Johann Karl August Musäus
Briefroman
Grandison der Zweite oder Geschichte des Herrn von N
Erstdruck Eisenach Griesbach 17601762 anonym Später erschien eine
kritische Umarbeitung unter dem Titel »Der deutsche Grandison auch eine
Familiengeschichte« Eisenach 178182
Johann Karl August Musäus
Grandison der Zweite
Oder
Geschichte des Herrn v N
in Briefen entworfen
Erster Teil
Kurze Nachricht
des Herausgebers
Von den Personen welche in gegenwärtiger Geschichte vorkommen
von N ein alter Edelmann der von Jugend auf einen Ansatz gehabt hat ins
Wunderbare zu fallen Sein blasses Gesicht und eine angenommene
Soldatenmine nebst einem langen und hageren Körper machen ihn etwas
unleidlich Widersprechen darf ihm keine Seele In seinem Alter kam er über
die Geschichte Sir Karl Grandisons Es überfiel ihn diesen Engländer
nachzuahmen Nunmehr kann er nicht geheilet werden
Fräulein Kunigunde von N des vorigen Schwester ein altes Knochengebäude die
weiter kein Leben als nur noch in der Zunge hat Sie ist zwar erst 56 Jahr
alt will aber dennoch unverheiratet bleiben und die Wirtschaft ihres
Bruders besorgen
Baron von F ein heimlicher Satiricus und Kunstrichter von dreizehn umliegenden
Dörfern Er hat seinen Scherz mit allen benachbarten Edelleuten indessen
lenkt er manchen von ein paar ausgesuchten Torheiten ab und verdient
dadurch den besten Neujahrswunsch seines Herrn Pfarrers
von S ein Neveu des Herrn von N Sonst war er sehr munter Er soll sich aber in
fremden Ländern stark geändert haben Gegenwärtig ist er in Londen
Fräulein Amalia von S des vorigen Schwester Sie hat alle Tugenden und alle
Fehler ihres Bruders und macht sich mit ihrem Onkel lustig
Fräulein Juliane von W die liebenswürdigste und tugendhafteste Person die ich
kenne Die Ränke ihrer Stiefmutter haben sie etwas gebeugt sonst würde sie
bei jeder Gelegenheit munterer erscheinen
Herr von W seiner ersten tugendhaften Gemahlin ihr Tirann und der zweiten
bösen ihr Sklave Er hat einen vortrefflichen Magen und die besten Zähne von
der Welt
Frau von W des vorigen wilde und mit der ganzen Welt unzufriedene Gattin Sie
hat Mut und versteht die Kunst ihre reizende Stieftochter zu martern
Magister Lampert Wilibald ordentlicher Lehrer der Hochadlichen Jugend zu
Kargfeld An diesem teuren Rüstzeuge hat die Natur alles getan was sie an
einem Magister tun konnte der nicht boshaft widerstrebte Er ist klein
aber dick und da ich dieses schreibe hat er drittehalb geometrische Schuh
im Durchmesser Er versteht die Kunst einen seltsamen Katzenbuckel zu
machen und damit seinen Gegner im Disputiren aus der Fassung zu bringen
Übrigens leitet er den Geschmack auf dem Hochadlichem Hofe und schickt
sich vollkommen zu seinem Principal
Magister Wendelin der Herr Pfarrer zu Kargfeld ein kreuzbraver Mann Wenn er
das Podagra nicht hat so ist er ziemlich ausgeräumt und belustiget sich an
Jungfer Sanchen seiner Tochter einem angenehmen und brauchbaren Mädchen
Magister Lampert hat sie zu seiner Klementine ausersehen und will sie gern
in den Roman ziehen bekommt aber wider sein Vermuten
Lorenz Lobesan ein stöckischer Schulmeister zu Kargfeld Er wurde geboren wie
er sagt da der Türke vor Wien lag Sein Großvater starb vermöge des
damaligen großen Kometens Ob gleich unser Lorenz dem erbaren
Schneiderhandwerke geweihet wurde so hatte er dennoch erhabenere Absichten
und ein gut Teil Schelmerei in seinem Kopfe Er lief seinen Eltern davon
und wurde bei dem Vater des Herrn von N Laquai welcher ihn endlich zur
Belohnung seiner Dienste zum Schulmeister machte Er führt einen sehr
exemplarischen Lebenswandel und hat von Natur ein casuistisches Gewissen
Der Himmel erhalte unsern Lobesan noch lange
Jeremias sonst Peter Wigand genannt ein alter lustiger Kutscher des Herrn von
N Magister Lampert hat schon verschiedene Jahre an diesem Schlingel
gebessert aber er kann ihn noch nicht recht fassen
Nicolaus Brumhold der Barbier zu Kargfeld Wenn ihn ein Bauer beleidigt so
schiert er den Bösewicht Sonnabends wider den Strich Er versteht außer
seiner Barbierkunst die Chirurgie und tut an Menschen und Vieh trefliche
Curen
Mehr braucht der Leser von keiner Person zu wissen wenn er den ersten Teil
dieser Geschichte lesen will Magister Lampert würde freilich viele Züge in
diesen Schildereien für falsch erklären und sich als ein anderer Teophrast
folgendergestalt darüber heraus lassen
Sir Ehrhard Rudolph von N ist die Blume und Zierde aller deutschen Ritter Sein
Gesicht ist männlich und dabei doch angenehm Ob er gleich schon viele
Jahre auf dem Buckel hat so wird er dennoch von einem heroischen Feuer
belebt das Helden eigen ist Er liebt mich und andere grundgelehrte
Männer von Herzen und ist seit einem halben Jahre gegen das Frauenzimmer
nicht unempfindlich
Lady Kunigunde von N ist etwas beissig und macht ihrem Herrn Bruder und mir
mit abgenötigten Verteidigungen viel Mühe Glaubte ich die
Seelenwanderung so würde ich behaupten dass Doctor Eckens seine Seele in
die alte Kunigunde gefahren wär
Baron von F ist ein wenig superklug ob er gleich weder Griechisch noch
Hebräisch kann Ich habe ihn ein paar mal zwischen den Sporen gehabt und
seitdem hat er sich nicht mehr an mich gewagt Außerdem sind wir ganz gute
Freunde
von S dieser junge Baron hat mir viel zu danken Ich war sein Mentor und wusste
das natürliche Feuer bei ihm durch verschiedene Kunstgriffe zu mäßigen In
Hebräischen und andern morgenländischen Sprachen habe ich ihm freilich
nicht weit bringen können doch kann er desto mehr lateinisch Er schreibt
manchmal mit vieler Hochachtung an mich
Fräulein Amalia von S ein loses loses Ding Sie macht so gar mit mir ihren
Spaß aber ich kann nicht böse werden denn sie ist ein allerliebstes
Fräulein und so war sie schon ehedem da sie noch meinen Hörsaal besuchte
Von W ein guter Mann und ein guter Christ Von Sorgen wird er niemals grau
werden Er kann in unserer Grafschaft das meiste essen und trinken und
schläft so lange bis ihn wieder hungert Seinen Namen kann er nicht
schreiben
Lady W eine belebte und muntere Dame Sie hat ein Maul wie ein Schwert Sie
erzieht ihre Töchter sehr vernünftig und ist in allen Dingen so billig und
gerecht wie ein Korpus iuris
Fräulein Juliane von W ein stilles gutes Kind ja ich würde sie noch mehr
loben wenn sie sich nicht zuweilen ihrer Frau Mama widersetzte Sie ist
noch jung ein gesetzter und vernünftiger Mann kann bei ihr noch etwas
ausrichten
Magister Wendelin Pastor Loci In seinem Amte ist er ganz wohl zu gebrauchen
in schweren Wissenschaften aber gibt er mir den Vorzug Ich habe indessen
meine Ursachen wenn ich mit ihm nicht disputire denn
Jungfer Sannchen ist seine Tochter und meine Klementine Ha ha ha O Liebe
wie bezauberst du mich Tange Chloen femel arrogantem dulce ridentem
Lalagen amabo dulce loquentem
Lorenz Lobesan ein serpentischer Schulmeister Kein Händel ist er zwar nicht
er kann aber zehn andere Kerls überschreien
Jeremias könnte weit besser sein wenn er meinen Lehren nachlebte und den
Kutschern in Grossbritannien nachahmte Mein Kommentarius über den Grandison
wird meinem Herrn und ihm gute Dienste tun
So würde Magister Lampert reden wenn er eine Vorrede schreiben sollte
Doch nichts mehr von ihm In der Geschichte wird er eine Hauptperson
spielen und sich näher zu erkennen geben
Wir legen der Welt kein Gedichte vor Augen so erdichtet auch die Geschichte
Sir Karls ist Die hierinne vorkommende Personen leben und befinden sich wohl
Hat nicht Jedermann das Recht nach seinen Grundsätzen zu handeln Meine Freunde
haben zeitero die Möglichkeit Sir Karln nachzuahmen bestritten
Sie haben Recht Niemals aber wird es an Leuten mangeln welche dem Herrn
von N und Magister Lamperten ähnlich zu werden fähig sind Lorenze und Wigande
gibt es ohnedem in allen Städten und Dörfern
Es werden künftig noch mehrere Personen vorkommen die aber dem Leser zuvor
sollen geschildert werden Am Ende will ich mich mit Namen nennen Den 9ten
Septembr 1759
I Brief
Der Magister Wilibald an den Baron von S
Kargfeld den 29 März
Hochwohlgebohrner Herr
Gnädiger Herr
Die Ehre die ich ehemals gehabt habe Sie in allerlei guten Wissenschaften zu
unterrichten die Erlaubnis welche Sie mir vor Ihrer Abreise gaben oft an Sie
zu schreiben und der ausdrückliche Befehl meiner gnädigen Herrschaft einen
Briefwechsel mit Ihnen zu unterhalten berechtigen mich zur Erfüllung meines
eigenen Wunsches dem Geiste nach Sie auf Ihren Reisen zu begleiten ob ich
gleich körperlich von Ihnen entfernt bin Nun sind Sie in Amsterdam und nun
werden Sie beurteilen können in wie ferne ich Recht oder Unrecht hatte wenn
ich diese berühmte Stadt die Königin aller Handelsstädte nennte Den fürnehmsten
Teil der vereinigten Provinzen haben Sie bereits besehen und machen Anstalt
wie Sie sagen nach Engelland dem Vaterlande tiefdenkender Gelehrten der
Heimat großer Geister der Quelle aller Reichtümer Europens überzuschiffen
Hier haben Sie in wenig Worten einen Unterricht von dem was bei den Britten
Ihre Aufmerksamkeit verdienen muss Sein Sie glücklich in allen Ihren
Unternehmungen Auf Befehl meines gnädigen und hohen Patrons soll ich Ihnen von
unserm motu ciuico wie ich es nach dem Horaz nennen könnte oder von der
innerlichen Gährung welche in unserer kleinen Republik herrschet eine
Nachricht geben Ich will meine Erzählung von den Eiern der Leda herholen Sie
wissen noch nicht was für ein guter Geschmack in dem Hause Ihres Herrn Onkel
meines hohen Patrons sowohl in Ansehung der Wissenschaften als aller übrigen
Dinge anzutreffen ist Die Szene hat sich seit Ihrer Abreise sehr geändert Es
wird niemand in die Gesellschaft oder in den Dienst der Herrschaft aufgenommen
der nicht ein Kenner oder ein Verehrer davon ist Vom Hofmeister bis auf den
Koch muss man nach den Regeln des Geschmacks urteilen oder doch danach
urteilen lernen Wenn ich aufgeräumt bin nenne ich deswegen den Hochadelichen
Sitz eine Akademie Vor einigen Jahren da Sie sich schon auf dem Karolino
befanden bekam ich von der gnädigen Herrschaft den Auftrag bei den
Winterlustbarkeiten über ein zu der Zeit mir unbekanntes Buch Vorlesungen zu
halten oder eigentlich zu reden in der Versammlung des adelichen Hauses die
Geschichte Herrn Karl Grandisons die eben damals in unserer Muttersprache zum
erstenmale erschienen war bei langen Winterabenden vorzulesen Sie wissen dass
wohlgeschriebene Bücher jederzeit eine der angenehmsten Zeitkürzungen sowohl
Ihres Herrn Onkel als auch seiner Fräulein Schwester gewesen sind Ich
gehorsamste anfangs mit einigem Widerwillen Ich wusste wieviel meine Lunge
durch das Geräusche der Spinnräder welches meine Stimme durchdringen musste und
durch den schädlichen Staub von der Hechel leiden würde ich wüsste aber noch
nicht wie viel mein Verstand davon gewinnen würde Kein Schlaf kam den
aufmerksamen Zuhörern in die Augen aber genug empfindliche Tränen rollten die
Wangen herab wenn ich ihnen diese rührende Geschichte las und jedes Wort
derselben durch den gemässen Accent ihren Herzen einprägte Wenn ich meinen Autor
hinlegte befand sich alles in einer entzückten Stille bis wir unsere Geister
wiederum gesammlet hatten als denn wurde das vorgelesene Pensum nach den Regeln
des Geschmacks beurteilet Niemand unterstund sich ein Meisterstück des
menschlichen Witzes davor hielten wir es anfangs alle bis ich durch Gründe
überzeugt wurde dass es eine wahre Geschichte wäre dem geringsten Tadel zu
unterwerfen und wenn ja hier und da ein Dubium oder sonst eine Anmerkung
gemacht wurde so geschahe es mehr exercendi ingenii caussa als in der Meinung
wirkliche Fehler zu entdecken Ich kann nicht leugnen dass mich oft der Beifall
der ganzen Gesellschaft stolz machte wenn ich mit einer entscheidenden Mine
Streitigkeiten über diese oder jene Stelle schlichtete Nur einer der
allerbösgeartesten Menschen Niemals soll es mir aus den Gedanken kommen
Wigand der lasterhafte Wigand ehemals ein elender Drescher hernach
Hochadelicher Leibkutscher bei meinem Herrn Principal durfte es wagen mir
einmal öffentlich zu widersprechen Vergeben Sie dass ich hier eine kleine
Ausschweifung begehe und Ihnen eine Begebenheit die zu Grandisons und meiner
Ehre ausschlug bekannt mache
Wir waren einmal des Abends in der Beurteilung des 25sten Briefes aus dem
ersten Buche begriffen da Wigand zwischen den Federfässern in der Kajüte hervor
in die Versammlung drang und einen Haufen Scheltworte über den ehrlichen
Jeremias Sir Karl Grandisons Kutscher aussties dass er dem Wagen des Ehr und
Tugend vergessenen Hargravens ausgewichen wär Er bestritt nach den Gesetzen der
Fuhrleute dass ein Postillion einem eigenen Kutscher eines großen Herrn
ausweichen müsste und machte Mine auf Sir Karln selbst loszuziehen wegen eines
unbilligen Befehls den er seinem Kutscher sollte gegeben haben Hier lief
meinem gnädigen und von dem Charakter Grandisons ganz bezauberten Herrn die
Galle über er sprang auf und ich glaubte er würde Wiganden den Hals brechen
allein er hies ihn nur einen Galgenschwengel und drohte ihn sogleich aufhängen
zu lassen wenn er Sir Karln als die Zierde der Welt nur im geringsten wieder
antasten würde Ich aber versiegelte die ganze sehr nachdrückliche Rede meines
Herrn mit den Worten ne suror vltra crepidam welche ich ihm in einer
Übersetzung zurufte und den Buben endlich durch verschiedene Schlüsse zur Ruhe
brachte Ich würde Bedenken getragen haben mich soweit zu erniedrigen und mit
diesem Unverschämten in einen Wortstreit mich einzulassen wenn nicht mein
glückliches Gedächtnis mir eben zu rechter Zeit aus dem Martial zugerufen hätte
Inter Pygmacos non puder esse breuem
Damals fing mein Hochadelicher Herr Principal zugleich mit nur an große
Gedanken von der Geschichte des Grandisons zu hegen und anstatt dass sich diese
bei Endigung des Buches hätten verlieren sollen so wurden sie bei uns
dergestalt erhöhet dass wir nach einer genauen Überlegung den Satz bei uns fest
stelleten es ist unmöglich dass die Geschichte Herrn Karl Grandisons eine
Erdichtung sei es ist unmöglich dass diese Geschichte aus der Erfindung eines
sinnreichen Kopfes wie eine andere Minerva aus dem Gehirn des Jupiters
entsprungen sei Wie gesagt diese Gedanken wurden von Tag zu Tag reifer bis
wir uns endlich stark genug fühlten öffentlich damit hervor zu brechen Ich
tat es mit Genehmhaltung meines gnädigen Herrn Wir waren eben insgesamt in
Schöntal bei Ihrem Herrn Schwager zu Gaste Die Aufmerksamkeit der Zuhörer
ermüdete nicht obgleich eine Stunde verlief ehe ich alle Gründe für die
Wahrheit meines Satzes schicklich anbringen und ihnen die logikalische Stärke
geben konnte Meine Augen waren nunmehr beschäfftiget einen gerechten Beifall
der hohen Versammlung abzufordern da Ihr jüngeres Fräulein Schwester mit einem
leichtfertigen Gelächter als wenn sie vergessen hätte dass ich jemals ihr
Lehrmeister gewesen wär meine Beweise seindselig anzugreifen ja wo es möglich
wär sie umzustürzen sich bemühete In kurzem hatten wir zwo Parteien an der
Tafel die mehr mit hitzigen als spitzigen Vernunftschlüssen gegen einander zu
Felde zogen Da wir uns nach Hause begaben rühmte sich jedes des Sieges Dero
Herr Onkel und ich wurden durch die schwachen Einwürfe der Gegenpartei in
unserer Hypothese treflich gestärket Der Streit ist noch nicht beigelegt
Seitdem ich diesen Zankapfel in Ihre Hochadeliche Familie geworfen habe fehlt
es unsern Unterredungen niemals an Materie Vor einiger Zeit sprangen beinahe
alle bei denen im Anfang meine Gründe Eingang gefunden hatten von mir ab und
traten auf die Seite Ihres Fräuleins Schwester Niemand als der gnädige Herr
hielt noch bei mir aus Ich war genötigt nach dem Beispiele des Weingottes
da er mit den Himmelsstürmern kämpfte mich bald in einen grausamen Löwen zu
verwandeln bald eine andere Gestalt anzunehmen um nicht von der Menge
unterdrückt und zu einem schimpflichen und der Wahrheit nach teiligen
Stillschweigen gebracht zu werden Nun haben wir uns wieder einen Anhang
gemacht Hier haben Sie das Verzeichnis von den Anhängern jeder Partei
Diejenigen, welche unter mir dem Magister Lampert Wilibald die Geschichte Herrn
Karl Grandisons als wahre Begebenheiten annehmen und verteidigen sind Mein
gnädiger und hoher Principal der wie er sagt für die Wahrheit der guten Sache
sterben will
Fräulein Kunigunde Schwester meines gnädigen Herrn Junker Gangolph von
R welcher bei hiesigem Förster die Jägerei lernt seines Alters zwischen 18
und 19 Jahren
Florian der Lustgärtner und der ehemals verkehrte nun aber belehrte
Wigand
Diejenigen, welche unter dem Hochwohlgebohrnen Fräulein Amalia von S die
Geschichte Herrn Karl Grandisons als einen Roman annehmen und solches andern
bereden wollen sind
Der Herr Baron von F und dessen Frau Gemahlin gebohrne von S
Fräulein Fiekgen Pflegbefohlene meines hohen Gönners
Unser Herr Pastor Wendelin den ich zum Spas manchmal meinen Senior nenne
und andere
So dringend meine Beweise und so bündig meine Schlüsse sind ich muss an
der Spitze meiner Partei kämpfen so wenig habe ich doch dadurch bisher
gewonnen Man hat uns zwar oft Friedensvorschläge getan wir können uns aber
darauf nicht einlassen Man verlangt wir sollen unserer bessern Überzeugung
entgegen die mehrbesagte Geschichte für eine witzige Erfindung und einen
nützlichen Roman eines in der gelehrten Welt unbekannten Engelländers erklären
Neulich tat ich den Vorschlag man sollte Ihnen den Auftrag tun ein
Endurteil in dieser Streitigkeit zu fällen Ich handelte großmütig dass ich
den Bruder zum Richter zwischen einer geliebten Schwester und mir anrufte ich
verließ mich aber auf meine gerechte Sache und auf ihre Zärtlichkeit für die
Ehre und Wahrheit Mein Vorschlag wurde angenommen Ich bekam Befehl Ihnen
einen kurzen Abriss unsers Processes nebst der Urteilsfrage zu übersenden Sehen
Sie gnädiger Herr das ist der Verlauf der ganzen Sache Wenn Sie in Londen
glücklich angelanget sind so erkundigen Sie sich unter der Hand was man von
der Geschichte des Grandisons urteilt ob das Publicum auf meiner und Ihres
Herrn Onkel Seite oder auf Ihres Fräuleins Schwester Seite ist Vielleicht sagt
man Ihnen dass die Sache an sich wahr sei und dass man nur die Namen und gewisse
kleine Umstände erdichtet hat um die Wahrheit in etwas zu verstecken Wäre
dieses so würden Sie zwar einige Schwürigkeiten zu überwinden haben diese aber
würden Sie nur ämsiger machen in der aufmerksamen Nachforschung fortzufahren
So bald Sie das geringste Licht in der Sache bekommen und auf der rechten Spur
sind so erteilen Sie uns davon Nachricht Dero Herr Onkel hat dabei die größte
Absicht von der Welt aber es wird noch alles geheim gehalten Lassen Sie sich
nicht in Ihren Bemühungen zur Ehre der Wahrheit abschrecken wenn Sie Leute in
Engelland finden die von der Geschichte des Herrn Grandisons eben so denken
als Fräulein Amalia und ihre Partei Erinnern Sie sich dass es vielerlei Arten
von Freigeistern gießt Alle Ihre Anvewandten segnen Sie so wie
Ihr
untertäniger Diener
M Lampertus Wilibald
II Brief
Der Herr von S an den Magister Wilibald
den 12ten April
Hochgeehrtester Herr Magister
Sie hatten ein Recht an mich zu schreiben ja Ihr Brief würde mir willkommen
gewesen sein wenn Sie auch nur die Hälfte von den Bewegungsgründen mich im
Geiste zu begleiten wie Sie sich höchst vortrefflich ausdrücken angeführtet
hätten Ihre Freundschaft ist mir alle mal schätzbar ich werde also Ihre Briefe
in Amsterdam und Londen mit eben der Aufmerksamkeit lesen mit welcher ich
ehedem Ihre gelehrten Vorlesungen anhörte Wie würde ich auch sonst im Stande
sein so viel tiefsinnige Sprüche zu erraten und so viel strenge Beweise
einzusehen mit welchen Sie die Wahrheit vortragen und befestigen wenn ich
Ihrer Sprache nicht bereits gewohnt wär
Meine Schwester und der Pfarr werden nicht weiter mit Ihnen disputiren
wollen vielweniger der Kutscher Sie haben Wiganden ganz gewiss mit einem Sorite
zu Boden geschlagen welches Sie mir aber aus Bescheidenheit in Ihrem Briefe
verschweigen Übrigens bewundere ich Ihre Herablassung in Ansehung des
Verweises O hätten Sie mir die Übersetzung davon beigefügt Ohne fehlbar ist
es eine Umschreibung gewesen Ne sutor vltra crepidam Welcher vortreffliche
Einfall Sie waren also der Mahler die Geschichte mit dem Jeremias das Bild
und Wigand der naseweise Schuster Wie hat sich aber der Bube unterstehen
dürfen einem Manne zu widersprechen welcher gelehrter ist als Aristoteles und
Konfucius Ich wünsche Ihnen unterdessen Glück dass sie den Heiden bekehrt und
ihm die Rangordnung zwischen einem Kutscher und einem Postknechte beigebracht
haben
Die Nachricht von dem nunmehr herrschenden Geschmack im Hause meines
Onkel vergnügt mich Was kann doch ein Mann von Genie tun Sie müssen mehr als
eine Seele haben wenn ich mich anders so ausdrücken darf Mein Onkel war ja
ehedem kein Liebhaber von Romanen wenn ich den Don Quixotte ausnehme daher
auch die Heldentaten welche er noch als Fähndrich in Italien verrichtet der
beständige Gegenstand unserer Unterredung sein mussten Bei den Fräuleins aber
war noch eher etwas auszurichten Sie sind jung und wie weiches Wachs welches
alle Eindrücke anzunehmen fähig ist Fahren Sie indessen fort meine Schwester
nach dem Beispiele der Henriette Byron zu bilden Ich werde Sie noch einmal so
sehr lieben wenn ich Sie einst in einem so vortrefflichen Lichte erblicken
kann Ich denke aber Charlotte oder die vermählte Gräfin G wird ihr besser
gefallen denn sie liebt den Scherz und verliehrt lieber ihren Freund als
einen sinnreichen Gedanken Der Einfall dass Sie den alten Pastor Ihren Senior
nennen ist so spashaft nicht als Sie wohl meinen Ich habe schon ehedem
angemerkt dass Sie der Tochter dieses ehrlichen Mannes nicht gleichgültig sind
Sie wird von Ihnen erobert werden ehe Sie es denkt und wie wird sie einem
Liebesantrag widerstehen können wenn Sie solchen mit Ihrer gewöhnlichen
Beredsamkeit tun und dabei einen Schluss mit dem andern verbinden Ich küsse
Ihnen die Hände lieber Herr Magister wenn Sie Ihren ersten Liebesantrag
entweder drücken lassen oder doch wenigstens einen Auszug davon in den
gelehrten Zeitungen bekannt machen Mein Onkel unterstützet Sie als
Kirchenpatron bei jedem Versuch welchen Sie bei dieser Schöne zu machen willens
sind damit doch Dero Verdienste um unser Haus einiger masen vergolten werden
Sie tun mir viel Ehre an wenn Sie mich zu einen Schiedsrichter in der
Streitigkeit zwischen Ihnen und meiner Schwester erwählen Die Sache kann nicht
sein die Erfahrung aber soll den ganzen Handel entscheiden So bald als ich
nach Londen komme werde ich mich um die Wahrheit der Geschichte Sir Karl
Grandisons bekümmern und Ihnen von jeder gemachten Entdeckung getreue Nachricht
geben Sie sind zum siegen geboren und wer wird auch hierbei gerechter
triumphiren als Sie Herr Magister Künftige Woche gehe ich von hier ab
Amsterdam würde nur besser gefallen wenn ich ein Kaufmann wär Das schöne
Geschlecht behauptet hier seinen Vorzug vor dem männlichen Ich könnte meinen
Brief noch mit einer schönen Stelle aus dem Horaz versiegeln in welcher er uns
die Sitten der Holländer schildert ehe diese Republik errichtet würde es mag
aber unterbleiben Weit feiner wird sich meine Zuschrift mit der aufrichtigen
Versicherung endigen dass ich zeitlebens sein werde
Dero
ergebenster
vS
III Brief
Fräulein Amalia an ihren Bruder
Schöntal den 27 April
Der Magister Lampert weiß sich sehr viel mit dem Briefe den er aus Amsterdam
von dir erhalten hat Gestern da wir eben abgespeiset hatten kam Jemand in
vollem Galopp in den Schlosshof gesprengt Wir fuhren alle an die Fenster es war
der Magister Er kam die Treppe herauf Der Baron der immer seinen Spas mit ihm
hat fragte ob der alte Pastor Wendelin gestorben wäre dass er so aufgeräumet
aussähe Er verbeugte sich und schüttelte mit dem Kopfe Reden konnte er noch
nicht seine Lunge war zu sehr an ausgedehnet Er sipste und schnappte eine gute
Weile nach Luft bis die Bedienten abgeräumet hatten Wir waren begierig die
Ursache seines außerordentlichen Bezeigen zu erfahren Er merkte es und zog
einen Brief aus der Tasche Er bat um Erlaubnis uns ein gnädiges Handschreiben
von dem jungen Herrn Baron vS vorzulesen nachdem er sich diese in einer
wohlfliessenden halbstündigen Rede erbeten hatte Wir hörten aufmerksam zu Er
las mit einer Art die mir gefiel Das Wasser trat ihm für Freuden in die Augen
er lächelte und wischte sie mit einer Hand um die andere wenn er an Stellen
kam die er für spashaft hielt oder die ihm angenehme Gedanken erweckten
manchmal aber mummelte er in den Bart und las so geschwinde dass Niemand wusste
was er haben wollte Wie sagte ich wie war das Noch einmal diese Stelle Er
winkte und gebot uns mit der Hand zu schweigen und las fort Da er fertig war
und nach seiner Gewohnheit die Augen zudrückte um sich auf kritische
Anmerkungen zu besinnen nahm ich ihm den Brief aus der Hand Es sind Stellen
darin befindlich über die ich Sie nicht darf reflectiren lassen sagte er
Erlauben Sie gnädiges Fräulein Er wollte mir den Brief wiedernehmen
Erlauben Sie dass ich ihn nicht weggebe bis ich ihn gelesen und darüber
reflectiret habe
Nein nein der junge Herr schreibt aufgeweckrund spashaft Sie dürften an
manchen Orten eine Satire finden wo keine ist Sie sind lose
Sie werden ihren Brief sagte ich nicht eher wieder bekommen bis ich ihn
ganz gelesen und meine Anmerkungen darüber gemacht habe
Ich las ihn laut Da ich ihn wieder zurück gab sagte ich der ganze Brief
ist eine Satire auf Sie
Was Eine Satire Nichts weniger Ich kenne den Charakter ihres Herrn
Bruders besser
Mein Schwager winkte mir und zog mich bei Seite Lassen Sie den guten Mann
doch bei seiner Einbildung wir werden unser Vergnügen dabei finden Geben Sie
ihm in allem was er sagt Beifall der Spas wird vollkommen sein wenn wir dem
Plane folgen den wir neulich entworfen hatten
Ich ging wieder hinein in den Saal Er fing gewaltig an über den Brief zu
disputiren Zum Scheine hielt ich ihm in etwas Widerpart endlich räumte ich ihm
alles ein was er verlangte Da er weg war wurde erst die Glocke über ihn
gegossen Schreiben Sie an unserm Bruder sagte mein Schwager er sollte den
Magister und unsern Onkel nicht in der Einbildung die sie von dem Grandison
hätten stören Er sollte die Bitte des Magisters wie er zu tun geneigt
schiene erfüllen und entweder uns oder ihm selbst von dem Zustand der
Personen die in dem Grandison eine Rolle haben Nachricht geben wir würden uns
ihm alle für dieses Vergnügen verbunden erkennen Wir lachten dass der Baron den
Scherz so weit treiben wollte Ich glaube aber wir haben manche Lust zu
erwarten wenn du die Bitte unsers Schwagers statt finden lässest
Den 28ten Heute Nachmittage legten wir einen Besuch bei unserm Onkel ab
Mein Schwager tat es mehr mit dem Magister seinen Scherz zu treiben als aus
Begierde unsern Onkel zu sehen den er gleichwohl sehr liebt so lange er von
seinen Feldzügen schweigt
Mein Onkel las uns den Brief den er gestern von dir erhalten hat Wir
wünschen unserm geliebtesten Bruder zu der bevorstehenden Reise nach Engelland
Glück und eine dauerhafte Gesundheit Herr Lampert sagte wenn du einmal des
Steinkohlendampfes in Londen gewohnt wärest und in den ersten vier Wochen
keinen Ansatz zur Schwindsucht bekämest so würdest du nicht nur in Engelland
beständig gesund bleiben sondern auch in Deutschland einmal ein alter Mann
werden Er wollte heute an dich schreiben und den Brief in den meinigen
entschließen er besonn sich aber anders und ersuchte mich ihn zu deiner
Gewogenheit zu empfehlen und dich für böser Gesellschaft zu warnen Um
seinetwillen sagte er soll der junge Herr keinen Menschen seiner Freundschaft
würdigen den nicht von dem Grandison groß denkt oder ein Anverwandter von ihm
ist Ich biss mich in die Zunge um das Lachen zu verbergen und versprach seinen
Auftrag bei dir auszurichten Gleichwohl konnte ich es nicht unterlassen einige
Spöttereien über unsers Herrn Vetters und seines Orakels des Magisters Grille zu
sagen ob es mir gleich von meinem Schwager sehr nachdrücklich verboten war
Unser Onkel wurde deswegen so sehr gegen mich aufgebracht dass wir Mühe hatten
ihn zu besänftigen
Ich setze mein Leben zum Pfande fing Herr Lampert unerwartet an und schlug
mit der Hand auf den Tisch dass die Gläser schütterten ich setze mein Leben zum
Pfande dass es einen Grandison und eine Henriette Byron gibt Leugnen sie diese
Wahrheit nicht länger gnädiges Fräulein wenn Ihnen etwas an der Gewogenheit
ihres Herrn Onkels gelegen ist Unser Onkel warf einen zornigen Blick auf mich
und seine Stirn bekam mehr Falten als ein aufgezogener Vorhang Mein Schwager
bat beide so lange sich zu beruhigen bis zuverlässige Nachrichten aus Londen
wegen dieser Sache einliefen Er versprach dem Magister eine Hirschhaut wenn
wir erführen dass die Geschichte des Grandisons wirkliche Begebenheiten
entielte er sollte hingegen dem Baron ein paar Wachtelbauer verfertigen wenn
sie als eine Erdichtung befunden würde Sie gaben einander die Hände darauf
Meine Schwester und ich versprachen ihm jede ein paar genehete Manschetten wenn
er Recht behielte wenn wir aber den Sieg davon trügen so verlangte meine
Schwester eine Schnappweife und mir sollte er ein Sonnenschirmgen drehen Er
ging alles ein was wir verlangten und war seiner Sache so gewiss dass er sich
davon nicht hätte abbringen lassen wenn man Pferde an ihn gespannet hätte Jetzt
war ich im Begriffe zu schließen aber ein Streich von dem wunderlichen
Menschen der mir eben einfällt und wenn ich ihn nicht erzählte mich wie ein
Mühlstein auf dem Herzen drücken würde hält mich noch davon zurück Er hat sich
vorgesetzt in allen Dingen dem D Bartlett nachzuahmen und hofft ihm endlich
so ähnlich zu werden als ein Er dem andern Neulich hat er den ersten Schritt
in dieser wichtigen Unternehmung gewaget er ist merkwürdig Der Magister hat
das große Werk von einer Perucke worinnen er sonsten an hohen Festtagen zu
stolziren pflegte plötzlich abgeleget und trägt sein eigenes Haar Nur Schade
dass es pechschwarz ist Wenn ich ihm doch riete er sollte es schwefeln oder
an der Sonne bleichen damit des D Bartletts seinem ähnlicher würde wer wüsste
was er täte Nun muss ich im Ernste schließen Fräulein Julgen ist unten Das
gute Kind wird mir ihr Herz einmal ausschütten wollen Ihre Stiefmutter plagt
sie recht gottlos Was kann denn das liebe Mädgen davor dass sie besser gebildet
ist als ihre schielende Stiefschwester Ich werde gerufen Unsere Anverwandten
empfehlen sich dir und erwarten öftere Nachrichten Ich bin so lange ich lebe
Deine
Amalia vS
IV Brief
Der Herr von S an seine Schwester
Londen den 24 April
Liebe Amalia
Meine Schwester gefällt mir wenn sie aufgeräumt ist Sie hat eine vortreffliche
Gabe zu scherzen und ich sehne mich oft nach ihren belebenden Umgang Der
Magister Lampert muss wie ich sehe noch die nämliche Rolle spielen die er
ehedem hatte und es ist kein Wunder wenn seine Torheiten mit den Jahren
zunehmen da sich Jedermann Mühe gibt ihn darinnen zu unterhalten wiewohl die
natürliche Leichtglaubigkeit und eine stolze Einbildung von seinen seltenen
Verdiensten das meiste dabei tun Du musst ihm inliegenden Brief selbst
übergeben Nimm ihm aber zuvor alle schädliche und tödliche Werkzeuge weg
damit wenn er in eine Raserei verfällt er sich nicht die Kehle abschneiden
möge Gib mir alsdenn eine getreue Nachricht von dem Ausbruch seiner Freude
Ich habe hier in Londen eine ganz neue Welt vor mir Gestern habe ich den
König zum erstenmal gesehen Er ist schon ein Greiss aber voller Majestät
Empfiehl mich allen meinen Freunden und liebe
Deinen
aufrichtigen Bruder
V Brief
Der Herr von S an den Magister Wilibald
Londen den 24 April
Wie wird mein Hochgeehrtester Herr Magister die Nachricht aufnehmen welche ich
Ihnen geben muss Bereiten Sie sich zu meine Sache anzuhören die Dero sonst
gesetztes Herz durchbohren wird Die ganze Geschichte Sir Karl Grandisons
ist erdichtet Verdammter Wind Wem wird man doch in der Welt glauben dürfen
Niemals hat ein Grandison in Engelland gelebt niemals eine Henriette Byron Von
der Frau Shirlei und der alten Tante Lore will auch Niemand etwas wissen Es ist
ein Roman lagt man hier und die Ausländer sind einfältig wenn sie unsere
Erdichtungen für Wahrheiten halten Armer Herr Magister welcher Schmerz wird
Ihr Herz durchdringen Die Wette ist verloren alle schöne Anstalten den
Grandison nachzuahmen sind vergebens und Sie werden Ihr Ansehen sowohl bei dem
Gärtner als auch bei dem Kutscher einbüßen Nein das wolle der Himmel nicht
Triumph Herr Doctor ich habe Ihre philosophische Standhaftigkeit prüfen
wollen Vergeben Sie mir diesen Scherz Grandison lebt seine liebenswürdige
Henriette befindet sich wohl O wie viel Schönes werde ich Ihnen in kurzen von
diesem ädlen Paare sagen können Damit ich aber ordentlich verfahre so erlauben
Sie dass ich in meiner Erzählung zurück gehe
Es war den 21 April als ich zu Londen ankam So müde als ich auch war so
wurden meine Lebensgeister dennoch durch den Anblick dieser außerordentlichen
Stadt ermuntert und gestärket Ich ließ mich sogleich zu den Herrn vB bringen
dessen Bruder bei der alliirten Armee mein besonderer Freund war Ich übergab
ihm seine Empfehlungsschreiben und wurde von ihm und seiner Gemahlin gütig
aufgenommen Mein Wirt ist von ädler Geburt treibt aber als der zweite Sohn
seines Hauses aus einem sehr vernünftigen Grundsatze der Britten die
Handelschaft in Großen Er lebt prächtiger als mancher Graf und ich habe bei
verschiedenen Gelegenheiten die Herrlichkeit seines Hauses gesehen Ich
erkundigte mich also bald nach Sir Karln »Sir Karl sagte er ist mein Freund
Jedermann liebt ihn Das Bild das Richardson entworfen sieht ihm sehr ähnlich
Sie werden ihn aber noch mehr bewundern wenn Sie ihn persönlich sprechen in
wenig Tagen werde ich nach Grandisonhall gehen ihre Gesellschaft wird mir
angenehm sein«
Nunmehr Teurester Herr Magister wird die Freude bei Ihnen eben so stark
als vorher der Schmerz sein Setzen Sie sich wie ein römischer Held auf eine
Chaise lassen Sie alle Ihre Gegner vorher gehen lassen Sie io triumpfe rufen
und fahren siegprangend mit Blumen gekrönt nach Schöntal um daselbst neue
Lorbeern einzusammlen Mein Brief aber muss auf einem Kissen wie ein Document
getragen werden Nunmehr wird Ihre Scharfsinnigkeit von keinem Menschen mehr in
Zweifel gezogen werden Sie können das Wahre von dem Falschen genau
unterscheiden Sie dringen in das Innerste der Sache und jeder große Geist wird
sich eine Ehre daraus machen wenn er nur mit Ihnen verglichen wird Leben Sie
wohl verehrenswürdiger Freund Der Geist der alten Chaldäer und Perser ruhe
seiner auf Ihnen Dieses ist der beständige Wunsch
Ihres
gehorsamen Dieners
vS
VI Brief
Fräulein Amalia an ihren Bruder
Schöntal den 16 Mai
Mein Bruder
Deine Briefe haben uns ein unglaubliches Vergnügen gemacht Der Baron war vorige
Woche in der Stadt und erhielt sie da von der Post Er setzte sich sogleich zu
Pferde um sie mir zu überbringen Ich erbrach das Schreiben an mich worin
ich das an den Magister eingeschlossen fand Der Jäger musste den Augenblick
hinüber nach Kargfeld und unsern Onkel nebst seiner Familie und den Magister zu
uns einladen Sie kamen etwas später als Herr Lampert der sich in der Eile auf
das Pferd unsers Jägers geschwungen hatte und da war ehe wir daran dachten Er
war ungedultig den Brief an sich zu erbrechen ich gab ihm aber diesen nicht
eher bis unser Onkel kam Wir setzten uns nach den ersten Komplimenten um den
Magister herum er hatte die Stühle in einen halben Zirkel gestellt Ich will
mir einbilden ich stünde vor dem römischen Senate sagte er Hier soll die
Geschichte des Grandisons wie dort das Schicksal der halben bevölkerten Welt
erwogen und beurteilet werden Er stund löste das Siegel auf nachdem er die
Aufschrift gelesen hatte und warf einen so hastigen und begierigen Blick in den
Brief um ihn ganz zu übersehen als wie ein heishungriger Knabe auf eine
Buttersemmel schielt um sie auf einmal zu verschlingen Er las aber bei dem
ersten Zeilen fing er schon an zu stocken Kaum hatte er noch so viel Kraft die
Worte herzustammlen Die ganze Geschichte Sir Karl Grandisons ist erdichter da
fiel ihm der Brief aus der Hand Er stund wie angenagelt sein Gesichte war
entfärbet und die Augen gläsern Auf einmal riss er mit einem entsetzlichen
Geprassel wie ich glaube nach einen Gebrauche der Alten seine Weste auf Die
hölzernen Dorlen aus den Knöpfen flogen uns in die Augen Unser Onkel war ohne
Bewegung Er hatte sich auf seinen Stock gelehnet sah mit den Augen starr vor
sich nieder und schien in dem Augenblicke hinzusterben Der Magister rung und
wund die Hände und wiederholte oft einen lateinischen Spruch Der Baron hat ihn
gemerket O vanitas vanitatum heißt er et omnia vanitas Er ergriff darauf
seine Halskrause mir war bange er würde sie zuziehen und sich erwürgen er
trocknete aber nur seine Tränen damit ab die ihm in den Augen stunden
Unterdessen hatte ich den Brief ausgehoben und sprach dem armen trostlosen
Manne einen Mut ein Sie würden sich vor dem ganzen römischen Senate
verächtlich machen wenn Sie so wenig Standhaftigkeit zeigen wollten Fangen Sie
noch einmal an zu lesen und lesen Sie den Brief ganz wer weiß was er für einen
Ausgang hat Ich hatte ein wenig hinein geschielet und noch etwas von von Sir
Karln erblickt
Er setzte mit zitternder Stimme noch einmal an und hatte so viele
Standhaftigkeit den ersten Absatz der ihm so schrecklich war zu lesen Nun
kam er auf den zweiten Alle seine Gesichtszüge wurden auf einmal verändert Ein
Mann mit zwei Gesichtern in einer Minute dachte ich das ist der leibhafte
Janus Bifrons aus unserm Orangengarten Er vergaß sich in seiner Freude Alle
Ausschweifungen zu erzählen würde mir mehr Mühe kosten als sie meinen Bruder
vergnügen könnten Viele lange lateinische Sprüche die sich alle mit Dii
immortales anfingen mussten wir wie die tiefsinnigen Aussprüche der Orakel
hören ohne sie zu verstehen Unfehlbar hatte er vergessen dass mehr Personen
als er in den Saale wären Er lief hastig hin und wieder ich sorgte für den
Spiegel und seinen Kopf Er las den Brief wiederum mit so vieler Aufmerksamkeit
als wenn er seinen Augen nicht trauen dürfte Den Namen Grandison drückte er
jedesmal mit seinen Lippen Bei meinem Onkel hatten wir fast gleiche
Erscheinungen Er saß nachdenkend auf dem Lehnstuhle als wenn er das
Gleichgewichte von Europa zu entscheiden hätte er schüttelte dann und wann den
Kopf und spielte mit seiner Dose zwischen den Fingern Aller Augen sahen auf
ihn und den Magister Diese Pantomime dauerte eine gute Weile Mein Schwager
brach das Stillschweigen zuerst Er wollte sich der Gemütsverfassung dieser
beiden Leute bedienen sie in ihren Irrtum tiefer einzuwicklen Er schien eben
so sehr in Erstaunen gesetzt zu sein als sie Meine Schwester und ich mussten
auch unsre Rolle spielen
Der Magister foderte hierauf Jedermann der keinen Grandison glaubte oder
noch einige Zweifel wider die Wahrheit seiner Geschichte vorzubringen hatte zu
einem gelehrten Gefechte heraus Er sah uns allen und besonders mir steif ins
Gesichte
Wie steht es denn nun mein naseweises Bäsgen sagte der Onkel zu mir
wollen sie hinführo mehr über den Grandison streiten
Ich schlug die Augen nieder und gab mir das Ansehen als wenn ich beschämt
wäre ich zwang mich rot zu werden Mein Schwager rief den Jäger herein Anton
hierdurch gebe ich ihm gemessenen Befehl den ersten jagdbaren Hirsch der mein
Gehäge betritt vor den Kopf zu schießen mir den Braten in die Küche und
gegenwärtigem Herrn Magister Wilibald die Haut auf seine Studierstube nach
Kargfeld zu liefern wonach er sich zu achten hat Meine Schwester ließ das
Kammermädchen rufen dem Magister das Maas zu den Armbindgen woran die
Manschetten kommen sollten zu nehmen er verbat es aber und ersuchte uns die
Manschetten in Halskrausen zu verwandeln Er wird in kurzem an dich schreiben
wenn sein Gemüte etwas ruhiger ist Niemand hofft begieriger auf die Briefe
ihres geliebtesten Bruders als
Seine
Amalia vS
VII Brief
Der Herr v N an den Herrn v S
Kargfeld den 14 Mai
Geliebter Neveu
So ist denn die Geschichte mit Sir Karl Grandisonen wirklich wahr Ich habe
zeitero als ein kluger Mann noch immer daran gezweifelt weil ich niemals
gewohnt bin alles bei der Erde weg zu glauben allein Ihr letzter Brief an den
Magister hat mich völlig convinciret Dem will ich den verdammten Häls brechen
welcher nunmehr weiter etwas wieder die Gewisheit der Sache einwenden wird Vor
allen Dingen sehen Sie zu dass Sie den Mann selber sprechen Der Kaufmann bei
welchen Sie wohnen scheint mir nach Ihrem Berichte ein ehrlicher Pursch zu
sein Er wird Sie wie der Engel den Tobias sicher nach Grandisonhall bringen
und darauf bedacht sein dass Sie unterwegs kein Wallfisch frist
Wenn Sie dort sind so machen Sie an den Herrn Grandison und an seine
Henriette von mir ein dienstfreundliches Kompliment Merken Sie dabei auf alles
was in seinem Schloss an seinen Bedienten und vornehmlich an seiner Person
anzumerken würdig ist Ich weiß zwar einen großen Teil aus dem Buche allein
Specialia mein lieber Vetter Specialia sind es die ich wissen will Verstehen
Sie mich wohl zE Hält er viel Jagdhunde was sind seine Jäger für Kerls wer
spielt die Orgel wenn Konzert ist was macht die alte Frau Shirlei Ist der
Lady G ihr Meerkätzgen zur Meerkatze geworden Lebt die alte possierliche Tante
Lore noch Von allen diesen Dingen dependirt gegenwärtig gar viel und wenn mein
Vorhaben glücklich von Statten geht so bin ich zwischen hier und Weinachten
ein zweiter Grandison ja vielleicht treibe ich die Sache noch höher Lassen
Sie Sich aber gegen Niemanden nichts merken Verschwiegenheit ist das
Wesentliche bei großen Unternehmungen Der Magister Lampert tut mir hierbei
gute Dienste Er ist selbst von der ganzen Affäre so eingenommen dass ich mir
keinen drolligtern Kerl wünschen könnte als ihn
Mein Rat wär Sie blieben einige Monate zu Grandisonhall manchmal können
Sie auch nach Shirleimanor geben wenn Ihnen die Zeit zu lang wird Hüten Sie
Sich aber für dem verdammten Greville es ist ein Schläger Fragen Sie doch auch
nach den leidigen Vetter Eberhard ob er vielleicht in seinem Ehestande auch
untertaucht Meinen Gruß an den Herrn Reves und Frau Reves wie auch an den
spasshaften Onkel Selby Den Mann möchte ich einmal hier bei mir haben ich
wollte ihm so zusaufen dass er den drätschen Himmel nicht erkennen sollte
Adieu lieber Vetter Ich bin Ihr guter Freund
vN
VIII Brief
Von S an seinen Onkel
Grandisonhall den 19 Junius
Sie tun mir viel Ehre an dass Sie an mich schreiben und nochmehr dass Sie mich
zu Ihren Gesandten an Sir Karln machen Ich bewundere und verehre Ihren
Einschluss diesem großen Britten nachzuahmen und wer ist auch fähiger auf eine
ähnliche Art zu denken und zu handeln als mein hochgeschätzter Herr Onkel Sie
werden nunmehr Ihrem alten Hause einen neuen Glanz geben und allen unsern
Ahnen eine wahre Ehre machen
Es war den 3ten dieses als ich zu Grandisonhall ankam Das Schloss ist
fürstlich und völlig so wie es Fräulein Lucia beschreibt
Sir Karl empfing mich mit einem großen freimütigen aber höchst
einnehmenden Wesen Er wusste die Lobeserhebungen die ich ihm höchst verdienter
Weise als einem berühmten Manne machte auf eine sehr bescheidene Art
abzulehnen
Es wurden meinen Begleiter und mir zwei Zimmer im andern Stockwerke
angewiesen Sir Karl verlangt dass ich etliche Monate bei ihm bleiben soll ich
denke ich werde nicht ungehorsam sein
Den 5ten Wir sind heute ungemein vergnügt gewesen Laly G stattete nebst
ihrem Gemahle und ihrer nunmehr 10jährigen Meerkatze einen Besuch bei Sir
Karln ab Die Tochter ist das wahre Ebenbild von ihrer munteren Mutter Wär das
Meerkätzgen sieben Jahr älter so
Sir Karl wendete sich während der Mahlzeit etliche mal an mich Ihre
Gesundheit wurde in einem großen Deckelglase ausgebracht und von allen nach
getrunken Wollte der Himmel sagte mein gütiger Wirt dass ihr Onkel auf ein
halb Jahr herüber kommen könnte es muss ein vortrefflicher Mann sein wie ich aus
ihrer ganzen Erzählung abnehmen kann Morgen gehen wir auf die Jagd Sir Karl
wird seinen großen Fresco mitnehmen Der König wollte ihm ein Gut dafür geben
welches jährlich 600 Pfund einträgt wenn er ihm diesen seltenen Jagdhund geben
würde allein er schlug es Ihr Majestät ab
Den 6ten Das war eine Hauptlust Es ist was übernatürliches mit dem Fresco
Er fing ein Schwein welches 6 Centner wog Doctor Bartlett wäre beinahe aus
Versehen erschossen worden Er will nicht wieder auf die Jagd gehen
Den 7ten war wieder große Gesellschaft hier Sir Beauchamp und seine
Aemilia erschienen auch Abends war Bal Wir tanzten bis vier Uhr Es waren
einige Fräuleins aus der Nachbarschaft da mit welchen ich tüchtig herumsprang
Von Ihnen wurde etlichemal gesprochen Lady G möchte Sie so gerne tanzen sehen
Den 8ten Nun bin ich auch in der so berühmten Bildergallerie gewesen Hier
treffe ich das Stücke an welches Lovelcae gesehen hat Der Ritter ist im vollen
Harnische und mit aufgehabenen Händen kniend abgemahlt Die Gemahlin kniet
gegen über und hat sechs Mädchens mit molken haften Gesichtern hinter sich so
wie sich vier dickköpfigte und kurzöhrichte Jungens hinter ihm befinden Das
fromme Paar sieht gen Himmel an welchem die Worte mit goldenen Buchstaben
geschrieben sind in coelo quics Vielleicht haben sie manchen ehrlichen Zwist
auf Erden gehabt
Einer von Sir Karls Ahnen sieht Ihnen geliebter Herr Onkel sehr gleich
Es ist ein alter Obrister welcher sich in den Kriegen mit den Schottländern
unter dem König Wilhelm sehr hervortat Sir Grandison war außerordentlich
erfreut als ich ihm die Gleichheit zwischen Ihnen und dem alten Helden meldete
Dieses Bild sagte er soll mir nunmehr um desto schätzbarer sein
Den 9ten Heute bin ich in der Kirche gewesen Doctor Bartlett predigte von
den verschiedenen Unglücksfällen welche den Menschen begegnen könnten Morgen
werden wir insgesamt aufbrechen und nach Shirleimanor gehen welchen
Rittersitz Sir Karl nach dem Tode der rechtschaffenen Frau Shirlei geerbet
hat Sie starb den 1 August 1756 Lady Grandison und ihr Gemahl waren bei dem
Ende dieser Hochachtungswürdigen Matrone gegenwärtig Der Liebling ihres
Herzens und Sir Karl empfingen nochmals ihren zärtlichen Segen Onkel Selby
hat weinend ganz abscheulige Gesichter gemacht wie mir Lady G sagte
Den 17ten Gestern Abends kamen wir von unserer Lustreise wieder zurück Ich
bin nunmehr mit der ganzen Familie bekannt Onkel Selby ist noch immer wie
sonsten Er überlacht dreißig andere und wenn sie auch noch so sehr lachen
könnten Vetter Jacob dient als Kornet unter der schweren Kavallerie Greville
aber ist Obrister unter einem Landregimente Es soll ihn keiner von allen
Offiziers im Fluchen aushalten können
Ormen die Milchsuppe habe ich auch gesehen Er ist noch immer kränklich
und wird wohl schwerlich wieder hergestellt werden Seine Schwester will ihm zu
Gefallen ledig bleiben und eine zweite Tante Lore werden Im Vorbeigehen Tante
Lore ist vor vier Jahren sehr ungern gestorben Sie brachte ihr Leben auf 70
Jahr drei Monate und 6 Tage
Den 19ten Heute wurde großes Konzert im Musiczimmer gehalten Viele
benachbarte Edelleute fanden sich dabei ein Ich sehe dass sich der Brittische
Adel ungemein auf die Tonkunst legt Sir Karl spielte den Generalbass auf der
Orgel Zuweilen löste ihn seine Henriette mit dem Flügel ab Alexanders
Gastmahl wurde auch aufgeführt Sir Karl wunderte sich dass Sie kein Instrument
spielten da Sie doch außerdem so ein vollkommener Kavalier wären
So viel für diesesmal Ich habe eine bequeme Gelegenheit meinen Brief fort
zusenden Ganz Grandisonhall empfiehlt sich Ihrer Gewohnheit und besonders
Dero
gehorsamster Diener
vS
IX Brief
Fräul Amalia an ihren Bruder
Schöntal den 23 Mai
Lieber Bruder
Welche Veränderung in unserm Hause Alles ist metamorphosiret Kein Bedienter
kein Bauer darf meinen Onkel mehr gnädiger Herr oder die alte Kunigunde
gnädiges Fräulein nennen sondern Sir und Lady müssen sie sprechen Viele fragen
den Magister um die Bedeutung dieser Titel und dieser ist allemal bereitwillig
ihnen zu erklären wie die Wörter a radice haben Sein Dorf heist nicht mehr
Kargfeld sondern N hall Wir hatten am Montage alle Mühe ihn darzu zu
bringen dass er einen Brief annahm auf welchen noch a Kargfeld gesetzt war
Wiganden hat er umgetauft und Jeremias genannt Der feinste Einfall ist die
Auszierung eines alten Ganges welchen er nunmehr mit dem prächtigen Namen
einer Bildergallerie beehret hat Du weißt dass nur wenige Personen von unsern
Ahnen abgemahlt sind damit aber die gemeldete Gallerie ganz besetzt werden
möge so stehen unter andern zusammengeraften Gemählden auch der weinende
Petrus Aristoteles mit einem großen Buche von welchem der Magister berichtet
dass es seine Metaphysic wäre die heilige Veronica der Kasten Noä die
Zerstöhrung Jerusalem und Thomas Münzer mit darunter Wigand musste sie
aufstellen helfen und war so boshaft einige grobe Einwürfe wider diese Ahnen
zu machen allein mein Grandisonirender Onkel versiegelte seine kurze Antwort
mit einer entsetzlichen Maulschelle dass dem Kutscher die Lust den Streit
weiter zu treiben vergieng Hast du Schurke jemals gehört setzte er hinzu dass
Jeremias mit seinem Herrn so unverschämt sprechen darf Wenn du Schlingel länger
bei mir in Diensten sein willst so musst du weit ehrerbietiger mit mir reden
woferne ich dir nicht deine schelmische Ohren abschneiden soll Mit einem Worte
die Gallerie wurde fertig und wir müssen in seiner Gesellschaft oft dahin
gehen und uns von ihm die Taten dieser ehrwürdigen Ahnen erzählen lassen Er
selbst nimmt in Lebensgröße zu Pferde den ersten Platz ein Damit aber sein
heroisches Wesen recht natürlich gebildet wurde so bestieg er seinen alten
Fuchs welcher drei Tage zuvor nicht eingespannt vielmehr reichlich gefünert
wurde paradirte im Hohe herum und der Mahler musste die Anlage zum Bilde unter
freien Himmel verfertigen Lampert wollte bei dieser Gelegenheit sich auch
mahlen und bei Münzern oder bei den Aristoteles stellen lassen Allein seine
Bitte wurde ihm rund abgeschlagen doch erhielt er den Trost ich will eine
Bronze aus Sie machen lassen und Sie in meine Biblioteck stellen Ich nahm mir
die Freiheit ihn wegen der Unanständigkeit des Orts einige Vorstellungen zu
tun welche auch so kräftig waren dass er das am Ende der Gallerie befindliche
heimliche Gemach sogleich mit eigener Hand versiegelte Hier sprach er ist
das Medaillencabinet von der Olivia befindlich welches ich nach und nach in
eine bequemere Stelle bringen werde
Das rühmlichste bei seiner Nachahmung ist die Bestimmung einer Stube zur
Hauscapelle worin Abends Betstunde gehalten wird und wobei Lampert die
Stelle des Dr Bartletts vertritt Jedermann erfreut sich darüber denn du
weißt dass er sonst niemals von Beten und Singen ein großer Liebhaber gewesen
Kargfeld den 25 Mai früh 7 Uhr Den Augenblick reist mein Onkel mit dem
Jeremias fort wir fragten ihn ganz zärtlich wo er hin wollte allein wir
bekamen keine Antwort als diese ich habe auf meinen Irrländischen Gütern eine
Verbesserung vorzunehmen Wir taten während seiner Abwesenheit einen
Spaziergang 11 Uhr Ums Himmelswillen da kommt Jeremias mit dem Wagen Was
muss er in aller Welt aufgepackt haben wir liefen alle an die Fenster und
Fräulein Kunigunde schrie Wigand was bringst du hier Es ist eine Orgel
gnädige Lady
Tante Was willst du damit du führst sie an unrechten Ort
Wigand Nein Mylady unser gnädiger Herr hat sie der Gemeine zu Daasdorf
abgekauft weil dort eine neue gebaut wird
Indem kam Grandison der zweite auch und da er uns insgesamt erblickte so
sagte er nun Kinder soll unser Schloss bald ein Grandisonhall werden Siehst
du wohl Schwester dass ich ein Musiczimmer anrichten will Friedrich lauf
sogleich zum Kantor und hole ihn anbei er soll die Pfeiffen vorsichtig
abpacken und die Sache in Ordnung bringen Sie aber Herr Magister welcher
eben stand und in eine große Orgelpfeiffe blies sagte er können ihm
behilflich sein damit ein jedes Stück recht ortodox an seinen Ort gebracht
werde
Es wurden auch sogleich zwei Bauern beordert welche die Bälge zur Fröhne
anbei fahren mussten Das schlimmste ist fuhr er fort dass ich die Orgel nicht
spielen kann sonst wollte ich wie Sir Karl zuweilen in das Musiczimmer gehen
und eine Kantate aborgeln
Den 26ten Bald wird die sogenannte Kinderstube in ein prächtiges
Musiczimmer verwandelt sein Die Mägde haben ausziehen und in eine andere Stube
wandern müssen Die Instrumente womit selbiges ausgezieret ist sind
1 Ein altes Klavier das ist der Flügel worauf seine künftige Henriette
spielt
2 Eine Violine woran die Quinte fehlt
3 Ein Bass welchen mein Onkel von einen Adjuvanten für zwei Martinsgänse
angenommen
4 Eine Trommel diese gehört aber eigentlich zum Landregimente
Die Orgel ist noch nicht gesetzt der Orgelmacher aber ist verschrieben Auf
die künftige Woche soll alles im Stande sein da wir denn sämtliche große
Veränderung einweihen werden Nur der Schulmeister ist mit seiner neuen Stelle
als Hoforganiste nicht zufrieden Du wirst seine Zweifel im beiliegenden Briefe
lesen Wir führen bei diesem reißenden Strohme der Torheiten welchem sich
nunmehr Niemand widersetzen kann das angenehmste Leben und wünschen dir ein
gleiches
Amalia vS
X Brief
Der Schulmeister von Kargfeld an den Herrn vS
Kargfeld den 26 Mai
Hochwohlgebohrner Herr Gnädiger Herr
Eur Hochwohlgeb werden verhoffentlich nicht ungnädig aufnehmen wenn ich als
ein unwürdiger Dorfschulmeister an Sie nach Engelland schreibe wo Sie Sich
nach Aussage des Hr Magisters aufhalten sollen Ich habe sonst viel von diesem
Kaisertume gehört und einige haben gar sagen wollen es läg mitten auf einem
großen Wasser Wie sind Sie doch in die Welt hinüber gekommen da Sie das
Schwimmen sonst bei uns nicht gerlernt haben doch es mag sein wie es will wenn
Sie nur nicht etwa durch verbotene Künste dafür Sie Gott bewahre über die
große See gegangen sind Ich hatte viel zu schreiben ich habe es aber alles
wieder vergessen Beiläufig das Gedächtnis legt mir seit einigen Jahren sehr
ab und ich bin jetzo willens bei dem Oberconsistorio in einem Schreiben
anzuhalten dass wir eine Parucke zu tragen erlaubt sein möge Sonst bin ich noch
ziemlich gesund Gott sei Dank der letzte Durchmarsch von den Türken hat mich
freilich sehr mitgenommen Da sie kamen lief ich für Angst in die Kirche
schloss hinter mir zu und kroch hinter die Pfeiffen in der Orgel da mir aber
salsa fenia einfiel dass ich meine Gemeine nicht verlassen dürfte so wollte ich
doch wenigstens den Durchmarsch aus dem Turmloche mit ansehen Dass dich der
Hammer was waren das für Kerls Die meisten sahen aus wie die heiligen drei
Könige welche in unserer Kirche abgemahlt sind Rote Brustlätze Hosen bis auf
die Schuh schreckliche Bärte Gesichter wie die Mohren Ich schlug ein Creuz
nach dem andern vor mir betete und sprach Herr stürz sie in die Grube hinein
Die sie machen den Christen dein
Zum guten Glück blieben sie nicht im Dorfe sondern zogen zur Mistgasse
hinaus wohin weiß ich nicht Einer war dabei der saß in einer Kutsche
Niemals habe ich einen so gottlosen Bart gesehen als der Kerl hatte Er
bedeckte seinen ganzen Leib und ich glaubte ganz gewiss dass er wegen diesen
schweren Barte müsste gefahren werden Mein Herr Pfarr sagte mir nachher es
wären Createn und keine Türken gewesen der Schulze aber behaupte es wären
Panduren welches beides ich an seinen Ort gestellt sein lasse
Noch ein Punkt welchen ich gleich Anfangs melden wollte Unser gnädiger
Herr Ihr Herr Vetter will auf seinem Schloss eine Orgel bauen lassen und zwar
in das Musiczimmer wie ers nennt welche ich denn wenn er Konzert halten
würde spielen sollte Ich kam freilich aus meiner Gelassenheit da er mir
diesen Antrag tat und diesem meinen Eifer ist auch folgende Antwort
beizumessen Hören Sie was ich sagte Gnädiger Herr die Orgeln haben schon
seit der Sündflut in die Kirchen gehört und nicht auf die Edelhöfe Wer nun
solche heilige Dinge misbraucht der tut eine Sünde wider das dritte Gebot und
folglich auch wider alle wir haben ohnedem eine Landstrafe nach der am der
andern hier zielete ich unvermerkt auf die garstigen Türken welche durchs
Dorf gingen wollen wir noch mehrere Sünde tun und gar bei Gastereien die
Orgel schlagen An Statt dass er in sich gehen und von seinem bösen Vorhaben
abstehen sollte so lachte er mich nur aus und sagte dass Hr Grandison in
Engelland auch eine Orgel im Hause hätte was jenem Recht wär das wär ihm
billig und er müsste eine Orgel im Hause haben es möchte auch kosten was es
wollte Was soll ich nun machen mein lieber und gestrenger Junker Unser
gnädiger Herr ist ganz gewiss ein Heide worden Haben die Edelleute in Engelland
Orgeln so mögen sie solche für sich haben wir sollen uns hierinne aber
christlicher aufführen Es sind ohnedem die letzten Zeiten wie unser Herr Pfarr
spricht da alle Laster im Schwange gehen und also notwendig allerlei
Landplagen erfolgen müssen wohin ich auch die garstigen Türken rechne die
durchs Dorf zogen mir zwei Gänse todtschmissen und mitnahmen meinem Nachbar
sein Schwein ungerechnet Wenn wir nun die Kirchensachen misbrauchen und auf
den adelichen Höfen in Musiczimmern orgeln wollen was soll zuletzt daraus
entstehen Ich orgele nicht und sollte er mir auch meinen grauen Kopf vor die
Füße legen lassen Melden Sie mir doch gestrenger Junker was es mit der Orgel
des Herrn Grandisons in Ansehung der Register und Bässe für eine Beschaffenheit
habe Der Pfarr hat zwar noch nichts davon auf der Kanzel gesagt ich glaube
aber er bricht gewiss einmal damit hervor wenn das Werk zu Stande kommen
sollte oder weiset unsern gnädigen Herrn vom Beichtstuhl ab Orgeln gehören in
die Kirche damit holla Eurer Gnaden wünsche viel Glück und Segen und bin mit
aller Zucht und Erbarkeit
Eur Gestrengen
demütiger und Ehrendienstwilliger
Lorenz Lobesan
p t ludimoderator
XI Brief
Der Herr vN an den Herr vS
N hall den 10 Julius
Lieber Vetter
Ich habe Ihren letzten Brief richtig empfangen Ihre Nachrichten haben mich
entzückt so dass ich wieder jung wie ein Adler werde Wenn meine Schwester mich
nicht mit tränenden Augen gebeten hätte so wäre ich statt dieser Anwort in
Person nach Grandisonhall gekommen Ich war schon reisefertig Jeremias sollte
mich nebst dem Magister begleiten und ich wollte meine Tour über Hamburg
nehmen Aber wie gesagt meine Schwester der alte Wurm Lampert der Pfarr und
die ganze Gemeine bekamen von meinem Anschlage Wind sie vereinigten sich
miteinander und baten mich auf den Knien keine solche gefährliche Reise in
meinen alten Tagen zu unternehmen Was sollte ich machen Ich konnte nicht
widerstehen und solchergestalt werde ich nun wohl hier bleiben
Sir Karl hat mir durch die ausgebrachte Gesundheit viel Ehre erwiesen Ich
habe sie schon zehenmal nachgeholt Einem solchen Ball möchte ich einmal
beiwohnen wenn die verdammten Englischen Tänze täten denn ich tanze weiter
nichts als die Menuet und deutsch Sie hätten Sir Karln meine
Ungeschicklichkeit in der Musik nicht entdecken sollen er wird mich nunmehr
verachten Ich will aber auch her Rot ein Ende machen Wissen Sie wohl dass ich
die alte Orgel aus der Daasdorfischen Kirche gekauft habe Ich habe sie für
dreißig Gulden erstanden und in die Kinderstube oder besser in mein
Musiczimmer setzen lassen Der alte Schulmeister machte mir zwar anfangs
allerlei Hasensprünge und wollte bei unserm Konzert nicht spielen so dass ich
ihn einmal bald zum Dinge hinaus gepeitscht hätte er besonn sich aber noch zu
seinem Glücke und orgelte Die Klaves kann ich bereits miteinander Schicken
Sie mir nur Alexanders Gastmahl von Händeln dieses Stück will ich zuerst
lernen
Ich hätte bei der Jagd vom 6ten Junius sein mögen das muss ein verdammter
Hund sein wenn er Schweine von sechs Centnern halten kann Wenn Fresco eine
Bätze ist so lassen Sie sich einen jungen Hund geben wenn er heckt und
bringen ihn mit herüber damit ich die Race auch bekomme Was hat aber Doktor
Bartlett auf der Jagd zu tun Er wird ein andermal wegbleiben denke ich es
wär indessen Mordschade um den alten Kerl gewesen zumal da er sich sowohl in
Sir Karls Humor schicken und die Mägde und Knechte fromm machen kann In diesem
Punkte kann ich Lamperten noch nicht recht brauchen denn er demonstrirt den
Mägden ihre Pflicht so undeutlich und zuweilen gar lateinisch dass sie kein
Wort davon verstehen Wenn ich aber mit der Peitsche hinter sie komme so
überzeuge ich sie besser als wenn der Magister zehen Predigten hielt Im
Vertrauen ich studire nunmehr auf eine Reise nach Italien um Klementinen
abzuholen wenn sie anders noch ledig ist und den verwünschten Belvedere nicht
hat nehmen müssen Unser Barbier soll mit mir gehen und den Jeronimo recht
auscuriren denn Lowter scheint mir nicht so tackt feste zu sein als unser
Niclas Klementine wird nachher meiner Liebe aus Dankbarkeit Gehör geben dass
ich ihrem lendenlahmen Bruder geholfen habe Die Religion soll mir nicht lange
im Wege stehen ich würde wohl ein Türke wenn ich Klementinen zur Frau bekommen
könnte Erkundigen Sie Sich doch unter der Hand wie die Sachen in Italien
siehen ich lese zwar den Kourier und den Staatsboten ich finde aber niemals
ein Wort von der Hochzeit der Klementine darin folglich mutmase ich dass sie
noch ledig ist Ich erwarte eine Antwort von Ihnen mit Verlangen und bitte
meine Empfehlung an Sir Karln und seine Henriette zu machen von
Ihrem
getreuen Onkel
XII Brief
Fräulein Amalia an ihren Bruder
Kargfeld den 13ten Junius
Nachmittags um 4 Uhr
Ich bin sehr neugierig welchen Ausgang die Torheiten unsers Onkels nehmen
werden Gegenwärtig erfordert eine Reise nach Italien seine ganze
Aufmerksamkeit Ein Brief von dir wird der Sache den Ausschlag geben Lebt die
Klementine noch unverheiratet so geht er hin und nimmt sie dem Graf von
Belvedere vor der Nase weg Ich muss dir eine ganze Unterredung zwischen ihm
seiner Schwester mir dem Magister dem Barbier und seinem Jeremias mitteilen
daraus du seinen Anschlag ganz deutlich erkennen kannst Ein Glas Wein hatte
seine Lebensgeister rege gemacht
Amalia Lieber Herr Vetter warum wollen Sie uns verlassen wir lieben Sie wie
unsern Vater wir werden uns grämen wenn Sie so weit weggehen ja wir
würden für Bekümmernis sterben wenn Sie unterwegens ein Unglück haben
sollten
vN Hören Sie auf zu winseln Sie machen die Sache dadurch noch nicht anders
Soll ich unverheiratet sterben nicht wahr das wäre recht für euch Nein
daraus wird nichts Wie sollte ich ein Unglück nehmen Ich gehe in meinem
Beruf und das ist das beste
Amalia Ich dächte Sie hätten vielmehr einen Beruf hier bei den Ihrigen zu
bleiben um eine hieländische Lady glücklich zu machen Gefällt Ihnen denn
kein Frauenzimmer hier
vN Es sind schon Mädchens hier aber keine Klementine Sie haben ja ihre
Geschichte gelesen sagen Sie mir einmal welches Fräulein man mit ihr
vergleichen könnte
Amalia Sie ist nach meiner Meinung stolz und gar zu abergläubisch Ich will
also keine Vergleichung anstellen
vN Das sind bei einer Klementine keine Fehler bei euch Jungfern aber würde
ich beides nicht leiden können
Amalia Nun das heiß ich erzverliebt Wenn man die Fehler eines Mädgens für
Schönheiten hält bloß weil sie eine Ausländerin ist
vN Ja das tu ich und ich werde mich meiner Liebe niemals schämen Wer
Klementinen liebt tut sich selbst hervor
Amalia Noch eins Herr Onkel Klementine ist eifrig römisch katholisch Sie wird
also jeden Protestanten abweisen Nehmen Sie ein Beispiel an Sir Karln
vN Sir Karl war zu gewissenhaft Man muss die Sache nicht so genau nehmen
Hätte er Ernst gebraucht so wär sie damals die Seinige geworden
Amalia Sprechen Sie doch lieber wegen diesen Punkte mit Ihrem Pfarr und hören
was er sagt
vN Nein das mag ich auch nicht Er würde freilich Ihrer Meinung sein aber
mit seiner ganzen Polemic nichts ausrichten Was soll sich der alte Mann
vergeblich bemühen
Amalia Sie sind ein sehr entschlossener Mann Der Himmel verhüte nur dass nicht
etwa der General
vN Wer der General dem will ich den Kopf schon zurechte rücken Mir hätte er
nicht so naseweis wie Sir Karln kommen dürfen ich hätte ihn garstig
abführen wollen Ich fürchte mich für keinem Feldmarlschall vielweniger für
einem General Lass ihn nur herwachsen ich will ihm nicht aus dem Wege
gehen War ich wohl wert ein Grandison zu heißen wenn ich mich für einem
solchen Bramarbas fürchten sollte
Amalia Ich weiß dass Sie Mut haben aber die Herzhaftesten können zuweilen
unglücklich sein Belvedere würde sich ganz gewiss mit ihm vereinigen
vN Belvedere der Pursch soll bald Reissaus geben Ich werde ihn nicht wieder
mit Komplimenten nach Hause schicken wie Grandison nein ich will ihn auf
den Pelz brennen dass er zeitlebens daran denken soll
Magister So lange noch Vorschläge zur Güte getan werden können, so lange muss
man keine Gewalt brauchen Ich habe schon zwo lateinische Reden et quidem
stylo Ciceroniano ausgearbeitet davon ich eine an den alten Marggrafen
die andere aber an den General halten will In beiden ist die Sache pro und
contra untersucht und ich denke wir wollen die ganze Familie gewinnen
vN Bravo mein alter ehrlicher Magister Sie werden Sich doch hoffentlich mit
dem Pater Marescotti vertragen können
Magister Wer ich ein zweiter Doktor Bartlett sollte sich mit so einem Mann in
Zänkereien einlassen Wir wollen wie Brüder leben und alle die Weine
kosten in welchen sich Horaz sonst derb besoffen hat
vN Packen Sie unterdessen ein Sie brauchen nur ein Kleid ein schwarzes denke
ich
Magister Sonst keines Ich reite den Schimmel
Amalia Sie können sich für einen von den preußischen Todtenköpfen ausgeben und
in ganz Welschland ein Aufsehen machen
Zweiter Auftritt
Jeremias Meister Niclas die vorigen
Jeremias Gnädiger Herr Meister Niclas ist da soll er herein kommen
vN Ja lass ihn herein kommen Wo bleibst du alter Quacksalber so
lange Habe ich dich nicht bereits vor drei Stunden rufen lassen
Niclas Verzeihen Sie gnädiger Herr es ist heute Sonnabend ich habe erstlich
die ganze Gemeinde geschoren und dem Kantor sein Fontenell verbunden
vN Du hast immer viel zu tun Weißt du was alter Meister Salpeter du sollst
eine kleine Reise mit mir tun
Niclas Ganz gerne gnädiger Herr wir kommen doch morgen Abends wieder
vN Das gehört nicht zur Sache Verstehst du einen alten Schaden recht aus dem
Fundamente zu curiren
Niclas Aus dem Fundamente Ich habe noch letztlich dem Schäfer eine Fistel
zugeheilt
vN Ich höre du bist ein geschickter Kerl Pack deine Zangen Sägen Hacken
Pflaster Salben und Büchsen zusammen ein leg deine gute Hosen und etliche
Hemden zurechte dass du alle Stunden aufbrechen kannst Den Tag kann ich dir
noch nicht sagen aber ich erwarte dieserwegen einen Brief alsdenn sollst
du Nachricht davon bekommen
Niclas Ihr Gnaden werden mir doch den Ort sagen wo Sie hin wollen
vN Nach Bologna wenn du weißt wo das liegt
Niclas Nein das weiß ich nicht Wie viel Stunden liegt der Ort von hier
vN Tummer Teufel frag lieber wie viel hundert Meilen Hast du niemals was
von Italien gehört
Niclas Bewahr mich Gott für Italien da wohnt ja der Pabst Nein dahin bringt
mich kein Mensch
vN Der Pabst wird dich alten Esel nicht fressen Mach mir nur keine
Schwürigkeiten Du musst mit und wenn ich auch in die Türkei ging
Niclas Gnädiger Herr was würde meine Frau sagen Ich dürfte ihr nicht wieder
unter die Augen wenn ich so weit weg ging
vN Hat deine Frau auch ein Votum bei der Sache Die kann ganz ruhig sein und
Statt deiner die Bauern im Dorfe scheeren
Niclas Ja das könnte sie einiger masen sie schiert aber Niemanden sonst als
mich und das zwar alles privatim damit es die andern Barbier nicht
erfahren und mich strafen
vN Höre Wurm kann deine Frau mit deinem Bart zurecht kommen so kann sie es
mit andern Männern ihren Bärten auch Mach nur keine Weitläuftigkeiten du
bist mir bei dieser Reise unentberlich denn du sollst einen vornehmen
italienischen Herrn curiren Ich will dich reichlich bezahlen und es auch
einstens deinen Kindern genießen lassen
Niclas Alles gut Wenn es nur nicht zu weit wär Ich scheue mich für dem
Wasser als wenn mich ein toller Hund gebissen hätte Ach ich glaube ich
wäre des Todes wenn ich über das rote Meer fahren sollte
vN Da kommst du nicht hin Gesetzt aber wir wären genötigt über ein Wasser
zu setzen so verbinde ich dir die Augen mit einem Schnupftuche damit du
nichts siehst Weißt du es nicht wie mans mit den Pferden macht Ich bin
müde deine Ausflüchte weiter anzuhören Willst du nicht mitgehn so sollst
du so lange ins Hundeloch kriechen bis ich wieder zurück komme
Magister Geht doch mit alter wunderlicher Mann In Italien wächst guter Wein
dort könnt ihr euch was bene tun
Niclas Ehe ich ins Loch krieche so reise ich freilich mit Aber ich kann so
weit nicht gehen
vN Wer sagt dass du gehen sollst Du sollst mein Maultier reiten Geh nur
hin bis ich dich wieder rufen lasse Du Schwester wirst indessen meine
Wäsche und meine Kleider zurechte legen damit ich wenn der Brief aus
Engelland kommt sogleich aufbrechen kann
Fr Kunigunda mit kläglicher Stimme Ich will es tun aber wollte der
Himmel dass ich dieser Arbeit überhoben sein dürfte Du bist schon bei
Jahren lieber Bruder und willst noch heiraten und zwar ein katholisch
Mädchen
vN Das hab ich wohl gedacht dass du deine Klagelieder auch anstimmen würdest
Du wirst doch zeitlebens so eine alte Wehklage bleiben Ein Wort so gut als
zehhen lass dieses die letzte Erinnerung sein die du mir gibst A propos
meine Sammetosen will ich auch mitnehmen lass sie rein auskehren und wo
etwa hier oder da ein Wurmstich zu finden wär so nehe es sein sauber zu
Amalia Auf solche Art werden der Herr Onkel recht galant erscheinen
vN Ja das werde ich auch ohne Ruhm zu melden tun Was soll ich viel
Federlesens machen Ich will dem Mädchen so zusetzen dass sie bald Chamade
schlagen soll
Amalia Was werden unsere Freunde in Schöntal sagen wenn sie Ihre Absicht
erfahren
vN Die haben nichts darein zu reden Ich bin mündig Jetzt ists noch Zeit zu
heiraten da ich in meinen besten Jahren bin Warte ich noch länger so
tauge ich hernach gar nichts mehr Ich denke ohnedem ich will mir das
verdammte Podagra durch den Ehestand vom Halse schaffen
Magister Sie haben recht Wär ich an Ihrer Stelle gewesen so hätte im
achtzehenden Jahr geheiratet
vN Da giengs bei mir noch nicht an da war ich im Felde und half die Franzosen
schlagen
Amalia Warum haben aber der Herr Onkel so lange gewartet
vN Ich weiß selbst nicht Hätte ich Klementinen eher kennen lernen so wär ich
vielleicht schon lange ein Papa Nun solls aber auch desto schärfer gehen
Amalia Wollen denn aber der Herr Onkel Klementinen Ihr wahres Alter sagen Ich
befürchte sie macht Einwendungen Denn nach aller Wahrscheinlichkeit ist
sie etwa 28 Jahr
Magister Hier muss pia fraus gespielt werden Sie sind munter und gesund Sie
kennen sich immer für einen vier und dreisigjährigen Herrn ausgeben
vN Macht euch beide keinen Kummer Nach meinem Alter wird Niemand fragen Zum
Überfluss aber will ich meine Brille zu Hause lassen
Magister Das muss ohnedem geschehen Wollen Sie nach etwas sehen so nehmen Sie
das Perspectiv Der Himmel verhüte nur dass Sie das Podagra in Italien nicht
bekommen
vN Es wäre freilich ein alberner Streich aber ich denke das Podagra soll
kein Narr sein und mich mit der Liebe zugleich plagen Meine Beine werden
dort andere Dinge zu tun haben dass sie also daran nicht denken werden
Kunigunda Ach wer weiß ob ich dich in meinem Leben wieder sehe wenn du so
weit weggehest
vN Sei unbekümmert alte Tante Lore Siehst du mich hier nicht wieder so
geschiehet es dort wenn du nicht par hazard in die Hölle fährest
Kunigunda Rede nicht so unchristlich Bruder Wenn alle verliebte Leute so sind
wie du so will ich in meinem Leben nicht verliebt werden
vN Ja es wäre Zeit wenn du im 56ten Jahr noch verliebt würdest
Amalia Plagen Sie doch meine redliche Tante nicht Sie besitzt das beste Herz
Sie ist um Sie wegen der Reise besorgt
vN Die Sorge kann sie sparen Komm ich glücklich zurück so soll sie eine neue
Saloppe und ganz neuen Kasper kriegen Alsdenn wirst du aussehen wie die
Marquise von Pompadour
Kunigunda verneigt sich vor ihrem Bruder
Amalia Mich müssen Sie nicht vergessen Herr Vetter ich bin eine starke
Liebhaberin von welschen Galanterien
vN Ihnen will ich den Jeronimo mitbringen wenn ihn Niclas recht auscuriren
kann Die Partie wär so uneben nicht habe ich erstlich Klementinen weg so
lässt sich ihr Bruder vielleicht überreden und begleitet mich hieher
Amalia Ja das wär vortrefflich Alsdenn wollten wir schon bekannt werden
Allein ich möchte doch nicht gerne einen Mann der schon so viel Maitressen
gehabt hätte
vN Ihr Mädchens müsst nicht so eckel sein Ein Kavallier kann schon einige
Maitressen haben und sich dennoch seiner Gemahlin für einen Junggesellen
verkaufen Ich war in meinen jüngeren Jahren auch nicht von Holz
Amalia So recht das sollten der Herr Onkel gar nicht erzählen Ich habe Sie
noch immer für einen reinen Junggesellen gehalten
vN Sie werden auch nicht krank werden wenn Sie es noch tun Klementine muss
indessen nichts davon wissen Hab ich sie einmal weg so mag sie hernach
erfahren was sie will Wir wollen aber aufhören zu discuriren Ich will
mich heute einmal recht lustig machen Jeremias lauf zum Kantor und sag
dass heute Konzert gehalten würde Er soll um 6 Uhr zu mir kommen und noch
ein paar Adjuvanten mitbringen Reizend sanft in Lydischen Tönen zum
Gefühle stiller Lust etc soll es heute gehen O du angenehme Dulcinea von
Bologna tausend Ducaten wollt ich darum geben wenn du heute hier wärest
Pereat Belvedere tief zum Jeremias Stehst du noch hier wie eine Säule
Geh und ruf den Kantor sag ich
Jeremias Gleich gleich ich wollte nur ihre Rede ganz anhören
vN Das war nicht nötig Der erste Teil gehörte nur für dich Bube
Hast du also etwas nach Italien zu bestellen so wird dir unser verliebter
Herr Onkel dienen können Er nennet es seine geheime Expedition er will sie
aber glücklich ausführen Welch eine Reisegesellschaft der Magister schickt
sich zu ihm und er zum Magister Jeremias aber schickt sich zu beiden Der
Onkel ist voller Verlangen einen Brief von dir zu bekommen »Hört was ich
sage spricht er ihr müsst euch die Sache recht soldatisch vorstellen Zeitero
habt ihr Pulver auf die Pfanne getan geladen und den Ladestock wieder an
seinen Ort gebracht Heute schrie ich Hoch schlagt an kommt der Brief aus
Londen so rufe ich weiter nichts als Feuer und denn gehts los Jeremias muss
noch einmal mit dem schelmischen Barbier reden damit der Schlingel nicht erst
sich zur Ladung schwenket wenn ich fort will
Was fangen wir mit unserm Onkel an Nichts fehlt als dass er noch auf solche
Abenteuer ausgeht Ich weiß gewiss jeder Schritt von hier bis nach Bologna
würde mit einer recht besonderen Torheit bezeichnet Allein das muss nicht
geschehen Wie wird er sich anstellen wenn du ihm die Vermählung der Klementine
schreibest Ich denke aber er hat einen neuen Entwurf im Kopfe der jenem an
Schönheit nichts nach gibt
Abends um 6 Uhr Die Adjuvanten sind da der alte Kantor auch im Mantel
als wenn er zur Hochzeit bitten wollte Der Magister hat ihm seine Zweifel wegen
den Orgeln benommen oder besser unser Onkel wollte den alten ehrlichen Mann
prügeln«
Alleweile höre ich dass er ihm auf dem Saale einen Unterricht wegen des
Spielens gibt
»Höre er Herr Schulmeister er muss ein wenig flüchtiger werden auf der
Orgel Die Finger sind so steif wie die Trommelstöcke Habt ihr etwa in euren
jüngeren Jahren die Daumenschrauben bekommen Ach Ihr Gnaden ich bin ein
ehrlicher Mann ich bin niemals auf der Tortur gewesen wie man sagen möchte«
»Sie sind ein alter Narr Was wär daran gelegen du bist kein Erzbischoff
Herr Schulmeister nicht wahr Vernehme er was ich sage Führt mir keine
Kirchenstücke mehr auf denn das schickt sich nicht Das letzte fing sich
mit einer Fuge an mir deucht ich hätte es an der Kirmse in der Kirche
gehört Gnädiger Herr ich habe freilich keinen großen Vorrat allein heute
wollen wir ein Trio machen und alsdenn einige Menuets und Polonoisen zum
Tanzen da wird aber nicht dazu georgelt
Nein das versteht sich Wenn ich Alexanders Gastmahl aus Engelland bekomme
so lassen Sie es Ihren Adjuvanten lernen Verstehst du mich wohl« Gerne gerne
Der Magister hat Hanngen anbei geholt und also werde ich wohl mit tanzen
müssen Ich will also dieses mal meine Feder niederlegen dir aber noch sagen
dass ich dich allemal lieben werde
Amalia vS
XIII Brief
Fräulein Amalia an ihren Bruder
Schöntal den 27 Junius
Ich habe unserm Schwager beinahe einen Gewissenspunkt daraus gemacht dass er uns
alle verleitet hat unserm Vetter eine Sache vorzuschwatzen die ihn noch vielen
Verdrießlichkeiten aussetzen kann Er ist gleichwohl unsrer Mutter Bruder wir
sollten es nicht getan haben Mein Schwager hat keine Lust von seinem Vorhaben
abzustehen und glaubt das Recht zu haben ihm etwas aufzubürden weil unser
Onkel seit vielen Jahren ihm von seinen Heldentaten Unwahrheiten gesagt hätte
Wenn er in seiner Oekonomie dadurch Schaden litte will der Baron solchen wieder
gut machen Den Gewissenspunkt bei Seite gesetzt so ist nicht zu leugnen dass
der Onkel und der Magister uns so viel lächerliche Auftritte in dem Nachspiele
des Grandisons liefern dass wir uns keinen bessern Zeitvertreib wünschen
könnten Wenn ich diese beiden Leute auf der einen Seite ansehe so sind sie
wirklich gebessert betrachtet man sie aber von der andern so scheint es dass
ihr Bisgen Verstand ganz und gar ausgedunstet ist
Mein Vetter hatte sonst etwas im Fluchen getan man konnte ihn stark
darin nennen Seine neuerfundenen Schwüre und Flüche die oft Niemand dafür
ansah wenn es nicht der Nachdruck seiner Stimme und die Gelegenheiten bei
welchen er sie vorbrachte zu erkennen gegeben hätte sind alle auf einen Tag
abgeschaffet worden Der Magister ein gewaltiger Feind aller unnützen Worte
war nicht damit zufrieden er bewies aus einem lateinischen Kochbuche wie ich
glaube dass man die Natur nicht auf einmal zwingen müsste Der Onkel blieb
demohngeachtet bei feinem Vorsatze und bat Herr Lamperten ihn freundlich zu
erinnern wenn ihm ein Wort entführe das einem Fluche oder Schwure ähnlich
sähe Er versprach für diese Bemühung dankbar zu sein und dieses versprach er
mit einem ihm eigenem Witze Herr Lampert sagte er wenn er so ein garstiges
Tier als ein Fluch oder Schwur ist bei mir ansichtig wird so sei er so gut
und hasche er mir es vor dem Munde weg Er kann es in seiner Schreibtafel oder
in seinem Gedächtnisskasten verwahrlich aufbehalten wenn wir allein sind so
soll er mir die Ungeheuer nach einander ausliefern und für jedes einen Dreier
baar Geld empfangen Einige mal besonders letzthin da der Hauptmann von
Hagebusch in Kargfeld war und seine Weidesprüche schwadronenweise anrücken
ließ kam der Onkel in die Hitze und donnerte so gewaltig mit Flüchen und neuen
Schwüren dass der gute Lampert nicht geschwinde genug im Schreiben nachkommen
konnte und ihm manchen Dreier schenken musste Den Magister nennt er seinen
väterlichen Freund obgleich unser Onkel um ein Mandel Jahre älter ist Jetzt
muss ich abbrechen Der Wagen ist angespannt wir fahren hinüber zu unserm
Vetter Heute Abend wird ein Feuerwerk abgebrannt Die Ursache davon solltest du
wohl nicht erraten Es geschiehet dem Grandison und seiner Henriette zu Ehre
Es ist heute unsers Wissens weder ihr Namenstag noch ihr Geburtstag es ist aber
gutes Wetter und es kann doch durch ein solches Festin die Ehrfurcht welche
man hier für den Namen Grandison und Henriette hat am besten zu Tage geleget
werden
Den 28ten Gestern da wir vor dem Edelhofe unsers Vetters Abends um 6 Uhr
eintrafen wurden wir von ihm im Galakleide empfangen und in den Speisesaal
geführet wo wir den Herrn vW seine Gemahlin und Fräulein Julgen fanden Der
Pastor Wendelin dessen Tochter Jungfer Hanngen in die der Magister aufs
äußerste verliebt ist der junge Wendelin ein Student Junker Gangolph der
Förster und die Personen vom Hause waren alle da Über Tische wurde beinahe von
nichts als von dem Feuerwerke gesprochen das der Magister nach morgenländischem
Geschmack entworfen haben wollte Die neidische Frau vW schnitt auf ihre
fromme Stieftochter bei Tische immer sauere Gesichter Sie hätte in der Tat
mehr Ursache stolz auf diese gefällige artig gehorsame Tochter als neidisch
und gebieterisch gegen sie zu sein
Bei der zwoten Tracht holte der Magister Grandisons Geschichte unterdessen
da die Bedienten abtrugen las er einige Blätter die Stelle handelte von dem
Heiratsvergleiche des Grandisons und der Klementine Mein Onkel brachte die
Gesundheit seines Helden aus Jedermann holte sie nach bis auf dem Pastor
Wendelin
Ich werde mich nie bereden lassen die Gesundheit eines Mannes zu trinken
der im Stande ist seine Kinder sein eigenes Fleisch und Blut dem Moloch auf
opfern zu wollen
Dem Magister starb der Bissen im Munde Seine Augen wurden so groß wie
Brenngläser Wie so mein Herr Pastor wie so
Wie so Was ist das für eine Frage von Ihnen mein Herr Magister Haben Sie
uns nicht eben jetzo vorgelesen dass der Engelländer von dem die Geschichte
handelt sich kein Bedenken machte wegen einer Weibesperson die er liebte
seine mit ihr zuerzielenden Töchter katholisch erziehen zu lassen War das
christlich war das vernünftig ich will nicht sagen väterlich Nein ich kann
die Gesundheit eines Ketzers eines Syncretisten unmöglich nachholen
Was Sir Karl ein Ketzer Ein Syncretist Wo denken Sie hin mein Herr
Pastor Sir Karl macht seiner Religion Ehre Ich hätte Lust ihn eine Säule der
protestantischen Kirche zu nennen
Wo nehmen Sie den Mut her Herr Magister einem solchen Ketzer als dieser
Engelländer ist das Wort zureden Ich will Ihnen nur kurz meine Meinung
eröffnen was ich von Leuten die Ketzer verteidigen halte Ponamus casum Es
wollte Jemand mein Hanngen hier haben der einer andern Religion beigetan wäre
mit der Bedingung dass die Söhne in der Religion des Vaters und die Töchter in
der Religion der Mutter erzogen würden und wenn es ein Graf wäre so würde ich
sie ihm versagen ja ich würde sie einem jeden rund abschlagen von dem ich nur
argwohnete dass ihm der geringste ketzerische Gedanke im Kopfe stärke Ja ja
das würde ich gewiss tun bei meiner Ehre Er sah den Magister an
Herr Lampert wurde feuerrot Der Onkel mochte ihm winken ihn treten und
ihm zurufen wie er wollte er möchte doch den Grandison nicht im Stiche lassen
es half nichts Er nahm ein Kelchglas und sagte einen seiner weisen Sprüche
Beim Schmausen darf man nicht streiten so heist er auf deutsch Er trank
Hanngens Gesundheit Der Streit wurde durch Aufhebung der Tafel geendiget
Die ganze Gesellschaft begab sich in den Garten das Feuerwerk zu sehen
Zween Adjuvanten hatten sich mit ihren Waldhörnern an den Eingang des Lustauses
gestellt In Ermangelung der Paucken schlug Junker Gangolph die Trommel darzu
Der Student hatte die Ehre als ein Fremder die Kanonen welches ein paar alte
Flinten mit deutschen Schlössern waren los zu brennen Die Bedienten vom Hause
mussten laden dann und wann eine Salve aus dem kleinen Gewehr geben das waren
die Pistolen unsers Onkels Er war deswegen genötigt das Signal mit seiner
Kugelbüchse zugeben
Herr Lampert sagte mit einer stolzen Mine Mit ihrer Erlaubnis allerseits
höchstzuverehrende Anwesende werde ich Ihnen mit einem Lauffeuer von meiner
Erfindung aufwarten
Den Augenblick erschienen ein halb Dutzend derbe Bauerjungen mit Hüten von
Pappe auf welchen ein langes Stück angefeuchtete Pulvermasse befestiget war
und liefen in einer Entfernung von uns durch einander in die Runde und in die
Quere
Wir jungen Leute konnten es unmöglich unterlassen in ein lautes Gelächter
bei diesem Anblick auszubrechen Mein Schwager beredete unsern Onkel es wäre
dieses ein Zeichen unsers außerordentlichen Vergnügens dass wir über die
Erfindung des sinnreichen Magisters empfänden Er schien damit befriediget zu
sein
Die zweite Szene bestund in einer Lampenerleuchtung 48 Oellampen die
hochadlichen und die aus der Pfarre mitgerechnet welche in dem Dorfe mit Mühe
und Zwang waren zusammen geborget worden erleuchteten die Allee Am Ende
derselben prangete die schwarze Tafel des Magisters Er verkündigte uns dass der
Name des edelsten Paares unter der Sonne im Feuer brennete Wir verfügten uns
mit vieler Sorgfalt durch die feurige Allee Wir machten uns so schmeidig als es
möglich war um nicht eine raschgierige Lampe umzustossen die uns diese
Beschimpfung gewiss durch einen grässlichen Oelfleck würde vergolten haben An der
Tafel woran noch einige hebräische Charakters kenntlich waren fanden wir die
Buchstaben
VIVANT
CG et HB
in saecula saeculorum
von vergoldetem Pappier ausgeschnitten angeklebet und rund herum mit Lampen
bespicket
Nach einigen Freudenschüssen und einem lauten Vivatgeschrei verfügten sich
alle Anwesende nach Hause Ich fürchte mich in der Nacht zu fahren ich schlief
deswegen zu Kargfeld Tante Kunigunden hatte das Feuerwerk über alle maßen
gefallen vielleicht weil es so wenig kostete und doch einen so vornehmen Namen
hatte Unsern Onkel habe ich nie so munter gesehen als damals Der Magister hat
sich durch seine kluge törigte hätte er sagen sollen Erfindung einen rechten
Stein bei mir heute ins Bret geworfen Herr Lampert er ist mein Seele ein
verschlagener Kopf ohne dass er deswegen braucht die Treppe hinunter zu fallen
Früh gegen 5 Uhr jagte mich ein unvermuteter Lerm aus dem Bette ich dachte
nicht anders es wäre Feuer im Hause Ein Hause Bauerweiber schmissen sich im
Edelhofe um ihre Lampen sie waren verwechselt worden ungeachtet der kluge
Lampert jede mit den Namen der Eigentümer bezeichnet hatte Um zehn Uhr
Vormittage ließ mich mein Schwager in seinem Wagen abholen um mit ihm und
meiner Schwester nach Wilmershausen zu fahren Der Herr von W hat uns gestern
zu sich eingeladen Unsern Onkel finden wir nicht da er hat sich wegen
Kopfschmerzen die ihn sein gestriger Rausch zugezogen hat entschuldigen
lassen Es ist Zeit in den Wagen zu steigen meine Schwester hat schon eine
halbe Stunde auf mich gewartet Erfreue bald durch deine Briefe
Deine
Amalia vS
XIV Brief
Der Magister Lampert an den Baron vS
Kargfeld den 14 Julius
Tandem bona caussa triumpfat Dieses zwar nicht seltene und rare aber doch
jederzeit wahre Symbolum welches jener Prinz auf seine Münzen schlagen ließ
ist endlich auch einmal an mir wahr worden Es gibt einen Grandison es gibt
eine Henriette Byron es sind keine Feien Vorstellungen keine Hirngespinste
wir haben gewonnen Jedermann war vor kurzem wider mich jedermann ist nun mit
mir einerlei Meinung Mein gnädiger Patron der außerordentlich vergnügt ist
dass unsere Wahrscheinlichkeiten unumstössliche Wahrheiten worden sind,
beschäftigt sich nebst mir in der Nachahmung eines Mannes der die Ehre des
Zeitpunktes ist darin wir leben Jederzeit hatte er viel Hochachtung für den
Namen Grandison nur die Furcht einen Schatten einen Dunst Einfälle eines
müßigen Kopfes zur Regel seiner Handlung zu machen nötigten ihn so lange mit
der Nachahmung dieses großen Urbildes anzustehen bis er erfuhr dieser große
Mann sei wirklich in unsrer Welt anzutreffen Was Grandison und was Doctor
Bartlett in Engelland sind das werden der gnädige Herr und ich in Deutschland
sein
Von den Einrichtungen die in dem Hochadlichen Hause ihres Herrn Onkels nach
Massgabe der Residenz des Herrn Grandisons gemacht worden sind, haben Sie bereits
durch Dero Fräulein Schwester und den gnädigen Herrn selbst Nachricht erhalten
Ich habe noch immer meine Hände voll damit zu tun und dieses ist die Ursache,
dass ich so lange meine Schuldigkeit Dero gnädiges Handschreiben an mich zu
beantworten habe aussetzen müssen
Weil der Kantor Loci sich noch immer nicht recht zum Orgelschlagen in dem
Musiczimmer des gnädigen Herrn verstehen will so soll ich dieses Amt
übernehmen und dafür eine Zulage meines jährlichen Gehalts bekommen Ich sagte
bei dem Antrage den mir der gnädige Herr deswegen tat nichts weiter als
Doctor Bartlett Sir ist Sir Karls Hofprediger aber nicht sein Organist Er
fand sich getroffen ergriff meine Hand drückte sie und sagte Herr Magister
Sie sind mein väterlicher Freund Geben Sie mir doch Nachricht ob der Doctor
auch manchmal orgelt Tut er es so werde ich mir kein Bedenken machen seinem
Beispiele zu folgen wo nicht so spiele ich warlich keine Note und wenn mir
jede mit tausend Talern sollte bezahlet werden
Über eine Sache kann ich mich nicht genug wundern dass nämlich der Doctor
Sir Karln auf die Jagd begleitet Wie geht denn das in aller Welt zu Setzt er
sich in seinem langen schwarzen Mantel zu Pferde das kann ich nicht glauben
Nähme er ihn unter den Arm wie wollte er denn das Pferd und die Peitsche
regieren Ließ er ihn fliegen so wäre es wenn der Wind ginge noch
beschwerlicher wollte man sagen er legete seinen geistlichen Habit zu der Zeit
ab wenn er auf die Jagd gienge so kann ich das mit einem so ernstaften
frommen Manne auch nicht zusammen reimen Mit einem Worte vor einem der es
nicht gesehen hat ist die Figur die der Doctor zu Pferde macht schwer zu
erraten Geben Sie mir doch davon eine umständliche Nachricht In meinem Herzen
wünsche ich oft dass Bartlett von der Jagd wegbliebe so dürfte ich auch nicht
wie ein Spürhund den ganzen Tag mit meinem Patrone im Walde herum laufen
Jedoch es heist qui vult finem vult etiam media
Wer sich dereinst so groß als Bartelett will sehen
Lässt manchen sauren Wind sich ins Gesichte wehen
Man muss per aspera ad astra gelangen Der gute Mann hat es sein Tage sich
wohl eben auch lassen sauer werden
Vor einigen Wochen wurde auf Befehl des gnädigen Herrn dem Götterpaare in
Engelland zu Ehren ein Feuerwerk von meiner Erfindung in dem Lustgarten
abgebrannt Es dauerte von 9 Uhr des Abends bis gegen 11 Uhr Sie können es dem
Herrn Grandison melden mein Herr verlangt es ausdrücklich es muss aber nicht
lassen als wenn sich Ihr Herr Onkel dadurch ein Verdienst bei der Familie der
Grandisonen machen wollte Bei Gelegenheit dieser Feierlichkeit wurden der
gnädige Herr und ich wider Vermuten aufgefodert Zeugnisse von unserer dem
Herrn Grandison abgelernten Großmut abzulegen Einige Untertanen meines
Patrons mussten zur Illumination einer Allee Lampen hergeben sie wurden
verwechselt Den Tag nach diesem Feste entstunden des wegen vielerlei
Zänkereien ich legte solche durch mein Ansehen bei Nachmittage da ich vor dem
Hause Nikolaus Brummholds des Baders vorübergehe kommt dieser Verwegene mit
entblößten Gewehr durch Anstiften seines Weibes auf mich los Hier schrie er
hier soll sein Gottesacker sein und setzte mir das blanke Scheermesser an die
Kehle Schaffe Er meiner Frau ihre Lampe wieder Herr Magister oder ich ermorde
Ihn auf der Stelle
Ich tat einen Sprung auf die Seite um meinen Degen zwischen den Rockfalten
hervorzuziehen ihn zuentblössen Ich sah dass Peter der Badeknecht seinen
Herrn beispringen wollte Er fragte mich mit einer trotzigen Mine und mit dem
Scheermesser in der Hand ob man ehrlichen Leuten so begegnete und ein Recht
hätte ihnen das ihrige zu entwenden
Der freie Himmel ist sein Schutz Herr Bader sonst würden diese Pralereien
wenn Er etwas damit meint Ihm teuer zustehen kommen
Ich bin der Beschützer meiner Frau mein Herr Sie haben sie beleidigt
Herr
Habe ich Seine Frau beleidigt mein Herr Und ich ging auf ihn zu
aber ich besonn mich noch eben zu rechter Zeit und bedachte wo ich mich
befände Nehm Er Sich in Acht mein Herr Bader Aber hier ist Er sicher
Peter der gewaltige Bewegungen machte schwur dass er seinem Herrn bis auf
dem letzten Blutstropfen beistehen wollte Er stellte sich an eine angreifende
Positur und zog sein Brodmesser halb aus der Scheide
Will Er Sein Gewehr auf Seinem Kopfe zerbrochen haben so ziehe Er es ganz
Er tat es mit pralenden Gebärden Der Teufel sollte ihn holen wenn er das
litte Er zog sich zurück und setzte sich in eine verteidigende Stellung
Der Bader mit seinem Scheermesser in der Hand machte elende Grimmassen Ich
glaubte nicht anders als dass die Männer Mörder wären Ich schlug Petern mit der
Breite meines Degens auf die Finger entwaffnete ihn und warf ihn in eben
diesem plötzlichen Angriffe zu Boden
Der Bader der herum sprang als wenn er auf Gelegenheit lauerte einen
Schnitt mit seiner eigenen Sicherheit zu tun verlor das Scheermesser durch
den gewöhnlichen Kunstgriff
Die Frau welche aus dem Fenster zusah und mit Scheltworten in die Ferne
kanonirte lief auf die Gasse
Ich brachte beide Männer einen nach den andern mit der Verachtung die sie
verdieneten in das Haus die Frau war schon darin Ich schloss die Türe ab
und ging ganz gelassen nach Hause
Ich erzählte dem gnädigen Herrn den ganzen Handel Er würde in etwas
aufgebracht und wollte die ganze Familie ins Loch werfen und sie 8 Tage lang
mit Wasser und Brod speisen lassen Wir wollen großmütig handeln sagte ich es
wird die Zeit kommen da diese Leute unbestraft ihre Vergehungen mehr bereuen
werden als wenn man hart mit ihnen verführe Lassen Sie mich morgen mit diesen
Leuten in der Sprache Sir Karls reden was soll es gelten ich will sie
bekehren Den folgenden Morgen ging ich zu dem Bader in das Haus Der verlohrne
Sohn war da die grossväterliche Erblampe hatte sich gefunden Ich redete
offenherzig mit ihm und seiner Frau und brachte sie zu Tränen Sie bezeugten
ihre Reue wegen ihres Vergehens und versprachen Besserung
Frau Sibylle bat mich insonderheit ein guter Kundmann ihres Mannes zu
bleiben und meinen Bart keinem andern anzuvertrauen Ich versprach dieses nicht
nur sondern erbot mich auch den Lohn ihres Mannes wenn er sich wohl gegen
mich aufführen würde jedes Quartal mit zwei Patzen zu erhöhen
Die guten Leute wussten nicht wo sie Worte finden sollten ihre Dankbarkeit
gegen mich auszudrücken
Bei Abschiede steckte ich dem bussfertigen Bader ein feines Stückgen von
gewonnenen Hirschhaut welches ich noch übrig hatte in die Hand um einen
Streichriemen daraus zu verfertigen Jedermann segnete mich dafür Auch mein
gnädiger Patron war so großmütig diese Sache als Gerichtsherr nicht zu
rügen ob er gleich den Bader um etliche Taler hätte strafen können Sit modus
in rebus Wenn ich meinen Brief nicht schlösse so würde er noch länger Glauben
Sie dass Sir Karl seinen Beauchamp nicht höher schätzen kann als Sie geschätzet
werden von
Ihrem
untertänigen Diener
ML Wilibald
XV Brief
Der Herr von S an den Magister Wilibald
Grandisonhall den 5 August
Hochgeehrtester Herr Magister
Ich lobe Ihren Entschluss den Doctor Bartlett nachzuahmen Sie sind aber in
gewissen Stücken gar zu zärtlich Ein Staatskluger muss selbst ein Urbild werden
und sich fortzupflanzen suchen Ich kann Ihnen nunmehr die Gewissens fragen
welche Sie an mich tun um desto leichter beantworten Sie können geliebter
Freund ganz wohl auf der Orgel spielen ohne dass Doctor Bartlett dergleichen
tut Es würde sich aber dieser rechtschaffene Geistliche gar kein Bedenken
daraus machen wenn ihn Sir Karl nur mit einer Mine ersuchte Sie können auch
nach dem Beispiele Bartletts auf die Jagd reiten und den Magister dabei eben so
wenig als jener den Doctor vergessen Das Mäntelgen das er umtut ist sehr
kurz und wie eine Saloppe gemacht mit welchem er durch alle Hecken rennen
kann Wie konnte ich aber die Sache mit dem Feuerwerke verschweigen Sir Karl
war außerordentlich darüber erfreut und wird auf künftige Woche meinem Onkel
zu Ehren ein Hahnengefechte anstellen zu welchen Schauspiel alle benachtbarte
Edelleute bereits eingeladen sind Sir Karl bewundert vornämlich Ihren in Gefahr
unerschrockenen Geist Zehen andere Magisters wären für dem schelmischen Bader
geflohen zumal da ihn sein tölpischer Geselle unterstützte Allein Sie wissen
die Rotte nicht nur zu entwaffnen sondern auch zu besänftigen Dieser einzigen
Begebenheit wegen verdienen Sie unsterblich zu sein und wenn mein Onkel Sie
nicht nach Verdiensten belohnt so werde ich mich von ihm lossagen Wer wird
dabei alle Müh mit mehreren Vergnügen anwenden als
Dero
getreuer Freund
vS
XVI Brief
Der Herr vS an den Herr vN
Grandisonhall den 5 August
Hochgeschätzter Herr Onkel
Ohngeachtet Sir Karl und seine würdige Gemahlin Sie hier in Engelland zu sehen
wünschen so begreifen Sie die Schwürigkeiten vollkommen welche mit einer
solchen Reise verknüpft sind Zwei solche ädle Gemüter sind bereits verbunden
ob sie gleich tausend Meilen von einander leben Vielleicht geht Sir Karl nach
Deutschland um Berlin zu sehen in diesem Falle würde Ihnen sein Zuspruch gewiss
sein Sie verlangen in Ihrem letzten Brief einen jungen Hund von dem Fresco und
Alexanders Gastmahl Mit dem letzten warte also gehorsamst auf Da aber Fresco
ein Chapeau und noch darzu castrirt ist so hat man keine Hoffnung seine Race
zu erhalten Ihr Anschlag auf Klementinen ist vergeblich Sie ist verheiratet
und hat bereits drei Kinder von dem Graf von Belvedere Wer weiß aber was sie
getan hätte wenn sie von Ihrer ädlen Neigung zeitiger benachrichtiget werden
wär Indessen ist Kätchen Holles noch ledig Ich sprach das angenehme Kind zu
Selbyhaussen und finde an ihr etwas ungemein sanftes Besser aber würde sich
Fräulein Orme für Sie schicken wenn der Fall kommt dass Sie heiraten müssen
Sie sind aber gegenwärtig in einer solchen Ruhe die Sie im Ehestande nicht
haben werden Ich gehe einige Tage nach Londen um den Hof und alles merkwürdige
in der Stadt zu besehen nachher kehre ich wieder nach dem angenehmen
Grandisonhall zurück
Den 9ten Ein merkwürdiger Umstand Lady Grandison ist in die Wochen kommen
Ein schönes Fräulein sagt man
Den 11ten Immer eine Kutsche nach der andern Onkel Selby und seine Dame
sind auch da Der Kornet Jacob hat Urlaub Ich muss hin und ihm mein Kompliment
machen Die Gevattern sind erwählt Sir Beauchamp Lady G und Sie mein
Hochgeehrtester Herr Onkel wie auch der rechtschaffene Doktor Bartlett Lesen
Sie beikommenden Gevatterbrief von Sir Karln Ich habe die Übersetzung dabei
gelegt Da ich das Absehen auf Dero Person zum Voraus merkte so ging ich
sogleich nach Londons und ließ mir ein prächtiges Kleid machen damit ich in
eben dem Lichte erschiene in welchem Sie erschienen sein würden
Den 12ten Nunmehr ist alles glücklich vorbei Ich trank mir in Ihrem Namen
einen derben Rausch Onkel Selby war auch nicht nüchtern Senden Sie nur ein
ansehnliches Patengeschenke denn man macht sich hier von Ihrem Vermögen eben so
große Begriffe als von Ihrer Freigebigkeit Der Himmel erhalte Sie gesund und
wohl Mit vieler Ehrerbietung bin ich
Dero
gehorsamster Diener
XVII Brief
Amalia an ihren Bruder
Schöntal den 30 August
Lieber Bruder
Du treibst die Sache zuweit mit unserm Onkel Ein zweiter Don Quixottes so wahr
ich lebe Ich will sein ganzes Betragen in einem Lustspiele von einer Handlung
und verschiedenen Auftritten vorstellen damit ich das viele er sagte und sie
sagte vermeide
Erster Auftritt
Jeremias und der Magister
Der Magister Wo bleibst du so lange Jeremias du hast gewiss vor deiner
Abreise aus der Stadt alle Bierkannen sondiren müssen
Jeremias Ich musste doch erstlich bei der Wärme einen Labetrunk zu mir
nehmen Hat der gnädige Herr etwa geschmälet
Der Magister Nein nicht sonderlich Ich vermute aber du wirst die
Bastonnade bekommen wenn du das poculum hilaritatis zu hoch treibst
Jeremias Ich will ihn schon besänftigen denn ich bringe einen Brief von
der Post mit vermutlich ist er von dem jungen Herrn aus der neuen Welt Sehen
Sie einmal das Petschier an Herr Meister
Der Magister Höre Jeremias ich habe dir etwas im Vertrauen zu sagen du
sollst mich künftighin nicht mehr Herr Magister sondern Herr Doctor nennen
Denn wer philosophiae magister ist der ist auch philosophiae doctor atqui ich
bin philosophiae magister ergo bin ich auch philosophiae doctor Verstehst du
mich Jeremias
Jeremias Nein nicht sonderlich Denn ich kann nicht begreifen wie Sie auf
einmal zum Doctor geworden sind Sie curiren ja nicht und setzen auch keine
Klystire
Der Magister Du bist so tumm wie ein Wigand Gibt es denn sonst keine
Doctores als nur solche welche Arznei ausgeben Mit einem Worte du sollst
mich Doctor nennen ohne dass ich zuvor einen langen Beweis führe Gib mir
indessen den Brief her ich will ihn dem gnädigen Herrn zustellen doch da kommt
er selber
Zweiter Auftritt
Der Herr von N Der Magister und Jeremias
Jeremias Hier ist ein Brief an Sie Sir
Der Magister Er ist von Ihrem Neven aus Londen vermute ich
Der Herr von N bricht ihn auf und liesst
»Ohngeachtet Sir Karl und seine würdige Gemahlin Sie hier in Engelland zu
bedienen wünschen so sehen sie doch die Schwürigkeiten vollkommen ein
welche mit einer solchen Reise verknüpft sind«
Ach was Schwürigkeiten ich bin der Luft gewohnt und habe eine Natur wie
ein Pferd Was habe ich nicht sonsten bei meinen Italienischen Feldzuge
ausgestanden ich will aber weiter lesen
»Zwei solche ädle Gemüter sind bereits verbunden ob sie gleich tausend Meilen
von einander leben Vielleicht geht Sir Karl nach Deutschland um Berlin zu
sehen in diesem Fall würde Ihnen sein Besuch gewiss sein
Zum Henker was will er in Berlin machen da ist nichts zu tun Der lange
Peter hat sonst unter den Preußen gedient er kann aber wegen der entsetzlichen
Prügel die er unter den Soldaten bekommen niemals ohne Tränen an Berlin
denken« Er liesst weiter
»Sie verlangen in Ihrem letzten Brief einen jungen Hund von dem Fresco und
Alexanders Gastmahl Mit dem letztern warte Ihnen also gehorsamst auf da
aber Fresco ein Chapeau und noch darzu castrirt ist so hat man keine
Hoffnung seine Race zu erhalten«
Das ist doch ein verwünschter Streich Solche gute Hunde werden doch selten
geschnitten
Der Magister O ja das geschieht oft damit sie desto hurtiger und mutiger
zur Jagd werden
Herr von N Das wäre eben als wenn man einen Magister verschneiden wollte
damit er desto hitziger im disputiren wär Er liest weiter
»Ihr Anschlag auf Klementinen hier hält er innen und sagt Jeremias
schier dich hinaus ich will mit dem Magister etwas heimliches reden fährt
fort im lesen
Ihr Anschlag auf Klementinen ist vergeblich Wer weiß aber was sie getan
hätte wenn sie von Ihrer ädlen Neigung zeitiger benachrichtiget worden wär
Ja das glaub ich selber Ich hätte ihr schon zu Leibe gehen wollen Solche
Mädchens wie Klementine wollen frisch angegriffen sein Belvedere war eine
alte Frau wenn sie gewartet hätte so doch nichts mehr von der Sache«
Liest weiter
»Indessen ist Kätchen Holles noch ledig Ich sprach das angenehme Kind zu
Selbyhaussen und finde an ihr was ungemein sanftes«
Nein die mag ich auch nicht Es scheint mir eine Gaus zu sein und
einfältige Weibsbilder habe ich niemals leiden können Er liest
»Besser aber würde sich Fräulein Orme für Sie schicken wenn der Fall kommt
dass Sie heiraten müssten«
Ach die schickt sich wieder nicht Sie würde ihren milzsüchtigen Bruder
mitbringen und einen solchen Wurm könnte ich nicht um mich herum leiden Er
liest
»Ich gehe einige Tage nach Londen um den Hof und alles merkwürdige in der
Stadt zu besehen nachher kehre ich wieder nach dem angenehmen
Grandisonhall zurück Ein merkwürdiger Umstand Lady Grandison ist in die
Wochen kommen Ein schönes Fräulein sagt man«
Herr Magister rufen Sie meine Schwester und meine Base damit ich ihnen
diese gute Nachricht sogleich hinterbringe
Hier sprang Lampert fort und ich konnte kaum von der Tür wegkommen wo
ich die ganze Zeit zugehört hatte Wir gingen also beide hinein da er
denn schrie
Dritter Auftritt
Schwester Fräulein Base Lady Grandison ist in die Wochen kommen Es ist
eine Fräulein Ja nun Mädchens sind auch nicht zu verachten aber ich denke
Sir Karl hätte lieber noch einen Jungen gehabt Meinen Sie nicht Fräulein Base
Amalia Er hat ja schon einen Junker und so wird ihm das Mädgen um desto
lieber sein Er liest fort
»Immer eine Kutste nach der andern Onkel Selby und seine Dame sind auch
da Kornet Jacob hat Urlaub Ich muss hin und ihnen mein Kompliment machen«
Das wär ein Mann für Sie Base Wer weiß was Ihr Bruder anstellt
Amalia Lesen Sie nur ruhig fort ohne zu überlegen ob sich ein Kornet für
mich oder ich mich für einen Kornet schicke
»Den 11ten Die Gevattern sind erwählet Sir Beauchamp Lady G und Sie
mein Hochgeehrtester Herr Onkel Lesen Sie hier den Gevatterbrief von Sir
Karln«
Diesen hatte der Magister noch unerbrochen in Händen
Das ist ja ein entsetzlicher Streich Mich bittet Sir Karl zu Gevattern Ich
muss doch die Stelle noch einmal lesen Ja ja das hat mein Vetter angestört
Warte du Vogel er liest fort
»Wie auch der würdige Doctor Bartlett«
Warum nicht der Superintendent von Londen
Hier fingen wir an ihm Glück zu wünschen worauf er ganz gleichgültig
antwortete »Es ist wahr sprach er mir wiederfährt viel Ehre aber
mein Beutel wird es auch empfinden Was meint ihr Kinder was soll ich
Sir Karln einbinden«
Der Magister Ich dächte gnädiger Herr Sie gäben ihm gar nichts Sir Karl
ist sehr reich er hat Sie aus Liebe und nicht aus Eigennutz gebeten
Der Herr von N Das ist zwar wahr aber das Geschenke ist auch nicht für den
Vater sondern für das Kind welches nackend auf die Welt kommt
Jeremias welcher mit uns zugleich hineingieng Ich dächte gnädiger Herr
es wären zwei Taler genug Lassen Sie einen rechten schönen Kuchen backen so
will ich beides nach Grandisonhall tragen und mir ein tüchtiges Trankgeld
verdienen
Herr von N Was meinst du Schwester wenn ich mein Portrait von der
Gallerie nähm etliche Diamanten darum setzen ließ und Jeremiasen damit
fortschickte
Fräulein von N Sei nicht artig Sir wer wird solche große Bilder mit
Brillanten garniren Das wär ein Werk von einer Million
Herr von N Du hast Recht ich will ihm etwas an baaren Gelde schicken so
viel als ich bei diesen schlechten Zeiten entbehren kann Funfzehn Gulden sind
hinlänglich Ich will ihm diese Summe in hiesigen Münzsorten schicken
Creutzer sind in Engelland etwas rares vielleicht legt sie Sir Karl in
Olivien ihr Medaillencabinet
Amalia Herr Onkel fünfzehn Gulden sind auch gar zu wenig Wenn Sie Sir
Karln ein Geschenk machen wollen so müssen es wenigstens hundert Ducaten sein
Herr von N Warum nicht tausend Wovon sollte ich hernach leben wenn ich
mich zuvor durch ein solches Patengeschenke zu Grunde richte Mit einem Worte
es bleibt bei den fünfzehn Gulden damit kann Herr Grandison zufrieden sein
Hören Sie Herr Magister setzen Sie Sich gleich und schreiben mir eine
witzige und galante Antwort auf Sir Karls Gevatterbrief Gehen Sie aber mit den
lateinischen Brocken etwas sparsam um damit mich der Herr Gevatter für keinen
Schulcollegen hält
Der Magister geht ab und er liest indessen weiter
»Lesen Sie beikommenden Gevatterbrief von Sir Karln Ich habe die
Übersetzung dabei gelegt«
Wo ist denn der Gevatterbrief ich habe ja keinen gesehen
Amalia Der Magister ist damit fortgelaufen
Herr von N Es ist wahr er soll ihn beantworten
Darauf fuhr er fort
»Da ich das Absehen auf Dero Person zum voraus merkte so ging ich sogleich
nach Londen und ließ mir ein prächtiges Kleid machen damit ich in eben dem
Lichte erschien in welchem Sie erschienen sein würden«
Da tat er ganz recht denn ich würde mich wie ein Fürst geputzet haben
wenn ich gegenwärtig gewesen wäre
»Den 12ten Nunmehr ist alles glücklich vorbei Ich trank mir in Ihren
Nahmen einen derben Rausch Onkel Selby war auch nicht nüchtern
Ich denke es wird Niemand nüchtern gewesen sein Sollte Sir Karl an einem
solchen Tag nicht ein Räuschgen haben so sollte es mich sehr wundern Hätte ich
einmal Kindtaufe ich tränke so lange ein Darm hielt
Amalia Das trau ich Ihnen zu Sie sollten aber überlegen dass es Niemand
als eine Heldentat ansehen würde
Der Herr von N Nichts das wär was entsetzliches Ein Edelmann muss sauffen
können Wie will er sonst bei Hof zurechte kommen Mein seliger Vater konnte
einen Eimer Bier in einem Sitze bezwingen aber heut zu Tage gewöhnen wir uns zu
zärtlich Ich lobe mir die alten Zeiten Da war keiner nicht gelitten der nicht
seinen Stiefel tüchtig saufen konnte
Amalia Wir wollen uns über die Vorzüge der alten Welt für der heutigen
nicht zanken Lesen Sie uns nur den Brief weiter
»Senden Sie nur ein ansehnliches Patengeschenke denn man macht sich hier
von Ihrem Vermögen eben so große Begriffe als von Ihrer Freigebigkeit«
Das ist ein loser Mann Sie würden Sich die Begriffe nicht machen wenn er
ihnen keme Gelegenheit dazu gäb Aber ich kenne Ihren Bruder es soll bei ihm
alles ins Große fallen
Es bleibt übrigens bei den fünfzehn Gulden
Du wirst diese Erzählung so hinnehmen Der ehrliche Onkel bleibt wie er
ist Wir wollen zufrieden sein wenn er nur nicht schlimmer wird Ich befürchte
aber er tut einen Schritt der uns allen höchst unangenehm ist So viel für
diesesmal von
Deiner
treuen Schwester
Amalia von S
XVIII Brief
Der Herr von N an den Herrn von S
N hall den 30 August
Lieber Vetter
Übersetzen Sie beikommenden Brief sogleich ins Englische Es ist eine Antwort
auf Sir Karls Gevatterbrief Der Magister hat mir den Aufsatz machen müssen ich
denke er soll eben so hoch als gelehrt sein Ich habe fünfzehn Gulden zu einem
Geschenke beigelegt Mehr kann ich gegenwärtig nicht entbehren zumal da wir
neulich von den Kroaten so mitgenommen worden sind. Ewig Schade dass ich nicht
in Person habe stehen können Das ist ein verdammter Streich dass die Klementine
verheirachet ist Hätte der Pumpernickel nicht warten können Fräulein Ormen mag
ich nicht es scheint mir eine Wehklage zu sein die einen nur die Ohren
vollwinselt Nun ist also weiter nichts zu tun als dass ich mich an Fräulein
Julianen von W wende Ich würde sie längstens von meiner Liebe überzeugt haben
wenn ich nicht in Ansehung der Italienischen Gräfin in Ungewisheit gewesen wär
Nunmehr aber soll meine Braut eine einheimische Lady sein Hierinnen bin ich
also Sir Karln nunmehr auch ähnlich Juliane weiß noch nichts von meinen
Gesinnungen wie wird aber das gute Kind erstaunen wenn ich bei ihr ankomme
und mich zu ihren Füßen werfe Vielleicht seufzt sie bereits in geheim nach mir
Ich will also kommen schönste Juliane ich komme gleich Ihre Schwester ist
recht wie ich sie mir wünsche Das Mädchen macht mit und wenn wir auf dem
Kopfe tanzen wollten So ist auch der Magister wir leben mit einander wie
Brüder Das wird mir einmal ein lustiger Beichtvater werden wenn der alte
Pfarre abgehen sollte Warum hat aber Sir Karl den Fresco castriren lassen Ich
wollte gleich noch fünfzehn Gulden darum geben wenn ich einen jungen Hund von
der Race bekommen könnte Gestern hat mir der Oberförster von Burgtal einen
Hünerhund geschenket er ist aber noch ziemlich roh ich denke der alte
Magister soll ihn schon dressiren Von unsern übrigen Umständen wird Sie Lampert
benachrichtigen Schliessen Sie mich als Ihren treuen Onkel in Ihren Abendsegen
ein wenn Sie anders einen beten und erwarten von mir ein gleiches Ich bin
Dero
getreuer Vetter
XIX Brief
Fräulein Amalia an ihren Bruder
Kargfeld den 4 Sept
Dein letzter Brief hat meinen Onkel nunmehr ganz und gar gebildet Sein Rock
ist mit Golde besetzt er geht beständig im Degen und zwingt sich zu einem
süßen Lächeln bisweilen aber sieht er den Magister mit so einer fürchterlichen
Mine an als wenn er ihn fressen wollte
Neulich hat er einen Kerl welcher mit Zimmtwasser und Bezoartinctur durchs
Dorf ging seinen ganzen Kasten abgekauft Das ist meine Apotheke spricht er
woraus ich die Bauern kuriren will wenn etwa die Viehseuche unter sie kommt
Die erste Kur ist indessen nicht wohl abgelaufen und wenn man nicht noch
einen ordentlichen Arzt zu Rate gezogen hätte so wär der Elende gestorben Wir
dürfen uns aber nicht unterstehen nur den geringsten Zweifel in seine
Geschicklichkeit zu setzen Mir wollte er vorgestern mit Gewalt Bergöl eingeben
da ich aber ernstlich aussah und fortreisen wollte so ließ er ab seine Kunst
an mir zu versuchen Das lustigste war ein Ball den er uns am Mittewochen gab
Die benachtbarten Edelleute wurden durch den Jeremias eingeladen Einen hieß er
Onkel Selby den andern seinen Beauchamp seine Schwester Tante Loren Fräulein
Fiekgen seine Aemilia mich aber seine Charlotte Unsere Gäste glaubten
anfangs er wär rasend geworden
Da ich ihnen aber das Geheimnis entdeckte so wurde sein Vorhaben bewundert
und er in seiner Torheit gestärkt Der Schulmeister sollte mit aller Gewalt
Alexanders Gastmahl aufführen da er nun dieses Singstück nicht einmal den Namen
nach kannte so hieß ihn mein Onkel einen Bärenhäuter und jagte ihn zur Tür
hinaus Er sieng indessen mit fürchterlicher Stimme an Reitzend sanft in
Lydischen Tönen etc
Der Magister trägt das Seinige zu diesen Torheiten redlich bei Er will die
Person Grandisons in Italien spielen Des Pfarrers Tochter ist seine Klementine
Er sprach noch heute von ihr mit einer affenmässigen Entzückung Kurz darauf
wiederhohlte er die Zeilen aus den Milton
Nie gestand sie die Liebe etc
Wir hielten darauf folgen des Gespräch
Amalia Wissen Sie denn Herr Magister dass Hannchen eben die Neigung zu Sie
hat welche Klementine zu Sir Karln hatte Sie müssen nicht alle Blicke eines
Mädchens zu ihrem Vorteile auslegen
Der Magister Die Eigenliebe oder philautia blendet mich nicht gnädiges
Fräulein allein ich denke dass ich wegen verschiedener persönlichen
Eigenschaften ein Mädchen rühren kann
Amalia Es ist wahr sie besitzen Vorzüge unter welchen derjenige dass sie
Magister sind der vornehmste ist Einige Mädchens aber haben einen wunderlichen
Geschmack und eine angenehme Bildung gilt bei ihnen mehr als alle
Gelehrsamkeit und die dadurch erworbenen Kränze
Der Magister Sie bringen mich eben auf den rechten Punkt Gefällt Ihnen
meine Bildung nicht habe ich nicht eine Habichtsnase wie Cyrus und eine Warze
daran wie Cicero Mir deucht dieser Schmuck könnte ein Mädchen bezaubern zumal
wenn sie von der geheimen Bedeutung großer und ansehnlicher Nasen etwas gelesen
hat und außerdem weiß welche große Männer Cyrus und Cicero gewesen sind
Amalia Sie werden doch jene Leute nicht deswegen hochachten weil der eine
eine gebogene Nase und der andere eine Warze daran hatte Vielleicht ist die
Nase bei dem einen und die Warze bei dem andern ein Fehler gewesen
Der Magister Gut gnädiges Fräulein ich sehe dergleichen Nase nicht als
ein Essentiale an aber mir deucht ich hätte noch mehr Ähnliches mit dem Cyro
vornämlich aber mit dem Cicerone
Amalia Wollen Sie eine Vergleichung anstellen so werden Sie mir eine
besondere Gefälligkeit erzeigen
Der Magister Cicero war ein Redner ich auch ja ich erhalte hier eben den
Beifall wenn ich den geistlichen Schifsschnabel betrete welchen Tullius mit
seinen Reden zu Rom erhielt Jener war ein Patriot und eifriger Verteidiger
der römischen Freiheit ich bin beides hier auf diesem adlichen Hofe Wem hat
man die Verschönerung dieses Rittersitzes anders zu verdanken als mir Habe ich
nicht die Wahrheit dass es einen Grandison gebe zuerst bekannt gemacht habe
ich ihn nicht zuerst nachgeahmt
Amalia Ich fühle die Stärke Ihrer Beweise Sie so den Recht haben Hannchen
soll Sie lieben und ich will sie selbst zur Gegenliebe überreden
Der Magister Wo eine Konviction ist da ist die Persuasion unnötig
Hannchen ist von meinem Werte überzeugt sie liebt mich und würde wie
Klementine närrisch werden wenn ich unempfindlich wär
Amalia Da die Sache schon so weit gekommen ist so wär mein Rat sie
ließ das arme Kind nicht so lange seufzen Denn sollte das schöne Hannchen in
einen Entusiasmum fallen so hätten Sie es ewig zu verantworten Es tun sich
hier keine Schwierigkeiten hervor der General willigt ein Sie sind auch
nicht katholisch dass die Religion also eine Hindernis sein könnte Gehen Sie
also immer zum alten Vater und halten um die Tochter an
Der Magister Das will ich tun aber aufrichtig zu reden so muss ich
erstlich meinen schwarzen Rock wenden und nach der Mode machen lassen damit
die äußerliche Seite der innerlichen die Waage hält Alsdenn werde ich alle
Hindernisse überwinden meine Liebe gestehen und Hannchen glücklich machen Es
kann unterdessen nicht schaden wenn sich einige Schwierigkeiten hervor tun ja
es ist allen Liebhabern angenehm wenn sie in der Liebe rechte hohe Gebirge
übersteigen müssen
Amalia Sie reden etwas poetisch Herr Magister wünschen Sie Sich aber
lieber keine Berge Sie sind kein Jüngling mehr und ein einziger Hügel sollte
Ihnen schon Arbeit genug machen Kommt Hannchen ein junger Stutzer in Weg so
fällt der Magister Lampert in die Brüche
Der Magister Ach was Stutzer Hannchen ist die Tochter eines Geistlichen
ihr ist geistlich Fleisch gewachsen ergo muss sie wieder an einen Geistlichen
verheiratet werden
Amalia Das war ein vortrefflicher Schluss Wenn Sie ehedem so geschlossen
haben so sitzen die Leute welche Sie zum Magister gemacht haben leibhaftig in
der Hölle Ist denn das Fleisch einer Pfarrstochter anders beschaffen als das
Fleisch einer Prinzessin Gesetzt aber Sie meinten ihre Gemütsbeschaffenheit
so finde ich eben nichts stilles und heiliges an Ihrem Hannchen wobei mir das
geistliche Fleisch einfallen sollte Sie ist so munter und lebhaft wie eine
Soldatentochter Ein junger Fähndrich würde ihr besser anstehen als ein alter
Magister
Der Magister Sie machen mir beinahe Angst Da sich aber die Liebe bei ihr
angefangen hat so kann ich auch auf ihre Beständigkeit schließen
Amalia Woher wissen Sie aber dass Hannchen in Sie verliebt ist Und wie
wollen Sie von der Beständigkeit einer solchen Leidenschaft urteilen da wir
oft von derselben wider unsern Willen hingerissen werden
Der Magister Von dem ersten Punkte überzeugen mich ihre reitzenden Blicke
Einer ist matt der andere sanfte der dritte feurig Die folgenden sind zum
teil schmachtend zum teil aber bemerken sie ein süßes Bewustsein Der zweite
Punkt aber patet per se.
