückte seiner Majestät gefallen konnte lässt sich denken
Wenzel irrte indessen Münster hatte es seinem jungen Freunde so oft
versichert dass er die Rückgabe des Darlehns weder wünschte noch erwarte als
dass dieser noch einen Gedanken hätte haben sollen seinen Herrn an diese
verdrüssliche Sache zu erinnern Hätte der Kaiser sich besser auf die
Gesichtskunde verstanden so würde er in Herrmanns Gesicht ganz andere Dinge
gefunden haben Heimlicher Gram Überdruss und Eckel in allem was ihn umgab und
Sehnsucht nach einer heitern Zukunft lag in seinen Zügen freilich also übrig
genug einem Herrn zu missfallen welcher allein das Recht haben wollte
unzufrieden zu sein
Der junge Mensch las seinen Fall las denn er kannte seinen Herrn
Gefängnis und Tod in Wenzels Blicken und fing an ernstlich an seine Entfernung
zu denken ein Entschluss welchen der alte Münster der jeden Gedanken des
jungen Menschen erfuhr mit allen Kräften unterstützte
Es freut mich sagte er dass ihr selbst auf das kommt was ich euch gern
längst geraten hätte Was soll endlich hier aus euch werden Ihr verträumt eure
schönsten Jahre in Müssiggange und verliert Zeit und Kräfte zum Guten Hinaus
junger Mensch hinaus in die weite Welt dort winken euch Glück und Ehre Geht
in den Dienst irgend eines großen Herrn die Welt wird nicht von lauter Wenzeln
beherrscht Noch haben wir Herzoge von Österreich und Braunschweig noch lebt
ein König Siegmund in Ungarn alles Fürsten die ihrem Stande einige Ehre
machen wählt euch einen Herrn und rechnet auf die Unterstützung dessen den
ihr mehrmals Vater nenntet Ihr werdet euch doch nicht schämen durch einen
reichen Bürger die Mängel eures Glücks verbessern zu lassen so stolz seid ihr
doch wohl noch nicht
Und was ich euch noch raten wollte fuhr er fort als er sah dass Herrmann
ihn unterbrechen wollte denkt vor allen Dingen darauf den Namen wirklich zu
erhalten den man euch jetzt schon nach dem Hoftone geben muss Lasst euch das
Ritterschwerd umgürten es dünkt mich im Grunde lächerlich einen Kammerjunker
Ritter zu nennen der kein anders Gewehr trägt als den kleinen goldnen Degen
den er oft aus Irrtum auf die rechte Hüfte schnallt Ihr freilich setzte er
hinzu als er sah dass sich auf des Jünglings Stirne ein kleiner Unwille
zusammen zog ihr seid kein solcher man kennt euren Mut und eure
Waffenerfahrenheit aber ihr müsst auch nun endlich einmal aus der Reihe
verzärtelter Jünglinge heraustreten deren Gesellschaft euch keine Ehre bringt
Herrmann gehorchte seinem Freunde er bat bei Kaiser Wenzeln um Helm und
Schild und dieser dessen Unwille gegen seinen ehemahligen Liebling noch nicht
hoch genug gestiegen war um ihm Leben und Ehre zu misgönnen war froh ihn vom
Hofe los zu werden und gab ihm was er bat
Münster Herrmanns Orakel hatte ihm geraten sich in irgend einen von den
damaligen zahlreichen Orden welche überall ihre Mitglieder hatten aufnehmen
zu lassen und der junge Mensch wählte mit Rücksicht auf seinen Zustand den
Orden der treuen oder wie man ihm schon damals sehr nachdenklich nannte den
Orden der alten Minne
Der treuherzige Bürger lächelte ein wenig als er den jungen Ritter mit dem
Abzeichen seines Ordens einem unter der Rüstung hervorschwellenden rosenfarbnen
Ermel auftreten sah und meinte er hätte gewünscht Herrmann möchte sich zu
einer Gesellschaft von ehrwürdigerm Ansehen entschließen eine Einwendung die
dieser der nichts ernsteres nichts ehrwürdigers kannte als eine Liebe mit
Stillschweigen überging
Der neue Held hatte gehoft wenigstens am Abend seines Ehrentages Ida zu
sehen aber er ward bald inne das er dieses Glück nicht ehe als höchstens auf
den Tag seiner Abreise von Prag erwarten dürfe diesen so sehr als möglich zu
beschleunigen war des alten Münsters eifriges Bestreben Es ward ihm schwer
täglich das Zureden seiner Frau und das Bitten des jungen Menschen zu erdulden
ohne ihnen das gewähren zu dürfen was beide suchten die jungen Leute sollten
und durften sich seinem Vorsatz nach nicht mehr sehen und es war also am
besten dass Herrmann entfernt ward
Idas Mutter hätte so gern noch einmal den jungen Ritter gesprochen um durch
ihn einen Anschlag auszuführen der ihn schon lange im Sinne lag und von
welchem wir im vorhergehenden schon einige Winke bekommen haben aber eben
dieses wollte Münster verhüten eben darum drang er auf Herrmanns Entfernung
und es war also keine Möglichkeit hierinn zum Zwecke zu kommen
Es war den letzten Abend vor Herrmanns Abreise als Münster sich mit der
Bitte an ihn wendete er möchte ihm doch einige nähere Nachricht von der Art
wie er an Wenzels Hof gekommen sei mitteilen und der Jüngling war seinem
bejahrten Freunde zu viel schuldig um ihm sein Gesuch abzuschlagen aber
setzte er hinzu darf ich meiner Einwilligung auch eine Bitte anhängen Ich
finde so viel außerordentliches in euch und in eurem ganze Hause Diese Ida
mit allen ihren Vollkommenheiten ein Mädchen ohne Stand und Herkunft Ihr mit
euren edelen Gesinnungen dergleichen ich unter allen Großen des Hofs nicht fand
ein gemeiner Bürger Unmöglich
Ihr erzeigt unserm Stande viel Ehre erwiderte der Alte mit einem
höhnischen Blicke vielleicht hat der Bürgerstand heut zu Tage mehr wirkliche
Edle aufzuweisen als der Eurige doch weil ihr mich nun so gar außerordentlich
findet so wisst ich bin in meinen jüngeren Jahren ein Kriegsmann gewesen habe
lang an den Höfen großer Fürsten und Herrn gelebt habe große Reisen nach
England und Italien getan und dort die Meisterstücke der Kunst die ich jetzo
treibe kennen gelernt Das Schwert machte mich nicht reich ich ward sein müde
ich suchte die Kunst hervor die ich in jüngeren Jahren lernte und sie nährte
mich und machte das aus mir was ich jetzt bin ein freier Mann der keines
Fürsten Gnade zu achten braucht dahingegen mich das Schwert immer dienstbar
ließ Ich war unter den Burgmännern eines Fürsten der mir nach tausend
Diensten die ich ihm erwiesen hatte eine Gefälligkeit versagte die nur mir
wichtig ihm eine Kleinigkeit war Ich liebte ein junges schönes Weib unter den
Dienerinnen seiner Gemahlin sie war leibeigen ich bat um ihre Freiheit um
ihr meine Hand geben zu dürfen man wies mich zurück Es ereignete sich eine
Begebenheit die es mir und Marien leicht machte davon zu kommen ich muss
gestehen es ging dabei nicht alles so zu wie es sollte aber wozu kann uns
nicht Weiberliebe bereden
Wir fanden Zuflucht in Nürnberg Unser ehemaliger Herr war ein geschworner
Feind der Reichsstädte und ward von ihnen nicht minder gehasst es diente uns
hier zur Empfehlung ihm entflohen zu sein Man gab mir das Bürgerrecht Ich
fing an zu arbeiten man fand das was ich lieferte außerordentlich ich ward
berühmt Reichtümer flogen mir zu ich war glücklich und würde es noch sein
wenn mich nicht der hochfliegende Sinn meines Weibes hieher gebracht hätte ihr
zu Liebe musste ich Arbeit annehmen welche mir hier angeboten wurde und die ich
aus Liebe zu der Stadt die mich zuerst aufnahm und aus andern Ursachen lieber
ausgeschlagen hätte Doch dies sind Dinge welche nicht hieher gehören ich
bitte fangt eure Geschichte an welche vermutlich merkwürdiger sein wird als
die meinige
Zehntes Kapitel
Herrmanns Geschichte
Merkwürdig genug würde das sein was ich euch zu erzählen habe fing Herrmann
an wenn ich von Vätern und Grosvätern anfangen und euch den eigentlichen Grund
der Abhängigkeit in welcher ich leben muss vorlegen wollte Ich bin arm muss
entweder der Diener eines schlechten Fürsten bleiben oder ein Mönch werden
oder Verbindlichkeiten von denenjenigen annehmen denen ich lieber selbst welche
auflegen möchte Verzeiht mir Vater Münster verdenkt es mir nicht dass ich
lieber unsere Rollen umkehren lieber euch Wohltaten erzeigen als welche von
euch annehmen möchte
Der alte Münster verstand wohl worauf dieses ging der junge Mensch hatte
diesen Abend die Geschenke welche die Kaiserin vor einiger Zeit durch ihn an
dieses Haus schickte und die er in der Stille mit dem wenigen was er besaß
vermehrt hatte als einen Nehr und Wehrpfennig von dem gutherzigen Bürger
annehmen müssen und die Art mit welcher dieses nicht unwichtige Geschenk
gegeben wurde war so edel so dringend dass die Verweigerung unmöglich aber
die aufgelegte Verbindlichkeit für Herrmann auch desto lastender ward
Meine Väter fuhr der Erzähler fort indem er den Händedruck des Alten die
einige Beantwortung seiner vorigen Rede erwiderte meine Väter haben gesündigt
und ich muss dafür leiden Mein Grosvater der jüngere Sohn seines Hauses
veruneinigte sich mit seinem älteren Bruder den jetzt regierenden Grafen von
Unna mein Vater zog durch den Anteil den er und seine älteren Söhne an den
Händeln der Martinsritter mit dem Grafen von Württemberg nahmen den Hass seines
ehrwürdigen Oheims noch mehr auf sich und ich der damals noch in den ersten
Kinderjahren war musste Teil an der Strafe nehmen ohne Teil an der
Versündigung gehabt zu haben
Münster stieß bei dem Namen des Grafen von Württemberg einen tiefen Seufzer
aus und Herrmann fuhr fort
Ich weiß nicht ob euch die Begebenheit Graf Eberhards zu Wisbaden bekannt
ist und will euch also einen kleinen Begriff davon machen
Es ist unnötig fiel Münster mit einigem Unwillen ein Ich kenne den Grafen
von Württemberg und die ganze Geschichte besser als ihr Die Martinsritter
wussten dass er zu Wisbaden lebte aus Verlangen nach einer guten Beute
vielleicht auch aus andern Ursachen belagerten sie ihn und würden ihn mit
seinem ganzen Hause in ihre Gewalt bekommen haben wenn er sich nicht durch den
engen Weg bei den Weinbergen gerettet hätte
Diese unglückliche und unrühmliche Expedition fing Herrmann von neuem an
kostete meinem Vater und einem meiner Brüder das Leben brandmarkte ihren Namen
mit Schande und zog ihnen den unversöhnlichen Hass des Hauptes unserer Familie
zu Der alte Graf von Unna zog mit Einwilligung des Kaisers den größten Teil
unserer Familiengüter ein und drohte uns mit dem Arm des heimlichen Gerichts
dessen Oberrichter er in unsern Gegenden war zu verfolgen dafern sich jemand
unter uns fände der die begangene Tat rechtfertigen oder die Strafe für zu
streng erklären würde
Ich verstand damals von diesen Dingen nichts so viel ich auch davon zu
hören bekam nur die Wirkungen davon wurden mir mit jedem Tage merklicher
Ich war der jüngste unter einer Menge von Geschwistern welche größtenteils
meine Väter und Mütter hätten sein können und die auch diese Stelle bei mir
vertreten sollten Bernd der älteste und das nunmehrige Haupt der jüngeren Linie
von Unna ward von seinen Geschwistern mit einer scheuen Ehrfurcht angesehen und
Liebe zu ihm oder Familienstolz bewegte die meisten von ihnen den geistlichen
Stand anzunehmen damit er im Stande sein möchte den Namen seines Hauses mit
einigem Glanze zu behaupten Daher kommt es dass ich euch mit geistlichen
Geschöpfen aller Art aus meiner Familie dienen kann es gibt da Domherrn
Aebtissinnen geistliche Ritter Klosterjungfern so viel ihr wollt und es würde
auch wenigstens einen Mönch unter uns geben wenn ich meinen Geschmack nach dem
Willen der andern hätte bequemen wollen Mir war die Ehre zugedacht in dem
Kloster zu Korf Profess zu tun Um mich desto eher zu diesem Glück zu befördern
hatte man mit ziemlichen Kosten eine Dispensation vom heiligen Vater ausgewürkt
in welcher geschrieben standt Junker Herrmann von Unna sollte wegen seiner
frühzeitigen Klugheit und Frömmigkeit und den außerordentlichen Spuren eines
göttlichen Berufs bereits in seinem dreizehnten Jahre die Erlaubnis haben die
Welt zu verlassen und das Leben der Engel anzufangen
Unsere Familie musste besonders gesegnet an solchen Wundern der Heiligkeit
sein denn zwo Schwestern von mir welche einige Jahre vor mir voraus hatten
waren vor kurzen auf ähnliche Art begnadigt worden aber ich war bei ihrer
Einkleidung gegenwärtig und sie genossen des Vorzugs den man ihnen gönnte auf
so trübselige Art dass ich meinen innern Beruf meine frühzeitige Klugheit und
Frömmigkeit anfing zu bezweifeln und mich scheute Gebrauch von einer Ehre zu
machen die man mir so unverdient zuteilte
Arme Agnes arme Petronelle dachte ich als ich eines Morgens das Kloster
verließ um es nie wieder zu betreten o dass ich euch so von dem Leben der Engel
auf Erden befreien könnte wie ich ihm jetzt entsage Lebt wohl ihr Heiligen
lebt wohl ihr Gräber und all ihr schallenden Klostergewölber vielleicht in
einem halben Jahrhunderte sehen wir uns wieder
Immer war mein Geist munter und tätig gewesen schon als achtjähriger Knabe
freute ich mich heimlich das Schwert meines älteren Bruders schwingen zu können
und von seinen Knechten auf seine Rosse gesetzt zu werden jetzt da ich heran
wuchs da ich begann stärkere Begierde nach dem zu fühlen was in der Kindheit
mein Spielwerk war jetzt sollte ich mich dem Müssiggange des Klosters widmen
Nie hatte mir dies in den Sinn gewollt immer hatte ich mich nur darum verstellt
um einmal desto sicherer entfliehen zu können und meine Maasregeln waren mit
Hilfe eines vertrauten Dieners meines Bruders so klüglich genommen dass ich
sicher über die Gränze und sicher an den Ort kam den ich mir zu meinem
Aufenthalte gewählt hatte
Der Hof des Kaisers war es wo ich sicher zu sein glaubte Ich hatte einmal
gehört ein Kaiser sei ein Schützer aller Bedrängten und ich der ich mich für
den Bedrängtesten von allen Sterblichen hielt stellte mich seiner Majestät mit
so viel Freimütigkeit und Zuversicht vor als ob das was ich suchte nicht
Gnade sondern ungezweifeltes Recht sei ich glaube es war es auch aber wusste
Wenzel wohl etwas von den Rechten der unterdrückten Menschheit Doch mir war
unbekannt wieviel Gefahr derjenige lief der Recht oder Gnade bei ihm suchte
mein guter Engel führte mich gerade in einer Stunde zu ihm wo er geneigt war
Menschen zu beglücken und dergleichen Stunden hat doch auch der ärgste Tyrann
je zuweilen
Ich ward unter Wenzels Edelknaben aufgenommen Die Dankbarkeit für seine
Gnade die ich auf die unbefangenste Art äußerte meine Munterkeit und froher
Mut nahmen ihn ein ich musste in seinem Zimmer schlafen musste Tag und Nacht
der Ausrichter seiner geheimen Geschäfte sein und die Unverdrossenheit mit
welcher ich dieses tat setzte mich immer fester in seiner Gunst Es war
unmöglich dass Wenzel nicht zuweilen in den Augen derjenigen die ihm dienten
unter der Larve der Schmeichelei heimliche Misbilligung seiner Taten bemerken
sollte bei mir konnte er nichts dergleichen gewahr werden denn mich dünkte
alles sei recht was ein Kaiser tat Dieses machte dass er mich unablässig um
sich haben wollte und ich ward auf diese Art nach und nach in allen
Geheimnissen seiner Schwelgereien eingeweiht
Armer armer Jüngling rief der alte Münster was für eine Schule für dein
Herz
Nicht gefährlich ich versichre euch ich war zu jung um eine Neigung zu
dem zu fühlen was ich an meinem Herrn sah ich dachte diese Dinge ziemten nur
ihm und ich sehnte mich so wenig seine Pokale zu leeren oder seine Dirnen zu
küssen als mit den Enten im Teiche zu baden
Auf der andern Seite schützte mich Begierde zum Waffen und unablässige
Beschäftigung vor bösen Eindrücken Die Stunden welche Wenzel verschlief oder
wachend verträumte und in welchen selbst ich ihm nicht angenehm war brachte
ich beim alten Herrmann von Hertingshausen des Kaisers Waffenmeister zu der
mich schon um des Namens willen den ich mit ihm gemein hatte liebte und weder
Mühe noch Kosten sparte schon da als ich noch ein Page hieß einen Ritter aus
mir zu bilden
Ich bildete mir nicht wenig auf meine erlangten Geschicklichkeiten ein alle
meine jungen Gefärten selbst Kunzmann der Sohn des alten Hertingshausen
hassten mich um des Stolzes willen mit welchem ich meine Vorzüge zur Schau trug
und ein Degen den mir der Kaiser zu tragen vergönnte und der mich vollends vor
allen Jünglingen meines Alters auszeichnete brachte ihren Neid auf den höchsten
Gipfel man nannte mich nur den wehrhaften Edelknaben und ich prangte mit
diesem Titel ungeachtet man ihn zu meiner Verspottung ersonnen hatte
Die Begierde es in ritterlichen Übungen immer weiter zu bringen und meinem
Herrn treu zu dienen beschäftigte meine ganze Seele alles übrige achtete ich
nicht Man wusste dass ich Wenzels Liebling war und scheute sich also mir der
ich meinem Herrn nichts verschwieg etwas von demjenigen hören zu lassen wovon
ganz Prag wovon das ganze Land voll war von dem Abscheu mit welchem man
Wenzels Ausschweifungen anzusehen begunte Nicht jedermann hatte den Glauben
meines einfältigen Herzens einem Fürsten seien Dinge erlaubt welche an jedem
andern bestraft werden müssten man hasste man verachtete ihn und sann darauf
seiner los zu werden
Erst spät wurde der träge fast nie seiner selbst bewusste Kaiser dessen
inne Es war als er endlich aufmerksam ward bereits so weit gekommen dass er
sich in Prag nicht mehr sicher halten konnte und sich einst in einer Nacht mit
einem kleinen Ausschuss seiner treusten Leute unter welchen ich freilich nicht
fehlen durfte nach einem wenig Stunden von Prag erbauten Schloss floh das er
Kunradsburg genannt und in Rücksicht auf den Fall der sich jetzt zutrug stark
befestigt hatte
Hier erst war es wo ich die Ursach unserer schleunigen Flucht erfuhr Ich
erstaunte zu hören dass auch ein Kaiser von Gefahren bedroht werden könnte und
fand bei meinen gränzenlosen Begriffen von den Vorrechten der Majestät die Sache
so entsetzlich dass ich Wenzeln der sich herabliess mich selbst von der Lage
seiner Sachen zu unterrichten feierlich schwur ihn mit meinem guten Schwerdte
bis auf den letzten Blutstropfen zu verteidigen
Wenzel lachte und gab mir einen gutgemeinten Schimpfnahmen mit welchem er
mich oft beehrte Wenn es so weit kommen sollte dass du mein einiger
Verteidiger wärst sagte er so müsste es schlimm genug mit mir stehen Lass dein
Schwert in seiner Scheide lass deine Fäuste ruhen und gebrauche deine Ohren
lausche wo du zween heimlich mit einander reden siehst stelle dich schlafend
wenn andere wachen schimpf und schmähe auf mich gib vor ich habe dich
geschlagen du hassest mich du wünschest meinen Tod und man wird dir trauen
du wirst alles erfahren mir alles entdecken und wir werden sicher sein
Ich fand die Ratschläge meines Herrn meinen Gesinnungen so zuwider verließ
mich so fest auf die Macht meines Schwerds dass ich jede Gelegenheit ihm auf
andere Art zu dienen aus der Acht ließ und da wir uns nur vor heimlich
schleichender List zu fürchten hatten immer nur auf offenbare Gewalt lauerte
Die Erbitterung des Volks gegen Wenzeln wuchs Bald nach seinem Abzug nach
Kunradsburg waren drei der vornehmsten unter den Misvergnügten auf seinem Befehl
öffentlich hingerichtet worden und am nämlichen Tage hatte man meinen treuen
Lehrmeister den alten Hertingshausen auf dem Wege von Kunradsburg nach Prag
ermordet gefunden in der Rinde des Baums an welchem der Edle gefallen war
stacken zwei Messer welche mit seinem Blut gefärbt waren und über denselben
waren die Worte mit grober unleserlicher Schrift eingehauen2 Wegen Hochverrats
gerichtet von den Freischöpfen Jedermann wusste wer der Urheber dieser Tat
war nur ich wusste es nicht Ich lief hinaus um den Leichnam meines alten
Freundes mit meinen Tränen zu netzen aber man hatte ihn schon dem neugierigen
Volk aus den Augen geschafft Kunzmann der Sohn des Ermordeten begegnete mir
siehe schrie er mir mit einem Blick voll Verzweiflung zu dies sind die Taten
deines lieben Herrn dem du so treulich dienst
Ich war kühn genug vor den Kaiser zu treten und ihm das was mir Kunzmann
gesagt hatte vorzuhalten Wenzels Zaghaftigkeit war so groß dass er sich zur
Rechtfertigung gegen seinen Diener herab ließ und ich der ich jedem glaubte
war leicht zu überzeugen Du siehst ja sagte er dass nicht ich sondern die
Diener des heimlichen Gerichts die Täter sind Ob Hertingshausen ein
Hochverräter war das weis ich nicht aber du siehst wohl aus seinem Exempel
wie auch die geheimsten Verbrechen von der göttlichen Rache verfolgt werden
Ich glaubte blindlings was Wenzel sagte und versprach auch Kunzmann es
glauben zu machen Des andern Abends als ich in der Dunkelheit durch eines der
Vestungsgewölbe ging bekam ich einen wütenden Stoß in die Seite ohne den zu
sehen der mir ihn gab doch dünkte mich die Stimme die ich hörte Kunzmanns zu
sein Verdammter Klätscher rief sie mir zu um deinet willen muss ich fliehen
Ich war zu Boden gefallen rafte mich auf sah niemand sann den Worten nach
die ich gehört hatte konnte sie nicht begreifen vergaß sie und bekümmerte
mich wenig drum als man des nächsten Tages Kunzmann den ich nie sonderlich
geliebt hatte unter den Edelknaben misste Noch vielweniger kam mir es in den
Sinn dass ich seinen Namen unvorsichtig vor dem Kaiser genannt ihm dessen
Verfolgung zugezogen und dadurch seine Flucht veranlasst hatte
Die Beispiele der kaiserlichen Rache machten dass man noch behutsamer ward
als zuvor Wenzel ward heimlich gehasst und öffentlich geschmeichelt mich
fürchtete man und verbarg jeden verdächtigen Schein vor meinen Augen und so
geschah es dass der Herr und Diener wieder in ihre ehemalige Sicherheit gewiegt
wurden
Wenzel getraute sich noch nicht wieder nach Prag aber er fand in den
Gegenden von Kunradsburg so viel Gelegenheit seinen Lieblingsneigungen
nachzuhängen dass er sich nicht von diesem Orte der wahrlich zu schön für einen
sinnlosen Schwelger war hinweg sehnte
Es gab unterschiedliche Klosterherren in unserm Bezirk welche sich so gut
in des Kaisers Weisen zu finden wussten dass sie sehr fleißig von ihm auf alle
Pokale eingeladen wurden und ihn eben so oft auf ähnliche Art bewirteten
Wenzel war eben kein sonderlicher Freund der Geistlichkeit aber ihr Wein war
gut und mehr brauchte es nicht allen heimlichen Groll gegen sie aufzuheben
und ihn zu veranlassen mit ihnen wie ein Bruder zu leben
Auf einem dieser Gelage zu Kloster Braunau war es dass ihm seine Feinde
vermutlich mit Hilfe seiner freundlichen Wirte überfielen und ihn gefangen
nach Prag führten Ich war nicht gegenwärtig meine zunehmenden Jahre machten
dass ich des Kaisers Ausschweifungen nicht mehr mit der kindischen Einfalt wie
vormals ansehen konnte sein Anblick wenn er berauscht war war mir
abscheulich und die Gesellschaft von einem Dutzend trunkner Mönche gab denen
Auftritten welche alsdenn erfolgten einen so hässlichen Zusatz dass ich der
ich dergleichen oft genug hatte ansehen müssen froh war dass ich mich diesmal
von der Mitreise nach Braunau hatte losmachen und an dessen statt einen Ritt auf
die Jagd tun können Das Geschrei von des Kaisers Gefangenschaft kam mir bei
meiner Rückkunft entgegen Mein Eifer für meinen Herrn erwachte Liebe und
Dankbarkeit rissen mich zur Rettung desjenigen hin welcher keins von beiden
verdiente ich lenkte mein Ross nach der Stadt ich hofte die Schaar welche
Wenzeln entführt hatte noch zu ereilen und versprach mir Wunderdinge von
meiner Tapferkeit Auf dem Wege nach Prag so wie in der Stadt selbst war alles
stille
Ich sank unter dem Tor atemlos vom Pferde man erquickte mich und fragte
was mir fehle ich sprach laut von der Gefangenschaft meines Herrn und fragte
wo er sei Um Gottes willen schweiget sagte einer von der Wache Gott sei Dank
wir haben ihn und ich denke ihr werdet nicht der einzige sein den dieses
nicht freuen solle aber es darf jetzt noch nichts davon auskommen er hat zu
viel Anhänger unter dem Pöbel
Mehr brauchte ich nicht zu wissen ich riss mich los entrann in die Straßen
der Stadt rief Wenzels Gefangenschaft und meinen Wunsch ihn zu befreien aus
und ehe man mir wehren konnte hatte ich einen Trupp vom Pöbel hinter mir
welche mich vor dem Turm in welchen man den Kaiser gebracht hatte
begleiteten und schwuren sie wollten ihren gütigen gelinden Herrn den Schüzer
der Freiheit des Volkes retten oder sterben
Gewiss hatte Niemand mehr Ursach mit Wenzeln zufrieden zu sein als der
niedrigste Teil seiner Untertanen ihre Armut schützte sie für den
Erpressungen die die Reichen erfahren mussten er gestattete ihnen alle
Freiheit und scheute sich nicht dem Niedrigsten wenn es die Gelegenheit gab
ein volles Glas zuzutrinken auch wusste er ihnen auf Unkosten der Reichen
wohlfeil Brod zu verschaffen ohne dass er Schaden davon hatte
Diese Taten wurden auf unserm Zuge nach Wenzels Gefängnis himmelan erhoben
und der Angriff mit solchem Ernst getan dass nur etwas mehr Nachdruck und ein
besserer Führer nötig gewesen wär um völlig zu siegen aber wir wurden bald
aus einander getrieben und der ganze Vorteil den ich von meiner Unternehmung
hatte war dass ich nun die Gefangenschaft mit meinem Herrn teilen konnte
Auch dieses war mir Trost Ich hofte nichts gewissers als zu ihm gebracht zu
werden und aus seinem Munde das Lob meiner Treue zu hören aber meine Erwartung
ward getäuscht man warf mich in ein hässliches Gefängnis welches ich nicht ehe
verließ als bis der Kaiser das seinige ohne meine Hilfe verlassen hatte Ein
Umstand der mich in dem Innersten meiner Seele kränkte Der Einfall sich unter
dem Vorwand des Badens in dem Fluss hinaus zu stehlen sich durch Schwimmen oder
vermittelst eines Kahns zu retten war ja so leicht so natürlich warum hatte
ich ihn doch nicht gehabt Ich misgönnte Susannen die Rolle die sie bei dieser
merkwürdigen Entkommung gespielt hatte und ärgerte mich dass jemand meinem
Herrn bessere Dienste leisten sollte als ich Auch ich ward nunmehr frei man
fing entweder von neuem an sich vor Wenzeln zu fürchten und getraute sich
nicht seine Diener weiter zu beleidigen oder man hielt meine Person für zu
unwichtig mich nachdem er los war noch länger zu halten
Ich eilte nach Kunradsburg entdeckte meinem Herrn was ich getan hatte
und was mir wiederfahren war aber statt des erwarteten Lobes über meine Tat
oder wenigstens Mitleids wegen meines Unglücks bekam ich finstre Mienen und
Scheltworte Meine Ungeschicklichkeit war die einige Ursach meines Unfalls ich
hätte die Sache so klug anfangen sollen wie Susanne ich sollte mich schämen von
einem Weibe übertroffen zu werden und was der schimpflichen Reden mehr waren
Ich brannte vor Verlangen die Heldinn Susanne zu sehen welche hier
durchgängig genannt und gefeiert wurde Auch hier betrog mich meine Erwartung
ich sah eine plumpe ungeschickte Kreatur anstatt der Schönheit wozu die Liebe
des Kaisers und die Schmeicheleien der Hofleute sie machten und erfuhr dass ihr
ganzes Verdienst um Wenzels Leben in ein paar Armen bestand welchen es nicht an
Stärke zum Rudern gebrach
Ich konnte meine Geringschätzung dieses Weibes nicht bergen und verlor
dadurch sehr viel in der Gnade meines Herrn auch beliebte es ihm zuweilen gar
eifersüchtig auf mich zu sein Ich war ein schlanker Junge von sechszehn Jahren
und die Bademagd hatte es einesmals sich einfallen lassen mich schön zu nennen
Dinge, welche mir verachteten Unwillen abnötigten und mein Herz mehr als zur
Hälfte von meinem Herrn abwandte
Der Kaiser konnte mich jetzt so wohl entbehren dass ich ganze Tage in den
Wäldern auf der Jagd zubringen durfte ohne sonderlich vermisst zu werden An
einem von diesen Tagen war es dass Wenzel zum zweitenmal in die Hände seiner
Feinde kam Ich hütete mich wohl diesesmal meine vorige alberne Rolle zu
spielen Die Rettung des Kaisers war in meinem Herzen beschlossen aber nicht
Liebe und Dankbarkeit sondern Ehrgeiz war es was mich dazu antrieb ich wollte
das Andenken eines mislungenen Versuchs verlöschen und den Schimpf von mir
wälzen dass ein Weib mehr vermocht habe als ich es war mir unausstehlich mit
Wenzels unwürdiger Geliebten auf die entfernteste Art verglichen zu werden
daher ich auch jede Art der Rettung verwarf welche mit ihrer Geschichte einige
Ähnlichkeit hatte
Und doch wollte es das Schicksal dass ich sie endlich kopiren musste Alle
Anschläge Wenzeln aus dem Prager Turm zu bringen verunglückten es ergab
sich dass ich lange Zeit Mühe List und Bestechung verschwendet hatte ihn aus
diesem Kerker zu bringen als er schon nach Krumlau gebracht war und auch hier
war alles was ich versuchte vergebens bis ich mich zu dem Susannens Mittel
entschloss welches ich vermeiden wollte
Ich gewann einen Fischer wir ruderten des Nachts unter die Fenster seines
Kerkers welche zum Glück nicht vergittert waren meine Stimme machte ihm kund
dass seine Rettung vor der Tür sei Es war ein großes Netz aufs Wasser gespannt
und seine Majestät ersucht sich hinein zu stürzen wir mussten verschiedene
Nächte unsere Operation erneuern ehe sich der träge Wenzel entschließen konnte
einen so gewaltsamen Sprung zu tun. Des dritten Abends kam uns der Wein zu
Hilfe und ich weiß noch bis diese Stunde nicht ob freier Wille oder die Dünste
seines Lieblingsgetränks ihn in unsere Arme stürzten genug er war gerettet und
klagte anstatt uns zu danken über den schweren Fall den er getan habe
versagte dem Fischer die Belohnung die ich ihm versprochen hatte und würde
gewiss durch ihn seinen Feinden wieder ausgeliefert worden sein wenn ich nicht
unsern geizigen Führer durch einige kleine Geschenke für den gegenwärtigen
Augenblick befriedigt und ihm gesagt hätte er möchte sich in Ansehung der
Zukunft nicht auf den Kaiser sondern auf mich verlassen
Wenzel achtete nicht auf die Beschimpfung welche darin lag dass durch
dieses Erbieten unser Führer so gleich gestillt wurde schien es nicht zu
fühlen dass das Wort seines Dieners mehr galt als das seinige Er rieb seinen
Wanst und seine Lenden und murrte über die Schmerzen des Falles bis ans
gegenseitige Ufer
Ich lieferte ihn in Susannens Hände welche ihn öhlte und salbte bis an den
dritten Tag da er wieder genass und nun erst sich gefallen ließ mir eine Art
von Dank für das was ich für ihn gewagt hatte wiederfahren zu lassen
Herrmann sagte er ich bin mit dir zufrieden du bist klug genug gewesen
mit deinem Netze den größten Fisch im ganzen Reiche zu fangen wirst du dein
Handwerk fortsetzen wirst du dein Netz weiter ausspannen und auch meine Feinde
damit zu bestricken wissen so will ich dich mit Reichtümern überschütten und
du sollst des Fischens nicht mehr bedürfen
Ich verstand was seine Majestät mit ihrer Bildersprache sagen wollten ich
bat um Bedenkzeit und gestand dass ich im Grunde mehr Geschick zu ofner Fehde
als zu heimlicher List in mir fühlte
Das Glück war indessen auf meiner Seite Es fehlte uns nicht an Überläufern
aus Prag wir erfuhren dass man anfing ernstliche Anschläge auf Kunradsburg zu
machen da es nicht wahrscheinlich war dass Wenzel nach dem was er erfahren
hatte sich noch einmal außer seinem Schloss würde betreten lassen Es war zu
vermuten dass man bereits auf einen neuen Kaiser bedacht war und dass der Tag
an welchem Wenzel zum drittenmal in die Hände seiner Feinde fallen würde zum
Tage seines Todes bestimmt sei Prag ward stark bevestigt um es nicht wider uns
deren Macht man nicht sehr fürchtete sondern wider manche andere Hände zu
verteidigen welche sich nach Wenzels Tode nach der Krone ausstrecken würden
Täglich rückte neue Mannschaft in die Stadt und wir hatten Nachricht dass man
in kurzem eine ansehnliche Verstärkung aus Ungarn vom König Siegmund erwartete
König Siegmund war Wenzels Bruder er hatte nach des Kaisers Tode das
nächste Recht zur böhmischen Krone aber ob dieses gleich ein Grund für den
ausgearteten Kaiser war ihn zu hassen so war doch jener viel zu edel diesen
Hass durch Anschläge auf seines Bruders Leben oder durch Begierde nach seinem
Throne zu verdienen und er hatte wahrscheinlich sich nur darum entschlossen
Wenzels misvergnügen Untertanen Hilfe zu schicken damit man im Stande sein
möchte seinen Ausschweifungen ein wenig Einhalt zu tun und ihm die
Bedingungen vorzuschreiben unter welchen er den Thron vom neuem besteigen
sollte wie böse es die Böhmen mit ihrem Herrn im Sinne hatten das war ihm
wahrscheinlich unbekannt
Ich hatte genug von dem König von Ungarn gehört um diese Meinung von ihm zu
fassen und es gelang mir auch meinem Herrn dieselbe beizubringen Er entschloss
sich an seinen Bruder zu schreiben und ihn um Hilfe zu bitten
»Auch du so schrieb er auch du bist wider mich O denke an unsern Vater
zurück suche das nicht an dich zu reißen was er mir zuteilte brauche deine
Macht nicht zu Unterstützung meiner Feinde nein zu Rettung eines unglücklichen
Bruders«
Kaiser Wenzels Hof war jetzt so verlassen so arm an würdigen Männern dass
die Überbringung eines Briefs von solcher Wichtigkeit mir einem
siebzehnjährigen Edelknaben aufgetragen ward doch dünkt mich ein anderer hätte
schwerlich seinen Auftrag so gut ausrichten können als ich mein mündlicher
Vortrag ersetzte das was dem Briefe mangelte und die Treue für meinen Herrn
welche aus jeden meiner Worte sprach nahm Siegmunden für Wenzels böse Sache
ein Ein Herr der solche Diener hat sagte er kann nicht ganz der verworfene
Mensch sein zu den Wenzeln das Gerücht macht
Die Bitte des Kaisers ward gewährt König Siegmund prüfte mich und ich fand
Gnade vor seinen Augen nur meine Jugend hinderte es dass er mir nicht das
Kommando über die Völker auftrug welche er seinem Bruder schickte Ich ward dem
Anführer einem vornehmen versuchten Kriegsmanne besonders empfohlen und
dieser war herablassend genug meine Meinung über die Ausführung unsers
Anschlags zu hören und sie seines Beifalls zu würdigen
Die Prager hatten Hülfsvölker von König Siegmund erwartet als solche
stellten wir uns ein und wir befanden uns schon mitten in der Stadt als wir
uns erst als Feinde kund gaben Die Eroberung des Schlosses Wischerad war nach
der Meinung unsers Führers das vornehmste auf was wir zu denken hatten Es
kostete Blut aber endlich sahen wir uns doch Meister von dieser Festung und
Kaiser Wenzel der von jedem unserer Schritte Nachricht hatte war nahe genug
um auf unserm ersten Wink Besitz davon zu nehmen
Er zeigte sich unter einer ansehnlichen Bedeckung dem Volke von der Zinne
der Festung er hatte sich diesen Tag den Genuss des Weins versagt und war also
nüchtern genug mit Nachdruck zu ihnen zu reden Man huldigte ihm von neuem Es
ward eine allgemeine Verzeihung ausgerufen und zur Bestätigung derselben alle
Große der Stadt zum kaiserlichen Mahle eingeladen Mein Herz hüpfte bei der
Vorstellung eines solchen Friedensfests ich fand Wenzeln zum erstenmale in
meinem Leben groß seines Standes würdig weil er so bereitwillig war seinen
Feinden zu verzeihen Ich sank zu seinen Füßen als wollte ich ihm für die Gnade
danken die er andern erzeigte immer hatte ich mich vor den Szenen der
Grausamkeit gescheut welchen ich entgegen sah wenn Prag wieder in Wenzels
Hände kommen sollte es entzückte mich so angenehm getäuscht zu sein
Der Kaiser stieß mich ungestüm von sich und nannte mich einen läppischen
Jungen Ich konnte mir es nicht erklären was ihm die Äußerung meiner
Empfindungen so widrig machte bis am Ende des Gastmahls auf welches ich mich
so gefreut hatte Freilich konnte Wenzel den Dank nicht anders als mit Unwillen
von mir annehmen den er so schlecht verdiente
Man saß in tiefen Frieden bei der Tafel Der Wein begunte die Herzen
fröhlich zu machen Die ehrlichen Prager sagten auf Anforderung ihres
neugehuldigten Herrn was sie in seiner künftigen Regierung abgestellt zu sehen
wünschten Wenzel versprach alles und die getäuschten Männer gelobten ihm auf
diese Bedingung die unbegränzte Liebe die ewige Treue seines Volks
Der Kaiser ergriff den Pokal und trank zur Bestätigung des Friedensbunds
die Männer taten Bescheid aber ach dies war das Signal zu ihrem Tode Zwanzig
Schwerdter fuhren hinter ihnen aus der Scheide der größte Teil von ihnen fiel
ehe er Gefahr ahndete und Ströme von Blut quollen unter den verschütteten Wein
Es ist unmöglich meine Empfindungen bei diesem Anblicke zu beschreiben Das
Entsetzen machte mich Anfangs unbeweglich mein erster Gedanke als ich mich
wieder besinnen konnte war Wenzeln um Gnade für diese Unglücklichen zu bitten
der zweite ihnen mit meinem Schwert an die Seite zu treten und da mir die
Fruchtlosigkeit beider Rettungsmittel in die Augen leuchtete da in dem
nämlichen Augenblick der Mordstahl einen guten achtzigjahrigen Greis den ich
immer wegen seines frommen redlichen Heiligengesichts geliebt hatte an meiner
Seite traf ohne dass meine ausgebreiteten Arme ihn schützen konnten da sank
auch ich ohne Empfindung zu Boden der Sturm meiner Gefühle die Überraschung
das Entsetzen war zu groß ich war jung hatte wohl Feindes Blut aber nie das
Blut der sichern Unschuld bei einem Freudenmahle fließen sehen tadelt meine
Schwachheit nicht ich musste unterliegen
O mit euren übel angebrachten Entschuldigungen schrie Münster was wird
wohl in der Welt Lob verdienen wenn hier Tadel statt finden kann
Und doch tadelte man mich fuhr Herrmann fort Wenzel nannte mich einen
weibischen Gecken der kein Blut sehen könnte und verbot mir auf drei Tage den
Hof Ich sehnte mich nicht diese Mördergrube wieder zu besuchen mein Herz war
gänzlich von meinem Herrn abgewandt und ich entdeckte dem Führer der
ungarischen Völker welcher der eine war der mich in meiner Verbannung
besuchte den Wunsch in die Dienste seines Königs aufgenommen zu werden
Der tapfre Krieger der mich liebte riet mir vor der Hand zu bleiben wo
ich sei Ihr seht den gestrigen Auftritt sagte er mit zu strengen Augen an
Staatsursachen rechtfertigen manches das den Anschein des Unrechts hat es war
dem Kaiser allerdings nicht zu raten die Rebellen ganz ungestraft zu lassen
Ich beantwortete eine lange Apologie die mein Freund hier einer
unverantwortlichen Tat machte mit Stillschweigen ich sah wohl dass die Welt
dass auch der bessere Teil derselben über gewisse Dinge ganz anders denke als
die unerfahrne Unschuld
Es gelang dem Redner vermittelst der Gewalt die er über mein Herz hatte
mich zu bereden Wenzeln eine Sache zu verzeihen die ich nicht zu beurteilen
im Stande sei seine Gnade anzunehmen wenn er sie mir so wie zuvor gönnen
wollte die Macht die ich ohnstreitig über ihn habe zu gebrauchen und mich
durch eine unzeitige Entfernung nicht um die Belohnung zu bringen welche er mir
für meine geleisteten Dienste schuldig sei
Ich erschien nach Endigung des gesetzten Termins den ich gern verlängert
gesehen hätte wieder bei Hofe Das auszeichnete Wohlwollen mit welchem mir der
Kaiser begegnete fesselte mich von neuem und die Urteile welche über die
Getödteten gefällt wurden brachten es endlich dahin dass ich mich entschloss
vor dem Andenken an den Auftritt jener entsetzlichen Nacht meine Seele zu
verschließen damit mein Glaube den Hingerichteten sei recht geschehen nicht
wankend gemacht werde
Wenzel schien jetzt eine neue Epoche seines Lebens anfangen und sich
ernstlich bessern zu wollen Es gab ganze Tage in welchen er nüchtern war sein
Zechgenosse der Fürst von Ratibor den das Volk hasste blieb zu Kunradsburg
weder Susanne noch die andern feilen Dirnen kamen zum Vorschein und man sprach
von einer Vermählung mit Sophien der Tochter des Herzogs von Bayern
Das ganze Land jauchzte über diesen letzten Entschluss und jedermann
behauptete eine tugendhafte Gemahlin werde Wenzeln völlig bessern Auch ich
fühlte mich so wie jeder andere von neuer Hoffnung belebt von neuem zu meinem
Herrn hingezogen Ich sah einem ganz veränderten Leben an dem Hofe der mir vor
kurzem anfing so verhasst zu werden entgegen und schwur ihn nie zu verlassen
ein Gelübde das ich mit gutem Gewissen brechen kann da meine Hoffnung so
getäuscht ward
Sophie die reizende tugendhafte Sophie ist nun unsre Kaiserin aber wie
schwach sind die Spuren der Besserung die sie bewirken sollte Schon am
Vermählungsfeste kam der Fürst von Ratibor und mit ihm die alten Auftritte der
Schwelgerei wieder zum Vorschein Hinter ihm her schlich die verworfene
Susanne Wenzel begieng die unbegreifliche Frechheit sie seiner Gemahlin vor die
Augen zu bringen O Münster ich könnte euch Auftritte erzählen Die
unglückliche Sophie
Doch wo denke ich hin ich erzähle meine Geschichte und nicht die ihrige
Auch ist die meinige nunmehr zu Ende Die wichtigste Begebenheit meines Lebens
Idas Erscheinung meine Liebe zu ihr mein Unglück Die Notwendigkeit sie und
den Hof zu verlassen O Vater ihr wisst dieses alles Lasst mich aufhören
Ihr habt vergessen sprach Münster der Belohnung zu gedenken die euch euer
Herr für eure Dienste schuldig war und die ihr nach dem Rate eures ungarschen
Freundes hier abwarten solltet
Der höhnische Blick mit dem ihr dieses sagt erwiderte Herrmann
bezeichnet die Meinung eurer Worte Ich erinnere mich wohl dass mir einst in
einem Rausch von Wein und Dankbarkeit das erste erledigte große Reichslehn
versprochen ward ein Versprechen dessen Sinn wenn ich es mit meiner Person
zusammen dachte ich nicht recht einsehen konnte Wenzel mochte damit sagen
wollen was ihm beliebte so dünkte es mich auf alle Fälle zu groß ich lehnte
es mit vieler Demut ab und bat um eine anständige Stelle bei der Armee Mir
ward anstatt des Gebetenen eine erledigte Kammerjunkerstelle zu Teil der
Anfang und vermutlich auch das Ende alles dessen was ich hier zu erwarten
habe Zwar ich irre ist das Ritterschwerd und die Erlaubnis mein Glück zu
suchen wo ich will für nichts zu rechnen
Eine lange Pause folgte hierauf Münster und sein junger Freund schienen
ganz in Gedanken verloren zu sein Herrmann riss sich endlich aus seinem
schwermütigen Nachdenken empor und legte seinem treuherzigen Ratgeber seinen
Entschluss vor in Königs Siegmunds Dienste zu gehen dem er nicht unbekannt sei
und an dessen Hofe er den Ungarschen Heerführer zum Freunde habe dessen wir im
Vorhergehenden gedacht haben und von dem Herrmann selbst noch nicht wusste dass
er einer der Grössten des Reichs war
Der alte Münster billigte diesen Plan versprach ihm einen von seinen
treuesten Knechten mitzugeben welcher auch ehemahl unter König Siegmunden
Kriegsdienste getan habe und man trennte sich für diesen Abend
Elftes Kapitel
Ein heißer und ein kalter Abschied
Der Tag des Abschieds brach an Herrmann hatte sich bereits alle der lästigen
Cerimonienbesuche entledigt welche seine Entfernung nötig machte Nur ein Weg
der schwerste von allen stand ihm noch bevor Der Weg nach Münsters Hause Er
sollte sich von dem treuherzigen Alten trennen sollte Ida der Vater hatte es
ihm versprochen noch einmal sehen und den ersten und letzten Kuss auf ihre
Wangen drücken was für Gedanken für den liebenden Jüngling
In halben Taumel langte er am Orte seiner Bestimmung an Münster empfing
ihn an der Tür und führte ihn unter inständigem Bitten sich zu fassen und
der Weiber zu schonen in das Unterzimmer Ida war das erste was sich ihm
zeigte Er nahte sich ihr mit Schüchternheit Ihre Blässe und die von Weinen
getrübten Augen wollten ihn fast bereden dass dem holden Mädchen das Wort
Trennung so schrecklich lautete als wie ihm Man stand eine Weile ohne zu
sprechen von der einen Seite mit zur Erde gesenktem Blick von der andern mit
Augen welche jeden Zug des geliebten Gegenstandes zu verschlingen schienen um
ihn sich immer vergegenwärtigen zu können
Kinder rief Münster endlich ihr brecht mir das Herz Dieses Zögern
vermehrt eure Quaal Umarmt euch und denn das Lebewohl
Herrmann nahte sich Idas Wangen zu küssen sie duldete es mit aller
Zurückhaltung die den Jungfrauen ihrer Zeit eingeprägt ward Sein Arm erkühnte
sich ihren Nacken zu umschlingen und unwillkürlich öffneten sich die ihrigen
sie drückte ihn an ihre Brust und ein O lebe wohl lebe wohl mein Herrmann
stürzte aus ihrem Munde Der Vater drohte mit dem Finger Ida macht sich von dem
Jünglinge los gab ihm noch einen Blick und verließ mit glühendem Gesicht das
Zimmer
Münster sprach viel mit Herrmann nachdem das geliebte Mädchen verschwunden
war ohne von ihm verstanden zu werden Es war schlechterdings nichts mit ihm
anzufangen Der Alte schwieg endlich und der junge Mensch hatte sich nach einer
Weile hinlänglich erholt um zu fragen ob er nicht auch Idas gute Mutter zum
Abschiede würde zu sehen bekommen Münster bejahte die Frage und nach einiger
Zeit trat die Matrone herein Mit Willen hatte sie gezögert um vielleicht noch
am Ende einen Teil desjenigen was sie auf dem Herzen hatte ausrichten zu
können Auf ihrem Gesichte war mehr Unruh und Erwartung als Betrübnis
abgebildet und sie schien die Bewegungen ihres Mannes ängstlich zu bewachen ob
sie ihm nicht vielleicht einen Augenblick abstehlen und Herrmann einige
geflügelte Worte sagen könnte O dass ihr flüsterte sie ihm in einer Minute
zu da sich der Alte nach dem Fenster gewendet hatte o dass ihr nie wieder
Gelegenheit suchtet mich heimlich zu sprechen ich hatte euch so viel zu sagen
Münster drehte sich um eine gleichgültige Anmerkung zu machen und das
Gesprüch ward sehr schläfrig fortgesetzt Herrmann eilte nicht Abschied zu
nehmen der Gedanke vielleicht doch noch etwas von den Geheimnissen der
Münsterin zu erfahren hielt ihn zurück Münster ward wahrscheinlich auf
Veranlassung seiner Frau hinausgerufen O Herr Ritter rief sie in dem
nämlichen Augenblicke da er die Tür schloss dass ihr jetzt schon reisen musstet
Nur noch einen Tag ich bitte euch Ich habe ein Gesuch beim Kaiser ein Gesuch
für Ida Ihr müsst es unterstützen ihm wenigstens erinnern dass er mir noch die
Gewährung einer Bitte schuldig ist
Sie wollte noch mehr sagen aber in dem nämlichen Augenblicke trat ihr Mann
wieder herein und obgleich Herrmann noch drei Stunden verweilte so wich er
doch nicht einen Schritt von der Stelle und Herrmanns Neugierde blieb
unbefriedigt
Ihr versprachet mir sagte der Jüngling indem er aufstand sich zu
entfernen ihr versprachet Vater Münster mir einen treuen Knecht zur
Begleitung mitzugeben ich habe in dieser Erwartung meine Leute abgedankt und
wünschte sehr meinen künftigen Diener zu sehen
Münster ging nach der Tür um den alten Andreas zu rufen Ida ist nicht
unsere Tochter flüsterte die Münsterin indessen ich bin nur ihre Amme
beleidigte Liebe und Furcht sie in den Händen einer bösen Stiefmutter zu lassen
bewegten mich
Der Alte kam zurück ohne dass die Frau ausreden konnte Bald darauf erschien
der Knecht gelobte seinem jungen Herrn treu zu sein und erhielt von ihm das
Versprechen er wollte ihn auf diese Bedingung nie von sich lassen und ihn
Teil an dem Glücke nehmen lassen das ihm der Himmel etwa möchte beschieden
haben eine Versicherung die der junge Ritter gewiss mit mehr Herzlichkeit würde
gegeben haben wenn er im Stande gewesen wär das treuherzige Gesicht seines
neuen Dieners und das Feuer mit welchem er ihm sein Gelübte ablegte zu
beachten aber hiezu war er gegenwärtig ganz ungeschickt Er hatte keinen Sinn
als für die außerordentliche Nachricht die er eben aus dem Munde der Münsterin
gehört hatte keinen Wunsch als mehr hiervon zu wissen wenigstens den Namen
der Eltern seiner Ida zu erfahren
Er setzte alle seine Hoffnung auf die letzte Umarmung der Mutter die gute
Frau machte sie sehr lang und drückte ihn fest an ihre Brust indem sie ihm ins
Ohr sagte sie ist die Tochter des Grafen
O was macht ihr rief Münster indem er sie lächelnd trennte glaubt ihr
denn junger Herr dass mich Liebkosungen von dieser Art nicht eifersichtig
machen könnten
Herrmann war verdrießlich und beantwortete die Rede des Alten mit etwas
Unwillen auch in Münsters Blicken lag ein wenig Kaltsinn und Missvergnügen es
war fast unmöglich dass ein so schlauer Mann nicht etwas von den Dingen hätte
ahnden sollen die hinter seinen Rücken vorgenommen wurden
So trennte man sich und das Gewirr von Erstaunen Unwillen und
fehlgeschlagner Hoffnung machte dass die Bedrübniss gar nicht an die Reihe kam
und dass bei der Trennung die man sich so tränenvoll gedacht hatte kein Auge
nass gemacht wurde
Zwölftes Kapitel
Vernichtete und von neuem entworfne Plane
Herrmann schwang sich auf sein bereit stehendes Pferd und sprengte zum Stadttor
hinaus sein Geist war auf so mannichfache Art beschäftigt dass er den Weg nicht
bemerkte den er hinter sich legte nicht gewahr ward dass der Abend
hereinbrach und nichts von den Fragen des alten Andreas vernahm wo man
Nachterberge nehmen wollte Idas Umarmung die ihm so deutlich sagte dass sie
ihn liebte die Nachricht von ihrem Stande der seinem Ehrgeiz so angemessen
war die Ungewissheit wer sie eigentlich sei was für Aufgaben zum tiefsten
Nachsinnen Er vergaß über diesen Dingen denjenigen Punkt ganz und gar der
ohnstreitig der Münsterin das wichtigste war und sie wahrscheinlich allein
bewogen hatte ihm das übrige zu entdecken er vergaß das Gesuch der ehrlichen
Bürgerin beim Kaiser das er mit seiner Vorbitte unterstützen um dessen Willen
er nur noch einen einigen Tag zu Prag bleiben sollte
Ich weiß nicht welcher Gedanke ihm die Erinnerung an die vergessene Sache
noch endlich herbei führte genug auf einmal fuhr sie wie ein Blitzstrahl
durch seine Seele er besann sich wo er war sah die hereinbrechende Nacht sah
Prag in weiter Ferne hinter sich liegen und schalt auf seine Unachtsamkeit
Wir müssen augenblicklich zurückkehren rief er seinem Diener zu indem er
sein Pferd umlenkte ich habe was notwendiges vergessen habe ein wichtiges
Geschäft beim Kaiser habe
Andreas hatte diesen Tag über schon etliche mal Zweifel wegen des gesunden
Verstandes seines neuen Herrn gehabt und diese wurden in diesem Augenblick
durch die Heftigkeit mit welcher Herrmann sprach durch den Inhalt seiner Rede
und durch seinen verstörten Blick fast zur Gewissheit gemacht
Mitlerweile stieß der Ritter der treuen Minne sein Ross an und nahm den Weg
den er eben gekommen war mit solcher Eile von neuem vor sich dass Andreas ihn
aus den Augen verlor ehe er sich noch recht besonnen hatte was für seinen
unglücklichen Herrn zu tun sein möchte
Ihm nachzueilen war jetzt das notwendigste Zum Glück war es nicht in die
Weite des zurückgelegten Weges sondern nur ein benachbartes Gebüsch was ihn
seinen Augen entzogen hatte er erblickte ihn bald von neuem und setzte die
Reise dicht hinter ihm oder vielmehr um immer ein wachendes Auge auf seine
Handlungen zu haben fast an seiner Seite fort
Die Geschichte meldet nicht wenn Herrmann Prag erreichte und wenn Andreas
von der schlechten Meinung die er von ihm hatte zurück kam das erste geschah
vermutlich sehr bald und das andere sehr spät Es kam alles zusammen die
Unruhe des jungen Ritters zu verlängern und zu vermehren Diesen Abend oder
vielmehr diese Nacht noch nach Hofe zu gehen war unmöglich Die erste Nachricht
welche er am Morgen erhielt war der Kaiser sei des vorigen Abends nach
Kunradsburg abgegangen Er eilte dahin um nach Krumlau gewiesen zu werden Er
fand ihn nicht man wies ihn an den dritten und vierten Ort und als er endlich
nach vielen Tagen wieder zu Kunradsburg angelangt Wenzeln wirklich daselbst
getroffen und sich überzeugt hatte dass der Kaiser wohl diesen Ort alle die
Zeit über nicht möge verlassen haben so ward ihn der Zutritt zu denjenigen den
er sonst alle Stunden ungefordert sehen konnte so schwer gemacht dass er die
Sache völlig aufgab und sich begnügte einen seiner ehemaligen Freunde bei
Hofe der sich endlich von ihm sprechen ließ sein Gewerbe aufzutragen Der
Höfling versprach die pünktlichste Ausrichtung und vergaß die Sache im nächsten
Augenblicke
Herrmann setzte seine Reise nach Ungarn fort er fing an mit den seltsamen
Dingen welche sein Gemüt anfangs so sehr verwirrten bekannt zu werden und
für andere Gegenstände Gefühl zu haben Andreas begunnte zu merken dass sein
Herr wirklich Verstand wie andere Menschen und ein Herz wie ein Engel habe
Seine Milde seine Herablassung nahm den alten Knecht gänzlich für ihn ein er
hätte sein Leben für ihn aufgeopfert und Herrmann konnte mit Recht hoffen dass
er ihm geringere Opfer nicht versagen würde
Der junge Ritter wusste dass Andreas lange im Hause des alten Münsters gelebt
hatte es war Möglichkeit dass er etwas vor Idas Herkommen wusste und er sparte
keine Mühe ihn zu Eröffnung alles dessen was ihm bekannt war zu bewegen aber
der Alte hatte entweder nichts zu entdecken oder Münster war zu schlau gewesen
ihm einen Diener mitzugeben der nicht im Stande gewesen sein sollte die
Geheimnisse des alten Herrn vor dem neuen zu verbergen
Der nemliche Unmut welcher den Ritter bei dieser Fehlschlagung seiner
Hoffnungen befiel herrschte auch zu Prag in dem Münsterschen Hause Münster war
unzufrieden mit seiner Frau und vermisste den Umgang seines jungen Freundes ob
er gleich auch gegen ihn einen kleinen Unwillen in seinem Herzen hegte Ida
weinte über ihren Herrmann und durfte ihre Tränen niemand als ihrer so
genannten Mutter sehen lassen diese wartete täglich nach Hofe berufen und um
ihr Begehren befragt zu werden und wartete vergebens Er muss mich vergessen
haben rief sie in der Fülle ihres Unmuts aus muss abgereist sein ohne meinen
Auftrag auszurichten Gleichwohl hat man ihn den Tag nach dem Abschiede von
uns noch hier geseben Er ist in Kunradsburg gewesen wo der Kaiser sich jetzt
aufhält Nun nun wenn Wenzel zurückkehrt Geduld Zweiflerinn es wird noch
alles gut werden
Aber Wenzel kehrte zurück und die ehrliche Bürgerinn ward nicht nach Hofe
gefordert Tage Wochen und Monate vergingen und sie entschloss sich endlich
zu dem Mittel ihre Zuflucht zu nehmen durch welches man ungezweifelt nicht
allein Zutritt bei Wenzeln erhalten sondern auch überzeugt sein konnte ihm
angenehm zu sein und alles von ihm zu erlangen was man wünschte
Die Münsterinn legte eines Morgens in Abwesenheit ihres Mannes ihre
festlichsten Kleider an langte aus dem heimlichen Schatze den auch sie gleich
ihrem Manne in ihrer jetzigen kleinen Wohnung vergraben hatte zweihundert
goldne Schilde die Hälfte des ganzen besonn sich ein wenig ob sie wohl mit so
einer Wenigkeit vor dem geizigen Kaiser erscheinen dürfe ob sie nicht das Ganze
aufopfern müsse um glücklich zu sein vermehrte endlich die Summe noch mit
funfzig ihrer ersparten Goldstücke und machte sich auf den Weg
Die Art mit welcher sie ihre Gabe bei Wenzeln anbrachte und das was sie
bei ihm suchte steht in unserer Geschichte nicht umständlich verzeichnet doch
ergibt sich das letzte aus den Folgen und was das erste anbelangt so ist
bekannt dass man wenig Nachsinnen brauchte um Wenzeln mit Schonung seiner
Delicatesse eine Bezahlung einer geforderten Gnade beizubringen
Ida sah ihre Mutter ausgehen und wiederkommen Ihre festliche Kleidung ihre
gedankenvolle zweifelnde Miene bei dem ersten und ihr triumphirender Blick bei
dem andern fiel ihr auf aber sie fragte nicht andere Gedanken Gedanken an
ihren Herrmann beschäftigten sie zu sehr um ihr Neugier für etwas anderes
überzulassen
Wirst du nie aufhören zu weinen fragte die Mutter als sie des Nachmittags
bei der Arbeit saßen Mädchen Mädchen die Einsamkeit nährt deinen Kummer ich
muss dich herausreissen oder mir es gefallen lassen dich auf ewig zu verlieren
Lasst mir meine liebe Einsamkeit rief Ida indem sie mit der einen Hand ihre
Tränen trocknete mit der andern die Hand ihrer Mutter an ihre Brust drückte
Welche Gesellschaft sollte ich dieser ruhigen Stille der Freundin meines Grams
vorziehen
Je nun sprach die Mutter freilich nicht die Gesellschaft unserer Jungfern
die sich so gern deine Gespielinnen nennen aber wenn ich dich in eine Sphäre
bringen könnte wo alles was schön und groß ist dich umglänzte und wo du doch
überall als die schönste hervorstrahltest nicht wahr Ida da würde dir wohl
sein da würdest du nicht mehr so viel an deinen Herrmann denken oder tätest
du es so würde es nur mit froher Hoffnung nie mit Tränen geschehen
Ich sehne mich nicht nach Unmöglichkeiten Mutter ich begehre nur in eurem
Hause zu glänzen wenn ihr es so nennen wollt
Und wenn deine Bestimmung der Hof wär
Ich danke Gott dass er es nicht ist
Wenn die Kaiserin dich unter ihre Frauenzimmer aufnähme
O die unvergleichliche Dame rief Ida indem sie Sophiens seidene Locke
küsste die sie noch immer an einer goldnen Schnur am Halse trug Ja ihr zu
dienen sie täglich zu sehen von ihr geliebt zu werden das wär etwas
Das du dir wünschtest Nun so freue dich deine Wünsche sind erfüllt Du
wirst die Dunkelheit die sich schlechter für dich schickt als du meinst
vielleicht morgen verlassen man wird dich nach Hofe fordern du wirst eine
Gespielinn der edelsten Jungfrauen dieses Landes sein und du hast nun nichts
weiter zu tun als dich ihnen gleich zu achten es gänzlich zu vergessen dass
du bisher unsre Tochter genannt wurdest
Mutter schrie das Mädchen indem sie von ihrem Sitz aufsprang euch
vergessen meine Herkunft vergessen mich in eine Sphäre mischen in welche ich
nicht gehöre Ihr versucht mich nein so eitel so pflichtvergessen ist Ida
nicht Ihr müsst mir nicht jede kleine Äußerung meiner Gedanken so übel
auslegen Ich liebe die Kaiserin weit weniger als euch möchte ihre
Gesellschaft nicht für die Eurige vertauschen Zärtlich schmiegte sich das
liebliche Mädchen bei diesen Worten an den Hals ihrer so genannten Mutter
welche in Tränen ausbrach sie fester an sich drückte und schluchzend
beteuerte sie verdiene die Liebe ihrer Ida nicht ein Ausdruck welcher dem
jungen Mädchen sehr anstößig war weil sie ihn nicht so gut verstand als der
Leser
Dreizehntes Kapitel
Wer spricht am klügsten der Mann oder die Frau
Der alte Münster kam des andern Tages gegen Mittag ganz atemlos nach Hause
bleich und entstellt warf er sich auf seinen Stuhl und schien lange Zeit nichts
von dem Fragen seiner Frau was ihm fehle zu verstehen
O Marie rief er endlich solch eine Zeitung du wirst erstaunen und bist
du klug dich so beunruhigen wie ich wenn du sie hörest Ich komme von Hofe
Ich ward vorgefordert Man hat mit mir von Ida gesprochen man verlangt sie
unter das Frauenzimmer der Kaiserin
Und das ist die schreckliche Zeitung
Weis Gott was die Ursach dieser so genannten Gnade ist Man sprach viel von
Idas Schönheit von dem Ruf ihrer Tugend Ich halte nichts von den Mädchen
welche so im Rufe sind sollte es auch wegen ihrer guten Eigenschaften sein
Ach Frau Frau dein unüberlegter Einfall sie an Allerheiligen so öffentlich
zur Schau zu stellen
Aber ich bitte dich was soll endlich aus der Dunkelheit werden in die du
sie einkerkern willst Ist sie deine Tochter willst du sie für irgend einen
ehrlichen Bürger unsers gleichen aufheben oder soll ein Ritter ihres Standes
kommen und sie unter deinen Schlössern und Riegeln aufsuchen Den guten
Herrmann von Unna hast du verjagt würdest du es einem andern besser machen
Sollten wir nie darauf denken ihr das wieder zu geben was wir ihr raubten
Wir Maria Wir Ich weiß wohl wer es tat du handeltest ich riet ab
und ach leider ich willigte endlich nur ein um dich nicht zu verlieren Du
weist wohl wie du mir das Kind aus den Armen rissest als ich einesmahls darauf
bestand es dem Grafen wieder zu bringen Entweder mich und das Kind riefst du
oder keins von beiden Wo sie ist bleibe ich auch ich kann sie nicht allein in
den Händen der neuen Gräfin lassen
Ida hatte einen Vater er würde sie geschützt haben
Alle diese Vorwürfe sind zu spät ich mache mir sie vielleicht nur gar zu
oft selbst alles was wir jetzt zu tun haben ist Vergütung dessen was wir
raubten Und doch was sage ich Vergütung Wem sind wir Vergütung schuldig
dem Grafen der Ida bei den Kindern seiner neuen Gemahlin vielleicht nicht
einmal vermisste oder ihr die wir zu einem Stande herabzogen für den sie nicht
geboren ist Graf Eberhardt mag meinetwegen immer einmal erfahren dass Ida
sein verlohrnes Kind noch lebt aber freuen wird es mich wenn dies nicht eher
geschieht bis wir ihr ohne seine Hilfe ohne seinen erlauchten Namen ein
Glück verschafft haben das ihrem Stande gemäß ist O dass du meine Anschläge
mit dem Ritter von Unna vereiteltest
Hast du vergessen was Herrmanns Familie Graf Eberhardten für Schimpf
erzeigte Der alte Berndt von Unna war einer der Anführer der Martinsritter Nie
wird der Graf ihm oder den seinigen die Händel bei Wisbaden verzeihen
Brauchten wir Graf Eberhardts Einwilligung zu Idas Glück Genug wenn sie
wieder in die Sphäre kam in welche sie gehörte das andere konnte sich geben
Unser Reichtum hätte Herrmanns Mangel am Vermögen ersetzt seine Tupferkeit
hätte ihn empor gehoben und alle meine Wünsche wären erfüllt gewesen Aber
leider hast du nun meine schönen Hoffnungen vernichtet Herrmann ist fort und
ich muss meine Plane von neuem entwerfen
Deine Plane Höre die Meinigen Marie Lass uns den offenen geraden Weg der
Redlichkeit gehen er ist der sicherste Lass uns die Zeit abwarten wenn Graf
Eberhart seine Händel mit den Reichsstädten abgetan hat es kann nun nicht lang
mehr anstehen Dann wird er ruhig auf seiner Burg sitzen und Muse haben die
Entdeckung zu genießen die ich ihm machen will Ich trete denn mit Ida und
allen Beweisen ihrer Geburt den Weg an ich stelle mich vor ihm und sage hier
Herr ist eure Tochter diese und diese Ursachen bewegten uns sie euch zu
rauben Wir haben gefehlt aber seht hier die Ersetzung des Geraubten Eure
kleine kränkliche in der traurigen Verfassung in welcher ihr damals wart
tausend Unfällen ausgesetzte Tochter geben wir euch erwachsen schön und
wohlerzogen zurück Wie meinst du Marie wird Idas Anblick uns nicht
Verzeihung erwerben
Verzeihung für das wofür uns im Grunde Dank geziemte Doch was soll dieser
Streit über das was geschah und was hätte geschehen sollen wir wissen was nun
geschehen wird Ida kommt nach Hofe Bleibt Herrmann ihr in der Ferne getreu so
findet er sie hier wieder geschieht dies nicht so kann ihr ihre Schönheit
andere Herzen erobern und sie ihrer Herkunft gemäß erheben ohne dass wir einer
Demütigung vor Graf Eberhardten nötig haben
Frau Frau rief Münster indem er Marien steif ansah mir geht ein
schreckliches Licht auf Sollte es möglich sein solltest du Teil an der
Begebenheit haben die mir so viel Kummer macht Soltest du durch Weiberlist
Idas Berufung nach Hofe bewirkt haben
Und wenns so wär was hätte ich damit gesündigt
Diesem Winke folgten tiefere Nachforschungen diesen das freie Geständnis
aller Schritte welche die Frau zu Ausführung ihrer Plane getan hatte und
diesem ein Ungewitter wie wohl in Mariens friedlichem Ehestande noch nie
eines über sie losgebrochen war
Es dauerte lange ehe die Frau durch Tränen Bitten und wahre oder
erkünstelte Reue über das was sie tat und was nunmehr unwiederruflich war
den ergrimmten Münster besänftigte und alles was sie erlangte war am Ende doch
nicht mehr als dass er sein erstes Wüten in bittere Vorwürfe und in
Vorstellungen verwandelte was aus ihrem unüberlegten Schritte erfolgen würde
Ich weis nicht sagte er ob du so töricht gewesen bist Winke von Idas
wirklichem Stande zu geben aber so viel versichere ich dich man wird sie nie
für das erkennen was sie ist wenn ihr Vater sie nicht öffentlich seine Tochter
nennt spielt sie denn auf der andern Seite ihre Rolle bei Hofe als ein
Bürgermädchen so wird sie ihrer Schönheit und Tugend zum Trotz gehasst und
verleumdet und wenn auch die Gnade ihrer Fürstin ihr zu Teil werden sollte
doch verachtet werden Der Neid ihrer Gespielinnen wird sie von der Stufe
drängen auf welche du sie ohne Schutz gestellt hast Die zügellosen Sitten an
Wenzels Hofe werden ihre Unschuld oder wenigstens ihren guten Namen vergiften
und höre die Strafe deiner Torheit die dir in kurzem bevorsteht und die
dich wahrscheinlich am empfindlichsten kränken wird du wirst das Vergnügen
deinen Abgott deine Ida zu sehen oder wenigstens eine nahe Zeugin ihres so
genannten Glücks zu sein nicht lang genießen Man spricht stark von einer Reise
des Kaisers nach Westphalen seine Gemahlin wird ihn begleiten und Ida wird
nicht zurück bleiben es müsste denn sein dass sie um diese Zeit schon ihre
schimmernde Rolle ausgespielt und beschimpft und verachtet in unser Haus zurück
geschickt worden wär welches freilich wohl sein könnte
Vierzehntes Kapitel
Hofscenen
Die Münsterin brach in Tränen aus Ihr Mann hatte recht die letzte Vorstellung
rührte sie am meisten Ida nicht mehr zu sehen welch ein Gedanke Gern hätte
sie zurück genommen was sie getan hatte um nur nicht die Trennung von
derjenigen erfahren zu müssen welche sie über alles liebte aber es war
nunmehr zu spät Ida ward noch diesen Abend zur Kaiserin gerufen und
bedeutet sie müsse sich entschließen das Haus ihrer Eltern zu verlassen und
das Hofleben zu versuchen
Es ist unmöglich die Verfassung des jungen Mädchens bei einem Antrage zu
beschreiben der ihr so unerwartet kam denn die Reden ihrer Mutter dünkten ihr
nur Scherz zu sein dessen Grund sie nicht einsehen und von welchem sie sich
selbst nicht erklären konnte ob er ihr Freude oder Kummer machte Allerdings
war etwas in ihr das ihr sagte sie sei nicht für die Sphäre geboren in
welcher sie bisher gelebt hatte aber doch war auch so vieles das ihr in ihrer
bisherigen Lage gefiel Sie sollte die ruhige Stille die sie liebte die ihrem
sanften Charakter so angemessen war mit dem Geräusch der großen Welt
vertauschen sollte Eltern verlassen um unter Fremden zu leben Münster sah
ihren Kampf und beklagte sie Ihre sogenannte Mutter drückte sie fest an ihr
Herz sprach vom Glück Schicksal Trennung und tausend Dingen deren Sinn das
Mädchen nicht einsehen konnte weil man nicht für gut fand ihr den kleinsten
Wink von demjenigen zu geben was sie doch so nahe anging Vielleicht würde
die Münsterinn jetzt bei dem Eintritt einer der wichtigsten Epochen ihres Lebens
kein Bedenken getragen haben ihr alle Geheimnisse zu entdecken aber Münster
verbot es ihr und sie musste sich entschließen nach so vielen eigenmächtig
getanen Schritten doch in einem Stücke zu gehorchen Die Kenntnis ihrer
Herkunft nützt ihr nichts sagte er sie wird ohne dieselbe weit weniger
Versuchung haben von der Demut der Bescheidenheit der löblichen
Zurückhaltung abzuweichen die ihr zukommen und die noch das einige sind was
sie auf dem schlüpfrigen Wege den sie antritt aufrecht erhalten können Auch
mag sie immer glauben dass man sie aus eigener Bewegung nach Hofe fordert dieses
kann ihr auf der andern Seite einen kleinen Stolz einflößen der sie veranlassen
wird nie die gute Meinung zu verscherzen welche man jetzt von ihr zu haben
scheint auch könnte es vielleicht sein gute Marie dass sie dir es in der Folge
nicht sehr danken würde dass du unvorsichtig genug warst ihr ihren
gefährlichen Posten zu erkaufen und es ist dir doch wohl daran gelegen in den
Augen der verständigen Ida nicht zu verlieren
Der Mann sprach wie ein Orakel man folgte ihm diesmahl und das junge
Mädchen ward mit allgemeinen guten Lehren abgefertigt welche in nicht viel
mehreren bestanden als darin sie sollte immer ihrem redlichen truglosen Herzen
gemäß handeln und sich in zweifelhaften Fällen des Rats ihrer Eltern bedienen
Münster war der altmodischen Meinung dass der gerade Weg nie trügen könne
Die Geschichte meldet nichts umständliches von Idas Aufnahme bei Hofe nur
dies sagt sie dass sie die Kaiserin für welche sie eine so große Ergebenheit
in ihrem Herzen fühlte bei weitem nicht so hold und gnädig fand als da sie sie
an Allerheiligen zum erstenmahl sah
Diese Erscheinung war etwas sehr natürliches Sophie so kurze Zeit auch
seit ihrem Leben am Hofe verflossen sein mochte war jetzt nicht mehr die junge
unerfahrne Prinzessin die beim ersten Schritt aus dem Kloster in die Welt von
jedem neuen Gegenstande heftig gerührt wurde und ihre Gefühle ohne lange
Überlegung ohne Zurückhaltung äußerte Auch hatte ihr die Fürstin von
Ratibor ein gewisses Bewustsein ihrer Hoheit eingeflößt welches sie hinderte
ganz so liebenswürdig zu sein als sie konnte sie war eine majestätische
Fürstin aber für den der ihr gleichgültig war keine einnehmende Frau und
gleichgültig war ihr Ida für den gegenwärtigen Augenblick Der ehemahlige
Eindruck war gänzlich verschwunden sie sah in Ida nichts als das gemeine
Bürgermädchen welches sich erkühnte schöner und einnehmender zu sein als ihr
Stand mit sich brachte Auch verlor Ida dadurch unendlich viel dass sie Sophien
aufgedrungen ward Der Kaiser hatte mit seiner gewöhnlichen heroischen Art
seiner Gemahlin erklärt dass er wünsche die junge Münsterinn unter ihrem
Frauenzimmer zu sehen Sophie hatte wie sie denn manchmal pflegte gefragt
warum und Wenzel hatte sich wohl gehütet zu antworten weil mir die Mutter
zweihundert und funfzig goldne Schilde dafür gezahlt hat sondern er hatte ganz
kaltsinnig seinen Willen und die Schönheit des jungen Mädchens zur Ursach
angeführt eine Erklärung welche von Sophien mit Stillschweigen und von ihrer
Oberhofmeisterinn mit einem höhnischen Seitenblick auf ihre Gebieterinn
beantwortet wurde
Soll ich Ew Majestät zur glänzenden Verwahrung ihrer Hofstatt
glückwünschen fragt die Fürstin von Ratibor als sie mit Sophien allein war
Die Kaiserin schwieg Nun wahrhaftig fuhr die Fürstin fort wenn wir die
gemeinen Bürgerdirnen unter unsere Fräuleins aufnehmen wollen so wird unser Hof
bald allen andern zum Muster dienen können Doch jedes Ding hat seine Ursach
Die Münsterinn wird für schön gehalten wie ich höre und Susanne wird alle Tage
hässlicher Ein kleiner Tausch ein Wechsel ist ja wohl dem Herrn des deutschen
Reichs erlaubt
Man hört aus dieser Probe dass die Oberhofmeisterinn Erlaubnis hatte sehr
frei mit Sophien zu sprechen sie war die einige Vertraute von Wenzels
unglücklicher Gemahlin und dieses gab ihr ein Recht zu sagen was sie wollte
Sie fuhr in ihrer giftigen Rede fort und fand so viel Eingang bei der Kaiserin
dass es Wunder war wie Ida noch so empfangen werden konnte als sie empfangen
ward
Das junge Mädchen merkte indessen wohl dass sie hier andere Blicke würde
ertragen lernen müssen als sie gewohnt war doch beredete sie sich dies sei
Hofton und rechnete das was ihr von dieser Art mehr als andern zu Teil ward
sehr demütig auf ihren niedrigen Stand Zuweilen fiel es ihr denn auch wohl
ein warum man sie aus ihrer Dunkelheit hervorgezogen habe wenn man ihr nicht
besser begegnen wollte doch half ihr die fromme Einfalt ihres Herzens alles zum
besten erklären und alles ertragen
Aller Augen waren indessen auf das junge Bürgermädchen gerichtet ungeachtet
alle sich stellten sie zu übersehen Die Männer flüsterten sich hinter ihrem
Rücken zu sie ist schön sehr schön und die Damen spähten mit Adleraugen nach
Fehlern an derjenigen welche so widerrechtlich in ihre glänzende Reihe
eingeschoben wurde
Keine von allen Frauen des Hofs war aufmerksamer auf Ida als die Fürstin
von Ratibor sie lauerte auf Gelegenheit die Meinung die sie Sophien von ihr
beigebracht hatte zu bestätigen Vergebliche Mühe Die junge Münsterinn wie
man sie hier nannte ging still und ruhig ihren Weg vor sich hin ahndete nicht
einmal dass sie bemerkt wurde und handelte doch so dass sie die Augen der
ganzen Welt zum Zeugen haben konnte Sie füllte ihren Platz bei Hofe aus wenn
es ihr ziemte brachte die übrige Zeit mit ihrem Mädchen auf ihrem Zimmer zu
ging täglich in die Kirche besuchte ihre Eltern an den Tagen da es ihr erlaubt
war und führte sich wenn Spiel oder Tanz bei Hofe war so anständig auf dass
alle Pfeile der Verleumdung von ihr abprallten Dazu kam auch noch dass der
Kaiser gar keine Notiz von ihr nahm und dadurch die Winke der Fürstin von
Ratibor die sie Sophien des Abends von Idas Aufnahme gab völlig Lügen strafte
Wenzel war wie bekannt kein Feind der Weiber aber die Schönheit der Dirnen
welche ihm gefielen brauchte von keinem so hohen Styl wie Idas Reize zu sein
Susannens Person war so ungefähr das Model von dem was ihn fesseln konnte
Da die Oberhofmeisterinn nichts schlimmers von dem jungen Mädchen zu sagen
wusste so schwieg sie gar Sophie hörte nichts böses mehr von Ida und da sie
sie täglich in ihrer vollen Liebenswürdigkeit vor sich sah so fing sie von
neuem an ihr gewogen zu werden Sie stach so gar sehr vor den andern Fräuleins
hervor welche sie zu bescheiden war ihre Gespielinnen zu nennen und die doch
immer ihrer stolzen verächtlichen Blicke ungeachtet nur wie ihre Dienerinnen
neben ihr standen Es war in diesen jungen Personen ein unablässiges Streben
einander zu verdunkeln ein Haschen nach Blicken der Aufmerksamkeit ein Ringen
nach einem Lächeln ihrer Fürstin und dieses ließ sie neben der holden
unbefangenen Ida in einem unendlich nachteiligen Lichte erscheinen
Es war zum Anfange schon genug dass Herrmanns Geliebte nicht mehr von ihrer
Gebieterinn verächtlich übersehen dass sie mit einigem Wohlwollen angeblickt
wurde es war nur ein kleiner Zufall nötig dieses Wohlwollen in Gewogenheit zu
verwandeln
Sophie hatte eines Tages Langeweile wie es wenn man es recht bedenkt
Fürstinnen in ihrer Lage oft begegnen muss Es ist unbekannt wie sie sich an den
Tagen an welchen sie keine Langeweile hatte zu beschäftigen pflegte aber so
viel ist gewiss dass an diesem alle gewöhnliche Artikel der Unterhaltung
ausgegangen waren So gar von Susannen gab es nichts zu sprechen denn der
Kaiser hatte jetzt da sich einige Hoffnung zeigte seine Gemahlin würde ihn
mit einem Erben beschenken sich von seinen Räten bereden lassen diesen Stein
des Anstoßes auf einige Zeit nach Kunradsburg zu schaffen Die Kaiserin durfte
jetzt schlechterdings keinen Anlass zu Verdruss und Ärgernis bekommen es hing
zuviel davon ab dass der schwankende Thron des schwelgerischen Wenzels durch
einen Reichsnachfolger befestiget wurde
An diesem Abende also der so ganz leer an Zeitvertreib war fiel es der
Kaiserin ein ihre Jungfrauen aufzufordern und einen Preis für diejenige
aufzusetzen welche irgend ein Mittel ausfündig machen könnte ihr die
schleichenden Stunden angenehm zu vertreiben
Augenblicklich kam alles in Bewegung jede der jungen Damen wollte ihre
Geschicklichkeit zeigen Die Sängerinnen die Tänzerinnen die
Märchenerzählerinnen drängten sich herbei und taten ihr Werk so gut sie
konnten aber entweder sie verstanden ihre Künste schlecht oder der Geist des
Unmuts der Sophien quälte war so hartnäckig dass er keiner Beschwörung
weichen wollte O schweiget schweiget rief die Kaiserin hört auf ich
bitte euch Was für Töne was für Schritte welche langweilige Tiraden wie
unglücklich bin ich solche ungeschickte Geschöpfe an meinem Hofe zu haben
O ihre Majestät klagen nicht rief die boshafte Ratibor Hier ist ja noch
die Münsterinn übrig sie steht so müßig und unbesorgt da als ob die Bedienung
ihrer Fürstin sie nichts angienge und doch zweifle ich nicht sie wär im
Stande alle unsere Fräulein mit ihren Talenten zu verdunkeln Kommt her
Jungfer fuhr sie in ihrem höhnischen Tone fort sprecht was für Künste
versteht ihr die Kaiserin zu unterhalten Ihr müsst nicht glauben dass man um
nichts und wieder nichts eine solche Stelle wie die eurige einnimmt
Ohne Zweifel war es die Absicht der heimtükischen Oberhofmeisterinn Ida
durch eine unvorhergesehene Aufforderung durch eine Aufforderung in diesem
Tone so aus der Fassung zu bringen dass sie sie möchte auch können was sie
wolle mit Schande bestehen müsse Ihr Anschlag verunglückte Ich spiele ein
wenig die Harfe sagte Ida mit einer freimütigen Verbeugung und ich würde
schon um Erlaubnis gebeten haben sie zu holen wenn ich es hätte wagen dürfen
Geschicktern als ich vorzugreifen oder wenn ich hoffen könnte
O hole hole sie mein Kind rief Sophie ich liebe sie die Harfe Ida
entfernte sich und die Fürstin von Ratibor erwähnte indessen gegen die
Kaiserin dass sie nächstens ihre Tochter aus dem Kloster erwarte welche wie
man ihr sage die Harfe meisterhaft spiele
Ida trat indessen mit ihrem Instrument herein stellte sich Sophien zur
Seite griff einige vorläufige Accorde welche die Meisterinn bezeichneten und
begann o ihr Genien der Harmonien welcher unter euch gab ihr den Gedanken ein
begann das Lied das auf die Kaiserin an ihrem Vermählungsfeste so eine
wundernswürdige Wirkung tat Sophie atmete kaum sie heftete ihr Auge fest
auf ihre reizende Harfnerinn die mit ihrem unschuldigen Engelsblick da stand
als ob sie nichts sähe als ihre Saiten und bald darauf ihr schönes Auge erhob
um den Worten die sie ihrer entzückten Zuhörerinn sang doppelten Nachdruck zu
geben Das Lied war zu Ende Sophie saß noch mit starr auf sie geheftetem
Blick als spähte sie dem letzten Ton der Harmonie nach da trat das liebliche
Mädchen näher setzte ein Knie auf die Erde nahm den Blumenkranz von ihrem
Haar und legte ihn wie es die Worte des Gesanges heischten zu Sophiens Füßen
Himmlisches Mädchen Zauberinn rief Sophie indem sie die Arme um Idas
Nacken schlug und sie küsste Welche Empfindungen hast du in meine Seele zurück
gerufen Steh auf mein Kind sagte sie nach einer Weile als sie die Blicke
ihrer Aufmerkerinn der Ratibor fest auf sich gerichtet sah steh auf du hast
deine Sachen gut gemacht Der Blick und der Ton der Kaiserin bei diesen
Worten war nicht ganz so gnädig als ihre Umarmung Ida erkühnte sich noch
einmal die dargebotne Hand zu küssen und trat auf die Seite
Und wär Ida die ausgelernteste Seelenkennerinn gewesen so hätte sie nichts
wirksameres ersinnen können das Herz der Kaiserin völlig zu erobern als das
Lied das sie sang Sophiens Empfindungen bei der Erscheinung der jungen Mädchen
an ihrem Hochzeitfeste mussten entzückend gewesen sein da schon die bloße
Erinnerung an diesen Auftritt sie so bezaubern konnte Doch Dinge von dieser Art
sind nichts ungewöhnliches für wem gibt es nicht gewisse Töne gewisse Winke
welche ihm den oder jenen Auftritt seines Lebens dermaßen vergegenwärtigen
können dass er alles was er damals fühlte von neuem zu erfahren glaubt und
ist die Erinnerung von angenehmer Art durch einen unwiderstehlichen Zug zu
demjenigen hingerissen wird der sie hervorbrachte
Sophie war aufgestanden und trocknete am Fenster ihre Augen Die Fräuleins
musterten die ruhig an ihre Harfe gelehnte Ida mit neidischen Blicken und die
Oberhofmeisterinn merkte an dass es sehr spät sei dass Ihr Majestät der Ruhe
bedürften und dass man sich entfernen müsse Sophie jahte es und man gehorchte
Funfzehntes Kapitel
Volles Licht des Hofglücks
Ohne Zweifel hätte die Fürstin von Ratibor es gerne gesehen wenn die junge
Harfenspielerinn das Zimmer ihrer Gebieterinn auf jene Art hätte verlassen
müssen wie eine ihrer Kunstverwandtinnen in unsern Zeiten aber entweder war es
etwas leichteres vor einer Kaiserin als vor einer Königin von Frankreich zu
spielen oder Ida war ihres Instruments mächtig und der Gegenwart einer
Monarchinn gewohnt genug um weder von dem einen noch dem andern bis zur
Ohnmacht angegriffen zu werden und sie entfernte sich also nebst den andern
ruhig mit ihrer gewohnten guten Art
Was für ein kaltes phlegmatisches Geschöpf ist dieses Mädchen rief die
Ratibor als sie mit ihrer Fürstin allein war Welche andere würde nicht durch
so viele Gnadenbezeugungen bis in das Innerste der Seele gerührt worden sein
und diese
Ich sah Tränen in ihren Augen sagte Sophie
O dann wenn sie weinen kann erwiderte die Oberhofmeisterinn
Ich bitte euch Ratibor sprach die Kaiserin mit ungewöhnlich finsterem
Blicke verbittert mir nicht alles was mir Freude macht
Eine Äußerung von dieser Art wär schon hinlänglich gewesen den Hass bei Idas
Feindinn auf das höchste zu treiben aber es stand ihr auf den andern Tag noch
ein kleiner Nachtisch für ihren Neid bevor
Ida ward in Sophiens Schlafzimmer gerufen Liebe Münsterinn sagte die
gnädige Dame ihr habt mir in der Tat gestern eine angenehme Stunde gemacht
Ich vergaß alles über euren hinreissenden Spiel auch das dass ich einen Preis
aufgesetzt hatte der ohne Zweifel euch zukommt und den ich euch noch schuldig
bin Er sei dieses Band das euch zu meiner nähern Bedienung berechtigt denn
mit Kleinoden setzte sie lächelnd hinzu darf man doch bei euch nicht kommen
ihr habt mir schon einmal etwas dergleichen abgeschlagen
Ida empfing kniend das kaiserliche Geschenk und die Fürstin von Ratibor
bekam Befehl es ihr anzulegen es war ein Band von himmelblauen Sammt welches
von der rechten Schulter auf die linke Hüfte in einer großen Schleife gebunden
ward und das nur die ersten Staatsfräuleins der Kaiserin tragen durften
Ida war erstaunt bestürzt von diesem Übermaas von Gnade und doch getrauen
wir uns zu sagen dass sie den ganzen Umfang derselben bei weitem nicht so stark
fühlte als die Fürstin von Ratibor Das Mädchen war in jenem glücklichen
Alter in welchem uns der Unterschied zwischen Gnadenbändern und Sternen und
zwischen einem leicht geknüpften Band im lockigten Haar oder einer
frischgepflückten Morgenrose noch nicht so gar groß dünkt wo wir nichts weiter
sehen als dass beide zur Zierde dienen Doch bekam Sophiens Geschenk durch die
Hand der geliebten angebeteten Geberinn einen hohen Wert in Idas Augen und sie
dankte mit unverstellter Rührung Die Fürstin von Ratibor machte ungefähr so
eine Miene wie weiland der persische Hofmann als er dem ebräischen Weisen die
Kennzeichen der königlichen Gnade anlegen musste doch verlor sich am Ende ihr
hämischer Blick in jenes bitter süße Lächeln welches freilich eine so
unschuldige Seele wie Idas nicht zu entziffern wusste Ida verbeugte sich
nachdem sie ihre Danksagung bei der Kaiserin abgelegt hatte mit der ihr
eigenen Holdseeligkeit gegen die Fürstin von Ratibor und ward von ihr mit
einer gnädigen Umarmung beehrt
Sie ist doch mit alledem ein reizendes Geschöpf diese Münsterinn sprach
die Fürstin zu Sophien indem sich Ida entfernte schade dass sie nur ein
Bürgermädchen ist
Die Blicke aller Fräuleins waren neidisch auf Idas blaues Band gerichtet
ein Ehrenzeichen welches nur drei oder viere von ihnen zu tragen gewürdigt
waren aber das junge Mädchen bemerkte nichts davon begegnete ihnen mit ihrer
gewöhnlichen Ehrerbietung ohne über den empfangenen Vorzug einen Stolz zu
äußern und harrte unruhig dem Abend entgegen an welchem es ihr erlaubt war
ihre Eltern zu besuchen Sie wollte sich ihnen in ihrem Schmucke zeigen sie
wusste dass sie dass wenigstens die Mutter durch die Ehre die ihr wiederfuhr
erfreut werden würde
Sie hatte recht nur die Mutter war es welche sich freute Münster sah trüb
und gedankenvoll aus und wiederholte seine Ermahnungen an das junge Mädchen
behutsam und immer ihren Grundsätzen treu zu sein
Von dem Tage an da Ida das erste Gnadenzeichen von ihrer Fürstin erhielt
schien sich ihr Ansehen fast stündlich zu vermehren sie hatte öfter die
Aufwartung bei Sophien als ihre Gespielinnen weil sich diese von niemand lieber
bedienen ließ als von ihr Kein Abend vergieng da sie nicht mit ihrer Harfe im
Kabinet der Kaiserin erscheinen musste und alle ihre kleinen Talente wurden
hervorgesucht um ihre Gebieterinn zu unterhalten Ob Ida darum glücklicher war
lässt sich schwer bestimmen sie beredete sich sie sei es weil man sie zum
Glück einer dritten Person für nötig hielt aber im Grunde vermisste sie wohl
bei dem unaufhörlichen Zwange in welchem sie lebte die ruhigen Stunden die
sie anfangs auf ihrem einsamen Zimmer zubrachte und so manchen heitern Abend
da sie ihre Eltern sehen und sich in ihre ehemahlige Lage zurückträumen konnte
Augenblicke welche jetzt immer seltener wurden
Auch fehlte es ihr jetzt da sie fast beständig um die Monarchinn war nicht
an mancherlei andern kleinen Leiden Sophie war nicht allemahl heiter sprach
nicht allemal liebe Münsterinn wenn sie mit ihr redete Spuren von neckender
Verleumdung zeigten sich immer ob sie gleich wenig zu sagen hatten Bald war
Ida an Orten gesehen worden wo Sophiens Fräuleins nicht hingehen durften bald
hatte sie in der Kirche gelacht bald unehrerbietig von der oder jener alten
Ehrendame gesprochen oder beim Tanze zu frei mit einem Ritter gescherzt
Anklagen welche die Unschuld des Mädchens allemal so schnell vernichten konnte
dass sie ihr selten mehr als einige trübe Minuten machten denn Sophiens Gnade
kehrte allemahl nach solchen überstandenen Stürmen mit verdoppeltem Glanze
zurück und die Oberhofmeisterinn lächelte lieblicher als jemals
Die Fürstin von Ratibor hatte gehoft Ida würde das gewöhnliche Hofglück
erfahren ihr Ansehen würde so schnell und mit so leichten Mitteln zu vernichten
sein als es entstanden war jetzt da diese Hoffnung getäuscht ward zählte sie
auf noch ein wirksames Mittel ihre Absichten zu erreichen auf die Erscheinung
einer neuen Person Das Neue pflegt ja immer das Alte zu verdrängen und Ida
genoss schon über einen Monat die Gnade der Kaiserin
Die Tochter der Fürstin von Ratibor die junge Imago wurde bei Hofe
erwartet sie war im Kloster erzogen worden man sagte Wunderdinge von ihren
Vollkommenheiten und ihre leichtgläubige Mutter ermangelte nicht gewaltig in
die Posaune zu stoßen und alles auszubreiten was die Klosterfrauen von dem
jungen Fräulein überschrieben Sie triumphirte in den Gedanken die verhasste
Münsterinn bald durch ihren Liebling verdunkelt zu sehen Fast war ihr der Sieg
über ein so gemeines Mädchen zu klein und sie sann auf Mittel sich noch mehr
Genugtuung für den Verdruss den sie bisher erlitten hatte zu verschaffen
Imago erschien und da der Eindruck den sie auf ihre Mutter machte nicht
sonderlich war so lässt sich erraten dass sie bei Hofe noch weniger Aufsehen
verursachte Sie ward vorgestellt ganz gnädig aufgenommen erhielt das blaue
Band welches Ida nur durch ihre Verdienste erwerben konnte wegen ihres Standes
auf den ersten Anblick und ob gleich ihr Auge sich nach mehreren auszeichnenden
Gnadenbeweisen umzusehen schien so war doch dieses für diesmahl alles was ihr
zu Teil ward Sie konnte ruhig in die Reihe ihrer nunmehrigen Gespielinnen
treten ohne dass den ganzen Abend wieder nach ihr gefragt wurde Doch ging des
andern Tages bei Hofe die Rede die junge Prinzessin von Ratibor sei recht
schön gewiss recht schön und auch artig und überdies wie es schien von recht
gutem Gemüt Dinge die man so oft sagte und sich sie mit so vielem Eifer
versicherte als ob man vermutete es könnten Zweifel dawider gemacht werden
Die Fürstin von Ratibor sah ihre Plane abermals verunglücken sie hatte
eben nicht willens ihre Imago lange im Dienste der Kaiserin zu lassen in
welchem sie das Unglück hatte einer Bürgerinn an die Seite gestellt zu werden
man dachte auf ihre Vermälung Man erwartete einen jungen italienischen Prinzen
bei Hofe die Prinzessin von Ratibor war nicht hässlich ihre Eltern waren im
Stande sie ganz artig auszustatten und es ließ sich hoffen dass man wohl hier
durch Hilfe geschickter Mittelspersonen eine Heirat stiften könnte Um bis
dahin die Zeit nicht müßig zuzubringen beschäftigte man sich von Seiten der
Fürstin von Ratibor den Vorrat von Imagos Talenten zu untersuchen und zu
sehen ob sie etwa von besserm Gehalt wären als ihre Schönheit Die junge Dame
mochte in der Tat im Stande gewesen sein in einem Kloster mit dem was sie
konnte etwas außerordentliches vorzustellen aber in der Welt taugten alle
ihre erworbenen Geschicklichkeiten weniger als nichts es fand sich so vieles
das ganz hinweggeworfen so vieles das erst ein wenig aufgestutzt werden musste
um einiges Aufsehen zu machen und ach noch so unendlich mehr welches ganz
fehlte und nun erst nachgeholt werden musste Das arme kleine Geschöpf ward
genötigt sich der Quaal des mühsamen Lernens welche sie überstanden zu haben
glaubte von neuem zu unterwerfen um nur eine erträgliche Figur zu machen Die
wenige Munterkeit welche sie noch etwa besaß und die vielleicht wohl
angewendet hätte liebenswürdig machen können ging über dieser Anstrengung
verloren sie ward in ihrem Hause mürrisch und ungestüm bei Hofe eine
Träumerinn und bald kam die gewöhnliche Frucht vergeblicher schmerzhafter
Bemühungen nach unerreichbaren Vollkommenheiten der Neid zum Vorschein und
machte sie die sonst wohl in ihrer Sphäre hätte gefallen können zur
unerträglichsten aller Kreaturen
Die Fürstin von Ratibor bemerkte diese Dinge mit Betrübnis sie zitterte
wenn man ihre Tochter ansah zitterte wenn sie angeredet ward und suchte alle
Gelegenheit zu vermeiden Imagos ehedem gerühmte Vollkommenheiten wieder ins
Andenken zu bringen Gleich in den ersten Tagen ihrer Erscheinung bei Hofe hatte
es die Gelegenheit gegeben vom Harfenspiel zu reden Sophie hatte sich
erinnert dass einst die Geschicklichkeit der Prinzessin auf diesem Instrumente
dem Zauberspiel ihrer Ida an die Seite gesetzt wurde sie forderte Proben die
jungen Künstlerinnen mussten certiren und die Sache fiel so sehr zu Imagos
Beschämung aus dass ihre Mutter wünschte geschwiegen zu haben und sich und ihre
Tochter nur hinter dem Ausspruch retten konnte es käm Prinzessinnen nicht zu
solche Kleinigkeiten mit der Application zu treiben wie Personen welche
vielleicht Profession davon machen wollten
Ida war betreten teils über den Wink der sie zur Tonkünstlerinn von
Profession machen wollte welches in den damaligen Zeiten kein kleiner Schimpf
war teils weil sie wider Willen etwas beigetragen hatte eine junge Person zu
demütigen welche sie nie beleidigt hatte man hätte sie in diesem Augenblicke
nach ihrer niedergeschlagenen Miene für die Überwundene halten sollen und sie
war nicht im Stande den Beifall der ihr zu Teil ward mit frohen Herzen zu
genießen Sie war nach der Hand zurückhaltender mit ihren Geschicklichkeiten
und da es der Prinzessin von Ratibor nie wieder einfiel sich neben sie zu
stellen so lebte man auf einen ganz artigen Fuß mit einander.
