Marianne Ehrmann
Ninas Briefe an ihren Geliebten
Von der Verfasserinn der
Geschichte Amaliens
Nodo piu forte
Fabricato da noi é non dalla Sorte
Vorbericht
Mein Weibchen sagt ich solle ihr eine Vorrede zu den Briefen schreiben die ich
mit ihrer gütigen Erlaubnis hier dem Publikum vorlege Nun ich wills gerne
tun denn was tut man nicht einem lieben Weibchen zu Gefallen Aber ich weis
in Wahrheit nicht was ich schreiben soll
Soll ich meinen Lesern sagen dass alle diese Briefe wirklich originell und
wahr sind? Nun dass möchte ich wohl aber ich fürchte man glaubt mir es
nicht sollte ich nun noch vollends hinzusetzen dass ich der Fritz bin an
welchen alle diese Briefe geschrieben sind so würde man gar Zeter über meine
Eitelkeit schreien
Die Herren Kritiker mögen aber auch sagen was sie wollen es ist nun einmal
so Die Verfasserinn dieser Briefe ist meine liebe Gattin und hat diese
Briefe so wie sie hier stehen an mich geschrieben Lachen Sie nicht meine
werteste Leser und Leserinnen ich sage Ihnen die Wahrheit
Es mag Ihnen freilich etwas sonderbar vorkommen dass der Ehemann die Briefe
drukken lässt die als Liebhaber von seiner nunmehrigen Gattin an ihn geschrieben
worden sind; die Sache bleibt aber an sich selbst doch ganz natürlich
Ob diese Briefe wirklich auch für andre Leser den innern Wert besizzen den
Sie für mich haben das kann ich nicht entscheiden Ich lese sie als Ehemann
noch mit den nämlichen Augen mit welchen ich sie als Liebhaber las und darum
glaube ich auch dass sie dem Publikum gefallen werden so wenig empfindelnd sie
auch sind
Was übrigens gewisse Herren Kunstrichter und Kritikaster dazu sprechen
werden das soll mich und mein Weibchen wenig kümmern Gefällt das Büchelchen
nun so kann ihr Tadel ohnehin nichts schaden und dass es gefallen werde das
hoffe ich
Der Herausgeber
I Brief
Mein Wertester
Aber um Gotteswillen was kann ich Ihnen in meiner Lage für Trost geben Von
allen Seiten umringt verfolgt von den Ihrigen an der Ehre gekränkt und dann
von einem Freund gequält der mich besser kennen sollte Erfordert meine Lage
nicht mehr Vorsicht als die Ihrige Sie sind Mann ich bin Weib Mündlich will
ich Sie über alles beruhigen aber schriftlich wage ich es bis izt noch nicht
Sind Sie toll dass Sie sich Menschen sie seien auch wer sie wollen
anvertrauen Wie können Fremde von meiner Lage schwazzen die nur Ihnen und mir
bekannt ist Hüten Sie sich je wieder einem Ihrer Freunde Ihr Herz zu öffnen
Diese Kalten verstehen weder Sie noch mich Ich bin übrigens stolz auf meinen
Charakter wer mich nicht kennen will den kann ich nicht bei den Haaren zur
guten Beurteilung hinreißen Ich wünschte dass Sie männlicher dächten und das
für unumstösslich gut hielten wovon Sie überzeugt sind dass es wirklich gut ist
Sie wanken ja wie ein armer Verrükter in Ihren Affekten hin und her Mündlich
sollen Sie Saz für Saz aus Ihren Briefen beantwortet bekommen Könnten Sie wohl
wenn es anfängt dunkel zu werden zu mir kommen Doch nein Sie werden nicht
können folglich erwarte ich Sie Morgen frühe so bald es sein kann Aber
gelassner gelassner mein Freund mit einer Armen die von allen Seiten gequält
wird Sie haben über mein kleines Billet gebrausst Warum denn Ich kenne doch
nur Einen Gott nur Eine Liebe nur Eine Redlichkeit und was wollen Sie denn
weiter Ich gehe heute nicht ins Schauspiel um den neidischen Schandmäulern
auszuweichen die mich in Ihren Augen verdächtig machen wollen Schlafen Sie
ruhiger als ihre arme verwundete und gebeugte
Nina
II Brief
Mit zitternder Angst im Herzen schrieb ich dies Gott Wie mich Ihre Lage
ängstigt Wie sie mir meine Sinnen raubt Wie ich mutloses Kind werde Wie ich
für Sie zittere Und wie ich mich Ungeheuer über alles selbst verdamme dass ich
eine unschuldige Ursache an Ihrer Zerrüttung bin aber um Gotteswillen Fritz
verdamme mich nicht Ich kann ja nichts davor dass es just so kommen musste Ich
bin rein vor den Augen Gottes ich bin deiner Liebe nicht unwürdig Ich fühle
dass dein Umgang meine Glückseligkeit ausmachen würde wenn mich nur mein
Schicksal nicht in Labyrinthe geworfen hätte die fürchterlich sind In Deine
Hände lege ich mein Schicksal siegen wir so weißt Du welche Wonne in der Liebe
unser wartet Halte mich nur für keine Verbrecherinn Du wusstest zum voraus was
ich Dir wegen meiner wirklichen unwürdigen Bekanntschaft sagte Der Zufall und
meine Leichtgläubigkeit hat mich in elende Hände gespielt Aber ich will bei
Gott meinem Schwur so lang als möglich treu bleiben Du selbst bist der Engel
von Mann der mich keine Pflicht verlezzen hieß bis ich von der ganzen
Treulosigkeit eines Undankbaren überzeugt bin und dann will ich entschließen
Was kannst Du was kann ich für die Harmonie unserer Charakter Man soll Dich
von mir reißen man soll alles anwenden um uns zu trennen aber mein Herz und
meine Hoffnungen sind doch frei Ich kann deinen Umgang entbehren denn ich
hange weder am Eigennutz noch weniger am Körper und wer hat denn Macht mir Dein
Herz zu entreißen Aber wenn Du es von dieser Stunde an noch einmal wagst
Mistrauen in meine absichtslose Liebe zu setzen dann sei Dir auch Gott gnädig
Bei allen Heiligen beschwöre ich Dich jedem der etwas von mir spricht den
Rükken zu kehren Handle Deiner Klugheit gemäß und lass übrigens Gott walten
Ha So haben denn die Verläumder mein Heiligstes angegriffen Ich weine und
dulde Könnte ich mich nur geschwind in das Gewand einer Heiligen hüllen und
mit dieser Außenseite meinen Feinden unter blutigen Tränen zurufen Lasst mich
ihr Boshaften der bloße Schein war wider mich Verdammt sei von dieser Stunde
an meine Lebhaftigkeit verwünscht jeder Augenblick wo ich mich je wieder durch
sie vergessen könnte Ich bin an die große Welt gewöhnt ich bin frei ohne
Frechheit man dringt mir zu sie flattern um mich herum die Elenden aber mein
Wiz soll zu Gift und mein Verstand soll zu Wasser werden wenn ich nicht von nun
an auch den kleinsten Schein zu Deiner Beruhigung verhüte Doch Du wirst
sehen es wird in dieser pöbelhaften Frau BasenStadt nichts nüzzen Vielleicht
glänze ich denn in deinen Augen desto heller Aber deine Verwandten haben es
einmal auf mich gefasst und ruhen gewiss nicht eher als bis mich mein Feuer zu
einem tollen Streiche verleitet Hier hast Du nun alle Geheimnisse meines
Herzens und bekommt sie eine Seele außer Dir zu sehen dann ha dann wären
ewige grässliche Misshandlungen von Deinem groben Nebenbuhler mein Loos Doch
mein Fritz ist vorsichtig Fritz überlegt Fritz kann sein armes Weibchen nicht
kränken Aus Barmherzigkeit sei überall vernünftig nur keiner Seele getraut
Es schlägt zwölf Uhr und ich springe wieder wütend aus dem Bette Dauert es
so fort o dann weh mir Wenn Du mich nicht aufrichten kannst so bin ich so
ist meine Gesundheit verloren Das hiesige Bürgervorurteil erwürgt mich fast
Und doch kann ich meine Feinde nicht hassen O wenn die Grausamen mich kennen
wollten sie würden mich gewiss lieben Hängen doch Personen meines Geschlechts
leidenschaftlich an mir und es sollte unmöglich sein Deinen eigensinnigen
Bruder zu bereden
Ich bin arm verlassen in die Welt hingeworfen aber reich und stolz in
meinem Herzen Doch was kümmert mich das Nattergezücht wenn Du mich kennst und
ruhig bist dann mögen sie plaudern die Knaben die in Weiberrökken stekken
und die mich wegen einer bloßen öffentlichen Unterhaltung verdammen wollen
Bedenken denn die Elenden nicht dass es meine Ehre gilt dass es die Ruhe eines
Jünglings gilt der seit so vielen Monaten Umgang von mir eines bessern überzeugt
ist Fritz Ich will nicht mehr zürnen Aber ich kanns nicht tragen meine
Unschuld mein Stolz empört sich ich möchte laut weinen Ich bin es meinem
würdigen Erzieher schuldig mich selbst zu ehren und von heute an will ich von
nichts weiter mehr wissen als was uns etwa trennen könnte Das übrige sind
kleinstädtische Schlangenbisse die uns lebendig ins Grab reißen wenn wir ihnen
Gehör geben Also nichts mehr Freund als was uns trennen könnte und dabei
kommts doch glaub ich nicht auf den Willen Anderer an Sei aber sanft gegen
deine Eltern sonst könnte ich Dich verabscheuen Diese schwachen Leute haben
dies Kreuz eben so wenig als wir verdient und sollte diesem Ungerechten die
Entbehrung meines Umgangs Ruhe schaffen so richte Du es ein wie Du willst wie
Du kannst Es wird Dich und mich schröklich viel kosten aber was ist denn auch
das für große denkende Seelen Laure nach es müssen Schurken unter der
Verleumdung stekken sonst könnte man nicht so in Dich dringen mich zu
verlassen vielleicht gar ein Geweb von Eifersucht Gleich viel verteidige mich
nicht weiter Gott ist meine Hilfe Er lässt mich gewiss nicht ganz unterdrükken
Nicht wahr Fritz izt sind meine Ahndungen erfüllt die ich vor etwelchen Tagen
hatte Wie michs da presste wie Du alle Macht der Vernunft zu Hilfe rufen
musstest um mich zu trösten Forsche nach ob nicht etwa in meinem Hause
Spionen sind Ich will eher das Bürgergeschmeiss meiden Mache indessen bei den
Deinigen den kalten Hofmann wenn es Dir möglich ist aber nur Schonung für mein
Herz Bei dem Allmächtigen Schonung für meine Empfindsamkeit Du kennst meine
Erziehung Gassengeschwäz ist mir unausstehlich Denn ich fühle mich Gott sei
Dank über den Weiberkram erhaben
Nina
Heißt das Wort halten Bis elf Uhr ohne Fehl Antwort Später kann es nicht
sein
III Brief
Acht Uhr vorbei Und dennoch ist Ihre Antwort nicht da Dafür wünsche ich
Ihnen ein andermal eine ähnliche Folter wenn Sie auf etwas passen Sie kennen
doch dünkt mich meine feurige Ungedult so ziemlich Aber vielleicht hat man
Sie am Schreiben gehindert Wie ich alle Entschuldigungen hervorsuche um mich
zu beruhigen In unserer Lage ist Furcht und Angst ganz natürlich weil von
allen Seiten Niederträchtige uns stören möchten Gestern passierte ich den
halben Tag bei der Freundin K Gott Was dort für herzige kleine Kinder
sind Nachher ging ich zu einer andern Freundin die hat mich wegen Ihnen in
die Presse genommen oder noch besser mit unzeitiger Moral gemartert Sie weiß dem
ungeachtet nichts positives nur sagte sie meine Schwermut verriete
SeelenKrankheit Kann sein sagte ich und wurde über und über rot Aber
weißt du was lieber Fritz Morgen will ich wieder etwas von dir lesen eh ich
ausgehe und dann dafür ein paar Duzzend Küsse von Deiner guten
Nina
IV Brief
Nachts um elf Uhr
So eben verließ ich ein freundschaftliches Nachtmal und warum sollte ich dem
guten lieben Fritz nicht Rechenschaft vom heutigen Tage geben Aber zuerst will
ich dem Lieben Saz für Saz seinen Brief beantworten Dass Sie gestern in etwas
von Ihren Grundsäzzen abglitschten ist Ihnen herzlich vergeben nur wollte es
meinem Stolz nicht schmekken dass Ihr voriges Mädchen auf reinere Liebe
Ansprüche hatte Mehrere Zurükhaltung ihrer Triebe ist mir bei meiner würklichen
Verfassung nötig weil dies gerade das ist was mir Standhaftigkeit in der
Liebe verspricht und was Sie so himmelhoch von andern Männern unterscheidet
Wären Ihre Triebe gröber so würde mir bald der Sturz Ihrer Liebe drohen aber
so glaube ich dass Sie sich nicht so leicht können von mir reißen ist Ihnen
also meine Ruhe lieb so handeln Sie wie bisher Sie schliefen die vergangene
Nacht ruhig Gott segne diese Ruhe auch ich schlief so ziemlich nur war es mir
enge um die Brust Nicht wahr Freund Sie können mich nicht weiter mit
Nachrichten von Verläumdungen kränken dafür kenn ich Ihr Herz Es müssten nur
neue Schurkenstreiche dieses Herz verwildern und das wolle der Himmel verhüten
Doch wieder zu meinem Kummer zurück der mir von einer teuflischen
Verleumdung aufgebürdet wurde dieser garstige Verdacht in meinem Wandel ist der
erste der mir seit acht Monaten zu Ohren kam Ich würde darüber gelacht haben
wenn er nicht gerade an den geraten wäre der mir das Teuerste auf der Welt
ist bloß um deinen Verlust zittere ich die übrigen Tränen der Unterdrükkung
sind süß denn Unschuld erleichtert sie Aber noch mein Besster weiß ich
keinen dritten Ort wo wir uns sehen könnten bei K kann es nicht sein
Lieber gar nicht sehen als sich mit Zwang sehen Holbauer ist ein Schurk und
weiter nichts Sie haben ihn brav bei der Rase herumgeführt Vielleicht glaubt
er bei mir izt seinen Roman anzufangen aber er wird so abgewiesen werden dass
er sichs gar nicht vermuten wird Und hiemit genug über diesen Buben Weißt
Du auch lieber Junge dass Du die Zierde Deines Geschlechts bist O Du
verdientest ein besseres Mädchen als ich bin Guter Wille ein fühlendes Herz
und eine mächtige Standhaftigkeit in der Liebe ist mein ganzer Reichtum Aber
Gott Gott Wenn man deine Plane rükgängig machte Wenn Du nicht siegtest Und
wir führen dann so fort unsere Herzen in einander zu gießen und unsere Köpfe
mit Leidenschaft zu erhizzen Heiland der Welt wären wir nicht die Elendesten
unter der Sonne Fritz Um Gotteswillen mache mir dann keine Vorwürfe ich habe
Dir alles zum voraus gesagt ich habe Dich nicht mit Kunstgriffen gelokt Du
sankst freiwillig an meinen Busen und der meinige kämpfte nicht lange Denn es
ist für ein und allemal wahr wir beide harmoniren bis auf den kleinsten Punkt
das fühle ich das sage ich mir alle Augenblicke Schark war eine Frazze gegen
Deine Wärme und nun hätte ich in so weit deinen Brief beantwortet Aber izt zum
heutigen Tag zurück von sechs Uhr bis zehn Uhr hatte ich tödtende Stunden weil
ich auf Nachrichten von Dir wartete Die Schuld der Zögerung lag zwar nicht an
Dir doch mag Dir meine Unruhe für ein andersmal zur Warnung dienen Dein Brief
war mir dann ganz natürlich willkommen aber meine Freude trübte mich
demohngeachtet bei Tische äußerst Ich gestehe es Schark wandte alles an um
mich aufzuheitern nur gelang es ihm nicht Nun raffte ich mich auf und ging
zur Familie R Dort traf ich eine Menge Mädchen und Jünglinge an die sich an
der Seite der Hausfrau munter ihres Daseins freuten doch sah ich leider keinen
Fritz unter ihnen folglich fühlte ich Drang Mein Gott was das für eine Unruhe
ist Wie die bessten Menschen mir auch nicht ein Teilchen meiner Leiden ersetzen
können Sonst war mir das gesellschaftliche Leben sehr willkommen Aber izt auf
einmal zum schüchternen Kind zu werden Sag wie ging das zu Fritz Du hast
mir den Kopf verdrehet Du bist mein Ruhestörer Doch weiter
Von dieser guten Familie ging ich zur lieben Freundin Sch ihr Junge
kam mir entgegen gehüpft fiel mir um den Hals herzte und küsste mich Der
Bube heißt Fritz Fritz heißt er Wie herzlich gerne ließ ich mich von ihm küssen
Seine Mutter ist auch ein herzgutes Weib und liebt mich feurig ich konnte mich
nicht enthalten ich musste ihr etwas weniges von meinen Drangsalen merken lassen
doch ohne Dich zu nennen »Halten Sie ihn vest meine Liebe sagte sie halten
Sie ihn vest er mag heißen wie er will nach Ihrer Beschreibung ist er Ihrer
würdig Sie verdienen gerade eine Seele wie die seinige Die übrigen Menschen
taugen für Sie nicht « Endlich unterbrach man uns dann lief ich ans Fenster
sah Dich aber nicht vorbeigehen Es drückte mich schröklich im Herzen bis es
nach und nach wieder etwas leichter wurde Die Gutherzigkeit dieser Familie
gab meinem Kummer Linderung man küsste man herzte tändelte mit mir von allen
Seiten und kurz man hielt mich tausendmal schadlos für meine Feinde Und
nun Fritz höre Einem zehenjährigen Jungen legte die Mutter folgende Fragen vor
»Mein Sohn wie muss einst dein Weib sein wenn du eine heiratest« Sie muss
Vernunft haben antwortete der Knabe Nun sagte ich denn kann ich ihre Frau
nicht werden O ja schrie der junge Knabe heute noch heute noch Aber woher
wissen Sie dass ich Vernunft habe Hm plazte der Bube heraus Wenn man so
schöne Briefe schreibt und so in allen Gesellschaften gesucht geliebt wird
wie Sie dann hat man gewiss Vernunft Dieses unschuldige Urteil entzükte
mich Ich hätte mich im nämlichen Augenblick Engel zu sein gewünscht um für Dich
genug Reize zu haben O mein Fritz ich bin nicht schön habe keine blühende
Gestalt wie ists möglich dass ich Dich fesseln konnte Mein Charakter ist bieder
mein Herz ist gut da sei Gott mein Zeuge Aber kann das allein die feurigen
Wünsche eines Jünglings ausfüllen Kann mein redlicher Umgang Dich immer vor
andern Wünschen sichern O Gott Wenn mir manchmal solches Zeug einfällt da
möchte ich Dich bitten dass Du Dich in Deiner Wahl nicht übereiltest Sieh
ich durchlöchere dadurch die schönsten Hoffnungen meines Lebens und das bloß um
Dein zukünftiges Wohl Ich will mich lieber selbst zu Grunde richten um Dich
zu erhalten O Fritz Wie elend hast Du mich gemacht Wahrlich ich bin
sehr sehr verwirrt Deine
Nina
V Brief
Lieber Ich bin heute sehr zu beneiden denn ich bekam gestern durch die Familie
K Anlass eine gute Handlung auszuüben Ich war schon frühe bei L und
seiner Frau denen ich eine vorteilhafte Versorgung ankündete Er lief sogleich
zur Familie K und die Sache ward richtig wie beschämte mich der ehrliche
Mann durch seinen Dank denn ich war fast eben so entzükt als er über diesen
glücklichen Anlass Freue Dich doch mit mir lieber Fritz Mein Herz klopft so
heftig so zufrieden und meine Küsse müssen Dir heut gewiss feuriger vorkommen
Aber komm ja nicht so spät
Nina
VI Brief
Nachts um Zehn Uhr
Holder lieber Fritz Mich martert Angst über Dein Schicksal Man sagte mir als
ich zu Hause kam Dein Bedienter sei hier gewesen Diese Nachricht hat mich zu
Boden gedonnert Herr Gott im Himmel Was magst Du gewollt haben Bist Du etwa
wieder in die Enge getrieben worden Hat man wieder neue SeelenMarter für uns
zubereitet Sind wir vielleicht aufs neue unglücklich So ist es denn ewig
wahr dass mich jeder Gedanke der Freude hasst Grässlich niedergebeugt
schlaflos werde ich mich bis morgen frühe nach der Zehner Stunde sehnen O
mein Fritz Wenn Dir doch meine Leiden in Dein Herz flögen dass Du izt kämst
mich zu trösten Um Gottes willen was ist denn vorgefallen Bin ich
unglücklich bin ich verloren Sag bin ich es Fürchterlich rollt izt der
Donner am Himmel Hell leuchten die Blizze schaudernd plazt der Regen herab
Finster ist der Himmel Das ganze Donnerwetter scheint mir deutlich zu sagen
Weib die Natur hasst dich Trostlos schwermütig sizze ich hier seufze nach
Nachricht von Dir und Ungewissheit foltert meine Seele Sag Fritz warum hab ich
denn noch kein ganzes Zutrauen in Dich O vergib HerzensJunge vergib der
wankenden Seele eines schwachen Weibs deren Leben aus gränzenlosem Elende
zusammen gewebt war Verzeihe der Armen an deren Herz ein hartnäkkiger Wurm der
Traurigkeit nagt Die Glokken läuten grässlich Es dünkt mich als ob ihr Ton
mich zum Grabe rief es dünkt mich als ob Du mich aus dem Sarg zurückhaschen
wolltest es dünkt mich als ob Du vor mir stündest und zitternd meinen kalten
Körper anstauntest Ha Fritz mein Herz ist tief angefressen ich bin
hingeschleudert in die Leiden einer Unendlichkeit Schwerlich wirst Du Dich
muntrer Junge mehr Deiner Nina freuen Sie ist gebeugt sie leidet an
Seelenkrankheit die Dir dein Leben verbittern wird Alle ihre Leidenschaften
zielen zügellos auf ihre Ruhe trüben schröklich ihr Gemüt und das alles um
Dich um Deine Liebe O Jüngling Du bist zu beneiden denn Dich hasst das Leben
nicht so wie mich Ich komme heute Abend aus einer Gesellschaft Adelicher Mit
Unwillen mit Ekkel ob man mir gleichwohl herzlich begegnete Die Weiber küssten
mich und die Männer überhäuften mich mit Lobsprüchen wegen einem Bischen
Vernunft Gott Gott Wie ich da saß als wie eine leibhafte Verbrecherinn
Ich wollte mich um fünf Uhr losreißen denn mir ahndete etwas von Dir Aber Frau
von N schnitt mir den Weg ab ich musste bleiben und trug Kummer im Herzen
tiefen tötlichen Kummer Ha könnte ich doch diesem Kummer Luft machen der
mich beinahe erstikt Montag ist wieder Punschpartie und die Zudringenden
zwangen mir mein Jawort dazu ab Der Wille dieser Freunde ist gut aber mein
Herz leidet unendlich dabei weil ich Dich immer vermisse Politik habe ich
ohnehin wenig und wie könnte ich sie haben wenn Liebe im Herzen herrscht Du
bist doch nicht böse dass Du heute noch keine Zeilen von mir erhieltst Gestern
ging mir Schark spät nicht vom Halse und heute wollte ich Deinen Bedienten
nicht warten lassen als er mir Dein Briefchen brachte Gott Wenn ich nur
geschwind wüsste ob du wohl bist ob du mich noch liebst Ich bin unglücklich
das sage ich Dir ich bin unglücklich Denn ich kann kaum mehr die Trennung von
einigen Stunden ertragen Es bringt mich um wenn es so fort dauert so wahr als
diese Tränen auf dies Papier rollen ich weiß nicht aber ich zittere
für meinen Verstand Wenn Du ein fühlend Herz im Busen trägst so eile ohne
Verzug morgen frühe zu mir Dieser Brief mag Dir sagen wie es um Deine Nina
aussieht
VII Brief
Nachts um zwölf Uhr
HerzensJunge Liebe gehört zu den anstekkenden Krankheiten Sie greift um
sich aber ihr Kummer macht uns zur Beschäftigung tätig Was das unter zwei
Liebenden ein gegenseitiger gränzenloser guter Wille ist wenn man jeden Wink
benuzt um sich einander Freude zu machen Wie man geizig jede Gelegenheit
ergreift um mit seinem Liebchen zu plaudern wie man keine einzige Minute im
Tage vorbeistreichen lässt ohne sie zum Vergnügen seines Geliebten zu nüzzen
wie da alles im Kopf arbeitet wie das Herz voll gutem Willen hoch aufschlägt
wie die Einbildung sich zur Seligkeit spannt oder der reizende Tiefsinn
wollüstig an den kranken Nerven nagt Wie Kummer Furcht Freude Verlangen
Angst und noch mehrere solche Leidenschaften angenehm traurig im Kopf
herumkreuzen Wie das gränzenlose Wünschen unersättlich ist Wie man zusammen
tändelt lacht sich herzt küsst und auch zuweilen ein Bischen zankt Wie die
Stunden dahin eilen an der Seite eines denkenden Mannes wie Liebe von dieser
Art so selten gefühlt und vergolten wird O das ist traurig für die
Menschheit Nicht wahr Fritz Ich denke mir immer ich bin das einzige Mädchen
auf Gottes Erdboden die just weil sie wahr liebt so wenig verstanden wird
Immer geriet ich an Niederträchtige an Dummköpfe oder an Undankbare Oft
rissen sie mein Herz in Stükken zerfleischten meine Gesundheit durch Leichtsinn
oder gemeine Grundsäzze Du bist noch der Einzige unter dem Himmel der sich
meinen Ideen nähert der Einzige bei dem mein Kopf Nahrung und mein Herz
Zufriedenheit findet Du bist so ganz mein Wiederhall sanft ehrlich
gutherzig und edel Sag mir lieber Sohn der Natur, sag wer hat Dich so äußerst
fein lieben gelehrt Schuf Dich der Himmel nur darum um mich mit Deinem
Nattergeschlecht zu versöhnen Glück zu Fritz Mein Zutrauen wächst Aber
Mord wäre auch mein Loos wenn Du es doch weg abscheulicher Verdacht Komm
Junge dafür drükke ich Dich izt desto vester an meinen Busen Nicht wahr so
viel Schwung meiner hizzigen Einbildungskraft hattest Du in jenem kalten Monate
unserer bloßen Freundschaft nicht vermutet Ja siehst Du es kommt nur darauf
an dass man seinen Mann findet Es ist freilich toll von mir so zu schwärmen
aber ich trage doch keine lasterhafte Liebe im Herzen und darum schäme ich mich
ihrer auch nicht Es ist izt bald ein Uhr mein Herz schlägt um vieles
leichter als gestern Nachts War ich nicht eine Närrinn meine Gesundheit so
gewalttätig zu töten Aber wer kann denn auch dafür wenns im Busen so
schröklich ängstet Ich bin Dir doch ein grämliches Ding ein Ding, das bloß
mein Fritz ertragen kann Ich plage Dich ja täglich um Briefe um Deinen Besuch
aber Du bist denn doch auch nicht viel besser in diesem Stük als ich Siehst Du
wie es mir geriet in Dir ein neues Gefühl der Liebe aufzuwekken weil ich Dich
geizen lehrte nach der kleinsten Gefälligkeit von Deinem Liebchen Schark war
heute Abend sehr mürrisch Ich musste alle Kräften zusammen suchen um mich nicht
durch Brausen zu verraten Mein Mädchen trat ins Zimmer und hier glitschten
seine wollüstigen Augen auf ihren Busen Zu einer andern Zeit hätte ich beide
über die Treppe hinuntergeworfen aber izt tat es mir bloß weh und weiter
nichts Bin ich nicht eine glückliche Prinzessin Hab ich es nicht weit
gebracht in der Welt dass die Mannsleute bloß an meiner Seele hangen Ich bin
aber auch ein recht gutes Geschöpf versteht sich wenn ich Dich an meiner Seite
habe Aber nun schlafe sanft holder Lieber Gott möge bei Dir wachen Das
wünscht von Herzen Deine rein liebende
Nina
VIII Brief
Guten Tag Fritz Nimm einstweilen diesen Kuss bis nach Tische Lebe wohl
Liebchen Ich würde Dir jetzt mehrers schreiben aber ich kann ohnmöglich Du
kennst meine unglückliche Lage Kennst aber auch mein Herz Werde nicht böse
brause nicht hörst Du Nach Tisch Millionen Küsse von Deinem Liebchen
Nina
IX Brief
Eben schlägts zwölf Uhr und ich trete ins Zimmer Woher Aus der Gesellschaft
wo ich meinen Fritz verlies Was bekümmert mich izt mein Bette ich muss Dir
noch zuerst meine Empfindung schildern Aber lieber Fritz warum bist Du denn in
der Gesellschaft nicht geblieben O es ging die halbe Nacht durch noch toll
unter den Leuten zu L ist die lustigste Seele die ich jemals kannte Was
der Komiker den ganzen Abend durch für Karikaturen machte Du hättest Dich
närrisch gelacht Er kopierte einige Situationen aus der Natur ganz
vortrefflich Wir waren untereinander recht ohne Zwang lustig wie hat Dir
meine öffentliche Vorlesung aus dem Schauspiele gefallen O was ich da alles
fühlte wie ich mit Deiner grausamen Familie Vergleichungen anstellte wie es
mich drükte das Vorurteil das die arme Julie und auch mich peinigt Ich
vergas alle Lobsprüche die man meiner richtigen Lessart zuwarf und war ganz nur
in Juliens Schicksal vertieft das so viel ähnliches mit dem meinigen hat
Möchtest Du guter Junge das Hinschmelzen meiner Leidenschaften auf deine
Rechnung geschrieben haben Möchtest Du gefühlt haben wie jeder Ausdruk nur auf
Dich zielte Wie ich darauf antrug deine Seele in Entzükkungen hinzureissen
Könnte ich Dich doch immer mehr und mehr überzeugen dass Du es mit keinem
AlltagsMädchen zu tun hast Jedes Lob meiner wenigen Talenten wenn ich es ja
verdiente sei Dir gewiedmet Gewiss Fritz Du hast es mit einer guten Seele zu
schaffen Niedrige können mich nicht kennen sonst wäre ich ihresgleichen Du
bist aber auch der Einzige der mein Herz zu schäzzen weis Man streut mir zwar
überall Weihrauch unter den Menschen aber all der Weihrauch ist eine
Kleinigkeit gegen die Liebe meines Frizens Siehst Du wie ich mitten im Taumel
der großen Gesellschaften Dich immer in Gedanken mitführe wie Du mir überall
mangelst wie meine Liebe im Grunde meiner gebildeten Seele wohnet wie ich
alles bloß für Nebensach ansehe was nicht Fritz heißt Hast Du auch schon so
ein liebendes Weib gekannt Doch pfui Das ist eitel Liebe braucht kein
Lob sie belohnt sich selbst durch namenlose Entzükkung Aber sag Teurer
warum warst Du heute wieder so blöde Wie konntest Du verlegen sein als ich
Dir beim Weggehen die Hand drükte Fritz ängstige mich doch nicht immer
Klugheit ist billig aber ein verstohlner Blick ein Zeichen ist doch jedem
wizzigen Jungen bei solcher Gelegenheit eine Schuldigkeit Du sagst ich hätte
wieder die lebhafte Gestalt einer Schäkerinn Aber doch bei Gott absichtslos
gegen Andere Blos um keine bürgerliche geschraubte Erziehung zu verraten
und mich nicht gar allzu lächerlich vom Weltton abzusondern indessen ist mein
stilles Gefühl das feinste das sahst Du an der Träne die mir während dem
Vorlesen im Auge zitterte Mein Herz ist rein das weißt Du auch meine
Grundsäzze sind geordnet Wenn dies Vorzüge sind so mögen sie einst dein Leben
beglückken wenn mich nicht noch vorher das Unglück das von der Wiege an mein
Loos war mit Dir in den Abgrund reißen wird Fritz Du hast ein armes Geschöpf
kennen gelernt Hilf mir tragen Lieber die Bürde dieses Lebens Izt
wirst Du wohl schlafen guter Junge weil Du die letzte Nacht so grausam littest
Wache doch auf Lieber und schenke Deiner Nina ein warmes Mäulchen Du
versprachst mir morgen frühe zu schreiben dann sagtest Du wieder Du wollest
selbst kommen Sag auf welchen Punkt soll ich mich nun freuen Wirst Du mich
wohl wieder marternd auf eines oder das andere warten lassen Nimm nichts für
Vorwurf Du kennst meine Lebhaftigkeit Wenn Dir nur nichts begegnet ist
Wenn nur Dein Bedienter bei Zeiten kommt und Du hernach nur selbst kommst
Wenn es nur schon Tag wäre Das ist eine üble Nacht Schon schlägt es
zwei Uhr Es wird drei vier Uhr schlagen und die Natur wird mir noch ihren
Trost versagen Könnt ich Dich doch geschwind überraschen lieber holder
bester Fritz Du bist besser als alle andere ErdenSöhne etwas stürmisch
launicht aber doch liebenswürdig Ruhig also Liebchen Niemand kann mich
anpakken als alter WeiberGeklatsch Und wäre es nicht eine Schande für mich
wenn ich von diesen Niedrigen in meiner Denkungsart verstanden würde Lass sie
immer plappern die Elenden die nicht einmal den Unterschied der Herzen zu
bestimmen wissen Nun fängts mich aber doch zu schläfern an Deine Liebe sei
izt meine Begleiterinn Aber wenn Du wieder so Grillen machest wie gestern
dann bekömmst Du vierzehen Tage lang kein Mäulchen mehr von Deiner
Nina
X Brief
Um zehn Uhr Abends
Schon wieder sizze ich da und schreibe an mein Liebchen Von was Von meiner
heutigen Unterhaltung Es war wieder eine große Gesellschaft Adelicher da die
sich untereinander mit steifer Etikette marterten Die Kavaliere begegneten mir
so höflich als sie es wagen durften um die Eitelkeit der andern Damen nicht zu
beleidigen Ich war wieder etwas lebhaft und kümmerte mich um nichts K
saß an meiner Seite wizzelte mit mir darauf los und machte alles aufmerksam
Als nun fast alle fort waren so erkundigte sich die Hausfrau nach Dir da ward
ich dann wieder ganz Feuer und Leben Ich erhöhte Deinen Wert mit wenig Worten
und bin versichert dass man Dich izt noch mehr schäzt Der Herr vom Hause lobte
Dich ohnehin sehr und seine Frau glaubt in Dir einen lebhaften Jungen entdekt
zu haben Ich sagte ihr dass Deine Lebhaftigkeit von einem denkenden Kopf
gemildert würde dass Kopf Wissenschaft und gutes Herz Dir nicht fehlte Siehst
Du Kind so hatte ich heute Abend mein Vergnügen Dir Gerechtigkeit wiederfahren
zu lassen und meiner Liebe stolze Nahrung zu geben Ist es nicht wahre Wollust
einen Jüngling zu lieben der edel denkt gutherzig handelt und einen offenen
Kopf hat Und Du Besster warst bis izt so in dem engen Kreise der
FamilienSklaverei verborgen Mit allen Deinen Talenten mit all Deinen
vortrefflichen Grundsäzzen mit all Deinem feinen EhrenGefühl Sag war es
nicht Schade Unter die Menschen mit Dir wakrer Junge Unter die Menschen
Dort wirst Du den Unglücklichen ihre Tränen tröknen und allen Guten Freude
machen Du musstest gerade mich finden um so geliebt zu werden wie Du es
verdienst wenn ich alle Deine Handlungen untersuche so finde ich Tugend und
Rechtschaffenheit Liebe und Güte Wohlwollen und Mitleiden Sanftmut und
Anstand darinnen alles finde ich durch mein Nachdenken über Dein Betragen So
ein Geschöpf verdiente nicht eine dauerhafte Glückseligkeit Du bist noch so
jung und doch so reif an Überlegung so ganz ausgetreten aus den Schuhen der
jugendlichen Torheiten wahrlich wenn ich auch nicht das Glück hätte von Dir
geliebt zu werden ich müsste Dich mehr als bloß schäzzen Die welche Dich um
Deines Karakters willen nicht liebte die wäre gewiss eine Kokette oder ein
Gänschen mache Dich kennbar Lieber in der Welt man traut Deiner Jugend nicht
alle die Verdienste zu die Dir gebühren so viel Gerechtigkeit man Dir auch
immer wiederfahren lässt so muss sie doch verdoppelt werden so bald man Deine
Verdienste ganz kennt O mein Fritz mein Zutrauen ist nun vom Himmel in mein
Herz geschrieben Ich weiß dass jeder Gedanke von Dir in mein Wohl jede Sorge
für meine Gesundheit jede Bemühung für mein künftiges Schicksal Deine
gränzenlose Beschäftigung ist Du lebst durch mich in Dir selbst Du bist
