Die MoralPhilosophie oder die Wissenschaft der menschlichen Natur kann auf
zwei verschiedene Weisen behandelt werden von denen jede ihren besonderen Werth
hat und zur Unterhaltung Belehrung und Verbesserung der Menschheit beitragen
kann Nach der einen ist der Mensch zum Handeln geboren und wird in seinen
Maßregeln durch Geschmack und Gefühl bestimmt er verfolgt den einen Gegenstand
und vermeidet den anderen nach dem Wert den diese Gegenstände zu haben
scheinen und nach dem Lichte in dem sie sich darstellen Da die Tugend
anerkanntermaßen das Werthvollste von Allen ist so malen die Philosophen
dieser Gattung sie in den lieblichsten Farben entlehnen von der Dicht und
Redekunst deren Mittel und behandeln ihren Gegenstand in jener leichten und
fasslichen Weise welche die Phantasie anregt und das Interesse erweckt Sie
wählen die treffendsten Bemerkungen und Beispiele aus dem täglichen Leben und
bringen die unterschiedenen Charaktere in den richtigen Gegensatz Sie locken
durch die Aussichten auf Ruhm und Glück in die Pfade der Tugend und erhalten
darin durch gesunde Grundsätze und glänzende Beispiele Sie lassen den
Unterschied zwischen Tugend und Laster fühlen sie erwecken und regeln die
Empfindungen und indem sie so in dem Herzen die Gesinnung für Rechtschaffenheit
und wahre Ehre wach rufen glauben sie den Endzweck ihrer Anstrengungen ganz
erreicht zu haben
Die Philosophen der zweiten Gattung betrachten den Menschen mehr in dem
Lichte eines denkenden als handelnden Wesens sie suchen mehr seinen Verstand zu
bilden als seine Sitten zu bessern Die menschliche Natur gilt ihnen als ein
Gegenstand philosophischer Prüfung sie untersuchen sie mit ängstlicher
Sorgfalt um die Grundsätze zu entdecken welche unsern Verstand leiten unsere
Empfindungen erwecken und uns zum Lob oder Tadel der Dinge, der Handlungen und
des Benehmens veranlassen Sie halten es für eine Schmach der Wissenschaft, dass
die Philosophie noch nicht die Grundlagen der Moral des Denkens und Urteilens
unzweifelhaft festgestellt hat dass sie von Wahrheit und Irrtum von Tugend
und Laster von Schönheit und Hässlichkeit fortwährend spricht ohne die Quelle
dieser Unterschiede bezeichnen zu können Sie unternehmen diese schwierige
Aufgabe und lassen sich durch keine Hindernisse abschrecken Von besonderen
Fällen gehen sie zu allgemeinen Sätzen fort und ruhen nicht bis sie die
obersten Grundsätze erreicht haben welche in jeder Wissenschaft die Grenze der
menschlichen Erkenntnis bilden Ihre Untersuchungen erscheinen dem gewöhnlichen
Leser trocken ja unverständlich aber ihr Streben geht auf die Beistimmung der
Kenner und Weisen und sie halten sich für die Anstrengungen eines ganzen Lebens
genügend entschädigt wenn sie einige verborgene Wahrheiten entdecken welche
zur Belehrung der kommenden Geschlechter beitragen
Unstreitig zieht die Menge jene leichte und verständliche Philosophie dieser
strengen und tiefen vor und Viele werden sie nicht bloß für angenehmer sondern
auch für nützlicher als die andere erklären Jene fügt sich mehr dem
gewöhnlichen Vorstellen sie erregt das Herz und die Empfindung sie behandelt
die Grundsätze welche das Handeln bestimmen bessert so das Benehmen der
Menschen und bringt sie ihrem Muster von Vollkommenheit näher Die strenge
Philosophie stützt sich dagegen auf eine Geistesrichtung welche in das
Praktische und Tätige sich nicht einlässt sie verschwindet wenn der Philosoph
die Dämmerung verlässt und in das Tageslicht tritt und ihre Grundsätze können
nicht leicht einen Einfluss auf das Handeln und Benehmen erlangen Die Gefühle
des Herzens die Erregungen der Leidenschaften die Gewalt der Affekte machen
alle Folgerungen solcher tiefsinnigen Philosophen zu nichte und bringen sie auf
die gleiche Stufe mit jedem gewöhnlichen Menschen wieder herab
Man muss auch anerkennen dass jene leichte Philosophie den dauerhaftesten
und gerechtesten Ruhm erworben hat und dass jene tiefsinnigen Denker bisher nur
eines vorübergehenden Rufes bei ihren eigensinnigen und unwissenden Zeitgenossen
sich haben erfreuen aber ihn bei der gerechten Nachwelt sich nicht haben
erhalten können Der tiefsinnige Philosoph begeht in seinen Schlussfolgerungen
leicht ein Versehen ein Missgriff hat beim Weiterschreiten andere notwendig
zur Folge auch schreckt er vor keinem Ergebnis zurück selbst wenn es
sonderbar erscheint oder der Volksmeinung widerstreitet Aber ein Philosoph der
nur das Gemeinverständliche in schönen und anziehenden Farben wiedergeben will
geht nicht weiter wenn er zufällig in einen Irrtum gerät er kehrt in die
richtige Bahn zurück und schützt sich vor jeder gefährlichen Täuschung indem er
sich wieder auf den gesunden Verstand und die natürliche Empfindung beruft Der
Ruhm Ciceros blüht noch heute während der von Aristoteles verloschen ist La
Bruyère tönt über das Meer und bewahrt noch seinen Ruf während der Ruhm von
Malebranche auf seine Nation und sein Zeitalter beschränkt geblieben ist und
Addison wird vielleicht noch mit Vergnügen gelesen werden wenn Locke ganz
vergessen sein wird
Der strenge Philosoph ist ein Charakter welcher der Welt meist nicht genehm
ist man meint dass er weder zum Nutzen noch zum Vergnügen der Gesellschaft
etwas beitrage denn er lebt fern vom Verkehr mit Menschen und ist in Regeln und
Begriffe vertieft welche dem Verständnis dieser fern liegen Auf der andern
Seite wird reine Unwissenheit noch mehr verachtet und in einem Zeitalter und
Volke wo die Wissenschaften blühen gilt es als ein sicheres Zeichen der
Rohheit keinen Geschmack für diese edlen Beschäftigungen zu besitzen Man sucht
meist den vollkommenen Charakter zwischen diesen beiden Extremen ein solcher
besitzt gleiches Geschick und Geschmack für Bücher Gesellschaft und Geschäft
er bewahrt sich in der Unterhaltung die Schärfe und Feinheit welche aus der
Pflege der schönen Wissenschaften entspringen und im Geschäft die Rechtlichkeit
und Genauigkeit welche das natürliche Ergebnis einer guten Philosophie sind
Um solche vollkommene Charaktere zu bilden und häufiger zu machen sind Werke im
leichten Stile die nützlichsten Sie ziehen nicht zu sehr vom Leben ab
verlangen für ihr Verständnis keine tiefe Anstrengung oder Einsamkeit und geben
ihren Zögling der Menschheit zurück erfüllt mit edlen Gefühlen und weisen
Vorschriften die für alle Lagen des menschlichen Lebens anwendbar sind
Vermittelst solcher Werke wird die Tugend liebenswürdig die Wissenschaft
angenehm die Gesellschaft belehrend und die Einsamkeit unterhaltend
Der Mensch ist ein vernünftiges Wesen und als solches empfängt er seine
wahre Nahrung von der Wissenschaft. Aber die Schranken des menschlichen
Verstandes sind so enge dass man hier weder mit der Ausdehnung, noch mit der
Gewissheit des Erwerbes zufriedengestellt wird Der Mensch ist aber nicht bloß
ein vernünftiges sondern auch ein geselliges Wesen dennoch kann er nicht immer
angenehmen und unterhaltenden Umgang genießen und nicht immer die
Empfänglichkeit dafür sich bewahren Der Mensch ist auch ein tätiges Wesen er
muss wegen dieser Anlage und wegen der mannichfachen Bedürfnisse des
menschlichen Lebens sich dem Geschäft und der Arbeit unterziehen aber die Seele
verlangt nach Erholung und kann nicht fortwährend die Last der Sorgen und
Anstrengungen ertragen Die Natur scheint daher ein gemischtes Leben als das dem
Menschen angemessenste zu bezeichnen sie warnt ihn sich keiner dieser
Neigungen zu sehr hinzugeben und dadurch die Fähigkeit für andere
Beschäftigungen und Vergnügen einzubüßen »Folge deinem Trieb nach Wissen«
spricht sie »aber dein Wissen bleibe menschlich und in Verbindung mit dem Leben
und dem Handeln ich verbiete nutzlose Gedanken und grüblerische Untersuchungen
ihre Strafe sei das trübsinnige Grübeln zu dem sie dich führen die endlose
Ungewissheit in die sie dich verwickeln und die Kälte mit der deine
angeblichen Entdeckungen bei deren Mittheilung aufgenommen werden Sei ein
Philosoph aber bleibe mitten in all deiner Philosophie ein Mensch«
Begnügte man sich die leichte Philosophie der eindringenderen und tieferen
Philosophie nur vorzuziehen ohne letztere zu tadeln oder zu verachten so möchte
diese allgemeine Ansicht immer zulässig sein und Jedem frei stehen sich nach
seinem Geschmack und Sinne zu unterhalten Aber man geht oft weiter und verwirft
schlechthin jede tiefere Untersuchung oder sogenannte Metaphysik Wir wollen
daher das in Betracht ziehen was für sie spricht
Der nächste erhebliche Vorteil der strengen und tiefer eindringenden
Philosophie ist ihre Unterstützung der leichten und gemeinfasslichen welche
ohne jene in ihren Begriffen Grundsätzen und Beweisen niemals den
erforderlichen Grad von Genauigkeit erreichen kann Alle schönen Wissenschaften
sind nur Schilderungen des menschlichen Lebens in seinen mannichfachen Zuständen
und Verhältnissen sie erfüllen uns nach der Beschaffenheit der von ihnen
gebotenen Gegenstände mit mancherlei Gefühlen des Lobes oder Tadels der
Bewunderung oder des Spottes Ein Künstler kann hier nur auf größeren Erfolg für
sein Werk rechnen wenn er nicht bloß feinen Geschmack und schnelle Auffassung
besitzt sondern auch eine genaue Kenntnis der inneren Werkstatt der
Tätigkeiten des Verstandes, der Wirkungen der Leidenschaften und der
verschiedenen Empfindungen durch die sich Laster und Tugend unterscheiden Wenn
auch diese inneren Nachforschungen und Untersuchungen mühsam werden so sind sie
doch für denjenigen gewissermaßen unentbehrlich welcher mit Erfolg die
äußerlichen und sichtbaren Erscheinungen des Lebens und der Sitte beschreiben
will Der Anatom zeigt dem Auge die hässlichsten und unangenehmsten Gegenstände
aber seine Wissenschaft nützt dem Maler selbst bei einer Venus oder Helena
Während dieser die üppigsten Farben seiner Kunst benutzt und seinen Gestalten
die zierlichsten und reizendsten Stellungen gibt muss er immer dabei den
inneren Bau des menschlichen Körpers beachten und die Stellung der Muskeln die
Einrichtung der Knochen und den Gebrauch und die Gestalt jedes Teils und Organs
kennen Genauigkeit hilft immer der Schönheit und richtiges Denken der zarten
Empfindung Es ist vergeblich das Eine durch Erniedrigung des Andern heben zu
wollen
Überdem zeigt sich dass in jeder Kunst und jedem Geschäft selbst in
solchen die dem Leben und Handeln am nächsten stehen der Geist der
Genauigkeit wie er auch erworben sei sie alle der Vollkommenheit näher bringt
und den Interessen der Gesellschaft dienlicher macht Mag daher der Philosoph
auch den Geschäften fern bleiben so muss doch der Geist der Philosophie, wenn
er von Einzelnen sorgsam gepflegt wird sich allmählich durch die ganze
Gesellschaft verbreiten und in jede Kunst und jeden Beruf eine ähnliche
Genauigkeit einführen Der Staatsmann wird in Teilung und Ausgleichung der
politischen Mächte vorsichtiger und scharfsichtiger werden der Rechtsgelehrte
wird für seine Ausführungen mehr Methode und schärfere Gründe gewinnen und der
Feldherr mehr Regelmäßigkeit für seinen Dienst und mehr Vorsicht in seinen
Plänen und Unternehmungen Die Festigkeit der modernen Staaten in Vergleich zu
den alten und die Schärfe der modernen Philosophie sind in gleichem Grade
gewachsen und dies wird auch in der Zukunft stattfinden
Selbst wenn keine andere Frucht aus diesen Studien reifte als die
Befriedigung einer unschuldigen Wissbegierde so wäre auch dies nicht zu
verachten denn sie vermehrt jene wenigen heilsamen und harmlosen Freuden
welche dem Menschengeschlecht zugeteilt sind Der sanfteste und unschädlichste
Gang dieses Lebens führt durch die Pfade der Wissenschaft und Erkenntnis
Jeder der ein Hindernis von diesen Pfaden wegräumt oder eine neue Aussicht
eröffnet muss als ein Wohltäter der Menschen gelten Diese Untersuchungen
mögen peinlich und ermüdend sein aber es verhält sich hier mit der Seele wie
mit dem Körper sind sie mit Kraft und üppiger Gesundheit ausgerüstet so
verlangen sie nach anstrengenden Übungen und finden ihr Vergnügen in dem was
den meisten Menschen schwer und mühevoll erscheint Die Dunkelheit ist für den
Geist so schmerzlich wie für das Auge Licht aus der Dunkelheit zu entnehmen
sei diese Arbeit auch noch so schwer muss notwendig erfreulich und ergötzend
sein
Man hat indes diese Dunkelheit der tieferen und eindringenderen Philosophie
nicht bloß als peinlich und ermüdend getadelt sondern auch als eine Quelle
unvermeidlichen Schwankens und Irrtums dargestellt Dies ist allerdings der
gerechteste und annehmbarste Vorwurf gegen einen großen Teil der
metaphysischen Untersuchungen man sagt sie seien keine wahre Wissenschaft
sondern nur das Ergebnis nutzloser Anstrengungen menschlicher Eitelkeit welche
in Gegenstände eindringen will die entweder dem Verstand unzugänglich oder das
Werk eines listigen Aberglaubens sind welcher auf ebenem Boden sich nicht
vertheigen kann und deshalb in dieses verworrene Gestrüpp sich verkriecht um
seine Blöße zu decken und zu schützen Verjagt vom freien Felde fliehen diese
Räuber in den Wald und liegen auf der Lauer um durch jeden unbewachten Zugang
in den Geist einzubrechen und ihn durch religiöse Furcht und Vorurteile zu
überwältigen Der stärkste Gegner wird besiegt wenn er einen Augenblick in
seiner Wachsamkeit nachlässt und Viele öffnen aus Feigheit und Torheit den
Feinden die Thore und empfangen sie freiwillig mit Ehrfurcht und Unterwürfigkeit
als ihre legitimen Herrscher
Ist dies indes ein hinreichender Grund für den Philosophen um von solchen
Untersuchungen abzustehen und den Aberglauben in den Besitz seiner Schlupfwinkel
zu lassen Folgt daraus nicht umgekehrt die Notwendigkeit dass man den Kampf
in die geheimsten Schlupfwinkel des Feindes übertragen muss Vergeblich ist die
Hoffnung dass der Mensch durch häufige Täuschungen endlich zum Verlassen dieser
luftigen Forschungen bestimmt werden und das wahre Reich der menschlichen
Vernunft entdecken werde Viele sind bei der steten Wiederaufnahme solcher
Forschungen sichtlich interessiert und blinde Verzweiflung darf vernünftiger
Weise in den Wissenschaften nie Platz greifen da trotz der Erfolglosigkeit
früherer Versuche immer Raum für die Hoffnung bleibt dass die Anstrengung das
gute Glück und der gesteigerte Scharfblick der folgenden Generationen zu
Entdeckungen gelangen werde die der Vorzeit unerreichbar waren Jeder kühne
Geist wird den schwierigen Preis zu gewinnen suchen und die Fehlschläge seiner
Vorgänger werden ihn eher reizen als entmutigen er hofft dass ihm allein der
Ruhm aufbewahrt sei eine so schwere Aufgabe zu lösen Das einzige Mittel um
die Wissenschaft mit einem Male von diesen nutzlosen Versuchen zu befreien ist
die Natur des menschlichen Verstandes streng zu untersuchen und durch eine
genaue Erforschung seiner Kräfte und Fähigkeiten zu zeigen dass er für solche
entlegene und verborgene Gegenstände durchaus nicht geeignet ist Man muss sich
dieser Arbeit unterziehen um nachher in Ruhe zu leben und man muss die wahre
Metaphysik mit Sorgfalt treiben um die unwahre und verfälschte zu zerstören
Die Trägheit welche Manchen vor dieser trügerischen Philosophie bewahrt wird
samt Anderem durch die Wissbegierde überwogen und die Verzweiflung die zu
manchen Zeiten hervorbricht weicht später übertriebenen Hoffnungen und
Erwartungen Genaue und richtige Untersuchungen sind hier die einzigen und
allgemein gültigen Heilmittel für Jedermann und jede Frage sie allein können
jene unverständliche Sprache aus der Philosophie und Metaphysik entfernen
welche sie, in Verbindung mit dem Aberglauben für unbefangene Forscher
undurchdringlich macht und ihr den Schein von Wissenschaft und Weisheit
verleiht
Neben dem Vorteile dass man nach sorgfältiger Untersuchung sich des
unsichersten und lästigsten Theiles der Gelehrsamkeit entledigt gehen aus einer
sorgfältigen Untersuchung der Kräfte und Fähigkeiten der menschlichen Natur auch
viele positive Vorteile hervor Die geistigen Tätigkeiten haben das
Merkwürdige dass sie obgleich am innigsten uns gegenwärtig doch in Dunkelheit
gehüllt scheinen wenn das Nachdenken sich auf sie richtet Das Auge kann nicht
leicht die Linien und Grenzen erkennen welche sie sondern und unterscheiden
Diese Gegenstände sind zu fein um immer denselben Anblick und dieselbe Lage zu
bieten sie müssen augenblicklich erfasst werden mittelst einer höheren
Einsicht welche Naturgabe ist und durch Übung und Nachdenken sich steigert Es
ist deshalb schon eine beträchtliche Aufgabe der Wissenschaft, die verschiedenen
Tätigkeiten der Seele kennen zu lernen die einen von den andern zu sondern
sie in die passenden Abtheilungen zu bringen und die anscheinende Verwirrung zu
lösen in welcher sie sich befinden wenn sie zum Gegenstande der Untersuchung
und des Nachdenkens gemacht werden Dieses Ordnen und Unterscheiden was in
Bezug auf äußere Dinge und Gegenstände der Sinne kein Verdienst ist steigt im
Wert wenn es sich auf diese Tätigkeiten der Seele richtet und zwar im
Verhältnis zur Schwierigkeit und Mühe welche der Ausführung anhaftet Sollte
man auch nicht über diese geistige Geographie und Abgrenzung der verschiedenen
Theile und Kräfte der Seele hinauskommen so gewährt schon dies Genugtuung Je
selbstverständlicher solche Wissenschaft erscheinen mag aber sie ist es
durchaus nicht desto größere Schande trifft die welche sie nicht kennen und
doch auf Gelehrsamkeit und Philosophie Anspruch machen
Auch bleibt kein Raum für den Vorwurf dass diese Wissenschaft unsicher und
chimärisch sei man müsste denn an einer Zweifelsucht festhalten welche alles
Nachdenken und selbst alles Handeln zerstört Man kann nicht bestreiten dass
die Seele mit gewissen Kräften und Fähigkeiten ausgestattet ist dass diese
Kräfte sich von einander unterscheiden dass das für die unmittelbare
Wahrnehmung wirklich Verschiedene durch Nachdenken gesondert werden kann, und
dass daher Wahrheit und Irrtum an allen Fragen dieses Gebietes haftet und zwar
eine solche Wahrheit und ein solcher Irrtum die nicht jenseits des Bereichs des
menschlichen Verstandes liegen Es gibt viele naheliegende Unterscheidungen
dieser Art wie zwischen Wollen und Verstand Phantasie und Leidenschaften
welche von jedem menschlichen Wesen begriffen werden Die feinen und
philosophischen Unterscheidungen sind nicht weniger wirklich und gewiss wenn
sie auch schwerer zu fassen sind Einzelne namentlich neuerliche Erfolge bei
diesen Untersuchungen können einen bessern Begriff von der Gewissheit und
Festigkeit in diesem Gebiet der Erkenntnis gewähren Sollte es denn die allein
würdige Aufgabe für einen Philosophen sein das wahre System der Planeten
festzustellen und die Ordnung und die Stellung dieser fernen Körper zu
ermitteln Sollte man die Männer nicht beachten welche mit so viel Erfolg die
Gebiete der Seele erforschen wobei doch Jedermann so innig beteiligt ist
Weshalb sollte man nicht hoffen dass die Philosophie bei sorgfältiger
Pflege und ermutigt durch die öffentliche Aufmerksamkeit in ihren
Untersuchungen immer weiter kommen und endlich gleichsam die verborgenen
Springfedern und Kräfte entdecken werde welche die menschliche Seele in ihrer
Tätigkeit stützen und leiten Die Astronomen hatten sich lange begnügt aus den
sichtbaren Erscheinungen die wahre Bewegung Ordnung und Größe der
Himmelskörper zu beweisen bis sich endlich ein Philosoph erhob welcher durch
ein glückliches Nachdenken auch die Gesetze und Kräfte bestimmte durch welche
der Lauf der Planeten geleitet und in Ordnung gehalten wird Das Gleiche ist in
andern Gebieten der Natur vollbracht worden Und man hat keinen Grund an einen
gleichen Erfolg bei den Untersuchungen der Kräfte und der Einrichtung der Seele
zu verzweifeln wenn mit gleicher Fähigkeit und Vorsicht vorgegangen wird Es
ist wahrscheinlich dass die eine Kraft und der eine Vorgang in der Seele von
dem andern abhängt welche wieder auf allgemeinere zurückgeführt werden können,
und vor ja selbst nach einem sorgfältigen Versuch wird es schwer sein genau zu
bestimmen, wie weit man mit solchen Untersuchungen gelangen könne Sicherlich
werden solche Versuche tagtäglich selbst von denen gemacht welche am
nachlässigsten philosophieren und nichts ist notwendiger für den Eintritt in
ein solches unternehmen als die höchste Sorgfalt und Aufmerksamkeit damit
wenn das Ziel im Bereich des menschlichen Verstandes liegt es endlich erreicht
werde und wo nicht mit Zuversicht und Sicherheit aufgegeben werden könne
Diese letzte Ansicht ist sicherlich nicht wünschenswert und darf nicht zu
voreilig angenommen werden Denn wie viel müsste von der Schönheit und dem
Wert dieser Art der Philosophie nachgelassen werden wenn man dies zugeben
wollte In der Moral suchte man bisher gegenüber der großen Mannigfaltigkeit
und Verschiedenheit der Handlungen welche Billigung oder Missbilligung
hervorrufen nach irgend einem allgemeinen Grundsatz von dem dieser Unterschied
der Urteile sich ableitete Und obgleich man aus Liebhaberei für Prinzipien
dies oft zu weit getrieben hat so verdient es doch sicherlich Entschuldigung
wenn gewisse allgemeine Regeln gesucht werden auf die sich alle Laster und
Tugenden mit Grund zurückführen lassen Ähnliches hat man in der Kunst in der
Logik, in der Staatswissenschaft versucht und zwar nicht ohne Erfolg obgleich
vielleicht nur längere Zeit größere Sorgfalt und ausharrenderer Fleiß diese
Wissenschaften ihrer Vollkommenheit näher bringen kann Wollte man mit einem
Male all diese Unternehmen zurückstellen so wäre dies sicherlich voreiliger
unüberlegter und eigenwilliger als die dreisteste und absprechendste
Philosophie welche je ihre rohen Gebote und Grundsätze den Menschen
aufzudringen versucht hat
Wenn aber diese Untersuchungen der menschlichen Natur zu hoch und
unverständlich erscheinen so darf man dies doch nicht als einen Grund für ihre
Unwahrheit geltend machen Es scheint vielmehr natürlich dass das nicht so
augenfällig und leicht sein kann was bisher so vielen weisen und gründlichen
Philosophen entschlüpft ist Trotz aller Mühe welche diese Untersuchungen uns
kosten sollten werden wir uns sowohl in Bezug auf Nutzen wie Annehmlichkeit
für hinreichend belohnt halten wenn wir damit den Vorrat von Kenntnissen über
Gegenstände von so unsäglicher Wichtigkeit etwas vermehren könnten
Trotz alledem bleibt das tiefere Denken in welchem solche Untersuchungen
sich bewegen keine Empfehlung sondern eher ein Nachtheil für sie Vielleicht
kann diese Schwierigkeit durch Sorgfalt und Geschick und durch Vermeidung aller
überflüssigen Ausführlichkeit überwunden werden Und so habe ich in der
folgenden Untersuchung einiges Licht über Dinge zu verbreiten gesucht deren
Unsicherheit den Weisen und deren Dunkelheit den Unwissenden bisher
zurückgeschreckt hat Wohl mir wenn es mir gelingt die Trennung der beiden
Arten zu philosophieren dadurch zu beseitigen dass ich die Gründlichkeit mit der
Klarheit und die Wahrheit mit der Neuheit versöhne
Noch glücklicher würde es mich machen wenn ich durch solche leichtere Weise
der Behandlung die Grundlagen jener dunklen Philosophie erschüttern könnte
welche bisher nur dem Aberglauben als Schutz und dem Unsinn und Irrtum als
Deckmantel gedient hat
Jedermann wird einräumen dass ein erheblicher Unterschied zwischen den
Vorstellungen der Seele besteht je nachdem man den Schmerz einer
außerordentlichen Hitze oder das Vergnügen einer mäßigen Wärme fühlt oder je
nachdem man diese Empfindung nur nachher in das Gedächtnis zurückruft oder im
Voraus sich vorstellt Diese Vermögen können die Wahrnehmungen der Sinne
nachahmen oder abbilden aber sie können niemals die ganze Kraft und
Lebhaftigkeit der ursprünglichen Empfindung erreichen Das Höchste was selbst
bei ihrer stärksten Äußerung man von ihnen sagen kann ist dass sie ihren
Gegenstand in so lebhafter Weise darbieten dass man beinahe meint ihn zu
fühlen oder zu sehen Aber niemals können sie Fälle der Geistesstörung durch
Krankheit oder Irrsinn abgerechnet einen solchen Grad von Lebhaftigkeit
annehmen dass man diese Vorstellungen nicht von einander zu unterscheiden
vermöchte Der Dichter kann selbst mit den glänzendsten Farben seiner Kunst
einen Naturgegenstand nicht so ausmalen dass man seine Beschreibung für eine
wirkliche Landschaft hält Der lebhafteste Gedanke erreicht hier die dunkelste
Empfindung nicht
Ein gleicher Unterschied zieht sich durch alle anderen Vorstellungen der
Seele Ein Mensch der von Zorn ergriffen ist benimmt sich ganz anders als
der welcher nur an einen solchen Affekt denkt Wenn man mir sagt dass Jemand
verliebt ist so verstehe ich es leicht und bilde mir eine richtige Vorstellung
von seinem Zustande aber ich kann niemals diese Vorstellung mit den wirklichen
Neigungen und Aufregungen dieser Leidenschaft verwechseln Denkt man an
vergangene Empfindungen und Erregungen so ist das Denken ein treuer Spiegel
der seinen Gegenstand genau wiedergibt aber die benutzten Farben sind blass
und matt in Vergleich zu denen in welche die ursprünglichen Empfindungen
gekleidet waren Es bedarf keines Scharfsinns und keines metaphysischen Geistes
um den Unterschied zwischen beiden anzugeben
Man kann deshalb alle Vorstellungen der Seele in zwei Klassen oder Arten
teilen die sich durch den verschiedenen Grad von Stärke und Lebhaftigkeit
unterscheiden Die wenigst starken und lebhaften nennt man gewöhnlich Gedanken
oder Vorstellungen Für die andere Art hat die englische wie die meisten anderen
Sprachen kein Wort wahrscheinlich weil von philosophischen Zwecken abgesehen
das Bedürfnis fehlte sie unter einem allgemeinen Ausdruck oder Namen zu
befassen Ich nehme mir die Freiheit sie Eindrücke zu nennen indem ich dies
Wort in einem von dem gewöhnlichen etwas abweichenden Sinne gebrauche Mit dem
Worte Eindruck meine ich also alle unsere lebhaften Zustände wenn wir hören
oder sehen oder fühlen oder hassen oder wünschen oder wollen Die Eindrücke
bilden den Gegensatz zu den Vorstellungen, welche jene weniger lebhaften
Zustände bezeichnen deren man sich bewusst ist, wenn man an eines jener obigen
Gefühle oder Erregungen zurückdenkt
Nichts erscheint auf den ersten Blick so schrankenlos als das menschliche
Denken es entzieht sich nicht allein aller menschlichen Macht und Autorität
sondern überschreitet auch die Grenzen der Natur und der Wirklichkeit Ungeheuer
zu bilden und widerstreitende Gestalten und Erscheinungen zu verbinden kostet
der Einbildungskraft nicht mehr Mühe als die Vorstellung des natürlichsten und
bekanntesten Gegenstandes Während der Körper auf einem Planeten beschränkt ist
auf dem er mühsam und schwerfällig herumkriecht kann das Denken uns in einem
Augenblick in die entferntesten Gegenden des Weltalls tragen ja selbst darüber
hinaus in das grenzenlose Chaos wo die Natur in gänzlicher Verwirrung liegen
soll Was man nie gesehen oder gehört kann man sich doch vorstellen kein Ding
ist der Macht der Gedanken entzogen mit Ausnahme dessen was einen unbedingten
Widerspruch einschließt
Obgleich indes unsere Gedanken diese unbegrenzte Freiheit zu besitzen
scheinen zeigen sie sich doch bei näherer Untersuchung in Wahrheit in sehr enge
Grenzen eingeschlossen All die schöpferische Kraft der Seele ist nichts weiter
als die Fähigkeit den durch die Sinne und die Erfahrung gewonnenen Stoff zu
verbinden zu umstellen zu vermehren oder zu vermindern Wenn wir uns ein
goldenes Gebirge vorstellen so verbinden wir nur zwei bereits vorhandene
Vorstellungen Gold und Gebirge die uns von früher bekannt sind Ein
tugendhaftes Pferd kann man sich denken weil man die Tugend aus seinen eigenen
Gefühlen kennt man verbindet sie mit der Gestalt und dem Aussehen eines
Pferdes was ein bekanntes Thier ist Kurz aller Stoff des Denkens ist von
äußeren oder inneren Wahrnehmungen abgeleitet nur die Mischung und Verbindung
gehört dem Geist und dem Willen oder um mich philosophisch auszudrücken alle
unsere Vorstellungen oder früheren Empfindungen sind Nachbilder unserer
Eindrücke oder lebhafteren Empfindungen
Zum Beweise dessen werden hoffentlich die zwei nachstehenden Gründe
ausreichen Erstlich finden wir bei der Trennung unserer Gedanken und
Vorstellungen wenn sie auch noch so verwickelt und erhaben sind immer dass
sie sich in solche einfache Vorstellungen auflösen welche das Abbild eines
früheren Gefühls oder Empfindens sind Selbst die Vorstellungen, welche bei dem
ersten Blick am weitesten von diesem Ursprung entfernt scheinen zeigen sich bei
näherer Untersuchung als daraus abgeleitet Die Vorstellung von Gott welche ein
allwissendes weises und gutes Wesen bezeichnet bildet sich aus den
Vorstellungen von unseren geistigen Tätigkeiten und aus der Steigerung dieser
Eigenschaften der Güte und Weisheit ins Grenzenlose Man mag diese Untersuchung
noch so weit fortführen immer wird man finden dass jede Vorstellung bei ihrer
Prüfung sich als das Abbild einer gleichen Empfindung darstellt Die Gegner
welche diesen Satz nicht allgemein und ohne Ausnahme zulassen wollen haben
eine und zwar leichte Art ihn zu widerlegen sie mögen eine Vorstellung
beibringen welche nach ihrer Meinung nicht aus dieser Quelle geschöpft ist
Dann wird es mir zur Verteidigung meiner Ansicht obliegen den Eindruck oder
die lebhaftere Erregung darzulegen welche ihr zu Grunde liegt
Wenn zweitens ein Mensch wegen eines Fehlers im Organe für eine Art von
Empfindung nicht empfänglich ist so ergibt sich dass er dann auch ebenso
wenig die Vorstellung davon fassen kann Ein Blinder kann keine Vorstellung von
Farben ein Tauber kann keine von Tönen sich bilden Wenn Jeder den ihm
fehlenden Sinn zurück erhält so ist mit der Öffnung dieses neuen Kanals für
seine Empfindungen auch ein Kanal für seine Vorstellungen eröffnet und es ist
ihm leicht die betreffenden Bestimmungen sich vorzustellen
Ebenso verhält es sich wenn der Gegenstand der Empfindung noch niemals an
das Organ gebracht worden ist. Ein Lappländer oder Neger hat keinen Begriff von
dem Weingeschmack Dasselbe gilt wenn auch in geringerem Grade wenn Jemand
eine seiner Gattung eigentümliche Empfindung oder Leidenschaft nie gefühlt hat
oder deren unfähig ist obgleich solche Fälle geistiger Gebrechen selten oder
niemals vorkommen Ein gutmütiger Mensch kann sich keine Vorstellung von
eingewurzelter Grausamkeit und Rache machen und ein selbstsüchtiges Herz kann
sich nicht leicht die höchsten Opfer der Freundschaft und des Edelmuts
vorstellen Man gibt zu dass andere Wesen Empfindungen von Dingen haben mögen
von denen wir keine Vorstellung haben weil uns diese nie auf dem Wege zugeführt
worden sind, durch den allein eine Vorstellung in die Seele eintreten kann dh
durch wirkliches Fühlen und Empfinden
Es gibt indes eine dem entgegenstehende Erscheinung welche die
Möglichkeit beweisen könnte dass Vorstellungen auch unabhängig von den ihnen
entsprechenden Eindrücken entstehen können Man wird sofort zugeben dass die
verschiedenen Vorstellungen der Farben welche durch das Auge eintreten oder
die der Töne welche das Ohr zuführt von einander wirklich unterschieden und zu
gleicher Zeit einander ähnlich sind Ist dies von verschiedenen Farben richtig
so muss es auch von verschiedenen Schattierungen derselben Farbe gelten Jede
Schattierung erzeugt eine bestimmte Vorstellung, welche von den übrigen
unabhängig ist Wollte man dies leugnen so könnte man durch eine allmähliche
Abstufung die Schattierung einer Farbe unmerklich in die ihr geradezu
entgegengesetzte umwandeln Will man keinen Unterschied für die Mittelfarben
anerkennen so muss man dasselbe auch für die Extreme gelten lassen wenn man
sich nicht widersprechen soll Man nehme nun einen Menschen der dreißig Jahre
lang sein Gesicht gehabt und mit allen Arten von Farben bekannt geworden ist
eine einzige Schattierung zB von Blau ausgenommen welche er zufällig niemals
gesehen hat Wenn man diesem nun alle Schattierungen dieser Farbe mit Ausnahme
dieser einen vorlegt die allmählich von der dunkelsten zur hellsten ansteigen
so wird er offenbar eine Lücke bei dieser fehlenden Schattierung bemerken und er
wird empfinden dass hier die nächsten Farben mehr von einander abstehen als
sonst wo Ich frage nun ob es ihm möglich sein wird aus seiner
Einbildungskraft diese fehlende zu ergänzen und sich die Vorstellung von dieser
besonderen Schattierung zu bilden obgleich seine Sinne sie ihm niemals zugeführt
haben Ich glaube nur Wenige werden sagen dass er es nicht könne
Dies kann als ein Beweis gelten dass die bloßen Vorstellungen nicht immer
und überall von ihren entsprechenden Empfindungen sich ableiten Indes ist
dieser Fall so vereinzelt dass er kaum Beachtung verdient und ich brauche
seinetwegen den allgemeinen Grundsatz nicht zu ändern
Hier ist also ein Satz der nicht allein in sich einfach und verständlich
ist, sondern der auch bei richtiger Anwendung jede Streitfrage verständlich
macht und all jenes Kauderwelsch beseitigt welches seit lange die
metaphysischen Untersuchungen beherrscht und widerwärtig gemacht hat Alle
Vorstellungen insbesondere die begrifflichen sind von Natur matt und dunkel
die Seele hat nur einen schwachen Halt für sie sie werden leicht mit anderen,
verwandten Vorstellungen verwechselt hat man oft ein Wort gebraucht ohne einen
bestimmten Sinn damit zu verbinden so bildet man sich zuletzt ein dass eine
bestimmte Vorstellung daran geknüpft sei Umgekehrt sind alle Eindrücke dh
alle Empfindungen sowohl äußere wie innere stark und lebhaft ihre
Unterschiede treten bestimmter hervor und man kann bei ihnen nicht leicht irren
oder sie verwechseln Hat man daher Verdacht dass ein philosophischer Ausdruck
ohne einen bestimmten Sinn oder Begriff gebraucht werde was nur zu häufig
geschieht so möge man nur fragen Von welchem Eindruck ist diese angebliche
Vorstellung abgeleitet Kann ein solcher nicht nachgewiesen werden so wird dies
den Verdacht bestätigen Indem ich die Vorstellungen hiermit in ein so
deutliches Licht gestellt habe ist damit hoffentlich aller Streit beseitigt
welcher sich über ihre Natur und Wirklichkeit erheben könnteA1
Offenbar besteht eine Regel für die Verknüpfung verschiedener Gedanken oder
Vorstellungen der Seele bei ihrem Eintritt in die Erinnerung oder Phantasie
führt die eine die andere nach einer gewissen Methode und Regelmäßigkeit mit
sich Bei ernstem Nachdenken oder Sprechen ist dies so auffallend dass jeder
ungehörige Gedanke welcher die regelmäßige Folge oder Kette der Vorstellungen
unterbricht sofort bemerkt und zurückgewiesen wird Aber auch in den wildesten
und schwärmerischsten Träumereien ja selbst bei wirklichen Träumen zeigt die
Beobachtung dass die Einbildungskraft nicht ganz abenteuerlich sich bewegt
sondern dass zwischen den verschiedenen Vorstellungen, welche sich folgten
immer eine Verknüpfung bestand Könnte man das loseste und ungebundenste
Geschwätz gleich niederschreiben so würde man sofort bemerken dass bei allen
Sprüngen doch etwas da war was sie verknüpfte Sollte dies nicht der Fall sein
so wird die Person welche den Faden der Untersuchung abbrach immer angeben
können dass in ihrer Seele eine Folge von Gedanken statt gehabt welche sie
allmählich von dem Gegenstand der Untersuchung abgeführt hat In verschiedenen
Sprachen selbst da wo nicht die geringste Verbindung oder Mittheilung
vorausgesetzt werden kann, zeigen Worte welche sehr verwickelte Vorstellungen
bezeichnen doch große Übereinstimmung ein sicherer Beweis dass die
einfachen, darin enthaltenen Vorstellungen durch ein gewisses allgemeines Gesetz
verknüpft worden sind, welches seinen Einfluss bei jedem Menschen übt
Obgleich diese Verbindung verschiedener Vorstellungen zu augenfällig ist um
nicht bemerkt zu werden so hat doch kein Philosoph so viel ich weiß
versucht diese Gesetze der Verbindung sämtlich aufzusuchen und zu ordnen und
doch ist der Gegenstand von Interesse
Nach meiner Ansicht bestehen nur drei Gesetze der Gedankenverbindung sie
sind die Ähnlichkeit die Berührung in Zeit oder Raum und die Ursachlichkeit
Dass diese drei Gesetze zur Verbindung der Gedanken dienen werden glaube
ich Wenige bezweifeln Ein Gemälde führt unsere Gedanken ganz natürlich auf das
Original Ähnlichkeit die Erwähnung eines Zimmers in einem Hause führt ganz
natürlich die Gedanken oder das Gespräch auf das andere Zimmer Berührung und
wenn man an eine Wunde denkt so kann man es kaum verhindern dass man nicht
auch an die Schmerzen denkt die ihr folgen Ursache und Wirkung).