Es war zu verwundern man hätte denken sollen die vielen fehlgeschlagenen
Versuche der Fürstin von Ratibor die junge Münsterinn zu verdunkeln mussten
nach dem Charakter der ihr eigen war den bittersten Hass gegen Ida nach sich
gezogen haben aber es ereignete sich das Gegenteil Sie schien ihr gewogen zu
werden sie gestattete ihrer Tochter mit ihr zu sprechen lud sie zuweilen in
ihren Pallast ein und trat endlich mit dem Antrage hervor Imagos
Lehrmeisterinn in der Tonkunst zu werden ein Zumuten welches Ida mit soviel
Herzlichkeit annahm als sie ein ihr vorläufig angebotnes sehr kostbares
Geschenk für diese Bemühung ausschlug und alle künftige Erbietungen von dieser
Art verbat
Ida war also so oft es die Aufwartung bei Hofe erlaubte in dem Hause der
Fürstin von Ratibor sie suchte Imagos Talente auszubilden künstelte
zuweilen an ihrem verschobenen Charakter suchte Gefühle in ihr zu erwecken
welche ihrem Stande angemessen waren aber nicht aus jedem Holze lässt sich
ein Götterbild schnützen Imago blieb was sie war und gab Ida zu verstehen
dass sie sie lieber unter dem Namen der Freundin als der Lehrerinn um sich
dulden möchte
Die jungen Mädchen wurden vertraut es gab Stunden wo man den Unterscheid
des Stands ganz zu vergessen schien sie spazierten sie spielten sie badeten
mit einander und zuweilen geschahe es dass sie sogar auf einem Lager ruhten Die
alte Münsterinn freute sich dieser Ehre wenn Ida bei ihren Besuchen ihr
zuweilen davon erzählte aber ihr Mann schüttelte den Kopf und erzählte die
Fabel von der irdenen und ehernen Schale welche er einmal von einem Mönche
gelernt hatte Vertraulichkeiten von dieser Art sagte er haben ihre eigenen
Folgen man entdeckt sich einander zu treuherzig und hat oft in der Folge
Ursach es zu bereuen Es sollte mich wundern wenn die Prinzessin noch nie
Versuche gemacht hätte deine kleinen Geheimnisse auszuspähen
Geheimnisse mein Vater rief die lächelnde Ida ich habe keine
Münster drohte mit dem Finger und nannte den Namen Herrmann
Es ist wahr erwiderte Ida mit Erröten Imago hat etliche mahl mit mir
über diesen Namen gescherzt ich muss ihn im Traum genannt haben denn wachend
erwähne ich ihn nie
Ich wollte du tätst es auch nicht im Traum sprach Münster der sich nicht
enthalten konnte über die unschuldige Antwort des Mädchens zu lachen
Und dann fuhr Ida fort jetzt fällt mir noch etwas ein welches die
Prinzessin tat und das mir nicht ganz lieb war Ihr wisst doch das kostbare
Geschenk meiner Kaiserin ihre Locke ich habe sie seit ich bei Hofe bin
nicht öffentlich getragen ein solcher Schmuck würde mir ein prahlerisches
Ansehen gegeben haben aber mich gänzlich von diesem lieben Kleinod zu trennen
war unmöglich es kommt nie aus meinem Busen wird nie abgelegt als wenn ich
bade Bei einer solchen Gelegenheit sah es die Prinzessin und hatte mir es
ich weis nicht aus welcher Neckerei heimlich entwendet Ich leugne nicht es
entstand ein kleiner Streit unter uns sie wollte mir es nicht gestehen bis ich
die goldne Schnur an ihrem Halse sah und damit die Locke aus ihrem Busen
hervorzog noch hielt sie sie scherzend fest und wollte mir sie nicht ehe
überlassen bis ich ihr die Geschichte wie ich zu diesem Geschenk kam
umständlich erzählt hatte sie schien schon von dem ganzen Vorgang durch ihre
Mutter unterrichtet zu sein welche wie ihr wisst bei dieser Gelegenheit
gegenwärtig war und drang nur in mich zu wissen was ich mit diesem seltsamen
Schmuck mache ich lachte und machte einen Scherz daraus Ich glaube sagte ich
die Kaiserin wird mich immer lieben so lange ich einen Teil von ihrem Selbst
auf meinem Herzen trage
Das war eine sehr wunderliche Rede sprach Münster mit Kopfschütteln und
ich bitte dich nochmals mein Kind sei behutsam und hüte dich für allzugrosser
Vertraulichkeit mit Personen welche es wie ich gewiss glaube im Grunde böse
mit dir meinen
Sechszehntes Kapitel
Ein seltsames Gnadenschreiben
Der junge Prinz auf den man für die Prinzessin von Ratibor die Augen geworfen
hatte erschien Es war ein reicher Herr von den größten Hoffnungen aus dem
Hause Viskonti Vorläufige Unterhandlungen waren schon getroffen man hatte ihm
von Imagos Schönheit mit den gewöhnlichen Vergrösserungen gesprochen er brannte
vor Verlangen sie zu sehen er ward ihr vorgestellt und wahrscheinlich machte
er einen größeren Eindruck auf sie als sie auf ihn denn er sah sie an Idas
Seite Welches Mädchen hätte neben dieser auf Eroberungen Anspruch machen
können und was hatte die Prinzessin von Ratibor sie die den meisten andern
Schönheiten nachstehen musste was hatte sie denn zu erwarten Er wandte kein
Auge von Ida und selbst nachdem man ihm von dem geringen Stande derjenigen
welche seine Aufmerksamkeit zu reizen schien Nachricht gegeben hatte welches
unvorzüglich geschah selbst dann konnte er sich noch nicht überwinden seiner
bestimmten Braut etwas mehr als etliche Seitenblicke zu gönnen indessen er
fortfuhr sich in Idas Anschauen zu vertiefen welche hiedurch so aus aller
Fassung gebracht wurde dass sie sich entfernen musste
Ida ward nicht mehr in den Pallast der Fürstin von Ratibor gefordert und
Imago schien wenn sie sie bei Hofe traf ihre alte Freundin nicht mehr zu
kennen Der Prinz besuchte den Pallast der Fürstin von Ratibor oft ohne
diejenige wieder zu finden welche er eigentlich daselbst suchte er sah Ida bei
Hofe und brauchte eben so wenig Vorsicht die Bewunderung mit welcher er sie
betrachtete zu verbergen als bei ihrem ersten Anblick Man sagte ihm zu
wiederholten mahlen dies bewunderte Mädchen nenne sich Ida Münsterinn aber der
Name schien nicht die Wirkung zu haben die man erwartete er fuhr fort zu
schauen und Gelegenheit zu suchen diese außerordentliche Person auch zum
Sprechen zu bringen Das letzte mislang Ida floh ihn auf alle mögliche Art
weil sie seine Liebe merkte die Anträge eines Prinzen nicht anhören ihre
Freundin nicht ausstechen und Herrmann nicht vergessen mochte Der junge
Italiener hielt sich nur so lange zu Prag auf als er Zeit brauchte sich zu
überzeugen dass er nichts von derjenigen die er liebte zu hoffen hatte Er
vergas in der Eil von der Prinzessin von Ratibor Abschied zu nehmen und hatte
überhaupt während seinen ganzen Aufenthalt an Wenzels Hofe nicht ein Wort von
der Ehre gedacht welche man ihn daselbst zuteilen wollte
So war denn die gute Imago samt ihrer ehrgeizigen Mutter abermahl
getäuscht Man war so weit gegangen unter der Hand schon die Glückwünsche des
Hofs zu der bevorstehenden Vermählung anzunehmen und die Beschämung zurück
gesetzt zu sein war also nicht gering
Alle Schuld der fehlgeschlagenen Hoffnung ward auf die unschuldige Ida
geschoben welche weiter nichts verbrochen hatte als das sie schöner war als
Imago als die meisten ihrer Gespielinnen Die Oberhofmeisterinn und ihre
Tochter vermochten die Wut die in ihren Herzen kochte fast nicht mehr zu
bergen und Ida würde schreckliche Dinge geahndet haben wenn ein Verdacht in
ihr unbefangnes trugloses Herz hätte kommen können
Ihre sogenannten Eltern dachten in diesem Stücke anders Beide hielten es
nicht für gut das junge Mädchen furchtsam zu machen aber ihr gefahrvoller Stand
war oft bis tief in die Nacht der Gegenstand ihrer ängstlichen
Beratschlagungen und jedes beschloss in der Stille seine Maasregeln zu nehmen
damit das Leben und die Ehre derjenigen welche ihnen so teuer war auf alle
Art sicher gestellt würde
Die alte Münsterinn war in diesem Stück noch weit ängstlicher und sorgsamer
als ihr Mann Der Fürst von Ratibor und sein ganzes hohes Haus war bei ihr in
sehr schlechtem Kredit sie wusste hundert Geschichten zu erzählen von welchen
immer eine schrecklicher als die andere war und welche alle bewiesen dass
diejenigen, welche das Unglück hatten ihm oder den seinigen zu missfallen sich
aus der Welt verloren ohne dass man genau zu sagen wusste wohin sie gekommen
waren wie leicht war es dass die unglückliche Ida auf ähnliche Art verloren
ging und welche Sicherheit konnte der besorgten Matrone die den Mutternamen
bei dem jungen Mädchen führte wohl groß genug sein ihr Leben zu schützen
Es ist zu glauben dass alle die Dinge mit welchen sich die alte Münsterinn
quälte in die Reihe der Gespenstermärchen gehörten welche zu den damaligen
Zeiten sehr Mode waren aber leider haben erdichtete Schreckbilder einen eben so
großen Einfluss auf schwache Gemüter als Wahrheiten und sie haben vor den
letzten noch das zum Voraus dass man um ihnen zu entfliehen meistens Mittel
wählt die so seltsam ersonnen sind dass sie uns würklichem Unglück entgegen
führen
Und die Besorgnisse im münsterschen Hause zu vermehren entstand das
Gerücht welches bald darauf von Idas Mund bestätigt wurde dass die Reise des
Kaisers nach Westphalen von welcher so lang gesprochen worden war in wenig
Wochen vor sich gehen und dass also Ida wenn sie dem Hofe folgte bald ganz
hilflos der Bosheit ihrer Feinde überlassen sein würde
Münsters erster Gedanke auf diese Nachricht war seine so genannte Tochter
wieder in sein Haus zu nehmen seine Frau stimmte diesmahl aus vollem Herzen
ein und Ida welche nie einen andern Willen hatte als diejenigen, welche sie
ihre Eltern nannte widersprach nicht
Der Antrag ward getan Aber die Kaiserin hatte sich so an ihre reizende
Gesellschafterinn gewöhnt dass an keine Trennung zu denken war und dass die
Bitte des alten Münsters die er in Person vortrug abgeschlagen ward Ich danke
euch guter Alter sprach Sophie mit ihrer gewöhnlichen Herablassung ich danke
euch dass ihr mir eure Tochter so lang gönntet aber wollt ihr sie jetzt von mir
nehmen so ist das vergangene kaum dankenswert den es nahen sich mir jetzt
Stunden in welchen ich die liebreiche Wartung und die heitere Unterhaltung des
guten Mädchens doppelt nötig habe sie muss mir die Geister des Unmuts
hinwegschwatzen und spielen oder gönnt ihr ihr nicht die Ehre eurem künftigen
Herrn die ersten Wiegenlieder zu singen
Dieses hies den alten Münster auf seiner schwachen Seite angreifen Es
verstand sich dass an Idas Rückkehr in sein Haus nicht mehr gedacht wurde da
aber nichts im Stande war seine Besorgnis um sie wenn er nicht täglich von ihr
hören konnte zu heben so fasste er einen Entschluss den wir in der Folge sehen
werden seine Frau fasste in der Stille auch den ihrigen setzte ihre noch
übrigen hundert und funfzig goldne Schilde daran ihn auszuführen und ging dabei
mit ihrer gewöhnlichen Voreiligkeit zu Werke
Der Tag der Abreise nahte heran aber es ereigneten sich Umstände welche
weder die Geschichte noch die Sage3 deutlich benennt die Wenzeln nötigten
noch einige Zeit in Prag zurück zu bleiben und seine Gemahlin nebst ihrer
Hofstatt allein abgehen zu lassen
Der ganze Hof war zur Abschiedsaudienz im Vorgemach des Kaisers versammelt
als sich eine Sache zutrug welche jedermann und diejenige welche sie
unmittelbar betraf in das größte Erstaunen setzte Schon hatte Wenzel mit den
Vornehmsten von Sophiens Hofstatt gesprochen und der geringere Teil derselben
sollte wie gewöhnlich auf allgemeine Art entlassen werden als Ida aus dem
Haufen ihrer jungen Gespielinnen hervorgerufen und bedeutet wurde von den Kaiser
zu treten
Seid ihr Ida Münsterinn fragte er
Das Mädchen antwortete mit einer bejahenden Verbeugung
Ein Wink des Kaisers befahl einem hinter ihm stehenden Geheimschreiber ihr
ein großes Pergament mit dem kaiserlichen Siegel zu überreichen
Ida ward bestürzt
Ihr könnt dieses Geschenk sagte Wenzel nicht so außerordentlich finden
als es mir selbst vorkommt aber man hat es für gut gefunden es für euch bei mir
zu suchen und ich bin ein zu liebreicher Vater meiner Untertanen um auch dem
geringsten von ihnen eine mögliche Bitte zu versagen Geht und seid meiner
kaiserlichen Gnade versichert
Ida trat voll Verwirrung zurück Jedermann drängte sich um sie jeder wollte
den Inhalt dieses rätselhaften Blattes wissen aber sie eilte zu der Kaiserin
es ihr zu überreichen welche es einem Kammerherrn gab der es zu allgemeinem
Erstaunen folgendermaßen vorlas
»Wir Wenzeslaus etc nehmen dich Ida Münsterinn in unsern kaiserlichen
Schutz so dass wir dein Leben und deine Ehre von der Hand dessen fordern auf
welchen der kleinste Schein des Verdachts beruht sie angetastet zu haben auch
begnadigen wir dich mit dem Vorrechte dass keiner über dein Leben und Tod zu
sprechen habe als wir auch keiner dich wegen irgend einer Anschuldigung
belangen könne als vor unsern unmittelbaren Gericht oder vor denen welche
unter Königsbann an unserer Stelle sitzen etc«
Wer verkennt hier wohl die Hand der gutherzigen der voreiligen Münsterinn
sie hatte nichts unterlassen wollen die geliebte Ida sicher zu stellen und
hatte also für das beste gehalten ihr den unmittelbaren kaiserlichen Schutz zu
erkaufen Wenzel welcher immer bereit war das zu tun was man auf diese Art von
ihm bat hatte vielleicht im halben Rausche eine Schrift ausfertigen lassen
welche jedermann ein Rätsel sein musste und die im Grunde derjenigen welcher
sie zum Besten gereichen sollte mehr Nachteil als Nutzen brachte
Jedermann sah sich nach Verlesung dieses Schreibens mit verwunderungsvollen
Augen an einige verächtliche Seitenblicke fielen auf Ida und alle kamen darin
überein es müsste eine außerordentliche Bewandnis mit diesem Mädchen haben
Ordentlicher Weise brauche die Unschuld keinen andern Schutz als sich selbst so
viel man wisse habe noch niemand es sich einfallen lassen verdächtige
Anschläge auf Ida zu machen oder sie vor irgend einem Gericht zu belangen
dieses müsse vorborgene Bewandnisse haben und was der seltsamen Reden mehr
waren
Ida stand voll Bestürzung da sie fühlte dass diese seltsame Begebenheit
einen verdächtigen Schein auf sie warf ungeachtet sie von allen dem was
darüber gesprochen wurde nichts vernahm sie nahte sich der Kaiserin und bat
um Erlaubnis dieses außerordentliche Gnadenschreiben dem Monarchen in Demut
zurückgeben zu dürfen Ich fordere sagte sie keine andere Sicherheit als die
ein jeder in dem Schutz eines guten Fürsten findet keine andern Vorrechte als
die mir die Gnade meiner Kaiserin gewährt
Nein nein rief Sophie die die ganze Sache aus einem andern Gesichtspunkte
ansah als die andern mit einem kleinen Lachen nein nein Ida dieses Schreiben
will ich zu deinem Besten verwahren und wenn es weiter keinen Nutzen hat so
wird es einst deinen Enkeln sagen dass du ein würdiger Gegenstand der besonderen
Vorsorge deines Fürsten warst
Diese Begebenheit ward ein Gegenstand des allgemeinen Gesprächs sie kam vor
Münsters Ohren ehe Ida noch Gelegenheit hatte ihn selbst davon zu
benachrichtigen Er erriet den Ursprung derselben ohne Mühe und hielt mit
seiner Frau ein sehr ernsthaftes Gespräch über die seltsamen Dinge die sie die
Neigung für ihren Liebling begehen machte Die Münsterinn beteuerte dass sie
nichts bei dem Kaiser gesucht habe als sein besonderes Ansehen auf Idas Bestes
ohne eben darüber eine schriftliche Ausfertigung ein Schreiben in Gestalt eines
eisernen Briefs zu fordern Münster welcher seine Frau selten auf einer Lügen
ertappt hatte glaubte ihr und das Ganze musste also einer von den Streichen
sein wie Wenzel sie zuweilen im Rausche beging wenn man es nicht lieber einen
sonderbaren Zug des Schicksals nennen will eine von ihm ausgezeichnete Person
außerordentlichen Begebenheiten entgegen zu führen
Siebzehntes Kapitel
Ein fürchterliches Ungewitter
Ida letzte sich mit ihren Eltern Die Mutter schwamm in Tränen aber der Vater
war getrost und sprach von baldigem Wiedersehen
Der Abschied war auf allen Seiten vorbei die Reise ward angetreten aber
verzeihet meine Leser wenn ich von dieser Gegend meiner Geschichte bis auf
einen gewissen Zeitpunkt so wohl was Zeit als was den Ort betrifft unbestimmt
reden muss die Mängel meiner Urkunden sind Ursach an meiner Ungewissheit
Die Kaiserin hatte den Ort an welchen für diesmahl ihre Reise ging in
einer Zeit erreicht die ich nicht nahmhaft zu machen weis sie sah ihrer
Niederkunft täglich entgegen Den Kaiser hielt Krankheit oder etwas anders ab
nicht so wie ihm zukam bei dieser großen Begebenheit gegenwärtig zu sein doch
hatte er Sorge getragen alles zu bestimmen wie es in seiner Abwesenheit bei der
Erscheinung des jungen Tronerben sollte gehalten werden Die Böhmen murrten
dass man durch eine unzeitige Reise sie um das Glück gebracht hatte ihren
künftigen Beherrscher in seinem Lande zum erstenmahl weinen zu hören um sie zu
trösten ward ein engerer Ausschuss ihrer Vornehmsten ausgesandt ihrer
Monarchinn beim Wochenbette aufzuwarten und als Zeugen bei Aufnahme des jungen
Herrleins ein Prinz musste erscheinen in den Schoss der Christenheit
gegenwärtig zu sein Von Fürsten und Herren war zu dieser feierlichen Handlung
niemand erbeten als der Herzog von Bayern der Vater der erhabenen
Kindbetterinn und der Graf von Württemberg ihr Pate
Sie so wohl als die treuen Böhmen erschienen zu rechter Zeit und es fehlte
niemand mehr zu Feierung des großen Festes als die Hauptperson er um dessen
willen alle zugegen waren Kaiser Wenzels künftiger Erbe
Der gewünschte Tag verzog sich von einer Zeit zur andern die Kaiserin war
kränklich ihre Schwäche verwandelte sich in Krankheit in gefährliche
Krankheit sie war dem Tode nahe das ganze Land schrie um ihre Rettung zum
Himmel und endlich erschien eine tote Prinzessin
Ich weiß nicht ob es in den damaligen Zeiten etwas unerhörtes war auf
diese Art in seinen liebsten Hoffnungen getäuscht zu werden oder ob wenigstens
Fürsten dieses niemals wiederfuhr genug diese traurige Begebenheit verbreitete
ein solches Schrecken über alle welche nah und fern davon hörten als wenn nie
zuvor auf diesem Erdenrund etwas ähnliches geschehen wär Die Personen welche
hieran Anteil nahmen und wer nahm nicht an allem Anteil was die geliebte
Sophie betraf teilten sich in zween Haufen davon der eine sich mit den
Vorzeichen der andere mit den Ursachen dieser großen Begebenheit beschäftigte
indessen nur wenige an das wichtigste an die Folgen derselben dachten
Die Lehre von den Vorzeichen war damals einer der wichtigsten
Glaubensartikel und ich hätte niemand raten wollen denen zu widersprechen
welche alle seit zehn Jahren erschienene Kometen Himmelszeichen und
gewöhnliche Naturprodukte auf Sophiens todtgeborne Prinzessin deuteten
Diejenigen, welche sich bestrebten die Ursach von der fehlgeschlagenen Hoffnung
eines ganzen Volks zu ergründen verstanden noch weniger Scherz als ihre
Gesellen von der ersten Ordnung und es würde bei ihnen Hochverrat gewesen
sein wenn man hätte mutmaßen wollen dass die unzeitige Reise oder die
unwissenden Ärzte der hohen Kindbetterinn hier wohl einigen Einfluss haben
möchten oder dass das letzte Ärgernis der Kaiserin könne geschadet haben als
sie durch dienstfertige Briefe aus Prag erfuhr dass die Susanne von welcher man
ihr beredet hatte sie sei gänzlich abgetan wieder erschienen sei ihren Platz
an Wenzels Seite öffentlich behaupte in den kaiserlichen Zimmern als in den
ihrigen hause und keine geringen Hoffnungen auf Sophiens Tod baue welcher bei
ihrer Niederkunft wohl erfolgen könne
Dinge von dieser Art waren nichts in den Augen unserer Klügler ihre
Nachforschungen gingen weiter Zauberei Zauberei war es was das Land um seine
Hoffnungen gebracht hatte hier musste der Arm der Gerechtigkeit schleunig
Einhalt tun dass das Übel nicht weiter ging und sich vielleicht gar an
Sophiens geheiligter Person vergriffe welche immer noch zwischen Tod und Leben
schwebte Das ganze Frauenzimmer der Kaiserin ward eingezogen selbst die
Fürstin von Ratibor nicht ausgenommen nur Ida blieb in dem ruhigen Besitz
ihres Zimmers und hatte über nichts zu klagen als dass man ihr nicht
verstattete ihre geliebte Gebieterinn in ihrer Schwachheit zu warten welche
ihren Namen alle Stunden nannte und behauptete sie könnte ohne ihre Ida weder
leben noch sterben
Die Untersuchung ging schnell und streng vor sich Der Herzog von Bayern und
der Graf von Württemberg die Vorsitzer des Gerichts waren der erhabenen
Leidenden viel zu sehr ergeben waren viel zu gute Christen als dass sie da mit
Schonung hätten verfahren sollen wo man Zauberei ahndete Doch so streng auch
die Untersuchung sein mochte so wurden doch alle beschuldigte Damen auf das
erste Verhör losgesprochen und selbst die Fürstin von Ratibor bekam nicht den
kleinsten Verweis dass sie so schlecht für das Wohl ihrer Kaiserin gewacht
hatte ihr einen Brief mit den obengemeldeten in die Hände kommen zu lassen man
wusste von diesem Briefe wusste dass Sophie nach Lesung desselben ohnmächtig
geworden mit Konvulsionen und heftigem Frost zu sich selbst gekommen und von
da an bis zu dem Augenblick ihrer Niederkunft bis auf den gegenwärtigen
Augenblick dem Tode nahe gewesen war aber mein Gott davon war ja die Rede
nicht Die Untersuchung ging auf übernatürliche Künste welche Sophien und ihr
Kind ums Leben gebracht haben sollen und hievon fanden sich bei dem
unschuldigen Frauenzimmer nicht die kleinsten Spuren
Ida beklagte ihre unglücklichen Mitschwestern auch nur in den entferntesten
Verdacht solcher Dinge, an welche sie mit allen ihren Zeitverwandten von ganzem
Herzen glaubte gekommen zu sein sie meinte sie hätte einen solchen Verdacht
nicht überleben können Sie priess sich glücklich allein ausgenommen worden zu
sein und hofte da sie hörte dass die Fürstin von Ratibor und die andern
wieder los seien und bei der Kaiserin die Aufwartung gehabt hätten auch sie
würde nun die geliebte Sophie wieder zu sehen bekommen
Sie hatte sich eines Morgens völlig ankleiden lassen um wenn sie nach Hofe
berufen würde fertig zu sein als ihr Mädchen mit einem Gesicht herein trat
welches der lebendige Abdruck des Entsetzens und der Verzweiflung war sie trug
einen Zettel in der Hand den sie ihrer Gebieterinn schien überreichen zu
wollen aber ehe sie sich ihr nähern konnte sank sie ohnmächtig zu Boden Ida
sprang zu ihr zu helfen allein als sie ihren Namen auf dem auf der Erde
liegenden Zettel erblickte so überwand die Neugier das Mitleid und sie las
folgendes doch nein sie las nicht zu Ende schon bei der zweiten Zeile
vergiengen ihr die Gedanken und sie sank an der Seite ihrer Dienerinn nieder
Urteile lieber Leser ob sie Ursach hatte sich zu entsetzen
»An Ida Münsterinn
Ida Ida Zauberinn Mörderinn Hochverräterinn erscheine Wir die
heimlichen Rächer Gottes laden dich binnen drei Tagen vor Gottes Gericht
Erscheine erscheine«
Was ist das rief Ida als sie auf die Bemühung ihrer andern Dienerinnen
welche herzugelaufen waren sich wieder erholte Habe ich recht gesehen reicht
mir das Blatt noch einmal Sie überlas die schrecklichen Zeilen von neuem
ließ die Hände sinken und lehnte sich totenbleich an ihren Stuhl zurück
Indessen erzählten die Mägde wie sie das Pergament diesen Morgen an der
großen Pforte welche zu den Zimmern ihrer Gebieterinn führte angeheftet
gefunden wie sie aber weil sie es nicht lesen können es nicht geachtet
hätten bis das herzulaufende Volk sie von dem Inhalte benachrichtigt und ihnen
unter Bedrohung geboten es abzunehmen und es ihrer Gebieterinn zu bringen
Ida hörte fast leblos vor Entsetzen zu ohne genau zu wissen was sie hörte
Wär sie mehr bei sich selbst gewesen sie würde in dem Ton in den Blicken der
Erzählerinnen einen Unwillen eine Verachtung gelesen haben der ihr bei denen
welche sie umgaben und von welchen sie durchgängig angebetet wurde etwas ganz
neues sein musste
Gott was habe ich getan und was soll ich tun schrie Ida mit gerungenen
Händen
Was ihr getan habt mögt ihr am besten wissen sprachen die Weiber und was
ihr tun sollt darin können wir euch nicht raten wir müssen euch verlassen
damit nicht auch uns die Rache Gottes verfolge
Willst du auch von mir gehen fragte Ida das Mädchen welche ihr den Zettel
zuerst überreicht hatte und die jetzt vor ihr auf den Knien lag und ihren
Schoos mit Tränen netzte
Sagt mir was ich für euch tun kann erwiderte sie und ich will nicht
gehen
Eile zu der Fürstin von Ratibor sprach Ida und sage ihr sage ihr nur
ich weis nicht Genug du wirst ihr schon alles alles meine ganze Lage
entdecken sie soll mir Rat geben Gott weis wie ich zu diesem Unglück komme
Das Mädchen ging und kehrte in kurzer Zeit zu der ängstlich harrenden Ida
mit der Antwort zurück die Fürstin lasse ihr versichern dass sie sie nicht
kenne
Die Gesandtschaft ward an einige andere Damen der Kaiserin eben so
vergeblich abgefertigt Ida erinnerte sich an den Herzog von Bayern und an den
Grafen von Württemberg welche ihr immer mit auszeichnender Achtung begegnet
hatten Sie sandte zu ihnen und erhielt die Antwort sie möge Trost bei Gott
suchen wenn ihr Gewissen rein sei und was den Rat anbeträfe so wär der
einige den man ihr geben könne dass sie sich ja nicht weigere auf die
erhaltene Ladung zu erscheinen weil ihr Leben doch auf alle Fälle verwirkt sei
Erscheinen rief Ida wo soll ich erscheinen Hast du nicht gefragt wo der
Ort des heimlichen Gerichts ist
Die Dienerinn schwieg
Mein Leben verwirkt schrie die Unglückliche nach einem langen schrecklichen
Stillschweigen Gott was habe ich denn getan ich bin ja unschuldig Gott
gebe dass ihr es seid schluchzte das Mädchen
Ja bei Gott das bin ich rief Ida und sank auf die Knie ich schwöre es bei
dem der ewig lebt
Sie lag lang mit verhülltem Gesicht auf ihren Knien und schien zu beten
endlich rafte sie sich auf Was sagte der Graf von Württemberg rief sie ich
sollte Trost bei Gott suchen O Gott hat mich schon getröstet und er wird mich
noch mehr trösten trösten durch den Mund seines Dieners Gib mir meinen
Schleier ich will in die Kirche ich will beichten Der ehrwürdige Pater Johann
wird mir sagen was ich tun soll
Wollt ihr es wagen fragte das Mädchen Das Volk ist aufgebracht wider euch
es könnte euch ein Unglück Gib mir den Schleier rief Ida ich wage alles
ich habe nichts auf der Welt zu verlieren Es ist wohl nicht nötig euch zu
begleiten fragte die Dirne Tue was dich recht dünkt erwiderte Ida
Ida trat ihren Weg an ohne sich umzusehen sie hüllte sich dicht in ihren
Schleier um nicht erkannt zu werden Hier und da tönte ihr ihr Name mit
Verwünschungen begleitet in die Ohren Das Volk schien mehr von ihren
Beschuldigungen zu wissen als sie selbst Die Namen Zauberinn Mörderinn
Hochverräterinn schwebten ihr bisher ohne weitern Zusammenhang vor jetzt erst
erfuhr sie aus einigen abgerissenen Reden der vor ihr übergehenden dass sie die
Untaten die man ihr Schuld gab an ihrer besten Freundin an der angebeteten
Sophie sollte verübt haben Es fehlte unterschiedliche mahl wenig dass sie
nicht zu Boden sank sie wankte und musste sich an den Mauern fest halten
Endlich kam sie in die Kirche wo sie bei ihrem einigen noch übrigen
Freunde ihrem Beichtvater Rat und Trost holen wollte Es war schon weit gegen
den Abend sie ging durch die dämmernden Hallen des Gewölbes setzte sich in
eine dunkle Nische und erwartete den ehrwürdigen Pater Johann von welchem die
Geschichte nicht sagt ob er der berühmte Beichtiger Sophiens der heilige
Johannes Nepomucenus der noch jetzt in allen Landen wegen seiner schweigenden
Zunge hoch belobt ist gewesen sein mag So viel ist gewiss dass Sankt Nepomuk
sich schwerlich in jener großen Prüfung stiller verhalten konnte als dieser bei
der Herzenserleichterung dieser bedrängten Sünderinn oder vielmehr dieser
unschuldigen Heiligen
Ida hatte ihr ganzes Herz vor ihm ausgeschüttet hatte vor ihm geweint
geseufzt um Rat gefleht und noch schwieg er Die Trostlose flehte nur um
ein Wort aus seinem heiligen Munde Geht hin sagte er nach einer langen
Pause reiniget euch von eurer Missetat und dann will ich euch von euren
Sünden lossprechen
Aber was soll ich tun Ich bin vor Gericht gefordert ich weis nicht von
wem Ich soll mich stellen ich weis nicht wo was soll ich tun
Erscheinen
Und wer werden meine Richter sein
Die furchtbaren Unbekannten die im Verborgenen richten
Und wo ist ihr Gerichtsstuhl
Überall und nirgends
Ida badete sich in Tränen sie vermochte an den Mann mit dem eisernen
Herzen keine Frage mehr zu tun Er stand auf sich zu entfernen Erbarmet
euch erbarmet euch rief das Mädchen indem sie sein Gewand fest hielt Es ist
Nacht verschaffet mir Zuflucht in diesem Kloster oder gebt mir einen Begleiter
zu der mich sicher nach Hause bringe
Die heiligen Frauen werden euch nicht aufnehmen und niemand wird euch
begleiten wollen
Die Unglückliche verhüllte ihr Gesicht in ihren Schleier und fing von
neuem an zu weinen als sie sich wieder umsah war sie allein Die große Ampel
war in der Höhe des Kirchengewölbes aufgehangen und verbreitete ein sparsames
Licht Sie stand auf wankte durch die düstern Hallen wallte durch die dunkeln
Gassen der Stadt und kam endlich an ihrer Wohnung an Sie weinte nicht mehr
eine Art von Härte von dumpfer Fühllosigkeit hatte sich ihrer bemächtigt Sie
rief ihren Mädchen die Kerzen anzuzünden niemand antwortete Sie ging hinaus
in die Vorsäle in die Kammern ihrer Dienerinnen alles war leer So bin ich
denn ganz ganz verlassen schrie sie und kehrte mit gerungenen Händen auf ihr
Zimmer zurück Gott womit habe ich das verdient ist denn Beschuldigung
soviel als erwiesenes Verbrechen Sollte ich vielleicht wirklich schuldig
sein Man sagt ja es sei möglich ohne sein Wissen zu sündigen Ja ja es
ist so ich bin eine Verbrecherinn denn jedermann hält mich dafür und der
heilige Vater Johann hat mir die Absolution versagt
Ida war in jenem schrecklichen Zustande der nur einen Schritt von
Verwirrung und Verzweiflung entfernt ist da erhob sich ein Geräusch in ihrem
Vorgemach die Tür ging auf Ida rief eine bekannte Stimme
Wer ists wer ruft antwortete sie in holem Tone
Ida meine arme unglückliche Ida rief die Stimme von neuem mit dem
zärtlichsten Accente
Ida richtete sich von der Erde auf Die Gestalt die sie jetzt bei einer
dunkeln Leuchte welche sie trug erkennen konnte kam näher
Wer bist du fragte Ida bist du einer von den furchtbaren Unbekannten die
im Verborgenen richten
Kennst du mich kennst du deinen Vater nicht mehr rief der Ankommende der
jetzt die Leuchte heller machte den Mantel von sich warf und die Unglückliche
in seine Arme schloss
Vater Retter Engel von Gott gesandt stammelte sie und sank leblos an
seinen Busen
Achtzehntes Kapitel
Münster tröstet so gut er vermag
Kennt die Menschheit wohl eine herrlicher größere Empfindung als jene die die
Seele bei Erscheinung eines Freundes im tiefsten Abgrunde des Elends
durchschaut Idas Herz war zu eng dieses Gefühl zu fassen es wollte brechen
Man denke was sie diesen Tag über erfahren hatte man denke sich die
Überraschung sich in dem Augenblick da sie sich von allen verlassen glaubte
in den Armen eines Vaters zu sehen
Ist es möglich rief sie als sie vermögend war zusammenhängend zu sprechen
ist es möglich nein mich täuscht ein Traum mein Vater hier in solch
einem Augenblicke
Und konnte denn Ida denken fragte Münster dass der den sie Vater nennt
sie einen Augenblick in verdächtigen Händen allein lassen könne Ich habe die
Reise mit dir zugleich angetreten bin dir überall gefolgt habe alle deine
Schritte bemerkt wollte mich nicht melden um einmal zu sehen wie du handeln
würdest wenn du dir ganz allein überlassen wärest Ich war fest entschlossen
dich eben so unbemerkt wieder nach Prag zu begleiten und es würde geschehen
sein wenn dich nicht dieser unvermutete Schlag getroffen hätte
O Gott rief Ida ein Schlag den ich nicht überleben werde
Nicht überleben Eine schöne Verteidigung deiner Unschuld Nein Ida
du wirst leben du musst leben um deine Ankläger zu beschämen die dich gern als
eine Verbrecherinn sterben sähen
Wer sind meine Ankläger
Weis ich es Ich habe diesen ganzen Tag so bald die schreckliche Zeitung
ausbrach du seist vor das heimliche Gericht geladen hier und da unter dem Volk
gelauscht um etwas zu erfahren und das zuverlässigste was ich weis ist dass
beim Verhör des kaiserlichen Frauenzimmers die Fürstin von Ratibor ihre
Schuldlosigkeit an dem unglücklichen Wochenbette der Kaiserin nicht besser als
durch deine Anklage zu beweisen geglaubt hat Ihre Aussage hat gelautet sie
bürge mit dem fürchterlichen Eide für sich und alle gegenwärtigen Damen aber es
fehle noch eine Person von Sophiens Frauenzimmer und wenn der Anschein nicht
trüge so müsse diese die Schuldige sein
Man forderte die Ursachen ihres Verdachts wider dich die Fürstin sagte
was man mir nicht wieder zu sagen wusste Du sollst vorgefordert werden und die
Richter zürnten dass dieses nicht sogleich geschehen dass du allein von dem was
sich die übrigen hatten gefallen lassen müssen ausgeschlossen worden wärest
Ein bedenkliches Achselzucken beantwortete dieses Die Geschichte von dem
unglücklichen Freibriefe den dir der Kaiser auf Veranlassung meines
unvorsichtigen Weibes gab ward der Länge nach erzählt und mit Erklärungen
versehen die man sich denken kann Die Richter sahen einander an Brauchen wir
einen weitern Beweis wider die Verbrecherinn fragten sie warum suchte sie
außerordentlichen Schutz wenn sie unschuldig war warum machte sie es
unmöglich sie vor den gewöhnlichen Gerichtsstühlen zu belangen wenn sie sich
nicht geheimer Untaten bewusst war welche an den Tag kommen und sie in die
Hände der Gerechtigkeit bringen konnten Aber soll sie darum ungestraft bleiben
und welch ein Mittel ist übrig sich ihrer zu bemächtigen
Meine Nachrichten hören hier auf ich weis nicht was hierauf weiter vorging
nur dieses sagte man mir dass die Versammlung erst um Mitternacht auseinander
gegangen sei nach dem alle sich durch einen feierlichen Eid verbunden hätten
dein nicht zu schonen
Ida verbarg sich an dem Busen ihres Vaters und weinte Fahret nur fort
fahret fort schluchzte sie tötet mich ganz mit der fürchterlichen Erzählung
meines Unglücks
Mein Kind sagte Münster mit tröstendem Ton es ist nötig dass du alles
wissest wie soll dir sonst geholfen werden
Und des Freibriefs ungeachtet rief sie bin ich doch vor Gericht ach
unschuldig vor Gericht gefordert
Für kein weltliches erwiderte er für das große Gericht Gottes Getraust
du dich nicht vor Gottes Gericht in deiner Unschuld zu stehen
O wenn er wenn er mein Richter ist rief Ida mit gefaltenen Händen und
einem Blick in welchem der Himmel war
Nun sprach Münster mit diesem getrosten Mute geh an dein Schicksal du
bist unschuldig es kann nicht schrecklich sein Die Unbekannten die im Namen
Gottes richten sind deine Richter sie waren die einigen vor denen man dich
belangen konnte hast du die Worte in deinem Freibriefe vergessen dass du nur
vor dem Kaiser unmittelbar oder vor denen welche an seine Stelle unter
Königsbann richten anklagt werden kannst
Ich habe sie nicht verstanden sagte die niedergeschlagene Ida welche wenig
Trost in ihres Vaters Reden fand
Glaubst du dass Männer welche den fürchterlichsten Eid geschworen haben
recht zu richten deine Unschuld verkennen werden fragte Münster weiter
Ich glaube alles was ihr wollt sprach sie mit kaum hörbarer Stimme aber so
viel weis ich ich werde sterben wenn ich allein vor diesem furchtbaren Richter
erscheinen soll
Das sollst du nicht ich werde dich begleiten
Und wohin wo ist ihr Gerichtsstuhl Überall und nirgends sagte Pater
Johann was heißt das
Niemand hat noch die Stelle gesehen wo sie richteten sprach Münster
außer sie selbst und die Beklagten aber wenn du erscheinen sollst so muss man
dir auch Mittel zeigen wie du deine Richter finden kannst diese Mittel
auszuspähen soll mein Werk an diesen beiden Tagen sein
Und wen wollt ihr fragen wenn keiner aus dieser geheimnisvollen
Gesellschaft euch bekannt ist
Das weis Gott ich kenne keinen von ihnen nur so viel weis ich sie wandeln
mitten unter uns in tausendfachen Gestalten ohne dass wir sie kennen gehen an
unserer Seite speisen an unserm Tisch und wir wissen es nicht meine Stimme
wird doch einen von ihnen erreichen der mir sagt was ich tun soll
Gespräche von dieser Art dauerten bis an den Morgen Ida saß vor ihrem Vater
bald in Totenblässe gehüllt bald mit glühenden Wangen und Augen in welchen
das verzehrende Feuer des Fiebers funkelte Der alte zitterte für ihr Leben er
nötigte ihr einen kleinen Becher Wein auf welchen er heimlich mit dem Saft
einiger beruhigenden Kräuter vermischte Ida entschlief Münster trug sie leise
auf ein Ruhebette verschloss ihre Tür und ging ehe der Tag völlig anbrach
seine großen Erkundigungen anzustellen
Neunzehntes Kapitel
Ida in den Händen der furchtbaren Unbekannten
Ida verschlief diesen ganzen Tag der heilsame Schlaftrunk hatte kräftig
gewürkt sie war eben erst erwacht als ihr Vater in der Abendämmerung wieder
kam Er nötigte sie etwas Speise zu nehmen die er mit sich gebracht hatte sie
schien durch den Schlaf und das was sie genossen hatte ein wenig erquickt zu
sein und er fand sie ruhig genug das Resultat seiner Erkundigungen zu hören
Wir sind sagte er in einem Lande in welchem der eigentliche Sitz der
heimlichen Gerechtigkeit ist Nachrichten von dem notwendigsten zu erhalten
ist hier nicht so schwer als wir dachten Vorladungen von dieser Art wie die
deinige sind hier nichts ungewöhnliches auch hat man Exempel genug von
solchen welche den heimlichen Rächern entgangen oder von ihnen losgesprochen
wurden eine besondere Ehre haftet auf denen welche sie unschuldig fanden Man
hatte mir eine sonderbare Geschichte eines hiesigen Edelen eines Konrads4 von
Langen erzählt nach welchem noch bis diese Stunde die heimliche Gerechtigkeit
beide Arme ausgestreckt hat ohne sich seiner bemächtigen zu können
Und stünd nicht auch mir die Flucht offen fragte Ida Du kannst darfst
und wirst nicht fliehen sprach Münster denn du bist unschuldig ob Konrad es
ist weis ich nicht und wir wollen ihm denn tun lassen was ihm recht dünkt
Ich gedachte seiner nur darum weil mir bei Erzählung seiner Geschichte in
den Sinn kam ihn oder einen von seinen Leuten aufzusuchen und auf die Art zu
erfahren was wir wissen müssen Ich fand auf Nachweisung seinen Hausmeister
und o Glück ich entdeckte in ihm meinen alten Waffengenossen Walter der als
wir die Berner überrumpelten seine linke Hand verlor und nicht länger dienen
konnte Er sagte mir der Dinge viel und doch stockte er oft auf eine so
seltsame Art kehrte hier und da so schleunig um dass ich nicht recht wusste wie
ich mit ihm dran war Ritter und Knecht Edle und Bürger sprach er sind in den
Diensten des geheimen Gerichts Sollte er vielleicht selbst doch dieses
gehört nicht hieher Er sagte mir die gewöhnliche Art vor die Stühle des
heimlichen Gerichts zu gelangen wär durch Gewalt Selten erschienen die
Vorgeladenen auf die erste Forderung und die welche die zweite und dritte
abwarteten nähm man hinweg wo man sie fände und stellte sie vor die
Unbekannten Diejenigen, welche auf die erste Ladung erschienen so wie meine
Ida erscheinen wird hätten den Vorteil dass man große Mutmaßung zu fassen
pflegte dass sie unschuldig seien und gelinder mit ihnen verführe als mit
andern Sehr selten begäbe sich aber dieser Fall und das einige Mittel wie
Personen von dieser Art zur Gerichtsstätte kommen können sei sich drei
Viertelstunden nach Mitternacht auf den nächsten Platz zu begeben auf welchem
vier Wege sich scheideten da sich denn allemahl einer fänd welcher sie mit
verbundenen Augen vor die Richter führe
Ich war so froh so viel zu erfahren sprach du würdest dich auf die Art
stellen und ich wolle dich begteiten Walter sah mich scharf an Bist du einer
von ihnen fragte er Ich wusste nicht was er wollte und antwortete nicht Er
fasste mich noch genauer ins Auge und sagte einige Worte zu mir welche weder
Verstand noch Zusammenhang hatten Ich schwieg abermals Nun gut sagte er nach
einer Weile begleite sie oder begleite sie nicht es kommt drauf an ob man es
dir gestatten wird auf allen Fall aber kannst du sicher sein dass sie auch ohne
dich sicher an Ort und Stelle kommen wird das weitere hängt von ihrer Unschuld
ab
Ich weis nicht was für Beruhigung in Münsters rätselhafter Erzählung lag
genug Ida fand sich nach Anhörung derselben etwas getröstet Sie konnte
gelassner von ihrem Schicksal sprechen konnte Entschließungen fassen und
vermochte über die Dunkelheit hinaus zu blicken die sich vor ihr ausbreitete
Dass sie diese schreckliche Dinge überstehen sich gerechtfertigt sehen wieder
solche Tage verleben könne dünkte ihr nicht mehr unmöglich und Münster bemühte
sich jede ihrer Hoffnungen zu stärken keine auch die schwankenste nicht
anzutasten
Vielleicht dass wirklich einige Winke in dem was sie gehört hatte Grund zu
Hoffnungen darboten vielleicht auch dass es ihr so ging wie den meisten
Unglücklichen welche nur von dem ersten Sturm zu Boden geworfen werden und
sich in der Folge wenn ihnen das Schreckbild bekannter wird besser fassen
lernen Oder gibt es vielleicht gute Geister die ihren Erwählten zur Stunde
des tiefsten Schmerzens einen Tropfen himmlischen Trostes in den Leidensbecher
mischen
Dem sei wie ihm wolle genug Ida war ruhig und schlief diese Nacht an der
Seite des sie bewachenden Vaters den sanften unerkünstelten Schlummer der
Unschuld Auch der drauf folgende Tag der letzte vor der entscheidenden Nacht
ging leidlich vorüber nur gegen den Abend fing das unglückliche Mädchen an
unruhig zu werden Es war in den damaligen Zeiten Sitte da Trost zu suchen wo
man ihn jetzt nicht mehr zu finden weis Münster schlug einen Kirchgang vor
Gern willigte Ida ein man besuchte ein Gotteshaus welches von Pater Johannes
Klosterkirche weit entfernt war und kehrte getröstet zurück Eine sparsame
Mahlzeit von dem was die Vorsorge des Alten verschafft hatte und ein Trunk Wein
labte die Ermatteten Sie waren so ruhig als vielleicht keiner ihrer Feinde
geglaubt keiner ihnen gegönnt hätte So gar ein gewisser Grad von Fröhlichkeit
fand in der Unterhaltung der beiden Leidenden statt Gott rief Ida mit einem
lächelnden gen Himmel gewandten Blicke ich habe dich um Gelegenheit meine
Unschuld zu beweisen angefleht ohne zu bedenken dass sie schon in meinen Händen
ist Walter sagte man sei geneigt die Unschuld dererjenigen zu mutmasen
welche sich auf die erste Vorladung stellten Ich komme ich komme meine
Richter so bald ihr mich ruft Meine Willigkeit meine Freudigkeit wird euch
eine Bestätigung dessen sein was ich euch antworten will ach ihr werdet mich
lossprechen sobald ihr mich erblickt
Münster nährte diese glückliche Laune so viel er vermochte Die Zeit
verstrich die Mitternachtsstunde schlug beide hörten es ohne einander zu
mahnen Das Gespräch ward kalt man schwieg endlich gar Wie mein Herz
schlägt sprach Ida und legte die Hand auf die Brust Was mag die Uhr sein
Wenn der Mond gerad über dem Turme steht ists eine halbe Stunde nach
Mitternacht antwortete Münster welcher ans Fenster getreten war
Ida ging unruhig auf und ab Wie steht der Mond fragte sie nach einer
Weile Er steht ich wollte du nähmst deinen Schleier und wir gingen
erwiderte er O Gott Gott rief sie und sank auf die Knie Jetzt schon
Jetzt
Sie betete im stillen und Münster begleitete ihre Seufzer mit den seinigen
Sie stand auf wir wollen gehen sprach sie indem sie sich verhüllte
Schweigend wallten sie durch manche lange Straße Idas Knie zitterten vor
Frost indes ihre Wangen mit dem höchsten Purpur glühten
Dort jener Platz stammelte sie nicht wahr dort mein Vater Jetzt
standen sie an der großen Tür der Bartolomäuskirche Vier tiefe Straßen zogen
sich von da nach den äußersten Enden der Stadt hinab der Platz um sie her war
hell vom Mondlicht auf der Ferne ruhte tiefes Dunkel Da kam aus der Dämmerung
gegen sie ein Mann herauf den die täuschende Nacht und Idas Angst zum Riesen
vergrößerte Ein schwarzes Gewand verhüllte ihn um und um nur die Augen waren
sichtbar Er nahte sich langsam Wer seid ihr murmelte er mit unkenntlicher
Stimme Ida Münsterinn und ihr Vater war die Antwort
Die erste suche ich der andere kann sich entfernen
Ich entferne mich nicht ich begleite sie auf jedem ihrer Schritte
Begleitest du sie wir wollen sehen Wie nennst du diese vier Straßen auf
welche ich deute Jene im Mondglanze nenne ich5 Feuer die dort in der
Dämmerung Eisen und die beiden übrigen wie heißen sie
Münster erstaunte vor dem Unsinn den er hörte
Nun so geh rief der Vermummte du taugst nicht für uns
Euch verlassen Vater euch verlassen schluchzte Ida Der Unbekannte riss
sie aus seinen Armen und stieß ihn mit einiger Heftigkeit zurück Geh doch
nur sprach er mit einer Stimme die zu sanft für die Handlung war welche sie
begleitete du kannst mir das Mädchen sicher anvertrauen
Was war das für eine Stimme rief Münster indem er sich unter das Kirchtor
setzte Mich dünkt ich soll sie kennen Ida ward indessen von ihrem Führer
fortgerissen der sich noch einige mahl nach Münstern umsah ihm winkte sich zu
entfernen und bald darauf aus seinen Augen verschwand
Zwanzigstes Kapitel
Ida erzählt
Lieber Leser gern erlauben wir dir die unschuldig Verklagte vor Gericht zu
begleiten aber dürfen wir es wagen dich an einen Ort zu führen den noch kein
profanes Auge sah Setze dich lieber mit dem ehrlichen Vater Münster unter das
Tor der Bartolomäuskirche siehe der Mond ist untergegangen die Morgenröte
dämmert dort hervor wir müssen bald etwas von Ida hören
Münster war so gewiss von der Unschuld seiner so genannten Tochter überzeugt
als du und ich es nimmermehr sein können Walter hatte ihn des vorigen Tages
versichert dass er Ida nimmermehr wiedersehen würde wenn sie schuldig befunden
würde weil die Rächer Gottes Urteil und Vollziehung unmittelbar zu verbinden
pflegten aber setzte er hinzu glaube auch im Gegenteile dass, wenn nur etwas
ist das ihre Unschuld zu erweisen scheint sie dir von dem dem du sie des
Nachts überliefertest am Morgen sicher wieder zugeführt werden wird
Münsters Zutrauen in Idas Unschuld in Walters Worte und in die
Gerechtigkeit der heimlichen Richter war gleich groß er wartete ruhig bis zur
Morgenstunde und durfte nicht lange warten denn ehe noch die Bewohner der
umliegenden Häuser erwachten lag Ida schon wieder in seinen Armen
Du bist mein bist wieder mein rief er bist unschuldig
Das bin ich bei Gott meinem Richter sei es geschworen obgleich noch
niemand mich dafür erkennen will Ach eure Ida ist euch nur auf kurze Zeit
wieder geschenkt Das Rachschwerd hängt noch an einem dünnen Faden über meinem
Haupte Ich soll mich entschuldigen Gott wie kann ich es da aller Anschein
wider mich ist
Ida vermochte vor Tränen nicht weiter zu reden man trat den Weg nach Hause
stillschweigend an Das Mädchen setzte sich atemlos nieder stützte sich auf
den Arm und trocknete die Tränen unter dem Schleier
Erzähle mir mein Kind ich bitte dich sage mir alles rief der Alte mit
bittendem Blick
Dass muss ich auch erwiderte sie denn ich werde nicht lange bei euch sein
man hat mir aus besonderer Gnade vergönnt bis zu Austrag meiner Sache meinen
Aufenthalt bei den Ursulinerinnen zu nehmen und ich vermute man wird mich
bald abholen Trauret nicht mein teurer Vater es ist euch erlaubt mich dort
zu besuchen ich habe darum gebeten
Münster drückte ihre Hand und bat sie ihre Erzählung anzufangen
Wie soll ich euch beschreiben sprach sie wie mir zu Mute war als mich
mein Führer von euch riss Ich glaubte zu sterben Und doch wars als wenn ein
gewisses etwas mir Trost zuflüsterte der Vermummte ihr habt es selbst gesehen
hatte nichts menschenfeindliches und grausames in seinem Betragen seine Stimme
war sanft ich sah beim Mondenlicht in seinem Auge eine Träne blinken und was
mir ganz besondere Gedanken machte als er mich so dahin führte so ward ich
gewahr dass ihm die linke Hand fehle Sollte es etwa euer Freund der
treuherzige Walter gewesen sein
O Walter Walter rief Münster gewiss er war es denn jetzt besinne ich mich
auch auf seine Stimme
Mir war dies tröstlich fuhr Ida fort so war ich doch nicht ganz unter
Unbekannten und ihr hattet mir immer so viel gutes von diesem Walter diesem
alten Helden erzählt dass ich mich an seinem Arm sicher dünkte Wir hatten uns
etwa eine Straße lang entfernt als er mir eine dicke Hülle über das Gesicht
warf welche mir es unmöglich machte den Weg den wir nahmen zu unterscheiden
er dauerte lang ging über Stock und Stein Berg auf Berg ab durch Gegenden
wo mich frische Feldluft anhauchte und durch weite schallende Gewölbe Wir
stiegen endlich dreißig Stufen hinab die ich ich weis nicht warum sorgfältig
zählte meine Hülle ward mir abgenommen und ich sah mich in einem düstern
dämmernden Orte wo ich anfangs nichts unterscheiden konnte Mein Führer
erlaubte mir mich weil ich sehr ermüdet war auf einen Stein zu setzen Mein
Gesicht gewöhnte sich nach und nach an die Helligkeit des Orts ich sah dass ich
an dem Eingang zu einem weiten Platze saß von dem ich nicht weiß ob ich ihn
Gebäude oder freie Gegend nennen soll denn rund um her so weit meine Augen
reichten erblickte ich hohe Mauern und über mir den gestirnten Himmel In der
Ferne webten bei dem Schimmer einiger Kerzen welche den weiten Ort so
zahlreich sie auch waren nur schwach erleuchteten dunkle menschliche
Gestalten deren einige sich nahten und sich zu meinem Führer gesellten sie
waren alle vermummt wie er auch fand unter ihnen keine andere Unterredung als
mit Zeichen und halben Worten statt die Stille rund um her war bei der
Versammlung die mich immer größer dünkte und sich meinen Augen bis in die
Hunderte vermehrte unbegreiflich von meiner Seite ward sie durch nichts als
Weinen und Schluchzen unterbrochen
Auf einmal hörte ich den dumpfen Schall einer Glocke sie ward dreimal
angeschlagen und mir bebte das Herz bei dem fürchterlichen Laut Der Schauplatz
ward heller ich erblickte rund umher auf schwarzbekleideten Stühlen eine
zahllose Menge schwarzvermummter Gestalten von welchen mir mein Führer sagte
dass sie meine Richter wären Ihr werdet diesen Augenblick gefordert werden
sagte er heimlich bereitet euch wenn ihr unschuldig seid mit gutem Mut
hervor zu treten Legt den Schleier ab flüsterte er nach einer Weile ihr
müsst mit offenem Gesicht erscheinen
Er hatte noch nicht ganz ausgeredet als eine Stimme mit grässlichem Ton zu
rufen begann
Ida Münsterinn Ida Ida Zauberinn Mörderinn Hochverräterinn erscheine
wir die heimlichen Rächer des unsichtbaren Gottes laden dich vor Gottes
Gericht Erscheine erscheine
Man kann sich nichts entsetzlichers denken als die Wiederholung der Worte,
die mir hier nicht zum ersten mahle vorkamen Mein Herz empörte sich dass
Bewustsein meiner Unschuld hob mich hoch empor Ich stand aufgerichtet und
schaute kühn in die Versammlung ohne einen Fuß zu regen Ich kann auf keine
solche Ladung erscheinen rief ich mit einer Stimme welche die Heftigkeit des
Affekts stärkte Mein Name ist Ida aber ich bin keine Verbrecherinn
Tritt hervor rief der welchen ich vor dem Oberrichter halten musste vom
Thron herab und höre was die Kläger klagen und die Zeugen wider dich zeugen
Ich trat hervor und sank auf meine Knie Ich schwöre bei dem der ewig lebt
rief ich mit starker Stimme dass ich keine Zauberinn keine Mörderinn keine
Hochverräterinn bin dass es falsch sei was diese Kläger klagen und die Zeugen
zeugen
Das Gericht hub an aber o mein Vater wie soll ich euch erzählen was mir
aufgebürdet wurde Ists möglich dass man die geringsten Kleinigkeiten zu
Verbrechen oder wenigstens zu Kennzeichen des Verbrechens machen kann
Die Locke meiner geliebten Kaiserin war das erste wessen gedacht ward ach
ich musste sie hingeben die goldne Schnur ist leer Dass man dieses geliebte
Andenken in meinem Busen fand war einer der Hauptbeweise wider mich Es klebte
Blut an meinem Schleier ihr wisst dass ich gestern Abend in der Dunkelheit mir
die Wange verletzte dieses musste der mit dem Blut der Kaiserin gefärbte
Schleier sein den ich an ihrem Vermählungsfeste brauchte die kleine Wunde die
sie sich von ungefähr gab zu trocknen Man fragte mich aus was für Absicht
ich diese Dinge an mir trüge Ob ich nicht einst zu einer Freundin gesagt habe
so lange Sophiens Locke auf meinem Herzen ruhte müsse mir die Kaiserin hold
sein Ob ich nicht das Herz dieser Dame dermaßen bezaubert hätte dass sie
keinen Tag ohne mich und mein Harfenspiel sein könne dass sie noch jetzt in
ihrer Krankheit bekannt habe sie könne ohne mich weder leben noch sterben
Hat sie dieses gesagt rief ich im Ton des Entzückens o die
unvergleichliche Dame o dass ich sie nur noch einmal sehen dass ich wenn ich
sterben muss nur zu ihren Füßen sterben könnte Man gebot mir zu schweigen und
das Fragen dauerte fort Woher die Reichtümer meiner Eltern kämen nachdem sie
durch den Brand wie bekannt um all ihre Habe gekommen wären Durch welche
zauberische Mittel ich erfahren habe dass dieses verheerende Feuer auskommen
werde und warum ich so gottlos gewesen die Stadt nicht zu warnen ja nicht
einmal auch meine Eltern zu retten sondern boshafter Weise euch verlassen
habe und nur allein dem Unglück aus dem Wege gegangen sei Wohin der Herrmann
von Unna gekommen den ich durch meine Zaubereien in mich verliebt gemacht denn
des Verstandes beraubt habe so dass er drei Tage lang sinnlos im Lande
herumgelaufen und dann wahrscheinlich durch mich getödet wär
Herrmanns Erwähnung machte dass ich ohne Besinnung zur Erde sank man
erquickte mich und ich fing an laut über Herrmanns Tod zu klagen o Gott wenn
es wahr wenn Herrmann tot sein sollte
Ida brach in Tränen aus und es dauerte lang ehe Münster sie durch die
Versicherung Herrmann habe ihm kürzlich geschrieben zufrieden sprechen konnte
Die Anklagen fuhr Ida fort wurden immer entsetzlicher Auch der
italiänische Prinz welcher der Prinzessin von Ratibor untreu ward und den ich
durch Zauberkünste in mein Netz gezogen haben sollte kam an die Reihe und
zuletzt das schrecklichste von Allen die unglückliche Niederkunft der
Kaiserin und die Gefahr in welcher sie noch jetzt schwebt
Gott weis was ich auf alle diese Dinge sagte aber ich die ich mich für so
schwach so verzagt hielt fühlte übernatürliche Stärke ich schwieg auf keinen
dieser Artikel ich sprach wenig und mit Bescheidenheit aber was ich sprach
musste Nachdruck haben denn ich brachte meine Kläger verschiedenemahl zum
Schweigen Der Himmel über uns fing an zu dämmern die Hähne krähten in der
Ferne und verkündigten den Tag und auf einmal erhub sich die ganze
Versammlung
Ida rief der Richter vom Throne noch immer droht dir das Schwert wofern
du nicht binnen ein und zwanzig Tagen unumstössliche Beweise deiner Unschuld
darlegst deine Bereitwilligkeit auf die erste Ladung zu erscheinen macht dass
wir dich jetzt in Frieden ziehen lassen aber denke auf keine Flucht unser Auge
und unser Arm ist überall wie die Gegenwart des Allsehenden
Ich warf mich vor dem Thron nieder und bat um Zuflucht in einem
Nonnenkloster meine Bitte ward mir gewährt und mir auch noch überdies wegen
meines Geschlechts und meiner Jugend eine außerordentliche Begnadigung
zugesprochen welche mir nicht genannt ward
Man verhüllte mich von neuem und führte mich ab ich bat unterwegens meinen
Führer er möchte für mich bitten dass ich zu den Ursulinerinnen die ich immer
gern zu besuchen pflegte geschickt würde und euch daselbst sehen dürfte und
er versicherte mich dass er mir dieses für sich selbst versprechen könne weil
man ihm Dinge von dieser Art ganz zu überlassen pflegte Ich wollte noch mehr
mit ihm sprechen aber er ward wieder so stumm wie des vorigen Abends an der
Ecke der Straße verließ er mich vermutlich um nicht von euch beim Tageslicht
erkannt zu werden und zeigte mir euch von weitem wie ihr meiner unter dem
Bartolomäustore wartetet
O Ida rief Münster als sie endete sei getrost mich dünkt deine Sache
geht gut und über dieses hoffe ich heute noch einen andern Schritt zu deiner
Rettung zu tun den mir bisher die Abwesenheit der Person auf welche ich
hoffe unmöglich machte Ich wandte mich am Morgen deiner Anklage ehe ich dich
noch gesehen hatte an den Grafen von Württemberg ich hatte ihm wichtige Dinge
zu sagen welche dir würden genützt haben aber man wiess mich zurück unter dem
Vorwand er wär verreist und würde unter dreien Tagen nicht wieder kommen diese
drei Tage sind vorbei und ich eile unmittelbar nachdem man dich zu den Nonnen
gebracht hat zu ihm
O vergebliche Mühe rief das Mädchen auch ich wandte mich an ihn weil er
sich immer vorzüglich gnädig gegen mich erzeigt hat aber auch er wies mich
zurück Er ist vielleicht auch nicht einmal wirklich abwesend gewesen hat nur
keine Vorbitte für mich hören euch nur darum nicht sehen wollen weil ihr mein
Vater seid
Du sagtest er habe sich gnädig gegen dich erwiesen fragte Münster nach
einem tiefen Stillschweigen was tat er dir das den Namen Gnade verdient
O ihr wisst ja dass man das kleinste Lächeln der Großen Gnade nennen muss
und zu der Zeit da alles mir lachte pflegte auch er mir zu lächeln Ich
erinnere mich noch als er mich das erstemahl im Kabinet der Kaiserin sah dass
er mich vor allen andern auszeichnete sich mir mit einer Achtung näherte
welche mich wirklich beschämte und als die Ratibor wie gewöhnlich gleich mit
meinem Namen ach diesem teuren Namen den ich immer für meine Ehre halten
werde hervortrat um meinen Bürgerstand nicht in Vergessenheit zu bringen so
schien der Graf dadurch nur desto aufmerksamer zu werden Münsterinn
wiederholte er Ida Münsterinn Der Name Ida ist Musik in meinen Ohren er
erinnert mich an meine ach längst verstorbene Gemahlin Die Oberhofmeisterinn
trat mit der Bemerkung hervor man sähe den Stolz meiner Eltern schon daraus
das sie mir einen fürstlichen Namen gegeben hätten aber der Graf kehrte sich
hieran nicht er zog mich zu sich und küsste mich liebreich auf die Wange Es ist
mir lieb sagte er lächelnd dass du ein Bürgermädchen bist bei einer Dame
dürfte ich keine solche Äußerung meines Wohlgefallens wagen Die Prinzessin
von Ratibor die neben mir stand sah mich verächtlich an und ihr Blick sagte
mir dass sie die Rede des alten Grafen mir für schimpflich hielt aber ich war
zu einfältig zu gemein um dieses zu finden ich küsste die Hand des ehrwürdigen
Greises und erhielt zu meiner Beschämung noch einen Kuss auf die Stirne Von
der Zeit an fragte er immer nach mir nennte mich seine Ida fragte nach meinen
Eltern sagte es sei einmal ein Münster ein braver Mann in seinen Diensten
gewesen und was der kleinen Verbindlichkeiten mehr waren welche der Geringe
dem Großen so hoch anrechnet Ich dachte oft an ihm einen würklichen Gönner zu
haben aber freilich jetzt in meiner Bedrängnis habe ichs erfahren dass ich
mich irrte
Münster schwieg auf Idas Reden auch hatte er keine Zeit zu langen
Erwiederungen gehabt denn in dem Augenblicke kam man das junge Mädchen in das
Kloster das sie sich gewählt hatte abzuholen Vater und Tochter nahmen
treuherzigen Abschied und versprachen sich einander bald wieder zu sehen
Ein und zwanzigstes Kapitel
Nie ist die Unschuld ohne Freunde
Münster erschien gleich des andern Tages an dem Sprachgitter der Ursulinerinnen
Ich habe dir seltsame Dinge zu erzählen sprach er zu Ida lies dieses Blatt
dergleichen man heute fast an allen öffentlichen Gebäuden angeheftet sieht
Ida las »Wir die heimlichen Richter des Verbrechens und die Retter der
Unschuld wenden uns gegen die vier Enden der Erde und rufen Ist jemand
welcher es wagt die verklagte Ida zu verteidigen der komme«
Gott Gott schrie Ida und hielt den Zettel in den gefalteten Händen in die
Höhe ich fühle es du verlässest mich nicht ganz du wirst mich retten
Ich war bei meinem Freund Walter fuhr Münster fort und zeigte ihm dieses
Blatt er lächelte und versicherte dies sei eine außerordentliche Gnade deren
du dich zu rühmen habest es sei fast unerhört dass man einem auf diese Art
Beklagten einen Verteidiger zugelassen vielweniger dass man die ganze Welt
gleichsam zu seiner Rettung aufgefordert habe Ich sagte ihm meinen Entschluss
auf diese Forderung zu erscheinen und die Beweise deiner Unschuld auf mich zu
nehmen aber er schüttelte den Kopf wäret ihr sagte er einer von den
Beisitzern des heimlichen Gerichts und könntet auftreten und sagen Ich schwöre
unsern fürchterlichen Eid meine Tochter ist unschuldig so möchte dies wohl von
großem Gewicht möchte wohl nicht viel geringer als völlige Lossprechung sein
aber außerdem gilt euer Wort so viel als nichts Weder Vater noch Gatte noch
Bruder noch einiger anderer Verwandter dafern er ein Profaner ist darf im
heimlichen Gericht die Verteidigung des Beklagten führen sondern in den
wenigen Fällen da Verteidigung zugelassen wird muss ein Fremder erscheinen und
die Sache des Verbrechers führen und um die Erscheinung eines solchen möglich
zu machen wird die Zeit des zweiten Gerichts wie eurer Tochter wiederfuhr auf
ein und zwanzig Tage verschoben Wiederfuhr fragte ich du sprichst von der
Sache als wenn du gegenwärtig gewesen wärest sollte ich mich wirklich nicht
geirrt haben solltest du wirklich
Walter unterbrach mich mit Unwillen ohne meine Frage zu beantworten er
trieb mich von sich und bat mich nie wieder zu kommen wenn ich auf diese Art
mit ihm sprechen wollte
Von ihm ging ich zu dem Grafen von Württemberg es ging mir wie du vermutet
hattest Ich ward abgewiesen und noch muss ich ich muss mit ihm sprechen Es ist
mir ein Mittel eingefallen durch welches ich Zutritt bei ihm erlangen könnte
Du weißt die goldne Kette die ich dir an deinem zehnten Geburtstage schenkte
ich habe sie er gab ich genug es hat eine gewisse Bewandtnis mit diesem
Kleinod und ich glaube ich werde nicht wieder abgewiesen werden wenn ich ihm
dasselbe zuschicke und ihn dabei an gewisse Dinge erinnern lasse Wolltest du
mir wohl diesen Schmuck der dir jetzt sehr entbehrlich ist überlassen er soll
dir herrlicher als du denkst ersetzt werden Wie du erschrickst solltest
du dieses wichtige Kleinod verloren haben sollte etwa bei jenem Brande der
uns um unser Vermögen brachte Doch nein deine Mutter versicherte mich als
ich einst ernstlich danach fragte es sei gerettet du habest es bei deinem
damaligen Kirchgange getragen Sprich Ida was soll ich denken Ich
versichere dich die Sache ist keine Kleinigkeit
Mein Vater rief die erschrockene Ida ich meine Mutter genug die Kette
ist nicht mehr in meinen Händen Herrmann von Unna bekam sie einst als er
Unvorsichtiges Mädchen schrie Münster du hast dein Glück aus den Händen
gegeben Und mein Weib Gott wie konnte sie Herrmann hat das Kleinod o
dass ich ihn zu finden es ihm zu entreißen wüsste es wär im Stande jetzt dein
Leben zu retten
Münster tobte noch eine Weile auf diese Art Ida bat fragte suchte ihn zu
besänftigen aber umsonst Sie bot ihm einen Ring den sie mit der Kette
zugleich von ihm erhielt er stieß ihn von sich und sagte er sei ohne seine
Gefährtinn die Kette ohne Nutzen Ida weinte und bat um Erklärung dieser
rätselhaften Dinge er riss sich von ihr los und verließ sie das erstemahl in
seinem Leben mit allen Merkmahlen des Unwillens
Da Ida sich nicht vorstellen konnte was der Verlust einer solchen
Kleinigkeit als ihrer ernsten Seele ein Stück weiblichen Schmuckes war auf
sich haben könne so schlug sie es bald aus dem Sinne und trauerte nur über den
Unwillen ihres Vaters den sie doch bei seinem nächsten Besuche schnell zu heben
dachte sie wusste wie sehr sie von ihm geliebt ward wie viel ihre Bitten ihre
Tränen über ihn vermochten Aber vergebens sah sie ihm diesen und die beiden
folgenden Tage entgegen Sie ward unruhig sie erhielt bei der Oberinn des
Klosters welche ihr geneigt war die Vergünstigung nach ihm in seiner
bisherigen Wohnung fragen zu lassen Seine Zimmer waren verschlossen niemand
hatte ihn gesehen Man schickte zu Waltern die Antwort war er habe ihn das
letzte mahl ein wenig unfreundlich von sich gewiesen und dies müsse ihn
beleidigt haben er sei seit dem nicht wieder gekommen
Was für Nachrichten für Ida brauchte sie wohl noch neuen Stoff zur
Bekümmernis Von den ein und zwanzig Tagen bis zu dem nächsten Vorbescheid vor
den furchtbaren Gericht waren bereits viere vergangen die übrigen verschlichen
unter tausenderlei Beängstigungen bis auf einen und in diesem Einen sollte sie
nun herbeischaffen was sie in so vielen nicht vermocht hatte sollte
unumstössliche Beweise ihrer Unschuld darlegen oder sterben Schrecklicher
Zustand des armen Mädchens Es schien als wenn alles worauf sie einigen Trost
baute vernichtet werden sollte Sie hörte von der Wiedergenesung der Kaiserin
sie konnte denken dass diese von ihrem Unglück nichts oder nur unvollkommen
wissen würde sie konnte hoffen dass wüsste sie dasselbe sie alles für sie tun
würde aber so sinnreich auch die Nonnen ihre Freundinnen waren Mittel zu
erdenken vor die Monarchinn zu kommen so schlug doch alles fehl und da am
Ende der letzte entscheidende Tag anbrach da sie sich überzeugen musste dass für
sie in der Hauptsache nichts mehr zu tun sei als ihrer Unschuld zu trauen so
quälte sie noch die Sorge wie sie vor das Gericht kommen sollte das ihr in der
künftigen Nacht bevorstand Auszubleiben war wider ihre Ehre und ihre
Grundsätze allein ohne Führer sich an dem bestimmten Orte einzustellen
unanständig und gefährlich Was sollte sie tun Man ging im Kloster ernstlich
darüber zu Rate und die gutherzige Oberinn erlaubte dass der alte Walter
herbei gerufen und gebeten wurde diese Nacht bei der Tochter seines Freundes
Vaterstelle zu vertreten
Der Greis geriet bei diesem Anmuten in die augenscheinlichste Verwirrung
er veränderte die Farbe wollte reden stammelte stampfte endlich voll Unwillen
mit dem Fuß und schrie man sollte aufhören ihn mit unmöglichen Dingen zu
quälen Mit diesen Worten verschwand er und hinterließ Ida und die
Klosterjungfern in der äußersten Bestürzung
Unter Weinen und Beten kam die Nacht heran Man hatte Ida allein gelassen
und bei der Domina ward großer Rat gepflogen Es ist unmöglich sagte die
gutherzige Alte das Mädchen ihrem Schicksale zu überlassen Ich wollte es wagen
auf das Bild der heiligen Jungfrau zu schwören dass sie unschuldig ist dass sie
für unschuldig erkannt werden wird sollten wir denn so grausam sein sie einem
Verderben anderer Art entgegen gehen zu lassen Sie ist schön wie ihr und ich
in unsern bessern Jahren wenn es in der Welt noch so zugeht wie zu meiner Zeit
so droht ihr auf dem kleinsten Wege unausbleibliche Gefahr sie wird irgend
einem laurenden jungen Wüstlinge in die Hände fallen und für unser Kloster
verloren sein welches doch es gehe wie es wolle einst ihre Zuflucht werden
wird was sollen wir tun Schwestern was sollen wir tun Wärs wohl Verletzung
unserer heiligen Regel sie bis an den Ort ihrer Bestimmung zu begleiten Ich
nebst den vier ältesten aus der Schwesterschaft übernehme dies Werk und
Es war der heiligen Frau unmöglich zu enden ein lauter Beifall unterbrach
ihre Worte Die Liebe zu der holdseeligen Ida die sie ich weis selbst nicht
warum als eine künftige Mitschwester ansahen oder das Verlangen einmal den
Fuß aus den ängstlichen Klostermauren zu setzen machte dass man sich ein
seltener Streit unter alternden Jungfern um den Vorzug der Jahre stritt und dass
die Domina um Friede zu erhalten genötigt war dem älteren Teil ihrer
Fräuleins aus welchen ihr Rat bestand ohne Ausschluss einer einigen die
Bestehung dieses Abenteuers zu gestatten Eine allgemeine Freude erhob sich
unter ihnen und es ward augenblicklich eine Gesandtschaft an die angstvolle Ida
abgeschickt ihr den Schluss des Konvents kund zu tun
Sie war entzückt über die außerordentliche Probe der Achtung die sie
erhielt die lebhafteste Dankbarkeit durchströmte ihr Herz und es schwebte ein
Gelübde auf ihren Lippen welches mit lauter Freude von den Nonnen welche schon
darauf rechneten würde aufgenommen worden sein und das nur durch
Dazwischenkunft irgend eines Zufalls konnte zurück gehalten werden Die
Mitternachtsstunde schlug der Weg nach dem Bartolomäuskirchhofe war weit man
durfte sich nicht aufhalten so gar die feierliche Einsegnung in der
Klosterkirche die man zu diesem großen Schritte für nötig gehalten hatte und
die gewiss in dem Herzen der frommen Ida irgend ein unglückliches Angelöbnis
hätte hervorlocken können musste unterbleiben Man nahm eilig die Schleier
visitirte in der Geschwindigkeit ein wenig die Zellen der jüngeren Nonnen damit
keine sich unter der Hand der Vorrechte der älteren teilhaftig machte wallte
die langen schallenden Klostergänge hindurch öffnete das Tor und tat mit
Herzklopfen den Schritt aus den geheiligten Mauern in die Welt
Auch Idas Herz klopfte sie ging mit ihren ehrwürdigen Begleiterinnen in
dämmernden Sternenlichte den Weg den sie schon einmal an der Hand ihres Vaters
gegangen war Die Domina an deren Seite sie wandelte überhäufte sie mit
Tröstungen und frommen Betrachtungen aber das Stillschweigen unter welchen
ehemals Münster diesen traurigen Gang mit ihr tat war ihrem Zustande
angemessner und sie hätte viel darum gegeben auch jetzt still und ungestört
weinen zu dürfen
Endlich langte man an dem Ort der Bestimmung an Ihr vermummter Führer der
ihrer bereits wartete stutzte sie in so großer Begleitung kommen zu sehen
doch schien die Gegenwart der heiligen Frauen einen vorteilhaften Eindruck auf
ihn zu machen er beugte sich tief vor ihnen ließ der weinenden Ida Zeit sich
mit ihnen zu letzen bot ihr dann freundlich den rechten Arm und entfernte sich
langsam unter öfterm Zurücksehen nach den Nonnen welche ihn neugierig mit den
Augen verfolgten Als sie um eine Ecke kamen und ihr Begleiter ihr die dichte
Hülle überwarf vermisste sie abermals seine linke Hand Ach rief sie warum
wollt ihr mir doch verbergen dass ihr Walter seid es würde mir so tröstlich
sein es zu wissen dass ich an der Hand eines Bekannten eines wackeren redlichen
Mannes gehe Ein unverständliches Murmeln in welchem Ida nur den Ton des
Unwillens unterscheiden konnte beantwortete diese Rede Beide schwiegen und
man kam wie ihr dünkte weit eher als das vorige mahl an Ort und Stelle
Auch kam ihr der Ort wohin man sie brachte anders vor als vorhin die
Decke der funkelnde Sternhimmel war die nämliche aber den Umkreis bezogen
nicht hohe ängstliche Mauren sondern das Auge hatte von allen Seiten so viel
die falbe Dämmerung erlaubte eine freie Aussicht die nur von der Seite woher
Ida kam durch dichte Gesträuche und auf der entgegen gesetzten vermutlich auf
eben die Art begränzt war unter ihren Füßen fühlte Ida weichen Rasen und es
ward ihr aus einigen Umständen wahrscheinlich dass sie sich in einer
ausgeholzten Gegend eines ihr wohlbekannten Waldes befand welches wohl sein
konnte denn ein jeder Ort mochte wie einige alte Schriften sagen zu Hegung
des Vehmgerichts taugen wenn er nur heimlich und hehr war
Die Versammlung an diesem Orte war so zahlreich als das erstemahl aber die
Erleuchtung schwächer und die Stille wo möglich noch schauerlicher Das Zeichen
mit der Glocke ward gegeben Die Stimme welche Ida schon einmal gehört hatte
erhub sich und rief
»Wir die Diener des unsichtbaren Gottes der im Verborgenen richtet wendet
uns gegen die vier Enden der Erden und rufen dir Verteidiger der angeklagten
Ida Erscheine«
Der Ruf ward dreimal wiederholt der Schauplatz ward heller und Ida wollte
ungefordert hervortreten Ihr werdet heute nicht zu sprechen haben flüsterte
ihr Führer haltet euch ruhig
Ida sah die Versammlung der fürchterlichen Unbekannten mit frohem Mute an
ein Gefühl von Freude und Hoffnung durchströmte ihr Herz welches zum
unaussprechlichen Entzücken ward als sich auf dem dritten Ruf eine Gestalt
hervortat die ungeachtet sie vermummt war wie die andern doch ein gewisses
Etwas an sich hatte das ihr in Idas Augen den Vorzug vor jedem der Anwesenden
gab
Der Verteidiger der Unschuld ging langsam vorwärts und stellte sich vor den
Thron des Richters Hier rief er hier bin ich tötet mich wenn Ida schuldig
ist
Die Hegung des Gerichts hub an Die Fragen welche Ida schon einmal gehört
hatte wurden wiederholt aber sie hörte sie nicht mit dem Schrecken wie das
erstemahl der Unbekannte wusste auf jede derselben zu antworten und ihren
Gedanken nach war ihre Unschuld völlig erwiesen aber die Richter waren schwerer
zu befriedigen Die in jenen finsteren Zeiten des Aberglaubens so verdächtige
Geschichte mit der Locke blieb doch einmal wahr die unüberlegten Worte welche
sie zur Prinzessin von Ratibor gesagt hatte waren nicht zu leugnen und zeugten
wider sie Noch war die Kaiserin nicht völlig genesen und Herrmann von Unna
den man hier für tot hielt und ich weis nicht warum Ida seine Mörderinn
nannte war wie man versicherte nirgend zu finden
Der Retter der Unschuld bat man möchte die Genesung Sophiens abwarten und
dann sie über Idas Leben entscheiden lassen da sie wenn Ida schuldig sei die
heftigste Beleidigung von ihr erlitten habe und gewiss mehrere Umstände als man
hier wisse werde angeben können aber man verwarf diese Bitte Er erbot sich
die andere Anklage wegen Herrmanns Ermordung auf der Stelle zu zernichten aber
man hies ihn schweigen und verwies ihn vornehmlich auf den Beweis dass Ida
keine Zauberinn sei als welcher hier den Grund und die Hauptsache des Ganzen
ausmache Idas Verteidiger fühlte wie schwer wie unmöglich ein Beweis von
dieser Art sei er verfiel in ein dumpfes Stillschweigen welches der Beklagten
ein Vorbote des Todes war
Nun denn rief er endlich ich weis was ich übernommen habe ich weiß dass
in diesem Gericht keiner den Beklagten verteidigen darf ohne wenn jener
schuldig befunden wird mit ihm gleiche Strafe übernehmen zu müssen Hier bin
ich tötet mich denn wenn für sie keine Rettung ist Aber ich rufe Himmel und
Erde zu Zeugen sie ist unschuldig und zittert ihr Blut wird nicht ungerochen
bleiben sie ist nicht die Tochter eines geringen unbekannten Bürgers sie ist
eine Fürsten Tochter
Unter den Anwesenden erhub sich ein Geflüster die meisten riefen dieses
sei eine Erdichtung um den Prozess der Beklagten ins Weite zu ziehen sie
schwuren man dürfe ihn nicht in Freiheit lassen bis er seine Aussage erwiesen
habe Man bemächtigte sich seiner Ida schrie sie töten ihn vor ihren Augen
schwamm die ganze Versammlung in einem düstern Nebel die Lichter verloschen
ein fürchterliches Getöss umsausste ihre Ohren und sie sank ohne Empfindung
nieder
Zwei und zwanzigstes Kapitel
Die Sonne scheint für Idas mäßige Wünsche fast zu hell
Ida fing an sich zu erholen die Begebenheiten der vergangenen Nacht dünkten
ihr ein Traum zu sein Sie sah um sich her der Tag war angebrochen und sie lag
unter dem großen noch geschlossenen Tor der Bartolomäus Kirche Sie richtete
sich auf sie wollte aufstehen aber sie vermochte es nicht da kam aus einer
der Straßen die sich hier scheideten ein Mann gegen sie daher den sie schon
in der Ferne für Waltern erkannte sie breitete die Arme nach ihm aus und
nannte so laut sie konnte seinen Namen Er nahte sich ihr mit Eile Kommt
sagte er dass ich euch wieder zu euren Nonnen bringe doch ich vergesse zu
fragen wie ihr hieher kommt Habt ihr die Vorgänge voriger Nacht vergessen
stammelte Ida welche jetzt vermögend war sich völlig zu besinnen mich dünkt
ihr wart sowohl gegenwärtig als ich
Was soll das unnütze Reden erwiderte er mit verdrüsslichem Ton Kommt ehe
man euch hier antrift
Gott schrie Ida Gott was soll aus mit werden sprecht was habe ich nun
zu tun ihr wisst dass auch meine letzte Hoffnung vernichtet ist
Walter schwieg und besann sich erst nach einer Weile dass er fragen müsse
was sie meine wenn er seine Rolle gut spielen wolle
Ida drang in ihn sich ihrer zu erbarmen sich nicht gegen sie zu
verstellen weil es ihm nie gelingen würde sie zu überreden dass er nicht alles
wisse und ihr am besten raten könne Walter ward unwillig Sie führte die
fehlende linke Hand und er seine Kleidung die mit der eines Vermummten keine
Ähnlichkeit hatte zum Beweis des Behaupteten an Ida welcher wichtigere
Sorgen auf dem Herzen lagen schwieg endlich und man langte vor dem Kloster an
Es sei mir erlaubt die Art des Empfangs bei den Ursulinerinnen welche
hoften das unglückliche Mädchen ganz gerechtfertigt wieder zu sehen mit
Stillschweigen zu übergehen Sie waren anfangs entrüstet dass man derjenigen
die durch die Ehre die sie ihr in voriger Nacht erzeigten schon in einem
vorteilhaften Lichte hätte erscheinen sollen nicht besser begegnet hatte nach
und nach schlichen sich Zweifel ein ob Ida auch wirklich so unschuldig sei als
man sie im Kloster glaubte Man fing an sie zu vernachlässigen man tröstete sie
nicht mehr sprach ihr nicht mehr in ihrer Einsamkeit zu und es geriet bald
dahin dass der alte Walter welcher sie täglich am Sprachgitter besuchte ihr
einiger Trost war
Ida wusste nicht was sie von ihrem eignen Schicksale halten sollte sie
hatte Ursach zu den größten Besorgnissen und gleichwohl lag ihr das Ergehen
desjenigen der sich im Gericht zu ihrem Verteidiger aufgeworfen hatte weit
mehr am Herzen
Meint ihr nicht fragte sie Waltern dass es mein Vater ist
Er zuckte die Achseln
Wer wär es sonst Wer könnte es sein
Ich weis nicht
O Walter ich beschwöre euch ihr wisst es sagt mir alles
Wollt ihr mich mit eurem Geschwätz von euch treiben
So nehmt euch wenigstens meines Retters an wenn ihr könnt und forscht nach
dem Aufenthalte meines Vaters
Eures Vaters kennt ihr ihn
Ida sah ihn mit verwunderten Augen an und wiederholte seine Frage
Walter tat noch einige und als er aus ihren Antworten merkte dass sie das
Bekenntnis des Unbekannten von ihrer Geburt nicht verstanden habe sich noch bis
jetzt für Münsters Tochter hielt so verfiel er wieder in sein geheimnisvolles
Stillschweigen
Ida weinte über die Härte des Alten und dieser bat sie endlich ruhig zu
sein und alles zu hoffen Vielleicht setzte er hinzu dass sich euer Schicksal
in kurzem ändert
Seht sagte er als er eines Morgens zu ihr kam seht hier die Erfüllung
meiner Weissagung Ida hatte die Schriften der heimlichen Rächer schon zu oft
gesehen um den Zettel den er ihr darbot nicht sogleich zu kennen Sie
zitterte ungeachtet der vorteilhaften Art mit welcher er ihr ihn ankündigte
ihn zu lesen Walter tat es an ihrer Statt Er enthielt Leser stelle dir das
Entzücken der Unglücklichen vor enthielt eine feierliche Bekanntmachung ihrer
Unschuld und völlige Lossprechung von allen Anklagen Die Freude tat die
Wirkung auf sie welche der Schmerz schon so oft gehabt hatte Sie kam wieder zu
sich selbst um die Frage ob dies wahr ob es wirklich möglich sei tausendmahl
zu wiederholen Das frohe Gerücht breitete sich aus die Nonnen eilten herbei
und Glückwünschungen Freundschaftsversicherungen und Bitten sie nie zu
verlassen immer eine Bewohnerinn ihres friedlichen Hauses zu bleiben strömten
auf sie zu Ida erinnerte sich wohl dass man ihr in den letzten Tagen oft und
deutlich genug hatte zu verstehen gegeben dass ihr Aufenthalt in diesem Kloster
bei ihrer unerwiesenen Unschuld nicht lang würde dauern können aber sie war zu
glücklich um es jetzt zu ahnden sie beantwortete die Höflichkeiten der
Klosterfrauen mit ihrer gewöhnlichen Treuherzigkeit ob sie gleich Bedenken
trug sich zum beständigen Aufenthalt an einem Orte anheischig zu machen wo man
so leicht von einem Äußersten aufs andere fiel
Sie konnte sich aus dem Gewirr das sie umgab noch nicht herausfinden als
man ihr sagte es warte an der Klosterpforte ein Wagen der Befehl habe sie zum
Grafen von Württemberg zu bringen
Ida konnte hoffen dass so bald ihre Lossprechung kund werden würde die alte
Freundschaft in den Herzen aller derer erwachen würde welche sie bisher
verlassen hatten und es schmeichelte ihr dass der Graf von Württemberg den sie
immer geschätzt hatte einer von den ersten war welche sich ihrer wiederum
erinnerten
Sie floh in den Wagen den er ihr sandte sie vertiefte sich unterwegs in
tausend angenehmen Träumen hoffte bei ihm ihren Vater und ihren unbekannten
Retter zu finden durch ihn wieder bei der geliebten Kaiserin eingeführt zu
werden und was hofft nicht eine junge Person alles welche das kleinste Lächeln
des Glücks für ein Unterpfand seiner größten Gunstbezeugungen anzunehmen geneigt
ist
Auch hatte es das Ansehen als ob Ida von ihren Erwartungen nicht sehr
getäuscht werden würde Sie langte an der alte Graf von Württemberg eilte ihr
selbst entgegen und schloss sie mit einem Feuer in seine Arme welches ihr
befremdend vorgekommen sein müsste wenn sie in ihrer gegenwärtigen Verfassung
Raum zum Überlegen gehabt hätte Der Graf führte sie durch eine Reihe
glänzender Hofleute die sich vor ihr bis zur Erde beugten in sein Kabinet Ida
Ida rief er und schloss sie in seine Arme o mein weissagendes Herz wie wahr
hast du gesprochen Das schüchterne Mädchen fand die immer von neuem
angehenden Liebkosungen von einem Fremden zu groß sie wand sich aus seinen
Armen und umfasste seine Knie
Gnädiger Herr rief sie die Herablassung mit der sie mir begegnen die
Güte mit welcher sie sich über mein Glück freuen lässt mich hoffen dass sie
sich nicht weigern werden es vollkommen zu machen Ich wünschte meinen Retter
zu sehen um ihm danken zu können meinen Vater wieder zu sehen den ich
verloren habe der erste kann denke ich nicht weit sein und den andern
ausfindig zu machen kann einem Fürsten dessen Auge dessen Arme so weit
reichen nicht schwer werden
Deinen Retter deinen Vater fragte der Graf siehe hier beides in einer
Person Ida sah sich um und sah dass sie mit dem Grafen allein war der sie von
neuem in seine Arme schloss Sie betrachtete ihn mit verwundernden Augen und
getraute sich nicht seine Liebkosungen zu erwidern Du glaubst mir nicht
dein Herz hat keine Stimme für mich fuhr er fort Ich bin dein Vater sage ich
dir Sieh dieses Kleinod das dich mir kenntlich machte Ida erblickte in des
Grafen Händen die Kette welche sie Herrmann ehemals schenkte und das Andenken
an den geliebten Jüngling verdunkelte die Vorstellung von dem was sie hörte
und das sie ohnedem noch nicht recht begreifen konnte gänzlich
Der Graf sah ihre Bestürzung du zweifelst rief er ich muss dich
überführen er gab ein Zeichen eine Nebentür tat sich auf und der alte
Münster trat herein Weder er noch der Graf waren vermögend ein Wort
vorzubringen denn Ida sprang auf den ersten Anblick des redlichen Greises auf
und floh in seine Arme o mein Vater schrie sie ists möglich dass ich euch
wieder habe Nein Gräfin sprach Münster indem er ihre Hand ergriff und sie
zu dem Grafen führte der mit einigem Unwillen in seinen Blicken auf der Seite
stand nein diese Ehre ist für mich zu groß ihr seid die Tochter dieses
Fürsten ich war nur euer Erzieher und wenn ich es recht sagen soll ehemals
euer Räuber Hier gnädiger Herr fuhr er fort indem er Idas linke Hand in des
Grafen Rechte legte hier seht ihr noch einen Beweis von der Wahrheit meiner
Aussage Diese Hand trägt noch das Maal welches die Gräfin mit auf die Welt
brachte und dieser Ring ist euch die lebhafteste Erinnerung an eure Gemahlin
die bei der Geburt dieser Tochter das Leben einbüsste O ich brauche keinen
Beweis rief der Graf als mein eigen Herz und diese Züge die meiner
verstorbenen Ida so unaussprechlich gleichen dass ich nicht weis wie ich sie so
lang verkennen konnte Doch ich bin immer durch eine unwiderstehliche Sympatie
zu dir hingerissen worden Ida du weists wie mich gleich Anfangs dein bloßer
Name erschütterte wie ich dich immer deinen Feinden zum Trotz vor allen
andern auszeichnete
Idas Erstaunen fing an sich in Freude zu verwandeln ihr Herz sprach für
Graf Eberhardten wie das Seinige für sie sie sank in seine Arme sie schlang
ihre Linke um seinen Nacken indem sie die Rechte nach Münstern ausstreckte der
ihr zu teuer war als dass irgend jemand ihm den Vorrang in ihrem Herzen hätte
streitig machen können Auf die ersten Entzückungen der Freude folgten
Erklärungen nach denen meine Leser vielleicht so begierig sein werden als Ida
aber wie verwirrt sind die Erläuterungen die man in dem Gewirr mannichfaltiger
Leidenschaften erteilt und anhört Wir müssen einen ruhigern Zeitpunkt wählen
dir mein Leser das Ganze dieser verwickelten Begebenheit mitzuteilen
Ida sah mit bekümmertem Herzen dass Münster bei weitem nicht in dem Ansehen
bei dem Grafen war als bei ihr Graf Eberhardt sah in ihm den ehemaligen Räuber
seiner Tochter sie ihren Erzieher ihren treuen Ratgeber ihren Tröster zu
der Zeit da jedermann sie verließ Der Graf missgönnte dem Alten jede
Liebkosung die sie ihm erwies und sie konnte nicht vergessen dass sie ihn so
lang hatte Vater nennen dürfen Sonderbar ich weiß gewiss dass manche meiner
Leserinnen es nicht werden begreifen können dass das Vergnügen eines Fürsten
Tochter zu sein nicht das Gefühl der Dankbarkeit und jede andere Empfindung bei
Ida verdrängte freilich war dies ein Beweis dass sie nicht nach den Grundsätzen
der großen Welt erzogen worden war
In Idas Herzen lebte noch ein unerfüllter Wunsch der ihr die Freude über
die väterliche Zärtlichkeit des Grafen verbitterte Sie hatte schon mehrmahl
nach ihrem Vorsprecher vor dem heimlichen Gerichte gefragt und ihn zu sehen
gewünscht sie hatte ihn ihren Retter genannt und die lebhafteste Dankbarkeit
gegen ihn geäußert und allemahl hatte sie der Graf versichert sie habe ihre
Rettung niemand als ihm zu danken welches sie zwar nach dem was man ihr sagte
und was meine Leser mit der Zeit auch erfahren sollen glaubte aber doch
allemal mit ihren Fragen auf den großmütigen Unbekannten zurückkam der doch
ohne Zweifel durch seine Vorsprache den ersten Grund zu ihrer Rettung gelegt
hatte Man hatte keine Lust diese Frage deutlich zu beantworten Ida schwieg
und suchte ihren Verdruss zu verbergen um die Liebe ihres neuen Vaters nicht mit
Undank zu belohnen Münster welcher auf Idas Bitte in dem Zimmer des Grafen
bleiben durfte war zurückhaltend um keine Eifersucht zu erregen und Graf
Eberhardt fand jede Liebkosung seiner Tochter kalt gegen dasjenige was er
erwartet hatte So ging man am Abend auseinander froh über entflohnes Unglück
und neugewonnene Freuden und doch mit einem kleinen Dorn im Herzen der auch
bei dem größten Entzücken der Erde nie ganz fehlt
Drei und zwanzigstes Kapitel
Ein verdächtiger Besuch
Ida bekam Befehl den Pallast ihres Vaters nicht wieder zu verlassen man wies
ihr Zimmer an und sie wahr froh endlich nach einem Tage voll der seltsamsten
Veränderungen zur Ruhe und zum Nachdenken zu kommen Sie entließ die Frauen
die man ihr zugab sehr bald und warf sich angekleidet auf einen Sessel um die
Geschichte des Tages von neuem zu überlegen Ein leises Klopfen an der Tür
weckte sie aus ihrem Tiefsinn Eine Mannsperson trat schnell herein Sie
erschrack wollte fliehen wollte nach ihren Leuten rufen aber der Kommende
fiel auf die Knie fasste sie bei ihrem Gewand und bat mit einem Tone der ihr
Innerstes durchdrang sich nicht zu übereilen Was ist das für eine Stimme
schrie Ida und dies Gesicht O Herrmann Herrmann
Ja ich bin es Gräfin sprach er Ich bin genötigt zudringlich verwegen
zu sein Ich muss mit euch sprechen und jetzt oder niemals Mit diesen Worten
stand er auf verschloss leise die Tür und nahte sich der bleichen Ida von
neuem welche halb außer sich vor Entsetzen und Freude an das Getäfel gelehnt da
stand und nicht wusste was sie tun sollte
Ein Mädchen mit dem gehörigen Ceremoniel der Tugend bekannt würde bei
Herrmanns Handlungen Zorn gefühlt oder affektirt haben Ein Liebhaber in der
einsamen Mitternachtsstunde bei verschlossenen Türen war in der Tat eine
bedenkliche Sache konnte auch dem entscheidensten guten Ruf einen Flecken
anhängen Ida dachte in der ersten freudigen Bestürzung nicht an das was ihr
zukam sie beugte sich zu Herrmann der ihre Knie von neuem umfasste herab sie
breitete ihre Arme gegen ihn aus und zog sie schnell mit Erröten zurück um
ihren Fehler wieder gut zu machen Herrmann kannte seinen Vorteil zu gut um es
bei dem Anfange dessen zu lassen was ihm zugedacht war er erkühnte sich sie
in seine Arme zu schließen sie wand sich mit Unwillen von ihm los und eilte
nach einer Nebentür von welcher sie glaubte dass sie in das Kabinet ihrer
Frauen führe er folgte ihr und beide sahen sich auf einem Altan welcher
keinen weitern Ausgang hatte
Ich beschwöre euch Gräfin rief jetzt Herrmann von neuem treibt mich
nicht zur Verzweiflung ich muss mit euch sprechen und ich hoffe ihr trauet mir
zu ich würde mich nicht so zur Unzeit bei euch eindrängen wenn ich irgend ein
anders Mittel säh euch vor einer langen ach vielleicht ewigen Trennung das zu
sagen was ihr wissen müsst Ewige Trennung wiederholte Ida mit zur Erde
gesenktem Blick Ja ewige Trennung von dem den ihr ehemals nicht mit
ungünstigen Augen ansaht rief der Jüngling Hat euer hoher Stand eure
Gesinnungen so schnell ändern können
Herrmann rief Ida mit dem Ausdruck des höchsten Affekts ihr kennt mich
nicht mich ändern gegen den ändern der mich als ich so weit unter ihm war
so so heiß so zärtlich liebte ersetzte der Jüngling ihre abgebrochenen
Worte und der euch wenn ihr Königin der ganzen Welt wäret nie anders lieben
könnte als damals Ida Münsterinn von ihm geliebt wurde und als
Haltet ein unterbrach ihn Ida mit einem etwas ernstern Blick als bisher
ihr seht dass es meine Ehre erfordert dass euer nächtlicher Besuch so kurz
werde als möglich brechet also von diesen Dingen ab und sagt mir eilig was
ihr zu sagen habt
Herrmann gelobte Gehorsam man nahm Platz auf den Altan der eine liebliche
Aussicht in einen einsamen vom Mond beglänzten Garten hatte und der Jüngling
hub an sich über das zu erklären was er auf dem Herzen hatte Ich muss euch
sagte er warnen eurem gegenwärtigen Glücke nicht zu viel zu trauen ihr seht
was mir widerfuhr als ich in jenem nächtlichen Gericht eure Sache führte
damals
Wie schrie Ida ihr ihr wart es der sein Leben für mich wagte mich zu
retten strebte als ich von allen verlassen war O Gott werde ich jemals im
Stande sein Nein das ist zu viel Tränen strömten aus ihren Augen ihre
Hände waren gen Himmel gefaltet und ein Blick fiel auf Herrmann welcher ihm
alles sagte was ihr Herz empfand
Also wisst ihr nicht man sagte euch nicht stammelte er Ja in diesem
Zuge erkenne ich den Grafen und ihr seht was wir was ich will ich sagen von
ihm zu erwarten habe
Ihr müsst mir alles alles entdecken rief Ida vom ersten Anfange von
unserer Trennung an die Nacht ist lang wir sind allein niemand wird uns
stören
Ida schien ganz vergessen zu haben was sie vor einem Augenblicke sagte dass
ihre Ehre die Abkürzung des nächtlichen Besuchs erfordere und Herrmann fiel es
noch viel weniger ein daran zu denken
Wie ich mich bei jenem Abschied aus Münsters Hause von euch oder vielmehr
ihr euch von mir lossrisset fing er an das könnt ihr noch nicht vergessen
haben so heftig mich auch die Trennung von allem was ich liebte erschütterte
so stand mir doch bei dem Abschiede von eurer sogenannten Mutter noch ein Sturm
bevor welcher diesen beinahe übertraf Gott ich bekam von ihr die ersten Winke
von dem was auch ihr nunmehr was die ganze Welt weis dass ihr das Gepräge des
höchsten Standes nicht umsonst an euch tragt dass ihr das wirklich seid wofür
euch jeder halten muss die Tochter eines Fürsten Eile und die Gegenwart des
alten Münsters der mich und seine Frau bewachte verursachte dass ich den Namen
des Glücklichen nicht verstand der euch seine Tochter nennt und mich auf diese
Art in größerer Ungewissheit als je befand was ich dereinst für meine Liebe zu
hoffen hätte denn ihr müsst mir verzeihen so hoch ihr auch durch diese
Entdeckung über mich erhoben wurdet so traute ich doch auf meinen Mut und mein
gutes Schwert welches mich schon wie ich dachte dereinst noch dahin bringen
könnte mein Auge nach der Tochter eines Fürsten erheben zu dürfen Große
unabsehliche Plane über diesen Gegenstand durchkreuzten mein Gehirn meine
Gedanken verwirrten sich ich vergas alles andere und besann mich erst spät auf
die Bitte welche eure Amme die gutherzige Münsterinn beim Abschiede an mich
getan noch einen Tag zu Prag zu verziehen um ein Gesuch das sie euretwegen
an den Kaiser wollte gelangen lassen bei ihm zu unterstützen Ich eilte nach
Prag zurück von da nach Kunradsburg und an verschiedene andere Orte an welche
man mich um meiner zu spotten hinwies Nirgend fand ich den Kaiser und
überall erregte meine Wiedererscheinung nachdem ich schon förmlich entlassen
worden war Neugier und die Besorgnis in der man mich sah spöttische
Anmerkungen Ich war in der Tat außer mir einen Auftrag der euch betraf
nicht besser und schleuniger ausrichten zu können er konnte sich auf die
Bekanntmachung eurer Geburt beziehen konnte Eile haben ich wusste nicht was ich
tun sollte und mein seltsames Betragen legte vielleicht den Grund zu dem
wunderbaren Gerüchte ich habe meinen Verstand verloren welches mir in dem
heimlichen Gerichte da man es zur Anklage wider euch machte zum erstenmahl zu
Ohren kam
Ich hatte wie ich meinte noch einen Freund bei Hofe den ich endlich zu
sprechen bekam und der mich beredete mich zu entfernen weil ich hier meines
Lebens nicht sicher sei und ich mich in der Ausrichtung meines Geschäfts auf
ihn wie auf mich selbst verlassen könnte Wie ich nachmahls erfuhr
erschreckte man mich nur darum vom Hofe hinweg weil der Kaiser meine
Anwesenheit die man ihm verhelte endlich erfahren und mich zu sprechen
gewünscht hatte Schon lange beneidete man mir die armseeligen Überbleibsel der
Gunst die er mir ehemals schenkte man besorgte ich möchte wieder meine
ehemalige Stelle bei ihm behaupten wenn ich ihm von neuem vor Augen käme man
verjagte mich unter dem Vorwand als werde mir nach dem Leben getrachtet und
breitete um seine Nachfragen nach mir zu stillen das Gerücht von meinem Tode
aus welches überall und wie ihr wisst auch selbst bei den allwissenden
heimlichen Richtern für Wahrheit genommen wurde
Ich setzte indessen meinen Weg nach König Siegmunden fort ich fand bei ihm
meinen alten Freund Nicolaus Gara unter dessen Kommando ich einst wider die
rebellischen Prager gedient hatte dessen hohen Rang ich erst jetzt kennen
lernte und der mich mit Freuden unter seine Leute aufnahm Man rüstete sich am
ungarischen Hofe zum Türkenkriege König Siegmund hatte seine von dem Volk
angebetete Gemahlin Maria verloren mit ihr war der größte Teil der Neigung
seiner Untertanen für ihn gestorben Er war nicht außer Verdacht dass er durch
schlechte Begegnung oder wenigstens kalte Liebe den Tod der unglücklichen
Königin verursacht habe man hasste ihn machte Spottgedichte auf das üppige
Leben an seinem Hofe nannte ihn den zweiten Wenzel und er der all diesen
Tadel wie ich glaubte höchstens nur halb verdiente musste darauf denken die
bösen Eindrücke aus den Gemütern des Volks zu tilgen und sich durch irgend
eine tapfere Tat bei ihm in Ansehen zu setzen Ein Zug wieder die Ungläubigen
ward für das Würksamste zu Erreichung dieses Endzwecks gehalten und die
Teilnahme an dem Türkenkriege war beschlossen Welch eine Aussicht für den
dessen Seele nach Ehre und nach dem Besitz einer Ida strebte Welche Lorbern
dachte ich hier einzuerndten welche Stufen mir zu bauen um dich himmlisches
Mädchen erreichen zu können Kein Fürst sollte wie ich meinte Bedenken tragen
mich zu seinem Eydam zu wählen wenn ich mit dem Blut und der Beute der
Ungläubigen bedeckt zurückkehrte und die Stellen an Siegmunds Hofe einnähme
mit welchen meine Eitelkeit und mein parteischer Freund der Feldherr Gara mir
schmeichelte Hoffnungen welche vielleicht möchten erfüllt worden sein
wenn ich geneigt gewesen wär den Absichten desjenigen der für alles zu sagen
hatte dieses Nikolaus Gara in allen die Hand zu bieten
Wir reisten ab wir vereinigten uns mit den andern Feinden des Erbfeindes
wir griffen ihn mit Heldenmut an taten Wunder der Tapferkeit und siegten
doch fast niemals ein feindseeliges Geschick wand uns den Sieg fast allemahl
in dem Augenblicke da wir ihn zu erreichen gedachten aus der Hand
Mir waren diese Dinge anfangs unbegreiflich Das Volk schrieb unsere öfteren
Fehlschlagungen den heimlichen unentsündigten Verbrechen seines Königs zu der
Feldherr stimmte ziemlich laut in diese rebellischen Klagen ein ich aber hatte
mehr als wahrscheinliche Mutmaßungen das Nikolaus unvermerkt das Glück seines
Herrn zu untergraben suchte und den Feind in der Stille begünstigte um ihm zu
schaden Meine Mutmaßungen wurden nachher zu Wahrscheinlichkeiten als der
Feldherr gegen mich immer mehr mit dem heimlichen Hass gegen seinen Herrn
hervortrat und auch mich von ihm abwendig zu machen suchte
Er war der älteste Sohn des alten Nikolaus Gara welchen Siegmund ehemals
hinrichten ließ Hass und Rache gegen den Mörder seines Vaters brütete in seinem
Herzen und Siegmund hätte keinen nachteiligern Schritt tun können als dass er
dem einen Sohn des Ertödeten alle Gewalt beim Heer übergab und den andern den
heimtückischen Andreas Gara als Stattalter des Reichs hinterließ aber Siegmund
war offen grosmutig und unvorsichtig mochte gern angetane Beleidigungen
vergüten und gab sich in die Gewalt seiner Feinde indem er dachte sie zu
seinen Freunden umzuschaffen Mir wurden die bösen Absichten des Feldherrn immer
heller Ich war meinem Herrn dem König mit aller Treue ergeben ich bezeugte
unverstellt den Abscheu den mir Garas Vorschläge ihm zum Untergange der
Monarchen die Hand zu bieten einflössten Ach ich hatte schon vorhin Gelegenheit
gehabt den redlichen Charakter des Feldherrn zu bezweifeln war er es nicht der
ehemahls im Stande war Wenzels verräterischer Ermordung der böhmischen Großen
das Wort zu reden
Ich verheelte ihm nichts von der Meinung die ich von ihm hegte Meine
Aufrichtigkeit brachte mir den Untergang Gara ward kaltsinnig gegen mich man
bürdete mir ungeschehene Vergehungen auf ich hörte auf zu steigen ward nach
und nach im Dienste immer einige Stufen tiefer herabsetzt und erhielt endlich
gar die Erlaubnis mich vom Heer zu entfernen Da dies nur Erlaubnis nicht
Befehl war so achtete ich es nicht ich wollte meinem König lieber als der
geringste Kriegsknecht dienen als ihn mitten unter seinen Feinden verlassen O
Gott wie gern hätte ich ihn gewarnt aber war dies möglich man bewachte seine
und meine Schritte man hatte mich bei ihm verhasst gemacht es war unmöglich
ihn unter vier Augen zu sprechen
Doch wird es mich immer freuen dass ich ehe mich mein Schicksal ganz von
ihm riss noch im Stande war ihm einen würklichen Dienst zu leisten Wir
hatten nach Gewohnheit wieder einmal tapfer wider die Ungläubigen gefochten
ohne zu siegen Wir mussten die Schlacht verlieren denn Nikolaus Gara wollte es
Der Herzog von Burgund war schon in den Händen der Türken meinem Könige war das
nämliche Schicksal zugedacht die seinigen wandten sich verräterisch hinter
ihm ab und verließen ihn im einzelnen Kampfe mit dem tapfern Achmet der ihm
offenbahr überlegen war Auch ich sollte auf Befehl des Feldherrn weichen und
einen andern Posten beziehen aber ich war taub ich sammelte zwanzig von
Siegmunds treusten Ungarn um mich wir trennten ihn von seinem furchtbaren
Gegner und brachten ihn davon O dass ich fast in dem nämlichen Augenblick
genötigt war ihn zu verlassen die Liebe rufte mich ich war zu schwach ihrem
Ruf zu widerstehen O Ida das Gerücht von deiner Gefahr kam mir zu Ohren ich
musste dich retten die Liebe zu meinem Könige war gegen die Deinige nichts
Hinterliess ich doch Siegmunden unter der Aufsicht treuer Leute wer hätte es
wagen dürfen öffentlich etwas wider seine geheiligte Person vorzunehmen Mein
Werk wär völlig getan gewesen hätte ich ihn vor heimlichen Nachstellungen
warnen können aber er war schwer verwundet war in den heftigen Anfällen des
Fiebers die Folge seiner Wunden der Besinnungskraft beraubt ich trug das was
ich nicht tun konnte den treuen Dienern auf die ich um ihn zurückließ und
eilte nach dir nach dir Ida die von dem Arme der heimlichen Gerechtigkeit
bedroht wurde die nach Verhältnis des Weges den ich bis zu dir machen musste
nur wenig Tage bis zu Entscheidung ihres Schicksals übrig hatte
Und ich bitte euch Ritter unterbrach ihn die Gräfin wie konntet ihr in
so weiter Ferne Post von meinem Unglück haben
Eine Sache erwiderte er die mir selbst noch bis jetzt nicht ganz deutlich
ist die ich euch aber erklären will so gut ich sie selbst verstehe Ihr
erinnert euch ohne Zweifel noch des alten Andreas den mir Vater Münster bei
meiner Abreise von Prag zum Knechte gab
O ja sagte Ida es war mehr als eine Person in unserm Hause die sich
freute an ihm einen wachsamen Kundschafter der geheimsten Dinge zu verlieren
ich gehörte wie ihr denken könnt nicht unter seine Hasser ich schätzte ihn
wegen seiner Treue ungeachtet ich nicht leugnen kann dass mir seine
anscheinende Einfalt wie so manchen Zügen von schlauer List die er oft
unversehens blicken ließ immer so seltsam contrastirte dass ich nicht recht
wusste was ich aus ihm machen sollte
Dies waren die Bemerkungen fuhr Herrmann fort die ich auch über ihn
machte und zu denen er mir unzählige Gelegenheiten gab Hört jetzt auf wie
außerordentliche Art er die erste Ursach meiner plötzlichen Erscheinung bei
euch und wenn es mir zu sagen erlaubt ist eurer Rettung ward Wir rüsteten
uns an jenem großen Tage von welchem ich euch vorhin sagte zur Schlacht
Andreas der es sonst ungeachtet seines Alters in Ansehung des Muts und der
Unerschrockenheit mit dem Jüngsten aufnahm war als er mir die Waffen anlegte
niedergeschlagen und traurig Herr sagte er der Weg den wir jetzt gehen kann
der Weg zum Tode sein ich kann fallen und wohl mir wenn ich meinen Tod vor
dem Feinde fände aber im Fall dieses geschieht so muss ich euch vorher warnen
Wenn die Schlacht vorüber ist so haltet euch hier nicht lange auf mir ists als
stände es in meines alten Herrn Hause nicht ganz so wie es sollte Das Leben
einer Person die euch nicht gleichgültig sein mag ist in Gefahr Ich sah ihn
mit unverwandten Augen an und fragte nach dem Grunde seiner Besorgnisse er
stockte verbarg sich hinter seine gewohnte einfältige Miene und schützte
schwere Träume vor Ungeachtet ich nie auf Dinge dieser Art etwas hielt so
war ich doch schwach genug bestürzt zu werden und weiter zu fragen Lasts
nur gut sein sprach Andreas jetzt müssen wir vor den Feind bleibe ich so
wisst ihr allenfalls genug im entgegengesetzten Fall sollt ihr mehr erfahren
Wir rückten auf unsere Gegner an Andreas war einer der ersten die an
meiner Seite fielen ich ließ ihn aus dem Gedränge tragen und Rat zu seinen
Wunden schaffen Was in der Schlacht vorfiel das wisst ihr bereits aber dieses
noch nicht dass eine der ersten Nachrichten welche ich erhielt nachdem ich das
Zelt des verwundeten von mir geretteten Königs verlassen hatte der Tod des
ehrlichen Andreas war Sein Kammerad der mir die Post brachte sagte mir der
alte Kriegsknecht hätte noch sterbend den Namen einer gewissen Ida oft genannt
und mich ermahnen lassen sie zu retten weil sie in Gefahr sei in die Hände der
heimlichen Rächer zu fallen die Zeit in welcher ihr noch zu retten wäret und
der Ort eures Aufenthalts wurde mir auf einem mit seltsamen mir unverständlichen
Charaktern bezeichneten Blatt das der Sterbende aus seinem Busen gezogen hatte
angezeigt und ihr könnt euch wohl vorstellen mit welcher Eile ich mich ohne
weiter auf den Grund dieser sonderbaren Dinge zu denken auf den Weg machte
Die Zeit des Nachdenkens über die Umstände dieser befremdenten Begebenheit kam
erst nachher und von der Auflösung meiner Zweifel kann ich euch nur so viel
sagen dass mir es mehr als wahrscheinlich ist dass Andreas einer von den
heimlich Verbundenen des fürchterlichen Gerichts war dessen Mitglieder durch
die ganze Welt verstreut sind und die wie durch ein verborgenes Zauberband
verbunden fast im Augenblicke Nachricht von allem haben was in den
entferntesten Gegenden ihres unsichtbaren Reichs vorgeht Wie groß die Anzahl
der Richter und Beisitzer dieses fürchterlichen Tribunals ist habt ihr zum
Teil gesehen aber ich habe Ursach zu glauben dass ihr Anhang unter den
Geringen im Volk noch weit ausgebreiteter sei als unter den Großen diese Art
Leute sind die Glieder welche diese unermessliche Kette zusammen halten die
verborgenen Triebräder der ungeheuren Maschine die tausend Augen mit welchen
die Allgegenwärtigen wie sie sich nennen alles durchschauen die Zeugen
welche ihnen die verborgensten Geheimnisse verkünden Ohne Zweifel war Andreas
einer von dieser Klasse und seine Treue für das Haus seines alten Herrn machte
dass er die Gränzen der heiligen Verschwiegenheit zu welcher seine Brüderschaft
verpflichtet ist so weit überschritt als er konnte um mich zu eurer Rettung
aufzumahnen
Ich kam an ohne genau zu wissen wie die Gefahr beschaffen sei welche euch
drohte oder wie man euch helfen könne indessen war eure Geschichte der
Gegenstand des allgemeinen Gesprächs die Aufforderung euch zu verteidigen
dafern es möglich sei stand noch an allen Ecken der Straßen an allen
öffentlichen Gebäuden angeschlagen und ich war bald von allem unterrichtet was
ich wissen musste Es waren noch zween Tage bis zur letzten Entscheidung eurer
Sache und ich wandte dieselben so an wie mich ein alter treuherziger Mann ein
gewisser Walter in dessen Bekanntschaft mich der Zufall brachte unterrichtete
Ich wollte euch in eurem Kloster sprechen aber es ward mir widerraten weil
kein Anwald vor dem heimlichen Gericht zugelassen wird von dem erweislich ist
dass er binnen Jahrsfrist den entferntesten Umgang mit dem Beklagten gepflogen
habe Ich erfuhr von Waltern dass es auch an einem Begleiter auf eurem Wege nach
dem Orte fehle von wo ihr von den Unbekannten solltet abgeholt werden und ob
es mir gleich nicht erlaubt war euch meine Hand zu bieten so konnte ich mich
doch nicht enthalten auf dem Wege den ihr gehen musstet heimlich zu lauschen
damit der einsamen verlassenen Unschuld kein Unglück begegne Ich sah euch in
Begleitung der Klosterfrauen daher kommen und ich muss gestehen war etwas das
die Meinung die ich von euch hegte erhöhen konnte so war es diese ehrwürdige
Gesellschaft die durch die Achtung mit der sie euch begegnete das redendste
Zeugnis von eurer Schuldlosigkeit ablegte Auch habe ich hernach erfahren dass
diese Handlung der gutherzigen Nonnen einen für euch sehr vorteilhaften
Eindruck auf eure Richter machte
Und dennoch rief Ida wollte man dem mächtigen Verteidiger meiner Urschuld
kein Gehör geben ging so gar so weit sich seiner Person zu bemächtigen und
dadurch wie ich meinte meine Rettung unmöglich zu machen O Gott mir
schwanden die Sinnen bei diesem Anblick und noch jetzt noch jetzt
Wer vermag alle Dinge in den Handlungen der Unbegreiflichen zu enträtseln
unterbrach Herrmann die stockende Ida auch ich kann und könnte ich darf es
nicht Euch schwanden wie ihr sagt die Sinnen man brachte euch hinweg und
derjenige welcher euch herbei geführt hatte legte euch an den Ort nieder wo
er euch aus den Händen der Nonnen empfangen hatte doch wie ich weis nicht ohne
im Verborgenen für eure Sicherheit zu wachen Ich ward indessen ins besondere
Verhör geführt Man verfuhr strenge mit mir Ich hatte euch die Tochter eines
Fürsten genannt und sollte beweisen ich hatte keine andere Bestätigung meiner
Aussage als die Worte der Münsterinn Der Oberste von den Richtern stand auf und
nahte sich mir er tat mit einer Stimme in welcher die heftigste Rührung nicht
zu verkennen war Fragen an mich die ich nicht zu beantworten wusste Man hatte
mich wie es in diesem Fall die Sitte mit sich bringt entkleidet und mich mit
entblösstem Haupt und Füßen und am Leibe nur mit einer leinenen Hülle bedeckt
zum Verhör geführt Meine Kleider waren untersucht worden und die Kette welche
ich ehedem von euch erhielt war in den Händen des mich fragenden Oberrichters
auch sie war ein Gegenstand seiner Nachforschungen Woher ich sie bekommen ob
ich das daran hangende Bild des Grafen Eberhard von Württemberg kenne ob ich
nicht auch einen ähnlichen Ring habe ob ich die Beklagte vordem gekannt ob ich
nie an ihrer linken Hand ein Mahl in Gestalt eines kleinen Kreuzes bemerkt
habe ob ich nicht auf den Fürsten raten könne dessen Tochter sie sein solle
diese und ähnliche Fragen beantwortete ich kurz und nach der Wahrheit so gar
auch diese warum ich euch so verteidige ob ich euch liebe euch mit Hoffnung
liebe euch kürzlich gesprochen habe und was dergleichen mehr war Man entließ
mich endlich und gab mir meine Kleider zurück bis auf das geliebte Kleinod die
Kette die erste Gabe aus eurer Hand das wahrscheinliche Mittel eurer
Erkennung
Man bedeutete mich nicht ohne Erlaubnis aus der Stadt zu weichen und mich
auf die erste Forderung zu stellen aber ich ward nicht vorgefordert Nur
dies erfuhr ich auf eine Art die ich euch nicht begreiflich machen kann dass in
voriger Nacht nochmals stilles Gericht über euch gehalten worden dass der
Oberrichter von seinem Stuhl aufgestanden sei und eure Unschuld mit dem
gewöhnlichen fürchterlichen Eyde der Unbekannten beschworen habe und dass darauf
eure förmliche Lossprechung erfolgt sei
Diesen Morgen ward ich zu den Grafen von Württemberg gefordert er empfing
mich gnädig entdeckte mir dass die junge Person deren ich mich so treulich
angenommen für seine Tochter erkannt worden sei und bot mir für das was ich
hierbei getan hatte ein Geschenk welches seiner Großmut Ehre macht aber
leider waren die damit verbundene Worte sehr ungrossmütig dass ich die reizende
Ida Münsterinn geliebt habe so lauteten sie dieses sei recht gut und meinem
Stande sehr angemessen aber man hoffe ich würde nunmehr aufhören an eine
Person zu denken welche das Glück so weit über mich erhoben hätte und auf die
ich überdem als einer aus dem Hause Unna ein Anverwandter der Wisbadenschen
Feinde Graf Eberhards nun und nimmermehr Ansprüche machen könne Die Antwort
die ich eurem übermütigen Vater gab war den Empfindungen meines Herzens
welche nahe an Wut gränzten angemessen wir schieden im Zorne von einander,
sein verächtliches Geschenk ward mir nachgetragen und ihm wieder
zurückgeschickt Ich würde in keinem Fall ein Geschenk für Idas Leben angenommen
haben und in dem gegenwärtigen
Herrmann war aufgestanden und maß den Ort wo sie waren mit großen
Schritten Ida sah wie ergrimmt er war auch sie fühlte ihr Teil wo nicht von
Zorn doch von innerer Betrübnis und getraute sich nicht zu sprechen um ihre
Bewegung nicht zu verraten
Ritter fing sie endlich mit zitternder Stimme an ihr seid denke ich mit
eurer Geschichte fertig der Tag bricht an wir müssen scheiden und noch habt
ihr mir nichts von dem entdeckt was euch eigentlich zu mir brachte Ihr wolltet
mich warnen sagtet ihr vor einer Gefahr welche mir bevorsteht oder
O Ida rief Herrmann indem er sich ihr mit dem vollen Ausdruck seiner
Zärtlichkeit näherte ahndet ihr nicht bereits aus dem was ich euch gemeldet
habe Gefahr Gefahr wenigstens für mich ewige Trennung von euch Oder ist euch
das Schicksal desjenigen den den ihr mein Schicksal will ich sagen ist es
euch so ganz gleichgültig Doch fuhr er fort als Ida sich schüchtern von ihm
losmachte doch ists dieses noch nicht allein hört was ich heute erfahren
habe und urteilt was ihr zu tun habt Als ich von dem Grafen der euer Vater
ist und es nicht zu sein verdient als ich von ihm wegging so begegnete ich
dem ehrlichen Münster Ach er war auch streng gegen mich aber doch wollte
ich dass ihr noch seine Tochter wäret Ich erzählte ihm den Auftritt den ich
eben mit dem welchen ich nicht einmal nennen will gehabt hatte wollte ihm
auch das vorhergehende erzählen aber es schien ihm größtenteils schon bekannt
zu sein Er nahm mich mit in seine Wohnung und befriedigte meine begierigen
Nachfragen nach euch mit der umständlichsten Nachricht von allem was ihm
wissend war Er hatte euch damals als er aus eurem Munde erfuhr dass das
Kleinod welches eure Geburt bestätigen sollte in meinen Händen sei in der
Absicht so eilig verlassen mich aufzusuchen und es mir abzufordern Bald darauf
war ihm dies zu weitläuftig vorgekommen und er hatte ein anderes Mittel zu
eurer Rettung gewählt Worinn dieses bestanden hatte darüber erklärte er sich
nicht deutlich doch mir ist wahrscheinlich dass er gesucht habe in die Zahl
der Beisitzer des heimlichen Gerichts aufgenommen zu werden weil er einmal von
einem Freunde erfahren hatte ein solcher könne durch einen Eyd auf die Unschuld
des Beklagten viel zu dessen Rettung beitragen Münster wusste nicht dass es kein
leichtes sei in das fürchterliche Tribunal aufgenommen zu werden dass hier erst
Prüfungen auszustehen Proben abzulegen und niedere Grade zu durchlaufen waren
ehe man dahin kommen konnte einigen Einfluss zu haben und dass bis dahin lange
Zeit verlaufen müsse da ihr doch schleunige Rettung bedurftet Indessen waren
die vorläufigen Schritte einmal getan er konnte nicht wieder zurück man
hielt ihn fest die Hände zu anderweitigen Rettungsmitteln für seine Ida waren
ihm gebunden und er musste ihr Schicksal der Vorsehung überlassen
Binnen dieser für ihn so angstvollen Zeit erschien ich er wusste meine
Anwesenheit ohne mich sprechen zu dürfen Ich legte das Bekenntnis von eurer
Geburt ab von welchem man wusste dass er bisher für Idas Vater gehalten worden
war ward darüber in Anspruch genommen er ward vor dem Grafen von Württemberg
gefordert der allem Vermuten nach der Oberrichter des heimlichen Gerichts in
diesen Gegenden ist seine Stimme seine Gestalt sind mir ungeachtet seiner
Vermummung da ich ihn an dem unbekannten Orte sah kenntlich geblieben
Münsters Aussage klärte eure Herkunft völlig auf Der Graf ward von der
Unschuld seiner Tochter so unwidersprechlich überzeugt dass er sich getraute sie
endlich zu bezeugen Man beschloss das was hernachmahls folgte und ihr wart
gerettet Diese Dinge erfuhr ich mehr von einem Dritten den ich nicht nennen
darf als von dem verschwiegenen Münster dessen Gespräch mit mir größtenteils
in Ermahnungen bestand euch zu verlassen und in Vorstellungen der
Unmöglichkeit jemals in meiner Liebe glücklich zu sein Ihr wisst sprach er
was ich euch oft über diesen Gegenstand sagte als ihr mich noch für Idas Vater
hieltet ihr glaubtet mir nicht und ihr seht nun dass ich recht hatte Ob eine
Gräfin von Württemberg für euch zu hoch sei will ich nicht untersuchen aber
ihr seht wie ein hartnäckiger Feind eures Hauses Graf Eberhard ist er wird
euch die Händel bei Wisbaden so unschuldig ihr an denselben seid nie
verzeihen überdieses hat er ganz andre Absichten mit seiner Tochter Da er
mit gutem Grunde zweifelt ob ihm seine Absichten auf den höchsten Stuhl im
Reiche gelingen möchten so wünscht er wenigstens sich mit dem künftigen
Besitzer desselben fest zu verbinden Es wird für wahrscheinlich gehalten dass
Herzog Friedrich von Braunschweig dereinst Kaiser Wenzels Stelle bekleiden
könne und dieser ists den der Graf von Württemberg zu seinem Schwiegersohne
bestimmt hat Er hat kürzlich eine Tochter verloren welcher Herzog Friedrichs
Hand zugedacht war und er ist erfreut seine wieder gefundene Ida an die Stelle
ihrer verstorbenen Schwester einschieben zu können eine Sache die er da sie
derselben an Schönheit weit vorgeht für etwas sehr leichtes hält Und wolltet
ihr fuhr Münster in seiner Rede an mich fort wolltet ihr wohl das Glück
derjenigen die ihr liebt zerstören ihr den Anspruch auf die höchste Krone der
Welt rauben Wie ich Münsters Frage beantwortete gehört nicht hieher aber
erlaubt mir Gräfin dass ich eine ähnliche an euch ergehen lasse Wolltet ihr
wohl eure Hand einem Fürsten geben der euch nicht kennt euch wenn er euch
wählt bloß aus Staatsabsichten wählen wird der von anderer Liebe eingenommen
eure Schwester die man ihm zudachte verachtete zurücksetzte vielleicht durch
Gram zum Tode beförderte und der wenn er durch eure Schönheit geblendet mehr
für euch fühlt als für sie doch nicht lang anstehen wird euch Nebenbuhlerinnen
zu geben welche Ein heftiges Klopfen an der äußersten Tür von Idas
Zimmer unterbrach hier den Sprechenden Beide erschracken Die Gräfin eilte
hinaus und o Entsetzen ihr Vater war es der ihr entgegen kam
Ha rief er mit einem sonderbaren Blicke noch so früh der Tag ist kaum
angebrochen und du bist schon völlig gekleidet
Mein Vater ich pflege pflege früh aufzustehen
Du bist auf dem Altan gewesen Wo sind deine Weiber Man hat dich sprechen
hören pflegst du mit dir selbst zu reden
Ida war in der äußersten Verlegenheit sie wusste nicht was sie sagen
sollte und hätte ihr Vater nur noch eine einige Frage getan und die
Beantwortung erwartet er hätte alles erfahren was er nach der Lage der Sachen
nicht wissen durfte Aber zum Glück war er zu heftig das Examen gelassen
fortzusetzen Er eilte auf den Altan fand ihn leer kehrte besänftigt zurück
und bat die zitternde Ida welche sich nicht getraute ein Auge aufzuschlagen
sie möchte sich inskünftige nicht mehr der kalten Morgenluft aussetzen noch
viel weniger durch ihre sonderbaren Selbstgespräche Anlass zu seltsamen Nachreden
geben Das frühe Aufstehen setzte er hinzu hat dir ein trübes verstörtes
Ansehen gegeben Du hast mir meinen ganzen Plan vereitelt ich wollte dich heute
nach Hofe führen aber ich sehe wohl ich muss dir noch einen Tag Zeit gönnen
dich zu erholen
Hier folgte eine zärtliche Umarmung und die Bitte sich wieder nieder zu
legen weil der Tag noch kaum angebrochen sei und sie Ruhe vonnöten habe
Vier und zwanzigstes Kapitel
Wiedervereinigung zweier Freundinnen
Ida konnte nicht begreifen wie es zuging dass sie so gut aus diesem seltsamen
Handel gekommen war Sie lief auf den Altan um zu sehen wo Herrmann
hingekommen sei alles war leer und ihr blieb nichts übrig als die Mutmaßung
dass er einen Sprung in den Garten gewagt habe um dem Grafen dessen Stimme er
gehört haben musste zu entgehen Sie schaute hinab alles war still doch sah
sie in der Fern eine Schildwach auf und abgehen welche ihr vor Herrmanns
Entkommen und ihren guten Namen bange machte Ach seufzte sie im Zurückkehren
müssen denn die Großen sich überall Zeugen ihrer geheimsten Handlungen
hinstellen damit sie ja nicht unbemerkt ja nicht ohne Zwang handeln können
Ach das ruhige Leben in Münsters Hause und ach der höfischen Einschränkungen
die ich wie es scheint hier noch besser werde kennen lernen als an Sophiens
Hofe
Ida gehorchte gern der Anmahnung ihres Vaters sich zur Ruhe zu legen sie
bedurfte sie sie war müde gedankenvoll und ward durch beides am Schlafe
gehindert sie stand auf um die Aufwartungen ihrer Leute anzunehmen bekam
diesen Tag niemand zu sehen der ihr lieb war selbst den Grafen von Württemberg
nur auf wenige Augenblicke hatte Langeweile und durfte keine Vergleichung mit
ihrem jetzigen und ihrem ehemahligen Stande anstellen um nicht unmutig zu
werden Nur die Vergleichung zwischen der Lebensgefahr in der sie vor kurzem
schwebte und ihrer gegenwärtigen Ruhe den Schimpf und die Verachtung der sie
ausgesetzt war und ihrer nunmehr geretteten Unschuld machte ihr Freude und ihr
Herz floss von Dank gegen Gott und ihre Retter über Herrmanns Erzählung gab ihr
Stoff zu neuen Betrachtungen und diese wurden endlich durch das Andenken an die
geliebte Kaiserin verdrängt welcher sie morgen sollte vorgestellt werden.