redlich weil diese Redlichkeit in Dir liegt und die meinige sich fest an sie
kettet kämpfe tapfer Besster kämpfe tapfer und sei kalt bei jedem Anlass
Mutiger Widerstand vergrößert den Wert der Männer So Teurer lass uns den
Allmächtigen um seinen Beistand in unserm Schicksal bitten bei dem heiligen
Siegel dieses Kusses bitten Deine Nina
XI Brief
Abends um zehn Uhr
Lieber trauter Fritz Schlafen sollte ich gehen ohne Dir eine gute Nacht zu
wünschen Das wäre mir gerade zu unmöglich Als Du mich heute so heiter wie
die Morgensonne verliessest dann setzte ich mich munter an die Arbeit und freute
mich Deiner Liebe Um acht Uhr kam Schark so ziemlich heiter Ich kündete ihm
den übermorgenden Spaziergang an und er war es zufrieden Nimm also Deine
Maasregeln Eine halbe Stunde danach kam N Er ist noch immer der alte
Dummkopf und mag es meinetwegen noch lange bleiben dann kam R und klagte
dass er mich gar nie zu Hause trafe Mögen diese Herren immer murren denn außer
Dir mag ich ohnehin keinen sehen was machst Du izt Besster Ein Pfeifchen
rauchen und dabei nachdenkend schwärmen Denk Du immer fort wenn man liebt
geht einem der Stoff nicht aus Du warst heute wieder recht munter Gott
erhalte Dich lange so fort zu meinem Trost Du kannst aber auch munter sein
bist ja meiner Liebe so sicher als ob uns schon das engste Band geknüpft hätte
Wie freut mich diese Liebe da sie so rein so feierlich ist Kein nagender
Kummer trübt meine Seele und so bin ich selig mit wonnevollen Hoffnungen für die
Zukunft angefüllt Manchmal fährt mir freilich ein trauriger Gedanke durch den
Kopf Aber nicht aus Mistrauen gegen Dich wohl aber gegen das Schicksal dass mir
meine ganze LebensZeit nie günstig war Doch Deine Sorgfalt sei mein Trost und
so will ich immer fort mit den feurigsten Küssen bleiben Deine
Nina
Um zwei Uhr Hörst Du
XII Brief
Mein Besster In der Geschwindigkeit will ich Dir melden dass mir wieder ganz
wohl ist Sei doch ohne Sorgen lieber Junge Glaubst Du denn dass ich ohne
Dich sterben könnte Ich ging gestern mit Deinem Andenken ruhig zu Bette
Mir war so leicht Deine Liebe das Bewusstsein eines reinen Gewissens und eines
Herzens voll Wohlwollen für Dich machte mich ganz entzükt einschlafen Du bist
ein lieber guter Junge Dank Dir für Deine allseitige Sorgen Morgen komme
so bald Du es nicht mehr aushalten kannst Hörst Du Ich kann izt Deinen Freund
nicht länger ohne Unterhaltung lassen Doch will ich Dir heute Abend mehr
schreiben Bis dorthin lebe wohl bester einziger Mann meines Herzens
Deine
Nina
XIII Brief
Nachts um elf Uhr
Endlich ist es ruhig auf meinem Zimmer und ich kann Wort halten und noch ein
wenig vom heutigen Tag schwäzzen den ich so mittelmäßig zufrieden verlebte
Ganz zufrieden würde ich bloß an Deinem Busen gewesen sein Dank Dir also Besster
für dein heutiges Briefchen Es war so schön so voll guten Herzens dass mich
deine Sorgfalt bis zu Tränen rührte
Mein Gott Was Du für ein herrliches Herz besizzest wie Du mit Deiner
feurigen Einbildungskraft hineindringst ins feine Gefühl der Liebe das nicht
für jeden gemacht ist Könnte ich es Dir doch noch einstens in der unendlichen
Ewigkeit vergelten Wie wohl es mir tut auch einmal so gut behandelt zu
werden wie ich sonst Andere behandelte Der Schöpfer schuf Dich nur für mich
zum Lohn zur Vergeltung meiner ausgestandenen Leiden Fahre fort Teurer mein
Herz zu entzükken und diejenigen die es so oft zerrissen sollen durch Dein
Betragen beschämt und von ihrem Gewissen gepeinigt werden
O du Guter aller Guten Du wirst also einstens meine Tränen stillen
An deinem Busen in Deinen Armen sollen alle meine Leiden ihr Ende erreichen
Ha Gedanke des Trostes der Erquikkung der Wonne Es ist mir so ängstlich
freudig ums Herz ich fühle schon zum voraus die Glückseligkeit die meiner
wartet wenn ich nur diesen Augenblick hinstürzen könnte an Dein Herz Ach
dann wollte ich mich ausweinen dann sollten sie fließen die Tränen meines zur
Schwermut geneigten Gemüts Denke lieber Fritz wenn mir recht wohl ist
dann fühle ich in mir einen gewissen Hang zur Traurigkeit und wenn auch alle
meine Wünsche befriedigt sind so schmelzt meine Seele doch hin zur seligsten
Melankolie
Es muss doch in meinem Körper mit der Gesundheit nicht gut stehen denn es
liegt heute wieder so schwer auf meiner Brust als ob ich ein Verbrechen
begangen hätte Gräme Dich aber ja nicht Fritz es wird besser werden ich habe
heute wieder zu sehr der Zukunft nachgehängt Aber um Gotteswillen zanke mich
nicht ich war nicht Herr über mich
Freundin Sch hat mich mit Gewalt beim Essen behalten und dann schleppte
sie mich zu einer andern Freundin bis ich mich endlich gegen acht Uhr los
machte Die Mädchen die in der Gesellschaft gegenwärtig waren haben mich mit
Blumen beschenkt und da diese drei Sträusschen so sehr auf uns passen so schikke
ich sie Dir
Betrachte einmal das weiße Röschen es ist mein Sinnbild vom Sturme etwas
welk aber doch im Urstoff rein Das rote hingegen ist gerade in seiner
Blüte und wird nicht so leicht welken wenn nicht gar zu viele Stürme seine
Wangen bleichen Bei der schönen unverfälschten Farbe dieser Blumen beschwöre
ich Dich ewig ewig es mag dazwischen kommen was da will und wenn es das
Schröklichste wäre Dich nie von mir reißen zu lassen
Könntest Du je wanken könnte Dich je etwas schwach machen dann magst Du
mit meinem Fluche beladen den langsamen Tod dieser Blumen sterben
Nina
XIV Brief
O mein Fritz Das war wieder ein göttlicher Tag Ein Tag der uns die Wonne
unsrer künftigen Tage mit HimmelsVorgeschmak ankündigt Wie unglücklich sind
doch diejenigen Menschen die sich aus dem vertrauten Umgang der Liebe und
Tugend keine Seligkeit zu schaffen wissen
Ich glaube wenn wir hundert Jahre zusammen lebten wir fänden immer etwas
neues uns recht gut zu unterhalten immer etwas neues zu fühlen um einander
zum seligsten Entzükken zu reizen
Blos in der gegenseitigen Hochachtung liegt das Band der unendlichen
LiebesFesseln die jeden Augenblick eines vernünftigen Umgangs zum Elisium
umschaffen Die kleinen gegenseitigen Gefälligkeiten die gutherzigen
Bemühungen der wahre lebhafte Anteil die sorgfältige Schonung die kleinen
befriedigten Eitelkeiten der zufriedne Stolz wenn man jede Minute mehr
überzeugt wird dass man eine Ausnahme in der Schöpfung liebt kurz wo man nur in
einer solchen harmonischen Liebe hinblikt ist sie beschäftigt und spottet der
Toren die so viel von Liebe schreiben ohne ihren wahren Wert ganz zu kennen
Nicht wahr lieber Fritz die wenigsten Menschen wissen zu lieben O unsere
Art Liebe wohnt gewiss in wenig andern Herzen Wir beide sind ja nur ein Sinn
nur ein Gedanke nur eine Seele nur ein Wunsch nur eine Güte nur eine
Sanftmut Alles Alles sind wir mit einander in Einem Denke nach über unsern
Umgang und du wirst die Wahrheit finden
Herz Kopf Seele Freude Leidenschaft Tändelei Wiz Vernunft alles
versteht sich so genau auf den ersten Wink Ich könnte Dir wohl zum voraus ewige
Verdammnis Deiner künftigen Tage ankündigen wenn Du je so elend werden
könntest diese Tage ohne mich verweinen zu müssen
Doch weg Schwermut Weg du kränkst ein Wesen das mir heilig ist und
es auch ewig bleiben wird Ich bin stolz darauf Dich so innig lieben zu
dürfen aber Du kannst auch stolz darauf sein so geliebt zu werden Denn Du und
ich kennen leider die Welt und fühlen recht überzeugend dass nur ein Fritz und
nur eine Nina lebt
Dein biederes teutsches Herz hat mich hingerissen zur äußersten Liebe die
mir gemeine Menschen vielleicht zur Last legen werden die nicht einsehen
können dass ich Dich lieben musste
Kette dich also recht fest an mich wakkerer Junge es soll Dich nie reuen
Du wirft zwar um meinen Besiz ein Bischen kämpfen müssen aber ohne Kampf wäre
kein Wert und ohne Wert keine Liebe wie die unsrige Und sollte ich Dich
mit meinem Blute erringen so würde ich es tun denn ohne Dich lebte ich ja nur
wie eine Wilde die in der Irre herum läuft auf dem Erdboden Elend wäre ich
dann mit dem besten Herzen den ferneren Verfolgungen Preis Gott Gott
wenn ich so die Güte meines Herzens mit den Bubenstükken abwäge die an mir
schon sind ausgeübt worden dann möchte ich wohl der Natur fluchen dass sie mich
bloß zur Misshandlung schuf
Ich bitte Dich Fritz sei nicht unruhig über meine Schwermut Du musst Dir
in mir ein ganz besonderes Geschöpf denken die auch bloß ein Engel von Deiner
Güte ertragen kann Denke Lieber das Mädchen welches die Welt für eine
Leichtsinnige hielt blutete oft im Herzen wenn sie um dem Spott der Armut
auszuweichen eine lachende AußenSeite annehmen musste
Ich fand nirgends keine menschliche Seele die würdig und vernünftig genug
gewesen wäre den Grund meines Karakters zu prüfen Nur meine Lebhaftigkeit und
die Eitelkeit der Mannsleute die an mein Bischen Verdienst sich anklebten zog
mir so viele Schmetterlinge zu die so oft ich erschien scharenweis um mich
herumschwärmten
Ich seufzte nach einem guten Herzen suchte Mitleid Großmut und Liebe
aber fand leider Unflat Wollust und niedrige Begierden Du begreifst mit
Deiner Menschenkenntnis diesen Zustand gewiss in dem ich mich schon seit einigen
Jahren abhärmte Aus Verdruss aus Hass gegen mein Schicksal versuchte ich
flatterhaft zu werden aber es misslang mir mit meinem noch unverdorbnen Herzen
ich blieb dabei leer albern und missvergnügt Nur wahre Liebe hätte mich
glücklich machen können aber ich wurde zurückgestoßen schrökliche Tage hindurch
schmachtete ich bis ich Dich fand
Hier hast Du die aufrichtigste Beicht die je ein Weib unter der Sonne
abgelegt hat alles weist Du izt ich will Dich überzeugen dass keine falsche
Ader in mir wohnet Ich schäme mich meiner begangenen Schwachheiten nicht sie
sind Beweise wie weit menschliche Misshandlungen ein gutes Herz treiben können
Mögen alle Weiber ihre Fehler so aufrichtig ans Licht stellen wie ich
dann werden sie gewiss auch leidenschaftliche Liebhaber finden die sie um ihrer
Aufrichtigkeit willen standhaft lieben werden Wenn Verstellung Eitelkeit
und Grimasse in einem Weibe besiegt ist dann Glük zu ihr Herrn Männer sie ist
eurer Verehrung würdig
Ja liebenswürdiger Jüngling Deine Vernunft begegnete gerade meinem
Herzen und Du hieltest es fest weil es Dir nicht alltäglich schien behalte es
immer es sei nur Dir gewidmet Aber Gott Warum musstest du auch wegen mir
so viel dulden von den Deinigen Jesus Christus Wenn unsere Bekanntschaft
entdekt würde man steinigte mich lebendig Und doch wäre ich unschuldig
und doch wäre es nicht meine Schuld wenn mir die Deinigen meine unwillkührliche
Liebe zum Verbrechen auslegen wollten
Hier vor dem Kruzifix des blutenden Heilands schwöre ich Dir dass ich Dich
gleich von Anfang ohne alle Absicht rasend liebte Und dass, wenn dies Sünde
ist mir keine Strafe zugehört weil ich Dich vor den Augen Gottes rein liebte
bis es einstens dem Allmächtigen gefallen wird uns enger zu verbinden Noch
einmal schwöre ich Dir bei dem Schatten meiner teuren verstorbenen Eltern dass
meine Lebhaftigkeit nicht glitschen soll eh ich von Banden los bin die mich
noch fesseln
Zwar hat sie Schark schon lange zerrissen nur bin ich noch nicht völlig
davon überzeugt Morgen erzähle ich Dir eine wichtige Entdekkung über diesen
Punkt schreiben darf ich sie nicht Du wirst seufzen und mich gewiss
bedauern Lebe wohl Deine
Nina
XV Brief
Guten Morgen Ein Kuss mit ihm und Langeweile genug bis Du kommst So viel von
Deiner guten
Nina
XVI Brief
O du einziger Vertrauter meines Elendes Glaubst Du wohl dass ich zu Bette
gehen könnte ohne Dir einen Auftritt zwischen mir und Schark zu beschreiben
worüber Du zittern wirst Auch von meiner ausschweiffend heftigen Seite musst
du mich izt kennen lernen damit Du nicht lauter Tugend in mir suchest Dann
mag Deine Vernunft entscheiden ob es sträflich ist wenn ein gutes Herz sich
vergisst Sieh ich beichte Dir sogar meine Fehler weil ich überzeugt bin
dass Du klug genug bist um die Quelle dieser Fehler einzusehen und meine sonst
so äußerste Gutherzigkeit ihnen entgegen zu setzen
Selig waren heute für mich die Augenblicke die ich an Deiner Seite
verlebte aber als Du Sohn der Tugend mich verliessest o da sah es wieder um
mich schröklich finster aus Kurz nach Deiner Entfernung kam Schark seine
Untreue fiel mir schwer aufs Herz ich konnte keine Silbe hervorbringen stumm
und schluchzend warf ich mich aufs Bette als er plötzlich über meine Tränen
mit Rohheit zu lachen anfing Jesu Maria Was da in mir die Galle kochte
Ich bat ihn vernünftig zu sein aber es war zu spät die Wut riss mich hin
Gott verzeihe mirs
Ich fasste den schändlichen Wollüstling beim Hals er hielt mir den Arm
zurück ich hätte ihn sonst erwürgt so sehr war ich außer mir Meine Kniee
zitterten der Gedanke an Dich hielt mich noch zurück Dann wankte ich ans
Bette und heulte laut Nun wandelte ihn wieder auf einmal die Bosheit an er
drohte mir wütend ich schwieg und reizte ihn nicht weiter Doch plötzlich kam
ich wieder von Sinnen ich suchte ihm zu entwischen er hielt mich gebietend
zurück und was blieb mir armen Gefangenen übrig als zu weinen Da saß er
nun wie ein sträflicher Sünder sprachlos und bat mich seinen HalsKragen den
ich ihm in meiner Wut zerrissen hatte wieder zurecht zu machen
Ich musste in dieser beiderseitigen gefährlichen Stimmung zur Mäßigung
schreiten sonst wäre es zu grässlichen Auftritten gekommen
Bei Gott Wäre Deine Liebe nicht ich liefe heute noch so weit mich die Füße
trügen Um Deinetwillen Fritz musste ich mich fassen ich hörte jetzt nichts in
meinen Ohren als Deine Stimme Dein Gebet für mein Wohl
Meine Kälte empörte seinen Zorn aufs neue und ich drohte ihm mit Abänderung
meiner Lage Er schien diese Drohung über die Achsel zu werfen und warf mir
mein Unvermögen vor ich entsezte mich wie man mit der tugendhaften Armut so
handeln kann
Fritz das Laster hat sich an mir verschworen die ärgste Grausamkeit wird an
mir ausgeübt Den schwärzesten Betrug tischt man mir täglich auf und ich wäre
die Nina deren Herz Charakter Fleiß Sorgfalt und Rechtschaffenheit es wie
die Leute sagen mit einer Jeden aufnehmen dürfte Ich wäre der Zögling
edler Eltern die mich nach ihrem Ebenbilde voll Großmut und Tugend erzogen
O es ist eine Lüge Sonst würden mich die Menschen besser behandeln
Ich bin eine Arme ohne Dich verloren an Leib und Seele Außer Dir lebt
für mich nichts mehr in der Welt das mich begreifen kann Außer Dir ist mir
die elende Welt zur Last ja Fritz eine Last die ich gewiss nicht länger tragen
wollte Wenn man dich von mir riss o dann wüsste ich schon was aus mir würde
Ich trage ein krankes Gemüt herum das gewiss durch Deinen Verlust den
verzweiflungsvollen letzten Stoß erhalten würde
Doch ich weis Du liebst mich ich weis Du wirst eher die Erde bauen als
mir ferner eine Träne von Undankbaren auspressen lassen Sei also gelassen gegen
Schark Wut würde mich nur noch unglücklicher machen Ich will dulden ich
will leiden ich will tragen die schröklichen Folgen meines allzu guten Herzens
Der Elende treibt es nun so weit dass er mich hartnäkkig foppt und mich zu
gutherzig glaubt um jemals mit ihm zu brechen Er weis dass mein Stolz sich
niemanden so leicht anvertraut er kennt meine Grundsäzze dass ich in der
größten Dürftigkeit nie bei Männern Hilfe suche Er vermutet nicht dass ein
junger großmütiger Teutscher edel genug denkt mir ohne Vergeltung Leben und
Ruhe zu retten Kurz er spottet meiner Güte und lacht meiner Drohung Er
hält sich in der weiten Schöpfung für den einzigen standhaften Mann der wenn
er gleich mich rükwärts betrügt dennoch alles mit mir teilte So spricht
sein Hochmut darauf ist er eitel
Gott was ich Dir da für Zeug schreibe Was ich verwirrt bin wie es mich
drükt wie es mich ängstigt Um Gotteswillen Wärest Du doch gegenwärtig Es
ist mir so bange mein Blut hat seinen Lauf verfehlt es drängt sich so ans
Herz Fritz so schröklich ist Dir wohl nie gewesen Gewiss nie
Ha Wenn Du jetzt da wärst und mir nur einen Tropfen Wasser reichen
könntest Wenn Du mir den brennenden Kopf hieltest wenn Du sie aufheitertest
meine gebeugte Seele o dann wollte ich gerne um diesen Preis tausend solche
Stürme ertragen
Schikke mir den Arzt ich will mit ihm sprechen es ist warlich mit meiner
Gesundheit nicht zu spassen ich ahnde wieder Konvulsionen und Blutsturz Bei
solchen anhaltenden Martern ist es ja leicht möglich Schlafe wohl Engel
der Sanftmut Deine
Nina
XVII Brief
Abends
Gerade neun Uhr und dem Himmel sei Dank ich bin endlich allein Nun will ich
mich ein wenig an Dich schmiegen holdes Liebchen Dich küssen und mit Dir in
Gedanken das fühlen was wir schon so oft zusammen fühlten
Dass Du heute wieder mein einziger Gedanke warst das weißt Du gewiss nicht
wahr Ich komme von Madame K wir gerieten zusammen ins Philosophieren
über die Männer die Frau zog eigensinnig über alle los und wollte durchaus
keine Ausnahme unter deinem Geschlecht zugeben Sie behauptet durchaus alle
Männer gingen bloß auf den Genuss aus Und ich sagte nein und zehenmal
nein
Mein Herz sagte mir heimlich dass diese Frau nie einen Fritz müsse gekannt
haben und es wurde mir bei dieser Erinnerung so wohl so wohl
Endlich las ich ihr Deine und meine Briefe aus der Geschichte mit deinem
ersten Mädchen vor dann fing sie an recht gütig ihr Näschen zu rümpfen und
schwärmte in feurigem Beifall über deine herrliche Art zu lieben Auch
schimpfte sie dabei tüchtig über das Bürgermensch die zu Deiner
Speichellekkerinn noch zu niedrig wäre
»Das mus ein vortrefflicher junger Mann sein« Fuhr sie fort »Aber Sie
haben ihn auch mit aller Macht in Ihren Briefen verteidigt Unser Geschlecht
wird Ihnen gram werden weil Sie so drauf los ziehen «
Ich antwortete »Ja sehen Sie meine Besste Ich kann in der Liebe keinen
Betrug dulden aber bei Gott auch selbst nicht betrügen«
»O das weis ich das weis ich Versezte sie nur hält es etwas lange bis
Sie recht lieben aber dann gehts auch bei Ihnen zu wie im himmlischen
Paradiese Ei will doch gerne sehen welcher Sterbliche den Schark wird
austilgen können«
Da lenkte ich ein sonst hätte sie mich vielleicht gefangen Dann zog sie
äußerst schalkhaft über Schark los und machte mich lachen Auch fragte sie
mich ob ich noch darauf bestünde mit ihm förmlich zu brechen Oder ob
Schark schon wieder mein einfältiges gutes Herz erweicht hätte »Nein
sagte ich ich reise«
»Aber Sie kommen doch wieder« O ja stotterte ich »Nicht wahr Fritz
bringt mir dann Ihre Briefe« »Freilich das wird er gern tun« Oder etwa
nicht Fritz Ich dächte doch das schöne sprechende schwarze Auge einer Dame
könnte Dir wohl ein Bischen gefallen Und wenn sein Weibchen noch dazu abwesend
ist die er bis jetzt nur noch platonisch lieben darf Es ist mir als sähe ich
Dich schon gegen ihr über sizzen hinlänglich schüchtern um deine Nina nicht zu
beleidigen O du Lieber Lieber Götterwonne ist mir der Gedanke an Deine
Rechtschaffenheit Begreife wenn Du kannst meine völlige Verehrung für Deine
Grundsäzze die mich einstens zum glücklichsten Weibe machen werden Ich fühle
der Seligkeiten zu viel wenn ich in unsere künftige Tage hinblikke dass mich
immer die tiefste Schwermut dabei überfällt
Ob es denn gewiss wahr werden wird das Bild meiner reizenden Fantasie
Tödtlich lang werden mir wenigstens die Stunden bis dorthin scheinen o Fritz
was ich noch Tränen werde vergießen müssen eh ich ganz um nie wieder zu
scheiden an deinen Busen hinsinken darf Gott Es liegt viel Wonne in der
Erwartung aber auch viel Leiden in der Trennung Trennung Gott Kann ich
das Wort denken Ein Herz wie das meinige Einsamkeit Liebe Schwermut
Herr Gott im Himmel Die Entfernung von Dir wird mir hart hart auffallen
Und doch muss ich ich muss von Dir fort um Verdrießlichkeiten auszuweichen
ich muss weil Du es haben willst weil Du es gut findest Nicht die große Welt
ist es die ich ungern verlasse Du weist ja Fritz dass ich sie hasse Aber
Dich Sohn der Liebe soll ich zurück lassen unter Deinen Feinden zurücklassen
Gott Ich fange schon wieder zu jammern an vergib und nimm es für
gränzenlose Liebe von Deiner bessten
Nina
XVIII Brief
Lieber HerzensFritz als Du mich verliessest da wiedmete ich mich so ganz der
Seligkeit des Nachdenkens träumte wieder alle Küsse hindurch die wir einander
schon gegeben und war so glücklich Es vergeht doch kein Tag wo ich nicht
neue gute Entdekkungen an Dir mache Nicht wahr was meine dumme Zagheit
heute wieder für Schimären in die Zukunft schuf und wie Du sie alle mit Feuer
zu meiner Beruhigung widerlegtest
Bei Gott Besster auch nur Deine heftige Liebe kann Dir alle die Geduld
eingeben ein so furchtsames Ding wie ich bin zu ertragen eine Schwache die
aus lauter Liebe vor jeder Mükke zittert Sage mir Fritz woher kommt denn
diese rasende Furcht Dich zu verlieren O es ist Liebe tiefe noch nie
gefühlte Liebe Fühlst Du es nicht Besster dass ich stündlich unruhiger werde
Dass ich sowohl als Du mit tausend Leidenschaften kämpfe dass ich kindisch
mit Dir schäkkere ungedultig Dich erwarte Und dann manchmal an Deiner Seite
mit starren Augen gegen den Himmel blikke um die Dauer dieser Wonne zu
erflehen Hast Du wohl in Deinen Idealen so ein Geschöpf geträumt bist Du nun
zufrieden Schwärmer mit Deiner Nina Freust Du Dich wohl dass Dein schon
lange gesuchtes Ideal wahr wurde
Suche einmal in der hiesigen Stadt so ein Pärchen wie wir beide sind
schwerlich wirst Du es finden denn die meisten hiesigen flatterhaften Jungen
gehören ins Tollhaus und die Mädchen mit ihren kalten eitelen Herzen in den
Gänsestall Hätte doch mein Lebtag nicht geglaubt dass es so um die hiesige
Jugend aussähe Ewigen Dank dem Himmel dass Du mir noch unverdorben übrig
bleibest
Doch weiter Als Du fort warst kam Schark ich sollte Dir zwar Klugheit
halber nichts mehr von ihm sagen aber jetzt muss ich es tun damit Du doch auch
etwas zu lachen bekömmst denn nun begehe ich doch keinen Meineid mehr wenn ich
mich über ihn lustig mache
Denke Dir nur wie wir beide so beisammen am Fenster standen führten die
Leute plötzlich einen Ochsen vorbei der ein Bein gebrochen da lief denn der
kindische Bube wie eine wahre Frazze dem Spektakel nach und ich und mein
Mädchen lachten uns fast zu Tode darüber Endlich kehrte er zurück und es
wurde bei uns zu Nacht gespeisst da hab ich ihm denn mit einer gewissen Kälte
abscheuliche Brokken hingeworfen bis er endlich darüber stuzte und mich fragte
ob ich toll wäre dass ich ihn so satirisch hunzen könnte
Auf einmal ging er an mein NachtTischchen und fragte mich wieder was
denn das Geschriebene in dem Buch das Du mir geschenket zu bedeuten hätte
Hm sagte ich doch gewiss keine Untreue Dann war er mäuschenstille und
ging
Gewiss lieber Fritz ich verachte ihn täglich mehr ich fühle dass er mich
durch den Umgang mit seinen Kreaturen schändlich erniedrigt hat ich fühle dass
ich fort muss ich fühle dass sich mein Stolz bei seinem Anblick empört ich fühle
aber auch dass es die Klugheit erfodert sich zu mäßigen
Mein Gott wer hätte dies je gedacht Aber weg davon Sage mir Lieber
was Du jetzt machest Gewiss auf Deiner Altane sizzen ein Pfeifchen rauchen und
an mich denken O diese DämmerungsStunde ist so herrlich für die Liebe
So stille so hinreißend so entfernt vom Kummer so feierlich so kühl ach
wäre ich nur bei Dir
Doch fort mit Deiner Nina ins Bett mit Deinem Bildnis an ihrem Busen mit
Deinem Andenken im Herzen und so soll ihr leztes Wort gute Nacht Fritz sein
Ha Du schöner reizender Name der meine Glückseligkeit ausmacht
Nina
Ich muss das geschlossne Billet wieder aufreißen ich muss Dir den heutigen Traum
erzählen der mich sehr ängstigte Herr Gott Was ich für unglückselige
Affekten besizze Bedenke einmal ich traf Dich mit einem Mädchen bei einer
Zusammenkunft Um Gottes willen was ich da in Wut ausbrach Siehst Du
Fritz auch ohne Genuss kann man vor Eifersucht rasend werden Bei Gott Ich
war ganz unsinnig Ich wälzte mich wie eine Verrükte im Traum herum dann
geriet ich in solche Hizze dass mich das Nasenbluten aufwekte Es ist mir
heute gar nicht wohl dieser Traum hat mich entsezlich zusammen geschlagen und
doch sei dem Ewigen knieend Dank gesagt er war bloß eine Lüge Da Fritz
dieser vom Traume nasse Kuss soll Dir beweisen was ich fühle Lebe wohl bis auf
Wiedersehen Deine
Nina
XIX Brief
Nachts um zwölf Uhr
Lieber Teurer Endlich von der Gesellschaft zurück und nun zu Dir mit warmem
Herzen das so sehnlich auch mitten im Getümmel nur nach Dir klopfte In der
Gesellschaft ging es heute sehr ungezwungen zu jedes schäkkerte nach seiner
Weise Die K sang allerliebste naive Liedchen ich wizzelte ihr Mann
machte Verse R lachte J nikte uns Beifall zu und seine Frau stellte
sich auch gar nicht uneben Wir aßen ziemlich lekkerhaft aber ohne die
geringste Ziererei gut Teutsch und blieben bis neun Uhr Nachts beisammen
Wir Weiber trieben die Männer recht sehr in die Enge dass sie alle nichts
mehr zu antworten wussten bis endlich zween Franzosen sich dazu gesellten da
wurde ich auf einmal finster weil ich ihre Narrheit nicht leiden kann Ich
glaube diese Windbeutel hüpfen einst noch über den Sarg hinweg Die K
bemerkte meine üble Laune und strich den Springern meine Wenigkeit gar zu sehr
heraus bald hätte mich diese Eitle rot gemacht Was kümmert mich der Beifall
dieser französischen Affen Endlich führte mich die Familie J zu Hause und
ich traf Wen das weist Du leider schon Ich musste mit ihm wider meinen
Willen noch einige Gassen durchschlendern aber überall vermisste ich Dich Dass Du
mir doch gar nie begegnest wenn ich Dich gerne haben möchte Wo bist Du denn
jetzt Denkst Du auch an Deine Nina Ist es Dir auch so sehnsuchtsvoll ums
Herz wie mir O lieber Fritz wenn sie nur schon vorbei wären die Tage der
unerträglichen Trennung
Noch einmal danke ich Dir für die warmen Küsse die Du mir heute in die
Gesellschaft mitgabst ich war so munter weil ich Dich noch zuvor gesprochen
hatte Ich bin doch ein eigensinniges Ding in Sachen die mein Herz betreffen
o da sollte mich selbst die Hölle nicht davon abhalten können Die Liebe hat
sich an mir vergriffen sie warf mir einen Teil mehrerer Zärtlichkeit zu als
andern Weibern alles macht mir Freude was ich mit Deinem Andenken heiligen
kann die Natur die Menschen alles ist mir jetzt lachender weil Du für mich
lebst O die Menschen ohne Liebe müssen wohl recht elend sein Nichts in der
Schöpfung zu haben an was man sich ketten kann Ha Das ist wohl recht sehr
traurig
Und wie fühlst denn Du Dich Trauter Sage mir doch morgen mit tausend
Küssen dass Du das nämliche fühlest Traurig wünscht Dir nun Deine Nina gute
Nacht aber eben so liebevoll wie an unserem Brauttage
Nina
XX Brief
Nein Fritz so einen Tag wie der heutige möchte ich nicht wieder erleben
Wie es mich so schröklich auf dem Herzen presste wie Dein bedaurungswürdiger
Kampf mich erschrökte Gott im Himmel ich trage es nicht länger Ach
Schone meiner Fritz sonst muss meine Gesundheit wanken Du warst zwar
zurückhaltend und bescheiden aber Deine Leiden drangen doch in mein Herz Ich
fühlte dass Furcht und Angst meine Seele peinigten ich fühlte dass sie verloren
sein würde meine Ruhe wenn Du nicht der Rechtschaffene bleiben würdest für den
ich Dich hielte Heimlich fluchte ich meiner Lage dem Schicksal und mir
selbst Du konntest meinen Kummer nicht bemerken weil Dein eigener Dich zu sehr
betäubte Die Träne die ich weinte war bitter über die Entdekkung unserer
beiderseitigen Schwäche Himmel Wie unglücklich wäre ich wenn meine Sinnen
sich verirrten eh wir ganz beisammen sind
Furcht würde mich peinigen Verzweiflung mein Herz zerreißen ich würde es
lebhaft vor mir sehen das Grab unserer Liebe O wenn Du mich liebst
kniefällig beschwöre ich Dich mir diesen Gram zu ersparen Edler guter
biederer teutscher junger Mann halte es nicht für Ziererei es ist bloß
zitternde Furcht Dich durch zu frühe Verbindung zu verlieren Bei diesem
kummervollen Herzen bei dieser von Leidenschaft gespannten Brust bei meinem
verwirrten Kopf schone Dich schone mich Du warst zwar nicht unbescheiden
nicht zudringlich aber um Gottes willen lass mir Deine Kämpfe nicht wieder so
leicht bemerken Lass mich ruhig an Deiner Seite Deine SeelenVorzüge genießen
wenn Du mich liebst wenn Du nicht haben willst dass ich mich zu Tode gräme
Mitleiden könnte mich bemeistern ich könnte mich verirren zu meiner Qual zu
meinem Elende Ha Wie es mir jetzt schon so Angst ist
Das war heute seit unserer Bekanntschaft der schröklichste Tag Die
schröklichste Schwermut die ich je fühlte O Fritz wenn Du fühlen könntest
was ich heute litte Hilf mir tragen sonst sinke ich zu Boden
Bedenke einmal mein Elend bei der Bekanntschaft mit einem Menschen der mich
betrügt erniedrigt mit einem Herzen voll Leidenschaft für Dich Fritz rufe
Deine Vernunft zu Hilfe sonst verlierst Du das Weib das Deine Tage segnen
soll Sei klug überdenke die Gefahr und tue was Dir Deine Moral eingibt
Mein Mädchen ist Zeuge meines Zustandes trostlos lag ich heute im Sessel
trostlos ohne Dich bloß in der Gesellschaft meines Kummers Und Du guter
Jüngling wusstest nicht fühltest nichts von meinem Zustande Wärst Du
gegenwärtig gewesen Mitleid hätte Deine Leidenschaft übertäubt Du würdest sie
in Ketten geschlossen haben die Triebe Deiner Natur
Wenn ich doch nur weinen könnte ich möchte mein Schnupftuch zernagen ich
möchte die Stadt durchlaufen um mein Blut abzukühlen Fritz reiss es heraus
dies elende Herz das Empfindungen nährt die mich elend machen
Fliehe mich Doch nein um Gotteswillen nicht Heute leidet mein
Verstand ich merke es Wärst Du nicht ich wollte der Liebe entwischen ich
wollte ihm Erleichterung schaffen diesem tirannischen Körper Heiland Was
ich schwärme Ins Tollhaus ins Tollhaus mit einer solchen Närrin Würde die
rohere Gattung der Menschen sagen wenn sie mich izt sähe Der Kopf ist mir
auch so verstimmt rette mich ich beschwöre Dich Du hast meine Seele auf
Deiner Rechnung Fort zu Bette mit der armen kämpfenden
Nina
Morgens
Ich bin matter Fritz aber nicht viel ruhiger Gott noch so eine Nacht wie die
vorgestrige und die heutige mit so einem Tag begleitet wie der gestrige dann
bin ich gewiss weg
Ich habe wieder geträumt dass ich in Deinem Hause war und dass mir Deine
Mutter erniedrigend begegnet wäre der Vater aber sei milder gegen mich
gewesen Als ich erwachte war das Kopfküssen nass von meinen Tränen Es
spannt mich heute wieder schröklich auf der Brust schikke mir Deinen Arzt aber
um Gotteswillen kümmere Dich nicht Es ist meine gewöhnliche Schwermut durch
Leidenschaft und Tränen aufgewekt
Morgen sehe ich Dich und solltest Du auch nur auf einige Minuten kommen
können Bleib heute zu Hause Du würdest mit mir nicht allein sein können
Tausend Küsse von Deiner lieben
Nina
XXI Brief
Teurer Fritz So kränklich und schwach ich auch noch immer bin so sollst Du
doch die erste Zeile nach meiner Krankheit erhalten Du guter lieber biedrer
Junge Wie Du heute meine Schwermut so nach und nach weg zu plaudern wusstest
wie Du Dich täglich mehr in meine abscheulichen Launen zu schikken weist
verdient nicht dies allein Vergebung für Deine samstägige Laune Und dann Dein
herrliches unserer Lage angemessenes Betragen als Schark hereintrat o Gott
Du musst mich wohl recht sehr lieben um eines solchen Zwangs fähig zu sein
Wie ich die drei übrigen Stunden mit ihm zubrachte als Du fort warst
kannst Du leicht denken zu gefühlvoll um ganz gelassen zu sein und zu klug um
mich zu verraten fühlte ich Langeweile und Schwermut
Endlich sah ich Deinen Freund vorbeigehen und gab meinem Mädchen geschwind
einen Wink dass sie ihm nacheilen sollte um Nachrichten von Dir einzuholen
O wenn die Kalte doch nur geschwind wieder zurückkehrte dachte ich doch
lies ich mein Gefühl dabei nicht ins Empfindelnde fallen wies der spöttische
