1787_Heinse_Ardinghello.html




        
                                 Wilhelm Heinse
                        Ardinghello und die glückseligen
                                     Inseln
                                   Erster Band
                          Vorbericht zur ersten Auflage
Es ist eine Lust in den italienischen Bibliotheken herumzuwühlen man spürt
auch in den geringeren zuweilen unbekannte Handschriften auf Ob ich an dieser
von welcher ich hier die getreue Übersetzung liefre einen guten oder schlechten
Fund getan habe mag jeder Leser für sich bestimmen Ich entdeckte sie bei
Kajeta in einer verfallnen Villa die auf einer reizenden Anhöhe den zaubrischen
Meerbusen beherrscht unter alten Büchern und Papieren als ich mit einem jungen
Römer während er die Verlassenschaft seines Oheims in Besitz nahm einen
glücklichen Herbst dort zubrachte
    Sollte verschiedenen wegen Ferne des Landes und der Zeit einiges dunkel
oder zu gelehrt vorkommen so können sie solches bequem überschlagen und sich
bloß an den Faden der Begebenheiten halten in der Natur selbst müssen die
Weisesten manches so vorbeigehn
    Vielleicht findet mein Freund noch anderswo das übrige der Geschichte aus
Familiennachrichten scheint hier Fiordimona die man darin kennenlernen wird
ihre Tage beschlossen zu haben
    Der Verfasser setzt seiner Schrift folgende Fabel vor um sinnlich zu
machen dass auch das Nützlichste unschuldigerweise schädlich sein kann
    Ein wächserner Hausgötze den man außer acht gelassen hatte stand neben
einem Feuer worin edle campanische Gefäße gehärtet wurden und fing an zu
schmelzen
    Er beklagte sich bitterlich bei dem Elemente Sieh sprach er wie grausam
du gegen mich verfährst Jenen gibst du Dauer und mich zerstörst du
    Das Feuer aber antwortete Beklage dich vielmehr über deine Natur denn ich
was mich betrifft bin überall Feuer
                                                   Geschrieben im Dezember 1785
Bei der neuen Auflage dieses Werks ist zu erinnern dass es 1785 fertig war
Einige Jahre nach Erscheinung desselben haben sich Begebenheiten zugetragen die
der Herausgeber so plötzlich nicht ahnden konnte Man betrachte also manches
nicht gegen ihn aus dem verrückten Gesichtspunkte Auch hat er Gedanken darin
zerstreut in späteren berühmten Schriften angetroffen einen und den andern
seiner Meinung nach zu weit getrieben
    Er will sich hiermit nur von dem vielleicht sonst künftigen Vorwurfe
befreien dass er sie daraus genommen habe und weiß wohl dass mehrere über
gleiche Gegenstände ähnlich und gleich empfinden und urteilen können
    Eine Menge Druckfehler die ein Nachdrucker hässlich vermehrte sind
ausgemerzt und einige Stellen ergänzt und berichtigt worden
    Und nun Ardinghello überlass ich dich deinem Schicksal Unter welschem
Himmel erzeugt und in teutschem Wind und Wetter aufgewachsen magst du darin
bestehen oder vergehen
 
                                  Erster Teil
Wir fuhren an einem türkischen Schiffe vorbei sie brannten ihre Kanonen los
die Gondel wankte worin ich aufgerichtet stand ich verlor das Gleichgewicht
und stürzte in die See verwickelte mich in meinen Mantel arbeitete vergebens
und sank unter
    Als ich wieder zu mir gekommen war befand ich mich bei einem jungen
Menschen welcher mich gerettet hatte seine Kleider lagen von Nässe an und aus
den Haaren troff das Wasser »Wir haben uns nur ein wenig abgekühlt« sprach er
freundlich mir Mut ein ich drückte ihm die Hände
    Das Fest war für uns verdorben Meine vorigen Begleiter eilten nun von
dannen Wir ließ den Bucentoro zwischen tausend Fahrzeugen unter dem Donner
des Geschützes von allen Schiffen aus den Häfen in die offene See stechen und
den Dogen sich mit dem Meere vermählen und er brachte mich mit seinem Führer
nach meiner Wohnung
    Hier schied er von mir ohne dass er mir weder sein Quartier noch seinen
Namen sagen wollte bloß aus der Mundart bemerkte ich dass er ein Fremder war
jedoch versprach er mich bald zu besuchen Wir umarmten uns und mir wallte das
Herz es regte sich eine Glut darinnen Seine Jugend stand eben in schöner
Blüte um Mund und Kinn flog stark der liebliche Bart an seine frischen Lippen
bezauberten im Reden und die Augen sprühten Licht und Feuer groß und
wohlgebildet am ganzen Körper mit einer kühnen Wildheit erschien er mir ein
höheres Wesen
    Sein Bild wich den ganzen Tag nicht aus meiner Seele ich konnte weder essen
noch trinken und vor Ungeduld nicht bleiben
    Abends war Gondelrennen das auf der See was Wettlauf auf dem Lande
wodurch unsre Leute zu mutigen Schiffern sich bilden ein Spiel wo Stärke
Gewandtheit und Führung des Ruders den Preis davonträgt und welchem nur ein
Pindar fehlt es wie die olympischen zu verherrlichen Der ganze Große Kanal
schäumte und war Getümmel von schönem Leben die Fenster der Paläste prangten
mit ihren Tapeten und die untergehende Sonne glänzte daraus wider in
unzählbaren frohlockenden Gestalten
    Ich fuhr an den Markusplatz und ging darauf in Gedanken herum bis die Nacht
einsank und ihre Kühle verbreitete die Erleuchtung der Buden mit den
Kostbarkeiten der Messe gab eine neue Augenweide Ich blickte in verschiedene
Weinschenken unter den Hallen in einer dünkte mich den jungen Mann gesehen zu
haben der mich so großmütig der Gefahr entzog Ich kehrte sogleich um und ging
in meiner Maske hinein
    Es war der Versammlungsort der Künstler und ich hatte recht gesehen Sie
schienen im Streite zu sein Paul von Verona führte das Wort und sagte
    »Wer über ein Kunstwerk am richtigsten urteilen kann Ich glaube wer die
Natur am besten kennt die vorgestellt ist und die Schranken der Kunst weiß
Ich verachte die Elenden die von einem Manne von Geist und Welt verlangen dass
er ein Schmierer wie sie sein soll eh er über ein Gemälde urteilen will Das
komische Approbatum sogar welches die deutschen Rosstäuscher an die Pferde vor
der Markuskirche mit ihren Namen schrieben gilt mir zum Exempel mehr hier als
jener ganze Tross in Stutereien geboren und erzogen fühlten sie die herrliche
lebendige Pferdsnatur und wie jeder von den vier jungen mutigen Hengsten seinen
eigenen Charakter hat Die Vortrefflichkeit ihrer Köpfe und wie sie schnauben
und ungeduldig sind dass sie im Zügel gehalten werden lernt man durch kein
bloßes Gekritzel von Zeichnung Selbst der größte Maler der immer auf festem
Lande lebte kann über kein Seestück urteilen und der erste beste Sultan der
liebt und noch Kraft in den Adern hat darf eher sprechen aus seinem Serail über
eine nackende Venus von unserm Alten als der fromme Fra Bartolommeo«
    »Wahr« versetzte ein andrer der deutlichen hellen und volltönigen
Aussprache nach ein Römer aber der Geschmack kommt nicht von selbst Man muss
erst wissen was Kunst ist und den Vorrat der Kunstwerke mit naturerfahrnem
Sinn geprüft haben sonst geht man der Prozession mit der Madonna von Cimabue
hinterdrein und bejubelt sie als das Non plus ultra Die Leute glauben es wäre
nicht möglich etwas Bessers zu machen weil sie nichts Bessers gesehen haben
und denken wie ihnen zumute wäre wenn sie den Pinsel in die Hand nehmen
sollten Daher alle die albernen Urteile von sonst sehr gescheiten und gelehrten
Männern über die Künstler der vorigen Zeit sie schwatzten gleich vom Zeuxis und
Apelles weil sie platterdings von diesen Namen keinen sinnlichen Begriff
hatten Und so wirds bei den Ausländern wo die Kunst anfängt und die
Meisterstücke nicht vorhanden sind, mit euch und dem Tizian und Raffael ergehen
ihr werdet ebenso gemissbraucht werden
    Und dann muss man gewiss mehr als ein Werk und viel von einem Meister gesehen
haben ehe man nur ihn recht kennenlernt So gehts auch mit den Menschen
überhaupt die trefflichen muss man studieren Es ist nichts eitler und törichter
als die Reisenden und Hofschranzen die einen wichtigen Mann gleich beim ersten
Besuch und Gespräch weghaben wollen
    Doch um nicht auszuschweifen »Keiner kann einen Teil vollkommen verstehen
ohne vorher einen Begriff vom Ganzen zu haben und so wieder umgekehrt Jedes
einzelne Gemälde zum Beispiel macht folglich einen Teil von der gesamten
Malerei so wie sie gegenwärtig in der Welt ist und man muss wenigstens ihr
Bestes überhaupt kennen ehe man dem einzelnen seinen Rang anweisen will«
    Mein junger Mann erwiderte jetzt mit Feuer
    »Ich mag nicht bestimmen inwiefern der Herr recht hat Das Geräusch der
Messe um uns erlaubt keine nüchterne Beratschlagung ich glaube Meister Paul
hat das Seinige gesagt damit dass ein befugter Richter noch die Grenzen der
Kunst kennen muss
    Allein ihr Lieben jede Form ist individuell und es gibt keine abstrakte
eine bloß ideale Menschengestalt lässt sich weder von Mann noch Weib und Kind und
Greis denken Eine junge Aspasia Phryne lässt sich bis zur Liebesgöttin oder
Pallas erheben wenn man die gehörigen Züge mit voller Phantasie in ihre
Bildungen zaubert aber ein abstraktes bloß vollkommnes Weib das von keinem
Klima keiner Volkssitte etwas an sich hätte ist und bleibt meiner Meinung nach
ein Hirngespinst ärger als die abenteuerlichste Romanheldin die doch
wenigstens irgendeine Sprache reden muss deren Worte man versteht
    Und solche unerträglich leere Gesichter und Gestalten nennen die armseligen
Schelme die weiter nichts als ihr Handwerk nach Gipsen erlernt haben und
treiben wahre hohe Kunst und wollen mit Verachtung auf die Kernmenschen
herunterschauen die die Schönheiten welche in ihrem Jahrhundert aufblühten
mit lebendigen Herzen in sich erbeutet haben
    »Dies ist der wahre Weg« beschloss der Römer »Inzwischen kann man über
nichts urteilen wovon man kein Ideal hat und dies entwirft der Verstand mit
der Wahl aus vielem«
    Hier trennte sich die Gesellschaft Paul ging weg und nahm den Jüngling in
Arm Ich folgte nach Sie zogen den Platz ein paarmal herum und hörten da und
dort der Musik und den Scherzen lustiger Truppen zu Beim Eingang in die
Merceria verließ ihn endlich Paul ich nahm meine Maske ab und machte mich an
ihn
    Er erkannte mich gleich und freute sich dass mein Zufall keine schlimme
Folgen gehabt hätte Ich bezeugte ihm vom neuen meine Dankbarkeit und wünschte
ihm irgendworin für seine edle Tat Dienste leisten zu können
    Dies setzte ihn in Verlegenheit »Was hab ich getan« erwiderte er »das ich
nicht bei jedem andern Erdensohn getan hätte hätte tun müssen Wie mancher Bube
holt ein Stück Geld vom Sand aus der Tiefe und stürzt sich noch obendrein von
Höhen in die Flut Übertriebnes Lob für Schuldigkeit macht die Menschen feig und
eitel Das ist ein elendes Volk an Heldenmut und Verstand wo bei jeder
Kleinigkeit eine Ehrensäule muss aufgerichtet werden Was geschehen ist sei
geschehen«
    »Groß auf Ihrer Seite« verfügt ich »und gewiss ist der Rettende schon in
sich der Göttliche Inzwischen glaub ich aber doch dass die Dankbarkeit das
festeste und sanfteste Band der Gesellschaft sei und auch ein wenig
Ausschweifung darin eine Nation immer liebenswürdig und den wackeren Männern
derselben das Leben froher mache«
    Er sah mich hierbei mit einem neuen seelenvollen Blick an und wir fassten
uns traulicher Ich bat ihn inständig diesen Abend bei mir zu bleiben und wir
ließ uns am Broglio über den Kanal setzen
    Wir aßen und tranken und das Tischgespräch wurde immer lebendiger sobald
die Bedienten uns verlassen hatten Der erste Vorwurf war der heutige Tag Er
rühmte die Klugheit unsers Senats dass sie sich aus dem bitterbösen Kriege nach
dem Bündnisse bei Kambrai und jetzt aus dem Überfalle der ganzen türkischen
Macht so glorreich gezogen hätten und in der alten Würde noch mit dem Meere
vermählen könnten Nur tat es ihm leid dass der Cypernwein in Italien nun
seltener und teurer werden würde
    »Wir sind unter vier Augen« erwidert ich um ihm das etwanige Misstrauen
gegen einen Nobile zu benehmen denn ich fühlte den Zug der Liebe
unwiderstehlich »Nach jenem unglückseligen Bunde war ein arger Staatsfehler nur
einigermaßen wieder gutgemacht den man vorher hätte vermeiden müssen Und auch
jetzt würden wir das süße Königreich die Insel der Liebe nicht eingebüßt
haben wenn man dem Sultan als der Silen noch Stattalter in Cilicien gegenüber
war einige Fässer von ihrem Nektar wohlfeiler vergönnte und die christlichen
Freibeuter mit seinen weggekaperten schönen Knaben und Sklavinnen nicht allzu
sicher zu Famaugusta in der Nachbarschaft einliefen
    Unsre Braut scheint uns übrigens nicht mehr so treu bleiben zu wollen wenn
man auf Vorbedeutungen gehen darf Sie wissen dass das Fest schon vorgestern
sollte gehalten werden aber die wilde Göttin weigerte sich war Aufruhr und
stürmte und warf ein Dutzend ertrunkner Schiffbrüchigen zum Großen Kanal herein
bis an den Palast des alten Dogen Papst Alexander der Dritte der noch Gewalt
über die Mutwillige hatte ist leider längst gestorben und Kolumb der Held
dessen Genua nicht wert war und andre welsche Piloten haben dem portugiesischen
Heinrich und den kastilianischen Fürsten die wahre Amphitrite ausgekundschaftet
wogegen unsre nur eine Nymphe ist Und überhaupt gibt sie sich nur den Tapfern
und Klugen preis wie alle freie Schönheit und es hilft da keine Zeremonie Wir
hätten uns besser um unsre Braut bewerben sollen anstatt uns um Steinhaufen
viel zu plagen nachdem sie uns einmal günstig war«
    »Vielleicht ist dies Schicksal« antwortete er schalkhaftbitter »Ihr Doge
vermählt sich vermutlich nicht umsonst so oft und trägt von jeher die phrygische
Mütze mit Hörnern und dann ist so eine Zeremonie gut fürs Volk und macht ihm
Mut und was einmal so prächtige Gewohnheit ist lässt sich so leicht nicht
abschaffen Ihr Herrn tut vielleicht bald wieder einen andern Fang im
Archipelagus und fischt ein neues Königreich Es ist genug dass man eins hundert
Jahre lang ruhig besitzt Dreimalhunderttausend Zechinen kann man hernach leicht
für den Genuss bezahlen dreitausend Zechinen fürs Jahr war die Residenz der
Venus selbst wohl unter Brüdern wert Dies hat euch eine Venezianerin vermacht
als ihr Gemahl der König starb und seine Kinder eins nach dem andern kurz
darauf in eurer Stadt nun ist die Reihe an euch Jünglingen eine Königin in
Osten zu heiraten«1
    Dieser Stachel schnitt ein und verwundete mein damals noch allzu
parteiischvaterländisches Herz Mir geschah als ob ich vor der Zeit vernünftig
gewesen wäre doch gefiel mir überaus seine Freimütigkeit gegen mich Er
bemerkte mit scharfem Blicke gleich das Unheimliche und fuhr fort »Aber wir
sind doch immer in Venedig und die Mauern haben da Ohren sprechen wir von
etwas anderm«
    Nach einer kleinen Stille fing er an »Ich muss Ihnen doch etwas von mir
sagen damit Sie wissen wer ich bin und wie ich mit andern zusammenhange
    Ich bin ein Maler aus Florenz und halte mich hier auf um nach den
toskanischen Gerippen mich am venezianischen Fleische zu weiden Tizian hat den
wesentlichen Teil von der Malerei ohne welchen alles andre nicht bestehen kann
Es ist freilich da aber ungesund und siech seis noch so himmlisch und
vortrefflich oder als Gaukelspiel ohne Wahrheit Wer nicht wie Tizian zu Werke
schreitet wird auch nie ein wahrhaft großer Maler werden Die allgemeine Stimme
entscheidet hier nicht die Künstler Tizian ergreift alle die keine Maler
sind und diese selbst im Hauptstücke der Malerei welches platterdings die
Wahrheit der Farbe ist so wie die Zeichnung der wesentliche Teil der Zeichnung
Malen ist Malen und Zeichnen Zeichnen Ohne Wahrheit der Farbe kann keine
Malerei bestehen eher aber ohne Zeichnung«
    »Wenn ich als Laie bei Euch strengen Herrn ein Wort reden darf« fiel ich
ein »so mag Ihnen das venezianische Fleisch nach den Knochen und Sehnen des
Michelangelo desto besser schmecken und bekommen«
    »Dies ist lauter Sophisterei« antwortete er »Der Maler gibt sich mit der
Oberfläche ab und diese zeigt sich bloß durch Farbe und er hat mit dem
Wesentlichen der Dinge im eigentlichen Verstande wenig zu schaffen Wer sich
einmal in diese Grillen verliert kann so leicht nicht wieder herauskommen Das
Zeichnen ist bloß ein notwendiges Übel die Proportionen leicht zu finden die
Farbe das Ziel Anfang und Ende der Kunst Es versteht sich dass ich hier vom
Materiellen spreche Dem Gerüste den Rang über das Gebäude geben zu wollen ist
ja lächerlich dem Zeichen welches menschliche Schwachheit erfand vor der
Sache selbst wenn ich so reden darf Das Hohle und das Erhobne Dunkle und
Helle das Harte und Weiche und Junge und Alte wie kann man es anders
herausbringen als durch Farbe Form und Ausdruck kann nicht ohne sie bestehen
Die schärfsten und strengsten Linien selbst eines Michelangelo sind Traum und
Schatten gegen das hohe Leben eines Tizianischen Kopfs Profile kann jeder
Stümper abnehmen da braucht sich der andre nur vors Licht zu setzen richtiger
als sie ein Raffael aus freier Hand zeichnet aber das Lebendige mit allen den
feinen Tinten in ihrer Vermischung und schwindenden Umrissen die keine bloße
Linie fasst da gehört Auge und Gefühl dazu das die Natur nur wenigen gab Wer
sich einmal an das Leichte gewöhnt der kommt mit dem Schweren gar selten fort«
2
    »Sie mögen im Grunde recht haben« versetzt ich darauf »nur verfällt man
bei Ihrer Art leicht in den Fehler dass man sich allzusehr an das Materielle
hält und das Geistige darüber außer acht lässt Inzwischen möchte Ihnen der Römer
 wahrscheinlich war es einer diesen Abend im Weinhause  was Sie sagten
scharf bestreiten«
    »Der Vorurteile sind noch mehr in der Kunst die ebenso hartnäckig
verfochten werden« sprach er ferner »Was das Geistige betrifft das lernt sich
und verlernt sich nicht da gehört guter Instinkt aus Mutterleibe dazu und
vollkommne Gegenstände von außen herum Deuten und hinführen kann man wohl aber
wo kein Zug keine innere Richtung ist kommt lauter Manier hervor dem
Menschen der seinen Durst löschen will soviel als nichts und überdrein
vergebliche Mühe denn er hat sich an den leeren Schein hinbemühen und
untersuchen müssen
    Der Römer hat viel Verstand nur malen soll er nicht er hätt ein
Schriftsteller werden sollen jetzt aber ist er einmal im Geleise und schwatzt
sich durch Dieser ahmt eine Natur nach welche nur noch in Steinen existiert
eine Natur ohne Farbe mit Farbe und will täuschen eine feste starre Bewegung
von den Millionen Lebendigen die immer um uns herum entstehen weil es freilich
jedermann leichter und dem schachmatten Stubensitzer bequemer ist einen
bretternen Hirsch zu schießen als einen der durch die Wälder streicht und über
Büsche und Gräben setzt zumal da wir heutiges Tages meist verbotene Jagd haben
    Er hat ein langes und breites an der Hochzeit zu San Giorgio Maggiore von
unserm herrlichen Paul getadelt Christus mit seinen Aposteln sitzt freilich im
Mittelgrund am Tische ziemlich unbedeutend und sie sind bloß deswegen da weil
sie dasein müssen weil wir andern Menschenkinder uns keinen sinnlichen Begriff
von den Gestalten dieser Wundermänner machen können
    Die Hauptsache aber bleibt immer der Schmaus das Fest und der Wein über
alle Weine erste erfreuliche Bekräftigung unsrer Religion nach dem Johannes
Und in dieser Rücksicht ist das Stück voll Laune und die Begebenheit darin
erzählt wie eine spanische romantische Novelle Die Hauptfiguren sind ein Tisch
mit Spielleuten die auf lieblichen Instrumenten Musik machen Paul selbst
spielt eine Geige der Liebe Tizian den Regenten der Harmonie den Bass Bassano
Tintorett andere Instrumente Sie sind meisterhaft gemalt haben treffliche
Gestalten passenden Ausdruck und sind schön gekleidet Am Tische der Braut ist
eine Sammlung der ersten Menschen dieser Zeit alles voll Chronikwahrheit und
Laune sie müssen ihm das Drama aufführen Die Luft im Hintergrunde ist gar
leicht und heiter Architektur Gefäße und Speisen verzieren sehr gut Die
Beleuchtung breitet das Ganze auseinander und scheint vollkommen natürlich Wer
sieht so etwas nicht gern und weidet seine Augen daran
    Derselbe hat groß Ärgernis genommen an der Verletzung des Kostüms in der
Familie des Darius beim Alexander mit seinen Helden und bejammert dass soviel
Herrlichkeit dadurch gestört werde
    Sie kennen das Stück zu gut da es bei Ihren Verwandten sich befindet Man
kann es den Triumph der Farben nennen mehr Harmonie mehr Pracht mehr
Lieblichkeit ist nicht möglich schier zu zeigen Außerdem herrscht noch Wahrheit
des Ausdrucks in allen Köpfen die meistens Porträte sind Wenn man nicht an die
alte Geschichte denkt und glaubt es wäre der Sieg eines Helden der neueren
Zeiten so ist es ein wahrhaftes Meisterstück durchaus Die Architektur im
Hintergrunde gibt den Ton zum Ganzen und es gehörte so tiefes Gefühl im Auge
von Farbe Pracht und Harmonie derselben dazu wie Paul hatte um auf einem
solchen weißen Grunde die Gesichter und Stoffe so hervorgehen und leben zu
lassen Die Gruppe der vier weiblichen Figuren die der Alte in eine Pyramide
bringt ist durchaus reizend die Gesichter lebendig und von wunderbarer
Frischheit Alexander hat einen schönen Jünglingskopf der freilich eher Weibern
gefallen kann als die Welt bezwingen Dass er ganz bis auf die Füße von oben
herab in Purpur überein gekleidet ist macht zwar einen großen roten Fleck bei
längrer Betrachtung doch hebt es ihn als Hauptfigur hervor Sie sehen dass im
Wein die Wahrheit liegt aber Paul kann sie vertragen Parmenion hat einen
herrlichen Kopf und ein zauberisches gelbes Gewand die Prinzessinnen haben
schön geflochten blondes Haar Und welche Menge Figuren wie auf der Hochzeit
fast alle in Lebensgröße Man kann dies wohl das prächtigste und zauberischeste
Gemälde nennen was Farben betrifft mit jedem Blicke quillt neuer Genuss daraus
fürs Auge nächst dem noch göttlichern und reichern Hingang zum Tempel der
Madonna als Kind in der Scuola della Karità von Tizian dem Triumph aller
Malerei Sie werden lange unübertroffen bleiben und einzeln in der Welt dasein
    Die Vernachlässigung des Kostüms ist eigentlich ein Fehler für die
Antiquaren denn der große Haufe weiß nichts davon und merkts nicht Freilich
wär es besser die Künstler wählten keine alte Geschichten wenn sie
Naturwahrheit und Farbenpracht in den Gewändern zeigen wollten griechische
Gestalt und leichte Kleidung ist uns ganz entrückt O wie verlangt mein Herz
jene glückseligen Inseln und das feste Land auf beiden Seiten noch heutzutag zu
sehen und wie das heitre milde Klima noch jetzt dort das Lebendige bildet Ach
wir sind so weit von der Natur abgewichen und von der wahren Kunst zurück dass
wir fast insgesamt einen bekleideten Menschen für schöner halten als einen
nackten Das kostbarste prächtigste feinste und niedlichste Gewand ist für den
echten Philosophen und das Wesen, das nach klarem frischen Genuss trachtet ein
Flecken eine Schale die ihn hemmt und hindert«
    »Hätt ich Sie doch damals schon gekannt« sagt ich ihm hierauf »als ich
diesen Zug begann so wär Ihr Wunsch erfüllt So wie Sie mich hier sehen hab
ich dieses alles schon durchwandert leider zu früh Mein Vater nahm mich mit
sich nach Griechenland wohin er von der Republik abgeschickt wurde und ich
blieb mit ihm daselbst drei Jahr Das Beste was ich zurückgebracht habe ist
Kenntnis des Griechischen ich lese das alte ziemlich geläufig und schreibe und
spreche das neue«
    Hier sprang er auf vor Freuden ganz außer sich so dass die Gläser vom
Tische flogen und rief »O glücklicher seltener wunderbarer Zufall so jung
und schön und voll Verstand und Erfahrung wir müssen ewig Freunde sein und
nichts soll uns trennen du bist der Liebling meiner Seele«
    So fiel er mir um den Hals Uns verging auf lange die Sprache und wir waren
zusammengeschmolzen durch Kuss und Blick und Umarmung
    Endlich nahm er wieder das Wort und sagte »Hier ist nichts als wir und
alles andre in der Welt steht uns nur da zum Dienst«
    Ich war ganz erschüttert durchbrannt von seinem Feuer seiner Heftigkeit
Es wurde überhaupt wenig mehr gesprochen außer unzusammenhangende Reden im
lyrischen Taumel Akzente der Natur. Wir glühten beide von Wein und
Leidenschaft er riss sich los schon spät in der Nacht mit den Worten »Morgen
sind wir wieder beisammen«
    Ich legte mich zu Bette Herz und Seele und alles in mir war wie ein
Bienenschwarm so sumsend stechend heiß und ungeduldig ich schlummerte wenig
Stunden und fuhr oft dazwischen auf
    Den andern Morgen kam er bei guter Zeit Mich überlief bei seinem Anblick
ein leichter Schauder vor seinem gestrigen Ungestüm aber er erschien mir von
neuem so liebenswürdig dass ich hingerissen wurde und dem unwiderstehlichen Zuge
nachfolgte
    Ich hatte noch keinen Menschen gekannt mit welchem ich so zusammenstimmte
in der Art zu empfinden und zu handeln nur war er reicher und stärker an Natur
als ich seine Seele voller aber auch unbändiger und seine Geburt warf ihn in
andre Umstände unter andre Menschen in eine andre Laufbahn Wer einen Freund
ohne Fehler finden will der mache sich aus dieser Welt heraus oder geh in sich
selbst zurück die Vollkommenheit erscheint hienieden nur in Augenblicken und
diese allein sind unser Genuss Ein großer Geist ein edel Herz wiegt manches
Laster auf wohinein uns die Schlechtigkeit bürgerlicher Verfassungen stürzt
    »Wir schieden gestern voneinander wie im Rausche« trat er ins Zimmer
»Glück ist die größte Gabe die Sterblichen zuteil werden kann, nur muss man es
mit Verstand brauchen«
    Nachdem wir einigemal stillschweigend auf und ab gegangen waren fragte er
mich »Habt Ihr nie etwas von Kunst getrieben« Ich antwortete ihm dass ich nach
der hiesigen Erziehung zeichnen gelernt hätte Augen Mäuler Nasen Ohren und
Gesichter und Hände und Füße nach Vorschriften im Grunde soviel als nichts
denn bis zum eigentlichen Lebendigen wär ich nicht gekommen welches mir
herzlich leid tue mich reize sie unendlich und ich möcht es gern darin bis zu
einer gewissen Fertigkeit für mein eigen Vergnügen gebracht haben Jetzt mach
ich nur noch zuweilen die Hauptumrisse schöner Gegenden der Erinnerung wegen
    »Da ist noch nichts verloren« fuhr er fort »wir wollen einander helfen
Alle Künste sind verwandt sie zusammen erhöhen und verstärken die
Glückseligkeit des Menschen bilden sein Gefühl mehr als alles für die
Schönheiten der Natur und setzen ihn über das Tier Wie fangen wir es am besten
an damit Ihr so geschwind als möglich Euch diese Fertigkeit erwerbt Ich
denke« fügt er scherzhaft hinzu »Ihr braucht mich zum Modell nach kurzen
Wiederholungen von dem was Ihr schon wisst so wie ich Euch dann zuweilen bei
meiner Arbeit
    Im Griechischen hab ich mich hauptsächlich nur mit den Dichtern beschäftigt
mit dem Homer Pindar Sophokles Euripides weil mein Lehrmeister selbst ein
Dichter war und dabei aus den Geschichtschreibern nur die Beschreibungen der
glänzenden Siege über die Perser gelesen Die Schätze der Weisheit im
Aristoteles Plato Xenophon kenn ich meistens nur aus Gesprächen und vom
Hörensagen und habe wenig von den Quellen selbst getrunken Wir könnten damit
manchen folgenden schönen Sommerabend uns himmlisch ergötzen wenn Euch dazu
Zeit übrigbliebe
    Mein eifrigstes Verlangen aber ist dass Ihr mich in dem noch Lebendigen
dieser Göttersprache im Neugriechischen unterrichten möchtet damit ich bald
mit Bequemlichkeit und grösserm Nutzen und Vergnügen eine Wallfahrt beginnen
könne nach dem echten klassischen Boden
    Ihr habt genug am Zeichnen wie einer der selbst kein Dichter werden
sondern nur die Meisterstücke der Alten und Neuen in ihrer ganzen Vollkommenheit
fassen will an der Poetik des Aristoteles Jede Kunst bis zum letzten Ziel
erlangt ist etwas anders und erfordert eines Menschen ganzes Leben Für Euch
solls nur Spiel sein Ihr seid zu Höherm bestimmt und müsst glänzen wie der
Morgenstern in Eurer Republik Dies wird immer neuen Reiz in unsre Freundschaft
bringen und wir werden leben in der Natur, soviel uns mit Sinnen Phantasie und
Verstand vergönnt ist«
    »Du erfüllst mich mit Hoffnung und Freude« antwortet ich ihm »Mein Vater
ist jetzt in Dalmatien und ich bin mit meiner Mutter allein Sie zieht bald
aufs Land vielleicht noch diese Woche Die Gegend ist eine der angenehmsten der
ganzen Lombardei Das Gut wohin wir wollen liegt am Lago di Garda wo Katull
vor welchem Cäsar sich neigte zuweilen vom römischen Taumel ausruhte Er sang
von dem Orte
Peninsularum Sirmio insularumque
Ocelle quascunque in liquentibus stagnis
Marique vasto fert uterque Neptunus3
Willst du mich begleiten so werden wir nach dem Pindar in die Burg des Kronos
gelangen umweht von kühlen Seelüften wo in schattigen Gärten Goldblumen
funkeln diese der Erd entspriessen und anmutigen Bäumen andre aber der klare
Bach erzieht Wir wollen mit ihren Angehängen und Kränzen uns die Arme
umflechten und die Schläfe umwinden
    Vorher aber muss ich dich meiner Mutter vorstellen jedoch du musst hübsch
gescheit sein Sie ist eine gar gute Frau die mich zärtlich liebt Sie weiß
schon dass ein junger Mensch mich aus dem Kanale gerettet hat und es wird ihr
gefallen dass du es bist Sie hat große Freude an schönen Madonnen und wenn du
ihr eine in ihre Kapelle malst und fromm bist so hält sie dich wie ein Kind«
    Es ging hierbei eine sonderbare Bewegung in ihm vor die mir lange hernach
erst erklärlich wurde er sah mich an neugierig mit heißen Blicken und fragte
»Also nicht weit vom Ausflusse des Mincio ist Euer Landsitz«
    »Wenig davon« versetzt ich Darauf ging er nachdenkend einigemal mit mir
auf und ab Endlich sprach er »Gut ich reise mit euch und male deiner Mutter
eine Madonna wenn ich ihr anstehe An Gescheiteit bei ihr solls hoffentlich
nicht ermangeln«
    Es wurde beschlossen ihn den Abend noch ihr vorzustellen bei Tische wollt
ich alles einlenken
    Hier schied er von mir Ich brachte die Sache vor und meine Mutter wars
gleich zufrieden ohne ihn noch gesehen zu haben aus Willfährigkeit gegen mich
    Mir schwellte aber die neue Bekanntschaft immer mehr das Herz einen jungen
Maler der Art hatte ich noch nicht gekannt Ich war überrascht es ging alles so
schnell fort und ich konnte keiner gehörigen Überlegung Raum geben
    Beim ersten Blick und Gespräche schon gefiel er meiner Mutter wie ihr noch
kein Fremder gefallen hatte Hier erfuhr ich dass er sich Ardinghello nannte
ich hatte voll von ihm nicht daran gedacht ihn von neuem um seinen Namen zu
befragen Er gab sich hernach verschiedene andre doch dieser soll ihm fortin
bleiben
    Den folgenden Morgen sah ich einige angefangne Gemälde von ihm Sein
Lebendiges war frisch und meisterhaft in der Arbeit und kam dem Tizianischen
ziemlich nahe doch war es nicht Manier sondern sein eigen und verschieden nach
der Natur: wenig Gewand das meiste nach dem Nackenden Studien von
Mädchenköpfen voll Geist und Lieblichkeit und Brüsten und Leibern und Rücken
und Schenkeln und Beinen nackten Buben im Baden Laufen und Balgen Für
Bezahlung sprach er und nach andrer Belieben hab er noch nichts gemacht »Das
Weitre« fügte er wie unbedeutend hinzu »will ich dir einmal erzählen wenn wir
mehr in Ruhe sind«
    Er besuchte die Tage darauf den alten Greis Tizian noch einmal und seine
Freunde und zu Ende der Woche reisten wir ab Meine Mutter fuhr mit ihren
Leuten voraus und wir hinterdrein weil wir zu Vicenza uns einen Tag wegen der
Gebäude des Palladio aufzuhalten gedachten Wegen des Griechischen nahm ich noch
die Bücher mit die nicht in der Bibliothek auf dem Gute sich befanden und er
das nötige Gerät zum Malen und Zeichnen
    Als wir eine Strecke vom Großen Kanal entfernt waren setzte sich
Ardinghello aufs Verdeck der Barke und blickte tief gerührt nach der Stadt mit
unverwandten Augen die Feuchtigkeit trat hinein und sein Herz ward erweicht
Seine Seele schien zu ahnden dass er sie nie wieder sehen sollte So wälzen die
Schicksale den Menschen fort wie die Fluten des Meers einen schwachen Trümmer
Die Sonne war eben aufgegangen und die Türme Kirchen Paläste und Inseln lagen
da im dünnen Nebel
    Mir war wohl dass ich herauskam Im Winter ist Venedig angenehm weil die
Menschen so enge beisammen sind und alles zur Ergötzlichkeit treibt Lage und
Regierung aber im Sommer ists ein ungesunder und gefährlicher Ort Ein
Eingeborner kann die Wahrheit besser wissen als ein Dichter aus Neapel Es mag
der Natur nach ein ganz andrer Unterschied sein zwischen Rom und Venedig ob es
gleich prächtig klingt
                   Illam homines dices hanc posuisse deos4
Wenn einer die Geschichte kennt und da gelebt hat und es beim Ausflusse der
Brenta vom Ufer betrachtet so sieht es richtiger aus wie ein endlich sichrer
Zufluchtsort von dem Lande weggeprügelter und weggescheuchter furchtsamer Hasen
die sich hernach groß und zu geflügelten Löwen gemacht haben als ihnen die
Feinde übers Wasser nicht nachkonnten und sie von fern sicher sehen mussten Eine
unüberwindliche Festung ists gewiss weil durch die Sümpfe vom Land aus nichts
anders als kleine Barken anländen können und man von der See her in die Häfen
den Faden der Ariadne braucht und eben weil es unüberwindlich und unzukommbar
ist außer Verräterei trägt es vom Meer umgeben eine gewisse Majestät an sich
Götter aber flüchten sich nicht in Sümpfe Inzwischen hat Sannazar der reizenden
Dichtung wegen seine sechstausend Dukaten doch verdient Die Wahrheit bezahlt
man selten so teuer
    Der große Doge Peter Ziani hat sie gar wohl erkannt als er den kühnen
Entschluss fasste noch zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts eine neue
Völkerwanderung anzustellen Konstantinopel ist ohne Streit ein glückseliger
Plätzchen auf diesem Erdboden Die Venezianer hatten es damals mit den Franken
eingenommen und wir besaßen mehr von Griechenland als jetzt Er riet mit
stärkeren Gründen als je Demostenes diese Lagunen zu verlassen und dort uns
anzupflanzen und Dido und Äneas waren dagegen Luftgestalten »Wenn der Mond mit
seiner Ebbe und Flut unsern Kanälen das Wasser entzieht« sprach er im Großen
Rate »der Schlamm sich zeigt und seinen Gestank ausdünstet welche gute Nase
kann da vor Ekel auf den Wegen bleiben Sind nicht immer unsre Lazarette voll
und die jahraus jahrein nicht von dannen schiffen wie gefangen Überdies haben
wir Erdbeben noch außerdem dass das Meer oft hereinstürmt und unsre Zisternen
und Warenlager verderbt Und welch ein Wohnsitz um auszuhalten wo nichts als
schlechte Fische Nahrung gibt weder Korn noch Wein und Öl wächst weder Baum
hervorkömmt noch trinkbar Wasser quillt wo alle Elemente verdorben sind
Wasser Luft und Erd und Feuer und von allen Seiten Feindschaft um uns her
Dort sind wir gleich in unsern Besitzungen und welche Aussichten in die
Zukunft« Jedoch überwand ihn der Prokurator von San Marco der Greis Anzolo
Falier unter fünfhunderten mit einer Stimme indem er nach dem Aristoteles
behauptete dass die Festigkeit ungeachtet aller Übel bei einer Hauptstadt der
glücklichen Lage ohne dieselbe vorzuziehen wäre und dass gerade die
Unfruchtbarkeit ein Volk zur Tapferkeit zwänge und über andre erhöbe
    Darin bestand unsre Unterhaltung bis nach Padua und Ardinghello beschloss
mit folgenden Worten »Wo die Verständigen nicht herrschen ist keine
Staatsverfassung gut jedoch mit dem Unterschiede dass zum Exempel bei einer
Million Bürgern in einer Demokratie fünfmalhunderttausend und etliche Narren
über viermalhunderttausendundneunhundert gescheite Leute den Ausschlag geben
und in einer Monarchie ein Narr
neunmalhunderttausendneunhundertundneunundneunzig Philosophen ins Verderben
stürzen könnte wenn sie nach dem auf Schulen gelehrten Staatsrechte keine
Rebellen sein wollten«
    Als wir von Vicenza weggereist waren sprachen wir viel über die Gebäude zu
Venedig und den Palladio Ardinghello hielt Venedig für einen der merkwürdigsten
Örter in der Baukunst und sagte hier wäre nicht nur ein Stil sondern man sähe
darin die Geschichte derselben der neueren Jahrhunderte und erkenne immer dass
ein Senat von vielen Personen da herrsche und nicht ein einzelner oft elender
Mensch ohne Talent und Geschmack weil man nichts ganz Schlechtes unter den
öffentlichen Gebäuden fände wie in andern Residenzen
    Er liebte den Palladio vor allen neueren Baumeistern nannte ihn eine heitre
Seele voll des Vortrefflichsten aus dem Altertum und dass er davon mitteile und
aus sich selbst soviel sich für seine Zeitverwandten schicke
    In Vicenza wird leider von ihm nichts recht ausgebaut und die Gebäude
gleichen fast nur angefangnen Modellen von seinen Ideen aber welch ein
Wunderwerk ist der Palast Kornaro am Kanal wie schön die Kirchen zu San Giorgio
und al redemtore in Venedig und die Brücke zu Vicenza über den Bacchilion so
leicht und reizend und sicher in ihrem Bogen wie ein beherzter Amazonensprung
Wie angenehm das durchbrochne Geländer damit man das erfreuliche Wasser dadurch
wegströmen sehe
    Jedoch gefiel Ardinghello das Rataus nicht obgleich es Palladio selbst
unter die schönsten Werke neuerer Kunst setzt Die Fassade an und für sich
richtig und schön glich doch nur einer Schminke die einer alten Matrone
aufgetragen wäre die Bogen derselben entsprächen nicht denen des gotischen
Gebäudes das überall schief durchguckte Julio Romano hätte damals schon älter
und erfahrner mehr Geschmack gezeigt als er eine meisterhafte gotische dazu
erfand Es sei etwas anders einen Riss auf dem Papier anschauen und ein Gebäude
aufgemauert in der Luft dies haben die Ratsherrn die des Palladio seinen
wählten wie viele Große die bauen lassen nicht gewusst
    Unser Gespräch lenkte sich endlich auf die Architektur überhaupt und er
sagte soviel ich mich erinnere
    »Von Schönheit in der Baukunst hab ich wenig Begriff weil sie mir ganz
außer der lebendigen Natur zu sein scheint Höchstens entspringt ihr Reiz bloß
aus der Metaphysik davon wenn ich das Wort hier brauchen darf und nicht aus
Wirklichkeit deswegen ihre Verschiedenheit bei allen Völkern die sich einander
nicht nachahmen Eine strenge Theorie davon verliert sich in das Dunkel der
Schöpfung Schönheit ist was Vergnügen wirkt was bloß Schmerz stillen und
verhüten soll braucht eigentlich keine Schönheit an und für sich zu haben So
gehts mit den Gebäuden sie halten bloß Ungemach ab Sobald das Wetter gut ist
mag ich in keinem bleiben und will ins freie Feld Alles muss auf Ungemach
Krankheit Feindseligkeit und Bedürfnis von Zusammenkünften berechnet werden
dies bestimmt hernach ihre Vollkommenheit Harmonie Ebenmass Übereinstimmung
mit jedes Zweck macht dessen Schönheit wenn man das was nichts Lebendiges
nachahmt so nennen will5 was sollen uns alle die überflüssigen unbedeutenden
Zieraten Ein Gebäude ist ein Kleid das Menschen und Tiere vor bösem Wetter
schützt und muss danach beurteilt werden
    Geht man in die Wildheit zurück so findet man Grotten und Waldung und
durchgerissne Felsen um über Abgründe von Strömen zu gelangen Dies hat zwar der
sittliche Mensch zuerst nachgebildet und noch jetzt sind die Spuren da unter
tausend gemachten Bedürfnissen wir ahmen die ursprünglichen Formen nach von
Fels und Baum in demselben Gebäude durchaus von Stein Dieser ist inzwischen
ungelenk und wer ihn allzusehr zu leichtem Holze schnitzelt besonders am
Boden wo er gerade vor Augen liegt wird abgeschmackt und lächerlich Holz hat
seine natürliche Form in Stamm und Zweigen woher die Säulen und zum Teil die
Gewölbe Je weniger man von der natürlichen Form abnimmt desto reiner ihre
Schönheit so übertrifft eine Säule immer einen Pilaster Das meiste aber
bezieht sich auf Zweck und hat mit Nachahmung der Natur wenig zu schaffen Die
Schönheit der Massen muss aus einem glücklichen geheimen Gefühl hervorkommen das
sich an der Harmonie der Teile des Menschen des Großen in der Natur und
überhaupt alles Lebendigen lange geweidet hat und wieder mit einem solchen Sinn
genossen werden Hier lassen sich was Erfindung betrifft keine bestimmte
Regeln geben ein ganz anders ist wenn man bloß nachahmt was Griechen und
Römern gefiel«
    »Und dies bleibt wohl immer das Zuversichtlichste« fiel ich ein »da sie
ausgemacht die menschliche Natur mehr durchgearbeitet und zur höchsten
Vollkommenheit gebildet haben die wir kennen«
    »Wenn der Erdboden durchaus gleiches Klima hätte« versetzte er darauf »wie
die Gegenden welche sie bewohnten die Menschen überall dieselben Bedürfnisse
dieselben Sitten und Gebräuche die gleiche Idee von Glückseligkeit dieselben
Feste und Spiele Und überhaupt will der Mensch Neues er hat ohnedies zuviel
vom Gesetz zu leiden das er nicht abwerfen kann warum von freien Stücken sich
eins auf den Nacken legen das ihm nicht gefällt
    Die Kunst wird außer dem Reichtum an schönen Formen und Begebenheiten in
der Natur, schon geweckt im Menschen durch vortreffliche Mittel zur Darstellung
Die Obelisken Pyramiden Tempel in Ägypten hatten ihre Entstehung schon den
Marmor Granit Porphyr und Jaspisgebirgen am Roten Meer zu verdanken Der
leichteste Gegenstand in der Natur reizte hernach zum Beispiel zu Syene die
Wendung der Sonne und die Anzahl der Tage im Jahr zu bestimmen. So gab der
parische Marmor den Griechen Gelegenheit die menschlichen Formen nachzuahmen
so ihre Sprache zu verschiedenen Silbenmassen und Gedichten So werden wir von der
unsrigen zum Gesange gelockt und zum Bauen vom Reichtum an Baumaterialien
Verschiedne Mittel als Holz Backstein und Marmor veranlassen schon
verschiedene Formen
    Ein Umstand allein verändert oft das Ganze Bei den Griechen und Römern war
ein Tempel meistens nur für einen ihrer vielen Götter eine Wohnung für
denselben abgepasst gewissermaßen wenn er vom Olymp hernieder in die Gegend kam
wie ein König aus seiner Residenz in ein Schloss einer seiner Provinzen
    
    Die Form desselben war also nicht groß und die Säulen richteten sich nach
der Proportion Jeder Bürger opferte entweder einzeln oder war allgemeines
Fest so ging der Priester oder die Priesterin hinein und das Volk stand innen
und außen herum Gleiche Bewandtnis hat es bei ihren Orakelsprüchen
    Unsre Kirchen hingegen sind große Versammlungsplätze wo oft die Einwohner
einer ganzen Stadt stundenlang sich aufhalten sollen Ein feierlicher gotischer
Dom mit seinem freien ungeheueren Raume von vernünftigen Barbaren entworfen wo
die Stimme des Priesters Donner wird und der Choral des Volks ein Meersturm der
den Vater des Weltalls preist und den kühnsten Ungläubigen erschüttert indes
der Tyrann der Musik die Orgel wie ein Orkan dareinrast und tiefe Fluten
wälzt wird immer das kleinliche Gemächt im Großen seis nach dem niedlichsten
Venustempel von dem geschmackvollsten Atenienser bei einem Mann von
unverfälschtem Sinn zuschanden machen
    Wir hätten dafür deucht mich eher ihre Theater zum Muster nehmen sollen
die natürlichste Form für eine große Menge worin jede Person ihren Posten wie
in einer Republik einer Demokratie einzunehmen scheint und ein herrliches
Ganzes bildet Und sind wir nicht gegen das Wesen der Wesen alle gleich König
und Bettler Philosoph und Bäuerlein arme blinde Würmer die nichts wissen die
hieher gesetzt sind wie verraten und verkauft in Nacht und Nebel wo wir
vergebens die Köpfe in die Höhe strecken
    Ich habe hier und da in Klostergärten doch gefunden wie sich die liebe
Natur auch in ihrer größten Einfalt selbst regt Der Bruder Redner saß unten
zwischen alten schattigen Bäumen und vor ihm hatten sie an einem Hügel in
hohler Rundung Sitze mit Rasen nacheinander in der Höhe rückwärts angelegt und
so saßen sie übereinander und hörten zu und oben an beiden Seiten schlossen das
Andachtsörtchen wieder Bäume wo der Wind die zarten Zweige bewegte und die
Blätter flisterten als ob Engel darinnen spielten sich ihrer Frömmigkeit
freuten
    In unsern Kirchen mit langem gleichplatten Boden kann man nicht einmal das
Messamt gehörig verwalten die hintersten sehens nicht vor den vorderen was der
Priester beginnt und sie stehen und liegen ohne Ordnung untereinander im
eigentlichsten Verstande wie die Schafe
    Übrigens ist die Qual aller Baumeister dass sie für Sommer und Winter
dasselbe Gebäude machen müssen einen Rock für die größte Hitze und die größte
Kälte Weil sie nun in Süden sich nach dem Sommer richten so frieren sie im
Winter am meisten und in Norden nach dem Winter so schwitzen sie dort im
Sommer am meisten obs gleich nach der Natur ganz umgekehrt sein sollte«
    Die Gegend von Vicenza hatte ihm ungemein gefallen besonders aber der
herrliche Spazierplatz des Kampo Marzo mit der neu herausempfundenen
Triumphpforte vom Palladio zum Eingang In der Tat lagern sich reizend die schön
bewachsnen Hügel darum her und die Tirolergebirge machen in blauer Ferne süße
Augenweide
    Mehr aber gefiel ihm noch Verona wegen der Etsch der Alpentochter die
wellenschlagend aus den Felsen sich mitten durch die Stadt in
Schlangenkrümmungen reißt worüber die Brücke der Skaliger sich in kühnen Bogen
hebt weiter heroischer und kunstgebildeter als selbst die Brücke Rialto das
Wunder von Venedig welche mit ihren sechzig Stufen herauf und hinunter mehr
Treppe als fortgesetzter bequemer Weg ist
    Wir machten den letzten Strich in unvergleichlicher Nacht wo der Mond
beinahe voll immer mit uns ging und uns durch die schönen Ulmen begleitete die
ihre Kränze von dichtbelaubten Weinranken lieblich zusammenpaarten und Blitze
von einem fernen Gewitter flammten herüber in die heitre Luft Mond und
Abendstern und Sirius und Orion schienen wie Schutzgeister unsrer Sphäre
näherzuschweben »Ach ihr Götter« rief Ardinghello »warum so einen kleinen
Punkt uns zum Genuss zu geben und nach den unendlichen Welten uns schmachten zu
lassen Wir sind wie lebendig begraben«
    Schon regte sich ein leichter frischer Morgenwind und säuselte durch die
Blätter ein milder Lichtrauch stieg auf in Osten von einzelnen Strahlen
durchspielt als wir bei unserm Landgut anlangten wo der See sich ausbreitete
und seine Ufer von Wellen rauschten Sie brachen sich ergötzend übereinander und
schäumten und wir fanden die Beschreibung Virgils Fluctibus et fremitu
assurgens marino6 ganz nach der Natur. Ich legte mich zu Bette weil ich den
vorigen Tag nicht geschlafen hatte Ardinghello aber wollte nicht und machte
Bekanntschaft mit der Gegend
    Die Zimmer für uns waren schon zubereitet den Nachmittag richteten wir uns
völlig ein Ardinghello bekam eins gegen Norden zum Malen wo er Licht und
freien Himmel hatte wie er wünschte und überdies den Ausgang aufs Feld
    Wir beschifften die ersten Tage die Küsten stiegen da und dort ans Land und
schweiften herum an den schönen Hügeln bis nach Brescia Ardinghello legte
alsdenn gleich seine Madonna an für meine Mutter damit er in den guten Stunden
hernach daran arbeiten könnte
    Im Griechischen waren wir schon einig wegen Ton oder Akzent und Aussprache
wir richteten uns gänzlich hierin nach den obgleich verwilderten Abkömmlingen
der Alten zumal da wir doppelten Endzweck hatten Wir gelangen zur Kenntnis
toter Sprachen nicht allein durch Vernunftschlüsse und Vergleichungen sondern
noch durch Herkommen und da hat doch das Volk dessen Sprache die älteste
Tochter ist von der abgestorbnen oder vielmehr selbst noch Mutter nur durch
die Zeit verändert und verwandelt das nächste Recht zur Erklärung Kein
auswärtiger Bücherheld wird mit seinem bloßen Buchstabieren auch je dem Runden
und Lebendigen desselben bei Lesung der übriggebliebnen Denkmale gleichkommen
    Man kann wohl sagen dass wir kein größer und vollkommener Ganzes vom
menschlichen Leben haben als die griechische Sprache wenn man sie vom Homer an
zusammennimmt bis auf unsre Zeiten
    Im Homer steht sie schon als ein starker junger saftiger zweige und
laubvoller Baum da in den tragischen und komischen Dichtern Atens dessen
Philosophen und Rednern in höchster Schönheit und Fruchtbarkeit so wie noch nie
etwas Menschliches erschienen ist und bei den Neugriechen zusammengeschrumpft
verwachsen und ästezerbrochen bepfropft mit mancherlei fremdartigen und doch
noch groß und reich in einem Alter von dreitausend Jahren
    Die feinen Ausbildungen die geschmeidigen Darstellungen aller
Verschiedenheit der Natur sind so wie die Wirklichkeit selbst in den Zeiten
der Barbarei verlorengegangen Die Neugriechen haben keinen Dativum in ihren
Deklinationen und ihre Verba sind steif geworden Das Futurum wird mit dem
Hülfsworte wollen gemacht das reiche Perfektum ist verschwunden und der erste
Aorist darein verwandelt Sie haben keinen Dual kein Medium keine Verba in mi
sogar keinen Infinitiv mehr Die Partizipia sind verunstaltet die Präpositionen
ohne Regierung fast ihrer bloß acht an und für sich haben alle den platten
Akkusativum hinter sich und die Partikeln bringen wenig Geschmeidigkeit mehr
hervor
    Und doch hat die Sprache noch Wohllaut und mannigfaltigen Klang schöne
ursprüngliche Form aber wenig Beweglichkeit Die italienische ist aus der
römischen weit mehr von Leben und Geist gebildet das Neugriechische aus dem
alten lange nicht so bearbeitet Vieles darin sieht aus wie zerschmettert und
versetztes Bruchstück und manches ist noch völlig so wie bei dem alten
    Ich brachte dem Ardinghello bald alles bei was zum täglichen Leben gehört
obgleich die gemeinsten Dinge bei den Überfällen verschiedner Völkerschaften
hauptsächlich ihre Benennungen verändert erhalten haben So heißt zum Beispiel
jetzt Brot psomi Wasser neron Wein krasy der Leib kormi die Tür porta der
Weg strata das Haus spiti chrysaphi asimi Gold und Silber
    Überhaupt lieben die Neugriechen das I und man findet oft das alte Wort
wenn man es wegtut als bei mati Auge avti Ohr
    Die Evangelien und Episteln versteht man so ziemlich noch im Griechischen
des Neuen Testaments aber vom Xenophon und Plato wenig Die Geistlichen
Vornehmern und Kaufleute reden was man Schriftsprache nennen kann Die größte
Barbarei ist eigentlich auf den Inseln weil diese mehr als das feste Land von
den Fremden überschwemmt wurden auch weichen die Sitten hier mehr von den alten
ab
    Der Mundarten sind vielleicht mehr als bei den Alten und so gehts mit der
Aussprache Die jetzigen Spartaner sprechen zum Beispiel ch aus wie die
Franzosen
    Überhaupt war die Aussprache schon bei den Alten verschieden nach Ort und
Zeit wie bei uns und überall Die ersten Pelasger sprachen vermutlich ihr
Griechisch anders aus als die Atenienser unter dem Perikles und so Homer und
seine Zeitverwandten Plato beklagt sich im Gespräche Kratylos kurz nachher
als die zwei langen ionischen Vokalen zu Athen unter dem Archon Euklid im
zweiten Jahre der vierundneunzigsten Olympiade in allgemeinen Gebrauch gekommen
waren dass man das Wort welches den Tag ausdrückt nicht mehr himera wie die
Vorfahren ausspreche sondern entweder hemera oder neuerdings hmera und dabei
den schönen Ursprung nicht mehr fühle dass es von himeros das Verlangen
herkomme weil man nämlich in der Nacht und Dunkelheit nach dem Licht und
Aufgang der Sonne verlangt
    Aus diesem Beispiele dürfte man vielleicht schließen dass die neueren
Griechen in manchem zur Aussprache der älteren und selbst Homers wieder
zurückkehrten und dass auch hier wie sonst in der Welt alles im Kreise
herumgeht
    Am besten ist es man richtet sich nach der jedesmaligen lebendigen
Aussprache und dem großen Haufen und man muss es wenn man verständlich sein
will7 Von den Alten lasen wir die Abende bald ein Stück aus dem Plato bald aus
dem Aristoteles oder Xenophon kehrten aber von ihrem Scharfsinn und Adel der
reinsten Empfindung und ihren hohen Flügen oft zurück unter das ateniensische
Volk zum Demostenes und Aristophanes
    Ardinghello hatte den letztern nur dem Namen nach gekannt und weidete seine
Seele nun an ihm leibhaftig mit Entzücken Er brütete so recht über seinem
Witze seiner Laune seinen kühnen Erdichtungen und hielt seine Possenspiele
für das allerhöchste Denkmal menschlicher Freiheit welchem sich keins unter den
Millionen andrer Schriften von weitem nähere Wer mit den Griechen wetteifern
wolle müsse in beiden leben und weben Hier erscheine der Mensch wie er sei
mit allen seinen natürlichen Herrlichkeiten und Schlechtigkeiten Hier
entsprängen und rännen die lautersten Lebensbäche
    Mein Freund steckte mich mit seiner Meinung an und Redner und Dichter
wirkten mächtig auf uns wir wurden selbst freier im Umgange und unsre
Sprachkenntnis wuchs wie eine üppige Pflanze Wir hielten uns ganz an Athen vom
Temistokles an bis zum Tod Alexanders drangen immer tiefer ein in dessen
Staatsverfassung Gesetze Gerichte ruhten im Schatten an den bemoosten Wurzeln
des schönen lebendigen Baums der seine Zweige über ganz Griechenland
verbreitete und gingen aus diesem Kreise und was sich damit verband selten
heraus
    dabei beschrieb ich ihm den gegenwärtigen Zustand der Inseln und des festen
Landes Gesellschaften Sitten und Gebräuche Feste und Spiele Klima
Jahrszeiten Wind und Wetter Gewächse und Früchte und was von den Alten noch
übrig ist
    Ohngeachtet seiner Lust an dem Aristophanes der glänzenden Satire der
Wolken gegen den Dämon des Philosophen und des bitteren Angriffs der Lehre
desselben dass kindliche Liebe und Verehrung der Eltern und Verwandten dem
Verstande nachstehen müsse hielt er nichtsdestoweniger die Denkwürdigkeiten des
Sokrates für das gediegenste Kleinod aller Weisheit und die Moral aller Moralen
    Übrigens kamen wir darin überein dass man die Wolken nach ihrer und nicht
nach unserer Zeit beurteilen müsse Die Menschen waren damals gewohnt einander
nackend zu sehen und scherzten zur Ergötzlichkeit für den Augenblick über ihre
Mängel und Gebrechen und vergaßen es hernach bald wieder Aristophanes war so
wenig schuld an dem gewiss bis zum Vergessen seines Mutwillens lang hernach
erfolgten Tode des Sokrates als an dem des Euripides und beide wurden im Grunde
nicht minder hochgeschätzt trotz aller Lächerrlichkeiten die er auf sie warf
Welche possierliche Rolle lässt er nicht den Weisen letztern im Feste der Ceres
und Proserpina spielen Bei uns wäre freilich so etwas wie Mord und Totschlag
Und außerdem war man es gewohnt dass Philosophen und Dichter und von diesen
wieder die tragischen und komischen sich zur Kurzweil des Volks einander zum
besten hatten Wer weiß wie hart Sokrates und Euripides vorher dem Aristophanes
begegneten Das beste Zeugnis für das was ich sage ist dass Plato nicht
aufhörte den komischen Dichter hochzuschätzen
    Dieser hohe Genius schien uns überhaupt einen viel weitern Gesichtskreis als
Xenophon zu haben und selbst über seinen Lehrmeister hinauszugehen Wir meinten
nicht wenige seiner Gespräche müssten die Lieblingsschriften für jeden guten Kopf
sein der sie fertig in der bezaubernden Ursprache lesen kann und dies zwar
hauptsächlich deswegen weil er selten seine Materie erschöpft aber mit
gewaltiger Hand in tiefe reiche Fundgruben hineinführt Wir bewunderten oft an
ihm diesen Tag die allergewandteste attische Feinheit die so edel kein
Schriftsteller unsers Wissens weder seiner noch viel weniger irgendeiner
andern Nation je erreicht hat und den folgenden wieder die erhabensten Gedanken
in der kühnsten Sprache
    Demostenes ist freilich gegen ihn wie der noch junge zu strenge Dionys
von Halikarnass wahr spricht Held im Streite wo es das Leben gilt und jeder
Hieb und Stoß Wunde Aber ein andres ist Schlachtfeld ein andres Akademie wo
unter kühlen Lauben auch zuweilen bloß angenehmes Geschwätz ergötzt und
lyrische Verzückungen süßer Trunkenheit bei sternenheller Nacht am seligsten
machen
    Mitten unter dieser Seelenweide legt ich mich eifrig auf die Zeichnung Ich
fing vom neuen damit an allerlei matematische Figuren aus freier Hand bis zur
Vollkommenheit zu entwerfen um sie zur Sicherheit im Zuge zu bringen Alsdenn
plagte mich Ardinghello nur kurze Zeit mit menschlichen Gerippen und ging gleich
über auf den Umriss der Teile und ihre Verhältnisse zueinander und endlich
gelangt ich zum Lebendigen wie aus einer trocknen Wüste zu schattichten
frischen Quellen Wir waren schon aus der ruhigen Schönheit am
Leidenschaftlichen als eine schreckliche Begebenheit erfolgte die uns auf
lange trennte
    Über die Verhältnisse des menschlichen Körpers gingen wir außer den
Vorschriften der beiden großen Florentiner noch ein Werk durch von dem
Deutschen Albrecht Dürer Er sagte wenige hätten die Theorie ihrer Kunst wohl
so innegehabt unter allen neueren Malern und Bildhauern als dieser man fände bei
ihm ein erstaunliches Studium aber zum Hohen und Schönen derselben sei er nicht
gelangt weil niemand aus seiner Nation und seinem Zeitalter könne Dies hange
außer dem Innern noch gar zuviel von Glück und Zufall ab Wir könnten das
Lebendige nicht anders nachbilden als bis wir es entweder selbst gelebt oder
mit unsern Sinnen in ergreifender Wirklichkeit empfunden hätten Ohne Perikles
und Aspasia Alkibiaden Phrynen und ihresgleichen alt und jung kein Phidias
Praxiteles und Apelles Albrecht Dürer habe den Nürnberger Goldschmiedsjungen
nie völlig aus sich bringen können in seinen Arbeiten sei ein Fleiß bis zur
Angst der ihm nie weiten Gesichtskreis und Erhabenheit habe gewinnen lassen
und bloß deswegen hätte ihn Michelangelo so sehr gehasst Seine meisten
Kompositionen wären Passionsgeschichten und Hexen und Teufel Er als verlorner
Sohn am Troge bei Schweinen die Trebern fressen Proserpina wie sie Pluto auf
einem Bocke holt Diana wie sie eine Nymphe mit dem Knittel bei einem Satyr
prügelt zeigten genug seine missleitete Phantasie Sonst sei er ein wackerer
Meister habe Kraft und Stärke und ein guter Kopf von richtigem Geschmack könne
viel von ihm lernen
    Wir hatten bei unserm Leben auf dem Lande uns zum Gesetz gemacht dass keiner
den andern in seinem Tun und Lassen stören sollte und alles Beisammensein war
freier Wille von beiden Seiten Wenn also einer allein sein wollte so sagte er
es dem andern oder schloss die Tür ab Zuweilen gingen wir miteinander zuweilen
zog einer allein aus und Ardinghello kam manchen Tag und manche Nacht nicht
nach Hause ohne mir vorher zu sagen wenn er fortging und ohne dass es mich
befremdete Die immer grünen mit hohen Bäumen eingefassten Wiesen und die vielen
klaren Flüsse von den Seen reingewaschen erfreuten ihn unendlich in der
Lombardei solche Natur war dem Toskaner fremd Er nistete sich in den schönsten
Dörfern überall ein und machte Bekanntschaft mit den Landleuten
    Einigemal kam er abends auf einem lustigen Nachen mit Weinlaub und Efeu
geschmückt der Zither am Arm im Dityrambengesang gleich einem jungen Bacchus
wieder oder in einem andern Aufzug und es war immer ein allgemeiner Jubel
denn jedermann wollte ihm wohl Er ließ sich mit jedem ein und drang in dessen
Inneres half ihm fort oder machte ihm das Leben froh und leichter Er hatte eine
von den seltenen gefühligen Stimmen die das Herz anlocken ihr Ton war fest und
voll süß und gelind bei Liebe und heftig eindringend wie ein Sturmwind in der
Höhe bei widrigen Leidenschaften Er spielte zwar auch trefflich die Laute aber
die Zither zog er allen Instrumenten zur Begleitung vor Er sang wenig andrer
Dichter Worte sondern eigne Poesie wie sie seinem Wesen entquoll meistens
ohne Reime oder diese wie sie sich schicken wollten Es war bezaubernd dem
jungen Schwärmer zuzuhören und wie in lächelnder Kühnheit das Feuer aus ihm
wehte Wie oft haben wir hernach in heitern Nächten uns in den See gestürzt
denn er hatte mir das Schwimmen bald beigebracht und in der unermesslichen
gestirnten Natur frei herumgewallt wie die Götter
    Noch hab ich ihm eine größere Geschicklichkeit im Fechten zu verdanken
worin er ein großer Meister war wie er denn seinen Körper überhaupt äußerst
gewandt und ausgebildet hatte
    So flog himmlisch leicht unser Leben dahin unter Spiel und Fest und
reizender Beschäftigung
    Mit seiner Madonna war er im August schon fertig Er hatte die Begebenheit
der Flucht nach Ägypten gewählt Sie saß mit dem Kind an der Brust unter einem
Ahorn der seine Zweige weit umher verbreitete und Dämmerung herniederwarf in
der Nähe und Ferne standen Pinien und Zypressen anmutig vermählt und zerstreut
Die Gegend war ein Gebirg woheraus ein Fluss in Katarakten sich stürzte in
fernem Schaum und Dampf von Silberstaub dann eine kleine Ebne durchfloss und in
einen stillen See ruhig dahinwallte Die bezauberndste Seite von der
romantischen Wildnis unsers Lago war ganz treu hier zu sehen vom Glanz der
untergehenden Sonne blitzten Fels und See und schimmerte das Laub der Bäume
Äusserst kühn gewagt Die Madonna war eine holde Jungfrau die ihr erstes Kind in
Armen hält und der Geschichte davon in entzückender Grazie nachdenkt ein Kopf
ganz aus der Natur, nur erhöht und ins reine gebracht von unaussprechlicher
Wirkung auf jeden fühlenden Menschen Auch der Bube so recht in Liebe erzeugt
trug die Spuren der vollen Wonne seines Werdens in der Gestalt er hielt sich
mit dem einen Händchen an der rechten halb entblößten Brust unter dem rötlichten
Gewand an und lächelte von der offenen straff geschwellten jugendlichen linken
ab mit seinem blonden Köpfchen in die schöne Natur Das braune Haar der Madonna
war in ein rötlicht gestreiftes Netz gebunden wovon noch einige Locken ins
Gesicht und die Backen fielen der blaue Mantel zerflossen und die Beine und
zarten Füße ruhten in reizender Lage Beider Augen besonders der Madonna
blicken heiter schön in Empfindung schwimmend In den Zweigen des Ahorns
schweben Engel wie junge Liebesgötter abwärts weidet der Esel und Joseph steht
auf seinen Stab gelehnt wie ein alter treuer Wärter der sein Anvertrautes
glücklich aus der Gefahr über die Grenze gebracht hat
    Form und Ausdruck und Kolorit in allen Teilen des Lebendigen Bekleidung und
Beleuchtung und Szene macht eine süße Harmonie zusammen Das Gemälde war groß
und die Figuren im Vordergrunde an die zwei Drittel in Lebensgröße jedoch ging
ihm die Arbeit geschwind vonstatten weil er die Studien zur Madonna und dem
Kleinen mitgebracht hatte und nur zum Joseph und den Engeln einen Alten und
Kinder aus der Nachbarschaft brauchte
    Meine Mutter konnte sich darüber nicht satt freuen und gewann ihn immer
lieber
    Inzwischen bemerkt ich doch bei seinem fröhlichen und traulichen Wesen eine
leidenschaftliche Hastigkeit an ihm und etwas Verborgnes in seinen
Gesichtszügen auch fiel mir endlich sein Ausbleiben auf Er sagte zwar »Ich
bin ein Herumschweifer und kann nicht wohl an einer Stelle bleiben« aber er
nahm mich doch zu selten mit sich Ich wollte wissen was in ihm vorging und
dies klärte sich denn auf einmal in einer stillen Mitternacht auf wo alle Winde
schwiegen und kein Laut sich regte
    Wir saßen am kühlsten Platz unsers Gartens auf einer Anhöhe in einer Laube
von Lorbeer und Myrtengesträuch von einem alten Hain grüner Eichen umfasst und
hatten oft die Gläser ausgeleert und gesungen und gesprochen viel vom Menschen
und den Begebenheiten der Welt jugendlich erfahren und unerfahren Mein Herz
stand offen und ich entdeckt ihm auf die letzt meine kleine Liebesgeschichten
womit ich hier den Lauf nicht unterbrechen will gestand ihm aber dass ich noch
nicht alles fände was ich verlangte »Du wirst mir guten Unterricht geben
können« fügt ich hinzu »denn nach deinen Studien in der Malerei und Leibes
und Seelentugenden musst du schon ein Held unter Amors Fahne sein«
    Er antwortete hierauf »Ich spreche nicht gern von diesen Dingen denn sie
machen alle Menschen neidig Freund und Feind Aber weil du einmal angefangen
hast so will ich auch dir bekennen Doch vorher den Todesbund ewiger
Freundschaft feierlicher vom neuen wir kennen uns nun vollkommen«
    Hier zog er einen Dolch hervor streifte sich den linken Arm auf stach
hinein und ließ das Blut in den Becher rinnen überreichte mir den Dolch und
ich tat wie von einer furchtbaren Macht ergriffen voll Glut und Rührung
dasselbe »Wie unser beider Blut hier im Weine vermischt ist« rief er aus »und
in unser Leben sich ergeusst so sollen unsre Herzen und Seelen auf dieser Welt
zusammenhalten dies schwören wir dir Natur und deiner Gottheit Wer scheidet
fall in Elend und Verderben«
    Wir tranken umschlangen uns fester und inniger stillten darauf die Wunden
und der eine verband mit lächelndem Ernst den andern
    Dies geschehen und aus dem Taumel uns wieder gefasst und in Ordnung fing er
an »Das herrliche Geschöpf das ich liebe bekränz als Priesterin unsern Bund
Cäcilia ist ihr Name von der Heiligen der himmlischen Musik entlehnt O du
dort oben walte über uns Auch unser Fest ist Saitenspiel und Gesang und sind
wir nicht so fromm als du wozu nur Auserwählte gelangen so ist doch unsre
Liebe heilig denn sie ist ganz Natur und hat mit bürgerlichem Wesen nichts zu
schaffen Diese Cäcilia wohnt eine Stunde von hier ist einzige Tochter bei zwei
Brüdern ihr Vater leider der große C und soll sich in kurzer Frist mit dem
reichen Mark Anton vermählen welches du schon alles weißt« Ich blieb hierbei
stumm vor Erstaunen und hörte mit beiden Ohren
    »Wir wurden durch einen bloßen Zufall näher bekannt« fuhr er fort »denn
schon vorher hatte ich sie als den schönsten weiblichen Kopf in Venedig
einigemal in Kirchen auf den Raub abgezeichnet und ein paarmal in Gesellschaft
gesehen Nie aber wollt es mir gelingen in ihrem Hause Zutritt zu erhalten oder
sie allein zu sprechen Dieses geschah endlich beim Schluße des letzten
Karnevals auf dem Markusplatz in einer Ecke an der neuerbauten Kirche San
Zeminiano als es Nacht werden wollte Ich trug schier eine Maske wie einer
ihrer Brüder sie sah mich im Getümmel für denselben an ging auf mich zu fasste
mich bei der Hand und flisterte mir etwas freudig ins Ohr Ob ich sie festhielt
und wie kannst du denken ich hatte sie schon auf den Platz hereinkommen sehen
auch war ihr lieblich Gesicht wenig verhüllt Männer und Weiber die sie
begleiteten mochten ebenfalls im Irrtume wie sie sein denn sie ließ uns
beisammen gaukelten auf dem bunten Weltteater im kleinen ihre Mummereien fort
und hatten keinen Argwohn Ich gebrauchte die schnelle Gelegenheit so gut mir
möglich war Sie musste mich auch mit einem Blick erkennen können unsre Augen
hatten sich schon oft mit Seele begegnet Ich verlangte zu wissen ob ich etwas
über sie vermöchte hob ein wenig meine Maske vom Gesicht und sie wollte sich
errötend von den ründlichen Wangen bis an den schneeweißen Hals zurückziehen
allein ich hielt das warme Händchen fest
    Ich blickte rasch umher und sie desgleichen wir wurden in der Dämmerung
nicht beobachtet und ein Possenreisser hatte überdies aller Augen auf sich
gezogen und sagte ihr aber wie kann ich genau die Worte wiederholen dass ich
sie liebte anbetete dass ich verschwiegen wäre wie ein Stein eine Mauer mich
der geringsten Gunst nie rühmen würde mich ihr in allem unterwerfen wollte
allen meinen Verstand zu unserm Vorteil anwenden wollte wir seien füreinander
geschaffen und das Verhältnis mit andern Menschen solle uns nicht trennen
Alles dies und mehr ging aus meinem Munde wie ein Lauffeuer leis aber mächtig
ihr ins Ohr Sie trat fort und hielt ein zuckte mit der Hand und überließ sie
wieder den heißen Wallungen meiner Liebespulse Endlich riss sie sich los sagte
mir aber mit einer schüchternen gebrochnen Stimme die Honigworte die wie
eiskühlend und brennendsüss erquickend Labsal durch Mark und Gebein rannen
Morgen früh zu Santi Giovanni e Paolo
    Ich schwand von ihr weg wie der Blitz zur ersten Probe meiner Aufführung
und schlief die ganze Nacht nicht war so wach und lebendig als ob ich nie
geschlafen hätte und nie wieder schlafen würde durchaus Feuer und geistig
Toben Was hab ich da nicht für Plane gemacht
    Ich hielt schon lange vor der Zeit Wacht um die Kirche und wie sie aufging
war ich der erste drinnen Ich wartete und wartete und verging vor Ungeduld so
langweilig war mir das Messlesen der Priester noch nicht vorgekommen Wie es
allzu lange währte so ließ ich mir den Vorhang von dem göttlichen Tizian
wegziehen wo Peter der Märtyrer von einem Räuber erschlagen wird sein
Gefährte flüchtet und ein paar reizende Buben als Engel auf die Bäume der
herrlichen Landschaft herabschweben 
    Welch ein Meisterstück Die Szene schon äußerst lebendig welche Lokalfarben
haben nicht die schlanken Stämme der hohen Kastanienbäume wie verliert sich das
Land in ferne blaue Felsen der Mörder voll räuberischem Wesen in Gestalt und
Stellung und jeder Gebärde bis auf Kleidung und Kolorit der Heilige hat ganz
das Entsetzen eines Überfallnen und eines guten weichen Mannes der sein Leben
banditenmässig verliert auf seinem Gesichte ist die Blässe der Todesangst und
mit welcher Natur in der Lage ist er niedergeworfen der welcher flieht ebenso
täuschend in allen Teilen Die drei Figuren machen einen vortrefflichen Kontrast
in Stellung Charakter und Kolorit und den Gewändern von Mönchs und
Räubertracht Welch ein trefflicher Ton im ganzen und wie schön hält es die
Beleuchtung zusammen
    Dies half etwas aber wenig ich hatte keine Ruhe Endlich erschien sie
doch und armer Tizian wie fielst du weg O alle Kunst neige dich vor der
Natur! Sie zog zur Pforte herein den Kopf in eure Tracht versteckt wie im
dünnen Gewölk aufgehende Sonne vor ihrem Glanz verschwand alles oder bekam
Ansehen Wesen lenkte sich zu einem Ganzen
    Sie kam mit ihrer Mutter Beide knieten erst vor dem Altare nieder wo Messe
gelesen werden sollte und setzten sich hernach sie mit abgeworfener Hülle vom
Haupte Im Knien blickte sie einigemal gen Himmel und seufzte ich bemerkte
alles Sie wurde mich hernach im Sitzen gleich gewahr und maß mich mit einer
Engelschönheit ruhig dem Anschein nach vom Wirbel bis zur Zehe in tiefem
Nachdenken Was für Seele aus ihrem weitgewölbten schwarzen Auge blickte ist
nicht zu sagen und um ihre Lippen regten sich bange Gefühle die jedoch in
Lächeln übergingen Ach dass ich nicht gleich mit ihr sprechen durfte
    Ich saß nicht weit von ihr rechter Hand schräg auf der Seite und
verwandte soviel ich unbemerkt sein konnte kein Auge Sie las hernach in ihrem
Buche und nahm ein Zeichen heraus und deutete mir mit einem Winke darauf
    Die Messe war vorbei und man ging auseinander ich folgte ihr auf dem Fuße
Bei der Kirchtür hatt ich im Gedränge mit der feinsten Wendung die Karte
unvermerkt in der Hand Ich konnte nicht geschwind genug in einen Winkel kommen
und lesen Zwei Stunden nach Mitternacht an der Tür auf die Straße hinter dem
Kanale Weiter stand nichts darauf und es war genug
    Nur dies und sie empfand und dacht ich den ganzen Tag Gegen Abend ging ich
schon dort einigemal auf und ab und wusste alle Türen und Fenster und
Gelegenheiten auswendig Ich versah mich alsdenn auf allen Fall in meinem
Quartiere mit Gewehr meinen Gondelfahrer hatt ich ohnedies schon vorher immer
bei der Hand
    Nach Mitternacht macht ich mich auf den Platz bei Maria Formosa Wie wurde
mir die Zeit so lang Die Hoffnung hob mich vom Boden weg durch alle Himmel die
Natur hingegen wollte gar nicht fort Orion Adler Schwan und Wagen schienen
mich zum besten zu haben ich hätte sie gern himmelab aus Ungeduld mit den
Händen gerückt und sprang oft närrisch in die Höhe sie zu erreichen
    Endlich schlug die letzte Viertelstunde und ich eilte an den bestimmten
Ort Alles war still auf den Wegen und ich lief über die Brücken weg und
wartete in einer Ecke nahe bei der Tür in meinen Mantel eingehüllt lauter Ohr
und Auge
    Ich war kaum da so ging sie schon auf Ich machte mich herbei und vernahm
die leisen Worte Herein ich schlüpfte durch und war im Dunkeln Die Schuh
aus flisterte sie mir die Treppe herauf nach Und sachte sachte Hand in
entzückend zarter warmer festaltender Hand tappten wir in ein Zimmer auf den
Kanal und wieder zugeschoben mit dem Riegel wurde die Pforte des Himmels
Cäcilia war in einem leichten Nachtgewande den Kopf entblößt und das lange Haar
nur in einen Knoten gebunden das weich in den Seiten mir in die Finger fiel
    Ich hielt sie umschlungen und raubte den ersten Kuss der wie ein süßer Blitz
mein Wesen durchfuhr und sie sagte seufzend O was wag ich nicht Euch näher
kennenzulernen Ich weiß dass Ihr ein Florentiner seid und hier die Malerei
treibt aber dass dies Eure Bestimmung nicht istsondern Nebenbeschäftigung und
Euer Ziel im verborgenen höher steckt Eine Freundin Eurer Tante und von mir die
Euch als eine andre zärtliche Mutter wohlwill und durch jene Euch Eure Wechsel
auszahlt hat es mir unter dem Siegel des Stillschweigens anvertraut Eure edle
schöne Gestalt und Jugend und es muss nun von meinen Lippen ein
unwiderstehlicher Zug im Innern den ich noch bei keinem Sterblichen fühlte
haben mich dazu verleitet
    Verlasst euch in Geheimnissen auf Weiber dacht ich wenigstens die sie
nicht selbst betreffen und geriet in ein Labyrinth
    Ein andermal von unsern Umständen erwidert ich O dass ich dich endlich
habe du Stolz von Venedig und Zierde der Welt Lass uns jetzt ganz allein sein
und die vorübereilenden Augenblicke genießen in junger feuriger Liebe o du
Seele meiner Seele Geist und Licht meines Lebens Hier hob ich sie mit Macht in
meine Arme und trug sie unüberwindlich so auf einen Sofa der in der Ecke am
Fenster stand
    Unglücklicher sagte sie was willst du beginnen und stieß mir mit allen
Kräften das Gesicht von ihrer Brust Dies ist kein falsches Sträuben Ein
einziger Ruf von mir den meine Brüder hören und du bist des Todes und ich im
Hause auf immer elend Dies war in einem so festen sichern Tone gesagt wie ein
Schwertschlag die Schulter herein dass ich nachlassen musste ich wurde wie
voneinandergerissen als das himmlische warmlebendige Geschöpf meinen Armen
entwich
    Nicht so heftig holder Verwegner So war es nicht gemeint fing sie nach
einer kleinen Pause an und streichelte mir die Backen die Sirene
    Ganz außer mir ergriff ich sie wieder mit Gewalt vom neuen Hier aber
geriet sie in bitteren Zorn und riss mich mit den Haaren von sich Glaube nicht
sagte sie dass ich ein Kind bin das nicht weiß was es tut und mit sich
anfangen lässt was ein wütender Mensch will Ich konnte nichts dagegen
aufbringen und Unmöglichkeit Liebe und Bewunderung machten dass ich meine
Leidenschaften bändigte
    Wir setzten uns denn Ich war auf dem stürmischen Meere herumgewühlt von
tausend Wogen Sonderbare Szene Sie schlang hernach ihren rechten Arm um meinen
Nacken und ich meinen linken um ihre Lenden und die zwei andern Hände schlossen
sich in ihrem Schoße zusammen vor uns stand auf einem Tischchen ein Nachtlicht
Ach wie sie blühte ein voller Rosenbusch im Mai am frischen Morgen im neuen
Glanze des Himmels und den Chören der Nachtigallen herum Ihre jungen festen
Brüste kochten und wallten und im Netz ihrer verwirrten blonden Haare zappelte
meine arme Seele wie ein gefangner Vogel
    Ich flog ihr mit flehendem Gesicht an Busen und klagte schmachtend Was hast
du mit mir vor Zauberin
    Liebe Sei ohne Sorge antwortete sie darauf sonst würd ich nicht getan
haben was ich tat süße Traulichkeit wo ihrer zwei sich das Leben froh machen
die füreinander geschaffen sind
    Uns verging die Sprache und wir saßen lang eine schmerzlich entzückende
Stille in heißer Empfindung aneinandergegossen
    Mir rollten endlich unaufhaltbare Tränen übers Gesicht von dem wütenden
Kampf im Innern
    O ich sehe dass du liebst sagte sie und hob mir das Gesicht in die Höhe
das ich knieend wie ein Kind in ihrem Schoße verbarg nachdem ich ihr wenig
Worte von meinen Schicksalen erzählt hatte nahm mich auf und küsste mir
zärtlich am ganzen Leibe zitternd die Augen und das bloße Herz wovon sie das
Hemde wegriss Nun geh fort sagte sie wir können jetzt nicht reden und nicht
länger bleiben Versprich bescheidner zu sein und komme heut über acht Tage
wieder früh nach Santi Giovanni e Paolo wenn ich dir ein Zeichen gebe so sind
wir dieselbe Stunde in der Nacht ebenso beisammen
    Mir war selbst zu wohl und weh im Herzen und sie brachte mich unter
brennenden Küssen und glühenden Umarmungen leise wieder von sich Dies war die
erste Zusammenkunft Morgen Benedikt das übrige wenn wir wieder dazu gestimmt
sind« sagte hier Ardinghello
    Wir machten uns alsdenn berauscht auf unsre Zimmer »O Freundschaft und
Liebe« rief er nach dem Wunsche gut zu schlafen »was ist ohne dich die Welt
Ein Haufen Unsinn für alle Philosophen«
    Was Ardinghello gesagt hatte und die Vorbereitung dazu machte mich äußerst
unruhig mein Gesichtskreis war zwar erweitert verlor sich aber in
undurchdringlichen Nebel und mich schreckte die Zukunft Seine Leidenschaften
kümmerten mich Jedoch verließ ich mich wieder auf seinen hellen Geist und sein
edel Herz und schwur ihm vom neuen bei mir ewige Treue und ihn überall wo Not
an Mann ging zu unterstützen Er sollte mir auf der Stelle forterzählen aber
er wollte nicht und sagte »Wir haben ja dazu genug Zeit und Musse mein Kopf ist
zu sehr im Taumel«
    Den Tag darauf bekamen wir Besuch und wer war es Es war der Bräutigam der
Cäcilia mit ihren Brüdern die ihm bis Verona entgegenritten welcher ein
kleines Geschäft abmachen wollte Sie selbst war einigemal mit ihrer Mutter bei
uns gewesen und ich hatte nichts gemerkt so sehr konnten sie sich verstellen
Er gestand mir zwar damals ein der Schalk dass sie die schönste weibliche
Gestalt wäre die er je gesehen hätte was Gesicht und Wuchs und Hand und Fuß
beträfe wenn das Verborgne dem Äusserlichen gleichkäme so wüsste er nicht ob
die griechische Venus zu Florenz noch das Wunder bliebe und bedauerte dass so
etwas ungenützt für die Kunst vergehen sollte Allein eben am Verborgnen habe
Phryne so sehr die andern Mädchen übertroffen vollkommne Bildung an diesen
Teilen der Reife nahe ohne Überfluss und Magerkeit die zarten häufigen und
doch festen Schwingungen des Lebens in den reinsten Formen mit aller reizenden
Mannigfaltigkeit zur größten harmonischen Einheit durch keine Kleidung und
Stubenluft verdorben immer in gehöriger Munterkeit und Bewegung erhalten von
hohem und heiligem und wollüstigem Geist beseelt ein wenig Überfülle wo sie
sein müsse üppige sanfte Wölbung und wieder straffer Umriss sei äußerst selten
und ein Wunder in der Natur, und man könn es immer wenn man es fände als das
Allergöttlichste auf diesem Erdenrund betrachten Es fiel mir nun freilich ein
dass sie höher glühte wenn er von fern im Schatten die Laute spielte oder mit
seiner verführerischen Stimme zur Zither sang und sie selbst war es was er bei
mir schilderte
    Ihr jüngster Bruder  sie war das letzte Kind  konnt ihn gleichwohl leiden
Sie besahen sein Gemälde und machten ihm darüber große Lobsprüche nur der
Bräutigam eine kalte Staatsperücke von widrigem Gesichte tadelte ihm einiges
ohne rechten Verstand um nach dem gewöhnlichen Kniffe der Großen sich damit ein
Ansehen zu geben welches Ardinghello jedoch gefällig aufnahm indem er sich
damit entschuldigte dass die Malerei sehr schwer und selten einer in allen
Teilen nur erträglich wäre und rühmte dabei seine große Einsicht Dies gefiel
ihm denn und er fragte ihn wie einen jungen Malergesellen ob er ihn und seine
Braut abkonterfeien wolle Ardinghello verbeugte sich und erwiderte dass ihm
dies großen Ruhm zuwege bringen würde wenn es nach Wunsch gelänge Jener
beschloss ihn abrufen zu lassen sobald es sich schickte Darauf ritten sie
fort nachdem sie ungefähr ein paar Stunden angehalten hatten
    Den Abend blieben wir bei meiner Mutter Sie freute sich über den Beifall
für sein Gemälde und dass er durch diese Gelegenheit besonders wenn noch die
Porträte gefielen in dem neuen Palaste des Bräutigams viel Arbeit bekommen
könne Geld sei da genug und dies brauchten die Maler Die gute Frau war fern
etwas weiter zu mutmaßen aber Ardinghello stellte sich auch so fromm an Wir
mussten bis spät in die Nacht bei ihr aushalten und er erzählte um die Zeit
auszufüllen einige rührende Märchen
    Wir machten noch vor Schlafengehen aus den andern Morgen auf dem See ins
Gebirg hinein zu schiffen und zum Mittagsmahl das Gehörige mitzunehmen ich
brannte vor Verlangen mehr und alles von ihm zu erfahren
    Die Vögel begrüßten vielstimmig den neuen Tag Die Sonne kam herauf im
herrlichen Lichtkreis am Ende der Bergstrecke des Monte Baldo und schritt kühn
übers Gebirg bei Verona im gelben Feuer die Stirn womit sie sich emporwarf
war Majestät die der Blick nicht aushielt und je voller sie hereintrat desto
öfter musste sich das geblendete Auge von dem göttlichen Glanze wegwenden der
doch so entzückend nach der blinden Dunkelheit war dass es immer durstiger sich
in den köstlichen Strahlen berauschte
    Breit lag der See da im Morgenduft und die Hügel im dünnen Nebel ein leises
Wehen in der Mitte kräuselte die Wellen und weckte seine Schönheit wie auf und
machte sie lebendig Die Häuserchen zwischen den Bäumen am Ufer schienen allein
zu schlummern mit ihrer Unbeweglichkeit und weil die Menschen noch nicht heraus
waren
    Unser Nachen wallte leicht mit voll geschwelltem Segel über die nassen
Pfade
    Es war ein heiter Wetter zu Anfang Oktobers und einer meiner unvergesslichen
Tage Sirmio lag lieblich da in Strahlen und sonnte sich und die unabsehliche
Kette der Felsen dahinter wie eine neue Welt als ob sie bestimmt wäre lauter
Titanen zu tragen Süsser rötlicher Dunst bekleidete glänzend den östlichen
Himmel und die wollichten Wölkchen schwebten still um den lichten Raum des
Äters worin entzückt in hohen Flügen die Alpenadler hingen
    Der See ist wirklich einer der schönsten die ich gesehen habe so reizend
sind dessen Ufer und zugleich majestätisch und wild mit soviel Abwechslung von
Lokalfarben und Licht und Schatten macht immer neue Szenen Die Halbinsel
Sirmio liegt in der Tat da wie der Sitz einer Kalypso um von da aus das Land zu
beherrschen und hat das prächtige Theater von ungeheuren Gebirgen vor sich
    Wir kamen bei guter Zeit am bestimmten Ort an und machten uns noch in der
Kühle den Berg hinauf Als wir die erste Anhöhe erstiegen hatten lagerten wir
uns in dem Wäldchen von Kastanien unten an den Quell der mit Efeu bekleideten
Felsenwand ins weiche Gras von hohen dunkeln Eichen und Buchen hier umschattet
nachdem wir erst unsre Weinflaschen an den frischesten Platz gestellt gerade wo
der Sprung hervorstrudelte Dem Schiffer sagten wir er sollte vor
Sonnenuntergang uns wieder abholen und so blieben wir allein
    Wir ruhten vom Aufsteigen aus und streckten uns die Länge lang auf die
bequemsten Fleckchen noch niedrig beim Aufgehen hatte schon die Sonne durch die
Stämme den Tau weggeküsst und es war nun alles trocken Wir genossen vom neuen
das Labsal des letzten Schlummers als wir so früh aus den Betten mussten und
die einzelnen Lichtstrahlen zitterten süß von oben schräg durch die bewegten
Zweige auf unsre Augenlider und schimmerten in die Dämmerung »O Sonn und Erde«
rief endlich Ardinghello »wie gut macht ihrs euren Kindern wenn sie sich
selbst das Leben nicht verbitterten« und sprang auf Auch ich rastete nicht
länger der frische Duft der fortrieselnden Quelle machte den ganzen Körper
doppelt rege
    Ich nahm ihn in Arm und ging mit ihm auf und nieder durch die Bäume und
sagte »Das ist doch nicht fein da wir so lange beisammen sind und ich dich
liebe wie mein ander Ich dass du mir noch nichts von deinen Lebensumständen
bekannt gemacht hast und immer damit hinter dem Berge hieltest Sooft die Rede
auf deine Familie kam bogst du davon aus als ob du aus dem Kraute gewachsen
wärest was Cäcilien betrifft lass ichs noch angehen und deine Entschuldigung
wäre bei jedem andern gut gewesen«
    »Lieber« versetzte er darauf »mein Schutzgeist hat mich davon abgehalten
Ich glaube dass jeder Mensch einen Dämon hat der ihm sagt was er tun soll und
dass Sokrates nicht einen allein hatte wenn wir nur dessen Stimme hören und uns
nicht übereilen wollten In jedem Menschen wohnt ein Gott und wer sein inner
Gefühl geläutert hat vernimmt ohne Wort und Zeichen dessen Orakelsprüche
erkennt seinen eignen höheren Ursprung sein Gebiet über die Natur und ist nichts
untertan
    Ich stamme aus einem der guten Häuser von Florenz mein Vater war Astorre
Frescobaldi und meine Mutter Maria von der verfolgten Familie der Albizi Beide
sind nicht mehr und ich bin allein noch übrig ihr erstes und letztes Kind
Mein Vater entbrannte in Leidenschaft für Isabellen die dritte Tochter des
Kosmus vermählt mit dem Römer Paul Orsini und sie gab ihm leicht Gehör er war
noch jung wohlgebildet und hatte tausend Reize sie zu fesseln Sie wurde
gleichfalls gegen ihn entzündet und in Abwesenheit ihres Mannes der von ihr
wie geschieden lebte und sich meistens zu Rom aufhielt hatten sie erwünschte
Gelegenheit ihr Liebesspiel zu treiben So gebar sie denn zwei Töchter von
welchen wenigstens die erste meine natürliche Schwester ist Sie hat sich
hernach vielen preisgegeben und mag wohl selbst nicht wissen mit wem sie die
übrigen Kinder erzeugte jung und schön über alle Weiber voll Witz und Geist
und Leben und so durch Erziehung gebildet dass sie Spanisch Französisch und
sogar Lateinisch spricht verschiedene Instrumente spielt wie eine Sirene singt
und Verse macht oft aus dem Stegreif herrschte sie am Hofe wie eine Göttin und
tat was sie wollte Noch jetzt übt sie Gewalt aus obgleich der Zepter ihres
Vaters ihr nun entwandt ist8 Ihre Liebhaber verfolgten sich einer den andern
und wie die Sonne strahlte die Mutwillige ungestört vom Krieg der Elemente um
sie herum immer mit neuen Vergnügungen beschäftigt ließ sie ihre Geliebtesten