Sophien wieder zu sehen sie gerettet gerechtfertigt wieder zu sehen ihr alles
zu sagen was sie um ihrentwillen gelitten habe ihre Feinde durch den Glanz
ihrer Unschuld durch den Glanz ihres hohen Standes zu beschämen was für
Vorstellungen Ida hätte kein Mädchen sein was sage ich hätte kein menschlich
Herz im Busen tragen müssen um hier nicht Freude zu fühlen
Der erwünschte Tag erschien Ida ward wie eine Fürstin geschmückt sie war
schön und die Züge des ausgestandenen Kummers welche auf ihrem Gesicht noch
nicht ganz verwischt waren dienten nur dazu ihr Ansehen desto interessanter zu
machen
Graf Eberhard hatte der Kaiserin Nachricht gegeben wen er ihr heute
vorstellen wollte und die Fürstin von Ratibor ward dazu erwählt die junge
Gräfin in dem Staatswagen Sophiens abzuholen und sie von der Ungeduld mit
welcher sie erwartet würde zu versichern Wer kennt nicht die eiserne Stirn
der gewöhnlichen Hofkreaturen Die Fürstin schien nicht verlegen bei dem
Auftrage den sie an die so sehr von ihr beleidigte Ida ablegen musste Alles
womit das edle Mädchen sie für die Unverschämtheit belohnte mir welcher sie
ihre eigene Teilnahme an dem unvermuteten Glück der Verstossenen die sie vor
kurzem nicht kennen wollte zur Schau legte war ein mitleidiger Blick der am
Ende ein wenig ins verachtende fiel
Graf Eberhard war nicht so nachsichtig der Charakter einer Abgesandten der
Kaiserin in welchem die Ratibor erschien machte dass er sie schonen musste
aber er sagte ihr genug um sie an die ganze abscheuliche Rolle zu erinnern
welche sie in Ansehung Idas gespielt hatte und die niemand besser als ihm
bekannt war Seine Reden voll Kraft und Nachdruck zogen die Augen der Damen
welche nebst ihr gekommen waren die junge Gräfin nach Hofe zu führen mit
jenem triumphirenden Blicke auf sie der noch am ersten im Stande ist höfische
Schamlosigkeit nieder zu schlagen Eine jede dieser Damen pries sich glücklich
Graf Eberhards Tochter nicht geschadet zu haben eines mehreren konnten sie sich
freilich nicht rühmen indessen die Fürstin zum erstenmahl in ihrem Leben
nicht wusste wo sie die Augen hinwenden sollte die sonst so geübt in
niederschmetternden Blicken waren
Ida wurde am Eingange des Zimmers der Kaiserin vom Herzog von Bayern
empfangen er umarmte sie und machte ihr eine verbindliche Entschuldigung dass
auch er sich in Ansehung ihrer Unschuld habe verblenden lassen Die Großen haben
das Vorrecht oder glauben es zu haben dass sie immer mit der kleinsten
verbindlichen Rede eine ganze Last von Beleidigungen entsündigen können und
dabei blieb es auch hier Über dieses hatte auch Ida kaum acht auf das was er
sagte denn ihr Herz wallte nach Sophien zu welche noch etwas bleich von der
überstandenen Krankheit im Grunde des Zimmers saß versuchen wollte
aufzustehen und ihre Arme nach der Kommenden ausbreitete
Ida stürzte sich zu ihren Füßen Arme liebe Heilige holde unschuldige
Seele rief die Kaiserin und drückte sie an ihren Busen was hast du um meint
willen gelitten wie war dirs möglich es zu überstehen Fluch über die welche
meine Schwachheit nützen konnten meinen Liebling zu verderben
Ida netzte die Knie der Monarchinn mit ihren Tränen Steh auf edles
Mädchen rief Sophie überlass das Knien deinen Beleidigern O wie leid ist mirs
dass sie jetzt deinem Stande das leisten müssen was sie schon deiner Unschuld
schuldig sind wie leid dass du nicht mehr die unbekannte Ida Münsterinn bist
die ich so hoch erheben konnte als ich wollte Warum tat das Glück das für
dich was ich so gern dir allein erweisen möchte
Sophien machte die Freude beredt Ida ward stumm durch dieselbe
wahrscheinlich fühlte sie noch mehr als die Kaiserin so wie sie zu lieben
vermochten nur wenige Herzen auch machte das lebhafteste Andenken an ihre
Leiden und an die glänzende Errettung aus denselben ihre Gefühle
mannichfaltiger und unaussprechlicher
Die Kaiserin forderte alle ihre Damen auf die Gräfin von Württemberg zu
bewillkommen Die scheinheilige Ratibor und ihre Tochter welcher der Neid auf
dem blassgelben Gesicht saß machten den Anfang ihnen folgten die andern mit
etwas weniger gezwungenem Anstand alle versicherten der reizenden Ida
wiederführ nicht mehr als sie verdiente und alle wollten auf den ersten Anblick
etwas Großes in ihr geahndet haben
Sophie welche ihren Neid und ihre heimlichen Verfolgungen besser kannte
lächelte verächtlich und befahl ihnen sich zu entfernen um mit dem Herzog von
Bayern Graf Eberhardten und seiner schönen Tochter allein zu sein
Die Geschichte sagt nicht worin die Gespräche dieser vier Personen
bestanden aber dieses meldet sie dass die Unterhaltung erst denn ihre volle
Anmut erlangte als Sophie mit Ida allein war Wer kennt nicht die Ergiessungen
zweier gleichgestimmten Seelen welche durch Leiden getrennt wurden und die nun
das Fest der Wiedervereinigung feiern auch merkte Ida wohl obgleich Sophie das
Gegenteil versichern wollte dass ihre erhabene Freundin sich mit mehr Huld zu
der Gräfin von Württemberg als zu der geringen Ida Münsterinn herabliess und ob
ihr diese Entdeckung kränkend oder erfreulich war lässt sich schwer entscheiden
Ida war von dem Glück das sie an Sophiens Seite genoss so eingenommen dass
sie ihr ganzes Herz vor ihr ausschüttete ihr keinen ihrer Gedanken verhelte
selbst ihre Liebe zu Herrmann nicht selbst nicht seinen nächtlichen Besuch nur
in Erzählung dessen was sie von ihm erfuhr brauchte sie einige Einschränkung
weil es Dinge betraf welche nicht durchgängig sie allein angingen und von
denen sie nicht genau wusste wie sie von der Monarchinn würden aufgenommen
werden
Sophie schwur ihrer Freundin ihre Liebe zu Herrmann auf alle Art zu
begünstigen und es ist zu glauben dass sie welche vielleicht auch einst
gewünscht hätte wählen zu dürfen und die das Schicksal zur Gemahlin eines
Wenzels machte ihr Versprechen so redlich zu halten dachte dass hierbei für
nichts zu sorgen war als dass sie sich nur zu Erreichung ihres Entzwecks der
besten Mittel bedienen möchte
Ida vermochte alles über die Kaiserin auf ihre Bitte ward auch der alte
Münster nach Hofe gefordert und mit Gnadenbezeugungen überhäuft eine Sache die
bei dem dankvollen Herzen seiner ehemahligen Tochter so etwas natürliches war
dass wir sie kaum erwähnt haben würden wenn sie uns nicht zu einer Erzählung
führte die wir unsern Lesern nicht länger schuldig bleiben dürfen
Sophie war so neugierig als sie vielleicht sein werden Idas frühe
Jugendgeschichte und die Art wie sie aus den Armen ihrer Eltern gerissen wurde
zu erfahren Münster ward an einem Tage da er allein mit Ida im Kabinett der
Kaiserin war aufgefordert zu erzählen und er trug vor was wir im folgenden
Kapitel finden werden
Fünf und zwanzigstes Kapitel
Idas Jugendgeschichte
O Gräfin rief Münster nach einigem Nachdenken welch eine Aufforderung für
einen Mann dem eure Gewogenheit und die Gnade seiner Monarchinn so teuer ist
Fehler zu bekennen welche ihn um beides bringen könnten welche euch in so
großes Elend stürzten und die am Ende durch nichts entschuldigt werden
können, als durch verblendete Liebe gegen ein Weib das so schön wie Eva wohl
einen Adam zur Sünde verleiten konnte Ida ihr kennt eure gewesene Mutter und
könnt aus den Überbleibseln ihrer Schönheit schließen ob sie in ihrem vier
und zwanzigsten Jahre reizend war Ich liebte Marien aber der Unterschied
unseres Standes machte mein Glück fast unmöglich auch unter den Niedern des
Volks gibt es Misheuraten Marie war eine Leibeigene und ich einer von den
vornehmsten Dienstleuten des Grafen von Württemberg Sie war eine Wittwe der Tod
ihres Mannes und ihres neugebohrnen Kindes erregte Mitleiden und machte dass
man sich der Verlassenen am Hofe des Grafen mit doppelter Gnade annahm sie kam
in die unmittelbaren Dienste der damaligen Gräfin von Württemberg die Gräfin
starb und Marie musste ihre Stelle bei der noch nicht entwöhnten Ida vertreten
Schon bei Lebzeiten ihrer Gebieterinn war Maria die Freiheit versprochen worden
der Rang einer Amme in dem gräflichen Hause vermehrte ihre Ansprüche auf diese
Gnade und die Hoffnungen meiner Liebe
Doch das Glück der Geringern ist in den meisten Fällen ein zu kleiner
Gegenstand für die Aufmerksamkeit der Fürsten Man hätte uns durch ein einiges
Wort beseeligen uns auf Lebenszeit verbinden können aber man sprach dieses
Wort nicht Man entfernte mich weit von dem Orte meiner Wünsche in den Krieg
und begegnete meiner Geliebten mit einer Härte welche Hass und Bitterkeit in ihr
Herz säete und ihr vielleicht in der Folge einen Schritt erleichterte den sie
ohne anderweitige Veranlassungen wohl nicht würde getan haben Die kleine Ida
ein reizendes Geschöpf das von jedermann bewundert und von seiner Amme fast
vergöttert wurde war noch nicht zwei Jahr als die verstorbene Gräfin von
Württemberg bereits vergessen war und man darauf sann eine Person an ihre
Stelle zu setzen welche nichts für sich hatte die Wahl des Grafen zu
rechtfertigen als Schönheit und hohe Geburt
Sie dachte unedel genug den Charakter einer Gemahlin Graf Eberhards und den
einer Mutter seiner Kinder von einander zu trennen sie liebte den ersten oder
schien ihn zu lieben und hasste die andern Marie welche Mittel gefunden hatte
mir zuweilen heimlich Botschaft zu tun ließ mir viel von den Verheerungen
sagen welche die Stiefmutter in dem gräflichen Hause anrichtete die
unerwachsenen Söhne ihres Gemahls wurden in den Krieg geschickt ohne das was
man bei der Art wie das geschah auf ihren Stand ihr Vermögen oder ihr Alter
die geringste Rücksicht nahm die Töchter wurden an Fürsten verschleudert
welche nur durch ihren Rang auf die Ehre Graf Eberhards Schwiegersöhne zu sein
Anspruch machen konnten und deren Fehler man übersah weil sie gefällig in
Ansehung der Aussteuer der jungen Gräfinnen waren Eine noch unerwachsene
Schwester der kleinen Ida kam durch Verwahrlosung ums Leben und Marie unterließ
nicht diesen Fall auf die Rechnung der Gräfin zu schreiben so wie sie die
wachsende Kränklichkeit ihres Pflegekinds der jüngsten ihrer Geschwister nicht
ermangelte geheimen Mitteln schuld zu geben von welchen sie behauptete dass sie
gebraucht würden auch diese aus dem Wege zu räumen Beschuldigungen welche
vielleicht zu streng für diejenige waren welche sie betrafen und die ich nur
um der geliebten Person willen welche sich mit diesen Dingen beunruhigte für
wahr halten konnte
Ich ward von Marien aufgefordert heimlich nach der Residenz des Grafen zu
kommen und Mittel ersinnen zu helfen wie die geliebte Ida zu retten und meine
Verbindung mit meiner Geliebten möglich zu machen sei welches letztere durch
die Härte der neuen Gräfin und Mariens beständig verschobene endlich gar
gänzlich versagte Freilassung so sehr erschwert ward
Die Botschaft meiner Geliebten lenkte meinen Weg nach Wisbaden woselbst
sich der Graf mit seinem ganzen Hause damals aufhielt Er brauchte nach den
langen zum Teil für ihn unglücklichen Händeln mit den Reichsstädten die Ruhe
des stillen Orts und seine Gemahlin welche sich schwanger befand musste sich
auf Anraten der Ärzte daselbst aufhalten Ich flog in Mariens Arme niemand
durfte meine Anwesenheit wissen weil mich die Befehle meines Herrn eigentlich
an einem andern Orte hätten zurück halten sollen allein die Nacht begünstigte
unsere Zusammenkünfte bei welchen wir keine andere Zeugen hatten als die
kleine Ida um welche man sich seit die Gräfin schwanger war noch weniger als
sonst bekümmerte die man mit ihrer Wärterinn in einem elenden abgesonderten
Zimmer fast wie gefangen hielt und es beiden oft an dem nötigsten fehlen ließ
Die zweifelhaften Aussichten für unsere Liebe waren bei weitem nicht der
einige Gegenstand der Unterhaltung bei unsern geheimen Beratschlagungen Idas
Schicksal ging Marien weit mehr zu Herzen als ihr eigenes Hoffe nur nicht sagte
sie zu mir dass ich je daran denken werde einen von deinen Anschlägen zu
unserer Verbindung zu begünstigen so lang ich wegen dieses Kindes nicht außer
Sorgen sein kann du musst uns beide retten oder auch auf mich Verzicht tun
Süße leidende Unschuld setzte sie hinzu indem sie die kleine Ida welche auf
ihrem Schoss eingeschlafen war an ihre Brust drückte dich verlassen dich in
den Händen dieser Stiefmutter verlassen dass dieses ohnedem hinwelkende Leben
vollends ganz verblühte die geknickte Blume völlig gebrochen würde sieh nur
Trauter kennst du wohl in dieser bleichen zärtlichen Gestalt die ehemahls so
blühende Ida und gleichwohl genießt sie nichts als was ich ihr selbst bereite
ich muss besorgen die Luft die wir hier atmen ist vergiftet und der
Basiliskenblick der bösen Gräfin kann das Leben dieses Kindes zerstören denn
mehr als das Anschauen der holden Kleinen würde ich ihr nie gönnen wenn sie sie
auch so sehr suchte als sie sie jetzt von sich stößt
Liebe und Argwohn machten Marien geschwätzig sie wusste jeden Tag neue
Proben von der Grausamkeit der Stiefmutter anzuführen und behauptete wenn die
Gräfin erst selbst Mutter würde denn müsste alles noch schlimmer gehen der
Graf würde sich noch weniger als jetzt um seine Ida bekümmern und diese würde
ihren künftigen Geschwistern ganz aufgeopfert werden
Es war nicht schwer Mariens Wünsche zu erraten ich sollte durch einen
kühnen Streich ihr ihre Freiheit mir ihre Hand und der kleinen Gräfin Rettung
aus den Gefahren die sie umgaben schaffen eine Forderung welche bei mir was
das letzte betraf immer viel Widerspruch fand Ich liebte die holdseelige Ida
aber ich konnte mich nicht bereden ihre Lage für so gefährlich anzusehen dass
sie zu Verbesserung derselben ihrem Vater entrissen und der Rechte ihrer Geburt
beraubt werden dürfte Ich rechnete viel von Mariens Besorgnissen auf die
übergrosse Zärtlichkeit die sie für ihr Pflegekind und den eben so
übertriebenen Hass den sie für diejenige fühlte welche sich in den Platz ihrer
angebeteten Gebieterinn der verstorbenen Gräfin von Württemberg gedrängt hatte
Ich hofte dem Kinde könne auf leichtere Art geholfen werden und blieb fest bei
dem Vorsatze nie mich zu einem Raube zu verstehen den ich für den
sträflichsten von allen hielt
Indessen ereignete sich eine Begebenheit welche mich überwand und Mariens
Anschläge zur Würklichkeit brachte ohne dass es nötig war die geringsten
Anstalten dazu zu machen Was soll ich sagen Liebe und Mitleid besiegten der
Anschein einer besonderen göttlichen Fügung verblendete mich Marie war klug
genug meine Schwäche zu nützen und der Schritt ward getan welcher mir in der
Folge so viel Sorge Reue und Gewissensbisse und diesem unglücklichen Kinde so
viel Leiden machte der Schritt dessen böse Folgen jetzt erst wie ich hoffe
gänzlich gehoben sind
Ich hatte meine Wohnung um desto verborgener zu bleiben eine reichliche
Stunde von dem Schloss auf welchem Graf Eberhard zu Wisbaden residirte Ich
machte mich täglich bei eintretender Nacht auf Marien zu besuchen und kehrte
nach dem Gespräch von einigen Stunden den seeligsten meines Lebens zurück um
nicht von dem anbrechenden Tage verraten zu werden Mein Weg trug mich allemahl
durch ein dichtes Gehölz welches von den Leuten dieser Gegend für die Wohnung
böser Geister gehalten wurde und das ich also ohne die Kraft der allmächtigen
Liebe nie würde haben ohne Schauer betreten können vornehmlich da mir in
demselben sehr oft Dinge begegneten welche ich mir nicht recht zu erklären
wusste
Gott weis sagte ich oft zu Marien was ihr in eurem Walde habt Dieses bei
Tage so öde Gehölz ist zur Nachtzeit durchaus belebt Stimmen lassen sich hören
Gestalten schleichen auf und ab und kommen oft so nahe dass sie mich zu
berühren scheinen aber Gott sei Dank sie tun dem friedlichen Wanderer kein
Leid auch lasse ich sie gehen mache mein Kreuz und scheine sie nicht zu
bemerken
Eines Abends da ich Marien wegen einer Krankheit ihres Pflegekinds die
ihr keine Achtsamkeit für mich überließ zeitiger als sonst verlassen hatte
begegnete mir etwas das meine Zweifel in Ansehung des unheimlichen Waldes
gänzlich aus dem Wege räumte und das Signal zu einer Handlung gab die
außerdem wohl nie wirklich geworden sein möchte
Es war eine von jenen finsteren Nächten des Herbsts in welchen kein Mond
kein Sternenlicht durch die nebliche Luft zu dringen vermag Ein feuchter Duft
ruhte auf der ganzen Gegend man ging wie in einer Wolke und sah nichts als
zuweilen einen hüpfenden schnell auffahrenden Funken der vielleicht von
Irrlichtern vielleicht von noch etwas schlimmern herrühren mochte
Ich tappte auf dem so oft getanen Wege wie ein Unwissender stieß wider die
Bäume an glitt auf dem morastigen Boden aus rafte mich auf tappte von neuem
und verlor den Pfad endlich so gänzlich das ich aus Furcht immer tiefer in das
Gehölz vielleicht an gefährliche Örter zu geraten die man mir in der
Herberge genannt hatte mich entschloss den Morgen abzuwarten und die Nacht auf
dem feuchten Boden zuzubringen den ich so gut ich konnte mit dem abgefallnen
Laube bedeckte das ich in der Dunkelheit zusammen zu raffen vermochte
Ich hatte noch keine Stunde auf diese Art geruhet als ich das Geräuch
hörte welches mir in diesem Walde so oft kalten Schauer gemacht hatte und das
dem entfernten Schritt gewapneter Leute glich Es kam näher zerteilte sich
ward still und erhob sich von neuem Mich dünkte ich hörte jetzt einen
doppelten Fußtritt und die Stimme zweier dieser Wesen die ich bis hieher für
Geister gehalten hatte Dicht an dem Strauch hinter welchem ich lag hielten
sie und ich vernahm zum erstenmahl dass diese Stimmen die mir der Wiederschall
des Waldes bisher nur immer wie ein holes unartikulirtes Lallen zum Ohre geführt
hatte würkliche Worte zu bilden vermochten eine Entdeckung welche mir große
Zweifel in Ansehung desjenigen beibrachte was ich bisher von ihnen geglaubt
hatte Immer dachte ich und ich denke es auch noch jene stillen Bewohner einer
andern Welt müssen andere Mittel haben einander ihre Gedanken mitzuteilen als
menschliche Worte
Mein Mut fing an zu wachsen ich strengte mein Gehör an um durch dasselbe
den Mangel des Sehens zu ersetzen welches die undurchdringliche Nacht mir
gänzlich verwehrte Ich ward bald völlig überzeugt dass diese Schreckbilder
welche mich bisher so oft geängstigt hatten Menschen waren wie ich die sich
über die Unbequemlichkeit der Witterung beschwerten auf die schmähten welche
ihnen zu befehlen hatten und den Tag herbei wünschten Schon war ich im Begriff
mich ihnen kund zu geben und durch gemeinschaftliches Gespräch und vielleicht
gegenseitige Hilfe die lange Nacht zu vertreiben und uns unsere Lage zu
erleichtern aber einige Worte die ich hörte machten mich neugierig vorher zu
wissen mit wem ich zu tun habe und ich zog mich dichter zusammen um desto
bequemer zu lauschen
Was war das rief einer von ihnen es rauschte im Gesträuch Ist der Mann
aus dem Walde schon vorüber Einmahl sagte der andere Das zweitemahl
erscheint es gemeiniglich wenn die Nacht sich vom Tage scheidet Es tut keinem
Menschen leid fürchte dich nicht und wenn es jetzt vorbeistriche
Ich halte sprach der andere es ist Hans Herdsmann der wie das Landvolk
spricht in dieser Gegend erschlagen ward ich gehe ihm allemahl aus dem Wege
wenn ich ihn ziehen sehe und bete vor seine arme Seele Gott tröste ihn sprach
der erste sein Gewand ist weiß das Blut das man ihm aus dem Leibe zapfte
klebt nur an seinem Saume er mag wohl unschuldig gewesen sein
Diese und noch einige Worte der Art machten mir es wahrscheinlich dass meine
Nachbaren von mir sprachen mein weißer Reutermantel mit den roten Säumen ward
gar zu natürlich bezeichnet und es nötigte mir ein heimliches Lachen ab dass
ich hier die Rolle eines Gespenstes bei denen gespielt hatte welche ich selbst
nicht ohne Schauer für Geister zu halten gewohnt war
Mich dünkte ich hörte etwas fing der eine an wie wenn einer in die Faust
lacht es neckt uns hier wir wollen weiter gehen Nicht von der Stelle rief
der andre du weißt dass wir die Herrn hier erwarten müssen Sind sie wieder
auf Wisbaden zugeritten Ja mich wundert nur noch was aus diesen Dingen
werden wird
Bald darauf hörte ich das Geräusch einiger Kommenden Meine bisherigen
Nachbarn mussten abtreten nachdem sie ihren Herrn unter den Bäumen ein Lager von
ihren Mänteln gemacht hatten Meine neuen Gesellschafter waren allein und ich
hatte Gelegenheit ein Gespräch zu hören welches interessanter war als das
vorige und das endlich meine Aufmerksamkeit so ganz hinriss dass wenig fehlte
ich hätte mich verraten Was ich vernahm war nichts geringers als ein Anschlag
auf den Grafen von Württemberg den sie in seiner Sicherheit zu Wisbaden zu
überrumpeln dachten Der eine von meinen Nachbarn der das Haupt einer nicht
kleinen Anzahl von räuberischen Rittern zu sein schien wie ich aus seinen Reden
abnehmen konnte bekannte seinem Gefährten offenherzig dass er nicht so wie
seine Leute auf die ansehnliche Beute dächte welche ihnen bei dem reichen
Grafen nicht entgehen könne sondern mehr auf Graf Eberhards schöne Gemahlin
welche ihn ehemahls geliebt habe seiner müde geworden sei und bald darauf sich
in die Arme des Grafen von Württemberg geworfen habe
Ich ward in meinem Gebüsche immer aufmerksamer denn jetzt hörte ich die
Anzahl der Feinde Graf Eberhards jetzt ihre Nahmen nennen unter welchen sich
auch zwei Herrn von Unna unsers Herrmanns Vater und Bruder befanden Der Morgen
fing an heranzudämmern es erschienen mehrere Geharnischte man ging zu Rate
die beiden ersten Ritter sagten aus was sie zu Wisbaden erkundschaftet hatten
der Tag des Überfalls ward bestimmt und o stellt euch mein Entsetzen vor es
war der welcher eben jetzt angebrochen war mein Anschlag den Grafen zu
warnen den ich währenden Hören fasste musste augenblicklich ausgeführt werden
wenn ich dem Unglück das ihm drohte zuvorkommen und ihm Zeit gewinnen wollte
auf seine Rettung zu denken
Ohne mich lang zu besinnen erhob ich mich leise aus meinem Hinterhalt Ich
wollte die Meinung nützen welche die Knechte von mir hatten und wovon ich auch
in dem Gespräch der Ritter einige Spuren entdeckt hatte Ich kehrte meinen
Mantel um damit die ganz rot gefärbte innere Seite meine Erscheinung desto
schrecklicher machte Ich ging langsam einen Pfad welcher dicht bei ihnen
vorbei führte ich merkte dass man mich ungeachtet der Dämmerung gewahr ward
und dass mein Anblick ein allgemeines Entsetzen verbreitete Alle schwiegen wie
vom Donner der Sprache beraubt und ich war schon ziemlich entfernt als ich
erst die Worte vernahm Schon fast Tag und noch diese Erscheinung so nahe bei
uns Sein Gewand blutrot Das bedeutet nichts guts der Tag wird blutig werden
Sobald ich ihnen aus den Augen war verdoppelte ich meine Schritte und kam
fast außer Atem zu Wisbaden an Ich verlangte mit dem Grafen zu sprechen man
sah mich mit Verwunderung an und brachte meinem Herrn geschwind die Botschaft
Münster den man in Italien geglaubt habe sei angelangt und habe ihm wichtige
Dinge vorzutragen
Graf Eberhard empfing mich ungeachtet ich unzurückgefordert erschien
gnädig meine bekannte Treue machte ihm mutmaßen dass ich nicht ohne Ursach
meinen Posten verlassen haben würde Ohne mich mit den Bewegungsgründen meiner
Ankunft in diesen Gegenden aufzuhalten entdeckte ich gleich was ich diese
Nacht im Walde gehört den Anschlag der Martinsritter diesen Namen hatten sie
sich gegeben weil sie ihrer Sache am Martinsabend waren einig geworden und die
Zeit des Überfalls
Unvorsichtiger Weise erwähnte ich auch das was der verstossene Liebhaber der
Gräfin von Württemberg von dieser seiner ehemahligen Geliebten gesagt hatte und
verderbte damit den ganzen Handel Die Gräfin war gegenwärtig sie schrie über
Beschimpfung gab mein ganzes Anbringen für Fabel aus die zu Erreichung irgend
eines boshaften Entzwecks erdichtet sei sprach meine heimliche Anwesenheit sei
ihr nicht ganz unbekannt einige des Gesindes hätten mich schon seit etlichen
Tagen in diesen Gegenden gesehen und was der Anklagen weiter waren welche Graf
Eberhardten gegen alles was ich ihm vorstellte verblendeten und mich ins
Gefängnis brachten
Man stelle sich meine Angst vor Nicht allein in bösem Verdacht bei meinem
lieben Herrn ins Gefängnis geraten zu sein sondern auch meine guten Absichten
vernichtet ihn und die ich so sehr liebte meine Marie und das Kind das ihr
alles war der größten Gefahr unvorbereitet überlassen zu sehen
Die Zeit des Überfalls erschien mein Herz schlug stärker Einigen Trost
gab es mir doch dass ich auf dem Schlosshofe Geräusch von Wagen und Pferden und
Geschrei der hinweg eilenden vernahm es schien doch dass man meine Worte nicht
gänzlich in den Wind geschlagen habe war doch möglich dass die welche ich
liebte gerettet wurden
Die Todtenstille welche hierauf folgte bestärkte mich in meiner Meinung
und ich hörte es mit ziemlicher Ruhe als ich um die Abendzeit wildes
Waffengetös und alle Anzeichen vernahm dass die Martinsritter ihrem Vorsatz
getreu geblieben waren und sich eingestellt hatten Was sie fanden was sie
ausrichteten war mir unmöglich zu erraten ich hörte bloß Geschrei der
Obsiegenden und Unterliegenden und o Himmel endlich ward mir fast alle
Besonnenheit benommen als ich Worte vernahm die mir wahrscheinlich machten
man wollte um die vorgehabte Freveltat zu bekrönen das Schloss beim Abschiede
den Flammen übergeben eine Drohung die mir das Blut in den Adern zu Eis machte
und welche bald darauf durch alle meine Sinne bestätigt ward Der Rauch drängte
sich durch die kleine vergitterte Oefnung im Gewölbe meines Kerkers herein mein
düstrer Aufenthalt ward durch Feuerstrahlen erhellt ich war gefangen musste
hier ohne Hilfe verderben wenn nicht ein Wunder zu meiner Rettung geschah
Ich hielt mich nicht für heilig genug ein solches vom Himmel zu erwarten
und bediente mich in Ermanglung dessen meiner starken Schultern welche ich
wider die Tür meines Kerkers setzte und mir dadurch indem ich sie
zersprengte Luft machte ein Entschluss den ich eher hätte fassen können ohne
erst das Äußerste abzuwarten
Ich kam aus dem unterirdischen Gange in welchen die Tür meines Kerkers
führte endlich in einen der Schlosshöfe hinauf Der eine Flügel des Gebäudes
stand in vollen Flammen unwillkürlich wandten sich meine Augen nach dem
andern in welchen Mariens Kammer lag und der bis jetzt nur noch erst an
einigen Stellen glimmte und rauchte Wohl mir sagte ich zu mir selbst dass sie
geborgen ist ohne Zweifel war sie mit unter denen welche dem Verderben noch zu
rechter Zeit entkamen Aber ist sie auch geborgen flüsterte mir der Engel der
Liebe zu und ohne mich weiter zu besinnen flog ich nach dem Orte den ich nie
mit dem Wunsche betreten hatte wie jetzt Marien nicht daselbst zu finden
Alles war öde und stille jedermann schien geflohen zu sein Der Rauch und
die Hitze waren fast unausstehlich Marie wird nicht allein zurückgeblieben
sein rief in mir die Selbstliebe und der Abscheu vor der Gefahr die mir hier
auf jedem Schritte drohte aber die Liebe sprach lauter ich musste mich
unwidersprechlich überzeugen und eilte die hundert Treppen hinauf die man bis
zu Mariens armseligen Kämmerlein zu steigen hatte Nahe am Ende meines
mühseligen Weges machte mich das Winseln eines Kindes aufmerksam Ich
verdoppelte meine Schritte Ich vernahm die Stimme der kleinen Ida deutlicher
Jetzt stand ich an ihrer Tür die o Entsetzen mit einem großen eisernen
Riegel von außen versperrt war ich brach hinein Marie lag ohnmächtig auf dem
Boden das Fenster war geöfnet aus welchem sie vermutlich hatte entfliehen
wollen aber von der Höhe des Sprungs zurück geschreckt worden war die kleine
Ida lag schreiend auf der Erde und schien ihre Amme erwecken zu wollen Welch
ein Anblick Doch ich hielt mich nicht mit langen Betrachtungen auf Marie
ward ziemlich ungestüm vom Boden aufgerissen und auf meine Schultern geladen
die kleine Gräfin schloss ich in meine Arme und so kam ich ich weis noch
selbst nicht wie in den Hof hinab wo ich meine Bürde von mir legte um zu Atem
zu kommen Ein Engel musste mich auf seinen Fittigen getragen haben sonst wärs
fast unmöglich gewesen bei der erstickenden Luft bei dem immer gefährlicher
werdenden Wege das zu vollbringen was ich getan hatte
Marie kam zu sich selbst Wir nützten den ersten Augenblick da sie zu gehen
vermochte unsere Flucht weiter fortzusetzen denn so weitläuftig auch der
Schlosshof war so fanden wir doch auch hier keine Sicherheit mehr Wir entkamen
in das Gehölz den bisherigen Aufenthalt der treulosen Mordbrenner und hier
erst war es da wir es wagten zu ruhen und uns vor Feuer und Feindesschwerd
sicher hielten
Ich fragte Marien wie es möglich sei dass man sie und die kleine Gräfin
allein in dem verlassenen Schloss habe zurücklassen können Ich merkte aus
ihren Antworten dass sie von allem was vorgegangen war nichts gewusst hatte bis
die Feuersbrunst sie vor ihr Leben besorgt gemacht sie vergebens um Hilfe
gerufen vergebens die Tür zu öfnen vergebens hinab zu springen gesucht hatte
und endlich aus Entsetzen ohnmächtig nieder gesunken war
Die wahre Beschaffenheit der Sache war wie ich lang nachher erfuhr diese
Graf Eberhard von seinem Weibe Gott weis aus welcher Absicht getäuscht
glaubte meinen Warnungsworten nicht eher bis schon nachdem ich etliche Stunden
im Gefängnis gelegen hatte meine Aussage durch einen Hirten dieser Gegend
bestätigt ward Dieser Mann hatte so wie ich etwas von dem Anschlage der
Martinsritter belauscht und eilte den Grafen zu warnen Graf Eberhard eilte
das was ihm am liebsten war seine Familie in Sicherbeit zu bringen indessen
er zurückbleiben seine Leute sammeln und den Feind erwarten wollte Der Hirt
machte sich anheischig die Fliehenden durch einen geheimen Bergweg zu retten
Der Graf letzte sich mit seiner Gemahlin befahl ihr nichts im Schloss zu
lassen was gerettet zu werden verdiente und bezog seinen Posten Die Gräfin
hatte den Befehl ihres Herrn befolgt nichts war im Schloss geblieben was sie
der Rettung würdig schätzte dass hierunter die Amme und Ida sich nicht befand
dass sie wissentlich oder aus Versehen vergessen ward ist bei den Gesinnungen
ihrer grausamen Stiefmutter so sehr nicht zu verwundern
Indessen wusste Marie von allen diesen Dingen nichts Sie bemerkte wohl
einigen Auflauf in dem Hofe in welchen ihre Fenster gingen sah dass man
Anstalten zu einer Reise machte aber sie ahndete es würde eine von den
gewöhnlichen Reisen zu den benachbarten Edelen sein während welchen sie mit
ihrem Pflegkinde immer das glücklichste Leben zu führen pflegte und denen sie
immer mit Freuden entgegen sah Die Höhe ihrer Wohnung verhinderte sie zu
verstehen was in der Tiefe gesprochen wurde so wie auch der abgelegene Hof in
welchen ihre Fenster gingen sie zu sehr von der Hauptseite des Schlosses
entfernte als dass sie den Anfall der Feinde anders als in der Ferne hatte
vernehmen können
Doch machte sie das was sie davon hörte neugierig genug um sie zu
bewegen den verbotenen Weg aus dem kleinen Revier das sie bewohnte versuchen
zu wollen sie fand es ohne sonderliche Befremdung verschlossen dergleichen
pflegte wenn der Gräfin die Laune kam oft zu geschehen und sie hofte die
Oefnung der Tür und die Erklärung dessen was sie wissen wollte von der Magd
welche gewöhnlich das Abendessen zu bringen pflegte Sie erschien nicht es ward
spät Marie und die kleine Ida schon gewohnt zuweilen ungespeist zu Bette zu
gehen entschliefen und wurden endlich durch das Getös des Feuers erweckt Sie
suchte vergebens zu fliehen Furcht und Entsetzen benahmen ihr die Sinne, und
sie sah sich jetzt gerettet durch mich gerettet ohne weder Gefahr noch Rettung
ganz begreifen zu können Auf die Erklärungen die wir uns hierüber machten
folgten Entschließungen für die Zukunft die Meinigen waren von Mariens ganz
verschieden Ich sann darauf die kleine Ida wieder in ihres Vaters Hände zu
liefern indessen sie von dem letzten bösen Streiche den man diesem
unglücklichen Kinde gespielt hatte bis zur Wut erbittert mir zuschwur nie
mir wieder einen Blick zu gönnen wenn ich meine Absicht ausführte Ob Marie
Ursach hiezu hatte ob es wahr war dass die kleine Gräfin wieder in die Hände
der Stiefmutter zu bringen und sie zu ermorden einerlei sei das gebe ich
meinen erhabenen Zuhörerinnen zu bedenken mir wollte es nicht ganz einleuchten
Ich hoffte auf Graf Eberhards Liebe für seine Tochter und auf seinen Schutz
wenn man ihm die Augen über die bösen Gesinnungen seiner Gemahlin öffnete aber
Liebe und Unmöglichkeit setzen sich der Ausführung dessen was ich für recht
hielt entgegen Ungern wollte ich Mariens Liebe verlieren und unmöglich war es
jetzt zu Graf Eberhardten zu kommen und ihm sein verlornes Kind wiederzugeben
Die Martinsritter machten die Wege noch immer unsicher Der Hass der Reichsstädte
machte dass der Graf von Württemberg lang keine bleibende Stätte hatte Mit Mühe
wusste er seine Gemahlin aus den Händen der Räuber retten in welche sie aller
Vorsicht ungeachtet doch gefallen war Sie fanden endlich Zuflucht bei dem
Bischoff von Strasburg aber dieser war ein Verwandter der Gräfin von
Württemberg und wir mochten ihm unsere Ida nicht vertrauen
Wir hatten indessen bereits Ruhe und Glück gefunden Ein Auffentalt von
etlichen Tagen in dem Walde den man in dieser Gegend für eine Wohnung der
Geister hielt hatte uns zu Besitzern eines kleinen Schatzes gemacht der die
Quelle unserer nachmahligen Reichtümer ward Ich wollte mir und den Meinigen
gleich am ersten Tage unserer Ankunft im Walde eine Art von Obdach wider den
Regen der unaufhörlich herabtroff erbauen ich grub in die Erde um einige
Pfähle einzurammeln ich stieß auf ein kleines eisernes Behältnis das mit Geld
angefüllt war und das wie wir aus einem dabei gelegten Stück Pergament sahen
jenem Hans Herdsmann gehört haben mochte den man in dieser Gegend für einen
Räuber hielt und als einen solchen vor mehr als zwanzig Jahren in diesem Walde
überfallen und erschlagen hatte
Ich erinnerte mich dieser letzten Umstände aus dem Gespräch der beiden
Reuterknechte der Martinsritter die ich des vorigen Abends hier belauscht
hatte und hielt es nicht für Unrecht der Erbe desjenigen zu sein dessen Person
ich in den Augen der furchtsamen Krieger eine Zeit lang gespielt hatte
Unser gefundenes Geld machte dass es uns nachdem wir den Wald verlassen
konnten nicht an Zuflucht fehlte Wir wandten uns nach Nürnberg wurden als
entflohne Untertanen des Grafen von Württemberg wofür uns Mariens
Geschwätzigkeit bald bekannt machte wohl aufgenommen und durch Gefälligkeiten
und Versprechungen fest gehalten Ich heiratete meine Geliebte und musste ihr
ehe ich ihre Einwilligung erhielt zuschwören in den nächsten zehn Jahren nicht
an Idas Auslieferung zu denken sondern sie bis sich die Zeiten für dieses
unglückliche Kind besserten als meine Tochter anzusehen
Wir richteten unser Hauswesen ein ich fing an zu arbeiten ich lieferte
Stücke welche Verwunderung erregten und meinen Ruf weit ausbreiteten Ich
arbeitete für Kirchen und Klöster ward endlich nach Prag berufen wo die
Erbauung der Domkirche mich so lange in Arbeit erhielt bis ich die Stadt
gewohnt zu werden sie lieb zu gewinnen begann und daselbst zu bleiben beschloss
Unsere Ida war indessen herangewachsen ihre Schönheit und die Erziehung die
wir ihr in Rücksicht auf ihren Stand gegeben hatten zeichneten sie aus wir
mussten sie eingezogen halten wenn wir kein Aufsehen erregen wollten Der
Vorwitz meines Weibes machte dass die Regel die ich ihr in Ansehung der jungen
Gräfin vorgeschrieben hatte ein einig mahl überschritten wurde Ida kam bei
eurer Vermählung gnädige Frau zum Vorschein und diese einige Erscheinung ward
der Grund alles ihres nachmahligen Unglücks
Meines höchsten Glückes rief Ida indem sie Sophiens Hand zärtlich an ihre
Lippen zog
Marie fuhr Münster fort hatte ihre eigene Absichten sie machte sich
Vorwürfe die geliebte Gräfin um die Vorrechte ihres Standes gebracht zu haben
aber nie wollte sie einwilligen dass ich sie wieder in das Haus ihres Vaters
brächte sie wollte sie empor heben ohne seine Hilfe sie hasste ihn viel zu
sehr konnte ihm seine blinde Liebe gegen Idas Stiefmutter und die Nachlässigkeit
gegen sein Kind viel zu wenig verzeihen als dass sie ihm gönnen sollte Anteil
an dem künftigen Glück ihrer Pflegetochter zu haben Sie hofte auf die Gnade der
Kaiserin hofte auf den jungen Herrmann von Unna von welchem sie bald merkte
dass er Ida liebte und den sie um so viel mehr begünstigte weil sie wusste dass
sein Haus dem Grafen von Württemberg zuwider war Sie machte tausend Entwürfe
tat tausend falsche Schritte hinter meinem Rücken bis sie endlich das
Schicksal derjenigen die sie liebte so sehr verwickelte dass die welche sie
glücklich zu machen suchte beinahe das Opfer ihrer verunglückten Plane geworden
wär wenn nicht ich endlich noch mit meinem Anschlage durchgedrungen hätte
Ich offenbarte Idas Herkunft ihrem Vater es war leicht ihm die Augen ihretwegen
zu öfnen Idas Gesicht und andere Merkmahle waren zu kenntlich um von ihm
verworfen zu werden überdieses ist die böse Stiefmutter seit länger als einem
Jahre gestorben der Tod ihrer einigen Tochter der verschmähten Braut des
Herzogs von Braunschweig zog den ihrigen nach sich und Graf Eberhards Herz war
jetzt leer und frei genug um diejenige aufzunehmen die er ehemals
vernachlässigte sie auf Vorspiegelung seines Weibes bisher bald für verloren
bald für Tod hielt und und welcher er nun verspricht ihr alles zu ersetzen
was sie ehedem durch seine Schuld litte
Münster stockte beim Ende seiner Erzählung Ida seufzte und Sophie
versprach ihre Mutter und Versorgerinn zu sein wenn der Graf es an treuer
Erfüllung seines Versprechens sollte ermangeln lassen Das vornehmste setzte
sie hinzu was wir jetzt zu tun haben wird sein dass wir dich liebe Ida so
bald als möglich zur Gemahlin deines Herrmanns machen O mein Kind das Leben
ist kurz man kann nicht zu zeitig anfangen glücklich zu sein Die Väter sind
zuweilen wunderlich denken eine Tochter überherrlich zu beglücken wenn sie sie
mit irgend einem großen Herrn verbinden dem es an Liebe Tugend und Anmut
gebricht der nichts vor sich hat als seinen Rang ach Ida ich weis Exempel
Die Kaiserin seufzte tief bei diesen Worten und Ida verstand sie
vollkommen Sie dankte ihr für den Eifer mit welchem sie sich ihrer anzunehmen
dachte und setzte sehr weislich die Bitte hinzu nichts zu übertreiben sondern
es der Zeit zu überlassen Dinge möglich zu machen an welche jetzt schwerlich
zu denken sein würde eine Vorstellung, welche bei Sophien sehr nötig war und
die doch gänzlich von ihr in den Wind geschlagen wurde
Sechs und zwanzigstes Kapitel
Schaden durch übergrosse Gnade
Ida musste sich auf Befehl der Kaiserin entfernen Münster den sie gern auf
jede Art auszeichnete es gern vor aller Welt sehen ließ dass sie noch immer
kindliche Gesinnungen gegen ihn hege sich nicht schäme einst seine Tochter
geheißen zu haben begleitete sie nach Hause und sie brachte daselbst einige
der seligsten Stunden ihres Lebens in seiner Gesellschaft zu Seine Erzählung
hatte die heißesten Gefühle der Dankbarkeit in ihrem Herzen rege gemacht die
mancherlei Gefahren aus denen er sie rettete die mehr als väterliche
Zärtlichkeit mit welcher er sich ihrer annahm als sie ganz verlassen war die
Aufopferung mit welcher er immer ihr Wohl dem seinigen vorzog was für Stoff zu
Herzensergiessungen die sie auf seine Bitte nie öffentlich wagen allezeit für
die Einsamkeit versparen musste
Einige Stunden entflohen ihnen auf diese Art ohne dass sie es gewahr wurden
und eine ähnliche Zeit würde kaum hinlänglich gewesen sein das was sie noch vor
sich hatten zu enden denn eben entdeckte Ida ihrem ehemaligen Vater den Wunsch
diejenige welche sie so lange Mutter genannt hatte der sie ebenfalls
tausendfachen Dank schuldig war immer um sich zu haben und die Hoffnung die
Erfüllung desselben leicht beim Grafen von Württemberg zu erhalten
Münster schüttelte den Kopf er schien die Ehre welche man seiner Marie
zudachte weder zu wünschen noch zu hoffen er wollte den Grund seiner Zweifel
eben entdecken als Idas Frauen die Ankunft des Grafen meldeten Die beiden
Sprechenden erhuben sich dem Kommenden in tiefer Ehrfurcht entgegen zu gehen
Der Graf trat ungestüm ein ein Ungewitter schwebte auf seiner Stirne er
beantwortete Idas Liebkosungen mit Kälte und befahl ihrem ehrwürdigen Freunde
mit einem Winke sich zu entfernen
Ich wundere mich rief er nach einem langen unruhig Auf und Abgehen ich
wundre mich wie du in deiner jetzigen Lage vergangne Zeiten noch so gar nicht
vergessen kannst du bist die Tochter des Grafen von Württemberg nicht dieses
Münsters den du wegen des Unrechts das er dir angetan hat hassen und
fliehen ihn nicht mit Liebkosungen überhäufen nicht Stunden lang in deinem
Zimmer dulden oder dich öffentlich von ihm begleiten lassen solltest
Mein Vater Ein so treuer Diener wie Münster der Retter der Versorger
eurer Tochter als sie
Genug Ich höre dass er die Geschichte deiner Entführung heute in
Gegenwart der Kaiserin erzählt hat und ich hoffe du wirst klug genug sein
einzusehen wie schlecht er an dir handelte wie sehr er durch diese Tat
welche alle seine Erdichtungen nicht zu entschuldigen vermögen an dir und mir
handelte Ich hätte Recht und Macht ihn zu strafen aber um deinetwillen
schone ich ihn Lass dies genug sein und reize mich nicht weiter
Ida welche nicht an diesen Ton der väterlichen Sprache gewöhnt war wusste
das was sie hörte nicht anders als mit Stillschweigen zu erwidern Es
erfolgte eine lange Pause Graf Eberhard setzte seinen Spatziergang fort und
fing nach einer Weile das Gespräch von neuem an
Ich habe sagte er heute auf mannichfaltige Art um deinetwillen gelitten
Am Morgen vernahm ich Dinge von dir welche ich für unglaublich hielt und am
Abend wurde mir bei Hofe über einen gewissen Gegenstand zugesetzt der meinen
Glauben an deine Unschuld wankend machte und den
Lieber Vater sprach Ida mit liebkosendem Ton nicht diesen geringen Blick
der Unwille hemmt eure Worte was habe ich getan sollte ich wirklich wirklich
so unglücklich sein euch Leiden zu machen
Das tust du wenn du nicht im Stande bist die Fragen welche ich dir jetzt
vorlegen will mit nein zu beantworten Komm sage mir sollte es möglich sein
dass in jener Nacht der ersten nachdem du wusstest dass ich dein Vater sei in
jener Nacht da ich dich zur Unzeit wachend fand du einen Jüngling bei dir
gehabt habest der als ich erschien mit Lebensgefahr vom Altan in den Garten
hinabsprang bei der Wache vorbei strich und von ihr in Zweilichten für
Herrmann von Unna erkannt wurde Du schweigst Eine schöne Verteidigung
deiner Unschuld Höre die zweite Frage Warst du es welche die Kaiserin
bewog mich diesen ganzen Abend mit Bitten mit Vorstellungen wegen der
unmöglichen Liebe zu quälen die zwischen dir und diesem Herrmann diesem
elenden Sprössling eines verworfenen Hauses statt finden soll Du weißt die
Bitten der Monarchinn sind Befehle war dir es möglich deinen Vater in eine
solche Verlegenheit zu stürzen Du schweigst abermals Gut ich kenne dich
nunmehr Ich weis was ich zu tun habe dein Urteil ist gesprochen
Der Graf von Württemberg entfernte sich und hinterließ seine Tochter in
einer Bestürzung welche durch nichts vermehrt werden konnte als durch den
Befehl den sie noch diesen Abend erhielt sich zur Abreise gefasst zu halten
weil Dinge von Wichtigkeit es notwendig machten den Hof eilig zu verlassen
Ida verstand vollkommen welches die Bewegungsgründe zu dieser schleunigen
Reise waren Sie sah alle Hoffnungen ihrer Liebe wie einen Dampf verschwinden
bedauerte es sich einer Vorbitterinn vertraut zu haben welche durch den Eifer
mit welchem sie ihr zu dienen strebte alles verderbte bedauerte jeden Schritt
den sie getan hatte selbst ihre Liebe zu Herrmann weil durch sie ein Vater
gekränkt wurde der sie verehrte dem sie zu gefallen ihn glücklich zu machen
wünschte Die Trennung vom alten Münster von der geliebten Kaiserin ihr
dunkles Schicksal in der Zukunft was für Aufgaben zu den traurigsten
Betrachtungen sie verlor sich in denselben überließ ihren Frauen die
Zubereitungen zur Reise dachte an kein zur Ruhe gehen und war daher des
Morgens als ihr Vater kam sie abzuholen schon völlig gekleidet um ihm überall
hin zu folgen ein Umstand der ihn ohne Rücksicht auf ihre rotgeweinten Augen
überredete dass ihr der Gehorsam gegen seine Befehle nicht allzuschwer ankomme
dass sie Biegsamkeit und Bereitwilligkeit genug habe um sich ganz so leiten zu
lassen als er wünschte
Diese Vorstellung, welche, was das letzte betraf nicht ganz unrichtig war
erwarb ihr einige väterliche Liebkosungen Graf Eberhard versicherte sie dass er
sie innig liebe dass er sie glücklich machen wolle wenn sie sich entschließen
könne gehorsam zu sein das ist ihre liebsten Wünsche seinem Willen
aufzuopfern eine Kleinigkeit welche wie er meinte keine Schwierigkeiten
habe
Sie ward zur Abschiedsaudienz bei der Kaiserin geführt Die Worte welche
zwischen Sophie und dem Grafen gewechselt wurden waren äußerst kalt und
ceremoniös ein Teil von Sophiens Kälte fiel auch auf Ida zurück nur am Ende
erfolgte noch eine so herzliche Umarmung wie sie von ihr gewohnt war
Undankbares Mädchen rief sie du liebst mich nicht hast nicht Geist genug dich
denen zu widersetzen welche dich von mir reißen wollen Sprecht Graf Eberhard
würdet ihr es wohl wagen mich meiner liebsten Gespielinn zu berauben wenn sie
entschlossen wär sich nicht von mir trennen zu lassen
Der Graf kannte seine Tochter genug um zu wissen was er von ihrem Gehorsam
erwarten sollte er versicherte Ida dürfe nur sprechen wenn sie Bedenken trüg
ihm zu folgen Ida verstand wie man wollte dass sie antworten sollte und da
sie sich nicht überreden konnte zu heucheln so schwieg sie Sophie gab ihr
noch einen kalten Kuss der Graf drückte ihr die Hand um ihr sein Wohlgefallen
über ihre Aufführung zu bezeugen und beide entfernten sich von allen Damen der
Kaiserin begleitet in deren Blicken so sehr sie auch Betrübnis erkünsteln
wollten die Freude über die Entfernung ihrer Mitbuhlerinn nicht zu verkennen
war
Sieben und zwanzigstes Kapitel
Herrmann tritt von neuem auf
Die Fürstin von Ratibor gehörte unter jene vielgeschäftigen Damen deren es an
jedem Hofe gibt die Teils zu Unterhaltung ihrer Gebieterinnen teils zu
ihrer eigenen Belehrung die genausten Nachrichten von allem zu haben strebten
was in dem Bezirk ihres Aufenthalts vorgeht Ida war von jeher ein Gegenstand
der besonderen Aufmerksamkeit für sie gewesen und es ist zu glauben dass sie
ihre Hand und ihren allwaltenden Blick nicht von ihr abzog nachdem sie Gräfin
von Württemberg geworden war Sie wusste alles was in ihrem geheimsten Zimmer
vorging und ihren Nachforschungen hatte also auch der nächtliche Besuch eines
Jünglings nicht verborgen bleiben können Dass Herrmann dieser Jüngling gewesen
war mutmasste sie nur aber sie baute kühn auf diese Mutmaßung fort und
hatte wie zuweilen geschieht blindlings die Wahrheit getroffen
Idas guten Namen zu schaden sie durch vermehrte und verbesserte Erzählung
dieser Geschichte bei der Kaiserin in Ungunst zu bringen hatte sie schon
versucht aber da diese bereits von der Sache unterrichtet war so mislungen
ihre Streiche auf dieser Seite und sie musste sie daher auf eine andere wenden
Sie war es welche dem Grafen von Württemberg von dieser durch ihre Noten so
anstössigen Geschichte Nachricht gab Ihre Eingebungen regierten die Aussagen der
angehörten Wache und so bildete sich durch ihren unermüdeten Fleis endlich
die Erfüllung des Wunsches nach welcher sie so lang auf tausendfache Art
gestrebt hatte die Entfernung der gehassten Ida
Die junge Gräfin sah wohl dass ihr Vater und die Ratibor beim Abschiede
freundlichere Blicke wechselten als zuvor aber sie war zu gutherzig die
Ursach davon zu erraten zu gutherzig in der letzten geheimen Unterredung die
noch an der Tür des Audienzzimmers zwischen beiden vorfiel etwas zu argwohnen
das ihr Herz durchbohrt haben würde wenn es ihr bekannt gewesen wär
Die Ratibor ward von dem Grafen mit Erbietung aller freundlichen
Gegendienste ersucht ein wachendes Auge auf diesen Herrmann von Unna zu haben
welcher wie man sagte noch gestern in der Stadt gesehen worden sei und
dafern man sich seiner bemächtigen könnte es ihm nach eigenem Belieben
unmöglich zu machen fürterhin an Ida zu denken
Es ist zu glauben dass Graf Eberhardt die Bosheit derjenigen nicht kannte
welcher er eine solche Vollmacht gab Es war ihm sicherlich nicht eben um
Herrmanns Untergang zu tun und er hätte ihm vielleicht gern Glück und Leben
gegönnt wenn er ihn nur hundert Meilen weit von derjenigen hätte entfernen
können die nach seinem Willen nie die Seinige werden sollte
Ein guter Engel wachte indes für Herrmanns Bestes Die Fürstin von Ratibor
hatte Recht er war bisher noch immer in der Nähe gewesen um die Schritte seiner
Ida auszuspähen jede Gelegenheit zu belauschen wo er sie sehen wo er sie
vielleicht gar sprechen könnte Die unermüdete Aufmerksamkeit war die Ursach
dass er die Entfernung seiner Geliebten augenblicklich erfuhr und da er nach ihr
hier nichts mehr zu suchen hatte keine Stunde nach ihr zurückblieb und so
allen Verfolgungen entging
Seine Absicht war ihr überall zu folgen in tausendfachen Verkleidungen
immer um sie zu sein und zu versuchen ob nicht endlich irgend eine derselben
ihm sein Glück ein Wort einen Blick von ihr verschaffen könnte Wahrscheinlich
würde er zu seinem und ihrem Nachteil diesen Plan ausgeführt haben wenn ihm
nicht der Himmel einen Freund zugeführt hätte der seinen Entschlüssungen eine
bessere Richtung gab Herrmann wusste durch die kleinen Künste durch welche er
alles erfuhr was Beziehung auf Ida hatte dass sie die zweite Nacht nach ihrer
Abreise mit ihrem Vater in einem Dorfe übernachten würde das ihm bekannt war
und nach welchem er durch einen kürzern Weg zu gelangen wusste als denjenigen
welchen die Reisenden gewöhnlich zu nehmen pflegten Hier war es wo er seine
Geliebte erwartete um wenn ihm ja kein größeres Glück bestimmt war sie
wenigstens aus dem Wagen steigen zu sehen wenigstens den Laut ihrer Stimme in
der Ferne zu vernehmen und hier war es wo er seinen alten Freund den
redlichen Münster traf
Die Geschichte sagt nicht ob der alte Mann ähnliche Absichten gehabt habe
als wie der Ritter von der treuen Minne nur dieses versichert sie dass er die
Plane des letzten höchlich getadelt und alle Mühe angewandt habe ihn auf
vernünftigere Gedanken zu bringen Was wollt ihr machen rief er als Herrmann
seine offenherzige Beichte abgelegt hatte Eure Zeit im Müssiggange zubringen
ewig Ritter Herrmann von Unna bleiben der nie an die Tochter des stolzen Grafen
von Württemberg denken darf Tausend Gelegenheiten Ruhm zu erwerben versäumen
Euer Leben eure Ehre die Ehre eurer Geliebten in Gefahr setzen wenn man euch
entdeckt und werdet ihr von niemand und also auch von ihr nicht erkannt euch
Jahrelang mit fruchtlosen Bemühungen um ein Nichts beschäftigen und es zu spät
bereuen dass ihr einem Schatten nachjagtet indessen ihr schon Riesenschritte zu
eurem wirklichen Glück hättet getan haben können Nein Ritter glaubt mir
verlasst diesen Ort verlasst ihn augenblicklich ehe noch diejenige erscheint
die den Entschluss den ihr fassen müsst könnte wankend machen Geht zu dem
Posten zurück den ihr um Idas willen verlassen habt König Siegmund war in
keinen guten Händen als euch die Gefahr eurer Geliebten von ihm rief Die Liebe
entschuldiget was ihr damals tatet aber nichts ist was euch zu statten
komme wenn ihr nunmehr säumt eure Pflicht gegen euren Herrn zu erfüllen Die
Gerüchte welche von ihm gehen sind sonderbar Eure Macht ist zwar klein ihm
nützlich zu sein aber eure Treue gegen ihn ersetzt alles ihr seid vielleicht
der einige der es redlich mit dem unglücklichen Könige meint wollt ihr ihm
eure Hilfe entziehen
Der alte Münster wusste noch auf tausenderlei Arten Herrmanns Ruhmbegier
seinen Trieb zur Beobachtung seiner Pflichten seiner Treue für seinen Herrn in
Bewegung zu setzen und sie zur Schutzwehr wieder fruchtlose Liebe und Müssigang
zu machen und es gelang ihm endlich Herrmann schwur nie seine Gedanken auf
Ida aufzugeben aber auch nie ihm auf Unkosten seiner andern Pflichten
nachzuhängen Münster versprach ihm dagegen immer ein wachendes Auge auf Ida zu
haben und beide trennten sich wie solche Freunde sich trennen
Acht und zwanzigstes Kapitel
Schach dem König
Nie hat wohl ein Mensch seinem Herrn mit mehrerer Treue gedient als dieser
Herrmann Wie er gegen Kaiser Wenzeln gesinnt war gegen ihn den niemand
liebte gegen ihn der die Ergebenheit des gutherzigen Jünglings mit Hass und
Undank belohnte das haben meine Leser im vorhergehenden gesehen Es gehörte
Zeit dazu ehe er sich überzeugte dass es ihm erlaubt sei einen andern Herrn zu
suchen und dieser andre Herr dieser Siegmund hatte bei ihm die nämlichen
Vorrechte seines Vorgängers Herrmann wurde von ihm verachtet verkannt
übersehen dem ungeachtet war der Gedanke ihm nützlich zu sein ihm ohne
Rücksicht auf eigenem Vorteil der hier gar nicht statt fand dienen zu können
mächtig genug ihn aus den Armen der Liebe zu reißen und in ein Land zu
führen wo er seit Nikolaus Gara ihn hasste keinen einigen Freund keinen
Beförderer hatte
Diese Winke welche ihm der alte Münster von der zweideutigen Lage seines
geliebten Herrn gab wurden bei Fortsetzung seiner Reise bestättigt Bald sollte
König Siegmund gar nicht von dem Zuge wider die Ungläubigen zurückgekommen
wahrscheinlich in ihren Händen geblieben sein bald war er in der Gewalt der
noch gefährlichern Widersacher die er unter seinen eigenen Untertanen hatte
bald war er gefährlich verwundet bald gar tot Gerüchte welche sich minderten
so bald Herrmann auf ungarischem Grund und Boden kam und sich gar verloren als
er sich der Hauptstadt näherte Hier erfuhr der junge Ritter dass sein Herr
bisher von Krankheit zurückgehalten nun erst sich dem Sitz der königlichen
Hoheit nähere und dass jedermann sich rüste ihn königlich zu empfangen
Es ist nicht König Siegmunds Geschichte die ich schreibe und ich werde
daher nur so viel von seinen Begebenheiten mit nehmen als sich unmittelbar an
Herrmanns Abenteuer anketten Nichts daher von dem Einzug des Königs in der
Stadt die er endlich unter dem Zujauchzen des Volks betrat das ihn bei allen
seinen Fehlern liebte nichts von dem Gedräng der Großen das ihn umgab nichts
von denen Entschuldigungen Vorstellungen und Versprechungen die von einer und
der andern Seite gemacht wurden um den Grund zum gegenseitigen Einverständnis
zu legen Freilich waren Siegmunds Leichtsinn Üppigkeit Liebe zur
Verschwendung und gelegentliche Grausamkeit Flecken in seinem Charakter
welche das Misvergnügen Einiger entschuldigen konnte freilich hatte er aus
seinem Türkenzuge weder Sieg noch Beute mit gebracht dadurch ehemahlige Fehler
hätten können ausgetilgt werden aber man versprach Vergessenheit des
Vergangenen Siegmund versprach es auch und verschloss die Augen nur gar zu sehr
gegen die tausend Spuren von Treulosigkeit und Verräterei die er an dem und
jenem seiner Fürsten vornehmlich an den Gebrüdern Gara nicht verkennen konnte
Das Gedräng um den Konig am Abend nach dem Einzug war so groß dass es
Herrmannen welcher vor Verlangen brannte ihn zu sehen unmöglich war Zutritt zu
bekommen An wen sollte er sich wenden Sein ehemaliger Gönner der Feldherr
Nikolaus Gara hasste ihn nachdem er auf dem Zuge wider die Türken seine Treue
gegen den König unerschütterlich gefunden hatte und Herrman konnte den nicht
lieben sich nicht überwinden konnte irgend etwas bei dem zu suchen den er als
einen heimlichen Feind seines Herrn kannte
Der junge Ritter entschloss sich endlich sich selbst Zutritt zu verschaffen
er drängte sich bei der Abendtafel so dicht hinzu dass er beinahe des Königs
Kleider berührte Siegmund fasste ihn ins Auge Der Jüngling hatte keins von den
gewöhnlichen Gesichtern welche man zwanzigmahl sieht ohne ihre Züge zu
behalten überdas hatte der König ihn zuletzt bei einer Begebenheit gesehen die
sich seinem Gedächtnis zu tief eingeprägt hatte als dass einer von denen dabei
gegenwärtigen dass derienige welcher die Hauptrolle dabei spielte hätte
vergessen sein sollen
Siegmund wusste sich anfangs den Zusammenhang seiner Ideen selbst nicht recht
zu erklären er saß nachdenkend rieb die Stirn und wandte sich dann zu dem
neben ihm sitzenden Andreas Gara Wie kommt es doch rief er dass uns oft bei
der Fülle der Freude traurige Erinnerungen umschweben Einer der schrecklichsten
Auftritte meines Lebens geht jetzt vor mir über liegt mir so deutlich vor
Augen dass ich jede Züge davon machen wollte Ratet ihr wohl Andreas welcher
das sei Andreas verbeugte sich und schwieg Doch fuhr Siegmund fort ihr
könnt das nicht wissen ihr wart nicht gegenwärtig euer Bruder war es O
vielleicht hättet ihr mich nicht so treulos verlassen als Nikolaus Doch ich
habe versprochen zu vergessen meine Freunde vergesse ich nie Ich war allein in
der Schlacht jedermann wandte sich hinter mir ab Achmets Schwert stürmte
fürchterlich auf mich ein ich musste erliegen Da drängte sich zu mir heran eine
ritterliche Schaar mich zu retten Mein Pferd war unter mir getötet mein Helm
und mein Schild mir entrissen nur das Schwert hielt noch fest in meinen Händen
Der Führer meiner Helfer sprang von seinem Rosse und hob mich hinauf er reichte
mir seinen Schild und riss den Helm von seinem Haupte das meinige damit zu
decken ich weis nicht wie mir geschah weis nicht was um mich vorging aber
ein Bild ist mir fest in der Seele geblieben das Bild meines Retters dessen
Gesicht mir wie das Gesicht eines Engels Gottes entgegen strahlte Dieses
Gesicht ist das mir jetzt die ganze fürchterliche Szene zurück ruft ich sehe
es in dem Gedränge das meinen Tisch umringt es sind die Züge meines alten
treuen oft verleumdeten und oft verkannten Dieners Herrmann von Unna Tritt
hervor tritt hervor mein Retter empfange den Dank und die Gnade deines
Königs
Herrmann hatte sich während Siegmund sprach immer näher gedrängt um keins
der Worte zu verlieren welche ihm so nahe angingen Jetzt beim Schluss seiner
Rede überfiel ihn ein freudiger Schauer wie er an jenem Tage diejenigen
überfallen wird die aus dem großen Kreise mit den Worten werden hervorgerufen
werden Das habt ihr mir getan
Herrmann stürzte sich seinem König zu Füßen küsste seine Hände und badete
seine Knie mit seinen Tränen Welch ein Gefühl von demjenigen von welchem man
sich immer übersehen und verkannt glaubte dem man tausend Proben der Treue gab
ohne bemerkt zu werden so vor Tausenden ausgezeichnet vor einer ganzen
Versammlung so geehrt zu werden
Nachdem der erste Sturm der Freude in dem Herzen des jungen Ritters vorüber
war zog er sich bescheiden unter die aufwartenden Edelleute zurück aber
Siegmund wandte sich oft nach ihm um und er durfte nicht von seinem Stuhle
weichen
Die stolzen Magnaten die mit dem Könige zu Tische saßen schienen bei der
vorhergehenden Szene gar nicht gegenwärtig gewesen zu sein sie sagten nichts zu
dem was ihr König tat und konnten sich nicht herablassen dem von ihm so sehr
geehrten Jünglinge ein Wort zuzusprechen
Die Glückwünschungen welche er erhielt blieben nur unter den jungen
Edelleuten welche mit ihm bei der Tafel aufwarteten und er hatte die Freude
manchen unter ihnen zu finden dessen Gesicht nebst dem treuherzigen Händedruck
ihn alter Freund und Spiesgesell nannten Keine von diesen Erscheinungen war ihm
angenehmer als das Gesicht eines Jünglings den er von Kindheit auf gekannt
hatte ehemals an Kaiser Wenzels Hofe durch Misverstände von ihm getrennt worden
war ihn denn unter König Siegmunds junger Ritterschaft wiedergefunden und im
Türkenkriege so manche tapfere Tat von ihm gesehen hatte dass der Gedanke an
vergangene Dinge ganz von Liebe und Bewunderung verschlungen ward Es war der
junge Kunzmann von Hertingshausen welcher Herrmann ehemals als beide Jünglinge
noch Kaiser Wenzels Edelknaben waren für den Ursacher seiner Flucht vom Hofe
gehalten hatte wie sich vielleicht meine Leser noch aus der Erzählung erinnern
welche der Ritter der treuen Minne ehemahls dem alten Münster von seinen
Jugendgeschichten machte
Kunzmann schien schon damals als er Herrmann im Türkenkriege wiederfand
allen alten Groll vergessen zu haben und auch jetzt bewillkommte er ihn wie
man alte Freunde bewillkommt Es war hier nicht der Ort viel Worte zu machen
ein Händedruck und die Worte mein Herrmann mein Hertingshausen waren alles
was man sich sagen konnte das übrige wurde für eine verabredete Zusammenkunft
auf die künftige Nacht verspart
König Siegmund hatte sich jetzt lange nicht nach seinem neuen Diener
zurückgewandt ein ernstes Gespräch mit den Gebrüdern Gara hielt ihn fest Man
hatte die Pokale fleißig geleert aber nicht der Becher der Freude war es der
hier um die Tafel ging es war der Becher der höllischen Zwietracht Herrmann
hatte schon lang bemerkt dass die gegen ihn über sitzenden Fürsten seinen Herrn
nicht so anblickten wie es ihnen zukam verachtender Unwille oder tückische
Schadenfreude war es was er auf diesen vom feurigen Ungerweine hochrot
gefärbten Gesichtern las Auch misfiel ihm die Unterhaltung welche zwischen
Siegmund und den beiden Garas vorfiel Sie schienen gänzlich zu vergessen mit
wem sie sprachen Die Rede war von dem letzten Türkenzuge man wechselte
Vorwürfe verteidigte sich mit Hitze und die Stimme des Feldherrn und seines
Bruders erhob sich bald so sehr dass sie jeden Laut von den Worten des Königs
verschlang
Was ist dies? sprach Herrmann zu Hertingshausen indem er an seinem Schwert
zuckte sollen wir diese Beschimpfung unsers Herrn dulden Das Getümmel an der
Tafel ward stärker jedermann erhub sich von seinem Sessel hier und da wurden
einige Schwerdter bloß und man begunnte so heftig auf den König einzudringen
dass die bösen Absichten die man wider ihn hatte nicht mehr zweifelhaft
blieben Herrmanns Schwert fuhr aus der Scheide ihm folgte Hertingshausen und
die andern Jünglinge Siegmund ward von seinen Feinden zu Boden gerissen man
erkühnte sich Waffen auf ihn zu zücken die keinem Rittersmanne ziemen Herrmann
fasste den Andreas Gara und riss ihn ungestüm von seinem Herrn hinweg indessen
die andern Jünglinge auf ähnliche Art mit dem Feldherrn Nikolaus verfuhren Der
Platz war erstritten die Person des Königs gedeckt aber die Partie war
ungleich Die reisigen Knechte wurden herein gerufen Siegmunds Retter teils zu
Boden geworfen teils entwafnet der König auf die unwürdigste Art behandelt
und endlich so wie die welche fest bei ihm hielten mit Fesseln belegt
Nur zwei hatten die Ehre das Unglück mit ihrem Könige zu teilen Herrmann
und Hertingshausen die übrigen meistens weibische Hofjunker ließ sich
leicht durch Drohungen und Versprechen von ihrer Pflicht abziehen und
misgönnten es Siegmunds beiden treuen Dienern nicht dass sie die nämliche
Begegnung mit ihrem Herrn erfuhren gleich ihn mishandelt gleich ihn gefesselt
und auf verdeckten Wagen nach einem Orte geführt wurden wo die heimtückischen
Magnaten hoffen konnten ganz das Schicksal ihres Herrn in ihrer Macht zu haben
ohne eine Einrede von dem Volke befürchten zu dürfen
Neun und zwanzigstes Kapitel
Wenzels Bruder kommt zum Vorschein
Es war der Montag nach Sankt Vitalis Tag als die Gefangenen auf dem Schloss
Soclos ankamen Herrman kannte diesen Ort als den Hauptsitz des Hauses der
Garas und er konnte sich vorstellen was der unglückliche König an einem Orte
wo nichts die Gewalt seiner Feinde einschränkte zu hoffen habe
Doch täuschten ihn diesesmahl schrecklicher seine Erwartungen welche ihm
nichts als Beschimpfung und Tod für seinen Herrn in der Ferne zeigten
Die Begebenheit welche König Siegmunden hieher brachte war angelegter
Plan so wollte so musste man sich seiner hinterlistig bemächtigen um ihn vom
Throne zu stoßen um einen andern auf denselben zu heben aber in der
Ausführung dieses teuflischen Anschlags hatte man allerdings die Gränzen
überschritten welche man sich vorgeschrieben haben mochte und man hielt es für
gut nun zu den Regeln der Bescheidenheit und des Wohlstandes zurückzukehren
Die Kräfte des Weins hatten bei jenem unglücklichen Mahle verursacht dass
Siegmunds Feinde es ganz vergaßen dass der den sie wie einen Sklaven
behandelten doch gleichwohl ein König war dass sie sich selbst noch mehr als
ihn durch ihre unwürdige Aufführung beschimpften Der Rausch war ausgeschlafen
Wut und Rache kochten nach wie vormahls in den Herzen der Garas aber sie
schämten sich eine Rolle fort zu spielen welche ihnen das Recht entreißen und
es auf die Seite des verhöhnten Sohns Kaiser Karls des vierten wenden musste
Dem Könige wurden die Fesseln abgenommen man gab ihm statt des Kerkers in
den er anfangs geworfen ward ein wohlverwahrtes Gemach ging so weit ihn zu
fragen ob er die Aufwartung seiner gefangenen Diener verlange und ihm auf die
Bejahung dieselben ihrer Fesseln entladen zuzuschicken
Siegmunds Zustand war leidlich und er wurde noch erträglicher als Nikolaus
und Andreas ihr Schloss verließen weil Reichsgeschäfte sie in die Hauptstadt
forderten und ihrer Mutter die Aufsicht über ihren erhabenen Gefangenen
übertrugen
Es ist unmöglich dass ich bei dieser Stelle der Geschichte so wie bei
andern vorbeischlüpfen kann ich muss meinen Lesern einige Worte von dieser
Helena Gara der Wittwe des Nikolaus den Siegmund ehemahls ermorden ließ der
Stiefmutter des Feldherrn Nikolaus und des Stattalter Andreas sagen Sie war
eine junge schöne Person von fünf und zwanzig Jahren welche zu wenig Kummer
über den Verlust ihres bejahrten Gemahls gefühlt hatte um einen dauernden Hass
wider seinen Mörder zu fassen Sie sprach nur von Rache und Blut so lange es
ihre Söhne hörten schmiegte sich nur in ihre Anschläge weil sie musste und
sah Siegmunds Gefangenschaft auf dem Schloss Soclos aus Ursachen gern welche
mit den Anschlägen seiner Feinde nichts gemein hatten
Helena war ein Weib wie es in den damaligen Zeiten viel gab ein Wesen aus
Üppigkeit und Herrschsucht zusammen gesetzt Siegmund war ungeachtet seiner
Jahre einer der schönsten Prinzen der damaligen Zeit er war seine Widersacher
mochten ihn nun nennen wie sie wollten war ein König so lange Wenzel lebte
der Bruder eines Kaisers und starb dieser oder verlor er den Thron sein
wahrscheinlicher Nachfolger was für Betrachtungen für die Dame des Schlosses
Hatte sie auch noch eine Wahl konnte sie noch zweifelhaft sein ob sie den
ungerechten weitaussehenden Anschlägen ihrer Söhne beitreten oder sich eines
unschuldigen Prinzen annehmen wollte der ihr das was sie für ihn tun konnte
auf doppelte Art zu vergelten vermochte
Helena sah sich schon im Geist als Siegmunds Geliebte als seine Gemahlin
als die Besitzerinn des höchsten Trons der Welt und die ersten Schritte die
Erfüllung ihrer Wünsche einzuleiten wurden eilig getan Sie genoss des
unumschränkten Zutrauens ihrer Söhne sie wusste dass sie durch das Geschäft den
jungen Ladislaw auf Siegmunds erledigten Thron zu befestigen lang würden
abwesend gehalten werden und sie säumte nicht ihren Operationsplan zu eröfnen
König Siegmund bekam einen ganzen Flügel des Schlosses zu seiner Bewohnung
seine Hofstatt welche bisher nur aus Kunzmann und dem Ritter von Unna bestand
wurde vermehrt Er ward königlich bedient bekam Erlaubnis den Garten zu
besuchen und konnte es an nichts abnehmen dass er ein Gefangner war als an der
Wache welche seine und seiner Diener Schritte allemahl in einiger Ferne
beobachtete
Siegmund jauchzte über die Veränderung seines Schicksals welche ihm Anlass
gab seine Hoffnungen noch mehr zu erweitern Er forschte nach dem Grunde der
glimpflichen Begegnung die ihm wiederfuhr und es konnte ihm nicht lang
verborgen bleiben dass er ihn in der Gewogenheit der Fürstin Gara suchen müsse
Helenas Bild hing in allen seinen Zimmern auch hatte sie Siegmund etliche
mahl von Fern im Garten gesehen und bewundert
Weiberschönheit war die Klippe an welcher er am leichtesten scheiterte
auch war sein Wohlgefallen an den Reizen der Damen mit einer so guten Meinung
von seinen eigenen verbunden dass er sich keine schöne Frau als grausam gegen
seine Liebe vorstellen konnte Wie Helena gegen ihn gesinnt war das konnte ihm
nicht lang verborgen bleiben ihre Handlungen sprachen für sie Siegmunds Liebe
zur Gemächlichkeit die er mit seinem Bruder gemein hatte sein Herz zu
sinnlichen Vergnügen ward täglich auf neue Art geschmeichelt und seine
Dankbarkeit seine Neigung für die schöne Zauberinn die so sinnreich war ihm
seine Gefangenschaft angenehm zu machen wuchs desto mehr da sie schlau genug
war ihm nie in den Weg zu kommen ihm die Möglichkeit ihr persönlich zu danken
stets vergeblich wünschen zu lassen Die Gemälde von ihr und die
Lobeserhebungen der Leute welche sie ihm zugegeben hatte machten Siegmunds
Dankbarkeit zur Liebe die Begierde sie zu sehen zur Flamme Es wurden
heimliche Anschläge geschmiedet Botschaften hin und her geschickt zufällige
Zusammenkünfte veranstaltet bis endlich ein Verständnis zwischen beiden zu
Stande kam das man für gut hielt des Wohlstands wegen mit einem Schleier zu
umhüllen der aber durchsichtig genug war allen Bewohnern des Schlosses nichts
zu raten übrig zu lassen
Kunzmann von Hertingshausen spielte bei diesen Dingen eine große Rolle er
schien zu dem Geschäft Unterhändler einer verbotenen Liebe zu sein einen
sonderlichen Beruf zu haben und er erwarb sich durch seine Talente die
gränzenlose Neigung seines Herrn
Herrmann war in solchen Dingen einfältig er kannte nur eine Art Liebe die
welche er für seine Ida fühlte oder wie sie etwa zwischen Engeln statt finden
mag Verbindungen von anderer Art nannte er verboten und war nicht schlau genug
seinen Widerwillen dafür zu verbergen Er hatte als Knabe an Kaiser Wenzels
Hofe als er noch geneigt war alles für Recht zu halten was sein Herr tat
Leichtsinn und Üppigkeit in ihrer hässlichen Gestalt kennen gelernt und er
trauerte aufrichtig hier diese Auftritte von einem Fürsten erneuert zu sehen
den er liebte und schätzte an dem er so ungern eine Familiengleichheit mit
seinem schwelgerischen Bruder entdeckte
König Siegmund war nicht gewohnt Misbilligung seiner Handlungen in den Augen
seines Dieners zu lesen Herrmann ward zurückgesetzt und der schlaue Bote der
Liebe der gefällige Hertingshausen überall hervorgezogen
Da Herrmanns Achtung für seinen Herrn zu fallen begunte so ward der Vorzug
den ein anderer vor ihm erhielt nicht allzu schmerzhaft von ihm empfunden Er
beneidete Kunzmann sein Glück bei einem Fürsten nicht den er jetzt ach wie
gern verlassen hätte Was soll ich endlich hier in diesem weichlichen müßigen
Leben sagte er zu sich selbst. Ist dies die Art sich empor zu schwingen sich
der Hand einer Gräfin von Württemberg würdig zu machen O fliehe fliehe
Herrmann hier verträumst du deine Zeit auf strafbarere Art als die gewesen
sein würde welche dir Münster in einem so gehässigen Lichte vorstellte
Dreissigstes Kapitel
Von König Siegmunds Beständigkeit ein kurzes Kapitel
Alles Ding hat seine Zeit Liebschaften von dem Gehalt wie die zwischen Siegmund
und Helenen sind nie dauernd und wir wären fast geneigt der Dame die Ehre
anzutun und ihr wenig Erfahrung in diesem Stücke zuzutrauen wie hätte sie
sonst hoffen können ihren Geliebten ewig zu fesseln einst noch an seiner Seite
die Krone zu tragen Liebe und Zutrauen auf ihre allmächtigen Reize mussten sie
verblenden sie musste nie etwas von den vorigen Geschichten des flatterhaften
Stegmunds gehört haben Ihre gute Meinung von seiner Treue war gränzenlos er
beherrschte sie ganz und es kam bald dahin dass er kein Gefangner mehr dass er
unumschränkter Gebieter auf dem Schloss Soclos war
Dass Siegmund ins Geheim drauf sann sich einer ihm lästig werdenden
Buhlerinn und seiner Einkerkerung auf einmal zu entledigen das kam ihr nicht
in den Sinn und sie ward wirklich überrascht schrecklich überrascht als sie
eines Tages den König völlig zur Abreise gerüstet in ihr Zimmer treten sah
Sie stutzte riet auf eine Jagdpartie und bot sich an wie gewöhnlich ihren
Geliebten bei derselben zu begleiten Nein sagte Siegmund meine schöne
Fürstin ich muss euch gänzlich verlassen
Verlassen haftet nicht mein Leben für eure Freiheit und ist nicht das
meinige in Gefahr wenn ich länger hier verweile Eure rebellischen Söhne sind
von der Güte benachrichtigt mit welcher ich hier behandelt werde bald werden
sie erscheinen und mich mit Fesseln belegen welche nicht so leicht sein werden
wie die Eurigen
Ja wohl leicht Es kostet euch wenig Mühe sie abzuschütteln
Helena Werde ich hier in den Armen der Liebe den Anfang machen können mich
von neuem auf den Thron zu schwingen von welchem man mich verdrängt hat
Bedenkt was ihr fordert bedenkt das Glück den Ruhm dessen den ihr liebt
Helena fiel in ein tiefes Nachdenken aus welchem sie mit der Frage
erwachte Ob er wenn das Glück ihn bei seinen Unternehmungen begünstigte ihrer
noch gedenken Liebe und geschworne Treue nicht vergessen wollte
Siegmund welcher nichts auf die Bündigkeit im Rausch der Leidenschaft
getaner Schwüre hielt schlüpfte bei der Erinnerung an dieselben vorbei aber
er versetzte seine Reden mit so viel Süßigkeiten anderer Art dass die Fürstin
getäuscht ward und in seine Entfernung willigte Sie bat nur um einen dann
nur um zwei um mehrere Tage sich mit ihrem Geliebten zu letzen bis der König
aus Besorgnis man möchte ihm endlich aus lauter Liebe Zeit und Mittel zur
Freiheit gänzlich rauben heimlich davon ging und Helenen dadurch den Vorteil
verschafte bei ihren Söhnen außer Verdacht eines Anteils an seiner Flucht zu
bleiben
Ein und dreissigstes Kapitel
Etwas von Potiphars Weibe
Niemand war über die Entfernung aus dem Pallast dieser Circe erfreuter als
Herrmann Er jauchzte endlich einmal dem Müßiggang entrissen zu werden ohne
darum seinen Herrn verlassen zu dürfen den er jetzt für einen Neubekehrten der
Tugend zu halten ihn wieder zu lieben begann Seine Täuschung dauerte kurze
Zeit Siegmund lenkte seinen Weg nach dem Grafen Cyly dem Bruder des Gemahls
seiner Schwester und hier warteten seiner Begebenheiten welche das Herz seines
treuen Dieners von neuem von ihm wenden mussten
Immer waren die Cylys treue Anhänger Siegmunds gewesen der eine ward durch
das Band der Verwandschaft an ihn gefesselt und der andere eben der Graf Peter
Cyly zu welchem jetzt die Reise ging ward durch einen Zauber von noch
stärkerer Art zu ihm hingerissen Graf Cyly der Jüngere sonst auch Peter der
Einfältige genannt verdiente diesen letzten Namen vollkommen er war ein Kind
an Verstand hatte nichts das ihn auszeichnete als seine schöne Gemahlin
Barbara ehemahls erstes Hoffräulein der Königin Marie von Ungarn jetzt durch
König Siegmunds Gnade die Seinige Eben diese Barbara war das Mittel ihn in
unverletzlicher Treue seines Herrn zu erhalten von welcher ihn sonst ein jeder
der seine Schwäche zu nützen wusste hätte losreißen können Barbara war ihrem
Könige von jeher mit besonderer Gewogenheit zugetan sie behauptete es sei nur
Dankbarkeit dass er sie mit Peter dem Einfältigen verband die sie auf jeden
Vorteil ihres Wohltäters aufmerksam machte und ihr Gemahl glaubte dieses aus
ganzem Herzen aber andere Leute hatten andere Gedanken hierüber und die Folge
wird lehren welche Meinung die richtigste war So viel ist gewiss dass sie
Graf Petern welcher immer einen Antrieb von außen nötig hatte wenn er sich
regen sollte in steter Tätigkeit zu Siegmunds Besten erhielt da wo seine
Schläfrigkeit nichts auszurichten vermochte selbst handelte und die
Hauptursach war warum sich König Siegmunds Schritte jetzt lieber nach dem
Schloss ihres Gemahls als nach einem andern Orte lenkten König Siegmund und
seine beiden Knappen Herrmann und Hertingshausen wurden mit offenen Armen
empfangen und obgleich Graf Peter mit einfältigem Herzen seine Erscheinung
unverhoft überraschend nannte so schien doch Barbara ihren hohen Gast längst
erwartet zu haben
Herrmann war nicht so verblendet wie Graf Cyly er sah das verdächtige
Augenspiel zwischen Siegmunden und der Gräfin sah dass auch Hertingshausen von
diesen Geheimnissen wissen müsste und dass er von der schönen Barbara als ein
alter Bekannter behandelt ward Ihm ward es klar dass in der letzten Epoche des
Aufenthalts auf Helenens Schloss da Siegmund und seine Leute nicht mehr wie
Gefangene behandelt wurden Hertingshausen nur darum so öfters abwesend war
weil er ein geheimes Verständnis zwischen dem Könige und der Gräfin unterhalten
musste und dass dieser Helenen nicht so wohl aus Überdruss des untätigen üppigen
Lebens als vielmehr aus Sehnsucht nach seiner alten Freundin der Gräfin
Barbara floh
Wenig Tage reichten zu Herrmann zu überzeugen dass die Auftritte von Soclos
hier wieder von vorn angehen würden und dass er vergebens gehofft hatte hier
endlich in Tätigkeit gesetzt seinem Glück näher gebracht zu werden
Seine Entschlüsse seinen Herrn zu verlassen wurden erneuert er fand
nichts das ihn hier zurückhielt Zwar wurde zuweilen in Siegmunds Kabinet davon
gesprochen dass nächstens ernstliche Schritte getan werden sollten ihn wieder
auf seinen Thron zu erheben aber dieses Nächstens ward immer weiter hinaus
geschoben und die Mittel deren man sich zur Erreichung dieser großen Absichten
gebrauchen wollte waren nicht so wohl das Schwert als List und heimliche
Ränke Dinge auf welche Herrmann sich nicht verstand und die er in seiner
Einfalt nicht zu billigen vermochte
Was ihm den Aufenthalt auf Cylys Schloss noch mehr verbitterte war der
Mangel an irgend einem Freunde den er lieben oder sich ihm vertrauen konnte
Schon zu Soclos hatte sich Hertingshausen ihm in einem nachteiligen Lichte
gezeigt aber hier verlor er vollends alles was einen Herrmann zu seinem
Freunde machen konnte Hertingshausen schien hier nicht nur Unterhändler sondern
auch Teilnehmer der verbotenen Liebe seines Herrn zu sein Er hatte keine Augen
als die schönste Gräfin von Cyly und diese legte den ihrigen nur so lange
Zwang an als sie von Siegmunds bemerkt ward vor Herrmann den sie anfangs für
ein unschädliches unbedeutendes Geschöpf hielt scheute sie sich hierinn so
wenig als vor Peter dem Einfältigen
Herrmanns unschuldiges Herz hielt einen solchen Leichtsinn als er an der
Gräfin bemerkte fast für unglaublich er traute seinen Sinnen kaum er kannte
die allumfassende Männerliebe dieser Messaline von welcher die Geschichte noch
jetzt zu sagen weis noch nicht und ward erst dann überzeugt wer Barbara sei
als sie endlich ihre Augen auch auf ihn warf auch ihn in ihre Stricke zu ziehen
suchte
Man erlaube mir alle Auftritte welche hieher gehören mit Stillschweigen
zu übergehen genug sei es zu sagen dass sie Herrmannen Cylys Schloss zur Hölle
machten dass er auf nichts sann als auf die Flucht und dass ihn nur noch die
Überlegung zurück hielt ob er schweigen oder seinem Herrn die Augen über die
Aufführung seiner Geliebten öfnen sollte
Das erste verbot ihm die Redlichkeit und das andere seine Delikatesse
hätte er nicht durch ein solches Gespräch mit Siegmunden gestanden dass er seine
Ansprüche auf Graf Peters treuloses Weib kenne und gewissermaßen billigte Er
blieb unentschlossen bis neue Entdeckungen seinen Abscheu vor Cylys Schloss
und seinen Bewohnern aufs höchste brachten und ihn fast blindlings von dannen
trieben
Die Verachtung mit welcher er die Liebe der Gräfin belohnte erregten
ihren Hass der bald auch in Siegmunds Herz übergetragen wurde Herrmann war
nicht mehr nächst Hertingshausen der ihn schon zu Soclos von der ersten Stelle
gedrängt hatte des Königs Vertrauter er wurde nicht mehr zu den
Beratschlagungen gezogen welche wegen Siegmunds Tronbesteigung gehalten
wurden nur das merkte er aus flüchtig aufgefangenen Worten dass Siegmunds
Absichten jetzt nicht mehr bloß auf die ungarische Krone gingen dass ihm die
herrschsüchtige Barbara Begierden nach einer noch höheren einzuflößen gewusst
hatte Ihr war einst der Name Kaiserin geweissagt worden sie sah sich schon
als Siegmunds Gemahlin an wer konnte sich wundern dass sie ihn antrieb die
Stufe zu erreichen nach welcher sie strebte und auf welche er sie erheben
konnte
Alle diese Dinge gefielen Herrmannen übel er hörte Anschläge wider Wenzeln
unter welchen damals schon der Thron zu schwanken begunnte Anschläge wider
Herzog Friedrichen von Braunschweig der nebst noch einigen andern große
Hoffnung zur Kaiserkrone hatte und sein Herz zitterte hier nicht
augenblicklich retten und warnen zu können Er vergaß ganz dass letzterer sein
Mitbuhler war dass ihn Graf Eberhardt zu Idas Gemahl bestimmt hatte er sah nur
in ihm den meuchelmörderisch verfolgten Fürsten und hätte sein halbes Leben drum
gegeben ihn sowohl als Wenzeln aus der Gefahr reißen zu können
Keine Nacht mehr in dieser Mörderhöle wie ihn Graf Cylys Schloss jetzt
schien zu bleiben war sein fester Entschluss Er machte sich auf die Flucht
aber es war nicht so leicht aus diesem Bezirk zu kommen als er meinte Der Park
durch welchen sein Weg ging war mit einer hohen Mauer umgeben deren Pforte bei
Nacht verschlossen und am Tage nie unbewacht war Es ward ihm immer deutlicher
dass König Siegmund und seine Leute hier sich im Grunde so wenig der Freiheit zu
rühmen hatten als auf dem Schloss Soclos Herrmann hatte die Nacht zur
Ausführung seines Entschlusses gewählt jetzt musste er sich entschließen den
Morgen zu erwarten weil er hoffen konnte durch ein gutes Geschenk den
Torwächter der Parkmauer eher überwinden als durch seine Stärke die eiserne
Pforte erbrechen zu können Er lagerte sich in eine Laube dergleichen in
allen Ecken dieses zauberischen Orts angelegt waren und war hier Zeuge einer
Unterredung welche uns wichtig genug dünkt dem Leser in einem besonderen
Kapitel vorgelegt zu werden
Zwei und dreissigstes Kapitel
Abenteuer in der Laube
Herrmann ward bald gewahr dass er sich in der geräumigen Laube nicht allein
befand Seine Sicherheit erforderte sich verborgen zu halten und
Notwendigkeit und Zufall machten ihn zum Lauscher ein Name auf welchen er
sonst nie Anspruch zu haben wünschte Wer seine Gefährten waren werden meine
Leser aus dem Fragment einer Unterredung sehen welche Herrmann durch seine
Ankunft veranlasste
Horch Ein Geräusch
Nicht doch Gräfin es war das Rauschen der Blätter
Ich wollte nicht dass uns jemand belauschte
Wer wollte denn Eure beiden Gemahle hat der Wein in festen Schlummer
gewiegt
Spötter Meine Gemahle Bist du eifersüchtig Hertingshausen
Die Gemahle mögen es auf den Liebhaber sein und dieser nicht auf jene
Und sie könnten es werden Kunzmann Kunzmann ein andermahl vorsichtiger
Diesen Abend vergassest du dich ganz und gar Sei doch zufrieden unter vier
Augen an der Seite deiner Barbara sitzen zu dürfen aber in Gegenwart des
Königs in Gegenwart Graf Peters Gewiss der Wein musste dich betören
Hat nichts zu sagen Siegmund sah und hörte wenig mehr und der Graf hatte
auch seinen guten Rausch
Weißt du nicht dass die Einfältigen im Rausche klug die Verzagten mutig
werden
Ja bei Gott mutig Nüchtern hätte er es nicht wagen sollen mir einen
Kuss auf eure Lippe mit einem Hiebe über meine Schultern zu belohnen
Pfui Kunzmann jetzt besinne ich mich dieser Schlag haftet noch auf deinen
Rücken Steh auf von mir Ich kann keinen Mann an meiner Seite dulden den Peter
der Einfältige schlug
Gräfin
Du bist noch ein purer lautrer Edelknabe steh auf sag ich dir Herrmann
hätte keinen Schlag vom Graf Petern keinen Schlag vom Könige Siegmunden
ungerochen erduldet
Herrmann Gräfin macht mich nicht unsinnig Der Nichtswürdige Ihr wisst
was ich einesmahls bemerkte Nicht wahr er wäre glücklich bei euch gewesen
wenn er gewollt hätte
Die Tapfern sind ja allemahl glücklich
Zum rasend werden Herrmann Herrmann du musst sterben Wo bist du wo soll
ich dich finden
O ja doch wer sich nicht fürchtete Graf Peter wird morgen unter des
tapfern Herrmanns Schutz auf die Jagd gehen habt ihr etwa Lust euch zugleich an
beiden zu rächen Geht geht wir wollen sehen was euch Liebe und Rache
eingibt aber ich denke wohl eure Hände eure Kleider werden morgen noch so
rein sein wie heute wer wollte die zarten Pagenhände die seidenen Hofkleider
gern mit Blut besprützen
Die Rede der Furie war durch öftere Flüche des aufgebrachten Hertingshausen
unterbrochen worden beim letzten Worte brausste er wie ein Sturmwind zur Laube
hinaus und Barbara schickte ihm ein teuflisches Gelächter nach
Herrmann war so betäubt dass er nicht wusste was er tun sollte doch hätte
ihn der Schluss von Barbaras Rede und Kunzmanns schnelles Hinwegeilen
nachgetrieben wenn er nicht auf einige Augenblicke noch zurückgehalten worden
wäre Er pflegte nie vor seinem Feinde zu fliehen auch war ihm vor Graf Peters