Mann in dem Tagebuch eines neuen Ehemanns sagt
Was will denn dieser Grillenfänger Der sich selbst Widersprechende Er
gesteht ja doch ein dass Liebe im Gefühl liegt und doch nennt er Zärtlichkeit
Empfindeln Zwischen RomanenLiebe und zwischen wahrer auf Vernunft gegründeter
Liebe herrscht ein großer Unterschied Die erste ist bloß eine Seuche die ein
Augenblick in einer erhitzen Einbildungskraft erzeugt hat und die letzte wohnt in
der Überlegung im Herzen und in der feinsten Zärtlichkeit
So eine Liebe ist in gegenseitiger Gefälligkeit unersättlich und kann bei
all ihrer glücklichen Trunkenheit nie müde werden Meinetwegen können tausend
Siegwarte und seines gleichen nur in Büchern wohnen ich habe selbst Ziel und
Maß und weis recht gut was mein Gefühl ertragen kann um nicht stumpf zu
werden Ich verkenne den Menschen auch in meinem Liebhaber nicht weis ihn zu
ertragen und fodere nicht dass er einen irrdischen Engel vorstelle Wenn mir
aber nach einer genauen Untersuchung ein Fritz begegnet der so ganz mein
Wiederhall ist o dann greife ich mit beiden Händen zu und schaffe mir
herrliche Tage der Zukunft in meinen Gedanken Freilich nicht ohne Erdenkummer
nicht ohne Trübseligkeit aber erleichtert durch das gute Herz eines Gatten
durch die Vernunft eines Freundes durch die Sanftmut eines Bruders ist mir
dann in den Armen meines Mannes selbst der Tod leichter So viel sagt mir
meine Überzeugung ohne Empfindelei
Ich werde zwar von meinem Gatten nicht bis ins achtzigste Jahr kindische
Tändeleien fodern aber sein Herz wenn es gut ist bürgt mir ewig für jede
kleine Gefälligkeit die er meiner Dankbarkeit schuldig ist
Wahr ist es die Neuheit hört auf aber die gegenseitige Gutherzigkeit kann
nicht aufhören wenn man unter Harmonie des Karakters sich verband Der erste
Taumel hört auf aber das ruhigere standhaftere Gefühl bleibt und die Kunst
sich einander die Stunden zu Minuten zu machen kann bei uns auch nicht
aufhören weil es uns beiden nicht an der Einbildungskraft fehlt auch im Alter
neue Verdienste in uns zu entdekken
Nimm auf diese selige Zukunft hin den feurigsten Kuss von Deiner kranken
nicht doch von
Deiner liebenden Nina
XXII Brief
Ein fataler Tag war das wieder heute Ich erhielt wieder neue Nachrichten
von Scharks Ausschweifungen Komme ich nicht höchstens in Zeit drei Wochen
fort dann sollst Du sehen was es absetzen wird O Teuerster nimm mir diese
Drohung nicht übel Du weist dass beleidigte Ehre aus mir spricht
Sei ruhig komm heute Abend um neun Uhr sicher hörst Du Zu Deiner
Nina
XXIII Brief
Schon sieben Uhr vorbei und Schark war nicht hier Wo in aller Welt mag er
heute wohl stekken Vermutlich schwelgt er izt in den Armen der Wollust
Wäre noch Liebe für ihn in meinem Herzen so liefe ich heute Abend noch alle
Straßen durch suchte ihn auf und fände ich ihn an einem Orte der mich
beschimpfte dann Ha Dann weh ihm
O wie schön ich mich heute für seinen Undank hätte rächen können Doch
pfui Er verdiente eine solche Rache nicht die auf Unkosten meiner Ruhe
gienge Es ist zwar grässlich grässlich sich unschuldig so behandelt zu sehen
Was doch die meisten Männer für Ungeheuer sind Zittern sollte man vor
ihnen wenn man sie nicht lange lange geprüft hat
Aber so viel ist gewiss Fritz dass Du eine Ausnahme bist Doch hüte Dich ja
nicht dringender zu werden sonst wacht der höllische Argwohn über Dein
Geschlecht wieder in mir auf und trist auch Dich Dann könnte ich Dich
unschuldig beleidigen
Es ist nicht Misstrauen aber es ist die feurigste Bitte die ich an Dich
wage Frage nicht ferner nach der Ursache, gib mir darinnen nach wenn Du
mich liebst Das kannst Du das wirst Du um Deiner armen Nina willen die
heute wieder mit der schwärzesten Melankolie ringt
Ich fodere dieses Opfer von Deiner Liebe und solltest Du mich wieder einmal
so schwach wie heute sehen o dann fliehe mich Sonst könnte es leicht
Deine und meine Ruhe kosten
Du bist ein Engel in der Bezähmung Deiner Begierden Du hast Stärke über
Dich und mich aber Du musst nur wollen und nicht immer durch tolles Schwärmen
Dich und mich reizen Bin ich denn so arm an Unterhaltung Fritz richte Dich
wieder so ein wie Du warst wenn Du nicht die Glückseligkeit meiner reinen Liebe
mit Gewalt stören willst
Nenne es Vorurteil nenne es Grille nenne es Misstrauen genug der Aufschub
einer engeren Verbindung dient mir zur Ruhe und versüsst mir die Stunden einer
wonnevollen Erwartung Brause nicht wieder über diese Sprache sonst liebst Du
mich nicht absichtlos dann weh Dir Ich mache Dir keine Vorwürfe ich sage
Dir bloß mit Aufrichtigkeit was Du wissen musst Sei also vernünftig und
erinnere mich auch daran wenn ich es nicht bin
Ich fühle wieder abscheuliche Kopfschmerzen ich bin ganz weg heute Abend
und doch wenn ich stürbe so weis ich mir die Ursache nicht anzugeben warum ich
so zerrüttet bin Lass mich morgen ja nicht lange auf Dich warten habe
Mitleiden mit Deiner armen verstimmten
Nina
XXIV Brief
Guten Morgen lieber HerzensFritz Hast Du wohl geschlafen Ich so so
Die ganze Nacht über dachte ich dem feurigen Grad Deiner Liebe nach und fand
dass Dir kein anderer Sterblicher das Gleichgewicht halten würde Sei nicht
böse Lieber wenn ich Dich manchmal mit meiner Zärtlichkeit quäle verkenne nur
das Wort Weib nicht in mir denn schwach bleibt dieses Wort immer und wenn es
auch hundertmal eine Denkerinn ausdrükken kann
Anhaltendes Unglück hat mir sogar die süße Hoffnung geraubt mich über etwas
mit wahrer Gewissheit freuen zu können Es ist nicht meine Schuld es ist die
Schuld des Schiksals habe Geduld mit mir Du wirst mich einstens besser stimmen
wenn ich an Deiner Seite bin Du kennst mich und was braucht es mehr als die
Wärme Deines schlagenden Busens um ganz Dein zweites Selbst zu werden Ich
bin so ein verzagtes Ding Glückseligkeit in der Liebe ist mir so neu und ich
taumle denn so im Rausch dieser Liebe dahin ohne es recht fassen zu können Du
kennst meine Begriffe in der Liebe weist dass ich durch sie noch nie glücklich
war ist es nun zu wundern dass sie mir den Kopf schwindeln macht Beruhige
mich so gut Du kannst das ist alles wofür ich Dir ewig danken will
Ist das nicht ärgerlich Nun unterbricht mich gar jemand O ich wollte dass
Ich höre Holbaurs Stimme Ha Der elende Kerl soll mir bald vom Halse
geschafft werden Gib nur Acht
Hier magst Du unsere wörtliche Unterredung lesen
Holbaur
Madame sind doch nicht böse dass ich mir die Freiheit nehme sie zu besuchen
Seit Ihrer Bekanntschaft mit Schark bekommt man Sie ja gar nicht mehr zu sehen
und die schönen Wittwen sollten sich doch auch der Welt zeigen
Ich
Wozu mein Herr sollte ich mich mehr der Welt zeigen um mir vorheucheln zu
lassen oder selbst heucheln zu lernen Meine Eroberungen sind schon gemacht
und ich zweifle ob sie mich je reuen werden
Holbaur
Darunter wird doch Schark nicht gezählt
Ich
Und warum nicht
Holbaur
Hm Ich meine nur so weil er mich eben so wenig der Mann dünkt der Sie
verdient als andere die um Ihre Hand buhlen
Das war auf Dich gemünzt
Ich
Habe ich Sie mein Herr je zum Ratgeber aufgefodert Oder sind Sie von ihren
eignen Verdiensten so sehr überzeugt dass sie glauben andere mit solcher
Gewissheit verdunkeln zu können Wenn ich Ihr stumpfes Gefühl nicht kennte
bald würde ich Sie aus Neid zum Nebenbuhler fähig glauben
Holbaur
Ich Nebenbuhler Holbaur und Nebenbuhler Ha Ha Soll ich Ihnen
beweisen dass ich es nicht bin
Ich
Ich wenigstens erinnere mich nicht Sie je zu solchen Hoffnungen verleitet zu
haben So viel ich mich erinnere so haben Sie sich in meine Bekanntschaft
eingedrungen ich duldete Sie gewisser Ursachen wegen
Holbaur
Und daran taten Sie sehr klug sonst würde ich erst vor wenigen Stunden Anlass
gefunden haben mich an Ihnen zu rächen Ob das gleich meine Sache nicht ist
Ich
Sich an mir zu rächen Lassen sie mich doch den Anlass hören verschobene
Rache ist oft gefährlicher als die Rache selbst
Holbaur
Der Anlass ist ganz natürlich Sie unterhalten eine Bekanntschaft mit dem jungen
G Seine Eltern und Verwandten sind dagegen und suchten dieses und jenes
von mir zu erfahren weil sie wissen dass ich Sie zuweilen besuche
Ich
Und warum haben Sie denn das Dieses und Jenes nicht erzählt wenn sie etwas
von Diesem und Jenem wissen
Holbaur
Gott bewahre mich dass ich ihre Freuden stören sollte Der junge G ist ein
guter Junge ob er gleich zuweilen ein Bischen brausst
Ich
Das mag Sie wohl von ferneren Plaudereien abhalten denn sie wissen doch recht
gut dass sich G nicht auf der Nase tanzen lässt
Holbaur
O er war immer mein Freund und erst heute sprachen wir beide von Ihnen mit der
wärmsten Entzükkung
Hier fiel mir die Unterredung ein die Du einstens mit ihm hattest als er Dich
von mir abwendig zu machen suchte Und ich hätte den satanischen Lügner gerne
bei dieser Heuchelei zum Zimmer hinaus geworfen aber die Politik hieß mich
schweigen Sonst stekt sich die Kanaille noch hinter Schark und schmiedet neue
Kabalen
Ich
Dass mein Freund G mir gut ist weis ich ob aber Sie es so gut mit mir
meinen ist eine andere Frage
Holbaur
O wüssten Sie
Ich
Stille mein Herr ich höre draußen rufen
Hier trat nun gerade mein Mädchen ins Zimmer
Siehst Du Fritz nun ist es deutlich und klar der Bube hat Absichten auf mich
O dürfte ich ihm doch das nächstemal die Türe weisen Aber denn verfolgt er
uns noch ärger besonders izt da er schon beinahe von unserer Liebe überzeugt
ist
Ich kann den zudringlichen Kerl auch gar nicht mit Spott vom Halse bringen
er fühlt keine Grobheit kümmert sich um nichts am wenigsten um finstere
mürrische Gesichter O es ist eine abscheuliche Sache um einen Mann ohne
Ehrengefühl Deine beste
Nina
XXV Brief
Fritz lass mich auf der Stelle wissen wo Du heute mit Deinem Freund hingegangen
bist Ich sah euch beide nicht über die Brükke gehen und es war mir nicht
wohl bei der Sache Augenbliklich fuhr mir allerlei durch den Kopf bis mich
Röschen versicherte sie hätte Dich in dein Haus sehen gehen Dann wurde ich
wieder etwas ruhiger
Bei allem dem bin ich heute so guter Laune sieh Liebchen wenn ich Dich da
hätte ich erdrükte Dich mit lauter Küssen Du bist doch ein allerliebster
Junge Ein Engel ein Liebling ein vortreffliches Wesen das mich lebendig
zur Seligkeit hinreisst Nimm hin diesen Kuss auf die Rechnung der reinsten
feurigsten Liebe
Du glaubst also ich soll gegen Holbaur nicht zu rasch handeln Ist das
nicht eine elende Welt in der man dem Laster noch gute Worte geben muss damit
es uns nicht ganz zu Grunde richtet Bei Gott Fritz ohne Deine
Schadloshaltung möchte ich in dieser elenden Welt nicht mehr länger leben In
einer Welt wo der Schurke einen Freiheitsbrief trägt zur Bosheit Mache dass
wir bald vereinigt werden damit ich nicht mehr Ursach habe mir vor dergleichen
Leuten Zwang anzutun So viel von Deiner guten
Nina
XXVI Brief
Nachts um halb 12 Uhr
Schon so spät und doch würde ich mich hassen wenn ich ohne Dir einen Kuss
aufzudrükken zu Bette gehen könnte Izt sollst Du auch hören was ich heute
diesen schröklich langen Tag alles machte
Ungefähr um vier Uhr ging ich zu meiner lieben Freundin Sch Dass sie
mich mit Freuden empfing weist Du ohnehin Ich traf wenn ich mich nicht
irre im Dahingehen Deine Schwester wenigstens war es ein Mädchen mit großen
schwarzen Augen gerade so wie die Deinigen
Um sieben Uhr musste ich wieder zu Hause weil ich Schark versprochen hatte
mit ihm spazieren zu gehen Aber vorher drang die Freundin Sch schon in
mich mit ihm zurück zukehren und bei ihr zu speisen
Mit welcher Laune ich spazieren ging wirst Du leicht erraten Ja und
Nein war alles was Schark aus meinem Mund hörte Und während dieser
eintönigen Unterhaltung kehrten wir wieder zur Freundin zurück Beim Nachtessen
unterhielt ich mich recht artig Schark brummte im Zuhausegehen nach seiner
gewöhnlichen Art weil es dem verzärtelten Grobian zu saur wurde mich nach
Hause zu begleiten Du lieber Himmel nur bald rette mich von diesem Geschöpf
Aber nun Liebchen schläfst Du vielleicht recht sanft träumst von mir und
bist zufrieden selig O ich kenne Dich aller Welt Schwärmer ich kenne Dich
warte nur Du Erzküsser Warte nur Ich möchte izt in dieser Stimmung recht
gerne zu Dir eilen Aber es ist ohnmöglich es ist ohnmöglich O könnte Dich
mein klopfender Busen aufwekken könnte Dir mein vor Liebe wallendes Herz
beweisen wie feurig ich Dich liebe
Alles ist so feierlich still kein Neid würde mich izt belauschen wenn ich
doch allmächtig wäre und nur auf wenige Minuten zu Dir hinschleichen könnte
Nu das heiß ich träumen das heiß ich umsonst fantasieren
Auch habe ich heute wieder den halben Tag durch doch ohne Dich zu nennen
bei der Sch von Dir gesprochen Was das liebe Weib Dir gut ist Die
Geister harmonieren schrie sie voll Entzükken über meine Schilderung von Deinem
Charakter O was das wieder meiner Leidenschaft schmeichelte Und doch war
meine Schilderung nur ein Schatten gegen der Liebe meines besten Frizens
Nun kommt der Schlaf bei mir angestiegen ich muss ihm wohl nachgeben
Ruhe sanft teurer bester Gatte ruhe sanft mit dem Andenken Deiner
besten
Nina
XXVII Brief
Bald zehen Uhr und zurück bin ich vom Spaziergang mit Schark Der wakere Mann
will mich dieser Tagen auf den hohen Kirchturm führen um mir die schöne
Aussicht in die ruhige Ewigkeit zu zeigen Fritz Darf ich wie eine gewisse
Fanny einen mutigen Sprung wagen Darf ich Noch mehrere solche
unglückliche Tage wie der heutige und Gott verzeih mirs es wäre Zeit
Weißt Du auch Lieber dass ich Dich heute gar nicht mehr kannte Weißt Du auch
dass Du heute Deinem Charakter widersprachst und mich beinahe zu Boden drüktest
Ich will Dir keine Vorwürfe über Dein Betragen machen es wäre Unsinn
Aber bitten will ich Dich bald wieder mein guter lieber herrlich
denkender Fritz zu werden Gott Was Du mir heute zum erstenmale fürchterlich
vorkamst was ich seit Deiner Bekanntschaft zum erstenmale den Augenblick
verwünschte wo ich Dir so ganz voll Zutrauen meine Schwachheiten zeigte sag
Liebchen warum warst Du so wild so widersprechend Dachte ich doch Liebe
könnte selbst den Wollüstling bändigen und Dich Sohn der Tugend sollte Liebe
nicht sanfter machen können O warum bin ich auch so eine Elende die
vielleicht Deine Schonung nicht verdient Warum besizzest Du unbezähmbare
Leidenschaften Ich sehe mein Unglück zum voraus Ich werde Dich nach
mehreren solchen Auftritten bloß für sinnlich und Du wirst mich für lieblos
halten Ha Die Männer sind doch gar zu ungerecht gegen ein liebendes Weib
die vor dem Augenblick der engsten Verbindung ohne öffentliche Bande eben so
schröklich zittert als sie ihm mit stiller furchtsamer Zärtlichkeit ausweicht
O Fritz Was soll ich tun um Dich zu beruhigen und mir dabei den
schröklichsten Gram zu ersparen Es ist wahr ich bin eine Undankbare ich bin
eine Sträfliche die Dich unwillkürlich reizt Aber um Gotteswillen kann ich
dafür Kann ich meine Grundsäzze zu Dem bewegen was Dich martert Du bist von
meiner Liebe überzeugt aber sei auch gerecht höre nicht bloß auf die Stimme
Deiner Triebe lass Dein gutes Herz für ein Geschöpf sprechen die Dich weder aus
Eitelkeit noch aus Eigennutz quälet Sei gut Fritz sei liebevoll sei sanft
sei vorsichtig bringe mich nicht zur äußersten Schwachheit Sonst O
Gott Ich werde es nicht können sonst muss ich Dir kälter begegnen dann hört
jenes Vertrauen der Tugend jenes brüderliche Wohlwollen unter uns auf und
zügellose Unruhen nagende Begierden schleichen sich an ihre Stelle so bald
wir in die Arme der Weichlichkeit sinken
Du hast mich heute Abend sehr viele Tränen gekostet Ich machte mir
selbst Vorwürfe Dich je zur Liebe gereizt zu haben es geschah wider meinen
Willen aber ich glaubte Dich mehr Mann ich glaubte Dich bloß feuriger
wünschender Gatte der unsere nähere Vereinigung von der Zukunft erwarten würde
und izt schon bist Du unzufriedner mürrischer Liebhaber Gott schikke Dir
heute Linderung Deines Kampfes und mir Tränen mein Elend meinen Jammer
auszuseufzen
Armer Junge wie wirst Du erschrekken wenn Du in diesem Brief die
leibhaften Züge Deiner schwermütigen Nina liesest Schlaf wohl der Himmel
schenke Dir Gnade Du verdienst sie besser als ich O gewiss O gewiss Denn
ich bin O ich mags nicht sagen Vorwürfe nagen an meiner Seele Deine
arme
Nina
XXVIII Brief
Teurer guter Fritz dass ich über Deinen Zustand sehr unruhig bin wirst Du
mir vielleicht nicht so leicht glauben weil Du mich als die Quelle Deiner
Leiden betrachtest Lass mich um alles in der Welt wissen ob Du besser bist und
ob ich Dich auf den Abend sehen werde Im widrigen Falle laufe ich
schnurstraks in Dein Haus und wenn mich auch Deine Verwandten lieblos
zurückwiesen gleich viel Was kümmert mich ihre Grausamkeit Du bist mehr
wert als das was ich in hundert Jahren an meinen Augen abweinen könnte
Heute Abend scheint uns zwar ein Gewitter zu drohen der Himmel sieht gerade
so übellaunigt aus wie Deine Nina Auch sollte mich der Ausguss der Elemente
nicht abschrekken wenn ich an Deinem Busen schlummere und Dein Herz wieder
ruhiger schlagen höre
Zu allem bin ich bereit was Du für gut findest um uns heute noch zu sehen
Wenn Du kein Feiger bist der vor dem Geklatsch Deiner Verwandten zittert so
siehst Du mich heute oder Deine Krankheit ist erdichtet
Heiliger Gott Was ich da für Unsinn plaudere Lass mich um Gottes
willen wissen ob Du besser bist Nun so bin ich denn zum immerwährenden Kummer
geboren
Gerade jetzt erhalte ich Dein zweites Billet Fritz vermag meine Liebe
nicht Dich zu beruhigen Wenn Du denn durchaus nicht kommen kannst so schreib
mir bis halb drei Uhr wie es um Dich steht Komm lieber nicht als dass Du
wieder so unendlich leiden solltest so rasend unmenschlich hätte ich doch die
Deinigen nicht geglaubt Und mir drohen Die Elenden Mir Ha Kommt nur
ich will euch empfangen Ihr sollt die Wut eines liebenden Weibs kennen
lernen Zittern sollt ihr oder weichen Eigennutz Verdammtes
höllisches Laster Du schufst Barbarei in des Menschen Gehirn
Verkuppeln wollen sie Dich also An wen denn Warum nennst Du mir die
glückliche Prinzessin nicht der Du Falschheit auftischen solltest weil Dein Herz
mein gehört Merk Dirs Jüngling es gehört mein und sollte ich seinen Besiz
durch Blut erringen Mögen dann die Dummköpfe über meine Heftigkeit lachen das
kümmert mich nicht Ich halte mich in der Liebe an Mutter Natur sie schuf
unser Herzen ohne politische NebenAbsicht bloß zur Liebe und ich will ihre
Rechte so lange verteidigen bis MenschenBosheit meine Kräften durch
Gewalttätigkeit schändet
Aber dazu werden es doch Deine Verwandten nicht bringen der Monarch hat
Ohren und ich habe Mut und Entschlossenheit ihm Dinge zu entdekken die er als
Mensch verteidigen muss
Narren sind das kalte Narren die Hindernisse in der Liebe nicht zu
übersteigen wissen
Ich wundere mich nicht über das Gespötte das sie über die Beharrlichkeit
meiner stolzen Seele treiben werden ich wundere mich nicht dass sie
Standhaftigkeit und große Leidenschaften für überspannte Torheit halten Wie
kann ihr SchnekkenBlut in eine edle feurige Wallung kommen um männliche
Vestigkeit zu begreifen
Glaube sicher Fritz wer über unsere Geschichte lacht wer sie für
unbegreiflich hält der ist gewiss in der Liebe keiner Beharrlichkeit fähig
Helden haben ihr entusiastisches Feuer Patrioten ihren wahren Eifer biedere
Bürger feste Treue und warum sollten Wahrhaftliebende keine Beharrlichkeit
haben Vorausgesezt dass sie überzeugt sind ohne NebenAbsicht zu lieben
so bald sie untersucht haben ob es nicht bloß jugendliche Übereilung ist
worunter feurige Sehnsucht nach Genuss stekt so bald sie wissen dass die Natur
sie an einander kettete so bald sie bei gegenseitiger Untersuchung einer reinen
Kritik fähig sind Kurz so bald zwei Köpfe zusammen kommen denen es nicht an
Menschenkenntnis fehlt die lange vorher unter freundschaftlicher Beobachtung
die gegenseitige Gemütsart untersuchten Warum sollten solche Menschen
nicht dem Vorurteil trozzen können Blinde Liebe die bloß Eigensinn
Wollust kindische Übereilung oder Empfindelei zu ihrem Grunde hat artet
leicht in ausschweifende RomanenZüge aus aber geprüfte Vereinigung zweier
denkenden Köpfe muss sich nicht stören lassen wenn es der Dummheit einfällt
Bande zu zerreißen die nicht aus Übereilung geknüpft sind
Dass die unbesonnene Jugend bei Hindernissen in der Liebe nur zu oft
eigensinnige unvernünftige Streiche macht will ich Deinen Verwandten gerne
glauben Aber so etwas tun doch nur meistens AlltagsKöpfe die ihr Ideal aus
einem Roman entlehnten und von ihren lüsternen Sinnen bei dem ersten Anblick des
geliebten Gegenstandes schon so berauscht werden dass in ihnen keine moralische
Besorgnis mehr wegen der Harmonie des Karakters aufsteigt Dann bereuen solche
junge Leute bei ungestörter Freiheit meistens ihre Wahl Bei uns ist aber das
der Fall nicht wir brauchen weder Schulmeister noch Gouvernante um unsern
harmonischen Charakter untersuchen zu lassen Aus Erfahrung sind wir überzeugt
dass wir für einander taugen kennen unsere Leidenschaften empfinden
wechselsweise die Güte unserer Herzen rechnen nicht auf Nebenabsichten und weh
dem der uns je trennen soll So denkt Deine
Nina
XXIX Brief
Dass doch der Schurke Holbaur mir alle Schlangenbisse des Schiksals zuerst mit
vermertem Gifte hinterbringen muss
Um Gottes Barmherzigkeit willen Du bist eingesperrt und schreibst es mir
nicht Warte guterziger Lügner Du sollst mir dafür büßen Schon war ich
im Begriff in Dein Haus zu stürzen und mit einem MordGewehr mir den Weg dazu
zu bahnen Wenn mich der sorgfältige Heuchler Holbaur und mein Mädchen nicht
davon abgehalten hätten
Jetzt bewacht mich Röschen und erlaubt mir kaum an Dich zu schreiben weil
sie Wahnsinn befürchtet Als ich von dieser Nachricht ausgetobt hatte kam
Schark und fand mich noch sinnlos Vermutlich hat ihm Röschen eine andre
Ursache vorgesagt denn er ging wieder fort ohne sich viel um mich zu
bekümmern dabei tat er aber auch sehr wohl denn sein Anblick würde mich noch
kränker machen
Höre nun meine Unterredung mit Holbaur und urteile von meinem damaligen
Zustande
Holbaur
in sehr guter Laune
Guten Morgen schönes Weibchen Guten Morgen Warum so finster
Ich
In sehr übler Laune
Damit Sie etwas zu fragen haben
Holbaur
Glauben Sie dass ich sonst keine Beschäftigung habe als mich für mein gutes
Herz hudeln zu lassen
Ich
Wenn Ihnen eine andere Beschäftigung mehr Vergnügen gemacht hätte so wären Sie
gewiss von mir weg geblieben Ihr gutes Herz kommt mir gerade so vor wie ein
wurmichtes angefülltes Stük Fleisch das einem Unglücklichen in der äußersten
Not zum LekkerBissen aufgedrungen wird
Holbaur
Sie sind doch heute grässlich verstimmt Wissen Sie es etwa schon
Ich
Was soll ich wissen Was Sollten meine angstvollen Ahndungen
Holbaur
Sie sollen hören was mit ihrem G vorgeht Aber ich kenne ihre Hizze und
will lieber schweigen
Ich
Herr Sie sind ein Abgesandter der Hölle Wenn Sie mich noch länger peinigen
Doch was brauche ich auch bei Ihnen um Nachricht zu betteln aufspringend
Frizens Wohnung ist ja nicht ferne
Hier lief ich zur Türe aber der Bube hielt mich zurück
Holbaur
Gelassen Madame Und mir keine ferneren Vorwürfe oder Schark erfährt ihr
ganzes Betragen
Jetzt fuhr mir Schauder durch den ganzen Leib und die Furcht einer neuen Kabale
machte mich zittern
Ich
mit verbissnem Grame Nun so reden Sie doch endlich oder die Geschichte nimmt
ein grässliches Ende
Holbaur
Sie haben sehr übel getan mich nicht zu ihrem beiderseitigen Vertrauten zu
machen Doch zur Sache Freund G sollte eine reiche Wechslers Tochter
heiraten und als er sich widersezte sperrten ihn seine Eltern ein
Ich
Jesus Maria Mein Fritz eingekerkert Mein Fritz wie ein Missetäter gefangen
Und das wegen mir Gott häufig rollten hier meine Tränen
Holbaur
Also auch so verliebt wie er Ei Ei
Ich
Ja Plagteufel Ja Und damit Du siehst dass ich Dich und Deinesgleichen
nicht fürchte Ich wollte mich von Ihm loswinden aber er war stärker
Holbaur
Gelassen Weib Oder Schark
Ich
Ha ha wie mir der eigennitzige Satan Moral predigt Lass mich Kerl lass
mich
Mein lautes Geschrei brachte die Hausleute und mein Mädchen ins Zimmer der
Heuchler gab mich für wahnsinnig aus man bemächtigte sich meiner ich sank in
Ohnmacht und als ich erwachte war mein erstes Wort Fritz Um Gotteswillen
gebt mir meinen Fritz
Mein Röschen hatte vom Doktor den Auftrag mir sehr gelinde zu begegnen das
arme Mädchen zitterte weil ein neuer Anfall sich meiner Sinnen bemeisterte
Ich bin jetzt zum ferneren Schreiben zu matt ich kann Dir also bloß noch sagen
Fritz um Deiner Nina willen sei standhaft lass Dich nicht beugen Wenn Du
anders meine Seligkeit nicht verscherzen willst Deine ewig ewig
treue Nina
XXX Brief
Haben Sie Dich endlich wieder losgelassen Deine tigermässigen Eltern Es war
auch hohe Zeit sonst hätten Sie ihre Tirannei zu spät bereuen können Dass man
doch das Gefühl gewisser tierischer unbeseelter Menschen bloß mit
Gewalttätigkeit erweichen kann Ich möchte das Gesicht Deiner Mutter
gesehen haben als Du vor ihren Augen Deine Terzerolen laden wolltest
Nicht wahr Du wolltest Pillen einnehmen um Dich einer TiegerWelt zu
entreißen wo Eigennutz und Ehrgeiz Deine Mörder ohnehin geworden wären
Sei versichert ich würde Dir gefolgt sein wenn mir auch meine weibische
Zagheit den Mut zu dieser selbstmörderischen Reise versagt hätte so würde doch
die Krankheit die ich mir auf den Hals zog gewiss meine Retterinn geworden
sein der Gram hat im Elende auch seine süße Hoffnungen
Noch glaubt mich der Doktor nicht aus der Gefahr weil von Zeit zu Zeit
Konvulsionen und Blutsturz zurückkehren Ohne meine äußerst starke Natur hättest
Du Deine Nina schon nicht mehr Eile heute so geschwind als Du kannst zu mir
auch jetzt muss ich wieder vom Schreiben wegeilen sonst lermt der Doktor weil er
mir ausdrüklich jede NervenAnstrengung verboten hat komme Deine Nina erwartet
Dich
XXXI Brief
Dass Du mich so lange nicht besuchen darfst will mir gar nicht behagen um so
weniger da meine Gesundheit fast wieder hergestellt ist Indessen will ich mir
auch das auf einige Zeit gefallen lassen aber nur auf einige Zeit wenn es Dir
Ruhe schafft ob es gleichwohl die grässlichste Marter ist von Dir entfernt
seufzen zu müssen Dies Leben muss sich bald ändern oder bei Gott ich schreie
es auf dem öffentlichen Markt aus dass Du mein gehörst und dass ich Dich in
Ewigkeit nicht lasse Wenn das Volk diese Neuigkeit genug gehört hat dann
wird es aus Gewohnheit müde werden davon zu plaudern selbst Deine Verwandten
werden die Unmöglichkeit einer Trennung einsehen und schweigen Verschone
mich doch mit Deiner kalten raisonnierenden Moral Du kennst ja doch Deine
feurige
Nina
XXXII Brief
Lieber teurer Fritz es ist doch gut dass die Drangsalen in der Welt auch wieder
mit Ruhe abwechseln wenn sie zu sehr an Schmerz gränzen Ich schlief heute
Nacht herrlich und meine Gesundheit ist nun auch wieder völlig hergestellt
Hat Dir Dein Freund K nichts gesagt Er und Röschen haben mir gestern
die Langeweile vertrieben ich quälte ihn ziemlich er musste mir immer von Dir
erzählen und sagte mir doch nie genug
Morgen kommst Du erst um halb drei Uhr ich sage Dir dann mündlich die
Ursache, aber ja nicht später Wie war es Dir denn gestern Ich hätte Dich
bald durch Deinen Freund holen lassen wenn ich nicht neue Verdrießlichkeiten
besorgt hätte auch ging Schark lange nicht vom Zimmer Herr Jesus Was er
mich mit seiner augenbliklichen Schwärmerei in Verlegenheit setzte Sie kam mir
so unvermutet Gott was ist dies für ein widersprechendes Geschöpf
Mich dünkt er ahndet den Verlust meiner Liebe und weis sich dabei nicht zu
helfen Das heißt wohl ein elendes wankendes Gefühl wenn man etwas eben so
leicht vergöttert als es leichtsinnig beleidigt Doch genug hievon so etwas
ist nicht für Deine Ohren Ich will Dir lieber sagen dass ich Dich mit der
wärmsten Zärtlichkeit liebe dass unsere kleine Trennung beim ersten Wiedersehen
soll eingebracht werden so viel für heute von Deiner besten
Nina
XXXIII Brief
Tausend Küsse zum guten Morgen Herzliebchen Du hast gewiss gut geschlafen
Wer könnte nach so seligen ungestörten Stunden daran zweifeln
Ja wohl waren wir ungestört ungesehen von unsern Feinden glücklich in der
frohen Heimat der Natur, unter der Aufsicht eines Schöpfers der uns liebt und
den wir wieder lieben
Siehst Du Fritz wenn sich zween Menschen mit einem Herzen und mit hellem
Kopf treffen so kann ihnen die Unterhaltung nie ausgehen Für uns sollten die
Stunden immer länger dauern als für andere Leute weil wir uns so vieles zu
sagen wissen Unter tausend Paar Liebenden drükt gewiss neun und neunzig Paar die
Langeweile wenn sie sich so oft sehen wie wir uns sehen Aber wir O du
lieber Himmel wir sind unersättlich im Wunsch der ewigen Daur unsers Umgangs
Was Du mich gestern wieder so brav unterhieltest mit welcher EngelsGüte Du das
Bild des unglücklichen Scharks entwarfst
O Fritz es kann Dich nicht kränken ich gestehe Dir ich habe bis zwölf Uhr
darüber nachgedacht und konnte dem Elenden eine Träne nicht versagen der wie
ein Knecht seiner Leidenschaften dem nahen Abgrund zuläuft Gott Warum muss
denn gerade ich mit einem weichen empfänglichen Herzen so etwas erleben Ich
bin gestern äußerst schwermütig darüber geworden und doch geht Deine Ruhe und
meine Gesundheit vor Ich darf dieser Schwermut nicht nachhängen weil ich
ihn ohnehin nicht retten nicht bessern kann ohne mich selbst zu stürzen
Fritz Lieber guterziger Fritz bedaure ihn Du bist ja gewohnt edel und
brüderlich gegen Verirrte zu handeln Und nun kein Wörtchen von dem mehr
Hast Du Freund K heute noch nicht gesehen Haben Deine Eltern nichts
gesagt Hast Du meine Briefe gut aufgehoben Bring doch immer den Schlüssel
mit wenn Du zu mir kommst sonst könnte es wieder neuen Lerm absetzen wenn Du
den Schrank offen ließest und man meine Briefe fände
Deine beste Nina
XXXIV Brief
Holder guter sanfter Fritz Gerade zehn Uhr und ich bin sehr ärgerlich weil
mir Schark wieder nicht von der Seite weichen wollte
Nun will ich Dir aber mit inniger Wärme gute Nacht wünschen und Dich bitten
morgen so früh als möglich zu kommen Noch eins Freund K war heute bei
mir und klagte über Deine Spässchen die Du immer mit ihm treibst nekke ihn
doch nicht so unbarmherzig den guten Jungen oder wenn Du ihn nicht in Ruhe
läst satirisiere ich Dich dafür Wir sprachen lange von Dir frage ihn
einmal wie ich wieder schwärmte Jetzt schläfst Du gewiss schon Du Liebling
meines Herzens Ruhe sanft von den Küssen Deiner lieben Nina eingewiegt zwar
nur noch ein Traum aber doch ist es süß so etwas zu fühlen und zu träumen
Gute Nacht Trauter
Nina
XXXV Brief
Zwölf Uhr vorbei aber im Bette es aushalten das kann ich nicht Ich las den
Aufsatz Deiner Philosophie sprang aus dem Bette riss dies Briefchen auf und
muss Dir herrlicher Junge sagen was ich fühle So viel ist gewiss dass ich
bei Durchlesung dieses Aufsazzes laut weinte die Hände gegen den Himmel rang
und den Allmächtigen mit Innbrunst um Deinen Besiz anflehte Gott Was bist
Du für ein Engel der bloß kommen musste um durch Deine erhabenen Begriffe von
Gott mir Beruhigung zu geben Du bist also mein Führer mein Tröster mein
Freund mein Gatte mein Lehrer fasse diese Wonne wer da will ich kann sie
nicht fassen Ich bin zu voll zu unerschöpflich von dem Bild einer glücklichen
Zukunft angefüllt O Fritz und das alles schriebst Du das alles empfandest
Du
Teurer Jüngling Deine reine erhabene Seele fliegt weit über die meinige
hinaus in den geläuterten Begriffen von menschlicher Bestimmung Ich bin durch
das Schicksal verstimmt worden gutes fühlendes Herz liegt in mir aber keine
völlige Aufklärung der Begriffen die mich im Leiden hinlänglich beruhigen
könnten Sieh ich bin so aufrichtig dass ich selbst vor Gott nicht