Amalia Was heist das patet per se?
Der Magister Das will so viel sagen wenn ein Mädchen einmal liebt so kann
sie nicht leicht wieder aufhören
Amalia Sie haben Recht sie liebt immer aber nicht einen und eben
denselben Gegenstand und dieses glaube ich wird der wahre Sinn der
angeführten Worte sein
Der Magister Machen Sie mich nicht weiter unruhig Ich will meinen Herrn
Principal um seinen Vorspruch bei Hannchen bitten Sein Ansehen und ich zusammen
genommen wird einen Eindruck sowohl bei dem Vater als bei der Tochter machen
Amalia Es ist wahr mein Onkel vermag viel bei dem Pfarr aber Hannchen
darf nicht überredet vielweniger gezwungen werden Es ist ein angenehmes und
munteres Kind und wir haben einander von Jugend auf geliebt Suchen Sie ihr zu
gefallen vielleicht geht die Sache nach ihrem Wunsche
Der Magister Sie haben Recht Klementine soll von meiner persönlichen
Vortreflichkeit bezaubert und erobert werden Ich will eine Ode auf sie machen
ich will sie unter ihrem Fenster absingen Gibt sie meiner Liebe Gehör so
stehe ich hier still wo nicht so suche ich andere Kunstgriffe hervor Ich will
sechs Monate blass wie der Tod aussehen ich will mich in eine Höhle verstecken
den Bart und die Nägel wachsen lassen ich will Gras fressen wie Nebucadnezar
endlich wird sie doch weich und überwunden werden
Weil mein Onkel seine Charlotte rufte so mussten wir unsere Unterredung
endigen Morgen werde ich von hier ab nach Schöntal und über morgen nach
Wilmershaussen zu meiner Juliane gehen Dieses gute Kind erkundiget sich oft nach
dir und freut sich über alle gute Nachrichten welche ich aus Engelland
erhalte Sie hat sich zu ihrem Vorteile verändert und besitzt alle Vorzüge
unsers Geschlechts Schreibe mir bald und liebe mich ferner
Amalia vS
XX Brief
Der Magister Wilibald an den Doctor Bartlett
Kargfeld den 16 August
Hochgeehrtester Herr Doctor
Vornehmer Gönner
Wundern Sie Sich nicht dass ein Unbekannter aus einem entfernten Lande das von
den geheiligten Gränzen der Britten durch einen Arm des großen Weltmeeres
abgesondert ist sich die Erlaubnis erbittet Ihre wichtigen Geschäfte durch ein
kleines Handschreiben zu unterbrechen Der Ruhm eines Karl Grandison und mit dem
seinigen der Ihrige hat sich eben sowohl in meinem Vaterlande als in den
übrigen Teilen der gesirteren Welt ausgebreitet Das Licht worin ich Sie bei
Durchblätterung der Geschichte des großen Mannes erblickte hat mich gleich
einem irrenden Wandrer auf die Spur eines glücklichen Weges geleitet und ich
werde mich bemühen ihn zu verfolgen bis das Stundenglass meines Lebens
ausgelaufen ist Möchte ich doch so glücklich sein ihre Freundschaft zu
verdienen Vielleicht kann ich auf solche einen eben so gerechten Anspruch
machen als der Pater Marescotti der doch ein eifriger Papist und noch dazu
ein Ordensmann ist unsere Grundsätze stimmen viel genauer mit einander, als mit
den seinigen überein
Der Posten welcher Ihnen von dem Herrn Baronet anvertrauen ist hat eine
genaue Verwandschaft mit denn welchen ich seit geraumer Zeit in dem Hause
meines gnädigen Patrons verwalte und wie ich hoffe noch lange verwalten werde
dass ich es nicht habe Umgang nehmen können mit Ihnen die Maasregeln zu
verabreden wonach wir in unsern wichtigen Aemtern handeln wollen um in allen
Stücken desto einförmiger zu sein Mein Patron hat nur insonderheit anbefohlen
Sie zu ersuchen Ihre Geheimnisse ratione der Unterweisung der Kinder mir
mitzuteilen Ich denke es sieht hier kein Brod und Handwerksneid im Wege
der Sie etwann zurück haltend gegen mich machen könnte Wir wollen einmal die
Propositionem indefinitam affirmantem Figulus figulum odit in propositionem
particulariter negantem convertiren Quidam figulus figulum non odit Ich will
Ihnen doch meinen modum circa puerorum institutionem procedendi kürzlich
entwerfen Vielleicht kommt er Ihnen etwann auf irgend eine Weise zu statten
Ob mein Gönner gleich noch unverheiratet ist so hat es Ihm doch niemals an
Kindern gefehlet er hat deren drei von seinem Bruder der zeitig starb
erzogen Nunmehr hat er Lust sich selbst zu verheiraten und Kinder zu zeugen
Ich soll mich deswegen im Voraus anschicken diese nach Sir Karls und Ihrem
Geschmacke zu erziehen
Es geht nun in das zwanzigste Jahr dass ich den Pulverem Scholasticum
einschlucke bei dieser langwierigen Praxi habe ich gefunden dass es nötig ist
dass ein Docent in Gegenwart seiner Untergebenen eine Amtsmine annehmen müsse
die Furcht und Gehorsam zu erwecken fähig ist Wenn ich nach der Mitologie ein
Bild eines klugen Hofmeisters entwerfen sollte so würde ich solches von dem
Jupiter Könige der Götter entlehnen Wie dieser oft in düstere Wolken
eingehüllt bald mit seinen Donnerkeilen um sich wirft bald einen gewaltigen
Platzregen auf die durstige Erde fallen lässt um sie zu Hervorbringung guter
Früchte geschickt zu machen bald durch Sturm und Wirbelwinde die faulen und
ansteckenden Dünste vertreibt so muss auch ein weiser Mentor bald durch den
Ton seiner donnernden Stimme dem Mutwillen der Untergebenen zu steuren
suchen will dieses nicht helfen wohlan so bläue er ihnen den Rücken und
lasse einen Platzregen seines Backels nach dem andern darauf fallen Was gilt
es für solchen Stürmen werden Bosheit Faulheit Mutwille und das ganze Heer
jugendlicher Torheiten zitternd fliehen und mithin dem Fleiße nebst allen
Tugenden Platz machen Sehen Sie Herr Doctor das ist meine Art mit
Untergebenen umzugehen Ich kann ohne mich zu rühmen versichern dass ich
solchergestalt manchen braven Mann gezogen habe der Herr Baron von S ist
davon ein lebendiger Zeuge Jedoch ich merke dass Sie auch wissen wollen was
für Lectiones ich mit meinen Discipeln tractire ich halte mich verbunden Ihnen
auch hierinne zu willfahren
Ehe ich noch die Geschichte Ihres Gönners kannte begnügte ich mich meinen
Untergebenen das beizubringen was andere meines gleichen der hochadlichen
Jugend lehrten Lesen und schreiben ein Bisgen Christentum und das Einmaleins
war alles was ich docirte so bald ich aber dieses Buch mit Verstande gelesen
hatte entwarf ich ein ganz neues Informationssistem Vor allen Dingen merkte
ich mir die Stellen aus der Geschichte wo ausdrücklich einer Wissenschaft oder
einer Geschicklichkeit die der große Mann besitzt gedacht wurde hernach
überlegte ich was für Wissenschaften mit den ausdrücklich benenneten verwandt
wären und ohne welche jene nicht gründlich könnten erlernet werden Durch Hilfe
einer gesunden Vernunftlehre brachte ich folgendes Verzeichnis zu Stande Haben
Sie die Gewogenheit Herr Doctor es mit Fleiße durchzugehen Anmerkungen wo
Sie es für nötig erachten hinzuzutun auch wo ich etwan sollte geirret haben
welches ich nicht glaube meinen Aufsatz zu verbessern ich bin in statu
docilitatis
Verzeichnis derjenigen Wissenschaften und Geschicklichkeiten Herrn Karl
Grandison Baronets zur Nachahmung junger von Adel aufgezeichnet von einem
Verehrer des großen Mannes
Sir Karl Grandison besitzt
1 Eine feine Stärke in den Grundsätzen der Religion einfolglich auch in
der Polemik Kirchenhistorie Kasuistik und andern damit verknüpften
Wissenschaften
2 Verstehet er sich wohl aus die Rechte seines Vaterlandes Diese gründen
sich ursprünglich auf das natürliche Recht das natürliche Recht gehört in die
Weltweisheit alle Wissenschaften der Weltweisheit sind miteinander verbunden
folglich ist er ein Logicus Physicus Metaphysicus ein Moralist und sw
3 Ist er ein großer Oeconom Die Oeconomie ist ein Teil der Philosophie,
folglich lässt sich sowohl hieraus als aus dem vorhergehenden Satze deutlich
schließen dass er ein guter Philosoph ist
Anmerkung Eben dieses lässt sich auch aus allen Handlungen seines Lebens
ganz natürlich herleiten
4 Er hat eine Hausapoteke daraus folgt dass er ein Medicus ist mithin
verstehet er sich auf die Anatomie Terapie Patologie Chirurgie Botanic
usw
5 Sir Karl spricht außer seiner Muttersprache Französisch und Italienisch
mit diesen sind die Spanische und Portugiesische verwandt folglich verstehe er
auch diese Er ist in Deutschland gewesen ergo kann er Deutsch vermutlich
auch Holländisch Dänisch Schwedisch usw
6 Er hat eine vortreffliche Bibliothek Eine Bibliothek kann nicht
vortrefflich sein wenn nicht lateinische griechische hebräische lyrische und
arabische Bücher darinnen sind Da es nun bei Sir Karln unmöglich heißen kann
Salvete libri sine magistro so folgt, dass er Lateinisch Griechisch Hebräisch
Syrisch Arabisch vermutlich auch Türkisch Ungrisch Russisch usw
verstehet Ergo ist er auch ein guter Grammaticus und Criticus
7 Er hat verschiedene Veränderungen an seinen Schlössern vornehmen lassen
er ist ein guter Baumeister ergo auch ein guter Matematicus
8 Er ist viel gereist folglich verstehet er die Geographie und Historie
9 Er denkt vortrefflich und erhaben ergo ist er ein Redner und Poet
10 Er ist ein Liebhaber der Antiquitäten mithin auch der Inscriptionen
der alten Münzen Bildsäulen usw
11 Die Heraldic verstehet er meisterlich folglich auch die Genealogie und
Chronologie
12 Er ist reich und hat seinen Pachtern oft die Rechnung selbst
abgenommen ergo ist er ein vortrefflicher Rechenmeister
13 Er tanzt zur Bewunderung der Zuschauer sitzt vortrefflich zu Pferde
ficht zum Erstaunen ergo ist er ein Tanzmeister Bereuter und Fechtmeister
14 Er singt wie ein Kastrat und spielt wie der selige Händel das Klavier
und die Orgel er ist also auch ein Musicant Unfehlbar kann er auch vortrefflich
trenschiren zeichnen zierlich schreiben drechseln schnitzen usw
Urteilen Sie Herr Doctor ob ich nicht ex ungueleonem erkannt und
abgemessen habe
Noch einen Punkt teurester Kirchenlehrer ehe ich schließe Ich wage es
eine kühne Frage an Sie ergehen zu lassen darf ich mir versprechen dass ich
Vergebung von Ihnen erhalte Sie sind die Gütigkeit selber meine
Offenherzigkeit soll mich Ihrer Verzeihung würdig machen
Ich empfinde bei mir einen Trieb zum ehelichen Leben und ich bin Willens
nach meiner Freimütigkeit Ihnen das Geständnis zu tun dass mich eine junge
Schöne die einzige Tochter des hochadlichen Herrn Pastor Wendelins allhier
gefesselt hat Ich habe bereits oben gesagt dass Sie das Vorbild aller meiner
Handlungen sind würden Sie mir wohl Hoffnung machen sich noch in den Ehestand
zu begeben Sie scheinen noch ein rüstiger Mann zu sein Tun Sie es immer Sir
Karl ist ein Freund des Ehestandes und Sie haben wie es scheint gnugsames
Auskommen eine Frau zu ernähren Kein Teil der Nachahmung Ihrer
verdienstvollen Person würde mir angenehmer und leichter vorkommen als dieser
Sollten Sie aber wider Vermuten nicht geneigt sein ehelich zu werden so
erzeigen Sie mir wenigstens die Gewogenheit und Ehre in diesem Stücke der
Abweichung von Ihnen Dero Dispensation mir zu erteilen Ich erwarte mit
Verlangen Ihre Entscheidung um die Präliminarartickel meiner künftigen Ehe zu
unterzeichnen oder das ganze Werk vor der Hand abzubrechen Unter der
Wiederholung einer nicht gemeinen Hochachtung gegen Sie mein wertester Herr
Doctor und das ganze Haus der Grandisonen nennet sich
Dero
demütiger Verehrer
L Wilibald
Der WW Doctor
XXI Brief
D Bartlett an den Magister Wilibald
Grandisonhall den 12 Sept
Hochedler Hochgelahrter Herr
Hochgeehrtester Herr Magister
Ich war schon durch den Herrn von S zubereitet Sie zu lieben und zu verehren
Ihr Brief aber hat mich ganz bezaubert Grossbrittannien hat zwar viele große
Geister aus seinem Schose hervorgesendet wenn ich aber gerecht urteilen soll
so kann man den Herrn M Lampert Wilibald unserm Neuton getrost an die Seite
setzen Ewig Schade dass ein solcher Mann wie Sie kein Präsident einer großen
gelehrten Gesellschaft sein und dem menschlichen Geschlecht durch seine
Empfindungen den Weg zur Glückseligkeit aufschließen soll Sie urteilen von dem
Unterricht eines jungen Edelmannes mit einer unnachahmlichen Scharfsinnigkeit
und ich glaube Sie wären im Stande das Herz und den Verstand eines Cronprinzen
zu bilden und dennoch einen Aufseher der Lustbarkeiten am Hofe abzugeben wie
die Kunstfeuer anzuordnen Ich bin nunmehr alt allein ich habe dennoch die
Oberaufsicht über den jungen Grandison und sehe dass er von seinem Lehrer
gehörig unterrichtet wird Vielmals aber lege ich selbst mit Hand an und
vornämlich in den höheren Wissenschaften ja ich hoffe dass der junge Herr ein
würdiger Sohn Sir Karls werden werde Sie werden leicht mutmasen dass ich dabei
ein geruhiges und höchst angenehmes Leben führe Diese Ruhe ist mir nunmehr um
desto schätzbarer weil ich mich einen großen Teil meines Lebens außer meinen
Vaterlande aufgehalten und mit Jacob sagen kann die Zeit meiner Wallfahrt ist
65 Jahr wenig und böse ist die Zeit meines Lebens und langet nicht von der
Zeit meiner Väter in ihrer Wallfahrt Wie sollte ich mir nunmehr in meinem
Alter eine neue Unruhe über den Hals ziehen ein Weib nehmen und wissen Sie
schätzbarer Freund ich habe niemals einen rechten Trieb zum Ehestande gehabt
und ein englischer Geistlicher wenn er größere Würden erlangen will tut wohl
wenn er ein Junggeselle bleibt Tillotson war der erste Erzbischoff von
Kanterbury welcher eine Frau hatte Sein Beispiel aber findet mehrere Tadler
als Nachahmer Da Sie hingegen in einer ganz anderen Verfassung stehen und
außerdem einen heftigen Trieb zum Beiliegen empfinden so heiraten Sie um den
Verweisen Pauli zu entgehen Ihr Freund der Herr vS hat mir ohnedem schon
etwas von Ihrer liebe vertrauet und wenn Sie die Schwürigkeiten heben können
so wird Sie Jungfer Hannchen zum glückseligsten Magister von Deutschland machen
Ihrem Gebet empfiehlet sich hiermit
Dero
gehorsamster Diener u Verehrer
Bartlett
XXII Brief
Der Magister an Herrn Karl Grandison
Kargfeld den 17 August
Hochwohlgebohrner Herr Baronet
Gnädiger Herr
Wenn ich Eu Excellenz ganz und gar unbekannt wäre so würde es nötig sein
meine Unternehmung Sie mit einem Schreiben zu belästigen zu rechtfertigen so
viel ich aber weiß hat Ihnen der junge Baron vS von meinem Herrn Principal
sowohl als auch von meiner Person bereits umständliche Nachricht erteilet
Dieses und der besondere Auftrag meines gnädigen Herrn werden mich
entschuldigen dass ich es wage die Feder anzusetzen und Eu Excellenz
schriftlich von der außerordentlichen Hochachtung zu versichern welche sich in
den Herzen eines jeden von dem hochadlichen Hause se gegen Sie und die Blume
der Welt Dero verehrungswürdigen Frau Gemahlin veroffenbaret
Es war vor kurzem Jedermann hier in der äußersten Bestürzung wegen der
betrübten Nachricht welche wir neulich von dem jungen Herrn Baron aus Londen
bekamen dass Dero hochfreiherrliches Haus durch den tödlichen Hinritt Dero Frau
GrossschwiegerMutter der alten Frau Shirlei in die tiefste Trauer wäre
versetzet worden Die fromme selige Dame verdiente es dass unser ganzes Haus in
Tränen schwamm da diese schreckende Zeitung ankam Der gnädige Herr trug mir
sogleich auf ein Kondolenzschreiben welches wie ich hoffe Eu Excellenz
durch den Herrn Baron wird eingehändiget worden sein in seinem Namen
aufzusetzen Ungeachtet dieser hohe Todesfall sich bereits vor drei Jahren
ereignet hat so glaubte doch weder mein Herr Patron noch ich dass es zu späte
wäre desfalls eine Kondolenz abzulegen Wir wissen dass obgleich die
äußerliche Trauer lange aufgehöret hat Eu Excellenz und Dero Frau Gemahlin
doch niemals aufhören werden diese vortreffliche Matrone in ihrem Herzen zu
betrauren Mein Herr Principal der sich nunmehr für einem von den Ihrigen
ansiehet hat es unmöglich von sich erhalten können diesen Trauerfall mit
Stilleschweigen zu übergehen er hat sich vielmehr aus allen Kräften bemüht
seine innerliche Trauer durch die gewöhnlichen äußerlichen Zeichen zu erkennen
zu geben Allen Untertanen des gnädigen Herrn wurde auf 14 Tage eine allgemeine
Trauer angesaget Und wenn im Schloss selber eine Leiche gewesen wäre so
hätten nicht so viele Tränen können vergossen werden als während diesen 14
Tagen da von 11 bis zwölf Uhr Vormittage und von 3 bis 4 Uhr Nachmittage das
Trauergeläute gehört wurde Jedermann wünscht dass das teure Haus der
Grandisonen vor allen dergleichen Trauerfällen in Zukunft lange bewahret und
bis in die spätesten Zeiten erhalten werde
Es ist mir bekannt dass Eu Excellenz ein großer Kenner der Werke der
Gelehrsamkeie sind ich weiß dass Dero gelehrtes Tagebuch mit den vortreflichsten
Inscriptionibus die man bei dem Grutero vergeblich sucht mit Chronostichis
Chronodistichis seltenen Anagrammatibus und andern dergleichen schätzbaren
Dingen aus den alten und neueren Zeiten pranget gleich einem prächtigen
Lustgarten der mit allerlei fremden und seltsamen Gewächsen ausgezieret ist
Ich schließe daher sehr sicher dass Sie ein großer Liebhaber und ein eben so
großer Kenner von dergleichen wichtigen Erfindungen sind Dadurch wurde ich
bewogen da mir insbesondere der Todesfall Ihrer Frau Grossschwiegermutter die
beste Gelegenheit darbot mich in dieses von mir bisher unbearbeitete Feld
der Gelehrsamkeit zu wagen Kein andrer Bewegungsgrund als die Hochachtung
gegen die verdienstvolle selige Matrone hat mich veranlasst diejenigen
Aufsätze zu verfertigen welche sich dem scharfsichtigen Auge Eu Excellenz im
Anschlusse darstellen
Könnte ich mir schmeicheln dass diese meine Geburten Ihnen nicht misfielen
oder vielleicht gar auf Dero Beifall einen Anspruch machen dürften so würde
dieses zu einem edlen Stolz verleiten
Eu Excellenz
unterhänigen Diener
und nachahmenden Verehrer
ML Wilibald
Anschluss
Erste Numer
Aufschrift eines Epitaphii welches der seligen Frau Shirlei könnte
errichtet werden
QFFQS
VIATOR
QVICVNQVE ES
ADSTA
ET HOC MONIMENTO
MONITVS
VENERARE MANES
MATRONAE VENERABILIS
HENRICAE SHIRLEIAE
EQVITIS ANGLICANI
EIVSDEM NOMINIS
VIRI NON MINVS ERVDITI
QVAM GENEROSI
VIDVAE
OMNES FELICITATIS GRADVS
EMENSA
FELIX FELICIOR FELICISSIMA
FACTA
VIRTVTIBVS FELIX
RELIGIONE FELICIOR
INTER CAELITES NVNC
FELICISSIMA
SI VITAM QVAERIS PAVCA
CAPE
NON FVIT FVIT NON EST
ERIT
HAEC SCIRE TVA INTERFVIT
VIATOR
SED SCIRE TVVM NIHIL EST
NI SCIAS
PROGENERVM DEFVNCTAM
HABVISSE
VIRVM SVI NOMINIS
CAROLVM GRANDISONEM
IAM IN REM TVAM ABI
AC MANIBVS
QVIETEM P
Zweite Numer
Ein Chronodistichon welches unmasgeblich auf eine Gedächtnismedaille der
Wohlseligen zu Ehren könnte geschlagen werden
FraV ShIrLeI VVlrD Der kVrzen Tage satt
VVIe VVohL genVg betagt gebraCht In DIese RVhestatt
Dritte Numer
Ein Anagramma welches etwann unter das Bildnis der seligen Frau oder sonst
wohin könnte gesetzet werden
Frau Henriette Shirlei
Durch Buchstabenwechsel
Ja reis hin Fleuch Retter
Erklärung
Ja ja reis hin mein Geist nach jenen frohen Auen
Hier kannst du Kanaan nur von dem Nebo schauen
Dort aber setzest du den Fuß bald selbst hinein
Dort wird es besser als hier in der Wüsten sein
Fleuch Arzt du Retter fleuch und kerkre nicht die Seele
Noch länger durch die Kunst in dieses Leibes Höhle
Sie macht sich Banden los weg mit der Arzenei
Der Lebenstocht verglimmt der Faden reißt entzwei
NS Ich war eben im Begriff einige lateinische Chronodisticha und
Anagrammata zu verfertigen um solche zugleich mit an Eu Excellenz zu
übersenden ich werde aber eben zur Tafel gerufen und darf meinen Gönner nicht
auf mich warten lassen Ich eile meinen Brief zu siegeln
XXIII Brief
D Bartlett an den Magister Wilibald
Grandisonhall den 14 Sept
Hochzuverehrender Herr Magister
Auf Befehl meines gnädigen Herrn Sir Karl Grandisons soll Eur Hoch Ed für die
übersendete Inscription auf das Grabmaal der seligen Frau Shirlei den
verbundensten Dank abstatten Sie haben wirklich einen glücklichen Einfall
gehabt Sir Karl ist dadurch ermuntert worden sogleich einen prächtigen Marmor
über der Gruft berührter Dame setzen und die von Ihnen verfertigte Aufschrift
einhauen zu lassen Das Chronodistichon aber und das Anagramma sind Goldeswert
und werden heilig aufgehoben und von Kennern für die äußerste Anstrengung des
menschlichen Witzes gehalten Unsere Nation ist in diesen Künsten noch ganz
unwissend Wundern Sie Sich also nicht gelehrter Freund wenn Sie die
königliche Gesellschaft der Wissenschaften in Londen zu einem Mitgliede
angenommen hat und Ihnen durch mich das Patent davon übersendet Sie sind
dieser Ehre würdig und Jedermann wünschet Ihnen Glück Fahren Sie fort
schätzbarer Freund die Ehre Deutschlands zu befördern und der ganzen gelehrten
Welt zu dienen Denken Sie aber auch dabei an
Dero
aufrichtigen Freund
Bartlett Doctor
NS Sobald die Stempel zur Gedächtnismedaille auf die selige Frau Shirlei
auf welche das wohlausgedachte Chronodistichon das Sie verfertigt haben
gesetzet werden den soll gestochen ist habe ich das Vergnügen Ihnen die
ersten Abdrücke dieser Medaille als eine geringe Erkenntlichkeit für Dero
gelehrte Bemühung auf Befehl meines Gönners zu übersenden In Gold wird sie 10
Ducaten wiegen an Silber aber wird sie einem Speciestaler gleich sein Sir
Karl hat auf seinen Gütern 1000 Klaftern Holz schlagen lassen um die Kosten
dieser Gedächtnismünze davon zu betreiben
Beilage zum vorigen Brief
Nachdem Wir Präsident Director und übrige Mitglieder der königlichen
Gesellschaft der Wissenschaften die seltenen Verdienste in sinnreichen
Aufschriften Buchstabenveränderungen und andern dergleichen Erfindungen des
Hochedlen und Hochgelahrten Herrn Herrn Lampertus Wilibalds der Weltweisheit
Doctors erfahren und einige vortreffliche Proben davon gesehen So haben wir
nach reiflicher Überlegung für gut befunden belobten Herrn Magister Lampert
Wilibald als ein Mitglied unserer Gesellschaft anzunehmen und ihm darüber
gegenwärtiges Patent auszuhändigen
Es kann also gedachter Herr Lampert Wilibald künftighin aller Rechte eines
Ehrenmitglieds sich bedienen den Titel eines Membri honorarii führen und
in allen Fällen sich Unsers Schutzes getrösten dabei aber wird er von Uns
ermuntert ersucht und gebeten dass er ins künftige alle Monate etwas
sinnreiches ausarbeite und nach Londen an Unseren Secretaire einschicke
Als
im Januario kann er ein Aenigma im Februario ein Anagramma im Martio ein
Eteostichon im April ein Acrostichon im Maio ein Palindromon oder versum
cancrinum im Junio ein Aequidicum im Junio ein Echo im Augusto ein
Logogriphum im Septrmber ein Epitaphium im Oktober ein Onomasticum im
November ein Sonet im Dezember ein Madrigal verfertigen und eine Belohnung
gewärtig sein
Urkundlich haben wir dieses Dekret eigenhändig unterschrieben und mit Unserm
Gesellschaftssiegel bedruckt Londen den 6 Septemb 1759
L S
Horatius Sherbury
Nathanael Hervei
beständiger Secretair
XXIV Brief
Der Herr vN an Sir Karl Grandison
N hall den 1 Septembr
Hochwohlgebohrner Baronet
Vornehmer Freund und Gevatter
Meine Bauern die Schlingel liegen mir heftig an innliegende Supplik an Sie mit
einer guten Recommendation zu unterstützen Ich weiß nicht wer es den Vögeln
muss weiß gemacht haben dass Sie der große Mann sind der sich eine Freude daraus
macht allen armen Teufeln gutes zu tun Sie haben das gute Vertrauen zu Ihnen
Sie würden es nicht übel deuten wenn sie den hochgeehrten Herrn Gevatter um eine
Gnade ansprächen und sie hoffen in Ansehung meines gültigen Vorspruchs keine
abschlägliche Antwort zu erhalten Ich will selbst die Gewährung dieser Bitte
als das erste Freundschaftsstückgen ansehen Sie haben mich zwar zu Gevattern
gebeten und das habe ich auch in allem guten vermerkt wenn Sie aber meinen
Untertanen wiederum zu einer großen Schelle auf den Turme helfen wollten so
würde ich das lieber sehen als wenn ich von allen ihren Anverwandten die Reihe
herum zu Gevattern gebeten würde
Was macht den mein Patgen gutes Ich habe ein rechtes Verlangen das kleine
Ding zu sehen Wenn mir Doctor Faust seinen Mantel borgte so führe ich noch
heute auf solchen nach Engelland zu Ihnen Seitdem Sie mich zu Gevattern
gebeten haben ist mir eine große Lust angekommen selbst einmal taufen zu
lassen Ich bin der Jüngsten eben keiner ich bin aber doch auch kein Hogestolz
Wenn ich eine Henriette finden kann so werde ich Ihrem Beispiele folgen und
mich verheiraten Ich kann es nicht leugnen es ist ein hübsches Mädgen in
meiner Nachbarschaft auf die ich ein Auge habe Es sind tausend Dinge wonach
ich mich erkundigen wollte und von denen ich genaue Nachricht haben möchte
mein Bartlett der Magister Lampert soll deswegen an meinen Neffen schreiben
geben Sie diesem von allen umständliche Nachricht Machen Sie meine Empfehlung
bei Ihrer Frau Liebste ich lasse ihr zum glücklichen Kirchgange wie ich hoffe
gratuliren Ihren Schwestern und Schwägern dem guten ehrlich Onkel Selby und
allen die mich kennen empfehlen Sie mich Ich verharre
Meines werten Herrn Gevatters
gehorsamster Diener
vN
XXV Brief
Die Gemeinde zu Kargfeld an Herrn Karl Grandison
den 26 August
Hochwohledelgebohrner Gestrenger Herr
Eu Hochwohledelgebohrne und gestrenge Herrlichkeiten wird wohl aus den
öffentlichen Avisen nicht unbekannt sein welcher Unglücksfall unsern armen Ort
das Hochadliche Gerichtsdorf Kargfeld am 27 Julius jetztlaufenden Jahres
zwischen 11 und 12 Uhr Vormittage betroffen hat Es hatte nämlich unser
gestrenger Herr der Hochwohlgebohrn Herr Ehrhard Rudolph vN ErdLehn und
Gerichtsherr auf Kargfeld Dürrenstein et cact den 19 obbemeldeten Monats eine
ehrbare Gemeinde fordern und da männiglich im hochadlichem Schlosshofe erschien
durch den Herrn Hofmeister Ehrn M Lampert Wilibald anzeigen lassen dass eine
gewisse hochadliche Matrone aus der Familie unsres Erbherrn in Engelland Todes
verfahren wäre und dieserwegen christl Gebrauch nach das gewöhnliche
Trauergeläute 14 Tage lang jeden Tag zwo Stunden sollte angeordnet werden
Sämmtliche Gemeinde versprach nach dem Befehle des gestrengen Junkers sich
gebührend zu achten Der Herr Schulze forderte alle Tage 2 Fröhner zum Geläute
Am 27 Julius da Adam Riese und Georg Velten zur Fröhne litten börstete die
große Glocke Die Leute machten allerlei Auslegungen darüber einige wollten
sagen die beiden Nachbarn welche damals läuten mussten hätten die Glocke
gestohlen und eine von Topf davor in den Glockenstuhl gehänget Nachdem sie aber
von den Geschwornen ist besichtiget worden hat es sich gefunden dass die rechte
Glocke zwar noch an Ort und Stelle ist aber einen grässlichen Riss bekommen hat
Da nun durch dieses Unglück unsere liebe Kirche ihren Schmuck und der
Kirchturm seine Bassstimme verloren hat unsere Gemeinde aber seit der
Schwedenzeit wegen vieler Unglücksfälle die aus dem Kirchenbuch sub littera A
ausgezeichnet zu ersehen sind auf das äußerste herunter gekommen ist dass es
nicht in ihren Kräften steht wiederum eine tüchtige Glocke gießen zu lassen
das liebe teutsche Vaterland auch durch den schädlichen und landverderblichen
Krieg dergestalt mitgenommen ist dass wir uns keine sonderliche Beisteuer daraus
versprechen können so ergehet unsere demütige Bitte an Eu
Hochwohledelgebohrne und gestrenge Herrlichkeit Sie wollen durch Ihr
vielgeltendes Vorwort bei der hohen Obrigkeit Ihres Landes es dahin bringen
dass in ganz Engelland eine Kollecte für unsere arme Kirche eingesammlet und uns
solche getreulich übersendet werde Solche hohe Gnade werden wir icht nur mit
geziemenden Danke erkennen sondern auch dem Glockengiesser anbefehlen Eu
Hochwohledelgebohrnen hohen Namen oben über unser Gerichtsherrn und des Herrn
Pfarrers Namen dankbarlich an die neue Glocke zu setzen Verharrende
Eu Hochwohledelgebohrnen und gestrengen Herrlichkeit
Kargfeld
1759
untertänige
Hanns Sachs
Schultheiß
Lorenz Lobesan
Ludimagister und
Gemeindeschreiber
concepit
Thomas Hebebaum
Gemeinde Vorsteher
Sebastian Kleinmann
Kirchvater
A
Auszug des Kirchenbuches zu Kargfeld was für Unglücksfälle besagten Ort
seit der Schwedenzeit betroffen und wodurch die Gemeinde daselbst gar sehr
mitgenommen worden ist.
Anno 1634 den 9 Junius marschirte die schwedische Armee unter dem General Baner
durch das Dorf die Bagage ging hinten weg Die Reuter hausseten sehr übel
Sie zogen ihre Pferde in die Stuben und haben Mattesen ein ganz Gebräude
Bier ausgesoffen Im Schloss lag der Stab
1637 den 3 August kam der General Pallasch dieser Name ist sehr undeutlich
geschrieben der Herr Pfarr sagt er hieße Gallas mit einem Korpo
Kaiserlichen bei hiesigem Dorfe an und lagerten sich auf dem Gänserasen
Die Nachbarn mussten ihnen Essen und Trinken hinaus tragen Des Nachts hieben
sie die Satzweiden um und machten viele Wachtfeuer davon Der Herr Pfarr
behielt nicht einen Korb voll Rüben auf seinen ganzen Acker Des Morgens
fuhr die Herrschaft hinaus ins Lager welches vielen Leuten nicht gefallen
wollte
1642 des Abends vor Petri Stuhlfeier kam ein Trupp Reuter in das Dorf und
quartierte sich ein Der Herr Pfarrer musste den Hauptmann einnehmen der
schalt ihn einen Pfaffen und seine Frau noch ärger Des Morgens wollten sie
Schulzens Ilsen mitnehmen und hatten sie schon auf ein Pferd gesetzt sie
wurde aber wieder losgebeten
1653 wurde das neue Schloss zu bauen angefangen Da ging es an ein Fröhnen alle
neun Tage kam die Reihe herum
1657 den 11ten Dezember in der Nacht kam bei der tollen Aenne Feuer aus
welches 9 Häuser mit Scheunen und Ställen verzehrte
1671 starben viele Leute das trug mir und dem Herrn Pfarrer etwas ehrliches
ein
1677 wurde Marta Saufsteffens Wittib wegen des Verdachts dass sie eine Hexe
wäre eingezogen FH hatte immer wegen ihrer roten Augen kein gutes
Vertrauen zu ihr Ob ich gleich von ihren Kindeskindern kein Schulgeld nahm
so hat sie mir doch weil ich das eine Mädchen geschlagen durch ihr
giftiges Anhauchen bei nüchternem Morgen einen dicken Backen gemacht Des
Herrn Pfarrers Gänse hat sie alle in einer Nacht gesterbet und ihnen die
Köpfe abgebissen als wenn es das Ratz getan hätte Sie konnte sich in eine
schwarze Katze mit feurigen Augen verwandeln und hat mir einmal selbst in
dieser Gestalt da ich aus der Schenke nach Hause ging begegnet Der Böse
ist in Menschengestal bei ihr ein und ausgegangen hat seinen Kuhfuss aber
doch nicht recht verstecken können ob er gleich oftmals Stiefeln angehabt
1678 wurde diese Unholdin vor dem Dorfe auf dem Anger verbrannt Sie ist auf die
20 und mehrmal auf dem Blocksberge gewesen und Steffgen ist alle Jahr 2 mal
bei ihr eingefahren ob er gleich niemals außer das letzte mal ist gesehen
worden
Fürm Drachen uns bewahre Gott
Und trage uns aus aller Not
1680 zu Ende des Jahres und zu Anfang des folgenden stund ein großer Komet über
unserm Dorfe und kehrte den Schwanz gerade nach dem Edelhofe zu Etliche
meinten der alte Herr würde es wohl nicht lange mehr machen
1683 rückte der Türke vor Wien vom 29 August dieses Jahres bis zum 14 des
Christmonats da die erste Nachricht in unser Dorf kam dass die Türken von
Wien weggeschlagen wären musste ein Mann aus der Gemeinde Tag und Nacht auf
dem Turme wachen um ein Zeichen zu geben wenn er Türken sähe damit sich
Jedermann retten könnte
1687 im Julius wurden durch ein schweres Ungewitter alle Feldfrüchte in unsrer
Fluhr verhagelt
1692 kurz vor der Erndte fiel ein Volk Heuschrecken auf unsere Krautländer
deswegen musste die ganze Gemeinde durch schreien schießen trommeln und
allerhand Geräusche sie zu vertreiben suchen es wollte aber nichts helfen
bis ich selber meine Stimme erhob und auch so glücklich war dass ich sie in
einer halben Stunde alle aus unsrer Flur wegschrie Davor bekomme ich
jährlich auf Jacobstag 2 Kannen Bier
1699 in der Nacht vom 13 auf den 14 Hornung brachen die Diebe im Schloss ein
der Nachtwächter und des gnädigen Herrns Bollenbeisser verjagten sie aber
dass sie nichts wegbringen konnten
1709 war so ein grimmig kalter Winter dass die Orgel mit heißen Steinen musste
erwärmet werden damit der Wind in solcher unter der Musik nicht einfrieren
und der Generalbass gehemmet werden möchte
1713 fiel NN der Gemeindevorsteher mit einer Weibsperson von der Bank und kam
deswegen vom Dienste
1719 wurde Herr Lorenz Lobesan Schuldiener und Küster in Kargfeld
1722 im August wollte der kleine Samuel von einem Kornfuder herunter springen
und brach ein Bein
1728 in diesem Jahre hat das Vieh nicht gedeihen wollen Es kam ein gewaltiges
Sterben unter die Bienen meine zwei Stöcke gingen auch darauf Bernd dem
Scheerenschleifer ist im Frühjahr ein Schwein ersoffen Hin und wieder ist
auch durch die großen Wasser vieler Schade geschehen
1735 den 19 Oktober hätte sich der Herr Schulmeister auf einer Kindtaufe da er
einen Braten trenschiren wollte beinahe den Daumen weggeschnitten
1744 ging wieder ein Komet knapp über unsern Dorfe weg wer oben auf der Spitze
des Kirchturms gewesen wäre hätte ihn leichtlich mit der Hand erlangen
können
1759 den 20 April marschirten etliche Regimenter Kaiserliche Türken durch das
Dorf welches Jedermann in große Furcht und Schrecken setzte Mir haben sie
2 Gänse und dem Schulzen ein Schwein mitgenommen Das waren barbarische
Leute
il fin
XXVI Brief
Fräulein Amalia an ihren Bruder
Schöntal den 9 Sept
Fräulein Julgen ist eben von mir weg ich schicke mich daher an meinem
geliebtesten Bruder von den hiesigen Begebenheiten meinem Versprechen gemäß
getreue Nachricht zu erteilen Ich weiß nicht ob ich meine Erzählung von dem
Fräulein von W oder von unserm Onkel anfangen soll beide geben mir sehr viel
Materie an die Hand Nur ein paar Worte von Fräulein Julgen Die gottlose
Stiefmutter will sie durchaus in einen Stift tun sie kann sie nicht vor Augen
sehen Die böse Frau ist ein rechtes Marterholz für das gute Kind Diesen Morgen
kommt sie in ihr Zimmer Ich werde Ihnen Glück wünschen müssen liebes Julgen
der Herr von N unser guter Freund und Nachbar wird mit ehestem um sie anhalten
Gestehen Sie es nur Sie sind Ihm nicht gram ich merkte es wohl beim
Feuerwerke wie Sie doch so schlau lächeln konnten wenn er scherzte Nicht
wahr Sie sind Ihm ein Bisgen gut Die unverschämte Frau das liebe Kind mit
einem Liebhaber der Ihr Großvater sein könnte zu peinigen Sie kann es nicht
verantworten Sie spricht Julgen hätte die Wahl entweder in den Stift zu
gehen oder den Herrn vN zu heiraten Sie scherzet in der Tat der Scherz
ist aber so unrecht angebracht dass das Fräulein sich zu Tode darüber ärgern
möchte Ich weiß dass du meiner Freundin dein ganzes Mitleiden schenken wirst
Ich will diesen traurigen Affect nicht weiter regen unser Onkel liefert
scherzhaftere Auftritte durch die Niemand sonderlich beleidigt wird
inzwischen wünschte ich doch dass wir nicht auf Kosten des Bruders unsrer Mutter
lachen dürften Nun ist die Sache nicht mehr zu ändern wir würden uns vergebens
bemühen ihm eine Grille die er sich so feste in den Kopf gesetzt hat
auszureden Manchmal kommt es mir vor als wenn er wirklich Vorteil daraus
gezogen hätte Er flucht in der Tat nicht mehr so grimmig wenigstens nicht mit
so anstössigen Worten als ehedem
Neulich hat er in seinem Hause wiederum eine Änderung vorgenommen der
Koffee ist daraus verbannet worden Frühe Tee Nachmittags Tee auf den Abend
Tee es mag kommen wer da will der muss Tee trinken Warum Sir Karl Grandison
trinkt vor und Nachmittage Tee und in Engelland ist es Mode die Gäste mit
Tee zu bedienen Unser Onkel trinkt alle Tage eine ziemliche Portion davon
Nun denke ich hat er sich eher für der Wassersucht als für der Schwindsucht
zu fürchten Vor einigen Wochen da er eben anfing zu grandisoniren erzählte
er mir dass er vorgestern den Anfang gemacht hätte seine Leidenschaften zu
überwältigen dieses gab uns zu einer Unterredung von einem seltsamen Innhalte
Anlass der noch einen seltsamern Erfolg hatte Ich schrieb sie auf sobald ich
nach Hause kam um dir solche mitzuteilen Hier ist sie
Der Onkel Das sollen Sie sehen Fräulein Base dass ich alle meine
Leidenschaften noch vor Ausgang der Woche völlig in meiner Gewalt haben will
Amalia Das ist ein sehr edler Entschluss Herr Vetter der Ihnen wirklich
Ehre macht gesetzt dass Sie auch mit dieser Unternehmung nicht so schleunig zu
Werke gehen könnten als Sie wohl denken
Der Onkel Nein nein wenn ich mir etwas vornehme so muss es durchgesetzt
werden es koste auch was es wolle Das wäre der Teuf das wäre doch viel
sage ich wenn ein Mann der in Italien mehr als 100 Köpfe commandiret hat
seinen eigenen Schädel nicht könnte zurechte bringen
Amalia Erlauben Sie Herr Vetter ich halte es viel leichter andrer Leute
Köpfe zu commandiren als seinen eigenen
Der Onkel Was der Donnerstag und das Wetterglas wäre es denn auch für eine
Kunst wenn es keine Schwürigkeiten hätte Ich weiß wohl dass sich meine
Leidenschaften die Kanallien wider mich empören werden aber der Himmel sei
ihnen gnädig wo sie sich regen Ich habe wohl eher einen Eisenfresser von einem
Kerl der nur so aussah als wenn er mit meinem Kommando nicht zufrieden wäre
krumm schließen und unter die Pritsche werfen lassen sollte ich denn nicht
meine närrischen Affecten eben sowohl bezwingen und unter die Bank stecken
können
Amalia Ich habe das beste Zutrauen zu Ihnen und wenn ich mir gleich nicht
vorstellen kann dass Sie so geschwinde von sich Meister werden so hoffe ich
doch dass Sie es in kurzer Zeit mit Bezwingung Ihrer Leidenschaften sehr weit
bringen werden
Der Onkel Nicht doch nicht doch Was ich einmal gesagt habe dabei bleibt
es Die Hunde die bösen Leidenschaften müssen vor Sonnabend Abend alle dort in
meiner Schwester Strickbeutel stecken ich lachte Sie lachen Wollen Sie
mir nicht glauben Wohlan Sie sollen Wunder und Zeichen sehen Sie denken es
wäre etwas das ich mir gar nicht abgewöhnen könnte Der Brandewein Nicht
wahr Sie haben Recht es wird eine große Überwindung kosten Das und noch ein
paar eingewurzelte Hausflüche sind noch Überbleibsel von dem Soldatenleben
Aber bei meiner Ehre diesen habe ich bereits den Laufzettel gegeben und mit
jenem werde ich kurz Federlesen machen
Ich war in der Tat sehr froh dass er diesen Vorsatz hatte Wenn es doch
sein könnte dachte ich Ich muss ihn bei diesen guten Gedanken zu erhalten
suchen ich reizte seine Ehrbegierde
Amalia Alles will ich Ihnen gern glauben aber dass Sie diesen
heldenmütigen Entschluss glücklich ausführen sollten das traue ich Ihnen nicht
zu Indessen ist Ihr Vorsatz eine Gewohnheit zu unterlassen die Ihrer Ehre oft
Eintrag getan hat so vortrefflich dass er wenn er auch gleich nicht zur
Wirklichkeit käme Ihre Ehre doch in meinen Augen wieder herzustellen scheint
Ich kann nicht leugnen Leute die dem Trunke ergeben sind und besonders ein
Getränke lieben darin sich nur der Pöbel übernimmt sind mir verächtlich sie
mögen sein wer sie wollen Sehen Sie ich rede offenherzig Herr Vetter ich
rede so mit Ihnen wie ich mit dem Sir Grandison reden würde wenn ich ihn
jemals trunken gesehen hätte
Mein Onkel stieg stillschweigend auf und ging aus den Zimmer ich dachte
er wäre böse Kurz darauf kam er wieder mit der gewöhnlichen Flasche im linken
Arme und einem Römer in der Hand Er setzte Beides auf den Tisch
Der Onkel Nun sollen Sie sehen dass ich im Stande bin dasjenige
auszuführen was ich mir einmal vornehme Hier an diesen Werkzeugen des Teufels
er wies auf die Flasche und das Glas will ich eine schreckliche Execution
ausüben
Er eilte damit zum Fenster ich hielt ihn zurück Lassen Sie Ihre Rache
nicht auf die Unschuldigen fallen Was hat die arme Flasche getan dass Sie so
barbarisch mit ihr umgehen wollen Wenn Sie eine Rache üben wollen so tun Sie
es an ihrem Feinde denn Getränke das die Flasche aufbehält dieses verdient
ihren Unwillen
Ich nahm die Flasche und wollte den Brandewein zum Fenster hinaus schütten
Der Onkel Leichtfertige Base was wollen Sie machen Sie werden doch nicht
Gottes Gabe auf die Gasse schütten
Amalia Ja das will ich Es wird in Absicht auf den Misbrauch der damit
vergehen könnte ein gutes Werk sein wenn ich es wegschütte
Der Onkel Nein ich werde nicht zulassen dass Sie meinetwegen sündigen Ich
will das Bisgen Kouragewasser das noch in der Flasche ist austrinken dieses
wird meinen Mut stärken dass ich in dem Vorsatze beharren kann dieses
schädliche Getränke auf ewig zu verschwören
Amalia Mein gutes Zutrauen gegen Sie wird sich wieder verliehren wenn Sie
dieses tun Haben Sie ohne Ihren Leibtrank nicht Mut genug ihre bösen
Leidenschaften zu beherrschen so werden Sie bei demselbigen noch viel weniger
im Stande sein Ihr Vorhaben ins Werk zu richten
Der Onkel Ha ha Bäsgen über ihre Rockenphilosophie lache ich Meine Ehre
setze ich zum Pfande dass ich meinem Leibtranke heute gute Nacht gebe
Er schenkte sich in der Geschwindigkeit ein Glas nach dem andern ein trank
auf ein ewiges Lebewohl auf Nimmerwiedersehen auf das glückliche Halsbrechen
seiner Flasche und sw Da sie leer war schien er tiefsinnig zu werden er
ging dreimal die Stube auf und ab mehr als einmal öffnete sich sein Mund zum
Reden er war aber nicht im Stande ein Wort hervorzubringen Endlich fing er
plötzlich an Nichts Keine Einwürfe Entferne dich auf ewig du Ungeheuer von
einer Leidenschaft Er ergriff die Flasche Lebe wohl du redliche Gefehrtin
meiner Tage Du mein Labsal hast mich oft ergötzet Dein Nektar erwärmte mich
da ich über den kalten Alpen stieg und erquickte mich wenn mich die
Sonnenhitze in Italien entkräftet hatte Ich beweine dein Schicksal meine beste
Freundin aber es ist besser dass ich dir den Hals breche als dass du mir eine
betrübte Erinnerung oder wohl gar wiederum ein quälendes Verlangen nach den
Wohltaten erregest die ich ehedem aus dir genossen habe O Grandison
Grandison Wüsstest du meinen heroischen Entschluss du würdest ihn billigen Er
riss das Fenster auf und warf die getreue unschuldige Flasche mit dem Römer
wider eine unbarmherzige Mauer dass beide in tausend Stücke sprangen Ich ließ
ihn gehen Bis hieher ist er seinem Vorsatze getreulich nachgekommen und hat
nicht das geringste Verlangen nach seiner Panacee wie er es nennte merken
lassen Dahero trinkt er eine abscheulige Menge Tee und ein gut Glas Wein
Seine Gesundheit hat nichts gelitten Manchmal komme ich auf die Gedanken dass
wir unserm Vetter ein rechtes Freundschaftsstückgen durch deine Erfindungen
erwiesen haben manchmal bin ich aber auch auf uns alle böse Du hattest einmal
in einem Briefe den Tod der Frau Shirlei berichtet unser Vetter legte deswegen
tiefe Trauer an wir trauerten nicht und fuhren nach Kargfeld um einen Besuch
bei ihm abzulegen Solltest du wohl glauben dass er uns den Torweg vor der Nase
zumachen ließ Wir mussten umwenden Meine Schwester und ich verschworen es
seine Türschwelle jemals wieder zu betreten Mein Schwager hat seinen Spaß
darüber Er zog sich den andern Tag schwarz an als wenn seine Mutter gestorben
wäre wir mussten unsres Protestirens ungeachtet mit ihm fahren Verwünscht Ich
musste eine schwarze Florkappe überhengen meine Schwester auch Nic habe ich
mich so sehr geschämet als damals Das ist wohl die erste alte Frau aus einem
Roman die wirklich ist betrauret worden Unser Onkel ließ gar läuten und wenn
der Pfarrer wäre zu bewegen gewesen so hätte die gute Frau eine
Gedächtnisspredigt und eine Parentation bekommen Über diesen Possen ist die
Glocke in Kargfeld gesprungen unser Onkel soll eine neue gießen lassen oder die
Bauern wollen ihn verklagen Es geht die Rede der Magister hätte der Gemeinde
in Kargfeld unter dem Fuß gegeben sie sollten eine Bittschrift an den Sir
Grandison aufsetzen und um eine Kollecte für die Kirche bei ihm anhalten
vielleicht ist es etwan schon geschehen Der Pastor Wendelin hat am Sonntage vor
8 Tagen unsern Vetter dergestalt abgekanzelt weil es eben der Text so mit sich
brachte dass alle Bauern nach dem adlichen Stuhle gesehen haben Von unsern
Familien Umständen weiß ich nichts zu sagen als dass meine Schwester immer
bisher gekränkelt hat Es kann sein dass unser Onkel in einem halben Jahre
zweimal Gevatter wird Nun habe ich mich von Neuigkeiten so ausgeleeret dass ich
nichts mehr zu sagen weiß als eine alte Wahrheit dass nie ihren Bruder zu
lieben aufhören wird dessen
aufrichtig ergebene Schwester
Amalia vS
XXVII Brief
Die zwei folgenden Briefe waren in den vorigen eingeschlossen
Schöntal den 6 Septembr
Lieber Bruder
Der Magister Sancho ist ganz unruhig Seine Klementine will noch nicht so recht
tiefsinnig werden und er hat sich doch vorgenommen ihr nicht eher mit seiner
Gegenliebe zu Hilfe zu kommen als bis sie halb rasend ist
Wenn er sie in den Pommeranzenwäldgen antrifft so geht sie um ihre Glut zu
verbergen in den Griechischen Tempel oder deutlicher zu reden sie springt
durch die Johannisbeerbüsche in das Gartenhaus Er verfolgt sie und sie will
wieder ausreißen Darauf schreiet er bin ich denn ein getalischer Löwe oder
ein grausamer Tieger dass Sie so vor mir laufen Sie seufzet sie sieht ihn
schmachtend an und spielt ihre Person vollkommen wohl Dieses verstellte Wesen
macht den größten Eindruck in ihn Er kam gestern mit einer tiefsinnigen Mine zu
mir da ich eben in Kargfeld einen Besuch abstattete und wir hatten folgende
Unterredung
Der Magister Ach gnädiges Fräulein ich muss Ihnen meine ganze Schwäche
entdecken Hannchen dauert mich das gute Kind empfindet die Liebe sie weiß
aber nicht was ihr fehlt Sie will wie Klementine blass werden und sich
auszehren
Amalia Sie sind doch ein grausamer Mensch dass Sie mit dem guten Kinde so
verfahren Gehen Sie und entdecken Sie ihr dasjenige was Sie empfinden ehe das
arme Mädchen stirbt
Der Magister Nein das kann ich noch nicht Soll der Roman nach
Italienischen Gusto ausgeführet werden so ist in einem halben Jahre noch an
keine ausdrückliche Liebeserklärung zu denken
Amalia Ich dächte aber da weder die Religion noch der General im Wege ist
so könnte die Sache etwas abgekürzt werden
Der Magister Nein das geht profecto nicht an Wenn Sie aber Frau Beaumont
sein und meine Klementine ausforschen wollen so tun Sie nur eine Gnade
Amalia Ich bin schon etliche mal die forschende Frau Beaumont gewesen
Hannchen aber hat nicht die aufrichtige Klementine sein und mir das Geheimnis
ihres Herzens anvertrauen wollen So viel aber merke ich sie ist verliebt
Der Magister Gehen Sie nur recht auf den Grund Sie müssen ihr Herz bis auf
die ersten Bestandteile analisiren die sich nicht weiter zergliedern lassen
Sie müssen meinen Namen nennen und sehen ob sie rot wird Sie müssen meine
Gelehrsamkeit mein Ansehen in der gelehrten Welt und die Hoffnung zu großen
Ehrenstellen rühmen und auf alle Blicke dieses schlauen Kindes Achtung geben
Sie wird sich verraten ich gebe ihn mein Wort sie wird sich verraten
Amalia Wissen Sie was Herr Magister da Sie die Maximen eines Spions so
gut im Kopfe haben so forschen Sie ihre Klementine selber aus So viel melde
ich Ihnen dass Sie Hannchen wahrscheinlicher Weise nicht liebt sondern einen
andern
Der Magister Wie sie liebt mich nicht Beim Jupiter das tut sie Ich
würde sonst auf Rache bedacht sein und meinen Nebenbuhler den Halsbrechen
Amalia Heist das dem Grandison nachgeahmt O wie fein haben Sie Sich
gebessert
Der Magister Nicht doch das war meine Meinung auch nicht Ich will aber
auf jeden Liebhaber meiner Klementine eine Satire machen und die Kerls so
ärgern dass sie für Ärgernis sterben sollen
Amalia Machen Sie was Sie wollen Ich bin eben im Begriffe einen Besuch
bei Hannchen abzustatten Vielleicht kann ich etwas für sie tun
Der Magister Höchst vortreffliche Fräulein tun Sie es ich küsse Ihnen den
Rock
Du siehst geliebter Bruder wo es dem alten Magister fehlt Er schickt sich
gut zum ganzen Lustspiele Ich will nur gerne sehen wie er sich anstellt wenn
die Sache mit Hannchen offenbar wird Lebe wohl
Amalia von S
XXVIII Brief
Jungfer Hannchen an Fräulein Amalia vS
Kargfeld den 3 Sept
Gnädiges Fräulein
Der Magister wird mir zuletzt unerträglich Ich würde ihn gestern etwas
empfindlicher abgeführt haben woferne mich der Ort und sein Alter nicht davon
abgehalten hätten Verliebte Tändeleien verdienen bei jungen und feurigen
Gemütern einige Nachsicht wenn aber ein Magister von 45 Jahren dergleichen
Possen treibt denn muss man ihn für einen halten Setzen Sie mein liebes
Fräulein ein bequemes Wort an die leere Stelle Nach diesem Eingange muss ich
Ihnen eine Unterredung bekannt machen die ich auf dem Saale mit ihm hielt Ich
ging wie Sie wissen aus der Gesellschaft um unserer Magd etwas zu befehlen
Kaum war ich vor der Tür so sprang der alte Lampert hinter mich her
Magister Warum verlassen Sie die Gesellschaft mein schönes Hannchen man
spührt es gleich wenn eine angenehme Person fehlt
Ich Sie täten also besser wenn Sie dabei blieben Denn Sie werden den
Mangel zehen angenehmer Personen reichlich ersetzen
Magister Ich will mich eben nicht für unleidlich halten aber das was Sie
sagen scheint mir eine Hyperbole zu sein
Ich Was soll das sein Hyperbole
Magister Das ist eben so viel als ein großes Lob welches wir dem andern
aus heftiger Liebe geben ja es könnte auch eine artige Schmeichelei heißen
Ich Eine artige Schmeichelei das geht noch eher an Allein ich schmeichele
keinem Menschen und wenn es auch ein Fürst wär
Magister Loses Kind wissen Sie nicht dass Frauenzimmer ihre Liebhaber
schmeicheln ZE der Chapeau sagt meine Göttin so spricht sie nein das
wäre Abgötterei aber eine andere Karesse er sagt mein Lamm und sie nein
das wäre mehr eine Beleidigung Aber Engel können sie einander vice versa
heißen denn das Wort Engel ist in Deutschen generis communis Wie Sie auch
sonsten von mir in der Schule gehört haben da ich Ihnen den Milton erklärte
Ich Haben Sie mir denn den Milton erklärt Das ist ja der englische Dichter
welchen Sir Karl der Klementine aber der Herr Magister nicht mir vorgelesen
hat
Magister Könnte ich nicht Sir Karl könnte Sie nicht Klementine sein von
mir will ich jetzo nicht reden aber Sie übretreffen in meinen Augen eine
Göttin Sie sind also weit vortrefflicher als jene junge Italienische Gräfin
Ich Woher wissen Sie denn dass ich schöne bin
Magister Das sagen mir meine Augen und meine Empfindung
Ich Da sich Ihre Empfindung unfehlbar nach den Augen richtet so wird Ihre
Empfindung eben so oft betrogen werden als Ihre Augen denn ich weiß dass Sie
schon seit etlichen Jahren durch die Brille lesen
Magister Es ist wahr das beständige Nachtstudieren und die häufigen
Lucubrationes haben mir das Gesichte ein wenig verderbt dass ich die kleinen
Buchstaben und zumal im Hebräischen die Punkte nicht recht mehr erkennen kann
Aber ein Mädchen von achtzehn Jahren ist ja eben so kleine nicht dass ich
erstlich mein Auge bewaffnen müsste wenn ich sie ansehen wollte
Ich Ich habe nichts wider Ihr scharfes Auge in Ansehung achtzehnjähriger
Fractur einzuwenden es kommt mir aber sehr wunderbar vor dass der Herr Magister
auf mich Achtung gibt Sie waren mir ja sonst in der Schule nicht gewogen
Magister Koncedo mein schönes Hannchen aber dazumal waren Sie ein loses
Mädchen und außerdem musste ich auf Respekt halten Nunmehr aber haben sich die
Zeiten geändert Sie und ich sind mannbar Es kommt darauf an dass Sie mich
lieben und mir Ihr Herz schenken
Ich Bringen Sie das letztere als eine Frage oder als eine Bitte vor
Magister Als eine Frage und als eine Bitte zugleich
Ich So werde ich auch auf beides mit Nein antworten
Magister Wie Sie lieben mich nicht Ich sollte mich betrogen haben Nein
Sie müssen scherzen Ich merke schon Sie wollen lieben und schweigen Sie
wollen mich raten lassen Sie wollen erstlich meine Beständigkeit prüfen Sie
Ich Was haben Sie für Einbildungen ich musste wirklich lachen
Magister Lachen Sie nicht meine Klementine Geben Sie mir vielmehr die
gütige Erlaubnis Dero Herrn Vater den Herrn Marggrafen aufzuwarten mich zu
seinen Füßen zu werfen und die bewunderswürdige junge Gräfin von seiner Hand
anzunehmen Ich verlange keinen Pfennig von Ihren großen Vermögen ich will
vielmehr sorgen dass doch dieses wird sich schon schicken Was meinen Sie
wohl dass der Herr Marggraf sagen würde
Ich Er wird vielleicht eben so lachen als wie ich Wenn er aber hört dass
Sie den Herrn Grandison und ich Klementinen vorstellen soll denn würde er gar
böse werden
Magister Sorgen Sie nicht Ich bin schlau ich bin ein alter Hofmann ich
will ihn schon fassen oder ich müsste kein 20jähriger Magister sein und mich
unter Edelleute so lange durchgefressen haben
Ich Ich traue Ihrer Geschicklichkeit sehr viel zu ich zweifele aber ob
Sie meinen Vater und mich in diesem Punkte bewegen werden
Magister Da sehe ich Ihren Herrn Vater über den Hof kommen Ich will ihm
entgegen gehen Sehen Sie nur ob er nicht wie ein Erzbischoff einhergehet O
der teure Marggraf
Hier lief er fort und ich befahl indessen unserer Magd mir einen Boten zu
bestellen Ich habe das bewusste Schreiben beantwortet aber mit zitternder Hand
Wenn ich die gnädige Erlaubnis von Ihnen bekomme so werde ich Ihnen morgen in
Kargfeld aufwarten etc Ich bin mit aller Hochachtung
Ew Hochwohlgeb
untertänige Dienerin
Johanna Wendelin
XXIX Brief
Fräulein Amalia an ihren Bruder
Schöntal den 16 Sept Abends um 9 Uhr
Was wirst du denken mein Bruder wenn ich dir sage dass unser Onkel wirkliche
Anstalt macht sich zu verheiraten An und vor sich kannst du eben so wenig
als wir die Sache misbilligen die Wahl die er getroffen hat ist auf seiner
Seite vortrefflich aber wenn die Heirat zu Stande käme so wäre eine Person
unglücklich eine Person die uns allen nicht gleichgültig ist
Du kennest sie sie ist meine beste und angenehmste Freundin Wozu dienen
meine Umsch weife unser Onkel hat die Liebste die er sich auserlesen hat in
einem seiner Briefe an dich genannt ich habe diesen Brief gesehen Stelle
Fräulein Julianen von W einmal in Gedanken neben unsern alten Onkel Ein wohl
übereinstimmendes Paar Ein Mann näher bei sechzig als funfzig Jahren der kein
großes Vermögen hat dass die Wehetage der Frau durch künftige gute Aussichten
versüßen könnte der noch darzu vor kurzem ein halber Entusiast worden ist, und
durch seine Schwärmerei vielleicht noch um sein übriges Vermögen kommt und ein
Mädchen ein allerliebstes Mädchen von 21 Jahren das so sittsam so tugendhaft
so wohl gebildet ist dass sie mit gutem Rechte eine Byron vorstellen könnte Ich
gedenke mir nichts grausamers als eine solche Heirat
Behüte Gott Eher hätte ich das Schlachtfeld bei Minden sehen mögen als dass
ich meine Freundin in den Armen dieses Mannes erblicken sollte Du wirst
glauben ich stellte die Sache auf einer gar zu schlimmen Seite vor Wenn
Fräulein Julgen an einem alten Manne ihr Vergnügen finden kann denkst du wenn
sie eine Zuneigung zu ihm haben kann warum sollte ich sie denn bedauern Der
Regen und die Liebe fallen so wohl auf Palläste als auf Strohdächer Es zwingt
sie ja Niemand den Alten zu nehmen Wenn Ihre Stiefmutter auf eine
unbedachtsame Art manchmal mit ihr scherzet und ihr mit dem Stifte oder mit
unsern Onkel drohet so muss sie das als Scherz aufnehmen und mit Scherz
erwidern Was wollte ich darum geben wenn dein Urteil wahr wäre Die gute
Juliane es kostet mir viele Tränen wenn ich daran denke Sie soll sie muss
unserm Onkel ihre Hand geben Ihre verdammte Stiefmutter Ich würde ihr die
Augen auskratzen wenn sie da vor mir stünde so erbittert bin ich Sie ist eine
von den gemeinen Stiefmüttern welche sich eine Pflicht und zugleich ein
Vergnügen daraus machen die Kinder erster Ehe zu peinigen Kein Wort mehr von
der verhassten Frau Beigelegte sechs Briefe werden dir die ganze Sache
aufklären
Den 13 kam unser Onkel nach Schöntal und tat uns eine förmliche
Erklärung wie er es nennte dass er Willens wäre dem Beispiele seines Herrn
Gevatters in Engelland zu folgen und sich zu verheiraten Meine häuslichen
Umstände sind nun in Ordnung gebracht das Musiczimmer die Bildergallerie und
der meiste Teil meiner Meublen sind nach dem Geschmack meines Freundes in
Engelland eingerichtet An meiner Person selbst habe ich so eine Reformation
vorgenommen dass ich mich kaum noch kenne wenn ich vor dem Spiegel stehe Es
fehlt mir nichts mehr als eine Henriette Die Nachrichten aus Italien können
nun in meinen Entschließungen keine Änderung mehr machen sie mögen ausfallen
wie sie wollen Mag doch der Graf von Belvedere mit seiner Klementine ruhig
leben Grandison hat ihr durch seine Verheiratung ein Beispiel gegeben sie
soll mir eins geben und ich will denenjenigen eins geben die mir einmal
nachahmen werden
Mein Schwager unterstützte das Vorhaben unsers Vetters das er für einen
Anfall seiner Schwärmerei hielt die keine sonderliche Folgen haben würde durch
seinen Beifall Meine Schwester und ich sind nur Maschinen meines Schwagers
jene aus Liebe ich aus Freundschaft Er drohet uns nach seinem Gefallen Wir
mussten uns stellen als wenn wir eine große Freude darüber hätten dass unser
Onkel in seinen alten Tagen noch ein Papa werden wollte Wer ist denn die
glückliche Byron Herr Vetter fragte ich die nach Ihnen seufzet Doch nicht
etwan das Fräulein vW
Der Onkel Ha ha ha Wer anders als Sie Dass dich der Bli dass dich
der Blech wie das Bäsgen raten kann Wenn Sie kein Fräulein wären so müssten
Sie einen Bürgermeister nehmen
Mein Schwager schien über dieses Geständnis in etwas betreten zu sein er
vermutete nicht wie er nachgehends sagte dass Fräulein Julgen eine Rolle in
dem Lustspiele unsres Grandisons bekommen sollte wir schätzen sie alle hoch
und lieben sie das gute Kind verdient es
Mein Schwager Daran tun Sie recht Herr Vetter dass Sie Ihren Herrn
Gevatter folgen und sich verheiraten wollen Ich wünsche Ihnen Glück zu diesem
Vorhaben Aber mich dünkt wenn Sie das Fräulein vW zu Ihrer Byron machen
wollen so wird Ihnen Sir Karl die Abweichung in seiner Nachahmung nicht leicht
vergeben können
Der Onkel Wie so Herr Vetter das sehe ich nicht ein
Der Schwager Sir Karl war überzeugt dass er die einzige Mannsperson wäre
die seine Henriette als ihren Gemahl lieben könnte er hatte ein Recht auf ihre
Liebe er war der Beschützer und Erretter ihrer Ehre er hatte die Bewilligung
aller Anverwandten ihr Mädchen zu lieben Jedermann wünschte dass die zwo
vortrefflichen Personen ein Paar werden möchten Bei Ihnen Herr Vetter nehmen
Sie es nicht ungütig dass ich nach meiner Überzeugung rede bei Ihnen ist
keiner von diesen Umständen anzutreffen Sie würden also bei dieser
Verheiratung wider Ihren Willen ein Urbild werden und das würde Sir Karln
verdrüssen wenn Sie so zu reden über ihn weg sein wollten
Der Onkel schien über den Einwurf meines Schwagers sehr verlegen zu sein Er
wollte antworten er reusperte sich ruckte auf dem Stuhle hin und her
Herr Lampert Herr Lampert warum so stille Er sieht aus als wenn er
Flachs säen wollte
Der Magister stieg von seinem Stuhle auf er hatte seine Gedanken gesammlet
und sah so aus als wenn ihn etwas auf dem Herzen läge Wir waren aufmerksam
auf ihn Endlich öffnete sich sein Mund
Nachdem ich dasjenige was Eu Gnaden er bückte sich gegen den Baron
vorzutragen geruhet haben hin und wieder sonderiret habe so kann ich nicht in
Abrede sein besonders da der bekannte Kanon Minima circumstantia variat rem
auf Ihrer Seite zu stehen scheint dass die Zweifel Eu Gnaden dem ersten
Anscheine nach einige Stärke haben Allein wenn wir die Nuss aus der Schaale
nehmen wollen so werden wir finden dass alle diese Einwürfe nicht hinreichen
meinen gnädigen Herrn Principal einer Abweichung in der Nachahmung Herrn Karl
Grandisons schuldig zu machen Denn was den ersten Satz anlanget Sir Karl war
überzeugt dass er die einzige Mannsperson wäre die seine Henriette als ihren
Gemahl lieben könnte so gilt dieses vollkommen von meinem gnädigen Herrn Er
zweifelt im geringsten nicht dass ihn das Fräulein vW als ihren Gemahl lieben
und ehren werde Der zweite Satz Sir Karl hätte ein Recht auf Fräulein Byrons
Liebe er war der Beschützer und Erretter ihrer Ehre dieser gilt unter einer
kleinen Einschränkung hier gleichfalls vollkommen Mein Patron hat ein Recht
auf des Fräuleins vW Liebe Er ist der Beschützer und Erretter ihrer Ehre
nämlich in so ferne diese von Jemand sollte angetastet werden Sir Karln hatte
die Bewilligung aller Anverwandten ihr Mädchen zu lieben mein Patron hat diese
Bewilligung von den Eltern des Fräuleins vW in der Tasche Jedermann wünschte
dort dass die 2 vortrefflichen Personen sollten ein Paar werden Jedermann
wünscht es auch hier wenigstens in den Familien von beiden Seiten werden alle
hohe und vortreffliche Glieder derselben eine solche vorteilhafte Vermählung
wünschen Aus diesem folgt, dass mein hoher Principal von aller Abweichung in
der Nachahmung Sir Karl Grandisons entfernet ist und solcher auf keinerlei
Weise kann beschuldiget werden welches zu erweisen war
Der Onkel Der Geist des Doctor Bartletts ruht zwiefältig auf meinem
Magister So wahr ich lebe er ist ein ganzer Mann Ich versichere ihn meines
Wohlwollens er drückte die Hand des Bösewichts
Es war Niemand von uns im Stande ein Wort vorzubringen das Schrecken
machte uns stumm Der Onkel nahm unsre Stillschweigung für eine Empfindung einer
Freude an Ich hatte Lust ihn diesen Irrtum zu benehmen doch unterließ ich
es Die Einwilligung des törigten Vaters eine vollkommene Tochter durch unsern
Onkel unglücklich zu machen setzte uns in viele heimliche Sorge Unser Vetter
zog zween Briefe aus der Tasche dieses ist mein Anwerbungsschreiben um das
Fräulein vW hier ist auch die Antwort darauf Herr Lampert lese er doch
beide Wir wussten nicht ob wir Scherz oder Ernst aus der Sache machen sollten
da der Magister las Mein Schwager bat sich die Erlaubnis aus die Briefe
nochmals mit Verstande zu lesen nachdem er unsern Onkel wegen des Innhalts des
zweiten einen langen Glückwunsch gemacht hatte und sich das Ansehen gab als
wenn ihm seine Wünsche recht von Herzen gingen Diese Schmeichelei wirkte so
viel dass der Onkel dem Baron beide Briefe aushändigte er ging damit in in
sein Kabinet und hat sie abgeschrieben So bald unser Vetter uns verließ
brachte ich diese Unterredung zu Pappiere Wir ratschlagten über eine so
unerwartete Begebenheit bis in die tiefe Nacht Die Einwilligung die
schriftliche Einwilligung des Vaters von dem Fräulein vW wie viel Sorge machte
uns die
Mein Schwager hatte den Vorschlag wir wollten den Grafen von Belvedere
sterben und unserm Onkel lieber seine Reise nach Italien unternehmen lassen
als dass wir zugeben sollten dass er der Gemahl von Fräulein Julianen würde Ich
zweifelte dass diese Erfindung einen guten Erfolg haben würde Unser Grandison
scheint äußerst in seine Byron verliebt zu sein und gäbe nun wohl zehen
Klementinen hin um eine Juliane zu erlangen Wir stehen in äußerster Furcht
wegen des guten Fräuleins Du wirst aus beiliegenden Briefen sehen dass sie ihm
morgen feierlich soll zugesaget werden Was fangen wir an Ich wollte ich
weiß nicht was darum geben wenn der morgende Tag vorüber wäre Ich war
Willens dieses Paquet nicht eher an dich abzuschicken bis ich von dem Ausgange
der Sachen dir eine Nachricht geben könnte die Post geht aber morgen
Vormittage ab und mit dem Frühesten müssen meine Briefe in der Stadt sein Wenn
du mir versprächest unsertwegen keine Sorge zu tragen so wollte ich das Paquet
künftigen Posttag fortschicken du könntest aber denken meine Schwester die
wiederum vollkommen gesund ist wäre gar gestorben wenn ich meine Briefe einige
Tage länger zurück behielt Es ist immer besser eine unvollständige Nachricht
als gar keine Eine kleine Nebenabsicht treibet mich zugleich mit an die
Absendung dieses Briefes nebst den Einschlüssen in demselben nicht länger
auszusetzen Es ist besser dachte ich dass wir unsern Bruder in eben der
Ungewissheit lassen in der wir uns selbst befinden als dass wir ihm den Anfang
und das Ende der Heiratsgeschichte unsres Onkels auf einmal berichten Er mag
einige Tage lang eben so wie wir zwischen Furcht und Hoffnung schweben damit
er sich bei einem unglücklichen Ausgang der Sache zu welchem er schon
vorbereitet ist nicht so sehr betrübe und bei einem glücklichen Ausschlage
desto mehr erfreue Wollte der Himmel es könnte diese Heirat die gewiss nicht
im Himmel geschlossen ist hintertrieben werden Ich beschliesse meinen Brief mit
einer Bitte von meinen Schwager er verlangt die Briefe die wegen der
grandisonischen Händel sowohl von dir als an dich sind geschrieben worden in
Abschrift zurück um sie in einem Zusammenhange zum Zeitvertreibe zu lesen Der
junge Wendelin der schon ausstudiret hat und für langer Weile nichts tut als
dass er im Dorfe herumgehet und Sperlinge schießt kommt manchmal herüber nach
Schöntal und hat sich erboten diese Briefe insgesamt sauber abzuschreiben
Für die baldige Zurücksendung derselben wird insonderheit bei ihren geliebtesten
Bruder ihren Dank abstatten
Amalia vS
XXX Brief
Herr von N an den Herrn von W in Wilmershausen
N hall den 12 Sept
Lieber Herr Vetter
Du hast vielleicht schon Lunde gerochen und meine Liebe gegen deine älteste
Fräulein Tochter gemerkt ich muss mich nunmehr über diese wichtige Sache
deutlicher erklären und hierdurch offenbar gestehen dass ich Fräulein Julgen
schon längstens in mein Herz geschlossen habe Ich war zwar Willens niemals an
eine Frau zu denken dieser Gedanke aber hat nicht länger als bis auf die
Bekanntschaft mit Sir Karln gedauert Da ich nun diesem wunderbaren Manne in
allem nachfolgen muss wenn ich anders so glücklich als er werden will so
gehört nichts als eine schöne Henriette zu meiner Vollkommenheit Es ist also
billig dass ich mich an Dich und an Deine Frau Gemahlin zuerst wende und Eure
liebe Fräulein Tochter von Eurer Hand erwarte Da man wider meine Person
welche ohne Ruhm zu melden nicht unangenehm ist eben so wenig als wider mein
jährlich Einkommenen welches nach englischen Gelde reine 500 Pf einträgt
nichts einwenden wird so hoffe ich von euch beiden keine abschlägliche Antwort
zu erhalten Ich weiß zwar dass sich Julgen ein wenig zieren wird das muss sie
tun wenn sie der vortrefflichen Henriette ähnlich sein will so hebe Du
indessen dem guten Kinde allen Zweifel Essen und Trinken schmeckt mir noch ganz
wohl und zuweilen fresse ich mehr als zwei Bären munter und stark bin ich
auch wenn Ihr also Fräulein Julgen in der Vergleichung mit mir für zu jung
haltet so betrügt Ihr euch Ich steh meinen Mann und bin noch eben so rüstig
als Sir Karl immer sein kann Was brauch ich aber so viel für mich anzuführen
Julgen scheint mir nicht ungeneigt zu sein und wenn ich alle ihre Reden zumal
bei dem Feuerwerke recht genau überlege so ist das kleine Närrchen wohl gar
schon verliebt in mich Ich gäb mein bestes Pferd darum wenns wahr wär Denn
Henriette Byron liebte Sir Karln lange zuvor ehe er ihr noch eine Erklärung
tun konnte Meine Freunde werde ich durch eine solche Heirat auch verbinden
denn sie haben zeitero alle meine Anstalten gelobt und je ähnlicher ich dem
Engländern werde desto mehr gefalle ich ihnen Die Hochzeit soll als denn bei
Euch sein in Willmermanor alles nach Grandisons seiner Art recht prächtig
Wir fahren miteinander in Kutschen nach der Kirche wir viere in einer wie
leichtlich zu erraten Aber wieder zur Hauptsache Nehmt nur das liebe Mädgen
vor und tut ihr einen Antrag Als denn bestimmt einen Tag zum Verlöbnisse
die Zeit der Kopulation aber soll meiner Juliane ganz und gar überlassen werden
Ich wollte zwar gerne dass mich der Magister traute es wird aber wohl nicht
angehen weil er noch kein Pfarrer ist Ich bin der glücklichste Mann und zur
glücklichsten Frau soll Julgen gemacht werden von
Deinem
aufrichtigen Freund und
gehorsamster Diener
vN
XXXI Brief
Der Vater des Fräuleins vW an den Herrn vN
Wilmershausen den 13 Septembr
Hochgeschätzter Herr Bruder
Vielgeehrter Freund und Nachbar
Aus dem Schreiben welches Du vom gestrigen Dato an mich abgelassen habe ich
nebst meiner Frau nicht nur die gute Absicht welche der vielgeehrte Herr Bruder
gegen mein Haus heget erkannt und bin deswegen dankbar sondern ich habe auch
bereits meiner Juliane vorläufige Nachricht von dem geschehenen Antrage gegeben
welche zwar Anfangs wie solche junge Dinger bei dergleichen Gelegenheiten
pflegen heftig darüber zu erschrecken schien auf mein und ihrer Mutter Zureden
aber so viel zu verstehen gab sie würde ihrem Vater in keinem Stücke ungehorsam
sein Da nun die Ehen im Himmel geschlossen und auf Erden vollzogen werden auch
weder meine Frau noch ich dem Schluße des Himmels widerstreben können so
erteilen wir dem Herrn Bruder unsern älterlichen Konsens desto lieber weil Du
jederzeit ein guter nachbarlicher Freund von mir gewesen bist Deine Umstände
uns größtenteils bekannt sind Du auch überdem die männlichen Jahre lange
erreichet und das flatterhafte Wesen der Jugend das an so vielem Unglück der
Ehen Schuld ist abgeleget hast Wir haben anbei die gute Hoffnung dass unsere
Tochter mit Dir ganz wohl fahren soll Der Himmel beglücke euch beide mit seinem
Segen und führe das angefangene gute Werk glücklich hinaus Mir wird es
angenehm sein wenn ich mich werde nennen können
Meines vielgeehrten Herrn Bruders und
zukünftigen Eidams
treuer Freund und Schwiegervater
Hanns Georg vW
NS Auf kommenden Dienstag wird sein der 17 hujus verfüge Dich zu uns
und bringe Deine werten Anverwandten mit da soll die Sache vollends ins reine
gebracht werden
XXXII Brief
Fräulein Juliane an Fräulein Amalien
Wilmershausen den 14 Septembr
Haben Sie Mitleiden mit mir liebste Amalia ich stehe im Begriff eine sehr
unglückliche Person zu werden Sie wissen es unfehlbar Was soll ich daraus
machen dass Sie mir keinen Wink davon gegeben haben Sie müssen es wissen dass
ihr Onkel für sich selbst bei meinem Vater um mich geworben hat Sind Sie so
grausam dass Sie nebst Ihren Freunden in Schöntal sich wider mich verschworen
haben Ist es um deswillen geschehen dass Sie mir nicht eine Silbe von dem
Vorhaben ihres Vetters entdeckt haben damit man mich desto geschwinder
überraschen und das was man will aus mir machen könnte
Ich will Ihnen noch nichts Schuld geben vielleicht hat Ihr Onkel Ihnen
selbst noch nichts von seinem Vorhaben entdecket vielleicht haben Sie aus der
ganzen Sache eine Kleinigkeit gemacht die in der Tat keine ist
Ihr Herz mag nun bei dieser Gelegenheit entweder für oder wider mich sein
so kann ich doch Niemanden als Ihnen das meinige entdecken Ich will einmal
meinem Argwohn in meinem Gemüte Platz geben ich will mir einbilden Sie
wünschten dass ich Ihre Tante werden möchte wollten Sie wohl diesem Wunsche
Ihre Freundin aufopfern Könnten Sie um Ihrem Onkel gefällig zu sein Ihre
Freundin in so vielen Verdruss einwickeln Ich habe viele Mühe mir dieses zu
bereden und gleichwohl scheint es als wenn Sie nebst andern wider mich
conspiriret hätten Doch wie gesagt ich will Ihnen noch nichts Schuld geben
Ich will lieber glauben Sie wüssten noch nicht ein Wort von der ganzen Sache
ich will Sie für neugierig halten und Ihnen den Handel eröffnen Vorgestern des
Morgens bekam mein Vater einen Brief von dem Herr von N durch seinen
Reitknecht Mein Vater und meine Stiefmutter schienen einige Tage vorher sehr
aufgeräumet und diese insbesondere war so freundlich gegen mich dass ich die
Stiefmutter beinahe darüber vergaß Mein Vater zog seine Liebste an ein Fenster
ich saß an einen andern und nähete etwas für mich in dem Rahmen Sie lasen
beide das Schreiben sachte doch so dass ich etwas davon verstehen konnte Ich
hörte dass der Innhalt mich angieng ich merkte dass es ein Anwerbungeschreiben
sein sollte wiewohl ich von der Schreibart des Briefes eben nicht so gar
vorteilhaft auf den Verfasser schließen konnte Meine Glieder fingen an zu
zittern ich erwartete mit Ungeduld das Ende Da sehen Sie es nun mein Schatz
sagte meine Mutter dass es sein Ernst ist der gute N ist doch wirklich ein
Mann von Parole Haben Sie es gehört Julgen was Ihnen für ein Glücke
bevorstehet Schätzgen lesen Sie doch den Brief noch einmal dass ihn Julgen
hört Sie streichelte meinem Vater die Backen mich dünkt ich hätte sie nie
so freundlich gesehen
Die ganze Stube ging mit mir herum Ich dachte ich müsste vom Stuhle
sinken Schrecken und Verdruss über die alberne Frage meiner boshaften Siefmutter
setzten mich ganz außer mich Die Furcht den verhassten Brief noch einmal zu
hören erhielt mir noch das Vermögen zu reden
Haben Sie die Gewogenheit gnädiger Papa sich die Mühe zu ersparen den
Brief mir vorzulesen ich habe schon so viel daraus verstanden als ich wissen
soll Ich bin versichert Sie werden ihn nebst der gnädigen Mama als einen
Scherz annehmen Der Herr v N hat seit einiger Zeit viele scherzhafte
Ausschweifungen begangen in diesem Schreiben scheint er sie am weitesten
getrieben zu haben
Nein nein meine Tochter du irrest dich es ist des Herrn von N sein
wahrer Ernst Er hat schon neulich bei mir mündlich um dich angehalten ich
trauete ihm aber nicht und dachte der verliebte Anfall würde bald wieder
überhin gehen Ich riet ihm er sollte bedenken dass das Heiraten ein schwerer
Punkt wäre er sollte untersuchen ob er einen rechten Trieb hätte ehelich zu
werden da er es so lange versparet hätte In 14 Tagen sollte er mir von seinem
Entschlusse wieder Antwort geben Nun hat er schriftlich um dich nach gesuchet
Er ist von Jugend auf mein guter Freund gewesen und hat mir manchen Gefallen
erwiesen Es ist einmal Zeit dass ich auf eine Vergeltung denke Wenn du nichts
erhebliches wider ihn einzuwenden hast so mag er immer dein Gemahl werden
Behüte Gott Gnädiger Papa wenn Sie Ernst aus dem Antrage des Herrn von N
machen so setzen Sie ihr Kind in die äußerste Betrübnis Sie werden mich doch
nicht an einen Mann verheiraten wollen der über die Jünglingsjahre lange
hinweg war da ich geboren wurde an einen Mann der seit einiger Zeit eine so
wunderbare Aufführung angenommen hat dass man ihn für einen Romanhelden ansehen
sollte Ich habe noch keine Neigung zum Ehestande
Reden Sie nicht so unverständig Julgen Sie sind kein Kind mehr Wenn alle
Frauenzimmer so dächten wie Sie so würde ihr Papa von mir auch einen Korb
bekommen haben Er war kein Jüngling mehr da ich ihn heiratete er war noch
darzu ein Wittwer mit einer kleinen Wehklage und ich nahm ihn doch Wissen Sie
nicht die alte Hausregel der Mann im Schwade und die Frau im Bade das ist aber
eine Bosheit von Ihnen dass Sie den Herrn von N einen Romanhelden nennen
dadurch versündigen Sie Sich an ihrem Papa Die jenigen die Romanhelden
vorstellen sind Narren und wer mit Narren eine Gemeinschaft hat ist selbst
nicht klug Ihr Papa liebt den Herrn von N er ist unser guter Freund
Schätzgen so geht es wenn man die Kinder verhätschelt hernach spotten sie
die Eltern Pfui schämen Sie Sich dass Sie so wenig Achtung gegen ihren Papa
bezeigen
Mädchen
Gnädiger Papa das ist nicht auszustehen ich wollte seine Hände küssen
ich weinte er stieß mich von sich Das hat er noch niemals getan Hören Sie
auf mich zu verleumden Was habe ich Ihnen getan dass Sie durch so niedrige
Kunstgriffe mir die Gunst meines Vaters entziehen wollen Haben Sie Mitleiden
mit mir gnädiger Papa ich bin ihre Tochter
Höre Juliane mit dem albernen Geplaudere richtest du nichts bei mir aus
Wenn du willst dass ich dich als meine Tochter ansehen soll so erkläre dich den
Augenblick ob du den Herrn vN nehmen willst oder nicht Ich schwieg Lass
mich nicht böse werden du weißt wenn ich anfange
Gnädiger Papa ich konnte vor schluchzen nichts hervorbringe schonen
Sie doch Sie machen es immer ärger Sie müssen nicht so verstockt sein
Julgen sein Sie gehorsam Antworten Sie auf ihres Papas Frage
Die Worte meiner Stiefmutter durchschnitten mir das Herz Die boshafte Frau
Ich war nicht im Stande ein Wort zu reden Du Ich verschweige aus
kindlicher Ehrerbietung die Worte die der Zorn meinem Vater in diesem
Augenblicke eingab sie waren nicht väterlich Willst du nicht reden was ist
das für eine Aufführung Den Augenblick gehe mir aus dem Gesichte und komm
mir nie wieder unter die Augen Willst du mich mit deinen Starrkopfe unter
die Erde bringen
Die letzten Worte kränkten mich aufs äußerste Ich fiel meinem Vater in die
Arme
Gnädiger Papa ich will mich ihrem Gewissen überlassen Ich verspreche ihnen
meinen kindlichen Gehorsam machen Sie aus mir was Ihnen gefällt
Willst du es mir angeloben dass du dich gegen mich in allen Dingen als eine
gehorsame Tochter hinführo aufzuführen gedenkest so will ich deine jetzige
Vergehung noch einmal übersehen Ich gab ihm meine zitternde Hand und machte
dass ich aus den Zimmer kam Ich ging in meine Stube und warf mich auf das
Kanapèe Ich will Ihnen nicht die Gemütsbewegungen entdecken die ich empfand
ich bekam ein entsetzliches Kopfwehe und war nicht im Stande meine Gedanken
zusammen zu fassen um den ganzen Verlauf der Sache Ihnen zu berichten ob ich
es gleich versuchte Gestern Morgen ging ich hinunter zu meinem Vater in was
für einer Gemütsverfassung können Sie Sich leicht vorstellen Alle meine
Glieder zitterten da ich die Tür aufmachte Er war ernstaft seine Gemahlin
munter keins aber dachte mit einem Worte an die verhasste Sache Ich schlich
mich bald wieder fort Was werde ich nun für ein Schicksal zu erwarten haben
verlassen Sie mich nicht meine liebste Amalia verlassen Sie mich nicht meine
beste Freundin ich weiß zu Niemand anders als zu Ihnen meine Zuflucht zu
nehmen Können Sie so viele Zeit abmüssigen so beehren Sie mich mit ein paar
Zeilen die mir Ihre Gesinnung gegen mich entdecken Mein Mädchen soll darauf
warten Sind Sie noch auf meiner Seite so stehen Sie mir mit Ihrem guten Rate
bei wie ich mich in diesen verwirrten Umständen zu verhalten habe Meinem Vater
kann und darf ich nicht ungehorsam sein und bin ich gehorsam was für ein
Schicksal habe ich da zu erwarten Ich sehe der Wiederkunft meines Mädchens mit
einem zweifelhaften Verlangen entgegen um zu erfahren ob Sie noch unverändert
das sind was sich von Ihnen verspricht
Dero
aufrichtig und ergebenste Freundin
Wilhelmine vW
XXXIII Brief
Fräulein Amalia an das Fräulein vW
Schöntal den 14 Sept
Wo soll ich anfangen Ihren Brief zu beantworten Soll ich mich wegen eines
ungegründeten Verdachts verteidigen und wegen Ihres garstigen Argwohns auf Sie
schmälen das werde ich nicht tun Ihr Gemüte ist nicht in der Verfassung dass
es jetzo Verweise annehmen kann Ich muss Ihnen aber doch meine Empfindlichkeit
darüber bezeigen dass Sie mich für eine Meineidige halten und mir den strafbaren
Eigennutz zutrauen dass ich das Glück meiner Freundin auf das Spiel setzen
könnte um eine gute Tante dadurch zu gewinnen Warten Sie warten Sie das kann
Ihnen nicht so hingehen Ihr gekränktes Gemüte schützet Sie dieses mal für
einer kleinen Rache ich würde sonst in der Tat ein bisgen böse tun doch
diesmal soll Ihnen alles vergeben sein Sie haben einigermaßen Ursache zu dem
Verdachte gehabt mich für ihre Kupplerin nein das ist ein gar zu garstiges
Wort für eine Unterhändlerin bei ihrer Freierei anzusehen Ich lasse Ihnen alle
Gerechtigkeit wiederfahren Meinem Onkel fällt es ein sich zu verheiraten
notwendig muss er meinem Schwager und uns Schwestern etwas davon entdecket
haben Vielleicht bat er uns ihm eine Partie vorzuschlagen Wir werden
notwendig so eigennützig gehandelt und ihm eine Person vorgeschlagen haben
mit der wir uns wohl auszukommen getrauten die wir als unsere Tante lieben und
ehren könnten Kein altes verlebtes Fräulein werden wir nicht erwählet haben so
eine geschleierte Ziege würde eine schlimme Tante abgeben sie würde zänkisch
und geizig sein und uns mit bösen finsteren Gesichtern bewillkommen wenn wir
nach Kargfeld kämen Das Fräulein vW kennen wir sie ist unsre Freundin die
gäbe eine vortreffliche Tante Ja ja es war natürlich dass wir sie unsern
Onkel vorschlugen Sie mag sehen wie sie mit dem alten wunderlichen Manne
auskommt sie mag bei ihm für ihre Person unglücklich sein wenn wir nur eine
gute gesellige Tante an ihr bekommen die nicht ewig an uns etwas zu bessern und
zu tadeln findet Es blieb dabei wir schlugen ihm das Fräulein vW vor er
verliebte sich von dem ersten Augenblicke an in sie wie der Narciss in seine
Gestalt die er im Wasser erblickte Die Sache wurde so kartiret dass das liebe
gute Kind nichts davon erfuhr Die Stiefmutter musste den Vater stimmen dieser
musste auf einmal mit seiner väterlichen Gewalt auf die arme verkaufte und
verratene Tochter losstürmen um sie zu zwingen den verhassten Freier
anzunehmen
Nicht wahr das ist die ganze Fabel die Sie Sich von Ihren guten Freunden
in in Schöntal in den Kopf gesetzet haben Das sind böse ungetreue meineidige
Freunde Aber nun will ich Ihnen die rechte Wahrheit erzählen hernach werden
Sie anders von uns urteilen Gestern Nachmittage statte unser Onkel bei uns
einen Besuch ab Er machte uns zum ersten male in seinem Leben bekannt dass er
feste entschlossen wäre zu heiraten er nennte uns seinen geliebten Gegenstand
Wir erschracken dass keins von uns im Stande war zu reden da er Sie nennte Ich
habe die ganze Unterredung mit unserm Onkel aufgeschrieben und will sie meinem
Briefe beifügen Sie können daraus unser ganzes Betragen bei dieser wichtigen
Angelegenheit erkennen Die meiste Sorge macht uns der Brief Ihres Herrn Vaters
an unserm Onkel Mein Schwager erhielt die Erlaubnis ihn zu lesen und hat ihn
abgeschrieben Unfehlbar ist es Ihnen noch nicht bekannt dass unser Onkel
bereits von Ihrem Herrn Vater das Jawort hat Sie würden mir diesen Umstand
nicht verschwiegen haben Ich übersende Ihnen auch die Abschrift von diesem
Briefe Schicken Sie mir diesen doppelten Einschluss wenn es möglich ist bald
wiederum zurück Sie haben eben nicht Ursache so sehr über den voreiligen
Konsens ihres Herrn Vaters zu erschrecken Kleinmütigkeit und Verzweiflung kann
der Sache keinem guten Ausgang versprechen fassen Sie einen Mut wir arbeiten
alle daran das Werk zu hintertreiben
Gestern hielten wir bis um Mitternacht großen Rat und ich war eben im
Begriff Ihnen einen Besuch zu geben da Ihr Mädchen kam und mir Ihr Schreiben
brachte Um allen Verdacht zu vermeiden stelle ich meinen Besuch ein Ihr Frau
Stiefmama würde uns auch vermutlich nicht alleine mit einander reden lassen
ich will Ihnen deswegen das was zu Ihrem besten beschlossen ist lieber
schriftlich als mündlich sagen Wenn es in Ihrer Gewalt ist so nehmen Sie eine
Gelassenheit an die der Unempfindlichkeit gleich kommt Ihre Stiefmutter mag
Ihnen von der verhassten Sache sagen was sie will so berufen Sie Sich auf Ihren
Herrn Vater sagen Sie wie Sie es bereits getan haben Sie wollten Sie wären
bereit Ihm zu gehorsamen Sollte man in Sie dringen auf eine verdrüssliche
Sache ja oder nein zu antworten so sehen Sie zu dass Sie auf eine schickliche
Art ausbeugen Ich dächte Sie könnten mit der Versprechung des kindlichen
Gehorsams oftmals durchkommen Künftigen Dienstag haben Sie von unserm Onkel und
uns einen Besuch zu erwarten Sie werden es aus Ihres Herrn Vaters Briefe sehen
Wie es scheint sollen Sie da Ihr Jawort von sich geben dieses darf durchaus
nicht geschehen Es ist uns meine teureste Freundin nichts nötiger als dass
wir in etwas Zeit gewinnen mit einander auf Maasregeln zu sinnen wie wir
diesem plötzlichen Sturme ausweichen wollen Wir sind alle überraschet worden
Lesen Sie den 6ten Band des Grandisons mit Aufmerksamkeit Wenden Sie die
Gründe die Henriette braucht den Hochzeittag zu verspäten auf den Tag der
Verlobung mit unserm Onkel an Sie wissen dass er in allen Stücken dem Grandison
nachahmen will Wir müssen uns in seine Schwachheit richten wenn etwas gutes
soll ausgerichtet werden Wir wollen unsern Onkel zubereiten Ihnen keine Bitte
abzuschlagen Ersuchen Sie Ihn um eine Frist von 6 Wochen ehe Sie Ihr Jawort
von sich geben könnten diese setzen Sie hernach wenn er auf einem kürzern
Termine bestehet auf 4 Wochen herunter Unter der Zeit getrauen wir uns die
Sache so einzufädeln dass Ihrer Stiefmutter und unserm Onkel das Koncept
ziemlich soll verrücket werden
In einem Punkte müssen Sie nur nicht gar zu zärtlich sein wenn die Sache
einen guten Ausgang haben soll Es scheint Sie wollen Ihrem Herrn Vater wenn
er darauf bestehet in der Tat gehorsamen und sich unsern Onkel zum Gemahle
aufdringen lassen Sie machen sich den Ungehorsam in diesem Stücke zu einem
Gewissenspunkte und dieses aus einem Misverstande Sie erklären Ihren
Katechismus unrecht Das vierte Gebot will nicht dass wir den Eltern als Sklaven
eine blinde Untertänigkeit beweisen sollen es befiehlet uns Ihnen zu
gehorchen in gerechten und billigen Dingen Wenn aber ein Vater seine Tochter
zwingen will einen alten verlebten Mann zu heiraten und der noch darzu
mehrerer Fehler als das Alter hat das wäre eben so viel als wenn er ihr den
Befehl gäbe in ein Wasser zu springen oder sich die Kehle abzuschneiden
Würden Sie denn einem solchen Befehle gehorsamen Wenn Sie meinem Rate folgen
so denke ich es soll das Ungewitter dass sich über Ihrem Haupte zusammen
gezogen hat sich wiederum zerteilen Leben Sie wohl meine Freundin machen
Sie Sich nicht so vielen unnötigen Kummer und sein Sie versichert dass nichts
in der Welt vermögend ist diejenige freundschaftliche Gesinnung zu ändern
welche gegen Sie meine Werte bis auf den letzten Tag ihres Lebens beibehalten
wird
Dero
aufrichtig und ergebenste Freundin
Amalia vS
XXXIV Brief
Das Fräulein vW an Fräulein Amalien
Wilmershausen den 16 Septembr
Ich kann Ihnen die zween Anschlüsse Ihres Briefes unmöglich zurück schicken
ohne meinen Dank für die Mitteilung derselben abzustatten und zugleich Ihnen
diejenige Beleidigung abzubitten wozu mich eine gottlose Leidenschaft der ich
mich ganz und gar nicht fähig glaubte verleitet hat In der Tat der Argwohn
ist so eine schlimme Sache dass diejenigen, welche damit behaftet sind so sehr
dadurch bestrafet werden dass man nicht Ursache hat Ihnen deswegen Vorwürfe zu
machen oder eine andere Gnugtuung für geschehene Beleidigungen zu verlangen
man sollte nur ein gerechtes Mitleiden mit den Unglückseligen haben
Sie können sich nicht vorstellen wie sehr mich der Gedanke gequälet hat
Sie wünschten eine Heirat zwischen mir und Ihrem Onkel und wären bei diesem
Geschäfte selbst eine der vornehmsten Triebfedern Ich markerte mich in meinem
Gemüte wie ein armer Missetäter der seinen Tod vor Augen sieht und noch
nicht alle Hoffnung zum Leben aufgegeben hat ich hatte keinen Grund Sie
anzuklagen ich hatte aber auch keinen allen Verdacht gegen Sie zu verbannen
Durch Ihr tröstendes Schreiben ist mein Herz um ein paar Centner leichter
es wird aber dennoch von einer sehr großen Last beschweret Ihren gütigen Rat
werde ich so viel mir möglich ist befolgen was wird es aber helfen wenn wir
eine kleine Galgenfrist erhaschen Wird nicht dadurch meine Marter vergrößert
werden Glauben Sie dass ich mehr Ihren Vorschriften folgen werde um Ihren
Verweisen zu entgehen wenn die Sache einen widrigen Ausschlag für mich bekäme
als dass ich einen günstigen Erfolg davon hoffen sollte Wie sehr würde es mich
kränken wenn ich Sie einmal sagen hörte beklagen Sie Sich nicht warum haben
Sie nicht gefolget so geht es den Leuten die sich nicht wollen raten noch
helfen lassen Solche Vorwürfe würden tödliche Stiche in mein Herz sein Nein
nein ich will Ihnen folgen ich will Ihnen gern gehorsam sein aber der
Gehorsam gegen meinen Vater darf dadurch nichts verlieren Sollte ich Ihn durch
meinen Ungehorsam unter die Erde bringen
Ach Gott Jetzt schlägt es 3 Uhr Wie wird es morgen um diese Zeit
aussehen Morgen habe ich einen saueren Tag zu überstehen ich zittere wenn
ich daran gedenke
Heute frühe kündigte mir meine Stiefmutter wie sie sagte auf Befehl
meines Vaters an dass morgen der feierliche Verlöbnistag zwischen dem Herrn vN
und mir feste gestellt wäre sie wollte sich nach meiner Entschließung
erkundigen ob ich noch der Meinung wäre den Herrn von N meine Hand zu geben
Ich sagte ihr dass ich in diesem Stücke keine Entschließung zu fassen hätte
sondern mich gänzlich nach dem Befehle meines Vaters richten würde
Wenn nun ihr Herr Vater will Sie sollen den Herrn vN für ihren künftigen
Gemahl erklären wollen Sie denn das tun Diese Frage werde ich Niemand als
meinem Vater selbst beantworten ich sah ein wenig sauer aus
Ich will mit unangenehmen Fragen nicht in Sie dringen ich will Ihnen nur so
viel sagen ziehen Sie Ihre Klugheit bei Ihrer morgenden Aufführung zu Rate
damit Ihr Herr Vater nicht bewogen werde seinen väterlichen Ernst auf eine
nachdrücklichste und beschämende Art Ihnen zu zeigen Sie ging ohne auf meine
Antwort zu warten und machte die Türe ein wenig unsanfte hinter sich zu
Eine tödliche Traurigkeit überfällt mich die harte Begegnung meines Vaters
die heimliche Feindschaft meiner Stiefmutter mein bevorstehendes Schicksal
beunruhiget meine Gedanken auf äußerste Wodurch habe ich denn alles dieses
verdient Bin ich jemals ein so gar gottloses Kind gewesen Bedauern Sie mich
meine Amalia
Ihrem redlichen Herrn Schwager und ihrer guten Frau Schwester empfehlen Sie
mich bestens Wenn Sie nicht eine fussfällige Abbitte von mir verlangen so
rücken Sie mir mein Verbrechen gegen Sie ja niemals auf Ich schließe die
innerliche Bekümmernis sucht durch die Tränen einen Ausbruch bei
Ihrer
Juliane vW
XXXV Brief
Fräulein Amalia an das Fräulein vW
Schöntal den 16 Sept Abends um 6 Uhr
Alleweile ist ein Bedienter von Ihrem Herrn Vater da gewesen und hat uns auf
morgen Mittag eingeladen Wir werden erscheinen Mein Schwager ist heute
Nachmittage in Kargfeld bei dem Onkel gewesen und hat ihm einige gute Lehren
auf morgen gegeben Er hat ihn erinnert die wichtigsten Stellen von der
Verheiratung des Herrn Grandisons genau durchzulesen damit er keine Fehler in
der Nachahmung seines großen Musters begehe Amalia spricht er ist manchmal
leichtfertig Herr Vetter und wird das fehlerhafte in Ihrer Aufführung ihrem
Bruder schreiben wenn dieser es hernach Sir Karln erzehlte so würden sie
dadurch bei ihm verächtlich werden dass sich ihr Herr Gevatter wohl gar Ihrer
schämte Er bat meinen Schwager ihm einen Wink zu geben wenn er etwas in
seinem Bezeigen zu tadeln fände
Der Brief den Ihr Mädchen vor einer Stunde brachte hat uns sehr gut
gefallen Wir sind nicht wenig stolz darauf dass Sie unsern Rat für wichtig
genug halten ihn zu befolgen Tun Sie es immer wir versprechen uns davon viel
gutes Machen Sie Sich ja keine Sorge wenigstens nicht so gar viel Mein
Schwager gibt Ihnen sein Wort dass Sie morgen den nachdrücklichen und
beschämenden Ausbruch des väterlichen Ernstes gar nicht sollen zu befürchten
haben Sie können deswegen alle Furcht und Angst aus Ihrem Herzen verbannen Wir
wünschen dass der morgende Tag mehr zum Vergnügen als zu Jemands Verdrusse
ausschlagen möge wenn man aber doch ja verdrüssliche Gesichter erblicken müsste
so versichere ich Sie dass Jedermann lieber ihrer Frau Stiefmutter als Ihnen
ins Gesichte gucken würde um die verdrießlichen Züge darinnen zu entdecken
Schlafen Sie ruhig mein Julgen schlafen Sie heute ruhig
Amalia vS
XXXVI Brief
Fräulein Amalia an ihren Bruder
Schöntal den 18 Septembr
Geliebter Bruder
Der gefährliche Tag ist vorüber und hat uns allen den Schmerz und Verdruss
empfinden lassen den wir fürchteten Bedaure mit uns die gute Juliane Alle
Bemühungen ihr unglückliches Schicksal aufzuhalten oder es von ihr abzuwenden
sind fruchtlos gewesen Unser Kabbale war viel zu unkräftig das liebe Kind
ihrem eifrigen Liebhaber aus der Hand zu spielen Es ist nicht anders sie hat
ihm gestern ihr feierliches Jawort geben müssen Wie werde ich im Stande sein
eine so verdrüssliche Begebenheit zu erwählen Ich werde mir den größten Zwang
antun müssen alle die einzelnen kleinen Umstände bei diesem Vorgange wieder
ins Gedächtnis zu rufen Umsonst werde ich mir es so viele Mühe haben kosten
lassen sie diese Nacht eines Teils zu verschlafen Jedoch was tue ich nicht
eines geliebten Bruders wegen Mache dich also geschickt dismal den
unangenehmsten meiner Briefe zu lesen oder überhebe dich dieser Mühe und wirf
ihn ohne weiter zu lesen ins Feuer Nein nein das darf bei Leibe nicht
geschehen es ist so böse nicht gemeint Der Magister Lampert ist nun durch mich
an dir gerochen Verzeihe mir diese kleine Schelmerei ich habe diese Wendung
dir selbst abgeborget dass man um eine größere Freude zu erwecken erst vorher
die Leute schrecken muss Der gestrige Tag ist für uns vergnügter gewesen als
wir vermuten konnten Ich weiß dass du eine getreue Erzählung der Begebenheiten
dieses Tages erwartest ich will deine Neubegierde nicht länger aufhalten
Vergieb mir diesen kleinen Possen
Gestern Vormittags um 9 Uhr bald hätte ich Lust von der Nacht meine
Erzählung anzufangen und die schreckhaften Träume auszukramen womit die
beunruhigte Einbildungskraft mich ängstigte Im Vorbeigehen einmal sollte ich
mich mit dem Magister trauen lassen Fräulein Juliane war ins Wasser gesprungen
der Herr vN wollte mit unserm Onkel Kugeln wechseln Doch nichts mehr davon
Gestern Vormittags um 9 Uhr fuhren wir nach Kargfeld um wie die Abrede
genommen war unsern Onkel abzuholen und ihn nach Wilmershaussen zu begleiten
Wir glaubten ihn in voller Gala anzutreffen Wir stiegen ab und sahen uns
allenthalben nach ihm um er wollte aber nicht zum Vorscheine kommen uns zu
empfangen Wir waren eben im Begriff in den Saal zu gehen da Fräulein
Kunigunde aus der Scheune hervorguckte und uns einen freundlichen guten Morgen
wünschte Ich kann nicht leugnen dass es mich heimlich zu verdrüssen anfing dass
der geschäftige Hausmarschall Lampert nicht bei der Hand war Verwünscht
dachte ich das tut er aus Stolz Er ist in seinen Gedanken ein Mitglied der
Gesellschaft der Wissenschaften in London wer weiß ob er uns nicht hinführo
den Rang streitig macht Inzwischen führte uns Tante Kunigunde in das
Wohnzimmer und ehe wir uns noch nach dem Onkel erkundigten fragte sie ob wir
ihn nicht mitbrächten Wir wollen den Herrn Vetter abholen um diesen Mittag
zusammen in Wilmershaussen zu speisen sagte der Baron ist er etwan schon
hinüber Mein Bruder ist diesen Morgen um 2 Uhr mit dem Herren Lampert und
Wiganden bei stockfinstrer Nacht in dem ärgsten Regenwetter abgereiset um
wie er sagte in Schöntal noch vor Tages Anbruch etwas wichtiges mit dem
Herrn Baron zu verabreden und hernach das große Werk auszuführen Was er
darunter verstehet kann ich eigentlich nicht sagen sie weiß noch nichts
gewisses von unsres Onkels Liebe wenn er nur nicht etwann gar einen Schatz hat
graben wollen Seit etlichen Tagen habe ich gemerket dass mein Bruder und Herr
Lampert bis in die tiefe Nacht gesessen und studiret haben mein Bruder hat sehr
viel auswendig lernen müssen Gestern hat er den ganzen Nachmittag in tiefen
Gedanken gesessen und immer etwas zwischen den Zähnen gemurmelt welches ich
für Beschwerungsformeln hielt Gott bewahre Wenn mein Bruder nicht in Schöntal
ist so weiß ich nicht was ich denken soll Wir haben ihn mit keinem Auge
gesehen sagte meine erschrockne Schwester Wo muss der Mann hin sein Umsonst
wird er doch nicht in der Nacht sich auf den Weg gemacht haben Es hätte nicht
viel gefehlet so hätten Tante Kunigunde und meine Schwester sich hingesetzt
und mit einander ein Stückgen geheulet Mir war bei diesem unerwarteten Handel
selbst nicht wohl Der Baron lachte über unsere Bestürzung und dieses brach
unsrer Tante vollends das Herz Sie ließ einige Tränen fallen nicht so sehr
über ihren Bruder als vielmehr über ihrem Regenschirm glaube ich den Wigand
wie einen Himmel über seinen Herrn bei seiner Abreise hatte tragen müssen und
dessen Verlust sie sehr beklagte Sie sah ziemlich finster dazu dass mein
Schwager bei so betrübten Umständen noch scherzen könnte und nahm kaltsinnig
von uns Abschied Meine Schwester wollte über die Leichtsinnigkeit ihres Mannes
auch mit ihm ein Bisgen zanken er beruhigte uns aber durch eine
wahrscheinliche Mutmaßung von unserm Onkel Wer weiß sagte er ist diese
nächtliche Kavalkade in die Stadt gegangen Unfehlbar wird der Herr vN
daselbst einige Galanterien erhandeln um seiner Braut damit ein Geschenke zu
machen Es kann sein dass er nicht eher als gestern Abend diesen Einfall gehabt
hat und vielleicht treffen wir ihn bereits bei dem Herrn vW an
Wie froh war ich da wir in Wilmershausen anlangten und Wigand in den
Schlosshofe sein Morgenbrodt verzehrte Ich hatte mich aber nicht so bald von der
Bestürzung über unsern Onkel erholet da gedachte ich wieder mit Schrecken an
die Ursache, die uns dismal nach Wilmershausen brachte Ich glaube dass ich mich
sehr entfärbte da ich die Frau vW sah wenigstens fühlte ich dass alle meine
Glieder zitterten Sie empfing uns mit dem Herrn vW jedoch zu meinem Troste
nicht so vergnügt als ich hätte vermuten sollen Man konnte es ihr ansehen
dass ihr etwas im Kopfe lag so sehr sie es auch zu verbergen suchte Weder unser
Onkel noch der Magister waren bei dem Empfange gegenwärtig Ich glaubte dass
diese Peiniger bei dem Fräulein vW sich befänden dieses vermisste ich auch
Der Baron fragte nach ihnen und erhielt kaltsinnig zur Antwort dass sie bereits
diesen Morgen bei guter Zeit angelanget wären Was muss das steife Wesen bei der
Frau vW zu bedeuten haben dachte ich es ist ihrem ganzen Charakter zuwider
Der Baron sah mich einige mal an und dadurch wurde ich gewiss dass er an ihr
auch etwas unnatürliches bemerkte und dass ich mich in meinen Gedanken von ihr
nicht hintergangen hätte Weil wir etwas frühzeitig angelanget waren und noch
Niemand von benachbarten Adel den der Herr vW hatte einladen lassen da war
so wurde uns ein Frühstück von einigem Backwerk ausgetragen Wir Schwestern
setzten uns zur Frau vW auf das Kanape Der Baron ging mit ihrem Gemahl in
die Gewehrkammer Wir drei Frauenzimmer waren alleine und ich hielt dieses für
die beste Gelegenheit die Frau vW ein wenig auszuforschen um das
rätselhafte in ihrem Betragen zu entwickeln Unser Onkel gnädige Frau sagte
ich hat gewiss jetzo die Ehre dem Fräulein vW aufzuwarten dass wir ihn noch
nicht gesehen haben Es ist doch etwas wunderbares mit den verliebten Leuten
man kann aus ihnen nicht klug werden Gestern wurde die Abrede genommen wir
sollten ihn heute abholen um Ihnen aufzuwarten und da wir nach Kargfeld
kommen sagt man uns dass er schon vor Tage weggeritten sei Ich werde nicht
irren wenn ich von dieser Eilfertigkeit auf die Heftigkeit seiner Liebe gegen
das Fräulein vW schließe Sie scheint jetzo sein einziger Gedanke zu sein und
uns alle hat er darüber vergessen Wenn er zum Vorschein kommt werde ich mich
ein wenig mit ihm zanken Das würde ein artiges Spiegelfechten sein sagte die
Frau vW ich hätte Lust es mit anzusehen Ich habe auch noch etwas mit ihrem
Herr Onkel auszumachen Heute frühe fehlte wenig daran dass wir uns nicht in
eine ernstliche Unterredung mit einander eingelassen hätten
Sie gnädige Frau Sie wollen Sich in eine Zwist mit ihrem Herrn
Schwiegersohne einlassen an einem Tage da er erst dieser Ehre teilhaftig
werden soll Was hat er denn gemacht dass er ihren Zorn verdient wenn es
anders ihr Ernst ist
Sie können noch fragen liebes Fräulein zu einer andern Zeit würde ich über
diese Frage mit ihnen zürnen müssen In der Tat Sie sind eine kleine boshafte
Kreatur nehmen Sie es nicht übel Sie wurde feuerrot aus Unwillen vermute
ich Sie haben den ganzen Possen angestellt und halten mich noch für blöde
genug dass ich es nicht einmal einsehen soll
Wie Was gnädige Frau Ich bitte Was ist Ihnen Ich weiß nicht was ich
in der Bestürzung über eine rätselhafte Beschuldigung alles vorbrachte Meine
Schwester die Furchtsame lief ans Fenster Meine Bestürzung brachte die Frau
vW heimlich nur noch mehr auf
Wir wollen gute Freunde bleiben Fräulein Amalgen Sie nahm mich bei der
Hand Die Schlange dachte ich sie krümmt sich um desto gefährlicher zu
stechen wir wollen gute Freunde bleiben Ich habe ihnen bereits alles vergeben
Aber mein Sagen Sie mir was ist es doch für ein elendes Vergnügen die Leute
zu Torheiten zu reizen seine eignen Anverwandten verächtlich zu machen die
Kinder gegen die Eltern aufzuhetzen um über seine boshaften Erfindungen hernach
lachen zu können Wenn man auch keine Sünde daran täte so sollte doch ein
Frauenzimmer seiner eigenen Ehre mehr schonen denn es gibt mehr boshafte Leute
in der Welt die über anderer ihrer Bosheiten auch wieder lachen Ich mache
nicht gerne Anwendungen so viel sage ich nur dass ihr Herr Onkel allezeit in
meinen Augen ein rechtschaffener und in seiner Art vollkommener Kavalier ist
den ich und mein Herr allezeit hoch schätzen und mit Vergnügen unter unsere
Anverwandten zählen werden so sehr man auch dieses durch allerhand listige
Griffe zu verhindern bemüht ist Der einzige Fehler ihres Herrn Onkels ist
sein gutes Herz und bei diesem lässt er sich durch falsche Freunde und törigte
Leute die um ihn sind manchmal zu einer kleinen Ausschweifung verleiten dazu
auch der heutige wunderbare Auftritt kann gerechnet werden der gewiss zu einer
sehr boshaften Absicht ausgesonnen war die aber gewiss fehlschlagen soll
Ich ließ die böse Frau sagen was sie wollte ohne ihr ins Wort zu fallen
ob ich gleich so derbe Pillen einnehmen musste Ich war froh dass sie endlich
schwieg Da ich unter ihrer Harangue Zeit gewann einen Entschluss in Ansehung
meines Verhaltens gegen sie zu fassen so nahm ich mir vor in ihrer eignen
Ehrung mit ihr zu reben liebste gnädige Frau sagte ich und druckte ihre Hand
Sie geben mir überzeugende Beweise von der Aufrichtigkeit ihrer Freundschaft
gegen mich dass Sie mir sagen was Sie von mir denken Wenn Sie weniger
aufrichtig wären so würden Sie mir ins Gesichte schmeicheln und doch übel von
mir denken und auf diese Art würde mir alle Gelegenheit mich zu rechtfertigen
benommen sein Sie halten mich für ein sehr boshaftes Mädchen Ich bin
unglücklich dass ich nicht den Augenblick von dem Gegenteile Sie überzeugen
kann es wird aber auch nicht nötig sein ich weiß dass ihr jetziges Urteil von
mir nicht aus einer innren Überzeugung sondern aus einen aufwallenden Geblüte
herrühret Wenigstens bin ich gewiss dass Sie keine Beweise meiner Bosheit in
Händen haben Vielleicht bin ich morgen das tugendhafteste das beste Mädchen in
ihren Augen Sie sind sehr wankelmütig und dieses macht mir alle Ihre
beissenden Vorwürfe so erträglich dass ich mir keinen geringen Zwang antun
müsste wenn ich ihnen ein sauer Gesicht machen wollte Ja ich würde mich
entschließen heute recht aufgeräumt zu sein wenn sie mir nur das rätselhafte
in ihren Reden aufklären wollten Was vor einen wunderbaren Auftritt hat ihnen
denn heute der Herr vN geliefert Nehmen Sie meine Unwissenheit in der Sache
als einen Beweis meiner Unschuld an Ich weiß dass es an sich keiner ist aber
in dem Falle wird es einer sein wenn Sie Sich erinnern dass Sie mir selber
oftmals zugestanden ich hätte in der Verstellungskunst am wenigsten etwas
getan
Schweigen Sie Falsche Sie könnten eine Lehrmeisterin darin abgeben Sie
schlug mich sanfte mit der Hand und ihre erste Hitze schien sich etwas
gemindert zu haben Ich hatte die beste Hoffnung meine Neubegierde befriediget
zu sehen allein die Auflösung dieses Knotens der einen Weiberzank veranlasst
hatte war einer andern Person vorbehalten Der Magister Lampert trat in das
Zimmer die Frau vW machte ihm ein schrecklich böses Gesichte er schien es
aber nicht zu bemerken Wissen Sie sagte er mit einer durchdringenden Stimme
wissen Sie meine teuresten Ladys wo ihr Herr Onkel hingekommen die Frau vW
hat sein Gespenst gesehen und mit ihm fast eine Stunde gesprochen und darauf
ist es wieder verschwunden Erschrecken sie nicht meine lieben Kinder Machen
sie sich fertig über die Nachricht die ich ihnen von seiner Erscheinung seinen
Reden und Verschwindung geben werde in Erstaunen zu geraten Es hat auch der
lieben Frau vW nicht geträumet es eräugnete sich diesen Morgen zwischen Nacht
und Tag Die Ankunft des Herrn vW und des Barons verhinderte dass der arme
Magister den Ausbruch des Zorns von der Frau vW nicht empfand Sie konnte
seine Gegenwart nicht ertragen und ging mit einer aufgebrachten Mine weg Ich
sah es gerne dass wir auch auf einige Augenblicke von ihr befreit wurden
Sie haben heute wieder eine Probe ihres sonderbaren Verstandes abgelegt
Herr Lampert sagte der Baron der bereits von der Begebenheit unterrichtet war
Wenn sie nicht mit der ersten Post alles an Sir Karln berichten so sind sie der
Freundschaft des ehrlichen Doctor Bartletts unwürdig und ich werde es selbst
über mich nehmen Sie bei ihren Freunden in Engelland zu verklagen Der Magister
lächelte ganz zufrieden über diesen unerwarteten Lobspruch und machte einige
wunderbare Posituren das ist altväterische Reverenze
Der Herr vW Ihr Herren habt heute meiner Frau ein Schrecken eingejaget
das sie noch immer nicht verwinden kann Ich hätte nimmermehr gedacht dass der
alte N noch so lustige Streiche wie ein junger Pursche vornehmen könnte Mein
Seele das war ein possierlicher Einfall aber Gefahr war dabei Es war euer
großes Glücke dass meine Pistolen nicht bei der Hand waren ich hätte warlich
einen von euch aufs Fell gebrennt dass er die Beine hätte sollen in die Höhe
kehren Wir dachten alle nicht anders es wären Diebe da
Lampert Ja gnädiger Herr wie sagt der Lateiner per varios casus und so
weiter das heißt auf deutsch Durch manchen Zufall und durch viel
Gefährlichkeiten gelangt man endlich ins Lateinerland mit Freuden Um Sir Karln
in Ansehung einer plötzlichen Erscheinung bei der Mutter seiner Henriette noch
vor ihrer Verbindung ähnlich zu werden ließ es sich mein Herr Principal nicht
verdrüssen nachdem er bereits vor einigen Tagen mit mir die Sache reiflich
erwogen hatte diesen Morgen um zwei Uhr bei finsterem Himmel und sehr
stürmischen Wetter von mir und dem getreuen Jeremias begleitet sich hierher zu
begeben da dem hiesigen hochadlichen Verwalter bereits das Verständnis war
eröffnet und mit solchem die Abrede dahin genommen worden dass das Pförtgen am
Schlosshofe sollte offen gelassen werden Dieser gute und ehrliche Mann konnte
freilich nicht anders als mit vieler Mühe dazu beredet werden Endlich aber da
mein gnädiger Herr ihn selber deswegen ersuchte und ihm aller üble Verdacht
war benommen worden ließ er sich dazu willig finden und wir gelangten in der
Morgendämmerung hier an Nachdem wir nun in Begleitung des Verwalters welcher
aus überflüssiger Sorge uns nötigte alles tödliche Gewehr abzulegen vor das
Schlafzimmer des gegenwärtigen Herrn vW und dessen Frau Gemahlin gebracht
worden pochte der gnädige Herr dreimal stark an die Tür Wir hörten ein
vernehmliches Werda welches unserm Jeremias eine solche Furcht einjagte dass er
mit einem grässlichen Geräusche die Flucht nahm und im dunkeln und vielleicht
auch aus schreckensvoller Eilfertigkeit einige Stiegen verfehlte und als ein
schwerer Sack die Treppe hinunter fiel Ob nun gleich der gnädige Herr über
diesen Lermen eine große Unzufriedenheit bezeigte so suchte ich doch seine
Unmut sogleich dadurch zu hemmen indem ich ihm berichtete dass dieser Fall
unserer Erscheinung einen besonderen Nachdruck geben würde weil mehrmals
beobachtet worden dass die Erscheinung der Gespenster gemeiniglich ein starkes
Gerassel von Ketten ein Gepolter oder ein anderes Geräusche anzuzeigen und zu
begleiten pfleget Ich will eben nicht in Abrede sein dass mein Principal nebst
mir in eine kleine Verlegenheit geriet da uns bei wiederholtem Anklopfen mit
Donner und Blitz oder deutlicher zu sagen mit einer Kugel vor dem Kopf
gedrohet wurde wenn wir nicht gingen Der Herr vN konnte nicht sogleich eine
Entschließung fassen deswegen war ich genötigt in möglichster
Geschwindigkeit ihm anzuraten das vortreffliche Paar in dem Schlafzimmer nicht
länger in Zweifel zu lassen sondern sich eiligst zu erkennen zu geben Durch
diese Gegenwart des Geistes bog ich verschiedenen anscheinenden Gefährlichkeiten
vor Nach einem kleinen Verzuge wurde das Zimmer geöffnet und mein Herr trat
als ein zweiter Grandison mit einer geschickten Stellung nachdem er den Herrn
vW zärtlich umarmet zu dessen Frau Gemahlin die in dem Lichte der
ehrwürdigen Frau Shirlei würde erschienen sein wenn sie nicht aus einer allzu
zarten Empfindung für die Ehre gleich einer erzürnten Juno in eine Wolke von
Betten sich eingehüllet und dem forschenden Auge meines gnädigen Herrn sich
entzogen hätte Sie werden verzeihen gnädige Frau sagte er dass ich mich so
eindringe und er brachte noch verschiedene feine Sachen mit einem recht
bescheidenen recht männlichen Wesen vor Ihr Charakter und der meinige sind
einander so wohl bekannt dass ob ich gleich vorher niemals die Ehre gehabt
habe mich ihnen auf diese Art zu nähern ich mir dennoch ihre Verzeihung wegen
dieses Eindringens versprechen darf Er ließ sich darauf in Lobsprüche auf seine
glückliche Freundin heraus Alsdenn sagte er Sie sehen einen Mann vor sich der
sich mit der Bekanntschaft des vortrefflichsten Paares in der Welt des Stolzes
von Engelland viel weiß und der sogar durch das Band einer geistlichen
Verwandschaft durch die Ehre einer Gevatterschaft mit ihnen verbunden ist Sie
wissen dass er in allen seinen Handlungen dem vortrefflichen Herrn Grandison
nacheifert und dass er sich glücklich schätzen wird wenn er diese Bemühungen
durch eine eben so glückliche Ehe krönen kann
Man kennet meine Freundschaft gegen das teure Fräulein vW sehr wohl Sie
und das Fräulein müssen mich erst berechtigen es mit einem noch teurern Namen
zu benennen Kann es mit ihren Begriffen von der zärtlichen Empfindung für die
Ehre gnädige Frau wird es mit Dero Herrn Gemahls seinen bestehen für einen
Mann das Wort zu reden der in solchen Umständen ist Wenn das Fräulein die
Anbietung eines Herzens annehmen kann welches ihr gewidmet ist alsdann werden
sie alsdann wird das Fräulein mich auf eine solche Art verbinden dass ich mich
nur bemühen kann es durch die äußerste Dankbarkeit und Zuneigung zu erwidern
Edelmütigster Mann wollte die Frau vW sagen als er ihr schon zuvor kam
und den Gevatterbrief Sir Karls aus seiner Tasche hervorzog Sie werden so gütig
sein und diesen Brief ihrer Tochter ihrem Herrn und wen sie sonst zu der
Beratschlagung zu ziehen für ratsam erachten vorlesen um daraus zu erkennen
in welcher Hochachtung ich bei meinen Freunden in Engelland stehe Wenn ich nach
Durchlesung desselben kann zugelassen werden dem Fräulein vW meine Aufwartung
zu machen und solches mit derselben und ihren Begriffen von der zärtlichen
Empfindung für die Ehre bestehen kann so werde ich glücklicher sein als der
glücklichste Der arme Onkel wenn er das alles so gesagt hat wie es der
Magister wiederholte so hat er sein Gedächtnis entsetzlich anstrengen müssen
Auf diese Art vermied dieser höchst vortreffliche Mann da er sich auf
diesen Brief bezog alle Prahlereien die bei dergleichen Gelegenheiten
gemeiniglich Liebhaber von sich vorzubringen pflegen und als er das gesagt
hatte war er so eilfertig wegzugehen dass es die Lebensgeister der Frau vW
ein wenig übereilte und sie nicht im Stande war ein Wort vorzubringen
Und nunmehr meine liebsten Ladys wiederhole ich die Frage wo ist ihr Herr
Onkel hingekommen
Der Baron Er wird doch nicht aus dem Lande geflohen sein denke ich Da wir
seinen Liebling bei uns haben so kann er so weit nicht sein
Lampert Ihnen die Wahrheit zu gestehen so hatte ich dem Herrn vN in der
Tat angeraten sogleich nach dieser Erscheinung sich nach Schöntal zu ihnen
zu begeben und daselbst eine Antwort auf seinen Antrag zu erwarten der Herr
vW wollte es aber durchaus nicht zulassen dass wir uns wieder hinweg begäben
Jedoch keine Bitte würde diesen Entschluss haben ändern können wenn nicht der
faule Jeremias die Pferde gegen die Ordre welche er hatte bereits in den
Stall gezogen und abgesattelt hätte Bei so gestalten Sachen glaubte ich dass
der Herr vN von einer gänzlichen Verschwindung könnte dispensiret werden
zumal da dieses keine wesentliche Abweichung in der Nachahmung des Herrn
Grandisons war und man bei jeder Sache ohnedem Umstände Zeit und Ort wohl in
Erwägung ziehen muss Wir nahmen aus dieser Ursache das Anerbieten des Herrn vW
an und begaben uns in das angewiesene Zimmer auf einige Stunden zur Ruhe
Ich denke es ist Zeit dass ich einmal selber die Ruhe suche und die
Fortsetzung meiner Erzählung bis auf morgen verspare Du wirst Ursache haben
mein Bruder dich bei mir zu bedanken dass ich mir es lasse so sauer werden
deine Neugier zu vergnügen
XXXVII Brief
Fortsetzung des vorigen Briefs
den 19 Septembr
Diesen Morgen habe ich dem Baron meinen Brief vorlesen müssen Wenn ich seiner
Kritiken nicht schon gewohnt wäre so würde meine gestrige Arbeit im Feuer