Leben bange mit welchem er wirklich eine Jagdpartie auf den nunmehr seiner
Flucht geweihten Tag verabredet hatte und den er mit unter die Unmündigen und
Weiber rechnete die er als Ritter zu schützen verbunden war
Das was ihn noch auf einige Minuten zurückhielt war der Eintritt von
Barbaras Zofe
Brecht auf ihr Liebenden rief die glattzüngige Dirne der Tag erwacht
Die Losung erwiderte Barbara gilt heute nichts ich bin allein
Allein
Ich habe Hertingshausen ein wenig aus dem Schlummer geschüttelt Herrmann
und Peter dürfen keinen Tag länger leben ich habe ihnen den ergrimmten Wolf auf
den Hals gehetzt Ich kenne Kunzmann nicht oder er tötet sie wo er sie
findet
Aber warum Gott warum
Närrinn Jeden Tag neue verachtende Blicke von dem einen und gestern Abend
diesen Auftritt mit dem andern Das fehlte noch dass Peter der Einfältige Mut
bekäme meine Lieblinge zu schlagen bald würde die Reihe auch an mir sein
Gräfin darf ich noch immer euch nicht blutgierig nennen
Blutgierig Ich erinnere dich zum zweitenmahl an Marien Lebt sie nicht
noch ruhig in ihrem Kloster verachtete ich es nicht mein Glück auf ihr Blut zu
bauen
Dass Herrmann diese Worte wohl vernahm und beherzigte werden wir aus der
Folge sehen uns aber ist es fast unbegreiflich wie sie bei der Eile mit
welcher er in dem nämlichen Augenblick da sie gesprochen wurden die Laube
verließ ihm hörbar sein konnten
Was war das schrie die Zofe welcher Herrmann im Vorbeistreichen einen
gewaltigen Stoß gab
Gott rief Barbara wenn man uns belauscht hätte Gerade da ihr von der
Königin spracht erhub es sich von jener Seite wie ein Sturmwind Ach
Gräfin ich fürchte ich fürchte Sind eure Hände rein an Mariens Blut
Ich schwöre es dir Warum hätte ich eine Nebenbuhlerinn die mir so wenig
Schaden in Siegmunds Herzen tat töten sollen ohne Not vergiesse ich kein
Blut
Es ist schauerlich hier sprach die Zofe auch bricht der Tag an Gefällt es
euch nach Hause zu gehen
Barbara schwieg und beide verließen die Laube
Drei und dreissigstes Kapitel
Wer andere aus der Grube ziehen will fällt oft selbst darein
Herrmann durchflog den Wald um seinen Verfolger zu finden er fand ihn nicht
Er eilte nach dem Schloss um Graf Petern zu warnen auch dieser war nicht zu
finden Seine Kammerdiener sagten der Ritter von Hertingshausen habe ihn vor
einer halben Stunde im Namen König Siegmunds abgefordert auch nach Herrmann sei
gefragt worden weil er in dem nämlichen Flügel des Schlosses seine Wohnung
hatte und man habe geantwortet er sei wahrscheinlich auf die Jagd gegangen
Herrmann konnte erraten welchen Weg Kunzmann mit dem unglücklichen Grafen
genommen habe Peters Einfalt an jeden Ort zu locken wohin er wollte konnte
dem schlauen Verräter nicht schwer werden Der Retter des armen Schlachtopfers
verdoppelte seine Schritte aber er hatte den Schlosshof noch nicht zurückgelegt
als er sich von der Wache umgeben sah welche ihm in König Siegmunds Namen das
Schwert abforderte und ihn bat ohne Weigerung den Arrest anzunehmen den man
ihm ankündigte
Herrmann folgte oder vielmehr er musste folgen Seine Weigerung hätte nichts
gefruchtet als dass er vielleicht einige von den unschuldigen Ausrichtern des
königlichen Befehls verwundet oder getötet hätte ohne sich frei zu machen Man
brachte ihn in einen Turm der an der Nordseite des Schlosses stand zuckte auf
seine Frage was er verbrochen habe die Achseln und versprach auf seine
Bitte Leute in den Wald zu schicken um Graf Petern aufzusuchen welcher wie
er sagte von Lebensgefahr bedroht würde
Um den Mittag ward der Gefangene vor seinen Richter gestellt König Siegmund
sah ihn mit einem Blicke an den er noch nie an ihm wahrgenommen hatte Herrmann
stand vor ihm mit jener festen Miene die nur der Unschuld eigen ist
Schleicher niederträchtiger Heuchler rief der König endlich Musstest du darum
den Tugendprediger machen auf jene erlaubte Lust mit neidischem richtenden
Blicke hinschielen um im Verborgenen nach demjenigen streben zu dürfen was das
Eigentum deines Herrn ist
Mein König sprach Barbara die Herrmann jetzt erst gewahr ward verzeihet
verzeihet seiner Jugend Er hatte den Wein vielleicht zu oft kredenzt seine
Sinne waren benebelt und überdies was ist ein Kuss
Ein Kuss schrie Siegmund ein Kuss ist euch Kleinigkeit Verräterinn ihr
liebt Herrmann sonst würdet ihr nicht so sprechen
Hat man mich vielleicht vor Hertingshausen genommen fragte Herrmann mit
verachtendem Blicke auf die Gräfin
Bist du mit meinem Augen im Bunde rief der König Auch mir stellten sie
bei der verruchten Tat nicht deine sondern Hertingshausens Gestalt vor aber
ich war im halben Schlummer und die Gräfin hat Recht nicht er du warst es
der sich an meinem liebsten Kleinod vergriff
Mein Herr mein König sprach Barbara mit bittendem Blicke gewiss ihr irrt
ja ja Hertingshausen war es nicht der arme unschuldige Herrmann nur ihn nur
ihn schont wenn ihr nicht auch mich töten wollt
Fort aus meinen Augen schrie Siegmund Nicht der Kuss bringt dich ums Leben
der ist ja Kleinigkeit wie die Gräfin sagt aber dass sie dich liebt dass die
Schönste der Welt dich liebt mit dir sterben will O entsetzlich Fort
Fort aus meinen Augen Herrmann ward in sein Gefängnis zurückgeführt Er
durchschaute den ganzen Plan seiner verruchten Anklägerinn ihre schwankenden
Reden ihre künstlich geäusserte Zuneigung sollte Siegmunds Eifersucht aufs
höchste treiben sie das wusste sie konnte sich mit einem Blick einer Träne
vor dem Zorn ihres Geliebten schützen aber Herrmann musste das Opfer desselben
werden
Das war ein Meisterstreich sagte Barbara als sie mit ihrer Zofe allein
war Siegmund hatte im Rausche nur allzugut gesehen Mein Hertingshausen hätte
unausbleiblich sterben müssen Wie gut dass ich Siegmunds benebelten Augen
Herrmanns Bild unterschieben konnte
Ich war so froh sagte die Zofe als ich ihn hier auf dem Schloss sah war
so froh dass er Kunzmanns blutgierigem Schwerdte entgangen war und nun dieser
neue Anfall O hätte ich euch nur nicht gesagt
Weichherzige Närrin ich glaube du weinst
Und ihr liebtet ihn doch ehemals
Komm in meine Lage und du wirst erfahren welch einen Hass verschmähte Liebe
erzeugt
Herrmann könnte ich nicht hassen wenn er mich tausendmahl verschmähte
Hör auf und sieh nach dem Fenster das auf die Heerstraße geht Kömmt
Hertingshausen noch nicht Er wird doch einen von meinen Aufträgen
ausgerichtet haben
Die Zofe weinte und sah durchs Fenster welches Herrmann zur nämlichen Zeit
in seinem Gefängnisse auch tat
Der nördliche Turm des Schlosses wo Herrmann war hatte die Aussicht auf
die Heerstraße die sich vom Walde nach dem Schloss herauf zog Der Abend
dämmerte heran ein Trupp Reuter tat sich aus dem Wald hervor und sprengte mit
verhängtem Zügel aufs Schloss zu In ihren Blicken saß Entsetzen und die Worte
welche sie, als sie sich jetzt am Tor von den Pferden schwangen mit einander
wechselten waren mehr verworrnes Geschrei als Gespräch zu nennen Doch war
Herrmanns vergittertes Fenster niedrig genug um ihn einige abgebrochene Laute
verstehen zu lassen Der entsetzliche Fang rief der eine von den Reutern den
ihm der Eber in die linke Seite gegeben hat nie sah ich etwas ähnliches Ja
wohl schrie der andere mehr die Wunde von einem breiten Schwerdte als von dem
Hauer einer wilden Bestie der Ritter von Unna sagte es wohl als er uns ihm zu
Hilfe schickte er muss den Geist der Weissagung haben
Und ganz ganz tot
Ja leider Er war doch ein guter Herr betrübte kein Kind
Mich jammerte der brave Kunzmann der muss ihn recht verteidigt haben er
blutete auch stark
Stand er nicht wie das lebendige Bild der Verzweiflung neben dem Toten und
weinte und raufte sein Haar nie dachte ich dass er ihn so liebte
Er mag ihn ja geliebt haben rief einer von denen welche zuerst geredet
hatten und Herrmann schlug sein Fenster zu und sank fast empfindungslos auf den
Boden
So So triumphirt das Verbrechen und die Unschuld muss verderben O ewiger
Richter wo ist deine Rache So rief Herrmann und verfiel in eine Betäubung aus
welcher er erst nach einer Viertelstunde durch das hole Rasseln eines Wagens
geweckt wurde Das Geschrei das sich erhub unter welchem er auch die klagende
Stimme der Gräfin zu vernehmen glaubte sagte ihm dass man den Leichnam des
unglücklichen Grafen von Cyly brächte Ein kalter Schauer überlief seine
Glieder und er vermochte nicht ans Fenster zu gehen und das klägliche
Schauspiel mit anzusehen
Es ist schwer zu beschreiben mit was für Gedanken und Empfindungen Herrmann
die Zeit der fürchterlichen Stille die auf dieses Trauergetös folgte zubringen
mochte Es war weit nach Mitternacht als er aus seinen schrecklichen
Träumereien durch ein Geräusch an der Gefängnisstür geweckt wurde
Die Riegel öfneten sich Eine weibliche Stimme rief Ritter von Unna ihr
seid frei
Ich frei auf wessen Befehl
Durch Hilfe eines armen Mädchens welches Mitleid mit euch hat und ihre
schweren Sünden gern durch eine gute Tat abbüssen wollte Fliehet Fliehet ehe
es zu spät wird
Ich fliehen Die Unschuld fliehet nie
Gilt eure Unschuld hier etwas
Ich muss wenigstens erst Graf Peters Blut rächen seinen grausamen Mörder
entdecken
Wird man euch hören
Siegmund muss muss mich hören Ich will diese Barbara vor seinen Augen
entlarven
Meine Frau O ich bitte euch macht euch nicht unglücklich
Deine Frau Bist du auch eine von ihren Sündengenossinnen
Ich bin ja ich bin o ich bitte euch fliehet Die Gräfin hat jetzt
allein auf dem Schloss zu gebieten Der König hat es vor einer Stunde eilig
verlassen Ein reitender Bote von Prag brachte Nachrichten Man spricht von
wichtigen Veränderungen Aber was mache ich eilet ehe es zu spät wird Ich muss
den Turm wieder verschließen in welchem man gesonnen ist euch durch Hunger
zu töten Man wird euch nicht gleich vermissen weil in den nächsten Wochen
niemand diese Schlösser wieder öffnen wird aber mich wird man vermissen und
ihr macht ein Mädchen welches es gut mit euch meint unglücklich wenn ihr
länger zögert
Es ist wohl zu glauben dass Herrmann nach dem was er hier vernahm nicht
länger zögerte seiner Retterinn zu folgen Er drückte ihr dankend die Hand und
fragte nach ihrem Namen sie nannte ihn und erzählte zum Abschied welche
Zofe hört auch in den bedenklichsten Augenblicken auf zu erzählen erzählte
dass Ritter Kunzmann seiner Verwundung und des Bittens der Gräfin ungeachtet den
König hätte begleiten müssen und dass dieser vermutlich aus einem Überbleibsel
von Verdacht ihn nicht so gnädig wie vordem angeblickt habe
Vier und dreissigstes Kapitel
Herrmann wird mit einer Löwenhaut bekleidet
Herrmann flohe flohe mit Vorsichtigkeit denn er wusste der Zorn eines
rachsüchtigen Weibes verfolgte ihn Auf seinem Weg der lang genug dauerte
kamen ihm Zeitungen mancher Art entgegen Kaiser Wenzel war so gut als
abgesetzt seine Gemahlin die vortreffliche Sophie teilte das Elend in
welchem er lebte großmütig mit ihm sie schien ihn jetzt da er durch Unglück
gedemütigt war erst liebzugewinnen bemitleidete ihn rechnete es ihm hoch an
dass er Susannens Stelle nicht durch eine neue verächtliche Mitbuhlerinn
ersetzte und war edelmütig genug selbst dieses elende Geschöpf zu bedauern
Diese unglückliche Kreatur sollte um ihrem erhabenen Liebhaber ganz ähnlich
eine würdige Gefährtinn seiner Schwelgereien zu werden die Pokale welche
Wenzels tägliches Kontingent waren eben so herzhaft leeren lernen als er aber
sie war zu schwach und starb in der Lehre ohne von dem welcher sie
aufopferte beklagt zu werden Alles was Wenzel ihr in die Gruft nachrief war
Es ist doch nichts mit den Weibern sie sind zu nichts gut nicht einmal zum
Saufen
Indessen Wenzel auf ein einsames Schloss verbannt bloß durch Sophiens kluge
Vorsicht erhalten wurde und ihr ihre Treue auf die ihm eigene Art vergalt kam
Siegmund in Ungarn wieder empor Seine Feinde waren gedemütigt und er
bestieg durch Hilfe des Grafen Cyly Graf Peters des Einfältigen Bruders den
Thron von neuem Barbara ward seine Gemahlin und diese Wahl war hinlänglich
alle Treulosigkeit an ihn zu rächen welche er an der Königin Marie an der
Fürstin Helena Gara und vielleicht an tausend andern begangen hatte Barbara
war in allem seine unumschränkte strenge Gebieterinn nur dieses konnte sie
nicht über ihn erhalten dass er den Ritter von Hertingshausen in seinen Diensten
behalten hätte Das Andenken an den im halben Schlummer geschehenen Kuss den er
doch immer lieber ihm als Herrmann beimass war unauslöschlich Kunzmann war
genötigt den Hof zu meiden und sich in ziemlich armseeligen Umständen in die
Dienste des Churfürsten von Köln zu begeben wo wir ihn vielleicht bald wieder
finden werden
Siegmunds Anschläge auf die Kaiserkrone waren verunglückt es waren eine
Menge Hände nach diesem Kleinod ausgestreckt unter welchen Pfalzgraf Ruperts
Graf Eberhards und Herzog Friedrichs schon fast im Zugreifen waren
Herrmann hörte nicht sobald den Namen des Herzogs von Braunschweig und des
Grafen von Württemberg nennen erfuhr nicht so bald dass sie sich nebst allen
Kompetenten zur Krone auf dem Reichstage zu Nürnberg befänden als sein Zweifel
wohin er seine Schritte lenken sollte verschwand Er wusste bisher nicht wo Ida
war jetzt ward es ihm klar dass sie sein müsste wo ihr Vater und ihr Bräutigam
sich befänden Ida zu sehen und Friedrichen vor heimlichen Nachstellungen zu
warnen lag ihm beides am Herzen Aber Idas Vater ihr Bräutigam was für Worte
in Herrmanns Ohren Ida die Tochter oder die Braut eines künftigen Kaisers
Armer Jüngling was für Aussichten für deine Liebe
Herrmann befand sich jetzt in den Gegenden von Fritzlar Das Gerücht kam ihm
entgegen Herzog Friedrich von Braunschweig sei von den deutschen Fürsten
verworfen worden und habe sich in vollem Zorn nebst seinem Schwager Rudolfen
von Sachsen von Nürnberg aufgemacht um wieder in sein Land zu ziehen Welch
eine Zeitung Der gefürchtete Nebenbuhler hatte also seine Geliebte verlassen
er sollte nie den Namen Kaiser erlangen den Graf Eberhard seinem Schwiegersohn
so gern gegönnt hätte wenn er ihn selbst nicht erhalten konnte Neue Hoffnungen
stiegen in Herrmanns Seele auf er glaubte alles überwunden zu haben da nur der
fürchterliche Herzog vom Schauplatz abgetreten war und dachte nicht dass die
Tochter eines mutmasslichen künftigen Kaisers noch immer unerreichbar für ihn
blieb
Er hatte nicht so bald gehört dass Herzog Friedrich vielleicht hier vorüber
ziehen würde als er begierig ward denjenigen zu sehen der ihm bisher so viel
Furcht eingejagt hatte und ihm einige Warnungsworte vor Gefahr zuzurufen er
interessierte sich doppelt für ihn seit er ihn nicht mehr für Idas Bräutigam
hielt Er setzte sich unter einen Baum an der Heerstraße und schaute in die
Weite hinaus Die Gegend war einsam man war in diesem Bezirk es zu gewohnt
große Herrn vorüber ziehen zu sehen als dass man sich so wie ietzt dazu hätte
drängen sollen sich zu überzeugen dass sie auch Menschen wären
Das Warten dauerte Herrmann zu lang er war diesen Tag weit gegangen und er
entschlief Sein Schlaf konnte wohl etliche Stunden gedauert haben als er von
einem schrecklichen Traum erwachte Ihm träumte Herzog Friedrich von
Braunschweig sei von einem Löwen zerrissen worden und man wollte ihn mit der
Haut seines Mörders bekleiden Er ermunterte sich fuhr auf und sah neben sich
einen langen bleichen Menschen mit verworrenem Haar und ausgezogenem Schwerdte
stehen
Herrmann sprang in die Höhe Was machst du mit meinem Schwerdte schrie er
indem er das seinige in der Hand des Fremden gewahr ward
Dein Schwert rief der andere indem er es blitzschnell ins Gebüsch
schleuderte siehe das ist das deinige ich fand es neben dir und der
fürchterliche Anblick machte dass ich bei dir stehen blieb und weil ich dich
für einen Mörder hielt meinen Degen zog um mich wenn du erwachtest vor dir
zu schützen
Herrmann sah sich um und erblickte an der Stelle wo er gelegen hatte ein
mit Blut getränktes Schwert Unseeliger schrie er indem er den Fremden bei
der Brust fasste und ihn gewaltsam schüttelte sprich was ist das Aber Gott
was sehe ich Kunzmann Hertingshausen Graf Peters Mörder
Herrmanns Hände sanken vor Entsetzen nieder und Kunzmann fühlte sich nicht
so bald frei als er wie ein Pfeil von der Sehne davon floh und den Ritter von
Unna in einer Bestürzung verließ welche mit nichts zu vergleichen war
In dem nämlichen Augenblick erhob sich ein fürchterliches Geschrei Hier
hier muss die Tat geschehen sein fasset fasset den Mörder Von allen Seiten
stürzten gewaffnete Männer herbei von denen einige schrien Ach unser Herzog
unser teurer Herzog andere6 Nein hier ist er nicht gefallen wir fanden ihn
hundert Schritt weiter im Gebüsch und noch ein andrer der Mörder kann nicht
weit sein ich hatte ihn schon einmal ereilt aber er entfloh mit dem blutigen
Schwerdte
Herrmann stand noch mit in einandergeschlagenen Armen bei Kunzmanns
Schwerdte als ihn dieses grässliche Getös aufmerksam machte Er tat einige
Schritte vorwärts um zu fragen ob das was er hörte noch überbliebene Ideen
seines Traums oder Wahrheit wären aber
Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Ein Verhör
Aber Doch mein Leser wie können wir dir zumuten dass dir das Ende unsers
ersten Teils noch so lebhaft vorschweben sollte dass du vermögend wärest es
vermittelst eines Abers an den Anfang des zweiten anzuknüpfen Wisse also
dafern du es vergessen hast du verliessest den ehrlichen Herrmann von Unna in
einer der seltsamsten Lagen die sich denken lassen Von einem Traume erwacht
der sein Innerstes erschütterte und beim Erwachen von Dingen umgeben die den
unordentlichen Bildern des wildesten Traums so ähnlich sahen dass er zweifeln
musste ob er wirklich erwacht sei Kunzmanns überraschende Erscheinung sein
Anblick noch so bleich zitternd und verstört als damals als er von Graf
Peters Ermordung zurückkam das blutige Schwert das Geschrei von der Ermordung
eines Herzogs das Herrmann augenblicklich auf Friedrichen von Braunschweig
deutete und deuten musste das wütende Herbeiströmen der Gewappneten was für
ein Gewühl von Ideen mussten diese Dinge in dem noch halb schlaftrunkenen
Jünglinge machen
Er tat wie wir im Vorigen gesagt haben einige Schritte vorwärts um sich
zu belehren aber ehe er noch ein Wort aufzubringen vermochte tönte ihm aus
zwanzig rauen Kehlen das Gebrüll entgegen hier ist er hier ist der Mörder
und zwanzig Schwerdter wurden bloß sich mit seinem Blute zu tränken
Ein böser Geist schien es darauf angelegt zu haben den Unschuldigen zu
Rettung des Verbrechers in Verdacht zu bringen wie wäre es sonst möglich
gewesen in einem anfangs tiefdenkend dastehenden und dann sich seinen Feinden
langsam nähernden Menschen in einem Jünglinge mit den Zügen der Unschuld auf
dem Gesicht einen Mörder zu ahnden Die ganze Ähnlichkeit zwischen ihm und
dem eben entflohenen Kunzmann den man mit Recht als den Vollbringer der
abscheulichen Tat verfolgte bestand in der Gleichheit der Rüstung und in dem
rosenfarbenen Ermel den Hertingshausen der sich eben so wohl als Herrmann zu
den Rittern der alten Minne zählte gleich diesen trug
Herrmann war nicht gewohnt sich unverteidigt angreifen zu lassen er griff
nach dem Schwerde und da ihm Kunzmann das seinige geraubt hatte so war er
freilich genötigt das blutige Mordeisen aufzunehmen welches der Bösewicht ihm
zurückgelassen hatte
Es war in den damaligen Zeiten nichts ungewöhnliches die Tapferkeit so weit
zu treiben dass man statt gutwilliger Übergabe wo man Überlegenheit der
Anzahl oder Stärke sah lieber fechtend starb als sich der Gnade des Feindes
überließ Herrmann focht ritterlich zween seiner Feinde lagen tot zu seinen
Füßen und verschiedene andere hatten Wunden aufzuweisen welche sie zu weiterm
Gefecht untüchtig machten Endlich stürzte sich der ganze Haufe auf ihn er ward
zu Boden getreten und würde ohne Zweifel unter den Händen der Rächer des
Ermordeten haben das Leben aufgeben müssen wenn nicht der eine von ihnen dem
die andern alle zu gehorchen schienen ihnen geboten hätte sein Leben zu
schonen
Haltet ein rief Kurd des unglücklichen Herzogs Leibknappe Der Verruchte
verdient nicht den ehrlichen Tod durch Feindes Schwert zu sterben
Ha schrie einer der eben dem überwältigten Herrmann noch einen wütenden
Stich in die Seite gegeben hatte ich denke er wird nicht viel mehr bedürfen
seht wie mit dem Blute sein Leben aus dem Körper des Verworfenen quillt O süße
süße Rache für Friedrichs entflohnen Geist
Er muss verbunden muss gerettet werden rief Kurd Was denkt ihr war er der
einige Täter die übrigen sind entflohen und er darf nicht eher sterben bis
er uns die Verruchten genannt hat
Herrmann lag ohnmächtig auf dem Boden man verband ihn und trug ihn in eine
Herberge des nächsten Dorfes wo man Friedrichs trostlosen Freund Rudolfen von
Sachsen zu treffen versprochen hatte Rudolf soll dich richten schrie Kurd
als der eben sich erholende Herrmann in die Unterstube eines Bauernhauses
gebracht ward deine Seele soll nicht ehe entfliehen bis du uns die Namen
deiner Sündengenossen genannt uns Stoff zu neuer Rache gegeben hast
Herrmann antwortete nichts verstand wahrscheinlich nicht was ihm Kurd in
die Ohren brüllte er neigte das Haupt mit einer schmerzhaften Miene auf die
Seite und ward als man ihn auf ein Strohlager brachte zum zweitenmahl
ohnmächtig
Mittlerweile erkundigten sich die Reuter nach Herzog Rudolfen und seinen
Leuten von deren Ankunft man hier im Dorfe noch nichts wusste Kurd schickte die
Hälfte seiner Reuter aus Kundschaft einzuziehen und er blieb mit den Übrigen
zurück um den Funken des Lebens in dem Verwundeten bis zu dem erpressten
Geständnisse glimmend zu erhalten
Herrmann erholte sich gegen den Abend und forderte zu trinken man reichte
ihm Wein und hielt ihn nach Genuss desselben stark genug auf jede Frage zu
antworten die man ihm vorlegen würde
Es ist möglich sagte Kurd zu seinen Gefärten dass er die Ankunft des
Herzogs von Sachsen der vielleicht einen andern Weg gezogen ist nicht erlebt
ich will ihn selbst befragen und ihr sollt Zeugen seiner Aussage sein
Herrmann ward befragt Ich ein Mörder Friedrichs Mörder antwortete er
mit schwacher Stimme o Gott Retter der Unschuld
Willst du noch leugnen fragte Kurd Überzeugt dich nicht dieses Schwert
Blutig riefen die Zeugen blutig sahen wir es ihn vom Boden aufnehmen und
wider uns kehren das Blut unsers Herrn vermischte sich mit dem Unsrigen das er
vergoss Dies ist noch nicht genug ihn zu überzeugen rief Kurd Ein Zufall
könnte das Schwert eines Unschuldigen zu eben der Zeit mit Blut gefärbt haben
aber dass ich seine Gestalt seine Kleidung übergehe die ich als ich ihn
zuerst ereilte und ihm den Mantel entriss nur gar zu gut in die Augen fasste so
seht dieses Schwert Ists nicht Herzog Friedrichs Schwert das er im Gebüsch
von sich gelegt hatte und das die Meuchelmörder ihm raubten um es in sein
eigen Blut zu tauchen
Die Zeugen traten herbei betrachteten und küssten den Stahl und alle
schrien Herzog Friedrichs Schwert so wahr uns Gott helfe Rache Rache über
seinen Mörder
Wie ein fast ausgebrannter Tocht durch allzuschnellen Zufluss von Öl auf
einmal hell auflodert um denn gänzlich zu erlöschen so hatte das starke
Getränk welches für den tödlich verwundeten Herrmann Gift in seiner Lage war
für den gegenwärtigen Augenblick die Wirkung ihn neu zu beleben ihm eine Stärke
und Munterkeit einzuflößen welche fast der eines Gesunden glich Vielleicht
zwar dass auch die entsetzliche Anklage die er erst jetzt völlig zu fassen
begunte seine Seele so erschütterte dass sie noch alle Kräfte der Natur
anstrengte um nicht ungerechtfertigt nicht mit einer Blutschuld befleckt
scheiden zu müssen
Herrmann richtete sich plötzlich auf und der Wirt der nebst einigen
seiner Leute gegenwärtig war trat herbei ihn zu unterstützen Nein schrie
Herrmann ich bin Friedrichs Mörder nicht sein Schwert hatte ich vorher nie
gesehen fasste es zuerst als ich es aufheben musste mich wider euch zu
verteidigen Lang ihr müsst es noch gesehen haben lang starrte ich es voll
Entsetzen an ohne es anrühren zu mögen mir ahndete dass das Blut der Unschuld
daran klebte
Mensch rief Kurd wie kannst du uns dieses bereden Wie kannst du
Doch meine Leser es würde teils unnötig teils unmöglich sein euch das
Gespräch zwischen dem verwundeten Herrmann und Herzog Friedrichs Rächern Wort
für Wort mitzuteilen Genug sei es euch dass die Stimme der Wahrheit aus dem
Munde des schon fast sterbenden Jünglings wenigstens so viel vermochte die
Umstehenden in ihrem bisherigen Glauben wankend zu machen Er erzählte nach der
Länge alles was ihm diesen Tag begegnet war und der Richter und die Zeugen
fanden so viel überredendes in den Worten des Verwundeten dass sie sich voll
Erstaunen ansahen und einander fragten was bei dieser zweifelhaften Sache zu
tun sei
Ein Umstand kam dem hier an Richterstelle sitzenden Kurd in den Sinn den er
bisher im Taumel der Wut gänzlich vergessen hatte und der dem Beschuldigten
wunderbar zu statten kam Wir haben schon erwähnt dass Kurd Kunzmannen bereits
einmal ereilt und ihm den Mantel entrissen hatte Der Mantel entschlüpfte
seiner Linken aber die Rechte hatte des Mörders langes schwarzes Haar weit
fester gefasst und Hertingshausen konnte den Händen seines Verfolgers nicht
entfliehen ohne einen Teil desselben in seinen Händen zu lassen Kurd hatte es
sorgfältig aufbewahrt und zog es jetzt hervor um den Beklagten dem er fast
nichts mehr zu antworten wusste völlig zu überzeugen aber er geriet in neue
Verwirrung als er seine Augen auf die blonden Locken warf die Herrmanns
bleiches Gesicht umschatteten Was ist dies? rief er sollte ich wirklich irren
sollte dieser wirklich schuldlos sein
Herr fing der Wirt an der Herrmannen bisher gehalten hatte und ihn jetzt
sanft auf sein Lager sinken ließ wenn ich euch meine Meinung sagen soll so
seid ihr ganz an den Unrechten gekommen Der Ritter da scheint mir kommt
her Leute und seht zu ists nicht der junge Mann den wir alle diese Tage
über bei uns gehabt haben Ja ja er ists schrien die herbeidringenden
Knechte es ist der gute Ritter von Unna und das sagen wir euch Kurd Herrmann
von Unna ist kein Mörder kann kein Mörder sein
Herrmann hatte verschiedene Tage in diesem Dorfe geherbergt und daselbst so
wie überall tausend Proben seiner Gutmütigkeit abgelegt Überall wo er gewesen
war hinterließ er Freunde kein Wunder also dass auf den Lärm der sich auf
diese Verteidigung zwischen den Reutern und Knechten erhub und auf das
Geschrei der junge Ritter der diesen Morgen das Dorf verlassen habe sei der
von Herzog Friedrichs Leuten Verwundete alle Welt herbeilief und ihn sehen und
rächen wollte Die Weiber spielten hiebei die beste Rolle sie nahmen sich des
todschwachen Herrmanns an der von der heftigen Anstrengung viel gelitten hatte
und den man in dem allgemeinen Lärm der um seinetwillen entstand ganz aus der
Acht gelassen hatte
Der besänftigte Kurd gebot endlich Friede Alle eure Reden schrie er sind
noch keine Beweise für die Unschuld des Beklagten wollte Gott sie wären es
und ich könnte wenn ich ihm Unrecht tat es wieder gut machen aber ihr seht
selbst der Mensch kann Herrmann von Unna und euer Wohltäter und doch Herzog
Friedrichs Mörder sein Diese Hand voll Haare beweist mehr als euer Geschrei
und doch nicht genug um ihn zu retten Es waren der Mörder mehr und ist dieser
nicht der dem diese Locke gehört so kann er einer von den andern sein Die
Sache muss vor ein höheres Gericht und ist er denn unschuldig so braucht ihr
vor nichts zu sorgen Jetzt lass ich ihn in eurer Gewehrsame zween Reuter
bleiben ihn zu bewachen und wehe euch wenn ihr einen voreiligen Schritt tut
ihn entkommen zu lassen er wird ihm nichts helfen und euch unglücklich machen
Kurd verließ das Zimmer mit Eile denn eben war einer von seinen
ausgeschickten Reutern mit der Post zurückgekommen Herzog Rudolf sei gefangen
und seine Leute sammelten sich drei Meilen von Fritzlar ihm zu Hilfe zu ziehen
ein Zug bei welchem der brave Kurd ein so treuer Diener des gefangenen
Rudolfs als des ermordeten Friedrichs nicht fehlen durfte
Zweites Kapitel
Wiedersehen
Herrmann blieb unter der liebreichen Wartung seiner alten Wirte Ungeachtet er
nicht so wohl durch die Gefährlichkeit seiner Wunden als durch ihre Menge und
den großen Blutverlust zu Boden gestürzt und seine Lage jetzt meistens nur
durch heftige Bewegung und den schädlichen Trunk verschlimmert worden war so
schwebte er doch einige Tage zwischen Leben und Tod und nichts als Gutherzigkeit
der ehrlichen Landleute konnte ihn retten Der Schäfer das Orakel des Dorfs
heilte ihn mit Saft von ausgepressten Kräutern unter welchen das Moos auf von
der Sonne gebleichten Hirnschedeln gewachsen wie unsere Urschrift sagt das
vornehmste war ein Zeugnis dem wir nicht zu widersprechen wagen weil wir uns
auf solche Dinge nicht verstehen
Herrmann fing an zu genesen fing an nach Verlauf einer ziemlichen Zeit
herum zu gehen vermochte mit seinen freundlichen Wirten von der schrecklichen
Begebenheit zu sprechen die ihn dem Tode nahe brachte konnte ihnen danken
ihnen freigebig lohnen aber für ihre heimlichen Überredungen zu fliehen und
der weitern Untersuchung seiner Sache zu entgehn hatte er keine Ohren Umsonst
stellte man ihm vor dass es ihm schwer werden würde seine Unschuld vor
vielleicht parteiischen Richtern zu erweisen umsonst erinnerte man ihn dass
ihn hier nichts aufhielt weil die Reuter die man ihm anfangs zur Wache gegeben
hatte längst abgefordert worden waren er bestand auf den Grundsatz den er vor
kurzem auf dem Schloss Cyly äußerte Die Unschuld fliehet nicht und beschloss
seinen Ankläger zu erwarten oder im Fall dieser außen blieb gen Nürnberg zu
ziehen und seine Sache den daselbst versammelten Fürsten vorzustellen
Der letzte Entschluss ward ausgeführt Herzog Rudolfs Leute unter welche
sich jetzt auch der treue Kurd zählte sorgten zu selbiger Zeit mehr für das
Beste ihres gefangenen Herrn als für die Rache des ermordeten Friedrichs und
das erstere gab ihnen so viel zu tun dass darüber das letzte ganz zu
entschlafen schien Herrmann sah sich also genötigt wenn er nicht den Flecken
der schrecklichen Beschuldigung unabgewischt lassen wollte sich zu Nürnberg bei
denen zu melden auf deren Gerechtigkeit er ein so großes Zutrauen setzte Seine
Wirte mussten sich endlich die Sache gefallen lassen sie begleiteten ihn bis
weit vor das Dorf hinaus und er trennte sich erst unter der Tanne von ihnen wo
ihn der betrügerische Schlaf bald in die Arme des Todes geliefert hätte
Dieser Baum rief er als er seine Begleiter entließ dieser Baum sei Zeuge
meiner Unschuld ihr ihr Teuren glaubt sie nur aus Vorliebe für mich aber o
dass dieser Stamm reden könnte an den ich sorglos hingelehnt schlummerte als
der Löwe der Herzog Friedrichen zerfleischte neben mir stand und mich mit dem
Blute der Unschuld beflecken wollte o dass diese Blätter Zungen würden die
Wahrheit auszusprechen Dass die Geister welche Kunzmann und mich hier
unsichtbar umschwebten auftreten möchten wider den Mörder zu zeugen
Haltet ein Ritter unterbrach ihn der älteste unter den Landleuten was wir
von euch halten dass wisst ihr aber diese Fürsten zu denen ihr gedenkt Ihre
Anzahl besteht nicht aus lauter Ruprechten von der Pfalz und Albrechten von
Österreich es gibt viele unter ihnen die nicht scharfsichtig genug sind die
Unschuld mitten in der Dämmerung zu entdecken und einen und den andern der es
vielleicht nicht ungern sehen möchte eigene Schuld auf einen Fremden zu wälzen
Vornehmlich hütet euch vor dem von Maynz Es gehen seit Herzog Friedrichs
Ermordung seltsame Gerüchte in dieser Gegend Wenigstens wissen wir alle so
viel dass er und Friedrich nie Freunde waren
Herrmann kam gen Nürnberg und sein erstes Geschäft daselbst war nach Ida
zu fragen Sollten meine Leser noch nicht gemutmasset haben dass der Wunsch sie
zu sehen so viel Anteil an seiner Ankunft gehabt habe als das Verlangen vor
den deutschen Fürsten seine Unschuld zu rechtfertigen
Er erfuhr dass der Graf von Württemberg eine kurze Reise unternommen habe
und dass seine Tochter sich mittlerweile gar einsam und eingezogen auf seinem
Schloss hielte Herrmann hatte Eile Ida zu sehen er fühlte es dass er einen
großen Schritt vor sich hatte sollte er bei dem zweifelhaften Ausgang desselben
es darauf wagen sie nie wieder zu erblicken
Die Liebe machte ihn sinnreich und kühn und der Anschlag den sie ihm
eingab war so plan und leicht dass er glücken musste Wie hätte man einem
Ritter der der Gräfin von Württemberg Botschaft von ihrem Vater brachte den
Zutritt versagen sollen er ward unvorzüglich vorgefordert und Herrmann trat
ein
Herrmann rief Ida als er vor ihr kniete den Saum ihres Rocks zu küssen
Herrmann ein Bote meines Vaters
Und würde Ida zürnen wenn er es nicht wäre wenn ihm die Liebe eingegeben
hätte sich einer unschuldigen List zu bedienen
O Herrmann Herrmann rief die Gräfin und beugte sich tiefer zu ihm herab
wo bist du bis jetzt gewesen Warum dieses todtenbleiche verfallne Gesicht
diese matten Augen
Wir haben schon mehr gesehen dass dem Ritter der treuen Minne bei seiner Ida
keine Augenblicke günstiger waren als die Augenblicke der Überraschung so
auch der gegenwärtige Die Gräfin zögerte lange ehe sie sich aus Herrmanns
umschliessenden Armen wand und ihn in die Schranken des gebührlichen Wohlstandes
zurück wies und er kannte seinen Vorteil zu gut um sich durch irgend einen
unzeitigen Ausruf zu früh aus der süßen Vergessenheit ihrer selbst zu reißen
Stehet auf Ritter von Unna rief endlich die errötende Ida mit abgewandtem
Angesicht wir spielen hier eine seltsame Rolle Ihr sagtet ihr brächtet mir
Post von meinem Vater wie lebt er wird er bald zurückkehren
Man wird sich erinnern dass Herrmann kein Wort von diesen Dingen gesagt
hatte aber er hielt es nicht für nötig sie eines bessern zu belehren nahms
für bekannt an dass sie selbst nicht recht wisse was sie spräch oder verstand
überhaupt in der Entzückung in der er war selbst nicht was sie sagte
Er nahm auf ihren Befehl Platz an ihrer Seite und nach einigen
Augenblicken da noch keines von beiden recht wusste was es sagen sollte nahm
endlich eine Art von Unterredung zwischen beiden Platz die nach und nach
verständiger wurde und alles zum Vorschein brachte was man in den gegenwärtigen
Augenblicken nötig hatte einander zu sagen
Idas Erzählung war kurz Ihr Leben war unter der Aufsicht ihres strengen
Vaters so einförmig gewesen als das Leben aller Jungfrauen ihrer Zeit Nur
selten kamen in jenen rauen ungebildeten Jahrhunderten die Töchter des Landes
zum Vorschein und Fleis und Wachsamkeit ihrer Eltern schützten sie auch vor
häuslichen Abenteuern Obgleich Fürstentöchter hierinn zuweilen eine Ausnahme
machten so blieb doch Graf Eberhard in Ansehung seiner Ida ganz bei der
gewöhnlichen Weise immer noch lag ihm dieser Herrmann von Unna in Gedanken der
ihm einst von Idas Altan in den Garten entsprang und an der Kaiserin eine so
mächtige Vorbitterinn hatte auch war Ida zu schön um all den üppigen Augen
ausgestellt zu werden deren es auf dem Reichstage zu Nürnberg gab selbst ihr
bestimmter Bräutigam der nun ermordete Herzog von Braunschweig hatte sie nur
zweimal gesehen denn auch er durfte sich nach dem Willen des alten Grafen nur
in so fern Hoffnung auf dieses Kleinod machen als ihm das Glück in Ansehung der
Kaiserkrone günstig war
Herrmann triumphirte über Idas Erzählung die sie ihm mit ihrer natürlichen
unschuldigen Offenherzigkeit machte dankte Graf Eberharden im Herzen dass er so
treulich über seinen Schatz gewacht hatte und lobte sich laut dass er schlau
genug gewesen war die Wachsamkeit ihrer Wächter zu betrügen Aber Ida erinnerte
ihn nicht zu kühn zu sein weil nur der Zufall und die Abwesenheit einer
strengen Duegna deren Rückkunft aus der Kirche sie alle Stunden erwartete ihm
dieses Glück verschafft habe
Der wichtigste Teil der Unterhaltung der beiden Liebenden Herrmanns
Geschichte und die Ursach seiner Erscheinung war noch zurück Man musste eilen
Herrmann erzählte und habe ich noch nötig den Eindruck zu schildern den
das was die junge Gräfin hörte auf ihr Herz machte
Unter allen Gefahren in welchen sie den geliebten Herrmann in seiner langen
traurigen Geschichte sah kam ihr die gegenwärtige als die schrecklichste vor
sie zitterte dass er sich selbst vor ein Gericht stellen wollte dessen
Beisitzer sie noch lange nicht genug kannte um zu wissen ob die Unschuld bei
ihnen sicher sei Sie bat sie flehte mit Tränen er möchte seinen Ankläger
erwarten und dafern dieser nicht erschien seine Unschuld vor erwiesen halten
da sie Gott und seinem eigenen Herzen bewusst wär er möchte doch lieber jetzt
gleich fliehen da Kurd der einige der nebst seinen Leuten wider ihn auftreten
könne beim Abschied ja selbst von seiner Unschuld überzeugt zu sein geschienen
hätte da er und seine Gefährten vielleicht bei Herzog Rudolfs Befreiung von
welcher jetzt stark gesprochen wurde geblieben und also kein einiger seiner
Ankläger übrig sein könne Liebe und Angst sprach aus ihren Blicken da sie
ihm die Notwendigkeit seiner Flucht so mit wichtigen und unwichtigen Gründen
vorstellte aber Herrmann blieb unbeweglich
Würde ich deiner würdig sein rief er würde ich einen Blick von dir du
Ebenbild der schuldlosesten aller Jungfrauen verdienen wenn ich die Blutschuld
nicht von mir zu wälzen suchte Nein es ist nicht genug dass Gott du und ich
mich unschuldig wissen und andere gute Seelen meine Unschuld glauben die ganze
Welt soll sich überzeugen dass Herrmann von Unna wenigstens kein Verbrecher
ist wenigstens dieser Ursach wegen sich nicht scheuen darf an eine Gräfin
von Württemberg zu denken
Drittes Kapitel
Er ist gerettet
Die Liebenden schieden Herrmann machte sich auf die ersten Schritte zu
Ausführung seines Anschlags zu tun und Ida blieb in dumpfen Trübsinn zurück
Dass ihr Trübsinn nicht Verzweiflung war machte das Andenken an ähnliches
Unglück das sie selbst vordem erfahren hatte und dem sie so wunderbar
entkommen war War es nicht ein weit fürchterlicheres Gericht vor dem ich
ehemahls stand sprach sie zu sich selbst dieses wird doch noch im Angesicht
des Tages vor den Augen der zuschauenden und selbst richtenden Menge gehalten
werden aber jenes Tribunal der ewigen Nacht Und doch ward ich erhalten
Nein Ida verzage nicht er ist unschuldig stellt sich ohne Ankläger ist ein
Mann der wenn alle Verteidigung fehlt sein gutes Schwert noch übrig hat die
Sache zu schlichten Nein Ida verzage nicht Die Prüfung welcher er sich
unterwirft wird zu seiner Ehre vielleicht zu seinem und deinem Glück
ausschlagen
Herrmann hatte seine traurende Geliebte kaum verlassen als die Hüterinn
erschien welche Graf Eberhard ihr zugegeben hatte und die ihr nie von der
Seite ging als wenn sich das Mädchen etwa durch Vorwand einer Unpässlichkeit
ihrer lästigen Gegenwart auf einige Stunden entledigte Ida wusste nie zuvor was
Unwahrheit und Verstellung war bis Strenge und argwöhnische Aufmerksamkeit es
ihr lehrten Ida zitterte vor einer Untersuchung wer der Jüngling sei der sie
eben verlassen hatte Herrmann war vor den Augen ihrer im Vorzimmer aufwartenden
Leute gekommen und gegangen sie hielt sich zu edel ihren Bedienten
Stillschweigen aufzulegen und konnte also alle Augenblicke aus dem Munde ihrer
Hofmeisterinn eine Frage erwarten die sie nicht zu beantworten wusste Diese
Frage erfolgte nicht auch schien die ungewöhnliche Schwermut des Fräuleins gar
nicht bemerkt zu werden und erst gegen den Abend des künftigen Tages erfolgte
ein Gespräch zwischen ihr und der Duegna von welchem meine Leser selbst
urteilen mögen ob es zu Idas Trost gereichen möchte Werden diese Tränen nie
vertrocknen Gräfin mich dünkt sie fließen seit gestern weit häufiger
Kann wohl sein
Und ihre Ursach O warum wolltet ihr mir sie verhelen Ists ein Schimpf
für ein Fräulein in euren Jahren zu lieben und wenn man so unglücklich liebt
wie ihr den Verlust des Geliebten zu beklagen
Ida weinte heftiger
Armes armes Kind rief die Alte Ihn so blutig so schrecklich zu verlieren
Doch ein Trost ist euch noch übrig die Rache und tröstet euch ihr sollt
gerächt werden der Täter hat sich selbst gemeldet
Ida trocknete die Augen und blickte die Sprechende voll Entsetzen an Von
wem redet ihr sagte sie in einem ängstlichen Tone
Ich sage der Mörder eures Bräutigams Herzog Friedrichs hat sich gemeldet
Gemeldet wiederholte Ida Nun und er ist zurückgewiesen worden hoffe
ich ihr wisst ich weis genug es ist bekannt dass er unschuldig ist
Wer denn Fräulein
Der Ritter von O mein Kopf ich bitte euch wenn ihr mir etwas zu sagen
habt so sprecht allein ihr seht ich bin nicht vermögend euch zu antworten
Die Alte schüttelte den Kopf und hub eine Erzählung an die sich meine Leser
denken können die auch Ida zu erraten vermochte die sie aber dennoch so sehr
überraschte dass sie beim Schluße derselben ohnmächtig ward Wie hätte sie es
unerschüttert vernehmen können dass Herrmann sich vor den Fürstenrat gestellt
seine Geschichte erzählt die Dinge, welche für und die welche wider ihn
waren seinen Richtern aufrichtig vorgelegt hatte und statt der
augenblicklichen Lossprechung die freilich Ida ihm erteilt haben würde bis
auf weitere Erkenntnis in einen festen Turm gesetzt worden war
Ich bitte euch sagte Ida als sie wieder zu sich selbst gekommen war und
tausend Fragen über ihren schnellen Zufall angehört und schlecht genug
beantwortet hatte ich bitte euch erzählt mir eure Geschichte noch einmal
wenn der Wunsch Herzog Friedrichs Blut gerochen zu sehen so wie ihr meint mir
diese Beängstigung verursacht so könnt ihr denken dass ich alles wissen muss
Vor allen Dingen wer sind seine ich will sagen wer sind des des Unbekannten
Richter
Ach dass es Gott und alle Heiligen erbarme schrie die Alte solche Richter
müssen seit die Welt steht noch nicht gefunden worden sein Ich nehme den
Kurfürsten von Maynz aus denn dieser tat so gleich was er tun musste ließ den
Mörder beim Kopfe nehmen
Er tat Er ließ schrie Ida wart ihr selbst gegenwärtig O ja als ich
diesen Morgen aus der Messe ging Das Gericht ward bei offenen Türen gehalten
Nun denn Es kann ja nicht die ganze Welt blind gegen seine Unschuld sein
Aber weiter Seine Richter seine Richter
Ich hoffe die meisten waren wider ihn aber leider behielten die wenigern
die ihn unschuldig nannten die Oberhand
O die Herrlichen Ihre Namen Kunigunde ihre Namen
Ihr wisst ja wer hier alles zu sagen hat wer es ewig hindern wird dass
irgend etwas gutes zu Stande komme haltet euch nur noch nicht für die Tochter
eines künftigen Kaisers so lang
O ich bitte euch bringt mich nicht zur Verzweifelung lasst Kaiser sein und
Kaiser bleiben wer da will wenn nur er
Fräulein Fräulein rief Kunigunde mit aufgehobenem Finger Doch ich gebe
nach Die welche demjenigen wohl wollten dessen ihr euch so eifrig Gott weis
warum annehmt waren der Pfalzgraf Ruprecht Herzog Albrecht und der alte
Jodokus aus Mähren alle heimliche Feinde und Nebenbuhler eures Vaters
vielleicht Ursacher an dem Tode eures Bräutigams und darum Verteidiger des
Fremden der sich ja nicht gestellt haben würde wenn er nicht schuldig wär
Und der von Maynz fragte Ida
Tat allein was recht war ließ den Mörder gefangen nehmen so sehr auch
seine Freunde welche immer mehrere der Fürsten an sich zogen auf seine
augenblickliche Lossprechung drangen
Und liebe Kunigunde glaubt ihr wohl dass er im Gefängnis vor Gewalttat
sicher ist
Der Mörder
O ich bitte euch nennt ihn keinen Mörder wie könnt ihr so wider einen
Unbekannten wüten
Ein Unbekannter Ich denke freilich wohl Fräulein ihr kennt den Ritter von
Unna besser als ich aber o dass euer Vater zurück käme
Es nahm von diesen Augenblick an eine außerordentliche Kälte zwischen Ida
und ihrer Hofmeisterinn Platz Ida war beschämt sich verredet zu haben und
hasste die Hasserinn des unschuldigen Herrmanns und diese wusste was sie wissen
wollte hatte nicht nötig die unschuldie Gräfin von neuem auszuforschen und
hütete sich wohl irgend etwas zu sagen das ihr hätte erfreulich sein können
denn leider wie sie sich ausgedrückt haben würde leider hatte sie ihr nichts
als Gutes zu melden
Herrmann hatte sich vor dem Fürsten gestellt seine ungekünstelte Erzählung
die Stimme der Wahrheit die in derselben unverkennbar war seine herrliche
einnehmende Gestalt dies ofne Gesicht der Abdruck der Unschuld und der
Herzensgüte seine freiwillige Darstellung kurz alles alles hatte für ihn
gesprochen und hätte ihn schon allein Loszählung von dem angeschuldigten
Verbrechen auswirken müssen wenn nicht auch Zeugen gekommen wären seine
Unschuld zu bestätigen Die Leute aus dem Dorfe wo Herrmann verwundet gelegen
hatte waren dem dessen sie sich annehmen wollten beinahe auf dem Fuß gefolgt
traten jetzt zu seiner Seite vors Gericht und brachten so viel zu seinem Besten
vor dass nur ein solcher Mann wie Johann von Maynz und einige andere noch daran
denken konnten ihn als einen Verbrecher gefangen zu setzen
Der Gang der Gerechtigkeit war damals noch nicht so langsam wie jetzt
Herrmanns Freunde und die Freunde der Tugend Ruprecht Albrecht und Jodokus
waren zu eifrig die Unschuld zu retten und den von Maynz zu beschämen als dass
nicht die Sache des Beklagten gleich des andern Tages wieder hätte sollen
vorgenommen werden und hier war es wo seine gänzliche Lossprechung erfolgte
Kurd der Leibknappe des Ermordeten erschien er ward absonderlich verhört
seine und Herrmanns Aussagen trafen pünktlich überein sie wurden einander
entgegengestellt und Kurd beteuerte dass er seinen Verdacht gegen Herrmann
zurück nahm er zeigte die Haarlocke vor die er dem fliehenden Mörder
entrissen und die augenscheinlich nicht auf Herrmanns Haupte gewachsen war er
erzählte dass der schwarzlockigte Kunzmann noch am nämlichen Tage von andern
seiner Verfolger ohne Schwert ertappt worden sei und behauptete dass dieses
einen Hauptumstand in Herrmanns Aussage bestätigte
Herrmanns Freunde hörten dieses mit Vergnügen an aber der Kurfürst von
Maynz ward alsdann erst froh als er vernahm der gefangene Kunzmann sei
entkommen und man habe weder ihn noch einen andern von den Mördern wieder
ertappen können Einige von den Hassern des Unschuldigen wollten zwar
einwenden es sei dennoch möglich dass Herrmann einer von den andern Entflohenen
sei aber der weise Jodokus behauptete ihnen würde zukommen dieses zu beweisen
aber keinesweges sei dem Ritter von Unna noch dem was bereits zu seinem Besten
erwiesen worden zuzumuten den schweren Beweis vom Gegenteil zu führen
Es würde zu weitläuftig fallen alles aufzuzeichnen was für und wider diese
Dinge gesprochen wurde und es sei also genug dass Herrmann gänzlich
losgesprochen und Johann von Maynz von allen Fürsten mit gehässigen und
verdachtvollen Augen angesehen wurde Es war gleichwohl bedenklich dass Kunzmann
von Hertingshausen der sich in7 maynzischen Diensten befand Herzog Friedrichs
Mörder sein sollte
Unter allen Fürsten deren Herzen der Ritter von Unna bei dieser Gelegenheit
an sich gerissen hatte war keiner so sehr für ihn eingenommen als der junge
Albrecht von Österreich ein Herr den man wenn er nicht ein Fürst wär für
den es schimpflich lassen könnte die Kopie eines gemeinen Ritters zu heißen
Herrmanns Ebenbild im kleinen nennen könnte Die Geschichtbücher erzählen wie
groß wie edel Albrecht war und also urteile mein Leser wer Herrmann gewesen
sein müsse
»Das Herz Jonathan verband sich mit dem Herzen David« sagt die alte
Geschichte von dem Fürsten der es nicht zu gering hielt der Freund eines
Hirten zu sein und dieses Ausdrucks könnten wir uns auch wohl in Ansehung des
edelen Herzogs von Österreich bedienen Herrmanns erster Anblick eroberte ihm
das Herz des jungen Prinzen seine Art zu handeln flößte ihm Achtung ein und
machte dass er sich entschloss ihn mit Hintansetzung alles Unterschieds den Rang
und Geburt machten zu seinem Freunde zu wählen Seine höheren Vollkommenheiten
die dem bescheidenen Prinzen mehr als jedem andern in die Augen leuchteten
erregten bei ihm keinen Neid und ein Bund der Freundschaft ward in seinem
Herzen beschlossen der es verdiente mit dem Bunde der ältesten Freunde der
Vorzeit verglichen zu werden
Herrmann ward nach Endigung des Gerichts vor Herzog Albrechten gerufen Mit
Mühe hielt der liebenwürdige Prinz anfangs seine Neigung für den Ritter von Unna
in den Schranken des fürstlichen Wohlstands zurück er fühlte dass es die
Klugheit erforderte den Jüngling der ihm gefiel genauer zu prüfen und nicht
durch Äußerung allzu großer Vorliebe bei ihm Stolz und bei andern Neid zu
erregen Herrmann ward aufgefordert dem Fürsten vor dem er stand einen
bestimmten Begriff, von dem was ihm anging zu geben er tat es und dies mit
so viel Offenheit in dem was ihn allein mit so viel Schonung in dem was andere
in seine Geschichte verflochtene Personen betraf dass Albrechts gute Meinung von
ihm wuchs und Herrmann das Haus in welchem vor wenig Stunden über sein Leben
und Tod gesprochen wurde als einer der ersten Diener des Fürsten verließ den
man mit Recht unter die besten seiner Zeit rechnen konnte
Ida wusste von diesen glücklichen Aenderungen nichts Ihre Hofmeisterinn
hielt es nicht für gut ihr etwas Angenehmes von dem Ritter von Unna vorzusagen
den ihr Graf Eberhard beim Antritt ihres Amts als denjenigen genannt hatte vor
welchen sie ihre Untergebene am meisten zu bewahren habe und der doch wie sie
wohl durch Idas Leute wusste vor wenig Tagen schlau genug gewesen war ihre
Wachsamkeit zu täuschen und sich zu der jungen Gräfin einzuschleichen
Ida wusste von allem was vorging nur soviel dass dieses der Tag war an
welchem Herrmanns Schicksal entschieden werden sollte war es zu verwundern dass
sie die Nacht die vor denselben hergieng ohne Schlaf und den Morgen in einer
Unruhe zubrachte welche sich mit nichts vergleichen lässt
Ida stand am Fenster sie hatte am Morgen die Fürsten sich in dem
benachbarten Pallaste des alten Jodokus versammeln gesehen hatte die welche
ihr Kunigunde als Herrmanns Freunde bekannt gemacht hatte mit inniger
Dankbarkeit und die andern vornehmlich den von Maynz mit Entsetzen
betrachtet Der gefangene Herrmann war herbeigebracht worden Die Leute des
ermordeten Herzogs von Braunschweig waren erschienen die sie an der Rüstung
kannte und deren wahrscheinliches Geschöpf ihr die Duegna auf die boshafteste
Art erklärte Ida hatte gezittert Das Gericht hatte sich weit bis nach Mittag
verzogen und nichts hatte sie vom Fenster hinwegbringen können als die
Mattigkeit die ihr jetzt kaum mehr verstattete sich aufrecht zu erhalten
Man hatte sie zu Bette gebracht und Kunigunde welche glaubte sie schlief
schlich hinaus Nahrung für ihre Neugier zu holen sie erfuhr Dinge die ihre
Untergebene augenblicklich neubelebt haben würden aber sie war zu boshaft ihr
die einige Arzenei zu bringen die sie hätte erquicken können
Indessen lag die junge Gräfin auf ihrem Bette ohne zu schlafen Ein
gewaltiges Geräusch auf der Gasse machte sie aufmerksam sie vergaß ihre
Schwachheit und flog ans Fenster Das Volk strömte aus Jodokus Pallast heraus
und sie glaubte Worte zu vernehmen welche ihr tröstlich waren Sie riss das
Fenster auf um mehr zu hören und in dem Augenblicke sah sie dass sich das
Gedräng an der Pforte des Hauses vermehrte wo über Herrmanns Unschuld
gesprochen worden war
Herzog Albrecht mit seinem Gefolge stieg zu Pferde ein Ritter von Herrmanns
Gestalt und Kleidung war ihm der nächste Er ritt mehr ihm zur Seite als hinter
ihm Der Herzog schien beständig mit ihm zu sprechen und sein Betragen zeugte
ganz von herablassender Huld und Wohlwollen
Ida beugte sich weiter heraus Jetzt ritten sie unter dem Fenster vorüber
Der Ritter von der treuen Minne den sie von weitem an den rosenfarbenen unter
der Rüstung hervorschwellenden Ermeln erkennen konnte war kein anderer als der
geliebte Ritter von Unna Ida dachte vor Freude ohnmächtig zu werden Jetzt
blickte er herauf und küsste mit einem Blicke von dem Triumph der Unschuld belebt
sein Ordenszeichen als wollte er sagen nur dir zu Ehren trage ich es Auch
Herzog Albrecht sah herauf und grüßte ehrerbietig und unter dem Volke erhub
sich ein Gemurmel das bald darauf in ein lautes Jubelgeschrei ausbrach Heil
Herzog Albrechten dem Freunde der Unschuld und dem geretteten Ritter Herrmann
von Unna
Die Gräfin wusste sich vor Entzücken nicht mehr zu halten sie wandte sich
um und stürtzte der eben eintretenden Kunigunde mit ausgebreiteten Armen
entgegen
Er ist gerettet rief sie er ist gerettet und sank ohnmächtig zu Boden
Viertes Kapitel
Ida entschläft um zu träumen
Es vergingen Tage und Wochen Die Gräfin war froh ihren Ritter unter Herzog
Albrechts Schutze sicher zu wissen und ihn täglich vorüber reiten zu sehen
auch traurig war sie denn sie sah Herrmann immer nur von weiten und alle seine
Versuche sie zu sprechen wurden durch Kunigundens Wachsamkeit zu nichte
gemacht süßes Gemisch von Freude und Kummer welches wie die Kenner
versichern den Hochgeschmack der Liebe ausmacht
Ida war nicht unglücklich sie hofte jeden Tag Herrmann zu sehen und viel
weiter erstreckten sich ihre Wünsche nicht Man konnte doch vielleicht einmal
die Wachsamkeit der Duegna betrügen konnte sich in der Kirche oder an einem
andern der öffentlichen Orte treffen welche die eingezogene Ida jetzt zu
besuchen besondere Lust bezeugte Aber Kunigunde war unerbittlich sie konnte
nicht begreifen warum ihr Fräulein jetzt erst Neigung bekam den öffentlichen
Tänzen oder den Übungen der jungen Ritter beizuwohnen oder vielmehr sie
stellte sich es nicht begreifen zu können und vertröstete sie auf die
Wiederkunft ihres Vaters
Der Graf von Württemberg kam an Seine Gespräche mit der Hofmeisterinn waren
lang sein Betragen gegen Ida kalt und seine Laune so oft er aus den
Versammlungen der Fürsten zurückkam sie mochten nun wegen Geschäften oder des
Vergnügens wegen angestellt werden mürrisch und ungestüm
Ida stand eines Tages mit ihrem Vater am Fenster und Herrmann in Herzog
Albrechts Gefolge zog vorüber er küsste den rosenfarbenen Ermel nicht denn
seine Geliebte war nicht allein aber er verbeugte sich voll Ehrfurcht Ida
errötete und schwieg In dem Augenblicke fiel es ihr ein dass es gezwungen und
verdächtig lasse den Ritter von Unna von dessen Geschichte jetzt ein jeder
sprach zu sehen und nicht von ihm zu sprechen Sie glaubte durch irgend eine
herzhaft über ihn gemachte Anmerkung sich ein besonderes Ansehen geben zu
können und fing mit zitternder Stimme an der Ritter von Unna sei sei zu
beklagen zu loben sei glücklich zu preisen dass dass er so von Herzog
Albrechten geliebt werde und und dass er unschuldig erfunden worden sei
Graf Eberhard schien das Gesuchte in seiner Tochter Rede und ihre
übelgewählten Worte nicht zu bemerken Mürrisch antwortete er auf den Schluss
derselben Herzog Albrecht sei ein junger Mann der alles liebe was ihm gleich
sei und was Herrmanns Unschuld anbelange so täten sich immer mehr Umstände
hervor die sie zweifelhaft machten
Ida wiederholte die Worte ihres Vaters in fragendem Ton aber er antwortete
nicht und verließ sie Die Gräfin kämpfte diesen und einige folgende Tage
mit sich selbst um zu einer Stimmung zu kommen in welcher sie mit kaltem Blute
von Herrmann sprechen könne und endlich gelang es ihr Sie hatte Fragen zu
tun deren Beantwortung sie auf schlaue Art suchen musste
Der Ritter von Unna soll nicht so unschuldig sein sagte sie eines Tags zu
Kunigunden als sie mit ihr aus der Messe kam und im Vorübergehen einen Gruß
von ihm bekommen hatte
Was ich euch vom Anfang versicherte sprach die Alte
Aber welche neue Beweise sind wider ihn aufgefunden worden Genug
Fräulein genug Hat man nicht ein Schwert mit dem eingegrabenen Namen
Herrmann von Unna dicht im Gebüsch nicht weit von dem Orte gefunden da der
Herzog von Braunschweig ermordet ward Und ist nicht Kunzmann von
Hertingshausen der vor wenig Tagen den Lohn seines Meuchelmords zu Fritzlar
erhielt auf das Bekenntnis gestorben dass Herrmann sein Gefährte bei dieser
entsetzlichen Tat gewesen sei
Ida sah ihre Hofmeisterinn bleich und verstummend an Rechnet hierzu fuhr
die Alte fort rechnet hierzu noch dieses dass Herrmann lang in König Siegmunds
Diensten war der Herzog Friedrichen auf Anreizen seiner boshaften8 Gemahlin
hasste und ihm nach dem Leben trachtete
Ida ward noch bleicher denn sie erinnerte sich dieses Umstands aus
Herrmanns Erzählung doch fiel ihr auch zugleich ein dass ihr Geliebter ja eben
darum in diese Gegenden gekommen war den unglücklichen Herzog vor heimlichen
Nachstellungen zu warnen
Und fuhr Kunigunde fort was diesen Herrmann von Unna noch am meisten zum
Mitschuldigen der verruchten Tat machen muss ist der Vorteil den er von
Herzog Friedrichs Tode haben was sage ich sich törigter Weise versprechen
konnte
Und der wär fragte Ida indem sie angstvoll Kunigundens Hand ergriff
Kleine unschuldige Einfalt rief die Alte das nicht erraten zu können Der
Herzog von Braunschweig war der Bräutigam der Gräfin von Württemberg und der
Ritter von Unna ist ihr Geliebter
Kunigunde hatte die erstaunte Ida mit einem teuflischen Gelächter in einem
Zustande verlassen der sich schwerlich beschreiben lässt Ob der Gift den die
Furie ausstreute im Stande war einen Zweifel an Herrmanns Unschuld in dem
Herzen seiner Liebhaberinn hervorzubringen ist kaum zu glauben aber desto
gewisser ists dass sie die Dinge, welche wider ihn angeführt wurden mächtig
genug fand auf die Gemüter anderer Menschen einen nachteiligen Eindruck zu
machen und ihren Geliebten in neues Unglück zu stürzen
Ihre Angst für Herrmann war bei diesen Betrachtungen unglaublich und nichts
konnte sie beruhigen als dass sie oft gehört hatte kein Mensch der einmal vor
dem gemeinen Fürstenrat unschuldig befunden worden sei könnte zum zweitenmal
um der nämlichen Beschuldigung willen vor demselben belangt werden
Die Ruhe die auf diese Erwägung Platz in ihrer Seele nahm dauerte nicht
lange sie ward bald auf eine fürchterliche Art aus derselben aufgeschreckt
Johann von Maynz pflegte den Grafen von Württemberg oft zu besuchen und Ida
zitterte allemal so oft sie diesen Feind ihres Geliebten erblickte Sie sah ihn
ungern bei ihrem Vater und seine Erscheinungen wurden endlich so häufig dass
sie ihr Argwohn machten und ihr geboten für Herrmanns Wohl auf ihrer Hut zu
sein
Nie hatte sich die redliche Ida so lang sie noch ein Bürgermädchen war zum
Lauschen herabgelassen ob sie jetzt durch das Hofleben Talente zu diesem
Geschäft erlangt ob die Liebe sie dazu gebildet hatte oder ob sie einst bloß
durch ein Ungefähr in dem Kabinet ihres Vaters hinter einer Tapete eingeschlafen
war als eben der Kurfürst von Maynz ihn eines geheimen Besnchs würdigte das
können wir nicht bestimmen und müssen es also ganz unsern Lesern überlassen
genug Ida hörte etwas von einem Gespräch in welchem Herrmanns Name oft genannt
wurde und was sie hörte was sie dabei dachte und was sie darauf unternahm
davon wird sich vielleicht etwas aus dem folgenden Kapitel erraten lassen denn
da diese Dinge nie völlig ans Licht gekommen sind so muss man sich freilich nur
mit Raten behelfen
Fünftes Kapitel
Ida von Württemberg an Herrmann von Unna
Herrmann ich träumte oder ich sah ein Gesicht es sei was es sei genug es
war eine Sache die mir begegnete und also muss es dir wichtig sein Du musst es
annehmen als ob es Wahrheit wär musst mir gehorchen denn deine Ida fordert es
von dir Fliehe fliehe Herrmann die Rache verfolgt dich dein Fürst er
sei so gut und mächtig als er wolle vermag dich nicht zu schützen denn
unsichtbar sind deine Feinde
Ich glaubte diese Worte könnten dir zu deiner Rettung genug sein umd wollte
schließen Ich muss die Augenblicke die ich dir gönne der Nacht abstehlen und
vermag in meiner jetzigen Lage nur wenig zu schreiben Aber jetzt fällt mir
ein du möchtest mir nicht gehorchen möchtest meinen Traum für so einen
gewöhnlichen Traum halten wie ihn die Schlafenden träumen und darum sollst du
alles wissen und selbst urteilen
Ich belauschte zween Männer die von dir sprachen der eine schien mein
Vater zu sein aber er war es nicht wie könnte Idas Vater ein Feind der
Unschuld sein wie könnte er dem giftigen Einhauchen eines Unholds der
vielleicht eigene Schuld durch die Deinige bedecken will Gehör geben Ich
lauschte im Verborgenen im Traum meine ich du weißt sonst pflegte Ida
wachend nie zu lauschen und hörte wie die Männer sprachen du seist Herzog
Friedrichs Mörder dein Schwert nahe bei dem Orte gefunden wo der Unglückliche9
fiel des sterbenden Kunzmanns Aussage und ach der heimliche Hass den du auf
Idas so genannten Bräutigam vielleicht gehabt haben könntest bewiesen deine
Schuld umsonst hätten dich die Fürsten unschuldig genannt dein Verbrechen
gehörte vor ein anderes Gericht ach vor jenes Tribunal der Hölle das deiner
Ida nur gar zu wohl bekannt ist
Mein Traum ist noch nicht zu Ende du weißt man pflegt zu Zeiten sehr lang
und natürlich zu träumen Mich dünkt ich behielt diese Worte in meinem
Herzen und sann auf deine Rettung Es vergiengen einige Tage ich sah viel
unbekannte Männer in meines Vaters Hause auch begegnete mir einesmals Walter
mit der einen Hand der mir aus vergangenen Zeiten nur gar zu kenntlich war Ich
hörte von einer Reise meines Vaters mir ahndete wohin die Reise gehen möchte
ich bestach einen seiner Knappen mir behilflich zu sein dass ich ihn an seiner
Statt begleiten könne es hielt schwer doch endlich glückte es Ich verhüllte
mich in die schwarzen Gewänder die er mir brachte und stellte mich an meinen
Posten Die Reise ward angetreten ich und noch ein einiger Knappe waren die
Begleiter des Grafen von Württemberg
Unser Weg ging nicht weit Es war sonderbar mich dünkte nicht anders als
wenn wir an dem wüsten Gebäude abstiegen das du an der Nordseite dieser Stadt
musst wahrgenommen haben Aber um Gotteswillen Herrmann bringe dich und mich
nicht in Unglück du weißt dass man von solchen Dingen schweigen muss überdieses
ists ja nur ein Traum
Der Graf und sein erster Diener wurden ungefragt eingelassen meine Gestalt
musste für die drei Hüter der Pforte neu und unbekannt sein und sie prüften mich
durch seltsame Fragen sie fragten mich nach den vier Wegen zur Hölle und ich
nannte ihnen Worte die mich der Knappe dessen Kleider ich trug des vorigen
Tages gelehrt hatte Sie fragten wie viel Stufen man zu Gottes heimlichen
Richterstuhl hinabsteigen müsse und ich antwortete dreißig mir kamen die
wohlgezählten Stufen in den Sinn die ich einst du weißt wo in der größten
Angst meines Herzen steigen musste man schüttelte den Kopf verband mir die
Augen und ließ mich gehen Die Zahl dreißig rettete mir das Leben ich tappte im
Dunkeln mein Weg ging tief hinab keine Stütze kein Führer war mir zur Seite
Ich zählte und als die Zahl voll war ward mein Weg ebener und man nahm mir die
Hülle von den Augen
Ich war an einem Orte wie du vielleicht einen ähnlichen gesehen hast Das
Zeichen ward gegeben das Gericht hub an die Kläger klagten und die Zeugen
zeugten wider einen Fürsten und nannten ihn Herzog Friedrichs Mörder aber
einer aus den Richtern stand auf und schwur er sei schuldlos Du weißt ein
solcher Eid konnte einst die Unschuld retten warum nicht auch einen Verbrecher
Und andere Zeugen traten auf und andere Kläger klagten Dein Name Herrmann
von Unna dein Name ward genannt aber keiner war der deine Unschuld beschwören
wollte ich wollte mich hervordrängen aber der Mann mit der einen Hand den ich
jetzt erst neben mir gewahr ward hielt mich zurück und drohte mir mit dem
Finger Du wardst verklagt wardst gerichtet wardst verurteilt »Heimlich
schleiche ihm die Rache auf dem Fuße nach heimlich trete die Strafe auf seine
Fersen« so tönte die grässliche Stimme vom Throne »Wachend täusche seine Augen
trügliche Gestalt und führe ihn dem Urteil entgegen seinen Schlaf belausche
das Schwert und richte ihn wo es ihn findet sein Freund werde sein Mörder er
locke ihn in die Einöde und richte ihn vor den Augen des reinen Himmels den er
durch den Anblick des unschuldigen Blutes beleidigte Heimlich und ungewarnt
fiel Friedrich von Braunschweig und eben so soll Herrmann von Unna fallen«
Mein einhändiger Schutzengel verhüllte mir den Mund der sich nach Endigung
dieser Worte zu einem fürchterlichen Geschrei öfnen wollte auch dünkt mich er
war es der mich mehr tot als lebendig aus dieser Hölle herauf schleppte und
mich im Fluge nach Hause brachte Er hatte mich meiner Verkleidung ungeachtet
erkannt er überhäufte mich mit Vorwürfen wegen meines Vorwitzes entriss mir
meine Hülle die er mit sich nahm nahm ein Versprechen von mir das ich so
leistete dass ich es halten konnte und ließ mich an der geschlossenen Pforte
des Pallasts des Grafen von Württemberg stehen Was sollte ich tun fliehen
zu dir fliehen hier bleiben und die Ankunft meines Vaters und seinen Zorn
erwarten Schon sah ich in der Ferne beim falben Licht des Mondes ihn und
seinen Begleiter zum Vorschein kommen Ich erwählte das kürzeste Mittel ich
klopfte an die Tür man ließ mich ein Kunigunde erstaunte dass ich ihre
Aufmerksamkeit getäuscht und indessen sie mich schlafend glaubte doch was
mache ich du weißt Träume gehen nie so ins kleine auch ist der meinige hier
zu Ende und ich rufe zum zweiten mal Fliehe Herrmann fliehe der heimliche
Rächer tritt auf deine Fersen Ich sollte dich nicht warnen aber einen Traum
konnte ich dir ja erzählen
Sechstes Kapitel
Weitläuftige Folgen eines einzigen unüberlegten Schrittes
Herrmann war so glücklich in seinem Herrn einen Freund zu haben Er hatte sich
nicht so bald von dem Entsetzen erholt das ihm dieser Brief den er durch einen
Unbekannten erhielt verursachte als er zu Herzog Albrechten eilte und ihm
denselben vorlegte Eine lange Beratschlagung erhub sich zwischen beiden
welche sich damit endigte dass Albrecht den Ausspruch tat es sei eine
Unmöglichkeit sich vor den Unsichtbaren die ihn verfolgten anders als durch
die Flucht zu retten und auch dieses könne nur so lang helfen als sein
Aufenthalt verborgen blieb oder überlegene Macht ihn schützte Wir müssen uns
trennen Herrmann rief er wir müssen uns trennen Ida hat recht dein Fürst
ist zu schwach dich wider den Arm der heimlichen Rächer zu schützen Fliehen
sprach Herrmann fliehen um eines Traums willen
Kannst du die Erzählung der Gräfin im Ernst für einen Traum halten Fliehen
musst du Ida gehorchen musst du aber wohin zum König Siegmunden
Zum Sklaven eines ruchlosen Weibes schrie Herrmann der vergaß dass
Albrecht der Bräutigam der jungen Elisabet der Tochter Siegmunds und Mariens
war
Albrecht lächelte und fragte weiter Zum Herzog von Sachsen dem obersten
Stuhlherrn aller heimlichen Gerichte Er könnte dich am besten schützen wenn
es dir geläng ihm deine Unschuld klar zu machen
Herzog Rudolf ist des unglücklichen Herzogs von Braunschweig Freund und
Verwandte ist vielleicht schon zu sehr wider mich eingenommen um die Stimme
der Wahrheit zu hören
Dein Name lässt mich mutmaßen dass du ein Verwandter des alten Grafen von
Unna bist er ist einer der obersten Vorsteher aller westphälischen Gerichte
sollte er dir seinen Schutz entziehen
Es ist ein erklärter Feind unsers Hauses ich darf mich nicht zu ihm wagen
Sahst du ihn je zuvor versuchtest du wie er gegen dich gesinnt ist
Nein
Herrmann der Graf von Unna ist ein edler vortrefflicher Mann du musst zu
ihm mich dünkt du hast ihn nie beleidigt du kannst auf seinen Schutz rechnen
Sein Hass gegen die Herrn von Unna gründet sich auf die Händel der
Martinsritter mit dem Grafen von Württemberg ich war zu jener Zeit ein
achtjähriger Knabe
Folge mir Herrmann wirf dich in seine Arme er wird dich schützen wird
deine Unschuld ans Licht bringen
Herrmann gehorchte und der nächste Tag oder vielmehr die Schatten der
nächsten Nacht sahen ihn die Reise nach Westphalen antreten ohne dass ihm seine
Bemühungen der Gräfin von Württemberg vorher schriftlich oder mündlich zu
danken geglückt wären Mittlerweile lebte Ida in dem Hause ihres Vaters ein
trauriges Leben Kunigunde bewachte sie sorgfältiger als jemals und die Augen
des Grafen von Württemberg ruhten oft mit einem sonderbaren argwöhnischen Blicke
auf ihr Herrmanns heimliche Entweichung welche bald ausbrach und über welche
sich niemand bestürzter bezeugte als Herzog Albrecht verschlimmerte ihre Lage
sie ward mit verfänglichen Fragen gequält mit halb verständlichen Vorwürfen
beunruhigt und lernte jetzt mehr als zuvor je es bedauern dass sie nicht mehr
Ida Münsterinn sondern die Gräfin von Württemberg war O Münster wie viel
Seufzer flogen deiner stillen bürgerlichen Wohnung in Prag zu wie viel Tränen
beklagten dass du nicht wenigstens gegenwärtig warst um wie ehedem Rat und
Hilfe in drückenden Verlegenheiten herbeizuschaffen
Ach er hatte es versprochen seufzte Ida hatte es meinem Herrmann
versprochen mich nicht zu verlassen und Jahre sind vergangen ohne dass er sich
um mich zu bekümmern scheint Die gute Ida wusste nicht dass ehemals Münster
um ihr Leben zu retten in eine geheime Gesellschaft trat welche despotisch
über ihre Glieder herrschte und ihnen unumschränkt jeden Ort vorschreiben
konnte wo sie leben jede Handlung bezeichnen die sie tun sollten
Ehemals gehorchte Münster keinen Geboten als den Geboten der Tugend und
seines Herzens seitdem er den übereilten Schritt tat in eine Verbindung zu
treten die er nicht kannte war der Graf von Württemberg sein Herr und dass ihn
dieser lieber zu Prag als bei seiner Tochter sah ist bekannt
Graf Eberhards Herz schien sich seit gewissen Dingen von welchen er und
Ida sich zu reden scheuten ganz von seiner Tochter gewandt zu haben sie war
ihm mehr als gleichgültig er schien sie fast zu hassen Er war unruhig in
seinen Handlungen unstät in seinen Entschlüssen und trat endlich schnell mit
der Erklärung hervor er müsse Deutschland verlassen und in der Fremde Zuflucht
suchen
Zuflucht fragte die weinende Ida
Verräterinn rief er mit Unwillen was treibt mich von hinnen als dein
Vorwitz Verbrechen der Kinder werden oft den Vätern zugerechnet
Sollte es möglich sein schrie Ida mit gerungenen Händen
Du opfertest deinen Vater auf um deinen unwürdigen Liebhaber zu retten
Ich kannte nicht die Folgen dessen was ich tat und Herrmann war
unschuldig
Wusste ich dies Legte man mir nicht sein Verbrechen sonnenklar vor Augen
Würde ich noch jetzt einen Gedanken haben dass er schuldlos sein könne wenn
nicht auch ich unschuldig leiden und doch bekennen müsste dass der Anschein wider
mich ist
Welcher Anschein rief Ida die sich zu seinen Füßen warf
Dich an einem Orte eingeführt zu haben wohin du nicht gehörtest den
verurteilten Herrmann gewarnt ihm die Hand zur Flucht geboten zu haben
Ich ich bin die Schuldige schrie Ida ich will es unter allen Himmeln
ausrufen und euch retten
Zu spät zu spät sprach Graf Eberhard und stieß sie von sich Leb wohl sei
glücklich wenn du kannst ich muss dich deinem Schicksal überlassen
Der Graf reiste ab und hinterließ seine Tochter in dem kläglichsten
Zustande Gram über das Schicksal ihrer Geliebten und die schrecklichsten
Selbstvorwürfe brachten sie in kurzer Zeit dem Grabe nahe und es fehlte nur
noch eins sie völlig elend zu machen zwar kaum wissen wir ob Sorge für ihre
eigene Sicherheit ein Zusatz ihrer Leiden genannt werden konnte ihre eigene
Person schien ihr jetzt das gleichgültigste Ding von der Welt zu sein und sie
brauchte Antrieb starken Antrieb von außen an sich zu denken
Es war tief in die Nacht als Kunigunde jetzt da Ida von niemand als sich
selbst abhieng ihre treuste Dienerinn eintrat einen fremden Mann bei ihrer
Gebieterinn zu melden Der Fremde ward vorgelassen und verlangte mit der Gräfin
allein zu sein
Kennt ihr mich fragte er als er sie eine Zeitlang starr angesehen hatte
Ida welche dieses Gesicht nur selten ganz ohne Hülle gesehen hatte verzog zu
antworten
Kennt ihr diesen Arm fragte er weiter
Ida sah dass er seinen rechten Arm unter dem Mantel hervorzog sie bemerkte
die fehlende Hand und rief den Namen Walter aus
Wisst ihr was mich hieher bringt Eure Sicherheit ich will euch
warnen Ihr seid nach der Abreise eures Vaters hier keinen Tag sicher Alte
Dinge werden mit den neuen hervorgesucht auch ihr müsst fliehen O Gräfin
was für Unglück hat euer Vorwitz nach sich gezogen Wo ist der Unvorsichtige
hin der euch zu eurem nächtlichen Abenteuer die Kleider lieh Wo ist euer
Vater hin den man im Verdacht hatte er habe Anteil an diesen Dingen und was
wird aus mir werden der von allem nichts wusste nur aus Mitleid sich eurer
annahm Ihr wisst ich erkannte euch dort unten nicht ehe bis es zu spät bis
es unmöglich war gewisse Dinge eurem Blick zu entziehn die kein profanes Auge
sehen darf
Auch ihr auch ihr schrie Ida mit gerungenen Händen
Ja auch ich erwiderte er Man hat mich im Verdacht euch eingeführt zu
haben und da man dieses nicht erweisen kann und doch gleichwohl einen
verdächtigen Menschen los sein will so sucht man Dinge hervor die
Ich nicht ganz zu leugnen vermag wollte Walter sagen aber ein trauriges
Achselzucken vertrat die Stelle dieser Worte Meine Leser werden vielleicht
einige Mahl im vorhergehenden Teile bemerkt haben dass Walter nicht schlau
genug war seine Worte allemal so zu setzen wie es Männern seiner Art zukam
Ihm waren gegen Münstern gegen Ida auch vielleicht gegen den Ritter von Unna
zuweilen Dinge entwischt welche eigentlich nicht für profane Ohren gehörten
auch konnte man ihm erweisen dass er der10 Hausmeister des von der heimlichen
Acht verfolgten Konrads von Langen sei und die Mutmaßung war stark dass
vielleicht seine verdeckten Warnungen diesen unglücklichen Mann so oft vor
seinen Verfolgern gerettet hatten Dieses waren eigentlich die Dinge die ihn
stürzten und Idas Abenteuer nur die Veranlassung dieselben aufzuregen aber
die Unglückliche gleich als wenn sie nicht an eigenen Leiden genug zu tragen
hätte nahm Walters Winke für bekannt an nannte sich die Ursach der Verstossung
auch dieses Unschuldigen und ward dadurch noch eine Stufe tiefer in den Abgrund
des Elends gestürzt
Sie vergaß die Ursach der Ankunft ihres Walters ihre eigene Sicherheit ließ
ihn ungefragt was ihr zu tun sei scheiden und blieb in einer Art von dumpfer
Unempfindlichkeit bis sie des andern Tages durch Herzog Albrechts Besuch ein
wenig ermuntert ward
Der edle Herzog von Österreich pflegte die Gräfin von Württemberg nach der
Abreise ihres Vaters oft zu besuchen er hatte sie immer hoch geschätzt und
Herrmann hätte nicht nötig gehabt ihn bei seiner Flucht zu bitten er möchte
ein wachendes Auge auf sie haben sie nicht ganz ihrem Schicksale überlassen
dieses waren Dinge zu welchen er sich schon von selbst geneigt fühlte
Ida hatte schon seit langer Zeit Zutrauen zu dem Freunde ihres Geliebten
gefasst ihn zum Teilnehmer ihrer Geheimnisse zu machen war nichts weiter
nötig als die einnehmende Art mit welcher er zu fragen und zu raten wusste
und auch jetzt erfuhr er nach wenig Minuten alles was der Gräfin in voriger
Nacht begegnet war
Herzog Albrecht war kein Mitglied des furchtbaren Gerichts der Nacht doch
war ihm genug von diesen Dingen bekannt um seine Freundin zu trösten Er hatte
sie schon zuvor einigermaßen wegen des Schicksals ihres Vaters zu beruhigen
gewusst und jetzt tat er das nämliche in Ansehung des ehrlichen Walters dem
Ida zu viel Verbindlichkeiten hatte um bei seinem Unglück zu welchem ihre
Unvorsichtigkeit die Losung gab gleichgültig zu sein Vom Grafen von Württemberg
hatte er ihr mit Grund der Wahrheit versichern können dass seine Stelle in der
Gesellschaft der Unsichtbaren wahrscheinlich zu hoch sei um von seinen
Mitbrüdern wegen eines bloßen Verdachts eine andere Ahndung fürchten zu dürfen
als Entsetzung seiner Würden auf einige Zeit und willkührliche Entfernung an
einen Ort der bloß des Wohlstands wegen bloß den Geringern Furcht und strenge
Beobachtung ihrer Pflicht einzuflößen verborgen sein müsse Dinge die zwar dem
stolzen Grafen von Württemberg nicht gleichgültig sein konnten da sie ihn vor
Ausführung seiner großen Plane aus der Versammlung der Bewerber um die
Kayserkrone vertrieben die aber doch nicht so beschaffen waren dass sie seiner
Tochter Sorge für sein wahres Glück oder sein Leben machen konnten Was den
gutmütigen Walter anbelangte so vermochte Herzog Albrecht die traurende Ida
noch besser zu trösten ein Geringer konnte den Augen der allsehenden eher durch
die Flucht entgehen als ein großer Mann Walters Hauptstrafe war wahrscheinlich
die Entsetzung seines Amts ein Schade den ihm der Schutz des Herzogs von
Österreich und seine Freigebigkeit leicht ersetzen konnte
Es war nötig dass Albrecht durch Hinwegräumung dieser Zweifel sich den Weg
zu dem Herzen seiner Freundin machte wie wollte er im Stande gewesen sein sie
zu bereden auf ihre eigene Sicherheit zu denken so lange sie noch wegen
anderer in Unruhe war
Jetzt wurde diese Materie mit allem Ernst vorgenommen Er zeigte der
Gräfin dass ihre Gefahr nicht so geringe sei als sie meinte Bedenket sagte
er bedenket Walters Worte Alte Klagen werden mit den neuen hervorgesucht
werden Wahrscheinlich wird man euch nicht bloß wegen wie soll ich sagen
wegen eines vorwitzigen Traums in Anspruch nehmen sondern da ehemals eure
Unschuld bloß durch den Eid des Grafen von Württemberg gerettet wurde da dieser
jetzt seiner Würden entsetzt da vielleicht sein Eid auf die Zeit seiner
Entsetzung ungültig gemacht wird und ihr von neuem euren Verfolgern preis
gegeben seid so urteilt was ihr zu tun habt Was kann euch alles
begegnen ehe euer Vater im Stande ist euch zu retten Wisst ihr ob ihr
nicht sowohl verborgenen Nachstellungen wie euer Herrmann ausgesetzt sein ob
ihr nicht vielleicht heimlich und ungewarnt fallen werdet wie er
Der liebreiche Fürst sprach noch lange auf ähnliche Art mit seiner Freundin
und endlich siegte er Sie entschloss sich zu fliehen noch diesen Tag zu
fliehen und jeden Ort zu ihrer Zuflucht zu wählen den er ihr vorschlagen
würde ob sie gleich zu verstehen gab dass sie was das letzte beträf einige
Einfälle hätte welche ihr besser dünkten als alles was er sagen könnte
Albrecht lächelte und fragte wohin ihre Wahl ginge
Sollte ich rief Ida sollte ich nicht verbunden sein meine erhabene
Freundin Sophie jetzt in ihrem gefallenen Glück zu besuchen und ihr zu zeigen
das sie ehemals in vollem Glanz ihrer Hoheit ihre Gnade an keine Unwürdige
verschwendete
Ein Gedanke der eurem Herzen Ehre macht erwiderte der Herzog aber
bedenkt Gräfin dass es Verborgenheit ist was ihr sucht und dass ihr diese an
einem Ort wo der schwelgerische Wenzel lebt nicht finden werdet
Gut fuhr Ida fort so wird denn mein zweiter Vorschlag unverwerflich sein
Das stille Haus zu Prag wo ich erzogen ward wird mir die sicherste Zuflucht
gewähren ich werde meinen ehemaligen Vater meine gute Mutter wieder sehen
werde wieder Ida Münsterinn werde glücklich sein
Und werden euch eure Verfolger nicht am ersten an diesem Orte suchen der
Gedanke dahin zu fliehen wo ihr die seligen Tage eurer Kindheit verlebtet ist
so natürlich dass er jedem so leicht als euch selbst einfallen muss und ihr
seht also wohl
Aber Gott schrie Ida wohin wohin soll ich dann Ist denn in dieser Welt
keine Zuflucht für die verfolgte Unschuld
Hört was ich euch sagen will antwortete der Herzog Ich liebe ein
Fräulein eine gute holdseelige unschuldsvolle Seele mit der ich schon in
meiner Kindheit verbunden ward eine Person die allein mir es möglich macht
mit der reizenden Ida die kalte Sprache der Freundschaft zu reden sie ist König
Siegmunds Tochter sie lebt in einem Kloster tief in den waldigten Gebürgen von
Ungarn zu ihr will ich euch bringen lassen sie wird euch wie eine Schwester
lieben Niemand wird auf den Ort fallen wohin ihr geflohen seid und offenbaret
ihn ein Zufall so schützt euch die Heiligkeit desselben und die Hoheit der
Person zu deren Freundinnen ihr euch zählen werdet O Ida solltet ihr meine
Elisabet kennen ihr würdet sie würdig schätzen eure Freundin eure
Schüzzerinn zu sein Sie ist noch sehr jung aber Unglück hat sie frühzeitig
weise gemacht ist vielleicht nicht ganz so schon wie die Gräfin von
Württemberg aber ihre Seele o Gott ihre große schöne engelreine Seele was
soll ich sagen sie ist die andre Helfte der Eurigen
Herzog Albrecht war sehr bewegt als er dieses sagte er stand plötzlich
auf drückte Idas Hand und verließ sie
Siebentes Kapitel
Ein Gespräch am Sprachgitter
Auch Ida war bewegt Dankbarkeit gegen ihren erhabenen Freund durchglühte ihr
Herz ob gleich etwas in seinem Betragen war welches ihr die Entfernung von ihm
erwünscht machte Die Meinung die sie von ihren Reitzen hatte war zu
bescheiden die Gedanken die sie von fester Ritter und Fürstentreue hegte zu
groß und weitumfassend als dass sie hätte fürchten sollen der verlobte Albrecht
würde seiner Elisabet um Idas willen treulos werden nein dieses war in ihrem
Sinne eine so ausgemachte Unmöglichkeit als dieses dass sie je im Stande sein
könne ihren Herrmann zu vergessen
Aber der gute Engel der der Unschuld immer zur Seite geht flüsterte ihr
doch oft und auch diesesmal ins Ohr Herzog Albrechts Aufmerksamkeit für sie sei
zu heiß zu zärtlich und Flucht sei das beste
Herzog Albrecht kam des Nachmittags wieder Gräfin sagte er ich habe euer
Stillschweigen diesen Morgen für Einwilligung genommen alles ist zu eurer
Abreise fertig sie kann diese Nacht vor sich gehen werdet ihr mir bis dahin
eure Gesellschaft auf einige Stunden gönnen es wird mir schwer von euch zu
scheiden und ich habe euch so viel ach so viel zu sagen das meine Elisabet
durch euch wissen muss Ihr könntet vielleicht das Werkzeug sein sie und mich
glücklicher zu machen als wir hoffen konnten je zu werden uns eine Mutter
wieder zu schenken die wir verloren glaubten und von deren Leben ich erst vor
kurzem durch euren Herrmann einige Winke bekam
Herzog Albrechts Worte waren von einem Innhalt wurden mit einem Tone
gesprochen welcher Aufmerksamkeit erregte Ida verlor nichts von dem was ihr
ihr erhabener Freund in dieser und einigen folgenden Stunden vortrug und wovon
wir vielleicht in der Zukunft mehr hören werden Das Leben der Königin Maria
Siegmunds erster Gemahlin war ihr aus dem was der Ritter von Unna einst von
ungefehr aus dem Munde der damaligen Gräfin von Cyly vernahm nicht unbekannt
aber wo diese unglückliche Fürstin lebte auf welche Art sie aus der Dunkelheit
gezogen und wieder an die Stelle gesetzt werden sollte welche ihr zukam und
die die unwürdige Barbara jetzt behauptete dieses waren Dinge die sie jetzt
erst erfuhr und bei deren Ausführung Herzog Albrecht ihr eine Rolle zudachte
die seiner Meinung von ihr Ehre machte
Ida fand die Anschläge ihres Freundes schwer und weit aussehend aber sie
versprach zu allem die Hand zu bieten was man von ihr fordern würde empfing
einige Zeilen von Herzog Albrechts Hand an die Prinzessin Elisabet und trat
unter seinen Wünschen für ihr Glück und für ihre Sicherheit eine Reise an die
durch die Behutsamkeit mit welcher sie eingericht werden musste und durch die
Hindernisse die sich hier und da ihr entgegensetzen konnten mehr als um die
Hälfte verlängert werden musste
Herrmanns Reise war kürzer und von weniger Gefahren begleitet Die Nacht
die er meistens zu derselben brauchte und eine wohlgewählte Verkleidung
sicherten ihn vor Nachstellungen und er kam in dem Gebiet des alten Grafen von
Unna an ohne ein einiges Abenteuer erfahren zu haben
Der Zweck seiner Reise war ihm zu wichtig ihm war zu viel daran gelegen
bald die Rechte der Menschheit Sicherheit und gefahrlose Ruhe von neuem
genießen mit ofnem Gesicht wieder unter seinen Brüdern wandeln zu können als
dass er seinen Besuch bei dem der wie Herzog Albrecht meinte ihm wieder zu
diesen Glückseligkeiten verhelfen konnte einen Augenblick hätte aufschieben
sollen Er setzte den Widerwillen den man ihm von Kindheit an gegen seinen
ehrwürdigen Verwandten eingeflößt hatte gänzlich bei Seite bemühte sich ein
Zutrauen zu ihm zu fassen und ließ in der ersten Stunde seiner Ankunft beim
alten Grafen um Zutritt für einen Fremden bitten welcher vom Herzog von
Österreich in wichtigen Geschäften zu ihm gesandt sei
Der Graf von Unna war nicht gegenwärtig neue Streitigkeiten zwischen den
Grafen von Tekeneburg und dem Bischoffe von Münster bei welchen er zum
Schiedsrichter erfordert worden war hatten ihn schon etliche Wochen von seiner
Residenz abwesend gehalten und Herrmann ward zur Geduld verwiesen
Herrmann bekam Muse über seine seltsame Lage nachzudenken er befand sich in
seinem Vaterlande sah tausend Orte um sich her die er als Knabe gekannt
wenigstens oft ihre Namen gehört hatte und die ihn jetzt als einen zufluchtlosen