im Elend verderben und machte sich darüber keine Sorge Ein göttlich schönes
Ding bloß für die Gegenwart ein Feuer das alles aufzehrt was sich ihm nähert
    Mein Vater wurde das erste Opfer der Herzog ließ ihn gefangensetzen Er
machte sich los und flüchtete nach Venedig und von dort in die Levante Man zog
seine Güter ein unter Vorwand von Verschwörung und Staatsverbrechen meine
Mutter starb darüber für Gram Mich nahm meine Tante Lucrezia zu sich O guter
Freund du weißt noch nicht was ein kluger Tyrann tun kann von fern sieht die
Tigerkatze schön aus wegen ihrer Stärke und Behendigkeit Wenn Kosmus ein
zweiter Augustus ist in Unterjochung der Freiheit und Wollust gegen seine
Landestöchter und in seinen Julien so ist er noch viel grausamer als sein
Urbild
    Durch ein bloßes Ohngefähr hab ich die beste Erziehung erhalten Als Knabe
folgt ich meistens meinem Hange und wurde hernach bei dem gestörten Hausfrieden
durch die Leidenschaft meines Vaters gegen Isabellen wenig mit vorgesetzten
Lehrmeistern geplagt Ich ging mit Kindern von allerlei Klassen um und die
fähigsten waren meine Spielgesellen ich suchte sie zu übertreffen im Laufen und
Ringen und Schwimmen im Arno und in listigen Streichen Ich habe freilich manche
Beule im Balgen und Fallen davongetragen bin aber davon weder ein Krüppel
geworden noch gestorben Mein Vater ein mutiger tapfrer Mann nahm mich im
ersten zarten Alter einigemal mit zur See wo er als Befehlshaber der Galeeren
die Küsten gegen die Korsaren bestrich und die reinen großen ewigen Gegenstände
erfüllten hier meine ganze Seele und erregten mächtig alle Triebe zum Freien und
Edlen
    Wie ich zum Jüngling heranwuchs hatten die bildenden Künste und höheren
Leibesübungen den größten Reiz für mich und nächst diesen griechische und
römische Sprache und die Geschichte dieser hohen Völker auch hierin wollt ich
jeden übertreffen und Glück und Gestalt und Wesen führte mich zu den besten
Meistern
    In der Zeichnung und Malerei kam ich auf die letzt unter die Hände des Georg
Vasari der zwar nie ein schöpferisches Werk hervorgebracht hat aber voll
Kenntnis und Geschmack war bei allen seinen Vorurteilen Der alte Schwätzer
blies wie ein Boreas mit vollen Backen in meinen Enthusiasmus Mein Vater
dessen Augapfel ich war ließ mir zwar nach seiner Jovialität und nach Georgens
Verheißungen dass ich ein Licht werden würde alles zu verdunkeln freien
Willen doch bracht er mich noch kurz vor seiner Gefangenschaft und Flucht zu
verschiedenen philosophischen Köpfen in deren Umgang ich nach und nach mich zu
einer andern Richtung lenkte Meine erste Neigung behielt aber immer die
Oberhand
    Ich glaube die Hauptregel bei der Erziehung sei den Kindern Zeit zu
lassen sich selbst zu bilden Das beste was man tun kann ist dass man die
Triebe schärft und reizt ein vortrefflicher Mensch zu werden und ihnen die
eigne Arbeit soviel wie möglich dabei erleichtert Alle Natur wenn sie groß und
herrlich werden soll muss freie Luft haben Freilich muss der Stoff dazu in den
Urkräften liegen und ein guter Erzieher sollte doch einigermaßen die
Vortrefflichkeit der Pflanzen kennen Jeder gewaltige Geist wirft schon in der
Kindheit obgleich noch im Chaos und Nebel helle Strahlen von sich Alkibiades
legt sich als spielender Knabe Wagen und Ochsen in den Weg zwingt den Treiber
zu halten Scipio erkannte den künftigen Marius im jungen Soldaten Ein einziger
Gedanke nur eine Tat von scharfem tiefen Gefühl oder vielfacher Überlegung
entsprossen obgleich noch roh auf verschiedenen Seiten ist eine glückliche
Vorbedeutung und so Schnelligkeit zu fassen und zu behalten hingegen
Allgehorsam und Fraubasengutartigkeit so beliebt bei Pedanten eine
unglückliche denn da ist kein Mut und keine Kraft Alles was in die jungen
Seelen eingetrichtert wird was sie nicht aus eigener Lust und Liebe halten
haftet nicht und ist vergebliche Schulmeisterei Was ein Kind nicht mit seinen
Sinnen begreift wovon es keinen Zweck ahndet zu seinem eigenen Nutzen und
Vergnügen das verfliegt wie Spreu im Winde So ist die Natur des Lebendigen vom
Baum und Gras an und der Mensch macht davon keine Ausnahme Jeder geh in sein
Leben zurück und sehe ob etwas von allen dem Vorzeitigen geblieben ist wo
nicht etwa bloß zum Verderb des Genusses Viel Natur und wenig Bücher mehr
Erfahrung als Gelerntes hat die wahren vortrefflichen Menschen in jedem Stand
hervorgebracht
    Ein Kind muss erst den Boden kennenlernen worauf es geboren ist Gewächse
Tiere und Menschen eh es etwas Ausländisches fassen kann sonst kommt ein
Papagei heraus Keine Schrift sagt Plato mit Recht und wäre sie von dem
echtesten Trismegist gibt mehr als Erinnerung der Dinge, die man schon kennt
und ist für den der sie nicht kennt ebenso unbedeutend als die Hieroglyphen
für die Römer auf ihren prächtigen Obelisken Von der sinnlichen Natur aber geht
man hernach über in die Geisterwelt und macht in Entzücken Bekanntschaft mit
den großen Griechen und Römern und allen außerordentlichen Wesen die diese
Nacht erleuchten
    »Als mein Vater einige Jahre weg war« fuhr er fort »bekam ich eine solche
Sehnsucht nach ihm dass ich nicht länger bleiben konnte Ich fühlte die
Ungerechtigkeit des Grossherzogs wegen seiner buhlerischen Tochter erst recht
lebendig sah meine eigne Gefahr und machte mich ungeachtet der Vorstellungen
meiner Tante auf und reiste ihm nach ohne zu wissen wo er sich eigentlich
aufhielt
    Ich ging unter anderm Namen nach Venedig um dort während ich ihn
auskundschaftete die Werke Tizians zu studieren und vom Paul Veronese und
Tintorett zu lernen und meine Tante schickte mir von meinem Mütterlichen
soviel ich brauchte Paul gewann mich bald lieb so wie der Greis Tizian den
ich in seinen letzten Tagen oft mit Singen und Spielen ergötzte und sie weihten
mich in verschiedenen von ihren Geheimnissen ein weil sie Auge bei mir fanden
Es war mir nun lieb dass ich außer meinem eignen Vergnügen noch etwas gelernt
hatte womit ich mich auf allen Fall durch die Welt schlagen konnte
    Den Herbst vor meiner Bekanntschaft mit dir erfuhr ich endlich dass mein
Vater zu Kandia als Hauptmann in Diensten eurer Republik stünde unter dem
General Malatesta einem Florentiner dessen Sohn Kosmus in den Armen seines
Vaters dort umbringen ließ weil er mit seiner ersten Tochter Maria zu tun
hatte die er deswegen selbst der kalte Barbar ohne Eingeweide mit Gift
hinrichtete Ich war schon zur Abreise fertig und wartete nur auf ein Schiff zur
Abfahrt als meine Tante mir die neue traurige Nachricht meldete dass auch er
durch Meuchelmörder eben wie der junge Malatesta längst noch vor dem Kriege
mit den Türken das Leben eingebüßt habe Dies traf mich wie ein Wetterschlag
ich schwur in meinem Herzen hohe Rache und kochte lauter Galle Noch bis jetzt
kann ich nichts ausrichten wenn ich mein junges Blut nicht für ein altes
ausgemergeltes auf der Stelle hingeben will aber das Verderben reift über ihren
Häuptern«
    Dem Edlen standen hier die Tränen in den Augen er warf sich nieder an die
Quelle mit dem Gesicht auf dem Boden sein Inneres war beklommen er schwieg
und knirschte mit den Zähnen
    Ich fasste ihn bei der Hand und redt ihm zu »Mich jammert dein Schicksal
und du hast recht zu zürnen Aber die Welt ist voll von Unglücklichern und du
kannst noch stolz sein wo sind diejenigen die soviel Leben in ihrem Innern
haben wie du um alles zu bekämpfen Freude und Leid umtanzt und umringt
wechselsweise jeden Menschen und hierin ist kein Unterschied zwischen König und
Knecht«
    »O ihr Venezianer« fuhr er auf »und ihr Genueser habt gut reden Euch hat
kein Haus wie uns das Mediceische so niederträchtig zugrunde gerichtet und
ihr strahlt frohlockend in Osten und Westen von Italien wie das Zwillingsgestirn
am Himmel Toskana die alte Glorie von Welschland liegt da in Schmutz und
Trauerkleidern mit Ketten behangen von seinen eignen Söhnen«
    Unser Gespräch ging dann auf die Geschichte dieser Staaten über das hier zu
weitläuftig wäre und außer meinem Kreise
    Es war schon gegen Mittag und der Dunst vom Sonnenbrand auf den Gegenden
benahm alle Aussicht unten schien der See zu kochen und eine ungeheure
Feuerpfanne von geschmolznem Silber Eidechsen Käfer Mücken und unzählbare
Insekten hielten in der Glut ein allgemeines Fest und die Grillen betäubten mit
ihrem Gezirp wie ein Meerbrausen die Ohren wir machten uns also an unsere
Quelle in die grüne kühle Nacht wo die undurchdringlichen Eichen und
Buchengewölbe und Felsen mächtiglich vor der Hitze Dampf beschirmten
    Wir stärkten uns mit Speise und der frische Purpursaft der Traube weckte
unbezwinglich die Freude wieder in jeder Nerve Wie ein paar junge Götter lagen
wir da im Schatten und unsre Augen und Lippen lächelten vom vergangenen Kummer
wie die Blumen des Frühlings von süßem Abendtau O Jugend o glückselige Jugend
ach warum verlässest du uns so bald
    Wir schwiegen und überließen uns der neuen Wonne und plätscherten denn wir
hatten Roch und Strümpfe ausgezogen mit den Händen und Füßen in dem klaren
Wasser das ungern in die Wärme hinausrann um über Klippen zu schäumen Jeder
von uns ahndete so das Gefühl seiner Laufbahn
    Nachdem wir lange in Genuss und Empfindung gelegen hatten und mit den Wellen
und Kieseln gespielt und Kräutern und jungen Sprossen brach ich zuerst das
Stillschweigen und fragte leise »Und Cäcilia«
    »Ach Cäcilia« erwidert er hastig »ist für mich verloren ein schwarzer
Unhold entführt sie mir Selige Augenblicke wo an mir alles Irdische sich bei
ihr zu Geist erhöhte ich vor mir selbst verschwand in einem Meer untergetaucht
von unsterblicher Reinheit und Klarheit Die Arme dauert mich aber da ist keine
Rettung wo ein Gott nicht hilft
    Das goldne Geschöpf hat über mich vermocht was ich nie glaubte Unsre
nächtlichen Zusammenkünfte in Venedig waren leider selten und wir sahen uns
einander nur bei größter Sicherheit Noch während dieser Zeit warb mancher um
sie so wie schon viele vorher um sie geworben hatten besonders der junge
Bartolommeo F mit einer völligen verliebten Raserei übrigens ein Mann nicht
ohne treffliche Eigenschaften wie du weißt nur von geringem Vermögen aber
keine Partie war ihren Eltern und Brüdern gut genug und keiner von den Helden
ergriff ihr Herz Mir gab sie nach und nach alles preis Seel und Leib nur die
letzte Gunst ward mir vorbehalten ihr Entschluss hierin war stahlfest und
unwankbar weder Beredtsamkeit noch Gewalt und die feinste Verschlagenheit konnt
etwas ausrichten Sie hat mir gute Proben abgelegt dass ein Weib vor der
Verführung sicher sein kann wenn es nicht verführt sein will Du magst immer
darüber lächeln aber sie hat es geleistet Ich sehe dich in Gedanken fragen
was wir zusammen taten Was Adam und Eva lieber Freund ehe sie aus dem
Paradiese verstoßen wurden Wir lebten im Stande der Unschuld nach und nach
freilich ging dies auf einmal aus der bürgerlichen Welt nicht wo alles seine
sündliche Blöße doppelt und dreifach bedeckt Wir offenbarten uns so wie von
Angesicht zu Angesicht unser Inneres Du kannst mich immer zu dieser Zeit einen
holden einfältigen Schäferknaben nennen aber ohne solche Vorbereitung gelangst
du nie bis in den achten und neunten Himmel nur höchstens auf die grüne Wiese
wo wie man sagt diejenigen hinkommen die weder selig noch verdammt sind Wer
alle Himmel durchwandert hat und in jedem genossen und gelitten zum Aufflug in
den höheren darf von dem Reiche der Liebe reden Glaube nicht dass ich hier wie
Petrarca schwärme dieser war ein armer Sünder und hing nur am Schein nie an
der Wirklichkeit er hat mit seinem Geächz und Jammer schier unsre ganze Poesie
zugrunde gerichtet Die Toren seufzten ihm jahrhundertelang nach und mancher
besang bei einer feilen Dirne die Grausamkeit der berühmten Provenzalin in
unerträglichem Einerlei anstatt die verschiedenen Reize der Erdentöchter in
ihrer Mannigfaltigkeit wie die heitern Griechen aufzuempfinden Er selbst zwang
die kluge Frau zur unerbittlichen Strenge sie schwebte ja in augenscheinlicher
Gefahr dass er bei der ersten Gunst noch einen Band Sonette und berühmtere Oden
auf etwas anders als ihre schönen Augen machte
    An Planen von Entführung und ewiger Verbindung wurde von uns im Anfange
stark gearbeitet aber weil wir keine Luftgestalten waren und Sinn hatten und
sie auf keine Weise von ihrer Familie lassen wollte die sie allzu zärtlich
liebte und besonders ihre Mutter totzukränken befürchtete legten sie sich bei
näherer Bekanntschaft nach und nach Wir sahen die misslichen Folgen bei den
großen Hindernissen zu deutlich und erkannten inzwischen innig dass die Natur
unter allem bürgerlichen Verhältnis bei Menschen von reiner Empfindung und
klarem Begriff immer durchgeh trotz allen Gesetzen Sie richten sich zwar im
Äusserlichen nach der Ordnung des großen Haufens betreiben aber in geheim ihre
eigne Art von Glückseligkeit ohne welche kein Leben Wert hat So verstrichen
denn die himmlischen Tage und wir ließ die Götter walten
    Eben im Frühling nach geschlossnem Frieden kam endlich Mark Anton G aus
Griechenland dahergestürmt mit neuem Gold und Schätzen Sein Weib und seine zwei
kleinen Kinder Töchter waren dort an der Pest gestorben und die heißen
Strahlen die Cäciliens Schönheit von sich warf schienen während der ersten
Besuche bei ihren Eltern gerade den Reiz zu haben zu andern Erben für sein
Vermögen Gleich einige Wochen nach seiner Ankunft hielt er um sie an und sie
ward ihm versprochen und musste drein willigen ob er gleich schon in die
Vierzig sie erst mannbar ist und ihn nicht leiden kann aber er hat seine
großen Besitzungen bei seiner Stattalterschaft in Kandia noch reichlich
vermehrt mit Grausamkeiten und Erpressungen und Unterschleifen in Verhandlungen
mit den Türken steht in großem Ansehen und ihre Familie obgleich bemittelt
bedarf doch wegen ihrer Brüder einer solchen Verwandtschaft Unser Liebesknoten
schlang sich dadurch nur fester jedoch drohte das nahe Hagelwetter in der Ferne
die Blumen aller unsrer Freuden zu zerschlagen
    Mein Aufenthalt diesen Sommer hier am Lago in kurzen Lustreisen von Venedig
aus war schon beschlossen eh ich mit dir bekannt wurde und dein Antrag mit
dir zu ziehen setzte mich anfangs in Verlegenheit allein ich wusste nun der
Sache keinen bessern Rat Auch Cäcilia die äußerst besorgt ist wurde furchtsam
darüber doch ist alles insoweit nach Wunsch abgelaufen
    Hier kamen wir weit öftrer zusammen Sie hat ihre Wohnung auf dem Gut in dem
Garten gerade vor einer Pflanzschule von jungen Bäumen nicht weit von einem
Brunnen mit einem weiten Marmorbecken von hohen Ahornen umgeben wo man sehr
bequem über die Mauer klettert Sie kann von der Seite zu einer Tür herein und
überdies ist ein Fenster in ihr Zimmer wegen des Lattenwerks für die Reben daran
leicht zu ersteigen welches ich aber doch aus Furcht gesehen zu werden nur
einigemal die letzten Nächte wo es völlig dunkel war und weder Mond noch Stern
leuchtete um die Umschweife zu ersparen gewagt habe und ich erstieg immer
damit alle neun Himmel mit der Nachricht von der Ankunft des Bräutigams zur
Hochzeit erobert ich endlich ach unter wieviel Schmeicheleien beredten
Bitten heißen Wollustküssen und Gewalttätigkeiten das heilige Palladium
umrungen von Glanz und Feuer jede Fiber süße Wut«
    Ardinghello hatte sich bei den letzten Reden von mir abgewandt und hielt
nun sein Gesicht in den frischen klaren Quell hinein um die Glut davon
abzukühlen
    Wir machten uns vom neuen über die Flaschen her und ich gab ihm den Rat
weder sie noch ihn zu malen und lieber sich zu rechter Zeit zu entfernen die
Sache käme mir allzu gefährlich vor
    »Flieh du« antwortete er »wenn du keinen Willen hast und dir die Füße
gebunden sind Ja fliehen möcht ich aber mit ihr jedoch wohin«
    Schon senkte sich der Tag und der Abend rückte näher wir erstiegen noch
die Höhen und übersahn weit die Lombardei und ihre Lustreviere Beim
Heruntergehen nahmen wir einige Zeichnungen von reizenden Winkeln und Aussichten
ab fanden alsdenn unsern Steuermann auf uns warten verließen Quell und
Wäldchen und den leichten erhebenden Äther wandelten wieder in die Tiefe und
segelten unter dem lieblichen Zauberspiel von Abendröte nach Hause zwischen den
Gesängen frohlockender Winzer über den Segen des Herbstes
    Ardinghello wagte noch dieselbe Nacht eine Zusammenkunft mit Cäcilien Sie
hielten Rat und es wurde beschlossen dass er die Porträte malen sollte indem
es anstößig sein würde und sogar Verdacht erregen könnte wenn er es nicht täte
Übrigens verließen sie sich auf ihre Gegenwart des Geistes und Verstellungsgabe
und nahmen deswegen die sichersten Maßregeln
    Den dritten Tag darauf holt ihn auch ihr jüngrer Bruder dazu ab und er
begleitete ihn mit allem Zugehörigen der Bräutigam wollte ihr Ebenbild noch vom
Stand ihrer Jungfräulichkeit
    Sie hätte gar nicht nötig gehabt ihm zu sitzen aber er zauderte mit Fleiß
und schien auf nichts achtzugeben als die eigensten und bedeutendsten Züge von
ihr recht zu fassen Er bat sie so ganz bloß als unbekannter Maler sie möchte
sich nur völlig frei ihrem Wesen überlassen und tun wie sonst in der
Gesellschaft oder als ob sie allein wäre er müsse von selbst aus den mancherlei
Bewegungen ihrer Seele auf der Oberfläche des Körpers ihren Charakter abnehmen
und seine Phantasie das Ganze bilden Ein gutes Porträt sei platterdings keine
bloße Abschrift und es gehöre dazu das tiefste Studium des Menschen wovon er
noch leider weit entfernt wozu er auch zu jung wäre aber er wolle nach
Vermögen das Seinige tun
    Ihre Mutter war immer dabei zugegen und der Bräutigam und einige von seinen
und ihren Verwandten gingen auf und ab Cäcilia war sehr aufgeräumt sprach und
scherzte und hatte die Malerei zum besten schien zwar dem holden Jüngling in
seiner Beschäftigung gern zuzusehen warf sogar unverstellte Blicke auf ihn wie
man auf Schönheit wirft aber alles wie fremd und zum ersten Mal und ihre Worte
hatten immer etwas von dem vornehmern Ton gegen einen den man für seine Arbeit
bezahlt
    Die erste Sitzung geschah des Nachmittags gegen Abend Nach wenig Umriss und
Zeichnung fing er sogleich am Kopf an zu malen Sie saß den andern Morgen beim
Frühstück noch einmal und dann wollt er sie nicht weiter plagen außer bei der
Vollendung um hier und da nachzuhelfen Den Nachmittag und ganzen dritten Tag
und vierten Morgen bracht er damit fast allein zu und siehe da sie kam heraus
wie völlig lebendig Alt und jung bewunderten die erstaunliche Gleichheit Er
hatte sie in einem leichten sömmerlichen Morgenanzuge vorgestellt meist von
grüner Seide worunter die vollkommenen Formen ihrer jugendlichen Glieder reizend
aufwallten und durchleuchteten Sie stand in Lebensgröße nachdenkend wie
gerührt in die Zukunft blickend den Kopf in der Linken auf einen Pult
gestützt in einem Zimmer wo durch ein ganz offenes Fenster die Aussicht auf den
See ging an welchem Sirmio in der Nähe und ein wenig blaue Ferne von den
Gebirgen wohl angebracht waren Ardinghello hatte im Gesichte schon Züge von
ihrem Charakter ausgespähet die sich nachher erst entwickelten
    Den fünften Nachmittag gab er sich an den Bräutigam Nach den ersten
Umrissen gestand er ihm gleich dass ihm sein Kopf sehr schwer vorkomme und dass
er noch keine rechte Idee von der ursprünglichen Einheit seines Charakters in
der Einbildung habe Mit allen großen Männern muss ein Künstler lange leben um
nur eine von ihren bedeutendsten Aussenseiten in täuschender Wahrheit fest zu
haschen und überhaupt sei es schier unmöglich irgend jemand sicher
darzustellen den man nicht an Geist und Kraft gewissermaßen übertreffe
    Es ging hierbei im Mark Anton eine gewaltige Veränderung vor und er
errötete und wurde wieder blass augenscheinlich so dass er aufstehen und ans
Fenster gehen und Ardinghello einhalten musste
    Dieser fasste darauf all sein Bewusstsein zusammen und jener kam nach einer
langen Pause wieder und setzte sich Ardinghello zeichnete vom neuen und ihre
Blicke begegneten sich einander wunderbar die des Ardinghello hell und
durchdringend doch von aufgewühltem Herzen flammten in die seinigen wie in
eine düstere Nacht voll Irrfeuer
    Mark Anton fragte ihn endlich ob er sich schon lange in Venedig und der
Gegend aufhalte Ardinghello antwortete mit Besinnung »Es ist noch nicht lange
die Werke des Tizian und Paul von Verona und Tintorett haben mich dahin gezogen
und auch am Johann Bellini ist noch zu studieren und andern besonders aber an
der herrlichen Menschenart zum Kolorit«
    »Seid Ihr aus Florenz selbst« verfolgte er ferner »Ja« war die Antwort
»Und Euer Vater« »Mein Vater ist tot und meine Mutter ist tot ich ohne
Geschwister bin allein übrig«
    »Wer war er was trieb er« Diese Frage machte Ardinghellon endlich
ungeduldig er schnickte den Pinsel aus und antwortete »Er war ein Schwertfeger
und machte gute Klingen«
    Bei diesen Worten trat Cäcilia herein und hemmte das Gespräch denn sie
waren vorher ganz allein »Nun gehts gut« fragte sie lächelnd »Es würde
besser gehen« antwortete Ardinghello »wenn ich das Glück gehabt hätte Ihr
Exzellenz länger zu kennen« »An mir ist nicht soviel gelegen« erwiderte der
Bräutigam »wisst Ihr was lasst es für jetzt gut mit mir sein und macht die
Signora vollends fertig Wir werden näher bekannt werden und künftigen Winter
einmal ists bessere Zeit«
    »Wie Sie befehlen« versetzte Ardinghello und rückte die Staffelei weg
    »O nein« sprach heftig Cäcilia »im Winter gibts lauter Nebel und Regen
und keine gute Luft zum Malen«
    »Nun gut« sagte der Bräutigam »da kann es ja noch nach unsrer Vermählung
hier geschehen Jetzt bin ich ohnedies zu sehr beschäftigt und kann nicht so
ruhig sein wie Sie mein Herz«
    Sie nahm ihn bei der Hand und sah ihn zärtlich an und führte ihn fort
Ardinghello gab seiner Zeichnung einen Nasenstüber brachte die Sachen in
Ordnung und ging darauf von ihrem Gut und kam zu mir nach Hause
    Er erzählte mir was vorgegangen sei und mir wurde darüber warm im Kopfe
Ich konnte nicht anders glauben als Mark Anton habe Lunte gerochen und warnte
und beschwur ihn mit Bitten inständig äußerst auf seiner Hut zu sein und für
jetzt sich ganz stille zu halten Er aber meinte seine Art rot und blass zu
werden müsse von etwas anderm herrühren als Eifersucht soviel er sich selbst
fühle und an andern beobachtet habe offenbare sich dieselbe auf eine andre
Weise Jedoch sei wahr dass die Grundverschiedenheit der Menschen hierin
sonderbare Abweichungen mache Inzwischen hätt er sich noch nirgend so betrogen
wenn dies Eifersucht sein solle auch reime sich dies nicht zu seinem übrigen
Charakter wie er ihn aus Hörensagen und den wenigen Augenblicken kenne Dass er
auf seiner Hut sein würde dafür brauch ich nicht zu sorgen aber ein Feiger nur
flieh alle Gefahr Man müsse standhalten mit unerschrocknem Mut solange das
Verderben nicht unüberwindlich einbräche dies allein rette und beglücke den
Mann
    Sein Verdacht ging auf etwas anders und ein wahrsagerischer Geist geb ihm
ein der Stattalter von Kandia sei bei Ermordung seines Vaters nicht ganz außer
Spiele gewesen und die Ähnlichkeit seiner Gestalt ihm aufgeschossen
    Mir fiel heiß hierbei ein dass Mark Anton vor seiner Stattalterschaft von
der Republik abgeschickt einige Zeit zu Florenz gestanden und mit dem
Grossherzog auf einem so guten Fuß umgegangen sei dass er seinen schwierigen
Auftrag glücklich ausgeführt habe ich schwieg jedoch hiervon stille um nicht
Öl ins Feuer zu gießen und sagte im Gegenteil dies käme mir nicht
wahrscheinlich vor er solle sich deswegen nichts in Kopf setzen
    Den folgenden Morgen bracht er das Bild dahin dass es im Rahmen konnte
aufgespannt werden und bekam für seine Arbeit von Cäcilien selbst einen schönen
goldnen Ring mit einem kostbaren Rubin zum Geschenk der gerad an den
Herzensfinger seiner linken Hand passte Dies gefiel ihm denn und er freute sich
und lachte darüber wie die Dinge dieser Welt so sonderbar untereinander laufen
Am dritten Tag hierauf sollte das Beilager gehalten werden alle Anstalten dazu
waren schon gemacht und die Nachbarschaft zu einem festlichen Ball eingeladen
    Ardinghello ging inzwischen tiefsinnig herum aß wenig und trank viel und
konnt es nicht länger verbergen dass er vom Stempel der Liebe mächtig gezeichnet
war er mied alle Gesellschaft Morgens abends und des Nachts kam er nie auf
sein Zimmer und schlief nur des Mittags Ich hatte mit dem Armen Mitleiden aber
da war nicht zu raten er hörte wie ein Meersturm Die ersten Stunden der Nacht
am Tage vor der Hochzeit trat er auf einmal plötzlich hastig auf mein Zimmer
blass und fürchterlich ich schrieb eben an einem Briefe Wie ich ihn aber so
erscheinen sah fiel mir die Feder aus der Hand und ich sprang auf »Was
gibts was hast du«
    »Mein Argwohn war nur zu gut gegründet höre« sprach er und ging mit mir
zum äußersten Ende von der Tür weg
    »Du kennst den schönen einsamen Platz wo die großen babylonischen Weiden
vom hohen Felsengestad herunter nach dem See hangen und das Ganze zu einer
stillen melancholischen Vertiefung sich einschliesst dahin war die letzte Zeit
immer mein liebster Spaziergang schon vorher sind wir dort beisammen gewesen
Auch diesen Abend ging ich dahin und nahm ein Instrument mit Es fing an zu
dämmern als ich noch auf der entblößten Wurzel der vordersten Weide nach dem
Tale zu saß und meine Leiden sang Der Inhalt von meinem Liede war Ach mein
Vater tot meine Mutter tot meines Lebens Lust in fremder Gewalt Ist dies
nicht ein junges Herz zu brechen Saitenspiel klags mit mir Und bei den
Worten nach dem Blick und der Empfindung Flisterst du Lüftchen in den Blättern
mir Trost zu kams über mich als ob ich meinen Vater vor mir und mir winken
sähe Warum erscheinst du was verlangst du von mir rief ich und sprang auf
Zugleich erblickt ich nicht weit von mir einen Kerl mit dem Messer in der Hand
welcher alsbald davonging mit diesen Worten Flieh junger Mensch du dauerst
mich ich sollte dich ermorden Flieh so geschwind du kannst so weit dich
deine Beine tragen und meide den Mark Anton Schon wurde durch ihn dein Vater
umgebracht Meide das Gebiet des Grossherzogs
    Mir wurde dabei das Herz im Leibe umgekehrt aber ich besann mich doch nicht
lange sondern riss meine Pistole hervor er ging auf seinen Wegen nie ohne
Gewehr aus und jagte ihm von der Seite eine Kugel durch die Brust dass er auf
der Stelle stürzte Stirb Elender für deine Schlechtigkeit in der
Schlechtigkeit und bereite das Quartier deinem Patron in der Unterwelt vernahm
er noch die Antwort Darauf gab ich ihm noch einen sichern Stoß mit seinem
eignen Messer und wälzte den Körper in die Dornen und das Gesträuch hinein den
Felsen hinunter Niemand war schon längst mehr auf dem Felde und es schon
finster und der Ort ist überhaupt wie du weißt völlig abgelegen Den Kerl
erkannt ich noch wie ich ihn näher besah ich habe vor kurzem in einem
Wirtshause zum Zeitvertreib mit ihm a la Mora gespielt und ihm nicht allein
seinen Verlust geschenkt sondern die Zeche obendrein bezahlt«
    Dies entsetzte mich ich sah die grässlichen Folgen bei seiner kühnen
Entschlossenheit voraus und wusste nichts zu antworten als »Es ist ungeheuer«
    »Du sollst nichts dabei zu tun und nichts dabei zu verantworten haben« fuhr
er fort »nur beschwör ich dich beim Himmel und deinem letzten Tropfen Liebe zu
mir lass michs ausführen einen hässlichen politischen Meuchelmörder mehr aus
der Welt zu schaffen O Vernunft breit allen deinen heitern Äther in meinem
Verstand aus dass ich kalt genug zu Werke schreite Wenn er morgen auf der
Hochzeit mit dir von mir sprechen sollte so sage nur du habest mich die
letztern Tage nicht gesehen ich streiche so oft im Lande herum und suche
Schönheit in Gegenden und unter Menschen und gib im übrigen auf alles acht was
vorgeht besonders auf dem Ball in der Nacht«
    Ich war betäubt von allen diesen Dingen und wusste mir nicht zu helfen Es
war da kein Rat als entweder ihn oder den andern aufzuopfern und vor dem
ersten Gedanken schauderte meine Seele wie vor ihrem Nichtsein den königlichen
Jüngling vom rächerischen Arm der Natur bewaffnet voll innerem Gehalt der
überall hervorstrahlt oder den missgeschaffnen Boshaften der das
Vortrefflichste aus kleinlicher Leidenschaft und elendem Interesse wegtilgt Es
fand weder Wahl noch ein ander Mittel statt
    Ich gab ihm nach der Überlegung zur Antwort »Du sollst mich als deinen
Freund erkennen an deinem Mut und deiner Klugheit im übrigen darf ich nicht
zweifeln Jedoch bedenke vorher was du tust und dass dein Leben selbst dabei in
äußerster Gefahr ist«
    »Was soll mir ein Leben das Sklaverei duldet und Unrecht leidet« erwiderte
er »schändliches Unrecht und das grausamste O ich weiß dass das ewig lebt
was in mir lebt und dass dies keine Gewalt zugrunde richtet Ich war was ich
bin und werd es sein ein edler Geist den sein göttlich Urwesen durch alle
Zeiten von der Drangsal niedriger Verbindungen immer bald erlösen wird O wären
viele wie ich der Tyrannei unter unserm Geschlecht sollte bald weniger sein
Aber da fürchten sie sich vor dem Wörtchen Tod und glauben sie wären das was
da kalt und bleich und starr ausgestreckt auf dem Brette liegt da es nur das
Gespenst der eigentlichen Unterwelt ist das ihre niedrigre Gattung von Wesen
nach seinen jämmerlichen Bedürfnissen herumfoltert und alle reine Seele mit
Apostelstimme den verachtet der keinen Mut hat zu sterben und sich von dem
Elend frei zu machen«
    Mich dünkte einen Gott reden zu hören so stolz und groß stand der Mensch
vor mir ich musste ihn an mein Herz drücken
    Allein der misslichste Punkt bei der Sache war Cäcilia dies machte ihm am
meisten zu schaffen und er überlegte auf allen Seiten Er glaubte dass es
endlich auch hier gehen würde und sei der Gewalt sicher die er über ihren
Willen habe sie selbst ins Spiel verflochten und der außerordentlichen
Biegsamkeit ihres Geistes und ihren andern Fähigkeiten die Rolle nicht zu
schwer Er müsse das Äußerste wagen sie diese Nacht noch zu sprechen es wäre
notwendig dass sie sich vorher darauf bereite
    Übrigens sahen wir immer klärer in dem was vorgegangen war Mark Anton
stieg nicht aus bloßer Höflichkeit bei seiner letzten Ankunft an unserm Haus ab
da er es bei den vorigen Besuchen nicht tat die er bei seiner Braut ablegte
der Grossherzog mochte Wind bekommen haben wie der junge Frescobaldi heranwüchse
und dass kein bloßer Maler in ihm stecke weswegen ihn der Adel zu Florenz
gewissermaßen verachtete und wollte beizeiten der gefährlichen Brut den Nacken
brechen Der Mörder des Vaters hatte denselben in Venedig ausgekundschaftet und
sein eigen bös Gewissen dazu angetrieben Das andre ergab sich von selbst er
ließ ihn bei sich malen um ihn genauer kennenzulernen und ob er wirklich
gefährlich wäre und Ardinghello beschleunigte mit den ohne alles Arg gesagten
Worten er war ein Schwertfeger und machte gute Klingen die ihm vielleicht der
Zorn des Himmels eingab dem Verbrecher das Todesurteil anzukündigen seinen
Untergang wenn es nicht anders verhängt gewesen wäre
    Der Ursprung dieser Begebenheiten war uns aber damals unbekannt und
Ardinghello erfuhr ihn erst als er wieder nach Florenz kam Mark Anton
verliebte sich dort gleichfalls in Isabellen und bracht es so weit mit seinem
Geld und seiner ihr neuen gefälligen venezianischen Mundart dass auch ihm der
Seltenheit wegen eine Zusammenkunft versprochen wurde Allein statt des
gehofften Vergnügens fand er durch geheime Veranstaltung des Vaters von
Ardinghello in ihrem Zimmer eine alte magre Ziege angebunden und schlich wieder
davon als ob er nicht dagewesen wäre Lächerlich dadurch bei ihr gemacht hatte
die ganze Liebesgeschicht ein Ende Mark Anton nahm dies zwar nicht wie einen
lustigen Streich bei dergleichen Laufbahnen auf die leichte Achsel doch konnt
er sich sogleich nicht rächen und ließ die Sache lieber im verborgenen Der
Grossherzog in der Folge davon benachrichtiget gebrauchte ihn hernach als ein
Mann der seine Leute kannte zu seinen Absichten Ardinghello noch Knabe
bekümmerte sich nicht um solche Dinge So entstehen immer die wichtigsten Folgen
aus Kleinigkeiten
    Ich ging darauf zu meiner Mutter und er schloss sich auf sein Zimmer Um
Mitternacht schlich er heraus und stieg in Cäciliens Garten Sie hatten sich
gleich im Anfang ihrer Liebe Zeichen für Augen und Ohren erfunden die kein
andrer Mensch verstand und die ohne allen Verdacht waren Sie vernahm ihn und
erschrak diese Zeit über sollte keine Zusammenkunft mehr gehalten werden und
besann sich ob sie kommen oder nicht kommen wollte Als er aber darauf das
Zeichen gab wo alles musste gewagt werden denn auch dies hatten sie im Fall
wo sie sich die höchste Gefahr entdecken mussten so ging sie zitternd nach der
Tür und ihr sanken die Knie ein
    »Cäcilia« sprach er zu ihr wie sie im verborgensten Buschwerk an der Mauer
beisammen waren »ich bin verloren wenn ich deinem Bräutigam nicht zuvorkomme«
und erzählte ihr die Begebenheit den Abend mit dem Banditen und alles in wenig
Worten was sie noch nicht wusste »Morgen nachts wo nur immer möglich schaff
ich ihn aus der Welt und ich hoff es soll bei dem festlichen Geräusche nicht
an Gelegenheit fehlen wenn du nicht lieber mich willst hingerichtet sehen«
    Jedes Wort war ihr ein Donnerschlag
    »O welch ein Sturm wälzt sich über mich her« rief sie aus entsetzt nach
langer Betäubung »schon tauml ich mitten in den erzürnten Wogen von Abgründen
zu Abgründen geworfen und alle Winde rasen Ach wär ich mit dir aus dem
Schiffbruch auf einer wüsten unbewohnten Insel nur Aber wir gehen unter in den
wilden Fluten«
    »Mir sagts mein Herz« erwidert er darauf »dass wir glücklich der Gefahr
entkommen Habe Mut himmlisch Wesen Der Wellen Ungestüm verletzt kein Gestirn
es tritt desto glänzender bald wieder auf und strahlt in ewiger Klarheit
    Niemand weiß von unsrer Liebe der Edle wollte seinen Freund auf alle Weise
außer Gefahr setzen Niemand weiß von dem schändlichen Vorhaben des Mark Anton
gegen mich sein Spion und Mörder meines Vaters modert schon zwischen Klippen
und Dornen solche Dinge vertraut man nicht außer gegen wen man muss Der
Grossherzog ist noch weit von hier mich soll er so leicht nicht in die Schlinge
bekommen Schlage mich aus dem Sinn die kurze Zeit des Getümmels und tu als ob
du von mir nichts wüsstest und du bist sicher Über mich waltet die Vorsicht
sonst wär ich dem Tod nicht entgangen und sie hätte mir meinen Pfad nicht
gezeigt«
    »O wie kann ich dich Geliebter einen Augenblick vergessen Wie kannst du
vergessen meine Seligkeit und mein Leiden« fiel sie ihm mit Tränen an seine
hochklopfende Brust fuhr aber bald hastig auf und ergriff ihn zurückstossend
klammernd bei der Hand »Fort von hier über Berg und Tal lass mich O hätt ich
dich nie gesehen o ich Unglückselige Ich beschwöre dich bei aller unsrer
Wonne bei deiner und meiner Liebe« stürzte sie sich ihm zu Füßen und umwand
seine Knie »überwältige dich meinetwegen der Ruhe meiner Familie wegen
verschiebe wenigstens die Rache Mich fesselt das grausame Schicksal mit
eisernen Ketten an mein Elend und ich kann ihm nicht entrinnen du aber geh in
ein ander Land sei glücklich bei allen deinen Vollkommenheiten und lass mich O
Gott« schluchzte sie »wer weiß wenn und wie und wo und ob wir je uns wieder
sehen«
    Ardinghello umwand sie fest mit seinen Armen und träufelt ihr mit der
Stimme des lebendigsten Gefühls ins Ohr »Welche sklavische Furcht hat sich
deiner bemeistert Komme wieder zu dir und rede mit Besinnung Es siege die
Liebe die in der Natur allem andern vorging und die Gerechtigkeit Hast du
keinen Blick in die Tage der Zukunft Einem solchen bösartigen Ungeheuer
wolltest du an der Seite liegen und deine glänzende Wohlgestalt von ihm schänden
lassen in lauter Gram und Ekel da die edelsten Jünglinge voll Eifer und Feuer
vor dir schmachten Hat dies so mächtig wallende Herz in deinem Busen so wenig
eigne Kraft dass es nichts für sich tut sondern seine angebornsten Regungen
nach andrer Willen umlenkt O Cäcilia erhabnes Wesen erkenne deinen Wert Zu
deinem eignen Wohl und weil ich dich kannte vertraut ich dir das Geheimnis
    Soll ich den Schlechten verklagen ihn zu einem Zweikampf herausfordern Wie
albern Warten in der äußersten Gefahr Wie töricht Ihn gehen lassen dulden
leiden schweigen und mich davonmachen O ich wäre nicht wert dich an meine
Seele zu fassen nicht wert auf diesem Boden zu atmen tief tief unter der
Erde der armseligste halb zertretenste Wurm müsst ich sein
    Die Zeit ist edel wir haben keine Worte zu verlieren ich sage dir aus dem
Buche des ewigen Verhängnisses Mark Anton der niederträchtige Meuchelmörder
muss sterben von meiner rächerischen Hand für alle seine Bosheiten oder du musst
mich und dich dem Tod und der öffentlichen Schmach preisgeben Es findet hier
keine Wahl statt und ich kenne dazu genug deinen hellen Geist und deine hohen
Gefühle Meinetwegen hab in jeder Rücksicht keine Sorge für dich wird dein
scharfsichtiges Auge leicht den Ausweg finden und deine Gewandtheit ohne
Verletzung und Gefahr darüber weggleiten«
    »Nun so fürchte denn alles unerbittliches Felsenherz« versetzte sie ihm
aufgebracht »und wenn du sicher sein willst so zücke den Stahl zuerst auf
mich O herbeigeführt durch die Lüfte steh ich an dem Kessel eines
feuerspeienden Gebirgs Verderben rund um mich und mir vergehen die Sinnen O
könnt ich mein unabsehliches Elend aller Unschuld zur Schau aufstellen und sie
damit vor dem ersten Fehltritt warnen«
    Ardinghello konnt ihr nicht mehr antworten so schnell riss sie sich von ihm
fort nach ihrem Zimmer doch drehte sie sich unterwegs noch einigemal um kam
aber außer sich nicht wieder zurück
    Er sagte mir anfangs von dieser Unterredung nur so viel dass sie ungefähr
den von ihm erwarteten Ausschlag genommen habe
    Den andern Morgen in aller Frühe geschah die Trauung Cäcilia erschien am
Nachmittage wo das Gelag war reizender als je Schlaflosigkeit und die
beständige Überlegung dessen was vorgehen sollte hatte ihre Lebensgeister
erhitzt und überzog ihr Gesicht mit der lieblichsten Schamröte
    Ardinghello bereitete sich den Tag über auf die Tat machte sich selbst auf
den Notfall eine Maske kämmte sein Haar anders veränderte Hut und Kleidung um
einen Landmann der Gegend vorzustellen und setzte sich in gute Verfassung zur
Flucht auf jeden Fall Meine Mutter und ich waren beim Feste
    Eine zahlreiche Gesellschaft hatte sich eingefunden Pracht und Überfluss
mit feiner Kunst angeordnet herrschten an der Tafel und in Sälen und Zimmern
Glanz und Freude Die Braut schien in neuen Empfindungen verloren antwortete
aber doch leicht jedem Schalk und immer in jungfräulicher Bescheidenheit
jedermann schien den Glücklichen zu beneiden dessen Beute sie ward und den
Wunsch im Herzen zu hegen mit süßer Gier im Liebesbette statt seiner der
zarten Schönheit Blume zu pflücken
    Gegen Abend erhob sich der Ball Als die Kerzen brannten vermisste man bald
Braut und Bräutigam und lächelte darüber Der Bräutigam kam nach langer Zeit
zuerst wieder und seine Unentaltsamkeit und Enthaltsamkeit beklatschte ohne
Scheu der Mutwill junger Männer Doch hörte man zu seiner Entschuldigung von
einer Stimme den frechen fescenninischen Scherz der versuchte Ritter wird den
Morgen schon bei hartem Sturm die Fahne auf die Festung gepflanzt haben Er
lachte jedoch dünkte michs nicht das Lächeln der Lust nach gepflogner Liebe
und winkte mit der Hand nach den Fenstern Und sieh Raketen stiegen auf in der
Luft und kreuzten sich über dem See und zerknallten in schönen Kreisen sinkend
Gleich hernach erschien auch die Braut wieder und wurde beglückwünscht von
Müttern und Weibern indes sie glühte wie eine Rose
    Man führte sie an den Erker zum besten Platz das Schauspiel anzusehen und
auf einmal rauschte die Girandola gen Himmel wie ein ungeheurer brennender
Palmbaum Darauf folgten mancherlei neue Feuerwerkskünste Der Ort dazu war auf
einem hohen felsichten Ufer des Sees nicht weit vom Palaste der Bräutigam
welcher dergleichen verstand und es angeordnet hatte lief hernach selbst
hinunter um die Leute die es abbrannten zum Eifer zu treiben weil einigemal
starke Pausen vorgingen und gerad am Ende der Stiege wurd er vom Ardinghello an
der Kehle fest gepackt und empfing den schärfsten mörderlichsten Dolchstich von
unten auf ins Herz Ardinghello sagt ihm schleunig noch ins Ohr »Bin der junge
Frescobaldi Deine Braut war meine Geliebte die Frucht unsrer Liebe wird dein
Vermögen erben statt dessen meines Vaters«
    Er lag da und regte sich nicht mehr Ardinghello entwischte Niemand
bemerkte ihn die Bedienten unten sperrten alle weit von dem Palaste Augen und
Mäuler auf über das Feuerwerk und jubelten und lärmten und oben plauderte man
gleichfalls und betrachtete
    Er lag da solange das Feuerwerk dauerte Wie es vorbei war und die
Bedienten wieder hereinsprangen erscholl auf einmal ein Zetergeschrei Man
drängte sich zu den Türen heraus »Der Bräutigam ist ermordet« lief plötzlich
von einem Mund zum andern Cäcilia rennte mit Geheul hervor und wie sie
deutlich vernahm »unten an der Stiege mit einem Stoß in die Brust ermordet«
sank sie auf der Stelle nieder in Ohnmacht und Arm und Beine welkten ihr
Antlitz entfärbte sich und der Kopf hing im Nacken Man hob sie auf und brachte
sie auf Sitze und besprengte sie mit starken Wassern es war ein allgemeines
Gewühl und Lärmen
    Der Tote ward unten in ein Zimmer gebracht man zog die Kleider weg und
besichtigte die Wunde sie ging nett ins Herz und da war an keine Hilfe mehr zu
denken Cäcilia kam wieder zu sich »Was ist mir wo bin ich« sprach sie
stöhnend mit verirrten Blicken »Ach tot tot Wer hat ihn umgebracht o ich
Unglückselige« und so zerraufte sie sich die schönen blonden Locken und riss
die Kleidung vom Leibe und wütete wie eine Bacchantin
    Ich darf sagen dass bei Kummer und Sorge für Ardinghellon mich doch dies
entzückte O ihr Weiber welch ein Mann erreicht je eure Verstellung Sie wollte
mit Gewalt zu ihm aber man hielt sie ab »O Gott welch ein Vermählungsfest«
schluchzte sie und die Tränen stürzten ihr aus den Augen Hätt ich aber alles
gewusst so würd ich tiefes Mitleiden mit ihr gehabt haben
    Die Verwandten des Mark Anton worunter eine verheuratete Schwester von ihm
war verstummten und machten allerlei Gesichter und wussten nicht wo sie
angreifen sollten die Brüder und Eltern der Cäcilia verloren aber den Kopf
nicht und der älteste auch schon verheiratet ergriff sie bei der Hand und
sagte zu ihr »Fasse dich was geschehen ist kann man nicht ändern und sei
vernünftig für dich ist jetzt ein kritischer Zeitpunkt Sprich und rede laut
hat Mark Anton schon wirklich seinen Bund in der Tat mit dir vollzogen oder
nicht Das andre soll hernach soviel menschmöglich ist aufs schärfste
untersucht werden« Sie warf den Kopf in die Arme und bedeckte die Augen und
sagte seufzend und weinend »Ach wär es nicht geschehen und ich noch was ich
war«
    Die Schwester antwortete hierauf »Wir sind hier auf einmal in sonderbare
Umstände geraten und werden schwerlich so friedlich auseinandergehen können als
wir zusammengekommen sind«
    »Damit Sie erkennen« versetzte der Vater der Cäcilia »dass wir nichts
Unbilliges verlangen soll meine Tochter gleich in sichre Verwahrung gebracht
werden und einige von Ihren Verwandten und meine Söhne mögen sie begleiten Der
Fall ist außerordentlich Wir ergeben uns dann in den Ausspruch des hohen Rats
Inzwischen wollen wir alles aufs strengste ausfragen und untersuchen«
    Die Ältesten und Angesehensten von der Republik die hier zugegen waren
versammelten sich gleich auf ein Zimmer allein und machten einen Kreis die
Verwandten blieben in der Nähe die übrigen Gäste im Tanzsaal und unten wurden
die Türen gesperrt Die Bedienten kamen erst einzeln nacheinander vor Keiner
wußt etwas und man fand nirgendwo die geringste Spur Der Gäste waren viel und
mancherlei Man hatte zwar auf ein paar derselben Argwohn weil sie vor dem
Ermordeten um Cäcilien warben und gegen denselben heimliche Feindschaft hegten
jedoch durfte man sie so bloß darauf öffentlich nicht antasten man erkundigte
sich nur sehr scharf unter der Hand wo sie während der Tat sich befunden
hätten Sichre Personen legten gut Zeugnis für sie ab dass sie in ihrer
Gegenwart gewesen wären
    Insoweit war also die Untersuchung vergeblich Man schickte darauf Leute in
die Gegend aus um jeden Verdächtigen festzuhalten welches man freilich eher
hätte tun sollen allein im ersten Aufruhr dachte niemand daran und
Ardinghello einer der schnellsten Fußgänger befand sich zu dieser Zeit schon
in Sicherheit
    Was Cäcilien betraf konnte man nicht nach aller Strenge verfahren da es
der Wohlstand und das Ansehen ihrer Eltern und Brüder nicht zuließ welche beide
letztere bei dem Sieg über die türkische Flotte sich den Namen großer Helden
erworben hatten alle waren außerdem dem reizenden Geschöpf gewogen und keiner
von Herzen dem Bräutigam Mancher machte sich in Rücksicht ihrer Hoffnung
entweder sie ganz zu besitzen nun eine der reichsten Partien von Venedig noch
unabgeweidet in frischer Blüte oder doch auf irgendeine Gefälligkeit bei
solcher Lage Rechnung Wenn ein Mensch einmal tot ist hört bald alle Gunst auf
und wer am Leben bleibt hat immer das beste Spiel Dies ist in der Natur der
Dinge; einem Toten ist doch nicht mehr zu helfen denken sie und es kommt dabei
nichts heraus So gings zu Venedig wohin Cäcilia sich noch dieselbe Nacht
unter Begleitung ihrer Brüder und der Verwandten ihres Bräutigams mit etlichen
Personen vom Rat auf den Weg machen musste bis ihre Schwangerschaft sich völlig
offenbarte Sie wurde zwar nach der Form gehörig bewacht und befragt allein da
man gar keine Angaben nicht den geringsten Verdacht und sie einen Bartolus und
Baldus in derselben Person zum Advokaten hatte endlich freigesprochen und sie
selbst verstand meisterlich die Seelen zu fesseln und spielte durchaus ihre
Rolle vortrefflich in dem kurzen Umgange mit Ardinghellon hatten sich ihre
seltene Naturgaben herrlich noch entwickelt und ausgebildet
    Zu Anfang des neunten Monats darauf wurde sie in Beisein gerichtlicher
Zeugen von einem gesunden kräftigen Sohn entbunden welcher in der Taufe die
Namen S Marco Giovanni e Paolo empfing und niemand wusste die geheime
Bedeutung Sie gelangte damit zum rechtlichen Besitz aller Güter Mark Antons
dem ihre Brüder ein prächtiges Grabmal von dem berühmtesten Bildhauer mit einer
sinnreichen Inschrift von dem besten lateinischen Poeten besorgten und trauerte
lange und hielt sich eingezogen von allen Lustbarkeiten
    Ardinghello hatte sich nach glücklich vollbrachter Tat durch Umwege schnell
auf sein Zimmer gemacht und geschwind umgekleidet er war sicher von niemand
bemerkt worden zu sein und wollt im Freien unter der fremden Kleidung nicht
länger bleiben In unsre Wohnung konnt er nach Belieben herein und heraus weil
er den Schlüssel zu der einen Aussentür von seinem Flügel hatte Auch war
ohnedies alles aus dem Palaste nach einem guten Platz zum Feuerwerk gelaufen
dem zauberischen Schauspiel über dem See Inzwischen machte er sich doch behend
auf jeden Fall gefasst und lauerte nahe bei seinem Zimmer im Garten bis ich mit
meiner Mutter nach Hause kam und ihm das glückliche Zeichen gab das Fest war
gänzlich verstört und ich hielt nur so lange aus als es sich schickte um
nichts zu versäumen
    Auf ihn fiel nicht der mindeste Verdacht weder hier noch in Venedig Dort
wurde bei einigen jungen Herren strenge Nachforschung gehalten die mit heftiger
Leidenschaft vorher um Cäcilien warben aber es kam nichts heraus und die
Ermordung blieb ein Rätsel
                                  Zweiter Teil
Ardinghello wollte nun nicht länger in der Gegend bleiben die Sonne war hinweg
die ihn an sich zog und um die er sich herumbewegte aber auch für jetzt nicht
wieder nach Venedig Und wenn sich dort die Sachen aufs glücklichste setzten so
sah sein Geist in der Zukunft Dinge die ihn folterten Süßigkeit vollführter
Rache Gram von Cäcilien geschieden zu sein Kummer ihretwegen und Sorge für
seine eigne Sicherheit wechselten in seinem Herzen plötzlich auf und ab wie ein
Aprilwetter Sich länger aufzuhalten war gefährlich weil man unter den Papieren
Mark Antons vielleicht Aufträge von Kosmus finden konnte und sich gleich aus
dem Lande zu machen schien verdächtig Endlich entschloss er sich nach
Überlegung aller Umstände noch einige Tage zu harren und inzwischen scharf auf
seiner Hut zu sein Es kam uns nicht wahrscheinlich vor dass der Grossherzog
seinen und seines Vaters Tod schriftlich sollte verhandelt haben und ein
Vertrauter wenn er auch noch da wäre wie nicht zu vermuten durfte bei
Schlechtigkeiten von so üblem Erfolg keinen Lärm machen zumal da er doch nicht
sicher wäre und nur mutmaßen könnte
    Ardinghello stellte sich aufgeräumter an als je und wenn in Gesellschaft
die Rede auf die Begebenheit kam so schwieg er entweder oder pries Mark Antonen
glücklich dass er so gerad in voller Freude starb und auch Cäcilien dass sie so
geschwind als möglich von dem harten Joche der Ehe sei ausgespannt worden
    Wir fischten dann auf dem See gingen auf die Jagd und lasen noch dabei zu
guter Letzt die schönsten Oden im Pindar der seine Seele vom neuen mit hohem
Taumel schwellte und in etwas seinen Sinn von der Gegenwart wegwandt Die
Romanze aller Romanzen auf die Insel Rhodos besonders entzückte ihn so dass er
sie bald auswendig konnte Seine Phantasie kam wieder ganz in das Götterreich
der Poesie hinein die Spiele griechischer Jugend rissen sein Herz dahin süße
Liebe und solche Taten pries er allein ein würdig Frühlingsleben alle seine
Kräfte tobten und wurden ungestüm er wollte fort in die Welt in Bewegung auf
eine neue Bühne und war nicht mehr zu halten
    Keine volle zwei Wochen nach Cäciliens Abreise brach er auf Er schrieb
vorher an seine Tante um einen Wechsel nach Genua er gedachte von dort nach
Frankreich zu schiffen und dadurch nach Spanien zu wandern bis an die letzten
Küsten von Portugal Mir band er unterdessen Cäcilien aufs Herz und dass ich ihm
von ihr bei jeder guten Gelegenheit Nachricht geben sollte Sobald sie frei
wäre müsste vermittelt werden dass wir alle drei zusammen eine Freundschaft
ausmachten Für unsre Heimlichkeiten bildeten wir uns eine jedem andern
unergründliche Schrift und wollten bei den Hauptpunkten das Neugriechische
gebrauchen Seine Wiederkunft würde alsdenn von den ferneren Umständen abhangen
    Seine Reise nach Genua nahm er sich vor zu Fuße zu tun und so sollt es sein
Leben lang durch alle schöne Gegenden geschehen er hielt es für Torheit sie
anders zu machen wenn man gesund und stark wäre und keine notwendige Eile
hätte die Natur von Land und Leuten könne man auf keine andre Weise so gut
kennenlernen und was die Strassenräuber beträfe so sei man im Wagen der Gefahr
weit eher ausgesetzt und die ärgsten würden von Billigkeit zurückgehalten gegen
ein harmloses Geschöpf das ohne bürgerlichen Reichtum wie sie bloß menschlich
einherschreitet
    Er ließ mir alle seine Habseligkeiten zurück und nahm nichts mit sich als
einen wohlgespickten Beutel und Hemder und Strümpfe
    An einem Abend beurlaubte er sich von meiner Mutter die Tränen vergoss und
ihn an ihre Brust drückte er wurde von ihr geliebt wie mein Zwillingsbruder
Sie gab ihm ihren reinsten Segen und bat zu Gott dass er sie erhören möchte da
er nicht länger bleiben wollte und sagte ihm zuletzt dass sie sich oft nach
seinem Umgang sehnen würde Ihr machten wir weis dass er wieder in seine Heimat
zöge
    Wir brachten die Nacht alsdenn beisammen zu so recht wie klare Quellen von
Leben wo alle Blicke durchgehen ich wünsche mir nie eine größere Seligkeit
Aber ach was ist der Mensch ein Punkt zerfetzt und zerrissen vom Schicksal
auf allen Seiten und unaufhaltbar fortgetragen in den wilden Fluten der Dinge,
wo er weder Anfang noch Ende sieht
    Gegen Morgen fuhr er auf steckte die alte Handschrift von den
Denkwürdigkeiten des Sokrates in die Tasche die ich ihm fein und
wohlgeschrieben mit auf den Weg gab und die griechischen lyrischen Dichter von
Heinrich Stephan warf seine Zither über die Schulter dass sie stürmisch
erklang drückte mich noch einmal an sein Herz und küsste seine ganze Seele auf
meine Lippen und schoss von dannen Ich erbebte wie von einem Todesschauer und
sank wie ins Grab O Elend und Jammer hienieden ohne Freund zu sein und Stolz
und Jubel und Kühnheit wo zwei ihr Wesen verdoppeln
    Meine Mutter und ich gingen darauf zu Ende Oktobers wieder nach Venedig wo
mein Vater aus Dalmatien schon angekommen war Der Weg dahin erfüllte mich mit
Traurigkeit Gegend und Menschen und Gebäude hatten den vorigen Reiz verloren
und standen da wie Schatten Ich erkannte innig dass zu allem Genuss zwei Herzen
notwendig sind die sich lieben
    Die Zärtlichkeit meines Vaters meiner älteren Brüder und verwittibten
Schwester die ihn begleitet hatten linderten und versüssten allein meinen Gram
zu Hause Cäcilia saß noch in strenger Verwahrung doch war jedermann für sie
wegen ihrer ehemaligen klugen und bescheidenen Aufführung bei aller ihrer
Schönheit Auch ich tat unter der Hand mein Bestes das zärtliche Geschöpf hatte
sich von dem Zuge der Natur überwältigen lassen und konnte hernach nicht anders
handeln
    Verschiedne junge Leute alle von großem Talent und genaue Bekannten von
Ardinghello kamen zu mir seinen gegenwärtigen Aufenthalt zu erfahren welchen
ich ihnen aber nicht entdeckte mit Vorspiegelung er habe in seine Heimat
gewollt
    Zu Anfang Novembers erhielt ich folgenden Brief von meinem Freunde
                                                                Genua November
Wie ich aus dem fruchtbaren großen Tale der Lombardei von hundert Flüssen
durchströmt das seinesgleichen in der Welt nicht hat durch die wilden kahlen
Felsenkrümmen des Apennin hinauftrat und endlich aus der Bocchetta hervor von
heitern Lüften umspielt dass die Locken um meine heißen Schläfe flatterten oben
auf der Höhe das tiefe breite Meer unter mir glänzen sah vom süßen
Strahlengewölk des Abends umlagert Gott wie ergriff das mein Herz und alle
Sinne Wie die Tetis Homers mit einem Sprung vom Olymp hätt ich mich in die
ewige Lebensfülle hineinstürzen und wie ein Walfisch darin herumtaumeln und alle
meine Leiden abkühlen mögen
    Ich blieb hier die Nacht bei einem alten Schäfer der Chronik der Gegend
und sah die Sterne auf und untergehen und das Weltlicht wieder erscheinen und
tronte so über Italien dies Paradies mit allen seinen Bewohnern von Anbeginn
der Zeit Menschen und Tieren und Pflanzen und Bäumen und ich machten ein
friedliches Eins so rein und heilig zerflossen war meine Seele
    Den Morgen schritt ich hinab und schlief des Nachmittags in einem reizenden
Dorf an der Küste nicht weit von der Stadt Gegen Mitternacht wacht ich wieder
auf vom Saitenspiel und einer Stimme die lieblich mein Wesen durchdrang Ich
lauschte und vernahm die Worte und sprang ans Fenster die Musik kam aus einem
alten Gemäuer an einen Hügel gebaut der in hohen Pinien und Zypressen und
niederen Fruchtbäumen sich aus dem Meer hervorstreckte es waren Stanzen eines
Märchens vom Pulci die ich gar wohl kannte Als darauf noch eine weibliche
Stimme zu der männlichen einfiel so zog auch ich meine Guitarra hervor brachte
sie leis in Stimmung und sang als sie aufhörten nach einigen Griffen von ihrer
traurigen Harmonie in eine fröhlichre hinüber »Wer seid ihr süßen Sänger dort
die ihr mich so entzückend aus dem Schlafe weckt Habt Dank habt Dank dass ihr
den Menschen so Freude macht und ihr Herz rührt in der stillen Dämmerung«
    »Wir sind Vater und Tochter die ein holdes Kind in Schlummer spielen samt
dem Gatten den der heiße Tag abgemattet« ertönte zur Antwort herüber indem
ein Alter mit langem Bart an den Bogen der Tür sich stellte
    »O ihr Glücklichen« verfolgt ich darauf und sang von Begeisterung
ergriffen die Zeiten des Saturnus von Hesperien wo alle so lebten wo noch
kein Phalaris die goldne Insel der drei Vorgebirge folterte und keine Cäsarn mit
Bürgerblute die Felder düngten
    »Und wer bist du edler Geist« fragt er mich dann
    »Ein junger Pilgrim der nach dem Vortrefflichen auf Erden wandert und seine
Seele nun hier an Honig labt«
    Er ging herunter ich ihm entgegen wir bewillkommten uns und füllten die
Becher Es war ein herrlicher Mann an die sechzig ein echter Dichterkopf viel
vom Ideale des Homer nur nicht blind wie es der hohe Ionier auch nicht war
der nur nicht sah was gewöhnliche Menschen immer gegenwärtig mit ihren leeren
Köpfen sehen wovon er endlich den launigten Namen bekam und der griechische
Künstler der sein Bild erfand richtete sich nach dem Volkswitz
    Wir machten geschwind Bekanntschaft Er war ein Architekt gewesen und weil
er wenig zu bauen fand seinem Hange zur Poesie gefolgt und man hielt ihn nun
für einen der besten Reimer aus dem Stegreife weit und breit und er zog als ein
solcher im Lande herum und ergötzte die Leute Seine Frau war früh gestorben
und seine einzige Tochter gab er vor wenig Jahren einem wackeren Landmann zur
Ehe der hier ein Gut gepachtet hatte und bei dem er sich meistens aufhielt Die
Wirtschaft war wirklich aus der goldnen Zeit wie ich hernach mit Vergnügen
erfuhr
    Ich sagte ihm dass ich schier ebenso die Malerei triebe wie er ehemals die
Baukunst Dies freute ihn denn von Herzen er fasste meinen jungen Kopf und
steckte ihn in seinen grauen Bart hinein und küsste mich über und über ergriff
alsdenn das Saitenspiel und sang mit einer Schwärmerei das Lob der Dichtkunst
wie ein wahrer Priester des Apollo dass ich mich vor Lust nicht regte Das halbe
Dorf kam zusammen und girrte vor den offenen Türen und Fenstern leisen Beifall
Und als er endigte schien das Meer stärker ans Gestade zu brausen und alle
riefen »Es lebe Boccadoro« So nannte man ihn
    Zur ferneren Kurzweil fing ich darauf einen Gegengesang an und richtete
Pindars Xrysea pormigx Apollonos nach Ort und Umständen ein und schilderte zum
Beschlusse den Alten vor mir nach dem Leben und erhob seinen Stand über den
eines Königs Und mit einem Jubelgeschrei »Es lebe der schöne fremde Jüngling
und der göttliche Alte« zog man von dannen als wir gegen Morgen schieden
    Ich machte wie es Tag war einen Spaziergang auf den Hügel und besah die
Lage von Genua ein reizendes Theater das von jeher seine Bewohner angetrieben
hat das Meer zu beherrschen und woheraus immer die größten Seehelden
hervorgekommen sind Heiliger Kolumbus und du Andreas Doria die ihr nun mit
den Temistoklessen und Scipionen in Elysium Paar und Paar herumwandelt euch
Halbgötter unter den Menschen bet ich im Staube an Ach dass auch mir kein
solches Los bestimmt ist Ich sah hinaus in die unermessliche Sphäre von
Gewässer und die ungeheure Majestät wollte mir die Brust zersprengen mein
Geist schwebte weit über der Mitte der Tiefen und fühlte ganz in
unaussprechlicher Wonne seine Unendlichkeit
    Nichts auf der Welt füllt so stark und mächtig die Seele das Meer ist doch
das Schönste was wir hienieden haben Sonn und Mond und Sterne sind dagegen nur
einzelne glänzende Punkte und samt dem blauen Mantel des Äters darüberher nur
Zierde der Wirklichkeit Dies ist das wahre Leben hierauf gibt sich der Mensch
Flügel die ihm die Natur versagt und verbindet in sich die Vollkommenheiten
aller andern Geschöpfe Wer das Meer nicht kennt kommt mir unter den Menschen
wie ein Vogel vor der nicht fliegen kann oder der seine Flügel nicht braucht
wie die Straussen Hühner und Gänse Hier ist ewige Klarheit und Reinheit und
alles Kleine was sich in den Winkeln der Städte in uns nistet wird hier von
den großen Massen weggescheucht Wie dort die Seealpen aufsteigen gleich Helden
bei Aspasien und Phrynen wie die zarte Linie am Horizont sich so weich
herumründet In den Ozean hinaus möcht ich wie klopft mir das Herz
    Boccadoro wartete schon auf mich als ich wieder ans Wirtshaus kam Er
sagte ich müsste ihn heute begleiten zu einem großen Feste das die ganze Woche
fortdauerte
    Marchese S vermählte sich mit einer jungen Fregosa in allem ersinnlichen
Pomp der Bräutigam sei wohl jetzt einer der reichsten Privatedelleute von
Europa Diesen Abend würde Wettrennen gehalten darauf Schmaus und Ball morgen
Stierhetze und so weiter fort jeden Tag eine andre Lustbarkeit Komödie
Seiltänzereien und allerlei Künste sollten sich auf dem Land und Wasser zeigen
Er wäre aufgefordert zwischen andrer Musik bei der Tafel zu singen und er bäte
inständig auch mich darauf vorzubereiten wir könnten unterwegs ein hübsches
Thema zum Wechselgesang ausdenken Der Palast läge wenige Miglien weit von der
Stadt auf der andern Seite der See ein paar Knechte von seinem Schwiegersohne
würden uns mit ihm selbst und seiner Tochter auf einer Barke dahin fahren Doch
er glaube dass ich dieses alles schon wisse und vermutlich eben deswegen hier
eingetroffen sei
    Ich versicherte ihn dass ich heruntergekommen wäre ohne das mindeste von
dieser Hochzeitfeier zu wissen Aus dem Stegreife könnt ich in so hoher
Gesellschaft nicht singen und außerdem müsst ich immer erst ein wenig die Art
meiner Zuhörer kennen um leicht den Eingang in ihr Herz und ihre Phantasie zu
finden sonst tue überhaupt das Vortrefflichste oft nicht seine Wirkung Doch
woll ich ihn begleiten sein Epitalamium zu hören schon allein reize mich Er
könne mich als Stimmer seiner Zither beim Schmause mit einführen
    Ich lernte nun seine Tochter kennen eine erzgute frohe junge Hausmutter
und ihren Mann einen munteren trefflichen Wirtschafter und einen kleinen Engel
von Söhnchen so dass ein schönes Ganzes in lebendiger Ordnung war Das alte mit
Efeu bewachsne Gemäuer der kleinen Landburg fand ich innen bequem eingerichtet
Ich nahm gegen Mittag bei ihnen ein gesundes köstliches einfaches Mahl ein Nach
Tische schlummerten wir alle ein paar Stunden und dann fuhren wir ab und mich
ergötzten unendlich die Seewellen so grünlicht klar und weich und furchtbar
lieblich schroff über den Abgründen wo jede auch in ihrer Kleinheit sich
majestätisch als Tochter des unermesslichen Ozeans zeigte
    Wir langten gerad auf den Rennplatz an als die Pferde schon vorgeführt
wurden Die Sitze waren lauter Licht und Glanz von schönen und prächtig
gekleideten Herren und Damen mit einer Menge Volks überall Der Pferde waren
nur drei aber alle drei mutschnaubende königliche Tiere so dass es schwer war
vorauszubestimmen welches den Preis davontragen würde Man hatte deswegen große
Wetten angestellt die mehrsten waren für einen göttlich schönen Rappen der
sich an den Schranken gar nicht wollte halten lassen Ein Falk stand dagegen
still da doch brach der Blick seines Augs in die Bahn wie ein Sonnenstrahl und
sein Fuß hob sich leicht wie lauter volle Nerve Wie das Seil fiel tat auch der
Rapp einen Vorschuss in der Mitte der Bahn aber zog der Falk so aus und
überholte die andern dass sein Gang schneller war als die Geschwindigkeit eines
Sturmwinds über gelbe Saaten er flog dahin und seine Bewegung war das
Entzücken aller Augen selbst derer die gegen ihn gewettet hatten Kurz er
gewann den Preis jedoch mit Not und ward hernach erst unbändig
    Nach dem Wettrennen war Komödie und nach der Komödie der nächtliche Schmaus
Gegen Ende desselben als Wein und Gespräch die Lebensgeister in stärkre Wallung
gebracht hatten fing Boccadoro an sein Saitenspiel zu rühren Es entstand eine
allgemeine Stille und die Töne seiner Griffe waren wie ein leises Flistern am
heißen Mittag in kühlen Wäldern von den Seelüften Sein Geist taumelte darauf
durch die alten Zeiten der griechischen Heroen und er sang die Hochzeit des
Peleus und der Tetis schmückte die Fabel aus mit lieblichen Worten und ging
davon auf die Gegenwart über schilderte den Bräutigam als einen neuen Peleus
ebenso von den Göttern beglückt und seine Braut als die jüngre Tetis
    Auf einmal wendete sich dann der alte Schalk an mich der ich hinter ihm
unter den andern Spielleuten in der Ecke stand und zog mich hervor als einen
andern Apollo wenn ich seine Worte wiederholen darf der plötzlich den Apennin
herabgekommen sei dies Fest noch zu verherrlichen und überreichte mir die
Zither
    Ich ward überrascht und glühte vor Scham auf in der fremden glänzenden
Gesellschaft Ein freudiges Murmeln lief durch den ganzen Saal und aller Blicke
flogen auf mich Es half hier keine Weigerung wenn ich nicht wollte zum Gespött
und zuschanden werden Ich entschloss mich also kurz die Sache so gut
abzumachen als mir möglich war und wählte die mir leichteste Versart nach der
Melodie die den immer stärker einschlagenden anapästischen Rhythmus hat und
Dich so oft ergötzte
    Nach wenig einfachen Akkorden sang ich geradeso wie es war meine
Überraschung und Verwirrung und dass ich Boccadoren hieher folgte die Pracht
und Schönheit des Festes zu sehen ganz fremd und unbekannt ein bloßer Wandrer
hier seit wenig Stunden Doch Euer Ruhm fuhr ich fort geht über Meer und
Alpen und wer ist der kalte neidische Mensch den Eure glückliche Liebe nicht
begeistern sollte Nehmt gefällig die wenigen Blumen an die ich mit geschwindem
Raub über Eure Tafel streue
    Der Sohn der Tetis strahlt nun durch alle Nachwelt weil er einen Homer zum
Sänger hatte wieviel größer aber waren Kolumb und Doria und wie weit kann die
Frucht Eurer Liebe an edleren Taten über ihn hervorragen als wegen eines
verblühten durchgegangnen Weibes von einem Manne den die Natur zum Hahnrei
bestimmte und der weder in Bund noch Freundschaft mit ihm stand dreimal um die
Mauern von Troja herumzulaufen und alsdenn den ermüdeten Feind in den Hals zu
stechen Als wegen eines abgewiesenen Pfaffen einen greulichen Lärm anzufangen
und dann seine Geliebte darüber geduldig hergeben und sich ans Meer setzen und
weinen9
    Verzeihe mir diese Lästerungen bester Freund Du weißt dass ich die
Homerische Natur tiefer fühle als das vornehme Weltvolk auf der Oberfläche die
nicht zu ihren Moden passt Aber Du kennst das Sprichwort unter den Wölfen muss
man mit heulen
    Ich beschrieb darauf die Gegend von Genua und ihre Bewohner pries dieser
Heldenmut von den fernsten Zeiten an und dass es besser läge als selbst das alte
Rom die Inseln des Tyrrhenischen Meers und Küsten von Afrika zu beherrschen
Erzog nun im Gesange den jungen Temistokles die Seligkeit der Mutter und des
Vaters über denselben und die goldnen Zeiten seiner Bürger und machte allen
Gästen nach den süßen Gütern das Maul wässerig jeder schien im Herzen zu
schwören sich dabei anders aufzuführen als ihre Vorfahren beim Kolumb von
dessen hohem erfindrischen Geiste sie mehr Schimpf und Verachtung als Ehre
haben
    Ich wurde während des Liedes bei einigen glücklichen Stanzen von lautem
Jubel unterbrochen und erhielt wie ich aufhörte großen Beifall der mir nur
insofern wohlgefiel weil ich mich aus der Verlegenheit gezogen hatte
    Man stand nun vom Tisch auf und es ging zum Ball Als die Braut vor mir
vorbeigeführt wurde begrüßte sie mich mit einem festen lüsternen Blick und
wollüstigem Lächeln und rief mir zu »Bravo« Sie hielt noch den Kopf zurück
als sie vorbei war und Mienen und Gebärden gestatteten Kuss und Umarmung wenn
wir allein wären ganz die Gestalt einer Bacchantin in Glut und Üppigkeit voll
Körperreiz mit frecher Seele welche Weiber mir nur in gewissen Momenten
gefallen können Ich fühlte wenig Neigung nähere Bekanntschaft mit ihr zu
machen wohl aber mit einem andern Frauenzimmer dessen Mutter was die Formen
des Gesichts betrifft sich an dem Vatikanischen Apollo versehen zu haben
scheint nur ohne Stolz und Zorn vielmehr alles heilige Güte ein wunderbares
Geschöpf
    Ich erfuhr von Boccadoren es sei eine Freundin der Braut und hielt sich bei
ihr auf Die Eltern wären verunglückte Kaufleute aus Nizza in der Provence
gewesen und vor einigen Jahren gestorben Die Braut heißt Fulvia und die
Freundin Lucinde ich verlangte die letztere tanzen zu sehen aber sie tanzte
nicht
    Etwa zwei Stunden nach Mitternacht darauf als der Ball am lebendigsten war
hörte man einige Schüsse fallen und bei der plötzlichen Stille darüber ein
ängstlich Schreien und wieder Schüsse und Getümmel die Treppe herauf nach dem
Saal Und in einem Augenblick ehe man eine Hand umwendet brachen grässliche
Männer mit Säbeln und Gewehr in den Händen zur vorderen Tür herein Man stand wie
versteinert und wollte fliehen und konnte nicht und wusste nicht wohin Alles
drängte sich auf die Seiten nach den Fenstern und wo nur eine Öffnung war und
heulte und jammerte und alle Gesichter färbte die Todesblässe
    Wir wurden von Seeräubern überfallen nach den gelben afrikanischen
Gestalten und an Gegenwehr war wenig zu denken Ein Teil von denselben besetzte
die Tür wo sie hereinkamen andre fassten gleich die Braut und griffen zuerst
nach den Frauenzimmern und schleppten sie fort Ich stand zu Ende des Saals an
den Fenstern nach dem Garten die ersten von Adel sprangen mit Gefahr hinaus
Ich wurde fast vom Getümmel erdrückt und konnte kaum eine Pistole losreißen die
ich sogleich nach dem stärksten Kerl an der Tür abbrannte Die Kugel traf so
glücklich ihn zum linken Ohr hinein dass er auf der Stelle stürzte Der Knall
verschafte mir einigen Raum so dass ich die andre zog und zugleich meinen
Degen Während der Zeit hatten sich noch andre Genueser und Bedienten mit Gewehr
versehen und schlugen im Mangel desselben mit Stühlen drein Die Räuber hieben
mit ihren Säbeln um sich und spalteten etlichen die Köpfe und verwundeten
diejenigenwelche voran waren Doch brachten wir sie endlich zur Tür hinaus
die sie aber von außen besetzt hielten so lange bis ihre Gefährten mit der
Beute bis ans Meer kamen und sie einschifften Alsdenn wichen sie und wir
hatten das Nachsehen ohne ihnen viel Schaden zufügen zu können weil sie ihren
Angriff zu gut angeordnet hatten
    Der Bräutigam selbst bekam eine starke Wunde und ein paar von den
vornehmsten Gästen lagen ohne Hilfe niedergestreckt Die Wackersten machten sich
mit dem Johann Andreas Doria welcher wie Du weißt die türkische Flotte mit
besiegen half von dem Geschlecht des großen alten gleich auf nach Genua um
den Räubern nachzusetzen und ich wollte mit dabeisein Es war eine Frechheit
seit undenklichen Jahren ohne Beispiel
    Wir langten dort gegen Morgen an Fünf Dreiruderige wurden ausgerüstet und
wir stachen eine Stunde am Tag in die See als noch die Sonne mit einem
eingefallnen Nebel kämpfte der Wind hatte sich die Nacht geändert und ein
Schirokko blies von Südosten Wir wussten nicht wohin unsre Fahrt zu halten und
machten uns auf die Höhe zwischen beide Küsten Endlich nach und nach obgleich
langsam erweiterte sich der Gesichtskreis und die Gebirge fingen an sich zu
zeigen unter der grauen Hülle und erst gegen Mittag lag die Wasserwelt uns
einigermaßen vor Augen jedoch von allen Seiten so mit Dunst umfangen dass wir
nichts entdecken konnten
    Doria beschloss nun zwei Schiffe abzusondern und dieselben auf Sizilien zu
streichen zu lassen er selbst wollte mit den andern über Korsika hinaus in die
provenzalischen Gewässer Noch ehe wir ausliefen wurden auf beide Seiten
Jagdboote ausgesendet keines aber war zurückgekommen Ich blieb auf dem
Schiffe wo er selbst war Es ging nun in vollem Zuge Noch kannten wir die
Stärke der Feinde nicht bei Nacht und Nebel hatten wir die Anzahl ihrer Barken
nicht unterscheiden können
    Am Abend kam das Jagdboot wieder und verkündigte dass es den Feind bei
Monaco im Gesicht erreicht hätte die Räuber seien vier große Galeeren stark
Wir ruderten die ganze Nacht und den andern Morgen als sich das Wetter
aufheiterte erblickten wir ihre Segel O wie klopfte mir das Herz bald im
Schlachtgetümmel zu sein Der Tod ist dabei doch nichts anders als eine freie
Bahn auf die edelste Art in die Geisterwelt aus diesem Chaos von Unwissenheit
    Sie entdeckten uns gleichfalls und verdoppelten ihre Ruderschläge So
strebten wir den ganzen Tag
    Eben als die Sonne nach dem Stesichoros aus den Lüften in den goldnen
Becher trat und den Ozean hinabschwamm zu den finsteren Tiefen der heiligen
Nacht taten wir die ersten Kanonenschüsse nach ihnen wir hatten den Vorteil
des Windes über sie und sie machten darauf halt weil sie nicht weiter flüchten
konnten Wir griffen sie schier in gerader Linie an und dehnten uns etwas aus
damit sie uns nicht von den Seiten ankonnten Wir brachten ihnen einige
herrliche Lagen bei und waren weit besser als sie mit grobem Geschütz versehen
Nach mancherlei Wendungen kamen wir als schon die Dämmerung sich einsenkte mit
zwei Schiffen aneinander zum Handgemenge und unser drittes suchte die zwei
andern Galeeren abzuhalten die es entern wollten
    Ich befand mich auf dem ersteren und kämpfte mit aller Gewalt und
Besonnenheit deren ich fähig war Noch hatt ich zum Glück keine Wunde aber die
Kugeln vom kleinen Gewehr und Säbelhiebe streckten manchen an mir nieder
Endlich drangen wir ein in ihre größte Galeere und ich war unter den ersteren
mit einem starken Dolch in der Linken und in der Rechten den Degen und im Gurt
noch eine geladne Pistole Bevor ich übersprang stieß ich einen ihrer Kecksten
darnieder der schon im Zuge war dem Doria mit seinem sichelförmigen
Damaszenersäbel den Unterleib durchzuschneiden und rettete diesem so das Leben
Mit einem andern auf der feindlichen Barke der auf mich einhieb wurd ich
hernach bald fertig doch konnt ich mit dem Dolch seinen Streich aus beiden
Fäusten nicht so ganz abhalten dass er mir nicht ein wenig im Herunterschellern
den linken Arm streifte ich traf ihm darüber gerade die Kehle dass er die Zunge
herausstreckte
    Sie wichen und ergaben sich nur der welcher der Anführer schien sprang
unters Verdeck und ich ihm nach Und sieh hier steckte die Braut mit der
andern Beute Er holte mit dem Säbel weit nach ihr aus um ihr den Kopf vom
Rumpfe zu hauen ich aber kam ihm zuvor und stach ihm die Klinge mit ganzem
Leibe unter dem aufgehobnen Arm ins Haarwachs dass er auf die Seite stürzte zog
sie heraus und gab ihm dann vollends den Rest
    Die Hauptgaleere war nun übermannt allein die andre wehrte sich desto
fürchterlicher Ein junger Mann noch ohne Bart focht wie ein Verzweifelter und
hatte neben sich viele Toten liegen und er würde sich frei gemacht haben wenn
wir andern nicht den Unsern zu Hilfe gekommen wären Auch dieser musste sich dann
ergeben Inzwischen flüchteten die zwei andern nachdem sie unser drittes
Fahrzeug eroberten mit diesem Wir setzten ihnen nach verloren sie aber in der
Dunkelheit und den Morgen darauf waren sie uns aus dem Gesichte und wir
konnten ihren Weg nicht entdecken
    Doria kehrte ärgerlich nach Hause dass die Sache nicht besser abgelaufen
war Vielleicht hätt er gar nicht angegriffen wenn nicht einer seiner
Verwandten aus dem Tanzsaal mit wäre weggeschleppt worden den er nun doch
wieder frei machte Es ging hier Not an Mann und die äußerste Gefahr war in der
Säumnis Die zwei andern Schiffe hätt er freilich nicht nach Sizilien
ausschicken sollen aber wer kann alles vorhersehen Wer wusste dass die Räuber
so stark waren Nach geschehener Tat ist jeder Tropf klüger als Hannibal und
Cäsar
    Ich hingegen war glücklich wie ein Gott mich dünkte dass ich erst das wahre
Leben recht geschmeckt hätte Doria der Strenge machte bei allem seinen
Verdruss mir große Lobsprüche und sagte öffentlich »Du hast einen schönen Anfang
gemacht Junge wenn du länger lebst und so fortfährst wird ein berühmter Held
aus dir werden« Fulvia deren Schutzengel ich gewesen war dankte mir mit
Tränen voller Zärtlichkeit Aber mehr als alles auch die schöne Provenzalin
Lucinde befand sich unter den Geretteten die nur noch jämmerlich an der
Seekrankheit litt und bis aufs Blut von sich gab Ich hatte nicht die geringste
Anwandlung davon gespürt und es erquickte mich durch Mark und Bein dass ich
dieses Element und dessen lebendige Bewegung noch immer von meinem Knabenalter
an so wohl vertrage
    Wir liefen gegen Abend in dem Hafen von Villafranca ein nachdem wir den
ganzen Tag vergebens herumgekreuzt hatten um die Verwundeten zu pflegen unsre
Toten zu begraben die gebliebnen Feinde warfen wir gleich über Bord und den
abgehärmten Frauenzimmern einige Ruhe genießen zu lassen nur ein Paar Vermählte
unter denselben waren von Kanonenkugeln zerschmettert worden die übrigen alle
blieben unversehrt Wir führten sie den Berg hinauf in das Städtchen das hinten
im Kessel unter dem gähen Felsen mit wenigen Häusern nur wie eine Einsiedelei
liegt zwischen Ölbäumen Ich nahm Lucinden in Arm die auf dem festen Boden
gleich wieder zu sich kam und sprach ihr Mut ein nach überstandner Gefahr
»Ach« antwortete sie seufzend »warum leb ich noch um auf immer unglücklich zu
sein Niemand weiß mein Leiden O wär ich nur dort oben bei den Auserwählten
unter den Heiligen und Engeln« Und hier tat sie einen schmachtenden Blick aus
ihren großen schwarzen Augen gen Himmel und zerschmelzte mir ganz mein Herz
damit »So viel Schönheit ist nicht gemacht« versetzt ich ihr »um hienieden
sich zu quälen wirf allen Kummer weg und sei selbst so selig als du andere
selig machst« Sie schwieg und neigte das Haupt wie eine welke Blume und ging
ohne auf meine Reden achtzugeben mit mir voran ihre traurige Miene und blasse
Farbe ihr verwirrtes Haar und losgegangnes Gewand vollendeten das Bild einer
bezaubernden Heiligen Wir quartierten sie zusammen in ein Haus ein und sie
wurden gut verpflegt und gewartet Ich selbst blieb in dem Städtchen und ruhte
die Nacht aus meine Streifwunde hatte zwar nichts zu bedeuten
    Den andern Morgen nach der Messe unterhielt ich mich noch ein paarmal auf
den Raub wenige Augenblicke allein mit Lucinden die nun wieder zu Kräften
gekommen war und erfuhr dass der Anführer der Räubergaleeren den ich
niedergestossen hatte ein Liebhaber von Fulvien gewesen sei ein Genueser der
gefangen seinen Glauben verleugnete und alsdenn unter dem berühmten Ulazal
diente größtem Seehelden unsrer Zeiten In sie entbrannt ohne dass seine
Leidenschaft je ihr Ziel erreichte unternahm er die Tat nach hinlänglich
eingezogner Nachricht von allen Umständen der Hochzeit und hätte sie bald
glücklich ausgeführt Er war Bastard von einem Adorno und man nannte ihn zu
Genua Biondello Jungfräulich versicherte sie mir dass die Braut noch ihre Ehre
bewahrt hätte mit heißen Bitten und Beschwörungen dass er sie nur so lange
verschonen möchte bis er ans Land käme bei ihrem üblen Befinden und sie sei
rein bis auf einige Küsse die sie dem Verdammten unterdessen habe gestatten
müssen Die andern wären meistens noch viel ärger als die Braut von der
Seekrankheit befallen gewesen so dass die Barbaren selbst Mitleiden und
Barmherzigkeit gegen sie gehabt hätten ohne sie weiter noch zu martern
Außerdem habe die Not in Sicherheit zu kommen die Räuber zu äußerster
Geschäftigkeit angetrieben und die Menge die Begierden jedes einzelnen im Zaum
gehalten und so seien sie noch glücklich der Schand entrissen worden und eine
könne für die andre zeugen Biondello habe denn in der Verzweiflung Fulvien aus
Eifersucht niedersäbeln wollen als ich sie errettet hätte »Heilloses Geschenk
der Schönheit« rief sie aus »in wie viele Drangsale stürzest du uns Und wenn
wir andre damit glücklich machen so geraten wir dadurch selbst in das äußerste
Elend Wie die Könige die alles vermögen nur dass unsre Herrschaft kurze Zeit
dauert haben wir durch dich keinen Freund und die vortrefflichsten Männer mit
allen Vollkommenheiten ausgerüstet wie zum Exempel Ihr seid legen uns hässliche
Fallstricke«
    Diese Apostrophe ging mir wie eine Kugel vor den Kopf und ich fiel in Staub
vor der Himmlischen nieder
    Nachmittags drehte sich der Wind und wir fuhren mit Rudern und Segeln
wieder ab Auf unser Schiff war mit einigen andern Gafangenen der junge Held
gebracht worden der auf der zweiten eroberten Galeere so tapfer kämpfte so dass
wir unser drittes Fahrzeug darüber einbüssten Ich hörte ihn hernach im
Neugriechischen mit einem seiner Gefährten sprechen und er stampfte noch mit
dem Fuße vor Zorn dass die zwei andern Galeeren sie im Stiche gelassen hatten
jedoch mit Unrecht denn jene wurden gleich im Anfang des Gefechts von unserm
Geschütz sehr übel zugerichtet Er sprach inzwischen so frei und ohne Furcht in
der Gefangenschaft und seine Gestalt war so schlank und edel in der wilden
Farbe von Meer und Sonnenbrand dass mein Herz gegen ihn von Zuneigung wallte
Ich beschloss alles mögliche anzuwenden ihn von der Knechtschaft loszumachen
welches mir denn auch glückte noch ehe wir zu Genua einliefen schenkt ihn mir
Doria zur Belohnung Ich nahm ihn zu mir wie wir von Bord traten erklärte ihm
seine Freiheit worüber er mir an die Brust flog und ließ ihn wenig Tage darauf
mit einem venezianischen Schiffe nach Konstantinopel abfahren Er bat mich
vorher um meine Zuschrift die ich ihm denn an Dich gab
    »Du sollst dich nicht in mir betrogen haben« sprach er zu mir beim
Abschied »solche Menschen wie wir müssen einander ihr Leben lang helfen«
    Die Männer die ihre schönen jungen Weiber wiederbekamen freuten sich
wenigstens dass ihnen Grund und Boden geblieben war und die Väter und Mütter
hofften bei ihren Töchtern das Beste Wegen der Braut wurden insgeheim von der
Familie des noch verwundet darniederliegenden Bräutigams verschiedene Personen
besonders in Verhör genommen und als ihre Aussagen übereinstimmten und
derselben Unschuld bekräftigten so überließ man sich wieder ganz der Freude
    Der Himmel beschere mir nur immer so fort ein Leben und lasse mich nie in
Untätigkeit schmachten von Cäcilien und Dir geschieden zu sein aber tut mir weh
im Herzen Wenn wird einmal wieder die Zeit der Vereinigung kommen Ach wenn es
ihr nur wohl geht Dies ist jetzt alles was ich von ihr verlange
                                                                     Ardinghello
Ich meldete Ardinghellon den Empfang seines Briefs und dass die Sachen der
Cäcilia erwünschten Ausschlag nähmen und dass man auf ihn gar keinen Verdacht
hätte und andre Dinge die mich betrafen und nicht zu dieser Geschichte
gehören und erhielt von ihm im Dezember folgende weitere Nachricht
                                                                Genua Dezember
Die See ist hier doch etwas ganz anders als in Euren Brentasümpfen Die Stürme
machen mir jeden Tag ein neues Schauspiel und ich begreife nun wie Kolumben
der Mut im Herzen erwuchs sich mit einer Bande Gesindel in den unwirtbaren
Ozean hinauszuwagen gleich einem Gotte der Wasserfluten und Orkane kennt und
in ihr grausames wildes Spiel sich zu finden weiß kühner als Herkules und alle
Helden der vorigen Zeitalter Wenn die Wogen so den Hafen hereinbrechen und sich
an seine hohe Mauer hinaufwälzen bis über die Dächer der Häuser die da stehen
und Schaum und Meer wie ein Wolkenbruch wieder herabströmt und mit dem neu
herbeirauschenden Ungestüm sich klatschend zu Staub wirbelt wie lebt die Natur
da in meinem Sinn und ergreift mit ihrer Musik mein Wesen
    Ich habe angefangen es mit Farben darzustellen aber alles wieder
weggeworfen dahin reicht keine Kunst sie bleibt hier zu sehr bloß toter
winziger Buchstabe
    Dafür geb ich mich desto mehr mit den hiesigen Seeleuten ab studiere den
Schiffbau lasse mir ihre Züge durch das Mittelländische Meer erzählen ihre
Gefechte Gefangenschaften ihren Handel bewirte die besten oft und teile
ihnen wieder von demjenigen mit was ich weiß und erkenn immer mehr dass der
Mensch eher so gut ist als er sein kann als dass er so böse wäre als er sein
könnte im ganzen genommen
    Zufriedner bin ich mit ein paar Skizzen die ich aus den Begebenheiten
gemacht habe welche ich Dir in meinem vorigen Brief erzählte Die eine stellt
die Szene vor wie die Räuber in den Tanzsaal fielen und Braut und Frauenzimmer
entführten doch würde mir die nächtliche Beleuchtung bei der Ausführung im
Großen schwer werden Die andre ist wie ich den Biondello unter dem Verdeck
niederstiess Wenn ich den Ausdruck der Wut und Verzweiflung in seinem Kopf
erreichen könnte und den höchsten Schrecken der an die Ohnmacht grenzt in den
schönen Weibergestalten die ich in ihren Gruppen und zerzausten Kleidungen ganz
nach der Natur genommen habe samt den zwei Niedergeschmetterten so müsste
dieses Bild im Großen jedermann ergreifen Fulvia besitzt sie und sie mag sich
dieselben einmal von einem andern ausmalen lassen Ich bin mit ihr schon
bekannter geworden als ich anfangs wollte
    Ich stecke in einer Lage die ich Dir kaum mit Worten andeuten kann Wenn
Lucinde an Fulvias Stelle wäre so führten wir ein Götterleben so aber ist
Natur und bürgerlicher Stand einander ganz entgegen Fulvia hat eine
Phrynenseele und diese sollte Lucinde haben um das glückseligste Geschöpf zu
sein Ich habe Gespräche mit der letztern gehabt mich auf ewig mit ihr zu
fesseln wenn die Ehe nicht der Tod bei lebendigem Leibe für meinen freien Sinn
wäre Ach es geht bei ihr alles so schön hinüber und herüber Was dies
weibliche Wesen für einen süßen Klang hat ist unaussprechlich Und ihre
Ahndungen und Gefühle von unsichtbaren Welten so fremd und sonderbar und
kindlich zuweilen sie mir auch vorkommen ergötzen mich doch wie Homerische und
Platonische Dichtungen