Dagegen ist der Beweis für die Vollständigkeit dieser Aufzählung und dass
keine weiteren Gesetze daneben für die Gedankenverbindung bestehen schwer
sowohl in Bezug auf den Leser als auf die eigene Beruhigung Alles was man in
solchen Fällen tun kann ist die verschiedenen Einzelfälle durchzugehen genau
die Gesetze zu erforschen welche in ihnen die mehreren Gedanken verbinden und
dabei das Gesetz so allgemein als möglich zu machen1 Je mehr solche Fälle man
prüft und je mehr Sorgfalt man anwendet desto mehr wird man sich überzeugen
dass die von mir gegebene Aufzählung Alles umfasst und vollständig ist
Alle Gegenstände des menschlichen Denkens und Forschens zerfallen von Natur
in zwei Klassen nämlich in Beziehungen der Vorstellungen und in Tatsachen Zur
ersten Klasse gehören die Wissenschaften der Geometrie, Algebra und Arithmetik
mit einem Wort jeder Satz von anschaulicher oder zu beweisender Gewissheit
Dass das Quadrat der Hypotenuse gleich ist den Quadraten der beiden Seiten ist
ein Satz welcher die Beziehung zwischen diesen Figuren ausdrückt Dass dreimal
fünf gleich ist der Hälfte von Dreißig drückt eine Beziehung zwischen diesen
Zahlen aus Sätze dieser Klasse können durch die reine Tätigkeit des Denkens
entdeckt werden ohne von irgend einem Dasein in der Welt abhängig zu sein Wenn
es auch niemals einen Kreis oder Dreieck in der Natur gegeben hätte so würden
doch die von Euklid dargelegten Wahrheiten für immer ihre Gewissheit und
Beweiskraft behalten
Tatsachen der zweite Gegenstand der menschlichen Erkenntnis werden nicht
in derselben Weise festgestellt und unsere Überzeugung von ihrer Wahrheit ist
war groß aber doch nicht von derselben Art, wie bei den ersten Das Gegenteil
einer Tatsache bleibt immer möglich denn es ist niemals ein Widerspruch es
kann von der Seele mit derselben Leichtigkeit und Bestimmtheit vorgestellt
werden, als wenn es genau mit der Wirklichkeit übereinstimmte Dass die Sonne
morgen nicht aufgehen werde ist ein ebenso verständlicher und
widerspruchsfreier Satz als die Behauptung: dass sie aufgehen werde Man würde
vergeblich den Beweis ihrer Unwahrheit versuchen Könnte man sie widerlegen so
müsste sie einen Widerspruch enthalten und gar nicht deutlich von der Seele
vorgestellt werden.
Es ist deshalb von wissenschaftlichem Interesse die Natur der Gewissheit zu
untersuchen welche uns von der wirklichen Existenz und von Tatsachen
überzeugt so weit sie über das gegenwärtige Zeugnis unserer Sinne oder die
Angaben unseres Gedächtnisses hinausgeht Dieser Teil der Philosophie ist wie
man bemerkt sowohl bei den Alten wie bei den Neueren nur wenig gepflegt worden
man wird deshalb unsere Zweifel und Irrtümer bei der Verfolgung einer so
wichtigen Untersuchung um so mehr entschuldigen als der Weg auf sehr schwierige
Pfade führt wo Richtung und Führer fehlen Diese Zweifel können selbst nützlich
werden weil sie die Wissbegierde wecken und jenen unbedingten Glauben und jene
Sicherheit zerstören welche das Gift alles Forschens und aller freien
Untersuchung ist Wenn in der gewöhnlichen Philosophie Mängel bestehen und
entdeckt werden so darf nach meiner Meinung dies nicht entmutigen sondern
muss vielmehr antreiben etwas Vollständigeres und Genügenderes zu erreichen
als man bis jetzt dem Publikum geboten hat
Alles Schließen in Bezug auf Tatsachen scheint sich auf die Beziehung von
Ursache und Wirkung zu gründen Nur durch diese Beziehung allein kann man über
das Zeugnis unseres Gedächtnisses und unserer Sinne hinauskommen Wenn man
einen Menschen fragt weshalb er eine Tatsache, die nicht wahrnehmbar ist
glaubt zB dass sein Freund auf dem Lande oder in Frankreich ist so wird er
einen Grund angeben und dieser Grund wird irgend eine andere Tatsache
enthalten etwa einen Brief den er von ihm empfangen hat oder die Kenntnis
seiner früheren Entschlüsse und Zusagen Wenn man auf einer wüsten Insel eine
Uhr oder eine andere Maschine findet so wird man Schließen dass einmal
Menschen dort gewesen sind Alle unsere Folgerungen in Bezug auf Tatsachen sind
von derselben Beschaffenheit es wird hier beständig vorausgesetzt dass
zwischen der gegenwärtigen Tatsache und der auf sie gestützten eine Verknüpfung
besteht Bände sie nichts zusammen so wäre der Schluss ganz willkürlich Hört
man in der Dunkelheit eine artikulierte Stimme und ein vernünftiges Gespräch so
vergewissert uns dies von der Gegenwart einer Person Weshalb weil jene die
Wirkungen menschlicher Bildung und Tätigkeit und eng mit ihnen verknüpft sind
Untersucht man alle anderen Schlüsse dieser Art so wird man finden dass sie
sich auf die Beziehung von Ursache und Wirkung stützen und dass diese Beziehung
bald nahe bald entfernt bald hinter einander bald gleichzeitig statt hat
Hitze und Licht sind gleichzeitige Wirkungen des Feuers und man kann von dem
einen richtig auf das andere Schließen
Will man daher in Bezug auf die Natur der Gewissheit, über Tatsachen etwas
Befriedigendes erreichen so muss man untersuchen wie man zur Kenntnis von der
Ursache und Wirkung gelangt
Ich wage es als einen allgemeinen und ausnahmslosen Satz hinzustellen dass
die Kenntnis dieser Beziehung in keinem Falle durch ein Denken a priori
erreicht wird sondern dass sie lediglich aus der Erfahrung stammt wenn sich
ergibt dass einzelne Gegenstände beständig mit einander verbunden sind. Man
gebe einem Manne von noch so gutem Verstande und Fähigkeiten einen Gegenstand,
der ihm ganz neu ist und er wird selbst bei der genauesten Untersuchung seiner
sinnlichen Eigenschaften nicht im Stande sein eine seiner Ursachen oder
Wirkungen zu entdecken Adam von dem man annimmt dass seine Verstandeskräfte
anfänglich ganz vollkommen waren konnte doch aus der Durchsichtigkeit und
Flüssigkeit des Wassers nicht Schließen dass es ihn ersticken würde ebenso
wenig aus dem Licht und der Wärme des Feuers dass es ihn verzehren würde Kein
Gegenstand entdeckt durch die Eigenschaften, welche den Sinnen sich bieten die
Ursachen, welche ihn hervorgebracht haben und die Wirkungen, welche aus ihm
entstehen werden und unsere Vernunft kann ohne Hilfe der Erfahrung keinen
Schluss auf das wirkliche Dasein und auf Tatsachen machen
Dieser Satz dass die Ursachen und Wirkungen nicht durch die Vernunft,
sondern nur durch Erfahrung erkennbar sind wird leicht für solche Fälle
zugestanden werden wo man sich entsinnt dass sie einmal ganz unbekannt waren
denn man ist sich da der gänzlichen Unfähigkeit bewusst irgend vorher zu sagen
was aus ihnen entstehen werde Man gebe einem Menschen der keine Kenntnis von
der Physik hat zwei geglättete Marmorplatten und er wird nimmer entdecken
dass sie in der Weise mit einander zusammenhängen dass ihre Trennung in gerader
Linie große Kraft erfordert während sie der seitlichen Verschiebung nur
geringen Widerstand entgegenstellen Von solchen Vorgängen welche mit dem
gewöhnlichen Laufe der Natur wenig Ähnlichkeit haben räumt man auch
bereitwillig ein dass man sie nur durch Erfahrung kennen lernen kann und
Niemand bildet sich ein dass die Gewalt des entzündeten Pulvers oder die
Anziehung eines Magneten jemals durch Gründe a priori hätte entdeckt werden
können.
Ebenso wenig bestreitet man bei Wirkungen welche von einer verwickelten
Maschinerie oder von einer geheimen Zusammenstellung der Theile abhängen dass
man die Kenntnis derselben nur der Erfahrung verdankt Wer will behaupten dass
er einen von der Erfahrung unabhängigen Grund angeben könne weshalb Milch und
Brod ein passendes Nahrungsmittel für den Menschen aber nicht für den Bären
oder Tiger sei
Diese Wahrheit hat aber anscheinend nicht die gleiche Gewissheit bei
Vorgängen mit denen wir seit unserem Eintreten in die Welt vertraut geworden
sind welche mit dem ganzen Lauf der Natur große Ähnlichkeit haben und die
vermeintlich nur von einfachen Eigenschaften der Dinge abhängen und nicht von
einem verborgenen Zusammenhange der Theile Hier meint man durch die bloße
Tätigkeit des Verstandes und ohne Erfahrung die Wirkungen entdecken zu können
Man meint dass wenn man plötzlich in die Welt gestellt worden wäre man sofort
hätte Schließen können dass eine Billardkugel durch Stoß einer anderen ihre
Bewegung mittheilen könne und dass man nicht nötig gehabt auf den Erfolg zu
warten um dies mit Sicherheit aussprechen zu können So stark ist die Macht der
Gewohnheit gerade da wo sie am größten ist verdeckt sie nicht bloß unsere
natürliche Unwissenheit sondern verbirgt auch sich selbst sie scheint nicht
vorhanden zu sein gerade weil sie im höchsten Maß besteht
Aber die folgenden Betrachtungen werden vielleicht genügend zeigen dass
alle Naturgesetze und alle Bewegungen der Körper ohne Ausnahme lediglich durch
die Erfahrung kennen gelernt werden Wenn ein Gegenstand uns gebracht wird und
wir sollen die von ihm ausgehende Wirkung angeben ohne frühere Beobachtungen zu
Rat zu ziehen so frage ich wie soll die Seele hierbei verfahren Sie muss
sich eine Folge ausdenken oder erfinden welche sie der Sache als Wirkung
zuschreibt und es ist klar dass diese Angabe nur ganz willkürlich sein kann
Die Seele kann unmöglich die Wirkung in diesem Falle ausfindig machen selbst
bei der genauesten Untersuchung und Prüfung Denn die Wirkung ist von der
Ursache ganz verschieden und kann deshalb niemals in dieser aufgefunden werden
Die Bewegung von der zweiten Billardkugel ist ein ganz anderer Vorgang als die
Bewegung in der ersten und es ist nichts in dem Einen was den leisesten Wink
für das Andere gäbe Ein in die Höhe gehobener Stein oder Metallklumpen fällt
sofort wenn man die Stütze wegnimmt betrachtet man aber die Sache a priori,
ist da etwas darin enthalten was eher die Vorstellung von einer Bewegung nach
unten erzeugen könnte als nach oben oder nach der Seite
So wie bei allen Naturvorgängen die erste Vorstellung oder Erfindung einer
bestimmten Wirkung ohne Rückfrage bei einer Erfahrung willkürlich bleibt so
gilt dasselbe für das angenommene Band oder die Verknüpfung zwischen Ursache und
Wirkung, welche sie zusammenbindet und es unmöglich macht dass eine andere
Wirkung aus der Wirksamkeit dieser Ursache hervorgehen kann Wenn ich zB eine
Billardkugel sich gerade gegen eine andere bewegen sehe so mag mir vielleicht
der Gedanke kommen dass die Bewegung der zweiten das Ergebnis der Berührung
oder des Stoßes sei aber kann ich nicht ebenso gut hundert andere Wirkungen
aus dieser Ursache voraussetzen Könnten beide Kugeln nicht in völliger Ruhe
bleiben Kann die erste Kugel sich nicht gerade zurück bewegen oder in irgend
einer Richtung seitlich von der zweiten abspringen Alle diese Annahmen sind
möglich und denkbar Weshalb soll man da der einen den Vorzug vor der anderen
geben die ebenso möglich und denkbar ist wie jene Alle unsere Gründe a priori
können uns nie einen Anhalt für einen solchen Vorzug bieten
Kurz jede Wirkung ist von ihrer Ursache verschieden sie kann deshalb in
dieser nicht gefunden werden und jede Erfindung oder Vorstellung derselben a
priori muss völlig willkürlich bleiben Und selbst wenn die Wirkung gekannt ist
bleibt die Verbindung ihrer mit der Ursache gleich willkürlich weil es eine
Menge anderer Wirkungen gibt welche dem Verstande ebenso möglich und denkbar
erscheinen Es ist deshalb vergeblich wenn man meint ohne Hilfe der
Beobachtung und Erfahrung irgend, eine Wirkung bestimmen und eine Ursache oder
eine Folge ableiten zu können
Daher kommt es dass kein vorsichtiger und bescheidener Philosoph es je
unternommen hat die letzte Ursache von irgend einem Naturvorgang anzugeben oder
die Wirksamkeit der Kräfte bestimmt darzulegen welche in der Welt irgend eine
Wirkung herbeiführt Alles was anerkanntermaßen die Vernunft vermag ist die
für die einzelnen Erfahrungen geltenden Regeln auf eine größere Einfachheit
zurückzuführen und die vielen besonderen Wirkungen aus wenigen allgemeinen
Ursachen abzuleiten und zwar mit Hilfe der Analogie, Erfahrung und Beobachtung
Aber die Ursachen dieser allgemeinen Ursachen zu entdecken ist vergeblich und
keine Erklärung derselben wird hier zufriedenstellen Die letzten Kräfte und
Prinzipien sind der menschlichen Wissbegierde und Forschung gänzlich
verschlossen Elastizität Schwere Zusammenhang der Theile Mittheilung der
Bewegung durch Stoß sind vielleicht die letzten Ursachen und Prinzipien die
man in der Natur entdecken kann und man muss sich glücklich schätzen wenn
durch sorgfältige Untersuchung und Überlegung die besonderen Erscheinungen sich
bis auf diese allgemeinen Prinzipien oder bis nahe zu ihnen zurückführen lassen
Die vollkommenste Philosophie der Natur schiebt nur unsere Unwissenheit ein
Wenig weiter zurück und ebenso dient vielleicht die vollkommenste Metaphysik
und Moralphilosophie nur dazu größere Stücke von unserer Unwissenheit bloß zu
legen So ist menschliche Schwäche und Blindheit das Ergebnis aller
Philosophie bei jeder Wendung treffen wir auf sie trotz aller Versuche sie zu
beseitigen oder zu umgehen
Selbst wenn die Naturphilosophie die Geometrie zu Hilfe nimmt kann diese
trotz der mit Recht gepriesenen Schärfe ihrer Beweise diesen Mangel nicht
beseitigen und die Kenntnis der letzten Ursachen nicht verschaffen Jeder Teil
der angewendeten Mathematik setzt für die Wirksamkeit der Natur gewisse Gesetze
als gültig voraus und das reine Denken hilft nur der Erfahrung bei der
Auffindung dieser Gesetze oder bei Bestimmung ihres Einflusses in den einzelnen
Fällen wo dieser von einer genauen Bestimmung der Entfernung oder Größe
abhängt So besteht das durch die angewandte Erfahrung aufgefundene Gesetz dass
die Kraft jedes in Bewegung sich befindenden Körpers sich verhält wie die
verbundenen Momente seiner Masse und seiner Schnelligkeit so wird eine schwache
Kraft auch ein großes Hindernis überwinden oder eine große Last heben wenn
man durch irgend eine Einrichtung oder Maschinerie die Schnelligkeit dieser
Kraft so vergrößern kann dass sie die Übermacht über ihren Gegner erhält Die
Geometrie hilft bei Anwendung dieses Gesetzes sie gibt die richtigen Maße
für alle Theile und Gestalten die für irgend eine Maschine nötig sind aber
die Entdeckung des Gesetzes selbst verdankt man doch nur der Erfahrung, und
alles reine Denken der ganzen Welt hätte nie einen Schritt weiter zur Kenntnis
desselben geführt Bei dem bloßen Denken a priori und bei dem bloßen
Betrachten eines Gegenstandes oder einer Ursache, wie sie dem Verstande
erscheint ohne Rücksicht auf Erfahrung kann nie der Begriff eines
unterschiedenen oder anderen Gegenstandes gewonnen werden der als Wirkung
gelten müsse noch weniger dass beide untrennbar und ausnahmslos verknüpft
seien Der Mensch müsste wunderbar scharfsinnig sein der durch bloßes Denken
entdecken könnte dass die Kristalle die Wirkung der Hitze und das Eis die
Wirkung der Kälte seien ohne vorher mit der Wirksamkeit dieser Bestimmungen
bekannt zu sein
Bis hier ist indes noch keine genügende Antwort auf die im Anfang gestellte
Frage gewonnen worden Jede Lösung erweckt neue Fragen so schwierig wie die
früheren und treibt zu weiteren Nachforschungen Auf die Frage Was ist das
Wesen aller Begründung in Bezug auf Tatsachen erscheint als richtige Antwort
dass sie auf die Beziehung von Ursache und Wirkung sich stützt Auf die weitere
Frage Was ist die Grundlage aller Beweise und Schlüsse aus dieser
Beziehungsform kann man mit dem Wort Erfahrung die Antwort geben Fragt man
aber in solcher sichtenden Stimmung wieder Was ist die Grundlage von allen
Schlüssen aus der Erfahrung? so trifft dies einen schwer zu lösenden und zu
erklärenden Punkt Philosophen mit der Miene höherer Weisheit und
Selbstbewusstsein bestehen eine harte Probe wenn sie auf Personen treffen die
gern fragen und die sie aus jedem Winkel in den sie sich zurückziehen wieder
aufjagen sicher sie zuletzt in ein gefährliches EntwederOder zu drängen Der
beste Schutz gegen solche Beschämung ist Bescheidenheit in unseren Ansprüchen
man lege lieber selbst die Schwierigkeit dar als sie sich vorhalten zu lassen
Dadurch kann man sogar seine Unwissenheit zu einer Art von Verdienst erheben
Ich werde mich in diesem Abschnitt auf ein leichtes Geschäft beschränken und
nur eine verneinende Antwort auf die gestellte Frage geben Ich sage dass
selbst nachdem man die Erfahrung von der Wirksamkeit der Ursachen und Wirkungen
gewonnen hat die Schlüsse aus dieser Erfahrung sich nicht auf Vernunft oder
einen Vorgang innerhalb des Denkens stützen Diese Antwort habe ich zu erläutern
und zu verteidigen
Man muss zugestehen dass die Natur uns von ihren Geheimnissen fern hält und
uns nur die Kenntnis einiger äußerlichen Eigenschaften der Dinge verstattet
während sie uns die Kräfte und Prinzipien verbirgt von denen die Wirksamkeit
der Dinge abhängt Unsere Sinne belehren uns über die Farbe das Gewicht und den
Stoff des Brotes aber weder die Sinne noch die Vernunft können uns über die
Eigenschaften belehren welche es für die Ernährung und Unterhaltung des
menschlichen Körpers geschickt machen Das Gefühl und das Gesicht geben eine
Vorstellung von der wirklichen Bewegung der Körper; aber von der wunderbaren
Kraft oder Macht welche einen bewegten Körper immer in einer steten Veränderung
des Ortes erhält und welche ein Körper nur durch Mittheilung an andere
verliert kann man sich nicht die entfernteste Vorstellung machen Aber trotz
dieser Unkenntnis der natürlichen Kräfte2 und Prinzipien setzt man bei
Wahrnehmung gleicher Eigenschaften immer die gleichen verborgenen Kräfte voraus
und erwartet den Eintritt von Wirkungen, welche den früher wahrgenommenen
gleichen Wenn eine Sache von gleicher Farbe und Beschaffenheit mit dem früher
gegessenen Brot uns geboten wird so wiederholen wir ohne Bedenken den Versuch
und erwarten mit Gewissheit gleiche Ernährung und Erhaltung Dieser Vorgang in
der Seele oder im Denken ist es von dem ich die Grundlage kennen lernen möchte
Jedermann gesteht zu dass man keine Verknüpfung zwischen den sinnlichen
Eigenschaften und geheimen Kräften kennt und dass deshalb die Seele durch
nichts was sie von deren Natur kennt veranlasst wird eine solche regelmäßige
und bestimmte Verbindung zwischen denselben anzunehmen Was frühere Erfahrung
anlangt so kann man einräumen dass sie unmittelbare und gewisse Auskunft
genau über die Gegenstände und den Zeitpunkt den sie umfasste gibt weshalb
soll aber diese Erfahrung auch auf andere Dinge ausgedehnt werden die so viel
wie wir wissen jenen nur in der äußeren Erscheinung gleichen Dies ist die
oberste Frage die ich stelle Das früher verzehrte Brod hat mich ernährt dh
ein Körper von diesen sinnlichen Eigenschaften war zu dieser Zeit mit dieser
verborgenen Kraft ausgerüstet folgt aber daraus dass ein anderes Brod zu
anderer Zeit mich ebenfalls ernähren muss und dass die gleichen sinnlichen
Eigenschaften mit gleichen geheimen Kräften immer verbunden sind? Diese Folge
ist durchaus nicht notwendig wenigstens muss man anerkennen dass hier eine
Folgerung besteht die von der Seele gezogen wird dass hier ein Schritt getan
wird ein Vorgang im Denken und eine Folgerung besteht welche der Erklärung
bedarf Die zwei Sätze sind durchaus nicht dieselben Ich habe gefunden dass
dieses Ding immer mit dieser Wirkung verbunden gewesen ist und Ich sehe
voraus dass andere scheinbar ähnliche Dinge mit scheinbar ähnlichen Wirkungen
verbunden sein werden Ich erkenne wenn man will an dass der eine Satz von
dem anderen richtig abgeleitet werden mag ich weiß auch dass diese Ableitung
tatsächlich geschieht wenn man aber behauptet dass diese Ableitung durch eine
Kette von Gründen geschieht so möchte ich diese Begründung kennen lernen Die
Verbindung zwischen beiden Sätzen ist nicht anschaulicher Art es ist ein Mittel
notwendig welches die Seele zur Ziehung eines solchen Schlusses befähigt wenn
er überhaupt auf Vernunft und Gründen beruhen soll Nun gestehe ich dieses
Mittel übersteigt meinen Verstand man soll es mir zeigen wenn man behauptet
dass es wirklich bestehe und der Ursprung aller unserer Schlüsse über
Tatsachen sei Dieser verneinende Einwand wird sicherlich allmählich
überzeugend werden wenn scharfsinnige und geschickte Philosophen ihre
Untersuchung auf diesen Punkt richten und Keiner ein Gesetz der Verknüpfung
oder einen vermittelnden Schritt wird nachweisen können auf welche der Verstand
bei dieser Folgerung sich stützt Da indes diese Frage noch eine neue ist so
wird nicht jeder Leser seinem Scharfsinn vertrauen und annehmen wollen dass
kein Grund bestehe weil er ihn nicht finden kann Es wird deshalb nötig sein
noch eine schwierigere Aufgabe zu wagen und durch Aufzählung aller Zweige des
menschlichen Wissens zu zeigen dass Keiner einen solchen Grund beschaffen kann
Alle Begründungen zerfallen in zwei Arten, nämlich 1 in beweisende dh in
solche welche sich auf Begriffe und moralische Gründe stützen und 2 in
Begründungen von Tatsachen und Dasein Dass hier keine Beweise bestehen
scheint offenbar denn es ist kein Widerspruch dass der Naturlauf wechselt und
dass ein Ding, welches anscheinend einem früher wahrgenommenen gleicht mit
anderen oder entgegengesetzten Wirkungen verbunden ist Kann ich mir nicht klar
und deutlich vorstellen dass ein Ding, was aus den Wolken fällt und überall
sonst dem Schnee gleicht doch wie Salz schmeckt und wie Feuer brennt Ist etwas
verständlicher als die Behauptung, dass alle Bäume im Dezember und Januar blühen
und im Mai und Juni kahl werden Nun enthält aber das was man verstehen und
deutlich vorstellen kann keinen Widerspruch und kann niemals a priori durch
einen Beweis oder eine begriffliche Folgerung widerlegt werden
Wenn daher uns Gründe veranlassen früheren Erfahrungen zu vertrauen und sie
zum Maßstab unseres Urteils über Vergangenes und Kommendes zu nehmen so
können diese Gründe nur Wahrscheinlichkeit haben oder sich nach der obigen
Einteilung nur auf Tatsachen und wirkliches Dasein beziehen Aber auch ein
Grund dieser Art kann hier nicht bestehen wenn meine Erklärung über diese Art
der Begründung als zuverlässig und genügend erscheint Es ist bereits dargelegt
worden dass alle Gründe in Betreff der Existenz sich auf die Beziehung von
Ursache und Wirkung stützen dass unsere Kenntnis von dieser Beziehung sich
lediglich aus der Erfahrung ableitet und dass alle unsere Erfahrungsschlüsse
von der Voraussetzung ausgehen dass das Kommende dem Vergangenen gleichen
werde Ein Beweis des letzten Satzes der sich auf die Wahrscheinlichkeit und
ExistenzGründe stützt dreht sich daher offenbar im Zirkel und nimmt das für
zugestanden an was den Kern der Frage bildet
Alle Erfahrungsbeweise gründen sich in Wahrheit auf die Ähnlichkeit welche
man zwischen verschiedenen Gegenständen bemerkt und welche ähnliche Wirkungen
wie die erwarten lässt welche man früher als Folge von solchen Gegenständen
bemerkt hat Obgleich nun nur ein Narr oder ein Wahnsinniger das Ansehen der
Erfahrung in Zweifel ziehen oder diesen großen Führer durch das menschliche
Leben von sich weisen wird so wird man doch einem Philosophen die Frage nach
dem Prinzip gestatten welches der Erfahrung dieses mächtige Ansehen gibt und
Nutzen aus der Ähnlichkeit ziehen lässt welche die Natur zwischen mehreren
Gegenständen stattfinden lässt Von ähnlichen Ursachen erwartet man ähnliche
Wirkungen Darauf laufen alle Erfahrungsbeweise hinaus Stützte sich nun dieser
Schluss auf die Vernunft, so müsste er bei dem ersten Male und für einen Fall
ebenso vollkommen gelten als nach einer langen Reihe von Einzelfällen aber
dies ist durchaus nicht so Nichts gleicht sich so wie Eier aber Niemand
erwartet wegen dieser anscheinenden Ähnlichkeit denselben Wohlgeschmack bei
allen Nur nach einer langen Reihe gleichförmiger Vorgänge irgend einer Art
erreichen wir in Beziehung auf einen bestimmten Fall Gewissheit und Vertrauen
Wo ist nun das Verfahren der Vernunft, welches von einem Fall einen ganz anderen
Schluss zieht als von hundert Fällen die in keiner Weise von jenem Einzelnen
unterschieden sind Ich stelle diese Frage nicht bloß der Belehrung wegen
sondern auch der Schwierigkeit wegen Solch ein Verfahren der Vernunft kann ich
nicht finden noch mir vorstellen Aber mein Ohr steht jeder Belehrung offen
die mir Jemand zu geben vermag
Sagt man dass wir aus der Anzahl gleicher Fälle auf eine Verknüpfung der
sinnlichen Eigenschaften mit geheimen Kräften Schließen so scheint mir dies
dieselbe Schwierigkeit zu sein nur in andere Worte gehüllt Immer kehrt die
Frage nach den Beweisen wieder auf die sich dieser Schluss gründet Wo ist das
Mittelglied der zwischenliegende Gedanke welcher so weit getrennte Sätze
verbindet Man gibt zu dass die Farbe die Masse und die übrigen sinnlichen
Eigenschaften des Brotes nicht von selbst eine Verknüpfung mit den verborgenen
Kräften der Ernährung und Erhaltung haben denn sonst könnte man diese Kräfte
aus der ersten Erscheinung der sinnlichen Eigenschaften abnehmen man brauchte
keine Erfahrung was gegen die Ansicht aller Philosophen und gegen die klaren
Tatsachen streiten würde Hier ist also der Ort der natürlichen Unwissenheit
rücksichtlich der Kräfte und Wirkungen aller Dinge Wie hilft die Erfahrung ihr
ab Sie zeigt uns bloß eine Anzahl gleichförmiger Wirkungen von gleichen Dingen
und lehrt uns dass diese einzelnen Dinge in diesen einzelnen Fällen mit solcher
Kraft ausgerüstet waren Kommt ein neues Ding mit gleichen sinnlichen
Eigenschaften so erwartet man die gleiche Kraft und gleiche Wirkung. Von einem
Körper gleicher Farbe und Bestandteile wie Brod erwartet man gleiche Ernährung
und Erhaltung Ein solcher Schritt ein solches Verfahren der Seele bedarf aber
sicherlich der Erklärung Wenn Jemand sagt Ich habe in allen früheren Fällen
solche sinnliche Eigenschaften mit solchen verborgenen Kräften verbunden
gefunden und wenn Jemand sagt Gleiche sinnliche Eigenschaften werden immer mit
gleichen verborgenen Kräften verbunden sein so sagt er nicht dasselbe und
beide Sätze sind nicht identisch Man erwidert Der eine ist von dem andern
abgeleitet aber man muss entgegnen dass diese Ableitung nicht wahrgenommen und
nicht bewiesen werden kann. Welcher Art ist sie also Nennt man sie Erfahrung
so ist dies keine Lösung Denn alle Erfahrungsbeweise ruhen auf der Grundlage
dass das Kommende dem Vergangenen gleichen werde und dass gleiche Kräfte mit
gleichen sinnlichen Eigenschaften verbunden sein werden Entsteht ein Verdacht
dass der Lauf der Natur sich ändern und dass das Vergangene keine Regel für das
Kommende sein werde so wird alle Erfahrung nutzlos und dient zu keiner
Folgerung oder Ableitung Keine Erfahrung kann deshalb diese Gleichheit zwischen
Kommendem und Vergangenem beweisen denn alle Gründe stützen sich auf die
Annahme dieser Gleichheit Wenn auch der Lauf der Dinge bisher noch so
regelmäßig gewesen ist so beweist dies für sich allein und ohne einen
besonderen Grund nicht dass dies auch in Zukunft so sein werde Man irrt wenn
man meint die Natur der Dinge aus vergangenen Fällen erkannt zu haben Ihre
verborgene Natur und folglich alle ihre Wirkungen können sich ändern ohne dass
ihre sinnlichen Eigenschaften wechseln In einzelnen Fällen und bei einzelnen
Dingen geschieht dies weshalb kann es nicht immer und für Alles geschehen
Welche Logik welcher Beweis spricht gegen diese Annahme Man sagt Die Praxis
widerlegt die Zweifel Aber dies trifft nicht den Sinn der Frage Als Handelnder
bin ich in diesem Punkt ganz zufriedengestellt aber als Philosoph mit etwas
Wissbegierde wo nicht Zweifelsucht verlange ich nach dem Grunde dieser
Ableitung Kein Buch kein Nachdenken hat bis jetzt die Schwierigkeit heben oder
mich in einem so wichtigen Punkte zufriedenstellen können Was kann ich Besseres
tun als die Frage dem Publikum vorlegen obgleich ich wenig Hoffnung habe sie
gelöst zu bekommen Wir werden auf diese Weise wenigstens unserer Unwissenheit
inne wenn wir auch unser Wissen nicht vermehren
Es ist gewiss eine unverzeihliche Anmaßung zu behaupten dass kein Grund
bestehe weil man bis jetzt keinen gefunden habe Ebenso voreilig würde es sein
deshalb weil alle Forscher in verschiedenen Zeiten vergeblich danach gesucht
haben zu folgern dass der Gegenstand alle menschliche Fassungskraft
übersteige Selbst wenn man alle Quellen unseres Wissens untersucht und sie für
diesen Gegenstand ungeeignet findet so bleibt doch das Bedenken ob die
Aufzählung vollständig oder ob die Untersuchung erschöpfend gewesen In
Beziehung auf die vorliegende Frage bieten sich indes einige Erwägungen welche
diesen Vorwurf der Anmaßung und den Zweifel ob man sich nicht irre wohl
beseitigen
Es ist Tatsache dass die unwissendsten und dümmsten Bauern ja die Kinder
ja selbst die unvernünftigen Tiere durch Erfahrung klüger werden und die
Eigenschaften der natürlichen Dinge durch Beobachtung ihrer Wirkungen kennen
lernen Wenn ein Kind den Schmerz aus der Berührung eines brennenden Lichtes
gefühlt hat so wird es sorgfältig seine Hände von der Flamme fern halten denn
es erwartet die gleiche Wirkung von einer Ursache mit gleichen Eigenschaften und
Äußerem Meint man dass der Verstand des Kindes auf diesen Schluss durch
einen Beweis oder eine Tätigkeit der Vernunft geführt werde so bitte ich mir
diesen Beweis darzulegen eine so billige Frage wird man nicht abweisen können
Man darf nicht einwenden dass der Gegenstand schwierig sei und sich der
Nachforschung entziehe wenn man anerkennt dass die Fähigkeit eines Kindes
dafür hinreicht Wenn man daher zaudert und sich besinnt und dann eine
verwickelte oder dunkele Auseinandersetzung beibringt so gibt man die Sache
verloren und erkennt an dass kein Grund uns bestimmt um anzunehmen dass das
Vergangene dem Kommenden gleichen werde und dass gleiche Wirkungen aus
äußerlich gleichen Ursachen hervorgehen werden Dies ist der Satz, den ich in
diesem Abschnitt habe hervorheben wollen Habe ich Recht so will ich damit
nicht behaupten etwas Großes entdeckt zu haben habe ich Unrecht so muss ich
mich selbst für einen sehr ungelehrigen Schüler halten weil ich einen Grund
nicht finden kann der mir doch schon ganz geläufig war noch ehe ich die Wiege
verließ
Die eifrige Beschäftigung mit der Philosophie zielt wie die mit der
Religion auf Verbesserung unserer Sitten und Vertilgung der Laster ab aber bei
einem unvorsichtigen Verfahren kann sie leicht irre führen eine vorherrschende
Neigung verstärken und die Seele noch entschiedener nach der Richtung
hindrängen wohin schon das Übergewicht und der Hang des natürlichen
Temperaments zu stark hinzieht Während man nach der großherzigen Sicherheit
eines philosophischen Weisen strebt und seine Genüsse ausschließlich auf die
geistigen zu beschränken versucht kann man aus unserer Philosophie nur zu
leicht wie Epiktet und die Stoiker zeigen ein verfeinertes System des Egoismus
machen und sich selbst aus aller Tugend und allen geselligen Freuden
herausvernünfteln Während man aufmerksam die Eitelkeit des menschlichen Lebens
erforscht und alles Denken auf die eitle und vergängliche Natur des Reichtums
und der Ehre richtet schmeichelt man vielleicht immittelst der eigenen
natürlichen Trägheit welche den Lärm der Welt und die Plage mit Geschäften
hasst und nach einem vernünftigen Vorwand sucht um sich ganz unbeschränkt gehen
zu lassen Indes gibt es eine Art von Philosophie welche diesem Fehler
weniger ausgesetzt ist weil sie sich keiner ungezügelten Leidenschaft der Seele
fügt und sich keiner natürlichen Neigung oder Vorliebe hingibt Dies ist die
akademische oder skeptische Philosophie Der Akademiker spricht immer vom
Zweifel vom Zurückhalten des Urteils von der Gefahr voreiliger Entschlüsse
von enger Begrenzung der Untersuchungen des Verstandes und von Abweisung aller
Spekulationen die nicht innerhalb der Grenzen des gewöhnlichen Lebens und
Handelns sich halten Nichts widerspricht jener lässigen Trägheit des Geistes,
jenen voreiligen Anmaßungen jenen stolzen Ansprüchen und jenem abergläubischen
Vertrauen mehr als diese Philosophie Sie unterdrückt jede Leidenschaft mit
Ausnahme der Liebe zur Wahrheit und diese Leidenschaft ist und kann nie auf
einen zu hohen Grad getrieben werden Man muss sich deshalb wundern dass diese
Philosophie die beinah überall harmlos und unschuldig auftritt zum Gegenstand
so vieler grundlosen Vorwürfe und Nachreden gemacht worden ist. Vielleicht ist
gerade ihre Unbefangenheit das was sie hauptsächlich dem öffentlichen Hass und
Widerwillen aussetzt Da sie den ungezügelten Leidenschaften nicht schmeichelt
so gewinnt sie keine Freunde da sie sich vielen Lastern und Torheiten
entgegenstellt so erweckt sie eine Menge Feinde gegen sich die sie der
Ausgelassenheit Unheiligkeit und Gottlosigkeit beschuldigen
Man braucht auch nicht zu fürchten dass diese Philosophie welche unsere
Untersuchung auf das gewöhnliche Leben zu beschränken sucht die Grundlagen
dieses Lebens unterwühlen und dass sie ihre Zweifel so weit treiben könnte um
alles Handeln wie Forschen zu zerstören Die Natur wird immer ihr Recht
behaupten und zuletzt die zu tiefen Betrachtungen jeder Art überwinden Obgleich
man zB nach dem Früheren anerkennen muss dass in allen von der Erfahrung
ausgehenden Schlüssen die Vernunft einen Schritt tut welcher durch keinen
Beweis oder aus dem Denken entlehnten Grund gerechtfertigt werden kann, so hat
es doch keine Gefahr dass solche Schlüsse auf denen beinahe alle Kenntnisse
beruhen durch diese Entdeckung erschüttert würden Wird die Seele nicht durch
Gründe zu diesem Schritt bestimmt so muss es durch ein anderes Prinzip von
gleichem Gewicht und Ansehen geschehen und dieses Prinzip wird seinen Einfluss
bewahren so lange die menschliche Natur sich nicht ändert Welches Prinzip dies
sei dies zu ermitteln lohnt sich gewiss der Mühe
Man nehme an ein Mensch von vorzüglichem Verstande und Überlegung trete
plötzlich in die Welt Er würde sofort eine stetige Folge von Dingen und
Ereignissen wahrnehmen aber nichts weiter Er würde durch kein Überlegen die
Vorstellung von Ursache und Wirkung sogleich gewinnen können weil die Kräfte
durch welche alle Naturvorgänge sich vollziehen den Sinnen sich nicht darbieten
und ebenso wenig ist ein Grund zu der Annahme da dass bloß deshalb weil ein
Umstand dem andern vorhergeht deshalb der eine die Ursache, der andere die
Wirkung sei Ihre Verbindung kann beliebig und zufällig sein es ist kein Grund
vorhanden von der Erscheinung des einen auf das Eintreten des andern zu
Schließen kurz ein solcher Mensch ohne weitere Erfahrung würde nie
Vermutungen oder Folgerungen über Tatsachen anstellen und Mehr für gewiss
halten als was seinen Sinnen oder seiner Erinnerung unmittelbar gegenwärtig
wäre
Man setze nun dass er mehr Erfahrung gewonnen habe und dass er so lange in
der Welt gelebt habe um zu bemerken dass ähnliche Dinge oder Vorgänge immer
mit einander verbunden sind was folgt aus dieser Erfahrung Er schließt sofort
von der Erscheinung des einen auf das Eintreten des andern Dennoch hat er mit
all seiner Erfahrung keine Vorstellung oder Kenntnis von den geheimen Kräften
gewonnen durch welche das eine das andere hervorbringt Auch ist er durch
keinen Grund seiner Vernunft genötigt diesen Schluss zu ziehen dennoch findet
er sich bestimmt ihn zu ziehen und obgleich er überzeugt ist dass diese
Vernunft kein Teil an diesem Schließen hat so wird er doch in dieser Weise zu
denken verharren Es besteht also ein anderes Prinzip was ihn zu dieser
Folgerung bestimmt
Dieses Prinzip ist die Gewohnheit oder Übung Überall wo die Wiederholung
einer einzelnen That oder Handlung eine Neigung auf Wiederholung dieser That
oder Handlung erweckt ohne dass irgend ein Vernunftgrund dazu bestimmte nennt
man diese Neigung die Wirkung der Gewohnheit Mit diesem Wort will ich nicht
gerade die letzte Ursache für diese Neigung angegeben haben ich bezeichne nur
ein Prinzip der menschlichen Natur was allgemein anerkannt wird und das durch
seine Wirkung wohl bekannt ist Es ist möglich dass man die Forschung nicht
weiter treiben und die Ursache von dieser Ursache nicht ermitteln kann dass man
also damit als dem äußersten Prinzip sich begnügen muss auf welches alle
Erfahrungsschlüsse sich zurückführen lassen Man kann froh sein dass man so