aufgegangen sein Wahrhaftig wenn du so viel an meinen Briefen zu tadeln
fändest als unser Schwager so würde ichs verschwören wieder eine Feder
anzusetzen Der lose Mann wie er über mich gespottet hat dass ich wegen des
ehrlichen Lamperts eine kleine Rache an dir geübet habe Bald war ich Willens
die Zänkerei mit der Frau vW wieder auszustreichen Acht Tage lang würde ich
über kemen von seinen Spassen lachen wenn ich nicht recht gut wäre Doch ich bin
wie die Frau vW ich vergebe den Leuten alles wodurch sie mich beleidigt
haben aber ich sage ihnen erst die Wahrheit Der Baron und ich sind wieder gute
Freunde Zur Strafe für seine Spöttereien hat er mir alle meine Federn schärfen
und angeloben müssen nicht zu verlangen dass ich ihm die Fortsetzung meines
Briefes zeigen sollte Das ist auch sehr gut für ihn er würde nur seine eigne
Schande darin finden Die Herren erschienen bei der Gasterei des Herrn vW
eben nicht zu ihrem Vorteile du weißt dass er seine Gäste gerne bezecht mehr
brauche ich nicht zu sagen Doch nüchtern betrinkt man sich nicht leicht ich
will deswegen auch in meiner Erzälung die Gäste erst speisen lassen Um zwei Uhr
wurde zur Tafel geblasen Geblasen denkst du in diesem Ausdrucke finde ich
eben nichts wichtiges Es soll auch kein witziger Gedanke sein der Herr vW
ließ wirklich zu Tafel blasen und zwar mit den Trompeten aus der Kirche Dem
Himmel sei Dank dachte ich ohne zu wissen was dieser kriegerische Schall zu
bedeuten hatte da kommen Soldaten nun ist Fräulein Julgen der Marter los wer
wird bei dieser Unruhe auf die Zeremonien einer Eheverbindung denken Doch zu
meinem Verdrusse wurde ich meines Irrtums gar zu bald gewahr Wir traten in den
Speisesaal Ich zählte sechzehn Köpfe in der Geschwindigkeit die Bedienten
nicht mit gerechnet lauter gute Freunde und Bekannte außer dem Major von Ln
einen Anverwandten der Frau vW den ich noch nicht von Person kannte Unser
Onkel bekam seinen Platz neben dem Fräulein vW bei der Tafel Lampert vertrat
die Stelle eines Hoffouriers und wies jedem seinen Platz an Hier sitzen Sie
gnädiger Herr neben dem Fräulein vW schrie er gleich und gleich gesellt
sich und lachte abscheulich Das vortreffliche gleiche Paar Fräulein Julgen
hatte ihren besten Putz anlegen müssen Wahrhaftig ein allerliebstes Mädchen
Sie muss nicht meine Tante sie muss meine Schwester werden Ich drehete mich ehe
wir uns setzten hin und her um mit ihr ein Wort alleine reden zu können es
wollte sich aber nicht füglich tun lassen Wir würden das Reden auch haben
entbehren und einander doch verstehen können wenn sie meine Gedanken so gut als
ich die ihrigen erraten hätte Die Backen glüheten dem guten Kinde vor Angst
und Erwartung ihres Schicksals Sie schlug fast immer die Augen nieder und
wagte es nur dann und wann auf mich einen furchtsamen Blick zu tun Ich wurde
dadurch so gerühret dass ich durch nichts anders als durch eine Kritik über
unsern Onkel mich von einer merklichen Tiefsinnigkeit befreien konnte Ein
seltsamer Mann in der Tat Kennst du den Schulmeister in Wilmershaussen Du
würdest unsern Onkel davor angesehen haben wenn du unvermutet in das Zimmer
getreten wärest Über die Komödie Er reitet in seinem roten Galakleide mit
seiner englischen Knotenperucke von dem Regenschirme seiner Schwester bedeckt
aus Kargfeld Der Wind ist so unbarmherzig und reißt Wiganden den Schirm aus der
Faust der geputzte Liebhaber wird badennass Man bringt ihn nach seinem
lächerlichen Auftritte in Wilmershausen zu Bette Über die Beschickung im
Hause vergisst man andere Kleider aus Kargfeld holen zu lassen Er schläft bis
gegen Tischzeit der Magister schnarcht auch bis zu unsrer Ankunft Da war kein
anderer Rat sollte unser Onkel nicht im bloßen Kopfe erscheinen oder dem
Magister seine Sammtmütze abborgen so musste man den Schulmeister ersuchen
seine Stuzperucke die sehr ins gelbe fiel herzugeben Du weist dass der Herr
vW und der Pastor ihr eigen Haar tragen Das kurze schwarze Kleid des Herrn
vW und die hervorragende rote Tressenweste gaben ihm das feinste Ansehen
Das Kleid schien noch die Halbtrauer wegen der Frau Shirlei anzuzeigen
vielleicht hatte er es auch um deswillen gewählet und die rote Weste sollte
unfehlbar seine feurige Liebe gegen Fräulein Julgen abbilden
Er sprach so lange ihn der Wein noch nicht erhitzet hatte wenig was er
aber sagte das musste mit einer Redensart aus dem Grandison gewürzet sein und
wenn er keine fand die seine Meinung ausdruckte so sprach er durch Minen Er
lächelte nickte oder schüttelte mit dem Kopfe wie es etwan die Gelegenheit
erforderte Ich werde es ihm so bald nicht vergeben können dass er mich einmal
bei Tische rot machte aus Verdruss wurde ich rot Er fragte mich lächelnd wie
mir ein blauer Rock mit roten Aufschlägen gefiel Konnte ich eine so
treuherzige Frage gleichgültig aufnehmen Was muss der Major von Ln dabei
gedacht haben Ich ärgerte mich über die seltsame Frage und noch mehr da ich
fühlte das mir das Blut ins Gesichte stieg Sie müssen diese Frage ihrer
Aemilie vorlegen die wird sie eher beantworten können als ich Fräulein Fiekgen
ist nicht da sagte er heute sind Sie meine Aemilie
Der Baron überhob mich einer beschwerlichen Antwort durch einen von seinen
drei Hasen welchen er laufen ließ Das ist eine geheimnisvolle Redensart du
weißt nicht was ich damit sagen will Die Sache ist von Wichtigkeit sie
verdient eine Erklärung Meine Schwester und ich baten den Baron ehe wir nach
Wilmershaussen fuhren nochmals inständig alle seine Kunst anzuwenden das
Fräulein von der gefahrvollen Versuchung zu befreien die Hand unsres Onkels
anzunehmen oder auszuschlagen Dazu habe ich bereits die nötigen Maasregeln
genommen sagte er Ich will es mit einer kleinen Veränderung machen wie
Taubmann Wenn das Fräulein vW von ihren Bollenbeissern angefallen wird wenn
ich merke dass es Ernst werden soll so werde ich einen Hasen laufen lassen ich
werde die Unterredung auf so etwas lenken darüber man gerne disputirt Man wird
auf eine kurze Zeit den Liebesantrag des Herrn vN vergessen und nur streiten
und trinken Wenn ich sehe dass sich die Gemüter wieder anfangen zu besänftigen
so werde ich eine neue Materie auf die Bahn bringen darüber noch ärger
gestritten wird als über die erste dabei müssen die Deckelglässer nicht
vergessen werden So denke ich in zwo Stunden es so weit zu bringen dass das
Frauenzimmer über uns Männer etwas zu lachen bekommt und an keinen Ehevertrag
wird können gedacht werden Drei Materien habe ich durchstudiret Wenn Not
vorhanden ist, und ich anfange zu reden so denken Sie nurdass ich einen von
meinen Hasen losslasse denn die ganze Gesellschaft hetzen wird
Der Baron hielt sein Wort Er sah mich nicht sobald in einer kleinen
Verlegenheit über dem wunderbaren Betragen des Onkels sie fingen an etwas aus
den Zeitungen zu erzählen Er wusste sich hierüber so glücklich auszubreiten dass
wir in fünf Minuten die wichtigsten Anmerkungen über die jetzigen Zeitläufte
hörten Der Geist der Parteilichkeit mischte sich in das Gespräche die
Meinungen waren geteilt und es gab allerhand Streitigkeiten Die Herren wurden
so laut dass man sein eigen Wort nicht mehr hören konnte Ich habe mir noch nie
die Sprachenverwirrung so deutlich vorgestellt als bei diesem Geräusche Alle
sprachen zugleich und suchten einander durch die Stärke der Stimme zu
überwältigen und keiner verstund den andern Mir wurde ganz schwindelnd davon
im Kopfe Etliche kämpften stehend miteinander etliche befreieten das rechte
Ohr von der Perucke um desto genauer zu hören Ich weiß nicht ob dieser Lerm
sobald würde sein geendiget worden wenn nicht das Geräusche einiger
umgestossenen Weinglässer einen kleinen Waffenstillstand verursachet hätte Man
fing nun an mit weniger Hitze die Staatsund Landesangelegenheiten zu
beurteilen Der Schauplatz wurde verändert Nach der Vorstellung eines hitzigen
Kampfes erschien die ehrwürdige politische Versammlung aus dem Kannegiesser Man
erforschte die Staatsmaximen der hohen Häupter Man tat Friedensvorschläge Sie
wurden verworfen Man lieferte wieder Schlachten Man belagerte Festungen Wien
hätte bald ein heftiges Bombardement von einer englischen Flotte ausstehen
müssen Man setzte Könige ab und ein Mit einem Worte man tat alles man
entschied das Schicksal von Europa mit einem Tone aus welchem nur Brehmen oder
Götter reden können Es ging über diesen politischen Betrachtungen eine gute
Zeit hin Der leichtfertige Einfall des Barons hatte alle die Wirkung, die er
sich davon versprochen hatte Dieses war ihm aber noch nicht genug er brachte
zum Beschluss dieses scherzhaften Auftritts die Gesundheit der hohen kriegenden
Mächte aus Es war dem Herrn vW und unserm Onkel ganz gelegen dass solches mit
dem großen Deckelglase geschahe so verdrießlich auch die Frau vW darüber
schien Sie ist fein und dabei sehr argwöhnisch vermutlich hatte sie schon
einen gegründeten Verdacht auf unsern Schwager geworfen dass er ihren Absichten
hinderlich sein möchte Indessen konnte sie es doch nicht verhindern dass ihr
Herr und unser Onkel da sie bei der Gesundheit der kriegenden Mächte sich ihrer
eignen Feldzüge erinnerten nicht wegen alter Freundschaft den Pokal zweimal
ausleereten Sie suchte deswegen ihre Angelegenheiten eiligst in Richtigkeit zu
bringen Sie druckte eine gnädige Mine nach der andern auf den Magister ab um
ihn zu bewegen seinen Herrn aufzumuntern dass er doch sein Wort anbrächte Der
Baron hatte sich aber ein eigen Geschäfte daraus gemacht dem Magister immer
etwas zutun zu geben um ihn abzuhalten seinen Herrn an etwas zu erinnern Er
musste vorschneiden und die Regelmäßigkeit jedes Schnittes aus der
Trenschierkunst beweisen Er musste griechisch reden Künste machen die
Weingläser mit der Faust umwenden mit verkehrter Hand trinken und was
dergleichen mehr war Jedermann sah auf den künstlichen Magister und dieses
verursachte ein allgemeines Stilleschweigen Bei dieser kleinen Pause war die
Frau vW so glücklich ihm durch einen Wink ihre Sehen sucht nach dem
Anwerbungscomplimente unsres Onkels zu verstehen zu geben Er war so witzig dass
er die Sprache dieser boshaften Frau verstund Aus einem possierlichen Gaukler
verwandelte er sich in einem Augenblicke in einen ehrwürdigen Bartlett Er
griff mit einer sonderbaren Ernsthaftigkeit an seine Sammtmütze und legte sie
unter den Teller als wenn er die Danksagung nach Tische sprechen wollte Er
sah den Onkel starr ins Gesichte und schien einem Entzückten ähnlich der
anfangen will zu prophezeihen Sein Patron hatte aber mehr zutun als auf ihn
Achtung zu geben der Wein fing schon an bei ihm seine Wirkung zu tun Die
Sprache Grandisons hatte ihn verlassen Er machte sich immer etwas mit Fräulein
Julgen zu schaffen er wollte zärtlich und witzig sein er wollte sie auf eine
feine Art im Gespräch unterhalten es waren ihm aber alle Redensarten seines
Herrn Gevatters entwischt nur noch eine einzige blieb ihm getreu
Wenn es mit ihren Begriffen von der zärtlichen Empfindung für die Ehre
bestehen kann gnädiges Fräulein so küsse ich Ihnen die Hand Das möchte noch
hingehen aber wie gefällt dir das folgende Kompliment Wenn es mit ihren
Begriffen von der zärtlichen Empfindung bestehen kann gnädiges Fräulein so
belieben sie doch etwas zu speisen Sie sind gewiss zu feste geschnüret dass gar
nichts hinter will machen Sie Sichs doch ein bisgen commode Fräulein Julgen
musste bei aller ihrer Angst und Unruhe über diese feinen Sachen die er mit
einem recht bescheidenen recht männlichen Wesen vorbrachte heimlich lachen Im
übrigen spielte sie eine vollkommene Pantomime über zwei Worte die in ja und
nein bestanden habe ich den ganzen Tag nichts von ihr gehört Der Major der
so viel ich weiß sie noch nicht kannte muss sie für ein sehr einfältig Mädchen
gehalten haben Es ist wahr sie schien sich selbst nicht gleich aber kann man
es sein wenn man in so kritischen Umständen sich befindet Über die Bewegungen
des Magisters verlor sich bei uns beiden wiederum das Lachen Sie suchte durch
einen flüchtigen ängstlichen Blick bei mir Trost und Hilfe und ich suchte
solche selber bei unserm Schwager Dieser hatte sich zum Unglück in eine
Unterredung vertieft bald kehrte er sich zu seiner Nachbarin zur rechten bald
zur linken Hand Wir hatten eine bunte Reihe gemacht Ich saß auf Kohlen Der
Baron schien einen kleinen Tummel zu haben und Lampert wagte es nun da der
Onkel auf seine Minen nicht Achtung gab Worte zu gebrauchen Jetzt dachte ich
bei mir wäre es Zeit dass der Baron wieder einen Hasen vorspringen ließ Hören
Sie gnädiger Herr sagte Lampert gedenken Sie auch daran was Herr Grandison
der Große tat da er bei seiner Henriette Der Baron brach hier geschwinde
das Gespräch mit seinen Damen ab Das bitte ich mir aus Herr Magister
verschonen Sie den Herr Grandison mit dem Titel des Großen ein Mann der keine
Galle hat ist nicht groß Ihr Baronet mag ein guter ehrlicher Mann sein aber
um den Namen eines großen Mannes zu verdienen muss man die Welt bezwingen oder
doch bezwingen wollen Alexander war groß Pompejus war groß und wie die
Weltbezwinger sonst noch heißen mögen Was rief unser Onkel wollen Sie meinen
Herrn Gevatter schimpfen Lassen Sie mir das Ding bleiben Herr Vetter wenn Sie
mein guter Freund sein wollen oder
Ich habe alle Hochachtung für ihren Herrn Gevatter ich schätze ihn hoch
dass aber so ein kleiner dicker Schulmeister als ihr Lampert ist dem Helden ihre
Ehre stehlen will um einem Privatmann damit zu bereichern das leide ich nicht
und wenn ich darüber auf dem Platze bleiben sollte Nun ging das Disputiren von
neuen an der vorige Streit über Krieg und Friede war nur ein Scharmützel jetzt
kam es zu einer Schlacht Bass Tenor Diskantstimmen alles summte durch
einander Die Frau vW tat alles um diese Streitigkeiten beizulegen Ihr Herr
war eingeschlafen und ließ sich durch kein Geräusche ermuntern Lampert glühete
vor Wein und Eifer er wurde gegen den Baron unhöflich In diesem hatte der Wein
auch endlich über den Verstand die Übermacht bekommen Bald wäre dem armen
Magister ein Weinglas ins Gesichte geflogen wenn man solches nicht verhindert
hätte Einige Herrn warfen sich endlich zu Friedensrichter in diesen Zwiste auf
Nach einigen Schwierigkeiten wurden beide Teile besänftiget und der Friede
unter den Bedingungen wieder hergestellt dass der Magister wegen seiner
Vergehungen den Baron schriftlich um Verzeihung bitten und dieser hingegen den
Grandison auf der Stelle für einem großen Mann erkennen sollte Dieser Vertrag
wurde mit dem Deckelglase bestätiget Die Frau vW konnte ihren Verdruss nicht
verbergen dass sie ihre Absicht noch nicht erreicht hatte Sie moralisirte
ziemlich nachdrücklich über ihren Herrn Schwiegersohn er ließ sich aber durch
nichts aufbringen und trank dann und wann ihre Gesundheit doch einmal sagte er
in seiner Begeisterung Hören Sie auf zu keiffen alte Frau Shirlei
Unvergleichliche Henriette was machen Sie denn mit einer so bösen Stiefmutter
Wollen Sie mich haben so will ich Sie von dieser ungeheuren Frau befreien Das
war vortrefflich es hätte nichts bessers zu Fräulein Julgens Befreiung können
erdacht werden Die Frau vW wurde dadurch so aufgebracht dass sie wider ihre
Neigung ihm ins Gesichte sagte ihr Herr und sie würden das Fräulein keinem
irrenden Ritter geben es möchte nun Ernst oder Scherz bei ihm sein so würde
sie ihn nicht zum Schwiegersohne annehmen Mein Herz wurde nun ganz leichte
unser Onkel verschlimmerte seine Sachen noch mehr dass er über den Zorn der Frau
vW heftig lachte Sie sind doch meine Henriette sagte er zu dem Fräulein und
sie würde einem derben Kusse nicht haben entgehen können wenn sie nicht dadurch
vorgebogen hätte dass sie ganz freundschaftlich bat ihrer zärtliche Empfindung
für die Ehre zu schonen
Es war 6 Uhr da wir vom Tische aufstunden Der Herr vW musste zu Bette
gebracht werden unser Onkel und der Magister verschwanden auch Die übrigen
Herren tranken mit dem Frauenzimmer Koffee Die Frau vW verließ uns keinen
Augenblick sie glaubte vielleicht dass wir uns in ihrer Abwesenheit über sie
lustig machen möchten Der übrige Teil des Tages wurde auf unsrer Seite sehr
vergnügt zugebracht ich wurde mit in ein Tarock gezogen wir spielten bis um
zehn Uhr Der Onkel und Lampert kamen da wieder zum Vorschein sie waren aber
ganz unmunter Den Herrn vW bekamen wir nicht wieder zu Gesichte Wir
nötigten den Onkel mit in unserm Wagen zu steigen er wollte mit aller Gewalt
reiten Am besten wäre es gewesen er hätte seinen Rausch in Wilmershaussen
ausgeschlafen Ich wünschte dass ihn die Frau vW bitten sollte da zu bleiben
doch sie war so verdrießlich so mürrisch dass man es ihr ansehen konnte dass ihr
etwas nicht nach ihrem Sinne gegangen war Beim Abschiede hatte Fräulein Julgen
Gelegenheit mir mit einem recht munteren recht freudigen Wesen zu sagen dass
sie mir alles was sie mir heute nicht mündlich hätte sagen können bald
schriftlich sagen würde Vor einer Stunde brachte mein Mädchen ein Briefgen von
ihr ich habe es noch nicht gelesen ich werde es aber meinem Briefe wenn es
etwas merkwürdiges in sich enthält beifügen Wir nahmen unsern Rückweg durch
Kargfeld um unsern schlafenden Onkel auszuladen
Meine zwei Bogen sind nun wieder voll und meine Hand ist so steif dass ich
sie fast nicht mehr bewegen kann Ich bin von Herzen froh dass ich mit meinem
Gewäsche fertig bin Habe ich dir in der Sprache des Magisters zu reden die
Nuss in der Schaale geliefert und allerlei überflüssige Dinge in meine Erzählung
gemischt so wirst du dir den Zeitvertreib machen können solche aufzubeissen
und den Kern heraus zu suchen Ich bewundere mein glückliches Gedächtnis dass
ich diesen kleinen Roman wie ich glaube ziemlich getreu zu Pappiere gebracht
habe Jetzt lege ich den fünften Bogen auf um was sich zwischen hier und
Sonnabends noch eräugnen möchte denn eher werde ich mein Briefpaquet nicht
siegeln dir zu berichten
Sonnabends den 22 September Gestern haben wir einen Besuch in Kargfeld
abgelegt Unser Onkel ist krank er hat einen heftigen Anfall vom Podagra
bekommen das sind die Nachwehen von dem Schmausse bei dem Herrn vW Er ist der
unleidlichste Mann von der Welt Da wir uns um sein Bette herumgesetzet hatten
und anfiengen ihn die Reihe herum zu bedauern so musste ich einmal niessen Er
fing darüber erbärmlich an zu schreien als wenn ich ihm mit einem Hammer auf
das podagrische Bein geschlagen hätte Was das ärgste ist so will er es nicht
Wort haben dass sich das Podagra bei ihm einquartieret hat Er würde sich kein
Bedenken machen seine Beine in noch mehrere Küssen einzuhüllen als er jetzo
tut gesetzt dass er davon nicht den geringsten Anstoß hätte wenn man ihn nur
überzeugen könnte dass Herr Grandison davon auch manchmal einige Beschwerung
habe Ich dächte du ließest ihn mit nächsten an der Krücke der Frau Shirlei
herum hinken und rühmtest dabei seine außerordentliche Geduld und seine Diät
Ich bin versichert dass du unsern Onkel eher kuriren würdest als alle Doktor
und Apotheker in unsrer ganzen Gegend Der Magister bewies aus verschiedenen
Gründen dass sein Gönner unmöglich das Zipperlein haben könnte er gab der
Unpässlichkeit unsres Onkels einen verwünschten griechischen Namen den ich
vergessen habe Der Baron hatte dasmal keine Lust mit ihm zu streiten er
behielt also zu großer Beruhigung des Patienten leichtlich Recht Der
schmerzhafte Fuß des Onkels ließ nicht zu dass er an seine Henriette denken
konnte und damit waren wir auch sehr wohl zufrieden Vorgestern hat ihn der
Herr vW auf ein paar Stunden besucht es scheint aber nicht dass sie sich von
der Heirat mit einander unterredet haben
Du wirst einen Haufen Innlagen in meinem Briefe finden Vorhin brachte
Jeremias einen ziemlich dicken Brief von dem Magister an den Doktor Bartlett
Ich bin so neugierig gewesen und habe ihn erbrochen du wirst mich desfalls
schon bei dem Herrn Doktor entschuldigen Unser Onkel ist ein wunderbarer Mann
alles Unglück das er hier anstiftet soll sein Baronet wieder gut machen
Verschreibe ja nicht etwan den armen Bornseil unser Onkel würde ihn dir mit
Weib und Kindern schicken der Baron will ihn gelegentlich versorgen Wenn ich
dir doch mündlich sagen könnte dass du die aufrichtigste Freundin besitzest an
Deiner Schwester
Amalia vS
XXXVIII Brief
Folgende sieben Briefe hatte Fräulein Amalie in ihr Paquet eingeschlossen
Das Fräulein vW an Fräulein Amalien vS
Wilmershausen den 19 Septembr
Schätzbarste Freundin
Noch nie habe ich Ihnen mit so vieler Aufrichtigkeit diesen schönen Namen
beigeleget als jetzo Sie haben ihn allemal verdient und ich kann es mir
selbst nicht vergeben dass ich einmal an der Stärke Ihrer Freundschaft gegen
mich gezweifelt habe allein nehmen Sie mein offenherziges Geständnis als einen
Beweis eines guten Herzens an wenn ich Ihnen sage dass ich Sie erst seit zwei
Tagen für meine schätzbarste Freundin ohne Ihnen ein Kompliment zu machen
erkenne Wie werde ich meine Dankbarkeit gegen Sie wie werde ich das was mein
Herz für Sie empfindet ausdrücken können Es ist sehr gut dass Sie keine
Lobsprüche von mir erwarten ich würde mich sehr verleugnen müssen wenn ich
Ihnen alles das Gute entdecken sollte dass ich von Ihnen denke Nein nein das
werde ich nicht tun ich vermeide gar zu gerne allen Verdacht einer
Schmeichelei Es ist genug wenn ich Ihnen gestehe dass Sie mehr getan haben
als ich vermuten konnte Ich würde es für ein Glück gehalten haben wenn man an
dem ängstlichen Tage nur nicht ein entscheidendes Ja oder Nein von mir gefordert
hätte das beides mir nicht viel gutes versprach Ich würde überaus zufrieden
gewesen sein wenn Ihr erster Plan nach meinem Wunsche wäre ausgeführet worden
wenn ich weiter nichts als einige Tage oder Wochen eine Entschließung in einer
so wichtigen Angelegenheit zu fassen erhalten hätte Doch Sie waren so besorgt
für mich gewesen einen neuen Plan zu meinem besten zu entwerfen welcher auch
so gut ausgeführet wurde dass ich nicht einmal nötig hatte zu einer
betrüglichen Bitte meine Zuflucht zu nehmen um einen Vater und einen Mann der
eine aufrichtige Neigung zu mir hat zu täuschen Ich würde mir gewiss viel
Gewalt angetan haben um diesmal anders zu reden als zu denken Sie sehen
hieraus welche Verbindlichkeit Sie mir gegen Sich aufgeleget haben dass Sie
mich dieser Mühe überhoben Ihr Herr Schwager hatte schon den größten Teil
dieses Plans ausgeführet ehe ich es inne wurde wohin seine Unternehmungen
abzielten So sehr mir die Bemühungen des Herrn Barons zustatten kamen so sehr
ich Ursache habe ihm gleichfalls verbunden zu sein so ungern würde ich es doch
unternehmen die Erfindung und die Ausführung dieses Entwurfs mich aus einer
Verdriesslichkeit zuziehen zu loben Die beste Absicht dünkt mich wurde nicht
durch die besten Mittel erreicht Eine ganze Gesellschaft zu bezechen um
Eltern abzuhalten keinen üblen Gebrauch von ihrer Gewalt über Kinder zu
machen sollte sich das wohl rechtfertigen lassen Sie wissen dass ich in diesem
Stücke etwas zärtlich bin Das Kopfweh meines Vaters die Unpässlichkeit des
Herrn vN und der Sturz des Rittmeisters von H mit dem Pferde alles dieses
steht auf meiner Rechnung und wenn es gleich alles von keinen Folgen zu sein
scheint so empfinde ich doch in meinem Gemüte eine kleine Unruhe darüber
Wenn ich mich doch davon befreien könnte so würde ich recht ruhig sein
Aber was mache ich doch Nicht wahr ich bin ein ungezogenes Mädchen Ich sollte
mich wegen Ihrer Mühe wegen Ihres Eifers für mein Bestes bei Ihnen bedanken
ich sollte Sie dafür bis in den dritten Himmel erheben und ich bin so verwegen
und kritisire die Unternehmungen meiner großmütigen Beschützerin Wenn Sie mir
nun Ihren Beistand versagt hätten wie würde es um mich aussehen Würde ich
nicht die Ausbrüche des väterlichen Zorns womit ich bedrohet wurde empfunden
haben oder mich jetzo in einer Stellung befinden die mir ein unzufriednes
Leben verspräche Das Ungewitter hat sich noch nicht verzogen es steht noch am
Horizonte wer weiß wie bald mich wieder ein unerwarteter Donner erschreckt
Versagen Sie mir Ihren Schutz ja nicht meine Freundin Wenns möglich ist will
ich nicht mehr ungezogen sein
Soll ich Ihnen sagen wie mir vorgestern zu Mute war Nein das wissen Sie
schon Sie konnten aus meinen Gesichtszügen lesen was in meinem Herzen vorging
Ich will Ihnen lieber Nachricht von meinem Zustande geben seitdem Sie uns
verließen Das sage ich Ihnen zum voraus dass nichts wichtiges vorgefallen ist
Gestern empfing mich mein Vater bei dem Morgenbesuche mit den Worten Guten
Morgen Fräulein Braut Ich weiß nicht gnädiger Papa sagte ich ob ich diese
Ehre im eigentlichen Verstande annehmen kann Der Herr von N der ohne Zweifel
der Mann ist durch den ich diese Benennung erhalten soll hat mir wenn ich
nicht ein und andern Scherz dahin ziehen will seine Neigung gegen mich noch gar
nicht entdeckt und wenn auch dieses wäre so glaube ich dass noch eins und das
andere müsste berichtiget werden ehe ich diesen Namen verdiente Der Papa wurde
etwas ungehalten auf mich dass ich ihm widersprach Wenn er Kopfweh hat so ist
er ein wenig unleidlich die Mama begütigte ihn aber durch eine weitläuftige
Vorstellung Wo ich nicht irre so war dieses das erstemal dass sie mit mir
übereinstimmte Sie führte einige Gründe an warum ich nicht Fräulein Braut
könnte genannt werden. Einige davon waren nicht vorteilhaft für den Herrn vN
Wenn ich mit ihrer Gemütsart weniger bekannt wäre so würde ich hoffen können
dass meine Verbindung mit ihm noch nicht so gar nahe sei Ich muss es Ihnen doch
im Vertrauen stecken dass man einen starken Verdacht auf Sie geworfen hat dass
Sie so wohl die unerwartete Ankunft Ihres Herrn Onkels als auch die wunderbaren
Touren bei Tische angegeben hätten doch findet Ihr Herr Onkel dadurch eben
keine Entschuldigung Dass Sie von der leztern Erfindung die Urheberin sind und
Ihrem Herrn Schwager nur die Ausführung davon überlassen haben daran zweifle
ich nicht mehr bei der plötzlichen Erscheinung des Herrn vN habe ich noch
nicht Licht genug ob ich solche für eine feine List von Ihnen oder für einen
Einfall des Herrn Wilibalds halten soll Ich bin geneigt das leztere zu
glauben denn im ersten Fall würden Sie sich in der Tat an Ihrem Herrn Onkel
versündiget haben Ich ungezognes Mädchen jetzt habe ich Sie schon wieder
beleidigt Sie sind böse auf mich meine Amalie Ich wollte Sie gern mündlich um
Verzeihung bitten wann ich es wagen dürfte Ihnen in Schöntal aufzuwarten ich
muss mir aber dieses Vergnügen jetzo versagen um der Mama keinen widrigen
Verdacht zu erwecken Geben Sie mir einen schriftlichen Verweis ich habe ihn
verdient lassen Sie es aber auch dabei bewenden Danken sie dem Herrn Baron
danken Sie Ihrer Frau Schwester danken Sie sich selber für Ihre Gesinnungen
für Ihre guten Bemühungen für mich Ich gehöre ganz für Sie nennen Sie mich
Ihre
Juliane vW
XXXIX Brief
Fräulein Amalia an das Fräulein vW
Schöntal den 20 Sept
Schätzbarste Freundin
Jederzeit habe ich Ihnen mit so vieler Aufrichtigkeit diesen schönen Namen
beigelegt als ich es noch jetzo tue Ich kenne Ihre schwache Seite ich kenne
aber auch Ihr gutes Herz und dieses macht mir die Vergebung Ihrer Fehler wenn
Sie welche gegen mich begehen können so leicht dass ich mir ein Vergnügen daraus
machen würde Ihnen ich weis nicht was zu vergeben Haben Sie ein Mistrauen in
mich gesetzet bin ich Ihren Augen ein falsches Mädchen gewesen so habe ich
mich an Ihnen schon genug dadurch gerochen dass ich Sie von dem Gegenteile so
genau zu überzeugen mich bemüht habe dass sich Ihr garstiger Argwohn hat
verstecken müssten Ich bin nicht wenig stolz darauf dass Sie inne werden dass
Sie nicht alleine ein gutes Herz haben und dass Sie mir eben diese Ehre
wenigstens in Absicht auf Sich selber zugestehen müssen in Absicht auf
andere aber scheint es als wenn Sie mich für sehr mutwillig wo nicht gar für
boshaft hielten Ich muss mich deswegen bei Ihnen rechtfertigen Sie sind
tungendhaft meine Juliane Sie haben enges Gewissen Sie sind gar zu zärtlich
Wenn ich Ihnen nicht suchte Ihren Irrtum zu benehmen so würden Sie mich für
das leichtsinnigste Mädchen von der Welt halten und nichts wäre mir
unleidlicher als dieses Wer hat Ihnen denn gesagt dass ich den Plan wie Sie es
nennen zu Hintertreibung Ihrer Verbindung mit meinem Onkel entworfen habe In
der Tat ich habe ihn gut geheißen aber er war nicht meine Erfindung Sie
haben diese eben so wohl als die Ausführung desselben einer Person zu danken
Der Baron ist der Patriot der den Einfall hatte die ganze Gesellschaft zu
bezechen und sich selbst dabei nicht zu vergessen um Sie von dem Verdrusse
eines unangenehmen Liebesantrags zu befreien Sie haben nicht Ursache über den
Kopf Ihres Herrn Vaters und über das podagrische Bein Ihres Anbeters sich ein
Gewissen zu machen Ich würde selbst einige Unruhe darüber empfinden wenn ich
glaubte das dieses Unheil ohne den Antrieb des Barons wäre vermieden worden
allein urteilen Sie selber ob es nicht besser war dass er sich und seinen
Freunden einen Rausch trank um ein Unheil zu vermeiden als dass eben dieses ein
paar Stunden später geschahe um eine unglückliche Verbindung dadurch zu
befestigen Aus zwei Übeln muss man doch allemal das Kleinste erwählen Geben
Sie sich zufrieden mein Kind Sie mussten einmal an diesem Tage eine Gelegenheit
sein dass man den größeren Becher der Frölichkeit nach der Benennung unsers
Magisters ausleerte Was liegt Ihnen daran aus welcher Nebenabsicht dieses
geschahe Ich bin in meinen Gemüte über diesen Punkt ruhig ich dächte Sie
wären es auch Über einen andern Vorwurf den Sie mir gemacht haben bin ich
nicht so gleichgültig Ich soll durchaus die Gespensterhistorie des Herr vN
erfunden und eingefädelt haben Mit Ihrer Frau Mutter habe ich deswegen schon
eine Lanze brechen müssen das fehlte mir noch dass ich mit der Fräulein Tochter
auch was zu zanken bekäme Es ist Ihr großes Glück dass Sie in dieser wichtigen
Sache nichts entscheiden Sie verlangen mehreres Licht darin zu haben ehe Sie
ein Endurteil abfassen und mich freisprechen oder eine Gewissensrüge anstellen
wollen Sie können mich ganz sicher freisprechen Ich werde für meine Unschuld
keinen Beweis führen nein nein meine Juliane den verlangen Sie auch nicht
Wenn es die Rot erforderte und man zu arglistigen Mitteln seine Zuflucht
nehmen müsste um Sie von einer unangenehmen Verbindung zu befreien so könnte es
wohl sein dass ich aus Freundschaft für Sie eine kleine Bosheit beginge aber
dismal habe ich in Wahrheit nicht daran gedacht Sehen Sie diese romanmässige
Unternehmung noch einmal genau an Sie werden den lächerlichen Magister von
Anfang bis zu Ende darin finden Suchen Sie diesen ungegründeten Argwohn von
mir Ihrer Frau Mutter gleichfalls zu benehmen kann es aber nicht sein so
lassen Sie ihr das Vergnügen ihre Meinung zu behalten Bitten Sie mich ja nie
wieder um Verzeihung Ihrer Offenherzigkeit wenn Sie mich nicht beleidigen
wollen Wir wollen nie aufhören einander alles zu sagen was wir denken dieses
ist der vollkommenste Beweis einer aufrichtigen Freundschaft Wenn Sie der
Aufmerksamkeit Ihrer Mama einmal entwischen können so kommen Sie hieher nach
Schöntal ich habe große Lust mit Ihnen mich recht satt zu schwatzen Der
Baron will sich Ihnen zu gefallen noch zehnmal einen Rausch trinken Wir
lieben Sie wir schätzen Sie hoch in beiden aber gebühret der Vorzug
Ihrer aufrichtigen Freundin
Amaliie vS
XL Brief
Der Magister Wilibald an den Baron vF
Kargfeld den 19 Septembr
Reichsfreihochwohlgebohr
Herr Gnädiger Herr
Eu Reichsfreihochwohlgebohr Gnaden pflegen oftmals diesen sehr weisen Spruch
im Munde zu führen Ein Wort ein Wort ein Mann ein Mann und dieser
vortreffliche Wahlspruch erinnert mich an ein Versprechen das ich vorgestrigen
Tages Denenselben in dem Speisesaale des Herrn vW in Gegenwart einer
hochansehnlichen Gesellschaft getan habe und ich erfülle es mit desto grösserm
Vergnügen teils um dadurch zu beweisen dass ich ein Mann von Parole bin
teils um dadurch Gelegenheit zu bekommen mich in einigen Stücken die mir sind
zur Last geleget worden zu rechtfertigen Ob ich gleich so wenig dabei
gleichgültig sein konnte da Eu Hochwohlgebohr gefiel von dem großen Freunde
meines Gönners kein gar zu vorteilhaftes Urteil zu fällen dass ich dadurch auf
das lebhafteste gerühret wurde so muss ich es doch herzlich beklagen dass Sie
einige Worte die ich in guter Meinung wohl bedächtlich vorbrachte und welche
gar nicht dahin abzielten Eu Hochwohlgebohr zu beleidigen ungnädig
empfanden Ich glaube indessen dass ich eine vollkommene Vergebung alles dessen
wodurch ich Hochdieselben beleidigt haben soll erhalte wenn ich Sie
aufrichtig versichere dass es mir nie in den Sinn gekommen ist Dero Ehre und
Ruhm jemals im geringsten anzutasten Per me semper honos nomenque Tuum
laudesque manebunt Dieses habe ich nun meines Erachtens in Richtigkeit
gebracht Ich sehe Eu Gnaden wieder als meinen Mäcenan ich sage gleichsam zu
Ihnen wie jener große Dichter zu diesem O et praesidium et dulce decus meum
In diesem Vertrauen gegen Sie wag ich es Dero Schutz und Hilfe in einer Sache
anzuflehen die mich sehr beängstiget Sein Sie doch gnädiger Herr sein Sie
doch ich bitte Sie ein großmütiger Georg der den Lindwurm der an meinem
Herzen naget ritterlich besieget Ich weiß dass das Fräulein vS gewohnt ist
an ihren Herrn Bruder in Engelland alles zu berichten was in unsrer Gegend sich
zuträgt ich weiß auch dass der Herr vS seine Briefe allen Freunden in
Grandisonhall zeigt Es ahndet mir dass das Fräulein alles was bei der
Gasterei des Herrn vW vorgefallen vom Anfang bis zu Ende an den jungen Herr
Baron schreiben wird Sie verstehet die die Kunst Sachen die von keiner
Wichtigkeit sind auf einer Seite vorzustellen dass sie das Ansehen wichtiger
Begebenheiten erreichen Wie leicht könnte es sein dass sie aus Mangel richtiger
Begriffe den Becher der Fröhlichkeit welcher bei der Tafel des Herrn vW
fleißig herum ging mit dem Laster der Trunkenheit verwechselte Nichts würde
mir empfindlicher sein als wenn der Doctor Bartlett mich der ich mir eine Ehre
daraus mache in seine Fusstapfen zu treten und alle meine Handlungen nach den
seinigen einzurichten für einen Trunkenbold und Weinsäufer ansehen sollte Was
würde dieser redliche Mann denken wenn er solche Dinge von mir hörte würde er
sich nicht schämen mir die Ehre eines Mitglieds einer berühmten königlichen
Gesellschaft erworben zu haben Ich will es zwar gerne zugeben dass ich mich
eben so wenig bei der Gasterei des Herrn vW in statu integritatis befand als
die übrigen vornehmen Gäste aber dadurch wird noch keinesweges eingeräumet dass
man sich an diesen frohen Tage bezecht hätte Indessen höre ich unter der Hand
dass die Frau vW einige ihrer Gäste und mich insbesondere mit solchen
Ehrentiteln überhäuft die nur für niederträchtige Gemüter und für die Schenke
gehören Ich weiß dass die Verwechselung der Begriffe von dem Freudentrunke und
der Trunkenheit an diesen falschen Urteilen Schuld sind Um nun diesem Übel
in Zukunft vorzubeugen und meine Ehre und guten Namen dadurch sowohl in
hiesiger Gegend als auch bei meinen Gönnern in Engellend aufrecht zu erhalten
so habe ich es gewagt angebogne kurze Beantwortung der Frage Ob bei der
Gasterei des Herrn vW der Becher der Fröhlichkeit zuweit sei getrieben worden
oder nicht zu entwerfen und diese Abhandlung Eu Hochwohlgebohr untertänig
zuzueignen Werden Sie die Gnade für mich haben und aus dieser kleinen Schrift
dem Fräulein vS für welcher wenn ich es aufrichtig gesiehen soll ich mich am
meisten fürchte ingleichen bei Gelegenheit der Frau vW deutliche Begriffe von
dem himmelweiten Unterschiede zwischen einem Trunkenbolde und einem der den
Becher der Fröhlichkeit kostet beizubringen sich die Mühe geben Werde ich
dadurch von der Sorge dass meinem guten Namen ein Klebesieckgen möchte
angehangen werden befreit so verspreche ich nicht nur meine Dankbarkeit gegen
Eu Gnaden auf alle nur ersinnliche Art und Weise zu Tage zu legen sondern ich
werde dadurch auch aufgemuntert werden mehrere dergleichen nützliche
Unternehmungen zu wagen Ich verharre mit vollkommenster Hochachtung
Eu Reichsfreihochwohlgebohr
Meines gnädigen Herrn
untertäniger Diener
L Wilibald Phil D
Einschluss des vorigen Briefs
Kurze und bescheidene Beantwortung der Frage Ob bei der Gasterei des Herrn vW
der Becher der Fröhlichkeit zuweit sei getrieben worden oder nicht
§ 1
Was der Becher der Fröhlichkeit sei
Ein Becher wird im weitläuftigen Verstande jedes Gefäße genannt woraus man
zu trinken pfleget oder kürzer ein Becher ist ein Trinkgeschirr Der Wein ist
ein Saft welcher aus Trauben gepresset und in großen Gefässen die man Fässer
nennet in unterirrdischen Gewölbern oder Kellern zum Gebrauche aufbehalten
wird Die Alten hielten es zwar damit anders sie zogen den Wein auf Flaschen
und verwahrten ihn in dem oberen Teile oder auf dem Boden ihrer Häuser Die
Fröhlichkeit ist eine Beschaffenheit des Gemüts welche uns eine Zeitlang aller
Sorgen vergessen macht und unsere Gedanken nur mit angenehmen Empfindungen
beschäftigt Der Becher der Fröhlichkeit poculum hilaritatis ist also der
Genuss des Weins aus einem Trinkgeschirr den man so lange fortsetzet bis man
spüret dass das Gemüte vollkommen aufgeräumet ist oder bis man eine vollkommene
Heiterkeit im Gemüte empfindet
Anmerkungen
Die erste Weil der Becher der Fröhlichkeit das Gemüte aufheitert so
werden die welche ihn trinken illuminati das ist Aufgeheiterte oder
Erleuchtete genannt
Die zweite Einer der keinen Wein trinket heißt Abstemius Leute von der
Art die sich mutwillig um eine solche Ergötzlichkeit dieses Lebens bringen
als das Weintrinken ist sind nicht klug ergo sind die Türken nicht klug
§ 2
Wer der Erfinder davon gewesen
Noah der zweite Stammvater des menschlichen Geschlechts hat den Weinbau
erfunden Er trank den Wein aus einer doppelten Absicht erstlich um der
Schwäche seines Magens dadurch zu statten zu kommen zum andern um dadurch
seine Bekümmernis dass er seine guten Freunde hatte sehen im Wasser umkommen
durch Wein zu lindern Wenn er seinen Becher aus dieser Absicht ansetzte so
trank er das poculum hilaritatis und weil dieses Niemand vor ihm tat so war
er mithin der erste Es ist also klar dass Noah der Erfinder des Bechers der
Fröhlichkeit gewesen ist
§ 3
Wie vielerlei derselbe sei
Wir haben ein zweifaches poculum hilaritatis ein größeres majus und ein
kleineres minus Dieses letztere bestehet darin wenn man ein Glas Wein mehr
trinket als es die Notdurft erfordert Der gemeine Mann nennet dieses einen
Trunk über den Durst Jenes kann nur Statt finden wenn man mit dem Vorsatze
trinket aufgeräumt zu werden und mithin muss der Genuss des Weins so lange
fortgesetzet werden bis man diesen Entzweck erreichet hat
§ 4
Wie man beide den größeren und den kleineren Becher brauchen soll
Des kleineren Bechers der Frölichkeit kann man sich so oft bedienen als man
will aus dem größeren aber muss man kein Handwerk machen sonst wird aus dem
Becher der Fröhlichkeit ein Becher der Trunkenheit Poculum hilaritatis
conuertitur in poculum ebrietatis
Anmerkungen
Die erste Die Gelehrten welche mit dem Kopfe arbeiten und einer
Aufmunterung ihrer Lebensgeister öfterer als andre nötig haben dürfen den
größeren Becher der Fröhlichkeit so oft versuchen als sie es gut befinden ihre
Lebensgeister aufzumuntern Einfolglich gilt bei ihnen eine Ausnahme
Die zweite Das poculum hilaritatis majus ist die Hippokrene der Poeten
§ 5
Das vorhergehende wird weiter ausgeführt und bestätiget
Es erhellet aus der Vernunft und Erfahrung dass man nicht nur Wein trinken
könne um den Durst zu löschen sondern dass dieses auch geschehe um sich zu
erquicken Man pflegt im Sprichworte zu sagen Vinum est lae senum das ist
Wein tut den Erwachsenen eben die Dienste als Milch den Säuglingen Wer sich
nun am Weine erquicket dessen Gemüte wird munter wer sein Gemüte durch den
Wein ermuntert ohne dabei seiner Sorgen zu vergessen der trinkt den Becher der
Frölichkeit und zwar den kleineren Alle Moralisten sowohl Teologi als
Philosophi stimmen darin überein dass es erlaubt sei diesen kleineren Becher
wenn und so oft man will zu versuchen denn er dienet zur Erhaltung des
menschlichen Lebens und der Gesundheit alleine wegen des größeren sind die
Gelehrten nicht einerlei Meinung Einige und zwar die strengsten Moralisten
verwerfen solche in ihren Schriften ganz sie tun es aber nur zum Scheine und
machen sich kein Bedenken ihn dann und wann selber auszuleeren Die gelindern
lassen solchen wiewohl nicht mit offenbaren Worten aperte jedoch aber
stillschweigend tacite zu Es wird nötig sein um dieses zu bestätigen ein
oder anderes Beispiel hiervon aus den Schriften eines großen Kirchenlehrers
anzuführen Dieser ernsthafte Mann da er bereits in einem wichtigen Amte stund
schreibt an einem Orte in seinem Tractätlein von der Einbildung folgendes Ich
muss hier spricht er Kurzweilitatis gratia erzählen was sich mit mir
zugetragen als ich zu Königsberg studierte Nachdem ich mit vornehmen Bürgern
bekannt worden wurde ich zuweilen Erlustirens halber in ihre Lustäuser außer
der Stadt geführet und wenn sie ihre Flaschenfutter auftäten war dieses
allezeit die erste Frage wie mir der Wein schmeckte Wenn ich denn den saueren
Wein so halber Krautlache war lobte soffen sie sich so voll als die
Bürstenbinder und wurden von lauterer Opinion voll und toll Hier muss man wohl
bemerken dass die Redensarten sich so voll sauffen als die Bürstenbinder von
lautererer Opinion voll und toll werden in etwas uneigentlichem Verstande
müssen genommen werden wie es auch aus der Natur der Sache schon genugsam
erhellet Denn man weiß dass sich so arme Leute als die Bürstenbinder sind
nicht in Wein bis zur Vollheit bezechen können und von lauterer Opinion wird
man sich nicht leicht einen Rausch trinken Wenn also der gelehrte Mann der
dieses schreibt jetzo leben sollte so würde er sagen und wenn ich den sauren
Wein lobte so gefiel ihnen dieses sowohl dass sie darüber ganz lustig wurden
und den größeren Becher der Frölichkeit mit einander ausleerten Ich will doch
noch ein Beispiel aus eben diesen Autore von gleichem Schlag anführen es steht
gleich auf der folgenden Seite des obenangezogenen Tractätleins die Worte
lauten also Gestern als ich auf meinem großen Stuhle eingeschlafen war
träumte mich ich war ist einem herrlichen Pallast da hörte ich den Abdanker
seine Oration halten in welcher er den Hochzeitgästen Dank sagte dass sie sich
einstellen und mit ihrer Gegenwart solche Hochzeit helfen zieren wollen führte
dabei an sie wollten bedenken dass anjetzo das Martinsfest wäre wollten
demnach wacker herum trinken dass kein Tropfen darin in dem Fasse oder
Becher blieb Denn sagte er der Sauerkopf Seneca der der alle Berge eben
tragen wollen hat selbst zuweilen gesoffen dass er den Fuchsen geschossen und
über eilfe geworfen was diese Ausdrücke bedeuten ist schon oben bei dem
Bürstenbinder erkläret und das sollte eine vortreffliche Medizin sein aller
vornehmsten Arzenei Doctorn Meinung nach Alexander der Große hat nie eine
Feldschlacht angetreten er habe denn zuvor tapfer gesoffen Wer sollte sich
aber dessen schämen was Seneca was Alexander M was Kato getan Und solche
Vorgänger zu haben ist nicht allein wohl zu verzeihen sondern noch wohl
lobenswert So weit unser Autor Hieraus leuchtet nun ganz deutlich in die
Augen dass der Becher der Frölichkeit stilleschweigend gebilliget wird und
dieses lässt sich hauptsächlich aus drei Gründen beweisen I Weil der Autor
beiden angezogenen Stellen kein ungleiches Urteil beifüget und also durch sein
Stilleschweigen die Sache billiget denn qui tacet consentire videtur II Weil
er es selbst veranlasst hat dass die Bürger in Königsberg sich besoffen haben
wie die Bürstenbinder oder eigentlich zu reden dass die Bürger in Königsberg
den größeren Becher der Frölichkeit versucht haben III Weil er sich kein
Bedenken macht einen Traum zu erzählen der eine Aufmunterung zum Gebrauche
desselben enthält Er würde diesen Traum gewiss verschwiegen haben wann er
befürchtet hätte dadurch eine Ärgernis anzurichten da er aber dieses nicht
getan hat so ist es außer allem Streit dass er nichts darwider einzuwenden
hatte Welches zu erweisen war
Anmerkung
Wenn es also die Moralisten verstatten dann und wann so tief in das Glas zu
gucken dass man den Fuchsen schießt und über eilfe wirft so ist es klar dass es
erlaubt sei den größeren Becher der Frölichkeit zur Ergötzung des Gemüts zu
gebrauchen
§ 6
Was die Trunkenheit sei item ein Trunkenbold Vollzapf etc
Die Trunkenheit entstehet entweder durch den gar zu öfteren Gebrauch des
Bechers der Frölichkeit § praeced wenn man alle Tage will Martini machen
wie man im gemeinen Leben zu reden pflegt oder wenn man das poculum hilaritatis
zu weit treibt dass die Heiterkeit des Gemüts sich verlieret wenn man durch
die Weindünste benebelt wird Ein Trunkenbold gleichsam der dem Trinkbecher
hold ist oder ein Vollzapf ist ein Mensch der eine Fertigkeit besitzt alle
vollen Gläser auszuleeren und der also mit trinken nicht eher ablässt bis er
schwarz und weiß Tag und Nacht nicht mehr unterscheiden kann
§ 7
Dass die Trunkenheit ein Laster sei und viel Unglück stifte
Wer so viel trinkt dass die Heiterkeit seines Gemüts dadurch unterdrücket
wird der verlieret den Entzweck des Bechers der Freudigkeit und schwächet
dabei seine Gesundheit und sein Vermögen Es kommt oftmals dahin dass
solchergestalt ein reicher Crassus ein Friedrich mit der leeren Tasche wird1
einfolglich beleidigt ein Trunkenbold die Pflichten gegen sich selbst mithin
ist er lasterhaft und die Trunkenheit selbst ein Laster Ein Laster kann nichts
anders als Unheil anstiften folglich stiftet die Trunkenheit viel Unheil an
Dass dieser Satz der Wahrheit vollkommen gemäß sy solches lehret nicht nur die
tägliche Erfahrung sondern es kann auch durch sehr viele Beispiele bestätiget
werden Auszugsweise will ich davon doch etliche anführen Zu Bacharach einem
Städtlein in der Pfalz welches seinen Namen daher erhalten weil guter
Rheinwein daselbst wächst und es gleichsam Bacchi ara oder ein Altar des
Weingottes ist wohnte vorzeiten ein großer Schwelger der sein einziges
Vergnügen in dem Keller nicht anders als ein Fisch im Wasser fand Einsmals
ging obgedachter Temulent ins Weinhaus und fing an die Zeit mir Zechen und
andrer Kurzweile zu vertreiben übte sich auch so fleißig in der
Gläserausleerung dass er einen guten Rausch bekam Immittelst wurde die Weile
seinem schwangern Weibe zu Hause sehr lang welche sich hin begab ihren vollen
Nabal heimgehen zu heißen er verehrte sie aber mit etlichen Maulschellen und
warf ihr einen Haufen Flüche und Scheltworte an den Hals Sie ging hierauf ihres
Weges den gottlosen Mann unter den andern Trunkenbolden lassend Nach Verlauf
etlicher Viertelstunden hat sie ein überaus abscheuliches Monstrum oder
Missgeburt zur Welt gebracht welches alle Anwesenden in höchstes Schrecken
versetzte Dessen Gestalt war also beschaffen forne an dem oberen Teile des
Leibes sah es einem Menschen ähnlich hinten hinab aber und unten einer
Schlange und hatte einen Schwanz bei drei Ellen lang Indem man nun nicht weis
was man mit diesem Ungeheuer anfahen soll kommt der volle Zapfen nach Hause
Die schreckliche Missgeburt gab so bald sie ihn sah einen Schlangen ähnlichen
Laut von und warf sich mit großer Ungestüm an des Fluchers Hals umhüllete
denselben etliche mal mit dem Giftschweife verwundete ihn auch mit
verschiedenen Stichen dass der gottlose Mensch seinen Geist aufgab und die
tolle und volle Seele dem Teufel in die Wäsche schickte2 Ein anders Nicht weit
von Jena wohnte vorzeiten ein Trunkenbold der wenn er sich besoffen hatte mit
Jedermann zanken und hadern musste Einsmals begab sichs dass er toll und rasend
den Wirt in der Schenke mit seinen Gästen fressen wollte Die Frau heulte und
bat er sollte mit ihr nach Hause gehen sie wollten zu Hause ein Kännlein Wein
mit einander ausstechen Der volle Narr aber wollte nicht sondern schlug das
Weib gar übel und lief zum Tische als wollte er zehn volle Bauern mit einem
Streich erschmeissen es traf ihn aber einer mit einer Kanne dermaßen vor den
Kopf dass er alsbald umfiel und starb und weil man zuvor die Leuchter
ausgelöschet hatte ist noch nicht erfahren worden wer diesen törigten Hund
erworfen hat3 Noch eins zur Zugabe Zu Meinigen im Hennebergischen war einmal
ein Mann Hanns Vierdümpfel benannt welcher sich lieber in Bier und
Brandeweinhäusern als in der Kirche finden lies dieser hat sich einmal
dermaßen mit Brandewein angefüllet dass ihn derselbe das Herz abgebrannt hat4
§ 8
Ob bei der Gasterei des Herrn von W der Becher der Frölichkeit oder der Becher
der Trunkenheit Statt gefunden habe Letzteres wird verneinet
Nachdem nun das nötige zur Beantwortung unserer aufgeworfenen Frage
vorausgesetzet worden so wird es leicht sein solche gründlich und zwar
verneinend zu beantworten Das Maas des Bechers der Frölichkeit ist bei der
Gasterei des Herrn vW nicht überschritten worden Dieses beweisen wir so Nur
der macht sich des Lasters der Trunkenheit schuldig welcher so viel trinket
dass die Heiterkeit des Gemüts dadurch unterdrucket wird oder welches einerlei
ist dass er Tag und Nacht schwarz und weiß nicht mehr unterscheiden kann per
§ 6 7
Bei der Gasterei des Herrn vW hat Niemand so viel getrunken dass dadurch
sein Gemüte dergestalt wäre benebelt worden dass er schwarz und weiß Tag und
Nacht nicht mehr hätte unterscheiden können per experient
Also hat sich auch Niemand bei der Gasterei des Herrn vW des Lasters der
Trunkenheit schuldig gemacht Oder auch so Wenn wahr ist dass die Trunkenheit
allemal viel Unheil stiftet wie solches aus dem vorhergehenden § nicht kann
geleugnet werden so würde folgen dass aus der Gasterei des Herrn vW vielerlei
Unglück müsste erwachsen sein wenn bei solcher die Trunkenheit geherrschet
hätte Da aber bis jetzo noch kein Ungeheuer dadurch ist ausgebrütet auch
Niemand mit der Kanne dermaßen an den Kopf getroffen worden dass er davon
gestorben wäre am allerwenigsten aber durch die Vielheit des Getränkes Jemand
um Leib und Leben kommen ist so bleibt es dabei dass man die Gränzen des
Bechers der Frölichkeit nicht überschritten hat Hat sich nun Niemand des
Lasters der Trunkenheit bei der Tafel des Herrn vW schuldig gemacht ist aber
gleichwohl ein Glas Wein mehr getrunken worden als zu des Leibes Nahrung und
Notdurft gehörte so folgt daraus dass der größere Becher der Frölichkeit
nicht aber wie fälschlich vorgegeben wird der Becher der Trunkenheit von einer
hochansehnlichen Gesellschaft zu einer unschuldigen Gemütsergötzlichkeit
ausgeleeret worden Wzew
§ 9
Beschluss
Solchergestalt wäre also die Ehre der vortrefflichen Gesellschaft in
Wilmershausen gerettet und die hochansehnlichen Glieder derselben von dem
Verdachte eines Fehlers befreit welchen nur niedrige Gemüter begehen können
Es ist also nichts anders als eine pure lautere Verleumdung und Unwahrheit
wenn man sich nicht entblödet zu sagen dass einige der anwesenden Gäste in
Wilmershausen rechte Trunkenbolde und Vollzapfen gewesen wären ich sage es ist
dieses nichts anders als eine Verleumdung und Erdichtung die bei einer genauen
Untersuchung der Wahrheit nicht Stich hält und welcher man sicher widersprechen
kann Denn da zur Gnüge bewiesen worden ist, dass kein Mensch von allen
Anwesenden den Becher der Frölichkeit zu weit getrieben habe so fällt die
Beschuldigung der Trunkenbolde für sich selber hin Wo die Trunkenheit nicht
Statt findet da kann auch kein Trunkenbold sein cessante caussa cessat
effectus Man besehe hiervon Danzii Grammat hebr § 17 caut 7 Ich weis
dass das ganze erlauchte Publicum der Wahrheit gemäs von diesem Vorgange
urteilen und mehr dieser aufrichtigen Schutzschrift als einem flüchtigen
Gerüchte aus dem Munde übelgesinnter Personen Beifall geben wird Es ist mir
zwar sehr empfindlich dass böse Zungen von einer vornehmen Gesellschaft in
welcher ich mich selbst zu befinden die Ehre hatte nachteilige Unwahrheiten
auszusprengen sich kein Bedenken machen und ich denke mehr als einmal an die
Worte Dorn und Disteln siechen sehr falsche Zungen noch vielmehr noch wollt
ich lieber in Dorn und Disteln baden als mit falschen Zungen sein beladen
Inzwischen da ich es doch nicht dahin bringen werde allen Leuten das
Afterreden zu verbieten so will ich zusehen ob ich wenigstens ihren
offenbaren Spöttereien und üblen Nachreden Einhalt tun kann wenn ich diesen
Fluch über sie ausspreche welchen schon vor mir ein berühmter Schriftsteller5
wegen seiner Neider und Misgünstigen jenem gekrönten Haupte abgeborget hat
Honni soit qui mal y pense
Fußnoten
1 Besiehe hiervon P Lambec de bibliot caes lib II c 8
2 M Janson in Mercur Gallobelgie
3 M Wolfgang Bütner in epit histor
4 M Joh Seb Günters Meining Chron
5 Siehe hiervon Zieglers Vorrede zu seiner Asiatischen Banise
XLI Brief
Diese drei Briefe welche hier folgen hatte der Magister in den seinigen an
den Doctor Bartlett abschriftlich eingelegt
An den Herrn vN
Wilmershausen den 18 Sept
Hochwohlgebohrner Hr ErbLehn und Gerichtsherr auf Kargfeld und Dürrenstein
Gnädiger Herr
Ew Hochwohlgebohrnen kann ich nicht unverhalten lassen dass mir die
Ergebenheit mit welcher ich Ew Gnaden zugetan bin ein großes Unglück über
den Hals gezogen dass ich die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen muss Ob ich
gleich meinem Amte als ein rechtschaffener und treuer Haushalter nun in die 19
Jahre bei dem Herrn vW vorgestanden habe so hat er mich doch heute
unvermutet und da ich ihm nicht die geringste Ursache darzu gegeben habe aus
seinen Diensten entlassen und dabei vorgewendet ich hätte mich von Ihnen
bestechen lassen und zu ungewöhnlicher Zeit Tür und Tor aufgesperret und
dadurch verursachet dass Sie den Herrn und die gnädige Frau auf den Tod
erschrecket hätten Ich dachte was für große Fische ich dabei fangen würde
wenn ich gegen Ew Gnaden so dienstwillig wäre und mich bereden lies Ihnen zu
willfahren aber diese Gutwilligkeit hat mich um meine Versorgung gebracht und
wenn mir Ew Gnaden nicht helfen so habe ich mich zwischen zwei Stühle
niedergesetzt Die gnädige Frau sagte da ich sie bat wegen einer so geringen
Ursache mich doch nicht mit Weib und Kindern aus dem Edelhofe zu verstoßen in
welchem ich länger gewohnt habe als sie selber ich sollte mich nur an Sie
halten Sie brächten mich um mein Stückgen Brodt und müssten mich auch nun
ernähren Ich tue Ihnen also meinen Unglücksfall zu wissen in Untertänigkeit
bittende Ew Gnaden wollen mir armen verlassenem Manne nebst Weib und Kindern
den nötigen Unterhalt verschaffen weil Sie doch die alleinige Ursache sind
dass mein Amt von mir ist genommen worden sonst würden wir ach und weh über Sie
schreien müssen In der Hoffnung dass Sie mich bald durch eine gute Nachricht
werden erfreuen lassen verharre ich
Ew Hochwohlgebohrnen
untertäniger Diener
Peter Bornseil
gewesener Verwalter in Wilmershausen
XLII Brief
Der Magister an den Verwalter Bornseil
Kargfeld den 20 Sept
Vielgeehrter guter Freund
Was derselbe in seinem untertänigen Memorial an meinen gnädigen Sir noch
gesuchet solches haben sich Se Hochwohlgeb von mir gestern referiren lassen
und haben befohlen demselben hierauf freundlich zu benachrichtigen dass mein
Herr Principal an seinem unglücklichen Schicksale vielen Anteil nimmt und
herzlich bedauret dass derselbe bei seiner Herrschaft in Ungnade gefallen ist
und dadurch sein Stückgen Brod verloren hat Er kann sich darauf verlassen dass
mein vortrefflicher Sir bei seiner Herrschaft eine nachdrückliche Vorbitte für
ihn einlegen wird und wenn er etwas beitragen kann ihm die Gnade des Herrn
vW wieder zu erlangen wird er sich daraus ein großes Vergnügen machen Wenn
aber derselbe anverlanget dass der Herr vN ihn nebst seiner Familie versorgen
soll nachdem er seines Amtes angeblich wegen der Willfährigkeit gegen meinen
Patron entsetzet worden so dient ihm hierauf in freundlicher Antwort dass
dieses Ansinnen den Herrn vN ziemlich befremdet hat indem noch lange nicht
erwiesen ist dass der gute Wille gegen meinen Gönner seine Dienstentlassung
verur sachet habe Die Gelehrten unterscheiden sehr wohl das consequens von der
consequentia Lasse er sich diese lateinischen Worte von dem Herrn Pastor in
Wilmershausen erklären so wird er sehen dass sein Ansuchen unstattaft ist und
dass der Herr vN keinesweges verbunden sei ihm mit Weib und Kindern besonders
jetzo in diesen schweren Zeiten zu ernähren Ob er nun gleich von Rechts wegen
nichts von dem Herrn vN zu fodern hat so will dieser doch ein übriges tun
und ihm ein Expectanzdecret zufertigen lassen im Fall er sich einstweilen
gedulden und sich fein fleißig auf die Musik und den Katechismus legen will
nach dem tötlichen Hintritt des Herrn Lorenz Lobesans derzeitigen
treufleissigen Schuldieners zu Kargfeld solche Bedienung ihm unter dem Prädicate
eines Kantors gnädig angedeihen zu lassen Kann er aber nicht so lange von der
Schnure zähren so tut er sehr wohl wenn er sich nach einer einstweiligen
Versorgung umsiehet Er kann übrigens auf meines Herrn Principals Vorspruch und
auf meinen guten Rat allemal Staat machen Hiermit Gott befohlen Ich verbleibe
Sein
wohlgeneigter Freund
ML Wilibald
XLIII Brief
Der Verwalter an den Magister
Wilmershausen den 20 Septembr
Wohlgelahrter
Guter Freund
Ihr Brief den ich vor einer Stunde erhalten habe hätte mir bald das Garaus
gemacht Es wäre kein Wunder ich täte mir ein Leids Sie geben mir einen gar
schlechten Trost in Ihrem Briefe und der Herr vN kann es sein Tage nicht
verantworten dass er mich um meine Versorgung gebracht und es nun nicht einmal
Wort haben will Ich habe immer so ein gutes Vertrauen zu ihm gehabt dass ich
Häuser auf ihn gebaut hätte aber nun sehe ich dass man heutiges Tages
Niemanden quer über den Weg trauen darf Ich weiß wohl dass Ihr Herr so schlimm
an sich nicht ist Wenn ich die deutsche Wahrheit sagen soll so stecken sie
darhinter und verhetzen ihren Herrn gegen mich denn das weiß Jedermann dass Sie
ihn link und recht machen können aber Sie werden schon einmal davor Ihren Lohn
bekommen Nehmen Sie es nicht übel ich bin ein einfältiger Mann und rede wie
es mir vom Herzen geht Sie sind ein hochstudirter Mann und wenn Sie anfangen
zu disputiren so muss unser einer freilich fünfe lassen gerade sein das sollen
Sie mir doch nicht weiß machen dass der Herr von N nicht sollte Schuld daran
sein dass mich der Herr von W abgeschaffet hat Die gnädige Frau hat mirs
selber unter den Bart gesagt der glaube ich und kehre mich wenig an Ihre
lateinischen Brocken Will mich der Herr vN nicht versorgen so muss ich
desperat werden und unter die dicksten Soldaten gehen und das liebe Vaterland
mit rujeniren helfen Ich habe noch dreisig Gülden dafür will ich meine Frau in
den Spittel kaufen meine Lise kann einem Herrn dienen und meine zwei kleinen
Kinder lasse ich dem Herrn vN vor die Tür setzen Will er sich ihrer
annehmen so ist es gut wo nicht so mag er es auch verantworten Ich bin ein
geschlagener Mann ehe ich mein Brod vor der Tür suche will ich lieber einem
großen Herrn dienen Auf einen Schulmeister habe ich mein Tage nicht studiret
und nun ist es zu späte dass ich erst anfangen sollte nach Noten singen zu
lernen und meine Finger sind auch überdem zum Trillern auf der Orgel schon zu
steif Grüssen Sie Ihren Herrn von meinetwegen und sagen Sie es ihm nur dass ich
ihm alles mein Unglück auf den Kopf Schuld gebe er mag es nun wortaben wollen
oder nicht Künftige Woche gehe ich in die Stadt zu den Werbern und lasse mich
unterhalten hernach werde ich nicht mehr nötig haben ihm viel gute Worte zu
geben Aber so viel ist richtig meine zwei Kinder soll ihr Herr ernähren ich
lasse sie ihm vor die Tür setzen so wahr ich ein ehrlicher Mann bin Übrigens
verharre ich allstets
Meines vielgeehrten Herrn Magister
ergebner Diener
Peter Bornseil
XLIV Brief
Der Magister an den D Bartlett
Kargfeld den 22 Septembr
Hochwürdiger Hochgeehrtester
Herr Doctor
Vornehmer Gönner
Es hat mir gestern das Fräulein vS Nachricht gegeben dass sie heute an ihren
Herrn Bruder schreiben würde und zugleich habe ich die Erlaubnis erhalten
ihren Brief mit einem Einschluss beschweren zu dürfen Ich bediene mich dieser
Erlaubnis gar zu gerne weil ich dadurch Gelegenheit bekommen Eu Hochwürden
eher als ich vermutete für Dero besondere Gewogenheit gegen mich den
verbundensten Dank abstatten zu können Vortreflicher Mann Wo werde ich Worte
finden die Größe Ihrer Gewogenheit gegen mich und meine Dankbarkeit gegen Sie
damit würdig zu bezeichnen Wodurch werde ich mich der Ehre die Sie mir
verschafft haben ein Mitglied einer berühmten königlichen Gesellschaft geworden
zu sein würdig machen können Wenn ich das Feuer eines Horaz die Anmut des
Ovids und Pindars Stärke der Gedanken besäss so wollte ich es wagen Sie durch
ein Lobgedichte zu verewigen Allein Sie sind bereits über alles Lob erhoben
und es würde eben so viel sein als wenn ich einen Mohr bleichen wollte wenn
ich es unternähme Sie der Nachwelt zu empfehlen da Sie bereits in der
Geschichte eines erlauchten Grandisons in einem so schimmernden Lichte
erscheinen welches die düstern Schatten der entferntesten Zukunft durchdringen
und die Augen der spätesten Nachkommen rühren wird Hier will ich aufhören
mehreres von Dero Ruhme zu gedenken so gerne ich mich auch damit beschäftige
damit ich nicht in den Verdacht einer Schmeichelei gerate Der Auftrag meines
Gönner an Sie verschafft mir noch auf einige Augenblicke das Vergnügen mich mit
Ihnen zu unterreden Mein Principal weiß wie gerne sich der Baronet
notleidender Personen annimmt und wie viel Sie darzu beitragen können dass er
das Maas seiner Wohltaten gegen dergleichen Leute vergrößert oder verringert
Aus einliegenden drei Briefen werden Sie einen Mann kennen lernen der des
Mitleidens des Herrn Grandisons vor andern würdig ist Er hat lange Zeit bei dem
Herrn vW einem Freunde meines Gönners als Verwalter seiner Güter in Bedienung
gestanden vor einigen Tagen aber das Unglück gehabt seine Dimission zu
erhalten Dieser gute Mann hegt gegen den Herrn vN die ungegründeten Gedanken
als wenn er an seinem Unglücke einige Schuld hätte Und ob ich gleich die
Unschuld meines gnädigen Herrn durch eine bekannte Distinction gnugsam gerettet
habe so will doch dieser einfältige Mann sich davon gar nicht überzeugen
lassen Vielleicht habe ich Gelegenheit in kurzem Eu Hochwürden eine
ausführliche Nachricht von den Unternehmungen meines Patrons die ihm seinem
großen Muster ähnlich machen zu erteilen hierdurch werde auch in dieser Sache
vollkommenes Licht bekommen Sie können es indessen auf mein Wort glauben dass
mein Gönner so wenig geneigt ist Leute unglücklich zu machen als der Ihrige
und dass wann es in seine Macht stünde Jederdermann glücklich sein würde Um
hiervon auch den unglücklichen Bornseil zu überführen musste ich ihm allerhand
feine Vorschläge tun die er aber doch alle verworfen hat ia er drohte so gar
in der Desperation zwei seiner Kinder meinem Gönner vor die Tür setzen zu
lassen Da nun dieses in Deutschland für etwas schimpfliches gehalten wird und
man allerlei ungleiche Urteile darüber fällen könnte wenn mein Patron auf
solche Art ein Pflegevater werden sollte so tat ich ihm gestern den Vorschlag
diesen Mann der allezeit einen ehrlichen und unbescholtenen Lebenswandel
geführet hat Eu Hochwürden und der Gütigkeit des Herrn Baronets zu empfehlen
Mein Principal fand hierbei nichts einzuwenden Ich ließ deswegen den trostlosen
Bornseil zu mir erfodern und eröffnete ihm dass mein gnädiger Herr Willens
wäre ihm eine gute Versorgung zu schaffen wenn er sich entschließen wollte
außerhalb seines Vaterlandes solche anzunehmen Er war über diesen unerwarteten
Antrag außerordentlich erfreut und versicherte mich dass er bereit wäre bis
ans Ende der Welt nach seiner Versorgung zu gehen wenn er sich und seine
Familie nur ehrlich nähren könnte Ich stellte hierauf ein kurzes Examen mit ihm
an um zu erfahren ob er der Recommendation Eu Hochwürden würdig wäre und da
habe ich denn nach einem genauen Tentamine befunden dass er zwar in seinem
Katechismus eben nicht sonderlich beschlagen gewesen ob ich gleich nicht kann
in Abrede sein dass er einige Reimgebetlein noch ganz fertig hersagen konnte
Allein die Regeln der Haushaltungskunst waren ihm desto besser bekannt Er wusste
eine große Menge derselben teils aus dem Becher teils aus den Kolero in
deutschen Reimen verfasst auf dem Nagel herzusagen Insbesondere konnte er gleich
ex tempore alle Tage welche im Kalender mit einem roten Kleeblat bezeichnet
sind nennen Nicht minder besitzt er auch eine große Erkänntnis öconomischer
Erfahrungen die Witterung zu beurteilen und auf viele Wochen Frost und Hitze
Regen und Sonnenschein vorherzusagen Eben ein so gutes Zeugnis kann ich ihm
auch in der Rechenkunst erteilen die schwersten Aufgaben wusste er in kurzer
Zeit genau und glücklich aufzulösen Die Regel Detri und welsche Practik
verstehet er aus dem Grunde insbesondere aber hat er etwas in der Regula Falsi
getan Da nun dieser gute Mann sein Pfund vergraben müsste wann er sollte
gezwungen sein dem Kalbfelle nachzuziehen und da über dieses mein gnädiger
Herr es als eine ganz außerordentliche Gefälligkeit ansehen würde wenn Eu
Hochwürden so viele Achtung für sein Vorbitten haben und diesen unglücklichen
Mann der es nicht durch sein Schuld geworden ist Ihrem Gönner recommandiren
wollten so habe ich das Vertrauen zu Dero bekannten Menschenliebe dass Sie mich
nicht eine Fehlbitte tun lassen werden wenn ich mich mit meinen Patron
vereinige und Sie angelegentlichst ersuche sich über diesen Verlassenen zu
erbarmen und ihm wieder zu einer zureichenden Versorgung behilflich zu sein
Mein unvorgreiflicher Vorschlag ginge unmassgeblich dahin dass dem ehrlichen
Bornseil die Verwaltung von einen der Güter des Herrn Baronets in Irrland
aufgetragen würde oder wo dieses nicht sein könnte dass Sie ihn doch wenigstens
den Herren Kommissarien von Neugeorgien und Südcarolina bestens empfehlen
wollten um ihn einen Wohnplaz in Neuebenezer oder an einem andern schicklichen
Orte anzuweisen Ich erwarte mit nächstem von Ihnen Verhaltungsbefehle wenn
besagter Bornseil mit seiner Familie von hier nach Engelland abreisen soll und
was Sie etwan sonst noch mir befehlen werden So viel getraue ich mir mit
Wahrheit dahin zu behaupten dass ich den grossbrittanischen Staaten einen sehr
nützlichen Bürger verschaffen werde Es will unter der Hand verlauten dass Ew
Hochwürden in kurzem ein erledigtes Bisstum erhalten würden ich wünsche Ihnen
im voraus Glück dazu Mein Gönner empfiehlt sich Ihnen nebst mir und ersucht
Sie eben dieses für ihn bei Sr Hochwohlgebohrn dem Herrn Baronet und dessen
vortrefflichen Frau Gemahlin zu tun Ich empfinde in meinen Herzen allemal ein
rührendes Vergnügen wenn ich Gelegenheit habe mich zu nennen
Ew Hochwürden
Meines Hochgeehrtesten Herrn Doctors
gehorsamsten Diener
L Wilibald
Phil D
XLV Brief
Der Herr vS an seine Fräulein Schwester
London den 11 Octobr
Geliebte Schwester
Wenn mir auch Engelland kein Vergnügen hätte verschaffen können so würden mir
doch Deine Briefe und der Roman unsres Onkels meinen Aufenthalt hier angenehm
gemacht haben Ich weiß nicht ob ich bei Besichtigung des Palasts S James
oder bei Durchblätterung der Briefe die die Grandisonische Händel wie Du sie
nennest betreffen vergnügter gewesen bin Mein Heinrich hat sie alle heften
und abschreiben müssen Das Original schicke ich in beigefügten Paquet nach
deinem Verlangen zurück Die Abschrift werde ich selbst behalten um diesen
Roman zum Zeitvertreibe auf meine Reisen wieder zu lesen Ich bin einigermaßen
verlegen darüber wie wir es anfangen dass nach meiner Abreisse von London der
Briefwechsel des Magister Lamperts mit der Grandisonischen Familie nicht
unterbrochen wird Ich sehe dass solcher für unsern Onkel von einigem Nutzen
ist Wenn ich meinen Entschluss nicht noch ändere so werde ich in einem Monat
aufs längste von hier über Holland nach Strassburg gehen und daselbst
überwintern vorher aber will ich noch einmal schreiben um zu verhüten dass ich
keinen Brief von dir verfehle welchen ich bei jezigen Umständen schwerlich
erhalten würde wenn er einmal nach London ginge Wenn es sein kann so bemühe
dich unsern Onkel und seinen Sancho zu überreden dass sie die Briefe an ihre
Freunde in Engeland unter einem Umschlage an mich nach Strassburg schicken ich
will ihnen selbst diesen Vorschlag tun und glaube dass ich alles von ihnen
erhalten kann wenn ich sage dass es Herr Grandison guteisset
Das Fräulein vW verdient bedauert zu werden dass sie in diese Händel ist
verwickelt worden Wenn ich sie aus ihren Briefen beurteilen soll so muss ich
ihr einen vorzüglichen Platz unter dem Frauenzimmer ihrer Gegend einräumen Ich
werde in die Versuchung geraten sie meiner Amalie an die Seite zu setzen wenn
ich mehr von ihr lese und ich muss es gesiehen dass sie mir vor drei Jahren da
ich sie das letzte mal sah in ihren besten Putze nicht so reizend vorkam als
durch ihre nachlässige und angenehme Schreibart die ich in den Briefen an ihre
Freundin fand Ich weiß dass du nicht eifersüchtig bist über das Lob deiner
Juliane du weist also über diese Stelle keine Auslegungen machen Der
Nachricht dass sich ihr Heirat mit unserm Onkel völlig zerschlagen hat sehe
ich mit Verlangen entgegen Es ist nichts weniger als der Eigennutz der mich
antreibt dieses zu wünschen ich habe sonst keine Absicht dabei als mir den
Verdruss zu ersparen dieses gute Fräulein misvergnügt zu sehen Ich gehöre nicht
zu ihrem eigentlichen verehrern doch wenn du mich darunter zählen wilst so
setze mich in die Klasse derer die ein gutes Herz verehren wo sie es finden
ohne dabei weiter zu denken Ich will mich diesmal in keine ordentliche
Beantwortung Deiner zween leztern Briefe einlassen ich finde dabei nichts mehr
zu sagen als dass du deinen Endzweck bei mir vollkommen erreichet hast der
erstere hat mich über acht Tage lang unruhig gemacht und den Zweiten erbrach
ich in Furcht und Hoffnung Nun glaube ich es selber dass man eben nicht
Unrecht hat wenn man meine Amalie für ein leichtfertiges Frauenzimmer hält
Wodurch hat denn der Magister Lampert die Ehre verdient dass du eine
Beleidigung die ich ihm zugefügt haben soll an mir gerochen hast Ich kann es
zwar eben nicht eine Beleidigung nennen ich weiß aber nicht was man sonst
rächen kann Der Anfang dieses zweiten Briefs setzte mich in Bestürzung ich
empfand alles dabei was der Magister kann empfunden haben da ich ihn mit der
Nachricht erschreckte dass ich in Engeland keinen Grandison finden könnte Es
fehlte wenig so hätte ich wie er mein Kleid zerrissen Du konntest in der Tat
für diese kleine Leichtfertigkeit unter keiner andern Bedingung eine vollkommene
Vergebung hoffen als durch eine getreue und ausführliche Erzählung aller
Umstände die den 16 September in Wilmershausen merkwürdig machten Ich erwarte
mit Ungeduld den Verfolg dieser Begebenheiten und hoffe dass sie zum Vergnügen
des guten Fräuleins vW ausschlagen werden Übergieb dem Magister einliegende
zwei Briefe du wirst uns bei Gelegenheit melden was er und unser Onkel zu dem
Innhalte derselben sagen Ich werde es als ein Zeichen deiner Gewogenheit
annehmen wenn du fortfährest alles was in die Geschichte unsers Grandisons
einschlägt mir zu berichten Wenn es möglich wäre meine Liebe gegen dich zu
vermehren so würde Dir diese Gefälligkeit einen Zuwachs davon versprechen Wie
vorteilhaft ist es doch eine Schwester zu besitzen wie meine Amalie die mich
durch tausend Proben versichert dass Sie nie aufhören wird zu lieben
Ihren
dankbaren Bruder
XLVI Brief
Der Herr vS an den Magister
Grandisonhall den 8 Octobr
Hochgeehrtester Herr Magister
Sie sind es dem ich mehr als meinen leiblichen Aelter zu verdanken habe nicht
nur wegen ihres vortrefflichen Unterrichts den ich vor diesem von Ihnen
genossen habe sondern auch hauptsächlich dass sie sich die Mühe genommen mich
auf meinen Reisen zu begleiten Sie haben mich auch für allerlei Versuchungen
und Gefährlichkeiten durch diese Begleitung glücklich bewahret Sie sind mein
weiser Mentor ich bin Ihr Telemac Ohne Ihren großmütigen Schutz würde
Engelland für mich die Zauberinsel der Kalypso gewesen sein Sie empfangen hier
für Ihre Bemühungen für mein Glück da ich ietzo im Begriff stehe Brittanien zu
verlassen den verbindlichsten Dank Hätten Sie mir nicht Gelegenheit gegeben
nach dem Herrn Grandison zu forschen hätte ich nicht die Ehre gehabt mit ihm
bekannt zu werden so würde ich den Endzweck meiner Reise größten Teils
verfehlet haben wenn das wunderbarste und sehenswürdigste von Engelland meiner
Aufmerksamkeit entgangen wäre Diese meine Nachlässigkeit würde noch auf eine
härtere Art sein bestraft worden Wenn nicht in dem Hause des Herrn Baronets
immer von Ausübung der strengsten Tugend geprediget würde und wenn ich nicht
hätte befürchten müssen das geringste Vergehen gegen solche mit dem Verlust
der schätzbaren Freundschaft dieses großen Mannes zu büßen so würde ich
mancher Versuchung nicht haben widerstehen können wer weiß ob ich nicht dann
und wann untergetaucht hätte wie der leidige Vetter Eberhard Er hat oft an
mich gesetzt um mich zu verführen aber der Baronet hat mich für ihm gewarnet
und mir so gute Lehren gegeben dass es mir eben nicht schwer ankommt seinen
Versuchungen zu widerstehen Nicht mehr als ein einzigmal ist es ihm gelungen
mir das Seil überzuwerfen Ich will Ihnen doch die Ausschweifung wozu er mich
verleitet hat erzählen und wegen eines Scrupels der mich wegen dieser
Vergehung sehr ängstiget Ihr philosophisches Bedenken ausbitten Es wird nun
ungefehr ein Monat sein da ich von Grandisonhall nach London gereist war um
das sehenswürdige dieser großen Stadt die mir noch unbekannt waren in
Augenschein zu nehmen Einmal da ich dem Herrn Reeves einen Besuch abstatten
wollte begegnete mir Herr Eberhard Grandison auf der großen Brücke über die
Temse Er nötigte mich in seinen Wagen zu steigen und sagte mir es hätte ihm
geglückt heute seiner Frau zu entwischen und er wäre so froh darüber als ein
Volgel der aus dem Bauer käme Er bat mich meinen Vorsatz den Herrn Reeves zu
besuchen auf zu geben und mit ihn nach Kovengarden zu fahren um auf einem
Koffehause und etwas vom Kriege vorschwatzen zu lassen Ich ließ mir diesen
Vorschlag gefallen So bald wir in den Saal traten wurden alle Lombre und
Pharotische rege es waren in einem Augenblicke mehr als ein Dutzend Brüder um
meinen Begleiter herum die ihn alle umarmten und eine Freude von sich spühren
ließ als wenn er von einer weiten Reise in sein Vaterland zurück gekommen
wäre Ich merkte bald dass ich mich unter seinen Spielern befand ich tat
deswegen so gleich einen Schwur bei mir dass ich heute nicht spielen wollte Ich
brachte also eine von den Regeln in Übung die Sie mir einschärften da ich
noch bei Ihnen in die Schule ging Wenn man Lust hat etwas zu tun daraus etwas
böses entstehen kann so soll man auf der Stelle sich hoch und teuer
verschwören dass man es nicht tun will Ich steckte meine Hand in den Schubsack
und hielt meine Börse feste damit nicht einer von den gefälligen Herrn die
mich alle umarmten nachdem mein Gefehrte mich ihnen vorgestellt hatte meine
Taschen sondiren möchte Man nötigte uns beide unser Glück zu versuchen zu
meinem Vergnügen sagte Herr Grandison wir würden uns nicht lange aufhalten und
er wäre heute zu phlegmatisch zum Spiele Inzwischen sah er doch mit einem
begierigen Auge bald nach dem Spieltische bald nach mir und schien auf einmal
ganz niedergeschlagen zu sein Weil er nicht spielen wollte so wollte auch
Niemand mehr mit ihn reden Ein paar mal gab er mit einer nachdenklichen Mine
den Pointeurs einen guten Rat den sie nicht verlangten er versicherte sie
dass der Bube der König usw diesmal unfehlbar gewinnen würde allein er hatte
den Verdruss dass die Herren die Blätter so gleich zuruck nahmen wenn er ein
gutes Vertrauen dazu hatte Dieses kränkte den guten Mann aufs ärgste Endlich
tat er was ich schon lange befürchtet hatte er zog mich auf die Seite und
fragte mich ob ich ihm zwanzig Guineen vorstrecken könnte Ich würde wohl
einsehen sagte er dass seine Ehre Gefahr lief wenn er nicht ein Blatt setzte
und die Kerls gegen sich im Respekt erhielt er hätte nicht geglaubt diese
Kompanie hier zu finden deswegen hätte er sich auch nicht mit Gelde versehen
ich sollte diese Kleinigkeit in einer Stunde mit Danke wieder haben Mir war bei
diesen Antrage nicht wohl zu Mute weil er seine Lebensart nicht ändern will
so hat Sir Karl es dahin gebracht dass er von seiner Frauen Vermögen nicht das
geringste angreifen darf sondern er bekommt von ihr nur alle Woche ein gewisses
Taschengeld das sie nach dem Verhältnis seiner Aufführung gegen sie entweder
erhöhet oder vermindert Der geringste Widerspruch ist im Stande ihn auf eine
oder mehrere Wochen seiner Renten zuberauben Wer ihm also was borget der muss
sein Geld verloren schätzen wenn seine Frau nicht für gut befindet seine Ehre
zu retten und für ihn zu bezahlen Sein Kredit ist dadurch so geschwächt dass
ihm Niemand einen Taler borget auch so gar seine Spieler wollen ihm kein Konto
mehr geben
Indessen glaubte ich alle Wohlanständigkeit zubeleidigen wenn ich ihm diese
Gefälligkeit versagte ich zählte ihn die 20 Guineen zu Er umarmte mich für
diese Ritterzehrung einigemal ich war bei diesen freundschaftlichen
Versicherungen ganz kaltsinnig und zweifelte ob ich mein Geld jemals wieder zu
Gesichte bekommen würde Er trat hierauf mit einer ernstaften Mine zum
Spieltische holte fünf Guineen aus der Tasche und setzte sich da ihm Jedermann
mit Ehrerbietung Platz machte auf dem ihm angebotnen Stuhl Er fing an unter
vielen wohlausgesonnen Flüchen sein Glück zu versuchen Mir wurde in dieser
Gesellschaft Zeit und Weile lang Ich nahm mir vor zum Zeitvertreibe das
Koffeehaus welches ein ansehnliches Gebäude schien etwas genauer zu
besichtigen Aber hören Sie wie ich für diese Neugierde büßen musste Ich gehe
durch den Hof nach einem feinen Hintergebäude ein wohlgekleideter Bediente
kommt mir da von freien Stücken entgegen und führt mich ohnem ein Verlangen in
ein wohlaufgepuztes Zimmer Er vermutete sagte er dass ich die Dame vom Hause
sprechen wollte ich sollte mich nur ein wenig gedulden sie würde in einen
Augenblicke da sein Ich sagte es würde mir eine Ehre sein wenn ich der Madame
aufwarten könnte Ich vermutetenachts weniger als dass ich in den bezauberten
Pallast einer berühmten KonversationsDame von London geraten wäre Es
vergingen kaum zwei Minuten so erschien ein Frauenzimmer von mehr als gemeiner
Schönheit eine Circe die im Stande war wie ich glaube einen Joseph zu
verführen und ihn in einen zu allen Ausschweifungen geneigten Jüngling zu
verwandeln Sie sagte mir allerhand Höflichkeiten und ich konnte nichts tun
als Reverenze machen Sie nahm meinen Besuch als etwas bekanntes an ich hatte
also nicht Ursache über eine Entschuldigung wegen dieses Eindringens bei ihr
verlegen zu sein Endlich entdeckte ich ihr doch durch was für einen Zufall ich
hieher wäre gebracht worden dass meine Absicht gewesen wäre dieses Gebäude zu
besehen ohne mir einzubilden dass ich darin eine so schöne Bewohnerin
antreffen würde Ich freute mich dass ich nach meiner Meinung etwas artiges
vorgebracht hätte allein die Dame übergieng dieses Kompliment mit einem
kaltsinnigen Lächeln
Nach einigen Minuten nahm ich Abschied und der Bediente der mich in das
Haus gebracht hatte führte mich wieder mit vieler Höflichkeit bis an die Tür
Hier aber veränderte er auf einmal seine Sprache er packte mich ziemlich derb
bei dem Beine an da ich eben im Begriff war das Haus zu verlassen und schlug
die Tür vor mir zu Sir sagte er eilen sie nicht so geschwinde hie bezahlt
man erst seine Zeche ehe man fortgehet Was sagte ich meine Zeche Ich habe
der Madame von Hause meine Aufwartung gemacht Es ist doch hier kein Gasthof
Und wenn es auch einer wäre so habe ich ja nichts verlangt weder Wein noch
Koffee was soll ich denn bezahlen Der böse Mensch schlug ein hönisch Gelächter
auf Sie müssen hier unfehlbar fremde sein dass Sie nicht wissen welchen
Gesetzen Sie Sich unterworfen haben da Sie in dieses Haus getreten sind Haben
Sie nicht oben in dem Zimmer eine Tafel gesehen darauf die Gesetze dieses
Hauses geschrieben stehen Ich beantwortete dieses mit nein Er nötigte mich
hierauf mit Ungestüm wieder mit ihm hinauf in das Zimmer zu gehen und wiess mir
über der Tür desselben eine Tafel die ich vorher nicht bemerket hatte So
viel ich mich davon erinnere war folgendes mit goldenen Buchstaben darauf
geschrieben
1 Wer die Ehre haben will die Madame zu sehen bezahlt einen halben
Guinee
2 Das Vergnügen mit ihr zu sprechen kostet einen Guinee
3 Jeder witzige Gedanke den sie vorbringet wird mit einem Guinee bezahlet
4 Wein Koffee allerhand Erfrischlungen und Konfituren bekommt man hier
um den doppelten Preis
5 Für die Erlaubnis die Madame das erste mal zu küssen werden zwei Guineen
erlegt hernach genüsst man dieses Vergnügen unengeltlich
So viel stund auf der ersten Seite der Kerl fragte mich ob er die Tafel
umwenden sollte Auf der andern Seite sagte er stehen stärkere Posten ich
verlangte aber nicht diese zu sehen Ich gab ihn einen und einen halben Guinee
und wollte fortgehen er war damit nicht zufrieden Sie haben noch die dritte
Post zu bezahlen sagte er hernach können Sie hingehen wohin Sie wollen Ich
schwor dass mir die Madame ihren Witz nicht gezeiget hätte und glaubte damit
durch zu kommen es half aber nichts Sie sind noch ein sehr unerfahrner junger
Herr wenn Sie nicht wissen dass alles witzig ist was ein artig Frauenzimmer
über ja und nein sagt Ich hatte keine Lust mit dem Flegel zu disputiren ich
hohlte noch eine Guinee aus meiner Tasche und begab mich voll Verdruss wieder zu
den Spielen Warlich dachte ich ein kleines Vergnügen für zwei Guineen und
einen halben Ich sah diesen Verlust als eine gerechte Strafe meiner
Verwegenheit an dass ich mich durch den leidigen Eberhard hatte verführen
lassen einen Ort zu besuchen der in allerlei Absicht der Jugend gefährlich
war Ich tat auf der Stelle eine Gelübde mich hinführo für aller bösen
Gesellschaft zu hüten und alle Gelegenheit zur Verführung zu meiden
Da ich mich wieder dem Spieltische des Herrn Eberhards nahete fand ich ihn
in vollem Glücke er hatte einen Haufen Geld vor sich dass ich dafür erstaunte
Er war mit meinen zwanzig Guineen so glücklich da man das Spiel aufgab dreißig
gewonnen zu haben Heute wollen wir uns einmal lustig machen ihr Herren sagte
er ihr habt mich gewinnen lassen ich will euch dafür tractiren Es war schon
des Abends um 10 Uhr da der leidige Eberhard diesen Einfall hatte Wir hatten
auch schon alle etwas von kalter Küche gespeist was konnte er also der
Gesellschaft zu gute tun als dass er sie mit einem Glase Wein bewirtete Die
Spieltische wurden mit Bouteillen besäet die Deckelgläser begegneten einander
so oft dass um die Zeit des zweiten Hahnengeschreies Jedermann einen derben
Rausch hatte Ich will nur meine Sünde offenherzig gestehen ich hatte auch
einen ziemlichen Hieb Wir brachten die Nacht so zu Bei Tages Anbruch ließ der
Wirt ohne unser Verlangen Koffee auftragen um seine Gäste zu ermuntern Um 8
Uhr da sich die meisten heimlich weggenommen hatten befahl Herr Eberhard ich
will ihn nicht mehr Grandison nennen er erniedriget diesen schönen Namen um 8
Uhr sage ich befahl Herr Eberhard einen Wagen kommen zu lassen Der Wirt
machte die Zeche Der Sir suchte seine Börse aber stellen Sie Sich sein
Schrecken für da er sie nicht fand Sie war weg Einer von den gefälligen
Herren die ihn so oft umarmten hatte ihm Gewinnst und Kapital entführet Der
Wirt fing an über die Bestürzung meines Verführers große Augen zu machen er
stjetzte den Arm trotzig in die Seite und sah uns über die Achsel an Seine
Pechmütze die er vorher bescheiden unter dem Arm trug klebte den Augenblick
auf dem Kopfe und so viele Höflichkeiten der arme Erberhard ihm erwies so
wenig konnten diese ihm doch für den Grobheiten dieses ungestümen Mannes
schützen Mit genauer Not erhielt er es auf vieles Bitten dass er gegen eine
Handschrift weg kam der Wirt wollte ihn durchaus zum Unterfande für seine
Bezahlung bei sich behalten Unter Weges war er so niedergeschlagen als wenn er
nach dem Tour hätte sollen gebracht werden Er bereitete sich zu wie er sagte
zu Hause ein heftiges Ungewitter auszuhalten Einmal bat er mich inständig ihm
eine Lügen erdenken zu helfen um dem Zorne seiner Frau auszupariren ich hatte
aber dazu weder Lust noch Geschicklichkeit Bei meinem Quartiere verließ er
mich und versicherte unter hundert Schwüren dass er nicht lange mein Schuldner
bleiben wollte er ist es aber noch immer Sehen Sie wertester Freund wie
leicht die Jugend kann verführet werden in dergleichen Ausschweifungen würde ich
ganz oft gefallen sein wenn Sie mir nicht in Engelland den Tempel der Tugend
das Haus des vortrefflichen Grandisons zur sichern Zuflucht gegen alle
Versuchungen gezeiget hätten Ich höre nie auf deswegen gegen Sie dankbar zu
sein und Sie werden meine Dankbegierde außerordentlich vermehren wenn Sie mir
einen Scrupel benehmen der mich seit der Ausschweifung wozu mich der leidige
Eberhard verleitet hat heftig ängstiget ich habe eben den rühmlichen Entschluss
gefasst welchen mein Onkel so glücklich ausführet Sir Karln nachzuahmen Wer
kann sich dieses Vergnügen versagen der nicht pöbelhaft denkt Wollte Gott
dass alle Leute diesem großen Muster gleich zu kommen sich bemüheten So bald
ich diesen Vorsatz gefasst hatte stellte ich eine genaue Untersuchung meines
Lebens an Ich fand in dem zurückgelegten Teil desselben dem Himmel sei Dank
nichts dass ich zu bereuen sonderlich Ursache gefunden hätte Ich nahm mir vor
von nun an auf den Wegen unsers gemeinschaftlichen Vorbildes und unsers Gönners
zu wandeln allein welche Abweichung hätte ich doch nie den unglücklichen
Eberhard mit Augen gesehen wie viele Unruhe würde ich meinem Gemüte dadurch
ersparet haben Hören Sie nur wie ich mich selbst anklage Sir Karl sage ich
zu mir selber hat sich nie einen Rausch getrunken ich habe mir einen Rausch
getrunken also werde ich nie so vollkommen sein als mein Urbild Untersuchen
Sie diesen Schluss genau teurester Freund Sie haben es weiter in der
Vernunftlehre gebracht als ich Wie sehr wünsche ich dass ich fasch geschlossen
hätte Ein kleiner Ehrgeiz den ich bei mir empfinde macht mich bei meinem
Onkel und auf Sie eifersüchtig Ich weiß dass Sie es beide in der Nachahmung Sir
Karls schon so weit gebracht haben dass er selbst sein Vergnügen über einen so
glücklichen Fortgang nicht verbergen kann und ich sehe mich nun so weit unter
Sie zurückgesetzt Verlangen Sie nicht dass ich mich länger bei einer Sache
aufhalte die mich ganz tiefsinnig macht Wenn Sie mir einen Gefallen erzeigen
wollen so bemühen Sie Sich einen Fehler in meinem Schluße aufzusuchen und
überzeugen Sie mich davon aufs eheste
Sie glauben mir es ohne eine weitläuftige Versicherung auf mein Wort ich
bin davon überzeugt dass ich den vollkommensten Anteil an Ihrem Ruhme nehme
Wie kann ich es also verschweigen was man hier zu Ihren Vorteile spricht Vor
einigen Tagen hatte der Herr Baronet eine auserlesene Gesellschaft bei sich sie
wurden dadurch desto merkwürdiger weil der berühmte Richardson sich darunter
befand der seinen Ruhm den ihm schon eigne Schriften erworben durch die
Herausgabe der Geschichte des Herrn Grandisons auf den höchsten Gipfel gebracht
hat Man ist immer begierig außerordentliche Leute von Person kennen zu lernen
ich würde mir ein Vergnügen daraus machen ihn nach dem Leben zu schildern und
von Fuß bis auf die Scheitel zu beschreiben wenn er nicht diese Mühe mir zu
erspahren die Gütigkeit gehabt hätte Er versprach mich mit seinem Portrait zu
beschenken Sobald ich dieses erhalte will ich es meinem Onkel in seine
Bildergallerie verehren wo Sie es zu sehen bekommen werden Man sieht es diesem
Manne an dass er einen edlen Ehrgeiz besitzt unsterblich zu sein Es scheint
dass er alles würde unternommen haben um diesen Zweck zu erreichen und wenn es
ihm mit der Feder nicht geglücket hätte so hätte wie es scheint der Degen ihm
ein Andenken stiften müssen Er tut eben nicht stolz auf seinen Ruhm aber mich
dünkt er lässt keine Gelegenheit vorbei solchen immer zu erweitern Die großen
Leute sind vermutlich wie die Reichen gesinnt jemehr sie haben je mehr sie
sammlen wollen das Plus vtra ist der Wahlspruch von beiden Der Baronet wusste
bei der Tafel die Unterredung so artig auf meinen Onkel und auf Sie teurester
Freund zu lenken dass es gar nicht schien als wenn er eine Ehre darin
suchte es der Gesellschaft bekannt zu machen dass er in Deutschland glückliche
Nachahmer seines großen Charakters gefunden hätte Er machte dem Herrn
Richardson ein artig Kompliment dadurch das ihm allein die Ehre zuschrieb dass
er der Welt nicht ganz unbekannt geblieben wäre Doctor Bartlett erklärte
hierauf die Meinung seines Gönners etwas deutlicher und fing an durch Ihr und
meines Onkels Beispiel die Nutzbarkeit der Ausgabe der Geschichte des Herrn
Grandisons zu beweisen Mich dünkt ich sah Sie vor mir da ich den ehrlichen
Doktor so disputiren hörte Sein Vortrag stimmt mit dem Ihrigen aufs genauste
überein
Obgleich Niemand unter der ganzen Gesellschaft daran zweifelte dass Sir
Karls Geschichte in mancherlei Absicht für die Welt nutzbar wäre so häufte doch
doch der Doctor dieses zu beweisen Schluss auf Schluss und ich wurde überzeuget
dass es allerdings Mühe kostet Dinge zu beweisen die keines Beweises bedürfen
Dieser Ehrenmann war so eifrig dass ihm der Schweiß immer über die Backen lief
Ich dachte mehr als einmal an Sie Es würde mir viel Mühe kosten wenn ich
nachzählen sollte wie viel mal Ihr und meines Onkels Name rühmlich genannt
wurde so viel ist gewiss dass ich mir nichts geringes darauf zu gute tat da
ich es der ganzen Gesellschaft offenbaren konnte dass ich die Ehre Ihres
Unterrichts genossen hätte und ein Anverwandter von dem Herrn vN wäre Herr
Richardson machte mir hierbei eine tiefe Verbeugung Er saß die übrige Zeit bei
der Tafel beständig in Gedanken und grübelte mit der Gabel auf dem Teller Ich
glaubte er sönne auf eine Anlage zu einer neuen Pamela Beim Tee entdeckte ich
endlich die Ursache seiner Tiefsinnigkeit Er bat mich innständig ihm die
Briefe die die vortrefflichen Unternehmungen meines Herrn Onkels und seines
klugen Freundes dem Herrn Grandison nachzueifern enthielten mitzuteilen Ich
besaß nicht Herzhaftigkeit genug diesem berühmten Manne etwas abzuschlagen ehe
ich also die Sache genau überlegen konnte tat ich das übereilte Versprechen
ihm diese Briefe auszuhändigen wenn ich die Erlaubnis dazu von meinem Onkel
erhalten hätte Ich ärgerte mich abscheulich über mein voreiliges Versprechen
da ich Zeit gewann diese Sache reiflicher zu überlegen Herr Richardson schien
über meine Gutwilligkeit außerordentlicher vergnügt er legte sein
aristotelisches Gesichte wieder ab und gab sich das Ansehen eines munteren
Hofmannes Hieraus konnte ich leicht mutmaßen dass er sich schon mit der
angenehmen Hoffnung schmeichelte seinen Ruhm durch die Bekanntmachung einer
Sammlung von Briefen die der Grandisonischen nichts nachgibt noch mehr
zusteigern Dieser Gedanke machte meinen Ehrgeiz rege Ich bin mir selbst der
nächste dachte ich Niemand würde etwas von einem Richardson wissen wenn er
sich nicht durch eigene Schriften bekannt und durch fremde berühmt gemacht
hätte Ich will mit einem Hiebe zwei Streiche tun Einen Roman zu schreiben
das ist meine Sache nicht ich will die Geschichte meines Onkels ins
Französischen übersetzen ich will sie in Strassburg drucken lassen und dadurch
auf einmal bekannt und berühmt werden Bitten Sie Ihren Principal dass er mir zu
diesem rühmlichen Vorhaben seine Erlaubnis erteilet wenn ich diese erhalte so
werde ich Engelland mit Vergnügen verlassen und Strassburg als die holde Mutter
meines zukünftigen Ruhms betrachten Mein Brief wird länger als ich im Anfang
dachte Ich würde hier schließen wenn ich befürchtete Sie zu ermüden allein
ich habe Ihnen noch ein Wort zu sagen darüber Sie vielleicht nicht misvergnügt
sein werden
Neulich bat mich der Doctor Bartlett nebst dem jungen Grandison und seinem
Hofmeister zu sich der Baronet und seine Gemahlin waren eben nach Schirleimanor
verreisst Seine Wohnung war aufs beste ausgeschmückt jedermann war darin
geschäftig Der Doctor ging mit gravitätischen Schritten in seiner mit Spitzen
bebrämten Turmmütze Trepp auf Trepp nieder und hatte auf sein geschäftiges
Gesinde ein wachsames Auge Wir speissten in seiner Gaststube Weil ich glaubte
dass er sich meinetwegen in solche Unkosten gesteckt hätte so sann ich schon bei
dem ersten Gerichte auf ein Entschuldigungscompliment dass ich ihm wider
Vermuten so viele Ungelegenheit verursachen sollte allein ich hatte nicht
nötig dieses anzubringen Bei dem ersten Becher Wein der herum gegeben wurde
und der eben so wohl als die übrigen nebst dem Flaschen und Kelchgläsern mit
Ephen und Blumenkränzen gezieret war wurde ich meines Irrtums inne Der Doctor
nahm einen Becher in die Hand und nachdem er sich von seinem Stuhle erhoben
hielt er diese Anrede an uns Geliebtesten Freunde Sie werden sich ohne Zweifel
wundern dass ich heute da ich mir die Ehre Ihrer Gesellschaft erbeten habe
wider meine Gewohnheit verschwenderisch in Anschaffung der Speise und des
Trankes gewesen scheine Sie sehen diese Tafel mit so vielen Gerichten besetzt
dass solche hinreichend sein würden alle Innwohner dieses ganzen Dorfes
reichlich davon zu sättigen Jener Schenktisch zeigt Ihnen einen Vorrat von
Weinflaschen welche von uns kaum in vier Wochen würden können ausgeleeret
werden Tadeln Sie mich nicht wegen einer scheinbaren Üppigkeit ehe sie das
was ich zu meiner Rechtfertigung sagen werde vernommen haben Der heutige Tag
ist in dem neuen Kalender mit einem so vortreffliNamen bezeichnet dass ich
glaubte ein Recht zu haben mir denselben zu einem Festtage zu machen
Lampertus was für ein nachdrückliches was für ein schätzbares Wort ist dieses
mir das mich an einen gelehrten an einen vollkommenen Freund erinnert Der 17
September wird mir hinführo allemal ein Tag der Freude sein wie der Geburtstag
meines Gönners und seiner vortrefflichen Gemahlin Rechtfertigen Sie
hochansehnliche Gesellschaft meinen Eifer den Namenstag eines verdienstvollen
Mannes mit dem ich durch das Band der Freundschaft aufs engste verbunden bin
feierlich zu begehen Es ist nicht die Ehre Sie bei mir zu bedienen es ist das
Vergnügen einen Tag zu feiern der mit meinem Freunde einerlei Namen führt
dadurch ich bin angetrieben worden eine halbjährige Besoldung aufzuopfern um
durch diese äußerlichen Zeichen welche Sie hier vor sich sehen und genüssen
meine Hochachtung gegen einen berühmten Ausländer an den Tag legen zu können
Lassen Sie uns von dem Guten das wir hier haben so viel zu uns nehmen als
zureichen wird unsern Hunger und Durst zu stillen alsdenn helfen Sie mir die
übrigen Brocken den Armen die sich vor meiner Tür versammlen werden
austeilen dass sie dadurch ihr Herz laben und erquicken Anjetzo aber
vereinigen Sie ihren Wunsch mit dem meinigen Es lebe der Herr Lampertus
Wilibald Wir stießen alle mit den Gläsern zusammen Ich habe eben vergessen zu
melden dass einige von den Herren Vicinis des Doctors gegenwärtig waren Die
ganze Gesellschaft bestund aus zwölf Köpfen Da ich meinen Hunger gestillet
hatte bekam ich Zeit besonders da die Herren Pastores einen armen Ketzer aus
dem Altertume misshandelten die artige Einrichtung des Doctors bei der Tafel
wahrzunehmen Im Anfange wunderte ich mich dass die Tische woran wir speissten
so gestellt waren dass sie die Figur eines Winkelhakens bekamen ohne dass es
die Gelegenheit des Zimmers zu erfodern schien nun aber sah ich ein dass wir
an einer figurirten Tafel speissten und dass diese ein lateinisches L vorstellte
Der Doctor hatte auch sogar von dem Konditor des Baronets ein artiges Desert
verfertigen lassen die Vorstellung davon ist mir entfallen So viel weiß ich
dass ich etwas das Ihrem Wappen ähnlich sah darauf entdeckte Der Doctor
sagte es wäre dieses Wappen von einem Briefsiegel genommen daher kam es auch
dass es nicht eben gar zu genau mit dem Original überein stimmte Der Konditor
hatte aus Unverstand die zwei Sphinxe in zwei gekrönte Löwen und die Schlange
welche in ihren Schwanz beißt dieses alte hierogliphische Bild der Aegypter in
eine Bretzel verwandelt Da wir nach Tische den Tee getrunken hatten musste der
Schulmeister anfangen zu läuten dieses war das Signal dass sich die Armen vor
dem Hause des Doctors nun versammlen sollten In wenig Minuten wimmelte der
Pfarrhof von Leuten Sie mussten sich auf Befehl des Doctors in drei Reihen
stellen und nachdem er sie Mann für Mann besehen hatte mussten alle Gäste die
Ausspendung der Wohltaten des Doctors über sich nehmen Es bekam jedes von
diesen Armen ein Groschenbrod welches mit einem lateinischen L gezeichnet war
ein Stück Braten und einen Becher Wein Ihre Gesundheit wurde hier unter freiem
Himmel über hundertmal von Gichtbrüchigen Lahmen und Blinden getrunken Ihr
Name wurde also bei dieser Gelegenheit wieder vielen Leuten bekannt gemacht und
zwar auf eine solche Art die im Stande ist Ihr Andenken lange in Segen zu
erhalten Leben Sie wohl berühmter Freund Ich will hier geschwinde schließen
um Ihnen Zeit zu lassen über so schöne Aussichten in Ansehung Ihres Ruhms sich
zu vergnügen Für dieses mal leben Sie wohl
XLVII Brief
Der Doctor Bartlett an den Magister
Grandisonhall den 7 Oct
Hochgeehrtester Herr Magister
Wie gerne erfülle ich doch die Befehle meines Gönners wenn er mir den Auftrag
tut Ihren Herrn Principal sowohl als Sie selber von seiner Hochachtung und
Ergebenheit zu versichern Er wünschet aufrichtig mehr als eine schriftliche
Versicherung seiner Freundschaft dem Herrn von N geben zu können allein jetzo
sieht er sich in die verdrüssliche Notwendigkeit versetzt solche durch mich
nochmals schriftlich wiederholen zu lassen da alle Hoffnung verloren ist
solches auf eine nachdrücklichere Art zu tun Ihr Herr Principal hat vor
einiger Zeit die Bittschrift seiner Untertanen an meinen Gönner mit einem
Erzählungsschreiben zu begleiten die Güte gehabt Sir Karl bezeigte uns sein
empfindliches Mitleiden über die unglücklichen Schicksale welche seit einem
Jahrhundert und drüber das ihm zugehörige Dorf Kargfeld betroffen haben Er
bedauerte hauptsächlich dass das Absterben der verehrungswürdigen Frau Shirlei
zufälliger Weise zu einem neuen Unglücke Gelegenheit gegeben Wenn ihn nicht
schon seine Menschenliebe geneigt gemacht hätte die Bitte dieser Gemeinde zu
erfüllen so würde doch die Hochachtung gegen seinen Freund den Herrn vN und
die Pflicht gegen die fromme Mutter seiner Gemahlin ihn hierzu angetrieben
haben Er bemüte sich daher aus allen Kräften es dahin zu bringen dass eine
Kollecte für die Kirche in Kargfeld durch ganz Brittanien möchte ausgeschrieben
werden allein die Sache war zu wichtig als dass man sie ohne Guteissung des
Parlaments zur Ausführung hätte bringen können Aus dieser Ursache begab sich
der Herr Baronet selber nach Londen und besprach sich von dieser
Angelegenheit mit vielen seiner Herren Kollegen mit vielen Gliedern des
Unterhauses Er war so glücklich keine geringe Anzahl derselben auf seine Seite
zu bringen Die Sache wurde so gut eingeleitet dass man an einem glücklichen
Erfolg nicht zweifelte Am 11 Sept wurde der Bill wegen Einsammlung dieser
Kollecte durch ganz Brittannien für die Kirche zu Kargfeld um ersten male
gelesen und passirte ohne Widerrede Den 13 Sept da er zum andern male gelesen
wurde setzte es deswegen heftige Streitigkeiten Die Gemüter wurden gegen
einander erhitzt und die Sitzung dauerte bis Abends um 9 Uhr Am 18 da man ihn
zum letzenmale las wurde die Einsammlung dieser Kollecte mit 284 Stimmen gegen
113 verworfen Herr Grandison war an diesem Tage in dem Unterhause davon er
ein Glied ist und tat alles die Verwerfung dieses Bills zu hintertreiben
allein diesmal liefen seine Bemühungen fruchtlos ab
Ich gab ihm hierauf den Rat auf seine eigene Kosten eine mäßige Glocke
gießen zu lassen und solche der Gemeinde in Kargfeld zu verehren Er folgte
meinem Rate und war so eilfertig dieses gute Werk auszuführen dass solche
schon am 27 September eingeschiffet wurde Aber wenn Unglück sein soll so muss
sich alles fügen Aus Vorsicht war diese Glocke in ein Schlagfass eingepackt
allein ein vorteilsüchtiger Zollbedienter ließ dieses Schlagfass mit Gewalt
öffnen und da er eine Glocke darinnen erblickte erklärte er solche alsbald für
Kontreband Sie war verfallen Ich hatte selbst den Schmerz sie in Londen in
die Stückgiesserei bringen zu sehen Es soll eine sechzehnpfündige Kanone daraus
gegossen werden welche den Namen der Glocke von Kargfeld beibehalten und
vielleicht in der ersten Belagerung einer Vestung sich berühmt machen wird
Sehen Sie geliebtester Freund dass es also keinesweges an meinem Gönner lieget
wenn er den Eifer seinen Freunden in Deutschland Gefälligkeiten zu erzeigen
nicht wie er wünschet tätig erweisen kann Erwarten Sie nebst mir einen
günstigern Augenblick der vielleicht alles das zur Wirklichkeit bringt was
jetzo nur noch bloße Wünsche sind Sie haben mir in Dero letztern Briefe den
unglücklichen Bornseil empfohlen Wie nahe geht es mir dass ich auch in Ansehung
seiner nichts anders als gute Wünsche tun kann Ich wollte dass er hier wäre
ich wünschte dass er nur etwas von dem Überflusse der Pachter Sir Karls genüssen
könnte und ich bin versichert dass er vollkommen zufrieden sein würde Mit
gutem Gewissen kann ich den ehrlichen Mann nicht raten eine Reise nach England
zu unternehmen Gesetzt dass er der stürmischen See und den Kaperschiffen
welche um unsre Insel herum schwärmen entginge wie schwer würde es ihm werden
in unsern Häfen sich für größeren Gefährlichkeiten zu hüten Die Matrosenpressung
wird jetzo hier mit aller Macht getrieben wenn dieser gute Mann einem
unbarmherzigen Werber in die Hände fiel so würde er ohne Rettung verloren
sein Würde er nicht hernach Ursache haben mit Rechte so wohl über Sie als
mich seine Klaglieder anzustimmen Mein Gönner ist der Meinung er sollte die
Regel des weisen Sittenlehrers beobachten in seinem Vaterlande bleiben und
sich ehrlich nähren so würde das alte Schprichwort von ihm erfüllt werden
artem quaevis alit terra Meine Geschäfte wollen mir das Vergnügen nicht länger
erlauben mich mit ihnen zu unterreden Ich kann meinem Briefe nichts weiter
beifügen als eine Bitte meinen Gönner und die Seinigen wozu ich auch gehöre
dem Herrn von N bestens zu empfehlen sich aber selbst zu versichern dass ich
mir jederzeit ein außerordentliches Vergnügen daraus machen werde mit der
vollkommensten Aufrichtigkeit zu sein
Meines Hochgeehrtesten Herrn Magisters
ergebenster Diener und Vorbitter
Ambrosius Bartlett D
Zweiter Teil
I Brief
Der Hr von N an den Hrn vW
Kargfeld den 19 Sept
Ist der Roman schon zu Ende Denke das ja nicht lieber Herr Bruder ich bin
vielmehr bereit meine Sache entweder als ein Grandison auszuführen oder zu
sterben Indessen aber fluche ich auf dich auf deine Frau auf den Major auf
den Magister und auf alle welche bei dem vermeinten Verlöbnisse waren Wenn
mir Lampert die Stelle aus dem Grandison wo Sir Karl ein Gespenste gewesen
recht ausgelegt hätte so würde ich gar nicht auf den Einfall geraten sein
dich und deine Frau im Schlafe zu stöhren Ich war aber von der ganzen Sache so
eingenommen und verblendet dass ich bereits in Gedanken über den zu hoffenden
glücklichen Erfolg triumphirete Warum habt ihr aber den armen Bornseil davon
gejagt Der Kerl ist so unschuldig wie ein Kind in Mutterleibe Er wollte nicht
einwilligen er wurde aber überredet Du weißt dass, wenn der Magister zu
demonstriren anfängt ihm weder Menschen noch Vieh widerstehen können Setze ihn
wieder in sein voriges Amt damit der arme Teufel nicht betteln gehen oder mir
seine Kinder vor die Tür legen darf Tut er es so lasse ich die Bälge ins
Wasser werfen Mit deiner Frau bin ich gar nicht zufrieden sie versteht keinen
Spaß Wär sie meine Frau so bekäm sie alle Tage ihre Prügel Du musst ein hartes
Leder haben dass du so viel ausstehen kannst wiewohl wenn man dir am Tage
Essen und Trinken gibt und des Nachts deine Ruhe lässt so bist du mit der
ganzen Welt zufrieden
Außerdem merke ich dass sie der Major sehr wohl leiden kann Es ist zwar
mehrmals davon gesprochen worden nunmehr wird mir die Sache immer
wahrscheinlicher Sage mir doch bona fide war ich damals stark besoffen ich
kann es nicht glauben ungeacht Lampert dazu schwöret sollte ja etwas
vorgefallen sein so ist der Major an allem Schuld gewesen Wär ich kein
Grandison so wollte ich den Pursch schon finden Ich schere mich den Henker um
ihn er mag deiner Frau ihr Vetter sein oder nicht
Ich habe eine tüchtige Delicatesse für die Ehre doch was weißt du was
eine Delicatesse in der Ehre ist da du sie weiter nicht als nur in einer
Pastete und in einem Wildpretsbraten zu suchen gewohn bist Schreib mir also ob
sich der Major in Reden wider mich vergangen hat Der Wein fiel mir damals für
die Ohren dass ich nicht alles genau vernehmen konnte Drohen lass ich mir nicht
das sage ihm Sir Hargrave und Greville waren andere Kerls als der Major
indessen wusste sie Herr Gevatter Grandison doch zu bändigen Was dieser kann
das kann ich auch Ich wär längstens wieder zu dir kommen wenn mich meine alte
Mucke nicht überfallen hätte Das Podagra ist es nicht wie der Magister sagt
sondern eine ganz andere Krankheit die aber weniger zu bedeuten hat Schreib
mir ja bald damit ich sehe ob du böse bist oder nicht Auf meiner Seite soll
alles vergeben und vergessen sein Inliegenden Brief gib deiner Fräulein
Tochter Du kannst leicht mutmaßen dass verliebte Leute einander immer etwas zu
sagen haben Lebe wohl der Himmel behüte deine Beine für allem Übel Ich bin
Dein
aufrichtiger Freund
vN
NS Reiss meinen Brief in Stücken damit der Teufel sein Spiel nicht hat Ich
möchte deine Frau nicht gern böse machen Adieu
vt supra
II Brief
Einschluss an Fräulein Julianen von dem Hrn vN
Kargfeld den 19 Sept
Hochwohlgebohrnes Fräulein
Gnädiges Fräulein
Wenn Ihnen mein letzter Auftritt in Wilmershausen misfällig gewesen ist so
bitte ich dieserwegen hundert Millionen mal um Verzeihung
Der Henker hole es war nicht böse gemeint Ich wollte wie Sir Karl zum
ersten male als ein Gespenste erscheinen aber der Magister und der
sappermentische Jeremias verdarben den ganzen Handel Zum Unglück verstand Ihre
Frau Mama keinen Spaß und so musste denn freilich alles contrair gehen Ich höre
auch dass ich damals einen kleinen Rausch soll gehabt haben es kann wohl
sein was ist aber daraus zu machen der Wein und die Liebe überwältigen oft den
bravsten Kerl von der Welt Ich biete Ihnen also mein Herz vom neuem an und
bitte demütig um Ihre Gegenliebe Schlagen Sie mir diese Bitte nicht ab
schönstes Fräulein Erlauben Sie dass ich kommen und mich in der Cederstube zu
Dero Füßen werfen darf Ich will im blauen Hechte absteigen und mich erst
anmelden lassen ich will der bescheidenste und artigste Mann sein ich will nur
das poculum hilaritatis minus trinken ich will Ihnen ein Geschenk machen das
meinem Vermögen gemäß ist ja ich will Sie Zeitlebens als eine Göttin verehren
und alsdenn sterben als
Dero
getreuester Sklave
vN
III Brief
Der Herr vW an den Herrn vN
Wilmershausen den 19 Sept
Du hast schön Zeug mit deinem Briefe gemacht Weißt du denn nicht dass ich nicht
schreiben kann und dass meine Frau alle Briefe erbricht die an mich einlaufen
Diesen Brief schreibt mir mein neuer Verwalter sonst würdest du niemals eine
Antwort erhalten haben Meine Frau war wie du leicht denken kannst bei
Erbrechung deines Briefes außer sich Sie gab eine ganze Salve von Flüchen riss
in der Bosheit ihr Nachtzeug ab und warf es in eine Ecke Niemals werde ich den
Auftritt vergessen Höre was sie sagte so ein alter verfluchter Bärenhäuter
will sich über mich aufhalten mich prügeln wenn ich seine Frau wäre und hat
mich noch darzu mit dem Major im Verdachte die Augen will ich dem Hunde
auskratzen Ich versuchte zwar dich zu entschuldigen und sie zu besänftigen
allein nun fing sie auch mit mir an warf mir meine Einfalt Faulheit und noch
andere Dinge vor die ich nicht gerne erzählen will Den Augenblick sprach sie
fordern sie den alten Kerl heraus wenn sie noch für sechs Pfennige Kourage im
Leibe haben sie müssen sich mit ihm schlagen oder ich lasse mich von ihnen
scheiden
Fürchte dich nicht Bruder ich werde dich nicht heraus fordern Beiläufig
siehst du dass aus der Heirat mit meiner Juliane nichts werden wird Meine
Frau ist zu sehr aufgebracht Ich bin müde weiter zu dictiren Mache was du
willst
vW
NS Ich höre dass meine Frau alleweile einen Boten an den Major absendet Gott
wende alles zum Besten
IV Brief
Fräulein Amalia an ihren Bruder
Schöntal den 20 Oct
Wo werden sich die Torheiten unsers Onkels endigen Die Frau vW ist ganz
rasend Sie hat den Major aufgehetzt und dieser ist Willens sich mit dem alten
Ritter zu schlagen Hier ist der Fehdebrief
Mein Herr
Ich würde der Ehre die Frau von W meine Base zu nennen ganz unwürdig
sein wenn ich sie von Ihnen wollte beschimpfen lassen Wie haben Sie
Sich also unterstehen dürfen einen so boshaften Brief an ihren Gemahl
zu schreiben Es war nicht genug dass Sie als ein zweiter Don Quijotte
die ehrlichen Leuten des Nachts in der Ruhe stöhrten und öffentlich zu
erkennen gaben dass Sie ein Narr wären sondern Sie mussten auch nachher
die Ehre dieser Dame durch einen ungegründeten Verdacht beleidigen
Eine Züchtigung kann Ihnen also nicht schaden Kommen Sie auf künftigen
Donnerstag zu Ihrem und meinem Freunde den Baron von F wo wir die
Sache mit ein paar Pistolen ins Reine bringen wollen Adieu
v Ln
Der Onkel fluchte bei dem Empfange dieser Ausforderung wie ein Botsknecht
Endlich kam der Geist Grandisons wieder zu ihm Lampert tat Vorstellungen
Kunigunde weinte Ich wusste anfangs selbst nicht ob es Scherz oder Ernst sein
sollte aber nunmehr sehe ich dass der Baron vF sich einmal satt lachen will
Der junge Wendelin soll als Geschwindschreiber mitgenommen werden Du sollst
also eine sichere und vollständige Nachricht von dem Zweikampfe dieser Männer
erhalten Lampert hat mir ein Paquet an den eingebildeten Dr Bartlett gegeben
Du kannst es lesen und aufheben Ich sehne mich recht sehr dich mündlich zu
sprechen und dir die aufrichtigsten Merkmaale meiner Liebe zu geben Lebe wohl
V Brief
Magister Lampert an den Doctor Bartlett
Ich sehe aus einen Schreiben unsers jungen Kavaliers dass Ew Hochwürden meinen
Namenstag in Grandisonhall feierlich begangen haben
Teuerer und schätzbarer Gönner womit verdiene ich eine solche Gewogenheit
Ich bin gerührt und es fehlt mir an Worten Ihnen die dankbarsten Empfindungen
meines Herzens abzuschildern Nehmen Sie hier einen Abriss der merkwürdigsten
Umstände meines Lebens hochgeneigt an Sie können es der Königl Societät der
Wissenschaften in meinen Namen überreichen Ich arbeite gegenwärtig an einem
großen Werke1 Aus Dankbarkeit will ich es gedachter Gesellschaft dediciren
Ich komme nunmehr zur Sache selbst und liefere Ihnen memoires pour servir
a lhistoire de Monsieur Lampert Vilibald oder Denkwürdigkeiten der
Lampertischen Geschichte Ich Lampert Wilibald bin unter freiem Himmel zwischen
Weissenfels und Merseburg auf der sogenannten Michelshöhe den 29 Februarius 1716
geboren worden
Scholion I Meine Eltern waren eben auf der Reise Meine Mutter glaubte nicht
dass ihre Niederkunft so nahe sei sie wurde also übereilt und nachher auf
einem Karn nach Rosbach gebracht welcher Ort nunmehr in allen Teilen der
Welt bekannt worden ist.