    Es ist mancher von ihr angebrannt und lüstern bis zur Wut nach ihrem
Ambrosia und Nektar aber wen sie etwa möchte der will oder darf sie nicht
heiraten und so ist der Engel melancholisch und unglücklich Sie will mir wohl
das seh ich und leidet Pein und tut sich die äußerste Gewalt an Warum müssen
wir so gebunden sein und jeden Tropfen Lust mit Ach und Weh erkaufen Alles in
der Natur ist glücklich nur der Mensch nicht das was wir Vernunft nennen
steht ihm immer als ein tyrannischer Zuchtmeister zur Seite und diejenigen,
welche man ihrer Vollkommenheit wegen bewundert sind die Armseligsten unter
allen
    Als ich mich einst an einem Abend tiefer mit ihr im Gespräch hierüber
verlor und ihr dieses einleuchten machen und sie wie mich dünkt auf ihren
rechten Lebenspfad führen wollte sah ich auf einmal Fulvien neben uns die ich
im Eifer nicht bemerkt hatte wir sonderten uns vorher von der Gesellschaft ab
und standen an einem Fenster im Saal mit der Aussicht übers Meer hin Der Ernst
kehrte sich dann in Kurzweil Fulvia foppte mich als einen blöden Schäfer und
in Rücksicht auf sie war der Spott nicht ungerecht und Lucinden sagte sie
einige unanständige Dingewelche deswegen errötend ausschied
    Folgenden Nachmittag erhielt ich durch ein Weib das Lucinden bediente ein
Zettelchen worauf geschrieben stand Ich muss Sie allein sprechen mich zwingt
die Not dazu warten Sie eine Stunde nach Einbruch der Nacht unten am Palaste
die Überbringerin wird Sie an Ort und Stelle führen
    Ich wusste nicht was ich denken sollte und von der Frau war weiter nichts
herauszubringen inzwischen versprach ich gewiss zu kommen
    Dieselbe führte mich auch die bestimmte Zeit die Treppe hinauf und oben
durch den kleinen Garten Es war finster und regnete und der Wind sauste
Alsdenn machte sie ein Zimmer auf schloss mich hinein und ich war völlig im
Dunkeln Sogleich wurd ich von einer warmen Hand fest gefasst und auf ein
Ruhebettchen gebracht schüchtern erst und endlich inbrünstig umarmt und geküsst
unter heißen Seufzern ohne weiter nur ein Wort zu hören Mein ganzes Blut
geriet in Wallung an den in Liebe klopfenden Brüsten ich glaubte Lucinde sei
plötzlich eine heitre Griechin geworden und wollt ihr himmelschönes junges Leben
genießen und mit mir den Anfang machen Mir wich das Gewand unter immer mehr
verführerischem Sträuben und ich gelangte bei dem höchsten Reize den junge
zarte nackte vollkommne weibliche Formen in der Dunkelheit für unsern stärksten
Sinn nur haben können zum entzückendsten Ziel meiner entflammten Begierden
    Das bacchantische Leben das endlich alle Verstellung vergaß brachte mich
hernach doch etwas aus meiner Unüberlegung obgleich noch ganz im Rausche
»Lucinde Lucinde« rief ich »welch eine glückliche Verwandlung Lass mich deine
Stimme hören«
    »O du mein alles« hört ich nun Fulvien statt ihrer »verzeihe mir diesen
Betrug was ich bin und habe ist dein Eigentum du bist mein Herr und Meister
Du hast mir das Leben errettet und ich kann nichts weniger tun als dir wie Magd
und Sklavin dienen Engel Gott Wo find ich einen Namen der alles das
ausdrückt was ich in dir umfasse Auch Lucinde soll dir zuteil werden Stolz
und Eifersucht samt der Person will ich deinem Vergnügen aufopfern« Hier umrang
sie mich aufs heftigste und biss mich wie rasend in die Brust
    Ich musste mirs gefallen lassen ich war angeführt auf eine Weise die mir
hohe Lust gewährte Wenn ich auch ein Joseph hätte sein wollen so war die
Flucht zu spät Ihr Gemahl erzeigt mir Freundschaft aber wer kann dafür dass er
einfältig ist und kein besser Schicksal verdient Warum hat er so geheuratet
Dies sind natürliche Folgen die selten ausbleiben Fulvia hat ein heißes
Temperament und er ist schwach und kalt und träge solch ein Paar tut kein gut
zusammen wie mancher wegen des Kontrastes sich wohl einbilden möchte
    Ich verwunderte mich über den Schritt den sie getan hätte freute mich
ihrer Liebe und pries ihre Reize gestand ihr aber aufrichtig wie närrisch der
Mensch sei und dass mein Herz auch beim lebendigsten Genuss der Wonne noch nach
Lucinden schmachte
    »Und warum sollen wir dich nicht als Freundinnen lieben können O du bist
ein so teuer Gut dass wir beide an dir überflüssig genug haben und ihrer
mehrere wenn du willst Du sollst als der edelste Wein nur zum höchsten Fest
aufgespart werden der mit seinem Balsam allen köstlichen Geschmack überflügelt
Warum sollen vernünftige Schwestern nicht friedlich miteinander an dir Teil
nehmen Warum sollen wir uns von Gewohnheiten und Gesetzen im Zaum halten
lassen die bloß für den Pöbel sind eben weil er Pöbel ist der sich nicht
selbst regieren kann«
    Du siehst hieraus dass ich doch mit einem gutartigen Geschöpfe noch zu tun
habe Ich musste über ihre Aspasienberedsamkeit und feinen Lobsprüche lächeln
band ihr aber aufs Gewissen behutsam zu sein und so war der neue Liebeshandel
fertig
    Es läuft mir heiß über den Leib da ich mit Dir von Cäcilien sprechen will
und ich erröte wie ein Unheiliger sie bleibt immer die Krone von Venedig
Möchte sie und Lucinde nur so Schwestern sein wie Fulvia sagte Aber ich bin
ein Tor und unersättlich Ach die Arme wird verlangen Nachricht von mir zu
hören und dies ist noch nicht einzulenken Wie bin ich strafbar dass ich mich
mit dem Schönen zu vereinigen suche wo ichs finde Ist dies nicht der edelste
Trieb unsers Geistes Ist der nicht ein Elender ein von Gott Verworfner der
diesen Trieb nicht hat nicht ausübt In was für einer Welt bin ich wo dies
Naturlaster sein soll Den Menschen zerrüttende bloße bürgerliche Ordnung ist
es Komm göttlicher Plato und stürz alle die barbarische Gesetzgebung über den
Haufen und führe deine Republik ein wo wenigstens Mann und Weib mit ihrer
Liebe heilig und frei sind
                                                                     Ardinghello
Ich erhielt mit diesem Briefe fast zur selben Zeit ein Kästchen von Smyrna an
Ardinghellon und konnt es ihm sogleich durch einen Veroneser einen alten
Bekannten von unserm Hause welcher in Handlungsgeschäften nach Genua abreiste
übersenden dabei meldete ich ihm die völlige Befreiung seiner Cäcilia Im
Februar schrieb er mir wieder wie folgt mit dem von Verona bei dessen
Zurückkunft
                                                                 Genua Februar
Sieh teurester Schatz meines Lebens edles Herz hoher Geist gute Taten
bleiben nicht unbelohnt Lies dieses kostbare Zettelchen für Dich hab ich kein
Geheimnis
Du hast den Sohn des Kalabresers Ulazal gerettet ein Kind der Liebe das er mit
einer Griechin aus Rhodos erzeugte Nimm hier einen kleinen Dank dafür und reiss
Dich los und komm in meine Arme Bei meiner Mutter Platane Stephani zu Smyrna
kannst Du mich immer ausfinden dahin richte auch Deine Antwort Ich versichere
Dich dass kein besser Leben ist als vom Archipelagus bis an die Säulen des
Herkules auf den klaren Wassern in beständiger Bewegung zu sein und durch seine
Tapferkeit die Schönheit aller der reizenden Küsten zu genießen Königlicher
Jüngling erquicke bald mit Deinem mutigen Anblick meine Seele
                                                                 Diagoras Ulazal
In dem Kästchen sind Edelsteine und Ringe und einige andre orientalische
Kostbarkeiten von großem Wert
    Alle diejenigen die wir ihm gefangennahmen hat er schon frei gemacht und
meistens mit andern Christensklaven ausgewechselt Er versprach es ihnen wenn
sie ihn nicht entdecken würden und die auserlesene Schar war entschlossen genug
dazu solche Zuneigung hatte jeder für den jungen Helden
    Nun höre meine andre Begebenheiten Den Antrag des Diagoras müssen wir
weiter überlegen ich kann mich noch nicht entschließen das schöne Italien zu
verlassen da ich noch so wenig davon gesehen habe
    Fulvia nahm über sich Lucinden zu bekehren meine Leidenschaft gegen
dieselbe schwoll immer mehr an je härter und unerbittlicher sie wurde Vor
vierzehn Tagen ungefähr ließ sie endlich etwas von ihrer Strenge nach da sie
vorher immer alle Gesellschaft mied wo sie wusste dass ich zugegen war Eine
gewisse Heiterkeit und Frühlingsrosenröte ging in ihrem himmlischen Antlitz auf
das sonst ein innrer Gram mit einer melancholischen Lilienblässe überzog die
mir so das Herz zusammenklemmte dass ich aus der Haut fahren mochte um dem
Engel zu helfen Sie gestattete sogar dass ich auf einem vermummten Ball eine
Menuett mit ihr tanzte Gott welcher hohe Reiz enthüllte sich in jeder Bewegung
ihres schlanken Körpers wie heiß die Augen in mich sonnten und sich doch so
selbst überlassen wie süß die zarten Lippen in so frischer feuchter Röte
lächelten und die festen glänzenden Brüste von der Ebbe und Flut der Jugend
wallten Ich ward umflochten von einem unzerreisslichen Liebesnetz und die
Berührung ihrer Finger entflammte mich als ob ich lauter Salpeter und Schwefel
wäre Wo ich den Blick hinrichtete entstanden neue Zaubereien so hatten mich
ihre behenden sichren Füße nie entzückt und nie so ihre braunen sich hebenden
Locken über den schönen weißen Hals samt aller ihrer Kleidung Wir schwebten
umeinander wie klare lichte Empfindung sie schien zu fühlen was ich fühlte
und zitterte auf die letzt vor Bangigkeit so dass wir plötzlich aufhören mussten
    Noch dieselbe Nacht ward eine Verräterei gegen sie ausgedacht und vollführt
Ich stahl mich mit Fulvien vom Ball weg und diese verbarg mich in einen großen
Schrank der in Lucindens Schlafzimmer stand worin einige alte
Familienkostbarkeiten hingen Fulvia ließ mich allein und kam unbemerkt wieder
zurück
    Lucinde machte sich gleich darauf vom Tanzsaal ich erbebte vor Schrecken
und Lust wie ich sie hereinrauschen hörte Sie sang alsdenn beim Auskleiden ein
provenzalisch Lied mit einer Stimme woraus die Töne so gefühlig und rein wie
Perlen hervorkamen die ich noch nie vernommen hatte nur befremdete mich
äußerst dessen Inhalt Es war der Seelenjubel einer Jungfrau die ihren
Geliebten wiederfindet frei von Not und Drangsal worin er lang geschmachtet
hat und ihn mit tausend Küssen Liebkosungen und Zärtlichkeiten empfängt Doch
vielleicht dacht ich ist es etwas auswendig Gelerntes und es fällt ihr eben
so ein aber es machte mir heftige Unruhe als sie beim Schluss in die Hände
klatschte und ausrief »O hätt ich dich schon mein Florio aber wie weit bist
du noch entfernt doch Flügel wieder meiner Hoffnung dass du noch lebst O du
heilige Magdalena beschere mir den Holden die du auf deinem Felsen zu
Marseille schon oft über ihn gewaltet hast und den Verwegnen aus den Fluten des
Meers und tödlichen Gefahren nach meinen Bitten errettet O du liebe heilige
Magdalena ich falle hier vor dir nieder und fleh dich an überlass o Freundin
des Erlösers mein Gemüt nicht immer dem bitteren Kummer Mache mein Herz leicht
und wieder froh und stehe bei meiner Liebe Ardinghello der Flüchtling
heuratet mich doch nicht Was hilft mirs wenn ich seine Qual auch noch so hoch
treibe er machte mich endlich unglücklich Wohlwollen muss ich ihm ach ja er
ist ein verführerischer Bube O Florio erscheine bald Heilige gib mir ihn«
    Ich wurde fast zum Narren so griffen mich diese Reden der Unschuld in
meinem Schrank an und musste alle meine Kräfte zusammenspannen um auszuhalten
Noch war ich unentschlossen was ich tun wollte Tumult und Aufruhr in allen
Nerven und Adern Und so harrte ich bis sie sich zu Bette legte und harrte
noch hernach über eine Stunde und lange und lange bis ich endlich in der
Verzweiflung mit meinen Gedanken und Gefühlen ins reine zu kommen leise die
Tür eröffnete und heraustrat
    Den Mantel hatte ich schon vorher abgeworfen und die Schuh ausgezogen ich
ging auf den Zehen und hielt mich mit den Händen im Gleichgewicht Sie lag vom
Schlaf aufgelöst mit dem Kopf über den rechten Arm und den linken sanft
ausgestreckt mit den Knien jungfräulich ein wenig zusammengezogen die Decke
von sich geworfen und nur den Unterleib mit dem leinenen Tuche verhüllt es war
eben eine laue Nacht
    Ich besah alsdenn ihr Zimmer Vor einer Madonna mit dem Kinde nach der
reizenden von Raffael auf dem Stuhl von einem seiner besten Schüler kopiert
brannt eine Lampe und ebenso brannt eine andre vor einer Magdalena gewiss von
dem Wundermanne der Lombardei Antonio Allegri solch eine unbeschreibliche Anmut
war in den Umrissen ihres Gesichts so lieblich die Farbe und unübertrefflich
das blonde Haar gemalt über die jungen Brüste reizend wie von einem Lüftchen
verweht Vor beiden standen Blumenstöcke vor der Magdalena aufgeblühte Rosen
und Knospen vor der Madonna Lilien und Nelken die sie sich selbst den Winter
erzog Auf dem Tische vor jener lagen die Gedichte des Petrarca und
Schreibzeug Federn und Tinte und Papier und beschriebne Blätter Ich las das
eine wo ausgestrichen und verändert war und fand das Lied im Provenzalischen
was sie gesungen hatte Das wußt ich auch noch nicht dass sie ihre Gefühle in so
schöne Form von Worten bringen konnte mir wallte dabei eine Glut nach der
andern auf im Herzen Im Petrarca war das Gediegenste immer gerade das wenige
Vortrefflichste mit ausgetrockneten verschiedenen Blumenblättern belegt und
bezeichnet besonders in den Reimen nach dem Tode der Laura Neben der Madonna
stand ihre Näharbeit in einem Rahmen sie hatte angefangen die lebendigen Rosen
und Lilien vor sich dahinein zu sticken Mich überlief ein Schauder als ob ich
in den Tempel der Keuschheit eingebrochen wäre und lästerlichen Frevel ausüben
wollte Ich blickte durch das Fenster am Bette und der volle Mond wich hinter
die Seealpen den Greuel nicht anzusehen unten rauschte zürnend das Meer auf
Ich ward erschüttert und es fehlte nicht viel dass ich mich wieder in den
Schrank verborgen hätte doch kniet ich vor sie hin und stemmte mich sachte mit
beiden Händen auf ihr Lager ihr ambrosischer Atem berührte mich wie Wonne des
Himmels So lag ich eine Weile in ihrem Anschauen versunken und verloren und
meiner endlich nicht mehr mächtig Ich warf die Kleider von mir und näherte mich
nach und nach leise mit ganzem Leibe dem Schönsten was die Welt hat Ich schob
alsdenn mit den äußersten Fingern das Hemd auf beide Seiten von den Brüsten die
mich mit ihren Knospen der Unschuld anlächelten als ob sie Verschonen ihrer
Jungfräulichkeit bäten und so bracht ich das Tuch von ihren reinen trocknen
Füßchen und den netten Beinen bis an die Mitte der wie Säulen runden üppig
hinaufschwellenden Schenkel worunter es festing
    O all ihr Mächte des Himmels und der Erden welche Vollkommenheiten habt ihr
hier vereinbart Ich zerrann in nicht mehr zu hemmendes Entzücken und riss das
Tuch los und sie fuhr auf und tat einen Schrei unter meinen Küssen
    »Habe keine Furcht« stammelt ich ihr »ich bin Ardinghello und werde dir
kein Leid zufügen« Sie hörte nicht und rief »Bösewicht Schändlicher Hilfe«
und wand sich los und bedeckte sich und weinte in voller Verzweiflung ich war
wie von einem Wetterstrahl durchschlagen in allen Gebeinen
    »Vergib o Himmelskind einem von unwiderstehlicher Liebe ganz
Niedergeworfnen und Überwältigten diese Frechheit Ich schwöre dir bei allen
deinen und meinen Heiligen ich werde dir kein Leid zufügen« so fasst ich sie
mit Gewalt bei ihrer Rechten und hielt sie an mein laut schlagend Herz
    »Weg von mir grausamer Verderber« schluchzte sie
    »Komm wieder zu dir Lucinde« sprach ich ihr ein »sieh ich berühre dich
nicht mehr Ich bin schon glücklich wenn ich dich nur sehe und wenn ich von
dir bin ist alles vor mir in Leerheit Deine Gestalt allein auch ohne Wort und
Zuneigung ist mir mehr als andrer feurige Liebe Sende mich in Gefahren worin
ich tausendmal mein Leben wage dein Wink wird mein Gesetz sein Du bist meine
bessere Seele die alle meine Fähigkeiten füllt Du herrschest über mich wie mein
strengster Verstand sieh das zeig ich dir und alles kann ich für dich tun
außer was mir unmöglich ist«
    »O Ardinghello Ardinghello« weinte sie »verlass mich o verlass mich«
»Göttliche und warum Warum können zwei Menschen wie wir sind nicht ohne
Sünde so beisammen sein Warum immer eine Scheidewand von Mauer und Kleidung und
mechanischer Gesellschaft dazwischen Bedenke wie die Seligen im Himmel sind
und unsre erste Eltern waren Alles dies dient nur wenn man unter dem großen
Haufen ist«
    »Und was willst du von mir was kann ich für dich tun ohne mich unglücklich
zu machen« versetzte sie etwas ruhiger sich rundum einhüllend
    »Sage mir wen du liebst« fuhr ich fort »denn dass du liebst das weiß ich
und weiß noch dass du unglücklich geliebt hast«
    »Ach« antwortete sie darauf nach einigem Stillschweigen »den Hauptmann
einer Galeere der mich wie ich noch ein kleines Kind zu Nizza war schon
aufblühender großer Knabe bei meinen Eltern lesen und schreiben lehrte Hernach
legte er sich auf die Handlung und führte mit der Zeit Kauffahrteischiffe und
endlich wurd er Anführer einer spanischen Galeere Als solchen sah ich ihn nach
langer Zeit vor zwei Jahren in Genua wieder wo wir uns einander versprachen und
die Vermählung feiern wollten wenn er wieder aus dem Türkenkriege käme Allein
er kam nicht wieder und ich hielt ihn für tot bis ich vor wenig Tagen die
zugleich frohe und traurige Botschaft hörte dass er zu Konstantinopel in harter
Sklaverei sich befinde Mir brachte sie ein alter Schiffer aus Antibes der von
dort abfuhr und uns beide kennt Nun hoff ich dass man ihn erlösen und ihm
seinen ehemaligen Posten wiedergeben und wir endlich glücklich sein werden«
    »Zärtliche« verfügt ich darauf »deine Hoffnung steht auf schwachen Füßen
Spanien ist noch im heftigen Kriege mit den Türken und wenn dein Bräutigam ein
Held war so werden sie ihn so leicht nicht herausgeben« Hier verbarg sie ihr
Gesicht ins Küssen und seufzte und weinte und ich fuhr fort »Doch wenn es von
Spanien aus nicht geschieht so kann vielleicht ein andrer ihn frei machen und
was schenkst du mir Englische wenn ich es wäre« drückt ich ihr mit der
Rechten in die Hand und mit der Linken ins Herz »und ich will es dir fast so
gut als gewiss versprechen ich hab einen Freund am türkischen Hofe selbst der
alles kann« Sie verbarg ihr Gesicht noch tiefer und sagte gebrochen unten
hervor »Ach mein Bestes aber du bist grausam« »Und die Versicherung« redt
ich außer mir ihr zu »Gib dort mir her Feder Papier und Tinte und leuchte«
Dies war nun mein Wille nicht aber ich verlangte zu wissen was das schwärmende
Mädchen begänne und nahm die Lampe von der Magdalena Feder Tinte und Papier
und den Petrarca zur Unterlage und die Fromme schrieb und lächelte unter
Tränen
    Wenn Ardinghello mir meinen Bräutigam Florio Branca aus der Sklaverei erlöst
und frei wieder herstellt und zärtlich liebt und schweigt so soll er meine
erste höchste Gunst haben mit diesen Zeilen oder Madonna mich nie zu Gnaden
annehmen aber eher auch nicht einen gütigen Blick verlangen
                                                                         Lucinde
Darauf gab sie mir das Zettelchen mit einem strengen Blick voll Bedachtsamkeit
und sagte »Nun gehorche und verwahr es sorgfältiglich wenn ich so viel über
dich vermag als du sprichst Und noch eins wer hat dich hiehergebracht«
    Hier musste mir nun platterdings eine Lüge aus der Not helfen ich sagte ich
sei ihr nachgegangen und habe mich dort hinter den Schrank versteckt ohne von
ihr bemerkt zu werden »Bist du so ein Tausendkünstler« sagte sie spottend
    Der Morgen brach an ich wollt ihr einen Kuss zum Abschied geben aber er
ward mir nicht verstattet Ich kleidete mich geschwind wieder zurecht und
verließ sie machte für Fulvien auf der Treppe das verabredete Zeichen dass
nichts geschehen sei und sie schweigen sollte eröffnete sachte die Tür des
Palastes und schlich in meine Wohnung
    Den ganzen Morgen konnt ich kein Auge zutun und als ich des Nachmittags ein
paar Stunden geschlummert hatte dünkte mich alles ein Traum
    Als es dunkel wurde ging ich zu Fulvien in Gesellschaft sie und ihr Gemahl
hatten mir ein für allemal Erlaubnis gegeben zu kommen wenn ich wollte Es
befanden sich mehrere Personen vom gestrigen Ball da man sprach darüber und
spielte hernach Lucinde saß unterdessen für sich am Fenster mit dem Kopf in
der Hand und blickte mich nicht an und war in geheimer Betrachtung verloren
Ich machte mich alsdenn zu ihr sie schlug die großen schönen feuchten Augen
nieder und seufzte und errötete über und über Ich getraute mich kein Wort zu
reden Endlich legte sie den andern Arm auch ins Fenster und betrachtete mich
still mit einer gewissen Wehmut voll Empfindung wir saßen allein und sie sagte
nun leise mit Engeltönen zu mir »Was hab ich getan was hast du getan die
vorige Nacht«
    Inzwischen holt ich einen Ring hervor mit dem größten strahlendsten Diamant
unter denen vom Diagoras und schob ihn ihr unbemerkt an den vorletzten Finger
ihrer linken leichten Charitinnenhand und antwortete Aug und Aug in süßem
Liebesgenuss »Nimm hin du Braut meiner Seele« Sie erschrak und war zwischen
Weigern und Zärtlichkeit und blickte darauf und um sich und verbarg dann die
Hand im Schoss und zitterte und glühte
    »Sag mir nur noch mein Leben« fragt ich sie flisternd »ob der alte
Schiffer aus Antibes hier ist und wie er heißt damit ich ihn ausfragen kann wo
man den Florio in Konstantinopel findet«
    »Er heißt Gabriotto« versetzte sie hastig »und liegt mit seinem Schiff im
Hafen« dabei stand sie behend auf trat zu Fulvien an deren Spieltisch die
eben einen feinen Streich machte worüber gelacht wurde und verlor sich dann
aus dem Saale und kam nicht wieder zum Vorschein
    Mit Fulvien hatt ich noch vor Mitternacht eine kurze Zusammenkunft die sich
den ganzen Tag bedachtsam aufführte und nichts merken ließ und erzählte ihr
dass ich nicht übers Herz habe bringen können Lucinden Gewalt anzutun und es
auch vergebens gewesen sein würde Machte ihr eine ganz andre Beschreibung wie
sie mir ihren Geliebten entdeckt hätte der in der Sklaverei lebe und mit
einem Wort dass ich das himmlische Mädchen zu hoch schätze um es zu verführen
und unglücklich zu machen Ich bat sie ihrer selbst wegen von diesem allen
stille zu sein
    Sie wars gar wohl zufrieden und antwortete dass sie die Geschichte wisse
Auch sie woll ihr möglichstes beitragen dass der Armen geholfen werde sie liebe
sie als ihre beste Freundin und eine der vollkommensten Personen ihres
Geschlechts nur könne sie ihre allzugrosse Frömmigkeit Eingezogenheit und Kälte
nicht vertragen die Jugend unsers Lebens besonders beim Frauenzimmer sei zu
kurz um sie so ungenossen wegstreichen zu lassen und in diesem Punkt Lucinde
gewiss immer albern
    Darauf ging es an das Katullische Da mihi basia mille wovon ich mich bald
losmachte In solche neckende Händel geraten wir Liebesritter Aber ich stelle
mich auch auf keinen philosophischen Lehrstuhl wo man zu sein befiehlt was der
Mensch nie war
    Den andern Morgen sucht ich den Gabriotto auf und traf ihn endlich gegen
Mittag in einem Weinhause nachdem ich ihn im Hafen nicht gefunden hatte Es ist
ein herrlicher Alter in seinem Leben von mancherlei Schicksalen
durchgearbeitet Dreimal war er in Sklaverei in Ägypten Mauritanien und
Griechenland und sah Mekka und das Heilige Grab zog mit seinen Patronen über
den Kaukasus und Atlas und kam jedesmal wunderbar wieder los führte nun ein
Kauffahrteischiff und ließ sichs wohl sein in seinen letzten Tagen Was ist
eines Königs Leben der seine Zeit durchgähnt gegen die Wanderungen und Gefühle
eines solchen Erdensohns O gütiger Himmel lass mich nur nie auf einer Stelle
klebenbleiben Ich machte bald mit ihm Bekanntschaft er liebte die
lehrbegierige Jugend wir setzten uns in einen Winkel allein und ich sorgte
dafür dass wir nicht Durst litten
    Ich verschwieg im Anfange mein Geschäft und wir kamen auf die ägyptischen
Pyramiden zu sprechen Er machte die gescheite Bemerkung dabei dass die Leute
damals entsetzlich unter der Zucht ihrer Könige müssten gestanden haben um so
ungeheure Steinhaufen aus ferner Gegend her zusammenzutragen die am Ende doch
nur eine Kleinigkeit gegen die vielen Felsen des Kaukasus Atlas und der Alpen
wären welche die Regen des Himmels binnen den Jahrtausenden zu ebensolcher
unzerstörbaren Form gespült Ich erzählte ihm dabei zum Scherz aus dem Herodot
das Märchen von der reizenden Königstochter die bloß durch ihre Liebhaber sich
eine erbaut habe der sie für jede Gunst doch nur einen Stein herbeischaffen
durften und dass folglich bei allen die Arbeit nicht gleich sauer gewesen sein
möge »Wer den letzten lieferte« antwortete er lachend »und dem Werk die Krone
aufsetzte muss wenigstens guten Mut gehabt haben«
    Er machte mir alsdenn eine angenehme Beschreibung von den Sitten mancher
Länder die er durchstrichen war Zum Exempel von Georgien und Cirkassien wo
die schönsten Menschen leben sagt er dass die Kinder da hervorkämen wie die
Blumen und Früchte auf dem Felde und man von keiner Eifersucht wisse Die Männer
hielten sich bloß für das Mittel ihrer Entstehung und bildeten sich nicht ein
als ob sie dieselben etwa selbst verfertigten wie ein Kunstwerk und wären
dabei eitel auf ihren Verstand oder ihre Geschicklichkeit wie bei uns und alle
Welt lebte glücklicher ohne die Ketten und Fesseln
    Von der Schönheit besonders der Weiber dort gingen wir auf unsre
Landestöchter über und von diesen behauptete er doch dass sie mehr Geist und
Form in ihrer Gestalt hätten obgleich nicht die Zartheit und die Blüte des
Fleisches jener »Als hier in Genua« fügte er hinzu »ist ein junges
Frauenzimmer Lucinde von Montefeltro die ich allem Reiz vorziehe den ich dort
gesehen habe«
    Diese Reden gingen mir wie Du leicht denken kannst gar süß vom Ohr zum
Herzen durch all mein Wesen Wir tranken dabei mit durstigern Zügen Der
Zaubertau des Weinstocks setzte ihn in meine Jugend zurück und durchglühte seine
Adern wieder mit der ersten Lebenswärme Ich fragte ihn darauf ob er diese
Lucinde von Montefeltro genau kenne
    »Wie oft hab ich den Engel als Kind auf meinen Armen getragen und ihr
Leibchen rundum bepatscht und gestreichelt was ich noch immer tun möchte ohn
ihr mehr Schaden zuzufügen« fuhr er lieblich zu sprechen fort »Ihr Vater war
ein heruntergekommener Edelmann der um sich wieder zu erholen hernach
Handlung trieb Mit seiner ersten Frau zeugte er keine Kinder alsdenn schon in
die funfzig vermählte er sich mit einer armen aber jungen und äußerst schönen
Anverwandtin der Mutter der Fulvia Fregosa die nun in das Haus S getreten
ist bei welcher sich Lucinde aufhält Sie hieß Sophia und lebte mit dem alten
Montefeltro schier an die drei Jahr in Ehe als sie wider Verhoffen schwanger
wurde und mit Lucinden niederkam
    Jedoch unter den Rosen der Gastfreundschaft Es hielt sich damals zu Nizza
wegen des milden Winterklimas unter fremdem Namen ein wunderschöner und tapfrer
portugiesischer Prinz auf der eine Wunde im Krieg mit den Sarazenen bekommen
hatte die in seinem Lande nicht recht heilen wollte Dieser mietete sich einen
Garten neben dem des Montefeltro auf dem Weg über den Berg nach Villafranca und
wir alle haben nie anders gemeint als er habe mit Fug und Recht getan was der
Alte nicht konnte Und so ward ein süß verlassen Weib glücklich gemacht und es
lebt ein himmlisch Geschöpf auf der Welt mehr aller Augen zu entzücken
    Als Lucinde ungefähr zehn Jahr alt war starb ihre Mutter die sie als ihr
einzig Kind mit aller Zärtlichkeit liebte ihr Vater tat sie darauf zur
Erziehung in ein adelig Nonnenkloster Nachher ward ich von einem schrecklichen
Sturm verschlagen zum drittenmal gefangen und diente bei einem reichen Kaufmann
in Griechenland Wie ich nach einigen Jahren wieder loskam hatte sich alles
verändert dem Montefeltro waren etliche reiche Schiffe nacheinander teils
weggenommen worden teils zugrunde gegangen zu gleicher Zeit brachen einige
starke Bankerotte in Marseille aus wobei er so viel einbüsste dass die Gläubiger
sich seines übrigen Vermögens bemächtigten Er flüchtete zuvor mit wenigem
hieher da der Reichtum der Kaufleute mehr in Forderungen als barem Gelde
besteht und gab binnen kurzem vor Kummer seinen Geist auf Lucinden nahmen aus
dem Kloster ihre mütterlichen Anverwandten zu sich Und so strahlt sie denn wie
der Morgenstern der bei einer Nacht ohne Mond aus den stürmischen Wellen der
See aufgeht und Glanz von sich träufelt am genuesischen Himmel
    Aber o wäre sie auch so glücklich als sie schön ist und alle weibliche
Tugenden besitzt Sie könnt es sein wenn das Schicksal ihr nicht einen Strich
durch die Rechnung gemacht hätte Florio Branca liebte sie und ihn Lucinde und
sie lebten schon in seliger Ehe miteinander wenn er nicht in Sklaverei geraten
wäre Er wuchs an den Ufern des Varo auf kam in das Haus ihres Vaters ging
alsdenn zur See und bildete sich zu einem Helden
    Im Dienste von Spanien lief er mit einem Geschwader nach der Neuen Welt aus
und streifte in Mexiko und Peru herum Kam wieder zurück mit Ruhm und Schätzen
und sah das edle Reis zu einem schönen Baum emporgeschossen in süßer Blüte
stehen und wollte sich unter dessen anmutigem Schatten letzen als er unter dem
Johann von Austria mit der Galeere die er anführte gegen die Ungläubigen
musste Die Flotte der Feinde von zweihundertundsechzig Schiffen wurde zwar
geschlagen und von den Christen bei den Echinadischen Inseln der größte Sieg
seit langen Zeiten erlangt den sie sich nur jämmerlich zunutze machten allein
Ulazal der tapfre Korsar entkam mit dreißig Dreiruderigen und führte den
Florio mit sich nach Konstantinopel gefangen welcher unter dem Doria beim
ersten Angriffe sich befand und nach vielen Wunden nicht mehr imstande war von
den Scharen umzingelt sich durchzukämpfen Sie kennen ihn dort wie die Reiger
den schnellen gewandten Falken und werden ihn nicht loslassen Er dient als
Sklave beim Grosswesir selbst ich hab ihn gesprochen und ein Briefchen von ihm
seiner traurigen Geliebten hier überbracht worin er sie beschwört ihn zu
vergessen und einen Glücklichern zu wählen wenn er noch ein Jahr lang
ausbleibt«
    Diese Nachricht wühlte mir das Herz auf und Florio dauerte mich ich
seufzte heftig bewegt und im Gesichte glühend Armer Schelm
    Der Alte fuhr fort »Wenn du ihn sähest mein Sohn du würdest ihn lieben
er ist ein gar guter junger Mann bei soviel rauer Tapferkeit Wie oft haben wir
vor wenigen Jahren zusammengesessen und einander erzählt Wenn ich ihm vom
Kaukasus und Atlas sprach so beschrieb er mir wieviel höher die Gebirge von
Amerika wären und wir gerieten dann in einen freundschaftlichen Streit Ich
hatte die unendlich schöneren Weiber Männer und Tiere von weit edlerer Natur für
mich und er pries und rühmte zum Scherz die reichen Gold und Silberminen
womit man die ganze Alte Welt erkaufen könnte wenn man alle Beute herausholte«
    Wir tranken alsdenn auf seine Gesundheit und baldige Befreiung
    Ich fragte den Gabriotto noch ob er vielleicht den Ulazal von Person kenne
und er sagte mir dass er ihn einmal zu Rhodi gesehen habe und schilderte mir
ihn als einen andern Hannibal auf der See Er machte hierbei die Beobachtung
würdig eines solchen Graubarts »Kolonna zog zu Rom im Triumph ein wegen seines
Drittelsiegs wenn einer aber die Taten beider in jenem Treffen genau abwiegen
könnte in welchem Glanze würde da noch der flüchtige Kalabreser vor ihm
erscheinen Ein solcher sichrer Rückzug eines einzelnen Mannes mit seinen
Freunden nachdem er Wunder des Verstandes und der Tapferkeit für die Flotte der
andern Admirale getan hatte aus der vollen Macht der Überwinder bezeugt die
größte Unerschrockenheit Übersicht und Erfahrung Schade und ewig schade dass
er unserm Glauben abtrünnig geworden ist«
    »Zumal« setzt ich hinzu »da ihn der Heilige Vater Pius wieder zu Gnaden
annehmen wollte und Philippen beredete alles anzuwenden dem Helden
Herrschaften und Reichtümer zu schenken wo er sie nur immer haben möchte in
Spanien seinem Vaterlande oder Sizilien wenn er die Heiden verliesse Doch
gefällt mir nicht dass man denselben mit solchen Anträgen bei dem Sultan
wenigstens verdächtig machen sollte damit er ihn selbst aus der Welt schaffte
weil man keine andre Mittel dazu vor sich sähe Ulazal aber war zu klug für
solche Versprechungen scheute überdies die künftige feige schale Rolle und trat
folgenden Frühling nun selbst als Admiral auf mit einer neuen Flotte
    Es ist närrisch dass man von den Kalabresern verlangt sie sollen nicht zu
den Türken übergehn Die Türken plündern ihre Gegenden und führen sie selbst in
Sklaverei und ihre Fürsten sehen gelassen zu ohne sie zu verteidigen und
saugen sie noch obendrein mit allerlei Auflagen aus Sie werden also mit
doppelten Ruten gezüchtigt Was hat ein Mann der Kopf hat und Mut im Herzen
anders zu tun da er allein sich nicht wehren kann gegen beide Feinde die ihn
berauben Er schlägt sich zur Partei der Sieger«
    »Ich will doch lieber in dem Glauben leben und sterben worin ich geboren
und erzogen bin und ein wenig Unrecht leiden« erwiderte der Alte »das Dulden
ist auch süß wenn man das Vermögen noch in sich fühlt auszudauern und große
Belohnung dereinst unter seinen Geliebten dafür erwartet«
    »Ein guter Glaube überwindet freilich alles« antwortet ich ihm darauf und
dachte im Herzen wer damit nur immer in der glückseligen Dunkelheit herumtappen
könnte
    Noch denselben Abend lief ein französisches Schiff im Hafen ein mit dem
neuen Gesandten und Konsul für Konstantinopel und Smyrna das nur Wasser einnahm
und mit dem ersten guten Wind wieder absegeln wollte Ich bediente mich der
Gelegenheit eilte sogleich nach Hause und schrieb an den Diagoras so rein und
frei wies in meinem Geiste lebte frisch von der Hand weg und bat hernach den
Edelen inständig den Florio Branca zu befreien wenn er könnte oder mir
wenigstens die Art zu melden wie es möglich wäre ohn ihm jedoch etwas von mir
zu sagen und dann nach Genua zu schicken
    Die Aufschrift macht ich an seine Mutter damit der Brief desto sichrer
möchte abgegeben werden Der Patron des Schiffs erhielt von mir schon zum voraus
eine Belohnung und ich versprach ihm mehr wenn er mir gute Antwort bringen
würde und sagte ihm zugleich was es beträfe Er gelobte mir heilig an ihn
aufs beste zu besorgen
    Den andern Morgen gegen Mittag ging das Jagdboot auch wieder ab und mir
schwoll das Herz von verschiedenen Leidenschaften sowie der Wind die Segel
schwellte Ich muss selbst über das Gleichnis lächeln und doch ists wahr und
gefällt mir ach unsre Gedanken und Empfindungen sind so zart und veränderlich
und heiter und wild und stürmisch wie die Lüfte
                                                                     Ardinghello
Hierauf gab ich dem Ardinghello keine Antwort und erhielt im März wieder
folgenden Brief von ihm
                                                                    Genua März
Sie hat mich zum ersten Mal geküsst freiwillig und meine Lippen schmachten in
einem fort nach ihrem süßen Munde Schüchtern jungfräulich und doch
naturnotwendig wie der Magnet sich zieht flog unerwartet plötzlich der
himmlische Kuss auf mich Wie selbst darein verwandelt schlief ich die Nacht ein
wollüstig stechend Feuer und bin nun erwacht wie ein seliger Engel O ein
glücklicher Tag der gestrige wie der neue Frühling ging die Sonne auf und
unter Wir saßen gegen Abend oben allein im Garten unten hatte Fulvia und ihr
Gemahl Gesellschaft und die See spielte in kleinen Wellen um wie zärtliches
Leben sich in die Lüfte zu verbreiten
    Ich zeigte Lucinden erst einige Griffe auf der Laute alsdenn sangen wir
zusammen und unsre Herzen ergossen sich endlich ineinander durch Gespräch und
Blicke »Ein Weib ist doch das armseligste Ding auf Erden« seufzte sie auf die
letzt wehmütig nach mancherlei Reden über Welt und Dasein und Bestimmung und
kehrte die Augen von mir ab gen Himmel »gefesselt auf allen Seiten dürfen wir
keinen freien Schritt tun wo uns der Geist hinleitet ohne Schmach und Schande
Nicht über die Straße können wir gehen allein und sonder Mama und Base wenn man
uns für wohlgebildet hält ohne dass die Lästerzungen auf uns stechen Natur und
Leben und Sitten und Gebräuche in andern Gegenden zu sehen und zu hören ist uns
gänzlich versagt wir müssen auf einer Stelle bleiben wie die Pflanzen und
glauben was man uns vorlügt ohne sinnlichen Begriff Wahn und Traum und
Gehorsam unser Eigentum kein Tropfen Wahrheit die Seele zu erquicken
    Wenn eine schön ist so legt man ihr überall Schlingen und derjenige
selbst welchem sie in einer gewitterhaften Stunde gefällig war verleumdet sie
oft hernach am ärgsten und tritt zum schimpfenden Pöbel über wenn er einen
andern vorgezogen glaubt oder sie wird von unvernünftiger Eifersucht noch
fester eingekerkert
    Sind wir nicht schön so erwerben wir keine Liebe mit aller Weisheit und
allen Künsten der Musen und der Minerva und außerdem heißts immer noch sie
ist doch nur ein Weib und kann und darf nichts recht sehen wie es ist
Pedanterei und Ziererei ohne Zweck und Nutzen Ein Weib hat weder Stärke noch
Überlegung etwas Großes in irgendwo zu erlangen und zu fassen die Guten und
Verständigen haben Mitleiden mit dessen Schwäche und die Boshaften verspotten
es und suchen es mit ihrem Lobe vollends zur Närrin zu machen So geht man mit
uns um
    Am besten wär es nie geboren worden zu sein denn was wir wollen und
lieben dürfen wir doch nicht haben oder sobald diese Neigungen in unserm
Herzen aufgehn geschwind von der Erde weggenommen zu werden Unser Los ist
Traurigkeit und Leiden und wenig heitre Augenblicke ein vergnügter sichrer
Zustand ist uns nicht beschieden unser Leben ein schwacher Kahn im stürmischen
Meer oft von Wellen überschlagen«
    Aber warum schreib ich Dir den toten Sinn und Buchstaben von dem was sie so
göttlich in bezaubernden Worten Tönen und Gebärden sagte
    Ich hielt ihre Linke in meinen beiden Händen und sie überließ die
entzückenden Wallungen ihrer innern Schönheit ruhig meinem heißen Gefühl
    »O Lucinde« antwortet ich ihr darauf »du hast viel Wahres gesagt wir sind
ungerecht gegen euch aber auch unser Los ist hart Uns liegt die Arbeit ob und
ihr wirkt still wie die Sonne und macht schon glücklich bloß durch eure
Schönheit Wir müssen alles erringen und erkämpfen und ihr strahlt nur um euch
so liegt man euch zu Füßen
    Hohe Schönheit ist freilich äußerst selten aber auch eine Jungfrau die sie
besitzt und zu gebrauchen weiß ist was bei uns Alexander und Cäsar mit Heeren
von Helden es kommt nur auf sie an was sie erobern will Das ewige Schicksal
hat ihr alle Herzen unterworfen
    Liebe und Geist ist eins und dasselbe unter verschiedenen Namen nur dass man
Überfluss von Geist Liebe nennt hohe Schönheit beherrscht alle Geister Sie
vereinigt sich deswegen gern mit großer Gewalt oder großem Verstande weil da
die Liebe am mächtigsten ist Der Mensch für sich allein überhaupt jedes Wesen
abgesondert ist unglücklich Was kümmert den Vortrefflichen im Grunde Wahn und
bürgerliches Vorurteil Das Gesetz ist toll und töricht das ihm Eigentum und
freien Gebrauch seiner Person abspricht und er tritt es mit Füßen sobald er
kann«
    »Ich möchte lieber Ardinghello sein« versetzte sie schnell in leisem
Nachtigallenton ganz auf mich geheftet »als Semiramis und Laura so jung und
schön mit soviel Tapferkeit und Talent« und hier neigte sie ihre Lippen nach
den meinigen ich ward von einem süßen Blitz durchschlängelt und meine Seele
schwebte in der Herrlichkeit des Entzückens wie aufgelöst von allen Banden So
hielten wir uns lang umschlungen bis unsre Blicke in Wollusttränen untergingen
und sie ausrief rosenrot und lilienblass und sich losriss »O du mein Abgott
was wird noch aus mir werden« ohne mir mehr zuzugestehen
    Fulvia kam bald darauf als ich noch an einen Baum gelehnt stand und mit den
Armen die Augen zuhielt um nichts Irdisches zu betrachten Die Schlaue merkt
alles und erkennt die Momente wie ein edles Raubtier
    So schiff ich denn zwischen einer Scylla und Charybdis im Wonnemeere der
Liebe und lasse mich von ihren Strudeln herumwälzen in Gefahren damit mein Mut
nicht müßig liege Doch erschreck ich zuweilen vor Lucinden sie hat in manchen
Punkten nicht die Biegsamkeit ihres Geschlechts und in ihrer Gestalt entdeck
ich Züge von fürchterlicher Heftigkeit und eben diese sind es was mich so
gewaltsam ergreift und an sie fesselt Ich fühle durch und durch was das
himmlische Geschöpf verlangt und dies foltert mich da es unmöglich geschehen
kann und doch ist der Engel zu schön für die Welt die ihn mit ihren Sitten
angesteckt hat als dass ein Natursohn ihr ihn so ungenossen sein Leben lang
überlassen sollte
    Übrigens studier ich hier immer mehr die Schiffahrt und streiche öfters an
der Küste herum Zu Korsika bin ich auch schon gewesen und das raue Volk
gefällt mir es liegt Stoff darin Es kommt kein Schiff an und geht keins ab
das ich nicht ausforsche Und so beschäftigt sich auch noch meine bildende Kunst
mit der See ich habe die eine Skizze wo ich den Biondello niederstosse im
großen angelegt
    Den Helden Doria besuch ich fleißig und lerne viel aus seinen Gesprächen er
will mir wohl das seh ich aus seinen Mienen und Gebärden und seiner
Offenherzigkeit Er weiß wer ich bin und Fulvia und ihr Gemahl wissen es mit
Lucinden ich bin gleich anfangs von einem meiner Landesleute verraten worden
der mich erkannte In Venedig blieb ich eher verborgen während des Kriegs mit
den Türken und weil es dort viel Maler gibt worunter man sich leicht verstecken
kann hier sind deren kaum ein paar Auch kam ich bei Euch in keine so vornehme
öffentliche Gesellschaften Inzwischen hab ich keinen Schaden davon sondern
Vorteile man schätzt mich desto mehr und ich habe wo ich will freien
Zutritt
    Vor dem Tyrannen von Toskana fürcht ich mich nun wenig mehr meine Tante
meldet mir dass es übel mit ihm aussieht Er hat durch seine Ausschweifungen
schon längst seine Gesundheit zugrunde gerichtet und bei der Kamilla Martella
die Neige seiner Kräfte vollends so abgezapft dass ihm die Zunge steif geworden
ist und verdorrt und er nicht mehr sprechen kann Alles dies ist buchstäblich
wahr und so unklug wirtschaftete kein Tiberius auf der Insel Kapri und kein
Nero in beiderlei Gestalt die noch immer wussten wenn sie für sich aufhören
sollten Ein neuer Hippokrates von Macchiavell wird den jungen Tarquinen auch
noch hierin die Anfangsgründe vorbuchstabieren müssen denn von selbst wird
selten einer so gescheit sein
    Der neue Herzog sein Sohn führt sich auf wie ein Blödsinniger und Eure
berühmte Bianca behandelt ihn auch so mit Fug und Recht
    O Cäcilia Aphrodite des adriatischen Paphos wie lebst Du und unsre Liebe
Du sollst gewiss noch dereinst voll Zärtlichkeit Lucinden und auch Fulvien als
Deine Gespielinnen umarmen Meine Seele schmachtet nach ihr und Dir sei nicht
so karg mit Deinen Worten
                                                                     Ardinghello
Zu Ausgang des März schrieb ich ihm da ich aus dem Schluss seines Briefes sah
dass er ungeachtet seiner Leidenschaft doch den Kopf noch nicht verlor und immer
den Edelmut im Grunde seines Herzens hatte
                                                                  Venedig März
Ich möchte mich lieber mit Dir nur wenige Augenblicke mündlich unterhalten als
in dem längsten triftigsten Buchstabenwechsel
    Ich habe Cäcilien schon zum zweitenmal gesprochen das erstemal in
Gesellschaft und darauf vor wenig Tagen allein Sie ist hoch schwanger gesund
und bei Kräften und Mutter und Brüder und Freunde und Gespielinnen geben sich
alle Mühe ihr neue Ergötzlichkeiten zu verschaffen Es ist eine wahre
Augenweide eine so junge reizende Frau am Ziel ihrer Bestimmung zu sehen und
einem Fremden der nichts von ihr hofft und erwartet muss sie so selbst schöner
und vollkommener sein als sie als Mädchen war geschweige dem glücklichen
Geliebten der die süße Frucht seiner Liebe so heranreifen sähe Ardinghello Du
bist ein Göttersohn zu hohem Wohl erkoren nur verscherze Dein Heil nicht
    Das erstemal wagte sie nicht nach Dir zu fragen aber das Spiel ihrer Blicke
um mich Deinetwegen war mir ein Himmelreich Sie errötete wurde blass
seufzte suchte sich zu verbergen doch die Natur triumphierte ihr Busen wallte
stärker und sie kam endlich zu mir und ließ sich mit mir in ein Gespräch ein
lieblich und traulich Ich fasste mich dabei so als ob ich in diesen
Augenblicken Deiner nicht gedächte und sie ging froher von mir sie mochte nun
argwohnen oder nicht argwohnen denn sie musste fühlen dass ich ihr wohlwollte
und dies schon vorher wissen
    Vor wenig Tagen ließ ich mich bei ihres Vaters Palast anfahren bei welchem
sie noch immer wohnt bis nach ihrer Niederkunft um ihren jüngsten Bruder zu
besuchen den ich nun näher kenne und als er nicht zu Hause war ging ich
inzwischen zu seiner Mutter und traf Cäcilien gerade bei ihr Die Mutter
verließ uns denn eine Weile wegen Geschäften und wir blieben allein Ihre
schönen großen Augen ruhten lang hell und klar auf mir und ihre Lippen
lächelten wie wenn man einen zum Reden zwingen will Mich dauerte die Verlassne
und ich fing an von dem Gemälde zu sprechen das eben vor uns hing und kaum
hatte sie mir den Meister gesagt so war die Frage darauf »Wo ist jetzt Ihr
Freund Ardinghello Ich hab ihn nicht wieder gesehen seitdem er mich gemalt
hat er wird also wohl nicht mehr in Venedig sein«
    Ich antwortete »Den letzten Brief von ihm hab ich aus Genua es geht ihm
dort sehr wohl« Du hättest sehen sollen wie sie darauf lebendig ward und sich
alles an ihr regte ein neuer Morgen ihr Gesicht mit heißen Sonnenblicken Nicht
mehr festhalten konnt ihr Herz »Es ist ein trefflicher Mensch voll Verstand
und Talent und das Geringste ist der Maler an ihm so weit ers auch schon in
seiner Kunst gebracht hat« Hier glühte sie auf wie eine Rose und fügte lächelnd
hinzu sich fühlend »Ich glaube dass ich in ihn verliebt geworden wäre es ist
gut dass er weg ist«
    Mir waren hier die Daumenschrauben aufgesetzt aber doch bekannt ich nicht
wegen ihrer selbst und Deiner und meiner noch scheint es mir nicht Zeit zu
sein Ich antwortete wie kalt und schier eifersüchtig darauf »Dies würde den
jungen Herrn bis ins kleinste Gelenk kitzeln wenn ich ihm so etwas berichtete
er war ganz bezaubert von Ihrer Schönheit wie er Sie malte und beneidete
mutwillig Ihren unglücklichen Gemahl«
    Dies Wort kam wie eine finstre Wolke vor ihrer Schönheit Glanz sie
entfärbte sich und versetzte »Nun so arg und gefährlich ist es nicht Sie
brauchen ihm auch nichts hiervon zu schreiben doch grüßen Sie ihn von mir und
melden ihm dass ich seine Kunst bewundre und große Dinge von ihm erwarte und
den eifrigsten Willen habe ihm in Zukunft nützlich zu sein« Hierüber trat die
Mama wieder ins Zimmer und ich verließ sie bald darauf
    Du siehst daraus dass alle Verstellung ein Ende hat gegen einen der Person
und Sache kennt es ist ein Glück für Euch dass kein solcher unter ihren
Richtern saß Wer die Wege gut weiß geht auch im Nebel sicher und ein
Wollüstling von Auge sieht oft die Gegenstände darin mit mehr Freude als bei
hellem Wetter Inzwischen dauert sie mich doch von Grund der Seele denn sie ist
unglücklich
    Dein Umgang mit Lucinden gefällt mir nicht In Rücksicht ihrer wenigstens
kann ich die Grundsätze nicht billigen die Du ihr einflössest besonders wenn
Florio der Mann ist wie ihn der alte Schiffer schildert ich befürchte dass es
schlimme Händel absetze Überhaupt muss sich jeder nach dem Staate richten worin
er lebt wenn er ihn nicht gewissermaßen übersieht und heraus kann wenn er
will sonst trifft am Ende das Sprichwort ein Der Krug geht so lange zu Wasser
bis er zerbricht Wenn Lucinde Deinen Geist hätte bei ihrer Jugend und
Schönheit o dann stünden ihr Königreiche zu Gebot so aber musst Du sie erst in
das alte Korint oder Athen bringen wenn sie nach Dir glücklich sein soll Und
noch dazu scheint mir ihr Charakter sich nie recht zu bequemen Mit einem Worte
sobald ein Weib eines Mannes Frau wird begibt es sich im Punkt der Liebe seiner
Freiheit hernach eine andre Wahl zu treffen und was opfert der Mann nicht
dafür auf dass ihm dasselbe treu sein möge Schönheit und Keuschheit beisammen
wird ewig eine höhere Vollkommenheit sein als Lais und Phryne setze sie in
einen Staat in welchen Du willst Doch red ich was Lucinden betrifft in der
Ferne und ein einziger Blick auf sie und wenig Worte von ihren Lippen könnten
vielleicht meine eigne Moral wegbannen Das Zettelchen welches sie Dir im Bette
schrieb bleibt immer ein wunderbarer Flug von dem andern Erdenvölkchen weg
wozu eine starke Leidenschaft gehört die alle Furcht von Vorurteilen
überwältigt
    Es schweben Gefahren über ihr und Dir aber wer sich selbst nicht raten
kann dem ist nicht zu helfen Jeder weiß am besten wie ihn die Umstände
umringen
    Fulvien geb ich Dir gerne preis nimm mirs nicht übel echte Genueserin
nach dem Sprichwort10 ein Gesetz von keiner Gewalt in Ausübung gebracht ist
kein Gesetz in Wirklichkeit Wer seine Rechte nicht behauptet der hat keine so
gehts allen Männern die nicht auf ihrer Hut sind Dies sahen die Spartaner
wohl ein und welcher Kopf nicht der noch Vernunft hat
    Ich mag nicht daran denken dass Du mir vom Diagoras sollst entrissen werden
Bleib in Deinem Italien und lies das andre in Geschichten und
Reisebeschreibungen der Mensch braucht zu seinem Glücke nicht den ganzen
Erdboden Die See ist weiter nichts als ein ungeheurer leerer Weg etc
Erst in der Mitte des Mai erhielt ich wieder einen Brief von ihm und zwar aus
Lucca welches mir sonderbar auffiel Er lautete wie folgt
                                                                     Lucca Mai
Auch Du bist schuld daran Lucinde ist von Sinnen gekommen
    Florio Branca kam erlöst vom Diagoras und obendrein mit Geschenken
ausgestattet ein Held wie ein junger Diomed nur im Gesicht voll Ehrennarben
Er wusste nicht dass ich sein Retter war und wir wurden bald Freunde Er drang
auf seine Vermählung zu Messina wo ein Teil der spanischen Flotte liegt war
ihm von den obersten Befehlshabern nicht allein sein voriger Posten sondern
eine weit ansehnlichre Stelle zugesichert worden Ich befand mich eben nicht in
Genua wie er seine Braut überraschte Fulvia erzählte mir sie sei in Ohnmacht
gefallen als sie ihn so unerwartet plötzlich vor sich gesehen hätte Man
schrieb es der Freude zu Sie fasste hernach alle ihre Kräfte zusammen alte
Liebe und Verstellungskünste und Florio hielt sie in seinen Armen stumm vor
Heftigkeit der Wonne nach so vielen Drangsalen
    Ich traf bei meiner Ankunft den Florio zuerst bei ihr und Fulvien und ihrem
Gemahl in Gesellschaft Seine Gestalt und sein Wesen machte gleich auf mich
großen Eindruck starker Gliederbau scharfe Gesichtszüge kleines blitzend
verwegnes Auge verbrannte Farbe krauses Haar und derbes Fleisch und wenig
Worte zeigten mir ein Muster von Seemann und sein Knebelbart und kurzer Säbel
vollendeten das Bild Ich wünschte beiden herzlich Glück über ihre
Wiedervereinigung Lucinde sah mich still an und glich einem Gewitter von
Empfindung
    Die Tage darauf macht ich nähere Bekanntschaft mit dem Florio und meine
kalte Vernunft rang immer mehr meine heißen Begierden zu bekämpfen der Tapfre
war die edelste der Blumen ganz wert
    Ich sprach Lucinden alsdenn allein im Garten Sie jammerte über die Unruhen
des Seelebens und die Kriegsgefahren O wie mein Herz ihr entgegenschlug als
ich die Morgenröte von Küssen um ihre Lippen schweben sah Aber ich verwüstete
schändlich alle Inbrunst der Natur wie ein Gotteslästrer und gab ihr das teure
Zettelchen wieder und stammelte die tollen Silben hervor »Ich kann deine Gunst
nicht annehmen Florio ist deiner Liebe ungeteilt wert in mir ist jede Fiber
Wunde aber seid glücklich miteinander rein und ohne Flecken«
    Sie blieb wie eine Säule stehen las die Zeilen ihrer Hand und zerpflückte
darauf langsam mit den Zähnen das Blatt Stückchen vor Stückchen indes ich von
ihr ging und mir die Tränen in die Augen tobten
    Dies geschah nach der Mittagsmahlzeit Fulvia die von diesem allen jedoch
nichts wusste und auch nie erfahren soll berichtete mir dass sie den ganzen
Abend in ihr Zimmer eingeschlossen gewesen wäre und sie niemand weiter gesehen
hätte bis spät den andern Morgen wo man mit einem andern Schlüssel dasselbe
aufgemacht und sie in ihrer Kleidung auf dem Bette gefunden die Hände ringend
mit dem Oberleibe aufgerichtet und seufzend mit vor sich niedergeschlagnen
unverwandten Augen Weder Fulvia noch der Bräutigam noch irgend jemand hat nach
der Zeit ein Wort von ihr herausbringen können so dass sie völlig die Sprache
verloren zu haben scheint Sie lässt sich geduldig hinführen wohin man will
geht auch für sich herum ringt aber immer die Hände und seufzt versteht
platterdings nichts mehr was man sagt und nimmt an keinem Gespräche mit Mienen
und Gebärden Anteil Sie isst und trinkt wenig sobald sie aber genug hat ringt
sie wieder die Hände und seufzt Es sind von den Ärzten verschiedene Mittel
versucht worden aber alles vergeblich Sie kennt Fulvien nicht mehr ihren
Bräutigam nicht mehr und mich nicht mehr wie sie dieser küssen wollte hat sie
nach ihm geschlagen und ihn ins Gesicht gekratzt Auch von ihren Freundinnen
leidet sie dies nicht sonst ist sie in allem geduldig Ich mochte mir immer mit
einem Strick die Gurgel zusammenziehn wenn sie mich so starr ansah und die
Hände rang und seufzte
    Jetzt steckt sie nun in einem Nonnenkloster zur Verpflegung Florio war im
Begriff sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen und ist nun bei der Flotte
um in der Verzweiflung gegen die Tuneser sein Ende zu finden und ich habe mich
so auf den Weg nach Florenz gemacht O Natur deine schönste Zierde ist
zerrüttet und zugrunde gerichtet Das arme Mädchen zur Lust erschaffen und
aller Augen und Herzen zu entzücken hat nie die höchste Süßigkeit des Daseins
gekostet und lebt nun ein unaufhörlich Gefühl von unaussprechlichem tiefen
Leiden
    Du hast so etwas nicht erfahren und kannst Dirs folglich auch nicht denken
so schön so reizend so geliebt so liebend und so voll Geist und nun auf
einmal alles im Ruin ohne Zusammenhang dasselbe nicht mehr dasselbe es ist
grässlich Wer sie kennt vergisst Tränen über ihr Schicksal ganz Genua trauert
Weide dich barbarische Moral Feindin des Lebendigen mit Wolfsgrimm hier an
deinem Opfer
    Aber auch ich o Gott wo werden mich meine heftigen Leidenschaften nicht
noch hinreißen Ach ich habe ihren Zügel nicht so am sichern Griff dass sie auf
halsbrechenden Wegen nicht einmal mit mir davonrennen der Wagen überschlägt und
Ross und Führer in den Abgrund taumeln wo man Blut und Gehirn noch lange dem
Wandrer an Klippen zeigt bis die Regengüsse des Himmels die Reste des Verwegnen
vom Felsen waschen
                                                                     Ardinghello
Ich konnt ihm hierauf nicht antworten weil er mir keine Zuschrift meldete Die
Begebenheit war entsetzlich und ging mir selbst durchs Herz Je mehr ich darüber
nachdachte desto natürlicher aber kam sie mir vor Fulvia mochte wohl die
größte Schuld haben und weit weniger Cäcilia und ich außer der eignen Großmut
von Ardinghello Lucinde war mit allen Reizen bei ihrer Jungfräulichkeit zu
beklagen ein schwacher Feind in der Festung ist fürchterlicher als der stärkste
von außen
    Seine Reise nach Florenz schien mir immer gewagt ob ich gleich schon längst
wusste dass Kosmus gestorben war
 
                                  Dritter Teil
                                                                     Lucca Mai
Ich sitze hier an den Höhen des Tals von Lucca wo über mir der Wind durch die
Buchen säuselt und unter mir die Quellen rieseln bewegt in der innersten Seele
wie am Scheidewege meines Lebens O wer die Zukunft aufhüllen könnte Aber diese
kennt niemand als der der alles weiß wir sind nur Funken unsers Schicksals
ungewiss die in dem Unermesslichen herumstäuben Wohl dem der wie ein
Schmetterling sich an den Blumen ergötzt die er vor sich findet Hat der
welcher mit Gefahren kämpfte und sein Ziel errang am End etwas Bessers Genuss
jedes Augenblickes fern von Vergangenheit und Zukunft versetzt uns unter die
Götter Was hat der Mensch und jedes Wesen mehr als die Gegenwart Traum ohne
Wirklichkeit alles übrige
    Doch weg mit dieser Mückenweisheit Unser Geist hat mehr Tiefe Nur die
Kraft ist selig die Widerstand nach ihrem Maß überwältigt und ihn nach ihrem
Wesen ordnet seis auch unter Pein und Leiden Dem Herkules als er den Antäus
bezwang rannen die Schweißtropfen süßer hervor aus seiner Stirn als ihm je die
Umarmungen einer schwachen gefälligen Dirne waren und nur Omphale die ihn die
Spindel drehen machte verdiente die Liebe des Helden
    Meine Tante schrieb mir nach dem Tode des Kosmus dass wichtige Veränderungen
am Hofe vorgefallen wären und unsre Feinde einen starken Stoß erlitten hätten
ich sollte mich auf den Weg in mein Vaterland machen sie sei versichert dass
alles gut gehen und ich meine väterlichen Güter wiedererhalten würde und noch
außerdem woll ihr der Kardinal wohl der alles vermöge
    Diese Nachricht kam mir nun gelegen und ungelegen nach Lucindens
Verwirrung ich hatte ganz andre Dinge im Kopfe zur Ausführung aber niemand
kann sich von seiner Wurzel losreißen und so bin ich auf der Grenze Der junge
Herzog ist wenig Schritte von mir zu Pisa und bei ihm Bianca von welcher man
sagt dass sie ihm einen Zaubertrank eingegeben habe so sehr hält sie ihn an
sich gefesselt Beide gebrauchen die Bäder weil sie gern einen Erben von ihm
bekommen möchte11
    Es geht mir hart an dass ich in diese Sphäre hinein soll wenn ich
hineinkomme so erlieg ich vielleicht unter den Trümmern
                                                                     Ardinghello
                                                       Pisa zu Ausgang des Mai
    Da sieh mich nun schon am Hofe Noch aber bin ich wie ein fremdes Tier hier
wie ein Sperber unter dem zahmen Federvieh das mit aller Macht herbeigelaufen
und geflattert kommt wenn man ihm Futter hinwirft und seine Eier legt
    Ich hörte von einer neuen Art olympischen Spielen die in den Bädern sollten
gehalten werden und ging den Tag der zum Fest anberaumt war bei guter
Morgenzeit von Lucca durch das fruchtbare Tal über den Berg
    Unentschlossen wie von einem andern Wesen geleitet wandelt ich herunter
und langte bei den Häusern an mir widerstand die Luft und ein geheimer Ekel
hielt mich so ab dass ich zusammenschauderte und mir die Ohren brausten doch
aber drang ich durch
    Ich hatte mich kaum im Wirtshause zu einem Frühstücke niedergesetzt als
zwei von meinen ehemaligen Kameraden hereintraten mich anstaunten und mir um
den Hals fielen wir waren wie in einer neuen Welt beieinander und mein Blut
stürmte in Katarakten von meinem Herzen »Willkommen willkommen Prospero«
riefen sie »bleibst du bei uns O du musst bei uns bleiben Es soll dir wohl
gehen du hast uns immer gefehlt«
    Mich freuten die natürlichen Aufwallungen ihre Blicke schienen nicht
erlogen und ich vergaß gleich zum erstenmal das apistein des Sizilianers12
    Ich antwortete ihnen bloß auf ihre Fragen dass ich nach Rom reisen wolle und
jetzt von Genua käme und soeben in Lucca von ihrem Feste gehört hätte
Währenddem überraschten mich noch verschiedene andre alte Bekannten und sie
ließ nicht ab bis ich versprach mit Anteil an ihren Spielen zu nehmen
Öffentlich konnte man mir nichts zuleide tun ich war weder verbannt noch hatt
ich etwas gesündigt
    Ein Teil von ihnen machte darauf mit mir einen Spaziergang und ich suchte
durch eingeleitete Gespräche mit diesem und jenem nach und nach geschwind
kennenzulernen was sich seit meiner Abwesenheit verändert hatte
    Zu Mittage speist ich in großer Gesellschaft und bemerkte bald ein paar
Spürhunde die auf mich ausgesandt waren und führte ihre Nasen auf allerlei
Abwege Das Völkchen war überaus lustig und witzelte und sang und scherzte aber
überall fehlte der edle Kern der Selbstständigkeit bis auf einen meiner alten
Freunde Mazzuolo der seinen Geist wunderbar gestärkt hatte und wir teilten
einander unsern Seelenjubel mit im Winkel durch Blick und Kuss und Händedruck und
kurze abgebrochne Reden
    Nach einundzwanzig Uhr kam der Herzog an mit seinem Gefolge von Pisa in den
zu dem Feste besonders aufgepflanzten Zelten und gleich darauf wurden die
Spiele mit Trompeten und Paukenschall eröffnet Das erste war ein
Pistolenschiessen und der Preis ein herrlicher spanischer Hengst aus seinem
Marstall Der Mitstreiter waren mit mir sechzehn lauter junge Leute aus den
besten Häusern im Florentinischen der älteste nicht über dreißig Jahre und der
jüngste nicht unter siebzehnen
    Sie baten insgesamt für mich um Erlaubnis mitzustreiten zumal da einer an
der geraden Zahl fehle der plötzlich krank geworden war Der Herzog ließ mich
in meinen Reisekleidern vor sich und sagte nachdem ich ihm einen Lobspruch wie
einem andern Herkules gemacht hatte es gefall ihm dass ich eben bei dieser
Gelegenheit von meiner langen Reise zurückkomme Bianca die zugegen war
blickte mich an mit einer großen Neugierde und tausend Fragen schwebten auf
ihren Lippen
    Du wirst Dich verwundern über meine Kühnheit und mich vielleicht für
unbesonnen halten allein fürs erste reizten mich die Spiele selbst und mein
ganzer Mut sagte mir dass ich wenigstens in einem den Preis davontragen würde
da ich meine Gegenstreiter so vor mir sah und dann scheint es mir allemal
zuträglicher von ungefähr mit den Tyrannen der Welt Bekanntschaft zu machen
als durch lange Vorbereitungen wo die Zeremonien alle Natur ersticken
    Ich will Dich nicht lange mit der Erzählung aufhalten Wir schossen mit
Pistolen zu Fuß und zu Pferde und ich traf allemal bei weitem das Ziel dreißig
Schritt entfernt am besten Es war ausgemacht dass im andern Falle die zwei
ersten Schützen noch einmal um den Preis kämpfen sollten dies unterblieb also
und die adriatische Zauberin überreichte mir den Zügel des stolzen jungen Rosses
mit diesen Worten »Seid auch so trefflich im Streite wo es das Leben gilt
fürs Wohl des Vaterlandes« Ich sah sie an mit einem kühnen Blick und wieder
schamhaft und berührte ihre schöne Hand wie in der Zerstreuung zärtlich mit den
letzten Fingern der meinigen und antwortete »O wäre schon die Gelegenheit da
Euch o Wunderfrau und demselben meinen Eifer zu zeigen«
    Darauf wurde aus freier Hand mit Büchsen nach der Scheibe geschossen
zweihundert Schritt weit und Mazzuolo kam dem Mittelpunkte vor mir näher ich
hatte hier mein eigen Gewehr nicht Der Preis bestand in einem andern
neapolitanischen Hengst und einem schönen Jagdhunde
    Den andern Tag waren die Fechterspiele Erst fochten acht Paar nach dem
Lose einzeln jedes Paar Die den Stoß beibrachten machen dann wieder vier
Paar diese vier alsdenn zwei bis endlich eins und einer allein der Sieger
blieb
    Die Herrchen fochten mit vieler Zierlichkeit und sagten ihre Lektionen her
ich aber gewann ihnen mit gegenwärtigem Auge und fast lauter geraden Stößen
womit ich in ihre Gaukeleien hineinfuhr den Preis ab dem letzten und
Geschicktesten schlug ich zweimal mit starken unhöflichen Paraden das Rapier aus
der Hand und setzte ihm alsdenn noch obendrein nach einer Sekundenfinte eine
Quart über den Arm gerad auf den rechten Zitz so dass der schwarze Fleck eine
vollkommne sichtbare Finsternis auf seiner weißen Weste machte
    Für dieses Probstück gab mir Isabella die Geliebte meines Vaters einen
goldnen mit Steinen besetzten Degen und mir schwoll die Hand von Grimm wie ich
ihn am Griffe fasste »Tapfrer« sprach sie leise zu mir mit blitzenden Augen und
Honiglippen »ziehe stolz damit wieder in Florenz ein und trag ihn mir zum
Angedenken«
    Den dritten Morgen nachdem Bianca sich gebadet hatte war Wettlauf in
sandiger Bahn und abends Ringen wovon Mazzuolo und ich ausschieden um weder
aus Höflichkeit uns überwinden zu lassen noch den andern vielleicht auch diese
Preise wegzunehmen und so die allgemeine Freude zu stören Und damit es uns kein
stolzes Ansehen gab schieden noch mehrere davon aus Zu Elis hätten wir dieses
nicht nötig gehabt aber man merkte noch außerdem dass wir uns nicht in
Griechenland befanden der Olivenkranz wäre mir lieber gewesen als Ross und
Degen sie blieben immer eine kindische tyrannische und sklavische Belohnung
    Mir überlief die Galle wie ich abends zu Pisa einritt und sehen musste dass
man mehr das Pferd und den Degen als mich betrachtete und wahrlich nicht etwa
deswegen weil ich auf meine Person eitel wäre sondern dass die Nation seit
weniger als hundert Jahren so den großen Sinn verlor wodurch sie sich in den
Zeiten der Freiheit auszeichnete
    Mit einem Wort eine Weiberanstalt Bianca wollte dem Herzog eine Kurzweil
machen und zugleich den jungen Adel von Florenz sich verbinden an einen andern
Zweck wurde wenig dabei gedacht denn wenn man im Ernste daran gedacht hätte so
wär alles unterblieben
    So sieht man oft bei einer Ausführung ohne Gedanken dass Fürstin und Fürst
etwas Gutes in einem Buche mag gelesen haben
                                                                     Ardinghello
                                                                   Pisa Junius
Ich werde die Güter meines Vaters wiedererhalten Bianca hat es mir versprochen
mit welcher ich oft im Gespräch bin und dies ist mir sichrer als ob es mir der
Herzog selbst versprochen hätte Sie ist wirklich ein reizendes Weib voll
Schlauheit und Verstellung weiß das Leben zu genießen und führt bei ihrem Honig
einen scharfen Stachel Sie macht Venedig der hohen Schule der Weiber
gewisslich vor einer großen Anzahl Ehre und es ergötzt sie dass ich dies so gut
kenne Das gefällige Wesen das sie dabei hat wie alle vorzügliche Personen
ihres Geschlechts wärmt und erheitert mich sehr angenehm Sie weiß sich wie die
meisten ein wenig viel mit ihrem Spiegel und dies muss man benutzen
    Auch der Herzog will mir wohl vermutlich durch sie Ich habe schon
verschiednemal mit ihm Schach spielen müssen worin er sich einbildet ein
großer Meister zu sein Ich verlor mit Fleiß das erste Spiel und gab ihm
Gelegenheit zu feinen Zügen die meine Stellung sehr spannten doch macht ich
ihm seinen Sieg noch sauer welcher ihn dann höchlich freute Das zweite Spiel
dreht ich so lange bis keiner mehr gewinnen konnte und überließ ihm wieder das
dritte Beim vierten und fünften aber macht ich den Herrn schachmatt in einer
Reihe von Kettenzügen rühmte seine Geschicklichkeit und entschuldigte ihn mit
kleinen Versehen Bis an den zehnten und zwölften Zug und in die Mitte spielt er
in der Tat vortrefflich hat pünktliche Erfahrung und man muss bei jeder Art von
Spiel wohl auf seiner Hut sein aber bei den Ausgängen was eigentlich nur
Freude macht und tief verwickelte Mannigfaltigkeit hat haperts
    Soweit ging es nun alles gut aber Isabella ist in mich verliebt Mir sagen
es ihre wollüstigen Augen und das Herneigen ihrer Seele wenn ich in ihre
Gesellschaft komme Sie hält wie ein Lämmchen und scheint zwischen
Blutsfreundschaft und andrer Liebe gegen die Gesetze des Judenlykurgs keinen
Unterschied zu machen oder die erstre dünkt ihr vielleicht ohne diese ein
leerer Name wobei niemand vom Ursprung an einen sinnlichen Begriff habe Und
ihr Vater und ihre drei Brüder lebten so mit ihr nach der allgemeinen Rede
Stammen sie etwa wie Alexander der Sechste und dessen Söhne und Lukrezia von
einer besonderen Menschenart Es mag Fehler der Erziehung sein oder von dem Mord
herrühren mir kommt es abscheulich vor und ich werde zuverlässig mit ihr
keinen Bastarden von Magus zeugen
    Ich finde hier eine gute Schule den Menschen zu studieren wo er in
verschiedenen Punkten seine Vorurteile abgelegt hat und bloß nach seiner innern
Natur lebt schier wie unter den Imperatoren Klaudius und Nero So viel ist
wenigstens richtig man trifft unter ein Dutzend Personen von beiderlei
Geschlecht beisammen wie in wohlgeordneten Staaten kaum drei oder vier an die
jederseits Pein litten wenn sie sich einander helfen könnten Sorgten nur die
Gesetze für die Folgen wie in Sparta
    Mit klopfender Sehnsucht hoff ich auf Nachricht von Euren Gewässern
                                                            Prospero Frescobaldi
Ardinghello schien mir schon von dem Wirbel des Hofs ergriffen und mir war
bange vor den Gefahren die ihn umgaben Ich glaubte dass was ihm so schnell
und heftig aufeinander begegnete sein junges Gemüt in etwas aus seiner
Grundverfassung gesetzt habe und rief ihm zu als warmer Freund von fern unter
manchem andern
    Kein hoher Geist der frei sein kann verpflichtet sich an den Hof eines
Despoten er erwählt lieber Wasser und Brot Bei einem schlechten Fürsten kann
keiner ausdauern ohne schlechte Streiche zu begehn es ist platterdings nichts
anders zu tun für einen Edelen der sich retten will als zu fliehen So hätte
Seneca unter dem schicklichsten Vorwand erst Agrippinen und dann den Nero
verlassen wenn er ein Stoiker wie sich gebührt hätte bleiben wollen Allein
es gefiel dem Herren zu herrschen er blieb bei den Tigern und duckte sich unter
ihre Klauen
    Ich erinnerte ihn an seine ehemaligen republikanischen Gesinnungen warnte
ihn vor den Ausschweifungen in der Liebe und beschloss mit der Nachricht die
ihm so freudenvoll sein musste dass Cäcilia schon vorigen Monat auf dem Landgut
ihres Vaters am Lago di Garda von einem gesunden und starken Knäblein ohne lange
Mutterwehen glücklich entbunden worden sei und ich mich nun wieder in der
Nachbarschaft befinde wo unsre Freundschaft so frisch und mächtig aufgrünte und
in unsern Herzen unzerstörliche Wurzeln schlug Er könne nun alles einlenken
sein Leben in Zukunft äußerst angenehm zu machen
                                                                Florenz Julius
Deine zärtliche Sorge für mein Heil rührt mich bis ins Innerste und die
Nachrichten von Cäcilien freuen mich herzlich allein die Zeiten meiner Ruhe
des glückseligen Maulwurflebens sind noch nicht gekommen
    Ich verstehe alles was Du sagst nur möcht ich das Blättchen umwenden und
behaupten bei einem trefflichen Fürsten kann keiner ausdauern ohne schlechte
Streiche zu begehen Die Sokratische Philosophie hat den Fehler dass sie fast
alles auf den Nebenmenschen und die Gesetze des Staats bezieht und nichts an und
für sich betrachtet welches natürlicherweise allemal vorgeht Nach der Meinung
des alten Patrioten der doch den Schierlingsbecher zu seinem eignen Besten
ausleerte wäre nur der Löwe gut und schön der seinen Ateniensern Hasen fing
Nero der zwar immer im Taumel lebte und selten klar sah und bei Überlegung hat
wenigstens damit der wahren Politik ein Ziel gesteckt dass er sagte keiner habe
so wie er vor ihm verstanden zu herrschen In der Tat zeigt die Geschichte des
Decemvirn Appius mit der Virginia die Einfalt der damaligen Zeiten und Sylla
Augustus und Tiberius sind schon Virtuosen dagegen im Despotismus
    Mit der Idee von einem vollkommenen Staate kann man leider geschwinder fertig
werden als der Wirklichkeit da legen Grund und Boden Ursprung und Geschichte
des Volks gegenwärtige Stärke an Leib und Seele dessen Glauben Meinungen und
Sitten und Nachbarn unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg und kommen lauter
unbezwingliche borstige Ungeheuer zum Vorschein Hier hast Du kurz mein
Glaubensbekenntnis und ich will Dir reinen Wein einschenken
    Man betrachtet eine Gesellschaft von Menschen die man einen Staat nennt am
besten als ein Tier das von innen Kräfte Proportion aller Teile haben und
gesund sein muss und volle Nahrung um für sich auf die Dauer zu existieren und
glücklich zu sein und von außen Stärke Erfahrung und Klugheit um sich gegen
die Feinde zu erhalten denn alles von außen wie Kindern bekannt ist Feind
    Das Wohl des Ganzen ist das erste Gesetz wie bei jedem lebendigen Dinge
und jede Staatsverfassung wo nur ein Teil sich wohl befindet oder gar
abgesondert wäre ist ein Ungeheuer eine Missgeburt
    Ein Despot also das ist ein Mensch der ohne Gesetze die aus dem Wohl des
Ganzen entspringen über die andern herrscht bloß nach seinem Gutbefinden ist
kein Kopf am Ganzen des Staats sondern ein Ungeziefer ein Bändelwurm im Leibe
eine Laus Mücke Wespe das sich nach Lust an seinem Blute nährt oder will man
lieber ein Hirt weil doch dies das beliebte Gleichnis ist der seine Schafe
schiert und melkt und die jungen Lämmer schlachtet und die fetten Alten
wahrlich nicht zu ihrem Besten sondern zu seinem Besten
    Der Staat ist endlich ein Tier das seine Gesetze hat weder von Kühen noch
Schafen sondern von der Natur des Menschen weil er aus Menschen besteht und
kein Mensch ist so über andre wie ein Hirt über seine Herde Ein vollkommener
Staat muss ein Tier sein das sich selbst nach seiner Natur seinen Bedürfnissen
und Erfahrungen regiert wie ein Ulysses für sich nach den Umständen und gegen
andre
    Eine reine Aristokratie wo mehrere beständig herrschen nach ihrem
Gutbefinden ohne Gesetze aus dem Wohl des Ganzen nur mit Gesetzen für ihr
Wohl die sie nach Belieben ändern ist eine vielköpfige Hyder von Despotismus
viel Ungeziefer auf dem Leibe statt eines
    Ein Staat von Menschen die des Namens würdig sind vollkommen für alle und
jeden muss im Grund immer eine Demokratie sein oder mit andern Worten das Wohl
des Ganzen muss allem andern vorgehn jeder Teil gesund leben Vergnügen
empfinden Nutzen von der Gesellschaft und Freude haben der allgemeine Verstand
der Gesellschaft muss herrschen nie bloß der einzelne Mensch
    Diese Lage aber zu erhalten dazu gehört ein durchgearbeitetes Volk das
sich selbst seine Kräfte und sein Interesse kennt und sich in einen Punkt
vereinigen kann und selten ist einer der an der Spitze steht aus Liebe oder
Gewalt imstande eine andre Verfassung in eine solche umzuändern geschweig ein
Philosoph auf seinem Studierzimmer Die ursprüngliche Ungleichheit der Menschen
und die daraus entspringende äußerliche Ungleichheit der Besitzungen und der
Gewalt und des Ansehens machen noch überdies den gordischen Knoten der durch
keine Vernunft an und für sich ohne Rücksicht auf die jedesmalige Verfassung
aufzulösen ist Nur ein Dichter kann auf einmal Tausende und Millionen von
Menschen wie überein gedrechselte Maschinen in einen Raum wo kein Grad der
Breite von Europa Afrika Asien und Amerika ist hinstellen und in beliebige
Ordnung bringen
    Was für Mühe kostete es nicht dem römischen Volke das in dieser ersten
Kunst über alle Nationen hervorragt ehe es sich von der Gewalt der Könige
losmachte und hernach durch seine Tribunen die Aristokraten bändigte O es ist
dem Menschen so süß über andre zu herrschen deren Knaben und Töchter und
Weiber sich aufwarten zu lassen ihren besten Wein zu trinken ihre besten
Früchte ihr bestes Gemüs und Fleisch zu schmausen sie im Sonnenbrand arbeiten
zu sehen und selbst in kühlen Schatten faulenzen sie unter den Schwertern und
dem donnernden Geschütz der Feinde zu wissen wenn junge zarte Dirnen ihm
sorgsam die Fliegen wegwedeln Jeder will dazu Recht haben und göttliches Recht
haben sobald er im Besitz ist und ließ eher den letzten Kopf von allen seinen
Untertanen Vater und Sohn Mutter Bruder Schwester Tochter über die Klinge
springen die es rebellisch leugneten und befände sich lieber allein in einer
Wüste zwischen der Pest der Hingerichteten als dass er zum Exempel einem Rom
gestattete außer seiner Unterjochung das erste Volk der Welt zu sein Dies ist
in der Natur; so elend ist der Mensch alle unsre Moral ist gemacht und steht
nur in Büchern lehrt es nicht alle Geschichte
    Dasselbe tut man um Herrschaft zu erlangen und düngt die Felder mit
Bürgerblute Du kennst die Verse des Euripides die Cäsar im Munde führte
    Sie haben allerlei Blendwerk von Beschönigung ausersonnen worunter das
täuschendste ist dem Staate Ruh und Ordnung zu verschaffen und behende Stärke
zu geben und sie stellen sich an als ob sie nur dessen erste Diener wären und
große Lasten auf sich trügen Wie ist aber einer Bedienter dem niemand
befiehlt der keinen Herrn über sich erkennt Wie ist einer Bedienter der nach
Gutbefinden Gesetze macht und gibt und keins annimmt nach Willkür ohne Gesetze
straft Gesetzt auch Ruh und Ordnung ist dies Glückseligkeit Im Kerker ist
auch Ruh und Ordnung
    Behende Stärke Xerxes erfuhr sie anders von den Temistoklessen der
Griechen und die Diktatoren der Römer die Kamille sind andre Leute als
vielleicht je einer unter ihnen war und kosteten sicherlich weniger zu
unterhalten Doch wenden wir unsre Ohren ab von diesem Larifari die Sache
springt von selbst in die Augen Kein Tyrann wird wohl je so ein Narr sein und
sein Sklavenreich einem freien Rom Athen oder Sparta vorziehen strahlende
Namen durch alle Zeitalter allein wenn er gescheit ist und mit einem Gescheiten
unter vier Augen spricht ganz etwas anders behaupten etwa folgendes
    Jedes Wesen darf von Natur um sich greifen soviel es Macht hat es sei
unter seinesgleichen oder andern Dingen Du zürnst dass du gehorchen musst
Gehorche nicht wenn du kannst und du erhältst ein ander Recht Dass ich
Sultan zu Konstantinopel herrsche da es mir Millionen und Millionen Sklaven
erlauben wie nimmst du das mir übel Willst du über nichts herrschen Ist nicht
jeder Mensch ein Sultan wenn er kann nicht jeder Stier und Hirsch Die
Verständigen werden freilich nie gehorchen wenn sie nicht müssen Gehorchet
nicht wenn ihr könnt solange bis ihr alle Herren seid und euer Staat ist die
Vereinigung des reinsten Ganzen eine Sonne wo jeder Teil Licht hat und flammt
und brennt und einer den andern verstärkt und entzückt und alle insgesamt dann
fremde träge Erdenkörper zum Leben erwecken wie jetzt allein ich
    Es ließ sich vielleicht hierauf noch immer antworten Dass der Löwe minder
starke Tiere zerreißt und ihr Blut aussaugt ist nun freilich einmal so in der
Natur und erhält ihn und macht ihn glücklich Dass du Sultan aber über Millionen
herrschest ist Stelzenwerk und macht dich im Grunde unglücklich denn du lebst
nur im Traum und Nebel ohne eigentlichen Genuss Der Zufall hat dich obenan
geschleudert nicht deine Kraft hingestellt Du füllst deine Sphäre nicht aus
und bist immer in einem ohnmächtigen Streben Gefühl von Schwäche hast den
Anschein von Held und Sieger und das Innre von einem niedergetretnen
Überwundenen und so weiter wenn man ungeachtet aller Traulichkeiten Lust
hätte auf der Stelle gespiesst zu werden
    Um zum Beschluss hiervon nach der Schule noch zu reden so teilt man die
Staaten ein in Demokratien Aristokratien und Monarchien und sagt jede
Verfassung sei schier gleich vortrefflich wenn die Menschen gut da wären das
ist wenn jeder oder doch diejenigenwelche regieren die andern lieben wie
sich selbst und ihr Wohlsein nur in dem des Ganzen finden und führt zu
Beispielen an Athen nach dem Pisistrat Rom nach der Vertreibung der Könige und
den Teseus und Cyrus und Romulus aus den dunkeln Zeiten der Fabel
    Weil aber ein böses principium im Menschen stecke und der reine Geist nicht
allein in ihm herrsche welches alle die Schlechtigkeiten bewiesen die sonst
unerklärlich blieben so habe jede von diesen glückseligen Verfassungen nur
äußerst kurze Dauer und arte bald entweder in Tyrannei aus denn fast allemal
folge auf einen raren weißen Raben Mark Antonin eine Menge Kommodusse oder in
Oligarchie wie nach den Scipionen und Gracchen in Rom unter dem Marius und
Sylla Pompejus und Cäsar oder Anarchie und zügellose Frechheit Und in
Betrachtung der Natur dieser Dinge schmieden sie denn einen Staat zusammen der
aus allen dreien Verfassungen zugleich besteht und erhalten ihn unsterblich und
ewig vollkommen durch ihre Gesetze als ob das Leben sich festhalten ließe
besser als Metall und Holzwerk bei Maschinen Inzwischen sind solche Ideale der
Vollkommenheit von scharfsinnigen und erfahrnen Männern äußerst erspriesslich und
verdienen warmen Dank und hohen Ruhm und Preis ob ich mich gleich lieber an Rom
und Sparta halte den edelsten und vollkommensten Greisen unter allen Staaten
die wir kennen und die vielleicht je gelebt haben Jeder der in der
bürgerlichen Welt sich herumschlägt und da und dort groß und herrlich und
menschenfreundlich wirken will oder irgendwo an der Spitze steht les ihre
Geschichte und denke sie tief durch mit einer Seele voll Erfahrung und sie wird
ihm ganz ander Licht gewähren als auch die besten Maßregeln eines einzelnen
Politikers
    Einem Tyrannen den Dolch ins Herz ändert allein noch keinen Staat um wenn
er nicht reif zu einer bessern Verfassung ist das göttliche Wesen und wenn es
sich auch lauter und rein erkennt als es von seinem Ursprung gekommen ist muss
sich überall nach der Materie bequemen wohinein es vom unerbittlichen Schicksal
getrieben fuhr Einer der aus beiden Brutussen zusammengesetzt wäre würde nun
bei uns immer als Pöbel herumgehen wenn er ohne Hoffnung sich selbst immer gram
bleiben könnte
    Unsre Tarquine hatten wir schon verjagt allein sie wurden uns von einer
unendlich größeren Macht als der des Porsenna wieder aufgebunden und unsre
innerliche Einrichtung war bei weitem noch nicht so wie die römische zur
Republik gediehen und noch außerdem war der heidnische toskanische König gewiss
ein bessrer Mensch als der ortodoxe Karl der Fünfte Dieser voll Ehrgeiz und
kalter List und Schlauheit ohne eigentlichen weitsehenden Verstand kam zu früh
zur Regierung von großen Reichen um ein Mann von natürlichem Gefühl bleiben zu
können Er ging übrigens noch auf dem Weltteater mit den Menschen um wie
hernach in der Einsamkeit mit seinen Uhren und es gehörte ein Sturm von Leben
wie beim Rückzug von Algier dazu und Untergang und Verderben mussten grässlich
vor Augen liegen und seine eigne Person ergreifen bevor sein Herz in wärmere
Wallung gebracht und gegen fremde Not empfindlich wurde Geboren zu Anfang des
Jahrhunderts hat er mit wunderbarem Glück die ganze erste Hälfte desselben
durchgeherrscht und alles musste gewissermaßen sich in seinen Ton stimmen Unsre
Freiheit und die Glückseligkeit von Millionen künftiger Seelen vernichtete er so
ganz ohne Gefühl wie ein Vogelsteller einem Gramsvogel im Garn die Brust
eindrückt
    Es bleibt uns nun nichts anders übrig nachdem der eiserne Arm mit Gericht
und Beil über uns vereinzeltem bunten Haufen schwebt der sich nicht mehr
vereinigen kann als dass einer des andern innerliche Kraft im Vertrauen klüglich
anrege und wenigstens den einen großen Grundsatz auf die sinnlichste Weise
ausbreite dass der Staat der beste sei wo alle überhaupt und die Bessern und
der ausbündig Vortreffliche bei den Vorfallenheiten ihre Rechte genießen und
dass man dabei nicht allein auf glücklichre Zeiten hoffe sondern dieselben
herbeileite Unter dem Kosmus hat der Despotismus schon zu tiefe Wurzeln gefasst
und sein Sohn mag so schwach sein und immer mehr schwach werden als er will so
lässt er sich sogleich nicht ausrotten
    Ich für mein Teil darf mich jedoch wenig über Franzen beklagen er hat mir
nun meine väterlichen Güter wiedergegeben in besserm Stand als sie waren und
um mich sich desto mehr zu verbinden noch eine kleine dichterische Villa dazu
geschenkt nahe bei Kortona mit der reizenden Aussicht über das fruchtbare Tal
der Chiana und den Trasimenischen See und mich zugleich zum Oberaufseher aller
seiner Kunstsachen Schlösser und Gebäude angestellt Freilich wenn ich
Isabellen sehe flammen nichtsdestoweniger immer aufs neue rächerische Blitze
von meinem Herzen
    Meine Tante und der Kardinal Ferdinand13 der ein ganz andrer Mann ist
scheinen sich das Leben sehr froh zu machen so wunderbarlich laufen die
Begebenheiten ineinander
    Wegen meiner Ausschweifungen in der Liebe brauchst Du nicht sehr bange zu
sein der hat gewiss ein verwahrlostes Haupt der nicht beizeiten erkennt dass
die Gesundheit der Grund und Boden aller unsrer Glückseligkeit ist ohne welchen
kein Vergnügen bestehen kann und überhaupt dass volle Existenz das höchste Gut
in der Welt ist und alles andre dagegen nur Freude von kurzer Dauer
    Ohnerachtet dieser Grundsätze schweb ich vom neuen in Götterwonne mehr als
jemals Ich war noch keine fünfzehn Jahr als ich mit einem kleinen Engel aus
der Nachbarschaft noch unter meinem Alter eine Tochter zeugte Meine Eltern
vermittelten verbargen und bemäntelten die Sache mit der Schwiegermama der
hinterlassnen Witwe von einem Buchhändler so gut als es geschehen konnte Meine
Geliebte ward in ein Kloster getan und den Augen der Leute so entrückt und die
Frucht der Unschuld mit lächelnder Zärtlichkeit erzogen
    Ich habe beide wiedergefunden In einem Garten voll Blumen aus einem
Traubengeländer flog Emilia auf mich und hing an meinen Lippen an meinem Herzen
mit tausend neuen Reizen und führte mir behende dann das süße Geschöpf zu das
liebkosend mit ausgestreckten Armen nach mir aufsah und »Vater Vater«
entzückend mir durch Mark und Bein frohlockte
    Sobald ichs möglich machen kann reis ich zu Euch ich muss Cäcilien selbst
sehen und sprechen mit Briefen ists nicht getan und Du begleitest mich dann
hieher Wir wollen wie in einem Paradiese leben
                                                                     Frescobaldi
                             Cäcilia an Ardinghello
Nur die Liebe zu Dir hat mich erhalten O dass ich nicht bei Dir bin Welch ein