weit kommt und braucht sich über die Schranken unserer Fähigkeiten nicht zu
betrüben denn sie bringen uns nicht weiter Und sicherlich haben wir hiermit
einen sehr verständlichen Satz aufgestellt sollte er selbst unwahr sein wenn
wir behaupten dass man in Folge der beständigen Verbindung zweier Dinge wie
Hitze und Flamme Gewicht und Masse durch Gewohnheit bestimmt werde mit
Eintritt des einen das andere zu erwarten Diese Voraussetzung löst allein die
Schwierigkeit weshalb wir von tausend gleichen Fällen einen Schluss ziehen den
wir von einem nicht ziehen können obgleich er in keiner Beziehung von jenen
sich unterscheidet Die Vernunft ist eines solchen Schwankens nicht fähig Die
Folgerungen die sie aus der Betrachtung eines Kreises zieht sind dieselben
die sie aus der Prüfung aller Kreise der Welt ziehen würde Aber kein Mensch
der nur einmal gesehen hat wie der Stoß eines Körpers einen andern in Bewegung
setzt kann Schließen dass jeder andere Körper bei gleichem Stoß sich
ebenfalls bewegen werde Alle Schlüsse auf Grund der Erfahrung sind deshalb
Wirkungen der Gewohnheit und nicht des Verstandes.A2
Die Gewohnheit ist daher der große Führer im Leben Dieses Prinzip allein
macht unsere Erfahrung uns nützlich und lässt uns in der Zukunft einen gleichen
Lauf der Ereignisse erwarten wie in der Vergangenheit geschehen Ohne die Kraft
der Gewohnheit wären wir über alle Tatsachen unwissend die nicht den Sinnen
oder der Erinnerung gegenwärtig wären Wir würden nie Mittel für Zwecke
benutzen noch unsere natürlichen Kräfte zur Hervorbringung einer Wirkung
gebrauchen können Alles Handeln sowohl wie der größte Teil der Forschungen
hätte ein Ende
Hier ist indes die Bemerkung am Orte dass unsere Folgerungen aus der
Erfahrung uns zwar über die Erinnerung und Wahrnehmung hinausführen und uns
Gewissheit von Dingen geben die in den entferntesten Orten oder frühesten
Zeiten sich zugetragen haben allein irgend eine Tatsache muss immer den Sinnen
oder dem Gedächtnis gegenwärtig sein von der bei Ziehung dieser Schlüsse
auszugehen ist Wenn Jemand in einer Wüste die Überbleibsel prachtvoller
Bauwerke antrifft so kann er Schließen dass das Land in alten Zeiten von
einem zivilisierten Volke bewohnt worden ist; hätte er aber nichts der Art
angetroffen so hätte er nie einen solchen Schluss machen können Wir erfahren
die Ereignisse früherer Zeit durch die Geschichte aber zu dem Ende müssen wir
die Bücher lesen in denen diese Belehrung enthalten ist, und von da mit unsern
Schlüssen von einem Zeugnis zu dem andern fortschreiten bis wir zu den
Augenzeugen und Zuschauern dieser fernen Ereignisse gelangen Kurz wenn man
nicht von einer den Sinnen oder dem Gedächtnis gegenwärtigen Tatsache ausgeht
so bleiben unsere Folgerungen reine Voraussetzungen wenn auch die einzelnen
Glieder gut mit einander verbunden sind, so wird doch die ganze Schlusskette von
nichts getragen und man kann durch sie niemals zur Kenntnis eines wirklich
Daseienden gelangen Wenn ich dich frage weshalb du die Tatsache, welche du
erzählst glaubst so musst du mir einen Grund angeben und dieser Grund wird
eine andere Tatsache sein die mit ihr verknüpft ist Da dies aber nicht ohne
Ende fortgehen kann so musst du endlich mit einer Tatsache endigen welche dem
Gedächtnis oder den Sinnen gegenwärtig ist oder du musst einräumen dass dein
Glaube ohne allen Grund ist
Was ist nun das Ergebnis von alledem Ein einfacher Satz der allerdings
den gewöhnlichen Lehren der Philosophie ziemlich fern steht Aller Glaube an
Tatsachen oder wirkliches Dasein beruht lediglich auf einem Gegenstand, der dem
Gedächtnis oder Sinnen gegenwärtig ist und auf einer gewohnheitsmäßigen
Verbindung zwischen diesen und andern Gegenständen oder mit andern Worten hat
man gefunden dass in vielen Fällen zwei Dinge wie Flamme und Hitze Schnee und
Kälte immer mit einander verbunden gewesen sind so treibt die Gewohnheit die
Seele wenn sie Schnee oder eine Flamme sieht Kälte oder Hitze zu erwarten und
zu glauben dass eine solche Eigenschaft existiert und bei größerer Annäherung
sich ergeben wird Dieser Glaube ist das notwendige Ergebnis sobald die Seele
in solche Verhältnisse kommt In solcher Lage ist dieser Vorgang in der Seele
ebenso unvermeidlich als das Gefühl der Dankbarkeit wenn man Wohltaten
empfängt oder des Hasses wenn man beleidigt wird Alle diese Vorgänge sind
eine Art natürlicher Instinkt welchen die Überlegung oder das Nachdenken des
Verstandes weder zu erwecken noch zu hindern vermag
An diesem Punkte könnte ich wohl meine Untersuchung abbrechen In den
meisten Fragen kann man keinen Schritt weiter kommen und bei allen
Untersuchungen muss man zuletzt hier endigen wenn man auch noch so anstrengend
und eifrig die Forschung begonnen hat Indes wird man den Eifer vielleicht
entschuldigen ja loben der mich zur Fortsetzung der Untersuchung und zur
genaueren Prüfung der Natur dieses Glaubens und dieser gewohnten Verbindung
treibt von der er sich ableitet Auf diese Weise werden vielleicht einige
Erläuterungen und Analogien gewonnen welche wenigstens für alle die von
Interesse sein weiden die strenge Wissenschaft lieben und sich an Erörterungen
erfreuen auch wenn sie bei aller Genauigkeit nicht zur vollen Gewissheit
führen Für andere Leser ist das Folgende in dieser Abtheilung nicht berechnet
auch ist es für das Verständnis des Späteren nicht notwendig
Nichts ist freier als die Gedanken des Menschen Obgleich sie den
ursprünglichen Vorrat von Vorstellungen, welche der innere und der äußere Sinn
beschafft nicht überschreiten können so haben sie doch eine unbeschränkte
Gewalt in Mischung Verbindung Trennung und Teilung dieser Vorstellungen nach
allen Richtungen des Beliebens und der Phantasie Der Mensch kann sich eine
Reihe von Ereignissen bilden die allen Anschein der Wirklichkeit haben er kann
sie in eine bestimmte Zeit und Ort stellen sie als wirklich nehmen und sie mit
allen Nebenumständen ausmalen welche zu einem solchen historischen Ereignis
gehören an das man mit der größten Gewissheit glaubt Worin besteht nun der
Unterschied zwischen einer solchen Dichtung und der Gewissheit? Er liegt nicht
in irgend einer besonderen Vorstellung, welche solchen Gedanken anhaftet die man
für wahr hält und welche jeder bloßen Dichtung abginge Denn die Seele hat
Macht über alle ihre Vorstellungen und könnte daher diese besondere Vorstellung
mit jeder Dichtung verbinden und so dahin kommen das zu glauben was ihr
beliebte während die Erfahrung doch lehrt dass dies nicht stattfindet Wir
können in unserm Vorstellen den Kopf eines Menschen mit dem Leibe eines Pferdes
verbinden aber es steht nicht in unserer Gewalt zu glauben dass ein solches
Thier existiert habe
Deshalb muss der Unterschied zwischen Dichtung und Glauben in einer
Empfindung oder einem Gefühle liegen welches zwar mit diesem aber nicht mit
jener verbunden ist und was weder von dem Willen abhängt noch beliebig zu
Diensten steht Es muss wie alle Gefühle durch die Natur erweckt werden und
aus dem besonderen Zustande hervorgehen in dem sich die Seele unter Umständen
befindet Jeder Gegenstand, der sich den Sinnen oder dem Gedächtnis bietet
treibt durch die Macht der Gewohnheit die Einbildungskraft zur Vorstellung des
Gegenstandes, welcher gewöhnlich mit ihm verbunden ist und diese Vorstellung
ist von einem Gefühl oder einer Empfindung begleitet die sich von den bloßen
Träumen der Phantasie unterscheidet Darin besteht das Wesen des Glaubens Denn
da es keine Tatsache gibt die man so fest glaubt dass man sich nicht das
Gegenteil vorstellen könnte so gäbe es keinen Unterschied zwischen
Vorstellungen, die man für wahr und solchen die man für unwahr hielte wenn
nicht ein Gefühl die eine von der andern unterschiede Wenn ich sehe wie eine
Billardkugel auf einer glatten Fläche sich gegen eine andere bewegt so kann ich
mir wohl vorstellen dass sie bei der Berührung stillstehen werde Diese
Vorstellung enthält keinen Widerspruch dennoch empfinde ich bei dieser
Vorstellung ganz anders als bei der wo ich mir den Stoß und die Mittheilung
der Bewegung von einer zur andern vergegenwärtige
Wollte ich eine Definition dieser Empfindung versuchen so würde dies
schwer vielleicht unmöglich sein ebenso als wenn ich das Gefühl der Kälte
oder die Leidenschaft des Zornes einem Menschen definieren wollte der diese
Gefühle nie empfunden hat Glauben ist das wahre und richtige Wort für dieses
Gefühl und Niemand ist über den Sinn dieses Ausdrucks in Zweifel weil
Jedermann zu jeder Zeit sich des damit bezeichneten Gefühles bewusst ist. Indes
ist eine Beschreibung dieses Gefühls vielleicht zweckmäßig man gelangt dadurch
vielleicht zu Vergleichungen welche eine vollkommenere Einsicht gewähren Ich
behaupte also dass der Glaube nur eine lebhaftere lebendigere stärkere
festere ausharrendere Vorstellung von einem Gegenstande als die ist, welche
die Einbildung allein erreichen kann Diese Menge von Beiworten die
unphilosophisch scheint soll nur jenen Akt der Seele bezeichnen der das
Wirkliche oder dafür Gehaltene mehr als das Eingebildete vergegenwärtigt im
Vorstellen gewichtiger macht und ihm einen stärkeren Einfluss auf die
Leidenschaften und die Gedanken gibt Sind wir über die Sache einverstanden so
brauchen wir uns über die Worte nicht zu streiten Die Einbildungskraft gebietet
über alle ihre Vorstellungen und kann sie auf alle mögliche Arten verbinden
mischen und vertauschen Sie kann Erdichtungen mit allen zeitlichen und
örtlichen Nebenumständen machen Sie kann sie uns gleichsam vor Augen stellen
mit ihren wahren Farben wie sie existiert haben mögen Aber es ist unmöglich
dass diese Einbildungskraft allein je den Glauben bewirkt der Glaube kann
deshalb nicht eine besondere Art oder Ordnung der Vorstellungen sein sondern
ist eine besondere Art wie sie entstehen und in der Seele empfunden werden Ich
räume ein dass es unmöglich ist dieses Gefühl oder diese Art der Entstehung zu
beschreiben Man kann Worte benutzen die etwas Ähnliches ausdrücken aber der
wahre und richtige Name dafür ist Glaube ein Wort was Jeder im gewöhnlichen
Leben versteht Auch in der Philosophie kann man nicht weiter als zu dem Satze
kommen dass der Glaube ein Gefühl in der Seele ist wodurch sie die Aussagen
ihres Urteils von den Geschöpfen ihrer Einbildungskraft unterscheidet Dies
Gefühl gibt jenen mehr Gewicht und Einfluss lässt sie wichtiger erscheinen
zwingt sie der Seele auf und macht sie zu den Grundsätzen für das Handeln Ich
höre zB jetzt die Stimme eines Menschen der mir bekannt ist und der Ton
kommt aus dem nächsten Zimmer Dieser Eindruck auf meinen Sinn führt unmittelbar
mein Denken auf diesen Menschen mit allen ihn betreffenden Nebenumständen Ich
male sie mir als jetzt existierend aus mit denselben Eigenschaften und
Verhältnissen wie ich sie früher bei ihm gekannt habe Diese Vorstellungen
fassen schneller festen Fuß in meiner Seele als die Vorstellung von einem
verzauberten Schloss Sie sind ganz anders in der Empfindung und haben in jeder
Art einen größeren Einfluss sowohl für Erweckung von Lust wie Schmerz Hoffnung
wie Sorge
Fasst man Alles hier Gesagte zusammen so erhellt, dass die Wissensart des
Glaubens nur ein innerlich stärkeres und festeres Vorstellen im Vergleich zu den
bloßen Schöpfungen der Einbildung ist und dass diese Wissensart sich aus der
gewohnten Verbindung zwischen einem Gegenstand und einem den Sinnen oder dem
Gedächtnis gegenwärtigen Etwas sich bildet Mit dieser Annahme werden sich
leicht andere ähnliche Geistestätigkeiten auffinden und diese Erscheinungen
auf allgemeinere Grundsätze sich zurückführen lassen
Es ist bereits erwähnt dass die Natur einzelne Vorstellungen verknüpft hat
und dass, wenn die eine in das Denken eintritt sie sofort die ihr zugehörige
mit einführt und ihr unsere Aufmerksamkeit durch eine leise und unfühlbare
Bewegung zuwendet Die Regeln für diese Verknüpfungen oder Vergesellschaftungen
haben wir auf drei zurückgeführt nämlich Ähnlichkeit Berührung und
Ursachlichkeit Sie sind die einzigen Bande welche unsere Vorstellungen
vereinigen und jenen regelmäßigen Lauf des Denkens oder Sprechens erzeugen
welcher mehr oder weniger unter allen Menschen stattfindet Hier erhebt sich nun
eine Frage von deren Lösung die vorliegende Schwierigkeit abhängt Geschieht es
bei all diesen Verbindungsformen dass, wenn ein Gegenstand den Sinnen oder
Gedächtnis zugeführt wird die Seele nicht bloß die andere zugehörige sich
vorstellt sondern dies auch in einer stärkeren und festeren Weise tut als sie
es sonst vermocht hätte Dies scheint mit dem Glauben welcher aus der Beziehung
von Ursache und Wirkung entspringt der Fall zu sein Ist dies nun auch mit den
beiden andern Verbindungsformen der Fall so muss es als ein allgemeines Gesetz
für alle Tätigkeiten der Seele gelten
Als erster Versuch kann für unsern Zweck der Fall dienen dass bei dem
Anblick des Bildes eines abwesenden Freundes unsere Vorstellung von ihm durch
die Ähnlichkeit offenbar lebhafter wird und dass jedes von dieser Vorstellung
wachgerufene Gefühl sei es Freude sei es Sorge dadurch neue Kraft und Stärke
erhält Bei der Hervorbringung dieses Erfolges wirken sowohl die Beziehung, wie
der gegenwärtige Eindruck
Wäre das Bild nicht ähnlich oder nicht von ihm abgenommen so würde es nie
unsere Gedanken zu ihm hinleiten und wäre es ebenso abwesend wie die Person
so würde die Seele wenn sie auch an das eine oder andere dachte ihre
Vorstellungen durch diesen Wechsel eher geschwächt als gestärkt fühlen Wir
sehen gern das gegenwärtige Bild eines Freundes ist es aber nicht da so denken
wir lieber geradezu an ihn als vermittelst eines Bildes was ebenso fern und
dunkel ist
Auch die Gebräuche der katholischen Religion können als hierhergehörende
Beispiele gelten Die Anhänger dieser Religion führen gewöhnlich zur
Verteidigung der Zeremonien die man an ihr tadelt an dass sie die guten
Wirkungen dieser äußeren Bewegungen Stellungen und Handlungen fühlen dass ihre
Andacht dadurch tiefer und ihr Eifer stärker werde während diese sinken würden
wenn sie bloß auf entfernte und unsichtbare Gegenstände gerichtet würden Wir
machen sagen sie einen Schattenriss von diesen Glaubensgegenständen wir
machen wahrnehmbare Formen und Bilder und vergegenwärtigen durch diese Formen
jene uns mehr als wir durch rein geistige Beschauung und Betrachtung vermögen
Sichtbare Dinge haben immer eine größere Wirkung auf das Vorstellen als andere
dieser Einfluss geht schnell auf die Vorstellungen, auf die sie sich beziehen
und denen sie gleichen über
Ich will an diesen Gebräuchen und ihrer Rechtfertigung nur darlegen dass
die Wirksamkeit der Ähnlichkeit auf die Verstärkung der Vorstellungen sehr
häufig ist Da in jedem Falle eine Ähnlichkeit und ein gegenwärtiger Eindruck
zusammentreffen müssen so hat man für den Beweis der aufgestellten Regel
Beispiele die Menge
Die Stärke dieser Gründe kann durch verschiedene andere erhöht werden wenn
man die Wirksamkeit der Berührung in Betracht zieht Die Entfernung mindert
offenbar die Stärke jeder Vorstellung nähern wir uns dem Gegenstande so wirkt
er obgleich er sich den Sinnen noch nicht darstellt schon einen Einfluss auf
die Seele welcher einem unmittelbaren Eindruck ähnelt Die Vorstellung irgend
eines Gegenstandes führt die Seele sofort zu dem ihm Angrenzenden aber nur die
wirkliche Gegenwart eines Gegenstandes tut dies mit größerer Lebhaftigkeit
Wenn ich nur wenige Meilen von meinem Hause entfernt bin so ergreift mich alles
darauf Bezügliche mehr als wenn ich zweihundert Meilen davon entfernt bin
wenngleich selbst bei dieser Entfernung die Vorstellung jener Äußerlichkeiten
die Vorstellung meiner Freunde oder Familie wach ruft Im letzten Falle sind
beide Gegenstände nur Vorstellungen, und obgleich der Übergang von der einen
zur andern leicht geschieht kann er doch der einen dieser Vorstellungen keine
größere Lebendigkeit geben weil der unmittelbare Eindruck fehlt3
Die Ursachlichkeit hat ohne Zweifel denselben Einfluss wie die beiden andern
Beziehungen der Ähnlichkeit und Berührung Abergläubische Leute halten auf
Reliquien von Heiligen und frommen Männern aus demselben Grunde weshalb sie
nach ihren Gestalten und Bildern verlangen sie wollen ihre Andacht steigern und
den Gedanken an deren exemplarisches Leben was sie nachahmen wollen tiefer und
kräftiger machen Offenbar ist eine der besten Reliquien welche ein Andächtiger
sich verschaffen kann die Handarbeit eines Heiligen wenn seine Kleider und
Geräte ebenso geschätzt werden so geschieht es weil sie einst zu seiner
Verfügung standen und von ihm getragen und gebraucht wurden Sie gelten als eine
unvollständige Wirkung und erscheinen durch eine kürzere Kette von Folgen mit
ihm verbunden als alles Andere woraus man die Wirklichkeit seiner Existenz
abnehmen könnte
Wenn der tote oder abwesende Sohn eines Freundes vor uns erschiene so
würde er offenbar die damit verbundenen Vorstellungen wach rufen und alle
vergangenen Vertraulichkeiten und Freundschaften lebendiger in unser Denken
zurückbringen als es sonst geschehen wäre Dies ist ein anderer Vorgang
welcher die obige Regel zu bestätigen scheint
Bei diesen Fällen wird der Glaube an den bezogenen Gegenstand immer
vorausgesetzt ohnedem kann die Beziehung nicht wirksam sein Die Wirkung des
Gemäldes verlangt dass wir glauben unser Freund habe einmal existiert Die
Nachbarschaft kann unsere Vorstellung von der Heimat nur erwecken wenn man
glaubt dass letztere wirklich besteht Ich behaupte nun dass, wenn dieser
Glaube über das Gedächtnis oder die Wahrnehmung hinausgeht er die gleiche
Natur und den gleichen Ursprung hat wie der hier erklärte Übergang der
Gedanken und die Lebhaftigkeit des Vorstellens Wenn ich ein Stück trockenes
Holz in das Feuer werfe so treibt es mich offenbar zur Vorstellung dass es die
Flamme nicht auslöscht sondern vermehrt Dieser Fortschritt der Gedanken von
der Ursache zur Wirkung geht nicht von der Vernunft aus sondern beruht gänzlich
auf Gewohnheit und Erfahrung Da er mit einem den Sinnen gegenwärtigen
Gegenstande beginnt so macht er die Vorstellung der Flamme stärker und
lebendiger als der bloße schwankende Traum der Einbildung Jene Vorstellung
erhebt sich plötzlich das Denken wendet sich augenblicklich ihr zu und gibt
ihr alle Stärke des Wissens, die sich von dem sinnlichen Eindruck ableitet Wenn
man ein Schwert gegen meine Brust zückt trifft mich da die Vorstellung von
Wunden und Schmerzen nicht stärker als wenn man ein Glas Wein vor mir erhebt
selbst wenn jene Vorstellung mit der Wahrnehmung des letzteren eintreten sollte
Was Anderes kann nun in diesem Gebiete eine so starke Vorstellung erzeugen
als ein gegenwärtiger Gegenstand und der gewohnte Übergang zur Vorstellung
eines andern Gegenstandes welchen man mit dem ersten zu verbinden sich gewöhnt
hat Dies ist der einfache Vorgang in unserer Seele bei allen unsern Schlüssen
von Tatsachen und Dasein Es ist von Werth einige ähnliche Verhältnisse
aufzuzeigen welche ihn erläutern Die Gegenwart des Gegenstandes, von dem der
Übergang ausgeht gibt der zweiten Vorstellung immer die Stärke und
Festigkeit Hier besteht also eine Art von voraus bestimmter Harmonie zwischen
dem Lauf der Natur und der Folge unserer Vorstellungen, und obgleich die Macht
und Kräfte welche in ersterer herrschen uns ganz unbekannt sind so sehen wir
doch dass unsere Gedanken und Vorstellungen denselben Lauf nehmen wie die
Werke der Natur. Gewohnheit ist das Prinzip, welches diese Vorstellungen
bewirkt sie ist für den Bestand unseres Geschlechts notwendig und leitet in
allen Verhältnissen und Vorkommnissen des Lebens unser Benehmen Erweckte nicht
die Gegenwart eines Gegenstandes sofort die Vorstellung der mit ihm gewöhnlich
verbundenen Dinge so wäre all unser Wissen auf den engen Kreis des
Gedächtnisses und der Wahrnehmung beschränkt wir würden keine Mittel für Zwecke
zurichten noch unsere natürlichen Kräfte benutzen können um Gutes zu erreichen
und Übles zu meiden Wer an der Entdeckung und Betrachtung der letzten Ursachen
Vergnügen findet hat hier volle Gelegenheit zum Staunen und zur Bewunderung
Zu mehrerer Bestätigung der hier dargelegten Auffassung lässt sich noch
geltend machen dass diese Tätigkeit der Seele wodurch man gleiche Wirkungen
von gleichen Ursachen ableitet und umgekehrt in Anbetracht dass sie so
wesentlich für die Erhaltung des Menschengeschlechts ist nicht wohl den
trügerischen Begründungen unserer Vernunft anvertraut werden konnte Deren
Wirksamkeit ist langsam in den ersten Jahren der Kindheit ist sie kaum
bemerklich und im besten Falle ist sie zu allen Zeiten und Perioden des Lebens
dem Irrtume und Versehen sehr ausgesetzt Es entspricht mehr der allgemeinen
Weisheit der Natur, eine so notwendige Tätigkeit der Seele durch Instinkt oder
einen mechanischen Trieb zu sichern welcher in seiner Wirksamkeit frei vom
Irrtum bleibt gleich beim Beginn des Lebens und Denkens sich geltend macht und
von den mühsamen Begründungen des Verstandes unabhängig ist So wie die Natur
uns den Gebrauch unserer Glieder gelehrt hat ohne uns die Kenntnis der Muskeln
und Nerven durch die sie erfolgt zu geben so hat sie auch einen Instinkt uns
eingepflanzt welcher die Gedanken in derselben Richtung führt die sie für
äußere Gegenstände festgestellt hat obgleich wir die Macht und Kräfte von
welchen dieser regelmäßige Lauf und Folge der Gegenstände abhängt durchaus
nicht kennen
Obgleich es in der Welt nichts der Art wie Zufall gibt so hat doch unsere
Unkenntnis der wirklichen Ursache eines Ereignisses denselben Einfluss auf den
Verstand und erzeugt eine gleiche Art von Glauben oder Meinung
Es gibt allerdings eine Wahrscheinlichkeit die aus der Mehrzahl der Fälle
auf einer Seite sich bildet und wenn diese Mehrzahl wächst und die
entgegengesetzten übertrifft so nimmt die Wahrscheinlichkeit verhältnismäßig
zu und erzeugt für die Seite wo die Mehrzahl Statt hat einen höheren Grad von
Glauben oder Zustimmung Wenn ein Würfel auf vier Seiten mit derselben Figur
oder Zahl von Zeichen versehen ist und auf den zwei andern mit einer andern
Figur so würde das Werfen jener Figur wahrscheinlicher sein als letzterer und
hätte er 1000 Seiten in derselben Weise gezeichnet und nur eine mit einer andern
Figur so würde die Wahrscheinlichkeit noch viel grösser und dieser Glaube oder
die Erwartung des Ausganges noch fester und sicherer sein Diese Art von Denken
oder Schließen scheint vielleicht längst bekannt und selbstverständlich aber
bei näherer Betrachtung bietet sie Stoff zu interessanten Untersuchungen
Offenbar betrachtet die Seele bei Berechnung des Erfolgs eines solchen
Würfelns das Werfen jeder einzelnen Seite als gleich wahrscheinlich Es ist das
Wesen des Zweifels dass er alle einzelnen Fälle die er einschließt völlig
gleich macht Wenn aber eine größere Zahl von Fällen denselben Erfolg mit sich
führen als die andern so kommt die Seele öfter auf diese Erfahrung zurück und
trifft ihn öfter bei Durchgehung der verschiedenen Möglichkeiten oder Zufälle
von denen das Endergebnis abhängt Dieses Zusammentreffen mehrerer Erwägungen
in demselben Ergebnis erzeugt unmittelbar durch eine unerklärliche
NaturEinrichtung die Wissensart des Glaubens und gibt diesen Erfolg den
Vorzug vor seinem Gegner der nur von einer geringem Zahl von Erwägungen
unterstützt ist und der Seele sich nicht so oft darbietet Wenn man zugibt
dass der Glaube nur eine festere und stärkere Vorstellung eines Gegenstandes in
Vergleich mit bloßen Erdichtungen der Einbildung ist so wird dies den hier
betrachteten Vorgang erklären Das wiederholte Eintreten derselben Aussichten
oder Einblicke steigert die Vorstellung, gibt ihr eine höhere Stärke und Kraft
macht ihren Einfluss auf Leidenschaften und Erregungen fühlbarer und erzeugt
mit einem Worte diese Zuversicht oder Gewissheit welche das Wesen des Glaubens
und Dafürhaltens ausmacht
Es verhält sich mit der Wahrscheinlichkeit der Einzelfälle wie mit dem
Zufall Es gibt Vorgänge welche in ihrer bestimmten Wirkung völlig
gleichförmig und beständig sind und man kennt kein Beispiel von einem
Ausbleiben oder einer Ausnahme bei denselben Das Feuer hat den Menschen immer
verbrannt und das Wasser immer erstickt Die Erzeugung der Bewegung durch Stoß
und Schwere ist ein allgemeines Gesetz das bis jetzt keine Ausnahme gestattet
hat Aber es gibt andere Vorgänge die sich unregelmäßiger und unsicherer
zeigen so hat der Rhabarber nicht immer purgiert und das Opium nicht jeden
Menschen der es eingenommen hat eingeschläfert Allerdings suchen Philosophen
in solchen unregelmäßigen Fällen den Grund nicht in der Unregelmäßigkeit der
Natur, sondern sie nehmen an dass irgend eine geheime Ursache in der besonderen
Verbindung der Theile den regelmäßigen Vorgang gehemmt hat Unsere
Betrachtungen und Schlüsse bei einem solchen Vorgange werden jedoch durch dieses
Prinzip nicht betroffen Indem man gewöhnt ist das Vergangene auf das
Zukünftige bei allen Schlüssen zu übertragen so erwartet man da wo die
Vergangenheit ganz regelmäßig und gleichförmig gewesen ist den Erfolg mit der
größten Zuversicht und gibt der entgegengesetzten Annahme keinen Raum Wo aber
verschiedene Wirkungen aus anscheinend genau gleichen Ursachen angetroffen
worden sind, da müssen all diese verschiedenen Wirkungen auch der Seele bei
Übertragung der Vergangenheit auf die Zukunft vorkommen und in die Betrachtung
eintreten wodurch man die Wahrscheinlichkeit des Ausganges bestimmen will
Obgleich man den der am häufigsten befunden worden den Vorzug gibt und an
das Eintreten dieser Wirkung glaubt so kann man doch die andern Wirkungen nicht
übersehen und muss jeder nach Verhältnis ihres öfteren oder selteneren Eintretens
ein besonderes Gewicht und Ansehen beilegen So ist es für alle Länder Europas
wahrscheinlicher dass im Januar einiger Frost eintritt als dass den ganzen
Monat weiches Wetter anhält obgleich diese Wahrscheinlichkeit nach
Verschiedenheit des Klimas wechselt und in den nördlichen Ländern sich der
Gewissheit nähert Hier zeigt es sich deutlich dass man bei Übertragung der
Vergangenheit auf die Zukunft um die Wirkung einer Ursache zu ermessen alle
verschiedenen Folgen in demselben Verhältnis überträgt wie sie in der
Vergangenheit bemerkt worden sind. Man nimmt zB an dass die eine hundertmal
die andere zehnmal und die dritte nur einmal eingetreten ist Da eine große
Zahl von Erwägungen hier auf denselben Erfolg zusammentrifft so verstärken und
befestigen sie ihn in dem Vorstellen erzeugen die Empfindung welche man
Glauben nennt und geben ihm den Vorzug vor dem entgegengesetzten Erfolg der
nicht durch eine gleiche Zahl von Erfahrungen unterstützt wird und dem Denken
bei der Übertragung der Vergangenheit auf die Zukunft nicht so oft sich
darstellt Wenn Jemand versuchen will diese Vorgänge der Seele aus irgend einem
der vorhandenen philosophischen Systeme zu erklären so wird er die
Schwierigkeit bemerken Ich bin für meine Person zufrieden wenn die
gegenwärtigen Andeutungen das Interesse der Philosophen erwecken und sie
erkennen lassen wie mangelhaft alle bisherigen Systeme diese interessante und
bedeutende Frage behandelt haben
Der große Vorteil den die mathematischen Wissenschaften über die
moralischen haben ist dass die Vorstellungen der ersten wahrnehmbar und
deshalb immer klar und deutlich sind deshalb wird der kleinste Unterschied bei
ihnen sofort bemerkt und dieselben Worte bezeichnen immer dieselben
Vorstellungen ohne Zweideutigkeit oder Schwanken Ein Oval verwechselt man nie
mit einem Kreise und eine Hyperbel nicht mit einer Ellipse Das gleichseitige
und ungleichseitige Dreieck sind durch Grenzbestimmungen getrennt schärfer als
die zwischen Laster und Tugend Recht und Unrecht Wenn ein Ausdruck in der
Geometrie erklärt ist so setzt die Seele leicht und von selbst in jedem Falle
die Vorstellung an Stelle des erklärten Wortes Und selbst da wo man keine
Erklärung anwendet kann der Gegenstand wahrnehmbar und dadurch fest und klar
erfassbar gemacht werden
Aber die feineren Empfindungen der Seele die Vorgänge im Denken die
mannichfachen Erregungen der Gefühle entgehen uns trotz ihres wirklichen
Unterschiedes leicht wenn sie innerlich betrachtet werden; auch können wir
hier den ursprünglichen Gegenstand nicht herbeischaffen wenn die Veranlassung
zu seiner Betrachtung vorhanden ist. Deshalb sind solche Erörterungen nach und
nach zweideutig geworden ähnliche Gegenstände werden leicht als gleiche
behandelt und die Schlüsse entfernen sich oft weit von ihren Vordersätzen
Indes kann man dreist behaupten dass bei genauer Betrachtung die Vorteile
und Nachtheile dieser Wissenschaften sich ausgleichen und beide einander gleich
stellen Wenn die Seele die geometrischen Begriffe leichter klar und deutlich
erfasst so muss sie doch eine längere und verwickeltere Kette von Schlüssen
ziehen und sehr entfernte Begriffe mit einander vergleichen um die tieferen
Wahrheiten dieser Wissenschaft zu erfassen Wenn dagegen Moralbegriffe ohne
große Sorgfalt dunkel und verworren bleiben so sind doch hier die Folgerungen
immer kürzer und die Mittelsätze welche zu jenen Schlusssätzen führen nicht
so zahlreich als in den Wissenschaften welche die Größe und die Zahl
behandeln In der That gibt es bei Euklid keinen noch so einfachen Lehrsatz
der nicht aus mehr Gliedern bestände als irgend ein moralischer Satz mit
Ausnahme von Hirngespinsten und Täuschungen Wo man nur weniger Mittelsätze für
Gewinnung der Prinzipien bedarf kann man mit dem Fortschritt zufrieden sein
wenn man erwägt wie bald die Natur einen Schlagbaum vor alle unsere
Untersuchungen von Ursachen zieht und uns zum Anerkenntnis unserer Unwissenheit
nötigt Das Haupthindernis des Fortschrittes in moralischen und metaphysischen
Wissenschaften liegt deshalb in der Dunkelheit der Begriffe und Zweideutigkeit
der Worte. Die Hauptschwierigkeit bei der Mathematik liegt dagegen in der Länge
der Folgerungen und dem Umfange der Vorstellungen, deren man zum Beweise bedarf
Unser Fortschritt in der Naturwissenschaft ist vielleicht durch den Mangel
besonderer Versuche und Erscheinungen gehindert welche meist zufällig entdeckt
werden und selbst durch die emsigste und vorsichtigste Untersuchung dann nicht
angetroffen werden, wenn man sie braucht Da die moralischen Wissenschaften
bisher weniger vorgeschritten sind als Mathematik und Physik so erhellt, dass,
wenn letztere Wissenschaften in dieser Beziehung sich unterscheiden die
Schwierigkeiten welche sich dem Fortschritt der ersten entgegenstellen
größere Sorgfalt und Fähigkeit zu ihrer Überwindung fordern
Die Metaphysik hat keine dunkleren und unsicheren Begriffe wie die der
Macht der Kraft der Wirksamkeit oder notwendigen Verbindung, von denen man
bei jeder Untersuchung fortwährend Gebrauch machen muss Ich werde deshalb in
dieser Abtheilung so viel als möglich die genaue Bedeutung dieser Worte zu
bestimmen suchen um damit einen Teil der Dunkelheit zu beseitigen über
welchen man in diesem Theile der Philosophie so viel klagt
Der Satz wird nicht bestritten werden dass alle unsere Begriffe nur
Abbilder der Eindrücke sind oder dass, mit andern Worten wir uns nichts
vorstellen können was wir nicht vorher innerlich oder äußerlich aufgenommen
haben Ich habe diesen Satz zu erklären und zu beweisen versucht und hoffe dass
man bei richtigem Gebrauche desselben eine größere Deutlichkeit und Schärfe in
philosophischen Untersuchen erreichen wird als bisher möglich war
Zusammengesetzte Begriffe kann man leicht durch ihre Definition verständlich
machen indem die Bestandteile oder einfachen Merkmale derselben aufgezählt
werden Hat man aber das Definieren bis zu den einfachsten Begriffen fortgesetzt
und bleiben dann immer noch Zweifel und Dunkelheiten welche Mittel hat man
dann Durch welche Erfindung kann man diese letzten Begriffe erleuchten und dem
geistigen Auge scharf und bestimmt darstellen Man suche nach den Eindrücken
und ursprünglichen Empfindungen welche diese Begriffe abbilden Diese Eindrücke
sind sämtlich stark und fühlbar Sie sind nicht zweideutig Sie sind nicht
allein selbst völlig hell sondern auch im Stande ihr Licht den entsprechenden
Begriffen mitzuteilen die in der Dunkelheit liegen Dadurch erreicht man
gleichsam ein neues Vergrößerungsglas oder optisches Instrument welches die
zartesten und einfachsten Begriffe der Moralwissenschaft so vergrößert dass
sie schnell in die Wahrnehmung fallen und dann so leicht wie die gröbsten und
sinnlichsten Vorstellungen, die unserer Untersuchung aufstoßen zu fassen sind
Um deshalb mit dem Begriff der Macht oder notwendigen Verknüpfung genau
bekannt zu werden muss man den ihr zu Grunde liegenden Eindruck untersuchen
und um diesen Eindruck sicher zu finden muss man nach ihm in allen Quellen
suchen aus denen er herkommen kann
Wenn man sich unter äußeren Gegenständen umsieht und die Wirksamkeit der
Ursachen betrachtet so kann man für den einzelnen Fall niemals eine Macht oder
notwendige Verknüpfung entdecken keine Eigenschaft zeigt sich da welche die
Wirkung an die Ursache bände und die eine zur untrüglichen Folge der andere
machte Man bemerkt nur dass das Eine tatsächlich und wirklich dem Andern
folgt Dem Stoß der einen Billardkugel folgt die Bewegung der zweiten Dies
allein nehmen die äußeren Sinne wahr Die Seele hat keine Empfindung oder inneren
Eindruck von dieser Folge der Gegenstände. Das einzelne Beispiel einer Ursache
und Wirkung hat deshalb nichts an sich was den Begriff von Kraft oder
notwendiger Verknüpfung darbieten könnte
Bei dem ersten Auftreten eines Gegenstandes kann man nie die aus ihm
hervorgehende Wirkung wissen Wäre die Kraft oder Wirksamkeit einer Ursache der
Seele erkennbar so könnte man auch ohne Erfahrung die Wirkung vorhersehen und
vermittelst der bloßen Kraft des Denkens und Schließens schon bei dem ersten
Male sich mit Gewissheit darüber aussprechen
Aber in Wahrheit bietet keine Tatsache in ihren wahrnehmbaren Eigenschaften
eine Kraft oder Wirksamkeit noch gibt sie einen Anhalt für das was sie
hervorbringt oder was ihr folgt und was man ihre Wirkung nennen kann
Undurchdringlichkeit Ausdehnung Bewegung alle diese Eigenschaften sind in
sich vollständig und bezeichnen kein anderes Ereignis was aus ihnen
hervorgehen könnte Die Erscheinungen wechseln fortwährend in der Welt und
Eines folgt dem Andern in ununterbrochener Reihe aber die Macht oder Kraft
welche die ganze Maschine bewegt ist uns völlig verborgen und zeigt sich in
keiner wahrnehmbaren Eigenschaft der Körper. Wir wissen dass tatsächlich die
Hitze ein beständiger Begleiter der Flamme ist was aber das Bindende zwischen
beiden ist dafür haben wir nur das weite Feld der Vermutungen und
Voraussetzungen Der Begriff der Kraft kann deshalb von der Betrachtung der
Körper in den einzelnen Fällen ihrer Wirksamkeit nicht abgeleitet werden denn
kein Körper zeigt eine Kraft welche das Urbild zu diesem Begriff abgeben
könnte5
Wenn daher die äußeren Gegenstände wie sie den Sinnen erscheinen uns
keinen Begriff von der Kraft oder notwendigen Verknüpfung bei ihrer Wirksamkeit
in dem einzelnen Falle bieten so muss man sehen ob dieser Begriff seinen
Ursprung nicht in einer Selbstbetrachtung der Tätigkeit der eigenen Seele hat
und also das Abbild eines inneren Eindrucks ist Man kann behaupten dass man
jederzeit einer inneren Kraft sich bewusst ist, weil man bemerkt dass man durch
das einfache Verlangen des Willens die Glieder des Körpers bewegen und die
Vermögen der Seele leiten kann Ein einzelnes Wollen bewirkt die Bewegung in
unsern Gliedern oder weckt eine neue Vorstellung in unserm Denken Dieser
Einfluss des Willens ist uns durch das Selbstbewusstsein bekannt Davon bekommen
wir den Begriff der Kraft oder der Wirksamkeit und wir sind sicher dass wir
selbst und alle vernünftigen Wesen Kraft besitzen Diese Vorstellung ist deshalb
eine durch Selbstbetrachtung gewonnene Vorstellung sie entspringt aus der
Betrachtung der Seelentätigkeit und des Einflusses welchen der Wille über die
Glieder des Körpers und die Vermögen der Seele ausübt
Wir wollen diesen Satz näher untersuchen zunächst rücksichtlich des