Fremdling sahen Er befand sich hier einen Mann zu suchen ihn um Hilfe
anzuflehen gegen welchen er mit Vorurteilen eingenommen war die er nicht ganz
zu überwinden vermochte und rund um ihn her wohnten seine Schwestern und
Brüder die ihn erzogen hatten mit denen er aufgewachsen war und denen er sich
jetzt nicht vertrauen durfte
Meine Leser erinnern sich vielleicht dass Herrmann in seinem zwölften oder
dreizehnten Jahre dem Kloster entfloh um Kaiser Wenzels Edelknabe zu werden
ein Schritt der seinen Verwandten welche meistens aus geistlichen Herrn und
Frauen bestanden nicht gefallen konnte und der alles Einverständnis zwischen
ihnen und dem entflohenen Knaben aufhob
Herrmann fand sich in seinem nachmaligen Stande zu glücklich ward in der
Folge in zu mancherlei Begebenheiten verwickelt als dass er sich viel um seine
strengen Zuchtmeister hätte bekümmern sollen Die Klosterjungfern zu Überwasser
seine Schwestern Agnes und Petronelle gutherzige Gespielinnen seiner
Kindheit und von ihm herzlich beklagte Schlachtopfer des Privatnutzens ihrer
älteren Geschwister waren die einigen mit denen er die ganze Zeit über eine
Art von Einverständnis unterhalten hatte
Die Briefschreiberkunst war damals noch nicht in sonderlichem Flor und
niemand verstand sich weniger darauf als die Rittersleute es ist daher wohl zu
glauben dass Herrmann keine weitläuftige Korrespondenz mit seinen Schwestern
geführt haben wird doch meldet die Geschichte dass nicht leicht etwas wichtiges
in dem Leben des Jünglings vorfiel das er nicht den Nonnen zu Überwasser durch
Botschaft oder Schrift kürzlich gemeldet kein Glück es mochte auch noch so
klein sein ihm zustiess das er nicht mit Agnes und Petronellen geteilt haben
sollte
Ob die Klosterjungfern allemal klug genug waren mit der Vertraulichkeit
ihres Bruders behutsam umzugehen das will ich nicht entscheiden Die Freude
auch in der Ferne noch von ihm geliebt allen seinen andern Verwandten
vorgezogen zu werden machten sie oft geschwätzig und so geschah es dass seine
älteren Geschwister von den wichtigsten Begebenheiten seines Lebens unterrichtet
waren und dass er einige merkwürdige Sendschreiben in seinem Archiv aufzuweisen
hatte welche bald sein Bruder der Domherr zu Münster bald seine Schwester die
Aebtissinn zu Marienhagen an ihn abgelassen hatten um ihn von dem Urteil zu
benachrichtigen das sie in ihrer weiten Entfernung von den Dingen fällten die
in einer Welt vorgingen welche sie nicht kannten
Die Ermahnungen mit welchen diese Briefe angefüllt waren hatten nie
sonderlichen Beifall bei dem feurigen Jünglinge gefunden und er war immer so
unartig gewesen sie unbeantwortet zu lassen daher er sich vorstellen konnte
dass jetzt alle Überreste ehemaliger Liebe in den Herzen seiner älteren
Geschwister erstorben sein und der Hass und Groll zu welchen er durch seine
Flucht an Kaiser Wenzels Hof den ersten Grund legte hoch empor gewachsen sein
würde
Auch waren sie keinesweges die Personen nach welchen er sich jetzt sehnte
oder die er bei seiner Anwesenheit in seinem Vaterlande zu sehen wünschte ein
jüngerer Bruder ehemals so wie er zum Klosterleben bestimmt und seine
Schwestern Agnes und Petronelle waren die einigen nach welchen er sich jetzt
in der Zeit der Einsamkeit und der Erwartung des alten Grafen von Unna zuweilen
zu sehnen pflegte Er zog Erkundigung nach diesen dreien ein und erfuhr dass
Bruder Johann dem Kloster entkommen sei und sich eine Stelle unter den
deutschen Ordensrittern errungen habe indessen die Nonnen zu Überwasser noch
immer in ihrem Kloster lebten
Die Reise nach diesem Kloster war beschlossen Die Ankunft des Grafen von
Unna verzog sich zu lange Herrmann war zu gewohnt wenigstens eine
freundschaftliche Seele zu haben der er sich mitteilen konnte als dass er es
länger zu Unna wo er unter lauter Fremden lebte hätte aushalten können
Herrmann erhielt Zutritt am Sprachgitter Agnes und Petronelle waren
gegenwärtig aber sie waren nicht allein Das Herz ihres Bruders wallte ihnen
entgegen aber die Anwesenheit einer Dritten machte dass er die Nennung seines
Namens und die Ergiessungen dieses brüderlichen Herzens bis auf die Einsamkeit
versparte
Die Fremde eine Person mit einem wenig versprechenden doch Herrmann sehr
bekannten Gesicht verwandte kein Auge von ihm und schien über der Bemühung
aus seinen Zügen seinen Namen zu erraten die Unterhaltung mit den Nonnen
welche sie zu besuchen gekommen war ganz zu vergessen
Auch Herrmann schwieg und arbeitete unter der peinlichsten Beklemmung
Ich bin hier überlei sagte die Dame endlich zu den Nonnen indem sie
aufstand ohne Zweifel ist dieser Ritter nicht gekommen euch bloß anzusehen
oder sind seine Blicke von der Art dass ihr sie auch ohne Sprache erklären
könnt
Wir kennen ihn nicht erwiderte Petronelle Ob wir gleich fuhr Agnes fort
gewiss alle beide etwas in seinen Zügen finden
Das euch unendlich gefällt setzte die Dame mit einem höhnischen Blicke
hinzu Nun wahrhaftig ein sehr offenherziges Geständnis für ein paar geistliche
Frauen
Ich rufe euch zum Zeugen Ritter rief Agnes mit Unwillen ob ihr uns bekannt
seid
Die Fräuleins von Unna kennen mich also nicht haben keine Mutmaßung
fragte Herrmann in einem zärtlichen Tone
Nun fort fort Kinder sagte die Dame welche Herrmannen immer bekannter
dünkte und mit jedem Augenblicke weniger gefiel Mutmaßungen müsst ihr haben
der Ritter gesteht dies ja selbst
O wenn Mutmaßungen wenn Ahndungen hier etwas gälten rief Petronelle Wir
hörten so lange nichts von unserm Bruder Herrmann solltet ihr vielleicht uns
Botschaft
Von eurem Bruder schrie die Dame in einem zornigen Tone seid ihr die
einigen Schwestern des kleinen Herrmanns Zwar eure andern Geschwister könnten
euch vielleicht diese Ehre gern allein gönnen
Und wer ist dieser kleine Herrmann fragte der Ritter mit einem unwilligen
Blicke auf die Sprecherinn
O verzeihet ihr rief die sanfte Agnes man pflegt oftmahls Personen klein
zu nennen welche man als Kinder kannte Mich dünkt ihr seid unsers Herrmanns
Freund ihr müsst ihr ihre Worte nicht übel deuten sie ist
Keine Entschuldigungen Fräulein schrie die Dame ich werde mich nie zu
Entschuldigungen weder gegen Herrmann noch gegen seinen Freund herablassen
mich dünkt er ist es welcher Entschuldigungen bedarf Sein ärgerlicher
Übergang von Gott zur Welt die gänzliche Vernachlässigung seiner Geschwister
die seine Wohltäter waren ist noch nicht vergessen sein bisheriger
Lebenswandel ist nicht so beschaffen Vergessenheit und Vergebung zu erwarten
Katarine rief Petronelle mit bittendem Blick was tat euch Herrmann ihn
so vor einem Fremden zu beschimpfen
Vor einem Fremden fragte Katarine ihr meint ja selbst dass er ein Freund
ein Bote Eures Bruders sei Doch er sei es oder nicht die ganze Welt weiß ja
die anstössigen Geschichten mit der Münsterinn die plötzlich Gott weis wie zu
Gräfin ward seinen Anteil an Herzog Friedrichs Ermordung und all die Dinge
die ihn in die heimliche Acht brachten und das Herz seiner Verwandten auf ewig
vor ihm verschlossen
Katarine war aufgestanden und verlies den Sprachsaal mit Ungestüm indes
Herrmann mit in einandergeschlagenen Armen da stand und ihr voll Entsetzen
nachsah Ich bitte euch Fräuleins rief er nach einer langen Pause wer war
diese Furie
Unsere Schwester Katarine von Senden schluchzte die weinende Petronelle
Eure Schwester rief Herrmann Gott eure Schwester und also auch die
Meinige Nein nein sie ists nicht
Wer bist du fragte Agnes welche dem Gitter näher trat und Herrmann
schärfer ins Auge fasste
O Herrmann Herrmann schrie Petronelle mit ausgebreiteten Armen Ja du
bists mein weissagendes Herz hat mich nicht betrogen
Bruder Engel Tröster in unserer Trübsal schluchzte Agnes o könnte ich
dich in meine Arme schließen
Herrmann den die Freude über das Entzücken mit dem er hier aufgenommen
wurde stumm machte näherte seinen Mund dem Gitter um die Küsse seiner
Schwestern aufzufangen und doch wer vermag es zu schildern wie liebende
Geschwister sich empfangen wie Engel Engel begrüßen
Die Freude der glücklichen Dreie war jetzt ruhiger geworden und Herrmann
kam auf das zurück was ein Stachel in seinem Herzen war dass jenes Weib das so
wütend einen Abwesenden schmähen ungereizt einen Unschuldigen beschimpfen
konnte seine Schwester sein sollte und die Nonnen mussten es ihm auf zehnfache
Art beweisen und versichern ehe er es ganz zu glauben vermochte
Gott rief er wenn all die Übrigen dieser gleichen so segne ich meinen
Entschluss mich niemand als euch zu offenbaren
Urteile nicht zu frühzeitig rief die sanfte Agnes Katarina ist
unglücklich das Unglück macht oft ungerecht gegen Unschuldige Gern
verschmerzen wir die Beleidigungen die wir von ihr erdulden müssen weil wir
sie beklagen
Ein Teil von Herrmanns Unwillen legte sich als er hörte dass seine
Beleidigerinn unglücklich sei er fragte weiter und Petronelle berichtete ihn
dass Katarina eben die Begegnung von der Aebtissinn zu Marienhagen und den
übrigen der Familie erdulden müsse damit sie andere zu quälen pflege Du weißt
sagte sie Katarina war so wie wir zum Kloster bestimmt sie zog eine
unglückliche Verheiratung dem geistlichen Leben vor und leidet nun durch
Armut durch Vernachlässigung ihres Mannes und durch die Vorwürfe ihrer älteren
Geschwister vornehmlich unserer Schwester der Aebtissinn Katarine ist eine
Mutter vieler Kinder ihre einige Hoffnung besteht auf der Gnade unsers älteren
Bruders welcher ohne Kinder lebt Sie beneidet alles was sich ihm naht und
sie würde vielleicht jetzt ihre böse Gesinnungen nicht auf so eine fürchterliche
Art geäußert haben wenn ihr Unwille nicht kurz vorher ehe du erschienst
durch ein Gespräch von dir wär erregt worden
Von mir fragte Herrmann
Ja antwortete sie Du hast die schrecklichen Dinge gehört die sie von dir
sagte Gott sollte es wahr sein dass du dich in der heimlichen Acht befändest
Gute Seele rief Herrmann bekümmere dich nicht und ob es so wär Gott ist
Schützer und Retter der Unschuld
Die Klosterjungfern weinten und Herrmanns Tröstungen konnten sie mit Mühe
endlich so weit beruhigen dass die Erzählung fortgesetzt wurde
Stelle dir unser Entsetzen vor fuhr Petronelle fort als wir aus Katarinens
Munde diese schrecklichen Dinge vernahmen Agnes äußerte den Wunsch dem ich mit
Inbrunst beistimmte du möchtest in dein Vaterland fliehen wo du vielleicht
Hilfe wenigstens Unterstützung zur weitern Flucht bei unserm Bruder Bernhard
finden würdest Er muss arm sein schrie sie auch wir sind arm wo soll er Hilfe
suchen wenn ihm das Haupt seiner Familie sein Bruder der ihm Vater sein
sollte dieselbe versagt Dieses waren die Worte welche Katarinen die alles
was Bernhard besitzt für das Erbe ihrer Kinder hält in die Wut versetzten
welche sie hernach auf die kleinste Veranlassung erneuerte
Herrmann sah seine Schwestern mit einem Blicke an der alles ausdrücken
sollte wovon sein Herz voll war die innigste Liebe gegen die guten Seelen die
er vor sich hatte und den tiefsten Kummer dass er ihnen nicht so lohnen konnte
wie er wünschte
Der traurige Zug in seinem Gesicht ward falsch verstanden Gräme dich nicht
mein Herrmann rief Agnes und streckte ihre Hund wehmutsvoll nach ihm aus wir
sind nicht so arm als wir sagten alle deine Geschenke sind noch in unserer
Hand und sie sind wie du weißt ansehnlich genug dich auf deiner Flucht zu
unterstützen aber Gott wohin wohin Petronelle du bist ja immer so reich an
Einfällen rate hilf ersinne Hier ist keine Zeit zu sparen
Achtes Kapitel
Herrmann hatte Mühe seine bekümmerten Schwestern zu beruhigen nichts als die
umständliche Erzählung seiner Begebenheiten konnte dieses endlich bewürken sie
sahen aus denselben dass wenigstens wie Herrmann meinte die Gefahr noch nicht
so nahe sei als man hier glaubte dass es ihm nicht an Mitteln zu seiner
Sicherheit und Erhaltung fehle und dass Verschwiegenheit das einige sei was er
zu wünschen habe
Die Gespräche der drei Geschwister waren zu wichtig zu interessant für ihre
Herzen um bald geendigt zu werden Zum Glück war die Regel des Klosters nicht
allzustreng oder die Fräuleins waren beliebt genug unter der Schwesterschaft
um Nachsicht zu erhalten genug das Gespräch ward durch nichts gestört als nach
einigen Stunden durch die Erscheinung der Aebtissinn von Marienhagen welche
kam ihre Schwestern zu besuchen und sich so wie die Frau von Senden über das
ausbrechende Gerücht von Herrmanns Unglücke mit ihnen zu bereden
Sie traf Herrmann noch am Sprachgitter und erkannte ihn sogleich so wie
auch sie augenblicklich von ihm erkannt wurde Man sagt dass die geistlichen
Frauen einen schärfern Blick und ein besseres Gedächtnis als die weltlichen
haben Es war dem Ritter unmöglich sich vor ihr zu verbergen auch hielt er es
seiner unwürdig und für die heilige Frau beschimpfend dieses zu tun Sollte er
Misstrauen gegen eine Schwester äußern von ihr verraten zu werden fürchten
oder derjenigen die man ihn als er noch ein Kind war wie eine Mutter verehren
lehrte die schuldige Achtung versagen
Ursula umarmte ihn Ihr Kuss war kalt aber doch immer noch besser als das
Betragen der Frau von Senden das Herrmann noch nicht genug verschmerzt hatte
um keinen Unwillen gegen die Aebtissinn darüber zu äußern Ursula schimpfte auf
Katarinen und machte denn einen zierlichen Übergang ihrem Bruder in frommen
Ausdrücken ungefähr das nämliche zu sagen was jene vorher mit Hohn und
Scheltworten getan hatte
Im Grunde sah er dass das Herz der einen so kalt gegen ihn war wie der
andern doch flößte ihm das anständigere Betragen der Aebtissinn mehr Achtung
ein als die Wut der Frau von Senden er überwand sich ihr seine Geschichte zu
erzählen wie sie war und dadurch den bösen Verdacht in welchem er hier
gehalten wurde weil er unglücklich war gründlich zu vernichten
Ursula zuckte die Achseln und wünschte es möchte alles so sein wie der
Ritter sagte und er möchte lieber sein Vaterland wenn es so mit ihm stünde
nie wieder betreten haben da man ihn hier doch nicht zu schützen wisse und
Beförderung seiner Flucht das einige sei was man für ihn tun könne
Herrmann schwieg und geriet in tiefes Nachdenken über die unnatürlichen
Gesinnungen die er hier bei seinen Geschwistern fand indessen Petronelle auf
Befehl ihrer Schwester der Aebtissinn Katarinens Gespräch umständlich erzählen
musste und dadurch die heilige Frau in großen Zorn jagte
Ich merke ihr Absehen schrie Ursula sie wird so bald sie Herrmanns
Anwesenheit erfährt den Herrn von Unna so ward Bernhard allemahl ehrerbietig
von seinen Geschwistern genennt abzuhalten suchen dass er ihn nicht spreche
damit er nicht verleitet werde etwas für ihn zu tun aber es soll ihr nicht
gelingen und ungeachtet ich im Grunde das Gegenteil für besser hielt so muss
Herrmann nun einige Tage hier bleiben muss sich allen seinen Geschwistern
zeigen denn im Grunde hat er eben das Recht auf die Hilfe seines Bruders als
die ungeratene Schwester diese Katarine
Herrmann schauderte zurück über die Feindseeligkeit die Ursula mitten in
der Äußerung wohlwollender Gesinnungen zeigte und versicherte dass er nicht
hieher gekommen sei Hilfe zu suchen nicht sich Tage lang hier aufzuhalten und
dadurch die Zeit zu seiner nötigen Flucht zu verlieren oder mit seiner
Erscheinung jemand zu kränken Die Ursach seiner Reise in sein Vaterland sei der
Rat des Herzogs von Österreich welcher ihm Hoffnung gemacht habe der alte
Graf von Unna würde als Oberrichter der Freigerichte in diesen Gegenden
vielleicht etwas zu Untersuchung seiner Sache und zum Beweis seiner Unschuld
tun können
Der Name des alten Grafen von Unna war ein elektrischer Schlag für die
Aebtissinn von Marienhagen Sie schwur sie würde es nimmermehr zugeben dass ihr
Bruder den sie erzogen den sie immer wie einen Sohn geliebt habe Schutz bei
dem Feinde ihres Hauses suchte Alle alte Händel die Herrmann schon als Knabe
bis zum Überdruss hatte hören müssen kamen wieder zum Vorschein wie der alte
Graf die Herrn von Unna wegen der würtembergischen Händel heimlich und
öffentlich verfolgt ihre Güter eingezogen die meisten von ihnen und auch sie
genötigt hätte aus Mangel an Mitteln ihren Stand zu behaupten das geistliche
Leben zu wählen wie er noch bis diese Stunde sie hasste und verachtete und fest
entschlossen wär da er ohne Kinder lebte den Namen und die Güter der Grafen
von Unna eher an ein fremdes Haus zu bringen ehe dem Kayser zufallen zu
lassen als sie ihnen zu gönnen
Herrmann ward übertäubt ward mit seinen Einwendungen nicht gehört er musste
endlich schweigen und versprechen vor der Hand zu bleiben und sich des andern
Tages durch sie seinem älteren Bruder Bernhard von Unna der seinen Sitz zu
Plettenburg hatte vorstellen zu lassen
Es ward späte Herrmann musste die geliebten Schwestern und die ungeliebte
verlassen Ursula schloss ihn beim Abschied zärtlicher in die Arme als anfangs
die Begierde andere zu kränken hatte ihr Herz gegen ihn erweicht und sie ging
in ihrer Milde so weit dass sie durch ihr Ansehen die Öffnung des Sprachgitters
bewürkte damit auch Agnes und Petronelle den geliebten Bruder umarmen konnten
Neuntes Kapitel
Einige Familiengemälde aus dem Hause Unna
Wie musste Herrmann dessen Herz sich an den Umgang mit dem edlen Herzog von
Österreich an die liebenswürdige Ida an den redlichen Münster gewöhnt hatte
wie musste ihm zu Mute sein hier unter seinen Geschwistern Gesinnungen zu
finden wie sie ihm fast noch nie vorgekommen waren Es ist wahr er hatte
schreckliche Charaktere kennen gelernt hatte Kunzmann und die Gräfin von Cyly
handeln sehen und sich mit Entsetzen von ihnen zurückgewandt Hier fand er noch
bei weitem nicht jenen hohen Grad von Ruchlosigkeit aber die Gesinnungen dieser
niedrigen gemeinen Seelen flössten ihm eine ganz eigene Empfindung ein einen
Eckel eine Verachtung deren schmerzhaftes Gefühl er nur durch einen Blick auf
die liebenswürdigen Nonnen zu Überwasser lindern konnte sie waren der einige
Ruhepunkt bei welchem er gern verweilte und mehr der Wunsch sie noch einmal
zu sehen als das Versprechen das er der Aebtissinn zu Marienhagen gegeben
hatte bewog ihn zu bleiben und sich seinen andern Geschwistern vorstellen zu
lassen Er zitterte noch mehr hässliche Originale in seiner Familie zu finden
und zuletzt an seiner eigenen Herzensgüte zu zweifeln da der Stamm aus dem er
entsprossen war so wenig taugte
Der Tag vor welchem ihn graute brach an Er eilte nach Marienhagen wo er
versprochen hatte sich einzufinden und seine Schwester die Aebtissinn
abzuholen Er fand daselbst die ganze Versammlung seiner Geschwister bis auf
den großen Mann welchem er vorgestellt werden sollte Agnes und Petronelle
flogen ihm mit schwesterlicher Zärtlichkeit entgegen Der phlegmatische Domherr
von Münster schüttelte ihm kalterzig die Hand und die Frau von Senden sollte
ihm auf Befehl der heiligen Ursula eine Entschuldigung ihres Vergehens stammeln
Herrmann hatte ihr längst verziehen und es bereut dass er einen Augenblick auf
die Unglückliche gezürnt hatte Die tiefe Demütigung auf ihrem Gesicht
beschämte ihn er schloss sie in seine Arme und nannte sie Schwester
Neben ihr stand Ulrich von Senden ihr Gemahl eine Figur wie sie die Natur
nur selten bildet das höchste Ideal männlicher Schönheit mit dem Abdruck einer
eben so schönen Seele in seinen sprechenden Zügen er grüßte den neuen
Ankömmling mit Würde und Herrmann der wie Jünglinge pflegen sich leicht von
körperlichen Reizen zu Liebe und Freundschaft hinreißen ließ drückte ihn mit
Wärme an seine Brust
Was ist das sagte Herrmann zu sich selbst ein solches Gesicht in diesem
Zirkel von Altagsmenschen ein solcher Mann der Gemahl meiner Schwester
KatarineEr wandte sich zu den beiden Klosterfräuleins um Auskunft über seine
Zweifel zu erhalten sie lächelten und sagten er möchte sich bereiten heute
noch eine Person in seiner Familie kennen zu lernen welche seine Erwartung
übertreffen würde
Der Zug nach Plettenburg ging vor sich der Herr von Senden schien sich so
ungern wie Herrmann an denselben anzuschließen er hatte einen ernsten
Wortwechsel mit der Äbtissin über die Feierlichkeit desselben und gab Winke
dass sich dieselbe nicht zu der Lage des neuen Ankömmlings schicke doch von
diesen Dingen durfte jetzt seit es der heiligen Ursula beliebte ihrem Bruder
gnädig zu sein nicht laut gesprochen werden und das Gerücht von Herrmanns
Unglück das zuvor niemand unvorsichtiger ausgesprengt hatte als sie und die von
ihr so sehr gehasste und ihr doch so ähnliche Katarine sollte jetzt da sie
gebot nun sogleich unterdrückt aus jedem Gedächtnis verlöscht sein
Herrmann hatte die Höfe der größten Fürsten seiner Zeit gesehen war der
Diener eines Kaysers und eines Königs von Ungarn gewesen hatte sich zu Nürnberg
oft in einem ganzen Zirkel von Männern befunden welche alle es wagen durften
die Hand nach der höchsten Krone der Welt auszustrecken aber nirgend hatte er
das Gepränge und den prahlenden Anschein von Größe getroffen als hier auf dem
Schloss eines gemeinen Edelmanns
Bernd bei welchem der Jüngling jetzt eingeführt wurde musste glauben die
Ehre das Haupt der jüngeren Linie des Hauses von Unna zu sein sei der Gipfel
menschlicher Hoheit wie hätte er sonst diesen lächerlichen Pomp bei sich
einführen sich so von seinen Dienern und Verwandten huldigen lassen und auf
alles was ihn umgab so stolz herablächeln können
Der Hof zu Plettenburg wie man hier Bernhards Hauswesen zu nennen pflegte
war in der Tat für einen Herrn von Unna glänzend genug aber diese
Herrlichkeiten welche Herrmannen der die Welt gesehen hatte nicht blenden
konnten trugen in dem Auge des Verständigen ein trauriges Gepräg dieser
Schimmer entsprang von der Aussteuer unglücklicher Schwestern von der Habe
unglücklicher Brüder die sich selbst aufopferten oder aufgeopfert wurden um
das angebetete Haupt ihres Hauses wie einen kleinen Fürsten leben zu lassen
So widrig als Herrmannen das Aeusserliche des Hauses war das er jetzt
betrat so sehr misfiel ihn der Wirt desselben ungeachtet er sein Bruder war
auch er schien keine sonderliche Gnade vor Bernden zu finden er hätte sich
tiefer vor ihm beugen müssen wie vor Kayser Wenzeln und König Siegmunden wenn
er nicht hätte wider den hier eingeführten Wohlstand sündigen wollen er tat es
nicht begegnete Bernharden bloß mit der Achtung die er einem älteren Bruder
schuldig zu sein glaubte und wurde mit Unwillen angesehen
Herrmann wandte seine Augen bald von dem stolzen Edelmanne hinweg nach einer
jungen Dame welche an seiner Seite saß und die als die Aebtissinn ihr
Herrmanns Namen nannte sich mit unwiderstehlicher Anmut erhob ihn
schwesterlich zu grüßen Sie war die Gemahlin Bernhards die Herrmann nicht
kennen konnte weil sie erst nach seiner Flucht aus seinem Vaterlande in das
Haus von Unna gekommen war
Herrmann blickte sie voll Bewunderung an nie hatte er nach seiner Ida eine
hinreissendere Schönheit gesehen als Alizen oder wie sie hier die verderbte
Mundart nannte Aleken von Langen Und diese Holdseligkeit diese Milde die in
allen ihren Gesichtszügen in ihrem ganzen Betragen lag und die mit der
Aufgeblasenheit ihres Mannes so sonderbar kontrastirte dieser schwermütige Zug
um die Augen diese rührende Blässe die ihr schönes Gesicht übergoss und es laut
sagte dass sie nicht glücklich sei was für Zusätze ihren Anblick
unwiderstehlich zu machen
Aleke ergriff die Hand des bestürzten Herrmanns und nannte ihn zum
zweitenmahl Bruder tat es mit einem Tone der das Herz des Jünglings mit einem
unnennbaren Gefühl ergriff und ihn zu ihren Füßen stürzte
Bernhard sah dieses Opfer das er mehr auf die Rechnung der Frau von Unna
als der schönen Alize schrieb mit Beifall Er fing an zu glauben Herrmann sei
noch nicht ganz für die Eitelkeit seines Volks vernachlässigt und bot ihm mit
ziemlich guter Art die Hand ihn aufzurichten Herrmann küsste die Hand seiner
reizenden Schwägerinn nahm Platz auf dem Sessel den ihm Bernd herablassend
darbot und ward mit einigen Fragen beehrt die er gut genug beantwortete um
nicht von neuem den Stolz seines Bruders zu beleidigen
Bald darauf geriet der erhabene Herr von Unna in ein Gespräch mit seiner
Schwester der Aebtissinn und Alize winkte die Klosterjungfern von Überwasser
ihre Busenfreundinnen herbei um sie in das Gespräch mit Herrmann zu ziehen
Nun Bruder fragte die lächelnde Petronelle ist unsere Weissagung
eingetroffen
O rief Herrmann ich bin überrascht entzückt glaube Ida zu sehen und
nenne mich glücklich so eine Schwester zu haben
Alize hatte eine verbindliche Antwort auf der Zunge aber ein Blick den sie
auf Ulrichen von Senden warf der ihr gegen über an eine Seule gelehnt dastand
und sich ganz in ihrem Anschauen zu verlieren schien machte dass sie verstummte
und mit glühender Röte übergossen ward
Herrmann war zu sehr mit andern Dingen beschäftigt um dieses zu bemerken
aber er brauchte nur einen Tag in dem Hause seines Bruders zu sein um ähnliche
Erscheinungen zu sehen die es ihm bewiesen dass er die Geschichte seines Hauses
bei weitem noch nicht ganz kannte
Ulrich von Senden war der Mann den er sich unter allen am wenigsten
enträtseln konnte Seine Gestalt seine Miene nahm unwiderstehlich für ihn ein
und sein Betragen wenigstens gegen Herrmannen war zurückstossend er war rau
und kalt wenn er mit ihm und sein zärtlicher Freund sein warmer Lobredner
wenn er von ihm sprach alle Bemühungen des jungen Ritters ihm das was er für
ihn zu fühlen begunte mitzuteilen ihn in einen freundschaftlichen Umgang zu
ziehen waren vergebens er schien alle Gelegenheit zum einsamen Gespräch mit
ihm zu fliehen und lächelte ihm nur dann mit einiger Ruhe und Heiterkeit wenn
er ihn im Kreise aller Anwesenden sah Eben so seltsam war sein Betragen gegen
die Frau von Unna musste er mit ihr sprechen so war sein Ton kalt beinahe
verächtlich und doch hing sein Auge mit unersättlichen Blicken an ihr so bald
er nicht bemerkt zu werden glaubte er floh ihren Umgang geflissentlich und
konnte sich doch nicht entbrechen nach jeder Bewegung die sie machte
hinzuschauen nach jedem ihrer Worte sein Ohr zu neigen
Dass dieser sonderbare Mann seiner Frau wenig freundliche Blicke verlieh kam
Herrmannen nun eben so außerordentlich nicht vor viel außerordentlicher dünkte
es ihm wie diese Frau diese Katarine überhaupt Ulrichs Gemahlin werden
konnte Der Jüngling nahm bei seinen Zweifeln oft seine Zuflucht zu seinen
Schwestern den Nonnen aber diese zuckten die Achseln und versicherten dass sie
selbst noch lang nicht genug von diesen Dingen unterrichtet wären um einem
Andern Aufklärung hierinn zu geben
Die Frau von Unna schien eine besondere Vorliebe für ihren neuen Bruder
gefasst zu haben er und seine Schwestern Agnes und Petronelle waren ihre
Lieblingsgesellschaft Nie zog sie ihn mit mehrerm Eifer an sich als wenn sie
bemerkte dass er wieder einen Anfall auf Ulrichs Herz tat und dass dieser fast
nicht mehr wusste wie er seine angenommene Kälte gegen ihn behaupten sollte Was
habt ihr doch endlich sagte sie eines mahls zu ihm an diesen sonderbaren
Menschen ich bitte euch versprecht mir euch nie in besondere Vertraulichkeit
mit ihm einzulassen er ist ehrlich genug euch von sich zurück zu schrecken und
ich denke er wird dazu seine Ursachen haben Herrmann ergriff diese Gelegenheit
einige Fragen über Ulrichen an Alizen zu tun aber sie beantwortete sie nicht
und suchte mit einem Erröten das Gespräch auf andere Dinge zu bringen
Zehntes Kapitel
Herrmann weis nicht woran er ist
Der Aufenthalt der Geschwister von Unna in dem Hause ihres ältesten Bruders
dauerte einige Tage Bernhard schien nach und nach Geschmack an Herrmannen zu
finden Der junge Mensch wusste so viel von Königen Kaisern Herzogen und
Fürsten zu erzählen dass der stolze Herr von Unna begunnte Ehrfurcht vor ihm zu
haben und es ihm weniger hoch anrechnete dass er sich nicht tief genug vor ihm
demütigte auch schmeichelte ihm die Achtung mit welcher der schönen Aleke von
ihm begegnet ward und die die größte Fürstin nicht in höherm Grade hätte von
ihm verlangen können
Die Aebtissinn von Marienhagen und die Fräuleins von Überwasser hatten
jetzt nach ihren Klöstern zurückkehren müssen Auch der träge Domherr von
Münster hatte das Schloss verlassen und niemand von Bernhards Gästen war mehr
vorhanden als Herrmann und die Familie von Senden
Katarine nützte die Abwesenheit der Aebtissinn ihrer feindseeligen
Schwester sich ihrem beleidigten Bruder in einem vorteilbaftern Lichte zu
zeigen sie sah dass seine Absichten auf Bernhards Gunst nicht eigennützig
waren einige ansehnliche Geschenke die er ihren Kindern gemacht hatte
bewiesen dass er weder Unterstützung suche noch bedürfe und dieses war
hinlänglich ihr Reue einzuflößen dass sie einem solchen Bruder unwürdig begegnen
konnte Sie rang um Herrmanns Gunst und gab vor sie könne nicht ehe von seiner
Aussöhnung überzeugt sein bis er ihr versprach sie nach ihrem Schloss zu
begleiten und ihr daselbst Gelegenheit zu geben das Vergangene zu vergüten
Herrmanns Sinn stand nach nichts so sehr als nach der Audienz bei dem alten
Grafen von Unna von welchem er eben Botschaft erhalten hatte dass er auf seiner
Residenz angelangt sei Ihn zu sprechen war eigentlich das einzige Geschäft
was er hier hatte der Besuch bei seinen Geschwistern war bloß Nebensache war
fast bloßer Zufall und leider war er durch denselben schon mehr verstrickt
worden hatte sich mehr Zeit durch ihn rauben lassen als für seine Lage
vorteilhaft war Ohne Zweifel wär also die Bitte der Frau von Senden welcher
ihr Mann mit keinem Worte beitrat abgeschlagen worden wenn Herrmann sich nicht
gescheut hätte das Ansehen einer Empfindlichkeit über ehemalige Beleidigungen in
den Augen seiner Schwester zu haben Er willigte also ein und stürzte die
Frau von Unna welche dabei stand dadurch in eine Ungeduld die sie kaum zu
bergen wusste
Sie sind alle meine Bitten euch in keine Gemeinschaft mit Ulrich von Senden
einzulassen vergeblich rief sie als sie mit ihm allein war
Ich besuche nicht ihn sondern meine Schwester
Und werdet ihr es verhüten können wenn ihr euch auf seinem Schloss
befindet dass ein vertrauter Umgang unter euch Platz nehme
Und wär die Vertraulichkeit so eines edelen Mannes nicht Glück für mich
Ich sage euch ihr dürft es nicht wagen eine Stunde mit ihm allein zu sein
es ist euer Unglück
Ich bin irre an euch Frau von Unna Wollt ihr mir nachteilige Winke wegen
Ulrichs Redlichkeit geben
Das will ich nicht Ulrich mag wohl redlich sein aber ich kann mich nicht
hierüber erklären ich weis nicht genug mich dünkt ihr tut in eurer Lage
am besten ihr geht zu eurem alten Verwandten den Grafen von Unna richtet bei
ihm aus was ihr zu tun habt und entfernt euch dann so schnell als möglich
Zum Grafen von Unna will ich ziehen aber erst meine Schwester besuchen Es
ist hart da sie hier so durchgängig gehasst wird dass auch ich ihr übel begegnen
soll
Ich hasse Katarinen nicht ich beklage sie und schiebe viele ihren Fehler
auf ihre traurige Lage
Und doch gebt ihr mir zu verstehen ich habe Ursach von ihr irgend etwas zu
befürchten das mich abhalten soll in ihr Haus zu kommen
Nicht von ihr bei Gott nicht von ihr Ich halte sie nicht für boshaft genug
euch heimlich zu schaden Aber Ulrich von Senden Ulrich von Senden
Der edle trefliche Mann Er in seiner Art das was Alize in der ihrigen ist
Er kann gut kann edel sein und doch Kannte ich ihn nicht länger als
ihr
Ja Alize ihr müsst ihn gekannt haben ich habe diese Tage über seine und
eure Blicke belauscht habe Spuren entdeckt die mich begierig machen mehr zu
wissen Alize holde offenherzige Alize Schwester Freundin wollt ihr euch
mir nicht entdecken vielleicht könnte mein Rat euch nützlich sein vielleicht
könnte die Erfüllung meiner Bitte wenigstens so viel fruchten dass ich mir eure
wahre Meinung von Ulrichen von Senden besser zu erklären wüsste und euren
Warnungen widerspräch oder ihnen folgte nachdem es meine Überzeugung
verstattete Werdet ihr meiner Bitte statt geben Werdet ihr mir gewisse Dinge
deutlich machen die
Dieses hieß Alizen auf ihrer schwächsten Seite angreifen Sie brach in einen
Strom von Tränen aus machte sich von Herrmanns Händen welche die ihrigen
gefasst hielten los und beteuerte sie wollte nie wieder mit ihm über diesen
Punkt sprechen Er sei gewarnt und möge hinfort tun und lassen was er wolle
ohne durch sie gestört zu werden
Elftes Kapitel
Katarine ist Alekens und Ulrichs Ehrenretterin
Die Frau von Unna schien ernstlich über Herrmanns Zudringlichkeit erzürnt zu
sein sie enthielt sich diesen Tag den letzten seines Aufenthalts zu
Plettenburg das kleinste Wort mit ihm zu wechseln doch hatte sie darum wie es
am Tage lag ihre Absicht ihn und Ulrichen zu trennen nicht aufgegeben
Herrmann blieb entschlossen seine Schwester Katarine nach ihrem Schloss zu
begleiten und Ulrich von Senden ward in dem nämlichen Augenblick da dieses
öffentlich kund gemacht wurde eingeladen noch einige Tage nach Abreise der
andern zu Plettenburg zu bleiben
Ulrichs Gesicht hatte sich bei Herrmanns Erklärung dass er sein Gast auf
seinem Schloss sein wolle mit einer Todenblässe überzogen und schnell kamen
bei der Einladung die er von Bernden auf Alizens Veranlassung erhielt Leben
und Freude in seine Züge zurück Herrmann sah zum erstenmahle dass er die Hand
seiner schönen Schwägerinn küsste und ihr einige verbindliche Worte sagte Alize
errötete und schlug die Augen nieder indessen Ulrich sie mit einem Blicke
ansah der den höchsten Grad von Dankbarkeit ausdrückte
Was ist das sagte Herrmann der dieses alles bemerkte zu sich selbst
Sollte ich mich in Alizen und in diesem Ulrich von Senden geirrt haben sollten
sie vielleicht nichts von dem allen sein wofür ich sie hielt Ha ohne
Zweifel findet ein geheimes strafbares Verständnis unter beiden statt Dass sie
sich ehemahls liebten zeugen ihre verstohlnen Blicke ihr schnelles Erröten
ihre widersprechenden Handlungen dass diese Liebe noch immer dauert beweisst ihr
jetziges Betragen War es darum gleissnerische Alize dass du Ulrichen von mir
zu entfernen suchtest damit ich nicht etwa eure strafbare Vertraulichkeit
entdecken und die Ehre meines Bruders rächen möchte Suchst du ihn jetzt darum
bei dir zu behalten damit du ohne dich vor den Augen einer vielleicht
eifersüchtigen Frau und eines argwöhnischen Bruders zu scheuen ungestört deiner
Leidenschaft nachhängen kannst
Der Schein war in Herrmanns Augen so gänzlich wider Alizen dass er sich
verwunderte wie sein Bruder Bernhard so verblendet sein könne Dinge nicht zu
merken die wie er meinte einem Jeden in die Augen fallen mussten und ein
Glück war es für die beiden Beschuldigten dass Herrmann nicht voreilig genug
war Bernden seine Gedanken mitzuteilen
Herrmann reiste mit Katarinen und ihren Kindern ab gutherzige liebliche
Geschöpfe mehr Abdrücke ihres liebenswürdigen Vaters als ihrer Mutter Herrmann
beschäftigte sich gern mit ihnen und erholte sich an ihrem Anblicke wegen des
Verdrusses den ihm Katarinens lästiges Geschwätze machten
Er überzeugte sich immer mehr von dem schlechten Herzen dieser Frau ihre
Zunge schonte keines einigen ihrer Verwandten alle suchte sie bei Herrmannen zu
verläumden selbst die unschuldigen Nonnen Agnes und Perronelle Sie rühmte
mit inniger Selbstzufriedenheit den ihr ganz besonders eigenen Scharfblick das
Laster in seinen verborgensten Schlupfwinkeln zu entdecken und führte einige
Beweise von diesem Talent an welche wirklich einzig in ihrer Art waren Sie
war eben in ihrem Sündenregister auf die Frau von Unna gekommen und Herrmann
erwartete nun nichts gewisseres als die Bestättigung seiner in den letzten
Augenblicken des Aufenthalts zu Plettenburg gefassten Meinung zu hören Ulrichen
der Untreu und Alizen der Verführung angeklagt zu sehen aber wie erstaunte er
als nichts von dem allen erfolgte als er ganz das Gegenteil von dem erfahren
musste was er erwartet hatte
Diese Alize sagte Katarine ein armes Fräulein aus dem durchächteten Hause
von Langen ist recht zum Glück in unsere Familie gekommen Bernhard würde
vielleicht unverheiratet geblieben sein wenn sie nicht gewesen wäre Sie ist
ihm mit eiserner Treue ergeben geht ihm fast nie von der Seite und wird dadurch
die Geissel aller Frauen unserer Gegend denen sie von den Männern unablässig
zum Beispiel vorgestellt wird Sie ist nicht hässlich wie du gesehen haben
wirst auch fehlt es ihr nicht an Anbetern und ich habe daher immer geglaubt
sie halte sich insgeheim für ihre äußerliche Strenge schadlos aber so viele
Jahre in welchen ich sie nun unablässig beobachtete haben mich endlich
überzeugt dass sie ein Geschöpf ohne Geist und Herz ist welchem diese Art der
Tugend nicht schwer fallen kann
Herrmann sah Katarinen mit starren verwunderungsvollen Augen an und wusste
nicht wie er eine Frage einleiten sollte um sich über das Verhältnis das er
zwischen Ulrich und Alizen wähnte zu belehren
Ist sie eine Freundin von dir und deinem Manne fragte er endlich mit
angenommener Gleichgültigkeit
Von mir erwiderte sie ich glaube ja Du siehst ich meine es gut mit ihr
und verdiene also ihre Freundschaft auch ist sie freundlich und freigebig gegen
die Kinder aber mein Mann ist wie es scheint der Gegenstand ihrer tiefsten
Verachtung wenigstens weis ich dass sie nie ein freundliches Wort gewechselt
haben als heute Du hast ihre Einladung gehört ich erstaunte und freute mich
dass sie Ulrich mit Höflichkeit aufnahm denn die Wahrheit zu gestehen er macht
so wenig aus ihr als sie aus ihm er geht ihr überall aus dem Wege und wie ich
glaube ist er in all den Jahren unsers Ehestandes nicht dreimal auf
Plettenburg gewesen Herrmann konnte sich nicht enthalten den Kopf zu
schütteln und suchte durch eine Menge künstlicher Fragen noch einen Anschein
von dem was er dachte herauszubringen aber er erlangte nichts weiter als zu
seinem großen Vergnügen die Überzeugung dass er sich in seinem Urteil von
Ulrich und Alizen geirrt habe Wie hätten sie eine bessere Zeuginn ihrer
Unschuld haben können als Katarine
Selbst in dem Klaglibell wider den Herrn von Senden welches Katarine nun zu
verlesen begunnte kam nicht ein Wort von Verdacht der Untreu vor sondern alle
ihre Beschwerden zielten nur auf Misvergnügen und üble Bewegungen an welchen
die gute Dame wohl durch ihr eigenes schlechtes Herz davon sie jetzt so
deutliche Proben ablegte schuld sein mochte
Zwölftes Kapitel
Ulrich ringt nach Unglück
Herrmann hatte auf der Reise schon so viel von der Unterhaltung seiner
gutmütigen Schwester Katarine genossen dass er bei seinem kurzen Aufenthalt auf
dem Schloss von Senden wenig mehr davon begehrte und sich am liebsten mit
ihren Kindern unterhielt die ihm sein ganzes Herz zu stehlen wussten
Er sprach viel mit ihnen von ihrem Vater Ulrich und alles was sie sagten
zeigte ihm diesen Mann auf einer so schönen und edelen Seite dass aller Verdacht
den er wider ihn gefasst hatte in ihm verschwand und der Wunsch ihn zu seinem
Freunde machen zu können der bei seinem ersten Anblick rege war von neuem in
ihm erwachte
Diese Begierde Alekens rätselhafte Warnungen aufgeklärt seine eigne
Meinung von ihr und Ulrichen berichtigt zu sehen gesellte sich zu diesem
Wunsche es war beschlossen eine geheime Unterredung mit ihm zu suchen und da
er dieselbe immer so geflissentlich zu vermeiden schien alle Mittel zu
brauchen sich dieselbe zu erringen
Mein Mann scheint entschlossen zu sein sagte Katarine nicht eher zurück zu
kommen bis mir die Einsamkeit seine Gegenwart notwendig macht Die Wahrheit zu
gestehen so kann ich bei dem Umgange eines liebreichen Bruders einen mürrischen
Gemahl wohl entbehren Er bleibe zu Plettenburg und unterhalte dort ein gutes
Vernehmen zwischen unsern und Bernhards Hause dies kann vielleicht in der
Zukunft gute Folgen für uns haben
Herrmann las einen kurzen Brief von Ulrichen den ihm Katarine darreichte
und der ihr gebot die Abreise des Ritters von Unna so gleich nach Plettenburg
zu melden weil er nach derselben keine Stunde länger auf Bernhards Schloss
verweilen könne
Herrman setzte den nächsten Tag zum Abschiede an letzte sich mit seiner
Schwester und ihren Kindern ließ ihnen Andenken seiner Freigebigkeit zurück
welche fast sein kleines Vermögen erschöpften und machte sich auf den Weg nach
Unna auf welchem wie er wusste der von Plettenburg zurückkommende Ulrich ihm
begegnen musste
Er wartete seiner einer ganzen Sommertag lang in den Gebüschen durch welche
er ziehen musste und sein Aussenbleiben bewies ihm dass er alle Vorsicht
gebrauche ihm nicht entgegen zu kommen ihn auf keine Art wieder zu sehen
Ewiger Gott rief Herrmann welches muss die Ursach dieses unüberwindlichen
Widerwillens sein Ha ich las den Hass schon zu Plettenburg zu seinen
abgewandten Blicken hörte ihn in dem kalten gedehnten Ton seiner Worte
Vermochte er mir auch nur einmal frei ins Auge zu sehen konnte ich ihn bereden
mit mir einen einigen Gang durch Wies und Wald zu tun wars nicht als wenn
Feuer in seinem Innersten brannte wenn ich bei der Tafel neben ihm saß oder
sonst ein Zufall mich an seine Seite brachte Ha dahinter ist ein schreckliches
Geheimnis verborgen ich muss es erfahren muss mir die bessere Meinung des Edelen
erringen und sollt es mein Leben kosten Vielleicht dass mein Unglück ihn
argwöhnisch macht Vielleicht dass er meine Unschuld an der schrecklichen Tat
die mir das Gerücht aufdichtet nicht begreifen kann Ich muss ihn finden ihn
überzeugen um seine Lossprechung kämpfen Der Beifall einer ganzen Welt wär mir
nichts wenn Ulrichs Augen eine Blutschuld an mir zu erblicken glaubten
Ihr die ihr einst durch eine unwiderstehliche Macht zu einer
verschwisterten Seele hingerissen wurdet ohne den Zauber der dieses bewirkte
ganz begreifen zu können ihr deren Streben nach der Gunst des Einzigen den
ihr unter tausenden wähltet in dem Maße zunahm zum heißen Durste der
Leidenschaft wurde als der Geliebte der Gesuchte sich von euch zu entfernen
schien urteilt über Herrmanns Vorliebe für Ulrich von Senden Wer nie etwas
ähnliches erfuhr vermag nicht hiervon zu sprechen
Der Abend brach an Herrmanns Unruhe wuchs Das lange vergebliche Warten auf
den Kommenden hatte sein Verlangen nach ihm zur heißen Sehnsucht gemacht die
täuschende Nacht verwirrte seine Ideen ein Gewühl seltsamer düstrer Ahndungen
umgaukelte ihn sein Herz gebot ihm zu bleiben und eine leise innere Stimme
rief ihm zu fliehe fliehe Warum fliehen fragte sich Herrmann und blieb
Der Mond ging auf Herrmann war dem von Senden so weit entgegen gegangen
dass er von einem Hügel die Spitzen von Plettenburg erblicken konnte Die Gegend
rund umher war öde kein Geräusch als das monotonische Sausen des Stroms der
sich nicht weit von da von einer kleinen Anhöhe hinabstürzte unterbrach die
nächtliche Stille Es war weit nach Mitternacht der Mond nahte sich bereits dem
Untergange als der Wartende endlich das enge Tal herauf den Huf von Rossen
schallen hörte Die Reuter kamen näher Herrmann vernahm von Sendens Stimme der
seinen Leuten befahl voraus nach seinem Schloss zu reiten und ihm hieher
Botschaft zu bringen ob der Ritter von Unna noch gegenwärtig sei
Die Reuter entfernten sich Ulrich lagerte sich unter einen Baum und
schnell trat Herrmann der in der Nähe lauschte hervor Und warum fliehst du
mich rief er was hat dir Herrmann von Unna getan dass du dich scheust
einerlei Luft mit ihm zu atmen
Entsetzlich schrie Ulrich der sich in seinem Mantel verhüllte Überall
diese Erscheinung wachend und im Traum und immer die Stimme in meinem Herzen
ich muss ihn ermorden
Ermorden fragte Herrmann und schloss ihn in seine Arme deinen Bruder
ermorden Was hab ich getan
Weg von mir du Peiniger schrie Ulrich und riss sich von ihm los Ha wer
bist du Kein Nachtgesicht Rede wer bist du
Dein Bruder Herrmann von Unna der um deine Freundschaft oder um den Tod
fleht Von dir verachtet geflohen zu werden ist zu schrecklich
Herrmann von Unna Du selbst O fliehe fliehe ich bin dein Mörder
Doch nein fliehe nicht du darfst nicht fliehen ich darf dich nicht lassen
Sind wir nicht allein Nein wir sinds nicht Gott lob dort kommen deine
Retter Siehe Siehe
Herrmann schaute und sah nichts Es sind die Schatten der Bäume mein
Bruder rief er Ich brauche keine Retter wenn du bei mir bist O Ulrich du
bist krank sehr krank dein Gemüt leidet Gott das ahndete ich nicht ich
glaubte Hass wär es der dich von mir trieb so ists nur schwarze Phantasie
Gott lob du wirst wieder genesen und deinen Bruder lieben
Dich lieben Kann ich dich mehr lieben als ich tue O Herrmann mein Herz
hängt an dir und ich muss dich ermorden
Warum schrie Herrmann den Ulrich erst in seine Arme geschlossen hatte und
bei den letzten Worten gewaltsam von sich schleuderte Warum ermorden Was habe
ich getan
Du musst sterben schrie von Senden der sein Schwert zog du bist Herzog
Friedrichs Mörder
Bei dem der ewig lebt ich bins nicht Die Kläger haben geklagt die
Zeugen gezeugt die Richter gerichtet Du bist Herzog Friedrichs Mörder Tausend
heimliche Henker lauren auf dein Blut und o Gott dein Bruder ist der unselige
in dessen Hände du fallen musst Aber bei dem Ewigen ich will dich nicht
überleben Siehe ich habe geschworen dessen nicht zu schonen den mich der
Richter richten heißt Hier dieser Stich sei dein und dieser mein
Herrmann zuckte taumelte und fiel und Ulrich sank an seine Seite O mein
Bruder stammelte er indem er ihn fester umschlang die Fehde ist zum Ende
Dein ewig dein Hinüber hinüber ins Reich des Friedens und der Liebe
Dreizehntes Kapitel
Etwas von der heiligen Elisabet
Der Morgen begann heran zu dämmern die Landleute der Gegend gingen zur Arbeit
und da sie vorüber kamen bei der hohen Eiche unweit des sausenden Stroms da
lag es vor ihnen im tauichten Grase wie Menschengestalt und tiefes Röcheln der
Sterbenden rauschte ihnen entgegen Sie beugten sich tiefer hinab und ihren
Wangen begegnete der kalte Hauch des Todes sie tappten mit der Hand nach dem
was sie nur dämmernd sahen und zogen sie in Blut getaucht zurück
Jedermann drängte sich herbei man fand zween Jünglinge die sich fest
umschlungen hielten und die beide durch einen Mordstahl gefallen zu sein
schienen Beide atmeten noch die gutherzigen Bauern jauchzten und wurden
Rats sie auf die Plettenburg zur Frau Aleken von Unna zu bringen die schon so
manchen Kranken und Verwundeten durch ihre Pflege dem Tode entriss und wohl auch
diesen würde helfen können
Alize hatte den von Senden so lang als möglich auf Bernhards Schloss
zurückgehalten er gehorchte ihr gern denn das was sie in Geheim bewog seine
Abreise zu verzögern das scheuchte auch ihn von seinem Schloss zurück so lang
er Herrmannen daselbst wusste Keins erklärte sich gegen das andere denn
mancherlei Betrachtungen hielten sie stets in weiter Entfernung von einander,
aber beide verstanden sich und eins dankte dem andern im Herzen dass es sich
sowohl in seine Wünsche fügte
Bernhard der für nichts Gefühl hatte als seine Größe dachte bei all diesem
nichts als dass Ulrich von Senden nunmehr die Ehre auf seinem Schloss
bewirtet zu werden bis in den fünften Tag genossen habe und dass er wohl
geneigt war diese unerhörte Gnade zu verdoppeln wenn Alize die er wegen des
Namens einer Frau von Unna gar hoch verehrte es also verlangen sollte
Ulrich hatte Ursachen sich weit von der schönen Aleke hinweg zu wünschen
und Katarinens Nachricht der Ritter von Unna würde den Montag nach Mariä Geburt
zuverlässig scheiden tat ihm wohl wie dem Gefangenen die Befreiung von den
Fesseln
Die Frau von Unna weinte als sie von Senden Abschied nahm sie dachte an
vergangene Zeiten dachte an Herrmann und ihr ward weh ums Herz Sie bat
Ulrichen doch den Weg nach Hause über Ahaus zu nehmen Bernhard lachte der
Bitte denn es war ein Umweg von mehr als einer Meile den seine Gemahlin von
Ulrichen forderte aber dieser versprach alles mehr als gern weil er die
Absicht der Bittenden erriet schwang sich auf sein Pferd und entfernte sich
Die Wege über Ahaus waren durch das große Wasser unzugänglich gemacht Von
Senden musste umkehren und den gewöhnlichen wählen er fragte seine Leute was
heute für ein Tag sei
Mitternacht ist vorüber antworteten sie eben ist Mittwoch nach unser
Lieben Frauen Geburt angebrochen Montag und Mittwoch sagte Ulrich zu sich
selbst und ritt getrost weiter Wir haben gesehen was für Vorsicht er
demohngeachtet brauchte Herrmannen nicht zu begegnen und wie ihm das Schicksal
den unglücklichen Jüngling dennoch entgegen führte
Aleke ahndete Unglück auf ihrem nach Abzug aller Gäste nun völlig verödetem
Schloss Sie war trübsinnig bei der Abendtafel unruhig in der Nacht stand von
der Seite ihres fest entschlummerten Gemahls auf ging auf den Balkon und sah
in die düstere vom Mond beglänzte Ferne Hier fand sie noch der erste
Morgenstrahl Sie betete um sich von ihren grauenvollen Ahndungen loszureißen
betete ihr gewöhnliches Gebet Gott möchte es ihr doch an dem eben angebrochenen
Tage nicht an Gelegenheit zur Ausübung einer guten Tat fehlen lassen Sie wusste
es aus der Erfahrung, dass übende Tugend das beste Mittel ist ein traurendes
Herz zu beruhigen
Sie stand jetzt auf und wandte ihre Augen vom rötlichen Morgenhimmel in
das düstere Tal da sah sie einen Trupp Leute nach dem Schloss zu kommen Ihr
Gang war langsam Einer von ihnen eilte voraus und schlug an die noch
verschlossene Pforte
Was bringt ihr rufte Aleke vom Altan herab Ach edle Frau antwortete der
Kommende der ihre Stimme kannte seid ihrs das ist ein gutes Zeichen an diesem
frühen Morgen Wir bringen euch wieder einmal ein paar arme Gäste Eben haben
wir dort drüben auf dem Hügel bei der hohen Eiche ein paar Verwundete gefunden
Es ist noch Leben in ihnen wir haben sie ein wenig verbunden ihr werdet das
übrige tun Gott gibt ja immer Gnade zu euren guten Werken
Aleke verstand nicht was der Bauer weiter sagte sie eilte selbst hinab
das Tor zu öfnen und weckte im Vorbeigehen einige ihrer Bedienten die im
Vorzimmer schliefen um Anstalten zur Aufnahme der Kommenden zu machen
Die Leute der gutherzigen Frau von Unna wussten in dergleichen Fällen schon
alles was zu tun war Aleke war schon im Fräulein Stande eine liebreiche
Wärterinn der Kranken gewesen und es war ihr Glück dass sie einen Gemahl hatte
welcher ihr in diesem Stück völlig freie Hand ließ
Es war in jenen Zeiten eine Ehre viel gute Werke zu tun und es
schmeichelte Bernhards Stolz nicht wenig wenn man seine Gemahlin die zweite
Sankt Elisabet nannte deren Glorie in seinen Augen darum viel heller strahlte
weil sie eine Fürstin gewesen war
Die Frau von Unna tat das Gute nicht aus solchen elenden Bewegungsgründen
aber sie war klug genug die Schwachheit und Eitelkeit ihres Mannes in diesem
Stücke zu nutzen um nicht von ihm bei ihrer Wohltätigkeit eingeschränkt zu
werden
Jetzt hatte Aleke die Pforten geöfnet und ging den Trägern der Verwundeten
entgegen um zuzusehen ob man sie auch sanft und behutsam genug herbei schaffte
Sie trat hinzu sah Ulrichs von den Schatten des Todes umdämmertes Gesicht
sah Herrmann welcher kaum noch atmete und sank ohne Empfindung zu Boden
Ihre Leute kamen herbei sie eilten ihr zu Hilfe die Verwundeten wurden ins
Schloss geschafft ihre Helferinn ward ihnen nachgetragen und im Augenblick waren
zwanzig Hände bereit ihnen beizustehen ob gleich die meiste Hilfe sich nach
der von allen angebeteten Gebieterinn des Schlosses wandte und bei den
Verwundeten nur die nötigsten Personen blieben
Alize schlug die Augen auf sie sah das Gedräng um ihr Lager und ein Blick
von ihr entfernte alle unnötige Hilfe von ihr zu Ulrichen und Herrmannen die
derselben so sehr bedurften Die Angst um sie machte dass sie sich bald völlig
erholte und in ihr Zimmer eilen konnte um zu sehen was man zu ihrer Rettung
getan habe
Bernhards Hausmeister ein erfahrner Wundarzt hatte Herrmannen schon so
weit gebracht dass er die Augen öffnete und als seine edle Schwägerinn zu ihm
trat sich genugsam besann ihren Namen zu nennen und ihre Hand an seine Lippen
zu ziehen Aber Ulrich von Senden war noch fast völlig ohne Empfindung nur der
schwache Schlag des Herzens verriet dass er noch lebe seine Wunde war weit
tiefer als Herrmanns es war ihm mehr Ernst gewesen sich als seinen Freund
tödlich zu verwunden
Vierzehntes Kapitel
Geschichte Alekens von Langen und
Ulrichs von Senden
Alizens unermüdete Sorgfalt und die Geschicklichkeit ihrer Leute verscheuchte
endlich alle Gefahr so wohl von dem von Senden als von Herrmann Dieser war es
eigentlich um dessen Bette sich die Frau von Unna persönlich beschäftigte
dahingegen Katarine von Senden herbeigerufen ward ihres Gemahls zu warten
Herrmanns Neigung zu seiner liebenswürdigen Schwägerinn und ihr Zutrauen zu ihm
ward durch die Gewohnheit sich täglich zu sehen vermehrt und bald entstand jene
Freundschaft zwischen ihnen die wir in einem der vorigen Kapitel bei Herzog
Albrechten von Österreich und der schönen Ida bemerkt haben nur dass hier auch
der entfernteste Verdacht von Liebe wegfiel der etwa einigen meiner Leser in
Ansehung Herzog Albrechts beiwohnen möchte Wochen waren vergangen seit sich
die Verwundeten auf der Plettenburg befanden Herrmann konnte wieder außer dem
Bette sein und auch Ulrich war wohl genug dass er Katarinen von sich schicken
konnte um Anstalten zu seiner Ankunft auf dem Schloss Senden zu machen
Oft war er der Gegenstand des Gesprächs zwischen Alizen und ihrem Kranken
Herrmann hatte in Ansehung seiner manche Frage zu tun und die Frau von Unna
war jetzt nicht mehr so ungeneigt wie ehemals sie zu beantworten Sie kannte
jetzt ihren Bruder genugsam offenherzig gegen ihn zu sein Die Beschäftigung um
sie hatte ihn ihr lieber gemacht Sie gestand dass Ulrich von Senden einen so
großen Anteil an ihrer Geschichte habe dass es ihr unmöglich sein würde ihm
das zu erklären was er zu wissen verlange ohne ihn gleich zum Vertrauten ihrer
eigenen Angelegenheiten zu machen
Bernd von Unna geruhte zu oft in dem Zimmer seines kranken Bruders zu sein
und ihn mit Fragen über die Höfe welche er gesehen und den Ton der daselbst
herrschte zu quälen als dass es Alizen so leicht hätte werden sollen die
nötige Zeit zu ihrer Erzählung zu gewinnen aber einsmahls beliebte es ihm nach
Engelrading zu ziehen wo die Herrn von Ravensberg und Meerveld ein Stechen
angestellt hatten und der erste ruhige Tag den man dadurch bekam ward so
gleich auf die Art genutzt wie meine Leser sehen werden
Wie soll ich fing die Frau von Unna ihre Geschichte an wie soll ich euch
Begebenheiten mitteilen deren Erwähnung alle alte Wunden meines Herzens
aufreißen mich vielleicht euch in einem falschen Lichte darstellen wird Doch
wir sind allein und ich weis ihr verzeiht es der Schwachheit des weiblichen
Herzens wenn beim Andenken vergangener Dinge einige Tränen fließen sollten
Ich versichere euch vor Gott Ulrich ist mir nicht mehr das was er mir ehemals
war ob ich ihn gleich nie ohne Erschütterung ansehen kann Es ist eine eigene
Empfindung die mich bei seinem Anblicke überfällt nicht bloß Überbleibsel
ehemahliger Liebe Entsetzen Furcht Mitleid ein Gemisch der seltsamsten
Gefühle doch ihr sollt hören und urteilen
Meine liebreiche Schwägerinn Katarine wird nicht ermangelt haben euch zu
sagen dass ich aus dem seit vielen Jahren von der heimlichen Acht verfolgten
Hause von Langen bin Die Händel meiner Väter mit den Bischöffen von Osnabrück
gehören nicht hieher Mein Vater ward ein Opfer derselben auch meine Mutter war
nicht mehr der Gram hatte sie frühzeitig getödet und ich lebte unter der
Vormundschaft meines älteren Bruders
Konrad liebte mich sorgte für mich wie ein Vater und sein Zutrauen zu mir
war so unumschränkt dass er mir volle Freiheit in meinen Handlungen ließ ich
spielte auf seinem Schloss die nämliche Rolle wie hier war nicht sein Mündel
nicht die jüngere Schwester des Besitzers nein Frau und Gebieterinn
Konrad war Gott weis in welchen Geschäften oft Monate lang abwesend von
seinem Schloss mich dünkt er legte damals den Grund zu dem Unglück unter
welchem er jetzt lebt seine Handlungen waren oft rasch und unüberlegt und der
Schein den seine Feinde denselben zu geben wussten erhöhte ihre Strafbarkeit
Ich hielt es für Pflicht mit Gebet und guten Werken daheim dasjenige abzubüssen
was Konrad auswärts sündigte und dadurch den göttlichen Zorn von unserm Hause
das ohnedem genug gelitten hatte abzuwenden Meine Übungen mochten gut und
löblich sein Armut Alter und Krankheit fanden Zuflucht Hilfe und Pflege auf
Konrads Schloss aber offenbar dehnte ich meine Mildtätigkeit zu weit aus und
musste dafür leiden sie ward der Grund des Verlusts meiner Ruhe
Ulrich von Senden war nahe bei unserm Schloss in einem Zweikampf gefallen
seine Leute brachten ihn zu uns und flehten um Zuflucht und Pflege für ihren
Herrn Der jungfräuliche Wohlstand hätte erfordert die Sorge für einen so
jungen und schönen Ritter wie Ulrich war von mir zurückzuweisen und ihn nach
den Mönchen des benachbarten Klosters zu schicken welche auch reich an guten
Werken waren aber ich erwog bei dem Gegenstande der Mildtätigkeit den man mir
zeigte nichts als die Gefahr seiner Wunden Ulrich ward auf unser Schloss
gebracht ward schwesterlich von mir gepflegt genass und Mitleid und
Dankbarkeit ward schnell bei uns zur Freundschaft eben so schnell zur Liebe
Wir waren glückliche Liebende Unschuld und Hoffnung gingen uns zur Seite o
Tage des Himmels wohin seid ihr geschwunden
Kurz war Ulrichs Aufenthalt bei mir nach seiner Genesung seine Geschäfte
und der Wohlstand ruften ihn hinweg aber wir hatten uns lang genug gesehen um
den Grund zu einer Liebe zu legen die wie wir meinten ewig dauern sollte
Wir schwuren einander Ulrich sollte noch einige Heerzüge tun um Ruhm und Ehre
zu erwerben und ich wollte indessen des Hauswesens meines Bruders warten bis
Fräulein Beate von Meervel seine Verlobte das Regiment aus meinen Händen
empfangen könnte alsdenn sollte Ritter Ulrich erscheinen und gebührlich um
mich werben mein Bruder konnte durfte mich dem nicht versagen den ich liebte
sein Herz musste es ihm verbieten mein Glück war ihm zu teuer mein Wille ihm
zu heilig auch hatte er Vermögen genug das zu ersetzen was Ulrichen etwa an
zeitlichen Gütern abgieng
Der Winter kam der ritterlichen Übungen wurden weniger Mein Bruder Konrad
kehrte in sein Schloss zurück viele Wagen mit Beute beladen folgten ihm und ich
konnte mich nicht entbrechen zu fragen ob all dieses Gut mit Recht erworben
sei Ein finsterer Blick Konrads vielleicht der erste den ich in meinem
Leben von ihm erhielt beantwortete dieses Weiber sagte er verstehen nichts
von den Rechten des Schwerds nichts von den Freiheiten des Adels und müssen
von solchen Dingen schweigen
Ich schwieg dann und hatte bald mehr Gelegenheit mich im Schweigen zu üben
Konrad kam diesen Winter nicht von seiner Burg als wenn ihn die Jagd etwa in
die benachbarten Wälder zog Seine Waffengenossen besuchten ihn fleißig neue
von mir vorher nie gesehene Gesichter deren Wildheit mich in die Einsamkeit
meines Zimmers zurückscheuchte Das Gebrüll ihrer schwelgerischen Freuden störte
des Tages meine Ruhe und des Nachts meinen Schlaf ich sehnte mich nach Erlösung
aus diesem wüsten Leben sehnte mich nach der Rückkehr der Zeit der Waffen und
noch vielmehr nach jener Zeit da Ulrich seine heimlich Verlobte heimholen
würde der stille sanfte Ulrich in dessen friedsamer Burg in einst Tage des
Himmels zu verleben hoffte
Es war den Abend vor Dreikönigentag als Konrad der jetzt leichtsinnig
genug war die heiligen Abende mit seinen Schwelgereien zu beflecken noch mit
einer Schaar wüster Gesellen bei der Tafel saß und zechte Ich die meine
Ulrichen geweihte Schönheit ja Herrmann ich war damals schön zu heilig
hielt um sie frechen Bliken auszustellen kam nie bei meines Bruders Gelagen zum
Vorschein Ich hatte gesorgt dass es den Zechern an nichts gebrach und zog mich
nun nebst meinen Dirnen auf den Altan über der Hinterpforte zurück um dem
wilden Getön das alle Gewölber des Schlosses durchhallte zu entfliehen und
die Stille einer hellen Winternacht zu genießen Immer war mir die Natur schön
auch in ihrem einfachsten Gewande Der Sternhimmel funkelte auf die beschneite
Gegend herab meine Mädchen zitterten vor Frost und wurden zu Bette geschickt
aber mich wärmte die Liebe und das Andenken an Ulrich Ich dachte mir die
blühenden Lauben in welchen ich mit ihm gesessen hatte ich dachte mir den
Blumenkranz in welchem er mich nächstens zum Altare führen würde und hinweg
war Frost und alle Gefühle des Winters
Ich war so ganz in meinen Träumereien verloren dass ich es erst spät gewahr
ward dass sich aus dem benachbarten Gehölz ein paar menschliche Figuren
hervortaten und auf unser Schloss heran schlichen Der Widerschein des Schnees
bildete mir sie ganz schwarz und ich die ich nicht so verwegen war wie etwa
mein Bruder die Erscheinungen der Geister der Finsternis zu leugnen hatte kaum
Mut zum zweitenmal die Augen aufzuschlagen Doch Neugier und gutes Gewissen
machten mich beherzt Ich stand auf und schaute hinab Jetzt standen die Männer
so dicht an der Pforte dass ich sie von oben nicht sehen konnte Drei Schläge
geschahen an das Tor die tief in dem gewölbten Gange den es verschloss
wiederhallten und schnell entfernten sich die Urheber dieses grässlichen Getöses
und verschwanden in dem nahen Gebüsch
Augenblicklich ward Lärm im Schloss Der Wächter auf dem Turme fing an zu
trommeten in den Seitengemächern kamen Lichter zum Vorschein unter mir dröhnte
das Gewölbe von dem Fußtritt unserer Reisigen die herbeieilten die
Hinterpforte zu öfnen Zwanzig Stimmen ließ sich hören und verhinderten dass
ich keine einige deutlich vernahm Bald darauf hörte ich auch meinen Bruder und
seine Gäste Konrad fluchte und die trunkenen Zecher lachten Mein Herz pochte
ich ahndete etwas schreckliches ich weckte meine Mädchen und schickte sie aus
Kundschaft einzuziehen sie kamen zurück mir zu sagen dass die Zechgesellschaft
schnell aus einander gestoben sei und dass mein Bruder eben erscheinen würde
mir selbst zu berichten was ihm begegnet sei Die Dirnen weinten und ich
weinte mit ihnen vor Angst und banger Erwartung
Konrad erschien todenbleich vor Schrecken Ich erfuhr o Gott konnte ich
wohl etwas fürchterlicheres erfahren als dass mein Bruder vor den freien Stuhl zu
Osnabrück geladen sei Rechenschaft wegen gewisser Handlungen zu geben welche
ich schon so oft mit schwesterlicher Bescheidenheit an ihm geahndet hatte Ich
bebte und doch konnte ich den ganzen Umfang unsers Unglücks nicht einsehen
mein Bruder brachte die halbe Nacht hin mir alle Schrecknisse dieser heimlichen
Gerichte zu schildern und mir es begreiflich zu machen dass er auf die Ladung
welche die Schöppen an das Schlosstor geschlagen hatten nicht erscheinen könne
noch dürfe Ich behauptete das Gegenteil und wir schieden in halben Unwillen
von einander.
Die nächsten Tage sahen mich in Tränen in halber Verzweiflung Ich warf
mich meinem Bruder zu Füßen ich flehte er sollte erscheinen Was verlangst
du rief er meinen Tod das was man in Osnabrück mein Verbrechen nennt ist so
gut als erwiesen erscheine ich so siehst du nie mich wieder dahingegen im
entgegengesetzten Falle Behutsamkeit Flucht oder Tapferkeit mich retten kann
War eine solche Erklärung wohl im Stande mich zu beruhigen Sein Verbrechen
erwiesen Sein Tod gewiss Flucht das einige Rettungsmittel was für Worte
Fast brachte mich der Kummer und das Bestreben hier einen Ausweg zu ersinnen
um Verstand und Leben Indessen ging mein Bruder frei und ruhig auf seiner Burg
aus und ein niemand beschimpfte oder tastete ihn an Er ward sicher die alten
Beschäftigungen die ehemaligen Gesellschaften kamen wieder zum Vorschein Auch
ich ward von seiner Sorglosigkeit angesteckt und fast hatte ich die ganze Sache
vergessen als die nächtlichen Warner zum zweitenmal anklopften und meine
Gefühle bei ihrer ersten Erscheinung erneuerten
Meine Empfindung der nahen Gefahr war diesmal heftig aber nicht dauernd ich
bemerkte dass die Sonne uns eben so schön glänzte Natur und Menschen uns eben so
freundlich lachten als zuvor der Besuch jener nächtlichen Schleicher wie
Konrad sie nennte dünkte mir endlich Kleinigkeit zu sein und ich erschrack
kaum als mir meine Dirnen eines Morgens die Botschaft brachten die
Freischöppen seien diese Nacht zum drittenmahl da gewesen aber mein Bruder habe
ihre Ladung so gleich von der Pforte abreißen und vernichten lassen Niemand
dürfe davon sprechen was geschehen sei
Auch erwähnte Konrad in der Tat der Sache gegen mich mit keinem Worte doch
sah ich ihn oft unruhig und nachdenkend eine Erscheinung die mir so ungewohnt
war dass auch ich von neuem aufmerksam wurde und wieder in meine ehemaligen
Besorgnisse zurückfiel Sie wurden nur gar zu sehr durch den Erfolg bestätigt
Konrad war nur durch Verschweigung seines Unglücks bisher in seinem gewöhnlichen
Stande geblieben jetzt da es durch die heimliche Flucht eines unserer
Bedienten ruchtbar ward dass er sich unter der heimlichen Acht befinde jetzt
gewann alles ein anderes Ansehen Schon bei der ersten Ladung hatten wie ich
jetzt erst erfuhr die mehrsten von Konrads Leuten welche nicht leibeigen
waren ihm den Dienst aufgekündigt und nichts als Versprechungen und Geschenke
hatten sie zurückhalten können Nichts war jetzt mehr im Stande sie zu fesseln
selbst meine Mädchen verließen mich bis auf eine einige Die Fräuleins aus der
Nachbarschaft flohen meinen Umgang und Beate von Meerveld auf deren Treue
Konrad wie auf Felsen gebaut hätte kündigte ihm den Bund der Liebe auf
Es ist um mich getan rief Konrad eines Tages als ich auf seine Forderung
zu ihm eilte Hier ist die vierte Ladung Die Schöppen haben sie bei hellem
Sonnenlicht an die Burgpforte geheftet und drei Steine aus der Mauer mit sich
genommen Ich bin beschimpft bin verfehmt wenn ich nicht erscheine und
erscheinen werde ich nun und in Ewigkeit nicht Ich muss fort Schwester habe
Mitleid mit mir verlass mich nicht auch wie alles mich verlässt Befördere meine
Flucht verheimliche sie so lange du kannst und dann fliehe auch du nur jetzt
nur in diesem schrecklichen Augenblicke nicht bleib bleib Alize oder ich muss
dich und mich ermorden
Fliehen dich verlassen schrie ich mit Tränen Sieh ich folge dir wenn du
willst nehme Teil an deinem Elend ob ich ob ich gleich nicht gesündigt
habe
O schrie er nicht diese Vorwürfe Nein du hast nicht gesündigt hast mich
Sünder oft gewarnt aber Alize keine Vorwürfe oder du bringst mich zur
Verzweiflung
Mein Bruder war fürchterlich in diesen Augenblicken Sein Zustand erfüllte
mich zugleich mit Schrecken Mitleid und inniger schmerzhafter Liebe Er hing
ganz an mir ich schien sein einiger Trost zu sein er ließ mich nicht aus den
Augen und begleitete mich überall wohin mich die Anstalten zu seiner Abreise
trieben
Endlich war alles bereits alles was von einiger Kostbarkeit vorhanden war
selbst das was er mir geschenkt hatte ward zusammengepackt um ihm seine
Flucht zu erleichtern ich mochte nichts von den Schätzen behalten welche
vielleicht mit dem Unglück meines Bruders erkauft waren
Konrad schloss mich beim Abschied mit heißer Zärtlichkeit in seine Arme er
seufzte dass er mich so ganz ohne Schutz zurücklassen musste Hätte ich sagte
er hätte ich dich nur erst in die Arme eines guten Mannes liefern können Doch
deine Schönheit deine Tugend selbst die Treue die du jetzt an deinen
verlassenen Bruder beweisest werden dir tausend Herzen erwerben und du kannst
noch glücklich sein
Wie könnte ich schluchzte ich so lange du elend bist an Liebe und Heirat
gedenken siehe ich gelobe dir selbst dann wenn ich den schon kennte der
einst mein Gemahl werden soll ihm nicht eher die Hand zu geben bis ich
Nachricht von deinem Glück von deiner Sicherheit habe
Tue es nicht Schwester erwiderte er gelobe nichts von dieser Art du
brauchst einen Schützer und o wollte Gott du liebtest einen edelen Mann und er
wär sogleich hier dass ich dich ihm anvertrauen könnte
Ich fühlte dass mein Gesicht glühte und ich vermochte nicht zu antworten
Ich dachte an Ulrichen der kürzlich von seinem Zuge nach Italien zurückgekommen
war und den ich täglich erwartete Möchte er doch jetzt kommen seufzte ich
möchte er ihm wenigstens begegnen
Nur ein Versprechen sagte Konrad indem er mich nochmals umarmte nur eins
fordere ich von dir Beglücke keinen von meinen Verfolgern mit deiner Hand Du
bist zu gut zu schön um der Raub eines dieser Unwürdigen zu werden
Ich schwur ihm was er verlangte und wir rissen uns von einander; schon
hatten wir vielleicht zu lang gezögert und in unserer Lage war jeder Augenblick
kostbar
Funfzehntes Kapitel
Fortsetzung
Weinend eilte ich auf mein Zimmer und fand Trost daselbst einen Boten von
meinem geliebten Ulrich der in meiner Abwesenheit angekommen war Ich hatte
meinen Bruder zu der hinteren Schlosspforte hinausbegleitet und also dem
Überbringer guter Botschaft nicht begegnen können
O rief ich wo ist euer Herr O dass er nicht eine Stunde eher erschienen
ist wenn er wie ich hoffe sich in der Nähe befindet
Er kommt erwiderte er er wird gleich hier sein er wünschte insgeheim bei
euch eingelassen zu werden er bittet dass ihm die Hinterpforte geöfnet werde
Er kommt diesen Weg rief ich voll Freude O so wird er ihm begegnen wird
meinem Bruder begegnen wird mit ihm von unserer Liebe sprechen können Kennt
Ulrich meinen Bruder
Nein sagte der Bote mit erschrockenem Gesicht nein Fräulein ich denke
nicht aber was sagt ihr der Herr von Langen zieht den Weg den mein Herr
kommen wird
Ja Ja er wird ihm begegnen wird ihn sprechen o wenn sie sich nur kennen
nur einander nicht verfehlen
Und euer Bruder schrie der Bote ist wie man sagt in der heimlichen Acht
Welche Frage erwiderte ich voll Bestürzung Wollt ihr Doch wie sollte
ich Verdacht auf Ulrichs Vertrautesten setzen
Lasst mich Lasst mich schrie Ulrichs Diener ich muss fort Unglück zu
verhüten
Ich sah ihm fast leblos vor Entsetzen nach Was will er machen rief ich
Unglück verhüten Konraden vielleicht vielmehr verraten Doch er ist Ulrichs
Diener Nein Ulrichs Leute können so wenig falsch und treulos sein als er
selbst. Ist er nicht der einige Vertraute unserer Liebe der einige Überbringer
unserer geheimen Botschaften habe ich ihn je auf einer zweifelhaften Handlung
betroffen
Mit unbegreiflicher Unruhe ging ich in meinem Zimmer auf und nieder eilte
bald ans Fenster bald an die Hinterpforte um zu sehen ob Ulrich käme Wo er
doch bleiben mag rief ich Sein Bote sagte doch er würde sogleich hier sein
Der Abend kam heran Ulrich war noch nicht da Einsam und weinend saß ich im
dämmernden Zimmer da öffnete sich die Tür ein Mann trat herein von dem mir
der Umriss seiner Gestalt die ich noch dunkel erkennen konnte von dem mir mein
Herz das bei seinem Eintritt gewaltiger schlug gesagt haben würde es sei
Ulrich wenn er nicht anstatt zu meinen Füßen zu fliegen langsam eingetreten
wär sich einige Schritte genaht dann wieder entfernt und endlich sich mit von
mir abgewandtem Gesicht an die Wand gelehnt hätte
Wer bist du rief ich mit zitternder Stimme Keine Antwort als ein tiefer
Seufzer
War dieses nicht dein Hauch Ulrich schrie ich und eilte mit offenen Armen
auf ihn zu Ja du bist du bist es Dein Seufzen verrät dich derjenigen die
Zurück zurück Fräulein schrie er ihn dürft mich nicht anrühren meine
Hände sind voll Blut
Voll Blut wiederholte ich armer Ulrich du bist verwundet O Hilfe Hilfe
Ich bin nicht verwundet ich habe verwundet rief er im fürchterlich holen
Ton
Und wen fragte ich zitternd
Euren Bruder schrie er das Unglück führte ihn in meine Hände
Mein Mädchen die mich vor einem Augenblick nach Hilfe rufen gehört hatte
kam und brachte Licht
Ulrich und ich standen gegen einander lebendige Abdrücke des Entsetzens er
mit todtenbleichem Gesicht mit entblösstem Degen seine Hände und die Rüstung
mit Blut besprützt und ich mit einem Blicke der alles sagte was ich empfand
Meinen Bruder wiederholte ich nach einer langen Pause Meinen Bruder das
Blut das an deinen Händen klebt ist Konrads Blut Unseliger was bewog dich
Fräulein schrie er ich musste ein fürchterlicher Eid band mich
Meinen Bruder zu ermorden Ungeheuer
O dass er mir nicht begegnet wär Warum musstet ihr ihn mir entgegen schicken
Ihr wisst ich suchte ihn zu vermeiden Hat mein Bote nicht
Dein Bote du musstest Ein fürchterlicher Eid schrie ich ohne zu wissen
was ich sagte Die Gedanken vergiengen mir und ich sank leblos in meines
Mädchens Arme
Als ich erwachte war Ulrich verschwunden und meine Dirne konnte mir nichts
weiter sagen als dass er noch viel unverständliches gestammelt und sich endlich
mit der Versicherung entfernt habe er werde sich rechtfertigen und ich werde
ihm verzeihen müssen
Verzeihen schrie ich ihm den Tod meines Bruders verzeihen
Ich brachte diese Nacht in dem entsetzlichsten Zustande zu Die
Unmöglichkeit mich aus diesen Labyrinten zu finden verwirrte mir beinahe den
Verstand
Der Morgen brachte mir Vermehrung meiner Qual Das Gerücht breitete sich
aus Ritter Konrad von Langen sei unweit seines Schlosses von den Freischöppen
gefunden und nach Osnabrück lebendig ins Gefängnis geliefert worden
Ein eiskalter Schweiß überzog meine Stirne bei dieser Post das
schrecklichste Geheimnis fing an mir klar zu werden und ich erlag unter der
Last dieser Entdeckung
Ulrichs Diener welcher wenig Stunden darauf um Zutritt bei mir bitten ließ
und ihn endlich erhielt machte meine Mutmaßungen zu Gewissheiten Er getraute
sich nicht es gerade heraus zu gestehen dass sein Herr einer der Beisitzer des
heimlichen Gerichts sei ihr wisst wie geheim diese Dinge gehalten werden aber
seine Aussage bewiess nur gar zu genau was man hievon zu denken habe
Er gestand so viel sein Herr habe von dem Unglück meines Bruders gehört
sei heftig erschrocken habe geschworen er müsse mich mit oder wider meinen
Willen heimlich entführen müsse vermeiden Konraden zu sehen habe eine
fürchterliche Angst bezeugt ihm nicht in den Weg zu kommen habe eben darum
seinen Diener ausgeschickt diese Begegnung zu verhüten
Leider hatte ihn das Schicksal demohngeachtet Konraden entgegen geführt Er
kannte ihn nicht sah aber bald einen einzelnen Reuter vom Schloss herab
kommen den er aus einigen Umständen für meinen Bruder hielt Er hielt es nicht
wider seine Pflicht da er ihn nicht genau kannte ihm auszuweichen und dadurch
das Unglück Hand an ihn legen zu müssen zu verhüten Er versteckte sich im
Gebüsch und ließ Konraden vorüber ziehen bald darauf ging er hervor und dachte
seinen Weg zu mir ungestört fortzusetzen Da gesellte sich ein Mann zu ihm den
er nicht kannte der sich aber wie der Diener mir sagte ihm schnell auf eine11
Art kenntlich machte welche Ulrichen mit neuem Entsetzen erfüllte Er sagte
ihm was er für ein Geschäft in dieser Gegend habe Ulrich erstarrte Er gab ihm
zu verstehen er sei demselben nicht allein gewachsen und fordere seinen
Beistand Ulrich weigerte sich Der Unbekannte sagte Worte zu ihm denen er
nicht widerstehen durfte Sie gingen mit einander, und fanden Konraden mit einem
andern Ritter unter einem Baum liegen und Mahlzeit halten Konrads Gefährte
schien nur durch den Zufall zu ihm geführt worden zu sein mochte denjenigen
vielleicht nicht kennen mit dem er sein Brod teilte doch hielt er es für
Pflicht als er sah dass dieser von ein paar Unbekannten angefallen ward die
Gefahr mit ihm zu teilen Man kämpfte Ulrich und sein Gefährte siegten
Konrads Helfer ward in die Flüche geschlagen und er schwerlich verwundet
gefangen genommen und nach Osnabrück gebracht
Ulrich hatte wie mich sein Diener versicherte bei diesen Kampfe wie ein
Verzagter gehandelt hatte keinen Teil an Konrads Einführung ins Gefängnis
haben wollen und war sogleich zu mir geeilt um mir das Verbrechen das er
gezwungen an mir hatte begehen müssen zu bekennen und meine Vergebung zu
holen Ich hatte keine Vergebung für ihn Er mochte gehandelt haben wie es seine
grausame Pflicht forderte aber ich durfte nicht mehr an ihn denken Konrad
stand auf dem Punkte durch seine Tat den Kopf auf dem Blutgerüst zu verlieren
ich hatte geschworen nie das Weib von einem der Verfolger meines Bruders zu
werden und unsere Liebe war getrennt
Ulrich drängte sich zu mir mir seine Unschuld dazutun ich hatte eine
schreckliche Zusammenkunft mit ihm wo ich fast in dem Kampfe der Pflicht und
der Liebe erlag aber die Pflicht siegte und Ulrich ward auf ewig aus meinen
Augen verbannt
Ob mich das was ich tat nicht nachher gereute vornehmlich als mein
Bruder aus seinem Gefängnis entkam und mehrere Kenntnis der fürchterlichen Eide
durch welche Ulrich und seine Genossen zu Taten der Unmenschlichkeit
verpflichtet werden mich ihn entschuldigen lehrte das gehört nicht hieher
Zu der Zeit als diese Reue bei mir hätte Platz finden können war ich schon
Bernhards Frau und er Katarinens Gemahl doppelte Bande untersagten es uns auf
ewig an einander zu denken und nichts blieb uns übrig als Vergessenheit des
Vergangenen
Dass dieses Vergangene durch eure Geschichte fürchterlich wieder aufgeregt
ward dass ich Ursach hatte euch für Ulrichs Umgang zu warnen das brauche ich
euch wohl nun nicht erst zu erklären Ich kannte den von Senden kannte seine
grausame Pflicht und konnte das erwarten was nun geschehen ist eine
schreckliche Erneuerung der Geschichte meines Bruders
Dank sei es meinem Schicksal das euch zu meiner Schwester zu meiner
Retterinn bestimmte rief Herrmann und drückte Alekens Hand an sein Herz
Armer Jüngling erwiderte sie konnte meine Angst meine Sorge um dich dir
den kleinsten deiner Schmerzen ersparen Doch auch ich danke dem Himmel dass er
euch mir zum Bruder gab dass doch in dem Hause meines Mannes eine Seele ist die
ich wahrhaftig hochschätzen kann außer ihm meine ich dem ich Liebe und
Hochachtung schuldig bin
Herrmann nahm die Klausul wohl in acht welche Aleke aus Pflicht gegen
Berndten ihren Worten anhängte Er fühlte es dass ihre Achtung gegen ihren
Gemahl nicht viel mehr als Pflicht und etwas Dankbarkeit sein konnte weil er
sie liebte und er konnte sich der Frage nicht enthalten auf was für Art sie
Frau von Unna geworden sei
Die Güter meines Bruders sagte sie waren verfallen sie wurden etlichen
aus der Ritterschaft zur Verwaltung übergeben und mir ward ein Vormund gesetzt
Dieser Vormund war euer Bruder Bernhard ihr erratet das übrige er liebte mich
und warb um mich ich war arm verlassen von meinem Geliebten getrennt und
ward die Gemahlin des Herrn von Unna
Unsere Ehe ward immer gut und friedlich Dankbarkeit vertrat bei mir die
Stelle der Liebe und die seinige ward durch den Stolz der Schützer einer
Verlassenen gewesen zu sein und durch den Beifall den seine Wahl überall fand
mächtig genährt Ich war so glücklich ihm und jedermann meine frühere
Verbindung mit dem Herrn von Senden zu verbergen ihn dadurch mit mir immer
zufrieden zu erhalten und jede Ursach eines Zwists zwischen ihm und meinem
ehemaligen Liebhaber aufzuheben Ulrich ward bald nach meiner Vermählung mit
Berndten mein Schwager es wär traurig gewesen wenn ich Gelegenheit zu
Uneinigkeit und Verdacht hätte geben sollen
Aber ich bitte euch rief Herrmann wie war es möglich dass Ulrich sich über
euch so bald trösten nach einer Alize eine Katarine wählen konnte
Ich weis von diesen Dingen sehr wenig sagte sie doch was ich mutmasse und
was ich weis will ich euch sagen Das damahlige Fräulein Katarine von Unna
hatte einen gewaltigen Abscheu vor dem Klosterleben zu dem sie bestimmt war
und dachte sich nicht besser retten zu können als wenn sie zu dem Feinde ihres
Hauses dem alten Grafen von Unna flöhe Mit ofnen Armen ward sie von diesem
Schützer der Bedrängten aufgenommen er fand ihre Sache schlecht und recht und
versprach sie zu verheiraten Hier lernte sie den Herrn von Senden kennen und
gewann ihn lieb Katarina war damals nicht hässlich und konnte ihre böse Seite
besser verstecken als jetzt Ulrichs Herz war voll Rache über meine gegen ihn
geänderten Gesinnungen und über meine Heirat Er dachte wahrscheinlich mich zu
kränken wenn er meine Schwägerinn heiratete und mir immer als ein lebendiger
Vorwurf meiner Unbeständigkeit vor Augen wär Der Unglückliche kränkte sich
selbst Ihr könnt urteilen wie seine Ehe beschaffen sein muss Der Graf von
Unna war Ulrichen zu gewogen und kannte Katarinens Charakter zu gut um mit
dieser Verbindung ganz zufrieden zu sein er vermählte sie weil sie es
wünschten und überließ sie ihrem Schicksale
Sechszehntes Kapitel
Eine gefährliche Probe
Herrmann fand die Erklärung die ihm Aleke über verschiedene Dinge gab nicht
ganz befriedigend doch sie waren von solcher Art dass man entweder nur
mutmaßen konnte oder nicht laut und deutlich von denselben sprechen durfte zu
der ersten Klasse gehörte Ulrichs und Katarinens Verbindung und zu der andern
der Teil von Alizens Geschichte welcher in die Geheimnisse jenes furchtbaren
Gerichts gehörte welches nach den gegenwärtigen Zeiten in vieler Betrachtung
ein Rätsel ist und davon die Urkunden welche uns übrig geblieben sind nur
einen schwachen mangelhaften und in mancher Betrachtung widersprechenden Begriff
geben
So vielfachen Stoff der Ritter von Unna auch in dem was er gehört hatte
zum Nachdenken fand so verweilte er doch am liebsten bei Ulrichen von Senden
der durch die traurige Geschichte bei der hohen Eiche bei weiten nicht jene
Neigung ausgelöscht hatte welche Herrmann beim ersten Anblick für ihn zu fühlen
begann Jene Tat die ihm beinahe das Leben gekostet hatte setzte Ulrichen
nicht in seinen Augen herab sie erhöhte vielmehr seine Meinung von ihm auch
seinem Verfahren gegen Konraden von Langen fehlte es wie er meinte nicht an
Entschuldigung ein Mann der dem was er in seiner Lage für Pflicht halten
musste auf Unkosten seiner liebsten Neigungen treu bleiben konnte verdiente
nach seinen Gedanken Achtung und Bewunderung verdiente wenigstens Mitleid statt
des Tadels Verzeiht meine Leser wenn Herrmann falsch urteilte er lebte
freilich in einem Jahrhunderte welches ihm andere Begriffe einflößen musste als
euch das eurige
Aleke war zu schwach Herrmanns Urteil einen andern Weg zu leiten sie war
vielleicht im Grunde selbst mehr für den unglücklichen von Senden eingenommen
als sie sich gestehen durfte Sie begnügte sich nur damit den Entschluss des
jungen Menschen nach Ulrichs Freundschaft anhaltend zu ringen zu bestreiten
und ihm zu erweisen dass so lange jener blieb was er war so lang die Acht noch
auf Herrmanns Haupte ruhte kein vertraulicher Umgang zwischen ihnen möglich
werden könne
Aber er liebt mich rief Herrmann er hat mir es in jener schrecklichen
Stunde selbst gestanden dass sein Herz an dem meinigen hängt Sollte er seiner
schrecklichen Pflicht nicht durch das Blut das er damals vergoss genug getan
haben und nun friedlich mit mir den Pfad des Lebens gehen können
Tut was ihr wollt sagte Aleke seufzend versucht was euch möglich ist
aber mir verdenkt es nicht wenn ich euch und ihn nie aus den Augen lasse und
da wo die meinigen nicht hinreichen euch andere zu Wächtern gebe
Herrmann nützte den ersten Tag seiner völligen Wiederherstellung Ulrichen zu
besuchen Freude glänzte in Sendens Augen als er den geretteten Jüngling sah
aber schnell ward sie durch eine Träne verdunkelt Er ging ihn mit offenen
Armen entgegen als wollte er ihn an seine Brust drücken aber schnell besann er
sich und der herzliche Empfang verwandelte sich in eine kalte Verbeugung
Ists denn unmöglich rief Herrmann dieses Herz für mich zu erwärmen habe
ich mir nicht mit meinem Blute deine Freundschaft erkaufen können Ulrich
wandte sich hinweg seine Bewegung zu verbergen Vielleicht in Zukunft rief er
indem er ihm die Hand drückte nur jetzt nur jetzt nicht Glaube mir Herrmann
ich bin unglücklicher als du
Aleke welche die ganze Zeit gegenwärtig war brachte das Gespräch auf
Herrmanns Geschichten bei Fritzlar Er erzählte alles was ihn in den Verdacht
brachte er sei Herzog Friedrichs Mörder alles was ihn vor dem Fürstenrat zu
Nürnberg lossprach so umständlich dass kein Schatten von Schuld mehr auf ihn zu
haften schien aber Ulrich bat ihn die Ursachen seiner nachmaligen Flucht und
seine Geschäfte in diesen Gegenden nicht zu vergessen und als Herrmann sein
Verlangen eben so redlich befriedigte so verfiel sein Zuhörer in ein tiefes
Nachsinnen aus welchem ihm Herrmanns und Alekens Zureden erst spät empor
reißen konnten
Herrmann sagte er bedenke dass ich dein Richter nicht bin o Gott wie
günstig würde vielleicht dein Urteil ausfallen wenn ich es wär
Du sollst mein Richter sein rief Herrmann sollst mir sagen was du im
Grunde deines Herzens von mir denkst
Ulrich zuckte die Achseln und bat von Dingen nicht mehr zu sprechen welche
nicht hieher gehörten
Aleke ward unwillig Herrmann traurig und so schied man von einander.