Schol II Das Jahr 1716 war ein Schaltjahr Da ich nun eben den 29 Febr das
Licht der Welt erblickte so kann ich meinen Geburtstag nur alle vier Jahr
feiern welches auch künftiges Jahr 1760 wenn ich anders noch lebe zu
Kargfeld geschehen wird
§ 2
Nachdem meine Mutter ihre sechs Wochen zu Rosbach gehalten hatte so packte
sie mich fein säuberlich in einen Korb und trug mich nach Hause
§ 3
Im sechsten Jahre meines Alters führte mich mein Vater in die zu Dürrenstein
befindliche Schule in welcher ich in allen unterrichtet wurde in quibus
puerilis aetas impertiri debet Nep in Attic
Schol Der Schulmeister war zugleich ein Metzger sonst aber sang er einen guten
Bass durch die Fistel und schnitt auf Bauernhochzeiten so manierlich vor
als ein Trabizius Der gute Mann prophezeihte immer dass ich meiner klugen
Reden wegen frühzeitig sterben würde es ist aber nicht eingetroffen
§ 4
Ich hatte indessen eine unüberwindliche Neigung zu den Wissenschaften ich
machte mir heimlich eine Peruque von Werg ich war allemal der Gerichtsdirector
unter den andern Jungen und wenn sich einer widerspenstig bezeigte so
peitschte ich ihn dass er hätte Öl geben mögen Dieses letztere ist mir desto
leichter zu vergeben weil Cyrus in seiner Jugend dergleichen auch getan
Nunmehr änderten sich die Umstände zu meinem Vorteile und ich kam von
Dürrenstein weg
Schol I Mein Vater war ein wirklicher Polyhistor Er riss Zähne aus und setzte
Zähne ein stach den Star verschnitt den Bauern die Haare und musste dem
Schulzen seinen Bart scheeren Er konnte aus der Tasche spielen und tanzte
meisterlich auf dem Seile
Schol II Dieser mein Vater nun sollte dem Schulmeister einen Zahn ausziehen
er kam aber über den unrechten welchen der ehrliche Mann noch brauchen
wollte Dieser albere Streich machte den Küster so wütend dass er meinen
Vater in die Haare fiel und ihm also Gelegenheit gab den Kantor tüchtig
abzuprügeln Sie gingen in dem Entschlusse auseinander niemals wieder
Freunde zu werden und ich wurde sogleich aus der Dorfschule genommen und
nach G in das Gymnasium gebracht
§ 5
Auf diesem Gymnasio habe ich bis 1736 alle Klassen durchritten Ich ging in
die Currente wurde famulus communis frass täglich drei Pfund schwarz Brodt und
bewiess in meiner Abschiedsrede Dass Johannes in der Wüsten keine Heuschrecken
sondern Krebse gegessen habe
§ 6
Nunmehr begab ich mich also nach H Wer kein Vermögen hat muss sich hier
durchfressen Dieses tat ich auf die feinste Art von der Welt Außerdem
disputirte ich zweimal publice und schlug mich sechsmal privatim wurde aber nur
ein einziges mal von einem M verwundet 1740 erlangte ich die Würde eines
Magisters welche ich noch mit Ruhme trage
Schol Ich führe noch bis dato von obiger Schlägerei eine ansehnliche Narbe als
ein Ehrenzeichen auf dem linken Backen
§ 7
In gemeldetem Jahre starb mein Vater Was sollte ich nun tun ich begab
mich auf die Wanderschaft Die Haare würden Ihnen verehrungswürdiger Gönner zu
Berge stehen wenn ich meine verdrießlichen Begebenheiten auf dieser Reise
erzählen wollte Hunger und Durst musste ich ausstehen Wie viel mal habe ich
unter freiem Himmel schlafen müssen Die Handwerksgenossen waren nicht allemal
so höflich als ich glaubte dass sie sein sollten Für mich war also nichts
weiter zu tun als dass ich 1742 unter die Königl Preussl Husaren ging und
mir einen Bart wachsen ließ Zum Unglück sah mein Rittmeister in dem ersten
Feldzuge ein dass ich zu keinem Soldaten geboren war Ich bekam meinen
Abschied und ging voller Verzweifelung nach Dürrenstein Hier hatte der Himmel
für mich gesorgt Der Hr von N brauchte einen Informator und fand in mir alle
Eigenschaften eines solchen Mannes
§ 8
Hier habe ich verschiedene Junkers und Fräuleins erzogen Die benachbarten
Edelleute erfuhren meine Geschicklichkeit und taten ihre Kinder bei meinem
Herrn Principal in die Kost Ich machte mich also eben so berühmt als
Melanchton und Trotzendorf ehedem gewesen waren
§ 9
An Vermögen fehlt es mir nicht Die Menschen welche um mich sind haben von
Natur muntere Seelen Alles lacht und scherzt Nur mein gnädiger Patron hat
manchmal ernstaftere Gedanken Fräulein Kunigunde lacht schon seit 30 Jahren
nicht mehr die andern aber sind desto lustiger Die beständigen Abwechselungen
machen dass ich mich zeitero nach keiner Pfarrstelle gesehnt habe Nur eins
liegt mir im Kopfe ich seufze nach Hanchen ihrer Gegenliebe Der
unempfindlichste Stoiker müsste bei dem Anblicke dieses reizenden Mädchens
verliebt werden Vielleicht ändert sich ihre Gesinnung wenn ich nach den
Versprechen meines Principals ihrem Vater im Amte nachfolge Wo nicht doch
es muss sein es muss sein
Von Natur bin ich ein Sanguineo cholericus Das Geld ist mir gleichgültig
ich ziehe die Lustbarkeiten dem Besitze der ganzen Welt vor
Hier haben Sie also teuerster Gönner eine kurze Nachricht von meinen
Lebensumständen Sollten Sie diese memoires der Königl Societät vorlesen so
melden Sie mir doch was für Urteile darüber gefällt werden Doch diesen
letztern § den ich bloß zu Ihrer Nachricht beigefüget und auf ein besonders
Blatt geschrieben habe werden Sie vorher schon davon tun Ich bin stark
Willens eine Academie im kleinen auf dem Rittersitze meines Hrn Principals
anzulegen Die schönen Künste sind ja Kinder des Überflusses An Essen und
Trinken mangelt es uns nicht und ich habe den Hrn von N welcher den Witz
eines großen Mannes besitzt bereits darzu aufgemuntert Es sollen vier Klassen
geordnet werden Die erste wird sich mit der Landwirtschaft beschäftigen
Erfahrne Verwalter und Bauern können hierinnen nützliche Mitglieder abgeben
denn diese Männer verstehen von der Oekonomie mehr als die Gelehrten Die zweite
Klasse ist der französischen und lateinischen Sprache gewidmet die dritte aber
tractirt Staatssachen In diesen beiden sollen Pastores Mamsells und politische
Kannengieser angenommen werden Die vierte heißt die musicalische Der Grund ist
bereits gelegt denn es wird wöchentlich bei uns Konzert gehalten Vor drei
Wochen ließ sich ein reisender Schulmeister auf der Orgel hören Mein Principal
verehrte ihm ein paar lederne Hosen die ihm sehr nötig und angenehm waren Ich
denke es sollen mehrere Virtuosen kommen Da ich Willens bin den ersten
Präsidenten in der Akademie vorzustellen so werde Ew Hochwürden in kurzem
nähere Nachricht durch den ordentl Secretair von dem Erfolge der Sache geben
lassen bleibe indessen mit Hochachtung
Dero
gehorsamster Diener
M Lampert Wilibald
Fußnoten
1 Es ist eigentlich ein allgemeines historisches Lexicon aller Magister welche
seit der Reformation in Deutschland gelebt und sich entweder durch Kinderzeugen
oder Bücherschreiben berühmt gemacht haben Dieses Werk wird ungefähr 30
Alphabete stark werden und in Leipzig herauskommen
VI Brief
Das Fräulein vW an das Fräulein vS
Wilmershausen den 26 Sept
Was werden Sie denken dass ich eine ganze Woche lang ein tiefes Stillschweigen
beobachtet habe Wenn Sie meine Briefe auch so lange unbeantwortet lassen
wollten so würde ich mich mit tausend argwöhnischen Gedanken schlagen Ich bin
nun einmal so und ich werde nicht irren wenn ich mich mit dem Selbstpeiniger
aus dem Terenz vergleiche ich mache mir einen Haufen Sorge und ängstige mich
wo ich es nicht nötig habe Sie besitzen einen glücklichen Charakter Sie
lachen mit dem Herrn vF über die ganze Welt und machen sich nicht eine
ängstigende Vorstellung Nicht wahr Sie haben sich nicht einmal über mein
Stillschweigen gewundert Sie dachten wohl nicht daran dass die Ursache davon
eine Unpässlichkeit sein könnte oder dass mir vielleicht gar der Briefwechsel mit
Ihnen wie der Klarisse mit dem Fräulein Howe könnte untersagt sein Solche
Vorstellungen würde ich furchtsames Mädchen mir nur haben machen können wenn
ich an Ihrer Stelle wäre und Sie Sich an der meinigen befänden aber davon
wissen Sie nichts Sie haben recht wohl getan dass Sie Sich keine so unnötige
Sorge machten ich befinde mich wohl und habe auch noch nicht den grausamen
Befehl erhalten mit Ihnen keine Briefe mehr zu wechseln Meine Mutter ist zwar
mit Ihnen ganz und gar nicht zufrieden und wenn der Herr vN noch wohl bei ihr
angeschrieben stünde so könnte es sein dass sie sich öffentlich gegen Sie
erklärete Doch die glückliche Zwietracht zwischen ihr und dem Herrn Onkel von
Ihnen macht sie gegen mich etwas geschmeidiger sie gestattete es dass ich unter
der Hand einen Briefwechsel mit Ihnen unterhalten darf ob sie mir gleich bis
jetzo noch nicht erlauben will Ihnen selbst meine Aufwartung zu machen
Die Ursache meines Stillschweigens ist diese Ich hatte neulich eben meinen
Brief gesiegelt und solchen meinem Mädchen gegeben um ihn durch Jobsten
bestellen zu lassen da ich zu meinem Vater gerufen wurde Er gab mir einen
entsiegelten Brief der so viele Falten hatte als wenn er aus Verdruss von jemand
wäre zusammengedruckt worden er war von dem Herrn vN Ich las ihn flüchtig
durch und war so bestürzt dass ich zitterte Er enthält so viel ich mich noch
davon erinnere eine feierliche Abbitte wegen deinen Beleidigungen die er mir
dadurch zugefügt zu haben glaubte dass er sich an einem Tage an welchem ich die
Seinige werden sollte im Trunke übernommen hätte er versprach diesen Fehler zu
verbessern und bat mich Millionen mal um Verzeihung Wenn mir recht ist so
gelobte er mir eine ewige Treue Ehe ich noch den Brief ganz durchgelesen hatte
trat meine Mutter mit einem verdrießlichen Gesichte in das Zimmer welches mich
mutmaßen ließ dass es einen kleinen Zwist zwischen meinem Vater und ihr müsste
gesetzt haben der zusammengedruckte Brief sah dem Zankapfel sehr ähnlich Das
Fräulein hat doch noch sagte sie den albernen Misch in die Hände bekommen
Zerreissen Sie ihn den Augenblick in tausend Stücke und werfen Sie den Plunder
zum Fenster hinaus Ich war im Begriff diesen Befehl meiner Mutter zu erfüllen
Sie wissen dass Sie von jedermann dem Sie zu befehlen ein Recht zu haben
glaubt einen blinden Gehorsam fordert und ich wünschte dass mir nie ein Gebot
von ihr schwerer zu erfüllen sein möchte als dieses Allein mein Vater befahl
mir gerade das Gegenteil Unterstehe dich willst du sagte er da ich eben
das Urteil meiner Mutter vollstrecken wollte und erhob sich von seinem Stuhle
Ich werde es nicht zugeben dass mein Freund von euch Weibesleuten beschimpfet
wird meine Frau hat ihm ohnedem bereits nicht für einen Pfennig Ehre gelassen
Gib du mir den Brief nur wieder her ich will ihn aufheben Meine Mutter winkte
mir zwar ich sollte ihn ehe ihn mein Vater in die Hände bekam geschwinde
zerreißen ich gehorsamte aber meinem Vater Er legte ihn sehr sorgfältig und in
einer gewissen Entfernung von seiner Gemahlin zusammen vielleicht aus Beisorge
dass sie einen Angriff darauf wagen möchte um sich desselben zu bemächtigen und
schloss ihn in seinen Schrank Ich kann nicht erraten aus was für einer Absicht
sie nicht gestatten wollte dass ich diesen Brief zu Gesichte bekäme wenn es
nicht diese ist mir die Gelegenheit zu benehmen über sie zu spotten dass sie
mir einen Mann so sehr angepriesen hat von dem sie jetzo wünscht dass sie ihn
nie möchte veranlasst haben an mich zu gedenken Sie will wie es scheint
alle schriftliche Denkmaale seiner Liebe gegen mich auch aus dieser Ursache
vertilgen damit diese ihr nicht einmal zu Vorwürfen in ihrem Gewissen
gereichen Ich glaubte immer eine Gelegenheit zu finden dieses Schreiben
wiederum in meine Gewalt zu bekommen um es ihnen mitzuteilen weil aber mein
Vater mit keinem Worte wiederum daran gedacht hat so sehe ich nicht unter was
für einem Vorwande ich es von ihm zurück fordern soll Sie sehen also die
Ursache der Verspätung meiner Antwort
Der Major Ln ist beinahe jetzo unser täglicher Gast Gestern ließ ihn meine
Mutter durch einen expressen Boten einladen er ist aber erst heute gekommen
Sie unterredet sich eben jetzo mit ihm und ich höre dass ihr Gespräch oft sehr
lebhaft wird ich vermute es betrifft ihre Familienangelegenheiten Was der
Mann lachen kann Man hört ihn weiter als man ihn sieht Er ist unten im Saale
und wenn er lacht so gibt mein Klavier hier neben mir allezeit einen
Wiederschall Es müssen doch wohl keine Dinge von allzugrosser Wichtigkeit auf
dem Tapet sein Nun werde ich allem Ansehen nach wohl niemals die Ehre haben
mich ihre Tante zu nennen ich bin aber nicht weniger stolz darauf wenn ich nur
beständig ein Recht habe mich zu nennen
Ihre
aufrichtige Freundin und Dienerin
Juliane vW
VII Brief
Das Fräulein vS an das Fräulein vW
Schöntal den 29 Sept
Glauben Sie es nur ich bin im höchsten Grade auf Sie eifersüchtig Ich habe
mich immer für das gelehrteste Mädchen in unsrer ganzen Gegend gehalten Sie
wissen dass ich zu den Füßen eines grundgelehrten Mannes eines Lamperts
gesessen habe der sich über den großen Haufen gemeiner Lehrmeister gleichwie
unser Kirchturm hoch über die niedrigen Strohdächer hinausschwinget allein ich
werde künftig nicht mehr Ursache haben meiner Eitelkeit zu schmeicheln ich
sehe dass Sie auch ein Bisgen gelehrt tun können Sie vergleichen sich mit dem
Selbstpeiniger aus dem Terenz dieser Vergleich hat ein vielzugelehrtes Ansehen
als dass ich dabei gleichgültig bleiben sollte Wenn Sie Sich mit dem
Menschenfeinde des Moliere verglichen hätten so würde ich es noch haben
hingehen lassen Doch ich will mich auch nicht deswegen mit Ihnen zanken weil
sie wissen dass ein Terenz in der Welt gewesen ist Sie kennen diesen Mann doch
nicht anders als aus einer Übersetzung ich hingegen ich kann mich rühmen
unter Anführung meines treflichen Lehrers ein gutes Stück der Überbleibsel
dieses Schriftstellers in der Grundsprache gelesen zu haben Sehen Sie wie weit
ich Sie hinter mir lasse Aber dem ungeachtet bin ich fest entschlossen die
erste gelehrte Vergleichung die Sie wieder machen mit einem lateinischen
Briefe zu bestrafen Ich kann noch ziemlich gut dekliniren Ancilla und Scamnum
macht mir eben keine Schwürigkeiten Sie haben nun einmal meinen Trieb rege
gemacht bei aller Gelegenheit etwas gelehrtes auszukramen schreiben Sie Sich
es also selbst zu dass Sie diesmal einen Brief nach den Regeln des
Lampertischen Geschmacks eingerichtet von mir erhalten das ist in welchen so
viele Sprüchwörter und Sentenzen eingestreuet sind als ich werde aufbringen
können Eine habe ich schon auf der Zunge ich will Sie damit bestechen dass Sie
meinen Scherz nicht für eine Satire aufnehmen Ihnen gefällt mein aufgeräumtes
Gemüt Sie nennen es einen glücklichen Charakter dass ich mich nicht immer mit
einem Haufen Sorgen schlage und ein Vergnügen darin finde mich selbst zu
beunruhigen aber Sie irren Sich Sie haben bei Ihrer furchtsamen und
ängstlichen Gemütsart die Sie Sich zueignen vor mir gar vieles zum Voraus
Dadurch dass Sie alles fürchten werden Sie auf eine genaue Untersuchung aller
Umstände geführet die Ihnen vorkommen Sie sehen alle unangenehme Folgen von
weiten und werden von keinem Verdrusse unbereitet überraschet Sie können also
mit leichter Mühe vielen Verdrießlichkeiten ausbeugen worin mich meine
Leichtsinnigkeit unbemerkt verwickelt Ihr Mistrauen führt Sie zur Sicherheit
La mésiance est la Mere de la Sûreté das ist Richelets Ausspruch eines Mannes
der bei mir sehr viel gilt
Die Frau vW hat nicht gestatten wollen dass Sie den Brief Ihres Anbeters
zu Gesichte bekämen Sie versuchen es ihre Absicht dabei zu entdecken aber
mich dünkt Sie sind hierbei nicht sonderlich glücklich gewesen Ich will Ihnen
das Verständnis eröffnen Ihre Frau Mutter hasset gegenwärtig meinen Onkel eben
so sehr als sie ihn vor einigen Wochen hoch schätzte und sie bemüht sich mit
eben dem Eifer die Flammen auszutilgen mit welchem sie solche entzündet hat
Ist es nicht der Klugheit gemäß ihm alle Gelegenheit abzuschneiden sich einen
Zugang zu Ihrem Herzen zu verschaffen Wie leicht könnten Sie nicht durch einen
so zärtlichen Brief als Ihr Anbeter unfehlbar geschrieben hat zum Mitleiden
gegen ihn bewogen werden Wenn eine Schöne nur erst einem schmachtenden
Liebhaber ihr Mitleiden schenket habe ich sagen hören alsdenn hat er gewonnen
Spiel Der Herr vN hat auf das Ihrige die gerechtesten Ansprüche Hat er nicht
Ihrentwegen Wind und Wetter auf sich losstürmen lassen Hat er nicht um
Ihrentwillen Leib und Lebensgefahr ausgestanden Hat er nicht Ihnen zu Ehren
sich tapfer bezeigt und sind Sie nicht die einzige Ursache dass er auf seinem
Lager unter den Schmerzen seines podagrischen Fußes seufzet Alle diese
Umstände wenn ihnen der reizende Liebesbrief noch einiges Gewichte gegeben
hätte würden ein so sanftes Herz als das Ihrige notwendig erweichet haben
Untersuchen Sie ob ich die Absichten der Frau vW nicht tiefer eingesehen habe
als Sie selber Ja ja das war eine Probe ihrer Staatsklugheit dass sie Ihnen
den Brief des Herrn vN verheelen wollte sie dachte an das alte Sprüchwort
petit à petit loiseau fait son nid So ist es Aus einem kleinen Funken
entstehet oft ein großes Feuer
Aber sagen Sie mir doch warum Sie immer bereit sind Ihrer Stiefmutter
einen blinden Gehorsam zu leisten nicht anders als wenn sie Ihre Priorin wäre
sie kann Sie doch nicht mit der Katze essen lassen wenn Sie es nicht tun Sie
befiehlt und Sie erfüllen ihre Befehle pünktlich auch da wo es Ihnen viel
beschwerlicher wird ihr Gehorsam zu leisten als wenn Sie ihr solchen versagen
Meine Stiefmutter dürfte sie nicht sein Der blinde Gehorsam was für ein
verhasstes Wort Doch vielleicht würde sich meine Gemütsart besser für sie
schicken als die Ihrige Nach einem kleinen Hauskriege von vierzehn Tagen
würden wir die besten Freunde sein Wagen Sie es einmal und kündigen Sie ihr
eine Zeitlang allen Gehorsam auf Sie werden Wunder sehen Sie muss in ihrem
Elemente angegriffen werden Wenn sie schnäubt und brausst so erwidern Sie
gleiches mit gleichem Wenn sie mit einer angenommenen Freundlichkeit etwas
bitteres sagt so geben Sie ihr alles mit eben dieser freundlichen Mine zurück
Dem Gifte muss durch seinen Gegengift die schädliche Wirkung benommen werden
Hören Sie wie ein guter Auctor sich über diese Materie ausdruckt
Oignez vilain il vous poindra
Poignez vilain il vous oindra
Ich glaube er hat Recht Das ist aber wohl Ihrem sanftmütigen Charakter
entgegen Sie sind ein gutes frommes Kind Sie wollen lieber Ihre Gebieterin
mit guter Art gewinnen als mit Sturm überwinden Sie denken il faut mieux
plier que rompre In der Tat Sie sind auf einem guten Wege ich billige ihn
für mich aber wäre er zu langweilig Die Sonne musste einen Wandrer lange
liedkosen ehe er ihr zu Gefallen seinen Pelz ablegte da er aber dem Sturmwinde
eben diese Gefälligkeit versagte so warf ihn dieser mit samt seinem Pelze in
einem Graben
Was hat denn Ihre Frau Mutter mit dem Major v Ln für
Familienangelegenheiten zu berichtigen Haben sie etwan miteinander eine reiche
Erbschaft getan oder wollen sie erst einen alten abgelebten Vetter sterben
lassen Halten Sie mir diese Frage zu gute ich verlange nicht dass Sie ihre
Geheimnisse ausforschen sollen ich bringe sie nur aus Bewunderung vor dass die
Frau vW und der Major noch gute Freunde sind Sie eiferte ja sonst immer über
ihn und wünschte sich die Gelegenheit ihm ihre Meinung einmal unter die Augen
sagen zu können Es scheint dass Sie über den Major eine kleine Spötterei
auslassen wollen Sie scherzen über etwas das mit zu seinen Vollkommenheiten
gereichet Ein Soldat und besonders ein Major muss eine gesunde Lunge haben Wie
er sein Regiment muss überschreien können so muss er auch alle Gesellschaften
überlachen können Ich rate es Ihnen dass Sie ihn nicht zum Gegenstand Ihres
Witzes machen er scheint mit alledem ein feiner Mann zu sein Wenn ihn gleich
nicht der Hof erzogen hat so besitzt er doch eine gute Lebensart wenigstens
kann man nicht das Sprüchwort auf ihn anwenden il est du temsquon se mouchoit
sur la manche Sie werden denken la belle plume fait le bel oiseau der blaue
Rock mit roten Aufschlägen wie mein Onkel sagte Nein dieser erweckt bei mir
kein Vorurteil Ich denke es ist Zeit dass ich meinem Gewäsche ein Ende mache
wer weiß ob Sie Sich die Mühe nehmen es zu lesen Sie sind nicht gewohnt die
Schönheiten des Lampertischen Geschmacks einzusehen Ich will es Ihnen gerne
vergeben wenn Sie den größten Teil meines Briefes überschlagen wenn Sie nur
die Versicherung annehmen dass Sie nie aufhören wird zu lieben
Dero
aufrichtige Freundin und Dienerin
Amalia vS
VIII Brief
Das Fräulein vW an das Fräulein vS
Den 3 Octob
Loses Fräulein
Wie weit können Sie einen kleinen unschuldigen Ausdruck treiben von dem ich
kaum glaubte dass er Ihrer Aufmerksamkeit würdig wäre Sie bestrafen mich für
eine kleine Pedanterei darein ich nach Ihrem Urteile soll verfallen sein mit
einem Briefe nach Lampertischen Geschmack Eine gnädige Strafe in der Tat die
mir sehr vieles Vergnügen verschafft hat und für welche ich glaube Ihnen
verbunden zu sein Um aber Ihren Verweisen in Zukunft zu entgehen so habe ich
mir vorgenommen mein Pfund ganz und gar zu vergraben Sie sollen Ihr Tage
nichts wieder von mir hören das wie Sie sagen ein gelehrtes Ansehen hat Das
mag es sein was ich Ihnen wegen Ihres leichtfertigen Schreibens sagen wollte
Bereiten Sie Sich zu nun eine Sache von Wichtigkeit zu vernehmen Erschrecken
sie nicht sagt man wenn man Jemand recht sehr erschrecken will ich möchte es
bald zu Ihnen sagen Denken Sie nur der Herr vN hat den Major in einem Briefe
an meinen Vater aufs empfindlichste beleidigt Meine Mutter hat ihn in die
Hände bekommen und nach ihrer Gewohnheit sogleich entsiegelt Der Herr v N
soll sie darin auch nicht geschonet haben und sie ist darüber so sehr
aufgebracht dass sie den Major heftig anliegt seine und ihre Ehre zu retten
Das ist die Ursache ihrer geheimen Unterredung gewesen welcher ich in meinem
Briefe gedachte Ich würde nichts von der ganzen Sache erfahren haben wenn mir
der Major das Geheimnis nicht selbst entdeckt hätte Meine Mutter war nicht
zugegen und mein Vater schlief auf seinem Sorgestuhle Was werden Sie davon
denken Fräulein Base sagte er wenn ich mit ihrem Verehrer dem Herrn vN
Händel bekomme werde ich dadurch ihre Ungnade verdienen Der Mann hat es zu arg
gemacht er verdient eine kleine Züchtigung und ich hoffe nicht dass Sie
ungehalten darüber werden wenn ich ihn ein wenig bessere
Wie der Herr vN sollte Sie beleidigt haben das kann ich nicht
begreifen Sie haben ihm so viel ich weiß nicht die geringste Gelegenheit dazu
gegeben Vielleicht gründet sich ihr Unwille gegen ihn nur auf einen
Misverstand er legt seine Worte nicht eben allezeit auf die Waage O nein
sagte der Major ich kann mich in der Tat von ihm beleidigt halten wenn ich
es tun will Wie ich sehe so wissen Sie noch nichts von unserm Zwiste ich
will Ihnen den ganzen Verlauf der Sache erzählen Er eröffnete mir was es für
eine Bewandtnis mit dem Briefe hätte den der Herr vN an meinem Vater
geschrieben hat Er fügte hinzu seine Base die Frau vW hätte ihm neulich
durch einen expressen Boten einladen lassen und da er den Tag darauf gekommen
wäre hätte sie sich aufs heftigste über den Herrn vN beklaget sie hätte ihn
auch eine Abschrift dieses Briefes gezeiget und wäre so erbittert auf den Herrn
vN gewesen dass sie es gerne würde gesehen haben wenn er von Stund an sich
nach Kargfeld zu dem podagrischen Greise begeben und sich mit ihm auf dem Bette
duelliret hätte Um die ungestüme Frau nur in etwas zu besänftigen und sie
abzuhalten dass sie ihn nicht einer Feigheit beschuldigen möchte hätte er in
ihrer Gegenwart ein Kartel gegen den Herrn vN aufgesetzt da ihr aber dieses
viel zu glimpflich geschienen so hätte sie ihm selber einen verwünschten
Brief dictiret welcher dem guten Manne das Podagra gewiss in den Leib würde
getrieben haben wenn er ihm solchen während dieses schmerzhaften Zufalls
zuschicken wollte Er hätte sich aber ein Gewissen daraus gemacht die Quaal des
Patienten zu vergrößern und er würde ihm den Fehdebrief nicht eher einhändigen
lassen bis er wieder wohl wäre Ich sagte es würde am besten sein wennes ganz
und gar unterblieb ich wüsste gewiss dass der Herr vN nicht die Absicht gehabt
hätte ihn in dem Briefe an meinem Vater zu beleidigen und wenn ja ein und der
andere Ausdruck in demselben könnte gemissdeutet werden so wäre es doch Niemand
als meine Mutter die eine schlimme Auslegung darüber machte und ihrem Urteile
könnte man nicht trauen da sie jetzo gegen den Herrn vN so sehr aufgebracht
wäre Er würde ganz und gar nichts an seiner Ehre verlieren wenn er auch gleich
diese Beleidigungen an dem Herrn vN nicht rächete und er sollte selbst
urteilen was man davon denken würde wenn er den Grund zu seinen Händeln aus
einem unterschlagenen Briefe herleiten wollte
Er erkennte dass dieses weder für ihn noch für die Frau vW sogar
vorteilhaft wäre da er sich aber einmal gegen diese anheischig gemacht hätte
ihr und seine beleidigte Ehre gegen den Herrn vN zu verteidigen so läge es
an weiter nichts als an meiner Erlaubnis hierzu Es wäre ihm bekannt wie sehr
ich wünschte dass jedermann gut von mir urteilen möchte es könnte aber
leichtlich geschehen dass der Herr vN oder seine Anverwandten auf die Gedanken
kommen könnte ich hätte ihn aus Unwillen gegen diesen verhassten Anbeter
angestiftet ihn vor die Klinge zu fordern deswegen wollte er nichts
unternehmen bis ich ihm erst meine Meinung hierüber entdeckt hätte
Dieser Vorwand schien mir ziemlich gezwungen zu sein er wollte etwas sagen
dass das Ansehen hätte als wenn er wünschte sich bei mir ein Verdienst zu
machen im Grunde aber wollte er nichts anders tun als mir ein höfliches
Kompliment machen Ich tat mein bestes eben dieses auch gegen ihn zu
beobachten zugleich versuchte ich es ihn dahin zu bewegen aus dieser
Kleinigkeit keinen Ernst zu machen Er lächelte und antwortete so dass es
schien als wenn er geneigt wäre die ganze Sache für einen Scherz aufzunehmen
doch glaube ich dass er es mehr tat aus Gefälligkeit gegen mich um mir nicht
zu widersprechen als dass es sein rechter Ernst war Ich hatte mir vorgenommen
seine wahren Gesinnungen auszuforschen aber die Wiederkunft meiner Mutter
unterbrach das Gespräche Sie kennen den Charakter derselben sie wird alles
anwenden das Gemüt des Majors gegen Ihren Onkel zu erhitzen und ich zweifle
nicht daran dass es ihr gelingen wird Diese Unterredung mit dem Major schion mir
zu wichtig zu sein als dass ich sie Ihnen verscheigen sollte Sie werden nebst
Ihrem Herrn Schwager von dieser Nachricht also nach ihrer Klugheit den Gebrauch
zu machen wissen der für ihrem Herrn Onkel der vorteilhafteste ist Suchen Sie
es wenigstens dahin zu bringen dass der Herr vN sich eine Zeitlang ruhig hält
bis die erste Hitze vorüber ist und wo Sie können so suchen Sie es zu
verhüten dass er nicht etwa meine Mutter vom neuen erbittert Diese kleinen
Beleidigungen könnten für ihn von wichtigen Folgen sein Der Herr Baron und der
Major v Ln sind ja sehr gute Freunde von Alters her ich dächte wenn sich Ihr
Herr Schwager ins Mittel schlüge so sollte wohl die ganze Sache so überhin
gehen ohne dass etwas sonderliches daraus gemacht würde Dieses ist auch der
aufrichtige Wunsch
Ihrer
ergebensten Dienerin
Juliane vW
IX Brief
Das Fräulein vS an das Fräulein vW
Den 5 Oct
Ich war ganz außer Atem da ich Ihren Brief gelesen hatte Wie Sie mich doch
erschrecket haben mit Ihrem trasonischen Major Ich kann es Ihnen nicht
vergeben Er hat meine Achtung verloren weil er einen Eisenfresser vorstellen
will Glauben Sie es nur der Herr vN hat nichts von ihm zu fürchten Nein
ganz und gar nichts Leute die von ihren Händeln so viel Wesen machen und immer
erzählen wieviel sie noch erschlagen wollen die bringen keinen Menschen ums
Leben Stellen Sie Sich mein Schrecken auch nur nicht gar zu außerordentlich
vor ich freue mich vielmehr und wünsche dass das Duell zwischen den beiden
Männern zu Stande kommen möge ich habe Lust meinem Onkel einen leichten Sieg in
die Hand zu spielen Er steht seinen Mann das weiß ich und ich darf ihm nur
den Rat geben den Cäsar einsmals seinen Soldaten gab um seinen Gegner aus der
Fassung zu bringen Wissen Sie worinnen dieser bestund Wo wollen Sie das
wissen das sind Dinge die nur uns gelehrten Mädchens bekannt sind und davon
haben Sie Sich ausgeschlossen Gut ich will es Ihnen dann erzählen sitzen Sie
fein stille und hören Sie zu Cäsar und Pompejus waren einsmals im Begriffe
einander eine Schlacht zu liefern um das Schicksal Roms so wie ihr eigenes zu
entscheiden Cäsars Heer bestund aus alten versuchten Soldaten lauter
Schnurbärten von dem martialischen Ansehen meines Onkels zu dem Pompejus
hingegen hatte sich der größte Teil des römischen Adels geschlagen meistens
feine süße Herrn die den ersten Feldzug mit machten geschickter in dem
zärtlichen Rom als im Felde Eroberungen zu machen Die Legionen des Cäsars
wurden durch die Menge und den hitzigen Angriff der jungen Krieger in etwas
schüchtern gemacht der General aber hatte ihnen nicht so bald zugerufen
Soldaten nach der Stirn führt eure Streiche so kehrten die jungen Römer dem
Feinde den Rücken um eben die Larve wieder nach Rom zu bringen die sie von da
mitgenommen hatten Was meinen Sie sollte sich diese Kriegslist nicht hier auch
anwenden lassen Der Major hat von seiner Bildung wie es scheint keine
geringen Begriffe aber der Herr vN hat sein Gesicht bald um zwanzig Jahre
überlebt Verlassen Sie Sich auf mein Wort Ihr prahlender Major soll ein
Ehrenzeichen bekommen oder mein Onkel muss auf dem Platze bleiben
Nun das nennen Sie gottloss frommes Kind Nicht wahr Es ist auch ein
Bisgen zu arg wenn ich in dieser Sprache fortreden wollte so würden Sie mir
bald eine nachdrückliche Strafpredigt halten oder Sie verdammten wohl gar
meinen Brief zum Feuer Tun Sie es ja nicht es ist so böse nicht gemeinet ich
habe Ihnen nur zeigen wollen dass Sie nicht unrecht haben wenn Sie von mir
sagen ich machte mich über die ernstaftesten Dinge lustig Es ist wahr ich
habe einen Hang dazu über das zu scherzen worüber andere erschrecken oder
sich betrüben diese mutwilligen Anfälle gehen aber sogleich vorüber wenn ich
Niemand finde der mit lachen will Da Sie dieses jetzo gewiss nicht tun werden
so will ich meine Ernsthaftigkeit nun wieder zurück rufen Es ist andem Ihr
letztes Schreiben hat uns in etwas bestürzt gemacht Sie dürfen nicht denken
dass ich hier in der Sprache großer Herren rede und mich alleine verstehe der
Baron und meine Schwester lesen Ihre Briefe und ich glaube Sie gestatten es
Zu einem ernstlichen Duell zwischen meinem Onkel und dem Major will es der Baron
durchaus nicht kommen lassen und wenn er sich selbst mit dem letztern
herumschlagen müsste indessen denkt er nicht dass es so gefährlich ist Er ist
gestern mit dem Major in Reichenberg in Gesellschaft gewesen er hat sich aber
nicht das geringste von einem Unwillen gegen meinen Onkel merken lassen Der
Baron glaubt die Frau vW müsste ihm ein Stillschweigen auferlegt haben damit
er sich nicht zum Schiedsrichter unter den Parteien aufwerfen möchte Diesem
Vormittag war der Magister hier Ich machte mich an ihn um zu erfahren ob sein
Patron auf dem Brief an den Herrn vW eine Antwort erhalten hätte Er
verwunderte sich außerordentlich darüber dass ich wusste dass der Hr vN an den
Herrn vW geschrieben hätte und er konnte gar nicht begreifen durch was für
einen Kanal ich dieses erfahren hätte Aus seiner Verwunderung schloss ich dass
die Sache sehr geheim hatte zugehen sollen Endlich gestund er dass sein Gönner
von dem Herrn vW eine Antwort erhalten hätte die ihm aber gar nicht gefällig
wäre Der Herr vW wäre der rechtschaffenste Kavalier von der Welt seine
Gemahlin aber machte gefährliche molimina den Herrn vN vielen
Verdrießlichkeiten auszusetzen die er jedoch so bald er nur wieder einen Fuß
regen könnte nach dem Beispiele Sir Karls durch großmütige Bewegungen alle zu
übersteigen hoffte Die Frau vW würde bald dahin gebracht werden dass Sie wie
alle Feinde des Baronets ihre Fehler erkennen und sich derselben schämen würde
Der Magister stellte zugleich zwischen ihr und der Frau Jervois eine
weitläuftige Vergleichung an Sie ließ sich noch so ziemlich hören nur darin
schien er es nicht getroffen zu haben dass er den Major einen von ihren auf eine
Zeitlang angenommenen Männern nennte Mich dünkt wenn Sie doch ja nie Henriette
Byron sein sollen so würde er eher dem Greville ähnlich sein doch wer weiß
wie viele Rollen mein Onkel und der Magister diesem guten Manne aus dem
Grandison noch spielen lassen Ich glaube ganz gewiss mein Onkel hat einen
ungegründeten und recht bösen Verdacht auf den Major geworfen die Vergleichung
des Magisters bringt mich auf diese Gedanken er sieht aber die Sache nicht
recht ein Die Gefälligkeiten des Majors gegen die Frau vW haben etwas ganz
anderes zum Gegenstande Er hütet sich die Dame zu beleidigen damit sie ihm
nicht den Zutritt zu ihrer Fräulein Tochter versagen soll Warum will sich denn
der Mann durchaus ein Verdienst bei Ihnen machen Die täglichen Visiten die
haben etwas mehr als Familienangelegenheiten zu bedeuten diese würden keine
täglichen Konferenzen erfordern aber der Argwohn meines Onkels ist lächerlich
Geben Sie nur Achtung mein Kind ob nicht der Major den Augen meines Onkels
bald ein Greville oder gar Sir Hargrave Pollexfen sein wird Ich denke wir
werden über diesen Punkt noch oftmals etwas zu lachen bekommen wenn nur erst
der Zwist der beiden Männer in der Güte beigeleget ist Ich hoffe der Baron
wird alles zum besten kehren und da Sie bereits Ihre Bemühungen selbst zu
dieser Absicht angewendet haben so kann die Sache keinen andern als einen
guten Ausgang gewinnen Wir hoffen alle das beste inzwischen ist dabei am
wenigsten besorgt
Ihre
ergebenste Freundin und Dienerin
Amalia vS
X Brief
Fräulein Amalia an das Fräulein vW
Kargfeld den 19 Oct
Das ist eine schreckliche Verwirrung in dem Hause Alles läuft wider einander
Zu keiner ungelegnern Zeit hätte ich einen Besuch in Kargfeld abstatten können
als heute Um nicht in dem Getümmel erdruckt oder beschädiget zu werden habe
ich mich in Tante Kunigunden ihre Zelle geflüchtet und will mich für
langweiliger Zeit mit der Beschreibung dieses unerwarteten Zufalls beschäftigen
Haben Sie die Geduld mir zuzuhören ich will Ihnen die Sache vom Anfang bis auf
den gegenwärtigen Augenblick erzählen Sie wissen dass mein Onkel von seiner
Unpässlichkeit vollkommen wieder hergestellet ist Er ließ uns deswegen auf heute
zu sich einladen um wegen seiner glücklichen Genesung allerlei Lustbarkeiten
anzustellen Meine Schwester und ich haben uns eingefunden Der Baron hatte sich
schon auf heute bei einem Freunde versprochen und will wenn er sich von seiner
Gesellschaft lossreissen kann erst gegen Abend kommen Alles war bei unserm
Onkel wie zur Begehung eines Festes zugeschickt Der Herr vH der nie gesünder
gewesen als seitdem er auf seiner Heimreise von Wilmershausen mit dem Pferde
gestürzet hat war nebst seinen beiden Brüdern auch zugegen Mein Onkel wollte
einen Ball anstellen um jedermann zu zeigen dass er wieder wohl zu Fuße sei
Vorhero sollte ein vortrefliches Konzert von der Komposition eines Lorenz
Lobesans wozu der Magister Lampert den Text verfertigt hatte aufgeführet
werden Man entdeckte allenthalben Zeichen der lebhaftesten Freude Unter einem
künstlichen Präludio wozu der Kantor alle sieben Register der Hausorgel meines
Onkels gezogen hatte wurden bereits die Instrumenten gestimmet zwölf
Adjuvanten strichen schon die langen goldgelben Haare aus dem Gesichte um die
Noten desto besser sehen zu können zwei davon bemüheten sich alle vorrätige
Luft in dem Musikzimmer einzuatmen und setzten bereits ihre Waldhörner an um
sie durch lebhafte Töne wieder auszulassen Jedermann hatte seinen Platz
eingenommen und Lampert der die Partitur führte war eben im Begriff den
linken Fuß und die rechte Hand aufzuheben um durch einen nachdrücklichen Tritt
und Schlag das Zeichen zum Anfange einer lermenden Fuge zu geben da der Jäger
des Majors v Ln in das Zimmer geführet wurde der meinem Onkel einen Brief
überbrachte den er mit einer ernstaften und verächtlichen Mine entsiegelte Er
hatte ihn nicht so bald gelesen als er seine Kantate voll Verdruss auf den Tisch
warf und eiligst nebst dem Magister das Musikzimmer verließ um mit ihm wie er
sagte über eine Sache von der äußersten Wichtigkeit zu ratschlagen Jedermann
erwartete ihre Wiederkunft mit einer solchen Begierde als wenn man hätte wollen
Hanns Norden sehen in seinen Krug steigen Der Kantor ließ dann und wann die
große Orgelpfeife brummen um sie an ihre Rückkehr zu erinnern allein
vergebens Tante Kunigunde kam nach Verlauf einer halben Stunde zurück und
meldete dass wegen eines wichtigen Zufalls die Aufführung der Kantate diesmal
unterbleiben müsste Sie sagte dieses mit einer so ängstlichen Stimme dass der
Kantor mit den weisesten seiner Adjuvanten anfing die Köpfe zusammen zu
stecken und allerlei politische Betrachtungen hierüber anzustellen Wigand
Jacob Heinrich liefen unterdessen Trepp auf Trepp nieder und trugen sich mit
Degen und Pistolen Die unverständigen Musikanten die die Ursache dieser
Bewegungen nicht einsehen konnten verbreiteten auf einmal das furchtbare
Gerüchte der Feind wäre schon im Anmarsch Alles geriet darüber in Aufruhr
jeder wollte der erste bei der Tür sein um sich zu retten Die Angst machte
dass man nur auf seine eigene Sicherheit dachte Es galt hier kein Ansehen der
Person Ich schätzte mich also glücklich dass ich noch zu rechter Zeit durch
eine Nebentür mich aus dem Gedränge machen konnte
Sie werden leicht einsehen was diesen Aufruhr veranlasst hat Mein Onkel
hat den Fehdebrief von dem Major erhalten Ich bin darüber sehr bestürzt so
wenig Sie es auch an meinem Briefe wahrnehmen können Den Scherz bei Seite
gesetzt so können Sie glauben dass diese Aufforderung das ganze Haus meines
Onkels in Verwirrung gesetzet hat Die Aufführung des Koncerts wurde dadurch
unterbrochen aus dem Balle wird auch nichts die Geiger und Pfeifer sind aus
dem Hause getrieben das lermende Vergnügen hat auf einmal mit einer traurigen
Stille gewechselt Mein Onkel befindet sich noch immer nebst dem Herr vH und
seinen Brüdern in einer tiefen Beratschlagung Wigand ist die einzige lebendige
Kreatur die einiges Geräusche macht Er sitzt im Hofe und putzt das Gewehr
Alleweile schleift er einen abscheulichen laugen verrosteten Degen Ich denke
noch immer dass die ganze Sache ein bloßes Spielgefechte sein soll und dass sich
der Major nur um Ihrer Frau Mutter gefällig zu sein entschlossen hat meinem
Onkel ein Kartel zuzuschicken Er scheint doch ein Mann zu sein der die Geister
prüfen kann und wird also leicht einsehen dass seine Ehre bei dieser Schlägerei
nicht viel gewinnen wird Wenn er es ernstlich meint so verdient er deswegen
verachtet zu werden und wir wollen uns beide alsdenn vereinigen um ihm aus
jeder Mine lesen zu lassen was er für eine kleine Figur in unsern Augen macht
Ich erwarte die Ankunft des Barons mit der größten Ungeduld Er hat mir sein
Wort gegeben dass aus diesem Handel kein Unglück entstehen soll ich werde ihn
dabei halten Wenn es in seinem Vermögen steht so erfüllt er gewiss sein
Versprechen Sehen Sie ich bin nicht so schlimm als Sie denken ich lasse mir
die Verdriesslichkeit meines Onkels sehr zu Herzen gehen und ich weiß nicht was
ich drum geben wollte wenn ich im Stande wäre sie den Augenblick zu haben
aber ich kann mich des Scherzes so wenig dabei enthalten als Tante Kunigunde
der Tränen doch diese werden die Sache nicht mehr verbessern als sie mein
Scherz schlimmer macht Sie würden selber mit lachen wenn Sie hier wären Es
werden nicht Anstalten zu einem Duell gemacht sondern zu einem Kriege Wenn das
Faustrecht noch im Schwange gienge so glaubte ich der Major hätte meinen Onkel
befehdet mit 30 reissigen Knechten gegen ihn auszuziehen Es werden alle
Schwerdter Degen und Pistolen in ganz Kargfeld zusammen gebracht dass man im
Fall der Not eine Rotte Knechte damit bewaffnen könnte Man sagt mir dass mein
Onkel im Begriff sei einen Boten an Ihren Herrn Vater abzuschicken Ich bekomme
dadurch eher als ich vermutete eine Gelegenheit Ihnen meinen Brief
einhändigen zu lassen Damit Sie aber doch bei den kritischen Umständen
worinnen sich mein Onkel befindet nicht ganz ruhig sein mögen so will ich Sie
nur daran erinnern dass Sie die erste Gelegenheit gegeben haben ihn darein zu
verwickeln Ich würde Ihnen nicht diese Erinnerung machen wenn ich nicht
wünschte dass Sie die Sorge über den bevorstehenden Zweikampf meines Onkels mit
mir teilen sollten Wenn ich unruhig bin so sollte die ganze Welt unruhig
sein wenn es nach meinem Sinne gienge Vergeben Sie diese kleine Bosheit wenn
es ja eine sein soll
Ihrer
aufrichtigen Freundin
Amalia vS
XI Brief
Fräulein Amalia an das Fräulein vW
Schöntal den 22 Oct
Geben Sie Sich zufrieden mein Kind und machen Sie Sich wegen der Händel unsrer
beiden Anverwandten weiter keine Sorge Wir haben nichts zu fürchten wenigstens
bin ich seit gestern geneigt dieses zu glauben Wissen Sie es schon dass der
Major uns gestern einen Besuch gegeben hat Eine wunderbare Frage als wenn es
Ihnen etwas unbekanntes wäre unfehlbar haben wir Ihnen diesen
freundschaftlichen Besuch zu danken Doch wer weiß Sie hätten mir wohl ein
Wort davon gemeldet Ich will Ihr Stillschweigen so annehmen als wenn Sie noch
nichts davon wüssten und ich werde den Major aus einem vorteilhaftern
Gesichtspunkte betrachten können wenn ich glaube dass er aus eigener Bewegung zu
uns gekommen ist Im Vertrauen der Baron fing es an übel zu nehmen dass er
schon einen Monat hier ist ohne ihn einen Besuch gegeben zu haben Er
entschuldigte sich deswegen sogleich bei seiner Ankunft und seine
Entschuldigung fand Beifall sie war gegründet Ich bekam eine bessere Meinung
von ihm als ich bisher gehabt hatte und ich fange es an zu bereuen dass ich ihn
einen prahlenden Soldaten genannt habe Man darf von Ihnen nur so urteilen
wie Sie es verdienen um meine Achtung zu erhalten Glauben Sie es nur ich ließ
meinen Groll gegen den Major sogleich fallen da er sich für Sie er klärete und
Ihre Partie gegen Ihre Mutter ergriff Er ließ sich über Sie in viele
Lobsprüche heraus Werden Sie nicht ungehalten auf mich wenn ich jetzo einmal
die Person der Fräulein Anna Howe spiele und Sie frage ob Ihnen nicht das Herz
bei diesen Zeilen stärker schlägt Ich bin sehr verwegen strafen Sie mich wenn
ich es verdiene Ich will nicht weiter in Sie dringen ich will es Ihnen aber
doch ins Ohr sagen dass Sie einen eifrigen Verehrer an dem Herrn v Ln bekommen
haben Bei aller seiner Mühe seine Leidenschaft zu verstecken kann man ihm bis
auf den Grund des Herzens sehen Wenn er gegen Ihre Frau Mutter eben so
offenherzig ist als gegen den Baron so getraue ich mir im voraus zu
prophezeien dass die Freundschaft zwischen beiden am längsten gedauert hat Er
erzählte mit einer lobenswürdigen Freimütigkeit dass ihn die Frau vW
verleitet hätte unserm Onkle eine Ausforderung zuzuschicken Er hätte seine
Ursachen gehabt sich nicht durch seine Widerspänstigkeit ihr misfällig zu
machen Können Sie diese Ursachen wohl einsehen Ich kann es Es wäre gar
nicht seine Absicht dasjenige wodurch er sich von dem Herrn vN beleidigt
halten könnte zu rächen Der Mann hat seine Würmer sagte er man muss seine
Schwachheit übersehen Wenn ihn auch das nicht bereits einer vollkommenen
Verzeihung würdig machte dass er ein Anverwandter des Barons wäre so würde ihn
doch sein wunderbarer Charakter genugsam für aller Rache schützen Er wäre auf
eine sonderbare Art in das Lustspiel gezogen worden welches mein Onkel zum
Vergnügen seiner Freunde und Nachbarn aufführte er wünschte nun auch seine
Rolle so zu spielen dass er sie mit Beifall endigte Unser Onkel schien keine
Lust zu haben sich mit ihm herum zu balgen Er hätte ihm einen Brief
zugeschickt davon der Magister Lampert schien der Koncipient zu sein Er
suchte den Zweikampf von sich abzulehnen und führte allerlei Gründe an dass
man denken sollte er wäre unter die Herrnhuter geraten der Major aber hätte
ihm wieder geantwortet dass es zwischen ihnen beiden nun einmal so weit gekommen
sei dass einer den andern aus dem Sattel heben müsste Schon in dem ersten
Fehdebriefe wäre Schöntal zum Kampfplatze vorgeschlagen worden obgleich die
Frau vW dazu eine Gränzscheide ausersehen gehabt hätte Der 25 Oktober wäre
wie dem Baron schon würde bekannt sein zum Termine des Zweikampfs anberaumt
Der Baron möchte der Sache nur so einen Schwung geben dass die Sache auf eine
scherzhafte Art geendiget würde und dass es so schien als wenn beide Teile mit
Ehren aus dem Handel geschieden wären
Ich konnte nicht immer gegenwärtig sein um zu hören was der Major mit dem
Baron vor einen Entwurf machte So viel weiß ich dass heute mit dem frühesten
der Baron nach Kargfeld gereist ist um alles der Abrede gemäß einzurichten
Sie sind gewiss eben so begierig als ich den Ausgang dieses Zwistes zu
vernehmen ich werde Ihnen mündlich oder schriftlich davon einen getreuen
Bericht abstatten Das Schreiben meines Onkels an den Major und die Antwort auf
dasselbige lege ich hier bei Senden Sie mir beide nebst ein paar Zeilen von
Ihrer Hand zurück angenehmer wird es mir aber sein wenn Sie Sich die Mühe
nehmen wollen solche selber zu überbringen
Ihrer
ergebensten Dienerin
Amalia vS
XII Brief
Der Hr vN an den Major v Ln
Kargfeld den 20 Oct
Mein Herr
Was geht Sie mein Brief an den ich an meinem Freund den Herrn vW geschrieben
habe und wer hat Ihnen das Recht gegeben die Ehre seiner Gemahlin zu
verteidigen Habe ich Sie beleidigt so ist ihr Gemahl Mannes genug diesen
Schimpf zu rügen ohne einen fremden Beistand nötig zu haben Wollen Sie Sich
für Ihre Muhmen und Vettern schlagen zumal wenn sie einer Verteidigung ganz
unwürdig sind so werden Sie viel zu schaffen haben und doch wenig Ehre dabei
erjagen Dass ich vor einigen Wochen in Wilmershausen eine kleine Unruhe
verursachet habe darüber haben Sie gar nichts zu sagen wenn es der Herr vW
als Wirt leiden konnte so können Sie als ein Gast auch darzu stille schweigen
Zu dem bin ich für meine Ausschweifung schon genug bestrafet worden meine
Knochen haben mir einen Monat lang allen Gehorsam aufgekündiget gehabt und ich
muss ihnen noch ziemlich gute Worte geben wenn sie mich ein paar hundert
Schritte fortschleppen sollen Was ich von Ihnen und der Frau vW geschrieben
habe das sind bloß meine Gedanken gewesen und Gedanken sind Zollfrei Ich habe
Ihnen ja nichts Schuld gegeben und wenn ich es auch getan hätte was wäre es
denn nun Wenn Sie ein gut Gewissen haben so brauchen Sie nichts zu fürchten
sind Sie aber nicht sicher so täten Sie besser Sie schwiegen Da ich Ihnen
nun also nicht gnugsame Ursache gegeben habe sich für beleidigt zu halten so
achte ich mich auch nicht verbunden Ihre Ausforderung anzunehmen An meiner
Herzhaftigkeit zweifelt Niemand und Sie sollten derjenige sein der sich am
wenigsten an mich wagte da ich mich noch gar wohl erinnere dass ich Ihnen bei
dem Herrn vW erzählte wie manchen braven Kerl ich das Lebenslicht ausgeblasen
habe und dass ich sogar einen meiner Gegner der für Schrecken zum Fenster
hinaus sprang zwischen Himmel und Erde nicht anders als ein Vogel in der Luft
erlegt habe Ich würde mit Ihnen gewiss auch kurz Federlesen machen und nicht
das geringste Bedenken haben mich noch einmal herum zu schlagen wenn ich nicht
nach der Zeit verständiger worden wäre und nunmehr einsähe dass der Zweikampf
eine alte gotische und barbarische Gewohnheit ist, welche man mehr zu
unterdrücken als aufrecht zu erhalten verbunden ist Lesen Sie Herr Gevatter
Grandisons Leben so werden Ihnen die Augen aufgehen und Sie werden erkennen
dass ein solcher unchristlicher und abenteuerlicher Gebrauch anfängt aus der
Mode zu kommen seitdem vernünftige Männer einen bessern Weg gefunden haben
ohne Blutvergießen ihre Händel durch gütliche Vergleiche beizulegen Mit einem
Worte ich komme nicht nach Schöntal als ein Schläger wenn ich ja noch komme
Indessen weiche ich Niemand aus und werde mich meiner Haut tapfer wehren wo
Sie mich anfallen Mein Rat wäre dass Sie es nicht versuchten Ich denke immer
die gerechte Sache wird siegen und es konnte leicht kommen dass ich Ihnen den
Hals bräche ehe Sie Sichs versähen Wie gesagt beleidigen lass ich mich nicht
wenn Sie also noch einige Überlegung haben so stehen Sie von Ihrem bösen
Vorhaben ab und besuchen Sie mich auf eine freundschaftliche Art damit ich Sie
überzeugen kann dass ich mir ein Vergnügen daraus mache zu sein
Ihr
ergebenster Diener
vN
XIII Brief
Der Major v Ln an den Herrn vN
Den 21 Octob
Ihr Brief hat Ihnen unfehlbar viel Mühe gemacht Es scheint Ihnen leichter
Fehler zu begehen als Fehler zu entschuldigen Warum soll ich meiner Base keine
Satisfaction verschaffen da Sie ihre Ehre und die meinige zugleich antasten
Die Art und Weise Sie abzustrafen ist so barbarisch nicht als Sie denken Es
ist diese Gewohnheit einmal bei Kavaliers hergebracht dass sie ihre Streitigten
mit dem Degen in der Faust beilegen wir haben solche nicht aufgebracht wir
wollen sie auch nicht wieder abbringen es mag immer bei dem alten bleiben Es
ist auch nicht nötig dass wir erst untersuchen ob dieser Gebrauch von den
Heiden oder Türken entlehnt sei genug der Adel darf keine Beleidigungen auf
sich sitzen lassen und nun ist es mit uns einmal so weit gekommen dass einer
den andern aus dem Sattel heben muss Ich bin eben kein Feind von der neuen Mode
und wenn das verdammte Schlagen abkäme so wäre ich es wohl zufrieden aber ich
fange diese Mode nicht zuerst an Ihr Gevatter mag sein wer er will und wenn er
auch ein abyssinischer Prinz wäre so soll er mir keine Gesetze vorschreiben Mit
einem Worte wir müssen unsere Sache als brave Kavaliers ausmachen ehe wir
wieder gute Freunde werden Es kann also unser Zwist nicht durch einen gütlichen
Vertrag wie Sie Sich einbilden beigeleget werden ich lasse mich auch in keine
mündliche Unterredung mit Ihnen ein vor jetzo kann ich nicht anders als auf
Hokippo mit Ihnen reden Sie wollen mir durch die Anführung einiger Ihrer
Heldentaten eine Furcht einjagen allein Sie irrensich Ich lasse sie zwar alle
auf ihrem Wert und Unwert beruhen aber wenn ich ihnen auch Glauben beimesse
so frischen mich solche nur noch mehr an mit einem so tapfern tapfern und
unüberwindlichen Ritter ein Speerrennen zu wagen um zu sehen wer den letzten
begräbt Ich könnte nach der langverjährten Mode wenn ich meine ritterlichen
Taten den Ihrigen entgegen stellen wollte Ihnen Hohn sprechen ich will Ihnen
aber lieber in der Tat zeigen dass ich ein Mann bin der sein Herz am rechten
Orte hat Finden Sie Sich nur auf den 25sten dieses bei dem Herrn Baron vF
ein dort wollen wir einander sprechen und wenn wir unsere Sache ausgemacht
haben alsdenn will ich es versuchen ob ich mich jemals werde überwinden
können in der Tat zu sein
Ihr
ergebenster Diener
v Ln
XIV Brief
Das Fräulein vW an das Fräulein vS
Den 23 Oct
Sie empfangen hier die beiden Einschlüsse Ihres gestrigen Briefes mit vielem
Danke zurück Ich traue es dem Major zu dass er die ganze Sache als ein
Schattenspiel treiben will um meiner Mutter etwas vorzuspiegeln dadurch ihre
Rache einigermaßen befriediget wird und dadurch er sich in der guten Meinung
befestiget die sie jetzo von ihm heget Sie irren Sich sehr wenn Sie glauben
dass er die Freundschaft mit meiner Mutter meinetwegen zu unterhalten suche ich
muss Ihnen diesen Irrtum benehmen Ich mache mir schon Sorge dass ich Ihre
Gewogenheit darüber einbüßen könnte wenn dieser Gedanke einmal bei Ihnen Wurzel
gefasst hätte Der Major steht bei Ihnen ganz wohl angeschrieben wie ich
merke ich werde mich also vor Ihrer Eifersucht hüten Diese werde ich wie ich
hoffe nicht zu befürchten haben wenn Sie die Absicht des Majors wissen warum
er die Freundschaft meiner Mutter beizubehalten sucht Sie hat aus dem Lehngute
welches ihm neulich zugefallen ist noch ein Kapital von 6000 Talern zu
fordern Sie ist ihm nie recht gut gewesen weil sie glaubt dass ihr Onkel der
Vater des Herrn v Ln sie und ihre Schwester bei einer Erbschaft sehr verkürzt
habe Sie hat ihm deswegen das Kapital schon seit einiger Zeit aufgekündiget um
sich wegen des alten Verdrusses einiger maßen an ihm zu reiben Er hat wie
Sie wissen vor ein paar Monaten seine Equipage verloren und ist deswegen
hauptsächlich hieher auf sein Gut gegangen um sich solche von neuem
anzuschaffen Dieses und die Anforderung meiner Mutter wenn sie darauf hätte
bestehen wollen würden ihn in Weitläuftigkeiten gesetzet haben er würde ein
starkes Kapital haben aufnehmen müssen um beide Posten davon zu bestreiten Er
dachte deswegen auf Mittel sich aus dieser Verlegenheit zu ziehen und suchte
meine Mutter durch ein höfliches Bezeigen zu gewinnen dass sie jetzo nicht in
ihn dringen möchte ihr das Kapital abzutragen Einigermassen hat er sie
gewonnen aber noch nicht völlig sie verspricht ihm einige Nachsicht zu geben
wenn es ihre Umstände leiden wollten das Geld noch eine Zeitlang zu missen
Sobald er ihr aber die geringste Gelegenheit zu einem Verdrusse gibt so wird
sie das Geld nicht eine Stunde länger entraten können Schreiben Sie also
dieser Ursache allein alle seine Beeiferungen zu sich ihr gefällig zu machen
Ich muss Ihnen wegen einer kleinen Schmeichelei verbunden sein Sie schenken
dem Major Ihre Achtung weil er so von mir urteilt wie Sie glauben dass ich
es verdiene Sie handeln sehr großmütig aber ich denke er hat mir diese Ehre
nicht alleine zu verdanken Die persönlichen Eigenschaften tragen zu dem
Urteile welches man über die Leute fällt auch oft etwas bei In einem Stücke
bin ich nicht mit Ihnen zufrieden Sie haben nicht die besten Begriffe von mir
Sie fragen mich ob mir das Herz nicht stärker schlägt wenn ich höre dass sich
Jemand in Lobsprüche über mich heraus lässt wollen Sie mir dadurch einen Vorwurf
meiner allzugrossen Eigenliebe machen Haben Sie davon Beweise in Händen dass ich
mir etwas darauf habe zu gute getan wenn ich bin gelobet worden Ich denke
nicht seitdem ich aus der Schule bin hat man mir nie etwas zu meinen Lobe ins
Gesichte gesagt darauf ich hätte können stolz sein Dort verdiente ich manchmal
von meinem Informator eine kleine Lobrede wenn ich den langen Psalm ohne Anstoß
herbeten konnte Ich will es Ihnen gedenken dass Sie mich für ein so
ruhmrätiges Mädchen halten Warum nicht auch für falsch Die Ruhmrätigen und
Falschen stehen sonst immer bei einander Bald hätte ich Lust eine Lanze mit
Ihnen deswegen zu brechen Dieser Ausdruck der Ihnen eigentümlich zustehet
gefällt mir besser als das Speerrennen des Majors Ich muss hier noch ein Wort
von den beiden Briefen der Duellanten gedenken Halten Sie nicht einen für so
drolligt wie den andern Wenn der Major so dächte wie er hier geschrieben hat
so würden weder Sie noch ich ihn uns einander zum Anbeter aufdringen wollen
Ich wenigstens würde glauben Sie durch einen solchen Scherz zu beleidigen
Heute las er meiner Mutter das Original des einen und die Abschrift des andern
Briefes vor Ich war gegenwärtig ob mich meine Mutter gleich in ihrem Herzen
weg wünschte Ich stellte mich als wenn ich etwas ganz neues hörte und keine
Abschrift von diesen Briefen zu Gesichte bekommen hätte Meine Mutter vergnügte
sich so sehr über die Antwort des Majors dass sie ihn mehr als einmal
Herzensmann nennte Sie ist die rachsichtigste Frau in ganz Deutschland Ich
hätte es nicht gedacht dass ihr Zorn so lange dauern könnte Ich wagte es da
der Major das Zimmer verlassen hatte ihr ein wenig ins Gewissen zu reden Sie
können sich stellen gnädige Frau sagte ich als wenn es ihr rechter Ernst
wäre dass der Herr v Ln ihren Zwist mit dem Herrn vN ausfechten sollte So
viel ich einsehe gründet sich ihr Unwille gegen den Herrn vN hauptsächlich
auf seine Aufführung bei der neulichen Gasterei Sie wollen seine Vergehungen
ahnden und der Major hat sich erboten diese Beleidigenden so anzunehmen als
wenn sie ihn selbst angiengen Ich kann mir nicht einbilden dass ihn der Herr
vN besonders beleidigt hat
Ja das hat er getan Wenn sie wissen sollten wie er sich vergangen hat so
würden sie erstaunen den heillosen Brief Doch was soll ich ihnen die
albernen Possen erzählen es ist auch eben nicht nötig dass Sie alles wissen
Genug er muss bestrafet werden
Sie müssen ihm eine Schwachheit zu gute halten Sie kennen ihn ja von vielen
Jahren her und wissen dass er es nicht so böse meint wenn er auch gleich seine
Worte nicht allemal auf die Waagschaale legt
Ich glaube sie nehmen seine Partie Denkt doch lässt das nicht als wenn
Sie in ihn verliebt wären Nehmen sie ihn Unter dieser Bedingung will ich mich
wieder mit ihm aussöhnen um der Freundschaft willen werde ich es freilich so
genau nicht nehmen dürfen Als Schwiegermutter will ich ihm verzeihen
Sie hätte in der Tat diesen Punkt nicht berühren sollen Beschämte sie sich
nicht dadurch selber dass sie mir einen Mann hatte aufdringen wollen der ihr
selbst unleidlich war Legte sie nicht dadurch ein Zeugnis wider sich selbst ab
dass sie nur um mich zu peinigen diese Heirat hatte stiften wollen Allein das
ist ihre Sache nicht dass sie so weit herum denken sollte
Sie scherzen sagte ich und wenn sie scherzen so ist ihr Zorn vorbei Ich
habe ohnedem nie recht glauben können dass es ihr Ernst gewesen ist wenn Sie
dem Herrn v Ln aufgemuntert haben an den Herrn vN Händel zu suchen
Wie was Ich sollte den Major aufgemuntert haben an Ihrem Schatze Händel
zu suchen das ist mir nicht in die Gedanken gekommen Ich verlange nichts von
ihm als dass er meine Ehre zugleich mit der seinigen verteidigen soll Er muss
ihm Satisfaction geben wenn er ein rechtschaffener Kavalier sein will Er hat
ihn beleidigt
Aber bedenken sie dass aus diese Sache ein Unglück entstehen könnte und dass
sie sich ewig ein Gewissen daraus zu machen hätten wenn
Ha ha Sie predigen glaube ich gar Wie lange ist es dass sie unter die
Pietisten geraten sind Machen sie sich aber nur nicht zu viel Sorge um ihren
Liebsten es wird keiner von beiden auf dem Platze bleiben Der Major ist so
grimmig nicht und der furchtsame vN wird seinem Gegner auch keine tödtliche
Streiche beibringen Es ist eben nicht auf Leben und Tod angefangen aber wenn
man alle Beleidigungen mit dem Mantel der christlichen Liebe zudecken wollte so
käme es endlich dahin dass man jedem Unverschämten zum Gespötte diente das muss
nicht sein
Das darf auch nicht sein Es gibt unterdessen wohl andere Wege dadurch man
dieses Übel vermeiden kann Ich dächte wenn man den Herrn vN wollte zu
erkennen geben dass man mit seinem Bezeigen nicht zufrieden wäre so dürfte man
nur seine Gesellschaft vermeiden und ihn den Zutritt in unser Haus versagen
Aber zwei Personen wegen einer Kleinigkeit die man übersehen könnte in
Lebensgefahr zu setzen das heißt die Sache zu weit treiben Sie glauben der
Herr vN wäre furchtsam ich will es zugeben aber die Furchtsamen wenn sie
sich in Gefahr sehen sind der Verzweifelung nahe Wie wenn nun ein Unglück
entstünde Solche Vorstellungen muss man sich nicht machen Es wird nicht gleich
ein Unglück entstehen Und wenn es auch so wäre so ist die Sache nicht zu
ändern davor sind sie Kavaliers Wissen sie nicht was der Major in seinem
Briefe an den Herrn vN sagt es ist ein altes Herkommen dass der Adel keine
Beleidigungen auf sich sitzen lassen darf wir haben es nicht aufgebracht wir
wollen es auch nicht wieder abbringen
Ich beruhigte mich hierbei ohne diese Unterredung weiter fortzusetzen und
schätzte mich außerordentlich glücklich dass ich derselben war gewürdiget
worden Sie scheint nicht so blutgierig als ich geglaubt hatte In der Tat
sucht sie nichts als dem Herrn vN eine Furcht einzujagen um ihn gegen sich
in Respekt zu erhalten Wenn es also auch nicht zu einer Schlägerei kommt und
die Sache nur so beigeleget wird dass dadurch ihre Ehre wieder hergestellet
scheint so wird sie sich wie ich hoffe beruhigen Mein Vater ist seit
einigen Tagen über diese Sache sehr mit ihr zerfallen Seit dem 19 dieses da
der Herr vN einen Boten an ihn abgeschickt hat welcher mir zugleich Ihren
Brief von Kargfeld überbrachte hat er sich in seine Studierstube verschlossen
Sie werden sich erinnern dass er seine Werkstatt so nennet wo er seine
Wachtelgarne stricket und die künstlichen Vogelbauer verfertigt Er hat nicht
einmal mit uns gespeist sondern sich das Essen hinauf bringen lassen Die
Verdrießlichkeiten worein er auf Antrieb seiner Gemahlin seinen Freund
verwickelt sieht gehen ihm sehr zu Herzen um aber nicht in einen Hauskrieg
verwickelt zu werden worinnen er gewiss den kürzern ziehen würde will er sich
nicht weiter in diese Händel mischen Der neue Verwalter und Jacob unser
Jäger machen jetzo seine Gesellschaft aus Seine Gemahlin hat ihn noch nicht in
seiner Einsiedelei besucht Wenn sie ihm etwas zu hinterbringen hat so braucht
sie dazu ihre Tochter und weil ich die nächste Nachbarin meines Vaters bin wir
wohnen in einen Stockwerke so lässt er mich meistenteils rufen wenn er meiner
Mutter etwas zu sagen hat Was ist es doch für eine elende Gemütsberuhigung für
ein paar Eheleute die gegen einander aufgebracht sind wenn sie miteinander
eine Zeitlang schmollen da sie doch zum Voraus sehen dass sie sich gewiss wieder
aussöhnen müssen wenn sie nicht für ihre übrige Lebenszeit unglücklich sein
wollen Ich bin versichert dass mein Vater und seine Gemahlin ihre Aussöhnung
wünschen aber keines will einen Durchbruch machen und dem andern das erste
gute Wort geben Ich will von diesen verdrießlichen Dingen nichts mehr gedenken
mein angefüllter Bogen erinnert mich an etwas angenehmers dieses bestehet
darin dass ich die Ehre habe mit einer unverletzlichen Freundschaft gegen Sie
zu verharren
Dero
ergebenste Dienerin
Juliane vW
XV Brief
Fräulein Amalia an ihren Bruder
den 26 Octob
Das Schauspiel hat sich geendiget der Vorhang ist zugezogen die Zuschauer die
ein Trauerspiel vermuteten haben ein Lustspiel gesehen und sind nicht
unzufrieden darüber dass der Koturn seinen hohen Absatz verloren hat Der
Zwist unsers Onkels und des Majors ist ohne das Geräusche furchtbarer Waffen
beigeleget worden Alles wurde nach dem Geschmacke Grandisons ausgeführet und
jerdermann selbst die rachsüchtige Frau vW ist beruhiget Der Baron hat
keinen Fleiß gesparet den Hauptpersonen ihre Rolle wohl einzuprägen damit bei
der Ausführung sich kein Fehler einschleichen möchte der einen komischen
Auftritt in einen tragischen hätte verwandeln können Vorgestern am 24sten
besuchte er Vormittage unsern Onkel um seine Gesinnungen auszuforschen Er
blieb dabei dass er sich nicht in einen Zwiekampf mit seinem Gegner einlassen
würde er wäre aber entschlossen in Schöntal zu erscheinen um ihm nach dem
Beispiele seines Freundes aus vernünftigen Gründen die Torheit eines Duells
dazutun und ihn durch Gelassenheit und Großmut zu überwinden Der Baron
suchte ihn in diesem Vorhaben zu stärken Da er ging begleitete ihn der
Magister Lampert und sagte ihm ins Ohr es würde wohl getan sein wenn der
Baron zu seiner eigenen Sicherheit bei einer Sache wo Mord und eine Inquisition
auf die Hitze folgen könnte einen Geschwindschreiber irgends wohin versteckte
der die Unterredung seines Gönners und des Majors nachschreibe Der Baron hatte
diesen Vorsatz schon lange gefasst aber nicht aus der Beisorge dass im Fall ein
Unglück entstünde er den Rücken frei behielt und seine Unschuld in der Sache
dadurch dartun könnte denn dieses befürchte er eben nicht sondern er wollte
es nur um deswillen tun damit eine so sonderbare Unterredung nicht möchte
verloren gehen Unterdessen wollte er dem Magister doch nicht so gleich
beipflichten Was sagte er wollen sie mich zu dem lüderlichen Bagenhall
machen Ich halte keine Geheimschreiber es wird auch Niemand den Verdacht auf
mich werfen dass ich gegen ihren Gönner ein Komplot gemacht habe um ihn in
meinen Hause umbringen zu lassen Es werden schon Zeugen dabei sein die ich
wenn ich in Ungelegenheit kommen sollte aufstellen kann dass ich an der ganzen
Sache keinen Teil genommen habe Lampert beruhigte sich hierbei nicht sondern
suchte dem Baron die Notwendigkeit eines solchen Geheimschreibers weitläuftig
dazutun und dieser stellte sich endlich als wenn er seinen Gründen weichen
müsste und versprach alles so einzurichten wie er es gut befänd Nachmittags
gab uns der Major einen Besuch Beigelegte Briefe1 werden dir seinen Charakter
ziemlich genau kennen lernen Ich würde einen Teil derselben bereits meinem
letzten Schreiben haben anschließen können wenn nicht die Eilfertigkeit in der
ich mich damals befand mich genötigt hätte dieses bis zu einer andern
Gelegenheit zu versparen Du wirst daraus sehen dass der Major nie geneigt
gewesen ist Ernst aus dem Zwist mit unsern Onkel zu machen und dass er nur um
die Frau vW nicht gegen sich aufzubringen und ihre Freundschaft zu verlieren
ihm ein doppeltes Kartell zugeschicket hat Er ließ sich es gerne gefallen dass
diese Streitigkeit auf eine scherzhafte Art ohne Duell beigeleget würde Der
Baron richtete ihn vollkommen zu seinem Auftritte ab und der Ausgang hat
gewiesen dass er seine Person gut gespielt hat Unser Schwager ließ alles auf
den folgenden Tag zu einem Schmause veranstalten Der Major versprach den Herrn
von W mitzubringen Der Herr vH sollte auch eingeladen werden Es wurde
verabredet dass sich der Major und die übrige Gesellschaft um 9 Uhr des Morgens
einfinden sollte unser Onkel hatte versprochen erst gegen 10 Uhr da zu sein
Der Baron ließ den jungen Wendelin von Kargfeld herüber holen um sich seiner
als eines Geschwindschreibers zu bedienen Ehe ihm dieser wichtige Posten
anvertraut wurde sollte er erstlich eine Probe seiner Kunst ablegen er
versicherte aber dass er darin ein Meister wäre Er hätte seine Kollegia auf
Universitäten von Wort zu Wort nachgeschrieben sagte er und ungeachtet einige
seiner Docenten sehr geschwind geplaudert hätten so wäre doch seine Hand so
flüchtig gewesen dass er noch immer einen kleinen Zeitraum übrig behalten hätte
um anzumerken wenn ein Professor seinen Spaß belacht hätte Es kostete Mühe
einen Platz ausfündig zu machen wo der Schreiber alles hören und sehen könnte
was in dem Zimmer vorgieng und wo er von Niemanden könnte gesehen werden Ich
tat den Vorschlag man sollte ihn unter einen großen Tisch logiren den man mit
einem Teppich verhängen könnte allein dieser Ort schien zu unbequem es hätte
leichtlich ein Jagdhund unter denselben geraten können wodurch der geheime
Secretär eben so wie dort der Liebhaber der sauberen Eswara hätte können
endecket werden Der Baron sagte er hätte schon einen schicklichern Ort zur
geheimen Kanzelei ausersehen er wollte sich aber noch nicht weiter darüber
herauslassen Er beschäftigte sich den übrigen Teil des Tages den jungen
Wendelin zu unterrichten damit dieser das Protokoll so führen möchte wie er es
wünschte Der junge Wendelin hat dem Baron vor einer Stunde eine Abschrift davon
gebracht die ich meinem Briefe beilege du wirst dir gefallen lassen sie an
diesem Orte einzurücken damit der Verfolg meiner Erzählung nicht unterbrochen
wird
Das Protokoll
Ich Johann Kaspar Wendelin juris vtriusque Kandidatus et Notarius publ Kaes
meines Alters zwischen drei und vier und zwanzig Jahr begab mich am 25 Oktober
jeztlaufenden 17 Jahres des Morgens um 7 Uhr auf hohen Befehl des ST
Hochwohlgebohr Reichsfreiherrn Herrn Joh Adolph vF ErbLehn und
Gerichtsherrn auf Schöntal Güldenau etc nach dem Hochadlichen Schloss in
Schöntal auf den Weg und langte um halb 9 Uhr auch wirklich zu Fuße daselbst
an um eine Unterredung nachzuschreiben die am besagten Tage zwischen ST dem
Hochwohlgebohr Herrn Herrn Ehrhardt Rudolph vN ErbLehnund Gerichtsherrn auf
Kargfeld Dürrenstein etc an einer und dem auch Hochwohlgebohr Herrn Herrn
CFv Ln Sr wohlbestallten Major beidem löbl schen Regimente
Infanterie an der andern Seite vorgehen sollte und davon man Folgen von
großer Wichtigkeit zu besorgen hatte
Nachdem ich meine Lebensgeister durch ein gutes Frühstück gestärket hatte
ließ man mich in ein Zimmer treten wo sich erwähnter Herr Major v Ln der
Herr vW und der Herr vH befanden die in einer Unterredung von der jetzigen
veränderlichen Witterung und dem herannahenden Winter begriffen waren die zu
meinem Zwecke nicht gehörten und die ich also aufzuzeichnen keinen Befehl hatte
Damit ich nun die erwartete Unterredung weniger gestöhrt aufzeichnen möchte
ward ich befehliget in einen großen Schrank zu kriechen der ausdrücklich zu
dieser Absicht war in das Zimmer gebracht worden Ich hatte die Ehre dass der
Herr vF mich eigenhändig darin verschloss und den Schlüssel zu sich nahm
Ungeachtet der Herr vN wohl mag gewusst haben was dieser große unschickliche
Schrank in einem Zimmer das mir seidenen Tapeten ausgeschlagen war zu bedeuten
hatte so sollte es doch lassen als wenn ohne sein Wissen diese Unterredung
nachgeschrieben würde Ich wurde daher befehliget mich ruhig zu halten weder
zu husten noch zu niesen vielweniger durch das Anziehen oder Fortsetzen eines
Fußes mit meinen Stiefeln ein Gepoltere oder Geräusche zu erregen hingegen aber
sollte ich alles was vorgienge aufrichtig und redlich nachschreiben so dass
ich auf Erfordern die Richtigkeit desselben mit meinem großen NotariatInsiegel
bekräftigen könnte
Beim Eingange in dies enge Behältnis fand ich dass der obere Boden des
Schrankes weggenommen war damit das Licht hinein fallen und ich auch leichter
vernehmen könnte was in dem Zimmer gesprochen würde Zu mehrerer
Bequehmlichkeit war ein Stuhl hineingesetzet worden nebst einem Schreibepulte
welches mit den nötigen Werkzeugen der Schreiberei überflüssig versehen war In
der Tür fand ich eine Öffnung angebracht von der Größe eines Spundloches
welches von innen mit einem Gork verstopfet war den ich heraus nehmen konnte
um alle Bewegungen in dem Zimmer wenn es nötig wäre bemerken zu können
Ohngefehr um 10 Uhr sagte man dass der Herr vN käme und dass er von dem
Herrn Magister Lampert Wilibald begleitet würde der einen langen spanischen
Degen an der Seite hatte Einige Herren lachten hierauf sehr laut aber was sie
sagten hielt ich mich nicht befehliget aufzuzeichnen Der Herr vW den ich
daran kennete weil er allezeit über laut jähnete ehe er anfing zu reden
sagte zu dem Major bedenken sie dass der Mann mein Freund ist tun sie ihm
nichts zu leide wenn sie der meinige sein wollen
Der Major der sich durch eine männliche und gesetzte Stimme von den übrigen
unterschied sagte machen sie sich keine Sorge ich werde säuberlich mit ihm
fahren ich stehe für allen Schaden
Der Herr vH welchen ich an seinen Flüchen erkannte Sapperment Wollen sie
von ihm keine Satisfaction haben Sie haben ihn ja herausgefordert
Der Major Ich werde sie nicht von ihm erzwingen wenn er sich nicht
freiwillig dazu verstehet
Es schien dass der Herr Baron sich aus dem Zimmer begeben hatte um den
Herrn vN zu empfangen Ich hörte hierauf dass ein Fenster geöffnet wurde
Sehen sie sagte der Major der vermutlich am Fenster stand sieht der Herr
vN in seiner großen weißen Perucke nicht aus wie der Admiral Byng da er
sollte arquebusiret worden Alle Herren rückten hierauf mit den Stühlen um den
Herrn vN zu empfangen
Indem zog ich meinen Gork aus der Öffnung und sah durch solchen den Herrn
vN in das Zimmer treten Er hatte eine sehr entschlossene Miene und schien
durch solche seinem Gegner eine Furcht einjagen zu wollen Der Mag Lampert
folgte ihm mit einem langen Stossdegen bewaffnet der ihn verhinderte in dem
Zimmer viele Bewegungen zu machen Er stieß von ungefehr da er ein Kompliment
machen wollte mit solchem an die Tür meines Behältnisses dass ich darüber in
großes Schrecken geriet Die Unterredung fing alsdenn folgender maßen an
Der Hr vN Ihr Diener meine Herren ich erfreue mich sie allerseits wohl
zu sehen
Der Major Ich bin der ihrige Haben sie die vergangene Nacht wohl geruhet
vN Nicht gar wohl
Der Major Wie befinden sie sich
vN So hin Was gibts guts neues hört man nichts vom Frieden
Der Major Ganz und gar nichts
vN Wenn doch die großen Herren des Blutvergiessens einmal müde würden
zuletzt gewinnt doch keiner nichts
Der Major Sie fechten für die Ehre und in diesem Stücke werden wir ihnen
heute ähnlich sein
vN Wir Keinesweges Darzu werde ich mich nicht bringen lassen dass ich
mich mit ihnen schlage ich komme als Freund und nicht als Feind
Der Major Wir wollen sehen ob wir heute Freunde werden können, bis jetzo
sind wir es noch nicht Wir müssen vorher erst unsere Sachen miteinander
ausmachen
vN So wahr ich ein Mann bin will ich nicht Was ich geschrieben habe
dabei bleibt es Ich komme nicht mich zu schlagen aber beleidigen lass ich mich
nicht Wenn meine Person angefallen wird so weiß ich wie ich mich verteidigen
soll Alsdenn nehmen sie sich in Acht
Der Major Das werde ich gewiss tun ohne dass sie mich daran erinnern Haben
sie jemanden als einen Secundanten bei sich so lassen sie ihn herein kommen
vN Niemanden als diesen ehrlichen Mann er wies auf den Magister
Lampert
Der Magister Was soll dieser Schulmann hier soll er secundiren
vN Das wird nicht nötig sein er ist mein Waffenträger
Hr Lampert Ich trage die Waffen meines Gönners zur Verteidigung aber
nicht zur Beleidigung Er geht jederzeit defensive und nie offensive sie haben
also von diesen Waffen nichts zu fürchten wenn sie solche nicht selbst gegen
sich reizen
vH Vor dem Donner Wozu nützen diese Reden Macht eure Sache mit einander
aus ihr Herren wie es braven Kavaliers zustehet alsdenn könnt ihr schwatzen
so lange ihr wollt wenn ihr da noch schwatzen könnt Bald darzu bald davon
Der Maj Nehmen sie eine von diesen beiden Pistolen Herr vN Ich handele
ehrlich ich lasse ihnen die Wahl Dort auf dem Acker den sie hier vor sich
sehen linker Hand nach dem Gehölze zu dort wollen wir unsere Sachen ausmachen
vN Sein sie nicht hitzig ich rate es ihnen Der Acker könnte leichtlich
ihr Gottesacker werden Lassen sie uns frühstücken bei einer Tasse Koffee wird
sich alles geben
vH Sapperment wie stellen sie sich Weisen sie diesem Herrn dass sie
Kourage haben Sie reden ja wie eine alte Frau
vN An meiner Kourage wird so leicht niemand zweifeln und ich rede so wie
es meine Grundsätze erfordern
vH Was zum Henker sind das für Grundsätze die möchte ich sehen Nach
diesen Grundsätzen getraue ich mir nicht ein Glas Wein mehr mit ihnen zu
trinken
vN Das können sie halten wie sie wollen ich werde mich dadurch nicht
aufbringen lassen Wenn sie einmal zu mir kommen und eben durstig sind werden
sie froh sein wenn ich ihnen nur ein Glas Wein vorsetze
vH Der Henker hole Ihre Sprache hat sich seit einigen Tagen treflich
geändert Da sie den Ausforderungsbrief von dem Herr Major erhielten wollten
sie alle Bäume ausreißen sie ließ Spieße und Schwerder zusammen tragen und
taten als wenn sie ihn fressen wollten und nun da es Ernst werden soll sind
sie verzagt
vN Ich verzagt Ich dächte sie kennten mich besser Habe ich ihnen nicht
wie lange wird es nun sein vor ungefehr 10 Jahren gewiesen dass ich Mut habe
Sie werden die Zeichen davon wohl mit in ihr Grab nehmen
vH Dort waren sie ein andrer Mann Aber ich denke ich wehrte mich meiner
Haut tapfer und sie bekamen auch etwas dass sie an mich denken konnten
vN Dieses gehört jetzo nicht hieher Wenn wir indessen damals gescheut
gewesen wären so hätten wir nicht nötig gehabt uns wie die unsinnigen
Menschen herum zu balgen wir würden unsere Streitigkeit eben so haben beilegen
können wie ich die meinige mit dem Herrn Major jetzo beizulegen gedenke
Der Maj Sie haben die Wahl ob dieses auf den Degen oder Pistolen geschehen
soll
vN Weder auf diese noch auf jene Art und dieses hoffe ich wird mich zu
dem Titel ihres besten Freundes berechtigen dass ich es abschlage mich mit
ihnen in einen Zwiekampf einzulassen
Der Maj Wie Sie halten sich zu den Titel meines besten Freundes
berechtiget dass sie mir eine rechtmäßige Satisfaction die ich wegen einiger
Beleidigungen von ihnen verlange versagen Ist dieses nicht eine offenbare
Verachtung
vN Nein das ist die stärkste Probe meiner Freundschaft die ich ihnen
geben kann Ich will sie nicht unglücklich machen denn es würde ihnen eben
nicht besser ergehen als allen ihren Vorgängern die ich vor der Klinge gehabt
habe
Der Maj Ich werde also Ursache haben mich bei ihnen zu bedanken dass sie
so großmütig mit mir verfahren und sie munteren mich auf ihrem Beispiele zu
folgen Ich werde sie also wenn sie mir keine Satisfaction geben wollen mit
nächsten beleidigen um hernach wenn ich ihnen solche gleichfalls versage
ihnen dadurch einen Beweis meiner Freundschaft geben zu können
Hr Lampert Was höre ich welchen Schluss Beurlauben sie mich gnädiger
Herr wenn sie nicht wollen dass mir als einem Meister in der Kunst zu
schlüssen bei dergleichen falschen Schlüssen wenn ich sie nicht widerlegen
darf eine Ohnmacht zuziehen soll Ich besorge es dürfte mir gehen wie jenem
großen Kunstrichter der für heftigen Entsetzen zu Boden sank da ein Idiot in
seiner Gegenwart einigen Tonkünstlern zurief Salvete domini Musicantes Er
wollte sich wegbegeben
vN Bleib er hier Herr Lampert er muss sich einmal mir zu Gefallen Gewalt
antun Ich werde schon die falschen Schlüsse widerlegen Es geschiehet nicht zu
meiner Beschützung mein Herr dass ich den Herrn Lampert ersuche hier zu
bleiben er soll nur von der Richtigkeit meiner Schlüsse die ich den ihrigen
entgegen zu setzen gedenke urteilen Sie stehen in dem Wahne ich hätte sie
beleidigt und wollte ihnen keine Satisfaction geben Ich beleidige Niemand
der Grund von unserm Zwiste rühret nur vom Zufalle her Ich habe auch nie den
Vorsatz gehabt sie zu beleidigen wenn man Jemanden beleidigen will so muss man
wie soll ich sagen so muss man Jemanden etwas zu Leide tun Nicht wahr Herr
Lampert
Hr Lampert Allerdings so ist es
vN Nun habe ich ihnen nie etwas zu Leide getan Wenn es geschehen wäre
so sagen sie bei welcher Gelegenheit also habe ich sie auch nie beleidigt
Ist das nicht richtig geschlossen Herr Lampert
Hr Lampert Der Schluss ist in Forma richtig
vN Was sagen sie dazu Herr Major
Der Maj Sie fangen es sehr fein an dass sie darauf dringen die Gelegenheit
zu entdecken bei welcher sie mich beleidigt haben Sie wissen wohl dass ich
Ursache habe dieses nicht zu tun es ist aber auch nicht nötig Mit einem
Worte ich halte mich von ihnen für beleidigt und dieses ist genug Kavalier
Satisfactien za verlangen
vN Das will ich ihnen nicht wehren aber ob ich verbunden bin ihnen
solche zu geben das ist eine andere Frage Wenn es genug wäre ohne hinlängliche
Ursache Händel anzufangen und wenn man denen die solche suchen allezeit
Satisfaction geben müsste so hätte man nichts zu tun als sich immer herum zu
hauen und zu schießen und das ist vor jetzo meine Sache nicht
vH Wo T muss die plötzliche Veränderung bei dem Manne herkommen Sie waren
ja vor diesem so eisern nicht und nur noch vor wenig Tagen hatten sie ganz
andere Gedanken
vN Ich ließ mich damals von den Ausbrüchen meines Zorns denen ich immer
nicht widerstehen kann in etwas übereilen und es war ihr Glück Herr Major
dass sie mir den Tag nicht in den Wurf kamen Da ich aber die Sache etwas genauer
überlegte und meinen Sirach so nenne ich die Geschichte des Herrn Grandisons
zu Rate zog so stund ich von dem mörderischen Vorhaben ab mich mit ihnen
herum zu balgen Wenn sie meinem Rate gefolget und diese Geschichte gelesen
hätten so würden sie jetzo meiner Meinung sein
Der Maj Da ich es aber nicht bin und keine so erleuchteten Einsichten
habe so müssen sie mir als dem schwächsten Teile nachgeben Ich handele
ehrlich dass ich ihnen die Wahl unter diesen Pistolen lasse Kommen sie ohne
uns in einen weitern Wortwechsel einzulassen ich dringe darauf sie müssen
vN Sein sie nicht hitzig wir wollen frühstücken
vW Ich dächte es wäre Zeit es geht stark auf den Mittag los
vN zu dem Major Nehmen sie eine Buttersemmel das wird ihnen Zeit geben
gelassen zu werden
Der Maj Über die verdammte Gelassenheit Ich denke ich bin lange genug
gelassen gewesen ich habe noch bei keinem Duell einen solchen Wortwechsel
geführet als bei diesem Endlich zerreißt mir der Gedultsfaden Kurz ich
bestehe darauf sie müssen eine von diesen Pistolen wählen
vH Zeigen sie dass sie noch Ehre im Leibe haben sie können es warlich
nicht ausschlagen Nehmen sie eine
Der Herr vN stund von seinem Stuhle auf und nahm beide von dem Major Er
besah sie lange endlich sagte er Die Wahl hält schwer sowohl die eine als
die andere scheint zum Unglück zubereitet Ich will nicht an ihnen zum Mörder
werden
Der Maj Wohlan So soll der Degen unsern Zwist entscheiden
vN Da es also zugestanden ist meine Herren die Pistolen wegzulassen und
da ihr Anblick schon zum Unglück zu reizen scheint so werden sie erlauben dass
ich sie losbrenne
Er öffnete ein Fenster um sie loszuschiessen sie versagten aber beide
Nach der Erzählung ist der Schreiber versichert dass sie nicht geladen waren Er
lass also beständig ganz ruhig in seinem Schranke weil er wusste dass kein
Unglück vorgehen konnte Der Major stellte sich als wenn er es verhindern
wollte dass die Pistolen nicht losgebrennt würden der Herr vN sah sich also
genötigt zu Verhütung alles Unglücks sie zum Fenster hinunter zu werfen Da
nun eine kleine Bewegung entstund weil jedermann nach dem Fenster ging um zu
sehen was der Lerm zu bedeuten hätte den man gleich darauf im Hofe hörte so
glaubte der Herr vN man hätte ein Absehen auf ihn Er legte mit einer
gravitätischen Mine die Hand an den Degen und sagte ganz gelassen meine
Freunde nehmen sie sich in Acht dass ich niemanden beschädige ich werde meinen
Degen ziehen wenn man mich anfällt
Die Ursache des Lerms im Hofe war diese Wigand der Reitknecht des Herrn
vN hatte sich unter dem Fenster aus welchem der Herr vN die Pistolen
herunter warf gesönnet es war ihm eine davon auf den Buckel gefallen worüber
er so heftig zu schreien anfing dass alles Gesinde zusammen lief Weil man
Pistolen neben ihn liegen sah so glaubte man er hätte einen Schuss bekommen
Der Major zu dem Herrn vN Wollen sie mir auf den Degen Satisfaction geben
Das ist gut endlich entschließen sie sich doch zu etwas
vN Ich ziehe ihn nur zu meiner Verteidigung ich dachte sie wollten sich
über mich hermachen weil ich ihr mörderisches Gewehr zum Fenster hinausgeworfen
habe
Der Major Ja das ist eine neue Beleidigung so verächtlich begegnen sie
mir
vN Ich habe es nicht aus Verachtung getan sondern zu ihrem Besten Sie
sollen ihr Leben nicht durch meine Hand verlieren sie können es besser
anwenden wenn sie es dem Vaterlande zum Besten aufopfern sie haben einen Beruf
für solches zu streiten In einiger Zeit wenn sie die Sache ruhig überlegen
werden sie es vielmehr billigen dass ich meine Pistolen ihnen aus den Zähnen
gerückt habe damit sie nicht zu dem Gebrauch könnten angewendet werden zu dem
sie bestimmt waren
Der Maj Vereiteln sie mir nicht meine Freude die sie mir dadurch machten
dass sie die Hand an den Degen legten Kommen sie hinunter in den Grasgarten
dort wollen wir ein paar herzhafte Gänge tun und unsere Sache ausfechten
vN Ich habe ihnen schon mehr als einmal gesagt dass ich nicht als Feind
sondern als Freund hieher kommen bin um meine gerechte Sache zu verteidigen
Der Maj Mit dem Degen hoffe ich
vN Keinesweges Mit dem Degen verteidige ich mich nur gegen Mörder und
Feinde ich ziehe ihn aber nicht gegen meine Freunde Meinem irrenden Bruder
helfe ich durch vernünftige Vorstellungen zu rechte Dieses ist der beste Weg
den man wählen kann ihn zu bessern und ihn zur Erkenntnis seiner Fehler zu
bringen
Der Baron Das ist bei meiner Ehre edel gesprochen
Der Maj Wenn sie immer so gedacht hätten wie sie jetzo sprechen so würde
ich die Größe ihres Geistes bewundern Da aber ihre Taten nicht mit ihren
Worten übereinstimmen so setzen sie sich in den Verdacht als wenn es ihnen an
Mute fehlte Es scheint dass sie ihre Furchtsamkeit in die Larve der Großmut
die sie ihren Gevattersmanne abgezogen haben verstecken wollen aber die
Verstellung ist zu sichtbar Ein großmütiger Mann beleidigt niemanden und
also hat er auch nicht nötig für angetane Beleidigungen eine Genugtuung zu
verschaffen Sie aber haben mich beleidigt und wollen mir keine Satisfaction
geben also schlüsse ich daraus dass sie nicht großmütig sind sondern
furchtsam
Hr Lampert Heu quae qualis quanta
vN Stille zu dem Major hören sie meiner Ehre wird dadurch nichts
abgehen sie mögen von mir glauben was sie wollen So viel will ich ihnen nur
sagen sie haben ihr Leben meinen Grundsätzen zu danken Ich bin von Natur
hitzig ich habe auch vielen Stolz ich habe aber nach dem edlen Beispiele Sir
Karls beides unterdruckt und das ist jetzo ihr Glück Wenn ich der wäre der
ich ehmals war so würden ihnen ihre Beschuldigungen teuer zu stehen kommen
vW welcher bisher sich beschäftigt gehabt das Frühstück welches für
die ganze Gesellschaft aufgetragen war alleine zu verzehren und eben jetzo
damit fertig war Ich dächte sie ließ es nicht aufs äußerste ankommen Herr
Major wenn v N seinen tollen Kopf aufsetzt so ist er ärger als der T
Vertragt euch in der Güte miteinander ihr Herren zuletzt behält doch keiner
Recht
Der Maj Wenn durch einen gütlichen Vertrag meine Ehre wieder hergestellet
werden könnte so wollte ich einem Vergleiche gern die Hand bieten Da aber
meine Ehre in den Augen der Welt mehr dabei verlieren als gewinnen würde so
bin ich entschlossen die Entscheidung unsers Zwistes auf den Degen ankommen zu
lassen
vN Ihre Ehre kann nicht wider hergestellet werden denn sie ist nicht
beleidigt worden Ich wollte mir eher auf deutschen Fuß die kehle abschneiden
oder nach englischer Manier mich an den nächsten Balken hängen ehe ich
jemanden an seiner Ehre und guten Namen den geringsten Eintrag tun wollte
Der Baron Welch ein vortrefflicher Gedanke Wenn sie nicht mit dieser
Erklärung zufrieden sind so weiß ich nicht was sie weiter verlangen
vH Vor dem Henker Ich kann aus euch Leuten nicht klug werden Der eine
schwatzt einen Haufen von Beleidigungen und will mit der Sprache doch nicht
heraus worin sie bestehen sollen und der andere will durchaus nicht
eingestehen dass er jenen beleidigt hat Sie gehen um die Sache herum wie die
Katze um den heißen Brei ohne dass etwas ausgemacht wird Mein Rat wäre ihr
Herren vertrügt euch entweder in der Güte miteinander wie es der Herr vW
haben will oder durch den Degen
Der Major Gut bei diesem Ausspruche soll es bleiben ich erwähle das
letztere
vN Ich ergreife das erstere Sie kennen meine Grundsätze und bestehen nur
auf dem Duell weil sie wissen dass ich mich in kein Duell einlassen will
vH Aber warum nicht Der Herr Major hat sie einmal heraus gefordert und
sie müssen ihm Satisfaction geben
vN Ich kann diese Ausforderung wenn ich auch sonst keine Gründe für mich
anzuführen hätte aus der Ursache nicht annehmen weil es ein unchristlicher
Gebrauch ist wegen einer vermeinten oder auch gegründeten Beleidigung sich den
Hals brechen zu lassen oder ihn seinem Nebenmenschen brechen zu wollen
Der Major Das sind Worte eines frommen Schwärmers
vN Die Heiden und Türken verabscheuen eine solche gottlose Gewohnheit und
die alten Römer
vH Was T gehen uns die alten Graubärte an Sie reden als wenn ihr
Magister ihnen die Worte in den Mund geleget hätte
vN Lassen sie mich zum Worte kommen die alten Römer haben niemals mit
einander Kugeln gewechselt
Der Major Ja zu der Zeit war das Pulver noch nicht erfunden sonst würden
sie sich wohl tapfer herumgeschossen haben
vN Das sagen sie nicht Wie hätten denn die Römer so viele Vestungen
einnehmen können wenn sie kein Pulver gehabt hätten Aber dieses bei Seite
gesetzt so will es nicht einmal der Papst leiden dass sich seine Untertanen
duelliren sollen
Der Maj Was hat uns der Papst zu befehlen meine Ehre ist mir wichtiger
als alle päpstliche Bullen
vN Ein alter Kirchenvater Namens Koncilius Tridentinus geht noch
weiter er erkläret alle die welche in einem Zwiekampf umkommen für
Selbstmörder und schlägt ihnen ein christlich Begräbnis ab
vH Wenn wir die Gesetze der Ehre aus den Kirchenvätern herlangen wollen
so müssen wir uns freilich auf einen ganz andern Fuß setzen Wir müssen feige
Memmen werden und in der Feigheit eine Ehre suchen unsere Ahnen aber die sich
durch ritterliche Taten empor geschwungen haben müssen wir als Mörder und
Strassenräuber verdammen
vN Wir können eher dieses tun als dass wir in ihre Fusstapfen treten und
es eben so arg machen wie sie Die Fehler muss man ausrotten wo man sie findet
Der Baron Der Herr vN spricht wie ein Orakel Ich will heute noch meinen
Degen einleimen lassen damit ich nie wieder in die Versuchung gerate ihn
gegen jemand zu ziehen
Der Maj Es ist wahr die Gründe des Herrn vN haben einigen Schein und
wenn ich ihm weiter zuhörete so glaube ich ich dächte eben so wie er Aber die
Vorurteile der Welt halten mich ab dass ich ihm nicht beipflichten kann
vN Ist es aber nicht besser ein Mann von Ehre zu sein als dass man in den
Augen der Welt dafür angesehen wird ohne es zu sein Um die Vorurteile der
Welt muss man sich nicht bekümmern Eine wilde und unbändige ich will nicht
sagen unchristliche Gewohnheit als das Duelliren ist kann gar keinen Beweis
angeben dass man auf die Erhaltung seiner Ehre bedacht ist Denn jeder Schurke
der nicht für einen Pfennig Ehre besitzt kann einen braven Mann heraus fordern
um sich vor der Welt ein Ansehen zu machen
Der Major Sie reden als wenn es gedruckt wäre und ich wiederhole es
nochmals wenn ich mich überzeugen könnte dass sie so vortrefflich dächten als
sie sprechen so wollte ich mich eher vor ihnen erniedrigen als vor dem großen
Magol auf seinem Throne
vN Sie können es auf mein Wort glauben dass ich das jederzeit denke was
ich sage denn wenn man reden will so muss man denken aber ich meine es auch
so wie ich rede Kurz sie können sich darauf verlassen ich werde ihnen um
meines Gewissens und um meiner Ehre willen keine Satisfaction geben wenn ich
sie auch wirklich beleidigt hätte welches doch aber nie geschehen ist Der
Gebrauch der Waffen steht nur Königen und Fürsten zu ich will den Göttern
dieser Erden nicht ins Amt fallen Privatleute müssen sich in der Güte mit
einander vertragen
Der Baron Ich bin ganz entzückt über ihre Gesinnungen und ich fange beinahe
an überzeugt zu werden dass alles was sie gesagt haben vortrefflich und
nachahmungswürdig ist
vH Der Meinung bin ich auch Wie es scheint Herr Baron so geht es ihnen
eben so wie es mir manchmal zu gehen pfleget Wenn ich aus der Kirche komme so
denke ich alles was der Pfarr gesagt hat ist gut und er hat Recht Wenn ich
aber alles das tun sollte was er sagt so müsste ich ganz und gar umgegossen
werden und das hält schwer ich denke wie meine Vorfahren sind in Himmel
kommen die alle nicht besser gewesen sind als ich so getraue ich mir auch
hinein zu kommen Jetzt bin ich durch des Herrn vN Predigt abermals ganz und
gar umgewendet ich denke er hat vollkommen Recht aber wenn ein Kavalier doch
gleichwohl soll leben wie eine alte Frau das steht mir nicht an
Der Major So geht es mir ebenfalls Wenn ich bedenke dass das Duelliren
eine so abscheuliche Sache ist dass man darüber um ein ehrliches Begräbnis
kommen kann so möchte ich es verreden mich jemals wieder in Händel einzulassen
Aber wenn man darüber in Gefahr geraten sollte für scheinheilig oder furchtsam
ausgeschrieen zu werden so will ich lieber den Papst und alle Kirchenväter
wider mich haben als das Urteil der Welt
Der Baron Weichen sie diesmal der Übermacht und erkennen sie sich
überwunden Sie können eben so wenig dem Winke der Vernunft widerstehen als ich
Wenn man sich über die Vorurteile des Pöbels hinaussetzen kann so muss man
notwendig zugestehen dass es ein törigter und lächerlicher Gebrauch sei einem
Unheil durch etwas abzuhelfen woraus ein viel größeres entstehen kann
Der Major Zeigt auf den Herrn vN Dieser Mann wird uns noch alle zu
seinen Neubekehrten machen Aber der T wenn ich auch einen Heldenmut beweisen
und meiner Leidenschaft Gewalt antun wollte mich nicht wegen der Beleidigungen
an ihm zu rächen so liegt mir noch etwas anders im Wege
vN Ohne Zweifel ist der Mann ein Held der seine Leidenschaft überwinden
und eine wirkliche Beleidigung geschweige denn eine eingebildete vergessen
kann Und einem Helden muss nichts im Wege liegen als was sich für ihm
demütiget oder was er kaput gemacht hat
Der Baron Höchst vortrefflich Können sie noch widerstehen Herr Major
Der Maj Nein ich sehe mich genötigt ihnen gewisse Vorschläge zu tun
auf welche ich mich mit ihnen zu vergleichen gedenke Ich will wenigstens die
Ehre haben eben so großmütig gegen sie zu verfahren als sie gegen mich zu
sein glauben Ich lasse meine Forderung wegen einer Genugtuung für dasjenige
wodurch ich mich von ihnen beleidigt halte fallen jedoch unter der Bedingung
dass sie meiner Base der Gemahlin des Herrn vW eine schriftliche Abbitte und
Ehrenerklärung tun wegen der nachteiligen Reden die sie von ihr geführet
haben und alsdenn müssen sie mich überzeugen dass es ihnen keinesweges an Mute
fehlt Wenn sie richtige Beweise ihres Mutes anführen können so will ich mich
alsdenn beruhigen und glauben dass sie nach den Grundsätzen ihres Gevatters
handeln
vN Sie wollen ihre Forderungen gegen mich fallen lassen und machen immer
neue Forderungen in der Tat haben sie gar keine an mich zu machen Weil sie
indessen auf einem guten Wege sind so will tun was ich kann sie dabei zu
erhalten Ihre zweite Bedingung kann ich ohne Bedenken erfüllen die erste aber
entstehet aus einem Vorurteile das leicht zu widerlegen ist Ich habe die Frau
vW nicht beleidigt also ist auch eine Abbitte unnötig Was ich von ihr
gesagt habe das sind nur zufällige Gedanken gewesen die ich nie vor Wahrheiten
ausgegeben habe Wenn sie sich dadurch beleidigt glaubt so muss man ihr als
einem schwachen Werkzeuge ihre Ehre geben und sie begütigen Eine
Ehrenerklärung aber wird mir nicht schwer fallen ich halte jede Dame für eine
Dame von Ehre bis ich es anders finde Die Frau vW ist die Gemahlin meines
Freundes ich gestehe ihr alle die Ehre zu die sie dadurch erhält
Der Baron Getrauen sie sich gegen diese Erklärung ein einziges Wort
aufzubringen
Der Major Nicht ein Wort Ich bin damit zufrieden ich sehe dass ein
Misverstand unsern ganzen Zwist erreget hat Ich ärgere mich nur dass ich gegen
diesen vortrefflichen Mann der alles so klug zu wenden weiß dass er immer gegen
mich in Vorteile bleibt so eine elende Figur mache Das hätte ich nicht
gedacht dass ich so würde überwunden werden
vH Bei meiner Seele vN sie kommen heute gut weg Ich dachte es würde
Mord und Todschlag aus dem Handel entstehen oder sie würden sich doch tapfer
herum hauen müssen wenn sie den Herrn Major satisfaciren sollten Ich kann gar
nicht einsehen wie sich das Ding so gedrehet hat dass diese Händel einen
gütlichen Vergleiche nahe sind und jeder bei Ehre bleibt gleichwohl scheint
es als wenn es gar nicht anders hätte sein können Gebt nur einander die Hände
ihr Herren es wird aus der Schlägerei doch nichts vertragt euch in der Güte
Der Major So weit sind wir noch nicht zu dem Hrn vN Sie müssen meiner
zweiten Bedingung noch vorher Genüge leisten Sie hatten wie es scheint nicht
immer die Grundsätze die sie jetzo haben sie zeigten ehedem ihren Gegnern
ihrer Mut in der Tat so wie sie ihn mir heute durch Worte gezeiget haben So
viel ich weiß sind sie mehrmals vor der Klinge gewesen und vor Zeiten würden
sie sich sehr bedacht haben ihre Händel auf diese Manier wie jetzo beizulegen
vN Beleidigen habe ich mich niemals lassen wenn mich einer nur über die
Achsel ansah so schlug ich ihn hinter die Ohren
Der Baron Damals hatten sie also nicht die Großmut die Gelassenheit die
Standhaftigkeit die wir jetzo an ihnen bewundern
vN Damals focht ich noch mit dem ersten Schwerdte jedermann musste sich
vor mir fürchten
Der Major Ein Beispiel ihres Muts Herr vN
vN Zehne für ein Da ich noch unter dem Prinzen Eugen gegen die Franzosen
zu Felde lag wurde ich einmal mit 50 Mann in ein Dorf commandiret um Fourage
beizutreiben Es wohnte daselbst ein Beamter der ehedem auch ein Soldat gewesen
war Ungeachtet es in Freundes Land war so tat ich doch aus Gefälligkeit gegen
meine Leute als wenn ich dieses nicht wüsste und ließ sie auf Diskretion leben
Der Beamte beschwerte sich deswegen bei mir und um mir eine Furcht einzujagen
sagte er wenn ich diesem Unheil nicht abhelfen wollte so würde er mich wenn
ich von meinem Kommando zurückberufen wäre herausfordern Ich der ich mich nie
für einen Menschen fürchte seitdem ich das Wort Mensch buchstabiren kann gab
ihm zur Antwort einmal schlagen und ein paar Gläser Wein austrinken wäre mir
einerlei ich gab ihm zugleich meinen Handschu und verlangte von ihm eine Zeit
und Ort zu bestimmen, wo wir einander finden wollten Er versprach dieses zu
tun wenn ich von meinem Kommando zurückberufen wäre Nach einiger Zeit da wir
in den Winterquartieren lagen schickte er mir ein Karteil dass ich mich nebst
zween Secundanten an einem gewissen Gränzorte auf den und den Tag einfinden
sollte Ich hielt die Secundanten für überflüssig und nahm nur meinen Reitknecht
zu mir Mein Gegner war sehr unwillig dass ich keine Secundanten mitgebracht
hatte ich sagte meine Pistolen und mein Degen sind meine Secundanten Wie
wenn wir uns nun alle dreie mit ihnen schlagen wollten sagte er Dazu bin ich
bereit ich nehme es mit euch drei Kerls auf einmal an ihr seid keine
Kavaliers Sie wurden darüber erbittere ich aber nicht faul ergriff mit der
einen Hand die Pistole und mit der andern den Degen Sie erstaunten über meine
Herzhaftigkeit und machten links um ich hinter ihn drein wie ein Satan Einen
davon der kein so flüchtiges Pferd hatte als die andern holte ich ein Nehmen
sie sich in Acht sagte ich jetzt werde ich sie auf den Pelz brennen Er schrie
erbärmlich um Pardon Gut denn jagte ich reiten sie hin mit Frieden ich will
ihnen das Leben schenken Er bewunderte meine Großmut und ich behielt das
Feld Ich habe seit der Zeit kein Wort wieder von ihnen gehört und glaube die
ersten beiden sind ohne Zweifel in einem großen Fluße umkommen durch welchen
sie setzen mussten um sich zu retten
Der Major Das ist eine ganz außerordentliche Begebenheit die sich in den
neueren Zeiten nur alle hundert Jahre einmal zuträgt
vN Dergleichen Begebenheiten sind mir mehrere begegnet
Alle Herren baten ihn hierauf noch einige zu erzählen
vN In Italien commandirte ich einmal eine Freicompagnie die mehrenteils
aus Banditen bestund Ich hielt die Schurken ein bisgen kurz und sie machten
deswegen eine Meuterei gegen mich Eines Tages hatte ich sie lassen ein wenig
voraus marschiren und ich wollte nachkommen Sie hatten sich meine Abwesenheit
zu Nutze gemacht und hatten sich zusammen verschworen mich kalt zu machen
zugleich hatten sie einen Preis auf meinen Kopf gesetzt dass derjenige welcher
sich zuerst an mich wagen würde mein Nachfolger sein und sie commandiren
sollte Ein Deuscher verriet mir diesen Anschlag und gab mir den Rat mich ja
nicht vor den desperaten Kerls blicken zu lassen wenn ich nicht wollte auf dem
Platze niedergemacht sein Ich wie der Wind zu Pferde auf und davon
vW Daran tatest du gescheut Herr Bruder dass du Reisaus gabest ich
hätte es selbst so gemacht
Der Baron Ich fühle jetzo sehr lebhaft ihre Gefahr und ihre Entrinnung In
der Tat ihr Heil bestand damals in der Flucht
Herr Lampert Schweigen sie meine Herren der Herr vN ist noch nicht
fertig hören sie nur
vN Ich setzte mich also zu Pferde und suchte die Cujons auf So bald ich
sie ansichtig wurde gab ich meinem Gaul die Sporen und mitten unter sie
hinein
vW Das ist ein anders
Der Maj Jetzt kommt es erst
Der Baron Wie lief es ab Ich stehe ihrentwegen in großer Furcht wenn sie
nur nicht doch was mache ich mir vor gefährliche Vorstellungen sie stehen ja
da frisch und gesund vor mir
vN Hier Kammeraden bringe ich meinen Kopf selbst sagte ich um den Preis
zu verdienen den ihr darauf gesetzt habt Wer mir diesen streitig machen will
der trete heraus Sie erstaunten über meinen Mut sie stunden wie die Mauren
es regte sich keiner Pursche streckt das Gewehr Rief ich ihnen zu und zog
zugleich den Degen Sie gehorsameten und ich trieb sie hierauf vor mir weg wie
eine Heerde Schaafe bis ins Hauptquartier Das Gewehr befahl ich auf ein paar
Wagen zu laden die ihre Tornister führten
Der Baron Nun was machten sie mit ihren Leuten
vN Hierauf ließ ich ihnen einen kurzen Prozess machen und sie miteinander
aufhängen
Der Maj Das war zuarg Sie verfuhren mit den armen Teufeln zu barbarisch
es ist wohl mancher feine lange Kerl mit darunter gewesen Sie haben ihrer
Heldentat dadurch einen garstigen Schandfleck gemacht
vN Ja die Hunde waren nichts bessers wert sie hatten mit einander den
Galgen schon zehnmal verdient
Herr Lampert Ich halte davor mein Gönner hat den Glanz seiner Heldentat
gar nicht verringert er hat nichts anders getan als dass er dem Beispiele
Alexanders des Großen gefolget ist Da dieser Tyrus erobert hatte ließ er die
überwundenen Tyrier rund um die Stadt herum aufknüpfen wie die Krammsvögel oder
eigentlich zu reden er ließ sie nach damaliger Mode kreuzigen Das Leben der
Kriegsgefangenen steht in der Hand des Siegers
vN Ja ja so ist es
Der Major zu dem Hrn vN Was sagte aber ihr General dazu dass sie ihre
ganze Kompagnie aufhängen ließ
vN Was der sagte Hm der hatte nichts danach zu fragen ich war Herr
über meine Leute In acht Tagen hatte ich mir eine andere geworben die noch
einmal so stark war als die erste Vorzeiten ging es nicht so ordentlich im
Kriege wie heutiges Tages dort tat ein jeder was er wollte Aber die Zeit
vergehet
Er zog seine Uhr die einem Dreiersbrodte an Größe nichts nachgab aus der
Westentasche Die Herren baten ihn alle die Unterredung noch nicht abzubrechen
so sehr es auch der Schreiber wünschte Er fuhr also fort
In Italien habe ich mehr als einmal die Ehre der Deutschen gerettet Es ist
nicht fein wenn man immer von sich selber spricht sie wollen es aber nicht
besser haben und also bin ich gezwungen ihnen die merkwürdigsten Auftritte
meines Lebens bekannt zu machen Zu der Zeit folgte ich meinen alten
Grundsätzen ich dachte ich wäre kein Mann von Ehre wenn ich seine Händel
hätte und wenn mich Niemand beleidigen wollte so wurde ich der angreifende
Teil Unter andern lag ich einmal zu Padua auf Werbung Die Studenten machen
dort viel Unheil und jedermann fürchtet sich für den jungen Laffen In der Nacht
kann Niemand auf der Straße gehen ohne zu befürchten dass man von ihnen
angegriffen wird Ich nahm mir vor die Buben zu züchtigen und die öffentliche
Ruhe wieder herzustellen
Der Baron Ein großmütiger Entschluss
vN Ich stellte mich des Abends unter einen bedeckten Gang Ein Haufe
lüderlicher Brüder sahen mich von ferne und erklärten mich in ihren Gedanken
schon für eine gute Prise Ich dachte kommt nur angezogen Kurz darauf
stolperten ein paar von diesen Kerls vor mir vorbei und gaften mir ins Gesichte
Ihr Herren seid ruhig und geht nach Hause sagte ich Schaarwächter der du
bist erkühnte sich einer zu fragen hast du uns etwas zu befehlen Hier lief
mir die Galle über ich tat auf den ganzen Haufen einen herzhaften Angriff und
in eben diesem Augenblicke lagen Degen Hüte Perucken und Mäntel alles durch
einander auf dem Kampfplatze Zwei machte ich zu Gefangenen Mit einem unter
diesem Arme und mit dem andern unter diesem begab ich mich gerade auf die
Bürgerwache wo ich beide verwahren ließ Den Morgen darauf empfing ich von
einigen Abgeordneten im Namen des Rats ein Danksagungskompliment nebst einem
Patent als ein Ehrenmitglied des großen Rats daselbst weil ich die öffentliche
Ruhe der Stadt wieder hergestellet hätte Seitdem hat man auch nichts wieder von
einem nächtlichen Unfuge daselbst gehört
Hr Lampert Durch die edelmütige Tat hätten sie verdient dass ihr
Konterfei wie das Bild des Miltiades nach dem Siege bei Maraton öffentlich in
einen solchen bedeckten Gang wäre ausgehänget worden
vN Gewisser maßen habe ich diese Ehre wirklich erhalten Ein
Peruckenmacher der ein neues Schild brauchte ließ mich auf solches mit einer
erbeuteten Perucke in der Hand abmahlen die Studenten aber denen dadurch ihre
schimpfliche Flucht gleichsam aufgerucket wurde brachten es dahin dass er
dieses Schild wieder einziehen musste
Der Major Ich bin ganz bezaubert von ihnen vortrefflicher Mann Ich sehe
dass es ihnen nie an Mute gefehlet hat aber mich dünkt sie haben ihn an keinem
Orte rühmlicher angewendet als hier da sie das gemeine Beste dabei zum
Endzwecke hatten
vW zu dem Hrn vN Ja wenn deine Worte lauter Evangelien wären so
wollte ich im geringsten nicht daran zweifeln aber so muss ich es nur glauben
weil du es gesagt hast Ich will die Sache nicht ganz verwerfen ich denke aber
du erzählest manche Dinge für dich zu vorteilhaft Herr Bruder
Der Maj Ich bin geneigt alle dem Glauben beizumessen was der Herr vN
gesagt hat Ein Nachfolger Sir Karls kann keine Unwahrheiten sagen Indessen bin
ich versichert es wird ihnen auch nicht an Beispielen mangeln wo sie lebendige
Zeugen ihres Mutes für sich anführen können
vN Daran soll es auch nicht fehlen Hat Jemand an dem Herrn Magister
Lampert etwas auszusetzen wenn ich ihn für mich zum Zeugen anführe
vW Ganz und gar nichts
Der Baron Sein Zeugnis ist das glaubwürdigste
Der Maj Es scheint ein Mann von Ehre zu sein
vN Nun so hören sie denn Ich reiste einmal nach Frankfurt in die Messe
gegenwärtiger Herr Lampert begleitete mich dahin Wir speisten täglich in einem
angesehenen Gasthofe wo immer eine starke Gesellschaft von Vornehmen und andern
Fremden die es bezahlen konnten anzutreffen war Wir setzten uns eines Tages
an eine Tafel von mehr als 30 Personen Nicht wahr Herr Lampert
Hr Lampert Ja Es schmeckt mir noch immer gut wenn ich daran gedenke wir
wurden recht wohl bewirtet
vN Nicht lange nach uns kam ein Mann von dem Ansehen eines Kavaliers und
setzte sich gleichfalls an unsere Tafel So bald dieser Mann erschien hörten
alle Gespräche auf Es schien als wenn durch seine Ankunft der Appetit aller
Anwesenden wäre vermehret worden alle speisten mit der größten Begierde und
Eilfertigkeit und eine Zeit darauf verschwand einer nach dem andern Ich
wunderte mich darüber und fragte einen Kaufmann der im Begriff war sich
gleichfalls wegzubegeben um die Ursache dieser Verschwindung Sehen sie nicht
sagte er mir ins Ohr dort unten den furchtbaren Mann Ich rate es ihnen
schleichen sie sich gleichfalls unvermerkt fort wenn sie nicht wollen in
Unglück kommen Wenn er sich satt gegessen hat so fängt er an zu trinken und
hört nicht eher auf bis ihn der Wein erhitzt hat alsdenn kritisiret er über
die Gesellschaft Wer dieses nicht vertragen kann und sich mit ihm abgibt an
dem sucht er Händel und drohet mit Degen und Pistolen Er ist ein vortrefflicher
Fechter und ein guter Schütze und soll schon manchen über den Haufen gesetzet
haben Ich dachte sogleich dass dieses eine gute Gelegenheit wäre Ehre zu
erwerben und mich bei der ganzen Gesellschaft in Ansehen zu bringen Ich maß ihn
einige mal mit den Augen und dieses zog bald seine Aufmerksamkeit auf mich Wir
sprachen eine Zeitlang durch Minen mit einander, er getrauete sich nicht ein
Wort zu sagen weil er sah dass ich ihn nicht fürchtete Endlich fing er an
mit seinem Heldentaten zu prahlen ich tat als wenn ich darauf gar nicht Acht
hätte und erzählte ihm zum Trutze einige von meinen merkwürdigen
Begebenheiten Er wollte mich überschreien Hören sie sagte ich wenn ich rede
so muss es stille sein in dem Zimmer Er unterstund sich hierauf einen Teller
nach meinem Kopfe zu werfen welcher aber fehl ging und beinahe den Magister
erschlagen hätte Ich sprang auf in voller Wut als wenn ich alles niedermachen
wollte und über ihn her Ist dem nicht also Herr Lampert
Hr Lampert Allerdings er kam garstig weg
vN Er fing an zu schimpfen und zu schelten Willst du dich noch maussig
machen sagte ich und was dergleichen mehr war Kann er sichs nicht erinnern
was ich ungefehr noch sagte
Hr Lampert Sie sprachen noch eins und das andere zum Exempel Du hast
wohl nie einen Hund aus dem Ofen gelockt und willst dich an mich wagen
vN Ja ich erinnere mich Gehe sagte ich Eisenfresser der du sein
willst du hast wohl nie einen Hund aus dem Ofen gelocket und willst dich an
mich wagen und in eben dem Augenblicke lag er die Länge lang unten vor der
Treppe
Der Major Stellte er sich denn nicht zur Wehre
Hr Lampert Nicht sonderlich Er war über den mutigen Angriff erschrocken
dass er kein Leben hatte er versah sich dieses ganz und gar nicht
Der Major lachte sehr laut
vN Worüber lachen sie Herr Lampert ists nicht alles so wie ich es
erzählt habe
Hr Lampert Vollkommen so auf meine Ehre
Der Major Ich setze in die Wahrheit ihrer Erzählung gar keinen Zweifel ich
ergötze mich nur an der glücklichen Anwendung des bekannten Sprichworts
vN Ist das zum Sprichwort worden haben sie es mehrmals gehört
Der Major Sehr oft
vN Das Sprichwort kommt von mir her ich habe es erfunden Vor mir hat es
so viel ich weiß Niemand gebraucht und ich weiß selbst nicht wie es mir
damals eben zu so gelegner Zeit eingefallen ist Es stunden ein Haufen Leute um
mich da ich zu meinem Gegner sagte du hast wohl nie einen Hund aus dem Ofen
gelockt und wie auf Messen alles bald ausgebreitet wird so ist auch dieses
bald unter die Leute gebracht worden
Der Major Ey wenn sie ein Mann sind der Sprichwörter erfinden kann so muss
man billig Hochachtung für sie haben
Der Baron Ich denke der Herr vN hat ihren Anforderungen nunmehr Genüge
geleistet Hält sie noch etwas zurück ihm ihre Hand zu geben und sich mit ihm
zu versöhnen
Der Major Bei meiner Ehre er hat alles erfüllt was ich verlangen konnte
und das mit so leichter Mühe Aber auf meiner Seite hält es schwer ich lebe
noch nach den alten Grundsätzen des Herrn vN und seine neuen wollen mir gar
nicht in Kopf ich kann mich nicht überwinden
vN Haben sie noch einige Zweifel wegen des Ehrenpunktes so will ich mich
bemühen sie zu heben
Der Major Das ist nicht nötig erlauben sie nur dass ich mit diesen Herren
einen kleinen Abtritt nehme um ein oder den andern Punkt nochmals zu überlegen
vN Alles nach ihren Gefallen
Die Herren begaben sich hierauf in ein Nebengemach bis auf den Herrn vN
und den Hrn Lampert diese besprachen sich in Abwesenheit der übrigen folgender
Gestalt
vN Nun was meint er Herr Lampert wie habe ich bestanden Habe ich heute
meinem Gevatter Ehre oder Schande gemacht
Hr Lampert Nichts als Ehre und der Ausgang weist nunmehr dass sie dem
Wege den Herr Grandison zuerst betrat glücklich nachgespüret haben
vN Einen Teil des glücklichen Ausganges dieser kützlichen Sache habe ich
ihm zu verdanken Er hat mich die letzten drei oder vier Tage dressiret wie ein
Schulpferd Wenn ich nicht wohl wäre gefüttert gewesen so hätten die Sachen
können schief laufen nun aber denke ich soll Herr Grandison von diesem Handel
so viel Ehre haben als ich selber Findet er ganz und gar nichts an meiner
heutigen Aufführung auszusetzen
Hr Lampert Ganz und gar nichts Einige Kleinigkeiten wollen nichts sagen
Wenn das Hauptwerk gut ausgeführet wird so lässt man einige kleine Fehler in
Nebendingen durchschleichen ohne sie zu bemerken Quandoque bonus dormitat
Homerus wenn dieser große Dichter Götter und Helden reden lässt wie sie sollen
so vergibt man ihm eine kleine Ausschweifung wenn er auch gleich einmal Pferde
und Schiffschnäbel mit einander schwatzen lässt
vN Rom ist nicht auf einen Tag gebaut Wenn ich es noch nicht so weit
gebracht habe als Sie Karl so werde ich es schon mit der Zeit noch so weit
bringen Wenn er etwas auf dem Herzen hat so sag er es nur heraus sein Tadel
hoffe ich soll mich bessern
Hr Lampert zuckte die Achsel mit einem Reverenze Die Sonne erleuchtet den
ganzen Horizont und hat doch ihre Flecken
vN Das weiß ich sag er nur heraus was er an mir zu tadeln findet
Hr Lampart Ich muss ihren Befehlen gehorsamen und dieser wird meine
Verwegenheit entschuldigen Ich hätte wohl gewünscht dass sie nicht ihre ganze
Kompagnie die sie in Italien commandirten hätten aufknüpfen lassen
vN Was liegt daran und wenn ich eine ganze Armee hätte aufknüpfen lassen
so wären dadurch nicht weniger Menschen worden Ich weiß aber der Sache schon
abzuhelfen ich will sagen meine Kompagnie hätte nur aus fünf Mann bestanden
alsdenn wird die Erzählung ganz wahrscheinlich sein
Hr Lampert Vermeiden sie es lieber wo sie können wieder daran zu denken
vN Weiter im Text
Hr Lampert Der Peruckenmacher in Padua hätte die Kosten auch spahren
können sie auf sein Schild mahlen zu lassen Diese Erzählung schien ihnen mehr
nachteilig als vorteilhaft zu sein es können einem allerlei Nebengedanken
dabei einfallen
vN Ich würde nicht darauf gefallen sein dieses zu erzählen wenn mich
nicht seine verwünschte Vergleichung mit dem Miltiades darauf gebracht hätte
Inzwischen ist doch so etwas eben nicht unmöglich und wenn ich mir es nicht
abstreiten lasse so müssen sie es glauben Weiter
Hr Lampert Der Koncilius Tridentinus schnitt mir durchs Herz Habe ich
ihnen nicht gestern diese Stelle aus dem Grandison erkläret Das tridentinische
Koncilium war eine Kirchenversammlung und kein Kirchenvater
vN Kleinigkeiten Ich bin gut dafür dass keiner von den Herren jemals
etwas von dem tridentinischen Koncilio gehört hat außer was ich ihnen davon
gesagt habe
Es schien dass der Herr Magister Lampert noch viele Anmerkungen im Vorrat
hatte und dass diese nur als Vorläufer von wichtigern anzusehen waren es wurde
dieses Gespräche aber durch die Wiederkunft der übrigen
Gesellschaftunterbrochen Der Herr Baron brachte den Herrn Major bei der Hand in
das Zimmer geführet welcher etwas zu widerstreben schien inzwischen lies er es
doch geschehen dass seine Hand in die Hand des Herrn vN geleget wurde und die
Aussöhnung kam also hierdurch zu Stande
Der Major Verflucht das hätte ich nicht gedacht dass ich so würde
überwunden werden
Der Baron Es ist gut dass es geschehen ist wir dachten alle nicht dass
sich die Sache auf eine freundschaftliche Art endigen würde
vH Ich kann es auch bei meiner Seele noch nicht begreifen wie dieses
zugegangen ist
vW Ob du es eben begreifest oder nicht daran ist nicht viel gelegen
genug es ist geschehen
Der Major Wer kann einem solchen Manne widerstehen als dieser Herr vN
ist das mag ein andrer tun und ich nicht
vN Sie haben sich von mir nicht überwinden lassen sondern von der
gesunden Vernunft
Der Baron Wie edel Wir werden uns aller ihrer Reden und goldenen Lehren
die sie uns gegeben haben erinnern wenn sie auch nicht gegenwärtig sind
Dieser Schrank hat sie alle zum Gedächtnis und zu unserer Wiedererinnerung
aufbehalten
vN Wie verstehen sie das
Der Baron Ich beredete den Herrn Major zu verstatten dass ein junger
Mensch auf dessen geschwinde Faust ich mich verlassen konnte eine aufrichtige
Erzählung von alle dem was vorfiele nachschreiben sollte und er steckt in
diesem Schranke
vN Das ist etwas sonderbares ich kann mich nicht genug darüber
verwundern Inzwischen da die Sache zu dem Vorteile eines jeden ausgefallen
ist und jeder Teil mit Ehre aus dem Handel scheidet so dürfen wir kein
Protokoll fürchten
Der Baron Herr Wendelin ihre Verrichtung ist zu Ende Sein sie so gut und
kommen sie heraus aus ihrem Schranke mit dem was sie geschrieben haben
Der Schreiber gehorchte er hatte sich lange nach seiner Erlösung gesehnet
Der Herr Baron fragte ob das Protokoll sollte vorgelesen werden allein man
sagte dass es Zeit wäre zur Tafel zu gehen Der Herr vN wollte durchaus nach
Hause ungeachtet ihn sehr zu hungern schien endlich blieb er doch auf vieles
Bitten
Der Schreiber bekam hierauf Befehl das Protokoll einige mal sauber
abzuschreiben und von dem Herrn Baron vF seine Kopialien zu erwarten
Zugleich wurde ihm in geheim anbefohlen in dem Exemplare das für den Hrn vN
bestimmt war die besondere Unterredung desselben mit dem Herrn Lampert
wegzulassen auch gegen beide zu leugnen wenn er allenfalls deswegen sollte
befraget werden dass er sie nachgeschrieben habe Dieses ist also die richtige
Abschrift von allem was vorgegangen ist welches nach seinem besten Vermögen
nachgeschrieben und auf Verlangen Sr Hochwohlgebohr dem Herrn Baron vF
eingehändiget hat
Dessen
untertäniger Diener
Joh Kaspar Wendelin
Ich will nun meine Erzählung da fortsetzen wo sich des jungen Wendelins
seine endiget Den ganzen Tag über blieb die Gesellschaft bei uns Man sah
nichts als Freundschaftsbezeigungen von einer und der andern Seite unsere
Herren schienen ein Herz und eine Seele zu sein Unser Onkel ließ eine solche
Zufriedenheit über sich selbst blicken dass ich glaube er hat diesen Tag unter
die glückseligsten seines Lebens gezählet Der Herr vH war immer in tiefen
Gedanken der gute einfältige Mann der den Zusammenhang der Sache nicht
einsah konnte nicht begreifen wie ein solcher Zwist friedlich wäre beigeleget
worden Er sagte es käme ihm alles wie ein Traum vor Er hat die Ehre dass er
der erste ist den unser Onkel zu seinem Jünger gemacht hat und wenn er eine
Secte stiftet so muss der Herr vH unter seinen Anhängern oben an stehen Ehe
wir noch speisten fertigte der Herr vW seinen Jäger an seine Gemahlin ab um
ihr zu melden dass alles glücklich vorbei wäre Ich hatte mir vorgenommen eine
kleine Rache an ihr auszuüben Ich wollte den Jäger abrichten dass er sich in
Wilmershausen ganz betrübt stellen sollte als wenn ihm etwas im Gemüte läge
das er sich nicht getrauete zu sagen Er sollte sich gegen das Gesinde verlauten
lassen sie würden bald eine schlimme Zeitung hören dadurch sollte die Frau
vW auf die Vermutung gebracht werden dass in Schöntal auf ihr Anstiften ein
großes Unglück entstanden wäre Ich unterließ es jedoch hernach weil mir der
Kerl zu einfältig schien seine Person wohl zu spielen ich dachte auch die Frau
vW würde gegen uns und ins besondere gegen mich nur noch mehr aufgebracht
werden wenn sie erführe dass man einen Schreckschuss auf sie getan hätte Der
Baron ist mit dem Major sehr wohl zufrieden unser Onkel sieht den letztern als
seinen Neubekehrten an Der Major nahm es auf sich der Frau vW eine solche
Vorstellung von dem Vorgang der Sache zu machen die sie völlig zufrieden
stellen wird und wir sehen bereits von seiner Bemühung gute Wirkungen Das
Fräulein vW meldet mir dass ihre Mutter mit dem Hrn vN halb und halb wieder
ausgesöhnt zu sein schiene und diese Versöhnung wird vollkommen werden wenn er
sie wie er versprochen hat schriftlich um Verzeihung bittet Ob er gleich
feste darauf bestehet dass er nicht beleidigt hat so will er sich doch vor ihr
demütigen und durch diesen Beweis der Großmut wie er es nennt sie
gleichfalls bekehren Das Protokoll wird sie niemals zu sehen bekommen und wenn
ihr Gemahl auch etwas davon gegen sie gedenken sollte so wird man doch
jederzeit eine Entschuldigung finden um es ihr nicht in die Hände zu geben Der
Herr vW hat sich mit ihr ausgesöhnet wiewohl auch nicht vollkommen rechte
gute Freunde werden sie niemals aber er verschließt sich doch nicht mehr in
seine Studierstube Es ist Zeit dass ich mein aufgeschwollenes Paquet siegele
und fortschicke ich lasse es nach Strassburg gehen ich glaubte nicht dass es
dich noch in London antreffen würde du wirst es also in Strassburg finden Unter
den eifrigsten Wünschen nach glücklich vollendeter Reise bei vollkommenen