Einflusses des Willens auf die Glieder des Körpers. Dieser Einfluss ist offenbar
eine Tatsache, welche gleich allen andern natürlichen Vorgängen nur durch
Erfahrung erkannt werden kann; aus keiner wahrnehmbaren Wirksamkeit oder Kraft
in der Ursache kann er im Voraus entnommen werden die sie mit ihrer Wirksamkeit
verknüpfte und die eine zur untrüglichen Folge der andern machte Die Bewegung
unsers Körpers erfolgt auf den Befehl unsers Willens Dessen sind wir uns
jederzeit bewusst Aber die Mittel wodurch dieses geschieht die Kraft
mittelst deren der Wille eine so außerordentliche That vollbringt sind dem
unmittelbaren Bewusstsein so sehr entzogen dass sie für immer sich der
genauesten Nachforschung entziehen
Denn gibt es erstens in der ganzen Natur ein geheimnisvolleres Prinzip
als die Verbindung von Seele und Leib Eine geistige Substanz erlangt dadurch
einen solchen Einfluss über eine körperliche dass der feinste Gedanke im Stande
ist den gröbsten Stoff zu bewegen Könnten wir durch einen leisen Wunsch Berge
versetzen oder die Gestirne in ihren Laufbahnen aufhalten so wäre diese große
Macht doch nicht außerordentlicher und unbegreiflicher Könnten wir durch
Selbstbewusstsein eine Kraft in dem Willen bemerken so wäre diese Kraft und
ihre Verbindung mit der Wirkung bekannt ebenso das geheime Band zwischen Leib
und Seele und die Natur beider Substanzen wodurch die eine in so vielen Fällen
auf die andere einwirken kann
Zweitens Wir können nicht alle Theile des Körpers mit der gleichen Kraft
bewegen obgleich man abgesehen von der Erfahrung, keinen Grund für einen so
auffallenden Unterschied angeben kann Weshalb hat der Wille Macht über die
Zunge und die Finger und nicht über das Herz und die Leber Diese Frage würde
uns nicht in Verlegenheit setzen wenn das Bewusstsein im ersten Falle die Kraft
darböte und in dem andern nicht Wäre dies so würde man auch ohne Erfahrung
einsehen weshalb die Macht des Willens über die Organe des Lebens in so feste
Grenzen befasst ist Man wäre dann mit der Kraft oder Macht durch welche er
wirkt genau bekannt und würde wissen weshalb sein Einfluss gerade nur so weit
und nicht weiter reichte
Ein Mensch der plötzlich am Beine oder Arme gelähmt worden ist, oder der
diese Glieder kürzlich verloren hat versucht anfänglich oft sie zu bewegen und
in der gewohnten Weise zu gebrauchen Hier ist er sich der Kraft seine Glieder
zu regen ebenso bewusst als Jemand in voller Gesundheit sich der Kraft die in
ihren natürlichen Zustand verbliebenen Glieder zu bewegen bewusst ist. Aber das
Bewusstsein täuscht niemals Folglich sind wir weder in dem einen noch in dem
andern Falle uns irgend einer Kraft bewusst Nur aus der Erfahrung lernen wir
den Einfluss unsers Willens kennen und nur die Erfahrung lehrt uns welches
Ereignis beständig einem andern folgt aber ohne uns über die geheime
Verknüpfung die sie an einander bindet und untrennbar macht zu belehren
Drittens Die Anatomie lehrt uns dass der unmittelbare Gegenstand der Kraft
bei freiwilliger Bewegung nicht das bewegte Glied selbst ist, sondern gewisse
Muskeln und Nerven der Lebensgeister und vielleicht noch etwas Feineres und
Unbekannteres durch welches sich die Bewegung fortsetzt ehe sie das Glied
selbst erreicht dessen Bewegung der unmittelbare Gegenstand des Wollens ist
Gibt es einen starkem Beweis dass die Kraft durch welche der ganze Vorgang zu
Stande kommt anstatt durch inneres Gefühl oder Bewusstsein geradezu und voll
erkannt zu sein vielmehr im höchsten Grade geheimnisvoll und unerkennbar ist
Die Seele will einen bestimmten Erfolg unmittelbar entsteht aber ein anderer
Erfolg der uns unbekannt und gänzlich von dem gewollten verschieden ist dieser
Erfolg bewirkt einen andern ebenso unbekannten bis endlich nach einer langen
Reihe der verlangte Erfolg hervortritt Hätte man die ursprüngliche Kraft
wahrgenommen so hätte man sie gekannt dann hätte man auch die Wirkung gekannt
weil alle Kraft sich auf die Wirkung bezieht Umgekehrt ist die Wirkung
unbekannt so kann auch die Kraft nicht bekannt und wahrgenommen sein Wie kann
man in Wahrheit sich einer Kraft über die Glieder bewusst sein wenn man keine
solche hat sondern nur eine solche zur Erregung gewisser Lebensgeister welche
zwar zuletzt die Bewegung des Gliedes hervorbringen aber dabei doch in einer
für uns ganz unbegreiflichen Weise wirksam sind
Aus alledem kann man nicht voreilig sondern mit Gewissheit Schließen dass
unser Begriff der Macht nicht das Abbild einer Empfindung oder Selbstwahrnehmung
der Macht ist wenn wir eine Bewegung unternehmen oder unsere Glieder nach
ihrer Bestimmung und Einrichtung gebrauchen Dass deren Bewegung den Befehlen
des Willens folgt ist ein Gegenstand der gemeinen Erfahrung wie bei andern
natürlichen Vorgängen aber die Kraft oder Wirksamkeit wodurch dies geschieht
ist ebenso wie bei andern natürlichen Vorgängen unbekannt und unbegreiflich6
Soll man nun behaupten dass wir uns einer Kraft oder Wirksamkeit in der
Seele bewusst sind wenn wir auf Geheiß unsers Willens einen neuen Gedanken
fassen die Seele in dessen Betrachtung festhalten ihn nach allen Seiten wenden
und zuletzt wenn wir glauben ihn hinlänglich betrachtet zu haben ihn wegen
einer andern Vorstellung fortschicken Ich glaube dieselben Gründe ergeben
dass auch ein solches Geheiß des Willens uns keine wirkliche Vorstellung von
der Kraft und Wirksamkeit gewährt
Erstens muss man einräumen dass wir wenn wir die Macht kennen dann gerade
den Umstand in der Ursache kennen welcher sie befähigt die Wirkung
hervorzubringen denn Beides ist gleichbedeutend Wir müssten also dann sowohl
die Ursache und Wirkung, als auch ihr Verhältnis zu einander kennen Wer will
aber behaupten mit der Natur der menschlichen Seele oder mit der Natur einer
Vorstellung oder mit der Einrichtung der einen zur Begründung der andern
bekannt zu sein Hier ist eine wirkliche Schöpfung eine Hervorbringung aus
Nichts Dies scheint auf den ersten Blick eine so große Macht einzuschließen
dass sie über den Bereich jedes endlichen Wesens hinausgeht Man muss wenigstens
anerkennen dass eine solche Kraft nicht gefühlt wird nicht bekannt ist ja für
die Seele unbegreiflich ist Wir empfinden nur den Erfolg nämlich das Dasein
einer Vorstellung in Folge des Geheißes des Willens aber die Art wie dieser
Vorgang sich vollzieht die Kraft durch welche er hervorgebracht wird geht
über unser Begreifen
Zweitens die Macht des Willens über die Seele ist ebenso beschränkt wie
die über den Leib und diese Schranke lernt man nicht durch die Vernunft oder
durch eine Kenntnis der Natur von Ursache und Wirkung kennen sondern nur durch
Erfahrung und Beobachtung wie bei allen anderen Naturereignissen und Vorgängen
der äußeren Körper Unsere Macht über unsere Gefühle und Leidenschaften ist
viel früher als die über das Vorstellen und selbst diese Macht ist in sehr enge
Grenzen gefasst Kann Jemand den letzten Grund für diese Schranken angeben oder
zeigen weshalb die Macht in einem Falle versagt und in dem andern nicht
Drittens Diese Macht über sich selbst ist zu verschiedenen Zeiten sehr
verschieden Ein gesunder Mensch besitzt sie in stärkerem Maß als ein durch
Krankheit geschwächter Wir sind am Morgen mehr Herr unseres Denkens als am
Abend mehr in nüchternem Zustande als nach einer reichlichen Mahlzeit Kann
man einen anderen Grund als Erfahrung für diesen Unterschied angeben Wo
bleibt also die Kraft deren wir uns bewusst sein wollen Sollte hier nicht ein
geheimer Mechanismus oder Bau der Theile aus geistiger oder körperlicher
Substanz oder aus beiden bestehen von dem die Wirkung abhängt ein Bau der
uns unbekannt ist und deshalb die Kraft oder Wirksamkeit des Wollens so
unbekannt und unbegreiflich bleiben lässt
Das Wollen ist unzweifelhaft ein Vorgang in der Seele den man genau kennt
Man schaue auf ihn und betrachte ihn von allen Seiten Zeigt sich dabei irgend
eine solche schöpferische Kraft welche eine neue Vorstellung aus Nichts erhebt
und mit einem Es werde die Allmacht des Schöpfers mit Erlaubnis nachahmt
welcher alle diese mannichfachen Erscheinungen der Natur in das Dasein rief Wir
sind durchaus ohne Wahrnehmung dieser Wirksamkeit des Willens vielmehr gehört
solche Erfahrung wie wir sie besitzen dazu um die Überzeugung zu gewinnen
dass solche außerordentliche Wirkungen aus einem einfachen Akt des Willens
hervorgehen
Die meisten Menschen finden es nicht schwer die gewöhnlichen und bekannten
Vorgänge der Natur zu erklären zB den Fall schwerer Körper das Wachsen der
Pflanzen die Erzeugung der Tiere und die Ernährung des Körpers durch
Lebensmittel Man meint in all diesen Fällen die wahre Kraft und Wirksamkeit
der Ursache einzusehen wodurch sie mit dem Erfolge verknüpft und in ihrer
Wirksamkeit untrüglich ist Man nimmt durch lange Gewohnheit eine solche Weise
des Denkens an dass man bei dem Eintritt der Ursache seinen gewöhnlichen
Begleiter unmittelbar und sicher erwartet und dass man sich kaum vorstellen
kann wie ein anderer Erfolg daraus hervorgehen könne
Nur bei Wahrnehmung außerordentlicher Ereignisse wie Erdbeben Pest
Wunder aller Art findet man sich in Verlegenheit wenn eine Ursache und die Art
bezeichnet werden soll wie die Wirkung daran geknüpft ist Gewöhnlich nimmt man
in solchen schwierigen Fällen seine Zuflucht zu einem unsichtbaren geistigen
Prinzip als unmittelbarer Ursache eines solchen überraschenden Vorganges man
meint dass ein solcher nicht von den gewöhnlichen Naturkräften abgeleitet
werden könne Aber weiter denkende Philosophen bemerken leicht dass diese
Wirksamkeit der Ursache in den bekanntesten Vorgängen ebenso unerkennbar ist als
in den seltensten und dass man durch Erfahrung nur die häufige Verbindung von
Gegenständen kennen lernt ohne doch die wahre Verknüpfung beider irgend
erfassen zu können Viele Philosophen halten sich deshalb aus Vernunftgründen
verpflichtet für alle Fälle dasselbe Prinzip aufzunehmen was die große Masse
nur bei wunderbaren und übernatürlichen zu Hilfe ruft Sie nehmen an dass die
Vernunft und der Geist nicht allein die letzte und ursprüngliche Ursache aller
Dinge sei sondern auch die unmittelbare und einzige Ursache von jedem
natürlichen Ereignis Sie behaupten dass die Dinge, welche man gewöhnlich
Ursachen nennt in Wahrheit nur Gelegenheiten sind und dass das wahre und
unmittelbare Prinzip jeder Wirkung nicht eine Kraft oder Macht in der Natur,
sondern ein Wollen des höchsten Wesens ist welches bestimmt dass solche
besondere Gegenstände für immer mit einander verbunden sein sollen Anstatt zu
sagen dass eine Billardkugel die andere durch eine von dem Urheber der Natur
überkommene Kraft bewegt ist es nach ihnen die Gottheit selbst welche durch
ein besonderes Wollen die zweite Kugel bewegt indem sie zu dieser Handlung
durch den Stoß der ersten Kugel bestimmt wird, und zwar in Folge der
allgemeinen Gesetze, welchen sie sich selbst in ihrer Regierung der Welt
unterworfen hat Indes bemerken Philosophen die in ihren Untersuchungen weiter
gehen bald dass so wenig wie die Kraft bekannt ist durch welche Körper auf
einander wirken es ebensowenig die Kraft ist von welcher die Wirksamkeit der
Seele auf den Körper und des Körpers auf die Seele abhängt Man kann weder durch
äußere noch innere Wahrnehmung das letzte Prinzip in dem einen Falle näher
angeben als in dem andern Die gleiche Unwissenheit treibt zu der gleichen
Folgerung Jene behaupten dass die Gottheit die unmittelbare Ursache der
Verbindung von Seele und Leib ist Nicht die Sinnesorgane sollen durch ihre
Erregung von äußeren Gegenständen die Empfindung in der Seele hervorbringen
sondern ein besonderes Wollen unseres allmächtigen Schöpfers welcher in Folge
einer solchen Erregung des Organs eine solche Empfindung erweckt Ebenso ist es
nicht die Willenskraft welche die örtliche Bewegung der Glieder veranlasst
sondern Gott selbst welchem es beliebt unser an sich ohnmächtiges Wollen zu
unterstützen und jene Bewegung zu gebieten die man irrtümlich der eigenen
Kraft und Wirksamkeit zuschreibt Auch begnügen sich die Philosophen nicht mit
dieser Annahme sie dehnen zum Teil diesen Einfluss auf die inneren Vornahmen
der Seele aus Unsere geistigen Anschauungen oder Begriffe sollen nur eine
Offenbarung sein welche der Schöpfer uns macht Wenn wir freiwillig unsere
Gedanken auf einen Gegenstand richten und sein Bild in das Wissen aufnehmen so
soll nicht der Wille diesen Begriff erzeugen sondern der Schöpfer der Welt
welcher ihn der Seele enthüllt und vergegenwärtigt
So ist nach diesen Philosophen jedes Ding von Gott erfüllt Sie begnügen
sich nicht mit dem Ausspruch dass Alles nur durch seinen Willen und die Kraft
nur durch seine Zulassung besteht sie nehmen auch der Natur und allen
erschaffenen Wesen jede Macht um ihre Abhängigkeit von Gott noch ersichtlicher
und unmittelbarer zu machen Sie bedenken nicht dass sie durch diese Lehre die
Größe jener Eigenschaften die sie so hoch erheben wollen vielmehr verkleinern
statt vergrößern Denn es zeigt offenbar mehr Kraft in der Gottheit an wenn
sie einen gewissen Grad von Kraft den niederen Wesen überweist als wenn sie
Alles durch ihren unmittelbaren Willen vollbringt Es zeigt mehr Weisheit wenn
der Bau der Welt mit so vollkommener Voraussicht eingerichtet ist dass sie von
selbst und durch ihre eigene Tätigkeit den Zwecken der Vorsehung dient als
wenn der Schöpfer jeden Augenblick genötigt ist ihre Theile zurecht zu stellen
und durch seinen Atem alle Räder dieser ungeheuren Maschine zu beseelen
Verlangt man indes eine mehr philosophische Widerlegung dieser Lehre so werden
vielleicht die zwei folgenden Erwägungen genügen
Erstlich scheint es mir dass diese Lehre von der allgemeinen Wirksamkeit
und Beihilfe des höchsten Wesens zu plump ist um Jemand zu überzeugen welcher
die Schwäche der menschlichen Vernunft und die engen Grenzen in die sie bei
ihrer Tätigkeit eingeschlossen ist genügend erkannt hat Wenn auch die zu
dieser Lehre führende Schlusskette noch so logisch wäre so kann man doch
meinen wenn nicht geradezu behaupten dass sie uns weit über das Gebiet unserer
Fähigkeiten hinausführt insofern sie zu so außerordentlichen und vom
gewöhnlichen Leben und Erfahrungen so weit abliegenden Schlüssen leitet Wir
sind schon in das Feenland noch vor den letzten Schritten dieser Lehre
eingetreten und da kann unseren gewöhnlichen BeweisMethoden nicht mehr
vertraut werden unsere gewöhnlichen Analogien und Wahrscheinlichkeiten haben da
keine Geltung Die Leine des Senkbleis ist zu kurz um den Boden eines so
unendlichen Abgrundes zu erreichen Wenn man sich auch schmeichelt dass eine
gewisse Wahrscheinlichkeit und Erfahrung den Führer bei jedem Schritt den man
tut abgibt so hat doch diese vermeintliche Erfahrung sicherlich bei
Gegenständen keine Geltung welche überhaupt außerhalb des Kreises der
Erfahrung liegen Wir werden später hierauf zurückkommen In Abschnitt XII
Zweitens kann ich die Beweise auf welche diese Lehre sich stützt nicht als
überzeugend anerkennen Wir kennen allerdings nicht die Art in welcher Körper
auf einander wirken ihre Kraft und Wirksamkeit ist uns ganz unverständlich
aber ist uns die Art und Kraft nicht ebenso unbekannt wodurch ein Geist und
selbst der höchste Geist auf sich oder einen Körper wirkt Ich frage woher
nehmen wir die Vorstellung davon In uns haben wir keine Empfindung oder
Bewusstsein von dieser Kraft Wir wissen von dem höchsten Wesen nur was wir
durch die Rücksicht auf die eigenen Vermögen von diesen ableiten Wäre daher
unsere Unwissenheit ein genügender Grund um Alles zurückzuweisen so würde man
eher auf das Prinzip kommen alle Wirksamkeit ebenso bei dem höchsten Wesen wie
bei dem gröbsten Stoff zu leugnen denn wir verstehen die Wirksamkeit des Einen
so wenig wie die des Andern Ist es schwerer sich vorzustellen dass die
Bewegung vom Stoß entspringt als dass sie vom Wollen entspringt Alles was
wir wissen ist nur unsere gänzliche Unwissenheit in beiden FällenA3
Es wird Zeit mit dieser Untersuchung die schon zu lang geworden zu Ende
zu kommen Wir haben vergeblich nach dem Begriff einer Kraft oder notwendigen
Verbindung in all den Quellen gesucht aus denen sie möglicherweise abfließen
könnte Es erhellt, dass wir bei den einzelnen körperlichen Vorgängen auch
selbst bei der größten Genauigkeit nur die Folge des Einen auf das Andere
wahrnehmen aber keine Kraft oder Macht erfassen durch welche die Ursache
wirkt und kein Band zwischen ihr und der angenommenen Wirkung Dieselbe
Schwierigkeit zeigt sich bei Betrachtung der Wirksamkeit der Seele auf den
Körper wir sehen dem Wollen der ersten die Bewegung des letzteren folgen aber
können das Band welches Bewegung und Wollen verknüpft oder die Wirksamkeit,
wodurch die Seele diese Bewegung hervorbringt nicht wahrnehmen oder erfassen
Die Gewalt des Willens über seine eigenen Vermögen oder Gedanken ist nicht um
ein Haar begreiflicher kurz in der ganzen Natur zeigt sich nicht ein einziger
Fall von Verknüpfung den man erfassen könnte Alle Ereignisse erscheinen völlig
lose und getrennt Eines folgt dem Andern aber niemals können wir ein Band
zwischen ihnen wahrnehmen Sie scheinen verbunden aber nie verknüpft Da man
keinen Begriff von einer Sache haben kann welche weder äußerlich noch
innerlich wahrgenommen wird so scheint notwendig zu folgen dass wir überhaupt
keinen Begriff von Verknüpfung oder Kraft haben und dass diese Worte sowohl im
philosophischen Untersuchen wie im gewöhnlichen Leben ohne Sinn sind
Indes bleibt noch ein Weg um dieser Folgerung zu entgehen und eine
Quelle die wir noch nicht untersucht haben Es ist ohne Erfahrung trotz allen
Scharfsinns unmöglich von einem natürlichen Gegenstande oder Ereignisse seine
Folge zu entdecken oder nur zu erraten man kann mit dem Wissen nicht über den
Gegenstand hinauskommen der dem Gedächtnis oder den Sinnen unmittelbar
gegenwärtig ist Selbst nach einem Falle oder Versuche wo die besondere Folge
bemerkt worden hat man noch kein Recht eine allgemeine Regel daraus zu bilden
oder das vorauszusagen was in gleichen Fällen eintreten werde Es gilt mit
Recht als eine unverzeihliche Dreistigkeit von einem einzelnen wenn auch noch
so genauen und gewissen Versuche auf den Lauf der Natur zu Schließen Ist aber
eine besondere Art von Ereignissen immer und in allen Fällen mit einander
verbunden gewesen so ist man nicht länger bedenklich beim Eintritt des Einen
das Andere vorauszusagen und diese Denkweise zu benutzen welche uns allein über
Tatsachen und Dasein Gewissheit geben kann Man nennt dann das Eine die Ursache
und das Andere die Wirkung; man nimmt eine Verknüpfung zwischen ihnen an und
eine gewisse Kraft in dem Einen durch welche das Andere unfehlbar
hervorgebracht wird und welche mit der größten Gewissheit und strengsten
Notwendigkeit wirkt
Der Begriff einer notwendigen Verknüpfung gewisser Vorgänge entspringt
daher aus einer Anzahl ähnlicher Fälle welche diese beständige Verbindung
darlegen der einzelne Fall kann diesen Begriff nie zuführen wenn man ihn auch
von jeder Seite beleuchtet und prüft Eine Anzahl von Fällen hat aber nichts
Unterscheidendes von dem einzelnen Fall welcher als völlig gleich vorausgesetzt
worden ist; ausgenommen dass in Folge der Wiederholung solcher gleichen Fälle
die Seele durch Gewohnheit veranlasst wird beim Auftreten des einen seinen
gewöhnlichen Begleiter zu erwarten und zu glauben dass er ins Dasein treten
werde Diese Verknüpfung welche wir in der Seele fühlen dieser gewohnte
Übergang des Vorstellens von einem Gegenstande zu seinem gewöhnlichen Begleiter
ist also eine Empfindung oder ein Eindruck und daraus wird der Begriff der
Kraft oder notwendigen Verknüpfung gebildet Weiter enthält der Fall nichts
Man betrachte die Frage von allen Seiten man wird keinen andern Ursprung dieses
Begriffes entdecken Dies ist der einzige Unterschied zwischen einem einzelnen
Falle aus welchem man nie den Begriff einer Verknüpfung gewinnen kann und
einer Anzahl gleicher Fälle welche ihn zuführt Wenn Jemand das erste Mal die
Mittheilung der Bewegung durch Stoß wahrnimmt zB zweier Billardkugeln so
kann er nicht sagen dass das Eine mit dem Andern verknüpft sei sondern nur
dass sie verbunden waren Erst wenn er mehrere Fälle wahrgenommen hat sagt er
dass sie verknüpft sind Was hat sich nun ereignet um diesen neuen Begriff der
Verknüpfung zu erwecken Nichts als dass er nunmehr fühlt wie diese Ereignisse
in seinem Vorstellen verknüpft sind so dass er bei dem Eintritt des Einen die
Existenz des Andern gleich voraussehen kann Wenn man daher von der Verknüpfung
zweier Gegenstände spricht so meint man nur dass sie im Vorstellen eine
Verbindung gewonnen haben und damit die Folgerung des Einen auf das Andere
wachrufen Ein solcher Schluss scheint allerdings etwas sonderbar aber er
besitzt doch genügende Beweiskraft und diese wird auch nicht durch allgemeines
Misstrauen in den Verstand oder skeptische Zweifel gegen eine neue und
ungewohnte Folgerung geschwächt Solche Folgerungen sind dem Skeptizismus die
willkommensten sie decken die Schwäche und engen Grenzen der menschlichen
Vernunft und Vermögen auf
Und welcher stärkere Beweis als dieser konnte für die merkwürdige Schwäche
und Unwissenheit des Verstandes beigebracht werden Wenn irgend eine Beziehung
zwischen Dingen vollkommen zu kennen für uns von Bedeutung ist so ist es die
von Ursache und Wirkung. Darauf stützen sich alle unsere Schlüsse über
Tatsächliches und Dasein Dadurch allein erreichen wir Gewissheit über Dinge,
welche von dem gegenwärtigen Zeugnis des Gedächtnisses und der Sinne weit
abliegen Der einzige unmittelbare Nutzen aller Wissenschaften besteht darin,
dass sie uns lehren wie man kommende Ereignisse durch ihre Ursache beherrschen
und leiten kann Unser Vorstellen und Nachdenken ist fortwährend mit dieser
Beziehung beschäftigt Und doch sind die Begriffe die man von ihr bildet so
unvollkommen dass man keine richtige Definition der Ursache geben kann wenn
man nicht ein ihr Äußerliches und Fremdes mit hineinzieht Ähnliche
Gegenstände sind immer mit ähnlichen verknüpft Dies sagt uns die Erfahrung. Dem
entsprechend kann man die Ursache definieren als einen Gegenstand dem ein
anderer folgt und wo alle dem ersten ähnlichen Gegenstände solche die dem
zweiten ähnlich sind zur Folge haben Oder mit anderen Worten: wo wenn das
erste Ding nicht gewesen wäre das zweite niemals hätte entstehen können Der
Eintritt einer Ursache führt die Seele durch einen gewohnten Übergang immer zur
Vorstellung der Wirkung. Dies lehrt die Erfahrung ebenfalls Man kann danach
noch eine andere Definition der Ursache geben als eines Gegenstandes, dem ein
anderer folgt und dessen Eintritt immer die Gedanken auf diesen anderen führt
Obgleich beide Definitionen von Umständen die der Ursache fremd sind entlehnt
sind kann man doch diesem Übelstand nicht abhelfen noch eine bessere
Definition geben welche den Umstand in der Ursache bezeichnet der sie mit
ihrer Wirkung verknüpft Man hat keine Vorstellung von dieser Verknüpfung ja
nicht einmal einen bestimmten Begriff von dem was man damit fordert So gilt
zB das Zittern der Saite als die Ursache des Tones Aber was versteht man
unter diesem Satz Man meint entweder dass der Ton der Schwingung nachfolgt
und dass allen ähnlichen Schwingungen ähnliche Töne gefolgt sind oder: dass
diese Schwingung von dem Ton gefolgt ist und dass bei dem Eintritt jener die
Seele den Sinnen vorgreift und unmittelbar die Vorstellung des ihr folgenden
bildet Man kann die Beziehung einer Ursache und Wirkung in ein oder der anderen
Weise auffassen aber darüber hinaus hat man keinen Begriff von ihrA4
Um daher das in diesem Abschnitt Gesagte zusammenzufassen so ist jede
Vorstellung von einem vorgehenden Eindruck oder Empfindung abgenommen wo man
keinen Eindruck finden kann da ist sicherlich auch keine Vorstellung da In
allen Fällen, wo Körper oder Seelen wirksam sind erweckt nichts den Eindruck
einer Kraft oder notwendigen Verbindung und kann deshalb auch die Vorstellung
einer solchen nicht zuführen Wenn aber mehrere gleiche Fälle eintreten und
derselbe Gegenstand immer von demselben Erfolge begleitet ist so beginnt man
den Begriff von Ursache und Wirkung zu bilden Man fühlt dann einen neuen
Eindruck oder Empfindung und so eine gewohnte Verbindung im Denken und
Vorstellen zwischen einem Gegenstand und seinem gewöhnlichen Begleiter und
diese Empfindung ist das Urbild zu dem Begriff den wir fühlen Dieser Begriff
geht nur aus einer Anzahl gleicher Fälle und nicht aus einem einzelnen Falle
hervor also muss er aus dem entspringen was die Anzahl von dem einzelnen Fall
unterscheidet Diese gewohnte Verknüpfung und dieser Übergang innerhalb des
Vorstellens ist das Einzige worin beide sich unterscheiden in allem Anderen
sind sie gleich Der erste Fall wo man die Mittheilung der Bewegung durch den
Stoß von zwei Billardkugeln wahrnimmt um zu diesem deutlichen Beispiel
zurückzukehren ist genau jedem später vorkommenden Falle gleich ausgenommen
dass man bei dem ersten Male von dem einen Ereignis nicht auf das andere
Schließen konnte was wir jetzt nach einer langen Reihe gleicher Erscheinungen
im Stande sind Ich weiß nicht ob der Leser diese Darstellung leicht fassen
wird wollte ich noch mehr Worte verwenden oder den Gegenstand in
mannigfacheres Licht stellen so fürchte ich ihn nur dunkler und verworrener
zu machen In allen tieferen Untersuchungen gibt es einen Gesichtspunkt der
wenn er glücklich getroffen wird den Gegenstand besser erläutert als alle
Beredsamkeit und aller Wortreichtum der Welt Diesen Gesichtspunkt habe ich zu
gewinnen versucht den Schmuck der Beredsamkeit überlasse ich Denen die dazu
geschickter sind
Man sollte billig erwarten dass in Fragen welche seit dem Bestehen der
Wissenschaften und Philosophie mit Eifer erwogen und verhandelt worden sind,
wenigstens über den Sinn der Worte unter den Streitenden Übereinstimmung
herrschen und dass die Anstrengungen von zweitausend Jahren wenigstens
ermöglicht hätten von den Worten zu dem wirklichen und wahren Streitgegenstand
überzugehen Es scheint ja so leicht genaue Definitionen der in der
Untersuchung gebrauchten Ausdrücke zu geben und diese Definitionen und nicht den
leeren Schall der Worte zum Gegenstand der Untersuchung und Prüfung zu machen
Tritt man indes der Sache näher so ergibt sich das Entgegengesetzte Ist eine
Streitfrage schon lange verhandelt und noch heute unentschieden so kann man
sicher abnehmen dass irgend eine Zweideutigkeit im Ausdrucke besteht und dass
die Kämpfer den in ihrem Streite gebrauchten Worten einen verschiedenen Sinn
unterlegen denn die Seelenkräfte gelten von Natur bei Allen als gleich sonst
wäre alles Begründen und Streiten vergeblich Wenn die Menschen daher denselben
Sinn mit den Worten verbänden so könnten sie unmöglich so lange verschiedener
Meinung über ein und dasselbe sein besonders wenn sie sich ihre Ansichten
mittheilen und jeder Teil nach allen Richtungen Beweisgründe aufsucht um den
Sieg über den Gegner zu gewinnen Wenn man allerdings Fragen verhandelt die
ganz außerhalb des Bereiches menschlicher Fähigkeit liegen zB über den
Ursprung der Welt oder über die Einrichtung des Geisterreichs so mag man lange
den fruchtlosen Streit erschallen lassen und nie zu einem bestimmten Schlusssatz
gelangen Betrifft aber die Frage irgend einen Gegenstand des gewöhnlichen
Lebens und der Erfahrung, so können sicherlich nur zweideutige Ausdrücke den
Streit so lange unentschieden hinhalten nur diese können die Gegner in einer
gewissen Entfernung von einander halten und sie nicht zum Ringen kommen lassen
Dies ist der Fall in dem langen Streit über Freiheit und Notwendigkeit
gewesen Es ist dies um so auffallender als wenn ich nicht sehr irre sich
ergeben wird dass in dieser Frage Jedermann der Gelehrte wie der Ungelehrte
derselben Ansicht gewesen ist und einige wenige verständliche Definitionen dem
ganzen Streite ein Ende gemacht haben würden Der Streit ist so vielfach von
aller Welt geführt und hat die Philosophen in ein solches Wirrsal dunkler
Sophisterei verwickelt dass man sich nicht wundern darf wenn verständige Leser
sich wegwenden und von einer Erörterung dieser Frage nichts mehr hören mögen
die weder Unterhaltung noch Belehrung verspricht Indes wird die hier folgende
Darstellung vielleicht die Aufmerksamkeit erregen da sie neu ist die
Entscheidung des Streites verheißt und das Behagen des Lesers nicht durch
verwickelte und dunkle Ausführungen stören wird
Ich hoffe also klar zu machen dass alle Menschen in der Lehre von der
Freiheit und Notwendigkeit eines Sinnes gewesen sind sobald man diesen Worten
einen vernünftigen Sinn unterlegt und dass der ganze Streit sich bisher nur um
Worte gedreht hat Ich werde mit Prüfung der Lehre von der Notwendigkeit
beginnen
Man erkennt allgemein an dass der Stoff in all seinen Gestaltungen durch
eine notwendige Kraft geleitet wird und dass jede natürliche Wirkung so genau
durch die Wirksamkeit ihrer Ursache bestimmt wird, dass keine andere Wirkung
unter diesen Umständen daraus hervorgehen kann Das Maaß und die Richtung jeder
Bewegung ist durch die Naturgesetze mit solcher Schärfe vorgeschrieben das eher
ein lebendes Wesen aus dem Stoß zweier Körper hervorgehen kann als eine
Bewegung von anderer Stärke und Richtung als die wirklich hervorgebrachte Will
man daher einen richtigen und genauen Begriff von der Notwendigkeit sich
bilden so muss man sehen woher der Begriff kommt wenn man ihn auf körperliche
Vorgänge anwendet
Wenn alle Naturvorgänge in der Weise Statt hätten dass keine zwei einander
irgend ähnlich wären sondern jeder ein eigentümlicher für sich ohne
Ähnlichkeit mit irgend einem früheren so wurde man dann offenbar den Begriff
der Notwendigkeit oder der Verknüpfung dieser Gegenstände nie gebildet haben
Man könnte dann wohl sagen dass eine Sache der andern gefolgt sei aber nicht
dass die eine die andere hervorgebracht habe Die Beziehung von Ursache und
Wirkung wäre dann dem Menschen ganz unbekannt Schlüsse und Begründungen in
Bezug auf Naturvorgänge hätten dann sogleich ein Ende und das Gedächtnis und
die Sinne würden die einzigen Kanäle sein durch welche das Wissen um ein
wirkliches Dasein möglicherweise in die Seele eintreten könnte
Unser Begriff einer Notwendigkeit und Verursachung entspringt also
lediglich aus der wahrgenommenen Gleichförmigkeit in der Natur, in welcher
gleiche Dinge immer mit einander verknüpft sind und die Seele durch Gewohnheit
bestimmt wird, von dem einen auf das andere zu Schließen Diese beiden Umstände
bilden das Wesen von jener Notwendigkeit welche wir dem Stoffe beilegen Ohne
die beständige Verbindung gleicher Dinge und der richtigen Folgerung des einen
aus dem andern hätte man keinen Begriff von Notwendigkeit und Verknüpfung
Sollte sich zeigen dass Jedermann immer ohne Zaudern und Zweifeln anerkannt
hat dass diese beiden Umstände bei den freiwilligen Handlungen der Menschen und
bei den Vorgängen in der Seele bestehen so folgt, dass Jedermann in der Lehre
der Notwendigkeit gleichen Sinnes gewesen ist und dass man sich bisher nur
gestritten hat weil man sich nicht verstanden hat
Was den ersten Umstand die feste und regelmäßige Verbindung gleicher
Ereignisse anlangt so werden die hier folgenden Betrachtungen genügenden
Aufschluss gewähren Man gesteht allgemein zu dass eine große Regelmäßigkeit
im menschlichen Handeln bei allen Völkern und zu allen Zeiten besteht und dass
die menschliche Natur in ihren Gesetzen und Vorgängen sich gleich bleibt Die
gleichen Beweggründe führen zu denselben Handlungen die nämlichen Wirkungen
folgen den nämlichen Ursachen Die Ehrsucht der Geiz die Selbstliebe die
Eitelkeit die Feindschaft der Edelmut der öffentliche Geist all diese
Leidenschaften haben in verschiedenen Mischungen und Austeilungen unter den
Menschen von Beginn der Welt und noch heute die Quelle aller Handlungen und
Unternehmen unter den Menschen gebildet Will man die Gedanken Neigungen und
den Lebenslauf der Griechen und Römer kennen so muss man sorgfältig das
Temperament der Franzosen und Engländer studieren Man wird wenig fehlgreifen
wenn man die meisten dieser Beobachtungen auf Jene überträgt Die Menschen sind
in allen Zeiten und Orten so sehr dieselben dass die Geschichte uns hierin
nichts Neues oder Fremdes bietet Ihr Hauptnutzen liegt in der Aufdeckung der
festen und allgemeinen Gesetze der menschlichen Natur indem sie die Menschen in
den verschiedensten Verhältnissen und Lagen darstellt und so den Forscher mit
Material versorgt woraus man die Regeln ziehen und die Kenntnis der
regelmäßigen Springfedern menschlichen Handelns und Benehmens gewinnen kann
Die Berichte über Kriege Intriguen Verteidigungen und Revolutionen sind
ebenso viel Sammlungen von Versuchen aus welchen der Staatsmann oder
Moralphilosoph die Grundsätze seiner Wissenschaft ableitet gerade wie die
Naturforscher und Naturphilosophen durch die Versuche mit der Natur der
Pflanzen Mineralien und anderer Gegenstände bekannt werden Die Erde das
Wasser und die anderen Elemente welche Aristoteles und Hippokrates untersucht
haben sind den heutiges Tags untersuchten nicht ähnlicher als die von Polybius
und Tacitus geschilderten Menschen denen welche jetzt die Welt regieren
Wenn ein Reisender aus einem fernen Lande zurückkehrte und uns von Menschen
erzählte die ganz verschieden von allen uns bekannten wären die von Ehrsucht
Geiz und Rachsucht ganz frei wären denen nur Freundschaft Edelmut
Opferwilligkeit für das Allgemeine als Genuss gelte so würde man sogleich an
diesen Umständen die Unwahrheit erkennen und ihn für einen Lügner erklären und
zwar so gewiss als wenn er seine Erzählung mit Geschichten von Zentauren und
Drachen Wundern und Ungeheuerlichkeiten aufgeputzt hätte Will man irgend eine
Verfälschung der Geschichte herausbringen so kann man kein überzeugenderes
Mittel benutzen als nachzuweisen dass die der Person zugeschriebenen
Handlungen geradezu gegen den Lauf der Natur sind und dass unter solchen
Umständen kein menschlicher Beweggrund zu einem solchen Benehmen geführt haben
könne Die Wahrhaftigkeit von Quintus Curtius ist ebenso verdächtig wo er den
übernatürlichen Muth Alexanders beschreibt und ihn allein auf große Massen
losstürzen lässt als wo er die übernatürliche Kraft und Behändigkeit
beschreibt mit der er seinen Gegnern zu widerstehen vermochte So leicht und
allgemein erkennt man an dass in den Beweggründen und Handlungen des Menschen
dieselbe Gleichförmigkeit wie in den Bewegungen der Körper besteht
Darauf beruht der Nutzen der Erfahrungen die man durch ein langes Leben und
mannichfache Tätigkeit und Gesellschaft sammelt sie lehrt uns die Gesetze der
menschlichen Natur und regelt unser künftiges Benehmen und unsere Pläne Mit
diesem Führer lernen wir die Neigungen und Beweggründe der Menschen aus ihren
Handlungen Reden und Gebärden erkennen vermittelst der Kenntnis ihrer
Beweggründe und Neigungen unternehmen wir die Erklärung ihrer Handlungen Die
Regeln welche man aus langer Erfahrung sich bildet geben den Schlüssel zur
menschlichen Natur und mit ihnen kann man ihre Verwickelungen entwickeln
Vorwände und Schein täuschen dann nicht mehr Öffentliche Erklärungen gelten
dann für Beschönigung des Sachverhalts Und obgleich man der Tugend und Ehre
ihren Werth und ihre Geltung zugesteht sucht man doch diese so oft vorgeführte
vollkommene Selbstlosigkeit nicht in der Menge und in den Parteien nur selten
in ihren Führern und kaum hie und da in einzelnen Männern von Rang und
Bedeutung Bestände nicht diese Gleichförmigkeit im menschlichen Handeln und
wäre jeder hier angestellte Versuch regellos und ungleich so könnte man keine
allgemeine Regeln über Menschen aufstellen und selbst die noch so sehr
durchdachte Erfahrung hätte keinen Nutzen Weshalb ist der alte Bauer
geschickter in seinem Geschäft als der junge Anfänger nur weil eine gewisse
Regelmäßigkeit zwischen den Wirkungen der Sonne dem Regen der Erde und dem
Wachstum der Pflanzen besteht und weil die Erfahrung dem alten Praktiker die
Regeln gelehrt hat wodurch dieser Einfluss bestimmt und geleitet werden kann.