aufrichtiger sein könnte aber wer auch an Deiner Seite nicht ganz Christ wird
der ist gewiss für immer verloren
Lass mich Besster an Deinem Busen Tränen der Wehmut weinen Dass ich Dich
so lange entbehren musste dass Du erst jetzt kamst um meine Seele zu stärken zu
jener Ergebenheit die in Deinen Armen mich einst ruhig wird hinschlummern lassen
ins andere Leben Heute kann ich gewiss wieder nicht schlafen Dass Du auch so
viel Gutes an Dir haben musst um mich zum entzükkenden Taumel hinzureissen O Du
Holder Trauter mit Deiner reizenden Seele Ich küsse Dich hier vor Gott
Nina ewig die Deinige
XXXVI Brief
Mein Besster
Werde nicht stolz junger Herr wenn ein unbesonnenes schamloses schlecht
erzogenes Gänschen so beherzt um Deinen Besiz buhlt Bald wird es um Dich eine
blutige Fehde absetzen wenn ihr mein Brief den Mut nicht abgekühlt hat mir
fernere Grobheiten zu schreiben Lies Beilage nebst der Antwort und lache
Madame1
Ich kann nicht unterlassen Ihnen zu sagen dass ich Ihnen über die Verführung
meines Bräutigams herzlich feind bin Sie wenden alles an meinen Fritz immer
mehr und mehr an Sie zu lokken und das ist für ein honnettes Frauenzimmer wie
Sie sein wollen gar nicht räsonnabel Dann der junge Mann wird mir und nicht
Ihnen zu Teil werden seine Eltern haben es den meinigen heilig versprochen
Nebst allem dem bin ich reich und schön das sind gewiss Qualitäten die Sie
nicht besizzen und von ihrer bloßen Vernunft werden Sie gewiss schmale Bischen
zu essen bekommen besonders wenn Sie fortfahren aus den vermaledeiten gelben
Blättern zu studieren dann werden Sie ohnehin kein Glük noch Segen erhalten
Auch sagte man mir Sie wären um einige Jahre älter als Frize und hätten
viele BlatterNarben im Gesichte sehen Sie also dass Sie mir lange nicht an die
Seite stehen dürfen Ich weiß recht gut was recht und billig ist und ich
sage Ihnen Sie werden am Ende bei der Historie doch den Kürzern ziehen
Folglich wollte ich Ihnen meine stolze Madame wohl raten den jungen
Menschen nicht ferner zu verführen oder Sie sollen sehen wie weit es unsere
adeliche Familie treiben kann Sie müssen jetzt Fritz als meinen versprochnen
Bräutigam betrachten und Ihnen keine fernere Hoffnung machen das sagt Ihnen
Eleonora von
Antwort
Mademoiselle
So mannsüchtig unbesonnen pöbelhaft Ihr Brief auch immer ist so will ich mir
doch die Mühe nehmen ihn zu beantworten und noch dazu Saz für Saz
1 Wie kann ich Ihnen einen Bräutigam verführen wenn Sie noch keinen
besizzen Ist Ihnen aber mit einem Wesen gedient das weder Herz noch
Neigung für Sie fühlt je nun dann rate ich Ihnen sich statt Ihren Bräutigam
eine leblose Statue zu kaufen denn Fritz hat gar nicht Lust sich auf solche Art
verhandeln zu lassen
2 Muss ich Ihnen schwören dass es mich nicht die geringste Mühe kostete
Fritz an mich zu lokken er kommt von selbst gerne weil er mich liebt Einen
Liebhaber der mich freiwillig besucht empfangen ist gewiss ehrbarer als ihm
nachlaufen oder sich ihm durch Briefe aufdringen
3 Ob der junge Mann Ihnen oder mir zu Teil wird ist gar keine Frage
mehr denn jedes Geschöpf wird frei geboren und darf sich eine Gattin nach
eigenem Willen wählen Eltern haben hierinnen nichts zu befehlen
4 Dass Sie reich und schön sind ist ein Ungefehr und in den Augen eines
Denkers eine pralende Bettelei die nur zu leicht die Glückseligkeit einer Ehe
stören kann Der sich selbst fühlende Mann heiratet lieber ein edeldenkendes
Mädchen als eine vergoldete Schönheit die ihm in der Ehe durch ewigen Vorwurf
seine Tage trüben könnte
5 Wenn ich Vernunft besizze so soll Sie für mich ein ewiges Kapital
bleiben das mich mit Beihilfe eines Gatten für Mangel schüzzen wird Ob ich
denn an seinem liebevollen Busen bürgerlich oder adelich leben werde können nur
Dummköpfe ahnden die an Überfluss gewöhnt sind
6 Mademoiselle müssen sehr wenig gelesen haben dass Sie das Wort
BellesLettres nicht auszusprechen wissen Ich empfehle Ihnen einige gutgewählte
Bücher von dieser Gattung damit Sie aufhören aus Vorurteil Ihre Nebenmenschen
zu verdammen
7 Dass ich um einige Jahre älter bin als Fritz und BlatterNarben im
Gesicht trage ist ganz wahr Aber dem ungeachtet kann ich Sie versichern
dass ich diese Kleinigkeit noch nie an meines Frizzens Küssen bemerkte sie waren
immer so feurig so begeistert als sie es je an der Seite eines ganz schönen
Mädchens sein könnten
8 Sie müssen doch nicht wissen was recht und billig ist sonst würden Sie
selbst sehen dass gerade diejenigen Mädchen den Kürzern ziehen die sich selbst
beim andern Geschlecht wegwerfen und bloß geben Pfui Bei so etwas laufen
ja die MannsLeute schon von weitem
9 Bleibt der junge Mensch immer und ewig das Eigentum der stolzen Madame
und wenn sich ihre adeliche Familie auf den Kopf stellte Folglich kam ihr
Rat bei mir zu spät
10 Ist Fritz eben so wenig Ihr versprochner Bräutigam als Sie je durch
ihre Denkungsart einen andern erhalten werden wenigstens keinen der denkt
Frazzen von Ihrer Gattung muss man bedauern das sagt Ihnen
Nina von
ja ja auch von
wenn dies Wörtchen so
viel zur Sache tut
Soll mich doch wundern was das schnippische eitle Kreatürchen von meinem Brief
sagt Ei dass Dich So muss ich Dich denn völlig erkämpfen
Warte nur aufgeblasner Junge vielleicht kommt auch noch die kämpfende
Reihe an Dich
Das Mädchen würde doch nicht uneben für Deinen Brausekopf taugen wenigstens
liefe er nicht Gefahr untätig zu werden Ihr Hochmut und ihre Eitelkeit
würde ihm schon zu schaffen geben Hu Hu Da gäbe es ein abscheuliches
Leben unter euch zweien Immer spötteln und nichts als spötteln wirst Du
denken Ja warum bekam ich auch so vielen Anlass zum spotten Es würde mir
eine flegmatische Sünde scheinen Dir nicht auch ein bisschen Eifersucht merken
zu lassen Eifersucht Ha ha ha hi hi zu so etwas gehört ein anderer
Gegenstand als so ein dummes rohes Gänschen Nimm hin diesen Kuss von
Deiner
gutlaunigten Nina
XXXVII Brief
Abends
Kann man sich etwas tolleres denken Kaum bist Du fort morgen kommst Du
wieder und doch sizze ich schon wieder da und schreibe an Dich Höre Fritz
wenn das Ding so fort geht so wird unsere Liebe zum größten StaatsGeschäfte
Es ist ja fast keine Stunde im Tag wo wir nicht an einander schreiben oder
verstohlner weise beisammen sizzen oder andere Leute plagen dass sie uns
wechselseitig von einander erzählen oder an einander denken träumen und
schwärmen Ha Wahrlich so geht es ja allerliebst So unersättlich in der
Liebe war ich in meinem ganzen Leben noch nie bis der niedliche kleine
SprudelKopf kam und Feuer in mein Herzchen warf
Was hältst Du nun vom heutigen Tag Das war ein rechter Durcheinander von
beiderseitigen Launen Weist Du auch dass Du wieder alle Augenblicke auf dem
Punkt stundest Deine gewöhnliche Laune zu bekommen Weist Du auch dass ich
Mühe hatte Deine kleinen Wallungen zu dämpfen Du TrozKopf Du
StarrKopf Du Eigensinniger Du Brauser Du Du
Fritz stund hinter Nina als Sie die Litanei vergrößern wollte und stopfte
ihr mit einem Duzend überraschenden Mäulchen den Mund
XXXVIII Brief
Guten Morgen HerzensMann Guten Morgen Hast Du auf den gestrigen schönen
Abend wohl geschlafen Ich nicht aber doch träumte mir von Deiner Liebe o
sie erschien mir in EngelsReinheit
So glänzend wie die schöneMorgensonne und so voll Trost für künftige
Glückseligkeit dass ihr unmöglich ein Sturz drohen kann Du feuriger
Biedermann wie Du gestern Abend so beredt so innig das Wort nahmst Und doch
drang mir eine von Deinen Reden etwas ins Herz studiere doch meine Empfind
samkeit besser Es ist wahr ich beleidige durch grillenhaften Kummer den
Bessten auf der Erde aber wenn man in der Liebe immer ist betrogen worden und
nie bei Gott nie betrogen hat o dann zittert man über den bloßen Schatten
Die Treue Deiner Liebe wiegt mich zwar in den entzükkendsten WonneTaumel
ein aber desto schröklicher würgt mich dann der Gedanke Deines Verlusts wenn
er gerade zur nämlichen Zeit in mir unwillkürlich aufsteigt Trage Geduld mit
mir bald hört dieser Kummer auch auf Noch habe ich eine harte Prüfung
Abwesenheit auszustehn aber dann entweder Tod oder glücklich ungestört an
Deiner Seite geschworen sei es 1
Du stellest Dir meine Abwesenheit immer leichter vor täusche Dich nicht
Holder sie ist hart und sie wird Dich vieles kosten Denn jetzt sind wir an
die lieben göttlichen Stunden unsers Umgangs zu sehr gewöhnt Gott gebe Dir
mit mir Stärke und so wollen wir harren bis sie reif wird die Glückseligkeit
unserer Vereinigung Nun lebe wohl innig geliebter Fritz das wünscht Dir
Deine liebende
Nina
XXXIX Brief
Guten Morgen teurer Gatte Guten Morgen nebst einem warmen Mäulchen Ich
habe heute Nacht wieder mein gewöhnliches Schicksal erlebt folglich gar auch
nicht eine Stunde geschlafen Bist Du jetzt wieder gelassner Ist Deine kleine
gestrige Wildheit vorüber Hast Du keinen Verdruss gehabt Alles kümmert
mich was Dich angeht so bald ich keine Gewissheit davon weiß
Gestern Abend war ich recht boshaft nicht wahr Warum hast Du aber auch
so mit mir gebrausst Du weist doch dass ich es nicht leiden kann Gewöhne
Dir es doch ab oder ich fange mich wieder an zu schminken ganz gewiss tue
ich es Dir zu Leide wenn Du Dich nicht besserst Hörst Du
Übrigens ist es recht gut Herzchen dass wir bald in eine andere Lage
kommen es wird Dich wohl auch wie mich recht sehr danach verlangen Ich
wenigstens kann diese Abänderung kaum erwarten An einem andern Orte können
mir doch Deine Verwandten Deinen ahnenmässigen Adel nicht mehr vorwerffen auch
ihr Reichtum wird mir nicht ferner unter die Nase gerieben werden Kurz das
Vorurteil das unsere Verbindung bis jetzt so unmenschlich hinderte wird an
einem fremden Orte aufhören müssen O wäre der Augenblick nur schon da Der
Zwang ist mir zur Last er ist mir wieder die Natur Dir nicht auch Denke
Dir wenn Du einstens frei neben mir schwärmen kannst nein ich will diese
Wonne lieber nicht vollkommen ausdenken sonst macht sie mich noch ungedultiger
Heute sehe ich Dich doch
Nina
XL Brief
Liebe liebe Seele Ich drükke Dich heute millionenmal feuriger als sonst an
mein Herz Liebe Dich wenn es möglich wäre millionenmal heftiger als je
Und die Ursache? Die sollst Du gleich hören Der elende überdrüssige
Sünder Schark fängt nun an den rasend Eifersüchtigen zu spielen unser heutiges
Nahebeisammensizzen als er ins Zimmer trat muss ihm aufgefallen sein Und
dann meine alberne Verlegenheit als er mich so sehr ins Auge fasste
O um alle Schäzze der Erden ich möchte und könnte keine Heuchlerinn werden
Mein ganzes Wesen kann sich bei der geringsten Kleinigkeit nicht verstellen
alles wird an mir zum Verräter Du kennst die Reinheit unserer Liebe und
doch zitterte ich über Scharks Gegenwart der mich noch dazu schon so oft selbst
hintergieng
Als Du fort warst gab er mir einige spöttische Reden ich nahm sie kalt
auf ob sie mich gleich wohl vor Ärger fast erstikten Blos um unsere Liebe
nicht noch grösserm Unheil auszusetzen handelte ich klug Mit allem möglichen
Troz brachte ich den Fühllosen doch nicht vom Halse weil ihn andere
Leidenschaften außer der Liebe an mich fesseln
Doch sei ruhig Lieber Einziger Besster sei ruhig sonst richtest Du mich
vollends zu Grunde Deine Rache kann izt nichts nüzzen ich will mich bald
selbst so rächen dass er es derbe fühlen soll
Aber Fritz ich muss bald reisen hörst Du bald Auch auf Röschen ist er
izt argwöhnisch und die alte Baase scheint ihm beizustimmen Also behutsam
Lass Deine Vertrauten nie ohne Buch zu mir kommen vertraue Dich keiner fremden
Seele an und komme izt immer frühe oder Abends etwas später
O der Verworfne verdient wohl nicht dass wir uns um ihn viel kümmern Aber
bloß um den einbilderischen Toren nicht wütend zu machen muss ich vorsichtig
handeln sonst bricht er aus Jähzorn los geht zu Deinen Eltern und dann haben
wir von ihnen wieder neue Verfolgungen zu erwarten
Gott im Himmel Kniefällig will ich Dir danken wenn Du mir bald aus
dieser vielfachen Kabale los hilfst Lieber Fritz wir wollen uns izt noch
ein Bischen Mäßigung unseres gerechten Zorns angewöhnen wir sind es unserer
beiderseitigen Gesundheit schuldig Wie gerne hätte ich Schark heute das
Geständnis meiner Liebe gegen Dich bekannt gemacht wie gerne hätte ich ihm
gesagt Ja Betrüger Deine Laster sind izt zu meiner Glückseligkeit gerächt ich
bin es satt mich länger heimlich von Dir tretten zu lassen ich habe gewählt und
bin glücklich
Aber bei diesem feurigen unvorsichtigen Vorsaz sah ich meinen lieben Fritz
neben mir stehen mich zurückhalten und ich wurde wieder vernünftig Nach
diesem Auftritt wollte ich ausgehen aber er verhielt mir die Türe endlich
ging er und das Vögelchen durfte fliegen aus den Händen des Despoten der sich
immer mit meiner Baase vereinigt um mich zu kränken
Nun sizze ich wieder da küsse Dich schäkkere mit Dir gerade wie gestern
Abends Morgen wird es wieder ein langer langer Tag werden weil ich Dich
nicht sehen kann willst Du nicht bei der Freundin Sch vorbei gehen damit
ich Dich doch von weitem sehen kann
Lass Dich nicht beugen Liebchen sieh ich bin recht munter aber fehlte auch
die Gewissheit meiner Rettung o dann dann Fritz verzeihe mir ich wollte
etwas Grausames sagen Noch muss verborgner Gram in meinem Herzen liegen aber
Du wirst bald wieder Freude in dies blutende Herz bringen und wäre es auch bloß
darum weil mir der Niederträchtige die kleinen Unterstüzzungen die er mehr
meiner Baase gab als mir tagtäglich vorwirft
Ha Bei Gott Ich möchte über mein Schicksal rasen O wenn mein
Liebchen nicht wäre Du allein verscheuchst noch den wilden Gram aus meiner
Seele Du allein gibst mir Stärke zum Dulden Du holder Liebling meines
Herzens Du Guter Vortrefflicher Bester Liebenswürdigster sei ruhig denn
sieh hier schwöre ich Dir dass mich die blutigste Masshandlung um Deinetwillen
nicht einmal kränken soll Ewig bei Gott dem Allmächtigen bin ich Dein
Dein Dein Auf ewig Dein Weib
XLI Brief
Endlich wieder einen Tag ohne Dich durchgegrämt Blos Dein Andenken holder
Sohn der gütigen Natur hat mir Mut gegeben die Gesellschaft eines Menschen zu
ertragen der mich so unendlich unglücklich macht so lange ich ihn noch um mich
dulden muss
Ich war heute mit Schark auf dem hohen Kirchturm noch hatte ich den Weg
nicht halb zurückgelegt als mir schon der Kopf schwindelte ich musste umkehren
ohne seine Höhe erreicht zu haben Dann schleppte er mich längst einem trüben
Teich spazieren von da giengs zu einer Flasche Wein und das alles wurde von
mir so mechanisch getan dass es mich an seiner Stelle schaudern würde wenn ich
ein solches kaltes Mädchen an meiner Seite dulden müsste Aber was helfen
solche Eindrükke bei einem Charakter der alles nur augenbliklich fühlt Zu
meinem Glükke war er heute ein wenig milder ohne kleine Zänkereien lief es zwar
unter uns nicht ab aber ich lies es doch nicht zur Heftigkeit kommen gewiss
lieber Fritz ich hatte eine beschwerliche Rolle zu spielen Du kennst mein
Herz Du weißt wie niederträchtig er mich hintergieng und doch muss ich dulden
und schweigen muss auf zudringliche Reden mit stotternder Lüge antworten die
mir denn immer zum voraus auf der Zunge stirbt
Ich habe heute in der Kirche als er einstweilen aufs Kaffehaus ging vor
dem Allmächtigen auf den Knieen gelegen und ihn für meine baldige Rettung und um
Belohnung für deine Liebe angefleht Fritz Wenn Du mich gesehen hättest
Dein Herz wäre geschmolzen aus Wehmut für Deine arme traurige Nina die so da
lag vor ihrem Schöpfer alles vergaß nur Einen nicht den Einzigen den
Einzigen vergas sie nicht eben so wenig als sie von ihm vergessen wird
Herr Jesus Meine Seele war wieder durch und durch erschüttert Nein dies
Gefühl kann nicht leicht eine Liebende besizzen es ist beinahe unmöglich
Ich war den ganzen Nachmittag so traurig so freudenlos dachte nur an Dich
nur an Deine Liebe und was mein Busen dabei arbeitete was er sich empörte
Ich fühle izt grässliche Nervenspannungen und muss aufhören zu schreiben Fritz
sei nicht böse ich bin Dir ja herzlich gut ich liebe Dich ja so innig bis der
Tod mir diese Wonne versagt schlafe ruhig Besster Teuerster schlafe ruhiger
als Deine
Nina
XLII Brief
Was ich doch für extreme Launen besizze Heute bin ich wieder so ziemlich
munter ob mich gleichwohl Scharks tolle Aufführung in der Gesellschaft rasend
ärgerte Hast Du es gehört wie er bei Seite zu seinem Vertrauten sagte er
bekommt die Nina gewiss so viel ich merke
Ich habe diese heimliche Wahrheit recht gut gefühlt gewiss besser als der
Eitle aus dessen Munde sie kam Auch Du hast darüber gelacht aber es war wohl
eine Art bitteres Lachen um Gotteswillen seine Eifersucht wird Dir doch nicht
ausfallen
Mein Glük war die Dämmerung sonst würde ich mich bei seinen Spöttereien
über und über verraten haben ich bin gar ein einfältiges Ding wenn mein Herz
eine Wunde hat Sonst habe ich wohl für die große Welt getaugt aber izt o du
lieber Gott izt bin ich wie das albernste Landmädchen und bloß das was meine
zur Liebe weichgestimmte Gefühle aus mir machen ein schüchternes Weibchen
Wie war es Dir denn wieder ums Herz während unsern heutigen Vorlesungen
Du schienst mir hingerissen zu sein zu den Gefühlen der Liebe War es nicht
so Wenigstens sagten es Deine halbgeschlossnen matten Augen O Du Guter aller
Guten warum durfte ich Dir denn nicht vor der Welt um den Hals fallen und laut
sagen seht ihr dies herrliche Geschöpf ist mein O pfui Was dies für ein
abscheulicher Zwang ist den man sich antun muss und was es Dich Mühe kostet
um mich zu erhaschen aus einem Labyrinth worin mich mein Schicksal stürzte
Aber wie es Dir denn auch einstens so wohl als mir göttlich schmekken wird das
errungene Pfand Deiner deutschen Biedermannsliebe Deiner Vernunft und Deiner
männlichen Festigkeit Diese Hindernisse versüßen den Wert unserer Liebe bis
zum unauslöschlichen Eindruk Fritz Sässe ich nur mit Dir im Luftballon o
dann wollten wir schäkkern mehr als heute eh wir in die Gesellschaft gingen
wo ich mit Dir so kindisch tändelte
Der blonde Puder den ich Dir mit Gewalt aufdrang stund Dir doch
allerliebst nur ein Bischen philosophischer Eigensinn glänzte daran weil Du
ihn wieder mit Gewalt wegwischtest ist aber auch kein Wunder Du weißt dass
Dein Köpfchen ohnehin genug Eroberungen macht Du brauchst seine Schale nicht
zu zieren der Kern ist reizend genug für denkende Mädchen Freilich gibt
es nicht viele denkende Mädchen aber ich dächte Du solltest es unserem
Geschlecht verzeihen denn das Deinige hält uns ja nicht zum Denken an Lebe
wohl bester edelster Jüngling lebe für Deine zärtliche
Nina
XLIII Brief
Teurer Schreiben kann ich beinahe nicht aber für Dich und mich zittern
Um Gotteswillen beruhige Dich kann Dich meine Liebe nicht sanft machen O
dann helfe mir Gott Du sagtest einmal Stolz müsse nicht über Liebe siegen
aus Barmherzigkeit beruhige Dich Kannst Du die unbedeutenden Sticheleien
eines elenden Kerls nicht vergessen Kannst Du einen Schark nicht verachten
lernen der keiner Verteidigung wert ist Kannst Du Deiner Hizze nicht
Gewalt antun wenn sie sich gegen einen Unwürdigen empört Dein edler Stolz
Dein Ehrengefühl machen Dich verehrungswürdig aber aus Liebe um Folgen
auszuweichen um Dein Weib nicht unglücklich zu machen verschwende dieses schöne
Ehrengefühl nicht an den Nichtswürdigen Sei Philosoph sei denkender Mann
sei Gatte sei Freund und erbarme Dich meiner Angst
Komm so geschwind als möglich zu mir sonst tötet mich Kummer und
Ungewissheit O sei milde gegen Deine
Nina
XLIV Brief
Hast Du Wort gehalten Liebchen Hast Du Dich nun so gut als möglich
beruhigt über eine Sache die nicht länger verdient dass Du Deine und meine
Gesundheit daran wagest Sei immer empfindlich für Ehre aber gegen ehrliche
Leute und nicht gegen Schufte die Dich nicht beleidigen können Gott Was Du
gestern so krank warst was Du mich dauertest und was mir bange wurde bei
Deiner schröklichen Verstimmung
Gewiss lieber Fritz es braucht bloß meine Liebe meine Empfindsamkeit meine
Herzensgüte um nicht vor mehreren dergleichen Launen zu zittern die Dich und
mich peinigen könnten wenn sie zur Gewohnheit würden Doch keine Vorwürfe
Dein Herz war nicht dabei und Nina will mit Dir alles tragen Sei ruhig ich
beschwöre Dich sei ruhig Du bist von meiner Liebe versichert troz allen
teuflischen Kunstgriffen die sie zu stören suchen Was willst Du denn mehr
Das übrige sind Nebendinge denen Du nicht nachhängen musst wenn Du eine Gattin
schonen willst die es nicht zu tragen vermag Sei ruhig bei dem biederen Namen
Deines liebenden Weibes sei ruhig Fasse Dich bei jedem Anlass wo der elende
Spötter Dir wieder aufstösst Doch Du versprachst es mir ja o Du wirst gewiss
Wort halten Du kannst eine gute Seele nicht quälen
Nicht wahr Fritz Du willst wieder sanft werden Du willst nie wieder so
beharrlich einer übelen Laune nachhängen O die Männer sind doch viel wilder
als wir Man muss sich auch ein Bischen Gewalt antun wenn es Liebe und
Gesundheit gilt Du kennst Dich ja selbst hinlänglich um solche Launen nicht
zu stark einwurzeln zu lassen Doch wozu Moral für einen Fritz der mich und
andere darinnen übertrift
Liebe Liebe will ich Dir aus der Fülle meines Herzens zurufen und Du
wirst ihre Stimme nicht zurückstossen Wenn Du willst so komm heute noch einmal
zu mir ich will schon sehen dass wir uns allein sprechen können Nimm hin
diesen Kuss der feurigsten Liebe
Nina
XLV Brief
Teurer Liebling Warum sah ich Dich heute nicht über die Brükke gehen
Diese Kleinigkeit machte mir Kummer denn ich wusste nicht samt meinem Fernglas
was aus Dir geworden wäre
Wenn Du nur wohl bist wenn Du nur keinen Verdruss hast o dann will ich ja
gerne zufrieden sein Fritz Gatte Besster Einziger ich leide wieder Angst
der leichtsinnige Schark kam heute vom Wohlleben halb taumelnd nach Hause und
sagte mir er hätte sich mit Holbaur gar trefflich unterhalten besonders hätten
sie wieder vieles von mir geschwärmt Sein spöttischer Ton womit er dies
alles aussprach ließ mich vermuten das Verräterei vorhanden sei und gleich
fiel mir Holbaurs schändlicher Charakter ein Schark hatte Lust weiter zu
sprechen aber zum Glükke wurden wir von einigen freundschaftlichen Besuchen
unterbrochen und er verließ mich ohne weitere Erklährung Hat der Bube
Holbaur geplaudert dann soll ihm Gott gnädig sein Wenn er es anders wieder
wagt mein Zimmer zu betreten O dass Du Besster noch nicht öffentlich auftreten
darfst dass Du noch in der Stille mit mir die Schikanen des Lasters dulden musst
das tut mir weh weh bis zu Tränen
Deine Geduld werde ich Dir auch einstens hinlänglich vergelten wenn es
einem armen zerknirschten Geschöpf anders möglich ist Dir Freuden des Lebens zu
verschaffen Sei zufrieden Du Liebling an meinem guten Willen soll es nicht
fehlen macht uns das Schicksal auch Kummer so soll es doch nicht über uns
Meister werden denn wenn auch alle Hoffnungen niedergedonnert werden so bleibt
uns doch das Glük der Liebe
Was machst Du wohl izt Quälen Dich etwa Deine Eltern wieder Herr
Jesus Fritz was das mir fremd ist nicht von den Seinigen geliebt zu werden
Da ich doch die ganze Zeit meines Lebens auch von den unbedeutendsten Geschöpfen
geliebt worden bin Fritz nenne es nicht Eitelkeit es ist vielmehr Hang zum
Frieden den ich mit jedermann stiften möchte und mit Deinen Eltern vollends
die mir um Deinetwillen so großen Wert haben Was kann ich dafür dass meine
Familie nicht reich nicht von stiftsmässigem Adel ist Was kann ich dafür dass
meine Eltern mich so frühe zur Waise machten und einem schröklichen Schicksal
Preis gaben Es war der Vorsicht Werk und die dürfen Christen nicht tadeln
Glaube mir besäße ich Hochmut so würde ich diesen Wunsch der Versöhnung mit
Deinen Eltern unterdrükken aber ich kann es nicht lassen ich muss es Dir sagen
es ist mir fast unerträglich dass sie Vorurteil wider mich haben schon viele
Tränen hat es mich gekostet
Wenn Du sie von meinem Herzen von meiner Liebe von meiner
Rechtschaffenheit nicht zu überzeugen vermagst so sage mir lieber gar nichts
mehr von ihnen denn es geht mir immer ein Stich durchs Herz wenn ich den
Namen derjenigen höre die mich unschuldig von sich stoßen es ist hart Fritz
für ein fühlendes Herz Ungerechtigkeiten zu dulden Lebe wohl und vergiss
nicht Deine liebende Gattin
XLVI Brief
Endlich sind meine Ahndungen erfüllt und der Erzbösewicht Holbaur hat uns bei
Schark verraten folgende Unterredung wird Dich davon überzeugen
Schark
Mit heimlicher Galle
Wie kommts Madame dass Sie heute nicht ausgehen Oder ist vielleicht die
tägliche Zusammenkunft hier im Hause festgesezt
Ich
erschrokken
Zusammenkunft was für eine Zusammenkunft
Schark
Täubchen stelle Dich nicht so unschuldig Dein Gesicht verrät Dich
Ich
mich fassend
Freilich mein Herr so weit habe ich es in der Verstellungskunst nicht gebracht
wie Sie möchte es auch so weit nicht bringen denn ihre Laster
Schark
Donner und alle Wetter Was reden Sie da von Lastern Wollen Sie mich durch
diese Beschuldigungen von meinem Verdacht abbringen Es wird Ihnen nicht
gelingen ich bin zu gut von Ihrer heimlichen Intrigue mit dem jungen G
unterrichtet und wagt er noch einen Besuch dann nehme ich meine Rache an
Ihnen
Ich
Daran tun Sie sehr wohl es ist immer leichter sich mit einem hülflosen Weibe
herum zu balgen als mit der Degenspizze eines ehrlichen Mannes Übrigens
haben Sie mir nichts zu verbieten Sie sind mein Mann nicht
Schark
Aber doch Ihr versprochner Bräutigam die ganze Stadt ist Zeuge und mehr
brauche ich nicht um überall Recht zu finden
Ich
Die Bande die Sie leichtsinnig zerrissen kann eine ganze Welt mit all ihrem
Reichtum nicht wieder knüpfen Mein Herz und meine Vernunft haben ihre eigne
Rechte was kümmert mich das Urteil Anderer ich wähle für mich
Schark
Was Unverschämte Was Jemand andern wählen als mich Wer untersteht sich
so etwas zu sagen Wer
Hier sprang er so wütend auf mich zu als ob er mich erwürgen wollte und
lärmte so laut dass ich um öffentliche Schande in der Rachbarschaft zu verhüten
nachgeben musste
Siehst Du Fritz dass mit dem tollen brutalen Burschen gar nichts anzufangen ist
Sag selbst wer möchte sich ihm widersetzen Und wenn ich es auch wagte was
würde es mich nüzzen Soll ich mich seinen Misshandlungen bloß geben
obrigkeitliche Hilfe anrufen und meinen guten Namen dabei ins Geschrei bringen
Oder Deine Eltern durch solche Auftritte noch mehr in Harnisch jagen Da ist
keine andere Rettung übrig als meine Entfernung
Deine Nina
XLVII Brief
Ich bin gestern im Schreiben unterbrochen worden Du warst doch nicht böse dass
ich so geschwind abbrach Freundin Sch kam auf mein Zimmer und ich musste
schließen Indessen dauern meine Leiden vom gestrigen Auftritt noch immer fort
o ich war die ganze Nacht durch so krank an Leib und Seele dass es kein
Sterblicher außer Dir zu fühlen vermag Du kennst mein Schicksal Du weist mehr
davon als alle Andern und Dich musste gerade das Unglück treffen eine
Misshandelte zu finden sie zu lieben Tage mit ihr durchzuweinen die Du Besster
unter Freude und Wonne zu verträumen verdienst
Nun denn du gütiger Gott im Himmel lass mich dulden an der Seite eines so
gütigen Gatten eines Biedern der es sich zur Pflicht machte mich zu retten
aus den Händen eines Undankbaren der mich im Stillen so grässlich martert
Mein Gott ich spreche jetzt so warm von Rettung gerade als ob ich bloß an
Rettung und nicht an unsere Liebe dächte die doch bei aller meiner finsteren
Schwermut so brennend in meinem Herzen wohnt Vergieb Teuerster wenn Wehmut
mein erstes Gefühl war ich bin Mensch ich bin Weib ich bin schwach ich habe
zu feines Gefühl ich leide schon lange Stüzze mich halte mich wenn ich aus
Schicksal hinsinke zum tiefsten Kummer der so heimlich in meinem Busen wütet
Ich weis dass ich mir um Deinetwillen Selbsterhaltung schuldig bin ich tue
auch alles was ich kann aber ist es meine Schuld wenn es mich bisweilen
übermannt Wenn der Gram in meinem Körper Wirkungen hervorbringt die zu
unterdrükken nicht mehr in meiner Gewalt stehen Ich will kämpfen ich will
dulden ich will leiden aber lange kann es deswegen gewiss nicht mehr dauern es
muss bald brechen oder ich werfe mich Dir öffentlich in die Arme kette mich
fest an Dich und Du magst dann tun was Du willst Meine Liebe wird Dich zum
stärksten feurigsten Mitleiden auffodern Du wirst mir dann aus Barmherzigkeit
eher den Dolch ins Herz stoßen und mein Leben zu meiner Ruhe enden wenn Dir
das Schicksal oder böse Menschen den Weg mit Gewalt abschnitten mich zu retten
Nimm diesen Kuss mit der wärmsten Träne des Kummers gemischt Komm heute
so frühe als möglich und habe Geduld mit Deiner gebeugten
Gattin
XLVIII Brief
Guten Morgen Lieber Besster guten Morgen Bist Du nicht wieder besser O
sage doch zu meiner Glückseligkeit ja Sag es Fritz sonst flieht mich alle
Heiterkeit und dauernder schwarzer Gram wird mein Loos
Muntere Dich auf Teuerster Muntere Dich auf bald müssen sich unsere
Leiden enden Oder zieht sich die Sache noch in die Länge so will ich dich
bitten sie mit Gewalt zu enden Nicht wahr Fritz Du willst Mit diesem
festen Zutrauen in Deine Tätigkeit will ich mich jetzt beruhigen
Als Du gestern fort warst wollte Holbaur noch zu mir mein Mädchen wies ihn
ab der Kerl wird immer dringender bald glaube ich dass er von Schark bestochen
ist Gott im Himmel glauben denn die Elenden dass sie mich von Dir abwendig
machen können Meine Liebe für Dich ist ja so allmächtig meine Guteit und
Dankbarkeit zu feurig als dass ich Dich nicht ewig lieben sollte Sonst wäre
ich ja mehr als Heuchlerinn
Siehst Du wie es mir bei solchen Überlegungen gleich im Kopf stürmt Wie
dieser Kopf meinen Grundsäzzen fest folgen muss weil mein Herz für Alles außer
Dir eiskalt schlägt
Aufrichtigkeit unter zwei Liebenden ist die erste Tugend zur standhaften
Liebe und wenn mich der höchste Richter diesen Augenblick zu sich riefe so weis
ich nichts gar nichts was er und Du nicht wüsstest Kurz wir sind zwo
Seelen die ein Verbrechen an der Natur begiengen wenn wir uns je trennten Ha
Was trennen So etwas ist ja unmöglich und wenn es von meiner Seite je
möglich sein könnte so wollte ich mir lieber das Gehirn an der Wand zum Voraus
versprüzzen als Dich Liebling der Tugend Dich guter braver herrlicher
Jüngling zu hintergehen
Höre diesen Schwur allgewaltige Gottheit zum Zeichen meiner äußersten
Liebe und Du höre ihn auch Fritz von Deiner teutsch gesinnten
Nina
XLIX Brief
HerzensMann Du warst zwar heute fast den ganzen Tag um mich aber glaubst Du
denn dass ich darum satt bin Gränzenlos ist meine Liebe gränzenlos mein
Sehnen nach deinem Busen und gränzenlos sind meine Wünsche nie nie von Dir
getrennt zu sein Sage Trauter warum behagst Du denn meinem Herzen so
ausgezeichnet vor allen Andern die mir ehedessen auch von Liebe vorsagen
wollten Warum bist Du so ganz mein Wiederhall Warum sind wir uns allein
zwischen vier Mauern so genug Ja so genug dass auch nicht der kleinste
Wunsch nach rauschendem Vergnügen weder in Dir noch in mir aufsteigt o Fritz
das sind Vorboten unserer künftigen Glückseligkeit die in vollem Maas auf uns
herab strömen wird wenn kein Zwang uns mehr schrökken kann
Liebe fodert Freiheit Zwang stärkt zwar die eigensinnige Liebe auch aber
sanfte innige Liebe wie die unsrige will sich ergießen können sie will
entfernt sein von der Verleumdung von der Missgunst Der vernünftige Umgang
erhöht die Liebe und gibt ihr den wahren Wert einer ewigen Dauer entfernt sie
von der bloßen Sinnlichkeit Angestekte RomanenHelden fühlen meistens nur
die sinnliche Neuheit der Liebe aber denkende Geschöpfe fühlen ihre moralische
Wonne und wissen sie durch gegenseitiges Verständnis des Kopfes und Herzens zur
Unsterblichkeit zu bringen Sage mir doch lieber Philosoph könnte wohl eine