Gegenstück zu unsrer bangen furchtbaren Trennung Aber noch ist mir die Sonne
der Freude nicht ganz aufgegangen doch weiden sich meine Blicke an ihrer
lieblichen Morgenröte und schon wall ich auf den purpurnen östlichen Fluten
entgegen ihrem blendenden ersten Feuer
    O Du mein alles Licht und Leben und Heiterkeit meiner Seele wenn werd ich
mich wieder um Dich winden mich in Dich verwandeln nur voll von Dir nichts
mehr Dein unaussprechliches entzückendes Selbst sein
    Wie eine Rebe den Ulmbaum werd ich Dich umflechten und die süße Traube soll
Dich schmücken
    Hand in Hand wollen wir nun die Gestirne blinken und den Mond aufgehn sehen
im kühlen erquickenden Geflister der bewegten Zweige ohne Furcht bei der Nacht
und uns laut küssen und unsre Wonne girren zwischen Rosen gelagert unter dem
hohen Ahorn worin die munteren Philomelen seufzen und zwitschern und schlagen
    Lange lebt ich eine Gefangne mit schrecklichen Phantasien und Träumen nur
Du nur Du mein Abgott und wär ich auch ein Vogel in den Lüften bist in der
weiten Welt meine Freiheit
                             Fulvia an Ardinghello
Grösster und strahlendster Diamant von allen jungen Rittern
    O wär ich so die schönste und größte Perle nur Deinetwegen
    Fortuna und Victoria halten nun den Rosen und Lorbeerkranz über Deinen
Scheitel verschlungen hinten auf Deinem Triumphwagen aber ich war auch
glücklich die Glücklichste unter den Weibern Jene Königin der Amazonen musste
den Überwinder von Asien aufsuchen und Du kamst zu mir Genua zu verherrlichen
und den schwachen kraftlosen Stamm womit ich vermählt bin
    Ich trage mit üppiger Hoffnung die Frucht unter meinem Herzen und sie
beginnt zu reifen Die Parzen selbst haben ihr künftig Leben aus Deinem Munde
gesungen Die Korsaren und das Misstrauen meiner Verschwägerten machten dass ich
noch unverdorben in Deine Arme kam
    Dir fehlt zum König aller Könige nichts als ein Konstantinopel ein Ispahan
                                                             Florenz September
Man muss das Eisen schmieden weil es warm ist Wir Besten haben es miteinander
abgekartet und den Minister gestürzt eh er sichs versah Es war mit dem alten
Ziegenfüssler ohne Bestechung nichts anzufangen und er hat uns Tort und Drangsal
genug angetan Wir sind jedoch säuberlich mit ihm verfahren und er darf in
Einsamkeit und Musse noch seine Beute überzählen Die Kammerjungfer der Bianca
und der Kammerdiener des Grossherzogs schlugen ihm für eine Summe Zechinen das
Bein unter das ist sie brachten ihm aus den Morgenstunden falsche ganz
entgegengesetzte und doch fein und wahrscheinlich erdichtete Nachrichten von
dem was man gern sähe und er plumpte hinein Wir warfen bei der Gelegenheit
noch einige Lächerrlichkeiten auf ihn und empfohlen unvermerkt den welchen wir
an seine Stelle wollten
    Ich hätte den Posten vielleicht für mich erobern können aber ich mocht ihn
nicht Auch bei einem wackeren Fürsten dem ein schlaues Weib gelüstet kommt der
trefflichste Mann zu kurz er hält ihn mit seinen allerweisesten Ratschlägen
doch nur immer bei den Ohren und die reizende Kreatur mit geringerm Aufwande
weit stärker anderswo in nektarsüssen Banden Überdies musst ich scheuen bei
erster Gelegenheit ein Opfer der Eifersucht zu werden
    Der neue lässt sich gut an er scheint ein Mann von Kopf und hat Aufwallungen
von Mut doch merk ich Winkelzüge Wir wollen sehen wie lang er aushält noch
ist er den Zauberfelsen der Sirenen nicht vorbei und keine Scylla und Charybdis
durch und an seiner Stelle werden die mehrsten bald über einen Leisten
geschlagen Jetzt gefällt er sehr der Bianca und dem Fürsten Es war eben kein
Bessrer da  Ich hab ihn beredet sogleich in der Stadt und auf dem Lande einige
neue Anordnungen einzurichten die erspriessliche Folgen haben dürften
    Fürs erste ist die Anzahl der täglichen Lehrstunden in den öffentlichen
Schulen vermindert das bloß leere scholastische Geschwätz soviel möglich
daraus verbannt und es sind andre wackre Meister in verschiedenen Fächern mit
guten Besoldungen angesetzt worden
    Die Geschichte von Florenz und dessen bürgerlicher Verfassung wird nun
gelehrt woran man nicht mehr dachte nebst der von Griechenland und Rom nach
kurzen einfachen vorläufigen Begriffen von menschlicher Gesellschaft überhaupt
    Alsdenn die Naturgeschichte des Landes mit sinnlicher Anzeige dessen was
der Boden gut hervorbringt am besten zum Lebensunterhalt dient und am besten
verkauft wird Noch überdies sollen die Zöglinge während der Ferien bei den
Wallfahrten alles an Ort und Stelle in eignen Augenschein nehmen
    Ferner haben wir den Festen und Spielen der Jugend einen edleren Zweck
zugesellt und man wird nun Schwert und Schiessgewehr mit Leichtigkeit bei
Beleidigungen gebrauchen lernen Zugleich sind sie unvermerkt Gelegenheit dass
der Kern der Mannschaft sich geschwind vereinigen kann wenn es die Not
erfordert Alle Woche ist in den Städten und wichtigsten Flecken eine
Fechtakademie und doppelte Ehrenpreise weil die Verdorbnen die Belohnung doch
gleich in der Hand haben müssen und in Stadt und auf dem Lande wird ebenso nach
dem Ziele geschossen
    Und endlich sind nun für Knaben und Mädchen öffentliche Musikschulen und
Tanz und Zeichnungssäle was ist Leben ohne Freude
    In das Seewesen hab ich mich noch nicht einmischen können Mehr ist nicht
möglich für jetzt zu tun so ist das Volk schon gesunken
    Unser junger Monarch ist übrigens leicht zu leiten und er findet obgleich
nicht ohne gute natürliche Anlagen und manche helle Blicke doch dies aus einer
sonderbaren Schwachheit selbst zu handeln fast immer das beste was der letzte
Wohlredner ihm entschlossen vorträgt
    Äusserst selten tut er etwas aus sich Hilfe und Gesellschaft muss er überall
haben
    Gewohnheit ist eine schreckliche Tyrannin Die Quelle des Übels liegt darin
dass die bequemlich gewordnen Romulusse und Cäsarn durch bloße Geburt von
Kindheit an bei der geringsten Kleinigkeit bedient werden und hernach Maschinen
sind von einer Menge Leuten zusammengesetzt nie ganz und unabhängig eher
Schnecken und Schildkröten als Adler in den Lüften die sie doch sein möchten
Bauer und Bettler haben mehr Gefühl eigener Existenz als sie und genießen größere
Glückseligkeit
    Noch isst und trinkt er gern etwas Gutes und er hat seine Zunge im Geschmack
so ausgebildet wie ein großer Tonkünstler sein Ohr und ein Korreggio sein Auge
Auch lässt er die besten Reben kommen von Osten und Westen und pflanzt sie an in
Toskana und dies verdient gewisslich allen Dank Die Zunge ist der Maßstab
seiner Gesundheit wenn sie nämlich gerade das Mittel hält zwischen Trocken und
Feucht befindet er sich am besten Süss und Bitter unterscheidet er nach allen
Graden wie Licht und Finsternis mit ihren Farben
                                                                     Frescobaldi
                                                                   Rom Oktober
Ich bin mit dem Kardinal hieher gereist um Kunstsachen zu kaufen und in Ordnung
zu bringen und streiche nun herum wie eine Flamme so ist alles bei mir in
Bewegung
    Wer Rom in seinen Ruinen und seiner Versunkenheit ganz fühlen wollte müsst
ein neuer und doppelt und dreifach großer Marius auf den zerstörten und
zerfallnen Kaiserpalästen des Monte Palatino sitzen Kein Mensch auf dem
heutigen Erdboden vermag dies alles ist dagegen zu klein was herkömmt und was
da ist Meine Tränen rinnen auf die heilige Asche der Helden und ich schaudre
zusammen in der Unwürdigkeit wozu mich das Schicksal verdammt hat Welch ein
Glück bei seiner Geburt in ein Rom zu den Zeiten der Scipionen auf die Welt
geworfen zu werden Aber dies kann niemand mehr begegnen
    Wer sich eine Idee von der römischen Gegend machen will muss sie an einem
heitern Morgen oder Abend auf dem Turme vom Kapitol sehen Weit voll großer
reinen Gegenstände ein entzückend Stück Welt zu handeln und wieder auszuruhn
ist sie schöne Hügel fruchtbare Flächen ferne Ketten kühl Gebirg und das
unermessliche Meer in der Nähe zum leichten Ausflug in alle Nationen Und wie
stolz und königlich nun Rom in der Mitte liegt auf seinen freundlichen
mannigfaltigen Höhen an der Schlangenwindung des Tiberstroms als stark
anziehender Vereinigungspunkt Zeigt mir eine andre Stadt in der Welt im
herrlichen Europa von wo aus man dasselbe und Afrika und Asien so bequem
beherrschen könne gerad im mildesten menschlichsten Klima zwischen Hitze und
Kälte
    Es bleibt dabei Luft und Land macht den Hauptunterschied von Menschen
alsdenn kommt Zufall und die Kette der Begebenheiten Neuheit und Ablebung
alles geht im Kreis und Taumel und die Bewegung läuft immer fort Es kann nicht
fehlen jede Gegend stimmt mit der Zeit die Seelen der Einwohner nach sich Rom
ist weit glänzend und groß in prächtigen Fernen schön in der Nähe still auf
seinen bekränzten Hügeln und einsam zum Genuss und Nachdenken und so die Römer
von jeher was die Form betrifft und sie werdens bleiben Jetzt geben ihnen
ihre eignen Ruinen etwas Zerstörendes das noch entferntere Gegenden als ehemals
empfinden
    O dass Du nicht hier bist und mich begleiten kannst Doch ist auch wieder
Genuss und Rührung stärker bei traurigen Gefühlen wenn der Mensch allein ist
    Ich bin die ersten Tage in den Gebirgen herumgeritten zu Tivoli Palestrina
Frascati und Albano und hernach an der See herum zu Nettuno Ostia
Civitavecchia Wie ein Hannibal such ich es einzunehmen das unbändige Rom aber
es wird mir wie ihm nicht gelingen Alsdenn hab ich es wieder von seinen Höhen
betrachtet und nun stürz ich mich hinein in die Tiefe Meine Seele kann wegen
der vorigen Stürme noch keine rechte Ruhe finden und dies treibt mich oft nach
kurzem Schlummer vom Lager auf hier will ich Dir denn um mich zu zerstreuen
und vielleicht zu Deinem Vergnügen etwas beizutragen zuweilen einige Worte über
mein gegenwärtig Leben hinwerfen Für Eingeweihte ist das willkürliche Zeichen
immer ein guter Zauberstab die Gefühle eines andern wieder hervorzurufen zumal
wenn sie dereinst dieselben Gegenstände vor sich haben
    Gestern früh bin ich an dem Kolosseum herumgeklettert Es liegt auf dem
herrlichsten Platze den man sich denken kann gerad in der Mitte des alten
Roms in dem Tale zwischen den drei Hügeln Palatino Celio und Esquilino und
war der bequemste Freudenort für alle Einwohner Es ist rührend und schrecklich
zugleich wie einige Zwergenkel der heroischen Urväter und die Barbaren an den
erhabenen in schöner Form erbauten Massen genagt und zerstört haben und sie doch
nicht zugrund richten konnten Die eine Hälfte der äußern Einfassung ist
weggetragen und aus den geraubten Trümmern sind die stolzesten Paläste der
neueren Welt aufgeführt die andre steht noch ein weiter Kreis in hoher grauer
Majestät mit lauter Quaderstücken von Felsen und dreifachen festen Säulen
übereinander mit korintischen kleinen Pilastern oben gekränzt Die
Zusammenfügungen von Stein auf Stein hat das Maulwurfsgeschlecht überall
durchlöchert um die metallnen Pflöcke herauszuholen und die breiten Sitze von
Bausteinen stehen auf Gewölben noch zum Teil rundum in Trümmern und zum Teil
hat sie die Zeit in Ruinen darniedergestürzt und sie liegen unten im Schutte
    Gras und Kraut und Gesträuch mit Lorbeerstauden grünt und blüht überall wie
auf einem Anger von fruchtbarem Boden und das Oval der Arena ist eine
vollkommne Wiese
    Eine solche Gestalt hat jetzt das ehemalige Wunder der Welt das
achtzigtausend Zuschauer fasste welche alle binnen wenig Minuten wieder auf der
Straße sein konnten und erschüttert noch den kühnsten der heutigen Erobrer
Herum trauern der Esquilino und Palatino und Celio mit ihren zerfallnen Tempeln
Bädern Wasserleitungen und niederen Gewölben
    Der Plan zum Ganzen ist äußerst einfach Die Rundung eiförmig und der
größere Durchmesser teilt sich in vier kleine von denen zwei die Arena einnimmt
und einen auf jeder Seite der Gang vom Gebäude selbst die zusammen etwas über
achthundert Palme ausmachen die Peripherie hat deren drittehalbtausend
    Die Höhe besteht aus vier Absätzen Die drei unteren sind mit Säulen nach
dorischer ionischer und korintischer Ordnung in Bogen übereinander der vierte
ist mit kleinen korintischen Pilastern geziert und schließt ohne Bogen mit
einem prächtigen dreigestreiften Gebälke Die ganze Höhe macht
zweihundertundzweiunddreissig Palme
    Es muss viel Holz darinnen gewesen sein weil es verschiednemal abbrannte
und zuweilen bloß einfach und zuweilen reich verziert und vergoldet war Die
innere Aussicht ging in eine Ordnung von einzelnen Säulen aus die das Zelt
festielten nach den Münzen des Titus und Domizian
    Die Schönheit der Säulen besteht mehr im Verhältnis der Teile als der
Arbeit ihre Form ist rau und einfach wie es die ungeheure Festigkeit
erheischt
    Das Amphiteater von Verona ist kleinlich und provinzial dagegen
    Mir winkte obenauf durch Ruinen und Gesträuch ewig jung und unversehrbar
die Pyramide des Cestius von fern in blauer Luft und ich konnte nicht erwarten
dahin zu gelangen strich an dem halb eingefallnen Septizonium des Severus
vorbei durch die Niederlagen des Circus Maximus zwischen den Aventinischen und
Palatinischen Bergen nach dem Tiberstrom zu und daran fort bis ich der reinen
schroffen Felsenspitze immer näher kam Ach wie alle die Herrlichkeit so
verwüstet liegt Und doch sind die Überbleibsel der Verwüstung nur klein gegen
das was stand vom Circus Flaminius Agonalis Florealis Vaticanus von denen
des Sallust und Nero ist keine Spur mehr zu finden Und was waren die Gebäude
selbst in ihrer Vollkommenheit gegen das ungeheure Leben darin Die Phantasie
des Menschen mit ihrer Götterkraft scheut sich zurück wenn sie sich eine
Vorstellung machen soll wie nach dem Siege des Metellus in Sizilien über
Kartago hundertundzweiundvierzig Elefanten auf einmal kämpften und erlegt
wurden und von hundert Löwen unter dem Sylla es bis auf sechshundert unter dem
Pompejus kam Unter den Kaisern vollends folgte hierin eine Ausschweifung auf
die andre Trajan gab nach dem Dacischen Kriege und dem Tode des Decebalus
hundertunddreiundzwanzig Tage lang dergleichen Schauspiele wo zuweilen bis auf
zehntausend zahme und wilde Tiere und unzählbare Gladiatoren kämpften und
Kommodus brachte nach dem Lampridius hundert Elefanten mit eigener Hand um
    Es ist klar genug dass ein solches Volk welches noch überdies wirkliche
Könige und Helden am Leben wie Jugurta ihren letzten Tropfen Existenz in
seinen öffentlichen Gefängnissen bis auf den äußersten Hunger ausdauern sah der
kleineren ateniensischen Tragödie nicht bedurfte um das Herz nach dem
Aristoteles von Furcht und Schrecken zu reinigen Und was sind wir denen die
Vorstellungen des Sophokles und Euripides zu grausam vorkommen
    Es ist wohl wahr der Mensch bezieht alles auf sich selbst und also auch
die Werke der Kunst sein Gefühl ist wie sein Charakter Ein Miltiades
Temistokles ein Sylla und Cäsar können bei Gegenständen Vergnügen empfinden
die bei einem Schwachen Abscheu erregen und ihn martern weil er nicht die große
starke Selbstständigkeit hat die Leiden andrer außer sich zu fühlen ihre Natur
und Eigenschaften wie jene mit ihren Kräften zu ergründen und zu erkennen die
Sphäre seines Geistes dabei zu erweitern und zugleich über alles dies
emporzuragen ohne sich als Teil damit zu vermischen und selbst zu leiden
Griechen und Römer vergnügte vieles wovor wir fromme moralische Seelen Abscheu
haben Der letztern Fechter waren meist zum Tode verdammte Sklaven und die
Tragödien der ersteren zeigten ihnen wie Menschen untergehen die nicht
vollkommen genug sind und wie Held und Heldin bei Ausübung hoher Tugenden
leiden soll oder sich weise mit ganzem Bewusstsein unter das Gesetz der
Notwendigkeit den ungefähren Zusammenstoß der Begebenheiten beugt Dies
ergreift männliche Seelen und ein solch ausgewählt Leben von trivialen
Lumpereien fern dringt in nichtsdestoweniger rein und scharf fühlende Herzen
es ging nach dem großen paradoxen unsrer empfindelnden Welt unbegreiflichen
Grundsatze der Stoiker der Weise erbarmt sich hat aber kein Mitleiden
    Die Pyramide ist ein gar herrlich Werk hundert und etliche Fuß hoch Sie
steht ewig jung da obgleich das Grün von Gesträuchen sich hineingenistet hat
wie ein gediegner Feuerwurf aus der Erde so scharfflammend grade gegen die
vier Weltteile mitten zwischen den Ringmauern die Seite nach der Stadt gegen
Norden Üppig fest trotzt sie der Luft dem Himmel und seinen Wolken Eine
dauerhaftere Form gibts nicht alles was von oben herunterfällt und in der
Erde anzieht macht sie stärker die mächtigste Feindin der Zerstörung Aber was
hilfts Der Geist und das Leben ist doch weg aus dem Menschen der darunter
begraben liegt sein Name bleibt indessen immer etwas Wie das zarte Schwarz dem
innen blendendweissen Marmor so lieblich lässt Sie steigt hervor so natürlich wie
ein Gewächs und die ägyptische Nachahmung schlägt alle römische Grabmäler
selbst die der Metella des August und Hadrian darnieder
    Da ich so nahe mich befand wandelte ich noch zum Tore hinaus über die alte
Via Ostia nach der SanktPaulsKirche die Konstantin der Große angelegt haben
soll Welch ein Eindruck von verschiedenen Empfindungen Schönheit und Pracht in
ihrer größten Herrlichkeit entzückt Augen und Phantasie und die Armseligkeiten
darum her setzen einem das Messer an die Kehle wie Diebsgesindel Man hat hier
Roms ungeheure Macht und Ruin beisammen
    Sie ist von innen wie ins Kreuz gebaut doch merkt mans kaum und sie
bleibt ein Oblongum nachher erst hat man die Verehrung vom Kreuz ins Alberne
getrieben Die vierzig gestreiften haushohen korintischen Säulen und die
vierzig kleinen glatten unter dem Schiffe machen mit den über doppelt breiten
mittleren fünf Gänge die ihresgleichen in der Welt nicht haben Unter den
gestreiften sind zwei Dutzend von parischem Marmor in höchster Schönheit Das
Scheurendach und Obergebäude darüber mit den acht Fenstern macht damit einen
wunderbaren Kontrast der aber doch einfach ist und gewissermaßen dem Untern
entspricht und dies gibt dem Ganzen eine furchtbare Größe die entzückendste
griechische Schönheit muss vom Schicksal unwiderstehlich genötigt den wilden
Barbaren dienen
    Der Boden ist aus Marmortrümmern worin hier und da noch Fetzen von
Inschriften sich befinden Im Kreuzgange wenn ich ihn so nennen darf sind
sechs große und zwei kleine Altäre mit dreißig Porphyrsäulen alle zwei oder
drei etwa ausgenommen aus einem Stück wie die achtzig weißen Marmorsäulen und
noch tragen da die Decke sechs ungeheure von ägyptischem Granit und vier ebenso
große von Marmor Der herrliche freie Raum tut einem ungemein wohl zwischen den
Säulen samt der uneingeschränkten Höhe
    Diese Kirche bleibt die höchste Pracht der Welt und nichts übertrifft sie
Man mag von den gefangnen rührenden Schönheiten nicht weggehn wie von lauter
Iphigenien in Tauris und die ganze Seele stimmt sich daran rund und
geschmeidig
    Man sagt die Säulen wären vom Grabmale Hadrians der jetzigen Engelsburg
genommen und es ist sehr wahrscheinlich Die Asche des Kaisers muss dort wie in
Blumen gelegen haben unglückliche Manen Übrigens ist es den Römern wieder
ergangen wie sie es den Griechen machten und derjenige welcher diese Kirche
baute hat vielleicht wie Mummius bei Fortschaffung der geplünderten Statuen
von Korint den Schiffern ebenso den Baumeistern gedroht sie sollten andre
Säulen machen lassen wenn sie etwas daran verdürben oder zerbrächen
    Mich überfiel der Mittagsbrand wie ich wieder in der freien Sonne war als
ob ich aus einem kühlen Bade käme und ich verdoppelte meine Schritte nach dem
Tore wo die zwei wilden Türme aus den mittleren Kriegszeiten und die mit Efeu
dicht behangne alte Stadtmauer neben der Pyramide mit ihrem Schatten mich
erfreulich an sich zogen Mir schien der Weg zu weit bis auf den Spanischen
Platz und ich begab mich unter die Pinien Zypressen grüne Eichen und
Maulbeerbäume nach den frischen Weinkellern des Monte Testaccio ließ mirs
köstlich bei einem alten Wirt einem Sizilianer und Sohn des Ätna schmecken
und legte mich nach wohlgehaltnem Mahl und angenehmem Geschwätz in ein Zimmer
gen Norden zur süßen Ruh nieder und fiel in einen erquickenden Schlaf
    Gegen Abend erwacht ich wieder und hörte in einem Saale neben mir
Michelangelo Raffael und Antiken und unten Trommel und Geige Ich sprang auf
und sah zwischen den Bäumen Fest und Tanz und Schönheit und trat in den Saal
Der Streit war so heftig dass man mich nicht bemerkte »Michelangelo« sprach
ein reizender junger Mensch »gehört gar nicht unter die Maler so wenig als
einer der bloß den Kontrapunkt versteht unter die großen Sänger und Geiger
Was hat er denn hervorgebracht Seine Kapella Sixtina und weiter nichts als
seine Kapella Sixtina Ist dies gemalt Ist dies Natur Wer kann sich erinnern
irgend etwas in der Welt gesehen zu haben das seinen Herrgöttern Propheten und
Sibyllen und vollends seinen Seligen und Verdammten gliche Geschöpfe einer
ungeheuren Einbildungskraft die zwar erstaunlich viel für Studium den
Künstlern aber wenig für Volksverstand und nichts für Auge und Herz sagen
    Der elende Florentinerschmeichler Vasari hat mit dem Dampf von seinem
Weihrauchkessel den er dem alten Kunstdespoten unter der Nase herumschwenkte
damit er durch dessen Empfehlung etwas zu malen bekäme den Leuten das Gehirn
benebelt Und ist dies groß im Geiste wie er die gütige himmlische Seele den
Raffael verfolgt hat Weil er selbst sein Unvermögen in der Farbe erkennen
musste so zeichnete er mit aller seiner Gelehrsamkeit die Umrisse dem Venezianer
Bastian und dieser sollte mit seinem Kolorit den Pfeil vergiften Aber was kam
zum Vorschein in Pietro Montorio Ein Zwitterding welches seiner Einsicht
wahrlich wenig Ehre macht und der Göttliche blieb wer er war Raffael
hingegen der edle reine Jüngling der nur die Vollkommenheit der Kunst im Auge
hatte sonder Neid strebte in Unschuld das zu dem Seinigen noch zu gewinnen
was der weit Ältere der Mann in Rücksicht seiner Vortreffliches besaß und
wahrlich meistens aus kindlicher Gutherzigkeit denn die Antiken sind doch auch
hierin ganz andre Muster und Michelangelo ist dagegen ein Wilder Und endlich
konnte Raffael wohl von Michelangelo lernen aber Michelangelo nicht von ihm
denn was den Raffael zum ersten Maler macht lehrt und lernt sich nicht«
    Ein Landsmann von mir der eigentlich mit diesem im Klopfgefechte begriffen
war wurde darüber vor Ärger grün und gelb und die Nase schwoll ihm zusehends
doch konnt er vor Zorn nichts hervorbringen so wortreich er auch sonst ist und
hätte bald wie Markus Tullius Cicero vor dem schönen Klodius dem rebellischen
Tribun das Hasenpanier ergriffen wenn ich nicht einigermaßen seine Partie
aufnahm Ich antwortete
    »Die Herrgötter von Michelangelo könnt Ihr freilich nicht in der Welt
gesehen haben aber gibts in der neueren Kunst erhabnere Gestalten und
entsprechen sie nicht doch alle dem was der gemeine Mann bei uns sich als
Zauberer vorstellt Eure Gestalt selbst Freund ist zu edel und Eure Blicke zu
hochgeistig« fuhr ich fort »als dass der Gott der die Sonne schafft und der
welcher die Eva schafft Euch nicht ergriffen haben sollten Das Erhabne schlägt
ein wie ein Wetterstrahl und berührt am ersten die großen Seelen Die Propheten
und Sibyllen sind lauter mächtige Charakter in Feuer Eifer und Begeisterung
Und im Jüngsten Gericht verdammt Christus streng droht die Sünder majestätisch
mit aufgehobner Rechten fort indes die zärtliche Mutter mit angelegten Armen
und Händen an die Brust die Seligen heraufwinkt und es ist ein Spiel der
Phantasie wo der menschliche Körper in allen möglichen Stellungen wunderbar
sicher ausgezeichnet ist
    Ich habe vor wenig Tagen« fügt ich hinzu »ein kleines Gemälde von ihm
gekauft welches vorstellt Christum am Kreuz wo der Erlöser gesagt hat Weib
siehe das ist dein Sohn und zu dem Jünger den er liebhatte Siehe das ist
deine Mutter Unten auf beiden Seiten mit der Mutter und dem Johannes sie
rechts dieser links und an den Armen des Gekreuzigten schweben zwei Engel in
einem Gewitterhimmel voll Dunkelheit und Feuergewölk
    Christus und die Madonna sind die erhabensten tragischen Gestalten die ich
je in Malerei gesehen habe Christus ist ein leidender Alexander Hannibal
Cäsar und was man Großes und Erhabenes von Menschheit kennt Ein göttlicher
Jüngling voll Güte für den großen Haufen welcher der Menge unterlag ein
Tiberius Gracchus und die Mutter eine Kornelia voll Geistesstärke und Größe
    O wie verschwinden alle Madonnen und wie ist selbst Raffael den ich
bewundre und liebe wie den neueren Apelles klein dagegen und gewöhnlich
Stellung von ihr Blick zu ihm zu seinem schmerzenbändigenden scharfen Aug und
hohen Angesicht herabgehaltne Rechte voll Kraft und Zorn angehaltner linker
Arm Daum und Zeigfinger nach dem Jünger hin gerichtet der Wurf des blauen
Mantels über das rote Gewand alles harmoniert und macht ein Ganzes Johannes
sinkt vor Schmerz zusammen mit übereinandergeschlagnen auf die Brust gelegten
Händen
    Welch Meisterwerk von Zeichnung ist der Körper des Gekreuzigten Wahrheit
bis in die kleinsten Teile und zugleich Leben und Leiden durchaus in Einheit
    Man fühlt wirklich hier etwas von dem was Vasari im allgemeinen sagt der
zuweilen so golden beschreibt ob es gleich wahr ist dass ihn seine antike
Vaterlandsliebe zu Ungerechtigkeiten gegen die drei großen Apostel der Kunst
Raffael Tizian und Korreggio verleitet es ist als ob ein himmlischer
kraftvoller Genius heruntergekommen wäre und Mitleiden mit allen den Stümpern
gehabt und denselben gezeigt hätte wie ein Christus am Kreuz und eine Madonna
und ein Johannes dabei vorzustellen sei Er ist bis zur Täuschung angenagelt und
bewegt sich gerade dazu wie es sich schickt
    Die Mutter ist ein hohes Weib noch in unverwelkter Schönheit ihres Adels
bewusst die über die Grausamkeit zürnt welche man an dem Sohn ausübt sein
ganzes Leiden fühlt mit dem weinenden Feuerblick aber in der Zerknirschung noch
solche Festigkeit und Erleuchtung hat um erhabner als eine Niobe dabeizustehen
und anzuschauen«
    Der junge Künstler fuhr auf drückte mir beide Hände freudig und verschämt
im Gesichte glühend und sprach freundlich zu mir »Ich habe nur gelästert um
den dort zu schrauben und überhaupt erfährt man mit den bittersten
Widersprüchen am besten die Wahrheit die man sonst selten aus den verborgenen
Tiefen eifersüchtiger Virtuosen hervorholt Ich kenne das kleine Gemälde von
Michelangelo wohl wievielmal ist es nicht kopiert worden Nur wünscht ich dass
die Figuren in Lebensgröße wären Ich kann das Kleine nicht leiden es geht mir
wider den Sinn und ist ein Schlupfwinkel wohinein sich Mittelmässigkeit und
Schwäche verbirgt und bei Weibern und Kindern und Unverständigen grosstut«
    Ich antwortete ihm dass ich hierin gar sehr seiner Meinung wäre dass aber
doch am Ende alle Kunst bloß Zeichen sei und Verstand und Geist am mehrsten von
einem Menschen entscheide und dass wer keinen Verstand habe nirgendwo obenan
stehen könne Michelangelo hätte sich überaus mit seinen Enakskindern den
Propheten und Sibyllen genug gerechtfertigt Unterdessen sei wieder wahr es
könn einer außerordentlich viel Verstand und Erhabenheit in der Denkungsart
haben und doch ein schlechter Maler sein
    Hier tat einer in der Ecke mit hämischem Blick und boshaftem Lächeln den
Mund voll gerader weißer scharfer Zähne aus einem prächtigen schwarzen Bart auf
streckte die rechte Hand hervor aus einem abgetragnen grauen Mantel fuhr in
meiner Rede fort und sagte
    »Und einer blutwenig Verstand haben und ein sehr berühmter vielleicht auch
guter Maler sein
    In dieser Kunst kann es einer ohne Schöpfungskraft Erfindungsgeist ohne
eigentlichen Verstand oder wie Ihr das heißt was im Leben einen Menschen über
den andern setzt nach dem allgemeinen Urteile weiter bringen als in irgendeiner
andern wenn er nur ein gutes Auge hat sich eine fertige Hand erwirbt im
Schweiße seines Angesichts und überdies Achtung gibt was denen gefällt die
reich sind und kaufen Und je mehr er bloßer Kopist der Natur ist desto mehr
wird er gefallen Und er muss behaupten dies sei das Wahre und alle Überflüge
der Einbildungskraft die nur hie und da einige Sonderlinge aufhielten als
leeres Zeug verachten und fragen was nennt ihr erhaben«
    Ich wusste nicht ob ich dies für Mutwillen Satire oder Ernst aufnehmen
sollte doch hetzt es mich schnell auf und ich antwortete geradezu wie es die
Lage der Sachen erheischte
    »Erhaben« versetzt ich »ist ein höher Wesen das in uns eindringt mit
Empfindungen Gedanken Gestalt Gebärde Handlung und man bedarf da keiner
weitläuftigen Schreiberei von Sophisten Wer nicht über andre ist soll sie
nicht zu Paaren treiben und ihnen vorpredigen wollen es sei worin es sein mag
Pracht lässt sich wohl damit vereinigen aber Pracht ist nicht Erhabenheit
Erhaben im höchsten Grade was die Kräfte des Menschen unendlich übersteigt
Überall füllt es die Seele mit Entzücken Schauder und Erstaunen dass sie die
Zeit vergisst und versetzt den Menschen unter die Götter«
    »Wir werden nie mit der Kritik nur einigermaßen ins reine kommen« erwiderte
er darauf kalt und trocken »wenn wir nicht die Grenzen jeder Kunst bestimmen
und feststellen was sie überhaupt selbst ist. Und wir sind jetzt da uns zu
freuen und nicht den Weg durch dieses Labyrinth auszuspähen Lassen wir es
also bei dem Gesagten bewenden«
    »Nein nein« riefen hier einstimmig verschiedene »es ist noch hoch am Tage
und die schönste Zeit dazu setzen wir das angenehme Gespräch weiter fort« Und
so baten sie ihn und der so heftig gegen Michelangelo sprach streichelte ihn
liebkosend am Barte bis er folgendermaßen anfing
    »Das erste und heftigste Verlangen der Seele welches sie nie verlässt ist
Neuheit und dann Durchschauung und endlich Vollkommenheit oder Zerstörung der
Dinge. Dies treibt die Unsterbliche durch alle Welten Sie schafft und wirkt
ihre Schwingen sind unermüdlich und verlieren ihre Kraft nie und sie kann nicht
aufhören sich zu bewegen und bewegt zu werden so bescheiden gegen sich dass
sie von sich selbst nichts weiß aber die Iliade zeugt überall genug von
Homeren
    Nun ist der Mensch selten in der Lage dass seine Seele in der Wirklichkeit
hienieden nach diesen ihren Neigungen glücklich sein könnte sie wirft sich also
aus Verzweiflung in die Kunst und treibt damit ihr Spiel Wohl derjenigen die
lange in den seligen Träumen hinschwebt ohne zu erwachen
    Alle Kunst ist Darstellung eines Ganzen für die Einbildungskraft Sie
unterscheidet sich nach den Mitteln die sie dazu braucht und diese sind in
jeder Art ihre notwendigen Schranken wohinein sich ein Weiser leicht bequemt
und worüber nur die Unklugen hinauswollen
    Aristoteles und wer ihm folgt schränkt die Poesie auf Handlungen ein als
ob die Sprache nichts anders sinnlich vorstellen könnte aber selbst die
griechischen Dichter haben sich nie diesem Gesetz unterworfen und Virgils
Georgica und die Natur der Dinge des Lukrez und manche hohe Hymne bloßer
Empfindung werden Meisterstücke bleiben
    Die meisten haben wunderliche Begriffe von Poesie und meinen sie könne ohne
Nebel und Wolken nicht bestehen und müsse platterdings ein Rausch eine Raserei
sein und scheue das Licht der Vernunft; und die albernsten Pöbelmärchen und
Kinderfabeln wären ihr Bestes und Wesentliches und würdigen sie so herab von
ihrem Adel Wenn sie nur den Sophokles und Euripides wollten sprechen hören die
diese Kunst zur Vollkommenheit gebracht so könnten sie sich leicht von ihrem
Wahn befreien
    Die Bildhauerei und Malerei stellt Oberflächen von Körpern dar die
letztere insoweit sie sich durch Farben zeigen
    Ein neues Ganzes wie schon gesagt oder ein altes neu auf die wahrste und
lebendigste Weise den Menschen in die Seele bringen ist Kunst Das Schicklichste
für den Dichter sind Handlungen oder Bewegungen im Zeitraum weil seine
Zeichen das sind Worte nur nach und nach können gehört werden aber doch kann
er immer auch damit Dinge nebeneinander oder Körper darstellen und der Zuhörer
denkt sie sich zusammen wie er am Ende bei den Begebenheiten selbst muss Homer
würde wohlgetan haben wenn er die Gegend von Troja nicht für bekannt angenommen
und die Jahreszeit worin alles geschah sinnlicher gemacht hätte Wer denkt an
Zeit wenn ich einem mit Worten etwas beschreibe und dieser getäuscht dasselbe
dabei sich vorstellt Bei jedem Genuße sind wir ewig und scheinen die Zeit
nicht mehr zu fühlen
    Unser Leben ist kurz wer uns ein Ganzes täuschend am geschwindesten in die
Seele bringt erhält den Vorzug
    Wenn einer inzwischen gar zu große Begierde hat ein neues Ganzes zu wissen
so behilft er sich auch mit dem mangelhaftesten Mittel bis er ein bessers
vorfindet
    Ein Dichter muss dem Maler immer in Schilderung körperlicher Gegenstände
unterliegen und geradeso gehts dem Maler im Gegenteil mit Handlungen
Nichtsdestoweniger ragt doch die Poesie mit ihren willkürlichen Zeichen über
alle ihre Schwestern hervor Kein Maler kann die Größe der Alpen das unendliche
Meer den unendlichen Himmel schildern auf seinem Läppchen Leinwand und kein
Tonkünstler Kanonenschall Donner und Orkan ob er gleich das
seelenergreifendste Mittel unter allen hat da das Lebendigste woraus wir
bestehen selbst Luft und Feuer ist
    Die Musik überhaupt geht ganz aus der sichtbaren Welt hinaus und wirkt mit
bloßen verschiedenen Arten von Bewegung die von der Materie nur den Punkt zu
ihrem Aufflug nehmen und durch ihre Proportionen Empfindungen erregen und ich
glaube schier nach dem Pythagoras dass das eigentliche Element worin die
Geister existieren reiner Klang und Ton ist
    Geschichtmaler ist ein wahrer Widerspruch da ein Maler nur einen Moment
vorstellen kann und Geschichte notwendig eine Reihe von Begebenheiten erheischt
Es versuch es nur einer und erzähle mir mit seiner Malerei Begebenheiten die
ich nicht schon weiß von Menschen die ich noch nicht kenne Und gesetzt auch
einer stellte mir eine Geschichte zum Beispiel vom älteren Scipio mit lauter
Porträten dar so wahr und vortrefflich als ob sie alle Tizian gemacht hätte
was weiß ich dadurch mehr als den Moment Weiß ich was entweder vorher oder
nachher geschehen ist da keiner auch von seinem bekanntesten Freunde
zuversichtlich mit einem momentanen Blicke weiß was er vorher getan hat oder
nachher tun wird So tief im Verborgnen lebt der Urquell unsrer Wirkungen Und
wo ist der Zauberer der mir aus einer Tat oder aus tausend Taten das Gesicht
nur eines Mannes darstellt das er noch nicht sah mit allem seinen
Eigentümlichen Dazu gehört der Gott Platons um den sich das Weltall rollt und
kein Sterblicher Alles was der Maler erfinden kann ist Ideal von Gestalt
dieser oder jener Klasse von Menschen oder Gattung von Geschöpfen im
allgemeinen
    Jedes Werk der bildenden Kunst mit dem Ausdruck von Leidenschaft ist alsdenn
doch nur eine unaufgelöste Dissonanz Das vollkommenste historische Gemälde das
ist wo der interessanteste Moment aus einer Begebenheit gewählt ist und man das
Vorhergehende und Nachfolgende am besten erkennen kann bleibt also immer an und
für sich schon ein quälendes Fragment das weder Herz noch Geist befriedigt
    Um hierüber nicht zu streiten so bleibt ausgemacht das Vortrefflichste
derselben ist das schöne Nackende mit dem Ausdruck gehts hernach wie bei der
Musik er ist die Blüte der Vollkommenheit aber nicht eigentlich die
Vollkommenheit selbst Jeder Sinn hat sein eigenes Element worin der Ausdruck
nur schwimmt Die Poesie arbeitet zwar für alle aber doch ist auch die Sprache
und Harmonie derselben für das Ohr ihr Grundstoff Die schlechten Künstler
meinen sie hätten genug getan wenn sie nur eine rührende interessante
Geschichte mit ihren Wechselbälgen ausstaffieren und ein schmachtend Auge
hineinbringen Ihr Toren eine einzige vortreffliche griechische Statue ohne
Kopf und allen Ausdruck von Leidenschaft geht bei dem Kenner von kunstfertigem
Sinn über all Euer Fratzenwesen von unreifen Gesichtszügen noch so affektiert
geworfnen Gewändern und tausenderlei nachgeäfftem Kostüme Aber auch im
Gegenteil ists nicht genug getan wenn einer einen Haufen nackender Körper
hervorheckt die weiter nichts haben als ihre gehörige Anzahl von Rippen und
Knochen und Muskeln und Augen Mäulern Nasen Ohren
    Mit einem Worte die Schönheit nackender Gestalt ist der Triumph bildender
Kunst viel für Auge und den ganzen körperlichen Menschen wenig für den innern
Sie allein ergreift das Unsterbliche nicht dazu gehört etwas was selbst
gleichwie unmittelbar von der Seele kommt und ihrer regenden unbegreiflichen
Kraft Leben Bewegung Und dies haben unter allen Künsten allein Musik und
Poesie neigt euch ihr andern Schwestern vor diesen Musen«
    Ich sah wohl mit was für einem Feind ichs hier zu tun hatte ein
Federmesserstich von ihm verwundete tödlicher als der Schlag von einer Keule
doch wollt ich ihn erst ganz herauslocken und bat er möchte die Grenzen jeder
Kunst näher bestimmen und insbesondere von Bildhauerei und Malerei und alsdenn
uns seine Begriffe von der Schönheit entdecken Und freute mich unaussprechlich
einen solchen Meister so unvermutet plötzlich anzutreffen Er wollte abbrechen
allein wir ließ ihn nicht Ich setzte mich ihm gegenüber und wir stutzten die
Gläser an die von dem besten Monte Giove schäumten
    »Die Bildhauerei ist eigentlich für einzelne Figuren« fing er vom neuen an
»die Malerei hat die Not emporgebracht mehrere vorzustellen Sie hat dies den
Siegen der Griechen zu verdanken besonders nach der Schlacht bei Maraton Der
Bruder des Phidias Panäos malte dieselbe da dieser selbst sie in Stein nicht
vorstellen konnte weil kleine Figuren darin nicht wirken und die Materie fürs
Weitläuftige zu unbehülflich ist
    Es ist wohl keine Frage welche von beiden Künsten die Formen des Menschen
besser darstellen kann Die Malerei ist eine beständige Lüge und ihre
Erhabenheit und Tiefe erkünstelt Wir lassen uns täuschen weil völlige Wahrheit
und Wirklichkeit wie bei Bildhauerei unmöglich ist und geben uns zu unserm
eignen Vergnügen alle Mühe die Köpfe und überhaupt das Nackende zum Beispiel
vom Tizian rund und hervorgehend und die Fernen und Mittelgründe seiner
Landschaften im gehörigen Abstand zu sehen Ihre eigentlichen Gegenstände sind
wo die Farbe leichte Bewegung und zarter Stoff einen vorzüglichen Teil
ausmacht Die Neuheit hauptsächlich und dann die überwundne Schwierigkeit
machten sie unter dem Zeuxis und Apelles so reizend und gewiss ists dass die
Farbe viel zur Täuschung im ganzen genommen beiträgt Auf den ersten Blick
wirkt ein gemaltes Bild auch auf den Verständigen mehr als eine ebenso
vortreffliche Statue in ihrer Art aber wenig Zeit und Besinnung macht die
Malerei dagegen ganz verschwinden Unter tausend Gesichtern findet man ferner in
einem guten Klima nur äußerst wenige für den Marmor aber weit mehrere für die
Farbe Die Bildhauerkunst ist die echte Probe schöner Form und geht ins
Wesentlichre und das Erhabne die Malerei gibt sich mit allem ab wo sie nur ein
wenig Reiz findet
    Die letztere muss sich also vor allem hüten was schon die Bildhauerei
vollkommen darstellen kann und beide müssen sich davor hüten das Reich der
Poesie zu beschreiten denn jede bleibt überwunden sobald sich nur ein
gewöhnlich guter Meister der andern Kunst an den Kampf macht Poesie enthält
sich der Formen und Farben Bildhauerei enthält sich der Farben und Geschichten
von vielen Figuren Malerei enthält sich alles dessen was sich bloß durch Form
zeigt und so wie die Bildhauerei noch der Geschichten wo man das Ganze nicht
mit einem Blicke herausnehmen kann Dienste und Gefälligkeiten mögen sie sich
übrigens gern erzeigen Rom allein ist voll von Beispielen wie gute und wackre
Meister verunglückt sind indem sie über diese Regeln hinauswollten und den
schönsten Teil ihres Lebens umsonst dagegen kämpften
    Apelles nahm sich wohl in acht kein bloßes Porträt vom Alexander zu machen
hierin musst er allezeit dem Lysipp wegen seiner Formen nachstehen Er bildete
ihn also mit dem Blitz in der Hand mit dem Kastor und Pollux und der Victoria
auf einem Triumphwagen mit dem Krieg hinterdrein diesem die Hände auf den
Rücken gebunden Dies musste Lysipp so natürlich wohl bleiben lassen Aber
Bildhauerei behält doch immer den Rang denn sie zeigt das edelste der bildenden
Kunst nämlich die Form, am vollkommensten Bei Weibern es ist wahr und bei
Knaben ist die Farbe auch sehr reizend allein sie ist doch bloß ein seichter
Augengenuss der nicht in den ganzen Menschen so eindringt wie die Form.
    Das Klassische überall ist das gedrängt Volle wenn einer alles Wesentliche
und Bezeichnende von einem Gegenstande herausfühlt und nachahmt und in diesem
Verstande kann man gewiss schon aus einer Hand oder irgendeinem Teil am
menschlichen Körper bei einem Künstler den großen Mann erkennen wie aus der
Klaue den Löwen Phantasie die aus Tausenden zusammenträgt aber nicht das
Rechte sondern Ausserwesentliche ist das Gegenteil und Bettlerarmut Lumpen und
Lappen und kein ganz Stück Ein Ding recht fassen zeigt den trefflichen
Menschen und macht den Virtuosen
    Der schöne Mensch im bloßen Gefühl seiner Existenz ohne Leidenschaft in Ruhe
ist der eigentlichste Gegenstand der Nachahmung des bildenden Künstlers und
seine Nummer eins in dieser Verfassung ohne alle Bekleidung liegt die reinste
Harmonie der Schönheit und sie passt am allerbesten zu dem gänzlichen Mangel an
Bewegung seiner Werke Alle Leidenschaft alle Handlung zieht leitet unsre
Betrachtung von ihren schönen körperlichen Formen ab Zur Schönheit selbst
gehört der Charakter oder das, wodurch sich eine Person von der andern
unterscheidet Schönheit mit lebendigem Charakter ist das Schwerste der Kunst
    Bei Gruppen von Figuren sind Spiele Scherze die wenig bedeuten die besten
Handlungen weil sie von der Schönheit und den angenehmen Stellungen der Formen
am wenigsten abziehen Die entzückendste Handlung für den Betrachtenden hierbei
ist freilich wo gerad ein Körper den andern genießt Kuss Umarmung 
    Nach diesen Grundsätzen arbeiteten die Alten nicht wie einige Antiquaren
sagen weil die Stille der eigentlichste Zustand der Schönheit wäre wie bei der
See und die schönsten Menschen überhaupt von gesittetem Wesen zu sein pflegten
Das Meer ist im Gegenteil natürlich immer in Bewegung und gewiss schöner im
Sturm als in der Stille und Alkibiades und Phryne und Tais welche
Persepolis in Brand steckte die schönsten Menschen unter den Griechen sind
wahrlich nicht berühmt wegen ihres stillen gesitteten Wesens und Klodius nicht
und die Faustinen und die größten Schönheiten Es sind die Schranken der Kunst
Sie kann das hohe Leben schnelle Bewegung selten darstellen und es ist
wunderlich dies deswegen mit Verachtung in der Wirklichkeit selbst ansehen
wollen
    Wenn das Kunstwerk eine Geschichte darstellen soll so muss der Ausdruck
herrschen denn dieser ist alsdenn der Hauptzweck und Schönheit in Stellung und
Formen und Gestalten muss hier der Wahrheit aufgeopfert werden Allein
Geschichte Szenen aus Dichtern bleiben immer die letzten Vorwürfe der bildenden
Kunst weil sie dieselben nie ganz und nie so mit dem ergreifenden Leben
darstellen kann wie ein Herodot und Homer Der bildende Künstler begibt sich
außerdem von selbst schon hierbei ganz unter den Geschichtschreiber und Dichter
und schafft als Gehülfe zu dessen Leben und Bewegung nur die Körper alsdenn
augenscheinlich hat dieser das Ganze und er nur den Teil
    Die alten Künstler wagten es außerdem nicht den Kern von manchen tragischen
Geschichten darzustellen weil sie bloß das Grausame würden dargestellt haben
und das andre nicht konnten was die Tat mildert zum Beispiel Medeen im Morden
ihrer Kinder die vereinzelte Szene hätte durch ihre Gegenwart alle Geschichte
überblendet Nur Agesander und Michelangelo unter den Neuern sind darüber
hinausgegangen der eine der Kunst der andre der Religion wegen Ähnliche
Bewandtnis hat es bei wahrer Darstellung einer alten Hekuba man denkt sich bei
der gerunzelten Haut ihr ganzes Leben nicht um davon gerührt zu werden Und
eine junge oder noch schöne Hekuba ist Widerspruch und Unsinn
    Kurz eine lebendige Gestalt von einem Charakter sich vorzustellen in aller
Vollkommenheit und Schönheit ist das Meisterstück des bildenden Künstlers
welches wenige noch bis dato geleistet haben
    Schönheit überhaupt in allen Künsten ist wie mich dünkt leichtfassliche
Vollkommenheit für Sinn und Einbildungskraft Wer damit nicht zufrieden sein
will kann sich an die Erklärung des Erzbischofs della Kasa halten welcher das
weltberühmte Kapitel über den Backofen geschrieben hat dieser sagt Schönheit
ist eins soviel nur immer möglich und Hässlichkeit im Gegenteil ist viel
Allein der Künstler bedarf solcher tiefen Philosophie nicht bei seiner Arbeit
Vergebt übrigens lieben Brüder und Freunde wenn ich an dem Ziele
vorbeigeschossen habe und macht es besser«
    Der Mann zog mich doch an sich trotz aller seiner hämischen Blicke auf
bildende Kunst und besonders Malerei und ich verlangte genauere Bekanntschaft
mit ihm zu machen »Schade« rief ich aus »dass ich kein junges Lorbeerreis
habe Euer weises Haupt zu bekränzen ob ich gleich in manchem nicht Eurer
Meinung sein kann Um Kopf und Schweif gleich zusammen zu paaren so glaub ich
nicht dass ein Künstler etwas Gutes hervorbringen werde der ohne deutlichen
Begriff ohne klares Gefühl von Schönheit zu Werke schreitet
    Nach Platons Erklärung den Ihr mir wohl zu kennen scheint ist die
Schönheit die ursprüngliche Idee der Dinge in Gott Und die Seelen die sein
Anschauen genossen und diese Ideen erkannten schaudern wenn sie in diesem
Leben die Bilder davon mit den Augen erblicken erinnern sich dunkel ihres
vorigen Zustandes erschrecken und werden entzückt Ihre Schwingen regen sich
gehen vom warmen Einfluss auf der Federstock keimt und so weiter
    Es ist gewiss eine erhabene Hymne auf die Liebe und liegt tiefe Wahrheit
zugrunde
    Was sich selbst bewegt ist Seele ewig ohne Anfang davon alles Werden und
alle Körper die sich bewegen Schönheit ist die vollkommenste Harmonie der
Bewegung, und die Seele erkennt darin ihren reinsten Zustand Schönheit gibt der
Seele das lauterste Gefühl ihres Daseins Schönheit ist die freieste Wohnung der
Seele Schönheit erinnert die Seele an ihre Gottheit an ihre Schöpfungskraft
und dass sie über alle die Körperwelt die sie umgibt ewig erhaben ist Im
Anfang macht ihr dies Freude aber endlich Pein sie sieht sich gefangen und
dass sie nicht mehr ist was sie war und die Tränen rinnen über ihren nichtigen
gegenwärtigen Zustand Doch stärkt sie wieder ihre ewige Natur und die süße
himmlische Hoffnung regt ihre Fittige dass sie doch bald aus dieser Dunkelheit
aus diesem Wahne von Irrgestalten sich erheben werde in das Licht zu den Scharen
der seligen Geister wo weder Frost noch Hitze abwechseln und alles ist in
seiner mannigfaltigen Wahrheit und ursprünglichen Schönheit
    Nicht geboren werden übertrifft alle irdische Glückseligkeit und wenn du da
sein wirst so ist je geschwinder je besser wieder dahin zu kehren wo du
herkömmst Sobald die Jugend sich einstellt mit ihren tollen Streichen wer
windet sich mit aller Arbeit daraus wer steckt nicht in Plagen und Leiden
Morde Parteien Streitigkeiten Gefechte und Neid Auf die letzt überschleicht
uns das unzufriedene schwache menschenscheue verhasste Alter wo alle Übel
haufenweise zusammen wohnen
    So seufzte selbst der bewunderte Sophokles am Ende seiner glücklichen und
glänzenden Laufbahn
    Ihr sagt Schönheit nackender Gestalt sei viel für Auge und den ganzen
körperlichen Menschen wenig für den innern Sie allein ergriff das Unsterbliche
nicht
    Wenn wahr ist was Ihr selbst behauptet dass wer ein Ganzes täuschend am
geschwindesten in die Seele bringt den Vorzug erhalte so steht wohl bildende
Kunst aller andern voran die Seele genießt vor ihren Werken der mühseligen
Zeitlichkeit entrückt Ihre Zeichen wodurch sie darstellt scheinen die Sache
selbst zu sein so leicht verschwinden sie sie sind die natürlichsten und
sichersten und gelten überall einerlei ohne Missverstand Ich habe hier volle
Gewissheit da ich bei Poesie immer träumen muss und nach Wirklichkeit hasche Bei
ihr hab ich alles zusammen mit einem Blick und dies ergreift den Niedrigsten
bis zum Höchsten Mit einem Wort ihr ist allein die Schönheit im strengsten
Verstand eigen denn diese muss mit einem Blick aufgewogen werden können
    Hier wurd er erbittert und schüttete auf einmal das Kind mitsamt dem Bad
aus und fiel in meine Rede
    »Alle bildende Kunst« behauptete er streng »ist am Ende bloß Oberfläche
Und dies ist die Ursache, warum wahrhaftig große Menschen unter den Künstlern
mit ihren Werken so selten zufrieden waren Sie konnten nur wenig von dem
hineinbringen was sie fühlten und dies nicht einmal so rein bestimmt dass es
gerade dasselbe Leben wieder erregte Ein gen Himmel gekehrtes Auge nehmen wir
das edelste Glied das am deutlichsten vom Innern spricht was kann dies zum
Exempel nicht für vielerlei ausdrücken Ich brauch es nur obenhin denn ich weiß
wohl dass alle Professoren im Grunde der Natur keins nachmachen Bei einem Volke
von Stummen da möchten die bildenden Künste in der Tat viel vermögen denn sie
hätten da mehr Natur für sich nachzuahmen bei uns andern Menschen aber die wir
den größten Teil unsrer Empfindungen und Gedanken mit der Sprache ausdrücken wo
sich besonders bei den Vortrefflichen am wenigsten die Gebärden ändern die wie
man sogar bei Gelegenheit des Laokoon bemerkt hat auch bei den heftigsten
Gefühlen sich selten von außen regen lässt sie ihnen vielleicht gerade das
Schlechteste übrig und der größte Künstler kann oft so wenig von einem
Sokrates Lykurg und Epaminondas darstellen als von einem unvergleichlichen
Sänger oder Geiger
    Nehmen wir vollends wie sauer und selbst nach dem Ausspruch des alten
Michelangelo kinder und weibermässig auch dies Schlechteste muss nachgeahmt
werden und welch eine unerträglich mechanische Übung auch für Menschen von der
höchsten Fähigkeit dazu gehört ehe sie es zur Vollkommenheit bringen und dass
das meiste Wirkliche der bildenden Kunst in den Sälen der Großen jämmerlicher
Wust und Unsinn ist so gehört wahrlich ein starker Entschluss dazu sich in ihr
Feld zu wagen Ihre besten Gegenstände bleiben gewiss die andern Tiere und
Pflanzen Gras und Bäume diese können sie darstellen die Künstler den
Menschen sollen sie dem Dichter überlassen Die Landschaftsmalerei wird auch
endlich alle andre verdrängen Und also können wir gewissermaßen die Griechen
übertreffen weil wir uns gerad an die wahren Gegenstände machen die sie
verfehlt haben
    Nichts wirkt recht auf den Menschen was stillesteht aller Stillstand wird
bald Tod
    Es bleibt gewiss eine Kleinigkeit einen Cäsar einen Brutus von außen auch
vertrefflich zu malen und zu bildhauen gegen das herauszuholen was in ihnen
steckt Auf der Oberfläche kann man den Menschen leicht kennenlernen aber im
Innern in der Tiefe Da gehört ganz andrer Gehalt und Stand dazu
    Wer behaupten wollte dass die bildende Kunst über Poesie Beredtsamkeit und
Philosophie ginge müsste behaupten dass eine Statue oder Brustbild vom Homer
Pindar Demostenes Aristoteles oder nehmen wir neuere dass ein vollkommen
wie möglich auch getroffnes Bild in Farbe oder Stein von Ariost Machiavell
über ihre Schriften ginge Und gewiss möcht ein Gott mehr daran haben wenn sie
mit Haut und Haar so wären wie sie selbst welches jedoch menschlicher Hand
unmöglich aber ein Sterblicher muss eine gigantische Einbildung von seinem
physiognomischen Sinn haben um dies zu wollen Ein solcher versuch es einmal
und ersetz uns aus dem übriggebliebnen Kopfe des Sophokles seine hundert
verlorne Trauerspiele
    Man schaue einen Sokrates an einen Plato einen Euripides wer wird ihre
Marmorbüsten für ihre lebendigen Reden und Gedichte nicht gleich weggeben Wir
können an uns selbst nicht im Spiegel wahrnehmen auch in dem nämlichen Moment
was wir denken und empfinden und sogar verschiedene Leidenschaften zeigen sich
bis auf ihre hohen Grade im Gesicht überein Die ganze bildende Kunst ist ein
vages unbestimmtes Wesen das seinen Hauptwert eigentlich von der Schönheit der
Formen und Umrisse enthält und dann ausserwesentlich ist sie eine große Zierde
der Poesie und Geschichte die aber ganz natürlich ohne sie bestehen können
Poesie ist das innere Leben selbst Bild von Farbe oder Stein bloß das Zeichen
wer jenes nicht schon in sich hat kann bei diesem wenig fühlen und erkennen
    Wo hat in aller Welt je ein Gemälde die Wirkung hervorgebracht die die
Ödipe und Iphigenien hervorbrachten Und wo wird es je möglich sein dass eins
solche hervorbringen könne wenn man auch den Raffael Korreggio und Tizian in
ein Wunderwesen zusammenschmelzte Es versteht sich wahrlich dass hier nicht
davon die Rede sei was päpstliche Neffen und Mönchs und Nonnenklöster teurer
bezahlen
    Ich leugne übrigens gar nicht dass eine erstaunliche Phantasie und Fülle von
Leben dazu gehört sich einen Alkibiades Perikles oder die Aspasia so
vorzustellen und ihre Bilder durch die spätere Kunst lange Zeit nach ihnen so
wirklich zu machen aus bloßen Geschichtbüchern wie sie lebendig waren und
handelten denn in der Tat  hat es auch keiner noch getan Allerlei Gestalten
träumen mag man sich wohl und wer sich an leerer Spreu satt isst mag danach
gaffen und hinlaufen aber Wahrheit physiognomische mit Leib und Leben wie
Wirklichkeit ohne Miene und Gebärde Punkt für Punkt von der Natur selbst
abzukonterfeien diese aus bloßen Erzählungen und selbst eignen Reden der
Menschen zu erfinden geht über des Menschen Kräfte dazu haben wir noch keine
Wissenschaft keine Gründe und Regeln weder Ja noch Nein Unser Bestes sind
noch die allgemeinen Züge der Leidenschaften und andern Empfindungen die sich
in Bewegungen besonders von außen zeigen durch öftre Wiederholung bei
wirklichen Menschen sich in die Gestalt prägen und nach und nach Charakter
bilden aber mit dem Allgemeinen wird man bald fertig und es entsteht endlich
ein rasendes Einerlei
    Kurz ich habe von dem Menschen außer der wirklichen Vermischung
hauptsächlich Genuss durch seine Reden und Handlungen durch Worte und
Bewegungen beides kann mir die bildende Kunst nicht geben Man stelle sich
seinen Freund auch in dem interessantesten Moment der Freundschaft auf einmal
wie zu einer Büste versteinert unveränderlich mit seinen Mienen und Gebärden
vor Mit Erinnerung der Worte aller vor und nach dem Moment wird das Bild gewiss
lieblich in die Seele leuchten und anfangs einen Freudenschauer erregen Aber
wie die Erinnerung sich schwächt wird es nach und nach immer weniger bedeuten
und bei den Gedanken an hundert andre Szenen endlich leer und sogar Spott
werden statt dass nur ein herzlicher Brief von demselben immer neu die Seele
erquickt sooft man ihn nötig hat wieder durchzulesen Was soll nun so ein Bild
auf andre für Wirkung machen die sich dabei platterdings nichts Gewisses
vorstellen können die die Person nicht kennen nicht gekannt haben nichts von
ihr aus der Geschichte wissen
    Geschieht dies bei wirklichen Menschen was wollt Ihr mit Euren Idealen
wovon Ihr nicht eine Form als wahr beweisen könnt Die schönsten Bilder sind
weiter nichts als ein geistig Licht in die Seele die sie aufheitern und
allerlei unbestimmte süße Gefühle in ihr erregen wie ein reiner vollkommener
Akkord auf einem wohlklingenden Instrumente Und solche Schönheit ist das
eigentliche Wesen der bildenden Kunst und keine Handlung die die Poesie weit
wahrer und lebendiger vorstellt Die Handlung kann höchstens nur dienen der
Schönheit den besonderen Charakter zu geben das ist die Handlung ist des
Körpers wegen und der Körper nicht der Handlung wegen da
    Es ist wahr die Schönheit ist ein momental Gefühl und unterscheidet sich
dadurch von bloßer Vollkommenheit die für den Verstand so wie jene für den
Sinn gehört Wo sie aber in der Zeit folgt wie bei Tanz und Melodie und
Gedicht ist sie hauptsächlich für die Seele eigentliche Seelenschönheit
tiefe lebendige denn die Seele hat die Kraft eine Folge sich wie ein
Beisammen auf einmal vorzustellen und zu denken Daraus die Regel dass ein
solches Ganzes nicht zu verwickelt sein müsse damit man wie in einem Atem alle
dessen Teile und ihre Verbindung im Geist übersehe Dies erregt dann was man
Begeisterung nennt Ein schönes Gedicht eine schöne Musik ein schöner Tanz muss
diese allezeit auf die letzt hervorbringen so wie der Dichter Tonkünstler
Tänzer sie vorher in der Seele haben muss ehe er sie in einen Strom dahinwallt
eine volle Seele die sich ausschüttet und eine andre wieder schwängert
    Alle bloß bildende Kunst macht auch den stärksten Liebhaber und Besitzer
über kurz oder lang zum Tantalus Das schönste Bild seis auch eine Venus vom
Praxiteles wird endlich ein Schatten ohne Saft und Kraft es regt und bewegt
sich nicht und verwandelt sich nach und nach wieder in den toten Stein oder Öl
und Farbe woraus es gemacht war und für den lebendigsten Menschen am
geschwindesten Ich glaube dasswenn die goldnen Zeiten der Griechen länger
gedauert hätten sie endlich alle Statuen würden ins Meer geworfen haben um des
unerträglich Toten Unbeweglichen einmal ledig zu werden Und wir finden auch
nicht dass Temistokles Plato und Euripides und die andern großen Griechen der
ersten Zeiten sich schon viel darum bekümmert hätten die Bildsäulen gingen
immer die Religion und das gemeine Volk an Alkibiades schlug sogar vor Überdruss
einer Menge öffentlicher Hermen die Nasen entzwei und hernach gehörten sie mit
den Gemälden zum Luxus der Reichen die vor ihrer gewöhnlichen Langeweile nicht
wussten was sie anfangen sollten Plutarch fragt ehrlich in seinem Perikles
Welcher gutartige Jüngling wird Phidias oder Polyklet sein wollen wegen des
Olympischen Jupiters oder der Juno zu Argos und so setzt der verständige Horaz
eine Ode von Pindar über hundert Statuen und die aufgeheitertsten Kaiser zu
Rom Antonin und Mark Aurel waren wirklich schon des steinernen Volkes satt
und so ist das steinerne und gemalte Volk bei den heutigen Römern bloßer Prunk
und man sieht es den besten an dass auch sie dessen von Herzen satt sind Die
Natur übt ihr Recht aus und zeigt ihnen mit Gewalt dass es doch nur eitel
Träumerei ist
    Die beste Kunst ist ein bloßes Denkmal verflossnen Genusses oder Leidens für
den Künstler selbst das ihm lediglich Anlass gibt sich das Ganze wieder
vorzustellen und in sein Gedächtnis zurückzurufen Welch ein Abstand von Poesie
und ihrer Gewalt über die Herzen Überhaupt ist die bildende Kunst eine
jugendliche Sache wo der Mensch noch an der Hülle herumschwebt Ein alter
Maler ein armer Sünder Wenn einer innen ist kann er nicht mehr außen sein Es
käme darauf an ob Raffael nicht den Pinsel würde weggeworfen haben wenn er
älter geworden wäre Wenigstens sind seine ersten Gemälde im Vatikan die besten
und er trachtete nicht umsonst nach dem Kardinalshut«
    Sein Mund glich einem vollen Springbrunnen so goss er hervor Mir riss
endlich die Geduld und ich ergrimmte »Bist du noch nicht fertig Barbar
Bilderstürmer« zürnt ich ihm entgegen
    »Was du wahr gesagt hast trifft alle menschliche Kunst In der Natur haben
wir freilich alles beisammen und die verschiedenen Künste teilen sich nur in
sie Jede muss dagegen ihre Mängel ihre Schranken erkennen Die Malerei hat
keine wirkliche Bewegung nur den Schein davon Zeichen die Poesie kann keine
Gestalt keine Schönheit für den Sinn darstellen bleibt ewig unglückselig
blind und Musik an und für sich ist ohne bestimmten Ausdruck und nur eine Magd
der Musen
    Der Dichter ahmt und stellt im Grunde nicht einmal etwas Wirkliches selbst
dar sondern nur Mittel nämlich die Reden der Menschen und wie weit liegt die
erste Natur der Sprache in den Abgründen der Zeit verborgen Für uns
Schaumblasen auf ihren Tiefen ist sie meistens bloß willkürlicher Schall Wir
haben allen unsern Genuss durch Körper und von diesen kann er nichts
Individuelles darstellen alles ist bei ihm allgemein bis auf die Namen schier
Peter Paul und Lukas und Johannes wenn ihm gute Schauspieler nicht zu Hilfe
kommen Dafür hat er freilich ein weitschweifig Reich und flattert überall an
wo die Malerei und Bildhauerkunst wegen enger Schranken ihrer unbeweglichen
Mittel nicht hin kann
    Das höchste Leben ist das schwerste in allen Künsten sowohl in den
bildenden als Poesie und Musik Sturm in der Natur, Mord zwischen Mann und Mann
Seelenvereinigung zwischen Mann und Weib und Trennung Abgeschiedenheit
verliebter Seelen Das Tote kann auch der bloße Fleiß darstellen aber das Leben
nur der große Mensch Wen beim Ursprung seiner Existenz nicht die Fackel der
Gottheit entzündet der wird weder ein hohes Kunstwerk noch eine erhabene
Handlung hervorbringen Schönheit ist Leben in Formen und jeder Regung und
nichts Totes ist schön außer in einem Verhältnis von Leben
    Warum ist der Torso schön warum die Kolossen auf dem Monte Kavallo warum
unsre Venus Weil sie in höchster Vollkommenheit menschlicher Kraft im freudigen
Genuss ihrer Existenz sich befinden Warum Apollo warum der Fechter Weil ihr
Leben in der Vollkommenheit seiner Kraft sich in hoher Wirkung zeigt Warum
Laokoon Niobe Weil auch ihr höchstes Leben einer stärkeren Macht unterliegt
Der Dichter deutets mit Worten an der bildende Künstler stellts mit dessen
Oberfläche selbst dar
    Zu der Zeit wo die Menschen am mehrsten lebten und genossen war die Kunst
am größten zu der Zeit wo sie am elendesten waren am schlechtesten dies ist
die Geschichte derselben in wenig Worten
    Wie bis zum bloßen Tier herabgesunken kalt und gefühllos muss der Mensch
sein den es nicht ergreift dessen Herz es nicht erhebt wenn er in die Hallen
tritt wo die Helden unsers Geschlechts die Weisen die Dichter von Phidiassen
und Praxitelen aufgestellt wie lebendig atmen Der Armselige wird erschrecken
wie in einer Götterversammlung der Edle schüchterne aber begeistert werden die
glorreiche Bahn zu verfolgen welche Kunst kann ihr hohes Leben sinnlicher in
die Seele blitzen Und eine Fromme die alle Morgen die schönen himmlischen
Figuren an den Wänden im Tempel mit inniger Freude schaut kann kein hässliches
und böses Kind gebären
    Die Griechen mussten denn doch mehr Leben in der Malerei finden als
Bildhauerkunst weil sie dieselbe wo sie am verständigsten waren mehr als
diese belohnten und beförderten Ein Bild in Stein war ihnen nur Zeichen
einzelner Wahrheit nämlich der Form: die Malerei aber Zeichen aller Wahrheit
und Wirklichkeit und von ungleich grösserm Umfange jenes gleichsam nur
Dämmerung Ding im Mondschein Gemälde von Apelles Gestalten wirklicher Welt in
ihrem Tage und Zeichen bleibt immer weiter nichts als Zeichen seis von Stein
oder Farbe Und eben dies ist es warum die Bildhauerei sank nachdem die
Malerei emporstieg und bei uns nun nie wird fortkommen können solang es noch
gleich gute Maler als Bildhauer gibt
    Welcher Bildhauer wollte zum Exempel die Waffenläufer des Parrhasius
übertreffen wo der eine im Lauf zu schwitzen schien der andre aber die Waffen
ablegte und keuchte Freilich kannte dieser Wollüstling den höchsten Reiz des
Eigentümlichen seiner Kunst
    Für Gestalt gibt es keine matematische Wissenschaft wo man alles und jedes
mit Zirkeln und Linien und Zahlen beweisen könnte das geläuterte Gefühl
erfahrner hoher Menschen entscheidet hier allein endlich und hat zu aller Zeit
jedem Kunstwerk seinen Rang angewiesen Deswegen aber beruht Ideal nicht auf
bloßen Hirngespinsten sondern die Natur selbst ist die ewige Regel und ein
Künstler muss von ihren Quellen schöpfen wenn er neue Schönheit und neuen
unsterblichen Reiz hervorbringen will Durch Übung gewinnt man nach und nach
doch auch sichre wissenschaftliche Fertigkeit
    Was bildet den lebendigen Körper von innen hervor vom ersten Stoff zum
Dasein an so wie er ist die erste regende Kraft hernach sein Leben in der
Welt
    Kann ich von der äußern Bildung auf die Art des Geistes schließen
    Warum nicht Vom Werk auf den Meister nur gehört Erfahrung und Verstand
genug dazu und Adlerheit über andre es mit Gewissheit zu können und nicht eine
Ursache für die andre zu halten Jede Gestalt zeigt Ursprünglichinnres
wenigstens was jung in Tätigkeit war das Leben in der Welt und die Begriffe und
Einbildungen darüber Und wer das Innre nicht kennt kennt gewiss auch schlecht
das Äußere
    Warum soll der Künstler keine Handlungen darstellen dürfen Körper und
Handlungen machen hier eins aus das ist Leben und beides ist dafür da hohes
edles Leben dies ist sein letzter Endzweck Bei einzelnen Figuren gibt dies
Schönheit bei mehreren zu Darstellung einer Begebenheit kann und muss er zuweilen
gar die Hässlichkeit abbilden wie zum Beispiel den Maxentius in einer Schlacht
vom Konstantin einen Attila einen Heliodor Vollkommenheit zeigt sich von
außen durch Schönheit Unvollkommenheit durch Hässlichkeit und die mehrsten
Begebenheiten in der Welt sind ein Kampf zwischen Tugend und Laster Soll er das
Laster schön darstellen Und ist er deswegen ein Kotmaler wenn er es hässlich
darstellt Hässlichkeit verändert hier seinen Namen und wird zu Schönheit der
Kunst Die Geschichte soll auch bei dem Maler nicht bloß Augenweide sein
sondern tiefer dringen Der Kunst dieses nehmen wollen heißt sie zum schalsten
Zeitvertreib machen Außerdem sind immer diese dreierlei Gattungen getrieben
worden wie schon in Griechenland wo nach dem Aristoteles Polygnot die
Menschen besser malte als sie waren Pauson schlechter und Dionys nach der
Wirklichkeit
    An Ausdruck und Bewegung von Leidenschaften wird die Natur hoffentlich immer
ebenso unerschöpflich bleiben als an neuen Gesichtern und Gestalten
    Kurz der Künstler stellt wie ein Zaubrer für den Verständigen mit einem
Blick auf einmal die wirkliche Tat dar wo der Augenschein über alle andre
Vorstellung hinreisst und darüber macht der Geschichtschreiber und Dichter für
die Unwissenden nur eine Brühe darum her gleichsam seines Evangeliums Ausleger
und Dolmetscher  stellt die schönsten Denkmale der Begebenheiten auf für
Herrscher Philosophen und Völker dem ersten feinsten Sinn des Geistes, und ihm
am naturnächsten dem Auge Und es ist nicht mehr als billig dass Zaubrer nicht
darben
    Die Dichter die einen Epaminondas aufführen wie er leibte und lebte lasst
sie auch alles in der Geschichte dazunehmen werden so rar sein wie die Maler
die seine Gestalt so treffend aus ihrem Kopf erfinden dass sie seinem Porträte
gliche und es erwächst dem Praxiteles und Apelles daraus wohl wenig Nachteil
dass ihre Phryne den neuen Namen Venus aus der Mythologie oder Helena oder
Iphigenia aus den Dichtern oder einen andern in ihren Kunstwerken aus der
Geschichte habe so wie dem Raffael dass sein Oheim Bramante in der durch alle
Zeiten göttlichen Gruppe der Schule den Archimedes vorstelle wenn sich auch
einmal des letztern Bildnis finden sollte«
    »Vortrefflich mutiger tapfrer edler Jüngling« rief er mir hier zu »und
nun genug Wir haben den Kreis durchlaufen und sind unvermerkt auf derselben
Seite wieder angekommen wovon wir ausgingen Ich reich Euch zum Frieden die
Hand schlagt ein ich hoffe dass wir gute Freunde sein werden sobald wir uns
ein wenig besser im Innern kennen Man behauptet in der Hitze des Streits oft
Dinge die man selbst für falsch und übertrieben hält Zuhörer die Verstand
haben nehmen von selbst das Wahre heraus und die keine Unterscheidungskraft
besitzen müssen überall Schwärmern oder der großen Herde wie die Kälber folgen
Der Abend ist zu schön als dass wir ihn hier im Zimmer verplaudern sollten und
die unten tanzen und sich ergötzen haben uns schon längst gerufen«
    Wir umarmten uns denn beide mit glühendem Gesicht und klopfendem Herzen
    Unten erfuhr ich dass mein Mann ein Grieche sei aus der Insel Scio den die
Giustiniani als Knaben mit sich genommen hatten Er hielt sich nun für beständig
in Rom auf und lebte frei von einer kleinen Pension aus diesem Hause und erwarb
sich das übrige damit dass er griechische Handschriften aus der vatikanischen
Bibliothek für auswärtige Gelehrten teils kopierte teils die verschiedenen
Lesarten daraus sammelte Er heißt Demetri und mag an die vierzig Jahr alt sein
Sein Wuchs ist groß und stämmicht und seine Gestalt so kühn und unabhängig und
seine Sitte so gegen alles Vornehme dass er wie Diogenes dem Dionysios von
Syrakus zu Korint hätte sagen können er sei des glücklichen Lebens nicht wert
das er nun führe Wie mir dies in meinen Eingeweiden herumging kannst Du Dir
leicht vorstellen
    Der bildschöne Jüngling welcher den Streit erregte heißt Tolomei ist ein
weitläuftiger Anverwandter von ihm Sohn eines griechischen Kaufmanns zu
Brindisi treibt hier die Malerei und steht unter seiner Aufsicht
    Ich sah ihn mit einer schlanken Römerin tanzen und musste lächeln dass der
holde Bube den alten strengen Michelangelo so hart angegriffen hatte das Rätsel
ließ sich nun leicht auflösen Das süße Paar wallte in jeder Bewegung neue
entzückende Schönheit von sich der Knabe schien ein Mädchen und die Jungfrau
mit ihrem zündenden Blick ein verkleideter Jüngling Die Menge stand umher und
kein Auge verwendete sich von ihnen aus den erheiterten Gesichtern
    Der Monat Oktober wird in Rom und auf dem Lande herum ganz der Freude
gewidmet jedes spart dafür den Sommer auf
    Ich machte mich bald wieder an den Griechen ich hatte noch manchen Punkt
mit ihm ins reine zu bringen der kaum war berührt worden Er erzeigte sich
gefällig Wir stiegen den Monte Testaccio hinauf um die Gegend zu überschauen
und trafen oben Künstler an die nach der Natur zeichneten Man hat hier
reizende Aussichten hin überall und verschiedene Landschaften jede so vollkommen
für Gemälde um sie schier nur abzunehmen Pyramide die das Kleinod der Gegend
bleibt Sankt Paul und Tiber Steffano rotondo alte Wasserleitungen Kolosseum
Grabmal der Metella Pietro Montorio Porta Portese zeigen immer neue
bezaubernde Seiten mit Pinien romantischen Villen Rebenhügeln und den
herrlichen Fernen der Gebirge von Frascati Tivoli und dem Sabinerlande Wir
setzten uns nieder und jeder drehte sich dahin und dorthin die große Augenlust
machte uns eine Weile stumm und alle die andern Sinnen verloschen
    Wir fingen endlich an von Rom zu sprechen dem alten und dem neueren gingen
über auf Griechenland und dessen ehemaligen und gegenwärtigen Zustand und unsre
Reden stimmten so schön zur untergehenden Sonne an der unvollendeten
Peterskuppel des unsterblichen Michelangelo »Ach alles geht auf und unter
Völker und wir und die Werke der Menschen Der Mensch ist ein stolzes
Geschöpf« rief ich aus »er hat die Oberfläche der Erde gebildet beherrscht
den Adler und Löwen und bändigt das ungeheure Meer mit seinen Schiffen aber er
weiß nicht von wannen er kommt noch wohin er fähret erscheint verändert sich
augenblicklich unsicher ob er ein eigenes Wesen ausmacht und verschwindet O
ihr die ihr um uns herum schlummert ihr Scipionen Kamille Lucrezien und
Kornelien was und wo seid ihr Könnt ihr nicht erwachen und uns belehren«
    »Ein andermal hiervon« gab er zur Antwort »wenn wir mehr in Einsamkeit
sind nicht umgeben von soviel zerstreuender Herrlichkeit« Er hielt diese
Kuppel selbst für den kühnsten kolossalischen Gedanken eines Riesengeistes und
glaubte dass die alten Griechen und Römer ihn bewundern würden
    Wir kamen alsdenn wieder auf unser altes Thema die bildende Kunst und
deren Wesentliches den Menschen und die Vollkommenheit seiner Gestalt und
unser beider Schluss war dass der neueren hierin der Kern mangle Man kann wohl
sagen dass die Werke der alten griechischen Meister eine Frucht ihrer Gymnasien
waren und dass wo diese nicht sind sie schwerlich kann eingeerntet werden Der
erfahrne und geübte Sinn des ganzen Volks am Nackenden dies ist die Hauptsache
die uns fehlt nebst dem der Arbeiter selbst das schönste Nackende der Kunst
wird endlich nur durch Erinnerung geschaffen und genossen
    Man kann die Natur nicht abschreiben sie muss empfunden werden in den
Verstand übergehen und von dem ganzen Menschen wieder neu geboren werden
Alsdenn kommen allein die bedeutenden Teile und lebendigen Formen und Gestalten
heraus die das Herz ergreifen und die Sinnen entzücken die Regung in
vollstimmiger Einheit durch den ganzen Körper des gegenwärtigen Augenblicks
bildet kein bloßer Fleiß nicht Je größer und erhabner der Künstler desto edler
und eingeschränkter die Auswahl Im Nackenden der bei uns gewöhnlich bekleideten
Teile also des ganzen Körpers bis auf Kopf und Hände und Füße können wir den
Alten nicht gleichkommen weil wir ihre Gymnasien und Termen nicht haben In
Köpfen Händen und Beinen und Kindern halten wir ihnen vielleicht die Waage
insoweit wir noch Periklesse Platonen Alkibiadesse und Aspasien und Phrynen
haben Die höchste Vollkommenheit ist überall der letzte Endzweck der Kunst sie
mag Körper oder Seele oder beides zugleich darstellen und nicht die bloße
getroffene Ähnlichkeit der Sache und das kalte Vergnügen darüber Der Meister
sucht sich dann unter den Menschen die ihn umgeben zu seiner Darstellung das
beste Urbild aus und erhebt dessen individuellen Charakter mit seiner Kunst zum
Ideal Die Schönheit muss allgemein der Charakter aber individuell sein sonst
täuscht er nicht und tut keine Wirkung und das Individuelle kann der Mensch so
wenig als das Gold erfinden Dies ist das Problem an dessen Auflösung so viele
scheitern
    Der ganz außerordentlichen Menschen sind bei allen Nationen äußerst wenig
gewesen es gehört eine unendliche Menge von glücklichen Umständen dazu solche
alleredelste Gewächse und Herrlichkeiten der Natur hervorzubringen Nehmen wir
den Griechen der bei weitem geistreichsten Nation unter allen die wir in der
Geschichte kennen auf Erdboden nur ein Dutzend dieser hervorragenden Männer
einen Lykurg Temistokles Pythagoras Sokrates Aristoteles Homer Sophokles
Aristophanes Perikles Demostenes Phidias Apelles und wir werden sehen wie
ihr Sonnenfeuer zu den Sternen andrer Völker zurückweicht zumal wenn wir
bedenken dass ihre übrige Vortrefflichen grossenteils nur von diesen bestrichne
Magnetnadeln waren
    Die Ehre des Volks und der Fürsten besteht darin, solche seltene
Erscheinungen bei ihrem Aufgang zu erkennen und sie zu pflegen und zu warten
Bei ihnen konnte kein Lärmmacher so leicht mit seinen ausgeschickten Trabanten
das erfahrne Ohr übertäuben das scharfe geübte Auge benebeln sie kannten den
nackenden Menschen aus ihren Gymnasien und die hohen Gestalten aus ihren
gemeinen Versammlungen Die Verständigen prüften gaben Rat verdammten
belohnten Eins trieb und vervollkommte das andre
    Und so gings noch bei den Römern August hat keinen Virgil und Horaz
hervorgebracht aber weil sie einmal jung da waren so hielt er sie warm
    Außerdem hatten die Alten mehrere Arten von Schönheiten und wir kennen die
reizende Mannigfaltigkeit nicht von Ringern Faustbalgern Wettläufern
Wurfpfeilschützen Diskuswerfern und dergleichen und so machten ihre Götter
wieder verschiedene allgemeine Klassen Bei uns ist alle Gestalt in ein einzig
doppelartig gabelförmig vollkommen Tier zusammengeschrumpft
    Die Sonne war prachtvoll untergegangen und das schönste Abendrot zog
lieblich hintennach »Wenn ich ein Landschaftsmaler wäre« rief Demetri »ich
malte ein ganzes Jahr weiter nichts als Lüfte und besonders Sonnenuntergänge
Welch ein Zauber welche unendliche Melodien von Licht und Dunkel und
Wolkenformen und heiterem Blau Es ist die Poesie der Natur. Gebirge Schlösser
Paläste Lustaine immer neue Feuerwerke von Lichtstrahlen Riesen Krieg und
Streit flammende Schweife wechseln mit neuen Reizen ab wenn das Gestirn des
Tages in Brand und Gluten untersinkt Aber leider mit eurem Licht in der Malerei
sieht es übel aus«
    »Und was man davon malen kann« fuhr ich fort »dauert nur wenig Momente
die glücklichste Phantasie und Empfindung gehört dazu es aufzubewahren nach
Hause zu tragen und wunderbare Kunst es täuschend langsam hinzupinseln«
    Wir gingen wieder hinunter es war leer geworden und die übrigen zogen auch
noch von dannen Endlich blieben ein halb Dutzend Mädchen ebensoviel Künstler
Demetri Tolomei und ich Wir machten uns zusammen wieder auf den Saal eine
auserlesene Gesellschaft Die Mädchen waren echte Römerinnen an Wuchs und
Gestalt mit der erhabenen antiken noch republikanischen Gesichtsbildung die
auch auf fremde Fürsten wie nur Barbaren herunterschaut Sie hätten wie die
alten dem hohen Senat mit berichten lassen wenn sie das Verbot gegen eine
gewisse Lustbarkeit von ihnen nicht aufhüben dass sie nicht mehr gebären
wollten
    Paar und Paar standen im vertrauten Umgang miteinander die reizenden
Geschöpfe ließ sich von ihren Geliebten als Modelle brauchen und gaben ihre
Schönheiten deren Kunst preis Sie machten sich selbst Musik und tanzten lauter
Nationaltänze wo wenig gezogner gedehnter französischer Schritt sondern
immer neuer Freudensprung ist Ich ließ dabei wacker auftischen und einschenken
und wurde selbst von dem Wirbel ergriffen
    Nach Mitternacht ging es in ein echtes Bacchanal aus das erhitzte Leben
blieb nicht mehr in den gewohnten Schranken und jedes tobte nach seinem Gefühl
und seiner Regung Demetri machte seinen Einfall zu einem spartanischen Tanz
laut und dieser wurde mit Jauchzen ausgeführt Doch machte man vorher den
feierlichen Vertrag nichts Schändliches zu beginnen und die Leidenschaften bis
ans lange Ziel gleich olympischen Siegern im Zügel zu halten wies braven
Künstlern gezieme
    Man entkleidete die Jungfrauen die Glut in allen Adern sich nicht sehr
sträubten zuerst bis auf die Hemder und schljetzte diese an beiden Seiten auf
bis an die Hüften und die Haare wurden losgeflochten Demetri schlug die
Handtrommel und ich spielte die Zither
    Sie schwebten in Kreisen drückten einzeln ihre Empfindungen aus und jede
enthüllte in den süßesten Bewegungen ihre Reize bis Paar und Paar wieder sich
fassten und hoben und wie Sphären herumwälzten Es war gewiss ein Götterfest
soviel mannigfaltige Schönheit herumwüten und herumtaumeln zu sehen und ich
habe in meinem Leben noch kein vollkommener weiblich Schauspiel genossen
    Man holte hernach aus der nahen Villa Sacchetti Efeu zu Kränzen und belaubte
Weinranken mit Trauben zu Tyrsusstäben und jeder Jüngling warf alle Kleidung
von sich Es ging immer tiefer ins Leben und das Fest wurde heiliger die Augen
glänzten von Freudentränen die Lippen bebten die Herzen wallten vor Wonne
    Wir führten auf die letzt allerlei Szenen auf aus Fabel komischen und
tragischen Dichtern und Geschichte in himmlischen Gruppen wo eine wahrhaftige
Phryne an Schönheit darunter mit errötendem und lächelndem Stolze sich endlich
ganz nackend zeigte in den verschämtesten und mutwilligsten Stellungen
    Tolomei wetteiferte mit ihr er hatte wirklich Schenkel wie ein junger Gott
entzückend Feuer schon der Hand und die Sprossen zum künftigen Strauchwerk
waren an seinem Leibchen eben angeflogen
    Demetri glich dem Zeus und ihm fehlte dazu nur Donnerkeil und Adler
    Die Phryne riss alsdenn der andern Schönsten das Hemd weg und beide den
übrigen und nun ward ich von ihr wie von einer wütenden Pentesilea gefasst der
höchste bacchantische Sturm rauschte durch den Saal der alles Gefühl
unaufhaltbar ergriff wie donnerbrausende Katarakten vom Senegal und Rhein wo
man von sich selbst nichts mehr weiß und groß und allmächtig in die ewige
Herrlichkeit zurückkehrt
    Gegen Morgen macht ich die Zeche richtig und wir schwärmten im
Geisterglanze des Vollmonds unter Chor und Rundgesang an dem Tiber vorbei und
hernach durch die hehren Ruinen und Triumphpforten über den Tarpejischen Felsen
 
                                  Zweiter Band
                                   Vierter Teil
                                                                   Rom Oktober
Ich habe seit meiner letztern Begebenheit mit Lucinden gerungen und gekämpft in
keine solche Torheit wieder hineinzugeraten aber alles muss seiner Natur folgen
Ich zittre und knirsche mit den Zähnen dass es nicht anders ist der Mensch hat
keine Freiheit Sieh die Inseln der Glückseligkeit vor Dir mit vor Verlangen
kochendem Herzen nach ihrer Lust von üppigem Mut alle Nerven geschwellt und
widerstehe mit kalter Überlegung der Gefahren die vielleicht auf Dich warten
indes der günstigste Wind über Dir in den Wipfeln hinsäuselt Was ist das dass
der Mensch so nach Ruhe trachtet und sie hernach doch nicht leiden kann Dass das
Ziel keins mehr für ihn ist sobald er es erreicht hat und er immer ein neues
haben muss Ach unser Wesen hat keinen Frieden und Brand und Glut in und über
alles ist dessen erste Urkraft
    Wo ich gehe und stehe schwebt sie mir vor Augen ich strecke meine Arme
nach ihr aus und meine Füße bewegen sich von selbst nach dem Ort ihres
Aufenthalts In diesen Kreis bin ich wie gebannt und mir scheint kein ander
Licht O sie ist so ganz was ich wünsche und alles andre was ich schon
genossen habe dünkt mir nur ein Vorschmack von der Fülle ihrer Seligkeit
Fiordimona o Fiordimona mit dir möcht ich ewig leben und unauflöslich mich mit
dir verflechten Du allein kannst bei allen Reizen der Schönheit meine Freundin
sein einen so hohen kräftigen Geist hab ich bei deinem Geschlechte noch nicht
gefunden
    Glaub indessen nicht Benedikt dass ich mich aus Musse und Langeweile
verliebe ich beschäftige mich gerade mit den ersten Werken der bildenden Kunst
der alten und der neueren allein das Leben selbst triumphiert über alles und
gewinnt im Gegenteil dadurch noch mehr Stärke
    Der Oktober ist hier wie Wetter aus dem Paradiese jeder Tag heiter und Fest
schon an und für sich Ich habe mich auf eine Woche in das Vatikan eingesperrt
und genösse Götterlust wenn mein Herz ruhiger wäre Ich wohne oben im Belvedere
bei dem Manne der die Antiken in seiner Verwahrung hat und die Aussicht von
meinem Zimmer ist bezaubernd Rom liegt still da wie ein friedlich Überbleibsel
von der Herrschaft der Welt wie ein junger Spross steigt es hervor aus dem
uralten hohlen Stamme der ehemals erhabenen ungeheueren Eiche Voran grünt das
fruchtbare lange und breite Tal wodurch der Tiber strömt zwischen reizenden
Hügeln die schöne Villen bekränzen und in grauem Duft und blauer Ferne lagern
sich die Gebirge von Sabina Tivoli und Frascati majestätisch herum Man sieht
so den Aufenthalt von süßen Geschöpfen vor sich mit denen man auf allen Seiten
da und dort in die Höhen um allein zu sein hinaus flüchten könnte
    Die Nachwelt hat die größten Meisterstücke der Malerei dem wilden und kühnen
Papst Julius zu verdanken und es ist ein seltnes Glück dass der Heftige einen
so scharfen und sichern Blick für das Wesentliche hatte und sich durch kein
Gepränge oder Höflingsgeschwätz täuschen und irreführen ließ Er erkannte das
wahre Talent und verachtete dagegen allen Modekram Die berühmtesten Künstler
damaliger Zeit hatten schon in den Stanzen die Wände mit allerlei Larven bemalt
woran vielleicht nach ihren Regeln nichts auszusetzen war als Bramante den
Raffael von siebzehn Jahren herbeibrachte dass auch er in einem Zimmer sich
versuchen möchte Die alten Meister lächelten höhnisch und spotteten unter sich
über die Unerfahrenheit des Knaben Der hohe Jüngling ließ sich nicht stören und
entwarf in seiner Phantasie dem Schauplatz angemessen vier Bilder von der
Theologie der Philosophie, Poesie und Gerechtigkeit und legte gleich im ersten
Feuer Hand an die Theologie
    Die Philosophie war noch nicht ganz vollendet als Julius von der Wahrheit
und dem Reiz der Gemälde so entzückt wurde dass er auf der Stelle befahl alles
was die andern gemacht hatten wieder herunterzuschlagen dieser junge Mensch
sollte die Zimmer allein ausmalen Die alten Herrn schrien über Tyrannei und
Unverstand aber Welt und Nachwelt hat diesen harten Ausspruch gerechtfertigt
    Ein solcher Schutz der Kunst macht Ehre und keine Millionen die man an
Stümper und ein buntes Gemisch von Kunstsachen verschwendet indes der
eigentliche Mann bei seiner Bescheidenheit entweder verborgen bleibt und darbt
oder doch nur als ein gewöhnlicher Taglöhner sein Stück Arbeit nebenher durch
irgendeines Vernünftigen Empfehlung von ungefähr bekommt
    Die Theologie ist ein geistig Bild der Religion die vornehmsten Personen
des Alten und Neuen Testaments sind hier beisammen jede nach ihrem Charakter
Das Ganze stellt gleichsam die christliche Kirche vor im Werden
    Gott der Vater schwebt obenan als Architekt mit freundlichem Ernste dass
alles so ist wie ers haben wollte Christus ruht selig auf einem Wolkentron
in der Glorie der Ausführung die Mutter voll Zärtlichkeit neben ihm
Patriarchen Jünger und Apostel umgeben ihn als ihren Mittelpunkt auf Wolken
von Engeln getragen Und unten auf dem Erdboden handeln noch die ersten
Kirchenlehrer und Christen in der Grundlage des Gebäudes
    Die Hauptgestalten zeugen von der lebhaftesten jugendlichen Einbildungskraft
und haben wunderbare Bestimmtheit in den Umrissen Die vier großen Kirchenlehrer
gehen mit ihrer Kraft allen andern hervor Wenn irgend ein Sterblicher zum Maler