Man darf indes nicht meinen dass diese Regelmäßigkeit menschlichen
Handelns so weit gehe dass Alle unter denselben Umständen genau in gleicher
Weise handeln ohne Rücksicht auf den Unterschied des Charakters der
Vorurteile und Meinungen Eine solche bis in das Kleinste reichende
Regelmäßigkeit zeigt sich in keinem Theile der Natur. Man kann aber aus der
Mannigfaltigkeit des Benehmens Mehrerer eine größere Anzahl von Regeln bilden
welche immer noch einen Grad von Gleichförmigkeit und Regelmäßigkeit beweisen
Sind nicht die Sitten der Menschen in verschiedenen Zeiten und Ländern
verschieden Daraus erhellt die große Macht der Gewohnheit und Erziehung sie
bearbeiten die Seele von der Kindheit ab und bilden sie zum festen Charakter
Ist das Benehmen und die Aufführung der Männer nicht sehr von der der Frauen
verschieden Dies zeigt den Unterschied der Charaktere welche die Natur den
beiden Geschlechtern erteilt hat und die sie beharrlich und gleichmäßig
beibehält Sind nicht die Handlungen desselben Menschen sehr verschieden nach
den verschiedenen Perioden seines Lebens nach Kindheit und Alter Daraus können
viele Kegeln über den allmählichen Wechsel unserer Empfindungen und Neigungen
abgeleitet werden und über den Unterschied der Grundsätze welche in den
verschiedenen Lebensaltern des Menschen die Oberhand haben Selbst der
individuelle Charakter zeigt Regelmäßigkeit in seiner Wirksamkeit sonst könnte
man aus der Kenntnis der Personen und der Beobachtung ihres Benehmens nicht auf
ihre Absichten Schließen und das eigene Benehmen danach einrichten
Ich gebe zu dass man Handlungen aufzeigen kann welche keine regelmäßige
Verbindung mit einem bekannten Beweggrunde haben und eine Ausnahme zu allen
Regeln des Benehmens bilden welche für die Leitung des Menschen aufgestellt
worden sind. Wenn man aber die Urteile über solche unregelmäßige und
ausnahmsweise Handlungen kennen lernen will so muss man auf die Ansichten
zurückgehen die über unregelmäßige Erfolge sich bilden welche im Laufe der
Natur und bei den Vorgängen der äußeren Gegenstände sich zeigen Alle Ursachen
sind nicht mit gleicher Regelmäßigkeit mit ihren Wirkungen verknüpft Ein
Handwerker der nur einen rohen Stoff verarbeitet kann in seiner Absicht ebenso
irregeführt werden als ein Staatsmann der die Wirksamkeit geistiger und
empfindender Kräfte leitet
Die Menge welche die Dinge nach ihrer ersten Erscheinung beurteilt
schreibt die Unsicherheit des Erfolges der Ungewissheit in den Ursachen zu
deshalb sollen sie in ihrem Einfluss manchmal fehlgreifen wenn auch kein
Hindernis ihrer Tätigkeit entgegentritt Aber Philosophen bemerken dass
beinah in allen Gebieten der Natur eine große Mannigfaltigkeit von wirkenden
Kräften und Prinzipien besteht welche wegen ihrer Kleinheit oder Entfernung
nicht bemerkt werden und erkennen es wenigstens als möglich an dass der
Unterschied der Erfolge nicht von einer Zufälligkeit in der Ursache, sondern von
den geheimen Wirkungen der Gegenursachen herrührt Fortgesetzte Beobachtung
verwandelt diese Möglichkeit in Gewissheit man bemerkt bei genauer Untersuchung
immer dass der unterschied der Erfolge einen Unterschied in den Ursachen
verrät und aus deren wechselseitiger Hemmung entspringt Ein Bauer kann wenn
die Uhr stehen bleibt keinen Grund dafür angeben als dass sie meist nicht
richtig gegangen sei aber der Sachverständige weiß dass dieselbe Kraft der
Feder oder des Pendels immer dieselbe Kraft auf die Räder übt und dass diese
gewohnte Wirkung hier vielleicht nur wegen eines Sandkornes ausbleibt welches
die Bewegung aufhält Aus der Beobachtung verschiedener gleichlaufender Fälle
entnehmen die Philosophen den Grundsatz dass die Verknüpfung zwischen allen
Ursachen und Wirkungen gleich notwendig ist und dass die anscheinenden
Ausnahmen in einzelnen Fällen nur von geheimen Gegenwirkungen anderer Ursachen
herkommen
Wenn zB bei dem menschlichen Körper die gewöhnlichen Zeichen von
Gesundheit und Krankheit das Urteil täuschen wenn die Medizin nicht in
gewöhnlicher Weise wirkt wenn unregelmäßige Erfolge sich an eine Ursache
knüpfen so ist der Philosoph und Arzt nicht darüber verwundert sie bestreiten
deshalb im Allgemeinen nicht die Notwendigkeit und Gleichförmigkeit der
Prinzipien welche das tierische Leben regieren Sie wissen dass der
menschliche Körper eine außerordentlich verwickelte Maschine ist dass viele
geheime Kräfte in ihm lauern von denen man keine Vorstellung hat dass er in
seiner Wirksamkeit oft unregelmäßig erscheinen muss und dass deshalb diese
unregelmäßigen Folgen welche sich äußerlich zeigen nicht beweisen dass die
Naturgesetze nicht die größte Regelmäßigkeit in ihrer inneren Wirksamkeit und
Wirkung innehalten
Will der Philosoph folgerecht sein so muss er dasselbe von den Handlungen
und dem Wollen verständiger Wesen gelten lassen Die unregelmäßigsten und
unerwartetsten Entschlüsse eines Menschen werden von dem verstanden der alle
Einzelheiten seines Charakters und seiner Lage kennt Ein gutmütiger Mensch
gibt eine mürrische Antwort aber er hat Zahnschmerzen oder hat noch nicht zu
Mittag gegessen Ein dummer Mensch zeigt eine ungewohnte Lebhaftigkeit in seinem
Benehmen aber es ist ihm plötzlich etwas Angenehmes begegnet Selbst wenn für
eine Handlung zu Zeiten keine genügende Erklärung weder von dem Handelnden
selbst noch von Andern gegeben werden kann, so bleibt die Regel dass die
Charaktere der Menschen bis zu einem gewissen Grade unbeständig und
unregelmäßig sind Dies ist gewissermaßen der feste Zug in der menschlichen
Natur insbesondere gilt er für Solche welche keine Regel in ihrem Benehmen
festhalten sondern sich in einer fortlaufenden Reihe von Eigensinn und
Unbeständigkeit bewegen Trotz dieser anscheinenden Unregelmäßigkeit können die
inneren Prinzipien und Beweggründe regelmäßig wirken wie man ja auch bei dem
Winde dem Regen den Wolken und anderem Wechsel des Wetters feste Gesetze für
ihr Eintreten voraussetzt die nur der menschliche Scharfsinn und die
Beobachtung nicht leicht entdecken können
So zeigt sich dass die Verbindung zwischen Beweggrund und Handeln ebenso
regelmäßig und gleichförmig ist wie die zwischen Ursache und Wirkung in allen
Gebieten der Natur. Diese regelmäßige Verbindung wird von Jedermann anerkannt
und ist weder im Leben noch in der Philosophie bestritten worden Da nur frühere
Erfahrung die Unterlage für alle Schlüsse auf die Zukunft abgibt und da man
annimmt dass Gegenstände die man immer verbunden angetroffen hat auch immer
verbunden bleiben werden so ergibt sich von selbst dass diese wahrgenommene
Gleichförmigkeit des menschlichen Handelns die Quelle ist ans der wir die
Schlüsse für dasselbe ableiten Um indes die Untersuchung nach allen Seiten
abzuschließen will ich zu diesem letzten Punkte noch Einiges bemerken
Die gegenseitige Abhängigkeit der Menschen in allen Gemeinschaften derselben
ist so groß dass kaum irgend eine menschliche Handlung in sich selbst so
abgeschlossen und ohne Beziehung auf die Handlungen Anderer ist dass ohne diese
die Absicht des Handelnden erreichbar wäre Der ärmste Handwerker der für sich
allein arbeitet hofft mindestens auf den Schutz der Obrigkeit um ihm den
Genuss der Früchte seiner Arbeit zu sichern Ebenso erwartet er dass er wenn
er seine Waren zu Markte bringt und billige Preise stellt Käufer finden werde
und dass er mit dem gelösten Gelde Andere wird bestimmen können ihn mit dem
was er zu seinem Lebensunterhalte bedarf zu versehen Je weiter die Menschen
ihre Tätigkeit ausdehnen und je verwickelter der Verkehr mit Andern wird
desto grösser wird bei ihren Plänen die Mannigfaltigkeit der Handlungen welche
nach den besonderen Beweggründen mit den ihrigen sich verbinden sollen Bei
allen diesen Übergängen fasst man seine Maßregeln nach früheren Erfahrungen
wie bei den Erwägungen rücksichtlich äußerer Gegenstände und man ist
überzeugt dass die Menschen ebenso wie die Elemente in ihrer Wirksamkeit genau
so bleiben werden wie man sie immer gefunden hat Ein Fabrikant rechnet auf die
Arbeit seiner Leute für die Fertigung seiner Waren ebenso sicher wie auf die
Wirksamkeit der Werkzeuge welche er dabei benutzt und er würde ebenso
überrascht sein wenn er dort in seinen Erwartungen getauscht würde Kurz
dieses Schließen aus Erfahrung auf die Handlungen Anderer dringt so in das
Leben ein dass Niemand im wachen Zustande auch nur einen Augenblick davon
ablässt Kann man daher nicht mit Recht behaupten dass alle Menschen in der
Lehre von der Notwendigkeit nach der obigen Definition und Erläuterung
derselben immer übereingestimmt haben
Selbst Philosophen haben in diesem Punkte keine von der gemeinen
abweichende Ansicht denn abgesehen davon dass beinahe jede Handlung ihres
Lebens von dieser Ansicht ausgeht ist sie auch für jede tiefere Untersuchung in
den Wissenschaften unentbehrlich Was sollte aus der Geschichte werden
vertraute man nicht der Wahrhaftigkeit des Geschichtsschreibers nach der
Erfahrung, die man über die Menschen besitzt Wie könnte die Politik eine
Wissenschaft sein wenn die Gesetze und Verwaltungsformen nicht einen
gleichmäßigen Einfluss auf die Gesellschaft übten Wo bliebe die Grundlage der
Moral wenn bestimmte Charaktere nicht die sichere und bestimmte Macht hätten
bestimmte Entschlüsse hervorzurufen und wenn diese Entschlüsse nicht eine
regelmäßige Wirksamkeit auf die Handlung hätten Und mit welchem Rechte könnte
man die Kritik über einen Dichter oder ästhetischen Schriftsteller üben wenn
das Benehmen und die Gesinnungen seiner Personen nach ihren Charakteren und
Verhältnissen weder für natürlich noch unnatürlich erklärt werden könnten Man
kann sich daher weder mit einer Wissenschaft noch mit einer Handlung befassen
ohne die Lehre von der Notwendigkeit und die Schlussfolgerungen vom Beweggrunde
auf die Handlung und vom Charakter auf das Benehmen anzuerkennen
Betrachtet man wie eng die Gewissheit in natürlichen und in moralischen
Dingen mit einander verkettet sind und zusammen nur eine Reihe von Schlüssen
bilden so wird man sicherlich anerkennen dass sie gleicher Natur sind und aus
denselben Prinzipien sich ableiten Ein Gefangener welcher weder Geld noch
Einfluss hat erkennt die Unmöglichkeit seiner Flucht sowohl wenn er den
Widerstand seines Wächters bedenkt als wenn er die Mauern und Einfassungen
betrachtet Bei allen Freiheitsversuchen arbeitet er noch eher gegen Stein und
Eisen der letzteren, als gegen die unbeugsame Natur des ersten Wenn dieser
Gefangene zum Schaffot geführt wird so weiß er dass die Gewissheit seines
Todes ebenso durch die Festigkeit und Treue der Wächter als durch die
Wirksamkeit des Beils und Rades bedingt ist Seine Gedanken bewegen sich in
einer bestimmten Reihe von Vorstellungen, als die Weigerung der Soldaten ihn
entwischen zu lassen die Handlung des Scharfrichters die Trennung des Kopfes
vom Rumpfe das Verbluten die krampfhaften Zuckungen und der Tod Hier sind
natürliche Ursachen und willkürliche Handlungen verkettet aber die Seele macht
beim Übergang von dem einen zum andern keinen Unterschied zwischen ihnen und
sie ist des kommenden Erfolges ebenso sicher als wenn dieser Erfolg nur mit
Dingen die dem Gedächtnis gegenwärtig sind durch eine Reihe von Ursachen
verknüpft wäre die man die physische Notwendigkeit zu nennen pflegt Eine
durch die Erfahrung bekannte Verbindung wirkt gleich stark auf die Seele mögen
die verbundenen Dinge Beweggründe Wollen und Handlungen oder Gestalten und
Bewegungen sein Wir können wohl die Namen der Dinge andern aber niemals deren
Natur und Wirksamkeit auf die Seele
Kommt ein mir als ehrlich und reich bekannter und mir befreundeter Mann in
mein Haus wo ich von meinen Leuten umgeben bin so bin ich so sicher dass er
mich nicht vor seinem Fortgehen erstechen wird um mein Silberzeug zu rauben als
ich sicher bin dass mein neues und fest gebautes Haus nicht einfallen wird
Aber er könnte von einem plötzlichen Wahnsinn befallen werden Nun so kann
auch plötzlich ein Erdbeben entstehen mein Haus erschüttern und über meinen
Kopf zusammenstürzen lassen Ich will deshalb die Voraussetzungen ändern Ich
werde sagen dass ich gewiss bin er werde seine Hand nicht in das Feuer halten
und warten bis sie verbrannt ist Und dies meine ich kann ich mit derselben
Sicherheit voraus sagen als jenes dass, wenn er aus dem Fenster springt und
keinen Anhalt findet er nicht einen Augenblick in der Luft sich schwebend
erhalten wird Kein Verdacht eines unbekannten Wahnsinns kann das erste
Ereignis welches allen bekannten Gesetzen der Menschennatur widerspricht im
Geringsten wahrscheinlich machen Wer an einem Nachmittag seine mit Gold
gefüllte Börse auf das Pflaster von Charing cross legt kann ebenso gut
voraussetzen dass sie wie eine Feder davonfliegen wird als dass er sie eine
Stunde später noch unberührt dort wiederfinden werde Über die Hälfte der
menschlichen Folgerungen enthält Schlüsse ähnlicher Art die für mehr oder
minder gewiss gelten je nach unserer Erfahrung von dem gewöhnlichen Benehmen
der Menschen in solchen besonderen Verhältnissen
Ich habe oft nach dem Grunde gesucht weshalb Jedermann obgleich er die
Lehre der Notwendigkeit ohne Zaudern in seinem Handeln und in seinem Denken
anerkennt doch so schwer sich entschließt sie in Worten anzuerkennen und zu
allen Zeiten eher zur entgegengesetzten Meinung sich bekennt Die Sache kann
vielleicht so erklärt werden. Wenn man die Wirksamkeit der Körper und die
Hervorbringung der Wirkungen aus ihren Ursachen untersucht so findet sich dass
all unser Denken uns in der Kenntnis dieser Beziehung nicht weiter bringt als
zu der einfachen Bemerkung dass gewisse Dinge beständig mit einander verbunden
sind, und dass die Seele durch einen gewohnten Gedankengang bei dem Eintritt des
einen zum Glauben des andern bestimmt wird. Obgleich dies Ergebnis menschlicher
Unwissenheit sich aus der genauesten Untersuchung der Frage ergibt so neigen
die Menschen doch sehr zu der Meinung dass sie tiefer in die Kräfte der Natur
eindringen und etwas gleich einer notwendigen Verknüpfung zwischen Ursache und
Wirkung erkennen Wenden sie sich dann zur Betrachtung der Vorgänge in ihrer
eigenen Seele und fühlen sie da keine solche Verknüpfung zwischen Beweggrund und
Handlung so entnehmen sie daraus dass ein Unterschied in den Wirkungen
besteht je nachdem sie aus körperlicher Kraft oder aus Gedanken und Einsicht
entspringen Ist man aber einmal überzeugt dass man nichts weiter von der
Ursachlichkeit jeder Art kennt als bloß die beständige Verbindung von Dingen
und folgeweise die Folgerung von dem Einen auf das Andere in die Seele und
findet man dass diese zwei Umstände allgemein bei Handlungen Statt haben so
wird man geneigter sein auch hier dieselbe Notwendigkeit wie bei allen andern
Ursachen anzuerkennen Und obgleich diese Darstellung dem Systeme vieler
Philosophen widerspricht insofern es den Entschlüssen des Willens
Notwendigkeit zuschreibt so ergibt sich doch bei näherer Betrachtung dass
man nur in Worten aber nicht in dem Sinne von einander abweicht Die
Notwendigkeit in dem hier dargelegten Sinne ist nie und kann meines Erachtens
nie von einem Philosophen zurückgewiesen werden Man kann höchstens behaupten
dass die Seele bei äußerlichen Vorgängen eine weitere Verknüpfung zwischen
Ursache und Wirkung erkennen kann und dass diese Verknüpfung bei freiwilligen
Handlungen vernünftiger Wesen nicht stattfindet Ob dies sich so verhält oder
nicht kann nur die Untersuchung entscheiden und es liegt diesen Philosophen
ob ihre Behauptung zu beweisen und jene Notwendigkeit zu definieren zu
beschreiben und in der Wirksamkeit der körperlichen Ursachen aufzuzeigen
Es scheint wirklich dass man diese Frage über Freiheit und Notwendigkeit
am verkehrten Ende anfasst wenn man mit der Untersuchung der Seelenvermögen
dem Einfluss des Verstandes und der Wirksamkeit des Willens beginnt Man muss
mit einer einfacheren Frage beginnen nämlich mit der Wirksamkeit der Körper und
des vernunftlosen Stoffes und ermitteln weshalb man hier einen Begriff von
Ursachlichkeit und Notwendigkeit bilden kann der mehr ist als regelmäßige
Verbindung der Dinge und folgeweise Schluss der Seele von einem auf den andern
Wenn diese Bestimmungen in Wahrheit den ganzen Inhalt der Notwendigkeit
ausmachen welche bei körperlichen Dingen angenommen wird und wenn diese
Bestimmungen wie Jedermann anerkennt auch bei der Wirksamkeit der Seele
bestehen so ist der Streit zu Ende oder er ist wenigstens dann nur noch ein
Wortstreit So lange man aber voreilig annimmt dass man bei den Vorgängen der
äußeren Gegenstände noch einen weitem Begriff von Ursachlichkeit und
Notwendigkeit habe während man doch in den freiwilligen Handlungen der Seele
nichts Weiteres finden kann bleibt es unmöglich die Frage zu einer bestimmten
Entscheidung zu bringen da man von irrtümlichen Voraussetzungen ausgeht Der
einzige Weg sich nicht zu täuschen ist höher zu steigen den geringen Umfang
der Wissenschaft in Bezug auf körperliche Ursachen zu untersuchen und sich zu
überzeugen dass Alles was wir von ihnen wissen sich auf die beständige
Verbindung und die obenerwähnte Schlussfolgerung beschränkt Es wird uns
vielleicht schwer dem menschlichen Wissen so enge Schranken zu setzen aber
wenn man diese Lehre auf die willkürlichen Handlungen ausdehnt wird man keine
Schwierigkeiten mehr finden Denn da diese Handlungen offenbar eine regelmäßige
Verbindung mit den Beweggründen Umständen und Charakteren haben und da wir
fortwährend von dem Einen auf das Andere Schließen so muss man selbst in
Worten sich zu der Notwendigkeit bekennen die man bereits in jeder Überlegung
des Lebens und in jedem Schritt des eigenen Benehmens und Handelns anerkannt
hatA5
Um in diesem versöhnlichen Unternehmen über die Freiheit und Notwendigkeit
der bestrittensten Frage in der bestrittensten Wissenschaft nämlich der
Metaphysik fortzufahren wird es nur weniger Worte bedürfen um zu beweisen
dass die Menschen in der Lehre der Freiheit ebenso derselben Meinung wie bei der
Notwendigkeit gewesen sind und dass der ganze Streit auch hier sich nur um
Worte gedreht hat Denn was versteht man unter Freiheit bei willkürlichen
Handlungen Man meint sicherlich nicht dass die Handlungen so wenig mit den
Beweggründen Neigungen und Umständen verbunden seien dass nicht das Eine mit
einer gewissen Gleichförmigkeit auf das Andere folgte und dass das Eine keinen
Anhalt biete um auf die Existenz des Andern zu Schließen denn das sind klare
und anerkannte Tatsachen Man kann deshalb unter Freiheit nur die Macht
verstehen zu handeln oder nicht zu handeln je nach dem Beschluss des Willens
dh wenn wir uns ruhen wollen so können wir es und wenn wir uns bewegen
wollen so können wir es auch Diese bedingte Freiheit wird allgemein bei Jedem
anerkannt der nicht ein Gefangener und in Ketten ist Hier ist also kein
Streitgegenstand
Welche Definition der Freiheit man auch aufstelle immer muss man zwei
Umstände beachten erstens dass sie mit den Tatsachen übereinstimme und
zweitens dass sie mit sich selbst übereinstimme Beachtet man Beides und macht
man die Definition verständlich so wird sich sicherlich ergeben dass alle Welt
hierbei einerlei Meinung ist
Man gibt allgemein zu dass nichts da ist ohne Ursache für sein Dasein und
dass Zufall im strengen Sinne nur eine Verneinung ist und keine wirkliche Kraft
bezeichnet die irgend ein Dasein in der Natur hätte Aber man behauptet bei
gewissen Ursachen dass sie notwendig seien und bei anderen dass sie es nicht
seien Hier zeigt sich nun der Nutzen der Definitionen Man möge nur eine
Ursache definieren ohne die notwendige Verknüpfung mit der Wirkung als einen
Teil der Definition darin aufzunehmen man zeige genau den Ursprung des
Begriffs, welcher durch die Definition ausgedrückt ist gelingt es so will ich
mich sofort für besiegt erklären Ist man aber der obigen Erklärung beigetreten
so erhellt, dass ein solches Unternehmen unausführbar ist Ohne regelmäßige
Verbindung der Dinge unter einander hätten wir nie den Begriff von Ursache und
Wirkung bekommen und diese regelmäßige Verbindung führt zu dem Schluss des
Verstandes, welcher die einzige Verknüpfung ist die man begreifen kann Jeder
Versuch die Ursache zu definieren ohne diese Bestimmungen aufzunehmen muss
entweder in unverständliche Ausdrücke geraten oder in solche welche nur in
Worten von dem zu definierenden Gegenstand verschieden sindA6 Wenn man aber die
oben gegebene Definition anerkennt so ist die Freiheit als Gegensatz der
Notwendigkeit und nicht des Zwanges dasselbe wie Zufall von dem man allgemein
anerkennt dass er nicht besteht
Nichts ist in Streitfällen gebräuchlicher und doch tadelnswerter als der
Versuch eine Behauptung dadurch zu widerlegen dass man sagt sie sei von
gefährlichen Folgen für Religion und Moral Führt eine Behauptung auf
Ungereimtheiten so ist sie sicherlich falsch aber sie ist es keineswegs wegen
ihrer gefährlichen Folgen Solche Wendungen sollte man daher ganz vermeiden sie
führen nicht zur Entdeckung der Wahrheit sondern machen nur die Person des
Gegners verhasst Ich führe dies nur im Allgemeinen an ohne einen Vorteil
davon ziehen zu wollen Ich unterwerfe mich offen einer solchen Prüfung und wage
dreist zu behaupten dass die oben dargelegten Sätze über Notwendigkeit und
Freiheit sich nicht allein mit der Moral vertragen sondern eine wesentliche
Stütze derselben bilden
Die Notwendigkeit kann auf zwei Arten definiert werden nach den zwei
Definitionen der Ursache, von der sie einen wesentlichen Bestandteil bildet
Sie besteht entweder in einer beständigen Verbindung gleicher Dinge oder in dem
Verstandesschluss von dem einen auf das andere Nun hat man allgemein wenn auch
schweigend in den Schulen auf der Kanzel und im Leben anerkannt dass die
Notwendigkeit in beiderlei Sinn im Grunde ist es nur einer im Wollen des
Menschen besteht und Niemand hat bis jetzt geleugnet dass man Schlüsse aus
menschlichen Handlungen ziehen kann und dass diese Schlüsse sich auf die
Verbindung stützen welche zwischen denselben Handlungen und denselben
Beweggründen Neigungen und Umständen wahrgenommen wird Der einzige Punkt
worüber man verschiedener Meinung sein kann ist entweder dass man sich nicht
entschließen mag dieser Eigenschaft des menschlichen Handelns den Namen
Notwendigkeit zu geben so lange indes als man im Sinne einig ist kann das
Wort keinen Schaden tun oder dass man meint noch etwas Weiteres in der
Wirksamkeit der Körper entdecken zu können Welche Folge dies nun auch auf
Naturphilosophie und Metaphysik haben mag auf die Moralität und Religion hat es
offenbar keine Man kann sich irren wenn man behauptet dass kein anderer
Begriff von Notwendigkeit oder Verknüpfung in der Wirksamkeit der Körper
besteht aber der Wirksamkeit der Seele schreibt man gewiss nichts zu als was
Jeder bereitwillig anerkennt und anerkennen muss Ich verändere nichts in dem
feststehenden orthodoxen System rücksichtlich des Willens sondern nur
rücksichtlich der körperlichen Dinge und Ursachen Keine Lehre kann deshalb
unschuldiger als diese sein
Da alle Gesetze auf Lohn oder Strafe gestützt werden so gilt als
fundamentales Prinzip dass diese Beweggründe einen gleichförmigen und
regelmäßigen Einfluss auf die Seele üben und sowohl die guten Handlungen
veranlassen wie die schlechten verhindern Man nenne diesen Einfluss wie man
wolle da er regelmäßig mit der Handlung verbunden ist so muss er als eine
Ursache gelten und als ein Beispiel von der Notwendigkeit angesehen werden, wie
ich hier sie behaupte
Der allein wahre Gegenstand des Hasses und der Rache ist eine mit Verstand
und Bewusstsein begabte Person oder Wesen und wenn irgend verbrecherische oder
verletzende Handlungen diese Gefühle erwecken so geschieht es nur durch ihre
Verknüpfung mit einer Person oder in Beziehung auf sie Die Handlungen sind aber
ihrer Natur nach vergänglich und vorübergehend sobald sie nicht aus irgend
einer Ursache im Charakter oder der Gesinnung der handelnden Person hervorgehen
so können die guten ihr nicht zur Ehre und die schlechten ihr nicht zur Schande
gereichen Die Handlungen selbst können tadelnswert und allen Segeln der
Religion und Moral zuwider sein aber der Mensch ist für sie nicht
verantwortlich und da sie aus nichts Beständigem und Beharrlichem in ihm
hervorgehen und nichts der Art hinter sich zurücklassen so kann er unmöglich
ihretwegen zum Gegenstand einer Strafe oder Rache werden Nach dem Prinzip
welches die Notwendigkeit und folglich die Ursachen leugnet ist ein Mensch
nach Begehung des abscheulichsten Verbrechens so rein und fleckenlos als wie im
Augenblick seiner Geburt Sein Charakter ist dann in keiner Weise bei seinen
Handlungen beteiligt denn sie gehen nicht aus ihm hervor und die
Schlechtigkeit des Einen kann nie als Beweis für die Verdorbenheit des Andern
dienen
Man tadelt Niemand wegen solcher Handlungen welche er unbewusst und
zufällig begeht was auch die Folgen derselben sein mögen Weshalb nicht Weil
die Prinzipien dieser Handlungen nur momentan sind und in ihnen endigen Man
tadelt Jenen weniger der heftig und unvorsichtig handelt als Den der mit
Überlegung vorgeht Weshalb Weil ein heftiges Temperament obgleich es ein
beständiges Prinzip oder eine Ursache in der Seele ist doch nur zeitweise sich
äußert und nicht den ganzen Charakter ansteckt umgekehrt wäscht Reue jedes
Verbrechen aus wenn sie sich mit einer Besserung des Lebens und Benehmens
verbindet Wie lässt sich dies erklären Nur dadurch dass Handlungen den
Menschen nur strafbar machen so weit sie ein Zeichen strafbarer Grundsätze der
Seele sind Hören sie durch einen Wechsel dieser Grundsätze auf solche sichere
Zeichen zu sein so sind sie auch nicht mehr strafbar Aber ohne die Lehre von
der Notwendigkeit sind sie niemals zuverlässige Zeichen und folglich niemals
strafbar
Ebenso leicht und mit denselben Gründen lässt sich zeigen dass die Freiheit
in dem obigen Sinne worin Alle übereinstimmen der Moralität ebenso wesentlich
ist und dass keine menschliche Handlung der sie abgeht als eine moralische
gelten oder Gegenstand von Lob und Tadel sein kann Denn da die Handlungen nur
insoweit der Gegenstand unserer moralischen Gesinnung sind als sie die Zeichen
des inneren Charakters der Leidenschaften und Affekte sind so können sie weder
zu Lob noch Tadel Anlass geben wenn sie nicht aus diesen Quellen abstammen
vielmehr durch äußere Gewalt veranlasst sind
Ich behaupte nicht dass ich alle Einwendungen widerlegt oder beseitigt
habe die man gegen diese Lehre von der Notwendigkeit und Freiheit erheben
kann ich setze andere Einwürfe aus Gebieten voraus die hier nicht haben
berührt werden können. Man kann zB sagen dass, wenn die freiwilligen
Handlungen denselben Gesetzen der Notwendigkeit unterliegen wie die Vorgänge
der Körper, so bestehe eine fortlaufende Kette notwendiger Ursachen, welche
voraus bestimmt und voraus angeordnet sei und welche von der ersten Ursache von
Allem bis zu dem einzelnen Wollen jedes einzelnen menschlichen Geschöpfes
reiche Nirgends in der Welt sei dann Zufall nirgends Unbestimmtheit nirgends
Freiheit Wenn wir handeln sind wir gleichzeitig der Gegenstand eines Handelns
der letzte Urheber aller unsrer Entschlüsse ist der Schöpfer der Welt der
dieser ungeheuren Maschine zuerst Bewegung mittheilte und allen Wesen die
bestimmte Stellung gab ans der alle späteren Vorgänge mit unerbittlicher
Notwendigkeit sich ergeben mussten Menschliche Handlungen können deshalb
niemals moralisch schlecht sein da sie von einer so guten Ursache kommen oder
sind sie schlecht so verwickeln sie den Schöpfer in dieselbe Schuld da er
anerkanntermaßen die letzte Ursache und der Urheber derselben ist So wie ein
Mensch der eine Mine anzündet in gleicher Weise für die Folgen einstehen muss
mag der Zündfaden lang oder kurz gewesen sein ebenso muss beim Dasein einer
fortlaufenden Kette notwendiger Ursachen das endliche oder unendliche Wesen
welches die erste Ursache bildet auch als der Urheber der übrigen gelten und
sowohl den Tadel tragen als das Lob erhalten das ihnen gebührt Unsere klaren
und unveränderlichen moralischen Begriffe erheben diese Regel zu einer
unzweifelhaften bei Betrachtung der Folgen menschlicher Handlungen diese Gründe
gelten aber in noch höherem Maß für das Wollen und die Absichten eines
allweisen und allmächtigen Wesens Unwissenheit und Ohnmacht mag ein so
beschränktes Geschöpf wie den Menschen entschuldigen aber bei unserem
Schöpfer bestehen diese Mängel nicht Er übersah er bestimmte er beabsichtigte
all diese Handlungen der Menschen welche man so vorschnell für strafbar
erklärt Daraus folgt, dass sie entweder nicht strafbar sind oder dass die
Gottheit aber nicht der Mensch dafür verantwortlich ist Da aber jeder dieser
zwei Sätze verkehrt und gottlos ist so folgt, dass die Lehre aus der sie sich
ergeben unmöglich wahr sein kann denn alle diese Einwürfe treffen dann auch
sie Verkehrte Folgen wenn sie wirklich aus einer Lehre sich ergeben beweisen
die Verkehrtheit dieser ebenso wie strafbare Handlungen die ursprüngliche
Ursache strafbar machen wenn die Verbindung zwischen beiden notwendig und
unvermeidlich ist
Dieser Einwurf besteht aus zwei Teilen die wir jeden für sich betrachten
wollen Der erste ist dass, wenn man menschliche Handlungen durch eine
notwendige Kette auf die Gottheit zurückführen kann sie nie strafbar sein
können und zwar wegen der unendlichen Vollkommenheit des Wesens, von denen sie
abgeleitet werden und welches nichts wollen kann als was gut und löblich ist
Oder zweitens wenn sie strafbar sind so muss man die Eigenschaft der
Vollkommenheit zurücknehmen welche man der Gottheit beilegt und ihn als den
letzten Urheber der Schuld und des Bösen in all seinen Geschöpfen anerkennen
Die Antwort auf den ersten Einwurf scheint augenfällig und überzeugend
Viele Philosophen folgern nach einer genauen Untersuchung der
Naturerscheinungen dass das Ganze als Einheit betrachtet in jedem Zeitpunkte
seines Daseins mit vollkommener Güte angeordnet sei und dass deshalb das
höchste mögliche Glück allen Geschöpfen zu Teil werde ohne Beimischung eines
wahrhaften und positiven Übels oder Elendes Jedes natürliche Übel ist nach
dieser Ansicht ein wesentlicher Teil des wohlwollenden Systems und konnte
selbst durch die Gottheit nicht beseitigt werden wenn man sie als weise
anerkennt ohne größeres Übel einzuführen oder größeres Gute als Folge davon
auszuschließen Aus dieser Lehre entnahmen mehrere Philosophen unter Andern
die alten Stoiker einen Trostgrund bei allen Leiden indem sie ihren Schülern
lehrten dass diese Übel unter denen sie litten in Wahrheit Güter für das
Ganze wären und dass für den weiten das ganze System der Natur umfassenden
Blick jedes Ereignis zum Gegen stand einer Freude und Lust werde Indes zeigte
sich diese Auffassung trotz ihrer Erhabenheit und Annehmbarkeit doch für die
Praxis bald als schwach und unwirksam Man würde sicherlich einen Menschen der
unter stechenden Gichtschmerzen leidet mehr erbittern als beruhigen wenn man
ihm die Richtigkeit dieser allgemeinen Gesetze vorhielte welche die bösen Säfte
in seinem Körper veranlagst und sie durch ihre Kanäle zu den Sehnen und Nerven
geführt haben wo sie die heftigen Qualen veranlassen Dieser umfassende
Standpunkt wird für einen Augenblick den Geist des Denkers erfreuen der sich
behaglich und sicher fühlt aber diese Gründe können keine Festigkeit in seiner
Seele gewinnen selbst wenn Schmerz und Leidenschaft sie nicht stören noch
weniger können sie das Feld behaupten wenn solche Gegner sich erheben Die
Gefühle treiben zur engem und ungezwungenem Auffassung der Dinge. In Folge einer
Einrichtung welche der Schwäche der menschlichen Seele mehr entspricht sieht
man dann nur die Wesen ringsum und wird durch solche Ereignisse erregt welche
dieser beschränkten Auffassung gut oder schlecht erscheinen
Der Fall ist derselbe für das moralische wie für das physische Übel Diese
weitgreifenden Betrachtungen können wenn sie bei dem Einen von so geringer
Wirksamkeit befunden sind keine stärkere bei dem Andern haben Die menschliche
Seele ist von Natur so eingerichtet dass sie bei dem Auftreten von Charakteren
Plänen und Handlungen unmittelbar das Lobens oder Tadelnswerte daran
empfindet und keine Erregung ist ihrer Bildung und Einrichtung so wesentlich
als diese Die Charaktere welcher unser Lob erwecken sind hauptsächlich
solche welche zu dem Frieden und der Sicherheit der menschlichen Gesellschaft
beitragen die Charaktere welche den Tadel wachrufen sind vorzüglich solche
welche auf allgemeinen Schaden und Störung absehen Das moralische Urteil
entspringt daher offenbar bald mittelbar bald unmittelbar aus einer Rücksicht
auf diese entgegengesetzten Interessen Was vermögen da philosophische
Betrachtungen welche die entgegengesetzte Ansicht oder Vermutung aufstellen
dass Alles in Beziehung auf das Ganze recht sei und dass die Eigenschaften,
welche der Gesellschaft schaden in der Hauptsache wohltätig seien und der
ursprünglichen Absicht der Natur mehr entsprechen als solche, welche ihr Glück
und ihre Wohlfahrt geradezu befördern Können solche unsichere und
weitschweifende Erwägungen jener Empfindung die Wage halten welche aus der
unmittelbaren und natürlichen Auffassung der Dinge entspringt Wird der dem
eine beträchtliche Summe gestohlen worden ist, seinen Ärger über den Verlust
durch diese erhabenen Betrachtungen in irgend einer Weise gemindert finden
Weshalb sollte seine sittliche Empörung über das Verbrechen damit unverträglich
sein Oder weshalb sollte nicht das Anerkenntnis eines wirklichen Unterschiedes
zwischen Laster und Tugend sich mit allen tiefem Systemen der Philosophie
vereinigen lassen Ebenso wie der wirkliche Unterschied zwischen persönlicher
Schönheit und Hässlichkeit Diese Unterschiede gehen aus den natürlichen
Empfindungen der menschlichen Seele hervor und diese Empfindungen lassen sich
durch keine philosophische Theorie oder Spekulation regeln oder ändern
Der zweite Einwurf gestattet keine so leichte und genügende Antwort es ist
nicht möglich deutlich zu erklären wie die Gottheit die mittelbare Ursache
aller menschlichen Handlungen sein kann ohne damit der Urheber von Sünde und
Bösem zu werden Dies sind Geheimnisse für deren Erörterung die natürliche und
sich selbst überlassene Vernunft allein unfähig ist Welches System sie auch
erfasst so wird sie bei jedem Schritt in solchen Fragen sich immer in unlösbare
Schwierigkeiten ja Widersprüche verwickelt finden Die Versöhnung der Freiheit
und Zufälligkeit des menschlichen Handelns mit der Allwissenheit oder die
Verteidigung unbedingter Ratschlüsse wobei die Gottheit doch nicht als der
Urheber des Bösen gilt haben bisher alle Kraft der Philosophie überschritten
Wohl ihr wenn sie daran ihre Verwegenheit erkennt in diesen erhabenen
Mysterien zu grübeln wenn sie ein Gebiet voll Dunkelheit und Verwickelung
verlässt und mit der ihr gebührenden Bescheidenheit zu ihrem eigentlichen und
wahren Gebiete zurückkehrt dh zur Erforschung des gewöhnlichen Lebens Sie
wird hier Schwierigkeiten genug für ihre Untersuchungen antreffen ohne dass sie
sich in ein so grenzenloses Meer von Zweifeln Ungewissheiten und Widersprüchen
zu stürzen braucht
Alles Schließen in Bezug auf Tatsachen stützt sich auf eine Ähnlichkeit
die uns bestimmt von einer Ursache denselben Erfolg zu erwarten den man aus
ähnlichen Ursachen hat hervorgehen sehen Ist die Ähnlichkeit vollständig so
ist die Analogie vollkommen und die darauf gestützte Folgerung gilt als sicher
und beweisend
Niemand zweifelt bei dem Anblick eines Stück Eisens dass es schwer und fest
sein werde gerade wie andere Stücke die ihm früher vorgekommen sind Haben die
Gegenstände aber keine volle Gleichheit so ist die Analogie weniger vollkommen
und der Schluss weniger überzeugend obgleich er einige Kraft nach Verhältnis
der Ähnlichkeit und Übereinstimmung behält Die anatomischen Beobachtungen
die man bei einem Tiere macht werden durch diese Art der Begründung auf alle
ausgedehnt und wenn zB der Blutumlauf bei einem Geschöpf voll erwiesen ist
wie bei dem Frosch oder Fisch so ergibt dies eine starke Vermutung dass
dieser Blutumlauf überall Statt habe Diese Schlüsse der Analogie kann man
weiter selbst bis zu der hier behandelten Wissenschaft ausdehnen und jede
Lehre welche die Vorgänge innerhalb des Denkens oder den Ursprung und die
Verbindung der Gefühle beim Menschen erklärt wird in ihrer Gültigkeit steigen
wenn sich ergibt dass nur diese Lehre dieselben Erscheinungen auch bei andern
lebenden Geschöpfen erklärt Wir wollen eine solche Probe mit der Hypothese
machen durch welche im Vorgehenden die Erklärung aller Erfahrungsschlüsse
versucht worden ist. Hoffentlich dient dieser neue Gesichtspunkt zur Bestätigung
der früheren Ausführung
Erstens scheint es ausgemacht dass die Tiere so gut wie die Menschen von
der Erfahrung lernen und von ihr annehmen dass dieselben Wirkungen immer
denselben Ursachen folgen Durch diese Regel werden sie mit den nächsten
Eigenschaften der äußeren Gegenstände bekannt und sammeln allmählich von ihrer
Geburt an einen Schatz von Kenntnissen über die Natur des Feuers des Wassers
der Erde der Steine der Höhen der Tiefen usw so wie über die Wirkungen,
welche daraus hervorgehen Die Unwissenheit und Unerfahrenheit der Jungen kann
man leicht gegen die Vorsicht und Klugheit der Alten unterscheiden die durch
lange Beobachtung gelernt haben das Schädliche zu vermeiden und das Angenehme
und Nützliche zu suchen Ein an das Freie gewöhntes Pferd wird mit der
bestimmten Höhe bekannt die es überspringen kann und wird nichts versuchen was
seine Kraft und Fähigkeit übersteigt Ein alter Windhund wird den
anstrengendsten Teil der Jagd dem jungem überlassen und sich selbst so stellen
dass er auf den Hasen bei dessen Schwenkung trifft seine Voraussetzungen bei
solchen Gelegenheiten stützen sich lediglich auf seine Beobachtung und
Erfahrung
Dies erhellt noch deutlicher aus den Wirkungen der Zucht und Erziehung der
Tiere welche durch die passende Anwendung von Belehrungen und Strafen zuletzt
eine Reihe von Handlungen lernen welche ihrem natürlichen Instinkt und Neigung
geradezu zuwider sind Ist es nicht die Erfahrung, weshalb ein Hund Schmerz
fürchtet wenn man ihm droht oder die Peitsche zum Schlag erhebt Ist es nicht
die Erfahrung, welche ihn auf seinen Namensruf antworten und Schließen lässt
dass man mit einem solchen willkürlichen Laut eher ihn als seinen Kameraden
meine und das man ihn rufen wolle wenn man diesen Laut in einer gewissen Weise
und mit einem bestimmten Tone und Accent ausspricht
In all diesen Fällen folgert das Thier offenbar eine Tatsache über das
hinaus was seine Sinne trifft und diese Folgerung stützt sich nur auf frühere
Erfahrung indem das Thier von demselben Gegenstand dieselben Folgen erwartet
die es bei seinen Beobachtungen aus ähnlichen Gegenständen früher hat
hervorgehen sehen
Zweitens Unmöglich kann diese Folgerung des Tieres sich auf einen
Beweisgrund und einen Vorgang Innerhalb der Vernunft gründen wodurch es
schlösse dass gleiche Folgen sich mit gleichen Gegenständen verbinden und dass
die Natur in ihren Vorgängen immer regelmäßig sei Denn wenn wirklich
Beweisgründe dieser Art bestehen sollten so liegen sie doch für die Beobachtung
und für einen so schwachen Verstand zu versteckt nur die äußerste Sorgfalt und
Aufmerksamkeit eines philosophischen Geistes kann sie entdecken und bemerken
Die Tiere werden deshalb bei diesen Folgerungen nicht durch Vernunftgründe
geleitet so wenig wie die Kinder und die meisten Menschen bei ihren
gewöhnlichen Handlungen und Folgerungen ja selbst die Philosophen nicht welche
für den tätigen Teil des Lebens sich in der Hauptsache von der Menge nicht
unterscheiden und nach gleichen Regeln verfahren Die Natur musste für ein
breiteres allgemeiner anwendbares und nutzbares Prinzip sorgen und ein
Verfahren von so ungeheurer Wichtigkeit für das Leben konnte nicht den unsicheren
Folgerungen aus Gründen und Beweismitteln anvertraut werden Sollte dies bei dem
Menschen noch zweifelhaft sein so ist es doch bei der unvernünftigen Schöpfung
unfraglich und wenn dieser Satz in dem einen Falle vollständig gelten muss so
hat man nach den Regeln der Analogie allen Grund zur Annahme dass er allgemein
und ohne Ausnahme und Vorbehalt gelte Nur die Gewohnheit ist es welche die
Tiere veranlasst bei jedem wahrgenommenen Gegenstande dessen gewöhnlichen
Begleiter zu erwarten diese führt ihr Vorstellen bei dem Auftreten des Einen
zur Vorstellung des Andern in der besonderen Weise welche ich Glauben nenne
Keine andere Erklärung ist von diesem Vorgange möglich und dieses gilt sowohl
für die hohen wie niederen Klassen der lebendigen Wesen so weit wir sie kennen
und beobachtenA7
Obgleich indes die Tiere einen großen Teil ihres Wissens durch Erfahrung
erlangen so verdanken sie doch einen andern Teil der ursprünglichen Verleihung
der Natur. Er ist der welcher den Grad ihrer Fähigkeiten für gewöhnliche Fälle
übersteigt und wo die längste Übung und Erfahrung sie wenig oder gar nicht
weiter bringt Man nennt diesen Teil Instinkt und bewundert ihn als etwas
Außerordentliches was durch keine Untersuchung unseres Verstandes erklärt
werden kann. Indes wird diese Bewunderung vielleicht aufhören oder sich
vermindern wenn man bedenkt dass das Folgern aus Erfahrung was wir mit den
Tieren gemein haben und von welchem alles Verhalten im Leben abhängt nur eine
Art von Instinkt oder mechanischer Kraft ist, welche in uns und zwar uns selbst
unbewusst tätig ist und in seiner Hauptwirksamkeit nicht durch solche
Beziehungen und Vergleichungen der Begriffe geleitet wird welche den
eigentlichen Gegenstand unserer geistigen Fähigkeiten ausmachen Die Instinkte
sind vielleicht verschieden aber es ist ein Instinkt welcher den Menschen
heißt das Feuer zu meiden wie es ein Instinkt ist welcher dem Vogel die
richtige Art des Brütens und die Einrichtung und Ordnung in Aufziehung seiner
Jungen zeigt
Dr Tillotsons Schriften enthalten einen Beweisgrund gegen die wirkliche
Gegenwart des Leibes Christi bei dem Abendmahl welcher so kurz so fein und
schlagend ist als man von einem Beweisgrund gegen eine Lehre verlangen kann
die so wenig eine ernste Widerlegung verdient »Man erkennt von allen Seiten
an« sagt der gelehrte Geistliche »dass das Ansehen der heiligen Schrift und der
Tradition sich lediglich auf das Zeugnis der Apostel stützt welche Augenzeugen
von den Wundern unsers Erlösers waren durch welche er seine göttliche Sendung
dartat Unsere Beweise für die Wahrheit der christlichen Religion sind deshalb
schwächer als die Beweise für das von unseren Sinnen Wahrgenommene denn diese
waren selbst bei den ersten Gründen unserer Religion nicht stärker und mussten
offenbar bei dem Übergange zu ihren Schülern abnehmen Niemand kann auf sie
mehr als auf das unmittelbare Zeugnis der Sinne vertrauen Ein schwächerer
Beweis kann aber nie den stärkeren aufheben und wenn daher auch die Lehre von
der wirklichen Gegenwart noch so klar in der Bibel offenbart wäre so würde es
doch die Regeln alles Beweisens verletzen wenn man ihr zustimmen wollte Sie
widerspricht den Sinnen, obgleich sowohl die Bibel wie die Tradition auf welche
sie sich stützt nicht so viel beweisen wie die Sinne; so lange man nämlich sie
nur als äußere Beweismittel ansieht welche nicht durch die unmittelbare
Wirksamkeit des heiligen Geistes in Jedermanns Brust eingepflanzt sind«
Nichts ist willkommener als ein so entscheidender Beweisgrund welcher die
anmasslichste Frömmelei und Gläubigkeit wenigstens zum Schweigen bringen und uns
von ihren unverschämten Forderungen befreien muss Ich schmeichle mir einen
ähnlichen Beweisgrund aufgefunden zu haben welcher wenn er richtig ist bei
den Einsichtigen und Gebildeten einen dauernden Schutzwall gegen alle Art von
abergläubischer Täuschung bilden und deshalb seinen Nutzen so lange die Welt
steht behalten wird Denn so lange werden meines Erachtens in allen heiligen
und weltlichen Geschichtsbüchern die Erzählungen von Wundern und übernatürlichen
Vorgängen angetroffen werden.