Liebe wie die unsrige jemals aufhören
Wenn wir uns auch dem Äußern nach einmal nicht mehr neu sind so liegt doch
eine Unendlichkeit von neuen Reizen in unseren Köpfen und Herzen die uns ewig
vor Ekkel schüzzen wird
Wenn dieser Saz nicht Wahrheit entielte unleugbare Wahrheit wenn ich ihn
nicht mit Überzeugung tief fühlte so wollte ich mir lieber heute noch mit
einer Steknadel den Puls an der Stirne durchboren Merke Dir diesen Saz
merke Dir ihn Beim heiligen Gott beschwöre ich Dich merke Dir ihn Es ist
der feurigste den ich je schrieb seitdem ich lebe
Noch eins Schark machte es heute Abend wieder so toll dass ich ihm geradezu
meine baldige Abreise eingestand zum Glük für meine Übereilung war er zu
hochmütig um es zu glauben Ist das nicht ein erbärmliches schwaches
Geschöpf Eine viertel Stunde nach dem Streit wusste er von allen Bitterkeiten
nichts mehr die ich ihm gesagt hatte Wie oft verbot ich ihm schon das
Zimmer und doch drang er sich durch meine Base wieder ein nein da hilft
nichts als meine Entfernung
Gottlob dass Deine Eltern nun auch wieder etwas ruhiger sind Es war doch
immer gut dass wir in der ganzen Sache gelassen und behutsam handelten dass ich
meine angewöhnte Offenherzigkeit ablegte dass ich meine Liebe zu Dir nirgends
verriet
Immer war mir sonst der Grundsaz eigen Liebe nur für Einen Mann ohne
Eigennutz sei Tugend von der man öffentlich sprechen dürfe aber die
Verläumdungssucht hieß mich diese Tugend für mich im Stillen genießen und sie
nicht den Schandmäulern und dem Vorurteil bloß geben Gute Nacht bester
Gatte Gute Nacht
Deine Nina
L Brief
Gerade zehn Uhr und eben hörte ich auf mit aller Begeisterung an Deiner
Philosophie zu deklamiren dieser Aufsaz ist gar zu herrlich geschrieben ich
kann ihn nicht genug lesen Alles ist jetzt Geist Feuer und Seele in mir
Meine Nerven sind zu sehr gespannt mein Blut zu stark in Wallung als dass ich
jetzt schlafen könnte Ich muss diese Gefühle mit Dir teilen lass mich
Liebchen noch ein Bischen mit Dir plaudern
Gestern Abend um diese Zeit lag ich an Deinem Busen genoss alle Wonne bis
der dumme Zufall wo wir glaubten von Schark belauscht zu sein uns beide
schrökte Dank Dir Trauter für den Kummer den Du um meinetwillen trugst
ich will Dir Deine Sorgfalt gewiss wieder vergelten
Ich habe heute so wenig mit Dir tändeln können weil mein Mädchen
Arbeitshalber immer um uns sein musste böse kannst Du über solche Zufälle nicht
sein denn dazu schlägt Dein Herz zu rein auch weißt Du recht gut dass einstens
andere Zeiten kommen werden wo aller Zwang aufhört Wir sollten uns
eigentlich keinen Zwang antun dann noch hat kein Laster unsern Umgang beflekt
Aber es ist nun einmal schon so in der Welt Redliche müssen sich
verkriechen damit Niederträchtige desto freier sündigen können Schark war
heute Abend wieder in einer sehr lüsternen Laune mein schlimmes Kammermädchen
foppte ihn darüber mit der einfältigsten Miene das Mädchen hat Wiz genug ihm
seine Wenigkeit fühlen zu lassen Doch was kümmert mich Schark lass Dich lieber
dafür recht warm küssen von Deiner
Nina
LI Brief
Endlich ist er fort mein Peiniger und ich kann wieder mit Dir sprechen Aber
denke nur Schark foderte durchaus einige Briefe zu lesen die Du an mich
schriebst und als ich sie ihm versagte dann wurde er finster und schwermütig
Einstens täuschten mich diese Grimassen aber jetzt nicht mehr er sündigte
lange genug auf mein gutes Herz hin nun mag er auch büßen ich bin kalt wie
der Tod für seine Winseleien Er hat mich beschimpft mich elenden Kreaturen
an die Seite gesezt er ist nun öffentlicher Wollüstling und meiner ganz
unwürdig Bei der Gefahr mich zu verlieren fühlt er erst den Wert meines
redlichen Herzens oft vergab ich ihm oft duldete ich im Stillen aber sobald
er mich versöhnt glaubte dann blieb er der alte Wollüstling
Fritz bei meiner Liebe sei es geschworen dass ich die Wahrheit rede hätte
ich meine Gutherzigkeit an einen bessern Jungen verschwendet dieser Undank würde
mir nie zu Teil geworden sein ich würde mir ein Geschöpf gebildet haben das
mein Leben hätte beglückken können
Aber auch gut dass es so gekommen ist sonst hätte ich ja Dich nicht kennen
gelernt Dich Einziger den ich so feurig liebe O wüsstest Du was alles für
Unerträglichkeiten in Scharks Charakter liegen die ich erst jetzt recht kennen
lerne Du würdest Dich wundern dass es solche Menschen geben kann die von ihren
Leidenschaften hin und her getrieben werden Hochmut Dummheit Widerspruch
Drohungen Grobheiten Schimpfreden Geiz sind die Gesellschafter seiner meisten
Launen
Besserung ist bei ihm wohl wenig mehr zu hoffen Unglück allein könnte ihn
vielleicht bessern der Himmel schenke ihm Selbstkenntniss und baldige Erinnerung
seiner Fehler
Liebchen lass mich gleich wissen wie es um Deine Gesundheit steht Gott
Wenn Du nur nicht etwa recht krank wirst Ich wäre die verlassenste die
ärmste die elendeste unter allen Weibern O Allgütiger erhalte ihn Erhalte
ihn zum Trost seiner armen
Nina
LII Brief
Abends um zehn Uhr
Nicht wahr lieber guter Fritz gestern um diese Zeit war ich recht glücklich an
Deiner Seite genoss alle die Wonne die Deine Liebe und Dein gutes Herz für mich
aufbewahrt hatte Und heute O das war wieder ein verwünschter Abend Ich
saß tiefsinnig am Fenster während als Schark mit meiner Base zu Nacht speisste
ersterer hieß mich zu sich sizzen und ich tolles unverstelltes Ding tat es
nicht Dann brach er in die abscheulichsten Grobheiten aus die ich mir durch
meine Unvorsichtigkeit zugezogen hatte Ich träumte da gerade von Dir und
hätte um Alles nicht loskommen können von dieser süßen Träumerei O Du lieber
Einziger Musst mich doch bald retten ich beschwöre Dich Denn jeder Tag
denk Dir dies Wort jeder Tag droht mir Misshandlung Sieh Liebchen ich kann
es fast nicht mehr aushalten Du wirst Du kannst Deine Nina nicht mehr länger
leiden lassen Eine ungedultige Träne von mir verweint wäre Deinem
empfindsamen Herzen gewiss ein schröklicher Vorwurf Ich muss bald von hier weg
bald
Aber weißt Du auch lieber Fritz dass Du heute wieder allerliebst in Deinem
Umgang warst Mir ist immer bange dass Du in meinem Umgange nicht alle die
schwärmerischen Reize entdekkest die ich in dem Deinigen finde Dank sei nun
freilich meiner lieben Einbildungskraft die mir alles bis zum
unwidersprechlichsten Zauber an Dir malt Ich bin auch so zufrieden mit meiner
Wahl dass es vielleicht wenige begreifen würden die nicht so lieben wie ich
liebe Du bist aber auch der Jüngling der leicht ein Mädchen finden würde
aber eine Liebe wie die meinige die täglich mehr wächst daran zweifle ich bei
der jezzigen Welt Wir sind in unserem Umgang wie zwei Kinder zanken weinen
küssen moralisiren schäkkern alles wechselt so artig unter uns ab das werden
Tage werden Das werden Freue Dich Lieber freue Dich ich will mich auch
freuen und nun Millionen Küsse zur guten Nacht von Deiner
Nina
Eine verwünschte Nacht war das Fritz eine schlaflose abscheuliche Nacht
Erst um ein Uhr legte ich mich zu Bette und vergaß die Fenster zu zumachen da
flog das Ungeziefer herein und quälte mich die ganze lange Nacht durch Du
weißt dass mein Zimmer aufs Wasser geht und aus dieser Ursache fast immer mit
stechenden Mükken angefüllt ist wenn ich nicht gleich mit Sonnen Untergang die
Fenster zuschliesse In Zeit drei Stunden war mein ganzes Gesicht
angeschwollen und kein Auge konnte ich vor Schmerz schließen dann kam über
alles dieses noch ein starkes Donnerwetter dazu und schrökte mich auch ein
Bischen Als sich das Wetter verzogen hatte sprang ich mit rasendem Zorn aus
dem Bette und legte mich auf den harten großen Sopha dahin dachte ich mir
werden gewiss die Mükken nicht so leicht kommen weil der Sopha im Nebenzimmer
steht aber umsonst auch da fanden mich die heisshungrigen Tiere Du kannst
leicht denken wie es mir auf diesem harten Lager behagte Ich glaubte alle
Knochen zu verlieren konnte es durchaus nicht länger aushalten schlug Licht
und beschreibe Dir jetzt die tolle Nacht Der Schlaf drükt meine Augen sehr
schwer aber was mich noch am meisten ärgert ist das abscheuliche Schnarchen
meines Nachbars der an der Seite seines leiben Weibchens wie ein Kloz ruhig
fort schläft seine zähe Haut fühlt das giftige Beissen des Ungeziefers nicht
Wie er so glücklich ist der flegmatische Dummkopf dass seine kalte Seele so
kummerfrei die gütige Gabe des süßen Schlafs genießen kann der mir nicht
gegönnt ist O ich bin ärgerlich bis zum Unsinn Gestern Abends plagte mich
ein zweifüssiges Insekt und diese Nacht saugen viele hundert andere mein Blut
heraus Wärest doch Du nur da dann wollte ich noch gerne alles dulden ich
wollte mir mein wundes Gesicht von Deinen Küssen abkühlen lassen aber so bin ich
mit Röschen ganz allein in der melankolischen Morgendämmerung höre das
halblaute Gezwitscher der aufwachenden Vögel und grüße Deine lieben großen
geschlossnen Augen mit dem feurigsten Kuss eines guten Morgens in meinen Gedanken
Wache doch auf HerzensJunge Wache auf Deine Nina ruft Dir
Faullenzer wie gut Dir der Schlaf schmekt wie Du Dich wieder herumdrehst und
nicht ahnden willst meine Küsse Ha Eigennüzziger das tust Du mit Fleiß
damit ich wakker drauf los küssen soll und Du Deinen Vorteil dabei findest
Aber warte jetzt will ich Dich anfangen zu kneipen bis Du aufwachst Wenn
ich nicht schlafen soll darfst Du auch nicht schlafen wenn mich die Mükken
beißen sollst Du Dich auch beißen lassen wenn ich küssen und schäkkern will so
sollst Du auch mit mir küssen und schäkkern oder Du bekömmst Schläge ja ja
Schläge ich bin heute stark genug dazu denn meine Glieder ruhten ja aus
Müsste ich heute nicht ausgehen ich legte mich am hellen Tage schlafen und
schliefe bis Du kämst und mich durch Küsse aufwektest Sei nicht böse über diesen
kindischen Brief Du kennst ja meine Launen äußerst munter oder äußerst
traurig Vergiss Dein gutes Weibchen nicht
LIII Brief
O Du herrlicher herrlicher lieber Fritz Was heute unser Umgang wieder so
häufig abwechselte und sich in selige Unterhaltungen einteilte in
Unterhaltungen um die uns eine Welt beneiden würde wenn sie Zeuge sein könnte
von den göttlichen Stunden die wir durchleben
Dank Dir Guter für Dein Gefühl mit dem Du zu Hausse giengest und an mich
schriebst aus einem Herzen schriebst worinnen Engelsgüte wohnt
Hier gebe ich Dir wieder eben so viele Küsse zurück sie kommen von Deiner
Nina die ihr Glük durch Deine Liebe zu tief fühlt um es beschreiben zu können
O Du edelster guterzigster anbetungswürdigster junger Mann Um den
mich Engel beneiden müssen gewiss beneiden Du übest Deine Wohltaten im Stillen
aus O die gestrige gute Handlung die Du vor meinen Augen unternahmst hat Dir
in meinem Herzen ein ewiges Denkmal errichtet Ha Du guter guter Fritz lass
mich an Deinem Busen aller anderer Menschen Bosheit vergessen die mich mein
ganzes Leben hindurch so oft kränkte
Aber vergiss ja nicht über jede Stunde unsrer Unterhaltung nachzudenken und
dabei ein Herz wie das meinige zu untersuchen dessen Liebe ewig ewig nur
für Dich glüht Um diese Aufmerksamkeit bittet Dich Dein gutes Weibchen
Gott segne unsre Liebe schlaf wohl und sanft teuerster liebenswürdigster
Gatte Träume alle Auftritte unserer Liebe wieder lebhaft zurück die wir
heute mit einander genossen und teile dann Dein Entzükken in Gedanken mit Deiner
Nina
LIV Brief
Schwerlich lieber Fritz wird sich der Schurke Holbaur wieder unterstehen mein
Zimmer zu betretten meine Hizze hat mich übermannt ich habe ihm derb die
Wahrheit gesagt wie Du aus folgender Unterredung sehen wirst Nun mag er
Galle speien der Elende so viel er will ich konnte mich unmöglich mäßigen
Holbaur
Wie ein wahrer Wollüstling Guten Tag Guten Tag mein Engel Wie gehts
wie befinden Sie sich
Ich
Dies brauchen Sie doch wohl nicht erst von mir zu erfahren Scharks Vertrauter
ist ja ohnehin von allem unterrichtet was bei mir vorgeht
Holbaur
Wie so meine schöne Göttinn
Ich
Herr Ich verbitte mir diese vertrauliche Sprache Übrigens mögen Sie sich
ihre Frage selbst beantworten ich bin nicht gewohnt Mannsleuten die in
Weiberrökken stekken Vorwürfe zu machen
Holbaur
Also wohl gar böse auf mich Ei ei womit hätte ich mir denn dieses Unheil
zugezogen Hat vielleicht Schark seine Klappereien auf mich schieben wollen
wovon er der Urheber ist
Ich
Er oder Sie Sie oder Er das gilt mir gleich Es ist immer schändlich wenn
sich Mannsleute mit Ohrenbläsereien abgeben
Holbaur
Keine Regel ohne Ausnahme nicht allzeit meine Besste sind Warnungen
Ohrenbläsereien besonders wenn sie das Wohl eines Freundes betreffen
Ich
Seit wenn sind Sie denn so gewissenhaft gegen Ihre Freunde geworden Ist
Schark ein unmündiger Knabe dass Sie ihm mit teuflischer Bosheit Grillen
einhauchen mussten Was kümmert Sie meine Bekanntschaft mit G
Holbaur
Herausplazzend O sehr viel Madame Sehr viel kümmert mich Ihre
Bekanntschaft mit G Sich wieder fassend Denn sehen Sie der junge Mann
taugt gar nicht für Sie er wird Sie gewiss nicht heiraten ich kenne die
Verhältnisse worunter er schmachtet und ich wette mein Leben er muss seiner
Familie nachgeben
Ich
O sagen Sie doch lieber ich wünsche es dass er seiner Familie nachgibt denn
an Ihren Bemühungen fehlt es gewiss nicht wenn er es nicht tut O ich kenne
Ihre Sprache die sich nach allen Tönen zu stimmen weiß
Holbaur
Aber mit Ihrer Erlaubnis meine Schöne doch immer mit Wahrheit und
Aufrichtigkeit begleitet
Ich
Bei Gott Ich bin mehr vom Gegenteil überzeugt
Holbaur
Wie so Wie so Sie würden doch Ihre schönen großen Augen stark aufreißen
wenn ich Ihnen jetzt gleich mit der untrüglichsten Wahrheit versicherte dass der
junge G mit einem überaus reizenden Mädchen in sehr engem Verständnis
Ich
Nicht ausgeredt Verläumder Oder bei Gott Sie sollen mich kennen lernen
Holbaur
Schon wieder brausen Ich ich wollte ja nur sagen dass G leztin mit
einigen Frauenzimmern sehr vertraut schäkkerte
Ich
Mit Wut Lügen Höllische Lügen sind das Ich kenne sein Herz noch eine
verdächtige Silbe von ihm und ich werfe Ihnen alles an Kopf was mir unter die
Hände kommt
Holbaur
Hu Hu was Sie eifersüchtig sind Ist dann der alberne Junge auch so viel
wert
Ich
Ganz außer mir Elender kein Wort weiter Kein Wort weiter das rate ich
Dir und nun fort aus meinem Zimmer niederträchtiger EhrenBandit Hier
weigerte er sich mich zu verlassen Dann griff ich Ihn rükwärts bei den Haaren
und schleppte ihn bis zur Türe laut schreiend würde ich ihm bis über die
Treppe gefolgt sein wenn mich nicht Röschen mit Gewalt zurück gehalten hätte
Fritz ich bitte Dich um Gotteswillen schaffe mir vor dem Kerl Ruhe sonst
vergreife ich mich noch an ihm Deine
Nina
LV Brief
Das war wieder eine jammervolle schrökliche Nacht Fritz ende Deine
eifersüchtigen Vorwürfe wegen Schark oder Du bringst mich ins Grab
Hatte ich nicht gestern mit dem Buben Holbaur Verdruss genug War das von
Dir vernünftig sich so zu vergessen und mir bittere Dinge zu sagen Musstest Du
auch noch kommen und mir den letzten zufriedenen Gedanken wegstehlen
Überdenke heute bei kälterem Blute unsere Lage vergiss nicht einen Blick auf die
Folgen zu werfen die daraus entstehen könnten und zittere
Du kennst meine Rasereien wenn ich anfange Du weißt zu welchen Torheiten
ich fähig bin wenn Dein Misstrauen und Dein beleidigter Stolz fortfährt auf mich
loszustürmen Ist es denn meine Schuld dass ich noch hier bin Ist es nicht
die Schuld der Umstände dass meine Abreise noch auf wenige Zeit verschoben
werden muss Und kann ich meine Base zwingen dass sie dem Schark unser Haus
verbietet
Noch mehrere solche ungerechte Vorwürfe Fritz und ich stehe weder für
Scharks noch für mein Leben Der Gedanke dass meine feurige Liebe von Dir
verkannt wird machte mich so hart so wahnsinnig dass mir mein Leben um eine
Steknadel feil würde Ich habe Schark mit aller Gewalt zu einer Zänkerei
zwingen wollen ich hätte ihn gerne aus Verzweiflung mit Vorsaz verleitet mir
ein Messer ins Herz zu stoßen so sehr war ich meiner Lage müde Zum Glükke
donnerte ihn meine Wut zusammen dass er weggieng und staunte Nenne es immer
sträfliches Extrem aber wer brachte mich dazu Wer ist sträflicher ich
oder Du Gott Was hast Du mir für herzangreifende Vorwürfe gemacht Du
sprachst mir alles Gefühl ab nanntest mich eine Lieblose eine Undankbare und
das bloß weil mir ein unbedeutendes Wort über Schark entwischte dass Du zu
seinem Vorteil auslegtest Du bist wahrlich überzeugt dass ich die wenige
Nachsicht die ich gegen Schark brauche bloß aus Politik brauchen muss Du musst
davon überzeugt sein sonst würde ich Dich verachten wenn Du mich ohne diese
Gewissheit lieben könntest
O Fritz Fritz ist es möglich dass Du so lange Zeit aus Liebe nachzugeben
wusstest und jetzt auf einmal überfällt Dich eine höllische Eifersucht Sei
sanft sei vernünftig um Deines guten Herzenswillen bittet Dich Deine
Gattin
LVI Brief
Teurer Fritz So süß auch gestern unsre Versöhnung war so hat sie doch den
tiefen Gram der mich seit einigen Tagen wieder so schröklich drükt nicht ganz
aus meiner Seele getilgt Ich taugte wohl besser ins Grab als an Deine Seite
wo Dir das Bischen Vergnügen durch tausend Schiksale vergällt wird Kein Tag
keine Stunde genießen wir ganz ruhig mitten unter dummen und bösen Menschen
verstreichen unsere schönsten Augenblicke und mit ihnen unsere Gesundheit
Ich bin außer mir wenn es nicht bald zu Ende geht Ich kann diese
Verfassung beim Allmächtigen seis geschworen nicht länger ertragen Und doch
muss ich alle Stärke zusammen suchen um den Ausgang abzuwarten O wenn Du
mich liebst so verschone mich diese Zeit über versezze mir nicht den letzten
schröklichsten Todesstoss durch Dein Misstrauen Sei barmherzig bei Deinem
Ehrengefühl beschwöre ich Dich sei barmherzig Sei mein Führer mein Tröster
sei gut sei gedultig sei Mann ich will Dir es tausendfach lohnen Die
Wehmut lässt mich heute nicht weiter schreiben
Nina die gekränkte
LVII Brief
Innig geliebter Gatte Endlich ist meine Laune wieder etwas heiter Was
dachtest Du heute wohl von mir Meine Augen haben dünkt mich mehr
gesprochen als sonst wenigstens hiengen sie wonnetrunken sehr lange an den
Deinigen Siehst Du wie mein Zutrauen wächst Folge fein meinem Beispiel
hörst Du
Fritz wie viele Briefe hast Du wohl schon von mir ich habe von den Deinigen
über fünfzig Stükke Es sind lauter teure Pfänder Deiner Liebe redende
Beweise Deiner Zärtlichkeit und feurige Versicherungen Deiner Standhaftigkeit
nie sollen sie aus meinen Händen kommen diese reizende Gemälde Deiner schönen
Seele
Heute habe ich auch wieder Deine Haarflechte frisch geflochten die ich Dir
mit eigener Hand aus Deinen langen Haaren heraus schnitt O diese Haarflechte
ist gerade so weich wie Dein Herz Mein Röschen ist ein loses Ding sie
machte mich mit ihren Schäkkereien fast närrisch immer schrie sie während als
ich die Haarflechte frisch auskämmte geben Sie doch Acht es tut Ihrem Fritz ja
weh Dann zukte ich wieder während dieser Arbeit mit einem lauten Schrei
worüber sie sich fast zu Tode lachte
Ich bin dem Mädchen recht gut weil sie ziemlich viel von Dir zu sprechen
weis Stunden lang schwazt sie mir von Dir vor ist das nicht ein gutes braves
Röschen Komme morgen recht frühe damit ich Dir Millionenmal sagen kann
wie sehr Dich liebt Deine
Nina
LVIII Brief
Trauter als mich der gütige Schöpfer schuf war Liebe und ihre Glükseligkeiten
seine erste Gabe die er mir mitteilte und in die Seele hauchte Liebe
empfand ich schon lange mit allem ihrem Kummer aber ihre Glückseligkeit
entfernte sich von mir bis ich den Redlichsten bis ich Dich kennen lernte
Du hast nicht Unrecht wenn Du behauptest dass ich noch nie so geliebt
worden bin O Du Vortreflichster lass mich mein Glük öffentlich ausschreien
lass meinem vollen mit Wonne angefüllten Busen Luft damit ich die Gefühle
meiner seligsten Hoffnungen hinsagen kann den eiskalten Geschöpfen die meine
Entzükkungen nur bloß in der Ferne anstaunen dürfen
Dank Dir für den heutigen Tag den ich wieder so ganz Liebe an Deiner Seite
hinbrachte Ich trug eine schwere Last im Herzen als Du kamst aber wie ein
Engel des Trostes hobst Du mir sie weg und spieltest mich in eine Laune die ich
nicht um ein Königreich vertauscht hätte
O Du Guter was Du nachgiebig und sanft sein kannst wenn Du nur willst
Du hast zwar ganz Recht dass Du nicht alle Tage so bist sonst würde ich immer
mit mir selbst hadern dass ich Dein herrliches Betragen nicht erwidern könnte
Heute war ich wieder in Deinen Armen so verloren im Taummel der reinsten Freude
und auch so ganz ohne Furcht ohne bange Ahndung dass ich mich beinahe in einer
andern Welt dünkte Gewiss unterhielten wir uns wieder herrlich Es war kein
augenbliklicher Sinnenrausch wie bei den meisten Liebenden der uns entzükte
Vernunft Seele alles nährte sich dabei und muss sich ewig dabei nähren
Nicht wahr lieber Fritz wir wollen immer so gut mit einander leben So
ganz Guteit einander nachgeben und verbannt sei nun auf ewig aus unsrem Umgang
Deine Eifersucht und meine zu starke Empfindsamkeit Nie sollst Du mich
wieder so sehen das verspreche ich Dir heilig
Noch eins Schark laurte schon am Fenster als ich heute zu Hause kam aber
merkte nichts Gott gebe dass Du Dich eben so heiter schlafen legest als ich
dann bin ich glücklich Vielleicht träumst Du jetzt mit einer Pfeife Tobak im
Munde von mir Tust Du dies gewiss O ich fühle es diese warme Ahndung
strömt meinem Herzen zu und bürgt mir für die Wahrheit meiner Vermutung
Gute Nacht Aller Segen des Himmels auf mein Liebchen Gute Nacht sagt
Deine
Nina
LIX Brief
Innigst Geliebter ich habe Dir gestern in einer Stunde mehr gesagt als ich Dir
in Jahrhunderten schreiben kann Oder war es etwa nicht so Du unersättlicher
Schwärmer Warst Du wohl jemals gegen ein anderes Mädchen ein so warmer
gefühlvoller Junge Ist es etwa für meine Eitelkeit zu viel Triumpf wenn ich
das allerliebste Nein so gerne über diesen Punkt aus Deinem Munde höre
Wenn man sich der Liebe nicht freuen darf wenn man über ihre herrlichen
Entzükkungen nicht nachdenken soll o dann ist sie ja bloß Begierde und ich
hasse Begierden ohne die Begleitung eines feinen denkenden Gefühls Unsere
Liebe hat den ächten dauerhaften Gang wir wollen ihr folgen aber auch Du
lieber Fritz musst Dich ein Bischen ändern Lass doch nicht immer Deinen
feurigen Kopf und Deine reizbaren Nerven sprechen sei im vollen Verstand Herr
über Deine Leidenschaften Du kannst es ja wenn Du nur willst die Liebe macht
Dich biegsam wenn Du ihr nur Gehör geben willst Wir wollen uns doch nicht
ferner mit Grillen martern willst Du Ich fodere dies kleine Opfer Deiner
Vernunft jetzt durchaus bis das Verhängnis uns näher vereinigt Das
unglückliche Schicksal soll nicht Meister über uns werden nein durchaus nicht
ich würde mich schämen ihm nachzugeben Wir wollen von nun an Zank und alle
gefährlichen Auftritte zu verhüten suchen die Dich und mich gränzenlos elend
machen könnten Dein Weibchen lebt und atmet ja nur für Dich für Deine Liebe
Nina
LX Brief
Du lieber Gott Was war das gestern wieder für ein verstimmter Abend Es ist
gerade als ob wir beide eine Zeiter verhext würden Ich mag Dir Ruhe
vorpredigen so viel ich immer will es nüzt nichts Gott im Himmel wie
können Schiksale Menschenherzen verstimmen Ich kannte Dich kaum mehr
Faulheit weniges Gefühl zwei Worte die ich gestern wieder so oft hören musste
Ein anders minder liebendes Weib hätten diese garstigen Ausdrükke wohl zum
Brausen verleitet aber ich blieb gelassen weil mein Herz Deine Entschuldigung
übernahm
Sag Unbesonnener Seit wann habe ich denn dies alles verdient Warum
schreibst Du den Eifer über das ehrabschneiderische Volk auf meine Rechnung
Oder noch besser warum warst Du unvorsichtig genug mir so etwas zu
hinterbringen Darf ich meine Gefühle nicht mehr an Deiner Seite ausweinen
Ich sah Dich stumm und finster das machte mich verdrießlich weil ich Dich doch
schon so oft bat Dir in meinem Umgang Gewalt anzutun Bin ich denn nicht so
viel wert Ist es nicht Deine Pflicht jede Zänkerei in ihrem Ursprung zu
erstikken Aufbrausen und davon laufen ist dann immer Deine löbliche
Gewohnheit und die Früchten davon Verzweiflung und schlaflose Nächte für Dich
und für mich
Meine ganze Seligkeit liegt bloß in Deinem Blikke und da dieser eine
Zeitlang her so düster ist so ist es ganz natürlich dass ich auch verstimmt
werden muss Bin ich denn von mir selbst so gallsüchtig gabst Du mir nicht
immer den ersten Anlass dazu Ich hoffe dass Du bald anfangen wirst mein Herz
zu schonen Der Himmel lasse uns heute wieder Friede finden das wünscht von
ganzer Seele Deine
gebeugte Nina
LXI Brief
Liebster Besster Wie hast Du geschlafen Das war doch brav dass Du mich
gestern Abend nicht mit blutendem Herzen zu Bette gehen ließest Lieber Fritz
wenn ich Dir teuer bin laufe mir nur nicht wieder davon wenn wir uns ein
Bischen zanken denn das Davonlaufen ist mir unerträglich
Leicht wie eine glückliche Braut ging ich gestern Abend nach unserer
Aussöhnung zu Bette aber ein Schrekken der mir durch alle Glieder fuhr wekte
mich wieder plötzlich auf Dass doch bei jedem Zufall Du mein erster Gedanke
bist Gott Ist das etwa mein Fritz Schrie ich laut sprang ans Fenster
und hörte die ächzende Stimme eines Sterbenden den man mit einer Wunde vorbei
trug Sein Röcheln machte mein Blut erstarren Du lagst mir noch im Sinne ich
horchte aufmerksam um den Ton der Stimme zu entscheiden zum Glükke aber war sie
mir fremd diese Stimme und Mitleiden mit dem Sterbenden trat jetzt an die Stelle
der Verzweiflung
Demungeachtet folterte mich Ungewissheit ich brach in lautes Wehklagen aus
meine erhitzte Einbildung zeigte mir fürchterliche Dinge ich sah Dich in Deinem
Blute schwimmen Röschen hatte wieder die halbe Nacht durch an mir zu trösten
Schreibe Dir diese Ahndung fest ins Herz wenn Dir etwa einmal Schark
aufstossen sollte Erinnere Dich meines JammerGeschreis bei so einem
Auftritte und schwöre mir beim heiligen Gott Deine SelbstErhaltung in jedem
Falle Meine Furcht mag Dir jetzt da es noch Zeit ist Bilder vormalen sie
mag Dir sagen dass, wenn Du Dich je in einen Streit einliessest ich dann wie
eine Rasende meinen letzten Hauch mit dem Deinigen vereinigen würde
Lebe wohl Teuerster Ich schreibe dieses Briefchen unter Furcht und Angst
überfallen zu werden bin aber demungeachtet ewig ewig Dein trautes
Weib
LXII Brief
Fritz kannst Du es verantworten mich wieder so zu misshandeln Unschuldig so zu
misshandeln Ich habe bei der gestrigen Mahlzeit weder geschäkkert noch
gelacht und am allerwenigsten wie Du sagst geschwelgt davon ist ja die ganze
Gesellschaft Zeuge die mich in Deiner Gegenwart über meine schwermütige Laune
aufzog Ich hatte über den lüsternen Buben der an meiner Seite saß eben so
wohl Galle als Du und bitter waren meine Antworten die ich ihm gab aber
nicht leichtsinnig
Wenn Dich der elende Kerl durch seine Zudringlichkeit beleidigte was kann
ich dafür Gieng mir sein Betragen nicht durchs Herz Ich bitte ich
beschwöre Dich sei vernünftig bedenke wohl was Du tust Du bist mir
Pflichten schuldig und darfst sie ohne Niederträchtigkeit nicht verlezzen dann
ich verlezze sie bei Gott auch nicht Dein Zweifel an meiner Liebe ist
Höllenverbrechen das Dir Satan eingegeben hat Willst Du mich mit Gewalt zur
elenden Kreatur erniedrigen dann wird diese lieblose Beschuldigung ein Werk
vollenden dass meine Lebenstage so geschwind als möglich abkürzen soll
Beruhige mich wenn Du nicht ein undankbares Geschöpf bist wenn ich Dir
nicht einstens in der Todesstunde noch fluchen soll Wie kannst Du gegen Dein
Weib so hart sein die Dich ewig mit aller Deiner übelen Laune doch lieben wird
Fritz habe ich dies wohl um Dich verdient Du machst mich elend bei Gott
äußerst elend wenn Du mich nicht recht bald beruhigst Ich muss Dich heute
sprechen ich muss sonst sollst Du das entschlossene Weib kennen lernen
Nina
LXIII Brief
Guten Morgen liebe Seele Wie ist Dir Um Gotteswillen wie ist Dir Mir
war gestern Abend gerade als stieg ich in einer Todesangst vom Schaffot
herunter Ich fühlte die Erstarrung meiner Glieder und tiefen stummen
Schmerz der an Wahnsinn gränzte Mein Gehirn war durcheinander geworfen
meine Vernunft zerknikt und siedheiss mein Blut
Du dauertest mich Armer und ich konnte Dir doch nicht helfen Sei ruhig
einziger Liebling meines Herzens Nina hat gewiss nie aufgehört Dich zu lieben
Ich bin heute wie zusammengeschlagen aber dabei so ziemlich ruhig sei es doch
auch Fritz sei es auch meine Glückseligkeit fodert es von Dir
Bei den heiligen Gattenpflichten fasse Dich sonst wird meine Abreise noch
immer mehr und mehr verschoben
Übrigens kümmere Dich um nichts weiter so kühn die Anschläge der
Wollüstlinge auch immer scheinen so wird es doch keiner wagen sich mir zu
nahen Die Lasterhaften können wohl ihre Zähne blökken aber beißen dürfen sie
nicht sonst tritt man sie mit dem Fuß zurück Also ruhig und keine Sorge wenn
es aufs Äußerste kommt so sollst Du Deinen Charakter nicht mit ihnen
besudeln Dann reise ich in einigen Tagen fort und hiemit Punktum
Deine liebe Gattin
LXIV Brief
Rosental den 19ten Oktober
Teuerster bester Gatte Untersuche den Kummer bei unserer Trennung in
Deinem eignen Herzen und Du wirst den Wiederhall des meinigen finden Sezze
dann von meiner Seite noch weibliche Furcht Zagheit und Schwäche meines
Geschlechts hinzu und mein Gram wird den Deinigen überwiegen
Nun bin ich entfernt von Dir auf einmal entfernt von der Wärme eines
Busens an den ich mich jede Stunde des Tags vertraut anschmiegen konnte Noch
ist mir alles Traum noch bin ich zu wehmütig um an die Möglichkeit dieser
Trennung denken zu dürfen
Wir kamen in unserer Einsidelei glücklich an die Leute empfiengen uns gut
und Röschen suchte mir den Kummer vom Herzen wegzuschäkkern aber für diesmal
ist es ihr nicht gelungen Gestern Abend konnte ich nichts tun als staunen
und weinen über eine Trennung die mir schröklich schwer fallen wird Zanke
mich nicht Fritz ich musste weinen wie ein Kind und was ist denn auch meine
Gesundheit gegen den süßen wollüstigen Leiden einer zärtlichen Sehnsucht Ich
will ja gerne ruhig werden aber gewiss nicht eher als bis ich an Deiner Seite
bin ein Weib ohne Mann ist ein schwaches Pflänzchen das jeder Sturm
niederreissen kann Wie stehts um Deine Gesundheit Gott Du sahst so blass
aus als Du mir den letzten nassen Kuss aufdrüktest Halte Dich gesund denn wenn
Du sinkst so bin ich unwiederbringlich verloren
Die Liebe mag Dich jetzt zur Tätigkeit anfeuern wenn es Dir nicht vor
meinem Grabe schaudern soll das ganz gewiss meiner wartet wenn meine
Lebhaftigkeit durch zu lange Trennung getäuscht würde Bang ist mir schon
ein Tag aber unausstehlich eine Woche Entfernung von Dir Doch das Schicksal
will es und ich darf nicht dagegen murren Auch darf ich Dich wohl an keine
Pflichten erinnern Du weißt dass mein Loos das schröklichste wäre wenn Dich je
Menschenbosheit zur Veränderung stimmen könnte Ich bin jetzt so ganz Zutrauen in
Dich verkenne nicht den ehrlichen Mann der mich rettete und jetzt an mir so
handeln wird wie ich es von Deinen herrlichen Grundsäzzen erwartete
Einem weniger Edlen hätte ich mein Schicksal nicht anvertraut und ich bin
versichert dass, wenn auch die Hölle sich öffnet Du dennoch standhaft bleiben
wirst Immer hieltest Du mich für zu schwach um mich von der unwürdigen Base
und Schark loszureißen hast Du denn bei meiner heimlichen Abreise nur eine
einzige Spure Schwachheit erblikt Menschheit war es die sich in mir empörte
und sonst nichts Willig ließ ich mich von Deinem Arm leiten und wenn Du mich
auch zum Tode geführt hättest gleich viel
Du kommst also in einigen Tagen Kömmst zu Deiner Nina die einsam auf