geboren war so ist es gewiss Raffael Seine Figuren sind mit einer Quelle von
Leben hervorgefühlt und voneinander unterschieden bis auf eine eigne Art von
Reiz im Ausdruck
    Die Schule von Athen ist ebenso ein geistig Bild der Philosophen beisammen
Pythagoras fängt an Sokrates folgt alsdenn kommt Plato mit dem Aristoteles und
weiter Archimed Die Gruppe des letztern mit den vier Jünglingen ist wirklich
unaussprechlich schön und reizend ein entzückend Bild von einem Meister mit
seinen Schülern die Aufmerksamkeit zweier die Verwunderung und Begeisterung
des Aufblickenden besonders göttlich hingezaubert gerad im Momente wo er die
Erklärung des schweren Problems findet Gesicht mitsamt dem Haar ist von hoher
Schönheit und Wahrheit Archimed selbst voll Schärfe des Verstandes und
Überlegung Zeichnung und Malerei überall spricht den großen Meister von heiterem
Sinn Der eine studiert der andre begreift der dritte hats begriffen und
verwundert sich und der vierte frohlockt und möchte jemand ders auch lernte
    Für ein Gymnasium von Philosophen wäre das Ganze ein wahrer Zauber und würde
jederzeit die Seele zur Empfänglichkeit stimmen In verschiedenen Köpfen von
Raffael herrscht eine Wirklichkeit wobei man über die frische Kraft seiner
Phantasie erstaunen muss Sein heiliger Gregorius muss ein Teolog sein sein
Pythagoras ein Philosoph und keine andre Menschen
    Der Parnass ist wieder so ein geistig Bild der Poesie Homer improvisiert
von Begeisterung hingerissen Apollo ist mit seinen schönen Augen verzückt in
himmlische Phantasien Musen Laura Sappho und die besten Dichter die
theatralischen ausgenommen sind dabei zugegen
    Die Gerechtigkeit besteht aus drei vortrefflichen allegorischen Figuren
Klugheit Stärke zur Rechten Mäßigkeit zur Linken
    Dieses Zimmer war seine erste Arbeit zu Rom es bleibt aber doch das
vorzüglichste wegen Menge und Adel von Gestalten Seele und Auge jedes
verständigen und in der Welt erfahrnen Menschen müssen sich so recht daran wie
an süßem Kern weiden Überall blickt da und dort eine himmlische Blume hervor
und je tiefer man sich mit seinem Stachel hineingräbt desto nahrhafter Honig
findet man So hat mich spät noch erfreut sein Evangelist Johannes in der
Theologie neben dem David welcher vor der Menge größerer Figuren einem erst
nach und nach mit seinem süßen Lächeln und halb zugedrückten innigseligen Blick
aus seiner Engelsschönheit ins Herz blitzt Das blonde Haar wallt ihm reizend
nieder auf die Schultern und er scheint einen Liebesbrief zu schreiben
    Die Schule von Athen ist mir das angenehmste von allen seinen Werken eine
solche Fülle von Heiterkeit und Ruhe kommt mir daraus entgegen ob das Ganze im
Grunde gleich einen Streit vorstellt nämlich den Sieg der Aristotelischen
Philosophie über die Platonische wie die triumphierenden und widerlegten
Gesichter zeigen Alles neben den beiden großen Helden scheint sich darauf zu
beziehen Plato hat zur Seite den Sokrates mit dem Alkibiades und den
Pythagoras Aristoteles den Kardinal Bembo14 und Archimed Wahrscheinlich fehlen
deswegen Epikur und Zeno mit ihrem Anhange Welche vollkommne Meisterstücke sind
darin Pythagoras Sokrates Plato Aristoteles Archimed oder Bramante mit dem
jungen Herzoge von Mantua Alles ist hier so Natur dass man die Kunst vergisst
und nicht an sie denkt so voll und verliebt darein und fertig war der Meister
Die Gruppen sind schön zusammengehalten und jede richtet sich nach dem
Philosophen der Unterricht erteilt In die antiken Gewänder hat er sich gut
hineingedacht und man merkt nichts Gezwungenes
    Zusammengedrängte Jahrhunderte machen in jedem von den drei Gemälden ein
einzig Bild für die Phantasie
    In dem Zimmer darauf tut der Genius Raffaels wenn ich mich so ausdrücken
darf pittoreskere Flüge ist aber nicht mehr so reich an hoher individueller
Gestalt
    Sein Heliodor ist vielleicht die schönste Allegorie neuerer Zeiten Das
Ganze teilt sich in drei Gruppen und tut große Wirkung Die Gruppe der Engel mit
dem niedergeworfnen Heliodor gehört unter Raffaels Höchstes sie sind durchaus
Natur in Gestalt Gebärde und Bewegung er hat sie vermutlich von feurigen
römischen Buben in Zorn und Sprung abgesehn Der Engel zu Pferde in der Kirche
ist etwas ungereimt aber er macht ein herrlich Bild von Schnelligkeit und
unwiderstehlicher Gewalt Heliodor und seine Gefährten schreien und es gehört
zur Schönheit des Ganzen ob sie gleich gegen die Theorie einiger Antiquaren
dazu den Mund auftun müssen
    Die Gruppe von Weibern neben dem Papste der von Schweizern nach der Natur
kopiert hereingetragen wird macht einen reizenden Kontrast die Köpfe der
beiden Frauen die mit den Händen zeigen sind die schönsten und der dritte
daneben hat einen wunderbaren Ausdruck Julius schaut voll Majestät als ob
seine Befehle gut ausgeführt würden
    Der Hohepriester in der Mitte am Altar bittet voll Zuversicht in Ergebung
Der Bube welcher auf den Säulenfuss steigt um recht zuzuschauen ist sehr
pittoresk wie überhaupt alles samt der Beleuchtung
    Dies Gemälde gehört gewiss zu dem Vortrefflichsten was Raffael
hervorgebracht hat und zu der Zeit wo soeben erst die Franzosen von Italien
hinausgetrieben waren muss es jedermann innig ergötzt haben Man sieht
inzwischen deutlich dass ihm seine Schüler an den Nebensachen halfen Es ist ein
ungeheurer Unterschied wenn man Raffaelen nach den meisten gegenwärtigen Malern
sieht bei ihm lebt alles und bedeutet und greift ein ins Ganze Man kommt bei
ihm einmal wieder zu einem verständigen Menschen
    Damit Du aber siehst dass ich doch nicht schwärme so meld ich Dir dagegen
dass der bewunderte Attila gegenüber auf mich wenig Wirkung macht Ich finde
darin kein recht zusammenhängend Ganzes in der wirklichen Malerei und den
Charaktern obgleich die Anlage trefflich ist und zuviel Kompliment auf Leo den
Zehnten dessen Kopf sich wahrlich zu keiner solchen Szene schickt Attila sieht
viel zu gütig aus für einen Hunnenkönig ohnerachtet der ungefühlten Worte von
Griechenheit darüber und Leo zu feist für einen Heiligen Die Apostel sind zu
schwer zu groß und zu nah in der Luft für schwebende Figuren haben wenig
Gestalt und bitten eher als dass sie drohen sollten und halten ihre Schwerter
wie die Weiber
    Nichtsdestoweniger bleibt das Gemälde mit den Porträten Pferden und
verschiedenen Gewändern eine reizende Wandverzierung für einen geistlichen
Fürsten und es ist darin immer mehr natürliche Gestalt für Verstand und Auge
als vielleicht in hundert neueren
    Das Wunder bei der Messe ergötzt besonders wegen Einheit und
Mannigfaltigkeit des Ausdrucks durch alle die verschiedenen Gesichter die
meistens Porträte sind und zeigt so recht Raffaels wunderbare Einbildungskraft
Es ist der lebendige Glaube Der überführte Priester mit den Augen kaum
blinzend und voll Beschämung und Erstaunen in den Lippen und Julius der Papst
sind hohe Meisterstücke Das Ganze ist am besten gemalt unter allen
    Petrus befreit aus dem Gefängnisse ist ein angenehmes Spiel von Licht und
Schatten wozu jedoch kein Raffael gehörte und das Ganze gut entworfen der
erschrockne Soldat auf der Treppe meisterlich
    In diesem Zimmer merkt man schon dass Raffael seine Schüler bei seinen
Arbeiten brauchte aber noch weit mehr in dem dritten hintersten wo das meiste
von diesen ist
    Der Burgbrand ist hier das Vorzüglichste Viele Gestalten sind darin
vortrefflich nur war die Szene selbst eher ein Vorwurf für den Tizian oder
Korreggio Überhaupt aber sind Wunder eher für Poesie als bildende Kunst sie
täuschen das Auge selten weil man natürlicherweise nichts so gesehen hat
    Die Dirne mit dem Krug auf dem Kopfe ist eine göttliche Figur eine Amazone
unter den modernen Weibern voll Leben und Frischheit in ihren Formen und
reizend in dem vom Wind angewehten Gewande Die knienden Frauen sind gleichfalls
trefflich und die Gruppe des Sohns des Äneas der seinen Vater rettet mit dem
Buben daneben Meisterwerk Der Tumult der Weiber und Kinder weinend und
schreiend flehend und erschrocken ergreift die Phantasie und es gibt da
schöne Gestalten Jedoch ist er am Nackenden gescheitert dies muss gut koloriert
sein wenn es Wirkung hervorbringen soll Der nackende Kerl welcher
herabspringt ist ziegelfärbig und sieht aus wie geschunden
    Leo der Vierte welcher auf das Evangelium schwört Die Hauptfigur ist das
Beste im Ganzen man kann gutes Gewissen nicht trefflicher ausdrücken im großen
kräftigen freien Charakter Herrlicher Blick gen Himmel Außerdem sind noch
einige meisterhafte Köpfe darin scharfer Verstand Getrosteit und
Verwunderung und Aufmerksamkeit darum her und die Menge mit verschiedenen
Empfindungen Es ist reizend überall den tiefen Seelenklang zu finden Er war
in der Tat ein klares stilles tiefes Wasser worin sich die beste Natur rein
abspiegelte
    In der Schlacht bei Ostia ist das Beste der geharnischte Soldat mit den
grünen Hosen ein christlicher Held Das übrige in diesem Stücke ist
unbedeutend der Papst selbst hat eine fromme Schafsgestalt
    In der Krönung Karls des Großen macht Karl selbst eine einfältige Figur und
passt so gut zu dieser Szene die mit viel Empfindung und Feinheit ausgeführt
ist er sieht wie ein alter Schweizerkorporal aus und kniet mit abgestutztem
Haar vor dem Papst
    Es sind in diesem Gemälde ganz vortreffliche Köpfe besonders unter den
Bischöfen und geharnischten Schweizern Die Gescheitesten sind am entferntesten
von ihm und um die Handlung her und zum Teil mit ernstaftem und heiterem
Nachdenken Die Bischofsmützen sind sehr fatal für die Malerei und ihr Weiß in
doppelter gerader Reihe besonders im Vordergrunde grell Die Einheit des Ganzen
verbreitet sich bis auf die Sänger in der Ecke oben Die Kerl welche Geschenke
tragen silbernen Tisch und Gefäße bringen Mannigfaltigkeit hinein Es ist viel
zusammengedrängte Pracht darin
    Im vierten und letzten Zimmer beim Eingang das erste und größte ist alles
bloß nach Raffaels Zeichnungen und Anlage bis auf zwei Figuren die er selbst
in Öl ganz ausgemalt hat nämlich die Gerechtigkeit und Gütigkeit welche
obgleich nur allegorisch und wenig bedeutend doch mit ihrer Wahrheit und
Wirklichkeit alles von Julio Romano und Fattore niederschlagen Es kommt einem
vor als ob Raffaels warmes Leben kalt geworden wäre er ists und ists nicht
mehr Er selbst ist ganz lebendig hier sinds nur seine Masken Es fehlt die
Bestimmtheit in allen Teilen fehlen die feinen entscheidenden Züge die nur von
der schöpferischen Phantasie allein unmittelbar in die Hand quellen Man muss
sich zwingen die Personen wirklich zu sehen bei ihm kann man nicht anders
    Die Schlacht Konstantins gehört mit der Verklärung unter Raffaels größte
Kompositionen sie macht ein schönes Ganzes und ist vortrefflich angeordnet Die
Hauptfiguren gehen gut hervor Konstantin drückt noch Zorn aus und die Freude
regt sich bei ihm über den Sieg Der Kopf des Maxentius stellt einen schlechten
grausamen und elenden Tyrannen dar überhaupt wohl meistens von Julio erfunden
und jetzt in Verzweiflung und gänzlicher Ohnmacht und der Gefahr überall
umzukommen Sein Pferd und wie er sich beim Untersinken im Wasser daran hält
der Strom und die darin schwimmen in die Barke steigen wollen und sie umwerfen
ist trefflich Sonst sind die Haufen vielleicht zu voll der Feind zu flüchtig
ohne allen Widerstand es bleibt aber doch die erste Schlacht wegen Wahrheit der
Gestalten Die Gruppe wo einer vom Pferde heruntergebohrt wird und die des
gefallnen Sohns mit der Fahne bei seinem Vater tun große Wirkung
    Die drei übrigen Gemälde in diesem Saale kommen nach den andern wenig in
Betrachtung Die Anrede Konstantins mit dem erscheinenden Kreuz in der Luft ist
noch das beste sie ist nach den Anreden Trajans auf Konstantins Triumphbogen
Einige Porträte nur ziehen das Auge an sich als die zwei Jünglinge unter
Konstantin
    In der Schenkung Konstantins sind im Vordergrunde auf beiden Seiten ein paar
schöne Gruppen von Weibern samt denen die sich durch die Säulen drängen
    Vor den Stanzen sind die Logen mit lauter kleinen Gemälden aus dem Alten
Testamente und am Ende mit einigen wenigen aus dem Neuen verziert Raffael
selbst hat nur ein paar Erker etwa selbst flüchtig ausgemalt und hier und da
Hand angelegt alles andre ist von seinen Schülern nach seinen Zeichnungen Und
so die Arabesken Alles voll schöner reizender Ideen Ich betrachte diesen Gang
als die Schule Raffaels im eigentlichen Verstande den trefflichen Meister unter
seinen großen und kleinen Schülern und es freut mich zu sehen wie sie die
Schwingen versuchen
    Man kann nicht wohl umhin unter den großen Meistern der neueren Zeit den
Michelangelo und Raffael obenan zu stellen jenen wegen Richtigkeit im Nackenden
und Erhabenheit seiner Denkungsart doch hat er wenig Gefühl für schöne Form
gehabt und ein elendes Auge für Farbe und war arm an Gestalt
    Raffael ist lauter Herz und Empfindung und eine Quelle von Leben und
Schönheit wie je wenig Sterbliche Edel und liebenswürdig und bereit von
seiner Fülle mitzuteilen für jedermann hat er die Gunst und Bewunderung von dem
Kerne der Menschheit erhalten Alles Nackende was zu unsern Zeiten am Menschen
sichtbar ist besitzt er in seiner Gewalt An Gestalt ist keiner reicher als er
und darin fühlt er einige Gattungen von Seelenschönheit aufs lebendigste Die
Farbe war ihm zu sehr Oberfläche im Nackenden hat er aber doch oft ihren Reiz
gefühlt und besonders bei Köpfen in höchster Vortrefflichkeit übergetragen Die
Zaubereien von HellDunkel sind ihm fremd Sein Fehler ist seine Gefälligkeit
überall auch wo sie nicht sein soll Es scheint als ob er nie ein widerwärtig
Gesicht recht habe ansehen können in seinen Köpfen von Attila und Heliodor und
Mördern schier ist Grazie und Gefälligkeit Heldencharakter welche für sich
bestehen einen Apollo Herkules Jupiter und diesen Ähnliche unter Menschen
hat er nie oder höchst selten durch bloße Kopie erreicht Sein Nackendes in den
Teilen die man nach unsern Sitten nicht sieht ist wie aller andern Neuern
meist Abschrift eines Modells doch freut einen darin seine feste Hand Die
Vollkommenheit unsrer besten Antiken kannt er nicht und sein Vortrefflichstes
ist wahrlich nicht das wenige worin er sie nachgeahmt hat Dies Nackende wenn
er sich auch noch so sehr plagte tut wenig Wirkung es ist nicht wieder andre
Natur geworden wie bei den Griechen ausgenommen Kinder Arme Beine Brüste
Hände Füße
    Übrigens sieht man recht im Vatikan dass er mit den vorzüglichsten Personen
seines Zeitalters umging und ihre Gestalten Mienen und Gebärden Stellungen und
Bewegungen und den Reiz in den Gewändern seiner Kunst eigen machte Welche
Meisterstücke Archimed Aristoteles Plato Pythagoras seine Theologen und
Kirchenlehrer Um sie so wohl zu fassen dazu gehört gewiss ein verliebter Umgang
mit großen Männern Sappho Laura die drei Musen neben dem Apollo im Parnass
Pindar Horaz welche Gestalten Und wieder welch ein unschuldiges
unbehülfliches und doch unbesorgtes Wesen in seinen Kindern zum Beispiel im
Burgbrande
    Die Schönheit von Ausdruck und Empfindung hat er verstanden wie keiner Auch
dem Gemeinsten hat er immer einen Anstrich von Empfindung gegeben ihn wie in
Seele getunkt Er konnte fast nichts anders machen und die gefühligen Gebärden
von inniger Rührung sind bei ihm zuweilen für den scharfen Denker bloße Manier
und finden sich wo sie sich nicht hin schicken Seine wahrhaftig schöne Seele
hat sich von Kindheit an dazu gewöhnt
    Gefühlvolle Gestalten die nicht sprechen sind aber auch der eigentlichste
Gegenstand der Malerei wo diese nicht das Hauptwerk in einer historischen
Komposition ausmachen ergreift das andre wenig
    Die vorige Woche war eine Seligsprechung zu Sankt Johann im Lateran und
dabei wurden Raffaels Tapeten ausgehängt das Fest zu schmücken Sie machen die
andre große Reihe von Gemälden aus wenn man sie so nennen will die sich von
ihm hier befinden und belaufen sich an die zwanzig Stücke Es sind Bilder aus
dem Leben Jesu und der Apostelgeschichte Raffael malte die Kartons dazu wenig
Jahre vor seinem Tode auf Verlangen Leo des Zehnten und sie wurden in Flandern
unter Aufsicht zwei seiner guten dortigen Schüler gewirkt
    Man trifft darunter Vorstellungen an von hoher Vortrefflichkeit und
Schönheit bei einigen aber gab er sich freilich nicht viel Mühe doch erblickt
man auch hierin einzelne Figuren die entzücken Er musste sich darauf
einschränken was auf Tapeten Wirkung tut und konnte nicht ins Feine gehen in
die zarten Züge die oft soviel entscheiden Deswegen hat man vermutlich auch
aus einer schändlichen Nachlässigkeit die Originale zurückgelassen und der
Himmel weiß wo sie in den Nebelländern hingeraten sind
    Der Kindermord die Auferstehung die Austeilung der Schlüssel wo man dem
Paulus opfern will derselbe im Areopag Petrus der einen Gichtbrüchigen heilt
der blinde Zaubrer der Fischzug gehören unter die besten Es ist wunderbar wie
das Leben aus der groben Materie hervorbricht und die Herzen ergreift und man
wird selbst zum glücklichen seligen Kinde wenn das Volk so daran vorbeizieht
da und dort stillesteht und sich dieses und jenes Schöne zeigt sich dabei der
Religion freut und fromm und gut nach Hause geht
    Vor seinem Kindermorde muss jeder andre Künstler die Segel streichen Ich
habe manches schöne Weib davor Tränen vergießen sehen so rührend ist die
Mutterliebe und die Unschuld der Kinder auf mancherlei Art ausgedrückt Die
Mutter welche mit ausgebreiteten Armen und flatternden Haaren im Schrecken
flieht welche sitzt und über ihr totes Kind weint welche den Mörder wütend
fortstösst indes das Kind sich an sie festklammert sind göttliche Gestalten
    Es ist ein unendlicher Reiz von Leben Bewegung und Schönheit in diesem
Stücke das aus drei großen Tapeten besteht
    Wie Petrus den Gichtbrüchigen heilt ist ein gleiches Meisterstück und hat
die trefflichsten Naturgestalten zur Begebenheit und macht noch ein vollkommener
Ganzes Ein gleiches wo dem Paulus geopfert wird und wo Petrus die Schlüssel
empfängt
    Wie Christus aufersteht ist äußerst sinnlich erfunden Die Wache erschrickt
und flieht davon wie vor einem Gespenste Der Hauptmann mit dem Spieße der im
Entsetzen noch tapfer aushalten will und der Soldat der sich vor Furcht an ihn
schmiegt und ein andrer mit Schild und Armen über dem Kopfe und der welcher
ausreisst sind Meisterwerk Die drei Marien in der Ferne vollenden die
Heiterkeit des Ganzen
    Es lässt sich wenig darüber sagen wenn man nicht selbst davorsteht und auf
die Schönheiten hindeuten kann Auch muss man vieles aus einer nähern
Bekanntschaft mit Raffaelen nur ahnden
    Unter allen seinen theologischen Werken behält aber doch immer den Preis
sein letztes die Verklärung weil es gewissermaßen die Quintessenz aller seiner
heiligen Gefühle in sich hält den Zuschauer in den Mittelpunkt der christlichen
Religion zaubert und die Vollkommenheit seiner Kunst ist Schade nur dass das
Gemälde die Haltung verloren hat die Schatten alle schwarz geworden die feinen
Tinten verschwunden sind und die Luft keine gute Wirkung tut Inzwischen müssen
die Gestalten der hohen Menschen die hier versammelt sind schon an und für
sich ergreifen Jeder von den unteren Aposteln möchte gern voll Gutherzigkeit
helfen aber kann nicht Auch die Notleidenden sind edle Seelen und die kniende
Jungfrau mit dem königlichen Profil erhebt besonders die Szene Der besessne Bube
ist ein gutes Kind der Kopf hat in der Tat den Ausdruck als ob ihm ein böser
Geist etwas angetan hätte und sein Arm ist ein Meisterstück von Wut der Qual
Der Kopf des Weibes welches ihn mit der Hand hält voll Angst und blasser
Melancholie rührt bis zur Bangigkeit
    Oben auf dem Berge wird der göttliche Jüngling der das menschliche
Geschlecht von seinem Elend befreit und auf welchen die unteren Gefährten zeigen
in Verzückung emporgehoben vom Boden und ihn umschweben die größten Geister der
Vorwelt herab vom Himmel Die eingeschlummerten Begleiter erwachen auf der
Anhöhe von der Glut der Begeisterung
    Jede Gestalt ist äußerst rein und bestimmt individuell voll Physiognomie
und Schönheit in großen Formen dabei sind die Köpfe doch fast alle Natur aus
der römischen Welt und täuschen deswegen so sehr Ein Fremder kann es nicht so
genießen wie einer der diese kennt
    Mit einem Wort es ist was es sein soll eine wahre Verherrlichung und
Verklärung die Doppelszene so vereinigt füllt den Moment so mächtig als die
Malerei nur leisten kann und was leere Kritiker tadeln entzückte gerade den
Meister bei der Erfindung und macht den Triumph der Kunst für den Menschen von
Gefühl aus
    Man muss gewiss erstaunen über die große Anzahl seiner Werke bei so kurzem
Leben und seinem Hange zur Wollust besonders wenn man das meiste so gefühlt und
ausempfunden sieht Bei bloßer Manier und Fabrik lässt sich große Anzahl leicht
begreifen wo arme Sünder denselben Puppenkram den kein Vernünftiger mehr
erblicken mag nur in andre Stellungen versetzen aber alles Vollkommne aus der
Natur hergeholt will reine volle Seele und kostet Anstrengung
    Raffael hat sich innig von zarter Kindheit an als einzig liebes
Künstlersöhnchen voll frischer Kraft selbst zum Maler in der Einsamkeit und beim
Leben in der Welt gebildet und früh sich angewöhnt Gestalten und Bewegungen
derselben sich in der Phantasie zu sammeln und vorzustellen und diese Übung und
Gewohnheit ist nach und nach bei ihm zur stärksten Fertigkeit geworden Seine
Hand hat er gleichfalls geübt wie Auge und Phantasie und dabei seines Geistes
Sphäre erweitert und so ist der göttliche Jüngling zum Vorschein gekommen Die
Hauptsache worin er alle übertrifft bleibt eben die vollkommne Fertigkeit
sich Gestalten vorzustellen die Grund in der Natur haben mit Zweck und
Absicht Daher die wunderbare Menge seiner Gemälde Das Höchste in der Malerei
Gestalt wobei sich andre zuweilen die scharfsinnigsten Köpfe vergebens
abmartern war sein Leichtestes ging von ihm aus wie Quelle Aber doch sieht
man bei seinen Kompositionen deutlich allemal die Figuren wo er sich
angestrengt und die wirkliche Natur nachgeahmt hat Er besaß einen gar guten
Volksverstand und dachte und empfand bei jeder Geschichte gleich das
Natürlichste und seine Gestaltenphantasie und sein kernhafter Stil wo alles
bestimmt ist machte das Ganze gleich lebendig
    Nach diesem allen seh ich mich doch genötigt ein Gegenlied von dem Lobe
anzustimmen was ich dem Papst Julius gab Es war ein Glück für Raffaelen dass
dieser seiner Kunst Arbeit verschafte und vielleicht auch keins und das
Gegenteil denn dadurch ist er fast zum bloßen Kirchenmaler geworden Das
einzige große Werk außer seinen theologischen Gemälden und Porträten ist die
Geschichte der Psyche in der Farnesina und diese gehört einzelne vortreffliche
Figuren ausgenommen nicht unter sein Bestes Die Götter und Göttinnen darin
machen einen großen Abstand gegen die Antiken15 Jedoch muss man zu seiner
Entschuldigung sagen dass er das vom Apulejus so kostbar erzählte Märchen schier
lucianisch behandelte das Ganze ist ein Malerscherz und stellt ein kokettes
Weib vor welches keine reizende Schwiegertochter haben will und sie endlich
haben muss
    Er und seine Schüler scheinen überdies sich auf Kosten des reichen Kaufmanns
Chigi von Siena der aus verschwenderischer Pracht bei einer Mahlzeit für
Kardinäle und Prälaten die silbernen Gefäße sowie sie abgetragen wurden in den
vorbeifliessenden Tiberstrom werfen ließ sich mehr nur einen Zeitvertreib
gemacht zu haben als dass ihnen von der vatikanischen Strenge her die Arbeit
Ernst gewesen wäre und der welsche Amsterdamer musste ihm dabei noch ein Zimmer
für seine Geliebte einräumen damit er sie allemal gleich bei der Hand hätte
sooft ihm die Lust unter den wollüstigen Zeichnungen der nackenden weiblichen
Gestalten zu ihr ankäme
    Die Allegorie mit den Liebesgöttern ist das Sinnreichste Venus und Psyche
übrigens einigemal bezaubernd Zeus und Amor beisammen griechisch empfunden
Merkur und die Grazie vom Rücken Meisterwerk Und Johann von Udine hat bei
seinen Blumen einen himmlischen Frühling genossen
    In seiner Galatee neben diesem Saal ist die Zärtlichkeit und Empfindung der
ersten Liebe ausgedrückt sie hat viel Unschuld im Blick aber noch etwas
Unreifes in der Gestalt und ihr Gesicht ist noch nicht so klar und rein wie zum
Exempel die Köpfe in der Verklärung Die drei fliegenden Bübchen schweben
reizend in schönen Umrissen
    In den Stanzen sind zwar einige Gemälde die nicht zur Kirchengeschichte
gehören allein er musste die Personen darin doch dem Orte nach so fromm
behandeln dass sogar Vasari seinen Plato und Aristoteles in der Schule von Athen
für die Apostel Petrus und Paulus ansah und ein andrer Unwissender dieselben mit
dem heiligen Schein in Kupfer stach Sein Parnass würde vermutlich in einem Saale
von Ariosts Gartenhause ein ander und besser Werk geworden sein
    Und wie sind die Zimmer alle an und für sich schon schlecht beleuchtet und
angeordnet mit Malerei überladen Man sollte fast denken der Halbgott habe den
größten Teil seines Lebens mit seinen Schülern hier gefangen gesessen und einem
theologischen Tyrannen zu gefallen alle Wände vollgepinselt um ihn zur Erlösung
zu bewegen
    Raffael hat durch diesen Druck äußerst wenig und vielleicht nichts gemacht
wo sein ganzes Wesen mit allen seinen Gefühlen und Neigungen und Erfahrungen ins
Spiel gekommen wäre wo die Sonne seines himmlischen Genius ganz auf einen
Brennpunkt gezündet hätte
    Es ist zwar wahr aus der freisten oder schlüpfrigsten Szene der Welt kann
der Künstler eine Gestalt in das frömmste Gemälde übertragen allein es
geschieht doch allemal mit Zwang der anstatt dass eine Begebenheit aus der
profanen Geschichte oder Fabel die Phantasie erhöbe und begeisterte die
eigentlich lebendigen Züge verwirrt und verunstaltet so dass sie ihre beste
Kraft verlieren Wie würden Raffaels Weiber zum Exempel dieselben Gestalten zu
seinem Kindermorde zu seinen vortrefflichen Sibyllen in der Kirche alla Pace
zu verschiedenen seiner Madonnen noch andre Wirkung in den Vorstellungen aus dem
Leben einer Sophonisbe Kleopatra Kornelia der Geschichte des Koriolan
hervorbringen
    Es bleibt ausgemacht Das Element der großen Geister ist die Freiheit und
wer sie unterstützen will muss diese ihnen erst gewähren Aller Zwang hemmt und
drückt die Natur und sie kann ihre Schönheit nicht in vollem Reize zeigen
Deswegen die Atenienser unter ihrer Demokratie und Anarchie der höchste Gipfel
der Menschheit
                                                                  Rom November
Ich freue mich dass Du mit mir auf gleichen Lebenspfaden gehst und also leichter
an meinen Schicksalen teilnehmen kannst nur ist Deine Chiara von ganz andrer
Art als meine Fiordimona sie hat mich nicht so lange schmachten lassen ihrer
Macht und Herrlichkeit bewusst Das hab ich noch nicht erfahren in der Liebe so
von einem Weibe überflogen zu werden Ich habe Nebenbuhler und vielleicht
glückliche Nebenbuhler nur schein ich der glücklichste zu sein und dies
fesselt mich an ihren Triumphwagen worauf die stolze junge Römerin einherzieht
wie ein alter Sylla nach den Siegen über die größten Könige der Erden und die
ersten Helden seines Vaterlandes Und ich fühl es ach ich fühl es dass sie mich
so ganz unaussprechlich liebt Was das für eine Empfindung ist und wie es mein
Wesen in vollen Schlägen durchkreuzt kann niemand fassen als wer selbst in
Feuer und Flammen unter einem solchen schrecklichen Gewitter gestanden hat
    Das erste Mal als wir unsre Seelen vereinigten geschah in der Nacht auf
den Raub zwischen Gebüsch und Gesträuch unter den ewigen Lichtern des Himmels
auf dem Gipfel des Monte Mario O Gott wie war ich da in Reiz versunken und
verloren Ach wenn es ein Leben gibt das so unaufhörlich fortdauert in
welcher Tiefe von Elend winden wir uns herum Sie riss sich allzubald mit heißen
Küssen los damit ihre Abwesenheit vom Ball den ein Prinz ihretwegen auf der
Villa Melini gab nicht bemerkt würde und ich wandelte außer mir nicht mehr
derselbe noch lange zwischen den Bäumen herum tat Freudensprünge wie ein Knabe
und jauchzte vor unfassbarem Entzücken hinab in die Täler des Tiberstroms dass
alle Hügel widerhallten
    Du solltest sie sehen Eine erhabene Gestalt die das Auslesen hat bei
Lüsternheit sprödes Wesen Ein froh und edel wollüstiger Gesicht gibts nicht
Mit Adleraugen schaut sie umher und bezauberndem doch nicht lockendem Munde
Das stolze Gewächs ihres schlanken Leibes schwillt unterm Gewand so reizend
hinab dass man dieses vor Wut gleich wegreissen möchte und die Brüste drängen
sich heiß und üppig hervor wie aufgehende Frühlingssonnen Wangen und Kinn sind
in frischer Blüte und bilden das entzückendste Oval woraus das Licht der Liebe
glänzt O wie die braunen Locken im Tanze bacchantisch wallten der himmlische
Blick nach der Musik und Bewegung in Süßigkeit schwamm die netten Beine in
jugendlicher Kraft sich hoben wie schnelle Blitze verschwanden und wiederkamen
Doch warum beginn ich ein unmögliches Unternehmen Der genießt das höchste Los
des Daseins den ihre zarten Arme wie Reben umflechten mehr hat kein König und
kein Gott
    Ach und sie ist mehr Wunder der Natur noch am Geiste eine Kreatur worüber
ich zum ersten Mal mit geheimen Ingrimm rase dass sie so vortrefflich ist O lass
mich ruf ich zuweilen für mich in Verzweiflung aus doch muss ich dem unbändigen
Zuge folgen und unterliegen Ich habe nie geglaubt dass eine Dirne derart mich
in Ketten und Banden legen würde und tobe über mich selbst aber niemand weiß
was ihm bevorsteht
    Ich will Dir gleich den falschen Wahn benehmen der bei Dir aufsteigen wird
Sie ist reich besitzt ein unmässiges Vermögen und hat weder Vater Mutter noch
Geschwister Ihr Vater war der Sohn eines päpstlichen Neffen und sie ist nun
allein geblieben Wie um sie geworben wird kannst Du Dir leicht vorstellen
aber sie will ihre Freiheit behaupten und sich platterdings nicht vermählen
    Kurz darauf bracht ich bequemer und freier eine ganze Nacht mit ihr zu in
ihrem Schlafgemach bis Morgenrot und Sonne die Blumen ihrer Schönheit
bestrahlten und ich so ganz in ungestörtem Genuße mein Dasein mit allen Sinnen
darinnen wiegte Welche Reden welche Gefühle wie schwand die Zeit dahin
welcher süße Scherz was für Mutwill was für Spiel kindlich und himmlisch
Trunken und lechzend taumelt ich von dannen Wohl recht hatte jener Weise wenn
man die Wollust dem Leben abzieht so bleibt nichts als der Tod übrig Sie hat
so ganz das was Sappho bei Weibern allein Grazie nennt das Liebreizende was
so oft den schönsten und verständigsten fehlt Diese versteht die Kunst zu
lieben und kennt die Wirklichkeit der Sache mit allen ihren Mannigfaltigkeiten
sie ist eine Virtuosin darin und andre wissen dagegen kaum die Anfangsgründe
Bei ihr könnte Sokrates mit allem seinen unendlichen Verstande noch in die
Schule gehen Natur selbst übersteigt alle Einbildung O wie sie so bloß als
erquickende Frucht an einem hängt als volle süße Traube woran man mit
durstigen Zügen saugt und dann wieder bezaubernde unüberwindliche Tyrannin ist
des Herzens und des Geistes! Sicher bei ihrer Vollkommenheit bedarf sie die
Zierereien der andern nicht Die Grausame begnügt sich gleich der Spinne nicht
an einer Seele und verlangt nicht wie sie sagt gegen die Unmöglichkeit zu
streben o ich möchte töricht werden
    »Lass uns aufrichtig sein« sprach sie an einem andern Abend im
Spazierengehen nach Saitenspiel und Gesang bei meinen Liebkosungen und Klagen
der Eifersucht
    »Jedes muss sich selbst am besten der Kräfte zu seiner Glückseligkeit
bedienen womit es auf diese Welt ausgesteuert worden ist, und der Lage und
Sphäre wohinein es bei seiner Geburt gesetzt wurde Dies hebt den Menschen über
Menschen und macht einen weit größeren Unterschied zwischen den Graden ihres
Genusses als zum Exempel zwischen den verschiedenen Weinen und ihrem Geschmack
ist wo man nicht glauben sollte dass sie alle von derselben Rebe herkämen So
wären die Könige Halbgötter und Löwen unter Rindern wenn sie ihre Stelle zu
gebrauchen wüssten16
    Ein Frauenzimmer ist unklug das mit einer Gestalt die gefällt erwuchs und
Vermögen besitzt wenn es sich das unauflösliche Joch der Ehe aufbinden lässt
Eine Göttin bleibt es unverheuratet Herr von sich selbst und hat die Wahl von
jedem wackeren Manne auf solang es will Es lebt in Gesellschaft mit den
verständigsten schönsten witzigsten und sinnreichsten erzieht seine Kinder
mit Lust als freiwillige Kinder der Liebe erhöht sich zum Manne da es
hingegen im Ehestande wie eine Sklavin weggefangen worden wäre nichts mehr
vermöchte nach Gesetz und Gewohnheit und sich endlich von dem kleinen Sultan
selbst welchem es sich aufgeopfert hätte verachtet sehen müsste ohn einem
andern Vortrefflichen seine Hochachtung wirklich auf eine seelenhafte Art nicht
bloß mit Tand und Worten erkennen geben zu dürfen
    Ich werde dies einem Prospero nicht weiter auseinanderzusetzen brauchen und
ferner nicht ob das Wohl des Staats oder Ganzen dadurch gewinnt oder verliert
Die etwanige Sünde kann man sich ja vergeben lassen und eigentlich ist es bei
uns nicht einmal eine gegen das sechste Gebot sonst würden diese Lebensart
fromme Regierungen nicht gestatten
    Was die Eifersucht betrifft so ist sie gewiss wenigstens auf Eurer Seite
eine unnatürliche Leidenschaft und entsteht ganz allein aus armseliger Schwäche
Mangel oder Vorurteil Brüder und Helden jeder wert ein Mann zu sein sollten
sich eine Freude daraus machen ein schönes Weib gemeinschaftlich zu lieben Der
geringste Genuss wird durch Anteilnehmung mehrerer verstärkt und gewinnt dadurch
erst seinen vollen Gehalt warum sollte es nicht so sein bei dem größten Und
ist eine junge Schönheit nicht imstande ihrer viele zu vergnügen Verliert der
eine etwas wenn der andre auch von der Quelle trinkt woran er schon seinen
Durst gelöscht hat In einer guten bürgerlichen Gesellschaft sollte platterdings
auch gesellschaftliche Liebe und Freundlichkeit sein allein wir können uns von
dem Krebsschaden der Vorurteile vieler Jahrtausende noch nicht heilen Eins und
eins ist wahrlich nicht viel mehr als einsiedlerisch und gegen die Natur sie
behauptet deswegen auch immer ihre Rechte wie jeder weiß der nicht ganz blind
ist Bei der großen Mannigfaltigkeit wär es Unsinn jederzeit von bloßem Brot zu
leben Jeder Mensch existiert für sich und in keinem andern wenn dies die Natur
gewollt hätte so wären wir zusammengewachsen Und gehts nicht so unter allen
andern Gattungen von Tieren Gras und Kraut und Bäumen Jedes vereinigt sich mit
dem andern nach Gelegenheit O ihr Armseligen die ihr keinen Begriff von Leben
und Freiheit habt und Grossheit des Charakters Dass dies die reine wahre Lust
ist mit seiner ganzen Person so wie man ist wie ein Element göttlich einzig
unzerstörbar lauter Gefühl und Geist gleich einem Tropfen im Ozean durch das
Meer der Wesen zu rollen alles Vollkommne zu genießen und von allem Vollkommnen
genossen zu werden ohne auf demselben Flecke klebenzubleiben Sobald etwas ganz
genossen ist weg davon Dies ist das allgemeinste Gesetz der Natur, wodurch sie
sich ewig lebendig und unsterblich erhält«
    Ich erschrak und erstaunte über diesen pindarischen Schwung so weit hatt
ich meine Philosophie noch nicht getrieben Was lernt man nicht in Rom Es
bleibt gewiss in jeder Rücksicht die Hauptstadt der Welt Ich sah sie an wie ein
junges arabisches Ross das nie Zügel und Gebiss erfahren mit flatternden Mähnen
durch die Fluren schweift und mit üppiger Kraft über alle Hecken und Gräben
setzt
    Sie lächelte über meine Verwunderung milderte ihren feurigen kühnen
Adlerblick fasste mich zärtlich bei der Hand und fuhr fort
    »Wenn man mit euch Weisen spricht so muss man wie Zeno und Plato reden und
sich dem Höchsten nähern sonst habt ihr nur Mitleiden mit uns Schwachen Glaube
nicht dass mein Herz aus mir sprach es waren nur Abstraktionen kalter Vernunft
und leichte Flüge mutwilliger Phantasie dich zu necken und zu warnen O du bist
mein Abgott ich werde dich immer lieben solange du mir getreu bleibst und ich
habe keine Furcht vor einem andern solange du es sein wirst Kennst du etwa
einen der so viel über mich vermöchte als du so viel über mich vermocht hätte
Nur schweig und verbirg und lass uns unsre Glückseligkeit im stillen genießen
denn du siehst ich bin von Feinden umringt die mich und meine Güter zur Beute
machen wollen«
    Alles dies ist Schatten und nichts schier gegen das was und wie sie es
gesagt hat mit einer Leichtfertigkeit und einem Spiel von Mienen und Gebärden
und Pausen und Fragen und Antworten und Errötungen und Wegwendungen des
Gesichts und als ob ihr manches nur entschlüpfte dass ich mich schäme es
hingeschrieben zu haben Doch mag der bloße Inhalt allein Deiner Moral wenn Du
noch die alte hast genug zu schaffen geben ich wenigstens bin mit meinem
Latein am Ende und denke keine Spanne weiter mehr darüber hinaus von den
Wonnestrudeln des paradiesischen Lebens bei meiner Zauberin ergriffen und
festgehalten
    Nach diesem sonderbaren Liebesgespräch ist noch sonderbarer dass sie keiner
Ausschweifungen beschuldigt wird und alle Abbati nichts wissen die sich an ihr
blind schauen Sie hält sich eingezogen in ihrem Palast auf wenn sie sich nicht
auf ihren Landgütern befindet und hat eine alte Base bei sich und so führt sie
die Wirtschaft mit ihren Kammerweibern und Bedienten Sie weiß sich so von jedem
Ehrerbietung und Gehorsam zu verschaffen dass sie keines Mannes dazu bedarf und
ihr alter Vormund den sie noch erbt gute Musse hat Entweder ihr Vater oder
ihre Mutter müssen außerordentliche Menschen gewesen sein sonst kann ich es
nicht begreifen Beide sind erst vor wenig Jahren nacheinander gestorben
    Etwas von dem Rätsel kann Dir noch das erste Gespräch aufschließen wodurch
ich mit ihr bekannt wurde welches wir zusammen in einer Gesellschaft hielten
wohin ich kurz nach meiner Ankunft den Kardinal begleitete Es betraf die drei
großen Lichter der welschen Literatur den Dante Petrarca und Boccaccio Von
dem letztern behauptete sie dass er am mehrsten Mensch und der Klügste und
gegen die gewöhnliche Meinung am mehrsten Dichter gewesen wäre Aus seinen
Novellen allein leuchte unendlich mehr Erfindungsgeist hervor als in den Werken
der beiden andern und dies bestimme doch hauptsächlich den Rang der Dichter
Vers und Reim sei nur Verzierung wie Licht und Schatten bei der Malerei und
nicht das Wesentliche Und auch in Charakter und Sprache dürfe man ihn den guten
Klassikern an die Seite setzen
    Ich wandt ihr dagegen verschiednes ein und scherzte über ihre Verteidigung
dieses gefährlichen weiblichen Moralisten Sie zog sich mit unbeschreiblicher
Anmut und leichtem Witz aus der Schlinge und beschloss er habe die Sitten seiner
Zeit geschildert und es gehöre zur Vollkommenheit von Held und Heldin alle
Wege und Abwege eines Landes zu kennen und es habe noch niemand zum Vorwurf
gereicht durch andrer Schaden klug zu werden »Ich betrachte die Komödie des
Dante« fügte sie ernstaft hinzu »eigentlich nur als eine Satire über seine
Feinde Übrigens war er ein Mann wie ein Fels welches auch seine Gestalt zeigt
voll hohen Ehrgeizes Der letztere hat ihn vermutlich zu seiner unverständlichen
Theologie und Philosophie verleitet er wollte über die berühmtesten Personen
seines Zeitalters hervorragen Wenn er Kraft genug gehabt hätte die Modemänner
zu verachten und einen bessern Plan zu seinem Gedichte wählte als ein so
gotisches Gewirr so wär er vielleicht eine neue Art Homer für uns Er hat
Stärke Feuer tiefes Gefühl Einbildung und männliche Würde Die Schicksale
nach seiner Verbannung ließ ihm nicht Ruhe und Heiterkeit genug
    Petrarca geht zuviel in der Luft doch entzückt nicht selten lauter und rein
sein himmlischer Geist in guter Gesellschaft gebildet Allein Boccaccio hat am
mehrsten Natur und war am mehrsten unter seinen Menschen und hat deswegen auch
am mehrsten gewirkt Was an ihm zu tadeln ist muss man billig auf Rechnung
seines Zeitalters setzen«
    Ich würde einen Mann wegen dieser Urteile nicht bewundert haben aber sie
bezauberten mich von so schönen Lippen aus zwei Perlenreihen Zähnen hervor Was
für innrer Gehalt gehörte nicht dazu dieselben in Beisein eines Kardinals
auszusprechen
    Es ist ein Glück für mich dass ich sie so fand mit ihr hätt ich die Torheit
begehen können zu heiraten und alle meine brennenden Begierden und Hoffnungen
in ihrer Liebe dämpfen zu wollen Bei den Grundsätzen die sie wenigstens
auszudenken imstande war wenn sie dieselben auch nicht ausüben sollte würde
mir dieses eine erspriessliche Ehe geworden sein Inzwischen ist wieder wahr mit
Verstand kann man alles anfangen sie würd es schon so gemacht haben dass auf
beiden Seiten nichts Böses erfolgt wäre Jedoch nur der fernste Gedanke in
einen gewissen Orden hineinzugeraten treibt mich auf und von dannen
    Aber ich weiß selbst nicht recht woran ich bin und die Heillose foppt
mich Noch einen Hauptpunkt hab ich vergessen Dir zu erzählen Sie macht und
singt aus dem Stegreif vortreffliche Verse mit einer so tonvollen silbernen
Stimme dass sie alle Augenblick eine Muse auf dem Parnass oder eine Sirene in den
Fluten vorstellen kann Dies bringt zwischen uns große Ergötzlichkeit hervor in
Einsamkeit und Gesellschaft und sie sagt im Scherz wir wären so füreinander
geschaffen um die erste Ehe stiften zu können wenn nicht schon ein ander Paar
den Fluch aller Unglücklichen die an diesem Joche ziehen auf sich geladen
hätte
    Ach wer weiß wie dies enden wird Mir ist so warm in der Brust dass michs
wie auf einen Punkt brennt und dabei zuweilen bange Eine Glut scheint mein
innerstes Leben anzugreifen und davon zu zehren ich gehe herum wie ein Tier
das an einem Schusse blutet In Augenblicken fahr ich vor Schrecken zusammen wie
ein junges Rind dem der Löwe brüllt Ich habe meine Freiheit verloren und kann
mich nicht ermannen Aber wenn ich meine Kräfte anspanne kann ich noch einen
Strick zerreißen Ist sie eine Semiramis dass ich weit und breit vor ihr in
Süden und Norden keine Freistatt finde Gott im Himmel dass sie so allen Reiz
haben muss wonach mir je gelüstete Sie hat einen Blitz in den Augen womit sie
alles niederschmettert
    Doch was rase ich Bin ich nicht glücklich emporgehoben zu den Sternen Der
Wahnsinn muss Dir in Deiner Lage gefallen
    Ich sitze noch im Vatikan weil ich hier am bequemsten zu ihr komme Von der
Villa Medicis ist es zu weit und ich befürchte man möchte über mein Ausbleiben
Verdacht schöpfen und mich beobachten Der Kardinal ist ein Schalk o ich merke
dass er seinen Bogen auch auf dieses Ziel spannt und seinen Pfeil dahin richtet
    Mein Petrus ist eine junge hübsche Mohrin vom Senegal die noch wenig
Italienisch versteht Fiordimona hält sie so in der Zucht dass sie bei der
geringsten Untreue befürchten muss auf der Stelle niedergestossen zu werden
    Die noch immer schönen und heitern Morgen bring ich im Belvedere zu
lästerlich bloß um mich zu zerstreuen und auf andre Gedanken zu kommen Aber
Apollonios und Agesander verstehen ihre Kunst doch auch so dass sie mich allemal
früh oder spät mit ihrer Schönheit und Wahrheit an sich locken und einnehmen O
wie erhebt dies meinen Geist dass er solche Brüder hat Wir sind ewig
unsterblich bewegen uns selbst und schaffen nichts kann uns Schranken setzen
Die Materie, die meinen freien Vogelflug hemmt werf ich ab sobald ich will
    Ich bin für heut ins Schwärmen hineingeraten morgen mehr
                                                                  Rom Dezember
Nach einigen Tagen Schirokko der Regen in Wolkenbrüchen ergoss hat sich heute
wieder eine klare Tramontana eingestellt Hügel und Täler und Gebirge schweben
weit und breit in lauter erquickendem Himmel und ein leichter Äther hebt von
der Erd empor und von dannen Dies sind meine letzten Stunden im Vatikan ich
will ich muss nun scheiden Ach scheiden von der Kunst überhaupt Sie ist meine
Bestimmung nicht ich habe mich nur jugendlich getäuscht Nach dem geheimen
Gefühl dass der Endzweck aller Existenz ist gut zu sein und Schönheit zu
genießen und dass Gott selbst keine andre Glückseligkeit habe wähnt ich am
ersten meine Beruhigung in der Malerei zu finden und arbeitete mich herum mit
Traum und Schatten Herz und Geist trachtet nach einer kräftigern Nahrung und
findet diese allein in der lebendigen Natur und Gesellschaft der Menschen in
wirklichem Kampf und Krieg und Liebe und Friede mit denselben Wir sind die
Quintessenz der Schöpfung füreinander allein unsre Freunde und Feinde und einer
des andern Beute sind füreinander die höchste Sphäre zu handeln
    Aber ach Scheiden ist der eigentliche Tod vor dem die Natur schaudert
Mein Leben blutet und ich kann mich noch nicht ganz losreißen Wär ich Künstler
und Mitgenoss einer alten Republik so könnt ich vielleicht ausharren bis mich
der Schlangenstrom der Ewigkeit wieder in seine klare Flut aufnimmt oder als
neuen Schaum an ein ander Ufer im Weltall setzt Goldne Zeiten von Athen wo
seid ihr hin Werd ich keinen Schatten von euch auf diesem Erdenrunde wieder
finden
    Doch was sag ich Mitgenoss einer alten Republik
    Hätt ich in dem glänzenden Zeitalter gelebt worin Sokrates aufwuchs so
hätt ich meine Malerei gewiss noch eher als er seine Bildhauerei verlassen und
sie wäre nicht einmal Spiel für mich gewesen Plutarch lallte freilich kindisch
wie manches nach in ganz andern Umständen Welcher gutartige Jüngling wird
Phidias oder Polyklet sein wollen Noch brennt mich der Pfeil den mir Demetri
tief ins Leben abdrückte
    Nach der Schlacht bei Plataia bis in den Peloponnesischen Krieg hinein war
Athen ein halbes Jahrhundert das Rom von Griechenland jeder Bürger über die
Inseln und Kleinasien schier Fürst und Herr und alle Kunst ihm unanständig die
nicht zum Helden und Staatsmann bildete
    Überhaupt aber hatte schon vorher Solon mit seinen Fünfhundertschefflern
Reitern und Halbreitern und so fort obgleich von der Lage der Sachen vielleicht
dazu genötigt doch ärgerliches Maß und Gewicht für das Verdienst eingeführt
jeder war unedel der nicht von seinen Renten lebte er mochte mit göttlicher
Wissenschaft und Kunst sich seinen Unterhalt erwerben
    Die erhabenen Sieger über den großen König hatten recht sich diesen
verwünschten Maßstab vom Halse zu schaffen wäre hernach nur ihr Senat und
Areopag bei seiner Würde geblieben Doch ich will hiervon nichts weiter reden
Lukian hat es mit dem treffendsten Witze in seinem Meisterstücke dem Zeus
Tragikos genug lächerlich gemacht
    Der Lehrer des Weltbezwingers wies alsdenn nach der reinen Vernunft den
Künsten im Staat ihren Rang an und sagt alle Kunst ist unedel die Leib und
Seele der Gewandtheit beraubt sich frei zu regen und zu bewegen folglich jede
wobei man sitzen oder in einer gezwungnen Stellung und Lage sein muss
    Die bildenden Künste möchten freilich nach dieser Regel übel wegkommen
besonders die Malerei wenn die Arbeit dabei wie Michelangelo behauptet
kinderund weibermässig ist Jedoch auch selbst die Philosophie wenn man so viel
lesen und schreiben müsste als der Stagirit gelesen und geschrieben hat und
noch mehr um soweit Freiheit der Seele die des Leibes übersteigt die
ehrwürdigsten Ämter Mein Nachbar hier mit seiner dreifachen Krone wäre der
Hauptsklav gebunden wie ein Wickelkind der alle Welt löst
    Aber das beste ist man weiß sich bei diesem allen schon schadlos zu halten
und versteht dies nur auf wenige Tage und Stunden
    Übrigens hatten die Griechen darin recht dass derjenige sich zum Handwerker
erniedrigt welcher seine Kunst des bloßen Gewinsts wegen eines andern
beliebigen Befehlen unterwirft Das Werk behält hingegen auch wieder immer
seinen Rang und eine Venus von Tizian bleibt auf alle Weise eine Venus von
Tizian und gerät nie an Wert von Erfindung und Arbeit unter die Hosen und
Stiefeln von Schustern und Schneidern Selbst die Gesetze der hohen Ehre sollen
die Kunst nicht zu streng und gewaltsam fesseln keiner ist gleich am Ziele
jeder hilft sich fort nach den Umständen bis er dahin gelangt und einigermaßen
herrscht unter wenig echtem Gefühl und einem Haufen Wahn und Mode
    Für jetzt nur noch einige Zeilen als geringe Spuren meines glücklichen
Aufenthalts in dem wahrhaftigen Belvedere von innen und außen
    Wehmütig muss man zwar das Häufchen Ruinen betrachten wenn man an die
unzählbaren Schätze des Altertums denkt an die hundert metallne Kolossen der
Insel Rhodos allein oder die manchen hundert Meisterstücke von Lysipp
geschweige die Völkerschaften von Statuen zu Delphi und Elis die Pracht und
Herrlichkeit von Athen Korint Gnid Ephesos Ein Grieche vor den römischen
Räubereien würde die heutigen Antiken insgesamt gleichsam ansehen wie ein
Lucull von der Tafel aufgestanden ein paar verschimmelte Brocken aus eines
Bettlers Sack Und doch schlagen sie allen unsern Stolz nieder und zeigen uns
deutlicher unsre Barbarei als irgend etwas was übriggeblieben ist
    Man begreift nicht wohl wo die Alten die Kosten nur der Materie hernahmen
binnen so kurzer Zeit eine so große Menge von Kunstwerken aufzustellen da
heutzutag nicht die größte Monarchie zu leisten imstand ist was zum Beispiel in
dem kleinen Sizilien nur das Sandkorn das kaum bemerkbare Girgent tat Die
Verwunderung des Xenophon in den blühendsten Zeiten der Kunst und wo die
Griechen schon selbst von ihrer strengen Lebensart sehr abgewichen waren über
die Schwelgerei der Perser dass sie ihre Schlafzimmer mit Tapeten belegten17
damit der unnachgiebige Boden nicht zu hart gegen ihre weichlichen Füße
anstrebte kann uns einigermaßen den Schlüssel dazu verleihen Hohe
Selbstständigkeit des Menschen Vergnügen des Herzens und Freude des Geistes an
Wahrheit und Schönheit ging aller leeren Pracht vor die Stärke scheute den
Kitzel erschlaffter Sinnen Und die kleinste Republik wo zu gemeinschaftlicher
Lust jeder so denkt und für seine Person sich abbricht kann Berge versetzen und
eine andre Natur schaffen
    So glänzt jedoch zur Ehre unsrer Religion sei es gesagt die noch das
einzige allgemeine Band ist ohne weitere Vergleichung mit den Alten auch jetzt
manches ärmliche Städtchen in Italien mit einem himmlischen Bilde von Raffael
oder Korreggio wie ein Stern hervor gegen ungeheure Reiche in Norden nächtliche
Wüsten wo keine Schönheit erscheint
    Lysipp der wie Apelles in seiner Art den höchsten Gipfel der Kunst
erreichte goss alle seine Bilder aus Erz weil der Gesang der entzückendste wo
man die Musik und die Poesie die vollkommenste ist wo man die Sprache nicht
merkt und so geht es in den bildenden Künsten mit der Arbeit und der Materie,
dem Zeichen
    In den feierlichen Werken des Phidias und Polyklet von Gold und Elfenbein
erscheint die Kunst noch wie eine geschmückte unreife Jungfrau in denen des
Praxiteles und Lysipp wie eine Phryne aus dem Bad hervor alles Fremde
Verdunkelnde abgeworfen in lebendiger Vollkommenheit Sie wollten die Formen
das Wirksame nur gleichsam in die Seelen zaubern das Wesentliche schier
unsichtbar dabei wie die Götter und verbannten alle Pracht die das Auge
abzieht und den Geist dämpft
    So gebrauchten die großen Maler dieser Zeit nur die notwendigsten Farben
und gleiche Bewandtnis hat es mit den Reden des Demostenes der weit von dem
nicht selten eitlen Wortschwall des Cicero entfernt ist Und so findet man beim
Sophokles und Euripides die früher zur reinen Schönheit gelangten äußerst
wenig oder nichts von dem spanischen Pomp
    Uns ist von den Meistern welche die Kunst auf eine höhere Stufe setzten
namentlich nichts übrig Das meiste sind Bilder und Kopien von Lehrlingen die
man auf die Gipfel der Tempel und Paläste zu Rom und von dessen Landhäusern
stellte welche mit der Zeit und in dem Getümmel des Kriegs und der Barbarei
herunterstürzten zerschmettert und im Schutt der verwüsteten Gebäude begraben
wurden Nach langen Jahrhunderten grässlicher Nacht die in diesen Gegenden die
Menschheit benebelte hat man wie nach Gold und Silberminen die Wünschelrute
wieder auf sie angelegt Die Kleinodien aber sind fast alle gleich zu Anfange
weggeführt worden in Schiffbrüchen und auf ihrem ursprünglichen Boden in
Griechenland selbst in mancherlei Zerstörungen verschwunden Und doch haben wir
daran genug um wenigstens den Geschmack zu bekommen wie an etlichen obgleich
nicht den besten Flaschen Rest Lacrimae Christi und andrer köstlichen Getränke
von in Erdbeben untergegangnen Weinlagern
    Die Sache hat folgende Bewandtnis
    Die alte Kunst teilte sich in besondere Klassen von Schönheiten und die
großen Meister beeiferten sich das Ideal von jeder vollkommen darzustellen
Wenn nun einmal das Höchste da war so blieb den andern nichts übrig als ein
ähnliches nachzumachen wenn sie in dieser Klasse arbeiten sollten Man kann
sagen Phidias hat das Problem vom Jupiter aufgelöst und sein Bild davon genoss
allgemeine Verehrung an dem berühmtesten Schauplatz So ging es mit der Venus
des Praxiteles und Apelles den berühmten Apollen Merkuren Junonen Minerven
Amazonen die andern mussten ihren Weg einschlagen oder wurden nicht verstanden
oder geachtet wenn sie dieselben nicht übertrafen Ein guter Kopf schaut auch
durch schwache Nachahmungen der ersten erhabenen Männer Gefühl für Form und
eigentümliche Schönheit jedes Ganzen
    Der Torso der Farnesische Herkules der Borghesische Fechter sind zum
Beispiel gewiss hohe Meisterstücke doch finden wir die Namen ihrer sich
nennenden Arbeiter bei den Alten nicht aufgezeichnet Warum Sie waren bloß
Nachahmer des schon Erfundnen und brachten nichts Neues hervor um besondere
Aufmerksamkeit zu erregen Und so können wir noch in Rom den Geist des Phidias
Polyklet und Praxiteles schauen ohne etwas von ihnen selbst zu haben Freilich
würde für den innigen Wollustsinn noch ein großer Unterschied bei ihren
Originalen sein
    Die vier Statuen vom ersten Range der alten Kunst im Belvedere und nebst
wenigen andern auf dem ganzen Erdboden sind der Apollo der Torso der Laokoon
und sogenannte Antinous nachdem der letztern doch einmal der ehrenrührige Name
von blinden Antiquaren aufgehängt ist Man hat dieselben in Versen und Prosa bis
zum Ekel beschrieben ihre Gipsabgüsse wie Apostel zu Türken und Heiden
versandt jeder neue Ankömmling trägt Anmerkungen darüber in sein Tagebuch ein
und bei allen Predigern auf den Dächern sind wir schlimmer geworden kein
Leonardo da Vinci kein Michelangelo kein Raffael ist mehr aufgestanden
Anstatt das Licht zum Wegweiser zu wählen hat man sich die Augen daran
verblendet
    Das größte Aufsehen hat der Laokoon gemacht weil Plinius noch mitten unter
allen den höchsten Meisterstücken der Kunst davon meldet er sei ein Werk allen
andern der Malerei und Bildhauerkunst vorzuziehen und man bei dem
AllesAusundAbundAufschreiber glauben durfte dies sei nicht seine eigne
Lieblingsmeinung sondern die Stimme des damaligen römischen Publikums gewesen
    Einige voll von den Wundern des Phidias Polyklet und Praxiteles gingen so
weit dass sie mutmassten der Laokoon möchte aus dem Zeitalter des
Geschichtschreibers der Natur selbst und sein Lob ein gewöhnliches
Gelehrtenkompliment sein allein der Augenschein zeigt jedem Erfahrnen dass die
Gruppe aus der schönsten Blüte der Kunst stammt
    Sonderlinge wollten sie im Schwindel des Paradoxen um vielleicht dem
Vatikan wehe zu tun jedoch gar zur bloßen Kopie machen weil Plinius ferner
sagt die allervortrefflichsten Künstler hätten nach gemeinschaftlich gepflognem
Rate den Laokoon Kinder und Drachen alles aus einem Block Marmor verfertigt
und sie bestehen offenbar aus zwei Stücken und wenn Agesander und seine Freunde
nicht Zeit und Arbeit vergebens verschwenden wollten aus mehreren da der Sohn
zur linken Seite sonst um einer Taschenspielerei willen unsinnige Mühe würde
gekostet haben Plinius sah vermutlich die Gruppe aus einem niedrigen
Standpunkt und die Fugen waren versteckt wie sie bei dem rechten Sohne noch
sind wenn man nicht hinsteigt und es war schon in den alten Zeiten Mode dass
die Aufseher den Ankommenden Märchen wie Religion vorschwatzten und der
Geschichtschreiber der Natur hat in der Eile viel unglaublichre Fabeln sich
aufbinden lassen wenn er bei seiner Lebensart noch nicht recht ausgeschlafen
hatte Inzwischen will ich dem wackeren Manne hier nicht zu Leibe gehen er sagt
sonst Dinge mit göttlichem Verstand und zuweilen erhabene Poesie Sein Werk ist
wahrscheinlich der erste Zusammenraff des ungeheueren Ganzen und die
Wolkenbrüche von Feuerasche aus dem Vesuv erstickten ihn bevor er nur die
zweite Hand daran legte
    Es ist wohl eine zu handgreifliche moralische Unmöglichkeit dass ein
Künstler der so hätte arbeiten können einige der kräftigsten Jahre seines
Lebens mit bloßem Nachmachen ohne weitern Zweck sollte verschwendet haben und
dass die Kopie gerade wo das Original stand durch ein Wunder vom Himmel
gefallen und das Original dafür verschwunden wäre um sich bei Erörterung dieses
silbenstecherischen Verdachts länger zu verweilen
    Man hat bis jetzt das Lob des Plinius entweder für bloß übertrieben
hingesagt gehalten und sich unter den verlorenen höchsten Meisterstücken der
ersten Künstler vom Phidias an bis zum Lysipp ungleich vortrefflichre Bilder
vorgestellt oder die Dichter haben nur den schönen Ausdruck der Vaterliebe in
der Gruppe angepriesen und der große Haufe hat mit seinen Augen überhaupt
keinen wahren Endzweck aus der Vorstellung holen können und gedacht es ist
unglücklich genug für uns dass Löwen und Schlangen in der Welt sind warum soll
man einen guten Mann mit seinen Kindern noch damit in Marmor quälen sehen
    Es wär erfreulich wenn man schon aus der Theorie der Kunst und den bloßen
Nachrichten beweisen könnte dass das Lob des Plinius gerecht sei auch ohne den
Olympischen Jupiter vor sich zu haben
    Und gewiss wem zuerst die Idee von der Gruppe des Laokoon in der Seele
aufging und wer in seinem Herzen in seiner Hand Mut und Fertigkeit genug
fühlte sie auszuführen der war zum Bildhauer geboren wie Sophokles zum
Dichter Man darf kein großer Psycholog sein um zu erkennen dass das Ganze nur
von einem Wesen stammt und dass die zwei andern Triumvirn allein ihre
Geschicklichkeit dazu herliehen
    Die schönsten Formen aller Art an der Doppelgattung des menschlichen Körpers
waren von dem feinsten Gefühl dem heitersten griechischen Sinn in den manchen
tausend Statuen schier erschöpft als die Götterkraft unsers Geistes im
Agesander noch den kühnsten Flug begann und alles überschwebte
    Der hohe Meister fand den herrlichsten Vorwurf zu seinem Kunstwerk in der
griechischen Religion und umgriff damit Himmel und Erde Die Gruppe des Laokoon
ist von derselben Gattung wie die der Niobe nur atmet daraus mehr tragischer
und bildender Geist Lesen wir zuerst was von seiner Geschichte aufgezeichnet
steht im Hygin
    Laokoon erzählt dieser war ein Sohn des Akötes Bruder des Anchises und
Priester des Apollo Da er wider dessen Willen heuratete und Kinder zeugte und
ihn alsdenn das Los traf dass er dem Neptun am Gestade opfern sollte sandte
Apollo bei der Gelegenheit von Tenedos her durch die Fluten des Meers zwei
Drachen damit sie seine Söhne Antiphas und Tymbräos umbrächten Laokoon wollte
denselben Hilfe leisten wurde aber selbst umflochten und getötet Welches die
Phrygier deswegen geschehen zu sein glaubten weil er einen Spieß in das
Trojanische Pferd warf
    Servius gibt jedoch die bessere Erklärung und sagt es sei deswegen
geschehen weil er seine Frau aus Unentaltsamkeit im Tempel des Apollo
beschlafen habe
    Das Ganze vom Laokoon zeigt einen Menschen der gestraft wird und den
endlich der Arm göttlicher Gerechtigkeit erreicht hat er sinkt in die Nacht des
Todes unter dem schrecklichen Gerichte und um seine Lippen herum liegt noch
Erkenntnis seiner Sünden Über dem rechten Auge und dem weggezuckten Blick aus
beiden ist der höchste Ausdruck des Schmerzens Sein ganzer Körper zittert und
bebt und brennt schwellend unter dem folternden tötenden Gifte das wie ein
Quell sich verbreitet
    Seine Gesichtsbildung mit dem schönen gekräuselten Barte ist völlig
griechisch und aus dem täglichen Umgange von einem tiefschauenden Menschen
weggefühlt und drückt einen gescheiten Mann aus der wenig ander Gesetz als
seinen Vorteil und sein Vergnügen achtet und der dazu den besten Stand in der
bürgerlichen Gesellschaft gewählt hat voll Kraft und Stärke des Leibes und der
Seele Die zwei Buben werden mit umgebracht als Sprossen vom alten Stamme das
ganze Geschlecht von ihm wird vertilgt
    Es leidet ein mächtiger Feind und Rebell der Gesellschaft und der Götter
und man schaudert mit einem frohen Weh bei dem fürchterlichen Untergange des
herrlichen Verbrechers Die Schlangen vollziehen den Befehl des Obern feierlich
und naturgross in ihrer Art wie Erdbeben die Länder verwüsten
    Das Fleisch ist wunderbar lebendig und schön alle Muskeln gehen aus dem
Innern hervor wie Wogen im Meere bei einem Sturm Er hat ausgeschrien und ist
im Begriffe wieder Atem zu holen Der rechte Sohn ist hin der linke wird
derweile festgehalten und die Drachen werden bald hernach mit ihm vollends
kurzen Prozess machen
    Selbst die Schamteile des Alten richten sich empor von der allgemeinen
Anspannung Hodensack und Glied zusammengezogen und Hand und Fuß ist im
Krampfe Die linke Seite mag wohl zum Höchsten gehören was die Kunst je
hervorgebracht hat
    Die Söhne haben gerade so viel Ausdruck als ihnen gebührt Der eine ist im
Sterben wie tot schon und der andre leidet noch nicht an Gift und Wunde und
entsetzt sich bloß Der Vater zieht alle Aufmerksamkeit auf sich
    Der Gruppe fehlt ein Hauptteil der rechte Arm des Laokoon Michelangelo
wollte denselben ansetzen hatte schon das Modell dazu gemacht und angefangen
ihn in Marmor auszuhauen aber welcher andre will sich in das lebendige warme
Fleisch und die ganze Natur hineinfühlen Er war so bescheiden und verwarf seine
Arbeit Es ist jammerschade dass der alte Arm verlorengegangen ist wegen des
Zugs der einen Schlange und weil Laokoon damit seine stärkste Kraft muss geäußert
haben
    Diese flog mit grimmigem Satze rechts her18 von oben herein umflocht den
aufgehobnen Arm der sie abhalten wollte schwingt sich geschwollen um den
Rücken herum an der Seite über dessen linken und um den rechten Arm des älteren
noch lebendigen Sohns beim Ellenbogen windet sich um den oberen Arm und
schlingt sich dann um den unteren wieder und macht einen schrecklichen Knoten
darum her schießt nach der linken Hüfte des Vaters mit dem Kopfe der sie mit
mächtiger Faust am Halse noch ergriff und setzt mörderlich den Zahn ein Alles
Sträuben alle Rettung ist vergebens und hört auf es ist geschehen die Tat
vollzogen
    Die andre Schlange fährt linker Seite her von unten auf durch die Beine
kuppelt sie wie Raub und Beute zusammen umschlingt dem Sohne rechts den linken
Arm und hinter dem Rücken herum den andern und setzt ihm den giftigen scharfen
Zahn ein nach dem jungen Herzen Der Vater sank auf den kleinen Altar zurück
weil er sich nicht mehr halten konnte der ältere Sohn linker Hand steht auf dem
rechten Beine und der andre mit dem linken Fuß auf den Zehen und die Schlange
hält ihn oben an den Altar gelehnt noch aufrecht Alle warfen die Gewänder ab
zu entfliehen
    Man mochte die Gruppe in den Zeiten für welche sie bestimmt war
betrachten wie man wollte so musste sie die stärkste Wirkung hervorbringen
entweder als Naturtrauerspiel für das ganze menschliche Geschlecht ein Vater
der bei Rettung seiner Kinder umkömmt oder als Strafe der Götter Und als
Kunstwerk konnt ihr kein anders den Rang der ersten Klasse streitig machen Für
uns bleibt sie Naturtrauerspiel und die Kreatur seufzt dabei im Innern über die
notwendigen Leiden auch des Guten und Gerechten und schaudert in ihr Unvermögen
ihre Unwissenheit zurück
    Wenn man die Vorstellungen, wo der Körper leidet und das Leben vergeht
unter eine besondere Klasse bringen wollte so möchte das Lob welches Plinius
dieser Gruppe erteilt wohl am wenigsten können bestritten werden und sie unter
allen dieser Art mit der Niobe obenan stehen Der an seiner Wunde Sterbende des
Ktesilaos woran man sehen konnte wieviel noch Seele übrig war gehörte als
einzelne Figur dahin so wie der Hinkende vielleicht Philoktet des
Leontinischen Pythagoras dessen Geschwüres Qual die Betrachtenden zu empfinden
meinten die Verwundeten Amazonen bis auf den berühmten Hund des Lysipp im
Kapitol der voll Schmerz und natürlicher Todesschrecken in abgesetztem Lauf und
Hast seine Wunde leckte und für welchen die Aufseher mit ihrem Leben stehen
mussten
    Der letzte Akt unsers Drama hienieden scheint vorzüglich ein Vorwurf der
Malerei gewesen zu sein Apelles tat sich darin hervor alle aber übertraf der
Landsmann Pindars Aristides König Attalus erkaufte einen Kranken von ihm mit
hundert Talenten und Alexander ließ das Gemälde wo die an ihren Wunden
sterbende Mutter das sich anklammernde Kind von der Brust abhielt damit es kein
Blut saugte nach seinem Geburtsort bringen In eben dieses Meisters Schlacht
mit den Persern von hundert Figuren war ohne Zweifel manches Vortreffliche
dieser Art Die Farbe macht hier keine Kleinigkeit aus und reißt gut aus der
Natur empfunden mit Gewalt zur Täuschung Unter den neueren Werken mag Peter der
Märtyrer von Tizian wohl hierin obenan stehen
    Für Sultane sind dies heilsame Bilder um sie zuweilen an ihre
Menschlichkeit zu erinnern und das größte Meisterstück davon stand in den
kaiserlichen Bädern an seinem rechten Platz Ich aber für mich muss aufrichtig
gestehen dass ich in meinem Bad oder Schlafzimmer ein Kunstwerk erfreulichrer
Art aufgestellt haben möchte wär es auch der verstümmelte Herkules an welchem
meine Phantasie noch obendrein immer zu schaffen hätte denn für beständig möcht
ich die Gnidische Venus nicht
    Der Torso ist das Höchste von einem Ringerkörper der Sohn der Wundernacht
aus dessen Armen sich der dreifache Geryon nicht loswand ruht und sitzt auf
seinem Löwenfell Man findet nichts mehr übrig von alter Kunst wo Kernstärke
schöner und vollfleischiger und alles in der lebendigsten Form mit dem feinsten
Wahrheitsgefühl so abgewogen wäre Er senkt die rechte Seite und hatte den
linken Arm in der Höhe Das mächtige Brustbein ist so zart gehalten und mit
nerviger Fettigkeit überzogen dass man es kaum merkt Brust und Schultern und
Mark vom Rücken herum sitzen über der schlanken Mitte ganz unüberwindlich und
erdrückend Die Schenkel sind lauter Kraft Alles ist an ihm in Fluss und
Bewegung in den allergelindesten Umrissen Man sieht alle Teile und ihre Macht
und Gewalt jede Fiber ist in Regung und doch tritt weder Muskel noch Knochen
scharf hervor Es ist recht das höchste Vermögen in höchster Bescheidenheit und
Schönheit
    Vielleicht hat er ein süßes Geschöpf der Lust auf seinen Armen gewiegt denn
sie trugen und die Zapfenlöcher der Stützen sind noch in den Schenkeln
Glückseligste Sphäre der Welt an dieser Achse du von ihm Geliebte Du musstest
ganz in Entzücken schweben und hangen und von aller andern Berührung frei und
los sein Doch dies zum Scherze so wie ich beim Demetri behauptete der fromme
zornige und schnellfüssige Achill Homers komme gegen diesen Helden nicht auf
    Der Farnesische Herkules hat den Charakter von einem Faustbalger so feist
und breit und vollgenährt sind die Formen gegen die Cestusschläge Seine Stärke
fällt zentnermässig über das Gefühl eines heutigen schwachen Römers aber auch
außerdem macht er alle Welt zu Hunden und Katzen gegen einen Löwen in seiner
vollsten Kraft
    Er hat im Farnesischen Hof einen zu niedrigen Standpunkt deswegen schwillt
die Brust zu sehr aus ihrer natürlichen Grossheit und noch Hüften und Seiten
    
    Sein Kopf ist vollkommen Eisen und Stahl unüberwindlichen Mutes und
unerbittsam im Zähneinschmeissen
    Der Künstler welcher ihn erfand scheint ihn nach dem Ideale des Sophokles
gebildet zu haben wo der Held aller Helden ein ganzes Reich verheert um Iolen
in seine Gewalt zu bekommen Vater und Brüder ermordet weil sie bei einem
Besuch ihren süßen Reiz ihm nicht zum heimlichen Beischlafe geben wollten
Dörfer und Städte verbrennt und die Einwohner als Sklaven gefangen führt so
tobte in ihm die Liebe
    Ich habe bei dieser Gelegenheit zu guter Letzt nicht unterlassen können
noch eine Skizze nach diesem Sonnenmut der Lust von sich strahlenden jetzt
meinem Lieblingsstücke unter allen des tragischen Dichters zu entwerfen um mir
damit eine eigne Kopie von der heroischen Gestalt und dem Farnesischen Stier
aufzubewahren
    Dieser ist das größte Meisterstück in Marmor von allen Tieren aus der Zeit
der Griechen Man kann kein natürlicher Ochsenfleisch sehen und Myrons Kuh war
vielleicht nicht besser Nur die Beine daran sind neu sonst ist an ihm selbst
alles wohlerhalten Wahrhaftige wilde Stiernatur in Stellung Bewegung durch den
ganzen herrlichen Körper Besonders strotzt die Kraft wunderbar vom Hintern über
den königlichen Rücken Schönes Bild von Stärke um Herden zum Preise
davonzutragen
    Die Skizze stellt den göttlichen Chor vor wo Herkules und der Fluss Acheloos
als Rind beide von Kraft geschwellt um Dejaniren miteinander kämpfen welche
in zarter Wohlgestalt am fernglänzenden Ufer sitzt und den Gatten erwartet
schüchtern wie ein Kalb von der Mutter fern ob es der Sohn des Zeus sein werde
oder das vierfüssige Tier indes der Löwenwürger nach langem Kriege diesem das
gewaltige Horn ausreisst
    Der erfreulichste Genuss dieser Werke ist für uns verschwunden weil wir
keine olympischen Kämpfe und Siege mehr daran sehen Beide Atenienser
verherrlichen mit diesen hohen Mustern noch hier ihre Vaterstadt doch möcht ich
lieber der Apollonius des Torso sein als der Glykon des farnesischen
Keulenschwingers
    Der sogenannte Antinous welcher einen jungen Helden vielleicht den
Meleager vorstellt wie man aus einem andern Bilde schließen kann das in Figur
und Stellung ähnlich ist wo unten zu den Füßen der wilde Schweinskopf sich
befindet hat für uns unter den vier Hauptstatuen die mehrste Wirklichkeit
    Eine echte griechische jugendliche Schönheit voll geistigen Reizes und süßer
lieblichen Hoheit Er blickt empfindend zur Erde als ob er sich besänne zu
welchem Mädchen er gehen wolle und Lippen Stirn und Wangen und Kinn sehen
recht kräftig zartnervig und anhaltend im Genuss aus Die Formen am Unterleibe
sind nicht klar hervor und er muss im Ringen noch zusammengeschlungen und seine
Natur geübt werden Die Brust besonders vom rechten Arm her schwillt milchig
und ich kenne nichts so Verführerisches für ein Weib zur Umfassung Mit einem
Wort es ist der schönste junge Mensch unter allen alten Statuen Der Bauch
allein ist ein wenig zu flach gehalten vielleicht verhauen
    Will man auf eine andre Weise lieber so sinnt der junge Held wie er einen
Kampf mit dem besten Verstand abmachen soll Der Zug des Denkens ist über dem
rechten Auge wodurch der Knochen schärfer hervorkömmt als bei dem linken und
das Heroische sitzt in der kräftigen Stirn und dem gefassten Blick und den
Lippen wo sich das Gefühl seiner bewussten Stärke öffnet und hervorblüht Wenn
er ein Zeichen hätte so könnte man sich noch den Sohn der Maja unter ihm
vorstellen der seine Gesandtschaft überdenkt Es ist ein himmlisches Bild und
erregt auf jede Art entzückende Gefühle dessen Schönheiten am leichtesten und
sichersten in die neuere Kunst überzutragen sind19
    So wie dieser Jüngling am mehrsten an die Menschheit grenzt so ist hingegen
Apollo ganz Gott und es herrscht eine Erhabenheit durchaus besonders aber im
Kopfe die niederbljetzt göttliche Schönheit in allem von dem nachlässig sanft
gewundnen Haare bis zu den schlanken behenden Schenkeln und Beinen ihre
geistigste Blüte nicht die irdische Fülle Stand und Blick und Lippen voll
Verachtung geben seine Hoheit zu erkennen Die Augen sind selig leicht aufzutun
und zu schließen in weiten Bogen Sein kurzer schlank und zart geformter
Oberleib zu den langen Beinen macht ihn zu einer ganz besonderen Art von Wesen
und gibt ihm Übermenschliches
    Ein erstaunliches Werk von Erfindung und Phantasie Das Problem ist
aufgelöst da steht ein Gott aus der Unsichtbarkeit hervorgeholt und in weichem
Marmor festgehalten für die Melancholischen die ihr Leben lang nach einem
solchen Blicke schmachteten Es ist der höchste Verstand und die höchste
Klugheit mit Zornfeuer und Übermacht gegen Verächtliches darauf zweckt alle
Bildung Was Apollo hat ist ihm eigen und lässt sich wenig durch Nachahmen
übertragen
    Auch dessen Altertum hat man angetastet und ihn zwar für keine Kopie doch
für ein Werk aus der Kaiser Zeiten halten wollen weil der Marmor karrarischer
zu sein schien welcher kurz vor dem Plinius entdeckt wurde und kein parischer
woraus die Griechen ihre mehrsten Bildsäulen verfertigten
    Wenn man dieses beweisen könnte so wär es wohl ausgemacht wahr allein
daran fehlt viel Der parische ist nicht durchaus gleich und man hat sichre
neuere Proben kommen lassen die von dem Marmor des Apollo im Korn nicht
unterschieden sind Und ferner gibt es so zarten karrarischen dass er mit dem
besten parischen übereinkömmt Und wo ist der übergrosse Marmorkenner der von
irgendeinem Stücke sagen will gerade woher es sei da dieser Stein in jedem
Klima zu finden ist Apollo hat nicht das gelbliche Alter des Laokoon und andrer
griechischen Bildsäulen vielleicht weil er nicht der Witterung so ausgesetzt
war Er ist augenscheinlich für einen bestimmten Platz gemacht und das Bild tut
nur Wirkung wenn man es von der linken Seite im gehörigen Standpunkte
betrachtet von der rechten steht er da gerade wie ein Seiltänzer so gespannt
und sein Kopf sitzt offenbar auf der rechten Schulter viel zu weit von der
Mitte Wenn man denselben von seiner Richtung zurechtdrehte so wär es
abscheulich Aber von der linken Seite betrachtet wohin er schaut ist es
homerischer Apollogang man sieht ihn fortschreiten sieht das Gesicht ganz und
der Kopf kommt in die Mitte Ein wahrer Gott des Lichts dann und der Musen Man
darf sich ihm nicht viel nähern er kann keinen Flecken leiden und man müsste
bei ihm immer haarscharf gescheit sein und vernünftig sich aufführen so erhaben
ist er über die Menschheit
    Wenn man dies einmal gefasst und seine Schönheit im ganzen genossen hat so
mag man sich hernach doch an ihm herumdrehen wie man will und er bleibt ein
erstaunlich Werk von Vollkommenheit Er ist zwar lauter Ideal
nichtsdestoweniger hat der Kopf Natur die man gesehen hat welches der Ausdruck
noch verstärkt Ein außerordentlicher Jüngling gab gewiss den Stoff dazu her und
der Künstler brachte das Höchste und Äußerste von lebendiger Einheit hinein
    Einige stolze Erdensöhne können dies bewunderte und schier noch angebetete
Bild nicht ohne Verdruss und Widerwillen betrachten und behaupten ihr Gefühl
empöre sich allezeit sooft sie sich das Gesicht als griechisch denken wollten
Der Kopf des Perikles und auch des Alexander habe schon im bloßen Porträt viel
göttlichre Art von Erhabenheit Apollo sei dagegen eher hager und ärgerlich im
ganzen und es wittre daraus etwas von einem römischen Kaiserprinzen etwas
Neronisches das nicht auf eigener natürlicher Kraft beruhte und dies wäre für
sie ein andrer Beweis als der von Marmor
    So verschieden sind die Meinungen der Menschen
    Gegen solche Ateisten will ich nicht predigen ihr eigen Missvergnügen sei
ihnen Strafe und der Neid an andrer Freude
    Gewiss ist dass das Bild verliert weil es kein vollkommen Ganzes ausmacht
und man nicht weiß worüber der Gott zürnt Hätt er zu einer Gruppe der Niobe
gehört wie er denn in einer erhobnen Arbeit davon in Person auf der einen Seite
und seine Schwester Diana auf der andern ihre Pfeile abdrücken so würden die
Unzufriednen mit ihm desto mehr Mitleiden mit der unglücklichen reizenden
Familie haben Doch ist eher wahrscheinlich dass dem Meister der Apollo des
Leontinischen Pythagoras vorschwebte welcher den Pytischen Drachen erlegte
Und beiden war ohne Zweifel der Homerische von den Gipfeln des Olymp herunter
das Urbild
    Genug von diesen Heiligtümern
    Das eigentliche Kernleben der Kunst dauert vom Perikles bis zum Tod
Alexanders das übrige sind Nachahmungen und Treib und Gewächshäuser Wenn man
bedenkt was die Griechen binnen dieser kurzen Zeit getan haben so sind wir
ganz tot dagegen welch eine Menge von Statuen und Gemälden und Gedichten nur
für so ein kleines Volk Welch eine Menge von Helden Philosophen und Rednern
So etwas kann nur in der heitersten Gegend der Welt bei der besten Regierung vor
sich gehen Lysipp allein hat mehr Bildsäulen verfertigt als alle neuere
Bildhauer zusammen und jede zeigt den Mann von hoher Schöpfungskraft
    Der Künstler von geläutertem Gefühl der nicht bloß nach Brot und eitler
Ehre trachtet sondern sich selbst genugtun will befindet sich heutzutag in
einem Zustande von immerwährender Verzweiflung er sieht die Vollkommenheit vor
sich und erkennt deutlich die Unmöglichkeit sie zu erreichen Und diese Wermut
im Herzen mildert das allgemeinste Lob nicht Es ist damit nicht genug getan
ein Bildchen einzelner schöner Natur wegzufangen Dies bleibt jedem Fremden wie
alles bloße Porträt unverständlich und er kann es nicht mit Saft und Kraft
genießen viel weniger damit dass er ein Knie einen Unterleib eine Brust den
Alten wegstiehlt und gleichsam mit etlichen Phrasen aus dem Demostenes oder
Cicero ihre Sprache sprechen und den großen Redner machen will die
Vollkommenheit des Nackenden vom Menschen als des höchsten Vorwurfs der Kunst
und seiner mannigfaltigen Form und Bewegung ist unserm Sinn von Jugend auf in
der Wirklichkeit verhüllt oder zeigt sich ganz und gar nicht mehr in unsrer
Welt
    Lass mich frei reden Die Kunst hat so lange gedauert als die Gymnasien
dauerten der Tanz spartanischer chiischer Jungfrauen ihr Ringen selbst mit
den Männern öffentliche Sitte war und die Priesterinnen der Liebesgöttin zu
Athen und Korint Religion feierten In Venedig ist von dem letztern noch ein
Schatten und der Künstler hat jahraus jahrein immer eine Menge frischer neuer
Modelle Augen und Phantasie wie Zeuxis zu Girgent zu weiden Deswegen haben
auch keine andre Maler solch weiblich Fleisch wie Tizian und Paul von Verona
hervorgebracht und der Malernestor lebt an der Grenze von hundert Jahren da
der göttliche Raffael auf eigne Kosten sein junges Leben einbüßen musste
    Bei einer gotischen Moral kann keine andre als gotische Kunst stattfinden
Solange nicht ein Sokrates mit seiner Schule am hellen Tag über die Straße zu
einer neuen reizenden Buhlerin ziehen darf um ihre Schönheit in Augenschein zu
nehmen wird es nicht anders werden Es ist wohl klar jedem der Welt und keine
Welt hat dass nicht die Hässlichen diese Lebensart erwählen
    Vielleicht red ich hier bei manchem bitterer gegen die Kunst als Demetri in
seiner Laune allein gibt es eine Wirkung ohne Mittel Die schulgerechten
Antiquaren sprechen berauscht von der Venus des Praxiteles und seinem Liebesgott
und mit Abscheu von Phrynen und Batyllen wie die Toren die nicht wissen was
sie wollen Freilich kommt bei der geringsten Untersuchung das geheuchelte
konventionelle Geschwätz zum Vorschein und die innere geheime Denkungsart wo
sich Drachen mit Tauben paaren Die heiligen Katarinen spazieren nicht vom
Wirbel bis zum Fuß nackend mit losgebundnen Haaren vor den Malern herum und
keine Lucrezia lässt sich so in der reinsten Beleuchtung allein mit allein von
einem Pinsel und Palettmann in beliebige Stellung legen und kein Künstler kann
von so festem Gletschereis sein dass er bei Blicken von Sommersonnen nicht
schmelzen sollte Und doch wollen die ehrwürdigen Herrn bei dem allgemeinen
Menschenverstand in keinen solchen Verdacht der Einfalt kommen dass sie sich auf
die Seite der züchtigen Koer stellten welche die bekleidete Venus vorzogen und
kauften da sie die Wahl der nackten Gnidischen hatten und noch bis heutzutage
als Tröpfe verlacht werden
    Hiermit sehen wir das Nackende außer dem einzelnen von Geliebten am
Menschen jedoch nur entweder frech oder in unregsamer Albernheit und die
stärkste Einbildungskraft kann es nicht so veredeln dass es die freie gebildete
Natur des Alten hätte wozu die Edelsten und Weisesten und Wohlgebildetsten des
Volks von jedem Alter auf den Ringplätzen in unaufhörlicher immer neuer
Abwechslung die Modelle abgaben
    Wenn wir nicht durch einen wunderbaren Umlauf der Dinge irgendwo aus unserm
unmündigen kindischen Wesen wieder zur reifen Menschheit gelangen und die
Gymnasien der Griechen ihre Spiele und Sitten vom neuen aufkommen so wird die
ehemalige Kunst auch verloren bleiben Und dennoch hätten wir damit ihre
Religion noch nicht die fruchtbare Mutter der schönsten Gestalten
    Wenn wir wenigstens nur noch die Bekleidung der Alten hätten Bei unsrer
wirklichen sieht man meistens bloß den Schneider und wenig oder nichts von der
eignen Art des Menschen zu handeln und sich zu bewegen und den Formen seines
Gewächses und alle Schönheit erliegt und versinkt unter den Falten und Wülsten
oder wird im Gegenteil steif gepresst und geschnürt und mit eckichten hässlichen
Lappen ohne Zweck behangen Die Lage der Unterkleider den Wurf der Mäntel und
Togen können wir an den Bildsäulen der Alten noch weit weniger nachahmen als die
Form der Glieder denn uns fehlt dabei ganz die Natur Wir suchen uns zwar wie
Amphibia mit eigen erfundner malerischer Tracht zu helfen aber sie bleibt fast
immer eine bloße Ziererei ohne Reiz und Wirkung für den welcher Natur und
Wahrheit verlangt und ist aller Täuschung zuwider
    Und obendrein noch sind die Künstler weit übler dran wenn sie den Gang der
Alten einschlagen wollen als die Philosophen Redner Dichter diese haben
immer das unermessliche Reich der Natur und Sprache unter den Menschen vor sich
und Gesetz und Gewohnheit hemmt sie weit minder Wenn einer auch an
Vollkommenheit den Phidias oder Polyklet Praxiteles Lysipp Zeuxis und Apelles
erreichen könnte was hat er vom nackten Menschen in der Geschichte der
heutigen Fabel unsrer Religion vorzustellen das wahrscheinlich und natürlich
nicht erkünstelt und bloß erlernter fremder Kram wäre Das Höchste ist eine
allgemeine ewig einerleie idealische Gestalt von Mann und Weib in jedem Alter
ohne Zweck und Charakter
    Nehmen wir zum Beispiel unsern Heiland als den Hauptvorwurf zur Auszierung
unsrer Tempel Was hat der menschliche Körper mit dem Gott der Christen zu
schaffen Welche Schönheiten von Apollo Merkur anderm griechischen himmlischen
Jüngling oder wirklichem Erdensohn soll man technisch zu reden dem ganz
außerordentlichen jungen Juden anbilden ohne auf irgendeine Weise in
Widerspruch zu geraten Jede griechische Gottheit war nur ein Ideal einer
besonderen Klasse menschlicher Vollkommenheit Sein Bild ist lediglich ein Werk
übernatürlichen Ausdrucks im Gesichte und neue Art übriger Schönheit findet
hier nicht statt Der Künstler macht vor den Leiden und ans Kreuz und beim
Herunternehmen davon einen richtigen ordentlichen Leib sonst hat die
eigentliche Kunst da kein weiter Feld höhere Formen aus der Natur zu schöpfen
    An gewisse Teile und ihre Bestimmung darf man gar nicht denken und wie sie
bei andern Menschen nicht umsonst sind und wirken geschweige sie langsam mit
dem Reiz der alten Künstler bilden Seine Gestalt kann also nie ein vollkommen
freies Ganzes ein Werk der ersten Klasse werden
    Wollen wir in die griechische Fabel und Geschichte übergehen und unsre
Vorstellungen daraus hernehmen so erhalten wir meistens nur einen verwirrten
Nachklang ein wahres Echo ohne Sinn das nur einzelne Silben wiederholt Wer
ist außerdem so frech eitel dass er sich einbilden kann einen bessern Apollo
als den Vatikanischen einen bessern Herkules als den Torso und Farnesischen
eine schönere Juno Venus und so weiter zu erkünsteln als die Alten Und wird es
nicht ekelhaft sie oder auch nur einzelne Formen davon immer und ewig zu
kopieren mit den angewiesnen Plätzen zu schänden Steht nicht fast allemal der
hohe strahlende Purpurlappen lächerlich und ärgerlich für den Erfahrnen in einem
Harlekinsgewande
    Und doch tut es so weh uns in unsre Armut und Dürftigkeit einzuschränken
Wir bauen gleichsam noch in den bildenden Künsten wie zu Konstantins und den
mittleren Zeiten setzen aus den zertrümmerten Tempeln und Palästen der
zurückgewichnen Erdengötter die Säulen aller Ordnungen nebeneinander und führen
ein neues Mauerwerk kindisch verzerrt und unförmlich ohne klare und dunkle
Idee wie es werden will darum her und darüber auf im Schweiß und der
Affenfreude unsers Angesichts
                                                                  Rom Dezember
Nacht ist doch die schönste Beruhigung von Geschäften wo die Phantasie die
freisten Flüge tut und der Mensch am mehrsten seiner selbst genießt So raste
ich jetzt hier oben auf der Villa Medicis in meinem Zimmer Rom schläft der
blaue unermessliche Äther schwebt darüber wie eine Henne über ihren Küchlein und
blinkend hell Gestirn erleuchtet selig die Gegenden Alles ist still nur
plätschern angenehm die Springbrunnen heilige Symbole des ewigen Lebens in der
Natur.