Obgleich die Erfahrung unser einziger Führer bei der Ableitung von
Tatsachen ist so ist doch dieser Führer nicht ganz unfehlbar er kann uns in
einzelnen Fällen zum Irrtum führen Wenn in unserm Klima Jemand in einer Woche
des Juni besser Wetter als in einer Woche des Dezember erwartet so urteilt er
richtig und der Erfahrung entsprechend und doch kann es sich treffen dass der
Erfolg ihn Lügen straft Indes wird er in solchen Fällen keinen Grund haben
sich über die Erfahrung zu beklagen denn sie belehrt uns im Voraus über diese
Unsicherheit welche aus den entgegengesetzten Erfolgen bei genauerer
Beobachtung hervorgeht Nicht alle Wirkungen folgen mit gleicher Gewissheit
ihren angeblichen Ursachen Einzelne Vorgänge sind nach dem Befund aller Länder
und Zeiten immer mit einander verknüpft gewesen andere haben gewechselt und
mitunter die Erwartungen getäuscht Deshalb bestehen in unsern Folgerungen über
Tatsachen alle möglichen Grade des Fürwahrhaltens von der höchsten Zuversicht
bis zur niedrigsten Art moralischer Gewissheit
Ein kluger Mann bemisst daher seinen Glauben nach den Beweisen Bei
Folgerungen die auf einer untrüglichen Erfahrung ruhen erwartet er den Erfolg
mit der höchsten Gewissheit und betrachtet die früheren Erfahrungen als einen
vollen Beweis für das kommende Dasein dieses Ereignisses In andern Fällen geht
er vorsichtiger zu Werke er erwägt die entgegengesetzten Erfahrungen er
untersucht welche Seite die Mehrzahl der Fälle für sich hat dieser Seite neigt
er sich zweifelnd und zögernd zu und wenn er endlich sein Urteil fällt so
überschreitet seine Sicherheit nicht das was man gewöhnlich Wahrscheinlichkeit
nennt Jede Wahrscheinlichkeit findet deshalb einen Gegensatz in den Erfahrungen
und Beobachtungen wo die eine Seite die andere überwiegt und ein dem
entsprechendes Maaß von Sicherheit hervorbringt Hundert Beispiele und Fälle
auf der einen Seite und fünfzig auf der andern geben nur einen unsicheren Anhalt
über den Ausgang steht aber nur ein Fall jenen hunderten gegenüber so
erzeugen diese natürlich einen ziemlich starken Grad von Gewissheit Immer
müssen die entgegengesetzten Fälle so weit sie dies sind erwogen und die
kleinere Zahl von der größeren abgezogen werden um den Grad der höheren
Gewissheit genau zu erkennen
Um diese Grundsätze auf ein Beispiel anzuwenden so gibt es keine Art von
Folgerungen die gebräuchlicher üblicher und für das Leben notwendiger ist
als die welche sich von dem Zeugnis der Menschen und den Berichten der
Augenzeugen und Zuschauer ableitet Man kann vielleicht bestreiten dass diese
Art von Folgerung auf die Beziehung von Ursachen und Wirkung sich stütze und ich
will über das Wort nicht streiten Es genügt die Bemerkung dass unsere
Gewissheit in all diesen Fällen sich nur aus dem Grundsatz ableitet dass
menschliches Zeugnis von uns als wahr befunden worden und die Berichte der
Zeugen gemeinhin mit den Tatsachen übereingestimmt haben Da es ein allgemeiner
Grundsatz ist dass die Dinge keine wahrnehmbare Verknüpfung mit einander haben
und dass alle Schlüsse von dem Einen auf das Andere sich lediglich auf die
Erfahrung von deren regelmäßigen und beständigen Verbindung stützt so kann man
offenbar keine Ausnahme von diesem Grundsatze zu Gunsten des menschlichen
Zeugnisses machen dessen Verknüpfung mit einem andern Umstande an sich selbst
so wenig wie bei andern Beispielen notwendig ist Wäre das Gedächtnis nicht
bis zu einem gewissen Grade treu wären die Menschen nicht durchschnittlich der
Wahrheit und den Grundsätzen der Ehrlichkeit zugetan schämten sie sich nicht
auf einer Lüge entdeckt zu werden wäre dies Alles nicht durch die Erfahrung als
Eigenschaften der menschlichen Natur erkannt so würde man nicht das geringste
Gewicht auf menschliches Zeugnis legen Ein Irrsinniger oder als lügnerisch und
niederträchtig bekannter Mensch findet niemals Glauben
Und da die Gewissheit die von Zeugnissen und Berichten abgeleitet ist sich
auf frühere Erfahrungen stützt so wechselt sie mit dieser Erfahrung und gilt
entweder als voll bewiesen oder wahrscheinlich je nachdem die Verbindung
zwischen einer Art von Berichten und einer Art von Tatsachen beständig oder
wechselnd befunden worden ist. Man muss bei allen Urteilen dieser Art eine
große Zahl von Umständen berücksichtigen und der letzte Maßstab nach dem
alle darüber entstehenden Streitigkeiten zu entscheiden sind wird immer der
Erfahrung und Beobachtung entnommen Wo diese Erfahrung nicht ganz gleichförmig
ist besteht immer ein unvermeidlicher Gegensatz in unsern Urteilen ein Kampf
und eine gegenseitige Aufhebung der Gründe wie bei jeder andern Art von
Beweisen Man schwankt oft bei den Berichten Anderer man erwägt die
gegenseitigen Umstände welche den Zweifel und die Ungewissheit veranlassen
Findet sich ein Übergewicht auf der einen Seite so neigt man dahin aber immer
mit einer der Stärke des Gegners entsprechenden mindern Sicherheit
In dem vorliegenden Falle entspringt der Gegensatz der Beweise aus
verschiedenen Gründen aus dem Widerspruch entgegengesetzter Zeugnisse aus dem
Charakter und der Zahl der Zeugen aus der Art wie sie ihr Zeugnis
überliefern und aus der Verbindung all dieser Umstände Wir schöpfen in Bezug
auf eine Tatsache Verdacht wenn die Zeugen sich widersprechen wenn es nur
Wenige und von zweifelhaftem Charakter sind wenn sie einen Vorteil von ihrer
Aussage erwarten wenn sie ihr Zeugnis zaudernd oder mit zu heftigen
Beteuerungen ablegen Es gibt auch noch andere besondere Umstände welche die
Kraft eines Beweises der sich auf menschliches Zeugnis stützt vermindern oder
vernichten
Man nehme zB an dass die Tatsache, welche der Zeuge bekundet zu den
außerordentlichen und wunderbaren gehöre Dann erfährt die Beweiskraft eines
solchen Zeugnisses eine größere oder kleinere Verminderung je nachdem die
Tatsache mehr oder weniger ungewöhnlich ist Der Grund warum man Zeugen oder
Geschichtsschreibern Glauben beimisst leitet sich nicht von einer Verknüpfung
ab welche man a priori zwischen Zeugnis und Wirklichkeit erkennt sondern weil
man gewohnt ist eine Gleichförmigkeit zwischen Beiden anzutreffen Ist aber die
bezeugte Tatsache uns selten vorgekommen so erhebt sich ein Streit
entgegengesetzter Erfahrungen von denen die eine die andere so weit zerstört
als ihre Kraft reicht und die stärkere kann auf die Seele nur noch mit der
übriggebliebenen Kraft wirken Dasselbe Prinzip der Erfahrung, welches uns den
Berichten von Zeugen gewissermaßen vertrauen lässt gibt uns in einem solchen
Falle auch einen Grad von Gewissheit gegen die Tatsache, welche sie feststellen
wollen Aus diesem Widerspruche entspringt notwendig ein Gegensatz und eine
gegenseitige Zerstörung des Glaubens und Vertrauens »Ich würde dies nicht
glauben selbst wenn es mir Cato erzählte« war in Rom schon zu Lebzeiten dieses
philosophischen Staatsmannes eine sprichwörtliche Redensart Man ernannte dass
die Unglaubwürdigkeit einer Tatsache selbst eine so große Autorität
erschüttern könnte7
Der indische Prinz welcher den ersten Erzählungen über die Wirkungen des
Frostes nicht glauben wollte verfuhr ganz richtig und es bedurfte natürlich
sehr starker Zeugnisse um seine Zustimmung zu Tatsachen zu gewinnen welche
aus Naturbedingungen hervorgingen die ihm ganz unbekannt waren und so wenig den
Vorgängen glichen von denen er eine beständige und gleichförmige Erfahrung
hatte
Wenn sie auch seinen Erfahrungen nicht widersprachen so stimmten sie doch
nicht damit übereinA8
Um aber die Wahrscheinlichkeit gegen die Ansicht der Zeugen zu steigern
nehme man an dass die Tatsache, welche sie bekunden nicht bloß
außerordentlich sondern wahrhaft wunderbar sei ferner dass das Zeugnis an
sich betrachtet vollständig beweisend sei In diesem Falle steht Beweis gegen
Beweis der stärkste wird überwiegen aber mit einer Verminderung seiner Kraft
im Verhältnis zu der seines Gegners
Ein Wunder ist eine Verletzung der Naturgesetze Da nun eine feste und
unveränderliche Erscheinung diesen Gesetzen zu Grunde liegt so ist der Beweis
gegen das Wunder aus der bloßen Natur der Tatsache so stark wie irgend ein
der Erfahrung entnommener Beweis nur gedacht werden kann. Weshalb ist es mehr
als wahrscheinlich dass alle Menschen sterben müssen dass das Blei sich nicht
von selbst in der Luft schwebend erhalten kann dass das Feuer das Holz verzehrt
und von Wasser gelöscht wird offenbar weil diese Erfolge mit den Gesetzen der
Natur übereinstimmend befunden sind und eine Verletzung dieser Gesetze dh in
anderen Worten ein Wunder nötig ist um sie nicht eintreten zu machen Nichts
gilt als Wunder was im gewöhnlichen Lauf der Dinge geschieht Es ist kein
Wunder wenn ein anscheinend gesunder Mann plötzlich stirbt weil eine solche
Todesart zwar seltener als andere ist aber doch oft beobachtet worden ist. Aber
es wäre ein Wunder wenn ein toter Mensch wieder lebendig würde weil dies zu
keiner Zeit und in keinem Lande vorgekommen ist Es muss deshalb eine allgemeine
Erfahrung jedem Wunder entgegenstehen sonst würde das Ereignis nicht diesen
Namen verdienen Und da die allgemeine Erfahrung einen vollen Beweis abgibt so
ergibt hier die Natur der Tatsache selbst einen genauen und vollen Beweis
gegen das Dasein dieses Wunders Dieser Beweis kann nur aufgehoben und das
Wunder glaubwürdig gemacht werden wenn man einen stärkeren Beweis gegen ihn
beibringtA9
Die einfache Folge ist und es ist ein allgemeiner Grundsatz der aller
Aufmerksamkeit wert ist »dass kein Zeugnis zureicht ein Wunder
festzustellen es müsste denn das Zeugnis der Art sein dass seine Falschheit
wunderbarer wäre als die Tatsache, welche es bekundet und selbst in diesem
Falle besteht eine gegenseitige Aufhebung der Gründe der stärkere gibt nur
noch eine Sicherheit nach dem Grade der Stärke welche nach Abzug des
schwächeren übrig bleibt« Wenn nun Jemand erzählt er habe gesehen dass ein
Toter wieder lebendig gemacht worden sei so überdenke ich sogleich bei mir ob
es wahrscheinlicher sei dass ein Mensch betrügt oder betrogen ist oder dass
das erzählte Ereignis sich wirklich zugetragen habe Ich wiege ein Wunder gegen
das andere ab und je nach dem Übergewicht was ich bemerke entscheide ich
mich und verwerfe immer das größere Wunder
Wäre die Unwahrheit seines Zeugnisses ein größeres Wunder als das
berichtete Ereignis dann und nur dann kann er auf meinen Glauben oder
Zustimmung Anspruch machen
In der obigen Betrachtung habe ich angenommen dass das Zeugnis worauf das
Wunder gestützt wird volle Beweiskraft erreiche und dass seine Unwahrheit in
der That unerhört sei indes kann ich leicht zeigen dass ich in meinen
Zugeständnissen zu bereitwillig gewesen bin und dass kein Wunder je auf einen
vollen Beweis gestützt worden ist.
Denn erstens befindet sich in keinem Geschichtswerk ein Wunder auf eine
genügende Zahl von Personen gestützt deren gesunder Sinn Erziehung und
Kenntnisse so unanfechtbar wären dass man gegen alle Täuschung derselben sich
geschützt halten könnte deren Rechtschaffenheit so unbedenklich wäre um sie
über allen Verdacht des Betruges zu erheben deren Glaubwürdigkeit und Ansehen
in den Augen der Menschen gefährdet worden wäre wenn man sie bei einer Lüge
ertappt hätte und die sich in einem so besuchten Orte der Erde befunden dass
die Entdeckung unvermeidlich gewesen wäre Und doch sind alle diese Umstände
nötig um dem Zeugnisse eines Menschen volle Zuverlässigkeit zu geben
Zweitens zeigt sich in der menschlichen Natur ein Prinzip was bei genauer
Untersuchung die Zuversicht außerordentlich mindern muss welche man bei
Wundern auf das Zeugnis der Menschen setzen könnte Die Regel nach der wir uns
selbst beim Überlegen entscheiden lautet dass Dinge die man nicht kennt
denen gleichen die man kennt dass das was als das Häufigste erscheint auch
das Wahrscheinlichste ist und dass bei widerstreitenden gründen man den Vorzug
dem geben muss der sich auf die größte Zahl gleicher Fälle stützt Allein wenn
man auch nach dieser Regel keine Tatsache annimmt welche im gewöhnlichen Grade
ungewöhnlich und unglaublich ist so hält man doch bei dem weiteren Fortgange
diese Regel nicht fest sondern wenn etwas ganz Verkehrtes und Wunderbares
behauptet wird so wird eine solche Tatsache um so leichter zugelassen und
zwar gerade wegen des Umstandes der den Glauben an sie hindern sollte Die
Leidenschaft für Überraschung und Staunen welche das Wunder befriedigt ist
eine angenehme Aufregung und treibt sichtlich zu dem Glauben der Dinge, an
welche sie sich heftet Dies geht so weit dass selbst die welche dieses
Vergnügen nicht unmittelbar genießen und die erzählten wunderbaren Ereignisse
nicht glauben können doch gern an dem Genuss aus zweiter Hand oder durch
Rückschlag Teil nehmen und einen Stolz und ein Vergnügen darin setzen bei
Andern Staunen zu erwecken
Mit welcher Begierde hört man nicht auf die wunderbaren Geschichten der
Reisenden auf ihre Beschreibung der See und LandUngeheuer auf ihre Berichte
von außerordentlichen Begegnissen seltsamen Menschen und wilden Sitten
Verbindet sich nun noch die religiöse Gesinnung mit dieser Liebe zu Wundern so
hat es mit dem gesunden Verstande ein Ende und menschliches Zeugnis verliert
unter diesen Umständen allen Anspruch auf Glaubwürdigkeit Ein Gläubiger kann
sich begeistern und sich einbilden das Unwirkliche zu sehen er kann wissen
dass seine Erzählung falsch ist und doch um eine so heilige Angelegenheit zu
fordern mit der besten Absicht dabei verharren Selbst da wo solche Täuschung
nicht Statt hat wirkt die durch eine so starke Versuchung geweckte Eitelkeit
mächtiger auf ihn als auf alle Anderen in gewöhnlichen Verhältnissen und ebenso
wirkt sein eigenes Interesse mit gleicher Kraft Seine Zuhörer haben vielleicht
oder haben wirklich nicht die genügende Urteilskraft um sein Zeugnis zu
prüfen sie geben in so erhabenen und geheimnisvollen Dingen grundsätzlich ihr
eigenes Urteil gefangen und selbst wenn sie es gebrauchen wollten stören
Leidenschaft und erhitzte Phantasie dessen regelmäßige Wirksamkeit Ihre
Leichtgläubigkeit erhöht seine Unverschämtheit und seine Unverschämtheit
überwältigt ihre Leichtgläubigkeit
Die Beredsamkeit auf ihrer Höhe lässt wenig Raum für Verstand und
Nachdenken wendet sie sich aber ganz an die Phantasie und deren Affekte so
nimmt sie die gutwilligen Zuhörer gefangen und überwältigt ihren Verstand
Glücklicherweise wird diese Höhe selten erreicht Was aber ein Tullius und
Demosthenes bei einer Römischen oder Athenischen Versammlung kaum erreichen
konnten das vermag jeder Kapuziner jeder herumziehende oder sesshafte Prediger
über die meisten Menschen und in höherem Maß durch Erweckung dieser groben
und niedrigen Leidenschaften
Die vielen Beispiele von geschmiedeten Wundern Prophezeiungen und
übernatürlichen Ereignissen die zu allen Zeiten entweder durch Gegenbeweise
entdeckt worden sind, oder die sich durch ihre eigene Widersinnigkeit verraten
sind ein genügendes Zeichen für die große Neigung der Menschen zum
Außerordentlichen und Wunderbaren sie genügen um Verdacht gegen alle Berichte
dieser Art zu erwecken Diese hier geschilderte Weise des Fürwahrhaltens zeigt
sich selbst bei den gemeinsten und wahrscheinlichsten Ereignissen So entsteht
zB kein Gerücht so leicht und verbreitet sich namentlich auf dem Lande und in
kleinen Städten so schnell als das über Heiraten zwei junge Leute gleichen
Standes können sich kaum zweimal sehen ohne dass die ganze Nachbarschaft gleich
ein Paar aus ihnen macht Das Vergnügen eine interessante Neuigkeit zu
erzählen zu verbreiten und der Erste dabei zu sein bringt solche Nachricht
schnell herum Dies ist so allgemein dass kein verständiger Mann auf solche
Gerüchte etwas gibt ehe nicht stärkere Beweise sie unterstützen Sind es nicht
dieselben Leidenschaften und andere noch stärkere welche die Masse der Menschen
alle religiösen Wunder mit der größten Heftigkeit und Zuversicht glauben und
erzählen lässt
Drittens bildet es eine starke Vermutung gegen die Berichte von
unnatürlichen und wunderbaren Ereignissen dass sie hauptsächlich nur unter
unwissenden und rohen Völkern in Menge sich finden Wenn ein gebildetes Volk
dergleichen zugelassen hat so zeigt sich dass es dieselben von unwissenden und
rohen Vorfahren empfangen hat von diesen sind sie mit all der unverletzlichen
Beglaubigung und dem Ansehen überliefert welche sich immer mit alten Meinungen
verbinden Wenn man die Anfänge der Geschichte bei alten Völkern nachliest so
meint man in eine andere Welt versetzt zu sein wo alle Gestalten der Natur
verändert sind und jedes Element seine Wirksamkeit in einer anderen Weise als
gegenwärtig vollbringt Schlachten Revolutionen Pestilenz Hungersnot und
Tod sind da niemals die Wirkungen der uns bekannten Ursachen Wunder
Vorzeichen Orakel Aussprüche verdunkeln vollständig die wenigen natürlichen
Ereignisse die dazwischen eingeschoben sind Da indes dergleichen mit jeder
Seite abnimmt die den aufgeklärten Zeiten näher führt so ersieht man dass das
Wunderbare und Übernatürliche nicht existiert sondern nur aus der bekannten
Neigung der Menschen zum Wunderbaren entspringt Wenn auch diese Neigung
mitunter von den Sinnen und der Wissenschaft einen Schlag erhält so kann sie
doch nie aus der menschlichen Natur ausgerottet werden
Es ist sonderbar wird ein vorsichtiger Leser bei diesen wunderbaren
Geschichten sagen dass solche wunderbaren Dinge sich jetzt gar nicht zutragen
Aber es ist doch nicht sonderbar meine ich dass die Menschen zu allen Zeiten
lügen Man hat ja genug Proben von dieser Schwäche erlebt man hat gehört wie
Manche von diesen wunderbaren Berichten erst angestaunt und nachdem sie mit
Spott von allen klugen und vernünftigen Leuten behandelt worden zuletzt selbst
von der Menge aufgegeben worden sind. Man sei versichert dass diese berühmten
Lügen welche zu einer solchen ungeheuerlichen Höhe verbreitet und
aufgeschwollen sind aus ähnlichen Anfängen entstanden sind sie waren aber in
einen passenderen Boden gesät und wuchsen so zu Ungeheuern auf die beinahe
denen gleichen die sie erzählen
Es war eine kluge Berechnung des falschen Propheten Alexander der jetzt
zwar vergessen aber einst berühmt war dass er zur ersten Scene seiner
Betrügereien Paphlagonien wählte wo das Volk außerordentlich unwissend und
töricht war und selbst die gröbsten Betrügereien bereitwillig verschlang Leute
in der Ferne welche schwach genug sind die Sache ernst zu nehmen haben keine
Gelegenheit bessere Nachrichten zu bekommen Die Geschichten kommen durch
hundert Nebendinge vergrößert zu ihnen Die Narren beeifern sich den Betrug zu
verbreiten während der kluge und vernünftige Mann in der Regel sich begnügt
den Unsinn zu belachen ohne sich um die besonderen Umstände zu bekümmern durch
die er leicht widerlegt werden könnte So konnte jener Betrüger mit den
unwissenden Paphlagoniern beginnen dann bis zur Aufnahme von Schülern selbst
aus den griechischen Philosophen ja den vornehmsten und ausgezeichnetsten
Männern in Rom vorschreiten Selbst der weise Kaiser Marc Aurel schenkte ihm
insoweit Aufmerksamkeit dass er auf seine lügnerischen Prophezeiungen den
Erfolg eines militärischen Unternehmens baute
Die Vorteile sind so groß wenn ein Betrug bei einem unwissenden Volke
begonnen wird dass selbst wenn der Betrug zu grob ist um allgemein zu
täuschen was obgleich selten mitunter der Fall ist), er doch eine weit
größere Aussicht auf Erfolg in fernen Ländern hat als wenn die erste Scene in
einer Stadt beginnt die in Kunst und Wissenschaft berühmt ist Die Dümmsten und
Rohsten jener Barbaren tragen das Gerücht nach Außen keiner ihrer Landsleute
hat weitere Verbindungen oder genügendes Ansehen und Zutrauen um dem Betruge zu
widersprechen und ihn niederzuschlagen Die menschliche Neigung zum Wunderbaren
hat volle Gelegenheit sich zu entfalten Und so gilt eine Geschichte welche an
dem Orte wo sie zuerst ausgestreut wurde Jedermann von sich weist in einer
Entfernung von hundert Meilen als gewiss Hätte Alexander seinen Sitz in Athen
genommen so würden die Philosophen dieses berühmten Sammelpunktes der
Gelehrsamkeit ihre Ansicht in der Sache sofort durch das ganze römische Reich
verbreitet haben und diese Ansicht würde durch die Stütze solcher Autoritäten
und durch die Kraft der Vernunft und Beredsamkeit in ihrer Darlegung allen
Menschen die Augen geöffnet haben Allerdings hatte Lucian als er zufällig
Paphlagonien durchreiste eine gute Gelegenheit diesen Dienst zu leisten aber
es trifft sich nicht immer dass jeder Alexander einen Lucian findet der bereit
ist seinen Betrug aufzusuchen und bloß zu legen
Ich kann noch als vierten Grund gegen die Glaubwürdigkeit der Wunder
anführen dass es selbst für solche die nicht als Betrug entdeckt worden sind,
kein Zeugnis gibt dem nicht eine Anzahl anderer Zeugnisse entgegenstände das
Wunder hebt deshalb nicht bloß die Glaubwürdigkeit des Zeugnisses sondern
dieses sich selbst auf Zu mehrerer Verständlichkeit erwäge man dass in
Religionssachen jeder Unterschied auch ein Widerspruch ist und dass die
Religionen vom alten Rom von der Türkei von Siam und China unmöglich alle auf
festem Grunde errichtet sein können Mithin hat jedes Wunder wovon diese
Religionen erzählen und sie wimmeln alle von Wundern indem es das besondere
System zu dem es gehört begründen will zugleich die wenn auch nur indirekte
Kraft jedes andere ReligionsSystem umzustürzen Mit Umstürzung der anderen
Systeme zerstört es aber auch die Glaubwürdigkeit der Wunder auf welche jene
errichtet waren Deshalb müssen die Wunder der verschiedenen Religionen als
widersprechende Tatsachen gelten und die Beweiskraft derselben sei sie stark
oder schwach hebt die eine die andere auf Folgt man dieser Auffassung so hat
man für den Glauben an die Wunder Mahomeds und seiner Nachfolger das Zeugnis
einiger rohen Araber als Bürgschaft und auf der anderen Seite die
Glaubwürdigkeit von Titus Livius Plutarch Tacitus und aller Schriftsteller und
Zeugen unter den Griechen Chinesen und Katholiken welche die Wunder für ihre
Religion berichten Ich sage man muss ihr Zeugnis ebenso betrachten als
hätten sie die Wunder von Mahomed erwähnt und ihnen mit derselben Bestimmtheit
widersprochen mit der sie ihre eigenen Wunder erzählen Diese Art der
Beweisführung erscheint vielleicht gesucht und spitzfindig aber sie ist in der
That gleicher Natur mit der eines Richters welcher ausführt dass die
Glaubwürdigkeit zweier Augenzeugen eines Verbrechens durch das Zeugnis zweier
anderer aufgehoben werde welche versichern dass der Täter in der Zeit wo das
Verbrechen begangen sein soll fünfzig Meilen davon entfernt gewesen sei
Eines der best bezeugten Wunder in der ProfanGeschichte ist das was
Tacitus von Vespasian erzählt der einen Blinden in Alexandrien mittelst seines
Speichels und einen Lahmen durch die bloße Berührung seines Fußes heilte in
Folge einer Erscheinung des Gottes Serapis welcher ihnen aufgegeben hatte sich
wegen dieser Wunderkuren an den Kaiser zu wenden Man kann diese Geschichte bei
diesem klassischen Schriftsteller nachlesen 8 Alle Umstände vereinigen sich um
diese Nachricht zu beglaubigen dies könnte mit aller Kraft der Beredsamkeit und
Beweisführung weiter dargelegt werden wenn Jemand noch ein Interesse hätte die
Zeugnisse für diesen erloschenen und götzendienerischen Aberglauben zu
verstärken Dahin gehören der Beruf die Ruhe das Alter und die
Rechtschaffenheit eines so großen Kaisers welcher während seines ganzen Lebens
mit seinen Freunden und Hofleuten vertraulich verkehrte und niemals den
außerordentlichen Schein göttlichen Wesens sich beilegte wie Alexander und
Demetrius Ebenso war der Geschichtsschreiber ein Zeitgenosse und wegen seiner
Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit bekannt er war vielleicht der größte und
scharfsinnigste Kopf des ganzen Altertums und so frei von jeder Neigung zur
Leichtgläubigkeit dass er den entgegengesetzten Vorwurf der Gottlosigkeit und
Weltlichkeit sich zugezogen hat Die Personen auf deren Ansehen er das Wunder
erzählt waren sicherlich von anerkannter Wahrhaftigkeit und Urteilsfähigkeit
sie waren Augenzeugen der Tatsache und wiederholten ihr Zeugnis als die
Flavische Familie die Herrschaft verloren hatte und als Preis der Lüge keine
Belohnung mehr austeilen konnte Alle die dabei waren sagt Tacitus erzählen
es noch jetzt wo die Lüge keinen Lohn mehr zu hoffen hat Nimmt man die
Öffentlichkeit des erzählten Vorganges hinzu so kann es nicht leicht einen
stärkeren Beweis für eine so grobe und offenbare Unwahrheit geben
Auch der Kardinal von Retz erzählt eine merkwürdige Geschichte die unsere
Aufmerksamkeit verdient Bei seiner Flucht nach Spanien um der Verfolgung
seiner Feinde zu entgehen kam dieser intriguante Staatsmann nach Saragossa der
Hauptstadt von Aragonien wo man ihm in der Kathedrale einen Mann zeigte
welcher sieben Jahre als Türhüter gedient hatte und der jedem Einwohner
welcher in dieser Kirche gebetet hatte wohl bekannt war Er hatte die ganze
Zeit nur ein Bein gehabt aber durch Einreibung des Stumpfes mit heiligem Öl
hatte er das andere wieder bekommen und der Kardinal versichert dass er ihn
mit zwei Beinen gesehen habe Dies Wunder wurde von allen Domherren bestätigt
und die ganze Bürgerschaft wurde zur Versicherung der Tatsache angerufen der
Kardinal fand dass sie bei ihrem frommen Eifer vollständig an das Wunder
glaubten Hier ist der Berichterstatter ebenfalls ein Zeitgenosse des
angeblichen Wunders er ist von ungläubigem und sittenlosem Charakter aber auch
von scharfem Geiste Das Wunder ist so eigener Natur dass ein Betrug kaum
möglich war und die Zeugen waren zahlreich und gewissermaßen Zuschauer der
Tatsache welche sie bekundeten Was aber die Kraft des Beweises noch erheblich
steigert und die Verwunderung über diesen Fall verdoppeln muss ist dass der
Kardinal der sie erzählt sie anscheinend selbst nicht glaubt Man kann ihn
daher nicht als der MitHilfe bei diesem heiligen Betruge verdächtigen Er
urteilte richtig dass um eine solche Tatsache zu verwerfen es nicht gerade
darauf ankomme die Zeugnisse zu widerlegen und ihre Falschheit durch alle Züge
von Leichtgläubigkeit und Schlechtigkeit zu verfolgen welche sie zuwege
brachten Er wusste dass dies schon bei einem geringen Abstande nach Zeit und
Ort unmöglich wird und dass selbst da wo man unmittelbar gegenwärtig ist es
in Folge des Aberglaubens der Unwissenheit Pfiffigkeit und Gemeinheit eines
großen Theiles der Menschen sehr schwer fällt Er schloss deshalb wie ein
vernünftiger Mann dass solche Beweise die Unwahrheit schon auf ihrer Stirne
trügen und dass jedes auf menschliches Zeugnis gestützte Wunder mehr ein
Gegenstand des Spottes als der Widerlegung sei
Niemals ist eine größere Zahl von Wundern Jemand zugeschrieben worden als
die welche in Frankreich auf dem Grabe des Abt Paris des berüchtigten
Jansenisten geschehen sein sollten mit dessen Heiligkeit das Volk so lange
betrogen wurde Die Heilung von Kranken die Wiedererlangung des Gehörs bei
Tauben und des Gesichts bei Blinden wurden überall als Wirkungen dieses
heiligen Grabes erzählt Aber noch viel wunderbarer ist es dass viele von
diesen Wundern gleich an Ort und Stelle festgestellt worden sind, und zwar vor
Richtern von unzweifelhafter Rechtlichkeit auf das Zeugnis von glaubwürdigen
und angesehenen Personen in einem aufgeklärten Zeitalter und auf der
hervorragendsten Schaubühne der jetzigen Welt Dies ist aber noch nicht Alles
Ein Bericht davon wurde gedruckt und überall verbreitet und die Jesuiten waren
nicht im Stande ihn bestimmt zu widerlegen oder den Betrug aufzudecken
obgleich diese gelehrte Körperschaft von der Obrigkeit unterstützt wurde und
eine erklärte Feindin der Ansichten war zu deren Gunsten die Wunder geschehen
sein solltenA10
Wo gäbe es wohl eine solche Zahl von Umständen die zur Bestätigung einer
Tatsache so zusammenträfen wie hier und was könnte man einer solchen Masse von
Zeugen entgegenstellen wäre es nicht die unbedingte Unmöglichkeit der
wunderbaren Natur der berichteten Ereignisse Aber dies wird sicherlich in den
Augen aller vernünftigen Leute als genügende Widerlegung gelten
Der Schluss ist nicht richtig dass weil menschliches Zeugnis in gewissen
Fällen von der höchsten Gültigkeit und Kraft ist wenn es zB die Schlacht von
Philippi oder Pharsalus berichtet deshalb jede Art von Zeugnis in allen Fällen
gleiche Kraft und Gültigkeit haben müsse Man nehme an dass die Parteien des
Cäsar und Pompejis jede den Sieg in diesen Schlachten für sich beansprucht
hätten und dass die Geschichtsschreiber jeder Partei ebenso ihrer eigenen den
Vorteil zugeschrieben hätten wie hätte da die Menschheit bei solcher
Entfernung die Entscheidung treffen können Der Widerspruch ist aber ebenso
stark bei den Wundern die Herodot und Plutarch erzählen und die Mariana Beda
und andere Mönche berichten
Der Weise schenkt einem Bericht nur sehr zweifelhaften Glauben wenn er den
Leidenschaften des Berichterstatters schmeichelt sei es zum Ruhme seines
Landes seiner Familie oder seiner selbst, oder im Interesse einer seiner
Neigungen und Schwächen Welche größere Versuchung gibt es aber als für einen
Sendling einen Propheten oder Abgesandten des Himmels gehalten zu werden wer
fürchtet Gefahren und Schwierigkeiten wenn es gilt einen so erhabenen
Charakter zu gewinnen Wenn Jemand mit Hilfe seiner Eitelkeit und erhitzten
Phantasie erst sich selbst zu einem Gläubigen gemacht hat und ernstlich auf die
Täuschung eingegangen ist so wird er vor keiner frommen Betrügerei
zurückschrecken die eine so heilige und verdienstvolle Sache unterstützen soll
Der kleinste Funke kann hier zur großen Flamme werden weil die Stoffe dazu
immer bereit liegen Das avidum genus auricularum9 die staunende und stierende
Volksmasse erfasst begierig und ohne Prüfung Alles was dem Aberglauben
schmeichelt und Wunder zu Stande bringt
Wie viele solche Geschichten sind nicht zu allen Zeiten entdeckt und gleich
in ihrer Kindheit ausgemerzt worden Wie viele andere sind nicht für eine Zeit
lang gepriesen worden und dann in Vergessenheit und Vernachlässigung geraten
Wo mithin solche Erzählungen herumgetragen werden da liegt die Lösung des
Vorganges auf der Hand und man bleibt in Übereinstimmung mit den Regeln der
Beobachtung und Erfahrung wenn man sie auf die bekannten und natürlichen
Ursachen der Leichtgläubigkeit und Täuschung zurückführt Und soll man anstatt
zu einer so natürlichen Lösung zu greifen lieber eine wunderbare Verletzung der
festesten Naturgesetze annehmen
Ich brauche nicht die Schwierigkeit bei Aufdeckung einer Unwahrheit zu
erwähnen welche für Privat und selbst öffentliche Erzählungen schon an dem
Orte besteht wo das Ereignis stattgefunden haben soll sie wird noch grösser
wenn die Scene wenn auch nur um ein Geringes abrückt Selbst ein Gerichtshof
ist trotz seines Ansehens seiner Genauigkeit und Sorgfalt oft in Verlegenheit
wenn er zwischen Wahrheit und Irrtum bei ganz natürlichen Vorgängen entscheiden
soll Aber die Sache kommt nie zum Austrag wenn man sich nur der gemeinen Weise
des Streitens Zankens und den umlaufenden Gerüchten anvertraut vorzüglich
wenn die Leidenschaften auf beiden Seiten sich einmischen
Während der Kindheit einer neuen Religion halten kluge und gelehrte Leute
die Sache gewöhnlich ihrer Aufmerksamkeit und Berücksichtigung nicht wert
Später wenn sie den Betrug gerne aufdecken möchten um die Menge aus der
Täuschung zu befreien ist die gute Zeit vorüber und die Zeugen und Urkunden
welche die Sache aufklären könnten sind unwiederbringlich verloren