Wohlsein diesen Brief zu erbrechen empfiehlt sich ihrem geliebtesten Bruder
Amalia vS
Fußnoten
1 Dieses sind die vorhergehenden Briefe vom 6ten bis auf den 14ten
XVI Brief
Der Hr vN an den jungen Hrn Baron vS
den 23 Octob
Warum wollen Sie doch England verlassen Es treibt Sie ja keine Not darzu Sie
sind bei meinem Herrn Gevatter dem Baronet wohl aufgehoben so viel ich aus
Ihren Briefen abnehmen kann hält er Sie wie sein Kind und er wird es
vermutlich gerne sehen wenn Sie noch eine Zeitlang bei ihm bleiben Mein Rat
ist nicht dabei dass Sie vor Ausgang des Jahres abreisen Inzwischen muss ich
Ihnen freilich Ihren freien Willen lassen und wenn Sie es nicht besser haben
wollen so reißen Sie hin wohin Sie wollen ich denke Sie werden wie die
Schweizer das Heimwehe bekommen haben Tun Sie mir nur den Gefallen und
beschmausen Sie die englischen Freunde noch einmal die Reihe herum und
empfehlen Sie mich einem jeden von denenselben ins besondere Sie nennen Sich
selbst einen Abgesandten von mir an den Herrn Grandison Sie sollen es auch bei
seiner ganzen Familie sein tun Sie Sich nur bei der Abschiedsaudienz nur recht
bene Machen Sie dem Herrn Richardson von mir ein groß Kompliment und bedanken
Sie Sich für die Ehre die er mir erzeigen will von mir einen Roman zu
schreiben und solchergestalt mich in England bekannt zu machen Wenn es mir mit
meiner Henriette gelingen sollte so bin ich nicht abgeneigt ihm zu willfahren
er mag alsdenn ein langes und ein breites von mir schreiben jetzo ist aber die
Sache noch nicht reif genug Das können Sie Sich unterdessen zur Lehre nehmen
dass ich niemanden erlauben werde von mir zu schreiben als dem Herrn
Richardson
Das ist ein verzweifelter Streich mit der Glocke der verwünschte Zolljude
der solche für Kontreband erkläret hat wäre wert dass er bei den Beinen
aufgehangen würde Hat ihn denn Herr Grandison nicht verklagt Der Pfarr geht
mir abscheulich zu Leibe und will mir eine neue Glocke abzwingen ich werde ihn
aber garstig ablaufen lassen wenn er sich unterstehet nur wieder mit einem
Worte an die verhasste Sache zu gedenken Suchen Sie doch den D Bartlett zu
bereden dass er an ihn schreibt und ihn zur Geduld verweist Ich habe jetzo
ohnedem meine liebe Not ich bin in eine recht böse Sache verwickelt davon
sich nicht viel schreiben lässt Nur im Vorbeigehen ein Wort davon zu gedenken
ich soll mich schlagen aber daraus wird nichts es wird mir rühmlicher sein
wenn ich die Sache auf Sir Karls Fuß stelle und sie in der Güte beilege
Hören Sie noch eins wollte ich gedenken ehe ich schließe Der Magister ist
auf den Einfall geraten meine Bildergallerien mit den Portraits der Personen
die in der Geschichte des Herrn Grandisons vorkommen auszuschmücken Der
Einfall ist gut und gefällt mir er hat dabei allerlei gute und heilsame
Absichten Sehen Sie doch zu dass Sie diese Portraits beim Leibe bekommen oder
dass Sie mir wenigstens gute Kopieen davon verschaffen Für die leichte Mühe wird
ihnen sehr verbunden sein
Ihr
treuer Vetter
vN
XVII Brief
Der Herr vS an das Fräulein Amalia vS
London den 6 Novembr
Geliebte Schwester
Die letzten Tage meines Aufenthalts allhier habe ich zu Verfertigung eines
Tagebuchs angewendet welches du mit meinem Briefe empfängst um es meinem Onkel
zuzustellen Du wirst aus beigelegtem Schreiben das ich vor einigen Tagen von
ihm erhielt ersehen dass er mich nochmals zu seinem Abgesandten an das ganze
Haus der Grandisonen ernennet hat Zu einer solchen Gesandtschaft wird viele
Zeit erfordert und da ich diesen Brief erhielt war es zu spät dass ich
wahrscheinlicher Weise diesen Posten noch erst hätte verwalten können ich habe
ihn also beredet dass ich durch eine glückliche Ahndung seinen Befehl bereits
hätte erfüllt gehabt ehe ich ihn erhalten Aus der Dicke dieses Briefes wirst
du auf die Weitläuftigkeit desselben schlüssen können Ich habe ihn nicht
gesiegelt damit er in Schöntal kann gelesen werden wenn es dir oder dem Baron
gefällt sich diese Mühe zu nehmen Wenn unser Onkel oder der Magister Lampert
einige Einwürfe bei einer oder der andern Stelle dieses Tagebuchs machen sollte
so muss man diese zu widerlegen suchen damit seine Zweifel nicht Wurzel schlagen
und das Spiel verderben Ich habe meiner Einbildungskraft darin oft den Zügel
gelassen mein Journal verfällt an manchen Orten ins wunderbare doch glaube ich
nicht dass ich die Sphäre meines Onkels überschritten habe Wer sich getrauet
andern unglaubliche Dinge aufzubürden der muss auch geneigt sein etwas von
gleichem Schlage selbst zu glauben
Der Magister Lampert will die Bildergallerie unseres Onkels mit den
Porträits der engländischen Freunde ausschmücken und der Onkel bittet mich sehr
angelegentlich ihm dazu behilflich zu sein Ich habe ihm diese Bitte nicht
abschlagen wollen besonders da sich eine gute Gelegenheit zeigte sie leicht zu
erfüllen Vor einigen Tagen war in meiner Nachbarschaft eine Auction von
allerlei alten Meubles ich schickte meinem Heinrich dahin um einige Portraits
zu erstehen die ich aus dem Verzeichnisse gewählet hatte Es sind lauter
berühmte Leute gewesen ich habe sie aber umgetauft und ihnen Namen aus dem
Grandison beigeleget die ich auf die Rückseite der Porträits habe schreiben
lassen Damit man indessen in Schöntal wisse was für Personen sie eigentlich
vorstellen so will ich das Verzeichnis davon hiehersetzen
Nr 1 Thomas Morus ein englischer Kanzler dieser soll wegen seines großen
Bartes den Juden Merceda vorstellen
2 Olivier Cromwell dieser hat mir wegen seines kleinen aus der Mode gekommenen
Zwickbärtgens sehr viel Mühe gemacht ich wusste nicht was ich aus ihn
machen sollte endlich glaubte ich der Knight Sir Roland Meredit könnte
noch wohl dadurch vorgestellt werden, denn er wird auch als ein Mann aus
der alten Welt beschrieben
3 Den Herzog v Marlborugh habe ich wegen seiner langen schwarzen Heldenperucke
zum spasshaften Onkel Selby gemacht
4 Wilhelm Pen ein berühmter Quäcker mag wegen seiner andächtigen Mine der
weinende Herr Orme sein
5 Dieses Portrait stellt einen italienischen Abt vor der ein hauptgelehrter
Mann soll gewesen sein In dem Auctionscatalogus wird er Julius Bartoloccius
genannt Du wirst es sogleich erraten dass ich den Pater Marescotti daraus
gemacht habe Lampert wird sich freuen wenn er sieht dass dieser
ehrwürdige Pater eben so ein feister Mann ist als er selber 6 und 7
sind die Schildereien zwoer berühmter königlichen Maitressen aus dem vorigen
Jahrhunderte Die jüngere heißt Sidlei und wurde hernach zur Gräfin von
Dorchester erhoben diese sieht eben so aus wie die Signora Olivia
beschrieben wird sie mag es also sein Die ältere ist die bekannte Herzogin
von Portsmout die unter der Regierung Karl des Andern berühmt war Sie muss
gemahlet sein da sie bereits die Sünde verlassen hatte ich finde ganz und
gar nichts reizendes an ihr und bin deswegen genötigt worden Tante Loren
aus ihr zu machen
Ich hoffe der Onkel wird mir wegen Übersendung dieser Porträits sehr
verbunden sein wenn er sie für echt erkläret Unser Schwager wird mein
Schreiben vom 16 Oktober erhalten haben1 und sich nach der Anweisung wegen
Übermachung meiner Wechsel richten ich ersuchte ihn zugleich keinen Brief
noch Empfang meines Schreibens nach Londen abgehen zu lassen Den deinigen vom
20 des vorigen Monats habe ich erhalten und hoffe den nächstfolgenden in
Strassburg anzutreffen Die Händel meines Onkels mit dem Major v Ln werden
nunmehr sonder Zweifel glücklich und ohne Blut geendiget sein Man hätte es so
weit gar nicht sollen kommen lassen wenn inzwischen nur ein Scherz daraus ist
gemacht worden wie du glaubst dass es nichts weiter sein werde so mag es noch
hingehen wenn aber der Herr v Ln Ernst daraus gemacht hat so ist er in der
Tat kein Original zu dem Porträit das der Baron ehemals von ihm machte Ich
will indessen das beste von ihm glauben bis auf weitere Nachricht welche von
seiner geliebten Schwester erwartet
v S
Fußnoten
1 Dieser Brief ist weggelassen worden weil er nichts das zu dieser Geschichte
gehört enthält
XVIII Brief
Der Hr vS an den Hrn vN
Londen den 3 4 5 Nov
Ehe ich noch das Creditiv von Ihnen als Dero Abgesandter an die englischen
Freunde erhielt hatte ich mich bereits unter der Hoffnung dass Sie es billigen
würden eigenmächtig dazu aufgeworfen So bald Sir Karl von Shirleimanor zurück
kam entdeckte ich ihm dass ich entschlossen wäre England in kurzem zu
verlassen und bat mir hierzu seine Erlaubnis aus Er erteilte mir solche sehr
ungern und versicherte mich dass er es gerne sehen würde wenn ich den Winter
über bei ihm bleiben wollte Ich merkte dass er mir von Tag zu Tage gewogener
schiene vermutlich Ihrentwegen Ich musste ihm versprechen wenigstens vor
Ausgang des Octobers nicht abzureisen wozu ich auch gerne meine Einwilligung
gab Unterdessen fing ich bereits in der Mitte des abgewichenen Monats an meine
Abschiedsvisiten zugeben und damit ich im Stande wäre Ihnen davon einen
getreuen Bericht abzustatten so habe ich darüber ein ordentliches Tagebuch
geführet welches ich Ihnen hier mitteilen will
Den 16 Oktober kam ich in Selbyhausen an um mich der kleinen Kolonie der
Anverwandten von der Lady Grandison die von Grandisonhall am weitesten entfernt
sind zu empfehlen Onkel Selby hatte nicht so bald die Ursache meiner Ankunft
erfahren so sagte er zehnmal in einem Oten Was der Daus und wollte nichts
von meinem Abschiede wissen noch hören seine Dame und Fräulein Lucia baten mich
gleichfalls recht sehr in England zu überwintern Fräulein Lucia sagte sie
hätte sich vorgenommen den Winterlustbarkeiten in Londen beizuwohnen und hätte
geglaubt ich würde sie in die Komödie und auf die Masqueraden begleiten Ich
schloss daraus dass sie mir eben nicht abgeneigt wäre Wenn sie nicht weiter an
vierzig als an dreißig wäre wer wüsste ob nicht ein Paar aus uns werden könnte
ich möchte dem Herrn Grandison gern etwas näher angehen als die Christenheit
Wäre aber das nicht eine vortreffliche Partie für Sie Wenn sie meine Tante
werden könnte so wollte ich mein halbes Vermögen unter die Armen austeilen
Ihren Charakter kennen Sie und an ihrer Person ist nichts auszusetzen Sie hat
sich in allen Briefen an Lady Grandison nach Ihnen erkundiget und ich musste ihr
Dero Person vom Kopf bis auf die Füße beschreiben Sie kann sehr künstlich in
Wachs poussiren und hat nach meiner Beschreibung einen Abdruck von Ihnen
verfertigt der dem Original ziemlich gleich ist ja sie hat diesem Bilde sogar
einiger maßen ein Leben gegeben man darf nur an einem Pferdehaar ziehen so
bewegt es Hand und Fuß und verdrehet auch auf eine verliebte Art die Augen Von
mir hat sie zwar auch einen Abdruck gemacht sie hat aber lange nicht so viel
Mühe darauf verwendet als auf den Ihrigen Ich habe meine Gedanken darüber
gehabt ohne Zweifel seufzet das gute Kind nach Ihnen Machen Sie sie glücklich
Sie werden bei ihrem Besitz den Himmel auf Erden haben und Ihr Ruhm wird in
England auf den höchsten Gipfel steigen wenn Sie dieses unüberwindliche
Fräulein das mehr als ein halb Schock Körbe ausgeteilet hat besiegen Sie
schickt sich zu Ihren Jahren vollkommen und ist für Sie weder zu jung noch zu
alt Das Fräulein welches Sie für Ihre Henriette halten erscheinet ohnedem
nicht in dem Lichte einer Henriette Byron da hingegen Lucia von der Lady
Grandison nicht anders als der Mond von der Sonne so viele Strahlen empfangen
hat dass sie an dem Firmamente der Schönen alle übrige Sterne verdunkelt
Den 18 Oct Heute habe im einen Mann kennen lernen den ich zu sehen so
lange vergeblich gewünschet habe Der Oberste Greville stattete bei dem Herrn
Selby einen Besuch ab Ich entsetzte mich über das furchtbare Ansehen dieses
Mannes er kam zu Pferde Da er im Hofe abstieg schütterten die Fenster von dem
schrecklichen Gewichte seiner Stiefeln In dem Saale wo sich die Gesellschaft
befand ist eine gebrochene Tür Von ungefehr war nur die eine Hälfte eröffnet
er brach mit solcher Heftigkeit herein dass er die andere Hälfte der Tür mit
sich nahm und das Schloss beschädigte Er warf seinen Hut nachdem er gegen die
Gesellschaft ein Kompliment gemacht hatte mit solcher Heftigkeit auf den Tisch
dass das eiserne Kreuz davon absprang und fing dergestalt an auf die Franzosen
zu fluchen dass mir Angst und bange dabei wurde Er liegt schon seit drei
Monaten an den Küsten um eine feindliche Landung zu verwehren und ärgert sich
außerordentlich dass er seine Tapferkeit noch nicht hat zeigen können Er sagte
die Rede gienge sein Regiment sollte mit nach Deutschland übergesetzt werden
Ich musste ihm deswegen Ihren Namen und Aufenthalt sagen welches er sogleich in
seine Schreibtafel eintrug um bei seiner Ankunft in Deutschland Ihnen einen
Besuch abzustatten Ich wundere mich nun nicht mehr dass er eben so wenig als
Herr Orme in seiner Stutzperucke und roten Augen in dem Herzen einer Henriette
einen Eingang gefunden hat Zwischen ihm und dem Herrn Grandison ist kein
geringerer Unterschied als zwischen Nacht und Tag Mit Fräulein Lucien und
Kätchen Holles machte er sich immer etwas zu schaffen aber er scherzte eben
nicht auf die feinste Art Da ich es indessen einmal wagte über einen seiner
Spase des Frauenzimmers wegen nicht zu lachen so gab er mir ein Gesichte dass
ich dachte er würde den Augenblick von Leder ziehen Einmal zog er Fräulein
Lucien eine Nadel aus dem Strumpfe und da sie darüber unwillig wurde nahm er
ihr noch darzu den Knaul vom Schoße und ließ es seinem Budel einige mal
apportiren Kätchen Holles musste auch vieles von ihm ausstehen Er goss ein
ganzes Fläschgen voll Lavendelwasser über sie her weil sie sich über den Geruch
seiner tranigten Stiefeln beschwerte Hören sie sagte er zu mir was denken
sie von mir halten sie mich nicht für den unbescheidentsten Mann in England
Ich machte einen Reverenz und lächelte Sie haben Recht fuhr er fort
vielleicht bin ich es jetzo besonders gegen das sogenannte schöne Geschlecht
vor diesem aber war ich es nicht die Verzweiflung hat mich dazu gebracht dass
ich dem Frauenzimmer einen unaufhörlichen Krieg angekündiget habe Bedauern sie
mich dass ich so unglücklich bin kein Vergnügen in der Welt zu genießen als
dieses einzige wenn ich das Frauenzimmer gegen mich so aufbringen kann dass sie
drohen mich mit den Augen tot zu schlagen Aber glauben sie wohl dass mir eine
den Gefallen erweisst und über mich zornig wird Nein das Vergnügen kann ich
nicht erleben So ein unglücklicher Hund bin ich und so einen abscheulichen
Groll hat das Frauenzimmer jederzeit gegen mich gehabt dass zu der Zeit da ich
wünschte dass mir die Mädchen günstig wären mich keine lieben wollte und jetzo
da ich wünschte dass sie mir alle spinnefeind wären will mich keine hassen
Fräulein Lucia und Holles lachten in der Tat über ihn es schien aber als wenn
sie unter diesem angenommenen Lächeln nur ihren heimlichen Groll gegen ihn
verbergen wollten Onkel Selby der ihm im Herzen nicht günstig ist belachte
aus einer furchtsamen Gefälligkeit allen beleidigenden Scherz seines ungestümen
Nachbars über laut Herr Greville kann es noch bis auf diesen Tag nicht
verwinden dass ihm Sir Karl einen Arm ausgerenket hat er ist dergestalt
ausgedehnet worden dass er eine gute Viertelelle länger ist als der andere Wenn
er aufgerichtet steht so kann er wie Artaxerxes Longimanus das Knie erreichen
er ist auch bei der Armee unter dem Namen des Langhändigen bekannt Wenn ich
Lust gehabt hätte Kriegesdienste anzunehmen so würde ich unter seinem
Landregimente das in Kriegszeiten allemal beritten gemacht wird jetzo Kornet
sein Er bot mir seine Dienste an und versprach mit der Zeit einen braven Mann
aus mir zu machen Er wünschte nichts mehr sagte er als Sie kennen zu lernen
er weiß dass Sie unter einem Eugen gefochten und glaubt dass Sie diesem Helden
alle seine Kunstgriffe und Kriegeslisten abgelernet haben Er vermass sich hoch
und teuer wenn er Ihre Kriegswissenschaft besäße so wollte er mit seinem
Regimente sich nach Amerika überschiffen lassen diesen Weltteil als ein
zweiter Vespuz erobern ihn umtaufen und nach seinem Namen nennen Gegen Abend
verließ er Selbyhausen und nach seinem Abschiede war es daselbst so stille als
wenn ein ganzes Regiment Soldaten ausmarschiret wäre Ich bat Fräulein Lucien
diesen Kriegsmann gleichfalls in Wachs zu poussiren und mir damit ein Geschenke
zu machen sie will ihn aber dieser Ehre nicht würdigen
Den 19 taten wir eine kleine Spazierfahrt nach Shirleimanor um das
prächtige Epitaphium in Augenschein zu nehmen welches Sir Karl seiner
Schwiegermutter der selgen Frau Shirlei errichten lässt Viele gelehrte Männer
sind der Meinung dass die vortreffliche Inscription des sinnreichen Herrn M
Lamperts von ungleich grösserm Wert sei als die künstliche Arbeit welche man
hierbei gleichsam verschwendet Ein italiänischer Baumeister der die Anlage zu
diesem ruhmvollen Denkmaale gemacht hat und noch bis jetzo die Aufsicht über
das Werk führt nahete sich mit vieler Ehrerbietung vielleicht aus Antrieb des
Herrn Selbys zu mir und ersuchte mich ihm das Portrait des Herrn Verfassers
der Inscription zu verschaffen er wäre entschlossen sagte er die Gestalt
eines Engels der oben an die Verzierung angebracht werden sollte danach zu
bilden Ich war über diesen Antrag die Gestalt meines verdienstvollen Lehrers
verewiget zu wissen so gerührt dass ich in der ersten frohen Entzückung mich
beinahe übereilet und dem Künstler seine Bitte zugestanden hätte Da ich aber
hernach etwas genauer erwog dass das Epitaphium aus schwarzen Marmor bestund
und der gemeine Mann leichtlich aus Irrtum diese ehrwürdige Gestalt des Herrn
Lamperts mit einem Mohren oder noch mit etwas schlimmern hätte verwechseln
können so suchte ich eine Entschuldigung diese Bitte abzulehnen
Nachdem wir in der Cederstube den Tee getrunken hatten so schnitt der
freigebige Onkel Selby einen ziemlichen Span aus der Vertäfelung dieses Zimmers
aus und verehrte mir solchen zu einem Zahnstocher Diese Ehre wiederfähret auf
Befehl Sir Karls allen Fremden die von einer edlen Neubegierde angetrieben
dieses durch seine Geschichte so berühmt gewordene Haus besuchen und ich fand
dass bereits ein ganzes Bret weggeschnitten war Ehe wir wieder auf den Wagen
stiegen um nach Selbyhausen zurück zu kehren führte mich Herr Selby noch in
die kleine Hauskapelle sie wird itzo nicht gebraucht indessen ist sie so
geräumig als eine mäßige Dorfkirche in Deutschland Sie hat eine vortreffliche
Orgel welche Sir Karl vor einem Jahre nach Grandisonhall in sein Musikzimmer
bringen und die seinige davor in diese Kapelle wollte setzen lassen allein der
Pastor dem Shirleimanor als ein Filial zustehet fing heftig an darwider zu
schreien und drohte ihn öffentlich für einen Kirchenräuber zu erklären wo er
sein Vorhaben ausführen würde Sir Karl hat der Schwachheit dieses Mannes
nachgegeben und also ist es unterblieben Das sehenswürdigste Stück in dieser
Kapelle war die Masquenkleidung der Lady Grandison als einer arkadischen
Prinzessin worin sie von Sir Hargrave Pollexfen war entführet worden Die
selge Frau Shirlei hat sie zum ewigen Andenken hier aufzuhängen befohlen damit
die Nachkommen bei Erblickung dieser Kleidung an die Gefahr und an die
wunderbare Errettung ihrer Henriette erinnert werden möchten eben so wie man zu
gleicher Absicht in Deutschland ehemals die Ordenskleider einiger aus den
Klöstern entsprungenen Nonnen in den Kirchen aufbehalten hat
Der 20 war zum Abschiede bestimmt Onkel Selby weinte wie ein Kind da ich
anfing mein weitläuftiges und wie ich hoffe wohl ausstudiertes
Abschiedskompliment herzubeten Er drehete sich mehr als zehnmal unter meiner
Harangue auf dem Absatze herum um seine Tränen zu verbergen die ihm aber doch
immer über die dicken Backen herab rolleten Im Anfang wollte er zwar noch
Scherz machen verrammelte Tür und Tor rief zum Fenster hinunter da ich
aufstund Abschied zu nehmen da er aber hernach sah dass es Ernst war wollte
er sich über meine Abreise nicht zufrieden geben Seine Dame und die Fräuleins
beobachteten mehrere Anständigkeit Ich hatte zum Unglück nur auf ein Kompliment
studiret und konnte für die Fräuleins nicht sogleich ein neues erdenken ich
bewegte also nur gegen sie die Lippen und machte dazu ein Halbdutzend Reverenze
Die Fräuleins beobachteten eben dieses gegen mich und beantworteten jeden
Reverenz mit einem ellentiefen Knicks Hundert Empfehlungen wurden mir von allen
und ins besondere von Fräulein Lucien an Sie aufgetragen Herr Selby schwur
wenn er noch vor seinem Ende Sie bei sich zu bewirten das Glück haben könnte
so wollte er mehr darauf gehen lassen als Sir Karls Hochzeit gekostet hätte
Den 22 ließ ich mich bei dem Lord W melden nachdem ich Tages vorher in
Londen angelanget war Er kam mir bis an die Treppe entgegen gefahren Weil er
als ein Erzpodagrist seine Füße nicht wohl brauchen kann so hat er sich einen
Stuhl mit kleinen Rädern verfertigen lassen der einen Himmel gleich einem
Baldachin hat Auf diesem Stuhle ruht er wie ein asiatischer Prinz auf seinem
Throne Zween seiner Bedienten denen er eine Art von Kutschgeschirre hat machen
lassen müssen ihn im ganzen Hause herum fahren Diese Erfindung hat mir so wohl
gefallen dass ich Ihnen das Model davon wünschte Der Lord versicherte dass er
wegen dieser Bequemlichkeit seine podagrische Zufälle gar nicht mehr achtete
und nur wünschte sich noch zwanzig Jahr dieses Fuhrwerks bedienen zu können Er
priess sich glücklich und erhob seinen Neveu den Baronet dass er ihm eine
Gemahlin verschafft hätte die ihm den Rest seines Lebens so angenehm machte
als er sich solches vorher selbst unangenehm gemacht hätte und er gab mir den
Rat wenn ich mich einmal zu verheiraten gedächte so sollte ich ja keinen
andern als Sir Karln zu meinem Freiersmann wählen Er eröffnete mir mit einer
Zufriedenheit über sich selbst dass seitdem er angefangen hätte diesen seinen
Neffen als das Vorbild seiner Handlungen zu betrachten so befänd er sich in
einer recht stoischen Gemütsruhe Er ersuchte mich zugleich ihm nur Nachricht
zu erteilen wie weit es mein Herr Onkel in der Nachahmung dieses großen
Mannes gebracht hätte Aus dem Lobe welches ihm Sir Karl oftmals selbst
beileget sagte er mutmase ich dass er sehr glücklich darin ist Bezeigen
sie Ihm deswegen meine Beifreude und munteren sie ihn auf in seinem guten
Vorhaben fortzufahren Beim Abschiede begleitete er mich auf eben die Art wie
beim Empfange auf seinem podagrischen Staatswagen mit vieler Höflichkeit über
den Saal bis an die Treppe zurück
Den 23 machte ich mich auf den Weg nach Beauchampshire und langte den 24
daselbst an Sir Beauchamp hatte es sich gar nicht versehen dass ich noch eine
besondere Reise zu ihm tun würde um von ihm Abschied zu nehmen und er schien
darüber ganz außerordentlich vergnügt Nach den ersten Umarmungen erkundigte er
sich sogleich nach Ihnen und fragte mich ob Sie den Zwang noch aushalten
könnten den Sie Sich unfehlbar um in den Wegen Sir Karls zu wandeln antun
müssten Ich sagte Sie wäre vollkommen Herr über sich selbst und also käme es
Ihnen nicht schwerer an ihr Herz nach dem Herzen Sir Karls zu bilden als alle
ihre äußerlichen Umstände nach dem Geschmack dieses außerordentlichen Mannes
einzurichten Er erstaunte über ihre Standhaftigkeit und gestund dass die
Deutschen zur Nachahmung geschickter wären als die Britten Wenn ich sagte er
nach dem Urteile Sir Karls mir schmeicheln kann ihm einigermaßen ähnlich
geworden zu sein so muss ich zugleich gestehen dass ich in England der einzige
bin der den Fusstapfen desselben glücklich gefolget hat Denken Sie nicht dass
ich dieses aus Eitelkeit sage es kann mir daher in keinerlei Absicht ein
Verdienst erwachsen ich habe nichts getan als wozu ich bin verbunden gewesen
Jedermann hat eine Pflicht auf sich seine innerlichen und äußerlichen
Vollkommenheiten nach Möglichkeit zu befördern aber nur ein Sir Karl ist im
Stande diese Pflicht zu erfüllen Es haben sich in England mehr als tausend
Leute auf dem Pfad der Tugend gemacht um den Baronet zu folgen keiner aber hat
diese Laufbahn vollendet ich selbst folge ihm nur von ferne wie Petrus Oder
wollen sie dass ich die unbändigen Leidenschaften der Menschen mit einem Strome
dergleichen soll über welchen man schwimmen muss um an das Gestade der
Vollkommenheit zu gelangen so ist es an dem dass viele da sie Sir Karln haben
landen sehen kühn genug gleiches gewaget haben sie sind aber alle von der
Gewalt desselben schnell fortgerissen worden und ich selbst scheine nur auf
einer Sandbank zu ruhen da hingegen Ihr Herr Onkel mit Riesenschritten diese
feindseligen Wogen durchwadet und bereits einen Fuß an das Trockene gesetzet hat
Wir unterredeten uns noch eine gute Weile über diese Materie bis wir
endlich beide nichts mehr davon zu sagen wussten und genötigt wurden etwas
anderes aufs Tapet zu bringen Ob ich gleich dem Herrn Beauchamp Dero Schloss
die Einrichtung des Musikzimmers die Bildergalerie und alle dazu gehörigen
Stücke samt und sonders über zehnmal aus den Briefen meiner Schwester und des
Herrn Lamperts beschrieben habe dass ich dächte er hätte sich längst müde daran
gehört so musste ich ihm doch alles von neuem wieder erzählen Er fragte ins
besondere nach Ihrer Bibliothek Ich wurde über diesen Punkt in einige
Verlegenheit gesetzt und fing an mich zu räuspern damit ich einige Zeit
gewinnen möchte mich auf eine schickliche Antwort bei dieser Frage zu besinnen
Die Geschichte des Herrn Grandisons dient meinem Onkel statt aller Bücher sagte
ich er hat sich zwölf Exemplare davon binden lassen und diese erfüllen einige
Schränke er dienet damit jedermann der dieses Hauptbuch zu lesen verlangt Sir
Beauchamp bedauerte dass dieses vortreffliche Werk nicht gemeinnütziger gemacht
und auf eine solche Art eingerichtet würde dass man es dem gemeinen Manne auch
in die Hände spielen könnte damit die Gesinnungen der Großmut und der Tugend
die den Geringen im Volk kaum dem Namen noch bekannt wären allgemeiner würden
ich gab ihm Beifall Er hat eine vortreffliche Bibliothek Die Bronzen des D
Bartletts und des Pater Marescotti geben solcher keine geringe Zierde sie
stehen gegen einander über mit offenem Munde als wenn sie disputirten der Pater
macht ein schrecklich böses Gesichte Die Bronze des Doctors ist von einer
vortrefflichen Komposition ein fehlgeschlagener Prozess eines Goldmachers hat die
Materie dazu geliefert Sir Beauchamp führte mich aus der Bibliothek in sein
Musikzimmer und hatte die Gefälligkeit für mich eine vortreffliche Motete
abzuorgeln Da wir aber beide alleine in dem Zimmer waren so musste ich mir
gefallen lassen die Stelle eines Kalcanten zu vertreten Bei unsrer Zurückkunft
in das Besuchzimmer fanden wir die Lady Beauchamp daselbst welche eben von
einem Besuche den sie bei einer ihrer Nachbarinnen abgeleget hatte
zurückkommen war Der kleine Beauchamp musste mir die Hand küssen Sein Papa
verlangte ich sollte ihn examiniren er bestund noch so ziemlich doch konnte
man es merken dass sein Lehrmeister weder ein Lampert noch ein Bartlett war
Seine Mama mit dem Finger in den Augen suchte ihre Freudentränen über das
geschickte Söhngen zu verbergen
Den 25 Heute bekam Sir Beauchamp einen unvermuteten Gast an den Lord G
Seine Seele war von einem Wirbelwinde zerrissen er hatte mit seiner Gemahlin
Händel bekommen und war entflohen Vor dem Richterstuhle Sir Karls darf von
diesem unruhigen Paare keine Klage mehr angebracht werden sie haben deswegen
den Herrn Beauchamp zu ihrem Richter erwählet Die mutwillige Ader Charlottens
regt sich noch immer obgleich bei andern Gelegenheiten als ehedem Der Lord G
darf jetzo ungestraft in ihr Zimmer dringen er darf sie auch einmal herzen
ohne eine Spötterei zu befürchten über diese Dinge hat sie sich lange müde
gescherzet es fehlt ihr aber nicht an neuen Erfindungen kleine Zankereien mit
ihm zu unterhalten und ihre Leichtfertigkeit ist ihm jetzo desto empfindlicher
weil sie einige Jahre so fromm wie ein Lamm gewesen ist und nur seit einiger
Zeit wieder angefangen hat ihrem Mutwillen den Zügel zu lassen Diesmal war
die Ursache ihres Zwistes diese ihr Schosshündgen war von einer Bremse in ihrem
Zimmer erbärmlich gestochen worden sie stellte sich über dieses Unglück ganz
trostloss Der Lord wollte sie zufrieden stellen sie gab ihm aber Schuld er
hätte das Fenster mit Fleiß offen gelassen damit er diesem Ungeziefer einen
freien Zugang verschafte ihr Hündgen zu peinigen Er schwur dass er in Jahr
und Tag nicht ein Fenster in ihrem Zimmer geöffnet hätte Wenn sie in dem Zimmer
wäre sagte er so sehnte er sich nicht nach dem elenden Zeitvertreib am Fenster
zu gucken Weit gefehlt dass sie durch dieses schmeichelhafte Kompliment wäre
beruhiget worden so schalt sie ihn einen Arglistigen und einen Boshaften der
sich ein Vergnügen machte sie zu tücken um sie hernach bedauern zu können
Ohngeachtet der Lord wusste dass sie nur nach ihrer Art scherzte durch die Länge
der Zeit hat er endlich ihren Charakter ausstudiret so wollte er doch diese
Beschuldigung ob er gleich nur eine scherzhafte Beschuldigung war nicht auf
sich sitzen lassen Er fing an sich zu rechtfertigen sie hielt ihm Widerpart
wie die Frau aus dem Gellert Er wurde dadurch so aufgebracht dass er mit
zorniger Eilfertigkeit das Zimmer verließ seinen Hengst zu satteln befahl und
mit verhengtem Zügel nach Beauchampshire rennte um seine Gebieterin daselbst zu
verklagen Herr Beauchamp fällete darauf das Urteil, der Lord sollte so lange
bei ihm bleiben bis seine Gemahlin ihren Fehler erkennen und zur Strafe selbst
nach Beauchampshire kommen würde um sich mit ihm auszusöhnen Dieses geschahe
auch schon den Tag darauf am
26 Oktober So bald man Wind davon bekam dass Lady G im Anzuge begriffen
wäre bewaffnete sich der Lord mit einem steifen und ernstaften Gesichte er
nahm die Gestalt eines erzürnten Ehemannes an und eine Dame die weniger Mut
besessen hätte als die Lady G würde ohne Zweifel bei dieser Amtsmine in
Ohnmacht gefallen sein Da sie Herr Beauchamp aus dem Wagen hob nennte sie ihn
ihren Asmodi weil er ihrem Tyrannen bei sich Unterschleif gegeben hätte und ihn
mithin in seiner Bosheit verstärkte So bald sie ihren Herrn ansichtig wurde
warf sie ihm einen solchen leichtfertigen zärtlichen Blick zu der in einem
Augenblicke gleichsam mit einer Zaubermacht seine Löwengestalt in einen
furchtsamen Hirsch verwandelte Er eilte hüpfend auf sie zu und druckte ihre
Hand mit seinen Lippen Nur einen Augenblick vorher rühmte er sich wenn seine
Gemahlin käme wollte er aussehen wie Hercules da er ausgegangen wäre die
Lernäische Schlange zu erlegen und da sie kam war er Hercules bei der Omphale
In dem Putzzimmer der Lady Beauchamp wurde über dieses seltsame Paar ein
Ehegericht gehalten und ich erhielt die Stelle eines Beisitzers Beide Teile
wurden nach einem kurzen Verhör versöhnet und der Lady G wurde auferlegt
wenigstens in vier Wochen nicht die geringste Leichtfertigkeit gegen ihren Herrn
auszuüben widrigenfalls sollte er befugt sein ein Vierteljahr lang sich von
ihr von Tisch und Bette zu scheiden Es wurde hierauf beschlossen den folgenden
Tag in Grandisonhall einen Besuch abzulegen Weil die Gesellschaft wusste dass
ich dahin gehen würde um von Sir Karln Abschied zu nehmen so versprachen sie
mich dahin zu begleiten Lady G sagte ich würde daselbst den Lord L und seine
Gemahlin antreffen und nicht nötig haben ihnen eine besondere Visite zu
Kollnebrocke wo sie sich gemeiniglich aufhalten abzustatten Sie versprachen
alle bis zu meiner Abreise nach Londen bei Sir Karln zu bleiben um diese
wenigen Tage noch in meiner Gesellschaft zuzubringen Das war für mich sehr
vorteilhaft gesprochen und ich sagte dafür das beste Danksagungskompliment
das mir der Magister Lampert jemals gerlernt hat
Den 27 trafen wir in Grandisonhall ein Wir hatten unsere Ankunft bereits
den Tag vorher melden lassen Ich schrieb einen besonderen Brief an Sir Karln
und erbat mir die Erlaubnis ihm nochmals meine Aufwartung machen zu dürfen um
ihm teils meine Danksagung für die freundschaftliche Bewirtung in seinem Hause
mündlich abzustatten teils aber auch als ein Abgeordneter meines Herrn Onkels
denselben zu Fortsetzung seiner Freundschaft zu empfehlen Ich hatte mich diesem
meinen Charakter gemäß equipiret und noch zwei Mietlaqueien angenommen Sir
Beauchamp borgte mir einige Handpferde mit prächtigen Decken nebst zween
Maultieren welche noch von dem Zuge den er mit aus Italien gebracht hat
übrig sind Ob sie gleich nur leere Körbe trugen so machten sie doch meinem
Aufzuge durch das vortreffliche Geläute welches aus lauter silbernen Schellen
bestund und durch ihren hohen Federstutz ein vortrefliches Ansehen Ich saß
ganz alleine in des Herrn Beauchamps Staatswagen welchen er so sehr schonet
dass er ihn seit seiner Vermählung nicht wieder gebraucht hat Vor mir befanden
sich des Lord G und des Herrn Beauchamps Kutschen welche beide Herren die
Gewogenheit hatten nebst ihren Gemahlinnen mein Gefolge zu vergrößern Die
Maultiere Packund Handpferde eröffneten den Zug so wie eine Anzahl leerer
Bagagewaagen die noch aus dem Feldgeräte des Urgrossvaters des Herrn Beauchamps
abstammten solchem mit einem starken Geräusche beschlossen Auf der Gränze des
Territorii Sir Karls wurde ich durch einen Ausschuss der angesehensten
Untertanen desselbigen in seinem Namen bewillkommet Der Bürgermeister eines
Fleckens der dem Baronet zugehöret befand sich an ihrer Spitze und hielt an
mich eine wohlgesetzte Rede Er ist seiner Profession nach ein Balbierer und hat
zugleich die Aufsicht über Sir Karls Hausapoteke Ob er mich gleich sehr genau
kennete indem ich über ein Halbjahr sein Kundmann gewesen bin so machte ihn
doch das prächtige Ansehen worin er mich jetzo als einen Ambassadeur
erblickte so verwirrt dass er beim Anfang seiner Rede schon zitterte und bebte
und in der Mitte gar stecken blieb Ich wurde dadurch gewarnet mich seinem
Scheermesser nicht wieder anzuvertrauen er hätte mir aus Ehrfurcht die Kehle
abschneiden können Ich hielt aus meinem Wagen an diese Abgeordneten wieder eine
kleine Gegenrede und versicherte sie der Gnade meines Herrn Principals und
dankte für ihre Bemühung Sie begleiteten mich hierauf mit entblößten Haupte zu
beiden Seiten meines Wagens als eine Leibwache bis in den Schlosshof zu
Grandisonhall Wir passirten durch ein paar Dörfer die der Gerichtsbarkeit des
Baronets unterworfen sind und er hatte befehlen lassen dass man mir zu Ehren
alle Glocken nach englischen Gebrauche läuten musste Dieses zog das neugierige
Volk häufig herbei jedermann wollte den Abgesandten sehen es entstund ein
solches Gedränge um meine Kutsche dass ich einige mal halten ließ damit nicht
etwann ein Kind möchte ins Rad kommen Unterdessen machten meine Trabanten
ziemlich Platz Einer davon tat sich besonders hervor er hatte einen Reisehut
der mit einem breiten Aufschlage von Pelzwerk versehen war da er nun aus
Respekt gegen mich sich nicht bedecken durfte so brauchte er solchen als ein
Gewehr und schlug die Leute damit auf die Köpfe wenn sie nicht Platz machten
Er erregte dadurch eine solche Furcht gegen sich dass alles von einander flohe
so bald er nur seinen Reisehut über den Kopf schwung und alle Zuschauer
bückten sich nicht anders als ein Volk furchtsame Rebhüner wenn der Stossvogel
über ihnen schwebt Sie können sich mein Vergnügen nicht lebhaft genug
vorstellen welches ich empfand da jedermanns Auge auf mich gerichtet war ich
war nicht wenig stolz darauf Wer weiß ob ein Spanischer Abgesandter der
seinen öffentlichen Einzug in Londen hält sich so viel darauf zu gute tut
wenn man um ihn zu sehen Fenster mietet als ich bei meinem feierlichen
Einzuge in Grandisonhall So viel ist gewiss dass der stolze Michel wenn ihm
sein Vorhaben Herzog zu werden gelungen wäre in seinem Staatswagen sich nicht
ärger hätte blähen können als ich es tat Einige Leute haben aus meiner
nachdenklichen Mine schlüssen wollen ich müsste Dinge von der größten Wichtigkeit
bei dem Herrn Grandison anzubringen haben und ein Gastwirt hat meine Leute den
Tag darauf da sie zu Biere gegangen waren durchaus bezechen wollen um von
ihnen das Geheimnis herauszulocken Man begnügte sich nicht mich ans Ende des
Dorfs zu begleiten das Volk folgte meinem Wagen von einem Dorfe bis zum andern
und alle Augenblicke sah ich die Menge gleich einem fortgewälzten Schneeball
vergrößert Wie eine wilde Flut die den Damm durchbricht mit einem furchtbaren
Getöse daher rauscht und alles was ihr vorkommt mit sich fortreisst so
verschlang auch diese Woge des neugierigen Volks alle Wandrer in sich die ihr
unterwegs aufstiessen Halten sie mir diese Ausschweifung zu gute hier regt
sich meine poetische Ader und meine Gedanken bekommen wider Willen einen
Schwung Es steht nicht in meiner Macht solches zu verhindern die Erinnerung
dieses glänzenden Auftritts bringt alle meine Lebensgeister in Bewegung und in
dieser Begeisterung schwingen sich meine Gedanken so kühn wie mein Ausdruck
empor Die Fusstapfen des Volkes gingen alle nach Grandisonhall zu und keine
ging rückwärts eben wie bei der Höle des Löwens in der Fabel Ich dachte es
würde meinem Herrn Principal sehr rühmlich sein und mich in den Augen der
Untertanen Sir Karls in einem noch glänzendern Lichte vorstellen wenn ich den
guten Leuten die meinem Wegen nachzufolgen sich die Mühe nahmen etwas zum
besten gäbe Mein Heinrich musste deswegen alle Scheidemünze die er bei sich
hatte und die sich ungefehr auf zwei Guineen belief unter das Volk auswerfen
ich gab ihm aber zugleich die Lehre solches auf eine anständige Art zu tun
und nicht mit einem bäuerischen Wesen Fäuste voll wegzuschmeissen wie man eine
Familie heishungriger Hüner füttert Er befolgte meinem Befehl genau und
streuete alle funfzig Schritte nur eine Prise davon aus ich sah aber mit
Verdruss dass meine Absicht doch nicht völlig erreicht wurde der Mann mit seinen
Reisehute wusste das Geld so künstlich damit aufzufangen dass nur dann und wann
ein Sechser fehl ging und die Erde erreichte Weil ihn jedermann fürchtete so
wagte es niemand sich zu dem Ausspänder meine Freigebigkeit zu nahen um etwas
zu erhaschen In dem Schlosshofe zu Grandisonhall paradirte die Kompagnie welche
Sir Karl zum Dienste seines Vaterlandes als ein wahrer Patriot auf seine Kosten
angeworben hat Ich hatte die Ehre mit klingendem Spiel und fliegender Fahne
empfangen zu werden die Offiziers salutirten mich mit dem Esponton Sir Karl
empfing mich meinem Charakter gemäß und überhäufte mich Ihrentwegen mit Ehre
Doctor Bartlett vertrat die Stelle eines Ceremonienmeisters Ich brachte mein
Wort unter der vortreflichsten Versammlung die man finden kann bei dem
Baronet an er erkundigte sich ob Sie noch wohl auf wären und gab mir die
Versicherung dass er sich ein wahres Vergnügen daraus machen würde Ihnen bei
jeder Gelegenheit Beweise seiner Freundschaft zu geben Lady Grandison Lord L
und seine Gemahlin empfingen mich gleichfalls mit vieler Hochachtung Wir
gingen hierauf zur Tafel sie war so prächtig dass man einen König daran hätte
bewirten können Alexanders Gastmahl wurde dabei in dem Musikzimmer welches an
den Speisesaal stösset aufgeführet Sir Karl brachte Ihre Gesundheit unter
Trompeten und Pauckenschall aus dieses war gleichsam ein Intermezzo zu dem
Singestücke Es wurden hierbei einige kleine Kanonen dreimal hintereinander
abgefeuert und die Militz gab zugleich eine Salve aus dem kleinen Gewehr So oft
Ihre Gesundheit nachgeholet wurde so oft wurden auch die Salven wiederholet
weiter aber wurde keine ausgebracht Der Baronet hat als im weiser Mann sich
wie es scheint eine Regel gemacht nie etwas zu tun daraus nicht einiger
Nutzen entstehet nach diesem Gesetze lässt er wie Sie wissen seinen Pferden
die Schwänze nicht stutzen und nach eben diesem Gesetze ließ er auch seinen
Leuten nicht mehr Salven geben als nötig war Ihnen eine Ehre zu erweisen und
sie zu gleicher Zeit im Feuern zu üben Lady G wagre es ihres Bruders
Gesundheit zu trinken und wollte durchaus haben dass dazu sollte gefeuert
werden der Baronet sagte ihr aber man wäre aus Liebe gegen das Vaterland
verbunden ohne Not nichts dazu beizutragen dass der Preis des Pulvers
gesteigert würde und damit musste sie sich beruhigen Mich dünkt das war von
diesem großen Manne sehr vortrefflich gedacht Am Rande dieses Tages welcher
einem so glänzenden Vergnügen gewidmet war zeigte sich noch eine kleine Wolke
die aber bald vorüber ging Nach der Tafel musste die Militz ihre Manoeuvres
machen Jeder tat sein Bestes den Beifall der Zuschauer zu verdienen Sie
waren ziemlich fertig in den Handgriffen jedoch da sie das Gewehr verkehrt
schuldern sollten versah es einer und schlug seinen Kameraden dergestalt mit
der Flintenkolbe vor den Kopf dass er zu Boden sank Die Bestürzung über diesen
Zufall war allgemein es fehlte nicht viel dass Lady Grandison in Ohnmacht
gefallen wäre Wer nur ein Schwammbüchsgen bei sich trug der holte es heraus
und roch daran um die durch das Schrecken verjagten Lebensgeister wieder
zurück zu rufen Zum Glück war der Chirurgus noch bei der Hand welcher sogleich
aus Sir Karls Hausapoteke mehr als zehn Büchsen herbeiholete aus welchen er
den Verunglückten so lange salbte bis er wieder zu sich selber kam Sir Karl
lässt ihn wegen dieses Unfalls wozu er die Veranlassung glaubt gegeben zu
haben auf seine Lebzeit täglich eine Kanne Bier und eine Zeile Semmeln reichen
Den 28 Heute hatten wir den artigsten Zeitvertreib den man erdenken kann
Herr Grandison unterscheidet sich von dem größten Teile des englischen Adels
dadurch dass er keine von den Lustbarkeit die man in den meisten adelichen
Häusern für unentbehrlich hält in seinem Hause gestattet Ehedem war er kein
Feind von den so genannten unschuldigen Ergötzlichkeiten man machte in seinem
Hause ein Spiel man sah dann und wann ein Hahnengefechte er gestattete auch
ein Pferderennen wiewohl er daran nie einen Gefallen hatte allein seit einiger
Zeit hat er dem ersten ganz und gar entsaget seine besten Streitähne sind
geschlachtet und verzehret und das Wettrennen hat er schon seit einigen Jahren
verschworen Es darf keine Karte mehr in sein Haus kommen Der Doctor Bartlett
fand ehemals ein großes Vergnügen am Lombre Sie wissen aus der Geschichte Sir
Karls dass der Doctorn gern spielet allein er war einmal unglücklich und
verlor an die Lady G seine ganze Jahrbesoldung welche ihm aber den Tag darauf
das Geld großmütig zurück gab Von dieser Zeit an hat er dem Baronet das Spiel
zuwider gemacht und es wird in ganz Grandisonhall nunmehr für einen
Zeitverderb gehalten Hingegen wird das Tanzen gestattet weil es zur
Ermunterung des Gemüts und zur Bewegung des Leibes dienet Da der Doctor nicht
mehr spielet so hat er auf Bitte der Lady G noch in seinen alten Tagen müssen
tanzen lernen er tanzt nur eine Menuet aber mit einem recht guten Ansehen
Musik hört man in Sir Karls Hause alle Tage jedoch da diese beiden
Ergötzlichkeiten zu wenig sind eine Gesellschaft zu unterhalten so hat Sir
Karl auch für eine vielfältigere Abwechselung des Vergnügens seiner Gäste
gesorgt Wir brachten dismal den Tag folgendergestalt hin Vormittage beim Tee
wurde die Londener Zeitung zugleich mit herum gegeben man erzählte daraus die
beträchtlichsten Umstände der ganzen Gesellschaft denn das Frauenzimmer ließ
die Zeitungsblätter für sich vorbeigehen Der Hauptinnhalt unsres Gesprächs
betraf ein reichbeladenes englisches Schiff welches in einem französischen
Hafen war aufgebracht worden Sir Karl erzählte diesen Unglücksfall und
beklagte als ein Patriot den Verlust den die Eigentümer des Schiffs und des
Vaterlandes dadurch erlitten hätten Lord L der dem Baronet in den
patriotischen Gesinnungen gleich kommen wo nicht gar ihn übertreffen will
verwarf diese Nachricht weil sie etwas nachteiliges für das Vaterland
enthielt als eine Erdichtung Lord G fand in seinem Blatte wenige Zeit hernach
aus Deutschland einen Artikel dass es zwischen den Vortruppen der Alliirten und
Franzosen etwas gesetzt habe dass sich jene in etwas zurücke ziehen müssen und
ein Regiment Bergschotten dabei vieles gelitten hätte Das ist abermals sagte
der Lord L eine boshafte Unwahrheit man sieht es augenscheinlich dass dem
Zeitungsschreiber von Frankreich aus die Hände sind versilbert worden man
sollte ihm den Prozess machen Die Bergschotten sind nicht gewohnt fügte er
hinzu die Hände in die Tasche zu stecken wenn sie gegen den Feind geführet
werden Lord G wollte ihn widerlegen und gab sich viele Mühe ihm begreiflich zu
machen dass ungeachtet der Tapferkeit seine Landsleute es doch wohl möglich
wäre dass sie einmal der Menge gewichen wären er war aber nicht zu bekehren
und wurde so eifrig dass er den Lord G der wider seine Neigung in der Hitze die
französische Partei nahm des Hochverrats würde beschuldiget haben wenn Sir
Karl nicht durch sein Ansehen die Sache noch zu rechter Zeit beigeleget hätte
Die Tafel war diesmal auf den ordentlichen Fuß eingerichtet das ist Sir Karls
Lektor bestieg den kleinen Katheder in dem Speisesaale und las uns einige
Stellen aus den kernhaftesten englischen Schriftstellern vor Er ersetzte also
die Stelle der Koncertisten die uns den Tag zuvor mit einer prächtigen
Tafelmusik unterhalten hatten Bei den ersten Gerichten da die Zuhörer ihre
Gedanken auf die Schüssel gerichtet hatten würde eine trockene moralische
Abhandlung keine Aufmerksamkeit verdient haben Sir Karl hatte deswegen die
Verfügung gemacht dass zuerst etwas munteres musste vorgelesen werden wir
bekamen etwas aus Swifts Mährgen von der Tonne zu hören Nach dem ersten Anbiss
schlug Sir Karl mit der Gabel auf den Tisch sogleich ergriff der Vorleser ein
andres Buch es handelte von den Feldzügen der Engländer in Frankreich und mich
dünkt die damalige Lection begriff den Zeitpunct welchen das Mädchen von
Orleans berühmt machte Eine vortreffliche Pastete brachte mich um den größten
Teil dieser historischen Vorlesung Bei der letzten Tracht die meistens in
Schaugerichten bestund wurde weil der Magen nunmehr befriediget war für den
Verstand am meisten gesorgt Der Baronet gab wieder ein Zeichen mit der Gabel
und eine von den schönsten Stellen aus dem Milton welche Herr Grandison selbst
zu erläutern und aufzuklären sich die Mühe gab machte den Beschluss Das
Frauenzimmer verließ hernach nach Englischer Mode die Tafel um in dem
Nebenzimmer den Tee zu trinken da unterdessen die Tafel für die Herren von
neuem mit Bouteillen besetzt wurde Alle Arten von Weinen aus des Baronets
Keller wurden ausgeprobt Er eröffnete der Gesellschaft dass er entschlossen
wäre heute die gewöhnlichen Preisse auszuteilen die er jährlich den
fleissigsten seiner Untertanen und die sich vor andern besonders hervor tun
zu verehren pfleget und ersuchte uns auf eine höchst verbindliche Art ihm
hierbei mit an die Hand zu gehen Wir verfügten uns in den unteren großen Saal
welcher mit allerlei Hausgeräte Kleidungsstücken und andern Notwendigkeiten
nicht anders als ein Kaufmannsladen ausgezieret war Herr Bartlett des Baronets
Secretär ein Vetter des Doctors überreichte Sir Karln das Verzeichnis derer
Personen welche sich der Preisse würdig gemacht hatten Die Austeilung geschahe
folgendergestalt
1 Thomas Mumford Doctor Bartletts Schulmeister erhielt für sich eine
Bassgeige und für seine Frau einen Muff weil dieses Paar unter allen
Untertanen Sir Karls die Welt am meisten vermehret hatte Die Frau
Schulmeisterin war in Jahresfrist zweimal mit Zwillingen niedergekommen und
alle vier Kinder waren noch am Leben
2 Marmaduck Stephenson einer von Sir Karls Pachtern welcher in diesem
Jahre die meisten Hamster gegraben und auch die meisten Maulwürfe erlegt hatte
erhielt eine sauber geschnittene Flasche mit Silber beschlagen welche mit dem
besten Brandeweine gefüllet war
3 William Amess ein gewissenhafter Schneider der am wenigsten in die
Hölle geworfen und deswegen die meiste Arbeit bekommen hatte erhielt ein neues
Bügeleisen nebst einem stählernen Fingerhut
4 Anna Burdens eine bejahrte Frau welche die meisten Eier zu Markte
geschickt hatte wurde dafür mit einer Brille und einer Würzschachtel begabt
und dadurch zur ferneren fleißigen Abwartung ihres Berufs aufgemuntert
5 Samuel Sattock ein Weinschenke der in Sir Karls Gebiete den meisten
Wein ausgeschenket hatte vielleicht weil er ihn am wenigsten verfälschte wurde
für seine Ehrlichkeit mit einem blechernen Trichter und einem neuen Zählbrete
belohnet
6 Maria Fischers die im Rufe war dass sie ein Geheimnis besäss in der
ganzen Provinz die schmackhafteste Butter zu verfertigen bekam ob gleich ihre
Butter von ihren Nachbarinnen für Hexenbutter ausgeschrien wurde ein halb
Dutzend Muskatennüsse und ein blechernes Reibeisen
7 Johann Higgins ein Töpfer der auf seine Schüsseln und Telier sehr
künstliche Reime zu setzen pfleget und auf allen Jahrmärkten deswegen großen
Abgang seiner Ware hat wurde von Sir Karln zum Poeten gekrönet jedoch mit dem
ausdrücklichen Vorbehalt dass er dieser Ehre sogleich wieder sollte verlustig
sein wo er seine Verse an einem andern Orte als auf seinen Schüsseln
anbrächte Es wurde ihm zugleich ein großer Bierkrug mit einem zinnernen
Beschläge zu seiner Hippokrene angewiesen und verehret
8 John Hubertorn einer von des Baronets Forstbedienten der einen Stahr
eine Amsel und einen Lübich so abgerichtet hatte dass sie zusammen ein Trio
pfeifen bekam ein künstliches Weidemesser nebst der Anwartschaft auf eine
bessere Bedienung
9 Für einen berühmten Kalendermacher in Londen wurde der Globus bestimmt
den der Hauptmann Salmonet und Major Ohara bewundert haben Es gehört dieser
Mann zwar nicht zu den Untertanen Sir Karls dieser glaubt aber dass er eines
Preisses dem ungeachtet würdig sei Alle Hauswirte in des Baronets Herrschaften
haben nach ihrem einmütigen Geständnis dieses Jahr den größten Nutzen von
diesem Manne gehabt Sein Wetterprognosticon ist auf ein Haar eingetroffen und
mithin haben sie sich mit ihrer Arbeit vollkommen nach der Vorschrift des
Kalenders richten können Der Lord L gelobte diesem Ehrenmanne über das
Geschenke des Baronets noch ein vortreffliches Sehrohr welches er besitzt weil
dieser Astronom mit der Sternseherkunst die in unsern Tagen so seltene
Wissenschaft eines Astrologen verbindet und aus der Konstellation der Gestirne
eine Prophezeihung von Krieg und Frieden an den diesjährigen Kalender hat
drucken lassen die bis auf den heutigen Tag sehr pünktlich eingetroffen ist
10 Ein gewisser Mann der einmal hatte erzählen hören dass Ludwig der
Große an einem Galatage in einem Kleide von Spinnweben erschienen wäre hatte
durch langwierige Versuche es dahin zu bringen sich bemüht diesem zarten
Gewebe eine Festigkeit zu geben um es wie Seide zu spinnen und zu verarbeiten
zu dem Ende hatte er viele Jahre lang die Wohnungen der Spinnen vergeblich
zerstöret und dieses unglückliche Geschlechte beinahe aus dem Gebiete des
Baronets vertrieben Endlich schien es ihm gelungen zu sein seine Absicht
einigermaßen zu erreichen er drang mit einem großen Geräusche durch die Menge
von Leuten welche die Mildtätigkeit des Baronets teils als Zuschauer teils
als würdige Besitznehmer seiner Wohltaten herbeigezogen hatte Er wurde
eingelassen und forderte einen Preis für seine Erfindung da er zugleich die
erste Zaspel seines Gespinnstes überreichte Sir Grandison war geneigt ihn
solchem nach einer genauen Untersuchung zu erteilen er bekam eine ansehnliche
Pelzperucke um seinen Kopf für der Kälte des herannahenden Winters zu schützen
damit er zu mehreren dergleichen nützlichen Erfindungen geschickt bliebe
Wenn würde ich fertig werden alle die großmütigen Geschenke welche der
Baronet allen und jeden machte die Beweise ihres Fleißes oder ihrer sinnreichen
Erfindungen aufstellen konnten der Länge nach zu erzählen Ich habe Ihnen hier
nur einen kleinen Abriss von dem Eifer desselben gemacht das Gute und Nützliche
auf alle nur ersinnliche Art zu befördern Die ganze Gesellschaft fand bei der
Austeilung dieser Preisse das vollkommenste Vergnügen Oft setzte es einen
kleinen Streit über die Wahl derselben doch überhaupt muss man gestehen dass die
Belohnungen mit denen Personen welche sie erhielten immer ein ziemlich genaues
Verhältnis hatten Lady G beschäftigte sich nach ihrer Leichtsinnigkeit über
alle die in das Zimmer traten um einen Preis zu bekommen Anmerkungen zu
machen Sie betrafen meistens die seltsamen Reverenze die Lobreden derer auf
Sir Karln welche Preisse erhielten ihren Gang und ihre Minen Mir gefielen sie
meistens obgleich Sir Karl die wenigsten weil sie alle sehr mutwillig waren
belachen wollte Wenn Niemand ihr zu Gefallen lachte so sah sie nur ihren
Herrn an welcher aus einer schmeichelhaften Gefälligkeit sogleich bereit war
durch sein überlautes Gelächter ihren Scherz bei Ehren zu erhalten Nach
getaner Arbeit sagte der Baronet ist gut feiern wir begaben uns gegen sieben
Uhr des Abends wieder in den Speisesaal und hernach wurde bis gegen Mitternacht
getanzet Der Doctor eröffnete den Ball mit Sir Beauchamps Gemahlin er würde
auch ohne Zweifel bis auf den letzten Mann ausgehalten haben wenn ihn nicht ein
kleiner Zufall davon abgehalten hätte Er wollte zu sehr bewundert sein und
machte in einer Menuet eine so künstliche Wendung auf einem Fuße dass er ihn
darüber verstauchte Der Baronet war aber so sorgfältig und ließ durch zween
handfeste Bedienten ungeachtet des Schreiens des guten Mannes den verstauchten
Fuß so lange ziehen bis er glücklich wieder eingerichtet war Ich denke der
Doctor wird sobald nicht wieder tanzen
Den 29 Abermal ein neues Vergnügen Herr Grandison ist in Erfindungen
seine Gäste zu belustigen unerschöpflich Es scheint dass er allen seinen
Verstand angewendet hat um mich noch zu guter letzt auf eine Art zu
unterhalten die fähig ist von dem Vergnügen in Grandisonhall mir einen
solchen Eindruck zu machen dass ich abwesend oftmals daran zurück denken soll
Er hat heute seinen Welschen Turm der zu einer Sternwarte bestimmt ist
eingeweiht Das ist ein sehr sehenswürdiges Stück ob er gleich nicht nach dem
ersten Entwurf des Baumeisters ist aufgeführet worden Dieser Mann hatte den
Einfall ihn in Gestalt eines Sehrohrs aufzuführen man sollte ihn auch nach
Belieben vergrößern und verkleinern können er wollte zu dem Ende ein Stockwerk
in das andere verbergen nicht anders als ein Perspectiv das man ausziehen und
auch wieder zusammen schieben und ins kleine bringen kann Sir Karl aber der
nicht alleine künstlich sondern auch dauerhaft bauen wollte hat diesen
Vorschlag verworfen und es bei dem alten gelassen Demohngeachtet ist dieses
Gebäude prächtig und kunstreich Der Knopf wurde unter Trompeten und
Pauckenschall hinaufgezogen er ist so groß dass er zu einer Vorratskammer
könnte gebraucht werden. Der Baronet will mit seinen besten Sachen darauf
flüchten und sich daselbst verstecken wenn etwann bei jetzigen Kriegszeiten
ein feindlicher Einfall geschehen sollte Er ersuchte mich den Herrn Magister
Lampert zu bitten nebst einem Verzeichnisse von allerlei Merkwürdigkeiten zu
verfertigen um beides wie gewöhnlich in dem Knopfe dieses Turms für die
Nachkommen aufzubehalten Sir Karl hatte zwar im Anfang dem Doctor diesen
Auftrag getan er entschuldigte sich aber und schlug seinen Freund den Magister
Lampert dazu vor welcher Vorschlag auch sogleich gebilliget wurde Wegen der
vortrefflichen Aussicht speisten wir dismal auf der Sternwarte Die Speisen
wurden mit einer unglaublichen Geschwindigkeit vermöge einer besonderen
Maschine aus der Küche hinaufgezogen dass also die Bedienten keine Beschwerung
davon haben wenn es ihrem Herrn beliebt auf dem Turme zu speisen Wir ließ
es uns allen auf dem Welschen Turme recht wohl schmecken ich glaube dass die
reine Luft welche man oben empfand vieles dazu beitrug Weil man nicht so
viele Erddünste verschlucken durfte als in den unteren Zimmern so konnte man
desto mehr Speise genüssen Ich konnte mich nicht genug darüber verwundern dass
alle Gerichte zum Fenster hinein gebracht wurden und auf eben diese Art trug
man sie auch wieder ab die leeren Buteillen flogen zum Fenster hinaus und
einige Augenblicke hernach erschienen sie wieder gefüllt Es kam mir nicht
anders vor als wenn ich mich in dem Zauberpallaste befänd von welchen ich
ehemals fast eben dergleichen Wunderdinge gelesen habe Ein irrender Wandrer
erzählt man lagerte sich da ihm die Nacht in einem Walde übereilte unter
einen Baum um den Tag daselbst zu erwarten Er wunderte sich ungemein dass er
in einer kleinen Entfernung ein vortrefliches Schloss mit hohen Türmen
erblickte welches er vorher nicht bemerket hatte Erfreut über diesen
unerwarteten Anblick nahm er sein abgeladenes Bündel wieder auf den Rücken und
seinen Stab in die Hand und eilte darauf zu um in solchem eine bequemere
Herberge zu finden Er war nicht so bald an das Tor gelanget als sich solches
öffnete er ging mit einer demütigen Stellung hinein um sich bei den Bewohnern
desselben eine Nachterberge zu erbitten allein wie erstaunte er nicht da er
keine lebendige Seele darin antraf Es lief ihm ein kalter Schauer nach dem
andern über die Haut endlich fasste er doch einen Mut und nahm das beste
Zimmer welches mit den herrlichsten Meubles versehen war und von einer großen
Menge Wachslichtern erleuchtet wurde für sich ein Wie glücklich wäre man hier
sagte er zu sich selber wenn man in einem so prächtigen Pallaste auch eine gute
Mahlzeit zu erwarten hätte Er hatte dieses kaum gesagt so öffnete sich das
Fenster und eine Menge vortrefflich zugerichteter Speisen kamen in eben dem
Augenblicke durch solches gleichsam auf den Flügeln des Windes getragen zu ihm
hinein Er nahm dieses für eine Einladung zum Genuss derselben an setzte sich an
eine Tafel und ließ es sich wohl schmecken Nachdem er die besten Weine versucht
und sich mit dem schmackhaftesten Leckerbisslein gesättiget hatte erhob sich
alles wieder zum Fenster hinaus und verschwand Ich dachte in der Tat auf der
Sternwarte Sir Karls mehr als einmal an diesen Wandrer und freute mich dass ich
beinahe ein gleiches Wunderwerk gesehen hatte Nach der Tafel ließ das
Glockenspiel zum ersten male die vollkommenste Übereinstimmung seiner
Silbertöne hören Bei der Melodie einer italiäschen Arie sang Sir Karl den Text
dazu mit einer sehr anmutigen Stimme und vieler Geschicklichkeit ab Nachdem
Tische und Stühle aus der astronomischen Wohnung waren weggebracht worden hatte
ich die Ehre Lady Grandison zum Tanze aufzuziehen Dieses ist das erste mal
dass ich nach dem Klange der Glocken getanzet habe Um nicht eine Treppe von drei
hundert Stufen abzusteigen fuhr die ganze Gesellschaft eins nach dem andern
vermittelst der Maschine durch welche die Speisen waren heraufgezogen worden
unter Trompeten und Pauckenschall von dem Turme herab Da ich dieses Luftschiff
bestieg gedachte ich an die Wunderkiste mit welcher ein morgenländischer
Kauffmann welcher den Mahomed vorstellen wollte in den stählernen Pallast
schiffte worin ein alter argwöhnischer König seine schöne Tochter verschloss
Ich wünschte dass diese worin ich mich befand eben so beschaffen sein möchte
ich hätte sie dem Baronet gewiss entführt und wer weiß an was für einem guten
Orte ich mich jetzo befänd Dieser Tag endigte sich also mit allgemeinen
Vergnügen ich konnte aber nicht ohne Grauen an den folgenden gedenken den ich
zum Abschiedstage bestimmt hatte So wie ein armer Päbstler der sich mitten im
Genuss der Güter dieses Lebens zur Abreise in jene Welt anschicken muss mit
Schrecken dem Feuermeere des Fegefeuers entgegen sieht auf welchem er
Jahrhunderte hindurch herumschiffen soll so sah ich mit bestürztem Augo dem
Tage entgegen welcher mich des Vergnügens in dem glänzenden Grandisonhall
berauben und aus der Gesellschaft tugendhafter Weisen in das Geräusche der Welt
zurück bringen sollte Abermals ein poetisches Bild Der Abschied in
Grandisonhall hat einen solchen Eindruck bei mir gemacht dass mein Gemüte noch
voll Bewegung ist.
Den 30 Octobr Erwarten Sie nicht von mir hochgeschätzter Herr Onkel einen
vollständigen Bericht der Begebenheiten dieses merkwürdigen Tages mein Gemüte
würde nicht stark genug sein eine lebhafte Vorstellung der zärtlichen Trennung
von so vielen verehrungswürdigen Freunden noch einmal zu ertragen Gnug am 30
Oktober verließ ich unsern gemeinschaftlichen Gönner Meinem Charakter als
einem Abgesandten von Ihnen gemäß erhielt ich eine öffentliche
Abschiedsaudienz Die ganze Gesellschaft hatte das Gesichte in weiße
Schnupftücher versteckt welche seit der Trauer um die selige Frau Shirlei nicht
waren gebraucht worden um bei meiner beweglichen Abschiedsrede die Tränen
damit aufzufangen Sir Karl und seine würdige Gemahlin befahlen mir an Sie
tausend Komplimente und baten sich sehr angelegentlich die Unterhaltung eines
Briefwechsels mit Ihnen aus Der Doctor Bartlett versicherte dass ihm nichts
angenehmer sein würde als wenn er sich mit Ihnen durch den Mund seines
Freundes des weisen Herrn Magister Lamperts unterreden und Sie von der
Hochachtung seines Gönners schriftlich versichern dürfte Er brachte zugleich
feine Dinge von der nutzbaren Erfindung des Schreibens vor und rühmte die
Vorteile der Neuern die sie in dieser Kunst über die Alten erlangt hätten
Diese sagte er hätten sich mit Baumrinde Eselshaut und Wachstäfelgen behelfen
müssen da hingegen die edle Schreiberei ein weit besseres Ansehen erhalten
hätte seitdem das Pappier wäre erfunden worden und die Gänse uns ihre Kielen
zu den nötigsten Werkzeugen dieser Kunst geliehen hätten Die ganze
Grandisonische Familie segnete mich und Sie zugleich in meine Seele Lady G
warf mir noch da ich auf den Wagen stieg einen sanften Kuss zu um Ihnen
solchen zu übersenden allein solche Kleinigkeiten lassen sich nicht wohl
einpacken ich habe solchen also alleine genossen Lady Beauchamp sah aus als
wenn sie den Schnuppen bekommen hätte so dicke rote Augen hatte sie sich
geweint Alle Herren umarmten mich und die Ladys winkten mir Abschiedsküsse zu
Meine Ohren gellen noch von dem Lebewohl welches mir aus verschiedenen Tönen
akordweise nachgerufen wurde Ich glaubte mein Gemüte würde in etwas wieder
aufgemuntert werden wenn sich in den Dörfern in welchen ich vor wenig Tagen
bei meiner Herreise nach Grandisonhall einen solchen Aufstand erreget hatte
wiederum ein Haufen Volk mich zu sehen um meinen Wagen versammlen würde ich
hatte zwar jetzo nicht das ansehnliche Gefolge bei mir ich machte aber doch
noch eine ganz ansehnliche Figur Allein dismal erfuhr ich dass nichts
unbeständiger als der Pöbel Obgleich in Sir Karls Dörfern mir zu Ehren alle
Glocken geläutet wurden und das Glockenspiel in Grandisonhall die beweglichsten
Melodien hinter mir her spielte ungeachtet ich auch meinen Postillion aus allen
Kräften blasen ließ so wollte doch Niemand zum Vorschein kommen der mich zu
sehen verlangte einige Bauern ausgenommen die das Fenster halb aufschoben und
mit ihrem spitzigen abgegriffenen Hüten mir unter das Gesichte guckten ohne dass
einer so höflich gewesen wäre seinen Deckel abzunehmen oder seine
Tobackspfeife zu verstecken wenn ich vor seinem Hause vorüber zog
Den 31 traf ich wieder in Londen in meinem ordentlichen Quartiere ein Ich
machte dem ehrlichen Herrn Nerves meinen Abschiedsbesuch und hernach ließ ich
mich auch noch zum Vetter Eberhard bringen Seine runde dicke gebieterische
Frau empfing mich mit einer mittelmäßigen Höflichkeit und er erschien einige
Zeit hernach im Schlafrocke Seine Gebieterin schließt ihm wie man sagt
oftmals die Kleider ein und macht ihn auf diese Art zum Arrestanten damit er
ihr nicht unversehens entwischt und sie ihn hernach auf einem Koffeehause
auslösen muss Er schien sehr bestürzt über meinen unerwarteten Besuch und
glaubte vielleicht ich wäre kommen meine zwanzig Guineen wieder abzuholen Es
war dieses auch allerdings ein Bewegungsgrund bei mir ihn zu besuchen Ich
dachte er sollte sich selbst seiner Schuld erinnern und mir solche abtragen
an dessen Statt aber fing er an lateinisch zu reden damit es seine Frau nicht
verstehen sollte So viel ich einsehen konnte wollte er mich ersuchen mich
nichts gegen sie merken zu lassen dass er mein Schuldner wäre er gab mir aber
seine Meinung so undeutlich und stammlend zu verstehen dass ich nur raten
musste was er ungefehr haben wollte das Latein stund ihm gar nicht zu Gebote
Ich versicherte ihn in eben dieser Sprache dass ich mir eine Ehre daraus machte
ihn in meinem Schuldregister zu finden er könnte mir das Geld abtragen wenn es
ihm am bequemsten wäre ich würde ihn disfalls nie bei seiner Liebste verklagen
Die Absicht meines Besuchs wäre auch nicht ihn an meinen Vorschuss zu erinnern
sondern nur von ihm Abschied zu nehmen weil ich gesonnen wäre in wenig Tagen
England zu verlassen Er stellte sich sehr betrübt an dass er mich wie er
sagte als seinen besten Freund verlieren sollte ich konnte es ihm aber
ansehen dass er über meine Abreise sich heimlich sehr erfreute weil mir dadurch
die Gelegenheit abgeschnitten wurde ihn öfters zu mahnen Er wollte durchaus
noch nicht völlig von mir Abschied nehmen und versprach noch einmal selber in
meinem Quartiere mich zu besuchen seine Frau benahm ihm aber alle Hoffnung
sein Versprechen zu erfüllen So gesund er auch aussah so schützte sie doch
eine Unpässlichkeit vor sie würde nicht zugeben sagte sie dass er sobald an die
Luft ginge damit er nicht wieder ein Recitiv bekäme Ohne Zweifel hat er etwas
großes verbrochen dass sie ihn mit einen so langen Arreste bestraft Ich werde
nun wohl die zwanzig Guineen aus Bein streichen müssen
Vorgestern erhielt ich das Schreiben von Ihnen Hochgeehrtester Herr Onkel
und erfreute mich nicht wenig dass ich durch eine glückliche Ahndung das bereits
erfüllt hatte was Sie mir auftrugen Ich schreibe von hieraus noch einmal nach
Grandisonhall und werde nach Ihren Befehl den Doktor Bartlett ersuchen für Sie
ein gutes Vorwort bei dem Pastor Wendelin einzulegen In zwei Tagen gehe ich von
hier nach Dowers um von da nach Holland überzuschiffen In der Mitte dies
Monats hoffe ich zu Strassburg zu sein daselbst erwarte ich in Zukunft Ihre
Briefe Da mich die englischen Freunde ihres Briefwechsels würdigen wollen so
werde ich auch die Briefe an Sie empfangen und ich hoffe Sie gönnen mir auch in
Zukunft das Vergnügen die Ihrigen nach England über Strassburg gehen zu lassen
damit ich sie von da aus gehörigen Orts besorgen kann Ewig Schade dass ich dero
Schreiben nicht einige Tage früher erhalten habe um die verlangten Portraits zu
sammlen Damit Sie indessen doch meine Bereitwilligkeit sehen Ihre Befehle zu
erfüllen so übersende ich Ihnen diejenigen, welche mir von Herrn Rerves so
bald er Ihren rühmlichen Anschlag erfuhr sind verehret worden und die er in
duplo besitzt Es sind sieben an der Zahl Auf der Ruckseite derselben werden
Sie finden welche Personen aus der Grandisonischen Geschichte sie vorstellen
Zu den übrigen ist mir gute Hoffnung gemacht worden vielleicht habe ich bald
das Vergnügen Ihnen auch diese zu übersenden Diesen Augenblick erhalte ich
einen Brief von dem Herrn Richardson worin er mich nochmals an mein
Versprechen erinnert ihm die Briefe mitzuteilen welche Ihre großmütigen
Unternehmungen dem Herrn Grandison nachzuahmen enthalten ich werde ihm ihre
Meinung über diesen Punkt entdecken und ihm dazu Hoffnung machen Weil es mein
Schicksal nicht erlaubt in der glücklichen Gesellschaft Sir Karls meine Tage
zuzubringen so will ich doch meine Reisen so bald als möglich suchen zu
vollenden um bei Ihnen als seinem würdigen Nachfolger das Vergnügen zu finden
das ich jetzo entbehren muss Ich sehe der goldnen Zeit mit Verlangen entgegen
welche mich nach Kargfeld als dem zweiten Grandisonhall führen wird wo die
Bewunderung Ihres vortrefflichen Charakters eine der angenehmsten Beschäftigungen
sein wird
Dero
gehorsamsten Dieners
vS
XIX Brief
Der Herr vN an die Frau vW
Den 30 Octobr
Sie verdienten zwar mit mehrerm Rechte den Titel gestrenge Frau denn Sie haben
ziemlich strenge mit mir verfahren und es fehlte einmal nicht viel so hätten
Sie mich mit Fäusten geschlagen wie Satans Engel aber ich will Sie dem
ungeachtet gnädige Frau nennen in der guten Hoffnung dass Sie in Zukunft sich
bessern und mit mir sich wieder versöhnen werden Sie sind ein weibliches das
ist ein schwaches Werkzeug und aus dieser Ursache komme ich Ihnen mit
Ehrerbietung zuvor und tue Ihnen hierdurch zu wissen dass ich es alles
vergeben und vergessen will was Sie mir zu Leide getan haben Ich weiß wohl
dass Niemand anders als Sie selber den Major v Ln so sehr wider mich in
Harnisch gejaget dass er mich heraus gefordert Es ist bekannt wenn Sie
anfangen zu griesgramen so machen Sie es so arg dass Sie im Stande wären das
ganze heilige römische Reich zusammen zu hetzen wenn nur Ihr Gemahl ein Prinz
wäre Nehmen Sie es nicht übel dass ich so alles von der Leber wegsage es ist
nicht böse gemeint Wenn Sie gut sind ob es Ihnen gleich selten ankommt so
sind Sie auch wieder recht gut Wie gesagt ich will um unsern guten
nachbarlichen Frieden wieder herzustellen Ihnen alles vergeben Den Major habe
ich bereits durch meine Grundsätze zur Raison gebracht wir sind wieder gute
Freunde und ich fasse das gute Vertrauen dass Sie auf Ihrer Seite auch nicht
ermangeln werden sich mit mir zu versöhnen Sehen Sie nur wie großmütig ich
handele ich will nicht nur wegen der vermeintlichen Beleidigung die ich Ihnen
soll zugefüget haben hierdurch um Verzeihung bitten sondern ich will auch noch
ein übriges tun und Ihnen wenn Sie es verlangen Brief und Siegel ausstellen
dass ich Sie für eine Dame von Ehre halte und nichts anders als gutes von Ihnen
denke Wenn Sie billig sind so werden Sie nun Ihren Groll gegen mich fahren
lassen ich verspreche mir dieses eben so gewiss als ich hoffe dass Sie mir
einen Beweis Ihres versöhnlichen Herzens dadurch geben werden dass Sie mir bald
das Vergnügen verschaffen als meiner Frau Schwiegermutter die Hand zu küssen
Ich lade mich bei Ihnen auf morgen zu einer guten Mahlzeit ein um persönlich zu
erfahren ob Sie wieder mit mir eins sind Empfehlen Sie mich heute Ihrem Herrn
und meiner unvergleichlichen Henriette Morgen will ich es selbst tun und mich
zugleich bemühen Sie zu überzeugen dass ich mit vieler Hochachtung bin
Dero
gehorsamster Diener
vN
XX Brief
Das Fräulein vW an das Fräulein vS
Wilmershausen den 30 Octobr
Ich freue mich recht sehr dass wir morgen das Vergnügen haben Sie nebst dem
Hrn vF und seiner Gemahlin hier zu sehen Jacob hätte mir keine angenehmere
Nachricht geben können als dass er in einer Stunde nach Schöntal geht Sie
einzuladen Wissen Sie wohl wer dazu Anlass gegeben hat Lesen Sie innliegende
Abschrift des Schreibens von dem Herrn vN an meine Mutter Dieser Brief ist
eben nicht so abgefasst wie sie wünschet sie hat sich aber doch vorgesetzt den
äußerlichen Frieden mit ihm wieder herzustellen Der Major hat das meiste dazu
beigetragen sie wieder zu besänftigen Der Hr vN hat zum Beweis seines
Verlangens sie wieder zur Freundin zu haben sich auf morgen bei uns zu Gaste
gebeten um von ihr vielleicht eine mündliche Versicherung zu erhalten dass sie
ihm alles vergeben habe Mich dünkt ich habe bei diesem Besuche nichts
sonderliches zu fürchten Ich befinde mich sehr ruhig und hoffe der Hr vN
wird sich nicht so viele Freiheiten bei mir heraus nehmen als das letzte mal
er muss ein wenig schüchtern tun und sich in einer gewissen Entfernung halten
morgen wird er gleichsam als ein Fremder in unserm Hause eingeführet der erst
Bekanntschaft sucht und dem die kleinen Freiheiten noch nicht verstattet
werden die eine lange Freundschaft erlaubt Ich wollte dass Sie ihm dieses
könnten zu verstehen geben so wohl meint wegen als um der ganzen Gesellschaft
willen Die Frau vW würde wenn er zu vertraut tun wollte dieses als eine
neue Beleidigung ansehen und wohl gar wieder einen neuen Streit erregen der
allen verdrießlich sein würde Die Zeile die ich in seinem Briefe unterstrichen
habe versichert mich dass er noch immer eine gefährlich Absicht auf mich hat
Wenn ich jetzo nicht befürchte dass er sie erreichen wird so habe ich doch
immer Ursache zu fürchten dass er eine andere Ausführung gegen mich beobachtet
als ich wünsche Wenden Sie doch Ihre guten Bemühungen an ihn dahin zu bringen
dass er morgen gar nicht tut als wenn ich gegenwärtig wäre Ein Mann der dem
Grandison nachahmen will muss ein Philosoph sein es wird ihm also nicht viel
Mühe kosten dieses von sich zu erhalten Doch ich sehe dass ich mich schon zu
weitläuftig über eine Sache heraus gelassen habe die ich nur mit zwei Worten
gedenken wollte Meine Absicht bei diesem Briefe war allein diese Ihnen das
merkwürdigste zu erzählen was in unserm Hause seit meinem letzten Schreiben
sich begeben hat und insonderheit Sie von den Gesinnungen meiner Mutter die
sie gegenwärtig von Ihnen hegt zu unterrichten damit Sie wissen was Sie für
eine Stellung gegen diese anzunehmen haben Legen Sie morgen Ihre gewöhnliche
Munterkeit nicht ab und lassen Sie nichts zurückhaltendes an sich blicken Sie
wissen dass sie jede Mine die ihr nicht natürlich genug scheint wider sich
deutet und als eine Beleidigung annimmt Wenn Ihnen etwas an der Gunst der Frau
vW gelegen ist ich sag es Ihnen zum Troste dass Sie diese ganz wieder
besitzen so erscheinen Sie ja recht heiter Es ist ein seltener Fall dass man
Sie zur Fröhlichkeit ermuntern muss Ihr Gemüt ist immer aufgeräumt aber Sie
können dadurch nur selten so viel Gutes stiften als ich mir morgen davon
verspreche Der Major hat viel dazu beigetragen dass sie wieder vorteilhaft von
Ihnen urteilt Er hat Sie gelobt So ungern sie es sonst verträgt dass jemand
in ihrer Gegenwart gelobt wird so willig hat sie ihm doch hierinn Beifall
gegeben Sie wollte Ihnen zwar Schuld geben Sie hätten eine unüberwindliche
Neigung immer allerlei kleine Leichtfertigkeiten auszuüben sie wollte Ihnen
diese als einen Fehler anrechnen da sie aber der Major nicht dafür erkannte so
änderte sie dieses Urteil und fing an ihre Leichtfertigkeit zu entschuldigen
und bald hernach zu verteidigen ja sie munterte ihre kleine Tochter auf von
Ihnen immer etwas zu lernen um mit der Zeit so artig zu werden wie Sie Wenn es
der Herr vN nicht mit ihr verdorben hätte so will ich eben nicht gut dafür
sein dass sie so bald wieder Ihre Freundin worden wäre Der Zwist mit ihm hat
wie es scheint auch keinen geringen Anteil an der geschwinden Aussöhnung mit
Ihnen Er wird es aber sobald nicht dahin bringen dass sie ihm vollkommen wieder
günstig wird sie ist indessen ganz wohl zufrieden dass der Streit mit dem Major
sich ohne Zwiekampf geendiget hat Ich denke hiervon habe ich Ihnen schon
vorläufig Nachricht gegeben und jetzt kann ich dieses bestätigen Die Frau vW
schreibt sich einen vollkommenen Triumph in dieser Sache zu und glaubt dass
ihre Ehre dergestalt gerettet und ihr eine Satisfaction wäre verschafft worden
dass es der Herr vN so leichtlich nicht wagen würde sie wieder zu beleidigen
Der Major hat mir eine Beschreibung von dem ganzen Vorgange der Sache in
Schöntal gemacht er hat ihr auch seinen Rapport disfalls schon einige mal
wiederholen müssen der aber von dem was er mir erzählte sehr unterschieden
war Mein Vater gab ihm in allem Beifall ich weiß also nicht ob er mich oder
die Frau vW hintergangen hat Er besitzt die Gabe alles sehr lebhaft
vorzustellen ich zähle es unter seine Fehler Sie tun es gewiss auch ich weiß
es sollten Sie es guteissen können dass er die Reden und Stellungen der
Personen von welchen er spricht bosshaft nachzuahmen sucht Er ist in dieser
Kunst ein Meister ich gestehe ihm dieses zu aber er verdient niemals meinen
Beifall wenn er Beweise davon gibt Der arme Herr vN ich bedaure ihn Doch
er würde selbst mit haben lachen müssen wenn er seine und des Herrn vH Person
so natürlich hätte spielen sehen Der böse Mann Er schonte sogar meinen Vater
nicht ob er gleich gegenwärtig war ich ärgerte mich im Herzen sehr darüber
doch machte er es noch so dass es jener nicht merkte wenn er ihn agirte Die
Frau vW war von dieser Szene ganz eingenommen Da er seine Verdienste gegen
sie durch verschiedene kleine Nebenumstände in der Erzählung zu erhöhen wusste
so musste sie immer eine Danksagung und einen Lobspruch über den andern parat
halten um ihn damit zu belohnen Mein Vater hat ihr etwas von einem Protokoll
gesagt das in Schöntal über die Händel der beiden Herren soll sein verfertigt
worden Sie bezeigt ein großes Verlangen dieses zu sehen es scheint aber dass
es nicht dazu bestimmt ist ihr vorgelegt zu werden Ich bemerkte dass der Herr
v Ln meinem Vater mit den Augen winkte da er etwas davon gedachte und dass
dieser sein Wort gern wieder zurück genommen hätte Ich muss gestehen dass meine
Neugierde dadurch sehr ist rege gemacht worden bringen Sie es doch mit wenn
ich es sehen darf oder sagen Sie mir wenigstens was es damit für eine
Bewandtnis hat Lassen Sie unsern Briefwechsel ja nicht aufhören wir können
keine bessere Gelegenheit finden vertraut mit einander zu sprechen und Sie
können nicht glauben wie sehr Sie das durch verbinden
Ihre
Juliane vW
XXI Brief
Das Fräulein vS an das Fräulein vW
den 1 Novembr
Sie verlangten gestern Abend bei unserm Weggehen meine kritischen Betrachtungen
über unsere Gesellschaft Ich versprach Ihnen dieses sehr gerne denn ich hatte
in der Tat einige gemacht und ich bin allemal sehr unzufrieden wenn ich meine
Gedanken bei mir behalten muss ohne sie an Mann bringen zu können Sie sehen
also hier die Erfüllung meiner Zusage Ich ließ mich mit Fleiß nicht in ein
Spiel ziehen und setzte mich nur als eine Zuschauerin zum Spieltische um auf
die ganze Gesellschaft desto aufmerksamer zu sein und über ein und andere
Personen die sich darinnen besonders ausnahmen meine Anmerkungen zu machen
Doch dieses war nur eine Beschäftigung wenn ich sonst nichts zu tun hatte Ich
setzte mir schon zu Hause vor hauptsächlich zweierlei zu beobachten teils
mich um die Wiedereroberung der Gunst der Frau vW zu bewerben teils die
wahren Gesinnungen des Majors gegen dieselbe so viel möglich auszuforschen Nun
werden Sie mich schon vor eine Kundschafterin halten Woher habe ich denn einen
Beruf mich um die gute Freundschaft des Majors und der Frau vW zu bekümmern
Sein Sie vor jetzo mit der Antwort zufrieden dass ich allerdings meine Ursachen
dazu hatte Wenn ich mir nicht selbst zu viel schmeichle so denke ich dass ich
in meinen Unternehmungen nicht ganz unglücklich gewesen bin Sie haben es ohne
Zweifel bemerket dass ihre Frau Mutter sich rechte Mühe gab mich von ihrer
Gewogenheit zu überzeugen sie war so freigebig mit Freundschaftsversicherungen
dass ich nicht beredt genug war sie alle zu erwidern Wir hatten uns ganz außer
Atem komplimentiret und ich fand mich genötigt die Unterredung auf etwas
anders zu lenken damit ich nicht endlich zum Stillschweigen gebracht würde Zum
Glück fiel mir ihre Katze die sich unter den Ofen hingestreckt hatte in die
Augen ich lockte diesen Murner zu mir und fing ihn an zu loben Hierdurch
eröffnete ich ein weites Feld unsere Unterredung fortzusetzen und diesen
Lobreden schreibe ich auch größten Teils die wiedererlangte Gewogenheit der
Frau vW zu Lachen Sie nicht es ist mein Ernst Sie erzählte mir die ganze
Lebensgeschichte ihres Lieblings mit dem freundlichsten Gesichte das sie machen
kann Die Tugenden und Künste desselben beschäftigten uns ziemlich lange und
Murner schnurte dazu als wenn er es verstünde dass er gelobt würde Endlich
sehnte ich mich wieder nach der Gesellschaft und wollte mir lassen ein Pfötgen
geben um diesem Gespräch ein Ende zu machen und von dem geliebten Vieh
freundlich Abschied zu nehmen aber das garstige Tier war so unbescheiden und
häckelte mich mit den scharfen Krallen dergestalt in die Finger dass ich hätte
schreien mögen Davor bekam die Katze von der Frau v W eine derbe Maulschelle
und mich bat sie so ängstlich um Vergebung dass ich ihr würde verziehen habe
wenn sie mich auch selbst so hämisch gekratzt hätte Es darf mir leicht jemand
ein gut Wort geben so verwandele ich das schlimmste Urteil das ich von einer
Person fällen kann in ein sehr gutes Es sind noch nicht vierzehn Tage da ich
sie für die schlimmste Person aus unserm Geschlecht hielt Ich las das Leben des
Sokrates von neuem um einen Vergleich zwischen der Frau vW und der Gemahlin
dieses Weltweisen anzustellen Diese schien mir in einigen Stücken noch
erträglicher und jetzo wundere ich mich nie ich nur die geringste Ähnlichkeit
zwischen beiden Damen habe finden können ich bitte es nun der Frau vW in
meinen Gedanken ab dass ich sie so beleidigt habe Sie ist in der Tat nicht so
arg als Sie und ich denken Sie hat schlimme Zufälle das ist nicht zu leugnen
wenn aber ihre gute Stunde kommt so ist sie leidlich Die Freundschaft mit dem
Major dürfte wohl von keiner allzulangen Dauer sein wenn sie inne wird dass ihn
nicht die persönliche Hochachtung sondern Klugheit und Vorteil reizen sich ihr
gefällig zu beweisen Herr Lampert würde ihn einen schlauen Gast nennen wenn er
ihn genugsam kennte ich will diesen Ausdruck von ihm entlehnen um den
Charakter des Herrn v Ln damit zu bezeichnen Er hat wie es mir vorkommt
eben nicht die besten Begriffe von seiner Frau Base er kennt ihre Fehler und
besitzt Herzhaftigkeit genug ihre diese vorzurücken In der Tat gibt er bei
ihr einen Sittenlehrer ab ohne dass sie es merkt nicht in der Absicht sie zu
bessern sondern sich und andern etwas dadurch zu lachen zu geben Das war der
boshafteste Einfall den man erdenken kann dass er sie in der gestalt der bösen
westphälischen Wirtin auftreten ließ von der er einen Haufen erzählte und
darunter niemand anders als die Frau vW selbst vorgestellt war Entsetzten Sie
Sich nicht über die Kühnheit des Mannes Ich wunderte mich nur dass die Person
die am meisten getroffen war und die doch sonst ziemlich fein ist nicht das
geringste davon merkte So geht es wenn wir einmal glauben dass jemand
vorteilhaft für uns denkt so darf er sagen was er will er meint uns niemals
und wenn er auch mit dem Finger auf uns deuten sollte Es ist gut für den Hrn
v Ln dass ich nicht an der Stelle der Frau vW bin ich kündigte ihm von
Stund an mein Kapital auf so schlimm wäre ich und wenn er das Geld bei den
Juden borgen sollte Wer weiß was noch geschiehet wenn sie einmal auf ihren
Kopf kommt so wird der Herr v Ln für alle Schelmereien büßen müssen Das
Vergnügen möchte ich haben diese beiden Leute mit einander streiten zu sehen
sie ist eine Meisterin darin spitzige und beissende Reden auszuteilen und
er sieht mir so aus als wenn er mit lachendem Munde alles zwiefach zurück geben
könnte Die Frau vW hat doch mit keinem Worte an das Protokoll gedacht
vielleicht hat sie es vergessen Wenn sie es auch erinnert hätte so würde der
Baron sie auf eine andere Zeit vertröstet haben und diese Vertröstungen sollen
so lange fortgesetzt werden bis sie sich dabei beruhiget oder das Protokoll mit
Ungestüm fordert alsdenn soll sie eine Abschrift erhalten die ihrer Neigung
gemäß eingerichtet ist und hierbei wird sie sich schon zufrieden stellen
lassen Wenn Sie das genuine Exemplar das ich Ihnen gestern heimlich zusteckte
durchgelesen haben so schicken Sie mir es wieder zu Um mich recht sehr zu
verbinden fügen Sie ihre Anmerkungen darüber zugleich mit bei ich habe es so
oft mit Vergnügen durchlesen dass ich es beinahe auswendig kann Gestern machte
ich mir ein eigenes Geschäfte daraus wie ich Ihnen schon gesagt habe auf die
merkwürdigsten Personen aus unsrer Gesellschaft aufmerksam zu sein und allerlei
Betrachtungen über sie anzustellen diese will ich Ihnen im Voraus als eine
Vergeltung der Ihrigen über das Protokoll mitteilen Ich suchte einen
sonderbaren lustigen Zeitvertreib dadurch die Verhältnisse und Stellungen der
Personen unserer Gesellschaft gegen einander zu beobachten Damit war ich noch
nicht zufrieden bald beschäftigte sich meine Einbildungskraft die ganze
Gesellschaft sich im großen vorzustellen und da machte ich lauter Prinzen und
Helden daraus bald ließ ich sie wieder ins Kleine fallen und schuf sie zu
Bauern Schulzen und Gastwirten um hierzu gab mir die Erzählung des Majors von
der westphälischen Wirtin Anlass Ich stellte noch allerlei andere
Vergleichungen unter ihnen an und wenn ich sie auch die sein ließ die sie
wirklich waren so verschafte mir auch dieses mancherlei Vergnügen Sie wundern
sich ohne Zweifel über meine Ausschweifungen aber was tut man nicht um in
einer Gesellschaft wo man sich unter einem gewissen Zwange befindet die Zeit
hinzubringen Doch ich war nicht die einzige Person aus der Gesellschaft die
nicht frei genug war die meisten andern ließ aus ihren Bezeigen etwas fremdes
und ungewöhnliches hervor blicken Einige schienen zurückhaltend sie dachten
alles wie der Papogei der nicht reden konnte und spielten stumme Personen
Andere die sprechen wollten wogen jedes Wort auf der Goldwaage ab als wann
sie Leib und Lebensgefahr davon zu befürchten hätten Mich befremdete dieses
sonderbare eben nicht ich hatte es schon vermutet Notwendig musste das neue
Bündnis der Freundschaft zweier der vornehmsten Glieder einer geschwornen
Gesellschaft als diese war die durch einen unglücklichen Zwist bald wäre
getrennt worden wunderbare Erscheinungen hervor bringen Alle nahmen
gewissermaßen Teil daran Ich bemerkte dass einige ganz geheimnisvoll aussahen
da mein Onkel kam man zischelte einander ins Ohr dass die Frau vW oder ihr
rechtlicher Beistand der Major und der Hr vN neue Händel bekommen würden Der
Hr vH hatte diesen nicht so bald erblickt da er gleichsam in einer kleinen
Begeisterung zu sich selber sagte ja ja das wird eine feine Hetze werden
heute geht der Tanz wieder an Der Baron der meinen Onkel abgeholet hatte
musste diesen so viele Lectionen geben wie er sich den Tag über verhalten
sollte dass er um diese Regeln genau zu beobachten sichs gar zu sehr merken
ließ dass ihm welche waren eingeschärfet worden Herr Lampert hatte den Befehl
erhalten seinen Mund und Zunge den ganzen Tag über zu nichts anders als zum
Essen und Trinken zu gebrauchen und im höchsten Notfall nicht mehr als ja oder
nein zu sagen Er hat wider seine Gewohnheit dieses Gebot sehr genau befolgt
Der Baron hat viel Mühe gehabt den Onkel dahin zu bringen an den Zwist mit der
Frau vW und dem Major nicht zu gedenken Er hat mit ihr durchaus eben die
Procedur wie mit dem Major vornehmen und sie bekehren wollen Lampert hat
bereits ein dickes Buch geheftet gehabt um alle Reden der Frau vW und seines
Gönners nachzuschreiben und nach seinem Ausdruck mit diesem neuen Kleinod den
Wert der glänzenden Tugenden desselben noch mehr zu erhöhen und die Siege der
Großmut für die Nachwelt schriftlich aufzubehalten Das Gesichte der Frau vW
verriet auch einigen Zwang es kostete ihr Mühe den Anblick meines Onkels zu
ertragen es wurde ihr aber alsdann unleidlich wenn Grandison aus ihm sprach
Sie verdient indessen allerdings ihr Lob dass sie diesmal vollkommen von sich
Meister blieb und äußerlich alles beobachtete was man von ihr verlangen
konnte Diese verschiedene Charaktere welche die vorzüglichsten Personen aus
der Gesellschaft an sich nahmen und die so vielen Zwang und Verstellung
verrieten die Bedachtsamkeit der Übrigen nicht etwas vorzubringen wodurch
von neuem Öl ins Feuer könnte gegossen und der Groll der streitenden Mächte
wieder erreget werden breitete über die ganze Versammlung ein gewisses steifes
Wesen aus das mir desto lächerlicher vorkam je ungewöhnlicher es sonst bei
derselben anzutreffen ist Dieses veranlasste mich Ihr Schloss in das Escurial
und uns alle in Grands voll Spanien zu verwandeln ich wünschte nur noch dass
sich die Herren bedecken möchten Es wurde von nichts als von Ahnen und
Stammregistern gesprochen lauter Dinge die zu meiner Vorstellung überaus wohl
passten und sie so lebhaft machten dass wenig fehlte dass ich nicht meinen Onkel
Ihr Majestät genennt hätte Doch da er hernach im Begriff war einen seiner
Vorfahren bei der Zerstöhrung Jerusalems Hand anlegen zu lassen so verschwan
den diese schönen Vorstellungen. Der Herr von H der keinem Onkel einige Zweifel
hierüber machte zog meine Aufmerksamkeit auf sich doch dieser wusste sie so
geschickt aufzulösen dass ihm der Herr vH Recht lassen musste Ich weiß selbst
nicht durch was für einen Zufall die Gespräche so geschwind wechselten dass man
von den Archiven der Ahnen in die Vorratskammer kam man sprach von der
Oeconomie es wurden fette und magere Jahre prophezeiet die Speicher wurden
angefüllt und ausgeleert beiläufig wurde das Kapitel von Knechten und Mägden
auch abgehandelt alles was sich von trägem Gesinde sagen lässt das wurde
angebracht Eine solche Unterredung schickte sich nicht für die Großen eines
Reichs der Schauplatz hatte sich geändert und es gefiel mir ihn in die
Schenke zu versetzen Nun stellte ich mir die Herren als lauter ehrbare Männer
aus der Gemeinde vor Weil ich immer bemerkte dass sie ungeachtet der
gleichgültigen Materie davon gesprochen wurde doch die gewöhnliche
Vertraulichkeit diesmal bei Seite setzten so kam mir das nicht anders vor als
wenn ich unsere Gerichtsschöppen und Nachbarn mit einander reden hörte Diese
sprechen nicht mehr vertraut mit einander, seit dem einer der seinen Witz zur
Unzeit über die schwarzen Frohnsemmeln ausgelassen und von andern ist verraten
worden hat in den Turm kriechen müssen Jeder sieht jetzo seinen Nachbar als
seinen Verräter an wenn er ihm auch gleich eines zutrinket Es ist Zeit dass
ich meinen Vergleichungen ein Ende mache um Ihnen noch etwas wichtiges zu sagen
das ich bis hieher versparet habe Wissen Sie dass mein Onkel auf den Major
höchst eifersüchtig ist Seine guten Grundsätze wollen nicht zulangen ihn gegen
diese Schwachheit zu schützen ja ich befürchte schon dass er ihnen eine
Zeitlang Abschied geben wir um den Major heraus zu fordern jetzt ist die Reihe
an ihm Der Herr vN hatte sich eigentlich das Plätzgen auf dem Kanape beim
Koffee ausersehen das für meine Schwester bestimmt war Er wachte Mine davon
Besitz zu nehmen da ihm der Major zuvor kam und es hernach an meine Schwester
überließ Ich merkte dass der alte Liebhaber sehr unzufrieden war sich von dem
jüngeren verdrungen zu sehen Er würde ihn auf eine freimütige Art darüber zur
Rede gesetzt haben wenn ihn nicht der Baron zurückgehalten hätte Das war nicht
der einzige Verdruss den er empfand er wollte dem Major auch nicht die Ehre
gönnen im Spiel mit Ihnen Moitié zu machen Wenn er nur einiger maßen billig
gesinnt wäre so würde er daraus nichts machen Sie ließ ihn ja an Ihrem
Spiele gewissermaßen auch Anteil nehmen dass Sie ihm erlaubten Ihnen den
Daumen zu halten Schenken Sie mir einen Teil des Dankes den Sie denen willig
erteilen die es dahin gebracht haben dass Sie jetzt über einen Freier lachen
können der Ihnen noch vor kurzer Zeit so furchtbar war Denken Sie aber nicht
dass ich diesen Dank fordere Sie daran zu erinnern dass ich mich um Sie verdient
gemacht habe Sie würden sich sehr irren wenn Sie dieses dächten Ich verlange
keinen andern Dank von Ihnen als die Fortsetzung Ihrer Freundschaft und
Gewogenheit gegen mich diese gibt mir den schönsten Beweis dass Sie mich für
die halten die ich wirklich bin für
Ihre
ergebenste Freundin und Dienerin
AvS
XXII Brief
Herr Bornseil
Er ist ein ehrlicher Mann das ist außer allem Zweifel und wenn er es auch
nicht wäre so könnte er dennoch den Gefallen erweisen darum ich ihn geziemend
hierdurch ersuche Ich weiß dass er ehedem bei dem Herrn vW als Verwalter in
Diensten gestanden hat und ich habe ihn da wohl gekannt er trug immer einen
grünen Rock mit spitzigen silbernen Knöpfen und einen blauen Brustlatz Ob er
nun gleich nicht mehr in Wilmershausen wohnet so hat er doch noch wie ich
höre einen freien Zugang auf den Edelhof Denn er ist nicht wie ein Schelm
fortgejaget worden sondern böse Leute haben ihm eines bei dem gnädigen Herrn
versetzt dass er sein Stückgen Brod verloren hat Jetzt hält er sich sagt man
zu Schöntal auf und der Herr Baron v F gibt ihm seinen notdürftigen
Unterhalt folglich hat er auch daselbst im Schloss einen Zutritt Ich kann
mich daher zu Niemand füglicher wenden als an ihn um innliegende Briefe sicher
an Ort und Stelle zu bringen Ich hoffe dass er französisch lesen kann wo
nicht so gebe er nur den größten Brief an das Fräulein vW in Wilmershausen
und den kleinem an das Fräulein vS in Schöntal ab Er wird wohl tun wenn er
sie selber bestellt es ist mir an der richtigen Besorgung dieser Briefe sehr
vieles gelegen Wenn er diese Kommission wohl ausrichtet kann er auf ein gutes
Trankgeld Rechnung machen Er hat nicht das geringste bei Bestellung der Briefe
zu befürchten vielmehr wird er beiden Fräuleins willkommen sein und vielleicht
von ihnen eine Vergeltung seiner Mühe erhalten Ich glaube dass es nicht
undienlich sein wird in ein und andern Stücken ihm einigen Unterricht zu
erteilen damit dieser Auftrag der Absicht desto gemässer vollbracht werde Nehm
er folgende fünf Regeln deswegen wohl in Acht
1 Wenn er einem Fräulein ihren Brief einhändiget so lasse er sichs nicht
merken dass er auch an die andere einen zu bestellen hat
2 Darf kein Brief einer andern Person in die Hände fallen als der an
welcher er gerichtet ist, daher wird er am besten tun wenn er das Sprichwort
beobachtet selber ist der Mann
3 Diesen Punkt merk er sich ja fein soll er keinen Brief eher weggeben
bis er Gelegenheit findet eine von den Fräuleins alleine zu sprechen Wenn sie
beide in Schöntal oder in Wilmershausen beisammen sind oder wenn jemand anders
gegenwärtig ist so lass er sich von seiner Kommission ja nichts merken sonst
würde er um seinen Recompenz kommen und ich wollte für ein und andere
verdrießlichen Folgen die leichtlich für ihn daher entstehen könnten nicht
Bürge sein
4 Wenn man etwann fragen sollte wo und von wem er die Briefe erhalten so
kann er nur sagen es hätte jemand des Abends an sein Fenster gepocht und sie
seiner Tochter hinein gegeben sich aber sogleich wieder entfernt Vermutlich
wird er sie auch wirklich auf diese oder eine ähnliche Art erhalten Er kann
noch dazu dichten er hätte den Überbringer derselben nachlaufen wollen um zu
sehen wer er wäre da er aber unglücklicherweise über einen Stein gestolpert
so wäre jener entwicht So viel er bei Mondenschein wahrnehmen können wäre der
Überbringer ein langer Mensch gewesen der das Ansehen eines Jägero gehabt
hätte dieses und noch mehreres von diesem Schlag kann er nach Beschaffenheit
der Umstände hinzu fügen es ist ihm unverwehrt
5 Sollte er wieder Briefe von den Fräuleins an jemand zu bestellen kommen
so hüte er sich ja dass er sie nicht der Person selber überbringt an die
solche gerichtet sind Ich sage ihm dieses zu seinem eigenen Besten Sobald er
einen Brief empfängt so stecke er solchen in seine Tasche er darf ihn so wenig
von sich legen als er gewohnt ist seine Tobacksdose wegzulegen damit er ihn
gleich aushändigen kann wenn er abgefodert wird Diejenige Person die dieses
zu tun berechtiget ist wird ihm einen versiegelten Zeddel geben in welchen
weiter nichts als das einzige Wort Barocco zu lesen ist keine andere Seele aber
darf die Briefe zu sehen bekommen als diese Damit er nun die obigen fünf
Punkte wohl ins Gedächtnis fasst und genau beobachtet will ich ihm ein
Hilfsmittel bekannt machen sie desto leichter zu behalten Er hat an jeder Hand
fünf Finger nehm er also die fünf Finger seiner linken Hand die rechte braucht
er vermutlich die Briefe zu übereichen präge er sich bei jedem Finger einen
Punkt ins Gedächtnis Vermässe dieser Methode wird er so leicht nichts vergessen
und wenn er nur genau auf seine Finger Achtung gibt seine Sache wohl
ausrichten Noch eins habe ich zu erinnern Es dürfte vielleicht schwer Halten
das Fräulein vW alleine zu sprechen sie muss immer um ihrer Frau Stiefmutter
sein ihr die Zeit zu kürzen ich habe auch hier ein gutes Mittel ausfündig
gemacht wie er sie besonders sprechen kann Die Katze der Frau vW hat der
Fräulein ihr Rotkehlgen gefressen sie will gern ein anders haben nehm er also
das erste das beste und mache er ihr damit ein Geschenke Er mag nun versichert
sein dass es singt oder nicht so lobe er den vortrefflichen Gesang seines
Vogels und unter dem Vorwande solchen selbst auf ihr Zimmer zu bringen um ihm
da die Flügel zu stutzen wird er schon einen günstigen Augenblick ablauren ihr
das Briefgen unvermerkt zuzustecken Ich hoffe nicht dass er Schwürigkeiten
machen wird der Besorgung der Briefe auf sich zu nehmen Ich gebe ihm mein
Wort dass ihm daher nicht die geringste Gefahr erwachsen kann und will er sich
dabei nicht beruhigen so hat er ja wohl so viel Verstand in seinem kleinen
Finger um selbst zu urteilen dass man an junge Schönen keine Halsbrechenden
Dinge zu schreiben pfleget und dass der Briefträger also auch nichts zu
befürchten hat Was ich oben gesagt habe dass er um seines Besten willen bei
Bestellung der Briefe alles wohl in Acht nehmen sollte und wenn er durch seine
Unachtsamkeit etwas versehen würde dass dieses für ihn unangenehme Folgen haben
könnte so ist dieses nicht zu verstehen als ob man ihn deswegen würde stöcken
und pflöcken lassen sondern er würde sich dadurch um eine sehr gute Belohnung
und wohl gar um eine baldige Versorgung bringen Vielleicht bin ich selbst nicht
weit entfernt wenn er seinem Auftrage Genüge leistet Er ist eine kluge Mann
und kann nun schon erraten wie viel es geschlagen hat indessen will ich mich
nicht weiter verraten Mache er sich keine unnötige Sorge deswegen dass ich
diesmal meinen Namen unter die gewöhnlichen Buchstaben verstecke
NN
XXIII Brief
Das Fräulein vW an das Fräulein vS
den 2 Novembr
Ich bitte Sie tausendmal um Vergebung mein Schatz ich habe Sie wider meinen
Willen schrecklich beleidigt oder glaube doch dass Sie es leichtlich als eine
Beleidigung ansehen könnten ich habe einen Brief erbrochen der Ihnen
zugehöret Verdammen Sie mich aber nicht durch ein übereiltes Urteil ich bin
unschuldig die Aufschrift ist an mich Sehen Sie Vermutlich rührt dieses aus
einem unglücklichen Versehn des Verfassers her Doch das ist nicht mein
Verbrechen alleine über so etwas daran der Zufall Anteil hat können Sie mit
mir nicht zürnen aber was werden Sie sagen wenn ich gestehe dass ich den Brief
auch gelesen habe vom Anfang bis zu Ende Verfahren Sie billig mit mir am Ende
bin ich erst meinen Fehler inne worden und da warf ich den Brief voller
Bestürzung von mir aber zu spät Ich will mich Ihrer Verzeihung durch ein
offenherziges Geständnis meines Irrtums würdig machen Ich könnte mein Versehen
dreuste leugnen ich könnte sagen dass ich gleich bei den ersten Zeilen wäre
inne worden dass mich der Innhalt des Briefes nicht anginge ich hätte so viel
Gewalt über mich gehabt den Brief wieder zu siegeln ohne weiter zu lesen Was
wollten Sie machen Glauben müssten Sie mir es doch so wenig Lust dazu Sie auch
bezeigen möchten Ich will sehen ob ich meinem Fehler noch gar ein Verdienst
beilegen kann ich will Ihnen aus aufrichtigen Herzen zu Ihren neuen Anbeter
Glück wünschen Habe ich es nicht schon oftmals gesagt dass Sie in den Augen des
Majors eben das sind was ich bin in den Augen des Herrn vN Sehen Sie nur
wie meine Vermutungen so richtig eingetroffen sind Wenn ich nicht wüsste dass
Sie sich nur so gestellt haben als wenn Sie die Absichten des Majors nicht
merkten so würde ich stolz darauf sein und mich für ein sehr kluges Mädchen
halten auf die Art könnte ich weiter sehen als Sie Machen Sie mich nur in
Zukunft zur Vertrauten bei Ihrer Liebe einmal weiß ich doch um Ihr Geheimnis
und wenn Sie mich auch überreden wollten dass Sie gegen den Major unerbittlich
wären so glaubte ich Ihnen dieses eben so wenig als Sie es tun würden wenn
ich Ihnen sagte ich hätte innliegenden Brief nicht ganz gelesen Brauchen Sie
ja nicht ein so geringes Versehen als das ist mit der Addresse des Briefes zum
Vorwande gegen mich über den Hrn v Ln sich erzürnt anzustellen ich werde
doch nicht glauben dass es Ihnen von Herzen geht Überhaupt lege ich diesen
Fehler zu seinem Vorteil aus Ich habe zwar von den Empfindungen der Liebenden
sehr undeutliche Begriffe so viel sehe ich aber doch ein dass seine Neigung
eine der heftigsten sein muss seine Gedanken mussten sich ganz in Sie verloren
haben er befand sich ohne Zweifel in einer Art von Entzückung da er die
Aufschrift auf den ersten Brief an seine Göttin machte Sein Sie ja nicht
unbarmherzig gegen einen so eifrigen Liebhaber Hören Sie was ich sage Ich
will Sie nicht länger von dem Vergnügen abhalten das zärtliche Briefgen Ihres
Verehrers zu lesen vermutlich haben Sie mein Schreiben zuerst in die Hand
genommen Wenn Sie in Ihrem Herzen noch ein klein Plätzgen übrig haben und sich
Ihr Freund darin nicht schon gar zu breit macht so heben sie solches auf für
Ihre
ergebenste
Jul vW
XXIV Brief
Einschluss des vorigen
An das Fräulein vW
den 1 November
Gnädiges Fräulein
Sie mögen es nun billigen oder nicht so wage ich es doch Ihnen mein Herz zu
entdecken Einem Soldaten ist eine kleine Freiheit anständig die ein andres
ungestraft sich nicht heraus nehmen darf Ich verehre Sie Dieses haben Sie aus
meinem Bezeigen gegen Dero vortreffliche Person bereits schließen können ich
fand aber nötig Ihnen dieses Geständnis auch einmal deutlicher zu tun
Mündlich würde es mir unendliche Mühe gekostet haben ich bin in gewissen Fällen
sehr zaghaft wenn ich gleich ein Soldat bin und ich fand auch hierzu keine
günstige Gelegenheit verschweigen konnte ich es noch weniger darüber hätte ich
mich zu Tode gegrämet Übersehen Sie also eine Unternehmung die an sich nicht
strafbar ist wenn sie sich auch nicht vollkommen rechtfertigen lässt Ich
ergreife die Feder Ihnen die Empfindungen meines Herzens bekannt zu machen und
meine Zaghaftigkeit verließ mich den Augenblick bei diesem glücklichen
Entschlusse Ich habe zwei Werkzeuge die ich nie anders als mit dem Vorsatze
ergreife zu siegen oder zu sterben den Degen gegen die Feinde des Königs und
meiner Ehre und die Feder bei der Liebe Diese ergreife ich jetzo zum ersten
mal in der Absicht und von ihnen hängt es ab welches Schicksal ich zu erwarten
habe Der glückliche Tag den ich so oft er in Zukunft wieder kommt als einen
Festtag feiern werde des glückliche Tag an welchen ich das erste mal Sie zu
sehen die Ehre hatte machte mir alle die Vorzüge sichtbar in welchen Sie zur
Ehre des schönen Geschlechts prangen Dieser erste Augenblick der mich gegen
Sie in Bewunderung setzte entzog mir auch meine bisher standhaft verteidigte
Freiheit und dieser Verlust war mir so reizend dass ich wünschte sie nie
wieder zu erhalten Ich sah diesen Wunsch auch sogleich erfüllt Nach einer
genauen Untersuchung fand ich dass mein Herz schon an Sie verschenkt wär ehe
ich es selbst inne worden war Ich kann Ihnen also mein Herz nicht antragen Sie
besitzen es schon und jetzo tue ich in der Tat nichts anders als dass ich
Ihnen diesen Besitz bekannt mache Ob Ihnen mit einem so geringen Geschenke
etwas gedient ist mögen Sie selbst beurteilen so viel weiß ich dass mein Herz
mir nicht mehr zugehöret und dass ich das was ich einmal verschenkt habe nie
wieder pflege zurück zu nehmen Wenn Sie es auch nicht als Ihr Eigentum
betrachten wollten so würde es Ihnen doch bis in die Gruft zugehören Sie sind
die einzige Person in der Welt aus dem schönen Geschlecht die ich verehre ich
muss dieses Geständnis nochmals wiederholen Machen Sie mich so glücklich durch
eine Zeile von ihrer schönen Hand mich zu unterrichten ob Sie Sich dadurch
beleidigt finden und ob ich bei der unverbrüchlichen Ergebenheit die Ihnen
mein Herz geschworen hat dennoch so unglücklich bin Ihnen zu misfallen oder ob
ich mich mit der Hoffnung schmeicheln darf durch meine unermüdeten Beeiferungen
um Dero schätzbare Gewogenheit mich derselben würdig zu machen Schönste
Amalia o wie sehr entzückt mich dieser reizende Name ich küsse ihn tausend
mal Schönstes Fräulein Sie können nicht grausam sein Mein Schicksal sei
indessen welches es wolle so werde ich es als eine Gnade von Ihnen ansehen
wenn Sie mein freimütiges Geständnis als ein Geheimnis bewahren Ich habe dem
Gemahl von Dero Frau Schwester dem Herrn vF den ich als meinen vertrautesten
Freund betrachte nicht das geringste davon entdecken wollen bis ich erstlich
von Ihren Gesinnungen unterrichtet wäre Wenn ich es jemals sagen darf dass ich
Sie verehre so gönnen Sie mir das Vergnügen dass ich davon dem Hrn vF sowohl
als Dero Herrn Onkel und dessen Fräulein Braut die erste Eröffnung tun darf
Befreien Sie mich bald von einer ängstlichen Ungewissheit darin ich mich
befinde und die mich zweifelhaft macht ob ich im Genuss des vollkommensten
Glücks leben oder in kurzem ersterben werde als
Dero
untertäniger Diener und Verehrer
v Ln
XXV Brief
Das Fräulein vS an das Fräulein Juliane vW
Den 2 November
Ich bitte Sie tausend mal um Vergebung mein Schatz ich habe Sie wider meinen
Willen schrecklich beleidigt oder glaube doch dass Sie es leichtlich als eine
Beleidigung ansehen könnten ich habe einen Brief erbrochen der Ihnen
zugehöret Wenn ich aufgeräumt wäre so schrieb ich ihren ganzen Brief ab er
passet eben so genau auf Sie als auf mich und ich könnte Ihnen alles das wieder
sagen was Sie mir gesagt haben aber ich bin so grimmig dass ich Lust habe
mein Nachtzeug vom Kopfe zu reißen oder meinem Mädchen zu klingeln um ihr eine
Ohrfeige zu geben dass ich nur den Zorn auslasse und nicht krank darüber werde
Nehmen Sie erstlich ein rotes Pulver ein für die Alteration hernach lesen Sie
den Einschluss meines Briefes Lassen Sie uns eine Allianz schließen um mit
gesammter Hand unsern gemeinschaftlichen Feind zu bekriegen So eine
niederträchtige Gemütsart hätte ich dem Major nicht zugetrauet er verrät sehr
viel Einfalt und törigte Liebe dabei Wie muss der arme Kerl doch von sich
eingenommen sein dass er durch ein paar romanmässige Liebesbriefe in einer Stunde
zwei Eroberungen machen will Ich habe Mitleiden mit ihm dass er von der
heutigen Lebensart so eine geringe Känntniss besitzt und eine gemeine
Höflichkeit so vorteilhaft für sich ausleget dass er sich die stolzen Gedanken
einfallen lässt wir wären beide für ihn eingenommen Er muss auch ein sehr böses
Herz besitzen In einer Stunde von freien Stücken und ohne dass man es verlangt
zweien Frauenzimmern eine ewige Treue schwören das ist der Charakter eines
Bösewichts Er hat uns beide hintergehen wollen und hat sich selbst
hintergangen Dieses würde auch geschehen sein wenn der Zufall seine boshafte
Absicht nicht offenbaret hätte Ich hätte Ihnen gewiss das Geheimnis wie er es
nennet entdeckt und Sie würden mir auch nichts verschwiegen haben und so wäre
alles im kurzen an Tag kommen Indessen beobachtet er doch eine gewisse
Vorsichtigkeit in seinen Briefen er will um sein Spiel desto länger mit uns zu
treiben dass keine der andern von seinem törigten Liebesantrage etwas sagen
soll So viel Verstand besaß er doch noch voraus zu sehen dass seine Sache sehr
übel stehen würde sobald wir seine Bosheit entdeckten Unstreitig ist es unser
guter Sylphe gewesen der uns für einen untreuen Liebhaber hat bewahren wollen
und der ihm die Augen zuhielt oder verblendete dass er einen so wichtigen
Irrtum bei Ausfertigung seiner Briefe hat begehen können Ich wollte aber dass
mein Sylphe mir einen wichtigern Dienst leistete diesen verdenke ich ihm eben
nicht sonderlich ich wäre schon selbst so klug gewesen diesem Fallstrick zu
entgehen Nun habe ich schon tausend Erfindungen im Kopfe um uns wegen dieser
unartigen Aufführung zu rächen Es mag ein Fehler sein oder nicht so gestehe
ich Ihnen dass ich nicht Großmut genug besitze eine solche Beleidigung mit
einer weisen Kaltsinnigkeit zu ertragen ich hoffe Sie sind auch meiner
Meinung Lassen Sie uns aber mein Kind zuvor ein wenig wieder zu uns selbst
kommen jetzo sind unsre Leidenschaften zu sehr rege gemacht als dass wir einen
festen Enschluss fassen könnten An keinem Briefe habe ich länger geschrieben als
an diesem alle Augenblicke werfe ich die Feder hin Bald denke ich an die kühne
Beleidigung des Majors und ärgere mich darüber dass ich heule bald fällt mir
wieder ein Mittel ein Rache an ihm zu üben und darüber vergnüge ich mich so
sehr dass ich anfange zu lachen Diese Gedanken wechseln so geschwinde dass ich
oft zu gleicher Zeit lache und weine alsdann laufe ich zum Spiegel um zu
sehen was ich für eine wunderbare Figur mache hernach setze ich mich wieder
und schreibe ein paar Zeilen und so geht es immer fort Urteilen Sie hieraus
wie sehr ich aufgebracht bin Ich wollte Ihnen gerne ein paar von meinen
Einfällen wie wir uns rächen wollen mitteilen aber sie sind hierzu noch
nicht reif genug So viel kann ich Ihnen im Voraus sagen dass es mir wenigstens
nicht einfällt nach dem Beispiele der Frau vW einen Ritter aufzusuchen der
unsere Sache ausführen soll wir wollen schon andere Mittel finden unsern
Beleidiger eins anzubringen Jetzt kann ich Ihnen keinen bessern Rat erteilen
als diesen dass Sie Sich ja nichts merken lassen dass Sie den Brief von dem
Major erhalten haben dadurch könnte das Spiel leichtlich verdorben werden
Morgen werde ich Ihnen vielleicht bestimmter sagen können was für eine Stellung
wir gegen den verliebten Ritter annehmen wollen Er hat bei mir den alten
Bornseil zu seinem Liebesboten gebraucht und ich zweifle nicht dass dieser auch
den Brief den Sie mir zugeschickt haben gebracht hat Ich habe allerlei
lustige Touren im Kopfe die ich durch diesen einfältigen Mann spielen möchte
der sich in diesem Falle vollkommen wohl zu dem Major schickt allein ich will
mich über diesen Punkt nicht eher heraus lassen bis sich meine Affecten wieder
vollkommen besänftiget haben und bis ich sie zur Strafe dass sie mich jetzo
beunruhigen in meinen Strickbeutel wie mein Onkel einmal sagte zum Arrest
gebracht habe Ich finde keinen bessern Ausdruck mein Missvergnügen über Ihren
unartigen Herrn Vettern zu erkennen zu geben als wenn ich sage dass ich ihn
eben so sehr verachte als Sie hochgeschätzt werden von
Ihrer
aufrichtigen zärtlichen Freundin
AvS
XXVI Brief
An das Fräulein vS
Den 1 Nov
Schönstes Fräulein
Es ist eine besondere Ehre für mich und ich nehme mir es zu einem besonderen
vorzüglichen Vergnügen an dass ich die Erlaubnis habe mich fast täglich in Dero
angenehmen Gesellschaft zu befunden und manche vergnügte Stunde dadurch zu
genießen Doch bei alle dem Glück empfinde ich eine gewisse Unruhe die mir
einen Teil desselben wieder entzieht und die allein daher entstehet weil mir
bisher immer eine bequeme Gelegenheit gemangelt hat Ihnen das zu sagen was ich
empfinde Darf ich es wohl ohne Ihren Zorn zu befürchten wagen Ihnen mein
Herz zu entdecken oder welches einerlei ist ein Herz das ich Ihnen schon
längstens gewidmet habe zu Dero Füßen zu legen Übersehen Sie einen Fehler
den ich vielleicht dadurch begehe dass ich ohne viele Umschweife meine
aufrichtige Neigung so zeitig gestehe ehe ich noch hierzu durch meine
Bemühungen mich Ihrer schätzbaren Gewogenheit würdig zu machen einigermaßen
berechtiget bin Schreiben Sie diesen Fehler ja nicht einem Mangel meiner
untertänigen Hochachtung gegen Sie zu gönnen Sie mir vielmehr hierinnen eine
kleine Nachsicht Die Liebe ist für mich bisher ein ganz unbekanntes Feld
gewesen ich wage mich jetzo zum erstenmale hinein und glaube dass ich gegen
viele Regeln dieser Kunst verstosse Doch dieses geschiehet nicht weil ich sie
etwan gering schätze ich würde sie alle aufs genaueste beobachten wenn sie mir
bekannt wären Die ich nur einigermaßen kenne suche ich sehr genau zu befolgen
Es ist mir gesagt worden dass man sich erstlich der Sprache der Augen bedienen
müsse ehe man Mund und Feder dürfe reden lassen Ich habe dieses Gesetz getreu
erfüllt Meine Augen haben sich Stunden lang mit den Ihrigen besprochen ich
habe Ihnen mehr als einmal meine Empfindungen dadurch so deutlich entdeckt als
es diese Sprache zulässt Sie haben mir aber nie eine Antwort erteilet die von
aller Zweideutigkeit wäre frei gewesen Dieses hat mich berechtiget zu der
Feder meine Zuflucht zu nehmen um Ihnen wem die Sprache meiner Augen nicht
wäre redend genug gewesen Ihnen durch die Feder das Geständnis deutlicher zu
wiederholen dass ich Sie anbete Es steht in Ihrer Hand mich zu den
glücklichsten Bewohner der Erden zu machen wenn Sie meine Wünsche nicht ganz
unerhört sein lassen Doch bin ich nicht zu unbescheiden mich in Ihre
Gewogenheit eindringen zu wollen ehe ich Ihnen Beweise meiner Aufrichkeit
aufgestellet habe Es ist mir genug wenn ich nur von Ihnen die Erlaubnis
erhalte die Zahl Ihrer Verehrer vergrößern zu dürfen alsdenn will ich sehen
ob ich andre in dem Eifer Dero Gunst zu verdienen übertreffen kann Und wie
sehr wünschte ich dass diese durch eine unverletzliche Treue und Beständigkeit
könnte erlangt werden so dürfte ich an der Erfüllung meiner Hoffnung nicht
einen Augenblick länger zweifeln So begierig ich schon der Erklärung von Ihnen
über den Antrag meines Herzens entgegen sehe so sehr habe ich Ursache zu
wünschen dass ich diese nicht mündlich erhalte damit meine Base die Frau vW
nichts davon erfahre Der geringste Wink den sie von meiner Absicht bekäme
würde mich des angenehmen Umganges mit Ihnen berauben und den Zutritt zu Ihrem
Hause das durch Sie vortrefliches Fräulein für mich zu einem Louvre wird auf
einmal versperren Ich weiß dass das Fräulein von S Ihr ganzes Vertrauen
besitzt allein sollte sie auch wohl verschwiegen genug sein dass Sie ihr das
Geheimnis das für mich so wichtig ist anvertrauen könnten Doch ich will Ihrer
bekannten Klugheit nichts vorschreiben Sie kennen den Überbringer dieses
Briefes und wissen dass er ein redlicher Mann ist wollen Sie ihm ein paar
Zeilen anvertrauen die mein Schicksal bestimmen so werden Sie dadurch
unendlich verbinden
Dero
untertänigen Diener
und Verehrer
v Ln
XXVII Brief
Fräulein Amalie vS an das Fräulein vW
Den 2 Nov
Schon wieder ein Brief von Schöntal werden Sie sagen und das noch so spät
was hat das zu bedeuten Eben nichts sonderliches vielleicht aber auch etwas
das nicht ganz unbeträchtlich ist Es ist mir allemal sehr angenehm wenn ich
mich mit Ihnen unterreden kann es sei nun mündlich oder schriftlich Ich habe
verschiedene Entdeckungen gemacht die ich Ihnen doch in der Geschwindigkeit
mitteilen muss wenn sie auch gleich nicht so gar wichtig sind Ich bin jetzo
ganz ruhig mein Affekt hat sich geleget Da ich meinen Brief fortgeschickt
hatte trat ich wieder vor den Spiegel und tat mir allen möglichen Zwang an
um eine philosophische Mine zu machen Wenn ich nur die äußere Seite einmal in
meiner Gewalt habe und so scheinen kann wie ich scheinen will so bringe ich
es hernach bald dahin dass ich auch in der Tat so sein kann wie ich sein will
Ich bildete wir ein dass mein Vorhaben ziemlich gelungen wäre und warf nun
einen philosophischen Blick auf den fatalen Brief Ich nahm mir vor ihn
nochmals mit kaltem Blute zu lesen Ehe ich mich aber recht daran wagte fing
ich an um mein Blut nicht wieder in Wallung zu bringen ihn von außen eine
zeitlang zu betrachten Das Siegel zog zuerst meine Aufmerksamkeit auf sich Das
Wappen war mir unbekannt Es fielen mir schon vorher einige seltsame Gedanken
ein und ich weiß selbst nicht wie ich auf den wunderbaren Zweifel geriet ob
der Herrn v Ln auch der Verfasser von diesem Briefe wäre Um mir alle
Gelegenheit zu benehmen ihn für unschuldig zu erkennen und ihm gegen mich
selbst das Wort zu reden schnitt ich das Siegel von dem Umschlag und ging damit
zum Baron Ich fragte ob ihm dieses Wappen bekannt wäre er sagte nein Ich
erkundigte mich ob er des Herrn v Ln Wappen kennete ich hätte von dem
Fräulein vW einen Brief bekommen der dieses Siegel gehabt hätte und
vermutete dass Sie es von dem Major entlehnt hätten weil Sie bei Ihren Briefen
sonst ein andres Siegel brauchten Er versicherte dass dieses des Herrn v Ln
Wappen nicht wäre und hätte auch nicht die geringste Ähnlichkeit damit jenes
wäre ihm sehr genau bekannt Es befremdete mich dieses in etwas ich dachte
wenn der Herr v Ln kein Bedenken getragen hat seinen Namen unter die Briefe
zu sehen warum sollte er sein Wappen verleugnen wollen Doch ich sehe selber
ein das hieraus nichts zu machen war es konnte zufälliger Weise geschehen
sein dass er ein andres Siegel gebraucht hatte Wenn man sich aber einmal etwas
in den Kopf setzt so hält es schwer dass man sich von diesen Gedanken sogleich
wieder lossmachen kann wenn man auch wahrnimmt dass sie keinen Grund haben Ich
wollte es nun einmal so haben dass der Major die Briefe nicht geschrieben hätte
und diesen schwankenden Vorstellungen gab das fremde Siegel so geringe dieser
Umstand auch an sich war eine ziemliche Festigkeit wenigstens fiel doch mein
Verdacht nicht mehr auf den Major alleine ich teilte ihn schon unter mehrere
aus Nun war meine Neugier so rege gemacht dieser Sache weiter nachzuforschen
dass geschäftige Generals nicht begieriger sein können die geheimsten Anschläge
ihrer Feinde zu entdecken Ich glaubte Bornseil der mir den Brief der Ihnen
zugehörte überbrachte könnte mir in der Sache einiges Licht geben Ich ließ ihn
zu mir rufen und fragte von wem er den Brief den er Vormittage brachte
bekommen hätte Er schien über diese Frage sehr verwirrt ein neuer Grund mich
in meinen Gedanken zu bestärken Er wollte nicht mit der Sprache heraus Da ich
dieses merkte setzte ich desto heftiger mit Fragen an ihn und er schien
oftmals zu zweifeln ob er sie mit ja oder nein beantworten sollte Dieses
brachte mich auf die Vermutung dass ihm eine Rolle war aufgetragen worden die
er aber sehr schlecht spielte Bald hatte ihm seine Tochter den Brief ins Haus
gebracht bald hatte sie ihm ein Unbekannter gegen Abend zum Fenster hinein
gegeben Bei diesem letzten Geständnis blieb er endlich Er hat eine sehr
schlechte Gabe zum Lügen und es ist ein Glück für ihn dass er in dem jetzigen
Kriege nicht zu einem Spion ist gebraucht worden das wäre für ihn der nächste
Weg zum Galgen Wenigstens trieb er dieses Handwerk gewiss nicht so lange als
Käsebier Um mich völlig zu überzeugen dass er mir die Wahrheit gesagt hätte
brachte er mir einen Brief in welchen die zwei an uns waren eingeschlossen
gewesen Sie finden das Original selbst in meinem Briefe Ich las solchen mit
großer Aufmerksamkeit tun Sie es ja auch und fand in jeder Zeile für den
Major eine Verteidigung Wozu dienet die große Sorgfalt dachte ich um nicht
entdeckt zu werden die er ganz vergebens anwenden würde da er sich in den
Briefen an uns genannt hat Es könnte sein dass es wegen der Frau vW
geschehen wäre damit Bornseil nichts ausschwatzen möchte dass er von dem Major
Briefe an uns zu bestellen hätte Das ließe sich zwar einiger maßen hören aber
im Grunde ist es nichts Da der Verfasser der Briefe sich schmeichelt dass wir
uns mit ihm in einen Briefwechsel einlassen würden so konnte es geschehen dass
die Frau vW einen Brief auffing Würde sie nicht wenn sie den alten Verwalter
in ihrem Hause oft hätte ein und ausgehen sehen auf seine Verrichtungen
daselbst aufmerksam worden sein und ihn einmal darum befragt haben der Major