    Mit der Einbildung überschau ich unter mir den alten Kampus Martius in der
lieblichen Dunkelheit und mir fängt das Herz stärker an zu schlagen und Feuer
rinnt durch meine Adern Hier balgt sich die römische Jugend auf grünem Rasen
herum im Schatten hoher Platanusse und treibt ihre kriegerischen Spiele dort
schwimmen sie durch den schnellen tiefwirbelnden Tiberstrom die Ufer hieben und
drüben mit schönem Gesträuch bewachsen und in der nahen Ferne lagern sich die
Hügel von Monte Mario bis zu Pietro Montorio in majestätischem Kreise wo der
Edelen Gefühl mit erhebenden Schauern die Geister von Brutussen Kamillen und
Scipionen gegenwärtig erkennt Hier steigt der Sonnenobelisk empor dort die
prächtigen Theater vom Pompejus und Balbus die traulichen Hallen runden und
hohen Mausoleen feierlichen Tempel Die Väter des Volks gehen auf und ab in den
kühlen Hainen und pflegen Rat über den Erdboden Nebenan prangen die schönen
Gärten
    Ich habe heute wieder einen schönen Tag gehabt Es ist ein unaufhörlich
Vergnügen in Rom zu sein man findet immer Neues was von der Gewalt und
Herrlichkeit des alten Volks zeugt und oft einen entzückt oder erschüttert Es
ist eine wahre Tiefe von Menschheit die andern Städte sind dagegen wie erst
angepflanzt Besonders reizen und rühren vom Kapitol an die ungeheueren Ruinen
welche die neuen Villen mit ihren Pinien Lorbeern Zypressen und beständig
grünen Eichen ausschmücken
    Den Vormittag zog ich hier herum und ging dem ersten Ursprung dieser
heroischen Republik nach und gelangte von den Rostris und dem Tempel des
Romulus am Monte Palatino gleich daneben in einem Winkel zur Quelle der
Juturna die kristallhell gerade beim Anfang der Kloaca maxima aufsprudelt und
sich dahinein nun ferner ungebraucht ergießt Ich schöpfte mit der hohlen Hand
daraus und trank und ward erquickt und konnte nicht müde werden sie rinnen zu
sehen Ein heiliges Plätzchen rundum verbaut und eingemauert Die Wände sind
überall mit breitblätterigem Efeu überzogen und kleinem Gesträuch bewachsen Man
kennt sie nicht mehr vor den stolzen Wasserleitungen und gewiss war sie doch die
Hauptursache warum Romulus oder vor ihm ein junger Ausflug Griechen hier sich
annistete da in den jetzigen weiten Ringmauern sich keine andre Quelle
befindet
    In schwärmerischen Betrachtungen verloren wand ich hernach in den
Farnesischen Gärten für sie einen Myrtenkranz mit allerlei Blumen holte aus der
Nachbarschaft ein Gefäß mit Milch und Honig goss es in sie aus bekränzte sie
und sang ihr wehmütig ein kurzes Trauerlied bei dem Opfer das sie Jahrtausende
nicht genoss
    Ein Zusammenklang von lauter rührenden Gefühlen wandelt ich nach Hause
durch die drei noch übrigen Triumphpforten von den ehemaligen sechsunddreissigen
Ein solcher Freudenbogen ausgeziert mit den schönsten Lebensszenen dessen den
man empfängt ist doch ein so recht verliebter Gedanke Herzlicher und
dauerhafter kann ein Volk einem Helden keine Ehre antun
    Die Kunst bleibt ein sonderbares Ding sie scheint ganz ihren Weg für sich
zu gehen Wenn man von ihrer Vortrefflichkeit auf die Vortrefflichkeit der
Menschen zu gleicher Zeit sollte schließen können und umgekehrt welche Popanzen
müssten die Römer zu Septimius und Konstantins Zeiten gewesen sein gegen die
unter Trajans Der Kontrast ist gar zu possierlich an des christlichen Kaisers
Bogen wo die Bildhauer unter ihm zu den Wechselbälgen seiner Geschichte die
Meisterstücke von Figuren aus einem andern zum Ruhme des Siegers von Dazien
hineingeflickt haben Was konnte Alexander dafür dass er keinen Homer fand bei
seinem Leben überhaupt keinen großen Dichter der ihn besang
    Ferner ist rückwärts gewiss dass die Kunst bei gleich vortrefflichen Menschen
nur nach und nach zur Höhe wuchs so schwer ist es alles Lebendige vollkommen
zu bilden und nichts was noch rührt und reizt auszulassen und dafür bloß
matematische Linien und Placken hinzustellen Das Ganze wird nur nach und nach
gewonnen das Individuelle lebendige geistige bleibt aber immer das was den
großen Menschen von dem andern unterscheidet Und so kann einer zwar ein
ungleich grössrer Künstler als ein andrer aber ein weit kleinrer Mensch sein So
war der Jupiter und die Minerva des Phidias wahrscheinlich erhabner als manches
andre Bild das nachher ein weit natürlicher Fleisch und mehr lebendiges in der
Materie hatte Und darauf kommts doch an die unterscheidenden wesentlichen
Züge von jedem Dinge bestimmt zu fassen und dem Empfinder und Denker gleich
darzustellen Das Hauptvergnügen an einem Kunstwerke für einen weisen Beobachter
macht immer am Ende das Herz und der Geist des Künstlers selbst und nicht die
vorgestellten Sachen
    Den Nachmittag ging ich nach der Rotunda ich hatte den Mann mit den
Schlüsseln dahin bestellen lassen um obenhinauf zu steigen Sie ist das einzige
Werk von alter Architektur was in Rom noch ganz ist das vollkommenste in
seinen Verhältnissen und prächtigste dabei wegen seiner Säulen auf dem Erdboden
die Paulskirche erscheint dagegen doch nur als Flickwerk
    Wenn man in die Vorhalle tritt so ist es als ob man in das schönste
Plätzchen eines Waldes von lauter hohen herrlichen Stämmen käme die ein Gott zu
einer Zeit gepflanzt hätte
    Wie breit und mächtig einen dann das Innre selbst umfasst und bedeckt ist
lauter Majestät und feierlich stehen unten die Säulen umher und der dämmernde
Raum dahinter wie das Allerheiligste der Gotteiten Was dies für eine Ruh ist
wie einen so nichts stört wie die Rundung mit Liebesarmen empfängt wie ein
leiser Schatten einen umgibt so dass man das Gebäude selbst nicht merkt Oben
Heiterkeit und Freiheit und unten Schönheit Überall ist der Tempel schön und
harmonisch man mag sich hinwenden wo man will überall wie die schöne Welt in
ihren Kreisen von Sonn und Mond und Sternen Endlich scheint alles lebendig zu
werden und die Kuppel sich zu bewegen wenn man an dem reinen süßen Lichte des
Himmels oben durch die weite Öffnung sich eine Zeitlang weidet Sooft ich mich
so ins Stille hinsetze und meinem Gefühl überlasse werd ich da entzückt wie von
einem Brunnquell unter kühlen Bäumen zur heißen Zeit Es ist das erhabenste
Gebäude das ich kenne selbst Schöpfung und nicht bloß Nachahmung Die
Schönheit voll Majestät scheint alle Barbaren von der Verwüstung
zurückgeschreckt zu haben
    Freilich hat man was daran zu plündern war ohne die Mauern niederzureissen
und in Schutt zu stürzen doch daraus und davon weggeraubt Es stand hier eine
Minerva aus Gold und Elfenbein von der Hand des Phidias und eine berühmte Venus
welche die halbe Perle zum Ohrgehenke hatte von der die andre Hälfte Kleopatra
trank um den Antonius im Verschwenden zu übertreffen und die man für sich
allein auf eine halbe Million Scudi schätzte Konstantin der Dritte schleppte
auch diese Bilder wahrscheinlich mit den andern schönsten Statuen nach Syrakus
so wie er die Silberplatten samt dem Bronz und Schmelzwerk herausschlagen ließ
womit das Gewölbe oben verziert war
    Die ursprünglichen Kapitäler von Erz nach dem Plinius an den innern Säulen
sind hernach wieder abgenommen worden und mit weißem Marmor gut ergänzt der dem
Giallo antico des Schaftes lieblich lässt Davon sind noch die Basen und das
Gesims das letztre mit Streifen von Porphyr Die erhaltnen äußern aber von
Granit wie die kolossalischen Säulen selbst gehören unter die schönsten der
korintischen Ordnung die übrig sind und machen mit den drei freistehenden
Säulen auf dem Kampo Vaccino und dem Bogen des Titus20 die Muster hierin aller
neueren Baukunst Wo an einem Gebäude keine Säulen sind fehlt gewiss die edelste
stärkste und schönste Form Die korintischen haben wenn die Blätter rein
gearbeitet sind am mehrsten Leben und den größten Reiz und die gefugten
welche die Rinde nachahmen erhöhen noch Natur und Leichtigkeit
    Der Plan des Ganzen ist zirkelrund und der Durchmesser davon enthält mit
der Dicke der Mauern zweihundertundfunfzig Palme und der Umfang
siebenhundertundfünfundachtzig Die Mauern betragen achtundfunfzig Palme Die
Höhe hat gerade die Breite des Bodens Der Bogen innen von der außen in der
besten Proportion viereckten Tür den fünften Teil dieses Masses und der Bogen
gegenüber jetzt vom Hauptaltar ist etwas größer wodurch der Eingang
unmerklicher erscheint
    In der Antike trugen ohne Zweifel die Karyatiden wovon Plinius spricht
jetzt sind an deren Statt kleine platte Säulen ohn einigen Vorsprung mit einem
Gesims darüber worauf die Kuppel ruht Man glaubt wegen der Arbeit dass die
Veränderung unter den Antoninen und dem Kaiser Pertinax geschah Es muss ein
paradiesischer Zauber an dem Auge des Himmels gewesen sein Nun ist das
ehemalige junge blühende Gesicht im reizenden Schmuck gewissermaßen zur Matrone
im Trauerschleier geworden doch dauert die erhabene Form noch und hält die Moden
und Sitten aller Zeiten aus wie wahre Schönheit
    Es ist wohl klar und augenscheinlich dass die Rotunda anfangs einen Teil der
Bäder des Agrippa ausmachte gleichsam die strahlende Stirn derselben noch sind
die Ruinen davon angemauert und erstrecken sich weit dahinter Die prächtige
Vorhalle wurde hernach hinzugefügt und das Innre ausgeschmückt und der Tempel
gehörte alsdenn mit dem des Jupiter Maximus auf dem Kapitol und dem des Friedens
unter die ersten Wundergebäude Roms Agrippa wurde in einem Triumphwagen auf den
Giebel an dem Portikus gestellt aus Erz gearbeitet mit den zwei Löwen von
Granit zu beiden Seiten und der porphyrnen Urne mit seiner Asche dazwischen die
jetzt noch unten vor der Halle stehen Er schenkte seine Bäder und Gärten dem
Volke mit Einkünften zur Unterhaltung
    Der sogenannte Tempel der Minerva Medica eine der pittoreskesten Ruinen bei
der Porta maggiore war eben ein solcher Anfang von Bädern und noch ebenso
jetzt die Kirche des heiligen Bernhard von den Bädern Diokletians Sie kommen
in der Hauptform mit der Rotunda völlig überein Bei der überschwenglichen
Pracht durften die Götter nicht vergessen werden und man errichtete ihnen
gleichsam diese Wachtäuser voran als Beschützern Das Panteon war dem
rächerischen Jupiter der Ceres und allen Göttern gewidmet
    Ihre breiten Gewölbe in weiten Bogen leuchten gleich beim Eintritt
Erhabenheit in die Seele die die unermessliche Peterskirche dagegen mit ihrem
schmalen und engen des mittleren Schiffs nie erregen wird der eher einen Sarg
als einen Bogen vom freien schönen gestirnten Himmel Gottes nachahmt weswegen
die Leute sich verwundern dass sie nicht erstaunen
    Die Römer liebkosten den Sinn des Gefühls mit Baden wie wir ungefähr unsre
Nasen mit Düften und unsre Zungen mit Brühen und Weinen Sie fingen vom Heissen
an und gingen alsdenn alle Grade der Wärme durch teils im Wasser teils in
lauer Luft bis zum Kalten Wollust die alle verschiedene Wärme der Existenz
nachahmt vom heißesten Herzensgetümmel der hohen Leidenschaften bis zur
frischen Besonnenheit alle Grade des physischen Gefühls ohne das Seelenleben
das Geistige welches sie sich doch in gewisser Rücksicht auch vorphantasieren
konnten indem ihre weiblichen Schönheiten sich unter den Kaisern wenigstens
zuverlässig vom Domitian an öffentlich nackend mit den Männern badeten Sie
ahndeten etwas vom Paradiese und dem Stande der Unschuld ohne die Bücher Mosis
gelesen zu haben Und überdies hatten sie gleich daneben ihre Fechterspiele und
Ringplätze
    Die Termen in Italien entstanden aus den Gymnasien der Griechen nur waren
bei diesen die Leibesübungen das Vornehmste und bei den Römern das Baden
Danach mussten sich die Architekten in der Anlage der Gebäude richten
    Die Bäder waren eigentlich der Hauptgenuss den die stolzen Enkel des Romulus
und seiner Räuberbande von den Siegen ihrer Vorfahren über die Welt hatten und
die Gebäude dazu das Höchste der Architektur was wir mit den ägyptischen
Labyrinten und einigen Tempeln der Griechen in der Geschichte der Menschheit
kennen Es war da alles was das Leben freut und angenehm macht beisammen Wir
können uns ungeachtet der ungeheueren Ruinen wenig davon vorstellen weil uns
diese Gattung Genuss ganz entrückt ist Wenn wir ein halbes Säkulum alter Römer
und Römerinnen der ersten Jahrhunderte erwecken könnten so würden sie sich aus
Ekel Langeweile und Verzweiflung über das heutige Elend binnen wenig Tagen
aufhenken
    Das Dachgewölbe der Rotunda mit starkem Blei gedeckt ist wie schon
gesagt äußerst flach gehalten man steigt zur weiten Öffnung auf wenig großen
Stufen rundum aber laufen an die vierzig kleinere im Kreise Wenn man
hineinschaut kommt das Innre einem vor wie ein runder hoher Turm
    Als ich oben stand mich umsah und die verkleinerten Leute auf den Straßen
betrachtete wurd ich den Demetri gewahr und rief ihm zu heraufzukommen
welches er auch gleich tat
    Demetri ist ein wackerer Mann viel Kern mit wenig Schale der Mensch ist bei
ihm recht durchgearbeitet und ins reine gebracht Er herrscht in Rom über die
Geister mehr als irgendein andrer genießt hohe Glückseligkeit und ist der
Leitammel von einer Menge jungen Leuten Unter diesen hab ich nicht wenig
gefunden voll Lebensmut und den größten Fähigkeiten genaue Bekanntschaft mit
ihnen errichtet und unbeschreiblich Vergnügen in ihrem Umgange genossen Wie
jammerts mich dass soviel herrliche Kraft wegen schlechter Regierungsverfassung
ungenutzt versauren soll
    Im Neugriechischen bin ich bei ihm noch sehr gewachsen Auch hat er mir
manche dunkle Stelle der griechischen dramatischen Dichter besonders in den
Chören ins klarste Licht gesetzt und meisterhaften Unterricht über den
unendlichen Reiz ihrer Silbenmasse gegeben Bei seinem Brotgeschäfte mit alten
Handschriften sind ihm eine Menge bessrer Lesarten aufgestoßen und er könnte wie
ein andrer Herkules die Aldinischen und Juntischen Ausgaben ausmisten wenn ihm
der Silbenkrieg am Herzen läge
    Überhaupt aber hält er Ruhm für ein notwendig Übel wobei man leicht selbst
zur Bildsäule auf dem Markte werden und sich endlich fast nicht mehr regen und
bewegen könne Wirken frei und mächtig handeln nach Art seiner Natur Dies sei
die allererste und ursprünglichste Glückseligkeit
    Der Kernmensch gebrauche Ruhm als Hülfstruppen und stoße den einen von sich
wenn es sein müsste sobald er in eine andre Sphäre schreite
    Nur einen Fehler kenn ich an ihm und dieser ist dass er in dem heillosen
Labyrinthe der Metaphysik herumkreuzt Du sollst hier in der Unterredung mit mir
eine starke Probe davon sehen obgleich ihn noch nicht in seinem ganzen Wesen
weil er sich nach mir richten musste der ich hierin bloß meiner eignen Vernunft
folge ohne mich mit andrer Hypotesen viel zu plagen Wenn er mutwillig ist
spricht er keinen Tag wie den andern Mich trieb er vorzüglich nur in dem
angegebnen System herum und sagte zuweilen verwirrte hochtrabende Dinge um
auszuweichen oder vorzubereiten und zu sehen was ich damit anfing Wenig
Auserwählten reicht er auf die letzt den Faden der Ariadne den er andern wegen
der heiligen Inquisition bedächtlich zu verbergen weiß die ihm die einzige
esoterische Philosophie vielleicht der alten Kirche bald mit langsamer Glut
ausbraten würde an dessen Sicherheit er aber selbst noch scheint zu zweifeln
    Vielleicht macht Dir eine und die andre komisch ernsthafte Behauptung gerade
das mehrste Vergnügen da Du wohl weißt dass man hier nur meinen kann weil
unsre Sinnen nicht bis dahin dringen
    »Jetzt ist wenig hier zu schauen« sprach er wie er zu mir kam »aber zu
mancher andern Zeit möcht ich da gestanden haben«
    Wir setzten und legten uns bald in die Sonne die das Dach angenehm erwärmt
hatte und sagten erst dieses und jenes über alte und neuere Architektur Der
Schluss war dass der Zweck der vom Plan und den großen Massen an bis aufs
geringste einzelne und die Verzierungen aus allem rein hervorleuchte die alten
von den neueren Gebäuden unterscheide wo oft bloße nachgeahmte Kunst und leere
Schönheit sei auch bei den besten sonder Absicht und Nutzen Übrigens ließ
wir doch dem Bramante Antonio da San Gallo Michelangelo Palladio und den
andern großen Meistern ihr gebührend Lob völlig angedeihen und waren der
Meinung dass kein alter Architekt vielleicht einen heroischern Palast dem Cäsar
als der Palast Farnese und einen lieblichern glänzendern der Kleopatra als der
Palast von Kornaro zu Venedig würde haben erbauen können
    »Bei unsern Kirchen« fügte Demetri hinzu »worauf wir das mehrste wenden
haben wir die reizende Mannigfaltigkeit nicht der Alten Tempel des Jupiter
Apollo Mars Bacchus Tempel der Juno Pallas Diana Venus Jeder machte ein
eigen Ganzes in Plan Verzierung und Ausschmückung und Gegend«
    Die Meister sollten sich mehr nach den Heiligen richten versetzt ich denen
die Kirchen geweiht werden Der Papst welcher die Rotunda hier allen Heiligen
einweihte so wie sie ehemals allen Göttern geweiht war scheint so etwas im
Sinn gehabt zu haben
    Es ist doch sonderbar entfuhr mir hierbei dass die Griechen das
aufgeheiterte Volk sich mit den Fabeln über die Gottheit so ernstaft und
zuweilen so abergläubisch grausam beschäftigen konnten da sie der vielen
andern Weisen nicht zu gedenken einen Anaxagoras hatten
    »Grausam« versetzt er »sind sie in Vergleichung mit uns zu ihren guten
Zeiten nur wenigemal gewesen Und dann lassen sich Meinungen wo nicht offenbare
Widersprüche sind und das Gewisse tief verborgen steckt nicht so leicht
wegarbeiten Es hält bei den ausgemachtesten Dingen schwer den großen Haufen
unter einen Hut zu bringen wenn er sich mit eingewurzelten Vorurteilen dagegen
sträubt
    Mit den griechischen Gotteiten ging es gewissermaßen wie mit vielen Wörtern
in jeder Sprache wir haben einen deutlichen oder dunkeln Sinn dabei wissen
aber ihren ersten Ursprung nicht und wo sie herstammen und jene waren schon vor
Mosen und den Propheten in der ägyptischen Zeittiefe ehe noch ein Trismegist
unter den Sterblichen die Buchstaben erfand Homer hat damit seine Iliade
ausgeziert wie mit Edelsteinen Gold und Perlen und zuweilen lauter Schmuck
gemacht wie den Kampf des Skamander mit dem Vulkan
    Religion wurde dünkt mich in der bürgerlichen Gesellschaft zuerst bestimmt
eingeführt um den Streit über verschiedene Verehrung der Gottheit bei Familien
zu verhüten21 Jeder Staat oder Gesetzgeber ergriff eine Partei der Ordnung
wegen und ließ andern Republiken und Selbstköpfen natürlicherweise ihre
Freiheit über das Weltall zu denken was sie wollten wenn sie nicht mit Fackel
und Schwert seine Verfassung störten
    Bei den Griechen musst es einer sehr arg machen wenn Richter und Volk
Meinungen dagegen ahnden sollten Was hat nur Aristophanes nicht für Witz über
die Götter ausgegossen Wir im heiligen Rom erschrecken noch nach Jahrtausenden
über seinen Mutwillen wenn wir uns einmal mit der Phantasie in dessen Zeiten
gedacht haben Das Scherzen über die Bewohner des Olymp mochten die Griechen
scheint es sehr wohl leiden nur durfte sie einer nicht mit Stumpf und Stiel
ausrotten wollen und als Schwärmer deren Bildsäulen zerschlagen ohne ihnen
dafür andre Freuden andern Zeitvertreib zu gewähren Jeder begriff an sich
selbst dass sich das Gefühl der Wahrheit und Falschheit nicht so ganz bändigen
lässt wenn man den Bürger nicht als bloßen Sklaven haben will Bürgerliche
Ordnung soll nur Gewalttätigkeit hemmen und nicht den freien Gebrauch der
Seelenkräfte sonst bleibt der Mensch nicht Mensch mehr und wird zum Tier der
Herde verliert seine eigentümliche Glückseligkeit und allen Wetteifer wie wir
in den tyrannischen Staaten sehen wo die Natur auch ihre geistigsten Gaben am
reichlichsten ausspendet in den Gefilden der Wahrheit und Schönheit nach Lust
immer weiter zu schreiten und hienieden die höchsten Gipfel zu ersteigen wo er
Meer und Land überschaut
    Die mehrsten Streitigkeiten über Gott kommen davon her dass Laien selten
wissen was sie wollen und Philosophen meistens für den eingeführten Glauben
seis unter Heiden Juden Christen sich von ihm ein Ideal bilden und ihn
nicht annehmen und zu ergründen suchen wie er in Natur sich befindet als ob er
sich bei der Menge verächtlich machte wenn er wäre was er ist
    Anaxagoras unter den Griechen gab mit seinem Verstandwesen für die folgenden
Zeiten hauptsächlich dazu Anlass Das System des Lehrers des Perikles und
Euripides hat durch ihr sinnliches und glückliches Zeitalter geherrscht trotz
den schulwidrigen Behauptungen vielleicht grössrer Scheidekünstler erhielt sich
bis in die christlichen Jahrhunderte und herrscht gewissermaßen trüb und dunkel
wieder jetzt obgleich die erste Quelle nun unbekannt geworden ist Er stattete
eine Weltseele die alle Materie der Elemente durchdringt und über sie Gewalt
hat in dem in der Erde steckendsten Wurm und himmelhöchsten Adler dieselbe22
    Sokrates verwarf alles System ahndete nur und betete an in heiligem
Stillschweigen nach seinem tiefsten Forschen verehrte übrigens die Gottheit
nach den Landesgesetzen unter mancherlei Namen ohne sie näher zu bestimmen, und
riet seinen Freunden dasselbe
    Dem Plato Aristoteles und andern Denkern aber war damit wenig gedient und
sie gingen so weit als sie nur vermochten Jener sprach über den allgemeinen
Verstand in erhabenen Dichtungen und der kühne Titan von Stagira belagerte
regelmäßig endlich nach den feinsten Erfindungen der scharfsinnigsten Taktik
und seine Anhänger behaupten er sei in die innerste Festung eingedrungen
Darauf und daran muss der Herrliche der in so vielem andern an der Spitze der
Menschheit stand gewiss gewesen sein
    Plato schreibt noch am Ende seiner Tage den Gestirnen den höchsten Verstand
zu Anfangs bedacht er sich lang über die Sonne und konnte nur damit nicht ins
reine kommen wie wir lebten und so hell im Geiste sähen wenn sie unterginge
und es Nacht wäre23 Dass alles Lebendige erfrieren zu toten Klumpen erstarren
müsste wenn nichts von ihren Strahlen zurückbliebe wird ihm wohl einmal im
Winter die Bedenklichkeit gehoben haben Vielleicht schloss er gar noch ferner
dass alles Licht und alles Feuer und alle Wärme auf unserm kleinen Erdboden bloß
in Materie gefahrne Strahlen der Göttlichen und der Gestirne sind die jene von
nichts gehemmt durchdringen regen richten woher alles einzelne Lebendige
denn Bildung Form und sein Recht hat bis sie wieder von andern aufgenommen
werden oder sich selbst absondern in Rückerinnerung der alten überschwenglichen
Wonne und dass die Massen und Körper die deren am mehrsten enthalten die
lebendigsten sind Wenigstens ist dies der Grundstoff zu seinem glänzenden
theologischen System worüber Julian noch abtrünnig wurde
    Überhaupt hielten die mehrsten alten Philosophen das Feuer für das
Göttlichste in der Natur
    »Die großen Dichter dieser hohen Zeiten für die Menschheit« fiel ich ein
»hatten um eine Stufe natürlichre Metaphysik und nahmen das Sinnlichre und
Nähere Sie meinten wir schöpften die bewegende Kraft mit dem Atem und sie sei
in der Luft befindlich und nannten sie Zeus nach dem wörtlichen Sinn wodurch
sie lebten und einige Philosophen schlugen sich zu ihrer Partei
    Sophokles sagt Zeus der alles fasst in alles dringt uns näher verwandt
ist als Vater Mutter Bruder Schwester Und an einem andern Orte Welcher
Menschen Übermut o Zeus hemmt deine Macht die der uralte Schlaf nicht
ergreift und die unermüdlichen Monden Unalternd durch der Jahre Wechsel nimmst
du Herrscher den strahlenden Glanz vom Olymp ein dir ist der Augenblick die
Zukunft und Vergangenheit untertan
    Und Euripides sagt geradezu Siehst du über und um uns den unermesslichen
Äther der die Erde mit frischen Armen rund umfängt Das ist Gott
    Und Aristophanes sein Antagonist ruft ebenso aus Unser Vater Äther
heiligster aller Lebengeber
    Und Pindar ging schon vorher noch weiter und singt stolz in lyrischer
Begeisterung Eins das Geschlecht der Menschen Eins das der Götter Alle beide
atmen von einer Mutter
    Nach der ältesten Meinung seines Volks glaubte Tales das Göttliche im
Wasser zu finden weil alles Lebendige sich davon nährt und aller Same feucht
ist Die Erde aber blieb immer nur Pflanzstätte die das Himmlische durch Wind
und Regen empfängt und Tiere und deren Nahrung damit gebiert obgleich Mutter
aller selbst ohne Geist und Leben Manche hielten sie nicht einmal für Element
sondern wie Hesiodus nur ersten Körper
    Alles kehrte zurück wo es herkam was von der Erde entspross zur Erde das
Himmlische wieder in die lustschwebenden äterischen Zärtlichkeiten
    Doch gestehen wir es nur wir tappen damit noch in Nacht und Ungewissheit
wie die Alten selbst von denen nur einer mehr oder weniger als der andre dreust
war mit seinen Behauptungen Ein bestimmtes deutliches System hierüber darf man
bei keinem Sterblichen suchen die größten Weisen haben für sich keins gehabt
und nicht klar gesehen wie kein Mensch die ganze Welt klar durchschauen kann
Sie nahmen gewisse Sätze an und bauten darauf hin und wurden immerwährend von
der Natur wieder in Verwirrung gesetzt
    Eines jeden Gefühl muss ihm sagen dass er etwas Getrenntes von einem Ganzen
ist und dass er sucht sich wieder mit demselben zu vereinigen Als Menschen
suchen wir dies am ersten bei andern Menschen zu bewerkstelligen die Natur
leitet den Mann zum Weibe und das Weib zum Manne Beide finden alsdenn doch noch
nicht dies in sich allein und suchen ihr Ganzes bei mehreren ihresgleichen Wo
dieser Trieb lauter wirkt die glückseligste Republik Aber auch hier wird der
Mensch endlich seine freie Vollkommenheit sein Ganzes nicht finden Es ist also
klar dass uns entweder der Tod mit diesem vereinigt oder doch nähert oder nach
mancherlei Durchwanderungen von Körpern wieder dahin bringen muss Aus diesem
Gefühl stirbt eine Alkeste für ihren Gatten als der minder edle Teil des
Ganzen und übergibt sich ein Regulus freiwillig Schmach und Leiden Aus diesem
Grunde sieht man mehrere Menschen jeden schier von demselben Schlag und Gehalt
zusammen für verständiger an und ein ganzes Volk für die klare ausgemachte
Weisheit und wir können oft mit der sichersten Gewissheit von dem Gegenteil und
dem stärksten Vorsatz nicht auf gegen die Macht der Täuschung«
    »O wie lieb ich das« rief Demetri mir mit lebendigern Augen froh lächelnd
zu »wenn so einer aus dem andern Funken schlägt O könnten wir uns Licht machen
und einander einen Pharos anzünden in diesem nächtlichen Meer wo Boreas und Süd
und Ost und West verschiedner Meinungen stürmisch ungestüme Wogen wälzen 
wenigstens einer den andern wie ein noch scheues edles Ross vor den
fürchterlichen Einbildungen auf allen Seiten herumführen
    Welches der König der Elemente ist Luft oder Feuer wär also der Streit bei
den griechischen Dichtern und Philosophen Um das Höchste und Edelste zu sein
muss er die Massen aller andern durchdringen Gewalt darüber haben sie an sich
ketten und nach seiner eignen Natur formen und bewegen Nach diesem Grundsatze
würden die Dichter wohl den Philosophen nachgeben und alle lebendige Wesen eine
Art von Flamme sein Feuer so über Luft wie Bewegung des Lichts gegen Schall
    Auch war das Wesentliche zwei der ältesten Religionen des menschlichen
Geschlechts in der Mitte der zwei größten Weltteile Asien und Amerika
Verehrung der Sonne und des Feuers und ihre Frommen bemitleideten die so mit
geistiger Blindheit Geschlagnen dass sie in Finsternis nach Gespenstern
herumtappen vom Lichte der Natur, durch alle Himmel dasselbe lieblich und
freundlich und erwärmend hell lebendig umstrahlt Selbst in Rom da edle
Weisheit und Tapferkeit in seinem Senate noch den Erdboden regierte bewahrten
jungfräuliche Hände dessen Glut als das Allerheiligste
    Lassen wir aber auch noch einen Priester des Zeus mit seinem Pomp in diese
Versammlung treten und die Religion seines Volks behaupten weil wir einmal im
erfreulichen Schwärmen der Phantasie darüber sind
    Toren ihr alle ruft er aus die Welt macht nur ein Ganzes und ihr haltet
euch an den Teil Alle verschiedene Urwesen in der Natur sind göttlich jedes so
ewig als das andre und keins kann von dem andern herkommen und geworden sein
    Rein abgesondert nennen wir sie Elemente untereinander vermengt für uns
ohne Ordnung und Schönheit nennen wir sie Materie
    Wie alle diese Kräfte zusammengekommen sind sich verbinden und scheiden und
allerlei Erscheinungen hervorbringen hat noch kein menschlicher Kopf für Sinn
und Verstand erklärt
    Tun wir den äußersten Flug menschlicher Einbildungskraft und nehmen Anfang
an wo es nur immer möglich ist
    Stellt euch das Chaos vor das alle Götter Menschen Tiere Pflanzen
Metalle und Steine gebar wie einen unermesslichen heißen Nebel im unendlichen
Raume worin Sonnen und Planeten noch zerstäubt schwimmen mit den Meeren Erden
und Lüften
    Es begann die Zeit Feuer und Lüfte und Wasser und Erden schieden sich und
ein gleichartiges Wesen gesellte sich seiner ewigen Natur nach zu dem andern
Die jungen Sonnen wälzten sich und wuchsen bis jede sich aus ihrer Sphäre
gleich ewigen blendenden Gewittern von lauter Blitzen und Wetterstrahlen wovon
wir an unsern Wolken zuweilen nur winzige dunkle Schatten sehen
zusammengesammelt hatte und besäeten die Himmel Die gröbern Massen sanken
unter jede nach ihrem verschiedenen Grade und machen nun die Planeten aus die
immer schwebend herumtanzen sich wieder mit dem holden Lichte zu vereinigen
aber wegen ihrer Schwere nicht zum Anflug gelangen
    Und die Liebe ward geboren der süße Genuss aller Naturen füreinander der
schönste älteste und jüngste der Götter von Uranien der glänzenden Jungfrau
deren Zaubergürtel das Weltall in tobendem Entzücken zusammenhält Und alle
lebendigen Geschöpfe erhaschten in diesem Getümmel ihren Anfang und vermehren
sich nach alter Art immer wieder aus einem kleinen neuen Chaos von Elementen
nach Anzahl Maß und Form der ersten Zusammensetzung
    Das Element das alles füllt das sich am freisten und ungebundensten durch
das Unermessliche breitet ohne welches nichts bestehen kann was lebt selbst
das Feuer nicht ist die Luft Wir Trismegisten und Orpheuse gaben ihm den Namen
Zeus und stellten diesen den Völkern in Wolken auf einem Donnerwagen mit dem
flammichten zackichten Keil voll furchtbarer Majestät als dessen Regenten vor
weil sie nicht bis zu dem Unsichtbaren gelangen und Gestalt für den Sinn haben
müssen
    Sein erstgeborner Sohn Licht und Feuer ist Apollo der Sonnengott
    Der Beherrscher der Wasser Zeus Bruder Neptun
    Den Erden den Sammlungen unzählbarer andrer Elemente setzten wir das Heer
der übrigen Götter vor und erteilten dem dritten Bruder Pluto in den Unterwelten
den höchsten Zepter
    Eure Grossväter die Pytagorasse und Homere haben hernach unsre kühnen
großen Erfindungen angenehm und lieblich und erfreulich ausgearbeitet und die
Phidiasse und Polyklete denselben das Siegel aufgedrückt Und so waren die
Urkräfte der Natur für die Phantasie geordnet und jeder von ihren
Lieblingskindern den Menschen schöne Tempel aufgestellt
    Verwundert Euch nicht Freund« fuhr Demetri fort »über die astronomischen
Ketzereien die ich meinen Priester sagen lasse Es wird eine Zeit kommen und
nach der Freiheit womit die großen Geister schon anfangen ihre Flügel zu
schwingen kann sie nicht mehr fern sein wo die Sonne und die Fixsterne auch
bei den Menschen ihren erhabenen Posten behaupten werden wie in der Natur und
unsre kleine Erde mit den andern Planeten um ihre Lebendigmacherin herumrollen
wird24es wird die Zeit kommen wo der kleinste Nebelstern Sonne sein wird und
ein hellerer Morgen in unsern Kerker einbrechen bis wir uns endlich alle Bande
abstreifen und des ewigen Daseins unsers Eigentums als echte Kinder Gottes
genießen in unaussprechlicher Wonne sonder Grausen vor den armseligen
Schreckwörtern Tod und Zerstörung
    Es war besser dass Millionen Sonnen sind um nur Zahl zu nennen als eine
die zu ungeheuer gewesen sein würde Die Billionen Planeten hätten sich zu oft
darumher einander verfinstert und die rasende Masse von Feuer sie verzehrt
    Alles Wesen besteht aus unergründlich Kleinem Was unendlich klein ist kann
nur wenig Kraft und Bewegung haben Um freier und gewaltiger zu sein paart es
sich mit seinesgleichen und vermehrt sich bis zu Sonnen und Planetensphären
die sich durch die Himmel wälzen und schweben für uns in unbegreiflicher Fülle
von Wonne paart sich mit seinesgleichen und anderm was es wie zum Fuhrwerk
oder gleichsam Reittier brauchen kann Und dies hats auch wieder gut indem es
an der Lust des Edlern teilnimmt und für seinen Dienst reichlich versorgt wird
    Das Zusammengesetzte aber aus Verschiednem ist in Betrachtung des Einfachen
eine wahre Kleinigkeit Was sind alle Vögel Tiere und Fische gegen die
unermessliche Luft das blendende Gewimmel der Gestirne und gegen Meere und Erden
in ihrer ursprünglichen Reinheit Zusammengerottete winzige Sonderlinge Die
großen Massen allein leben und schweben in ewiger angestammter Wonne und
Glückseligkeit nur wir Heterogenen leiden und sind elend und plagen uns mit
unsrer Erhaltung immer in der jämmerlichen Furcht zu vergehen Mitteldinger
zwischen Sein und Nichtsein Zusammengeballte Grenzen des Verschiednen Die sich
mit Träumen plagen und ihre eigentliche Natur nicht finden können und auf das
kranke Gewinsel zerrütteter Kreaturen horchen da uns das ewige Licht in die
Augen blitzt Meere in die Ohren rauschen und alles augenblicklich in uns
strebt sich mit dem großen Mächtigen wieder zu vereinigen
    Die Toren glauben sie kämen einmal in eine ganz andre Welt wo keine Sonne
wäre weder Mond noch Sterne noch Meer und Land wie bei uns und sie hätten
vielleicht dort doppelte goldne Hüften wie hier nur eine Pythagoras hatte
    Unsre Philosophen nehmen sich sehr in acht wenn sie von Seele reden auf
Erde Wasser Luft und Feuer zu kommen vermutlich um sich nichts zu vergeben
Nicht also die Griechen Wir zucken die Achseln deswegen über sie Je erhabner
der Mann desto eher der Kinder Spott«
    Demetris Wangen wurden röter in diesem lyrischen Taumel ich rief ihm zu
»Mässigt Euren Schwung wenn ich nachfolgen soll
    Etwas Besonders Adler oder Mensch und zum Beispiel Alexander zu sein nach
gewonnenen Schlachten« fügt ich leise hinzu »macht doch auch große Freude und
kommt einem angenehmer vor als wenn man sich zu unendlich kleinen Teilchen von
Erde Luft und Wasser und Feuer denkt Jedes einzelne Wesen wird seine Existenz
bloß durch andre gewahr je reiner es sich damit vereinigt desto größer
wahrscheinlich seine Glückseligkeit Alles in der Natur strebt deswegen sich in
andres zu verbreiten«
    Demetri Bei solchem Einfachen gibts kein Teilchen jedes wenn man sich es
auch denkt gehört so zum Ganzen dass das Ganze zusammengenommen nichts Bessers
ist Das Teilchen ist wie das Ganze und das Ganze wie das Teilchen eins wirkt
und regt sich wie das andre jedes Gefühl blitzt durch das ganze All Was das
eine angeht das geht auch das andre an es ist eins so mächtig so ungeheuer
und unermesslich groß wenn man eine solche Größe annehmen will wie das andre
Die Meere und Tiefen von ursprünglichen Elementen sind es woraus wir immer neu
strömen und zusammenrollen und unsre Urnatur ist unendlich göttlicher und
erhabner als das augenblicklich zusammengeballte Eins verschiedner Kräfte nach
dem hohen Plato nur eine Stockung im unsterblichen Fluße der Glückseligkeit
    Ardinghello Aber dass etwas sein muss was das Weltall zusammenhält ist wohl
klar genug eine unbekannte Ursache an und für sich doch bekannt in ihren
Wirkungen ein Wesen das die andern Elemente zusammenbändigt von ihrem Schlafe
zum Leben zur Existenz zur Harmonie und Einheit
    Wenn ich meinen Körper betrachte und bedenke dass ich ihn selbst soll
zusammengearbeitet und gebildet haben und doch nichts davon weiß oder welches
einerlei ist dass das erste Menschenpaar dies soll getan haben so dünkt mir
augenscheinlich dass ich nicht von mir selbst abhange und dass eine unbekannte
Ursach im Spiel ist Anfang und Ende ist für keines Menschen Kopf und ebenso
unbegreiflich wie Verschiednes ein lebendiges Eins macht Unsre offenbare
Willkür der vorher bestimmte Endzweck aller unsrer Sinnen zum Beispiel das
Forterhalten der Gattungen bleibt unerklärlich und übersteigt die feinste
Philosophie
    Demetri Vielleicht wird sich dies noch aufhüllen
    Wir erkennen uns bloß als Zusammensetzung als Wirkung und nicht als
Ursache Bei uns ist sie mit unserm Verstand eins und es findet da kein
Gezweites statt bei andern Dingen lässt sie vielleicht den Sonnenstrahl so wie
ihn unser grobes Auge blickt nicht in ihre Verborgenheit Rein existiert sie
bloß in ihrer ursprünglichen Vortrefflichkeit schwebt im Genuss ihrer selbst
und vermischt erkennt sie nur die Vermischung
    Liebe und Krieg ist ewig auf den Grenzen verschiedner Natur jene nennen wir
Ordnung Leben Schönheit und wie die Namen alle lauten Wie Kinder scheuen wir
Tod und Vergehen wir würden bei beständiger Dauer in immer einerlei
Zusammensetzung vor Langeweile endlich auf ewiger Folter liegen in unsrer
kleinen Eingeschränkteit Die Natur hat sich aus eignen Grundtrieben dies Spiel
von Werden und Auflösen so zubereitet um immer in neuen Gefühlen selig
fortzuschweben und unser Beruf istdies zu erkennen und glückselig zu sein
Pythagoras hatte recht die Welt ist eine Musik Wo die Gewalt der Konsonanzen
und Dissonanzen am verflochtensten ist da ist ihr höchstes Leben und der Trost
aller Unglücklichen muss sein dass keine Dissonanz in der Natur kann
liegenbleiben Die höchsten Granitfelsen der Alpen und des Kaukasus zermalmen
endlich die Regen des Himmels und die Katarakten der Eisdecken auf ihren
Gipfeln und unsre Jahrtausende sind Momente der Ewigkeit Kommen wir einmal zum
Teil in den Mittelpunkt des Ozeans und der Erdkugel so kommen wir auch in
Sonnen und Gestirne und werden eins damit
    Jedes Element hat nach höheren und mindern Graden von Regsamkeit die
Eigenschaft zu leben zu empfinden und die mancherlei Proportion gibt jedem
einzelnen Dinge seinen besonderen Urcharakter Dem Affen ein wenig Licht und Luft
mehr im Urton und er stünd auf der Leiter der Schöpfung über den Homeren und
Zenonen freilich alsdenn auch in andrer Gestalt Unser Gehirn scheint der hohe
Rat der Republik zu sein sich augenblicklich zu bewegen und die neuen
Erscheinungen und Gefühle der Sinnen aufzunehmen und danach für das kleine
Ganze zu sorgen
    Wer hat die Elemente so untersucht dass er einem allein das Leben und Denken
zuschreiben will Warum sollten nicht alle mehr oder minder dazu fähig sein und
die ganze Natur leben denken und empfinden
    Der Mensch macht ein Ganzes aus und es ist alte Pedanterei denselben nur
in zwei ganz entgegengesetzte verschiedene Hälften zu teilen wie man hernach bei
allen Tieren und der kleinsten Mücke tun muss Aber Gewohnheit zwingt alles unter
ihre eiserne tyrannische Herrschaft bis auf die sich frei wähnendsten
philosophischen Häupter die davon nichts träumen
    Ardinghello Auf einen Hieb fällt kein Baum geschweig eine Zeder die so
viele Jahrhunderte durch alle bekannte Zeitalter steht und mit ihrem immer
grünenden Gipfel jedem Sturm trotzt Die Menschen werden heutzutag schwerlich
glauben dass das Beste von ihnen nur Sonne war und die Planeten erleuchtete sie
sind zu stolz dazu geworden Geschweige dass ihre Körper nur eine gewisse Ordnung
seien Wohnungen Gastöfe der Elemente die augenblicklich durch sie reisten
sich nur Momente aufhielten sie lebendig vollkommener und bequemer für die
nachfolgenden machten
    Demetri Und doch muss auch dem Dümmsten auffallen dass er alle Woche
wenigstens ander Fleisch und Blut hat dass ihn sein Magen jeden Tag ein paarmal
an neuen Ersatz erinnert dass er stündlich stirbt und wieder aufersteht immer
etwas anders ist immer ist wie das Wetter das er sieht und einatmet Und was
wollt Ihr mit allen bekannten Zeitaltern Habt Ihr vielleicht den Aristoteles
gelesen
    Ardinghello Seine metaphysischen Schriften nur durchblättert teils weil
sie mir zu weitläuftig und gleich anfangs mit Fleiß dunkel und rätselhaft
geschrieben schienen und teils weil ich für wahr hielt was Xenophon beim
Eingange der Denkwürdigkeiten vom Sokrates meldet nämlich die Metaphysiker
wären ihm vorgekommen wie Rasende da die berühmtesten derselben schnurstracks
sich entgegenstehende Meinungen behaupten Die ganze Wissenschaft sei zu nichts
nütze und er hätte sich verwundert wie es ihnen nicht offenbar wäre dass unser
Verstand darüber nichts Gewisses erfinden könnte Die menschlichen Dinge allein
machten uns genug zu schaffen
    Demetri Auch beim Sokrates ist nicht alles Gold Dies war zuverlässig in
die Luft gesprochen ohne hinlängliche Überlegung Das Allgemeine können wir
wissen aber nicht das Besondre Ohne Arbeit und Mut wird dem Menschen nichts
Großes verliehen Wer weiß wie viele Jahrhunderte noch dazu gehören ehe wir in
Erkenntnis der Natur so weit gelangen als unser Verstand reicht und das
höchste Ziel berühren Viele verzweifeln daran nur etwas Wahres zu finden und
wollen immer im Finsteren herumtappen aber es kommen Augenblicke wo sie
erschrecken ein bloßes Nichts zu sein ohne sich mit der Natur zusammen zu
denken Harmonie mit dem Weltall ist das höchste Gut und welcher gute Kopf will
sein Lebelang zu dem Gesindel gehören das die Wetterfahne aller Meinungen ist
Jeder muss hier endlich so weit als er kann und es hilft da kein Sträuben
Unsre Bestimmung wenn wir eine haben sollen kann keine andre sein als die
verschiedenen Naturen des Weltalls in der Zusammensetzung zu fassen woraus wir
bestehen Der Mensch selbst ist gleichsam eine herumwandelnde Metaphysik wer
wollte sich nicht damit beschäftigen Sie ist die erste und höchste aller
Wissenschaften
    Wenn wahr ist wie es denn allen Schein der Wahrheit an sich trägt was
Alkibiades vom Sokrates in Platons Gastmahl erzählt so hat auch hierin der den
das Orakel vielleicht hauptsächlich deswegen was Ihr eben aus den
Denkwürdigkeiten von ihm angeführt habt zum Weisesten erklärte doch auch
hierin seine Schuldigkeit beobachtet Er stand einst im freien Felde vom Morgen
an den ganzen Tag über und die Nacht durch unbeweglich auf einem Fleck in dem
allertiefsten Nachdenken versunken und verloren und betete die Sonne an als
ihre reine volle Feuersphäre über die östlichen Gipfel Strahlen des Lebens
wehte
    In den geringsten Wissenschaften und Künsten herrschen verschiedene
Meinungen und es ist natürlich dass in der höchsten die mehrsten herrschen
weil alle zum steilen Gipfel wollen und nur äußerst wenige dazu genug Atem in
der Brust Stärke in den Knochen und ausdauernden Mut und Verstand gegen alle
die Gefahren haben die in den halsbrechenden Pfaden auf sie lauern
    Nutzen Soll man denn alles des Mauls und Magens wegen tun und macht
Erkenntnis der Wahrheit nicht schon an und für sich glückselig ist sie nicht
die höchste Glückseligkeit Gehört das Vergnügen die Freude nicht zu Nutzen
    Freilich muss jeder den Weg endlich selbst machen Es muss erst einer wissen
wo der Ätna liegt eh er hinauf will Und dann ist für uns die Reise durch die
Scylla und Charybdis die kürzeste und durchaus zu Pferd ist nicht möglich
Oder man muss ungefähr so weit sein als sie selbst waren ehe man die Systeme
großer Philosophen vollkommen versteht und ferner sie nicht auf den ersten
Seiten vollkommen begreifen wollen man muss sie erst ganz kennen ehe man nur
etwas von ihnen in allem seinen Verhältnis einsieht
    Das System des Aristoteles liegt es ist wahr noch zum Teil da im Chaos
aber binnen zweitausend Jahren hat sich kein bessrer Architekt gezeigt Er trug
allen philosophischen Reichtum jener glücklichen Zeiten zusammen und brütete
darüber wie ein Gott Seine physischen und metaphysischen Werke sind ein
langwieriges Studium und es lässt sich in einem Gespräche davon kein Auszug
machen Ihr müsst sie selbst lesen und es wird Euch Lust sein zu sehen wie er
die Natur herumarbeitet und bis auf ihre kleinsten Bestandteile zergliedert
wenn Ihr auch nur den Tiefsinn des Menschen an ihm bewundern solltet
    Für jetzt nur noch einige Rhapsodien nach ihm und gegen ihn und Launen und
Einfälle Stellt Euch das Universum wie eine Laute vor worauf ich Euch nach
augenblicklicher Lust und Liebe vorphantasiere O nichts ist reizender und
lockender dazu es ist der schönste Gegenstand meiner Poesie in der Einsamkeit
O es macht mich glücklich und mich überläuft wieder zuweilen ein menschlicher
Schauder wenn ich bedenke was ich vielleicht schon war und ferner sein werde
was ich jetzt bin und den folgenden Morgen die folgende Stunde schon vom neuen
anfange zu sein Übrigens geniess ich jeden Moment der Spanne meines
gegenwärtigen Lebens so gut ich kann und ergebe mich Kleinigkeit in die
Umwälzungen der ungeheueren Massen 
    Was Demetri darauf ferner sagte davon mehr nur den Inhalt als seine Worte
insoweit ich denselben gefasst habe Ich blieb bis jetzt noch immer der Meinung
des Sokrates dass auch die beste Metaphysik ein schönes Gebäude sei welches
bloß in der Luft schwebt und dass man sich nur damit beschäftigen müsse um sich
nichts weismachen zu lassen und seinem Vergnügen in dieser Rücksicht ungestört
nachzuhängen
    »Die Sinnen allein zeigen uns« begann er vom neuen25 »dass etwas außer uns
da ist Verstand selbst ist die Wurzel der Sinne. Von Sinn und Verstand alle
unsre Erkenntnis und was finden wir da
    In uns gekehrt die wunderbare Sicherheit dass wir Wirkliches und kein Nichts
sind und allen Grund zu denken und zu handeln Außer uns Sonne Mond und Sterne
im unermesslichen Äther und Luft und Meer und Land voll unzählbarer lebendiger
Dinge
    Doch solche Menge Verschiedenheiten entdeckt nur das Auge unser reichster
aber auch flachster Sinn wir haben einen andern der tiefer dringt und zu
einfachern kommt das Gefühl Kein Tier kann ohne dasselbe aber ohne die andern
Sinnen bestehen
    Und dieser Sinn erkennt
    Warm und Kalt und Feucht und Trocken
    Nichts weiter denn alles übrige fällt in eins von diesen daraus besteht
die unendliche Mannigfaltigkeit des Weltalls.
    Doch werden wir auch mit diesem so mächtig ergreifenden Sinn nur Oberflächen
gewahr allein tiefer in die Natur der Dinge können wir nicht eindringen wenn
wir nicht sie selbst werden Und dann hört aller Sinn auf wir sind es selbst
und schweben im Genuss ohne alle wissentliche Unterscheidung
    Warm und trocken ist das Feuer Warm und feucht die Luft Kalt und trocken
die Erde Kalt und feucht das Wasser Mit Flamme und Eis fängt Stockung und
Zerstörung an daraus keine Zeugung
    Wenn Feuer sich in Luft verwandelt braucht es nur die Feuchtigkeit
anzunehmen und so wenn Wasser sich in Erde nur die Trockenheit Wasser wird
Luft durch die Wärme Luft wird Wasser durch die Kälte Feuer verwandelt sich in
Erde durch die Kälte Erde in Feuer durch die Wärme Leicht ist dann der
Übergang einer Natur in die andre und leicht Werden und Zeugen Wenn aber Feuer
Wasser werden soll und Wasser Feuer Luft Erde und Erde Luft dann ist ein
doppelter Damm durchzustürmen allein der Schleichweg ist bald gefunden Feuer
wird erst entweder Luft oder Erde und so bleibt der Übergang auch bei den
andern immer leicht
    Daraus alle die sonderbaren Erscheinungen Und so verändert sich ewig in
sich die Welt begattet sich mit sich selbst und bringt neue Geschöpfe hervor
und Blumen und Früchte
    Dies sind die vier Elemente die der gemeine Menschenverstand durch alle
Zeiten anerkannt hat und sie sind die Grundverschiedenheiten nicht nur für das
Gefühl sondern auch für die übrigen Sinne die alle verschiedene Abarten
desselben sind und darauf beruhen
    Dass die Luft wieder so verschieden sein könne als wir die Erde erkennen
wer will dies leugnen und so das Wasser und vielleicht noch das Feuer wer hat
die Elemente so untersucht und wie wenig wissen wir noch von den Erden Genug
dass der Übergang eines Elements in das andre gefunden ist
    Doch warum suchen wir Vervielfältigung der Elemente Es hat Philosophen
gegeben die behaupteten dass das Weltall welches wir zusammen mit einem Namen
Natur nennen durchaus eins und dasselbe sei die alle Evidenz leugneten um
ihren Verstand an einem Mutterwesen zu weiden das bloß reiner Stoff und nichts
von allem andern ist was wir kennen sondern alles zugleich in jedem Punkte
andern Menschen schier ebenso undenkbar wie Alles aus Nichts und Nichts aus
Allem das es auch bedeutet
    Die ältesten der Art blieben jedoch noch bei einem Elemente Heraklit
meinte das Feuer sei der gemeinschaftliche Quell aller Dinge und Tales das
Wasser beide aus dem heitern Ionien von den Griechen sonderbarlich für die
frühesten echten philosophischen Köpfe anerkannt und der erste als Stammvater
aller eigentlichen Weisheit zum Sprichwort bei ihnen durch alle Zeiten geworden
Das organische Wasser zum Beispiel der Mensch ersaufe in dem einfachen Wasser
und das organische Feuer verbrenne in dem Feuer das die Lust verliert etwas
anders zu sein Feuer Luft und Erde sei Wasser und Wasser sei Erde Luft und
Feuer und alles eins und dasselbe Feuer sei heiß und kalt und Wasser sei nass
und trocken
    Andre suchten in der Folge den Widerspruch wenigstens im Ausdrucke zu
vermeiden und setzten für irgendein Element überhaupt Eins ist Alles und Alles
Eins
    Nach dem Aristoteles war Xenophanes der erste der dem Wesen seine
eigentliche Reinheit gab aber auch nichts weiter darüber bestimmte sondern nur
mit erhabner Stirn in den unermesslichen Äther hin schaute und sagte Das Eins
ist Gott
    Parmenides sein Schüler brütete nach ihm mehr darüber und suchte zu
beweisen dass Wesen der Vernunft nach notwendig nur Eins sein könne für die
Sinnen aber müsse man zwei Ursachen Kalt und Warm annehmen Kalt sei das
Unwesen und Warm das Wesen. Andre setzten dafür das Dicke und Dünne nämlich das
Wesen dehne sich aus und ziehe sich ein und daraus alles Werden und Zeugen
alle Erscheinungen Wenn es sich verdünne werd es Luft und Feuer und verdickt
sei es Erde und Wasser aber alles im Grund eins und dasselbe«
    Ardinghello Wenn also die unendliche Ausdehnung außer den einzeln
Bewegungen durchaus sich einmal recht einzöge so würden wir vielleicht alle
zusammen mit ihr den allergrössten Stein ausmachen und die Welt als ein Diamant
im leeren Raume hangen
    Demetri ein ander Gesicht annehmend Wer weiß was geschehen kann Zeit
hat sie nun in der Ewigkeit genug dazu zur Kurzweil sich in allerlei Gestalten
zu verwandeln
    Diese Philosophen gaben übrigens keine Ursache der Veränderung an und ließ
noch Ruh und Bewegung unerörtert
    Wer beweisen will dass aus Einem Alles sei muss erst dartun dass aus Allem
Eins werde und so weit hat es noch keine Chemie gebracht
    Wenn bloß Eins ist so muss es in Ruhe sein denn ohne Reiz keine Bewegung
und das Gleichförmige reizt nicht 
    In den Elementen liegen die Quellen der Bewegung. Sie ist allen eigen und
keins hat sie als einen besonderen Vorzug nur scheint das Feuer einen weit
höheren Grad von Reizbarkeit dazu zu haben als Erde Luft und Wasser Alles in
der Natur regt sich von selbst und hat Freiheit Erkenntnis und Begierde Jeder
Teil den wir von einem ihrer unvermischten Ganzen annehmen hat alle innerliche
Eigenschaften des Ganzen ihre Wesen sind unendlich zart verbreiten und
verlieren sich ineinander unergründlich allen unsern Sinnen Je mehr das Kleine
einerlei Art beisammen desto größer seine Macht und Stärke und so kann Erde
Luft oder Wasser das Feuer überwältigen und so unterliegt beim Menschen der
sogenannte Geist der Materie. Doch nur im Einzeln kann dies geschehen denn im
Weltall selbst herrscht Geist unermesslich und ohne Schranken Geist bringt die
Welt in Ordnung und Schönheit nach seiner Natur und selbst in uns fuhr er
deswegen und dadurch hat der Mensch Gewalt über den Erdboden
    Bewegung ist Wirksamkeit der Kraft auf einen Gegenstand Wo Kraft und
Gegenstand istist auch Bewegung Wo doppelte Kraft aufeinander wirkt Liebe
oder Krieg Neueswerden oder Abprallung
    Gedanke ist Anfang und Ziel der Bewegung, Anfang und Mittel und Ende der
Bewegung zusammen Handlung Alles in der Natur hat das Vermögen zu denken und
zu empfinden und das Selbstgefühl ist Grund und Boden denn alles was ist hat
Kraft wodurch es ist was es ist
    Und folglich hat das System des Anaxagoras seinen guten Grund in der Natur.