Keine Mittel der Aufdeckung bleiben dann übrig als die welche aus den
Aussagen der Berichterstatter selbst hervorgehen und welche dem Verständigen
und Unterrichteten genügen aber für das Verständnis der Masse meist zu fein
sind
Im Ganzen erhellt, dass kein Zeugnis für irgend ein Wunder es kaum zur
Wahrscheinlichkeit geschweige zur Gewissheit bringen könne selbst wenn es
möglich wäre würde ihm die andere Gewissheit entgegenstehen welche sich aus
der Natur der Tatsache von selbst ergibt die bewiesen werden soll Nur die
Erfahrung gibt dem menschlichen Zeugnis Glaubwürdigkeit aber dieselbe
Erfahrung vergewissert auch von den Gesetzen der Natur. Stehen daher diese
beiden Arten von Erfahrung einander entgegen so kann man nur die eine von der
andern abziehen und entweder die Ansicht der einen oder andern Seite mit der
Zuversicht annehmen welche sich aus dem Überrest ergibt Nach den hier
dargelegten Grundsätzen verwandelt sich bei allen Volksreligionen diese
Subtraktion in eine gänzliche Aufhebung und man kann es daher als Grundsatz
aufstellen dass kein menschliches Zeugnis ein Wunder beweisen und zur
Grundlage eines Religionssystems machen kann
Ich bitte die hier gemachte Einschränkung nicht zu übersehen wenn ich sage
dass kein Wunder so bewiesen werden kann, um zur Grundlage eines
Religionssystems zu dienen Denn ich gebe zu dass sonst vielleicht es Wunder
und Verletzungen des gewöhnlichen Naturlaufs solcher Art geben mag welche durch
menschliches Zeugnis beweisbar sind obgleich es vielleicht unmöglich sein
wird irgend ein solches in einer Geschichtsurkunde aufzufinden So nehme man
zB an dass alle Geschichtsschreiber in allen Sprachen darin übereinstimmten
dass am 1 Januar 1600 eine vollständige Finsternis über der ganzen Erde acht
Tage lang verbreitet gewesen sei man nehme an dass die Überlieferung dieses
außerordentlichen Ereignisses noch im Volke stark und lebendig sei dass alle
aus fremden Ländern zurückkehrenden Reisenden dieselbe Überlieferung brächten
ohne die geringste Veränderung oder Widerspruch so würden offenbar unsere
heutigen Philosophen anstatt die Sache zu bezweifeln sie als gewiss annehmen
und die Ursachen aufsuchen müssen welche sie veranlasst haben könnten Der
Rückgang die Verderbnis und die Auflösung der Natur wird durch so manche
Analogien wahrscheinlich gemacht dass ein nach dieser Katastrophe hin zielendes
Ereignis innerhalb des Beweises menschlichen Zeugnisses fällt wenn die
Bekundungen zahlreich und gleichlautend sind
Man setze aber alle Geschichtsschreiber Englands stimmten darin überein
dass die Königin Elisabeth am 1 Januar 1600 gestorben sei dass sowohl vor als
nach ihrem Tode sie von ihren Ärzten und dem ganzen Hofe gesehen worden sei
wie bei Personen ihres Ranges dies gebräuchlich ist dass ihr Nachfolger vom
Parlament anerkannt und ausgerufen worden sei und dass Jene einen Monat nach
ihrem Begräbnis wieder erschienen sei den Thron wieder bestiegen und England
noch drei Jahre regiert habe Ich würde dann allerdings über das Zusammentreffen
so vieler Umstände betroffen sein aber nicht im Geringsten geneigt sein ein so
wunderbares Ereignis zu glauben Ich würde den vorgeblichen Tod und das was
sich nachher öffentlich zugetragen hat nicht bezweifeln ich würde nur
behaupten dass der Tod bloß vorgegeben worden sei und kein wirklicher gewesen
sei und gewesen sein könne Man würde mir vergeblich entgegnen dass es schwer
ja unmöglich sei die Welt in einer so wichtigen Angelegenheit zu hintergehen
auch die Weisheit und das sichere Urteil dieser berühmten Königin so wie der
geringe Nutzen den sie aus so einem erbärmlichen Kunststück hätte ziehen
können Alles das würde mich nur stutzig machen aber ich würde immer
erwidern dass die Schlechtigkeit und Torheit der Menschen so gewöhnliche Dinge
sind dass ich eher an außerordentliche Ereignisse aus deren Zusammentreffen
glauben als eine so offenbare Verletzung der Naturgesetze zulassen könnte
Hängt aber das Wunder mit irgend einem neuen Religionssystem zusammen so
sind die Menschen zu allen Zeiten durch lächerliche Geschichten der Art so sehr
betrogen worden dass dieser Umstand allein die Täuschung beweisen und dies für
alle vernünftigen Leute genügen würde um nicht allein die Tatsache zu
verwerfen sondern es selbst ohne weitere Prüfung zu tun Sollte auch das
Wesen, dem das Wunder zugeschrieben wird in solchem Falle allmächtig sein so
wird letzteres deshalb doch nicht um ein Haarbreit wahrscheinlicher da es für
uns unmöglich ist die Eigenschaften und Handlungen eines solchen Wesens anders
als aus der Erfahrung kennen zu lernen die wir aus deren Äußerungen in dem
gewöhnlichen Laufe der Natur entnehmen Dies nötigt zur Vergleichung früherer
Beobachtungen und Fälle wo menschliches Zeugnis die Wahrheit verletzt hat mit
solchen wo die Naturgesetze durch Wunder verletzt worden sind, um zu
entscheiden welches von beiden wahrscheinlicher ist Da nun bei religiösen
Wundern die Verletzung der Wahrheit durch Zeugnis gewöhnlicher ist als bei
andern Gelegenheiten so muss das die Glaubwürdigkeit jener sehr vermindern und
zu dem allgemeinen Entschluss führen ihm niemals Aufmerksamkeit zu zollen sei
es auch noch so sehr mit scheinbaren Vorwänden ausgestattet
Lord Bacon scheint denselben Grundsatz angenommen zu haben »Man sollte«
sagt er »eine Sammlung oder besondere Geschichte machen von allen Ungeheuern
und wunderbaren Geburten oder Erzeugnissen kurz von allem Neuen Seltenen und
Außerordentlichen in der Natur. Dies müsste aber mit der größten Sorgfalt
geschehen damit man sich nicht von der Wahrheit entferne Vor Allem muss jede
Erzählung als verdächtig gelten welche in irgend einer Weise mit der Religion
zusammenhängt wie die Wunder bei Livius und nicht minder von Allem in den
Schriften über natürliche Magie oder Alchemie und bei solchen Schriftstellern
welche ein unüberwindliches Verlangen nach Unwahrheit und Fabeln verraten«
Novum Organon Buch II Satz 29
Diese Auffassung gefällt mir um so besser als sie vielleicht jene
gefährlichen Freunde und verkappten Feinde der christlichen Religion verwirren
hilft welche ihre Verteidigung mit Grundsätzen der Vernunft versucht haben
Unsere allerheiligste Religion stützt sich auf den Glauben und nicht auf die
Vernunft, und es heißt sicherlich sie gefährden wenn man sie auf eine solche
Probe stellt die sie in keinem Falle bestehen kann Um dies klar zu machen
will ich einige der in der Bibel erzählten Wunder untersuchen Um nicht zu weit
abzuschweifen will ich mich auf die Wunder in den fünf Büchern Mosis
beschränken ich werde sie nach den Grundsätzen jener angeblichen Christen
prüfen also nicht als Gottes Wort und Zeugnis nehmen sondern als den Bericht
eines menschlichen Schriftstellers und Geschichtsschreibers Hier haben wir
zunächst ein Buch was von einem rohen und unwissenden Volke uns überliefert
ist was zu einer noch roheren Zeit und wahrscheinlich nach den erzählten
Tatsachen abgefasst ist es wird durch kein gleichzeitiges Zeugnis bestärkt
und ähnelt den fabelhaften Erzählungen wie sie jedes Volk von seinem Ursprunge
besitzt Beim Lesen zeigt sich dieses Buch voll von Wundern und
Ungeheuerlichkeiten Es erzählt von einem Zustande der Welt und Menschen der
von dem gegenwärtigen ganz abweicht von dem Verlust dieses Zustandes von
Menschen die beinah tausend Jahre alt geworden von der Zerstörung der Erde
durch die Sündflut von einer willkürlichen Erwählung eines Volkes als des vom
Himmel begünstigten dies Volk sind die Landsleute des Verfassers er berichtet
von ihrer Befreiung aus der Knechtschaft durch die erstaunlichsten Ereignisse
Nun bitte ich dass Jeder die Hand auf sein Herz lege und nach einer ernsten
Überlegung erkläre ob nach seiner Meinung die Wahrheit eines solchen Buches
was auf solche Zeugnisse sich stützt nicht außerordentlicher und wunderbarer
sein würde als alle die Wunder die es berichtet Dennoch müsste dies sein wenn
man es nach den oben dargelegten Regeln der Wahrscheinlichkeit zulassen will
Was hier von Wundern gesagt worden ist, gilt ebenso von Prophezeiungen In
der That sind alle Prophezeiungen wirkliche Wunder und nur als solche können
sie als Beweise für die Offenbarung gelten Überschritte die Vorhersagung
künftiger Ereignisse nicht die Kräfte der menschlichen Natur so wäre es
verkehrt die Prophezeiung als Grund für die göttliche Sendung und das
himmlische Ansehen zu benutzen Hieraus ergibt sich dass überhaupt die
christliche Religion nicht bloß im Anfange von Wundern begleitet war sondern
dass sie auch heutiges Tages von Niemand ohnedem geglaubt werden kann. Die
bloße Vernunft vermag nicht uns von ihrer Wahrheit zu überzeugen und wen der
Glaube bestimmt ihr beizustimmen der ist sich eines fortwährenden Wunders in
seiner Person bewusst welches alle Regeln seines Verstandes umstößt und ihn
treibt gerade das zu glauben was der Gewohnheit und Erfahrung am meisten
widerspricht
Ich unterhalte mich täglich mit einem Freunde der skeptische Paradoxen
liebt Obgleich ich vielen seiner Behauptungen nicht beistimmen kann so sind
sie doch interessant und betreffen jene Kette von Beweisen welche in der
gegenwärtigen Untersuchung benutzt worden sind. Ich werde sie daher aus der
Erinnerung so genau als ich vermag wiedergeben damit der Leser selbst
urteilen möge
Ich begann die Unterhaltung indem ich das besondere Glück der Philosophie
bewunderte Sie fordert sagte ich volle Freiheit als ihr höchstes Recht und
erblüht nur aus dem freien Kampfe der Ansichten und Beweise Wie glücklich
daher dass sie zu einer Zeit und in einem Lande der Freiheit und Toleranz zur
Welt kam wo sie selbst bei ihren ausschweifendsten Lehren nie durch
Glaubenssätze Bekenntnisse und Strafgesetze eingezwängt wurde Denn mit
Ausnahme der Verbannung des Protagoras und den Tod des Sokrates welcher zum
Teil andere Veranlassungen hatte gibt es in der alten Geschichte kaum ein
Beispiel von der überfrommen Eifersucht von welcher die jetzige Zeit so zu
leiden hat Epikur lebte bis zu hohem Alter friedlich und ruhig in Athen und
seine Schüler wurden sogar als Priester zugelassen um bei dem Altar und in den
heiligsten Gebräuchen der geltenden Religion mitzuwirken Lucian im Symposian
und Dio Ebenso wurden Gehalte und Pensionen durch die Weisesten der römischen
Kaiser den Lehrern aller philosophischen Sekten zur allgemeinen Anregung
erteilt Wie sehr die Philosophie einer solchen Behandlung in ihrer frühen
Jugend bedurfte kann man daraus abnehmen dass sie noch jetzt wo sie doch
härter und stärker geworden sein muss nur schwer die Rauheit der Zeit und die
auf sie einbrechenden scharfen Stürme der Verleumdung und Verfolgung ertragen
kann
Sie sehen das als ein Glück der Philosophie an sagte mein Freund was
vielmehr das Ergebnis des natürlichen Laufs der Dinge ist und in keiner Zeit
und bei keinem Volke vermieden werden kann. Diese hartnäckige Frömmelei über
welche sie sich beklagen weil sie der Philosophie so verderblich ist sie
entspringt vielmehr aus letzterer selbst verbindet sich mit dem Aberglauben
trennt sich dann ganz von ihrer Mutter und wird ihr ausdauernder Feind und
Verfolger Tiefsinnige Religionssätze welche jetzt so wütenden Streit
veranlassen konnten in den frühesten Zeiten von den Menschen weder begriffen
noch festgehalten werden sie mussten bei ihrer Unwissenheit die religiösen
Vorstellungen ihrer schwachen Fassungskraft anpassen und ihre heiligen
Glaubenssätze nach solchen Erzählungen bilden welche mehr der Gegenstand eines
überlieferten Glaubens als das Ergebnis von Beweisgründen und Streitigkeiten
waren Als daher der erste Schreck vorüber war welcher die neuen Paradoxien und
Grundsätze der Philosophen veranlassten scheinen diese Lehrer im Altertum
immer in großer Eintracht mit dem bestehenden Aberglauben gelebt und die
Menschen zuletzt unter sich verteilt zu haben die ersteren nahmen die
Gelehrten und Gebildeten und der letztere das gemeine ungebildete Volk
Sie scheinen erwiderte ich die Politik ganz aus dem Spiele zu lassen und
anzunehmen dass eine weise Obrigkeit über gewisse Sätze der Philosophie, wie
die des Epikur nicht besorgt zu werden brauche obgleich diese das Dasein eines
Gottes und folglich seine Vorsehung und ein künftiges Leben nicht anerkennen
damit in starkem Maß die Bande der Moralität lockern und deshalb als für den
Frieden der bürgerlichen Gesellschaft gefährlich erachtet werden können.
Ich weiß erwiderte er dass diese Verfolgungen allerdings zu keiner Zeit
von der ruhigen Vernunft ausgegangen sind auch nicht davon dass man die
verderblichen Folgen der Philosophie durch Erfahrung kennen gelernt Sie
entspringen lediglich aus Leidenschaften und Vorurteil Wie aber wenn ich
weiter ginge und behauptete dass Epikur im Falle er durch einen Schmeichler
oder einen Denunzianten des jetzigen Schlages vor dem Volke angeklagt worden
wäre sich leicht hätte verteidigen und beweisen können dass die Sätze seiner
Philosophie ebenso heilig seien als die seiner Gegner obgleich sie mit so viel
Eifer ihn dem öffentlichen Hass und Misstrauen preiszugeben suchten
Ich wünschte sagte ich Sie versuchten Ihre Beredsamkeit für einen so
ungewöhnlichen Gegenstand und hielten eine Rede für Epikur welche nicht bloß
den Pöbel von Athen befriedigte wenn sie erlauben dass diese alte und
gebildete Stadt einen Pöbel gehabt hat sondern auch dem philosophischeren Teil
seiner Zuhörer welche im Stande waren seine Beweisführung zu verstehen
Unter solchen Bedingungen erwiderte er ist dies nicht schwer Gefällt es
Ihnen so will ich für eine kurze Zeit mich zu Epikur und Sie zu dem Volk von
Athen machen und solch eine Verteidigungsrede zum Besten geben dass die Urne
nur mit weißen Bohnen sich füllen soll und keine schwarze meine boshaften
Gegner erfreuen soll
Sehr schön Beginnen Sie unter diesen Voraussetzungen
Ich komme hierher o Athener um in Eurer Versammlung das zu verteidigen
was ich in meinem Hörsaal gelehrt habe aber anstatt mit ruhigen und
leidenschaftslosen Richtern zu streiten finde ich mich von wütenden Gegnern
angeklagt Eure Beratungen welche von Rechts wegen den Fragen des öffentlichen
Wohles und den Interessen des Staates zugewendet sein sollten werden auf die
Prüfung einer tiefsinnigen Philosophie abgeleitet und diese großartigen aber
vielleicht fruchtlosen Untersuchungen nehmen die Stelle Eurer gewöhnlicheren
aber nützlicheren Beschäftigungen ein Soweit es auf mich ankommt will ich
diesem Missbrauch zuvorkommen Wir wollen hier nicht über den Ursprung der Welt
streiten wir wollen nur untersuchen inwiefern solche Fragen das öffentliche
Interesse berühren und wenn ich Euch überzeugen kann dass sie für den Frieden
des Staates und die Sicherheit der Gesellschaft ganz ohne Bedeutung sind so
hoffe ich Ihr werdet mich gleich in die Hörsäle zurückschicken um dort in
Muße die erhabenste aber auch schwierigste Frage aller Philosophie zu
erörtern
Die gottesfürchtigen Philosophen begnügen sich nicht mit den
Überlieferungen der Voreltern und mit der Lehre Eurer Priester bei der ich
mich gerne beruhige sondern geben einer voreiligen Neugierde nach und
versuchen wie weit sie die Religion auf die Gesetze der Vernunft zu gründen
vermögen Somit erwecken sie Zweifel anstatt sie zu befriedigen Zweifel die
aus einer sorgfältigen und genauen Untersuchung hervorgehen müssen Mit den
herrlichsten Farben malen sie erst die Ordnung Schönheit und weise Einrichtung
der Welt dann fragen sie ob eine solche glänzende Entfaltung von Einsicht je
aus zufälligen Verbindungen der Atome hätten hervorgehen können oder ob Zufall
das hervorbringen könne was der größte Geist nicht genug bewundern könne Ich
werde die Richtigkeit dieses Grundes nicht untersuchen Ich werde zugeben dass
er so zureichend sei als meine Gegner und Ankläger nur wünschen können Es
genügt wenn ich gerade durch diesen Grund darlegen kann dass diese Frage
durchaus dem tiefem Nachdenken angehört und dass, wenn ich in meinen
philosophischen Untersuchungen eine Vorsehung und ein zukünftiges Leben leugne
ich nicht die Grundvesten der Gesellschaft unterwühle sondern nur Grundsätze
geltend mache welche Jene selbst in ihren Beweisen wenn sie konsequent sein
wollen als fest und genügend anerkennen müssen
Ihr meine Ankläger habt also selbst anerkannt dass der wichtigste oder
einzige Beweis eines göttlichen Daseins was ich nie in Frage gestellt habe
sich aus der Ordnung der Natur ableitet In ihr bestehen solche Zeichen von
Verstand und Absicht dass Ihr es für unsinnig haltet den Zufall oder die
blinde und ungeleitete Kraft des Stoffes als deren Ursache zu behaupten Ihr
gesteht zu dass dieser Beweis von der Beziehungsform der Ursachlichkeit
entlehnt ist Ihr folgert aus der Anordnung des Werkes dass es von einem
Werkmeister entworfen und vorbedacht worden sein müsse Könnt Ihr diesen Punkt
nicht festhalten so erkennt Ihr an dass Euer Schluss verfehlt ist auch wollt
Ihr den Schluss nicht in größerer Ausdehnung ziehen als die Naturerscheinungen
ihn rechtfertigen Dies sind Eure Zugeständnisse Nun merkt auf die Folgen
Wenn man eine bestimmte Ursache aus einer Wirkung folgert so muss man die
eine der andern anpassen und darf niemals der Ursache Eigenschaften zuteilen
die zur Hervorbringung der Wirkung nicht genau nötig sind Wenn ein Gewicht von
zehn Loth sich in einer Waagschale hebt so beweist das dass das Gegengewicht
von der andern schwerer ist aber der Fall ist kein Grund dass das Gegengewicht
über hundert Loth schwer ist. Ist die für eine Wirkung angenommene Ursache
unvermögend sie hervorzubringen so muss man entweder die Ursache verwerfen
oder ihr solche Eigenschaften zusetzen die der Wirkung genau entsprechen Gibt
man ihr aber noch andere Eigenschaften oder die Fähigkeit noch andere Wirkungen
hervorzubringen so gibt man nur dem Spiel der Vermutungen nach und behauptet
ohne Grund und Anhalt bloß nach Belieben das Dasein von Eigenschaften und
Kräften
Diese Regel gilt ebenso bei dem unvernünftigen und unbewussten Stoff wie
bei vernünftigen und einsichtigen Wesen sofern man sie als Ursachen betrachtet
Wird die Ursache nur aus der Wirkung abgeleitet so darf man ihr nie mehr
Eigenschaften zuteilen als zur Hervorbringung der Wirkung gerade nötig ist
und ebensowenig darf man nach den Regeln der gesunden Vernunft nun wieder von
der Ursache ausgehen und ihr Wirkungen zuschreiben die über die uns bekannten
hinausgehen Niemand konnte wenn er nur ein Gemälde von Zeuxis sah daraus
entnehmen dass er auch ein Bildhauer und Baumeister war und in Stein und
Marmor so geschickt wie in Farben Nur die Talente und der Geschmack der in
dem besonderen Werke vor uns enthalten ist, können mit Sicherheit von dem
Künstler ausgesagt werden Die Ursache muss der Wirkung entsprechen und wenn
wir sie ihr genau anpassen so wird man nie Eigenschaften in ihr finden die
weiter führen oder einen Schluss auf neue Absichten und Taten gestatten Solche
Eigenschaften gehen über das hinaus was die untersuchte Wirkung zu ihrer
Erzeugung erfordert
Räumt man also ein dass die Götter die Urheber von dem Dasein und der
Ordnung der Welt sind so folgt, dass sie genau das Maaß von Macht Einsicht
und Güte besitzen was in ihrem Werke enthalten ist; aber nichts weiter kann
damit bewiesen werden, wenn man nicht die Übertreibung und Schmeichelei zu
Hilfe nehmen will um die Mängel des Beweises und der Begründung zu ergänzen So
weit als die Spuren einer Eigenschaft sich jetzt zeigen so weit kann man auf
das Dasein dieser Eigenschaften Schließen Die Annahme weiterer Eigenschaften
ist reine Willkür und noch mehr die Annahme, dass in fernen Räumen und Zeiten
noch eine glänzendere Entfaltung dieser Eigenschaften und eine solche
Einrichtung der Verwaltung gewesen ist oder sein wird welche solchen
eingebildeten Tugenden mehr entspricht Es ist niemals zulässig von der Welt
als Wirkung zu Jupiter als Ursache aufzusteigen und dann wieder abwärts von
dieser Ursache neue Wirkungen abzuleiten als wenn die vorhandenen Wirkungen
nicht ganz dem Wert jener ruhmvollen Eigenschaften entsprächen die wir dieser
Gottheit zuschreiben Wenn die Kenntnis der Ursache nur allein aus der
Kenntnis der Wirkung entlehnt ist so müssen sie genau auf einander passen und
das eine kann nie weiter führen und nicht die Grundlage für neue Schlüsse und
Folgerungen abgeben
Ihr bemerkt Erscheinungen in der Natur. Ihr sucht nach einer Ursache oder
einem Urheber Ihr meint ihn gefunden zu haben Allmählich werdet Ihr so
verliebt in diesen Sprössling Eures Gehirns dass Ihr meint er müsse noch
Größeres und Vollkommeneres hervorbringen als den gegenwärtigen Schauplatz
dieser Welt die so voll von Übel und Unordnung ist Ihr vergesst dass dieser
höchste Verstand und Güte nur eingebildet sind oder mindestens ohne vernünftige
Grundlage und dass Ihr nicht berechtigt seid ihm weitere Eigenschaften
zuzuteilen als die welche in seinen Werken sich wirklich entfaltet und
wirksam darstellen Lasst deshalb Ihr Philosophen Eure Götter dem
gegenwärtigen Zustand der Natur entsprechen und unternehmt nicht diesen
Zustand durch willkürliche Zusätze zu ändern um ihm die Eigenschaften
anzupassen die Ihr so gern Euern Gottheiten zuteilt
Wenn Priester und Dichter durch Euer Ansehen o Athenienser unterstützt vom
goldenen oder silbernen Zeitalter sprechen welches dem jetzigen Zustand von
Laster und Elend vorhergegangen sei so höre ich auf sie mit Aufmerksamkeit und
Ehrfurcht wenn aber Philosophen welche das Ansehen der Person nicht gelten
lassen wollen und die Vernunft verehren dieselbe Sprache führen so zolle ich
ihnen wie ich einräume nicht dieselbe gehorsame Unterwürfigkeit und fromme
Hochachtung Ich frage was sie in diese himmlischen Regionen geführt hat wer
sie in den Rath der Götter zugelassen hat wer ihnen das Buch des Schicksals
geöffnet hat um so voreilig versichern zu können dass ihre Gottheiten ein Ziel
über das wirklich Wahrgenommene hinaus vollführt haben oder vollführen werden
Wenn sie mir sagen dass sie mittelst der Stufen oder allmählichen Erhebung der
Vernunft und durch Rückschlüsse von den Wirkungen auf Ursachen zu dieser Höhe
aufgestiegen sind so beharre ich dabei dass sie die Erhebung der Vernunft mit
den Flügeln der Phantasie unterstützt haben sonst hätten sie nicht in dieser
Art ihre Folgerungen ändern und von Ursachen zu Wirkungen übergehen können Sie
setzten voraus dass ein vollkommeneres Werk als die jetzige Welt solchen
vollkommenen Wesen wie den Göttern mehr entspreche und vergaßen dass sie
diesen himmlischen Wesen keine Vollkommenheit oder Eigenschaft beilegen dürfen
die nicht in der jetzigen Welt gefunden wird
Daher kommt all der fruchtlose Eifer die schädlichen Erscheinungen der
Natur zu rechtfertigen und die Ehre der Götter zu retten während wir doch das
Dasein dieser Übel und Unordnung von denen die Welt überfließt anerkennen
müssen Man sagt uns dass die widerspenstigen und unhandlichen Eigenschaften
des Stoffes, oder die Erhaltung der allgemeinen Gesetze, oder ein Anderes der
Art allein die Ursache gewesen sei welche die Macht und Güte des Jupiter
beschränkte und ihn nötigte die Menschen und alle lebenden Geschöpfe so
unvollkommen und unglücklich zu schaffen Es scheint also dass diese
Eigenschaften in der weitesten Ausdehnung im Voraus für zugestanden angenommen
worden sind, und ich gebe zu dass dann solche Annahmen vielleicht als leidliche
Entschuldigung übler Zustände zugelassen werden könnten Aber ich frage wieder
Weshalb soll man diese Eigenschaften als gewiss annehmen und mehr Eigenschaften
in die Ursache verlegen als in der Wirkung hervortreten Weshalb quält Ihr Euer
Gehirn um den Lauf der Natur unter Voraussetzungen zu rechtfertigen die meines
Wissens nur eingebildet sind und von denen keine Spur in dem Naturlauf
angetroffen wird.
Diese religiöse Hypothese mag deshalb als eine eigentümliche Weise gelten
um die sichtbaren Erscheinungen der Welt zu rechtfertigen aber kein
Verständiger wird daraus irgend einen besonderen Umstand ableiten und die
Erscheinungen im Einzelnen verändern oder vergrößern Wenn Ihr meint dass die
wahrgenommenen Dinge solche Ursachen beweisen so mögt Ihr einen Schluss auf das
Dasein solcher Ursachen ziehen In solchen verwickelten und erhabenen Fragen mag
Jeder sich in Vermutungen und Beweisen frei ergehen Aber hier müsst Ihr
anhalten Wenn Ihr umkehrt und aus Euren gefolgerten Ursachen rückwärts
beweiset dass etwas Anderes in der Natur bestanden habe oder kommen werde was
zur volleren Entfaltung besonderer Eigenschaften diene so erinnere ich Euch
dass Ihr Euch von der dem Gegenstande zukommenden Beweismethode entfernt habt
und der Ursache an Eigenschaften etwas über das was die Wirkung zeigt
zugesetzt habt sonst hättet Ihr niemals in erträglicher und passender Weise der
Wirkung etwas hinzufügen können um sie der Ursache würdiger zu machen
Wo ist also das Hassenswerte meiner Lehre die ich in meinem Hörsaal
verkündige oder vielmehr in meinen Gärten erörtere Findet Ihr in der ganzen
Frage etwas was das Bestehen der Sittlichkeit oder der gesellschaftlichen
Ordnung und Ruhe im Geringsten gefährdet
Ihr sagt dass ich die Vorsehung und den obersten Leiter der Welt leugne
welcher den Lauf derselben bestimmt den Lasterhaften mit Schande und
Fehlschlägen straft und den Tugendhaften mit Ehre und Erfolg seiner
Unternehmungen belohnt Aber ich leugne sicherlich nicht den Lauf der Dinge
selbst, welcher der Untersuchung und Prüfung eines Jeden offen liegt Ich
erkenne an dass in der jetzigen Ordnung der Dinge die Tugend mit einer größeren
Seelenruhe verbunden ist als das Laster und eine günstigere Aufnahme von der
Welt erhält Ich weiß sehr wohl dass nach dem was man bis jetzt von den
Menschen erfahren hat die Freundschaft der Hauptgenuss des Lebens und die
Mäßigkeit die einzige Quelle von Ruhe und Glück ist Ich schwanke nie zwischen
dem tugend und lasterhaften Leben und weiß dass für ein gutgeartetes Gemüt
aller Vorteil auf der Seite des ersten ist Und was könnt Ihr mit all Euren
Voraussetzungen und Folgerungen mehr sagen Allerdings sagt Ihr mir dass diese
Einrichtung der Dinge aus Weisheit und Absicht hervorgegangen sei Aber möge die
Quelle sein welche sie wolle die Anordnung selbst von der unser Glück und
Elend und folglich unsere Führung und Verhalten im Leben abhängt bleibt immer
dieselbe Es steht immer mir wie Euch frei mein Benehmen nach meiner früheren
Erfahrung zu regeln Und wenn Ihr behauptet dass bei Annahme der göttlichen
Vorsehung und einer höchsten verteilenden Gerechtigkeit im Weltall ich über den
gewöhnlichen Lauf der Dinge noch einen besonderen Lohn für das Gute und Strafe
für das Böse erwarten müsse so finde ich hier dieselbe Täuschung die ich oben
aufgedeckt habe Ihr bleibt bei der Einbildung dass, wenn ich jene göttliche
Existenz für welche Ihr so ernstlich streitet zugebe Ihr dann getrost
Folgerungen ziehen und der wahrgenommenen Ordnung der Natur vermittelst der
Euren Göttern zugeschriebenen Eigenschaften etwas zusetzen könnt Ihr vergesst
dass alle eure Beweise nur von Wirkungen auf Ursachen gehen und dass deshalb
jede RückFolgerung von den Ursachen auf die Wirkung notwendig eine große
Täuschung enthalten muss weil Ihr nur das von der Ursache wissen könnt was Ihr
vorher in der Wirkung nicht vermutet sondern deutlich wahrgenommen habt
Was soll ein Philosoph von den eitlen Schwätzern denken welche nicht den
gegenwärtigen Schauplatz der Dinge zu ihrem alleinigen Gegenstand der
Betrachtung nehmen sondern den Lauf der Natur so ganz verkehren dass ihnen
dieses Leben nur als ein Durchgang zu etwas Weiterem gilt als ein Portal was
zu einem größeren und ganz verschiedenem Bauwerk führt als ein Prolog welcher
das Stück nur einführen und es nur anziehend und passender machen soll Woher
glaubt Ihr dass solche Philosophen ihre Begriffe über die Götter entnehmen
Gewiss von ihrer eigenen Einbildung und Phantasie Denn wenn sie sie von den
gegenwärtigen Erscheinungen ableiteten so kämen sie nicht weiter sondern
müssten sie diesen genau anpassen Dass die Gottheit möglicherweise
Eigenschaften besitze deren Äußerungen wir niemals wahrgenommen haben dass
sie in ihrem Handeln von Grundsätzen geleitet werde deren Geltendmachung wir
nicht entdecken können alles dies kann man getrost einräumen Aber es ist eben
nur Möglichkeit und Voraussetzung Wir haben niemals einen Grund auf eine
Eigenschaft oder auf einen Grundsatz in dem Handeln der Gottheit zu Schließen
deren Äußerung und dessen genügende Verwirklichung wir nicht erkennen
Gibt es in der Welt ein Zeichen für eine verteilende Gerechtigkeit Wenn
Ihr mit Ja antwortet so Schließe ich dass die Gerechtigkeit wie sie hier
sich äußert auch sich genügt wenn Ihr Nein sagt so Schließe ich dass Ihr
dann keinen Grund habt die Gerechtigkeit in unserm Sinne den Göttern
zuzuschreiben Wollt Ihr Euch in der Mitte zwischen Ja und Nein halten und
sagen dass die Gerechtigkeit der Götter sich jetzt zwar zum Teil aber nicht
in ihrem vollen Umfang äußere so antworte ich dass Ihr kein Recht habt ihr
eine andere Ausdehnung zu geben als in der Ihr seht dass sie selbst jetzt sich
geltend macht
So bringe ich o Athener den Streit mit meinen Gegnern zu einem schnellen
Ende Der Lauf der Natur liegt offen vor meinen Augen wie vor den ihrigen Die
wahrgenommene Folge der Begebenheiten ist der große Maßstab nach dem wir
Alle unser Benehmen einrichten Nichts weiter kann in das Feld oder in die
Beratung geführt werden Von nichts Anderem darf man im Hörsaal und im Zimmer
hören Unser beschränkter Verstand kann diese Grenze nicht durchbrechen die für
unsere verwöhnte Phantasie zu enge ist Wenn wir aus dem Lauf der Natur den
Beweis entnehmen und eine besondere verständige Ursache folgern welche die
Ordnung in der Welt gründete und forterhält so stellen wir ein Prinzip auf was
sowohl ungewiss als nutzlos ist ungewiss weil es ganz jenseits menschlicher
Erfahrung liegt nutzlos weil unsere Kenntnis dieser Ursache lediglich von dem
Naturlauf abgeleitet ist und wir daher nach den Regeln der gesunden Vernunft
nicht rückwärts von der Ursache neue Folgerungen ableiten und neue Grundsätze
für ihr Benehmen und Führung dadurch gewinnen können dass zu dem gewöhnlichen
und wahrgenommenen Lauf der Natur Etwas hinzugesetzt wird
Ich sehe sagte ich wie er seine Rede geendet hatte dass Sie das
Kunststück der alten Demagogen benutzen Da es Ihnen beliebte mich zum Volke zu
machen so suchen sie meine Gunst dadurch zu gewinnen dass sie Grundsätze
verteidigen welchen ich mich wie sie wissen immer gern angeschlossen habe
Aber wenn ich Ihnen gestatte die Erfahrung wie ich denke dass Sie getan zum
alleinigen Maßstab unseres Urteiles über diese und alle andern Tatfragen zu
machen so möchte es doch gerade mittelst der Erfahrung, auf die Sie sich
berufen möglich sein die Beweisführung zu widerlegen welche Sie dem Epikur in
den Mund legen Wenn Sie zB ein halb fertiges Bauwerk mit Haufen von Ziegeln
Steinen und Mörteln und allem Maurerhandwerkzeug sehen können Sie da nicht aus
der Wirkung entnehmen dass es ein Werk der Absicht und Überlegung ist Und
können Sie dann nicht rückwärts von dieser erschlossenen Ursache neue Zusätze
für die Wirkung ableiten und Schließen dass das Gebäude bald beendet sein und
alle die weitern Verbesserungen erhalten werde welche die Kunstfertigkeit ihm
erteilen kann Wenn Sie am Meeresufer die Spur eines Fußtapfens sehen würden
Sie nicht Schließen dass ein Mensch diesen Weg gegangen sei und dass er auch
die Spuren von seinem andern Fuß zurückgelassen habe obgleich sie durch das
Spülen des Sandes oder das Überströmen des Wassers verlöscht worden sind?