Bernhard kam von Engelrading zurück die Zeit vertrauter Unterredungen war
verflossen man sah sich nicht anders als bei der Tafel und Herrmann welcher
die volle Stärke der wiederkehrenden Gesundheit empfand fand es langweilig
länger hier zu bleiben Sein Geschäft beim alten Grafen von Unna lag ihm im
Sinne nur zu lang hatte es bereits verschoben werden müssen und er drang auf
seine Abreise
Die Frau von Unna hatte ihm geraten gegen ihren Gemahl nichts davon zu
gedenken dass er zu dem Feinde seines Hauses ziehen wollte aber da die
Aebtissinn von Marienhagen davon benachrichtigt war so konnte es Bernhardten
nicht verschwiegen bleiben Man wandte alles an den Jüngling von seinem
Vorhaben abzubringen Bernhard stellte ihm den Schimpf vor bei dem Grafen
Schutz und Rat zu suchen da er einen solchen Bruder hätte wie ihn Ursula
erzehlte ihm Katarinens Geschichte welche auch ehemahls zu dem verhassten Greise
geflohen war und nichts weiter von ihm erhalten hatte als die Hand eines
Mannes der sie nicht liebte Man ging so weit Herrmanns Entschluss welcher
unbeweglich blieb allerlei künstliche Hindernisse entgegen zu setzen Aber er
täuschte sie alle machte sich in einer Nacht in der Stille davon flog noch
einmal zu den geliebten Nonnen zu Überwasser sich mit ihnen zu letzen Eilte
nach dem Schloss Senden Katarinens Kinder zu küssen und trat dann den Weg zu
seinem ehrwürdigen Verwandten an
Ulrich von Senden der so wie Herrmann nun völlig hergestellt war hatte
Bernhards Burg noch eher als er verlassen Herrmann hatte gehoft ihn auf seinem
Schloss zu finden und noch einmal eine Unterredung von Herz zu Herz mit ihm
zu haben aber Katarine sagte er sei des vorigen Tages abgereist und sie habe
Ursach zu glauben er sei nach dem alten Grafen von Unna gezogen
Herrmann erfuhr überall in den Herbergen die Bestättigung von dem was ihm
seine Schwester gesagt hatte Ulrich war immer einige Stunden vor ihm da
gewesen und als er zu Unna einritt da sah er von Sendens Reisige im Schlosshof
halten
Der Ankommende wusste nicht was er hiervon denken sollte doch sein
verdachtloses Herz befriedigte ihn bald Ulrich konnte so wohl Geschäfte beim
Grafen von Unna haben als er er musste Geschäfte mit ihm haben der Graf war
oberster Stuhlherr der Freigerichte in dieser Gegend und von Senden ein
Einverleibter des heimlichen Gerichts
Es war in den damaligen Zeiten noch nicht Sitte halbe Tage in den
Vorzimmern der Großen zu warten ohne vorgelassen zu werden Wer zuerst kam
hatte den ersten Zutritt Herrmann ward gemeldet und herein gerufen er trat ein
und Ulrich von Senden begegnete ihm in der Tür
Der Ort wo man sich befand machte es unmöglich ein Wort mit einander zu
wechseln er blieb bei einer Begrüßung aber diese Begrüßung war bei Ulrichen
so kalt dass Herrmanns Herz zu Eis ward und sich zum erstenmahl der Verdacht
bei ihm einschlich von Senden könne sich um keiner guten Ursachen willen hier
befinden
Der Graf von Unna ein Greis mit dem Schnee des Alters und der blühenden
Röte der männlichen Jahre geziert sah den Eintretenden mit scharfem
forschenden Blicke an Wer seid ihr junger Mensch rief er in einem ernsten
Tone
Der hohe Anstand des Alten und ein Zug von wahrer Größe in seinem Gesicht
nötigte dem Jüngling eine tiefere Verbeugung ab als er sie sonst vor Königen
zu machen pflegte und er antwortete Herrmann von Unna
Was verlangt ihr
Gerechtigkeit
Verwegner wie kann Herzog Friedrichs Mörder Gerechtigkeit fordern ohne den
Kopf verlieren zu wollen
Ich bin Friedrichs Mörder nicht
Beweise
Mein Herz und das Zeugnis des Herzogs von Österreich
Das erste könnt ihr mir nicht vor Augen legen und das andere ist ungültig
ist nicht Zeugnis wie mich dünkt nur Vorbitte Der Herzog von Österreich war
nicht bei euch als die Tat geschahe
Gott war bei dem Täter und bei mir ihn rufe ich zum Zeugen
Der Schein ist wider euch
Welcher gerechte Richter richtet nach dem Schein
Ich sitze hier nicht als euer Richter
Denn als mein Freund der Freund des Unschuldigen
Als euer Verwandter wenn ihr wollt als der der euch gern gerechtfertigt
sähe Aber junger Mensch ihr wandet euch spät an mich Ich finde eine
Unstättigkeit in eurem Betragen die der Unschuld nicht ziemt Ich höre ihr
wart frühzeitig hier meinen Rat zu suchen es war euch zu viel meine Ankunft
geduldig zu erwarten ihr wandet euch zu Leuten welche euch nicht helfen
konnten zu Leuten die ich hasse mit denen ihr bisher entzweiet lebtet nun
wie ich höre schnell versöhnt seid ich versichere euch ihr Hass würde euch
bessere Dienste bei mir getan haben als ihre Liebe ein verworfenes Geschlecht
in welchem seit zwei Menschenaltern kein gesundes Glied war
Sie sind meine Geschwister
Ja leider ihr würdet mir sonst angenehmer sein
Kann der Graf von Unna der Vorsitzer des ernstesten Gerichts parteiisch
urteilen Es gibt unter meinen Geschwistern noch eine Agnese und Petronelle
eine Aleke von Langen einen Ulrich von Senden
Lasst die Weiber auf der Seite bleiben sie gehören nicht in unsere Rechnung
und was Ulrichen von Senden betrifft
Bei Gott rief Herrmann mit aufgehobenen Händen der edelste Mann den ich
kenne
Er dessen blutgieriges Schwert euch dem Tode nahe brachte Er tat was er
musste Freilich ists hart von ihm gehasst vielleicht auch hier verfolgt zu
werden
Der Graf schwieg mit tief zur Erde gesenktem Blick Ja sagte er nach
einer langen Weile Ulrich ist bei mir gewesen er hat viel mit mir von euch
gesprochen hat viel in der Aufnahme geändert welche euch bestimmt war
entfernt euch ich werde euch rufen lassen wenn ich eurer Gegenwart bedarf
Herrmann entfernte sich sein Herz mit Empfindungen erfüllt welche ihm die
Worte hemmten
Hütet euch zu fliehen rief ihm der Graf von Unna nach eure Verfolger sind
überall
Fliehen schrie Herrmann mit verächtlichem Ton Die Unschuld fliehet nicht
So war denn also die Audienz bei dem großen Mann von dem man sich soviel
versprochen auf welchen der Herzog von Österreich das ganze Glück seines
Lieblings gebaut hatte vorüber Herrmann hatte nichts in ihm gefunden als einen
stolzen Verwandten und einen parteiischen Richter der sich durch das
Einhauchen der Falschheit von zuvorgefassten vielleicht bessern Entschlüssen
abbringen ließ
Er hat viel mit ihm von mir gesprochen hat vieles in der Aufnahme welche
mir bestimmt war geändert sagte Herrmann zu sich selbst O Ulrich von Senden
Ulrich von Senden das Blut das du mir aus dem Herzen zapftest konnte ich dir
verzeihen aber hinterlistige Nachstellung Verleumdung bei dem auf den ich
meine ganze Hoffnung setzte Nein dies verzeihe ich nicht Das erste konnte
deine Pflicht von dir fordern aber welche Gesetze waren vermögend dich zu dem
andern zu bewegen
Gegen den Abend ward Herrmann zum zweitenmal zu dem Grafen von Unna
gefordert
Ihr wisst jetzt ohne Zweifel was ihr von dem von Senden halten sollt fragte
der Graf
Ich wusste es bisher nicht nun habe ich es erfahren
Ihr müsst aufrichtig mit mir von ihm sprechen sagt was sind eure Gedanken
von ihm Glaubt ihr dass er seiner Pflicht in Ansehung eurer völlige Gnüge
getan hat
Ich habe keinen bestimmten Begriff von den Pflichten die ihm und seines
gleichen obliegen
Erzählt mir die ganze Geschichte seiner Tat unter der hohen Eiche erzählt
mir auf was für einem Fuß er zuvor und hernach mit euch lebte ihr wisst ihr
habt keine Ursach ihn zu schonen auch er schonte eurer nicht
Herrmann erzehlte umständlich alles was vorgegangen war der Graf schüttelte
den Kopf das ist entsetzlich sagte er Auch keine Warnung vor der Gefahr die
euch drohte nicht ein Wink dass ihr euch vor ihm zu hüten hättet
Er durfte mich nicht warnen wie ich glaube wenn er seine Pflicht nicht
verletzen wollte
Aber er liebte euch beklagte euch wie ihr damals meintet mich dünkt er
hätte euch warnen sollen
Ich hielt seine Tat für das größte Opfer das er der grausamsten Pflicht
bringen konnte Ich glaubte in der Tat er hätte mich geliebt und es müsse ihm
schwer geworden sein mir ungewarnt den Dolch ins Herz zu stoßen aber dem der
mich verleumden mir das Herz meines ehrwürdigen Verwandten stehlen konnte
Das gehört nicht hieher nur noch eine Frage Man sagt ihr wäret beide
verwundet worden vermutlich leichte Wunden wie sie einer dem andern auf
Verabredung gibt um sich einer lästigen Pflicht zu entledigen dann sind
gleich Leute da uns zu retten zu verbinden und man ist seiner Verbindlichkeit
entledigt
Herrmann fing von neuem an die schreckliche Geschichte unter der hohen
Eiche zu erzählen er schilderte Ulrichs Kampf mit sich selbst auf die
lebendigste Art mahlte die Überwindung die es ihm gekostet zu haben schien
sein Schwert in das Blut seines Bruders zu tauchen mit den glübendsten Farben
und zeigte dem Grafen am Ende die Narbe von der fürchterlichen Wunde in seiner
Seite die er von Ulrichs Hand empfing Und ach setzte er hinzu mit mir war
er schonender verfahren als mit sich selbst es schien er wollte dem den er in
die Gruft hinabschicken musste zuvoreilen um seinen Tod nicht zu überleben
Lange hing sein Leben noch an einem Faden als schon das meinige gerettet war
Seine Verwundung rührte also wirklich wirklich von seiner eigenen Hand
nicht von der eurigen her rief der Graf
Ich hätte meine Hand an ihn an den geliebten Ulrich von Senden legen
sollen fragte Herrmann
Entsetzlich schrie der Graf mit zusammengeschlagenen Händen Brudermord
Selbstmord die Folgen des Gerichts das eine Nachbildung der göttlichen
Gerechtigkeit sein soll O Menschheit wenn wirst du einmal diese
schreckliche Bande abschütteln Herrmann mein Sohn mein Liebling Ulrich
von Senden mein Freund unglückliches Opfer deiner Pflicht umarmt einander
Eure Fehde habe auf ewig ein Ende
Der Graf hatte mit diesen Worten eine Nebentür aufgestoßen Ulrich stürzte
herein und schloss den erstaunten Herrmann in seine Arme Mein Bruder mein
Geliebter rief er endlich endlich darf ich meinem Herzen nicht länger wehren
darf dir sagen was ich für dich fühle ohne meine Pflicht zu verletzen
Herrmann stand mit weit geöfneten Augen ohne das begreifen zu können was
er sah und hörte ohne Ulrichs Liebkosungen von welchen er nicht wusste was er
halten sollte erwidern zu können
Junger Mensch sagte der alte Graf ihr wisst nicht was hier vorgegangen ist
Ihr glaubt wohl nicht dass ihr und euer Freund euch jetzt auf einer gefährlichen
Probe befunden habt Das Leben des einen und meine gute Meinung für den andern
stand auf dem Spiel aber eure Aussage hat beide gerettet Ulrich von Senden
der bei der Sache des Konrad von Langen schon einmal im Verdacht kam der
Pflicht eines Dieners der heimlichen Rache nicht völlig genug getan zu haben
ward angeklagt er habe in Ansehung eurer zum zweitenmal gesündigt habe euch
gewarnt euch Waffen in die Hände gegeben euch in jener schrecklichen Stunde zu
verteidigen habe euch nur zum Schein ein wenig verwundet und von euch eine
ähnliche Verletzung bekommen Leider steht auf solche Vergehungen welchen die
Menschheit eigentlich einen mildern Namen geben sollte bei uns der Tod
Ulrich von Senden trug durch seine Erscheinung viel dazu bei seine Anklage
wahrscheinlich zu machen Er trat auf und widersprach dem Urteil das wider
euch gefällt worden ist, ward ein Verteidiger eurer Unschuld und verlangte
Entlassung von seinem Posten Entkleidung von der traurigen Würde eines Dieners
der göttlichen Gerechtigkeit um mit dem unschuldigen Herrmann von Unna als
Bruder leben zu können Eigentlich wär hiedurch sein Urteil gesprochen
gewesen aber mir schauerte vor den Ungerechtigkeiten die unter dem heiligen
Namen unsers Gerichts ausgeübt werden ich drang auf Untersuchung Herrmanns
Ankunft gab uns die beste Gelegenheit die Wahrheit zu erfahren einige Worte von
mir gaben ihm Anlass sich von Ulrichen bei mir verleumdet zu halten aller
Verdacht der Parteilichkeit gegen seinen Freund ward durch den Unwillen den
dieses in seinem Herzen erregte aufgehoben Er antwortete auf meine künstlich
verschlungenen Fragen ohne Vorliebe für Ulrichen blieb auf der geraden Bahn
der Wahrheit seine Aussage stimmt wörtlich mit dem überein was wir von Senden
erfuhren Ulrich ist gerechtfertigt und Herrmann bekommt zum Lohn für die
Redlichkeit seines Herzens die Freiheit ins künftige Ulrichen ohne Furcht als
Freund umarmen zu können Ulrichs Entlassung wird nun keine Schwierigkeit mehr
haben
Und auch Herrmann wird gerechtfertigt sein fragte Ulrich der Herrmanns
Hand fest in die seinige geschlossen hielt
Wollte Gott rief der Graf aber leider ist alles was ich durch euch zu des
armen Jünglings Besten erfuhr nur für mich überzeugend Herrmann muss fliehen
fliehen unter meinen Schutz Die Zeit macht Dinge möglich an die wir jetzt
nicht denken dürfen Allemal ists ein wichtiger Umstand den ich durch euch
Ritter Ulrich erfuhr dass außer Kunzmann welcher im Tode Herrmann den
Mitgenossen seiner Untat nannte noch zween oder drei andere Mörder Herzog
Friedrichs sind gesehen und vielleicht mit Vorbedacht zu nachlässig
verfolgt worden Gott weis wie es möglich gewesen ist diesen Punkt bei dem
gesprochenen Urteil zu übergehen Aber die Rache wird diese Ruchlosen
ereilen und ihre Aussage wird Kunzmanns Bekenntnis bestätigen oder widerlegen
wie es die Wahrheit erfordert
Widerlegen schrie Herrmann oder ich verdiene nicht der Verwandte des edlen
Grafen von Unna zu sein
Du verdienst es wie ich hoffe rief der Greis du sollst mein Verwandter
selbst mein Sohn sein wenn die Zeit dich vor den Augen der Welt so
rechtfertiget wie vor den meinigen
Siebzehntes Kapitel
Herrmann zieht gen Italien
Die Freunde verließen den Grafen um in der Einsamkeit die Erstlinge ihres
Glücks zu genießen Also warst du mein Verteidiger bei dem Grafen nicht mein
Ankläger wie ich meinte rief Herrmann als er sich von seinem ersten Erstaunen
erholte
Konnte der gutmütige Herrmann sich doch endlich zu bösen Verdacht gegen
seinen Ulrich hinreißen lassen erwiderte von Senden
Und also kann ich darf ich dich künftig Freund und Bruder nennen und du
wirst nicht mehr den Unschuldigen verfolgen und dein Ohr vor der Stimme der
Wahrheit verschließen
Verschloss ich es je Wahrheit und Unschuld strahlten mir in die Augen
Todesangst überfiel mich wenn ich dich mit all deiner Liebenswürdigkeit vor mir
sah wie du um meine Freundschaft warbst mir aus vollem Herzen trautest und
der Gedanke in meiner Seele aufstieg die Richter haben gerichtet ich muss ihn
ermorden Unaufhörlich auch wenn du nicht um mich warst schwebte dein Bild
vor mir bald bleich und blutig bald lächelnd und bittend im Auge den vollen
Ausdruck der Schuldlosigkeit Mein Herz blutete mein Verstand schwankte
tausendmal wär ich lieber gestorben aber ich musste tun was ich tat Doch
lass uns die Augen auf ewig von dem Vergangenen abwenden die Fesseln sind
gebrochen du vergiebst mir und wir sind Freunde auf ewig
Herrmanns Freude über das Herz das er gewonnen hatte wuchs mit der Dauer
der Unterredung aber Ulrich ward am Ende still und nachdenkend Lass mich sagte
er zu seinem Freunde ich vergesse dass mir die Loszählung von meinem Eide erst
auf künftige Nacht bevorsteht und dass bis dahin unsere bisherige Lage noch
nicht verändert ist
Herrmann lächelte ein wenig über die strenge Gewissenhaftigkeit seines
Bruders und verließ ihn um Anstalten zu jener Abreise zu machen deren Eil ihm
der Graf so dringend empfohlen hatte und die ihm nur darum anstößig war weil
sie den verhassten Namen Flucht führte
Was in dieser Nacht mit Ulrichen von Senden vorging auf welche Art er aus
der großen über die halbe Welt ausgebreiteten Gemeinschaft der12 Geheimnisvollen
entlassen auf welche Weise ihm Wille und Möglichkeit benommen wurde in Zukunft
an ihren Angelegenheiten Teil zu nehmen oder irgend einen Gebrauch von der
Wissenschaft derselben zu machen dies blieb Herrmann verborgen und so oft er
in späteren Zeiten als er Mut genug bekam dieser Dinge in fröhlichen Stunden
zu gedenken eine scherzhafte Frage hierüber an Ulrichen wagte so scheuchte ihn
ein ernster Blick zurück und gebot ihm Stillschweigen
Des andern Tages fand Herrmann seinen Freund weit liebenswürdiger als je
zuvor sein Betragen war zutraulich und offen seine Miene heiter und froh und
wenn der Ritter von Unna nicht von ungefähr jene Dinge berührte denen Ulrich
diese Nacht entsagt hatte so schien sich kein Geheimnis in seinem Herzen zu
befinden das er nicht geneigt gewesen sein sollte ihm zu entdecken
Selbst über seine ehemahlige ach leider noch nicht ganz erloschene Liebe zu
der reizenden Frau von Unna und über seine seltsame Heirat mit Katarinen
sprach von Senden ohne Zurückhaltung Er erzählte seine Geschichte mit ihr
weitläuftiger als es nötig und den Gränzen dieses Buchs angemessen ist sie
anzuführen Katarine hatte tausend heimliche Künste genutzt den von Senden für
sich einzunehmen und seine ehemalige Geliebte deren Namen sie nie erfuhr aus
seinem Herzen zu reißen Unmut und vielleicht auch der Wunsch sich an der
unerbittlichen Aleke zu rächen hatten ihre Bemühungen erleichtert und
Zuredungen und heimliche Ränke dienstfertiger Mittelspersonen das ihrige getan
Es lebte zu den damaligen Zeiten in jedem angesehenen Hause einer oder etliche
Mönche welche unter dem Titel der Beichtväter allerlei Nebengeschäfte trieben
unter welchen die Stiftung unglücklicher übelgewählter Heiraten nicht das
geringste war von ihnen schreibt sich wahrscheinlich noch das Sprüchwort her
dass Ehen im Himmel geschlossen werden denn sie pflegten sich desselben allezeit
bei den Bündnissen die sie für gut hielten zu bedienen Ihre Geschicklichkeit
übertraf alles was die heutigen Heiratsstifter verstehen und was sie wollten
musste ein Paar werden es mochten sich auch die größten Hindernisse in den Weg
legen Pater Bonifax Fräulein Katarinens Beichtiger übte hier seine Gewalt
unumschränkt aus sie ward Frau von Senden und das übrige blieb der Fügung des
Himmels überlassen
Der Graf von Unna hatte binnen der Zeit von einem Jahre welche Katarine aus
Furcht vor dem Kloster in seinem Hause zubrachte Muse genug gehabt ihre böse
Seite kennen zu lernen die Kenntnis ihres Charakters befestigte das Urteil,
das er von ihrem ganzen Hause zu fällen pflegte und er gönnte ihr die Hand des
redlichen Ulrichs sehr ungern aber was war zu tun die Ehe war einmal im
Himmel geschlossen und auch er musste einwilligen Leser du kannst dir keine
Vorstellung von der Gewalt machen welche die Mönche in jenen unseeligen Zeiten
auch über die besten aufgeklärtesten Seelen auszuüben wussten
Mit recht zähle ich den alten Grafen von Unna unter einen der hellsten Köpfe
seiner Zeit wir haben sein Urteil über die heimlichen Gerichte gehört welches
ohnstreitig ehe ins achtzehnte als in das funfzehnte Jahrhundert gehörte dessen
ungeachtet fehlte es ihm nicht an Schwachheiten und Vorurteilen Sein
unüberwindlicher Hass gegen die Herrn von Unna seine Vettern gehörte mit unter
dieselben er war in diesem Stück so hartnäckig dass alles was Herrmann zum
Besten seiner Geschwister sagen konnte übel aufgenommen ward und leicht zu
seinem eigenen Nachteil hätte gereichen können
Ulrich bat ihn in der Stille einzulenken und die Sache nicht zu weit zu
treiben du weißt nicht sagte er wie nahe es dir schon war dass du für den
kleinen Anschein von gutem Verständnis zwischen dir und deinen Geschwistern bei
deinem ehrwürdigen Oheim hättest leiden müssen Seine Worte Es sei dir ein ganz
anderer Empfang bestimmt gewesen den nur ich verhindert hätte die du ganz
verkehrt auslegtest waren nur allzuwahr Der Graf der dich immer geliebt
hatte ohne dich zu kennen weil du mit seinen verhassten Vettern in Uneinigkeit
lebtest der dir bloß aus diesem Grunde alle Gnade erzeigt haben würde war aufs
äußerste wider dich aufgebracht als er erfuhr du wärest zu ihnen gereist
hättest sie ehe gesprochen als ihn würdest von ihnen geliebt und mit
Lustbarkeiten beehrt Es kostete mir Mühe die Vorurteile die er wider dich
gefasst hatte zu tilgen und es zu verhüten dass du nicht so wie beschlossen
war ungehört von seiner Tür gewiesen wurdest
Herrmann erkannte die neuen Verbindlichkeiten die er Ulrichen hatte und
seufzte dass auch die besten Charaktere nicht ohne Flecken sind Er hielt es
in die Länge für schwer sich in die kleinen Eigenheiten des guten Geistes zu
fügen und sah es nicht ungern dass der Tag seiner heimlichen Abreise angesetzt
war
Herrmann hatte den Wunsch geäußert nach Venedig zu den deutschen Rittern zu
gehen welche damals eben einen Zug wider die Türken vorhatten und der alte
Graf hatte sich demselben nur darum widersetzt weil er fürchtete der geliebte
Herrmann möchte daselbst seinen Bruder Johann von Unna antreffen und dadurch in
neue Verbindung mit dem ihm verhassten Hause geraten Herrmann wusste dass dieser
Bruder einer der geliebtesten unter seinen Geschwistern den deutschen Orden
trug und konnte es sich nicht leugnen dass der Wunsch ihn zu finden ihn
besonders nach Venedig zog aber der kluge Ulrich beredete ihn sich über diesen
Punkt nie gegen den eigensinnigen Greis zu erklären und auf diese Art geschah
es dass der alte Graf in alles willigte was sein junger Vetter wünschte und
ihn zum Zuge wider die Türken so stattlich ausrüstete als vielleicht noch kein
Herr von Unna ausgerüstet worden ist.
Achtzehntes Kapitel
Seltsame Nachrichten von der
Gräfin von Württemberg
So viel auch der Graf von Unna für seinen Neffen tat und vermöge seines
Ansehens ungestraft tun konnte so musste doch alles unter dem Siegel des
Geheimnisses geschehen Herrmann war noch nicht frei von dem Bann der ihn
heimlich verfolgte die Schwerdter der Unsichtbaren waren noch immer wider ihn
gezückt und es hätten sich Fälle zutragen können wo selbst sein Oheim mit
aller seiner Macht ihn nicht hätte schützen können
Der Graf und Ulrich mussten auf die Letzt eine solche Gefahr für ihren
Liebling voraus sehen denn seine Abreise ward mit der äußersten Schnelligkeit
betrieben und von Senden konnte sich kaum überreden den geliebten Jüngling
allein ziehen zu lassen
Herrmann erinnerte ihn an seine Kinder die in seiner Abwesenheit ganz der
Zucht einer schlechtdenkenden Mutter überlassen bleiben würden er erinnerte
ihn dass die Einsamkeit die Verbergung seiner Flucht leichter machen würde und
Ulrich gab nach umarmte seinen Freund und ließ ihn allein ziehen Die Leute
und das Gepäcke welches der Graf von Unna seinem Vetter mitgab wurden um
mehrerer Sicherheit willen voraus nach dem Orte seiner Bestimmung gesandt
Herrmann hatte sich von jeher zu nichts schlechter geschickt als zum
Fliehen er vergaß gänzlich dass seine Reise den Namen einer heimlichen
Entfernung führte und führen musste und setzte sie mit so vieler Ruhe fort als
ob er keine Gefahr zu fürchten habe das einige was er zu seiner Sicherheit
tat war dass er eine Verkleidung wählte in welcher er es allenfalls wagen
konnte sich mitten unter seinen Verfolgern sehen zu lassen und jeden Weg zu
reisen den ihm sein Herz vorschrieb
Können meine Leser wohl noch zweifeln welcher dieses war Liebe und
Freundschaft zogen ihn nach Nürnberg wo er Herzog Albrechten wusste und seine
Ida noch vermutete ihn war noch nichts von dem bekannt was der Gräfin nach
seinem Abzug begegnete Er wusste nicht dass der kühne Streich den sie zu seinem
Besten wagte die Belauschung der Geheimnisse jener fürchterlichen Unbekannten
die traurigsten Folgen für sie hatte ihren Vater und bald darauf auch sie
selbst nötigte zu fliehen um der Rache zu entweichen
Herrmann wusste alle Zugänge des Pallasts welchen Herzog Albrecht bewohnte
sein erster Gang als er die Stadt betrat wo er alles vermutete was er liebte
war zu ihm und er stand vor ihm ehe er sich es versah ehe ein Kämmerling
deren überdies die Fürsten in jenen Zeiten nur wenige hatten seine Ankunft
meldete
Herrmanns Verkleidung täuschte seinen erhabenen Freund nur kurze Zeit nicht
lang so schloss er ihn in seine Arme und die Worte Herrmann teurer
geliebter unglücklicher Unna stürzten aus seinem Munde
Warum unglücklich fragte der Jüngling Stehe ich nicht vor meinem geliebten
Fürsten werde ich nicht meine Ida sehen wenigstens von ihr hören wird die
Aussicht in die Zukunft mir nicht immer heiterer o teurer Herzog Dank euch
dass ihr mich zu meinem ehrwürdigen Verwandten sandtet welch ein Mann was hat
er bereits für mich getan was verspricht er mir in der Folge ich soll sein
Sohn sein wenn meine Unschuld an den Tag kommt welche ihm bereits so gut als
erwiesen ist Was für Hoffnung für meine Liebe Glaubt ihr wohl dass der Graf
von Württemberg seine Tochter dem Sohne seines alten Freundes des Grafen von
Unna versagen wird
Herrmann rief der Herzog Freude und Hoffnung berauschen dich du lebst mit
deinen Gedanken nur in der Zukunft und siehst nicht den Abgrund der sich zu
deinen Füßen eröfnet
Ein Abgrund Gut ich verstehe euch ich bin hier nicht sicher Aber nur
einen Tag mein teurer Fürst nur einen euch mein Glück zu erzählen und
und wo möglich Ida zu sehen
Ida wo ist sie Weißt du wo sie ist Ach sie musste fliehen ich gab
ihr Leute zu sie an einen Ort der Sicherheit zu bringen und heute bekomme ich
Post dass ihre Begleitung allein zu Regensburg angelangt dass sie von ihr
getrennt worden ist! Ach Ida ist vielleicht in den Händen ihrer Feinde ist
vielleicht schon tot Herrmann Herrmann was sollen wir tun unsere
Freundin zu retten
Der Kummer des Herzogs über den Verlust der Gräfin war fast so groß als das
Entsetzen welches Herrmann überfiel als er so unvermutete so schreckliche
Botschaften hörte
Der Entschluss den man fasste als man zu ruhiger Überlegung kam war
Herrmann sollte sich unvorzüglich nach Regensburg aufmachen selbst von diesen
Dingen Erkundigung einzuziehen und nach Maassgabe dessen zu handeln was er
finden würde Herzog Albrecht gab ihm eine kurze Nachricht von dem was sich in
seiner Abwesenheit mit Ida und ihrem Vater zugetragen habe und der bestürzte
Jüngling reiste ab
Das Gerücht von der Rückkunft der Reisigen welche Ida nach Ungarn hatten
begleiten sollen war gegründet und bald ward auch Herrmannen die Ursach klar
warum sie zu Regensburg verweilten und ihrem Herrn die Nachricht von dem was
ihnen und der ihrem Schutze befohlnen Gräfin begegnet sei nicht selbst
brachten Unsern Lesern Licht in diesen Dingen zu geben sind wir genötigt
einen Teil der Erklärung herzusetzen welche der Führer von Herzog Albrechts
Leuten dem fragenden Herrmann hierüber erteilte
Die Dame sagte er welche unserm Schutz befohlen ward ist so zu sagen
selbst Schuld an ihrem Unglück sie hat nicht für gut gefunden den Weg zu ziehen
der uns vorgezeichnet war und da ists nun so gegangen wie es geht wenn die
Weiber klüger sein wollen als ihre Ratgeber An den Gränzen von Österreich
kam uns das Gerücht entgegen König Wenzel sei aus der Gefangenschaft entkommen
und die Böhmen seien nicht ungeneigt ihn von neuem auf ihren Thron zu heben
Die nächste Nachricht bestätigte dieses man versicherte Wenzel und seine
Gemahlin haben schon ihren Einzug zu Prag gehalten die Huldigung von ihren
Untertanen von neuem angenommen und das ganze Land erschalle von fröhlichen
Festen die glückliche Begebenheit zu feiern Ihr wisst was das Gerücht von
Lustbarkeiten für einen Eindruck auf Weiberherzen macht unsere Dame änderte den
ganzen Reiseplan und die alte Kunigunde ihre Begleiterinn bestärkte sie in
ihren Einfällen wir wurden nicht gehört und die Reise nach Prag ging vor sich
Herrmann konnte erraten dass nicht Begierde nach Lustbarkeiten sondern das
Verlangen ihre Pflegeltern und die geliebte Sophie zu sehen seine Ida nach Prag
getrieben hatte und der Erzähler fuhr fort Wir langten zu Prag an Unsere
Dame hielt sich eingezogen und es ward uns leicht sie die unser Herr uns so
sehr anbefohlen hatte in guter Obhut zu behalten Sie lebte meistens in einem
kleinen Bürgerhause kam nicht nach Hofe sondern ließ der Königin ihre
Anwesenheit kund tun und ward von ihr besucht Wir fanden dass es ihr um die
rauschenden Feste welche dort gefeiert wurden nicht so viel zu tun sein musste
als um den Umgang der Königin Die beiden Damen fuhren oft zusammen aus aber
ihr Weg ging immer nicht weiter als in die unerbaute Matäus Kirche oder in das
Kloster13 Bethlehem Sophie scheint durch ihr Unglück sehr andächtig geworden zu
sein und unsere Dame fügte sich sehr gut in ihren Geschmack Ihre
beiderseitigen geistlichen Übungen mussten dem rechten Glauben nicht ganz gemäß
sein sie machten den Erzbischoff Subinko aufmerksam und wir hatten Spuren dass
unserer Dame welche man anfing für eine Verführerinn der Königin zu halten
von der Geistlichkeit nachgestellt wurde Alle unsere Vorsicht konnte nicht
verhindern dass sie eines Morgens auf den Wegen die sie mit der Königin zu
machen pflegte und auf welchen wir sie nie begleiten durften in die Hände
ihrer Verfolger geriet Alle unsere Bemühungen den Ort zu entdecken wohin man
sie gebracht habe waren vergebens Ich ward drei Tage nach ihrem Verlust zur
Königin gefordert welche eben so besorgt um unsere Dame war als wir selbst
Beruhigt euch sagte sie und leset diesen Brief den ich eben erhalten habe
behaltet ihn und lasst ihn euch zu Erinnerung dessen dienen was eure Gebieterinn
von euch fordert
Der Erzähler zog bei diesen Worten einen Brief hervor in welchem Herrmann
Züge von der Hand seiner Ida erkannte er küsste sie und las folgendes
»Beruhiget euch teure Königin eure Ida ist außer Gefahr das ganze
Unglück das mir widerfährt ist dass ich in ein Kloster nach Ungarn gebracht
werde Dieses Land war es ja wohin mich meine Sicherheit und Herzog Albrechts
Angelegenheiten bestimmten selbst meine Verfolger müssen mir die Hand bieten
mich an den Ort zu führen wohin mich das Schicksal ruft Ich bitte entlasset
meine Begleiter und heißt sie nach Regenspurg eilen Ein sonderbarer Zufall
entdeckt mir dass einer von denen welche ich am meisten liebe sich dort in
einem Zustande befinde welcher ihm Hilfe nötig macht sollte es vielleicht
mein Vater sollte es Herrmann sein
Die Reisigen müssen einige Tage an dem Orte verweilen den ich ihnen
bestimme und durch sorgfältiges Nachforschen das zu erfahren suchen was ich
ihnen nur undeutlich melden kann
O Sophie Sophie wenn wo werden wir uns wieder sehen«
Und was habt ihr getan fragte Herrmann mit Höflichkeit den Befehl der
Gräfin zu vollziehen Nichts antwortete der Anführer lachend als auf das
Geschäft gewartet welches wir hier haben sollen und welches sich ohne Zweifel
uns von selbst darbieten muss weil wir nicht geschickt genug sind
Nachforschungen nach ganz unbestimmten Dingen anzustellen
Die Liebe der Ritter gegen ihre Damen war in jenen Zeiten noch
entusiastisch genug ihnen die kleinsten Winke derselben zu Gesetzen zu machen
ein angeblicher Traum der schönen Ida war ehemals kräftig genug gewesen den
Ritter dessen Wahlspruch war Die Unschuld fliehet nie in die weite Welt
hinaus zu treiben kann man sich wundern dass die rätselhaften Worte ihres
Briefs alle seine Kräfte in Bewegung setzten zu ersinnen nachzuforschen
auszurichten was sie verlangte Seine Gegenwart war fähig alles in Bewegung zu
setzen Die trägen Ausrichter von Idas Befehlen wurden durch seinen Antrieb
lebendig und nicht ein Tag verging als man schon wusste dass der sonderbare
Zufall Gesicht Prophezeihung Ahndung oder was es sein mochte der ihr
Regenspurg als den Leidensort eines ihrer Freunde bezeichnete so wenig gelogen
hatte als jener wachende Traum von Herrmanns Beurteilung vor dem heimlichen
Gerichte
Der Graf von Württemberg Idas Vater hatte wie wir wissen Nürnberg
verlassen um nach Italien zu flüchten und sich daselbst einige Zeit wegen
gewisser Verdrießlichkeiten die er gehabt hatte zu verbergen Er war ein Mann
von zu großer Bedeutung und seiner heimlichen Feinde waren zu viel als dass er
seinen Weg an den Ort den er zur Sicherheit gewählt hatte ungestört fortsetzen
konnte
Die Wahrscheinlichkeit, dass er wenn er sich länger zu Nürnberg aufhalten
sollte vor allen andern Kandidaten zur Kaiserwürde gewählt werden würde war
nicht gering Ihn nicht allein von da zu entfernen sondern ihn auch so lang
abwesend zu erhalten bis eine andere Wahl geschehen sei musste das einmütige
Bestreben aller seiner Gegner sein Wer sich zu Erreichung dieser Absicht unter
allen auf welche man raten kann am würksamsten erwies ist nie kund worden
aber so viel ist gewiss dass der Anschlag glückte dass Graf Eberhard auf seiner
Reise von Unbekannten feindlich überfallen ward und jetzt wirklich zu
Regenspurg gefangen saß
Die Reichsstädte waren die alten erklärten Feindinnen des Grafen von
Württemberg sie boten gern zu den Anschlägen seiner andern Widersacher die Hand
eine Jede von ihnen hätte gern hiebei die erste Rolle gespielt und die stolzen
Bürger von Regenspurg triumphirten nicht wenig dass sie es waren denen es
glückte ihren alten Hasser in ihre Gewalt zu bekommen ihnen musste vorzüglich
daran gelegen sein dass Eberhard nie zur Kaiserkrone gelangte
Man trotzte zu Regenspurg auf eigene Macht und auf mächtigen Beistand man
hielt es nicht der Mühe wert aus Graf Eberhards Gefangenschaft ein Geheimnis zu
machen und Herrmann hatte keine große Mühe nötig zu erfahren was hier für ihn
zu tun sei Wir getrauen uns nicht zu entscheiden ob nicht der Ritter der
treuen Minne mehr Freude als Schrecken über die erste Nachricht von der
Gefangenschaft des Grafen von Württemberg empfand Den Vater seiner Geliebten zu
befreien welch ein Gedanke und Eberhards Befreiung war in seinem Sinn so gewiss
als seine Gefangenschaft war beides zusammen für ihn nur eine Idee
Wie manche Dame wird vom Schicksal nur darum in Feuer und Wasser geworfen
damit ihr Liebhaber sie befreien könne war es nicht vielleicht möglich dass
hier ein harter Vater nur darum in Not geriet damit seine Befreiung sein Herz
gegen den helfenden Jüngling erweichen möge Herrmann glaubte dieses so fest
als sein Evangelium Tausend Anschläge wurden gemacht seine Absicht zu
erreichen tausend verunglückten aber er ward nicht mutlos Zwar vergieng viel
Zeit unter den vergeblichen Bemühungen zwar setzten unterdessen Jodokus aus
Mähren und Rupert von der Pfalz die Kaiserkrone auf und an Graf Eberhardten
ward nicht mehr gedacht aber endlich endlich war doch das Glück dem tapfern
Herrmann günstig und Idas Vater lag befreit in seines Retters Armen
Graf Eberhard dankte dem Ritter von Unna mit Rührung er nannte ihn mit dem
süßen Namen Sohn dem Herrmann vielleicht eine weitläuftigere Deutung gab als
dieser damals im Sinne hatte aber doch konnte er ihm nicht bergen dass ihm
seine Rettung lieber gewesen sein würde wenn sie einige Monate früher geschehen
wär Für mich ist hier nichts mehr zu tun sagte er bis etwa Deutschland
seinen neuen Herrn wieder überdrüssig wird aber werde ich dieses auch erleben
Herrmann der es eben nicht sonderlich gern gesehen haben würde wenn Ida
die Tochter eines Kaisers geworden wär schwieg zu diesen Dingen und wünschte
heimlich Kaiser Ruperten langes Leben und nach seinem Tode Siegmunden die
Krone indessen Graf Eberhard traurig neue Anstalten zur Reise nach Italien
machte und es nicht ungern zu hören schien dass der Ritter von Unna ihn dahin
begleiten wollte Herrmanns Eifer für seine Befreiung die Gnade die er vor
den Augen des Grafen von Unna gefunden hatte die Hoffnung auf seine
wahrscheinliche künftige Rechtfertigung und vor allen die Vernichtung seiner
eigenen hochfliegenden Entwürfe machten dass der Graf den Liebhaber seiner
Tochter mit günstigern Augen betrachtete als zuvor und es sich zuweilen als
möglich dachte ihn einst seinen Eidam zu nennen
Welch ein Triumph für den Jüngling wenn er dann und wann einmal einen
solchen Gedanken aus seinen Worten oder aus seinen Blicken schließen konnte
Freudig ward die Reise nach Italien angetreten und Herzog Albrechts Reisige
deren man nicht mehr bedurfte wurden ihrem Herrn zurück gesandt
Der entzückte Herrmann sorgte fast für nichts mehr als für seine Ida doch
glaubte er unter einer besonderen Protecktion einer wohltätigen Macht zu stehen
die auch sie zur bestimmten Stunde in seine Arme zurück führen würde
Neunzehntes Kapitel
Der Bericht welchen der Anführer von Herzog Albrechts Leuten Herrmann von den
bisherigen Schicksalen seiner Geliebten gegeben hatte war vollkommen richtig
aber er hatte seine Lücken und unsere Leser werden uns erlauben dieselbigen
auszufüllen
Das Gerücht von dem wiederaufblühenden Glück der geliebten Sophie war ihrer
Freundin Ida an den österreichischen Gränzen entgegen gekommen und das
Verlangen Teil an dem Triumph der wiedereingesetzten Königin zu nehmen hatte
die Gräfin bewogen den Reiseplan den ihr Herzog Albrecht aus weisen Ursachen
vorgeschrieben hatte zu ändern und sich auf den Weg nach Prag zu machen
Sie trat in dem Hause ab das sie noch immer so gern die Wohnung ihres
Vaters nannte und wer kann das Entzücken beschreiben das ihre Erscheinung
daselbst anrichtete Die gutherzige Münsterinn dachte vor Freude zu sterben
ihre Ida als Gräfin von Württemberg und doch noch immer so zärtlich so kindlich
gegen sie gesinnt wie zuvor wieder zu erblicken Fast leblos vor Wonne lag sie
in den Armen ihrer Tochter wie die Gräfin sich noch immer von ihr wollte
nennen hören Idas Tränen flossen in die ihrigen Tränen der Liebe des Danks
und mancher frohen und wehmütigen Erinnerung
Wo ist mein Vater rief die Gräfin als Tränen und Liebkosungen ihr Zeit
zu einer Frage ließ Die Münsterinn ohne zu zweifeln wer mit dieser
zärtlichen Benennung gemeint sei schickte eine treue Magd nach der
Mattäuskirche wo Münster die Aufsicht über den Bau des Hochaltars führte um
ihn abzurufen ohne die Ursach seiner Abforderung zu melden aber sie eilte zu
Ida zurück von der sie sich ungern einen Augenblick trennte Sie saßen neben
einander Mariens Hand ruhte in dem Schoße ihrer Pflegetochter und ward von der
Ihrigen festgehalten Idas Arm umschlang den Nacken ihrer Mutter ihre Augen
waren mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Zärtlichkeit auf sie gerichtet nur
wenig Worte wurden gewechselt aber Tränen und Blicke vertraten die Stelle
So fand sie der alte Münster Ida stand auf ihn in ihre Arme zu schließen
Die Szene der sprachlosen Zärtlichkeit erneuerte sich und erst spät in die
Nacht hub jene süße vertrauliche Unterhaltung zwischen den glücklichen Dreien
an die jeder meiner Leser sich malen kann welcher Jahre lang von seinen Lieben
getrennt war entfernt von ihnen tausenderlei Glück und Unglück erfuhr das er
ihnen nun beim Wiedersehen gern auf einmal vor Augen legen auch ihre Schicksale
hören und alles alles nachholen möchte was er bisher versäumen musste Das
Verlangen den redlichen Münster und seine Gattin zu sehen war vielleicht die
Hauptursache der Reise nach Prag aber nicht die einzige gewesen Auch Sophie
war ein Gegenstand von Idas Sehnsucht Aber wie sollte sie vor ihr erscheinen
Sie war in einer Verfassung welche es ihr verbot sich öffentlich bei Hofe zu
zeigen Münster der seiner Königin bekannt war und von ihr geschätzt wurde
übernahm das Geschäft ihr die Anwesenheit der Gräfin von Württemberg und ihre
Wünsche zu melden Sophie kam denselben entgegen sie erklärte sich sie wolle
zu besserer Geheimhaltung der Gegenwart ihrer Freundin sie nie anders als in
dem Hause ihrer Eltern sehen und diesen Abend sie in Begleitung einer einigen
Dame besuchen
Sophiens sanfter milder Charakter war durch langes Leiden noch mehr veredelt
worden Das Unglück hatte allen Stolz in ihr getilgt sie hatte zu sehr
erfahren wie ein zufälliges vorübergehendes Gut die Krone sei als dass sie
jetzt da sie sie von neuem trug an den kleinen armseligen Ceremoniel hätte
hängen sollen das mit derselben verbunden war Sie hielt sich nicht für zu
erhaben die Wohnung eines geringen Bürgers zu besuchen Freundschaft führte sie
in Münsters Haus so wie sie Mildtätigkeit und Menschenliebe oft in noch weit
niedrigere Hütten führten Ida lag in Sophiens Armen Tränen der Freude
strömten aus beider Augen aller Unterschied des Standes war vergessen die
Königin fühlte das Glück eine wahre Freundin an ihren Busen zu drücken so
lebhaft dass ich glaube sie hätte sich mit gleicher Herablassung betragen wenn
die welche sie liebte auch nicht die Gräfin von Württemberg wenn sie bloß Ida
Münsterinn gewesen wär
Vertrauliche Gespräche gingen von Mund zu Mund Sophie erzählte die lange
Geschichte ihres Leidens und beschloss sie mit der traurigen Bemerkung wie
wenig der Urheber derselben ihr Gemahl durch das was er auch gelitten hatte
gebessert sei Der einige Gewinst den sie von den Trübsalen hatte die ihr an
seiner Seite zu Teil wurden war etwas mehr Liebe und Achtung als sie im
Anfange ihrer Ehe von ihm genoss Wenzel hätte noch weniger Mensch sein müssen
als er war wenn nicht seine treue Leidensgefährtinn seine Freundin seine
Trösterinn eine Art von Dankbarkeit in seinem Herzen hätte erregen sollen
Das Gerücht sagte wie wir bereits gehört haben von Sophien sie sei durch
ihre Leiden andächtig geworden und wir können ihm nicht ganz widersprechen
Sophie war andächtig war vielmehr ernst aber nicht das was man bigott nennt
Wem sind die Geschichten des Märtyrers der Wahrheit des redlichen Johann Huss
nicht bekannt Er fing in den damaligen Zeiten an zuerst aufzutreten seine
Reden waren ganz anders als die der Pharisäer und Schriftgelehrten seiner Zeit
Die Königin liebte ihn und hörte ihn gern Die Aufmerksamkeit des Erzbischofs
verhinderte dass sie hierinn nicht allemahl so handeln konnte wie sie wollte
aber der geheime Umgang mit Ida machte dass sie anfing unter der Decke der
Verborgenheit sich auch hierinn mehr zu erlauben als zuvor
Im schlechten bürgerlichen Gewande oft ohne alle Begleitung oft zu Fuß
besuchte die Königin ihre Freundin und beide traten denn den Weg nach der
Mattäuskirche an wo der Prediger der Wahrheit sich hören ließ Sophie war in
ihrer geringen Tracht nicht so von ihrer Hoheit entkleidet dass man sie nicht
hätte kennen sollen sie und die schöne Fremde welche man immer an ihrer Seite
sah erregten Aufmerksamkeit die Prager Bürgerinnen freuten sich ihre Königin
bei ihren Andachtsübungen mitten unter sich zu haben Hussens Beifall vermehrte
sich vornehmlich bei dem weiblichen Geschlecht Mehrere Damen von Stande
machten sich es zur Ehre ohne allen Schmuck gleich den ersten Bekennerinnen
des Christentums in seinen Predigten zu erscheinen und die Geistlichkeit
schrie mit tausend Zungen über den Unfug
Münsters geschickte Hand hatte bei Ausschmückung der Kirche wo Huss
predigte ein Meisterstück geliefert welches aber so beschaffen war dass nur
wenige es sehen durften und dass es daher in einer abgelegenen Halle
verschlossen ward Verschiedene Gruppen der herrlichsten Bildsäulen die
Italiens Schüler Ehre machten stellten hier den großen Stifter des
Christentums in den heiligsten Stunden seines Lebens und auf der andern Seite
den Bischoff von Rom mit aller Pracht der Könige umgeben im Gefolg seiner
Kardinäle vor Welch ein Gegensatz Ida beredete ihren Vater es der Königin
zu zeigen Sophie war entzückt ein Bild wirklich vor Augen zu sehen das Huss so
oft in seinen Reden mit ziemlich kühnen Worten entwarf Ein künstlicher Mahler
musste dies Meisterstück im Kleinen nachbilden und die Königin gab ihm einen
Platz in ihrem geheimen Betzimmer Huss fuhr fort auf die Sitten der damaligen
Geistlichkeit zu schmähen er spielte oft auf Münsters herrliche Arbeit an
mehrere Personen bekamen sie zu sehen mehrere ließ sie nach Sophiens Beispiel
nachbilden und dieses Stück ward bald die öffentliche Zierde der Speisesäle und
Betzimmer in unterschiedlichen Privatäusern Wut und Rache kochte in dem
Herzen der Geistlichkeit alle sahen auf die Königin und nannten sie die
Ernährerinn dieses Unfugs aber sie saß zu hoch um sich an ihr zu rächen und
man fand es bequem ihre Freundin Ida für ihre Verführerinn zu halten und die
Sache auf sie zu kehren Huss ward indessen immer öffentlicher angefochten es
kam zu einem Reichsstreit welcher weil die Bestechbarkeit Wenzels bekannt war
ihm sehr ansehnliche Geschenke eintrug Wenzel war nicht undankbar er sah
Hussen als den14 ersten Urheber dieses Zuflusses in seinen Schatz an und machte
ihn zu seinem Beichtvater Die beiden schönen Ketzerinnen Ida und Sophie wurden
kühner und auf diese Art geschah es dass Ida als sie einst die Reden ihres
Lieblingslehrers allein besucht hatte sich in den Händen des Erzbischofs
Subinko befand ehe es ihr nur einfiel Gefahr zu ahnden
Ida ging in tiefen Gedanken nach Hause als sie in die Gewalt ihrer
Verfolger geriet sie hatte ein Privatgespräch mit Huss gehabt welches ihre
ganze Seele einnahm Huss war kein Prophet aber der große Einfluss den er
überall hatte sein gewaltiger Anhang durch das ganze teutsche Reich machte dass
ihm Dinge bekannt wurden welche andern verborgen blieben Er kannte Ida als die
Gräfin von Württemberg er wusste Graf Eberhards Unglück und hatte ihr diesen
Abend gesagt sie solle auf Rettung für den denken welcher ihr auf der Welt am
liebsten wär und der von seinen Feinden zu Regensburg gefangen gehalten würde
Der fromme Mann glaubte sehr deutlich geredet zu haben er wusste nicht dass ein
schönes Mädchen wohl einen Mann kennen könne der ihr so lieb als ihr Vater und
dass sie bei einer solchen Rede zweifelhaft werden müsse welcher von beiden
gemeint sei
In den Zweifeln welche hierüber ihr Herz bestürmten und in dem Vorsatz den
heiligen Mann des andern Tages genauer zu fragen ging sie vor sich hin und sah
die Gewappneten welche sich ihr entgegen stellten ohne Furcht merkte erst
dann dass sie um ihrentwillen hier wären da das Schreien um Hilfe schon zu spät
war
Sie ward vor den Erzbischoff geführt hörte eine ernste Vorhaltung ihrer
Ketzerei und das Urteil, sie solle nach Ungarn in ein Kloster gebracht werden
mit ziemlicher Gleichgültigkeit an Nur die Sorge ihrer Freunde um sie machte
ihr einigen Kummer der sich sehr vermehrte als es ihr einfiel dass es ihr
nunmehr unmöglich sein würde etwas zu Rettung desjenigen zu tun von dessen
Gefahr ihr einige Winke gegeben worden waren
Doch auch hieraus wusste sie sich zu helfen Ein kostbarer Ring bestach einen
von ihrer Wache brachte den Brief den wir oben erwähnt haben in Sophiens
Hände und machte Herrmannen zum Retter ihres Vaters Sie hofte das was
wirklich erfolgte die Ausrichtung ihres unbestimmten Auftrags und trat ihre
Reise mit doppelter Ruhe an weil sie sie an einen Ort führte an welchen sie
ohnedem gedacht hatte
Sie fürchtete sich nicht vor ewiger Einkerkerung an dem Orte wohin man sie
bringen wollte sie hatte keinen Begriff davon dass man eine Person welche
eigentlich nichts verbrochen hatte so hart strafen könne sie hofte in ihrem
künftigen Aufenthalte immer einer gewisseren Freiheit zu genießen und vielleicht
daselbst ihre Geschäfte eben so gut ausrichten zu können als wenn sie unter
Herzog Albrechts Schutz nach Ungarn gekommen wär wer kennt nicht die Hoffnungen
der unerfahrnen Unschuld Ida wusste ja wenigstens dies dass sie sich hier nicht
unter der Gewalt des heimlichen Gerichts für sie das einige Schreckliche in der
Welt befand
Wir finden es schicklich unsere Leser hier von den Aufträgen zu
unterrichten welche der Herzog von Österreich seiner Freundin bei ihrer
ersten Abreise aus Nürnberg gab Sie betrafen die unglückliche Königin Marie
von Ungarn König Siegmunds erste Gemahlin welche man bisher für tot gehalten
hatte und von deren Leben Herzog Albrecht durch Herrmannen einst einige Winke
bekam Der jungen Prinzessin Elisabet von dem Leben ihrer Mutter Nachricht zu
geben mit ihr vereint sich zu bemühen das Kloster ausfindig zu machen in
welchem die Königin Marie lebte dieses war das hauptsächlichste was Albrecht
von der Gräfin von Württemberg in jenen Stunden des Abschieds forderte Er legte
ihr Plane vor nach welchen sie bei diesen Nachforschungen zu Werke gehen
sollte und wir haben schon damals bemerkt dass sie ihr schwer auszuführen
dünkten Ihr war es lieber nicht an dieselben gebunden zu sein und bei
Betreibung dessen was ihr selbst am Herzen lag so handeln zu können wie es
Zufall und Gelegenheit gab Auch hielt sie es für grausam einer unglücklichen
Tochter mit dem Leben ihrer Mutter zu schmeicheln ehe man wüsste ob man ihr
das was man versprach würde wahr machen können eine mit kindlicher Liebe
erfüllte Seele in Ungewissheit wegen des Schicksals der Urheberinn ihres Daseins
zu setzen ohne im Stande zu sein ihre Unruhen heben zu können Ida kannte die
Qualen kindlicher Besorgnisse und aus diesen und ähnlichen Gründen war es ihr in
manchen Augenblicken fast lieber dass sie nicht auf die Art nach Ungarn kam wie
anfangs beschlossen war
Sie hatte sich bei dem Erzbischoffe als er ihr ihr Urteil sprach die
Freiheit ausbedungen den Ort den man ihr zum Aufenthalt bestimmte wenn er ihr
misfiel mit einem andern Kloster verwechseln zu können und er hatte kein
Bedenken getragen ein Versprechen zu geben das er ja jeden Augenblick zurück
nehmen konnte Dieses waren die festen Stützen auf welchen die Hoffnung der
armen Ida ruhte Sie glaubte auf diese Art unterschiedliche Klöster durchlaufen
zu können ohne dass jemand etwas mutmaßen ohne dass man ihr irgend etwas
vorwerfen könne als allenfalls ein wenig Unbeständigkeit Hätte sie dann
diejenige gefunden die sie suchte so sollte eine Botschaft der Prinzessin
Elisabet das Leben und den Aufenthalt ihrer Mutter kund tun Herzog Albrecht
und seine Verlobte würden dann wie sie meinte herbeieilen die Gefundene und
die Finderinn frei zu machen und und man würde glücklich sein
Zwanzigstes Kapitel
Mancherlei
Ida hatte gute Zeit auf einer langen Reise Plane zu entwerfen und sich mit
Hoffnungen zu schmeicheln welche gleich in den ersten Tagen ihres Aufenthalts
im Kloster zu Sankt Annen wohin sie gebracht ward zu schwanken begunnten
Das Kloster der heiligen Anna lag in einer von der Natur ganz
vernachlässigten Gegend Die hohen Gebirge die dichten Tannenwälder in welchen
es sich versteckte konnten keine andern Empfindungen als Gram und Schwermut
nähren Das tiefe enge Tal in welchem sich die Klostermauren erhuben
verwehrte jede freie die Seele erhebende Aussicht das Herz schien sich zu
verengen bei der traurigen Einförmigkeit der Gegenstände, die sich hier dem Auge
darboten Unmut und Menschenhass saß auf allen Gesichtern die man hier
erblickte und auf allen Sälen allen Gängen in der Kirche wie in den Gärten in
den Zellen wie in den Erholungszimmern schlich Ängstlichkeit und Langeweile
Ida hatte wie sie meinte in wenig Tagen das ganze Kloster ausgelernt und
sich überzeugt dass hier nicht die entfernteste Vermutung von dem sei was sie
suchte eine Entdeckung welche sie sehr schnell aus ihrem traurigen Aufenthalte
getrieben haben würde wenn sie es nicht dem Wohlstande gemäß gehalten hätte
wenigstens einige Wochen an einem Orte zu verweilen wo man ihr mit ziemlicher
Achtung begegnete und ihr keine Ursach zu einer Klage gab als diejenigen,
welche alle Klosterfrauen mit ihr gemein hatten
Die Zeit welche sich die bescheidene Ida bestimmt hatte vergieng ohne dass
ihr Herz sich an eines der Altagsgesichter welche ihr hier überall begegneten
hätte fesseln ohne dass sie eine einige Person hätte finden können mit welcher
es sich auf eine offene oder verdeckte Weise über die Dinge hätte sprechen
lassen welche ihr wichtig waren Nicht einmal von den umliegenden Klöstern
konnte sie eine befriedigende Nachricht erhalten nach welcher sie ihre Wahl
hätte einrichten können wenn sie wie sie gesonnen war ihren Entschloss ein
anderes Kloster zu beziehen bekannt machte
Alles was man ihr sagte war dass sich in der Nachbarschaft ein Kloster der
heiligen Nikola befände welches auf gewisse Art dem Annenkloster unterworfen
wär daher auch die Schutzheilige desselben verbunden sei jährlich einen Besuch
bei Sankt Annen ihrer Patroninn zu machen ein Tag dem man nächstens entgegen
sähe und bei welchem diesesmahl alle Jungfern jenes Klosters ihre Heilige
begleiten würden weil eine Art von Jubelfeier sie verbänd der Aebtissinn von
Sankt Annen ihre Devotion zu bezeigen
Diese Erzählung wurde der Gräfin mit einer Art von Triumph gemacht und sie
vermochte nicht zu urteilen ob Freude über den Anschein einer Art von
Herrschaft über andere oder bloß das Vergnügen endlich einmal einen Tag zu
sehen der sich durch irgend etwas von seinen langweiligen Brüdern auszeichnete
das Gesicht der Erzählerinn beseelte
Gern hätte Ida diesen schwachen Sonnenschein den ersten den sie in den
Augen einer dieser traurigen Jungfern erblickte einer edleren Ursach
zugeschrieben gern hätte sie geglaubt man sähe den Ankommenden als lang nicht
gesehenen Freundinnen entgegen aber sie hatte der Damen der heiligen Nikola
schon so oft auf eine misbilligende Weise erwähnen hören dass sie diese
Vermutung nicht fassen konnte
Der Tag der feierlichen Prozession erschien der wie Ida beschlossen hatte
einer ihrer letzten in diesem Kloster sein sollte und die ganze Schwesterschaft
rüstete sich die Kommenden zu empfangen Die Zurüstungen welche man machte
bestanden nicht in Hervorsuchung der besten Bewirtung nicht in Aufheiterung
dieser finsteren nie lächelnden Besichter nicht in Ausschmückung der traurigen
Zellen im Gegenteil bemerkte Ida dass heute die Schleier noch fürchterlicher
aufgetürmt die Stirnen noch tiefer in Falten gelegt wurden und dass um das
Ansehen der heiligen Anna gegen ihre Vasallinn noch besser zu behaupten der Tag
ihres Besuchs einer der strengsten Fasttage des Jahrs sei
Die Gräfin wunderte sich sehr über diese neumodische Art Freundinnen zu
bewirten und spannte ihre ganze Aufmerksamkeit um nichts von dem was weiter
erfolgen würde zu verlieren
Die besuchende Heilige erschien in Begleitung ihrer Jungfrauen freundliche
weisswangigte wohlgenährte Geschöpfe ganz das Gegenbild von den ernsten Damen
denen sie Kour machen mussten auch ihre Patroninn hatte ein etwas weniger
antikes Ansehen als Sankt Annen Bild zu welchem sie auf den Altar gestellt
wurde und das die schönere Schwester mit einem düstern neidischen Blick über
die Schulter anzuschielen schien
Nach gehaltenem Gottesdienste begaben sich die beiden Oberinnen mit ihren
vornehmsten Jungfern auf den Versammlungssaal die Angelegenheiten des Klosters
zu berichtigen und die andern zerstreuten sich in die Kreuzgänge und in den
Garten um zu versuchen ob sich hier eine Art von Unterhaltung finden ließ Ida
bemerkte dass die kleinen Gesellschaften die sich hier bildeten nur selten aus
Nonnen beider Klöster bestanden dass meistens die Fremden bei einander blieben
und der größte Teil der Einheimischen ungesittet genug war die Ankommenden
ihrer eignen Unterhaltung zu überlassen Doch waren die Gespräche beider Teile
eifrig und die Züge der Sprechenden ließ den Inhalt ihrer Reden erraten Auf
den Gesichtern der Dienerinnen der heiligen Anna saß Schmähsucht und hämischer
Neid dahingegen aus den Augen der Nikolaitinnen mutwilliger Spott leuchtete
und ihr Mund sich zum heimlichen Lachen verzog Diese Erscheinungen mussten etwas
gewöhnliches sein denn niemand schien sich darüber zu wundern oder es dem
andern übel aufzunehmen jedes ging seinen gewohnten Weg und ahndete nichts von
den Bemerkungen der beobachtenden Ida
Ida war eine Fremde im Sankt Annenkloster und hielt es also für gut sich
nach der hier angenommenen Sitte auch zu den Fremden zu gesellen Die Jungfern
der heiligen Nikola gefielen ihr überdieses tausendmahl besser als ihre
Wirtinnen und fast war es beschlossen ihr Kloster für die Zukunft zu ihrem
Aufenthalte zu wählen Sie fand den Ton der Gefährtinnen die sie sich gewählt
hatte leicht und fröhlich ihre Bemerkungen über Idas Wirtinnen waren ein
wenig beissend aber unterhaltend für die Zuhörerinn und ihrem eigenen Urteile
angemessen
Die Gräfin fragte nach den umliegenden Klöstern es wurden ihr eine Menge
genannt und mit treffenden Zügen geschildert Ida sah wenigstens dass sie in dem
Kloster der heiligen Nikola nicht das Ungeheuer Langeweile welches ihr hier
aus allen Winkeln entgegen gähnte zu befürchten haben würde auch war sie nicht
ohne Hoffnung hier zu finden was sie suchte Die Nonnen welche ihre Absicht
merken und ihre Person für keine unbedeutende Acquisition halten mochten
rühmten dass ihr Kloster von jeher der Zufluchtsort erlauchter Damen gewesen
war dass noch jetzt eine Fürstin Gara ehemahlige Oberhofmeisterinn der
Königin Elisabet von Ungarn bei ihnen lebte und dass die junge Elisabet die
Enkelinn dieser Königin in den ersten Jahren ihres Lebens bei ihnen erzogen
worden sei
Elisabet wiederholte Ida kennt ihr König Siegmunds Tochter wir kannten
sie war die Antwort die Abwesenheit von mehreren Jahren möchte sie uns jetzt
wohl unkenntlich gemacht haben doch lebt sie noch in einiger Verbindung mit
unserm Kloster die Fürstin Gara hat zuweilen Botschaft von ihr auch hat sie
sie einst zu Klausenburg besucht
Ida wusste dass Herzog Albrechts Braut zu Klausenburg lebte sie freute sich
hier Bekanntinnen von ihr zu finden und drückte der gesprächigen Nonne von
welcher sie in einer Viertelstunde mehr wichtiges erfahren hatte als von ihren
schweigenden Wirtinnen in einem Monate freundlich die Hand Sie musste sich
von ihr trennen denn eben wurden die Gäste zur Mahlzeit gefordert welche in
weichgesottenen Eiern und einer dünnen Suppe von Hafermehl bestand
Die Gräfin hatte keine Gelegenheit ihre Gespräche mit den Fremden von
neuem anzufangen denn man begunnte zu merken dass sie Wohlgefallen an ihnen
fand und der Neid fing an jeden ihrer Blicke die sie auf dieselben warf
ängstlich zu bewachen
Die Nikolaitinnen reisten mit ihrer Heiligen ab und Ida verschob die
Erklärung dass sie gesonnen sei sich nach jenem Kloster zu wenden nur wenige
Tage Man erstaunte als sie mit derselben hervortrat man fragte was ihr
hier misfiel gab Winke von der Üppigkeit und Weltlichkeit der Nonnen zu
welchen sie gedachte versicherte dass es ihr dort noch weniger gefallen würde
als hier und als die Gräfin mit vieler Bescheidenheit antwortete dass nicht
eben Misfallen an dem Kloster zu Sankt Annen sondern ihr Charakter der sie zur
Veränderung geneigt machte und die Erlaubnis des Erzbischoffes sie zu diesem
Schritte bewegte so zuckte man die Achseln glaubte die Vergünstigung zu einem
so herumschweifenden Leben als sie im Sinne zu haben schien müsse sich auf ein
Misverständniss gründen und das äußerste was man hierbei tun könne sei eine
Botschaft nach Prag zu schicken und sich nach der Willensmeinung des heiligen
Subinko zu erkundigen
Ida fand dass die Plane welche sie sich gemacht hatte nicht so leicht
auszuführen wären als sie meinte Sie musste sich den langweiligen Aufschub
gefallen lassen was hätte sie tun wollen wenn ihr ihre Forderung ohne
Umschweif abgeschlagen worden wär doch ermangelte sie nicht die Schwester
Schaffnerinn auf welcher die Abschickung der Briefe beruhte und welche
überdieses das Herz der Aebtissinn in Händen hatte sich durch einige kleine
Geschenke günstig zu machen die wenigstens so viel bewirkten dass es mit der
Botschaft nach Prag ehrlich und ohne Gefährde zuging
Sehr lang dauerte der ungeduldigen Ida die Zeit bis zu Ankunft der
erzbischöfflichen Briefe Sie erschienen und brachten alles mit was sie vor
der Hand wünschte die Erlaubnis nach Sankt Nikola zu ziehen und daselbst so
lang zu verweilen als sie selbst wollte
Die Trennung von ihren bisherigen Wirtinnen war so kalt wie alles was in
diesem Kloster vorging aber der Empfang zu Sankt Nikola war desto herzlicher
Innig freuten sich die Nonnen sich nicht in ihrer Hoffnung auf die Zukunft der
Gräfin geirrt zu haben
Das Kloster lag in einer freiern lachenden Gegend als das zu Sankt Annen
die Regel nach welcher man lebte war zwar die nämliche aber man wusste sie
sich zu erleichtern fand Auswege doppelte Deutungen hatte häufige
Dispensationen und ging bei dem allen doch behutsam genug zu Werke um keine
Ahndung befürchten zu dürfen auch waren die Nonnen hier alle jünger und
schöner als jene oder blieben es länger weil Neid und Mismut Alter und
Hässlichkeit nicht so früh herbeiriefen und die reine wohltätige Luft des
Gebirges Gesundheit und frohen Mut einflößte
Ida ließ sich in den ersten Tagen ihres Aufenthalts der Fürstin Gara
vorstellen und sie brauchte nur ihren Namen zu nennen um bei ihr günstig
aufgenommen zu werden Idas Mutter war eine Jugendfreundinn dieser Dame gewesen
als sie noch Rosa Hervott und jene Ida von Dortmund hieß Tausend angenehme
Erinnerungen boten sich der Fürstin bei ihrem Anblick dar Idas Name ihre
Gestalt rief ihr das Bild ihrer Mutter lebendig zurück sie drückte die junge
Gräfin an ihre Brust und der Anfang zu einer festen Freundschaft war gemacht
wenn anders dieser Gleichheit fördernde Name bei dem Bündnis einer bejahrten
Dame und eines jungen Mädchens statt haben kann
Die Fürstin war ein lebendiger Schatz alter Geschichten sie machte Ida mit
mancher Anekdote aus der Geschichte ihrer Mutter und Stiefmutter bekannt welche
ihr die Münsterinn nicht hatte mitteilen können und die uns wenn sie uns
früher bekannt gewesen wäre sehr zur Aufklärung von Idas Jugendgeschichte
gedient haben würde Auch sprach sie gern von den frühern Schicksalen der jetzt
regierenden Fürsten welche sie fast alle persönlich gekannt hatte Nur über die
einige Geschichte welche der jungen Gräfin jetzt am Herzen lag über die
Geschichte der Königin von Ungarn um derentwillen Ida vornemlich ihre
Bekanntschaft gewünscht hatte nur über diese erklärte sie sich nie so
deutlich als diese wünschte und doch musste sie die in den Diensten Mariens
und ihrer Elisabet gelebt hatte mehr hievon zu sagen wissen als irgend eine
andere Person
Ida versuchte auf tausenderlei Art die Fürstin über diesen Punkt zum
Sprechen zu bringen aber wahrscheinlich würde es ihr nie geglückt sein wenn
nicht ein Zufall sie endlich vertraulicher gemacht hätte
Man sagt mit Recht Vertraulichkeit ziehe Offenherzigkeit Zurückhaltung
Argwohn nach sich Ida strebte von der Fürstin Gara alles zu erfahren was sie
wünschte und sie selbst hatte ihr noch bei weitem nicht die ganze
Beschaffenheit ihrer Lage entdeckt sie hatte bei den mancherlei Zufällen die
sie schon in ihrem kurzen Leben erfahren hatte Vorsichtigkeit gelernt hatte
sie lernen müssen Am behutsamsten war sie in Dingen die sie nicht allein
angiengen in welchen auch andere mit verwickelt waren Daher kam es dass sie
nie gegen ihre neue Freundin etwas von Herzog Albrechten oder von seinen
Aufträgen die er ihr gegeben hatte gedachte Die Fürstin hatte Elisabeths
Namen zuweilen genannt Ida hatte merken lassen dass sie derselbe interessierte
aber dieses war es auch alles gewesen so gar von der Verbindung welche
zwischen Siegmunds Tochter und dem Herzog von Österreich vor war hatte weder
die eine noch die andere der beiden Damen ein Wort verloren Die Fürstin Gara
hatte so viel vom Hofton dass Ida nicht recht wusste ob ihr Herzog Albrechts
Aufträge zu enthüllen wären ob sie noch ganz auf Mariens Seite oder vielleicht
halb zu ihrer Nachfolgeirnn Barbara übergegangen wär
Folgende Begebenheit enthüllte ihre Zweifel und ward der Grund zu neuen
Verwickelungen ihres Schicksals Eines Tages als Ida sich bei der Fürstin
befand erhielt sie einen Brief den sie mit einer vergnügten Miene öffnete und
dabei zu ihrer Gesellschafterinn sagte Er kommt von Klausenburg ich habe ihm
längst entgegen gesehen
Was ist das rief sie nachdem sie einige Zeilen gelesen hatte Herzog
Albrecht entsetzlich
Was ist Herzog Albrechten begegnet fragte die bleich werdende Ida
Ida sagte die Fürstin ihr kennt Herzog Albrechten und habt dessen nie
gegen mich gedacht
Ida errötete
He schrie die Dame dein Stillschweigen ist mir Beweis dessen was ich hier
lese Gehe mir aus den Augen Verräterinn doch nein vielleicht du weißt
vielleicht nicht Bleibet Gräfin sagt mir leugnet ihr eure Bekanntschaft
mit dem Herzoge
Sie ist mir Ehre rief Ida mit einem stolzen Ton ich werde sie nie leugnen
Und wisst ihr seine frühern Verbindungen mit einer Andern
Ich weis sie Ich sehe nicht was für Hindernisse sie unserer Freundschaft
bringen können
Freundschaft Immer besser Erst Bekanntschaft dann Freundschaft endlich
Liebe
Fürstin rief Ida indem sie aufstand ich weis nicht wie ich diese
Begegnung verdiene Nichts von Liebe zwischen mir und Albrechten ihr habt
Herrmanns Namen oft in meiner Geschichte gehört
Aber des Herzogs Namen nie Ida Ida hier liegt ein Geheimnis verborgen
Tränen des Unwillens flossen aus Idas Augen sie wollte und konnte nicht
antworten sie eilte nach der Tür das Zimmer zu verlassen
Bleibet Gräfin sagte die Fürstin welche Ida nachfolgte und ihre Hand
ergriff sie zurück zu führen Wir müssen uns über diese Dinge erklären sie
sind zu wichtig als dass sie unentschieden bleiben dürften
Wahrhaftig schrie Ida ich wünsche Erklärung ich fordere sie man macht
mir Herzog Albrechts Freundschaft zum Verbrechen und ich begreife nicht warum
Leset diesen Brief sagte die Fürstin und urteilt dann wer von uns
beiden Ursach habe Erklärung zu fordern
Ida las
»Teure Fürstin das Gerüchte von meines Albrechts Untreue bestätigt sich O
wie hattet ihr Ursach mich zu warnen mich an das Schicksal meiner unglücklichen
Mutter zu erinnern die so wie ich als Kind schon an einem Fürsten verbunden
der sie nur aus Staatsabsichten wählte die Schrecknisse der Eifersucht ehe als
die Freuden der Liebe erfuhr
Dass Albrecht seit vielen Monaten nicht mehr an mich zu denken schien dass
eine schöne Schlange sich um sein Herz gewunden und mich daraus vertrieben
hatte das wisst ihr hört nun auch ihren Namen Es ist Ida die berufene Ida von
Württemberg die unter dem Bann des heimlichen Gerichts liegt von Albrechten zu
Nürnberg geschützt wurde und jetzt mit einer ansehnlichen Begleitung von ihm
nach Ungarn geschickt wird Gott weis welche Änderung des Schicksals daselbst
zu erwarten
Diese Entdeckung habe ich eben derjenigen zu danken welche mir die erste
Warnung gab meiner Busenfreundinn der Prinzessin von Ratibor Die Unglückliche
hat einst auch durch die schöne Verführerinn einen Geliebten verloren Gram und
Verzweiflung trieben sie in dieses Kloster und ich vermute dass dieses auch
meine letzte Zuflucht bleiben wird
Ich bin begierig mehr von meiner Freundin zu erfahren Die Mutter meiner
Imago hat mir die genauesten Nachrichten selbst den Namen des Orts versprechen
lassen wo Ida hingebracht wird Die Fürstin von Ratibor ist eine Dame von
großer Bekanntschaft und erstaunlichen Einfluss sie weis fast alles was im
deutschen Reiche vorgeht und man kann ihren Nachrichten trauen
Boshafte boshafte Ida was hatte ich dir getan mir Albrechts Herz zu
rauben Noch dazu ist sie eine Ketzerinn die weise Fürstin sucht sie von
ihrer Königin zu entfernen bei der sie sich jetzt insgeheim zu Prag aufhält
sie will den Erzbischoff aufmerksam machen und wir wollen sehen was sie
ausrichten wird oder wollte Gott nunmehr ausgerichtet hat Meine Nachrichten
aus Prag sind alt und ich ward nur bisher durch Krankheit und Kummer verhindert
sie euch mitzuteilen
Elisabet von Ungarn«
Man erlaube mir den ersten Eindruck zu übergehen den dieser Brief auf Ida
machte Idas Empfindungen waren stark und feurig die Art mit welcher sie
dieselben äußerte heftig es wär möglich gewesen dass ihr Betragen bei dieser
überraschenden Beschuldigung den Verdacht den sie zu tilgen wünschte bei einer
weniger verständigen Person als die Fürstin Gara bestätigt hätte aber diese
war gelassen genug den Sturm vorübergehen zu lassen und dann mit der kalten
Stimme der Unparteilichkeit Fragen zu tun Beantwortungen anzuhören und denn
zu richten
Ida erzählte ihr ganzes Verhältnis mit dem Herzog einfältig und ohne
Ausschmückung sie sprach von seiner Freundschaft zu ihr von seinen Aufträgen
von seinen Wünschen mit der Stimme der Wahrheit Sie eilte endlich in ihr
Zimmer den Brief zu holen den ihr Albrecht an seine Braut mitgegeben und den
sie glücklicher Weise am Tage ihrer Entführung bei sich getragen hatte
Die Fürstin las Ida hätte keine gründlichere Verteidigung finden können
als dieses Blatt Jede Zeile atmete Liebe gegen die an welche es gerichtet
war und bloße kalte Freundschaft gegen die Überbringerinn Es enthielt eine
umständliche Erzählung von dem was Albrecht in Ungarn durch Idas Hilfe
auszurichten hofte enthielt Nachricht von dem Leben der Königin Marie Plane
zu ihrer Entdeckung und am Ende die Bitte seine und ihre gemeinschaftliche
Freundin die Gräfin von Württemberg zu schützen sie keinem andern ausfolgen
zu lassen als ihrem Bräutigam dem Ritter Herrmann von Unna
Die Fürstin Gara ward überzeugt sie umarmte Ida bat sie um Verzeihung
bat um Herzog Albrechts Brief den sie der Prinzessin Elisabet schicken
wollte um sie zu trösten und sie von der Unschuld ihrer eingebildeten
Nebenbuhlerinn zu überzeugen
Die Gräfin überließ ihr das Blatt sehr gern welches selbst an die Behörde
zu überliefern ihr durch das was sie gehört und gelesen hatte alle Lust
vergangen war Diese sanfte unschuldige engelreine Seele sagte sie zu sich
selbst, ist gleichwohl sehr zur Eifersucht und Ungerechtigkeit geneigt dieser
glänzende Verstand ist sehr lenkbar zum Irrtum sehr empfänglich für das
Einhauchen der Bosheit Armer Albrecht Gott gebe Glück zu deiner Verbindung mit
Elisabet
Ida hatte Unrecht Elisabet war wirklich eine gute liebenswürdige Dame die
Fehler die sie beging waren im Grunde keine andern als deren auch Ida fähig
war hatte nicht auch sie einst Freundschaft für diese Schlange diese Imago
gefühlt welche jetzt das Herz der unschuldigen Prinzessin vergiftete
Ein und zwanzigstes Kapitel
Geschichte der Königin Marie von Ungarn
Die Freundschaft der alten und der jungen Dame ward durch diesen Zufall der
sie beinahe zerstört hätte gestärkt ihre Vertraulichkeit gemehrt worden Ida
hatte jetzt kein Geheimnis mehr vor der Fürstin und diese fertigte ihre Fragen
nach der Geschichte der Königin Marie nicht mehr so kurz ab wie vordem
Ihr müst mir verzeihen sagte sie als ihr einst die Gräfin hierüber einige
Vorwürfe machte ich handelte so wie ich musste ich hielt eure Fragen für
jugendlichen Vorwitz Das Unglück meiner Königin war mir zu heilig das
Andenken desselben zu schmerzhaft als dass ich es unnötiger Weise hätte
erwähnen sollen Was eure Anspielungen auf das Leben der erhabenen Dame damit
Albrecht sich schmeichelt anbelangt so hielt ich sie immer für Träume und
halte sie auch noch dafür ihr sollt hören sollt urteilen und mir eure Meinung
sagen
Ida freute sich dass die Fürstin endlich geneigt zu sein schien ihr
Verlangen zu befriedigen und diese begann folgender Gestalt
Mit Freude und Kummer gedenke ich der Jahre meiner Jugend welche ich in
eben diesen Mauren der Zuflucht meines Alters zubrachte Die Königin Elisabet
von Ungarn welche ihren Gemahl selten verließ und es für unschicklich hielt
die junge Marie ihre Tochter zu frühzeitig an das Geräusch des Hofs zu gewöhnen
bestimmte ihr dieses Kloster zum Aufenthalt und machte mich zur Aufseherinn
ihrer Kindheit zur ersten Bilderinn ihres Herzens Meine Jahre waren damals
gerade so wie sie sich für die Gefährtinn eines Kindes schickten welches nur
spielend gelehrt nicht durch den rauen Ernst des Alters zurückgeschreckt
werden muss ich hatte den Fräuleinstand erst vor einem halben Jahre verlassen
und war die Gemahlin des Fürsten Stephans Gara geworden eines Mannes der mir
wie ich glaube nur darum gegeben wurde damit ich die Stelle der
Oberhofmeisterinn einer jungen Prinzessin mit Anstand bekleiden könne Der
bejahrte Stephanus ward von Reichsgeschäften bei Hofe fest gehalten und seine
junge Gemahlin vermisste in der süßen Einsamkeit dieses Klosters nicht das
Glück an seiner Seite zu glänzen
Mariens Hofstatt war klein sie hatte außer mir niemand um sich als meine
mir an Jahren fast gleiche Freundin Ida von Dortmund nachmahlige Gräfin von
Württemberg eure Mutter und die kleine Barbara von Tirnan ein Geschöpf
welches schon damals sehen ließ was es werden wollte und Ahndungen in mir
erregte welche nur gar zu richtig eingetroffen sind
Marte zeigte gleich in den ersten Jahren ihrer Kindheit dass sie nicht schön
werden würde alles was ihr in der Folge einiges Ansehen gab war ein
vorteilhafter Wuchs und eine majestätische Miene Barbara aber war desto
schöner Ich gestehe meine Schwachheit ich hasste sie wegen dieses Vorzugs den
sie vor meiner Prinzessin hatte hasste sie wegen der Überlegenheit welche sie
sich überall vor ihr zu geben wusste wegen ihres mehreren Witzes ihrer
Lebhaftigkeit und tausend anderer kleinen Gaben in welchen sie Marien
übertraf Gern hätte ich sie von ihr entfernt und wie gut wär es gewesen wenn
mir dieses gelungen wär Beide hatten noch nicht das achte Jahr erreicht als
Barbara Marien schon einen Tück bewies welches mit dem Namen eines
Kinderstreichs entschuldigt ward aber im Grunde die ernstliche Bestrafung ganz
verdiente die ich für gut hielt darauf zu legen
Marie war König Ludwigs einige Tochter war die Erbinn der Ungarischen
Krone man musste darauf sinnen ihre Rechte durch die Vermählung mit einem
mächtigen Prinzen zu befestigen und die Wahl fiel auf den jungen Siegmund
Kaiser Karl des vierten zweiten Sohn Schon in der Wiege war er mir Marien vor
welcher er nur wenige Jahre voraus hatte versprochen worden und man hielt es
jetzt für schicklich ihm seine kleine Braut einmal zu zeigen
Siegmund ward zu jung sein Stand zu erhaben als dass ihm der Zutritt in
unserm Kloster hätte versagt werden sollen man erwartete ihn bei uns mit
Ungeduld Marie war entzückt denjenigen zu sehen den man ihren künftigen Gemahl
nannte und den sie sich vermutlich ungefähr so wie eine neue schöne Puppe
vorstellen mochte
Der Prinz war noch sowohl ein Kind als sie und ich welche viel auf die
Macht der ersten Eindrücke halte sann Tag und Nacht darauf wie ich ihm die
junge Prinzessin die ihm ein ganzes Leben hindurch gefallen sollte zum ersten
mahl in einem Lichte zeigen wollte das seine kindischen Augen blenden und
alles was er zuvor gesehen hatte verdunkeln könne
Meine Einfälle waren gut Marie war diesen Tag reizender als sonst Freude
und süße Erwartung verschönerte sie um sie auf keine Art in Schatten zu
stellen hatte ich die kleine Barbara nach Sankt Annen geschickt und die
Klosterfrauen bitten lassen ihrer wohl wahr zu nehmen
Aber Barbara war diesen alten langsamen schläfrigen Kreaturen zu listig sie
glaubten sie in ihrer Klausur sicher indessen sie durch den Garten
entschlüpfte und sich auf den Weg nach Sankt Nikola machte Sie hatte diesen
Ort ungern mit dem Annenkloster vertauscht sie hatte zu viel von der
Erscheinung des jungen Siegmunds reden hören hatte zu viel von den schönen
Kleidern gesehen welche Marie an diesem Tage tragen sollte als dass sie es
hätte gleichgültig erdulden können von dem Anblick dieser neuen
außerordentlichen Dinge entfernt zu sein
Siegmund war seinen Hofmeistern zu feurig so wie sie ihren Hüterinnen Man
hatte in einem Dorfe zwischen Nikola und Sankt Annen Ablager genommen der Prinz
brauchte die Zeit da man Anstalten zur weitern Reise machte zu einem
Spaziergang auf die benachbarten Gebirge und was war natürlicher als dass er
daselbst der kleinen Pilgerinn Barbara begegnete Man sah sich man nahte
einander ohne große Zurückhaltung man fragte sich mit kindischer
Vertraulichkeit wer und wohin Siegmund antwortete nach der Wahrheit aber
Barbara hatte den Einfall sich Marie zu nennen und den Prinzen als ihren
Bräutigam zu bewillkommen Siegmund war zu jung um es unwahrscheinlich zu
finden dass ihm die Prinzessin von Ungarn einsam ohne Gefolge ohne allen
Schmuck auf diesen Bergen begegnen würde die Munterkeit die Schönheit der
vorgeblichen Marie gefiel ihm man hatte ihm eine Menge Dinge gelehrt die er
seiner jungen Braut vorsagen sollte er wollte damit hervortreten aber Barbara
versicherte ihm dass diese Umstände nicht nötig wären und Siegmunden war dieses
desto lieber Man schwatzte lachte hüpfte und kam den Mauern von Sankt Nikola
ganz nahe indessen die Nonnen zu Sankt Annen die ihnen Anbefohlne mit großer
Angst vermissten und die Leute des Prinzen ganz voll Verzweiflung waren dass ihr
junger Gebieter nirgend zu finden war
Barbara hatte nicht so viel Nachdenken dass das was sie getan hatte ihr
Verdruss zuziehen würde Hand in Hand ging sie mit Siegmunden zu den geöfneten
Toren von Nikola ein und eröfnete ihm erst auf dem Wege nach dem Zimmer der
Prinzessin ganz beiläufig dass sie eigentlich gelogen habe und dass er seine
Braut jetzt erst zu sehen bekommen würde eine Entdeckung die Siegmunden sehr
gleichgültig war seine kleine Gefärtinn gefiel ihm sie mochte sein wer sie
wollte und die gesagte Unwahrheit war ihm ein Scherz den er leicht verzeihen
konnte
Diese Begebenheit machte große Unordnung in unsern Planen Die Prinzessin
war noch nicht völlig gekleidet war nicht auf die Erscheinung ihres Bräutigams
gefasst als Barbara mit ihm herein hüpfte Ich und die Leute des Prinzen welche
jetzt eben mit verhängtem Zügel ankamen waren verdrießlich keines wusste recht
was es zu dem andern sagen sollte Marie und Siegmund gefielen sich nicht
sonderlich Barbara ward ausgescholten der Prinz suchte sie überall auf ohne
sich an die Prinzessin zu kehren und diese weinte
Barbara ward gleich des andern Tages nach Sankt Annen gebracht Ich wusste
ihr keine härtere Strafe für ihren Vorwitz aufzulegen als den Aufenthalt an
diesem traurigen Orte Die gutherzige Marie vermisste ihre fröhliche
Gesellschafterinn hatte ihr den Streich den sie ihr spielte längst vergeben
wünschte sie zurück aber ich war unerbittlich und Barbara blieb wo sie war
bis sie nach einigen Jahren von ihren Verwandten aus dem Kloster genommen und
nach Hofe gebracht ward
Mittlerweile wuchs Marie heran ihre Gestalt entwickelte sich sie ward
nicht reizend aber sie konnte gefallen wenn sie ohne Vorurteil angesehen
ward Tausend gute Eigenschaften und vornehmlich ihr edles sanftes trugloses
Herz ersetzten reichlich die Schönheit welche ihr die Natur versagt hatte
Siegmund besuchte uns oft er war kein Kind mehr er wusste wie er
derjenigen begegnen sollte welche bestimmt war ihm dereinst die ungarische
Krone aufzusetzen und die Prinzessin welche ihn herzlich zu lieben begunnte
war geneigt alles zu glauben was er ihr vorsagte
Ich sah weiter ich versicherte sie oft dass nicht Marie nur die Erbinn
von Ungarn vor ihm geliebt würde Lasst uns ihn prüfen erwiderte sie und wir
wollen sehen
Der König besuchte seine Tochter oft in ihrer Einsamkeit sie hatte sein
Herz in Händen keine Bitte ward ihr abgeschlagen und bald tat sie eine an
ihn welche mehr Spuren ihrer Vorliebe für Siegmund als der Klugheit trug eine
Bitte die der König nicht so bereitwillig hätte erfüllen sollen Marie bat ihr
Vater möchte Siegmunden zu seinem Sohn und Reichsnachfolger erklären lassen
Ich will nicht dass er mich um der Krone willen liebe sagte sie ich will sie
lieber von seinen Händen erhalten als ihm sie aufsetzen Siegmund liebt mich
er wird nicht ermangeln das Geschenk meines Vaters mit mir zu teilen Und man
wird nicht mehr sagen können nicht Marie nur die Erbin von Ungarn werde von
ihm gesucht
Der König lächelte und versprach Mariens Bitte zu erfüllen Bald darauf
bekamen wir Nachricht Prinz Siegmund sei vom König Ludwig an Kindesstatt
aufgenommen worden Die Prinzessin triumphirte über das Glück dass sie ihrem
Lieblinge verschafft habe sie sah einem Besuche von ihm und der zärtlichsten
Danksagung entgegen Aber Siegmund erschien nicht doch vertrat ein Brief seine
Stelle ein Brief der ein Meisterstück der feinsten Politik war
Marie fand ihn entzückend aber ich machte sie auf den Namen Schwester
aufmerksam den ihr Siegmund fast in allen Zeilen gab Wie kann Siegmunds
Schwester seine Gemahlin werden fragte ich die Prinzessin erschrack las den
Brief noch einmal fand dass ich unrecht hatte dass Siegmund das nicht so könne
gemeint haben ich schwieg dann und meine Warnungen wurden vergessen
Man sprach von einer Reise des Prinzen nach Pohlen Marie erwartete seinen
Abschiedsbesuch aber es erschien an seiner Stelle wieder ein brüderlicher
Brief der sie in Verzweiflung stürzte Man fing an zu glauben dass ich den
nunmehrigen Erben von Ungarn besser zu beurteilen wisse als die parteiische
Liebe
Meine Gedanken von Siegmunden konnten nicht trügen sie gründeten sich auf
Nachrichten die mir seinen ganzen Charakter schilderten die aber freilich so
beschaffen waren dass ich sie Marien nicht mitteilen konnte Der Prinz war
jetzt zu dem Alter herangewachsen wo die Leidenschaften die Herrschaft zu
führen pflegen und er hatte nicht gelernt sie einzuschränken Er war schön und
nichts konnte ihn rühren als blendende Schönheit Er war voll Feuer und
Lebhaftigkeit und stille bescheidene Tugend hatte keine Reize für ihn Sein
Geist strebte nach Ehre und da er jetzt gewiss war die Krone ohne Mariens Hilfe
erlangen zu können so war auch das letzte Band aufgelösst das ihn an sie
fesseln konnte
Barbara welche jetzt als Hoffräulein bei der Königin Elisabet lebte und
die mit allen schwelgerischen Reizen einer üppigen Schönheit blühte hatte den
Eindruck den sie bereits als Kind auf ihn machte mächtig erneuert Seine
Neigung für sie war kein Geheimnis die Königin Elisabet Mariens Mutter
fing an das zu sehen was ich längst gesehen hatte und sie berief ihre Tochter
schnell nach Hofe um durch ihre Gegenwart alle Fehler wieder gut zu machen
welche hier vorgegangen waren
Sobald sich das Gerücht von Mariens Ankunft ausbreitete sobald Siegmund zu
merken begunnte dass sein Umgang mit Barbara beobachtet eingeschränkt
verhindert wurde so bekam er plötzlich Geschäfte in Pohlen und Marie fand bei
ihrer Erscheinung in der Residenz tausend Herzen die ihr entgegen wallten nur
das einzige nicht welches vorzüglich für sie hätte schlagen sollen
Die treuen Ungarn jauchzten ihrer Prinzessin entgegen sie nannten sie
Königin und forderten den alten König welcher schon damals begunnte
kränklich zu werden auf ihr diesen Namen bei seinen Lebzeiten feierlich
beizulegen damit er ihr nach seinem Tode desto weniger könnte geraubt werden
Siegmunds Erklärung zum Tronerben war nicht so unumstösslich dass sie nicht
hätte können zurückgenommen werden Die Stimme des Volks die Vorstellungen der
Königin Elisabet und ich getraue mich zu sagen auch die meinigen drangen
durch und Marie ward öffentlich zur Königin von Ungarn ausgerufen
Siegmund war einer der ersten welcher ihr Glück wünschte kein Brief
verrichtete dieses sondern er selbst Der Name Schwester war ganz vergessen er
war nicht mehr Mariens Bruder nein ganz Liebhaber und Bräutigam Hätte Marie
meinen Einraten folgen wollen sie würde ihn so zurückgewiesen haben wie er
verdiente aber wer kennt nicht die Schwachheiten der Liebe Marie schrieb seine
Rückkehr nicht der Krone sondern ihrer eigenen Person zu und fing an ihn
stärker zu lieben als je zuvor
Ihr seht ja sagte sie zu mir wie er so innig an mir hängt Ist wohl nur
eine einige Dame wie schön sie auch sei die mir nur einen Blick von ihm rauben
könnte
Marie hatte recht Siegmund schien nur für sie Augen zu haben denn
Barbara war nicht gegenwärtig Barbara hatte gehört dass Siegmund bei den
pohlnischen Damen von welchen er jetzt zurückkam ihrer ganz vergessen habe
und sie hielt für gut das nämliche zu tun Sie wollte nicht gegenwärtig sein
als Siegmund bei Hofe erschien sondern gab endlich den Bitten ihrer Verwandten
nach den üblen Ruf in welchem sie sich befand durch eine anständige Heirat
zu tilgen
Man hatte ihr den Stattalter von Kroatien Johann Hervott einen Verwandten
von mir zum Gemahl bestimmt und sie lebte gegenwärtig als seine Verlobte auf
einem seiner Güter
Siegmunds Augen suchten die geliebte Barbara überall sie war doch immer
diejenige zu welcher er nach jeder kleinen und großen Untreue zurückkehrte
und er vermisste sie ungern Er hörte von ihrer bevorstehenden Vermählung ward
traurig fand dass er Marien nichts mehr zu sagen hatte und kehrte nach Pohlen
zurück
König Ludwig starb Marie setzte die Krone auf und würde eine gute Königin
gewesen sein wenn sie allein regiert hätte aber man sagt immer wo eine Frau
herrscht da führen Männer den Szepter so auch hier meine Verwandten die
Garas drängten sich um den Thron ihr Ansehen war so groß als ihre Kenntnis der
Reichsverfassung Marie gab ihnen Gehör regierte nur durch sie zog sie allein
hervor vernachlässigte die andern und legte dadurch den Grund zu Mismut und
Unzufriedenheit in den Herzen der übrigen Großen Von dem Volke wurde sie
angebetet so handelte sie gegen die Armen und Geringen im Volk so gegen den
Landmann und den arbeitsamen Bürger dass noch jetzt die Zeiten der Königin
Marie das goldne Alter der Ungarn geheißen werden
Die Garas hinderten sie nicht in diesem wohltätigen Verfahren es war ihnen
genug die andern Fürsten neben sich zu unterdrücken der gemeine Mann mochte
ihretalben immer glücklich sein Es ist unmöglich die Absichten welche
einige von ihnen vornehmlich der nachmahlige Stattalter des Reichs Andreas
Gara haben mochten genau zu bestimmen. Es kann sein dass Marie und die Krone
das Kleinod war nach welchen sie insgeheim rangen wenigstens ist so viel
gewiss dass die Rückkunft des Prinzen Siegmunds aus Pohlen auf alle Art
verhindert wurde Marie sehnte sich nach ihrem Bräutigam Siegmund war
zärtlicher und treuer als jemals aber eine Zeit verging nach der andern ohne
dass er da erschien wo er mit so viel Unruhe erwartet wurde
Indessen die Garas über ihren großen Anschlägen brüteten kochte Wut und
Rache gegen sie und die Königin in den Herzen der übrigen Fürsten Der Gedanke
vielleicht einen Andreas oder Nikolaus Gara zum Könige zu bekommen war ihnen
schrecklich und lieber war es ihnen auch Marien die Tochter ihres guten Königs
zu stürzen als ihr auf die Art den Thron zu gönnen
Die Geschichten der damaligen Zeit können euch nicht so unbekannt sein dass
ihr nicht wissen solltet was für eine Partie man ergriff König Karl von
Neapolis ward herein gerufen Marie sollte die Krone von Ungarn mit ihm teilen
oder sie ihm ganz überlassen
Die Königin liebte Siegmunden treuer als sie nötig gehabt hatte König
Karl so unansehnlich er auch durch sein Äußeres war so wenig sein kleiner
Geist der seinem Körper glich der edelen Marie gefallen konnte war doch
übrigens ein Fürst der Ansehen genug besaß derjenigen welche ihm die Hand
gab den Thron zu sichern über dieses liebte er Marien mit so heißer
Zärtlichkeit wie sie Siegmunden verehrte sie wie ein Wesen höherer Gattung und
würde gewiss bloß den Gemahl der Königin von Ungarn nie den Monarchen
vorgestellt haben
Marie war eine von den Damen welche bei einer Vermählung nie auf die Liebe
sehen sollten die sie fühlen nur auf diejenige welche man für sie empfindet
aber sie verkannte ihren Vorteil blieb dem undankbaren Siegmund treu und
verwarf den gutmütigen König von Neapolis
Der Thron begunnte unter ihr zu wanken sie fiel Ihre Stützen die Garas
konnten ihr nicht helfen und sie kam in die Gewalt ihrer Feinde
Mit Erröten gestehe ich dass mein Verwandter der Stattalter in Kroatien
dass Johann Hervott einer der vornehmsten derselben war Barbara seine
Verlobte hasste Marien hasste gegenwärtig den ehemals geliebten Siegmund und
wollte es ihm unmöglich machen durch sie die Krone zu erlangen Sie war es
welche die verräterischen Anschläge wider die Königin ausheckte sie war die
Seele aller heimlichen Verschwörungen wider die unglückliche Marie Sie brauchte
ihre Reize die Zahl ihrer Anhänger und der Feinde Mariens zu vergrößern Sie
suchte ihre Gewalt auch über den von der Königin verschmähten Karl von Neapolis
auszudehnen er sah sie verschiedenemahl insgeheim auf Hervotts Schloss keine
Künste wurden gespart ihn in ihr Netz zu ziehen und als diese nur in so weit
glückten dass Karl seiner Verächterinn Rache und Tod schwur ohne eben darum
Miene zu machen die schöne Barbara an ihre Stelle zu setzen so war auch ihm
der Untergang bestimmt Ihr wisst dass Karl nie sein Land wieder sah man fand
ihn ermordet auf seinem Bette und man riet vergeblich auf den Täter
Vielleicht trügen auch meine Mutmaßungen Gott bewahre mich dass ich das
Sündenregister einer Verbrecherinn ohne Grund mit einer Blutschuld vermehren
sollte
Barbara war noch immer Johann Hervotts Verlobte war es zu lang gewesen dass
er hätte wünschen sollen sie zu seiner Gemahlin zu machen auch schien sie
nicht sonderlich nach dieser Ehre zu streben
Ihr Beichtiger ein schmeichelnder Bernhardiner hatte ihr einst eine Krone
hatte ihr die höchste Krone der Welt geweissagt Johann Hervott war nicht der
Mann der diese Prophezeihung wahr machen konnte Karl von Neapolis hätte es
vielleicht gekonnt aber der Anschlag auf ihn schlug fehl man musste auf andere
Mittel sinnen
Hervott ward noch immer fest genug in ihren Stricken gehalten um jeden ihrer
Einfälle zu begünstigen Barbara glaubte ihre hochfliegende Entwürfe nicht
würdiger beginnen zu können als wenn sie diejenigen, welche die Krone trugen
nach der sie strebte aus dem Wege räumte List und Verräterei brachten die
beiden Königinnen Elisabet und Marie in Hervotts Hände
O Ida wie soll ich euch die Szene des Schreckens schildern welche ich in
jenen Tagen erlebte mit welchen Worten von Mariens Qualen von dem Tode der
ehrwürdigen Elisabet sprechen vergönnt mir dass ich verschweige unterdrücke
übergehe ins kurze fasse was euch und mir zu lebhaft geschildert zu tiefen
Schmerz verursachen würde es gibt Szenen welche ewig in Schleier gehüllt
bleiben sollten bis jener große Tag der Offenbarer aller Geheimnisse der
Finsternis der Vergelter geheimer Verbrechen und hier nicht gelinderter
Schmerzen erscheint
Die Fürstin Gara schwieg bei diesen Worten ihr tiefdenkender Blick war zur
Erde gesenkt keine Träne netzte ihr Auge aber ihr Herz weinte Ida wusste
nicht genau was sie sagen wollte aber sie ahndete schreckliche Dinge und wusste
nicht ob sie um die Entdeckung oder um die Verbergung derselben bitten sollte
Es sei euch genug fing die Fürstin von neuem an zu wissen dass jeder Tag
den beiden erhabenen Dulderinnen neue Leiden mit sich brachte Tausend
schreckliche Mittel wurden gebraucht Marien zu Entsagung der Vorrechte ihrer
Geburt zu zwingen tausend Mittel die ehrwürdige Elisabet zu nötigen ihre
Tochter zu verleugnen und ein finsteres Gewebe von Dichtungen zu begünstigen
welche erweisen sollten dass Marie nicht König Ludwigs Tochter nicht
rechtmäßige Königin von Ungarn nicht Siegmunds bestimmte Braut sei Die
Forderung war lächerlich und ich glaube im Grunde hätte Elisabet alles tun
können was man von ihr verlangte vielleicht hätte sie ihre Freiheit ihr Leben
damit erkauft und jedermann würde das ihr abgedrungene Bekenntnis für das
genommen haben was er war für Wirkung der Notwendigkeit der äußersten
nahmlosesten Angst
Dieses waren Mariens Wünsche als ihre Mutter das Opfer ihrer Treue für die
Wahrheit und das Glück ihrer Tochter ward sie verwünschte die Krone die ihr
das liebste was sie auf der Welt hatte das Leben ihrer Mutter raubte
verwünschte ihr eigenes Leben weil es vielleicht durch Elisabeths Tod erkauft
worden war
Doch ich sehe ich muss euch die Dinge ein wenig umständlicher erzählen Eine
der ausgesuchtesten Qualen welche für die unglücklichen Königinnen erfunden
wurden war sie Wochenlang von einander zu trennen in dem Busen einer jeden
die schrecklichsten Besorgnisse wegen des Schicksaals der andern zu nähren und