Verstand hat die Welt gebildet nur in allem auf seine eigne Art Verstand ist
prüfende und unterscheidende Fassung des Ganzen Verstand in der
Zusammensetzung das Meer wohin alle Empfindungen laufen sich begegnen und
sich läutern und besteht selbst nur aus empfindender Kraft Es ist der
eigentliche Kern jedes einzelnen Lebendigen jedes Ganzen das schlechterdings
an und für sich mit einer ersten Empfindung beginnen und sich mit gleichartigen
und andern Wesen paaren und hernach zusammenschaffen und bilden musste Wenn nun
Verstand ursprüngliche Empfindung ist so ist er auch der Schöpfer von allem
Individuellen
    Der erste Trieb in jedem Lebendigen ist das Vergnügen oder nicht allein und
vereinzelt zu sein Der zweite weitere Erkenntnis und größere Kraft zugleich
dadurch erhob sich die vereinzelte Natur vom Wurm an bis zum erhabenen freien
vielfassenden und verbindenden klaren Menschen der deswegen die Sprache und
alle Künste erfand Der dritte ungeheure der alles unglücklich macht die
ganze Welt zu erkennen und sie sein zu wollen und in der Tat tobt immer das
dunkle Gefühl in uns auf sie einmal gewesen zu sein und wieder zu werden
    Ardinghello Ich erstaune über Eure kühnen Behauptungen und es wird mir
vieles Nachdenken kosten deren Wahrheit oder Falschheit zu finden
    Wenn Feuer sich in Luft verwandelt bleibt es Feuer oder nicht Und ferner
so wie nur eine gewisse Materie ist die Licht hat und eine die Ton hat so
kann es ja auch eine geben wenn man das Wort hierbei brauchen darf die nur
denkt und Verstand hat Ursache der Bewegung ist, immer wirkt und nie leidet
bis das ganze Gebäude um sie her zusammenfällt
    Demetri Wenn Feuer sich in Luft verwandelt so entsteht eben ein neues
Ganzes aus Luft und Feuer Und so sind wir selbst ein Ganzes aus verschiedenen
Elementen so rein und harmonisch verschmolzen dass wir in uns bei gesundem
Zustande durch das feinste Bewusstsein nichts unterscheiden
    Wenn nicht jede Art von Element sich selbst regte und bewegte so würde
jeder Leichnam ewige Mumie sein und der Wind immer von Osten her wehen
    Was den Verstand betrifft so nimmt Aristoteles selbst wie Plato nach dem
Anaxagoras dessen Meinung ich freilich nach meinem eignen Begriff erklärte
eine eigne Materie für den Verstand an und unterscheidet sie von aller andern
und sogar von der Seele die wie er sagt im ganzen Körper sich befindet Die
Seele des Auges ist das Sehen die Seele des Ohrs das Hören und so die des
Gefühls das Fühlen Die Seele des Baums ist dass er wächst und seine Nahrung mit
den Wurzeln einsaugt Sie ist in allem Lebendigen dieselbe Kraft in Ausübung
ist ihm Seele und kein Körper kein Element ohne Seele Aber Verstand hat seine
eigne Natur behauptet er die nicht leidet Das Auge kann verblendet das Ohr
betäubt werden der Verstand hingegen von dem tiefsten Denken unbefangen auf das
leichteste übergehen Vielleicht nur bei dem Fürsten der Philosophen Andre
müssen wenigstens ein Schachspiel dazwischensetzen Und doch soll derselbe ein
besonder eigen Teilchen wie er sich ausdrückt nur der menschlichen Seele sein
und sagt diejenigen hätten recht die ihn darin den Ort der Formen nennten
Denken Urteilen wäre Aufnehmung Schaffung von Formen Die sinnliche Kraft der
Seele könne nicht ohne Körper bestehen der Verstand aber davon abgesondert
werden er sei sich allein Materie Nur sei er leidend und vergänglich insofern
er etwas denke und sich an etwas erinnere gleichsam wie der Sonnenstrahl wenn
er an den Dingen Farbe wird Das Denken aber und Erinnern mache sein Wesen nicht
aus an und für sich selbst denk er nichts und so sei er unsterblich
    Folglich ist die Seele als Verstand betrachtet nur unsterblich insofern
sie nichts denkt
    Dies ist wohl eine von den schwachen Seiten seines Systems um den Vorrang
des Menschen vor andern Tieren zu erklären und hierin weicht er ab vom
Anaxagoras der seinen Verstand allem Lebendigen zuschreibt
    Wenn der Verstand nur unsterblich ist insofern er nichts denkt so ist alle
andre Materie auf eben die Weise unsterblich nämlich insofern sie außer der
Zusammensetzung gedacht wird und wenn ich den Verstand auf eine andre Art
erklären kann so brauch ich keinen Gott den Knoten des Drama aufzuhauen Kurz
es ist ein Schlupfwinkel worin wir nicht weiterkommen
    Der Beweis womit Anaxagoras Plato und Aristoteles das Dasein des
Verstandes dartun ist es muss ein Wesen geben das unvermischt ist und alles
durchdringen kann damit es Gewalt darüber habe und erkenne
    Fürs erste also ist jedes Element in seiner Reinheit unvermischt und so
Haufen Elemente in ihrer Reinheit beisammen
    Sind die Elemente an ursprünglicher Feinheit verschieden so ist nach aller
Erfahrung wahrscheinlich das Feuer oder Lichtelement das feinste Folglich
hätte das Feuer alle Eigenschaften die sie zu ihrem Verstand erheischen
    Ist dies Seele was nach dem allgemeinen Begriff andres durchdringt so
kann man auch mehrere Arten von Seelen annehmen Feuer durchdringt die Luft
Luft und Feuer durchdringen das Wasser und Feuer Wasser und Luft durchdringen
die Erde und bändigen sie nach ihrem Wohlgefallen und bequemen sich wieder als
der Grundfeste freundlich nach ihr Und so überhaupt eins nach dem andern
Herrschen ist Wohltun alle andre Gewalt Tyrannei Wer weiß ob der Gegensatz
von Feuer und Erde nicht zu stark ist ob Erde nicht zu grob und Feuer nicht zu
fein gegeneinander sind um vollkommen aufeinander zu wirken Ob nicht Mittel
dazwischen sein müssen wie zum Exempel in den mildern Erdstrichen in
Griechenland dem Klima der Schönheit
    Überhaupt sagt uns alles dass da die höchste Vollkommenheit und
Glückseligkeit ist wo die höchste Fülle Wenn die Zusammensetzung so
harmonisch so proportioniert ist dass jedes Element sich regen kann nach seinen
Kräften entsteht der höchste Verstand eins erkennt das andre auf diese Weise
am reinsten und vollkommensten Und dies möchte wohl der Aristotelische Verstand
sein der durch alle die feinen Röhren des menschlichen Gebäudes im Gehirne sich
absondert die reinsten Verschiedenheiten von Feuer Luft und Wasser und Erde
kommen hier lauter zusammen und machen ein göttliches Ganzes wie in unendlichen
Massen die Welt ist26 Bei den andern Tieren sondern sie sich nur nicht so rein
und in der Fülle und Proportion ab von Urbeginn durch den Druck der umgebenden
Kräfte daran verhindert
    Ardinghello Aber die ersten Geschöpfe Paar und Paar Tier und Mensch und
Gras und Baum wo leitet Ihr und Aristoteles diese her
    Demetri Wie unser Verstand in der Zusammensetzung Wissenschaften und Künste
aus verschiedenen Erfahrungen der Sinne bildet aus Empfindungen die mit
Bewegung und Sturm und Aufruhr in uns kommen eine Iliade einen Ödip so kann
er auch von Anbeginn mit Hilfe der ganzen Natur die Gestalten der verschiedenen
Gattungen gebildet haben Man muss bei Zeugung und Untergang allezeit auf
Elemente kommen die unzerstörbar sind und aus welchen alles Zusammengesetzte
wird
    Unser Erdboden hat ohne Zweifel nach Vernunft und Naturgeschichte einmal
in einer weit glücklichern Lage zu Entstehung der Geschöpfe geschwebt als jetzt
Und wer weiß ob nicht die edelsten nach Aufhörung derselben untergegangen sind
Die Geschöpfe sind ihrer Natur nach nicht in einem Lande und wahrscheinlich
nicht auf einmal entstanden
    Aristoteles braucht gewöhnlich das Gleichnis Der Mensch und die Sonne
erzeugt den Menschen doch erklärt er sich etwas deutlicher hierüber in seiner
Lehre von Gott und der Zeugung Und sehen wir nicht dass die Sonne noch jetzt
Ursache des Frühlings und der Begattung ist Warum sollte sie nicht auch im
Anfange bei den ersten Geschöpfen Hilfe gewesen sein Jedes Geschöpf wächst aus
seinen Elementen hervor und die Sonne löst mit ihrer Wärme deren Kräfte dass
sie frei wirken können
    Jedoch haben immer über die Entstehung des Einzeln die alten Weisen die
sonderbarsten Meinungen behauptet Einige nahmen für jedes Geschöpf ein
verschieden Element an und nicht allein für jedes Geschöpf sondern für jedes
Glied desselben Da waren zum Beispiel verschiedene Elemente für den Menschen
die sich wieder für Kopf und Hand und Fuß abteilten und zerstreut in der Natur
lagen Die Weiber sammelten dieselben bei der Begattung in sich wo sie sich
alsdenn zu einem Ganzen vereinigten Freilich die leichteste Art das Rätsel
aufzulösen wenn noch andre Schwierigkeiten dadurch gehoben würden Wie geht es
zu dass ein Weib immer so vollkommen alle Teile sammelt und nicht bloß
Kopfteile oder Herzteile oder Arm und Beinteile Und so genau alle von
derselben Proportion Und wie halten sich diese Teile in den Speisen auf wovon
sie sich nähren Das Herz eines Alexander in Tauben und Hasen und Prokoli und
Blumenkohl und anderm Fleisch und Gemüse wovon Olympia ihre Mahlzeiten hielt
Der Kopf Homers in Hühnern und Gänsen und den Fischen des Ionischen Meers
Offenbare Albernheiten
    Andre glaubten der Same jedes Individuums wäre von Ewigkeit im Weltall und
folglich nur eine gewisse Anzahl von Menschenkernen Löwen und Adlerkernen die
kommen und wieder gehen und jedesmal sich in die vorhandne Materie kleiden Zum
Beispiel Alkibiades war einmal da zu Athen und so ein andermal zu Rom und
Konstantinopel und Lappland und Peru Es gehörte nur Glück oder Unglück dazu
dass er von diesem oder jenem Winde da oder dorthin geführt und von einer
Königin oder Magd aufgefangen und geboren wurde und seine Individualität
änderte sich jedesmal nach den Umständen
    Diese Meinung hat weniger Schwierigkeiten Aber aller Same ist
zusammengesetzt und wie erhält sich die Zusammensetzung in der unaufhörlichen
Zermalmung desselben die wir bei allem Einzelnen in der Natur sehen Und noch
finden wir überall dass Same wird und nicht ist
    Im Gegenteil ist sehr wahrscheinlich dasswenn alles was auf unsrer
Erdkugel Mensch werden könnte auf einmal wirklich Menschen und unzählbare
Scharen von Völkern wäre und man sie an einen neuen Ort in andre Planeten
versetzte dass sag ich vielleicht wenig von derselben übrigbleiben und wir
alsdenn erkennen würden dass sie samt allen Tieren Pflanzen und Bäumen nur
ein runder Klumpen Kirchhof gewesen sei wo die Lebendigen von den Toten aßen
Und ists nicht augenscheinlich dass immer ein neu gesundes Paar aus den
Früchten von wenig Hufen Landes alle andre Zonen bevölkern könnte
    Kurz jedes Einzelne ist nur durch die zusammengesetzte Form das was es
ist jede Art von Wesen ist sich übrigens gleich Und die Form entsteht durch
die innere Proportion verschiedenen Wesens mit Hilfe der äußern Dinge
    Ardinghello Also könnte die Erdkugel möglicherweise zu ebenso ungeheueren
Scharen Eseln Maulwürfen zu einem unendlichen Mückenschwarm werden als zu
unzählbaren Völkern von Menschen und Mann und Weib sind weiter nichts als Anlass
zu neuen Männern und Weibern wozu sich die Elemente von selbst bilden Der
Mensch zum Beispiel ist also nur eine gewisse Proportion verschiedner Elemente
Ein Knabe von dreißig Pfund bestünd ungefähr aus sechzehn Pfund Erden und
Salzen dreizehn Pfund Wassern und einem Pfunde Lüften und Feuern und der
einzige Unterschied zwischen ihm und einem Kälbchen wäre dass dies etwa nur ein
halbes Pfund Lüfte und Feuer zu seinen Bestandteilen habe Dies allein
veränderte die Form und machte Sokraten und Platone zu Kälbern und Kälber zu
Platonen und Sokraten
    Der Schluss daraus ist er nicht dass alle Geschöpfe die Gegenstände nur nach
ihrer Form empfinden und beurteilen und wir so vielerlei Wahrheit von demselben
Dinge haben als verschiedene Gattungen schon von Tieren sind Jedes handelte und
dächte nach seiner Form und hätte nach derselben seine Begierden und es gäbe
überhaupt keine allgemeine Wahrheit und die ganze Welt sei ein Tollhaus Also
wär es wohl keine Fabel mehr dass Medea einen Greis in kleine Stücke zerhacken
und wieder jung machen könnte wenn sie nur den gehörigen Grad der Wärme träfe
wodurch sie sich wieder zu einem harmonischen Ganzen zusammenzögen
    Demetri Richtig mein Freund wenn sie den gehörigen Grad der Wärme träfe
und wieder hinzubrächte alle Augenblicke was vom gehörigen Wesentlichen
abdünstete wie im Mutterleibe geschieht und die vorige Lebenszeit schon
abgedünstet wäre
    Die zusammengesetzte Form ist nur das Mittel das Wesen selbst erkennt wie
vom Urbeginn die Wahrheit Alle Sinnen fassen nur einseitig Verstand das
Ganze und der reinste Verstand am vollständigsten Die Tiere sind nur dadurch
verschieden wie der Mensch dass sie mehr oder weniger vollkommen geläutert
oder minder vollkommen davon besitzen Und eben dieser ist die erste gegebne
Proportion ihrer ganzen Zusammensetzung
    Ardinghello Aber wieder alle Gattungen von Tieren und Pflanzen Paar und
Paar von dem Grashälmchen an bis zum Menschen Männchen und Weibchen wie wollt
Ihr dies erklären
    Macht der Verstand in den Elementen allein Mann und Weib so muss einmal
nach dem komischen Einfall des Aristophanes beim Plato Mann und Weib bei allen
Gattungen zusammengewachsen gewesen sein und ein Ganzes gebildet haben sonst
bleibts unerklärlich wie die Geschöpfe sich aus sich selbst so verschieden und
doch paarweise sollten geformt haben
    Demetri Man kann gewiss leichter über diese Dinge schreiben als ein Gespräch
führen Dort lässt man solche Fragen aus und ich habe noch bei keinem Weisen
hierüber eine Antwort aus bloßer Vernunft gefunden Weil ich aber einmal wie
einst der Platonische Sokrates die Löwenhaut umgeworfen habe so will ich
aushalten
    Alles was ich darauf sagen kann fuhr er lächelnd fort ist folgendes
Wenn ich keine Menschen und Eselelemente keine Nasen und Lippen und
Lefzenelemente anzunehmen Ursach finde so find ich es eher notwendig männliche
und weibliche Elemente in der Natur anzunehmen Der Mann ist der vollkommenste
der ganz aus männlichen Elementen zusammengesetzt ist und das Weib vielleicht
das vollkommenste welches nur gerade so viel weibliche Elemente hat um Weib
bleiben zu können so wie der Mann der schlechteste ist der gerade nur so viel
männliche Elemente hat um Mann zu heißen
    Männliche und weibliche Elemente machten außerdem am begreiflichsten die
Natur lebendig und erklärten die ewige unaufhörliche Bewegung und den wütenden
Trieb zur Begattung welche Aristoteles für die Bestimmung jedes einzelnen
Dinges hält am besten Liebe Hochzeit Ehe und Ehescheidung daraus bestünde
die Welt Ferner wäre das Rätsel aufgelöst welches noch niemand soviel ich
weiß berührt hat warum von jedem Geschlechte fast durch alle Tiere ungefähr
soviel von dem einen als andern geboren würden
    Wem dies nicht gefallen sollte der könnte jedoch noch immer annehmen dass
zu einem Ganzen ein Paar gehört und dass der Verstand von Anfang an alles
paarweise hervorgebracht hat ohne dass eben das Zusammengewächs mehr als jetzt
nötig war in einer solchen bequemen Lage von Materialien zu Schaffung seines
mächtigen Ganzen befand er sich
    Ardinghello Ihr geht wie ein echter Kretenser Zögling des Minos mit dem
schönen Geschlecht um Ich glaube dass ein Mädchen wie ein Mann immer ein
unnatürliches Ding sei und dass die tapferste Amazone selbst unter einer Phryne
stehe Ich will Euch hierüber zu keiner neuen Hypothese treiben wiederholen wir
noch einmal Euer Hauptstück
    So von allem Wirklichen abgesondert mag es wohl endlich leicht sein zu
denken Verstand des Menschen hat den Menschen hervorgebracht und ebenso
Verstand jedes Dinges hat das Ding hervorgebracht durch Hilfe einer Kraft die
allem Raum schafft sich nach Willkür oder Verlangen zu bewegen allein sich die
Sache auch nur einigermaßen sinnlich vorzustellen ist gewiss ohne Vergleich
schwerer
    Nehmen wir einmal wie der Verstand des ungebornen ersten Kindes sich das
Auge gebildet hat nur eins fürs erste
    Wozu braucht er das Auge
    Zum Sehen
    Kann er nicht sehen ohne dasselbe
    Allerdings da er alles durchdringt berührt er an und für sich auch gewiss
die Sonnenstrahlen oder wird ihre Wirkung gewahr auf Oberflächen
    Was will er also damit
    In einen Körper eingeschlossen sich eine Öffnung für dieselben machen
    Gut Warum schließt er sich aber in einen Körper ein da er ohne Auge sehen
kann und demnach auch ohne Ohren hören ohne Zunge schmecken ohne Nase riechen
und ohne Finger und andre Glieder fühlen
    Es scheint er ist des Herumvagierens müde und will einmal einen steten
Punkt haben oder eine Portion Verstand hasst die andre wie sich Spinnen und
verlangt abgesondert ihr eigen Nest oder er will weder unendlich groß noch
unendlich klein beisammenbleiben sondern in bequemer Anzahl und ergötzlichem
Masse wie die feinen Wollüstlinge unter Griechen und Römern nur soundso viel
Gäste an ihren Tafeln verlangten oder überhaupt er kann die Materie in allen
Arten von Zusammensetzungen nicht besser genießen als wenn er sich selbst in
sie hineinsteckt oder endlich das Schicksal zwingt ihn dazu ob dies gleich für
ein Wesen das alles durchdringt und folglich nicht gebunden werden kann,
ungereimt ist Kurz dem mag sein wie ihm will er macht alles auf einmal
zusammen sich in grösserm Umfang und wie Pygmalion seine Geliebte Nach Euren
Begriffen ist freilich Verstand selbst so verschiedner Gattung als Elemente
sind und nur einer ist der König Also der menschliche Verstand selbst macht
einen Bund aus von verschiedenen Elementen und jedes präsidiert darin im Namen
der übrigen seiner Gattung und dringt auf besonderen und eignen Genuss dafür
    Warum aber ist der Verstand des Kindes wenn es fertig oder völlig
ausgebildet ist nicht mehr so gescheit als er im Anfang war
    Demetri Das ist er und bleibt es durch alle Stufen des menschlichen Alters
derselbe alle Teile die abgehen ersetzt er wieder und bedient sich überdies
seiner neuen Sinne In der Komposition selbst deren Ursprung ich schon auf
verschiedene Weise berührte muss er freilich erst Erfahrung sich erwerben
Verstand kommt von stehen27 er muss alsdenn lange vor den Dingen einer Gattung
gestanden haben ehe er sie vollkommen mit seinen Sinnen durcherkennt und sich
davon ein Ideal bildet
    Einige Alten behaupteten auch dass er schon lange studiert habe bevor er
ein so herrliches Ganzes wie den Menschen ausklügelte es ließe sich dieses aus
der auffallenden Ähnlichkeit größeren und mindern Vollkommenheit der Teile von
Tieren schließen Die Pytagoräer nahmen nach dem Aristoteles als einen
Grundsatz an Speise und Raub ist eher gewesen als was sich davon nährt und
wahrscheinlich je ausgearbeiteter die Speise desto leichter der Übergang zu
höherm Leben Kein vernünftiger Arzt wird daran zweifeln dass der Mensch selbst
die beste Kost für den Menschen wäre Wer weiß ob die Welt jetzt so vollkommen
ist als sie sein kann Obgleich ewig mag sie doch Kind Jüngling und Mann
Jungfrau und Matrone zur Abwechslung werden denn sie ist nicht ganz vollkommen
solange noch Unvollkommenheit darinnen da ist
    Ardinghello Von Menschenfressern also hätten wir die eigentliche Verklärung
zu erwarten das tausendjährige Reich Ein starker Kontrast mit den Schulen der
Weisen
    Demetri Aus dem scheusslichsten Dünger wenn ich ein verkehrtes Gleichnis
brauchen darf wachsen die schönsten Blumen und Früchte Wir schätzen unsern
Körper viel zuwenig und doch muss jeder fühlen dass ihn ein Händedruck Kuss und
Umarmung von einer schönen Person ganz anders ergreift als der
wohlstilisierteste ciceronianische Brief von bloßem Geist oder einer die er
nicht kennt
    Ardinghello Wir schweifen aus wieder zur Sache
    Warum wissen wir aber nicht dass der Verstand die Teile ersetzt die er im
Körper nicht festhalten kann und die demselben durch die Zeit abgehen
    Demetri Wir wissen nur durch unsre äußern gröbern Sinne und dahin dringt
keiner
    Ardinghello Erstaunliche Richtigkeit und ein Gefühl von Maß das das der
Goldwaage zentillionenmal übersteigt gehört gewiss dazu ein Bein nicht kürzer
und länger gleich im Anfang zu machen als das andre und so einen Arm wie den
andern und Auge wie Auge und so die Zähne und die Rippen in höchst genauer
Proportion und dann zu vergrößern und zu erhalten Und dies sind nur grobe
Sachen gegen anders bei Insekten
    Demetri Er ist auch nicht umsonst so fein und es gelingt nicht immer die
Alkibiaden und Phrynen sind bei jeder Tierart selten
    Ardinghello Auf einer andern Seite betrachtet ists nun wieder gar nichts
Außerordentliches und Erhabnes weil er wie ein Affe alles nur nachahmt wie
ers vor sich findet und gar nichts ändert so recht im alten Schlendrian der
lieben Gewohnheit versunken und verloren Er gibt sich gar nicht mehr die Mühe
etwas Neues zu erdenken
    Demetri Woher wisst Ihr das Und doch schon genug wenn er sich so wohl
befindet Er kann nicht mehr als die Materie aufs beste verarbeiten in die er
kommt Die Natur geht äußerst langsam und bedächtig in ihren Fortschritten sie
hat unendliche Jahrtausende vor sich und wir nur einen Augenblick Lebensdauer in
der Komposition sie zu beobachten
    Ardinghello Mich deucht Ihr hättet schon gesagt im Anfange wär alles
besser gewesen Vielleicht sind wir doch von der Höhe des Bogens herunter
    Aber Freund warum kann der Verstand den Körper nicht umändern wenn er
ungestaltet hässlich oder krank ist warum nicht verjüngen
    Wolken lieber Demetri nichts als Wolken und metaphysische Träume Nehmen
wir lieber doch noch die gewöhnliche Meinung an die Ihr kurz vorhin verwarft
Ich glaube dass so wenig sich der Mensch jetzt selbst hervorbringt er von
Ewigkeit sich nicht selbst hervorgebracht hat Er ist aber es muss allezeit ein
mächtiger Wesen ihm den ersten Stoß und die Bequemlichkeit zum vollen Dasein
verschaffen
    Die vier Aristotelischen Elemente allein werden nie in allen möglichen
Zusammensetzungen mehr als die vier Aristotelischen Elemente sein es gehört
gewiss noch etwas anders zu meinem Ich und deinem Du
    Wenn wir etwas ohne ferneren Grund annehmen warum sträuben wir uns alles
was wir nicht anders erklären können ohne ferneren Grund anzunehmen Jedes
Individuum ist von Ewigkeit der Form nach da in der Natur und von allem andern
unterschieden und keine Urform lässt sich weder schaffen noch zerstören Nur
gehört ein höher Wesen dazu sie in die Bequemlichkeit zu setzen dass sie sich
in ihre höchste Fülle verbreite Wie unendlich vieles wird bloß Blüte oder
Frucht ohne zum Baume zu gedeihen
    Auch gibt Aristoteles selbst nicht undeutlich zu verstehen dass er derselben
Meinung anhange die menschliche Seele oder überhaupt der Mensch dessen Form
sie enthält ist ihm eine von Ewigkeit fertige Vollkommenheit Und so war jedes
lebendige Ding der Form nach oder in seinem ersten Keime unzerstörbar von
Ewigkeit da und die Sonnenwärme oder sein Gott löst es nur von den Banden und
setzt es in freie Wirksamkeit wo es so lange genießt und leidet als es sich
mit seinem neuen Umkreis halten kann oder bis es die umgebenden Kräfte wieder in
seinen unzerstörbaren Punkt zurückdrängen Deswegen sagt der Weise auch es gibt
nur wenig Menschen die göttlichen Verstand haben Und gewiss denen in deren
Urkraft er nicht liegt kann denselben keine Bildung und Erziehung geben Wer
fühlt dies nicht durch all sein Wesen wenn er einen ursprünglichen Laffen und
Toren vor sich hat Er war von Ewigkeit Tor und weder Sparta noch Rom wird ihn
je zu einem Brutus oder Leonidas umschaffen Teophrast konnte sich in seinem
neunundneunzigsten Jahre noch immer nicht genug verwundern woher unter
demselben Himmelsstriche und bei derselben Erziehung die Menge von verschiedenen
Charaktern herkäme Sobald man dies annimmt hört die Verwunderung auf oder
verliert sich in die Unbegreiflichkeit alles Daseins des größten aller
Geheimnisse
    Wir sind was wir sind und werden nie etwas anders werden Wohl dem der
edel und herrlich ist Er bleibt es ewig
    Demetri Erhaben wenns nur wahr wäre und nicht dieselben Schwierigkeiten
stattfänden Anaxagoras hätte schon klüger deswegen in der Verzweiflung alles
Knochen Haare Nägel Klauen für von Ewigkeit fertige Vollkommenheiten
gehalten wenn dem Stagiriten bei der Seele so etwas in Sinn gekommen wäre als
Ihr von ihm meint Schwerlich kann ein arabischer Hengst je in Dänemark
wiedergeboren werden und ein Epaminondas in einem grossmogulischen Serail
Inzwischen wird dieser bezaubernde stolze Glaube an persönliche Unsterblichkeit
die man freilich alsdenn auch jedem Wurm wie Alexandern und Cäsarn zuerkennen
muss noch lange herrschen
    Jedoch es ist Zeit von diesen Dunkelheiten auf den Aristotelischen Gott zu
kommen den König der Elemente der alles auflöst und aus seiner Trägheit in die
Freiheit zu handeln setzt
    Eine Bewegung sagt der Weise muss die erste oder muss ewig sein die durch
keine andre hat können hervorgebracht werden. Sie bedarf der Regung nicht von
etwas anderm sondern ist selbstständig immer in Wirklichkeit und nie bloß in
Möglichkeit sonst würde aller Grund von Leben und andrer Bewegung fehlen Sie
ist schlechterdings notwendig und man muss sie an und für sich annehmen
    Wir können uns keine andre Bewegung in sich selbst ewig denken als die
kreisförmige und kreisförmig ist sie der Vernunft und der Tat nach
    Sie bewegt von nichts bewegt für sich das Begehrliche und Verständliche
    In ihr schwebt der Himmel und die Natur Ihr Leben ist das beste so wie wir
es nur kurze Zeit haben denn sie bleibt immer dieselbe welches uns unmöglich
ist Ihre Wirksamkeit ist Wollust durch sie ist das Wachen die Empfindung das
Denken das erfreulichste Hoffnungen und Erinnerungen stammen davon
    Das Denken an und für sich selbst gehört zum Besten an und für sich selbst
und das abgezogenste zum Vortrefflichsten Der Verstand denkt sich aber durch
Annehmung von Verständlichem und verständlich wird er berührend und denkend so
dass Verstand und Verständliches dasselbe denn das Fassende des Verständlichen
und des Wesens ist Verstand Er wirkt im Haben so dass jenes mehr als dieses
was der Verstand Göttliches zu haben scheint und die Betrachtung ist das
Erfreulichste und das Beste
    Wenn also Vollkommenheit ist wie wir zuweilen beschaffen sind so ist Gott
immer verehrungswürdig wenn Höheres noch verehrungswürdiger Und so verhält es
sich
    Auch herrscht wahrhaftig Leben in ihm denn Wirksamkeit des Verstandes ist
Leben und er ist die WirksamkeitDie Wirksamkeit aber an und für sich ist sein
bestes und immerwährend Leben Und wir sagen dass Gott ein immerwährend bestes
lebendiges Wesen sei so dass Gott Leben und beständige immerwährende Dauer hat
Denn das ist Gott 
    Das Gute und Beste ist aller Natur Zweck Sie gleicht einer Armee mit ihrem
Feldherrn und das Wohl besteht in der Ordnung Vögel Tiere und Pflanzen und
was schwimmt hat seine gewisse keins aber scheint füreinander sondern es ist
Eins wofür alles geordnet ist 
    Alles in der Natur hat wieder etwas Böses in sich insofern es nicht das
Eins ist auf welches sich alles bezieht Wir alle nehmen Anteil an Gott und er
macht das Ganze 
    Kurz es ist eine allgemeine Bewegung die alle Elemente zu ihrem Vergnügen
in Ordnung erhält und macht dass sie sich ihrer Natur nach zu einzelnen Ganzen
formen und jedem von sich mitteilt wie ein Hausvater seinen Kindern Sklaven
und Tieren Jedes ist glückselig nach Art seiner Bestandteile und trägt so die
Übel seiner Zusammensetzung Gott allein ist ewig im Genuss seines reinen Wesens
wie jedes nur die wenigen Momente seiner höchsten Kraft und Einheit
    Darauf folgert er Es sind so viel Götter als selbstständige kreisförmige
Bewegungen der Fixsternhimmel fasst sie und alle insgesamt machen nur einen 
    Wenn Wesen verschieden ist so muss wohl eine Art davon das beste und
mächtigste sein 
Die Sonne hatte sich geneigt und wir stiegen vom Gewölbe der Rotunda wieder
hinab
    Ich beschloss auf der Treppe
    »Jeder versteht sich selbst am besten und so mag auch Aristoteles am besten
verstanden haben was Wahres und Erträumtes in seiner gestirnten Nacht von
Worten liegt Über Wesen dessen Begierde und Scheu Ruhe und Bewegung und
Entstehen des Einzelnen werden wir uns noch lange vergebens die Köpfe zerbrechen
und die erhabensten Männer Schwachheiten vorbringen Wenn alles in der Welt so
begreiflich wäre wie wir verlangen so würden wir nicht halb so glücklich leben
und vor Langeweile über aller der Klarheit und Deutlichkeit vergehen Es müssen
Wunderdinge für uns sein Wir müssen Rätsel haben wie die Kinder um das was
in uns denkt damit zu beschäftigen« Wir traten wieder in das Panteon Und um
diese Zeit muss man es sehen wenn die stille Dämmerung sich einsenkt Da fühlt
man unaussprechlich die Schönheit des Ganzen die Masse wird noch einfacher für
das Auge und erquickt es lieblich und heilig Dann ist es so recht der weite
hohe schönheitsvolle Zauberkreis worin man von dem Erdgetümmel in die blauen
heitern Lüfte oben wegverzückt wird und schwebt und in dem unermesslichen
Umfange des Himmels atmet befreit von allen Banden
    Wir setzten uns in den süßesten Punkt und genossen
    Nach langer Stille umschlang mich Demetri zärtlich und sagte einige Worte
über die ehemalige Minerva des Phidias Tochter aus dem Haupte des Zeus
Verstand aus dem Wesen und die griechische Venus hier Lust der Sinnen Wonne
des Daseins  und fuhr gerührt dann weiter fort
    »Gott ist entweder die ganze Natur oder ein Teil der Natur, oder die Natur
besteht für sich aus ewiger notwendiger Bindung und Lösung verschiedner Wesen
und es ist kein Gott sonder lauter Schicksal
    Dass Gott die ganze Natur selbst sei ist der älteste Glaube
    Dass er ein Teil der Natur sei der jüngere das edelste beste Leben darin
wie Aristoteles sagt ein Wesen das sich von selbst in sich seinen Einheiten
wenn ich mich so ausdrücken darf immerfort bewegt ganz aus Tätigkeit besteht
Dessen Charakter gerad es ist nie gebunden zu werden es sei von was es wolle
das lieber das Böse freiwillig täte als das Gute gezwungen wenn es ein Böses
für dasselbe geben könnte Das vermöge dieses Charakters alles andre löst was
sich seiner minder regsamen Natur nach bindet kurz eine unendliche Unruhe in
der unendlichen Uhr der Zeit
    Anaxagoras führte zuerst diesen Glauben ein Plato verschönerte ihn mit
Dichtungen Aristoteles plagt sich denselben in ein vernünftig System zu
bringen scheint aber mit sich selbst darüber noch nicht einig
    Verstand dünkt ihm das Göttlichste unter allem was wir kennen und dies
zwar wegen des Denkens, welches keine zufällige Eigenschaft sondern immer rege
Wirksamkeit selbstständig Leben sei indem es dem Verstande sonst beschwerlich
werden müsse
    Wenn aber der Verstand das Göttlichste und selbstständige Wirksamkeit sein
solle so könn er dünkt ihm ferner nichts anders als sich selbst denken denn
er würde wenn er etwas anders dächte zu einer bloß zufälligen Eigenschaft und
könnte denken und nicht denken außer dem dass er sich erniedrigte
    Ich sehe nicht ein was uns ein solcher Gott hilft auf was für Art er alles
bewegt wie er sich den Geschöpfen mitteilt Und was ist dann Materie was sind
Elemente Wo kommen sie her und wie sind sie mit ihm in Zusammenhang Ordnung
und Schönheit Wenn die Natur selbst lebt und wirkt und ihre notwendige Art zu
sein hat und alles Einzelne aus sich hervorgeht und sich selbst fortilft wozu
brauch ich einen Gott und welch ein Greuel im andern Fall das höchste
Lebendige das sich mit dem Tode gattet Lauter Lücken und Mängel die nach
seinem System nicht auszufüllen sind und wobei wir wieder von vorn anfangen
müssen
    Hypotesen und Hypotesen Aber es kommt darauf an welche die denkbarste
und vernünftigste ist Einer der keine Lust hat auch für sich zu glauben was
man will oder blinde Fenster der bloßen Ordnung wegen an einem Gebäude
verträgt wo gerade das beste Licht hereinbrechen und die schönste Aussicht sein
sollte kann nicht eher Ruhe finden«
    Ardinghello für sich Die Müdigkeit wirds ihn schon endlich lehren
    Demetri Dass alles ewig ist in sich sein wird was es war müssen wir wohl
ohne ferneren Grund annehmen denn es ist die Grenze des Nichts
    Wie es aber verschieden ist sich bindet und scheidet was alles will und
nicht will darüber hat mir das System noch keines Philosophen Genüge geleistet
    Ruhe und Bewegung Wer davon die eigentlichen Ursachen entdeckte würde den
Kapitalschlüssel zum Palaste der Wahrheit und ihrem innersten Kabinette finden
    Bewegung ist Streben nach Genuss oder Flucht vor Leiden Genuss ist Berührung
Ruhe deren möglichste Fülle und Werden eines neuen Ganzen das wieder nach
Berührung trachtet So fühlt sich das Wesen und taumelt von Zone zu Zone durch
alle Himmel des Weltalls.
    Nehmen wir die einfachste Substanz von Leben die Einheit von irgendeinem
Element an und denken sie uns allein und abgesondert weit außer der Welt in den
leeren Raum hin
    Vorstellen kann sie sich nichts weil sie nichts um sich hat Innerliches
Leben Verstand in Ausübung Gedächtnis Einbildung findet nicht statt weil sie
ganz ohne Teile ist und sich nicht regen kann ein Etwas wie das Nichts und der
letzte Begriff von Tod ein Punkt von Selbstbewusstsein mag in ihr stecken
    Nun gesellen wir dieser Substanz eine andre zu
    Erster Ursprung von Gefühl
    Nehmen wir nach dem Demokrit in beiden Urform an und denken sie uns zum
Exempel vollkommen rund
    Und sie werden nicht satt werden sich umeinander zu bewegen und sich zu
berühren
    Platt oder eckicht
    Und sie werden aneinander festangen weil sie nicht herum können
    Eckicht und rund beisammen
    Vermischte Empfindung Freude und Leid
    Denken wir nun das Weltall als himmelunendliche Menge solcher Substanzen mit
ewigem Streben nach neuem Genuss an Stoff und Feinheit und Form zentillionenfach
verschieden und ähnlich und gleich und daraus notwendigerweise von selbst die
beste Ordnung zur allervollkommensten und mannigfaltigsten Berührung und wir
werden glaub ich uns der Erklärung des Rätsels nähern und einigermaßen obenhin
begreifen lernen warum die Gestirne in Flammen sich wälzen die Winde rasen
die Meere toben die Erden fest halten und dass der Strahl in einen Pulverturm
glücklicher sein kann als Herkules bei allen seinen Liebeshändeln
    Man könnte auf diese Weise aber wohl doch noch die sonderbare Meinung des
Xenophanes und seiner Schüler Parmenides und Melissos erklären dass Eins Alles
und Alles Eins sei Nämlich aller Grundstoff ist sich gleich nur die Form
seines unendlichen Wesens verschieden
    Des Exempels wegen denn was wissen wir Bestimmtes hierüber mit unsern
groben Sinnen In den Sonnen rund in der Luft rund und halbrund im Meere platt
und eckicht in der Erde platt Und Platt käme unserm Gefühle kalt und trocken
vor und Rund in heftiger Bewegung heiß und trocken und so weiter Das Platte
werde wieder platt und eckicht Erde Meer Wasser durch Ausdünstung zu Wolken
und Regen Und das Runde und Halbrunde endlich ganz rund wie auf unsrer Erde im
großen sich Berg und Tal und Ebne umändert Das Runde übrigens herrsche wegen
seiner leichten Bewegung Und so mache sich das Wesen in möglichster Lust die
Ewigkeit zu kurzer Zeit
    Gewiss bleibts allemal dass Verschiedenheit und Änderung die unsre Sinnen
am Wirklichen empfinden und wir Qualität Organismus nennen bloß in innrer Form
besteht und dass man ohne Form alles nur einerlei ein Wesen denken muss
    Alle Form ist ferner Wirkung und kann sein und nicht sein das Wesen allein
ist notwendig und ewig
    Wie dies Eins aus seiner Formlosigkeit zu Form gekommen wäre und sich in
unendliche Gestalten verwandelt Wie gesagt durch Streben nach Genuss um
lebendig zu sein aus Ekel vor Tod an sonst unendlicher Langeweile durch
Bewegung Ausdehnung und Anziehung bis ins Innerste uns freilich unbegreiflich
die wir jedoch durch die ganze Natur wahrnehmen und Forscher bis auf den Embryon
verfolgen wo sie Sinn und Erfahrung verlässt Wenn wir Anfang von Zeit annehmen
wollen so ginge sie hier aus der Ewigkeit hervor und es hätte seine
Richtigkeit Gott schuf die Welt aus Nichts
    Das Problem wäre aufgelöst wie die Welt Eins sei und doch verschieden und
Ruhe und Bewegung in ihren ersten Lagerstätten gefunden
    Also sinnlich und jedermann fasslich gesprochen
    Im Anfange war Alles Eins das Wesen so zart zerflossen fein und dünn wie
der Raum schier
    Und es regte sich da ward Form
    Aus der unvollkommnen ging die vollkommnere hervor und so entstanden die
Elemente Wasser Luft Erde Feuer Pflanzen Tiere und Mineralien
    Alles wechselt miteinander ab und geht wieder in das Eins zurück Vater
Äther aller Lebengeber
    Und so wird und vergeht ewig alles was ist
    Das Holz zum Exempel brennt und wird Feuer Rauch und Erde Feuer und Rauch
wird Luft und Luft wird Wasser und jedes kehrt wieder zurück wo es herkam
Erde Wasser Luft und Feuer wird Pflanze Pflanze Tier Tier und Pflanze das
Herz einer Victoria Kolonna der Kopf eines Machiavell Form und Wesen und
Wesen und Form das sind die zwei Pole des Weltalls, um welche sich alles
herumdreht
    Die bildende Kraft liegt in dem Wesen und ist ein Streben nach Genuss
    Es bleibt wahr was den Alten ohne Sinn so oft ist nachgesagt worden Gott
der größte Geometer
    Wenn Wesen an Wesen sich fühlt entsteht das reinste Bewusstsein
    Wenn es sich zu den ersten Formen bildet entsteht das abgezogenste Denken
Das Wesen berührt sich und wird verständig indem es Verständliches zu sich
nimmt und kann nichts anders als sich selbst denken wie Aristoteles tiefsinnig
sagt Denken überhaupt ist Verwandlung des Wesens in Formen und Wesen muss alles
selbst werden was es denkt
    Wenn Wesen sich zu Idealen formt entsteht Phantasie
    Wenn es die Ideale in sich und die Formen außer sich befestigt Gedächtnis
Sonnen und Planeten und Kometen sind nichts anders in der großen Welt Formen in
Bewegung Denkmale von Leben
    Alle Gefühle alle Arten von Leidenschaften Schmerzen und Vergnügen sind
nur verschiedene Formen in dem Wesen
    Ohne diesen fruchtbarsten aller Grundsätze von reinem Wesen und Form ohne
Kontinuum das alle mögliche Formen wird scheint die ganze Welt aller
Zusammenhang Erhalten Wachsen Zeugen Vergehen der Mensch sein Denken und
Empfinden sein Dichten und Trachten kurz alle Art Verwandlung völlig
unerklärlich
    Die Vollkommenheit des Weltalls besteht in allen möglichen Arten von Formen
    Alle Geschöpfe sind bloß Gedanken Gottes und des höchsten Vergnügens in
ihrem Masse fähig
    Gott dachte Es werde Licht und es ward Licht
    Dass Gott demnach als Griechen gegen sich die Trojaner streitet als Paris
sich die schöne Helena verführt Stier und Hund und Zwiefel und das
Verächtlichste nach unsern Begriffen wird sich selbst isst und verdaut darf
uns wenig kümmern denn dieses folgt wohl aus den meisten eingeführten Systemen
Die alten Ägyptier verehrten vielleicht Gott erhabner als der heutigen Menschen
Verstand reicht und wir sind gegen sie was unsre Häuslein gegen ihre Obelisken
und Pyramiden Gott ist unendlich Eins und in jedem Punkt Eins und Eins in
jedem angenommnen Masse das dann Verhältnis in Bewegung und Verbindung nach
seiner Realität und Form zueinander hat
    Wie er unendlich wirkt und ist allgegenwärtig erhaltend und über seine
Schöpfung erhaben was weiß der Mensch das geht nicht in uns wie er ein Ganzes
sei nichts außer ihm solche Gewalt und Schönheit ist der verschwindenden
Kleinheit allzu unermesslich Wir erliegen und können nur anbeten bewundern und
erstaunen
    Aber den Grund und die Wahrheit von allem andern Lebendigen haben wir in
uns wovon die Sinnen nur die Oberflächen oder einzelne Äußerungen empfinden
oder das Wesen hat die Regeln von allem in sich wie es Verschiednes wird und
ist
    Wesen als das erste ohne Form und Form in Bewegung gedacht ist weder
Verstand noch Körper beide können nicht ohne Form bestehen handeln nicht
sondern sind Handlung Wesen in Form und Wesen an und für sich in beiden
gleich Jedes kann die Folge von dem andern in dem Wesen sein wie ein Gedanke
von dem andern denn beides Gedanke und Körper samt dessen Bewegung ist von
demselben Wesen Tat Wesen vollendet ein zusammengesetztes Ganzes in Folgen von
Handlungen eine Salaminische Schlacht einen Olympischen Jupiter wie
Geschöpfe Sein Bewusstsein das auf einmal alle Folgen fasst gibt die Einheit.
    Dass Gott unendlichen Verstand habe und unendliche Welten ausmache scheint
ein Widerspruch denn alle Form ist Schranke Gewiss dünkt mir schon dass ich
und so jeder andre Mensch und jedes andre lebendige Geschöpf nicht immer lauter
Wesen in Form sei Die Freiheit etwas anzufangen Ursache von einer Wirkung zu
sein und nicht zu sein sich von der Stelle zu bewegen oder nicht zu bewegen
Form anzunehmen und nicht anzunehmen welche nicht kann geleugnet werden wenn
nicht alles von einem grundlosen Schicksale gepeitscht handeln soll erfordert
ein reines Wesen ohne Form einen Mittelpunkt der Sammlung
    Und dies ist das Heilige welches einige Alten für Feuer Ursprung der
Lebenswärme hielten weil Feuer wäre Wesen in seine größte Freiheit
verbreitet wovon alles in jedem lebendigen Eins ausgeht sinnlich wird und
erscheint und in dessen Liebesschoss sich alles wieder einsenkt vor dessen Sein
und wunderbarer Allmacht Despotismus und allertiefstem Gehorsam jede
Philosophie verstummt nur erkennt es ist und ihm seine Art zu handeln
ablauert
    Manches in der erhabenen Beschreibung des Aristoteles von Gott scheint
hierauf zu passen
    Dies ist das unbegreiflich Göttliche was in allem lebendigen Einzeln
verdaut und Körper wieder zu reinem Wesen auflöst sich selbst und dieses wieder
nach Form seines gegenwärtigen Eins verwandelt neue derselben Art erzeugt und
auf deren immer größere Vollkommenheit und mehrere Freuden denkt
    Wenn Eins Alles ist so ist jede Form desselben ursprünglich freie Handlung
denn es lässt sich kein Grund denken als seine Lust warum es aus sich so
mancherlei wird Und Allgenuss seiner Kraft ist die höchste Freiheit
    Das Wesen hat also die Welt nach seiner Lust aus sich erschaffen und in
mannigfaltige für uns unendliche Formen geordnet Wie und ob auf einmal oder
nacheinander können wir nicht ergründen Soviel wissen wir dass sich die
Schöpfung durch immerwährende Erneuerung immerfort erhält Genug die erste Form
muss einen Anfang gehabt haben weil keine notwendig und ewig ist Unendliches
lässt sich nur von einem Wesen denken und der Verstand kann nur in einem seine
Ruhe finden28
    Durch Wirken und Gegenwirken ist das All in schönem Leben Das Wesen äußert
immer seine Kraft so wie immer die Sterne leuchten und umeinander durch die
Himmel schweben Auch wenn wir schlafen bewegen wir unsern Erdball um seine
Sonne Wie vieles andre mag das Wesen in uns tun ohne dass wir uns dessen bewusst
sind und wofür die Sinne keine Sprache haben Unsre innige Vereinigung mit dem
Ganzen herrscht immerfort und wir sind nur zum Schein ein Teil davon und jedes
besondere Ding ein Spiel ein Mutwille des Wesens, und kann keinen Augenblick
ohne das Ganze bestehen
    Das ist eine ganz andre Hoffnung Sicherheit von Unsterblichkeit wenn ich
Stürme durch die Atmosphäre brausen höre und in mir fühle bald wirst auch du
die Wogen wälzen und mit dem Meer im Kampf sein Wenn ich den Adler in den
Lüften schweben sehe und denke bald wirst auch du in mächtigem Fluge so über
dem Rund der Erde hangen als Komet durch die Himmel schweifen Sonne Welten
beglücken und stolzer Gedanke wieder in das Meer des Wesens der Wesen
einströmen
    Aber auch das Verächtlichste werden
    Wer weiß alles woran das Wesen seine Freude hat Offenbar erscheint es uns
in unendlichen Gestalten Und dann könnten wir noch für so viel Genuss ein wenig
leiden für so lange Herrschaft kurze Zeit dienen
    Eins zu sein und Alles zu werden was uns in der Natur entzückt ist doch
etwas ganz anders als das Schlaraffenleben welches vernünftigerweise und aller
Erfahrung nach undenkbar bezauberte Phantasien sich vorstellen
    Und warum sollten wir nicht in der ewigen Natur noch verehren was wir immer
wirksam schön und gewaltig darin empfinden Die ersten Ausgesandten  Diener
Gottes  uns sinnlich vereinigen mit den höheren Schwestern und Brüdern Nur
Verstand von wenigen dringt durch all das prächtige Getümmel durch bis zum
Throne des Herrn Warum wollen wir die Welt nicht nehmen wie sie ist
    Aber wir alle sind über kurz oder lang mit der Gegenwart nicht zufrieden
und das Wesen trachtet immer nach Neuem  So viel mögen wir wohl auch bei dem
hartnäckigsten Zweifler herausgebracht haben dass etwas außer uns ist
unermesslich unsern Sinnen und da Anfang aus Nichts der Realität nach unmöglich
ist notwendig und ewig und dass dies Wesen bis auf das alleräusserste
aufgelöst entweder durchaus einerlei sein muss oder verschieden
    Wenn verschieden so muss eine Art davon wo nicht das Höchste Beste und
Mächtigste doch wenigstens so gut sein als die Art Wesen die in uns und allem
Lebendigen denkt und Verstand hat Und wo nicht verschieden so muss es
wenigstens wieder ebenso gut sein da es alles ist Und da wir augenscheinlich
nur geringe Kleinigkeiten sind gegen das Universalwesen entweder unsrer Art oder
das Wesen überhaupt so wär es arg wenn wir es nicht als etwas Höheres verehren
wollten
    Das letztere wäre denn die allerreinste Weltmonarchie
    Und darauf beruhte vielleicht denn wer kann die farbenwechselnden
Einbildungen der Hohenpriester und Schriftgelehrten darüber bestimmt ansagen
das jüdische System und das geheime ägyptische und noch das christliche Jesus
der Stifter des letztern wäre mit seiner göttlichen Natur Symbol des
unendlichen Wesens in Formen29da das unendliche Wesen ganz und vollkommen ohne
Widerspruch kein Mensch in Person sein kann Die alten Ägyptier mochten bei
Verehrung verschiedner Geschöpfe und Gewächse ähnliches denken Und noch andre
alte morgenländische Religionen scheinen davon auszugehn
    
    Das erstere wäre entweder reine Weltaristokratie jedes Element nämlich so
göttlich als das andre wo nach dem Homer Juno Neptun und Apollo den Zeus
binden könnten Oder aristokratische Weltmonarchie ein Element unter den andern
der König Oder demokratischaristokratische Weltmonarchie Tiere und Pflanzen
schon der Form nach von Ewigkeit da wie Ihr oben selbst meintet
    Aus diesem haben die Griechen ihre reizenden Dichtungen und schönen
Göttergestalten geschöpft und die erhabensten Philosophen dieser gefühlvollen
Nation wie selbst Aristoteles und Plato konnten sich davon nicht losmachen
Wenn ein großer Haufe zusammen glaubt kann er leicht einen guten Mann
überwältigen Durch Lesung ihrer Meisterstücke von Poesie und Beredtsamkeit und
bezaubernden sinnlichen Vorstellungen wissen wir aus unserm eignen Glauben nicht
mehr recht klug zu werden Wer ihren Nektar rein und unverfälscht von der
atletisch schönen Ursprache gekostet hat kann sich schwerlich in anderm
Getränke berauschen Die Namen ihrer Gotteiten ertönen noch immer von den
Lippen der Edlern des aufgeklärten Europa und erheitern die Gesichter der
Zuhörenden auch verhunzt und entstellt
    Gesetzt noch das Allerausschweifendste und Letzte es gäbe gar kein
Universalwesen die Welt bestünde aus lauter unteilbaren Stäubchen größer oder
kleiner und verschieden in ihrer Form ungefähr wie die Buchstaben die sich
gatten und scheiden und von selbst Sinn oder Unsinn hervorbringen so müssten wir
doch billig Hochachtung vor der wiewohl komischen und bunten ungeheueren Menge
haben obgleich diese Meinung bei keinem der den Abgrund des Äters anschaut
und fühlt und denkt Ernst sein kann sondern ein grillenhaftes
Nadelspitzensystem ist
    Und dies wäre denn Weltdemokratie oder das eigentliche ateistische System
welchem nun wohl einige unentschieden anhangen in der Verzweiflung sich Gott
als ein frei wirkendes Ganzes vorzustellen da sie alles in der Natur
verschieden und in notwendiger Verbindung sehen Sie selbst aber müssen sich
folglich als ein erstaunliches Rätsel vorkommen und auch noch so bescheiden
mehr einbilden als Sonne Mond und Sterne 
    Sich des Daseins freuen unter allen Formen und Gestalten diese dazu
vervollkommnen und sie zernichten sobald sie nicht mehr dazu taugen oder in
Sklaverei taugen können und alle Traurigkeit fliehen predigt die Natur Und
dann nichts Unnützes heischen und beginnen
    Alles Wesen ist frei sobald es frei sein will das ist es kann für sich
allein handeln und reißt sich los sobald es kein Vergnügen mehr in der
Verbindung hat Tyrannei dauert höchstens überall nur bis auf den Grad wo die
letzte Lust wegfällt Unser kleines Ganzes verliert sich bald mit allen seinen
Folgen im Unendlichen aber Wesen kann von keinem Gott vernichtet werden Dies
ist der Grundpfeiler des Adels und der Stärke bei tiefen Gefühlen Zertrümmre
mich tausendmal mit deinen Wetterstrahlen ich stehe immer jung wieder auf Aber
du verlangst nichts von mir was ich dir versagen könnte und ich kann dir
nichts zuwider tun Was ich tue tu ich durch dich
    Ardinghello Ihr seid auf eine andre Weise zu der göttlichen Sicherheit und
Furchtlosigkeit gekommen weswegen die Lehre des Epikur so geschwind um sich
griff dessen Atomen nach Zufall und abwechselnder Lust und Unlust alles
hervorbringen und wieder zerstören Menschen Mücken und Elefanten Fische und
Sterne und womit er den beschwerlichen Herrn und Aufseher der alles beobachtet
und von allem Rechenschaft verlangt aus der Natur verbannte den alberne
Philosophen und Physiker nach seinem Bedünken zu Auflösung ihrer Knoten
herbeirufen damit er niederschlage wenns anziehen und aufhebe wenns in die
Höhe steigen soll
    Das beste für den der Zweifel hat bleibt immer sich zur Partei der
edelsten Menschen von allen Nationen zu halten
    Ob diese aber den älteren oder jüngeren Glauben gehabt habe und habe oder zu
welchem von den drei Systemen sich die Vernunft neige werden wohl allezeit die
mehrsten gegenwärtigen Stimmen entscheiden Denn notwendige verschiedene Natur
die das Zusammengesetzte bildet ist nicht schwerer zu begreifen als Anfang
desselben von einem Wesen
    Wie hat sich Euer Eins geregt Vermutlich verschieden Vorher war es etwa in
der Aristotelessischen Bewegung da sich Leben nicht wohl ohne Bewegung denken
lässt Und irgendwo Denn ganz konnt es nicht Form werden Und welcher Teil Form
und Körper geworden wäre den müsste wahrscheinlich das Los getroffen haben denn
Verstand war noch nicht da der kann nur werden wenn schon mehr Formen da sind
welche das Wesen in seinem Bewusstsein vereinigt
    An Grenzenloses will ich gar nicht denken denn unendliche  Realität  sind
ein paar Wörter die man wohl zusammen sprechen und schreiben aber nicht denken
kann Und Euer formloses Wesen fein wie Äther und Raum schier müsste schon eine
Lücke im Unendlichen machen wenn es sich nur in einen Zentner Gold
zusammenzöge geschweig in eine reiche Mine in ganz Peru da ging gewiss ein
Sonnensystem Größe von Formlosigkeit zugrunde Und ich seh Euren Beweis noch
nicht ein dass keine Form notwendig und ewig wäre worauf lediglich Euer Eins
beruht Die Frage woher bleibt so gut bei einem Wesen als bei mehreren und wie
ich Eins notwendig und ewig annehme kann ich ihrer Zentillionen annehmen Und
denn müsst es sich verzweifelt plagen eh es die mancherlei Qualitäten nur für
unsre Sinne herausbrächte wer weiß ob es nicht noch Geschöpfe mit andern
Sinnen gibt mit einem rednerischen Exempel von Holz in Feuer Rauch und Asche
und es lässt sich nicht anders erklären mit täuschender selbst wahrhafter
Schilderung von dem Regenten in uns ists nicht genug getan Was den Verstand
oder das Wesen betrifft das in uns denkt so könnte Anaxagoras gar wohl recht
haben und das feinste Wesen sich nach den andern richten müssen die wie Ihr
selbst bewiesen habt nichts weniger als tot sind wenn es dieselben brauchen
will ohne dass wir eben wissen wie es zugeht Man kann freilich das
Liebesgeheimnis nicht bis ins Innerste aufdecken wie Verschiednes ein
lebendiges Eins wird und so fortdauert und zusammen handelt aber ebenso
schwer lässt sich das Wesen, welches Gedanke und Verstand und das welches
Körper wird als Eins erklären Qualität ist so etwas Sonderbares dass es bloße
verschiedene Art von Ausdehnung und Anziehung nicht überall hervorbringen kann
Der Verstand bleibt dabei ein Blindgeborner trotz aller möglichen Anwendung von
Figur und Dauer und sie ist allein Gegenstand der Empfindung Jede voll
Majestät in ursprünglicher Reinheit eigne Substanz und Vollkommenheit der Natur,
welche Völker von lebhaftem Sinn und scharfem Gefühl deren Vernunft Ursachen
für Augen und Ohren mit Einbildungen nie ganz umtauscht immer als göttlich
verehrten denn Glaube ohne Empfindung ist Grille Ihr habt oben um Eure
Gesinnung auch mir so wie andern zu verbergen aus Scherz gesagt Wer beweisen
will dass aus Einem Alles sei muss erst dartun dass aus Allem Eins werde
Widerlegt Euch nun im Ernste
    Und denn behaupten die Spötter Vorsehung Plan von einer allmächtigen
Regierung in der Welt wäre nicht so auffallend sichtbar und Propheten Apostel
und Geschichte hätten uns mehr dawider als dafür hinterlassen Es stünde mit uns
nicht besser weil sie dagewesen wären und sie selbst möchten lieber in Athen
zu den Zeiten des Perikles leben und in dem alten Rom als in dem neueren wo es
auch am frömmsten da zuging
    Ihr sagt der Verstand könne nur in einem einzigen notwendigen unendlichen
Wesen das Alles ist seine Ruhe finden und ich weiß nicht wie es zugeht mir
klopft das Herz vor Angst und sausen die Ohren je länger ich darüber nachdenke
Es bleibt immer einerlei es mag werden was es will ein Herr ohne Untertanen
Widerspruch oder der selbst sich in seinen Geschöpfen lobpreist oder selbst
bestraft und kann seinem Schicksal der grässlichen Einöde nicht entrinnen ist
schlimmer daran als die alten Feen in den Ritterbüchern die sich bei widrigen
Begebenheiten die Augen zerweinen dass sie sich nicht ermorden können Alle Lust
und Pracht und Herrlichkeit der Welt wird zum Gaukelspiel und schwindet zurück
für uns in ein Unding
    Aristoteles ertrug nie ein solches Wesen und sträubt sich dagegen aus allen
Kräften und mich dünkt der Hohe Edle hatte recht30
    Es fällt uns schwer bei Betrachtung des Weltalls Sinn und Verstand in
reiner und keuscher Verbindung zu bewahren Die einen lassen lediglich und
allein nur Verstand gelten und ziehen wo möglich alle Natur aus und die
andern halten sich zu sehr an die sinnlichen Vorstellungen und taumeln mit ihrer
Einbildungskraft herum in Paradiesen und Höllen Hohe Schönheit ist ein Gewächs
auf seltnem Boden und wird nur Glücklichen zur Beute
    Und glücklich die Gesellschaft die einen solchen freudenreichen Glauben
nach Klima und Verfassung für ihr Dasein auf diesem Erdenrund bekommen hat oder
selbst erwählt Sei er auch um alle zu befriedigen eine mystische Komposition
von Weltmonarchie Aristokratie und Demokratie Ihr werden Männer die mit der
Natur und dem Volke gelind umgehn und sie den Philosophen hold sein Warum
sollten wir wenn das vorige Zeitalter barbarische Begriffe hatte uns auch
damit schleppen Der Mensch kann nichts Göttlichers als Verstand ergründen muss
man wohl der Schule des Anaxagoras zugeben auch bleibt er in ihm mit Sinnen
samt Vernunft die höchste Regel der Wahrheit und gegen ihre vereinigten
Aussprüche gilt weder Verjährung Wunder noch Zeugnis
    Je mehr man das Weltall und seine Verbindung damit kennt desto
vortrefflicher die Religion
    Und wer den reizbarsten innigsten Sinn für die Schönheiten der Natur hat
ihre geheimsten Regungen fühlt deren Mängel nicht vertragen kann und denselben
abhilft nach seinen Kräften der übt aller Religionen Wahrstes und Heiligstes
aus Sein Tempel ist das unendliche Gewölbe des Himmels sein Fest jede schöne
Sommernacht ein herrlicher Aufgang und er bringt seine Opfer dar an Menschen
an Tiere die ihrer bedürfen an alles Lebendige
    Metaphysik hat Gott allein sie ist sein Ehrenamt sagte derselbe Dichter
Simonides welcher sich so klug über die Frage Was ist Gott beim weisen Hieron
aufführte Aristoteles will dies zwar nicht zugeben und meint Gott wäre nicht
so neidisch sie sei die Glorie des Menschen und es einem freien Mann
unanständig sie nicht zu erforschen Plato aber sonst so stolz gegen die
leichten geflügelten heiligen Wesen wie er die Dichter nennt gestand obgleich
bei einer andern Gelegenheit demütig Simonides habe selten unrecht er sei ein
verständiger und göttlicher Mann
    In den Sonnensystemen des Orion der Milchstrasse steigen wir vielleicht zu
einer höheren Religion auf
    Demetri Solch ein Angriff gefällt mir Das ist eine Gymnastik des
Verstandes und auf beiden Seiten Gewinn entweder geübte nacktere gelenkere
Wahrheit oder Befreiung von dem schädlichen Übel der Falschheit Wer weiß was
Menschen sind und was er selbst ist, der verwundert sich weder über Ost noch
West sondern untersucht ferner fort getrost woraus sie beide bestehen
    Ardinghello Aber die Säulen hüllen ihre jungfräuliche Schönheit schon ins
Dunkel und oben ist kaum noch Dämmerung Der Pförtner wartet die Tür zu
schließen Wer unrecht hat drückt ich ihn zärtlich und traulich bei der Hand
will immer das letzte Wort behalten
    Demetri Nur die Hauptpunkte Das übrige ein andermal welches überdies
hauptsächlich auf eines jeden Gefühl beruht und womit hinüber und herüber
Mutwille kann getrieben werden
    Wie ich merke habt Ihr von Belvedere noch nicht ganz Abschied genommen
Inzwischen spielt Ihr trefflich die Rolle die ich bei der Pyramide nur dass ich
schon da zu Hause war wo Ihr vielleicht erst einkehrt
    Ohne Eins das sich in verschiedene Formen verwandelt bleibt alles völlig
unerklärlich ich mag darüber nicht wiederholen was ich schon gesagt habe Und
denn
    Gott ist nicht Mensch Antropomorphit und Ihr selbst müsst Eure Menschheit
ablegen wenn Ihr ihn denken wollt und Eure stolzen republikanischen und
spartanischen Gesinnungen
    Und doch können wir schon in unserm Pünktchen Plätzchen von Formen nach dem
Aristoteles Ideen groß und klein also irgendwo darin erdenken umbilden
aufbewahren und wieder neu beleben Reines Wesen kann in bloßem Bewusstsein
harren das ist sein Leben aber auch Formen in sich schaffen und sammeln das
ist sein Geschäft und seine Lust
    Woher es ist unendlich Wie es war wüst und leer wie der erste Gedanke in
ihm entstand und Körper hier ists noch immer finster auf der Tiefe Abgrund
wir versinken und Abgrund Ewigkeiten Ewigkeiten Kein Untertaucher nicht die
berühmtesten der Schulen von Syme31vermochten zu entdecken
    Aristoteles hat nicht zuviel gesagt wohl Simonides Aber Freunde werden wir
sein solange wir leben und selige Stunden miteinander haben
 
                                  Fünfter Teil
                                                                  Terni Jenner
Neid und Eifersucht sind die Dornen im Rosengarten der Liebe
    Ich habe von Rom abreisen müssen der Herzog ruft mich zu Geschäften Aber
ich erkenne wohl der Kardinal wollte mich fort er hatte schon längst ein Auge
auf mich und fand bei meinem Aufenthalte nicht seine Rechnung
    Ich reise vorwärts und meine Phantasie rückwärts Herz und alle Freude ist
in Rom geblieben Zähren des tiefsten Gefühls rannen unaufhaltbar hervor mit
ihren letzten heißen Seelenblicken wir schieden aus glühender Umarmung O sie
liebt mich groß und edel Erhabnes Wesen
    Ich befinde mich hier in einer Wasserwelt die Fluten rauschen und Ströme
stürzen sich mit donnerndem Gebrüll von den Gebirgen und doch ist mein Sinn nur
wie im Taumel gegenwärtig Das Wetter ist außerordentlich lau und warm für die
Jahreszeit aller Schnee auf dem Apennin schmilzt Die Nera ist mächtig
angeschwollen und der königliche Velino reißt sich wie eine Sündflut aus seinem
See schräg übers Gebirg herab setzt alle Gärten und Felder der Terner in
Überschwemmung und verheert sie mit seinem Schutte
    Rührend ist bei dem fürchterlichen Schauspiel wie die hülflosen Menschen so
gut und freundlich und gesellig gegeneinander bei der allgemeinen Not werden und
jeder erkennt wie wenig er für sich selbst vermag
    Im schmalen Tal an der Nera vor dem Einflusse des Velino liegt ein
Dörfchen von wenig Häusern Torrosina wie in einem kleinen Kessel Nachdem ich
die ganze Lage besehen hatte so fand ich dass die Terner weit weniger und fast
nichts leiden würden wenn man oben auf dem Gebirge den Velino dahin führte dass
er in die Felsenkluft wo die Nera furchtsam hervorschleicht sich mit seinem
Tartar stürzte Außerdem gewännen sie noch das ganze breite Bett des Flusses an
die zwei Miglien lang für ihre Waldung und der senkelrechte Sturz selbst würde
an Höhe und Schönheit seinesgleichen nicht in Europa haben da er jetzt nur
gemach schräg herabrauscht Weil aber Grund und Boden den Torrosinern gehört so
müssten sie denselben ihnen abkaufen welcher jedoch an und für sich keinen Wert
hat da er lauter Felsen ist und den etwanigen zukünftigen Schaden zu ersetzen
versprechen der für sie entstehen könnte wenn die Nera bei großen Wassern vor
der einbrechenden Gewalt des Velino sollte zurückgehalten werden
    Ich ging darauf in die Ratsversammlung von Terni und machte mein Gutachten
als ein Werksverständiger bekannt Alle keiner ausgenommen gaben dazu ihren
Beifall und dieser und jener sagte dass er dies schon längst auch gedacht
hätte Und siehe da man schickte kluge Redner zu den Torrosinern ab und der
gute Anschlag wurde mit wenig Kosten genehmigt
    Aus Furcht dass es diesen gereuen möchte will man sogleich Hand ans Werk
legen und oben das kurze neue Bett ausgraben welches ich diesen Morgen half
abstecken
    Die Sache wegen Verlegung des Velinosturzes ist alt und wurde schon zu
Ciceros Zeiten verhandelt Es scheint die Torrosiner sind guterziger geworden
dass sie jetzt so bald nachgaben oder der große Schaden und Jammer der Terner
hat sie mehr als jemals ergriffen und zum Mitleiden bewogen da ihr zukünftiger
Verlust gegen dieser ihren doch nur äußerst klein sein kann und vergütet werden
wird
                                                                Perugia Jenner
Ich streiche durch alle die himmlischen Gegenden ohne rechten Genuss und nur
ergreift mich noch des Wasserelements Sturm und Aufruhr und die Luft mit ihren
Gewittern und Wetterstrahlen
    Der Ort enthält einen Schatz von Gemälden und sie und die prächtig
gepflasterten Straßen und schönen Paläste und Tempel zeigen allein noch den
ehemaligen Wohlstand der Freiheit
    Für jetzt flüchtige Anzeige einiger Raffaele auf meinem Wege
    Foligno hat deren zwei die allein wert sind in dies Paradies zu reisen Im
Nonnenkloster delle Kontezze ein Altarblatt welches die Madonna vorstellt vom
Himmel herniederschwebend wie sie der heilige Franziskus Hieronymus Johannes
der Täufer und ein Kardinal anbeten Es ist aus des Meisters bester Zeit Welche
Gestalten welche Charakter Wie ist alles so rein bis aufs Haar bestimmt Echte
klassische Arbeit
    Der Kopf der Madonna ist einer der schönsten welschen weiblichen Köpfe Wie
klar die Stirnen wie reizend das lichte Kastanienhaar nach den Ohren weggelegt
der bräunliche Schleier wie sanft und lieblich in den holden
herniederblickenden Augen welche Güte wie schön die großen Augenlider vollen
jugendlichen Wangen mit Schamröte überzogen wie jungfräulich wie süß der
völlige Mund das zarte Kinn und die Nase wie edel herein welch ein schönes
Oval und wie reizend auf der rechten Seite herum im Schatten gehalten wie
reizend schwellen die Brüste unter dem roten sittsamen Gewand hervor
    Welch eine feurige eifrige Frömmigkeit und Wahrheit im Kopfe des Heiligen
von Assisi und welch ein schöner kniender Akt Wie kräftig der Kopf des heiligen
Hieronymus gemalt und in welchem feierlichen Ernste von Betrachtung Johannes
ist ein echter wilder Eremit der sich nicht auf bürgerliche Höflichkeiten
versteht und dreust sagt was er denkt Der Kardinal bloß Porträt voll
Bewunderung
    Der Engel unten mit dem Täfelchen ist trefflich gemalt nur weiß man nicht
was er soll weil man vergessen hat es daraufzuschreiben
    Das Kolorit in den Köpfen ist täuschend abgewechselt wie die Natur tut Die
Figuren sind alle in Lebensgröße und die Madonna noch darüber um sie zur ersten
Person zu erheben Sie ist am lebendigsten und wirft Glanz um sich wie Sonne
Unten ist freies Feld und ein Flecken wo die Heiligen sich beisammen befinden
sie anrufen und anbeten und in Betrachtung verloren sind
    Im Dom eben hier am Ende des linken Kreuzgangs ein Halbbogen worin Madonna
mit dem kleinen Christus zur Linken und dem kleinen Johannes zur Rechten vor
sich zwei holde nackte Bübchen in schöner Bewegung Hinter ihr zur Rechten der
heilige Joseph und zur Linken der heilige Antonius und auf beiden Seiten neben
ihr zwei Jungfrauen Alle sind in kniender Stellung außer den Kindern Die drei
Weiber haben treffliche Gewänder besonders ist das Mädchen zur Linken von
welchem man den bloßen linken Fuß sieht ganz wollusterregend und göttlich so
zeigt sich das Nackende und die schöne Form des Unterleibs der vollen Hüften
und Schenkel das Gewand macht eine ungekünstelte Falte zwischen den Schenkeln
und zieht sich im Knien an das lüsterne Auge des Meisters sah diesen Reiz der
Natur ab Die jungen Brüstchen schwellen lockend über dem Gürtel hervor Die
Kleidung von allen dreien ist rot griechisch wie leichte Hemder
    Die Gesichter sind voll Huld und die Madonna hat besonders etwas mütterlich
Süßes in Aug und Mund und blickt in stiller Entzückung nieder
    Alle sind vertieft in die Kinder die aufeinander kindlich zeigen und sich
freuen Der Kopf des heiligen Joseph ist zugleich gemalt wie vom Tizian nebst
dem herrlichen Ausdruck Der heilige Antonius allein weicht sehr von den andern
ab und ist mittelmäßig durchaus als ob er ihn nur weggejagt hätte um fertig zu
werden Alles andre ist mit Liebe entworfen und es herrscht die stille
Raffaelische Empfindung
    Nach Rom kann man Raffaelen zu Perugia am besten kennenlernen Das meiste
von ihm ist hier in der Kirche des heiligen Franziskus Überhaupt will ich Dir
in Perugia nur drei Stücke von ihm vorzüglich empfehlen eins aus seinem
Knabenalter eins aus seiner Jünglingschaft und eins das er wenig Jahre vor
seinem Tode vollendete in einem Nonnenkloster vor der Stadt welches zum Teil
alles übertrifft was er je aus sich hervorgebracht hat das übrige wirst Du
leicht einmal selbst finden
    Die zwei ersteren sind bei den Franziskanern das jüngste in der Kapella
degli Oddi stellt vor die Himmelfahrt der Madonna In der Luft empfängt sie der
Heiland ihr Sohn mit Engeln die Musik machen und krönt sie unten stehen die
zwölf Apostel an ihrem offenen Sarge In der Einfassung die auf dem Altar ruht
sind noch drei ganz kleine Gemäldchen angebracht der Englische Gruß die
Anbetung der Heiligen Drei Könige und die Beschneidung Alles ein himmlischer
Inbegriff einer Menge schöner Gestalten die in seiner Seele aufblühten
    Der Kopf der Madonna ist heilig und selig im neuen Schauen in einigen
Engelsgestalten süße Anmut besonders der mit der Handtrommel eine wahre
Volkslust Aber das Wunderbarste sind die zwölf Apostel welche Charakter schon
Paulus Petrus und Johannes Paulus hat viel von seinem Aristoteles Johannes
von dem aufblickenden Jüngling beim Bramante
    In dem ersten Gemäldchen unten erscheint der Engel der Madonna in einem
korintischen Tempel Sie betet und blickt erhaben vor sich hin ohne ihn
anzusehen in einem Landschäftchen davor zeigt sich Gott der Vater und der
Heilige Geist als Taube
    In der Anbetung der Heiligen Drei Könige sind eine Menge Figuren worunter
einige voll Ausdruck mit Erstaunen Die Hütte in zerfallnen Ruinen und das
Landschäftchen ist kindlich angenehm und erfreulich
    Die Beschneidung ist das beste unter den kleinen Ein ionischer Tempel die
zwei Priester mit trefflichen Köpfen voll Charakter und Ausdruck und die
Seitenfiguren gefühlt und gedacht
    Das Ganze ist freilich äußerst hart und die Formen unausgebildet alle Natur
arbeitet bei ihm nur auf das erste Bedürfnis gestaltlos aber das Wesentliche
wobei man das andre bei Anfängern übersehen soll
    Das zweite ist die Abnehmung vom Kreuze Das Gemälde hat zehn Figuren fünf
Männer und fünf Weiber mit dem toten Christus und der in Ohnmacht gesunknen
Mutter die viel größer sind als im vorigen ungefähr zwei Drittel Lebensgröße
    Es ist in zwei Gruppen geordnet die eine macht der von zweien getragne
Tote und Joseph von Arimatias und Magdalena und hinten vermutlich noch
Johannes und die andre die Mutter mit den Jungfrauen der den Leichnam bei den
Beinen hält verbindet sie beide
    Die Hauptfiguren leuchten gleich hervor der tote Jüngling die schöne
Magdalena voll Schmerz und die Mutter Besonders aber ist die Gruppe der
letztern das Vortrefflichste Alle Gestalten sind voll Seele jede lebt und
empfindet dabei nach ihrem Charakter Die Mädchen welche die Mutter fassen
sind wie die drei griechischen Grazien vorzüglich hat das welches den Kopf
derselben hält eine Gestalt so tiefen großen Gefühls und hoher Schönheit
durchaus in Formen und Bekleidung dass man sie gleich zu einer Euripidischen
Polixena brauchen könnte
    Über die ganze Szene verbreitet sich ein sanftes Abendlicht
    Dies war seine letzte Arbeit bevor er nach Rom kam und man sieht darin
wie sich seine Kunst schon ihrer Vollkommenheit nähert Sie ist das Höchste aus
dieser Zeit von ihm
    Ich kann hier nicht unterlassen ein Gemälde von Korreggio anzuführen
welches dieselbe Szene vorstellt und in der Johanniskirche zu Parma in einer
Seitenkapelle befindlich ist Nach meinem Gefühl hat er alle übertroffen und
erhält den Preis wie ein Sophokles so streng und einfach und rührend mit
Verleugnung seiner sonstigen blühenden Farbenpracht und lächelnden Manier
behandelt er die Begebenheit
    Erblasst und ausgestreckt liegt der göttliche Jüngling da Magdalena sitzt an
seiner Seite und vergisst für sich in Wehmut versunken heiße Tränen wie eine
untröstliche Geliebte und der Schmerz der zärtlichen Mutter an seinem Haupt
über das entsetzliche Schicksal grenzt an des Todes Bitterkeit Ein trübes
Regenlicht um sie her alles in Lebensgröße
    Man soll nie bei Bewunderung des einen schülerhaft gegen andre ungerecht
sein Raffael selbst Märtyrer für Amorn hat ferner nie das Entzücken der Liebe
den höchsten Vorwurf vielleicht für alle bildende Kunst mit so tiefem
Seelenklang und heiterer Phantasie zugleich ausgedrückt als der bei seinen
Lebenstagen unberühmte hohe Lombard Ariosts Nachbar in seiner Io wenn ihm
auch die antike kleine Leda mit der im Stehen sich Zeus als Schwan begattet
welche treffliche wollüstige Gruppe ihr zum Zeichen eurer freien Denkungsart
öffentlich gerade vor dem Eingange der Markusbibliotek aufstelltet Anlass zur
ersten Idee davon gegeben haben sollte
    Das dritte und Hauptgemälde von Raffael zu Perugia ist in dem Nonnenkloster
zu Monte Luce welches er drei Jahre vor seinem Tode vollendete Ein Altarblatt
die Figuren völlig in Lebensgröße
    Es stellt wie das erste vor die Himmelfahrt und Krönung der Muttergottes
aber alle Spur von seines Lehrmeisters enger und schmaler Manier ist hier
verschwunden Die zwölf Apostel stehen um den Sarg statt der Madonna mit
Blumen Rosen Lilien Nelken und Jasminen angefüllt und blicken erstaunt auf
wo ihr Sohn sie von Wolken emporgetragen mit Engeln empfängt und krönt
    Die Mutter ist eine der frischesten weiblichen Gestalten noch blühend wie
eine Jungfrau doch voll edlem Ernst wie eine Matrone und heißer wunderbarer
Empfindungen der Seligkeit im Taumel neuer Gefühle wie vom Erwachen alles
groß an ihr und herrlich schön Sie faltet die Hände kreuzweis an die Brüste und
blickt durchaus gerührt mit entzücktem Aug auf ihren Sohn Ihr Gesicht ist nach
ihm hingewandt und man sieht ganz die rechte Seite und vom linken Auge nur den
heißen Blick große schwarze Augen mit einem zarten Bogen Augenbraue und
dunkelblondes Haar unter dem langen grünen Schleier der sich hinter dem rechten
Ohr hinabzieht
    Christus ist feurig im Gesicht wie ein sonnenverbrannter Kalabrier aus
seinem starken Bart um die Kinnbacken und sein ausgestreckter rechter Arm voll
Kraft und Nerve womit er ihr den Kranz aufsetzt Der Engel mit Blumen in der
Rechten an ihm hat einen Kopf voll himmlischer Schönheit sonniglich entzückt
es scheint ihm überall Glanz aus seinem Gesicht hervorzubrechen
    Die Anordnung durchaus ist reizend und bildet das schönste Ganze Madonna
ist oben in der Mitte Christus zu ihrer Linken an beiden ein Jüngling von
Engel bekleidet unter diesen bei jedem ein zart nackend Bübchen und über allen
der Heilige Geist in einem dichten Duft von gelbem Himmelsglanz
    Die Auffahrt geschieht ganz gemach auf einer dunkeln dicken Wolke mit
lichtem Saum und hat nicht das leichte Schweben wie in andern Gemälden davon
aber eben dadurch gewinnt die Handlung Natur und Majestät Raffael hatte eine
sehr reine klare Empfindung die ihn minder fehlen ließ als andrer scharfer
Verstand
    Je länger man den Christus betrachtet desto mehr findet man etwas
übernatürlich Göttliches das sich nur gütig herablässt das Demütige der Madonna
vor ihm stimmt einen nach und nach dazu Es ist etwas erstaunlich Mächtiges und
Gebieterisches in seinem Wesen das mehr im Ausdruck liegt als den Formen
selbst wunderbare Strenge und Güte miteinander vereinbart Ich habe noch wenig
neuere Kunstwerke gesehen die den Eindruck in der Dauer immer tiefer und tiefer
auf mich gemacht hätten Je mehr man nachdenkt und fühlt und Gestalt nachgeht
desto wahrer findet man diesen Christuskopf Ich kann von diesem Gemälde nicht
wegkommen und möchte tagelang mit Wonne daran hangen Hoher göttlicher Jüngling
der du warst Raffael Unsterblicher empfang hier meine heisseste aufrichtigste
Bewunderung und nimm gütig meinen zärtlichen Dank auf Es gehört unter das
Höchste was die Malerei aufzuzeigen hat diese Mutter und dieser Sohn und die
vier Engel um sie her und ich kann mich nicht von der Herz und Sinn
ergreifenden Wahrheit und Hoheit wegwenden Die zwei Hauptfiguren sind ganz
wunderbar groß gedacht in der Tat Pindarische Grazie und des Tebaners Schwung
der Phantasie bis in die Draperien die mächtige Falten werfen Welch ein Arm
Christus aufgehabner rechter mit den weiten Ärmeln wie ganz vollkommen
gezeichnet und gemalt und welche wetterstrahlende Wirkung tut er in der ganzen
Gruppierung und wie bescheiden zeigt sich daneben das Nackende der Mutter und
füllt leicht das blaue Obergewand So kräftig hat er nichts anders gemalt und
nirgend anderswo sind seine Formen so vollkommen reif stark in der Art
Schönheit die ihm eigen war
    Die Apostel unten sind schwach und matt dagegen und nur wie verwelkend
sterblich Fleisch des Kontrasts wegen aber durchaus vortreffliche
Männergestalten besonders Petrus und ein andrer im Vordergrunde in Bewegung
und Leben
    Mit denen in der Verklärung sind in drei Gemälden allein sechsunddreissig
Apostel und in jedem sehen sie anders aus und keiner wie der andre und doch
scheinen die meisten trefflich zu sein und zu passen
    Die Malerei ist wie die Musik zu denselben Worten können große Meister
kann einer allein ganz verschiedene Melodien machen die alle doch in der Natur
ihren guten Grund haben es kommt nur darauf an wie man sich den Menschen
denkt der sie singt
    Nehmen wir zum Beispiel ein Lied der Liebe Bei denselben Worten wütet ein
Neapolitaner und ein andrer im Gletschereise der Alpen bleibt ganz gelassen
    Außerdem lieben wenige immer überein stark schon bei derselben Person und
es wird anders geliebt bei einer Blonden und Schwarzen einer Sizilianerin von
zwölf Jahren und einer nordischen Patriarchin Und diese selbst lieben wieder
anders Knaben Jünglinge Männer und Greise
    Dichter und Maler und Tonkünstler nehmen von allem diesen das Vollkommenste
was am allgemeinsten wirkt welches aber weder Rechenmeister noch Philosoph zu
keinem Zeitalter bestimmt festsetzen konnten Und dies hat die Natur sehr
weislich eingerichtet sonst würde unser Vergnügen sehr eingeschränkt sein oder
bald ein Ende haben
    Die Kuppel des Korreggio zu Parma in der Johanniskirche welche Christus
Himmelfahrt vorstellt gehört zu einer besonderen Gattung der Malertaktik und
macht ein eigen Kunstwerk aus das sich mit dem des Raffael was malerische
Wirkung betrifft nicht vergleichen lässt ohne diesem unrecht zu tun
    Man erstaunt dort wenn man in den Kreis tritt und wurzelt am Boden fest
wie bezaubert und sieht einen wirklichen Jüngling von übernatürlichen Gaben in
ferne Höhen steigen von dienstbaren Sturmwinden emporgetragen die liebkosend
mit seinem weiten Purpurmantel spielen
    Selbst Apelles und Zeuxis und die ganze griechische Zunft würden dem
Götterfluge mit entzückender Bewunderung nachschaun und keiner das Herz haben
zu sagen anch io son pittore
                                                                Florenz Jenner
Ich habe mich unterwegs länger aufgehalten als ich wollte und auf meinem Gute
bei Kortona verschiedene Anstalten zu Pflanzungen und bessrer Einrichtung der
Gebäude gemacht Die Kunstsachen die ich in Rom teils ankaufte teils schon bei
dem Kardinal vorrätig fand waren vor mir angekommen
    Der Herzog empfing mich heiter und freundschaftlich und bezeugte alsdenn
seine große Freude darüber so wie Bianca und die andern Damen und Herrn vom
Hofe
    Man stand hier noch im Handel über eine nackende Venus vom Tizian und
wartete nur auf meine Entscheidung Sie ist ungezweifelt ganz von seiner Hand
und der Kauf wurde gleich richtiggemacht
    Jetzt lass ich in der Galerie die mein alter Lehrmeister Vasari erbaut
hatte ein Zimmer für das ausgesucht Vollkommenste zubereiten das
seinesgleichen hernach wohl schwerlich in der Welt haben wird Belvedere
ausgenommen
    Von der griechischen Venus will ich den neuen unteren linken Arm vom
Ellenbogen an wieder abnehmen lassen weil er allzu schlecht ergänzt ist der
rechte von der Schulter an ist zwar auch nicht zum besten doch will ich noch
damit warten Es ist ein Wunder dass dies hohe Meisterstück so glücklich brach
dass die Teile nichts gelitten haben und alle so gut ineinander passen Die Figur
der Göttin selbst ging in dreizehn Bruchstücke und das Ganze in die dreißig
Trümmern
    Der Kopf ist am Halse angesetzt und etwas klein in Proportion wie aber bei
andern griechischen weiblichen Bildsäulen jedoch ganz von demselben Marmor
derselben Arbeit der Zug des Halses passt so trefflich und alles harmoniert so
bis auf die allerschönsten Füßchen dass an seiner Echteit zur Figur keinen
Augenblick zu zweifeln ist Ein Gesicht voll hohem Geist und ionischer Grazie
Die Nase schießt nur ein klein wenig von der Stirn ab nicht den dritten Teil
wie ein Strahl im Wasser Der Leib ist die frischeste kernigste ausgebildete
Wollust Brust und Schenkel schwellen markicht vorn und hinten Sie hat durchaus
den süßesten überschwenglichen Reiz eines soeben reif gewordnen himmlischen
Geschöpfes vor der ersten Liebesnacht welches Vater Homer mit dem Wundergürtel
hat ausdrücken wollen
    Sie hat ein Grübchen im Kinn Zeichen von Fülle und Kraft zugleich und
Reifheit der göttlichen Frucht und nur halb eröffnete oder zugehaltne Augen
die das Innre nicht erkennen lassen wollen sprödiglich
    Kurz es ist Erscheinung eines überirdischen Wesens von dem man nicht
begreift wo es herkömmt denn es hat hienieden keine Leiden ausgestanden alles
ist zur Vollkommenheit ungestört an ihm geworden Selbst der schönste und
edelste Jüngling unter den Sterblichen muss sich vor ihm niederwerfen und das
Höchste was er verlangen kann ist ein Moment nicht Huldigung auf ein ganzes
Leben
    Schönheit zur Reife gediehen und gedeihend noch ungenossen Das sich
regendste Leben wölbt sich sanft hervor in unendlichen Formen und macht eine
entzückende ganze Adel für sich bestehend blickt aus den süßen lustseligen
Augen ein sonnenheisser Blick von Liebesfülle flammt die Stirn herab schwebt
auf dem Munde wo Stolz und Zärtlichkeit zusammenschmelzen
    Die Mitte des Oberleibs ist kräftig und gar nicht dünn die Schultern sind
völlig so breit wie die Hüften und gehen noch darüber hinaus sanft vom Halse
herabgesenkt Der Unterleib hat zwei zarte Einwölbungen bis wo die Höhen der
Freuden sich heben Die Schenkel steigen wie Säulen hernieder und verbergen den
Eingang der Lust mit einem gelinden Druck
    Die Waden sind straff und voll bis an die Kniekehlen ohne auszuschweifen
    Sie erscheint von den Seiten her schmal und von dem Rücken breit alles
Fleisch lebt und nichts ist leer und müßig
    Aus dem Ganzen spricht jungfräulicher Ernst und Stolz nichts Lockendes es
ist Inbegriff höchster weiblicher Liebesstärke Sie blickt auf wie eine
Jugendgöttin von den Edelsten angebetet
    Sie erhält den ersten Preis unter den weiblichen antiken Schönheiten Ihr
Gesicht schon für sich das glücklich ganz unversehrt blieb ergreift
unaussprechlich reizend mehr als irgendein andres ist gewiss ursprünglich in
der Natur selbst voll Geist und hohem eigentümlichen Wesen aufgeblüht und stammt
wahrscheinlich von einer Lais oder Phryne Bei der Niobe und ihrer schönsten
Tochter bei der Juno und einer kolossalischen Muse in Rom mag man mehr
Erhabenheit finden aber sie haben den lautern Quell von Leben nicht der den
Durst nach aller Art von Glückseligkeit im Menschen erquickend stillt Hier ist
alles beisammen Körperreiz und Seelenreiz Feuer und Schnelligkeit der
Empfindung und heller ausgebildeter Verstand bei jedem Vorfall in der Welt
    Doch was verschwend ich Worte darüber komm und sieh und fühle und traure
herzinniglich dass sie nicht den Mantel von Dir sich umwirft Dich zu begleiten
    Tizians Venus wird eine schlimme Nachbarin an ihr erhalten
    Diese ist eine reizende junge Venezianerin von siebzehn bis achtzehn Jahren
mit schmachtendem Blick aufs weiße widerstrebende Sommerbett im frischen
Morgenlichte faselnackend vor innrer Glut von aller Decke und Hülle bereit und
kampflüstern hingelagert Wollust zu geben und zu nehmen die anstatt die Hand
vorzuhalten schon damit die stechende und brennende Süßigkeit der Begierde wie
abkühlt und mit den Fingerkoppen die regsamsten gefühligsten Nerven ihres
höchsten Lebens berührt
    Bezaubernde Beischläferin und nicht Griechenvenus Wollust und nicht Liebe
Körper bloß für augenblicklichen Genuss
    Ihre Formen machen einen starken Kontrast mit der griechischen Wie das
Leben sich an dieser in allen Muskeln regt und sanft hervorquillt und
hervortritt und bei der Venezianerin der ganze Leib nur eine ausgedehnte Masse
macht Aber es ist schier nicht möglich ein schmeichelnder und sich ergebender
und süß verlangender Gesicht zu sehen
    Sie neigt den Kopf auf die rechte Seite sonst liegt sie ganz auf dem
Rücken Das linke Bein in schöner Form ist reizend gestreckt und das erhobne
rechte Knie lässt unten die süße Fülle der Schenkel sehen Der Kopf hat die
Gestalt nach der Natur, ist aber hingelassen nachdenkend mit dem zerflossnen
Körper matt und wenig gebildet gegen die Griechin
    Die Blumen in der Rechten geben Hand und Arm durch den Widerschein
bezaubernde Farbe und drücken den Leib zurück Ihr Haar ist kastanienbräunlich
und lieblich verstreut über die rechte Schulter mit einem Streif auf den linken
Arm Der Schatten an der Scham und die emporschwellenden Schenkel davor im
Lichte sind äußerst wollüstig so wie die jungen Brüste Die großen
grünlichtbraunen Augen mit den breiten Augenbraunen blicken in Feuchtigkeit Sie
ist lauter Huld es recht zu machen in reizender sömmerlicher Lage und gibt
sich ganz preis und wartet mit gierigem Verlangen furchtsamlich auf den
Kommenden Man siehts ihr deutlich an dass das Jungfräuliche schon einige Zeit
gewichen ist und sie scheint nur Besorgnis vor mehreren zugleich zu haben wegen
der Eifersucht
    Tizian wollte keine Venus malen sondern nur eine Buhlerin was konnt er
dafür dass man diese hernach Göttin der Liebe taufte Sein Fleisch hat allen
Farbenzauber ist mit wahrem jugendlichen Blut durchflossen was er darstellen
wollte hat er besser als irgend ein andrer geleistet
    Unter den Antiken aber die ich mitgebracht habe ist ein himmlischer Bube
ein junger Apollo welcher stark mit der Göttin wetteifern wird Er lehnt sich
mit der Linken an einen Stamm mit über den Kopf geschlagner Rechten die ganze
Stellung ist voll Reiz besonders der schlanke Zug der rechten Seite Das
Gesicht blüht wonniglich selig und edel in seiner Gottheit auf Das Leibchen ist
äußerst zart gehalten und doch regt und bildet sich alles Es ist eine wahre
Wollust Venus und ihn zugleich von hinten zu sehen das Weibliche und üppig
Bübliche des Gewächses Venus ist ein Schwall von hinten etwas speckicht
Apollo lauter süßer Kern Ebenso kernfleischig spaltet sich sein Rücken die
Schenkel sind am vollsten und schier zirkelrund Die zwei Hände muss ich ergänzen
lassen und noch die Nase
    Der Ausdruck ist bezaubernd er empfindet in sich und sinnt in Stille Erste
Ahndung von Verlangen in Ungewissheit und doch mit dem entzückendsten Blick der
Liebe