dem Lande sich bloß mit dem Gedanken an Deine Liebe nährt kommst an den Busen
Deines treuen
Weibes
LXV Brief
Rosental den 21ten Oktober
Lieber HerzensGatte Ist das nicht zum tot ärgern gestern kam die Post
nicht und ging auch nicht ab folglich blieben unsere Briefe liegen und wir
erhalten sie erst heute Montags kannst Du mir schreiben aber ich Dir nicht
Dienstag kommst Du selbst dann reden wir wegen der PostOrdnung ab Trage ja
Deine Briefe zeitig genug auf die Post sonst leide ich TodesAngst wenn einer
liegen bleibt
Lieber Fritz wenn Dich nicht wichtige Gründe abhalten so musst Du ohne
Fehler kommen Du wirst große Augen machen die WirtsLeute fangen mich an
zu drükken und meine Börse wird es tüchtig empfinden wenn Du nicht gleich eine
andere Einrichtung triffst Das Volk muss mich für eine verwunschene Prinzessin
halten weil es mich so übertrieben zahlen macht Schreibe mir ob Du geritten
oder gefahren kommst und welchen Weg Du eigentlich einschlägst damit ich Dir
entgegen kommen kann Reite mit TorAufschluss von Hause weg und nimm ja eine
geschikte Ausrede Gott Gott Warum darf der Mann sein eigenes Weib
nicht öffentlich herzen und küssen O Vorurteil du abscheuliches Ungeheuer
Sonst hing ich um diese Zeit an Deinen Lippen und nun weg von Dir entfernt
von einem Umgang der mich so manches lehrte der mich so glücklich machte
Gott So ein Verhängnis greift in die Seele Ist schröklich für ein
liebendes Weib die sich ihrer Liebe vor aller Welt Augen nicht schämen dürste
Ha Wenn ich Dich wieder sehe wenn Du mich wieder küssest wenn Du wieder
im trunknen Taumel Nina herausstotterst dann o dann will ich weinen und
fühlen Fritz wie ist Dir denn Ich bin wie verloren ich würde es ohne Dich
nicht länger aushalten können ich würde Dich abholen und mitschleppen und
sollte es auch bis ans Ende der Welt gehen
Du musst Du musst mir aus Liebe bald folgen sonst weh weh Dir Tausend
Küsse tausend Lebewohl von Deiner abwesenden Gattin
LXVI Brief
Rosental den 23ten Oktober
Teuerster Gatte Zwei Briefe erhielt ich gestern und zwei heute Wie kommt
es dass Du den Sonntag vorbeistreichen ließest ohne an mich zu schreiben
Jesus Maria dachte ich mir was ist das Was ist meinem Gatten
zugestoßen Entsetzen überfiel mich bis ich aus Deinem lieben Briefe wieder
HerzensTrost einsog Ich würde mich über diese Kleinigkeit nicht beunruhigt
haben wenn ich Dein Feuer Deine Tätigkeit nicht kännte Gesezt Du könntest
Mittwochs nicht kommen und auch keine Briefe Gott im Himmel ich würde
verzagen
Der morgende Tag und die heutige Nacht werden für mich schröklich sein weil
ich diesen Tag mit wollüstiger Wehmut an Deinem Busen zu verträumen hoffte
Nun will ich versuchen einige Stellen Deines Briefs zu beantworten Ist
es möglich Schark war bei Dir O ich bewundere Deine Stärke und verehre Deine
Liebe die aus Klugheit selbst Schimpfworte über mich zu ertragen wusste Denke
Dir einmal mich Arme in die Klauen dieses Menschen wenn er mich entdekte O
dann hätte ich ausgelebt Besonders wenn die alte habsüchtige Baase mitkäme
um mich aufzusuchen so etwas wolle der Himmel verhüten
Ich habe meinen Plan schon entworfen Ich sizze den ganzen Tag im
verschlossenen Nebenzimmer und sobald ich Scharks Stimme höre dann wage ich den
mir vorgesezten Sprung aus dem Fenster in Garten springe ich glücklich so ist
es gut für Dich und mich versteht sich wenn Du zu meinem Schuz nicht bei der
Hand sein solltest Anders wüsste ich mich nicht zu retten denn was ist ein
schwaches Geschöpf gegen einen Rasenden Hier im Hause sind indessen die
besten Maasregeln getroffen wenn Du kommst so magst Du es noch vorsichtiger
einrichten Für Deine übrige Sorgfalt tausend Dank Meine Liebe sei Dein Lohn
kannst Du mehr fordern da ich doch außer Dir so arm bin Mein Röschen ist
sehr gebeugt die Stille will ihr nicht behagen ich kann es ihr nicht
verdenken man muss so wie ich lieben um den ärgsten Kerker erträglich zu
finden Das Mädchen kann gar nicht begreifen wie man aus Liebe einen solchen
Aufenthalt von aller Menschheit entfernt wählen kann Die Eiskalte hat wohl
nie keinen Fritz gekannt Dein Bildnis hängt an meinem Bette es ist bald
völlig abgenüzt von lauter Küssen
Übrigens segne ich meinen Aufenthalt so schröklich er auch immer ist
wärst Du bei mir dann willkommen die erste beste Hütte Mein Mädchen sagt zwar
immer um einen König würde sie sich keinen solchen Aufenthalt wählen aber sie
hat gut schwäzzen sie weis ja nicht wie sehr ich Dich liebe
Engel unter den Menschen lass mich in Deinen Schuz werfen nie werde ich
Deinen Zorn verdienen aber vielleicht Dein Mitleid Deine Nachsicht Deine
Sanftmut Deine Führung Und wenn ich dann je einen Wert besizze so sei er
Dein und werde durch Dich vollkommen durch Dich erhöht durch Dich zum wahren
Wert Kannst Du von einem Weibe mehr fordern der Du immer so viel Stolz
vorrüktest
Du warst seither einmal bei der M es freut mich wenn sie mir gut ist o
wie wollte ich das Mädchen dafür herzen und küssen wenn sie Dir Deine Leiden
tragen hälfe Sei aber behutsam Du weist unsere Lage erfordert es Besuche
immer zuweilen eine meiner Freundinnen und heitere Dich auf lieber Fritz Deine
Nina bittet Dich darum aus ihrer Einsamkeit Ich will es gerne glauben dass
Dich alles an mich erinnert Deine Liebe ist ja so unermüdet dass Dich jeder
Gegenstand zur Vergleichung anruft O Du sagst mir mehr von Deiner Liebe als
mir ein ganzer Himmel voll Engel versichern könnten Und doch bin ich
unersättlich von Deiner Liebe reden zu hören und doch bin ich noch etwas
weniges furchtsam weil ich mir in der weiten Schöpfung kein solches Ideal
träumte Es ist mir so neu so fremd so entzükkend ich könnte den erwürgen
der mir die Wahrheit davon abstreiten wollte O gesegnet sei mir Deine Liebe
gesegnet wie am ersten Tag ihrer Entstehung Sag Teurer wie könntest Du je
eifersüchtig sein Du kennst ja das Innerste meines Herzens alles ist Dein
meine Schwachheiten und Tugenden meine Fehler und Vorzüge verstosse dieses Herz
nie oder Mein Gott Zu was mich meine Schwermut wieder verleitet Aber
denke Dir auch einen Ort wo man den ganzen Tag keinen menschlichen Laut hört
denke Dir Dein Weibchen in ihrem Kämmerchen verschlossen wie sie da sizt und die
Stunden Deiner Ankunft zählt wie Liebe Kummer Furcht und Sehnsucht an Ihrem
Herzen nagen denke Dir alle diese Beweggründe und wundere Dich nicht mehr über
meine Schwermut Heute hörte ich ein Pferd daher traben da sprang ich zum
Fenster und es war nur ein Bauer Röschen erschrak die Täuschung drohte
mir eine Ohnmacht Nein so rasch darf ich in Zukunft nicht mehr sein sonst
schade ich meiner Gesundheit Lebe wohl liebster Gatte komm bald in die Arme
Deiner Nina
Phantasie einer fühlenden Gattin von Nina
Mit gepresstem Herzen mit ängstlich kämpfendem Busen mit einer Träne im Auge
saß ich einst schwermütig an meinem Schreibpult Alles um mich herum war
feierlich stille kein Menschenlaut ließ sich hören nur Sehnsucht und Andenken
an Dich Einziger schwellten mein Herz Ich träumte mich wonnetaumelnd an
Deinen Busen hin Leiden die vielleicht noch kein weibliches Herz empfunden
tobten in meiner Seele Trennung Ha Dies grässliche Wort erschütterte
mich durch und durch Wo bist Du jetzt Sohn der Liebe rief ich laut Wo
bist Du jetzt Komm o komm doch wieder einmal in meine Arme Gott
Welche Seligkeit wäre der meinigen gleich wenn ich Dich jetzt nur eine Minute an
dies klopfende Herz drükken könnte
Teure edle gute Seele wenn Du wüsstest wie unausstehlich mir Deine
Abwesenheit wie jeder Gedanke mir verhasst ist der mich nicht an Dich erinnert
wenn Du sehen könntest die Tränen die um Dich fließen den Gram der Dir
geopfert wird die Qualen die ich anbete Ha Du würdest eilen Du würdest
laufen um durch einen feurigen Kuss alles zu heilen was mich jetzt so
unbarmherzig martert Gerechter Gott Was bin ich für eine Träumerinn als
ob es bloß bei Dir stünde als ob Du kommen könntest als ob Dich nicht das
Schicksal davon abhielte Nun so lass mich denn weinen laut weinen über Deine
Entfernung O willkommen ihr süßen Zeugen meiner Wehmut willkommen ihr
Tränen der gekränkten Liebe fließt immer fort ihr seid mir gesegnet denn ihr
fließt um den Bessten unter den Menschen um einen Jüngling dessen Wert in der
großen Schöpfung für mich nicht mehr zu finden ist und wenn alle KönigsSöhne
zu meinen Füßen lägen
O der holde der liebevolle Junge was seine sanfte Art in der Liebe
entzükken kann Wie sein Feuer seine glühende Schwärmerei sich ins weibliche
Herz schleicht Wie er mich hinzuzaubern wusste in die größte Glückseligkeit
durch seine Liebe Wie er so lange küsste bis ich hinsinken musste an sein laut
pochendes Herz Und das alles jetzt nicht mehr Nicht mehr für mich Arme O
Schöpfung O Menschheit O Natur Ihr seid schön aber für mich nicht mehr
einst liebte ich euch an der Seite meines Frizzen einst fühlte ich für euch in
den Armen meines Gatten aber jetzt O mein Gott Jetzt bin ich allein bin
entfernt von ihm und liebe nichts weiter als dich schwarzer Gram du wirst
mich bald hinraffen in eine Welt wo Ruhe meiner wartet
Lasst mich doch ihr Menschen ihr Stöhrer meiner Liebe lasst mich hinsizzen
und staunen über mein hartes Schicksal Ha Es drükt es drükt fürchterlich
auf meiner Brust Der Wunsch Dich zu sehen mein Gatte lässt sich nicht mehr
zurückweisen ich will ich muss Dich haben ich muss ich muss Dich aufsuchen
Halt Wer klopft Allmächtiger Gott meine Ahndung ist erfüllt er ists
Du süßer Liebling meiner Freuden erstikke mich nicht mit Deinen Küssen
Sei gelassen sieh wie meine Kniee zittern Diese Überraschung und das
gerade in den Augenblikken meiner größten Leiden Schwärmer halt ein Du
erdrükst mich Sprachlos war während seiner Unterredung meine Zunge wallend
mein Blut nass meine Augen Wem dieser Zustand begreiflich ist Der fühle mir
nach
LXVII Brief
Rosental den 26ten Oktober
Teurer unendlich teurer Gatte O wie kurz war der Augenblick unserer
Umarmung Wie geschwind eilte er vorbei der seligste Traum unserer
Wiedervereinigung nach so vielen überstandenen Leiden Ich hatte ja kaum Zeit
Dich anzustaunen in den wenigen Minuten Deines Aufenthalts konnte ich nichts
tun als küssen und weinen Trug ich nicht ein volles Herz im Busen das in
meiner Einsamkeit auf Deine Teilnahme wartete Einsamkeit nährt die Liebe
nährt die Schwermut und dann keine fühlende Seele um mich herum zu haben die
mich verstünde O Gott Braucht ein so warmes Herz wie das meinige wohl
diese Reize in der Liebe zu seiner völligen Prüfung Ist es nicht ohnehin
glühend feurig und schwärmerisch genug gestimmt Hast Du es nicht gefühlt
Fritz das lebhafte Weib an Deinem Halse Hast Du ihr leidenschaftliches
Zittern nicht gemerkt Bei Gott Wenn ich auch keine Gegenliebe von Dir
verdiente so verdiente ich doch das wärmste Mitleid Wer kann sich Mensch
dünken ohne dass er wahren Anteil an den Leiden eines Liebenden nimmt
Ich will in meinem jezigen Zustande vor dem Allmächtigen schwören alle
Liebenden die mir einst aufstossen werden zu pflegen zu trösten zu laben
denn ich weis wie wohl es mir tut wenn die Menschen nur von weitem Mitleid
gegen mich zeigen
Als Du mich verliessest durfte ich nicht weinen traurig sah ich Dir nach
und wenn Röschen mich nicht mit Gewalt von dem grünen Pläzchen gerissen hätte
ich glaube die Nacht hätte mich auf dieser Heide unvermerkt überfallen
Unwillig ließ ich mich nach Hause schleppen dachte dann einsam wieder alles
durch was Du mir sagtest und sah izt Deine Vorzüge millionenfach weil ich
Dich vermisste Nur Kummer und Sorge unterbrachen zuweilen die nachgekauten
Freuden meiner genossenen Liebe
Mehr trübe als heiter wollte ich die Treppe hinauf steigen als mich die
Wirtin zu sich in die Küche bat ich ging und dann berührte das gute Weib
gerade die gespannte Saite eines von Liebe angeschwollenen Herzens Sie
versicherte mich mit innigster Freude dass Du meine Stiege zu zwei Stufen auf
einmal atemlos hinauf gesprungen seist Was mich diese Entdekkung wieder
aufs neue erfreute wie ich mir das Nemliche wohl zehenmal von dem Weibe
wiederholen ließ wie Röschen mich heimlich stoßen musste um meinem Taumel vor
dem umherstehenden Gesinde ein Ende zu machen o mein Fritz das hättest Du alles
sehen sollen Doch was wäre dies gegen Deine Liebe Du übertriffst mich ja
tausendmal in der Zärtlichkeit Und ich glücklich und doch unglückliches
Weibchen kann Dir mit nichts hinlänglich danken Freilich habe ich ein Herz
das lieben muss ein ewiges Loos hat es über mich verhängt und doch war ich so
unglücklich an Elende zu geraten die dieses Herz mit all seiner Liebe so
unbarmherzig zerfleischten Beleidigt in Staub getreten betrogen
hintangesezt verlassen und hintergangen Siehst Du wie dies Andenken wieder
in mir tobt Das Gift der Schwermut hat Wurzeln gefasst sie würden wieder
aufkeimen wenn ich sie nicht um meines Frizens willen in diesem Augenblicke
erstikte
Deine Liebe sei nun mein Himmel auf dieser und jener Welt Deine Liebe sei
der einzige Gedanke zur Vergeltung meines überlebten Elendes sie sei mir Alles
in Allem aber auch gute Nacht Licht der Sonne Hier bei dem ehrwürdigen
Namen der Natur sei es geschworen Gute Nacht Licht der Sonne wenn mir das
Schicksal und böse Menschen Deine Liebe raubten
Weg nun vom Altar des Schwures dieses heilige feierliche Gelübde komme nie
zur Ausführung Du hast mir geschworen dass Dich tausend Schiksale nicht
abhalten sollen von mir zu lassen Du bist Mann denkender Mann dem sich jedes
Mädchen anvertrauen dürfte Aber für Deine Standhaftigkeit will ich Dich auch
so pflegen dass Du im grauen Alter noch sagen sollst es lebe doch nur eine
Nina Zeige mir eine von meinem Geschlechte die Dich mehr schäzt und ich
will ihr mit Verlust meiner ganzen zeitlichen Glückseligkeit auf Unkosten meiner
Verzweiflung Deinen Besiz abtreten Ja das will ich Aber Du findest keine
ich darf es mit kühnem Stolz behaupten die so innig überzeugt von Deinen
moralischen Vorzügen ist so fest an Dich gekettet so unzertrennlich an Dir
hängt und so sehr an Dich gewöhnt ist Ja Fritz das ist Deine Nina die
sich alles dies mit Liebe in ihr Herz schrieb und es soll darinnen stehen
bleiben bis Du mir die Augen zudrükst O mein Gatte Mein Fritz Könnte
Nina Dich mehr lieben Engel Teuerster Liebster lebe wohl bis Morgen
Dein liebendes Weib
Ninas Empfindungen an dem Tage da keine Post war
Traurige bittere Tage wie qualvoll seid ihr für mein Herz das seine
Glückseligkeit in eine Nachricht sezt Fürchterlich einsam schleicht ihr dahin
und macht mir meine Einsamkeit zur unerträglichsten Marter Jesus Christus
Was litte ich heute was werde ich erst morgen leiden wenn sich die Sehnsucht
nach einem Briefe noch vergrößert Sonst sah ich meinen Gatten täglich und nun
so lange Zeit weder ihn noch seine Zuschrift Die ganze Natur hat sich wider
mich verschworen denn sie versagt mir den Schlaf und ruft mit Barbarei die
Stunden in mein Andenken zurück wo ich sonst so ruhig an seinem Busen lag O
Gott Sei milde nimm weg von mir den Drang der gewiss meiner Gesundheit mit
ihrem Sturz drohet
Du liebst mich holder Gatte aber fühlst Du auch in der großen Welt mein
Elend Hebt Dir der Kummer Deinen Busen auch so hoch Stokt der finsterste
Gram Deinen Atem auch so geschwind Komm liebes Bildnis meines Gatten lass
Dich an dies ängstliche Herz drükken bis Du zu leben anfängst O Du
abscheuliche hässliche eiskalte Materie Warum lebst Du denn nicht auf
Warum bist Du eben so undankbar als es die Menschen sind Küsste ich Dich
nicht warm genug Vergoss ich nicht Tränen auf Dich Drükte ich Dich nicht
wie ein Heiligtum an dies jammernde Herz Und doch leblos und doch
unbeweglich Kann Dich denn mein Gefühl nicht bewegen Bist Du so grausam
mich laut weinen zu lassen Ha Wohl mir Es wird leichter Sie rollen
herunter über meine Wangen die Zeugnisse meiner Schwermut Den ganzen Tag
über fühlte ich schon unterdrükte Leiden die Tränen brechen jetzt wider meinen
Willen los und wer mich hierüber tadelt ist ein Elender dessen Gefühl
gescheitert hat Wer denkt auf seine Gesundheit wenn er liebt Wer denkt
auf seine SelbstErhaltung wenn süße Schwermut das Herz überwältigt Wer
kann jetzt meinen Zustand begreifen
Frühe um fünf Uhr
Das war eine Nacht So schröklich habe ich noch keine erlebt Hier liegen
sie auf diesem Papier die Tropfen der innigsten Wehmut die ich diese Nacht aus
Liebe weinte Schlaf kam keiner in meine Augen aber ein dumpfer Zustand war
mein Loos in dem man Alles und auch Nichts fühlt Süße Wollust hatte sich
meiner bemeistert ich schwärmte in meiner Phantasie bis zur äußersten
Mattigkeit in den Armen der Liebe herum Aber auch nur wenige Minuten
übertäubte dieses Gefühl den Gram der an meiner Seele nagte und als sich meine
Sinnen plötzlich zur neuen Denkkraft erholten Gott im Himmel da fühlte ich
wieder alle Leiden der Einsamkeit und der Trennung Ich überdachte die mir
bevorstehende schrökliche Länge des heutigen Tages zitterte vor mir selbst und
fluchte meiner Hizze die mich zur Mörderinn meiner Ruhe macht
Heilige Mutter Gottes was wird das werden Fritz um Gotteswillen Fritz
Du verlierst Deine Nina Die Liebe wird ihr Grab sei doch mitleidig komm ihr
nicht mit kalten Trostgründen entgegen Ist sie nicht ohnehin Dulderinn genug
Kämpft sie nicht mit Trieben die sie außer Dir nicht ein einzigesmal in ihrem
Leben empfand O Barmherzigkeit Vater im Himmel Barmherzigkeit Ich kenne
mich nicht mehr So werden denn sogar meine Sinnen die mitelfenden Tirannen
die mich ganz zu Boden drükken Ha Ich Elende wo ist meine Ruhe Wo das
sanfte Gefühl der Liebe das mich ehdessen zu keiner Wildheit verleitete Fritz
Du bist an Allem Schuld Du hast mich hingerissen zur wunschvollen Liebe und Du
bist Der bei dem alle meine Wünsche stehen bleiben Bei andern
Bekanntschaften schwärmte nur mein Geist das Blut blieb kalt aber jetzt ist
Alles wider mich Alles kocht Alles vereinigt sich mich in Staub zu werfen
wohin unglückliche Liebe gehört
O meine Ruhe o meine Gesundheit Wäre es auch nicht um Dich Fritz möchte
immer diese leztere schwinden Wäre Gesundheit dahin Alles würde dann
schweigen was könnte dann ein Gerippe wohl mehr fühlen Todesschauer machte
dann den siedenden Wallungen Luft die jetzt so glühend durch meine Adern
kreuzen Lieber Gott im Himmel sag warum hört mich denn mein Fritz nicht
Komm wieder Du Bildnis so kalt du auch immer bist so will ich mich doch an
dir satt küssen vollends will ich mich vergiften zu namenlosen Leiden
Sonntags nach Tisch
Ich bin zurück mein Geliebter von einer großen Strekke Wegs die ein
schwächeres Weib gewiss nicht zurück gelegt haben würde Ich musste hinaus in
Gottes frische Luft es litt mich nicht mehr im Zimmer da irrte ich denn und
irrte ohne zu wissen wohin Wälder Wiesen und Weinberge habe ich der Menge
nach durchgelaufen Du hättest mich sehen sollen wie es mich herum trieb
gerade wie das böse Gewissen eine Sünderinn herum treibt Trübe war das Wetter
so trübe wie mein Inneres Ich lief B zu ohne es zu wissen Bald hätte
ich Gefahr und alles vergessen und wäre schnurstraks zu Dir geloffen kaum konnte
ich noch meine widerspenstigen Wünsche bezähmen sie tobten wütend nach Dir
nach Dir
Mit aller Macht meiner Vernunft musste ich die feurigste Sehnsucht bändigen
und ich kehrte dann wieder wie eine Verirrte wie eine Wahnsinnige zurück Drei
Stunden waren schon zurückgelegt eh ich nur die Gegend wieder erkannte
Bedenke einmal wenn mich in diesem Zustande die Nacht überfallen hätte Doch
was wäre denn auch ein hartes nasses Lager gegen die Leiden der Liebe gewesen
Der Himmel zu meiner Dekke wilde Tiere zu meiner Gesellschaft Tränen zu
meiner Labung Fritz Gatte Mann Du weißt gewiss nicht was und wie viel
ich bei dieser Trennung leide O meine verstorbene Mutter sagtest Du nicht
oft Liebe Liebe bringt Dich um
LXVIII Brief
Rosental den 30 November
Ewig teurer Fritz Gestern konnte ich Deinen Brief kaum abwarten es trieb
mich ich musste wenigstens Röschen entgegengehen Lies aus beiligendem Aufsaz
was ich die zween Tage ausstund weil die Post nicht kam Gott so macht denn
eine Sorge der andern Platz Kaum entzükte mich eine Nachricht von Dir so
sehne ich mich schon wieder nach einer andern O warum bin ich denn ein so
ungedultiges Geschöpf Sonst war ich überall sanft nachgebend nur in der
Liebe kennen meine Wünsche keine Gränzen Diese Entfernung Fritz diese
Entfernung ist härter als ich glaubte Ich bin so ganz taub für alle Ruhe
Dein Andenken Dein Bild Deine Stimme Dein Wesen folgt mir in meiner Einöde
wie ein Schatten bald sehe ich Dich lächelnd bald mit einer Träne im Auge
bald finster bald ruhig bald gepeinigt von Verdrießlichkeiten wegen meiner
Ich wünsche dass Du Dich bald von Deiner Familie losrissest O Ja Fritz O ja
sieh Dein Weib bittet Dich darum Du sollst meine Dankbarkeit kennen lernen
ein dankbares durch Liebe beseeltes Herz ist doch wohl im Stande das Leben
eines fühlenden Mannes zu beglückken Nicht wahr Fritz Dankbarkeit ist die
erste Tugend und der größte Beweis eines unverdorbenen Herzens
Englische herrliche Seele von einem jungen Mann sag wer hat Dich denn so
groß so hervorragend in der Liebe und Freundschaft in der Großmut und
Menschenfreundlichkeit geschaffen Ich würde mein Leben meine Seligkeit
Deinen Händen anvertrauen O sei mir gesegnet fünfter April wo ich Dich zum
erstenmal sah Sei mir gesegnet Augenblick wo Du von mir Liebe fodertest die
ich schon so lange heimlich für Dich im Busen trug Und wie ich dann so hastig
zugriff wie ich nach Dir haschte wie ich Die wurmstichigen Seelen die ich vor
Deiner kannte gleich alle von mir wies und nur Dir anklebte Weißt Du noch
Fritz wie ich Dich gleich vor jenen GalanterieHelden verehren musste wie Du
mich hinzogst an Dich mit Göttermacht wie ich alle kleinen Eitelkeiten vergaß
wie ich nur Dich sah nur Dich hörte nur von Dir wissen wollte Ha Seliges
seliges Andenken dass mich in meiner letzten Stunde noch erquikken soll Nun
gehe hin Du Liebling und suche Dir in der weiten Welt ein Weib die das fühlt
und die jedes Gefühl durch Denken verfeinert vergrößert die das kleinste
Teilchen von Deinen Verdiensten sich zum Himmel schaffet Mit dieser
Überzeugung Deiner moralischen Verdienste lieben gewiss wenige Mädchen ihre
Liebhaber ich kenne mein Geschlecht es hängt sich zu gerne an die Schale zu
gerne bloß an Körper Unter dem Schwarm meiner Anbeter war ich in Rüksicht
Deiner immer misstrauisch gegen mich ich glaubte Dich nicht wonnetrunken genug
um Dich an meine mächtige Liebe hinzureissen nur zuweilen flüsterte mir meine
Eitelkeit ins Ohr Vielleicht würde ihm doch mein Herz willkommen sein wenn er
es recht kännte weil ich nur zu gut die elenden Fleischbrokken von andern
Mädchenherzen kenne Du in den Händen einer solchen kaltblütigen Seele von
Gleichgültigkeit und Dummheit zusammen gestoppelt Du in den Händen einer
solchen hökkerichten AlltagsSeele die an Dir abglitschte wie an einem harten
Stein O bei Gott wenn Du einem solchen Geschöpfe in die Hände geraten
wärst ich würde als Freundin über Dein Schicksal rasend geworden sein wenn ich
Dich auch nur in der Entfernung hätte lieben dürfen
Eine solche Erinnerung kann mich trübe machen Du kennst meine Begriffe von
Dir sie sind hell trügen mich nicht leicht aber wenn ich auch einmal den
Wert einer Person einsah dann lies ich mich nicht von ihr entfernen und wenn
mich das Vorurteil in Stükke zerrisse
Nun denn lieber Gatte lass mich Dir künftigen Montag nicht umsonst entgegen
zittern wenn es anders die Klugheit erlaubt und Du kommen kannst Sei
vorsichtig dass man Dir nicht etwa auflauert Komm o komm sicher in die
Arme Deiner treuen Gattin
Nina
LXIX Brief
Rosental den 1sten Dezember
Nicht wahr teurer Fritz ich war gestern beim Abschiede ein sehr schwaches
Geschöpf Gebeugt bis zur Erde grausam bis zur Sträflichkeit gegen einen
liebevollen fühlenden Gatten Aber wahrhaftig wenn die Welt zu meiner Strafe
Einsturz gedrohet hätte meine Tränen würden doch nicht aufgehört haben zu
fließen so schröklich tobte der Gram in meiner Seele Nie weinte ich sonst
bei einem Abschiede aber bei dem Deinigen war ich so schwach so traurig dass
mich eine Fliege hätte über den Haufen stoßen können Glaubst Du denn dass ich
mich vor den umherstehenden Leuten auch nur im geringsten schämte Als ich
Deinen Wagen aus den Augen verlor dann weinte ich laut über die Stiege hinauf
Röschen und die Wirtin weinten mit Du hast den Jammer nicht bemerkt den Du
beim Abschiede allen diesen guten Leuten verursachtest man liebt und schäzt
Dich hier äußerst o Du reissest durch Dein edles Betragen die Herzen so hin dass
sie an Dir hangen bleiben mussten Innigen Dank diesen guten Leuten für ihre
Liebe gegen Dich ich möchte sie alle dafür küssen aber das alles macht mich
noch mehr für Dich fühlen wenn gleichgültige Menschen so an Dir hangen wo
gibt es denn eine Liebe die Dir entspräche Über diesen Gedanken sann ich
sehr lange nach und fand dass nur mein Tod hinlänglicher Dank für Dich Edler
wäre O könntest Du Dich über einen Verlust trösten könnte es Dir noch in
einer Welt gefallen wo keine Nina mehr lebte wie feurig wie unbeschreiblich
geschwind wollte ich Dir dieses Opfer bringen Ein Opfer wozu kein anderes
Weib so leicht Mut besäße ein Opfer wofür kein anderes Weib hinlängliche
Liebe im Busen trüge ein Opfer das die Welt von meiner heftigen Liebe
überzeugte ein Opfer das allen Denen die meine Einsicht in deine Verdienste
kennen sagen würde es muss ein göttlicher Jüngling gewesen sein denn Nina
starb nicht um etwas Geringes
Denke Fritz so würden die wenigen Empfindsamen sprechen die mir gut sind
und mich von Person kennen Eitle würden darüber spotten weil sie nie ein
solches Opfer zu erwarten hätten Sinnliche würden sich nach Deiner Figur
erkundigen Toren würden es mir zur Narrheit anrechnen Bösewichter für Sünde
und Niederträchtige für Unersättlichkeit des Lasters dessen Ausübung mir durch
Deine Abwesenheit nach ihrer Denkungsart versagt wäre Gott So würde man
urteilen wenn mich nicht Religion und unerklärbare Liebe zurückhielte den Weg
zu wandeln den gemeiniglich nur gute Seelen aus zu großer Empfindsamkeit
wandeln
Lies diese Stelle der M vor und sie wird mit mir ausrufen für Fritz G
ist selbst vergossnes Blut noch zu wenig Dank dir Allgütiger dass du Frizzens
erstem Mädchen Dummheit statt Einsicht in seine Verdienste gabst sonst hätte
ich ihn gewiss verloren wenn das Mädchen Menschenverstand und nicht Stroh im
Kopfe getragen hätte Auch Dir danke ich Vorsicht dass du mir bei meinen
übrigen Bekanntschaften Stolz und Kraft gabst mein Herz zu bändigen
Nicht wahr Fritz in der Liebe bin ich äußerst kritisch äußerst heftig
mein Liebhaber darf mich mit keinem unbefriedigten Wunsche zu Bette gehen lassen
den meine Menschenkenntnis von ihm fodert sonst erscheint mir der Betrüger in
seiner wahren Gestalt und wenn ich mich dann bei einer solchen Wahl verbluten
sollte so wüsste ich mir über kurz oder lang aus edlem Stolze Richtung zu geben
meine Leidenschaft müsste da schweigen wo ich Niederträchtigkeit zu entdekken
glaubte Ist meine Epoche mit K nicht der Beweis davon Er setzte mir
schwärmerisch zu aber Dank seiner Familie dass sie ihn ins Kindersesselchen
zurückrief
Nun auch wieder zu unserer Liebe zurück Als Du fort warst kam die Wirtin
auf mein Zimmer weil sie mich krank glaubte Meine Augen waren angeschwollen
mein Herz vollgepresst vom Kummer über Deine Rükreise Die Gutherzigkeit der
Wirtin rührte Anfangs meinen wilden Gram gar nicht aber als sie mit einer Art
Entzükken von Dir zu sprechen anfing o da wurde ich weich wie ein Kind und
stimmte in ihrem Ton mit ein dass das Weib die Hände über dem Kopf zusammen
schlug und laut rief Nein so eine Liebe wie unter diesen Leuten herrscht
haben wir noch nicht erlebt
»Aber Madame das ist alles recht« fuhr die Wirtin fort »das ist alles
recht Sie können immer lieben aber nur ein wenig moderat zu Werke gegangen
Bedenken Sie einmal die Feinheit ihres Körpers Sie sind wahrhaftig von keinen
gemeinen Leuten da nein nein das lasse ich mir nicht weis machen Man darf
ja nur Ihre Glieder ansehen und ihre Lebensart es ist alles so etwas Hohes
darinnen« Stille mein liebes Weib ich gehöre zur Menschheit wie sie und
komme einstens wenn der Gram mein Herz abgestoßen hat in eine finstere Grube
wie sie Hier flossen sie wieder über meine Wangen die Kennzeichen meiner weichen
Seele
»Aber du lieber Himmel« Fieng das Weib wieder an »aber du lieber
Himmel so trösten Sie sich doch sehen Sie Ihr Schaz liebt Sie ja wie seine
eigne Seele wäre er sonst in diesem Schandwetter gekommen Und für
Verfolgungen von seiner Familie dürfen Sie auch nicht sorgen ich will Den
sehen der sich in Ihr Zimmer drängt«
O das Weib war so beredt Dass Du sie ja mit einer Kleinigkeit beschenkst
damit sie es zu meiner Freude immerfort bleibt Du kennst ja die eigennüzzige
Seele des Pöbels ob mich das Weib gleichwohl von einer guten Art Pöbel dünkt
Röschen hatte nach diesem Auftritt wieder an mir zu schleppen denn ich war
matt und sie brachte mich aufs Bette dann schlief ich bis gegen Abend wo das
Mädchen auf meinen Hauch horchte ob ich denn auch noch lebte denn die Wirtin
hatte ihr in Kopf gesezt ich könnte aus Gram gähling sterben
»Ja ja sagte die Wirtin ganz leise ja ja die Frau hat alles
innwendig und ist nicht wie unser eins dass sie so vieles ertragen kann«
Nun stund ich endlich müde über dieses Geschwäz auf und lief nach dem
Burschen der Dich begleitet hatte er musste mir sagen wie Du fort gekommen
seist O recht gut recht gut Tausend Rüsse schikt er Ihnen zurück sagte der
Kerl und ich ward etwas ruhiger
Endlich wurde zu Nacht gespeisst um 8 Uhr lag ich schon wieder im Bette und
überdachte die festen Bündnisse unserer Zärtlichkeit die wir uns vor dem
Angesicht des Ewigen unter dem äußersten Gefühl dessen die Menschheit nur
fähig ist wieder erneuert hatten dachte mein Fritz müsste die Liebe und ihre
Seligkeiten hassen wenn er jetzt nicht feurig an unserer baldigen Vereinigung
arbeitete Dann fielen mir auch die glücklichen mit Dir verlebten Stunden
wieder ein ich bin doch eine unbegreifliche Schwärmerinn weis mir aus jeder
Kleinigkeit im häuslichen Leben eine Seligkeit zu schaffen
Wie lebhaft sah ich Dich jetzt wieder mit Deinem blassen Gesichte mit
offenem Halskragen zufrieden wie ein König an meiner Seite sizzen wie Du dann
meine Hand fest hieltest mich zuweilen feurig küsstest während dass Deine
Seelenbildenden Gespräche mir Tränen ablokten Wäre ich bis zu Deiner
Bekanntschaft eine Sünderinn gewesen Du würdest mich mit Engelsgüte von der
Verdammnis zurück gebracht haben Aber nicht wahr Fritz das war ich doch nie
O wie mich die Menschen und Dein Bruder vor Deiner Bekanntschaft so sehr
verkannten Ich war doch bloß feurig lebhaft ein Bischen eitel wegen dem
vielen Weihrauch der meinen Talenten gestreut wurde aber nicht ausschweifend
wie es Dir Dein liebloser Bruder weis machen wollte
Ich hatte gegen die Männer Hass im Herzen und wandte meinen Kopf dazu an um
mich durch Koketterie an ihnen zu rächen mich vor den Betrug schadlos zu
halten den ich auf Unkosten meines empfindsamen Herzens durch sie erleben
musste Aber erst jetzt sehe ich ein wohin mich dieser unglückliche Entschluss
hätte leiten können
Mein Herz wäre in der großen Welt nach und nach der Liebe abgestorben und
endlich gewiss auch der Tugend Zur Menschenfeindinn würde ich zwar nie
geworden sein dazu war ich zu eitel zur stoïschen Maschine auch nicht dazu
war mein Temperament zu lebhaft zur wahren Philosophinn auch nicht dazu waren
meine Grundsäzze noch zu unreif aus mir wäre ein falsches Unding geworden die
am Ende von den Sinnen hingerissen der Raub von mehreren Bösewichtern hätte werden
können.