hatte uns ja nicht untersagt die Addresse unserer Antwort an ihn zu machen und
auf die Art erfuhr ja auch Bornseil wer der Verfasser der Briefe wäre Hätte
der Major dieses nicht voraus sehen und dabei bedenken sollen dass ein so
einfältiger Mann durch ein gutes Wort von seiner vormaligen Gebieterin oder
auch durch eine kleine Bestechung gesetzt dass sie auch nur in einem Kruge Bier
bestünde sich leichtlich würde auslocken lassen was er in Wilmershausen zu
verrichten habe Würde er ihr nicht selbst einen Brief in die Hände geliefert
haben Überhaupt schickt sich Bornseil so schlecht zu einem Liebesboten dass
ich mir nicht einbilden kann dass ihn der Major dazu sollte gewählet haben Er
würde eine sehr geringe Belesenheit in den Romanen verraten die er doch oft
blicken lässt wenn er nicht wüsste dass ein getreuer Bedienter und ein
verschmjetztes Kammermädcher die geschicktesten Botschafter in dergleichen
Fällen sind ohne dass der dritte Mann dabei nötig ist Das bedenklichste bei
dieser Sache scheint dieses dass uns Bornseil aufbürden soll die Briefe wären
ihm von einem Unbekannten gegeben worden den er wie des Herrn v Ln Jäger
beschreiben muss da sie ihm doch von einem Kerl sind zugesteckt worden den er
für einen reisenden Handwerkspurschen gehalten und da er ihm die Briefe
ausgehändiget geglaubet hat er reichte ihm seinen Reisepass zum Fenster hinein
Alles dieses zusammen genommen macht mir so wahrscheinlich dass der Major an
dieser Sache keinen Anteil hat dass ich über diesen Punkt mit mir bereits
ziemlich einig bin Damit Sie mich nicht für parteiisch halten will ich ihn
aber doch noch nicht ganz frei sprechen Unterdessen habe ich mir schon ein paar
Histörgen zusammen gedichtet um diese Begebenheit daraus zu erklären Das eine
ist dieses Die Frau dW scheint heimlich sehr unzufrieden dass der Major sich
vorgestern um uns so geschäftig erzeigte Wir machten in der großen Gesellschaft
eine besondere kleine aus und sie hat geglaubet bei dem Major etwas mehr als
Höflichkeit gegen uns wahrgenommen zu haben wenigstens befürchtete sie so etwas
in Zukunft Sie wollte also ihre liebe Tochter für aller Versuchung bewahren
und das Feuer gleich in der Asche ersticken Sie mischte mich mit in den Handel
um Ihnen von dem Herrn v Ln eine üble Meinung beizubringen Ihre Erfindung war
eben nicht eine von den besten sie war auch eben nicht übel ausgesonnen
Vermutlich trauete sie uns nicht zu dass wir ihm einen Vorhalt tun würden dass
er uns beide bosshaft hätte hintergehen wollen dadurch wäre der Betrug offenbar
worden Sie sah ein dass wir aus Klugheit schweigen und ihn nur mit einer
heimlichen Verachtung strafen würden Wenn wir unsern Verdruss wollten sichtbar
werden lassen dachte sie wäre dieses nicht eben so viel als ein Geständnis
dass jede von unvorhero seine Gunst gewünscht hätte Ja ja dieser Einfall sieht
ihr vollkommen ähnlich Doch ich habe auch noch andere Gedanken Sollte wohl
mein Onkel oder sein weiser Ratgeber an dieser Erfindung Teil haben Lampert
ist arglistig genug zu einer solchen Unternehmung um seinen Gönner einen in
seinen Augen gefährlichen Rival wegzuschaffen Ich habe Ihnen schon gesagt dass
der Major den Herrn vN sehr eifersüchtig gemacht hat Wer weiß ob uns Lampert
nicht umgauckelt ich will einmal dieses Wort den Dichtern abborgen es drückt
seine Unternehmung sehr wohl aus und die Frau vW unschuldig ist Mein Onkel
hat gewiss an diesem Streiche keinen andern Anteil als dass er seine
Einwilligung zu Ausführung desselben gegeben hat und vielleicht die Ursache
ist dass er ist ausgelacht worden Wiewohl es fällt mir schwer zu glauben dass
er sich aus Kargfeld herschreibt Nun sehe ich recht deutlich ein dass die
Verwechselung der Briefe nicht dem Zufall zuzuschreiben sondern dass dieses mit
Fleiß so geschehen ist Um aber niemanden hierüber Unrecht zu tun so lassen
Sie uns jedermann so lange im Verdacht haben bis wir den Zusammenhang der Sache
vollkommen kennen Was ich Ihnen schon heute gesagt habe das wiederhole ich
hier nochmals Lassen Sie Ihren Verdruss nicht sichtbar werden damit die
Boshaften nicht frohlocken dass ihnen ihr Streich gelungen ist Nur eine kleine
Geduld Wir werden die finsteren Gesichter auch noch brauchen Wenn wir nur erst
unsere Feinde kennen alsdenn wollen wir tapfer gegen sie zu Felde ziehen Ich
werde keine Mühe sparen sie zu entdecken und wenn ich darüber zu einer klugen
Frau schicken sollte Glauben Sie das nur ganz sicher
Ihrer
aufrichtigen Freundin
AvS
XXVIII Brief
Das Fräulein vS an das Fräulein vW
den 5 Novembr
Das ungezogne Kopfweh Will es sich denn noch immer nicht legen Ich bin sehr
böse dass es Sie nun schon drei Tage quälet und mich eben so lange des
Vergnügens beraubet hat von Ihnen ein Briefgen zu erhalten oder wie ich
hoffte Sie selbst hier zu sehen Wenn es doch nur wie der Schnuppen ansteckte
oder sich durch eine Sympatie fortpflanzen ließ so sollte es gewiss den Urheber
der verhassten Briefe dergestalt ängstigen dass er es verschwören wurde seine
Feder bei dergleichen ruchlosen Händeln jemals wieder anzusetzen Ihre
Unpässlichkeit denke ich soll mit dem bösen Wetter Abschied nehmen und morgen
haben wir nach dem Wetterglase und Bornseils untrüglichen Prophezeiungen einen
sehr schönen Tag zu erwarten Doch ich rede vom Wetter gerade als wenn ich
sonst nichts zu sagen wüsste Ich habe mir vorgesetzt Ihnen diesmal etwas sehr
wichtiges zu melden Was dächten Sie wohl Vorläufig kann ich Ihnen die
Nachricht geben dass ich in der Lotterie das Schicksal der mehresten gehabt und
nichts gewonnen habe Nun werden Sie wohl erraten dass meine Entdeckung unsere
Händel betrifft ich kann sie wohl so nennen aber vielleicht bilden Sie Sich
nicht ein dass ich das ganze Geheimnis weiß Ist das möglich Auf mein Wort was
ich Ihnen sage Hören Sie meinen Bericht hiervon
Noch den Abend da ich meinen letzten Brief geschrieben hatte machte ich
den Baron zu meinen Vertrauten ich konnte es ihm unmöglich verschweigen Nur
verdross mich dass ich es von freien Stücken heraus sagen musste ohne dass er mir
es ansehen wollte dass ich was auf dem Herzen hatte Doch ich setzte diesmal
alles Ceremoniel bei Seite Da er mir nicht mit Ehrerbietung zuvor kommen und
mich fragen wollte warum ich ein so verdrießlich Gesichte machte so sagte ich
es ihm recht deutlich dass ich über einer gewissen Begebenheit die mir heute
zugestoßen sehr empfindlich wäre Nun schien es als wenn er seine
Unachtsamkeit wieder einbringen und mir alles auf einmal aus den Augen lesen
wollte Ich wies ihm die Briefe und erzählte die Unterredung mit dem Verwalter
er erstaunte über meine Geschichte Ich entdeckte ihm meine Gedanken von der
Sache er hörte mich an ohne ihnen beizufallen noch sie zu verwerfen Er
überdachte alle Umstände nochmals reiflich und mit solcher Aufmerksamkeit dass
ich glaubte den Herrn Pitt vor mir zu sehen wenn er Krieg und Frieden wägt Er
erklärte den Major gleichsam durch einen Machtspruch für unschuldig endlich
gefiel es ihm auch seine Gründe dies falls anzuzeigen Er glaubte dass eine so
niederträchtige Handlung dem Charakter des Herrn v Ln zuwider sei er
versicherte zugleich dass er seine Hand genau kennte dass aber die Züge des
Briefs davon sehr abwichen Er war über diese Verwegenheit so unwillig dass ich
zu der Zeit nicht wünschte dass er den Verfasser der Briefe entdecken möchte
Doch wie seine Hitze bald überhingehet so fing er auch an diese Sache von der
scherzhaften Seite zu betrachten Sie ist so verwickelt sagte er dass sie dem
Knoten in einer Komödie nicht unähnlich scheint Es ist nichts ungewöhnliches
dass dieser durch eine Tracht Schläge aufgelöset wird wenn sich die Acteurs
nicht anders helfen können Wir wollen dieses kräftige Mittel auch hier
anwenden und dem Überbringer der Briefe seine Mühe dadurch belohnen lassen
der kann sie dem wieder zustellen der ihm die Briefe gegeben hat vielleicht
bringt der sie wieder an rechten Mann Bei meiner Schwester und mir fand dieser
Vorschlag keinen Beifall der arme Bornseil wäre dabei am schlimmsten wegkommen
der Schluss fiel deswegen dahin aus dem Verwalter einzuprägen denjenigen genau
zu betrachten der ihm ein verschlossnes Briefgen bringen würde um eine Antwort
von ihm abzuholen Es wurden ihm auch noch andere Regeln auf mancherlei Fälle
erteilet Nun sein Sie aufmerksam jetzt kommt die Entwickelung Heute frühe
wurde der Verwalter in die Stadt geschickt er lässt sich da kaum auf dem Markte
blicken so ruft ihn ein Weib die eine ganz bekannte Trödelfrau ist zu sich
zeigt ihm ein versiegelt Billet und fragt ob er an sie etwas abzugeben hätte
Bornseil stellt sich erfreut darüber und beantwortet ihre Frage mit ja sucht
alle seine Taschen durch endlich da er nichts findet tut er sehr bestürzt
und beklagt dass er früh im Dunkeln einen unrechten Rock ergriffen habe
verspricht aber heimzureuten und ihr noch vor Abends einen Brief zu bringen Der
Baron hatte ihm diese Umstände wohl eingepräget Er geriet auf die Vermutung
dass er leichtlich in der Stadt um die Briefe könnte befraget werden Er kam mit
dieser Nachricht zurück Wir schickten hierauf den Jäger in die Stadt welcher
sich allerlei Kleinigkeiten bei dieser Frau kaufen sollte um bei dieser
Gelegenheit von ihr auszukundschaften von wem sie das Billet wohl habe er kann
aber nichts von ihr ausforschen Unsere Bemühungen wären also beinahe fruchtlos
gewesen wenn nicht zum Glück bei seiner Anwesenheit ein Mann vor die Bude
kommen wäre und gefragt hätte ob der Brief da sei den er mitnehmen sollte Sie
beantwortet dieses mit nein und bestellt ihn nach einer Stunde wieder Der
Jäger schleicht diesem Manne nach der ihm ohnedem nicht unbekannt ist und
bringt ihm im Gasthofe bei einer freien Zeche zu einem vollkommenen Geständnis
doch unter der Bedingung keiner lebendigen Seele etwas davon zu entdecken weil
es ihm hart verboten wäre etwas davon zu sagen Sehen Sie nur wie listig der
Urheber geheimen Korrespondenz an uns sich verborgen hatte Wenn er nicht durch
einen Zufall wäre entdecket worden so hätte man seine Verwegenheit nicht einmal
ahnden können Et hat sich wie wir aus dem Erfolg sehen für unsere Rache sehr
gefürchtet und auf alle mögliche Art sich davor sicher zu stellen gesucht
Gegenwärtig beschäftigt sich mein Gemüt mit keiner andern Vorstellung als mit
der diesen Frevel bestraft zu sehen und ich bin so erfindungsreich dass immer
ein Anschlag den andern verdringt meine Rache auszuführen Der Baron hat
versprochen mir mit Rat und Tat an die Hand zu gehen ich bin aber noch gar
nicht mit mir einig welches Mittel sich am füglichsten wird anwenden lassen
den Verwegenen zu züchtigen Morgen besuche ich Sie da wollen wir diese Sache
gemeinschaftlich überdenken wenn uns nicht überflüssige Personen in unsrer
Gesellschaft daran verhindern Doch ich plaudere sehr viel und jage immer
nicht von wem sich der schlimme Streich herschreibt und daran ist Ihnen
vermutlich am meisten gelegen Damit ich Ihnen morgen recht sehr willkommen bin
so habe ich mir vorgenommen den Urheber davon nicht anders als mündlich zu
nennen Ich lasse Sie in einer völligen Ungewissheit um mir morgen das Vergnügen
zu verschaffen Sie noch einmal herumraten zu lassen ich möchte doch sehen
wen Sie am meisten im Verdacht haben Wenn Sie eine so unleidliche Neugierde
besässen als unserm Geschlechte ordentlich zugeschrieben wird die aber durchaus
ein Fehler einzelner Personen ist worunter ich gehöre so würde ich mir es zur
Sünde anrechnen Sie so lange schmachten zu lassen Sie sind aber gewiss hierbei
ganz gleichgültig und übersehen meinen kleinen Eigensinn Mein Brief ist nun
lang genug Ihnen ihr Kopfweh zu vertreiben oder es zu vermehren deswegen will
ich kein Wort mehr sagen als dass ich bin
Ihre
aufrichtige Freundin
AvS
XXIX Brief
Fräulein Amalia an ihren Bruder
Schöntal den 12 Nov
Geliebter Bruder
Du verlangst dass ich noch immer auf alles aufmerksam sein soll was zur
Geschichte unsres Onkels gehört in ferne man ihn als Grandisons Jünger
betrachten kann ich bin auch noch immer geneigt dein Verlangen zu erfüllen
Jetzt sehne ich mich recht nach neuen Auftritten um die langen Winternächte
desto gemächlicher hinzubringen wenn ich einen Teil davon verschreibe so wie
ich den andern zu verschlafen gedenke Wenn mir nur die geringste Gelegenheit
gegeben wird so bediene ich mich derselben mit Vergnügen dir von den
Begebenheiten in unserer Gegend Nachricht zu geben aber eher setze ich auch
keine Feder an Wenn ich weiter nichts sagen kann als dass wir gesund sind so
schweige ich lieber das kannst du auch von andern erfahren Jetzt habe ich
einmal wieder etwas erhascht davon ich so viel zu schreiben gedenke dass ich
wenigstens ein halb Dutzend Federn stumpf machen werde es betrifft unsern Onkel
nur mittelbar und geht hauptsächlich den Herrn Lampert an Der erste ist ganz
ruhig oder muss es vielmehr sein er verhält sich wieder passive wie Lampert
spricht das ist er hat einen kleinen podagrischen Anfall aber desto lebhafter
ist der andere Es ist als wenn es diese beiden Leute mit einander abgeredt
hätten dass wenn der eine etwas seltsames geliefert hat so tritt der andere
auf damit die Schaubühne nicht ledig bleibt Ich bin gewohnt nicht nur sehr
lange Briefe wegen dieser Händel an dich zu schreiben sondern ich teile dir
auch alle diejenigen in Abschrift mit die unter uns diesfalls gewechselt
werden und welcher ich nur habhaft werden kann. Gegenwärtig erhälst du ein
Stück des Briefwechsels zwischen mir und dem Fräulein vW Die ersten davon
enthalten an sich eben nichts merkwürdiges und ich war anfangs zweifelhaft ob
ich sie mit einschliessen wollte doch da ich sie nochmals las schienen sie mir
nicht ganz unbeträchtlich Sie fassen den merkwürdigen Punkt der
Wiederaussöhnung des Herrn vN mit der Frau vW in sich sie enthalten auch
einige Anekdoten daraus man die dermaligen Gesinnungen der Personen die unsere
gewöhnliche Gesellschaft ausmachen erkennen kann In einem davon wird gedacht
dass der Major unsern Onkel eifersüchtig gemacht hat und dieses kann als der
Grund von der ganzen Geschichte die ich zu beschreiben gedenke angesehen
werden. Da sich unser Onkel einmal eine Ursache zur Eifersucht in den Kopf
gesetzet hatte so zweifelte er nun dass das Fräulein vW eine Henriette Byron
sein könnte wenn sie einen andern Mann unserm Onkel in ihrem Herzen vorzöge
Vermutlich hatte hierüber viele sorgsame Gedanken und Herr Lampert nach seiner
gefälligen Art machte sich anheischig geschickte Mittel ausfündig zu machen
solches zu verhüten Er geriet auf den boshaften Einfall im Namen des Herrn v
Ln an das Fräulein vW und an mich zu schreiben uns einen verwünschten
Liebesantrag zu tun und diese Briefe mit Fleiß zu verwechseln um dadurch den
Major bei uns beiden verächtlich zu machen Ich bilde mir ein dass ihm diese
Erfindung einige schlaflose Nächte gemacht hat Er richtete solche in der Tat
ins Werk und weil ich seitdem ein kleines altmodisches silbernes Dösgen bei ihm
bemerket habe so glaube ich der Onkel hat ihn damit für seinen klugen Einfall
beschenket Wenn ich nicht aus verschiedenen Umständen gemutmasset hätte dass
diese Briefe erdichtet wären so hätte ihm sein Vorhaben wenigstens eine
Zeitlang gelingen können ohne dass dadurch sein Gönner das gerinste würde
gewonnen haben Im Anfang fiel aller Verdacht auf die Frau vW und Fräulein
Julgen hat mir gestanden dass sie nachdem ich sie auf diese Spur gebracht so
feste davon wäre überzeugt gewesen dass sie es nur für Scherz angenommen da ich
ihr gesagt hätte diese Erfindung schriebe sich vielleicht aus Kargfeld her Sie
wollte dieses mir nicht einmal glauben da ich zu ihr ging um ihr den wahren
Urheber davon zu nennen Wie wir ihn entdeckt haben solches wirst du aus meinem
letzten Briefe an das Fräulein vW sehen Überhaupt erinnere ich dass du die
Innlagen meines Briefes eher lesen musst als ihn selber damit dir nichts in
meiner Erzählung unverständlich bleibt So erbittert wir gegen die Frau vW
gewesen wären wenn wir unsern Verdacht gegen sie gegründet befunden hätten so
ruhig waren wir nun da wir den wahren Urheber dieser Kabbale entdeckt hatten
Das Fräulein vW war so großmütig ihm zu verzeihen ich hingegen war darauf
bedacht wenigstens auf eine lustige Art mich zu rächen Der Baron riet mir
gegen den Onkel und den kühnen Lampert meinen Unwillen zu verbergen Er nahm es
auf sich wegen dieser Beleidigung uns vollkommene Genugtuung zu verschaffen
Leute von dem Charakter eines Lamperts verdienen in meinen Augen Mitleiden
wenn man ihre Vergehungen nach der Strenge bestraft So boshaft ihre
Unternehmungen auch oftmals scheinen so gehören sie doch zu den unwissendlichen
oder wenigstens zu den Schwachheitssünden Ich bin überzeugt dass Lampert gewiss
nicht den Vorsatz gehabt hat uns zu beleidigen er sah seine Erfindung als
eine erlaubte List an seinen Gönner von einem so großen Übel als ein
Nebenbuhler ist zu befreien und dadurch das Lob eines klugen und
erfindungsreichen Mannes zu verdienen Ich bin geneigt eine größere Beleidigung
gleichgültiger zu ertragen wenn sie mir zugefüget wird ohne dass man dabei die
Absicht hat mich zu beleidigen als eine geringere womit diese Absicht
verbunden ist Der Baron hat eben diese Gesinnung Es wurde daher in unserm
Rate beschlossen uns zu stellen als wenn wir die Briefe gar nicht empfangen
hätten und wo möglich diese Gedanken unserm Onkel und dem Magister Lampert
selbst beizubringen Wenn wir diesem hätten merken lassen dass seine verwegne
Unternehmung entdeckt wäre so hätten wir notwendig sehr böse gegen ihn tun
müssen und wenigstens in Jahrsfrist hätte er uns nicht dürfen ins Gesichte
kommen Doch dadurch wäre der Baron am meisten gestraft wenn er in Jahr und Tag
keinen Spaß mit ihm treiben sollte Er nahm sich vor bei Gelegenheit ihm eins
anzubringen und ihm jetzo nur allen Argwohn zu benehmen dass wir hinter das
Geheimnis kommen wären Bornseil hatte der Unterhändlerin in H versprochen ihr
den Brief den er an sie abzugeben hätte noch denselben Tag einzuhändigen der
Baron nahm sich die Mühe ihm einen in die Feder zu dictiren den er den
folgenden Tag der Frau bringen musste er wurde in Bornseils Namen abgefasst Weil
er nicht allzulang ist will ich ihn einrücken Die Aufschrift war an Herrn
NN welcher Peter Bornseilen einige Briefe hat einhändigen lassen
Unbekannter guter Freund
Nebst einem schönen Gruße melde ich dienstlich dass ich seinen Brief an unsere
gnädige Fräulein und den an die Fräulein pW wie auch den meinigen wohl
erhalten habe und wenn ich sonst kein Bedenken gehabt hätte so würden sie auch
richtig sein an Ort und Stelle gebracht worden Aber nehm er mirs nicht übel
ich muss ihm hierdurch melden dass ich sie nicht bestellen kann und wenn ich ein
Kaisertum damit verdienen sollte Sie sind nicht mehr in meinen Händen Es hat
sie mir zwar niemand genommen ich habe sie auch nicht verloren noch
vielweniger bereits richtig bestellt sondern ich habe mich auf eine sonderbare
Manier davon losgemacht Lass er sichs erzählen was ich damit vorgenommen habe
Es befremdete mich nicht wenig dass mir von einem unbekannten Kerl ein Brief
zugestellet wurde darinnen ich zwei andere an die Fräuleins fand es macht mich
ziemlich stutzig dass sich der Verfasser in dem Briefe an mich nicht genannt
hatte Ich dachte deswegen ist dir wohl so bleib davon dass du nicht kriegest
bösen Lohn Es ist gewiss nicht umsonst geschehen dass der Verfasser sich nicht
genannt hat das hat seine Ursachen Wir leben jetzo in gar bedenklichen
Zeiten Briefe zu bestellen ohne zu wissen von wannen sie kommen ist gar
gefährlich es kann einer heutiges Tages in Leibund Lebensgefahr darügeraten
Was deines Amts nicht ist lass deinen Fürwitz Briefe gehören auf die Post ich
bin aber weder ein Postknecht noch ein Postmeister jemals gewesen sondern
meiner Profession nach bin ich ein Oeconomus und wenn ich ihm als ein solcher
einen Gefallen kann erweisen will ich es gern tun aber zu weiter versteh ich
mich nichts Durch andrer Leute Schaden bin ich klug gemacht Andräs der
Grossknecht auf hiesigem Edelhofe hat sich neulich von dem Herrn Schulmeister
auch einen Brief lassen aufschwatzen solchen in der Stadt zu bestellen da er
aber damit aus Tor kommt haben ihn die Soldaten visentiret den Brief
genommen aufgebrochen und gelesen Nicht genug hieran so haben sie den armen
Andräs von Pilatus zu Herodes herum geführet dass er bald ein paar Schuhe
darüber zerrissen und nur noch von Glück zu sagen gehabt dass sie ihn nicht gar
für einen Spijon angesehen Darum dachte ich mit solchen Dingen unbeworren Ich
hielt auch sogar gefährlich die Briefe lange in meinem Hause zu haben Wenn ich
gewusst hätte wer er wäre so hätte ich sie ihm noch denselbigen Abend
wiehergebracht Die ganze Nacht hindurch ist mir kein Schlaf in die Augen
kommen und wenn sich nur was regte so dachte ich es geschähe Haussuchung man
wollte die Briefe holen und mich in Ketten und Banden schmieden Um nun der
Marter los zu werden nahm ich sie frühe so bald der Himmel grauete band sie
an ein paar große Steine und trug sie wie ein paar junge Katzen ins Wasser
Ich hätte zwar den kürzesten Weg gehen und sie verbrennen können aber ich
sorgte dieses möchte mir Verdruss bringen ich habe gehört dass der Staupbesen
darauf steht wenn man die Briefe an andere erbricht und ein fremdes Siegel
verletzt Da es nun in diesem Falle nicht ohne Verletzung des Siegels abgegangen
wäre so warf ich sie lieber ins Wasser Nehm er es nicht übel dass ich so
strenge mit den Briefen verfahren bin es war mir so Angst dabei dass wenn ich
sie länger in meinem Hause behalten hätte so wäre ich wohl endlich selber ins
Wasser gesprungen Ich habe ihm nun als ein ehrlicher Mann gesagt wo die Briefe
hingekommen sind und kann einen Eid deswegen ablegen Er kann ja leichtlich ein
paar andere schreiben und sie auch auf eine andere Weise als durch mich
bestellen lassen wenn es nötig ist Dieses hat ihm nachrichtlich melden wollen
PB
Mit diesem Briefe den der Baron vollkommen nach Bornseils Schreibart
eingerichtet hatte wurde dieser nach H geschickt wo der benennten Frau
solchen auch gegeben die ihn vermutlich richtig bestellt hat Nun dachten wir
auf nichts anders als den Magister Lampert seinen Frevel büßen zu lassen wir
machten einen Haufen Anschläge es fanden sich aber bei jeden Schwürigkeiten
Von ungefehr bot sich hierzu eine Gelegenheit dar die so wunderbar als
unerwartet kam Doch ich will hier in meinem Briefe einen kleinen Abschnitt
machen damit wir beide du beim Lesen ich beim Schreiben ein wenig ausruhen
können
XXX Brief
Fortsetzung des vorigen
Den 13 und 14 Nov
Es war am Diensttage da wir Nachricht erhielten dass einige Esquadrons von der
schweren Englischen Kavallerie in unsere Gegend einrücken würden Sie trafen
Mittwoch Abends ein wir bekamen also Gäste Zwei Offiziers ritten gerade in den
Edelhof der eine war Rittmeister und der andere Kornet Sie schienen im Anfang
ein paar steife Männer zu sein der Rittmeister sonderlich hatte eine so
nachdenkliche Mine als wenn er glaubte dass er an dem glücklichen Feldzuge
dieses Jahres keinen geringen Anteil hätte Wer sollte denken dass dieser Mann
bestimmt gewesen wäre zwei beleidigte Frauenzimmer zu rächen Der Baron redete
sie französisch an Sie antwortete kurz und gebrochen Ich nahm mir vor nicht
lange in ihrer Gesellschaft zu bleiben doch bei Tische fanden wir an dem
Rittmeister einen ganz andern Mann er wurde aufgeräumt und redete uns plötzlich
in unsrer Muttersprache an Der Baron war eben im Begriff ihm seine
Verwunderung darüber zu entdecken da er ihm zuvor kam und anfing sein Leben zu
erzählen Er hat einige mal das Glück gehabt den König nach Deutschland zu
begleiten und hat sich außerdem ziemlich lange aufgehalten Nachmittage
stattete der Herr v Ln einen Besuch bei uns ab Der Rittmeister war sein
vertrauter Freund Sie hatten einander lange nicht gesehen und unterhielten
sich eine Zeitlang von den Begebenheiten die unterdessen dem einen sowohl als
dem andern zugestoßen waren Die Gespräche wurden hierauf da diese beiden
einander nichts mehr zu sagen hatten so mannigfaltig dass man fast zu gleicher
Zeit vom Kriege von der Verschiedenheit der Sitten der Deutschen und der
Engländer und von Romänen sprach Das Kapitel von den letztern war das längste
Der Major machte dem Rittmeister ein Kompliment dadurch dass er seinen
Landsleuten ihr gehöriges Lob gab dass sie uns mit verschiedenen artigen Romans
beschenket hätten Die vornehmsten wurden genennt und beurteilet Beiläufig
wurde auch unserer übermäßigen Verehrer des Grandisons gedacht Der Rittmeister
war hierbei aufmerksam und nach dem Geschmacke der Britten vergnügte er sich
ungemein an dem sonderbaren das diese Leute von sich blicken ließ Der Major
erzählte ihm mehr davon als uns Anfangs leib war Um das Gespräch in etwas zu
verändern gedachte der Baron dass einer von Grandisons Jüngern zwei
Frauenzimmer sehr beleidigt hätte die deswegen auf Rache bedacht wären und
fragte mich zugleich warum ich so rot würde ob ich dadurch meine Rachbegierde
verraten wollte Hierüber wurde ich in der Tat rot diesen abgenutzten Spaß
die Männer auf Kosten des Frauenzimmers einmal lachen zu lassen wendete der
Baron dismal seiner Gesellschaft zu Ehren in dieser Absicht an Ich wollte ihm
wieder eins versetzen doch ehe er mich zum Worte kommen lies wendete er sich
zum Major und sagte er hätte schon in unserer Gegend einmal die gute Sache des
Frauenzimmers mit Ruhme verteidigt wozu er sich entschlüssen wollte wenn er
hierzu nochmals aufgefodert würde Der Herr von Ln machte seinen besten
Reverenz er wollte gleich seinen Abschied fordern sagte er und aufhören das
Vaterland verteidigen zu helfen wenn er die Ehre haben sollte für die Schönen
zu fechten Die Unterredung wurde über diesem Punkt ziemlich munter der
Engelsmann wollte all einem solchen Glück gleichfalls Anteil haben und sie
zankten sich hierüber lange Da der Rittmeister hörte dass eine Fräulein Base
des Majors mit im Spiel wäre wollte er sich endlich mit ihm dahin vergleichen
dass sich dieser seiner Fräulein Base annehmen sollte er hingegen wollte meine
Partie nehmen Sie waren beide nun nur begierig den Beleidiger sowohl als die
Beleidigung zu erfahren jenen nennte der Baron und diese sagte er bestünde
darin dass Lampert um eine Wette von unserm Onkel zu gewinnen welcher
behauptet hätte die Freundschaft zwischen mir und dem Fräulein vW wäre
unzertrennlich sich unterstanden hätte einen Zwist unter uns erregen zu
wollen Alle stimmten damit überein dass dieser Frevel müsste bestraft werden
Der Baron hatte sogleich eine seltsame Erfindung parat diesen Vorsatz
auszuführen die von allen belacht wurde die aber einen so allgemeinen Beifall
erhielt dass sie der Rittmeister der dabei hauptsächlich mit eingeflochten war
durchaus in Erfüllung bringen wollte Es kostete nicht viel Mühe den Baron
dahin zu bringen seinem Gaste dieses Vergnügen zu verschaffen Die Herren
brachten also den übrigen Teil des Tages damit zu einander in allem vollkommen
zu unterrichten was den folgenden Tag ihre Lust vollkommen machen könnte Ich
schlich mich weg um Fräulein Julgen Nachricht zu geben was der Baron dem Major
vorgeschwatzt hatte damit wir einerlei Sprache führten wenn der Herr v Ln
etwas gegen ist davon gedächte Des folgenden Tages fand sich dieser sehr zeitig
bei uns ein hierauf wurde folgendes Billet nach Kargfeld geschickt
An Herrn Lampert
Vernehmen Sie aus meinem Munde die seltsamste Geschichte mein werter Herr
Magister die sich seit ihrer Promotion zugetragen hat Ich habe seit vier und
zwanzig Stunden einen Mann unter meinem Dache den wir beide aus der Geschichte
Sir Grandisons kennen Wen meinen Sie wohl Ich will ihre Seele nicht lang im
Zweifel lassen Sind sie begierig den Hauptmann Salmonet von Person kennen zu
lernen so kommen sie eiligst nach Schöntal er hat ein großes Verlangen Sie zu
sehen der Major Ohara hat in einigen Briefen sehr vorteilhaft von Ihnen
geurteilet Lassen Sie noch zur Zeit ihrem Gönner nichts erfahren von dem was
ich ihnen jetzo fub rosa gesagt habe damit er nicht in die Versuchung fällt
Sie zu begleiten Es ist heute eine sehr feuchte Luft und ihm zuträglich dass er
sich warm hält damit ihm das Podagra nicht in Leib schlägt Kommen Sie bald
Sie werden mit Verlangen erwartet von
Ihrem
geneigten Freunde
vF
Entzückt über diese unerwartete Botschaft macht sich Lampert nach Empfang
dieses Briefgens sogleich reisefertig Es war so veranstaltet worden dass er auf
diesem kleinen Wege bereits einige Anfechtungen haben sollte Einige Reuter
mussten ihn überfallen und für einen französischen Feldprediger ansehen Er hat
durchaus ein Kriegsgefangener werden sollen Man hat ihm gesagt er müsste mit
nach Wilmershaussen in das Staabsquartier folgen Endlich erhält er auf vieles
Bitten so viel dass er einer abgelössten Feldpost ein Wahrzeichen mit an uns nach
Schöntal geben darf damit wir seine Befreiung desto schleuniger auswirken
möchten In der Angst wählte er hierzu seine Sammtmütze und er hätte nichts
kenntlichers wählen können Der Cürassier hatte sie auf seinen blanken Pallasch
gesteckt da er in Schöntal einritte und wem Lampert nicht bald darauf selbst
nachkommen wäre so ahndete mir schon dass das Gerüchte in der Gemeinde
entstehen würde er wäre niedergemacht worden Doch der Rittmeister befahl dass
man ihn ungehindert sollte passieren lassen und schalt den Reuter dass er die
Zierde des Hauptes eines deutschen Magisters so sehr misshandelt hätte Lampert
erschien hierauf noch ganz betäubt von Schrecken Der Rittmeister nahm sein
steifes Wesen wieder an die Rolle die ihm der Major aufgetragen hatte schien
sehr gut mit ihm zu passen Nach den ersten Komplimenten die auf Seiten des
Magisters mit einer furchtsamen Ehrerbietung gegen den Rittmeister begleitet
waren zog er einen Brief aus der Tasche Sie haben mir zwar filentium imponirt
gnädiger Herr sagte er zum Baron ich habe meinem Gönner nichts von der
beglückten Ankunft des Herrn Rittmeister Salmonets entdecken sollen nehmen Sie
es aber nicht ungnädig ich hielt mich in meinem Gewissen verbunden ihm einen
Wink davon zu geben Ich habe mir einmal eine Regel gemacht kein Geheimnis zu
besitzen das ich ihm nicht entdecken sollte ich darf solche nicht
überschreiten Mein Patron bedauert dass er nicht im Stande ist dem Herrn
Rittmeister persönlich seine Aufwartung zu machen er empfiehlt sich ihm in
diesem Schreiben Er übergab es dem Offizier welcher es erbrach und lass Ich
will es hier einrücken es veranlasste eine wichtige Unterredung
Hochgeehrter Herr Rittmeister
Wenn Sie deutsch verstehen so ist es gut wo nicht so lassen Sie diesen Brief
durch Überbringern desselben in eine Sprache übersetzen in welche sie wollen
Ich erfreue mich sehr dass ein Mann von dem ich in der Geschichte Sir Karl
Grandisons meines vielgeehrten Herrn Gevatters so viel gelesen habe sich in
hiesiger Gegend befindet Ich möchte Sie gern von Person kennen lernen und
würde nicht ermangelt haben Ihnen in Schöntal aufzuwarten wenn ich nicht das
Bette hüten müsste Gönnen Sie mir Ihren Besuch wenn Sie Ihren Posten verlassen
können Sie werden mir sehr willkommen sein Inzwischen da man nicht weiß wie
bald Sie etwan Ordre zum Aufbruch erhalten und mir viel dran gelegen ist Ihr
Portrait zu besitzen weil Sie doch auch mit in die Geschichte Sir Karls
gehören so tun Sie mir doch den Gefallen und lassen Sie Sich bei Ihrem
jetzigen Aufenthalt in Schöntal auf meine Kosten abkonterfeien Ich habe nur
vorgenommen alle in dieser Geschichte vorkommende Personen abmahlen zu lassen
um meine Bildergalerie damit auszuschmücken ich habe diesfalls auch bereits
nach England geschrieben Wenn Sie meine Bitte erfüllen so erzeigen Sie mir
dadurch den größten Gefallen von der Welt und wenn ich im Stande bin Ihnen
Gegengefälligkeiten zu erzeigen so werde ich mir ein Vergnügen daraus machen
Ich verharre mit aller Hochachtung
Dero
ergebenster Diener
vN
Ja ja sagte der Rittmeister das ist der Mann den mir der Major Ohara
beschrieben hat Hören sie einmal was Aemilie Sir Beauchamps Gemahl von ihm
spricht Lesen Sie diesen Brief selbst Herr sagte er zum Magister wenn Sie
englisch verstehen doch ich will ihnen lieber die Übersetzung davon machen Er
schlug das erste Blatt um und stellte sich als wenn er auf der andern Seite
das fänd was er suchte Er las folgendes
Wagen sie es ja nicht wieder Sir Karln nachzuahmen sie müssen wissen
sagte er dass mich Lady Beauchamp mit diesem Briefe beehret hat Es ist sehr
wohl getan dass sie diesen Vorsatz aufgegeben haben da sie an der glücklichen
Ausführung desselben so sehr zweifeln Dieses würde ihr Gemüt nur in einer
beständigen Unruhe unterhalten haben Mein Herr gestehet selber dass er in
vieler Unternehmung nicht vollkommen glücklich gewesen ist das sage ich zu
ihrem Troste Wenn man nicht so gut ist als man sein soll so ist es genug wenn
man sich bestrebt so gut zu sein als man sein kann Kein Britte hat bis jetzo
Sir Karln erreichet vielweniger ein Irrländer Diese Ehre ist einem Ausländer
vorbehalten gewesen Sie kennen den Mann aus den Briefen des Gemahls meiner
Mutter Der Herr vN was für ein ehrwürdiger Name der dem Namen Grandison
gleich kommt Alle Wetten die in England sind angestellet worden dass Sir Karl
unnachähmlich wäre gehen nunmehr verloren Zwei Kapitalisten in Londen werden
dadurch banquerott Wir bewundern alle den großen Deutschen und Sir Karl ist
über ihn vergnügt Sie wissen wie oft Herr Richardson mich in der Geschichte
meines Vormundes heulen lässt jetzo vergiesse ich in der Tat mehrere Tränen
als mir jemals sind angedichtet worden lauter Freudentränen dass Sir Karl der
Gegenstand einer allgemeinen Bewunderung worden ist, und dass man ihn so
glücklich nachahmet
Wir haben Ursache einander Glück zu wünschen sagte der Baron dass wir so
vielen Anteil an einem Manne haben den man in Brittannien eben so hoch
schätzt so sehr man sein Urbild in Deutschland bewundert Bald bekomme ich
selbst Lust die Secte der Anhänger des Herrn Grandisons zu vergrößern bis
jetzo bin ich noch immer neutral gewesen Was meinen Sie Herr Rittmeister
trauen Sie mir wohl zu dass ich es in der Nachahmung des Baronets weiter bringen
sollte als Sie Wenn ich die Ehre bedenke die mir daher erwachsen würde so
möchte ich es fast wagen Aber die Schwürigkeiten die man dabei zu übersteigen
findet
Salmonet Ich will ihm nur diesen Namen geben weil er doch seine Person
vorstellte Ja die canalljösen Schwürigkeiten Ich habe auch einmal Grandisons
spielen wollen aber bei meiner Treue Ich hielt es nicht länger als vier Wochen
aus und weiß am besten welchen Zwang ich mir dabei angetan habe Wenn es
länger gedauret hätte so wäre ich über den Possen crepirt Spiegeln sie sich an
meinem Exempel
Der Baron Ich erkenne es bei uns ist es nun zu spät dass wir erst anfangen
wollten uns in eine neue Form zu gießen und wenn man uns beide zusammen
schmelzt so würde doch kein Mercur aus uns
Lampert Es ist andem non ex quovis ligno fit Mercurius Indessen wenn man
den edelmütigen Entschluss gefasst hat eine große Unternehmung auszuführen so
muss man sich keine Hindernis davon abschrecken lassen Man muss an die Worte des
Dichters gedenken quo bene coepisti hic pede semper eas Ich rufe die Sentenz
täglich einmal beim Frühstück meinem Gönner zu gleich jenem Edelknaben der
seinen Monarchen auch täglich an einen gewissen Denkspruch erinnern musste und
dieses macht meinen Gönner so beherzt dass er alles was sich seinem edlen
Vorhaben entgegen setzt glücklich überwindet
Salmonet Grandison wäre der Mann nicht der er wirklich ist wenn er den
Doctor Bartlett nicht auf der Seite gehabt hätte und ihr Gönner würde auch wohl
eine schlechte Figur machen wenn sie ihn nicht unterstützten
Lampert Sie erzeigen mir viel Ehre mein Herr Rittmeister aber ich
versichere dass ich weiter nichts als eine caussa occasionalis bin dass mein
Patron dem großen Britten glücklich nachfolget
Salmonet Sie sind ein sehr bescheidener Mann mein Herr und sie verdienen
meine Hochachtung dass sie das Lob das ihnen mit Rechte zugehöret auf eine so
gute und gelehrte Art von sich ablehnen Aber helfen sie mir doch aus dem
Traume was hat es denn mit der Bildergalerie ihres Herrn für eine Bewandtnis
Mich dünkt sie ist der Bildergalerie Sir Karls sehr unähnlich dort befinden
sich nur die Ahnen desselben und hier will ihr Gönner die Portraits aller der
Personen die in der Geschichte seines Freundes genannt werden, aufstellen
Lampert Mein Gönner hat dabei verschiedene rühmliche Absichten Er hält
sich für einen aus der Familie Sir Karls und also glaubt er ein Recht zu haben
alle verwandten desselben als die Seinigen zu betrachten Da es nicht
wahrscheinlich ist dass er die Englischen Freunde jemals von Person wird kennen
lernen so will er sich doch wenigstens aus dem Gemälde einen Begriff von ihnen
machen Ferner hat er hat er sich vorgenommen seinen hochadelichen Sitz zu
einer Schule der Tugend und Weisheit zu machen Diese Bildergalerie wird also
den beste Hörsaal derselben abgeben Man wird Gelegenheit haben wenn man den
Lehrlingen diese Portraits zeigt auch zugleich den moralischen Charakter der
Personen die dadurch vorgestellt werden, zu entwerfen Die Tugend wird ihr
gehöriges Lob das Laster seinen Tadel finden
Salmonet Der Herr vN wird mein Portrait also nicht bekommen Es ist mir
bekannt dass ihr Herren eben nicht die besten Begriffe von mir habt Ich glaube
ihr wäret im Stande mich neben den schelmischen Juden Merceda zu stellen und
jeder der vorüber ginge müsste einen Fluch über uns aussprechen Nein das wäre
mir ungelegen Ich will lieber unbekannt bleiben als auf eine solche Art
berühmt werden
Lampert Sie haben nichts zu fürchten Es scheint dass ihnen Sir Karl
Pardon gegeben und die Beleidigungen die er von ihnen und dem Herrn Major
Ohara erhielt vergessen hat Es ist also auch unsere Schuldigkeit dass wir
alles mit dem Mantel der christlichen Liebe zudecken So bald sie angefangen
haben den Herrn Grandison zu verehren so bald sind sie aus den Toren des
Lasters zu den Fahnen der Tugend übergangen Wenn jetzo Herr Richardson die
Geschichte des Herrn Grandisons fortsetzen sollte so würde er sie vermutlich
in einem ganz andern Lichte erscheinen lassen
Salmonet Denken sie nicht an den verhassten Richardson Er hat mich vor der
ganzen Welt beschimpft und ich hätte ihn gewiss längstens den Hals gebrochen am
sich Sir Karl seiner nicht annähme Haben sie denn alles geglaubt was er von
dem Major und mir bei den Händeln zu St James quarre geschrieben hat
Lampert Ich hab im geringsten nicht daran gezweifelt da Sir Karl den
ganzen Vorgang der Sache selber an den Doctor Bartlett berichtet
Salmonet Es ist wahr Sir Karl hat mit aller Aufrichtigkeit alle Händel
beschrieben ich habe den Brief im Original gesehen Sir Richardson aber hat
geglaubt dass die getreue Mitteilung desselben seinem Helden nicht gar zu
vorteilhaft sein dürfte deswegen hat er sich die Erlaubnis genommen viele
Stellen darin zu verbessern Er hat aber die Sache wie jedermann der nur
Menschenverstand hat leichtlich einsiehet dergestalt übertrieben dass seine
Erzählung alle Wahrscheinlichkeit verliehet Sir Karl macht sich selbst oft
darüber lustig er weiß am besten wie wir ihn damals in die Enge getrieben
hatten
Lampert Sollte aber Sir Karl darein gewilliget haben dass man die Welt so
hinterginge und ihr Unwahrheiten und Erdichtungen von ihm aufbürden dürfte
Salmonet Der Baronet hat hierzu freilich seine Einwilligung nicht gegeben
er hat alles hinter seinem Rücken getan Was sollte er aber machen da es
einmal geschehen war Er musste es dabei bewenden lassen
Der Hr v L Sie hätten in der Tat diesen Schimpf nicht sollen auf sich
sitzen lassen In Deutschland würde kein Offizier mit ihnen getrunken haben bis
sie ihre Sache ausgemacht hätten Wenn ich an ihrer Stelle wäre so verteidigte
ich mich wenigstens in Schriften und suchte meine Ehre vor der Welt zu retten
Ich denke es ist noch immer Zeit
Salmonet Bis jetzo habe ich es auf Bitten des Majors unterlassen dieser
glaubte Sir Karl würde ungehalten darüber wer den sie wissen wohl dass er
Ursache hat ihn zum Freunde zu behalten Der Baronet und Beauchamp sind ein Herz
und eine Seele dieser letztere der jetzo Aemiliens Vermögen in Händen hat
würde der Gemahlin des Majors den Augenblick die freiwilligen Renten einziehen
wenn ihm Sir Karl nur einen Wink gäbe Der Major würde also sehr übel dran sein
wenn er dem Herrn Grandison auf sich unwillig machen wollte Inzwischen ist sich
jeder selbst der Nächste Die Freundschaft des Baronets ist mir angenehm aber
ich will solche doch lieber vermissen als die Achtung der ganzen Welt Da die
Geschichte des Herrn Grandisons in Deutschland ein so großes Ansehen erlangt
hat und ich für die deutsche Nation sehr viele Achtung habe so kann ich es
unmöglich zugeben dass man mir unverdienter Weise meine Ehre entzieht Ich will
mich rechtfertigen Ich will die aufrichtige Relation der Händel mit Sir Karln
aufsetzen und drucken lassen Ich will mich gegen unverschämten Herrn Richardson
verteidigen Weisen sie mir nur einen Gelehrten zu der die Sache gut
einfädelt ich bin der deutschen Sprache nicht so mächtig dass ich mich
getrauete diesen Aufsatz selber zu verfertigen
v Ln Einen Gelehrten dürfen sie nicht weit suchen wenn der Herr Magister
Wilibald in der Gesellschaft ist Er wird sich ein Vergnügen daraus machen eine
Kaussa occasionalis zu sein ihren Ruhm der in den Augen der Deutschen
Schiffbruch gelitten hat wieder herzustellen und er wird wie ich hoffe ihre
Ehre so tapfer verteidigen dass man sie in Zukunft für den herzhaftesten
Irrländer halten wird
Lampert Ich verbitte diese Ehre gar sehr Ich werde warlich gegen den Herrn
Richardson nie eine Feder ansetzen das ist geschworen Gesetzt aber noch nicht
eingestanden er hätte einiges in den Briefen des Herrn Grandisons an den Doctor
Bartlett geändert so würde ich doch nicht im Stande sein das Publicum davon zu
überzeugen v Ln Ich sollte meinen dieses würde sich leicht tun lassen
wenigstens ist es wahrscheinlicher dass zwei so tapfere Männer als der Herr
Major Ohara und der Herr Rittmeister Salmonet sind den Herrn Grandison
entwaffnet haben als dass er beide durch seine Fechterstreiche um Hut und Degen
bringt Diese Stelle halte ich für die schwerste in dem Grandison die einer
Aufklärung wohl würdig ist
Salmonet Ich werde nicht mit Bitten bei ihnen nachlassen mein Herr bis
sie sich entschlüssen mir meinen guten Namen wieder zu verschaffen Ich will
ihnen unter der Mahlzeit den ganzen Verlauf der Sache der Wahrheit gemäß
erzählen bringen sie es hernach zu Pappier damit ich diese Schutzschrift in
die nächste Druckerei schicken und hernach in ganz Deutschland bekannt machen
kann Sie sollen zur Belohnung die Ehre haben ihren Namen davor setzen zu
dürfen
Lampert entschuldigte sich mit einem Haufen Komplimenten und glaubte damit
durchzukommen dass er vorgab er würde sich das größte Gewissen machen seinen
Eid zu brechen den er getan hätte nie eine Feder gegen den Herrn Richardson
anzusetzen Der Rittmeister aber drang so heftig in ihn dass ihm ganz Angst
dabei wurde Bei der Mahlzeit erzählte der Rittmeister ein seines Mährgen das
schon den Tag zuvor war ausgedacht worden von seiner Schlägerei mit dem Herrn
Grandison und sprach davon für sich so vorteilhaft dass dem guten Lampert kein
Bissen schmeckte Er wünschte diesmal hundert Meilen von Schöntal und dem
martialischen Britten zu sein dem er nicht wie er wollte zu widerlegen sich
getrauete Es war auch in der Tat gefährlich diesem Kriegsmanne viel zu
widersprechen der wenn man ihm nicht alles glauben wollte die Stirn in
tausend Falten legte und grässlich schwur dass alles wahr wäre was er sagte
Unterdessen nennte er den Magister immer seinen besten Freund und erwies ihm
allerlei Liebkosungen Beim Koffee wurde der Spaß vollkommen wo nicht gar
übertrieben Lampert wollte es durchaus nicht unternehmen den Herrn Salmonet
gegen die Erzählung des Herrn Richardsons zu verteidigen
Wollen Sie nicht meiner Bitte Platz geben mein Herr sagte der Offizier so
werde ich wenn sie sich ferner weigern nach Kriegsgebrauch mit ihnen verfahren
müssen Korporals rief er zum Fenster hinunter haltet ein Dutzend Sättel
bereit Nehmen Sie es nicht ungütig mein Herr es tut mir leid dass ich ihre
Schultern mit zwölf Sätteln muss beschweren lassen wenn Sie meine Ehre gegen die
feindseligen Angriffe des Herrn Richardsons nicht verteidigen wollen Sie
werden sich gefallen lassen diese Last so lange zu tragen bis sie sich meinem
Absichten gemäß erklären Auf diese Art habe ich in meinem Vaterlande die
Hartnäckigkeit von mehr als hundert Quäckern überwunden und sie in zwo Stunden
glücklich bekehrt Ich hoffe nicht dass sie mich in die Notwendigkeit versetzen
werden ihnen diese kleine Unbequemlichkeit so lange aufzubürden Versuchen sie
es nur so lange es ihnen gefällt Sobald sie meine Bitte Statt finden lassen so
bald werde ich das Vergnügen haben sie von dieser kleinen Beschwerung zu
befreien
Verlangen sie nicht Unmöglichkeiten von mir sagte Lampert in einem
tragischen Tone und beleidigen sie nicht das Gastrecht das bei den Alten
heilig war Ich bin als ein Freund zu ihnen kommen warum begegnen sie mir als
einem Feinde Sie werden an mir nie einen Verteidiger wohl aber einen Ankläger
bei der ganzen ehrwürdigen Familie der Grandisonen finden wenn sie fortfahren
einen Mann zu beleidigen für den die weisesten der Britten selbst eine Achtung
bezeigen und dessen Bemühungen um die Gelehrsamkeit sie bereits belohnet haben
Salmonet Glauben sie nicht ehrwürdiger Freund dass ich sie beleidigen
will entfernt von mir sei eine so tadelhafte Absicht Ich werde sie vielmehr
selbst unter der Last der Sättel hoch schätzen Ich tue nichts als was die
größten Helden der alten und neueren Zeiten vor mir getan haben ich verfahre
mit ihnen nach raison de guerre Ein General der ein Volk in seiner Gewalt hat
lässt sich von solchem alle Unterstützung und Hilfe zu Erhaltung seines
Endzwecks das ist zu Beförderung seiner Progressen reichen die er nur
aufbringen kann Er ist berechtiget mit militärischer Execution diese
Hülfleistung zu erzwingen ohne dass er deswegen ein Feind ist er kann bei
alledem sogar ein Freund und Bundsgenosse sein Was tue ich anders Sie sind
in meiner Gewalt ich verlange eine kleine Gefälligkeit von ihnen die sie mir
auch leicht erweisen können sie verweigern mir solche ich bediene mich also
meiner Macht die mir die Kriegsgesetze erlauben meinen Endzweck zu erreichen
Ich bin aber keinesweges ihr Feind Feind nein wir sind die besten Freunde
hier haben sie meine Hand Ich bin äußerst gerühret dass ich mich genötigt
sehe ihnen auf eine unangenehme Art zu begenen Sie werden mich außerordentlich
verbinden wenn sie mich von der Notwendigkeit befreien meinem Vorteil der
Heiligkeit des Gastrechts vorzuziehen
Lampert zum Major Sie bringen alles Unglück über mich Herr Major Hätten
sie nicht den Vorschlag getan dass ich die Ehre des Herrn Rittmeisters gegen
die Wahrheit verfechten sollte so sähe ich mich jetzo nicht in so viele
Verdrießlichkeiten verwickelt Nun verlasse ich mich auch auf ihren Vorspruch
Der Major zuckt die Achseln
Salmonet Hier gilt kein Vorspruch entschließen sie sich aut aut Er
stieg auf vom Stuhle
Lampert Hören sie Herr von Salmonet nur ein Wort
Salmonet Was denn
Lampert Gönnen sie mir doch wenigstens nur eine kleine Bedenkzeit um bei
einer Sache voll solcher Wichtigkeit eine feste Entschließung zu fassen
Erlauben sie dass ich einen kleinen Abtritt nehme
Salmonet Richten sie alles nach ihren Gefallen ein bester Freund ich
verstatte ihnen diesen Zeitraum gar gerne die Sache zu überlegen bringen sie
nur eine mir gefällige Entschlüssung zurück
Lampert ging hierauf in das Nebenzimmer wir hörten kurz hernach seine
Stimme Der Baron winkte uns dass wir stille sein sollten er nahm seine
Schreibtafel und lehnte sich an die Tür Hier ist es was er von dem
Selbstgespräche des Magisters aufgeschrieben hat man konnte nicht alles
vernehmen
Nein Jedermann würde mich verachten Welcher Unterschied unter den
Menschen Grandison der Menschenfreund Ehre genug seinetwegen ein Märtyrer zu
sein Wer kann wider Gewalt und Unrecht Aber gleichwohl keine Einwürfe
Ein Abschaum von bösen Menschen kann dich nicht beschimpfen Getrost Lamperte
Jetzt ist es Zeit dir ein Verdienst zu machen Wohlan zeige deinen Mut wie
spricht der Dichter
Justum ettenacem propositi virum
Non militum ardor prava jubentium
Non vultus cape tibi hoc
Non vultus iustantis tyranni
Mente quatit solida
Aber freilich vor der übelunterrichteten Welt Ei kein aber In Jahr und
Tag ist alles vergessen Aber Hannchen wird mir umkehren Ein schwerer Punkt
in der Tat Hic haeret aqua doch nein nichts ist im Stande
Weiter konnte man nichts verstehen es trat in dem Augenblick ein Kürassier
von dem Ansehen eines Bramarbas in das Zimmer der einen Pass examiniren ließ
und durch das Geräusch seiner Stiefeln uns um den letzten Teil dieses
Selbstgespräches brachte Der Magister kam einige Augenblicke hernach sehr
bestürzt zurück er glaubte der Kürassier wäre seinetwegen da um gegen ihn
Gewalt zu gebrauchen Dieses machte eine plötzliche Änderung in seinem festen
Entschluss Wozu dienen alle diese Weitläufigkeiten sagte er da ich bereit bin
ihre Absichten zu erfüllen Der Rittmeister umarmte ihn und der Kürassier nahm
seinen Abmarsch Lampert setzte sich in einem Winkel des Zimmers und nach einer
Stunde überreichte er die verfertigte Schutzschrift die vollkommen nach dem
Willen des Offiziers eingerichtet war Der Major riet ihm diesen Aufsatz in
die öffentlichen Zeitungen einrücken zu lassen weil dieses der leichteste Weg
wäre solchen allenthalben bekannt zu machen Lampert bat den Rittmeister sehr
angelegentlich ihn zu beurlauben und ihn mit einem Passe zu versehen damit
wenn er unterwegs einer Patruille wieder in die Hände fiele man ihn nicht für
eine verdächtige Person halten möchte Der Rittmeister versicherte dass er
nichts zu befürchten hatte weil er aber doch darauf bestund so gab er ihm
einen Reitknecht zur Bedeckung mit Er musste versprechen des folgenden Tages
wieder zu kommen aber er hat sein Wort nicht gehalten Am Freitage wollte der
Rittmeister unser Onkel besuchen er wurde aber durch die Ordre zum Aufbruch
daran verhindert Jetzt ist es in unserer Gegend wieder ganz ruhig Der Magister
hat sich wie der Baron erzählt der gestern in Kargfeld gewesen ist zwei Tage
und drei Nächte in einem großen Schlagfasse auf dem Boden aufgehalten und
vorgeben lassen er wäre in Angelegenheiten seines Gönners verreist damit er
dem Herrn Salmonet nicht wieder unter das Gesichte kommen möchte Unser Onkel
ist sehr böse auf ihn dass er dem Rittmeister Gehorsam geleistet und eine
Schmähschrift gegen den Herrn Grandison wie er es nennt aufgesetzt hat Ich
will das Original davon meinem Briefe mit beifügen du wirst leicht einsehen
welchen Zwang der Magister bei Verfertigung dieses Aufsatzes sich hat antun
müssen Fräulein Julgen ist mit dieser heimlichen Rache gegen den boshaften
Lampert nicht sowohl zufrieden als ich Sie ist ein liebes frommes Kind die
keine Beleidigung rächen sondern nur verzeihen will Meine sechs Federn sind
nun eben stumpf ich will also mein Paquet geschwinde zusammen packen Wenn es
dir in Strassburg nicht so wohl gefällt als in Londen so verschaffe uns bald das
Vergnügen dich in Schöntal zu sehen um von mir die mündliche Versicherung zu
erhalten dass ich nie aufhören werde zu sein
Deine
AvS
Avertissement
An das Publicum
Es ist nicht ohne die äußerste Befremdung zu vernehmen gewesen was maßen der
Herausgeber der Geschichte Herrn Karl Grandisons sich die ungeziehmende
Freiheit genommen hat einige Briefe in besagter Geschichte nach seinem
Gutdünken zu verändern und zu verfälschen dergestalt und also dass er sich
nicht entblödet hat aus solchen einige wichtige Umstände ganz und gar
wegzulassen oder zu verdrehen nicht minder seine eigenen Erdichtungen und
Hirngespinnste an deren Stelle zu setzen und sie für die reine Wahrheit zu
verkaufen Da nun durch solche arglistige Griffe sowohl das Publicum auf eine
schändliche Art ist hintergangen als auch verschiedene Personen durch diese
ungetreue Erzählung an ihrer Ehre und guten Namen heftig sind gekränket worden
so hat man nicht Umgang nehmen wollen eine abgenötigte Ehrenrettung der von
dem Herrn Herausgeber so feindselig angegriffenen Personen öffentlich an das
Licht zu stellen und dadurch ein unparteiisches Publicum von der Wahrheit der
Sache genau zu informiren die fabelhaften Erdichtungen in ihrer Blöße
darzustellen und ihre Urheber für seine Verwegenheit dadurch einigermaßen büßen
zu lassen
Nie ist wohl die Wahrheit mehr gesparet worden als bei Erzählung des Duells
zwischen Herrn Karl Grandison Baronet an einem und ST Herrn Major Ohara und
dem Herrn Hauptmann Salmonet am andern Teile Ob man gleich genugsam überzeugt
ist dass jedem vernünftigen Leser sogleich bei Erblickung dieser Relation
welche im 3ten Teile der Grandisonischen Geschichte und daselbst im XIII
Briefe aufgezeichnet zu ersehen ist die handgreiflichsten
Unwahrscheinlichkeiten damit am besagten Orte einige Blätter angefüllet sind
notwendig in die Augen leuchten müssen und man also die ganze Sache dem
vernünftigen Urteile des billigen Lesers hätte überlassen können so hat man
doch um der schwachen Brüder willen die des judicii discretionis sich nicht
sonderlich rühmen können und aus Liebe zur Wahrheit einige Umstände dieser
Erzählung in etwas beleuchten wollen um solche von den vorsetzlichen
Erdichtungen des Verfassers zu säubern und Licht und Finsternis das ist
Wahrheit und Lügen in diesem Chaos von einander abzusondern Es ist demnach
1 Überhaupt eine strafbare Verwegenheit wenn dieser ganze Brief so wie
er in bemeldter Geschichte dem Publico vor Augen liegt dem Herrn Karl Grandison
angedichtet wird Wahr ist es dass Sir Karl den ganzen Verlauf des Rencontres
mit dem Herrn Major Ohara und dem damaligen Titularhauptmann jetzigen
wirklichen Rittmeister in Königl Grossbrittannischen Diensten Herrn von
Salmonet an Se Hochwürden Herrn D Bartlett aufrichtig und mit der Wahrheit
übereinstimmend berichtet hat Es ist dieser Brief aber von dem Herrn
Herausgeber entweder ganz und gar unterschlagen oder durch viele erdichtete
Zusätze so verunstaltet worden dass ihn Sir Karl gar nicht mehr für den seinigen
erkennt wie er dieses selbst gegen viele glaubwürdige Personen die allenfalls
alle mit Namen angeführet werden könnten gestanden hat So ist auch
2 Grundfalsch wenn der Verfasser dieses untergeschobenen Briefes Sir
Karln mutmaßen lässt die beiden Herren wären gemeine Kerls und keine Offiziers
die von der Frau Jervois nur wären herausgeputzet worden da doch mehr belobter
Herr Hauptmann Salmonet jetzo in Deutschland unter den englischen Truppen mit
vielem Ruhme ein Geschwader Reuter commandiret und sich vorgenommen hat die
Feinde seines Königes und des Vaterlandes zu überwinden oder zu sterben Es
konnte auch Sir Karln ganz und gar nicht einfallen an dem guten Herkommen
dieser beiden Herren zu zweifeln da der Herr Major gleich nach den ersten
steifen Komplimenten die beide Teile einander machten sein Geschlechtregister
nebst allen Documenten seines guten irrländischen Adels welches zusammen im
Druck einen ziemlichen Quartanten ausmachen dürfte dem Baronet in einer
Schnupftobacksdose darreichte von welcher doch der Verfasser ein ganz andres
Mährgen erzählt Man hat nicht Ursache über dieses compendiöse Behältnis eines
so weitläuftigen Werkes in Verwunderung zu geraten da man ja ungezweifelt
weiß dass in dem Altertume eine Abschrift der ganzen Ilias des Homers auf
Pergament geschrieben in einer Nuss ist aufbehalten worden Was aber das
Geschlecht des Herrn Salmonets anlangt so glaubt man dass jeder von der
Vortrefflichkeit desselben genugsam werde urteilen können wenn man sagt dass
der Herr Großvater oftbenannten Herrn Rittmeisters unter Cromwells Heere eine
ansehnliche Charge hatte wenn dieser predigte so versah jener die Stelle
eines Feldcantors Aus dem Verhältnisse eines Pastoris und Kantoris mit der
Gemeinde kann man das Verhältnis zwischen dem Protector Cromwell dem Anherrn
des Herrn Salmonets und andern Gliedern des Brittischen Staats vollkommen
bestimmen Gleichwie ein Pastor in keinem Dorfe und dessen Filialen der
vornehmste Mann ist und nach ihm dem Kantori der zweite Platz gehört also war
auch Cromwell ein Beherrscher dreier Völker und Herr Eduard Salmonet war nach
ihm der größte im Reich Ferner und zum
3 Kann man auch unangemerkt hier nicht vorbeilassen dass der Verfasser
oftangezogenen untergeschobenen Briefs einen offenbaren Widerspruch begehet
wenn er erstlich den Herrn Grandison diese beiden Herren für gemeine Kerls
halten und ihn doch kurz hierauf den Degen gegen beide ziehen lässt Man könnte
zwar sagen es wäre dieses eine Notwehre gewesen Sed quod negatur Warum ließ
er es denn so weit kommen Warum braviert er die Herren so lange bis sie
endlich böse werden und vom Leder ziehen Wenn er sie für keine Kavaliers hielt
so konnte er ja gleich bei dem ersten Wortwechsel seinem Bedienten klingeln um
diese Männer nach dem Ausdruck des Verfassers mit der Verachtung welche sie
verdienten nach ihrem Wagen bringen zu lassen ohne sich vorher erst mit ihnen
zu schlagen und ihnen KavaliersSatisfaction zu geben Man merkt es hier gar zu
deutlich dass sich der Verfasser selbst vergessen hat die Unwahrheit guckt
unter seiner Erzählung allenthalben hervor Möchte man ihm daher nicht mit
Recht zurufen Mendacem opportet esse memorem Nicht weniger ist es
4 Eine lächerliche Erdichtung wenn Herr Richardson seinen Helden seine
zwei Gegner mit einer ganz unglaublichen und einer Zauberei ähnlichen
Geschicklichkeit entwaffnen und als ein paar Kartenmänner zu Boden strecken
lässt Er begnügt sich nicht an einem Siege den er seinem Helden so leicht in
die Hände spielt Sir Karl muss sich auch die Mühe nehmen beide Männer einen
nach dem andern aus dem Zimmer zu bringen Wie er das angefangen hat wird
nicht gemeldet es wäre dieses auch vergeblich gewesen denn die umständlichste
Beschreibung dieses Vorganges würde jedem vernünftigen Leser doch unbegreiflich
geblieben sein Wenn man nicht Sir Karln für einen Zauberer halten will der mit
bannen und feste machen umgehen kann so wird man gestehen müssen dass dieser
Auftritt dem Roman so ähnlich sieht als ein Tropfen Wasser dem andern Risum
teneatis amici Noch eins Warum ruft denn Sir Karl noch zuletzt da die beiden
Herrn schon entwaffnet waren ein halb Dutzend handfeste Kerls zu Hilfe Waren
die beiden Herren so gedultig als sie beschrieben werden so waren die Bediente
unnütze sie hätten schon selbst ihren Wagen gesucht da sie bei Sir Karln
nichts mehr zu tun hatten War aber die Gegenwart der Bedienten nötig so ist
dieses ein untrügliches Zeichen dass Sir Karl mit ihnen alleine nicht fertig
werden konnte Wer findet hier nicht abermal einen Widerspruch
Um dem erlauchten Publico nur einiger maßen einen richtigen Begriff von
dieser Affäre zu machen so ist zu wissen dass Sir Karl den plötzlichen
Ausbrüchen des Zorns denen er von seiner ersten Jugend an unterworfen gewesen
nicht widerstehen konnte da er in dem unerwarteten Besuche mehrgedachter
beider Herren Offiziers und der Gemahlin des Herrn Majors etwas beleidigendes
fand Große Männer haben gemeiniglich auch große Fehler ein Wort gab das
andere und Offiziers die Mut besitzen lassen sich wie man weiß nicht gerne
beleidigen Sie waren also genötigt ihre Ehre mit dem Degen zu verteidigen
Sir Karl hatte nur einen kleinen Pariser an der Seite seine Herren Gegner aber
ihre Kommandodegen Es wäre ihnen mithin ein leichtes gewesen dem Baronet der
sich bei dem Kamin mit einigen Stühlen verschanzet hatte eins anzubringen dass
er genug gehabt hätte Allein da er offenbar übermannet war und mit seinen
Gegnern nicht einmal gleiche Waffen hatte so war der Herr Major so großmütig
ihn ordentlich nach Kriegsgebrauch in seinem Bollwerke aufzufordern Man
begehrte er sollte das Gewehr strecken und sich auf Gnade und Ungnade ergeben
Weil er nun dieses zu tun sich weigerte so machte man Mine ihn hinter seiner
Verschanzung anzugreifen In diesem Augenblicke aber drang ein Haufe bewaffneter
Bedienten in das Zimmer ihren Herrn zu entsetzen der eben im Begriff war
Chamade zu schlagen Man bekam mit einem Haufen Feinden zu kämpfen die allerlei
ungewöhnliche Waffen als Ofengabeln Aexte Feuerschaufeln und dergleichen
führten Hier war nichts anders zu tun als sich mit Ehren durchzuschlagen
Beide Herren taten ihr Bestes der Major Ohara machte sich Platz bis an die
Tür des Zimmers doch hier hatte sich ein verwegener Kopf hinpostiret der
seine Kohlenzange gleichwie ein Krebs seine Scheere sowohl zu regieren wusste
dass er damit das Ohr des Majors ergriff und ihn dergestalt zwickte dass er sich
ergeben musste nachdem er sowohl als der Herr Salmonet durch einige Gabelstiche
war verwundet worden Die Überwinder trugen beide Herren im Triumph und mit
einem großen Jubelgeschrei in ihren Wagen So wie nun alle diese Umstände Herr
Richardson mit großer Sorgfalt verschwiegen und seine romanmässigen Erdichtungen
an deren Stelle gesetzet hat so schüttet er
5 Seinen Gift und Galle noch zu guter Letzt über diese Herren aus nachdem
er sie mit vielen unwahrscheinlichen Umständen in ihren Wagen gebracht hat Weil
der ganze Handel ziemlich tragisch war und er doch gern ein Lustspiel daraus
machen wollte so müssen die beiden Herren mit denen er bereits so übel
umgesprungen dass es einem jammert um dem Leser etwas zu lachen zu geben
einander nicht anders als ein paar Böcke stutzen Er lässt ihre Köpfe einander in
der Kutschtür begegnen und sie müssen sich so derbe Kopfnüsse versetzen dass
man die Maalzeichen davon unfehlbar noch an der Stirn des Herrn Rittmeisters
entdecken würde wenn die Sache Grund hätte Man kann also auch dieser
Erdichtung mit allem Rechte widersprechen und im Gegenteil weiß man vielmehr
aus ganz sichern Nachrichten dass beide Herren mit einer großmütigen
Standhaftigkeit ihr Schicksal ertragen haben und nicht einmal den Affront den
sie von den Bedienten des Baronets erlitten zu rächen suchten ja sie waren so
edelmütig dass sie ihre Hüte und Degen von Sir Karls Bedienten wollten einlösen
lassen welche Siegeszeichen er ihnen aber unentgeltlich überschickte
Dieses ist die autentische Relation des ganzen Vorganges dieser
berüchtigten Sache die in Europa hin und wieder vieles Aufsehen gemacht hat
Man hofft die gegenseitigen Erdichtungen genugsam widerlegt zu haben
dergestalt dass ein unparteiisches Publicum nunmehr keinen Anstand nehmen
wird solche als falsch und ungegründet zu verwerfen und im Gegenteil die
geschmälerte Ehre des Herrn Majors Ohara und Herrn Hauptmann Salmonets wieder
herzustellen und alle ungleiche Urteile auf den Verfasser obenangezogenen
Briefs zurückfallen zu lassen Wobei man sich schlüsslich zur Gewogenheit eines
Publici bestens empfiehlt
Dritter Teil
I Brief
Lampert Wilibald an den Herrn vF
Kargfeld den 16 Nov
Es hat mir gestern das Fräulein vS unversichert dass Eu Hochwohlgebohrn
Gnaden heute an den Herrn vS ein Schreiben würden abgehen lassen und ich
glaube dadurch eine erwünschte Gelegenheit zu finden inneliegenden Brief sicher
nach England zu bringen da der junge Herr sich anheischig gemacht von
Strassburg aus den Briefwechsel mit den Brittischen Freunden zu unterhalten Sie
werden also für meinen Gönner die Gewogenheit und für mich die Gnade haben
dieses Schreiben mit einzuschliessen auch beigelegtes Zeugnis zu Rettung meiner
Unschuld mit Dero hohen Namen zu bekräftigen Ich habe nicht Umgang nehmen
können die bekannte Affäre mit dem verwünschten Salmonet welcher in Wahrheit
ein rechter Satan ist an den Herrn Grandison einzuberichten damit dieser
Verwegene für seine Bosheit gezüchtiget werde und meine Unschuld in puncto der
Schmähschrift welche ich gegen den Herrn Baronet aufzusetzen bin gezwungen
worden an den Tag komme
Es ist zwar andem dass meine Hand ist gemissbraucht worden aber mein Herz
ist unschuldig und daher hoffe ich dass dieser großmütige Mann desto
geneigter sein wird mir zu verzeihen je weniger mein Betragen in dieser
gefährlichen Sache nach reiflicher Erwägung der antecedentium concomitantium et
confequentium mir zur Last geleget werden kann. Hat man nach dem Urteile
vieler Gelehrten den Menschen von dem Schriftsteller zu unterscheiden
dergestalt dass die Fehler des einen dem andern nicht zugerechnet werden so
kann ich mit mehrerem Rechte verlangen dass man einen Unterschied unter dem
Magister und dem Menschen mache Hat der letztere aus menschlicher Schwachheit
oder genauer zu reden aus Klugheit ein größeres Übel das seiner Ehre eben so
sehr als seinen Schultern drohte abzuwenden ein kleineres angerichtet so hat
der Magister nichts damit zu schaffen Urteilen sie hieraus ob mein Herr
Principal nicht zu weit geht wenn er einen ehrvergessenen Mammelucken aus mir
machen will weil ich nach den Regeln der Klugheit einmal anders gehandelt als
gedacht habe Ich hoffe aus England wohin ich appelliret habe ein günstiger
Urteil zu erhalten als von meinem Patron welcher so sehr für die Ehre seines
Herrn Gevatters eingenommen ist dass er mich aus der Zahl der rühmlichen
Nachfolger dieses großen Mannes gänzlich ausschließen will ungeachtet ich nach
allen Regeln der Beredsamkeit ihn zu überzeugen gesucht habe dass ich vorzüglich
darunter gehöre Es ist andem dass ich an dem unglücklichen Tage der mich auf
einige Stunden zum Sklaven eines Tirannen machte mich nicht als einen mutigen
Achill aber doch gewissermaßen als einen verschlagenen Ulyss gezeiget habe
Temporibus caute est inserviendum Wenn ich den ganzen Vorgang der Sache ohne
Vorurteil erwäge so glaube ich mehreres Lob als Tadel zu verdienen
Es würde mir indessen zu einer ungemeinen Beruhigung gereichen wenn Eu
Gnaden sich hierüber expectoriren wollten ob ich in der Standhaftigkeit den
Herrn Grandison zu verteidigen hätte fortfahren sollen oder ob ich weislicher
gehandelt habe dass ich der Gewalt nachgegeben Würden sie die Sache zu meinem
Vorteil entscheiden so hätte ich Hoffnung wieder an die Tafel meines Patrons
aufgenommen zu werden jetzo werde ich wie ein Aussätziger geachtet mein Herr
will weder mit mir essen noch trinken so lange er in den Gedanken steht ich
hätte der Ehre seines Freundes durch mein Verfahren einigen Eintrag getan
Jedoch vermutlich will er nur dadurch meine philosophische Standhaftigkeit
prüfen und ich werde mich bemühen zu zeigen dass ich nicht nur in teoria
sondern auch in praxi eben so wohl ein Philosoph bin als von
Eu Gnaden
ein untertänigster Diener
MLW
II Brief
An Herrn Grandison Baronet von Herrn Lampert Wilibald der freien Künste
Magister
Kargfeld den 15 Nov
Dass der Rabe ein Rabe bleibt wenn man ihm auch gleich alle schwarze Federn
ausrupfen wollte und dass ein lasterhafter Mensch dem das Laster zur andern
Natur geworden ist ein Bösewicht bleibt wenn die Tugend auch gleich alle ihre
Reizungen anwendet ihn zu bessern solches ist eine betrübte aber unumstösliche
Wahrheit Ein unedles Metall lässt sich durch die Kunst in ein edlers verwandeln
aber bei einem bössartigen Gemüt ist alle Kunst verloren Lassen Sie hoher
Gönner zur Erläuterung dieser Wahrheit den Rittmeister Salmonet als ein
Beispiel dienen und erlauben Sie grossgünstig dass ich Ihnen das erschreckliche
Bild dieses Mannes mit lebendigen Farben abschildern darf Sein Charakter ist
Ihnen zwar sattsam bekannt allein da er gegen Sie niemals seine Bosheit in
ihrem ganzen Umfange hat ausüben können so schlüsse ich daraus wahrscheinlich
dass Ihr Begriff von diesem ruchlosen Menschen wenn ihm dieser letzte Name
anders noch zukommt und er nicht vielmehr ein Ungeheuer oder Meerwolf genannt
zu werden verdient einigermaßen unvollständig ist
Es kann Ihnen nicht unbekannt sein dass er sich unter den königlichen
Truppen in Deutschland befindet Ein unglückliches Schicksal wollte dass er mit
seinen ihm untergebenen Leuten auf dem Hochadlichen Rittersitze des Herrn Baron
vF zu Schöntal einige Tage sein Quartier bekam Er legte den Wolfspelz ein
wenig im Anfange bei Seite und trug Verlangen die Verehrer Eu Gnaden von
welchen er durch den Herrn Major Ohara und die Madame Beauchamp einige Nachricht
erhalten persönlich kennen zu lernen Jedermann drang sich zu ihm um einen
Mann der zufälliger Weise nichts geringes beigetragen hat Dero Ruhm in ein
helleres Licht zu setzen gleich einem ausländischen wilden Tiere in
Augenschein zu nehmen doch plötzlich riss sich dieser Panter von der Kette
ersah unter allen Anwesenden mich zum Raube seiner Grausamkeit sprang nur auf
den Hals und würgete mich wie ein unschuldiges Lamm das ist er nötigte mich
unter vielen Drohungen eine ehrenrührige Schrift wider Eu Gnaden aufzusetzen
mit dem Vorsatze solche der Welt durch den Druck öffentlich vor Augen zu legen
und dadurch Dero berühmten und heldenmütigen Namen ein Klebesleckgen
anzuhängen Ich bin versichert dass Sie mir als Dero eifrigsten Verehrer kaum
werden zutrauen können dass ich gegen Dero hohe Person die Feder angesetzt haben
sollte ich entsetze mich gegenwärtig vor mir selber und schlage mich ins
Angesicht so oft ich daran gedenke Ich habe die glückliche Gelegenheit mich
um Sie verdient zu machen aus den Händen gelassen ich habe mich durch
Drohungen erschrecken und eintreiben lassen meinen und welches ich ohne eitlen
Ruhm sage Ihren ähnlichen Charakter zu verleugnen und doch gleichwohl bin ich
welches paradox scheint
integer vitae scelerisque purus
Es ist wahr ich habe mich durch diese Affäre nicht wie ich wünschte um
Sie verdient gemacht und deswegen bin ich auch nicht gesonnen mich so weiß zu
brennen dass ich alle menschliche Schwachheit die ich etwan in dieser Sache
gezeiget von mir removiren wollte aber ich habe mich auch keines Hochverrats
gegen Dieselben wie mir von einigen will aufgebürdet werden schuldig gemacht
Vernehmen Sie den ganzen Verlauf der Sache in zwei Worten und hernach fällen
sie mein Urteil
Nachdem der Rittmeister Salmonet sich auf dem Schloss des Herrn vF mit
mir in eine weitläuftige Unterredung von der Attaque welche er nebst dem Major
Ohara auf Dero Person in London geführet eingelassen und seine ganze
Beredsamkeit angewendet hatte dieser für ihn so nachteiligen Begebenheit durch
allerlei Erdichtungen einen solchen Schwung zu geben dass sie mehr zu seinem und
seines Konsorten als zu Dero Vorteil angeblichermassen sollte ausgefallen sein
auch hiernächst den Herrn Richardson eines gröblichen Falsi beschuldigte als
hätte er Dero an den Herrn D Bartlett abgelassenes Handschreiben worinnen
diese Sache erzählt wird unendlicher Weise verfälschet viele Umstände
herausgelassen verändert und die ganze Sache so bemäntelt dass Dero Ehre zwar
gerettet seine und des Herrn Majors Ehre aber aufs heftigste dadurch wäre
angegriffen und gemisshandelt worden und er denn nicht gemeinet sei länger in
den Augen des ganzen erlauchten europäischen Publici für einen Poltron gehalten
zu werden da er insbesondere in dem jetzigen Kriege bei den Feinden seines
Königes und der Brittischen Nation durch seine Tapferkeit und Kriegeserfahrung
sich in eine solche Reputation gesetzt dass sie ohne Schrecken nicht an ihn
gedenken könnten so ersuchte er mich wie er sagte auf Recommendation des
Herrn v Ln seines Freundes der ein deutscher Kavalier ist wegen meiner von
diesem ihm angerühmten Geschicklichkeit seine gute Sache vor der ganzen honetten
Welt öffentlich zu verteidigen Zu dem Ende ersuchte er mich im Anfang auf eine
freundschaftliche Art eine mit vielen Erdichtungen und unwahrscheinlichen
Umstände ausgeschmückte Nachricht dem von dem Herrn Richardson Ihrer Geschichte
einverleibten Briefe entgegen zu setzen und mithin gegen den Herrn Richardson
oder vielmehr gegen Hochdieselben die gelehrten Waffen zu ergreifen Wie ich nun
dieses höchlich verbat und mich weder durch Verheißungen noch Liebkosungen zu
einen Lügenpropheten wollte missbrauchen lassen so erschien er plötzlich nach
abgelegten Fuchsbalg in der Löwenhaut und unterstund sich durch allerhand
militarische Zwangsmittel die mir noch so oft ich daran gedenke einen
febrilischen Schauer erregen mich zur Vollstreckung seins Willens zu nötigen
Ich tat was man von dem Charakter eines ehrlichen Mannes verlangen kann und
widerstund dem Versucher mascule wie solches angebogenes Testimonium mit
mehrerm bezeiget jedoch da ich mich in seiner Gewalt befand und er mit mir
umspringen konnte wie er nur wollte auch die Gefahr in welcher ich mich
befand vor Augen sah und zugleich überlegte dass es mehr eine tadelhafte
Hartnäckigkeit als eine lobenswürdige Tapferkeit sei sich einer überlegenen
Macht zu widersetzen und mutwillig den Kopf gegen die Mauer zu stoßen so
erachtete ich der Klugheit gemäß zu sein mich dismal weislich in die Zeit zu
schicken und der Gewalt zu weichen Diesem Entschluss zu Folge verfertigte ich
zwar den mit Gewalt von mir erzwungenen Aufsatz jedoch mit der ausdrücklichen
Reservatione mentali dass ich solchen wenn er auch unter meinem Namen um ihn
wie ich vermute in Deutschland mehreres Ansehen zu verschaffen sollte aus
Licht treten niemals für meine Arbeit erkennen sondern sobald er mir unter
die Augen treten würde ihm eine gründliche Beantwortung entgegen stellen
wollte
Ob ich nun gleich nach einer genauen Zusammenhaltung aller Umstände mir in
meinem Betragen bei dieser Sache nichts vorzuwerfen habe so kann ich doch nicht
umhin Eu Gnaden untertänig zu entdecken dass meine philosophische Gemütsruhe
seit dieser Affäre vieles gelitten hat Ich bin ein rechter Heavtontimorumenos
und diese animi patemata wirken dergestalt auf meinen Körper dass sie mich
beinahe völlig um meinen guten Appetit und Schlaf gebracht haben und ich daher
in Sorgen stehen muss eins Auszehrung zu bekommen wenn Hochdenenselben nicht
gefallen wollte meine Handlung zu rechtfertigen mich von aller Schuld und
Vergehung gegen Dero hohe Person loszusprechen auch meinem Patron dem Herrn
vN nachdrückliche Vorstellung zu tun damit er nicht aus einem übertriebenen
Eifer für Dero Ehre mir täglich so viele beissende Vorwürfe mache Ich verlasse
mich hierinne gänzlich auf Dero angestammte Großmut so wie ich Ihre
Gerechtigkeit auffordere und Sie hierdurch beschwüren will sich und mich und
die ganze ehrliebende Welt welche durch die Vorspieglungen des ruchlosen
Salmonets hat hintergangen werden sollen an diesem Auswurf der Natur und der
rechtschaffenen irrländischen Nation aufs nachdrücklichste zu rächen und diese
unbeschreibliche Effronterie entweder dem Parlement oder der hohen Generalität
anzuzeigen auch ohnmassgeblich dahin anzutragen dass dieser bösartige Mensch von
seinem Kommando avociret gerichtet und verurteilet werde dass er wenigstens
auf zehen Jahre aus seinem Vaterlande zu den wilden Iroquoisen nach America
wohin er sich eher schickt als in das gesittete Deutschland welches er mit
Übeltaten erfüllt verbannet werde
Glauben Sie indessen nicht hoher Gönner dass ich aus einer Privatrache den
leidigen Salmonet exemplarisch bestraft zu sehen wünschte ich würde ihrer
Achtung unwürdig sein wenn ein so strafbarer Affect in mir herrschte und zu
diesem Wunsche Gelegenheit gegeben hätte Persönlich habe ich nach Dero
Beispiele ihm alles großmütig verziehen ich bedaure ihn wie einen armen
Sünder den man an die Gerichtsstätte führen sieht ich wünschte dass ich alles
mit dem Mantel der christlichen Liebe bedecken könnte Allein nach dem Triebe
der Gerechtigkeit welcher mir eigen ist kann ich solche Vergehung mit
Stilleschweigen nicht übergehen denn ich halte dieses Mittel der Bosheit
Einhalt zu tun nicht zureichend wenn man sie übersiehet sondern wenn man
sie an den Tag bringt dass sie andern zur Warnung bestraft werde Aus diesem
Grunde glaube ich wenn anders Eu Gn nicht durch meine Freimütigkeit
beleidigt werden dass Dero großmütige Vergebung und Unterdruckung des
strafbaren Attentats des Majors und des Rittmeisters auf Dero Person zwar in
tesi lobenswürdig ist in hypotesi aber und mit kritischen Auge betrachtet
scheint quod pace tua dixerim diese Großmut mehr verschwendet als wohl
angewendet gewesen zu sein Hätten Sie diese beiden Männer der Gerechtigkeit
damals nicht entzogen so würden sie vielleicht beide dadurch abgehalten worden
sein neue Übeltaten zu begehen Was den Major anlanget so getraue ich mich
nicht zu entscheiden ob er wirklich durch Ihr Großmut ist beschämet worden
und in sich gegangen ist oder ob seine gute Aufführung die er nachher
beobachtet hat nicht eher einer Verstellung als einer wirklichen
Lebensbesserung ähnlich sieht wenigstens ists es gewiss dass der Rittmeister
dadurch nur destomehr ist angefrischet worden neue molimina gegen Hochdieselben
zu unternehmen wovon ich auch zugleich ein unglückliches Object gewesen bin
Ich will hiervon nichts weiter gedenken Sie hoher Gönner haben viel zu
erleuchtete Einsichten als dass Sie nicht hierinne mit mir übereinstimmen
sollten dass die Bosheit muss bestraft werden und dass einfolglich dieser
Ruchlose wenn anders in der Welt noch einige Gerechtigkeit gehandelt wird den
an Ihnen und mir verübten Frevel wird büßen müssen
Ich habe mich anheischig gemacht den Charakter dieses Mannes zu schildern
aus dem was ich bereits gesagt habe ist er sichtbar genug doch damit er desto
deutlicher in die Augen falle so erlauben Eu Gn dass ich aus der Geschichte
einige der berühmtesten Bösewichte aufstelle und sie mit diesem in eine
Vergleichung setze um zu beurteilen ob die Übeltaten der ersteren oder des
letztern ein größeres Gewicht haben
Welch abscheulich Gemälde machen die Liebhaber der Altertümer von dem
Herostrat der den prächtigen Tempel der Diane zu Ephesus in die Asche geleget
Es ist nicht zu leugnen er war ein böser Bube allein was tat er anders als
dass er einen heidnischen Tempel und abgöttisches Bild verwüstete der
Rittmeister Salmonet ist ein andrer Mann er verschwendet seine Bosheit nicht an
leblose Geschöpfe er wütet gegen lebendige Kreaturen gegen vernünftige
Bewohner der Erde gegen Leute von Ehre und Verdienst Er als ein elender Zwerg
steigt gleichsam den Riesen auf die Schultern und tritt sie mit Füßen damit er
nur von andern möge gesehen werden Er ist wie eine schelmische Mücke die sich
unterstehet mit ihren vergifteten Stachel ein edelmütiges Pferd zu verwunden
das doch im Stande ist ein solch unedles Insekt mit seinem Otem zu
verschlingen
Brutus und Kassius die Anführer der Rotte die dem großen Cäsar den Tod
geschworen hatte brachten diesen Helden auf eine grausame Art um aber was war
ihre Absicht Die Freiheit des Vaterlandes zu retten und Rom von der
Knechtschaft zu befreien folglich hatten sie das gemeine Beste zum Augenmerk
Bin ich gleich nicht ein Held dass ich aus diesem Gesichtspunkte betrachtet
mit dem Cäsar könnte in Vergleichung gesetzet werden so war es auch kein
Gelehrter der mit akademischen Ehren pranget wie ich und vielleicht bin ich
welches ich doch nicht sage um eitlen Ruhm zu suchen ein nützlicheres Mitglied
des Staates als dieser große Römer wenigstens habe ich in der Welt nicht so
vielen Schaden angerichtet und nicht so viele tausend Menschen meiner Sehnsucht
zum Opfer gebracht Hat er mich gleich nicht auf eine so grobe Art
todtgeschlagen wie Brutus und Kassius den Cäsar so hat er mich doch auf eine
subtile Art todtgeschlagen denn er hat mir meine Ehre geraubt weil er meinen
Namen gemissbraucht solchen einer Lästerschrift vorzusetzen und mich sogar
gezwungen sie zu entwerfen er hat mich todtgeschlagen indem er durch eine so
tirannische Zundtigung die mit den schrecklichsten Drohungen begleitet war
mich in solche Gemütsunruhe versetzet dass es kein Wunder sein würde wenn ich
wie jener Prinz in einer Nacht grau worden wäre wie denn meine Gesundheit ein
merkliches dadurch gelitten und mein Lebensfaden vieles von seiner Länge
verloren hat Da es also erwiesen ist dass der Boshafte einen nützlichern
Weltbürger todgeschlagen als Kassius und Brutus so ist klar dass die
Übeltaten des ersteren größer sind als des letztern und mithin auch der
nachdrücklichsten Ahndung würdig sind
Die mehresten Kaiser der ersten Jahrhunderte werden als abscheuliche
Unmenschen voll den Schriftstellern abgeschildert die Herren welche ein so
schreckliches Bild entworfen haben nie einen Tirannen vor sich gehabt sie
würden sonst gelinder mit ihnen verfahren sein Warum muss ein Tiber alle
erdenkliche Schmähreden über sich ergehen lassen weil er einen Bürgermeister
hinrichten ließ der einige Stücke Geld mit des Kaisers Bildnisse bezeichnet in
seinen Beinkleidern mit dahin genommen
Da wo man nach der Wand den bloßen Rücken kehrt
Ein Kaligula weil er die erledigte Oberstelle im römischen Rate seinem
Gaule zugedacht hatte weil er die Verschwendung so hoch trieb dass er
RebhünerEier Pfauenzungen und das Gehirne der Krammetsvögel speiste Ein
Nero dass er einigen Eseln die besonders bei ihm in Gnaden stunden goldne
Hufeisen auflegen ließ dass er mit goldnen Netzen fischte und die Stadt Rom
einmal anzünden ließ um als ein guter Kritikus eine Stelle des Homers die
nicht nach der Natur gemahlet schien zu erläutern Waren diese Herren
lasterhaft tirannisch und verschwenderisch so waren sie Kaiser und keine
Privatpersonen sie ließ bei allem Unfug den sie anrichteten die Gelehrten
in ihren Würden und wenn ja einmal Nero gegen seinen Lehrmeister grausam ist
so darf dieses Herr Salmonet mit einem Gelehrten der ihm nie in irgend einer
Wissenschaft Unterricht gegeben nicht gleich nachtun Überdieses waren jene
Herren große Monarchen die ihrer Untertanen Leben und Vermögen als ihr
Eigentum betrachteten allein wodurch hat ein verdammter Irrländer dieses Recht
herbekommen gegen einen deutschen Gelehrten einen solchen Despotismum
auszuüben Je weniger sich diese malitiöse Handlung des Verwegenen durch etwas
beschönigen lässt desto größer wird die Sittlichkeit derselben und es muss ohne
weitern Beweis zu führen zugegeben werden dass da seine Bosheit größer ist
als der ruchlosesten Leute die jemals der Erdboden getragen hat er auch würdig
wäre ärger als Damien und andre Ungeheuer der Natur, andern zum Abscheu wegen
dieser Misshandlung bestraft zu werden Doch hierinne habe ich der Gerechtigkeit
nichts vorzuschreiben Eu Gn werden nach Dero beiwohnenden Klugheit schon
wissen Sorge zu tragen dass er seiner Strafe nicht entgehet Ich empfehle
Hochdenenselben diese Angelegenheit eben so sehr als meinen Gönner und die
gesammte Anzahl Dero Verehrer in hiesiger Gegend worunter ich vorzüglich
gehöre und verharre mit lebenswäriger Hochachtung
Eu etc
untertäniger Diener
MLW
Beilage
Dass Vorzeiger dieses Tib Plen Herr Lampert Wilibald der freien Künste
Magister nicht leichtsinniger Weise oder durch Verheißungen und Geschenke
sondern vielmehr durch militarische Bewegungsgründe und Androhung schwerer Pön
ist angetrieben worden auf Verlangen des Rittmeisters Salmonets jedoch wider
seinen Willen und Neigung eine der Ehre des hochberühmten Herrn Karl Grandisons
Baronets nachteilige Schrift abzufassen solche aber so bald er es ohne
Leibesgefahr tun können öffentlich wiederrufen und zum Feuer verdammt auch
eine Abschrift davon in optima forma in meiner und anderer glaubwürdigen
Personen Gegenwart wirklich ins Feuer geworfen und verbrannt hat solches habe
hierdurch bei meinem Ehrenwort nicht nur bezeugen sondern auf dessen Verlangen
gegenwärtiges schriftliches Testimonium hierüber auszustellen nicht ermangeln
wollen So geschehen Schöntal den 16 Nov 17
vF
III Brief
Der Herr vN an den Baron vF
Kargfeld den 30 Nov
Wertester Freund
Sie werden sich verwundern dass ich an Sie schreibe da wir uns doch mündlich
miteinander besprechen könnten es ist wahr ich habe keine Abhaltungen Sie zu
besuchen ich werde es auch vielleicht heute oder morgen tun und es kann sein
dass ich Ihnen meinen Brief selber zustelle aber dem ungeachtet wird er nicht
überflüssig sein Ich will Sie wegen einer gewissen Sache die mir am Herzen
liegt zu Rate ziehen und bitte mir diesen schriftlich aus Wenn wir uns
mündlich über diese Angelegenheit besprechen wollten so könnte leichtlich ein
Wort das andere geben Sie kennen meine Gewohnheit dass ich mir nicht gern
widersprechen lasse zum Disputiren hab ich kein sonderliches Talent empfangen
und unrecht habe ich auch nicht gerne inzwischen denke ich einen schriftlichen
Widerspruch eher zu verdauen als einen mündlichen Lassen Sie Sich also die
Sache vortragen Sie wissen wohl dass ich nach dem Beispiele meines Herrn
Gevatters mich habe verheiraten wollen im Anfang tat ich es nur um meinem
Muster ähnlich zu werden und meine Handlungen mit den seinigen vollkommen
übereinstimmend zu machen Da ich aber endlich einsah dass meine häuslichen
Umstände es nicht länger leiden wollten ohne Frau zu leben und überdieses die
Possen mir anfingen zu gefallen so tat ich wie Sie wissen mit Ernst zur
Sache und hoffte damit bald zu Rande zu kommen Allein ich weiß nicht wie
sich seit dreißig Jahren die Welt verändert hat was man damals in einem Tage
ausrichten konnte dazu braucht man jetzt ein Jahr und wenn man alles getan
hat und sich keine Mühe verdrüssen lässt und endlich das Ding bei Lichte
besiehet so weiß man nicht ob man verraten oder verkauft ist Mir wenigstens
geht es jetzt so ich weiß nicht ob ich eine Braut habe oder nicht Inzwischen
bin ich kein Feind von der Mode und wenn es so sein muss dass man bei der Liebe
wie im Kriege oft eine ganze Kampagne mit dem Feinde harcelliret ohne dass es
zu einer entscheidenden Action kommt so lasse ich mir es auch gefallen wenn
sich nur der Sieg auf meine Seite lenkt Aber hier ist der Knoten Hören Sie ein
Wort im Vertrauen Lampert hat mir wunderliche Dinge von dem Major in den Kopf
gesetzt Er ist ein schlauer Kaper und macht Jagd auf das Fahrzeug das für
meine Rechnung gehört ich denke er hat es schon beim Leibe und wird es bald
für eine gute Prise erklären Das wäre ein schlimmer Streich wenn er meine
Byron entführte es steht Gefahr dabei ob ich sie wieder erhaschen würde wie
Herr Grandison die seinige Doch diesem Übel kann schon vorgebogen werden nur
so dass ich nicht mit ihm in neue Händel verwickelt werde das wäre eine
Abweichung von Sir Karln dieser hat nur einen einzigen Zwist mit Sir Hargraven
gehabt und hernach blieben sie gute Freunde Doch das wird sich schon geben
Was meinen Sie habe ich die Sache bei meiner Heirat am rechten Orte
angegriffen oder nicht Ich versprach mir einen guten Fortgang von meinem
Vorhaben ich dachte Herr Grandison hat alle Mädchens fesseln können eine ist
ihm einige hundert Meilen nachgelaufen eine andere ist gar über ihn närrisch
geworden und seine Frau hat vor Sehnsucht einen Anfall der Schwindsucht
bekommen dass er nicht so bald als sie gewünschet Hochzeit gemacht Ich habe
mein Gedächtnis meine Leidenschaften meinen Körper strappaziret wie die Hunde
um ihm so ähnlich zu werden als mir möglich gewesen ich habe meine Wirtschaft
und überhaupt alles was nur einer Veränderung fähig ist nach dem Geschmack des
Herrn Grandisons eingerichtet von mir bis auf meinem Wigand den ich Jeremias
nenne ist alles Grandisonisch und es fehlt mir nichts als ein Fresko den
ich mir auch noch anzuschaffen gedenke dem ungeachtet will es bei den Mädchens
nicht recht mit mir fort Ich habe hinüber meine eigene Gedanken und glaube
unsere Nymphen sind nicht sein genug die Schönheiten des Verstandes, die bei
andern Nationen am ersten in die Augen leuchten zu empfinden Herr Grandison
ist auch in Deutschland gewesen aber ich habe in seinem Buche nichts finden
können dass sich ein deutsches Frauenzimmer in ihn vergafft hätte und es
scheint dass er sich deswegen auch so bald wieder aus unserm Vaterlande
fortgemacht hat weil er darin nicht sein Konto gefunden Indessen ist es doch
ein Wunder dass seine Geschichte bei unserm Frauenzimmer so vielen Beifall
gefunden hat da man weder das Original noch die Kopie nach Würden schätzet Ich
vermute daher ganz sicher dass wenn ich bei dem Fräulein vW und ihrer Mutter
meinen Liebesantrag nach deutschem Gout gemacht und die Gespenstererscheinung
und dergleichen Possen weggelassen hätte so würde ich bei der Mutter und
Tochter weit eher zum Zweck kommen sein denn was den Vater betrifft der würde
zufrieden gewesen sein wann ich auch auf türkische Manier um seine Tochter
geworben hätte Deswegen habe ich den Vorsatz gefasst ob gleich Lampert sehr
darwider eifert meinen Kopf einmal aufzusetzen und wie es Sitte ist in unserm
Lande um das Fräulein vW ordentlich werden zu lassen Sie sollen noch diesen
Winter bei mir einen Pelz verdienen und wenn ich ihn auch sollte aus Siberien
holen lassen Ich habe nicht ein so enges Gewissen dass ich mir es gleich zu
einem Verbrechen anschreiben sollte wenn ich auf dem Wege worauf ich bisher
Fuß vor Fuß dem Herrn Grandison nach seinem eignen Geständnisse gefolget bin
auch dann und wann aussteche und meine eigne Gleise mache Mein drolligter Kerl
von einem Magister will dieses zwar nicht gut heißen und drohet sogar in
Grandisonhall mich deswegen zu verklagen aber wenn ich ihm vorwerfe dass er
sogar ein Pasquill auf den Baronet geschrieben hat so muss er schweigen Dieser
Vorwurf ist ein eiserner Rinken für diesen Bär dadurch ich ihn wenn er anfängt
zu brummen sogleich beruhigen kann Sagen Sie mir doch ob Sie für nötig
halten dass ich einen Deputirten an den Herrn vW und seine Frau abschicke um
noch einmal für mich um das Fräulein anzuhalten oder ob ich dieses in eigener
Person tun soll desgleichen wie man es heut zu Tage anfängt sich bei den
Mädchens einzuschmeicheln ob es noch Mode ist das Kammermädchen zu bestechen
Nachtmusiken zu bringen Bälle anzustellen und was dergleichen Tändeleien mehr
sind Ich habe bisher alles dieses unterlassen weil Herr Grandison bei seiner
Henriette dergleichen nicht getan hat Entdecken Sie mir richtig ihre Gedanken
über meine Freierei auch ihren unvorgreiflichen Rat wie ich es anfangen soll
dass ich meinen Vogel abschiesse und nicht etwan die Pferde hinter den Wagen
spanne Tadeln und loben Sie meine bisherigen Unternehmungen wie Sie wollen
Widerraten Sie mir aber ja nicht die Fortsetzung meiner Liebe wenn Sie mein
Vertrauter sein wollen Fräulein Amalia hat es getan und mir dadurch ein
heftiges Podagra erregt wenn Sie auf ihre Seite treten so bekomme ich den
Schlag Ich will meinen Willen haben und eine Frau wenn ich aber sollte durch
die Körbe springen wie ein Böttger durch die Reife so sage ich es Ihnen zum
Voraus das es mit mir ärger wird als mit allen Mädchens die sich in Sir Karln
verliebt haben Machen Sie mir gute Hoffnung geben Sie mir gute Anschläge
unterstützen Sie meine Desseins entwerfen Sie einen ganz neuen Operationsplan
wenn der bisherige Ihnen unbrauchbar scheint und halten Sie mir ein Bein dass
ich mich völlig in den Sattel schwingen kann Dadurch will ich sehen ob Sie die
Ergebenheit für mich haben die Sie mir so oftmals zugeschworen da Sie an eben
der Krankheit lagen Damals war ich Arzt und schaffte Ihnen eine Frau schaffen
Sie mir nun auch eine und leben Sie wohl
vN
IV Brief
Der Herr vF an den Herrn vN
Schöntal den 21 Nov
Sie verbinden mich unendlich dass Sie mich in einer Sache zu Ihrem Vertrauten
machen von der ein großer Teil Ihrer Ruhe und Ihres Glückes abhängt und ich
werde meinen Vorwitz und meine Geschicklichkeit so viel ich davon besitze
aufbieten um Sie zu überzeugen dass Sie Ihr Vertrauen nicht übel angewendet
haben Sie haben mir einen doppelten Auftrag getan Ihnen meine Gedanken über
Ihre bisherigen Unternehmungen in der Liebe gegen das Fräulein vW glücklich zu
sein zu entdecken und wie Sie Sich ausdrucken einen neuen Operationsplan zu
entwerfen um diese Angelegenheit nach Ihrem Wunsche zu Ende zu bringen Das
erste will ich sogleich nach Ihrem Verlangen befolgen und an dem andern will
ich Tag und Nacht arbeiten um ihn so vollkommen zu machen dass Sie all einem
glücklichen Fortgang nicht zweifeln dürfen Herr Lampert den ich als die
Triebfeder aller Versuche ansehe Ihre Liebe glücklich zu machen verdient Ihre
Gewogenheit im höchsten Grad er hat Ihr Vorhaben auf eine wunderbare und ganz
neue Art auszuführen gesucht und wenn es ihm nicht vollkommen geglückt hat so
liegt die Schuld ganz und gar nicht an dem Plan und dessen Ausführung sondern
vielmehr wie Sie vortrefflich anmerken an dem verdorbenen Geschmack unserer
Schönen die mehr auf die Person sehen die Ihre Gunst suchet als auf die Art
mit welcher sie dieses tut Unser Frauenzimmer ist noch nicht philosophisch
genug die Vorzüge des Geistes über die Vorzüge des Körpers zu setzen An einen
Liebhaber der ihnen gefällt ist alles artig alles sinnreich und aller Witz
geht verloren wem die Person nicht gefällt Wenn Ihre Absicht einigermaßen
fehlgeschlagen ist da an Ihrer Person nichts auszusetzen ist so kommt dieses
daher weil Sie gar zu geschwinde Progressen in der Liebe haben machen wollen
Ich habe Ihnen dieses mehr als einmal zu verstehen gegeben Hätten Sie das
Fräulein erstlich zu gewinnen gesucht und wenn Sie von ihrer Gewogenheit
überzeugt gewesen wären um sie werben lassen so würden Sie jetzo nicht ungewiss
sein ob Sie eine Braut haben oder nicht Sir Karl beobachtete diese Regel
genauer er wendete sich nicht eher all die Freunde seiner Henriette bis er
gewiss war dass sie ihm für allen Mannespersonen den Vorzug gab Sie haben wie
ich glaube nur im Anfang die alte Regel vor Augen gehabt dass eine günstige
Mutter auch eine günstige Tochter machen kann allein da Sie hernach nicht
einmal dieser Vorschrift gefolget sind sondern die Frau vW gegen sich
unwillig gemacht haben so ist es Ihnen desto schwerer worden Ihre Absicht zu
erreichen Doch diese Regel der Alten ist heutiges Tages ganz aus der Mode
kommen die Töchter sind nicht mehr so fromm oder so einfältig dass sie ihre
Liebe nach den Absichten der Mutter verschenken sollten sie haben dieses Joch
längstens abgeworfen und seitdem sind sie so widerspenstig worden dass sie alle
diejenigen hassen welche die Mutter sich zu Schwiegersohnen wünschen
wenigstens lassen sie sich nicht leicht einen Liebhaber anspringen Sie haben in
der Tat ein böses Spiel in Händen die Gunst der Mutter ist verloren und die
Gewogenheit der Tochter haben Sie nie besessen Sie verstehen mich wohl dass ich
unter der ersten einen großen Grad der Freundschaft und unter der andern eine
wahre Zuneigung meine Ein Mann der weniger Herzhaftigkeit besäße als Sie
würde sich verloren schätzen und an eine Sache die so entfernt ist als der
Friede gar nicht weiter gedenken Eine Liebe die sich nur mit Möglichkeiten
beschäftigt gehört unter die süßen Träume und für die Philosophen Solche
unglückliche Liebhaber sind wie die Goldmacher die Zeit und Geld verschwenden
das große Geheimnis zu entdecken und durch den letzten Prozess nicht weiter
kommen als durch den ersten Doch hierdurch will ich keinesweges ihre
Unternehmung tadeln oder den guten Ausgang derselben in Zweifel ziehen ich
habe vielmehr die beste Hoffnung dass alles nach Wunsche ausschlagen wird und
lasse es gegenwärtig meine vornehmste Beschäftigung sein dieses aufs sicherste
und geschwindeste ins Werk zu sehen Eine Nacht bin ich darüber schon um den
Schlaf kommen ohne das geringste zu erfinden und diesen Vormittag habe ich
auch mit so tiefen Betrachtungen zugebracht als des Kartes da er seine Welt
erschuf ob ich gleich noch nicht die rechte Spur entdeckt habe wie die Sache
Ihre Schöne zu fesseln am besten anzugreifen ist So viel habe ich durch mein
Nachdenken heraus gebracht dass das Spiel von neuen muss angefangen werden wenn
Sie etwas dabei gewinnen wollen Ich will mich mit Ihrer Erlaubnis hinter Ihren
Stuhl stellen damit ich es desto leichter übersehen kann und wenn Sie meinem
Rate folgen so denke ich dass Sie noch den Pot ziehen sollen Ich verfalle
hier auf meine gewöhnliche Anspielung wir haben hierzu gleiche Fähigkeit nur
dass wir in Ansehung der Gegenstände von einander abweichen Es ist nichts in der
Welt das Sie nicht mit etwas aus der Kriegskunst vergleichen könnten und ich
finde in allen Dingen etwas ähnliches mit dem Spiele Erlauben Sie dass ich
meine Vergleichung fortsetze Wenn Sie einen geschickten Spieler vorstellen
wollen so dürfen Sie nicht erschrecken wenn Sie auch dann und wann einmal
abgetrumpfet werden die gefährlichsten Spiele gehen oft am besten Werden Sie
auch nicht ungedultig oder verzagen Sie an ihrem Glück wenn Ihnen nicht gleich
alles nach Wunsche geht oder wenn Sie nicht vom Anfang gewinnen gute Spieler
sehen dieses niemals gerne Tarazzoni verlor vor sechs Jahren im Anfang des
Karnevals zu Venedig zwanzig tausend Ducaten und hatte beim Schluss achtzig
tausend gewonnen Ich denke Sie sollen nicht ohne Gewinnst aufsteigen wenn Sie
nur nicht zu hitzig anfangen oder wie Sie bisher getan haben zuviel auf
einmal hazardiren Dieses würde geschehen wenn Sie entweder in Person oder
durch einen andern nochmals um das Fräulein zu voreilig wollten anhalten
lassen ehe Sie gewiss sind dass Sie derjenige sind den sie unter allen
Mannspersonen am meisten schätzt Setzen Sie auch nicht zu viel Vertrauen in
sich selber ich will Ihnen schon einen Wink geben wenn die Reihe an Ihnen
ist durch den letzten Trumpf den Sie bis zuletzt in der Hand behalten müssen
dem Spiel ein Ende zu machen
Diese allgemeinen Regeln sind zwar an sich gut genug aber ihre Anwendung
ist schwer wenn man sie in der Liebe brauchen will Ich bemühe mich jetzt die
Karte so zu mischen dass ich Ihnen ein leichtes Spiel verschaffe aber ich
verspreche Ihnen dieses nicht gewiss So viel kann ich Ihnen sicher versprechen
dass ich alles tun will was mir in dieser Sache zu tun möglich ist Sie fragen
mich ob die alten Kunstgriffe sich bei den Schönen durch Bälle und andere
Lustbarkeiten in Gunst zu setzen noch eben die Dienste haben die sie ehedem
leisteten ich getraue mir diese Frage mit ja zu beantworten Das Frauenzimmer
besitzt noch alle die Neigungen die sie vor dreißig oder vor hundert Jahren
besaßen das Vergnügen ist ihr Leben und wer ihnen dieses verschafft den
können sie nicht hassen Ich rate Ihnen keine Gelegenheit vorbei zu lassen
dem Fräulein vW alles ersinnliche Vergnügen zu machen und insonderheit darauf
zu sehen dass es nach dem besten Geschmack eingerichtet ist Ich würde Ihnen
keinen Beifall versprechen wenn Sie nach dem Beispiele unsrer Ahnen mit einer
Citer unter das Fenster Ihrer Gebieterin schleichen und sie durch eine
traurige und mit vielen harmonischen Seufzern untermischte Arie im Schlafe
stöhren wollten Dieser zärtliche Liebesantrag der ehedem Wunder getan würde
jetzt mehr schädlich als nützlich sein Man muss die Sache auf eine andere Art
angreifen ich will Ihnen einmal einen Vorschlag tun Künftigen Freitag ist der
Geburtstag des Fräuleins wie wär es wenn Sie ihren Hofpoeten durch ein paar
Gläser ermunterten ein Glückwünschungsgedichte zu verfertigen um das Fräulein
damit anzubinden Sie dürfen mir leicht ein gut Wort geben so feiere ich das
Geburtsfest hier in Schöntal und bitte sie alle zu Gaste aber alsdenn werden
Sie Sich auf eine feine Galanterie gefasst halten wenn Sie gegenwärtig sein
wollen die Sie ihrem Glückwunsche beifügen dadurch sie erkennen kann wie hoch
sie von Ihnen geschätzt wird und deswegen finde für gut dass sich das Geschenke
am Werte nicht unter fünfzig Taler belaufen darf sonst haben Sie Sich keinen
freundlichen Blick zu versprechen Wollen Sie aber spärlich haushalten so
können Sie eine Staatskrankheit annehmen und alsdenn ist das Gedichte das aber
mit einem wohlgesetzten Brief muss begleitet sein schon alleine zureichend Ich
werde nicht ermangeln besonders wenn Sie abwesend sind und ich mich also
keiner Schmeichelei verdächtig mache Sie aufs beste herauszustreichen und
diesen klugen Einfall zu loben auch Ihnen hernach getreulich zu melden was zu
Ihrem Vorteile gesprochen wird Ich verspreche mir von diesem Anschlage viel
gutes wenn er gut ausgeführet wird Prägen Sie dem Herrn Lampert wohl ein dass
er in das Gedichte nichts zum Lobe der Frau vW mit einfliessen lässt Sie
wissen dass das Fräulein nicht gut mit ihr steht Doch wenn ein unschuldiger
lustiger Gedanke über sie der aber doch nicht sonderlich beleidigen kann mit
darin angebracht würde so könnte dieses denselben vielleicht desto mehreren
Beifall verschaffen Noch einen Punkt will ich berühren ehe ich schließe Sie
haben mich in Ihrem Schreiben darauf geführet Sehen Sie ja zu dass Sie Sich das
Kammermädchen des Fräuleins günstig machen Ein solches Mädchen ist eine Person
von Wichtigkeit in dergleichen Angelegenheiten Diese Kreaturen besitze
gemeiniglich das Vertrauen ihrer Gebieterin und ihr Gutachten gibt oft der
Sache einen bessern Ausschlag als das Responsum einer ganzen Juristenfacultät
einem Prozess Sie sind eben das in Liebeshändeln was die femmes gardées im
lhombre der Skies und Pakat im Tarock und die Läufer oder Springer im
Schachspiel sind Es würde nicht überflüssig sein wenn Sie durch Geschenke das
Mädchen des Fräuleins zu gewinnen suchten allein weil Sie wie ich weiß davon
nicht viel halten auch leichtlich ein anderer Sie überbieten könnte so habe
ich einen Vorschlag der viel sicherer ist dieses Mädchen in Ihr Interesse zu
ziehen Der Magister Lampert muss seine Leidenschaft für die Tochter Ihres
Pfarrers Dero Vorteil aufopfern er muss wenigstens eine Zeitlang sich stellen
als wenn er eben die Rolle bei der Kammerjungfer spielen wollte die Sie bei dem
Fräulein haben Ihm als einem schlauen und gelehrten Manne der auch seinen
Liebesanträgen eine logikalische Stärke geben kann wird es nicht schwer fallen
seinen Endzweck zu erreichen und alle Anschläge die vielleicht von der
Gegenpartei auf das Fräulein gemacht werden könnten zu entdecken und
fruchtlos zu machen Sollte Herr Lampert Schwürigkeiten machen wie ich denn
vermute dass er eher würde zu bewegen sein noch ein Pasquill auf den Herrn
Grandison zu verfertigen als seiner Liebste untreu zu werden so müsste er auf
ähnliche Art wie er von dem Rittmeister Salmonet genötigt wurde seinem
Willen Folge zu leisten dahin angehalten werden Ihren Vorteil seiner Neigung
vorzuziehen Doch dieses alles ist nur wie Sie auch ausdrücklich von mir
verlanget haben mein unvorgreiflicher Rat und es steht Ihnen frei in wie
fern Sie ihn befolgen wollen oder nicht Ich werde mir es indessen zu einer ganz
besonderen Ehre anrechnen wenn Sie davon Gebrauch machen doch gebe ich mich
zufrieden wenn Sie andere Maasregeln ergreifen Gelangen Sie bald zu ihrem
Zweck auf einem Wege der Ihnen am besten gefällt dieses ist der aufrichtige
Wunsch
Ihres
gehorsamen Dieners
vF
V Brief
Der Herr vN an den Herrn vF
Kargfeld den 23 Nov
Ich habe Ihren Brief wohl durchstudiret und daraus ersehen dass Sie eben kein
schlechtes Geschick haben eine Sache der Sie Sich mit Ernste unterziehen nach
Wunsch zu Stande zu bringen Es ist mir lieb dass Sie Sich meine Freierei mit
Ernst lassen angelegen sein und ich kann Ihnen nicht verhalten dass Sie Sich
dadurch bei mir in solchen Kredit gesetzt haben als Sir Beauchamp bei dem
Baronet ich glaube sogar Sie werden diesen selbst abtreiben wenn unser
Vorhaben gut ausschlägt Hier und da haben Sie zwar in Ihrem Briefe etwas
eingestreuet dadurch Sie eben keinen Dank verdienen zum Exempel wenn Sie
sagen dass ich ein schlimmes Spiel in Händen hätte dass ein andrer sich für
verloren schätzen würde dass man seinem Mädchen Geschenke machen müsse die
sich auf fünfzig Taler belaufen Man findet heutiges Tages das Silbergeld nicht
auf den Gassen wie unter Salomons Regierung Es sind schwere Zeiten und das
Geld liegt an Ketten Herr Grandison hat zwar seiner Braut große Geschenke
gemacht aber das war ein anderer Umstand damals war es Friede und wohlfeile
Zeit und Herr Grandison war auch sicher dass ihm seine Braut nicht wieder
umkehren würde ich hingegen stehe in Gefahr Braut und Maalschatz zu
verliehren Wenn ich erstlich das Wort von ihr habe wohlverstanden ihr
ungezwungenes dürres Jawort hernach soll sie einen Diamantschmuck bekommen
dessen keine Fürstin sich schämen dürfte aber auf geratewohl verdistillire ich
keinen Heller an ihr Glauben Sie nicht dass mich der Geiz zurück hält Ihrer
Methode zu folgen und durch Bestechungen den Anfang zu machen das Herz des
Fräuleins zu gewinnen ich will wie Herr Grandison wegen der Person und nicht
wegen der Geschenke geliebt sein dabei hat es sein Verbleiben Mit der
eigensinnigen Frau vW will ich nichts mehr zu tun haben ich glaubte wenn
ich sie und ihren Schatz auf der Seite hätte so wären alle Aussenwerke und
Defensen der Vestung in einer Gewalt wenn ich alsdenn hier meine Batterien
anlegte so würde ich dadurch die Citadelle selbst zu commandiren im Stande
sein um solche zur baldigen Übergabe zu zwingen Allein seitdem ich aus ihrer
Gunst delogiret bin so habe ich wie ich sehe das ganze occupirte Terrain
wieder verloren und er als ein baufälliges Hornwerk das noch allein in meiner
Gewalt ist verspricht mir nicht den geringsten Vorteil wenn ich von dieser
Seite die Attaque wieder formiren wollte Ich habe die Belagerung deswegen
bereits meine Bloquade verwandelt doch habe ich immer ein wachsames Auge in
meinem Lager und hoffe noch par surprise davon Meister zu werden Das Spiel ist
so schlimm nicht als Sie vielleicht denken über lang oder kurz werde ich doch
reussiren besonders wenn Sie ein getreuer Alliirter von mir bleiben
Sie erweisen mir einen großen Gefallen dass Sie mich an den Geburtstag des
Fräuleins erinnern ich werde nicht unterlassen sie durch einen Glückwunsch
anzubinden Lampert hat sich seit gestern in seine Stube eingeriegelt und
geschworen wie die Churfürsten wenn sie einen neuen Kaiser machen nicht ehev
einen Bissen zu essen bis er das Werk zu Stande gebracht doch den Trunk hat er
sich erlaubt und einige Flaschen Wein mit in seine Studierstube verriegelt
denen er vermutlich fleißig zusprechen wird Wegen des Geschenkes habe ich mich
schon erkläret und also muss ich weil Sie es für gut finden eine
Staatskrankheit annehmen ob ich gleich jetzo so gesund bin als ein Hecht Das
ist eine verdammte Mode dass man die Mädchen die man liebt auf ihren
Geburtstag anbinden muss Werweiss ob sie nicht gar zuletzt einen heiligen Christ
verlangen Ich möchte Fräulein Julgen nicht in die Messe begleiten vermutlich
würde es da ohne Unkosten auch nicht abgehen Nein ich liebe nach englischen
Geschmack da liebt man gewiss und ohne großen Aufwand denn was man der Braut
schenkt wenn diese Sache einmal ins Reine gebracht ist das bekommt man mit der
Frau wieder und ist deswegen für keinen Aufwand zu rechnen
Lampert will sich durchaus nicht entschließen seiner ersten Liebste untreu
zu werden er will lieber meine Gunst verlieren als sein Mädchen und hat sich
sogar verlauten lassen dass wenn nochmals mit diesem verwünschten Vorschlag an
ihn gesetzt würde so wollte er bei Nacht und Nebel einmal fortgehen und
niemals wieder zum Vorschein kommen Ich muss deswegen ein Bisgen laviren er ist
mir gleichwohl unentbehrlich so einen Hausvogt findet man nicht alle Tage
Indessen will ich mein Heil noch einmal an ihm versuchen die Gelehrten sind in
puncto Sexti nicht eben so gar ehrenveste und treiben es oftmals ärger als die
Edelleute Ich denke man kann ja wohl von zwei Bäumen auf einmal Birnen
schütteln Wenn das Kammermädchen nur nicht eben so garstig wäre als ihre
Gebieterin schön ist so würde der Magister meinen Befehl eher respectiren Er
hat mir indessen versprochen es auf andere Weise dahin zu bringen dass sie in
mein Horn blässt das mag er immer tun wenn alle Stricke reißen sollten so
bleibt er dennoch das Stichblatt Sorgen Sie nur dafür dass der Geburtstag recht
hoch gefeiert wird und geben Sie auf alles genau Achtung damit Sie auf
Erfordern mir einen getreuen Bericht abstatten können Alleweile kommt der
Magister mit dem Briefe der in meinem Namen an das Fräulein abgefasst hat und
welcher das Gedichte begleiten soll Wenn beides wohl geraten ist so soll er
den Filialsstock zur Verehrung bekommen welchen ich ihm längstens zugedacht
habe der vergangenen Sommer dem Metzger ist abgenommen worden der sein Vieh
über meine Wiesen hat treiben lassen Ich bin einmal wie allemal
Ihr
gehorsamer Diener
vN
VI Brief
Von ebendemselben an den Herrn vF
den 25 Nov
Sie haben mir gestern wissen lassen dass Ihre Gäste die Sie eingeladen haben
heute alle erscheinen würden Ich bin darüber erfreut Den Major Ln hätten Sie
nur weglassen sollen er gehört ohnedem nicht in unsere geschlossene
Gesellschaft Überhaupt dächte ich er könnte wieder zu seinen Regiment gehen
ich wollte der schweren Zeit ungeachtet gern eine Kompagnie Franzosen bei nur
überwintern lassen wenn er nur dadurch genötigt wurde die hiesige Gegend zu
verlassen Man weiß indessen nicht wie bald sich das Blättchen wenden kann Ich
halte es zwar allezeit mit den hohen Alliirten so bald aber mein Vorteil mit
ins Spiel kommt so trete ich zur französischen Partei Jetzt würde ich es gerne
sehen wenn die ersten einmal verlöhren damit der verwünschte Major mir nur aus
den Augen käme Wer weiß ob er es nicht ausspionirt hat dass heut der
Geburtstag des Fräuleins ist und sich etwan einfallen lässt sie mit etwas
angenehmern als ein paar Bogen Pappier anzubinden Ich stehe disfalls in großer
Sorge Das ist sicher dass er mit der Freundlichkeit und Politesse gegen die
Mutter die Tochter meint Er hat die Regel die ich nach Ihrem Urteil soll
übertreten haben besser in Acht genommen Wenn er sich auf kein Angebinde
gefasst gemacht hat so ist es mir gewissermaßen lieb wenn er sieht dass ich
ihm den Rang abgelaufen habe Damit die Freude desto unvermuteter kommt und
größer wird so bin ich auf den Einfall geraten ein Pastetengehäuse
verfertigen zu lassen worin der Brief nebst dem Karmen befindlich ist wie
denn der Überbringer dieses Briefs solches in seinem Korbe trägt welches
sorgfältig muss herausgenommen und auf der Tafel gerade an den Ort gesetzet
werden wo das Fräulein zu sitzen kommt Tragen Sie Sorge dass sich Niemand an
diesem Schaugerichte vergreift sondern das Fräulein ersucht wird die Pastete
vorzulegen da wird sie die Bescheerung schon finden Sie denken vielleicht ich
käme mit meinem Angebinde ganz wohlfeil weg glauben Sie es nicht Lampert hat
mehr als einen halben Eimer Wein darüber ausgezecht und deswegen auch wie ich
vermute auf allen Seiten sowohl in dem Briefe als in dem Gedichte von Wein
gesprochen Er hat aber demungeachtet seine Sache treflich gemacht und
besonders in dem Briefe so viel rührende Stellen angebracht die das Fräulein
ohne Bewegung nicht hat lesen können Besonders ist die Auslegung ihres Planeten
recht nach meinem Gusto geraten Es ist zwar nicht alles so wie in dem Briefe
steht aber es ist doch alles gut und kein Umstand unwahrscheinlich Wenn ich
gleich ihren Geburtstag noch nie gefeiert habe so hätte ich es doch tun
können bekräftigen Sie nur alles recht treuherzig woran sie etwan zweifelt
Die Liebenden glaubten ehedem einander alles was sie sich sagten wenigstens
taten sie so Ich zweifle nicht daran dass dieses auch noch jetzt Mode ist
Morgen oder aufs längste übermorgen erwarte ich ihren schriftlichen oder
mündlichen Bericht wie mein Angebinde ist aufgenommen worden was man darüber
gesagt hat und was es für eine Wirkung getan Mischen Sie aber keine locos
communes wie der Magister Ihre Betrachtungen nennet in den Brief sie geraten
Ihnen selten zu meinem Vorteil und mit verdrießlichen Dingen habe ich nicht
gerne etwas zu schaffen Trinken Sie dem Herrn vW einen guten Rausch zu und
versichern Sie beiläufig seine Gemahlin insonderheit aber das Fräulein von
meiner Ergebenheit
vN
VII Brief
An das Fräulein v W von dem Herrn vN
den 25 Nov
Unter den Tagen welche ich als Festtage in meinem Hause feierlich begehe
steht Ihr Geburtstag oben an und Sie können versichert sein dass ich ihn heute
zum zwanzigsten male auf eben die Art wie ich es das erste mal tat feiern
werde ob mich gleich eine kleine Unpässlichkeit abhält dieses in ihrer
Gegenwart zu tun wie ich mir vorgenommen hatte Bisher habe ich ein Geheimnis
daraus gemacht jedermann stund in den Gedanken ich feierte den 25 November
weil ich vermutlich an diesem Tage mich einmal in einer gefährlichen Schlacht
befunden oder in Italien bei einer gewissen Begebenheit durch einen großen
Luftsprung aus einem Fenster das Leben gerettet hätte oder wie andere glauben
weil mir dieser Tag einmal besonders glücklich müsste gewesen sein Diese
letztern urteilen nicht unrecht ob sie gleich niemals haben erraten können
worin dieses Glück eigentlich bestanden Es ist Zeit dass ich die Neubegierde
der Welt vergnüge und öffentlich gestehe dass die glückliche Begebenheit deren
Andenken ich jährlich an diesem Tage erneure keine andere ist als Ihr
Geburtsfest So bald ich nur von Ihrem Herrn Vater das Notificationsschreiben
erhielt dass ihm seine Gemahlin mit einem wohlgestalten Fräulein beschenket
durchdrang mich eine solche lebhafte Freude die noch größer hätte sein können
wenn ich selbst ein Papa worden wäre und wie ich damals meine Feldzüge noch
nicht verwunden hatte und eben an einer Krankheit sehr hart darnieder lag so
fasste ich den Entschluss durch eine außerordentlichen Handlung wenn ich
ungefehr den Weg alles Fleisches gehen müsste meinen Namen in guten Andenken zu
erhalten meinen letzten Willen aufzusetzen und am Tage Ihrer Geburt Sie zur
Erbin meines ganzen Vermögens ernennen Doch da sich meine Gesundheit bald
hierauf merklich besserte so fand ich gut diesen Anschlag nicht sogleich ins
Werk zu setzen Ihre Schönheit entwickelte sich hierauf nach und nach wie eine
Rose die aus einer kleinen Knospe hervorblühet Man konnte Sie nicht ansehen
ohne Ihnen gut zu sein Sie waren das artigste kleine Fräulein das jemals
gewesen ist ihre verführerischen Augen sprachen schon ehe Sie den Gebrauch der
Zunge kennen lernten Alle Ihre Minen waren sinnreich und zeugten von einem
lebhaften und durchdringenden Geiste Ich erinnere mich noch mit vielem
Entzücken derjenigen Liebkosungen die Sie mir erwiesen wenn ich Ihnen eine
kleine Spielerei verehrte Sie hatten mich lieber als ihren Papa Diese
Gewogenheit behielten Sie so lange für mich bei bis die Jahre kamen in welchen
das Frauenzimmer anfängt sich zu schämen Sie wurden zurückhaltend und einen
Kuss den Sie mir sonst würden für einen Apfel gegeben haben wollten Sie mir
nicht mehr schenken wenn ich Ihnen eine ganze Toilette angeboten hätte Jedoch
erlauben Sie dass ich Ihnen diese Entdeckung mache je spröder Sie wurden desto
mehr fing ich an Ihnen gut zu werden ich wurde Ihnen so gut dass ich Sie gar
liebte und auf diesen Fuß steht es noch mit uns bis auf den heutigen Tag Sie
spielen noch immer die Person einer Spröden und ich die eines Verliebten Da
ich also in der Stille mir schmeichelte noch eben den Anteil an Ihrem Herzen
zu haben den Sie mir ehemals in Ihrer Unschuld freiwillig schenkten und daher
Ihr zurückhaltendes Wesen der zärtlichen Empfindung für die Ehre zuschrieb so
wollte ich weil Sie niemals die Versicherungen meiner Ergebenheit annahmen
solche doch durch etwas bezeigen ohne dass es jemand und Sie auch selbst eine
Zeitlang gewahr werden sollten und verfiel darauf dass da ich sonsten Ihren
Geburtstag zum Spase mit einem Kuchen celebrirte darauf ich Sie zu Gaste bat
solchen nunmehr aufs feierlichste jedoch in der Stille zu begehen Erlauben
Sie dass ich Ihnen von dieser Feierlichkeit bei der jetzigen Zurückkehr Ihres
Geburtsfestes eine kleine Beschreibung mache
So bald dieser glückliche Tag anbricht kleide ich mich aufs beste an als
wenn ich bei Hofe erscheinen wollte Beim Frühstück trinke ich Ihre Gesundheit
und wiederhole sie bei der Mittagsmahlzeit und auf den Abend alles schmeckt und
bekommt mir besser an diesem frohen Tage Ich trinke oft um mich Ihrer oftmals
zu erinnern und jeder Becher wird mit einem neuen Wunsche für Ihr Wohlergehn
begleitet Eine Begeisterung die mich bald überrascht macht mich zum Dichter
Zwanzig Lobgesänge habe ich Ihnen zu Ehren bereits verfertigt die ich aber als
Geheimnisse verwahre Der ein und zwanzigste wagt es endlich Ihnen unter Augen
zu treten und wird sich glücklich schätzen und dem Dichter Ehre machen wenn
Sie einen günstigen Blick darauf werfen Nach dieser angenehmen Beschäftigung
pflege ich allerlei Werke der Liebe auszuüben Eine gewisse Anzahl der
dürftigsten meiner Untertanen die der Zahl Ihrer Lebensjahre gleich ist wird
in meinem Hause gespeist und alsdenn jeder mit einem Gedenkgroschen regaliret
Der gewöhnliche Tanz unter der Linde auf das Kirchenfest ist gleichfalls seit
einigen Jahren auf diesen Tag verleget worden und um ihn jedermann so vergnügt
zu machen als er mir selbst ist, lasse ich die jungen Bursche nach dem Hammel
laufen der ihnen zu dieser Lustbarkeit verehret wird Den Beschluss meiner
Beschäftigung macht der Kalender Ich schließe mich in mein Zimmer und lese mit
Bedacht Ihren Planeten Hier untersuche ich in wiefern diese Weissagung die
gemeiniglich zutrifft an Ihnen bereits erfullet ist oder was für Schicksale
noch auf Sie warten Dismal habe ich meine Neugierde zu befriedigen diese
Untersuchung zu erst angestellet und weil ich mir vorgenommen habe alles was
ich zu Ihrer Ehre auf Ihren Geburtstag unternehme zu entdecken so soll Ihnen
die Auslegung Ihres Planeten dismal auch nicht verborgen bleiben
Ein Töchterlein im Wintermonat geboren ist arbeitsam trifft ein Sie
können mit aller Arbeit die sich für Ihren Stand schickt überaus wohl umgehen
man sieht Sie niemals die Hände in den Schoss legen Sie stricken Sie nähen
und putzen dann und wann Ihren Haubenkopf so schön als wenn er mit Ihnen zu
Gaste gehen sollte Von gutem Gedächtnis Wenn dieses so viel heißt als beatae
memoriae dass Sie bei jedermann in guten Andenken stehen so trifft es
vollkommen ein wenn aber die Erinnerungskraft dadurch gemeinet ist so kommt es
Ihnen nur gewisser maßen und unter einer Einschränkung zu Sie behalten das in
frischem Gedächtnis was Sie behalten wollen aber Sie vergessen auch alles was
Sie vergessen wollen in einem Augenblick Wenn ich Ihnen da Sie noch klein
waren eine Puppe zeigte und Sie fragte ob Sie mich auch lieb hätten und mich
auch lieben wollten wenn Sie einmal groß würden so bekräftigten Sie dieses mit
einem dreusten Ja jetzt wollen Sie nichts mehr davon wissen Barmherzig das
sind die Schönen selten so lang sie schön sind Seit undenklichen Jahren her
sind die Schönen grausam gewesen und selbst das glückselige Arkadien har in dem
goldnen Weltalter spröde Schäferinnen aufzuweisen gehabt Indessen wie keine
Regel ohne Ausnahme ist so könnte es sein dass Sie zu dieser Ausnahme gehörten
und eine barmherzige Schöne wären Man sagt dass einige große Herren die
Staatsmaxime gehabt dass sie um sich bei ihren Untertanen eine desto größere
Achtung zu erwerben erstlich dem Volk schwerere Schatzungen auferleget hernach
aber solche vermindert hätten um ihre Gnade sehen zu lassen Das Frauenzimmer