dann sie schnell und unvermutet wieder zusammen zu bringen ihnen die Freuden
des Wiedersehens mit der Angst der nahen Trennung und der Furcht vor der
düstern Zukunft so grausam zu mischen als man zu Erreichung der schwärzesten
Absichten für nötig hielt
An einem dieser Tage denen man so ängstlich entgegen sah ob man gleich von
jeden derselben keinen andern Gewinn hatte als verneute Leiden und die fast
gewisse Überzeugung man werde sich heute zuletzt gesehen haben an einem
solchen Tage geschah es dass ich glücklich genug war die Unterhaltung meiner
unglücklichen Gebieterinnen mit einer beträchtlichen Dosis Trost und Hoffnung zu
versüßen Gleich bei unserer ersten Gefangennehmung ich war die einige
Gesellschafterinn die man den Königinnen ließ hatte ich den schnellen
Einfall ein Körngen auf Hoffnung auszustreuen dass es vielleicht zu unserer
Rettung aufgehen könne Das was ich tat war im eigentlichen Verstande ein
hingeworfener Versuch der so wohl zu Vermehrung unsers Unglücks als zu unsern
Besten ausschlagen konnte Wir waren auf dem Wege nach unserm Gefängnis dessen
Namen ich zum Glück erfahren hatte Ich riss eine Demantnadel aus meinen Haaren
und grub auf eine kleine Tafel die ich bei mir trug folgende Worte »Wer
dieses findet und zum Prinzen Siegmund nach Pohlen bringt der nehme dieses
Kleinod zur Dankbarkeit und erwarte in der Zukunft eine noch größere Belohnung
von der Fürstin Rosa Gara« In das Innere der Tafel schrieb ich folgendes in
gallischer Sprache welche wie ich wusste außer mir und Siegmunden hier nur
von wenigen verstanden wurde
»Wenn Siegmund noch einiges Menschengefühl noch Begierde nach der
ungarischen Krone noch Liebe oder Mitleid für eine unglückliche Dame hat
welche er vormals zu lieben schien so komme er nach Moglay am Fluße Bezra sie
aus den Händen ihrer Feinde zu retten«
Ich gab dieser Schrift an der das Leben zweier Königinnen hing meine
vielfach zusammengefalteten Schleier zur Hülle heftete ihn mit der Demantnadel
zusammen und warf es als wir des Nachts durch einen Wald fuhren auf gut Glück
in den Weg
Die Ungewissheit ob dieser Versuch von Nutzen sein würde und der Widerwille
in dem Herzen meiner Gebieterinnen eine Hoffnung zu nähren welche vielleicht
vergeblich sein könnte machte dass ich von der ganzen Sache nicht eher sprach
als an dem Tage da ich auf eine Art welche hier zu weitläuftig sein würde zu
melden Nachricht erhielt Siegmund sei nicht fern würde vielleicht Morgen
vielleicht diese Nacht schon hier sein die Gefangenen zu retten
Zum erstenmahle in meinem Leben hatte ich heute eine Art von Zuneigung für
Siegmunden gefühlt ich dankte ihm in meinem Herzen für die Bereitwilligkeit
mit welcher er erschien die vielleicht bloß daher entsprang weil ich in meinem
Brief den Namen der zu rettenden Dame nicht genannt hatte Doch nein ich tue
Siegmunden Unrecht was für ein Unmensch hätte er sein müssen Marie in Gefahr
zu wissen ohne zu ihrer Erlösung herbei zu eilen
Ich unterhielt an diesem glücklichen Abende der durch eine Zusammenkunft
der Mutter und der Tochter verschönert wurde meine Königinnen mit meinen frohen
Neuigkeiten Mit Freudentränen schlossen beide Damen sich in die Arme Auch ich
bekam meinen Teil von ihren Liebkosungen sie nannten mich ihre Retterinn und
umarmten sich und mich von neuem
Wir werden also der Gewalt unserer Feinde entkommen rief Marie und mein
Siegmund wird unser Befreier sein O Übermaas des Glücks kaum vermag ich dir
zu glauben Rosa ihr täuscht mich sollte es möglich sein das ich diese teure
Hand wieder in ruhigen Tagen küssen dieses ehrwürdige Haupt wieder mit der
Krone geziert sehen würde Marie drückte bei diesen Worten die Hand ihrer Mutter
an ihr Herz indessen diese ihre Rechte liebreich nach mir ausstreckte und mich
mit einem Tone der mir ewig unvergesslich sein wird zum zweitenmahl ihre
Retterinn nannte
Wir saßen bis tief in die Nacht in Gespräche verwickelt die man sich nach
so langer Trostlosigkeit nicht süß und hofnungsvoll genug denken kann Endlich
kamen unsere Hüter uns zu trennen Marie bat man möchte sie doch diese Nacht
bei ihrer Mutter lassen Ich flehte man möchte wenigstens mir wie zuweilen
geschah erlauben die alte Königin zu bewachen umsonst wir mussten scheiden
Marie kehrte zehnmahl zurück ihre Mutter von neuem zu umarmen Elisabet
umfaste die junge Königin so fest dass man sie mit Gewalt von ihr reißen musste
ich umarmte ihre Knie Vergebens unsere Henker waren unerbittlich wir mussten
scheiden Wir sind wohl recht töricht sagte Marie bei unserer Rückkunft auf
unser Zimmer indem sie sich lächelnd die Tränen trocknete wir sind wohl recht
töricht so viel Flehens bei den Unerbittlichen um eine einige Nacht zu machen
Werden wir nicht bald ach morgen morgen schon ungestört beisammen bleiben
können doch dünkt mich ich hätte um diese nur um diese Nacht mein Königreich
geben wollen es müsste so süß gewesen sein meinen Siegmund in den Armen meiner
Mutter zu erwarten
Wir gingen diese Nacht nicht zu Bette Angst und süße Erwartung hielten uns
wachend welche Erwartung ist ganz ohne Besorgnisse tausend Ausrufungen mit
dem Anfang Wenn nur nicht gingen aus Mariens Munde Zwanzigmahl ging sie nach
dem Fenster um die Fenster der alten Königin zu sehen welche mit den unsrigen
in einen gemeinschaftlich großen Hof gingen Ich hoffe sie schläft die Teure
rief sie ich sehe kein Licht in ihrem Zimmer Oder sagte ich sie ist auf den
Altan gegangen um die Aussicht auf den Strom zu genießen und unsern Rettern
entgegen zu sehen Marie wollte nicht in diese Vermutung einstimmen sie
fürchtete Erklärung für die alte Dame und Verbitterung ihrer morgenden Freude
Endlich brach der Tag an und seine ersten Strahlen begunnten kaum unsre
Fenster zu röten als wir in der Ferne Getön von kriegerischen Instrumenten
hörten Er kommt rief die Königin und warf sich in meine Arme mein Siegmund
kommt seine Marie zu retten Hinaus hinaus ihm entgegen Wir eilten auf den
Altan der so wie der vor Elisabeths Zimmer die Aussicht auf den Strom hatte
Hier kam uns das Getön heller entgegen wir sahen von weitem im Strahl der
Morgensonne blinkende Waffen und hörten unten im Schloss ein unruhiges Hin und
Herlaufen welches uns andeutete dass man wegen der Ankommenden besorgt sei und
das befürchte was bald geschehen sollte
Ach Gott rief Marte dass wir nur nicht mitten im Schoos der Hoffnung
scheitern sollten uns unsere Feinde nicht lieber tot als gerettet sehen
Mir begunnte selbst bange zu werden Der Sprung vom Altan hinab sagte ich
ist nicht hoch Wie wenn wir ihn wagten ich sehe dort in der Ferne auf dem
Strome etwas treiben mich dünkt es ist ein kleines Fischerboot soll ich es
herbei winken
Die Königin beugte sich tiefer hinab ach nein rief sie indem sie
erschrocken die Augen abwendete es ist kein Boot es ist es ist ein
menschlicher Körper es ist ein langes weißes Gewand wie wie ach Gott
ich weis nicht wie mir ist Rosa sieh hinaus Ich vergaß nach dem zu sehen
was mir die weite Entfernung und mein schwaches Gesicht als einen Kahn gebildet
hatte vergaß alles selbst unsere nahe Rettung denn die Königin sank
ohnmächtig in meine Arme
Siegmunds Trompeten schallten näher das Geräusch des Angriffs gellte in
meinen Ohren Ich achtete nicht darauf denn noch immer war Marie für alle meine
Bemühungen unerwecklich
Das Schloss war schlecht bemannt und wurde noch schlechter verteidigt
unsere Feinde hatten geglaubt keine andere Sicherheit für ihre erhabenen
Gefangenen nötig zu haben als die Verborgenheit des Orts wo sie lebten und
die öde wüste Gegend in welcher er lag
Siegmund hatte bald überwunden er trat mit den vornehmsten seiner
Kriegsbedienten in Mariens Zimmer als diese zuerst die Augen aufschlug
Siegmund eilte auf sie zu ich sah mehr Liebe in seinen Blicken als ich je in
denselben wahrgenommen hatte Marie anstatt ihn so zu empfangen wie ich
vermutet hatte wehrte seine Hand von sich ab und bemühte sich aufzustehen
Weg weg rief sie nicht ein Wort zu meiner Mutter Noch einmal bemühte
sie sich aufzustehen aber vergebens
Siegmund fragte ob auch die alte Königin hier verwahrt werde und eilte
auf meine Bejahung so gleich in die Gegend des Schlosses die ich ihm
bezeichnete
Marie strebte sich zu erheben und vom Altan hinab zu sehen Siehe hinaus
Rosa sagte sie siehe hinaus nach deinem Kahne es war gewiss ein Kahn wie ich
glaube aber ich träumte fürchterlich ich träumte meine Mutter
Die Königin ward bei diesen Worten zum zweitenmahl ohnmächtig und erholte
sich nicht ehr bis einige von Siegmunds Leuten eintraten und versicherten dass
sie die Zimmer der alten Königin nicht hätten finden können
Marie bezeichnete sie ihnen selbst mit schwacher Stimme
Da sind wir gewesen sagten sie aber es ist alles leer
Leer schrie Marie leer o nur allzugewiss Augenblicklich Kähne
Leute der Strom Ach gewiss gewiss O ich Elende
Marie hatte sich bei diesen Worten schnell erhoben und war nach dem
Geländer des Altans geeilt Eine Bewegung die sie machte ließ mich befürchten
sie wolle hinab springen und mit Mühe hielt ich sie zurück
Ihre Meinung begunnte mir klärer zu werden ich gab die Befehle welche die
Unglückliche nicht zusammenhängend vorzubringen vermochte und führte sie
selbst vor Entsetzen der Ohnmacht nahe nach dem Zimmer
Siegmund erschien Doch Gräfin ich bin bereits zu weitläuftig gewesen
Hinweg Hinweg mit diesen grauenvollen Szenen Man hatte auf Elisabeths
Fenstergesimsen Spuren von Blut gefunden in einer Ecke ihren zerrissenen
blutigen Schleier Die Nachsucher fanden einige Meilen von dem Schloss endlich
Elisabeths Körper welcher mit den langen Kleidern im dichten Gesträuch hängen
geblieben war Einige Stiche in ihrer Brust zeigten dass das Wasser nur die
überbliebenen Lebensfunken in der ermordeten Königin vollends hatte auslöschen
oder vielleicht nur die Greueltat verbergen sollen deren Vollbringer noch
jetzt niemand bekannt ist als dem Allwissenden
Johann Hervott der Herr dieses Schlosses war im Gefecht geblieben ich
nannte Siegmunden Barbaras Namen deren Hand wie ich meinte alle diese Dinge
im Verborgenen dirigirt hatte ob sie gleich sich so lang wir uns hier
aufhielten niemals sehen ließ
Siegmund war beleidigt über die Art mit welcher ich der geliebten Barbara
gedachte Er gestand dass er sie hier im Schloss gefunden habe aber sie sei so
wohl eine Gefangene gewesen wie wir und teile mit uns die Freude der
Befreiung
Ich schwieg ich wandte mich zu meiner todkranken Königin Nach langem
Lager ward sie wieder gesund setzte die Krone von neuem auf ward Siegmunds
Gemahlin aber nie habe ich sie wieder froh gesehen Die schreckliche Szene auf
Hervotts Schloss schwebte ihr unablässig vor Augen und wo sie ging oder stand
flüsterte sie den Namen ihrer ermordeten Mutter
Marie war nie schön nie aufgeweckt gewesen jetzt verlor sie vollends die
wenige Anlage die sie zu beiden hatte gänzlich Siegmund den nichts fesseln
konnte als Reiz und Munterkeit nennte sie gegen seine Lieblinge eine finstere
traurige Träumerinn ohne an die Schicksale zu denken die sie zu dem machten
was sie war
Barbara ward an den Hof gezogen Marie duldete sie musste und konnte sie
dulden denn sie hatte nicht die Gedanken von ihr die ich in dem Innersten
meines Herzens hegte Gott verzeihe mir wenn ich zu viel auf die Rechnung der
Sünderinn schreibe die ich hasse
Um König Siegmunds Liebe zu seiner Barbara desto besser zu verdecken gab
man ihr Peter den Einfältigen Grafen von Cyly zum Gemahl Was soll ich weiter
sagen Die Liebe des Königs zu der Gräfin von Cyly der Übermut dieser
unwürdigen Nebenbuhlerinn trieb Marien vom Hofe in dieses Kloster Sie war
schwanger und ihre Gesundheit war so geschwächt dass man an ihrem Leben und dem
Leben ihres Kindes zweifeln musste Ich begleitete sie hieher wo sie ihre
Wochen halten und ihren Tod erwarten wollte Ich wollte ihre einige Wärterinn
sein ich traute niemand außer mir aber eine fürchterliche Krankheit überfiel
mich in den Tagen da die Königin ihrer Niederkunft stündlich entgegen sah
Die gutherzigen Nonnen zu Sankt Nikola waren meine Lebensretterinn sie sprachen
nach meiner Wiedergenesung von wahrscheinlicher Vergiftung Sie konnten recht
haben meine Gefahr war groß meine Empfindungen außerordentlich gewesen auch
ließ es sich denken dass mein Leben manchem ein Anstoß sein musste
Meine ängstliche Besorgnis war um die Königin ich fragte nach ihr und
bekam die Nachricht die mich von neuem an den Rand des Grabes brachte sie sei
tot Ich fragte nach nähern Umständen die Nonnen zuckten die Achseln sie
erzählten auf die erste Nachricht von meiner Krankheit sei die Gräfin von
Cyly erschienen der Königin an meiner Statt bei ihrer Niederkunft aufzuwarten
Marie habe sich in ein anderes Kloster bringen lassen habe daselbst eine
Tochter zur Welt gebracht und dabei den Geist aufgegeben
Ich fragte nach dem Kinde man sagte mir der König welcher über den Tod
seiner Gemahlin untröstlich geschienen sei bald nach der Geburt der jungen
Elisabet in diese Gegenden gekommen seine kleine Tochter die nunmehr das
einige sei welches die Liebe des Volks noch an ihn fesselte in seine Arme
aufzunehmen Ein hinterlassener Brief von der sterbenden Königin habe ihn
gebeten mir die Erziehung des unglücklichen Kindes zu überlassen und man sage
er sei alles Einredens der Gräfin von Cyly ungeachtet entschlossen Mariens
letzten Willen zu erfüllen
Wenig Tage vergingen und ich konnte das geliebte Kind das teure
Vermächtnis meiner Königin in meine Arme schließen Eine von den Nonnen zu
Sankt Annen hatte den Auftrag erhalten mir es zu überbringen ein Brief ward
mir mit demselben überreicht Ich öffnete ihn und fand folgendes
»Ich sterbe teure Fürstin Gara und habe nur noch so viel Zeit mein Kind
mit dem teuren Namen Elisabet zu nennen und es euch zu empfehlen die Nonne
welche dieses in meinem Namen schreibt wird euch mehr sagen«
Ich habe nach der Schreiberinn dieses Briefs oft und viel gefragt aber
niemand hat sie mir nennen können Ich fragte nach dem Begräbnis der Königin
man wiess mich nach Stuhlweisenburg wo König Siegmund sie hatte prächtig
beisetzen lassen Der Ort ihres Todes blieb verborgen Alle ihre Leute waren
kurz vor ihrer Niederkunft abgedankt worden Barbara war allein um sie gewesen
Der Argwohn Mariens Tod könne eine Erfindung Barbaras sein trieb mich zu
Untersuchungen welche Jahrelang fortgesetzt wurden und doch vergeblich waren
urteilt was ihr von euren Bemühungen zu erwarten habt
Die kleine Elisabet war das einige was mich nach dem Verlust meiner
geliebten Königin auf der Welt zurück halten konnte Sie ward mein Trost mein
Zeitvertreib meine Hoffnung wenn es mir zuweilen einfiel ich könne noch
einmal glückliche Tage in der Welt sehen
Wundert euch nicht wenn die Liebe für sie mich vor einiger Zeit ein
Betragen gegen euch lehrte welches ihr mit Recht beleidigend fandet Es war die
Frage von dem Glück der geliebten Elisabet Ich war irre an euch ich sah im
Geist die Szenen zwischen Siegmund Barbara und Marie in dem Schicksal ihrer
Tochter erneuert Jetzt kenne ich euch besser und ich hoffe auch die
Prinzessin von Ungarn wird sich belehren lassen wird nicht euren Wert ins
künftige mehr verkennen
Lasst uns von andern Dingen sprechen erwiderte Ida welche nicht ohne
Verdruss an den Verdacht denken konnte welchen man gewagt hatte auf sie zu
werfen Mich dünkt wenn ihr der Erzählung meiner Geschichte nur einige
Aufmerksamkeit gegönnt hättet so hätte euch wenigstens der Name der Fürstin
von Ratibor und ihrer Tochter meinen alten Feindinnen jedes Wort das sie
wider mich sagten verdächtig machen sollen
Die Fürstin Gara wollte ihre Entschuldigung erneuern aber Ida bat
nochmals des Vergangenen nicht mehr zu gedenken und lieber ihre Gedanken über
die Geschichte zu vernehmen welche sie so eben gehört hatte Meint ihr fuhr
die Gräfin fort dass mich eure Erzählung von dem gewissen Tode der Koniginn
überzeugt hat Nein meine Hoffnung ist stärker als jemals ich will und muss
Mariens Aufenthalt ausfindig machen und wär es auch nur um
Um ihre Tochter mit Wohltaten zu beschämen setzte die Fürstin hinzu Aber
bedenkt mein Kind dass ihre eine Art von Ritterzug auf Unmöglichkeiten
unternehmt Elisabet ist jetzt sechszehn Jahr sollte es möglich sein dass
ihre Mutter in dieser langen Zeit nicht Mittel gefunden hätte sie mit der
Nachricht von ihrem Leben zu erfreuen Überdies bedenkt meine
Nachforschungen bedenkt dass Marie in den Stunden in welchen sie ganz hilflos
war sich unter Barbaras Händen befand sollte diese Boshafte ihre Mitbuhlerinn
wohl lebendig aus denselben gelassen haben
Aber sagte Ida wie war es möglich dass die kleine Prinzessin von ihr
verschont wurde die sich in jenen Augenblicken der Hülflosigkeit sowohl in der
Gewalt ihrer Feindinn befand als ihre trostlose Mutter
Wär Marie die Mutter eines Sohns geworden erwiderte die Fürstin so
möchte es wohl anders gegangen sein eine Tochter konnte Barbaras weit
aussehenden Planen nicht allzugrosse Hindernisse in den Weg legen Überdieses
überraschte sie vielleicht Siegmunds Erscheinung zu schnell sie glaubte sich
vielleicht ein Verdienst bei ihm zu machen wenn sie da sie mich Elisabeths
bestimmte Erzieherinn zu jener Zeit schon vielleicht tot glaubte Mutterstelle
bei der kleinen Prinzessin verträt
Es ist schwer versetzte die tiefdenkende Ida über diese Dinge zu sprechen
die Zukunft wird alles aufklären
Die Fürstin schwieg und setzte am Ende auf Idas Bitte noch etwas weniges
von Elisabeths Jugendschicksalen hinzu
Die kleine Prinzessin war derjenigen welche ihr nach dem letzten Willen
ihrer Mutter auf ihr ganzes Leben zur Führerinn dienen sollte nur wenige Jahre
gelassen worden Sie ward nach Hofe gefordert um mit dem jungen Albrecht von
Österreich verlobt zu werden Siegmund fühlte es dass er eine solche Stütze
wie Albrechten nötig habe um sein gesunkenes Ansehen aufrecht zu erhalten Die
Liebe seines Volks war nach Mariens Tode fast gänzlich verschwunden Barbara
musste vom Hofe auf die Güter ihres Gemahls des im vorigen Teile belobten Peter
des Einfältigen entfernt werden Siegmund zog in den Türkenkrieg und schickte
seine Tochter indessen nach Klausenburg weil Barbara sein Herz mit Verdacht
gegen die Fürstin Gara und die Nonnen zu Sankt Nikola erfüllt hatte
Er kam zurück seine Gefangenschaft die Begebenheiten auf dem Schloss
Soklos mit der Fürstin Helena einer Verwandtinn der Fürstin Rosa Gara die
Abenteuer auf dem Schloss Cyly und andere Dinge erfolgten deren wir im ersten
Teile gedacht haben bis es dahin kam dass Barbara Königin dass sie Elisabeths
Stiefmutter ward
Elisabeths Schicksal wurde dadurch verschlimmert ihre Einschränkung zu
Klausenburg vermehrt ihre Hoffnungen auf Herzog Albrechten oft verdunkelt Ihr
Herz öffnete sich dem Argwohn und tausend traurigen Vorstellungen Herzog
Albrecht ließ wirklich zu der Zeit da die Reichsangelegenheiten zu Nürnberg und
vielleicht auch seine Freundin Ida ihn zu sehr beschäftigten weniger von sich
hören als sonst Die Prinzessin von Ratibor welche das Unglück nach
Klausenburg geführt und zu Elisabeths Freundin gemacht hatte ward mit Hilfe
ihrer Mutter die Auslegerinn dieser Dinge und alles nahm die Wendung die wir
gesehen haben und die Idas zarte Empfindung für die Ehre so schmerzlich
verletzte
Sie nahm die damaligen Entschuldigungen der Fürstin welche beim Ende
ihrer Erzählung erfolgten so geneigt auf als ihr möglich war und entfernte
sich
Zwei und zwanzigstes Kapitel
Liebe wird nicht müde
Ida dachte dem nach was sie gehört hatte und ihr Schluss war am Ende gefasst
sich der Freiheit zu bedienen die ihr der Erzbischoff zugestanden hatte und
ihre Nachforschungen in den umliegenden Klöstern fortzusetzen Ihre nächste Wahl
fiel auf Sankt Emri ein Kloster das in dem Ruf stand schon vor uralten Zeiten
einer Königin von Ungarn zum Gefängnis gedient zu haben und das derhalben wie
Ida meinte dieses traurigen Vorrechts wohl zum zweitenmal genießen konnte Dass
Marie lebte in einem Kloster lebte war ihr nach dem was Herrmann einst
zufällig aus Barbaras Munde gehört hatte gewiss und sie baute darauf alle ihre
Hoffnungen Albrechts Aufträge und ihre menschenfreundlichen Wünsche dereinst
erfüllt zu sehen
Sie hatte gemeint ihre Entlassung von den freundlichen Nonnen zu Sankt
Nikola ohne Umschweif zu erhalten und erstaunte nicht wenig als ihr die
Domina auf ihre Erklärung sie wolle nach Sankt Emri gehen versicherte sie
müsste hierüber erst zu ihrer Oberinn nach Sankt Annen Bericht erstatten von
welcher sie ihr sehr angelegentlich und unter Bedrohung des erzbischöfflichen
Banns wenn sie die Gräfin entkommen ließe anbefohlen sei
So war also die gute Ida hier so wohl eine Gefangene als in dem traurigen
Annenkloster nur dass hier anmutigere Lage des Orts angenehmere Gesellschaft
und mehrere Beschäftigung für ihr Herz ihr die Einkerkerung nicht hatten
fühlbar werden lassen Der Bericht nach Sankt Annen ward erstattet und die
Antwort kam zurück Der Erzbischoff würde nächster Tage selbst in diesen
Gegenden eintreffen er habe geäußert dass er die Gräfin von Württemberg noch zu
Nikola zu treffen und mit ihr über verschiedene Gegenstände zu sprechen hoffte
daher sie zur Geduld zu verweisen und anzuhalten wär ihm ihre Forderungen
selbst vorzutragen weil sie wahrscheinlich aus ihrem Munde mehr Gewicht bei ihm
haben würden als aus jedem andern
Wir haben noch nicht Gelegenheit gehabt mit unsern Lesern über die Person
und das Wesen Bischoff Subinkos umständlich zu sprechen und auch jetzt sind wir
nicht gesonnen von ihm der nur eine Nebenperson in unserer Geschichte
vorstellt etwas mehreres zu sagen als dass es gewiss das erste mahl in seinem
Leben sein mochte dass er von einer so reizenden Dame wie Ida mit Ungeduld
erwartet wurde Man stelle sich in ihm einen kleinen rotäugigten Alten vor an
dem nichts ehrfruchterweckendes war als die Insul die seine grauen Haare
deckte einen Mann der zu seinen Zeiten für fromm und gelehrt gehalten wurde
aber im Grunde nichts besaß als altägliche Mönchstugend und Mönchsverstand
einen Greis ohne Charakter ohne Sitten kurz ohne alles was die Jugend
liebenswürdig und das Alter erträglich macht
Endlich erschien er zu Sankt Nikola ließ sich ehr bei der Gräfin als bei
der Domina und der Fürstin Gara melden und ward von ihr mit der gewöhnlichen
Holdseeligkeit empfangen die alle ihre Handlungen begleitete und die
diesesmahl durch das Vergnügen über seine endlich erfolgte Ankunft noch erhöht
ward
Endlich endlich rief sie kann ich meine Bitte um Befreiung aus Sankt
Nikola selbst bei euch anbringen
Befreiung erwiderte er ich habe davon gehört Ihr seid veränderlich Dies
ist schon das zweite Kloster das ihr während eures kurzen Aufenthalts in dieser
Gegend überdrüssig werdet Ey ei was wollte werden wenn euch Gott für euer
ganzes Leben zum heiligen Klosterstand berufen hätte
Ich hoffe das hat er nicht erwiderte Ida lächelnd
Aber wenn nun wenn nun meine Tochter
Ida erschrack ein solches Wort aus dem Munde des Erzbischoffs von Ungarn
und Böhmen mit einem solchen Tone gesprochen konnte ihr nicht gleichgültig
sein
Und dies wär leicht möglich fuhr der Erzbischoff fort die Sachen eures
Propheten zu Prag stehen sehr übel unser heiliger Vater hat ihn und alle seine
Anhänger in den Bann getan mit Mühe ist er dem Scheiterhaufen entkommen den
er aber so Gott will dessenohngeachtet Zeit genug finden soll
Ida weinte über das Schicksal des redlichen Huss aus dessen Munde sie so
viel Gutes gelernt hatte
Pfui schrie der geistliche Vater nicht diese Tränen sie machen euch zur
doppelten Ketzerinn getraut ihr euch die Irrlehren dessen zu verteidigen den
diese schönen Augen beweinen
Nur hören nur lernen nur beklagen kann ich nicht verteidigen Gott ist
Richter
Gut mein Kind ich sehe ihr seid sanft und biegsam eure Sache kann besser
werden als ihr denkt Freilich drohet euch das Schicksal das alle Anhänger
jenes Ketzers betroffen hat Die gelindeste Züchtigung ist das Kloster auf
Lebenszeit Kein Kloster mein Kind das ihr alle vier Wochen mit einem andern
vertauschen könnt wahrscheinlich das zu Sankt Annen in welchem wie ich höre
es euch bei eurem weltlichen Sinn sehr übel gefallen hat
Ida weinte und rang die Hände
Und fuhr der Bischoff fort eure Lage wird noch durch einen Punkt
verschlimmert den ich kaum erwähnen mag Ich höre ihr liegt unter dem Bann des
heimlichen Gerichts Ey ei so jung so schön dem Anschein nach so unschuldig
und eine so große so große Sünderinn Werdet ihr wohl eine andere Wahl haben
als den Tod oder das Kloster
Subinko sah Idas Angst und wusste sie nach und nach so hoch zu treiben dass
die Unschuldige seine Knie umfasste und ihn um Rettung anflehte Mich dünkt
rief sie ihr seid nicht hart und grausam eure Augen sagen mir dass ihr mir
wohlwollet dass ihr mir gern helfen möchtet wenn es euch möglich wär und
sollte eurer Macht etwas unmöglich sein können Nur Flucht oder Verbergung bis
auf bessere Zeiten nur Nachricht an Königin Sophien Herzog Albrechten oder
meinen Vater von meinem Zustande mehr verlange ich nicht O rettet mich
heiliger Mann noch einmal diesen väterlichen Blick welcher mir sagt ihr
könnt mein Unglück nicht wollen
Sagt er das erwiderte der Erzbischoff mit unbeschreiblicher
Freundlichkeit Und wenn ich euch nun versicherte dass dieser Blick nicht trügt
dass ich in der Absicht kam euch zu retten dass ich euch beim ersten Anblick da
ihr mir zu Prag vorgestellt wurdet gewogen war Ihr hättet das leicht aus der
Freiheit schließen können die ich euch hier verstattete keine andere an eurer
Statt hätte sich so vieler Nachsicht zu rühmen gehabt Bedenkt dass man euch mir
als eine Ketzerinn vorstellte
O so bestättigt meine süßen Hoffnungen schrie die immer noch kniende Ida
lasset meinem Vater wissen wo ich bin bei ihm halte ich mich am sichersten
Und warum wollen wir die Hilfe so weit suchen erwiderte er indem er ihre
Hand ergriff ist es euch um einen Vater zu tun so kann ich ja selbst diese
Stelle vertreten Seht ich werde alt zwar noch nicht eben so gar alt aber
doch alt genug um eine schöne Pflegerinn zu brauchen wolltet ihr das wohl
sein Seht ich habe mich jetzt den lästigen Geschäften zu Prag entzogen
lebe in Zukunft auf meinem prächtigen Schloss am Ufer der Donau wollt ihr
wohl dort die süße Einsamkeit mit mir teilen so lang ich lebe meine
Freundin und nach dem Tode die Erbinn meiner Schätze sein
Ida hörte voll Aufmerksamkeit zu ohne recht begreifen zu können was sie
gehört habe Die Tochter eines guten Alten seine Pflegerinn zu sein unter dem
Schutze des ungarischen Pabsts bessere Zeiten zu erwarten war im Grunde für ihr
argloses Herz nichts anstössiges doch sagte ihr ein inneres feines Gefühl und
Kenntnis der Sitten ihrer Zeiten dass dieses nicht ausführbar sei auch war ihr
seine zunehmende Freundlichkeit und der Blick mit dem er ihr weil sie kniete
gerad in die Augen sehen konnte widerlich Sie zog ihre Hand aus der Seinigen
und stand auf er hatte sie schon zu lang in dieser demütigen Stellung
gelassen die ihm vermutlich darum gefiel weil sie seine kleine Person mit der
ihrigen in eine Art von Gleichheit setzte und ihm das Aufsehen zu ihr
erleichterte
Ihr müsst nicht zürnen schöne Gräfin fuhr er fort indem er sich
gleichfalls erhub und ihre Hand von neuem ergriff
Ein Kloster wenn es sein muss sagte Ida wird bis zu glücklichern Zeiten der
beste Aufenthalt für mich sein Mein Stand
Redet doch nicht von eurem Stande unterbrach er sie wir wissen es dass ihr
eine Gräfin von Württemberg seid aber die Geschichte zeigt euch Personen von
weit höherem Range welche die Freundschaft eines Bischoffs nicht verschmähten
Denkt an Mathilden die Marggräfinn von Toskana welche es sich zur Ehre
schätzte Pabst Gregor des siebenden geistliche Tochter zu sein und derhalben
noch jetzt dreihundert Jahr nach ihrem Tode hochgepriesen wird
Hatte der Erzbischoff wohl etwas mehreres nötig als dieses Gleichniss um
seine Absichten auf die schöne Ida völlig klar zu machen Ida stand starr vor
Erstaunen mit niedergeschlagenen Augen ohne ein Wort zu sprechen Glühende
Röte und Todenblässe überflogen wechselweise ihre Wangen indes der heilige
Mann grinzend zu ihr hinauf sah und ein günstiges Urteil aus ihrem schönen
Munde zu erwarten schien
Matilde von Tuscien sagte Ida zu sich selbst Entsetzlich ich und
Matilde
Es ist wahr die Geschichte der Marggräfinn von Toskana und ihres
geistlichen Liebhabers war in jenen Zeiten noch nicht so verrufen wie jetzt
aber doch ward sie hinlänglich nach der Wahrheit beurteilt um jeder guten
Seele Widerwillen einzuflößen Ida schauerte in sich zurück schleuderte die
Hand des Erzbischoffs welche unablässig nach der ihrigen tappte mit Ungestüm
von sich brach in Tränen aus und kehrte ihm den Rücken
Der verliebte Alte ließ nicht ab mit seinen Vorstellungen Ida geriet
beinahe in Wut über seine Zudringlichkeit wenn sich dieser Ausdruck anders bei
ihrer sanften Gemütsart rechtfertigen lässt Die Reizung zum Zorn war auf beiden
Seiten zu mächtig man sagte sich Bitterkeiten und schied aufgebracht und
drohend von einander.
Drei und zwanzigstes Kapitel
Auch dem elendesten Stande fehlt es nicht an Freuden
Was wird aus mir werden rief Ida Gott was wird aus mir werden Die Rache des
Unwürdigen wird mich verfolgen Nie nie werde ich die wiedersehen welche ich
liebe
Sie ging zu der Fürstin Gara sie Teil an ihrem Unglück nehmen zu lassen
und ihren Rat zu hören aber die Worte erstarben ihr auf der Zunge Sie
errötete dass jemand außer ihr den schimpflichen Auftrag wissen sollte den man
gewagt hatte ihr zu tun
Der Erzbischoff ist bei euch gewesen sagte die Fürstin habt ihr keine
Veränderung in seinem Wesen gemerkt
Ich kenne ihn zu wenig um urteilen zu können
Mich dünkt er war mürrisch niedergeschlagen verlegen wisst ihr die
Ursach
Ida errötete sollte er die Kühnheit gehabt haben von dem was unter uns
vorging gegen andere zu sprechen sagte sie zu sich selbst
Doch ihr könnt sie nicht wissen fuhr die Fürstin fort er wird sie niemand
sagen und mir hat sie die Aebtissinn nur im höchsten Vertrauen entdekt Ihr wisst
seine Händel mit dem neuen böhmischen Prediger die auch euch hieher brachten
er hat sie so weit getrieben dass König Wenzel endlich unwillig geworden ist
und ihm vermutlich auf Anraten seiner Gemahlin unter den Fuß geben lassen
er möchte sich entfernen Er ist seiner Würde in Böhmen so gut als entsetzt
König Siegmund schützt ihn noch in Ungarn bleibt er noch was er war aber wie
lang
Ists möglich unterbrach Ida ihre Freundin die Macht des Nichtswürdigen
ist gefallen und ich habe also nichts zu besorgen
Die Fürstin rechnete Idas Schadenfreude bloß auf den Unwillen den sie
wegen vergangener Dinge gegen den Erzbischoff haben musste und erklärte ihr das
deutlicher was ihr so viel Vergnügen zu machen schien indessen Ida allen ihren
Kummer verschwinden fühlte und sich vornahm ihrer Freiheit zu gebrauchen und
des nächsten Tages ihre Reise nach Sankt Emri anzutreten
Ihr Entschluss das Kloster zu verlassen ward den Nonnen nochmals
vorgetragen und diese versicherten der Erzbischoff habe befohlen wenn sie
denselben von neuem äußerte sich ihm nicht zu widersetzen
So waren also Idas Besorgnisse wegen der ohnmächtigen Drohungen ihres
Verfolgers gänzlich gehoben Der Elende sagte sie zu sich selbst so sehr ist
seine Macht gesunken dass er mir nicht einmal meine kleinen Wanderungen
einschränken darf ich will sie fortsetzen bis ich gefunden habe was ich suche
und dann ihm und allen Feinden der Unschuld zum Trotz glücklich sein Es ist
wahr ich könnte mich gleich auf den Weg nach Italien zu meinem Vater oder nach
einem andern selbstgewählten Sicherheitsort begeben Aber nein ich will meinem
Entschluss treu bleiben will Herzog Albrechts Aufträge ausrichten und dann erst
an mich selbst denken
Ida reiste ab Der Weg nach Sankt Emri war nicht klein genug um so wie die
schöne Wanderinn wünschte zu Fuße unternommen zu werden sie bekam einen Wagen
Sie bat um die Begleitung einer der Klosterjungfern aber man antwortete der
Bischoff habe dieses verboten Seine Macht ist immer noch groß genug dachte
Ida als sie den Klosterberg hinabfuhr und der Wagen in das Tal einlenkte
welches Sankt Nikola und Sankt Annen von einander trennte
Sie erblickte in der Ferne einige Gewappnete die gegen ihren Wagen daher
zogen ihre Anzahl war zu klein ihr Wesen zu friedlich als dass sie sich über
diese Erscheinung hätte beunruhigen sollen
Sie kamen näher Ida erkannte die Rüstung die sie des vorigen Tages an den
Reisigen des Erzbischoffs gesehen hatte Ein kalter Schauer überfiel sie so
wenig ihrer Freunde so schwach sie auch sein mochten sie war doch eine
einzelne Dame allemahl unfähig sich zu widersetzen wenn hier Absichten auf sie
statt haben sollten
Einer von den Reutern ein alter Mann mit einem ehrlichen Gesicht nahte
sich dem Wagen Wir sind gesandt euch zur Begleitung zu dienen sagte er
Zur Begleitung wiederholte sie wohin
Wohin ihr gedenkt Ins Kloster
Gewiss gewiss ins Kloster fragte Ida Ich beschwöre euch Alter sagt mir die
Wahrheit
So wahr mir Gott helfe und die heilige Jungfrau erwiderte er mit auf die
Brust gelegter Hand und einer Miene voll frommer Einfalt
Ein ehrliches treuvolles Gesicht hat die Kraft jeden Argwohn zu stillen
Ida glaubte was man ihr sagte und beruhigte sich Auch hatte sie nicht Zeit
lang über ihr Schicksal ungewiss zu sein denn die Reise war eher geendigt als
sie glaubte Der Weg nach Sankt Emri war weit und gleichwohl hörte sie dass
einer ihrer Begleiter sagte Wir sind bald an Ort und Stelle dort unten erheben
sich schon die Klostermauern
Ida beugte sich heraus und sah die Spitzen von Sankt Annen Wohin bringt
ihr mich schrie sie Ins Annenkloster wir habens euch schon gesagt Ich
verlange nach Sankt Emri dazu haben wir keinen Befehl
Ida wollte aus dem Wagen springen der Alte mit welchem sie anfangs sprach
hielt sie zurück Sie schalt ihn einen Verräter ohne zu bedenken dass sie ihn
nicht nach dem Namen des Klosters gefragt habe und denselben also auch nicht
hatte erfahren können Der Alte beteuerte dass er ihr ihn nicht absichtlich
verschwiegen habe Warum hätte ich es tun sollen sagte er ihr wart doch in
unserer Gewalt und mustet dahin folgen wohin es uns befohlen war euch zu
begleiten
Ida lehnte sich zurück und weinte Der Wagen fuhr zu den geöfneten
Klosterpforten ein die bekannten Gesichter der verdrießlichen Nonnen kamen zum
Vorschein Die Gräfin musste aussteigen und befand sich wieder an dem Orte den
ihr der Aufenthalt von wenig Wochen schon so zuwieder gemacht hatte und den sie
jetzt nicht hoffen durfte so bald zu verlassen als da sie ihn zum ersten mahle
sah
Sie ward vor die Aebtissinn geführt Willkommen Gräfin sagte sie Ich
sehe die Nonnen zu Sankt Nikola haben einerlei Schicksal mit uns gehabt ihr
seid ihrer schnell überdrüssig worden Doch scheint es der Vorteil ist auf
unserer Seite wir werden zum zweitenmahle besucht und jene auf immer
verlassen
Auf immer fragte Ida
Wenn ich den Worten des Erzbischofs trauen darf Ihr werdet euch gefallen
lassen die Probezeit bei uns zu halten und dann soll es euch erlaubt sein in
unsern Orten zu treten und Teil an allen Rechten und Freiheiten zu nehmen
welche wir genießen
Ich bin nicht gesonnen den geistlichen Stand zu wählen wenigstens nicht in
diesem Kloster
Ida ihr nötigt mich Dinge zu sagen welche euch nicht gefallen werden
soll ich laut davon sprechen dass ihr von der heimlichen Acht verfolgt werdet
dass euch kein anderes Rettungsmittel für euer Leben übrig ist als das Kloster
Keine von meinen Fräuleins wird euch Schwester nennen wollen wenn dieses kund
wird Solche Personen wie ihr gehören in die Klöster der Büssenden Dankt es
der Gnade des Erzbischoffs dass er euch retten will dass er von diesen Dingen
schweigt auch mir geboten hat zu schweigen ich fürchte ihr würdet sonst
selbst in diesen heiligen Mauren nicht sicher sein
Ida konnte mit nichts antworten als mit ihren Tränen Die Domina hielt
dieses für Tränen der Busse versicherte sie ihrer Gnade und reichte ihr ihre
Hand zum Kuss ein Zeichen dass sie schon von ihr als eine der Unglücklichen
angesehen wurde welche unter ihrem geistlichen Szepter standen
Die Geschichte meldet nicht ob Ida sich bei dieser Gelegenheit gebührlich
betrug und wir haben billige Ursach daran zu zweifeln Das Unglück das sie
jetzt betraf war ihr noch zu neu dass sie sich darin hätte schicken oder sich
gutwillig vor ihrer strengen Oberinn demütigen sollen
Ach seufzte sie als sie auf ihre Zelle kam ich Törinn dass ich glauben
konnte die Beleidigung eines geistlichen Fürsten würde mir ungestraft hingehen
ich Törinn dass ich die guten Nonnen zu Sankt Nikola verließ um mich selbst in
diesen Kerker zu liefern Dort hätte mich die Grausamkeit des Erzbischoffs nicht
so treffen können wie hier dort hätte ich wenigstens die Fürstin Gara zur
Zeuginn zur Helferinn in meiner Not gehabt und hätte man mich ja zum
Klosterleben zwingen wollen so wär es doch allemahl besser gewesen dort als
hier O dass ich nicht wenigstens der Fürstin einen Wink von der Szene
zwischen mir und meinem Verfolger gab dies hätte sie doch aufmerksam auf mein
Schicksal gemacht hätte ihr doch Mutmaßungen eingeflößt wenn sie nun
erfährt dass ich nicht zu Sankt Emri angekommen bin O der törichten Sucht
nach Wanderungen und Abenteuren o des unüberlegten Bestrebens andern zu
helfen wenn man selbst hilflos ist Marie ist tot wie die Fürstin sagt und
wie mir selbst jetzt sehr wahrscheinlich dünkt ich jage ihrem Gespenst nach und
stürze darüber in einen Abgrund aus welchem nichts mich retten kann
So klagte Ida bis sie sich überzeugte dass Klagen nichts hilfe und nur
Geduld und Tätigkeit im Stande sei das Böse zu überwinden
Schon der erste Anblick des Klosters zu Sankt Annen und seiner düstern
Bewohnerinnen hatte wie wir wissen der Gräfin Widerwillen und den Wunsch sich
zu entfernen eingeflößt jetzt da sie diesen traurigen Ort genauer kennen
lernte mehrten sich seine Schrecknisse in ihren Augen Jenesmahl hatte man ihr
mit Achtung begegnet ihr das beste Zimmer des Hauses gegeben ihr alle Freiheit
gelassen ihr so viel man sich darauf verstand zu gefallen gestrebt jetzt war
all dieses so ganz anders jetzt kam zu allen diesen noch der Gedanke Hier musst
du ewig bleiben und es fehlte wenig dass Ida unter ihrem Leiden erlag
Ihr einiger Trost war noch das Probejahr das sie erst zurücklegen musste
ehe sie das unwiderrufliche Gelübde auszusprechen genötigt ward Wie viel
konnte in dieser Zeit geschehen Ihr Leben war so voll von wunderbaren und
schnellen Aenderungen dass ihr die Hoffnung zuflüsterte auch hier würde das
Schicksal Zufälle unvorhergesehener Ereignisse einschieben welche der Sache ein
heiteres Ansehen geben könnten
O Hoffnung Engel des Himmels trittst du an die Seite des Leidenden so ist
er schon halb gerettet Die Schmerzen hören auf an seinem Leben zu nagen die
Ketten werden leicht an seinen Händen Er fühlt das Gegenwärtige nur halb und
lächelt der Zukunft entgegen
Ida fand es sehr wahrscheinlich dass ihr binnen Jahresfrist könne geholfen
werden und sie nahm sich vor um bis zu der glücklichen Rettung die sie
träumte nicht ganz unglücklich zu sein nicht ehe sie erschien vom Gram
getötet zu werden sich in ihr Schicksal zu fügen mit heiterer Stirne zu
dulden zu tun und zu unterlassen was ihre Zuchtmeisterinnen ihr auflegen und
ihr neuer Stand erfordern würde
Die Kränkungen der unglücklichen Gräfin in diesem Aufenthalt des Schreckens
waren unzählich wir haben ihn und seine Bewohnerinnen im Vorhergehenden zur
Gnüge beschrieben um unsere Leser raten zu lassen worinnen sie bestanden
Die Mühseligkeiten des Noviziats wurden der künftigen Ordensschwester
doppelt schwer gemacht weil sie zu einer ganz andern Art von Geschöpfen zu
gehören schien als ihre Gefährtinnen Diese Schönheit diese Herzensgüte diesen
frohen Mut zu zerstören sie in Hässlichkeit Mismut und Feindseligkeit
umzuwandeln dazu gehörten ungewöhnliche Anstrengungen und man vergaß nicht sie
der Armen in reichlichem Maße zuzuteilen
Die erste Hälfte des Probejahrs war die peinlichste für Ida sie verfloss
wie noch heut zu Tage im Noviziat gewöhnlich ist unter einer Menge zweckloser
vergeblicher Arbeiten die man mit den Geschäften der Wasserträgerinnen des
Erebus vergleichen könnte ermüdend und ganz ohne Nutzen Welch ein Gefühl für
eine so edle schöne stets nützlich beschäftigte Seele ihre Kräfte ohne Nutzen
verwenden zu müssen den entfliehenden Tagen kein anderes Zeichen mit geben zu
können dass sie dagewesen waren als ein paar Tränen kein Denkmahl von ihrem
Besuch aufweisen zu können als allenfalls Wachstum in der Geduld
Diese traurige Ida in ihrem folgenden Leben ganz unvergessliche nie genug
bedauerte Zeit ging endlich auch vorüber und man fing an der unglücklichen
Gräfin edlere vielleicht eben so beschwerliche eben so traurige aber doch
nützlichere Arbeiten aufzutragen als die vorigen
Ida jauchzte als man ihr bekannt machte sie sei zur Wärterinn der Kranken
erwählt worden Bekümmerte zu trösten Elend zu lindern und wo sie es nicht
konnte mit den Weinenden zu weinen war ja immer eine ihrer
Lieblingsbeschäftigungen gewesen wie hätte ihr vor dem Geschäfte bange sein
sollen zu welchem sie jetzt angewiesen wurde
Doch fand Ida als sie sich näher mit demselben bekannt machte dass es nicht
so leicht sei als sie meinte dass es ein anderes ist Werke der Barmherzigkeit
bloß nach Wohlgefallen zu üben und sie als sein eigenes Geschäft ansehen zu
müssen Sie hatte vordem auch wohl Kranke besucht Verwundete verbunden und
Sterbende getröstet wie es die fromme Sitte jener Zeiten mit sich brachte aber
weder Tag noch Nacht andere Gegenstände als Leidende zu sehen nichts als
Seufzer zu hören stets in der Stille des Todes zu wandeln welch eine Lage für
eines der zärtesten fühlendesten Herzen die der Schöpfer jemals bildete
Die ungesunde Lage des Klosters zu Sankt Annen machte die Anzahl der Kranken
für eine einige Wärterinn fast zu groß Doch Idas weise Sorgfalt minderte sie
Es kamen unter den Gesunden wieder Gesichter zum Vorschein die man seit Jahren
nicht gesehen hatte und die die Schwesterschaft als von den Toden Erstandene
begrüßte Die Nonnen zu Sankt Annen waren eben nicht die liebreichsten und
verständigsten Wärterinnen durch ihre Vernachlässigung welkte manches hin und
starb was der Fleis der guten Ida wieder zum Aufblühen brachte
Außer dem Danke der Geretteten ward der Gräfin noch ein Lohn zu Teil sie
lernte im Krankenzimmer Personen kennen die sie zuvor nie gesehen hatte und
die in vieler Betrachtung die besten des Klosters waren Die Gekränkten die
Unterdrückten die Vernachlässigten wurden nur gar zu bald bei schlechter Luft
schlechten und abgekürzten Nahrungsmitteln Bewohnerinnen der Krankenstube
indessen ihre Freundinnen in voller Gesundheit über sie triumphirten und ihrem
Tode entgegen sahen Ida freute sich auch an einem Orte wie Sankt Annen gute
Seelen zu finden sie stärkte sie mit physischen und moralischen Heilmitteln und
brachte sie ans Licht fähiger als zuvor das Böse zu ertragen das ihnen von
neuem bevorstand
Vier und zwanzigstes Kapitel
Unter den Kranken deren Anzahl sich jetzt durch die gute Wartung bis auf drei
oder viere gemindert hatte befand sich eine welche von Anfang Idas besondere
Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte
Eine große schweigende Dulderinn die für alles Worte hatte nur nicht für
ihren Schmerz ihre Krankheit schien unheilbar zu sein eine gänzliche
Aufzehrung aller Lebenskräfte jene Ermattung die eigentlich nur das hohe Alter
herbeiführt zu welchen die gute Nonne noch nicht den halben Weg zurückgelegt
hatte Ihr Körper war es nicht allein welcher litt ihre Seele duldete namlose
Qualen nicht von Sorge für die Zukunft wie sie zuweilen in Stunden der
Vertraulichkeit zu Ida sagte die Zukunft lag heiter vor ihr in den Gefilden der
Ewigkeit ausgebreitet nein von Erinnerung des Vergangenen welches wie
zuweilen eines ihrer Worte andeutete schrecklich für sie gewesen sein musste
Sie musste alles verloren haben was ihr lieb war musste es auf ungewohnt
traurige Art verloren haben kein Band schien sie mehr an die Erde zu fesseln
und zürnte mit dem Tode dass er so lang zögerte ihr den Trank des Schlummers und
der Vergessenheit zu reichen
Ida wagte der bescheidenen Fragen viel an sie aber nie bekam sie
befriedigende Antwort Sie fragte wie lang sie litte Lang war die Antwort
Wie lang sie unter die Kranken gezählt werde Seit die Hoffnung des nahen Todes
mich fast gesund macht Welchen Stand sie in der Welt behauptet habe Den
elendesten Was sie verloren habe Alles
Die Gräfin hatte den Glauben dass kein Leiden der Erde ohne Linderung ist
wenn man sich nur nicht scheut seine Wunde der Freundschaft zu enthüllen sie
sann Tag und Nacht darauf ihrer geliebten Kranken ihr Geheimnis zu entreißen
sie las in ihren Mienen setzte ihre gebrochenen Worte zusammen und belauschte
ihren Schlummer ob sie nicht endlich etwas würde ausspähen ein im Traum
entfallnes Wort auffinden können das ihr entdeckte auf welcher Seite ihrer
kranken Freundin der lindernde Balsam beizubringen sei sie bekam sonderbare
Mutmaßungen aber dies war auch alles
Endlich kam sie auf den glücklichen Einfall Vertraulichkeit durch
Vertraulichkeit zu erwecken und die geliebte Nonne mit ihren eigenen
Schicksalen bekannt zu machen Die Kranke hatte der schlaflosen Nächte viel
oder vielmehr nur die kleinste Hälfte der Nachtzeit war bei ihr dem Schlafe
gewidmet die andere fiel einer Art von wachenden Träumen anheim die zu
schrecklich waren als dass sie nicht die menschenfreundliche Ida auf alle Art
hätten stören sollen
Mitternacht ist vorüber sagte sie einsmahl zu der Kranken unsere
Schwestern schlafen womit soll ich auch euch den Schlaf herbei rufen Schlaf
auch du meine Ida antwortete sie und lass mich allein wachen
Ach ich habe so manche Nacht in meinem Leben durchwacht dass ich wohl
gelernt haben kann den Schlaf zu entbehren
Du Glückliche pflegen sanft zu schlafen wenn die Unglücklichen wachen
Haltet ihr mich für glücklich O solltet ihr die traurige Geschichte
meines Lebens wissen wie oft ich dem Tode nahe war wie Schande und Verleumdung
hinter mir herjagten wie das Schwert an einem dünnen Faden über mir hing wie
ich von denen getrennt wurde die ich liebte
Getrennt durch Tod Untreu Verräterei getrennt O erzehle solche
Geschichten sind gut für den zu hören der ähnliches Leiden erfuhr
Und Ida erzehlte
Was sie erzehlte und erzählen konnte mein Leser das weißt du aber die
Wirkung, welche die Geschichte auf die Zuhörerinn tat ist schwerer zu
erraten blieb selbst Ida in den ersten Tagen ein Geheimnis Idas Erzählung
ward zu sehr mit kleinen uns unbekannten Umständen mit Fragen von der einen
und Betrachtungen von der andern Seite durchwebt als dass sie in einer Nacht
hätte können geendigt werden auch nutzte die Gräfin nur die Stunden dazu von
welchen sie wusste dass sie ihre Freundin allemahl schlaflos zubrachte wenn der
Morgen anbrach der so manchen Kranken erst den Schlummer mitbringt dann
schwieg sie die Augen ihrer Freundin schlossen sich und auch sie legte sich zu
einem kurzen Schlafe an ihre Seite
Der Haupteindruck den Idas Geschichte auf die Zuhörerinn machte bestand
anfänglich bloß in vermehrter Neigung für die Erzählerinn bei einigen Stellen
merkte die Gräfin wohl eine Art von Bewegung bei der Kranken auch wohl einige
hervorquellende Tränen aber sie wusste nicht recht was sie aus denselben
machen sollte Diese Bewegung diese Tränen kamen oft an Stellen zum Vorschein
wohin sie gar nicht gehörten mussten vielleicht durch Nennung eines bekannten
Namens durch Erregung einer verwandten Idee hervorgebracht werden; man kennt
die Eigenheiten schwacher Gemüter auch Ida kannte sie und war klug genug sie
unbemerkt vorübergehen zu lassen
Ida war ganz offenherzig gegen ihre Freundin was hätte sie für Ursach
haben können ihr einen einigen Umstand ihrer Geschichte zu verschweigen und
wie konnte sie wissen welcher Teil derselben die Wirkung hervorbringen würde
welche sie wünschte
Die Gräfin war in ihrer Geschichte ungefähr bis dahingekommen wo Herrmann
ihr seine Begebenheiten auf dem Schloss Cyly erzählte und ihre genaue
Aufmerksamkeit auf die Zuhörerinn hatte gemacht dass sie sah sie dürfe nur
einen oder zween Namen nennen um der Kranken einen Seufzer oder wohl gar eine
Träne abzulocken eine Entdeckung welche ihr Mutmaßungen einflößte die sie
schon oft aus andern Gründen gehabt aber immer als unwahrscheinlich wieder
verworfen hatte Sie machte die Probe einigemahl und ward ihrer Sache gewiss
Sie wusste noch zwei Personen in ihrer Geschichte deren Nennung den
heftigsten Eindruck auf die Hörerinn machen mussten wenn sie wirklich diejenige
war für welche Ida sie nach und nach zu halten geneigt wurde Sie sparte diese
teuren Namen besonders den einen derselben sorgfältig auf einen Augenblick
vermied sie zu frühzeitig zu erwähnen und fuhr als sie an die Stelle kam
welche sie zu Enthüllung des großen Geheimnisses bestimmt hatte in ihrer
Erzählung welche sie jetzt bis auf ihre Ankunft im Kloster Nikola gebracht
hatte folgendermaßen fort
»Ich habe euch gesagt dass es Herzog Albrecht von Österreich war welcher
mich zu Nürnberg in Schutz nahm und mir in einem ungarischen Kloster Sicherheit
zu schaffen versprach Ich war wie ihr wisst durch ganz andere Mittel nach
Ungarn gekommen als durch seine Hilfe aber ich vergaß nicht die Aufträge die
er mir in diesem Lande gegeben hatte O Schwester Aufträge von der größten
Wichtigkeit Aufträge an welchen das Glück vieler Personen haftete Soll ich
sie euch entdecken doch ich kann es ohne Gefahr
Herzog Albrecht Mich wundert dass ihr dies nicht zu wissen scheint war
der versprochene Gemahl einer liebenswürdigen Prinzessin diese Prinzessin
hatte eine Mutter die man sechszehen Jahr lang für tot gehalten von deren
Leben man jetzt zu sprechen begunnte die letzte diese große unglückliche Dame
in diesen Gegenden aufzusuchen war das mir aufgetragene Geschäft Herzog
Albrechts Braut hieß Elisabet ihre Mutter Marie«
Elisabet Marie wiederholte die Nonne mit einem Tone der sich besser
denken als beschreiben lässt
Elisabet König Siegmunds Tochter fuhr Ida fort und Marie der
unglückliche Königin von Ungarn
Ja wohl unglücklich rief die Kranke mit zusammengeschlagenen Händen Aber
ihr sprecht von lauter Toden Marie ist tot muss tot bleiben und Elisabet
sonderbar sie starb ja in ihren ersten Kinderjahren
Elisabet ihr irrt Sie lebt ist die Erbinn von Ungarn und die Verlobte
des edelsten Fürsten der Welt
Unmöglich unmöglich O dass ihr wahr reden möchtet dass ich dies liebe
Kind noch einmal an meinen Busen drücken könnte
Ida sah jetzt deutlich was auch meine Leser sehen vielleicht schon längst
gemutmasset haben werden Ihr Herz hub sich vor Freude und Kummer hoch empor
aber sie unterdrückte ihre Gefühle und fuhr fort
Wollte Gott dass ich euch die Prinzessin die euch so lieb zu sein scheint
augenblicklich darstellen könnte aber sie lebt weit von hier lebt im Kloster
Klausenburg doch eine Freundin von ihr eine Zeuginn ihres Lebens ist in der
Nähe ist zu Sankt Nikola Die Fürstin Rosa Gara
Die Fürstin Gara Träumerinn auch diese ist tot ihr wisst sie starb
bald darauf als ich als Marie die junge Elisabet zur Welt brachte
Die Fürstin Rosa Gara lebt lebt zu Nikola ich kam aus ihren Armen in
dieses Kloster
Rosa lebt meine Rosa Gara lebt Elisabet lebt O Übermaß von Freude
Nein unmöglich
Marie war bei diesen Worten ohne Empfindung zurückgesunken Die entzückte
Ida knietw an ihrem Lager strebte sie zu erquicken und netzte ihre Hände mit
ihren Tränen Meine Königin rief sie teure unglückliche Marie erwacht
erwacht zu besseren Tagen
Marie erwachte richtete sich hoch auf sah wundernd um sich her tat neue
Fragen erhielt ihre Beantwortung konnte der entzückten Ida nicht mehr
verheelen wer sie war warf sich in ihre Arme weinte an ihrem Busen rief noch
tausendmahl ob es möglich sei ward überzeugt und erlag unter dem Übermaas
ihrer Gefühle
Nicht leicht konnte eine der wichtigsten Entdeckungen besser vorbereitet und
mit mehr Schonung behandelt worden sein als diese und doch tat sie die
gefährlichste Wirkung auf das Gemüt der Königin
Sie ward todtkrank Ida weinte an ihrem Lager und hielt es für unmöglich sie
zu retten Ach seufzte sie hätte ich sie nur erst in die Arme ihrer Geliebten
liefern ihr nur noch diesseit des Grabes die Freuden des Wiedersehens gewähren
können
Die Gräfin ging zu der Aebtissinn und bat mit der Demut die sie jetzt
hatte lernen müssen man möchte der todtkranken Schwester Veronika dies war
Mariens Klosternahme vergönnen sich nach Sankt Nikola bringen zu lassen um
in der dasigen gesunden Luft eher zu genesen oder ruhiger zu sterben
Sie ward mit Ungestüm abgewiesen Man fragte sie ob ihr die Lust zu
wandern von neuem ankäme
Ich bitte nicht für mich antwortete Ida nur für die Kranke man vergönne
mir sie dort hinzubegleiten und nachdem ich den dasigen Wärterinnen gesagt
habe wie sie zu behandeln ist in dieses Kloster zurückzukehren das ich in
Demut als den Ort meiner Bestimmung erkenne
Die Aebtissinn meinte an dem Leben der elenden Veronika sei nicht so viel
gelegen Ida merkte dass Marie hier wirklich nicht unter ihrem wahren Namen
bekannt sei wagte es nicht sie zu entdecken und ging traurig nach der
königlichen Kranken zurück
Fünf und zwanzigstes Kapitel
Die Schwester Veronika
Die Gräfin widmete sich ganz der Wartung der erhabenen Marie Das Schicksal
erleichterte ihr dieselbe Eine der noch übrigen Kranken starb die andern
genassen und Ida konnte alle ihre Zeit für die Königin verwenden
Man dachte im Kloster menschlich genug sie hierinn nicht zu stören ihr
Noviciat war bis auf wenige Monate verflossen sie hatte sich untadelhaft in
demselben verhalten und es war wider die Regel am Ende der Probezeit noch auf
neue Lasten für die künftige Schwester zu sinnen
Ida sann Tag und Nacht wie sie Mariens Schicksal verbessern und sie in
Elisabeths Arme bringen könne ihre vornehmste Hoffnung beruhte auf dem Besuche
der heiligen Nikola den dieselbe wie dem Leser bekannt ist jährlich bei ihrer
älteren Schwester Sankt Annen abzulegen pflegte und der nunmehr in wenig Wochen
gefällig war Sie wusste dass die Prozession diesesmahl nicht so feierlich sein
würde wie des vorigen Jahrs aber es war doch möglich dass sich unter den
Begleiterinnen der Heiligen eine von den Nonnen jenes Klosters befand die sie
vorzüglich liebte und durch die sie der Fürstin Gara ein vertrautes Wort
zuentbieten konnte
Die Königin erholte sich unter ihrer liebreichen Pflege Ida stärkte sie
mit umständlicher Erzählung der Dinge, die ihr Freude machen konnten und gab
ihr Teil an ihren Hoffnungen Marie lernte jetzt wieder hoffen sie glaubte so
viel verloren zu haben fand so viel wieder wie hätte sie nicht hoffen sollen
Ida wusste aus der Erzählung der Fürstin Gara viel von den Schicksalen der
unglücklichen Königin aber der letztere Teil derselben blieb ihr noch immer
ein Rätsel Niemand konnte es ihr lösen als Marie selbst aber wie sollte sie
einer todtschwachen Person eine Erzählung wie einem gekränkten Herzen die
Erneuerung seiner Leiden zumuten Sie schwieg und verschloss ihr Verlangen
bescheiden in ihrem Busen doch konnte es den Augen der sie liebenden Königin
nicht ganz entgehen
Ich sehe was du wünschest meine Ida sagte sie einsmals und Gott lob dass
ich dir willfahren kann ohne mich selbst dabei aufzuopfern du sollst alles
wissen ich habe es schriftlich verfasst ach die Feder war ja mein einiger Trost
in dieser traurigen Wohnung ich freute mich meinen stummen Schmerz doch auf
einige Art reden zu lassen doch ein Denkmal meiner Leiden zurück zu lassen
damit ich dem ungeheuren Strom von Tränen der auf dieser Welt geweint wird
die meinigen nicht ganz verschlungen ihre Spur nicht gänzlich ausgetilgt würde
Und wo soll ich dies kostbare Dokument von den Leiden einer Heiligen finden
fragte Ida
Es gibt in diesem Kloster nur einen Ort der der boshaften Neugier heilig
ist erwiderte die Königin dort habe ich mein trauriges Tagebuch verborgen
Das Grab verhüllt meine Geheimnisse Ich grub mir nach hiesiger Sitte meine
Ruhehöle selbst besuchte sie oft netzte sie mit meinen Tränen und vertraute
ihr meine Leiden du wirst den Ort mit leichter Mühe finden das Kreutz mit dem
Namen Veronika kann dich nicht täuschen der Mond zeigt dir den Weg
Es war Mitternacht alles ruhte im Kloster und Ida eilte nach dem
Kirchhofe Marie harrte ihrer lange endlich erschien sie Du bist lang
geblieben mein Kind sprach die Königin Das Grab war eingesunken
erwiderte die Gräfin mit etwas erschrockenem Ton es kostete mir Mühe das
Kästchen mit der Schrift zu finden auch weinte ich im Vorübergehen am Grabe der
kürzlich verstorbenen Schwestern einige Tränen
Setze dich und lies sagte Marie vielleicht dass mir meine Leiden
erträglicher dünken wenn ich sie durch deine sanfte Stimme höre und ach sie
sind ja vergangen und mir lacht o Gott so unvermutet noch diesseit des
Grabes einige Hoffnung
Ida las Die Schrift war sorgfältig in Blei gehüllt und wohl conservirt
Tagebuch der Königin Marie
Ja Schwestern ich war einst eine Königin die arme von euch so verachtete
Veronika trug einst eine Krone Heil mir wenn diese Buchstaben vor eure Augen
kommen werden so sind die Leiden die mir das Diadem brachte und die Freuden
die ich vergeblich von ihm hoffte vergessen der Traum ist geträumt und ich bin
zum Leben erwacht Auch das letzte Überbleibsel von mir dies kleine ruhende
Häufchen Asche auch dies wird erwachen wird eben so froh erwachen als eure
Gebeine und wir werden alle Freundinnen sein
Schwestern das hoffe ich gewiss Ich war keine böse Königin weder Blut
noch Tränen haften an meiner Krone als die meinigen Ich kann meinem Richter
froh entgegen gehen Ich werde selig sein Gott ich werde selig sein wie ihr
Ihr wisst den Tag da ich nach Sankt Annen kam niemand kannte mich als eure
Aebtissinn die nun auch unter jenem Hügel ruht und einer andern Platz gemacht
hat welche mich nicht kennt Ich danke Gott dafür dass ich ihr und euch allen
unbekannt bin Gott kennt mich das ist mir genug
Doch auch ihr sollt einst wissen wer ich war und durch meine Geschichte
Menschlichkeit gegen Unbekannte lernen Ich war die Gemahlin eines großen
Königs ich wage es nicht seinen Namen zu nennen ihr könnt ihn raten Mein
Gemahl liebte mich nicht Er war mein alles auf der Welt ich hatte jeden
verloren der meinem Herzen nahe war hatte meine Mutter auch auf eine
schreckliche Art verloren doch liebte er mich nicht dachte nicht darauf mir
das verlorne zu ersetzen Ich war nicht schön war schwermütig andere waren
schön und froh die Hand des Unglücks hatte sie noch nicht getroffen und ihren
Reiz verheert dies war mein Verbrechen
O Barbara Barbara du triebst mich aus den Armen meines Gatten aus dem
Schoss meines väterlichen Hauses Ich kam nach Sankt Nikola einer
unglücklichen Waise das Leben zu geben und dann zu sterben Noch hatte ich
eine Freundin Rosa war ihr Name sie begleitete mich nach Sankt Nikola mir in
der Stunde des Leidens und des Todes beizustehen Auch dieser Trost war mir
entzückt Meine Rose neigte sich zu welken ehe der Augenblick kam da sie mir
Erquickung zuhauchen sollte
Ach die Fürstin Gara war eine schöne lieblich blühende Rose war meine
Mutter meine Schwester meine Freundin und auch sie musste ich verlieren Ich
glaubte es nicht dass dies geschehen würde trauerte nur darüber dass sie eben
jetzt leiden musste so dass weder ich ihr noch sie mir zu helfen vermochte
Barbara kam ich kannte ihre Tücke noch bei weitem nicht so wie jetzt Sie
brachte mir Befehl von meinem Gemahl Sankt Nikola zu verlassen und zu Sankt
Emri meine Niederkunft zu erwarten Ich gehorchte ich war das Gehorchen
gewohnt
Barbara stand in der Stunde des Leidens allein an meinem Bette Sie war hart
und grausam gegen mich Einsame versagte mir die Stärkungen derer auch die
Geringsten genießen Ich gab einer Tochter das Leben ich dachte an meine
unglückliche Mutter und nannte sie Elisabet
Ich sah dem Tode entgegen ich sehnte mich nach seinen kühlenden Schatten
nur meine Tochter machte mir Kummer Barbara trat zu meinem Bette ihr Blick
war milder als zuvor Sie sagte mir das ich sterben würde und fragte wem ich
Elisabeths hülflose Kindheit anvertrauen wollte Meinem Gemahl und der
Fürstin Gara sagte ich Warum nicht mir fragte sie mit wütender Stimme
Sie streckte ihre Hand nach dem Kinde aus das ich in meinem Armen hielt
Ich erhob ein Geschrei welches meine Kräfte zu übersteigen schien es war die
letzte Anstrengung der erschöpften Natur
Wir waren nicht so einsam als Barbara meinte Eine Nonne trat herein und
fragte nach meinem Begehren Hier schrie ich nehmt dieses Kind und tragt es
zu König Siegmunden Die Nonne schien mich nicht zu kennen Barbara hatte meine
Bedienten entfernt und mich hier für ein gemeines Weib ausgegeben Wird mir
der König auch ohne Beglaubigung trauen fragte die Klosterfrau
Ich bin Marie Siegmunds Gemahlin schrie ich und dies ist seine Tochter
Entfernt euch heilige Frau sagte Barbara mit sanfter Stimme ihr seht dass
die Unglückliche raset
Die Nonne schüttelte den Kopf nahm das Kind aus meinen Armen und forderte
nochmals Beglaubigung
Die Nonne trug das Kennzeichen ihres Klosteramts ein Schreibzeich an der
Seite ich forderte den Griffel und quälte mich diese Worte zu schreiben
»Siegmund nimm dich meines Kindes an und überlass es der Fürstin Rosa
Gara«
Die Nonne wollte sich entfernen Halt schrie Barbara ich bin hier die
Stärkste es ist um dein Leben getan wo du mir nicht schwörst nichts von dem
bekannt zu machen was du hier gesehen und gehört hast Ich werde das mir
Anvertraute mit meinem Blute behaupten erwiderte die heldenmütige Nonne
Närrinn schrie Barbara niemand denkt es dir zu rauben tue mit dem Kinde was
du willst nur im übrigen Verschwiegenheit
Ich rief der Nonne zu zu gehorchen und sich dann mit meiner Tochter eilig
zu entfernen Niemand war hier der sie vor Barbaras Wut hätte schützen können
die andern Nonnen waren in der Vesper waren vielleicht meiner Tyranninn
heimliche Freundinnen Barbara sagte ihr einen der fürchterlichsten Eide vor
sie schwur und entrann aus dem Zimmer
Ich war nun mit Barbara allein doch vor diese Dinge sei ewig ein Vorhang
gezogen Ich ward noch diesen Abend aus Sankt Emri nach dem Annenkloster
gebracht wo Barbara mehr Macht zu haben schien als dort Sie begegnete mir
grausam wegen dessen was ich mit Elisabet getan hatte sie drohte dem Leben
des unschuldigen Kindes sagte nichts sollte im Stande sein es zu retten wenn
ich nicht eine Gelübde tät das sie mir vorsagte Ich war schwach sehr
schwach gelobte alles was sie wollte gelobte das Gerücht von meinem Tode zu
begünstigen ewig in den Augen der Welt eine Verstorbene zu sein wenn sie nur
aufhören wollte wider mein Kind zu wüten Ich fühlte bereits den Tod im Herzen
wie hätte ich mich weigern sollen ein solches Gelübte zu tun
Sie ward besänftigt ging so weit auch mir das zu beschwören was ich von
ihr verlangte
Man fing an mir gütiger zu begegnen Die Aebtissinn teilte meine Wartung
mit der Gräfin von Cyly sonst bekam ich niemand zu sehen Nur einst als ich
bei Nacht allein war klopfte es leise an die Tür und die hülfreiche Nonne aus
Sankt Emri trat herein
O meine Retterinn rief ich woher kommst du und wo ist mein Kind Bereits
in den Händen seines Vaters antwortete sie
O noch nicht noch nicht sicher genug rief ich Warum nicht in den Händen
der Fürstin Gara
König Siegmund liebt seine kleine Tochter lässt sie nicht aus den Augen
auch habe ich Befehl sie Morgen nach Sankt Nikola zu bringen Durch List
gelangte ich bis zu euch um euch zu fragen ob ihr nichts weiter an die
Fürstin zu bestellen habt
Nein
Nicht ein Wort von eurem Leben Mein Schwur drückt mich fürchterlich und
doch darf ich ihn nicht brechen Ihr habt nicht geschworen wie wenn ein Brief
Ach umsonst umsonst auch ich musste schwören Das Grab ist bereits über mir
geschlossen ich darf nicht wieder erwachen Doch Ein Brief Setze dich und
schreib in meinem Namen ich bin zu schwach Ein Brief der Fürstin meine
Tochter zu empfehlen kann nicht überflüssig sein Setze dich und schreib
Richte die Worte ein dass sie weder deinen noch meinen Eid verletzen dass sie
lauten wie in der Todesstunde gesprochen
Die Nonne gehorchte ich billigte was sie geschrieben hatte und sie
entfernte sich
Die nächste Nacht erschien sie wieder Euer Kind ist in den Händen seiner
zweiten Mutter sagte sie
Was macht sie was macht meine Rosa
Sie ist noch sehr schwach Gott verlängere ihre Tage zum Besten eurer
Tochter Die Fürstin liebt und beweint euch sehr sie fragte mich viel und ich
durfte nicht nach der Wahrheit antworten O mein fürchterlicher Eid ich werde
ihn in die Länge nicht halten können werde euch mein zeitliches15 und ewiges
Glück aufopfern mein Mitleid für euch ist zu groß
Wir weinten lange mit einander! Endlich fing die Nonne von neuem an zu
sprechen Ich hoffe sagte sie ihr werdet mich ins künftige öfter sehen König
Siegmund erlaubte mir eine Gnade von ihm zu bitten weil ich ihm seine Tochter
brachte ich bat nach Sankt Annen versetzt zu werden es geschah darum dass ich
nahe um euch sein euch trösten und helfen könne Seht ich trage bereits die
Kleidung der Schwesterschaft
Aber ich sah die hülfreiche Nonne von Sankt Emri nicht wieder Sie würde
meinem Glück alles aufgeopfert haben man kam vielleicht ihren guten Absichten
auf die Spur und räumte meine Retterinn aus dem Wege Mir erlaubte man zu
genesen
Barbara war abgereist Die Aebtissinn war die einige im Kloster die mich
kannte Sie ermangelte nicht mich täglich an meinen Eid zu erinnern und mir
Gewissenhaftigkeit zu empfehlen Die Erinnerung war unnötig Auch verschwand
mir bald alle Lust meinen Stand zu entdecken da mir das Schicksal alles raubte
was mich in die Welt zurückrufen konnte Dass Siegmund über meinen Tod getröstet
war und nur an meiner Feindinn hing das wusste ich die Gespräche der Nonnen
brachten mir es oft genug zu Ohren mein Herz blutete aber ließ sich wohl mein
Schmerz mit demjenigen vergleichen den ich fühlte als sich das Gerücht von dem
Tode meiner Elisabet verbreitete als ich bald darauf auch erfuhr dass Rosa
Gara dahin sei O Welt was kannst du noch für Reitze für mich haben alles
ist verblüht alles ist dahin was mir lieb war Hinüber hinüber ins Land des
Wiedersehens und der Unvergänglichkeit
Am Tage Mariä Himmelfart im Jahr unsers Herrn 1400
Dieses Blatt sollte ein Tagebuch sein wie seine Überschrift weiset Den Anfang
dazu schrieb ich 1393 im ersten Jahr meines Aufenthalts zu Sankt Annen aber wo
sollte ich Kräfte hernehmen meine täglichen Leiden zu verzeichnen Hat nicht der
Verlust alles dessen was ich liebe meine Gesundheit zerstört und meinen
Verstand schwankend gemacht diese Jahre sind mir vergangen wie ein Traum Gott
lob dass auch schreckliche Träume vergehen dass unser ganzes Leben ein Traum
und dort das Erwachen ist Wir begleiteten heute unsere Aebtissinn zu Grabe
auch sie hat nun ausgeträumt Gott gebe ihr ein fröhliches Erwachen Ihr
Gewissen trieb sie nicht in ihren letzten Stunden das zu bekennen was ich von
mir wusste und ich Gott ich muss schweigen Ich beklage meinen vorigen Stand
nicht aber mein Leben hier in diesem Kloster ist zu elend fast zu elend für
die die einst eine Königin war Niemand ist mehr hier der mich kennt mein
Zustand wird dadurch nicht gebessert werden
Am heiligen Osterabend
1402
Ach ja er wird schlimmer täglich schlimmer ich dachte nicht dass ich noch
einige Stufen tiefer in den Abgrund des Elends hinabsteigen könne Ich bin
krank bin oft des Verstandes halb beraubt Die Nachricht dass König Siegmund
sich so weit vergessen konnte eine Barbara neben sich auf den Thron zu heben
hat mich in diesen Zustand gebracht Gott verzeihe meiner Schwachheit Es ist
wohl Mangel an Feindesliebe was mich so denken lehrt aber er weis ich bin
ein Mensch habe menschliche Empfindungen
O nur im Grabe ist Ruhe für meinen Gram Gott lob stille Ruhehöle du
bist nun zu meinem Einzuge bereit Nimm hin das einige was ich auf der Welt
habe meine Geheimnisse und meine Tränen bald wird auch mein abgezehrter
Körper folgen aber mein Geist wird triumphierend über dir schweben und ich werde
glücklich sein
Sechs und zwanzigstes Kapitel
Abenteuer auf dem Kirchhofe
Man stelle sich Idas Empfindungen bei Lesung dieser traurigen Blätter vor Sie
hatte die erhabene Leidende vor sich von welcher sie handelten sah die Züge
des Grams und des hier beschriebenen Elends auf ihrem majestätischen Gesicht
kannte zum Teil die Urheber ihrer Leiden was für Umstände eine Rührung bei ihr
hervorzubringen welche der kalte Leser nicht gefühlt haben kann
Marie schien weniger von der Erinnerung an diese Dinge gelitten zu haben
das vornehmste ihres Kummers der Verlust ihrer Tochter und ihrer Freundin war
ja wie ihr Ida versicherte nur ein Traum gewesen sie sollte ja diese Lieben
wiedersehen Liebe für den undankbaren Siegmund und Verdruss über die Erhebung
ihrer Feindinn waren durch die Zeit geschwächt worden das vornehmste was sie
zu betrauren hatte waren verlorne Jahre und geschwächte Kräfte des Geistes und
des Körpers; Dinge die sie in ihrer gegenwärtigen Verfassung nicht lebhaft
genug fühlte um sich darüber zu grämen Sie lag ruhig auf ihrem Bette und
tröstete die weinende Ida welche oft die Schrift hinweglegen musste um ihren
Tränen freien Lauf zu lassen
Ida hatte noch eine noch manche verborgene Ursach Tränen zu vergießen
außer dem Mitleide gegen die deren Geschichte sie eben gelesen hatte Ihre
Hoffnung zu Mariens zu ihrer eigenen Rettung war weit schwächer als sie sie
der Königin vorstellte
Die Kranke war nicht so stark als sie sich bei den neuen Empfindungen der
Ruhe und der Hoffnung hielt Bis zu dem Besuch der heiligen Nikola sollte noch
mancher Tag verfliessen Es waren Zufälle möglich die der Gräfin allein bewusst
waren und die das ganze Gebäude ihrer Plane zerstören konnten was für Stoff zu
Besorgnissen für die bekümmerte Ida
Indessen war Marie doch auch nicht ganz ohne Kummer Die ängstliche Andacht
wie sie zu Sankt Annen gelehrt und von dem besseren Teil der Klosterfrauen
geübt wurde hatte die Begriffe der Königin von Recht und Unrecht unendlich
verfeinert sie fing an sich Gedanken darüber zu machen dass Ida durch sie ihren
Stand erfuhr nannte sich eine Eidbrüchige und klagte über Verletzung ihres
Gewissens
Ida stellte ihr vor dass sie eigentlich nichts gestanden habe dass fast
alles nur von ihr erraten worden sei Und hättet ihr setzte sie hinzu hättet
ihr es leugnen wollen wer ihr seid wie ihr dennoch auch nicht ohne
Gewissensverletzung hättet tun können so würde ich doch bei meiner Meinung
geblieben sein und jeden Schritt getan haben den ich jetzt tun werde
Glaubt ihr dass eure zärtliche Freundin die Fürstin Gara nicht auf die
kleinste Möglichkeit euch zu treffen herbei geeilt sein und euch erkannt haben
würde würde das Herz eurer Tochter wenn man sie zu euch gebracht hätte ihr
nicht den Namen ihrer Mutter genannt haben Und Herzog Albrecht euer
künftiger Sohn der so sehr um euch besorgt ist würde er nicht ihr hättet
gestehen oder leugnen mögen Himmel und Erde bewegt haben euch wieder in eure
Rechte einzusetzen und eure Feindinn zu stürzen
Mich in meine Rechte einzusetzen Barbara zu stürzen rief die Königin
Nein Ida das verlange ich nicht es wär sündlich es zu verlangen denn hierauf
habe ich in meinem Eide vornemlich Verzicht getan Auch ist die Liebe für
Siegmund zu sehr erloschen der Hass gegen meine Feindinn zu sehr durch
Dankbarkeit gegen Gott meinen Retter getilgt als dass ich diese beiden trennen
sollte Könnte mich etwas dazu bewegen so wär es Sorge für Siegmunds Glück
welcher unbesorgt an der Seite einer Tiegerinn ruht und endlich auch von ihr
könnte zerfleischt werden Doch nein Barbara liebt ihn beging ihm zu Liebe so
manches Verbrechen wie sollte sie ihr eigenes Gebäude zerstören und auf das
Verderben ihres Lieblings denken Nein Siegmund ist sicher vor ihren Tücken
auch kann sie sich dereinst bessern hat sich vielleicht schon gebessert und
ich kann ruhig den Plan ausführen den ich mir zu meinem Glück gemacht habe
Höre worin er besteht Ich werde nach Sankt Nikola gebracht werden werde meine
Rosa bald darauf auch meine Elisabet wiedersehen Bin ich stark genug die
schweren Szenen der Freude die mir hier bevorstehen zu überleben so steht mir
noch ein Glück bevor ich werde Herzog Albrechten meinen teuren unbekannten
Sohn meinen Retter umarmen Ja er ists er ist mein Retter ohne ihn hätte ich
meine Ida meine Aerztinn meine Trösterinn meine Befreierinn nicht kennen
gelernt er schickte mir sie zu Hilfe Ich lebe dann im Schoos meiner Lieben
ganz ruhig zu Sankt Nikola bis Albrecht Elisabeths Gemahl wird dann folge ich
meinen Kindern verborgen ganz verborgen nach Österreich ein ruhiges Kloster
nimmt mich auf täglich besuchen mich meine Teuren und ich sterbe einst froh
in ihren Armen O welch ein Gebäude von Glückseeligkeit sollte sich kein
Unglückswind erheben es einzustürzen
Ida bestärkte die Königin in ihren süßen Träumereien und strebte alle
ihre Besorgnisse zu vernichten Die Hoffnung wiegte sie gegen den Morgen in
einen süßen Schlummer aber ihre Trösterinn vermochte nicht zu schlafen Neue
Stürme schienen sich für sie zu erheben die alle heitere Aussichten zu
verdunkeln drohten sie hatte in dieser Nacht Entdeckungen gemacht die sie der
Königin aus Furcht sie zu beunruhigen verschwieg sie waren es die ihre
Rückkunft vom Kirchhofe verzögerten und ihr einen Anstreich von Bestürzung
gaben der nur für die mit andern Gedanken beschäftigte Marie unmerklich sein
konnte
Es ist nötig hier meine Leser einige Schritte zurück zu führen Ida
wandelte als sie von der Königin nach dem Kirchhofe geschickt wurde ruhig mit
Gedanken des Todes und der Auferstehung unter den Gräbern dahin ihre Augen
lasen im Mondesschimmer an den weißen Kreuzen den Namen mancher Nonne die auch
sie gekannt hatte einige unter ihnen waren in dem letzten Teil ihres Noviziats
auch von ihren Händen gewartet und zur ewigen Ruhe eingesegnet worden und ihre
Tränen so wie sie bei ihrer Rückkunft zur Königin sagte flossen im
Verbeigehen ihrem Andenken Den Namen Veronika konnte sie lang nicht finden
die Eigentümerinn dieser Ruhestätte war zu lang im Krankenzimmer verschlossen
gewesen um sie in Ordnung zu halten und keine freundschaftliche Hand vertrat
ihre Stelle Der aufgeworfene Hügel war eingesunken das Kreuz lag auf dem
Boden und Ida hätte es nicht gefunden wenn sie nicht klug genug gewesen wär
es eben an diesem Umstand zu erkennen Sie richtete das Kreuz empor öffnete
die Höle fand die Schriften und war eben im Zurückgehen als ein Geräusch an
der Seite der Kirchhofsmauer sie aufmerksam machte
Es war in den damaligen Zeiten ein doppeltes Verdienst für ein Mädchen
Mut genug zu haben in der Mitternachtsstunde unter Gräbern zu wandeln die
Sage dass zu dieser Zeit die Geister der Verstorbenen zwischen den Todenhügeln
schweben und ihre modernden Gebeine besuchen hatte damals noch nichts von
ihrem Ansehen verloren stellte auf gewisse Art einen Glaubensartikel vor
Die fromme Ida glaubte diesen Satz so wie jeden andern der ihrer
Tugendliebe nicht widersprach und ihrem Hang zur Schwärmerei etwas verwandt war
von ganzem Herzen und man hat sich also nicht zu verwundern dass sie bei dem
Säuseln das sie umwehte Schauer und Ahndung der Gegenwart eines Unsichtbaren
fühlte
Sie hatte Mut genug nicht zu fliehen wofür hätte die Unschuld fliehen
sollen diese Gräber konnten wie sie meinte nur von seligen Geistern umschwebt
werden und Ida fühlte dass sie eine Verwandte der Engel sei Sie stellte sich
unter den bejahrten Flieder der an der Kirchhofmauer stand und mit ihr an Höhe
zu wetteifern schien
Das Rauschen ward stärker über ihr wankten die Blätter und unter ihr der
Schatten den der Mond auf den Boden mahlte Es war nicht der Wind der dieses
Säuseln verursachte gewisse Nebentöne mussten ihre Furcht bestärken Jetzt litt
der Stamm an den sie sich lehnte einen gewaltigen Stoß und im nämlichen
Augenblicke senkte sich wenige Schritte von ihr mit einem ziemlichem Getöse eine
Gestalt herab die nun lang und fürchterlich im Mondglanz da stand Ida wollte
und konnte jetzt nicht fliehen Das was sie sah und bald darauf hörte stimmte
so wenig mit ihren Ideen von Geistererscheinungen überein dass eine ganz andere
Art von Furcht als die vor Gespenstern in ihr rege ward Sie war der Erscheinung
zu nahe eine Bewegung konnte sie verraten nur der Schatten in dem sie stand
und die äußerste Stille schätzte sie vor der Entdeckung
Hier herüber flüsterte die lange Gestalt indem sie aufwärts nach dem
Gipfel des Baums sah Haltet euch an diesen starken Ast und dann ein herzhafter
Sprung so seid ihr wo ich bin Das Geräusch über der zitternden Ida vermehrte
sich der vorige Schall ließ sich zum zweitenmahl hören und noch ein Mann
sprang zu dem vorigen herab Ihr seht also doch wohl sagte der Erste dass
unser Unternehmen keine Unmöglichkeit ist Gott gebe es sprach der andre mit
leiser Stimme Nun kommt auch und hört das weitere fuhr der Erste fort Seht
dort die vergitterten Fenster wo das schwache Lämpgen glimmt es sind die
Fenster des Krankenzimmers wo sie sich jetzt meistens aufhalten soll sie sind
nicht zu hoch über der Erde dass wir die Männer entfernten sich im Gehen und
Ida konnte nichts weiter vernehmen Gern wär sie geflohen aber einesteils
Neugier andernteils Furcht hielt sie zurück sie hätte bei diesen Leuten
welche keine gute Absicht zu haben schienen vorbei streichen müssen wenn sie
zum Eingang ins Kloster hätte kommen wollen Der Ort wo sie verborgen stand
war sicher und sie blieb
Die Männer kamen jetzt zurück das Gesicht des einen schien ihr bekannt zu
sein der andere hatte sich fest in seinen Mantel gehüllt Sie selbst mit in
unsern Anschlag zu ziehen wär freilich das beste sagte der erste im
Vorübergehen aber wie soll man sie treffen Das Fest der Heiligen Nikola ist
wie ihr sagt vor der Tür war die Antwort die Nonnen sollen alsdann hier mehr
Freiheit haben man kann sie vielleicht einmal im Garten einmal hier auf dem
Kirchhof sprechen
Warum erst sprechen fragte der erste nicht lieber gleich handeln Die
Einkleidung wird nicht lang mehr verschoben werden wir haben keine Zeit zu
verlieren
Die Männer waren nicht weit von dem Orte wo Ida sich verbarg im Mondschein
stehen geblieben sie verstand alle ihre Reden merkte dass sie die Person war
von welcher man sprach und ach erkannte das Gesicht des einen es war einer
der Reisigen des Erzbischoffs welche sie in dieses Kloster gebracht hatten
Sie schauerte in sich zurück der Urheber des Anschlags war ihr nun kein
Geheimnis mehr es ward ihr klar dass ihr alter Verfolger in der Hoffnung
getäuscht dass das elende Leben zu Sankt Annen sie für seine Wünsche erweichen
würde es nicht auf das äußerste kommen lassen sie lieber vor der Einkleidung
entführen als die welche er zu seiner geistlichen Tochter erkohren hatte auf
ewig verlieren wollte Die Männer welche weiter gegangen waren kamen jetzt
wieder bei Idas Baume vorbei sie nannten den Namen des Erzbischoffs und
bestärkten dadurch das zitternde Mädchen in ihren Vermutungen die doch im
Grunde wenig Wahrscheinlichkeit hatten Der Erzbischoff hatte in diesem ganzen
Jahre keine Neugier merken lassen wie sie gegen ihn gesinnt sei und ob das
Leben zu Sankt Annen sie gefälliger gemacht habe wahrscheinlich war sie wenn
er seine Absichten noch nicht aufgegeben hatte als Nonne noch mehr in seiner
Gewalt als im weltlichen Stande warum hatte er also ein so unheiliges Mittel
als die Entführung ergreifen sollen sich ihren Besitz zu versichern
Ida bedachte das nicht sie nahm den Augenblick wahr da ihre Entführer auf
der entgegengesetzten Seite des Kirchhofs wandelten schlüpfte schnell in den
Kreuzgang warf die Tür hinter sich zu und gelangte fast außer Atem bei der
Königin an welche zwar über ihr Ausbleiben welches länger als eine Stunde
gedauert hatte befremdet war die aber doch wie wir gesehen haben der Sache
nicht weiter nachforschte sondern sich von ihr die Schriften vorlesen ließ
welche Ida über die letzte Begebenheit fast aus der Acht gelassen aber zum
Glück sie doch fast maschinenmäsig mitgebracht hatte
Ida las Das Schicksal der unglücklichen Königin machte doppelt starken
Eindruck auf sie wenn sie bedachte wie man darauf sönne der erhabenen
Leidenden auch ihren letzten Trost zu rauben Was sollte aus Marien werden wenn
diejenige von ihr genommen würde welche jetzt ihr ganzes Schicksal in Händen
hatte was würde aus ihr geworden sein wenn sie diese Nacht von ihren
Verfolgern entdeckt davon geführt und von der Kranken vergeblich erwartet
worden wär
Mit Mühe hatte die Gräfin so lange als die Königin wachte das Übermaas
ihrer Gefühle unter der Hülle der Rührung über das Gelesene verborgen jetzt da
diese schlief ließ sie ihren Empfindungen freien Lauf und erlag fast unter der
Vorstellung desjenigen was ihr und ihrer königlichen Freundin bevorstand
Wenn nur erst der Tag der heiligen Nikola vorbei wär sagte sie zu sich
selbst dass ich Mariens Geheimnis enthüllt und ihr Schicksal sicher gestellt
hätte mich selbst sollte dann wenn andere Hilfe zu lang zögerte wenigstens
die Beschleunigung meines Gelübdes schützen Lieber ewig eine Bewohnerinn dieses
abscheulichen Klosters als die Matilde dieses Gregors
Ida schlich ans Fenster um zu sehen ob ihre Verfolger noch auf dem
Kirchhofe weilten Alles war stille doch entging ihr nicht die Bemerkung dass
die Ausführung eines klug ausgedachten Anschlags hier nicht unmöglich sei Die
Fenster waren nicht allzuhoch über der Erde die Stäbe hier und da vom Rost
gefressen auch konnte sie von oben herab bemerken dass die Mauer hinter dem
Baume unter welchem sie diese Nacht Schutz fand schadhaft und nicht schwer zu
übersteigen sei
Ach Flucht wär bei einer Kühnheit vielleicht ihr selbst möglich gewesen
aber wo ließ sich bei Mariens Schicksal das an das ihrige gebunden war nur so
ein Gedanke fassen
Sieben und zwanzigstes Kapitel
Ida hat Anfechtung
Die Gräfin wandte den übrigen Teil der Nacht an ihre Entschlüsse zu fassen
und der Morgen war nicht so bald angebrochen als sie zu der Aebtissinn eilte
dieselben auszuführen Sie meldete die Begebenheit jener Nacht mit Auslassung der
Umstände welche der Leser erraten wird auch hütete sie sich den Namen des
Erzbischofs zu nennen Es war ihr noch im Gedanken was sie aus dem Munde des
neuen16 böhmischen Predigers in Prag oft von dem Leben der Geistlichkeit und
dem geheimen Einverständnis der Nonnen mit ihren geistlichen Obern gehört hatte
sie wusste nicht wie weit man hier die Anschläge welche sie dem Erzbischof
zutraute begünstigen würde und ließ es also bei der allgemeinen Nachricht
Sie ward sehr wohl aufgenommen man freute sich dass Ida doch noch endlich
ein Gefühl ihres Berufs zum Klosterleben zeigte und ermahnte sie zur
Beständigkeit Es ward Anstalt zur Besserung der Klostermauer gemacht und man
hielt es für gut die Wärterinn nebst ihrer Kranken aus dem gefährlichen Zimmer
hinwegzunehmen welches sie bisher bewohnt hatten und ihnen ein besseres
einzuräumen
Die Gnade welche die Gräfin sich durch diesen Zug erworben hatte war so
groß dass auch Marie derselben genoss es geschah mehr zu ihrer Erquickung als
Ida die ganze Zeit über von dem Geiz der Nonnen hatte erlangen können
Der Tag der heiligen Nikola brach an Idas Herz schlug stärker Die Nonnen
des benachbarten Klosters erschienen Marie welche jetzt so viel Kraft hatte am
Fenster zu sitzen sah sie kommen und hörte ihre Gesänge Gehe mein Kind
sagte sie zu der Gräfin damit du keine Zeit versäumest unsern Anschlag
auszuführen wer weis wie wenig der Augenblicke sein werden die du zu einem
vertrauten Gespräch mit unsern Retterinnen nützen kannst
Ida ging Sie hatte besorgt sie würde als eine Novize von der Versammlung
der Nonnen ausgeschlossen werden und sich zu Betreibung ihrer Angelegenheiten
nur eines günstigen Ohngefehrs bedienen müssen aber das Andenken an die
Begebenheit auf dem Kirchhofe machte dass man sie schon im Voraus die Rechte der
wirklichen Klosterfrauen genießen ließ Sie hatte gefürchtet man möchte ihre
Anwesenheit in diesem Kloster verbergen wollen weil sie durch eine Art von
Entführung dahin gekommen war aber sie fand dass sich die Dienerinn Sankt
Annens einen Triumph daraus machten der heiligen Nikola eine Nonne abspenstig
gemacht zu haben und dass sie sich des gar hoch rühmten der weltlichen Gräfin
von Württemberg ihren Beruf zum Klosterleben begreiflich gemacht zu haben
Eine Ankündigung dieser Art musste einen widrigen Eindruck auf die
Nikolaitinnen machen sie misgönnten ihren Schwestern die Eroberung sie waren
gutherzige Geschöpfe aber doch nicht ganz frei von jenem Laster dem Neide der
zwischen Klostermauern wie in seinem eigenen Geburtslande besonders leicht
erwachsen und gedeihen soll Das hätte ich nicht gemeint sagte eine der
vornehmsten Nonnen der heiligen Nikola zu Ida dass die Gräfin von Württemberg
wenn es ihr je einfallen sollte den Schleier zu nehmen ein anderes Kloster
wählen würde als das unsrige O erwiderte Ida solltet ihr meine Geschichte
wissen Die Blicke der Klosterfrauen welche anfangs einen Anstrich von
verachtendem Unwillen hatten verwandelten sich in Mitleid Noch eine Frage
schwebte auf ihren Lippen und Ida welche keine Zeit zu verlieren dachte
rüstete sich schon ihr einige Winke von dem Geheimnisse zu geben welches ihr
auf dem Herzen lag als eine der Nonnen zu Sankt Annen herzutrat ihr Gespräch
zu stören man hielt es nicht für gut die neue Schwester welche sich so gut
anliess mit den angenehmen Verführerinnen von Sankt Nikola viel allein sprechen
zu lassen und bewachte beide so sorgfältig dass Ida zweifelte ob und wie sie
ihr Geschäft würde ausrichten können Sie stahl sich auf einige Augenblicke
zur Königin entdeckte ihr ihre Zweifel ihre Vorschläge erhielt Einwilligung
und kehrte wieder zurück
Um Gotteswillen flüsterte ihr die Nikolaitinn entgegen welche in einem
Winkel des Kreuzganges auf sie gewartet zu haben schien um Gotteswillen wie
seid ihr in dieses Kloster gekommen die Fürstin Gara und wir andern alle
forschten überall nach euch und hätten euch an jedem andern Orte eher als hier
gesucht sagt wie kommt ihr hieher
Nicht viel besser als durch Gewalt erwiderte Ida Sie wollte noch etwas
hinzusetzen aber schnell ward sie zur Aebtissinn gefordert und das Gespräch
hatte wieder ein Ende
Bei der sparsamen Mahlzeit wo Ida ebenfalls von hundert Augen bewacht ward
tat die Aebtissinn der künftigen Schwester die Ehre sie öffentlich zu rühmen
wie sie sich so freiwillig der heiligen Anna gewidmet sich im Noviziat so wohl
betragen und jüngstin so gar einen Anschlag sie aus dem Kloster zu entführen
entdeckt habe Ich bitte euch meine Schwestern setzte sie mit andächtiger
Miene hinzu bittet Gott und unsere Heiligen dass sie bis zum Tage ihrer
Einkleidung den wir heute über vier Wochen wird sein Sankt Scholastika Tag
ansetzen ohne Anfechtung bleibe und dieser bösen Welt gänzlich entrückt werde
Die Nikolaitinnen wagten die Bitte bei der Feierlichkeit erscheinen zu
dürfen aber man fand dieselbe wider die Regel und sie ward abgeschlagen
Erst gegen den Abend hatte Ida Gelegenheit ihrer Freundin der Nonne von
Sankt Nikola im Fluge diese Worte zu sagen Meldet der Furstinn Gara Ida habe
Marien gefunden sie sei hier im Kloster und erwarte schleunige Hilfe Die
Nonne welche mehr von diesen Dingen zu wissen schien als die Gräfin dachte
hub Augen und Hände mit einem Blick voll Dank und Verwunderung gen Himmel
Kann ich euch ganz ohne Gefahr trauen fragte die erfreute Ida die Nonne
antwortete mit einer jener redlichen truglosen Mienen welche zu fragen
scheinen wie Mistrauen möglich sei Ida forderte keine andere Beglaubigung
So nehmt diese Schriften fuhr sie fort und gebt sie der Fürstin Gara
Empfehlt ihr Eile noch einmal Marie lebt und ist hier im Kloster aber sie
ist sehr schwach
Kaum hatte die Nonne so viel Zeit das Tagebuch der Königin welches ihr die
Gräfin auf Mariens Erlaubnis überreichte unter ihr Brusttuch zu verbergen
denn eben erschien eine Abgesandte von der Aebtissinn welche die Novize mit
einem verdrießlichen Tone erinnerte es würde Zeit sein sich in ihre Zelle zu
verfügen man habe sich der heute vergönnten Freiheit mit zu weniger Mäßigung
gebraucht um derselben länger genießen zu dürfen
Ida verfügte sich zur Königin ihr Nachricht von ihren Verrichtungen zu
geben Sie sprachen bis tief in die Nacht über diesen Punkt sorgten
zweifelten ob alles auch recht ausgerichtet recht verstanden nichts entdeckt
worden sein möchte und mussten endlich ihre Zuflucht zu der Hoffnung nehmen der
Himmel werde das ausgestreute Saamenkorn nicht zertreten oder vom Winde verweht
werden lassen
Meine Tochter sagte die Aebtissinn des andern Tages zu Ida als diese auf
Befehl bei ihr erschien wir hatten gestern gute Ursach euch vor unsern
ausgearteten Schwestern zu Sankt Nikola zu warnen Es ist nicht unmöglich dass
sie mit euren Entführern ein heimliches Verständnis haben bedenkt ihr
sündliches Verlangen bei eurer Einkleidung zu sein und überdies will die
Schwester Margarete gesehen haben dass die von jenen Nonnen welche zuletzt mit
euch sprach ein Papier in ihrem Busen verborgen hatte vermutlich ein
verführerischer Brief von euren Weltfreunden welche euch zu sich zurück locken
wollten
Ida wusste wohl was dieses für ein Papier gewesen war sie zitterte man
möchte Mariens Schriften entdeckt und ihrer Freundin abgenommen haben Sie
errötete vor Angst und konnte kaum die Frage stammeln ob man wirklich etwas
verdächtiges von dieser Art bei der Nonne gefunden habe Ey bewahre Gott
nicht gefunden erwiderte die Domina unsere Hände strecken sich nicht nach
solchen unheiligen Dingen aus alles bloß Mutmaßung wahrscheinliche
Mutmaßung Aber sagt mir doch denn die Veränderung eurer Farbe könnte mich
auch wohl auf euch argwöhnisch machen sagt mir doch was sprach denn jene
Nonne gestern Abend mit euch
Sie sie sie bat mich einen Spaziergang mit ihr auf den Kirchhof zu
machen stammelte Ida
Immer besser erwiderte die Alte So wärs dann um euch getan gewesen denn
wisst unglückliches Kind dem der Satan so sehr nachstellt wisst unsere
Mauern sind euren Feinden nicht zu hoch gestern Abend ist eine unserer
Schwestern von zween Männern erwischt und nach einer angelegten Leiter
geschleppt worden Vor Angst hat sie nicht schreien können aber der entfallene
Schleier hat sie gerettet Der Abdruck der Andacht und Heiligkeit in ihrem
Gesicht hat die Entführer zurückgeschreckt Fürwahr eins der größten Wunder
der heiligen Anna Der Streich hat ohne Zweifel euch gegolten und ein
entfallner Schleier hätte euch nicht retten können euer Gesicht ist noch zu
weltlich um diesen Grad von heiliger Ehrfurcht einzuprägen Nun grämt euch
darüber nicht Jahre und ernste Kasteiungen werden auch bei euch das ihrige
tun
So traurig und Angstvoll auch Ida war so konnte sie sich doch bei diesen
Worten nur mit Mühe eines kleinen Lächelns enthalten
Ihr seht fuhr die Aebtissinn fort wir fangen an mit euch vertraulicher