Fritz ich will es Dir noch in der Ewigkeit danken ich will es der ganzen
Welt sagen dass Du mich in Deine Arme zurückriefst dass Du mich zu einer Liebe
auffodertest die meine Seele verbesserte Sich es als ein Werk der
Barmherzigkeit an das Dir Lohn sammeln wird vor dem Throne des Ewigen Du hast
nun Seele und Leib von mir in Deiner Gewalt kannst sie aufrecht halten oder
zernichten O ich Undankbare wie ich nur so etwas aussprechen kann Gegen
einen so moralisch denkenden Engel aussprechen der auch ohne Liebe doch ewig
ewig für mein beiderseitiges Wohl sorgen würde Nimm hin den feurigsten Dank
guter sorgfältiger Gatte Die Gottheit schuf Dich um mir den letzten Atem zu
segnen zum ewigen Wohl Ja gewiss Fritz überlebst Du mich ich weis es so
gewiss als ich Deine Liebe kenne Urteile von der Heftigkeit meiner
Empfindungen und wenn nun diese Empfindungen alle Tage nur einen Hauch von
meinem Leben abrizzen so eile ich wohl in wenig Jahren meiner Auflösung zu
aber nicht ohne Dich o nur dies nicht Wo wäre mehr auf dieser Welt ein
Geschöpf das Deine Seele ausfüllte Das so mit unaussprechlicher Güte an Dir
hienge Dich liebkoste Dich verehrte Dich schäzte O vergib holder Engel
vergib meiner trüben Laune kümmere Dich nicht sie schadet meiner Gesundheit
nichts und wenn es auch wäre Deine gutherzige Sorgfalt würde mich ja noch am
Rande des Grabes retten und dann flehe ich ja täglich den Schöpfer um
Gesundheit an zum Troste meines Frizzen
Abends
Guterzige Seele was magst Du wohl von meiner äußersten Schwärmerei denken
Ist sie bei Deiner gränzenlosen Liebe nicht sehr natürlich da ich noch nie so
geliebt worden bin Und kann ich dafür dass Schwermut mir Glückseligkeit
ist wenn ich aus Liebe leide Kann ich dafür wenn mich außer Dir niemand
kennen will Kann ich dafür wenn meine Gefühle auf einen solchen Grad
gestimmt sind O mein Gatte entweder habe ich Dir einstens völlige
Gesundheit und gelassnere Richtung zu danken oder der Gram reibt mich auf noch
eh Du an meinem Busen liegst wenn Du anders noch lange nicht kommen solltest
Lass dies für keinen Vorwurf gelten ich wäre ein Ungeheuer wenn ich an Deiner
Tätigkeit zweifelte aber es liegt so schwer auf meinem Herzen es ist mir
immer als zwängst Du Dein Schicksal nicht Schon wieder rükt meine verwünschte
Zagheit heran o Fritz zanke mich armes jammerndes Weibchen doch tüchtig sei
schärfer gegen meine Kleinmut heile mein Fieber das freilich in meinem
NervenBau liegt aber Dich so barbarisch zusammenschlägt
Gott Wie wirst Du Dich wieder über meine Melankolie grämen Sei
gelassen Du kennst mich ja meine Empfindsamkeit Deine Trennung und dann meine
äußerste Anlage zur Schwermut sind Gegenstände die mich bei Dir entschuldigen
müssen Der Allgütige ist mein Zeuge dass ich es nicht aushalten könnte wenn ich
Dir nicht vorweinen dürfte trage gedultig mein Gatte es kommen Entzükkungen
die Dich schadlos halten werden O dann wirst Du die Freuden der Liebe auch
ungestört genießen wenn ich einstens wieder in Deinen Armen bin
Tages danach in der Dämmerung
Guten Abend mein inniggeliebter Gatte Guten Abend Hier sizze ich nun in
der Dämmerung bei einer GrabesStille unter den melankolischen Schatten der
herannahenden Nacht und denke an Dich ob es Dir wohl auch so wehmutsvoll ums
Herz ist wie mir Ob Du auch so oft unsere Liebe in Gedanken durchläufst die
trüben Stunden zusammen rechnest die wir schon mit einander durchlebt haben
Ja wohl Fritz waren es der trüben mehr als unsere Herzen verdienten Weist
Du noch die schröklichen Auftritte wegen beiderseitiger Eifersucht O sage
mir was Du willst man kann eifersüchtig sein ohne Misstrauen aber unmöglich
kann man so heftig lieben ohne dass sich nicht ein wenig Furcht einander zu
verlieren einmischt Weist Du noch wie oft Du bei jedem gefälligen Worte das
in Gesellschaften an mich addressirt wurde toll werden konntest Wie sehr
Dich die Schmeichler ärgerten wenn sie so um mich herum sumsten O Du lieber
Grillenfänger Um ein ganzes Jahrhundert haben dergleichen Auftritte Deine
Liebe noch mehr befestigt Du wolltest ja nur Deine Vorrechte behaupten die
ich Dir HerzensMann mit voller Liebe eingeräumt hatte
O die abscheulichen Stuzzer die bloß um mich herum krochen weil mein
Bischen Verstand Aufsehen machte und ihrer Eitelkeit schmeichelte die Affen
die sich nichts weiter um mein Herz kümmerten und nur den bloßen Ruf in mir
genossen Ich kann K noch in Gedanken verachten wenn ich denke wenn ich mich
erinnere wie er sich denselbigen Abend Dir zum Troz so läppisch stellte Aber
tüchtig spottete ich auch seiner ich war gewiss grob genug gegen die
stuzzerischen Maulaffen hätte es doch nur der Wohlstand erlaubt ich wollte
ihnen gesagt haben Seht ihr Toren seht ihn dort sizzen den biederen
deutschen Jüngling für den mein Herz fühlt Er lehrte mich euch verabscheuen
denn sein Herz ist rein es ist weder vom Eigennutz noch von der Sinnlichkeit
geschwärzt Er windbeutelt freilich nicht mit seinen Vorzügen wie ihr er erhebt
seine schöne Seele wie ein Heiliger in der Stille über euch Budenkrämer der
politischen Laster
Denke Fritz wie ich mich bei dergleichen Beobachtungen wieder aufs neue
Deiner Liebe freuen musste wie ich an Deiner Seite so stolz daher schlenderte
In Gesellschaften hatte ich oft um Deinetwillen drolligte Auftritte
Einstens sagte ich einem elenden Geschöpfe ins Gesicht Um diesen Jüngling zu
kennen und zu schäzzen muss man selbst ein reines unbefangenes Herz im Busen
tragen
Ich bin recht froh dass in B Deine Liebe meine Seligkeit ausmachte ich
hätte sonst mit HöllenHass eine Stadt verlassen wo unter den Männern außer Dir
keiner nach meinem Herzen war
O Gott Du bist doch ein guter Gott dass Du mir meinen Fritz schiktest
Was wäre ich jetzt ohne ihn Noch in dem Umgange eines Sträflichen der mich am
Ende mitverdorben hätte Das WeiberHerz ist doch ein närrisches Ding so
unbesonnen gut so leichtgläubig selbst gegen Unwürdige Aber nun sei mir
willkommen glücklicher Anlass wo ich dieses Herz mit seiner Empfind samkeit an
den Busen eines tugendhaften Gatten drükken kann Tausendmal noch werde ich
dem Schöpfer für diesen Anlass danken durch den ich meinen rechtschaffenen Fritz
erhielt
Nach Tisch
Ich und Röschen aßen recht munter zusammen Du warst der einzige Gegenstand
unsers Gesprächs O wie die lose Schäkkerinn mir so fleißig so beredt von
Dir zu erzählen wusste
Denke Fritz das Mädchen hat ein recht gutes Herz und wird jetzt so brav so
arbeitsam wir haben den ganzen Tag zusammen gestrikt und vieles recht vieles
von Deiner Liebe geschwäzt Leben wir nicht wie die leibhaften
Einsiedlerinnen So eingezogen so entfernt von den Menschen
O Du Ebenbild meiner Wünsche was gäbe ich nicht um einen Nachkömmling von
Dir der mir in meiner Einsamkeit Gesellschaft leisten könnte Ha Dieses
Glük überstiege wohl alle Leiden meines Lebens Jetzt mein HerzensGatte will
ich mich mit Deinem Andenken zur Ruhe legen und erst morgen diesen ziemlich
langen Brief an Dich abschikken Gute Racht teurer Fritz
Morgens
Teuerster liebster Gatte Ich hatte einen grässlichen Traum Die Tränen
rollten so häufig auf mein KopfKüssen dass es wie gewaschen nass wurde Es
träumte mir Du hättest mich verlassen ohne mir die Ursache anzugeben darüber
verlor ich den Verstand und war so bedaurungswürdig glücklich in meinem
Wahnsinn dass sich ein Stein erbarmt haben würde Du kamst dazu und jammertest
um meinen Verstand riefst laut »O ich Ungeheuer Du armes armes Weib Du
hast Deinen so schönen Verstand durch mich verloren
Nicht doch antwortete ich mein Verstand ist ja nur spazieren gegangen
weißt Du auf jenes grüne Pläzchen und ins grüne Zimmer zu B überall hin
wo ich einst mit Dir glücklich war ist mein Verstand gegangen Am Ende fing
ich gar an Dich laut auszulachen dass Du mich für unglücklich hieltst und mir
war doch so wohl ich fühlte es ordentlich dass alle Begriffe von Liebe und
Ehre von Beleidigungen und andern Leidenschaften nicht mehr in meinem Kopfe
wohnten Ich war bloß tierische Maschine mit einer zerrütteten Seele Kind
ohne Kraft und doch zuweilen so rasend stark dass man mich in Spital trug und
an die Ketten legen musste die Schwere dieser Ketten drükte meine feinen Knochen
schröklich
Aber Gott sei ewiger Dank gesagt es war nur ein Traum Ich bin gesund
besizze Deine Liebe und meinen gesunden Verstand Tausend Küsse von Deiner
bessten Gattin
Nina
LXX Brief
Rosental den 3ten November
Lieber holder Gatte Tausend Küsse für Deine Nachricht O ich bin so froh dass
Du so glücklich zu Hause anlangtest Zwar habe ich heute wieder einen finsteren
Tag verlebt aber Gott Lob er ist zu Ende
Was hat wohl heute mein Liebchen getan O Du Armer dass meine
Entfernung Dir auch so schwer aufs Herz fällt wie mir Um meiner Seelen Heil
willen beschleunige unsere Vereinigung wenn Du nicht haben willst dass wir
beide zu Grunde gehen Lange hier aushalten werde ich beim herannahenden
Winter ohnehin nicht können sonst würde Schwermut durch den Aufenthalt in
dieser abscheulichen Einöde verdoppelt meiner Gesundheit allzu schädlich sein
Ich nahm mir heute vor ein Bischen spazieren zu gehen aber die morastige
Straße hielt mich zurück dann saß ich zu Hause in meinem Stübchen und Röschen
erzählte mir dass der Erzschurke Holbaur sie einstens zur Kupplerinn hätte
bestechen wollen Siehst Du nun dass ich mich in dem Buben nicht geirrt habe
Dem Himmel sei Dank gesagt dass ich allen diesen Nachstellungen entwischte
Meine Einsamkeit schüzt mich jetzt vor dergleichen Kabalen Kopfschmerzen
hindern mich jetzt mehr mit Dir zu sprechen
In der Frühe
Guten Tag bester Gatte So kann ich denn gar keine Nacht mehr schlafen Der
düstere Zustand meines Gemüts muss daran Schuld sein und doch treibe ich zu
meiner Zerstreuung alle nur mögliche Beschäftigung damit ich Dir den Kummer
über meine Gesundheit erspare
Weil aber das Nachdenken jetzt meine einzige Gesellschaft ist so kannst Du
leicht erraten wie sehr es mir in der stillen Nacht zusezt Da denke ich
und denke so acht neun Stunden durch aber dabei doch so wenig
Zusammenhängendes dass ich mich über mein Denken schon oft ärgerte Willkommen
wäre mir jetzt ein Bischen Leichtsinn und ein wenig minder Ängstlichkeit
Weist Du auch wo das alles herkömmt Von den vielen überstandenen
Schiksalen die mir in grässlichen Bildern in dieser Einsamkeit wieder aufs neue
erscheinen und Furcht für die Zukunft einjagen
Dein lezter Brief Teuerster war nicht kalt wie ich Dich beschuldigte
aber etwas zerstreut geschrieben Und könnte er in einer Lage wohl anders sein
wo Glük und Kummer alle Minuten mit einander abwechseln in einer Lage die nur
wenige Stunden so reizend bleibt und dann bei der geschwinden Trennung schnell
wieder alle Leiden der Menschheit zusammenruft um Dich und mich zu foltern
Könnte ich Dir doch Riesenkraft wünschen damit Du in wenig Wochen Alles
ändertest Aber der Kampf der Kampf eh Du abkommen kannst wird Dich noch
vieles kosten
Sei vorsichtig lieber Fritz sonst bringst Du mich um wenn ich erfahre dass
man Dich bei Deiner Abreise mit Gewalt zurückhalten will Die Unmenschen
würden auf unsere Liebe nicht achten sie würden mich für eine Verführerinn
ausschreien Gott verdiente dies wohl Deine Nina Deine Nina die so ganz
von allen Nebenabsichten entfernt nur Dich allein liebt Wie lange soll denn
mein Herz noch miskannt werden Sind denn meine Gefühle zu fein um Andern
begreiflich zu werden Und doch ließ mir einige von Denen die mich
misshandelten zuweilen Gerechtigkeit wiederfahren lobten die Güte meines
Herzens
Löse mir doch dies Nätsel auf von Denjenigen misshandelt werden die bei
kälterm Blute meine Denkungsart nicht misskannten Pfui wie die Menschen so
schwach sind und immer nach ihren Leidenschaften auf das Wohl ihrer
Nebenmenschen hin sündigen Mich dünkt mein Herz ist zu gut für eine Welt wo
außer Dir so viele Bosheit herrscht zu gut für Menschen die nicht wie Du ein
gutes unverdorbenes Herz zu vergelten wissen
Dachte ich doch immer Guteit und Großmut sei Adel der Seele der jedem
guterzogenen Frauenzimmer eigen sein müsse Aber warum verstehen denn diese
Tugenden so Wenige Warum knikte man denn mein Herz nur um desto grässlicher
zusammen je mehr es seine Güte blikken ließ O noch viele Warum könnte ich
über diesen Punkt hersetzen
Ich bin eitel genug es Deiner Einsicht in meinen moralischen Charakter
zuzutrauen dass, wenn Du mich auch nicht lieben dürftest Du dennoch mit
entusiastischer Freundschaft für mein Wohl sorgen würdest Die übrigen
Menschen sahen bei mir immer auf meine Außenseite die ihrer Eitelkeit Genüge
leistete und nie auf meinen innern SeelenWert auf meine Begriffe von Liebe
von Großmut von edlem Stolz von Uneigennüzigkeit danach fragte die Welt
nicht Das gebeugte Wesen das mich bei allem Schein meines Leichtsinns doch
oft genug überfiel hielt man für Heuchelei und Affektazion meine Schwermut
vom Schicksal ins Herz gedrükt für Ziererei meine Guteit für Unbesonnenheit
meine Sanftmut für Empfindelei alles was mir Pflicht schien wurde mir für
Torheit angerechnet der bloße Schein für wirkliches Laster
Ich bekam eine GemütsKrankheit und es gefiel mir nicht mehr in einer
Welt wo man mich so sehr misskannte nur zuweilen überlies ich mich aus Verdruss
einer Lebhaftigkeit die mir den Schein einer WeltPuppe gab und doch ächzte
mein Herz im Stillen nach Liebe nach Tugend
Hier hast Du wieder einen Teil von einem aufrichtigen Geständnis dessen
sich so viele Weiber mit ihren zur Reue unfähigen Herzen schämen würden Wenn
der Allmächtige einst nur den bösen Willen des Menschen straft dann wohl mir
ich darf mit allen meinen Schwachheiten vor ihm erscheinen Nun muss ich
Röschen entgegen eilen um zu erfahren ob sie mir keine Nachrichten oder sonst
etwas von Dir bringt
Nach Tisch
Ja wohl Fritz ist Etwas von Dir angekommen Etwas dass meine ganze Seele
zerreißt Ich will Dir demungeachtet wenn es anders möglich ist ohne
Leidenschaft antworten Will nicht alle Stükke ahnden mit denen Dein
argwöhnischer Bruder mein Herz zerreißt will nicht ahnden dass er Dich für
einen Dummkopf hält der in drei Vierteljahren Umgang kein Herz zu studieren im
Stande ist will nicht ahnden dass er selbst ein Teufel in der Verstellung sein
muss weil er Andere dafür hält Kurz mit diesem Klatschmaul will ich
durchaus nichts zu tun haben weil er mich Deiner unwürdig hält Traut er
mir nicht so traue ich ihm nicht Dein Bruder muss eine Frazze sein sonst
würde er nicht Deine fünf Sinnen für närrisch halten und meine
Rechtschaffenheit aus bloßen Vermutungen anfeinden
Was will denn der elende für fernere Beweise von meiner Redlichkeit
Heiratest Du oder Er mich Gott gib mir Mäßigung oder Tod Was kümmerte
sich das alte Weib um meinen jezzigen Aufenthalt Warum ließ er mich
auskundschaften Hat er mich endlich in meiner Einöde ausspioniert Ha Wenn
er Dann soll mich Dein Bruder kennen lernen
O meine Ahndung wegen Deinem gewissenlosen Bruder ist jetzt erfüllt erfüllt
um mich unglücklich zu machen Wie kann denn dieser von Dir so hoch gepriesene
Bruder so feindselig von einem Weibe denken die er nicht einmal kennt Sind
das die menschenfreundlichen Pflichten eines Freimaurers So schmeichlend er
auch immer mit Dir zu Werke geht so werde ich ihm doch nie trauen Nimm Dich in
Acht Fritz er legt Dir süße Fallstrikke um Dich von mir zu reißen Sogar bis
in meine Einöde dringt dieser Menschenfeind wo ich aus Liebe und gewiss nicht
aus Eigennutz wie eine SelbstMörderin meine Gesundheit abhärme
Wenn er Dir wieder von meiner Heuchelei spricht so frag ihn doch aus
welcher Ursache sollte sie denn heucheln Aus Eigennutz aus Begierden aus
Hoffnung künftiger Vorteile O bei Gott nicht Ich sage Dir Fritz Du
musst fort sonst schmiedet man noch ein Paar Intriken wider mich zusammen und
dann ist und bleibt die arme Nina verlassen im Elend Siehst Du denn nicht dass
man eben auf dies anträgt Du musst mich weiter reisen lassen damit ich den
Verfolgungen entwische Sage Deinem Bruder dass ich lieber wie eine Rasende im
Walde herumirren will als ferner seinen Verdacht leiden Sage ihm dass ich
mehr Ehre im Busen trage als er Menschheit sag ihm nein sag ihm nichts
sonst wird er gar noch mein Henker
Da ist er nun erfüllt mein Traum Wenn Du nicht mehr anders kannst wirst
Du schon an der Klippe hängen bleiben müssen die Dir durch meine Bekanntschaft
ist zubereitet worden Lies Deinem Bruder diesen Brief nicht vor er ist zu
fühllos um ihn zu begreifen er würde mich für unsinnig halten und meiner
spotten Kränkt er nicht durch seinen Verdacht meine Ehre Bald wird er wohl
auch noch meine Seligkeit angreifen
Röschen weint über diesen neuen Streich wie rasend Ist das nicht eine
gutherzige Närrinn lachen sollte sie über die harten ehrenkränkenden
Ausdrükke die Dein Bruder gegen mich außstieß Nicht wahr Fritz eine
Heuchlerinn fühlt auch so tief bei einer solchen Kränkung Wie konntest Du
nur dieser verläumderischen Schlange trauen Fritz sie wollen Dich durch
Lokkungen um Dein Weib bringen Sei auf Deiner Hut Höre ich noch das
mindeste von Deinem Bruder so kehre ich zurück und Verzweiflung werde dann mein
Loos Wenigstens soll dieser Ruhestörer kennen lernen was ein
leidenschaftliches Weib zu tun im Stande ist Ein Weib die Ehre im Busen
trägt und sich nicht unschuldiger Weise zur Heuchlerinn machen lässt
Da nimm diesen Kuss Schmekt er Dir Um Gotteswillen lass Deinen Bruder
nichts davon wissen Du weist ja er hält ihn für giftig Jesus Jesus
Wohin verleitet mich der Gram Du dringst gewiss nicht durch dieses Gewebe der
Bosheit durch weil man troz unserer Klugheit doch meinen Aufenthalt entdekte
Sie wollen Dich an Ketten legen Deine Verwandten O Du armer Sklave ich
sehe Dich gewiss nicht so leicht wieder In Deiner Lage spränge ich zum
Fenster hinaus Die Liebe mag Dich jetzt schlau machen ich will niederknieen
und Gott um Deinen und meinen Verstand bitten
Weh Weh deinem Bruder Er hat keine gemeine Seele zu Grunde gerichtet
Lebe wohl sei ruhiger als Dein trostloses Weib
LXXI Brief
Rosental den 5ten Dezember
Fritz glaubst Du wohl ich könnte die Post abwarten bis sie abgeht und wieder
kommt So was mag wohl für flegmatische Klözze taugen aber für mich nicht
Heute Abend noch muss ich durch diesen Expressen Beruhigung von Dir haben sonst
Traue doch um Gotteswillen Deinem Bruder nicht er ist gewiss falsch
Denke nur wie er Dich erst vor Kurzem um meinetwillen foppte o traue ihm
nicht Du wirst sehen er lebt uns zu Leide Du wirst sehen er will mich
unglücklich machen er will mich von Dir reißen er will uns trennen Ich
eine Heuchlerinn Jesus Christus Ich eine Heuchlerinn Ich die ich mich
um Deinetwillen lebendig in eine Einöde begrabe Ich soll mich wie eine
Verbrecherinn untersuchen lassen O ums Blut Christi willen er soll aufhören
Verdacht auf mich zu werfen da er mich nicht einmal von Person kennt Ist das
christlich Ist das menschenfreundlich Ist das edel wenn man von seinem
Nebenmenschen ohne einige Überzeugung lieber Böses als Gutes glaubt
Der rechtschaffne Mann der ein menschliches Herz besizt bleibt bei einer
üblen Nachrede kalt und im Gleichgewicht wenn er den Verläumdeten nicht selbst
prüfen kann Aber ohne Gewissheit das Angedichtete weiter sagen Verdacht
nähren mit Gewalt eigensinnig das Üble glauben wollen und dadurch ein armes
Weib zur Verzweiflung zum Selbstmord bringen ist das nicht teuflisch
Siehst Du man trägt darauf an mich zu Grunde zu richten Und Du eilst nicht
zu Fuße fort Du lässt es darauf ankommen dass man mir Vergehungen andichtet
Um Dich zu betrügen um Dich abwendig zu machen tun sie das Ha Wie kannst
Du nur so gelassen dabei bleiben Aber fein fein wollen sie Dich hintergehen
merkst Du denn nichts
Nun so sei Gott mein Schuz mein Retter wenn mein eigener Mann nichts
ahndet Nicht wahr ich bin eine zaghafte Kreatur Vielleicht wohl gar aus
Heuchelei Aber bei Gott bei Allem was heilig ist bei dem schönen Wort
Liebe bei der Natur seis geschworen eher Tod als Dich lassen Zeig diesen
Brief Deinem Bruder nicht er würde mich hinabheucheln in Abgrund O er hasst
mich ja und ich tat ihm nie etwas zu Leide kenne ihn nicht einmal
O Gott Wie wird mir Es ist mir als sollte ich zusammen sinken
Hilfe Rettung Für Deine
Nina
LXXII Brief
Rosental den 6ten Dezember
Liebster bester Gatte Sagt ich es Dir nicht dass ich Dich sehen müsste O
wie geschwind eilte ich bei diesem Anlass wobei mir Dein Bruder so tötlichen
Verdruss verursachte in Deine Arme Das hättest Du doch wohl nicht geglaubt
dass ich nicht einmal des Boten Zurükkunft abwarten würde Dass ich es wagen
würde bis fast an Deine Stadtmauern zu fahren um Trost von einem Gatten zu
holen O ich hätte mich um die ganze Welt nicht von dieser kleinen Reise
abhalten lassen
Indessen will ich Dich jetzt bitten mir in Zukunft nichts mehr von Deinem
Bruder zu schreiben wenn Du nicht Tollheiten erleben willst Verteidige ihn
und liebe ihn so viel Du willst ich kann ihn nicht lieben wenigstens lässt es
meine stolze Seele nicht zu die nicht leicht jemanden beleidigt aber auch
keine Beleidigungen ertragen kann Ein Beweis dass ich von keinem Pöbel
herstamme der so gerne Niederträchtigkeiten duldet Deine guten Absichten
mich durch seinen Charakter zu beruhigen der im Grunde nicht bös sein soll ist
Dir nicht gelungen Wer seinen Nebenmenschen nur bei einem Haare kränkt ist
schon kein Christ und würde mehr tun wenn er Anlass dazu bekäme
Am allerwenigsten kann ich begreifen wie ein Mann der die Ehre mit seiner
Gattin teilen muss einen Verdacht der die Güte meines Herzens streitig machen
wollte wie er einen solchen Verdacht flegmatisch ertragen konnte Um
Gotteswillen Fritz lobe ihn nur nicht wieder Er verfolgt eine ihm unbekannte
Person aus Liebe für Dein Wohl Was soll diese teuflische Moral Kennt
er mich als eine Niederträchtige dann lege er Dir Beweise vor weis er aber
nichts als was ihm alte Weiber ins Ohr raunten dann bleibt er ein Verläumder
unter dem Dekmantel der Gutherzigkeit ein höllischer Verläumder Wer ein
Geschöpf vom blosen Hörensagen zu Grunde richtet der will es mit Vorsaz zu
Grunde richten und bleibt in meinen Augen ärger als ein öffentlicher Feind
Vergieb Teurer wenn Du mich ausschweifend wild findest Du kennst die
Stärke meiner Leidenschaften Liebe und Furcht Dich zu verlieren ist an dieser
Wildheit Schuld Rache machte bis jetzt der Liebe noch immer Platz aber wenn
Dein Bruder nicht aufhört mich eine Heuchlerinn zu nennen dann wird mich Ehre
und kummervolle Liebe zu einem Schritt verleiten der Dich und Deinen
argwöhnischen Bruder gewiss zu Boden schlagen wird
Fritz bei meiner gränzenlosen Liebe bei dem namenlosen Entzükken dass ich
gestern wieder in Deinen Armen genoss schone o schone mich Lobe Deinen
Bruder nicht wieder bis ich ihn selbst lobenswert finde Wirst Du mir
folgen Fritz wirst Du Dich überzeugen lassen dass er mich durch seinen Verdacht
schändlich kränkte O wenn Du mit mir fühlst wenn Deine Liebe das einzige
Gefühl ist dass in Deiner Seele herrscht so rede mir nichts mehr von ihm rede
mir nichts mehr von dem Allsanzen der sich in Herzenssachen einmischt
Dein Herz muss mir dieses Opfer bringen brachte ich Dir nicht jedes Opfer zu
Deiner Beruhigung Gott im Himmel ich fürchte ich fürchte Dein Bruder hat
den Samen der Zwistigkeit zwischen uns ausgestreut Ich muss mir alle Gewalt
antun um Dir wegen ihm keine Bitterkeiten zu sagen
Gerechter Gott Soll der uns trennen können Doch was trennen Ja er
soll es aber von meiner Seite nicht anders als durch den Tod Erfahre ich
noch den mindesten Verdacht in meine Liebe dann heilige Mutter Gottes bitte
für meine arme Seele und für meinen armen Fritz Meine Schwermut meine
Lebhaftigkeit bürgen für nichts Ich muss so sprechen damit Du gegen mich
vorsichtig handelst wärst Du an meiner Seite dann könnte mich Dein Bruder
eines Schaffots würdig achten es würde mich nicht beugen meine rastlose Liebe
würde Dich so lange in süße Wollust einwiegen bis Du den elenden Lügner bei den
Haaren zurückschleudertest der Dein trautes Weib kränken konnte Aber ich bin
von Dir entfernt und der Gedanke dass Du doch schwach sein könntest ist ein
höllischer undankbarer Gedanke aber bei der Entfernung kann ich ihm doch nicht
widerstehen
Es ist gebeugte Liebe Krankheit und hizziger Kopf die ich Deiner sanften
Leitung anempfehle Fritz willst Du über mich wachen Willst Du Denke
ich habe ungeachtet den gestrigen Seligkeiten die ich an Deinem Busen genoss
eine grässliche Nacht gehabt Nenne es nicht Überspannung ich hin nicht
selbst daran Schuld Das Wetter stürmte schröklich und mich dünkt ich
harmoniere so sehr mit den Elementen dass ich meinem Gram nicht widerstehen
konnte Gott Sollen dies etwa Ahndungen sein Droht mir schon wieder
Verfolgung will man mich schon wieder mit Verdacht zu Boden drükken Was kann
ich armer Wurm für mein Schicksal Was kann ich für den Neid der wich aus der
Menschheit rotten will Sei wenigstens Du barmherzig Wenn Dich Liebe nicht
dazu treibt so treibe Dich die Menschheit dazu ein Weib zu verteidigen die
auf ihre Ehre so empfindlich ist
Großer Gott Warum schufst Du doch das Weib zur Misshandlung für die
ehrendiebisschen Männer Warum schufst Du nur so wenige rechtschaffne Weiber
und warum müssen gerade diese wenigen das Opfer eines lieblosen Verdachts werden
Ha Überzeugung An Dich richte ich meinen Fluch wenn Du mir meine
Ehre nicht wieder zurückgiebst dann ist alles Lüge alles auf dieser Welt
Nina
LXXIII Brief Röschen an F von G
Rosental den 6ten November
Teuerster Herr
Nehmen Sie es mir doch nicht übel dass ich an Sie schreibe ich muss es aus Liebe
zu meiner guten Frau tun O warum haben Sie ihr doch alles geschrieben was
Ihr ungerechter Bruder über die gute Frau argwöhnt Ich bitte Sie herzlich
schreiben Sie ihr nichts solches wieder sonst bringen Sie sie um Sie kennen
ja doch ihre Heftigkeit Sie wissen wie schröklich sie jede Kleinigkeit zu
Herzen nimmt und schonen sie doch nicht
Da liegt sie nun wieder die arme Frau wie dazumalen in B wo wir alle
auf ihr Ende warteten Ich bin die ganze Nacht durch nicht von ihrer Seite
gekommen und ich wollte dass ihr böser Bruder weis Gott wo wäre weil er so
eine brave Frau niederträchtig glaubt und sie bis in den Tod betrübte Mein
Gott die gute Frau ist ja so unschuldig wie ein Kind und so tugendhaft als es
ein jeder Christ nur von ihr fodern kann
Wahrhaftig und wenn sie jedermann verlässt und verfolgt so will doch ich
auch in der äußersten Not nicht von ihrer Seite weichen weil ich sie mehr als
meine eigne Schwester liebe O glauben Sie mir Sie werden von ihr äußerst
geliebt hören Sie doch auf kein Geschwäz Ich bitte Sie machen Sie dass wir
bald von hier fortkommen ich stehe für nichts meine Gebieterinn führt
grässliche Entschlüsse in ihrem Sinne Sie läuft mir immer davon ich kann sie
gar nicht mehr aufhalten und doch mag ich nicht dass die Wirtsleute etwas von
ihrem Kummer wissen sollen
Gestern ist sie mir mitten in der Nacht davongesprungen ich habe die größte
Angst ausgestanden bis ich sie wieder fand Mit aller Gewalt habe ich sie kaum
wieder auf unser Zimmer gebracht wo sie dann bis in der Frühe ganz sinnlos
gelegen ist Die gute liebe Frau ich möchte mich tot weinen sie hat beinahe
ihren Verstand verloren und nichts hat sie mehr gekränkt als das Wort
Heuchlerinn sie hat es in der Fieberhizze wohl tausendmal wiederholt Gott
gebe dass es mit ihr besser werde Seien Sie indessen ohne Sorge es soll ihr
nichts abgehen denn ich liebe sie um ihres guten Herzenswillen zu sehr als dass
ich nicht Tag und Nacht ihr beistehen sollte
Lieber Herr ich bitte Sie um Gotteswillen schonen Sie doch in Zukunft
meine Gebieterinn mit traurigen Nachrichten Sie wissen ja sie ist gar zu
empfindlich Sollte es mit ihr schlimmer werden so erhalten Sie eiligst einen
Boten bis dorthin suchen Sie sich zu beruhigen Ich bin übrigens mit aller
Hochachtung
Dero
Ergebenste Dienerinn
Rosine
LXXIV Brief
Rosental den 8ten November
Lieber Gatte Die Natur hat sich noch einmal meiner erbarmt und ich bin
wieder aus dem Bette Wie stark meine Krankheit war weis ich nicht denn ich
war die wenigste Zeit bei Vernunft aber so viel weis ich doch dass mir das Wort
Heuchlerinn das ich von Deinem Bruder dulden musste öfter ins Gedächtnis kam
Lass mich nichts mehr von ihm hören ich verzeihe ihm ob er aber für meine
Seele nicht einst Rechenschaft geben muss ist eine andere Frage
Bedenke nur wie schändlich er Dein Weib beleidigte Oder reizen Dich
seine großen Versprechungen die er Dir vorspiegelte Ist Dir Deines Bruders
Liebe mehr wert weil Du ihre feindseligen Ausbrüche die alle mich trafen so
entschuldigst Kannst Du Deine Eigenliebe bei der er Dich um Deiner
Talentewillen küzzelt nicht unterdrükken um meine Liebe desto feuriger zu
fühlen Und wenn ich jetzt auch von seinem moralischen Charakter besser überzeugt
würde so kann ich ihn doch nicht mehr als einen wohldenkenden Mann achten er
war doch immer ein heimlicher Verläumder ob er nun seine Nebenmenschen durch
Dummheit oder Vorurteil zu Boden schlägt gleich viel es bleibt immer
Verleumdung zu der Niemand ohne Überzeugung ein Recht hat Wenn er aus Liebe
zu Dir für Dein Wohl sorgen will so muss er dabei Dein Herz und Deine Delikatesse
schonen muss das gute Urteil über mich eben so leicht annehmen als das böse
Du solltest von mir zur Probe eine große Summe Gelds fodern O der
Niederträchtige der Dich zu einer solchen schmuzzigen Prüfung anstiften wollte
Kennt er denn meine Armut nicht die gewiss keiner Lasterhaften so leicht
eigen ist Und gesezt ich wäre reich wäre es mir nicht Pflicht Alles mit Dir
zu teilen O Menschengrausamkeit wie groß sind deine Gränzen
Siehst Du wie dieser Gedanke meinen Kopf angreift Siehst Du wie er im
Herzen liegt der Stein den dieser Harterzige hineingeworfen hat Siehst
Du wie mein gallsüchtiges Temperament schröklich schröklich in Gährung ist
O bei dieser feurigen Träne fühl doch mit und sei nicht so schwach Dich von
jeder Scheintugend Deines Bruders täuschen zu lassen
Giebst Du mir nicht nach dann gehe hin und sage dass es ihm gelang mich
elend zu machen Sag ihm dass es ihm gelang dich zur Dankbarkeit zu reizen und
mich dadurch auf ewig unglücklich zu machen Noch scheint es mir unmöglich
dass Du mich von ihm beschimpfen lassen kannst Mich Dein Weib Deinen Stolz
Deine Liebe Deine arme verfolgte Gattin Gott Gott
Nina
LXXV Brief
Rosental den 10ten November
Ha Mein inniggeliebter Gatte Was ich gestern und heute wieder litte dass
der Postwagen nicht kam das ist gewiss allen Menschen unbegreiflich So ist
denn meine Ruhe auf ewig dahin So ist denn mein Gemüt unheilbar vom Gift der
Schwermut angestekt Nimm mir es nicht übel teurer angebeteter Mann
aber nimmermehr glaube ich dass ich Deine Ankunft erleben werde
O rette mich bald um Gottes Barmherzigkeit willen Wenn Du wüsstest wenn
Du fühltest das Schrökliche das in mir vorgeht Ha bin ich nicht eine
elende Winslerinn Warum stürme ich denn so auf Dein Mitleiden los Mich
dünkt Du bist jetzt mein Gott mein Schuz meine Zuflucht mein Trost mein
Alles Ich bin abgerissen von der ganzen Menschheit hingeworfen ganz allein
ins unendliche Kaos der Schiksale
Fritz es gilt jetzt Leben oder Tod Merk Dirs und sage es Deinem Bruder
auch es gilt jetzt Leben oder Tod nachdem es sich mit Dir entwikkelt Ich
muss also weiter reisen Muss Dich zurücklassen O und wenn mich in der
volkreichen Stadt V alle Reichtümer erwarteten wenn man mich dort
vergötterte so würde ich mich doch ohne Dich abhärmen Tödtendes Gift wird
diese Entfernung für meine Liebe werden das mich hinraffen wird ins
Tollhaus
Warum brennt es mich heute wieder so schröklich im Gehirne Warum spannt
mich der Kopf wieder so Warum treibt es mir meine Adern wieder so in die
Höhe O Fritz Fritz Warum wektest Du mich zur Liebe auf zu einer Liebe die
Dir ihrer Heftigkeit wegen zur Last sein muss Immer schreit Deine kalte
Vernunft von Überspannung freilich erreicht mein hoher Grad von
Einbildungskraft niemand so leicht Du liebst zwar besser als Millionen Andere
aber Du fühlst doch nicht so anhaltend wie ich fühle Auch hierinnen empfindt
das Weib ihren Fluch ich bin es überzeugt
Könnte Dich das Schicksal unwillkürlich von mir trennen sollte sie einst
anlangen diese schauervolle Nachricht dann beim Himmel bei den Elementen
geschehen soll es sein um mein Leben mit lachendem Munde und mein lezter Fluch
donnere Dem in die Ohren der mich zu einem Schritt brachte wovor jetzt meine
ganze Natur zittert
Schreie mir nicht schon wieder entgegen Hast Du Misstrauen in mich Ich
habe keines in Dich aber in Dein Schicksal in Deine Ohrenbläser
Jetzt wirst Du alle meine Briefe haben und ich habe von Dir noch keine
Zeile Die verdammte Post Nun so quält mich denn alles alles Weist Du
auch dass es gut ist dass ich den hiesigen Ort bald verlasse So einsam er auch
immer ist so müssen mich doch städtische Lotterbuben ausgespäht haben sie
schmieden jetzt untereinander Entwürfe um zu erfahren wer ich bin Die
Wirtin selbst hat mich davon benachrichtigt und dein gutes Weib sizt da
ringt die Hände verflucht die Menschen die ihr in der abgelegensten Einsidelei
nicht einmal Ruhe lassen
Aber wie ich Dir schon einmal schrieb was ist ein Weib ohne Mann Jeder
Hauch stößt sie zu Boden Wer bürgt mir in dieser Verfassung für Verräterei
Wer bürgt mir für mich selbst dass mich der allgewaltige Gram nicht zu Erzessen
verleitet Fritz der Tag in dieser einsamen Höle ist lang der Stunden sind
viele zum kränken und die Einsamkeit ist das wahre Gift für eine schwermütige
Seele Denke leztin bin ich dem Mädchen entlaufen sie hat mich suchen
müssen O ich kann ich kann nicht mehr ohne Dich leben Melde mir den Tag
meiner Abreise wenn Du nicht selbst kommst
Des andern Tags
Schon wieder eine kummervolle Nacht verseufzt Meine Schwermut kümmert sich
wenig um den Zusammensturz meines Körpers ich glaube auch dass er nicht
zusammen stürzen kann dieser elende schwache Bau sonst müsste er schon längst
dahin sein Sei nicht böse dass ich der Melankolie wieder so sehr nachhänge
ich kann Dich nicht mehr schonen so sehr mein gutes Herz sich dagegen sträubt
ich muss ich muss Dir sagen was mit mir vorgeht Du wirst selbst entdekken
wie anhaltend dermalen meine Gemütskrankheit ist Lies seit meiner
Abwesenheit alle meine Briefe durch keine heitere Stelle wirst Du darinnen
finden Du bist unglücklich durch mich unglücklich auf ewig All Dein Trost
prellt an Deinem kranken Weibe ab nur Du oder Tod steht mir bevor Du
kennst meine schrankenlose Ungedult Du müsstest Bösewicht sein wenn Du nicht
alles anwendetest um mich bald dieser martervollen Sehnsucht zu entreißen
Diesen Augenblick erwarte ich Röschen mit Briefen von Dir Was wird wohl
darinnen stehen Freude Kummer Angst Furcht lassen mich das Siegel nie anders
als zitternd erbrechen In der Liebe bin ich das kummervollste Weib und in
der Ehre und in feurigen Entschlüssen so sehr Mann O ich möchte mich selbst
anklagen dass ich so ein unglücklich gestimmtes Weib sein muss Es steht nicht
mehr in meiner Gewalt es zu ändern das Fieber hat Seele und Kopf angegriffen
da muss Gott helfen sonst ist wohl jede Besserung für mich verloren
Du wolltest leztin wissen was ich den ganzen Tag durch machte Sehr
wenig das einer gesunden Vernunft ähnlich sieht herumlaufen weinen rasen
dichten das ist meine größte Beschäftigung Denke nur was mir leztin einfiel
ich hätte mich bald entschlossen Dir durch eine dritte Person eine tüchtige
Falschheit von mir in die Ohren blasen zu lassen um Dich dann zu beobachten wie
Du Dich dabei betragen würdest Eine solche Probe dünkte mich Sicherheit wenn
Du sie standhaft mit Zutrauen ausgehalten hättest falls Dein Bruder neue Lügen
wider mich Dir hinterbringen würde Vergieb mein Gatte vergib meinem Kummer
Du kennst ja die Ursache, Du musst wohl recht viel mit mir leiden lasse es Dir
aber von nun an zur Warnung dienen behandle mich vorsichtiger sage mir nichts
mehr von Deinem Bruder Ich will gar nichts mehr von ihm hören die bloße
Erinnerung verwirrt mich schon
Fritz wenn Du meine Seele retten willst so komme an meine Seite beruhige
mich durch Deine Grundsäzze Wieder eine Ursache mehr die Dich an mich
hinreißen muss Die arme bedaurungswürdige Nina ist ohne Dich verloren ist
hin ist weg ihre Vernunft hintersinnt sich Der Schöpfer wird Dir fluchen
wenn Du mich nicht bald auf den ruhigen Pfad der Religion zurückweisest mein
Blut würde über Dich um Rache schreien Du musst mich heilen von einer
SeelenKrankheit die Deine Liebe in mir aufwekte Ha Wenn Du mich
tröstest dann will ich Dir in der TodesStunde beim Gericht Gottes
Segenswünsche zurückschikken Für jetzt Amen Ich fühle dass es mich wieder
drükt
Ich habe versucht im Grünen herum zu laufen aber es will mich dort auch
nicht dulden Zehn Uhr vorbei und Röschen ist noch mit keinem Briefe da
Großer Gott Was ist die Erwartung für Unglückliche eine namenlose Marter
Erwartung ist für den Fühlenden mehr Folter als dem AlltagsBösewicht Schande
und HenkersHand ist Es ist kein Geschenk um eine fühlende Seele kein
Geschenk um einen denkenden Kopf
Lass ihn kommen Deinen Bruder und meine heiße Angst betrachten er soll die
Augen öffnen und der Menschheit Gehör geben er soll sehen wie es mich