hat oftmals von dieser Staatsregel Gebrauch gemacht sie sind grausam damit sie
hernach desto sanftmütiger sein können und ihre Gunstbezeugungen mehreren
Eindruck machen Ich hoffe dieses auch von Ihnen sonst würde Ihr Planete zum
Lügner werden und das wäre schade er ist für Sie sehr vorteilhaft Betet
fleißig Ist richtig Man findet unter dem Frauenzimmer überhaupt weniger
laulichte Personen als unter unserm Geschlecht sie sind entweder recht
andächtig oder recht heilloss böse und denn beten sie gar nicht Zu der
letzteren Gattung gehören Sie nicht dafür bin ich Bürge folglich sind Sie zu
der ersten zu rechnen Ihre selige Frau Mutter war auch eine fromme Frau und
die hat Ihnen vermutlich ihre ganze Frömmigkeit vermacht weil sie wusste dass
Ihnen der Vater nicht viel hinterlassen würde Und wird gemeiniglich eine gute
Haushälterin Wohlgetroffen Ob Sie gleich noch nicht Ihren eignen Haushalt
führen und bis jetzo bei Ihrer Frau Stiefmutter Adjudantendienste tun so bin
ich doch gewiss dass Sie eben sowohl als die Frau vW eine Oeconomie en Chef
commandiren könnten Eine gewisse Puissance die Ihnen nicht unbekannt ist
bewirbt sich um Sie aus allen Kräften und wenn Sie noch kein Generalcommando
haben so liegt es bloß an Ihnen dass Sie es nicht übernehmen wollen doch wer
weiß was in diesem Jahre noch geschehen kann Hält gern mit jedermann
Verträglichkeit Ist richtig will aber doch auch cum grano salis verstanden
sein Zu einer mündlichen Zänkerei sind sie wohl so leicht nicht zu bewegen Sie
haben lieber Unrecht als dass Sie Sich in ein Wortgefechte einlassen sollten
Sie haben auch keine Gelegenheit dazu wer wollte es wagen Ihnen zu
widersprechen Die Schönen sind im Stande die zanksüchtigsten Philosophen zum
Stillschweigen zu bringen Ein schöner Mund überzeugt wenn er spricht Aber so
verträglich Ihr Mund auch ist so unverträglich sind Ihre Augen sie drohen sie
gebieten sie schelten sie tadeln sie kündigen den Krieg an und machen
Friede und das oft in einer Viertelstunde Jedoch da es nicht erlaubt ist von
einem einzelnen Teile aufs Ganze zu schließen so folgt auch nicht dass wenn
Ihre Augen manchmal unverträglich sind dass deswegen die ganze Person
unverträglich sein müsste und bleibt also der Satz überhaupt richtig dass Sie
gern mit jedermann verträglich leben Wird doch durch heimliche Feinde
angefochten Dieses ist der schwereste Punkt im ganzen Planeten den ich noch
zur Zeit nicht vollkommen habe erklären können Um sicher in der Sache zu gehen
habe ich verschiedene verständige Männer darüber zu Rate gezogen Mein
Pfarrer den ich Herr Dobson nenne ließ ein ganzes Schwadron solcher heimlichen
Feinde des Menschen aufmarschiren es waren böse Leidenschaften Begierden und
allerlei von solchem losen Gesindel darunter Meine Pachter halten die jetzige
teure Zeit für einen heimlichen Feind der sich alle Tage mit zu Tische setzt
und von ihrem Brodte isst Ein andrer kluger Mann sagte dass dadurch missgünstige
Leute verstanden würden die andere beneiden und ihnen weil sie es nicht
öffentlich wagen dürfen durch Arglist allerlei Unheil zu machen suchen Diese
Meinung scheint die vernünftigste und ob es mir gleich nicht in den Kopf will
dass Ihnen jemand feind sein könnte so muss ich es doch glauben weil es in Ihrem
Planeten steht doch hoffe ich dass diese Feinde Ihnen mit allen Schelmereien
nicht viel anhaben werden Sie macht sich durch ihre Tugend und Freundlichkeit
bei vielen vornehmen Leuten beliebt Das trifft auf ein Haar zu Wer wollte Sie
auch hassen können Ihre schöne Person bezaubert schon und ihrer Tugend und
vortrefflichen Gemütseigenschaften kann nichts widerstehen Wollte der Himmel
dass alles Gute was Ihr Planet enthält in diesem Lebensjahre erfüllt und ich
hierzu als kein untüchtiges Werkzeug mit gebraucht würde Ich eile meine Gelübde
zu erfüllen und auf Ihre Gesundheit die mit Epheu bekränzte Flasche
auszuleeren Allzuglücklich würde ich mich schätzen wenn ich von Ihnen die
Erlaubnis erhielt unverbrüchlich zu verharren
Dero
untertäniger Verehrer
vN
Ode
Du der du im Falerner Weine
Dich oft mit Lust bezechet hast
Und nicht wie Dichter bloß zum Scheine
Mit deinem Becher hast gespasst
Du dem bei Chloen es gelungen
Und niemals fehlgeschlagen ist
Dass wenn du ihren Reiz besungen
Sie dich auch wirklich hat geküsst
Horaz aus einem Deckelglase
Trink ich jetzt auf Dein Wohlergehn
Gib mir dafür in reichem Maße
Das seltene Kunststück zu verstehen
Wie man mit zauberischen Tönen
Sich in das Herz der Schönen schleicht
So dass der Eigensinn der Schönen
Die aufgeblassnen Seegel streicht
Schon fühl ich mich ganz dichtrisch Feuer
In altem Rheinwein aufgelösst
Macht sich mein Geist vom Körper freier
Gedanken sind ihm eingeflößt
Anakreon elender Schwätzer
Im Lieben nur ein Idiot
Warum treibst du verdammter Ketzer
Mit dieser Kunst nur deinen Spott
Mir soll ein besser Lied gelingen
Wenn ich in reinem Kammerton
Von Iris Reizen werde singen
Dir Meistersänger dir zum Hohn
Dann wird sich meine Brust befiedern
Verwandelt schwing ich mich als Schwan
Durch Iris Lob in meinen Liedern
Zum glänzenden Olymp hinan
Sie ist das Meisterstück der Götter
Der Götter Meisterstück m Sie
Ja Momus selbst der Gott der Spötter
Fand an Ihr keinen Tadel nie
Zeos der auf seinem Adler reitet
Wenn er den Blitz aus seiner Hand
Auf dick belaubte Eichen leitet
Hat Ihren Vorzug selbst erkannt
Um Sie noch schöner auszuschmücken
Hat er den Strahl der uns verletzt
Vereiniget mit Ihren Blicken
Und in Ihr schönes Aug versetzt
Vom Silbertönenden Metalle
Das an Apollens Harfe glänzt
Hat dieser Gott mit schönrem Schalle
Der Stimme Treflichkeit ergänzt
Die Göttin die auf wilden Meeren
Ein kleines Muschelschiff geschützt
Cytere nur kann nichts verehren
Das Iris nicht bereits besitzt
Doch hat sie ihrem kleinen Dicken
Den Liebesgotte wie man sagt
Den Pfeil befohlen abzudrücken
Wenn man sich ihr zu nahe wagt
Vom Schilde das Medusens Zähne
Aus schlangbehaartem Haupte bläckt
Ist die vom Witz beseelte Schöne
Selbst durch Minervens Arm bedeckt
Nie darf zu einem sichern Zeichen
Dass sie der Göttin ganz gehört
Der Pallasvogel von ihr weichen
Die Eule die Athen verehrt
Er glänzt vom Horizont herunter
Er glänzt der stolze Tag der Sie
Der Welt zu ihrem achten Wunder
Und auch zur zehnten Muse lieh
Noch achtmal zehnmal kehr er wieder
Eh von Planeten selbst umringt
Sie dort bei dem Gestirn der Brüder
Beim Kastor und beim Pollux blinkt
VIII Brief
Fräulein Amalia an das Fräulein vM
den 26 Nov
Da sehen Sie es nun dass es nur ein Spaß ist Wie gesagt Sie sind in das
Lustspiel eingeflochten worden und müssen Ihre Rolle spielen Sie mögen nun
wollen oder nicht Sie sind aber doch in gute Hände gefallen da der Baron das
Komplot unter seinem Kommando hat Mein Onkel hätte nicht schlimmer wählen und
für Sie hätte diese Wahl nicht besser ausfallen können Nun sind Sie sicher Der
Baron hat Ihren Liebhaber Ihnen nicht einmal unter die Augen geführet weil er
glaubte dass seine Gegenwart Sie beunruhigen könnte und er wird dieses allezeit
tun wenn er es in seiner Gewalt hat Ich fange jetzo an wirklich Mitleiden
mit meinem Onkel zu haben und wenn Sie es nicht wären so wüsste ich nicht was
ich täte um ihn glücklich zu machen Sie sollen unterdessen nach meinem
Wunsche einen Freier bekommen der Ihnen besser anstehet aber eben so
aufrichtig liebt als dieser und daran zweifle ich auch nicht ihr Planete
verspricht Ihnen dieses Auf mein Wort ich glaube vollkommen dass die Planeten
eintreffen der Ihrige passt so gut auf Sie als wenn er Ihretwegen wäre gemacht
worden Sehen Sie nur was Lampert für ein sinnreicher Kopf ist Auch im
Kalender findet er etwas artiges das ein Liebhaber seiner Schönen sagen kann
Ich muss doch sehen ob sich mein Planet auch so vorteilhaft erklären lässt als
der Ihrige Ich bin im April geboren gut ich will mir selbst die beste
Auslegung darüber machen Verwünscht Bald will ich den April wieder
auskratzen und einen andern Monat dafür in den Brief setzen Hätte ich doch nie
die Begierde gehabt meinen Planeten zu lesen Der Kerl der den Kalender
schreibt hat wie ich glaube mir zum Possen diese schlimme Prophezeiung
erdacht oder eine grundböse Frau gehabt die mit mir in einem Monat geboren
worden und dieses hat ihn bewogen die böse Gemütsart seiner Frau dem Gestirn
zuzuschreiben das in dem Monat ihrer Geburt regieret hat Suchen Sie ja meinen
Planeten nicht auf sonst lasse ich mich nicht wieder vor Ihnen sehen Das ist
entsetzlich dass ich gerade in einem Monat geboren bin der den Mädchens so
fatal ist Ich werde künftig meinen Geburtstag verlegen wie mein Onkel den Tanz
unter der Linde Ich hatte mir vorgesetzt wenigstens ein Dutzend Körbe
anzubringen ehe ich mich der Herrschaft eines Ehetirannen unterwerfen wollte
aber mein Stolz ist gedemütigt ich werde nicht einen los werden Einen
lachenden Freier das ist nach meiner Erklärung der nicht einmal rechten Ernst
braucht darf ich nicht abweisen wenn ich nicht befürchten will dass gar keiner
wieder komme Das schlimmste aus den Planeten darüber ich mich fast ärgere
will ich mit Stillschweigen übergehen
Nicht wahr wir waren gestern sehr vergnügt Ich war es insonderheit dass
Sie den Spaß so wohl aufnahmen Ha Ha Ich muss herzlich lachen ein Glückwunsch
in einer Pastete das ist der lustigste Einfall den man erdenken kann Sie
wurden über und über rot bei dem Fund den Sie taten Ich merkte es sobald
Sie den Deckel aufhoben ich vermutete mir aber etwas ganz anders Ich dachte
der Major hätte den Spaß gemacht Ihnen die Wahrheit zu gestehen habe ich ganz
und gar nichts davon gewusst selbst meine Schwester nicht Sie hat vermutet
dass ihr Mann um der Tafel ein besser Ansehen zu geben die Pastete aus der
Stadt hätte holen lassen Ich bekümmere mich nicht um die Küche und wurde nicht
eher aufmerksam darauf bis man Sie nötigte vorzulegen Sie sah auch so
ehrlich aus dass ich ihr keine Schelmerei zutraute Lampert hat doch manchmal
einen Einfall der wert ist belacht zu werden Der Mann macht gleichwohl
seinen Vers der nicht zu verachten ist Der Baron hat ihm unter den Fuß gegeben
gehabt einen lustigen Gedanken über die Frau vW mit einzumischen Er hat es
getan aber zum Glück hat er seinen satirischen Einfall so versteckt dass er
von wenigen bemerkt wurde Ob ich mich gleich nicht für sonderlich scharfsinnig
halte so konnte ich doch leicht erraten was die Eule die Athen verehrt zu
bedeuten hatte Die Auslegung die der Baron über diesen dunkeln Ausdruck
machte die ferneren Untersuchungen des Majors zu unterbrechen war sehr weit
hergeholt und wollte an keinem Orte recht passen Er sah wohl den wahren
Verstand ein aber es war nicht ratsam diesen Text gar zu genau zu erklären
Aber hören Sie doch mein liebes Fräulein warum suchen Sie den Major immer
gegen mich in Harnisch zu bringen Sie müssen einen großen Wohlgefallen daran
haben mich einmal mit ihm zanken zu sehen dass Sie uns immer zusammen hetzen
Nun kann ich Sie doch auch einmal einer Leichtfertigkeit beschuldigen Warten
Sie das lass ich Ihnen nicht so hingehen Es kam mir ich weiß nicht was für
eine Lust an Ihnen was ins Ohr zu fliestern es war eine Kleinigkeit die ich
vergessen habe Warum beschuldigen Sie mich denn ich hätte von dem Major
gesprochen da ich doch nicht an ihn gedacht hatte Wollten Sie ihn für seine
Neugierde strafen dass er unsere Heimlichkeit zu wissen verlangte Das war
vermutlich Ihre Absicht aber dadurch wurde ich mehr für meine Verwegenheit
gezüchtiget dass sich mein Mund Ihrem Ohr genähert hatte als er für seinen
Vorwitz Was wird er denken wenn er sich einbildet ich hätte mich in seiner
Gegenwart über ihn aufgehalten Ich glaube nicht dass er mich gnugsam kennet um
mir eine solche Unanständigkeit nicht zuzutrauen Was mögen Sie ihm doch für ein
Mährgen aufgeschwatzt haben Ich zweifle nicht dass er Sie wieder darum befragt
hat weil Sie nicht geschwinde genug eine Unwahrheit erdenken konnten die Sie
ihm vorschwatzten da er Sie in meiner Gegenwart befragte was ich von ihm
gesagt hätte Sie werden nun Mühe haben meine Unschuld zu retten und ihm die
Gedanken zu benehmen worin er steht dass ich mich über ihn aufgehalten
hätte so unschuldig ich auch bin Tun Sie ja Ihr bestes all ihm diese Meinung
zu benehmen oder wenn Sie es nicht tun so geben Sie Achtung Sie werden schon
auch einmal in seiner Gegenwart mit nur heimlich reden oder ich finde auch wohl
eine andere Gelegenheit Sie so bat ihn anzugiessen dass Sie mich verwünschen
sollen Ich will Ihnen nun die Absicht meines Briefs entdecken ich hatte mir
vorgenommen dieses in den ersten Zeilen zu tun und er ist mir unter der Hand
gewachsen wie das Werk eines Gelehrten ohne dass ich daran gedacht habe Mein
Onkel hat dem Baron aufgetragen einen getreuen Bericht von der Aufnahme seiner
Glückwünsche abzustatten was für Urteile darüber gefället worden und ob sie
bei Ihnen einen für ihn vorteilhaften Eindruck gemacht hätten Ich übersende
Ihnen den Entwurf davon zur Durchsicht verbessern und ändern Sie solchen nach
Ihrem Gefallen schicken Sie ihn aber bald zurück damit mein Onkel der sehr
begierig ist das Schicksal seiner Glückwünsche zu erfahren befriediget wird
Ich umarme Sie
IX Brief
An den Herrn vN von dem Herrn vF
den 26 Nov
Recht gut so Ich wünsche Ihnen Glück zu dem guten Anfang Ihres Spiels oder des
Feldzuges wie Sie Ihre Liebe nennen wollen Sie haben sich wohl gehalten und
werden nun bald mehrere Progressen tun Weil ich Ihnen einen Bericht
abzustatten habe der Ihnen nicht misfallen kann so hoffe ich dass Sie mir
diesmal alle Locos communes die mir etwan entwischen möchten gern verzeihen
werden doch werde ich mich dafür so sehr ich kann in Acht nehmen Ich will
mich eben nicht so genau an Ihre Vorschrift binden um Ihnen nach der Ordnung zu
melden wie Ihre Prose und Verse sind aufgenommen worden was man darüber gesagt
hat und was die verliebte Mine die Sie haben anstiegen lassen für Wirkung
getan ich will Ihnen aber doch auch keinen Umstand der Ihnen nur einiger
maßen vorteilhaft ist verschweigen Der Einfall durch eine Pastete einen
Liebesantrag zu tun ist der vortreflichste von der Welt Sie hätten Ihrer
Geliebten solchen nicht artiger in die Hände spielen können Das Fräulein schien
ganz entzückt da sie eine so vortreffliche Nahrung für den Geist in einem
Behältnis entdeckte das nur einige leckerhafte Bissen für den Mund
einzuschliessen schien Das feindselige Messer hätte zwar beinahe ein großes
Unglück angerichtet und den ganzen Planeten von Ihrem Briefe weggeschnitten
doch der getreue Sylphe des Fräuleins wollte sie nicht um das Vergnügen bringen
dieses Meisterstück des Witzes und einer gesunden Auslegungskunst zu lesen der
Brief und das Gedichte kam mit einer kleinen Verwundung die einem Ehrenzeichen
gliech davon Die Neugierde aller Anwesenden war so groß dass die wichtigsten
Gespräche dadurch unterbrochen wurden und einige Minuten ein tiefes
Stillschweigen über die Gesellschaft ausgebreitet war bis sich solches in ein
lautes Gelächter und frohlockendes Händeklatschen verwandelte das einen
allgemeinen Beifall anzuzeigen schien Man konnte sich lange nicht vergleichen
wer die Ehre haben sollte beides das Gedichte sowohl als das Schreiben
öffentlich vorzulesen Dass es geschehen sollte darüber war man einig obgleich
das Fräulein Einwendungen dagegen machte Endlich fielen die meisten Stimmen für
den Major aus welcher beschämt schien dass er eine so schöne Gelegenheit als
der Geburtstag des Fräuleins war aus den Händen gelassen ihr seine Hochachtung
wodurch zu bezeigen da Sie Sich derselben so vortrefflich zu bedienen gewusst
hatten Zu seiner Bestrafung musste er ein Herold Ihres Witzes werden er musste
lesen so gern er diese Ehre verbeten hätte Zu Ihrem Troste kann ich es sagen
dass das Fräulein so lange er las kein Auge von ihm verwendete und daraus
machte ich den Schluss dass ihr alles sehr wohl gefiel Die ganze Gesellschaft
sprach von Ihnen sehr vorteilhaft und selbst der Major musste Ihnen
Gerechtigkeit wiederfahren lassen Das Fräulein sagte zwar nichts zu Ihrem Lobe
sie dachte aber desto mehr Die Frau vW gestund dass sie niemals die Gabe der
Dichtkunst bei Ihnen vermutet hätte dass sie aber Sie um desto höher schätzte
Sie wünschte zugleich das Vergnügen zu haben sich mit Ihnen in einen neuen
Zwist verwickelt zu sehen damit sie die Ehre hätte eine poetische Abbitte und
Ehrenerklärung zu erhalten Ihr Gemahl machte die Lobsprüche die man Ihnen
erteilte dadurch desto ansehnlicher dass er Ihre Gesundheit ausbrachte die
rund um die Tafel fleißig nachgeholet wurde Ungeachtet ich alle Mühe angewendet
habe das Herz des Fräuleins auszukundschaften um zu erfahren was Ihr
Angebinde auf solches eigentlich für eine Wirkung getan so bin ich doch nicht
vollkommen glücklich hierinne gewesen Wenn ich von den äußerlichen urteilen
wollte so könnte ich Ihnen viel versprechen allein die Schönen sind
Meisterinnen in der Verstellungskunst Sie wurde rot da sie den Glückwunsch
auf ihren Geburtstag fand und lachte da sie unter dem Schreiben Dero Namen
erblickte Sie gab auf alles genau Achtung da der Major las und da er hernach
beide Stücke ihr wieder auf einem Teller überreichte so nahm sie solchen mit
einer freundlichen Mine zurück Alles dieses lässt sich so vorteilhaft für Sie
erklären als der Planet für das Fräulein Noch mehr sie trunk Ihre Gesundheit
sie lobte Ihre Aufmerksamkeit dieses war zugleich ein Vorwurf für den Major
wegen seiner Nachlässigkeit dass er der sie beständig begleitet wie ein Trabante
seinen Planeten nicht einmal ihrem Geburtstage nachgespüret hatte So eine gute
Gelegenheit kommt nicht alle Tage sein Wort auf eine gute Art anzubringen Sie
hat Fräulein Amalien gefragt wie Sie Sich befänden ob Ihre Krankheit von
Folgen zu sein schien Man könnte glauben dass sie diese Frage aus Eigennutz
getan hätte um die Erbschaft die Sie ihr zugedacht haben bald hoffen zu
können ja man könnte hierinne dadurch bestärket werden dass sie sich auch unter
der Hand erkundiget ob Sie seit ihrem ersten Geburtstage nicht wieder an Ihren
letzten Willen gedacht hätten allein solche hypochondrische Gedanken müssen
einen Verliebten nicht einfallen man kann auch von diesen Worten eine
vorteilhafte Auslegung machen Überhaupt lässt sich von dem vortrefflichen
Charakter des Fräuleins nicht vermuten dass sie wünschen sollte bald Ihre Erbin
zu werden Alle diese Spuren sind mir aber noch nicht hinreichend einen sichern
Schluss daraus herzuleiten dass Sie schon ihre Gewogenheit besitzen ich will
lieber nichts daraus schlüssen als Gefahr laufen falsch zu urteilen Wenn
Ihnen das Glück günstig ist so wird es uns schon andere Proben liefern daraus
wir die Zuneigung des Fräuleins vollkommener und sicherer schlüssen können Wenn
Sie meinem Rate folgen wollen so verhalten Sie Sich eine Zeitlang nur ruhig
und wenn Sie auch in ihrer Gesellschaft sind so beobachten Sie ein
gleichgültiges Wesen man stürmet nicht immer bei einer Belagerung man sitzt
auch wieder eine Zeitlang stille um neue Kräfte zu sammlen und hernach einen
unvermuteten und desto kräftigern Angriff zu tun Die Frau vW ist Ihnen so
viel ich ihr habe abmerken können noch immer nicht recht gut es liegt nichts
daran ihre Gunst verspricht Ihnen ohnehin keinen sonderlichen Vorteil Sie
tun indessen wohl wenn Sie als ein Politikus eine Staatsfreundschaft mit ihr
unterhalten Wenn Sie bei dem Herrn vW einen Besuch abstatten so will ich Sie
mit Ihrer Erlaubnis begleiten damit ich jede Mine und jede Bewegung des
Fräuleins ausstudiren kann um eine Gewissheit dadurch zu erhalten was für
Gesinnungen sie von Ihnen hegt
Fräulein Amalia bringt mir jetzt eine schlimme Nachricht sie hat eben einen
Brief von dem Fräulein vN erhalten darinnen ihr diese berichtet dass sie
heute früh aus ihrem Tische ein zusammengerolltes Pappier angetroffen und bei
Eröffnung desselben ein vortrefliches französisches Sonnet nebst ein paar
demantnen Ohrenringen gefunden hat Sie sind abgestochen Ihr Rival hat einen
höheren Trumpf eingesetzt Das Fräulein hat eine sehr große Freude über das
Geschenke Ihr Lobgedichte das sie sehr heilig in ihrem Putzschrank aufzuheben
versprach fallt nun gewiss in das unterste Fach wenn es noch drinnen bleibt Wo
sollten die Ohrengehänge anders herkommen als von dem Major Ja ja er hat die
rechten Schliche inne wie man die Schönen bezaubern kann Er verstehet das
Spiel aus dem Grunde jetzt sitzt er im Vorteile und wird sich schwerlich
daraus vertreiben lassen Doch das Spiel ist noch nicht verloren Sie sitzen
nur hinter der Hand und an Ihnen ist nunmehr die Reihe ihn wieder
abzutrumpfen Wir wollen die Sache schon wieder ins Gleiss bringen wenn Sie nur
Standhaftigkeit genug besitzen die widrigen Zufälle die in dergleichen
Umständen sich oft begeben zu ertragen ohne an Ihrem Glück zu verzweifeln Ich
bin immer unglücklich im Vergleichen so viel Geschmack ich auch daran finde
Ich habe Ihre Liebe in so ferne sie tätig ist mit dem Spiel verglichen
jetzt da Sie Sich nach meinem Entwurf etwas leidend verhalten müssen kommt sie
mir vor wie das Podagra Geduld und ein wenig Schreien sind hierbei die besten
Arzeneien Ich rate Ihnen beides das erste um der Sache gelassen zuzusehen
bis das Schicksal Ihren Rival aus der hiesigen Gränze entfernet und das andere
um ihre Schöne wenn sie über Ihre Unempfindlichkeit und Härte klagen dadurch
zum Mitleiden zu bewegen Unterdessen dass Sie in einer gewissen Untätigkeit
sich befinden will ich desto geschwinder sein im Kabinet und wie die Minister
wenn die Generals in Winterquartieren schmaussen den Plan entwerfen den Sie
hernach ausführen sollen So bald Sie Ihre Staatskrankheit Abschied nehmen
lassen so besuchen Sie mich und bringen Sie Ihren Favoriten den Herrn Lampert
mit damit wir alles gemeinschaftlich überlegen und wegen Ihren Angelegenheiten
ordentlichen Rat halten Ich verspreche Ihnen allen Fleiß und alle
Aufmerksamkeit anzuwenden ihre Wünsche zu vergnügen um Sie dadurch zu
überzeugen dass ich kein bloß Kompliment mache wenn ich mich nenne
Dero
gehorsamsten Diener
vF
X Brief
Das Fraülein vW an das Fräulein vS
den 26 Nov
Was werden Sie noch aus mir machen loses Fräulein Sie und der Herr Baron
spielen Komödien dass man Bücher davon schreiben könnte Ich glaube Sie haben
sich beide vorgenommen Ihre Nachbarschaft rund um sich her in Verwirrung zu
setzen und Niemand zu schonen wenn Sie nur etwas zu lachen bekommen Wenn ich
nur eine sträfliche Mine annehmen könnte so hätte ich Lust Ihnen einmal den
Text recht zu lesen Der Brief mit dem Einschluss welchen Sie mir heute
zugeschickt haben hat wunderliche Erscheinungen bei mir hervorgebracht ich
habe über beide gelacht den Kopf geschüttelt ich bin halb erzürnt bei einigen
Stellen gewesen ich bin wieder gut worden ich habe sie noch einmal gelesen
und habe mich niedergesetzt Ihnen darauf zu antworten ich bin aber jedesmal
zweifelhaft aufgestanden ohne zu wissen was ich über die Innlage für ein
Urteil fällen sollte Mehr als einmal hab ich einige Stellen darinnen
verbessern wollen ich hatte bereits die Feder angesetzt um ganze Seiten
auszustreichen und sie zu verändern aber ich habe es immer wieder unterlassen
weil ich nicht wusste womit ich den leeren Raum füllen sollte Nun es mag alles
bleiben ich will Ihnen aber meine Kritik darüber machen eben so wie über Ihren
Brief und dadurch werde ich diesen zugleich beantwortet haben Ich sehe wohl
dass es mit der Liebe Ihres Herrn Onkels nur Spaß ist oder dass Sie und der Herr
Baron einen Spaß daraus machen wollen da Sie diese Sache nun unter den Händen
haben ich bin darüber erfreut aber vorher war es in der Tat kein Spaß Es
sind noch nicht gar acht Wochen da Sie über dieses Kapitel mir ein so
zweifelhaftes Gesicht machten dass ich es Ihnen ansehen konnte wie sehr Sie
meinetwegen besorgt waren Wenn Sie und der Herr vF nicht alle Kräfte und Ihre
ganze Kunst der Intrigue aufgeboten hätten mich zu befreien so würde ich
jetzt sonder Zweifel Frau vN Für eine so gute Bemühung muss ich Ihnen ja wohl
etwas zu lachen geben und wider meinen Willen eine Rolle die Sie mir in dem
Lustspiele auftragen übernehmen Ich verspreche diese so gut zu spielen als mir
möglich ist nur dass es immer ein Spiel bleibt und nicht etwan wieder Ernst
daraus wird Ich bedaure es wenn Sie meinetwegen den Herrn von N ein so
schweres Gebot auferleget haben von der Gesellschaft zu bleiben dieses wird
ihm vermutlich sehr beschwerlich gewesen sein Ich verlange nicht dass er so
eingeschränket werde sonst steht er Ihnen gewiss nicht lange zu Gebote Seine
Gegenwart ist mir niemals beschwerlich so lange ich nichts davon zu befürchten
habe welches ich jetzt nicht vermute Wir werden nächstens einen Besuch in
Kargfeld ablegen ich werde mitgehen um dem Herrn vN eine unschuldige Freude
zu machen Prägen Sie ihm nur ein feines steifes zurückhaltendes Wesen ein
und versichern Sie ihn dass dieses das beste Mittel sei von mir recht viel
freundliche Gesichter zu bekommen
Sie suchen doch auch alle Gelegenheit auf sich lustig zu machen und wenn
Ihnen aller Stoff zu fehlen scheint so sind Sie es über sich selbst das ist
in der Tat ein artiger Charakter der mir gefällt Das Schicksal entferne uns
nie von einander: wenn ich jemals Ihren Umgang vermissen sollte so würde ich
das allerschätzbarste das ich besitze verlieren Weil einmal die Planeten
unter uns einiger lustigen Aufmerksamkeit sind gewürdiget worden so will ich
mir die Freiheit nehmen über eine Stelle des Ihrigen eine Anmerkung zu machen
doch in einen gelehrten Streit lasse ich mich durchaus nicht ein wenn ich auch
einen Preis von einer Akademie der Wissenschaften dadurch zu verdienen wüsste
Was machen Sie Sich für einen seltsamen Begriff von einem lachenden Freier Sie
verstehen darunter einen halbigten Liebhaber der keinen Ernst braucht
Unglückliche Deutung Gehen Sie zum Herrn Lampert und lassen Sie Sich die Sache
erklären er wird es Ihnen ganz anders sagen Sie sind lustig aufgeräumt Sie
lachen gerne gleich und gleich sucht sich Der Mann den Sie einmal glücklich
machen sollen wird in seinem Charakter Ihnen ähnlich sein Sie bekommen einen
munteren aufgeräumten lachenden Freier er Ihnen das Leben so angenehm macht
als Sie es allen die Ihren Umgang genießen zu machen wissen Wollen Sie nun
weiter mit dem ehrwürdigen Sterndeuter zanken der Ihnen so viel gutes
geweissaget hat Es hat mir nicht an Neugierde gefehlet Ihren Planeten ganz zu
lesen und die bösen Schicksale die nach Ihrem Urteile darin sollen
enthalten sein zu erfahren oder ihnen mit einer guten Auslegung zu statten zu
kommen aber da ich eine sehr schlechte und mangelhafte Edition von einem
Kalender habe darin diese unbetrüglichen Weissagungen fehlen so muss ich
wider Willen dem Befehle nachleben Ihren Planeten nicht zu lesen
Tun Sie nur nicht so böse dass ich dem Major etwas von Ihnen vorgeschwatzt
habe Sie urteilen recht dass ich ihn dadurch für seinen Vorwitz habe bestrafen
wollen aber ich bin darin nicht mit Ihnen einerlei Meinung dass ich daran
Unrecht getan habe Ich glaube vielmehr allen Verdacht dadurch von Ihnen
entfernt zu haben Er konnte denken wir hätten von Ihm gesprochen da wir
heimlich mir einander redeten er konnte dieses aber nicht mehr denken da ich
es ihm öffentlich sagte dass wir es getan hätten Wenn es wahr gewesen wäre so
würde ich es ihm gewiss verschwiegen haben Vermutlich sah er es ein dass ich
ihn für seine Neugierde dadurch habe wollen ein wenig büßen lassen sollte es
aber nickt geschehen sein so will ich wenn er mich wieder fragt was wir von
ihm gesprochen hätten meinen Fehler wieder gut zu machen etwas recht schönes
erdenken das Sie zu seinem Vorteile sollen gesagt haben Aber warum dringen
Sie denn so sehr darauf dass ich Ihre Unschuld retten soll Fräulein Fräulein
wenn Sie mir etwas verheimlichen so vergebe ich es Ihnen nicht
Dem Herrn Baron machen Sie mein bestes Kompliment Sagen Sie ihm dass ich
seine guten Bemühungen mir vielem Danke erkenne aber ich bin wenig mit den
Maßregeln zufrieden die er anwendet seine gute Absicht zu erreichen Warum
braucht er so zweideutige Ausdrücke die den Herrn vN entweder gegen mich oder
den Major aufbringen können Wer weiß ob er nicht dadurch in die Versuchung
gerät seinem eignen Kopfe zu folgen und wenn er sich nicht mehr in der Irre
herum führen lässt die rechte Spuhr wieder zu suchen wodurch es ihm an ersten
gelingen könnte sein Vorhaben auszuführen oder doch wenigstens mir Angst zu
machen Ich merke wohl dass der Herr Baron durch die Verzögerung ihn ermüden
will Es ist dieses ein sehr guter Einfall aber wann dem Herrn vN etwas in
den Kopf gesetzt wird das ihn aufbringen kann so verlässt ihn seine Geduld ganz
sicher und er wird hernach alles anwenden sein Schicksal entschieden zu sehen
welches auf der einen oder der andern Seite Verdruss erwecken könnte und diesen
vermeide ich gerne Doch das ist noch nicht alles was mir am wenigsten gefällt
ist dieses dass ich so abgeschildert werde als wenn der Major in besonderm
Ansehen bei mir stünde Ich bin in diesem Stück etwas zärtlich wenn Sie über so
etwas mit mir scherzen so kann ich gleiches mit gleichem erwidern und das
bleibt unter uns wenn aber mehrere Personen an diesem unschuldigen Scherz
Anteil nehmen so entstehet daraus ein Gerüchte und das wünsche ich eben
nicht Die Auslegung über die unschuldige Frage wie sich Ihr Herr Onkel
befände ist höchstleichtfertig Ich lasse mir diesen Scherz desto leichter
gefallen da ein solcher Verdacht dass ich nach einer Erbschaft sollte begierig
sein nicht leichtlich im Ernste von mir wird gefasst werden es kann auch dieser
Einfall in der Absicht in welcher er ist angewendet worden vielleicht von
einigem Nutzen sein Aber ich weiß nicht was ich mit den Ohrenringen anfangen
soll ich kann die Absicht warum der Herr vF mich damit hat beschenken
lassen nicht erraten Sollte es deswegen geschehen damit Ihr Herr Onkel
aufgemuntert würde mir in der Tat ein Geschenke zu machen so würde ich
dadurch in die äußerste Verlegenheit gesetzet werden ich könnte es nicht
annehmen und auch nicht ohne Beleidigung zurück geben ich würde also auf die
eine und auf die andere Art anstossen Über dieses wenn der Herr von N gegen
die Frau vW etwas davon gedächte so würde ich ein scharfes Examen von ihr
auszustehen haben sie würde es nicht glauben dass es nur ein Mährgen ist Sie
wissen was man für Mühe anzuwenden hat ihr etwas auszureden das sie sich zu
glauben oder einzubilden einmal vorgenommen hat Wenn Sie nicht versichert
sind dass ich davon nichts zu befürchten habe so streichen Sie diese Stelle
ganz aus Ich ersehe am Ende des Schreibens an den Herrn vN dass er nur eine
Staatskrankheit angenommen hat Nun bedaure ich ihn desto mehr und wenn es
nicht meine eigne Person beträfe so wollte ich eben das tun wozu Sie Sich
anheischig gemacht haben und alles beitragen seine Wünsche zu erfüllen Den
Augenblick erfahre ich etwas ganz neues der Major bat Befehl erhalten wieder
zu seinem Regimente zurückzukehren Er ist nur vor einer Stunde hier gewesen
und hat es meinem Vater gesagt Ich bin am Ende meiner Gedanken und meines
Briefs und kann in der Eil keinen bessern Ausdruck finden solchen dadurch zu
schlüssen als die Versicherung dass ich Sie mit der aufrichtigsten Zärtlichkeit
liebe
JvW
XI Brief
Das Fräulein vS an das Fräulein vW
den 30 Nov
Das ist zum Todlachen Keinen lustigern Auftritt könnte mein Onkel liefern als
den er im Begriff ist uns sehen zu lassen Vernehmen Sie die große Begebenheit
die sich in wenig Tagen ereignen wird Ich zweifle nicht daran dass das Vorhaben
wirklich ausgeführt wird Es kommt nur auf Sie an und Sie haben Sich einmal
anheischig gemacht das Spiel nicht zu verderben ich halte Sie nun bei Ihrem
Worte Sein Sie stolz auf die Ehre die Ihnen zubereitet wird mein Onkel
beschäftigt sich gegenwärtig Ihren Namen unsterblich zu machen So einer edlen
Bemühung werden Sie nicht widerstehen können ja er wird dadurch Ihr Herz gewiss
erobern Damit ich Sie nicht nach meiner Gewohnheit mit einem langen
Geplaudere aufhalte und Ihre Neugierde die ich schon genug gereizt zu haben
glaube lange quäle so will ich es Ihnen mit einem Worte sagen dass der Herr
vN entschlossen ist eine Akademie der Wissenschaften in Kargfeld zu
errichten die nach Ihrem Namen die Julianen Akademie genannt werden soll Wenn
es nicht ein so gar artiger Spaß wäre so würde ich nicht zugeben dass Ihr Name
gemissbraucht wird doch der Einfall ist zu lustig dass ich mich bemühen sollte
dir Ausführung davon zu hintertreiben Lehnen Sie dem Baron und mir einmal Ihren
Namen um einen Scherz vollkommen zu machen Damit Sie an der Sache vollkommenes
Licht erhalten so hören Sie jetzt meine Erzählung und hernach lesen Sie die
Innlagen meines Briefs Es sind deren viere ein Brief des Herrn Lampers an den
Baron eine Nachricht von der Einrichtung der Julianen Akademie ein Verzeichnis
der Mitglieder die sogleich bei Eröffnung derselben sollen aufgenommen werden
und die Antwort des Barons Ich darf Sie nicht erinnern dass ich mir die
Einschlüsse bald wieder ausbitte Sie wissen dieses schon Lassen Sie Sich es
nun erzählen wie mein Onkel sich diese Gedanken hat einfallen lassen und warum
er so feste darauf beharret sein Vorhaben auszuführen Der Baron fand gut
Ihrer Kritik ungeachtet das Schreiben an meinen Onkel so zu lassen wie er es
entworfen hatte ohne darin das geringste zu ändern Sie sind gar zu zärtlich
und machen sich über Umstände die ich nicht einmal wahrnehme einen Hausen
Bedenklichkeiten Wir sind in Schöntal nicht so gesinnt Der Baron blieb bei
seinem Entschluss und schickte meinen Onkel den Brief so wie Sie ihn gesehen
haben Den Tag darauf machte er ihm in Person einen Besuch um zu sehen wie er
mit dieser Nachricht zufrieden wäre Er nahm sich zugleich vor diese Erzählung
zu vermehren und zu vorbessern wenn er es ratsam finden würde Der Herr vN
ist mit der Art wie Sie seine Glückwünsche sollen aufgenommen haben überaus
vergnügt gewesen Er hat zwar allerlei Betrachtungen angestellet ob die
vergnügten Bucke die der Baron Ihnen bei der Vorlesung der Glückwünsche
angerichtet mehr diesen oder dem Leser zugeeignet werden könnten doch Herr
Lampert der alles gern zu einem Vorteile ausleget hat das erstere so
geschickt behauptet dass alle Zweifel verschwunden sind Sein Vergnügen würde
vollkommen gewesen sein wenn ihm nicht der Punkt von dem Französischen Sonnet
und den demantenen Ohrenringen die Freude sehr gemässiget hätten Ich hätte mich
mit dem Baron zanken mögen dass er durch diese Erdichtung das unschuldige
Vergnügen meines Onkels unterbrochen hat Doch eben dieses hat zu einer neuen
komischen Handlung Gelegenheit gegeben Der Herr v N hat den Baron ersucht ihm
einen Rat zu erteilen wie er diesen tötlichen Streich den sein Gegner durch
ein so glänzendes Geschenke seiner Liebe versetzt zu haben glaubte fruchtlos
machen könnte Der Baron hat die Verwegenheit gehabt ihm das anzuraten was
Sie so sehr fürchten dass er Ihnen ein Geschenke machen sollte das noch zweimal
größer wäre als das Sie von seinem Rival erhalten hätten oder nach seiner
Sprache mich auszudrücken er sollte einen höheren Matador einsetzen Fürchten
Sie nichts dieser Vorschlag ist sogleich verworfen worden Sie kennen meinen
Onkel nicht wenn Sie glauben dass er in die Versuchung geraten dürfte bei
seiner Liebe großen Aufwand zu machen Sie werden nicht leicht durch ein
wichtiges Geschenke von ihm in Verlegenheit gesetzet werden Er ist gewohnt
seine Anschläge die alle ins Große fallen müssen um wenigen Kosten
auszuführen Herr Lampert der unerschöpflich ist an witzigen Erfindungen und
alle Absichten meines Onkels gern mit den seinigen verbindet um sie desto
leichter auszuführen hat seit einiger Zeit ich weiß nicht was für wunderliche
Träume gehabt Kargfeld in einen Sitz der Künste und Wissenschaften zu
verwandeln Ich wünschte dass er so reich an Mitteln als an Anschlägen wäre so
würde er aus diesen Ort gewiss ein Versailles oder Paris machen Sie wissen wenn
mein Onkel geheimen Rat hält dass er darin Sitz und Stimme hat Seine
Einbildungskraft gibt ihm also bei der Unentschlossenheit worin er den Baron
sieht den Herrn vN durch gute Ratschläge zu unterstützen über seinen Gegner
die Oberhand zu gewinnen sogleich ein Mittel an die Hand seinen Gönner aus der
Verlegenheit zu ziehen und dadurch sein Vorhaben das schon einige mal von uns
auf eine spöttische Art ist herumgenommen worden zugleich mit auszuführen Er
wagt es bei einer so günstigen Gelegenheit noch einmal den Vorschlag von
Errichtung einer Gesellschaft der Wissenschaften en Mignature zu erneuern und
solche die Julianen Akademie zu nennen Der Baron dem die geschickte Wendung
des Magisters sein Vorhaben auszuführen und überhaupt das seltsame in diesem
Anschlage gefällt ergreift die Partei des Herrn Lamperts mit einem
angenommene Eifer und stellt dem Herrn vN die Sache aus einem so
vorteilhaften Gesichtspuncte vor dass dieser ihm mit Vergnügen beifällt und die
glückliche Stunde mit Sehnsucht erwartet in welcher sie zur Ehre seiner Göttin
ausgeführet werden soll Lampert hat zu dieser Absicht die Aufsätze verfertigt
welche ich Ihnen hierdurch mitteile
Es ist auch in der Tat nichts geringes und ich beneide Sie bald selber
dass Ihnen zu Ehren eine Akademie errichtet wird Wenn Sie nicht ganz und gar
stoisch gesinnt sind so muss eine solche Ehre den lebhaftesten Eindruck in ihr
Herz machen Der Entschluss meines Onkels ist höchstgrossmütig er als der
Stifter einer Akademie hätte das Recht solche mit seinem Namen zu belegen
aber wie vortrefflich er tut darauf Verzicht um sie einem Frauenzimmer zu
widmen das er liebt Es ist dieses ein so augenscheinlicher Beweis von seiner
Leidenschaft für Sie dass demantne Ohrengehänge und ich weiß nicht was für
Kostbarkeiten damit in gar keine Vergleichung können gesetzet werden
Wenigstens sind dieses die Gedanken meines Onkels und des Herrn Lamperts die
Sie ihnen auch selbst nicht würden abstreiten können Sie dürfen sich nicht
daran stoßen dass diese gelehrte Gesellschaft aus ganz verschiedenen Gliedern
bestehet die ansehnlichsten sind in keinem Teile der Welt anzutreffen außer
nur in einem Romane Doch wenn diese ehrlichen Leute wirklich wären so würden
sie sich sehr wundern dass unsere Schulmeister und Verwalter von ihnen Kollegen
sind Ich habe dieses schon dem Baron vorgeworfen der auch ein Ehrenmitglied
dieser Gesellschaft abgeben wird er hat mir aber versichert dass im Reiche der
Gelehrten in so fern sie nur als Gelehrte betrachtet werden, kein Rang
beobachtet würde sondern dass diese Herren auf einen Fuß mit einander lebten
wie die alten Lacedämonier oder die Brüdergemeine zu Herrenhut daher käme es
dass der Geringste in der gelehrten Republick den angesehensten auf einen
gelehrten Zwiekampf herausfordern dürfte welches sich oft zutrüge die
gelehrten Kavaliers bleiben einander mit der Feder so wenig schuldig als die
Adlichen mit dem Degen In so ferne er sich als einen Gelehrten betrachtete so
sei es keine Schande einen Schulmeister auf der gelehrten Bank neben sich zu
haben Was das schlimmste ist so gehören die meisten Glieder dieser Akademie
nur in sehr uneigentlichem Verstande zu den Gelehrten Doch wie gesagt dieses
alles macht nichts aus weil unter den Gelehrten kein Rang beobachtet wird
Lampert aber ein grundgelehrter Mann alle Mitglieder für gelehrt erkläret hat
so ist diese Akademie so gut als wenn sie aus Staatsministern in Ordensbändern
Prälaten und Superintendenten bestünde und Sie erhalten also dadurch alle Ehre
die Ihnen eine kaiserliche Akademie erteilen könnte wenn sie von Ihnen den
Namen entlehnet hätte Ich verspreche mir vortreffliche Werke von dieser
Gesellschaft und mache mir Hoffnung nicht lange darauf warten zu dürfen wenn
Sie bei dem Entschluss bleiben meinen Onkel zu besuchen Ich könnte meinen Brief
noch ziemlich verlängern wenn ich heute Lust zu plaudern hätte oder mich in
eine ordentliche Beantwortung Ihres Schreibens einlassen wollte ich will aber
beides auf eine mündliche Unterredung spahren Wenn Sie eben so vielen Geschmack
als ich an dem Witze des Herrn Lamperts fänden so würden die Innlagen dieses
Briefs Ihnen zu einem artigen Zeitvertreibe dienen Ich liebe Sie von Herzen
Das sollte eigentlich der Schluss von meinem Briefe sein aber ich erinnere
mich eben jetzt noch an einen wichtigen Punkt den ich nicht mit Stilleschweigen
übergehen kann Sie sagen mir ja auf eine recht ängstliche Art dass der Major
wieder zu seinem Regiment gerufen ist Das hat etwas zu bedeuten Ich hatte Lust
ihn zu einem Mitgliede der gelehrten Akademie meines Onkels aufnehmen zu lassen
und dachte das Vergnügen zu haben ihn sehr schöne Reden halten zu sehen nun
komme ich auf einmal um diese Freude Ich verliere ihn nicht gerne aus der
hiesigen Gegend ich gestehe es Er ist ein lustiger Mann der alles aus sich
machen lässt und um uns etwas zu lachen zu geben gewiss ein gelehrtes Mitglied
der Akademie worden wäre Sie lassen ihn auch nicht gleichgültig abreisen das
ist außer Zweifel Die Art womit Sie mir seinen Abzug verkündigen verrät
einige Unruhe Warten Sie ich habe ein artiges Liedgen gehabt wenn ich es
finden kann so sollen Sie es bekommen ich will es gleich suchen Da ist
es Wahrhaftig es schickt sich vortrefflich auf die Abreise des Majors es passt
aber auch auf Sie wie der Planete Sie haben den Namen Iris von ihrem Anbeter
erhalten recht als wenn sie es mir einander abgeredet hätten das ist lustig
Eine Abschrift davon will ich behalten es sind Virtuosen in der Akademie ich
will einem ein gut Wort geben oder ich will mich in einer Bittschrift an das
ganze Korpus wenden damit es collegialisch componiret wird Die Melodie soll so
rührend ausfallen dass es einem jammern soll der es hört Dichten Sie Sich
unterdessen selbst eine Melodie wenn ich Sie besuche wollen wir dieses kleine
Konzert aufführen Sie spielen und ich singe dabei bleibt es
CHANSONNETTE
Iris il faut partir
Mon coeur rempli de larmes
En quittant tous Vos charmes
Ne sait que devenir
Iris il faut partir
Je men vais à lArmée
Ne soyez pas affligée
Du bruit de nos combats
Ne Vous effrayez pas
Nous saurons nous defendre
Avant que de nous rendre
A de braves François
Ennemis de la paix
Mon cher Damon allez
Ou lhoneur Vous appelle
Ne soyez moins fidelle
Tant que Vous vivrez
Mon cher Damon allez
Ayez soin dune vie
Qui nest pas moins cherie
Et que mon tendre coeur
Aime avec tant dardeur
Komplez sur ma constance
Et ayez lesperance
Quun si parfait amour
Est payé de retour
XII Brief
Vom Herrn Lampert Wilibald an den Herrn vF
den 29 Nov
Wenn es ein Glück zu nennen ist zu einer Zeit zu leben die an großen und
merkwürdigen Begebenheiten fruchtbar ist so sind die jetzigen Bewohner der Erde
allerdings glücklich zu preisen dass sie in einem Jahrhunderte leben das einen
Überfluss an Begebenheiten aufzuweisen hat die die Geschichte dereinst verewigen
wird Ich will nicht an die Helden gedenken die die Kriegskunst auf den
höchsten Gipfel der Vollkommenheit gebracht haben ich will jene großen Männer
die sich am Ruder des Staates einen unvergesslichen Namen gemacht haben in keine
Betrachtung ziehen ich will nur einen Blick auf die gelehrte Welt tun und den
Flor der Wissenschaften beschauen um dazutun dass unsre Zeiten nicht
schlimmer werden wie alle verlebte Leute aus Vorurteil glauben sondern dass
wir in den besten und glückseligsten Zeiten leben
Die Ausbreitung der Wissenschaften gehört ohne Zweifel mit zu den
merkwürdigsten Dingen die unserm Zeitraume ein so glänzendes Ansehen geben Wie
viele große Männer könnte ich nennen wenn es hier der Ort wäre die durch ihre
ausgebreitete Erkenntnis in allen Teilen der Wissenschaften und besonders
durch die Erfindung wichtiger und neuer Wahrheiten sich ein so ehrwürdiges
Ansehen verschafft haben dass sie den berühmtesten Gelehrten aus den
berühmtesten Völkern und in den berühmtesten Zeiten die Woge halten wo sie
solche nicht gar übertreffen Anstatt aller Beweise darf ich nur die Königin der
Wissenschaften wie sie von einigen Gelehrten mit Recht ist genannt worden
oder die Seele aller Künste die herrliche Metaphysik anführen Wie diese
verehrungswürdige Disziplin den Grund aller menschlichen Erkenntnis erhält zu
einer jeden wichtigen Handlung aber die mit Vorsatz ausgeführet wird ein großer
Grad der Erkenntnis gehört so kann sie auch als der Grund aller großen
Begebenheiten die unsern Zeitraum merkwürdig machen angesehen werden. Sie ist
es durch welche die Fürsten weislich regieren die Generale Schlachten
gewinnen Städte in so viel Tagen einnehmen als man ehedem Jahre dazu brauchte
Sie ist es wodurch das Recht der Völker und einzelner Personen entschieden
wird Wie könnte das Recht gehandhabet werden seitdem die Sophisten unsrer
Zeiten die Sachwalter und Advokaten auferstanden sind und der Gerechtigkeit
eine wächserne Nase angesetzet haben wenn die Metaphysik nebst ihrer getreuen
Gespielin der Vernunftlehre die Menschen nicht unterwiesen hätte das Wahre von
dem Falschen und das Licht von dem Schatten zu unterscheiden
Doch die Wissenschaften würden noch lange nicht in dem Glänze stehen
worin sie sich befinden wenn nicht gewisse gelehrte Gesellschaften wären
errichtet worden die mit zusammengesetztem Eifer das Reich der Wahrheiten zu
erweitern sich bemüht hätten Diese verdienen eine besondere Stelle unter den
Vorzügen womit unser Zeitraum für andern Zeiten glänzet Ich habe nur jederzeit
bedauert dass solche gelehrte Gesellschaften bisher meistens in den Residenzen
großer Fürsten ihren Sitz gehabt und nicht auch wie die Musen auf dem Helikon
unter den um sie herumirrenden Schäfern sich niedergelassen haben Hierdurch
würde ihre Nutzbarkeit viel angenehmer worden sein wenn sie sich auch bemüht
hätten die Geringen im Volke und selbst die Erkenntnis; der Landleute zu
erweitern welche doch unstreitig den größten Teil der Erdbewohner ausmachen
Eine geringe Anzahl der Sterblichen weiß alles und der größere Teil befindet
sind in der größten Unwissenheit Diesem Übel abzuhelfen sollte billig die
hohe Landesobrigkeit darauf bedacht sein die Schütze der Wissenschaften welche
die Gelehrten sorgfältig gesammlet haben gleich wie das Geld in Umlauf zu
bringen und allen und jeden davon mitzuteilen Ich habe mir die Intendanz des
gemeinen Mannes jederzeit zu Herzen gehen lassen und mich darüber betrübt auch
auf Mittel gedacht diesem Übel abzuhelfen Schön seit einigen Jahren habe ich
die Gedanken gefasst einem großen Herrn den Vorschlag zu tun Schulen für
Erwachsene die sich den Wissenschaften nicht eigentlich gewidmet haben
anzulegen darin junge Leute so lange unterwiesen werden könnten bis sie
heiraten Insonderheit sollte man sich des schönen Geschlechts besser annehmen
an jedem Orte sollte für erwachsene Mädchen eine besondere Schule angeleget
werden darinnen diese edlen Kreaturen so lange einen Unterricht genössen bis
die Umstände sie nötigten einen eignen Haushalt zu führen Sie sollten in der
Haushaltungskunst in der Weltweisheit Historie Poesie und andern dahin
einschlagenden und dem weiblichen Geschlecht anständigen Künsten und
Wissenschaften teoretisch und praktisch geübt werden damit der Aberglaube
der diesem Geschlechte unsern erleuchteten Zeiten zur Schande noch so sehr
anhänget ausgerottet würde und sie von ihren Pflichten davon diese Hälfte des
menschlichen Geschlechts noch so seichte und unvollständige Begriffe hat eine
vollkommenere Känntniss erhielte Ich wollte mich selbst einer so nützlichen
Bemühung gern unterziehen und mit Vergnügen als einen Lehrer Lebenslang
gebrauchen lassen Doch wie der jetzige landverderbliche Krieg viele
vortreffliche Projekte vereitelt hat so ist es auch diesem ergangen Es wird
dieser herrliche Entwurf noch eine Zeitlang inter pia desideria gehören bis er
einmal in einem ruhigern Zeitpunkte nach dem Wunsche vieler redlicher Männer
ausgeführet wird Inzwischen gereicht es mir zu keiner geringen Freude dass
mitten unter dem Geräusche der Waffen unter dem Schutz meines vortrefflichen
Gönners die Musen die allenthalben verscheucht werden in unsern glücklichen
Gegenden ihre Wohnung aufzuschlagen scheinen unser Kargfeld nimmt an dem Flor
der Wissenschaften und an dem Gluck unsrer Zeiten rühmlichen Anteil In
Zukunft werden nicht allein die Residenzen der Könige mit gelehrten
Gesellschaften prangen auch unsre Gegend wird eine aufzuweisen haben Erlauben
Sie gnädiger Herr dass ich Ihnen an Namen der ganzen gelehrten Republick für
die Sorgfalt Dank abstatte mit welcher Sie meinen Anschlag eine Akademie der
Wissenschaften im kleinen hier aufzurichten unterstützet haben dergestalt dass
das was bisher in meinen Gedanken nur als eine caussa exemplaris existiret hat
nun die Wirklichkeit erhält Wo finde ich Worte meine Freude über diesen
großmütigen und Grandisons Nachfolgern würdigen Entschluss auszudrücken Fast
möchte ich in die Versuchung gesetzt werden mit einem Jüngling aus dem Terenz
auszurufen Ah Jupiter Cest presentement que je mourrois volontiers de peur
quune plus longue vie ne corrompe cette joye par quelque chagrin Mein Gönner
ist von diesem Vorhaben jetzt so eingenommen dass er es je eher je lieber
ausgeführt zu sehen wünschet Seitdem Sie uns gestern verlassen haben ist
dieses sein und mein einziger Gedanke gewesen wiewohl wenn ich dem wahren
Grunde seiner Absichten nachspühre so sind diese nicht so sehr auf die
Ausbreitung der Wissenschaften gerichtet als vornehmlich nur Dero Vorschlag
auszuführen und dem Fräulein vW zu schmeicheln wenn diese neue Akademie nach
Ihr wird benennet werden Dieses tut jedoch der guten Sache keinen Eintrag und
kann als ein Adiaphoron angesehen werden. Wenn Sie es erlauben meine Ahndung zu
entdecken so sehe ich aus dieser Knospe für unser wertes Vaterland sehr viel
gutes hervorkeimen Jedermann auch die geringsten Landleute die weder lesen
noch schreiben können gleichwohl aber in manche Teile der Wissenschaften die
sie ex Praxi erlernen ein tieferes Einsehen haben als spekulativisch Gelehrte
werden dadurch aufgemuntert ihr Pfund aus dem Schweisstuch hervor zu langen
ihre besondere Kenntnis in dieser und jener Sache zu offenbaren und folglich
das gemeine Beste zu befördern Eine glückliche Aemulation wird alle Innwohner
dieser Gegend antreiben wenn sie einige aus ihrem Mittel durch besondere
Ehrenzeichen belohnet sehen die sie durch neue Entdeckungen in allerlei
nützlichen Künsten und Wissenschaften sich erworben haben gleichfalls etwas
neues und besonderes zu erfinden damit sie gleicher Ehre teilhaftig werden
Die Innwohner dieser glücklichen Gegend werden also in einer Zeit von wenig
Jahren klüger sein als an irgend einem Orte dadurch werden andere Provinzen
aufmerksam gemacht und in weniger als einem halben Jahrhunderte wird kein
Kanton kein Amt sein Rittergut auch wohl sein Dorf anzutreffen sein wo nicht
eine Akademie der Wissenschaften gefunden wird Hierdurch wird eine doppelte
Absicht erreicht die unsern Zeiten Ehre macht Die Wissenschaften gewinnen
wenn durch eine unendliche Menge voll neuen Erfahrungen besonders in der
Naturlehre und Haushaltungskunst welche diese gelehrte Gesellschaften auf dem
Lande am ersten anzustellen geschickt sind die Lehrsätze derselben genauer und
richtiger bestimmt werden; der größere Haufen der Menschen wird dadurch
gewinnen wenn durch eine Menge von gelehrten Gesellschaften die Gelehrsamkeit
selbst bekannter und beliebter wird wenn mehrere dadurch gereizet werden die
Wissenschaften kennen zu lernen und sich also das Glück unsrer Zeiten zu Nutze
zu machen Doch ich lasse diese angenehmen Vorstellungen noch eine Zeitlang
ruhen mit mehrerer Begierde sehe ich den Urteilen der Tirannen in der
gelehrten Welt der gelehrten Zeitungsverfasser die sie von unsrer Akademie
fällen werden entgegen Diese Leute die nebst dem Ansehen der Censoren die
Macht der Tribunen besitzen und das gelehrte Rom in ihrer Gewalt haben die
zugleich allen Neuerungen höchst feind sind und nach dem Beispiele der
Schöppenstühle auf Akademien ihre Urteile nach den Aussprüchen ihrer Väter
abfassen werden große Augen machen kann sie die Nachrichten die ich von
unsrer Societät jährlich in Druck zu geben gedenke zu Gesichte bekommen werden
Doch in fine videbitur cujus toni fangen sie nach ihrer löblichen Gewohnheit an
zu bellen und ihre Beurteilungen wider uns abzufassen so sollen sie durch die
Tat widerleget werden wenn sie diese Akademie in ihrem Flor erblicken werden
ist ihr Urteil aber für uns so verdienen sie die Mitglieder von uns zu sein
und diese Ehre soll ihnen auch wiederfahren Wenden Sie alles an vortrefflicher
Mäcen dass ein so wichtiges Project ab dieses ist bald und glücklich zu Stande
kommt Sie haben den Sachen der ersten Schwung gegeben bringen sie auch solche
nun zur Vollkommenheit Mein unmasgeblicher Rat dabei wäre dieser dass noch zur
Zeit ein Geheimnis daraus gemacht würde damit ein so ehrwürdiges und
ansehnliches Gestifte besonders für den Spöttereien des Fräuleins vS und dem
Gifte der Frau vW gesichert bliebe und überhaupt weder ein tadelsüchtiger
Momus noch ein verläumderischer Zoilus sein Mütgen daran kühlen könnte Die
Ausführung dieses Anschlags gleicht jetzo einer zarten Pflanze die der
geringste raue Wind ersticken kann die aber wenn sie einmal beklieben ist
auch die härtesten Stürme verachtet Eu Gnaden übersende ich hierdurch den
vorläufigen Plan der zu errichtenden Societät nebst dem Verzeichnis der hierzu
erwählten Mitglieder welche beiden Stücke ich meinem Gönner vorzulegen die Ehre
haben werde so bald sie von denenselben sind gut geheißen worden Gedrungen
durch eine Menge von Geschäften die durch dieses neue Departement der Akademie
bei nur vermehret werden muss ich hier meinem Schreiben ein Ziel setzen wenn
ich vorher mir die Erlaubnis genommen Eu Gnaden zu versichern dass ich nie
aufhören werde zu sein
Dero
untertäniger Diener
MLW
Entwurf einer auf dem Hochadlichen Rittersitze Kargfeld zu errichtenden kleinen
Sorbonne oder einer gelehrten Gesellschaft welche den Namen der
JulianenAkademie führen wird
Obwohl das Geschlecht der Gelehrten sich heutiges Tages so vermehret hat
dass diese Republick wenn sie nicht durch innerliche Krankheiten und Spaltungen
wie das persische Reich immer getrennet und geschwächt würde allen Potentaten
höchst fruchtbar sein würde und daher aus Staatsabsichten die Gränzen des
gelehrten Reichs mehr eingeschränkt als ausgebreitet werden sollten so wird man
doch gewahr dass es vielmehr noch täglich zunimmt und zahlreicher wird indem
sich immer mehr und mehr Beförderer der Gelehrsamkeit in unserm gelehrten
Jahrhunderte finden die wie die Herren Kommissarien von Pensylvanien unter
fremden und den Musen bisher unbekannten Himmelsstrichen neue Kolonien von
Gelehrten errichten und den Altären der Pallas mehrere Verehrer verschaffen
Unter diesen Freunden der Gelehrten gehört billig ein vorzüglicher Platz für
Se Gnaden den Herrn vN ErbLehn und Gerichtsherrn auf Kargfeld und
Dürrenstein etc Welcher nach reiflicher und genauer Überlegung der Sache und
nach eingeholtem Gutachten vieler verständigen Leute entschlossen ist
erstbenennten seinen Rittersitz den Musen als ein Eigentum zu widmen und eine
Akademie der Wissenschaften im Kleinen daselbst anzulegen Da Hochderselbe nun
im Begriff ist solche eröffnen zu lassen so hat man nicht ermangeln wollen
solches hierdurch öffentlich bekannt zu machen damit auswärtige Gelehrte die
Lust haben zu Mitgliedern davon aufgenommen zu werden solche kennen lernen und
sich in Zeiten durch eine gelehrte Abhandlung die sie an innenbenannten
beständigen Secretair derselben einschicken und dadurch zur Ehre eines
Mitglieds sich melden worauf sie nach genauer und unparteiischer Prüfung ihrer
Arbeit sich der Aufnahme gewärtigen können Die Einrichtung dieser gelehrten
Societät ist folgende
1 Es werden darin keine andre als Mannspersonen zu Mitgliedern
aufgenommen Denn ob man wohl anfänglich entschlossen war auch das schöne
Geschlecht an diesem Instituto Anteil nehmen zu lassen besonders da das
Frauenzimmer zu allen Künsten und Wissenschaften vorzüglich geschickt ist auch
zum Teil die Schönen in der Gelehrsamkeit bei schlechtem Unterricht es sehr
weit bringen dergestalt dass wenn auf sie eben die Sorgfalt gewendet würde als
auf unser Geschlecht die bärtigten Gelehrten gegen die gelehrten Schönen nur
arme Schächer sein würden so hat man doch das Frauenzimmer von dieser Ehre in
so fern gänzlich ausgeschlossen dass sie niemals in der Akademie wegen
besorglicher Zänkereien auch neuen Ketzereien in den Wissenschaften wozu sie
ein ganz besonderes Talent haben wie dieses aus den Verzeichnissen ketzerischer
und schwärmerischer Weiber zu ersehen Sitz und Stimme erlangen sollen Jedoch
wird dem jedesmaligen Präsidenten und übrigen einheimischen Mitgliedern
freigelassen gelehrte und durch gemeinnützige Schriften bekannte Frauenzimmer
zu Ehrenmitglieder zu erklären
2 Es gibt zweierlei Arten von Gelehrten einige treiben die
Wissenschaften als ein Handwerk und nähren sich davon welche der gemeine Mann
Studirte nennt sie selbst geben sich den Namen literati andere erlangen eine
deutliche Erkenntnis nützlicher Dinge durch die Übung oder durch eignen Fleiß
Diese letztern werden Avtodidacti genennt weil sie nicht zünftig sind und von
den gelehrten Meistern für Pfuscher und Bönhasen angesehen werden. Ob nun gleich
zugegeben wird dass diese ehrlichen Leute in der gelehrten Republik unter die
Hintersiedler gehören so ist doch kein Grund vorhanden sie aus solcher ganz und
gar zu verstoßen und mithin wird man auch keinen angeben können ihnen den
Zutritt zu unsrer neuen Akademie zu versperren Aus dieser Ursache werden auch
Unstudirte wenn sie nur eine gute Erkenntnis nützlicher Dinge besitzen als
nützliche Mitglieder in derselben ihren Platz finden
3 Die zu errichtende Akademie ist nicht einer Wissenschaft allein
gewidmet folglich ist sie keine Akademie der Bildhauer der Mahler der
Wundärzte oder der Naturlehrer sie wird sich mit allen Wissenschaften und allen
Teilen derselben beschäftigen damit dieses aber alles in seiner Ordnung und
Masse geschehe so soll
4 dieselbe in drei Klassen abgeteilet werden Die erste ist der höheren
Philosophie gewidmet wohin alle abgezogene Wahrheiten gehören sie mögen in
einer Wissenschaft ihren Sitz haben in welcher sie wollen Hier sollen auch
insonderheit die wichtigsten philosophischen Streitigkeiten untersucht und
entschieden werden zB Der zureichende Grund die beste Welt die
vorhergeordnete Übereinstimmung der Seele und des Leibes die wahre Gestalt der
Monaden und des mathematischen Punctes usw Lauter Dinge die die menschliche
Glückseligkeit in der Welt auf den höchsten Gipfel zu setzen fähig sind Die
zweite Klasse beschäftigt sich mit der praktischen Philosophie hauptsächlich
mit der Naturlehre und Haushaltungskunst Die dritte gehört für die sogenannten
schönen Wissenschaften Hier werden Sprachen Antiquitäten Historie
Zeitrechnungen die Wappenkunst Geschlechtsregister die Tonkunst und
dergleichen untersucht erörtert und in ein helleres Licht gesetzt auch
hauptsächlich die Redekunst und Dichtkunst getrieben
5 Nach der hergebrachten Gewohnheit gelehrter Societäten werden die
Mitglieder dieser Gesellschaft in ordentliche und Ehrenmitglieder abgeteilet
6 Die ordentlichen Mitglieder sind verbunden zu gewissen Zeiten etwas
auszuarbeiten Diejenigen, welche nicht über drei Stunden von der akademischen
Versammlung sich aufhalten müssen wann sie nicht Ehehaften haben jedesmal
Mittewochs um zwei Uhr Nachmittage in Person und zwar um allen unnötigen
Auswand zu vermeiden zu Fuße erscheinen die aber weiter von hier wohnen sind
nicht verbunden bei den ordentlichen wöchentlichen Versammlungen gegenwärtig zu
sein jedoch müssen sie jährlich auf ihren Namens oder Geburtstag einen
schriftlichen Aufsatz einsenden und dafür werden sie wenn ihre Arbeit Beifall
findet eine Belohnung erhalten Die Ehrenmitglieder werden mit aller Arbeit
verschonet jedoch damit sie für diese Freiheit auch wiederum ein Onus haben so
sind sie gehalten realiter etwas zur Ausbreitung dieser Societät und folglich
des ganzen Reichs der Gelahrheit beizutragen Man wird ihnen unter den Fuß
geben oder gleichsam ein stillschweigendes Gesetz auferlegen in ihren letzten
Willen diese Gesellschaft reichlich zu bedenken Dafür haben sie aber nach ihrem
Tode zuverlässig eine Lobrede zu erwarten auch wird man nach Beschaffenheit
ihrer guten Gesinnungen sich entschließen ihr rühmliches Andenken jährlich zu
erneuern
7 Nach dem vortrefflichen Beispiele des Herrn Karl Grandisons Baronets
welcher in dem glücklichen Brittannien alle Bewohner seiner Herrschaften
gleichsam zu Akademisten gemacht hat indem er eine Art von einer Societät
errichtet hat worinnen anstatt magerer teoretischer Untersuchungen practische
Redner auftreten die durch wirkliche Beweise ihres Fleißes in Erfindung und
Verbesserung nützlicher Dinge einer Belohnung sich würdig machen hat der
vortreffliche Stifter dieser neuen Akademie der Wissenschaften gleichfalls
beschlossen die Mitglieder welche sich durch vorzügliche Proben ihrer
Geschicklichkeit hervortun auch durch gewisse ausgesetzte Preisse oder
Ehrenzeichen von andern zu unterscheiden Es ist zwar für jetzo nicht ratsam
erachtet worden nach dem Beispiele der Neuern durch goldene und silberne
Schaupfennige Preissschriften zu krönen vielmehr wird man hierinne die Alten
sich zum Muster vorstellen Wie man bei den Olympischen Spielen die Sieger nur
mit einem Kranze beschenkete der von ihnen höher als ein goldener Berg
geschätzet wurde so dass große Prinzen nach dieser Ehre strebten so sollen auch
die Belohnungen dieser neuen Akademie auf diesen Fuß gesetzet werden dergestalt
dass zB die Dichter mit frischen Kränzen von Eichenlaube gekrönet werden die
Redner welche sich wohl gehalten haben sollen ein paar Handschuhe oder Perucken
bekommen die welche in der Wirtschaft etwas besonders leisten werden einen
Kranz von Fruchtähren und Feldblumen nach ländlicher Weise erhalten dergleichen
die Schnitter nach der Erndte verfertigen Denenjenigen welche sich in der
Komposition musikalischer Stücke überhaupt in der Tonkunst oder der
Beurteilung derselben hervor tun soll aus einem besonders dazu gewidmeten
Gesellschaftsbecher der Ehrenwein gereichet werden usw
8 Damit es endlich dieser Akademie auch nicht an einem Namen fehle so
soll sie aus besonderen und wichtigen Ursachen die Julianen Akademie benennet
auch sollen jährlich wenn bei jetzigen schweren Zeitläuften ein Verleger zu
finden ist die Schriften und Progressen derselben durch den Druck bekannt
gemacht werden Verfertiget auf dem hochadlichen Rittersitze Kargfeld den 29
Nov 17
L Wilibald
Lib artium
Verzeichnis der großmütigen Gönner Musageten und Gelehrten welche bei
Eröffnung der Julianen Akademie zu Mitgliedern derselben sind aufgenommen
worden
Herr Ehrhard Rudolph vN Erb Lehn und Gerichtsherr auf Kargfeld und
Dürrenstein etc Stifter und zukünftiger Protector der Akademie
Herr Hanns George vW ist wegen seiner beiwohnenden Gelehrsamkeit und hohen
Meriten zum Präsidenten und Obervorsteher derselben ernennet worden
Herr L Wilibald wird die Stelle eines Oberältesten und Erzschreinhalters
oder beständigen Secretärs versehen
Vornehme Mitglieder
Herr Karl Grandison Baronet Lord L Lord G Herr Richard Beauchamp Baronet
Herr Reeves Esq D Bartlett Herr Dobson Pfarrer in Grandisonhall allesammt
in England Herr Baron vF Herr Rittmeister vH nebst dessen zween Herren
Brüder allesammt in Deutschland Herr vS gegenwärtig in Strassburg
Ordentliche Mitglieder
Die Klasse der höheren Philosophie vacat Die Klasse der Naturlehre und
Haushaltungskunst Herr Peter Bornseil ehemaliger hochadlicher Verwalter
Michael Obentraut jetziger Verwalter in Wilmershaussen Herr Martin Schiesslink
hochadlicher Förster Herr Nicolaus Brunnhold hochadlicher Bader Hanns Sachs
wohlmeritirter Schultheiß zu Kargfeld
Nota Herr Pastor Wendelin hat die Ehre eines ordentlichen Mitgliedes verbeten
und die ganze Konfraternität aufrührisch gemacht Vermutlich ist ein
kleiner Rangstreit die Ursache hiervon es scheint dass sie dem
Oberältesten nicht gern nachstehen wollen doch dieses wird sich mit der
Zeit schon geben
Die Klasse der schönen Wissenschaften Herr Wendelin hochadlicher
Gerichtsactuarius Herr Lorenz Lobesan Ludimagister und Schulobrister zu
Kargfeld Herr Fittich Kantor zu Schöntal nebst dem Kantor zu Wilmershaussen
und dem Schulmeister zu Dürrenstein
XIII Brief
An Herrn Lampert Wilibald von dem Herrn vF
den 30 Nov
Sie haben meine Erwartung nicht getäuschet Ihr Entwurf einer Akademie ist
vortrefflich ich habe ihn nicht so bald gesehen als ich ihn auch sogleich
gebilliget habe Vergönnen Sie werter Freund dass ich bei allem Hasse gegen
die Vorurteile ein einziges für Sie beibehalte Ich bin von Ihnen ganz
eingenommen doch bin ich es nicht allein jedermann hat für Sie in unsrer
ganzen Gegend ein günstiges Vorurteil und daher kommt es wie ich glaube dass
alles was Sie unternehmen Beifall findet Sie erzeigen mir viel Ehre dass Sie
Ihren Entwurf der zu errichtenden gelehrten Gesellschaft nebst einen
Verzeichnis der Mitglieder meiner Censur überlassen Wenn Sie dabei die Absicht
gehabt haben mich zum ersten Bewunderer Ihrer Unternehmungen zu machen so habe
ich Ursache Ihnen verbunden zu sein Wenn Sie aber von mir Verbesserungen Ihrer
Einrichtung erwartet haben so haben Sie es nicht getroffen Ich muss Ihnen das
Geständnis nochmals wiederholen dass alles was Sie unternehmen meinen Beifall
hat Ich würde überdieses meine Sphäre übersteigen wenn ich Ihren Entwurf als
die Arbeit eines vortrefflichen Meisters der sieben freien Künste verbessern
wollte ich der ich nicht in einer freien Kunst Meister bin Jedoch wenn Sie
durchaus mein Urteil verlangen so kann ich versichern dass ich nie etwas
schöneres weder aus den alten noch neueren Zeiten zu Gesichte bekommen habe Die
Einrichtung Ihrer Akademie ist vortrefflich und ich verspreche mir davon nicht
nur so viel gutes als Sie Sich ahnden lassen meine Einbildungskraft scheint
noch lebhafter zu sein als die Ihrige In meinen Gedanken ist es so gut als
ausgemacht dass Sie in kurzer Zeit als ein zweiter Melanchton communis doctor
germaniae sein werden Ja ich sehe in meiner angenehmen Vorstellung Kargfeld
schon in ein Athen verwandelt Ich gehe Stundenlang in meinem Zimmer mit einer
lächelnden Mine auf und nieder wenn ich in diesen Enthusiasmus gerate und
alsdenn wirkt meine Einbildungskraft so lebhaft dass ich weder höre sehe
schmecke fühle noch rieche und wenn mir wie den Ritter Marino eine glühende
Kohle auf dem Fuß fiele so würde ich es eben so wenig als dieser empfinden Ich
verwandele das Schloss des Herrn vN in ein prächtiges Atenäum die Versammlung
der Gemeinde unter der Linde wird ein ehrwürdiger Areopagus der Kirchturm eine
Sternwarte das Wirtshaus eine Realschule und es fehlt mir nichts als der
Zauberstab der Circe um allen diesen schönen Vorstellungen die Wirklichkeit zu
geben Sie haben meinen Ehrgeiz nicht wenig geschmeichelt dass Sie mir unter
dieser gelehrten Gesellschaft auch einen Platz angewiesen haben Ob ich gleich
unter so vielen großen berühmten und gelehrten Männern keine bessere Figur
spielen werde als der leidige Vetter Eberhard unter den Grandisonen so werde
ich mich doch aufs äußerste bestreben weil ich der Akademie nicht durch einen
berühmten und gelehrten Namen ein Ansehen machen kann auf eine andere Art etwas
zu ihrer Verherrlichung beizutragen Sie können es glauben dass es mir ziemlich
schwer angekommen ist bei gesunden Tagen mein Testament zu machen Dieses
stillschweigende Gesetz das Sie den Mitgliedern der neuen Akademie auferleget
haben hat mir viele Überwindung gekostet ehe ich mich stark genug fühlte es
zu erfüllen Ich will Ihnen nur meine Schwachheit gestehen ich nahm mir mehr
als einmal vor lieber diese Ehre zu entbehren als mich mit den fürchterlichen
Gedanken von Errichtung meines Testamentes zu quälen Sie wissen dass es
gemeiniglich für ein böses Anzeichen gehalten wird wenn man seinen letzten
Willen aufsetzt und dass es vielmals eingetroffen hat dass solche ehrliche Leute
bald darauf gestorben sind Ich habe nicht Lust mich zur Reise in die andere
Welt schon fertig zu halten und hieraus können Sie schlüssen dass ich nichts
weniger wünsche als dass der Akademie zum Besten mein letzter Wille bald
erfüllt werde Ich habe Lust den Ausgang des Krieges zu erleben nicht aus
Verlangen ein Greiss zu werden sondern um zu sehen ob die gerechte Sache
triumphiret Allein verlassen Sie Sich darauf mein Testament ist gemacht die
Akademie ist reichlich bedacht und ich habe die Ehre dieses stillschweigende
Gesetz zuerst erfüllt zu haben Jedoch damit Niemand Anlass bekomme sich an mir
zu versündigen und auf meinen Tod zu hoffen so will ich Ihnen nicht verhalten
dass ich ausdrücklich verordnet habe dass alles das Gute welches ich der
Akademie zugedacht ihr nur alsdenn zu statten kommen soll wenn ich nach
Einweihung derselben noch volle dreißig Jahre das Jahr zu zwölf Monaten den
Monat zu dreißig und ein und dreißig Tagen den Tag zu vier und zwanzig Stunden
gerechnet werde gelebet haben Sollte mir aber unter der Zeit etwas
menschliches widerfahren so mag die Gesellschaft sich daran begnügen an mir
einen großen Verehres ihrer Einrichtung gehabt zu haben ohne eine Beisteuer zu
erwarten
Es hat Ihnen gefallen mir ein geheimnisvolles Stillschweigen aufzulegen und
mir zu verbieten jemanden etwas von dem Anschlage das unwissende Kargfeld zu
einem Sitze der Wissenschaften zu machen das geringste zu entdecken verzeihen
Sie werter Freund dass ich dieses Gesetz übertreten habe Sie haben eine
Gelübde getan wie Sie sagen Ihrem Gönner alle Ihre Geheimnisse anzuvertrauen
ich habe seit meiner Heirat mir gleiches auferleget in Ansehung mein Frau
Jetzt gäbe ich den besten Gaul aus meinem Stalle darum wenn ich diese voreilige
Gelübde wieder zurück nehmen könnte Ich habe Ursache mich für den glücklichsten
Ehemann zu halten das will ich niemals leugnen aber wenn mein Glück allein auf
der Verschwiegenheit meiner Frau beruhete so würde es sehr mäßig sein Ihnen
muss ich es zum Lobe nachsagen dass sie durch Ihren höchstvortrefflichen
Unterricht dafür ich Ihnen noch unendlich verbunden bin ein sehr vollkommenes
Frauenzimmer werden ist allein die Natur der Frauenzimmer ist unveränderlich
sie sind alle ohne Ausnahme eben so begierig Heimlichkeiten zu erfahren als
geneigt sie auszuplaudern Um meinem Gelübde ein Genüge zu leisten hatte ich
meiner Frau Ihren Anschlag nicht so bald entdeckt als Fräulein Amalia von allem
aufs genaueste unterrichtet war Sie wissen wie die beiden Schwestern einander
lieben Hätten Sie kein Geheimnis daraus gemacht so würde ich ohne
Schwierigkeiten die Sache haben verschweigen können Doch machen Sie Sich keine
Sorge ich habe schon vorgebauet das Fräulein hat überdieses so viele
Hochachtung für ihren ehemaligen Lehrer dass sie ihrer mutwilligen Ader
ungeachtet die sich bei ihr mehr als bei Charlotten zu regen scheint alles in
ihrem Herzen billiget was sich von diesem herschreibt Wenn sie auch gleich
Ihre Entwürfe manchmal aus einem lächerlichen Gesichtspunkte betrachtet so ist
sie doch weit entfernt sich Ihnen in der Tat zu widersetzen Ich will Ihnen
nach meiner Aufrichtigkeit das merkwürdigste von ihren Urteilen hierüber
entdecken Sie ist höchstunzufrieden dass das schöne Geschlecht von der Ehre
ausgeschlossen ist unter die Mitglieder der Akademie aufgenommen zu werden sie
sagte dass sie dieses von der Hochachtung die Sie jederzeit gegen die Schönen
hätten blicken lassen ganz gewiss erwartet hätte dass Sie aber nun gegen Sie
sehr aufgebracht wäre und alles anwenden wollte um im Namen aller Frauenzimmer
sich an Ihnen aufs nachdrücklichste zu rächen Sie hat einen bösen Anschlag
Ihre Liebste die Tochter des Pastor Wendelins Ihnen abspänstig zu machen und
sie meinem Gerichtshalter zuzuschanzen Ich traue Ihr zwar diese
Leichtfertigkeit nicht zu doch sagte sie dieses mit einem so ernstaften
Ansehen dass ich Sie warnen will auf Ihrer Hut zu sein damit Ihnen unser Ihren
gelehrten Zerstreuungen Ihre Beute nicht entführet wird Sie hat noch hundert
andere Anschläge im Kopfe Sie zu kränken Dächten Sie es wohl dass sie sich hat
einfallen lassen nach Ihrem Beispiele eine Frauenzimmerakademie zu stiften In
der ersten Hitze erklärte sie zwar nach Gewohnheit der Leute die in das innere
der Wissenschaften keine Einsicht haben die ganze Einrichtung Ihrer gelehrten
Gesellschaft für pedantisch aber hernach wurde sie anderes Sinnes und nahm sich
vor Ihnen nachzuahmen Diese Frauenzimmerakademie soll unterdessen auf einen
ganz andern Fuß gesetzt sein es werden keine gewisse Klassen darin Statt
finden sie glaubt dass diese aus den Schulen oder Lotterien entlehnet sind und
beiden ist sie gram den ersteren weil sie nicht ohne Entsetzen an die
sträflichen Gesichter gedenken kann die Sie ihr ehemals sollen gemacht haben
und nun die Schulen für das Element der Pedanten hält die letztern hasset sie
weil sie jederzeit verliehrt ob sie gleich die artigsten Devisen wählt Den
Entwurf hat sie um weniger Mühe zu der Frauenzimmerakademie verfertigt als Sie
den ihrigen und das ist auch ganz leicht zu begreifen eine Kopie ist leichter
zu verfertigen als ein Original Sie soll nur den schönen Wissenschaften
gewidmet sein das Fräulein will aber weder Zeitrechnung noch Kritik darunter
rechnen sondern nur solche Künste die in den Augen der Frauenzimmer schön
sind das sind die Wissenschaften neue Moden zu erdenken neue Brühen zu
verfertigen neue Lustbarkeiten für das Frauenzimmer zu erfinden folglich
werden in dieser Akademie Putzmacherinnen Räterinnen Köchinnen und alles was
sich auf innen endiget zu Mitgliedern aufgenommen werden selbst die
Zigeunerinnen die aus der Koffeetasse prophezeihen oder aus der Hand und der
Stirn gut Glück prophezeien nicht ausgeschlossen Ich habe ihr angeraten diese
Gesellschaft eher das Rathaus der Weiber zu nennen als eine Akademie damit
unsere Gegend die durchaus dem gelehrten Rom ähnlich werden soll auch darin
demselben nicht ungleich sei Das männliche Geschlecht soll zwar nie Sitz und
Stimme darinnen haben doch sollen diejenigen von unserm Geschlecht welche zum
besten der Frauenzimmer arbeiten und in ihrer Kunst etwas besonderes leisten zu
Ehrenmitgliedern aufgenommen werden Süße Herren Paruckenmacher Schneider
Schuster und alle die durch weisen Rat oder durch die Tat etwas beitragen den
Reiz der Schönen zu erhöhen werden das Diploma erhalten Ich habe mich bemüht
ihr zu beweisen dass eine solche Geschaft nicht unter die gelehrten Societäten
wie Sie eine zu errichten im Begriffe sind gehörte wir hielten eine scharfe
Disputation miteinander Sie verlangte einen Beweis warum diese ehrlichen
Leute für welche sie eine Akademie anlegen will nicht eben sowohl unter die
Gelehrten zu rechnen wären als der Bader Nikolaus und der Schulmeister zu
Kargfeld Ich verschwendete alle möglichen Distinctionen um ihr diesen Irrtum
zu benehmen und ihr den Unterschied unter einem Koch Peruckenmacher und einem
Bader oder Schulmeister recht deutlich zu machen allein ich konnte nichts
ausrichten Ich wollte lieber dreimal Doktor werden als wieder mit einem
Frauenzimmer disputiren Ihnen ist es vermutlich vorbehalten das Fräulein zu
überzeugen ich habe deswegen den Streit unentschieden gelassen um in ihrem
Amte keinen Eingriff zu tun Ich sehe dieser Entscheidung mit eben so vielen
Vergnügen als der Eröffnung Ihrer Akademie entgegen Wenn es Ihnen mit dieser so
wohl gelingt als mit den Versen bei Fräulein Julgen so sind Sie nicht mit Gelde
zu bezahlen Leben Sie wohl vortrefflicher Barde ich bin
Ihr
werter Freund
vF
XIV Brief
Das Fräulein vW an das Fräulein vS
den 1 Dec
Gestern Abend ist hier einschrecklicher Diebstahl verübet worden Das ist
nichts neues werden Sie denken bei Erblickung dieser Zeilen es sind heute
Steckbriefe hier gewesen Ein Knecht stiehlt einem Alten sein Geld und ein
Pferd um mit seinem Raube desto geschwinder fortzueilen das wird der Innhalt
eines weitläuftigen Briefes meiner Freundin an mich Ich glaube das Mädchen
wird mir noch Mordgeschichte erzählen Das wäre mir recht dass ich mich an
solchen nichtswürdigen Dingen blind lesen sollte Ich wette das sind Ihre
Gedanken gewesen bei Eröffnung meines Briefes Ich habe großes Mitleiden mit dem
armen Manne der vergangene Nacht einen Teil seines Vermögens verloren hat
allein Sie haben sich geirret es war weder meine Absicht Ihnen eine
unglückliche Begebenheit die Sie vermutlich schon wissen zu widerholen noch
weise Betrachtungen darüber anzustellen Diese darf ich nur anbringen wenn ich
wünsche dass meine Briefe sollen ungelesen bleiben Es können sich an einen Orte
und zu gleicher Zeit Begebenheiten von einerlei Art zutragen dieses ist
wirklich hier geschehen Es ist gestern ein doppelter Diebstahl hier verübet
worden aber nicht von einer Person noch in einem Hause Von dem geringeren
spricht jedermann es ist darüber ein Unglück in dem Orte als wenn eine Million
aus einem königlichen Schatz wäre entwendet worden der größere ist nicht einmal
bei den Gerichten angezeiget worden der Dieb ist noch hier und hat die
Verwegenheit mit seinem gestohlnen Gute sich groß zu machen Denken Sie nur über
die Begebenheit Ich erhielt gestern Ihren Brief nebst den verschiedenen
eingeschlossenen Schriften etwas späte Ich war begierig diese zu lesen und nahm
mir vor das beigelegte Liedgen bis zuletzt zu versparen nicht als einen
leckerhaften Bissen den man verzehret wenn man schon satt ist, sondern weil
ich den Innhalt bereits aus Ihrem Briefe erriet Ich war noch nicht ganz fertig
mit Lesen da ich gerufen wurde und sorgte dafür alles in Sicherheit zu bringen
ehe ich das Zimmer verließ aber das Liedgen das ich in das Klavier geleget
hatte vergaß ich unglücklicher Weise Ich war nicht gerade in das Speisezimmer
gegangen sondern ich hatte noch eins und das andere im Hause zu besorgen Diese
Verzögerung macht dass der Major welcher gegen Abend wieder zu uns kommen war
selbst auf meine Stube geht um mich herunter zu führen und wie er mich nicht
findet und mein Klavier offen steht so spielt er etwan ein Stückgen und findet
das Liedgen Der Innhalt hat ihn vermutlich bewogen es zu sich zu nehmen ich
habe den Verlust auch nicht eher gemerket als heute früh da ich es lesen
wollte Ich bin in einer entsetzlichen Verlegenheit deswegen und weil ich den
Innhalt davon aus Ihrem Schreiben schlüssen kann so werde ich mich heute nicht
für den Major können sehen lassen ohne rot zu werden Ich wollte lieber einen
Dieb den ich mit Steckbriefen könnte verfolgen lassen in meinem Zimmer gesehen
haben als einen dem ich nicht einmal seinen Diebstahl Schuld geben oder ihn
der Obrigkeit zur Bestrafung in die Hände liefern darf Erweisen Sie mir doch
mein liebes Fräulein einen zwiefachen Gefallen ich bitte Sie geben Sie mir
wegen meiner Unachtsamkeit einen derben Verweis und schicken Sie mir aufs
eiligste eine andere Abschrift des Liedgens damit ich daraus sehe ob ich meine
Unruhe zu vermehren oder zu vermindern Ursache habe Gewissermassen wäre ich
berechtiget mit Ihnen zu schmälen dass Sie mir durch Ihre Leichtfertigkeit ein
solches Unheil zugezogen haben Wenn ich es tun wollte oder Herzhaftigkeit
genug besäße so hätte ich keine unrechte Erfindung im Kopfe mich ein wenig an
Ihnen disfalls zu rächen Ich dürfte den Major über seinen Raub nur zur Rede
setzen ich könnte ihm sagen ich wäre im Begriff gewesen Ihnen seine Abreise
zu melden und weil ich glaubte dass Sie Sich darüber betrüben würden so hätte
ich Ihnen zum Trost das Liedgen mitschicken wollen das er in meinem Klavier
gefunden Wahrhaftig ich muss Ihnen diesen Streich spielen um mich aus dem
Handel zu ziehen Er dürfte wenn ich ein gänzliches Stillschweigen beobachtete
auf die Gedanken geraten als wenn mir seine Abreise so nahe ging dass ich ihm
zu Ehren ein Abschiedsliedgen hervorgesuchet hätte Es ist am besten dass ich
ihm diese ungegründeten Gedanken benehme und die Sache für einen Scherz
ausgebe den ich mit Ihnen habe treiben wollen
Sie bedauern dass Sie durch die Abreise des Majors um das Vergnügen kommen
ihn zu einem Mitgliede in der Akademie des Herrn vN aufnehmen zu lassen um
sich an den schönen Reden die Sie ihn haben wollen halten lassen zu erbauen
Sie können diese Freude noch haben er wird sich noch einen ganzen Monat hier
aufhalten Allein wenn Sie ihn auch zu einem Mitgliede ernennen ließ so
würden Sie doch keine Reden von ihm hören er würde vermutlich ein
Ehrenmitglied werden Soviel ich aus dem Aufsatze des Herrn Lamperts ersehen
habe gehören nur Pachter und Schulmeister unter die ordentlichen Mitglieder der
neuen Akademie Ich habe mich über diesen Entwurf und über die Art wie er soll
ausgeführet werden überaus vergnügt Weil ich mich eben so gar sehr darein
vertieft hatte ging es mir wie es den tiefsinnigen Leuten zu gehen pfleget da
ich dachte ich hätte alles aufs beste gemacht hatte ich das vornehmste
vergessen und mich nicht darauf besonnen das Pappier mit dem Liedgen in meinen
Schrank zu schließen Ich will Ihnen Ihre Lust nicht verderben und es beruhet
nur auf Ihnen weint Sie die Akademie wollen eröffnen lassen Sie dürfen mich
nebst meinen Eltern nur einladen Weil der Herr Baron selber eine Stelle unter
den Mitgliedern einnehmen will so habe ich nichts darwider einzuwenden dass Sie
meinem Vater die Präsidentenstelle zugedacht haben Ich errate Ihren sehr
leichtfertigen Bewegungsgrund hierzu und Sie tun sich vermutlich auf diesen
Einfall viel zu gute mir als einer Tochter würde es aber sehr übel anstehen
wenn ich mit Ihnen zugleich lachen wollte diese Ernsthaftigkeit werden Sie mir
aber gewiss vergeben Der Herr F hat in seinem Schreiben all den Herrn Lampert
eine sehr lebhafte Satyre angebracht über die seltsamen Anschläge desselben
Der Entwurf einer Frauenzimmerakademie der Ihnen angedichtet wird macht den
seinigen sehr lächerlich und wenn er dieses nicht einsiehet so hat er nicht
Ursache sich für scharfsinnig zu halten wenn er es aber merkt dass er Ihnen nur
zum Spiele dienen muss woran ich nicht zweifele so wird alles dadurch
rückgängig werden und Sie kommen um alle die schönen Reden die Sie erwarten
Jetzt hat mich eben der hiesige Kantor verlassen der mich wie Sie wissen
im Klavier unterrichtet ich bin dadurch an der Vollendung meines Briefes
gehindert worden und nun mag er auch eine Stelle darin einnehmen Er
entdeckte mir als ein großes Geheimnis und mit einer Freude der keine gleich
ist dass er mich am längsten wurde unterrichtet haben er hätte einen
anderweitigen Ruf zu einem großen Ehrenamte Ich glaubte dass ihm eine andere
Gemeinde zum Schulmeister verlangte und wünschte ihm hierzu Glück er eröffnete
mir aber dass er so viel er einsehen könnte Professor auf der neuen Akademie
werden sollte die der Herr vN in Kargfeld errichten würde Ob er gleich in
der Schule nur bis in die vierte Klasse kommen wäre und das Latein niemals hätte
vertragen können so hätte er doch Lust ein vornehmer und gelehrter Mann zu
heißen Er zweifelte auch nicht dass er seinem neuen Amte mit Segen vorstehen
könnte weil der Herr Magister Lampert ihn versichert hätte dass er mit Recht
unter die Gelehrten zu zählen sei Hierbei gab er mir zu verstehen dass ich mich
zeitig nach einem andern Lehrmeister umsehen könnte indem es wider seinen
Respekt laufen würde als ein Professor auf dem Klavier zu informiren wie ein
elender Schulmeister Über dieses mangelte ihm hierzu auch die Zeit er müsste
künftige Woche seine gelehrte Probe tun und eine Lobrede auf einen Virtuosen
halten der Händel geheißen hätte Ich verwunderte mich über sein Glück
ungemein und fragte was er denn zum Lobe dieses Virtuosen sagen wollte ob ihm
seine Lebensumstände bekannt gewesen wären oder ob er etwas von seiner
Komposition gesehen hätte Er verneinte beides und gestund dass weil es ihm
jetzt noch an guten Büchern fehlte sein Amt im Anfang ihm sauer ankommen würde
er ersuchte mich deswegen weil er sähe dass ich immer in Büchern läse ihm
einige zu lehnen die er bei seiner Arbeit zu Rate ziehen könnte Es war mir
unmöglich das Lachen hierbei zu verbergen doch um dem ehrlichen Manne seine
eingebildete Freude nicht zu stöhren die nach Ihren Grundsätzen unter allen
Gütern die wir besitzen das vorzüglichste ist ließ ich ihn in seinem süßen
Irrtume und machte ihm nur eine Erklärung von seiner neuen Würde dass er ohne
Abbruch derselben hier wohnen Schulmeister bleiben auch mich ferner informiren
könnte wegen des verlangten Buches aber verwies ich ihn zum Pfarrer Allein er
beschwerte sich sehr über diesen dass er ihn wegen seines Glücks beneidete ihm
auch den Gebrauch seiner Bücher zu dieser Absicht abgeschlagen und scharf
verboten hätte die neue Ehre anzunehmen vermutlich wie er hinzufügte weil
der Herr Pfarr nicht auch zum Professor wäre nichtig befunden worden und ihn
also gleichfalls von dieser Würde wollte ausgeschlossen sehen Weil er mir nun
heftig anlag ihm eilt Buch zu lehnen und ich kein anderes besitze das ein
gelehrter Ansehen hat als mein französisch deutsches Wörterbuch worin auch
griechische und hebräische Worte mit vorkommen so packte ich ihm dieses auf
und er versicherte mich dass dieses eben das rechte Buch wäre das er verlangt
hätte Nun bin ich eben so begierig als Sie die gelehrte Akademie eröffnet zu
sehen Ich übersende Ihnen hier zugleich den Brief des Herrn Lamperts an den
hiesigen Kantor wodurch dieser in die irrige Meinung geraten ist dass er
sollte Professor werden
Ich höre dass wir diesen Nachmittag einen Besuch in Schöntal ablegen
werden das hätte ich sollen zwo Stunden eher wissen um mir die Mühe zu
erspahren einen langen Brief zu schreiben Doch damit ich nicht etwas
vergebliches unternommen habe bin ich entschlossen Ihnen nichts mündlich von
dem was ich geschrieben habe zu entdecken vielleicht schickt es sich auch
nicht dass wir aus der Gesellschaft gehen um allein miteinander zu sprechen
Wenn ich Ihnen meinen Brief in eigener Person bringe so werde ich dadurch
Gelegenheit bekommen Ihnen mündlich zu versichern dass ich bin
Ihre
aufrichtigste Freundin
JvW
XV Brief
Lampertus Wilibald der freien Künste Magister entbietet seinen Gruß Herrn
Theobald Ecken wohlverdientem Schul und Singemeister zu Wilmershaussen
Ehrengeachteter guter Freund
Gleichwie die hohen Cedern auf dem Libanon und die weitausgebreiteten Eichen in
den Wäldern nicht allein in das Regnum vegetabile gehören sondern auch den
Isop auf der Mauer und den verachteten Wacholderstrauch für ihre Mitbrüder und
Reichsgenossen erkennen müssen also gehören auch nicht allein große und
berühmte Lehrer hoher Schulen und in großen Städten sondern auch geringe und
verachtete Schulmeister auf dem Lande zu der Republick der Gelehrten Ja ich
behaupte mit Bestande der Wahrheit dass diese Dii minorum gentium mehreren Nutzen
stiften wenn sie der um sie her versammleten Jugend von einem niedrigen
Drehstuhle lehren wie viel neun mal neun ausmachet als jene stolzen Männer
die von einem erhabenen Katheder das x y z herabschreien und weil diese
hottentottische Sprache niemand als sie selbst verstehet sich eine mehrere
Unfehlbarkeit als der römische Pabst zueignen wollen Weil es nun so gut als
bewiesen ist dass er und seine Herren Kollegen samt und sonders welche ihrem
Amte mit Treue und Eifer vorstehen zu den Gelehrten gehören so folgt daraus
dass er und seine Herren Amtsbilder an allen Ehren und Lorbeerkränzen welche
die Gelehrten erhalten ihren billigen Anteil haben Es ist zwar nicht zu
leugnen dass bisher der Neid der Gelehrten welche in hohen Aemtern sitzen
keinen von den geringeren gelehrten Mitbürgern zu den Altären der Pallas hat
hinzunahen lassen um für sein Opfer den Cranz zu erhalten Allein Dank sei es
unsern erleuchteten Zeiten dass diese Tirannen aus der gelehrten Republick
verjaget worden sind, und das gelehrte Bürgerrecht jedem die Vorzüge verspricht
die bisher nur wenige die sich über andere hinweggedrungen sich zugeeignet
haben Ich habe es unternommen eine Reformation in der gelehrten Welt
vorzunehmen und die öffentliche Freiheit wieder herzustellen Damit ich ihm
werter Freund viel mit wenigen Worten sage so soll er es wissen dass mein
vortrefflicher Principal entschlossen ist nach dem Beispiele anderer großen
Herren und ins besondere seines Herrn Gevatters eines Grossbrittannischen
Baronets wenn er weiß was das für ein Mann ist auf seinem hochadlichen
Rittersitze eine Akademie zu errichten in welche nicht allein große und
vornehme Herren als Grafen Edelleute Räte Professors Doctores und
Magistri sondern auch Pastores Schulmeister ja selbst gelehrte Bauern zu
Mitgliedern ausgenommen werden Nach reiflicher Überlegung hat man für gut
befunden auch ihm eine Stelle in dieser neuen Akademie anzuweisen Obgleich
keine öffentliche Proben seiner Gelehrsamkeit und tiefen Einsicht in die
Wissenschaften der Welt vor Augen liegen so hat man doch wegen seines in der
gelehrten Welt berühmten Namens ihm dieser Ehre teilhaftig machen wollen denn
einer von seinen Anherren der es wenigstens dem Namen nach ist war vor Zeiten
ein gewaltiger Disputator dass er sich auch unterstanden hat mit dem Doctor
Lutern anzubinden Damit er auch wisse was es eigentlich heist ein Mitglied
einer gelehrten Gesellschaft zu sein so soll er freundlich wissen dass er so
bald ihm die Akademie diese Ehre erteilet hat gleichsam ein Professor worden
ist; denn er hat die Macht in dieser gelehrten Versammlung wöchentlich einmal
zu erscheinen und wenn die Reihe an ihm ist solche mit einer gelehrten
Abhandlung zu unterhalten da denn alle Anwesende seine Zuhörer sind und ihn
als den Lehrer betrachten Es ist dieses keine geringe Ehre das kann er
glauben dem Herrn Pfarr ist solche nicht erteilet worden und wenn er es genau
suchen wollte so müsste ihn dieser außer auf den Amtwegen zur rechten Hand
gehen lassen künftige Mittwoche kann er sich in seinem schwarzen Mantel hier
einfinden Es versteht sich von selbst dass er sich so schön anputzen muss als
wenn er zur Hochzeit bitten wollte Damit ihm auch sogleich beim Eintritt in
die Akademie eine Ehre widerfähret so habe ich den Auftrag ihm hierdurch
anzukündigen dass er auf diesen Tag eine Vorlesung halten soll und zwar weil
man sich wegen seines gelehrten Namens viel von ihm verspricht so wird ihm
aufgegeben eine Lobrede auf den selgen Herrn Händel
königlichgrossbrittannischen Hof und Leibmusikus welcher vor einiger Zeit ad
Patres gegangen ist zu halten worin er zugleich erweisen kann dass die
Natur und nicht die Kunst einen Virtuosen bildet Er wird sich hoffentlich
befleissigen diese Rede so auszuarbeiten dass sie allenfalls dein Drucke
übergeben werden kann. Eine weitere Nachricht besonders von den auszuteilenden
Prämien bin ich mündlich zu erteilen so bereit als willig Lebe er wohl
Zu der Eröffnung
Der auf dem hochadlichen Rittersitze zu N hall errichteten Julianenakademie
ladet alle vortreffliche Mitglieder Beförderer und Liebhaber der
Wissenschaften hierdurch geziemend ein und handelt beiläufig von der
Tirannei der Mode untersucht und beantwortet auch zugleich hierbei die
Frage Ob die Welt allezeit barbarisch gewesen wenn die Gelehrten Bärte
getragen haben
MLW
Wer da leugnen wollte dass die Mode nicht einer grausamen Sirene ähnlich sei
welche durch ihre äußerliche Gestalt die Menschen an sich lockt und gleich
einem Ungeheuer wenn sie sich hinzunahen um es genau zu betrachten sie
verschlingt der würde dadurch zu erkennen geben dass er unter die Abc schützen
aller menschlichen Erkenntnis gehöre Es ist eine bekannte und von allen
Vernünftigen erkannte Wahrheit dass die Mode es eben so zu machen pflegt wie
die Tirannen der griechischen und römischen Republiken Diese schmeichelten sich
erst bei dem Volke durch allerlei glatte Worte und Versprechungen ein und wenn
sie die Herrschaft erhielten als denn war es um die Freiheit getan Eben die
Bewandtnis hat es mit der Mode wenn sie durch ihr gefälliges Ansehen die
Menschen bezaubert hat so herrscht sie despotisch und gebietet über den
Verstand und Willen Alles muss sich ihr unterwerfen und selbst die Beherrscher
der Völker dürfen es nicht wagen sie ungestraft zu beleidigen Ja da sie über
den Verstand zu herrschen sich unterwindet Was Wunder dass sich auch die Sitten
ihr unterwerfen müssen dergestalt dass sie solche nach ihrer Fantasie bald
sanfter bald wilder macht und ihnen mir einer der Zauberkraft der Circe
ähnlichen Macht bald diese bald jene Gestalt zu geben weiß
Die gelehrte Republick die durchaus keinen Oberherrn vertragen kann muss
gleichwohl die Gesetze derselben eben so wohl als das schöne Geschlecht
verehren und je weniger die Gelehrten Gesetze erkennen wollen desto
nachdrücklicher verlangt sie die Befolgung derselben Ein Mädchen das sich wider
die Mode auflehnet wird belacht ein Gelehrter der ihre Gesetze verachtet hat
Leib und Lebensgefahr deswegen zu besorgen Wenn Doris in dem Nachtzeuge ihrer
Aeltermutter erscheinen wollte so würden sie höchstens nur die Kinder auf der
Gasse auszischen wenn aber ein Gelehrter die aus der Mode gekommenen Lehrsätze
der alten Ketzer oder der Platonischen Philosophen wieder wollte aufleben
lassen und in Activität setzen so würde man ihn steinigen
Um diese wunderbaren Erscheinungen zu erklären muss man wissen dass alles
womit sich die Mode beschäftigt das äußerliche oder das innerliche des
Menschen betrifft Zu der ersten Gattung gehört die Kleidertracht allerlei
Gebräuche und Gewohnheiten die zum Nutzen oder zum Vergnügen und der
Verschönerung des Körpers erfunden werden Zu der zweiten Gattung aber wird
alles das gerechnet was die Seele und ihre Eigenschaften als Verstand Willen
und Gedächtnis betrifft Gibt die Mode ein Gesetz von der ersten Gattung so
werden diejenigen die darwider handeln gelinder bestraft wenn sie aber etwas
feste setzt dass den zweiten Punkt betrifft so straft sie die Übertreter ihrer
Gesetze aufs strengste Gesetzt sie will dass der Verstand etwas als wahr oder
falsch erkennen soll dass der Wille etwas verlangen oder verabscheuen oder das
Gedächtnis etwas behalten oder vertrigen soll so muss dieses aufs genaueste
befolgt werden oder sie übt die strengste Rache an den Ungehorsamen Wir wollen
dieses durch ein paar Beispiele deutlich machen Da die Mode wollte dass man
sich die Erde so rund als einen Teller vorstellen sollte wurde ein ehrlicher
Bischoff der sie so rund als eine Kugel machte und aus dieser Ursache
Gegenfüsser statuiere verbrannt Da es einmal Hexen geben sollte würde der
welcher sie geläugnet hätte als ein Bösewicht ihnen auf den Scheiterhaufen
haben Gesellschaft leisten müssen Heut zu Tage da sie aufgehöret hat die
alten Mütter zu verfolgen darf Niemand Hexen glauben oder diese und jene
Unholdin der Obrigkeit anzeigen wenn er gleich versichert ist dass sie bös
Wetter macht und Menschen und Vieh bezaubert widrigenfalls steht er in
Gefahr als ein unverschämter Diffamator in Ketten und Banden geschlossen oder
wohl gar als ein Injuriant an den Pranger gestellt zu werden Ein Professor
würde vom Dienste gesetzt werden wenn er untersuchen wollte wie viel Engel auf
der Spitze einer Nähnadel tanzen könnten ehemals da die Mode eine solche
Untersuchung billigte würde ein Gelehrter dadurch eine Professur nebst dem
Titul eines Doctoris seraphici erhalten haben Die neuesten Zeitungen melden
dass ein Student ist entleibet worden weil er keine Harmoniam praestabilitam hat
glauben wollen der Baron von Wolf musste Landflüchtig werden weil er sie
lehrte
Wenn die Mode im äußerlichen etwas befiehlt so verfährt sie mit den
Übertretern ihrer Gesetze nicht so gar strenge ob es gleich nicht an
Beispielen fehlt da sie auch das raue herausgekehret hat doch gemeiniglich
werden sie dadurch gezüchtiget dass man sie verlacht oder auszischt An und für
sich selbst betrachtet liegt zwar des heiligen römischen Reichs Wohlfahrt nicht
daran ob man zwei oder drei Zipfel in die Perucken knüpft ob man den Hut auf
dem Kopfe oder unter dem Arm trägt ob man den Bart wachsen oder abnehmen lässt
allein die Mode will ihr Recht haben und man muss es so machen wie sie es
befiehlt wenn man nicht in Schimpf und Schande bestehen will
Jedermann wird leicht begreifen dass wenn die Mode in der Art zu denken
etwas verändert wenn sie neue Lehrsätze oder neue Rechte auf die Bahn bringt
solche Neuerungen in die Sitten der Menschen großen Einfluss haben Ein neuer
Grundsatz oder ein einziges Gesetz kann die Menschen wild und grausam oder auch
sanft und wohlgesittet machen die Gelehrten sind aber nicht einerlei Meinung
ob eine kleine Veränderung der Mode im äußerlichen auch einen Einfluss auf die
Sitten habe Was liegt daran ob das schöne Geschlecht Sonne Mond und Sterne
im Gesichte trägt ob sich die Schönen rote blaue oder grüne Backen machen ob
die großen Perucken oder die krausen Haare unsrer süßen Herren besser gefallen
ob wir allein das Recht haben zu Pferde zu sitzen oder ob die Schönen auch
reiten dürfen hierauf aber wird mit Recht geantwortet dass diese Dinge keine
solche Kleinigkeiten sind als man gemeiniglich glaubt dass man allerdings
hieraus das Genie der Menschen und folglich auch ihre Sitten beurteilen
könne ja dass die Kleidertracht die Sitten vielleicht eher als Lehrsätze zu
reformiren und sie sanfter oder wilder zu machen vermögend sei
Allein wenn auch alle Gelehrten einerlei Meinung wären dass von dem
äußerlichen in der Mode ein gewisser Schluss könnte gemacht werden so würde aus
Mangel der hierzu erforderlichen Regeln die noch nicht gnugsam entwickelt sind
doch ein großer Streit entstehen ob aus dieser oder jener Gewohnheit eines
Volkes für die Sitten etwas gutes oder nachteiliges könne geschlossen werden
Eben deswegen sind die gelehrten Untersuchungen erfunden worden die entscheiden
sollen wo bei zweifelhaften und schweren Materien sich die meisten Gründe der
Wahrscheinlichkeit hinlenken Denn ob es mit Untersuchung der gelehrten
Streitfragen eben die Bewandtnis hat als mit den unzähligen Disputationen die
jährlich auf Akademien gehalten werden die mehr ein gelehrtes Spiegelfechten
als ein ängstlicher Kampf für die Ehre der Wahrheit genannt zu werden
verdienen so sind sie doch nicht ohne allen Nutzen denn einmal werden
diejenigen, welche solche Untersuchungen anstellen in ihrer Meinung sie mag
nun für oder wider die Wahrheit sein treflich bestärket dass sie sich
dasjenige was sie auf dem gelehrten Kampfplatz oder in Schriften verteidigt
haben sich hernach nicht abstreiten lassen und wenn sie den Kopf darüber
verlieren sollten Zum zweiten zeigen solche Schriften von dem Fleiße und der
Scharfsinnigkeit ihrer Verfasser und verschaffen ihnen oftmals kein geringes
Ansehen
Solcher Streitfragen gibt es unter den Gelehrten mehr als Sterne in der
Milchstrasse befindlich sind und die im vorhergehenden Satz angeführte
Bewegungsgründe haben uns gleichfalls angetrieben nur die wichtigsten zu
untersuchen Es ist bekannt und zum Teil schon oben angeführet dass die Mode
nicht nur mit den Lehrsätzen der Gelehrten sondern auch mit dem äußerlichen
Ansehen derselben oft wunderlich gespielt hat besonders hat sie sich
belustiget das Haupt dieser ehrwürdigen Leute worin sie den köstlichen
Schatz der Gelehrsamkeit bewahren bald auf diese bald auf jene Art zu
schmücken dass es auch einem Proteus schwer fallen sollte diese verschiedenen
Gestalten alle nachzumachen Jedes Jahrhundert hat die Gelehrten in einer
andern ja wohl gar in verschiedenen Gestalten gesehen Einmal sind sie in
langen Bärten und herabhangenden ungekämmten Haaren erschienen ein ander mal
sind beide abgestutzt worden wieder zu einer andern Zeit hat man Scheitel und
Kinn beschoren Bald haben sie durch Zipfelperucken und Schnurrbärte sich ein
Ansehen gegeben bald hat sie ein kleines Zwickbärtgen geschmückt ein andermal
haben sie den Bart abnehmen lassen und das Haar gekräuselt und hernach das
Haupt sich bescheeren lassen und den Bart in Locken gelegt Es fehlt so viel
dass aus diesen Veränderungen nicht sollte ein sicherer Schluss auf die
Beschaffenheit der Gelehrsamkeit und der Sitten gemacht werden können, dass
solche vielmehr hierzu die vollkommenste Anleitung geben
Wir finden verschiedene Epochen seitdem die Welt bevölkert ist in welchen
die Menschen gesitteter als zu andern Zeiten gewesen sind und wir finden auch
im Gegenteil verschiedene schlimme Zeitläufte in welchen die Welt in ihre
vorige Barberei zurückgefallen ist Viele Gelehrte sind der Meinung die guten
Sitten und die Gelehrsamkeit hätten allezeit ihr Haupt empor gehoben gehabt
wenn das äußerliche Ansehen der Menschen sanfter und zärtlicher gewesen sie
wären aber aus der menschlichen Gesellschaft verdrungen gewesen wenn man sich
ein wildes und furchtbares Ansehen gegeben Da sich noch die Menschen in
Tierhäute kleideten und in Wäldern und Hölen wohnten waren die Gelehrten nicht
gewohnt in barbara und celerent zu schlüssen Man wusste zu der Zeit noch nichts
von der Kunst die Haare zu kräuseln oder den Bart zu scheeren Mit der
Zärtlichkeit der Sitten entstund auch eine gewisse Zärtlichkeit in der Tracht
Man war nicht mit dem Ansehen zufrieden das die Natur den Menschen erteilet
man nahm die Kunst allenthalben zu Hilfe Die natürliche Erkenntnis war nicht
mehr zureichend sie musste durch die Kunst erweitert werden und die natürlichen
Sitten worin Einfalt und Aufrichtigkeit herrschte bekamen durch den Anstrich
der Kunst eine freiere aber gefährlichere Gestalt Wenn die Menschen anfangen zu
künsteln so künsteln sie in allem und dieses erstreckt sich folglich auch auf
die Gestalt
Hieraus folgt, dass man von der äußerlichen Seite des Menschen richtig auf
das innerliche schlüssen kann Es fragt sich nun hierbei ob wir unser jetziges
äusserliches Ansehen oder unsere Tracht zum Muster nehmen dürfen wenn wir die
Sitten der Vorwelt beurteilen wollen Überhaupt wird diese Frage verneinet
die Kleidertracht ist bei uns so vielen Veränderungen unterworfen und oft so
wunderbar dass man uns wenn man überhaupt einen Schluss davon machen wollte
einen Monat für gesittete Völker halten und den andern für Tartarn und
Kalmucken erkennen würde und in eben diesen Fehler würden wir auch verfallen
wenn wir andere eben so beurteilen wollten Wenn aber die Frage so bestimmt
wird: ob wir in der äußerlichen Tracht nicht etwas als ein Principium
cognoscendi annehmen können den Zustand der Sitten und Gelehrsamkeit daraus zu
beurteilen so wird dieses allerdings von verschiedenen Gelehrten behauptet
und haben den Bart der Männer als den Erkenntnissgrund des Zustandes der Sitten
und Gelehrsamkeit angenommen weil dieser nie eine Veränderung erlitten als bis
diese letztere gleichfalls eine Veränderung erlitten haben Viele neuere
Gelehrte sind der Meinung dass ein geschornes Kinn allezeit den Wissenschaften
und Sitten vorteilhaft gewesen dass hingegen der Bart jederzeit ein Zeugnis von
der Barbarei der Menschen abgeleget habe wie sie denn das Wort Barbarus von
Barba herzuleiten kein Bedenken getragen haben Da nun die Gelehrten diejenigen
sind welche in den Zustand der Sitten und der Gelehrsamkeit den größten Einfluss
haben und man von den Veränderungen in der Mode denen sie selbst unterworfen
gewesen auf jene am sichersten schlüssen kann so hat man die Streitfrage
aufgeworfen ob die Welt barbarisch gewesen wenn die Gelehrten Bärte getragen
und man hat dieses gemeiniglich bejahet Ich will jetzo mit Erlaubnis dieser
Herren das Gegenteil dartun und solches verneinen
Um der guten Ordnung keinen Eintrag zu tun wollen wir erstlich einen
kurzen Auszug von den merkwürdigsten Veränderungen der Bärte der Gelehrten von
Erschaffung der Welt bis auf unsere Zeiten beibringen und mit solchen den
Zustand der Sitten und Gelehrsamkeit vergleichen Wir finden so wenig Ursache
uns dieser Unternehmung zu schämen dass wir keinen schicklichern Gegenstand zu
dieser Einladungsschrift haben antreffen können Sollte inzwischen der Zoilus
und Momus ihr ungezäumtes Maul darüber rümpfen so wollen wir ihnen ins Ohr
sagen dass ein Gelehrter sogar einen Tractat von den Schuhen der Alten
geschrieben hat welche doch vermutlich dem Barte den Rang nicht werden
streitig machen Ja was noch mehr Haben wir nicht einen gelehrten Vorgänger
aufzuweisen der ein eigenes Buch von dem Barte an das Licht gestellt hat
Wir wollen die Untersuchung ob Adam im Paradiese einen Bart getragen hat
zu einer eignen Untersuchung verspahren und nur anmerken dass die alten Väter
alle in Bärten abgemahlet werden Es war in den alten Zeiten ein großer Schimpf
wenn ein Mann seines Bartes beraubet wurde oder wenn er gar keinen hatte und
kommt mir daher sehr glaublich vor dass die welchen die Natur diesen Schmuck
versaget sich künstliche Bärte ansetzen ließ und sich damit schmückten wie
wir heut zu Tage mit den Perucken zu tun pflegen Man hielt dieses Vorrecht der
Männer für dem schönen Geschlecht in solchen Ehren dass man den Bart mit Salben
bestrich oder wenn er im Alter grau wurde solchen färbte Die alten
Philosophen suchten sich dadurch in besonderes Ansehen zu setzen Wer den
größten Bart unter ihnen besaß und den schlechtesten Mantel trug bekam die
meisten Zuhörer eben so wie zu unsern Zeiten die Hörsäle am meisten angefüllet
sind wo die größte Perucke auf dem Katheder stolziret Die alten Römer ließ
den Bart stehen und eben so lange stund auch ihre Freiheit und die guten Sitten
da jene abnahmen fingen auch diese an in Abnahme zu kommen bis sie endlich
eben so wie der Bart plötzlich verschwanden Der Kaiser Hadrian stellte zwar
diesen Schmuck der römischen Bürger aber nicht ihre Freiheit wieder her Die
Kirchenväter trugen Bärte und dieser Schmuck wurde hernach durch viele
Jahrhunderte beibehalten bis endlich die Mode nach ihrer Kaprice sie bald uns
Exilium schickte bald wieder zurück berief sie blieben aber doch im Pessess
ihrer Rechte bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts da man anfing mit
grausamer Tirannei bald hier bald da etwas davon abzuzwacken bis sie zu Anfang
des jetzigen Jahrhunderts ganz aus der gelehrten Republick sind verwiesen
worden Die Schweizer die das Lob haben dass sie nicht leicht eine neue Mode
aufkommen aber auch keine alte gern in Verfall geraten lassen hielten ehemals
ihre Bärte in solchen Ehren wie ihre Freiheit dass auch selbst das schöne
Geschlecht ganz davon eingenommen war Lesenswürdig ist es was ich bei einem
glaubwürdigen Autor hiervon gefunden Ein Französischer Abgesandter der an
einem Schweizer einen außerordentlich langen Bart bemerkte wollte ihm solchen
als eine Rarität abkaufen dieser aber hielt ihn für ein Gliedmass seines
Leibes und folglich war er ihm unschätzbar Doch nach einer langen Disputation
mit dem Abgesandten worin dieser mit einem Argument von hundert Louis dors
bewiess dass der Bart kein Glied des Leibes wäre ließ der Schweizer sich
überwinden und verhandelte seinen Bart welcher noch wie glaubwürdige Personen
berichten in der königlichen Kunstkammer zu Paris zu sehen ist Allein da der
arme Schweizer vergnügt über den guten Handel nach Hause kam so tat seine
Frau das mit seinem Scheitel was der Abgesandte mit seinem Kinn hatte vornehmen
lassen sie fiel ihm in die Haare und in kurzer Zeit war sein Kopf so kahl als
sein Gesicht ja sie ließ sich von Tisch und Bette so lang von ihm scheiden bis
ihm Haar und Bart wieder gewachsen war
Aus dem angeführten erhellet dass die Bärte mehrenteils im Gebrauch
gewesen und dass man auch ihnen oft große Hochachtung erwiesen hat Lasst uns
nun sehen wie die Sitten und die Gelehrsamkeit beschaffen gewesen wenn die Welt
bärtig gewesen In Griechenland blüheten ehemals die Wissenschaften und die
Gelehrten trugen Bärte wenigstens gilt dieses von den Philosophen die damals
den größten Teil von der gelehrten Welt ausmachten Die Sitten der Griechen
waren so fein ihre Gesetze so vollkommen dass Griechenland eine hohe Schule der
Ausländer wurde und man allenthalben die Gesetze dieses Landes einführte Ein
Beweis dass gute Sitten und Bärte sich wohl mit einander vertragen können
Rom war lang ein gesitteter Staat und die Wissenschaften hatten sich längst
um das Kapitol gelagert ehe man anfing den Männern ihren Schmuck zu rauben und
die Bärte zu verheeren Zwar könnte man den Einwurf machen dass eben zu der
Zeit da Rom anfing auf den Gipfel seiner Größe zu steigen die Bärte
abgeschafft wurden und dass besonders diese Mode in das güldne Zeitalter der
gelehrten Sprache fällt ja dass eben dieses auch von unsrer Zeit eintrifft
Jetzt da die Sitten und die Gelehrsamkeit wiederum empor gestiegen herrscht das
tirannische Scheermesser abermal über unser Kinn allein nichts ist leichter als
diesen Einwurf zu widerlegen Erstlich bemerken wir überhaupt dass er gar nicht
wider unsern Hauptsatz gerichtet ist denn da wir weiter nichts beweisen wollen
als dass der Satz falsch sei wenn vorgegeben wird dass die Welt allezeit
barbarisch gewesen wäre wenn die Gelehrten Bärte getragen hätten so können wir
es zugeben dass es Zeiten gegeben hat da die Welt gelehrt und gesittet gewesen
wenn die Bärte in der gelehrten Republick nicht sind gedultet worden Aber wir
wollen es nur gestehen dass wir wirklich die Meinung hegen dass bärtige Gelehrte
für die Sitten und Gelehrsamkeit jederzeit ein gutes Zeichen gewesen dass
hingegen ihr plattes Kinn beiden nichts gutes verkündiget habe Wir geben zu
dass zu der Zeit wenn die Gelehrten keinen Bart getragen haben dann und wann
die Welt gesittet und gelehrt geschienen hat aber eine andre Frage ist es ob
sie es auch wirklich gewesen ist ich meines Ortes behaupte das Gegenteil
Nie hat es in den Wissenschaften so viele Stümper gegeben und nie ist
Falschheit Betrug Verstellung und Bosheit mehr im Schwang gewesen als wenn
das männliche Geschlecht sich ein weibliches Ansehen gegeben hat Eben dieses
gilt auch von Rom da man den Bart ablegte Es ist wahr Horaz Virgil Cicero
Cäsar lieferten der Welt Muster der Dichtkunst Beredsamkeit und Historie aber
keine Regel ist ohne Ausnahme Neben ihnen lebte eine unendliche Menge
Meistersänger elender Schwätzer und Zeitungsschreiber und die Sitten waren zu
der Zeit in einem solchen Vorfalle dass Cicero selbst Mörder Rebellen und Diebe
verteidigte Cäsar solche schöne Taten beging und Flaccus die verbuhltesten
Liedergen von seiner Leier hören ließ
Schade ist es dass wir diese schöne Materie jetzt nicht weiter verfolgen
können Unterdessen bleibt unser patriotischer Wunsch dahin gerichtet dass die
Gelehrten einmal das Joch der Mode die ihnen ihren ehrwürdigsten Schmuck
geraubet hat abwerfen die Bärte wieder aufleben lassen und dadurch einen
neuen Beweis geben dass die Welt nicht barbarisch ist wenn die Gelehrten Bärte
tragen
Ich schreite nun mit Vergnügen zum Zweck meiner Abhandlung welcher dieser
ist die Eröffnung der gelehrten Gesellschaft welche Seine Gnaden Herr Ehrhard
Rudolph vN ErbLehn und Gerichtsherr auf Kargfeld und Dürrenstein unter dem
Namen der Julianen Akademie auf erstbemeldetem seinem Rittersitze aufzurichten
und mit seiner hohen Protection zu beehren entschlossen ist anzukündigen Eine
so patriotische Gesinnung als diese ist zwar über alles Lob erhoben und ich
würde eine Torheit begehen wenn ich mich bemühen wollte diesen edelmütigen
Entschluss der sein eigener Lobspruch ist nach den Regeln der Redekunst
herauszustreichen Vielmehr will ich den aufrichtigsten Wunsch tun dass diese
gelehrte Gesellschaft welche seit Erschaffung der Welt die erste die in
hiesiger Gegend durch eine genauere Verbindung mit der Erweiterung der
menschlichen Erkenntnis sich beschäftigt gleiche Schicksale mit der römischen
Republick haben möge In ihrer Entstehung sind beide einander ähnlich Romulus
zog einen Haufen Leute an sich die nirgend eine Heimat hatten und in den holen
Wegen die Reisenden um ein Allmosen baten dass diese ihnen nicht verweigern
durften Es waren Leute die wegen ihrer Profession von den alten Innwohnern des
Lateinerlandes verachtet wurden mit welchen Romulus seinen Staat bevölkerte
Mein Patron hat es fast auf gleiche Weise gemacht die gelehrte Gesellschaft
bestehet aus Gliedern die einige wenige ausgenommen das gelehrte Bürgerrecht
nicht erhalten haben und also bisher in der gelehrten Republick auch keine
Heimat hatten Er richtet als ein zweiter Romulus eine neue Kolonie von
Gelehrten an die jetzo noch von den alten Gelehrten verachtet werden Doch wie
Rom immer größer wurde und endlich die Herrschaft über die Welt erhielt so
wird wenn mich meine Ahndung nicht täuschet auch diese kleine Republick der
Gelehrten ihr Ansehen so ausbreiten dass sie sich nach und nach auf den höchsten
Gipfel ihrer Hoheit empor schwingen wird
Morgen ist der merkwürdige Tag an welchem obenbemeldter Rittersitz des
Herrn vN zu einem Heiligtum der Wissenschaften soll eingeweiht werden und
bei dieser Gelegenheit werden sich zween geschickte und beredte Männer hören
lassen nämlich Tit plen Herr Baltasar Eccius wohlmeritirter Kantor zu
Wilmershaussen wird in einer Lobrede auf den verstorbenen Herrn Händel erweisen
dass die Natur und nicht die Kunst einen Virtuosen bildet Wenn dieser den
Rednerstuhl verlassen hat so wird Herr Valentin Striegel wohlverdienter
Schulmeister in Dürrenstein etwas von den Altertümern dieses Orts auf die Bahn
bringen Den Beschluss dieser Feierlichkeit wird ML Wilibald dadurch machen
dass er die Statuten der neuen Akademie und die Mitglieder derselben bekannt
machen wird
Alle vornehme Gönner Mäcenaten und Musenfreunde denen diese
Einladungsschrift zu Gesichte kommt werden demnach geziemend eingeladen diese
Feierlichkeit durch ihre zahlreiche Gegenwart zu vermehren und zwar diejenigen
die ein Exemplar in Goldpappier eingebunden erhalten haben die Freiheit zu
Pferde oder vermittelst eines Fuhrwerks hier zu erscheinen die aber nur ein
schlechtes bekommen können sich dieses zur Rachricht dienen lassen dass man
sie um allem unnötigen Aufwande vorzubeugen zu Fuße erwartet Alle aber
werden gebeten sich aufs späteste um zwei Uhr Nachmittags allhier einzufinden
Oeffentlich bekannt gemacht den dritten Dezember
XVI Brief
Fräulein Amalia vS an den Herrn vS ihren Bruder
den 6 Dec
Ich bin eine Zeitlang mit meiner Korrespondenz ziemlich faul gewesen und will
mich bei einem Bruder wegen meiner Nachlässigkeit nicht rechtfertigen den ich
geneigter finde sie zu verzeihen wenn ich meinen Fehler gestehe als wenn ich
mich durch eine Schutzschrift zu rechtfertigen suchte Wir sind einander um
hundert Meilen näher und meine Briefe kommen sparsamer da du weiter entfernt
warst schieb ich fleißiger Ich weiß selbst nicht was ich für Abhaltungen
gehabt habe dir so lange einen Brief schuldig zu bleiben wenn dieses nicht
eine gewesen ist dass ich nach meiner Gewohnheit sehr viel auf einmal habe
schreiben wollen und nie genug Materie gehabt habe Nicht als wenn es an
Auftritten gefehlet hätte die würdig gewesen deine Aufmerksamkeit zu verdienen
sondern weil ich eine ziemlichvollständige Sammlung von Briefen in Händen habe
die alles was hier vorgegangen ist so ausführlich enthalten dass mir kein
Stoff zu einer besonderen Erzählung übrig geblieben ist und ich hatte doch auch
Lust etwas zu erzahlen Jetzt habe ich einmal Langeweile sonst würdest du noch
keinen Brief von mir erhalten Ich will um mir die Zeit zu kürzen meine
Erzählung da anfangen wo das beigeschlossene Paquet aufhöret Es sind darinnen
fünfzehn Briefe nebst andern Aufsätzen die in unsern Roman gehören enthalten
du wirst hieraus leicht den Schluss machen können dass du diese eher lesen musst
als meinen Brief sonst würdest du sehr herumraten müssen wenn dir nicht ein
großer Teil desselben sollte unverständlich bleiben Aus dieser Absicht will
ich einen neuen Abschnitt machen der alles in sich enthält was zur
Vollständigkeit der in dem Paquet entaltenen Nachrichten gehört
Am vierten dieses hatte der Baron die Freude das lächerrlichste Stück in der
Komödie unsers Onkels aufgeführte zu sehen Der Entwurf der Akademie hat ihn
seit acht Tagen auf eine so lustige Art beschäftigt dass er so munter aussiehet
als an seiner Hochzeit Wir fuhren in bester Galla nach Kargfeld um einem
großen Schmause wodurch unser Onkel die Einweihung seiner Akademie feierlicher
machen wollte beizuwohnen Von der gewöhnlichen Gesellschaft fehlte Niemand
Aus einem Hasse den der Herr vN gegen den Herrn v Ln aus bekannten Ursachen
heget war dieser nicht gebeten worden er erschien aber doch zu Pferde ob er
gleich kein Programma in Goldpappier eingebunden erhalten hatte Unser Onkel
bewirtete seine Gäste diesmal sehr gut Ich bedauerte nur Fräulein Kunigunden
die wegen vieler Anstalten die sie machen musste wie sie sagte in fünf Tagen
kein Auge zugetan hatte Das Fräulein vW fand an diesem Tage ihren Liebhaber
wie sie ihn wünschte Es war als Wirt und als Stifter einer Akademie so sehr
beschäftigt dass ihm keine Zeit übrig blieb an etwas das dem Fräulein hätte
verdrießlich sein können zu gedenken Vielleicht war er auch um deswillen ein
wenig artiger weil der Major gegenwärtig war den er für seinen Rival hält und
mit welchem er in neuen Zwist zu geraten aufs äußerste zu vermeiden suchet
Die ganze Gesellschaft war dismal artig selbst die Frau vW der ich es nicht
zugetrauet hatte dass sie ihren Herrn zum Präsidenten einer gelehrten
Gesellschaft würde machen lassen Doch sie hatte sich vorgenommen uns dismal
mit ihrem Gemahl auf Diskretion verfahren zu lassen ordentlich pflegt sie
dieses Vorrecht nur für sich zu behalten und aus ihm zu machen was sie will Die
den Spaß einsahn waren bemüht ihn nicht zu verderben und die alles im Ernste
aufnahmen fingen an große Gedanken von unserm Onkel zu bekommen Der Herr vH
konnte sich nicht genug wundern dass sein Freund noch einen Geschmack an
Wissenschaften fand die er vor Zeiten aufs äußerste gehasset hatte Er hörte
die Reden mit einer Aufmerksamkeit an die ich nie auch selbst in der Kirche
nicht an ihm bemerket habe Die Altertümer von Dürrenstein erhielten bei ihm so
vielen Beifall dass er dadurch aufgemuntert wurde alle Seltenheiten seines
Rittersitzes der Länge nach zu erzählen Nur das einzige war ihm rätselhaft
warum der Herr vW zum Präsidenten einer gelehrten Gesellschaft wäre erwählet
worden der doch seinen Namen nicht zu schreiben wüsste da ihn aber unser Onkel
sagte dass es mit einem Präsidenten einer gelehrten Akademie eben die Bewandtnis
hätte wie mit einem General im Kriege dieser könnte Vestungen einnehmen ohne
dass er wüsste was ein Horn oder Kronenwerk wäre ob die Batterien oder die
Laufgraben zuerst müssen angeleget werden dieses gehörte für die Ingenieurs so
wie die Gelehrsamkeit für hie Mitglieder einer Akademie so beruhigte er sich
ohne disfalls weiter zu streiten Nach der Tafel wurde in dem Saale auf
Anordnung des Magister Lamperts ein kleines Gerüste erbauet das der
akademische Lehrstuhl hieß Der Herr vW müsste das erste Bret das dazu sollte
gebraucht werden, entzwei sägen und unser Onkel tat den ersten Hieb mit dem
Beile in ein Stück Holz woraus die Stützen dieses kleinen Gebäudes verfertigt