    Zwei junge Ringer aus einem Block Marmor gehören unter die gelehrtesten
Arbeiten die uns aus dem Altertum übrig sind Sie sind im schönsten Moment
eines Ringspiels verflochten und es kann dazu keine auserlesenere Stellung
geben Die angestrengten Sehnen zeigen ihre Kraft in höchster Stärke und doch
nicht schroff und nichts erscheint gekünstelt wie unsre Meister schon bei
Körpern in Ruhe prahlen
    Noch hab ich Bruchstücke von einem Merkur wo zum Ganzen nur die Hände
fehlen Das Gewächs ist zart und schlank der Kopf voll Schönheit und Kraft und
stellt einen klugen sinnreichen Jüngling dar Er trägt einen Helm wie einen
Teller mit Flügeln die Haare waren abgeschnitten und es sind kleine Löckchen
wieder daraus geworden
    Von Gemälden deren viel sind will ich Dir nur ein Paar von Raffael
anführen
    Papst Julius den Zweiten Man kann nichts Wahrers von Gestalt sehen und wie
gemalt Es hält sich neben dem besten Tizian Erhabenheit und Scharfsinn im
Nachdenken bilden ein Ideal von Heiligem Vater Welch ein gediegnes festes Feuer
in der ganzen Arbeit Der schöne herabfliessende Bart wie herrlich aufgesetzt
Hände Stellung im Stuhl mit beiden aufgestützt alles vortrefflich Es ist die
Natur Die Stirn ist stark beleuchtet und geht hervor und so fällt noch Licht
auf den Bart ein Meisterstück auch hierin
    Das zweite ist ganz klein wenig über einen Fuß lang und breit und von ihm
die größte Seltenheit jedoch mit aller Liebe in seiner besten Zeit vollendet
    Gottvater sitzt auf einem Adler in den Lüften von zwei Engeln wovon
besonders der rechter Hand wunderschön ist an den Armen leicht gehalten und
unter ihm sind die vier Evangelisten mit ihren Tieren dann Wolken dann Erde
mit Bäumen Um den Ewigen vergeht eine Glorie andrer geflügelter Buben im
Glanze
    Der Kopf ist lauter Erhabenheit ganz derselbe des Michelangelo in der
Kapella Sixtina welcher die Sonne schafft Das Nackende der Brust bis auf die
bekleideten Schenkel in seiner Kleinheit vollkommen wie eine schöne Antike Er
stützt die Füße auf den geflügelten Stier und Löwen und sieht jovialisch gut und
stark und mächtig in die Bestien und Menschen Haar und Bart fliegen im Winde
Ein himmlisch Bildchen reizende apokalyptische Laune
    Bianca freute sich darüber kindlich und ich hab ihr damit ein Geschenk
gemacht weil ichs für mich erkaufte Der Herzog nahm es übergnädig auf und
sie drückte mir eifrig die Hand dafür
    Die Schlaue stellt sich hochschwanger Jetzt will er ihr einen Palast in
eine unsrer angenehmsten Gegenden bauen lassen und ich wurde gerufen alles zu
besorgen
                                                               Florenz Februar
Florenz gefällt mir nicht mehr ich gehöre nicht zu dem Hasengeschlechte das
nirgends am liebsten ist als wo es geheckt ward Unsre großen Männer haben wir
gehabt Tacitus sagt mit Recht dass nach der Schlacht bei Actium in Rom kein
großer Mann mehr aufstand Wo der Bürger nichts mehr zu sagen hat da ist es mit
der Vaterlandsliebe eitel Ziererei
    Ein so großer Freund ich auch von Geschäftigkeit bin so ekelt mich doch die
bloße Schuster und Schneider und Tuchknappengeschäftigkeit an Romulus der
hohe Geist verbot aus gutem Grunde jedem Mitgenossen seiner Republik die
niederen Handwerke und dies wurde hernach so zur Sitte dass noch jetzt im
dritten Jahrtausend die Deutschen und Spanier und Franzosen dieselben schier
allein noch in den Ruinen der alten Herrlichkeit treiben Sokrates wollte den
nicht zum Gefährten durchs Leben der auf Geld und Gut erpicht zu nichts Edlerm
Musse hätte und bei den stolzen Ottomanen kann der Überwundne und Sklave noch
heutzutag alle Schuld deswegen aufs Schicksal schieben
    Florenz macht einen starken Kontrast mit Rom alles regt und bewegt sich
und läuft und rennt und arbeitet und das Volk kommt einem trotzig und übermütig
und ungefällig vor gegen das Stille Große und Schöne der Römer Der Römer
überhaupt hat gewiss einen höheren Charakter Die Politiker mögen die menschlichen
Ameisenhaufen rühmen und preisen sosehr sie wollen und diese selbst auf ihre
Arbeitsamkeit sich noch soviel einbilden Maul und Magen denn dieserwegen
geschiehts doch ist wahrlich nicht was den Menschen über das Vieh setzt Wo
nicht gemeinschaftliche Freiheit der Person und des Eigentums und Rang in
menschlicher Würde vor seinen Nachbarn der erste Trieb und das Hauptband einer
bürgerlichen Gesellschaft ist veracht ich alles andre und jedes Verdienst
kommt in kurze Berechnung
    Der Boden trägt freilich auch viel hierzu bei Rom hat das Mark von dem
mittleren Italien und Toskana die Knochen nach dem alten Sprichwort Auch erhebt
die Gegend nicht so und Florenz fehlen die majestätischen römischen Fernen
    An unserm Hofe herrscht eine unerträgliche Langeweile alles muss sich in den
Ton des Monarchen stimmen
    Der Minister ist geschwind schon ein Chamäleon geworden und nimmt alle
Modefarben an Verschiedne von meinen angegebnen Einrichtungen sind wieder
abgeändert und die andern werden nachlässig betrieben Alle Heilungsmittel
eines Hippokrates sind vergeblich wo die Natur sich nicht selbst hilft Ich muss
auf und davon weil ich das Verderben nicht mehr mit Augen ansehen kann Wenn
man nichts Bessers weiß so mag es sich ertragen lassen o Griechenland und Rom
wie glücklich macht ihr unsre Phantasie und elend unser wirklich Leben Aber wo
soll ich hin in dem ganzen jetzigen Italien Da ist keine Ausflucht keine
Sphäre für einen gesunden Kopf und Arm zu handeln Mut und Geschick schmachtet
überall ohne Gegenstand und Ausübung wie im Kerker
    Um noch einmal von dem leidigen Minister zu reden so hat der Fuchs ein paar
bestialische Grundsätze angenommen von welchen der erste ist man dürfe nie
gescheiter scheinen als der Herr und der zweite alle guten Köpfe denn jeder
ist ihm ein Dorn im Auge besonders Gelehrten in der Ferne halten
    Für einen der gern im trüben fischt hätte sie kein Machiavell besser
ausdenken können Und bei den meisten Höfen erkennt man gleich daraus dass da
keine Philippe Alexander Cäsarn und Mark Antonine herrschen
    Es kann eben keiner höher als ihm die Flügel gewachsen sind
                                                                Florenz Februar
Unser Karneval ist mit einer wirklichen ungeheueren Tragikomödie beschlossen
worden die mir aber all mein Eingeweide Galle und Lunge und Leber und Herz
empört hat so dass ich hier keine bleibende Stätte mehr finde
    Bianca wie ich Dir schon geschrieben habe stellte sich die ganze gehörige
Zeit vom Herzoge schwanger an spielte ihre Rolle meisterlich und wählte dies
festliche Geräusch weil zugleich die erkauften Weiber auf dem Lande die
Mutterwehen nahe fühlten niederzukommen Eine Woche lang tragodierte sie die
Geburtsschmerzen und der gute Herr war zitternd und zagend für ihr Leben bange
Endlich trat gegen Mitternacht die alte abgefäumte Kupplerin von Amme mit dem
eben geborenen Knäblein welchem der Mund mit Wachs verklebt und verbunden war
dass es nicht schreien konnte in einer Schachtel unter dem Mantel wie mit
Gerät zur Tür in einem Nebenzimmer herein und winkte das verabredete Zeichen
Bianca rief alsdenn mit Hand und Mund zum Herzoge der mit dem Kopf in Armen am
Fenster stand »Geht geht o Teurester o weh ich fühle mich in der
Entbindung«
    Er ging freudig fort mit den eifrigsten Wünschen
    Der Komödie wurde bald ein Ende gemacht Die Alte tat das Kind heraus
nachdem sie das übrige der Szene täuschend zubereitet und die Gebärerin laut
genug geächzt hatte zog ihm das Wachs aus dem Munde und dies fing an zu
schreien Sie eilte zum eingebildeten Papa und zeigte und frohlockte »Euch ist
ein Löwe ein Löwe geboren ganz Euer Gepräge O seh Eure Hoheit das derbe
gewundne Gemächtchen wie es den Heldensamen verkündigt«
    Ich beschreib es Dir aristophanisch weil es sich geradeso zugetragen hat
Ihm war es Götterwonne etwas Lebendiges von sich zu erblicken was er noch nie
schaute und er krähte vor Jubel gleichsam wie ein Hahn ohne weiter ein Wort
hervorbringen zu können
    Dies ist eine Posse welche jedoch große Folgen haben kann die wir heiß
durch die Kammerjungfer erfuhren Diese und die Alte mögen sich vor der
Hochstrebenden in acht nehmen wenn sie nicht bald den Styx und Phlegeton wollen
sieden und brausen hören
    Der andre Auftritt aber ist grässlich
    Don Paolo der Gemahl der Isabella kam vor wenig Tagen von Rom und nahm
einen gewissen Scherz und Leichtsinn an über ihre vorige Aufführung bis er sie
täuschte und sie froh sich wieder mit ihm versöhnt glaubte
    Gerade dieselbe Nacht wo Bianca ihre Farce spielte so wunderbar fügen sich
die Begebenheiten führte er sie nach seinem Schlafgemach sie hatte zwar
Anstand ihn zu begleiten und hielt einigemal ein ihr Geist mochte ihr
Schicksal vorausahnden Doch folgte das ergiebige Geschöpf endlich seinem
Händedruck und hielt die racheheissen für liebewarme
    Im Zimmer umarmt er sie und küsst sie und sinkt wie unentaltsam mit ihr aufs
Bett Als sie auf der Breite desselben so hingestreckt liegt wird ihr hinten
ein Strick um den Hals geworfen von einem gedungnen Mörder und sie mit langer
Marter erdrosselt O du Elender warum nicht kurz mit Gift mit einem
Dolchstich wenn du sie doch aus der Welt schaffen wolltest
    Sie wurde die andre Nacht schon zu ihrer Familie in die Kirche San Lorenzo
begraben und man sprengte aus sie sei plötzlich an einem Steckfluss gestorben
Allein ihr schwarzes Gesicht war jedem der sie zu sehen bekam ein
unverwerflicher Zeuge der Tat
    Ihre Verwandten schweigen aber Florenz murrt laut und bejammert das
scheussliche Ende ihres noch so blühenden Lebens32
                                                              März bei Kortona
Der Herzog hat mir erlaubt den künftigen Frühling hier auf meinem Gute zu sein
doch unter der Bedingung dass ich zuweilen nach Florenz komme und den schon
angelegten Palast der Bianca besorge Übrigens hab ich dort eine gute Partei für
mich zurückgelassen und in manchem Hause lebt die Hoffnung mich zum Gemahl und
Schwiegersohn zu erhalten
    Polybios und die Gegend ist nun mein Geschäft und zur Abwechslung bau und
pflanz ich Der deutliche Sinn mancher Wörter in der Taktik der alten Griechen
und Römer hat mir anfangs bei ihm zu schaffen gemacht doch bin ich bald
durchgedrungen und damit zu Rande gekommen Dies ist ein Geschichtschreiber wie
sie sein sollen der das verstand worüber er schrieb noch zur rechten Zeit
lebte und Menschen und Örter kannte
    Unter allen Heldenzügen ergreift mich keiner so wie der des Hannibal durch
Italien und es geschieht nicht bloß deswegen weil ich Land und Boden und die
Geschichte der kriegenden Völker besser kenne Der des Alexander durch Persien
ist romantischer und hat mehr barbarisches Getümmel um sich aber der des
Afrikaners hat mehr Einheit Nerve und Kernatletengeist und es ist ein ganz
ander großes Naturschauspiel zwei solche Republiken sich in den Haaren liegen
zu sehen als einen bloßen Darius und Sohn Philipps
    Von seinem Satz an über den wilden schnellströmenden Rhodan unter Avignon
und kühnem Marsch durch die reißenden Wetterbäche über den hundertjährigen
Schnee und das schneidende Eis der grässlichen tiefen Täler und himmelhohen
Alpenklippen dünkt mich in jeder Schlacht nur ein olympisches Faustbalgerspiel
zu sehen In der bei der Trebbia am Trasimenischen See besonders am Aufidus
packt er überall mit seinem tapfer gebildeten Haufen so gewandt seinen starken
ungelenken Gegner und wirft ihn zu Boden und schlägt ihm Zahn und Nase und
Ohren und Backen in einen blutigen Brei zusammen Er verstand die Kunst zu
siegen wie keiner behandelte Armeen von Hunderttausenden vor und mitten und
nach der Schlacht wie einen einzelnen Mann an jedem Fleck bei jeder Schwäche
voll Vorsicht Bewegsamkeit Mut und Schlauheit und Gegenwart der Seele bis auf
so einfache Grundsätze hatte er das weitläuftige Kriegshandwerk von der ersten
Jugend an gebracht Halbgötter erkennt man erst recht bei wichtigen Zeitpunkten
    Welche Reihe Taten nacheinander Was sind Millionen Menschen gegen diesen
einen die ihr Leben lang nicht eine einzige solche Stunde haben Ein
Heldengedicht möcht ich singen über ihn von den Pyrenäen an bis wo die Scylla um
den Fuß des Apennin rauscht
    Wie ein echter unbezwinglicher rächerischer Löwe streift er Italien durch
reißt Rinder und blökende Herden nieder und das vom Homer schon verbrauchte
Gleichnis ist zum erstenmal wahr geworden
    Das römische Volk das seine Bildsäulen in die Straßen stellte wo sie am
furchtbarsten gesehen wurden und sich hernach seinetwegen noch an den
Mauersteinen von Kartago ereiferte zeigt den Mann auch bei dem Feind und
anders als die ungerechten Horaze und Liviusse und Virgil krümmt dem Überwinder
bei Kannä mit seiner Hofspötterei der Dido kein Haar
    Der Ausbund von Kartaginenser ging dem römischen Staatskörper auf das Herz
los und außerdem kannt er die Menschen gut genug um zu wissen dass jeder seine
größten Feinde in der Nähe hat und fand es so bei den welschen Galliern
    Die Schlacht an meinem See ziert mir hier die Gegend ganz anders aus als
Konstantins Schlacht vom Raffael das Vatikan Die furchtbaren Wörter die
wunderbar davon noch immer übriggeblieben sind als Ponte Sanguinetto33 Ossaja
34 Spelonca 35 gehen mir immer wie eine Brandfackel in die Seele wenn ich da
herumreite so dass ich zuweilen vor Hitze und Ungeduld nicht auf dem Pferde
bleiben kann und herunter in ein Wirtshaus muss um einen frischen Zug zu tun von
Römergrimm der hier ins Gras biss und noch die Weinfelder düngt
                                                                   Treve April
Ich schreibe Dir im Fluge weil ich Dich künftigen Sommer bei mir haben muss um
Dir die Schönheit und den Reiz auch meiner Gegenden zu zeigen und sie mit Dir zu
genießen glücklicher noch als ich mit Dir die Lombardei an Deinem Lago genoss
Mache Dich beizeiten auf und kehre bei meiner Tante zu Florenz ein wo wir uns
treffen werden
    Ich lag bei Passignano nicht weit von meiner Wohnung auf einer fruchtbaren
Anhöhe wo man den See überschaut unter hohen Ulmen und Eichen zwischen alten
Ölbäumen und Zypressen und blühenden Wipfeln den neuen Gesang der Nachtigallen
um mich noch früh am Morgen und tat nichts als hören und betrachten in Freude
wie ein Kind ohne weitere Gedanken doch ahndeten süße Regungen in meinem Herzen
entzückende Dinge
    Und sieh
    auf einmal reitet aus dem Hohlwege mit einem Boten voran ein junger Ritter
hervor auf einem kastanienfarben königlichen Rosse dem auf einem andern ein
Mohr folgt Eine Engelsgestalt der Jüngling wie er näher kam in rundem Hut mit
Federbusch kurzem spanischen scharlachnen Mantel Halbstiefeln die vollen
Schenkel und den schlanken Leib in weiches Leder gekleidet ein blitzend Schwert
über den Rücken an seinen Lenden und Pistolen im Sattel
    Ich kannte das halbversteckte Gesicht und wusste mich nicht dreinzufinden
Ist sie es oder täusch ich mich fuhr ich schnell auf wie der reizende Ritter
bald bei mir war
    Er erblickte mich hielt ein mit lächelnder Verwundrung sprang vom Pferde
und Fiordimona und ich hielten uns umschlungen mit wonneglänzenden Blicken
gierigen Seelenküssen
    Ich schrieb ihr noch von Florenz aus auch sie begab sich ohne weitere
Nachricht auf eins ihrer Güter in der Nachbarschaft wovon sie mir nie etwas
gesagt hatte und kam nun mich zu überraschen und zu einer Lustreise abzuholen
Zu Perugia wo sie den Tag zuvor eintraf saß sie gegen Morgen noch in der
Dunkelheit auf und war bei mir in wenig Stunden
    Sie blieb nur zwei Göttertage bei mir alles was zu Kortona Liebe fühlen
kann geriet schon im Vorübergehen bei ihrer Annäherung in eine solche
Feuersbrunst dass wir uns plötzlich in der Stille davonmachen mussten damit
meine Wohnung nicht wie Lots Haus belagert würde
    Fiordimona veränderte ihre Kleidung in etwas und ich gab ihr andern Hut und
Mantel um weniger bemerkt zu reisen Sie scherzte selbst über ihren vorigen
Putz und dass die Weiber ihn nie vergessen könnten und so verkappten wir noch
ihre Mohrin Ich nahm meinen jungen treuen Schweizer Häl einen Gemsjäger aus
Wallis von den Quellen des Rhodan mit mir und Paar und Paar zogen wir in der
Nacht ab Vorher schrieb ich an den Herzog eine notwendige Lüge und an meine
Tante um ein paar starke Wechsel
    Zu Perugia weideten wir uns inniglich nach eingenommenem Frühstück an den
Raffaelen welcher ihr Liebling ist und den Werken seines Lehrmeisters Ritten
dann die Höhen herab nach den anmutigen Tälern und über die Johannisbrücke
worunter der Tiberstrom reißend in rauschenden wilden Fluten wegschiesst und
hielten Mittagsrast auf dem schönen Hügel Assisi im heiligen Kloster
    Die Nacht blieben wir in Foligno Den Morgen darauf zogen wir durch das
reizende Tal das an malerischen Schönheiten und Fruchtbarkeit seinesgleichen
nächst der Lombardei vielleicht nur wenig auf dem ganzen Erdboden hat und
schieden uns bei Treve abgeredetermassen
    Sie begab sich wieder auf ihr Gut welches nicht weit davon liegt und wo wir
zusammenkönnen wenn wir wollen
    Mein Lustörtchen hat die schönste Lage der ganzen Gegend und ist an einen
runden nicht hohen Berg die Hälfte herum gebaut der einen weiten Olivenwald
ausmacht Die Menschen scheinen sich wie Vögel in die Bäume mit ihren Häusern
obenhin genistet zu haben Man übersieht von hier aus das ganze Tal von Spoleto
bis Foligno Assisi und Perugia und der Flecken heißt mit Recht der Balkon von
Umbrien
    Fiordimona hat ihren Aufenthalt in üppigen Gärten von Fruchtbarkeit und
Lieblichkeit bei den Quellen des Klitumnus le Vene die am Fuß des höchsten
Bergs im ganzen Umkreis Kampello aus einem Felsen kommen mit vielen uralten
Feigenbäumen bewachsen in unzählbaren Sprüngen Es ist ein unaussprechliches
Vergnügen wie das klare kristallhelle frische gesunde Nass aufquillt von der
Macht zu zarten Bläschen getrieben unter dem erfreulichen Schatten alles
innerlich sich regt und bewegt und die Fülle von selbst auf ebner Fläche
fortrinnt Nahe dabei wallen sie in Bächen zu den Gärten Fiordimonens hinein und
drängen sich da in einen lebendigen Teich zusammen dessen Ufer hohe Ahornen
Pinien Lorbeern Reben und Haselstauden beschatten und aus diesem strömt der
Klitunno schon ein ansehnlicher Fluss voll schneller Forellen so dass ich in
Italien keine so starke Quellen kenne
    Etwa tausend Schritte davon steht ein kleiner Tempel mit korintischen
Säulen zierlich in der Ferne obgleich aus späteren Zeiten dem Flussgott zu
Ehren der den Römern ihr Vieh so weiß machte Auch haben wirklich alle Rinder
dieses Tals ein glänzendes Silberweiss und sind außerordentlich gutartig mit
ihren ungeheueren großen Hörnern Der Strom denn diesen Namen darf man ihm wohl
geben bleibt das ganze lange Tal durch kristallhell
    Ich gebe mich in meinem Wirtshause für einen Maler aus und wahrlich ist da
genug zu malen und zu zeichnen an Menschen Vieh und den Bergen mit ihren
herrlichen Formen und Tinten wenn mir Zeit dazu übrigbliebe Die ganze Nächte
steck ich bei Fiordimonen und wir müssen zuweilen unsern Brand bei der heißen
Witterung in dem lieblichen See des Klitunno abkühlen denn sie schwimmt wie ein
Fisch von zarter Kindheit dazu angelehrt wo wir die Schwäne von ihrem
Schlummer aufwecken deren sie eine Herde darauf hat Dieser König der
Wasservögel ist ihr Lieblingsvogel und wo gibt es auch einen schöneren und ein
lockender lebendiger Bild der Lust wenn sie ihre Hälse umflechten und vor
Entzücken leis kreischen und zusammengirren und mit ihren Flügeln schlagen dass
der Gesang der Nachtigall davor verschwindet und zu geschwätzigem und
unaufhörlichem Getön wird Die meisten lässt sie wild fliegen sie kennen das
Plätzchen und kommen immer wieder
    Morgen geht die Woche schon zu Ende seitdem wir hier sind Himmel wie
schnell Wir wollten nur einen oder zwei Tage haltmachen aber es war gar zu
erfreulich Sie lässt alles zurück und die Mohrin und begleitet mich allein
Übermorgen in der Nacht brechen wir heimlich auf und streichen weiter im Hause
glaubt man dass sie nach Rom reise
                                                                     Terni Mai
Ich bin im Himmelreiche Wie ein paar kühne Adler jagen wir durch die weiten
Lustreviere Freiheit Quellenjugend und feurige Liebe und Zärtlichkeit
    Gestern abend kamen wir durch den rauen Wald und das wilde Gebirg von
Spoleto hier an und diesen Morgen sind wir gleich nach dem neuen Sturz des
Velino in aller Frühe ausgezogen Wir wollten ihn zuerst von oben betrachten
    Der Weg dahin ist voll reizender Aussichten die Berge wölben sich immer
einer höher als der andre weiter fort gen Himmel um gleichsam dieses Paradies
ganz von der irdischen Welt abzusondern Die Sonne ging eben auf als wir nach
der Höhe zu ritten gerade über dem Gebirg den Felsenriss hinein worin eine
herrliche See von befruchtendem Taunebel in der Mitte schwamm
    Der Wasserfall ist nun eine entzückende Vollkommenheit in seiner Art und es
mangelt nichts ihn höchst reizend zu machen Ein starker Strom der feindselig
gegen ein unschuldiges Völkchen handelte muss sich gebändigt durch einen tiefen
Kanal stürmend in wilden Wogen wälzen mit allerlei süßem lieblichen Gesträuch
umpflanzt als hohen grünen Eichen Ahornen Pappeln Zypressen Buchen Eschen
Ulmen Seekirschen und in die greuliche Tiefe senkelrecht an die zweihundert
Fuß hinabstürzen dass der Wasserstaub davon noch höher von unten heraufschlägt
Alsdenn tobt er schäumend über Felsen fort breitet sich aus rauscht zürnend um
grüne Bauminseln und hastig schießt er in den Grund von dannen zwischen
zauberischen Gärten von selbstgewachsnen Pomeranzen Zitronen und andern Frucht
und Ölbäumen
    Sein Fall dauert sieben bis acht Sekunden oder neun meiner gewöhnlichen
Pulsschläge von der Höhe zur Tiefe Das Aufschlagen in den zurückspringenden
Wasserstaub macht einen heroisch süßen Ton und erquickt mit nie gehörter
donnernder Musik und Verändrung von Klang und Bewegung die Ohren und das Auge
kann sich nicht müde sehen
    Fiordimona jauchzte vor Freude in das allgewaltige Leben hinein und rief
außer sich unter dem brausenden Ungestüm »Es ist ein Kunstwerk so vollkommen in
seiner Art als irgend eins vom Homer Pindar oder Sophokles Praxiteles und
Apelles wozu Mutter Natur Stoff und Hand lieh«
    Gewiss aber lässt es sich mit keinem andern vergleichen und ist einzig in
seiner Art die große Natur der herrlichen Gebirge herum der frische Reiz und
die liebliche Zierde der den Sturz vor dem Fall umfassenden Bäume das einfache
Ganze was das Auge so entzückt auf einmal ohne alle Zerstreuung so wollüstig
verziert und doch so völlig wie kunstlos nährt des Menschen Geist wie lauter
kräftiger Kern
    Wir saßen alsdenn wieder auf und ritten dem Velino oben weiter entgegen bis
wir eine kleine Stunde vor dem Sturz an seinen See kamen worin er sich
klarwäscht Die Mannigfaltigkeit des Stroms von hier aus der bald langsamere
bald schnellere Lauf das mit schöner Waldung eingefasste Bett überall der See
in seiner Rundung von einem Amphiteater sich nacheinander verlierender höchster
Gebirge umlagert alles das fruchtbare Tal der Szene der ehemalige Streit der
Nachbarn um ihn macht diesen Wasserfall immer wunderbarer und ergreifender
    Man hat ihn schon abgemalt und zeigte mir gestern bei unsrer Ankunft die
Kopie von dem Original Aber gemalt bleibt er immer ein armseliges Fragment ohn
alles Leben weil kein Anschauer des Gemäldes der die Natur nicht sah sich
auch mit der blühendsten Phantasie das hinzuzudenken vermag was man nicht
andeuten kann Und überhaupt ist es Frechheit von einem Künstler das vorstellen
zu wollen dessen Wesentliches bloß in Bewegung besteht Tizian zeigt klüglich
allen Wasserfall nur in Fernen an wo die Bewegung sich verliert und
stillezustehen scheint
    Terni selbst das Vaterland des Geschichtschreibers Tacitus liegt äußerst
angenehm zwischen lauter Gärten An der Nordseite erhebt sich noch ein Bogen von
Hügeln mit lustigen Landhäusern meistens zwischen Ölbäumen die einen kleinen
Wald ausmachen
    Aus der Nera worin der Velino seinen Namen verliert werden eine Menge
Kanäle abgeleitet die die Stadt und alles Land herum unter immer lebendigem
Rauschen zur höchsten Fruchtbarkeit bewässern
    Tivoli hatte einen so großen Reiz für die alten Römer weil es nahe an Rom
lag und wegen der weiten Aussicht in die Ebnen herum bis ans Meer Es hat etwas
Feierliches was Terni nicht hat Aber dies hat im Grunde größere Natur um sich
her und lässt an Fruchtbarkeit mit Tivoli gar keine Vergleichung zu dieses ist
dürres und ödes Land meistens und Terni lauter Mark
    Die Römer verstunden zu leben Sie genossen den wahren Reiz von jedem und
wussten zu wählen aus tausenderlei Erfahrungen Scipio der Jüngere wählte Terni
dessen Landsitz man noch zeigt der Ältere Kajeta und seine erhabene Tochter
Kornelia das Misenische Vorgebirg welche letztern Örter wegen des Meers
freilich über alles gehen denn nichts ist doch lebendiger als das Meer und hat
mehr Mannigfaltigkeit und Bewegung O wie freu ich mich das alte glückselige
Bajä bald zu finden
    Die Terner erweisen uns alle Ehre und dies setzt Fiordimonen nicht wenig in
Verlegenheit sie befürchtet erkannt zu werden und außerdem wollen sich ihre
mutwilligen Brüste stolz auf ihre junge Schönheit mit aller Kunst nicht
vollkommen verbergen lassen Dies macht mich oft lächeln und sie erröten Wir
begeben uns deswegen platterdings in keine sitzende Gesellschaft und sind gegen
Abend wieder nach dem Wasserfall untenhin geritten morgen eilen wir weiter
    Unten ist man recht der Mutter Natur im Schoss und genießt die Höhen und
Tiefen der Erde ihr Schaffen und Wirken und die Fülle ihres Lebens Ein enges
Tal von neuen und äußerst reizenden Kontrasten welsche Milde und
Schweizerrauheit vereinbart Himmelan strebende Gebirge donnernder Wassersturz
hereinbrausende wilde Fluten und daneben die zarten Pomeranzen und Ölbäume
Lorbeerngänge süße Reben und Feigen und mittendrin im Felsen eine Kapelle der
heiligen Rosalia die Bildsäule der Heiligen die auf einem weichen Lager ruht
mit Blumen bekränzt um sie her leisschwebende Engel
 
                                                                Portici Junius
Die Freude läuft mir durch alle Glieder dass Du mich besuchen willst o ein
Götterjahr dies Jahr in meinem Leben Ich habe meiner Tante schon geschrieben
Quartier für Dich bereitzuhalten bei meiner Ankunft hoff ich Dich zu Florenz zu
treffen Die nächsten Tage werden wir von hier abreisen
    Von unsern Abenteuern hätt ich Dir so viel zu erzählen dass ich jetzt nicht
wüsste wo ich anfangen sollte ich verspar es bis wir Herzen und Seelen
mündlich gegeneinander ausschütten O welch ein Jubel mit Dir noch durch die
bezaubernden Plätze von Umbrien zu streichen Fiordimona und ich sind nun völlig
ein Wesen so zusammengeschmolzen von tausendfachem Entzücken alles Hohe und
Schöne Kühne und heroisch Erduldende der menschlichen Natur ist in ihr
vereinbart Endlich werden wir denn doch noch das Band der Ehe der bürgerlichen
Ordnung wegen tragen aber wahrlich nicht deswegen dass es uns zusammenhalten
soll O sie ist der glückliche Hafen aller meiner stürmischen Wünsche Wir
kennen uns nun von innen und außen bis auf unsre geheimsten Regungen
    Unsre Reise war eine immerwährende Augenlust Wir haben den Weg über Monte
Kassino genommen Hier fühlt man erst recht die Schönheit von Italien und hat
sinnlich vor sich wie sich der Apennin in seiner ganzen Majestät durch dessen
Mitte lagert zur Erfrischung mit seinen luftigen und waldichten Gipfeln für den
Sommer und reizenden Tälern und Ebnen an beiden Meeren für den Winter In weiten
Kreisen türmt sich immer ein Gebirg über das andre und das Farbenspiel geht in
unendlichen Höhen und Tiefen durch alle Töne in süßen und furchtbaren Harmonien
    Der heilige Benedikt hat trefflich für seine Schar gesorgt und die Mönche
zu Monte Kassino leben wie die Fürsten Jeder hat seine drei Bedienten das
Kostbarste vom Lande zu essen und zu trinken und schläft in weichen Betten auf
Stahlfedern Das übrige versteht sich von selbst aus Vorsorge bereitete ich
meiner Fiordimona eine Krankheitsschminke und gab sie für meinen Bruder einen
Sänger aus der seiner Gesundheit wegen in die Bäder von Bajä zöge Und kaum so
sind wir durchgekommen denn die schelmischen Faune witterten doch die blühende
Gesundheit und das Fleisch wie Mandelkern unter dem angestrichnen Gelb
    Ihr prächtiges Kloster liegt auf einem steilen Absatze von einem der
höchsten Berge von unten wie eine Burg des Zeus nur dass umgekehrt von oben das
Wetter des Jahrs wenigstens ein paarmal da einschlägt und wird in kurzer Ferne
von einem stolzen Amphiteater von Gebirgen umgeben wo die Sonne bei ihrem
Untergang immer neue zauberische Schauspiele hervorbringt
    Wir haben uns nur einen Tag zu Neapel selbst aufgehalten und sind gleich
aufs Land hieher gezogen wenn man es Land nennen kann denn Portici ist
gleichsam nur Vorstadt bewohnen den Garten einer jungen Witwe von Tarent
gebürtig die mit Recht den lieblichen Namen Kandida Graziosa führt im besten
Punkt dies wirkliche Paradies zu beschauen denn von Neapel aus ist das
göttliche Meer zu eingeschlossen
    Die Stadt selbst sieht man hier am wahrsten und besten sie ist so recht ein
Sitz des Vergnügens voll Adel voll der lebhaftesten Menschen rundum in
Schönheit und Fruchtbarkeit zu strenger und erhabner Weisheit ists fast nicht
möglich hier zu gelangen Zur Linken die reizende Küste von Sorrent dann die
Fahrt nach Elysium Sizilien dann die Insel der Freuden des Tiberius Kapri
dann die unendlichen Gewässer breit und offen wo sich das Auge verliert und
daneben und darüberhin die alten Feuerauswürfe der Insel Ischia und Procida
und den entzückenden Strich Hügel des Pausilipp und das Gebirg der
Kamaldolenser welche bezaubernde Mannigfaltigkeit Darunter wieder das Gemisch
von unzählbaren Felsenhütten von Neapel wo eine halbe Million Menschen sich
gütlich tun und bei uns hinter dem schüchternen Portici in schrecklicher
Majestät Vesuv Ein echter wonneschäumender Becher rundum dieser große
Meerbusen
    Hier schwimmt alles und schwebt in Lust im Wasser am Ufer und auf den
Straßen Die Feuermassen scheinen dies Land der Sonne näherzurücken es sieht
ganz anders als die übrige Welt aus Gewiss waren alle Planeten ehemals selbst
Sonnen und sind nun ausgebrannt und Neapel ist noch ein Rest jener stolzen
Zeiten Man glaubt in der Venus im Merkur einem höheren Planeten zu wohnen
Immerwährender Frühling Schönheit und Fruchtbarkeit von Meer und Land und
Gesundheit von Wasser und Luft
    Gleich die erste Woche haben wir uns mit der ganzen Gegend und der besonderen
Art Menschen bekannt gemacht und den dritten Tag schon waren wir oben auf dem
Vulkan und genossen den Anblick der höchsten Gewalt in seinem Krater die man
auf Erdboden schauen kann Die Risse von unten heraus trichterförmig gehen
über alle Macht von Wetterschlägen auffliegenden Pulvertürmen und Einbrüchen
stürmenden Meeres Erdbeben die Länder bewegen wie Winde Wasserflächen sind
dagegen nur schwache Vorboten Man glaubt in die Wohnung der Donnerkeile wie ein
Schlangennest hineinzusehen so blitzschnell ist alles aus unergründlicher Tiefe
gerissen von Metall bespritzt und Schwefel beleckt ein entzückend schauerig
Bild allerhöchster Wut
    Sein Gipfel besteht aus lauter Schlacken dies gibt ihm von fern eine
haarichte Riesengestalt Dann wächst lauter Heide und dann in der Mitte fangen
Gärten und Bäume an
    Der Vesuv ist augenscheinlich ein uralter Berg dessen Krater einst
zusammenstürzte wovon die Risse noch an der Somma zu sehen sind Alsdenn hat er
sich vom neuen durch viele Ausbrüche wieder aufgetürmt Vorher war es ein
einziger Berg jetzt mag er nicht so schön mehr sein aber desto furchtbarer
    Wir sind mehr als einmal oben gewesen so hat uns dies Schauspiel und die
Aussicht ergötzt
    Unser Aufenthalt im Garten der Kandida hat uns großes Vergnügen gewährt
aber auch viel von unsrer Freiheit benommen und ist Ursach dass wir früher
zurückreisen als wir wollten Nebenan bewohnt einen andern die Geliebte des
Sohns vom Vizekönig eine reizende Spanierin kaum sechzehn bis siebzehn Jahre
alt sogenannte Gräfin von Koimbra Diese brennt vor Leidenschaft gegen
Fiordimonen und Kandida hat sich mit weniger Geschmack aber besserm Instinkt
in mich und meinen jungen Bart vergafft Beide sind wir so belagert Koimbra ist
eifersüchtig auf mich und Kandida auf Fiordimonen und der Sohn vom Vizekönig
ward es endlich auf uns beide und schöpfte Verdacht gegen alle Die Komödie fing
sich damit an
    Wir kauften gleich bei unsrer Ankunft in Neapel eine Laute und Zither zum
Zeitvertreib und die erste Nacht in Portici hielten wir einen Wechselgesang
Koimbra ward entzückt schon von der Stimme Fiordimonens die möcht ich sagen
wie ein Arm so stark aus ihrer Kehle strömt mit aller Geschmeidigkeit und
Mannigfaltigkeit vom leisen Lispel bis zum Sturm und in Läufen von
erstaunlichem Umfang jeder Ton perlenrein und herzig
    Den andern Abend hörten wir ein Lied von unsrer Nachbarin wozu sie sich auf
einem Psalter begleitete Ihre Stimme ist nur schwach einfach und von wenig
vollen Tönen aber silbern und süß von Empfindung was sie sang war ein
Meisterstück spanischer Poesie und wir haben davon nur die ersten Strophen
behalten
Quando contemplo el cielo
de innumerables luces adornado
y miro hazia el suelo
de noche redeado
en sueño y en olvido sepultado
El amor y la pena
despiertan en mi pecho un ansia ardiente
despide larga vena
los ojos hechos fuente
Oloarte y digo al fin con voz doliente
»Morada de grandeza
templo de claridad y hermosura
el alma que a tua alteza
Naciò que desventura
la tiene en esta carcel baxa escura «36
Der Jüngling war vermutlich bei ihr denn wir hörten hernach sprechen und
seufzen und Stille zu Kuss und Umarmung in der dichten Laube Ach es war in der
Tat ein schöner Abend Kühlender Duft senkte sich nieder und hüllte nach und
nach das Gebirg ein alles wurde verwischt und Form dämmerte nur unten indes
oben die reinen vollkommenen Sterne blinkten Wir meinten wir müssten uns
sogleich mit dem Liede der holden Spanierin emporheben und unsre Stelle
verlassen Es ist unten doch alles so Nichts wenn es nicht von dem klaren
himmlischen Licht seine Gestalt empfängt
    Dann ging der stille Mond am wilden dampfenden Vesuv auf dunkel lag das
Meer noch in Schatten und erwartete mit unendlichen leisen plätschernden
Schlägen seine Ankunft Die Menschen kühlen sich ab in den Fluten machen Chorus
und scherzen und genießen weg ihr Dasein
    Es ist entzückend wie man die Erde mit sich gen Osten unaufhaltbar
fortrollen sieht und die ganze Harmonie des Weltalls fühlt
    »Du bist glücklich Mond« seufzte Fiordimona »du läufst deine Bahn ewig
fort dein Schicksal ist entschieden
    Ach Gott wer wüsste was das Licht wäre das so schön leuchtet und es
erkennen könnte Es ist doch gewiss ein heilig Wesen und tot ist es nicht weil
es sich so schnell fortbewegt
    O wer in den großen Massen Himmel und Meer und Mond und Sternen
Frescobaldi an Deinem liebevollen Herzen immer so schweben könnte Was dies für
eine Ruh und Seligkeit ist Man atmet so recht aus und schöpft mit jedem Zuge
Lust und Erquickung«
    Denke noch zu solchen Wonnelauten unmittelbar von ihren Quellen Kuss und
Blick und Umarmung der Erhabnen
    Koimbra machte hernach mit uns Bekanntschaft und redt uns zuerst an als wir
einander auf einem Spaziergange begegneten ein durchaus gefühlig zartes Wesen
worin aber kühne Blitze von Leidenschaften herumkreuzen Wörtliche
Liebeserklärung erfolgte bald wie Fiordimona sich zu unerfahrner Jüngling bei
Händedruck und schmachtenden Seufzern und Blicken bezeugte Fiordimona spielte
ihre Rolle trefflich um sich nicht erkennen geben zu dürfen und Tätlichkeiten
bis zu unsrer Fortreise abzuhalten und wir sind während der Zeit in der ganzen
Gegend herumgestrichen und wenig anders zu Hause geblieben als zu schlafen Von
Quartier wollten wir nur im höchsten Notfall ändern wegen Anlass vielleicht zu
gefährlichen Auftritten
    Am meisten sind wir zu Bajä am Pausilipp und einige Tage an der Küste von
Sorrento gewesen Von allen diesen Zaubereien mündlich weitläuftig
    Zu Bajä ist ein Wunder der Natur an dem andern und in der alten Römer
Zeiten war noch dabei ein Wunder der Kunst an dem andern wovon die herrlichen
Ruinen außer den Beschreibungen der Dichter zeugen Was der Archipelagus sein
muss wo das immerwährende Leben so um unzählbare Inseln herumwallt wie hier nur
um drei oder vier Glückliche Griechen wenigstens zwei Drittel bewohnten und
bewohnen noch schöne Seeküsten
    Das Grabmal Virgils an dessen Echteit man keinen Grund zu zweifeln hat
ist in der Tat ein rührender Winkel der innerste Punkt des alten Partenope
der Mittelsitz der Ruhe von der See her die Spitze des Winkels von der Bucht
Ich wünschte selbst an einem solchen Ort meine Asche ohne Pomp still ein
kleines Gemäuer Es liegt gerad am Pausilipp in der Höhe über der vor alters
durchgehauenen Grotte nach Pozzuolo Die Pinien schienen allemal voll Ehrfurcht
sich zu seinem Schatten zu neigen und nur leis zu bewegen um seinen Schlummer
nicht zu stören Es ist schön eine solche Stelle zu haben wo sich die
Erinnerungen an einen großen Menschen alle lieblich zusammensammeln
    Das Denkmal an der mit so warmer und heller Empfindung gewählten Stätte ist
mit mancherlei Gesträuch bekränzt Efeu und wilde Weinranken schlingen sich
überall herum und auf der Decke selbst wo in den vielen Jahrhunderten sich
eine Schicht Erdreich festgesetzt hat grünt es am dichtesten Ein Lorbeer
steigt in der Mitte stolz hervor der nur nicht lange dauern wird weil alle
Reisenden Dichter Prinzen und Damen davon abbrechen um Anteil an dem Ruhme
des Unsterblichen zu haben
    Man genießt hier Neapel und den erfreulichen Meerbusen in einem der
schönsten Gesichtspunkte
    Sorrent liegt von Bergen eingeschlossen in einem kleinen Tal das die Form
wie ein Hufeisen hat Es ist das bezauberndste Plätzchen des weiten Paradieses
der Gegend wohinein das Meer noch eine besondere kleine Bucht macht Dessen Ufer
sind hohe senkelrechte Felsen so dass es wie auf einer Bühne sich zeigt Man muss
aus der See eine halbe Stunde lang auf einem Wege von Terrassen hinansteigen
Die niedlichen Häuser und Palästchen stecken in einem Gartenwald von Öl
Pomeranzen Zitronen und Fruchtbäumen hier wachsen die köstlichsten Melonen
    
    Der Vesuv ist davon in seiner einfachsten allergrössten und furchtbarsten
Gestalt zu sehen so stolz und erhaben dass die höchsten Alpen davor
verschwinden Er sieht aus wie ein Wesen das sich selbst gemacht hat alles
andre ist wie Kot dagegen und der Dampf aus seinem offenen Rachen ist im
eigentlichsten Verstand entsetzlich schön An keinem andern Orte möcht ich seine
Feuerauswürfe betrachten es muss ein wahres Bild rasender Hölle sein Unten am
Fuß sind die Menschen mit ihren Wohnungen wie unschuldige Lämmer die er sich
zur Beute herschleppte und die alte Mutter die See zieht vergebens zärtlich
rauschend heran sie zu retten
    Ein entzückender Morgen wie wir wieder Portici hinüber schifften Ein
leichter Nebel deckte dasselbe wie eine zarte Bettdecke Auf dem Gewässer waren
tausend Nachen die unbesorgten Fische zu fangen welche aus ihren Tiefen sich
dem neuen Lichte näherten Leis wallend wie ein unermesslicher Lebensquell
verlor sich das Meer in ein Chaosdunkel woraus Kapri kaum sichtbar in grauem
Duft noch hervortrat In blassem Purpur rötete sich auf den Apenninen der
Himmel und der Vulkan atmete schrecklich der Sonn entgegen in majestätischer
Ruhe seinen schweren Dampf aus der sich an den Seiten herabwälzt Und nun
steigt sie empor in Strahlenglut vollkommen und unveränderlich der Geist ihrer
Welt die alles mit Liebe fasst und in ihrem Glanze spielen die Wellen
    Was mir übrigens an Neapel doch nicht gefällt ist dass man weder Sonne noch
Mond und Morgen und Abendstern im Meer auf und untergehen sieht
    Nachschrift Wir müssen fort noch heute Koimbra brennt in lichterlohen
Flammen und drang gestern in einem herzbrechenden Briefe darauf Fiordimona
solle sie entführen Kandida schlich sich diese Nacht aller feinen Wendungen
überdrüssig in mein Zimmer schier nackend und überraschte mich mit Fiordimonen
deren Geschlecht sie erkannte Und Häl der so treue dass er selbst seinen Genuss
bei dem Kammermädchen der Spanierin drangibt verkündigt uns Mord und Tod und
die ausgestellten Wachten und Posten des getäuschten Liebhabers
Diesen letztern Brief erhielt ich erst zu Florenz von seiner Tante einer jungen
Witwe ohne Kinder voll Geist und Anmut im Umgang und mannigfaltigen Reizen
Ardinghello war noch nicht wiedergekommen bei meiner Ankunft daselbst und sie
erteilte mir anfangs über sein Ausbleiben zweifelhafte Nachrichten von
fürchterlichen Begebenheiten die sich hernach nur zu gewiss bestätigten Doch
vorher etwas von mir und meiner Reisegesellschaft Ich habe aus seinen Briefen
alles weggelassen was meine Angelegenheiten betraf um die Geschichte nicht zu
verwickeln und weitläuftig zu machen
    Auch ich stand auf dem Punkte mich zu verheuraten als meine Geliebte von
der Seuche weggerafft wurde die von Trient nach Verona und von da nach Venedig
kam und sich hernach durch die Lombardei verbreitete Ich folgte nun mit Begier
der Einladung meines Freundes um mich von den traurigen Gegenständen zu
entfernen und sagte davon Cäcilien
    Sie konnte gleich vor Ungeduld nicht bleiben die Reise mitzumachen Noch
hatt ich ihr immer nicht entdeckt dass ich alles von ihr und Ardinghellon wusste
ich scheute die Lage in welche mich dies versetzen würde Nur gab ich ihr
zuweilen von ihm Nachricht mit Verschweigung seiner Liebesgeschichten und sie
hatten sich auch einander selbst geschrieben welche Briefe mir aber nicht in
die Hände gekommen waren so dass ich nicht wusste was für Wendungen er bei ihr
brauchte und wie sie zusammen standen Ich mochte mich nicht mehr dreinmischen
und einem Tauben predigen ließ aber nun doch gewissermaßen dazu genötigt der
Sache ihren baldigen Ausgang
    Cäcilia beredete gleich ihren Vater und ihre Mutter zu einer Wallfahrt nach
Loretto Von ihren Brüdern war einer zu Korfu und der andre blieb zu Hause Und
so brachen wir denn in der Geschwindigkeit zusammen auf Sie nahm ihr Söhnchen
mit einen kleinen Engel Wie ein Vogel der dem neuen Frühling zueilt war
alles an ihr
    »O unsern Ardinghello muss ich doch auch gleich sehen« hieß es zu Florenz
Das Gerücht war schon in der Stadt dass er einen jungen Anverwandten des Papsts
ermordet und sich darauf aus dem Staube gemacht habe Ich sagt es ihr geradezu
damit sie bei keinem andern durch ihre Leidenschaft Verdacht erregte »O Gott«
war ihr Wort und blass wie eine Lilie und verstummend begab sie sich beiseite
Ihre Eltern befürchteten darauf sie habe die Krankheit Sie litt Todesqualen
als sie ferner erfuhr die Tat sei um Mitternacht vor dem Palaste der Fiordimona
geschehen Die Unglückliche liebte ihn wahrhaftig und von Grund der Seele
    Sonderbarerweise hielt sich in demselben Gasthofe Fulvia mit ihrem Gemahl
auf sie hatten Genua wegen der bürgerlichen Unruhen verlassen worin schon
verschiedene Edle dort ihr Leben einbüssten Ein allgemeines Strafgericht schien
wirklich über Italien nach dem Ausspruch der Gottesgelehrten wegen seiner Sünden
und Bosheiten verhängt Auch sie führte ihr Söhnchen das sie aus voller
mütterlichen Liebe selbst säugte bei sich Eine wahrhafte Bacchantinfigur wie
von einem griechischen Basrelief oder einer alten Gemme weg ins wirkliche Leben
gezaubert Die Glut schlug aus ihren schwarzen Augen und ihre Lippen schienen
berauscht zu dürsten Auch sie musste das Gerücht von Ardinghellon erfahren
haben Doch lief dabei noch ein andres herum der Kardinal Bruder des
Grossherzogs habe den Anverwandten des Papsts ermordet und nicht Ardinghello
Dieser sei entwichen vermutlich um nicht in Verhaft genommen zu werden und die
Schuld für den mächtigen Kardinal zu büßen So schwebten wir zwischen Furcht und
Hoffnung
    Fulvia machte sich nach Rom auf obgleich vor kurzem erst aus dem Kindbette
und von der von Genua nach Florenz gemachten Reise ermüdet und wir bald ihr
nach um an die Quelle zu gelangen Ich ging gleich zu Demetrin welcher von
nichts weiter etwas wissen wollte als was jedermann sagte ob ich ihm gleich
meine Freundschaft mit Ardinghellon aus deutlichen Proben anzeigte So schlau
und sicher betrug er sich Auch glaub ich dass Ardinghellos Tante der ganzen
Begebenheit kundig war aber beide liebten ihn schier wie sich selbst und bei
solchen Gefahren kann man nicht genug behutsam sein
    In Rom erfuhren wir noch dass der Kardinal sich dieselbe Nacht wo der
Anverwandte des Papsts sei ermordet worden die Hände und Arme von zwei der
geschicktesten Chirurgen habe verbinden lassen die ihm mit starken Wunden wären
verhauen gewesen Tags darauf hab er und Fiordimona Wache vor ihr Zimmer
bekommen seien aber bald wieder davon befreit worden nur hätte der Papst ohne
weitere Untersuchung Fiordimonen von Rom verbannt und auf ihre Güter verwiesen
Die Sache läge so vertuscht und man laure Ardinghellon doch als dem Täter auf
und habe Kundschafter allerorten nach ihm ausgesandt
    Gewissere Nachricht konnten wir nicht erhalten Wir reisten von Rom ab nach
Loretto und hielten uns Sommer und Herbst in den Gebirgen des Apennin auf
Cäcilia und ich mit tiefer Trauer in der Seele dass der Kardinal unsern Liebling
heimlich möchte aus dem Wege geräumt haben Nach und nach wurden wir vertrauter
über diesen Punkt sie gestand mir endlich von selbst ihre Leidenschaft und
fasste Mut auf meine tiefe Treue weinte wie ein Kind über ihre unseligen
Schicksale und dass sie endlich hatte wo sie ihr angeschwollnes Herz erleichtern
konnte So umschlang uns beide das Band einer vertrauten und innigen
Freundschaft
    Endlich im November erst empfing ich einen Brief von diesem der schon im
August geschrieben aber von Demetri oder seiner Tante denn von der letztern
kam er zu mir verspätet worden war Mir dünkte als ob ich von einem
fürchterlichen Traum erwachte und den Glanz der Morgenröte schaute als ich die
Züge seiner Hand erblickte
                                                               Brindisi August
Meine widerwärtigen Schicksale erheben mich mehr als dass sie mich
niederschlagen sollten je stärker der Widerstand desto gedrungner und
geschwellter regt sich alles in mir Ich glaubte schon in Genuss und Ruhe zu
sein und jetzt erst beginnen meine Arbeiten Ich seh in ein neues Leben hin
und das hohe Getümmel ergreift meine Sinnen Gut dass ich nicht wie ein Kind
hineinkomme Das Leben des Jünglings ist Liebe das Leben des Mannes Verstand
und Tat
    Ach dass ich Dich nicht noch einmal sprechen durfte Wir kamen bei Nacht zu
Rom an ich schickte Hälen mit meinen Pferden voraus und wollte mit Fiordimonen
auf ihr Gut alle Vene nachfahren um uns dort zu vermählen Sie hatte deswegen
in der Stadt verschiednes zu besorgen und mitzunehmen aber es ist alles nun
zerstört und zerrissen Ich versteckte mich auf die drei oder vier Tage bei
Demetrin damit mich der Kardinal nicht wittern möchte sie hatte mir manches
erzählt wie er sie mit seiner Liebe verfolgte und dass sie ihn nicht leiden
könnte
    Die zweite Nacht kam ein fürchterliches Donnerwetter ohne Regen über Rom
und es schmetterte Schlag auf Schlag als ob alles untergehen sollte Statt dass
ich sonst große Freude an diesen Naturbegebenheiten habe und mich daran nicht
satt hören und sehen kann wurde mir diesmal selbst bang im Herzen Der Mensch
ist ein sonderbares Wesen und voller dunkeln Gefühle die kein Philosoph
aufklärt es war gewiss Ahndung dessen was mir bevorstand Ich warf meinen
Mantel um mich und nahm den bloßen Degen auf alle Gefahr unter den Arm und ging
fort um Fiordimonen in der schrecklichen Nacht nicht allein zu lassen in ihrem
Palaste waren den Sommer über nur ein paar alte Bedienten und Frauen
zurückgeblieben Sie hatte mir den Schlüssel zu einer Seitentür gegeben Ich
eilte und ging oft wieder langsam und hielt im Schritt ein Endlich kam ich in
das kleine Gässchen an den Garten wo ihr Schlafzimmer ist und wurde plötzlich
angefallen mit einem Dolchstoss in die Seite Ich sprang zurück Blitze machten
die Finsternis hell und zum Tage erblickte den Mörder der mir nicht ausweichen
konnte Er rennte noch einmal auf mich zu mich zu unterlaufen und ich stieß
ihn auf der Stelle nieder Bei diesem allen wurde kein Wort ausgesprochen indes
der Donner um uns brüllte dass die Erde dröhnte
    Kaum war dies vorbei und ich im Begriff den Leichnam wegzuschleppen so
tritt eine andre verkappte Gestalt auf und setzt mit Tigersprüngen auf mich ein
dass ich mit Not den Augenblick erhasche mich zur Wehre zu stellen
»Vermaledeite Brut« hört ich die Stimme meines Kardinals der in die
vorgehaltne Klinge mit der Brust lief die ich bepanzert fühlte Erstaunt und
erschrocken über alle die Folgen tat ich nichts als ihn von mir abhalten
gebrauchte meine ganze Stärke und war bald so glücklich dass ich ihm den Degen
herausschlug hieb ihn auf die Hände womit er in Raserei mein Gewehr fassen
wollte schonte sein Leben und lief dann davon und durch Nebenwege wieder zu
Demetrin
    Diesem erzählt ich gleich was geschehen war und vertraute ihm das
Hauptsächlichste meiner Geschichte mit Fiordimonen und sein großer edler
Charakter erhielt hier Gelegenheit sich zu zeigen Er verbarg mich
unerforschlich und half mir die folgende Nacht fort nachdem wir erfuhren dass
der Ermordete den wir zuerst für einen Banditen hielten selbst Vetter des
Papsts der jüngere B sei Auch dieser war wütend in Fiordimonen verliebt ob
sie mir gleich nie etwas von ihm gesagt hat Meine Wunde ging nur gestreift über
die Rippen weg das Stichblatt vom Degen im Arm hielt den Stoß auf und wir
brauchten dazu keinen Chirurgen Tolomei verkleidete sich mit mir in einen
Franziskaner und so sind wir die Pontinischen Sümpfe zu Fuß durch und von Kapua
durch Kalabrien nach Brindisi Heroen echte wie Teseus und Peritoos wie
Orestes und Pylades Demetri und er O der Mensch kann groß sein in jedem
Zeitalter und das Edle in seiner Natur bleibt immer irgendwo noch auf Erdboden
    Fiordimona dauert mich was kann das Feuer dafür dass es brennt Demetri hat
kurze Nachricht vom ferneren Erfolg an Tolomein nach Brindisi gegeben unter
andern Dingen die er ihm meldete dies wie im Vorbeigehen wenn ungefähr der
Brief sollte aufgefangen werden sie und der Kardinal haben des Mordes wegen
Arrest bekommen Um alles noch zu tun was ich kann hab ich selbst an den
Heiligen Vater geschrieben und an den Grossherzog und noch an den Kardinal und
ihnen allen die Natürlichkeit und Notwendigkeit der Begebenheit und meine
Unschuld vorgestellt
    Und nun denn hinein in die Wasserwelt o wie klopft mir das Herz O
Vaterland Vaterland dass ich dich in Ketten und Banden sehen muss und von dir
scheiden Lebe wohl schönes Italien lebe wohl Lebe wohl Venedig Genua und
Rom O du warst es wert stolzes Land vor allen andern einmal die Herrschaft
über die Welt zu haben Umarm und küsse Cäcilien statt meiner das himmlische
Geschöpf wird an keines andern Brust besser aufgehoben und glücklicher sein als
der meines Freundes Befürchtet keine Sünde der Größte der Halbgötter gab Iolen
mit der empfangnen Frucht seiner Liebe seinem eignen Sohne zur Gattin Lucinde
du allein brennst mich auf dem Herzen aber ich will alle Verfolgungen des
erzürnten Himmels dulden wenn ichs büßen kann
    Lebt wohl ihr Höhen des Apennin und ihr entzückenden Täler wohl du
königlicher Po und du Tiber und Arno ach und ihr klaren Quellen des
Klitumnus Ein günstiger Wind schwellt die Segel und ich flieg Ionien entgegen
Ich reiße mich von Eurem Herzen o all Ihr Lieben um Eurer würdig zu sein
                                                                     Ardinghello
Fiordimona war leider an allem schuld sie mochte nun erkennen wohin ihr
schönes System führe Sie hatte vermutlich erst dem Neffen des Papsts Gehör
gegeben und hatte dann dem Kardinal Gehör gegeben und suchte beide
loszuwerden wie sie Ardinghello mit ganz andrer Lust und Freude und Schönheit
und Inbrunst an sich fesselte und dieser ließ sich in jugendlichem Taumel von
ihren überschwenglichen Reizen fangen Die verwegne Reise nach Neapel machte sie
wahrscheinlich deswegen um die ersteren ganz von sich abzubringen welche
vielleicht auch den Weg zu den Quellen des Klitumnus wussten und den Ardinghello
in aller möglichen Lust ungestört zu genießen Ein Weib kann seine Natur nicht
verleugnen sie kam den folgenden Winter mit Zwillingen von beiderlei Geschlecht
nieder und fand es doch ihrem Stande gemäß den Vater derselben als Gemahl zu
besitzen
    Die Mohrin musste unter den heftigsten Drohungen ohne Zweifel dem Kardinal
ihre Reise mit Ardinghellon anzeigen konnte aber nicht sagen wohin Und zu Rom
und alle Vene wurde voll Rache auf ihre Zurückkunft gelauert In der
Leidenschaft hatte das zärtliche Paar seine Maßregeln nicht behutsam genug
genommen
    Ardinghello wurde allgemein bedauert und auch Fiordimonen tadelte man nicht
sehr sie machten miteinander das vollkommenste Paar aus das man weit und breit
hätte finden können Das Verständnis der letztern mit dem Neffen und dem
Kardinal ließ sich durch den Ausgang nur mutmaßen und blieb außerdem im
verborgenen ihre seltene Schönheit und hohe Naturgaben und Reichtümer sprachen
übrigens für sie und das Geschwätz der Weiber hielt man für Neid und
gewöhnliche Lästerung Jeder Triumph hat seine Schmählieder vom Pöbel
hinterdrein dies ist in der NaturDer Mann im Purpurhute schwieg hierüber
weislich und sagte nicht mehr als was er sagen musste ins Ohr dem Richter Ich
habe hernach in lauter neuem Vergnügen vergessen sie hierüber auszuforschen
    Von den Gütern des Ardinghello wurde nichts eingezogen der Kardinal musst es
doch groß finden dass er sein Leben schonte da er es in seiner Gewalt hatte
und seine Tante übernahm deren Verwaltung als Schwester seines Vaters Sie
verkaufte einen Teil davon und tilgte die Schulden der Edle hatte manchem Mann
von Talent aus der Not geholfen und in eine bequemere Verfassung gesetzt
welches nun bekannt wurde
    Erst den Frühling darauf erhielt ich wieder kurze Nachricht von ihm ein
Brief war unterdessen mit einem venezianischen Schiffe verlorengegangen das im
Sturm bei Korfu scheiterte
                                                          Im Hafen zu Scio Mai
All mein Wesen ist Genuss und Wirksamkeit heiter der Kopf immer voll heller
Gedanken reizender Bilder und bezaubernder Aussichten und das Herz schlägt mir
wie einer jungen Bacchantin im ersten ganz freien Liebestaumel
    Diagoras durchstreicht mit mir den Archipelagus damit ich jeden
gefährlichen Pass und alle Häfen kenne Von Smyrna sind wir ausgelaufen den
langen Golfo durch nach Mytileni Tenedos an den Dardanellen herum nach
Stalimene den herrlichen Posten Skyros und von hier ferner in jeden guten Hafen
der Kykladen Jetzt sind wir an den Küsten von Asien und werden bis Rhodos in
den Golfo von Makri segeln und von dort nach Ägypten Die Arbeit wird mir
leicht denn er hat von seinem Alten die trefflichsten Karten woran wir wenig
verbessern können
    Überall weiß mein edler Führer wo die neueren Helenen Aspasien und Phrynen
stecken und hat mit mancher schon in Korsarenehe37 gelebt Liebesgötter
umgaukeln uns sooft wir einlaufen
    Demetri hat einen glücklichen Geburtsort gehabt Scio ist die schönste Stadt
aller griechischen Inseln und die Rebenhügel und Täler und Gärten zwischen den
Gebirgen im Innern des Landes mit ihren Pomeranzen Zitronen und
Granatenhainen von klaren herabstürzenden Bächen erfrischt und belebt sind
entzückend und bezaubernd
    Jedoch so schön ist alles wie Du längst weißt unter diesem seligen Himmel
fast immerwährender Frühling und für die Sommerhitze kühle Nächte dichte
Schatten spielende Seelüfte Menge von Quellen und Überfluss an gesunden und
erquickenden Früchten
    Paradies der Welt Archipelagus Morea Karien und Ionien o dass ich würdig
werde euer ganz zu genießen
    Die Griechen sind noch immer an Gehalt und Schönheit die ersten Menschen auf
dem Erdboden ihre Liebe zur Freiheit und ihr Hass gegen alle Art von
Unterdrückung noch ebenso wie bei den Alten Sobald sie nur ein wenig Luft
bekommen von der ungeheueren Masse des Schicksals die sie drückt wie regt sich
alles und ist Leben und Feuer und wie halten sie an wie blitzschnell
durchdringt ihr Verstand bei Gefahr übersieht das Ganze und schlägt den rechten
Weg ein Die Mainotten auf den Gebirgen von Sparta sind noch nie bezwungen
worden sie und Montenegriner Illyrier und Karier Helden wie ihre Urväter bei
Plataia
    Kunst und mildere Sitten sind nur Ausbildung und machen weder eigentlichen
Kern noch Genuss aus
    Und der Hang zur Freude zur Lust zu Gesang und Tanz wie klopft er dennoch
ebenso in ihren Adern und wie mächtig das Gefühl für Schönheit
    O Du und Cäcilia Ihr meine Geliebten eilt hervor aus Euren Sümpfen
                                                                     Ardinghello
Im Herbste schrieb er mir von Sizilien aus in dessen Gewässern er herumkreuzte
und reiche Beute machte am Fuß der Säule des Himmels des stürmigen Ätna aus
dessen hohlen Eingeweiden die lautersten Quellen unergründlichen Feuers geworfen
werden
    Ulazal der berühmte Kalabreser das Schrecken der Mittelländischen See
welcher die türkische Flotte anführte und schon verschiedenemal die Spanier
schlug hatte ihn mit Freuden aufgenommen Er tat sich bald hervor durch
Verstand und Tapferkeit bekam alsdenn eine Galeere unter seine Befehle worin
meistens italienische Renegaten und Griechen dienten und es wurde durch
Vermittlung des Diagoras des Sohns vom Admiral so unter der Decke getrieben
dass er nicht einmal seinen Glauben abschwören durfte und man dies für geschehen
annahm Er und dieser junge Held sein Todesbundesfreund streiften nun jeder
mit einem kleinen Geschwader als raublüsterne Adler an den Küsten von Kalabrien
Sizilien und Spanien herum
    Den Winter darauf machten sie den Anfang mit Ausführung eines der kühnsten
und feinsten Plane Der alte Ulazal und besonders sein Sohn galten alles bei dem
jungen Sultan Amurat Diese begehrten die Inseln Paros und Naxos um eine
italienische Kolonie hier anzulegen Beide waren durch Krieg schier unbewohnt
geblieben Die wenig übrigen Griechen wollte man reichlich wegen ihrer
Besitzungen entschädigen und an andre Örter verpflanzen und zwar deswegen weil
die Abkömmlinge ihre eigne Religion auszuüben verlangten und damit weder stören
noch darin gestört sein wollten Es wären in diesem Jahrhundert mancherlei
Sekten unter den Christen entstanden die sich einander bis aufs Blut hassten und
verfolgten unter andern eine die sich Todesleugner nennten und glaubten dass
die Natur ein ewiger Quell von Leben und der Trieb alles Daseins Freude sei
deren Meinungen mit der Lehre Mahomeds in wesentlichen Punkten übereinkämen Zu
dieser hielten sich die edelsten und reichsten Jünglinge und Frauenzimmer und
hofften am ersten unter seiner Herrschaft Schutz
    Ein Held aus ihnen einer von ihren Anführern habe flüchten müssen diene
bei ihnen und verrichte seinen Grundsätzen gemäß die tapfersten Taten Eine
Menge würde diesem nachfolgen wenn sie Sicherheit für ihre Personen und ihr
Eigentum wüssten Der große Vorteil für sein Reich dabei wäre augenscheinlich
außerdem dürften wohl wenige Muselmänner an Feuer im Gefecht gegen die
sogenannten Ortodoxen ihnen gleichkommen
    Amurat wollte den Ardinghello sehen
    Dieser trat auf in männlicher Jugend und Schönheit kühn als ob er selbst
ein Sultan wäre und gefällig wie vor einer Semiramis Sie sprachen
Neugriechisch miteinander und Amurat blieb von ihm bezaubert sie waren schier
von gleichem Alter und Ardinghello schmeichelte lieblich und mächtig seiner
geheimsten Denkungsart
    Sie erhielten was sie wollten
    Ardinghello schrieb gleich an Demetrin den er bei seiner Schwäche fasste
Jeder Mensch auch der festeste Charakter hat seinen Grad von Schwärmerei die
reinste Vernunft so wie die geringste Insektenseele ihre Ebbe und Flut unter
dem Mond Und sandte geheime sichere Werber aus nach Venedig Genua Florenz mit
starken Summen zu Reisegeldern Er kannte die vortrefflichste Jugend in allen
diesen Städten und sein Name schon allein war genug Verführung
    Den neuen Frühling bewegte sich alles in den lustigen Inseln Sie
befestigten zuerst die Häfen von Paros und machten besonders den Hafen Nausa wo
die größten Flotten sicher liegen ganz unüberwindlich Demetri kam bald mit
zwei Schiffen voll jungen tapfern Römern und blühenden Römerinnen in den
zauberischen Gegenden seiner Geburt an und Künstlern Architekten Bildhauern
Malern äußerst missvergnügt vorher über ihren Lebenswandel und hatte seinen
Abzug mit wunderbarer Klugheit bewerkstelligt
    Sie brachen Marmor in den reichen Gängen des Bergs Kapresso zu Tempeln
öffentlichen Palästen mit Versammlungshallen das alte Athen unter dem Perikles
schien wieder aufzuleben Und es lebte wirklich und verklärt auf Nach Vertrag
und Übereinkunft mit dem Ardinghello und Diagoras predigte Demetri erst
insgeheim Auserwählten seine neue Religion die mehrsten andern fielen hernach
diesen bald bei und endlich alle Tolomei tat Wunder mit seiner Schönheit und
einschmeichelnden Zunge Wir waren meistens lauter unbefangne Jugend
    Ein neues Panteon wurde der Natur aufgeführt ein Tempel der Sonne und den
Gestirnen ein Tempel der Erde ein Tempel der Luft und einer auf einem
Vorgebirg in die See hin tronend dem Vater Neptun und dann noch ein Labyrinth
angelegt von Zedern und Eichen zur künftigen schauervollen Nacht für Zweifler
dem unbekannten Gotte Der Tempel der Erde der Tempel der Luft und das
Labyrinth kamen nach Naxos der Tempel der Erde in ein entzückendes Tal
    Während der Zeit hatte Fiordimona den größten Teil ihrer Güter zu Gelde
gemacht und überraschte mit einem kleinen Kastor und einer kleinen Helena den
glücklichen Ardinghello sie ward von der Koimbra begleitet die sich mit List
und Gewalt zu Neapel mit ihr einschiffte und einer auserlesnen Schar
    Ich konnte Cäcilien nicht länger widerstehen ihrem Gram und Kummer Sie
schien dieselbe nicht mehr die sie bei den großen Szenen ihres Lebens war aber
eben dies machte sie mir immer liebenswürdiger Nach dem Tode meiner Braut und
unsrer Reise glaubte man in Venedig allgemein bei unserm vertrauten Umgange und
selbst ihre Brüder und Eltern dass wir uns bald vermählen würden Sie verkaufte
unter allerlei Vorwand ihre reichsten Güter wir segelten wie zu einer
Lustreise aus der alten Residenz des heiligen Markus nach Ancona schifften uns
dort ein nach Smyrna und kamen auch an Welch ein Auftritt Ardinghello sie und
ich So hat die Freude ihren Nektarrausch noch in wenig Herzen ergossen
    Alles ging nach Wunsch nur Fulvia war unglücklich Sie flüchtete auf einem
Schiffe Genueser dem man nachsetzte Es kam bei dem Golfo von Tarent zu einem
mörderlichen Gefechte wo sie die volle Ladung eines Mörsers traf und in
Trümmern zerfleischte Die jungen Helden schlugen sich jedoch durch und langten
an und brachten zugleich die Nachricht Lucinde sei zu Lissabon vermählt mit
dem Florio Branca welchen der König zum obersten Admiral seiner ganzen
Schiffahrt gemacht habe
    Gabriotto band dem Ardinghello nichts auf als er ihm erzählte ein
portugiesischer Prinz sei der wahre Vater von Lucinden Dieser war vor kurzem
auf den Thron gestiegen und ließ nun die provenzalische Frucht seiner Liebe
aufsuchen weil er mit seiner Gemahlin ohne Kinder blieb Und Lucinde kam schon
vorher in der klösterlichen Einsamkeit wieder zu sich von ihrer Leidenschaft
wofür sie genug gebüßt hatte und ließ ihren wohl größtenteils verstellten
Wahnsinn Sie ward wie im Triumph mit einem prächtigen Schiff unter Bedeckung
von andern abgeholt Die Großen des Reichs lagen der himmlischen Schönheit bald
zu Füßen aber das edle Herz wählte seine erste Liebe
    Ihre Ehe war äußerst glücklich sie zeugten viel Söhne und Töchter von
welchen jene der Vater zu Helden bildete und diese die Mutter durch ihr
unvergleichliches Beispiel zu trefflichen Wirtschafterinnen und frommen
zärtlichen und keuschen Frauen
    Ardinghellon war ein ander Los beschieden eine andre Glückseligkeit von
mancherlei Stürmen und Gefahren durchwütet
    Mazzuolo brachte mit einem starken Trupp Florentinern Emilien noch in seine
Arme und er schien für jetzt Mahomed im Paradiese bei lebendigem Leibe
    Demetri ward zum Hohenpriester der Natur von allen einmütig erwählt
Ardinghello zum Priester der Sonne und der Gestirne Diagoras zum Priester des
Meers Fiordimona zur Priesterin der Erde und Cäcilia zur Priesterin der Luft
Koimbra und ich pflegten und warteten das Labyrinth
    Demetri und Ardinghello und Fiordimona setzten Gesänge auf aus dem Moses
Hiob den Psalmen dem Hohenlied und dem göttlichen Prediger und aus dem Homer
dem Plato und den Chören der tragischen Dichter und ihrer eignen Begeisterung im
Italienischen für sich und die andern Priester und Priesterinnen und die
Gemeinde und erfanden heilige Gewänder in echter alter ionischer Grazie und
Schönheit Und die Feierlichkeiten ergriffen bei dem Reize für Aug und Ohr noch
mit den starken Bildern aus wirklicher Natur den ganzen Menschen dass alle
Nerven harmonisch dröhnten wie Saiten von Meistern gespielt auf wohlklingenden
Instrumenten Alles leere Pöbelblendwerk ward verworfen und wir wandelten in
lauter Leben
    Darauf richteten wir unsre Staatsverfassung ein nach Rom und Griechenland
und studierten fleißig dabei die Republik des Lykurg des Plato die Politik des
Aristoteles und den Fürsten vom Machiavell um uns vor diesem zu bewahren
Platons doppelten Bürgerstand wo die eine Klasse die Ehrenstellen haben und die
andre den Ackerbau treiben soll vermieden wir weislich behielten aber die
Gemeinschaft der Güter gegen den Aristoteles Der Haufen Übel den wir dadurch
verbannten war allzu groß und der scharfsinnige Prüfer aller zu seiner Zeit
bekannten Republiken schien uns hierin die Vorurteile der Erziehung nicht genug
abgelegt zu haben Inzwischen fand noch immer Eigentum statt nämlich
öffentliche Belohnungen und jedem blieb was er mit sich brachte bis ans Ende
seiner Tage
    Ferner waren die Weiber nach dem erhabenen Schüler des Sokrates jedoch auch
nur gewissermaßen gemeinschaftlich und so die Männer das ist jedes hatte
völlige Freiheit seiner Person und alle Gewalttätigkeit wurde hart bestraft
Für gute Ordnung war dabei wohl gesorgt Männer und Weiber wohnten voneinander
abgesondert Den Weibern und Kindern überließen wir ganz Naxos die schönste
Perle aller Inseln von den Alten schon wegen ihrer Fruchtbarkeit und
Lieblichkeit das kleine Sizilien genannt Ihr Wein und ihre Früchte haben an
Köstlichkeit ihresgleichen nicht auf dem weiten Erdboden Schade nur dass sich
jener nicht verführen nicht einmal auf die See bringen lässt ohne sogleich zu
verderben Wahrer Nektar dem Himmel unentwendbar Alles schien für uns von der
Natur selbst schon vorherbereitet Naxos hatte keinen Hafen für Schiffe nur
die Barken der Verliebten können anländen hingegen Paros deren fünf rundum
einen immer schöner als den andern
    Für die Jugend bevor sie mannbar ward hatte man noch andre Einrichtungen
getroffen
    Auch die Weiber hatten Stimmen bei den allgemeinen Geschäften und wurden
nicht als bloße Sklavinnen behandelt doch nur zehn Prozent in Vergleich mit den
Männern Fiordimona die unbegreiflich allein  wer kann des Menschen Charakter
fassen  dem Ardinghello treu blieb hatte dies durchgesetzt wie noch andres
Amazonenhafte für ihr Geschlecht dass sie zum Beispiel auch Schiffe ausrüsteten
und auf Streifereien ausliefen Sie waren Mitglieder vom Staat obgleich die
schwächern und ihnen blieb das Recht gut oder nicht gutzuheissen besonders was
sie selbst betraf
    Übrigens war immer der Hauptunterschied dass die Männer erwarben und sie
bewahrten
    So schwang die Liebe in allerhöchster Freiheit ihre Flügel jedes beeiferte
sich schön und liebenswürdig zu sein und konnte sich weder auf Geld und Gut
noch Pflicht und Schuldigkeit verlassen Was die Bevölkerung betraf wollten wir
uns in der Folge nach dem Spartaner richten von welchem die erstaunte
Priesterin zu Delphi nicht wusste ob sie ihn als Sterblichen oder Gott begrüßen
sollte die Kinder gehörten dem Staate und der Tod dünkte uns bei weitem nicht
das größte Übel
    Kurz wir vermieden alle die Unbequemlichkeiten die Aristoteles und zum
Teil schon Aristophanes in seiner weiblichen Volksversammlung bei solchen
Einrichtungen berühren
    Um jeden Tempel auf Bergen und Anhöhen mit den Aussichten auf die
reizenden Inseln umher war ein schöner Hain gepflanzt bestimmt noch außer
Festen zur Erziehung der Jugend Nebenan führte man nach und nach Gymnasien auf
Wir hielten die Übung des Körpers für die Hauptsache welcher alsdenn die
Bildung des Geistes durch zweckvollen Unterricht und im Umgange leicht
nachfolgt Alle Tugenden und Künste müssen sich allemal nach dem gegenwärtigen
Staate richten wenn sie wirken und Nutzen bringen sollen oder überhaupt jede
Tugend nach der Person
    Binnen wenig Jahren hatten wir schon alle Kykladen im Besitz und starken
Einfluss auf dem festen Lande Bei den Griechen fast durchgehends heitern
Sinnes rotteten wir in gesellschaftlichen Gesprächen bald den Aberglauben aus
und verschaften ihren Geistlichen auf anständigre Weise Unterhalt Die Türken
die sich um uns mitten im Meer wenig bekümmerten ließ wir in der Meinung
die verschiedenen Tempel seien nur für verschiedene christliche Heiligen als für
den Heiligen des Feuers der Wasser der Lüfte Überhaupt herrschte über diesen
Punkt die Fortpflanzung und andre bei uns unerhörte Verschwiegenheit wir
schienen durchaus ein Orden dieser Tugend Auf allen Fall hielten wir uns des
Schutzes vom Sultan für versichert
    Wir machten uns die gesellschaftlichen Bürden so leicht wie möglich zu
ertragen und genossen alle Wonne dieses Lebens unter dem milden Himmelsstrich
bei den erspriesslichen und allgemein beliebten Gesetzen und das Ganze fügte
sich immer lebendiger zusammen und wuchs zur reifen Schönheit durch neue
auserwählte Ankömmlinge worunter sich die schönste und heldenmütigste
griechische Jugend aus beiderlei Geschlecht befand die wir mit Behutsamkeit in
unsern Geheimnissen einweihten Kriegerische Schiffahrt und Handlung zwischen
Kleinasien dem Schwarzen Meer und den westlichen Ländern und höchste Freiheit
süßes Ergötzen und frohe Geschäftigkeit im Innern darauf zweckte alles durch
jene erhielten wir Sicherheit und verdienten Schutz und durch beides gewannen
wir Sklaven und Sklavinnen und Überfluss an allen Bequemlichkeiten Bei aller
dieser Seligkeit glaub ich jedoch dass auf dem ganzen Erdboden kein andrer Platz
war wo man sich so wenig vor dem Tode scheute
    Jeden Frühling war allgemeine Versammlung worin wir die nötigen neuen
Einrichtungen oder Abänderungen für das ganze Jahr trafen sie wurde mit
feierlichen Spielen und Lustbarkeiten beschlossen
    Kurz wir kamen beieinander so verschieden auch mancher vorher dachte in
folgenden Grundbegriffen überein Kraft zu genießen oder welches einerlei ist
Bedürfnis gibt jedem Dinge sein Recht und Stärke und Verstand Glück und
Schönheit den Besitz Deswegen ist der Stand der Natur ein Stand des Krieges
    Das Interesse aller die sich in eine Gesellschaft vereinigen bildet darauf
Ordnung stiftet Gesetze und innerlichen Frieden alles richtet sich dabei wie
bei jedem andern lebendigen Ganzen immer nach den Umständen
    Der beste Staat ist wo alle vollkommne Menschen und Bürger sind und diesem
folgt wo die mehrsten es sind Hier wird kein Nero gedeihen Derjenige Mensch
und Bürger ist vollkommen welcher seine und seines Staats Rechte kennt und
ausübt
    Jedes hat fürs erste das Bedürfnis zu essen zu trinken mit Kleidung und
Wohnung sich zu schützen und zu sichern die Wahrheit von dem Notwendigen
einzusehen und wenn es mannbar ist das der Liebe zu pflegen Vermag es nicht
sich dieses friedlich zu verschaffen so darf es dazu die äußersten Mittel
brauchen denn ohne dasselbe erhält es weder sich noch sein Geschlecht
    Auf gleiche Weise geht es hernach mit den Bequemlichkeiten und Freuden des
Lebens Ein armer schwacher Staat mag sich an den ersten rohen begnügen allein
dieses ist zur Glückseligkeit nicht hinlänglich Der starke und tapfre hat zu
mehrerm Recht eben weil er weitre Bedürfnisse hat Das beste Instrument gehört
dem besten Virtuosen das königlichste Ross dem mutigsten und geübtesten
Bereiter Land für Temistoklesse und Scipionen für Praxitelesse und Horaze
keinen Mönchen und Barbaren
    Wirkliche nicht bloß eingebildete und erträumte Glückseligkeit besteht
allezeit in einem unzertrennlichen Drei in Kraft zu genießen Gegenstand und
Genuss Regierung und Erziehung soll jedes verschaffen verstärken und
verschönern
    Der Krieg richtet greuliche Verwüstungen an es ist wahr bringt aber auch
die wohltätigsten Früchte hervor Er gleicht dem Elemente des Feuers Es ist
nichts was den Menschen so zur Vollkommenheit treibt deren er fähig ist Das
goldne Jahrhundert der Griechen kam nach den Schlachten gegen die Perser Das
goldne Jahrhundert der Römer war mitten unter ihren Bürgerkriegen und ihr Geist
fing an zu erschlaffen bei dem langen Frieden unter Augusten Florenz ragt in
den neueren Zeiten hervor bei innerlichem Tumult und Aufruhr
    Die höchste Weisheit der Schöpfung ist vielleicht dass alles in der Natur
seine Feinde hat dies regt das Leben auf Sterben ist nur ein scheinbares
Aufhören und kommt beim Ganzen wenig in Betrachtung Alles was atmet und wenn
es auch Nestor wird ist ohnedies in einer kurzen Reihe von Tagen nicht mehr
dasselbe
    Ruh und Friede ist ein herrlicher Stand zu genießen und sich zu sammeln
aber der Mensch ohne gereizt zu werden träge versinkt dabei in Untätigkeit
Besser dass immer etwas da ist das ihn aus seinem Schlummer weckt Wir sollen
einander bekriegen weil kein höher Geschöpf es kann
    Was das ganze menschliche Geschlecht betrifft durch Meere und Gebirge und
Klima durch Sitten und Sprachen abgesondert welcher Kopf will es in Ordnung
bringen Die Natur scheint ewig wie ein Kind in das Mannigfaltige verliebt und
will zu jeder Zeit deswegen rund um die Erdkugel Skyten Perser Athen und
Sparta
    Das besondere Geheimnis unsrer Staatsverfassung welches nur denen anvertraut
ward die sich durch Heldentaten und großen Verstand ausgezeichnet hatten
bestand darin der ganzen Regierung der Türken in diesem heitern Klima ein Ende
zu machen und die Menschheit wieder zu ihrer Würde zu erheben Doch vereitelte
dies nach seligem Zeitraum das unerbittliche Schicksal
 
                                    Fußnoten
1 Es würde allzu weitläufig sein die hier berührten Punkte der venezianischen
Geschichte im Zusammenhange zu erzählen wer sie noch nicht wissen sollte kann
leicht anderswo davon Nachricht finden
2 Man stoße sich nicht an diese jugendlichen Ausfälle auf die römischen und
florentinischen Schulen in der Folge wird sich alles deutlicher entwickeln
Inzwischen liegt schon Wahres hier zum Grunde. Es ging dem jungen Mann wie
allen die in zu strenger Lehre standen sobald sie in Freiheit kommen
verabscheuen sie das Joch Allein treffliche Naturen bequemen sich nach und nach
wieder zu dem Guten was es mit sich brachte
3 Sirmio Augapfel aller Halbinseln und Inseln die der Gott der Wasserwelt in
süßen Seen und dem ungeheuren Meer umfasst
4 Du wirst sagen dass jene Menschen diese Götter erbaut haben
5 In der Folge wird man den Begriff von Schönheit allgemeiner und richtiger und
nicht mehr so jugendlich sinnlich finden
6  der wie ein Meer aufsteigt in rauschenden Fluten
7 Bei unsern deutschen Übersetzungen ist dies jedoch der Fall nicht und wir
haben recht einzelne Namen zum Beispiel so echt altgriechisch dem Laute nach zu
übertragen als wir zu bestimmen imstande sind Der Laut h wird inzwischen immer
schwer mit einem Zeichen vollkommen richtig zu bestimmen sein da ihn
wahrscheinlich schon die Alten verschieden aussprachen nämlich nachdem die zwei
Vokalen waren die er ausdrückte Die neueren Griechen machten es nach und nach
damit wie die Engländer mit ihrem ee und ea und ergriffen endlich noch eine
festere Partie Auch ist der Übergang von ee und ea in i den Sprachorganen
leichter und natürlicher als es auf dem Papiere aussieht Den Neugriechen
klingt außerdem hira oder hiri aphroditi und so fort so zärtlich weiblich und
lichtvoll als uns cidli silli und dergleichen Auf ähnliche Weise ändern die
Sizilianer das Toskanische um Über Wohlklang eines Vokals vor dem andern lässt
sich im allgemeinen nichts entscheiden es kommt auf jedes Wort selbst den
Gebrauch und das Ohr des Volks an Was uns fremd lautet bei allen andern
Nationen lautet ihnen nicht fremd
8 Fu amata dal Kosmo suo padre di maniera che era voce per la città che egli
avesse commercio carnale seco sagt eine florentinische Handschrift aus der
damaligen Zeit hierüber
9 Man erinnere sich hier dass Poesie in Italien so gemein war und noch ist dass
Handwerksleute Homerische Fabel und Mythologie kennen
10 Mare senza pesce donne senza vergogna Uomini senza fede hat vermutlich
seinen Ursprung aus Venedig der natürlichen Feindin von Genua
11 Bianca war die Tochter eines venezianischen Edelmanns Bartolomeo Kapello
Dessen Palast gegenüber hatte das Haus Salviati zu Florenz eine Bank und darin
zum Kassierer den Pietro Bonaventuri Dieser verliebte sich in ihre aufblühende
Schönheit selbst jung und wohlgebildet und klug und kühn obgleich unter ihrem
Stand und ohne Vermögen Sie glaubte er selbst habe Anteil an der Bank und gab
seiner Leidenschaft unter Versprechung der Ehe Gehör schlich sich oft des
Nachts zu ihm und kehrte vor Anbruch des Morgens wieder zurück Einst da sie
auch die Tür von ihrem Hause angelehnt hatte kam wie damals in Venedig
gewöhnlich früh der Bäcker an die Fenster um den Mägden zu sagen dass der
Backofen für den Brotteig geheizt wäre und zog die Tür zu in der Meinung es
sei gestern nachts vernachlässigt worden Bianca war mit ihrem Geliebten
eingeschlummert und beide hatten sich verschlafen Sie fand die Tür
verschlossen ohne zu wissen wie es zuging und erschrak Eine alte Vertraute
hörte weder auf Pfeifen von Bonaventuri noch Rufen Sie trug die Frucht der
Liebe schon unter ihrem Herzen auf freie Einwilligung ihrer Eltern durfte sie
nicht hoffen Bonaventuri musste mit ihr plötzlich sogleich nach Florenz
durchgehen wo sie zu Anfang ein kümmerlich Leben führte und die niedrigsten
Arbeiten beim Vater ihres Gatten verrichtete sie hatten sich nun vermählt Hier
wurde hernach der junge Herzog gegen sie entzündet als er ihre Reize von
ungefähr auf einem Spazierritt am Fenster erblickte und sein Hofmeister
Mondragone ein Spanier und dessen Frau machten die Unterhändler Der neue
Liebhaber ernannte den Bonaventuri zum Guardaroba maggiore und schenkte ihm
einen prächtigen Palast in Via Maggio wo er mit der Bianca in allem Überfluss
lebte Als dieser aber sich bald zu übermütig betrug so ließ ihn der Herzog bei
Nacht auf der Straße ermorden wo er sich noch lange wehrte Ihr einzig Kind
eine Tochter mit Bonaventuri wurde mit Ulyss Bentivoglio verheiratet und reich
ausgestattet Keine zwei Monate nach dem Tode der Johanna von Österreich seiner
Gemahlin einige Jahre nach dem gegenwärtigen Lauf dieser Geschichte vermählte
sich der Herzog mit Biancen in geheim welches er ein Jahr darauf allen Höfen
bekanntmachte Nach Venedig sandt er den Grafen Sforza von Santa Fiore und sie
läuteten alle Glocken der Stadt brannten die Kanonen ab und erklärten die
Bianca für vera e particolar figliola della Republica e cio in considerazione
di quelle preclarissime e singolarissime qualita che degnissima la fanno di
ogni gran fortuna Das ist erklärten sie für eigentliche und vorzügliche
Tochter der Republik und dies in Betrachtung der glänzenden und
außerordentlichen Eigenschaften die sie vollkommen würdig jedes Trones
machten
                                   Sie wurde darauf als Tochter von Sankt Markus
                                       noch einmal ihm öffentlich angetraut Aus
                                               einer gleichzeitigen Handschrift
12 Epicharmos Traue nicht sagt er dies ist alles Gelenk der Klugheit
13 Bruder des Grossherzogs
14 Platoni artifices disserendi non interpretes naturae aut doctores
sapientiae war damals die Meinung
15 Vielleicht sprach Poussin bei dieser Gelegenheit das folglich höchst
einseitige Urteil aus dass Raffael gegen die Antiken ein Esel wäre denn was
möchte sonst er selbst sein
16 Hieron beim Xenophon spricht darüber anders aus Erfahrung
17 Kyropädie 8 B 8 K
18 Die Seiten sind hier und überall immer nach dem Bilde genommen
19 Poussin hat es auch oft genug kopiert
20 Nebst einigen Überbleibseln in Griechenland die damals noch nicht bekannt
waren
21 Religion selbst kommt nach dem Cicero her von relegere dem fleißigen Lesen
dessen was über den Götterdienst war festgesetzt worden Die dies taten hießen
religiosi
22 Seine Lehre findet man kurz beisammen in folgenden Worten des Plato tn ton
allon apanton pysin oy pisteieis Anaxagora noyn kai pyxhn einai tn
diakosmoysan kai exoysan Kratylos
23 Sieh eben seinen Kratylos
24 Das System des Preußen Kopernikus wurde am spätesten im Kirchenstaate
angenommen und Galilei war zu dieser Zeit kaum geboren Man kann das Folgende
für eine Prophezeiung auf ihn halten
25 Ich habe dieses jugendliche Gespräch eine Streiferei in die Metaphysik
damaliger Zeit wo Aristoteles noch auf dem Throne saß des Zusammenhanges wegen
nicht ausgelassen Wohl uns wenn wir ein paar Jahrhunderte höher stehen Ein
Barbar aus Preußen einer von der Temse hätte schon den tiefsinnigsten Griechen
viel vergeblichen Kopfbrechens ersparen können
26 Auch einige Alten hatten diese Idee vom Licht käme das Auge von der Luft
das Ohr her vom Wasser Geruch und Geschmack und von der Erde das Gefühl
27 Im Griechischen was hier im Original gebraucht wird von schwimmen
28 Über Pro und Kontra in diesen Dingen sind wir jetzt durch gründlich denkende
Männer die es sich zum Hauptgeschäfte machten besser im klaren Demetri hat
die Idee des Xenophanes damals in Rom wie es scheint noch ziemlich
unbekannt die schon längst vor diesem da war und in den neueren Zeiten nach
dem Kartesianischen Beweise in Europa mit bewunderten Systemen darüber
allgemein angenommen wird auf seine Art behandelt Ich wollte nichts daran
umändern und den ersten rohen Entwurf lassen weil es immer wenigstens ein
künstlerisches Vergnügen macht auch des Geringsten eignen Gang wahrzunehmen
29 Das Intelligibile wie Leibniz in seiner Verteidigung der Dreieinigkeit per
nova reperta logica sagt so wie Gott der Vater das Intellectivum und der
Heilige Geist der von beiden ausgeht die Intellectio
30 Das Scharfsinnigste gegen das formlose Wesen findet man kräftig dargestellt
im ersten Buche des Lucrez an welchen Demetri und Ardinghello bei ihrer
Unterredung nicht gedacht zu haben scheinen Sein Nihilum ist gerade dasselbe
31 Syme ist das Vaterland der Untertaucher in der Levante eine kleine Insel mit
einer Stadt bei Rhodi dem großen Magazin der türkischen Seemacht Niemand
erhält das Bürgerrecht ohne vorher Beweise seiner Geschicklichkeit im
Untertauchen gegeben zu haben Hernach werden sie in die Häfen weit und breit
herum verschrieben und untertauchen Gleichsam Akademien und Hallen von
Metaphysikern nur dass sie bei ihrer auch gefährlichen Kunst glücklicher sind
und öfter Verlornes ergründen und fest packen als Plato und Leibniz
32 Eine gleichzeitige handschriftliche Chronik meldet dabei jeder habe gesagt
che bisognava aver rimediato prima che il padre e il Granduca Francesco il
Kardinale  altri suoi fratelli si servissero del mezzo suo per cavarsi le
lor voglie e con le altre donne della cità menandola tutta notte fuori vestita
da Uomo e voler poi chella fusse stata santa senza il marito Und macht den
Beschluss mit ihr nachdem sie von den andern schier ein gleiches erzählt hat e
questo fu il misero fine delle figliole del Duca Kosmo de Medici
33 Blutbrücke
34 Knochenberg
35 Das Mordloch
36 Wenn ich den Himmel betrachte mit unzählbaren Sternen ausgeziert und nieder
auf den Boden schaue von Nacht umgeben in Schlaf und Vergessenheit begraben
So erwecken Kummer und Liebe in meiner Brust eine heiße Bangigkeit und die
Augen zu Quellen geworden vergießen einen Bach von Tränen Oloarte und ich
sag endlich mit klagender Stimme »Aufenthalt der Herrlichkeit Tempel der
Klarheit und Schönheit welch ein böses Schicksal hält die Seele für deine
Höhen geboren in diesem tiefen dunklen Kerker «
37 Ist in den griechischen Häfen so im Gebrauch wie bei den Engländern die
Soldatenehe