Weshalb wollen Sie also nicht dieselbe Beweisführung für die Ordnung der Natur
zulassen Weshalb wollen Sie nicht die Welt und das jetzige Leben nur als ein
unvollendetes Bauwerk betrachten von dem man auf einen höheren Verstand
schließt und weshalb wollen Sie nicht den Rückschluss von diesem höheren
Verstande der nichts unvollkommen lassen kann auf eine vollkommenere Absicht
oder Plan ziehen der seine Erfüllung in einer entfernteren Zeit und Ort erhalten
wird Sind dies nicht Beweisführungen die einander ganz gleich sind? Aus
welchem Grunde kann man deshalb die eine annehmen und die andere verwerfen
Der ungeheure Unterschied in dem Gegenstand erwiderte er ist ein
genügender Grund für diesen Unterschied in meinen Folgerungen Bei menschlichen
Werken und Einrichtungen ist es gestattet von der Wirkung auf die Ursache zu
Schließen und rückwärts aus dieser neue Folgerungen in Betreff der Wirkung zu
ziehen und die Veränderungen zu prüfen die sie vielleicht erlitten hat oder
noch erleiden wird Denn was ist hier die Grundlage dieser Folgerungen einfach
die dass der Mensch ein Wesen ist, das wir aus Erfahrung kennen mit dessen
Beweggründen und Absichten wir vertraut sind und dessen Pläne und Neigungen
eine gewisse Verbindung und Zusammenhang mit den Gesetzen haben welche die
Natur für die Leitung eines solchen Geschöpfes festgesetzt hat Findet man also
dass ein Werk von der Geschicklichkeit und Tätigkeit eines Menschen herrührt
so kann man eine Menge Folgerungen über das daraus ziehen was man von ihm zu
erwarten hat weil die Natur dieses Wesens bereits von anderwärts her bekannt
ist und alle diese Folgerungen sich auf Erfahrung und Beobachtung stützen
Kennte man aber den Menschen nur aus dem einzigen Werke welches man vor sich
hat so wäre es unmöglich in dieser Weise zu Schließen Da alle Kenntnis der
Eigenschaften, die man ihm zuteilt in diesem Falle nur aus diesem Werke
abgeleitet würde so könnten sie unmöglich zu etwas Neuem führen und zur
Grundlage neuer Folgerungen dienen Die Fußspur im Sande kann für sich allein
nur beweisen dass ein ihr entsprechender Körper dagewesen ist der sie
hervorgebracht hat aber die Spur eines Menschenfußes beweist außerdem nach
unserer sonstigen Erfahrung dass wahrscheinlich ein zweiter Fuß dagewesen ist
welcher auch eine Spur hinterlassen hat die nur die Zeit oder andere Umstände
verlöscht haben Hier steigen wir allerdings von der Wirkung zur Ursache und
Schließen wieder rückwärts von der Ursache auf Änderungen in der Wirkung. Aber
dieses ist keine Fortsetzung derselben einfachen Schlusskette Wir fassen in
diesem Falle eine Menge Erfahrungen und Beobachtungen rücksichtlich der
gewöhnlichen Gestalt und Glieder dieser Art von Geschöpfen zusammen ohne
welches dieses Beweisverfahren als trügerisch und spitzfindig gelten müsste
Der Fall ist bei unsern Folgerungen aus Werken der Natur nicht derselbe Wir
kennen die Gottheit nur aus ihren Werken sie ist in der Welt nun einmal da und
kann nicht unter eine Art oder Gattung begriffen werden aus deren
wahrgenommenen Eigenschaften und Bestimmungen man mittelst der Ähnlichkeit auf
eine Eigenschaft oder Bestimmung in jener Schließen könnte Da das Weltall
Weisheit und Güte zeigt so folgern wir Weisheit und Güte Da es ein bestimmtes
Maaß dieser Vorzüge zeigt so folgern wir ein solches Maaß derselben was
genau den erprobten Wirkungen entspricht Aber weitere Eigenschaften oder ein
größeres Maaß derselben ist man nach den Regeln des richtigen Schließens zu
folgern oder anzunehmen nicht berechtigt Sind aber solche Annahmen nicht
gestattet so können wir mit der Ursache nicht weiter kommen und keine andere
Zustände in der Ursache folgern als die unmittelbar wahrgenommenen Größere
von diesem Wesen hervorgebrachte Güter müssen einen höheren Grad von seiner Güte
beweisen eine unparteiischere Austeilung von Lohn und Strafe muss aus einer
größeren Berücksichtigung der Gerechtigkeit und Billigkeit hervorgehen Jeder
bloß willkürlich angenommene Zusatz zu den Werken der Natur gibt zwar einen
Zusatz zu den Eigenschaften des Urhebers der Natur; da er aber durch keinen
Grund oder Beweis unterstützt ist so kann er nur als leere Vermutung und
Voraussetzung geltenA11
Die große Quelle des Irrtums und der schrankenlosen Freiheit von
Vermutungen der wir in solchem Falle nachgeben ist dass wir stillschweigend
uns an die Stelle des höchsten Wesens setzen und folgern dass es überall sich
ebenso benehmen werde wie wir selbst es in solcher Lage für ratsam und
vernünftig halten würden Aber schon der gewöhnliche Lauf der Natur belehrt uns
dass beinahe jedes Ding durch Kräfte und Regeln bestimmt wird, die von den
unsrigen sehr abweichen und außerdem widerspricht es allen Regeln der
Analogie, aus den Absichten und Plänen eines Menschen auf die eines so
verschiedenen und so viel höheren Wesens zu Schließen In der menschlichen
Natur besteht ein bekannter Zusammenhang der Absichten und Neigungen so dass,
wenn man aus einem Umstand die Neigung des Menschen entnommen hat es vernünftig
ist nach der Erfahrung weiter zu Schließen und eine lange Reihe von
Folgerungen über sein vergangenes und künftiges Benehmen zu ziehen Aber diese
Schlussweise gilt nicht bei einem so entfernten und unbegreiflichen Wesen
welches den andern im Weltall weniger ähnelt als die Sonne einer Wachskerze
und welches sich nur durch einige schwache Spuren und Züge erkennbar macht über
die hinaus wir ihm keine Eigenschaft oder Vollkommenheit beilegen können Was
wir für eine höhere Vollkommenheit halten kann in Wahrheit ein Mangel sein und
selbst wenn es eine Vollkommenheit wäre so kann man sie doch dem höchsten Wesen
nicht zuteilen wenn ihre volle Äußerung in seinem Werke nicht wahrzunehmen
ist; dies würde mehr nach Schmeichelei und Lobhudelei schmecken als nach einem
richtigen Schließen und nach gesunder Philosophie Alle Philosophie der Welt
und alle Religion die ja nur eine Art der Philosophie ist kann uns nicht über
den gewöhnlichen Lauf der Erfahrung hinaus heben oder uns einen Maßstab für
unser Benehmen und Betragen geben der von dem aus der Betrachtung des
gewöhnlichen Lebens entnommenen abweicht Aus der religiösen Hypothese kann
keine neue Tatsache gefolgert kein Ereignis vorher gesehen und vorher
verkündet keine Strafe oder Belohnung gefürchtet oder gehofft werden über das
hinaus was Erfahrung und Beobachtung ergeben Meine Verteidigung des Epikur
bleibt deshalb fest und genügend die politischen Interessen der Gesellschaft
haben keinen Zusammenhang mit den philosophischen Erörterungen über Metaphysik
und Religion
Einen Umstand erwiderte ich scheinen Sie doch übersehen zu haben Ich gebe
Ihre Vordersätze zu aber ich leugne den Schluss Sie folgern dass religiöse
Lehren und Erörterungen keinen Einfluss auf das Leben haben können weil sie
keinen haben sollen und erwägen nicht dass die Menschen nicht so wie Sie
Schließen sondern Vieles aus dem Glauben an ein göttliches Wesen ableiten und
dass sie annehmen es werde dieses Strafen über das Laster verhängen und den
Lohn der Tugend erteilen über das hinaus was der gewöhnliche Lauf der Natur
ergibt Es ist gleich ob diese Folgerung richtig ist oder nicht der Einfluss
auf ihr Leben und Benehmen bleibt derselbe und wer es unternimmt sie von
diesen Vorurteilen zu befreien ist meines Erachtens wohl ein guter Logiker
aber kein guter Bürger und Politiker denn er befreit die Menschen von einem
Zügel ihrer Leidenschaften und erleichtert ja ermutigt in gewisser Hinsicht
zur Verletzung der bürgerlichen Gesetze
Nach Allem trete ich Ihnen also in Ihrem allgemeinen Ausspruche zu Gunsten
der Freiheit wohl bei aber aus anderen Vordersätzen als die Sie dazu benutzen
Ich meine der Staat muss jede philosophische Lehre zulassen und es gibt kein
Beispiel dass eine Regierung durch solche Nachsicht in ihren politischen
Interessen gelitten hätte Unter den Philosophen herrscht keine Begeisterung
ihre Lehren sind nicht verlockend für das Volk und man kann ihre Erörterungen
nicht ohne Nachtheil für die Wissenschaften und selbst für den Staat
beschränken denn man ebnet damit den Weg für Verfolgung und Unterdrückung auch
in solchen Dingen bei denen die Menschheit mehr beteiligt und tiefer
interessiert ist
Indes treffe ich hier fuhr ich fort bei Ihrem Hauptsatze auf eine
Schwierigkeit die ich nur berühre ohne darauf besonderen Werth zu legen damit
wir nicht in zu feine und zarte Erörterungen geraten Kurz ich muss
bezweifeln ob es überhaupt möglich ist eine Ursache aus ihrer Wirkung zu
erkennen wie Sie immer angenommen haben oder dass etwas von so
eigentümlicher und besonderer Beschaffenheit sei dass es keine Vergleichung
oder Analogie mit andern Ursachen oder Dingen gestatte welche in der Erfahrung
je vorgekommen sind Nur wenn zwei Arten von Dingen immer verbunden angetroffen
werden, kann man von dem Einen auf das Andere Schließen Ist aber eine Wirkung
ganz eigentümlich und unter keine bekannte Art zu befassen so lässt sich
überhaupt keine Vermutung oder Folgerung in Betreff ihrer Ursache aufstellen
Wenn Erfahrung Beobachtung und Analogie in Wahrheit die einzigen Führer sind
denen man in Erkenntnis der Natur sich anvertrauen kann so muss eine bestimmte
Wirkung und Ursache andern bekannten Wirkungen und Ursachen gleichen die in
vielen Fällen verbunden angetroffen worden sind.
Ich überlasse es Ihrem eigenen Nachdenken den Folgen dieses Grundsatzes
nachzugehen Ich sollte meinen dass, wenn die Gegner des Epikur annehmen das
Weltall als eine ganz besondere und unvergleichliche Wirkung beweise das
Dasein der Gottheit also eine nicht weniger eigentümliche und unvergleichliche
Ursache Ihre Bedenken gegen solche Folgerungen sicher alle Berücksichtigung
verdienen Es besteht allerdings eine Schwierigkeit für den Rückschluss von der
Ursache zur Wirkung und für eine Veränderung oder Vermehrung der letzteren
vermittelst Folgerungen aus Vorstellungen über die erstere
Keine Frage ist philosophisch mehr und häufiger erörtert worden als die über
die Beweise für das Dasein Gottes und die Widerlegung der Irrtümer der
Atheisten Dennoch streiten die frommen Philosophen noch immer ob ein Mensch so
verblendet sein und durch tieferes Denken zum Atheisten werden könne Wie soll
man diese Widersprüche aussöhnen Die fahrenden Ritter welche umherzogen um
die Welt von Drachen und Riesen zu reinigen bezweifelten wenigstens nie das
Dasein solcher Ungeheuer
Die Skepsis ist noch ein anderer Feind der Religion welcher natürlich den
Unwillen aller geistlichen und ernsten Philosophen erregt obgleich sicherlich
noch Niemand einen so verrückten Menschen getroffen oder mit Jemand verkehrt
hat der gar keine Meinung und gar keinen Grundsatz über irgend etwas
festgehalten hätte sei es im Handeln sei es im Untersuchen Dies veranlasst
natürlich die Frage Was versteht man unter einem Skeptiker Und wie weit kann
dieses philosophische Prinzip des Zweifels und der Ungewissheit getrieben
werden
Es gibt eine Art von Skeptizismus welcher jedem Studium und jeder
Philosophie vorausgeht Descartes und Andere haben ihn als ein oberstes
Schutzmittel gegen Irrtum und übereiltes Urteilen empfohlen Descartes fordert
allgemeinen Zweifel nicht bloß an unsern früheren Meinungen und Grundsätzen
sondern selbst an unsern Vermögen wir müssen uns nach seiner Meinung von
deren Wahrhaftigkeit vielmehr durch eine Reihe von Gründen vergewissern welche
von einem obersten Prinzip ausgehen das nicht mehr falsch und irreführend sein
kann Aber es gibt weder ein solches ursprüngliches Prinzip was den Vorrang
über andere ebenso selbstverständliche und überzeugende hätte noch könnten
wir wenn es bestände einen Schritt mit ihm tun ohne die Vermögen zu
gebrauchen denen man doch nicht vertrauen mag Die Cartesianischen Zweifel
wären daher wenn sie überhaupt einem Menschen möglich wären was offenbar nicht
der Fall ist) ganz unheilbar und keine Ausführung könnte dann je über irgend
Etwas Gewissheit und Überzeugung verschaffen
Aber ein solches Zweifeln in mäßiger Weise kann allerdings in einem
verständigen Sinne vorgenommen werden und ist dann eine notwendige Vorbereitung
zu dem Studium der Philosophie. Es erhält die Unparteilichkeit des Urteils und
befreit den Geist von den Vorurteilen die er durch Erziehung und vorschnelles
Absprechen eingesogen hat Mit klaren und selbstverständlichen Grundsätzen zu
beginnen mit vorsichtigen und ängstlichen Schritten vorzugehen die Schlüsse
wiederholt zu prüfen und alle ihre Folgen sorgfältig zu überdenken solche
Mittel gestatten allerdings nur einen langsamen und allmählichen Fortschritt in
unserem Systeme aber sie sind der einzige Weg auf dem man hoffen kann die
Wahrheit zu gewinnen und eine angemessene Festigkeit und Gewissheit in unsern
Ansichten zu erreichen
Es gibt eine Art von Skeptizismus welcher der Wissenschaft und
Untersuchung nachfolgt wenn man entweder das UnbedingtTrügerische der
geistigen Fähigkeiten entdeckt zu haben meint oder ihre Unfähigkeit irgend eine
feste Bestimmung in all jenen interessanten Fragen der Spekulation zu erreichen
für die man sie zu benutzen pflegt Selbst unsere Sinne sind durch eine Gattung
von Philosophen in den Streit gezogen worden und die Regeln des gewöhnlichen
Lebens sind ebenso angezweifelt worden wie die tiefsten Prinzipien und
Folgerungen der Metaphysik und Theologie Da diese paradoxen Sätze im Fall man
sie Sätze nennen will bei einzelnen Philosophen angetroffen werden, und Andere
sie zu widerlegen versucht haben so lässt dies nach den Gründen fragen auf die
sich beide stützen
Ich brauche mich hier nicht bei den allbekannten Gründen aufzuhalten welche
von den Skeptikern aller Zeiten gegen das Zeugnis der Sinne vorgebracht worden
sind; sie sind aus der Unvollkommenheit und den bei vielen Gelegenheiten
vorkommenden Täuschungen der Organe hergenommen zB von dem gebrochenen Ruder
unter dem Wasser von dem verschiedenen Aussehen der Gegenstände nach ihrer
verschiedenen Entfernung von den Doppelbildern bei dem Druck des Auges und von
vielen andern Erscheinungen ähnlicher Art Diese skeptischen Gemeinplätze
beweisen nur dass man sich auf die Sinne allein nicht verlassen kann sondern
dass ihr Zeugnis durch die Vernunft und durch Betrachtungen berichtigt werden
muss welche sich aus der Natur des Mediums aus der Entfernung des Gegenstandes
und aus dem Zustande des Organs ableiten nur dann können sie in ihrem Gebiete
als sichere Kennzeichen des Wahren und Falschen gelten Es gibt indes noch
tiefere Bedenken gegen die Sinne, die sich nicht so leicht beseitigen lassen
Offenbar werden die Menschen durch einen natürlichen Instinkt oder eine
Voreingenommenheit getrieben ihren Sinnen zu glauben Ohne alle Beweise und
selbst vor dem Gebrauche der Vernunft nehmen wir schon eine Welt außer uns an
welche nicht von unserer Wahrnehmung abhängt sondern bleiben würde wenn auch
wir und jedes sinnliche Wesen entfernt oder vernichtet würden Selbst die Tiere
werden von der gleichen Meinung geleitet und zeigen in all ihrem Vorstellen
Wollen und Thun diesen Glauben an äußere Gegenstände
Es ist also offenbar dass die Menschen im Dienste dieses blinden und
mächtigen NaturInstinkts die ihnen durch die Sinne zugeführten Bilder immer auf
äußere Gegenstände beziehen und keinen Zweifel hegen dass das Eine nur die
Vorstellung des Andern sei Von diesem Tische dessen Weiße wir sehen und
dessen Härte wir fühlen glauben wir dass er unabhängig von unserer Wahrnehmung
existiert und dass er etwas außerhalb der Seele ist, welche ihn wahrnimmt
Unsere Gegenwart gibt ihm nicht das Dasein, und unsere Abwesenheit vernichtet
ihn nicht er bewahrt sein Dasein gleichförmig und ganz unabhängig von der
Stellung verständiger Wesen welche ihn wahrnehmen oder ihn betrachten
Aber diese allgemeine und ursprüngliche Überzeugung aller Menschen wird
durch eine oberflächliche Philosophie leicht zerstört die uns lehrt dass der
Seele nur ein Bild oder eine Vorstellung gegenwärtig sein könne und dass die
Sinne nur Kanäle seien welche diese Bilder einführen ohne einen unmittelbaren
Verkehr zwischen der Seele und dem Gegenstande zu haben Der Tisch den wir
sehen scheint mit unserer Entfernung kleiner zu werden aber der wirkliche
Tisch welcher unabhängig von uns besteht erleidet keine Änderung es war
deshalb nur sein Bild was der Seele gegenwärtig war Dies sind die offenbaren
Annahmen der Vernunft, und kein Denkender hat je bezweifelt dass die
Gegenstände welche wir betrachten wenn wir sagen dies Haus und dieser Baum
nur Vorstellungen der Seele sind und flutende Bilder oder Darstellungen von
Gegenständen, welche gleichförmig und selbstständig bleiben
Insoweit sind wir durch die Vernunft gezwungen dem ursprünglichen
NaturInstinkt zu widersprechen oder ihn zu verlassen und ein neues System in
Bezug auf das Zeugnis unserer Sinne anzunehmen Hier gerät aber die
Philosophie in große Verlegenheit sobald sie dieses neue System rechtfertigen
und die Einwürfe und den Spott der Skeptiker widerlegen will Sie kann nicht
mehr auf den untrüglichen und unwiderstehlichen NaturInstinkt zurückgehen denn
dieser führt uns zu einem ganz andern System was als unzuverlässig ja als
irrtümlich anerkannt ist und die Rechtfertigung des angeblichen
philosophischen Systems durch eine Reihe von klaren und überzeugenden Gründen
nicht nur der Schein einer solchen Begründung übersteigt alle menschliche
Fähigkeit und Kraft
Mit welchem Grunde kann bewiesen werden, dass die Vorstellungen der Seele
die Wirkungen äußerer Gegenstände seien die zwar ganz verschieden von ihnen
doch ihnen gleichen wenn dies möglich ist und dass sie weder aus der
Wirksamkeit der Seele selbst noch aus der Zuführung eines unsichtbaren und
unbekannten Geistes oder aus irgend einer andern uns noch nicht bekannten
Ursache entspringen Bekanntlich entstehen tatsächlich viele dieser
Vorstellungen nicht von äußeren Gegenständen wie dies im Traume in der Raserei
und andern krankhaften Zuständen der Fall ist. Nichts ist unerklärlicher als die
Art in welcher ein Körper auf die Seele wirken soll um ein Bild von sich einer
Substanz von so verschiedener ja entgegengesetzter Natur zuzuführen
Es ist eine Tatfrage ob die Wahrnehmungen der Sinne durch äußere ihnen
gleichende Gegenstände hervorgebracht werden. Wie will man diese Frage
entscheiden Offenbar durch Erfahrung wie bei allen andern Fragen dieser Art
Aber hier schweigt die Erfahrung, und muss es Die Seele hat immer nur die
Vorstellung gegenwärtig und kann nie deren Verknüpfung mit den Gegenständen
durch Erfahrung erreichen Die Annahme einer solchen Verknüpfung hat deshalb
keinen Vernunftgrund für sich Die Zuflucht zur Wahrhaftigkeit eines höchsten
Wesens um daraus die Wahrhaftigkeit unserer Sinne zu beweisen ist ein
überraschender Irrweg Wenn jenes Wesens Wahrhaftigkeit hier überhaupt
beteiligt wäre so müssten unsere Sinne ganz untrüglich sein weil es ja auch
nicht einmal betrügen darf Ich will nicht einmal erwähnen dass, wenn die
äußere Welt einmal in Frage steht wir schwerlich Gründe finden werden um das
Dasein eines solchen Wesens oder einer seiner Eigenschaften zu beweisen
Dies ist daher ein Gebiet in welchem die gründlicheren und tiefer
blickenden Skeptiker immer triumphieren werden wenn sie einen allgemeinen
Zweifel über alle Gegenstände des menschlichen Wissens und Forschens erheben
Wollt ihr dem Instinkt und dem Naturtrieb folgen werden sie sagen und der
Wahrhaftigkeit der Sinne zustimmen Aber diese führen euch zu dem Glauben dass
die bloße Vorstellung oder das empfundene Bild der äußere Gegenstand sei
Verleugnet ihr diesen Grundsatz um die vernünftigere Meinung anzunehmen dass
die Empfindungen nur die Vorstellungen von irgend etwas Äußerlichem seien
Dann verlasst ihr euren Naturtrieb und die unmittelbare Empfindung und könnt
doch eure Vernunft nicht befriedigen welche niemals einen überzeugenden Grund
aus der Erfahrung dafür entnehmen kann dass die Empfindungen mit äußeren
Gegenständen verknüpft seien
Es gibt noch eine andere ähnliche skeptische Wendung die sich aus der
tiefsten Forschung ableitet und die unsere Aufmerksamkeit verdiente wenn es
nötig wäre so tief zu tauchen um Gründe und Beweise zu entdecken die doch
für einen ernsten Zweck von so geringem Nutzen sind Alle neuern Forscher
erkennen einstimmig an dass die sinnlichen Eigenschaften der Gegenstände, wie
Härte Weichheit Hitze Kälte Weiße Schwärze usw nur von mittelbarer
Natur sind nicht in den Dingen selbst bestehen sondern bloß als Vorstellungen
in der Seele ohne dass ein äußeres Urbild oder Muster ihnen entspricht Wenn
dies für diese Eigenschaften anerkannt wird so muss es auch von den angeblichen
ursprünglichen Eigenschaften der Ausdehnung und Undurchdringlichkeit gelten und
letztere haben nicht mehr Recht auf diesen Namen als die ersteren Die
Vorstellung der Ausdehnung wird nur durch Sehen und Fühlen erworben und wenn
alle von den Sinnen wahrgenommenen Eigenschaften nur in der Seele und nicht in
dem Gegenstande sind so gilt derselbe Schluss auch für den Begriff der
Ausdehnung, welcher ganz von den Wahrnehmungen oder Vorstellungen der
mittelbaren Eigenschaften abhängig ist.
Nichts kann uns vor diesem Schlusse schützen als die Behauptung, dass die
Vorstellungen dieser Ureigenschaften durch reines Denken gewonnen werden eine
Meinung welche indes bei genauerer Untersuchung als unverständlich ja
widersinnig sich ausweist Eine Ausdehnung welche weder sichtbar noch fühlbar
ist kann nicht gedacht werden und eine fühlbare oder sichtbare Ausdehnung
welche weder weich noch hart weder weiß noch schwarz ist geht ebenso über die
menschlichen Begriffe Ein Mensch soll versuchen sich ein Dreieck überhaupt
vorzustellen welches weder gleichseitig noch ungleichseitig weder in der
Länge noch in dem Verhältnis der Seiten bestimmt ist und er wird bald die
Widersinnigkeit der scholastischen Begriffe von reinem Denken und allgemeinen
Vorstellungen bemerkenA12
Also beruht der erste philosophische Einwand gegen das Zeugnis der Sinne
oder gegen die Annahme äußerer Gegenstände darauf dass eine solche Meinung
wenn sie auf den NaturInstinkt gestützt wird der Vernunft widerspricht und
wenn sie auf Vernunft gegründet wird dem NaturInstinkt zuwider ist und dabei
keinen genügenden Beweisgrund mit sich führt um einen unparteiischen Forscher
zu überführen Der zweite Einwand geht weiter und zeigt dass diese Meinung
sogar der Vernunft widerspricht wenigstens wenn es als Vernunftsatz gilt dass
alle sinnlichen Eigenschaften nur in der Seele und nicht in dem Gegenstande
seien Nimmt man aber dem Gegenstande alle seine fassbaren Eigenschaften
überhaupt sowohl die ursprünglichen wie die vermittelten so ist er
gewissermaßen vernichtet und es bleibt nur ein gewisses unbekanntes und
unsagbares Etwas als Ursache unserer Wahrnehmungen ein Begriff, der so
mangelhaft ist dass kein Skeptiker ihn des Streites wert halten wird
Es scheint ein übermütiges Unternehmen wenn die Skeptiker die Vernunft
durch Gründe und Beweise widerlegen wollen und doch ist dies das große Ziel
ihrer Untersuchungen und Kämpfe Sie suchen Einwürfe sowohl gegen die reinen
Vernunft-Beweise wie gegen die welche die Tatsachen und das Dasein betreffen
Der Haupteinwand gegen alle aus dem bloßen Denken entnommenen Beweise wird
von der Vorstellung des Raumes und der Zeit entlehnt Beides sind Vorstellungen,
welche im gewöhnlichen Leben und bei sorgloser Auffassung völlig klar und
verständlich erscheinen aber bei einer gründlichen wissenschaftlichen
Untersuchung deren Hauptgegenstand sie sind führen sie zu durchaus verkehrten
und widersprechenden Folgerungen Es gibt keinen priesterlichen Glaubenssatz
der zur Zähmung und Unterjochung der widerspenstigen Vernunft erfunden worden
und der den unbefangenen Sinn mehr als die Lehre von der unendlichen
Teilbarkeit des Raumes mit seinen Folgen verwirrt so pomphaft sie auch von den
Mathematikern und Metaphysikern mit Triumph und Jubel entwickelt werden Eine
wirkliche Größe die unendlich kleiner ist als jede bestimmte Größe und die
unendlich kleinere Größen als sie selbst in sich enthält und so fort ohne Ende
das ist ein so dreistes und wunderbares Werk dass jeder Beweis für seine
Unterstützung zu schwach bleibt denn es verletzt die klarsten und natürlichsten
Grundsätze der menschlichen VernunftA13 Was aber die Sache noch mehr
verwickelt ist dass dieser anscheinend widersinnige Satz auf eine Reihe der
natürlichsten und klarsten Beweisgründe gestützt werden kann, und dass man die
Vordersätze nicht zugeben kann ohne auch die Folgerung anerkennen zu müssen
Nichts kann überzeugender und genügender sein als die Beweise für alle Lehrsätze
über Kreise und Dreiecke Erkennt man aber diese an so kann man nicht
bestreiten dass der Winkel zwischen der Kreislinie und ihrer Tangente unendlich
kleiner ist als jeder geradlinige Winkel dass ferner bei einer Vergrößerung
des Durchmessers des Kreises ins Unendliche dieser Berührungswinkel immer
kleiner wird und zwar ohne Ende und dass der Berührungswinkel zwischen andern
krummen Linien und ihren Tangenten noch unendlich kleiner sein kann als der
zwischen der Kreislinie und ihrer Tangente und so immer fort ohne Ende Der
Beweis dieses Satzes erscheint ebenso unerschütterlich als der dass die drei
Winkel eines Dreiecks zwei rechten gleich sind, obgleich der letztere Satz
natürlich und leicht ist und jener voll Widerspruch und Verkehrtheit Die
Vernunft scheint hier in eine Art von Staunen und Beklemmung versetzt zu sein
auch ohne die Angriffe des Skeptikers kann sie sich selbst und dem Boden auf
dem sie wandelt nicht mehr vertrauen Sie sucht ein helles Licht was bestimmte
Stellen erleuchtet aber dieses Licht grenzt an die tiefste Dunkelheit zwischen
beiden steht sie selbst so verblendet und verwirrt dass sie kaum noch über
irgend Etwas sich gewiss und mit Überzeugung auszusprechen vermag
Das Widersinnige solcher dreisten Behauptungen der strengen Wissenschaften
wird bei der Zeit wo möglich noch greifbarer als bei dem Raume Eine unendliche
Zahl von wirklichen Zeittheilen die einander folgen und wo einer den andern
vernichtet erscheint als ein so offenbarer Widerspruch dass man meinen sollte
kein Mensch mit gesundem Verstande könnte ihn je zulassen und doch wird er
durch die Wissenschaft bewiesen
Dennoch kann die Vernunft nicht ruhen und still stehen selbst in Bezug auf
den Skeptizismus in den sie durch diese anscheinenden Widersprüche und
Verkehrtheiten gedrängt wird Es ist völlig unbegreiflich wie ein klarer
Begriff Bestimmungen enthalten könne die ihm selbst oder einem andern klaren
Begriffe widersprechen es ist dies ein so widersinniger Satz als sich nur
erdenken lässt Es gibt daher nichts Skeptischeres nichts Zweifelhafteres und
Bedenklicheres als den Skeptizismus selbst der aus einigen paradoxen Sätzen
der Geometrie oder GrößenLehre entspringtA14
Die Skeptischen Einwürfe gegen die moralische Gewissheit oder gegen die
Beweise von Tatsachen sind entweder populär oder philosophisch Die ersten
werden aus der Schwäche des menschlichen Verstandes abgeleitet ferner aus den
widersprechenden Meinungen verschiedener Zeiten und Völker aus dem Wechsel
unsers Urteils nach Krankheit und Gesundheit Jugend und Alter Glück und
Unglück aus dem fortwährenden Widerspruch in jedes Einzelnen Meinungen und
Ansichten und aus mancherlei andern Erwägungen gleicher Natur Bei diesen
Einwürfen brauche ich mich nicht lange aufzuhalten sie sind nur schwach Im
gewöhnlichen Leben urteilen wir fortwährend über Tatsachen und Dasein und
können ohne diese Hilfe nicht bestehen deshalb vermögen jene Einwürfe so
verständlich sie auch sind doch diese Überzeugung nicht zu entkräften Was den
Pyrrhonismus oder die auf das Äußerste getriebenen Grundsätze des Skeptizismus
niederschlägt ist das Handeln die Tätigkeit und die Beschäftigung des
gewöhnlichen Lebens In den Hörsälen mögen diese Sätze blühen und triumphieren
wo ihre Widerlegung schwer oder unmöglich ist sobald sie aber die Dämmerung
verlassen und durch die Gegenwart der wirklichen Dinge die unsere
Leidenschaften und Empfindungen erwecken mit den mächtigsten Prinzipien unserer
Natur in Gegensatz geraten verschwinden sie wie Rauch und lassen den
entschiedensten Skeptiker in gleicher Lage wie andere Sterbliche
Der Skeptiker tut deshalb besser in seinem Gebiete zu bleiben und die
philosophischen Einwürfe darzulegen welche aus der tieferen Untersuchung sich
ergeben Hier hat er reiche Gelegenheit zu Triumphen hier kann er mit Recht
zeigen dass alle unsere Gewissheit über Tatsachen welche über das Zeugnis
der Sinne und das Gedächtnis hinaus liegen sich nur aus der Beziehung von
Ursache und Wirkung ableitet dass man keinen andern Begriff von dieser
Beziehung habe als den von zwei Dingen die häufig mit einander verbunden sind;
dass kein Beweisgrund dafür besteht weshalb Gegenstände die erfahrungsmäßig
häufig mit einander verbunden gewesen sind auch in andern Fällen ebenso
verbunden sein werden dass nur die Gewohnheit oder eine Art NaturInstinkt zu
solcher Annahme führt Allerdings kann man solchem Instinkt nur schwer
widerstehen aber er kann wie andere Instinkte täuschen und betrügen Hält
sich der Skeptiker innerhalb dieser Betrachtungen so zeigt er seine Kraft, oder
vielmehr seine eigene und unsere Schwäche und zerstört wenigstens zur Zeit
alle Gewissheit und Überzeugung Man könnte diese Erörterung noch weiter
fortsetzen wenn sie zu einem dauerhaften Vorteil oder Nutzen für die
Gesellschaft führte
Denn es ist der wichtigste und niederschlagendste Einwand gegen den
übertriebenen Skeptizismus dass kein dauerhafter Nutzen aus ihm hervorgehen
könne wenn er sich in seiner vollen Stärke und Kraft erhält Man braucht einen
solchen Skeptiker nur zu fragen was er wolle und was er mit all diesen
sinnreichen Erörterungen beabsichtige Er wird dann sofort in Verlegenheit
geraten und keine Antwort haben Ein Kopernikaner oder Ptolemäer der Jeder
sein eigenes astronomisches System vorträgt kann hoffen seinen Zuhörern eine
feste und bleibende Überzeugung beizubringen Ein Stoiker und Epikureer
entwickelt Grundsätze welche nicht allein vorhalten sondern auch ihre Wirkung
auf Benehmen und Betragen äußeren Aber ein Pyrrhonianer kann von seiner
Philosophie weder einen bleibenden Einfluss auf die Seele erwarten noch dass
dieser Einfluss wenn er Statt hätte ein wohltätiger für die menschliche
Gesellschaft sein würde Im Gegenteil er muss anerkennen wenn er überhaupt
etwas anerkennen will dass, wenn seine Grundsätze allgemein und dauernd zur
Herrschaft kämen alles menschliche Leben untergehen müsste Jede Rede jede
Handlung würde sofort erlöschen und die Menschen würden in gänzlicher Betäubung
verharren bis die unbefriedigten Bedürfnisse der Natur ihrem elenden Dasein ein
Ende machten Man braucht allerdings einen so schrecklichen Ausgang nicht zu
fürchten die Natur ist immer mächtiger als das Denken. Ein Pyrrhonianer kann
sich und Andere eine Zeit lang durch tiefe Beweise in Staunen und Verwirrung
bringen aber der erste und einfachste Vorfall des Lebens wird alle seine
Zweifel und Bedenken verjagen und ihn im Punkte des Handelns und Beschließens
mit den Philosophen aller andern Sekten so wie mit denen die sich nie mit
philosophischen Untersuchungen abgegeben haben gleich stellen Wenn er aus
seinem Traum erwacht wird er der Erste sein der in das Gelächter über sich mit
einstimmt und der anerkennt dass alle seine Einwürfe nur unterhaltend sind und
nur die launische Natur des Menschen offenbaren Der Mensch muss handeln
folgern und glauben obgleich er trotz der sorgfältigsten Untersuchung sich über
die Grundlagen dieser Tätigkeiten nicht vergewissern noch die gegen sie
erhobenen Einwürfe zu widerlegen vermag
Es gibt in der That einen milderen Skeptizismus oder eine akademische
Philosophie die sowohl dauerhaft wie nützlich ist und zum Teil aus diesem
Pyrrhonismus oder übertriebenen Skeptizismus hervorgeht wenn seine maßlosen
Zweifel durch natürlichen Verstand und Überlegung in einem gewissen Grade
berichtigt werden Die meisten Menschen neigen von Natur zu absprechenden und
entschiedenen Aussprüchen sie sehen die Gegenstände nur von einer Seite denken
nicht an die Gegengründe und erfassen so die ihnen zusagenden Grundsätze mit
Heftigkeit und ohne Nachsicht für Die welche anderer Ansicht sind Das Zögern
und Erwägen verwirrt ihren Verstand verstößt gegen ihre Leidenschaften und
hemmt ihr Handeln Sie verlangen deshalb mit Ungeduld aus einem ihnen so
lästigen Zustande herauszukommen und meinen durch Heftigkeit ihrer Behauptungen
und durch Hartnäckigkeit in ihrem Glauben sich nicht weit genug davon entfernen
zu können Könnten solche Leute bei ihrem hartnäckigen Streiten die merkwürdigen
Schwächen des menschlichen Verstandes selbst in seinem vollkommensten Zustande
und in seinen genauesten und vorsichtigsten Bestimmungen bemerken so würden sie
natürlich mit mehr Bescheidenheit und Vorsicht auftreten und es würden die
Überschätzung ihrer selbst und ihre Vorurteile gegen ihre Gegner sich mindern
Der Ungelehrte sollte sich den Zustand des Gelehrten vergegenwärtigen welcher
trotz allen Gewinns aus Studium und Nachdenken in seinen Ansichten meist
vorsichtig bleibt Dagegen werden Gelehrte die von Natur zu Hochmuth und
Hartnäckigkeit neigen durch eine schwache Färbung von Pyrrhonismus in ihrem
Stolze nachlassen wenn man ihnen zeigt dass ihre paar Vorteile über die
Mitarbeiter nur gering erscheinen wenn man sie mit der allgemeinen, der
menschlichen Natur anhaftenden Unordnung und Verwirrung vergleicht Sicherlich
sollte ein gewisser Grad von Vorsicht Zweifel und Bescheidenheit bei allen
Arten von Untersuchungen und Entscheidungen den wahren Forscher nie verlassen
Eine fernere dem Menschen nützliche Beschränkung des Skeptizismus geht aus
den Pyrrhonianischen Zweifeln und Bedenken dann hervor wenn man seine
Untersuchungen nur auf Dinge richtet die zu den schwachen Fähigkeiten des
menschlichen Verstandes sich am besten eignen Die Phantasie des Menschen treibt
von Natur nach Oben sie freut sich an dem Entfernten und Außerordentlichen und
stürzt sich ohne Vorsicht in die fernsten Orte nach Raum und Zeit um den
gewohnten und allbekannten Gegenständen zu entgehen Ein gesunder Verstand wählt
den entgegengesetzten Weg vermeidet alle weitgehenden und tiefen Untersuchungen
und beschränkt sich auf das gewöhnliche Leben und auf solche Dinge die zur
täglichen Übung und Erfahrung gehören Er überlässt jene erhabeneren Gebiete
den Dichtern und Rednern die sie ausschmücken mögen oder den Künsten der
Priester und Politiker Nichts hilft mehr zu solchem heilsamen Entschluss als
die feste Überzeugung von der Gewalt Pyrrhonianischer Zweifel und dass nur die
Kraft des natürlichen Instinkts davon befreien kann Wer zur Philosophie neigt
wird trotzdem seine Untersuchungen fortsetzen denn neben dem Vergnügen an
solchen Beschäftigungen weiß er dass philosophische Sätze nur die geregelten
und berichtigten Betrachtungen über das gewöhnliche Leben sind aber er wird nie
in die Versuchung kommen darüber hinauszugehen sobald er die Unvollkommenheit
der dazu dienlichen Vermögen ihren engen Bereich und ihre ungenauen Wirkungen
erwägt Wir können keinen genügenden Grund dafür angeben weshalb wir nach
tausend Proben glauben dass der Stein fallen und das Feuer brennen wird wie
können wir daher hoffen irgend eine zufriedenstellende Erkenntnis über den
Ursprung der Welt und den Zustand der Natur von Anfang bis in alle Ewigkeit zu
erreichen
Diese enge Schranke für unsere Untersuchungen ist in jeder Beziehung so
klar dass schon die oberflächlichste Untersuchung der natürlichen Kräfte der
Seele und ihre Vergleichung mit den Gegenständen genügt sie uns zu empfehlen
Dann wird man erst die wahren und geeigneten Gegenstände der Wissenschaft und
Untersuchung auffinden
Die einzigen Gegenstände der Vernunftwissenschaft oder der strengen Beweise
scheinen die Größe und die Zahl zu sein alle Versuche diese vollkommene Weise
der Erkenntnis über diese Grenze auszudehnen wird zur reinen Spitzfindigkeit
und Täuschung Da die Theile aus welchen die Größe und die Zahl sich
zusammensetzen einander ganz ähnlich sind so werden ihre Beziehungen
mannichfach und verwickelt und nichts ist unterhaltender und nützlicher als
durch verschiedene Mittel ihre Gleichheit und Ungleichheit in ihren
verschiedenen Erscheinungen zu verfolgen Alle anderen Begriffe sind dagegen von
einander unterschieden und scharf getrennt man kommt deshalb hier selbst bei
der genauesten Nachforschung nicht weiter als zur Erkenntnis dieses
Unterschieds und zu dem selbstverständlichen Satze dass das eine Ding nicht das
andere sei Zeigen sich hier noch Schwierigkeiten so entspringen sie nur aus
dem unbestimmten Sinn der Worte, welche durch richtige Definitionen verbessert
werden können. Den Satz dass das Quadrat der Hypotenuse gleich ist den
Quadraten der beiden anderen Seiten kann man selbst bei dem genauesten
Verständnis der Worte, ohne eine Reihe von Gründen und Betrachtungen nicht
einsehen aber zum Beweis des Satzes dass wo kein Eigentum ist es auch keine
Ungerechtigkeit gibt genügt die Definition der Worte und die Erklärung dass
Ungerechtigkeit in der Verletzung des Eigentums bestehe Ein solcher Satz ist
eigentlich nur eine unvollkommene Definition Ebenso verhält es sich mit den
sogenannten Schlüssen und Beweisen in allen Gebieten des Wissens, mit Ausnahme
der Größen und ZahlenLehre welche meines Erachtens getrost als die
alleinigen Gegenstände der Erkenntnis und des strengen Beweisens aufgestellt
werden können.
Alle anderen Untersuchungen beziehen sich nur auf Tatsachen und Dasein
welche offenbar nicht strenge bewiesen werden können.
Was ist kann auch nicht sein Die Verneinung einer Tatsache enthält keinen
Widerspruch Das Nichtsein von Etwas ist ohne Ausnahme eine ebenso bestimmte und
deutliche Vorstellung als das Dasein desselben Der Satz, welcher aussagt dass
es nicht ist mag falsch sein, aber er ist ebenso begreiflich und verständlich
wie der welcher das Sein aussagt Anders verhält es sich mit den eigentlichen
Wissenschaften Da ist jeder unwahre Satz auch verworren und unverständlich
Dass die Kubikwurzel von 64 gleich ist der Hälfte von 10 ist ein falscher Satz
und kann nicht deutlich vorgestellt werden. Aber dass Cäsar oder der Engel
Gabriel oder sonst ein Wesen niemals existiert haben mag falsch sein, aber
bleibt immer vollkommen begreiflich und enthält keinen Widerspruch
Das Dasein eines Dinges kann daher nur durch Gründe bewiesen werden, welche
von seiner Ursache oder Wirkung entnommen sind und diese Gründe stützen sich
lediglich auf Erfahrung Beginnt man die Untersuchung a priori, so scheint jedes
Ding fähig jedes andere Ding hervorzubringen der Fall eines Steines kann dann
die Sonne verlöschen oder eines Menschen Wunsch den Lauf der Planeten
verändern Nur die Erfahrung lehrt uns die Natur und Grenzen von Ursache und
Wirkung; nur sie befähigt uns von dem Dasein des einen Dinges auf das andere zu
schliessenA15 So verhält es sich mit der Grundlage der moralischen Gewissheit
welche den größten Teil des menschlichen Wissens bildet und die Quelle alles
menschlichen Handelns und Benehmens ist
Solche Untersuchungen betreffen entweder besondere oder allgemeine
Tatsachen Zu den ersten gehören alle Überlegungen im Leben und alle
Untersuchungen der Geschichte Chronologie Geographie und Astronomie
Die Wissenschaften welche allgemeine Tatsachen behandeln sind die
Politik die NaturPhilosophie die Physik die Chemie usw wo die
Eigenschaften, Ursachen und Wirkungen von einer ganzen Gattung von Gegenständen
untersucht werden
Die Gotteslehre oder Theologie welche das Dasein einer Gottheit und die
Unsterblichkeit der Seele darlegt ist eine Untersuchung teils von einzelnen
teils von allgemeinen Tatsachen Sie hat eine Grundlage in der Vernunft,
soweit sie sich auf Erfahrung stützt aber ihre beste und festeste Grundlage ist
der Glaube und die göttliche Offenbarung
Die Moral und die Ästhetik sind nicht eigentlich Gegenstände des
Verstandes, sondern des Geschmacks und Gefühls Sowohl die moralische wie die
natürliche Schönheit wird mehr gefühlt als begriffen Denkt man über sie nach
und will man einen Maßstab für sie gewinnen so betrachtet man eine neue
Tatsache dh den allgemeinen Geschmack der Menschen oder etwas Ähnliches
was dann den Gegenstand des Nachdenkens und der Untersuchung bilden kann
Wenn man von solchen Grundsätzen erfüllt die Bibliotheken durchsieht
welche Verwüstung müsste man darin anrichten Nimmt man zB ein theologisches
oder streng metaphysisches Werk in die Hand so darf man nur fragen Enthält es
eine dem reinen Denken entstammende Untersuchung über Größe und Zahl Nein
Enthält es eine auf Erfahrung sich stützende Untersuchung über Tatsachen und
Dasein Nein Nun so werfe man es ins Feuer denn es kann nur Spitzfindigkeiten
und Blendwerk enthalten
Ende