herumtreibt er soll fühlen wie es mich durch und durch messert er soll
barmherzig sein gegen Liebende wenn er Mensch ist
Röschen kam eben und ich erhielt wieder alle Briefe auf einmal Also
kommst Du diese Woche schon wieder nicht Tue was Du willst ich halte es
ohne Dich nicht mehr länger aus ich komme in die Stadt und gerate ich Deinem
Bruder in die Hände so sprechen wir uns Ich kann ich will ich mag diese
tödtende Ungewissheit nicht mehr länger dulden wenn Du nicht selbst kommst so
komme ich so gewiss als ich Dein Weib vor den Augen Gottes bin
Nina
LXXVI Brief
Rosental den 12ten November
Teuerster Gatte So hast Du mich endlich beredt dass ich mich noch weiter von
Dir entferne Ich soll also weg von Deinem liebevollen lautklopfenden Busen
Weg von allen Seligkeiten der unbegreiflichsten Wollust die ich bei dieser
kleinen Entfernung doch zuweilen an Deiner Seite genoss
O dass ich zurückkehren dürfte von meinem Entschluss O dass Deine Familie
versöhnt und Schark entfernt wäre O dass ich wieder in Deine Arme stürzen
dürfte mein lieber Fritz wie gestern Abend
Lieber feuriger Flüchtling wie hast Du mich erschrökt als Du so
unvermutet in mein Kämmerchen eindrangst Drei himmlische Stunden lag ich
wieder in Deinen Armen und dann und dann Ha Schicksal warum entrissest Du
mir ihn wieder Verzeihe bester Gatte dass ich Dich beim Abschiede durch
mein lautes Geschrei wieder so schröklich beugte Bei dem Allgewaltigen bei
Deiner reinsten GattenLiebe vergib dem schwachen Weibe die in Dir eine Welt
eine Seligkeit vermisst Möchten Dich die Engel der Liebe ohne Schaden in Dein
Zimmer zurückgebracht haben möchtest Du dort das Bild Deines entfernten Weibes
anstaunen und ihm eine Träne des Dankes verweinen für ihre bange Liebe
Gott erst in einigen Tagen erfahre ich Deine Zuhausekunft und erst in zween
Tagen kann ich von hier abreisen Der Dir bekannte PostSekretär in H
bot mir alle Dienste an er wird mir nach F ein EmpfehlungsSchreiben
mitgeben Gewiss Fritz es gibt in der Welt auch noch absichtslose
Menschenfreunde Du weist dass ich den Mann erst seit einigen Tagen kenne
Seine Gutherzigkeit rührte mich in meiner Lage recht sehr der Mann denkt
teutsch und bieder aber ist nichts weniger als ein aufgeklärter Kopf Ehe er
meine Verfassung wusste fing er mir an einige drolligte Schmeicheleien
vorzusagen worüber Röschen laut lachte »O wenn Sie Wittwe wären fuhr er
fort wahrhaftig Ihr Humor gefällt mir so ausnehmend« Da wollte er vermutlich
von meinem Bischen Verstand sprechen und wusste sich nicht auszudrükken
Eilig zog ich dann Dein Bildnis aus meinem Busen und küsste und herzte es vor
seinen Augen so derbe dass der gute Mann vor Staunen fast außer sich geriet
»Wahrhaftig fing er wieder an so ein Frauenzimmer habe ich mein Lebtag noch
nicht angetroffen die ihren Gatten so leidenschaftlch liebt Heute habe ich
es aber gleich gedacht unsere schöne Einsiedlerinn muss gewiss Besuche haben
weil kein Brief an Sie kam denn Ihr Herr Liebster schreibt ja alle Posttage so
richtig wie eine Uhr Und ich gestehe es die Neugierde trieb mich eine
Stunde Wegs in dieses Tal um Sie doch endlich auch einmal kennen zu lernen Es
tut mir weis Gott sehr leid dass Sie so geschwinde fortreisen wollen die
Wirtin und die Bauern lieben Sie ja außerordentlich«
Er würde fortgeplaudert haben wenn ich ihn nicht wegen einigen
ReiseAnstalten unterbrochen hätte Fritz danke ihm doch in einem Briefe
willst Du Für heute Millionen Küsse von Deiner ewig treuen Gattin
Nina
Frühe um 6 Uhr
Endlich wieder einmal eine Nacht gut geruhet Und Du HerzensGatte auch Du
Möchte ich doch morgen noch vor meiner Abreise Nachricht von Dir erhalten aber
es ist umsonst es kann nicht sein weil Du die Verlängerung meines hiesigen
Aufenthalts nicht weist und ich Dich bat mir geradezu nach F zu schreiben
O bis Freitag früh ist es eine lange martervolle Ewigkeit Dass doch der
dumme Postwagen nicht eher kommt und ich auf ihn warten muss Noch heute gehe
ich mit Röschen nach H und gebe dorten diesen Brief auf die Post eh ich
abreise Du sollst gewiss nicht umsonst auf Briefe warten Aber nicht wahr
Liebchen Du schreibst doch recht geschwinde nach F Denke Dir Dein
liebes Weib allein ohne Gatte in einer fremden Stadt mit einer kummervollen
Seele im Busen wie sie gebeugt daherwandelt und sich nach Erlösung sehnt Gewiss
ein fremdes Weib ist ein verlassnes Wesen Hat sie Geld so muss sie es den
geizigen Wirten zuwerfen hat sie keines so wird sie das Opfer ihrer
Grausamkeit und der Gegenstand der Verfolgung für Wollüstlinge
Gott was ist ein Weib ohne ihren Gatten für Gefahren ausgesezt Trift
dieses Loos eine Fühlende dann empfindet sie die Last ihres Elendes doppelt An
der Seite eines Gatten kann man der Not dem Vorurteil der Verleumdung und
der Misshandlung des eigennüzzigen Pöbels trozzen aber allein fällt der Troz auf
sie zurück sie muss sich unterdrükken lassen das Laster merkt es recht gut dass
es mit einem schwächern Teile zu tun hat Ich bin ohnehin so schamhaft so
verzagt so blöde dass der Pöbel erst recht Mut bekommt mich mit Füßen zu
stoßen wenn ich seine Dienste brauchte und sie zum Unglück nicht bezahlen
könnte Kann man etwas barbarischers finden als des Pöbels Eigennutz Wegen
ihm wird der Pöbel zum Mörder an seinem Nebenmenschen mordet er ihn nicht
gewalttätig und geschwind so mordet er ihn langsam durch seine Zügellosigkeit
Lass mich lieber Fritz nie solchen Auftritten ausgesezt sein bemühe Dich
mich bald zu erlösen
An Deiner Seite mein Gatte nur BauernKost und himmlisch sollte sie mir
schmekken O wie wollte ich Gott danken für das teure Geschenk meines
Frizzen Weist Du noch Lieber wie willig wie liebetrunken ich Dir jeden Wink
im häusslichen Leben befriedigte Wie Du mir meine Gutherzigkeit dann wieder
mit einem Kuss lohntest und wie Du dann wieder nachdachtest über Deine Nina die
Dir Alles Alles tat was Dein Herz nur fordern konnte Wenn Du Dir auf dieser
Welt einen Himmel denken willst so denke Dir solche Auftritte aus unserm
häusslichen Leben
Und nun teuerster Gatte Millionen Küsse von Deinem Weibchen im Kaput mit
dem blauen Bändchen am Halse waran Dein Bildnis hängt Weist Du wie gut es
mir steht Deine besste aufrichtigste treueste
Nina
LXXVII Brief
Rosental den 13ten November
Teurer äußerst geliebter Gatte Das war doch heute ein sehr wunderlicher
Tag Bis zehn Uhr hatte ich noch mit Pakken zu tun dann kam eine Schäse mit
fünf Mannspersonen gefahren ich erschrak denn es waren lauter Leute aus B
nun hieß es im Zimmer sizzen bleiben und doch wäre ich gerne mit Röschen
ausgegangen wenn wir uns unvermerkt aus unserm Kämmerchen hätten schleichen
können Gerade heute den letzten Tag meines Aufenthalts mussten diese
Stadtflüchtlinge diese Einöde besuchen Mir wurde etwas bange denn die
Stuzzer sumsten um die Türe herum als ob sie Verräter abgeben wollten
Endlich schlichen wir uns ungesehen fortund kreuzten bis gegen Abend alle Berge
und Wiesen in der Nachbarschaft durch
Als wir zu Hause kamen sagte uns die Wirtin dass die Fremden bis gegen
sechs Uhr auf unsere Rükkunft gewartet hätten und doch gelang es ihnen nicht
ihre Neugierde zu befriedigen Morgen gehe ich nach H und erst übermorgen
frühe fahre ich weg Ich bin müde ich muss zu Bette tausend Küsse von Deiner
lieben
Nina
LXXVIII Brief
H Den 14ten November
O Du Lieber Du bist wohl tausendmal mehr wert als alle Beschwerlichkeiten
die ich bei diesem Herumziehen ausstehen könnte Nun bin ich hier mit Sak und
Pak und warte unter abscheulicher Langeweile bis der Postwagen abfährt
Wie mirs ums Herz ist kannst Du leicht vermuten weil ich mich bald so
weit von Dir entfernen muss Hart ist doch ein solches Schicksal für ein
liebendes Weib Doch nein es ist nicht hart es ist süß denn die Wollust aus
Lieb zu dulden erkauft man nie zu teuer Ich bin bei allen dem so innig
zufrieden so selig als ob es ewig ewig meine Bestimmung wäre um Dich zu
leiden
Bist Du denn auch wohl Liebchen Wirst Du mich auch bald unterstüzzen
Wirst Du bald nach F kommen Werde ich Dich bald wieder an mein Herz
drükken können O tröste mich lieber Gatte mit Hoffnungen tröste mich
Ha Was ist Entfernung Eine Qual worüber man rasend werden möchte
Wäre Schark und Dein Bruder nicht ich könnte zurückkehren Fritz und Nina wären
jetzt ruhiger Doch es ist einmal nicht zu ändern und ich erwarte einstens
dafür namenlose Belohnungen in Deinen Armen Sage teuerster Gatte erwarte ich
zu viel O lass mich dann hinsinken an Deinen Busen und Deinem Bruder sagen
dass er sich irrte wenn er glaubte eine Schwärmerei daure in der Liebe nicht
lange Das ist eine Lüge wenn ein Weib nach und nach zu schwärmen anfängt
wenn sie Geist Vernunft die Seele das Herz in einem Manne liebt dann muss
ihre Liebe ewig dauern weil sie auf unsterbliche Verdienste gegründet ist
Gerade jetzt fällt mir ein herrlicher Gedanke ein ich will Röschen auf die Post
schikken der Sekretär muss mir Deinen Brief ausliefern wenn er auch gleichwohl
nach F laufen soll Du weist doch dass alle Deine Briefe hiedurch müssen
O wenn nur Röschen schon wieder da wäre wenn er ihr nur den Brief gibt
wie ruhig wie ruhig will ich dann reisen Gott Gott Was ist Erwartung
für ein lebhaftes Temperament
Dank tausend Dank mein Gatte Röschen zeigte mir Deinen Brief schon von
weitem Kümmere Dich nicht Liebchen ich nehme Dir ja Deine Zerstreuung in
Deinem Briefe nicht übel in der Lage kann es nicht anders sein Nach Tisch
noch ein Wörtchen mit Dir
Nach Tisch
Aeusserst plagt mich die Langeweile weil ich nicht geradezu an den Ort meiner
Bestimmung reisen kann hätte ich Deinen Brief nicht ich würde völlig zu Grunde
gehen Wohl zehenmal habe ich ihn schon durchlesen Da muss ich nun wieder in
einem fremden Wirtshause sizzen und alle Leiden der Abwesenheit allein tragen
Wärst Du jetzt da und rauchtest Dein Pfeifchen an meiner Seite wie glücklich
würde ich sein Weist Du Liebchen heut acht Tage waren wir in N weist Du
wie ich alle Entzükkungen Deiner Liebe fühlte Wie ich hingerissen in
Wonnetaumel Dir für Dein Gefühl dankte O unser Leben ist doch eine Kette von
Abwechslungen seit dem wir uns kennen
Abends
Denk Liebchen so eben ging der Sekretär von uns weg ich muss Dir gestehen er
ich und Röschen wir waren recht munter Er nekte mich wegen meiner Heftigkeit
und sagte »Sie würden bei meiner Seele sterben vor Ungedult wenn ein Brief von
ihrem Gatten nur um eine Stunde zu spät ankäme Ja ja ich schäzze Ihren Herrn
Gemahl recht sehr aber wenn Sie Wittwe wären » Röschen lachte wie eine
Närrinn über den guten Mann Schreib ihm ja recht bald er handelt gegen mich
sehr dienstfertig Ich muss zu Bette vielleicht geht der Postwagen in der
Nacht fort Ruhe sanft gute Seele
Morgens um 4 Uhr
Noch vor meiner Abreise meinem Gatten zwei tausend Küsse Gott sei bei Dir und
meine Liebe immer und ewig vor Deinen Augen Lebe wohl Lebe wohl Nimm
hier noch den Abschiedskuss von Deiner armen Wanderinn Dein gutes liebes
treues Weib
LXXIX Brief
F den 17ten November
Mein Gott kann man sich etwas Schröklicheres denken als meinen Zustand Sage
mir aus Barmherzigkeit schriebst Du mir denn Mittwochs nicht dass ich heute
keine Briefe erhielt Und warum nicht Heiliger Gott Warum nicht Um
Gottes Christi willen was ist Dir begegnet Wenn Du geschrieben hättest so
müsste ich heute Deinen Brief erhalten haben Oder übergabst Du vielleicht Deinen
Brief fremden Leuten die ihn zu spät auf die Post trugen O wenn das die
Ursache wäre wie gerne wollte ich diesen unachtsamen Leuten ihre Nachlässigkeit
verzeihen
Dass ich erst Donnerstags abreiste musst Du jetzt schon wissen dass ich aber
erst heute in der Nacht hier sehr elend ankam sollst Du gleich erfahren Als
es in H zum Einsteigen Zeit wurde brachte mich Röschen fast nicht in den
Wagen ich wollte Deine Nachbarschaft durchaus nicht verlassen Der Postwagen
war voller Leute ich sas wie eine Verdammte sprach kein Wort und blieb in
dieser jammervollen Betäubung bis es dunkel wurde dann fing ich an heimlich zu
schluchzen zu weinen dass es mich beinahe erstikt hätte Ein
menschenfreundlicher Kaufmann der mir gegenüber sas bemerkte meinen stillen
Jammer und gab sich alle Mühe mich zu trösten Eine tiefe Ohnmacht die mir
auch zum Teil das unbequeme Fahren zugezogen hatte war das Ende dieses
Auftrittes Sinnlos trug man mich ins Wirtshaus alle Passagiers wurden jetzt
auf mein Schicksal neugierig aber Röschen ist ein schlaues Mädchen denn nicht
eine Seele erfuhr das Geringste von meiner Verfassung
Ha mein Gatte wie viele solcher Leiden wirst Du mir noch aufbürden Du
kannst nicht begreifen wie mir das avantürische Herumziehen zusezt und zur Last
wird Ohne Dich kann ichs nicht mehr tragen sähst Du die elenden
Behandlungen denen ein Weib ohne Mann ausgesezt ist Du würdest rasend Und
besonders so ein schwaches empfindliches Ding wie ich bin Ha Ich bleibe
nicht mehr so ich kann nicht mehr so bleiben ich muss Dich an meiner Seite
haben Du musst mich schüzzen Längstens in drei Wochen kommst Du an meinen
Busen oder bei Gott ich bin für Dich auf ewig verloren Das ist hart nicht
wahr Fritz
Aber höre nur erst obenhin eine kleine Beschreibung von den unangenehmen
Dingen welchen ein Weib ohne Mann ausgesezt ist Unter zwölf Personen die im
Postwagen saßen war nur ein einziger der uns nicht für herumziehende
liederliche Dirnen hielt So bescheiden so gramvoll ich auch da saß so ruhte
doch das Vorurteil schwer auf mir ich sah es aus verschiedenen Anmerkungen
Selbst Röschen mit ihren kleinen Unbesonnenheiten betrug sich sehr vernünftig
Das Mädchen trägt vieles mit mir Denke nur die Angst die sie wegen meinen
schwermütigen Anfällen duldet
Unzufrieden krank und kummervoll kam ich Nachts um drei Uhr in F an
foderte ein Zimmer und was glaubst Du wohl man gab uns ein kaltes Loch
worinnen ein Bett mit einem bloßen Strohsak stund und dessen Fenster ganz
durchlöchert waren Der Wirt sah uns ungeachtet unserer guten Kleidung doch für
blose Abendteurerinnen an Das war ein Anblick für mich Finstere Nacht
außer Stand eine bessere Schenke zu suchen harrte ich Arme auf dem Strohsak und
mein Röschen die mich mit ihren Tränen wärmte an meiner Seite
Ist wohl je einer Missetäterinn ein solches Schicksal beschieden Und
doch geht es einem Weibe ohne Mann nicht anders nun denke Dir erst die
Barbarei wenn so ein Weib ohne Geld wäre Röschen war fast außer sich dass
wir in einen solchen Lumpenwinkel gerieten Der Konduktör nebst seinen
Passagiers reissten gleich wieder weiter nachdem der erstere auf meinen Konto hin
brav gezecht hatte Grobheiten zu verhüten musste ich bezahlen wenn ich schon
nichts dafür genossen hatte
Als es anfing Tag zu werden ging ich mit Röschen in ein anderes
Wirtshaus die Wirtin begegnete uns spöttisch nahm uns aber doch auf dann
musste ich ganz natürlich bezahlen was ihrem Eigennutz gelüstete Gott was wird
das werden wenn mir die L an die ich heute den EmpfehlungsBrief abgeben
werde nicht für ein besseres Quartier sorgt
Auch fängt das hiesige Männervolk schon zu laufen an da sie uns vermutlich
am Fenster müssen erblikt haben Großer Gott wie weh tut mir das Vorurteil
Gatte meines Herzens bei Deiner Sorgfalt bei Deiner Liebe komme bald und
tröste Dein
armes Weib
LXXX Brief
F den 19ten November
Mein Gatte mein HerzensGatte Was habe ich seit Vorgestern als ich keine
Briefe erhielt nicht alles gelitten Schröklich waren die Tage aber noch
schröklicher die Nähte Wenn ich morgen wieder keine Briefe erhalte so mögen
sie mich an Ketten legen Röschen geht jetzt zitternd auf die Post sie sagt
sie hätte nicht den Mut mir eine widrige Nachricht zu bringen Sie weint an
meinem Bette halbe Nächte durch und bietet alle ihre Kräften auf um mich
aufzuheitern
Fritz wenn Du noch lebst Gott was wäre das Wenn Du noch lebst so
vergelte es doch diesem Mädchen sie ist die Einzige die Dir Dein Weib erhält
die Einzige die mit sorgfältiger Schlauheit mir überall nachschleicht und von
gewalttätigen Unternehmungen zurückhält Meine Denkkraft meine Ruhe meine
Vernunft ist hin ist weg um einer Leidenschaft willen die ich nie zu einer
solchen Heftigkeit hätte steigen lassen sollen Aber Fritz warum warst Du auch
so ein sträflicher Schwärmer der mich bis zur äußersten Liebe hinriss Du
hättest sie zum Voraus überdenken sollen die tirannische Lage die Dein Weib von
Dir entfernen wird Zuviel foderst Du von meiner Stärke Du bist zu grausam
zu leichtsinnig Du überdenkst den verzweiflungsvollen Zustand Deines Weibes zu
wenig Fühle was ich dulde Fremd verlassen von Dir entfernt mit einer zu
Boden getrettenen Seele mit einem Kopf voll Sorgen mit einem kummervollen
Herzen muss Deine Gattin ausharren Meine ganze Seligkeit ruht bloß auf Dir
und wenn sie nun für mich auf einmal zusammen stürzte wenn Du stürbest oder
Dich Deine Leute wieder einsperrten oder was weis ich alles Ha Dann
wäre es ja lustig Nicht wahr Fritz Lustig für einen heftigen Kopf wie der
meinige ist Solche HöllenFurien von Gedanken zerfleischen mein krankes
Gemüt und entfernen sich gewiss nicht eher als bis ich in Deinen Armen ruhe
Ich Törinn warum verlies ich B Ich hätte doch stündlich zu Dir hinlaufen
können und Dich nähren aus dem Becher der Liebe Und jetzt kann ich weiter
nichts als einige kalte jammernde Briefe schreiben die meine Verfassung doch
nur obenhin zeichnen Arm bin ich jetzt in dieser verdammten Entfernung
Vielleicht durch Krankheit bald außer Stande zu Dir zurück zu kehren Fritz
Deine Nina ist wild und hart geworden durchs Unglück das Deine Liebe ihr
zubereitete Sie ist nicht mehr sanft und duldend ihr Zustand gränzt an
Unsinn Sie ist eine Gottlose Undankbare gegen Dich der Gram hat ihr allen
Trost aus dem Herzen verbannt das ein liebevoller Gatte mit Engelssorgfalt zu
beruhigen suchte Aber es ist umsonst gib Dir keine fernere Mühe mehr
entweder in drei Wochen bei mir hörst Du Für immer bei mir oder Tod und
Verderben Was soll ich mich da langsam abzehren lassen tausendmal sterben
und doch noch leben Warum soll ich warten bis Furcht Angst und Schrekken
mir den langsamen Todesstoss bringen Mein Feuer ist zu heftig meine Liebe zu
ungedultig um dem Schicksal noch länger als drei Wochen nachzugeben Entweder
kommst Du bis auf diese Zeit aber keine Einwendung mehr Du kommst oder ich
werde mir schon selbst helfen Du sollst erleben dass ich Entschluss habe
Wenn Dich diese Drohung kränkt dann bleibe Allzufurchtsamer bleibe und
überlass mich meinem Geschikke Ich sehe es ein dass wir mit Wenigem leben
können Hast Du nicht Kopf hast Du nicht Talente Meine jezzigen Hausleute
ich logiere bei der L sind wirklich mehr arm als reich und doch glücklich
Du unmenschlicher Grübler der mich aus Zagheit lieber tot als lebendig
aufsuchen will wenn es einmal zu spät sein wird Zum leztenmale bitte ich
Dich lass es nicht zu lange anstehen Frisch auf Fritz raffe zusammen was Dein
gehört und komme Oder Deine Liebe ist der Fluch den mir Gott zur
Verdammnis aufgelegt hat Könnte ich außer Dir noch ein Geschöpf leiden so
wäre meine Sehnsucht nicht so heiß ich würde mit dem gewöhnlichen weiblichen
Leichtsinn auf neue Eroberungen antragen Aber da sizze ich eingekerkert
verborgen von allen Augen entfernt mitten in einer großen Stadt einsam auf
meinem Zimmer und leide mehr als eine andere um ein Königreich zu leiden das
Herz hätte
Entfernt von den Menschen ungekannt von Freunden ohne die mindeste
Bekanntschaft unter einem fremden Namen dulde ich alles einem Manne zu Lieb
den ich anbete Ha Du müsstest ein heilloser Bube sein wenn Du mir auf
diesen Brief nicht so gleich den Tag Deiner Ankunft meldetest Ich bin des
Elendes satt das mir die Abwesenheit zubereitet entweder fühlst Du meinen
Zustand und hälst ihn nicht für blosen augenbliklichen Affekt oder Du bringst
mich mit eigener Hand um
Schreibe mir Trost zu so viel Du willst er hilft nichts mehr Sag
furchtsamer kalter Vernünftler was soll ich tun Hätte ich wohl je gedacht
Dich so treiben zu müssen Hätte ich wohl je gedacht dass ich Dich Prahler an
Tätigkeit überträfe Bald muss ich es teuflisches Flegma oder sträflichen
Leichtsinn nennen wenn Du noch länger zögerst Darüber keine Einwendung oder
die Mutter Deines Kindes flucht Dir Nun Herr Menschenkenner untersuche
jetzt den Zustand meines Gemüts und zittere oder komm für immer
Nach Tisch
So eben sind wir vom Tisch aufgestanden die Leute bedienten mich artig aber
mir schmekte kein Essen Das Gift lag in meinen Sinnen und erstikte mich
beinahe Wie sich doch die zwei jungen Eheleute gerade heute vor meinen Augen
so schön tun mussten um mich vollends zu verrükken und mir die verlebten
Stunden mit Dir zurückzurufen um mich an mein jezziges Elend zu erinnern um
mich noch wahnsinniger zu machen Gott wenn es diese Leute gewusst hätten wie
sie dadurch an meinem Herzen nagten dass ich so allein sizzen musste wenn alles
sich freute und der Liebe genoss Die Freuden der Liebe werden wohl nicht bald
wieder für mich zurückkehren Ich werde wohl eher die Braut des Todes werden
als mit Gattenliebe in Deinen Armen wieder einmal himmlische Wonne genießen
Nicht wahr Fritz himmlische Wonne Gott Wenn ich so wie glühendes Feuer an
Deiner Seite saß mich fest an Dich andrükte mit einer Kraft die die liebe
MutterNatur bloß dem Weib gab um den rohern Mann einzuwiegen in tausendfältige
Wollust und wie Du dann auch wollüstig zu schwärmen lehrtest wie Du fluchtest
über die abscheulichen sinnlichen Kreaturen die die Männer bloß viehisch zu
reizen wissen Wie langsam wie mechanisch wie roh wie sinnlos Dir die
Augenblicke bei andern Bekanntschaften vorbeistrichen und wie wir beide
hingegen alle erdenkliche Wollust in Wiz und Gutherzigkeit einzukleiden wussten
Wie jede Tändelei Deine Seele zur Dankbarkeit leitete und wir dann alles so
harmonisch zusammen fühlten dass wir glaubten eine Welt vergienge uns Wie
jeder Deiner Küsse mich durch und durch entzükte wie Deine feurige
Einbildungskraft die Wollust zu verlängern wusste Nein ich darf sie nicht
mehr zurückrufen diese Augenblicke der seltensten Liebe oder ich höre auf zu
sein Mit Gewalt will ich davon abbrechen oder ich verliere heute noch
meinen Verstand
Abends
Mein Blut hat sich in etwas gelegt aber Wehmut und zitternde Erwartung der
morgenden Post ist an die Stelle der brausenden Wildheit getretten Man klopft
an die Treppentüre Großer Gott Was soll das Ein Offizier Jesus was
will der Die L führt ihn ins Vorzimmer Röschen spricht mit ihm
Gott was mag es sein Horch O dem Himmel sei Dank es ist nichts
als eine verdammte Kühnheit womit er sich ins Haus drang er bediente sich
einer Lüge zur Ausrede aber wurde von Röschen und der Hauswirtinn tüchtig
abgefertigt Wärst Du bei mir so etwas geschähe mir nie wieder Gute
Nacht Fritz
In der Frühe
Ich habe die ganze Nacht vor ängstlichen Träumen wieder nicht schlafen können
Röschen ist auf die Post barmherziger Gott wenn sie keinen Brief brächte O
mein armes Herz es zerspringt fast Bei Gott ich unterliege wenn diese
Ungewissheit nicht bald ihr Ende erreicht Mein Kopf schwindelt völlig
Nun Gott sei ewiger Dank Röschen brachte mir Deinen zweiten Brief seit
Deiner Abreise von R Aber um aller Welt willen warum schreibst Du denn nicht
alle Posttage Weist Du denn nicht dass die Post viermal wochentlich abgeht
Störe nicht ferner durch Nachlässigkeit meine Seelenruhe
Nina
LXXXI Brief
F den 22ten November
Teurer guter lieber Fritz Heute ist wieder Posttag und warum denn keinen
Brief von Dir Ist es möglich dass Du mit schreiben zögerst Erhalte ich
in Zukunft nicht jeden Posttag Briefe nun dann trag diese martervolle
Ungewissheit wer da will ich kann sie gewiss nicht mehr ertragen Der Kummer
hat mich ohnehin wieder aufs Krankenbett geworfen und meine Augen sind vom
Weinen halb blind Kaum würdest Du mich mehr seit unserer letzten Unterredung
kennen bei den heiligsten Gatten und Vaterpflichten beschwöre ich Dich zögere
nicht über die bestimmten drei Wochen sonst findest Du mich im Sarg Du musst
von meiner Empfindsamkeit nicht zu viel fodern sie könnte auf einmal
überschnappen Mache jetzt mit allen Kräften Unmöglichkeiten möglich Jede
Stunde Aufschub ist eine Mordtat an Deinem Kinde O des Leichtsinnigen der
wegen einigen FamilienHindernissen das Leben zweier unschuldigen Geschöpfe
aufopfert Liebte ich Dich nicht mehr als mein Leben War mir nicht dieses
Leben um Dich feil O ich wäre bald aufgelegt Dir blutige Vorwürfe zu machen
Wenigstens will ich Dir doch die Abnahme meiner Gesundheit berichten damit Du
Dich danach richten kannst Deine eignen Leiden mögen stark sein aber gegen
die meinigen ein Schatten Du hast Männerkraft und ich Weiberschwäche Du hast
vorübereilende Affekten und ich anhaltende Glaube nicht dass ich Dich durch
Schrekkenbilder lokken will es ist Wahrheit komm oder Du findest mich in den
kalten Armen des Todes
Ha Fritz Lass mich Dir nicht fluchen Schon oft dachte ich Dich
fühlloser als mich aber gleich bat ich Dir wieder diese Beleidigung ab
O lass mich wieder in Deine Nachbarschaft ziehen wenn es eine Unmöglichkeit
ist Deine Geschäften zu enden Unter dem Dach in einem Winkelchen will ich mein
Quartier aufschlagen dann wohne ich doch nahe bei Dir und kann Dich doch im
Notfalle zu Fuß besuchen
Ja ja Fritz zu Fuß zu so etwas wäre ich auch mitten im Winter im Stande
Meine Wirtsleute können nicht begreifen dass ich mir jede Unterhaltung
versage Alles ist außer Dir für mich tot Lies folgenden kleinen Aufsaz
denn ich wieder im Gram verfertigte
Empfindungen bei der Erwartung meines Gatten
O gewiss mein Gatte werden die Abschiedstränen Deiner Eltern und Verwandten
heißer brennen als meine abwesenden Ha Mein Fritz Vergiss die jammernde
Stimme Deines Weibes nicht Lass Dein Ohr bei der Stimme des Bluts auch für
meinen Jammer offen Sieh Dich um wenn Dich Deine Leute umringen sieh Dich
um Du wirst in einer Ekke des Zimmers Dein armes blasses Weib sehen Du wirst
sehen wie sie ihre Hände ringt Du wirst sehen wie sie laut weint und zitternd
den Ausgang Deines Kampfes abwartet Du wirst sehen wie Tod und Verzweiflung
auf ihrem Gesichte ruht Du wirst sehen wie sie hinsinken wird in Sinnlosigkeit
über die ausgestandenen Leiden der Trennung Fritz Solltest Du Dein Kind und
seine Mutter vergessen können Sollten es Deine eigennüzzigen boshaften
Eltern so weit bringen dass sie mit Heuchelei über Dein Herz Meister würden
Sollten sie mich hinlänglich anschwärzen können dass Du Dich meiner vor ihren
feindseligen Augen schämen müsstest O Gott Gott Was ist ein Weib wenn
sie unter die Hände der Verleumdung gerät Mutter und Kind sind für Dich
verloren wenn Du je wanken könntest
Abends
Ich könnte kein Auge zuschliessen ohne mit Dir noch über Verschiedenes zu
sprechen Es würde mich Meineid dünken wenn ich mich jetzt auf die faule Haut
legte da Du indessen mit Schweis auf der Stirne an mich denkest O mein Gatte
mein Gatte was wäre ich ohne Dich Denke einmal wer würde sich in B
meiner erbarmen wenn Dir etwas begegnete Wer würde mir schreiben Niemand
weil ich keiner Seele meine Lage anvertrauen dürfte
Aber so gewiss als Gott im Himmel ist erhalte ich in Zukunft drei Posttäge
lang keine Briefe so können mich die dummen Bigotten den vierten Posttag
hinschleppen lassen an den Ort der nach ihrem lieblosen Urteil für Verdammte
bestimmt ist O der Verdammungswut mit der man Unglückliche verfolgt denen
es auf dieser Welt zu eng wurde Dieses höllische Vorurteil ist gewiss von
keinem Liebekranken erfunden worden
Weist Du auch lieber Fritz dass ich jetzt im ganzen Hause allein bin
Röschen ist mit den Wirtsleuten zum Tanz um mich herum ist jetzt niemand als
meine finstere Schwermut und Deine Liebe Man läutet gerade zu einem
Leichenbegängnis noch ist es das meinige nicht noch muss er sich herumwälzen
dieser brechende Körper bis seine Stunde kommt wo er zur Ruhe hineilen kann
Ha Und diese Stunde wenn wird sie kommen Wenn wird er reißen der Faden
dieses elenden Gewebes O wie die kalten Menschen meiner Schwärmerei
spotten wie sie lachen über mein Elend wie sie es Narrheit heißen und doch
legte diese Anlage der Allmächtige in mich Und doch wohnt diese Anlage tief
in meiner Seele
Deine Liebe gab meiner Schwermut den Ausbruch ich war immer sanft
gedultig und mit hinlänglicher Vernunft versehen aber jetzt ist alles hin alles
weg Ha Unüberlegter Jüngling Warum riefst Du ein Weib zum gränzenlosen
Elend empor wenn Du es nicht erleichtern kannst Warum ließest Du mich nicht
in meinem fühllosen Zustande worinnen ich mit Allen schäkkerte und für keinen
Liebe fühlte Wie klein waren die Freuden meiner Liebe und wie viel steht mir
noch bevor ehe sie mir wieder werden Siehst Du wie unermüdet ich über
unsere Liebe nachdenke Glaubst Du nicht dass mir dies viele Nachhängen den
Kopf wirbeln macht
Wenn in Dir Gram aufsteigt so fängst Du an zu trillern oder Tabak zu
rauchen und dann bist Du wieder zufrieden Aber ich Aermste ich Elende ich
Verlassne habe keine Erleichterung Ich kann nicht anders ich muss denken ich
muss nachhängen Vielleicht dreht sich mein Kopf bald zur Sinnlosigkeit und
dann wird mir wohl werden Weist Du noch wie ich krank war Weist Du noch
O Du warst von Anfang hart gegen mich aber hernach wie viel hast Du für mich
getan Ich werde es Dir wohl nicht vergelten können Hättest Du mich sterben
lassen Allzusorgfältiger so wäre ich jetzt allem überhoben Mein Kopf mein
Kopf ist heute Abend nicht wie er sein soll Ich muss zu Bette Gott erhalte
Dich vielleicht wird es hernach leichter ums Herz Gott stehe mir bei
Den andern Morgen
Fritz Fast glaubte ich dass dies die letzte Nacht meines Lebens sein würde
Die Angst trieb mich hin und her kein Mensch im ganzen Hause konnte vor mir des
Schlafes genießen Dreimal war ich im Begriff die Last meines Lebens zu enden
und dreimal hinderten mich die allzugefälligen Geschöpfe daran
Dass sich doch Fremde in meinen Zustand mischen wollen dass sie mich gefangen
halten und dem Drang meiner Leidenschaften nicht Luft lassen wollen Wissen denn
die ruhigen Klözze nicht dass dies Leben für mich keinen Reiz mehr hat
Wissen sie nicht dass mich das Schicksal ganz gewiss von Dir trennen wird und dass
ich es ohne Dich nicht mehr länger aushalten will Und doch unterstehen sich
diese Menschen mir unwahrscheinliche Trostgründe vorzulügen Duldete ich
nicht schon lange genug Habe ich Dir nicht eine Zeiter die schröklichsten
Briefe ohne Erfolg geschrieben Und was waren Deine Trostgründe Leere
Versprechungen und Aufschub Die Leute sagen wer vom Selbstmord spricht
ist weit davon entfernt und ich hingegen sage euch ihr Vernünftler was lange
in der Einbildung kocht kocht nicht umsonst
Wenn vom Unglücklichen alle Hoffnung weicht wenn alle seine Aussichten
schwinden wenn sein Schicksal hartnäkkig bleibt wenn die Menschen wie Teufeln
an seinem Untergange arbeiten wenn Schande Verachtung Armut Verzweiflung
die schönsten Aussichten sind denen er entgegen sieht wenn die ganze Natur für
ihn Barbarei atmet wenn leidenschaftliche unbefriedigte Liebe sein Herz
zusammendrükt wenn Sehnsucht getäuschte Erwartung und Ungewissheit seine kranke
Seele in die Enge treiben wenn Alles Alles auf den Unglücklichen losstürmt
warum sollte er nicht mit Lebhaftigkeit nach Erleichterung haschen O mein
Kopf Er ist siedend brennendheiss Gatte HerzensGatte Hast Du mir heute
wieder nicht geschrieben Ich muss nachsehen lassen Röschen
Geschwind fort auf die Post Fort sag ich Zauderinn Und bringt sie mir
nichts auch gut
Röschen
Aber Madame vorhin waren Sie so wild und jetzt so gleichgültig Jesus
Jesus Was fehlt Ihnen wieder Ich gehe nicht fort ich verlasse Sie nicht
bis Sie mir versprechen ruhig zu sein
Elende Schwäzzerinn weg von mir ich will allein sein Lass sie mich in Ruhe
oder
Röschen
Um Gotteswillen Madame L kommen Sie doch zu meiner kranken Frau eher gehe
ich nicht auf die Post
Horch Da steht ja etwas Hu Ein langer hagerer abscheulicher Mann
Ein Todtengerippe das dem meinigen gleicht Weg Fritz Weg Du gehörst
nicht mehr zu mir Siehst Du wie der Henker der Mutter Deines Kindes die
Ketten anlegt Siehst Du wie der Pöbel sich hinzudrängt und mir den
BrautKranz aufs Schaffot trägt wie mir ihn Deine Verwandten vom Kopf reißen
Ha Blut Blut von Deinem Weibe sprüzt auf die Erde Stille
stille Wer kommt Was will die Kreatur vor meinem Bette mit ihren weinenden
Augen Mädchen Ha Mädchen bringst Du mir keine Briefe nicht
nicht Weh dem Verräter Weh seinem Kinde Weh mir Und du noch
ungebornes Wesen unter meinem Herzen du sollst nicht reif werden zur Schande
zur Verfolgung du sollst Deiner Mutter nicht fluchen Du sollst mich bei Deiner
Geburt nicht ängstigen mit dem Andenken über Dein künftiges Schicksal du sollst
deines Vaters Bruder nicht kennen lernen der deine Mutter aus Vorurteil
mordete Sei nur ruhig Kind des Kummers sei nur ruhig ich will dich mit mir
abreißen von einem Leben das dich und mich zur langsamen Verzweiflung bestimmt
hat Mutig will ich mein wallendes Blut mit Gift abkühlen entschlossen die
Stunde meiner Auflösung herbeirufen gleichgültig von deinem untätigen Vater
Abschied nehmen er besizt Reize genug zu einer neuen Eroberung
Dass mir doch die Hauswirtinn nicht von der Seite geht So unverschämt
zudringlich sollte sie doch wohl nicht sein Auch meine Kammerzofe heult dort
in einem Winkel Heult nur ich will euch doch überlisten bei meiner wilden
ungewöhnlichen Harterzigkeit ich will euch doch überlisten
Nach Tisch
Endlich wird es doch bei mir bald ruhig werden an Seel und Leib Alles ist
ohnehin für mich verloren ich habe keinen Gatten keinen Vater zu meinem Kinde
mehr Hier spotten mich seine Nebenbuhler und seine Verwandten dort ergreift
mich die Armut hier droht mir Schande und Verachtung dort öffnet sich das
Verderben hier weint mein Kind aus Elend dort liegt sein Vater aus Vorurteil
an Ketten hier verfolgt mich der harterzige Bruder dort kommen die Diener der
Gerechtigkeit um mich ins Gefängnis zu schleppen Haltet ein ihr Unmenschen
Ich weis aus Liebe der Schande zu entrinnen Komm barmherziger Trank ich
will Dich zubereiten In dir liegt Rettung in dir liegt Auflösung von der
Menschheit du sollst mich gelinde abstreifen von allem Elend du sollst
Röschen
Madame Madame
Weg Schlange Weg Dirne warum störtest du mich
Röschen
Großer Gott Was machen Sie da Was ist in diesem Glas Her damit Gott
und alle Heiligen her damit O sagen Sie mir um Gotteswillen was darinnen
ist
Wasser und Zukker sonst nichts
Röschen
Heiliger Gott Ich glaube gar es ist Gift Um Gottes Barmherzigkeit willen
Madame erholen Sie sich doch Hören Sie mich Wachen Sie auf von ihrer
Betäubung fassen Sie sich Auf meinen Knieen bitte ich Sie darum Madame
kennen Sie mich nicht mehr Hören Sie doch hören Sie doch Da sind Briefe
von ihrem Gatten
Was Was Briefe von meinem Fritz Du lügst Nein du lügst bei Gott
nicht Her damit her
Hier lieg ich auf meinen Knieen allgewaltige Vorsehung Hier im Staube
will ich meinen Frevel an dir abbüssen Hier liegt die Sünderinn die an deiner
Güte zweifelte Großer allmächtiger Gott Blikke herab mit Barmherzigkeit
auf meine Reue Lass sie zu dir dringen diese heißen Tränen der Beschämung
Strafe nicht mein geringes Zutrauen in deine weise Güte Schon stund ich
doppelte Mörderinn am Rande des Grabes schon vergas ich Natur Mutter
Gattenpflicht und Religion als du gütiger Vater im Himmel mir im nämlichen
Augenblicke Rettung schiktest Ewig ewig sei deine unendliche Barmherzigkeit
gepriesen O meine Kräften wie wird mir Diese Überraschung
Dieser Übergang Ich fühle Schauder Hizze meine Augen verdunkeln
sich ich kann nicht mehr sei mir gnädig o Ewiger
Einige Stunden danach
Meine Ohnmacht ist vorbei o mein Fritz o mein Gatte vergib mir der
WeltHeiland hat mir auch vergeben Kannst Du Dich jetzt entschließen mit
einer Verworfenen zu leben die es wagte sich zur Selbstmörderinn zu
erniedrigen Kann Dich meine blutige Reue besänftigen über den ehrvergessnen
Undank den ich am Schöpfer an Dir an Deinem Kinde begieng Fritz auf
meinen Knieen bitte ich Dich um Verzeihung Stosse die Arme nicht von Dir die
aus Verzweiflung an keine Vorsehung mehr glaubte Vergieb ihr vergib ihr um
der Unschuld willen die sie unter ihrem Herzen trägt Darf ich hoffen Darf
ich Bei Gott Fritz Du hast mir in diesem Augenblick vergeben dass sagt
mir eine höhere simpatetische Macht Das sagt mir mein Herz meine Ahndung
O meine Empfindungen öffnen sich der Freude wieder ich kann ihn jetzt fassen
den Gedanken dieser plözlichen glücklichen Veränderung So fieberhaft auch
immer mein Puls noch schlägt so bin ich doch noch stark genug um über die gute
Nachricht nachzudenken die Du mir gabst So sind wir denn auf einmal
glücklich Unsere Familie versöhnt Schark abwesend Und ich in vier und
zwanzig Stunden in Deinen Armen Ja Fritz gewiss in Deinen Armen
Die Post steht vor der Türe ich werfe mich krank in den Wagen Du magst
ihr entgegen eilen Deiner Nina Du magst Dein Weib vor der Welt öffentlich an
Dein Herz drükken Du magst den großen barmherzigen Weltbeherrscher ewig ewig
mit mir verehren Du magst Dein Kind lehren seine Allmacht preisen die Tränen
seiner Nebenmenschen tröknen und nie an der göttlichen Vorsicht zweifeln
Nina
Fußnoten
1 Um das Auge und Ohr nicht zu beleidigen hat man die erbärmliche Ortographie
dieses Briefes berichtigt