umzugehen euch gleichsam schon als einer Schwester zu begegnen und ich muss
euch daher sagen dass die Spuren der Nachstellung noch merklicher werden Diesen
Morgen hat man zween Stäbe vor den Fenstern des Krankenzimmers zerfeilt
gefunden ihr werdet euch bis zum Tage eures Triumphs über die Welt sehr
eingezogen halten müssen Doch tröstet euch unser Schutzherr der Erzbischof
soll alles wissen und euch schon Sicherheit schaffen
Der Nahme des Erzbischoffs machte dass Ida mit dem höchsten Ausdruck von
Angst die Hände zusammenschlug Die Domina ward durch diese Gebärde deren wahre
Deutung sie nicht kannte sehr erbaut und entließ die Novize gnädig
Acht und zwanzigstes Kapitel
Gelungene und verunglückte Anschläge
Angst und Besorgnisse waren Idas und Mariens Gefährtinnen in der Zeit der
Erwartung was die erhaltenen Nachrichten zu Sankt Nikola möchten ausgerichtet
haben
Eine lange traurige Woche verfloss ehe sich nur eine Spur der Hoffnung
zeigte Am Ende derselben ward Ida zu der Aebtissinn gefordert
Meine Tochter sagte sie hört sonderbare neue Zeitungen Eure Feinde
welche sehen dass sie euch mit Gewalt nicht eurem heiligen Beruf entreißen
können nehmen ihre Zuflucht zur List aber der Heiligen Anna sei Dank dass wir
hier listiger sind als sie und ihre Anschläge zu vernichten wissen
Ida zitterte sie sah ein Schreiben mit dem erzbischöflichen Siegel in den
Händen der Aebtissinn
Dass die Nikolaitinnen zu den Mitverschwornen wider das Heil eurer Seele
gehören fuhr die Domina fort das ist uns nun unwidersprechlich erwiesen Die
Fürstin Gara welche sich in jenem Kloster aufhält sandte uns diesen Morgen
diesen Befehl von der Hand unsers heiligen Vaters welcher euch mit gebührender
Ehrerbietung zu lesen erlaubt wird
Ida empfing das Blatt wie sie musste mit halbgebognem Knie und las
»Heilige und in Gott andächtige Mutter Frau und Oberinn des Klosters zu
Sankt Annen Unsern Grus und alles Gute zuvor
Ihr werdet angewiesen Angesichts dieses den Nonnen zu Sankt Nikola euren
Schwestern die in eurem Kloster lebende heilige Frau Sankt Veronika welcher
Schwachheit halber diese Veränderung gestattet wird samt ihrer Wärterinn der
jungen Novize N N mit ihrem Weltnahmen Ida von Württemberg genannt
unwegerlich ausfolgen zu lassen Woran wenn ihr solches tut geschieht unser
ernstlicher Wille« usw Subinko Erzbischof
Die Gräfin zitterte vor Freude und vor Angst sie gab das Schreiben zurück
ohne ein Wort vorbringen zu können
Euer Zittern euer Stillschweigen sagte die Domina verkündigt uns eure
Gedanken aber sorget nicht mein Kind ihr bleibt bei uns der heilige Vater
gibt uns in seinem Schreiben selbst einen Wink was wir zu tun haben Hier
diese Charakter welche außer mir und seiner Heiligkeit niemand verständlich
sind und die wahrscheinlich die Nonnen zu Sankt Nikola so wenig wahrgenommen
haben als ihr verkündigen uns seine wahre Willensmeinung
Ida sah in dem ihr zum zweitenmahl dargereichten Schreiben eine Reihe
kleiner Figuren welche sie zu den damals gewöhnlichen Briefzierraten gerechnet
und für unbedeutend gehalten hatte Ihre Angst wuchs und sie vermochte nichts
weiter als die heilige Mutter mit einem furchtsam fragenden Blicke anzusehen
Ihr versteht nichts von diesen Dingen sprach die Alte mit einem wichtigen
Lächeln ja ich glaube es euch Diese Chiffern heißen ungefähr soviel als
Veronika sei den Nikolaitinnen ohne Weigerung zu überlassen hingegen die junge
Novize N N welcher Sr Heiligkeit mit besonderer Hulde zugetan verbleibe
unter einem schicklichen Vorwand zurückzubehalten
Diesem zu folge fuhr die Domina fort wird die kranke Nonne mit welcher
ihr euch lang genug gequält habt diesen Vormittag den Abgeschickten der
Fürstin überlassen werden es ist gleich viel ob sie zu Sankt Nikola oder zu
Sankt Annen begraben wird Ihr aber werdet hier bleiben und den Tag der euch
vor allen Versuchungen der Welt und des Satans befreien wird mit Geduld
erwarten Die Nähe eurer Einkleidung ist der schicklichste Vorwand den man der
abgeschlagenen Forderung so weit sie euch betrifft geben kann
Idas Herz wollte bei Anhörung dieser Worte zerspringen Freude über die
Rettung der Königin Kummer sich von ihr trennen zu müssen und halbe
Verzweiflung dass ihr nun nichts übrig sei als die Annehmung des Schleiers
stürmten auf sie ein sie schwankte und schien ohnmächtig zu werden
Nicht doch mein Kind sagte die Domina welche sich herabliess sie selbst
aufrecht zu halten ihr seht ja dass es euren Feinden nicht gelingt Wir wollen
sie wacker täuschen Die kranke Veronika ist offenbar nur der Vorwand euch nebst
ihr in ihre Hände zu bekommen nun dann wir gewähren ihnen was sie trüglich für
das Vornehmste ihrer Forderung angeben und behalten nur euch nur die sein
sollende Nebensache zurück Beruhigt euch Geht selbst Anstalt zu Veronikas
Überlieferung zu machen und kommt dann zu mir zurück ihr werdet die ganze
Schwesterschaft bei mir finden euch und mir wegen des ausgeführten
Meisterstreichs Glück zu wünschen
Ida entfernte sich weinend kündigte der vor Freude fast betäubten Marie
ihre Befreiung an letzte sich mit ihr unter tausend Tränen empfahl sie der
äußersten Sorgfalt der Abgeschickten und bat beim Abschied dass sie in ihrem
Elend doch nicht ganz vergessen werden möchte Konnte der Königin ihr Glück
durch etwas verbittert werden so war es dieses dass sie die Schöpferinn
desselben nicht mit sich nehmen nicht die Freuden welche ihrer warteten mit
ihr teilen konnte Sie versprach alles was sie wünschte und man musste sich
trennen
Was werden die Schwestern zu Sankt Nikola was wird unsere Fürstin sagen
sprachen die Abgeschickten heimlich zu Ida dass ihr euch so hartnäckig wegert
dieses Kloster mit dem Ihrigen zu vertauschen
Ich wegre mich schrie Ida Sagt ihnen von meinen Tränen meiner
Verzweiflung und sie werden das übrige erraten
Neun und zwanzigstes Kapitel
Fortsetzung der Geschichte Konrads von Langen
Kaum konnte sich Ida hinlänglich fassen um die Glückwünsche der neidischen
Nonnen hier pflegte man einander um alles zu neiden und die Liebkosungen
der Domina mit Anstand aufzunehmen Sie machte sich sobald als möglich aus der
Versammlung los und eilte in ihre Zelle ihren Tränen freien Lauf zu lassen
O Herrmann Herrmann rief sie wüsstest du dass deine Geliebte im Begriff steht
dir auf ewig entrissen zu werden O dass das Laster andere besorgter um mein
Schicksal macht als dich die Liebe der Erzbischoff versuchte Dinge die du
nicht zu meiner Rettung versucht haben würdest wird vielleicht noch Mittel
genug wissen mich dem Schleier zu entreißen und in seine Gewalt zu bringen aber
du Doch würde ich dir auch eine gesetzwidrige Tat verzeihen können würde
ich dir folgen wenn du mir heute die Hand zur Flucht bötest Ach nein
Leider wünsche ich Rettung aus dem schrecklichsten aller Gefängnisse ohne
Mittel dazu ersinnen zu können ohne Mut und Gewissenlosigkeit genug zu haben
mich eines jeden zu bedienen das mir der Zufall in die Hand spielen möchte O
Herrmann Herrmann
Herrmann ward von Ida in ihrem Kummer so oft genennt dass er den wir um
ihrentwillen ganz aus der Acht gelassen hatten uns schnell wieder in den Sinn
kommt wohl ihm wenn über der langen Beschäftigung mit andern Dingen unsere
Leser nicht gar vergessen haben dass er gleichwohl den Helden dieser Geschichte
vorstellt Um dasjenige nachzuholen was von ihm zu sagen ist wird es nötig
sein ein ganzes Jahr in unserer Erzählung zurück zu gehen
Mit schwerem Herzen verließ er nach der Rettung des Grafen von Württemberg
Regensburg um nach Italien zu gehen wohin ihn sein Schicksal rief
Sein halbes Leben hätte er darum gegeben von seiner Ida nur einige
befriedigende Nachricht mit sich zu nehmen aber die Zeit war zu kurz
Nachforschungen anzustellen Der Graf von Württemberg durfte und wollte seine
Abreise nicht länger verschieben die väterliche Zärtlichkeit machte ihn um Idas
Schicksal lange nicht so besorgt als Herrmannen die Liebe er war noch nicht
ganz mit ihr ausgesöhnt wegen der vorwitzigen Schritte die sie sich bei
Belauschung des heimlichen Gerichts zu schulden kommen ließ und die ihn jetzt
aus Deutschland trieben
Auch Herrmann musste eilen er erhielt eines Tages einen Brief welcher
nichts als diese Worte enthielt »Eile Herrmann die Rächer treten in deine
Fusstapfen«
Der Schreiber dieser Worte war leicht zu erraten er nannte sich in der
Unterschrift Alexius von der hohen Eiche ein Name der dem Ritter von Unna zu
gleicher Zeit die schöne Aleke und die Begebenheit bei der hohen Eiche unweit
des sausenden Stroms in den Sinn brachte und ihn ganz leicht den redlichen
Ulrich von Senden erraten ließ
Leb wohl leb wohl Vaterland der Liebe rief Herrmann als er Deutschland
verließ werd ich dich wiedersehen wird nicht mein Blut vielleicht in
entfernten Weltgegenden unbeweint vergossen werden mein Staub von keiner
freundschaftlichen Hand gesammlet unter fremden Winden verwehen und Ida Ida
was wird indessen dein Schicksal sein Herrmann langte an dem damaligen
Aufenthalt der deutschen Ritter an sein Name von Unna verschafte ihm Achtung
Man sagte ihm er habe einen Namensvetter vielleicht einen Verwandten unter den
Rittern man nannte ihm den Ritter Johann von Unna welcher einer von den
Grosskreuzen war sein Herz schlug stärker aber er schwieg Er ward dem großen
Manne vorgestellt man befragte man erkannte sich und die beiden Brüder lagen
einander in den Armen Du du warst es den ich hier suchte rief Herrmann du
allein zogst mich an diesen Ort O Glück dich so bald zu finden
Ritter Johann drückte seinen Bruder mit nicht minderer Zärtlichkeit an seine
Brust Der Knabe Herrmann denn als einen solchen hatte er ihn zuletzt gesehen
war ihm immer der liebste unter seinen Brüdern gewesen so wie Agnes und
Petronelle die geliebtesten seiner Schwestern tausend Fragen über den Zustand
seines Hauses wurden an Herrmann getan und von ihm beantwortet und Herrmanns
Schicksale sollten erst der Gegenstand der Unterhaltung für die künftigen Tage
sein Der geistliche Ritter schien mit allem was seinem jüngeren Bruder begegnet
war unbekannt zu sein auch nicht eine Silbe davon hatte ihm das Gerücht zu
Ohren gebracht
Herrmann hatte viel Ehrfurcht für seinen älteren Bruder sein Stand und sein
ganzes Wesen heischte sie Er ward über die Ursach seiner Ankunft in diesen
Gegenden befragt fünf Worte Die Verfolgung des heimlichen Gerichts wären
hinlänglich gewesen dieses zu beantworten aber Herrmann konnte sich nicht
überwinden diese Worte zu sprechen sich durch dieselben seinem Bruder gleich
zu Anfang in einem nachteiligen Lichte vorzustellen Er antwortete Mein
Unglück Ritter Johann nahm es für bekannt an dass dieses Unglück es bestehe
nun worin es wolle den Wunsch in ihm erregt haben würde die Ordenskleidung zu
tragen und er versprach ihm alle Beförderung
Herrmann schwieg Die Brüder trennten sich Der folgende Tag ward zu
umständlicher Erklärung über diese Dinge ausgesetzt und der Ritter von der
treuen Minne sann die ganze Nacht darauf wie er all den weiten Umfang seiner
Begebenheiten so ins kurze fassen so zusammen drängen wolle dass Ritter Johann
ihn auf einmal in seinem wahren Lichte erblicke keinen Raum zu einem
augenblicklichen Zweifel gegen seine Rechtschaffenheit behalte Herrmann wusste
nicht dass die plansten ungesuchtesten Erzählungen die vorteilhaftesten sind
er hatte zu oft das Unglück gehabt von denen die er liebte verkannt zu
werden um nicht furchtsam zu sein
Indessen waren seine Hoffnungen auf das Glück im Umgange seines Bruders und
seine Besorgnisse wie er sich seiner vollen guten Meinung versichern wollte
gleich vergeblich Des andern Morgens bekam er die Botschaft Ritter Johann sei
in Angelegenheiten des Ordens eilig verschickt worden und alles was er vor
seiner Abreise für ihn habe tun können sei nachdrückliche Empfehlung bei dem
Hochmeister gewesen
Herrmann ward dem erhabenen Oberhaupt des Ordens Ulrich von Jungingen
vorgestellt ward wohl empfangen man nahm es für bekannt an dass es seine
Absicht sei das Kreuz anzunehmen man legte ihm die gewöhnlichen Bedingungen
vor es war in den damaligen Zeiten noch schwerer Zutritt zu erlangen als in
den gegenwärtigen
Der Ritter von Unna konnte sich den Aufschub einer Sache nach welcher er
eigentlich gar kein Verlangen trug sehr leicht gefallen lassen Ihm war es
genug Erlaubnis zu erhalten auf gewisse Art Teil an den Taten des Ordens zu
nehmen und er nahm sich vor sich bei jeder Gelegenheit so zu zeigen dass er
wenn gewisse Dinge offenbar würden das Vorurteil für nicht wider sich haben
möge
Unsere Urschrift sagt nicht deutlich welches die Begebenheiten unsers
Ritters binnen einer Zeit von sieben Monaten waren welche er in diesen Gegenden
zubrachte sie meldet nur dass Herrmann sich überall wie ein kluger und tapfrer
Mann erwies dass das Schicksal ihn sehr genau in die Angelegenheiten der beiden
Jungingen des damaligen und des vorigen Grossmeisters verflocht dass auch der
diesem folgende der bekannte Heinrich Reus welcher nachmahls abgesetzt ward
mit ihm in Verbindungen stand welche wenigstens ihm unserm Herrmann Ehre
machten und dass man Ursach zu glauben hatte das Ordenskreuz könne ihm nicht
lang mehr vorenthalten werden als sich eine Geschichte ereignete welche ihn
auf einmal aus dem Hafen der Sicherheit hinweg riss und ihn wieder in jenes
stürmische Meer zurückschleuderte welchem er kaum entkommen war
Herrmann hatte unter den Rittern welche so wie er dem Orden nicht wirklich
einverleibt waren die Bekanntschaft eines Mannes gemacht der ihn
außerordentlich interessierte ein rauer wilder Krieger mit den Zügen
ausgestandenen Unglücks auf der Stirne still und verschlossen gegen jedermann
nur gegen den nicht der sich ihm durch tausend Dienste verbindlich gemacht
hatte gegen Herrmann der ihm mehr als einmal im Streit das Leben rettete ihn
durch sein Ansehen beim Hochmeister oft gegen die Kabale seiner Feinde aufrecht
erhielt und der ihn eben aus der Ursache aufzusuchen schien aus welcher er von
andern geflohen ward ihn darum liebte weil er nicht glücklich war
Lange hatte Herrmann der so gern Bedrängte tröstete wie seine Ida den
Quellen seines Kummers nachgespürt um desto besser zu wissen ob Rat und Hilfe
möglich sei und endlich erschien die Stunde offenherziger Erklärung
Herrmanns Freund nannte seinen Namen er war jener Konrad von Langen der
Bruder der schönen Aleke welcher von der heimlichen Acht verfolgt endlich hier
eine Art von Zuflucht gefunden hatte Das Andenken an seine edle Schwägerinn
Konrads Schwester die Gleichheit ihrer Schicksale machte dass Herrmann den
Ritter von Langen mit doppelter Zärtlichkeit an seine Brust drückte ihn Bruder
nannte ihm offenbarte welches Konraden bei seiner langen Entfernung verborgen
war wie nahe sie verwandt waren und ihm zusagte ihm nächstens auch eine
umständliche Erzählung von seinen Schicksalen zu geben
Herrmann hielt sein Versprechen er erzehlte seine Geschichte offenherziger
und also vorteilhafter als er sie seinem Bruder dem Groskreuz Johann
vorgetragen haben würde Kein Scheu vor strengem Tadel konnte ihn bei Konraden
von Langen nötigen seine Worte abzuwiegen Konrads Geschichte zeugte dass er
bei weiten nicht in allem warum er von der Rache verfolgt wurde zu
entschuldigen sei aber Herrmann war ganz schuldlos konnte kühnlich auftreten
und sagen ich bin rein von aller Übeltat Nur unzeitige Furcht vor Johanns
strenger nie durch Verleumdung angegriffener Tugend konnte ihn schüchtern
machen
Konrad schwieg eine Weile nachdem Herrmann geendigt hatte Ihr seid
gerechter als ich fing er endlich an eure Sache ist mit der meinigen nicht zu
vergleichen und doch ist unser Schicksal so ziemlich das nämliche sollte man
sich nicht scheuen die Tugend zu wählen wenn sie und das Laster so oft einen
Weg führen Das beste für uns wird sein wenn wir dieses Land bald verlassen
ehe die strengen Ritter des deutschen Ordens unsere Lage kennen lernen ihr
Blick durchforschet am Ende alles sie sind fast so allwissend wie unsre Feinde
die heimlichen Richter Hoffet nicht in den Orden aufgenommen zu werden bis sie
die kleinsten Umstände eures Lebens kennen und werden ihnen diese bekannt so
ist euer Urteil eben sowohl gesprochen Beschuldigung ist ihrer Reinigkeit oft
so viel als erwiesenes Verbrechen
Glaubt denn Konrad erwiderte Herrmann dass ich nach dem Ordenskreuze
strebe
Ich glaubte es weil ich meinte wir deren Schicksale so viel Ähnlichkeit
haben müssten uns in allen gleichen
Also ihr betratet dieses Land in einer solchen Absicht
Hört den Teil meiner Geschichte der euch noch unbekannt ist Als mich
die Verfolgung der heimlichen Rächer aus meiner Burg trieb mich nötigte meine
unglückliche Schwester eure nachmahlige Schwägerinn unberaten und hilflos
zurückzulassen da schenkte mir das Schicksal mitten im Gedränge des Elends
einen Schatz den es oft seinen ersten Lieblingen versagt einen Freund O
Gott mein Retter mein teurer Johann von Unna erschien mir und ward mein
Schützer vor dem Teufel der mich zu erwürgen mich mitten in meinen Sünden ins
ewige Verderben zu stürzen drohte
Johann von Unna mein Bruder
Ja eben er Hört weiter Angst und schlaflose Nächte hatten meine Kräfte
aufgezehrt ich war noch nicht drei Meilen von meinem Schloss so überfiel mich
der Schlaf ich musste meinem Triebe nachgeben oder die Hoffnung zu entkommen
fahren lassen Ich langte in einem Walde an der mir oft in glücklichen Tagen
nach der Arbeit seinen Schatten zur Ruhe geliehen hatte Ich wusste hatte ich
ihn zurückgelegt so traf ich viele Meilen weit nichts als offenes Land wo ich
ohne die Umschattung eines schützenden Baums hätte schlummern müssen Dörfer und
Herbergen genug aber unter welchem Dache kann ein Reisender meiner Art sicher
schlummern
Ich legte mich unter den nächsten Schatten und entschlief Da dünkte es mir
im Traum ein Mörder stünde bei meinem Lager seine Hand risse das Schwert aus
der Scheide und er riefe mir zu mit schrecklicher Stimme Konrad erwache die
Rache ist vor der Tür Ich fuhr aus dem Schlafe empor mein Traum war
Wahrheit Erwache Konrad rief der Grausame der vor mir stand zum zweiten mahl
Dich klagen die zahllosen Zungen deiner Sünden dich klagen die Zeugen des
heimlichen Gerichts vor dem ewigen Rächer an ich bin sein Diener du musst
sterben Ich hatte unter meinen Leuten einen Diener einen Einverleibten des
fürchterlichen Tribunals der mir von solchen Dingen so weit er durfte Winke
genug gegeben hatte um mir es klar zu machen wen ich hier vor mir hatte
keinen gemeinen Mörder dessen Tat die Gerechtigkeit straft wo sie ihn findet
nein einen von jener geheimen Gesellschaft unbekannten Henker die unter dem
heiligen Namen der Rächer des Ewigen Taten begehen die nur er richten kann
weil sie hier keinen Richter finden
Ich sprang auf ich setzte mich zur Wehr er war mir überlegen ich hätte
unterliegen müssen wenn nicht plötzlich ein Ritter aus dem Gebüsch
hervorgedrungen wär und sich zur Verteidigung an meine Seite gestellt hätte
Es war Johann von Unna euer Bruder nie sah er mich zuvor aber ihm war es
genug einen Notleidenden zu finden um sich seiner anzunehmen er war tapfer
und edelmütig wie Herrmann
Mein Gegner ward durch unsere vereinte Macht bald vertrieben Ich dankte
eurem Bruder wie man einem Schutzengel dankt wir umarmten uns und nannten
einander unsre Namen Der meinige der Name eines Unglücklichen Durchächteten
als einen solchen kannte mich das ganze Land vermochte nicht sein Herz von
mir abzuwenden
Er nannte mich Bruder und war freundschaftlich genug sich mit mir in eine
Reihe zu setzen Auch ich bin ein Flüchtiger sagte er ich fliehe vor der
Gewalt meiner Verwandten die mich zu einem Stande nötigen wollen den ich
verabscheue Hin mein Bruder Hin zu den deutschen Rittern das Ordenskreuz
kann uns vor Gewalt schützen und einst zu Ehren bringen Ich gab ihm den
Handschlag ihm zu folgen und wir lagerten uns ins Gras zu einer sparsamen
Mahlzeit die euer edler Bruder aus seiner Reisetasche auftrug Ein Trunk aus
der Quelle labte uns und wir redeten den Plan unsers künftigen Lebens vollends
ab ohne zu ahnden wie viel Gefahren unsere Anschläge vereiteln könnten
Gefahr Gefahr des Todes war vor der Tür der Unschuldige musste sie teilen
weil er sich zu dem Schuldigen gesellt hatte Der Feind von welchem mich
Johann gerettet hatte erschien plötzlich von neuem er hatte einen17 Gefährten
mit sich genommen um wider zweie desto sicherer zu fechten Wir sprangen auf
es war uns unmöglich uns unserer Schwerdter zu bemächtigen welche wir in
törichter Sicherheit einige Schritte von uns ins Gras gelegt hatten wir hatten
keine andern Waffen in den Händen als die Messer welche wir bei unserm Mahle
gebraucht hatten
Der Kampf war ungleich ob gleich der eine unserer Gegner der Gefährte den
sich der Erste geholt hatte schlecht und fast mit Unwillen focht Ohne Zweifel
war es jener Ulrich von Senden Alekens Geliebter welcher sein Schwert
gezwungen wider mich kehren musste und auf alle Weise vermied mich zu
verletzen Er wandte seine Waffen gegen meinen Verteidiger und trieb ihn weil
sie von besserm Nachdruck waren als Johanns Brodmesser endlich in die Flucht
indessen ich der Raub des andern ward der mich gefangen nach Osnabrück
schleppte Gott weis was seinen Entschluss änderte mir auf der Stelle das Leben
zu nehmen
Ihr wisst das übrige ich entkam einem schmählichen Tode durch die Flucht
Ich eilte dahin wo ich mutmaßen konnte meinen Freund den Ritter von Unna zu
finden Er trug bereits das Ordenskreuz aber auch mir dazu zu verhelfen war
unmöglich Er kannte die Gesetze der deutschen Ritter jetzt besser als im ersten
Anfang unserer Freundschaft er riet mir meine Wünsche aufzugeben und dadurch
einer strengen Untersuchung meiner Geschichte und einer ernsten Ahndung zu
entgehen Auf seinen Rat änderte ich meinen Namen der meinige würde meine
Sicherheit bald geendigt haben mein Unglück war zu bekannt schlummerte nicht
so wie das Eurige noch unter einer gewissen Hülle es wär um mich getan
gewesen hätte man den Namen Konrad von Langen nur einmal gehört
Euer edler Bruder konnte mich nicht auf die Art schützen versorgen und
erheben wie er wünschte aber demohngeachtet tat er viel zu meinem Glück Ihm
bin ich Ehre Leben und Güter ach ihm bin ich die weit kostbarere Gelegenheit
zu rühmlichen Handlungen schuldig Ich war emsig in Ausübung des Guten
vielleicht dass es mir dereinst gelingt durch die überlegene Anzahl edler Taten
ehemahliche Verbrechen zu tilgen
Ordensgeschäfte haben wie ihr wisst euren und meinen Bruder auf lange Zeit
von uns gerissen Gott weis ob ich ohne Schutz hier lang hätte bestehen können
aber ihr vertratet die Stelle des Ritters Johann bei mir so lang eure
Begebenheiten unbekannt bleiben kann mich euer Name und das Ansehen in welchem
ihr bei dem Orden steht schützen O ihr Brüder von Unna edle großmütige
Seelen Freunde des Verfolgten von aller Welt Verlassenen Führer bei der
Rückkehr zur Tugend werde ich euch jemals jemals danken können wird es
hinlängliche Vergeltung für euch sein wenn ich dieses Blut dieses Leben für
euch aufopfre
Konrads Herz floss von Dankbarkeit über Herrmann drückte ihn an seine Brust
und beide vereinigten sich nun in Beratschlagungen was in der Zukunft für sie
zu tun sein würde Beratschlagungen deren Resultat nie bekannt worden ist,
weil ihnen das Schicksal die Ausführung ersparte
Dreissigstes Kapitel
Düstere Wolken hinter welchen die Sonne glänzt
Es wär zu wünschen gewesen dass die beiden Ritter bei ihren Beratschlagungen
mehr Behutsamkeit gebraucht hätten sie lebten in einem Lande wo weder die
Nacht noch die Abgelegenheit des Orts sie vor Verräterei zu schützen vermochte
Ihre beiderseitige Tapferkeit die Achtung des Grossmeisters und der
Ritterschaft der Wahn dass beide nach dem Ordenskrenz trachteten und dass es
ihnen nicht entstehen könne erregte Neid man suchte sie zu stürzen belauschte
ihre Schritte und jauchzte Dinge von ihnen erfahren zu haben die sie mit
Schimpf und Schande bedecken und auf einmal von dem Orte entfernen mussten wo
sie andern im Lichte standen
Der Grosmeister erfuhr alles was Konrad und Herrmann einander in der Stille
der Nacht vertraut hatten Henrich Reus war kein sonderlicher Freund des Ritters
der treuen Minne und man würde wider die beiden unglücklichen Opfer der
heimlichen Rache vornehmlich wider Herrmannen den unschuldigsten ziemlich
streng verfahren haben wenn sich nicht der Graf von Württemberg ins Mittel
geschlagen hätte
Graf Eberhard hatte all diese Zeit über mit Herrmann an einerlei Orte
gelebt er hatte so wohl als dieser Anteil an den Taten der deutschen Ritter
genommen hatte den tapfern Jüngling bei tausend Gelegenheiten auf der
rühmlichsten Seite kennen gelernt und begunnte jetzt den ernstlich zu lieben
den er vordem gehasst und verfolgt hatte Herrmann hatte die regenspurgische
Befreiung des alten Grafen gar nicht gerechnet oft Gelegenheit gehabt sich den
Vater seiner Geliebten verbindlich zu machen Dankbarkeit für eigene dem Grafen
geleistete Dienste musste ja wohl endlich den Groll auslöschen den er wegen der
Beleidigungen seines längst verstorbenen Vaters und Bruders auf ihn geworfen
hatte
Graf Eberhard sprach ernstlich für den jungen Ritter von Unna der
Grossmeister musste nachgeben und vielleicht wär es geglückt den Angeklagten
durch Darstellung der wahren Beschaffenheit seiner Sache völlig zu retten wenn
der Graf von Württemberg nicht in einer Art von Bann gelebt hätte der seinem
Vorspruch einen Teil seiner Kraft benommen hätte und der erst in einem Monat
völlig zu Ende war
Überall das fürchterliche Tribunal dessen Verfolgung Herrmann und Konrad
ausgesetzt waren seine Einverleibten auch hier ward das was man von dem
Zustand der beiden Ritter erlauscht hatte nicht sobald kund als die Arme der
heimlichen Rächer sich nach ihnen ausstreckten Weder der Grosmeister noch der
Graf konnten sie schützen das einige was der letzte durch das Ansehen
ausrichten konnte das er ehemahls in diesen Dingen hatte und das er nun bald
wieder erlangen sollte war dass Herrmann ohne weitere Beleidigung nach
Westphalen vor seinen Vetter den alten Grafen von Unna gebracht werden sollte
von welchem sich mit Wahrscheinlichkeit Schonung oder vielmehr Gerechtigkeit
für den Unschuldigen erwarten ließ
Graf Eberhards Hoffnungen denn wirklich war es jetzt so weit gekommen
dass Herrmanns Glück ein Gegenstand seiner Hoffnungen war wurden durch das
Gerücht welches sich auszubreiten begunnte beinahe zu Gewissheiten gemacht dass
man den Mördern des Herzogs von Braunschweig immer besser auf die Spur komme
Einer von ihnen ein gewisser Falkenberg sei bereits in den Händen der
Gerechtigkeit und es sei kein Zweifel man werde durch ihn auch die übrigen
Mitverschwornen erfahren
Ziehet hin mein Sohn sagte der Graf zu Herrmann habt ihr mich nicht
getäuscht könnt ihr den Verdacht Teil an einer der schändlichsten Taten der
Finsternis genommen zu haben gänzlich von euch wälzen euch so vor den Augen
der ganzen Welt rechtfertigen als vor den Meinigen so biete ich zu Erfüllung
eurer liebsten Wünsche die Hand so
Ist Ida mein fragte der entzückte Jüngling der sich dem Grafen zu Füßen
warf
Gemach gemach rief der alte Graf den seine Rede halb zu reuen schien Ihr
fordert zu viel Ein Ritter von Unna und eine Gräfin von Württemberg wär ein zu
ungleiches Paar sollte aber der Graf von Unna sein Versprechen erfüllen
sollte er euch zum Sohn annehmen ja dann dem Erben eines so großen Namens
so großer Güter dem Sohne meines alten Freundes meine Tochter abzuschlagen
würde unrecht sein
Eberhard lächelte bei diesen Worten und Herrmann sank zum zweitenmahl zu
seinen Füßen O sie ist mein rief er Ida ist mein Vater wie soll ich euch
danken
O der schwindelnden Jugend rief der alte Graf Wo sind die Beweise eurer
Unschuld Wer bürgt euch für die Versprechungen eures Verwandten endlich wo
ist Ida die ihr schon in euren Armen zu halten glaubt
Ida schrie Herrmann halb außer sich vor Freude O wär sie im Fegefeuer
ich wollte sie suchen und finden sie lebt in einem ungarischen Kloster wie sie
in dem zurückgelassenen Briefe an die Königin von Böhmen sagte ich durchlaufe
sie alle bitte drohe besteche raube wenn es so sein muss bis ich sie treffe
und mich mit ihr zu euren Füßen werfen euch um die Einsegnung unserer Liebe
bitten kann
Der alte Graf schüttelte den Kopf Die Dinge, welche den Jüngling so leicht
zu übersteigen dünkten hatten in dem Auge des weisern Greises immer noch
gewaltige Schwürigkeiten Er gab einige Winke dass auch sie auch Ida durch
seine Entfernung wieder unter die Gewalt ihrer Verfolger gefallen wär dass
nichts sie habe retten können als die weite Entfernung nach Ungarn welche er
aus dieser Ursach nicht ungern gesehen habe
Und wird nicht fragte Herrmann wird nicht die Wiederkunft ihres Vaters
die Wiedereinsetzung in seine Rechte Idas Rechtfertigung mit sich bringen
Nein edler Graf es glückt euch nicht meine liebsten Hoffnungen zu verdunkeln
ist euer Herz zu meinem Besten gewonnen so hat die ganze Welt keine Schrecken
mehr für mich
Der Graf und der Ritter trennten sich der erste voll Entzücken der andere
nur halb froh Er hatte höhere Aussichten für seine Ida im Sinne gehabt sie zu
einer Herzoginn von Braunschweig vielleicht zur Kaiserin zu machen wär
freilich seiner Eitelkeit schmeichelhafter gewesen als der Name Gräfin von
Unna Doch wie viel hatte er nicht bereits von seinen Hoffnungen aufgeben
mussen
Kaiser Ruprecht saß fest auf dem Throne dem er einst so nahe zu sein
geglaubt hatte es ließ sich nicht an als wollten die deutschen Fürsten ihre
Wahl bereuen Alles war so eingerichtet dass nach ihm König Siegmunden die Krone
nicht entgehen konnte und dieser hatte dann an seinem künftigen Eydam Herzog
Albrechten von Österreich einen Nachfolger der zu gut war um von einem andern
ausgestochen zu jung um von einem Greise wie Graf Eberhard überlebt zu werden
Ein und dreissigstes Kapitel
Herrmann Graf von Unna
Herrmann von Unna und Konrad von Langen wurden den Händen ihrer Verfolger
übergeben der erste wurde vielleicht aus einer Ahndung er könne unschuldig
erfunden werden mit Schonung behandelt und der andre ungeachtet eine größere
Last von Beschuldigungen auf ihn haftete hatte auf gewisse Art des Glücks
seines Freundes zu genießen
Er kannte indessen seine Lage besser als vielleicht selbst die welche ihn
seinen Richtern entgegen führten er wusste dass er in den Gegenden wohin er
gebracht wurde nur erscheinen durfte um alle alte halb vergessene
Beschuldigungen vornehmlich die Händel mit dem Bischoff von Osnabrück wieder
rege zu machen Er wusste dass er vor der Hand keine Hoffnung hatte als die
Flucht und diese war ihm in ähnlichen Fällen schon so oft geglückt dass er auch
jetzt nicht verzagte
Konrad war ein Meister in listigen Anschlägen war wie wir vielleicht in
der Folge aus einem Beispiel sehen werden in der Wahl der Mittel zu Erreichung
seiner Absichten nicht allzu gewissenhaft wie hätte es ihm fehlen können
Eines Abends umarmte er beim Abschied seinen Freund dessen Umgang man ihm
verstattete mit ungewöhnlichem Feuer sprach etliche dunkle Worte von Trennung
und von Wiedersehen und am Morgen war er verschwunden
Seine Begleiter suchten ihn Herrmann trauerte um seine Entfernung und
freute sich seiner Befreiung aber dies war auch alles was bei dieser Sache
geschehen konnte denn keine Nachforschungen vermochten den entflohnen Konrad
auszuspähen
Herrmann ward nun desto strenger bewacht damit man bei ihm nicht etwas
ähnliches erfahren möchte eine unnötige Vorsicht Konrad hatte ihm oft
Vorschläge zur Flucht getan welche grosmütig von ihm verworfen wurden und im
Grunde warum hätte auch Herrmann fliehen sollen Sein gutes Gewissen machte ihn
furchtlos der Richter vor den er gestellt werden sollte war sein Freund und
fast an allen Orten durch welche er zog kamen ihm Gerüchte entgegen welche
ihm Hoffnung zum völligen Erweis seiner Unschuld machten Selbst seine Hüter
machten endlich kein Geheimnis vor ihm aus diesen Dingen der eine von ihnen
brachte ihm eines Tages die Botschaft der entdeckte Mörder des Herzogs von
Braunschweig Friedrich von Falkenberg habe Wernern von Hanstein und dieser
Henrichen Grafen von Waldeck als seine Mitgehilfen angegeben Von allen diesen
war es erwiesen dass sie sich in maynzischen Diensten befanden und auf wen also
der Hauptverdacht fiel das konnte kein Geheimnis bleiben Herrmanns war bei der
ganzen Untersuchung mit keinem Worte gedacht worden
Herrmann triumphirte über die herrlichen Beweise seiner Unschuld auch seine
Hüter waren nicht unempfindlich gegen dieselben sie stellten es ihm frei sich
zu begeben wohin er wolle aber der biedere Ritter lachte des Vorschlags Die
Unschuld fliehet nicht sagte er abermals und ließ sich ruhig nach der Residenz
seines Oheim des alten Grafen von Unna führen
Nicht wie ein Gefangner sondern wie ein besuchender Freund ward der Ritter
von Unna bei seinem erhabenen Verwandten eingeführt und von ihm mit offenen
Armen empfangen Kommt ihr so früh euch eures Triumphs zu erfreuen rief ihm
der alte Graf entgegen Zwar habe ich bereits nach Italien geschrieben euch die
Entdeckung der Wahrheit zu melden aber wie diese Nachricht euch so bald
erreichen konnte
Herrmann unterbrach seinen Oheim mit der Erzählung auf was für Art er
hieher gebracht worden sei Ich freue mich erwiderte der Graf dass ich euch
versichern kann dass diese seltsame Weise euch eurem Glück entgegen zu führen
das letzte Leiden sein wird welche euch fremde Verbrechen zugezogen haben Die
Hansteine die Falkenberge die Waldecke sind die Vollbringer jener Tat
welche euch so unglücklich gemacht hat keiner von ihnen will etwas von euch als
einem Mitschuldigen wissen alle beteuern dass sie euren Namen nur durch den
Ruf und aus Hertingshausens Reden kennen welcher euch oft beim Trunk seinen
Feind genannt und geschworen haben soll er wolle sich an euch rächen und
solle er sein zeitliches und ewiges Heil aufs Spiel setzen kein Wunder also
als ihr ihm jenesmahl in den Gegenden von Frizlar in den Weg geworfen wurdet
dass sein immer zum Bösen fertiger Geist euch schnell in die Sache zu verflechten
wusste welche ihm den Untergang brachte dass er noch im Tode auf der Aussage
beharrte welche euch so unglücklich gemacht hat
Herrmanns redliche Seele zitterte bei der umständlichen Erzählung von der
Verschwörung wider Herzog Friedrichs Leben zitterte über die Namen der
Teilnehmer an dieser Tat Und welches ist die Strafe der Meuchelmörder
fragte er hastig Geldbusse erwiderte der Graf und zuckte die Achseln
Geldbusse und ich sollte um des bloßen Verdachts willen sterben Es sind die
Waldecke versetzte der Graf sind vielleicht noch höhere ihr wart bloß
Herrmann von Unna
Der alte Graf sprach mit seinen Neffen noch viel über diesen Gegenstand
Herrmann erzählte ihm dagegen von seinen Schicksalen bei den deutschen Rittern
und von der erworbenen Gnade des Grafen von Württemberg So sehr dem Oheim das
letzte zu gefallen schien so wenig fand er Geschmack an dem ersten und
Herrmann hatte ein schweres Examen auszustehen ob er mit dem Ritter Johann
seinem Bruder in besondere Gemeinschaft gelebt hatte Der Hass des alten Grafen
von Unna wider die jüngere Linie seines Hauses war unauslöschlich und nichts
konnte den Neffen vor den Unwillen des eigensinnigen Greises schützen als die
Versicherung die er ihm mit Grund der Wahrheit geben konnte er habe den Ritter
Johann nur ein einiges Mahl gesprochen
Und in was für einem Zustande lebt er fragte der Alte Ich vermute er
wird nicht in sonderlichem Ansehen bei dem Orden sein
Er ist Grosskreuz und Kommentur zu antwortete Herrmann Ha ich weis
was ihn so gehoben hat rief der Graf nicht seine Verdienste nein die Sage
die er auszubreiten wusste er könne wohl einmal nach meinem Tode Graf von Unna
werden aber ich will sie täuschen will ihn und den übermütigen Bernd
täuschen Ja sie haben recht ich habe keine Kinder euer Haus oder das Reich
müssen meine Erben sein Aber Geduld ich will den wählen auf welchen sie am
wenigsten denken den jüngsten und verachtetesten unter ihnen den den sie im
Staube des Klosters zu begraben und ihr Glück auf sein Verderben zu bauen
gedachten
Der Greis war bei diesen Reden in heftigen Zorn geraten er befahl
Herrmannen mit einer verdrießlichen Art sich zu entfernen und dieser konnte sich
in diese Erscheinung nicht finden bis einer der alten Hausbedienten dessen
Redlichkeit er schon bei seinem ersten Aufenthalt zu Unna kennen gelernt hatte
ihm Aufklärung hierinnen gab
Bernhard von Unna und die Aebtissinn zu Marienhagen hatten während einer
Krankheit welche der alte Graf vor wenig Monaten überstanden hatte und die
seinen Tod vermuten ließ so laut von ihren Hoffnungen gesprochen dass es dem
Greise zu Ohren gekommen war und den Entschluss in ihm bestätiget hatte welcher
in wenig Tagen zu Herrmanns Besten zur Reife kam
Herrmanns feierliche Lossprechung von dem angeschuldigten Verbrechen welche
öffentlich geschahe konnte von dem alten Grafen der ihn liebte nicht besser
verherrlicht werden als dadurch dass er ihn am nämlichen Tage zum Sohn annahm
und ihm den Namen eines Erbgrafen von Unna beilegte Herrmanns Dankbarkeit für
diesen Erweis seiner Achtung dessen wichtigen Einfluss auf sein ganzes Glück
niemand besser kannte als er selbst rührte den Greis er glaubte nichts als
Erstaunen nichts als Überraschung in den Blicken des Jünglings zu lesen keine
Ansprüche auf ein Recht zu der erzeigten Gnade und dies wars was ihm gefiel
Der alte Unna irrte nicht Herrmann war erstaunt war überrascht sich so
schnell am Ziel seiner Wünsche zu sehen Er wusste dass er hier nichts seinen
Rechten alles der Gnade seines Oheims zu danken hatte aber er hatte nicht ohne
Erwartung eines solchen Glücksfalls gelebt Die ehemahligen Versprechungen
seines Oheims hatten dieselbe in ihm erregt die Reden des Grafen von Württemberg
sie ihm von neuem in die Gedanken gebracht aber eben diese eben die
Vorstellung von dem Umfang seines Glücks den sein großmütiger Verwandter
selbst nicht ganz übersehen konnte weil ihm von Herrmanns und Idas Liebe nur
wenig bekannt war brachte jenen hohen Grad von Entzücken und Dankbarkeit in ihm
hervor der dem Greise so wohlgefiel
Ja du bist es du bist ganz mein Sohn rief er indem er ihn an seine Brust
drückte Die Welt soll erfahren wie ich dich liebe ich bin stolz auf dich und
ich will den Glanz mit dem ich dich umgeben kann brauchen deine Neider und
die Erwarter meines Todes zu demütigen
Es ist zu erraten was der alte Graf mit diesen Worten meinte Herrmann
ward von ihm aufgefordert nächster Tage eine Reise zu seinen Geschwistern zu
tun und zu derselben auf eine Art ausgerüstet welche seinem guten Herzen den
empfindlichsten Kummer machte Welch eine Rolle für einen Jüngling wie diesen
ausgeschickt zu werden über seine Geschwister zu triumphiren Er nahm den Besuch
an welchen man ihm auftrug aber seine Bitten seine Vorstellungen fruchteten
so viel dass alles bei dieser Gelegenheit hinweggelassen wurde was andern hätte
kränkend sein können
Agnes und Petronelle genossen die meiste Freude von seiner Erscheinung und
der Nachricht von seinem Glück Ulrich warf sich entzückt in die Arme seines
Herrmann Die Aebtissinn und der Domherr waren voll geistlicher Glückwünsche
indessen Berndten und Katarinen heimlicher schlecht verstellter Neid aus den
Augen leuchtete Herrmann strebte alle zufrieden alle glücklich zu machen
besonders Aleken von Unna seine Schwägerinn welche er mit Nachrichten von
ihrem Bruder erfreute Konrad war sicher vor seinen Verfolgern nach Ungarn an
König Siegmunds Hof gekommen welcher ihn in seine Dienste nahm ungeachtet der
Ritter von Langen ihm nichts von der wahren Lage seiner Sachen verschwiegen
hatte Siegmund hegte zuweilen so wenig Bedenklichkeit in der Wahl seiner Diener
als seiner Liebschaften und Barbara seine Gemahlin sah ihren Hofstaat gern
mit jedem ansehnlichen Ritter vermehrt dessen Eroberung sie mit der Zeit zu
machen hoffen konnte
So lieb unserem Herrmann der Umgang Agnesens Petronellens Alekens und
Ulrichs war so konnte er doch nicht lang bei ihnen verweilen Ein stärkerer
Trieb als Freundschaft Sehnsucht nach seiner Ida Wunsch ihren Aufenthalt zu
erforschen Besorgnisse wegen ihres Schicksals riss ihn aus den Armen seiner
Geliebten
Er hatte seinem Oheim seine Liebe und seine Hoffnungen jetzt umständlich
bekannt gemacht und von ihm die Erlaubnis erhalten die Gräfin von Württemberg
aufzusuchen Auf den Flügeln der Liebe eilte er nach dem Orte wo er den Weg zu
erfahren hofte den er zu seinem Glücke zu nehmen hatte eilte nach Prag zur
Königin Sophien um zu fragen ob sie keine Nachricht von ihrer Freundin Ida
zu geben wisse aber Sophie war so besorgt und so unwissend wie er Er eilte
nach dem Geburtsort seiner Liebe nach dem Hause des redlichen Münsters hier
fand er Tränen statt der Antwort
Sie ist in den Händen des alten Erzbischofs sagte Idas ehemahliger Vater
aus welchen keine menschliche Macht sie zu reißen vermag Subinko übt die
Gewalt welche ihm in Böhmen genommen ward in Ungarn mit desto größerer
Strenge Er lebt an König Siegmunds Hof Barbara ist seine Freundin und
niemand ist welcher seinen Gewalttätigkeiten Einhalt zu tun vermöge
Auf diese Erklärung ward die Reise nach Ungarn keinen Tag länger verschoben
Der feurige Herrmann schwur Himmel und Erde zu bewegen seine Geliebte aus den
Klauen ihres Verfolgers zu reißen Er machte sich Vorwürfe dass er bisher wegen
ihres Schicksals so unbesorgt hatte sein können Ein Kloster hatte ihm die
sicherste Freistatt für ein unschuldiges Mädchen gedünkt ein Bischof konnte
seinen Gedanken nach keine andere Absichten bei Gefangennehmung einer Irrenden
haben als Belehrung und Schutz vor weitern Irrtümern Münsters Gespräche
lehrten ihn hierüber anders denken und die Tage welche zwischen diesem
Augenblick und Idas Rettung verliefen schienen ihm zu Jahren zu werden die
Entfernung von ihr mit jedem Schritt der ihn ihr näher brachte zu wachsen
Zum Glück war Münster sein Begleiter dessen ruhiger Ernst die Fehler verhütete
oder verbesserte welche des Jünglings ungestüme Eile hätte verursachen können
Siegmunds Hof welcher ihm durch den Anblick eines undankbaren Königs und
einer nichtswürdigen Königin der ihm dort bevorstand und durch alle
Erinnerung an die Begebenheiten auf dem Schloss Cyly verhasst gemacht werden
musste war jetzt der Ort nach welchen er sich lieber durch einen Schlag der
Zauberrute durch einen einigen Wunsch versetzt hätte Dort hofte er Nachricht
von Ida zu finden und dort stand ihm noch ein Glück bevor nach welchem er sich
seit der Entwickelung seines Schicksals unablässig gesehnt hatte Das Gerücht
sagte Herzog Albrecht von Österreich würde zu Presburg erwartet Ihn zu sehen
unter seinem Schutze von seinem Rat seinem Beistand begleitet Idas Befreiung
fortzusetzen welch ein Gedanke für Herrmann der diesen Fürsten so innig
verehrte von ihm überzeugt war dass er sich mit Eifer und Entzücken zu
Ausführung seiner Absichten verwenden würde
Herrmann erschien am ungarischen Hofe und ward als Graf von Unna freilich
mit mehrerer Achtung aufgenommen als damals da er nichts weiter war als der
Ritter der treuen Minne
Königin Barbara begegnete ihm mit Höflichkeit und hatte das Herz nach
allem was ihm von ihr bekannt sein musste ihm zuversichtlich in die Augen zu
sehen Es war ihre Art jedermann ein schlechteres Gedächtnis zuzutrauen als
sich selbst und sich von den Zeugen ihrer alten Vergehungen einzubilden diese
Dinge wären ihnen so altäglich als ihr selbst würden von ihnen eben so leicht
aus dem Sinne geschlagen als von ihr
Mit Mühe konnte sich Herrmann bequemen ihr die Ehrerbietung zu erzeigen
welche der Königin von Ungarn zukam Ein Gedanke an das Bekenntnis das er
einst aus ihrem eigenen Munde hörte diejenige welche das erste Recht auf
diesen Namen habe lebe noch stieg in ihm auf und er wandte sich mit Abscheu
von Mariens Kerkermeisterinn hinweg ungeachtet er nicht den zehnten Teil
soviel von diesen Geschichten wusste als meinen Lesern bekannt ist
König Siegmund begegnete dem jungen Grafen von Unna mir auszeichnender
Gnade er musste entweder den auf Barbaras Lippen gedrückten Kuss ganz vergessen
haben der Herrmann ehemahls so unschuldig beigemessen wurde und ihn in solche
Ungnade brachte oder es war ihm seit der Zeit geläufiger geworden seine
Gemahlin von andern Lippen als den seinigen geküsst zu wissen wenigstens ging
die Rede dass Barbara keine Feindinn fremder Liebe sei und es war fast
unmöglich dass dieses ihrem Gemahl ganz verborgen sein könne
Herzog Albrechten den künftigen Eidam des Königs fand Herrmann nicht zu
Pressburg man sagte er sei nach Klausenburg gereist seine Braut die
Prinzessin Elisabet zu besuchen und habe sich dann mit ihr auf eine Lustreise
nach einem andern Kloster zu einer Busenfreundinn der Prinzessin begeben Man
schien bei Hofe nicht gänzlich mit dem Betragen der jungen Verlobten zufrieden
zu sein die Prinzessin von Ratibor welche bei der Prinzessin von Ungarn in
Ungnade gefallen war und sich zu ihrer Mutter die vor kurzem ein ähnliches
Schicksal bei der Königin Sophie erfahren hatte in ein deutsches Kloster
verfügen musste war durch Pressburg gereist und hatte wie sie überall pflegte
wo sie hinkam Verleumdung ausgestreut und Argwohn zurückgelassen Die Reise zu
der Fürstin Gara ward hochempfunden
O hätte Herrmann wissen sollen das diese Freundin der jungen Elisabet
auch Idas Freundin sei dass sie nur wenig Meilen von dem Aufenthalte der
unglücklichen Gräfin lebe dass diese in der höchsten Gefahr schwebe während
andre sich des Glücks freuten das sie ihnen durch ihre menschenfreundlichen
Bemühungen verschafft hatte ein Raub endloses Elends zu werden hätte er dieses
gewusst wie würde er ihr zu Hilfe geflogen sein alle ihre Freunde aufgefordert
haben sich zu ihrer Rettung mit ihm zu vereinigen
Zwei und dreissigstes Kapitel
Rückkehr zu Ida
Die Königin Marie war wie meine Leser aus dem vorigen wissen gerettet genoss
zu Sankt Nikola der Pflege und des Umgangs ihrer Freundin der Fürstin Gara
und sah dem entzückenden Augenblick der Umarmung ihrer Tochter entgegen Boten
mit geheimen Nachrichten an die Prinzessin Elisabet waren schon längst nach
Klausenburg abgegangen Herzog Albrecht welcher damals eben seine Braut
besuchte hatte sich schon längst nebst ihr auf den Weg gemacht die frohe die
fast unglaubliche Nachricht von der Rettung Mariens durch eigene Augen zu
bestättigen ja was sage ich in dem Zeitpunkte den meine Geschichte
gegenwärtig berührt war die erste für jede Schilderung unerreichbare
Zusammenkunft der Mutter und der Tochter schon vorüber man konnte sich bereits
nach dem ersten Sturm der Freude ein wenig fassen vermochte sein Glück ganz zu
übersehen ohne bei dem Anblick seines Umfangs zu erliegen aber man denke
nicht dass bei allen diesen frohen Gefühlen die Schöpferinn derselben die gute
Ida ganz vergessen wurde Und hätten alle sie vergessen können so wär doch
dieses der dankbaren Königin der durch sie geretteten Marie unmöglich gewesen
Sie nannte ihrer Tochter den Namen der Gräfin von Württemberg mit Entzücken
forderte sie und Herzog Albrechten zur Dankbarkeit gegen diejenige auf welche
sie ihre eigene Retterinn ihren Schutzengel nannte Albrecht und Elisabet
erröteten warum der erste das wissen wir nicht genau zu sagen aber
Elisabeths Errötung war wahre innige Beschämung dass sie von derjenigen die
größte Wohltat erhalten hatte welche sie auf Einhauchen einer Schlange deren
Falschheit ihr jetzt vor Augen lag ehemals so schimpflich verkennen so falsch
beurteilen konnte
Die Fürstin Gara nützte die Bewegung, welche sie in Elisabeths Herzen
wahrnahm zu Idas Besten Keine List keine Gewalt konnte sie retten das war
ausgemacht man musste andere Wege einschlagen Nur die Einwilligung des
Erzbischofs konnte die Gefangene frei machen und diese zu erlangen wurden die
schnellsten Anstalten gemacht man wusste noch nicht was dieser für Nebenursachen
bei der Einkerkerung dieser Unschuldigen haben konnte die bescheidene Ida hatte
sie nie deutlich über diesen Punkt gegen Marien erklärt
Mitlerweile lebte Herrmann zwar in heimlicher Unruhe über die Ungewissheit
von dem Schicksal seiner Geliebten aber seine Empfindungen waren doch nicht mit
denen zu vergleichen welche er gehabt haben würde wenn er gewusst hätte wie
nahe ihr das Unglück wie unkräftig die Mittel wären welche man zu ihrer
Rettung anwendete Nur noch vierzehen Tage waren bis zu Idas Einkleidung und
ach Herzog Albrechts Bitte an den Erzbischoff war mit einer leeren unbedeutenden
Antwort abgefertigt worden welche eine Gegenantwort erforderte und so dachte
man die Sache hinzuziehen bis das damals in den meisten Fällen unwiderrufliche
Gelübde ausgesprochen und die große Scheidewand zwischen Ida und der Welt
gezogen wär welche Herrmanns Glück unmöglich machen musste
Herrmann saß eines Abend im dumpfen Gefühl seines Unglücks auf seinem
Zimmer Vor seinen Augen gingen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten vorüber
Ahndungen auf Ahndungen bestürmten ihn und tief im Innersten seiner Seele rief
eine Stimme Sie wird nie nie die Deine werden Die Empfindung des Jünglings
grenzten in diesem Augenblicke an Verzweiflung Er riss sich schnell empor Wie
schrie er Ida für mich verloren Sie nie die Meine Welch ein Traum Nur erst
ihren Aufenthalt und sie ist in meinen Armen Gehe ich nicht Morgen nach
Klausenburg wird nicht Herzog Albrecht mir die Hand zu jedem bieten was ich
für meine Ida ach für mein eigenes Glück tun kann So suchte er sich
aufzurichten aber schnell kehrten seine Zweifel mit doppelter Stärke zurück
und es war in einem der fürchterlichsten dieser Augenblicke als die Tür sich
öffnete und ein Mann vor ihm stand den er an König Siegmunds Hofe vermutete
mit Unruhe daselbst gesucht und nicht getroffen hatte
O Konrad mein Konrad von Langen rief Herrmann indem er ihm mit offenen
Armen entgegen flog O du kommst in einer meiner trübsten Stunden mich zu
trösten mir vielleicht zu helfen
Wollte Gott ich könnte das rief Konrad indem er Hut und Schwert mit
Ungestüm von sich legte und sich atemlos auf einen Sessel warf aber leider
komme ich komme in der äußersten Eil dir zu sagen dass dass dir nicht zu
helfen ist
Herrmann stand mit herabgesunkenen Händen und starrem Blick vor seinem
Freunde als ob er das Urteil des Todes aus seinem Munde vernommen hätte bis
ihm plötzlich einfiel dass die traurige Post die ihm Konrad zu bringen habe
doch wenigstens Idas Angelegenheiten nicht betreffen könne weil diese erst in
der Zeit der Trennung von ihm den Grad von Wichtigkeit erlangt hatten der
Herrmann so beunruhigte
Entdecke mir was du willst sagte er mir wird es in dem gegenwärtigen
Augenblicke Kleinigkeit sein da bloß Ida mich beschäftigt von der du ja
nichts wissen kannst
Eben von ihr von ihr rede ich schrie Konrad von dem Orte ihres
Aufenthalts von dem Kloster zu Sankt Annen komme ich dir zu sagen dass alles
aus dass sie für dich verloren ist wenn nicht doch welche Möglichkeit lässt
sich denken in der Zeit von so wenig Tagen das auszurichten was ich in so
vielen Wochen nicht vermochte
Du kennst Idas Aufenthalt kommst von ihr bringst mir Nachricht von ihr
und sprichst sie sei für mich verloren Unmöglich unmöglich Glück und Unglück
zugleich das kann nicht sein nein wissen wir wo sie ist so wollen so
müssen so werden wir sie retten da ist kein Zweifel
Herrmann war bei diesen Worten aufgesprungen warf seine Nachtkleider ab
gürtete das Schwert um und rief nach seinen Dienern ihn zu wappnen
Glaube doch nur rief Konrad der ihn auf seinen Sitz zurück zog glaube
doch nur dass ich vor der Hand alles getan habe was getan werden muss
Aber schrie Herrmann du sprichst noch wenige Tage und mir ist dann nicht
mehr zu helfen dürfen wir einen Augenblick verlieren fort fort Ida zu
Hilfe
Und was willst du tun Weißt du auch nur soviel worin Idas Gefahr
eigentlich besteht Weißt du etwas mehr als den Namen des Orts wo sie lebt
Ich sage dir diese Nacht ist schlechterdings nichts zu unternehmen wir müssen
erst den Erfolg dessen erwarten was bereits geschehen ist und du hast nichts
weiter zu tun als mir ruhig zuzuhören was ich dir von Ida zu sagen habe
Herrmann ging halb außer sich im Zimmer auf und ab Konrads Vorstellungen
mussten ihn endlich abhalten auf gut Glück auszuziehen er wusste nicht wohin um
Dinge auszurichten die ihm eben so unbekannt waren da er noch nichts von der
eigentlichen Lage der Sache wusste
Erzehle nur erzehle nur rief er endlich mit hastigem Ton du siehst ja
ich bin ruhig genug dich zu hören
Drei und dreissigstes Kapitel
Freundschaft und Unvorsichtigkeit
Du weißt fing Konrad an du weißt wie ich mich an den Grenzen von Deutschland
von dir trennte du wolltest nicht mit mir fliehen meine Gegenwart konnte dir
weiter nichts nützen und ich wusste andere Gegenden wo ich zu deinem Besten
tätig sein kannte
Ida deine Ida lag mir im Sinne Er wird zu seinem Oheim kommen sagte ich
zu mir selbst seine Unschuld wird offenbar sein Glück gesichert werden und es
wird ihm nichts mehr fehlen als der Besitz seines Mädchens traurige
Beschäftigung wenn er sie denn erst suchen vielleicht lang vergeblich suchen
muss
Hui Konrad Hier eine Gelegenheit den ehrlichen Herrmann für seine Treue
zu lohnen Hin nach den Gegenden wo Ida lebt Welch ein Triumph für dich
ihm seine Braut in die Arme zu führen ehe er sich ihre Erscheinung als möglich
denken kann
Ida lebte in einem ungarischen Kloster so viel wusste ich um meinem Wege
einige Richtung zu geben ich hielt mich nur so lang in Prag auf als ich nötig
hatte einige vorläufige Erkundigungen einzuziehen Ich erfuhr nichts weiter
als dass der Erzbischoff sie aus Verdacht der Ketzerei vielleicht auch aus
Wohlgefallen an ihren schönen Augen auf die Seite geschafft habe Die Gerüchte
welche vom heiligen Subinko gingen waren mancherlei Gott weiß ob sie
täuschten
Subinko war vom König Wenzeln auf Sophiens Veranlassen seines Ansehens in
Böhmen beraubt er lebte gegenwärtig in Ungarn an König Siegmunds Hof
Veranlassung genug für mich dahin zu eilen und meine Nachforschungen
fortzusetzen
Ich ward ohne Schwierigkeit in königliche Dienste genommen mir war es nicht
so viel um diese Ehre als um Zutritt im Hause des Erzbischofs zu tun und ich
fand denselben eben so leicht als ich das erste gefunden hatte Ich machte
Bekanntschaft mit seinen Leuten zechte mit ihnen und erzählte ihnen von meinen
Ritterzügen Du weißt wie die Reisigen der Bischöffe die wenig von eignen
Taten wissen sich so gern an der Anhörung fremder Abenteuer laben
Mein Anschlag glückte die Männer wurden treuherzig Sie waren unzufrieden
mit ihrem Herrn und ich erfuhr in kurzer Zeit mehr von seinen Angelegenheiten
als ich wissen mochte Alle meine Gedanken blieben bei der Gräfin von
Württemberg stehen deren Aufenthalt ich durch schlaue Fragen schnell erfuhr und
von deren Schicksal die Männer nichts weiter zu sagen wussten als dass der
Erzbischoff nach einem Besuch in einem benachbarten Kloster von Sankt Annen
sehr erzürnt auf sie geschienen habe und gegen seinen Kammerdiener geschworen
habe er wolle sie nicht ehr wieder sehen bis sie den Schleier trüge
Seit diesem Schwur war fast ein Jahr vergangen ich wusste dass Ida nach
Sankt Annen gebracht worden war dass sie daselbst die Probezeit hielt und es
ward mir klar dass ich keinen Augenblick zu versäumen hatte wenn ich sie retten
wollte
Ich hatte unter den Knechten des Bischofs einen besonderen Freund einen
Mann bei dem sich durch Geld und Versprechungen alles ausrichten ließ Rudger
konnte der Neigung einer Hand voll goldner Schilde nicht widerstehen er gab mir
den Handschlag mich nach Sankt Annen zu führen und daselbst alles
auszurichten was ich von ihm verlangen würde
Wir reisten ab wir kamen an Ich trat mit einem Anschlag zu Idas Entführung
hervor Mir war bange ihn möchte vor dem Raube einer Nonne grauen aber ich
fand dass ihm Dinge von dieser Art schon geläufig waren er hatte in seinen
jüngeren Jahren ein ähnliches Abenteuer bestanden und rühmte sich selbst in
dem Kloster zu Sankt Annen in vorigen Zeiten ein Verständnis mit einer
Layenschwester gehabt zu haben welches sich zwar nicht bis auf die Entführung
ausgedehnt habe aber das mit mehrerer Gefahr als ein einiger kühner Streich
haben konnte ein ganzes Jahr lang fortgesetzt worden war
An der Kirchhofmauer dieses Klosters sagte er steht ein uralter Baum der
mit seinen Ästen einige Lücken bedeckt durch welche man mit einiger Wagnis
füglich auf und absteigen kann finde ich diese noch so ist unser Anschlag so
gut als ausgeführt Ich will hin um die Sache zu erforschen will zugleich
geheime Erkundigung einziehen wie sonst der gegenwärtige Zustand des Klosters
ist und welches die Lieblingswege welches der eigentliche Aufenthalt eurer
Nonne ist Auch in Klöstern fehlt es nicht an Personen mit denen es sich
handeln lässt die geschwätzigen Pförtnerinnen die Einkauferinnen die
Besucherinnen sind nie unempfindlich gegen die Reize einer kleinen
Erkenntlichkeit
Rudger kam zurück und brachte mir gute Nachricht Die Lücken in der Mauer
waren zum Trost bedrängter Nonnen noch die nämlichen wie vor zehen Jahren Ida
hielt sich meistens im Krankenzimmer auf dessen Fenster auf den Kirchhof
gingen auch pflegte sie zu Zeiten kleine nächtliche Spatziergänge unter die
Gräber zu machen bei welchen sie leicht davon zu bringen sein müsste
Meinen einigen Zweifel dass ich die Nonne nicht kannte die ich zu entführen
dachte hob mein treuer Gefährte durch die Versicherung dass ihm die Gräfin
nicht unbekannt sei Ich selbst sagte er war unter denen die sie nach Sankt
Annen brachte Ihr schlanker majestätischer Wuchs muss sie gleich verraten
und entreißen wir ihr den Schleier so macht uns das himmlische Gesicht
vielleicht das einige in seiner Art unserer Sache vollends gewiss
Herrmann seufzte bei diesen Worten wer konnte Idas Reize nur einmal gesehen
haben und ihrer ohne Bewegung gedenken hören
Konrad fuhr fort Rudger führte mich des nächsten Abends zur Probe auf den
Klosterkirchhof Das Einsteigen war leicht seine Vorschläge waren gut aber ich
stellte mich mit Willen zweifelhaft und verzagt um seinen Mut anzufeuern Er
selbst war jetzt der welcher mich zuredete und mir die Sache leicht machte er
versicherte dass wir eilen müssen weil der Erzbischof in Ausführung seiner
Anschläge schnell zu Werke ging und Idas Einkleidung wahrscheinlich nicht lang
verschoben bleiben möchte Er machte mir Hoffnung unsere Dame vielleicht auf
einen bevorstehenden Festtag wo die Nonnen dieses Klosters mehrere Freiheit
hatten davon zu bringen aber ich blieb auf dem Vorschlage wir müssten sie
selbst mit in unsern Anschlag zu ziehen und uns ihn dadurch zu erleichtern
suchen
Wie bald sind an jenen Fenstern einige Stäbe zerfeilt sagte ich zu ihm wir
steigen zu ihr ein sagen ihr unsere Absicht führen sie entweder gleich davon
oder treffen aufs wenigste mit ihr Abrede
Rudger hatte seine Einwendungen wir kehrten noch einmal zurück um uns die
Gelegenheit abzusehen und schnell flog etwas im weißen glänzenden Gewand bei
uns vorbei und verlor sich in einer geöfneten Tür die wir nicht wahrgenommen
hatten und die jetzt hinter der Fliehenden mit Geräusch zugeschlagen wurde
Was war das sagte ich voll Erstaunen zu meinem Gefährten Ich will sterben
rief er wenn sie es nicht selbst war Ihr schlanker Wuchs ihre leichte
Bewegung die Nonnen dieses Klosters haben den munteren Schritt längst
verlernt niemand darf hier hüpfen oder laufen als etwa eine Novize und die
Gräfin ist hier die einige
O wir Toren schrie ich dass wir so unser Glück versäumen konnten welcher
Zufall wird es uns wieder so wie heute in die Hände spielen
Kommt kommt erwiderte er wir dürfen nicht verzagen morgen ist auch ein
Tag an welchem sich etwas ausrichten lässt
Wir verließen den Kirchhof um ihn in der nächsten Nacht von neuem zu
besuchen Wir fanden die Mauer hinter dem freundschaftlichen Baume zu unserm
Entsetzen gewaltig erhöht man musste unsern Anschlag ausgekundschaftet haben und
ihn zu verhindern suchen Wir forschten weiter Die bekannten Lücken der
eigentliche Ort unsers Aus und Einsteigens waren noch die nämlichen man hatte
sie nicht wahrgenommen oder ihrer mit Willen geschont
Wir wagten uns mit kühnem Mute hinein unser Anschlag musste jetzt geraten
oder verderben Wir erstiegen die Fenster des Krankenzimmers zwar vermissten wir
in demselben unsern Leitstern die glimmende Lampe aber sie konnte verloschen
sein die Dunkelheit konnte uns vielleicht unsern Anschlag erleichtern
Wir zerbrachen die eisernen Stäbe wir stiegen ein aber welch Entsetzen
Alles war öde weder Kranke noch Wärterinn ließ sich finden und die Tür nach
dem Kloster war mit tausend Schlössern versperrt
Traurig nahmen wir den Rückweg es war offenbar dass man darauf sann unsere
Anschläge zu vereiteln
Noch einen kühnen Streich wagten wir am Tage der heiligen Nikola wo wie
mich Rudger versicherte die Nonnen dieses Klosters mehrerer Freiheit genossen
wo es wahrscheinlich war Ida leichter zu finden sie sicherer davon zu bringen
Wir lauerten fast den ganzen Tag im Verborgnen wir sahen viele Truppe
Nonnen die uns wenig interessirten aber spät am Abende erblickten wir eine
einsam Wandelnde deren schlanke Gestalt uns bewegte ihr den Namen Ida zu
geben Wit eilten auf sie zu und brachten sie davon ohne dass sie sich weigerte
oder ein Geschrei machte schon hatten mir sie auf der Hälfte der Leiter als
ihr zum Glück der Schleier entfiel und uns ein Gesicht zeigte welches so ganz
von Idas blendenden Reizen die mir Rudger beschrieben hatte entblößt war dass
nicht viel fehlte wir selbst hätten uns durch ein schreckenvolles Geschrei
verraten
Wir ließ unsern Raub fahren fluchten unserm Schicksal und entfernten
uns mit Eil aber nicht um unsere Anschläge aufzugeben sondern sie immer kühner
und verzweifelter auszudenken Das Glück führte mir zur selbigen Zeit einen
Menschen zu der mir meine Unternehmungen merklich erleichtern konnte meinen
alten treuen Walter der jetzt seiner geheimen Verbindungen entnommen sich
öffentlich meinen Diener nennen mir raten und dienen konnte wie er wollte Er
kannte Ida wünschte sie gerettet zu sehen und war er gleich nicht geschickt
Anschläge zu ersinnen nannte er gleich die meinigen oftmals tollkühn so war er
doch immer bereit meinen Planen fortzuhelfen
Es würde zu weitläuftig sein sie euch alle zu nennen nur des letzten will
ich gedenken weil ich besorge er diente dazu das Schicksal der Gräfin zu
verschlimmern und ihm diejenige Wendung zu geben welche jetzt fast ihre
Rettung unmöglich macht
Konrad schrie Herrmann bei diesen Worten indem er seinen Freund wütend
bei der Brust fasste und ihn fürchterlich schüttelte bist du rasend du willst
mir dienen und machst mich durch deine Unvorsichtigkeit nur noch elender
Sprich wo ist Ida und lass uns keinen Augenblick säumen ihr zu Hilfe zu eilen
Es kostete Konraden Mühe seinen aufgebrachten Freund zu besänftigen und ihn
endlich dahin zu bringen das Ende seiner Geschichte vollends zu hören
Um dir die Sache kurz zu melden fing Konrad von neuem an ich kam auf den
Einfall das Kloster in Brand zu stecken und deine Ida auf diese Art davon zu
bringen
Rasend Rasend schrie Herrmann mit zusammengeschlagenen Händen
Rudger und Walter meine Gefährten fuhr jener fort hatten mehr Überlegung
als ich der Anschlag ward gemildert geändert umgeschmolzen und endlich
beschlossen wir in einem Hofe des Klosters in welchen wir durch den Kirchhof
kommen konnten von Stroh und Stoppeln ein leichtes bald zu löschendes Feuer
anzuzünden welches unter den Nonnen allen Auflauf anrichten konnte den
wirkliche Gefahr nach sich zieht ohne darum schlimme Folgen zu haben
Wir führten aus was wir uns vorgenommen hatten Die Flamme loderte
fürchterlich himmel an Rudger rief mit dumpfer Stimme Feuer alle Nonnen wurden
wach alle Zellen öfneten sich es gelang uns im Gedränge abermals eine von den
Jungfern davon zu bringen die wir in der Dämmerung für Ida hielten Walter
löschte indessen das Feuer und schlich uns durch unsern gewöhnlichen Ausweg
nach wir entschleierten unsere ohnmächtige Nonne sahen uns zum zweitenmal
getäuscht ließ unsern Raub an der Kirchhofmauer liegen und entflohen
Dieser Streich war zu kühn er musste Folgen nach sich ziehen Klosterfrauen
durch angelegtes Feuer zu schrecken eine aus ihrem Mittel entführen und sie
dann verächtlich liegen lassen das waren der Beleidigungen zu viel Die ganze
Gegend ertönte vom Geschrei wider die Kirchenräuber Der Pöbel würde uns
zerrissen haben wenn man Verdacht auf uns hätte fassen können Alle fernere
Versuche wurden vereitelt das Kloster ward mit Gewaffneten besetzt und das
Gerücht breitete sich aus die Nonnen zu Sankt Annen wüssten wohl auf welche aus
ihrem Mittel alle diese Anschläge gingen und sie wollten die Unglücksstifterinn
aus ihren Mauren stoßen und in ein Kloster liefern welches unbekannt und weit
entfernt genug sein sollte um ihre Entführung unmöglich zu machen
Ists möglich dir die Verzweiflung zu schildern die mich bei diesen
Aussichten befiel Sie war derjenigen nicht ungleich die ich jetzt in deinen
Augen lese
Herrmann war außer sich er vermochte wirklich kein Wort hervorzubringen
und Konrad konnte seine Geschichte ungestört endigen
Zum Glück fuhr er fort kundschaftete Rudger aus dass Herzog Albrecht von
Österreich sich in dem benachbarten Kloster zu Sankt Nikola befände wohin er
seine Braut geführt habe Ich kannte Albrechten aus deiner Geschichte als deinen
und Idas tätigen Freund Ich eilte zu ihm erzählte ihm alles und forderte ihn
zu Rat und Hilfe auf
Er hatte schon mächtige aber bis jetzt noch vergebliche Schritte zu Idas
Hilfe getan Meine Erzählung machte ihn noch aufmersamer machte die Gefahr
dringender in seinen Augen und er traf eilig Anstalt so wohl Idas wahren
Zustand auszuforschen als schleunige Verfügungen zu ihrem Besten zu treffen Es
war gewiss dass Ida doch nicht aus Sankt Annen hinweg geschafft war und Herzog
Albrecht schickte mich mit einem nachdrücklichem Brief an den Erzbischof von
welchem er behauptete er müsse durchdringen wenn nicht Subinko alles was ihm
lieb sei in die Schanze schlagen wollte Diesen Brief zu überbringen ward
ich hierher gesandt wie konnte man einen treuern und eiligern Boten finden als
mich
Und sage sage was richtetest du aus unterbrach ihn Herrmann mit einem
Tone der die Verzweiflung ausdrückte in welcher er sich befand
Die Antwort die ich erhielt war sehr sonderbar erwiderte Konrad mit
Achselzucken der künftige Morgen wird erklären was wir davon zu denken haben
Ich fand in dem Erzbischöflichen Pallast alles voll Bestürzung nur der Name
des Herzogs von Oestreich verschafte meinem Briefe Aufnahme Man versicherte
der Erzbischof sei sehr krank befinde sich nicht in dem Zustande Briefe zu
lesen oder zu beantworten Ich wich nicht von der Stelle Endlich erschien
der Grossalmosenier des heiligen Mannes und versicherte der Erzbischof befände
sich in der Tat sehr schlecht aber demohngeachtet sollte ich morgen mit dem
frühsten Antwort auf das Begehren des Herzogs haben Ich musste denn den
Pallast verlassen um zu dir zu eilen Man versicherte mich beim Weggehen im
Vertrauen der Erzbischof liege in den letzten Zügen werde den Morgen nicht
erleben und ich kann nicht glauben dass durch diesen Umstand unsere Sache
verbessert werde Und warum nicht schrie Herrmann Ist Idas Verfolger tot
wer will ihre Rettung hindern
Kennst du Subinkos Nachfolger Die Neulinge pflegen die Rechte der Kirche
mit mehrerer Hartnäckigkeit zu verfechten als die Ausgedienten
Aber wir werden dann keine Privatabsichten auf Ida zu bestreiten haben
und sollte wie man immer vermutete der geitzige Albikus Subinkos Stelle
ersetzen er dem alles käuflich ist O Konrad ich hoffe ich hoffe Sieh
du wolltest mich töten mit deiner Nachricht und Leben und Freude hast du mir
durch sie ins Herz gegossen
So brachten die beiden Freunde eine schlaflose Nacht voll Zweifel
Hoffnungen und Entwürfe zu sie bauten das Letztere auf einen Erfolg auf den
sonst kein Gutdenkender sein Glück zu bauen pflegt Doch der Tod des
Erzbischofs war ein Glück für manche Bedrängte und Idas Freunde waren zu
entschuldigen Auch fügte das Schicksal ihren Wünschen
Der Morgen brachte die Post von Subinkos Absterben und das Gerücht von
Albinkus wahrscheinlicher Erhöhung Der neue Erzbischof lebte zu Prag
Herrmanns Entschluss war gefasst Eile sagte er zu Konrad eile nach dem Orte
der meine Ida einschliesst wache dass sie mir nicht gänzlich entrückt
vielleicht an Orte geführt werde wo ich sie in Jahren nicht zu finden wüsste
Ich fliege nach Prag zu dem welchem alles käuflich ist von ihm Idas Befreiung
mit allem was er fordert mit meinem gegenwärtigen Vermögen und künftigen
Hoffnungen zu erhandeln Der Graf von Württemberg ist wie ich höre an König
Wenzels Hofe angelangt er wird er muss meinen Wünschen an die Seite treten
Und erlange ich was ich suche dann auf Flügeln des Sturmwinds hin zu ihr
Ihren Vater Herzog Albrechten dich alle alle die mir und ihr lieb sind
fordere ich auf sie im Triumph aus ihrem Kerker zu führen Herrmann war außer
sich seine Entschlüsse waren Feuer und Flamme die Ausführung das nämliche
Vier und dreissigstes Kapitel
Fast war es zu spät
Die Freunde der Gräfin von Württemberg hatten Ursach wegen ihrem Schicksal
besorgt zu sein ihre Lage war seit wir uns von ihr trennten mit jedem Tage
bedenklicher geworden
Meine Leser wissen aus Konrads Erzählung dass die tausend verunglückten
Anschläge zu ihrer Entführung nicht wie sie wähnte von dem Erzbischofe sondern
von dem treuen Freunde ihres Herrmanns herrührten der denen zu gefallen
welchen er dienen wollte alles selbst Klugheit und Vorsichtigkeit in die
Schanze schlug
Konrads Versuche hätten glücken müssen wenn er weniger hastig zu Werke
gegangen wär und wenn nicht diejenige welche sie am meisten hätte begünstigen
sollen sie geflissentlich vereitelt hätte aber Ida wusste nicht welche Hand
sie aus dem Kerker zu reißen strebte auch zweifeln wir billig ob hätte sie es
gewusst nicht ihre Grundsätze ihr dennoch diese Art der Befreiung verhasst
gemacht haben würden Hinterlistige Flucht aus einem Kloster Flucht an der
Seite eines Mannes war einmal in jenen Zeiten ein Schritt vor welchem die
weibliche Delikatesse zurückschauerte ein Schritt der ein Fräulein auf
Lebenszeit mit Schande brandmarken konnte
Ida hoffte und erwartete ihre Befreiung auf dem geraden Wege durch
sorgfältige Verwendung ihrer Freunde Sie wusste nicht wie kalt oft bloße
altägliche Freundschaft in Ansehung verwickelter Anschläge ist Die Fürstin
Gara und die Prinzessin Elisabet waren neue Freundinnen der Gräfin von
Württemberg waren zu glücklich in Mariens Besitz zu beschäftigt ihre
hingesunkenen Kräfte durch mühsame Pflege zu erhöhen als dass sie an die
Geberinn ihrer Freuden an Ida anders als an eine Nebensache hätten denken
sollen Sie trösteten einander mit der Hoffnung es würde sich auch schon mit
ihrem Schicksal zum Besten fügen und ersparten sich dadurch die Mühe zu
handeln
Die schwache Königin nannte den Namen ihrer Retterinn unaufhörlich aber
man wusste sie durch Hoffnungen zu befriedigen deren Ungrund sie nicht
untersuchen konnte
Herzog Albrecht Idas warmer Verehrer tat mehr als die andern alle aber
er musste seine Sorgfalt für das Schicksal seiner Freundin einschränken wenn er
nicht wollte dass kaum ausgerottete Eifersucht von neuem Wurzel schlagen sollte
Konrad der unvorsichtige Konrad war es also allein der das Beste der
Bedrängten mit Eifer betrieb und wie es ihm glückte das haben wir gesehen
Der letzte Streich den er wagte hatte gewaltigen Aufruhr im Kloster
gemacht Die ganze Schwesterschaft vereinigte sich wider die unschuldige
Ursacherinn dieser Dinge zu schreien Täglich neue Schrecknisse versuchte
Entführungen Einbruch in die Zellen angelegtes Feuer was für Dinge Sollten
wir alle das Opfer einer einigen werden Hinweg mit ihr aus unserm Heiligtum
Man schicke sie in eine entfernte Gegend wo niemand sie finden wo sie bis an
ihr Ende für das Herzleid das Unschuldigen um ihret willen zugefügt wurde
büßen kann dies war die gemeinschaftliche Stimme der heiligen Schwestern zu
Sankt Annen
Die Aebtissinn von Idas fehlerloser Aufführung von ihrer eingebildeten
Neigung zu einem Stande den sie anfangs verabscheute eingenommen war ihr
nicht ungewogen hätte sie gern geschützt Aber eben ihre aufkeimende Liebe
für die Unglückliche machte diese zu einem doppelten Gegenstande des Neides für
die Nonnen Sie musste hinweggeschaft werden um allen Nachteil den man von ihr
besorgte zu verhüten
Ida war genötigt sich auf ihrer Zelle eingezogen zu halten so gar der
Besuch des Chors war ihr versagt man wusste nach und nach die Oberinn mit
Verdacht einzunehmen ob sie auch so ganz unschuldig an den Begebenheiten sei
welche man bisher ihretwegen erfahren hätte ob nicht vielleicht ihr Abscheu vor
der Entführung verstellt sei ob man nicht bei ihr ein geheimes Verständnis mit
den Feinden besorgen müsse welches über lang oder kurz zum Verderben des
Klosters ausschlagen könne
Beschuldigungen dieser Art waren unwahrscheinlich waren geradezu
unvernünftig doch wurden sie gehört und zogen endlich das nach sich was man
in Klöstern ein Hauptverhör nennt
Ida ward vorgefordert man legte ihr tausend Fragen vor sie beantwortete
sie alle zu Ehren ihrer Unschuld und zu Beschämung ihrer Feindinnen Nur eine
konnte sie nicht so beantworten wie es in dieser Lage ihr Vorteil verlangte
und dieser eine Punkt stürzte sie
Wie hätte Ida auf Befragung ob sie ihren Beruf für rechtmäßig hielt ob
sie gern den Schleier ergriff das Kloster zu Sankt Annen den Herrlichkeiten der
ganzen Welt vorzöge wie hätte sie mit Ja antworten können würde wohl eine
einige ihrer Richterinnen es gekonnt haben Ida gestand aufrichtig ihr wären
nur die Mittel welche man zu ihrer Befreiung gebraucht nur der Ort wo man sie
wahrscheinlich habe hinbringen wollen widerlich gewesen sonst würde sie mit
Freuden in die Welt zurückkehren und die Verbindungen mit ihren liebsten
Freunden erneuern Sie erkläre hiermit feierlich dass sie nur aus Notwendigkeit
das Gelübde ablegen werde und in sich nicht den mindesten Beruf zum
Klosterleben fühle
Man faltete die Hände vor Entsetzen und aus aller Munde ertönte der Name
Heuchlerinn Man warf ihr vor sie habe vor kurzem anders gesprochen habe
wenigstens durch Stillschweigen zu verstehen gegeben dass sie gern zu Sankt
Annen verbleibe Ida zuckte die Achseln und schwieg Freilich um Mariens
willen um diese zu unterstützen diese zu retten hatte sie eine Zeitlang gern
in diesem Kerker gelebt aber wie durfte sie dieses bekennen ohne das Geheimnis
der guten Königin kund zu machen und was würde ihr ein solches Bekenntnis
geholfen haben
Ihr schweigt sagte die Domina Hier liegen Dinge verborgen die wir nicht
ergründen können
Und sagte eine von den Schwestern was mag sie mit dem Orte meinen an
welchen sie fürchtete bei ihrer Entfliehung gebracht zu werden Sie weis sie
vermutet ihn ist nicht schon hieraus ein geheimes Verständnis mit der Welt
erwiesen
Man setzte der bedrängten Gräfin sehr ernstlich zu sich über diesen Punkt
zu erklären und Ida war endlich genötigt den Namen des Erzbischofs zu
nennen und einige Winke von seinen ehemaligen gegen sie geäusserten Absichten zu
geben
Durch dieses Bekänntniss war ihr Urteil gesprochen Man nannte sie eine
boshafte lügnerische Verläumderinn welche nicht wert sei länger über der Erde
geduldet zu werden und der man deswegen die Wohnung anweisen müsse welche
Verbrecherinnen ihrer Art zukäme Die Aebtissinn schien besonders durch die
Beschuldigung des Erzbischofs beleidigt zu sein sie behauptete es sei
schlechterdings unmöglich dass ein so alter ernster heiliger Mann durch die
irdischen Reitze eines solchen Kindes sollte gerührt worden sein sie wandte der
Gräfin voll Unwillen den Rücken und befahl sie hinweg zu führen Alle ihre
bisherige Reigung für Ida war verschwunden und die Bitten ihrer wenigen
Freundinnen wurden nicht gehört
Man brachte sie in eins von jenen unterirdischen Gefängnissen von denen man
noch heut zu Tage in Klöstern genugsame Spuren findet welche aber zu jenen
Zeiten wahrscheinlich noch fürchterlicher waren als man sie sich jetzt aus
diesen Überbleibseln denken kann Ihre Führerinnen waren die beiden Nonnen die
in den letztvergangenen Tagen beinahe das Schicksal gehabt hatten an Idas Statt
entführt zu werden und die sich bei ihrer Verurteilung besonders geschäftig
erwiesen hatten Sie hatten Ursach auf Rache zu denken Welch ein Schimpf
für ein paar geistliche Jungfern den heiligen Mauern ihres Klosters mehr als
halb entrückt zu werden und dann sich verächtlich wieder zurück geschickt zu
sehen
Idas Gefangenschaft ward durch nichts unterbrochen als durch ein
nochmaliches Verhör Erzbischof Subinko vielleicht in Ahndung seines baldigen
Todes hatte das Kloster in diesen Tagen besucht hatte mit der jungen Novize
von deren gegenwärtigen Zustande man ihm nichts wissen ließ eine
Privatunterredung gefordert und die Aebtissinn welche viel Gewalt über ihn zu
haben schien hatte es für gut gehalten ihm dieselbe abzuschlagen und Ida in
seiner Gegenwart vor die ganze Versammlung zu fordern
Man nötigte Ida in seiner Gegenwart das zu wiederholen wovon sie schon
zuvor einige Winke gegeben hatte sie tat es mit Mut und Bescheidenheit indem
sie zugleich versicherte dass sie in Ansehung der Entführung auf bloße
Mutmaßung baue
Der heilige Mann ereiferte sich gewaltig er bewies seine Unschuld
wenigstens in Ansehung des letzten und die Verläumderinn Ida ward entlassen
Auch die andern Nonnen mussten sich entfernen und der Erzbischof und die
Aebtissinn blieben allein Man weiß nicht was zwischen diesen beiden
vorgefallen ist aber so viel ist gewiss dass der heilige Mann das Kloster
schnell und in der äußersten Gemütsbewegung verließ Alte verjährte Rechte
machten es der Aebtissinn vielleicht erlaubt mit ihm über gewisse Dinge aus
einem beleidigenden Tone zu sprechen der nachteilige Folgen für die Gesundheit
des Greises haben musste
Er war insgeheim von Presburg hinweg gereist eben so geheim kam er zurück
Das Gerücht von seiner Krankheit bereitete sich aus bald darauf die Nachricht
von seinem Tode und mit dieser nahm Hoffnung zu Idas Befreiung in dem Herzen
ihrer Freunde Platz
Idas Schicksal ward indessen immer fürchterlicher die Aebtissinn schien sie
tötlich zu hassen Ihre Kerkermeisterinnen ließ zuweilen Worte fallen
welche sie mit Todesahndung erfüllen mussten man sprach von Eröffnung gewisser
Gemäuer in dem untersten Keller des Klostergebäudes Ida hatte oft von der
Bestimmung dieser abscheulichen Grüfte gehört sie wusste dass sie seit zwanzig
Jahren nicht gebraucht worden waren und sie konnte mutmaßen dass sie nunmehr
die erste Unglückliche sein würde die daselbst verschmachten sollte
Ihr Zustand gränzte nahe an Verzweiflung war zuweilen völlige
Sinnlosigkeit Ach seufzte sie in ihren hellern Augenblicken von allen
verlassen Herrmann Albrecht Marie mein Vater keine keine Hilfe
Der Tag des Schreckens war angebrochen kein weiteres Verhör sie erwartete
ihr Urteil Die Türen des Kerkers öffneten sich Die Aebtissinn in eigener
Person stürzte herein und Ida ward ohnmächtig bei ihrem Anblick
Ich muss sie selbst sehen schrie die Domina Gott so ein Zufall Wo ist
sie Wie auf der Erde ohne alle Empfindung ausgestreckt Wohl gar tot
Gott sei uns gnädig nur das nur das nicht Man fasse sie eilig und
bringe sie in eins der oberen Zimmer
Heilige Mutter rief eine von ihren Begleiterinnen Gönnt ihr die Ruhe
Sollte sie tot sein ihr wisst die Toten sprechen nicht
Ja aber diese fürchterliche Gestalt Dieser ausgezehrte Körper Alles
alles wird wider uns zeugen Lasst sehen Ja sie lebt noch es ist noch
Atem in ihr Eilig hinauf und alles herbei geschafft was das Kloster an
Erquickungen aufbringen kann
Ida erholte sich nach einer Stunde sie erstaunte sich an einem hellen und
reinlichen Orte zu sehen sie glaubte es sei ein Traum Sie strebte sich von
dem weichen Lager auf welchem sie sich befand aufzurichten es war das eigene
Bette der Aebtissinn auf welches man sie gebracht hatte
Ruhig ruhig meine Teure rief die Domina welche neben ihr saß und
ängstlich nach ihrem Puls fühlte mit sanfter Stimme
Wo bin ich rief Ida
Unter lauter Freunden Eure Prüfungen sind geendigt Nur prüfen nicht
strafen wollten wir euch Ihr wisst wie sehr wir euch lieben
Ida wandte sich unwillig auf die Seite
Sie bedarf der Ruhe sagte die Aebtissinn zu einer anwesenden Klosterfrau
ich verlasse sie um Anstalten zu machen Lasst es ihr an nichts fehlen und
ruft mich wenn sie erwacht ist
Ida bedurfte der Ruhe aber nicht des Schlafs die Dinge, welche sie
umgaben waren zu außerordentlich um ihr denselben zu gönnen Sie war zu
schwach zu fragen sie drückte der um sie beschäftigten Nonne die Hand und
verweilte mit mattem Blicke auf den betränten Wangen ihrer Wärterinn es war
eine von Idas Freundinnen eine von denen welche durch ihre liebreiche Sorgfalt
dem Tode entrissen wurden
Was ist dies? fragte Ida nach einer Weile welche Änderung
Still Still winkte die Nonne und schlich nach der Tür um zu sehen ob
ein Horcher vorhanden sei
Wir erwarten sagte sie beim Zurückkehren morgen unsern neuen Erzbischof in
unsern Mauren er kommt in Begleitung des Grafen von Württemberg Herzog
Albrechts und des Grafen von Unna eine unschuldig Leidende zu befreien
Ida wusste nichts von dem Tode des alten Erzbischofs und konnte also die
Erscheinung des neuen nicht begreifen Ihren Vater wusste sie weit entfernt und
den Grafen von Unna kannte sie gar nicht sie wusste nicht dass ihr geliebter
Herrmann hiermit gemeint sei Sie hielt die Sage der Nonne für Traum und
schloss die Augen um weiter zu träumen
Sie öffnete sie von neuem und wandte sich mit einer zweiten Frage an die
Nonne diese schwieg und deutete auf auf die Türe Bald darauf trat die Domina
herein
Habt ihr geschlafen mein Kind fragte sie
Sie ist so eben erwacht sagte die Nonne
Schlafet schlafet meine Teure fuhr die Aebtissinn fort diese bleichen
Wangen müssen morgen blühen diese matten Augen mit dem vorigen Feuer glänzen
Ihr wisst nicht wen ihr morgen sehen werdet Einen Vater einen Freund
einen einen wie soll ich sagen
Die heiligen Lippen der Aebtissinn vermochten das Wort Bräutigam das ihr
auf der Zunge schwebte nicht auszusprechen auch hatte Ida genug gehört um
mit Entzücken erfüllt zu werden
Also ists dennoch dennoch wahr rief sie mit zusammengeschlagenen Händen
Was denn mein Kind hat man euch schon gesagt
Nein aber mir träumte so etwas
Die Aebtissinn meinte der Himmel pflegte seinen Heiligen mancherlei im
Traum zu offenbaren Auch sie habe einst geträumt Ida müsse geprüft werden
scharf geprüft werden um dereinst glücklich zu sein
Um dieses Traums und um der langen Predigten willen welche ihr diesen Tag
über von der Versöhnlichkeit von der Verschweigung der Klostergeheimnisse und
dem dankbaren Genuss des Glücks gehalten wurden musste sich Ida endlich zu dem
Versprechen bequemen gegen ihre ankommenden Freunde nichts von der Art der
Leiden zu gedenken die sie betroffen hatten auf keine Rache zu sinnen und
fleißig zu erwegen das alles nur Prüfung nicht Strafe nur Wirkung der Liebe
nicht des Hasses gewesen sei
Diese abgezehrte Gestalt diese Todtenmattigkeit die der Domina im Grunde
so viel Sorge machte konnten wie sie Ida versicherte eben so wohl einer
überstandenen Krankheit als andern Dingen beigemessen werden Gern hätte sie
alle ausgestandenen Leiden selbst ihr aus dem Sinne geschwatzt sie ihr für
Phantasien eines hitzigen Fiebers angerechnet
Lieber Leser unsere Urkunden beginnen hier am Ende unserer Laufbahn
mangelhaft zu werden wir müssen unsere Zuflucht zur Lebhaftigkeit deiner
Einbildungskraft nehmen ihre Lücken zu ersetzen
Der frohe Tag der Tag des Wiedersehens brach an Man hatte der schwachen
Ida so unablässig von ihrem Glück vorgeredet dass ihr die Idee davon anfing
geläufig zu werden Die kostbarsten Stärkungen mit welchen man Sorge getragen
hatte sie zu erquicken gaben ihr wenigstens so viel Kraft dass sie außer dem
Bette sein und sich den Kommenden entgegen leiten lassen konnte Sie sank in
die Arme ihres Vaters ihres Herrmanns eine schöne hinwelkende Rose die der
Morgentau zu erfrischen beginnt Welche Ausrufungen welche Fragen welch ein
Gewirr von tausenderlei auf mannichfaltige Art geäusserten Gefühlen Herrmann
und Ida waren meistens sprachlos die Freude des Grafen von Württemberg hatte
mehrere Worte Herzog Albrecht wandte sich auf die Seite eine Träne zu
verbergen Und Erzbischof Albikus schien so wohl mit dem Kaufpreis zufrieden zu
sein den er für Idas Befreiung erhalten hatte dass er sich erbot sie noch heute
zur Gräfin von Unna zu machen ein Vorschlag welchem sich die Aebtissinn mit
allen Kräften widersetzte Wie hätte ein solches in den heiligen Klostermauern
gestattet werden sollen zu geschweigen dass Ida der Kleidung nach noch eine
Nonne war
Der nächste Tag brachte die Gräfin von Württemberg in Mariens Elisabeths
und Rosas Arme auch Münster war nicht fern und der hülfreiche Konrad O
Übermaass von Freude wer vermag dich zu schildern
Ida ward Herrmanns Gemahlin er stellte sie seinem ehrwürdigen Oheim dem
Grafen von Unna vor machte sie mit seinen Geschwistern mit Aleken Agnesen und
Petronellen bekannt auch Ulrich ward ihr Freund auch der Ritter Johann
erschien Teil an dem Glück seines Bruders zu nehmen und es gelang Herrmannen
den alten Grafen von Unna zu seinem Freunde zu machen Doch mein Leser wie
soll ich dir einen Auszug von den abgerissenen Dokumenten liefern welche von
diesen und vielen folgenden Dingen handeln
Nur zweie davon zeichnen sich dadurch vor den andern aus dass sie von dem
nagenden Zahn der Zeit ziemlich verschont worden sind, und das ganz liefern was
sie melden sollen Das eine ist ein Brief der Münsterinn an ihren Mann vom Jahr
1419 in welchem sie ihm die Niederkunft der jungen Gräfin von Unna mit einem
jungen Herrlein berichtet Ida befand sich damals an dem Hofe ihrer Freundin
der Königin Sophie ach es war das letzte Jahr in welchem Sophie die Krone
trug Wenzels Tod machte sie zur Wittwe und ließ sie die Ruhe welche sie in so
langen Jahren auf dem Throne nicht schmeckte endlich im Kloster finden
Das andere Blatt dessen wir gedenken müssen ist eine Einladung Herrmanns
Grafen von Unna an Aleken von Senden und ihren Gemahl Ulrich gen Regenspurg
zu kommen und bei seinem zweiten Sohn Patenstelle zu vertreten Es scheint
also dass das Schicksal Berndten und Katarinen nötigte vom Schauplatz
abzutreten damit ein paar der edelsten vom Schicksal getrennten Seelen
glücklich werden sollten
Noch einige dunkle Spuren zeigen sich dass Herrmann auf Zureden seines
Schwiegervaters und Oheims den Entschluss fasste ein Mitglied jener Gesellschaft
der im Verborgenen Richtenden zu werden die sein vergangenes Leben mit so viel
Schrecknissen erfüllt hatten ein Wink der uns nicht unwahrscheinlich dünkt
Wer in jenen Zeiten seines Lebens sicher sein wollte strebte immer danach
sich oder einen seiner Freunde an die große Kette anzuschließen welche alles
umfasste und allen unsichtbar war
Herrmann ward ein nachdrücklicher Verteidiger seines Freundes Konrad den
die Ehre des nunmehrigen Kaisers Siegmunds Diener zu sein nicht vor seinen
Verfolgern schützen konnte Er brachte ihn an Herzog Albrechts von Oesterreichs
Hof der mit seiner Gemahlin Elisabet sich gern von Siegmunds und der gehassten
Barbara Anblick entfernte um den Umgang der von allen tot geglaubten Marie im
Stillen zu genießen
Da alles was wir hiervon finden nur dunkel und unzusammenhängend ist so
können wir nur wenig davon sagen und unsere Geschichte erreicht ihr Ende
Fußnoten
1 Eine Art damaliger Münze
2 Wenzel hatte sich wie bekannt erkühnt eigenmächtig Beisitzer und Richter
des heimlichen Gerichts zu schaffen welche von den Aechten nicht anerkannt
wurden dieses dient vielleicht zu Erklärung dieser Tat
3 Überhaupt liegt diese ganze Reise in tiefes Dunkel gehüllt und wir haben in
der wahren Geschichte nur wenig Spuren von ihr oder ihrer Veranlassung entdecken
können
4 Nach andern Johann von Langen
5 Die gewöhnlichen Worte an welchen die heimlich Verbundenen des Vehmgerichts
sich erkennen waren Steil Stein Gras Grein doch wollen einige behaupten
dass bei verschiedenen Gelegenheiten auch andere Losungen gewählt wurden
6 Herzog Friedrich entfernte sich wie die Geschichte sagt allein ins Gebüsch
so weit ein Mann mit einem Bogen schießen mag Kurd sein Leibknappe fand sein
Ausbleiben zu lang und folgte ihm fand ihn ermordet und sah die Mörder noch
entfliehen deren einen den Hertingshausen er noch ereilte
7 Im maynzischen nicht wie am Ende des ersten Teils durch einen Druckfehler
steht im köllnischen
8 Siegmunds Gemahlin Barbara welche ein Druckfehler im ersten Teile zu
frühzeitig zur Kaiserin gemacht hat ward dieses erst lange nachher und hieß
jetzt nur erst Königin von Ungarn
9 Man erinnere sich dass Kunzmann Herrmanns Schwert in das Gebüsch schleuderte
wo Friedrich gefallen war
10 Fürsten und Edle suchten in jenen Zeiten entweder selbst Beisitzer des
heimlichen Gerichts zu werden oder ihre Diener zu Freischöppen machen zu
können es war dieses das einige Mittel in jener fürchterlichen Epoche einer
Art von Sicherheit zu genüssen
11 Alle Mitglieder des Vehmgerichts oder die Wissenden wie sie sich nannten
waren einander und wenn sie sich auch nie zuvor gesehen hatten auf eine Art
kenntlich welche uns ein Geheimnis ist so wie ihre ganze Verfassung Ein
Verfehmter das ist einer der auf viermalige Ladung nicht erschien oder über
welchem beschlossen war er solle ungewarnt sterben war gleichsam vor allen
Freischöppen vogelfrei erklärt welcher von ihnen ihn fand der musste ihn
töten ein jeder war verbunden ihm nachzuforschen und konnte er ihn nicht
allein treffen oder er war sonst zu schwach ihn zu überwältigen so war jeder
seiner Mitbrüder den er um Hilfe rief durch die fürchterlichsten Eide
gebunden ihm beizustehen
12 Die Geheimhaltung dieser Dinge ging wie Möser sagt so weit dass nicht
allein die geringste Warnung des Verfehmten todeswürdiges Verbrechen war
sondern das selbst der Kaiser nichts von dem erfuhr was im heimlichen Gericht
vorging Er durfte nicht fragen wer ist in den heimlichen Acht Auf die Frage
ist der oder jener darin erhielt er allenfalls ja oder nein zur Antwort
13 Auch die Matäus und Mathias Kirche führte den Namen Bethlehem von einem
Kloster dieses Namens findet man nur wenig Spuren
14 O rief er o der schönen Gans die mir so viel güldene Eier legt
15 Man verzeihe den frommen Seelen jener Zeit ihre Irrtümer Man wusste damals
noch keine Ausflüchte wider die Bündigkeit der Eide
16 Eins von Hussens Hauptverbrechen war die Freiheit mit welcher er wohl
sogar auf der Kanzel von den Ausschweifungen des Klerus zu sprechen pflegte
17 Die Freischöppen verfolgten den Durchächteten so lang bis sie ihn einsam
trafen oder ihre Zahl hinlänglich war sein und seiner Helfer mächtig zu
werden in dem eigentlichen Mutterlande dieser Grausamkeiten auf der roten
Erde wie Westphalen sinnbildlich von ihnen genannt wurde war ihre Gewalt am
größten niemand konnte ihr entgehen