wurden Hierauf brachten ein paar Tischer das Werk in kurzer Zeit zu Stande
Sobald der Lehrstuhl fertig war sollte der Saal von den Spähnen wieder
gesäubert werden doch Herr Lampert untersagte dieses und wollte durchaus
haben dass jedes von der Gesellschaft sich einen Spahn zum Andenken der
feierlichen Eröffnung der Julianenakademie auflesen und behalten sollte Weil
aber niemand nach dieser Seltenheit ein Verlangen bezeigte so wurden sie ihm
insgesamt verehret um sie als eine Rarität aufzuheben oder sie dem Apoll als
ein Opfer anzuzünden damit dieser den Lehrstuhl der Akademie in Schutz nähme
auf dass alle die sich davon hören ließ den Beifall der Zuhörer sich
versprechen könnten Eine solche Zauberei wäre sehr nötig denn alle Mitglieder
werden natürlicher Weise ihre Zuhörer niemals rühren Nach dieser Zeremonie
wurde eine andere vollbracht Ein Cranz von Buchsbaum in Ermangelung frischer
Eichenblätter welche im Winter nicht wohl zu haben sind wurde in das Zimmer
gebracht an welchen Fräulein Julgen und ich einige Bänder knüpfen sollten und
welcher hernach über den Lehrstuhl gerade über dem Haupte der Redner sollte
aufgehangen werden Allein ob ich gleich kein Mitglied dieser berühmten Akademie
bin so protestirte ich doch darwider aus allen Kräften Der Kranz von Buchsbaum
verbreitete eine Art von Todtengeruch in dem Saale dass mir darüber eine
Ohnmacht anwandelte Dieses bewog den Baron meinen Onkel zu bereden diesen
garstigen Kranz fortzuschaffen Er ließ sich auch mit dem Magister in einen
Streit hierüber ein und behauptete dass der Buchsbaum heutiges Tages eben das
sei was die Myrten oder Cypressen bei den Alten gewesen und dass man diesen
also nur bei traurigen Begebenheiten brauchen dürfte Im Gegenteil verträten
die Tannen oder Fichten die Stelle des Epheus der Alten und könnten bei frohen
Gelegenheiten gebraucht werden. Die Weinschenken pflegten Kränze von
Tannenzweigen auszuhängen da nun das Zeichen des Weins jederzeit das Zeichen
der Fröhlichkeit gewesen wäre auch der Wein oder in Ermangelung desselben die
bloße Vorstellung davon den Rednern und Dichtern große Dienste leistete so
schlug er vor man sollte einen Kranz von Tannenzweigen über den Rednerstuhl
aufhängen Dieser Vorschlag wurde angenommen und in kurzer Zeit sah man ein
Weinzeichen das Fräulein Julgen und ich mit verschiedenen Bändern ausgeputzt
hatten an einer seidenen Schnur über dem Lehrstuhle prangen Herr Lampert der
die Ehre haben wollte den Cranz an die Schnure zu bevestigen hatte aber dabei
das Unglück da er wieder vom Stuhle steigen wollte dass er aus dem
Gleichgewichte kam und einen so grässlichen Fall in die Stube tat dass ich
glaube man hat die Erschütterung die dadurch verursacht wurde auf eine Meile
weit verspühret Man machte wie bei merkwürdigen Begebenheiten alles ominös
scheint über diesen Zufall verschiedene Auslegungen der Baron meinte die
Akademie würde wenn sie auf den höchsten Gipfel ihrer Vollkommenheit gestiegen
zu sein glaubte plötzlich in Verfall geraten und zu Boden liegen Andere
glaubten weil am Tage ihrer feierlichen Einweihung die Grundsäule worauf das
ganze Gebäude ruhte umgefallen wäre so würde es damit keinen Bestand haben
sondern sie würde in kurzem so zerstöhret werden dass keine Rudera mehr von
einer Julianenakademie würden vorhanden sein Herr Lampert machte ob er gleich
gewaltig hinkte dennoch von seinem unglücklichen Falle eine vorteilhafte
Auslegung für die Akademie er sagte weil er eben gefallen wäre da er sich zum
Besten derselben beschäftigt hätte so ließe sich hiervon keine andere
Auslegung machen als diese dass er wegen der Akademie in Zunkunft vieles
leiden würde Er würde fallen unter böse Zungen diejenigen Gelehrten welche
nicht unter die Zahl der Mitglieder wären aufgenommen worden und sich doch in
der hiesigen Gegend befänden würden ihren Gift über ihn ausschütten und eben so
viele Schmähreden auf ihn erdenken als ehemals die Bücherabschreiber auf Doctor
Fausten erdacht hätten weil dieser die Buchdruckerei sollte erfunden haben Er
würde ferner fallen unter den Spott der gelehrten Zeitungeschrieben wenn sie
erfahren würden dass ein Magister eben das unternommen und ausgeführet hätte was
Kaisern und Königen schweer worden wärs so würden sie aus Neid ihn dergestalt
zwischen die satirischen Sporen fassen dass er alle seine philosophische
Gelassenheit würde aufbieten müssen um bei diesen Anfällen gleichgültig zu
sein Doch wie er ohne sonderlichen Schaden und ohne jemands Hilfe wieder
aufgestanden wäre so würde seine Ehre und guter Name bei dem Wachstum der
Akademie auch wieder empor steigen und über alle Neider und Misgünstige
triumphiren Übrigens fügte er hinzu wollte er nicht viel Geld nehmen und
diesen Fall nicht getan haben die Alten hätten sich allezeit gewünscht dass
bei einem außerordentlichen Glücke sie auch ein kleines Unglück beträfe und
wenn ihnen dieses nicht von freien Stücken zugestoßen wäre so hätten sie sich
selbst einen Verdruss oder Schaden verursachet um die Götter dadurch abzuhalten
mit einem großen Glück auch ein großes Unglück zu vereinigen Crösus hätte einen
Ring von großen Wert ins Meer geworfen um den Lauf seines Glücks in etwas zu
hemmen Er hielt sich für glücklicher als Crösus dass er sein Vorhaben Kargfeld
in einen Sitz der Musen zu verwandeln nunmehr ausgeführet sähe und ob er
gleich nicht die alten Heiden zum Vorbild seiner Handlungen wählen wollte so
wäre doch gewiss dass ein großes Glück mit einem großen Unglück wie aus der
Erfahrung bekannt sei vergesellschaftet wäre er glaubte daher dass er durch
dieses kleine Unglück eine Versicherung von dem Flor der Julianenakademie bei
welchem er sich glücklicher schätzte erhalten hätte Weil der Pastor Wendelin
nicht gegenwärtig war der ihn wegen seiner heidnischen Grundsätze würde
verketzert haben so wurde seine Meinung gebilliget und der Major wünschte dass
alles Unglück das die gelehrte Gesellschaft etwas bedrohen könnte den Magister
treffen möchte damit ihm die Ehre ein Märtirer derselben zu heißen niemand
streitig machen könnte Nachdem nun der Speisesaal ein gelehrtes Ansehen
erhalten hatte so verfügte sich das Frauenzimmer und alle die nicht zu der
gelehrten Versammlung gehörten in das Nebenzimmer doch sollte die Tür offen
bleiben damit wir sehen könnten was vorging Es wurden zu beiden Seiten des
Rednerstuhls Stühle gesetzt zur rechten Hand für die Ehrenmitglieder welches
die vornehme Seite hies und zur linken für die ordentlichen welches der
Magister die gelehrte nennete Alle in dem Verzeichnisse benannte innländischr
Mitglieder waren gegenwärtig und weil die gelehrte Bank meistens aus
Schulmeistern bestehet so führten diese erstlich eine trefliche Motette auf
wobei die beiden Redner ihre Stimme singend hören ließ Hierauf verließ der
Kantor Eck seinen Bass mit einem tiefen Reverenze und betrat den Rednerstuhl Der
Herr vW als Präsident der Akademie war schon unter der Musik eingeschlafen
und schnarchte so stark dass man nichts verstehen konnte besonders da der
Redner über seine gelehrten Zuhören so bestürzt schien dass er ungeachtet
seiner Brille nicht eine Zeile ohne Stammlen lesen konnte Diese Rede erhielt
unterlessen den Beifall des Herrn Lamperts und folglich der ganzen Akademie Der
junge Wendelin hat mir solche nebst zween Briefen die sich darauf beziehen
und wegen ihres Innhalts merkwürdig sind verschafft diese Stücke sind nebst
der Abhandlung von den Altertümern in Dürrenstein in dem Packt in einem
besonderen Bogen eingeschlossen welcher den Titul führt Etwas zur Zugabe nach
Lesung des Briefes zu eröffnen Der Schulmeister zu Dürrenstein hat sich lange
nicht wollen bereden lassen nach dem Kantor von Schöntal aufzutreten weil er
einige Jahre früher als jener ins Amt kommen ist jener aber hat den Vortritt
verlangt weil er sich Kantor nennen lässt Diese Leute welche viele Jahre in
der vertrautesten Freundschaft gelebet haben sind über diesen Rangstreit in
solche Uneinigkeit geraten dass sie einander aufs äußerste hassen Herr Lampert
soll alle Mühe gehabt haben sie zu vergleichen welches endlich durch das Loos
geschehen ist wodurch der Kantor den Vorgang erhalten hat Nachdem die erste
Session der Akademie geendiget war verwandelte sich die Szene und die
gelehrten Akademisten wurden Musikanten wir hielten einen kleinen Ball Doch
die Uneinigkeit unsrer Bande verursachte manchen Übellaut in der Musik Der
Schulmeister von Dürenstein wollte sich durchaus nicht bereden lassen ein
musikalisches Instrument anzugreifen wenn der Kantor von Schöntal die erste
Violine strich aber der Befehl unsers Onkels der mit verschiedenen Drohungen
vergesellschaftet war brachte ihn bald zu einer andern Entschließung Der Onkel
eröffnete den Ball mit dem Fräulein vW und beobachtete die Anständigkeit gegen
sie die er den ganzen Tag hatte blicken lassen Doch so viel Macht hatte er
nicht dass er alle fürchterlichen Blicke gegen seinen Rival hätte zurückhalten
können er sah ihn oftmals so finster an dass ich dachte er würde neue Händel
bekommen doch hielt er seine Zunge im Zaum und gab ihm mit der verdrüsslichsten
Mine die besten Worte von der Welt Ich will dismal meinen Brief nicht weiter
ausdehnen er ist lang genug dich um die Zeit zu bringen die du vermutlich
ohne denselben vergnügter würdest zugebracht haben Wenn ich nicht schon sehr
müde wäre so würde ich dir noch das Verlangen schildern welches wir haben
dich hier zu sehen Es steht bei dir unsere Wünsche zu erfüllen und
insonderheit die meinigen und dadurch werde ich einen Beweis erhalten dass du
mich so liebest als du geliebt wirst von deiner Schwester
AvS
XVII Brief
Herr Lorenz Lobesan Kantor zu Kargfeld an Herrn Baltasar Ecken wohlverdienten
Kantor und Schulmeister zu Wilmershaussen
Hochgelahrter Hoch und Wohlfürsichtiger
Hoch und Kunsterfahrner Herr Kollega
Derselbe wird im Besten vermerken dass ich ihm mein Anliegen offenbare und mir
seinen guten Rat über eine Sache ausbitte die mich weder ruhen noch rasten
lässt Es ist ihm bewusst dass ich in acht Tagen eine Predigt nach dem Fuße halten
soll wie er und der Herr Schulmeister gestern in dem Saale unsers gestrengen
Junkers ablegten Ich habe mir bisher zwar ein Gewissen gemacht dem Herrn Pfarr
ins Amt zu fallen und einen Hofprediger auf dem Schloss unsers Junkers
abzugeben aber weil sich andere kein Gewissen daraus machen auch überdem diese
Predigten ganz anders beschaffen sind als die man in der Kirche hält und die
Kanzel eine ganz andere Figur hat so glaube ich dass mir eben das erlaubt ist
was andere meines gleichen tun dürfen Zu dem Ende habe ich mich niedergesetzt
und habe hin und her gesonnen um eine solche Predigt wie die seinige war zu
entwerfen und den Text den mir der Herr Magister vorgeschrieben zu erklären
Es wird ihm sonder Zweifel noch erinnerlich sein dass mir der Herr Magister
gestern Abend beim Weggehen sagte ich sollte untersuchen ob das ut re mi fa
soll la oder das c d e f g zur Benennung der Töne in der Musik bequemer sei Ich
weiß in meinem Leibe keinen Rat was ich in dieser kützlichen Materie anfangen
soll Der Herr Magister ist mir sein Tage nicht recht gut gewesen darum lässt er
mich über den schwersten Text predigen Gleichwohl will ich nicht gerne mit
Schimpfe bestehen und ein paar parfumirte Handschuhe wie er bekommen hat
wären mir auch willkommen Es ist aber nicht recht dass der Herr Magister mir
als einem alten Manne so schweere Dinge aufbürdet dass mir ganz schwindelt wird
vor den Augen und ein kalter Schweiß vor die Stirn tritt wenn ich an diese
Arbeit gedenke Ich habe überdem noch bei meinem Alter ein gewisses Malheur an
mir dass mir oftmals die Gedanken vergehen besonders wenn ich etwas aus dem
Kopfe entwerfen will Neulich hatte ich einmal vergessen dass es Sonntag war
ungeachtet ich den Tag vorher das Kirchenstück probiret hatte und wenn mich
der Herr Pfarr nicht an das Läuten hätte erinnern lassen denn meine Frau hatte
es auch vergessen so wäre keine Kirche gehalten worden Einmal mochte ich in
der Kirche ein Bissgen eingeschlummert sein es war vergangenen Sommer in der
Erndte und da ich erwachte hatte ich vergessen dass der Herr Pfarr auf der
Kanzel stund fing daher mitten unter der Predigt mir lauter Stimme an den
Choral zu singen bis ich meinen Irrtum mit großer Bestürzung inne wurde und
hernach wegen dieses Naturfehlers vieles ausstehen musste Das passiret mir
oftmals wenn ich gar nicht mit dem Kopfe arbeite geschweige wenn ich Briefe
schreiben oder etwas anders aus dem Kopfe machen soll wenn ich drei oder vier
Zeilen zusammen gesetzt habe so bin ich so müde als wenn ich zur Frohne hätte
dreschen müssen Die gemeinen Leute wollen es nicht glauben dass unser einer
auch sein Pfund auf sich hat und nicht spazieren geht Der Kirchvater
Kleinmann war neulich bei mir da sprachen wir eins und das andere von ungefähr
kamen wir auch auf die Schuldiener zu reden Herr Kantor sagte der Tölpel er
hat ja wohl seine gute Sache wenn unser einer auf der Straße liegen und auf der
Kriegsvorspanne sich von den Soldaten muss Rippenstösse geben lassen so sitzt er
zu Hause auf seinen Drehstuhle wie ein vornehmer Herr schwatzt den Kindern was
vor und dafür muss ihn die Gemeinde ernähren Hört guter Freund sagte ich ihr
redt wie ihrs versteht wenn ihr einen Tag auf meinem Stuhle sitzen und mit dem
Kopfe arbeiten solltet so würdet ihr anders schwatzen Kopfarbeit ist gar eine
schwere Arbeit Unter uns ich glaube dass ein Schulmeister ein viel schweerer
Amt hat als ein Pfarrer der predigt ein paar mal in der Woche und damit gut
Wir müssen sechs Tage Schule halten und den Sonntag müssen wie singen dass wir
schwarz werden möchten Ja was das meiste die Herren Pfarrer haben viele
lateinische und gelehrte Bücher da können sie leicht etwas daraus herschwatzen
wir haben aufs höchste den Katechismus und müssen alles aus den Kopfe machen
dazu kommt die Musik das Hochzeitbitten und dergleichen dass einem das Stückgen
Brod sauer genug wird und doch soll unser einer keine Arbeit haben Aber dass
ich wieder zur Sache komme Herr Kantor wo hat er doch die wunderschöne Rede
hergenommen die er gestern hielt Er kann wohl noch gar Pfarrer werden die
vornehmen Leute hatten an ihm ihre einzige Freude so schön hat er es gemacht
Sei er doch so gut und stecke er mir es im Vertrauen wie er es angefangen hat
diese schöne Rede zu Stande zu bringen Es bleibt unter uns er kann sich
darauf verlassen dass ich es keinem Menschen mehr sagen will das Geheimnis soll
mit mir sterben Wenn er etwan ein Buch hat worin dergleichen Reden stehen
so leihe er mir es ein paar Tage ich will es ihm ohne Schaden wieder zustellen
und verspreche nicht mehr daraus zu nehmen als zu einer Rede nötig ist Will
er mir aber den Liebesdienst tun und mir die ganze Rede machen so will ich es
mit Danke erkennen und ihm dafür den Telemannischen Jahrgang darum er mich so
oft gebeten zur Abschrift mitteilen In Erwartung gefälliger Antwort
verharre
Des Herrn
dienstwilliger
L Lobesan
XVIII Brief
Antwort auf den vorigen Brief
Ehrengeachteter Hochgelahrter
Günstiger guter Freund
Ich hätte wohl Ursache ihm die Gefälligkeit warum er mich ersuchet
abzuschlagen er weiß es am besten wie er mich gemartert hat da ich ehemals an
seine Stelle kommen sollte weil er bei dem Herrn vN in Ungnade gefallen war
und von seinem Dienste sollte abgesetzt werden Er biss damals um sich wie ein
wilder Kater und spielte mir noch dazu den schlimmen Streich dass er da ich
die Probe tun musste das Klavier an der Orgel mit Terpentin oder Vogelleim was
es war beschmieret hatte dass mir die Finger darauf kleben blieben und ich
glücklich umwarf Wegen der telemannischen Kirchenstücke habe ich da der erste
Groll vorbei war und er bei seinem Dienste blieb wie ich bei dem meinigen mir
Salvo nore die Beine bald abgelaufen ich habe ihm himmelhoch gebeten mir
solche gegen ein gutes Gratial zukommen zu lassen weil unsere Herrschaft mit
meiner Komposition niemals recht ist zufrieden gewesen aber da half weder
bitten noch flehen es war als wenn ich zu einem Stein redte Wenn er politisch
gewesen wäre so hätte er denken sollen eine Hand wäscht die andere wer weiß
wo ich den ehrlichen Mann auch einmal wieder brauche ich will ihm aus dieser
Not helfen wer weiß hilft er mir aus einer andern Wenn ich gleiches mit
gleichem vergelten wollte so würde er mit einer abschläglichen Antwort müssen
zufrieden sein ich bin aber nicht so gesinne und habe ihn schon lange alles
vergeben welches er unter andern auch daraus abnehmen kann dass ich ihm alle
Jahr zur Kirmse habe bitten lassen ob er gleich wegen der alten Pike noch nicht
über meine Schwelle kommen ist Um ihn zu überzeugen dass ich es gut mit ihm
meine will ich ihm alles getreulich entdecken wie ich es mit meiner Rede
angefangen habe Ich höre zwar dass es unter den Gelehrten Mode ist dass sie
ihre besten Fechterstreiche gern für sich behalten und sie niemanden leichtlich
offenbaren doch weil er mir versprochen hat verschwiegen zu sein und das
Geheimnis bei sich zu behalten so will ich ihm kürzlich melden wie ich es mit
meiner Rede die der Herr Magister gelobt hat gemacht habe Es ging mir im
Anfang eben so wie ihm ich wusste nicht wo ich es angreifen sollte den Text
den mir der Herr Magister vorgeschrieben hatte zu erklären Ich ging zum Herrn
Pfarrer um mich bei ihm Rats zu erholen und ihn um ein Buch zu bitten das
ich bei meiner Arbeit brauchen könnte allein dieser war böse dass er nicht
auch ein Mitglied worden war und wollte mir durchaus kein Buch leihen ob er
deren gleich über ein Halbschock besitzt und manche in Jahr und Tag nicht
braucht Hierauf verfügte ich mich zu unsern Fräulein und bat sie um das Buch
das sie braucht wenn sie Briefe schreibt und ihr nichts einfallen will sie gab
mir dieses ohne Schwürigkeit Ich übersende es ihm im Vertrauen er muss es aber
ja wohl bewahren dass es nicht schmutzig wird und ein Dinten oder Oehlfleck
hinein kommt In diesem Buche sind alle Wörter enthalten die zu einer Rede
gehören es ist daher ein vortrefliches Werk welches alle Arbeit leichte
macht Man darf nur die Worte aufschlagen wie sie einen von ungefehr in die
Augen fallen und diese hernach mit einander verbinden so ist die Rede fertig
Da ich gehört habe dass man sich bei einer Rede vor allen Dingen um ein Thema
bekümmern muss eben so wie in der Musik welches man hernach ausführet so
suchte ich erst in dem Buche mein Thema zusammen das waren die einzelnen Worte
die ich von ungefehr aufschlug Diese schrieb ich fein ordentlich wie sie mir
das Glück bescheret hatte auf ein Pappier und studierte hieraus meine Rede
zusammen Es kostete freilich hin und wieder viel Kopfbrechens weil manche
Worte sich weder zusammen schicken noch reimen wollten doch da ich mir
vorgenommen hatte nichts in dem Thema zu ändern so künstelte ich so lange bis
alles zusammen passte Damit ihm alles deutlich wird so habe ich meine Rede
abgeschrieben und derselben das Thema beigefügt woraus ihm alles verständlich
werden muss Künftige Mittewoche wenn ich aus der Akademie komme will ich bei
ihm einsprechen und die Kirchenstücke abholen welche er sobald sie
abgeschrieben sind ohne Schaden wieder haben soll Unser Herr Pastor hat einen
gewaltigen Groll auf mich geworfen dass ich mit in der Akademie bin und er
nicht Wie ist denn der seinige diesfalls gegen ihn gesinnt Ich habe vier
Groschen aus der Kirche für den Weg prätendiret den ich nun wöchentlich von
hier nach Kargfeld tun muss aber der Herr Pastor will es durchaus nicht in der
Kirchrechnung passieren lassen keine Frohndienste lass ich mir warlich nicht
aufbürden Legt sich der Herr Pfarr mit mir nicht bald zum Zweck so will ich
ihn schon kriegen ich habe ihn sein Amt müssen führen lernen und nun will er
über mich herrschen Die Welt wird doch immer schlimmer Nebst einem schönen
Gruß von meiner Frau bin ich
Des Herrn
dienstwilliger
BE
Dass die Natur und nicht die Kunst einen Virtuosen bildet erweist in einer Rede
Baltasar Eck treufleissiger Kantor und Schuldiener in Schöntal
Hokuspokus
Affenspiel
Advokat
Kalendermacher
Aufblehen
Untervogt
Austrinken
Saitenspiel
Halskaufe
Stempel
Unterminiren
Altfränkisch
Zipperlein
Bratenwender
Heufuder
Goldschmidt
Holzhacker
Die edle Musika ist eine von den freien Künsten und keinesweges ein
verächtliches Handwerk oder eine Brodtlose Kunst dergleichen es welche gibt
die Leute ums Geld zu bringen oder sie zu vexiren Von diesem Schlage sind die
Kartenspiele die Kartenkünste worauf etliche Leute sich so viel wissen und was
dergleichen Gaukeleien mehr sind womit die Hokuspokusmacher umzugehen wissen
allein sie verdienen nicht einmal den Namen der Künste sondern sollten vielmehr
Aeffereien oder Affenspiele genannt werden. Ein Musikus ist ein ehrbarer Mann
der seine Kunst gerlernt hat nicht allein den Leuten die Zeit zu vertreiben
sondern auch vielerlei Gutes zu stiften denn man kann vermöge der Musik
Krankheiten heilen die Zauberei vertreiben gute Gedanken einflößen und
dergleichen mehr das ein andrer wohl muss unterwegen lassen Aber nicht jeder
der etwas auf einem Instrumente herstümpern kann ist im Stande dieses zu tun
sondern nur große Musikverständige die man Virtuosen nennet können solche
herrliche Dinge ausrichten Dergleichen Leute werden nun wie die Erfahrung
lehret nicht durch die Kunst hervorgebracht sondern sie müssen von Natur ein
gutes Geschick haben wenn was rechtes aus ihnen werden soll Dahero hat die
Musik vor andern Künsten etwas zum Voraus wem die Natur nicht ein Geschick zur
Musik verliehen hat der bleibe immer davon oder erwähle ein anderes Metier Aus
dieser Ursache schickt sich auch nicht jeder zur Musik es kann einer eher ein
Doctor und Professor werden auf einer Universität als ein tüchtiger Kantor Bei
jenen kommt es auf Geld und gute Worte oder auf gute Patronen an hierdurch kann
einer unter den Gelehrten alles werden was er nur will aber du magst spendiren
wie du willst du magst den Schulzen und Kirchpatron zum Paten haben wenn dir
die Natur keine gute Stimme in die Kehle und keine Hurtigkeit in die Hände und
Füße gegeben hat dass du nicht laut genug vorsingen kein Trillo schlagen und
keine tüchtige Fuge auf der Orgel herrasseln kannst so nehmen dich die Bauern
nicht zum Kantor und wenn du könntest die Kieselsteine in Gold verwandeln Wo
die Kunst alles tut da ist die Natur überflüssig und wo die Natur alles
wirket da braucht es keine große Kunst Ein Advokat zum Exempel ist ein arte
factum er mag eine natürliche Gabe zum Plaudern und Zanken haben oder von
Natur so sanftmütig sein wie ein Lamm wenn er in seiner Kunst ausgelernet hat
so gewinnt er die schlimmsten Processe Woher kommt das Aus keiner andern
Ursache als weil er durch die Kunst aus weiß hat lernen schwarz machen und
ihm gleich wie einem Staar die Zunge gelöst ist dass er reden kann was er
will Allein lasst ihn einmal einen Triller schlagen so werdet ihr sehen dass er
dieses zu tun nicht im Stande ist wenn die Natur seine Kehle nicht dazu
aptiret hat Es hat mit einem Musikus eben die Bewandtnis wie mit einem
Kalendermacher dieser mag rechnen können wie er will er mag den Himmel durch
sieben und siebzig Ferngläser beschauen dem ungeachtet wird das
Wetterprognosticon nicht zutreffen oder die Prophezeihung von Krieg und Frieden
in Erfüllung gehen wenn ihn nicht die Natur zu einen Kalenderschreiber gebildet
und ihm die Gabe zukünftige Dinge vorherzusagen verliehen hat Hieraus
erhellet was ein Musikus in eigentlichem Verstande welchen man gemeiniglich
einen Virtuosen nennet für ein Mann ist und dass solche Leute billig in Ehren
zu halten sind auch ihnen ein reichlich Auskommen muss verschaffet werden denn
sie wachsen nicht so zahlreich wie die Schwämme und können auch nicht durch die
Kunst hervorgebracht werden wie die Orgelpfeifen sondern die gütige Natur
bringt sie nur dann und wann hervor wenn sie ihr Spiel haben will wie die
Weidenrosen oder die Kornstengel mit hundert Ähren Das wissen diese Herren
auch gar wohl darum blehen sie sich nicht selten auf wie die Untervögte und
haben ihre Mucken wie die Pferde die den Sonnenschuss bekommen Ich könnte von
ihrem Eigensinne manches artige Stückgen anführen wenn ich mich nicht der Kürze
befleissigen wollte Nur einger im Vorbeigehen zu gedenken so sind einige
Virtuosen so eigensinnig dass sie sich durchaus nicht wollen hören lassen so
lange sie ein volles Glas im Gesichte haben Ich kenne einen Schulmeister der
mein Freund ist der diesen Wurm auch hat und allen Gläsern erst auf den Boden
sieht ehe er seine Violine stimmt welches denen die von seiner Kunst etwas
hören wollen oftmals teuer genug zu stehen kommt weil er auf einen Sitz mehr
austrinken kann als zehen Schnitter in der Erndte Andere lassen sich nicht
anders als durch Schläge bewegen ihr Saitenspiel anzurühren und tun das
gezwungen was man weder durch gute Worte noch durch Verheißungen von ihnen
erhalten kann Einige haben die wunderliche Gewohnheit an sich dass sie sogleich
aufhören zu spielen wenn sie gelobt werden und hingegen fortfahren wenn man
sie für Stümper und Hümpeler hält Ich habe auch von einem Virtuosen sagen
hören dass er sich allezeit wenn er ganz besonders durch seine Geschicklichkeit
sich hätte hervor tun wollen in den größten Gesellschaften entkleidet habe
als wenn er zu Bette gehen wollte Ein loser Vogel hätte ihm aber einmal da er
von seiner Kunst ganz bezaubert gewesen die Kleider versteckt dass er im kalten
Winter halb nackend hätte nach Hause gehen müssen und über diesen Spaß seine
künstlichen Finger erfrohren hätte Einmal da sich ein Virtuos in hiesiger
Gegend einfand habe ich es mit meinen Augen gesehen dass er seine Perucke an
die Erde warf die Halskrause abriss den Rock auszog und die Weste aufknöpfte
wenn er ein Stück spielte das sich besonders ausnehmen sollte Hierauf ging er
in Stube auf und nieder trat seine Perucke und Kleider mit Füßen und konnte
es durchaus nicht vertragen wenn sie jemand aus dem Wege räumen wollte Es ist
gewiss dass jedermann der kein Virtuos ist für unsinnig würde gehalten werden
wenn er solche Virtuosenstreiche machen wollte ohne einer zu sein aber bei
diesen gehört es mit zu ihrem Wesen dass sie dann und wann etwas seltsames von
sich blicken lassen und man muss es mehr unter ihre Tugenden als Fehler rechnen
große und berühmte Leute dürfen sich auch immer etwas mehr herausnehmen als
andere und ihre Fehler sind wie die Narben die manche Gesichter mehr
verschönern als verstellen Unsre Zeiten sind nicht arm an Virtuosen und unser
Vaterland hat davon auch eine große Anzahl aufzuweisen Viele davon kenne ich
von Person viele dem Namen nach einige aus ihren Werken einige sind mir auch
ganz und gar unbekannt Wenn sie freilich alle mit einem Stempel gezeichnet
wären wie die Geleitszeddel so würde man es jedem ansehen wer ein Virtuose
ist oder dafür will gehalten sein Ich könnte viele mit Namen nennen und sie
dadurch in hiesiger Gegend bekannt machen doch weil ich sie nicht alle kenne
so will ich damit es keinem verdrüsst alle außer einem einzigen auf den ich
eine Lobrede halten soll mit Stilleschweigen übergehen Er heist Herr Händel
und soll wenn anders den Zeitungen zu trauen ist nicht mehr am Leben sein Ich
habe ihn nie mit Augen gesehen ob ich gleich in meinem Leben viel Leute gesehen
habe aber seit einiger Zeit habe ich von ihm reden hören er soll ein Gastmahl
des großen Alexander Magnus so künstlich in Musik gesetzt haben dass einen
alsbald zu hungern anfängt wenn man dieses Stück spielen hört Man erzählt
überhaupt von ihm dass er durch die Harmonie der Saiten die Gemütsneigungen der
Menschen dergestalt hätte unterminiren können dass jedermann nach seiner Pfeife
habe tanzen müssen und deswegen ist es ihm auch etwas leichtes gewesen die
Gunst der großen Herren zu erhalten Er durfte nur das Klavier unter seine
Finger und das Pedal unter seine Füße bekommen so konnte er mit seinen Zuhörern
machen was er wollte spielte er ein trauriges Stück so klang dieses
erbärmlich dass jedermann anfing zu weinen spielte er lustiges so hüpften
seine Zuhörer wieder wie die Aelstern wollte er haben dass sie sich sollten bei
den Köpfen kriegen so spiele er einen Marsch und durch eine Aria war er im
Stande sie wieder vollkommen zu besänftigen Ob er ein Freund von neuen Moden
gewesen lässt sich nicht gewiss bestimmen weil er aber am Hofe gelebt hat so
scheint es dass er sich auch eben nicht ein altfränkisches Ansehen gegeben
Obgleich einige vorgeben wollen er wäre mit dem Zipperlein behaftet gewesen so
kommt mir dieses doch ganz unglaublich vor weil ich noch nie einen Menschen
gekennet habe der davon einigen Anstoß erlitten wenn er das Pedal fleißig
getreten hat Dieses mag für dismal genug sein von diesem Ehrenmanne der unter
die ansehnlichen Mitglieder dieser Akademie gewiss würde sein aufgenommen worden
wenn er nicht zu frühzeitig aus der Welt hätte wandern müssen Aus dem
angeführten ist unschwer zu ermessen dass ein Musikus nichts kleines ist,
sondern dass man ihn vielmehr als ein Wunder der Natur betrachten und in Ehren
halten muss Es ist zu bedauern dass nicht alle Leute dieses erkennen sonst
würden sie nicht gegen einen Musikverständigen so stolz tun Mancher der nicht
im Stande ist einen Braten am Spiese herum zu wenden bildet sich so viel ein
dass es Rot täte ein Heufuder wich ihm aus und gleichwohl nehmen sich solche
Leute immer am ersten die Freiheit Virtuosen zu beurteilen sie auszulachen
uns über sie zu kritisiren Es ist aber am besten getan wenn man sich von
diesen Leuten nicht anfechten lässt und dabei denkt wie Goldschmidts Junge Das
Reden kann man den Leuten nicht verwehren auch der geringste Holzhacker redet
oftmals nach seinem Holzhackerverstande von den wichtigsten Staatsaffairen dem
ungeachtet verliehren diese dadurch nichts von ihrer Wichtigkeit
Die Altertümer in und um Dürrenstein aufgesucht und beschrieben von Valentin
Striegeln Schulmeister daselbst
Das Alter soll man ehren dieses ist hochansehnliche Versammlung wie ihnen
wohl wird bekannt sein eine alte Regel und auch eine löbliche und herrliche
Gewohnheit die aber leider nicht allezeit beobachtet sondern vielmehr von
der mutwilligen Jugend aus den Augen gesetzt und verachtet wird Leute die es
besser verstehen haben diese Vorschrift beständig vor Augen sie ehren nicht
nur die Alten sondern auch alles was alt ist oder doch von den lieben Alten
herstammt Meine selige Großmutter hatte noch eine Patrontasche aus dem
dreissigjährigen Kriege die ein Soldat der bei ihr im Quartier gelegen
vergessen hatte diese hielt sie in solchen Ehren dass sie keinem andern
Behältnis als dieser ihr altes Geld anvertrauen wollte und in der Erbschaft ist
darüber ein solcher Streit entstanden dass der Prozess viele Jahre gedauert hat
nachdem aber Richter und Advokaten sich in das alte Geld das in solcher
gewesen ganz friedlich geteilet ist die leere Patrontasche bei der Familie
geblieben wie denn solche noch bei mir als eine Seltenheit zu sehen ist Das
Alter ist klüger als die Jugend es ist ehrwürdiger ja es ist überhaupt
vollkommener als das was noch jung ist oder doch noch nicht lange gedauret
hat aus dieser Ursache muss es also billig höher geschätzt werden als die
Jugend Man sieht unter andern dieses auch an dem alten Gelde solches steht
in viel grösserm Wert als das neue der alte Wein wird jederzeit dem jungen
vorgezogen die alte Liebe rostet nicht nach dem bekannten Sprichworte das
ist sie verlöscht niemals ganz und gar sondern glimmet immer fort wie das
Feuer unter der Asche Weil nun das Alter so ehrwürdig ist so darf es niemanden
verdacht werden wenn man diejenigen Dinge, welche alt sind und von unsern
Vorfahren herstammen besonders hochschätzt sie oft betrachtet und ihr
Andenken zu erhalten suchet Da nun das hochadliche Gerichtsdorf Dürrenstein
einen besonderen reichen Schatz von alten Überbleibseln und merkwürdigen Dingen
aufzuweisen hat so habe ich mir keine Mühe verdrüssen lassen von allen diesen
Dingen genaue Erkundigung einzuziehen um mich um diesen Ort wo ich geboren
bin und woselbst meine Vorfahren seit der allgemeinen Völkerwanderung
gewohnet haben einiger maßen verdient zu machen
Billig sollte ich meine Untersuchung von der Kirche anfangen da aber diese
bei Menschengedenken durch eine Feuersbrunst ist verzehret worden und noch bis
jetzo keine neue hat können erbauet werden so ist von derselben nichts
merkwürdiges übrig geblieben das unter die Antiquitäten könnte gezählet werden
als das Kirchenbuch welches dem äußerlichen Ansehen nach sehr alt ist doch
lässt sich das Jahr in welchem solches in die Kirche ist gebracht worden nicht
bestimmen denn die ersten Blätter sind herausgerissen und die darauf folgenden
sind weil meine Vorfahren die Herren Schulmeister vermutlich oft zum
Zeitvertreibe darin studiret haben dergestalt makuliret dass man nur mit
großer Mühe ein und das andere Wort noch lesen kann Übrigens sieht man
daraus dass Kargfeld schon ehemals gelehrte Schulmeister gehabt denn einer der
ungefehr vor hundert und mehr Jahren mag gelebt haben hat alles was sich in
dem Dorfe merkwürdiges begeben nicht nur fleißig eingetragen sondern auch
gelehrte Anmerkungen Randglösslein und Verse hinzugesetzt wie aus folgenden
Beispiel zu ersehen Den 20 Nov das Jahr ist nicht hinzugefügt wurde der
grobe Flegel Steffen der Schmidt mit einer Leichenpredigt beerdiget Hierbei
sind folgende Verse am Rande zu lesen
Hier liegt der Schmidt zu meiner Freud
In dieser kleinen Grube
Macht mir so manches Herzeleid
Der arge böse Bube
Tät einst mit einem eisern Stab
Viel Streiche auf mich führen
Nun da er lieget in den Grab
Kann er kein Glied mehr rühren
Ein anders Den 12 August ließ Hanns Höniger sonst vermutlich Waldesel
genannt sein Söhnlein Hännsgen taufen hatte ein loses Maul dass ich dem großen
Herrn die Kirche nicht gleich eröffnet wie er es haben wollen Am Rande ist
folgendes Glösslein zu lesen Damit nicht jemand denkt ich hätte diesem Manne
obigen Namen aus Feindschaft aufgebürdet so will ich beweisen dass seine
Vorfahren so geheißen haben Sein Vater ist Torschreiber gewesen sein
Großvater ein Advokat sein Urgroßvater ein Arzt er stammt also aus einer
gelehrten Familie Da es nun sonst gebräuchlich gewesen dass diese sich
lateinische Namen gegeben so haben es die Vorfahren dieses Mannes vermutlich
auch so gemacht sie hießen Waldesel und nennten sich lateinisch Onager welches
in der geschwinden Aussprache onger gleichsam oniger geklungen hat hierzu ist
mit der Zeit noch ein H gesetzt und das o Wohlklangshalber in ö verwandelt
worden da habt ihr Höniger aus Onager ohne Schwürigkeit Ich wende mich von
diesem Buche zur Schulwohnung welche nicht mit abgebrannt und das älteste Haus
im Dorfe ist so voller Antiquitäten steckt dass das ganze Gebäude als ein
Überbleibsel aus dem Altertum angesehen werden kann, besonders da seit
Menschengedenken nichts daran ist gebaut und gebessert worden dass zu besorgen
ist es werde einmal unversehens über Haufen fallen und die Hoffnungsvolle
liebe Schuljugend nebst allen übrigen Menschen und Vieh so darin sind
lebendig begraben In diesem Schulhause ist noch bei Lebzeiten meines Vaters
eine gebrochene Tür gewesen welche die Eigenschaft an sich gehabt dass sich an
solcher eine Art von Gespenstern frühe am Neujahrstage wenn zum erstenmal in
die Kirche geläutet worden in Gestalt der Personen welche das Jahr über
gestorben sind haben blicken lassen welche über die untere Hälfte der Tür
hinein in das Haus gesehen haben und alsbald darauf verschwunden sind Hieraus
haben die Schulmeister sogleich einen Überschlag machen können ob das Jahr
fett oder mager an Accidenzien sein werde Doch seitdem diese Tür Anno Neune
durch einen gewaltigen Sturmwind eingeworfen worden und eine neue an deren
Stelle kommen ist will sich heut zu Tage Niemand mehr daran sehen lassen An
dem alten Kirchturm soll ein Schallloch gewesen sein wo man wenn man den Kopf
hindurch gesteckt alles hören können was im ganzen Dorfe ist gesprochen
worden wenn die Leute auch gleich heimlich mit einander geredet haben aber
dieses Schallloch ist eben so wohl als der Turm mit verbrannt Der Wetterhahn
auf den Turme ist so künstlich zugerichtet gewesen dass er allezeit gekrähet
hat wenn der Schulmeister oder Schulze habe sterben wollen oder wenn ein
andres großes Unglück den Ort bevorgestanden hat In der Nacht vorher ehe das
Feuer ausgebrochen hat er auch dreimal laut gekrähet dass er von vielen Leuten
ist gehört worden Vor dem Dorfe auf dem Wege nach Kargfeld rechter Hand
stehen drei steinerne Kreuze und man ist nicht einig was sie eigentlich
bedeuten sollen einige sagen es wäre im dreissigjährigen Kriege eine Schlacht
bei Dürrenstein gehalten werden in welcher drei große Generals geblieben die
an dem Orte wo die Creuze stünden wären beerdiget worden andere sagen diese
Creuze wären in einer Nacht einmal aus der Erde gewachsen wie die Schwämme
worauf der dreissigjährige Krieg alsdenn entstanden wäre Einige schreiben
denenselben allerlei Kräfte zu Wer zu dreimal dreienmalen um solche herumlaufen
kann und zwar in einem Oten der soll einen großen Schatz heben der wie man
sagt darunter verbogen liegt Wer zornig ist und über den größten von diesen
Steinen zwölf mal wegspringt dem soll die Bosheit vergehen etliche Innwohner
probiren dieses auch mit ihren bösen Frauen und nötigen sie darüber zu
springen so oft sie vorbei gehen wovon sie unvergleichlich fromm werden
sollen Zwischen Dürenstein und Schöntal auf halben Wege steht der sogenannte
Wunderbaum welcher von einem unglücklichen Prinzen der seine Liebste die eine
verwünschte Prinzessin gewesen hier wieder angetroffen hat und zum Andenken von
ihm hieher soll sein gepflanzet worden Die Rede geht dass er anstatt der
Birnen einmal Äpfel tragen würde und alsdenn würden die Weiber in der ganzen
Welt einen grässlichen Aufstand erregen um sich die Männer untertänig zu
machen Bei diesem Baume würde eine große Schlacht gehalten werden und obgleich
die Weiber unterliegen würden so sollten sie doch die Herrschaft erhalten
Einige sagen die Prophezeihung wäre schon erfüllt andere sonderlich Weiber
hoffen noch darauf und meinen die Prophezeihung müsste nun bald eintreffen
weil der Baum wegen großen Alters nicht lange mehr stehen könnte Baldrion
der Wagner hat eine seltsame Antiquität in seinem Hause die er vorzeigt wenn
man ihm ein gut Wort gibt oder etwas zum Brandeweine spendiret Es ist solches
ein Nagel womit sein Großvater die Pest welche damals in sichtbarer Gestalt
als ein blauer Dunst im Dorfe herumgegangen in einer Kammer seines Hauses in
einen kleinen Spalt eingenagelt hat dass sie nicht wieder herauskann Der Nagel
steckt noch in der Wand und habe ich solchen oftmals gesehen Desgleichen wird
in der Gemeinenlade noch ein Pfefferkuchen gewiesen der von dem Mehle gebacken
ist dergleichen es vorzeiten einmal hier geregnet hat Da sich auch einen als
sehr viele Wölfe in hiesiger Gegend haben sehen lassen welche in den
Schäfereien großen Schaden getan sonderlich auch den jungen Mädchens
nachgeschlichen solche geherzt und gedrückt aber ihnen sonst kein Leid
zugefüget so hat ein Mädchen aus unserm Dorfe einem solchen Wolfe einsmals ein
Ohr abgeschnitten welches sich hernach in ein Menschenohr verwandelt hat wie
diese Geschichte in der Gemeindestube abgemahlt noch auf den heutigen Tag zu
sehen ist Eben daselbst in der Gemeinenlade finden sich auch einige Steine mit
welchen der Kobold der in dem GemeindeBrauhause seine Wohnung vor Zeiten
aufgeschlagen gehabt nach den vorübergehenden Leuten geworfen auch den dasigen
Schulmeister welcher mit Segensprechen ihn hat vertreiben wollen eine solche
Kopfnuss versetzet dass er in einem Backtroge hat müssen nach Hause getragen
werden Auch könnte man mit unter die Altertümer zählen den üblen Geruch der
in der großen Stube in Peter Langhansens Hause anzutreffen ist Die Ursache
davon ist diese es waren einmal in dieser Stube in der Osternacht ein Haufen
junger Leute die früh morgens wollten die Sonne tanzen sehen Um Mitternacht
kam der Böse mit seinem Pferdefusse und langen Schwanze unter sie getreten und
fragte was sie da machten als sie sich nun fürchteten und über diesen
hässlichen Anblick sich kreuzigten und segneten ist er zwar bald wieder
verschwunden hat aber einen solchen Gestank hinterlassen der noch immer nicht
aus der Stube kann vertrieben werden ob man schon mehr als einen Malter
Wacholdern darüber verräuchert hat Die Reisenden und Antiquarii pflegen sich
aus Curiosität allezeit dahin zu verfügen um von der Gewissheit dieser Sache
Erkundigung einzuziehen und bezeugen einmütig dass sich alles in der Tat so
befinde und diese Historie keinesweges unter die Mährgen gehört Wenn ich
weitläuftig sein wollte so könnte ich nun zu den lebendigen Antiquitäten
schreiten und die alten Greisse beiderlei Geschlechts welche in unserm Orte
ziemlich zahlreich anzutreffen sind nach einander beschreiben Weil dieses aber
auch zu einer andern Zeit geschehen kann so will ich es jetzo unterlassen und
nur überhaupt anmerken dass manche große Stadt nicht so viele alte Leute
aufzuweisen hat als unser Dorf Deswegen steht auch eine ehrbare Gemeinde in
dem Rufe der Klugheit wie denn andere Örter die größer und ansehnlicher
sind wenn schwere und wichtige Händel vorfallen bei uns sich Rats zu erholen
pflegen Auch verstehen sich unsere Leute meisterlich aufs Wetter weil wir so
viel hundertjährige Kalender aufzuweisen haben Unser Dürrenstein hat seit
undenklichen Jahren in Ansehung der Gerichtsbarkeit zu der Familie unsers
gestrengen Junkers des Herrn von N gehört und sich dabei ziemlich wohl
befunden Wir wünschen daher nichts mehr als eine rechtmäßige Vermehrung und
Fortpflanzung dieser adlichen Familie von welcher unser gestrenger Junker der
letzte Zweig ist Deswegen wünschen wir ihm nicht nur eine junge Gemahlin
sondern hoffen auch bei unsern Lebzeiten in diesem ehelichen Lustgarten so
viele Sprösslein zu erblicken als unser Dorf Altertümer aufzuweisen hat
XIX Brief
Herr Lampert Wilibald an den Pastor Loci
Vom Hause den 8 Dec
Hochgeehrtester Herr Pastor
Es ist eine Sache von äußerster Wichtigkeit die mich nötiget die Feder zu
ergreifen und Ihnen das schriftlich zu entdecken was meine Bescheidenheit
mündlich zu tun verbietet Der Buchstabe wird nicht schamrot nach dem
Ausdrucke des Fürstens der Redner und Briefsteller aus dem Altertume ich aber
würde es werden wenn ich Ihnen das mündlich sagen sollte was Sie schon lange
wissen Die verborgene Flamme welche bisher nur unter der Asche geglimmet und
die Sie selbst weislich unterhalten haben fängt nun an lichterloh zu brennen
und da ich in Gefahr stehe davon verzehret zu werden so rufe ich Sie um Hilfe
an denn Sie alleine sind im Stande mich von dem Untergang zu befreien der
mich zu bedrohen scheint Ihnen ist die Neigung die ich jederzeit gegen Dero
wohlgezogene Jungfer Tochter gespühret habe zur Gnüge bekannt Es ist Ihnen
nicht unangenehm gewesen wenn ich Ihnen verblümt habe zu verstehen gegeben dass
ich wünschte in Ihnen einen Papa zu verehren Jetzt ist es einmal Zeit dass ich
dieses Geständnis dass ich Jungfer Hannchen liebe und keine andere als sie
jemals für meine Gattin erkennen werde mit klaren dürren Worten tue die
keiner Verdrehung unterworfen sind Ich würde mit dieser Erklärung noch eine
Zeitlang hinter dem Berge gehalten haben wenn eine gewisse Figur eines
Rechtsgelehrten der immer um die Pfarre herum schwärmet mir nicht einige
Unruhe machte dass ich mich also genötigt sehe Ihnen diese categorische
Erklärung zu tun dass ich Ihre Jungfer Tochter liebe und mir hierauf eine
categorische Antwort ausbitte Ich sage Ihnen nichts neues ehemals da Jungfer
Hannchen noch bei mir in die Schule ging unterredeten wir uns bereits davon
Sie nahmen meinen Antrag zwar nur als einen Scherz an und dachten nicht dass
ich als ein Philosoph in die Zukunft einen Blick werfen und darin mein
Schicksal lesen könnte Ich wendete allen möglichen Fleis bei diesem schönen
Kinde an um ihr die Grundsätze welche man von einer tugendhaften Frau
verlanget wohl einzuprägen damit ich dereinst durch ihren Besitz mich für den
glücklichsten Mann auf der Erden schätzen könnte Aus dieser Ursache wollte ich
auch nie einiges Lehrgeld von Ihnen annehmen weil ich mir feste vorgenommen
hatte diese Rahel Ihnen selbst abzuverdienen Da Jungfer Hannchen die Jahre
erreicht hatte die sie meinem Unterrichte entzogen unterließ ich nicht meine
Dienstleistungen gegen Sie zu verdoppeln Wenn Ihre podagrischen Zufälle Sie
abhielten Ihr Amt zu verrichten so war ich immer bereit Sie zu unterstützen
und seitdem Sie diese Bereitwilligkeit bei mir bemerkten wurden Sie das Podagra
fast niemals los Endlich glaubte ich berechtiget zu sein mir wenigstens einige
Hoffnung für meine Bemühungen machen zu dürfen und nahm mir die Freiheit Ihnen
den Vorschlag zu tun mich bei Ihrem herannahenden Alter zu Ihrem Amtsgehülfen
annehmen zu lassen Weil Sie mir aber sagten dass es damit noch Zeit hätte und
dass Ihnen der bloße Name eines Substituten unerträglicher ins Gehör fiele als
der ärgste Fluch weil Sie eine solche Antipathie gegen diese Art Leute bei sich
verspürten dass Sie allezeit einen podagrischen Anfall bekämen wenn sich einer
von dieser Gattung Leute vor Ihnen blicken ließ so gedachte ich von diesem
Vorhaben gegen Sie weiter nichts und begnügte mich an Ihrer bloßen Freundschaft
und an dem Zutritte den Sie mir in Ihr Haus verstatteten Seitdem aber mein
Principal auf meine geschehene Vorstellung gut befunden so wohl an seiner
Person als auch in seinem Hause verschiedene Veränderungen vorzunehmen so haben
Sie diese für lauter Ketzereien gehalten und ein besonderes mürrisches Betragen
gegen mich beobachtet dass ich glaube wenn Sie ein Ketzerlexicon schrieben so
würde ich darinnen gewiss einen Platz bekommen Doch weil ich Ihren wunderlichen
Sinn mehr dem Alter als einem Hasse gegen meine Person beimass so ertrug ich
alles mit einer mehr als stoischen Gelassenheit denn Sie gaben mir doch dann
und wann wieder einen freundlichen Blick wenn ich Ihnen Ihr Amt erleichtern
half Unterdessen habe ich seit einiger Zeit wahrgenommen dass Jungfer
Hannschen wenn ich Sie besuche so bald Sie ihr nur einen Wink mit den Augen
geben sich aus der Gesellschaft schleicht oder wenn sie auch da bleibt so
präsentiret sie mir nicht mehr einen Fidibus zum Zeichen dass ich die Erlaubnis
habe in ihrer Gegenwart eine Pfeife Toback anzustecken ja was das meiste so
hat sie seit einiger Zeit die Gewohnheit unter meinen Predigten einzuschlafen
oder gar nicht in die Kirche zu kommen Sie will auch keinen Spaß mehr von mir
vertragen und meine lustigen Einfälle die ich dann und wann habe wenn ich auf
guter Laune bin werden von ihr nicht mehr belacht oder wenn sie ihnen den
Beifall nicht versagen kann so nimmt sie eine so gezwungene lächelnde Mine an
dass ich daraus deutlich abnehmen kann dass ihre Gesinnungen gegen mich die sind
die sie ehmals waren Aus allen diesen Umständen kann ich für mich eben nichts
vorteilhaftes schließen und diese Dinge befremden mich um so mehr je weniger
ich mir etwas vorzuwerfen habe dadurch ich eine Kaltsinnigkeit verdient hätte
Da Sie mir nun niemals verboten haben Ihre Jungfer Tochter zu lieben so mache
ich daraus den sichern Schluss dass ich hierzu Ihre Einwilligung erhalten habe
denn qui tacet consentire videtur ja Sie haben mich einmal öffentlich auf dem
Schloss allhier da Sie den Wein mit ausproben halfen den die fremden Truppen
bei ihrer Retirade im Stiche gelassen mit dem Namen eines Sohnes beehret Sie
werden sich noch zu erinnern belieben dass Sie einmal sagten Herr Sohn wir
tun des guten zu viel ein andermal ein mehreres ich habe zur Gnüge lieber
Herr Sohn Solche günstige Adspecten verliehre ich nicht gern aus dem Gesichte
und trug daher dieses schmeichelhafte Kompliment sogleich in mein Diarium ein
Nun hoffe ich zwar nicht dass Sie Ihre Neigung von mir abgewendet haben allein
da mir seit einiger Zeit eines und das andere zu Ohren kommen ist dass ich mich
weder in Sie noch Dero Jungfer Tochter zu finden weiß so habe ich nötig
gefunden alles was in dieser Sache unter uns vorgegangen durch eine kurze
Wiederholung Ihnen wieder ins Gedächtnis zu bringen damit wenn missgünstige
Leute Sie bereden wollten auf die Hinterbeine zu treten wie man zu sagen
pflegt Sie sich eines bessern besinnen und mir Ihr Wort halten widrigenfalls
würden Sie einen schweren und langwierigen Prozess mit mir bekommen welchem Sie
doch grämer sind als einem Substituten Aus dieser Absicht und damit ich weiß
wie ich meine Maßregeln einzurichten habe will ich hierdurch in optima forma
um Ihre Jungfer Tochter nochmals anhalten und versehe mich bald einer
schriftlichen oder mündlichen Antwort die wie ich hoffe mein Gemüt das
durch allerlei Gerüchte aus dem Gleichgewichte ist gebracht worden wiederum
beruhigen werde Ich tue Ihnen zugleich nochmals den Vorschlag mich zu Ihren
Amtsgehülfen anzunehmen und damit Sie sehen dass mich nicht der Eigennutz
hierzu antreibt so will ich hiermit Verzicht auf alle Pfarreinkünfte tun so
lange Sie am Leben sind welches der Himmel noch lange bewahren wolle Mein
Principal ist entschlossen mir die Function worinnen ich gegenwärtig stehe zu
lassen folglich kann ich mich wohl ernähren Hannchen wird als meine Frau Ihnen
nicht einen Heller mehr Aufwand machen als jetzo da sie Ihre Jungfer Tochter
ist sie bleibt an Ihrem Brode und führt Ihr Hauswesen Wegen der zu hoffenden
Posterität dürfen Sie sich keine Sorge machen ehe es so weit kommt kann sich
vieles ändern findet sich indessen das Häsgen so findet sich auch das Gräsgen
Ich getraue mir übrigens die Pflichten eines Amtsgehülfen von Ihnen eines
Haushofmeisters und eines Hausvaters ganz commod und ohne dass eine der andern
Eintrag tut zu erfüllen Dass die von den beiden ersten Gattungen sich wohl mit
einander vereinigen lassen davon habe ich Ihnen schon genug Beweise gegeben und
mit der letztern hat es ohnedem keine Schwürigkeit Machen Sie mich durch eine
Antwort nach meinem Wunsche so vergnügt als ich Ihre Jungfer Tochter für die
übrige Zeit ihres Lebens vergnügt zu machen gedenke und geben Sie mir die
Erlaubnis dass ich mich in der Tat nennen darf
Ihren
gehorsamen Sohn
MLW
XX Brief
Herr Wendelin der Aeltere an Herrn L Wilibald M
Vom Hause den 8 Dec
Als einsmals der große Alexander mit dem Darius Könige in Persien Krieg
führte schickte der letztere dem ersten einen Beutel mit Mohnsaamen und ließ
ihm sagen Siehe so viel streitbare Männer kann ich gegen dich ins Feld führen
als du hier Mohnkörnlein vor dir siehst Alexander nahm eine Handvoll in den
Mund und indem er sie verzehrte sagte er Die Anzahl ist groß aber die Kraft
ist geringe Hierauf schickte er dem Darius einen Beutel voll Pfefferkörner zur
Vergeltung seines Geschenkes und ließ ihm sagen Versuche diese die Anzahl ist
geringe aber die Kraft ist desto größer Sie kommen mir vor wie der Darius
Sie schütten einen ganzen Sack voll Dienstleistungen und Gefälligkeiten vor mir
aus die Sie mir wollen erwiesen haben Ich kann nicht in Abrede sein dass nach
Ihrer Rechnung eine große Anzahl herauskommt doch die Erheblichkeit davon ist
nicht größer als die Kraft des Mohnsaamens Wenn ich mit Ihnen eine Abrechnung
halten wollte so könnte ich die Gefälligkeiten die ich Ihnen erwiesen habe
von vielen Jahren her erzählen und Ihren kleinen Dienstleistungen die Sie mir
wollen erwiesen haben entgegen stellen Sind jene an der Zahl nicht so groß so
sind sie es in Ansehung der Wichtigkeit dass ich sie wohl mit den Pfefferkörnern
des Alexanders vergleichen kann Legen Sie einige Proben meiner Gewogenheit auf
die Zunge einer gesunden Prüfung um ihnen einen Geschmack abzugewinnen so
werden Sie finden dass sie kräftiger und vortrefflicher sind als alle Ihre
kleinen Bemühungen für mich die Sie größtenteils freiwillig übernommen haben
und dafür ich Ihnen nur aus Höflichkeit bin verbunden gewesen Ich sehe daher
gar nicht ein aus was für einem Grunde Sie eine Belohnung verlangen wie der
Erzvater Jacob Sie haben mir meine Rahel noch lange nicht abverdienet und
werden sie auch ihr Tage nicht verdienen Nehmen Sie nicht übel dass ich dieses
rund heraus sage ich bin nicht fähig mich zu verstellen ich rede so wie ich es
meine Zwar kann ich nicht umhin die christliche Absicht die Sie gegen meine
Tochter hegen mit Danke zu erkennen und ich wollte wünschen dass ich mich im
Stande sähe Ihnen zu willfahren allein da Sie jetzt noch keine Versorgung
haben denn was Ihren Vorschlag betrifft sich mir substituiren zu lassen so
heißt es damit wie gebeten abgeschlagen da auch über dieses meine Tochter zu
Ihnen keine besondere Neigung spühret ob sie Sie gleich übrigens in Ihren
Würden lässt hiernächst sehr gefährlich scheint wenn ich einem Menschen mein
Kind anvertrauen wollte der die gefährlichsten und irrigsten Grundsätze heget
wodurch ein schwaches Werkzeug leichtlich kann verführet werden so können Sie
leicht selbst den Schluss machen dass wir wohl nie genauer werden vereiniget
werden als durch das Band der Freundschaft wenn dieses noch bei Ihren
Grundsätzen länger bestehen kann Mein unmassgeblicher Rat wäre also dieser sie
sähen sich nach einer andern Partie um oder verbanneten noch so lange die
Heiratsgedanken aus Ihrem Gemute bis Sie eine Frau ernähren könnten
Einigermassen finde ich mich von Ihnen beleidigt dass Sie mir meine Tochter
abdringen wollen wenn Sie mir unter die Augen sagen dass Sie bereits meinen
väterlichen Konsens sie zu heiraten stillschweigend erhalten hätten Sie
missdeuten ein unschuldiges Wort das Sie einmal von mir aufgefangen haben und
ziehen daraus einen höchstirrigen Schluss Ich will nicht in Abrede sein dass ich
Ihnen einmal den Namen eines Sohnes beigelegt habe wiewohl ich mich dessen
nicht erinnere Ich habe es aber nicht in der Absicht getan wie Sie sich
einbilden Habe ich Sie so genannt so ist dieses in Ansehung meines Alters
geschehen das mich berechtiget Sie der Sie jünger sind als ich eher einen
Sohn als Bruder zu nennen und dadurch habe ich Ihnen nur meine Freundschaft
bezeigen wollen Damit Sie sehen dass aus diesem Worte gar nichts zu machen ist
so will ich Ihnen nur das rechte Verständnis eröffnen Wenn ich Sie meinen Sohn
nenne so betrachte ich Sie allezeit als meinen Beichtsohn und in diesem
Verstande nenne ich auch den Schäfer und den Nachtwächter meinen Sohn Gesetzt
aber nicht zugegeben dass ich einmal nicht abgeneigt gewesen wäre Sie zu meinem
Eidam anzunehmen so waren Sie damals noch nicht von dem schädlichen und
gefährlichen Gifte der Irrtümer die Sie jetzt öffentlich verteidigen
angesteckt wenigstens brauchten Sie mehrere Vorsichtigkeit Ihre gefährlichen
Meinungen zu verbergen Weil ich Ihnen nichts böses zutraute so verstattete ich
Ihnen dann und wann zu Ihrer eignen Übung eine Predigt abzulegen und diese
Gefälligkeit die ich Ihnen hierinne erwies rücken Sie mir nun mit Unrecht als
eine große Dienstleistung auf Wenn ich gewusst hätte was in Ihrem Herzen
verborgen war so hätte ich Sie niemals die Kanzel betreten lassen noch
vielweniger würde ich die teuren Pfänder meiner Ehe Ihrem Unterrichte
anvertraut haben Meinen Sohn haben Sie völlig verdorben er disputirt mit mir
oftmals von Dingen, die gar nicht in seinen Kram gehören und wenn ich ihn
frage wo er die verdammten ketzerischen Argumente her hat die er mir vorleget
so gibt er zwar vor dass er diese schönen Sächelgen auf der Universität
gerlernt habe aber ich weiß es besser von Ihnen kommt dieser Unrat Unsere
Universitäten sind Gott Lob noch nicht so verderbt wie es ehemals die hohe
Schule zu Paris war wo der Satan in eigener Person soll gelehret haben
Wenigstens kann ich mir nicht einbilden dass heutiges Tages solche Dinge auf
hohen Schulen gelehret werden wie Ihnen im Kopfe stecken Halten Sie mir diesen
Eifer zu gute es ist ein gerechter Amtseifer Meinem Mädchen haben Sie auch
wie ich jetzt inne werde verschiedene seltsame Dinge in den Kopf gesetzt dass
ich das Unkraut das Sie gesäet haben nun mit vieler Mühe wieder ausrotten muss
Sie hat sich noch niemals unterstanden sich mir zu opponiren aber jetzt tut
sie es auch wie ihr Bruder Da ich neulich das gottlose Buch wodurch unser Herr
Kirchpatron eben so wie Sie in viele gefährliche Irrtümer ist gestürzet worden
bei ihr gewahr wurde und mit Recht vermutete dass sie leichtlich mit dem
pestilenzialischen Gifte der Neuerungen und Torheiten wozu dieses Buch
verführet könnte angestecket werden so wollte ich ihr solches nehmen und in
den Ofen schmeissen Sie unterstund sich aber nicht nur mich davon abzuhalten
und sich meinem Vorhaben zu widersetzen sondern hatte auch die Verwegenheit
die Lehrsätze und den Innhalt desselben zu verteidigen ja mir sogar
zuzumuten ich sollte die Skarteque die so vieles Unglück in hiesigem Orte und
besonders auf dem Edelhofe angerichtet hat selbst lesen Ich bezeigte ihr aber
über diese Zumutung einen solchen Eifer und erklärte ihr das vierte Gebot so
scharf dass sie sich seitdem nicht unterstanden hat wieder einen Blick in das
leichtfertige Buch zu tun Urteilen Sie hieraus selbst ob ich Ihnen so großen
Dank schuldig bin als Sie glauben und ob Sie eine solche Belohnung welche Sie
von mir verlangen verdient haben oder jemals verdienen können Meine Kinder
haben Sie mit Irrtümern angefüllet und ich bin froh dass ich zu rechter Zeit
hinter Ihre Schliche gekommen bin damit Sie nicht noch die ganze Gemeinde
verführen Nach Ihrem bisherigen Betragen wenn Sie auch entschlossen wären Ihre
Aufführung zu ändern werde ich Ihnen nie auf eine andere Art den Namen eines
Sohnes erteilen können als wie Sie ihn bereits erhalten haben Meine Tochter
ist nicht für Sie und Sie nicht für meine Tochter ich wiederhole dieses
nochmals Mit dieser Antwort beruhigen Sie Sich ohne weiter in mich zu dringen
ich sage es Ihnen zum Voraus dass alle Ihre weitern Bemühungen werden fruchtloss
sein Gedenken Sie indessen eine Anforderung an mich zu haben die gerecht und
billig ist so kommen Sie zu mir wir wollen unsere Rechnungen gegen einander
machen und zusehen wer dem andern herausgeben muss
Weil ich doch einmal die Feder ergriffen habe so will ich dieser
Gelegenheit mich bedienen Ihnen im Vertrauen zu entdecken dass Sie Sich und
Ihrem Patron keine Ehre durch die Neuerungen machen die Sie seit einiger Zeit
hier angefangen haben Sie dienen jedermann zum Gelächter und die Leute weisen
mit Fingern auf Sie Neulich kamen ein paar Reisende zu mir die mit Fleiß durch
hiesigen Ort ihren Weg genommen hatten um wie sie sagten den seltsamen
Magister zu sehen der sich durch allerlei lächerliche Possen so hervor täte
dass man von ihm in der ganzen Gegend spräche Ein guter Freund von mir der sich
auf der Akademie aufhält wo sie promoviret haben berichtete mir neulich dass
die philosophische Facultät Ihnen den Gradum nebst dem Magisterringe den Sie
mit so vielen Stolze am Finger führen wieder abzufordern im Begriff wäre Ich
kann Ihnen nicht verhalten dass Sie diese Beschimpfung wohl verdienten
Gewissenswegen rufe ich Ihnen zu Lassen Sie ab von den Neuerungen die nur
Schaden anrichten und unsere Gemeinde verwirren Sie haben bisher viel böse
Taten ausgeführt unsern Kirchturm haben Sie um eine Glocke gebracht den
Schulmeister bei Ihrem Patron so eingeschwärzt dass der arme Mann bald einmal
Prügel bekommen hätte welches er mir mit Tränen geklagt Der Gemeinde haben
Sie viele neue Fröhnen aufgebürdet der Bader hat Ihretwegen ins Loch kriechen
sollen jetzt martern Sie die armen Schuldiener in der Nachbarschaft dass sie
wöchentlich einen beschwerlichen Weg tun müssen dabei bilden Sie ihnen
wunderliche Dinge und einen seltsamen Stolz ein dass sie sich gegen ihre
Pfarrherren auflehnen und nicht mehr Gehorsam leisten wollen Mit einem Worte
Sie fangen so viel Unheil an und ich muss täglich so viel Klagen über Sie hören
dass, wenn dem Unwesen nicht bald gesteuret wird der gänzliche Ruin unsrer
Gemeinde dadurch zu befürchten steht Ich will zwar von Ihnen nach der
christlichen Liebe das beste hoffen und zweifle noch nicht an Ihrer Besserung
aber ich kann nicht umhin Ihnen die Gedanken zu eröffnen worin ich stehe
dass Sie vielleicht gar unter dem Scheine einige unwissende Leute gelehrt zu
machen eine alte Ketzerei wovon Sie wie es scheint vollstecken unter
diesen einfältigen Leuten aufwärmen wollen Ich warne Sie als ein guter Freund
von diesem bösen Vorhaben abzustehen oder ich kann Ihnen nicht gut dafür sein
dass Sie sich durch solche gefährliche und weitaussehende Dinge viel Verdruss und
Unheil zuziehen werden Der ich übrigens wenn Sie angeloben sich zu bessern
verharre
Ihr
aufrichtiger Freund
Wendelin PL
XXI Brief
L Wilibald an Jungfer Hannchen
den 10 Dec
Meine Schöne
Ob ich gleich noch nicht so glücklich bin Sie zu besitzen so nenne ich Sie
doch in guter Hoffnung die meinige Ich zweifle nicht dass Sie für Ihren
demütigen Verehrer noch immer die Gewogenheit haben die Sie jederzeit gegen
mich haben spüren lassen wenn gleich ein grausames Schicksal welches mich
verfolgt Sie mir zu entziehen drohet Ich habe es Ihnen mehr als einmal zu
verstehen gegeben dass ich Sie allen möglichen und allen wirklichen
Frauenzimmern auf der ganzen Welt vorziehe und ob Sie gleich nach Ihrer
Schamhaftigkeit sich immer gestellt haben als wenn Sie meine Sprache nicht
verstünden so bin ich doch jederzeit scharfsinnig genug gewesen einzusehen dass
Ihre liebenswürdige Unwissenheit die Sie annahmen nichts anders als eine
Verstellung war Wäre ich Ihnen missfällig gewesen so hätten Sie gewiss nicht
Stand gehalten wenn ich Ihnen unter dieser oder jener Einkleidung meine Neigung
zu verstehen gab Sowohl das Stilleschweigen Ihres Herrn Vaters als Ihr eigenes
gab mir zu verstehen dass ich solches zu meinem Vorteil auszulegen hätte ich
habe dieses nach den Regeln einer gesunden Erklärungskunst getan und habe mich
nicht getäuschet Ich erwarte nur einen günstigen podagrischen Anfall Ihres
Herrn Vaters der ihn nach meiner Vermutung zu der Entschließung bringen
würde mich zu seinen Substituten und zu Ihrem ehelichen Gehülfen anzunehmen
allein da dieser gewünschte Zufall sich nicht nach Wunsche hat ereignen wollen
so scheint mein Unstern das Glück welches ich in kurzer Zeit zu besitzen
hoffte mir aus den Händen winden zu wollen Ich habe in Erfahrung gebracht dass
der Hochadliche Gerichtshalter zu Schöntal nicht nur lange ein Auge auf Sie
gehabt sondern auch dieses ohnlängst Ihrem Herrn Vater zu verstehen gegeben
hat Im Anfang da mir diese Nachricht zu Ohren kam lachte ich nur darüber ich
sagte bei mir selber von diesem habe ich nichts zu fürchten Herr Wendelin
ist ein verständiger Mann und Jungfer Hannchen so klug als schöne der gute
Advocate wird alle seine Fechterstreiche vergebens anwenden und als ein Jurist
mir der ich zur theologischen Facultät gehöre den Vorzug lassen müssen Diese
Monade von einem Rechtsgelehrten schien mir zu klein dass ich mir seinetwegen
den geringsten sorgsamen Gedanken hätte sollen einfallen lassen Aber wider mein
Vermuten wurde ich gewahr dass seitdem er anfing bei Ihnen anzubauen ich in
Ihrem Hause nicht mehr so wohl als vorher gelitten war Ich schob dieses zwar
auf das wunderliche Alter Ihres Herrn Vaters und auf seinen übertriebenen Eifer
mit welchem er die guten Anstalten welche ich seit einiger Zeit auf dem
Edelhofe gemacht habe anzutasten pfleget endlich dachte ich wird die gute
Sache doch siegen und den Herrn Pastor Wendelin überzeugen dass man ein guter
ehrlicher Mann und dabei ein starker Zelot für das Vorurteil sein kann doch
da mir gesteckt wurde dass die Kaltsinnigkeit aus einem andern Grunde
herrührete so dachte ich hier liegt die Schlange im Grase es ist Zeit dass
ich aufwache und mein Recht behaupte Von Ihnen schönes Hannchen bin ich
völlig überzeugt dass Sie mir jetzt gewogener sind als da Sie bei mir in die
Schule gingen und dass Sie die Treue die mir Ihre schönen Augen geschworen
haben nicht brechen noch vielweniger als die Tochter eines Geistlichen diesen
Stand so sehr verachten werden dass Sie ihr Herz einen Mitgliede desselben
entziehen und es an einen Rechtsgelehrten schenken sollten Ich weiß aber
welchen gefährlichen Nachstellungen junge Frauenzimmer unterworfen sind und wie
leicht sie in ihren Entschließungen können wankend gemacht werden Erlauben Sie
daher dass ich Ihnen da Sie doch lauter gelehrte Liebhaber haben alle
Gattungen derselben mit wenig Worten schildere damit Sie hieraus beurteilen
können welche Partei Sie zu erwählen haben und welcher Stand sich für Sie am
besten schickt Ich habe Ihnen mehr als einmal gesagt da Sie noch meinem
Unterrichte anvertraut waren dass es nach den Sprichwort verschiedene Arten
von Krebsen gibt und so ist es auch mit den Gelehrten es gibt unter ihnen
verschiedene Gattungen welches Sie auch daher schlüssen können wenn Sie nur
einige Gelehrte in ihren Verrichtungen gegen einander halten Zum Exempel Ihr
Herr Vater ist ein Gelehrter und kann keine Processe vertragen der
Gerichtshalter ist ein Gelehrter und nährt sich von Processen kann aber nicht
predigen Ich bin ein Gelehrter und kann nur vermöge meiner Wissenschaft den
Verstand bessern aber nicht die Gesundheit des Körpers, der Herr Doctor aus H
kann die Gesundheit des Körpers verbessern aber nicht den Verstand und ist
doch gleichwohl auch ein Gelehrter Sie sollen demnach wissen dass es viererlei
Gattungen von Gelehrten gibt die vornehmsten sind die Theologen oder die
Geistlichen gegen diese habe ich Ihnen jederzeit Hochachtung eingepräget Sie
geben auf Akademien oben an wie denn auch auf dem Lande der Pfarrer der
vornehmste Mann im Dorfe ist wenn kein Edelmann oder ein Amtmann daselbst
wohnet Die Geistlichen sind weise verständige gelehrte Männer die sich zu
der Wissenschaft schicken der sie sich widmen Sie tun Niemand etwas zuwider
sondern haben mit jedermann Friede und bücken sich vor dem ärmsten eben so tief
als vor Reichen und Vornehmen Gegen das Frauenzimmer sind sie selten
unempfindlich sie verehren das schöne Geschlecht vielmehr aufs äußerste Wenn
sie sich verheiraten so haben ihre Gebieterinnen bei ihnen die beste Zeit ob
sie gleich allen Mannspersonen bei der Trauung die Erlaubnis geben über ihre
Weiber zu herrschen so begeben sie sich dieses Vorrechtes gemeiniglich
freiwillig und beobachten gegen sie einen genauen Gehorsam Daher kommt es dass
die Weiber der Geistlichen weil es ihnen so wohl geht allezeit hübsch bleiben
und niemals vor der Zeit alt werden Die Ehen der Geistlichen sind auch
ordentlich sehr gesegnet und dauern gemeiniglich lange Überhaupt ist es eine
allgemeine Anmerkung dass man ein Frauenzimmer das einen Geistlichen
geheiratet hat niemals hat klagen hören Die Rechtsgelehrten sind von ganz
anderm Schlage Anstatt dass alle übrigen Wissenschaften sich mit Aufsuchung der
Wahrheit beschäftigen so bemühen sich diese die Wahrheit zu unterdrucken sie
sind derselben so gram wie die Fischer den hellen und klaren Wassern diese
machen solche mit Fleiß trübe und jene suchen mit Fleiß die Wahrheit zu
verstecken Alle übrigen Wissenschaften beschäftigen sich ferner mit dem Besten
der menschlichen Gesellschaft um solche zu erhalten und zu befestigen die
Advokaten und Sachwalter lernen ihre Künste nur um Zank und Streitigkeiten
unter den Menschen anzuspinnen oder die entstandenen Irrungen zu vermehren und
zu vergrößern Wenn die Menschen es mit einander abredeten nur ein einziges
Jahr in Ruh und Friede zu leben so würde die ganze juristische Facultät noch
vor Ablauf desselbigen durch den Hunger erloschen sein und man würde auf den
Gassen nicht mehr mir so großer Behutsamkeit gehen müssen um nicht Gefahr zu
laufen an einen Advokaten Gerichtshalter Sachwalter und dergleichen
schädliche Leute anzustossen Ein Prozess würde alsdenn nicht länger als eine
Stunde dauern da ihn jetzt die Rechtsgelehrten viele Jahre gangbar zu erhalten
wissen Weil diesen Leuten die Wahrheit so verhasst ist so darf man sich nicht
wundern wenn sie solche meiden und sich wohl hüten ein wahres Wort aus ihrem
Munde gehen zu lassen das nicht mit Unwahrheit wohl durchwürzt ist Durch die
lange Übung werden sie wahrhafte Sceptici die da zweifeln ob etwas wahres in
der Welt anzutreffen ist Man kann ihren Worten folglich nicht trauen sie sind
wie der Alte in der Fabel der in seine Hand blies um sie zu erwärmen und eben
das tat um seine Suppe kalt zu machen sie verteidigen mit eben dem Munde
heute eine Sache die sie morgen aus allen Kräften bestreiten was morgen Recht
ist muss heute Unrecht sein und was heute gleich ist das ist morgen krumm Das
Frauenzimmer hat von diesen Leuten alles zu befürchten weil sie eine Gabe
haben durch ihre Beredsamkeit die Wahrheit zu unterdrücken und die Unwahrheit
auf ihren Thron zu setzen so ist es ihnen leicht die Begriffe von Ehre und
Tugend nach ihren Gutdünken einzurichten folglich ist die Reputation eines
Frauenzimmers allezeit in Gefahr wenn sie einem Rechtsgelehrten anvertraut
wird Ihre Treue und ihre Eidschwüre sind wie die Lufterscheinungen die der
geringste Wind verjaget Sie lieben indessen das schöne Geschlecht wie die
Schmetterlinge die Blumen diese setzen sich in einem Garten bald auf dieses
bald auf jenes Blümchen verlassen solches aber hierauf wieder und kehren
niemals zu eben demselben zurück Die Frau eines Rechtsgelehrten ist eine
unglückliche Kreatur in den ersten Monat der Ehe muss sie alle Advocatenstreiche
wissen und ausüben können wenn sie nicht eine sehr armselige Figur machen will
Sie muss lügen sie mag wollen oder nicht Ihr Mann darf niemals zu Hause sein
wenn der Klient mit leerer Hand erscheinet er muss beschäftigt sein wenn der
Kliente ein Lamm kneipt dass es schreien muss lässt er aber einen Ochsen brummen
so ist der Herr zu Hause der Klient hat die gerechteste Sache von der Welt und
die Frau setzt ihre Ehre zum Pfande dass der Prozess gewonnen wird Die dritte
Gattung der Gelehrten sind die Ärzte das sind diejenigen Leute die Sie so
sehr fürchten und in der Tat sind sie allen lebendigen Geschöpfen furchtbar
wo nicht auch den leblosen Ihre Kunst bestehet darin die Gesunden krank die
Kranken tot oder gesund zu machen Wer gesund unter ihre Hände fällt der muss
so lange schröpfen aderlassen und purgiren bis er krank wird und ein Kranker
muss sich ihren Gesetzen so lange unterwerfen bis er gesund oder tot ist Man
hat seit langen Jahren nicht gehört dass die Ärzte einen Patienten verlassen
haben um die Schande zu vermeiden dass sie die Krankheit nicht heben könnten
kuriren sie ihre Patienten wenn sie nicht wollen gesund werden gar zu Tode
Denn alsdenn kann man ihnen nicht vorwerfen dass die Krankheit noch fortdauern
sollte und mithin ist sie gehoben Nebst dieser Neigung zum kuriren besitzen
sie auch noch die alles auswendig und innwendig zu begucken von der Mücke bis
zum Elephanten ist alles ihrem anatomischen Messer unterworfen Alles was Leben
und Otem hat und in die Gewalt eines nachforschenden Medici fällt muss seiner
unersättlichen Neugierde zum Opfer dienen und ist dem Schicksal unterworfen
das die Fliegen haben wenn sie sich in eine Spinnewebe verwickeln nur mit dem
Unterschiede dass die Spinnen nicht so erfindungsreich an Martern sind ihre
Feinde umzubringen als die Ärzte allerlei Tiere hinzurichten Was sollte
sich nun wohl ein Frauenzimmer zu einem Manne zu versehen haben der sich ein
Vergnügen daraus macht Menschen und Vieh zu martern In der Tat es gehört
eine große Entschließung dazu einen Arzt zu lieben nicht zu gedenken dass er
bei dem geringsten Zwist oder wenn er es nur sonst ratsam findet durch ein
kleines requiescat in pace sich von seiner Gattin losmachen kann wenn es ihm
nur behebet so hat die Frau eines Arztes zehnerlei Verrichtungen mehr auf sich
als eine andere Sie muss Pulver reiben Wurzeln schneiden Schachteln und Gläser
verpetschiren Pillen vergolden Tropfen distilliren und doch dabei alle
Pflichten einer ehelichen Gehülfin erfüllen Hierzu kommt noch die strenge Diät
die sie beobachten muss Alle Leckerbisgen die dem Manne überaus wohl bekommen
sind der Frau schädlich Er trinkt Koffee sie bekommt Kräutertee Er trinkt
Wein und für sie bereitet er einen Habertrank Er lässt für sich sieden und
braten sie verzehret eine Wassersuppe und Salat
Die vierte Klasse der Gelehrten bestehet aus Philosophen Diese werden zwar
unter den Gelehrten für die Geringsten dem Range nach gehalten aber in
Ansehung der Verdienste sollten sie neben den Theologen stehen und so war es
auch ehedem bei den Alten da waren die Philosophen freie Leute die Ärzte aber
Knechte die Rechtsgelehrten waren damals unter den Gelehrten noch nicht
zünftig und hatten also keinen Rang Seitdem aber diese beiden Gattungen der
Gelehrten ihr Haupt mit vielem Stolz empor gehoben haben so ist es den guten
Weltweisen ergangen wie den hölzernen Wegweisen an den Straßen diese zeigen
jedermann den rechten Weg und kommen selbst niemals von der Stelle Unterdessen
obgleich die Philosophen keinen großen Rang haben so sind sie doch angesehene
Leute und es steht beinahe das ganze Reich der Gelehrsamkeit ihnen zu Gebote
Ihre Wissenschaft ist einer Zauberei ähnlich sie kennen die Leidenschaften der
Menschen aufs genaueste es ist ihnen also leicht bald diesen bald jenen Affect
zu erregen Dahero sind sie auch gemeiniglich in der Liebe glücklich alle Wege
sich in das Herz der Schönen einzuschleichen sind ihnen bekannt sie wissen
durch ihren Verstand und Witz das schöne Geschlecht zu bezaubern dass ihnen ein
Mädchen selten aus dem Garne geht wenn sie auf Eroberungen ausgehen Diese
Leute sind um deswillen auch bei dem Frauenzimmer wohl gelitten weil sie eben
so schwatzhaft sind als die Schönen und sich daher vollkommen zu ihnen
schicken über dieses verehren sie das schöne Geschlecht aufs äußerste Wenn
alle Frauen Sklavinnen ihrer Männer sind so sind die Frauen der Philosophen
Königinnen Sie dürfen es wagen die philosophische Gelassenheit ihrer Männer zu
prüfen ohne daher nachteilige Folgen zu erwarten Sokrates einer der
vortrefflichsten Weltweisen aus dem Altertume hatte eine solche Ehetirannin
die ihr Andenken durch ihre Bosheiten gegen ihren Herrn bis auf unsre Zeiten
erhalten hat Da sie einsmals diesen Weltweisen durch eine Ladung von
Schmähreden zwang sein Haus zu verlassen und ihm noch darzu ein Geschirr voll
unreines Wasser über den Hals goss ließ dieser Weltweise hierüber keine andere
Empfindlichkeit spühren als dass er zu seinen Freunden sagte ich dachte wohl
dass auf dieses Ungewitter ein Platzregen folgen würde Sehen Sie schönes
Hannchen das ist ein kurzer Abriss aller Gattungen der Gelehrten und ihres
Betragens gegen die Schönen Ich bin versichert dass Sie aus allen vier
Facultäten Anbeter haben denn der Medikus welcher ihren Herrn Vater dann und
wann in der Kur hat tut noch allen Gründen der Wahrscheinlichkeit nicht so oft
einen Weg von drei Meilen seinem Patienten sondern vielmehr Ihnen einen Besuch
abzustatten Ich bin aber versichert dass weder die Profession eines
Rechtsgelehrten noch eines Arztes Ihnen gefallen kann die beiden andern
Facultäten gefallen Ihnen ohne Zweifel besser Da ich nun zu beiden gehöre so
hoffe ich nicht dass Sie an einen Mann der zu einer andern Facultät gehört
Ihr Herz das ohnedem nicht mehr Ihr Eigentum ist verschenken werden Indessen
hat mir ob ich Ihnen gleich alles Gute zutraue eine kleine Kaltsinnigkeit die
Sie seit einiger Zeit gegen mich haben spühren lassen einige Unruhe
verursachet Wenn Ihre Absicht dabei gewesen ist meine Liebe nur destomehr
anzufeuern so will ich Ihnen gestehen dass Sie diese vollkommen erreicht haben
ich verehre Sie jetzo mehr als jemals es ist also Zeit dass Sie meine Marter
endigen Das Nadelbüchsgen das ich Ihnen vor einiger Zeit verehret habe rufet
Ihnen durch seine Devise so oft Sie solches in Ihre schönen Hände nehmen in
meinem Namen zu
Finissez mon martyre
Vous voyez que jexpire
Jedoch vielleicht hat Ihnen auch der Gehorsam gegen Ihren Herrn Vater der
einige Zeit daher nicht mit mir zufrieden scheint diese kleine Vorstellung
worüber ich mich so sehr beklage abgenötiget Wollte der Himmel dass ich Ihre
kaltsinnige Mine für einen Beweis annehmen dürfte dass Ihr Herz desto feuriger
liebt Ich sehe den zureichenden Grund Ihres Betragens nicht vollkommen ein und
daher laufe ich immer Gefahr falsche Schlüsse zu machen und mich in meinem
Urteilen zu hintergehen Um diesem Übel vorzubeugen beschwöre ich Sie bei der
Hochachtung die ich Ihnen gewidmet habe mir insgeheim in dieser Sache einige
Erläuterungen zu geben ich hoffe dadurch vollkommen wieder beruhiget zu werden.
Kann ich Ihre holden Blicke verdienen wenn ich mich bei Ihren Herrn Vater
wieder in Gunst setze so gebe ich Ihnen die Versicherung dass ich meine
schönsten Anschläge daran spendiren und eher die Ehre verliehren will eine
gelehrte Gesellschaft gestiftet zu haben als mich der Gefahr bloß zu stellen
Ihre Gunst einzubüssen In der Erwartung einer günstigen Antwort verharre ich in
der unveränderlichen Hochachtung Ihrer schönen Person
Dero
getreuester Verehrer
MLW
XXII Brief
Lampert Wilibald an den Herrn vF
den 14 Dec
Die Neigung zur Billigkeit und Gerechtigkeit ist in Dero Hochadlichem Hause eine
so bekannte Tugend dass auch Ihre vortrefflichen Ahnen davon verschiedene
Zunahmen erhalten haben Einer Ihrer löblichen Vorfahren hieß Justus vF oder
der Gerechte ein anderer nennt sich in einem Vertrage den er mit den Vorfahren
meines Patrons errichtet hat Aeques welches ohne Zweifel Aequs oder der
Billige heißen soll und keinesweges wie einige glauben eine fehlerhafte
Schreibart des Wortes Eques sein mag wodurch man diesen Herrn einer groben
Unwissenheit beschuldigen würde Sie haben sich auch jederzeit beflissen die
Gerechtigkeit in den Ihrer Gerichtsbarkeit unterworfenen Orten aufs genaueste
und sorgfältigste auszuüben und dadurch bewiesen dass Sie auf eine rühmliche
Art in die Fußstapfen Ihrer vortrefflichen Anherren getreten sind Der Geringste
Ihrer Untertanen kann sich rühmen dass ihm nie der Weg zur Gerechtigkeit
versperret ist und der angesehenste derselben darf sich nicht erkühnen eine
Ungerechtigkeit zu begehen wenn er nicht die nachdrücklichste Ahndung davon
besorgen will Die Gewogenheit womit Sie mich jederzeit beehret haben lässt
mich hoffen dass ich von Ihnen eben das erwarten kann was Sie dem geringsten
Ihrer Untertanen nicht versagen und darin bestehet dass man ihre
Gerechtigkeit anflehen darf wenn man von bösen Leuten angetastet wird und
schleuniger Hilfe vonnöten hat
Ich sehe mich genötigt gegen Ihren Gerichtshalter eine gerechte Klage zu
erheben welcher kein Bedenken trägt das an mir im Großen selbst auszuüben was
er täglich an andern mit so vielem Eifer im Kleinen bestraft Wenn sich jemand
erkühnet einige Rüben von dem Acker seines Nachbars sich zuzueignen so pflegt
er dieses aufs härteste zu bestrafen wenn er aber selbst das Eigentum eines
andern sich zueignet so macht er hierüber nach seinem weitläuftigen
juristischen Gewissen sich nicht den geringsten Kummer Ew Gnaden kann so wenig
als jemanden in der hiesigen ganzen Gegend unbekannt sein dass ich schon seit
einigen Jahren ein ehrliches Absehen auf die Jungfer Tochter des Herrn Pfarr
Wendelins allhier gehabt habe sie zu ehlichen und mich ihrem Vater als einen
Substituten beifügen zu lassen Er hat mir auch so viele gute Vertröstungen
diesfalls gegeben dass ich nicht mehr an der Erfüllung meines Wunsches
zweifelte Ich glaube nicht dass ich tadelhaft bin mich eher um die Quarre als
um die Pfarre beworben zu haben denn außerdem dass dieses jetzt die allgemeine
Mode ist und allezeit von hundert meiner Herren Kollegen neun und neunzig sein
werden die sich ein Bisgen verplämpert haben ehe sie zu einer Bedienung
gelangen so kann auch Niemand einsehen was daher für großes Unheil erwachsen
sollte Es ist vielmehr ganz löblich dass man sich in Zeiten um eine Liebste
bewirbt denn wenn man einmal ins Amt kommt und die Geschäfte und Sorgen sich
mehren so hat man nicht Zeit ans heiraten zu denken und ehe man sichs
versiehet hat man sich ins Hagestolzenrecht geschworen Genug ich hatte mir
Jungfer Hannchen zu meiner zukünftigen Gattin ausersehen allein verschieden
gute Anstalten womit ich mich einige Zeit zum Besten meines Patrons und des
Publici beschäftigte setzten das Ziel meiner Wünsche etwas weiter hinaus als
ich im Anfang dachte Inzwischen da ich mir schmeichelte dass mein Glück gewiss
genug wäre sah ich diese Verzögerung ganz gleichgültig an weil ich voraus
sah dass vielerlei nützliche Projecte deren Ausführung Mühe und Sorgfalt
erforderte unterbleiben würden wenn ich einmal verglichet wäre und im Amte
stünde doch wider mein Vermuten fand ich mich in dieser süßen Hoffnung
getäuschet Ich brachte nicht nur in sichere Erfahrung dass Dero Gerichtshalter
ungeachtet es ihm zuverlässig bekannt war dass ich Jungfer Hannchen als mein
Eigentum betrachtete sich die Freiheit genommen sie insgeheim zu verehren
sondern es hat auch derselbe sich erkühnet durch einen Abgeordneten sein Wort
gestern bei ihrem Vater anbringen zu lassen und will mir also wider meinen Dank
diesen Bissen vor dem Maule hinwegnehmen Es heißt zwar nach dem Sprüchworte
inter arma silent leges und er scheint die Absicht zu haben von diesem alten
Kanon Vorteil zu ziehen allein wenn dem also ist so wird er selbst bekennen
müssen dass er jetzo auch unter die unnützen Meublen gehört und er kann seine
Gerichtsstube nur immer zuschlüssen Da ich nun seit vielen Jahren auf dieses
Frauenzimmer eheliche Absicht geheget habe und zwar ehe er noch an sie hat
denken können sie auch wegen meines getreuen Unterrichtes den ich ihr gratis
erteilet mir mehr als ihrem leiblichen Vater schuldig ist weil man nach dem
Ausspruche des großen Alexanders denen Eltern nichts als das liebe Leben denen
Lehrmeistern aber dass man wohl lebt zu verdanken hat so habe ich gleichsam
ein jus quaesitum auf sie erlanget und werde mich von meinem Rechte durch einen
andern nicht abtreiben lassen Zu der Gerechtigkeitsliebe Ew Gnaden habe ich
das gute Vertrauen dass Sie ihre Autorität in dieser Sache zu interponiren und
diesen Verwegenen von seinem bösen Vorhaben abzuhalten Sorge tragen werden Aus
dieser Ursache ersuche ich Hoch dieselben untertänig nachdrückliche
Dehortatoria an meinen Rival entweder mündlich oder schriftlich ergehen zu
lassen damit ein solches unerhörtes Factum der Gerechtigkeit zur Schande nicht
von einer Person die zur Aufrechtaltung derselben bestimmt ist vollbracht
und mir dadurch ein unersetzlicher Verlust verursachet werde Eine solche Gnade
will ich mit goldenen Buchstaben in das Buch der Unvergesslichkeit eintragen und
verharre mit der vollkommensten Hochachtung
Ew Gnaden
untertäniger Diener
MLW
XXIII Brief
Beantwortung des Vorigen von dem Herrn vF
den 15 Dec
Werter Freund
Ich geriet durch Ihren Brief in große Bestürzung da ich wahrnahm dass mein
Gerichtshalter sich sollte haben einfallen lassen Ihnen Ihre Liebste abspänstig
zu machen und dadurch einem Manne den ich sehr hochschätze Gelegenheit zu
geben sich entweder zu Tode zu grämen oder doch in Verzweiflung zu geraten
Weil Sie mir die Ehre antaten und bei mir Hilfe suchten auch mir und allen
meinen Vorfahren einen sonderbaren Trieb zur Gerechtigkeit beilegten wodurch
meiner Eigenliebe nicht wenig geschmeichelt wurde so nahm ich mir von Stund an
vor Sie zu überzeugen dass ich nicht aus der Art geschlagen bin sondern meinen
Vorfahren in der Liebe zur Gerechtigkeit nichts nachgebe oder wohl gar in
dieser Tugend sie noch übertreffe Ich ließ meinen Gerichtshalter in dem
Augenblicke da ich Ihren Brief gelesen hatte zu mir kommen um ihn wegen
seines bösen Vorhabens Sie zu einen unglücklichen Liebhaber zu machen zur Rede
zu setzen und da ich von ihrer gerechten Sache beinahe überzeugt war so nahm
ich mir vor ihn alsbald aus meinen Diensten zu entlassen wenn er nicht in sich
gehen und von seinem Anschlage in continenti abstehen wollte Hören Sie nur
was ich für eine Procedur mit ihm vornahm Herr Gerichtshalter sagte ich mit
einem sehr sträflichen Gesichte habe ich sie nicht in meinem District zum
Richter gesetzt um die Gerechtigkeit aufs genaueste auszuüben Er antwortete
ja Ist es wohl erlaubt fuhr ich fort dass der der über Recht und
Gerechtigkeit halten soll selbst ungerecht handeln darf Antwort nein Warum
haben sie dem Herrn Magister Lampert seine Liebste abgespannet und dadurch
seine Liebe und alle seine süßen Hoffnungen krebsgängig gemacht Ich ärgere mich
wenn ich vernehme dass jemand in meinem Gerichtsbezirk einen Strohhalm sich
zueignet der ihm nicht gehört und sie wollen sich das Herz eines
Frauenzimmers zueignen das der Herr Magister gebildet hat und darauf er bereits
ein jus quaesitum zu haben glaubt Anstatt über diesen Vortrag zu erschrecken
fing er an abscheulich zu lachen wodurch ich noch mehr entrüstet wurde aber er
ließ es hierbei nicht bewenden er fing an sich so geschickt zu verteidigen und
den statum controversiae dergestalt zu formiren dass ich den Leviten im Sinne
behalten musste den ich ihm zu lesen gedachte und nur froh war dass er nicht
von mir verlangte alles was er getan hatte gut zu heißen Patron sagte er
der Herr Lampert muss in der Liebe und in der Kenntnis des menschlichen Herzens
sehr unerfahren sein so gelehrt er auch aussiehet wenn er glaubt dass ihn
Hannchen jemals mit ihrer Gunst beehret hat Sie ist ihm schon gram gewesen da
sie noch bei ihm in die Schule gegangen ist und nachher da er angefangen hat
ihr dann und wann etwas verbündliches nach seiner Art zu sagen ist er ihr ganz
unerträglich worden Sie hat ihm mehr als einmal mit dürren klaren Worten
gesagt dass sie lieber den Nachtwächter als ihn lieben wollte allein nach
seiner Erklärungskunst hat er auch aus diesen Worten etwas vorteilhaftes für
sich erzwingen wollen oder hat sich wenigstens eingebildet dass sie sich nur
verstellte Ich will zwar nicht leugnen dass der Herr Magister dieses
Frauenzimmer eher geliebt als ich daran aber liegt ganz und gar nichts man muss
sehen was auf ihrer Seite geschehen ist Sie hat mir mehr als einmal gestanden
dass Herr Lampert jederzeit das Unglück gehabt hätte ihr als ein Liebhaber zu
misfallen ob sie ihm gleich übrigens in seinen Würden ließ auch nicht in
Abrede sein wollte dass sie sich manchmal an ihm belustigte weil er so witzig
wäre dass kein königlicher lustiger Rat drolligtere Einfälle haben könnte Da
nun also fuhr er fort ihr Herz res nullius war so hieß es nach der
juristischen Regel cedit prius occupanti ich suchte es zu erobern und war
hierinne nicht unglücklich Gegenwärtig gehört es mir zu Jungfer Hannchen und
ich haben einander eine ewige Treue gelobet ich habe vor einigen Tagen
ordentlich durch einen guten Freund bei ihrem Vater um sie anhalten lassen
worauf ich von dem Herrn Pastor Wendelin die Antwort erhalten dass heiraten ein
schweres Werk sei er wollte mit seiner Tochter die Sache überlegen und erstlich
beten in acht Tagen sollte ich darauf selbst nach Karafeld kommen und das
Jawort in eigener Person abholen Der Herr Pastor sicher schon im prophetischen
Geiste voraus dass unsre Heirat im Himmel gemacht ist deswegen weiß er bereits
die Wirkung seines Gebetes und hat mir schon einen Termin beschieden die Sache
ins reine zu bringen Ich gestehe Ihnen werter Freund dass ich über diese
Dinge, welche mein Gerichtshalter vorbrachte noch bestürzter war als über Ihren
Brief vorher hatte ich Ihnen vollkommen Recht gegeben und war auf ihrer Seite
nun schien es dass Ihr Rival ein besseres und gegründeter Recht als sie zu dem
strittigen Frauenzimmer hätte Inzwischen wollte ich Ihre Partie nicht sogleich
verlassen und ersuchte ihn mir den Gefallen zu erweisen von dieser Heirat
abzustehen und Ihnen die Beute zu überlassen er beschwor mich aber bei dem
Triebe zur Gerechtigkeit den ich von meinen Ahnen ererbet hätte keine solche
Ungerechtigkeit gegen ihn zu begehen und meine Vorfahren dadurch in der Erde zu
beschimpfen Ich würde wenn ich unparteiisch dächte selbst erkennen dass er
seine Braut mit dem besten Recht besäße und drang so heftig auf den angeführten
juristischen Kanon dass ich nicht ein Wort gegen ihn aufbringen konnte Ich fand
mich von seiner gerechten Sache vollkommen überzeugt und verschwieg ihm dieses
nur aus Freundschaft gegen Sie Indessen zweifle ich nicht dass Sie nach Ihrer
Scharfsinnigkeit im Disputiren im Stande wären neue Zweifel bei mir zu erregen
und dem Gerichtshalter sein Recht von neuem abzudisputiren ich tue Ihnen
daher den Vorschlag einen gelehrten Kampf mit Ihrem Rival hier anzustellen und
die Mitglieder der Julianenakademie oder in so fern diese Ihrem Gegner
parteiisch scheinen möchten andere gelehrte Männer zu Schiedsrichtern zu
erwählen die ich auf einen Tag der Ihnen beliebt zu mir will bitten lassen
alsdenn sollen Sie mit ihrem Kontrepart ihre Händel durch einen gelehrten
Zweikampf schlichten wer den andern die Braut abdisputiret mag sie heimführen
Sie sehen dass ich für Sie nichts weiter tun kann die gute Sache wird ganz
gewiss nach Ihrem Wahlspruch siegen ich werde mit Vergnügen sehen wenn Sie
ihren Gegner so eintreiben dass er nicht ein Wort mehr gegen Sie aufbringen
kann sollte ihnen aber dieses widerfahren so können Sie versichert sein dass
ich Sie aufrichtig bedaure und alsdenn wird dieses mein Trost sein dass ich
eine vortreffliche Satyre von Ihnen zu Gesichte bekomme die Sie auf denjenigen
zu verfertigen sich entschlossen haben der bei Hannchen glücklicher sein würde
als Sie Gelingt Ihnen hierdurch Ihr Vorhaben dass Ihr Nebenbuhler sich darüber
zu Tode ärgert so dürfen Sie das Spiel nur da wieder anfangen wo Sie es jetzo
gelassen haben und alsdenn werden Sie doch auf die eine oder andere Weise in
Ihrer Liebe glücklich sein Beim Schluße meines Briefes fällt mir noch ein sehr
gutes Mittel ein wie Sie sich um Ihre Schöne verdient machen und Ihren Rival
für seine Verwegenheit züchtigen können Sie haben ja noch den Säbel den Sie
als Husar ehemals geführet haben glücklicher Weise hat es sich gefügt dass mein
Gerichtshalter auch einige Jahre unter den Husaren gedienet hat wie wäre es
wenn Sie anstatt sich mit ihm in einen Gelehrten Weltstreit einzulassen auf
gut husarisch auf den Hieb eins mit Ihm wagten Es wird mir ein besonderes
Vergnügen sein diesen Scharmützel beizuwohnen Wenn Sie in meinem Gebiete ihre
Sache ausmachen wollen so verspreche ich Ihnen im Fall Sie Ihren Gegner aus
den Sattel heben frei und sicher Geleit sollte Ihnen dieses aber selbst
begegnen so mache ich mich anheischig ungeachtet der Aussprüche des
tridentinischen Koncilii Ihnen ein ehrliches Begräbnis zu verschaffen
wenigstens würde man auf diese Weise am ersten sehen wer das vollkommenste
Recht zu dem Frauenzimmer hat Ich überlasse Ihnen die Wahl von diesen
Vorschlägen Gebrauch zu machen oder nicht und erwarte Ihre Antwort Übrigens
verharre ich
Dero
geneigter Freund
vF
XXIV Brief
An Herrn Lampert Wilibald vom Herrn G
Schöntal den 16 Dec
Mein Herr
Ich müsste niemals ein Soldat gewesen sein oder diesem Stande eben so wenig Ehre
als Sie gemacht haben wenn ich die beleidigende Art womit Sie mir begegnen
mit Stilleschweigen übersehen wollte Es ist Ihnen nicht genug meine Braut mir
abspänstig machen zu wollen Sie haben sich auch vorgenommen es bei meinem
Principal dahin zu bringen dass er mich aus seinem Dienst entlassen soll Es hat
bald das Ansehen dass Sie mit mir eben so umspringen wollen als mit dem
Verwalter Bornseil der so lange er lebt über Sie seufzet aber hören Sie
nehmen Sie sich vor mir in acht an mir finden Sie Ihren Mann der Krug geht so
lange zum Wasser bis er zerbricht Der geringste Anschein einer Bosheit die
Sie gegen mich im Sinne haben bricht Ihnen zuverlässig den Hals Ich habe meine
Kanäle durch welche ich alles was Sie gegen mich schmieden gewiss entdecke
und damit Sie überführet werden dass dieses keine leeren Worte sind so will ich
Ihnen davon Beweise vor Augen legen Ich weiß dass Sie einen sehr langen Brief
der mit den verkehrtesten Einfällen angefüllet ist an den Herrn Pfarr Wendelin
geschrieben und in solchem um meine Braut gleichfalls Anwerbung getan haben
ich weiß auch dass Sie noch an eben demselben Tage eine abschlägliche Antwort
erhielten Es ist mir nicht unbekannt dass Sie hierauf um Ihren Korb in bester
Form Rechtens zu erhalten selbst an Jungfer Hannchen geschrieben und in diesem
Briefe mich und meine Herren Amtsbrüder abscheulich herum genommen haben dass
wenn ichs genau suchen wollte Sie als ein Pasquillant mir eine kniende Abbitte
tun sollten aber ich denke von Ihnen heu quantum distas ab ego Ich will mich
mit Ihnen in keine Weitläuftigkeiten einlassen und meine ganze Rache die ich
diesfalls an Ihnen suche soll darin bestehen dass ich Ihnen melde dass
Jungfer Hannchen den Brief nicht einmal erbrochen noch viel weniger gelesen
hat daher werden Sie auch vergeblich auf eine Antwort warten müssen Wenn Sie
nicht eben sowohl ein Gelehrter wären als ich so würde ich Sie bereits nach
Verdiensten gezüchtiget haben da wir aber in Ansehung des Standes einander
gleich sind, so will ich Ihnen alle Rechte eines gelehrten Ritters zugestehen
und verspreche Ihnen als ein rechtschaffener Mann wenn Sie etwas an mir zu
suchen Satisfaction zu geben Doch weil ich mich nicht lange mit Ihnen
aufzuhalten gedenke so müssen unsere Händel binnen hier und 24 Stunden
ausgemacht sein Wenn Sie in dieser Zeit sich nicht hier in Schöntal nach dem
Vorschlage den Ihnen der Herr von F bereits getan hat auf dem Kampfplatze
einfinden so nehme ich dieses so an als wenn Sie von allen vermeintlichen
Anforderungen an Jungfer Hannchen abgestanden wären Regen Sie sich hernach so
geht es Ihnen übel und Sie können in angeschlossenem Reglement das ich zu
Ihrem Besten entworfen habe ersehen was Sie bei dem geringsten neuen Angriff
den Sie wagen zu erwarten haben Wollen Sie sich aber mit mir in einen Kampf
einlassen so haben Sie die Wahl des Gewehres welches wir brauchen wollen Sie
können den Säbel oder die Zunge wählen Der Herr von F hat sich erboten bei
unserm Streit aufs gleiche zu sehen und dem Teile welcher überwindet die
Beute zuzusprechen Machen Sie sich aber ja keine Hoffnung den Sieg über mich
davon zu tragen ich verlasse mich auf beides auf meine gerechte Sache und auf
meine Kunst Wenn Sie es nicht bereits wissen so will ich es Ihnen hierdurch
bekannt machen dass ich die Zunge mit eben der Geschicklichkeit als die Feder
oder den Degen zu regieren weiß Ich erwarte Ihre Entschließung die
entscheiden wird ob ich mich ihren Freund oder Feind nennen kann
H
Anschluss
Zweimal drei nützliche Regeln für den Herrn Lampert Wilibald welche er in
Puncto seines Betragens gegen mich und ein junges Frauenzimmer die meine
Freundin ist zu beobachten oder widrigenfalls die darauf gesetzte
Bestrafung unfehlbar zu gewarten hat
1 Soll er weder directe noch indirecte Jungfer Hannchen mit seiner Liebe ferner
behelligen bei Verlust seines rechten Ohres
2 Er soll mir weder bei dieser Schönen noch bei ihrem Vater am
allerwenigsten aber bei meinem hochgebietenden Herrn vF einen bösen Leumund
machen widrigenfalls wird man ihn nötigen ein Dutzend Tassen siedendheissen
Koffee zu trinken wodurch seine verleumderische Zunge dergestalt wird verbrannt
werden dass er sie niemals wieder wird missbrauchen können
3 Er soll sich nicht gelüsten lassen in der Kirche immer die Augen aus sie
gerichtet zu haben und sich kühnlich unterfangen sie durch das Fernglas zu
betrachten oder man wird ihn auf den rechten Auge blenden lassen
4 Wenn ich als der einzige rechtmäßige Verehrer dieses Frauenzimmers
derselben oder ihren Herrn Vater meinem insonders hochgeehrten zukünftigen
Herrn Schwiegerpapa einen Besuch abstatte so soll er sich nicht erkühnen
heimlich unter das Fenster sich zu schleichen um zu hören was gesprochen wird
widrigenfalls hat er zu erwarten dass man ihn durch ein paar handfeste Drescher
wird greifen und ohne Barmherzigkeit zu dienlicher Abkühlung seiner verliebten
Hitze mit Haut und Haar in die öffentliche Schwämme hinein werfen lassen
5 Weil er schon ehemals soll gedrohet haben gegen denjenigen welcher
außer ihm Jungfer Hannchen lieben würde eine so beissende Satyre abzufassen dass
der unglückliche Liebhaber sich darüber zu Tode ärgern müsste und nun unter der
Hand verlauten will dass er dieses gefährliche Werk wirklich unter der Feder
habe welches seinen Rival so bald er es zu Gesichte bekäme gleich einem
schädlichen Basilisken ums Leben bringen könne so wird ihm wohlmeinend
angeraten von dieser bösen Arbeit abzustehen auch sogleich nach Verlesung
dieses dasjenige was er bereits daran ausgearbeitet hat zu zerreißen und ins
Feuer zu werfen oder man wird ihn zu zwingen wissen diese Schrift öffentlich
zu widerrufen sich ins Angesicht zu schlagen und solche zu verschlingen
6 Wird ihm auferlegt das Pfarrhaus nicht nur gänzlich zu vermeiden
sondern auch keine Briefe weder an den Herrn Pfarr Wendelin noch dessen
Tochter abgehen zu lassen Im Übertretungsfall sollen ihm zweimal zwei und
funfzig Streiche nach türkischer Manier auf die Fusssohlen durch meinen
Zahlmeister richtig zugezählet werden Wornach er sich zu achten und für Schaden
und Nachteil zu hüten hat
XXV Brief
Der Herr vN an den Herrn vF
den 18 Dec
Werter Freund
Sie machen mir die Zeit ziemlich lang ehe Sie mir einmal wieder Lection geben
wie ich in meiner Liebe gute Progressen machen soll Ich habe Ihnen denke ich
Zeit genug gelassen Mittel und Wege ausfündig zu machen wie ich am füglichsten
zu meinem Zwecke gelangen kann wenn Sie noch nichts erfunden haben so rühmen
Sie sich nicht dass Sie sinnreich sind Ich glaubte nicht dass ich das alte Jahr
als ein Junggeselle beschlüssen würde und war meiner Sache so gewiss dass ich
nicht mehr daran zweifelte Sie wissen dass ich meine Unternehmungen gern bald
zu Stande bringe bald dazu und späte davon das ist mein Wahlspruch Sie haben
eine große Gabe zu zaudern es geht mit ihren Ratschlägen und Unternehmungen
so langsam als auf dem Reichstage zu Es wäre kein Wunder wenn ich alt und grau
über meiner Freierer würde Machen Sie dass die Sache zu Stande kommt oder ich
tue zweierlei Sie verliehren an mir einen Mündel der sich Ihrer Sorgfalt in
der wichtigsten Angelegenheit seines Lebens anvertraut und ich wende mich an
den Baronet und nehme Ihn zum Führer an Er soll mir eine Vorschrift schicken
wie ich meinen Angriff auf das Mädchen das ich liebe veranstalten soll Ich
traue ihm zwar bei unsern vaterländischen Schönen nicht viel Erfahrung oder
Glücke zu ich weiß aber doch gewiss dass ich bei seinem Rache besser fahren
werde als bei dem Ihrigen Nach dem Sprichwort heißt es zwar Arzt hilf dir
selber es wäre wohl am besten dass ich bei mir selbst Rat nähme denn zu den
Magister Lampert habe ich seitdem ihn die Tochter meines Pfarrers hat durch den
Korb fallen lassen nicht das geringste Vertrauen mehr allein ich fürchte dass
ich auch nicht die rechte Methode treffen möchte mich bei dem Mädchen
einzuschmeicheln Wenn Sie mir versprechen wollen künftig eifriger Hand an das
Werk zu legen so will ich Ihr Kundmann bleiben und Ihrem Rat so genau
befolgen als wenn ich ihn von den sieben Weisen aus Griechenland bekommen
hätte
Ist es denn wahr was mir neulich Fräulein Amalia sagte dass der Major
Fräulein Julgen eine prächtige Kutsche geschenket hat Eine Windkutsche wird es
wohl sein oder wenn etwas daran ist so wird es wohl nicht viel mehr als eine
alte Karrete sein die er einen Marquetender abgekauft hat Die Offiziers sind
sonst nicht gewohnt so gar viel zu verschenken demantne Ohrengehänge und ein
Staatswagen sind schon Geschenke die etwas sagen wollen ich weiß nicht was ich
davon glauben soll Fräulein Amalia das lose Mädchen schlug mir vor ich
sollte Julgen ein paar Pferde vor die Kutsche verehren diese würden solche
hinziehen wohin ich sie haben wollte ein feiner Rat Jetzt sind die Zeiten
danach dass man ein Gespanne Pferde verschenken kann das ist kein Fürst zu
tun im Stande Sie mag sehen wo sie Pferde bekommt von mir hat sie keine zu
hoffen Wir haben hier einen sehr künstlichen Korbmacher der sagte mir vor
einigen Tagen er wollte so natürlich eine Portechaise flechten wie man sich in
der Stadt zu haben pflegt was meinen Sie wenn ich eine machen ließ ich wollte
sie hübsch mahlen und vergulden auch sein ausschlagen und sie dem Mädchen nebst
ein paar Dreschern die eher zu haben sind als ein paar Pferde auf Weinachten
bescheren lassen Sonntags da diese Kerls ohnedem das Brodt nicht verdienen
das sie verzehren sollen sie allezeit nach Wilmershaussen gehen und Fräulein
Julgen in die Kirche und auch spazieren tragen alsdenn gehen sie Montags
wieder bei mir in die Arbeit Wenn dieser Vorschlag Ihren Beifall findet so
soll er bald ausgeführet werden
Sagen Sie mir doch was ich mit meinem Pfarrer anfange er ist ein grundböser
Mann Wenn er mich in den Bann tun könnte so machte er sich kein Gewissen
daraus Lampert hat ihn bei mir immer die Stange gehalten und mich besänftiget
wenn ich ihm eins habe versetzen wollen aber jetzt da er ihn nicht mehr
vertritt bin ich mehr als jemals gegen ihn aufgebracht Einige wollen sagen er
hätte weil er mir nichts anhaben kann und doch gleichwohl an mir reiben will
eiserne Nägel in die Absätze schlagen lassen und marschirte beständig über den
Grabstein eines meiner Ahnen der in der Kirche liegt mit so nachdrücklichen
Schritten hinweg dass dadurch das Gesicht dieses meines Vorfahren der wie Sie
wissen in Stein ausgehauen ist sehr wäre beschädiget worden Ich habe um
hinter die Wahrheit zu kommen ihm heute einen Schuh abfordern lassen solchen
in Augenschein zu nehmen er hat mir aber diesen verweigert Ich kann daraus
nichts anders schlüssen als dass er sich nicht sicher weiß und das corpus
delicti nicht aushändigen will weil dadurch die Bosheit an den Tag kommen
würde Er soll mir aber den Possen nicht umsonst gespielt haben ich will ihn
verklagen und ihn so hetzen dass er bald zu Kreuze kriechen soll Lampert meint
er käme darüber vom Dienste und das wäre ihm auch gar recht Lampert der arme
Teufel ist ganz melancholisch dass ihm seine Liebste aus dem Garne gegangen ist
unterdessen will er es mit Ihrem Gerichtshalter weder auf den Hieb noch auf eine
Disputation angehen um ihm seine Beute strittig zu machen Sein Unglück hat ihn
seit etlichen Tagen so schmeidig gemacht dass man ihn wie einen Polzen durch ein
Blasrohr schießen könnte da er vorher in keinem Schlote Raum gehabt hätte
Wenn Sie Ihren Gerichtshalter dahin bringen könnten dass er ihn sein Mädchen
wieder abträte so wollte ich den alten Wendelin verzeihen Ich erwarte auf
diesen Brief von Ihnen bald eine Antwort und bin
Ihr
aufrichtiger Freund
vN
XVI Brief
Der Herrn vF an den Herrn von N
den 18 Dec
Sie sind noch ziemlich ungedultig für einen Liebhaber nach der heutigen Welt
Wenn ich einige Tage ein tiefes Stillschweigen beobachtet und Ihren Auftrag Sie
bei Ihrer Liebe mit gutem Rate zu unterstützen gleichsam vergessen habe so
dürfen Sie deswegen nicht glauben dass ich diese Zeit über ganz und gar müßig
gewesen bin ich habe vielmehr für Sie sehr vieles getan und will Ihnen jetzo
davon Rechenschaft ablegen Mein Stillschweigen hat keine andere Absicht gehabt
als Ihre Geduld zu prüfen und Sie hätten nur noch einige Tage aushalten sollen
so würden Sie Ihre Probe gut gemacht haben Dem ungeachtet verdienen Sie vieles
Lob dass Sie über 14 Tage lang sich haben patientiren können ohne einen
Angriff auf Ihre Schöne zu tun und ich werde Ihnen bald verstatten einen
neuen Versuch zu wagen Das Fest scheint hierzu keine unrechte Gelegenheit an
die Hand zu geben und ein Geschenk zum heilgen Christ dürfte Ihnen bei dem
Fräulein gute Dienste leisten Ich will mich hierüber hernach weitlauftiger
erklären und mich jetzo nur wegen meines Stillschweigens rechtfertigen auch
zugleich Ihnen einige neue Anmerkungen die ich diese Zeit über gemacht habe
mitteilen welche Ihnen bei Ihrem Vorhaben vermutlich sehr nützlich sein
werden Um nach dem jetzigen Geschmack ein vollkommener Liebhaber zu sein muss
man im Anfang der Liebe einen Schüler des Pythagoras vorstellen dieser
Weltweise ließ seine Nachfolger einige Jahr lang ein tiefes Stillschweigen
beobachten sie mussten ihren Lehrmeister nur bewundern und das glauben was er
sagte ohne ihm zu widersprechen Heutiges Tages machen es die Anbeter einer
Schönen eben so sie reden wenn ihr Herz schon in der vollen Flamme steht
noch nicht ein Wort von der Liebe oder tun dieses doch weder mündlich noch
schriftlich sondern bedienen sich bloß der Sprache der Augen die ziemlich
zweideutig ist und so vielerlei Auslegungen verstattet als die Gesetze des
Justinians Dieses Stillschweigen dauret so lange bis sie der Gunst ihrer
Gebieterin ganz gewiss versichert sind alsdenn erklären sie sich etwas
deutlicher sie bedienen sich einer Sprache die nicht aus Worten bestehet die
aber gleichwohl die deutlichste nachdrücklichste und beliebteste Sprache ist
die gefunden wird das sind die Geschenke Ist die Schöne geneigt den Antrag
ihres Verehrers anzuhören so nimmt sie solche an sie macht ihm auch wohl ein
Gegenkompliment mit einem kleinen Geschenke zum Exempel für einen
Diamantschmuck schenkt sie einen Blumenstrauß der an ihren Busen halb verwelkt
ist für eine andere Galanterie als Ohrengehänge Dosen Sonnenfächer
Lavendelfläschgen und dergl gibt sie zur Wiedervergeltung ein Bandschleifgen
ein Schminkpflästergen oder eine andre Kleinigkeit die aber doch jederzeit von
dem Liebhaber höher als alle Schätze des Kaisers von Abyssinien müssen geschätzet
werden Nachdem man diese Sprache genug gebrauchet hat so bedienet man sich
erstlich der Zunge oder der Feder man wiederholt das was man schon zehnmal
gesagt hat und man erhält die Antwort die man auch bereits schon einige mal
erhalten hat Sie stehen wo ich mich nicht irre noch in dem ersten Grade der
Liebe und ich halte noch nicht für ratsam dass Sie Ihr Wort das Sie schon
einigemal zur Unzeit mündlich angebracht haben so frühzeitig auf diese Art
erneuern sie würden sich davon nicht die geringste gute Folge zu versprechen
haben Ich erlaube Ihnen unterdessen da Sie mit dem Munde noch eine Zeitlang
das genaueste Stillschweigen beobachten der Sprache der Augen sich mit Vorteil
zu bedienen und wenn dem Fräulein nicht gefällt auf diese Art sich mit Ihnen
zu besprechen die Beredsamkeit der Geschenke anzuwenden Obgleich das Fräulein
sehr stoische Gesinnungen zu haben scheint so ist sie doch ein Frauenzimmer
und dieses macht mir Hoffnung dass sie endlich hierdurch sich wird überwinden
lassen Sehen Sie das sind die Regeln welchen ich in einem Zeitraume von mehr
als vierzehn Tagen die ich wie Achilles bei der Belagerung von Troja in einer
völligen Untätigkeit zugebracht zu haben scheine ausstudiret habe Es sind
derselben wenig aber sie sind wichtig und für einen Liebhaber sicher ich habe
die ganze Geschichte des Herrn Grandisons mit diesen Regeln zusammen gehalten
und habe befunden dass Herr Grandison in seiner Liebe bei allen Mädchens
glücklich gewesen ist weil er sie aufs genaueste beobachtete dass es hingegen
den andern Anbetern des Fräuleins Byron nicht geglückt hat weil sie solche
übertreten oder verachtet haben Was fehlte dem tapfern Greeville dass ihn
Henriette nicht glücklich machte Nichts anders als dass er einen Sprung tat in
der Liebe er hatte nicht schweigen gerlernt er sagte jedermann dass er sie
liebte und gab ihr dieses selbst mündlich zu verstehen da er noch kaum die
Augen durfte reden lassen Der weinende Herr Orene war schon etwas glücklicher
das Fräulein schenkte diesem Liebhaber schon ihr Mitleiden und dieses ist der
erste Schritt zur Erhörung eines Liebhabers Er wusste zu schweigen wie ein
Pytagoräer aber weil er seine Augen die immer voll Tränen stunden und von
dem Salze derselben wund waren nicht wohl brauchen konnte um durch diese den
ersten Liebesantrag tun zu lassen so musste er unverrichteter Sache wieder
abziehen Sir Hargrave war gewiss ein Mann dem die Mädchen nicht lange
Widerstand leisten konnten allein er machte es zu arg er führte die Sprache
des Mundes und der Augen zugleich er redete auch dann und wann andere Sprachen
die nur in Häusern gebraucht werden, die in keinem guten Rufe stehen mit einem
Worte Augen Mund und Hände waren an ihm redend und dieses verdarb sein Spiel
Er wollte wie Cäsar auf einmal kommen sehen und überwinden und dieses geht
nicht bei allen Schönen an Mit einem Worte alle Liebhaber von Henrietten
übertraten diese Regeln Herr Grandison der bei der Kunst zu lieben ein
glückliches Genie hatte und bei allen seinen Unternehmungen regelhaft verfuhr
hatte auch davon einen guten Fortgang zu erwarten Er hatte sich vorgenommen
der Klementine einen Liebesantrag zu tun und erklärete ihr den Milton durch
dieses Mittel da er ihr erzählte wie die ersten Eltern das Paradies verloren
hatten bekam er Gelegenheit das Paradies zu erobern oder durch den angenehmen
Umgang mit diesem vortrefflichen jungen Frauenzimmer sich in ihr Herz
einzuschleichen Er sagte ihr kein Wort von seiner Liebe aber er schielte dann
und wann über das Buch weg und ließ seine Augen den ihrigen begegnen sie
lernten einander verstehen und Herr Grandison erklärte ihr zweierlei auf
einmal den Milton und seine Liebe Er hatte schon ein gewonnen Spiel in Händen
da er seinen Autor weglegte und ihr mündlich und schriftlich gestund dass er
sie liebte Mit der Henriette Byron verfuhr er nicht anders Sie haben dieses in
einem ihrer Briefe selbst angemerket dass er in seiner Liebe sehr langsame und
bedenkliche Schritte getan und den schwindsüchtigen Anfall der Fräulein Byron
keiner andern Ursache beigemessen als weil Sir Karl nicht so geschwind als sie
es gewünschet Hochzeit gehalten hätte daraus sehen Sie selbst wie genau er
die Regeln die ich Ihnen mitteile befolget hat Ich bin durch meine eigne
Erfahrung von der Richtigkeit derselben vollkommen überzeugt worden ich habe
sie erfüllt ohne dass ich sie damals noch kannte Ich entdeckte meiner Frau
alle meine Gesinnungen ohne ein Wort mit ihr davon zu reden wenn wir vom
Wetter sprachen so beteuerte ihr der Accent der Worte, und die Art mit
welchen ich sie vorbrachte durch tausend Eidschwüre dass ich sie liebte und
wenn sie in meiner Gegenwart eine Nadel abstrickte so war jede Schmasche
beredt ich sah aus der geschwindern oder langsamern Bewegung ihrer Finger wie
ihr mein Antrag gefiel Da ich genugsame Gründe vor mir hatte ihre Minen für
mich günstig zu erklären so wendete ich die andere Art der Beredsamkeit bei ihr
an um sie vollkommen zu überwinden ich wagte es ihr verschiedene kleine
Geschenke zu machen und da sie diese nicht ausschlug ließ ich sie immer höher
steigen bis ich ihr einen Ring an den Finger practicirte der mir so hoch zu
stehen kam dass ich in der Messe damals meine Zeche im Gasthofe schuldig bleiben
musste Sie beschenkte mich davor mit einem vierblättrichten Kleeblat das sie
eben im Garten gefunden hatte Da ich dieses erhielt zweifelte ich nicht mehr
an meinem Glücke ich schickte wie Sie wissen meinen Abgeordneten ab um das
Fräulein zu werben und war des guten Ausganges meiner Sache so gewiss dass ich
diesfalls allezeit tausend Taler gegen einen Groschen hätte setzen wollen
Nun sind Sie hoffentlich überzeugt dass ich meine Zeit nicht müßig
zugebracht sondern mich vielmehr zu ihrem Vorteile beschäftigt habe Nach
vielem Kopfbrechen ist es mir endlich gelungen diese Regeln die ich Ihnen hier
mitteile zu erfinden Ich billige Ihr Vorhaben dem Fräulein etwas zum heilgen
Christ beschehren zu lassen nehmem Sie sich aber wohl in acht ihr eine Korb
Portechaise zu verehren Sie dürften vielleicht der erste sein der die Ehre
hätte darin getragen zu werden Alle Korbmacherarbeit ist den Liebenden
fatal und wird von ihnen eben sowohl für ein böses Anzeichen gehalten als die
unglücklichen Vögel bei den Römern wenn sie zu Felde zogen Ich war bei meiner
Liebe so abergläubisch dass wenn mir jemand mit einem Korbe begegnete wenn ich
ihr aufwarten wollte so kehrte ich stehendes Fußes wieder um und versparte
meinen Besuch bis auf eine glücklichere Zeit Sie wissen dass der Unglaube eher
mein Fehler ist als der Aberglaube Wenn Sie mir ehemals von Ihren Feldzügen
eine Erzählung machten so erregte ich Ihnen so viele Zweifel dass Sie oftmals
eben so ungewiss waren als ich ob sich das wirklich zugetragen hätte was Sie
erzählten Man gibt mir also mit Recht den Namen des Ungläubigen aber bei der
Liebe und beim Spiel verdiene ich ihn nicht ich bin in beiden sehr
abergläubisch Der Pabst Sixt der fünfte ob er gleich Pabst war hatte doch den
Aberglauben alle glückliche Begebenheiten seines Lebens ereigneten sich an
einer Mittwoche und ich habe angemerkt dass mir das Glück im Spiel zwar alle
Tage hold ist aber nicht alle Stunden Die Mitternachtsstunde ist mir für den
übrigen 23 Stunden des Tages besonders günstig wenn ich das Spiel so weit
dehnen kann so bin ich Meister und alsdenn gehe ich ohne Gewinst nicht von der
Stelle Aus dieser Ursache spiele ich niemals am Tage sondern jederzeit des
Abends nach der Mahlzeit Behalten Sie dieses Geheimnis ja bei sich wenn meine
Spieler dahinter kämen würden Sie niemals meine Glücksstunde wieder abwarten
wollen Sie sehen hieraus dass ich in gewissen Fällen sehr abergläubisch bin
und mein Aberglaube ist dran Schuld dass ich Ihnen widerrate dem Fräulein von
W eine Korb Portechaise zu schenken ich zittere schon wegen dieses Einfalls
für Sie und nehme solchen für ominös an Ich will Ihnen aber einen andern
Vorschlag tun weil Sie wegen der jetzigen schweren Zeit wie Sie sagen keinen
großen Aufwand machen wollen und Ihre Geschenke die gleichwohl in die Augen
fallen sollen gern mit wenig Kosten bestreiten so nehmen Sie in der
Holländischen Lotterie einige Loose und schenken solche dem Fräulein Sie können
für 100 tl fünfe bekommen sie kann sich aber auch mit einem begnügen wenn
Sie sehr sparsam sein wollen Gewinnt das Loos so ist es beinahe so gut als
wenn Sie ihr eine Summe die dem Gewinnste gleich ist geschenket hätten
verlieret es so haben Sie weiter nichts als eine Hand voll Geld verloren Mich
dünkt dieser Rat ist nicht zu verwerfen Wollen Sie aber das gewisse fürs
ungewisse nehmen so kaufen Sie ihr eine Galanterie und bezaubern Sie die
Schöne zur Vergeltung wieder die Sie bezaubert hat wenn Sie sich einer goldnen
Uhr oder einer Sache von gleichem Wert hierzu bedienen so ist dieses kräftiger
als alle verliebte Blicke die vor sich eben so wenig Kraft haben als die
Stäubgen womit die Sonne spielt die aber alle zu abgedrückten Pfeilen werden
welche das Herz eines Frauenzimmers durchdringen wenn Ihnen ein ansehnliches
Geschenke Gewicht und Nachdruck erteilet
Ich denke dass ich Sie nun in Ansehung Ihrer Liebe befriediget habe ich
will Ihnen nur noch ein Wort von Ihrem Pfarrer sagen So wenig dieser ehrwürdige
Mann zu dem Innhalt meines Briefes sich zu schicken scheint so muss ich ihn
doch eine Stelle in solchem einräumen Ich bedaure ihn aufrichtig dass er Ihre
Gunst verloren hat ich weiß dass dadurch seiner Küche mancher Braten entgehet
allein ich glaube dass man ihn verleumdet hat und getraue mir ihn ganz und gar
von dem Verbrechen freizusprechen das man ihm beimisst Wer wollte diesem
Ehrenmann eine solche Bosheit zutrauen dass er das Bild einer Ihrer Ahnen sollte
verunstaltet haben den er nie gekannt hat und der ihn folglich nie beleidigt
hat Sollte er mit Ihnen nicht allerdings zufrieden sein so muss man dieses
seiner Schwachheit und seiner geringen Kenntnis der großen Welt zu gute halten
Sie bleiben doch Kirchpatron wenn er Sie auch manchmal auf eine verblümte Art
öffentlich tadelt oder nach der Sprache des gemeinen Mannes von der Kanzel
wirft ich muss mir dieses sowohl als Sie gefallen lassen und befinde mich auf
einen solchen Fall allezeit sehr wohl Ich kann mir nicht einbilden dass er
seinen Amtseifer gegen Sie an Ihren Vorfahren ausüben sollte zudem scheint
sein Fuß nicht mehr rüstig genug gegen eine steinerne Bildsäule dergestalt zu
wüten dass sie davon merklich könnte beschädiget werden wenn er sich auch
Hufeisen hätte auflegen lassen Ich habe meine besonderen Gedanken über diese
Sache Herr Lampert ist zur Intrigue gemacht wer weiß ob er das nicht selbst
getan hat was er dem Herrn Wendelin aufbürdet Diese Vermutung ist nicht
unwahrscheinlich er ist in seiner Liebe bei der Jungfer Wendelin unglücklich
gewesen den größten Philosophen verläst seine Philosophie wenn er ein
unglücklicher Liebhaber wird er denkt auf Rache wenn er auch übrigens so zahm
ist wie ein Lamm Das Schwert meines Gerichtshalters hält das seinige in der
Scheide dass er sich öffentlich weder an ihn noch an seine Braut wagen darf er
ist also vermutlich darauf bedacht gewesen auf eine verborgene Art sich zu
rächen und dem Pfarrer eine Grube zu graben Vielleicht hat er sich einmal in
die Küche schließen lassen und das Monument selbst beschädiget welches er nun
auf die Rechnung des Pfarrers schreibt Glauben Sie nur Herr Wendelin ist ein
ehrlicher Mann der für Leid in die Grube fahren würde wenn er die boshafte
Beschuldigung wüsste Lassen Sie sich wenn Sie meinem Rate folgen wollen gegen
ihn nichts merken und übergehen sie die ganze Sache die ohnedem eine
Kleinigkeit ist mit Stillschweigen So gern ich wünschte Ihr Verlangen zu
erfüllen und meinen Gerichtshalter zu überreden seiner Rechte auf Hannchen
die bereits seine Braut ist zum Vorteil des Herrn Lamperts sich zu begeben so
wenig bin ich im Stande dieses ins Werk zu richten Mein Gerichtshalter will
eher das Leben verlieren als seine Braut Er ist wie Sie wissen ein Mann der
Herzhaftigkeit besitzt und ein gewaltiger Disputator dass ihr Herr Lampert gewiss
gegen ihn den kürzern ziehen würde wenn er sich mündlich oder schriftlich auf
den Hieb oder Schuss mit ihm einlassen wollte Über dieses glaube ich dass mein
Gerichtshalter dieses artige Mädchen wohl verdient er hat alle Regeln eines
Liebhabers der in seinem Vorhaben glücklich sein will aufs genaueste
beobachtet Er hat zu rechter Zeit geschwiegen und zu rechter Zeit seine
Beredsamkeit angewendet und das ist es alles was man von einem rechtschaffenen
Verehrer eines Frauenzimmers verlangt Sein Mitbuhler der diese Regeln
übertreten hat muss sich sein unglückliches Schicksal selbst zuschreiben und
ich hätte ihm dieses prophezeien wollen Geduld und ein wenig philosophische
Gelassenheit die schon so viele unglückliche Liebhaber beruhiget und sie von
den gefährlichsten Gedanken abgehalten haben sich selbst zu ermorden sind die
einzigen Hilfsmittel zu welchen er seine Zuflucht nehmen kann um sein Unglück
sich erträglich zu machen Ich habe Ihnen nun alles gesagt was ich mir
vorgenommen hatte Ihnen zu sagen es ist mir daher nichts mehr übrig als Sie
zu versichern dass ich mit vieler Hochachtung bin
Dero
gehorsamster Diener
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